17. und 18. Jahrhundert


Frankreich

Frankreich

Die französische Revolution

Inhaltsverzeichnis

  1. Französische Revolution. Ein Zitat und seine Geschichte
  2. Versammlung der Generalstände. Der Auftakt.
  3. Der Sturm auf die Bastille
  4. Flucht und Hinrichtung Ludwig XVI. Ende eines Königs.
  5. Die Zeit der Terreur. Tugend oder Tod.
  6. Joachim Heinrich Campe ,,Briefe aus Paris, 1789'' (Quelle)
  7. Georg Forster ,,Bemerkungen über den neuen französischen Gemeingeist'' (Quelle)

1. Französische Revolution. Ein Zitat und seine Geschichte

»DER URSPRUNG JEDER SOUVERÄNITÄT LIEGT IHREM WESEN NACH IM VOLK.« 

ERKLÄRUNG DER MENSCHEN- UND BÜRGERRECHTE, 1789

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Souveränität ist die höchste Macht im Staat. Eine umfassende Autorität, so definiert sie der französische Staatstheoretiker Jean Bodin 1576, die weder durch andere eingeschränkt noch zeitlich begrenzt werden kann. Wie in vielen Teilen der Welt gilt es auch in Frankreich als selbstverständlich, dass Fürsten und Monarchen – angeblich von Gott als souveräne Herrscher eingesetzt – die Geschicke der Menschen bestimmen. Doch 1789 greift das Volk nach der Macht: Die Französische Revolution bricht aus. Innerhalb eines Jahrzehnts wird das Land alle Herrschaftsformen durchleben, die die folgenden Jahrhunderte prägen werden: konstitutionelle Monarchie, Republik, Diktatur.

Am Vorabend des Umsturzes liegt das französische Königreich in Agonie. In Kriegen hat es sich hoch verschuldet, die Einnahmen des Staates sind zu gering, weil das Steuerwesen ineffizient und veraltet ist – Adelige und Geistliche etwa sind noch immer von allen Abgaben befreit. Mit Reformen wollen der Monarch und seine Minister Abhilfe schaffen. Doch der Adel stemmt sich gegen alle Neuerungen. König Ludwig XVI. beruft daher zum Mai 1789 ein Gremium ein, das seit 175 Jahren nicht zusammengetreten ist: die Generalstände. Abgeordnete des Klerus, der Aristokratie und aller übrigen Einwohner – des sogenannten Dritten Standes – sind darin vertreten. Sie sollen die Reformen absegnen und so den Adel zum Einlenken zwingen. Doch die Deputierten des Dritten Standes, der mehr als 95 Prozent der Bevölkerung ausmacht, verweigern ihre Zustimmung – sofern sie nicht mehr Mitsprache erhalten. Ludwig aber zögert und setzt so eine folgenreiche Kettenreaktion in Gang: Am 17. Juni 1789 erklären sich die Abgeordneten des Dritten Standes zur alleinigen Vertretung des französischen Volkes. Die Mehrheit der Geistlichen und etliche Deputierte des Adels treten ebenfalls dieser „Nationalversammlung“ bei, die Frankreich eine Verfassung geben will. Im Juli stürmen Bürger in Paris staatliche Einrichtungen – und bald erfasst die Revolution das gesamte Land.

Im August verabschiedet die Nationalversammlung die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“: Alle Menschen seien frei geboren und in ihren Rechten gleich, heißt es darin, die Bewahrung ihrer Freiheit, Sicherheit und ihres Eigentums sei das Ziel jedes Staatswesens. Das von den Denkern der Aufklärung inspirierte Dokument folgert, dass daher jedem demokratische Mitbestimmung zustehe. Die Souveränität liege beim Volk – nur in dessen Auftrag könne eine Regierung oder ein König Autorität ausüben. 1791 beschließt die Nationalversammlung die geplante Verfassung: Zur Gesetzgebung berechtigt ist nun ein gewähltes Parlament, der Monarch kann dessen Beschlüsse nur noch per Veto verzögern. Aber das neue politische System steht unter Druck: durch weitere Aufstände sowie Kriege mit fremden Mächten. Ludwig XVI. wird schon im Folgejahr abgesetzt – und Anfang 1793 hingerichtet.

Frankreich ist nun eine parlamentarische Republik. Frauen sind allerdings weiterhin ausgeschlossen: Seit Beginn der Revolution haben sie sich in rund 60 politischen Klubs organisiert, fordern Teilhabe, doch das Wahlrecht bleibt auf Männer beschränkt. Im Herbst 1793 entmachten die radikalen Jakobiner um Maximilien de Robespierre die übrigen Parlamentsabgeordneten und errichten ein Terrorregime. Zehntausende angebliche Gegner der Revolution sterben unter der Guillotine. Bis gemäßigte Kräfte 1794 Robespierre stürzen.

Die Gesellschaft politisiert sich in diesen Jahren so umfassend wie nie zuvor. Franzosen aller Schichten debattieren etwa in Klubs, informieren sich über Flugschriften und Zeitungen. 1799 erlangt der Offizier Napoleon Bonaparte durch einen Staatsstreich die Macht: Ausgerechnet er, der sich 1804 zum Kaiser krönt, trägt einige der revolutionären Ideen in die Welt. Er erobert einen Großteil Europas, führt dort gleiches Recht für alle Männer und Gesetze gegen staatliche Willkür ein. Und festigt so die Vorstellung vom mündigen Bürger, der kein bloßer Untertan mehr ist. Trotzdem empfinden viele Menschen die Besatzung als demütigend. Diese Erfahrung, aber auch das Vorbild der Französischen Revolution lässt vielerorts in Europa Nationalbewegungen entstehen: Mit der Zeit werden sie ihrerseits Freiheit und politische Selbstbestimmung fordern. Im Namen der Volkssouveränität.

2. Versammlung der Generalstände. Der Auftakt.

Ludwig XVI. ist fast bankrott. Seine letzte Hoffnung sind die Generalstände, eine gewählte Versammlung von Adeligen, Geistlichen und Bürgerlichen, die seit 175 Jahren nicht mehr zusammengetreten ist. Von ihr will er sich neue Steuern genehmigen lassen. Doch die Abgeordneten des Dritten Standes wagen das Ungeheuerliche: Sie widersetzen sich dem Monarchen – und erklären sich schließlich zur Vertretung der Nation

Versailles, 4. Mai 1789, Montag. Die helle Frühlingssonne scheint auf ein pompöses Spektakel herab, die letzte große Selbstinszenierung der französischen Monarchie: Ludwig XVI., von Gottes Gnaden König von Frankreich und Navarra, hat die Generalstände einberufen. Zum ersten Mal seit 1614 sollen die Repräsentanten der drei Stände des Reichs – Klerus, Adel sowie Bürger und Bauern – zusammentreten, um einen Ausweg zu finden aus der katastrophalen Lage der Staatsfinanzen. Misswirtschaft und zahlreiche Kriege haben gewaltige Schulden aufgetürmt, das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der Krone ist verschwunden, es droht der Staatsbankrott. Die Eröffnungssitzung ist für den folgenden Tag vorgesehen; ihr geht heute eine feierliche Prozession durch die Stadt voraus. In Versailles, der kleinen Residenzstadt südwestlich von Paris, ist noch die letzte Dachkammer für ein Vermögen an Teilnehmer und Zuschauer vermietet worden. Seit dem frühen Morgen säumen Zehntausende die Straßen, die der Festzug nehmen wird. Versailles hat sich herausgeputzt: Farbenprächtige Gobelins schmücken die Balkone; aus drapierten Fenstern grüßen die schönen Frauen der Gesellschaft.

Um 7.00 Uhr morgens haben sich die Ständevertreter in einer Kirche im nördlichen Stadtviertel Ville Neuve eingefunden: Rund 800 Abgeordnete – von knapp 1200 gewählten – sind rechtzeitig eingetroffen; die meisten, zumal des niederen Klerus und des Dritten Standes, haben nie zuvor den barocken Glanz der Residenz gesehen. Etliche Deputierte verpassen den Eröffnungstermin aufgrund der weiten Anreise und des langwierigen Wahlverfahrens: Denn während die Bezirksversammlungen des Adels und der Geistlichkeit ihre Vertreter direkt nach Versailles entsenden, bestimmt der Dritte Stand in einer mehrfach gestuften Prozedur Wahlmänner, die wiederum aus ihrer Mitte die Deputierten berufen. Sobald der König eingetroffen ist, werden sich die Abgeordneten auf den Prozessionszug durch die Stadt machen. Drei Stunden lässt der König die Versam- melten in der Kirche warten, ehe er sich auf den kurzen Weg von seinem Schloss zum Gotteshaus macht; um 10.00 Uhr verlassen die Karossen endlich den 700 Meter entfernten Palast. In der von acht Pferden gezogenen Krönungskutsche sitzt der 34-jährige König mit seinen Brüdern und Neffen. Die Zuschauer begrüßen sie mit Hochrufen und Beifall.

Die Vorbeifahrt der Königin hingegen begleitet kaltes Schweigen. Marie-Antoinette, Tochter der österreichischen Herrscherin Maria Theresia, ist im Volk wegen ihrer ausländischen Herkunft und ihres verschwenderischen und vermeintlich liederlichen Lebenswandels verhasst. Nur wenige Minuten dauert nach der Ankunft der königlichen Familie die Zeremonie in der Kirche; Chöre schmettern die feierliche Hymne „Veni creator“. Dann setzt sich die Prozession in Bewegung. Die Deputieren schreiten in Zweierreihen; jeder trägt eine große, vergoldete Kerze. Herolde auf Schimmeln, in purpurne Samtgewänder mit Lilienemblem gehüllt – der Wappenblume der französischen Könige –, geben mit Trommeln und Trompeten kund von dem Ereignis. An die Spitze des Zuges hat die höfische Regie die Vertreter des Dritten Standes beordert, so weit wie möglich vom König entfernt: Jedermann soll sehen, dass sie den beiden privilegierten Ständen der Geistlichkeit und des Adels untergeordnet sind. Auch die Kleiderordnung dient der Herabsetzung: Die Bürgerlichen müssen schwarz tragen – Rock, Strümpfe und Mantel. Zudem eine schwarze Mütze, wie sie Komödianten auf der Bühne tragen, wenn sie Bürger karikieren.

Dagegen erstrahlt die Garderobe der hohen Kleriker in kostbaren Farben: Die Bischöfe etwa sind in Brokat und Gold gewandet, mit rotem Hut, Chorhemd, Stola sowie violetten Soutanen. Auch die Adeligen tragen die Insignien ihres Ranges: Paradedegen an der Rechten, Spitzenkrawatte, gold- oder silberdurchwirkte Weste und Federhut. Dennoch gilt der Beifall der Schaulustigen – dem schlichten Aufzug zum Trotz – vor allem den Repräsentanten des Dritten Standes. Wann immer eines der wenigen bekannten Gesichter auszumachen ist, brandet Applaus auf. So beim Comte de Mirabeau, dem abtrünnigen Adeligen und Deputierten der Bürger von Aix-en-Provence, der schon aufgrund seiner imposanten Erscheinung aus dem schwarzen Zug heraussticht: Er ist ein Hüne, dessen Körper aus dem Rock zu platzen droht. Das von Pockennarben verheerte Gesicht des Grafen wird von einer Mähne überragt, die ihn noch größer erscheinen lässt.

Der begabte Redner und Schriftsteller gilt als Frauenverführer. Mehrfach saß er deshalb schon im Gefängnis; 1777 wurde er gar, wenn auch in Abwesenheit, zum Tode verurteilt – wegen Entführung einer jungen Geliebten. Im Wahlkampf zu den Generalständen hat er sich als umjubelter Volkstribun hervorgetan, in Marseille haben ihm die Massen wie einem Erlöser Palmzweige auf den Weg gestreut und ihn mit Lorbeer bekränzt; Kirchenglocken läuteten zu seinen Ehren. Jetzt recken die Zuseher in Versailles die Hälse, um den legendären Grafen zu sehen. Die meisten Abgeordneten jedoch sind unbekannte Juristen – unter ihnen Maximilien Robespierre, ein junger Rechtsanwalt aus Arras, dessen Namen noch niemand gehört hat. Dem Dritten Stand folgen der Zweite und der Erste: das Defilee der Adeligen, des niederen und des hohen Klerus. Diesmal rührt sich unter den Schaulustigen kaum eine Hand zum Beifall.

Schließlich der Hofstaat. Vorneweg marschieren die Elitehundertschaft der Schweizergarde in scharlachrot-goldenen Renaissanceröcken sowie die königlichen Falkner mit den Vögeln auf der Faust – ein treffendes Geleit für den König, einen begeisterten Jäger. Ludwig XVI. in seinem mit Gold und Diamanten bestickten Prachtgewand wird von den höchsten Offizieren des Reichs begleitet sowie von den Prinzen königlichen Geblüts und den führenden Aristokraten. Wieder schallt dem Herrscher der Ruf „Es lebe der König“ entgegen – und wieder wird die Königin zu seiner Linken ignoriert. Langsam nur kommt der Festzug durch einen Kordon aus Gardesoldaten voran. In Richtung Süden geht es über den Vorplatz des gewaltigen Schlosses, das der Sonnenkönig Ludwig XIV. vor gut 100 Jahren als Monument seiner gottgegebenen Macht hat errichten lassen. Mehr als 1300 Räume birgt der Riesenbau, in dem selbst Bedienstete, die sein Innenleben genau zu kennen glauben, manchmal Gänge und versteckte Kabinette entdecken, von deren Existenz sie nichts geahnt haben.

Am Südrand des Platzes biegt die Prozession in die Rue Satory ein, die sie zur Kathedrale Saint-Louis führt, wo eine Messe gefeiert werden soll. Dort trifft der Zug um 12.30 Uhr ein. Auch hier fühlt sich der Dritte Stand durch den königlichen Zeremonienmeister gekränkt: Für Klerus und Adel gibt es reservierte Sitze, die Bürgerlichen indes müssen sehen, wo sie Platz finden.

Nachdem sich die 800 Deputierten und knapp 300 Damen und Herren des Hofstaats schließlich niedergelassen haben, liest der Erzbischof von Paris die Messe; anschließend hält der Bischof von Nancy eine lange Predigt. Er ist bemüht, jeden der Anwesenden anzusprechen: Er geißelt den Luxus des Hofes und beklagt das Elend der Bauern; er drängt die einen, auf Privilegien zu verzichten, und die anderen, sich demütig zu unterwerfen.

Der Kirchenfürst verliert freilich nicht die Rangordnung aus den Augen, und so erklärt er dem König „die Ehrerbietung der Geistlichkeit, die Hochachtung des Adels und die untertänigste Bitte des Dritten Standes“. Höfliche Zustimmung von allen Seiten. Beifall erhält auch der König, als er nach dem Gottesdienst seine Kutsche besteigt und in den Palast zurückfährt. Genauen Beobachtern hingegen sind die Misstöne dieses langen Tages nicht entgangen. Etwa der brausende Jubel, mit dem die Menge neben dem König auch den Herzog von Orléans grüßte und der in augenfälligem Kontrast stand zum demonstrativen Schweigen gegenüber Marie-Antoinette. Der Vetter des Königs hat sich zur Empörung des Hofes als Adelsdeputierter wählen lassen. Ein Mitglied des Herrscherhauses macht sich gemein mit den Untertanen – das ist unerhört. Etliche Abgeordnete des Dritten Standes haben sich zudem über ihre Herabwürdigung durch die Kleiderordnung oder das lange Warten auf das Erscheinen des Königs beschwert. Und Graf Mirabeau urteilt höhnisch über die Predigt in der Kathedrale, sie sei konzept-, ideen-, stil- und wirkungslos gewesen.

Doch die meisten Zuschauer und Deputierten sind geblendet von dem prächtigen Schauspiel. Manche geraten gar in patriotische Verzückung, wie der Marquis de Ferrières, der an seine Frau schreibt: „O mein geliebtes Frankreich, du liebenswertes, gutes Volk, ich habe einen ewigen Bund mit euch geschlossen. Bis zum heutigen Tag besaß ich kein Vaterland; nun habe ich eins, und es soll mir immer teuer bleiben.“ Der verzückte Marquis gehört dem Zweiten Stand an; die Stimmung im Dritten Stand dagegen ist weniger euphorisch als vielmehr gespannt erwartungsvoll – in der Hoffnung, dass der morgige Tag den Anstoß geben werde für eine wirkliche Reform des Staates. Eine Illusion, wie sich sehr schnell zeigen wird.

LUDWIG XVI. HAT SICH lange dagegen gesträubt, die Generalstände einzuberufen. Doch der drohende Staatsbankrott zwingt ihn dazu. Der König braucht dringend Geld – und niemand anders als die Vertretung der Stände kann ihm noch dazu verhelfen. Frankreich treibt auf die Insolvenz zu, weil seine Herrscher schon seit langem zu viel Geld ausgeben. So auch Ludwig XVI., wenngleich er privat eher genügsam ist: Zum Entsetzen seines „Großmeisters der garde-robe “ hat er nach der Thronbesteigung 1774 für seinen Kleiderschrank nur sechs schlichte Ratinéröcke bestellen wollen. Auch hat er eine beträchtliche Zahl von Speisegängen (die ohnehin niemand isst) und mehrere Küchenämter abschaffen lassen, darunter die der Hüter des königlichen Bratens und des Weines sowie der Begleiter des Brotes, der Früchte und der Marmelade auf Reisen des Königs. Dennoch sind reichlich überflüssige Posten übrig geblieben.

Die Günstlinge der Königin kosten die Bürger Millionen

Der Monarch pflegt keine kostspieligen Leidenschaften, hat nicht einmal eine Mätresse – ganz untypisch für einen Bourbonen. In seiner Freizeit interessiert er sich allein für die Jagd und für sein Hobby, die Arbeit als Schlosser. In einer Werkstatt unter der Bibliothek verfertigt er mit geringem Talent, aber höchstem Eifer mal einen Schlüssel, mal ein Hängeschloss. Königin Marie-Antoinette hingegen liebt den Prunk, edle Kleider, kostbaren Schmuck und opulente Feierlichkeiten: Im September 1777 kostete eine einzige Festnacht in ihrem Lustschloss Petit Trianon im Park von Versailles 400 000 Livres. Diese Summe entspricht der Jahresmiete von 570 Luxuswohnungen in Paris. Wer die Gunst der Königin erlangt, kann mit generöser Belohnung rechnen. Mehr als 1,2 Millionen Livres schenkt sie der Gräfin von Polignac, damit die ihre Schulden tilgen und ihrer Tochter eine Mitgift aussetzen kann; darüber hinaus erhält der Liebhaber der Gräfin eine jährliche Rente von 30 000 Livres. Der schwedische Graf Axel Fersen, ein Vertrauter, vielleicht gar der Geliebte Marie-Antoinettes, bekommt auf ihre Veranlassung 100 000 Livres, um mit dieser Summe das Kommando über ein Regiment Soldaten zu erwerben. Auch er erhält eine üppige Rente.

Dennoch sind die größten Ausgabenposten im Land nicht die Tausende von oft überflüssigen Ämtern, auch nicht die Gnadenrenten oder die verschwenderischen Ideen der Königin – sondern: die andauernden Kriege. So kämpften im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) französische Soldaten auf vier Kontinenten gegen eine Koalition Großbritanniens mit Preußen – und erlitten eine demütigende Niederlage: Fast alle nordamerikanischen und indischen Besitzungen mussten nach dem Friedensschluss 1763 an die britischen Erzfeinde übergeben werden.

Und die Unterstützung der nordamerikanischen Kolonien im Unabhängigkeitskrieg von 1778 bis 1783 verschärfte die Finanzkrise noch. Zwar siegten die Kolonisten gegen Großbritannien, und Frankreich gewann einige überseeische Besitzungen zurück. Doch bedeutet die Subventionierung der Freiheitskämpfer immer neue Schuldenlasten für die königliche Schatulle. Am 20. August 1786 offenbart Finanzminister Charles-Alexandre de Calonne dem Monarchen das gewaltige Ausmaß der Misere: Im vorhergehenden Jahrzehnt habe die Krone Anleihen über 1,25 Milliarden Livres aufgenommen; die Hälfte der jährlichen Staatseinnahmen müsse für die Bedienung der Schulden aufgewendet werden; und die Ausgaben dieses Jahres würden die Einnahmen um mehr als 100 Millionen überschreiten. Drastische Maßnahmen seien notwendig – und sie müssten sofort beschlossen werden. Denn ab 1787 würden etliche kurzfristige Anleihen fällig. Kühn ist das Rezept, das Calonne seinem Herrn vorschlägt: Es sei unmöglich, erklärt er, neue Steuern zu erheben, verderblich, weiterhin Geld zu borgen, nicht hinreichend, die Ausgaben zu verringern. „Das einzig wirksame Mittel, der einzig offen stehende Weg, um die Finanzen am Ende wirklich in Ordnung zu bringen, muss darin bestehen, den gesamten Staat wiederzubeleben, indem alles, was schlecht ist an seiner Verfassung, umgeformt wird.“

Der Finanzminister plant, sämtliche Binnenzölle abzuschaffen und damit den Handel innerhalb Frankreichs zu beleben. Calonne empfiehlt zudem, beratende Versammlungen zu berufen, in denen die Grundeigentümer an der Verwaltung des Reiches mitwirken sollen.

Ein Minister rät zur Reform – und riskiert seine Karriere

Das Herzstück seines Programms ist eine Steuerreform: Das Durcheinander der direkten Steuern will er durch eine einheitliche Abgabe auf Grundbesitz entwirren – und zwar ausnahmslos jeden Grundbesitz. Denn bisher sind Geistlichkeit und Adel, die privilegierten Stände, von fast allen Steuern ausgenommen. Die Hauptlast der Abgaben tragen die Bauern. Zwei Drittel der französischen Bevölkerung leben von der Landarbeit; zumeist sind es kleine Pächter, die auf einen Nebenerwerb angewiesen sind, um so die kümmerlichen Erträge ihrer Parzellen aufzubessern. In guten Jahren ist ihr Einkommen gerade hoch genug, um eine kärgliche Existenz zu sichern – in schlechten reicht es dazu nicht. Zu den direkten Steuern kommen die indirekten, etwa auf Salz und Wein, und der Zehnte, den die Bauern an die Kirche entrichten müssen. Zudem haben die adeligen Grundherren zahlreiche feudale Rechte behalten. So sind die Bauern in vielen Regionen gezwungen, ihr Getreide gegen Gebühr in der herrschaftlichen Mühle mahlen und den Wein in seinem Kelter pressen zu lassen. Sie zahlen auch Wege- sowie Brückengeld und müssen dulden, dass der Grundherr auf ihren Feldern jagt.

Seinem Selbstverständnis nach unterliegt die Macht des französischen Königs keinerlei Einschränkung: Ludwig XVI. könnte Calonnes Reform einfach dekretieren. Doch die Realität sieht anders aus. Neue Gesetze müssen formal bei den obersten Gerichtshöfen des Landes eingetragen werden, um Gültigkeit zu erlangen – und diese sind, wie der Monarch und seine Berater befürchten, mit reformunwilligen Adeligen besetzt.

Um jeden möglichen Widerstand zu vermeiden, will der Minister sich die Reform von einer Versammlung auserlesener Notabeln gutheißen lassen – „bedeutenden Personen, die des öffentlichen Vertrauens würdig und dem König ergeben sind“. Die Auswahl der Mitglieder durch die Regierung soll ihre Zustimmung verbürgen, ihr achtunggebietender Rang das Vertrauen der Öffentlichkeit für die Steuerreform gewinnen – und das der Kreditgeber an den internationalen Finanzmärkten. Denn an die Zahlungsfähigkeit der Krone glaubt dort niemand mehr.

Zuletzt hat Kardinal Richelieu eine solche Versammlung 160 Jahre zuvor einberufen – und damals hat der Erste Minister Ludwigs XIII. gegenüber der französischen Elite auch alles, was er wollte, durchsetzen können. Doch die 144 Notabeln, bis auf drei Ausnahmen allesamt Aristokraten, darunter sieben Prinzen von königlichem Geblüt sowie 14 Prälaten und 36 Hochadelige, die am 22. Februar 1787 zusammenkommen, sind nicht so zahm wie erhofft – und Calonnes Fähigkeiten reichen nicht an die des ebenso genialen wie rücksichtslosen Richelieu heran. Vor allem die adeligen Kleriker lehnen den Eingriff in ihre Vergünstigungen strikt ab, viele weitere Notabeln schließen sich ihnen an. Die Ouvertüre der Französischen Revolution – sie ist eine Rebellion der Privilegierten, die Auflehnung der Aristokraten und der hohen Geistlichen gegen die Beschneidung ihrer Vorrechte.

Die Nachrichten über die Beratungen der Notabeln verbreiten sich rasch. Die Verteidiger der ständischen Ordnung finden als Opponenten Calonnes und Verhinderer von Steuererhöhungen auch den Beifall der reformorientierten Öffentlichkeit aus liberaler Aristokratie und aufstrebender Bourgeoisie – wohlsituierten Händlern und Fabrikanten, reichen Rentiers sowie Bildungsbürgern wie etwa Juristen, Ärzten und Journalisten. Deren Zahl wächst im 18. Jahrhundert stark an, und sie registrieren besonders wachen und kritischen Geistes die Entwicklungen in Staat und Gesellschaft.

Die Debatte entspinnt sich unter anderem in den fünf oder sechs großen Salons von Paris, wo sich freisinnige High Society und Literaten zu Soiréen treffen, häufig unter Obhut kultivierter Damen aus dem Hochadel. Zentren der Diskussion sind daneben die 600 oder 700 Cafés der Metropole sowie die seit Mitte des Jahrhunderts immer zahlreicher werdenden Lesezirkel und politischen Klubs nach englischem Vorbild. Dort begegnen sich Aristokraten und reiche Bürger, um zu speisen, Karten zu spielen, die neuesten Bücher zu lesen – und eifrig über die angemessene Regierung des Staates zu disputieren.

Der König ist, glauben viele, so gut wie ruiniert

DIESE GEBILDETE, aristokratisch-bürgerliche Öffentlichkeit folgt der Philosophie der Aufklärung, die allen ausschließlich auf Tradition oder Autorität beruhenden Meinungen, Normen, Institutionen zutiefst skeptisch gegenübersteht. Die menschliche Vernunft ist ihr Richtschnur der Erkenntnis und des Handelns.

Denis Diderot (1713–1784), unter anderem Philosoph, Dramatiker, Mathematiker und Nationalökonom, einer der vielseitigsten Köpfe der Aufklärung, hat deren Weg 1771 beschrieben: Die Vernunft habe während des ganzen Aufklärungszeitalters ihre Einflusssphäre beständig erweitert. Von der Kritik der Religion sei man zur Kritik der Gesellschaft fortgeschritten und habe dabei keinen Bereich von der freien und vorurteilslosen Untersuchung ausgenommen. Voltaire (eigentlich François-Marie Arouet, 1694–1778) ist der hellste Stern der französischen Aufklärung. Goethe nennt ihn den „größten Namen der Literatur der neueren Zeit und vielleicht aller Jahrhunderte“. Voltaire schreibt Dramen, Essays, historische Werke, Erzählungen und Romane, korrespondiert mit den intellektuellen und politischen Führern Europas (etwa mit der russischen Zarin Katharina II. sowie Friedrich II. von Preußen). Leidenschaftlich und rastlos ficht der Philosoph gegen Intoleranz und Aberglauben, gegen Unvernunft und Vorurteile, besonders aber gegen die Kirche und die Religion – und trifft damit das Gottesgnadentum im Kern, die zentrale Legitimation der königlichen Macht.

In den Bibliotheken der aufgeklärten Kreise stehen auch die 35 Bände der „Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers“. Die zwischen 1751 und 1780 von Diderot gemeinsam mit Jean le Rond d’Alembert (1717–1783) herausgegebene Enzyklopädie fasst das gesamte abendländische Wissen der Zeit zusammen – und damit, verpackt zwischen Artikeln über Naturwissenschaft und Technik, auch sämtliche subversiven Ideen, die im Laufe der vergangenen Jahre aufgekommen sind, etwa die Überlegungen zur Gedankenfreiheit oder Religionskritik. In Anbetracht ihrer Popularität beim liberalen Publikum sehen die Verteidiger der Privilegien in der Notabelnversammlung die Stunde gekommen, sich Calonnes und seiner Reform zu entledigen. Sie finden die Unterstützung einflussreicher Hofkreise um Marie-Antoinette, die beim Monarchen gegen den Finanzminister intrigieren. Monate hatte Calonne gebraucht, um den König von seinem Reformplan zu überzeugen.

Denn der beleibte Monarch mit der fleischigen Nase der Bourbonen ist eine schwache, linkische Herrscherpersönlichkeit, von zögernder Wesensart und einschneidenden Neuerungen gegenüber abgeneigt; intelligent zwar, dabei aber schüchtern, willensschwach, wankelmütig und zielstrebiger Beeinflussung leicht ergeben. Ludwig XVI. fügt sich den Wünschen seiner Frau: Calonne wird fallen gelassen.

Zu dessen Nachfolger bestellt Ludwig XVI. Étienne Charles Loménie de Brienne. Der Adelige ist Erzbischof von Toulouse – und Wortführer der Opposition gegen Calonnes Reformplan in der Notabelnversammlung. Doch die Finanzkrise verschwindet nicht einfach dadurch, dass jetzt ein anderer die Verantwortung für die staatlichen Kassen trägt. Und so bleibt Brienne nichts anderes übrig, als dem Gremium im wesentlichen die Vorschläge seines Vorgängers zu präsentieren. Die Notabeln lehnen Briennes Ansinnen rundheraus ab.

Der König und sein Minister begreifen, dass sie von der Versammlung nichts mehr erwarten können, und lösen sie am 25. Mai 1787 auf. Eine Verbesserung der nach wie vor drückenden Finanzprobleme jedoch ist noch immer nicht erreicht.

UND DA STELLEN SICH dem König neue Gegner in den Weg: die parlements . Dies sind keine demokratischen Versammlungen, sondern die obersten Gerichtshöfe in zwölf französischen Provinzen sowie in Paris. In ihnen geben Adelige den Ton an. Zum Gesetz wird des Königs Wille in Frankreich nur dann, wenn die Parlements es registrieren. Der Herrscher betrachtet dies als reinen Verwaltungsakt. Doch die Gerichtsherrn ergreifen die Gelegenheit, der geschwächten Krone die Grenzen ihrer Macht aufzuzeigen: Im Juli 1787 verweigert das Parlement von Paris die Registrierung der erhöhten Stempelsteuer. Diese Abgabe wird auf alle Drucksachen erhoben, die einen offiziellen Stempel brauchen: Urkunden, Rechnungen, Wechselbriefe bis hin zu Heirats- und Todesanzeigen.

Die Parlementsräte handeln auch im Interesse der örtlichen Geschäftswelt: Kaufleute, Buchhändler und Drucker fürchten die steigenden Kosten. Zwei Wochen nach seinem ersten Widerspruch lehnt das Parlement auch die Registrierung der allgemeinen Grundsteuer ab. Stattdessen verlangen die Gerichtsräte, zum ersten Mal seit 173 Jahren die Generalstände einzuberufen: Nur die Vertretung der ganzen Nation könne über neue Steuern beschließen. Damit haben die Pariser Richter eine mächtige politische Parole formuliert – und zugleich eine offene Kampfansage an den König.

Ludwig ist außer sich über diesen Affront: Der König von Frankreich hat seine Taten nur vor Gott zu rechtfertigen, nicht vor einer Versammlung seiner Untertanen. Er will den Widerstand der Parlements brechen und ordnet deshalb am 6. August 1787 die Zwangsregistrierung der Steuergesetze an. Doch die Parlementsräte beugen sich nicht: Am folgenden Tag erklären sie die Zwangsregistrierung für unrechtmäßig. Zudem wollen sie den ehemaligen Finanzminister Calonne anklagen. In seinem Zorn über ihre Unbotmäßigkeit verbannt Ludwig die Gerichtsbeamten daraufhin in die Kleinstadt Troyes, 150 Kilometer südöstlich von Paris. Dort werden die Vertriebenen wie im Triumph empfangen. „Das Volk“, so bringt Voltaire das Missverständnis auf den Punkt, „sieht im Parlement nur den Feind der Steuern“ – und nicht den Verteidiger der Adelsprivilegien.

In Paris herrscht unterdessen Empörung. Die Heerschar der Juristen und ihrer Angestellten sieht sich durch das Exil des Parlements um ihr Einkommen gebracht. Demonstranten ziehen tagelang durch die Straßen. Enttarnte Polizeispitzel werden mit Gewalt aus dem Justizpalast, dem Tagungsort des Parlements, vertrieben, Regierungsschriften öffentlich verbrannt. Einige wenige besonders erhitzte Gemüter krakeelen gar bereits vom Bürgerkrieg.

Dagegen greift die Regierung hart durch, sie sendet Soldaten, die den Justizpalast räumen und Tag und Nacht in den Straßen patrouillieren. Die politischen Klubs werden verboten, nicht einmal ein unverdächtiger Schachklub bleibt ausgenommen.

Zugleich gibt sich Finanzminister Brienne verhandlungsbereit. Er ringt dem König den Verzicht auf die Einführung der Grundsteuer und die Erhöhung der Stempelsteuer ab sowie das Versprechen, die Generalstände spätestens 1792 einzuberufen. Bis dahin, so Briennes Kalkül, werde er die Finanzen des Landes wieder in Ordnung gebracht haben – die Generalstände müssten das Ergebnis seiner Bemühungen dann nur bestätigen.

Die Parlementsräte in Troyes lassen sich auf den Kompromiss ein und erhalten daraufhin die königliche Erlaubnis, wieder in Paris zu tagen. Die seit Wochen beschäftigungslose Juristengilde der Hauptstadt begeht diese gute Nachricht mit einem Volksfest, in dessen Verlauf eine Calonne symbolisierende Strohpuppe verbrannt wird.

Noch immer allerdings ist die Staatskasse leer; Brienne will deshalb Anleihen aufnehmen, die 420 Millionen Livres bringen sollen. Doch auch diese Kredite müssen registriert werden. Ludwig XVI., stets zwischen Nachgiebigkeit und Despotismus schlingernd, entscheidet sich plötzlich für ein autoritäres Vorgehen: Das Parlement soll die Anleihe registrieren, ohne darüber abzustimmen. Überraschend befiehlt er die Gerichtsräte am späten Abend des 18. November für den kommenden Tag in den Justizpalast.

Am Morgen besetzen Soldaten den Saal, die vielköpfige Zuschauermenge auf den Treppen und Gängen sieht es voller Furcht. Als der Monarch eintrifft, begleitet von seinen Ministern und den Prinzen königlichen Geblüts, empfängt ihn finsteres Schweigen. Ludwig XVI. und der Justizminister erklären in autoritärem Ton, nur der König könne beurteilen, wann die Einberufung der Generalstände angezeigt sei. Dann werden die Parlementsräte aufgefordert, ihre Meinung zu äußern.

Der 41-jährige Rechtsanwalt Jeal-uacques Duval d’Éprémesnil, klein, untersetzt, der sich durch seine Rednerkunst zum allgemein anerkannten Anführer der Parlementsopposition aufgeschwungen hat, beschwört den König, die Generalstände schon 1789 einzuberufen: „Sire, mit einem Wort können Sie alle Wünsche erfüllen. Eine allgemeine Begeisterung wird im Nu aus diesem Raum auf die Hauptstadt und von der Hauptstadt auf das ganze Reich überspringen. Sprechen Sie es aus, Sire, gewähren Sie es aus Liebe zu allen Franzosen.“ Ludwig XVI. zögert – wieder einmal. Am nächsten Tag gesteht er, er sei kurz davor gewesen, nachzugeben. Doch als alle Reden gehalten sind, befiehlt er, die Anleihe, wie von ihm gefordert, zu registrieren.

Da erhebt sich der Herzog von Orléans, ein Vetter des Königs und wohl der reichste Mann Frankreichs. Mit hochrotem Gesicht herrscht der 40-jährige Prinz, der nicht gern öffentlich redet, Ludwig XVI. an: Dieses Vorgehen sei illegal. In den Augen des Herzogs widerspricht es der überlieferten Auffassung, nach welcher der König nur auf einem Großen Gerichtstag eine Zwangsregistrierung anordnen dürfe. Fassungslos und empört über die Beleidigung Seiner Majestät stammelt der König mit erstickter Stimme: „Es ist legal, weil ich es so will.“

Niemand will dem Staat mehr Kredit gewähren

Die Zeit seiner Konzilianz gegenüber der Adelsrebellion ist vorüber: Am nächsten Tag verbannt er den Herzog von Orléans aufs Land, müssen zwei Gerichtsherrn ins Gefängnis. Doch die Parlements lassen sich nicht einschüchtern. Immer wieder kommt es in den folgenden Monaten zu Protesterklärungen, weigern sich Gerichte, Gesetze zu registrieren.

Im Frühjahr 1788 sieht der König endgültig die Zeit für einen Befreiungsschlag gekommen: Eine Justizreform entzieht den Parlements das Registrierungsrecht und schränkt deren Kompetenzen ein. Am 8. Mai 1788 lässt der Monarch die neuen Regeln auf einem Großen Gerichtstag zwangsregistrieren, unmittelbar darauf beurlaubt er die Parlements. Mehr noch als in Paris breitet sich der Aufruhr nun in den Provinzen aus; besonders ernst ist er in Grenoble im Südosten. Dort verbietet der königliche Statthalter dem protestierenden Parlement, weiterhin zusammenzutreten. Als der Vertreter des Monarchen mit Soldaten anrückt, um die aufsässigen Gerichtsherren aus der Stadt zu weisen, kommen diesen die Zünfte zu Hilfe. Es ist Markttag, Grenoble voller Menschen, und auch die Bauern von den umliegenden Bergen eilen auf den Klang der Sturmglocke herbei. Von den Dächern geht ein Ziegelhagel auf die Soldaten nieder; so heftig ist der Widerstand, dass der Statthalter kapituliert. Unüberhörbar erschallt aus der Provinz wie aus dem ganzen Land die Forderung, möglichst bald die Generalstände einzuberufen.

Brienne muss nachgeben, denn die königliche Kasse ist leer – nach dem despotischen Schlag gegen die Parlements vom Mai will niemand mehr der Regierung Kredit geben. Am 8. August beruft der König die Generalstände für den Mai 1789 ein; acht Tage später stellt die Staatskasse vorläufig ihre Zahlungen ein. Brienne geht; an seiner Stelle wird wie schon in den Jahren 1776 bis 1781 Jacques Necker Finanzminister. Der gebürtige Schweizer, ein reicher Bankier von untadeligem Ruf, genießt das Vertrauen der Finanzwelt, sofort kann er eine Anleihe auf dem Markt unterbringen; aus eigener Tasche gibt Necker zwei Millionen Livres dazu. Doch das ist nicht mehr als eine Atempause für das ausgelaugte Regiment Ludwigs XVI.

DIE ANTIABSOLUTISTISCHE Adelsrevolte triumphiert, als das Pariser Parlement am 23. September 1788 wieder in seine Rechte eingesetzt wird. Der Gerichtshof genießt jetzt im ganzen Land höchste Popularität als Vorkämpfer gegen neue Steuern und den königlichen Despotismus – auch bei den Bürgern des Dritten Standes.

Doch erste Risse in dieser ungewöhnlichen Koalition zeigen sich schon bald bei der Diskussion des Wahlverfahrens für die Generalstände. Die sind zwar eine alte Institution der Ständegesellschaft, doch ihre genaue Zusammensetzung, ihre Wahl- und Abstimmungsmethoden sind nie verbindlich festgelegt worden. Und auch die Ankündigung Ludwigs XVI. lässt diese Fragen offen, die von nun an heftig debattiert werden. Bereits Ende September fordert das Pariser Parlement, die Generalstände von 1614 zum verbindlichen Vorbild zu nehmen. Das aber würde bedeuten, dass alle Stände etwa gleich viele Deputierte stellen. Und dass bei Abstimmungen jeder Stand nur eine Stimme hat. Damit hätten der Adel (höchstens 350 000 Angehörige) und der Klerus (60 000 Menschen) jeweils ebenso viel Gewicht wie die gesamte restliche Bevölkerung von Bürgern, Bauern und Arbeitern (etwa 27 Millionen). Das eben noch gefeierte Pariser Parlement verwirkt mit einem Schlag seine enorme Beliebtheit. Die kurzlebige Allianz der Stände zerbricht.

Waren sich zuvor noch alle einig, die Macht des Königs zu beschränken, so wird nun deutlich, dass die ersten beiden Stände, abgesehen von einer liberal gesonnenen Minderheit, keineswegs bereit sind, zu Gunsten des Dritten Standes auf ihre Privilegien zu verzichten. Die meisten Angehörigen von Adel und Klerus wollen ihre Macht erhalten, ja ausbauen – im Zweifelsfall auf Kosten des Königs und des Dritten Standes.

Dessen Vertreter toben gegen den Eigensinn der Adelsmehrheit. Sie sammeln sich in den nun wieder zugelassenen politischen Klubs; eine Sturzwelle politischen Schrifttums ergießt sich über das Land – täglich erscheinen neue Pamphlete. Die am häufigsten erhobene Forderung: Der Dritte Stand soll mindestens ebenso viele Deputierte entsenden wie die beiden anderen Stände zusammen – und es soll nach Köpfen abgestimmt werden, sodass jeder Versuch der Privilegierten, die Ansprüche des Dritten Standes niederzuhalten, schon durch das Zahlenverhältnis zum Scheitern verurteilt wäre.

Zum mächtigen Antrieb der Empörung wird die „Gesellschaft der Dreißig“, die ab November dreimal wöchentlich in Paris zusammenkommt. Ihr gehören Beamte an, Bankiers, Journalisten, aber auch viele liberale Mitglieder der privilegierten Stände. Etwa Marie-Joseph du Motier, Marquis de La Fayette, der als General am Kampf der amerikanischen Kolonien um die Unabhängigkeit teilgenommen hat. Der von seiner Kaste abgefallene Graf Mirabeau nennt das die „Konspiration der ehrenwerten Leute“ – denn abermals sind es Honoratioren, die aufbegehren, nicht die Armen. Dieser neuen Interessengemeinschaft geht es jetzt nicht mehr allein darum, die Macht des Königs zu ihren Gunsten einzuschränken, was noch das Motiv der Adeligen in der Notabelnversammlung 1787 und des Parlementswiderstands 1788 gewesen war. Die „Nationale Partei“, wie sich die Agitatoren selbst bezeichnen, fordert Gleichheit vor dem Gesetz und die Teilhabe an der politischen Macht – und damit das Ende der ständischen Ordnung der Gesellschaft.

Der Abbé Emmanuel-Joseph Sieyès, selbst Mitglied der Gesellschaft der Dreißig, bringt die Kritik an der bestehenden Ordnung des Landes in einer Flugschrift vom Januar 1789 auf den Punkt: „Der Dritte Stand umfasst also alles, was zur Nation gehört. Und alles, was nicht Dritter Stand ist, kann sich nicht als Bestandteil der Nation betrachten. Was also ist der Dritte Stand? Alles.“ Und welche Stellung sollten Adel und Klerus in der Gesellschaft einnehmen? „Ebenso gut könnte man fragen, welcher Platz einer bösartigen Krankheit zukomme, die den Leib eines Kranken martert und verzehrt.“

Der König gibt auf Anraten Neckers dem Druck der Öffentlichkeit nach und gewährt am 27. Dezember 1788 die Verdoppelung der Abgeordnetenzahlen des Dritten Standes bei den Generalständen. Aber über die Abstimmung nach Köpfen wird nichts bekannt gegeben – damit bleibt das vermeintlich großzügige Entgegenkommen wertlos.

NICHT NUR DIE MENSCHEN wenden sich in diesem Winter gegen das Ancien Régime – sondern auch der Himmel. Nachdem schon im Sommer schwere Hagelstürme große Teile der Ernte vernichtet haben, bringen nun außergewöhnlich niedrige Temperaturen die Menschen in Stadt und Land in Bedrängnis. Die Mühlen in den zugefrorenen Flüssen können das wenige vorhandene Getreide nicht verarbeiten, und so erhöht sich nun deutlich der Preis des Brotes, des bei weitem wichtigsten Grundnahrungsmittels. Überall ist nun das Geld knapp, Handwerker erhalten keine Aufträge mehr, die Webstühle stehen still, Bauarbeiter verlieren ihre Arbeit.

Verarmung und Arbeitslosigkeit führen zu Zorn und Argwohn: gegen Kornspekulanten, die den Getreidepreis in die Höhe trieben; gegen „Landstreicher“, welche die Provinz in Scharen heimsuchten; gegen Juden, die verschuldeten Bauern angeblich Wucherzinsen abverlangten. Der Zorn bricht sich schon bald Bahn in Gewalt: Überall im Norden des Landes werden Bäckereien und Kornspeicher geplündert; in der Bretagne kommt es zu Straßenkämpfen und wochenlangen Ausschreitungen; in Toulon entrinnen einige Verwaltungsbeamte nur knapp dem Lynchmord einer aufgebrachten Menge.

Auch in der Metropole Paris werden in dieser brodelnden Atmosphäre Gerüchte über vermeintliche Verschwörungen gegen die einfachen Leute schnell ernst genommen – und zum Auslöser gewalttätiger Unruhen. Im April 1789 etwa geht im Faubourg Saint-Antoine, einem Viertel der Arbeiter und Handwerker im Schatten der Bastille, die Behauptung um, der Tapetenfabrikant Jean-Baptiste Réveillon wolle den Lohn seiner Beschäftigten kürzen. Réveillon, der einst selbst einfacher Arbeiter war und als sozial denkender Dienstherr gilt, beschäftigt rund 350 Angestellte: Er zahlt überdurchschnittlich gut, und als er im Winter wegen der wirtschaftlichen Misere die Produktion zurückfahren und Beschäftigte entlassen musste, erhielten diese Unterstützungsleistungen.

Doch Réveillon denkt auch darüber nach, wie diese Misere beendet werden könnte – und er macht den Fehler, seine Gedanken öffentlich auszusprechen. Bei einer Wahlversammlung fordert er, den Brotpreis zu ermäßigen. Dann würden auch die Lohn- und Herstellungskosten sinken. Niedrigere Kosten wiederum bedeuteten geringere Preise – und das müsse den Konsum ankurbeln.

In der erhitzten Stimmung sieht so mancher Arbeiter darin die Ankündigung einer Lohnkürzung. Schnell versammeln sich am 27. April 1789 Hunderte knüppelbewehrter Demonstranten und ziehen mit der Parole „Tod den Reichen, Tod den Aristokraten“ und einer Galgenattrappe, an der eine Puppe mit den Zügen Réveillons baumelt, durch das Stadtviertel. Ziel des Zuges ist die Villa des Fabrikanten.

Manche Kleriker wechseln auf die Seite der Reformer

An diesem Tag lassen sich die Demonstranten durch einen Trupp von 50 Gardisten abschrecken. Ziehen stattdessen zum Haus eines anderen Unternehmers, plündern es, zerschlagen das Mobiliar und verbrennen die Trümmer auf der Straße.

Am Tag darauf versammeln sich die Wütenden erneut, diesmal aufgehetzt von der schwangeren Ehefrau eines Tagelöhners. 5000 bis 10 000 Demonstranten ziehen zum Anwesen Réveillons. Doch Privathaus und Fabrikgebäude werden nach wie vor von Gardisten bewacht, und so verharrt die Menge zunächst tatenlos. Die Menschen beschränken sich darauf, die Insassen vorbeifahrender Kutschen zu beschimpfen. Nur den Herzog von Orléans, als „Freund des Volkes“ bekannt, empfängt Beifall, der sich zur Begeisterung steigert, als er Münzen in die Menge wirft.

Stundenlang herrscht angespannte Ruhe, bis am Abend die Soldaten zurückweichen, um einer Karosse Platz zu machen. Sofort drängen Tausende in die entstehende Lücke und stürmen das Anwesen; nur mit knapper Not können Réveillon und seine Familie entkommen. Binnen zweier Stunden sind Haus und Tapetenfabrik verwüstet; im Garten verbrennen die Demonstranten Tapeten, Möbel und Bilder. Die Gardisten leisten zunächst keinen Widerstand. Erst als das Haus komplett geplündert ist, rücken mehrere hundert Mann Verstärkung an, darunter schwer bewaffnete Einheiten der regulären Armee, die Kanonen mit sich führen. Demonstranten bewerfen die Truppen von den Dächern und Fenstern der umliegenden Häuser aus mit Steinen, stoßen berittene Soldaten aus dem Sattel. Warnschüsse in die Luft wirken nicht, da eröffnet das Militär das Feuer in die Menge. Der Aufruhr endet in einem Blutbad: Wahrscheinlich kommen etwa 300 Menschen ums Leben, mindestens ebenso viele werden verwundet.

IN SOLCH UNRUHIGEN ZEITEN macht sich nun ganz Frankreich an die Vorbereitung der Generalstände. Der König hat Ende Januar die Modalitäten der Wahl bekannt gegeben und alle Untertanen dazu aufgefordert, den Abgeordneten ihre Wünsche und Sorgen in cahiers de doléances („Beschwerdeheften“) mit auf den Weg zu geben.

Parallel dazu wählt die Nation ihre Deputierten. Das Wahlrecht ist ausgesprochen demokratisch für seine Zeit: Stimmberechtigt ist jeder Mann von 25 Jahren, der in die Steuerrolle eingetragen ist. Das macht sechs Millionen Wahlberechtigte, immerhin knapp ein Viertel der Bevölkerung. 291 Deputierte wählt der Klerus. Nirgendwo ist der Unterschied zwischen Arm und Reich krasser als unter den Vertretern des Ersten Standes: Zwei Drittel sind einfache Gemeindepfarrer – Seelsorger und Sozialarbeiter in einem –, die manchmal mit weniger Geld auskommen müssen als ein Tagelöhner. Auf der anderen Seite stehen adelige Prälaten wie Charles-Maurice de Talleyrand, dem sein Bischofsamt nicht mehr ist als eine Pfründe: Erst zwei Monate nach seiner Einsetzung besuchte er Autun, den Amtssitz, blieb dort vier Wochen, die er vor allem seiner Wahl zu den Generalständen widmete, und verschwand dann für immer.

Fast alle 270 Abgeordneten des Zweiten Standes entstammen dem alten Adel, die meisten bekleiden hohe Ränge in der aristokratischen Hierarchie, viele gehören zu den Superreichen. Sie alle haben bei einer Veränderung der Gesellschaftsordnung, wie sie die Agitatoren des Dritten Standes fordern, viel zu verlieren: ihre Steuerprivilegien, ihre grundherrlichen Rechte, die Einkünfte aus Ehrenrenten von der Krone – und auch den politischen Einfluss, den sie in den vergangenen Jahren durch die Verweigerungspolitik der Parlements errungen haben. Dementsprechend viel zu gewinnen haben die rund 600 Deputierten des Dritten Standes, zumeist städtische Beamte und Rechtsanwälte. Zwar gehören auch sie eher zu den Wohlhabenden des Landes. Doch ist den meisten der feudale Lebensstil der Aristokraten und hohen Kleriker mit elegantem Herrschaftssitz, eigenen Kutschen und Dutzenden livrierten Dienstboten unerreichbar. Vor allem aber bleibt ihnen das Ansehen versagt, das der Hochadel in der ständischen Ordnung genießt. Großes erwarten alle Vertreter der Nation von den Generalständen – aber die Unterschiede in den Erwartungen sind gewaltig.

VERSAILLES, 5. MAI 1789 , Dienstag. Die Deputierten versammeln sich in dem großen „Saal der Hoflustbarkeiten“ an der Avenue de Paris. Einst diente der Saal als Depot für die Kulissen der Hoffeste; jetzt haben ihn die königlichen Architekten in einen prächtigen Tagungsort verwandelt. Der 50 mal 25 Meter große Innenraum ist von Kolonnaden gesäumt, das Kopfende wird von einer mehrstöckigen Tribüne dominiert. Dort steht, unter einem Himmel aus violettem, mit Goldlilien besticktem Samt, der Herrscherthron, etwas tiefer ein prunkvoller Sessel für die Königin.

Weiter unten, streng hierarchisch geordnet, finden sich die Sitzplätze für den Hofstaat: für die Prinzen und Prinzessinnen von Geblüt, für die Pairs und Herzöge des Reichs, für Kammerherrn und Hofdamen sowie die Minister. Drei Deckenfenster, verhängt mit weißer Seide, spenden gedämpftes Licht. 300 Gobelins mit den Porträts von Königen aus 13 Jahrhunderten schmücken die Wände. Marmorreliefs geben berühmte Episoden der französischen Geschichte wieder. In der Mitte des Raums sitzen eng beieinander die Deputierten: zur Rechten des Königs die Kleriker, zu seiner Linken die Adeligen. Ihnen gesteht die höfische Regie Polster zu, während der Dritte Stand, von den Privilegierten durch eine kleine Balustrade getrennt, zwischen ihnen auf blankem Holz sitzt.

Den Abgeordneten der Bürger und Bauern ist erst Einlass gewährt worden, nachdem die Geistlichen und Edelleute Platz genommen hatten; bis dahin mussten sie stundenlang in einem dunklen Korridor verharren. Erst kurz vor Mittag zog auch der Dritte Stand in den Saal ein; ein Raunen ging durch die 2000 Zuschauer auf den Balkonen (Zehntausende warteten vor dem Tor), als der Comte de Mirabeau erschien. Herzlichen Beifall erhielt der greise Michel Gérard aus Rennes, der die vorgeschriebene schwarze Kostümierung verweigert hat und stattdessen das braune Kleid des Bauern trägt.

Dann, um 12.00 Uhr, freudige Unruhe im Saal: die Ankunft Ludwigs XVI. Prächtig gekleidet steigt der Herrscher langsam die Stufen zum Thron hinauf, lädt die Königin ein, sich zu setzen, und deutet an, dass er sprechen werde. Die kurze, unverbindliche Begrüßung wird mehrfach von Beifall und Hochrufen unterbrochen. Danach redet der Siegelbewahrer Charles de Barentin – so leise, dass ihn kaum jemand versteht. Das Ende seiner Rede aber hören alle: Er fordert die Stände auf, „voller Entrüstung die gefährlichen Neuerungen zurückzuweisen“.

Gespannt wartet nun alles auf den Vortrag des Finanzministers. Jacques Necker eilt der Ruf voraus, ein Freund des Volkes zu sein – und eher als alle anderen Mitglieder der Regierung zu Reformen bereit. Doch er ist ein miserabler Redner. Und so bekommen die Abgeordneten drei Stunden lang ein finanztechnisches Referat zu hören: die Aufschlüsselung des Defizits in allen Einzelheiten. Nach 30 Minuten überkommt den Minister Heiserkeit; er gibt sein Manuskript einem Vorleser weiter, dessen schrille Stentorstimme den Zuhörern in den Ohren dröhnt. Die Deputierten rutschen nervös auf ihren Bänken hin und her, husten, dösen, niesen, schnarchen. Auch der König kann seine Schläfrigkeit kaum noch meistern.

Die Langeweile des Dritten Stands weicht der Enttäuschung, als Neckers Ersatzmann den Vortrag beendet: Die Rede, so beeilt sich Graf Mirabeau am nächsten Tag in einer von ihm herausgegebenen Zeitung mitzuteilen, „enthält keinen einzigen Vorschlag, der eines Staatsmannes würdig wäre, nicht einmal den Notbehelf eines Finanziers!“ Kein Wort zu den ersehnten umfassenden Reformen – und zur heiklen Frage der Abstimmung nach Köpfen nur eine Ausflucht: Die Stände mögen zunächst getrennt beraten; zudem sei es allein Sache der privilegierten Stände zu entscheiden, ob sie auf bestimmte Vorrechte verzichten wollten.

Ein letztes Mal lässt sich der Dritte Stand demütigen

Unvermittelt beendet Ludwig die Sitzung gegen vier Uhr nachmittags – und hinterlässt die Deputierten in großer Verwirrung. Die weitere Agenda ist nicht festgelegt. Niemand sagt den Abgeordneten, wie sie sich zu organisieren und worüber sie zu diskutieren haben.

AM FOLGENDEN TAG kehren die Deputierten zurück, um zu überprüfen, ob die Wahlen zu den Generalständen den Regeln gemäß verlaufen sind – entsprechend dem Befehl des Siegelbewahrers nach Ständen getrennt. Der Dritte Stand trifft sich wegen der Vielzahl seiner Abgeordneten im Saal der Hoflustbarkeiten, die Geistlichkeit und der Adel versammeln sich in kleineren Räumen im gleichen Gebäude.

Eigentlich ist dies eine Formalität, doch sie stellt die Abgeordneten des Dritten Standes vor ein Dilemma: Erklären sie sich bereit, die Prüfung allein für sich vorzunehmen, erkennen sie damit das Prinzip der getrennten Beratung an – und damit, so fürchten sie, auch die Abstimmung nach Ständen und nicht nach Köpfen. Verweigern sie sich, ist das eine offene Revolte. Davor aber schrecken die meisten noch zurück. Also wählt der Dritte Stand eine Zwischenlösung: Alles, was nach einer separaten Konstituierung aussehen könnte, etwa die Wahl eines Vorsitzenden, wird vermieden – man trifft sich weiter, aber gewissermaßen inoffiziell.

Einige Tage später ergeht eine Einladung an die beiden anderen Stände, gemeinsam zu tagen. Zudem gibt sich die Versammlung des Dritten Standes einen neuen, programmatischen Namen. Députés des communes , „Abgeordnete des Unterhauses“, nennen sich die Mitglieder jetzt, mit Anklang an das House of Commons in London. Denn das britische Unterhaus verfügt bereits über jene Macht, die sich Frankreichs Dritter Stand erst noch erkämpfen will – etwa über das staatliche Budget zu bestimmen. Die Adelsversammlung weist das Ansinnen sogleich zurück – doch stimmen immerhin 46 liberale Aristokraten für die gemeinsame Überprüfung der Mandate. Wesentlich knapper fällt die Entscheidung bei den Klerikern aus. Es sind vor allem die oft armen Landpfarrer, die sich dem Dritten Stand weit mehr verbunden fühlen als den prunkverliebten Bischöfen. Dennoch stimmt auch die Mehrheit der Geistlichen für getrennte Beratungen. Damit sind die Generalstände vorerst blockiert.

Alle Versuche, einen Kompromiss herbeizuführen, scheitern. Zum einen am Widerstand der Bischöfe, die ihren Einfluss geschickt nutzen, um die kompromissbereiten Priester auszuschalten. Zum anderen am Starrsinn der Aristokraten. Ob aus der Provinz oder aus Paris, ob neuer Amts- oder alter Schwertadel: Ihre überwiegende Mehrheit verweigert sich jeder liberalen Idee. Die Schriftstellerin Madame de Staël, Tochter Neckers und Beobachterin der Ereignisse in Versailles, klagt über den Hochmut der Edelleute: Sie sprächen von ihrem Rang, als ob dieser schon vor Erschaffung der Welt bestanden hätte. „Sie sahen ihre Privilegien als Besitzrechte an, auf denen die Sicherheit der ganzen Gesellschaft beruhe.“

So vergeht Tag um Tag. Der König gibt sich derweil der Melancholie hin; er will nicht verstehen, dass sein „gutes Volk“ rebelliert. Andere am Hof sind weniger passiv: Eine Clique um den Comte d’Artois, den Bruder Ludwigs XVI., schmiedet Pläne, den in ihren Augen schwächlichen Necker zu entlassen, einen härteren Nachfolger zu ernennen und die Generalstände aufzulösen. Unterdessen trifft sich der Dritte Stand weiterhin im großen Saal der Hoflustbarkeiten. Die Plätze der anderen Stände bleiben frei – als demonstrative Einladung. Und Tag für Tag wächst der Verdruss der Communes über die Weigerung der Privilegierten, mit ihnen zu tagen. Dieser Ärger lässt die Vertreter der Bürger und Bauern näher zusammenrücken und weckt in ihnen den Wunsch nach beherzten Entschlüssen. Manche bedauern, dass der Dritte Stand nicht von Anfang an die Konfrontation gewagt hat. Die immer mehr anschwellende Menge an Zuschauern bestärkt die Deputierten in ihrer Haltung. Wo immer die Abgeordneten in Versailles hingehen, stets werden sie von Hochrufen begleitet, auf der Straße überreicht man ihnen Blumensträuße, Fischweiber singen Ständchen.

Während der Konflikt zwischen dem Zweiten und dem Dritten Stand sich zuspitzt, erleben Königin und König eine familiäre Tragödie: Am 4. Juni stirbt der an Tuberkulose erkrankte Louis-Joseph, der siebenjährige Thronfolger, in den Armen seiner Mutter. Der trauernde Monarch zieht sich auf einen Landsitz zurück, wo nun bevorzugt Delegationen der privilegierten Stände vorgelassen werden.

Die Communes mutmaßen jedoch eine Verschwörung, befürchten, der König werde isoliert – und handeln: Am 10. Juni beschließen sie auf Vorschlag des Abbé Sieyès, „eine schon zu lange währende Untätigkeit aufzugeben“. Er fordert die Abgeordneten der beiden ersten Stände ultimativ auf, sich mit dem Dritten zu vereinigen zu einer gemeinsamen Prüfung der Legitimationen „aller Vertreter der Nation“.

Am 13. Juni folgen drei Pfarrer dem Aufruf von Sieyès, drei Tage später hat sich ihre Zahl schon auf 19 erhöht. So gestärkt, schleudern die Vertreter des Dritten Standes dem Ancien Régime am 17. Juni 1789 den Fehdehandschuh entgegen. Trotz der annähernd 4000 Zuschauer im Saal der Hoflustbarkeiten herrscht tiefe Stille, als am Morgen des 17. Juni die Anwesenheitsliste erstellt wird; zur Abstimmung wird der Antrag stehen, die Vertreter der Communes zur Assemblée nationale, zur „Nationalversammlung“, zu erheben. Allein das Kratzen der Federkiele und das Umblättern der Seiten ist zu hören, als die Sekretäre durch die Liste der Deputierten gehen, um deren Namen festzuhalten.

Am Nachmittag wird das Resultat der Abstimmung verkündet, und ein Freudensturm bricht los: Mit 491 zu 90 Stimmen erklären sich die Abgeordneten zur Nationalversammlung und damit zur allein legitimen Vertretung von ganz Frankreich. Das ist ein revolutionärer Akt: Nicht mehr der König, sondern die von der Versammlung repräsentierte Nation soll nun der Souverän sein. Und alle – auch diejenigen, die gegen die Proklamation gestimmt haben – binden sich durch einen Treueid an das selbst gegebene Amt. Noch am gleichen Abend demonstriert die Assemblée nationale ihre neue Souveränität und nimmt Mirabeaus Antrag an, sämtliche laufenden Steuern, sofern sie nicht von diesem Gremium bewilligt werden, für nichtig zu betrachten.

Vor dem Tagungsgebäude wartet eine große Menge. Als die Deputierten in der Nacht aus dem Tor treten, weichen die jubelnden Menschen zurück und formen einen Ehrenkordon, durch den „die Nation“ in ihrer Mitte hindurchschreiten kann. Die privilegierten Stände sind nun gezwungen zu handeln. Am 19. Juni entscheidet sich eine knappe Mehrheit der Geistlichkeit für den Zusammenschluss mit dem Dritten Stand, in der Versammlung des Adels sprechen sich immerhin 80 liberale Abgeordnete dafür aus. Und wie reagiert der König? Die Assemblée nationale hat ihn nach ihrer Selbstproklamation hochleben lassen. Noch hoffen viele Abgeordnete, der Monarch stehe letztlich auf ihrer Seite. Sie deuten sein sechswöchiges Schweigen als Billigung ihres Vorgehens.

Doch als die Deputierten am 20. Juni wieder vor dem Saal der Hoflustbarkeiten eintreffen, finden sie das Gebäude durch königliche Order versperrt und von Soldaten bewacht. Angeblich sind Renovierungsarbeiten notwendig für eine Plenarsitzung in drei Tagen. Die Volksvertreter sehen darin hingegen den ersten Schritt zur Auflösung der Versammlung. Niemand hat sie benachrichtigt. Und wohin sollen sie sich jetzt wenden – welches Gebäude kann so vielen Menschen als Tagungsort dienen Mittlerweile sind die 600 Abgeordneten durchnässt: Es regnet in Strömen an diesem Samstag. Schließlich hat der Abgeordnete und Arzt Joseph-Ignace Guillotin – dessen Hinrichtungsmaschine später zum Symbol der Revolution werden wird – die rettende Idee: das Ballhaus in der nahe gelegenen Rue du Vieux Versailles, eine Sporthalle, in der normalerweise eine Art Tennis gespielt wird.

Ein schroffer Gegensatz zum großen Saal der Hoflustbarkeiten: Der Raum mit den hohen Fenstern und den hölzernen Galerien auf halber Höhe ist völlig leer und schmucklos, es gibt keine Sitzgelegenheiten. Ein von einem benachbarten Schneider ausgeliehener grober Fichtentisch muss dem am 17. Juni gewählten Präsidenten der Versammlung, Jean-Sylvain Bailly – einem berühmten Astronomen und Mitglied der Académie française –, als Pult dienen.

Der Abbé Sièyes schlägt angesichts des königlichen Affronts den Umzug nach Paris vor – wohl auch, um der Bedrohung in Versailles zu entgehen, wo die Regierung Truppen zusammenzieht. Der Vorschlag findet keine Mehrheit. Doch es muss etwas geschehen, denn die Deputierten befürchten die gewaltsame Auflösung der Assemblée nationale.

Da klettert der 52-jährige Bailly auf den Schneidertisch und erhebt die Rechte zum Schwur: „Die Nationalversammlung beschließt, dass alle Mitglieder dieser Versammlung augenblicklich den feierlichen Eid leisten, nicht auseinander zu gehen und überall zusammenzukommen, wie die Umstände es erfordern werden, bis die Verfassung des Königreichs geschaffen und auf sicheren Grundlagen befestigt sein wird.“

Wo immer die Mitglieder der Nationalversammlung fortan zusammenträten, tage die Volksvertretung.

Am Ende siegt in Versailles die Nation über den König

Die Deputierten tun es ihm nach; tief bewegt. Mit pathetisch gerecktem rechten Arm sprechen auch sie die Eidesformel. Nur einer, Martin d’Auch aus dem südfranzösischen Castelnaudary, beteiligt sich nicht an dem Schwur. Ein englischer Beobachter erkennt sofort die Parallele zu einer Szene in seiner Heimat: Die Deputierten, so notiert der Agronom Arthur Young, „eigneten sich alle Macht im Königreich an und verwandelten sich mit einem Schlag in das Lange Parlament Karls I.“ – jenes Parlament, das sich 1640 seinem König widersetzte (und ihn neun Jahre später aufs Schafott schickte).

ALS DIE GENERALSTÄNDE am 23. Juni zur nächsten regulären Plenarsitzung in Anwesenheit des Königs zusammentreten, haben sich bereits 149 Geistliche und drei Adelige der Nationalversammlung angeschlossen. Ludwig XVI. versucht, die Revolutionäre mit Reformvorschlägen zu beschwichtigen. Doch seine Zugeständnisse gehen diesen nicht weit genug. So bietet der Monarch zwar die Aufhebung der Steuersonderrechte an – aber nur mit Zustimmung der Privilegierten. Die Pressefreiheit will er garantieren – doch nur, sofern sie nicht gegen Glaube, Sitte und Ehre der Bürger verstößt.

Steuern sollen fortan nur noch mit Billigung der Volksvertreter erlassen werden – aber zugleich stellt er das Prinzip der Volksvertretung infrage: Denn der König verbindet seine Offerten mit der Drohung, wieder ohne die Stände zu regieren, sollten diese nicht gefügig sein. Damit ignoriert er den Anspruch der Nationalversammlung, die einzige legitime Vertretung des ganzen Volkes zu sein. Und in der Manier eines Despoten befiehlt Ludwig XVI. sodann, unverzüglich auseinander zu gehen und die Bera- tungen am folgenden Tag nach Ständen getrennt wieder aufzunehmen. In eisigem Schweigen verlassen König und Hofstaat den Saal, Klerus und Adel folgen ihnen.

Doch die Vertreter der Nationalversammlung bleiben wütend und gedemütigt auf ihren Plätzen sitzen. Während die Zimmerleute sich an den Abbau des Podiums machen, wiederholt der königliche Zeremonienmeister den Befehl des Monarchen. Da fährt Mirabeau ihn an: „Sagen Sie Ihrem Herrn, dass wir auf Befehl des Volkes hier sind und nur der Gewalt der Bajonette weichen werden.“ Als der eingeschüchterte Zeremonienmeister daraufhin im Schloss Bericht erstattet, zuckt Ludwig XVI. nur mit den Achseln: „Zum Teufel, dann sollen sie eben bleiben, wo sie sind.“

Die Revolution des Dritten Standes trägt den Sieg davon – und der vermeintlich allmächtige König von Gottes Gnaden fügt sich scheinbar kampflos in die Niederlage. Vier Tage später fordert Ludwig XVI. alle Abgeordneten des Ersten und Zweiten Standes auf, sich dem Dritten anzuschließen, und erkennt damit die Nationalversammlung de facto an. Nun hat Frankreich zwei politische Zentren: ein sich auf die Gnade Gottes berufendes Königtum – und eine sich auf die Wahl durch das Volk berufende Assemblée nationale. Beide Konzepte schließen einander zu diesem Zeitpunkt nicht aus: Noch will kaum einer der Revolutionäre die Monarchie abschaffen, noch könnte Ludwig XVI. sich mit einigen ernsthaften Zugeständnissen an die Spitze der Revolution stellen. Doch der Monarch bleibt bei seinem verhängnisvollen Schlingerkurs: In den darauffolgenden Wochen zieht er weiter Truppen um Paris und Versailles zusammen. Bald schon wird es zur nächsten Konfrontation kommen. Dem absolutistischen Regime wird dann neben der Nationalversammlung ein neuer gefährlicher Gegner gegenüberstehen. Das Volk von Paris.

3. Der Sturm auf die Bastille

Sommer 1789, Frankreich gleitet immer tiefer in die Krise: Eine Hungersnot droht, denn Getreide wird knapp. Da entlässt Ludwig XVI. den einzigen Minister, von dem sich das Volk Linderung in der Not erhofft. Die Entscheidung löst einen beispiellosen Aufstand aus. Die Bürger von Paris vertreiben die Soldaten des Königs, erobern die Gefängnisfestung Bastille und führen deren Gouverneur einem schrecklichen Ende entgegen: eine entscheidende Wende der Revolution, denn nun bricht das Volk die Militärmacht des Monarchen. Das Protokoll einer dramatischen Woche

Tausend Jahre lang haben Frankreichs Könige geherrscht. Haben Kriege geführt und Invasionen abgewehrt, haben Religionskämpfen, der Pest und Aufständen standgehalten. Und selbst in den ersten Monaten des Jahres 1789 hat Ludwig XVI. noch immer politische Macht. Zwar rebellieren die Bauern in der Provinz und beschränken kompromisslose Adelige seine Herrschaft. Zwar haben sich die kürzlich in die Generalstände gewählten Abgeordneten des Dritten Standes eigenmächtig zur Nationalversammlung erklärt, mit dem Ziel, eine Verfassung zu schaffen – beides beispiellose Angriffe auf die Souveränität der Monarchie. Doch hat es nicht in den vergangenen Jahrhunderten Könige gegeben, deren Lage ebenso verzweifelt war? Dann aber verliert Frankreichs Herrscher in einer einzigen Woche die Macht und den Nimbus, die dem Thron in tausend Jahren zugewachsen sind. Es ist eine Woche der Not und der Intrigen, der Kämpfe und der Fehlentscheidungen, der zufälligen Triumphe und endgültigen Niederlagen. Sieben Tage, nach denen zwar noch längst nicht alles entschieden ist, dies aber schon: Nichts wird je mehr so sein wie zuvor.

DIENSTAG, 7. JULI 1789 , Paris, Bastille. Der Gouverneur des Gefängnisses im Osten der Hauptstadt empfängt die von ihm dringend angeforderte Verstärkung. Kein Untertan seiner Majestät ist, wenn man so will, je so lange Insasse dieser Festung gewesen wie Bernard-René de Launay: Der starre, nervöse und mitunter pflichtvergessene Beamte ist vor 49 Jahren in der Festung geboren worden. Schon sein Vater war dort Kommandant.

Die Bastille: Seit mehr als 400 Jahren steht diese mittelalterliche Bastion wie ein Felsen auf dem rechten Seineufer. Einst als Teil der Stadtbefestigung gebaut, um Paris während des Hundertjährigen Krieges vor englischen Angriffen zu schützen, dient sie seit 1659 als Haftanstalt – vorwiegend für politische Gefangene, die dort ohne Prozess, allein durch königlichen Haftbefehl festgehalten werden. Ein Rechteck, 66 Meter lang und 34 Meter breit, mit acht runden, 24 Meter hohen Türmen, verbunden durch fast ebenso hohe und bis zu 2,50 Meter durchmessende Mauern. Finster sind die Kellergewölbe, feucht, verdreckt vom Schmutz der Jahrhunderte, von Ratten verseucht. So schlecht belüftet sind die Turmzellen unter dem Dach, vor allem im Sommer, dass Gefangene dort zu ersticken drohen. Schrecklich ist der Ruf der Bastille im Volk. Sie sei der Kerker der Despotie, behaupten Pamphletisten, meist ehemalige Gefangene, deren Bücher illegal gedruckt werden und oft hohe Auflagen erreichen. Die Inhaftierten fühlten sich, als seien sie bei lebendigem Leib begraben worden, ist in ihren Schriften zu lesen; in unterirdischen Verliesen seien sie angekettet gewesen, Hunger und Durst hätte sie gequält, Kälte ihre Gesundheit ruiniert.

Der König verspielt seine Macht

Nichts davon stimmt. In den Kellerverliesen wird längst niemand mehr eingesperrt. Die meisten Zellen liegen in den mittleren Turmgeschossen. Sie sind geräumig und werden über Kamine oder Öfen beheizt – sie sind mithin luxuriöser als viele Wohnungen in der Stadt. Die Verpflegung ist gut. Die Häftlinge dürfen im Innenhof oder auf dem Mauerkranz promenieren, sie können Besuch empfangen; wer vermögend ist, der lässt seine Weinvorräte nachkommen und seine Bibliothek. Den Mitteltrakt der Bastille ziert eine große Uhr, umgeben von einer männlichen und einer weiblichen Figur, den Allegorien von Alter und Jugend. Da diese Figuren Ketten trugen und dies so manchem Gefangenen aufs Gemüt geschlagen war, hatte ein feinfühliger Minister diese Symbole entfernen lassen.

Der tiefe Graben, der die Bastille umgibt, führt längst kein Seinewasser mehr; lediglich bei Regen schwappt dort noch hin und wieder eine Brühe. Vor den beiden Zugbrücken, die den einzigen Eingang zum Gefängnis bilden, wölbt sich ein breiter steinerner Bogen. Davor liegen um zwei Höfe ein paar bescheidene Häuser: die Residenz des Gouverneurs und seiner Familie, die Unterkünfte der Wachen, eine Wäscherei – und eine lange Zeile mit kleinen Geschäften, in denen ein Konditor, ein Parfumeur, ein Perückenmacher und zwei Krämer ihre Waren anbieten. Denn täglich passieren viele Menschen die Festung in der Rue Saint-Antoine, Nr. 232. Wer hier eingesperrt wird, ist meist binnen weniger Monate wieder frei. Seit die Bastille Gefängnis ist, haben nur 53 Häftlinge zehn Jahre und länger einsitzen müssen. Anders als seine Vorgänger stellt Ludwig XVI. wenige königliche Haftbefehle aus. Und so drängen Berater den Monarchen schon seit fünf Jahren, die teure Festung abreißen zu lassen.

Gouverneur de Launay bewacht noch sieben Gefangene: vier Fälscher, zwei Wahnsinnige – einer hält sich für Julius Cäsar – sowie einen Adeligen, den die eigene Familie wegen sexueller Ausschweifungen hat inhaftieren lassen. Ein achter Gefangener ist vor fünf Tagen verlegt worden: der Marquis de Sade, der seit einigen Jahren ebenfalls wegen seiner sexuellen Vorlieben auf Bitten seiner Verwandten einsitzt. Der Marquis hatte sich in der Bastille ein Ofenrohr genommen (oder einen metallenen Trichter für seine Fäkalien – es gibt verschiedene Versionen dieser Geschichte) und mit diesem improvisierten Sprachrohr aus seinem Zellenfenster heraus gefleht, „das Volk“ möge die Gefangenen vor einem Massaker bewahren, das der Gouverneur plane – allerdings nur in der Fantasie des Adeligen. Daraufhin hatte ihn de Launay in ein Irrenhaus schaffen lassen. Ein Häftling, der zum Sturm auf die Bastille ruft, ist so ziemlich das Letzte, was er zurzeit braucht.

Denn nicht die Lage in seinem Gefängnis macht dem Gouverneur Sorgen – sondern die davor: In Paris gärt es seit Tagen, Revolte liegt in der Luft. 15 Schiffskanonen stehen auf den Mauern der Bastille. 82 Mann kommandiert de Launay, Veteranen und Invaliden der regulären Armee. Die Männer werden im benachbarten Viertel Faubourg Saint-Antoine, einem Quartier der Handwerker und Tagelöhner, als Faulpelze verlacht. Dies, befürchtet der Gouverneur, ist keine Streitmacht, die einem Angriff standhalten könnte. Und so zieht am 7. Juli Verstärkung ein. Grenadierleutnant Ludwig von Flühe führt einen Sergeanten und 32 Füsiliere an: Schweizer Söldner. Der Leutnant, eher bedächtig als schneidig, macht sich wenig Sorgen. Selbst wenn eine Revolte drohe – wie sollten die Bürger von Paris diese Festung erobern?

De Launay hingegen wird von Stunde zu Stunde nervöser. Fast scheint es, als habe ihn die Gegenwart der Söldner nicht beruhigt, sondern noch tiefer in Angst gestürzt. Gut möglich, dass sich der Beamte, der sein Lebtag in der Bastille gedient hat, von dem jüngeren Berufsoffizier nicht ernst genommen fühlt. Möglich aber auch, dass er die Situation einfach besser einzuschätzen vermag als der Schweizer. Die Bastille könnte wohl einem Sturmangriff standhalten, einer längeren Belagerung jedoch nicht. Denn der Festung fehlt eine Wasserversorgung. Und in den Magazinen lagern nur Vorräte für zwei Tage. De Launay weiß, dass die Bastille im Volk ein Symbol der Despotie ist: unübersehbar, drohend, doch nicht gut zu verteidigen. Das ideale Ziel, sollte es zum Aufstand kommen.

PARIS: SELBST VON SEINEN acht Bastilletürmen könnte der Gouverneur nicht über die Stadt blicken, sondern sähe nur auf ein Dächermeer. Bis nahe an die Mauern seiner Festung drängen sich gut 20 000 vier- bis sechsgeschossige Mietshäuser, kaum niedriger als die Bastille. Dazwischen 900 enge, oft chaotisch verlaufende Straßen, Sackgassen, winzige Plätze, in die kaum Helligkeit dringt.

Paris liegt an einem Bogen der Seine. Dunstig ist der Himmel über der Stadt vom Rauch unzähliger Herdfeuer und Werkstattöfen. Die Spitzen von 150 Kirchen und Konventen ragen in den Himmel. Besonders auffällig sind die wuchtigen gotischen Doppeltürme der Kathedrale Notre Dame auf der großen Seineinsel sowie die hoch aufragende Kuppel der fast vollendeten Kirche Sainte Geneviève am gegenüberliegenden, dem linken Ufer. Seit mehr als 30 Jahren wird an der Kirche gebaut, die der Patronin von Paris geweiht ist – der Monarchie zum Ruhm und dem Volk zum Gefallen.

Die Metropole hat 600 000 Einwohner oder 700 000, wer weiß das schon? Seit 1750 ist die Stadt wohl um ein Drittel gewachsen, mehrmals jährlich drucken Verleger neue Pläne, die bereits nach kurzer Zeit wieder veraltet sind. Täglich kommen mittellose Zuwanderer in die Stadt: Bauern, Tagelöhner, Glücksritter, freigelassene Galeerensträflinge, unverheiratete Frauen, die in der Anonymität ihr Kind gebären wollen, um der Schande daheim zu entfliehen. Aus der Auvergne kommen sie, aus der Champagne, aus allen Regionen Frankreichs, aus Italien, Deutschland, der Schweiz. Zwischen der Nordsee und dem Mittelmeer gibt es keine größere Stadt als Paris. Allein in der Nachbarschaft der Bastille, im Faubourg Saint-Antoine, leben wohl 80 000 Menschen: fast so viele, wie Bordeaux oder Marseille Einwohner haben. Und jährlich werden rund 20 000 Kinder in Paris geboren.

Von der Bastille aus könnte de Launay, hätte er ein Empfinden dafür, auf eine Metropole der Gegensätze blicken. Luxus und Not, Modernität und Mittelalter, Schönheit und Verfall trennt hier oft nur ein Straßenzug. Schätzungsweise 20 000 Adelige leben in Paris – und kaum weniger polizeibekannte Prostituierte. Paris ist schön – wenn man Geld hat. Während die Reichen in ihren ummauerten hôtels (herrschaftlichen Stadthäusern) im Marais, in Saint-Germain und an der fast noch ländlichen, doch gerade chic gewordenen Avenue des Champs-Elysées ihre Gäste mit Trüffeln, frischen Krebsen, jungen Rebhühnern und Parmesan oder Schweizer Käse bewirten, geben die Tagelöhner in Saint-Antoine oder Saint-Marcel selbst zu guten Zeiten die Hälfte ihres Lohnes für Brot und mit Bleioxid gepanschten Wein her; manche der Ärmsten setzen ihre neugeborenen Kinder auf den Stufen der Gotteshäuser aus.

Am nordwestlichen Flussufer liegt das Palais des Tuileries, das Stadtschloss des Königs, daran grenzt der feinste Park der Stadt. Wächter sorgen dafür, dass dort nur Müßiggänger lustwandeln dürfen, die wohlhabend gekleidet sind. Von den Tuilerien sind es nur wenige Schritte zum Louvre, wo die prestigereichen Akademien ihren Sitz haben; zum Juwelier Granchez am Quai de Conti, wo auch die Königin Geschmeide fertigen lässt; zum Modegeschäft Vanzut et Dosogne, wo der Mann von Welt Spitzenmanschetten und Taftjacken bestellt; zu einem der berühmten Theater; zu den exklusiven Uhrmachern an der Place Dauphine; zur neuen, prachtvollen Place de Louis XV, in welchen die Avenue des Champs-Elysées mündet.

Wer jedoch arm ist, der watet im Schlamm und Unrat der selten gereinigten Straßen – oder er watet in Blut. Denn die Schlachthöfe stromauf an der Seine, nicht allzu weit von der Bastille entfernt, kippen ihre Abfälle einfach aufs Pflaster. Wer arm ist, der atmet die schlechte Luft der Gerbereien am Flüsschen Bièvre knapp vor den Stadttoren und der Manufakturen in den Außenbezirken, in denen Stoffe mit Vitriollösungen gebleicht werden und Bleiweiß gerührt wird für die Maler. Der kauft am überfüllten Markt von Les Halles ein, wo es nach faulendem Obst stinkt, nach Dung und nach den Exkrementen unzähliger Ochsen und Esel. Der bringt sich und die Seinen durch, indem er in winzigen Dachwohnungen Kaninchen züchtet, die er mit Straßenabfällen füttert.

Ein Tagelöhner verdient 20, vielleicht 30 Sous am Tag – sofern er Arbeit findet. Ein Maurer kommt auf 40 Sous, das sind zwei Livres. Die großen Wohnungen in den Mietshäusern, diejenigen mit sechs oder acht Zimmern, die im ersten oder zweiten Obergeschoss liegen, kosten unerschwingliche 700 Livres im Jahr. Die kleineren Zwei-Zimmer-Behausungen darüber mindestens 100, die stickigen Dachkammern immer noch 40 Livres. Teurer noch als die Miete ist das Brot. Zwei Vier-Pfund-Laibe verzehrt eine vierköpfige Familie pro Tag. In guten Zeiten kostet ein Laib acht Sous – ein Tagelöhner, der eine Familie zu ernähren hat, gibt also drei Viertel seines Lohnes für Brot aus. Dazu braucht er noch Suppengemüse, Salz, Feuerholz, Kleidung und Kerzen, sofern er abends nicht im Dunkeln sitzen will. Die Abgaben an den König machen ein Drittel der Lebensmittelpreise aus – und wohl nirgendwo in Frankreich werden sie so effizient eingetrieben wie in der Hauptstadt.

Das Umland von Paris ist fruchtbar, die Transportwege sind kurz. Hier liegt die Kornkammer der französischen Nation. Allein rund um die Kapitale mahlen 2000 Wind- und Wassermühlen das Korn. 80 000 Rinder treiben Bauern jedes Jahr zum Markt der Stadt, 325 000 Schafe werden hier zur Schlachtbank gezerrt, mehr als 730 000 Hektoliter Wein angeliefert. Zwischen den Bauern und den Bürgern wacht der Zoll. Seit drei Jahren umgibt eine 3,30 Meter hohe und rund 23 Kilometer lange Mauer Paris. In ihr sind 54 säulenverzierte, klassizistische Tore eingelassen: prachtvolle Entrées, die vielen Parisern wie Stein gewordene Verhöhnungen erscheinen. Denn an diesen Toren durchsuchen Wachen jeden Karren und jedes Fuhrwerk, um Zoll auf Mehl, Wein, Salz und andere Waren zu erheben. 36 Millionen Livres nimmt Seine Majestät auf diese Weise Jahr für Jahr an den Zollstationen ein. 36 Millionen Livres. Manche Adeligen haben Einkünfte von mehr als einer Million Livres im Jahr; wer zur Aristokratie gehört und nur 10 000 Livres verdient, der gilt unter seinen Standesgenossen schon als arm. Königin Marie-Antoinette hat, nach dringenden Sparappellen der Hofkämmerer, im vergangenen Jahr 190 721 Livres ausgegeben – allein für Kleidung.

Im Sommer 1789 wächst die Unruhe auf den Straßen

Diese Extreme zwischen Arm und Reich, zwischen Not und Verschwendung, schüren selbst in normalen Jahren Misstrauen und Hass im Volk. 1789 ist aber kein normales Jahr. Im Herbst zuvor ist der verheerendste Hagelschauer des Jahrhunderts durchs Land gezogen und hat allerorten die Ernte vernichtet. So wird das Getreide knapp – und der Preis für den Vier-Pfund-Laib Brot steigt: Zehn Sous sind es zunächst, dann zwölf. Nun, im Juli 1789, da die alten Vorräte zur Neige gehen, sind es 14, ja 15 Sous. Zudem ist das Mehl oft verschimmelt – oder verschmutzt, weil die Anwohner des Marktes Les Halles ihre Nachttöpfe über den dort im Freien lagernden Säcken ausleeren.

Ohne Armenfürsorge wären viele Tagelöhner und Arbeiter dem Hungertod ausgeliefert. Zudem ist der 7. Juli der Vorabend des terme – jenes Halbjahresdatums, zu dem Mieten und andere große Zahlungen fällig sind. Doch viele Familien können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Deshalb droht ihnen der Hinauswurf aus ihren Bleiben und damit die Obdachlosigkeit. Die Revolution der Generalstände mag das politische System Frankreichs erschüttert haben – an den ruinös hohen Brotpreisen aber hat sich nichts geändert. Auch deshalb wächst die Unruhe im Volk. Das ist im Grunde nicht neu, denn seit Jahrhunderten schon führen Hungersnöte immer wieder zu Revolten.

Neu aber ist, dass mit der Zollmauer die Abgaben, welche der König und seine Steuerpächter auf Nahrung erheben, eine für jedermann sichtbare Manifestation gefunden haben. Man muss nur zu einem der 54 Tore gehen, um mit ansehen zu können, wie die Preise für Salz und Getreide, für Gemüse und Wein hochgetrieben werden – und von wem. Die Steuermauer wird zum sichtbaren Symbol einer sozialen Misere. Seit in Versailles die Nationalversammlung tagt, ist das Volk empfänglicher für politische Forderungen als je zuvor. Nach wie vor weiß niemand, wie Ludwig XVI. zu den revolutionären Abgeordneten steht. Die Angst vor einem Gewaltschlag nimmt deshalb zu. Die gespannte Stimmung in Paris wiederum beunruhigt den Hof. Im „Ballhausschwur“ standen die Abgeordneten gegen den König zusammen – nun droht dazu auch noch eine Erhebung des Volkes.

In Paris, wo das Brot zu teuer zum Leben geworden ist, gibt es zahlreiche kirchliche Volksschulen, deren Besuch nichts kostet. Und so können wohl drei von vier Männern und zwei von drei Frauen lesen, wahrscheinlich mehr als irgendwo sonst in Europa. Deshalb wird für die Bürger, die bereits hungern oder die den Hunger zumindest fürchten, das Wort zur ersten Waffe. Spätestens seit dem 25. Mai 1789 können Passanten auf anonymen Plakaten, die heimlich an Hauswände geklebt werden, Drohungen an den Monarchen und dessen Regierung lesen und Parolen wie diese: „Palast zu verkaufen, Ratgeber zu vermieten, Minister zu hängen, Krone zu vergeben.“ Kein Wunder, dass Gouverneur de Launay in der Bastille nervös wird. Kaum sind die Schweizer Füsiliere eingetroffen, lässt er Fenster verbarrikadieren, die Tore verstärken und eine Ladung Pflastersteine als Geschosse auf ein Turmdach legen. Die Besatzung der Bastille bereitet sich auf einen Sturm vor.

MITTWOCH, 8. JULI , Schloss von Versailles. Ludwig XVI. lebt in einer prachtvollen, doch isolierten Welt. Paris ist groß, urban, laut, schmutzig, bedrohlich, ist in allem das Gegenteil der königlichen Residenz. Sechs Stunden Fußmarsch (und zwei oder drei Stunden mit der Kutsche) sind es vom Hof zur Metropole durch den Wald Bois de Boulogne, wo sich Huren und Räuberbanden herumtreiben. Ein recht wirksamer Schutz gegen Demonstranten, die sich in Paris zusammenrotten könnten. Aber auch eine Sperre, die vieles von dem, was sich in der Hauptstadt ereignet, viel zu spät zum Hof dringen lässt.

Längst halten sich, anders als unter Ludwigs beiden Vorgängern, viele Adelige vor allem in ihren Stadtpalais an der Seine auf, denn in Paris locken Theater und tausenderlei andere Vergnügungen, die das in extremer Verfeinerung erstarrte höfische Ritual nicht kennt. In der Hauptstadt amtieren auch viele hohe Beamte, dort leben die Finanziers, die Publizisten, die Anwälte. Und so hat Paris gegenüber Versailles längst an Glanz gewonnen, hat umgekehrt die Krone den Kontakt zu ihrer wichtigsten Stadt verloren. Nun fühlt sich Ludwig XVI. gedemütigt, seit Wochen schon. Allein die Schmach, die Generalstände überhaupt einberufen zu müssen, um gewisserweise dem ganzen Volk den Staatsbankrott zu gestehen!

Dann die nächste, die doppelte Schande: Die Generalstände haben eben dieser Finanznot nicht abgeholfen – vielmehr haben sich die Abgeordneten des Dritten Standes zur Nationalversammlung erklärt, die nun über eine Verfassung debattiert, ohne sich, so scheint es, allzu sehr um die Position des Königs zu scheren. Hat Frankreich damit nicht zwei sich gegenseitig blockierende Machtzentren? Da ist der König mit seinen Ministern. Doch was kann er noch tun? Als sich die Nationalversammlung trotz seines Befehls am 23. Juni nicht auflöst, akzeptiert er dies mit einem Achselzucken. Und als er wenige Tage später allen Abgeordneten des Klerus (Erster Stand) und des Adels (Zweiter Stand) befiehlt, sich der Nationalversammlung anzuschließen, billigt er scheinbar sogar die Revolution des Dritten Standes.

Eine Tragödie erschüttert den Monarchen

Aber handelt denn die Nationalversammlung? Zwar schränkt sie den Spielraum des Königs ein, indem sie das Recht der Steuerbewilligung für sich reklamiert. Aber noch kann sie kaum praktische Politik betreiben. Denn die Minister sind nicht der Volksvertretung, sondern dem König gegenüber verantwortlich; der Monarch verfügt auch über die Streitkräfte, während der Nationalversammlung selbst Beamtenschaft und Institutionen fehlen – das alles soll ja erst neu geschaffen werden. Darüber diskutieren die Abgeordneten Anfang Juli.

Schließlich ist da noch Jacques Necker: Schweizer, Protestant, Bürgerlicher, ein dreifacher Außenseiter, doch als Finanzminister im Volk ungeheuer populär – der einzige Vertreter des Ancien Régime, der auch im gerade entstehenden neuen System einflussreich sein könnte. Doch kann der König – immerhin ein Abkömmling des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. – einen so beliebten Mann neben sich dulden? Ist dies nicht die größte Demütigung von allen?

Ludwig XVI. ist knapp 35 Jahre alt, korpulent, träge, dabei durchaus großmütig, nicht übermäßig aggressiv – doch mit der fatalen Schwäche behaftet, einmal getroffene Entscheidungen nicht konsequent durchzuhalten, sondern auf halbem Wege den Kurs zu ändern. Er hat die Serie politischer Niederlagen der vergangenen Monate ertragen, und es ist nicht abzusehen, ob diese Serie je enden wird. Fast täglich tritt die Nationalversammlung in Versailles zusammen, beraten Abgeordnete eine neue Ordnung, welche die Königsmacht weiter reduzieren soll. Zudem überschattet eine Tragödie das Leben des Königs: Am 4. Juni ist, nur sieben Jahre alt, sein geliebter ältester Sohn und Thronfolger Louis Joseph an der Schwindsucht gestorben. Gut möglich, dass der Monarch in seinem Schmerz unbedachter und brutaler reagiert, als er es sonst getan hätte.

Im Juli 1789 jedenfalls setzt sich am Hof eine Kamarilla durch, die Ludwig XVI. zur Gewalt drängt: Marie-Antoinette gehört zu ihr, seine Gemahlin, die sich schon lange vom Volk verhasst wähnt (durchaus zu Recht, gilt die Habsburgerin vielen Pamphletisten einerseits als Repräsentantin schädlicher ausländischer Einflüsse, andererseits als größte Verschwenderin der Nation). Der Comte d’Artois, der jüngere Bruder Ludwigs XVI., ist ebenfalls ein hitziger Gegner der Nationalversammlung, des Finanzministers Necker sowie der gesamten zaudernden höfischen Politik. Dazu gesellen sich mehrere Minister, die vor allem Neckers überragende Stellung erbittert. Sie alle wirken in den Salons und Zimmerfluchten des Schlosses immer wieder auf den König ein, Necker zu entlassen und die Machtprobe mit der Nationalversammlung zu suchen. Voraussetzung dafür ist allerdings die Kontrolle über Paris.

RUND 1500 POLIZISTEN in schwarzen Uniformröcken tun in der Stadt Dienst. Ihnen arbeiten etwa 400 Spitzel zu – häufig ehemalige Häftlinge, die Gaunereien in ihren Vierteln ebenso melden wie verdächtige politische Aktivität. Viele Monarchen in Europa bewundern die Organisation der Pariser Polizei.

Bewaffnet sind die Ordnungshüter nur mit Degen oder Säbeln. Für sie gilt, ebenso wie für alle Bürger von Paris, das Verbot, in der Stadt Feuerwaffen zu tragen. Und so hätten sie kaum Mittel, um einen Aufstand niederzuschlagen, an dem sich in der unübersichtlichen Metropole möglicherweise Zehntausende von Menschen beteiligen würden. Mit Feuerwaffen ausgerüstet sind die 7200 Soldaten der Gardes Françaises. Viele Angehörige dieser städtischen Garde stammen aus den nördlichen Provinzen. Sie sind meist jung und haben häufig Ärger mit der Polizei. Seit einigen Wochen greift ein neuer Kommandant mit eiserner Disziplin durch. Seine Strenge erbittert die Soldaten. Aber selbst in wohl organisierter Verfassung könnten die Gardisten allein Paris nicht kontrollieren. Bleibt die reguläre Armee.

Rund 156 000 Soldaten stehen unter dem Kommando Seiner Majestät. Ein Zehntel der Truppen rekrutiert sich aus der Fremde; so dienen neben Schweizer Füsilieren auch ungarische Husaren und deutsche Dragoner. Die Franzosen in der Armee stammen überwiegend aus den Städten; viele haben ein Handwerk gelernt, ehe sie sich zur Truppe meldeten. Es ist also eine relativ gut ausgebildete Armee – und eine, der das städtische Leben vertraut ist Seit dem 22. Juni 1789 sind vom Hof Marschbefehle ergangen. Rund 20 000 Soldaten rücken auf Paris und Versailles zu, um die Nationalversammlung und das Volk einzuschüchtern. Zwar erreichen Reisende mit der Schnellpostkutsche von Paris aus Amiens in einem Tag, Nancy in drei und Toulouse in acht Tagen. Doch die meisten Soldaten gehen zu Fuß. Oft folgt ihnen ein langsamer Tross mit Geschützen und Zugkarren, die Vorräte transportieren. So dauert es einige Zeit, bis die Soldaten herankommen. Doch nun sind die ersten Kontingente da.

PARIS, 8. JULI , nachmittags. Auf dem Marsfeld in der Nähe des Hôtel des Invalides am linken Seineufer schlagen Husaren und Dragoner ihr Lager auf. Neben den Zelten stehen Kanonen auf dem Feld. (Später werden vier Geschütze auf den Pont de Louis XVI gezogen und dort in Stellung gebracht – sie können von der Brücke aus Teile der Stadt und den Fluss bestreichen.)

Auch am rechten Ufer rücken Truppen ein. Bald stehen Soldaten auf der Place de Louis XV und den Champs-Elysées.

In den Dörfern der Umgebung ist ebenfalls plötzlich Militär zu sehen. In Versailles, wo auch in normalen Zeiten einige hundert Wachen postiert sind, besetzen Soldaten Teile des Schlosses. Viele weitere Einheiten sind aber noch irgendwo auf den schlechten Straßen unterwegs.

Der mächtigste Mann in Paris ist nun, so scheint es, der Oberkommandierende dieser Truppen: Pierre-Victor Baron de Besenval. Der 68-Jährige ist ein erfahrener Offizier. Daneben brilliert er als Schöngeist, der belletristische Texte schreibt, als eleganter Höfling, Liebhaber vieler Mätressen und Vertrauter Marie-Antoinettes – obwohl die Monarchin seine amourösen Avancen, glaubt man dem Hofklatsch, eisig zurückgewiesen hat.

Unter Besenvals Soldaten gärt die Wut. Der Sold ist karg. Schon bei geringen Vergehen droht ihnen die Prügelstrafe. Vor allem erbittert es die einfachen Armeeangehörigen, dass es dem Adel gelingt, in der Truppe seine Privilegien so zu verteidigen wie nirgendwo sonst im Staat. Wer in anderen Institutionen der Monarchie, etwa der Beamtenschaft, ehrgeizig und geschickt ist, kann weit aufsteigen und mit dem Kauf einer wichtigen Position sogar einen Adelstitel erwerben. Doch in der Armee sind die hohen Offiziersränge nach wie vor dem Geburtsadel vorbehalten. Nun, da die Kritik am Regime des Königs immer offener und umfassender wird, regt sich auch unter den Soldaten vermehrt der Ungehorsam. Wenn schon in der Nationalversammlung die Schranken zwischen den Ständen gefallen sind – weshalb sollen sie dann in der Armee bestehen bleiben? „Wir sind in erster Linie Bürger und nicht Soldaten, Franzosen und nicht Sklaven“, ist auf einem Flugblatt zu lesen, das Polizisten am 8. Juli beschlagnahmen. Nur zu bald wird sich zeigen, welcher Geist in der Armee tatsächlich herrscht.

VERSAILLES, 8. JULI , Nationalversammlung, abends. Der Comte de Mirabeau tritt ans Rednerpult, eine mächtige Gestalt mit dröhnender Stimme und kaum zu bändigendem Selbstbewusstsein. Der Südfranzose ist, obwohl er dem Adelsstand angehört, einer der wichtigsten Wortführer des Dritten Standes und dank seiner Rednergabe auch in der Nationalversammlung einer der dominierenden Männer.

Es ist nicht ganz klar, wie präzise die Informationen sind, welche die Abgeordneten in Versailles von der Situation in Paris haben. Wissen sie schon, dass neue Truppen in der Kapitale eingetroffen sind? Gerüchte, möglicherweise gar stark übertriebene Darstellungen, haben sie sicherlich vernommen. Und wenn sie am königlichen Schloss vorbeigeschlendert sind, dann werden ihnen die dort biwakierenden Truppen nicht verborgen geblieben sein. Plant der König einen Gewaltschlag? „Französische Soldaten sind keine Automaten“, verkündet Mirabeau nun. „Sie werden in uns ihre Verwandten, ihre Freunde und ihre Familie sehen.“ Es ist eine Kampfansage an die Unnachgiebigen bei Hofe. „Haben sie auch wirklich bedacht, welche Folgen ihr Handeln für die Sicherheit des Thrones haben kann? Haben sie sich die Geschichte aller Völker einmal daraufhin angeschaut, wie Revolutionen beginnen?“

Kein Bürger weiß, was der König plant

Donnernder Applaus. Die Abgeordneten schicken noch am Abend eine Demarche an den König, in welcher der Monarch gebeten wird, sofort seine Soldaten aus Paris wieder abzuziehen. Denn „die Anwesenheit von Truppen wird Aufruhr und Auflehnung provozieren und das erste gewaltsame Eingreifen unter dem Vorwand, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, kann die schrecklichsten Folgen zeitigen“.

DONNERSTAG, 9. JULI, VERSAILLES. Jacques Necker betritt den königlichen Rat, eine um hochrangige Adelige erweiterte Ministerrunde im Schloss. Der 56-jährige, aus Genf stammende Generaldirektor der Finanzen ist der wichtigste Minister des Königs. Er wird im Volk als Père Nourricier gefeiert, als „Nährvater“. Er gilt längst als der Einzige, welcher den Staatsbankrott abwenden könnte. Nur ihm trauen die Menschen zu, dass er den Brotpreis wieder senken könnte – wie, das weiß allerdings niemand zu sagen.

Tatsächlich hat Necker mit seinem Privatvermögen für eine Getreidelieferung aus dem Ausland gebürgt. An der grundsätzlichen wirtschaftlichen Misere kann jedoch auch der Minister allein nichts ändern. Necker, klug bis zur Rechthaberei, nachtragend und nicht frei von der Verachtung des arbeitsamen Bürgers gegenüber den Adeligen, die sich nie anstrengen mussten für ihre Stellung, plant keineswegs eine Revolution. Ihm geht es vor allem darum, Frankreichs Kreditwürdigkeit bei internationalen Banken durch Sparen und Erhöhung der Steuern wieder herzustellen. Der Minister ist weit über seine tatsächlichen politischen Taten hinaus zum Symbol geworden. Genau deshalb wird er vom Volk verehrt – und von konservativen Adeligen gehasst.

An diesem Tag nun kommt es zum Eklat. Necker wird vom Comte d’Artois mit geballter Faust empfangen. Der Bruder des Königs beschimpft den Schweizer als „ausländischen Verräter“ und „lausigen Bürgerlichen“, der den Rat verlassen und sich wieder in „seine Kleinstadt“ verziehen solle. Dann droht der Comte sogar mit dem Galgen. Doch Necker lässt sich nicht einschüchtern und bleibt. Allen Anwesenden wird nun klar, dass die Situation unhaltbar geworden ist.

FREITAG, 10. JULI , Schloss von Versailles, morgens. Der König nimmt den Kampf auf: Ludwig XVI. eröffnet engen Ratgebern, dass er Necker ablösen und aus dem Land weisen werde. Zu dem Coup soll es am Nachmittag des nächsten Tages kommen, einem Samstag. Das scheint geschickt zu sein: Der Sonntag ist der einzige Wochentag, an dem die Nationalversammlung nicht zusammentritt. Bereits am Montag könnte Ludwig den Abgeordneten dann eine neue Regierung präsentieren. Marie-Antoinette unterstützt ihren Gatten. Sie ist die Tochter Maria-Theresias von Österreich, der legendären Kaiserin, doch hat sie nicht deren politisches Geschick geerbt. Auf den Straßen werden Spottlieder darüber gesungen, dass die Königin „redet, ohne nachzudenken“. Auch von den anderen Würdenträgern des Hofes kommt keine Mahnung zur Besonnenheit – oder wenigstens zu einem geschickterem Vorgehen. Denn sollte der König die Entlassung Neckers tatsächlich am 12. Juli bekannt geben, dann wird es in der Hauptstadt höchstwahrscheinlich zu Sympathiekundgebungen für den populären Minister kommen, vielleicht sogar zu Tumulten – die vom König herbeibefohlenen Truppen werden aber frühestens am 16. Juli in voller Stärke in Paris eingerückt sein. Warum weist niemand Ludwig XVI. auf diese Lücke von vier Tagen hin?

Vielleicht, aber das ist Spekulation, glaubt man in der Runde nicht, den Protest in der Nationalversammlung gegen die Anwesenheit der Truppen in Paris noch lange ignorieren zu können. Möglich allerdings auch, dass die Königin, der Bruder des Königs und all die anderen der ewig zaudernden Politik des Monarchen so überdrüssig sind, dass sie die erste Gelegenheit, bei der er sich entschieden zeigt, ohne Umschweife nutzen, um endlich Fakten zu schaffen. Ludwig XVI. jedenfalls beschließt an jenem Tag die schmähliche Entlassung des beliebtesten Politikers Frankreichs.

Zugleich unterzeichnet der König eine Antwortnote an die Nationalversammlung. Kein Wort vom Rückzug der Truppen, im Gegenteil: Sie dienten, lässt Ihre Majestät wissen, nur dem „Schutz“ der Nationalversammlung. Und dann setzt er hinzu, halb scheinheilig, halb drohend, die Abgeordneten könnten sich ja, sollten sie nicht mehr in Versailles arbeiten wollen, in die Provinz begeben. Da jedermann klar ist, dass Versailles und Paris die Nervenzentren des Landes sind und derjenige, der von hier fortgeht, im Machtkampf keine Rolle mehr spielt, kommt dieser „Rat“ – ergänzt durch den Hinweis auf „schützende“ Truppen – der Ankündigung nahe, die Nationalversammlung zu zerschlagen. Jacques Necker und die Nationalversammlung sind die Ziele des Königs und seiner Höflinge. Was allerdings nach ihrem Coup in Paris geschehen könnte, scheinen sie unterschätzt zu haben.

PARIS, 10. JULI, ABENDS. Auf den Champs-Elysées wird gefeiert. Es wäre ein normales, sommerliches Volksfest mit Musik und Tanz, würden sich nicht unter die Bürger von Paris etwa 80 Kanoniere mischen, die aus dem Hôtel des Invalides desertiert sind. Sollte es zu Konflikten kommen, hatten die Soldaten verkündet, würden sie für den Dritten Stand kämpfen, gegen den König.

Kein Regiment geht gegen die feiernden Deserteure vor, obwohl die nächstgelegenen Biwaks nur ein paar hundert Meter entfernt sind.

SAMSTAG, 11. JULI, VERSAILLES , 15.00 Uhr*. Finanzminister Jacques Necker versammelt in seinem Haus eine kleine Runde zu einem späten Mittagsmahl: seine Frau, seine Tochter (die Literatin Madame de Staël), seinen Bruder sowie zwei Freunde der Familie. Gerade will sich Necker setzen, da meldet ihm ein Diener überraschenden Besuch: den Marineminister Seiner Majestät.

*Alle Uhrzeiten sind ungefähre Angaben; die Red.

Der Hausherr empfängt den Besuch in einem Nebenraum. Der Marineminister, einer seiner Gegner, überreicht einen Brief des Königs. Ludwig XVI. erinnert in dem Schreiben Necker daran, dass dieser ihm schon einmal den Rücktritt angeboten habe, sollte der Monarch mit der Finanzpolitik nicht mehr einverstanden sein. Und fährt dann fort: „Ich nehme den von Ihnen gemachten Vorschlag, sich aus dem Königreich entfernen zu dürfen, in diesem Augenblick der Krise an, und ich rechne damit, dass Ihr Rücktritt, wie Sie mir gesagt haben, sofort und in aller Stille erfolgen wird. Es geziemt Ihrer Aufrichtigkeit und Ihrem Ruf, keinen Anlass für irgendeine Unruhe zu geben.“

Necker liest seine Entlassung und Ausweisung ein zweites Mal. Keine Äußerung, keine Regung seines Gesichts verraten, was in ihm vorgeht. Er verabschiedet den Marineminister, kehrt zur Tafel zurück – und beendet das Mahl in heiterer Runde. Erst später lässt er mit zwei Vertrauten eilig ein paar Sachen zusammenpacken. Gegen 18.00 Uhr besteigen Necker und seine inzwischen eingeweihte Gattin die Kutsche. Sie wollen, geben sie vor, einen Bekannten besuchen; der entlassene Minister will kein Aufsehen erregen. Neckers Abreise Richtung Brüssel bleibt mehrere Stunden geheim. Selbst seine Tochter ist in dieser Nacht noch ahnungslos.

SONNTAG, 12. JULI, PARIS , Palais Royal, morgens. Beim Spaziergang trifft der preußische Botschafter einen Herzog, der in den Coup gegen den Finanzminister eingeweiht ist.

„Haben Sie nichts Neues aus Versailles gehört?“, fragt der Deutsche.

Der Herzog, der Stillschweigen gelobt hat, antwortet: „Nein, nicht dass ich wüsste.“

„Haben Sie nicht gehört, dass Necker abgereist sein soll?“, hakt der Botschafter nach.

Der Herzog leugnet.

„Wenn das aber der Fall sein sollte“, erwidert daraufhin der preußische Botschafter, „dann wird Paris schon heute Abend in Aufruhr sein.“

PALAIS ROYAL, 15.00 UHR. Wenn die Metropole einen Platz hat, an dem sich Franzosen aller Stände treffen, dann ist es das Palais Royal. Das Anwesen, einst vom legendären Kardinal Richelieu errichtet, liegt an der Rue Saint-Honoré, nur ein paar Schritte entfernt vom Markt Les Halles, vom Louvre und den Tuilerien. Seit den Zeiten Ludwigs XIV. gehört das Anwesen dem Hause Orléans.

Der jetzige Besitzer, ein Vetter Ludwigs XVI., ist ein ebenso verschwendungssüchtiger wie geschäftstüchtiger Mann, der auf geradezu provozierende Weise Sympathien für das Volk zeigt, sich als Abgeordneter des Adels in die Generalstände hat wählen lassen – und die Kritiker des Königs fördert. Um Geld einzunehmen, hat der Herzog die Gärten des Palais Royal für alle Stände geöffnet. Arkaden säumen die Anlagen und beherbergen ein Vergnügungsviertel, wie es in Europa wohl kein Zweites gibt: Im Théâtre Beaujolais werden Bühnenspiele mit einen Meter hohen Marionetten gespielt; andere variétés amusantes geben derbe Boulevardstücke und Melodramen.

Schausteller locken mit Schattenspielen, mit Bildern der Laterna magica, mit einem Wachsfigurenkabinett. Und wer mag, kann für ein paar Sous den vier Zentner schweren Deutschen Paul Butterbrodt bestaunen – oder die „schöne Zulima“, eine nackte Leiche, die angeblich schon 200 Jahre alt ist, aber noch immer wie eine Schlafende wirkt (in Wirklichkeit ein Wachsmodell).

An keinem anderen Ort kommen sich die Stände so nah wie in diesen Gärten, hier allein scheint die gesellschaftliche Rangordnung fast aufgehoben zu sein. Manche Frauen in ihren prachtvollen, bunten Baumwollgewändern können Adelige sein oder reiche Bürgersfrauen – oder Handwerkergattinnen (die sich diese Gewänder vielleicht bei einem der vielen Gebrauchtkleiderhändler gekauft haben) oder gar Freudenmädchen. Männer im schlichten schwarzen Gehrock sind womöglich adelige Beamte, einflussreiche Anwälte – oder bloß Schreiber in irgendeiner Kanzlei. Besser noch aus Sicht vieler Vergnügungssüchtiger: Das Palais Royal öffnet morgens seine Pforten und schließt erst gegen 2.00 Uhr nachts, und nirgendwo im Park patrouilliert die Polizei. Denn Uniformierte dürfen in den Privatbesitz des Herzogs von Orléans nur mit dessen Erlaubnis einrücken – die praktisch nie erteilt wird.

Und so ist das Palais Royal zur Bühne der Bänkelsänger geworden, die politische Spottlieder oder pornografische Weisen über Marie-Antoinette zum Besten geben. Und zum Marktplatz der fliegenden Händler, die illegale Schmähschriften feilbieten und die hier so viele Abnehmer finden wie nirgendwo sonst. An diesem Tag jedoch ist alles anders: Langsam verbreitet sich die Nachricht von Neckers Entlassung. Denn die Stadt durchzieht ein unsichtbares Nachrichtennetz: Diener, Boten, Handwerker, die in den Palästen der Mächtigen zu tun haben, schnappen Gerüchte auf und geben sie weiter. Fliegende Händler, Marktfrauen, Wasserträger verbreiten Meldungen an Kunden und Nachbarn. Und so mancher erfährt die Neuigkeit von den blinden Bettlern, die von Viertel zu Viertel ziehen.

Gegen 15.00 Uhr hat sich die Nachricht so weit herumgesprochen, dass die Menschen zusammenlaufen – und zwar dort, wo sich an einem Sonntag ohnehin viele einfinden: im Palais Royal. Denn dies ist der entscheidende Fehler des Königs und seiner Höflinge: Zwar trifft sich am Sonntag nicht die von ihnen verachtete Nationalversammlung – wohl aber das Volk von Paris. Am einzig arbeitsfreien Tag der Woche ist jedermann auf der Straße.

Tausende drängen in das Palais Royal. Die Reichen fürchten nach Neckers Entlassung den Staatsbankrott – und damit den eigenen Ruin, denn Staatsanleihen wären dann nichts mehr wert. Die Armen fürchten weiter steigende Brotpreise. Was wird nun geschehen? Paris ist eine Stadt ohne eigene Regierung. An der Spitze der Verwaltung steht Jacques de Flesselles, der den mittelalterlichen Titel „Vorsteher der Kaufmannschaft“ führt und wie seine Vorgänger ein Adeliger ist. Er wurde vom König eingesetzt – und hat weder eigene Macht noch Autorität. De Flesselles kann den Volksauflauf weder verhindern, noch will er sich, als Diener Seiner Majestät, an dessen Spitze stellen

So gehört Paris für einen historischen Moment mutigen Männern wie Camille Desmoulins, einem 29-jährigen Anwalt aus der Provinz. Der Jurist stammt aus einer Kleinstadt, war aber Schüler amelitären Pariser Collège Louis-le-Grand. Dort hat er die Klassiker studiert – und so ist Cicero, so ist die Römische Republik ihm schon zu Zeiten der Monarchie zum Ideal geworden. Desmoulins hat sich nach seiner Ausbildung als Anwalt in Paris niedergelassen, obwohl ihn ein Sprachfehler plagt. Er hat aber kein einziges Mal vor Gericht plädiert, sich deshalb als Gescheiterter in die Provinz zurückgezogen und dort für die Generalstände kandidiert – wurde jedoch nicht gewählt.

Seit einigen Monaten lebt der ehrgeizige, schon verbitterte Mann ohne rechte Perspektive wieder in Paris. Er haust in einem engen, möblierten Zimmer. Seit Juni kennen ihn die Besucher der Cafés im Palais Royal als radikalen Redner, der gegen die Despotie wettert (Desmoulins hat inzwischen seinen Sprachfehler überwunden). Selbst der Comte de Mirabeau ist auf den Advokaten aufmerksam geworden. Im Volk dagegen ist er kaum bekannt, einen wichtigen Posten bekleidet er erst recht nicht.

Doch nun steigt Desmoulins vor dem Café de Foy auf einen Tisch. „Bürger!“, ruft er. (So zumindest wird er selbst es wenige Tage später in einem Brief an seinen Vater darstellen.) „Ihr wisst, die Nation hatte gefordert, dass Necker ihr erhalten bleiben solle, ja, dass man ihm ein Denkmal errichten solle: Man hat ihn davongejagt! Kann man euch eigentlich noch unverschämter herausfordern?“ Immer lauter wird der Tumult der Zuhörer. Desmoulins ruft noch ein paar Sätze – und es mag sein, dass kaum jemand sie im Durcheinander noch versteht. Dann aber schreit er: „Zu den Waffen! Zu den Waffen!“

Kaum jemand kennt den Mann, der das Volk von Paris zum Aufstand ruft

Und dieser Ruf pflanzt sich fort.

Wohl aus einer Eingebung heraus bricht Desmoulins, bevor er zu den begeisterten Menschen vom Tisch wieder heruntersteigt, einen grünen Zweig von einem der Bäume vor den Arkaden. „Wir wollen alle die grüne Farbe tragen, die Farbe der Hoffnung!“, fordert er. Mit wenigen Sätzen hat ein bis dahin bedeutungsloser Mann der erregten, doch unorganisierten Menge ein Erkennungszeichen gegeben – und ein Ziel: Das Volk muss sich bewaffnen, sofort!

OPER, 16.00 UHR. Etwa 3000 Demonstranten dringen in den Musiktempel ein. Die Vorstellung muss abgebrochen werden, das Haus schließt. Auch andere Theater beenden ihr Programm. Nun stehen mehrere tausend Menschen zusätzlich auf den Straßen der Stadt. Die Lage wird unübersichtlich.

Schon zu normalen Zeiten sind die schmalen, verwinkelten Straßen mit ihren mancherorts noch offenen, stinkenden Kloaken ein Labyrinth, in dem man leicht verloren gehen kann. Im Gedränge der Fußgänger und Lasttiere, im Durcheinander der Karren fliegender Händler und entlaufener Schweine ist kaum ein Durchkommen, schon gar nicht für die Kutschen der Adeligen und Reichen. 22 000 soll es davon in Paris geben – und mancherorts, bei den edlen Läden an der Place Vendôme etwa, finden die Kutscher keine Parkplätze mehr, um ihre Gefährte abstellen zu können. Pariser finden sich in ihrer Stadt dennoch zurecht: Manche Handwerker und Arbeiter müssen morgens von ihren Wohnvierteln eine Stunde und länger quer durch die Metropole zu ihren Werkstätten und Manufakturen laufen. Und am Sonntag ist jedermann auf den Beinen, auf dem Weg zu den Theatern, zu den am Stadtrand liegenden Tavernen wie dem Le Grand Monarque, zu den Parks. Fremde allerdings verlieren in der Metropole schnell die Orientierung. So auch die Soldaten, die der König nach Paris beordert hat.

TUILERIEN, NACHMITTAG. Baron de Besenval, der gerade zum Oberkommandierenden von Paris befördert worden ist, hat den Befehl, Ruhe und Ordnung zu garantieren. Sollte es zur Revolte kommen, muss er vor allem drei Gebäude schützen: die königliche Kasse, die Börse – und die Bastille. Zu seinen Einheiten gehört das Regiment Royal-Allemand. Die Dragoner sind auf der Place de Louis XV postiert; es sind Kavalleristen aus dem Elsass, aus Lothringen und aus dem Südwesten Deutschlands. Ihr Kommandant ist Charles-Eugène Prince de Lambesc.

Die Dragoner sind erst seit wenigen Tagen in der Stadt. Sie sichern unter anderem die Zollmauern, die bereits von wütenden Bürgern und Schmugglerbanden angegriffen worden sind. Die Pariser sehen in den „Deutschen“ fremde Invasoren. Die haben Befehl, mit den Soldaten der Gardes Françaises zusammen Wache zu gehen. Doch Dragoner und Gardisten verabscheuen einander, gelegentlich kommt es zu Prügeleien. Nun sieht der Prince de Lambesc, wie ihm vom Palais Royal aus ein Demonstrationszug entgegenkommt. Manche Protestierer schwenken schwarze Fahnen als Zeichen der Trauer und des Protests nach der Entmachtung Neckers. Sie tragen eine Büste des verehrten Ministers mit sich, die sie aus dem Wachsfigurenkabinett im Palais Royal mitgenommen haben. Der Versuch, die Menge mit ein paar Reitern abzudrängen, scheitert.

Der Prinz sammelt seine Männer, lässt die Pistolen laden – und greift erneut an. Inzwischen haben die Demonstranten die Tuilerien erreicht, wo sie sich unter die Sonntagsspaziergänger mischen. Die Dragoner setzen nach. Zu spät bemerkt der Prinz, dass seine Soldaten in eine Falle geraten. Denn in den Tuilerien werden die Reiter nun von hoch gelegenen Gartenterrassen aus mit Steinen, Bänken und Flaschen beworfen. Geschosse gibt es genug – am nahen Ufer wird eine Seinebrücke gebaut; Steine und Balken liegen herum. Eine schmale Zugbrücke, die in eine hohe Mauer eingelassen ist, bildet den einzigen Eingang von der Place de Louis XV zu den Tuilerien. Ein Nadelöhr. Nun sieht der Offizier, wie sich ein älterer Mann am Hebewerk der Brücke zu schaffen macht. Da schlagen die Dragoner mit blankem Säbel zu – um sich den Rückweg freizuhalten. Der Prinz persönlich schlägt den Mann an der Brücke nieder. Blut fließt. Dann weichen die Soldaten zurück. Der Prinz sammelt seine Dragoner auf der Place de Louis XV. Er wagt nicht, sich ohne Verstärkung noch einmal der Menge zu stellen.

KASERNE der Gardes Françaises in der Chaussee d’Antin, später Nachmittag. Die Geschichte vom Zusammenstoß in den Tuilerien verbreitet sich in der Stadt. Bald zeigt man Männer herum, von Säbelhieben verletzt und mit Blut gezeichnet. Schauriger noch als der tatsächliche Zwischenfall sind die Gerüchte, die darüber erzählt werden. Schließlich ist von einem „Massaker“ die Rede. Auch die Gardisten sind empört; sie bewaffnen sich und machen sich auf den Weg zu den Tuilerien. Doch schon vor der Kaserne treffen sie auf eine Patrouille ebenjener Dragoner. Es kommt zum Schusswechsel. Die „Deutschen“ haben keine Chance, schnell liegt ein Toter auf dem Pflaster, die anderen fliehen. Noch am Abend desertieren fast alle 7200 Gardisten. Sie ignorieren die Kommandos ihrer Offiziere und laufen – in voller Uniform und Bewaffnung – aus den Kasernen.

RATHAUS, 20.00 UHR. Der Sitz der Stadtverwaltung liegt an der Place de Grève, direkt am Seineufer. Überall Menschen. Überall der Ruf nach Waffen. Was aber soll man jetzt tun?

Paris ist in 60 Distrikte eingeteilt. Bei der Wahl zu den Generalständen durften die Bürger im Frühjahr 1789 Wahlmänner bestimmen, die dann die Abgeordneten wählten. Zwölf dieser Wahlmänner musste de Flesselles auf öffentlichen Druck bereits vor einigen Tagen an der Stadtverwaltung beteiligen. An diesem Morgen sind die Männer zu ihrer ersten Sitzung zusammengekommen, haben sich zum comité permanente erklärt und de Flesselles zum Vorsitzenden gewählt. Jetzt wollen sie die Erhebung zu einer organisierten Revolte umformen. Während sich königstreue Einheiten mit den Gardes Françaises Gefechte liefern, während der Baron de Besenval und der Prince de Lambesc zunehmend verwirrter agieren, weil aus Versailles keine neuen Befehle eintreffen, formt sich vor dem Rathaus nun eine neue Armee.

Die Wahlmänner lassen die Keller im Rathaus öffnen. Dort lagern 360 Gewehre, die an diejenigen verteilt werden, die sich als Erste eines greifen können. Dann ordnen die Wahlmänner an, dass sich am nächsten Morgen jeder Bürger in seinem Distrikt zur Versammlung einzufinden habe: Die Männer sollen – wie von dem Grafen Mirabeau schon seit Tagen gefordert – eine Bürgerwehr bilden.

MONTAG, 13. JULI, PARIS , Place de Louis XV, 1.00 Uhr nachts. Baron de Besenval wird später schreiben: „Der Aufruhr wurde von Stunde zu Stunde größer, ebenso meine Verlegenheit.“ Schon am späten Sonntagabend haben sich seine Soldaten, die in kleinen Trupps durch die Straßen patrouillierten, kaum noch der Angriffe von Gardisten und aufgebrachten Bürgern erwehren können.Um diese Zeit glaubte de Besenval indes noch, er könne die Revolte mit einem Überraschungsschlag beenden. Deshalb befiehlt er Verstärkungen auf die Place de Louis XV; von dort aus sollen sie gemeinsam mit Schweizer Gardisten und den Dragonern die Aufständischen einkesseln – wenn, wie er hofft, später in der Nacht nur noch deren harter Kern kampfbereit ist.

Doch sein Plan geht nicht auf: Seit sich die Mannschaften auf dem Platz sammeln, werden sie mit Steinwürfen und Pistolenschüssen angegriffen. Als gar Agitatoren die Soldaten zum Desertieren bewegen wollen, erkennt Besenval schließlich, dass die Lage unhaltbar geworden ist. Er muss Paris, wie er später notiert, „sich selbst überlassen“. Seine Truppen reiten über die Pont de Louis XVI in Richtung Marsfeld. Die Innenstadt gehört den Aufständischen.

BASTILLE, 1.00 UHR. Besenvals Rückzugsbefehl gilt nicht für die Besatzung der Bastille. Es ist nicht einmal klar, ob Gouverneur de Launay überhaupt weiß, dass am anderen, dem westlichen Ende der Stadt die Regimenter abziehen. Seine 32 Schweizer Füsiliere und 82 Invaliden bilden nun plötzlich die stärkste königstreue Truppe am rechten Seineufer der Kapitale, der Innenstadt – dort, wo sich der Aufstand vor allem abspielt. De Launay ist vorsichtig genug, die Schweizer Schießpulver aus dem nahe gelegenen Arsenal in die Bastille schleppen zu lassen, wo es leichter zu verteidigen ist. Die ganze Nacht tragen die Füsiliere Pulversäcke in die Festung. Ganz sicher gibt es in den Vierteln neben der Bastille Dutzende von Menschen, die sie dabei beobachten.

KLOSTER SAINT-LAZARE , früher Morgen. Der Konvent zu Füßen des Montmartre ist beim Volk als Haus nichtsnutziger Mönche verrufen. Jedermann weiß, dass die Mönche von Saint-Lazare große Mengen Getreide horten. Nun stürmen wohl einige hundert Männer und Frauen das Kloster, rauben 53 Karrenladungen Weizen, Käse und Butterfässer aus den Vorratskammern der Mönche und schaffen sie zum Markt, wo sie zu einem niedrigen Preis verkauft werden. Der Wein der Mönche wird auf der Stelle getrunken, Möbel, Silbergeschirr und Bücher werden zerstört oder gestohlen.

Es ist nicht die erste Plünderung in dieser Nacht. Gruppen aufgebrachter Männer und Frauen überfallen im Fackelschein die Werkstätten von Waffenschmieden und Büchsenmachern, um an Musketen, Pistolen, Piken und Degen zu kommen. Andere attackieren die verhasste Zollmauer, reißen deren Wall ein, zünden mehr als 40 der 54 Tore an und vernichten die dort deponierten Steuerunterlagen. Weder königstreue Truppen noch Polizisten leisten irgendwo ernsthaften Widerstand. Paris gehört den Aufständischen – und die zeigen, dass sie nicht gewillt sind, ihre Stadt in Anarchie abgleiten zu lassen. Denn als in einem Gefängnis etliche Kriminelle die Gunst des Durcheinanders zur Flucht nutzen wollen, schlägt eine Abteilung Gardisten die Revolte nieder.

RATHAUS, 10.00 UHR. Die Place de Grève vor dem Rathaus ist an gewöhnlichen Wochentagen ein Markt der Arbeit, denn hier versammeln sich in der Regel schon frühmorgens Maurer, Steinmetze und andere Handwerker und hoffen darauf, dass sie jemand für den Tag einstellt. Heute jedoch strömt das Volk zusammen, niemand denkt ans Geschäft. Die Läden sind geschlossen, die Werkstätten auch – bis auf die Waffenschmieden. Hier wird gehämmert, denn jedermann will sich bewaffnen.

Im Rathaus kommt Jacques de Flesselles, der höchste Verwaltungsbeamte von Paris, mit den Wahlmännern zusammen. De Flesselles, dem der Aufstand nicht geheuer ist, zögert, taktiert, täuscht wohl auch bewusst: Er bietet den Wahlmännern lediglich drei Musketen an, und seine Hinweise auf größere Waffenlager in einem Kloster sowie einer Waffenfabrik entpuppen sich als falsch. Die Runde der Wahlmänner dominiert jetzt der Astronom Jean-Sylvain Bailly: ein bekannter, 52-jähriger Wissenschaftler, der im Frühjahr die Generalstände-Wahlen des Dritten Standes geleitet hat. Berühmt wurde er durch seinen Mut, als er, der Präsident der Nationalversammlung, vor allen anderen Abgeordneten die Hand zum Ballhausschwur gehoben hat. Bailly ist aus Versailles herbeigeeilt.

Niemand weiß, wie lange die Atempause andauern wird. Wann erfolgt der Gegenschlag des Königs? Wann werden seine verstärkten Truppen in Paris aufmarschieren? Wie soll man ihnen begegnen? Die Bürgerwehr muss so schnell wie möglich organisiert werden. 12 000 Männer sollen sofort rekrutiert werden, später soll das Bürgerheer auf 48 000 Mann anwachsen. Rasch ist ein Erkennungszeichen gefunden, denn um Uniformen zu schneidern fehlt die Zeit: Eine blaurote Kokarde soll es sein, denn dies sind die Farben der Stadt Paris. Trommler ziehen durch die Straßen, und es läuten die Sturmglocken. Überall der gleiche Ruf: Geht in eure Distrikte! Lasst euch registrieren! Und tatsächlich: In allen 60 Distrikten, meist in den Kirchen, laufen Menschen zusammen. Freiwillige rücken Tische heran und schreiben mit der Feder lange Listen voll: Jeder Bürger, der kämpfen mag, kann sich dort eintragen – fast jeder Bürger.

Denn die Wahlmänner nehmen keineswegs jeden. Wer in seinem Wohnviertel nicht bekannt ist oder dort gar als Verbrecher gilt, dem wird der Eintrag verweigert. Wen das alte Regime mit einem Brandmal in der rechten Schulter als Kriminellen fürs Leben gezeichnet hat, den nehmen auch die Werber nicht.

Nach ihren ersten Erfolgen fürchten die Demonstranten den Gegenschlag des Königs

So sind es Handwerker und Arbeiter, Tavernenbesitzer und Zunftmeister, aber auch reiche Brauer und arme Laufburschen, die in erstaunlicher Disziplin und Geduld oft Stunde um Stunde warten, bis ihr Name mit kratzendem Strich in der Liste der Bürgerwehr verzeichnet wird. Am Abend sind tatsächlich Zehntausende rekrutiert; sie schließen sich zu Gruppen und Regimentern zusammen, patrouillieren durch die Straßen der Stadt. Und niemand hindert sie daran.

TUILERIEN, NACHMITTAGS. Eine Gruppe Aufständischer stürmt das königliche Möbeldepot bei den Tuilerien. Denn die Armee der Stadt Paris mag wachsen, gut bewaffnet ist sie nicht. In dem Lager finden sich jedoch kaum mehr als ein paar Hellebarden – und eine silber beschlagene Prunkkanone, die der König von Siam einst Ludwig XIV. zum Geschenk gemacht hat.

TORE DER ZOLLMAUER , nachmittags. An diesem Tag werden wohl, auch wenn dies nirgendwo überliefert ist, wie immer schon in der Nacht Bauern mit Karren nach Paris hineingerumpelt sein. Gegen Gebühr dürfen sie den Kot und Dung auf den Straßen zusammenklauben, um dies als Dünger auf ihre Felder zu streuen. Höchst unwahrscheinlich, dass die Rebellen die Dörfler nun ausgerechnet heute mit ihrer stinkenden Ladung aufhalten. Sind die Bauern aber erst einmal draußen, tragen sie auch die Nachricht vom Aufstand hinaus ins Land.

HÔTEL DES INVALIDES, ABENDS. Baron de Besenval besucht die Kaserne, deren Blocks eine hohe, kuppelbekrönte Kirche umschließen. Ein Park verbindet die Anlage, errichtet für die Veteranen der französischen Armee, mit dem linken Seineufer. Das Marsfeld, wo die von Besenval zurückgezogenen Truppen und weitere Einheiten biwakieren, liegt nur ein paar hundert Meter weiter westlich. Die prachtvollen Gebäude sind jedoch nicht nur Altenheim für verdiente Soldaten – sondern auch eines der größten Arsenale der Stadt. 30 000 Musketen und mehrere Kanonen lagern hier.

20 Invaliden tun Dienst. Sie haben vor sechs Stunden den Befehl erhalten, die Hähne und Ladestöcke der Musketen zu demontieren, damit den Aufständischen nur unbrauchbare Waffen in die Hände fallen könnten. Doch bisher haben sie erst 20 Feuerwaffen zerlegt: eine glatte Befehlsverweigerung. Davon berichtet der Kommandeur der Kaserne nun Baron de Besenval – und auch von aufrührerischen Flugschriften, die in den Höfen des Arsenals zirkulieren. Eher, so schließt der Offizier, würden die Soldaten seine, des Kommandeurs, Wohnung unter Feuer nehmen, als auf das Volk zu schießen. Baron de Besenval beendet die Inspektion. Unglaublicherweise gibt er keine neuen Befehle. Nichts geschieht.

BASTILLE, ABENDS. Unbekannte feuern sieben Musketenschüsse auf die Bastille. Niemand kommt zu Schaden, doch Gouverneur de Launay wird immer unruhiger.

Die Füsiliere haben ihre Schlepperei beendet: Mindestens zwei Tonnen Schießpulver lagern nun in der Festung.

VERSAILLES, NATIONALVERSAMMLUNG, 23.00 Uhr. Seit 14 Stunden tagen die Abgeordneten – und erfahren nur nach und nach, was in Paris vor sich geht. Am Nachmittag haben sie eine Delegation zum König geschickt, um erneut gegen die Massierung der Truppen rund um Paris und Versailles zu protestieren. Ludwig XVI. hat die Deputierten mit ein paar Sätzen abgefertigt und keinen Zweifel daran gelassen, dass er nicht einen einzigen Soldaten zurückziehen werde (obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon wissen muss, dass Besenval die Innenstadt von Paris geräumt hat). Kurz nach 22.00 Uhr ist der Präsident der Nationalversammlung erneut zum Schloss gegangen, um dem Monarchen eindringlich klarzumachen, dass die Abgeordneten gegen die Entlassung Neckers protestieren, dass sie kein Vertrauen in die neu ernannten Minister haben – und dass sie die Bildung einer Bürgermiliz in Paris offiziell anerkennen. Doch Seine Majestät, so ist dem Präsidenten beschieden worden, sei schon in die Gemächer der Königin gegangen. Er möge doch morgen wiederkommen.

Nun haben die Abgeordneten genug: Sie wählen den Marquis de La Fayette, einen der prominentesten Reformer, zum Vizepräsidenten. La Fayette ist erst 31, aber schon weit bekannt: als eloquenter Redner und Kriegsheld im amerikanischen Unabhängigkeitskampf an der Seite George Washingtons. Der neue starke Mann der Nationalversammlung ist also ein erfahrener Heerführer. Da unter den Abgeordneten Gerüchte umlaufen, manchen von ihnen drohe die nächtliche Verhaftung, bleiben viele Männer zusammen. Gegen 23.30 Uhr unterbricht La Fayette die Beratungen, beendet aber nicht offiziell die Sitzung. Mehr als 100 Abgeordnete harren im Saal aus und versuchen, auf dem Boden oder den harten Bänken Schlaf zu finden.

DIENSTAG, 14. JULI, Paris, Rathaus, 7.00 Uhr. Chaos auf der Place de Grève: Karren mit Vorräten und Waffen stauen sich auf dem Pflaster, hastig aufgeworfene Barrikaden sichern die Zugänge zu den verschiedenen Straßen, Hunderte Menschen drängen sich zusammen. Seit drei Stunden schon steht die Sonne über dem Horizont, doch es wird kein schöner Sommertag: Tief ziehen Wolken über den Himmel, vorangetrieben von einem frischen Westwind. Es ist nicht einmal 20 Grad Celsius warm.

Im Rathaus hockt Jacques de Flesselles. Er ist blass und übernächtigt. Gestern abend hat er sich nicht mehr nach Hause getraut, denn mit seiner undurchsichtigen Verzögerungstaktik hat das Oberhaupt der Stadtverwaltung in der Menge Zorn erregt. Jetzt fürchtet er, angegriffen zu werden. Bailly und die Wahlmänner formen derweil eine Art militärisches Hauptquartier. Noch immer erwarten sie eine Attacke jener Soldaten, die auf dem Marsfeld und im Umland verschanzt sind. 35 Fässer Schießpulver haben die Aufständischen gestern auf einem Kahn in der Seine entdeckt und in den Keller des Rathauses geschafft. Nicht genug. Die Wahlmänner beschließen, einen Gesandten zum Hôtel des Invalides zu schicken. Dort lagern Musketen und Kanonen, mit denen man ihre Miliz ausstatten könnte.

HÔTEL DES INVALIDES, 7.30 UHR. Der Gesandte der Wahlmänner sieht, dass die Kaserne belagert wird. Als er das Hôtel des Invalides erreicht, ragt dessen Dom aus einem Meer an Köpfen auf. Es mögen 80 000 Menschen sein, die sich um die Anlage drängen. Der Gesandte tritt ans Haupttor und wird von Wachen zum Gouverneur geleitet. Nach kurzer Verhandlung erklärt der sich bereit, nichts zu unternehmen, bis ein Kurier mit neuen Befehlen aus Versailles eintrifft. Doch als der Gesandte die Menge informieren will, schreit jemand, dass man nun lange genug gewartet habe – und Tausende drängen hinzu, zerschlagen das Tor, stürmen die Kaserne.

Die Wachen leisten keine Gegenwehr. Die Angreifer eilen durch das Gebäude, hinunter in die Kellergewölbe, wo die Musketen lagern. Dort herrscht bald ein ungeheures Durcheinander, da immer mehr Menschen hinunterdrängen, während die Ersten, die sich Waffen genommen haben, vergebens wieder hinaus wollen. Schließlich pflanzen einige Verzweifelte Bajonette auf die soeben erbeuteten Waffen und kämpfen sich den Weg frei. Blut fließt, doch niemand stirbt. 13. Juli, 7.00 Uhr Danach geht die Plünderung geordneter voran. Die Aufständischen haben Musketen und Kanonen erbeutet.

VERSAILLES, Nationalversammlung, 9.00 Uhr. La Fayette setzt die Sitzung fort. Die übernächtigten Abgeordneten debattieren, wie in den Tagen zuvor, über den Entwurf einer Verfassung.

PARIS, BASTILLE, 10.00 UHR. Mehrere hundert Menschen drängen sich in den Straßen und Gassen rund um die Bastille: ein paar Gardisten, vor allem aber Bürger aus dem Faubourg Saint-Antoine. Kunsttischler und Schreiner, dazu Hutmacher, Schlosser, Schuster, Schneider.

Die Menge ist bereits im Ulmenhof, dem ersten der beiden Vorhöfe der Bastille – dort, wo die Läden stehen. Die Zugbrücke zum zweiten Hof und erst recht das mächtige Bollwerk zur eigentlichen Festung sind jedoch verschlossen. Drei Delegierte der Wahlmänner aus dem Rathaus klopfen an die Zugbrücke zum zweiten Hof. Gouverneur de Launay ist verzweifelt. Was soll er tun? Schießen will er nicht, angesichts der prekären Lage der Bastille. Aber sich kampflos ergeben? Wäre dies nicht Verrat? De Launay gibt den Befehl, die Abgesandten in die Bastille zu lassen – und sie zu einer Mahlzeit einzuladen. Während die drei in der Festung verschwinden, um mit dem Gouverneur zu tafeln, wartet die Menge vor dem Gebäude. Zunächst geschieht nichts.

Die Bastille muss fallen, denn sie gilt als Kerker der Despotie

VERSAILLES, Nationalversammlung, 12.00 Uhr. Die Beratungen über die Verfassung werden von La Fayette für diesen Tag beendet. Die Versammlung vertagt sich auf 17.00 Uhr. Nichts Neues aus Paris. Kein Wort vom König.

BASTILLE, 12.30 UHR. Die drei Gesandten der Pariser Wahlmänner sowie ein später hinzugekommener Delegierter aus einem angrenzenden Wohnviertel haben die Bastille wieder verlassen – gesättigt, doch ohne greifbares Ergebnis. De Launay, sichtlich nervös, weigert sich, seine Festung ohne ausdrücklichen Befehl seiner Vorgesetzten zu öffnen. Die Abgesandten machen sich wieder auf den Weg zum Rathaus, um sich mit den Wahlmännern zu beraten; im Gedränge kommen sie jedoch nur langsam voran.

Sie sind kaum verschwunden, da klettern ein paar junge Burschen auf die Dächer der Läden und springen hinunter in den zweiten Hof. Die Wagemutigen sind nun im Schussfeld der Bastillebesatzung, doch von dort nimmt sie niemand unter Feuer. Ungehindert dringen sie zur Rückseite der Zugbrücke vor. Dann lassen sie die hölzerne Rampe hinab. Sofort strömen Hunderte in den zweiten Hof. Da gerät de Launay in Panik. Noch immer ist die eigentliche Bastille nicht erobert, ja nicht einmal direkt angegriffen worden. Auch vom zweiten Hof aus ist es fast unmöglich, das Bollwerk frontal zu attackieren. Und noch immer ist der Aufstand in Paris relativ unblutig verlaufen. Zwar hat es bei den Zusammenstößen mit den Dragonern schon Opfer gegeben, doch in Paris, wo jedes Jahr 19 000 Tote registriert werden, sind das kaum mehr als tragische Einzelfälle.

Nun aber befiehlt der Gouverneur der Bastille: „Feuer frei!“ Eine Kanone schießt ihre Ladung auf kürzeste Distanz in die zusammengedrängte Menge im zweiten Hof, die Füsiliere und Invaliden feuern Musketensalven. Dutzende Opfer bleiben tot im Hof zurück, während Hunderte Menschen in den Vorhof, in die Gassen, hinter Hauswände fliehen. „Monster!“, „Verräter!“, schreien sie zu de Launay hoch, nun schießen auch die Angreifer mit Musketen. Die Aufständischen sehen ihre Albträume bestätigt. Ist es nicht eine besonders perfide Falle gewesen, die Menschen zunächst in den zweiten Hof zu lassen, um sie dann zusammenzuschießen? All der Hass, der aus der Not geboren ist und aus der Angst vor den anrückenden Truppen des Königs, entlädt sich nun in Musketensalven und Verwünschungen. Damit allein aber ist die Festung nicht zu nehmen.

RATHAUS, 13.30 UHR. Das Gebäude erzittert vom Donner einer Detonation, dann sind Schüsse aus der Richtung der Bastille zu hören. Als wenige Minuten später die ersten Nachrichten über den „Hinterhalt“ des Gouverneurs eintreffen, schicken die Wahlmänner eine zweite Gesandtschaft zum Staatsgefängnis.

BASTILLE, 14.00 UHR. Die Abgesandten der Wahlmänner wollen die Menge beruhigen und mit de Launay verhandeln, doch ihre Rufe gehen im Musketenfeuer und Geschrei unter. Erst als sich einer von ihnen eine große weiße Fahne schnappt und ein Tambour Trommelsignale wirbelt, stellen Angreifer wie Verteidiger das Feuer ein. In der Stille wollen die Abgeordneten vorgehen – da peitschen erneut Schüsse von den Mauern der Bastille. Einige Demonstranten sinken in den Gassen tödlich getroffen zusammen. Ungeheuer ist nun die Wut der Menschen aus dem Faubourg Saint-Antoine; es sind schließlich ihre Nachbarn, die verbluten. „Verräter“, schallt es jetzt sogar den Abgesandten aus dem Rathaus entgegen – als seien sie selbst Teil einer Verschwörung. Mit knapper Not entkommen sie einem Lynchmord und eilen zurück in Richtung Place de Grève. Ein wohlhabender Bierbrauer aus der Nachbarschaft hat die Idee, drei Karren mit feuchtem Stroh zu beladen, vor das Hauptportal der Bastille zu zerren und anzustecken. Bald zieht beißender Qualm über die Festung. Er soll den Füsilieren und Invaliden, die hinter den Mauern fast unverletzbar sind, wenigstens die freie Sicht nehmen. Allerdings verhüllen die grauschwarzen Schwaden des Schwelbrandes auch den Angreifern das Ziel.

RATHAUS, 14.30 UHR. Widersprüchliches kommt aus der Stadtverwaltung: Während die Wahlmänner sich bemühen, die Bewaffnung und Verteidigung der Metropole zu koordinieren, lässt de Flesselles all diejenigen, die sich an ihn wenden, ins Leere laufen. Viele, die auf Seiten der Aufständischen kämpfen wollen, wimmelt er ab. Und seit Stunden warten zwei Kompanien des 3. Bataillons der Gardes Françaises tatenlos auf der Place de Grève.

Nun erst erfahren die Gardisten von den Kämpfen an der Bastille. „Meine Freunde, seid ihr Bürger? Ja, ihr seid Bürger! Marschieren wir zur Bastille!“ Das ruft ihnen ein gut aussehender Mann mit volltönender Stimme zu. Es ist Pierre-Augustin Hulin, 30 Jahre alt und Wäschereibesitzer im Dorf Saint-Denis bei Paris. Bis vor zwei Jahren war er Unteroffizier bei der Schweizer Truppe Seiner Majestät. Drei junge Sergeanten führen die Gardisten an, die Offiziere sind ja königstreu und in der Kaserne geblieben. Für Hulin – selbstsicher, gewandt in der Rede, charismatisch – ist es nicht schwer, sich zum Anführer der Sergeanten und ihrer Männer aufzuschwingen. Unter seinem Kommando ziehen die Gardisten und Hunderte Bürger los. Hulin hat genug Übersicht, um drei Kanonen mitzerren zu lassen, darunter die silber beschlagene Prunkwaffe des Königs von Siam.

BASTILLE, 15.00 UHR. Pulverdampf und beißende Schwaden stehen in der Luft über der Festung. Plötzlich verändert sich das Feuer der Angreifer: Es ist nicht länger eine ungeordnete Schießerei. Die Mauern werden nun mit konzentrierten Salven bestrichen. Die beiden Kompanien der Garde sind eingetroffen. Bald darauf reißen einige Beherzte die brennenden Karren wieder weg vom Tor. Als sich deren Qualm langsam verzieht, erkennen Angreifer wie Verteidiger, weshalb: Hulin lässt die Kanonen in Stellung bringen. Er möchte freies Schussfeld haben. Die Prunkkanone zeigt genau auf die hochgezogene Zugbrücke der Bastille. Es ist, wie de Launay weiß, die einzige Stelle, wo Kanonenkugeln das Bollwerk durchschlagen können.

Der Gouverneur verzweifelt, als er von der Beobachtungsplattform die aufgestellten Kanonen sieht. Bald werden die Aufständischen den Zugang zur Festung sturmreif schießen. Mutlos zieht sich de Launay zurück. Der Schweizer Leutnant von Flühe, noch immer relativ ruhig, findet ihn etwa zwei Stunden später in dessen Büro. Jetzt erst ist der junge Offizier entsetzt: Der Gouverneur denkt an Kapitulation – oder an Selbstmord. Ernsthaft erwägt er, die zwei Tonnen Schießpulver im Herzen der Bastille explodieren zu lassen.

BASTILLE, 17.00 UHR. Der Gouverneur gibt auf. Nicht einmal eine weiße Fahne oder ein Bettlaken hat er – also lässt er auf einem der Türme ein weißes Taschentuch schwenken. Tatsächlich flaut das Feuer ab. Dann wird es ruhig.

Leutnant von Flühe, der sich später nur zurückhaltend über die Ereignisse dieses Tages äußern wird, bebt, so ist zu vermuten, vor Zorn und Verachtung über seinen Vorgesetzten, denn selbst jetzt sieht er keinen Grund zur Kapitulation: Noch sind die Tore unversehrt, und noch haben die Mannschaften genügend Munition. Doch muss er, Befehl ist Befehl, eine Kapitulationsnote zum Haupttor tragen. Dort spießt er das von de Launay eigenhändig verfasste Schreiben auf einen Degen und schiebt es durch eine ins Tor eingelassene Schießscharte hinaus. Um die Bastille verläuft der vier Meter breite Wassergraben. Wie sollen die Angreifer an das Schreiben kommen?

Einer hat eine Idee: Beim Schreiner Lamarchand in der Rue de Tournelles, gegenüber der Bastille, gibt es Holzplanken. Also holen ein paar Mann ein Holzstück, legen es über den Graben und lassen jemanden darüber balancieren. Der Unglückliche stürzt jedoch ab, ehe er das Schriftstück erreichen kann. Erst der nächste Mann hat Erfolg. Und so lesen die Angreifer endlich de Launays Botschaft: „Wir haben 20 Zentner Pulver. Wir werden das ganze Viertel und die Festung in die Luft sprengen, wenn ihr die Kapitulation nicht annehmt. De Launay, in der Bastille, fünf Uhr nachmittags, 14. Juli 1789.“ „Wir nehmen an! Lasst die Brücken herunter!“, schreit einer der Angreifer. Doch das hört kaum jemand. Leutnant von Flühe gar versteht: „Keine Kapitulation! Lasst die Brücken herunter!“ Er wendet sich ab, um Gouverneur de Launay Bericht zu erstatten.

Einige Invaliden aber haben offensichtlich genug vom Kampf. Einer ihrer Kameraden ist gefallen, drei sind verwundet. Und die Angreifer, auf die sie seit Stunden schießen, sind ja ihre Nachbarn aus dem Faubourg Saint-Antoine. Vier Soldaten jedenfalls treten nun, während sich Leutnant von Flühe abwendet, zum Eingang der Bastille – und lassen eigenmächtig die kleinere der beiden Zugbrücken herunter.

Sofort stürmen Hunderte Angreifer hinein, reißen auch die große Zugbrücke herunter, stürzen in die Türme und auf die Mauer. Die Bastille ist gefallen. Niemand wehrt sich. Die meisten Angreifer ignorieren zunächst die Schweizer Söldner, von denen sich einige hastig ihre Uniformröcke ausziehen. Schlimmer ergeht es den Invaliden (die schließlich den Angreifern bekannt sind): Viele werden geschlagen. Einem, der zufällig einen Gefängnisschlüssel in der Hand hält, hackt ein Aufständischer diese Hand ab. Sie wird, mit dem Schlüssel, als Trophäe herumgezeigt. Die Männer stürmen in die Büros und Wohnstuben. Bald dringt der Lärm zerschlagenen Mobiliars heraus, Akten fliegen aus den Fenstern in die Innenhöfe. Es dauert einige Zeit, bis sich die Angreifer der Gefangenen besinnen. Schließlich befreien sie die sieben Eingekerkerten.

Hulin und ein paar Gardisten bemächtigen sich des Gouverneurs. Der Wäschereibesitzer nimmt de Launay am Arm – eher eine beschützende als eine fordernde Geste. Hulin will mit seinen Gefangenen, zu denen auch von Flühe gehört, so rasch wie möglich das Rathaus erreichen. Der Wut der Angreifer entgeht schließlich auch das große Uhrwerk im Mitteltrakt der Bastille nicht. Die Uhr wird für immer angehalten. Die Zeiger stehen auf 17.15 Uhr.

PLACE DE GRÈVE, 18.30 UHR. Das Leben des Gouverneurs Bernard-René de Launay endet in der Arkade Saint-Jean am Rand der Place de Grève, nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt. Der Weg von der Bastille, der normalerweise eine halbe Stunde dauert, ist eine qualvoll lange Tortur gewesen. Hulin kommt mit seinen Gefangenen kaum voran im Gedränge. Alle wollen das „Monster“ sehen und viele sich an ihm rächen. De Launay, den viele Bürger von Paris erkennen, wird immer wieder aus der Menge mit Degen und Bajonetten traktiert. Hulin und die Gardisten versuchen, den Gouverneur zu schützen, wobei sie ihr eigenes Leben riskieren. Als sie endlich die Place de Grève erreichen, stoppt der Zug. Das nutzen Dutzende Beistehende, um über de Launay herzufallen. Der, am Ende seiner Nervenkraft, schlägt und tritt um sich und schreit, man solle ihn doch töten. Dabei trifft er einen arbeitslosen Koch im Unterleib.

Dieser Tritt besiegelt sein Schicksal. Mit einem Bajonettstich und einem Schuss wird de Launay getötet. Jemand reicht dem Koch einen Säbel: Er solle dem Gouverneur den Kopf abschneiden. Als sich die Waffe als zu stumpf erweist, greift der Koch zu einem Messer und vollendet die Tat. Er greift sich eine Pike, steckt die Trophäe darauf, paradiert mit ihr durch die Straßen und übergibt sie schließlich einem Wächter des Kriminalgerichts – gegen Quittung. Die Menge will Blut sehen, schließlich sind 98 Angreifer der Bastille tot oder liegen im Sterben. Und so werden fünf zufällig herausgegriffene Invaliden an Straßenlaternen aufgeknüpft – darunter der Unglückliche, dem man bereits die Hand abgeschlagen hat. Auch ins Rathaus drängen wütende Männer und verlangen Genugtuung. Ihr Ziel ist de Flesselles. Er soll sich rechtfertigen!

„Also gut, Messieur, gehen wir zum Palais Royal!“, ruft daraufhin de Flesselles. Dort will er zur Menge sprechen. Der Beamte ist auffallend blass. Er verlässt das Rathaus. Draußen hat Regen eingesetzt, es wird kühl. Niemand behelligt ihn – zunächst. Doch auch er kommt nur bis zum Ende der Place de Grève. Dort wird er von einem Unbekannten mit einer Pistole erschossen. Niemand hält den Täter auf. Der höchste Beamte der Stadt ist tot, die Festung des Königs gefallen. Paris ist in der Hand der Revolutionäre.

VERSAILLES, SCHLOSS , abends. Ludwig XVI. ist enttäuscht darüber, dass an diesem Tag die geliebte Jagd ausgefallen ist. Stets trägt er in seinem Tagebuch die Strecke ein, die er geschossen hat. Heute ist er nicht zum Schuss gekommen. Seine Notiz für den 14. Juli 1789 fällt deshalb kurz aus: „Rien.“ – „Nichts.“

VERSAILLES , Nationalversammlung, gegen 21.00 Uhr. In die Beratungen der Abgeordneten platzt, erschöpft und staubbedeckt, ein Bote aus Paris. Atemlos hören die Männer seinen Bericht: Hôtel des Invalides geplündert, die Bastille gestürmt, ihr Gouverneur ermordet, die Bürger in Waffen, verstärkt von der Garde!

Die Abgeordneten schicken eine Delegation ins Schloss. Doch Ludwig zeigt sich nur wenig beeindruckt. Zwar verspricht er, die Truppen vom Marsfeld endgültig aus der Stadt zu beordern. (Tatsächlich räumen sie ab 21.00 Uhr Paris.) Doch die neu aufgestellte Bürgermiliz, verkündet der König, werde künftig von seinen Offizieren geführt. Angesichts der Ereignisse der vergangenen 24 Stunden ein absurdes Ansinnen.

Tief in der Nacht unterbricht La Fayette die Sitzung der Nationalversammlung, beendet sie aber nicht. Wieder bleiben viele Abgeordnete im Saal.

VERSAILLES, SCHLOSS , nach Mitternacht. Ludwig berät sich mit seinem Bruder, Marie-Antoinette sowie einigen Höflingen. Soll er Paris stürmen lassen? Der Bruder des Königs ist, so scheint es, noch immer für die gewaltsame Lösung. Doch einige Höflinge und Offiziere setzen sich mit ihrer Ablehnung durch: Niemand könne mehr für die Loyalität der Soldaten garantieren.

Ludwig XVI. hat Paris verloren – doch er weiß es noch nicht

Daraufhin raten Bruder und Gattin des Königs – die beiden wohl treibenden Kräfte hinter der Eskalation der letzten Tage – zur Flucht ins Ausland. Für Ludwig aber kommt das, ebenso eine Abdankung, nicht in Frage: zu würdelos. Bleibt allein, sich der Lage zu stellen und in die Gegebenheiten zu fügen. Deshalb beschließt der König irgendwann in jener Nacht, den Machtkampf verloren zu geben. Er wird die neuen Herren von Paris und deren Bürgerarmee akzeptieren, und er wird sein politisches Schicksal in die Hände der Nationalversammlung legen. Frankreich hat, am Ende dieses langen Sommertages, sein absolutes Königtum für immer verloren.

LUDWIG XVI. VERSUCHT in den folgenden Tagen nur noch, in der Niederlage wenigstens seine Würde und einen Rest von Autorität zu bewahren. Und für ein paar Tage taktiert er so gut, wie kaum je zuvor während der Revolution – und wie niemals wieder. Noch am 15. Juli versichert er den erleichterten Abgeordneten, dass er die Truppen zurückziehe. 88 Deputierte brechen daraufhin in einem Korso von 40 Kutschen von Versailles nach Paris auf, um dort die gute Nachricht zu übermitteln.

Nichts beruhigt die Lage mehr als diese Meldung: Sogleich setzen die Wahlmänner eine Prämie von neun Livres für jede wieder im Rathaus abgegebene Muskete aus. Sie wollen zwar die Bürgermiliz unter Waffen haben – aber niemanden sonst. Die Stadt, in der es noch wenige Stunden zuvor zu Kämpfen, Plünderungen und Lynchmorden gekommen ist, bleibt ruhig. Und Paris bekommt seinen ersten Bürgermeister. Jean-Sylvain Bailly wird von den Wahlmännern erkoren. Der Astronom ist es auch, der nur drei Tage nach dem Sturm auf die Bastille dem König die Schlüssel der Stadt überreicht. Denn Ludwig XVI. hat sich auf Drängen von Miliz und Abgeordneten der Nationalversammlung nach Paris geleiten lassen.

„Diese Schlüssel“, ruft Bailly, „wurden einst Heinrich IV. überreicht, als er sein Volk zurückgewonnen hatte; nun hat das Volk seinen König zurück gewonnen.“ Die Menge klatscht Beifall und jubelt. Doch der König erlebt hier zum ersten Mal, was ihm die nächsten zwei Jahre noch oft entgegenschlagen wird: Der Jubel hat etwas Herausforderndes, die Hochrufe klingen bedrohlich. Vor dem Rathaus etwa sind die Abteilungen der Bürger-Soldaten der Distrikte aufmarschiert, die sich jetzt „Nationalgarde“ nennen – und seit zwei Tagen von dem Amerika-Veteranen La Fayette kommandiert werden. Mit blankem Degen grüßen sie den König: Ehrenbezeugung und Machtdemonstration zugleich. Ludwig lässt sich die blau-rote Kokarde anstecken. Er nickt, ist huldvoll – und spricht nur einen einzigen Satz: „Mein Volk kann immer auf meine Zuneigung zählen.“

Gegen 22.00 Uhr ist er zurück in Versailles. Erschöpft, aber glücklich, noch im Amt und am Leben zu sein. Um diese Zeit hat sich sein Bruder, ohne dessen Drängen diese dramatische Woche vielleicht nie stattgefunden hätte, bereits heimlich davongemacht ins Exil.

Doch während Ludwig XVI. an jenem Abend wohl meint, das Schlimmste überstanden zu haben und – irgendwie – weiter amtieren zu können, sehen manche Beobachter dies bereits realistischer. Thomas Jefferson etwa, der Botschafter der USA in Frankreich (und spätere Präsident seines Landes), schreibt in einem Brief, er habe soeben „die bedingungslose Kapitulation“ des Königs erlebt.

IN DER TAT: Kapituliert hat der König – doch vor wem? Schloss Versailles, notiert ein Beobachter, „gleicht einer Wüste“. Wie der Comte d’Artois verlassen ehedem einflussreiche Minister und Adelsfamilien das Land (Jacques Necker dagegen holt der Monarch nach nur fünf Tagen Exil zurück ins Amt). Es sind die Bürger von Paris, die jetzt die Verfassungsrevolution der Versailler Abgeordneten stützen und festigen. Damit ist das Volk, bislang nur Zuschauer und Untertan, als entscheidender Machtfaktor auf die Bühne der Politik getreten. Andererseits hat die Nationalversammlung mit ihren prominenten Abgeordneten Bailly und La Fayette Einfluss in der Hauptstadt. Dank der gut 10 000 Mann starken Nationalgarde verfügt sie auch über militärische Macht – und tatsächlich sind es ja deren Waffen, die jeden Gedanken an einen gewaltsamen Gegenschlag Ludwigs XVI. unterbinden. Viele Abgeordnete der Nationalversammlung stehen dieser neuen Machtkonstellation indes kritisch gegenüber, denn so viel steht fest: Von nun an bis zum Ende der Revolution werden die Bürger von Paris mit Forderungen und Drohungen, durch ihre gute Organisation sowie ihre schiere Präsenz Einfluss nehmen auf das Schicksal einer jeden Regierung.

Doch außerhalb der zerstörten Zollmauern entsteht ein Machtvakuum. Und das ländliche Frankreich versinkt schon bald in der Anarchie der grande peur , der „Großen Angst“.

DIE NACHRICHTEN AUS PARIS sickern ins Land mit der Geschwindigkeit von Kutschen und Fußgängern, sind zudem oft unzusammenhängend, verzerrt, übertrieben. Ist der König auf Seiten des Volkes? Was tut die Nationalversammlung? Gelten neue Gesetze oder nicht? Welche Privilegien sind noch gültig? Eines nur ist klar: Im Moment haben der König und seine Beamten keine Macht.

Es dauert ungefähr eine Woche, bis die allgemeine Erregung auf dem Land in Rebellion umschlägt. Vielerorts verweigern die Bauern schon seit dem Frühjahr ihren adeligen Grundherren die Abgaben. Nun beginnt die heiße, vorratslose Zeit: die Zeit des Hungers auch auf dem Land. Aber auch ein Moment des Atemholens, bevor alle Hände benötigt werden, um die neue Ernte einzubringen. Zunächst sind es nur Gerüchte, die von Dorf zu Dorf, von Markt zu Markt eilen: Die Adeligen wollen sich rächen. Sie haben österreichische, spanische, britische, gar schwedische Truppen ins Land geholt, die fremden Soldaten sind schon im Nachbarweiler, wo sie plündern und unaussprechliche Gräuel verüben! Nichts davon ist wahr. Doch weil sie jeder erzählt – und weil sich die Adeligen aus Furcht vor einem Aufstand verschanzen –, werden die Gerüchte immer absurder, steigern sich zur Hysterie.

Und so greifen die Bauern zu den Waffen. Vom 20. Juli an kommt es in vielen Dörfern und Weilern zu Aufständen, brennen die Schlösser. Das erste Ziel der Rebellierenden sind meist die Akten, in denen die verhassten Privilegien verzeichnet sind. Oft machen Pfarrer dabei mit, manchmal auch des Königs Beamte, denn vielerorts glauben die Vertreter des Staates, mit der Zerstörung der Adelsmacht im Sinne des Monarchen zu handeln. Hat sich Ludwig XVI. nicht die Kokarde angesteckt?

Die Aufständischen haben gesiegt. Der König trägt die Farben der Revolution

Nicht nur die Aristokraten leben in jenen Tagen gefährlich. Im Spätsommer ziehen stets arme Wanderarbeiter mit ihren Familien durchs Land – nun sieht man in ihnen gefährliche Fremde und Vaganten. Im Mâconnais attackieren Bauern die Holzfäller und Köhler, die tief in den Wäldern leben. Im Elsass werden Juden bedroht. Und doch sterben im ganzen Land wohl nicht mehr als ein paar Dutzend Menschen. Die Bauern belassen es meist dabei, Adelige, deren Verwalter sowie alle anderen Missliebigen zu verprügeln und zu verjagen. Auch in den meisten Städten werden die Beamten des Königs entmachtet. So schnell, wie der Spuk aufgekommen ist, ist er auch wieder vorüber. Nach der ersten Augustwoche hört man kaum noch von Übergriffen. Schließlich ist jetzt Erntezeit, und die Bauern müssen auf die Felder. (Sie werden mehr Getreide einbringen als in den Krisenjahren zuvor.)

Zwei Folgen jedoch haben die drei Wochen der Hysterie: Der König hat nicht nur die Kontrolle über seine Hauptstadt, sondern auch über das Land verloren. Und den Abgeordneten der Nationalversammlung wird deutlich, dass sie schnell Ergebnisse vorweisen müssen, wenn sie ihre Autorität erhalten wollen.

DIENSTAG, 4. AUGUST 1789 , Versailles, Nationalversammlung, abends. Eine Sitzung über Steuerrechte. Routine. Da erhebt sich der Vicomte de Noailles zu einer Rede.

Dem Königtum, so stellt es der Vicomte dar, bleibe nach dem 14. Juli und der Grande Peur nur noch die Wahl: entweder vollständig zerstört zu werden, oder sich zu einem in ganz Europa bewunderten Vorbild zu wandeln. Er fordert Steuergerechtigkeit – also auch Steuern für den Adel – sowie die Abschaffung vieler Privilegien, etwa der Frondienste. Was dann geschieht, hat wohl niemand geplant. Manche Adelige denken schon seit Jahren liberal, andere haben wohl einfach Angst davor, dass die Bauern erneut losschlagen. Wieder andere hoffen darauf, dass ihnen das Opfern überkommener Privilegien eine angemessene Entschädigung einbringen wird. Auf jeden Fall erheben sich nun nacheinander die Großen Frankreichs: Grafen, Bischöfe, die Reichsten der Reichen – und fordern die Abschaffung aller Privilegien, ja überbieten einander in der Radikalität. Frondienste? Hinweg damit!

Rechtsungleichheit vor Gericht? Kirchenzehnt? Adelsprivilegien bei der Ämtervergabe? Sonderrechte einzelner Provinzen? Hinweg, hinweg, hinweg! Stunde um Stunde gehen diese Reden. Immer schwärmerischer, immer patriotischer sind die Worte. Ein Adeliger, der sich von der Begeisterung nicht anstecken lässt, steckt dem Vorsitzenden eine Notiz zu: „Sie sind nicht bei Sinnen, vertagt die Sitzung.“ Doch es ist kein Halten mehr. Am Ende dieser langen Nacht liegen sich die Abgeordneten in den Armen, manche weinen. „Einen Augenblick patriotischer Trunkenheit“ nennt es ein Teilnehmer. Am Morgen des 5. August 1789 jedenfalls, nach der vielleicht denkwürdigsten und chaotischsten Sitzung der Nationalversammlung, haben Adel und Klerus freiwillig auf sämtliche Privilegien verzichtet: Frankreich ist keine Ständegesellschaft mehr. Aber auch noch keine Bürgergesellschaft. Schon am 11. Juli hat La Fayette den Antrag eingebracht, eine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vor die (noch unfertige) Verfassung zu stellen. Der Marquis träumt von einer französischen Variante der von Thomas Jefferson verfassten „Virginia Bill of Rights“: von einem Staat also, dessen Einwohner sich mit einer Erklärung selbstbewusst als gleichberechtigte Bürger einer Nation definieren. Nach den Umwälzungen in Paris und im Land verabschieden die Abgeordneten am 26. August 1789 die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte.

Auf viele der Sieger des 14. Juli 1789 wartet ein schreckliches Ende

17 Artikel und eine Präambel sind es, und jeder Satz gibt das Pathos der Freiheit und das Selbstbewusstsein von Männern wieder, die sich als Sieger eines historischen Kampfes sehen.

Einige Artikel definieren die demokratischen Rechte des Bürgers: Teilhabe an der Gesetzgebung, gleicher Zugang zu Ämtern, Steuergleichheit, Steuerbewilligungsrecht, das Recht, von allen Beamten Rechenschaft zu fordern, die Gewaltenteilung der Staatsorgane. Andere setzen die Menschenrechte fest: Freiheit, Eigentum, Sicherheit, Widerstand gegen Unterdrückung (die Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wird erst ein Jahr später aufkommen). Die Erklärung ist ein Fanal: die Präambel für die Verfassung eines der immer noch mächtigsten Staaten der Welt. Und zugleich Programm einer neuen politischen Bewegung – der modernen Demokratie.

In den folgenden Jahrhunderten wird die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte zum Vorbild etlicher europäischer Verfassungen. So wie der Sturm auf die Bastille zum Symbol gerinnt für den Angriff auf den Despotismus, so ist der erste Satz der Erklärung das Ideal aller Kämpfer gegen jedes Unrechtsregime: „Von ihrer Geburt an sind und bleiben die Menschen frei und an Rechten einander gleich.“ 47 Tage nur liegen zwischen der selbstherrlichen Entscheidung eines Monarchen, seinen Minister zu entlassen, Truppen in die Hauptstadt zu beordern und seine Untertanen im übrigen zu ignorieren – und einem Dokument, in dem eben diese Untertanen dem Monarchen und der ganzen Welt erklären, dass die Bürger künftig ihre Regierung selbst bestimmen. Anderthalb Monate nur zwischen einem Monarchen in Waffen und einem Volk ohne Waffen – hin zu einem Monarchen ohne Waffen und einem Volk mit Waffen.

„Der 14. Juli ist der Tag der Befreiung von der Knechtschaft Ägyptens und der Durchquerung des Roten Meeres. Er ist der 1. Tag des Jahres I der Freiheit“, schreibt Camille Desmoulins, der gescheiterte Anwalt, der im Palais Royal den Ruf nach Waffen angestimmt hat. So wie er hoffen viele Bürger, dass in jenen Wochen die Revolution bereits vollzogen ist und nun an einem neuen Zeitalter gebaut werden kann. Tatsächlich jedoch haben Desmoulins und all die anderen im Juli 1789 der bereits in Versailles begonnenen Revolution überhaupt erst zum Durchbruch verholfen. Männer wie Desmoulins, die dem König und dessen Ministern endgültig die Initiative entreißen, haben eine Umwälzung vorangetrieben, in der ihnen irgendwann selbst die Initiative entgleiten wird. Am 14. Juli 1789 und den Folgetagen ist das Alte zerschmettert worden, das Neue jedoch muss, allen Erklärungen zum Trotz, erst noch geschaffen werden. Und dieser Schöpfung einer neuen Nation haftet etwas Dämonisches an. Viele Akteure des Ancien Régime verschwinden von der historischen Bühne, doch kommen sie glimpflich davon. Der Befehlshaber der Pariser Truppen etwa, Baron de Besenval, von Höflingen als Feigling geschmäht, den man exekutieren müsse, stirbt 1791 als freier Mann an Altersschwäche. Und selbst Ludwig von Flühe, der Verteidiger der Bastille, dessen Schweizer Füsiliere am 14. Juli in die Menge feuerten, wird nach ein paar Stunden Haft im Rathaus laufen gelassen und kann sich absetzen.

Der Vicomte de Noailles jedoch, der Adelige, dessen Rede jene legendäre Nachtsitzung der Nationalversammlung eingeleitet hatte, in der die Abschaffung sämtlicher Privilegien beschlossen wurde, wird, als die Revolution sich radikalisiert, als Royalist bedroht. Er geht ins Exil – ebenso wie La Fayette, der erste Kommandeur der Nationalgarde und Antragsteller für die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Pierre-Augustin Hulin, der Anführer der Attacke auf die Bastille, wird von den Jakobinern in den Kerker geworfen (und wird später ein Gefolgsmann Napoleons). Jean-Sylvain Bailly, der Astronom, der sich zum ersten revolutionären Pariser Bürgermeister aufgeschwungen hat, gerät in die mörderischen Parteienund Machtkämpfe seiner Stadt – und endet auf der Guillotine.

Und Camille Desmoulins? Der Volksredner des 12. Juli macht Karriere als Publizist. Statt des Grafen Mirabeau, der 1791 an Krankheit stirbt, erkürt er sich den begnadeten Demagogen Danton zum Mentor. Bald schon wird Desmoulins zu den meistgelesenen Zeitungsautoren der Metropole und attackiert alle Revolutionäre, die ihm nicht radikal genug sind. Doch schließlich gerät er in Opposition zu den Jakobinern unter Robespierre und wird zum Staatsfeind erklärt. Am 13. April 1794 besteigt auch Camille Desmoulins das Schafott, erst 34 Jahre alt. „So also muss der erste Apostel der Freiheit enden“, sollen seine letzten Worte gewesen sein.

4. Flucht und Hinrichtung Ludwig XVI. Ende eines Königs.

Ludwig XVI. riskiert ein gefährliches Doppelspiel: Offiziell arbeitet der Bourbone mit der Nationalversammlung zusammen, doch insgeheim versucht er, mit Mächten wie etwa Österreich gegen das neue Regime zu paktieren. Als er und seine Familie im Juni 1791 auf der Flucht aus dem revolutionären Paris ertappt werden, halten ihn selbst viele seiner Anhänger für einen Verräter. Der Niedergang der Monarchie beginnt – und der einst mächtigste Mann Frankreichs wird schließlich zum Tode verurteilt wie ein gewöhnlicher Krimineller

Bereits am Morgen schlagen die Trommeln auf der Place de la Révolution, prasselnd wie ein Gewitterregen. Zehntausende Bewaffnete und Schaulustige füllen den Platz. Es ist der 21. Januar 1793. Ein Montag, nass und kalt, und über den Dächern von Paris liegt Dunst, dicht und schwer wie eine Decke. Das Prasseln auf der Place de la Révolution schwillt an, und im tosenden Wirbel der Trommeln scheint die Zeit stillzustehen. Dann fällt das Beil, und die Köpfmaschine erzittert. Es ist 10.22 Uhr, als der Bürger Louis Capet stirbt. Enthauptet von der neuen, nach dem Pariser Arzt Joseph Guillotin benannten Exekutionsapparatur. „Vive la Nation!“, schreit die Menge. „Vive la République!“ Auf dem Gerüst mit der Guillotine präsentiert der Henker den Kopf wie ein Priester die Monstranz, und Männer und Frauen durchbrechen die Reihen der Nationalgardisten, um mit Taschentüchern das Blut des Geköpften aufzuwischen. Beinahe so, als könnten erst die blutigen Tücher sie davon überzeugen, dass das Unglaubliche tatsächlich geschehen ist.

Die Gehilfen des Henkers verstauen den Toten in einem Weidenkorb, das Haupt zwischen den Beinen. Und während sich die Menschen auf dem Revolutionsplatz an den Händen fassen, die Marseillaise anstimmen und im Reigen um das Schafott tanzen, schafft ein Karren den Korb zum Madeleine-Friedhof.Dort ist alles vorbereitet: ein Holzsarg, eine offene Grube und frischer Löschkalk. Der Tote im Sarg wird mit zwei Lagen Kalk zugedeckt. Nichts soll überdauern von der Leiche. Frankreich ist ein tief katholisches Land, und auch die Revolutionäre fürchten offenbar die Magie, die Macht und die politische Sprengkraft von Reliquien. Unverzüglich wird der Sarg in der Erde versenkt, das Loch zugeschaufelt, der Boden eingeebnet. So findet Louis Capet ein Grab, karg wie für einen Armen. Doch Louis Capet war einmal Ludwig XVI., von Gottes Gnaden König von Frankreich und Navarra. Bis die Revolution zuerst das Königtum hinwegfegte. Und dann auch den König.

DEN WEG ZUM SCHAFOTT tritt der Monarch schon zu Beginn der Revolution an. Obwohl Ludwig XVI. die Nationalversammlung Ende Juli 1789 anerkennt, weigert er sich, die „August-Dekrete“ zur Abschaffung aller Privilegien und Feudalrechte sowie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte zu unterzeichnen. So nimmt zwischen dem König und den Abgeordneten ein zähes Ringen um die Vorherrschaft seinen Anfang. Noch regieren beide gemeinsam das Land: Ludwig XVI. und die Versammlung.

Aber das Volk wird unruhig, denn das Brot bleibt weiterhin teuer.

Herbst 1789: Noch hofft der König auf ein Ende der Revolte

Und was macht der Hof zu Versailles?

Er beordert das Flandernregiment in die Residenzstadt – und gibt Bankette. „Der Hof war von einer einzigartigen Verblendung erfasst“, notiert später die Gattin des königlichen Kriegsministers de La Tour du Pin. „Und er sah keines der verhängnisvollen Ereignisse voraus.“ Wie fast an jedem Tag begibt sich Ludwig XVI. auch am Montag, dem 5. Oktober 1789, auf die Jagd. Jeden Pirschgang, jede Treibhatz protokolliert er, und seine Listen verzeichnen die aberwitzige Zahl von etwa 200 000 erbeuteten Tieren: Hirsche, Rehe, Wildschweine, Füchse, Kaninchen, Schwalben. 81 Stück Wild hat der König an diesem Montag bereits erlegt, als er von einem Boten des Hofes im Wald gestört wird. In sein Tagebuch schreibt er: „Durch diese Ereignisse unterbrochen.“

Denn schon am frühen Morgen des 5. Oktober läuten in Paris die Sturmglocken. Auf den Märkten und in der Vorstadt Saint-Antoine sind Unruhen ausgebrochen. Wegen des Hungers, wegen der Arbeitslosigkeit. Frauen sind die Anführerinnen des Protests: Arbeiterinnen aus den Vorstädten, Fisch- und Marktfrauen des Hallenviertels, aber auch einige Bürgerinnen der reicheren Quartiere. Die Frauen ziehen zum Rathaus, um auf ihre elende Lage aufmerksam zu machen. Und um gegen den Hof von Versailles zu demonstrieren. Einen Hof, dem sie vorwerfen, dass er – während sie in Paris hungern – in Versailles mit den Feinden des Volkes Orgien feiere und das Volk mit Truppen bedrohe. Die Menge wächst und wächst. Und mit ihr die Wut.

Im Versailler Schloss und im Saal der Hoflustbarkeiten, wo die Nationalversammlung tagt, wollen die Frauen Brot fordern. Und den König in die Hauptstadt bringen. Ludwig XVI. in Paris: Das muss der Menge wie eine magische Garantie gegen Mehlknappheit und Hunger erscheinen. Denn wenn der König in Paris residiert, dann wird dort – so hofft wohl das Volk – alles unternommen, um die Versorgung des Hofes und auch der Stadt sicherzustellen. Daher macht sich am Vormittag des 5. Oktober eine Kolonne von vielleicht 7000 Menschen auf den knapp 30 Kilometer langen Weg nach Versailles. Unaufhörlich fällt Regen an diesem Tag. Nach dem Abzug der Frauen und unter dem Sturmgeläut der Glocken strömen auch Soldaten der Nationalgarde vor dem Pariser Rathaus zusammen. Hunderte. Tausende. Sie sind begeistert von der Idee der Frauen, und sie wollen ihnen folgen.

Gilbert Motier, Marquis de La Fayette, der Kommandeur der Nationalgarde, zögert, sich an die Spitze der Erhebung zu stellen. Aber die Bewaffneten fordern den Aufbruch. Auch die Vertreter der Pariser Stadtverwaltung drängen La Fayette, den König nach Paris zu holen. Denn sie fürchten, Ludwig XVI. könne ins Ausland entfliehen und dort die Kräfte der Gegenrevolution um sich scharen. So wälzt sich am späten Nachmittag ein zweiter, noch viel längerer Zug nach Versailles: 15 000 Nationalgardisten unter dem Kommando La Fayettes, der sich der revolutionären Stimmung beugen musste. Hunderte Arbeiter und Bürger, die sich mit Gewehren, Sicheln, Piken und Stöcken bewaffnet haben, folgen den Gardisten.

Das sind die Ereignisse, die Ludwig XVI. am 5. Oktober bei der Jagd stören. Gegen 15 Uhr kehrt der Herrscher zurück ins Schloss und nimmt die Beratungen mit seinen Ministern auf. Im Palast weiß man zu diesem Zeitpunkt nur vom Zug der Marktfrauen nach Versailles. Einige Minister verlangen den Einsatz der loyalen Truppen des Flandernregiments, der königlichen Leibwache sowie der Schweizer Garde, um das rebellische Volk aufzuhalten. Andere dagegen warnen eindringlich davor, auf die Frauen schießen zu lassen. Denn das könne einen Bürgerkrieg auslösen. Was soll der König tun? Angreifen? Sich im Palast verbarrikadieren? Oder gar fliehen – ins Schloss Rambouillet, südwestlich von Versailles? Ludwig ist hin- und hergerissen. Und da er ohnehin zum Zögern und zum Aufschieben neigt, wartet er einfach ab. Nur fahl dringt das Sonnenlicht durch einen dichten Wolkenteppich. Regen prasselt aufs Pflaster. Dann ist das Volk in Versailles.

Die Frauen sind durchnässt und mit Schlamm bespritzt. Sie stinken nach Schweiß, nach nassen Lumpen und aufgeweichten Kleidern, und sie sind hungrig. In der Nationalversammlung, die sie zuerst aufsuchen, haben sie von der Weigerung des Königs erfahren, die August-Dekrete zu unterzeichnen. Nun ziehen sie vom Saal der Hoflustbarkeiten zum Schloss. Sie verlangen nach Brot. Und danach, dass der König unterzeichnet. Ludwig erklärt sich bereit, eine Delegation der Frauen im Palast zu empfangen. Wenig später stehen sechs Fischweiber vor ihrem König und bitten um Brot. Er überreicht ihnen sieben Goldmünzen, verspricht, dass es an Brot in Paris nun gewiss nicht mehr fehlen werde und verabschiedet die hungrigen Frauen in die Palastküche.

Diese Abordnung kann er so abspeisen. Doch die wartende Menge vor dem Schloss harrt aus. Und als bald danach ein Bote die Nachricht vom Marsch Zehntausender Nationalgardisten auf Versailles überbringt, bricht Panik aus im Palast. Jetzt will Ludwig aus Versailles flüchten. Mit Marie-Antoinette, den beiden vier und elf Jahre alten Kindern Louis Charles und Marie Thérèse Charlotte sowie seiner Schwester Madame Elisabeth. Das Anspannen der Kutschen wird befohlen. Aber zu spät: Marktfrauen umringen die Karossen. „Im Nu warf man sich auf die Wagen“, berichtet die Marquise de La Tour du Pin, „zerschnitt das Geschirr, führte die Pferde weg.“ In den königlichen Gemächern herrscht Ratlosigkeit. Und Angst. Was soll man tun?

Gegen 20 Uhr bestätigt Ludwig XVI. dem Präsidenten der Nationalversammlung schriftlich, dass er die August-Dekrete nun doch anzunehmen gedenke. Vermutlich hofft der König, dass sich die Nachricht schnell in Versailles verbreiten und das Volk sodann abziehen werde. Doch auch diese Entscheidung kommt zu spät: Der Saal der Hoflustbarkeiten, wo der Präsident die Neuigkeit verkündet, hat sich mit der Dunkelheit in eine Art öffentliche Kneipe verwandelt. Betrunkene Frauen wanken durch die Reihen der Abgeordneten. Es wird gesungen, es wird gegrölt. Und der plötzliche Sinneswandel des Königs beeindruckt die Frauen aus Paris nicht mehr. Nach 23 Uhr trifft La Fayette im Palast ein. Der Kommandeur der Nationalgarde beruhigt den König. Er spricht von Ergebenheit und Treue zur Monarchie. Ganz so, als sei die Nationalgarde nur gekommen, um dem König ihre Aufwartung zu machen. Auch seinen Auftrag, Ludwig nach Paris zu bringen, betont der General offenbar nicht allzu sehr.

Die Angst im Schloss legt sich. Der Hof begibt sich zur Nachtruhe. An die Menschen, die zu Tausenden in der Nähe des Palasts an offenen Feuern lagern, wird Brot verteilt. Doch die Lage bleibt explosiv. Schon bei Tagesanbruch branden Demonstranten gegen die Pforten des Palastes. Die Gittertore springen auf, und im Schlosshof prallen Aufständische und Leibgarde aufeinander. Die Soldaten werden beiseite gedrückt, Palasttüren splittern. Einige Rebellen dringen bis in die Gemächer der Königin vor.

Marie-Antoinette hat ihr Schlafzimmer bereits verlassen und ist in die Räume des Königs geflüchtet. Während des Überfalls wird ein 17-Jähriger von einem Leibgardisten erschossen. Die Angreifer schreien nach Rache. Zwei königliche Soldaten werden erschlagen und geköpft. Nur mithilfe der Nationalgarde gelingt es, Ludwig XVI. und dessen Familie zu schützen. Nun steigen Rufe auf aus der Menge, die das Schloss dicht umlagert: „Nach Paris! Nach Paris!“ Lauter und lauter. Und noch immer und von allen Seiten strömen neue Demonstranten heran. Es gibt nur eine Möglichkeit, die Masse friedlich aufzulösen: Der König muss dem Druck des Volkes nachgeben. Der König muss nach Paris.

Zwar schützt die Nationalgarde den Monarchen. Aber sie ist eine revolutionäre Truppe. Und schließlich sind die Soldaten eigens nach Versailles marschiert, um den König zu holen. Angesichts dieser Lage empfiehlt auch Alexis de Guignard, Comte de Saint-Priest, dem König, sich nach Paris zu begeben. Ludwig XVI. hört auf den Rat seines Vertrauten. Und so setzt sich am 6. Oktober 1789 kurz nach Mittag ein gewaltiger und lärmender Zug in Bewegung. Vorneweg und wie die Standarten der Revolution trägt man die aufgespießten Köpfe der königlichen Leibwachen. Es folgen Nationalgardisten, auf deren Bajonetten Brotlaibe stecken. Dann Marktfrauen mit Pappelzweigen, Getreidewagen und Regimenter entwaffneter königlicher Soldaten.

Dahinter rollt die Karosse der Königsfamilie: Ludwig XVI., Marie-Antoinette, die Kinder, Ludwigs Schwester Elisabeth. Die Wagen der Abgeordneten der Nationalversammlung schließen sich an. Und hinter ihnen marschiert das Volk und das Gros der Nationalgarde. Im Tempo eines Leichenbegängnisses kriecht der Zug nach Paris. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, um dem Spektakel der Ankunft beizuwohnen. Und als die königliche Kutsche endlich vorm Tuilerien-Schloss im Zentrum hält, ist die Nacht längst hereingebrochen. Seit der junge Ludwig XV. das Palais im Jahr 1722 verlassen hat, steht es leer. Der Pariser Palast ist unbeliebt bei der königlichen Familie. Jetzt hat das Volk den König zurückgebracht. Kein Wort verliert Ludwig in seinem Tagebuch über die Demütigungen und den Verlust an Macht und Bewegungsfreiheit. „Abfahrt nach Paris um zwölf Uhr dreißig“, notiert er unter dem 6. Oktober. „Besuch im Rathaus, Souper und Übernachtung in den Tuilerien.“ Sonst nichts. Als hätte er einen Ausflug unternommen.

DER MONARCH HAT einen verhängnisvollen Fehler begangen. Er weiß, dass er das Volk mit den ihm noch verbliebenen Leib- und Schweizer Garden sowie dem Flandernregiment entweder hätte aufhalten müssen – oder aber flüchten. Der König in Rambouillet: Dann wäre wohl alles anders gekommen und der Aufstand der radikalen Massen ins Leere gelaufen.

Hätte, würde, wäre. Jetzt ist Ludwig XVI. in Paris. Ein Gefangener seines Volkes. Und das Königspaar denkt nun wohl oft an eine Flucht aus der Stadt.

In den Tuilerien wird die Familie praktisch festgehalten. Dem König werden zwar Leib- und Schweizer Garden zugebilligt, zusammen etwa 1000 Mann. Aber das ist kaum mehr als Staffage. Denn das Schloss wird zusätzlich von zahlenmäßig weitaus stärkeren Einheiten der Nationalgarde bewacht. Und viele Gardisten misstrauen dem König. Sie fürchten, er könne ins Ausland fliehen und dort die Feinde der Revolution um sich scharen.

Paris muss dem König und der Königin wie ein Albtraum erscheinen. Die Stadt ist das Herz der Revolution. Das Schloss bei den Tuilerien ist altmodisch; viele Verwandte und Höflinge sind bereits geflohen. Und die königliche Familie leidet unter der penetranten Neugier der Pariser. Die Gärten der Tuilerien sind dem Publikum geöffnet, und das dort spazierende Volk wünscht oft lauthals, die Königin zu sehen. Die Menschen sammeln sich in den Gärten und rufen und rufen, und erst wenn sich Marie-Antoinette am Fenster zeigt, zerstreut sich die Menge wieder. Auch ihren König beordern die Untertanen gern ans Fenster.

Seit dem 10. Oktober 1789 ist Ludwig XVI. nicht mehr „Ludwig von Gottes Gnaden König von Frankreich und Navarra“. Sondern „Ludwig von Gottes Gnaden und durch die Staatsverfassung, König der Franzosen“. Die Nationalversammlung hat den absoluten König degradiert. Zum konstitutionellen Monarchen. Er ist nicht mehr der Souverän. Doch der König ist nicht bereit, das hinzunehmen. Von Anfang an legt er sich in Paris eine Doppelstrategie zurecht. In der Öffentlichkeit will er dem Volk guten Willen zeigen und für die Deputierten den vorbildlichen Monarchen der Verfassung geben. Aber hinter den Kulissen die Gegner der Revolution ermutigen. Bereits in einem Geheimbrief aus seinen ersten Pariser Tagen deckt Ludwig XVI. dem spanischen König sein Doppelspiel auf. „Ich wende mich an Eure Majestät“, schreibt er dem Verwandten, „um Euch den feierlichen Protest zu übergeben, den ich gegen alle Handlungen erhebe, die der königlichen Autorität aufgezwungen werden.“

MIT DEN EREIGNISSEN vom Oktober 1789 sowie einem König unter der Aufsicht des Volkes und der Abgeordneten scheint die Revolution nach dem 14. Juli ihren wichtigsten Sieg errungen zu haben.

Aber noch weiß niemand, welchen Weg Frankreich gehen wird. Zu viele Unbekannte gibt es in dieser verwickelten Rechnung. Denn nun geht die politische Gestaltungsmacht vollständig über an die Nationalversammlung, die dem Hof nach Paris gefolgt ist und im Manège-Saal residiert – einem ehemaligen Zirkus am Rand der Tuilerien. Sie will Frankreich von Grund auf erneuern. Durch neue Institutionen, durch Gesetze. Und durch eine Verfassung auf der Grundlage der Souveränität des Volkes, der ersten in der Geschichte des Landes.

Wie aber werden die Gegner der Revolution reagieren? Die Aristokraten, die Emigranten. Wollen sie die alte Ordnung wiederherstellen? Vielleicht mithilfe von Truppen aus Österreich und Preußen? Und schließlich das Volk: Wird es sich weiter radikalisieren? Welche Konstitution genau soll Frankreich erhalten? Und welche Rolle soll dabei der König spielen? Darüber wird diskutiert und gestritten. Unaufhörlich, hitzig und nicht nur im Manège-Saal. In Paris entstehen Salons und Klubs, wo sich Deputierte, Damen des Adels und wohlhabenden Bürgertums, Journalisten und Anwälte sowie Ärzte und Professoren treffen zur politischen Auseinandersetzung.

Der einflussreichste all dieser Klubs ist die „Gesellschaft der Freunde der Verfassung“. Sie lässt sich Ende 1789 in der Pariser Rue St.-Honoré nieder, im ehemaligen Kloster der Jakobiner. Bis Mitte 1791 gelingt es dem so genannten „Jakobinerklub“, landesweit ein Netz von mehr als 400 Dependancen aufzubauen. So breiten sich die Ideen der Revolution in ganz Frankreich aus. Präsident der Jakobiner wird im März 1790 der 33-jährige Maximilien Robespierre.

Vor der Revolution war Robespierre ein unbedeutender Anwalt in der Provinz, ohne Vermögen, ohne Einfluss. Doch in den Generalständen begann sein einzigartiger Aufstieg. Robespierre tritt für die endgültige politische Entmachtung des Königs ein. Für ihn ist der Monarch vor allem ein Repräsentant des Staates – die Souveränität aber soll vom Volk ausgeübt werden. Der Jakobinerklub ist kein Volksklub. Zwölf bis 24 Livres Jahresbeitrag – das ist zu hoch für viele. Dagegen steht der radikalere Klub der Cordeliers allen offen. Er tagt in einem ehemaligen Kloster der Franziskaner, die in Frankreich wegen der einfachen Kordeln um ihre Kutten Cordeliers genannt werden.

Der degradierte Herrscher sinnt auf Rache

Einer der Wortführer dort ist der Advokat und Volksredner Georges-Jacques Danton. Die Cordeliers machen es sich zur Aufgabe, die Volksmassen in einer Stimmung misstrauischer Wachsamkeit gegen den Hof zu halten. Sie predigen Hass auf die Reichen und auf die Kirche. Und der Klub ist nicht nur die Bühne für Danton, sondern auch für Journalisten wie Jean-Paul Marat – einen hitzigen Fürsprecher der kleinen Leute, der unnachgiebig gegenrevolutionäre Bestrebungen denunziert.

Die revolutionärste Neuerung aber ist die freie Presse. Sie ist oft aggressiv und antimonarchistisch – wie der „Ami du Peuple“, das Blatt von Marat. Und sie ist ungemein aktuell. Denn nun erscheinen die Zeitungen in der Regel wöchentlich, nicht mehr wie zuvor nur monatlich. Manche erreichen Auflagen von 15 000 Exemplaren. Wie die „Révolutions de Paris“, die erste Zeitung, die den Umsturz im Titel führt. Ende 1789 wird Frankreich durch Beschluss der Nationalversammlung in 83 Departements aufgeteilt; sie haben – anders als die historischen Provinzen, die sie ersetzen – jeweils etwa die gleiche Größe und den gleichen Rechtsstatus. Um die Finanzprobleme der Nation zu lösen, verstaatlichen die Abgeordneten die Kirchengüter – auf Vorschlag des Bischofs Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord. Die Mehrzahl der Geistlichen ist zunächst für die Nationalisierung des Kirchenbesitzes, denn sie stehen zur Revolution und hoffen auf ein geregeltes, besseres Einkommen. Papst Pius VI. aber, der die Revolution verabscheut, verdammt dieses Gesetz – und bringt damit die patriotische Geistlichkeit in Gewissensnöte.

Auf drei Milliarden Livres schätzt man den Kirchenbesitz. Aber bis zum Verkauf der Ländereien existiert diese Summe nur in der Theorie. Deshalb wird ein Gesetz über die Ausgabe von „Assignaten“ beschlossen: Eine Art Papiergeld soll in Umlauf gebracht werden, gedeckt durch die kirchlichen Güter. Wenn diese nach und nach verkauft sind, soll den Besitzern der Scheine jener Betrag ausgezahlt werden, der auf ihnen „assigniert“ ist. Doch die Assignaten finden erst kaum Anklang. Nur langsam werden sie akzeptiert und zu einem echten Zahlungsmittel.

IN DER ZWISCHENZEIT verfolgt Ludwig XVI. weiterhin sein Doppelspiel.

Im Februar 1790 tritt er vor der Nationalversammlung auf. Feierlich verkündet er, dass er sich nun als Führer der Revolution betrachte – eines Umsturzes, gemäß den Wünschen des Volkes. Der König als oberster Revolutionär! Die meisten Deputierten glauben Ludwig. Wollen ihm glauben. Denn sie wünschen sich die konstitutionelle Monarchie und ein Ende der Revolution. Die Führer der so genannten „Patrioten“ in der Nationalversammlung (jene Abgeordnete, die – im Gegensatz zu Robespierre – für ein starkes, wenn auch nicht übermächtiges Königtum eintreten) brauchen Ludwig XVI. Denn sie glauben, nur die Institution des Königtums könne die weitere Radikalisierung der Revolution verhindern und somit die Anarchie. Deshalb ist Ludwig XVI. für die Patrioten unverzichtbar.

Auch Gabriel de Riqueti, Comte de Mirabeau, befürwortet die konstitutionelle Monarchie. Er ist der wohl talentierteste Redner der Nationalversammlung und ein scharfer Kritiker des Ancien Régime. Aber im Gegensatz zu den Anführern der Patrioten wünscht er eine konstitutionelle Monarchie mit einem sehr starken König, der etwa durch sein Veto Gesetze verhindern kann. Einem König, der ihn, den Comte de Mirabeau, zum Minister ernennen soll. Mirabeau – dieser „Tribun der Aristokratie im Gewand eines demokratischen Abgeordneten“, wie der Schriftsteller François-René Chateaubriand höhnt – ist hoch verschuldet und bestechlich. Seit Mai 1790 berät der Graf den König und vertritt auch dessen Interessen. Dafür begleicht Ludwig XVI. Mirabeaus immense Schulden und lässt ihm eine üppige Monatsrente von 6000 Livres anweisen.

Noch hat der König Zugriff auf die Staatskasse. Erst ab Oktober 1790 werden seine Ausgaben aus einer „Zivilliste“ bestritten – genehmigt von der Nationalversammlung, verwaltet von einem Intendanten. Fortan ist Ludwig XVI. auf das Wohlwollen der Nationalversammlung angewiesen. Zug um Zug verliert er so weiter an Macht. Nach seinem Bekenntnis zur Revolution erweitert sich die Bewegungsfreiheit des Königs. Anfang Juni kann die königliche Familie in die Sommerresidenz Saint-Cloud vor den Toren von Paris reisen. Dort nimmt sie ihr früheres Hofleben wieder auf. Konzerte werden gegeben, Theaterstücke aufgeführt. Und endlich kann Ludwig XVI. wieder jagen. Erst am Morgen des 14. Juli 1790, dem ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille, fährt die königliche Familie zurück nach Paris. Der Regen fällt in Strömen. Überall in Frankreich wird gefeiert. In Paris, auf dem Marsfeld, ist alles bereit für einen gigantischen Gottesdienst der ganzen Nation: das „Föderationsfest“.

Abordnungen aus allen Departements sind nach Paris geladen. Die Feier soll die Föderationen, die im ganzen Land gegen die Feinde der Revolution und die unruhigen Volksmassen gebildet wurden, bekräftigen. Sie soll gleichzeitig zum Gründungsereignis des neuen Frankreich werden. 50 000 Mann unter Waffen und 300 000 Zuschauer haben sich auf dem Marsfeld eingefunden. Inmitten dieser gewaltigen Arena erhebt sich ein monumentaler Altar. Dort liest Talleyrand die Messe, und 300 Priester assistieren dem Bischof. La Fayette, der Kommandeur der Nationalgarde, legt als Erster den Eid am Altar des Vaterlandes ab. Um der Nation, dem Gesetz – und dem König – die Treue zu schwören. Die Menge ist begeistert: Monarchie und Freiheit sind eins. Und vielen Menschen muss es erscheinen, als finde an diesem 14. Juli 1790 die Große Revolution der Franzosen ihr grandioses Finale. Ein Detail trübt das Bild: Der König leistet seinen Eid auf die Nation nicht am Altar, sondern an seinem Platz. Unter einem Zeltdach und gegenüber dem Altar.

Aber weshalb dort? Wo er doch am Altar die Massen so leicht für sich gewinnen könnte. Manches spricht dafür, dass der Grund die Zivilkonstitution des Klerus ist: ein Gesetz, das nur zwei Tage zuvor verabschiedet worden ist – im Schatten der Vorbereitungen gewissermaßen. Ludwig ist gläubiger Katholik. Dieses Gesetz aber greift tief in die Rechte der Kirche ein: Fortan sollen die Pfarrer von ihren Gemeinden gewählt werden. Will der Staat die Grenzen der Diözesen bestimmen. Vielleicht ist die Tatsache, dass Ludwig den Eid an seinem Platz ablegt, der königliche Protest gegen dieses Gesetz. Denn mit der Zivilkonstitution hat der Zusammenbruch der alten Ordnung auch die Religion erfasst. Die Kirche soll entmachtet werden – zugunsten des Staates. Für den tiefgläubigen Monarchen möglicherweise der entscheidende Grund, nun endgültig die Flucht aus Paris zu planen. An der Zivilkonstitution zerbricht das Bündnis von Revolution und Klerus. Ludwig XVI. ist in auswegloser Lage: Als konstitutioneller König muss er das Gesetz unterzeichnen – es als katholischer König aber verhindern. Unterschreibt er, droht das Schisma mit Rom. Tut er es nicht, riskiert er den offenen Machtkampf mit den Revolutionären. Der König sucht Ausflüchte. Er laviert und schiebt auf. So geht das über Monate. Erst am 26. Dezember 1790 unterzeichnet er es schließlich doch.

Wie eine Lawine muss sie dem König erscheinen, diese Revolution. Eine Lawine, die alles zertrümmert. Im März 1791 wird ein Brief des ehemaligen österreichischen Botschafters in Paris an Marie-Antoinette abgefangen. Das Schreiben erinnert die Königin daran, „dass die Großmächte nichts umsonst tun“. Im Fall einer Intervention zur Wiederherstellung des Ancien Régime, schreibt der Diplomat, beanspruche Österreich Elsass und Lothringen. Und Spanien fordere Teile von Navarra. Nun hat die Nationalversammlung den Beweis: Die Monarchen Europas machen gemeinsame Sache! Koordiniert vom „österreichischen Komitee“ der Königin! Die Revolutionäre sprechen von Verrat und von Verschwörung.

Offiziell aber werden weder der König noch die Königin des Hochverrats beschuldigt. Weil die Patrioten den König ja brauchen für ihre konstitutionelle Monarchie. Und so treten deren Führer in gewisser Weise das Erbe des Comte de Mirabeau an, der am 2. April plötzlich stirbt und den sie oft und vehement als Vertrauten des Hofes attackiert haben. „Die Revolution ist vorüber“, beschwört Adrien Duport – ein populärer Wortführer der Patrioten – bald nach Mirabeaus Tod die Versammlung. „Nun gilt es, alle Exzesse zu bekämpfen.“

AM 18. APRIL 1791 schickt sich die königliche Familie an, Paris zu verlassen, um Ostern in Saint-Cloud zu feiern. Jetzt zeigt sich die Wirkung der Depesche des österreichischen Diplomaten. Nationalgardisten stellen sich der Kutsche bereits im Hof der Tuilerien in den Weg. Und entlang der Schlossgitter drängt sich das Volk und feuert die Garden an, den König, der offenbar flüchten wolle, aufzuhalten. Er muss aussteigen. Muss zurück ins Schloss. Tags darauf tritt Ludwig XVI. vor die Nationalversammlung. Aber seltsam: Er protestiert nicht gegen die Aktion der Garde. Der König geißelt vielmehr das Ancien Régime – und preist die Revolution. Er spricht von den Missbräuchen der absolutistischen Monarchie und davon, dass er sich mit Leib und Seele der Revolution verschrieben habe. Die Versammlung applaudiert. Jean-Paul Marat aber ist misstrauisch. Schöne Worte. Doch er ist sich sicher: Der Monarch bereitet insgeheim die Flucht vor.

„Unser Weg liegt darin“, erklärt sich Marie-Antoinette in einem Brief dem spanischen Botschafter, „im Strom zu schwimmen. Um unser Leben zu retten und hier um jeden Preis herauszukommen.“ König und Königin planen nun tatsächlich ihr Entkommen. Ihr Problem: Sie müssen aus einem Palast verschwinden, in dem weit mehr als 2000 Menschen arbeiten und wachen. Einem Schloss mitten in Paris. Dem Zentrum der radikalisierten Masse. Die Flucht teilen sie in mehrere Etappen. Zunächst muss es ihnen gelingen, aus dem Schloss zu verschwinden und heimlich zum Zolltor Saint-Martin im Nordosten der Stadt zu gelangen. Danach soll es auf die fast 300 Kilometer lange Strecke über Varennes nach Montmédy gehen. Nördlich von Montmédy, im Chateau Thonnelle an der Grenze zu den Österreichischen Niederlanden will sich der Monarch dann unter den Schutz dort stationierter königstreuer Truppen stellen.

Zu keinem Zeitpunkt denkt der Herrscher indes daran, Paris den Revolutionären zu überlassen. Ludwig hofft vielmehr, bald mit eigenen sowie ausländischen Armeen nach Paris zurückzukehren – zu seinem „guten Volk“. Die Koordination der Flucht übernimmt Marie-Antoinette – gemeinsam mit Axel von Fersen, einem schwedischen Grafen, dem sie, wie es heißt, auch amourös zugetan ist.

Im Frühjahr 1791 kommt es in den Räumen der Königin zu geheimen Besprechungen. Durch eine unbewachte Pforte ist es von Fersen möglich, Marie-Antoinettes Gemächer jederzeit ungesehen zu betreten. Helfer bauen im Schloss Geheimtüren ein, verpacken Schmuck und Teile der Garderobe. All das bleibt nicht gänzlich unbemerkt. Eine Palastdienerin informiert am 21. Mai den Pariser Bürgermeister über verdächtige Umtriebe. Der aber verwarnt die Königin nur. Dann wird der Tag der Aktion festgelegt: 20. Juni. Von Fersen besorgt die Kutsche für die Flucht, eine geräumige Reisekarosse: dunkelgrün, ausgelegt mit Leder und Taft, bespannt mit sechs Pferden. Sie wird in der Nähe des Zolltors Saint-Martin geparkt; die gefälschten Reisepapiere sind ausgestellt auf eine „Madame Korff“, deren Kinder und Gefolge.

Der 20. Juni 1791 verläuft in gespielter Normalität. Die königliche Familie geht zur Messe. Man speist, spielt Billard, geht spazieren, bringt die Kinder zu Bett. Um 22.30 Uhr, als wie jeden Abend viele Bedienstete das Schloss verlassen, beginnt das Abenteuer. Die Königin geleitet zuerst ihre Kinder durch die unbewachte Tür in den Hof, wo die Gouvernante Herzogin Louise-Elisabeth de Tourzel, alias Madame Korff, wartet. Dann zieht Marie-Antoinette sich zurück. Die Gouvernante führt den Prinzen und seine Schwester zu den Droschken, die sich wie stets abends entlang des Palastes aufreihen. Sie steigt mit den Kindern in einen Wagen, auf dem der als Kutscher verkleidete Graf von Fersen sitzt.

Elisabeth, die Schwester des Königs, verlässt das Schloss gegen 23 Uhr – ausstaffiert als Dienerin. Ohne Probleme erreicht sie die Kutsche. Nun soll ihr Bruder folgen. Doch der König wird aufgehalten, von La Fayette und dem Bürgermeister. Erst um 23.30 Uhr kann er die Männer verabschieden. Dann entlässt er den Kammerdiener, verkleidet sich mit Leinenweste und Hut als Bediensteter, schleicht zur Kutsche. Marie-Antoinette kommt als Letzte. Im Hof stößt sie fast mit La Fayette zusammen, der für die Sicherheit der Königsfamilie zuständig ist. Doch der Kommandeur erkennt die kostümierte Monarchin nicht. Um 0.30 Uhr setzt von Fersen die Droschke in Bewegung. Er wählt einen Umweg, um sich bei einem Helfer zu erkundigen, ob die Reisekarosse am vereinbarten Ort bereitsteht. Am Zolltor steigt die königliche Familie um in den komfortableren Wagen und setzt gegen 2.30 Uhr ihre Reise fort. Die Flucht aus dem Palast und aus Paris ist gelungen.

Die Pferde galoppieren auf der Hauptstraße in Richtung Osten. Nach einer halben Stunde erreicht die königliche Kutsche unbemerkt Bondy. Dort werden die Pferde gewechselt. Die Dämmerung naht, denn es ist die kürzeste Nacht des Jahres. Von Fersen verabschiedet sich. Die Arbeit des Grafen ist getan. Gegen vier Uhr, als die Sonne aufgeht, durchquert die Karosse die Champagne. Langsam fällt die Anspannung von den Flüchtenden ab. Gegen sechs Uhr ist man in Meaux. Jetzt, da der gefährlichste Teil hinter ihnen liegt, spüren sie ihren Hunger. Und während die Kutsche auf La Ferté-sous-Jouarre zurollt, nimmt die königliche Familie ein Frühstück ein. Mit den Fingern. Gegen sechs Uhr findet der Kammerdiener das Bett seines Herrn leer vor. Er schlägt Alarm. Erst läuft die Wachmannschaft zusammen. Und dann ganz Paris. Der König ist verschwunden! Um acht Uhr hält die Kutsche in La Ferté-sous-Jouarre. Die Luft ist warm, und der erste Tag des Sommers verspricht heiß zu werden. Nach dem Pferdewechsel geht es weiter in Richtung Montmirail.

Ludwig XVI. bittet andere Monarchen, ihn zu retten

In Paris tritt um neun die Nationalversammlung zusammen. Zunächst übernimmt sie die Exekutivgewalt. Bestürzt gibt der Parlamentspräsident Vicomte Alexandre de Beauharnais eine Erklärung ab: Ludwig XVI. ist entführt worden! Von Gegenrevolutionären! Denn so wollen die Gegner des Volkes die größte Errungenschaft der Revolution vernichten: die konstitutionelle Monarchie.

Die Idee, die Flucht als eine Entführung auszugeben, stammt wahrscheinlich von Bürgermeister Bailly, Vicomte de Beauharnais und La Fayette, der den Patrioten nahe steht. Doch dann taucht der Justizminister auf, in den Händen ein Schreiben aus der Feder Ludwigs. Der König hat es offen und demonstrativ auf seinem Schreibtisch zurückgelassen. Für die Nationalversammlung. Für das französische Volk. Umständlich legt Ludwig in seinem Brief dar, dass er alle revolutionären Dekrete und Gesetze nur unter Zwang signiert habe. Und dass er sich in Paris als Gefangener fühle. Die Abgeordneten sind sprachlos. Vor allem darüber, dass der König sein Doppelspiel auch noch schriftlich eingesteht. Und in diesem Moment ahnen im Grunde viele in der Versammlung, dass dies das Ende der Monarchie ist. Denn wie soll dieser Ludwig der König einer Verfassung sein, die er verachtet? Doch am Ende schließt sich die Mehrheit der Version ihres Präsidenten an – in der vagen Hoffnung, so die Errungenschaften der Revolution retten zu können. Gegen 11 Uhr erreicht die königliche Familie die Stadt Montmirail, 100 Kilometer von Paris entfernt. Nach und nach verwandeln sich die Flüchtenden in Reisende. Zwar erregt ihre luxuriöse Kutsche die Neugier der Bauern und Kleinstädter. Aber solche Gefährte haben sie seit der Revolution viele gesehen auf der Straße nach Osten.

Der König fühlt sich bereits sicher. Ohnehin glaubt er nicht, dass die Revolution jenseits der Stadtgrenzen von Paris große Sympathien genießt beim Volk. An den Poststationen steigt er aus und vertritt sich die Beine. Einmal unterhält er sich sogar mit Bauern. Um 15 Uhr hält die Kutsche in Châlons-sur-Marne. Der Wechsel der Pferde zieht sich ungewöhnlich lange hin, und Madame Elisabeth wird misstrauisch. Sie ist sich sicher: „Wir sind ganz und gar erkannt worden.“ Erst um 16.30 Uhr geht es weiter. Nach Somme-Vesle und dann in Richtung Sainte-Menehould. In Sainte-Menehould verbreitet sich das Gerücht blitzartig: Der König ist da! Doch auch hier kann die Familie gegen 20.30 Uhr ihre Flucht mit frischen Pferden unbehelligt fortsetzen. Die Reisenden wissen nicht, dass es nach ihrer Abfahrt in Sainte-Menehould zu einem Tumult kommt. Und sie ahnen nichts von dem Reiter, der sie irgendwann im Galopp überholt.

Gegen 23 Uhr taucht dieser Reiter – es ist Jean-Baptist Drouet, der Postmeister von Sainte-Menehould – in Varennes auf. Er behauptet Ungeheuerliches. Der König versuche zu fliehen! In Kürze werde er Varennes passieren. Und man müsse die Kutsche aufhalten. Für das Wohl der Nation! Für die Revolution! So wiegelt der Postmeister die Männer in einer Kneipe auf. Er kann sie überzeugen. Einige von ihnen sind Nationalgardisten – Freiwillige, die vor zwei Jahren beim Fest der Föderierten in Paris dabei waren. Und es gibt sogar einen Klub der Jakobiner in Varennes. So ist die Revolution selbst in diesem kleinen Ort am Rand der Argonnen tiefer verankert, als Ludwig XVI. vermutet. Die Männer der Nationalgarde von Varennes eilen mit Drouet zur einzigen Brücke der Stadt, die über das Flüsschen Aire führt. Mit einem Wagen, auf dem Möbel gestapelt sind, versperren sie die Brücke. Nun ist der Weg blockiert.

Dann hält die Kutsche in Varennes. Der Bürgermeister leuchtet mit einer Laterne ins Innere der Karosse. Sechs Personen, zwei Kinder, drei Frauen, ein Mann. Den König vermag er in dem fülligen Mann nicht zu erkennen. Auch die Reisepapiere der Madame Korff scheinen in Ordnung zu sein. Der Bürgermeister will die Kutsche schon ziehen lassen, doch Drouet insistiert: Das ist der König! Und wer ihn entkommen lässt, ein Hochverräter! So werden die Insassen gedrängt, auszusteigen. Weil es leider schon zu spät sei, die Papiere genauer zu prüfen. Man offeriert den Fremden das Haus des Bürgermeisters zur Nacht. Und dort erkennt ein Richter aus Varennes, der Ludwig XVI. bei mehreren Anlässen gesehen hat, den König wieder. Ohne jeden Zweifel. Der Monarch gibt sein Inkognito auf. Er habe aus Paris fliehen müssen, sagt er, weil fanatische Jakobiner die Stadt übernommen und das Leben seiner Familie gefährdet hätten. Nun müsse man ihm helfen. Die Pferde wechseln. Den Weg freigeben. Doch die Flucht ist zu Ende. Denn die zwei Jahre Revolution haben Frankreich vollkommen verändert. Früher hätte die Präsenz des Herrschers die Menschen von Varennes einfach überwältigt. Niemals hätten sie seinem Befehl offen zuwidergehandelt. Jetzt aber kann selbst ein Postmeister den König gegen dessen Willen aufhalten.

Die Nationalgardisten senden Boten aus in alle Richtungen: Bürger und Bauern der Umgebung sollen nach Varennes eilen und selber Kuriere in weitere Dörfer und Städte schicken. Damit der König sicher in den Händen des Volkes ist. Bis Verantwortliche kommen, um über sein Schicksal zu befinden. Und als um zwei Uhr der Eilbote nach Paris zur Nationalversammlung aufbricht – mit der Nachricht: Der König ist in Varennes! –, treffen bereits von überall her Menschen ein. Die gesamte Region gerät in Bewegung. Am Morgen sind Tausende in der Stadt. Für den Monarchen und seine Familie muss das, was nun folgt, wie ein Déjàvu sein. Denn unter den Rufen: „Nach Paris! Nach Paris!“ setzt sich die Karosse schließlich wieder in Bewegung. Nach Westen. Begleitet von Nationalgardisten. Und inmitten einer derartig großen Menschenmasse, dass die königliche Kutsche wie ein Stück Treibholz in einem Meer wirkt. Paris erwartet Ludwig XVI. in ungewöhnlicher Stille. Das Volk entlang der Straßen schweigt. Wie bei einem Begräbnis.

Mit der gescheiterten Flucht des Königs bricht die Revolution auseinander. Ein Graben, tiefer als je zuvor, trennt die Lager: konstitutionelle Monarchisten gegen Republikaner. Selbst den Klub der Jakobiner zerreißt diese Front. Die Anhänger eines eingeschränkten Königtums verlassen ihn und tagen künftig im ehemaligen Kloster der Feuillants (Zisterzienser). Die Jakobiner – das sind jetzt die Republikaner um Robespierre. Viele fordern die Absetzung des Königs. Doch die Mehrheit in der Nationalversammlung beharrt nach wie vor auf einer konstitutionellen Monarchie. Denn sie wollen die Revolution jetzt beenden – und nicht mit der Ausrufung der Republik erneut anfachen. Wie aber stoppt man eine Revolution?

AM 17. JULI 1791, knapp vier Wochen nach der gescheiterten Flucht des Königs, versammeln sich Tausende von Republikanern auf dem Marsfeld. Am „Altar der Nation“ unterzeichnen sie eine Petition für die Wahl einer neuen Nationalversammlung.

Umzüge, Trommeln, aufgeputschte Massen und schließlich ein neues, womöglich radikaleres Parlament: All das wäre der Albtraum für die monarchistisch gesinnte Mehrheit der Deputierten. Um einen vermeintlichen Aufruhr zu verhindern, rufen sie unverzüglich das Kriegsrecht aus und setzen die Nationalgarde in Marsch, Richtung Marsfeld. Dort werden Unterschriften gesammelt; 6000 Republikaner haben die vom Klub der Cordeliers verfasste Petition bereits unterzeichnet, als die Truppen eintreffen: 10 000 Mann unter dem Kommando La Fayettes. Die Demonstranten werfen Steine auf die Soldaten. La Fayette befiehlt: Feuer! Es gibt viele Verletzte und mindestens 15 Tote. Zum ersten Mal haben Revolutionäre auf Revolutionäre geschossen.

Aber lässt sich so die republikanische Rebellion stoppen? Ludwig XVI. lebt nun fast wie in einem Gefängnis: Wachen in den Gärten, Wachen vor den Fenstern, Wachen auf dem Dach. Selbst Spaziergänge sind untersagt. Und der König weiß: Daran wird sich nichts ändern – bis die Konstitution unterzeichnet ist. Die Verfassung vom Herbst 1791 schreibt die konstitutionelle Monarchie fest, die de facto längst das politische Geschehen in Frankreich bestimmt. Die Souveränität des Königtums geht nun auch de jure über an die Nation. Und der Regent ist jetzt absetzbar – bei Hochverrat oder wenn er das Land ohne Erlaubnis der Nationalversammlung verlässt. Zwar liegt die Exekutivgewalt formal weiterhin bei Ludwig XVI. – tatsächlich aber muss der König die Entscheidungen der Legislative ausführen lassen.

Nur durch sein aufschiebendes Vetorecht kann er Beschlüsse des Parlaments für maximal zwei Legislaturperioden blockieren. Er ernennt zwar die der Nationalversammlung verantwortlichen Minister, aber für jede seiner Entscheidungen braucht er deren Unterschrift. Auch in der Außenpolitik muss der König die Macht mit dem Parlament teilen: Über eine Kriegserklärung befindet die Nationalversammlung auf seinen Vorschlag. Die gesetzgebende Gewalt wird jetzt von einer nach dem Zensuswahlrecht bestimmten Versammlung ausgeübt. Und die Väter der Konstitution – Patrioten vor allem – haben festgelegt: Nur Männer, die mindestens 25 Jahre alt sind, dürfen die Wahlmänner bestimmen. Jeder, der jährlich weniger als zwei Livres an direkten Steuern abführt, ist ausgeschlossen von der Wahl des Parlaments. So erklärt die Verfassung von 1791 die Armen – etwa ein Drittel der erwachsenen Wählerschaft – zu Bürgern zweiter Klasse.

Am 14. September 1791 gibt der König seinen Segen zu der neuen Konstitution. Die Zeremonie im Manège-Saal ist demütigend. Es gibt keinen Thron für den Monarchen, nur einen Sessel. Demonstrativ behalten die Abgeordneten ihre Hüte auf. Demonstrativ setzen sie sich, während er den Eid spricht. Nun ist Frankreich auch formal eine konstitutionelle Monarchie. Und der königlichen Familie ist das Flanieren in den Gärten wieder gestattet. Am 1. Oktober tritt nach einer Wahl gemäß dem Zensusrecht das neue Parlament zusammen: die Assemblée législative (Gesetzgebende Versammlung. Rechts im Manège-Saal nehmen 264 Deputierte Platz: die gemäßigten Monarchisten. Links weitere 136 Volksvertreter: die Republikaner. Dazwischen sitzen die Unabhängigen: 345 Abgeordnete, die wechselnd abstimmen. Die Anreden „Majesté“ und „Sire“ sind fortan untersagt. Die Abgeordneten sitzen, wenn der Monarch spricht, und behandeln ihn mit größtem Misstrauen. Doch er hat überlebt. Allerdings nur, weil man eben einen König braucht in einer konstitutionellen Monarchie. Und was tut Ludwig für die Verfassung, die sein politisches Überleben ermöglicht? Nichts.

Der König gibt den Ministern keinen Auftrag. Der König hat kein politisches Programm. Nur gegen Beschlüsse der Versammlung legt er wiederholt sein Veto ein. Ansonsten lässt er alles treiben. So diskreditiert sich die verfasste Monarchie selbst. Das Volk aber radikalisiert sich weiter. In der Pariser Stadtverwaltung haben Ende 1791 kompromisslose Republikaner das Sagen, und aus Gründen der „revolutionären Wachsamkeit“ beginnen die Menschen nun einander zu bespitzeln und zu denunzieren. Ausländische Herrscher erklären die Sicherheit des Königs zu ihrer Angelegenheit. In Paris ist bald von Krieg die Rede: Europas Monarchien gegen Frankreichs Revolution. Eine Gruppe republikanischer Abgeordneter drängt den König zum Präventivschlag. Wenn man den Großmächten Zeit ließe, sich gegen Frankreich zu verbünden, so argumentieren sie, wäre der Kampf schon verloren. Am 20. April 1792 erklärt die Gesetzgebende Versammlung auf Antrag Ludwigs Österreich den Krieg. Zuvor aber hat der König einen Geheimkurier nach Wien gesandt. Um Kaiser Franz II., den Neffen seiner Frau, zu informieren, dass er, Ludwig XVI., den Sieg des Kaisers wünsche, damit er so die Macht wiedergewinne.

Erste Gefechte der Franzosen, die in den Österreichischen Niederlanden angreifen, enden in verheerenden Niederlagen. Ganze Regimenter der französischen Armee laufen über zum Feind. Die prekäre Kriegslage mobilisiert die Gegner der Monarchie. Der Ton gegen den König, gegen den Feind im Inneren, wird immer schärfer. In Paris organisieren radikale Mitglieder der Stadtverwaltung und der politischen Klubs eine bewaffnete Volksbewegung: die der Sansculotten, der „Ohne-Hosen“, die keine Kniehosen, sondern lange Beinkleider tragen und so den Bruch mit wohlhabendem Bürgertum und Adel schon durch ihre Kleidung verraten.

In den frühen Morgenstunden des 20. Juni 1792 sammeln sich in den Vororten der Hauptstadt die Sansculotten. 20 000 zählt die mit Äxten, Piken und Stangen ausgerüstete Menge. Unaufhaltsam wälzt sich der Zug in Richtung der Tuilerien. Die Gitter am Schloss sind dem Ansturm nicht gewachsen. Der König hält sich im Thronsaal auf, als die Menge eindringt. Er sitzt erhöht in einer Fensternische, und das Volk marschiert an ihm vorbei. Ludwig muss eine rote Freiheitsmütze aufsetzen. Er trinkt Rotwein aus der Flasche eines Aufständischen. Er hört sich Beleidigungen an, liest Banner mit der Aufschrift: „Erzittere, Tyrann, deine Stunde hat geschlagen!“, sieht Frauen und Männer, die mit kleinen Galgen winken. Das revolutionäre Defilee dauert den ganzen Tag über an. Erst abends lässt die Pariser Stadtverwaltung, die weitgehend in der Hand republikanischer Jakobiner ist, das Schloss räumen.

Ludwig ahnt, dass der Tag der Abrechnung mit der Monarchie naht. Und mit ihm die Stunde seines Prozesses. Deshalb vernichtet er diverse Schriftstücke und lässt in einem Korridor des Schlosses ein Geheimfach einbauen, um darin weitere Dokumente zu verstecken. Angesichts der Bedrohung von außen und innerer Unruhen ruft die Versammlung im Manège-Saal am 11. Juli 1792 den nationalen Notstand aus: „Das Vaterland ist in Gefahr!“ Unverzüglich melden sich Scharen von Kriegsfreiwilligen zur Verteidigung des Landes. Und zum Jahrestag des Föderationsfests von 1790 marschieren Nationalgardisten aus den Provinzen nach Paris. Erst Hunderte, dann Tausende: ein gewaltiges Heer, und die meisten dieser Gardisten sind Republikaner.

Das Schloss in Paris wird zur letzten Festung des Königs

Als Robespierre, der Anführer der radikalen Jakobiner, begreift, welche politische Macht diese Föderierten verkörpern, beschließt er, gemeinsam mit den Männern aus der Provinz die Absetzung des Königs und die Wahl eines neuen Parlaments durch alle Staatsbürger zu verlangen. Doch die von den gemäßigten Monarchisten dominierte Gesetzgebende Versammlung sperrt sich dagegen. Am 1. August wird in Paris das „Manifest“ des Herzogs von Braunschweig bekannt. Der Oberbefehlshaber der preußischen und österreichischen Truppen droht mit der „totalen Zerstörung“ von Paris, falls der königlichen Familie ein Haar gekrümmt werde. Nun haben die Führer der Volksbewegung endgültig genug von der Monarchie. Feindliche Truppen bedrohen im Namen Ludwigs XVI. Frankreich. Und der König und sein „österreichisches Komitee“ residieren im Schloss. Mitten in Paris! Mitten im Krieg!

SO FACHT DER KRIEG die Revolution nun an wie ein Sturm das Feuer. Denn die Pariser Republikaner bereiten den Volksaufstand vor. Eine zweite Revolution.

Aus den Gittern und den Eisentoren von Kirchen werden Waffen geschmiedet. Und in der Nacht vom 9. auf den 10. August 1792 läuten die Pariser Glocken Sturm. Die Massen sammeln sich. Nach und nach treffen am Morgen des 10. August im Rathaus Abgesandte aus den einzelnen Wahlbezirken ein. Sie rufen am Vormittag die Commune insurrectionelle aus, die Stadtverwaltung der Aufständischen. Eine Gegenregierung zur Gesetzgebenden Versammlung. Doch Jean Gaillot, Marquis de Mandat, der Befehlshaber der Nationalgarde und Nachfolger La Fayettes (der als Kommandeur an der Front steht) widersetzt sich. Daraufhin wird er ermordet und durch Antoine-Joseph Santerre ersetzt, einen Parteigänger der Cordeliers und begeisterten Republikaner. Auf das Schloss bei den Tuilerien schiebt sich das Volk nun in zwei so gewaltigen Marschkolonnen zu, als habe es vor, den Palast einfach zu zerquetschen.

Für den König kommt der Angriff nicht überraschend. Dieses Mal ist das Schloss gesichert. Eine Festung, verteidigt von den letzten loyalen Soldaten, die dem Hof noch verblieben sind: im wesentlichen 1200 Männer der Schweizer und Leibgarden. Die 2000 Nationalgardisten aber, die das Schloss und den König zusätzlich und im Namen der Revolution bewachen, flüchten oder laufen zu den Angreifern über. Angesichts der heranflutenden Massen flieht die königliche Familie. Zu Fuß und inmitten von Bewaffneten begeben sich der König, die Königin, die Kinder und Madame Elisabeth zum Manège- Saal, der nur drei, vier Fußminuten entfernt am Rand der Tuilerien liegt.

So wird um das leere Palais gekämpft. Über Stunden. Am Ende sind 600 Schweizer gefallen. Und auf Seiten der Aufständischen fast 100 Föderierte und 300 Männer aus den Pariser Bezirken. Und als das Volk gesiegt hat, beginnt eine mörderische Menschenjagd. Auf die überlebenden Schweizer, die letzten Verteidiger der Monarchie. Die königliche Familie sucht Zuflucht in der Gesetzgebenden Versammlung. Ein Deputierter bemerkt, dass die Verfassung die Anwesenheit des Königs bei Beratungen verbiete. Wohin also mit dem Monarchen, für den nirgendwo mehr Platz zu sein scheint? Die königliche Familie ist in Lebensgefahr. Deshalb beschließt die Gesetzgebende Versammlung, dem Monarchen Asyl zu gewähren. Doch dafür bleibt nur eine winzige Loge, der einzige abgetrennte Raum im Manège-Saal. Dort wird die Familie mehr verstaut als untergebracht. Unter dem Druck der Straße, eingeschüchtert vom Aufstand der Massen, verkünden die Deputierten schließlich: Ludwig XVI. ist suspendiert! Doch was tun mit dem lästigen König in der Loge?

Am Abend bringen Abgeordnete den Monarchen und dessen Familie in das neben dem Parlamentsgebäude gelegene Versammlungshaus der gemäßigten Monarchisten. Dort sind vier Zellen für die Flüchtlinge hergerichtet. Dienstboten bringen ihnen frische Kleider aus dem Schloss. Währenddessen stürzt das Volk Statuen des Ancien Régime von den Sockeln und zerstört Denkmäler. Am späten Nachmittag des 13. August wird die königliche Familie in den Temple gebracht. Begleitet vom Pariser Bürgermeister, eingezwängt in eine Hofkarosse und eskortiert von Nationalgardisten. Der Temple ist der einstige Sitz des Templerordens. Ein Gefängnis.

DIE KONSTITUTIONELLE MONARCHIE ist damit endgültig gescheitert. Aber im Grunde war sie es schon mit der Flucht des Königs. Nur wollten es die gemäßigten Monarchisten damals noch nicht glauben. Jetzt aber ist die Zeit auch ihrer Herrschaft unwiderruflich zu Ende. Und die Revolution überrollt nun jene, die mit dem König versucht haben, die Revolution aufzuhalten.

De facto verschiebt sich mit dem Volksaufstand vom 10. August die Macht von der Gesetzgebenden Versammlung hin zur Pariser Commune. Schon am 11. August ernennt die aufständische Stadtverwaltung einen Generalrat aus Vertretern der einzelnen Bezirke. Der funktioniert wie ein Gegenparlament zur Versammlung. Und er hat die Macht. Denn die Pariser Nationalgardisten und auch die Föderierten stehen hinter ihm. Doch dann überschreiten preußische Truppen am 19. August die Reichsgrenze. Paris gerät in Panik.

In dieser Stimmung rufen Robespierre, Danton und Marat zur Volksjustiz an „Verrätern“ auf. Es ist ein mörderischer Mob, den sie damit aufwiegeln. Vom 2. bis zum 6. September wüten Bewaffnete und Nationalgardisten in den Pariser Gefängnissen. In einem kollektiven Wahn aus Angst und Hass massakrieren sie mehr als 1100 Häftlinge. Diese Gefangenen sind angeblich Feinde der Revolution, Bundesgenossen der Emigranten und der alliierten Truppen – tatsächlich aber sind die Opfer zumeist Kleinkriminelle: Betrüger, Geldfälscher, Diebe, Prostituierte. Angesichts der veränderten Machtverhältnisse fasst die Versammlung im Manège-Saal den Beschluss, ein neues Parlament wählen zu lassen. Nach dem allgemeinen Männerwahlrecht. Die neue Volksvertretung, der Konvent, soll dann auch über das weitere Schicksal des Königs entscheiden. Am 20. September erringt die französische Armee bei Valmy überraschend einen Sieg über die Alliierten. Er rettet die Revolution – und besiegelt das Schicksal des Königs.

Am Tag nach dem Erfolg tritt zum ersten Mal das neu gewählte Parlament, der Konvent, zusammen, in dem nur noch Anhänger der Republik vertreten sind. Denn wer hätte es schon gewagt – während der Feind im Namen des Königs Frankreich besetzt und in den Gefängnissen selbst kleine Diebe als vermeintliche Gegner der Revolution ermordet werden – als Monarchist zu kandidieren? Immer mehr Anhänger des Königtums gehen ins Exil. So verkündet der Konvent am 21. September 1792 die Abschaffung des Königtums und ruft am 25. September die „eine, ungeteilte Republik“ aus. Damit beginnt eine neue Epoche. Und unausweichlich und drängender als je zuvor stellt sich in Frankreich die Frage: Was soll mit dem Ex-König geschehen?

FÜR LUDWIG XVI. beginnt nun der letzte Akt, der letzte Kampf. Der des Monarchen gegen die Republik.

Am 20. November 1792 wird im Schloss bei den Tuilerien sein Geheimfach entdeckt. Darin 625 Dokumente. Sie belegen: Der König hat Politiker bestochen. Er hat konspirative Kontakte zu Emigranten gepflegt. Er hat heimlich mit Österreich verhandelt. Aber rechtfertigt das allein schon eine Anklage gegen einen Monarchen, den die Verfassung von 1791 noch „heilig“ nannte und „unverletzlich“? Und wer klagt ihn an? Wer richtet ihn? Soll er ohne Prozess bestraft werden? Nach langen Diskussionen einigt sich der Konvent auf Folgendes: Ludwig wird angeklagt, und die Abgeordneten des Konvents werden über ihn richten. In einem öffentlichen Prozess. Eine Kommission sammelt die Beweise seiner Verbrechen, und diese sind die Grundlage der Anklage gegen den Monarchen. Der König kann seine eigenen Verteidiger wählen. Nach dem Plädoyer der Verteidigung fällt der Nationalkonvent dann sein Urteil – durch die Stimmabgabe eines jeden Deputierten.

Am 3. Dezember beauftragt der Konvent die parlamentarische Untersuchungskommission, die Anklagepunkte gegen den Bürger „Louis Capet“ zusammenzutragen. Ludwig XVI. gibt es nicht mehr. Der Monarch muss nun den Beinamen Hugos I. (940–996) tragen, seines ersten königlichen Vorfahren. Louis Capet erscheint nur zweimal vor seinen Anklägern. Am 11. Dezember, um die Anklage zu hören. Und am 26. Dezember, um seine Verteidigung zu präsentieren. Insgesamt etwas mehr als sechs Stunden.

Ludwig XVI. hat von Anfang an nicht die geringste Chance. Denn wenn der König für unschuldig befunden würde, hieße das zwangsläufig, dass die Revolution schuldig sein müsse – allein schon deshalb, weil die nun dominierenden Aktivisten der Revolution den Monarchen dann illegal vom Thron gestoßen hätten. „Ludwig muss sterben, weil das Vaterland leben muss“, fordert Robespierre deshalb vor den Abgeordneten. Am 11. Dezember 1792 beginnt die Sitzung des Konvents zur Verlesung der Anklage. Und als der König am frühen Nachmittag eingetroffen ist, eröffnet Bertrand Barère de Vieuzac, der Präsident der Versammlung, die Verhandlung: „Louis, die französische Nation beschuldigt Sie. Wir verlesen Ihnen nun die Anklage der Verbrechen, die Sie belasten.“

Der König vernimmt die Anklage. Ohne Verteidiger. Er muss sich anhören, dass er Hochverrat begangen und die Verfassung nur zum Schein angenommen habe. Dass er Parlamentarier wie den Comte de Mirabeau bestochen und geheime Korrespondenz mit Royalisten im Ausland geführt habe. Dass er aus Frankreich fliehen wollte und die Preußen zum Einmarsch in Frankreich aufgefordert habe. Und dass er schuld sei an den Kämpfen vom 10. August um das Schloss bei den Tuilerien. Es folgen noch etliche weitere Anklagepunkte – von der Bedrohung der Nationalversammlung bis zur Vernachlässigung des Heeres im Vorfeld der Kriegserklärung an Österreich. Nichts ist vergessen. Nichts ist vergeben. „Louis“, wendet sich Präsident Barère de Vieuzac schließlich an den Angeklagten, „das französische Volk klagt Sie an, eine Vielzahl von Verbrechen begangen zu haben. Um eine Tyrannei zu errichten. Und die Freiheit des Volkes zu zerstören. Was sagen Sie?“ „Es gab keine Gesetze, die mir das verboten hätten“, antwortet der König. Andere Vorwürfe seien unwahr, schlicht „absurd“. Um 17 Uhr endet die Sitzung, und Ludwig XVI. wird zurück ins Gefängnis gebracht.

Am 12. Dezember schickt der Konvent eine Abordnung zum Temple, damit Louis Capet seine Verteidiger benenne. Wegen der Kürze der Zeit werden ihm drei Anwälte zugestanden. Denn schon am 26. Dezember will die Versammlung die Verteidigung des Angeklagten Louis Capet im Manège-Saal hören. Vom 14. bis zum 25. Dezember konferiert der König täglich zwischen 17 und 21 Uhr mit seinen Anwälten. Jedes Beweisstück liest und prüft er selbst. Doch auch Ludwig XVI. weiß, dass dieser Prozess nicht zu gewinnen ist. Die öffentliche Verteidigung des Monarchen beginnt am 26. Dezember 1792. Um neun Uhr. Und der Manège-Saal ist mit Zuschauern gefüllt bis auf den letzten Platz. „Louis“, beginnt der Präsident der Versammlung, „der Konvent hat beschlossen, dass Sie heute endgültig gehört werden.“ „Mein Anwalt“, antwortet der König, „wird Ihnen meine Verteidigung verlesen.“ Zwei Stunden referiert Romain DeSèze, der jüngste der drei Advokaten.

Die Verteidigung argumentiert weitgehend formaljuristisch. DeSèze beruft sich auf die „heilige und unverletzliche Person“ des Königs, die den Monarchen vor Strafe schütze. Also könne Ludwig nur als Bürger angeklagt werden. Bürger müssten sich jedoch vor ordentlichen Gerichten, nicht vor dem Konvent verantworten. Und DeSèze verweist darauf, dass der König mit seiner erzwungenen Abdankung ja bereits bestraft worden sei, obgleich er gegen keinen Artikel der Verfassung verstoßen habe – niemand aber dürfe ein zweites Mal für die gleiche Sache bestraft werden.

„Haben Sie Ihrer Verteidigung noch etwas hinzuzufügen?“, fragt der Präsident des Konvents am Ende der Ausführungen DeSèzes den König. „Nein.“ In namentlichen Abstimmungen entscheidet der Konvent vom 14. bis 17. Januar 1793 über die Schuld des Angeklagten. Und daran besteht für die überwältigende Mehrheit der Abgeordneten kein Zweifel. „Louis Capet, letzter König der Franzosen, ist schuldig der Verschwörung gegen die Freiheit der Nation“, verkündet schließlich der Sprecher des Konvents. Doch die Entscheidung über das Todesurteil fällt knapp aus. 387 Abgeordnete stimmen für die Guillotine, 334 dagegen. In seinen letzten Tagen versinkt Louis Capet häufig in lange Meditationen. Er betet viel. Und beinahe ist es, als lebe der Mann, der einmal König von Frankreich war, schon in einer anderen Welt.

AM 21. JANUAR 1793 wird der Verurteilte im Temple um fünf Uhr geweckt. Nach dem Ankleiden nimmt er gegen sechs an der Morgenmesse teil. Sie wird von Abbé Edgeworth gelesen, einem aus Irland stammenden Priester. Zum letzten Mal empfängt der Ex-König die Kommunion.

Gegen 8.30 Uhr erscheint Santerre, der Befehlshaber der Nationalgarde, um den König zu holen. Anderthalb Stunden dauert die Fahrt in der Kutsche vom Temple zur Place de la Révolution. Alle Läden sind geschlossen. Und ein schweigendes Spalier aus Zehntausenden von mit Gewehren und Piken bewaffneten Männern säumt den ganzen Weg. Etwa um zehn Uhr erreicht der Wagen die Place de la Révolution. Der Henker Charles-Henri Sanson notiert in seinem Tagebuch: „Der König saß hinten rechts, ihm zur Seite ein Priester, sein Beichtiger. Auf dem Rücksitz befanden sich zwei Gendarmen.“ Zuletzt steigt der König aus der Kutsche. „Würdiger, ruhiger und majestätischer, als ich ihn nur je in Versailles und in den Tuilerien gesehen hatte“, notiert Sanson. Der Henker des Königs ist heimlicher Anhänger der Monarchie. Um 10.22 Uhr ist alles vorüber. Und Männer und Frauen durchbrechen die Reihen der Nationalgardisten, um mit Taschentüchern das Blut des Geköpften aufzuwischen. Fast so, als könnten erst die blutigen Tücher sie davon überzeugen, dass das Unglaubliche tatsächlich geschehen ist …

Neun Monate später, am 16. Oktober 1793, wird auch Marie-Antoinette hingerichtet. Wegen Hochverrats. Der Henker führt die einstige Königin wie eine Ziege am Strick zu dem Karren, der sie zur Guillotine an der Place de la Révolution bringt. Um 12.15 Uhr präsentiert ein Henkersknecht dem Volk den Kopf. Im folgenden Jahr stirbt auch Madame Elisabeth auf dem Schafott. Der Sohn Ludwigs XVI. – der Dauphin Louis Charles, von Royalisten als Ludwig XVII. verehrt – stirbt am 8. Juni 1795 im Temple, zehn Jahre alt, an Tuberkulose. Seine Schwester Marie Thérèse Charlotte wird noch im selben Jahr an den österreichischen Hof übergeben – im Austausch gegen Gefangene. Sie überlebt ihren Bruder um 56 Jahre und stirbt erst 1851. Die Dynastie der Bourbonen erlischt indes nicht. Ludwigs Brüder, die während der Revolution im Exil bleiben, erneuern nach der Abdankung Napoleons 1814 die Herrschaft ihrer Familie: Sie regieren als Ludwig XVIII. (1814/15 bis 1824) und Karl X. (1824 bis 1830).

Doch weil Karl das Ancien Régime restaurieren will, zwingen ihn aufgebrachte Bürger schließlich zum Verzicht auf die Krone. Nicht besser ergeht es dessen Nachfolger, dem „Bürgerkönig“ Louis-Philippe, den das Parlament auf den Thron hebt. Dem ursprünglich liberalen Verwandten Karls wird sein beharrliches Festhalten am wieder eingeführten Zensuswahlrecht zum Verhängnis. Nach einer erneuten Revolution im Februar 1848 flieht Louis-Philippe nach Großbritannien. Damit endet die Herrschaft des Bourbonengeschlechts über Frankreich für immer.

5. Die Zeit der Terreur. Tugend oder Tod.

Das fünfte Jahr der Revolution markiert den düsteren, mythenumwobenen Höhepunkt der Umwälzung, die Frankreich erschüttert: Es ist die Zeit der Terreur , der Schreckensherrschaft radikaler Republikaner. Die Zeit der begnadeten Polemiker Danton und Marat. Des jugendlichen, kaltherzigen Anklägers Saint-Just. Die Zeit Robespierres, der die »Tyrannei der Tugend« organisiert. Doch am Ende, als buchstäblich jeder Bürger jederzeit um sein Leben fürchten muss, sammeln sich Verschwörer zum Gegenschlag Ein Denkmal der Aufklärung, des Fortschritts, der Humanität. Schon die Form der Maschine ist klarste Geometrie: ein Rechteck, ein Dreieck, ein Kreis. Die schräge Schneide passt sich perfekt der Verzahnung der Halswirbel an.

Ein Symbol des gesunden Menschenverstands. Vorbei die Zeit der schartigen Schwerter, des menschlichen Versagens, der langwierigen Pfuscherei mit Zangen, Radmartern und Scheiterhaufen. Schluss mit Barbareien früherer Zeiten – das flüssige Blei, das siedende Öl, das brennende Pechharz, das geschmolzene Wachs in den Wunden. Das Fallbeil schlägt zu im Rhythmus der neuen Zeit, arbeitet rationell wie die jüngst erfundenen Spinnautomaten in den Manufakturen. „Die Maschine wirkt wie der Blitz“, rühmt ihr geistiger Vater, der Arzt Joseph-Ignace Guillotin. „Der Kopf rollt, das Blut sprudelt, der Mensch ist nicht mehr.“ Die Guillotine ist ein Sieg der Vernunft, die auch der Revolution zur Welt geholfen hat. Sie spiegelt die Klarheit Voltaires, die Systematik des Enzyklopädisten Diderot. Die Revolutionäre haben sich daran gemacht, mit dem Aberglauben, der Pfaffenherrschaft, der Frömmigkeit alter Jahrhunderte aufzuräumen, haben Kirchenglocken zu Kanonen gegossen und Reliquien konfisziert. Haben 1793 den Bischof von Paris dazu genötigt, dem Glauben abzuschwören, haben 20 000 Priester zur Abdankung und 6000 zur Ehe gedrängt. Haben in der Kathedrale von Reims feierlich das Fläschchen mit dem geweihten Öl für die Königskrönungen zerschmettert und im Departement Nièvre die Friedhofstore mit der sachlichen Aufschrift geschmückt: „Der Tod ist ein ewiger Schlaf.“

Nicht einmal die Namen der Heiligen sind unversehrt geblieben: Die Stadt Saint-Étienne ist zur Commune des Armes geworden, zur „Gemeinde der Waffen“, Saint-Polgues zum „freien Felsen“, zum Roche-Libre. Die Pariser Straßen heißen jetzt Place de la Révolution oder Rue de l’Egalité. Auch die Monate tragen neue Namen, die dem Bürger die „Dinge und ihre Zusammenhänge“ schon beim Wortgebrauch vor Augen führen sollen: Da gibt es den Windmonat Ventôse, den Erntemonat Messidor oder den Weinlesemonat Vendémiaire. Und es zeigt nur den rasenden Takt dieser neuen Zeit, dass der Dichter Fabre d’Eglantine, einer der Schöpfer dieser Kalender-Revolution, ein halbes Jahr nach deren Verkündung selbst auf der Guillotine sein Leben lässt.

Denn die „Tyrannei der Vernunft“ ist, wie der in Paris gestrandete deutsche Revolutionär Georg Forster prophezeit, „die eisernste von allen“. Sie ist die letzte Etappe der revolutionären Schreckensherrschaft, die als la Terreur in die Geschichte eingehen wird. Aus der tiefsten Krise der Revolution heraus haben radikale Republikaner 1793 den Weg der Verfassung verlassen und über Notstandsmaßnahmen nach und nach ein diktatorisches Regime errichtet. In knapp anderthalb Jahren vollstrecken die Revolutionäre 16 508 offizielle Todesurteile, werden Zehntausende weitere Franzosen ohne Verfahren hingerichtet. Insgesamt sind es vielleicht an die 40 000 Menschen, die der Schreckensherrschaft zum Opfer fallen. Mehr als 500 000 Bürger landen aus politischen Gründen im Gefängnis.

WIE VERNÜNFTIG, wie notwendig die „Tyrannei der Vernunft“ wirklich war, beschäftigt Historiker bis heute. Es gibt Gelehrte, die den Schrecken als Notwehr beschreiben, als Reaktion auf die Kriege, die im Inneren des Landes und jenseits der Grenzen toben. Die Maschinerie der Terreur entsteht in der Krise des Frühjahrs 1793, als die Koalition der europäischen Monarchen Frankreichs Truppen aus dem im Vorjahr eroberten Belgien vertreibt, der geschlagene General Dumouriez seine Soldaten zum Staatsstreich gegen Paris aufzuwiegeln versucht und im Westen des Landes der Guerillakrieg von Handwerkern und Bauern gegen die revolutionäre Verwaltung entbrennt (siehe Seite 126).

Der Konvent, die im September 1792 gewählte Volksvertretung, richtet daraufhin ein Revolutionstribunal ein: ein Sondergericht zur Verurteilung von Gegnern der Revolution. Überwachungskomitees sollen in den Bezirken Verräter und Konterrevolutionäre aufspüren, ein neu eingerichteter Parlamentsausschuss die staatliche Verwaltung überwachen. Im Sommer 1793 stehen gut zwei Drittel der 80 Departements im Aufstand gegen das revolutionäre Paris. Im Norden und Osten des Landes dringen die Armeen der deutschen Fürsten nach Frankreich ein, im Süden sardische und spanische Truppen. Im August stellt sich die Hafenstadt Toulon gar unter den Schutz der britischen Flotte. „Überall“, klagt Maximilien-François- Marie-Isidore de Robespierre, einer der Köpfe der radikalen Republik, habe er „Verräter zu enttarnen, mit dem Gold fremder Mächte bezahlte Agenten zu vernichten“. Müsse er „alle Tyrannen bekämpfen, alle Verschwörer einschüchtern“. Kurz: „das Gewicht von ganz Europa tragen“.

Tatsächlich schnüffeln zu diesem Zeitpunkt Spione im Auftrag der Alliierten durch Paris, korrespondieren mit den geflüchteten Bourbonen, zetteln Komplotte an, um den inhaftierten Thronfolger zu befreien. Korrupte Beamte höhlen die Ämter aus, Spekulanten ziehen Gewinn aus dem Elend des Volkes. Die Terreur macht dem, so sehen es manche Historiker, eine Ende: Als die Schreckensherrschaft schließlich vorbei ist, hat die Revolution überlebt, sind die fremden Truppen vertrieben, kontrolliert Paris wieder das ganze Land.

Andere Forscher geben dagegen zu bedenken, dass sich die Terreur fast immer nach Siegen gezeigt hat. Im Frühsommer 1794 jedenfalls, als die Schreckensherrschaft in ihre blutigste Phase eintritt, stehen keine fremden Truppen mehr auf Frankreichs Boden. Nirgendwo im Land begehren noch Rebellen gegen die Zentralregierung auf. Die Historikerin Mona Ozouf kommt deshalb zu dem Schluss, dass „die Art der Verbindung zwischen Krieg und Terreur, die oft ziemlich nachlässig aufgestellt wird, überhaupt nicht klar ist“. Doch es ist Tatsache, dass die Terreur am heftigsten in den Bürgerkriegsgebieten im Westen und im Südosten wütet. In Nantes, wo mehr als 2000 „Verräter“ in der Loire versenkt werden („Was für ein revolutionärer Strom“, schwärmt anschließend der Kommandant). In Lyon, wo 2000 „Verdächtige“ im Feuer der Exekutionskommandos sterben.

ES SIND DURCHWEG Männer des Geistes, die in der Hauptstadt die radikale Revolution orchestrieren und organisieren. Die meisten von ihnen haben sich vor der Revolution mühselig als kleine Rechtsanwälte durchs Leben geschlagen, gequält von dem ewig unerfüllten Drang nach Höherem. Das Ancien Régime hatte für ihren Scharfsinn kaum Verwendung. Die Revolution hat ihnen ein neues Leben geschenkt.

Unter ihnen sind aber auch erfolglose Schriftsteller wie Louis-Antoine-Léon de Saint-Just, der als Jüngling wenig gelesene Poeme verfasst hat und gleich in seiner Jungfernrede vor dem Konvent im November 1792 alle Wucht seiner Sprachgewalt aufbringt, um den unverzüglichen Tod des Königs zu fordern. Oder Journalisten wie Jean-Paul Marat, der Herold des Schreckens, der als Arzt und Physiker gescheitert ist und nach der Wende der Republik Gewaltkuren verschreibt. Als Herausgeber des „Volksfreunds“ ist er nun Herr über die öffentliche Meinung. Die Mehrheit aber bilden Juristen – wie Maximilien Robespierre, der bittere Musterschüler der Gerechtigkeit, der sich nach Jahren als Anwalt in der Provinz nun der Politik zugewendet hat. Seine Wähler haben ihn 1789 zunächst in die Generalstände, im September 1792 dann in den Konvent gebracht, wo er schnell zum Kopf des radikalen Flügels aufgestiegen ist. Den „Unbestechlichen“ nennen sie ihn, den „Tugendhaften“.

Als Abgeordneter der Nationalversammlung ist der Kleinbürger mit dem Zitronengesicht und dem nervösen Zwinkern im Auge, der gern häkelt und vor jedem öffentlichen Auftritt Lampenfieber bekommt, anfangs ausgelacht worden, wenn er mit erhabener Würde seine kalten Brandreden Wort für Wort vom Blatt ablas. Doch im Jakobinerklub, einem politischen Verein der Intellektuellen, Literaten und Künstler, hat der zölibatäre Asket mit dem Hang zu Selbstbestrafung und kühn gemusterten Westen seine Heimat gefunden. Hier schwingt er seine endlosen Reden, preist die Moral und die Tugend. Hier erringt er die Führung über die zeitweise rund 2000 Filialen und Partnerorganisationen des Klubs, der schon seit 1789 die öffentliche Meinung beherrscht. Denn der Jakobinerklub ist keine Splittergruppe, sondern die Revolution selbst. Er bereitet die Beschlüsse des Konvents vor, des Parlaments und lädt Abgeordnete zum Rapport. Von einem der zahllosen politischen Klubs der Wendezeit ist er zum obersten think tank der Aufständischen geworden.

IM FRÜHJAHR des Jahres 1794, nach Monaten der Schreckensherrschaft, scheint Robespierre endgültig zum Herr über Leben und Tod geworden zu sein. In den vergangenen Monaten hat sich die Republik in eine Diktatur des Schreckens verwandelt, die er nun mit seiner Ideologie der Tugend rechtfertigt: „Die Erweiterung der Tugend heißt Terreur.“

In einem Flügel des Tuilerien-Schlosses leitet er den im April 1793 gegründeten Wohlfahrtsausschuss, der nun für „alle notwendigen Maßnahmen zur inneren und äußeren Verteidigung der Republik“ zuständig ist. Der Konvent hat ihn eingerichtet, um die Kriegsanstrengungen zu koordinieren und alle Verwaltungsbehörden zu kontrollieren. Doch schon im Herbst 1793 ist der Wohlfahrtsausschuss, ermächtigt durch das Parlament, zum wichtigsten Exekutivorgan der Republik geworden – und zum Kraftwerk der Terreur. Jeden Morgen um sieben Uhr betritt Robespierre die Amtsräume, liest vor der ersten Sitzung um zehn Uhr Depeschen, studiert Heeresberichte, unterzeichnet Erlasse. Neben den meistens zwei Sitzungen am Tag, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden und bis ein oder zwei Uhr morgens dauern können, neben den Versammlungen im Konvent und den Treffen der Jakobiner brütet er viele Stunden am Tag über Akten, bearbeitet Eingaben und Berichte, überwacht Armee und Minister. Und füttert die Guillotine.

„Die Maschine“, hat ja der menschenfreundliche Doktor Guillotin gesagt, „wirkt wie der Blitz.“ Und so kulminiert das siècle des lumières , das „Jahrhundert der Lichter“, wie das Zeitalter der Aufklärung in Frankreich heißt, in einem mörderischen Wetterleuchten. „Die Völker richten nicht wie Gerichtshöfe“, hat Robespierre angekündigt, „vielmehr werfen sie mit Blitzen um sich.“ Fast täglich lässt sich der Tod auf der Place de la Révolution (der heutigen Place de la Concorde) bei der Arbeit zusehen. Hinrichtungen steigen wie Bühnenstücke, vereinen den Pöbel mit den eleganten Schaulustigen, die ihre Damen ausführen. „Beinahe alle haben feine Lorgnons und wechseln oft den Platz, um den Punkt zu finden, von dem aus sie am besten sehen können“, heißt es in einem Polizeibericht: „Die einen sind auf Stiegen geklettert, die anderen auf Wagen, für fünf Sous den Platz.“

Bei Hinrichtungen besonders prominenter Opfer stehen für das zahlende Publikum auch Bänke und Gerüste bereit. Die Champs-Elysées, so berichten Zeitgenossen, quellen über von Buden, Schaustellern, Gelächter. In einem Restaurant auf der Terrasse des Tuileriengartens, das „Wirtschaft zur Guillotine“ genannt wird, stehen die Namen der Hinzurichtenden auf der Speisekarte, so erzählt man sich, und mitunter unterhält ein Henkersknecht das Publikum vor der Ankunft der Delinquenten mit Possen und Grimassen. Angesichts der Dramen der Terreur sind die Tragödien der Pariser Theater, in denen die Dolche aus Pappe sind und der Tod nur eine Pose ist, vielen Zuschauern längst zu fade geworden.

Der erste Akt in dem Schauspiel mit der Guillotine ist der Zug auf dem Wagen vom Gefängnis zum Schafott, der anderthalb bis zwei Stunden dauert. Im Schritttempo pflügen die Pferde durch die Menschenmenge; die Haare der Delinquenten sind kurz geschnitten. Es gibt Unerschrockene, die auf dem Wagen tanzen, lachen, Witze machen oder das Publikum verhöhnen. „Wartet nur, bald seid ihr auch dran“, rufen sie, oder: „Adieu, ihr Hungerleider!“ „Wenn wir auch kein Brot haben“, geben die Zuschauer zurück, „so wirst du schon zu fühlen bekommen, dass wir dafür das Messer haben.“ Die Guillotine schafft Raum für Heroismus, große Gesten, antike Gebärden. „O Freiheit!“, rufen die Verurteilten etwa: „Wie viele Verbrechen werden in deinem Namen begangen!“ Es gibt Angeklagte, die schon im Gefängnis für die Hinrichtung üben, um im Ernstfall eine gute Figur zu machen.

Spitzel, Denunzianten und Eiferer überwachen jeden Bürger. Überall Misstrauen und Angst

Damen greifen vor dem Schafott noch einmal zu Schminkdose und Puderquaste. Der Herzog Philippe von Orléans, ein Cousin des Königs, der sich der Republik zuliebe „Egalité“ genannt hat, wirft sich für den Tod nach der neuesten Mode in Schale: grüner Frack, helle Piquéweste, gelbe Hirschlederhose und nagelneue Stulpenstiefel. Manche Delinquenten dichten eigens für den letzten Auftritt „Guillotinelieder“, die oft im Repertoire der Straßensänger weiterleben: „Wie tröstlich ist es doch fürwahr, / ein Vaterlandsopfer zu stellen dar.“ Oder: „Bald jedoch kommt der Moment, / wo jeder in das Messer rennt. / Wie erbaulich, erbaulich.“ Oder einfach: „Wiedersehen allerseits!“

Dann ist die Maschine dran und zeigt, was sie kann. Das feinere Publikum zückt seine Operngläser; fachmännisch begutachten die Zuschauer die Beson- nenheit der Henker, bewundern das Geschick, mit dem sie ihre Opfer an Armen und Beinen packen und bäuchlings auf das Brett drücken. Die übrigen Verurteilten dürfen mit dem Rücken zum Schafott auf ihren Tod warten, um nicht vom Anblick der sausenden Schneide beunruhigt zu werden: Selbst ein jakobinerfeindlicher Priester lobt die Henker für ihren „Anstand“, für „ihren beständigen Ernst“, ihren Verzicht auf „eine zum Lachen verzogene oder die Opfer beleidigende Miene“. Und zum Finale, wenn der Kopf in den Korb fällt und der Henker ihn in die Luft reißt, um ihn dem Volk zu zeigen, bricht das Publikum in Jubel aus: „Vive la République! Vive la Nation!“

SEIT AUSBRUCH DER REVOLUTION gibt es überall in der Stadt etwas zu sehen. Denn „die Revolution ist das Licht selbst“, wie der Revolutionshistoriker Jules Michelet im 19. Jahrhundert bilanzieren wird. Sie durchleuchtet Menschen und Dinge mit ihren unbarmherzigen Strahlen. Herrschte im Absolutismus die Geheimniskrämerei der Eliten, soll das Leben der Nation und ihrer Bürger jetzt transparent sein.

Die Jakobinerherrschaft will den durchsichtigen Menschen schaffen, der nichts zu verbergen hat. Die Auslagen der Buchhändler sind voll von Zeitschriften, deren höchste Aufgabe das Misstrauen ist – „Überwacher“ heißen sie, „Denunziant“ oder „Der hellsichtige Blinde“. Die Blätter wetteifern um die empörteste Anklage, um die Aufdeckung des heimtückischsten Verrats – im Dienst der Wahrheit und der Auflage. Und keiner jagt nach 1789 so unerbittlich wie der „Volksfreund“ des verkrachten Wissenschaftlers Jean-Paul Marat.

Marat, das allsehende Auge des Volkes! Er fordert Lynchjustiz für alle, die er der Kollaboration mit der Monarchie verdächtigt, und wenn Marats Arzt einen allzu schlimmen Artikel von ihm liest, macht er einen Hausbesuch und lässt ihn, so heißt es, zur Ader. Immer rasender wird der Blutdurst, den der „Volksfreund“ in seinen Anklagen zur Schau stellt: Genügen ihm noch im Juli 1790 rund 500 Menschenopfer für das „Glück der Nation“, korrigiert er schon im August den nötigen Blutzoll auf 600, um zum Ende des Jahres bereits 20 000 Köpfe zu fordern. Und im November 1792 schätzt er die Zahl der Verräter, die unter die Guillotine gehören, grob auf 270 000. „Ich bin der Zorn“, brüstet sich Marat, „der gerechte Zorn des Volkes.“ Keiner kümmert sich so gründlich um jedes Detail, deckt derart schonungslos auf, dass etwa der Marquis de La Fayette 15 000 Tabatieren mit seinem eigenen Porträt in Auftrag gegeben hat: „Da steckt etwas dahinter.“

DIE ANGST VOR dem politischen Gegner hat die Revolution von Beginn an begleitet. Schon seit 1789 schnüffelt ein comité des recherches im Auftrag der Stadt Paris nach „verdächtigen Personen“, sammelt Anzeigen von Dienerinnen, die an Zimmertüren gehorcht, oder von Wäscherinnen, die einen Zettel in einem Morgenmantel gefunden haben. Bläht, wo das Material nicht reicht, die dürren Indizien auf und erfindet Komplotte – nicht zuletzt, um seine eigene Existenz zu rechtfertigen. Nun, zur Zeit der Schreckensherrschaft, arbeitet das Kontrollsystem aus Spitzeln und Überwachungsausschüssen in den Bezirken, aus Polizei und dem zur Bekämpfung des inneren Feindes eingesetzten Sicherheitsausschuss lückenlos. Hausbesitzer, Pförtner und Gastwirte sind angehalten, Listen der Bewohner unter Nennung von Alter und Beruf anzuschlagen. Geschäftsleute nutzen die Denunziation, um Gläubiger oder Konkurrenten loszuwerden. Die Überwachungsausschüsse registrieren alle Schritte von Fremden oder sonstig verdächtigen Personen. Sie sind berechtigt, „Bürgerzertifikate“ auszu- stellen, die ihrem Inhaber patriotische Gesinnung bescheinigen und ohne die jede Reise so gut wie unmöglich ist.

Jacques-Louis David (1748–1825) ist der Maler des Umbruchs in Frankreich. Auch mit Werken, die zunächst unpolitisch erscheinen, löst er heftige Reaktionen aus. Berühmt wird er bereits vor der Revolution mit dem »Schwur der Horatier« von 1784. Das Gemälde illustriert eine antike Sage: Drei Brüder erhalten von ihrem Vater Schwerter, um gegen Männer einer verfeindeten Stadt ein Duell auf Leben und Tod auszufechten. So ersparen sie der Republik Rom einen Krieg. David verherrlicht hier kaum verhüllt Patriotismus, Opferbereitschaft, Brüderlichkeit als republikanische Tugenden – und gibt damit Ideale vor für die kommende Zeit

Die Schreckensherrschaft verteilt sich auf viele Schultern. Eiferer ziehen Unpolitische zur Rechenschaft („Gleichgültigkeit ist ein Verbrechen“, erklären sie) und klagen etwa in Bordeaux Leute mit Fremdsprachenkenntnissen als „gefährliche Aristokraten“ an. Klerus und Adel gelten pauschal als „verdächtig“; deren Angehörige können jederzeit verhaftet werden. Es gibt Vorsichtige, die aus Angst um ihre Sicherheit Jakobiner werden, und Wirte, die niemanden beherbergen, der längere Zeit die Stadt verlassen hat und jetzt im Ruch steht, womöglich ein schädlicher Emigrant zu sein. Denn die emigrés sind der innere Feind, der zum äußeren geworden ist. Schon im Herbst 1789 hat der Comte d’Artois, der jüngere Bruder des Königs, in Turin ein Komitee zum Kampf gegen die Revolution aufgestellt. Zwei Jahre später verfügt dieses Komitee über eine rund 6000 Mann starke Armee, die sich seit 1792 an dem Krieg der europäischen Mächte gegen die Republik beteiligt. Im März 1793 erklärt der Konvent die etwa 150 000 Emigranten offiziell für tot und deren Besitz zu Volkseigentum. Doch spuken deren Geister nicht weiterhin durch die Hauptstadt?

DIE TERREUR dient aber nicht nur der Abwehr der Feinde – sondern ist auch ein Mittel, das Volk zu erziehen; es im Eiltempo zu jener Vernunft zu bringen, die ihm Jahrhunderte der Verdummung ausgetrieben haben. „Nun, da wir Gesetze für eine Nation geschaffen haben“, hat schon zu Beginn der Revolution ein Abgeordneter vor der Verfassungsgebenden Versammlung erklärt, „müssen wir nur noch eine Nation für diese Gesetze schaffen.“

Im Juli 1793 hat der Konvent ein ehrgeiziges Bildungsprogramm beschlossen. 20 000 staatliche Internate mit Pflichtunterricht für alle Jungen von fünf bis zwölf Jahren, mit einheitlichem Lehrplan und einheitlicher Schuluniform, sollen den Nachwuchs zu guten Bürgern erziehen. Aus Geldmangel sind die Ansprüche im darauf folgenden Dezember gesenkt worden: nur drei Jahre Schulpflicht für die männliche Jugend – Lesen, Schreiben, Rechnen und Menschenrechte. Doch auch dazu reichen die Finanzen vielerorts nicht aus. Verzweifelt versuchen deshalb die Revolutionäre von 1793, die Seele des Volkes mit anderen Mitteln zu formen. Zeitungen, welche die Zensur überstehen, sind ausnahmslos der jakobinischen Herrschaft verpflichtet. Hunderte neuer Theaterstücke zur Beförderung republikanischer Tugenden, von der Revolutionsregierung subventioniert, beherrschen die Spielpläne der Theater. Dichter schreiben empfehlungsgemäß Revolutionspropaganda, und der klassizistische Maler Jacques-Louis David, selbst Mitglied im Sicherheitsausschuss, bringt die bildenden Künste auf Vordermann, entwirft auch eine Einheitsuniform für den republikanischen Bürger. Doch wenn das Geld nicht reicht, das Volk zu bilden, hilft vielleicht die Terreur. Und sollte es auch dann nicht gelingen, das französische Volk zu erziehen, so hat der Abgeordnete Saint-Just sich geschworen, „dann erdolche ich mich“.

Saint-Just, das 26-jährige Wunderkind mit den goldenen Locken und den Ohrringen, der glatten weißen Haut und den weich geschwungenen Lippen, ist der Schulmeister der radikalen Revolution. Zart steht er auf der Rednertribüne und verteilt den Tod wie Zensuren. Ein pathetischer Engel mit tragischem Sinn, der als Student sein Zimmer mit schwarzen Tüchern und Totenköpfen dekoriert haben soll und seinen Mitbürgern Besuche auf dem Friedhof empfiehlt. „Die Welt ist verwaist seit den Römern“, klagt er bisweilen. Und was er tut, tut er nicht für das Heute, sondern für die Zukunft – für „die Nachwelt, die von den Übeln der Gegenwart nichts weiß“. Ihm schwebt eine Pädagogik vor, die durch Vorbilder wir- ken soll: „Zu viele Gesetze“, mahnt er immer wieder, „zu wenig Beispiele.“ Dabei hat die Revolution schon längst ihre eigenen Helden hervorgebracht und in Denkmäler verwandelt.Den „Volksfreund“ Jean-Paul Marat etwa, der am 13. Juli 1793 bei einem Bad zur Linderung seiner Hautkrankheit von der 24-jährigen Charlotte Corday d’Armont erstochen wird. Noch in der Wanne tragen Anhängerinnen den Toten zu einer eigens modellierten Grotte im Garten des Cordeliersklubs, seiner politischen Wirkstätte, wo sein Herz entnommen und in einer Urne an die Decke des Versammlungsraums gehängt wird. „Jesus war nur ein falscher Prophet“, heißt es in der Begräbnisrede für den Eiferer, „doch Marat war ein Gott.“

DIE SCHRECKENSHERRSCHAFT produziert jetzt jene Feinde, die sie braucht, um überleben zu können – denn je zahlreicher ihre Gegner, desto mehr fühlt sie sich ja im Recht.

Und zum Feind taugt prinzipiell jeder. „Ihr habt nicht nur die Verräter, sondern auch die Gleichgültigen zu bestrafen“, fordert Saint-Just: „Ihr habt jeden zu bestrafen, der in der Republik dahinlebt und nichts für sie leistet.“ Wer in der Gegenwart keine Gefahr ist, hat womöglich eine Vergangenheit. Und wer überhaupt nicht auffällt, der kann immer noch ein Spion im Dienst des Auslands sein. „Wir sind unerbittlich und unveränderlich wie die Wahrheit“, sagt Robespierre, „unerträglich wie die Prinzipien.“ Denn es ist ein Urzustand, ein Zustand der Unschuld, den die Jakobiner mit dem Blut der Getöteten herbeiwaschen wollen. Robespierre, „der einzige reine Mensch im Senat“, wie Marat ihn genannt hat, ist ein Anhänger des Philosophen Jean-Jacques Rousseau, dessen „Zurück zur Natur“ den empfindsamen Geistern des 18. Jahrhunderts zum Evangelium geworden ist.

Und so dient der Schrecken dazu, wie Robespierre es formuliert, „die Wünsche der Natur zu erfüllen“. Wie eine Sintflut soll er den homme corrompu , den von Luxus, Laster und Zivilisation „verdorbenen Menschen“ läutern. Robespierre verkörpert, wie der Historiker Patrice Gueniffey später analysieren wird, „die Suche nach einer reinen und unschuldigen Welt, befreit vom Bösen und von der Geschichte“. Auch der Frau will die radikale Revolution jetzt die Würde des Ursprungs zurückgeben: die Rolle der Mutter mit der gesunden Moral, unverbildet durch Zivilisation und Macht. Mit den zahlreichen Frauenklubs, die in den ersten Jahren der Revolution auf die politische Bühne drangen, macht die Terreur daher kurzen Prozess. Die Leidenschaften der öffentlichen Diskussion, mahnt ein Sprecher des Sicherheitsausschusses, seien ungesund für die Frau, „unvereinbar mit der Weichheit und Mäßigung, die den Zauber ihres Geschlechts ausmachen“. Am 30. Oktober 1793 verbietet der Konvent den Frauen alle politische Betätigung. Der Guillotine fallen nun unterschiedslos Frauen des Ancien Régime wie auch der neuen Zeit zum Opfer. Am 3. November stirbt Olympe de Gouges unter dem Fallbeil, die Autorin einer „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“. Vergebens versucht sie noch, so berichtet der Historiker Michelet, mit einer Schwangerschaft den Aufschub der Hinrichtung zu erreichen: „Ein Freund soll ihr unter Tränen den traurigen Dienst geleistet haben, dessen Nutzlosigkeit vorauszusehen war.“

Die Jakobiner glauben, das Land durch das Blut ihrer Opfer zu läutern

Marie-Jeanne du Barry, die einstige Mätresse König Ludwigs XV., zahlt am 8. Dezember mit dem Tod: zum einen für den ungeschickten Versuch, ihre Juwelen ins Ausland zu schmuggeln, zum anderen für ihre angebliche erotische Skrupellosigkeit, mit der sie den König einst dem Willen einer machthungrigen Clique hörig gemacht haben soll. Und auch die Vorwürfe gegen die Königswitwe Marie-Antoinette, „Geißel und Blutsaugerin der Franzosen“, wie die Anklageschrift sie nennt, gelten weniger ihrer Gesinnung als ihrem Geschlecht: Für ihre „ordnungswidrigen Gelüste“ habe sie den Reichtum des Landes verschleudert. Habe mit ihrem Körper den Bruder des Königs verführt und so manchen einflussreichen Aristokraten – zum Schaden Frankreichs. Am 16. Oktober 1793 fährt sie zur Guillotine. Erst auf dem Schafott beginnt sie zu zittern, tritt versehentlich dem Henker auf den Zeh, entschuldigt sich. Die Scharfmacher-Zeitung „Le Père Duchesne“ geifert hinterher: „Ihr verfluchter Kopf wurde endlich von ihrem Hurennacken getrennt.“

Während solche weiblichen Symbolfiguren blutig verfolgt werden, steigt der Mythos der „echten“, der natürlichen Frau in den Himmel. Mit einem vielbrüstigen Über-Weib aus Gips schmückt der Revolutions-Dekorateur David seinen „Brunnen der Erneuerung“ auf den Trümmern der Bastille. „Aus ihren vollen Brüsten, die sie mit ihren Händen hält“, heißt es in seinem Entwurf, „fließt in reichen Strömen reines, gesundes Wasser.“ Denn die Natur, so sehen es die radikalen Jakobiner, ist nicht die Gegnerin der Vernunft, sondern: deren höchste Form. Und so steht auch das als „natürlich“ empfundene revolutionäre Recht weit über den Paragraphen der Prozessordnungen, über den Winkelzügen der Advokaten des Ancien Régime. Folgerichtig braucht das Revolutionstribunal auf dem Höhepunkt der Schreckensherrschaft keine Indizien und kein Recht auf Berufung mehr, sondern nur noch seine innere Stimme. Angeklagte werden nun auch ohne Beweise verurteilt und unter die Guillotine geschickt, solange die Jury von der Schuld „moralisch überzeugt“ ist. Schon die Hinrichtung des Königs am 21. Januar 1793 war ja, so Robes- pierre, eine Huldigung an die „Ordnung der Natur“. Der Henker des Monarchen beschreibt sie dagegen mit schlichteren Worten: „Als er zur Hinrichtung aus dem Wagen stieg, sagte man ihm, er müsse seinen Rock ablegen“, erinnert er sich.

„Er machte einige Einwände und meinte, man könne ihn doch so hinrichten, wie er war. Als man ihm begreiflich machte, dass dies unmöglich sei, hat er selbst geholfen, seinen Rock abzustreifen. Er machte wieder die gleichen Einwände, als es darum ging, ihm die Hände zu binden, streckte sie aber aus freiem Willen hin, als die Person, die ihn begleitete, sagte, es sei ein letztes Opfer. Dann erkundigte er sich, ob die Trommeln die ganze Zeit geschlagen würden, worauf er die Antwort erhielt, man wisse es nicht. Und das war die Wahrheit. Er stieg aufs Schafott und wollte nach vorn drängen, wie um zu reden. Doch man machte ihm begreiflich, dass auch dies unmöglich sei.“

Royalistische Augenzeugen berichten vom Schweigen der Masse angesichts des fallenden Königshauptes, von der „Grabesstille“. Und selbst der Scharfmacher Marat beschreibt die „andächtige Freude“, die das Volk beim Tod des Herrschers ergriffen habe: „Man hätte meinen können, es wohne einer religiösen Feier bei.“ Doch was danach einsetzt, ähnelt einem archaischen Fruchtbarkeitsritual. Manche erinnern sich später, der König selbst habe von der Bühne seines Todes herab noch den Wunsch geäußert, „dass mein Blut den Franzosen zum Nutzen gereicht“. Jedenfalls drängen die Zuschauer ans Schafott, um Hände, Piken und Schwerter, Taschentücher und Stofffetzen in das königliche Blut zu tauchen, reißen sich um das abgeschnittene Haar des Monarchen und Stücke seines Rocks. Ein Bürger klettert sogar auf die Guillotine, taucht seinen ganzen Arm in den Lebenssaft des Bourbonen, bespritzt das Publikum damit und ruft: „Republikaner, das Blut des Königs bringt Glück!“ Blut ist der Dünger der Schreckensherrschaft, auch wenn seine Propheten Marat und Robespierre sich persönlich davor ekeln. „Unreines Blut tränke unsere Ackerfurchen“, heißt es in der „Marseillaise“. Und schon einer der ersten Jakobiner mahnte: „Pflüget in die Tiefe.“ Denn die Revolution ist ein bäuerlicher Traum, von dem auch andere Metaphern künden. So warnt ein Sprecher des Wohlfahrtsausschusses, die Feinde des Volkes seien „wie jene giftigen Pflanzen, die wuchern, sobald der Landwirt vergisst, sie vollständig auszurotten“. Und ein zeitgenössischer Chronist notiert, unter der Guillotine fielen die Köpfe „mit der Einförmigkeit der Ähren von der Sense des Schnitters“.

Selbst die Leiche eines Selbstmörders wird zur Guillotine gekarrt

Schon früh trägt der Aufstand gegen das Ancien Régime auch Züge eines pastoralen Idylls. Die Aufständischen pflanzen „Freiheitsbäume“ auf die Dorfplätze: Birken, Tannen und Pappeln mit blau-weiß-roten Fähnchen und Bändern. Und um „die Blicke und die Gedanken des Bürgers jeden Augenblick des Jahres, des Monats, der Dekade und des Tages auf ein ländliches Bild, eine Wohltat der Natur, einen Gegenstand der Landwirtschaft“ zu lenken, haben die Revolutionäre nicht nur die Monatsnamen auf Bauernart umbenannt, sondern auch jedem Tag des Jahres eine Feldfrucht oder ein Ackergerät zugeordnet. So ist der 31. Oktober 1793 nun der Tag der charrue , des Pfluges.

AN DIESEM TAG sterben 21 Abgeordnete der „Gironde“ unter dem Fallbeil. Noch im Winter 1792/93 haben die gemäßigten „Girondins“ – nach dem Heimat- Departement dreier ihrer Führer benannt und den Interessen des besitzenden Bürgertums verpflichtet – die wichtigsten Ministerien besetzt gehalten. Sie hatten auch jene Abgeordneten auf ihrer Seite, die die radikalen Jakobiner fürchteten sowie die Gewalt der Volksmassen, die sich in den Gefängnismassakern vom September 1792 Luft gemacht hatte (siehe Seite 94).

Doch schon ein halbes Jahr später, im Sommer 1793, hat sich das Blatt gewendet: Militärische Niederlagen und Wirtschaftskrisen haben die Unzufriedenheit in Paris geschürt und den kompromisslosen Forderungen der Volksbewegung Auftrieb gegeben. Jetzt wendet sich die Gironde gegen die von den radikalen Jakobinern verfolgten Notstandsmaßnahmen und warnt vor dem Weg in die Diktatur. Daraufhin umstellt ein bewaffneter Mob am 31. Mai 1793 den Konvent und fordert die Verhaftung der beargwöhnten Girondisten. An diesem Tag bleiben die Massen erfolglos, doch am 2. Juni, einem Sonntag, strömen sie aus ganz Paris zum Tuilerien-Schloss, wo das Parlament tagt. Am frühen Nachmittag belagern rund 80 000 Aufständische und Nationalgardisten das Gebäude. Schließlich fügt sich die Versammlung und beschließt Hausarrest für die Gironde. Einer der Gefangengenommenen erdolcht sich vor Gericht schon im Moment der Urteilsverkündung; auch er wird am „Tag des Pfluges“ zum Richtplatz gefahren. Die Stöße des Pflasters schleudern seinen bleichen Kopf hin und her.

Und noch auf dem Schafott singen die Verurteilten die „Marseillaise“; mit jeder Hinrichtung wird der Chor schwächer. Binnen weniger als 40 Minuten fallen die 21 Köpfe. Die Gallionsfiguren der radikalen Massen, die das Parlament gestürmt und die Köpfe der Girondisten gefordert haben, sind seit 1792 die Sansculottes , die „Ohne-Hosen“. Sie wohnen in den Vorstädten von Paris und tragen statt der Kniehosen und Seidenstrümpfe des Ancien Régime lange Beinkleider und kurze Jacken sowie rote, keck nach vorn gezipfelte Wollmützen. Schon bald nach dem Kriegsausbruch 1792 haben diese Pariser Plebejer, befeuert von patriotischem Furor, begonnen, sich täglich in den Bürgerversammlungen der 48 Pariser Bezirke zu treffen. Im Sommer 1793 haben die radikaleren unter diesen Versammlungen die moderaten Kollegen aufgemischt und mit Einschüchterungen und Drohungen auf sansculottische Linie gebracht.

Mithilfe der „Ohne-Hosen“ setzen sich die Männer um Robespierre nun im Machtkampf mit den Girondisten durch. Doch das Bündnis zwischen den radikalen Jakobinern und den kompromisslosen Volksmassen ist keine Liebesheirat. Robespierre hasst die rote Mütze der Sansculotten, welche „die Frisur verdirbt“ – und sieht das Volk ohnehin lieber aus der Ferne: als ideales Geschöpf, als Verkörperung von Natur und Tugend. Robespierre, der Asket („Champagner ist Gift für die Freiheit“), dessen einziges Laster die Gier nach Apfelsinen ist, stellt sich das Volk vor wie ein Abbild seiner selbst – schlicht und tugendhaft und dem Fleischgenuss abgeneigt. Le peuple , postuliert er, sei „in seinen Beweggründen immer rein; es kann nur das gemeine Wohl lieben, da doch das gemeine Wohl sich mit den Interessen des Volkes deckt“.

Er meint damit brave Leute wie die Tischlerfamilie Duplay in der Rue Saint- Honoré, bei der Robespierre zwei schmale Zimmerchen im ersten Stock bewohnt. Bei der sein Nussbaumbett steht und das Regal mit seinen Redemanuskripten und den Huldigungsschreiben euphorischer Bürger („Unveränderlicher und Starker, du bist ein Adler, der am Himmel schwebt!“). Die ungezügelten Haufen auf der Straße jedoch, die mit dem Bauch denken und angesichts von Inflation und chronischer Wirtschaftskrise immer wieder die Pariser Läden plündern – diese Leute lehnt Robespierre ab: Sie sind eigentlich überhaupt kein Volk, sondern „ein Mob aus Frauen“, wie er bisweilen mutmaßt, „angeführt von den Dienern der Aristokratie“. Die 1795 begonnenen »Sabinerinnen« markieren die politische Wende des Jacques- Louis David. Der Künstler, ein Anhänger Robespierres, hat während der Schreckensherrschaft des Wohlfahrtsausschusses Feste organisiert, hat gar den Leichnam Marats balsamiert und zur Schau gestellt. Nach der Terreur orientiert er sich neu – und zeigt dies im antiken Gewand: Die Sabinerinnen, so eine Legende, sind von den Römern geraubt worden. Ihre Männer wollen sie zurückholen, Krieg scheint unvermeidlich – da werfen sich die Frauen zwischen die Schlachtreihen und erzwingen den Frieden. Auch Frankreich soll, so lässt sich die Botschaft des Malers verstehen, fortan auf Bruderzwist verzichten, alle Bürger müssten sich für einen Neuanfang miteinander versöhnen

So umlauern Regierung und Regierte einander mit wachsendem Misstrauen. Während die Jakobiner im Konvent eine Zentralregierung und den freien Markt einrichten wollen, fordern die immer stärker werdenden Sansculotten auf der Straße Preiskontrollen, Basisdemokratie und den eifrigeren Einsatz der Guillotine. Um das Gesetz des Handelns nicht völlig aus der Hand zu geben, macht die Regierung Zugeständnisse: so die allgemeine Wehrpflicht, von den Ohne-Hosen seit Wochen gefordert; die Todesstrafe für Hamsterer; die Zerstörung der königlichen Grabstätten in Saint-Denis. Doch die radikalisierten Volksmassen bleiben unruhig, zumal Paris unter einer Versorgungskrise leidet. Nur mit Subventionen des Konvents kann die Stadtverwaltung den Brotpreis bei drei Sous pro Pfund halten. Die Unruhen im Westen machen das Fleisch knapp; Seife wird unbezahlbar. Selbst die Natur, Patin der Revolution, fällt der Republik in den Rücken: Ende August macht eine Dürre die Getreideernte zunichte.

Paris ist von vier Jahren Aufruhr gezeichnet: Vielerorts ist das Pflaster aufgerissen, die Farbe der Häuser abgeblättert, Wohnungen stehen leer. Militante Freiheitsfreunde haben Denkmäler von ihren Sockeln gestürzt, Gitterzäune zu Piken umgeschmiedet. Vor den Bäckerläden stehen die Bürger schon in der Dämmerung um Brot an, schimpfen auf Engländer und Verräter. Die Kinder haben keine Butter, keine Milch. Und während der Schwarzmarkt blüht, Fleisch und Zucker zu Fantasiepreisen verkauft werden, aufgebrachte Konsumenten die Märkte stürmen und die Buttervorräte plündern, schaukelt sich der mörderische Wettstreit der Revolutionäre schon bald in schwindelnde Höhen.

Das Volk von Paris fordert von der Regierung immer neue Hinrichtungen

Am 4. September 1793 versammeln sich Arbeiter und Angestellte des Kriegsministeriums vor dem Rathaus („Brot!“ rufen sie, „Brot!“) und umstellen am nächsten Tag, unbeeindruckt von einer Dreiviertel-Sonnenfinsternis, den Konvent. Jetzt erheben sie politische Forderungen: Schaffung einer Revolutionsarmee, Verhaftung aller Verdächtigen, Säuberungen in den Ausschüssen. Das eingeschüchterte Parlament gehorcht dem Volkszorn und verkündet: „Die Terreur ist an der Tagesordnung.“ Es ist der schillernde Georges- Jacques Danton, einst Justizminister und Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, der wie kein anderer die Zeichen der Zeit erkennt. „Wir müssen den erhabenen Elan des Volkes nutzen“, sagt er. „Wir müssen nur die Maßnahmen ergreifen, die es selber anbietet, denn es ist das Genie der Nation, das sie diktiert hat.“

Danton ist der Pragmatiker der Revolution. Er hat sich in ihrem Verlauf nicht gescheut, mit Sansculotten ebenso wie mit Monarchisten zu paktieren – und erst recht nicht, zum richtigen Zeitpunkt die Hand aufzuhalten: Der Lohn der siegreichen Revolutionäre, findet er, müsse das Luxusleben sein. Dem athletischen Lebemann aus der Champagne, dem vierschrötigen, pockennarbigen Zyniker mit der Donnerstimme, liegen die Ideologien seiner Mitstreiter ebenso fern wie deren Weltfremdheit: Robespierre, behauptet er, könne „nicht einmal ein Ei kochen“. Und über das Wort „Tugend“ kann Danton nur lachen: Keine Tugend sei wichtiger als jene, behauptet er, die er jede Nacht seiner Frau bezeuge. Im Sog dieses massigen Fixsterns steigt der Terror von unten nach oben: „Seien wir schrecklich“, proklamierte er schon im März 1793 anlässlich der Einrichtung des Revolutionstribunals, „damit das Volk es nicht zu sein braucht!“

Indem die Verwalter der Revolution den Willen der Massen ausführen, nehmen sie ihnen die Arbeit ab. Am 9. September 1793 beschließt der Konvent, eine „Revolutionsarmee“ gegen den inneren Feind aufzustellen, gegen Verräter, Hamsterer und Spekulanten. Am 17. September verabschiedet er das „Verdächtigengesetz“, das es erlaubt, alle Gegner der Regierung zu verhaften. Wen es treffen kann, präzisiert eine Richtlinie der Pariser Stadtverwaltung: Bürger etwa, die bei den Treffen ihrer Stadtteilversammlungen fehlen. Oder Personen, die „voller Mitleid für das Los der Menschen sind“. Oder solche, „die zwar nichts gegen die Freiheit unternommen haben, aber auch nichts für sie“. Das Revolutionstribunal, das seit seiner Gründung im März 1793 von 260 Angeklagten fast 200 freigesprochen hat, darf sich solche Milde jetzt nicht mehr leisten. Im letzten Quartal des Jahres schickt es 177 Delinquenten unter die Guillotine; das sind 45 Prozent der Angeklagten.

DAS VOLK HAT seinen Willen bekommen. Wie der bekennende Masochist Rousseau („Einer herrischen Geliebten zu Füßen liegen, ihren Befehlen gehorchen, Vergebung von ihr erbitten, das war mir ein süßer Genuss“) unterwerfen sich die Franzosen dem Terror wie einer strengen Liebkosung. Eine „Mischung aus Stolz und Selbstverachtung“, spekuliert später ein Abgeordneter, habe das Volk verführt, „Komplize seiner eigenen Zerstörung“ zu werden, „sich selbst zu verbrennen, um aus der Asche aufzuerstehen“. Auf den Treppen der Gefängnisse sitzen nun die Schaulustigen und warten auf den Abtransport der zum Tode Verurteilten. Begrüßen die armen Sünder mit Lachen und Freudengeschrei, mit Händeklatschen, Trampeln und geschleudertem Dreck. Und viele im Volk, notiert ein Polizeispitzel, seien der Meinung, „solange man niemanden guillotiniere, stünden die Dinge schlecht“. Nur langsam gewinnen Konvent und Wohlfahrtsausschuss ihr Gewaltmonopol von den radikalisierten Volksmassen mit ihren Piken und Messern zurück. Doch nach wie vor kämpfen die verschiedenen revolutionären Institutionen auch untereinander um die Macht – so die Stadtverwaltung von Paris, das Kriegsministerium, der Jakobinerklub. „Alle wollen regieren“, klagt Saint-Just am Ende des Jahres 1793, „keiner will Bürger sein.“

Gerade diese unübersichtliche Situation ist es aber, welche die Terreur antreibt. Die Angst geht um unter den Revolutionären, jeder von ihnen könne schon bald der nächste sein unter dem Fallbeil. Man müsse andere guillotinieren, so formuliert es ein Politiker, um nicht selber guillotiniert zu werden. Doch auch das ist ja ein Gesetz der Natur: der Kampf ums Dasein. Wer sich behaupten will, muss eben strenger, radikaler, blutrünstiger sein als die Konkurrenten. Oder er muss stärker und mächtiger sein als diejenigen, die sich anschicken, ihn an revolutionärer Tugend zu überflügeln. Und so war die Hinrichtung der Girondisten im Oktober 1793 nur ein erster Schlag gegen die Opposition in den eigenen Reihen.

Robespierre, der den Wohlfahrtsausschuss zunehmend dominiert, sieht die Revolutionsregierung zu Beginn des Jahres 1794 von zwei weiteren Fraktionen bedrängt: den „Nachsichtigen“ um seinen Freund, den Macher Danton, die angesichts der kürzlich errungenen militärischen Erfolge für weniger Schrecken plädieren. Und den ultraradikalen „Hébertisten“ um den Journalisten Jacques René Hébert. In seiner Zeitung „Le Père Duchesne“, benannt nach einer beliebten Volkstheaterfigur, bläst Hébert zum Kampf gegen die Nachsicht. Noch viele mehr, fordert er, müssten „in den Sack niesen“, wie er das Sterben unter dem Fallbeil nennt.

Und an manchen Tagen, wenn sein Blatt besonders schrill den großen Schnupfen herbeischreit, rufen die Pariser Zeitungshändler ihren Kunden zu: „Er ist verdammt wütend heute morgen, der Père Duchesne!“ Am 4. März 1794 verhüllen die Radikalen um den Scharfmacher Hébert die Tafel mit den Menschenrechten im Cordeliersklub mit schwarzem Stoff und rufen zum „heiligen Aufstand“ gegen die Gemäßigten in der Revolutionsregierung auf. Neun Tage später werden sie verhaftet: Der Wohlfahrtsausschuss hat die Gefangennahme der Ultralinken befohlen, Saint-Just im Konvent ihre „Verschwörung gegen das französische Volk und die Freiheit“ aufgedeckt. Kurz darauf stehen die Männer um Hébert vor Gericht. Schriftliche Beweisstücke sind nicht zugelassen, und schon nach drei Tagen verkündet die Jury das Todesurteil.

Um vier Uhr nachmittags fahren die Überführten zum Schafott; als Hébert hilflos unter dem Fallbeil liegt, schwenkt der Henker noch einmal zum Spott eine rote Sansculottenmütze vor seiner Nase. Jetzt sehen die „Nachsichtigen“ um Danton den Moment im Machtkampf der Revolutionäre gekommen, ihren Einfluss zu vergrößern und attackieren den linken Flügel der Regierung. Robespierre, stets um ein Gleichgewicht der Kräfte bemüht, ist beunruhigt. Und doch zögert er zunächst, nach den Blutsäufern nun auch die Bremser des Terrors zu verfolgen. Er erinnert sich an seine alte Freundschaft mit Danton und ermahnt ihn, die Ruhe zu wahren. Doch der Mann aus der Champagne und dessen Gefährten lehnen den Rat ab und fordern die Neubesetzung des Wohlfahrtsausschusses. Dort aber warten Dantons Gegner nur darauf zurückzuschlagen, und am Ende entschließt sich auch Robespierre dazu, seinen Kampfgefährten zu opfern: Am 30. März 1794 – nur 17 Tage nach dem Schlag gegen die Hébertisten – befiehlt der Ausschuss die Verhaftung der Männer um Danton.

Das Gericht hat als Beweis nichts vorliegen als einen vagen Bericht der Ausschussmitglieder Saint-Just und Robespierre: Die Angeklagten hätten die Konterrevolutionäre nicht unerbittlich genug bekämpft, befänden sich im offenen Aufstand – und ihr Führer Danton habe außerdem eine „schwarze und undankbare Seele“. Die Straßen um das Gerichtsgebäude sind voll mit Menschen, die durch die Mauern hindurch mithören können, als sich Danton mit mächtiger Stimme verteidigt. „Meine Wohnung wird morgen das Nichts sein“, donnert er bei der Personenfeststellung, „mein Name wird bleiben im Pantheon der Geschichte.“ Einen Tag lang spricht er und verteidigt sich so energisch gegen die Vorwürfe des Gerichts, dass der Richter ihn am folgenden Prozesstag vom Verfahren ausschließt. Noch am selben Abend, dem 5. April 1794, kommen die Verurteilten aufs Schafott. „Ich nehme Robespierre mit“, kündigt Danton an, „Robespierre folgt mir.“

Und als die Kolonne der Karren die Wohnung des „Unbestechlichen“ in der Rue Saint-Honoré passiert, prophezeit Dantons Mitstreiter Camille Desmoulins (der einst, am 12. Juli 1789, zu den ersten Wortführern der Revolution gehört hat): „Dieses Haus wird verschwinden.“ Robespierre aber hat sich in seinen Zimmern eingeschlossen. Vielleicht grübelt er über seine Zukunft nach. Tatsächlich hat die Terreur in diesen Wochen eine fatale Grenze überschritten: Erstmals haben radikale Jakobiner mit ihresgleichen kurzen Prozess gemacht. Nach dem Tod der Giganten der Revolution ist allen Beteiligten klar, dass von nun an selbst der Stärkste nicht mehr sicher ist.

DOCH DIE PHASE der Anarchie scheint vorerst beendet, das Gleichgewicht des Schreckens endlich erreicht. Die Terreur dient jetzt dazu, die Autorität des Staates wiederherzustellen.

Robespierre kontrolliert fortan die bislang von Sansculotten durchwirkte Stadtverwaltung, indem er – per Beschluss des Wohlfahrtsausschusses – einen seiner Anhänger als Bürgermeister einsetzt. Er macht zudem die Versammlungen der radikalen Bürger in den Stadtteilen unschädlich, weil er deren Aufgaben auf die Vorbereitung von Festen, das Beschaffen von Salpeter für die Schießpulverproduktion und das Geldsammeln für Waffenkäufe beschränkt. Zugleich geht er daran, die gemäßigten Kräfte zu besänftigen. Er entschärft die Strafen für das Horten von Waren, rehabilitiert die „ehrbaren Kaufleute“, gibt neuen Spielraum für Außenhandel und Preiserhöhungen. Der Wohlfahrtsausschuss verpflichtet Zwangskräfte zum Warentransport und verfolgt streikende Arbeiter. Das Ringen der Meinungen und Fraktionen ist beendet. Konkurrenzlos und nüchtern regiert nun der Wohlfahrtsausschuss, der „zwölfköpfige Tyrann“. Das Parlament nickt die Gesetze nur noch ab. Die Revolution, sagt Saint-Just, „ist eingefroren“. An den Abenden, die einst im Ancien Régime vom Gelächter in den Cafés vibrierten, vom Rollen der Kutschen, von Bällen und Theateraufführungen, sind jetzt, so berichten Zeitgenossen, die Straßen leer, die Fensterläden geschlossen. Nur das Poltern der Gefängniswagen und der pikenbewehrten Streifen auf der Suche nach Verdächtigen hallt durch die Nacht. Dann wieder Stille. Die Stille des Operationssaals. Denn wie Chirurgen schneiden die Revolutionäre jetzt am Volkskörper herum: leidenschaftslos, gründlich und kalt.

Hat nicht die Aufklärung die Heilkunst von aller Sentimentalität befreit? Hat nicht der Philosoph Diderot die Vivisektion von Verbrechern gegen den Vorwurf der Unmenschlichkeit verteidigt – mit dem Hinweis, Menschlichkeit sei schließlich nichts anderes als die „Bereitschaft, unsere Fähigkeiten in den Dienst der Menschheit zu stellen“? Ist nicht seine „Encyclopédie“, das Standardwerk der Aufklärung, mit der irrationalen Urangst der Menschen vor dem Ende ins Gericht gegangen? „Der Tod“, steht dort unter dem Stichwort mort , sei keineswegs „eine so furchtbare Angelegenheit, wie wir es uns einbilden“. Schon 1791 hat ein Abgeordneter die therapeutische Wirkung der Gewalt gelobt: „Man muss die verfaulte Stelle herausschneiden, um den Rest des Körpers zu retten.“ Auch Camille Desmoulins hat die blutigen Eingriffe des Staats medizinisch begründet: Erst ein „Aderlass“ reinige „den politischen Körper von Gift“. Denn „das Laster“ sei „im Blut“. Und das Blut ist nicht mehr zu stillen. Ohne die Vernichtung aller Feinde scheint die Revolution sich nicht beenden zu lassen – aber zugleich sorgt die Terreur dafür, dass sie nicht zum Stillstand kommt. Und einer neuen Rechtfertigung bedarf.

IM WIESENMONAT Prairial, am Pfingsttag der alten Zeit, begeht das Land deshalb auf Robespierres Geheiß hin ein „Fest des Höchsten Wesens und der Natur“. Denn vielleicht verlangt die heillose Lage ja tatsächlich nach einer neuen Religion – aber dann bitte eine Religion ohne jenen christlichen Gott, den der Sieg der Vernunft abgeschafft hat.

Die Führer der Schreckensherrschaft ahnen, dass ihre Tage gezählt sind

Wieder ist der Maler David der Zeremonienmeister, der Choreografien, Kostüme, Dekorationen entwirft. Der Himmel am Festtag ist strahlend blau, Paris ein Blütenmeer, Fensterkreuze, Straßen und Menschen mit Rosen geschmückt. Endlose Menschenmengen bewegen sich auf die Tuileriengärten zu. Schwangere Frauen mit üppigen Frisuren feiern die Fruchtbarkeit, Mütter tragen Rosen in den Händen, Männer Eichenreiser, Greise Weinranken; Kinder schwenken mit Zweigen geschmückte Säbel und Piken. Trommeln dröhnen und Messinghörner. Die Abgeordneten des Parlaments marschieren in kornblumenblauen Mänteln, Federhüten und Schärpen in den Farben der Trikolore. Und allen voran schreitet Robespierre als momentaner Präsident des Konvents, sein Gewand von einem leuchtenderen Blau als das der anderen. Einen großen Strauß von Mohn, Kornblumen und Ähren hält er im Arm. Hundert Trommler, Trompeterkorps, Kavalleriefanfaren, Feuerwehr und Volk! Sie folgen Robespierre flussabwärts auf dem Marsch zum Marsfeld. Acht Kühe ziehen den Wagen des Ackerbaus. Doch die Prozession schlendert zögernd, in gemächlichem Tempo; sie hält nicht Schritt mit dem energisch ausschreitenden Führer. Sie versucht es nicht einmal. Immer wieder dreht der Unbestechliche sich um und findet sich allein.

Auf dem Marsfeld hat David einen künstlichen Berg aus Gips aufschütten lassen. Im kalten Taumel der ausgerichteten Massen, unter den Chören der müden Menge, schreitet Robespierre in gewohnt feierlicher Pose den Abhang hinab. Er ist ein Prophet; er ist Moses am Sinai. Man sieht es ihm nicht an, ob er die hämischen, hasserfüllten Rufe hört, die respektlosen Bemerkungen, die aus den Reihen der Abgeordneten aufflackern. „Es reicht ihm nicht, Meister zu sein“, zischt einer, „er will auch noch Gott sein.“ Ein anderer wird deutlicher: „Ich verachte und hasse ihn.“ Robespierre lässt sich nichts anmerken. Doch der Rückweg von der Feier ist keine Parade mehr, sondern eine Flucht. Zu Hause, bei den Duplays, murmelt er düster: „Ihr werdet mich nicht mehr lange sehen!“ Dann geht er in sein Zimmer hinauf.

ES IST EIN TRÜGERISCHES Friedenszeichen, dass am Vorabend des Festes die Guillotine vom Platz der Revolution verschwunden ist und man die Blutpfütze notdürftig mit Sand überdeckt hat. Denn zwei Tage später, am 10. Juni, ergeht das „Gesetz des 22. Prairial“, das die Terreur total macht.

Als Vorwand muss das misslungene Attentat eines Mannes herhalten, der mit einer Pistole auf ein Mitglied des Wohlfahrtsausschusses geschossen hat, sowie der bizarre Auftritt einer Zwanzigjährigen, die mit zwei Taschenmessern im Kleid an den Tuilerien nach Robespierre gefragt hat. Davids letztes Historienbild beschließt nicht nur eine künstlerische, sondern auch eine politische Ära. 1799 hat sich der einstige Bildschöpfer der Revolution nicht gescheut, die Heldentaten Napoleon Bonapartes zu verherrlichen. Doch 1814 geht auch dessen Regiment dem Ende entgegen – und es entsteht »Leonidas auf den Thermopylen «. 480 v. Chr. hatte der Spartanerkönig auf dem griechischen Pass einer persischen Übermacht bis zum eigenen Untergang standgehalten. Davids möglicher Hintersinn: Heroisch wie einst die Hellenen verteidigen nun die Franzosen die »Zivilisation « gegen die heranstürmenden »Barbaren« – also gegen alle Gegner Napoleons. Als bald darauf der französische Kaiser stürzt, fällt auch David in Ungnade und beschließt sein Leben 1825 im Exil in Brüssel

Umgehend werden die beiden Volksfeinde als „Komplizen einer ausländischen Verschwörung“ exekutiert, zusammen mit einem Schwung Adeliger und Bankiers, ein paar in Ungnade gefallenen Polizisten und Beamten. In den leuchtenden, scharlachroten Hemden, die sie als „Vatermörder“ ausweisen, treten die 54 Angeklagten die Fahrt zum Schafott an. Eine Schwadron Reiter und eine Abteilung Artillerie begleiten die acht Wagen: Seit der Enthauptung des Königs ist ein solcher Pomp nicht mehr in eine Hinrichtung investiert worden. Eine Siebzehnjährige fragt noch unter der Guillotine: „Liege ich richtig so, Herr Henker?“ Und in 28 Minuten sind 54 Menschenleben dahin. Mit dem „Gesetz des 22. Prairial“ beginnt jene Phase, die als Grande Terreur in die Geschichte eingehen wird. Es reicht jetzt aus, wenn einer irgendwie „den Patriotismus kritisiert“, die „Moral zersetzt“ oder versucht, „die Energie und Reinheit der revolutionären Prinzipien zu schwächen“, um ihn zum Schafott zu befördern. Die Verteidigung ist abgeschafft. Der Entwurf zum Prairial-Gesetz stammt vom Ausschussmitglied Georges- Auguste Couthon, einem freundlichen, kranken Mann, den chronischer Kopfschmerz sowie ständiger Schluckauf plagen. Er ist von der Hüfte abwärts gelähmt, schiebt sich im Rollstuhl durch die Pariser Straßen; ein Gendarm trägt ihn zu seinen Reden im Konvent, hievt ihn an seinen Schreibtisch.

Gern, so heißt es, streichelt er seine Kinder, sein Windspiel und weiße Kaninchen. Für die Welt außerhalb seines Heims hat er keine Zärtlichkeit übrig. Jetzt gehe es nicht mehr darum, zu bestrafen, sagt er, sondern „zu vernichten“. Binnen sieben Wochen fällt das Revolutionsgericht 1376 Todesurteile: mehr als in den 14 Monaten zuvor. Verdächtige werden schubweise unter Sammelanklagen verurteilt und umgehend exekutiert. Es soll vorkommen, dass ein 17-jähriger Junge stirbt, den das Tribunal mit dessen 55-jährigem Vater verwechselt hat. Dass eine Madame de Mayet an Stelle einer Madame de Maillé verurteilt wird, „weil sie nun schon einmal da ist“. Dass selbst Blinde, Taube und Gelähmte als „Verräter“ guillotiniert werden. Die Terreur, die der Natur zum Recht verhelfen wollte, ist nun in den Zustand der Verwesung eingetreten. Der Schrecken ist kein reinigender Wind mehr, sondern eine Seuche. Und das Volk, das seit den ersten politischen Hinrichtungen im August 1792 fast zwei Jahre lang ausdauernd der Guillotine applaudiert hat, reagiert jetzt angeekelt wie auf die Pest.

Das Unbehagen, das die Moral nicht erzeugt hat, gibt jetzt die Hygiene den Parisern ein. Schon im Winter haben sich die Anwohner des Madeleine-Friedhofs, auf dem der König und die Girondisten begraben liegen, beschwert: Die Leichendünste machten sie krank. Der Vorschlag, die Körper der Guillotinierten auf einem anderen, völlig überfüllten Friedhof mit Kalk zu bestreuen, um so die Verwesung zu beschleunigen, findet keine Freunde: Die zersetzende Chemikalie, fürchtet man, werde alle Toten treffen, gute wie böse. Und in einer weiteren Begräbnisstätte, wo die Opfer der Terreur in Schichten übereinander liegen, die schon fast das Grundwasser erreichen, sorgen sich die Nachbarn nun um ihre Brunnen. Also lässt die Stadt Massengräber im Garten eines Privatgefängnisses ausheben. Die erste Grube ist nach gut zwei Wochen voll; man gräbt eine zweite und eine dritte; dazu eine vierte, durch die das Blut abfließen kann. Die Gruben werden mit Brettern bedeckt, die Toten durch Klapptüren hineingeworfen.

Doch der Boden ist zu hart und lehmig, um das Blut aufzunehmen; es gärt in der Julisonne. Vergebens schlägt der Stadtbaumeister vor, das Blut in Schubkarren mit Bleiwänden aufzufangen, die nach jeder Hinrichtung entsorgt werden können. Und der Ausbau einer verlassenen Sandgrube, die als Ausweichort vorgesehen ist, hält nicht Schritt mit dem Tempo der Exekutionen. Schließlich ordnet die Kommune an, „während der Beerdigungen Thymian, Salbei und Wacholder über den Gruben zu verbrennen“. Nicht nur das Publikum, sondern auch die „Verbrecher“ selbst, muss Saint-Just feststellen, sind durch die Terreur abgestumpft, „so wie die starken Liköre den Gaumen unempfindlich machen“. Bei vielen Verurteilten macht sich Gleichgültigkeit breit. Der Historiker Michelet berichtet von einem Mann, der den Gendarmen entschlüpft, um ein letztes Mal das Vaudeville zu besuchen, dann aber anstandslos zurückkehrt. Und ein Inhaftierter, den der Ruf zur Exekution bei der Lektüre ereilte, habe ungerührt weiter bis zum Schafott gelesen. Am Fuß der Guillotine habe er sein Lesebändchen ins Buch gelegt.

AUCH UNTER DER ELITE der Schreckensherrschaft zeigen sich nun Risse. Misstrauen packt die einstigen Kampfgefährten; jeder hat Angst, er könne der Nächste sein. Im Konvent werden Stimmen laut, die den Schrecken nun für verzichtbar halten. Überzeugt, von Verschwörern umgeben zu sein, bleibt Robespierre schließlich den Sitzungen des Wohlfahrtsausschusses fern, zweifelt selbst an seinem engen Mitstreiter Saint-Just. Düster malt er sich sein künftiges Martyrium aus. Denn weil jeder Angst hat, ist jeder gefährlich. Am 26. Juli 1794 hält er noch einmal eine Rede vor dem Konvent. Sie dauert zwei Stunden, füllt 30 eng bedruckte Seiten im Protokoll. Der „Unbestechliche“ rechnet ab, giftet gegen den Wohlfahrtsausschuss, den Sicherheitsausschuss, den Finanzausschuss. Er kündigt Säuberungen an, ohne Namen zu nennen. Es kann jetzt jeden unter den Abgeordneten treffen.

Als sich die Verschwörer sammeln, verlässt Robespierre der Mut

Und so sind sich die Bedrohten plötzlich ungemein einig, als das Parlament am folgenden Morgen zu einer Sitzung zusammentritt. Saint-Just, einer der letzten Parteigänger Robespierres, versucht noch eine Rede: Er wird unterbrochen. Der Abgeordnete Billaud-Varenne tritt ans Pult und greift Robespierre an: Er habe Patrioten verfolgt und Kriminelle gedeckt. Robespierre stürzt zum Podium, um sich zu verteidigen, doch das Publikum brüllt: „Nieder mit dem Tyrannen!“ Robespierre stößt gurgelnde Laute aus. „Dantons Blut erstickt ihn“, schrillt es ihm aus der Versammlung entgegen. Abgeordnete fordern eine Anklageerhebung gegen Robespierre, Saint-Just und Couthon. Gegen vier Uhr nachmittags werden die Beschuldigten verhaftet; mit ihnen – auf eigenen Wunsch – Robespierres Bruder Augustin und dessen Anhänger Philippe Lebas. Noch haben die Männer um Robespierre Verbündete: die Pariser Stadtverwaltung und Teile der Nationalgarde. Denen gelingt es nun, die Verhafteten aus ihrer Gefangenschaft zu befreien und ins Rathaus zu bringen. Doch offener Widerstand ist nicht die Stärke der Gestürzten; sie sind Politiker und keine Rebellen. Sie sind unentschlossen und mutlos.

Auf das breite Volk können sie nicht mehr zählen: Am 23. Juli hat die Stadtverwaltung ein neues Lohnmaximum dekretiert, das die Bezüge der Arbeiter um ein Fünftel vermindert. Und so schicken an diesem Abend nur 16 von 48 Bürgerversammlungen Nationalgardisten zum Rathaus, um die Männer um Robespierre zu schützen. Jetzt stehen die schütteren Truppen im Regen und warten auf Befehle, die jedoch nicht kommen. Daraufhin ziehen die Verteidiger nach und nach vom Rathaus ab. Derweil bereiten jene Teile der Nationalgarde, die aus den wohlhabenderen westlichen Vierteln von Paris kommen und der Konventsmehrheit folgen, den Sturm des Gebäudes vor.

In einem letzten Anfall von Größenwahn schlägt Georges-Auguste Couthon vor, die Armee zu Hilfe zu rufen – im Namen des Konvents, dem die Fünf schließlich immer noch angehören: „Der Rest ist nur eine Handvoll Aufrührer, die bald zerschlagen sein werden.“ Robespierre hat eine bessere Idee: Man solle die Truppen „im Namen des französischen Volkes“ rufen. Doch schon wenige Minuten später, gegen zwei Uhr früh, stürmen die konventtreuen Truppen das Gebäude. Lebas erschießt sich auf der Stelle. Couthon poltert mit seinem Rollstuhl eine Steintreppe hinab. Saint- Just, so berichtet ein Augenzeuge, erwartet gelassen seine Festnahme, den Blick auf ein Plakat mit den Menschenrechten geheftet: „Immerhin“, sagt er, „ist das mein Werk.“Augustin Robespierre stürzt sich aus dem Fenster, bleibt schwer verletzt liegen. Und niemand kann sagen, woher die Kugel kommt, die seinem Bruder Maximilien den Kiefer zerschmettert: Ein Hilfsbereiter reicht dem schwer Blutenden ein Taschentuch. Robespierre bedankt sich mit der Formel einer alten, versunkenen Zeit: „Merci, Monsieur.“

Es gibt keine Verhandlung, kein Urteil. Noch am selben Tag werden Robespierre und 21 seiner Anhänger gegen sechs Uhr abends zur Guillotine gefahren, die extra für diesen Anlass wieder auf der Place de la Révolution aufgestellt worden ist. Benommen sitzt der „Unbestechliche“ auf dem Karren, bleich und entstellt unter seinem Gesichtsverband. „Zum Henker mit dem Maximum“, brüllt das Volk, sein Volk. „Ab ins Grab, Übeltäter!“ Robespierre zeigt keine Reaktion. Er öffnet nur kurz die Augen. Auf dem Schafott: keine revolutionären Gesten mehr, keine antiken Posen, keine Gesänge. Es sind fast sämtlich Halbtote, die hier jetzt erscheinen. Saint-Just wirkt geistesabwesend, Couthon schreit auf, als die Henker seinen verkrüppelten Körper auf das Brett drücken. Nach einer qualvollen Viertelstunde gelingt es, ihn in Seitenlage zu exekutieren. Robespierres umwickelter Kopf passt nicht in die Öffnung der Maschine; roh reißt ihm der Henker die Binden von der Haut. Erst das unbarmherzige Messer der Guillotine schneidet den Aufschrei des Gemarterten ab. Der „Unbestechliche“ ist tot. Doch am Tag nach Robespierres Hinrichtung feiert die Guillotine noch einmal einen einsamen Rekord: 71 seiner Anhänger sterben auf dem Schafott.

Die Macht übernehmen jene alten Kampfgefährten Robespierres, die im Konvent seinen Sturz betrieben haben. Ihr Putsch war „Selbstverteidigung“, wird der englische Historiker David Andress schreiben: Sie fürchteten „Robespierres Besessenheit von persönlicher Tugend – einer Qualität, die ihnen fehlte“. Nach dem Monat ihrer Palastrevolution nennt man sie „Thermidorianer“: Nun werden sie sich daranmachen, die Interessen des wohlhabenden Bürgertums durchzusetzen. Und schon am Tag von Robespierres Hinrichtung wagen sich Reiche und Kurtisanen wieder aus ihren Verstecken. Noch am Abend ziehen manche in prächtigen Garderoben zu den Soupers. In den folgenden Wochen füllen sich die Theater; Menschenmassen drängen zu Tanzveranstaltungen und anderen Vergnügungen. Die Hinterbliebenen der Exekutierten feiern, so wird erzählt, auf exklusiven, üppigen Festen, die sie „Bälle der Opfer“ nennen. Und es ist, als nehme Paris erst einmal einen langen, langen Urlaub von Tugend und Natur.

6. Joachim Heinrich Campe ,,Briefe aus Paris''

 

Kurzbeschreibung

Joachim Heinrich Campe (1746–1818), ein prominenter und vielgereister deutscher Schriftsteller und Pädagoge, erlebte die Anfangsphase der Französischen Revolution, die er hier für ihre Erfüllung eines Aufklärungsprogramms des demokratischen Liberalismus feiert. Er betont die Würde der Revolution und die Rolle der fortschrittlichen Intellektuellen bei ihrer Leitung. Im Jahr 1792 verlieh die französische Regierung Campe neben Friedrich Schiller und anderen die Ehrenbürgerschaft. Die hier zum Ausdruck gebrachten Ansichten Campes waren unter gebildeten Deutschen weit verbreitet.

Quelle

Paris, den 9. August 1789

Das Glück, mein lieber T., gerade jetzt in Frankreich, und zwar in der Hauptstadt dieses Landes, dem Geburtsorte und der Wiege der neugeborenen französischen Freiheit, zu sein, gerade jetzt, da aller Welt Augen auf diesen Mittelpunkt der größten und merk-würdigsten dermaligen Weltbegebenheiten voll Bewunderung und Erstaunen gerichtet sind, gerade jetzt, da man hier aus dem dumpfen Zustande eines in langer schmählicher Knechtschaft verträumten Daseins zu einem Leben erwacht ist, welches die Brutusse und die Catos selbst mitzuleben sich nicht weigern würden, gerade jetzt, da alle Geister dieses Volkes, bis in die niedrigsten Stände hinab, die Schranken ihrer ehemaligen kleinlichen und elenden Existenz wie Spinngewebe zerrissen und von Stund an sich zu einer Höhe der Empfindung und der Begriffe erhoben haben, zu welcher das blinzelnde Auge des Ausländers sie kaum begleiten kann – dieses Glück rechne ich dankbar und gerührt zu den vielfältigen unverdienten Begünstigungen, wodurch die Vorsehung mein unbedeutendes Leben, fast in jeder Periode desselben, auszuzeichnen für gut befunden hat. Man fühlt sich hier, auch als bloßer Zuschauer schon, in allen seinen Empfindungen, an allen seinen Kräften und Fähigkeiten – ich weiß nicht wie – zugleich erhöht, zugleich mit veredelt, und wenn ich nicht merklich besser, nicht mit einem merklichen Zuwachs an Gemeingeist, an Mut, Kraft und Trieb zu jeder Handlung, welche Selbstvergessenheit und Aufopferungen erfordert, zu Euch zurückkehre, so hat die Schule, in der ich mich jetzt befinde, keine Schuld daran.

Schon der bloße Anblick einer ungeheuern, aus Menschen aller Stände, jeglichen Alters und beiderlei Geschlechts zusammengeflossenen Volksmasse, welche von einerlei patriotischen Freude wie von einerlei freundschaftlichen, brüderlichen und schwesterlichen Gesinnungen beseelt zu sein scheint, hat etwas menschlich Großes und Herzerhebendes. Aber wenn man nun vollends auf den öffentlichen Versammlungsplätzen dieser Stadt, den Tuilerien, dem Palais-Royal, den Boulevards und so weiter, in die sanftwallenden Wogen dieses menschlichen Ozeans sich selbst hineinstürzt, wie hier jeder, auch der fremdeste Fremdling, ungescheut und ohne alle Bedenklichkeit tun darf, und nun jene Vermischung und Zusammenschmelzung aller Stände, besonders des Militär- und Bürgerstandes, zu einer einzigen großen Bürgerfamilie in der Nähe beobachtet; sieht, wie nunmehr der gemeinste Bürger und der Mann, den Band und Stern bezeichnen, überall, wo beide als Menschen und nicht in ihren Amtsverhältnissen auftreten, zu völlig gleichen Paaren gehen, ohne Unverschämtheit auf der einen, ohne beleidigenden Stolz auf der anderen Seite zu verraten; sieht, wie der Soldat des Vaterlandes – dies ist der Ehrentitel, den man hier jetzt der zur Bürgerschaft übergetretenen französischen Garde gibt – und der bewaffnete Bürger an Großmut und Dankbarkeit wie an gemeinschaftlicher Bemühung, öffentliche Ruhe und Ordnung nicht durch Bajonette, sondern durch Bitten und freundliches Zureden zu erhalten, miteinander wetteifern; sieht, wie dieses Zureden und jenes Bitten vollkommen hinreichend sind, einen vermischten Haufen von hunderttausend exaltierten Menschen in den Schranken der Ordnung und der Sittsamkeit zu erhalten; sieht, wie sogar die kleinsten Knaben, von dem hohen Bürgersinn und dem Freiheitsenthusiasmus ihrer Väter ergriffen, nach ihrer Weise bewaffnet und mit Fahnen und Trommeln versehen, in großen Scharen durch die Straßen ziehen und an der Erhaltung der Ordnung und Ruhe teilzunehmen scheinen; sieht, wie zu einer Zeit, da alle Gemüter in aufbrausender Gärung sind, da beinahe eine völlige Anarchie durchs ganze Reich herrscht und da die große, aus mehreren tausend Rädern zusammengesetzte furchtbare Maschine der ehemaligen Pariser Polizei gänzlich zertrümmert ist, gleichwohl überall, sogar beim größten Volksgedränge, alles so ruhig, so friedlich, so anständig und sittlich zugeht, daß man stundenlang dastehen und die wimmelnde Menge von lebhaften Empfindungen beseelter Menschen unverrückt im Auge behalten kann, ohne auch nur ein einziges Mal eine einzige unanständige oder gesetzwidrige Handlung zu bemerken, ohne auch nur ein einziges Mal ein beleidigendes, scheltendes oder zankendes Wort zu hören; wenn man, sage ich, dies alles, was jedem Abwesenden übertrieben und unglaublich klingen muß, hier mit eigenen Augen sieht, so oftmals wiedersieht, daß man es am Ende für kein Blendwerk, für keinen Traum mehr halten kann, so müßte man, meine ich, unter allen menschlichen Klötzen der stumpfeste und fühlloseste sein, wenn man sich über dieses Erwachen der Menschheit zu einem so schönen, neuen und edlen Leben nicht oft bis zu Freudentränen gerührt fühlte. Welch ein Schauspiel für den, der für Menschenveredelung und Menschenbeglückung noch unverdorbene Sinne und ein warmes teilnehmendes Herz für alles hat, was das Emporkommen der großen Adamsfamilie angeht! Welch ein Beispiel für das ganze übrige Europa und für alle ihrer menschlichen Rechte und des göttlichen Ebenbildes, das ist der menschlichen Würde und Selbständigkeit, beraubten Menschen in allen fünf Weltteilen! Wahrlich, der ärgste Despot, wäre er hier, um ein Augenzeuge von dem allen zu sein, und wäre sein von selbstsüchtigen und ehrgeizigen Begierden zusammengeschrumpftes und ausgedörrtes Herz noch der geringsten menschlichen und edelmütigen Aufwallung fähig – er würde, glaube ich, von einer unwiderstehlichen sympathetischen Gewalt ergriffen, sich geneigt fühlen, auf seine unrechtmäßige willkürliche Herrschaft – denn wo gab es jemals eine rechtmäßige – freiwillig Verzicht tun, um des großen Anblicks, den ein frei gewordenes und dadurch auch zugleich moralisch wiedergeborenes, veredeltes und beglücktes Volk gewährt, noch einmal, und zwar mit dem Zusatze von Vaterfreude zu genießen, den das Bewußtsein, der Urheber davon zu sein, notwendig mit sich führen müßte.

Sie sagen, ich schwärme. Gut, mein Lieber; ich freue mich, daß ich bei einer solchen Veranlassung noch erwärmt werden kann, und bedaure den, der dazu nicht mehr fähig ist. Sie selbst, wie ich Sie kenne, würden, wenn Sie hier wären, mit mir in die Wette schwärmen.

Abschied von Paris

Paris, den 26. August 1789

Ich halte Ihnen Wort, guter St.! Diese letzte nächtliche Stunde, die ich in Paris – wo ich das Schlafen beinahe verlernt hätte – durchwache, soll für Sie sein.

Je länger ich hier bin, je aufmerksamer ich die Knospen, die Blüte und die Früchte der jungen französischen Freiheit betrachte und je länger ich das hier angefangene Kreißen des von praktischer Philosophie geschwängerten menschlichen Geistes beobachte, welcher gerechte und weise Staatsverfassungen, allgemeine Aufklärung und Völkerglück gebären zu wollen verheißt, desto inniger und fester wird meine Überzeugung, daß diese französische Staatsumwälzung die größte und allgemeinste Wohltat ist, welche die Vorsehung seit Luthers Glaubensverbesserung der Menschheit zugewandt hat, und daß daher das ganze weiße, schwarze, braune und gelbe Menschengeschlecht, rund um den Erdball herum, ein allgemeines feierliches »Herr Gott, dich loben wir« dafür anstimmen sollte. Alle ehemaligen Revolutionen entstanden in Zeiten und in Ländern, wo der menschliche Verstand noch nicht zu hinlänglicher Reife gekommen war, um eine Konstitution zu schaffen, welche auf die lautersten Grundsätze der Vernunft, des Rechts und der Billigkeit gegründet wäre; alle anderen Völker, welche das Sklavenjoch abschüttelten, sahen sich von dem Augenblicke an, da sie diesen kühnen Schritt getan hatten, in langwierige und blutige Kriege verwickelt, unter denen ihre ersten provisorischen Einrichtungen, mit den in solchen Fällen unvermeidlichen Übereilungsfehlern, schon eine gewisse Konsistenz erhielten, die sich nachher, auch bei besseren Einsichten, nicht füglich wieder umstoßen ließ. Hier ist nun zum erstenmal eine Revolution, die in jeder Betrachtung unter glücklicheren Vorbedeutungen angefangen ward, die also auch natürlicherweise eine Konstitution verspricht, wie bisher noch keine war, eine Konstitution, die alle Vollkommenheiten der englischen in sich fassen und alle Mängel und Unvollkommenheiten derselben ausschließen wird. Hier ist ein Volk, so aufgeklärt, so edel und mild, als es je eins gegeben hat; ein König, so sanft, so lenksam und ehrgeizlos, als je einer gewesen ist; eine aus zwölfhundert Köpfen bestehende Versammlung von Stellvertretern der Nation, deren größere Hälfte wenigstens aus sehr helldenkenden, geistvollen, kraftbegabten und mutigen Patrioten besteht, und, was das beste ist, diese drei Hauptfiguren in dem großen interessanten Gemälde – Volk, König und Nationalversammlung – umschlingen sich in schönster Harmonie und gehen, Hand in Hand gelegt, dem erhabenen Ziele zu. Noch mehr: hier sind – wer weiß wieviel tausend denkende und wohlunterrichtete Bürger, welche durch ihre Debatten am Palais-Royal, hier sind unzählige wachsame Schriftsteller, welche durch fliegende Blätter, kleine Abhandlungen und Werke den Beratschlagungen der Volksvertreter zu Hilfe kommen, das Nachdenken derselben leiten, sie vor möglichen Fehlern warnen und ihnen ebensoviel Enthusiasmus fürs Gute als Vorsicht und Behutsamkeit zur Vermeidung des Bösen einflößen. Hier ist zum erstenmal eine Volksversammlung, die, obgleich die Hälfte ihrer Mitglieder aus Edeln und Priestern besteht, doch in ihrer Mehrheit die Greuel der Hierarchie und des aristokratischen Despotismus – von denen die Menschheit von jeher noch viel mehr als von der monarchischen Alleingewalt gelitten hat – verabscheut, verwünscht und mit Stumpf und Stiel auszurotten entschlossen zu sein scheint. Hier wird alles öffentlich – welch eine Schutzmauer wider Übereilungen und eigennützige Absichten – verhandelt, bestritten, festgesetzt. Hier treffen endlich so ungemein glückliche Konjunkturen in ganz Europa zusammen, daß man mit der Vollendung und Begründung der neuen Konstitution hoffentlich früher zustande kommen wird, als irgendeine bedeutende Macht den Einfall oder das Vermögen haben dürfte, ihnen dabei Hindernisse in den Weg zu legen. Welch ein glücklicher Zusammenfluß von Umständen, die, solange die Welt steht, in gleichem Maße noch nie zusammentrafen! Und was läßt sich davon nicht alles hoffen, erwarten, als unausbleiblich vorhersagen! Mein Herz erwärmt und erweitert sich beim Anschauen dieser herrlichen Perspektive. Wir werden zum erstenmal ein großes Reich sehen, worin das Eigentum eines jeden heilig, die Person eines jeden unverletzlich, die Gedanken zollfrei, das Glauben ungestempelt, die Äußerung desselben durch Worte, Schriften und Handlungen völlig frei und keinem menschlichen Richterspruch mehr unterworfen sein wird; ein Reich, worin keine privilegierten, keine geborenen Volksbedrücker, keine Aristokratie als die der Talente und Tugenden, keine Hierarchie und kein Despotismus mehr stattfinden, wo vielmehr alle gleich, alle zu allen Ämtern, wozu ihre Verdienste sie fähig machen, fähig sein und nur Kenntnisse, Geschicklichkeiten und Tugenden einen Vorzug geben werden; ein Reich, wo Recht und Gerechtigkeit für alle auf gleiche Weise und ohne alles Ansehen der Person werden verwaltet, und zwar unentgeltlich verwaltet werden und wo jeder, auch der armseligste Landmann, nicht etwa nur dem Scheine nach, wie in anderen Ländern, sondern wirklich in der gesetzgebenden Versammlung repräsentiert werden, also jeder, auch der armseligste Landmann, Mitregent und Mitgesetzgeber seines Vaterlandes sein wird. Wer kann bei dieser entzückenden Aussicht, die jetzt doch wahrlich schon mehr als bloße Hoffnung ist, verweilen, ohne daß ihm das Herz für alle die süßen menschlichen Gefühle, die sich seiner dabei bemächtigen, zu enge wird und ihm aus dem Busen springen möchte! Und nun die Folgen, die das alles für Europa, für die Welt haben wird! Ich möchte, indem ich sie überdenke, aufschreien vor Freude und wie Asmus ein Knospenreis der Freiheit brechen und mit diesem, wie mit einem Thyrsus, in der Hand dem herannahenden Frühling des allgemeinen Völkerwohls entgegentaumeln.

Quelle: Joachim Heinrich Campe, Briefe aus Paris. Brauschweig: in der Schulbuchhandlung. 1790. Nachdruck herausgegeben von Helmut König. Berlin: Rütten & Loening, 1961, S. 134–39, 274–77; abgedruckt in Jost Hermand, Hrsg., Von deutscher Republik 1775–1795. Texte radikaler Demokraten. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1968, S. 101–04, 118–21.


7. Georg Forster, ,,Bemerkungen über den neuen französischen Gemeingeist'' (Quelle)

Kurzbeschreibung

Georg Forster (1754–94) war ein international angesehener Reisegefährte Kapitän Cooks, ein Sprachwissenschaftler, Völkerkundler und Gelehrter. Als bedeutendster unter den deutschen Intellektuellen bekannte er sich vorbehaltlos zur Französischen Revolution, trat für die Mainzer Republik von 1792–93 ein und starb (krankheitsbedingt) am Höhepunkt der Schreckensherrschaft in Paris. Hier rühmt er in einem Text, der die durch die Revolution hervorgerufene nationale Begeisterung veranschaulicht, die friedliche nationale Einheit, die er in ihrer Frühphase beobachtete.


Bemerkungen über den neuen Gemeingeist

Nirgends zeigte sich eine bessere Gelegenheit, diese Bemerkungen anzustellen, als auf dem Märzfelde zu Paris, im Juli 1790. Hier, wo die Franken, ein freier germanischer Bund, sich jährlich versammelten, um ihren Königen den Willen des souveränen Volkes zu befehlen, hier feierte man jetzt das erste Bundesfest der wiedererrungenen Freiheit. Die völlige Gleichheit war eben jetzt unter den Bürgern durch die Niederreißung aller erblichen Unterschiede wieder hergestellt. Jeder galt nur durch persönliches Verdienst, und über dieses entschied die Stimme des Volkes. Aus den verachteten Hütten des Bauers und des Handwerkers gingen jetzt, im Glanz eigentümlicher Geistesvorzüge, des Vaterlandes Stützen wie neue Sterne hervor, und mancher aufgeblähete Bewohner eines Palastes sank in der Blöße persönlicher Nichtswürdigkeit unerkannt in den Staub; denn das Andenken großer Ahnherrn war wie ein erborgter Schmuck von seinem Haupte gefallen, und der lügenhafte Schimmer fremder Tugenden erloschen. Ein Sturm der Begeisterung hob die ganze Nation zur Höhe des Selbstgefühls. Mensch zu sein, war der schöne Stolz von 25 Millionen, das erste und letzte Ziel ihrer Befreiung. Der Eid der Brudertreue ward am 14. Juli in der nämlichen Stunde von allen Einwohnern eines Reiches geschworen, das eine Fläche von 10 000 Quadratmeilen auf unserer Erdkugel einnimmt; in 1900 Städten und 100 000 Dörfern stiegen an einem Tage und in einer Stunde die feierlichen Zusagen wechselseitiger Liebe und Treue einträchtig zum Himmel. Fünfmalhunderttausend Menschen saßen nur allein auf dem zum Amphitheater umgeschaffenen Märzfelde; Einwohner der Hauptstadt und Abgeordnete aus allen Provinzen, die hier als Stellvertreter ihrer Mitbürger erschienen, um das Bundesfest feiern zu helfen; alle standen zugleich auf von ihren Sitzen, alle streckten den Arm in die Höhe; von Männern, Weibern, Kindern erscholl der schmetternde Ruf: »ich schwöre!« Übermannt von diesem mächtigen Gefühle, das in den Sehnen der Stärksten zitterte, fielen diese verbrüderten Menschen, ohne Rücksicht auf Rang, Alter und Geschlecht, einander in die Arme, und wiederholten ihren unbekannten Nachbarn ihren Eid; die Nationalgarden warfen ihre Waffen weg und küßten sich, und plötzlich erscholl es erweckend und erhebend von allen Seiten: »Hoch lebe die Nation!«

Nur freie Nationen, sagt der Augenzeuge, dem wir hier folgen, kennen dieses Gefühl; denn nur freie Nationen haben ein Vaterland.

Ich sah die Zurüstungen zu diesem Feste, das beispiellos in den Jahrbüchern der Menschheit bleibt. Das größte Amphitheater in der Welt, wogegen die berühmten römischen nur Kinderspiele sind, ward in wenigen Tagen durch die Allmacht des Volkswillens erschaffen. Die verdächtige Trägheit von 15 000 besoldeten Arbeitern ward durch den Enthusiasmus von 100 000 Freiwilligen vergütet. Im Taumel der Freiheit arbeiteten sie mit einem Eifer, mit einer Verschwendung der Kräfte, die man kaum noch begreift, wenn man sie auch selbst gesehen hat. Unendlich war die Abwechslung der arbeitenden Gruppen, und unbegreiflich, ohne die Begeisterung des Augenblicks in Rechnung zu bringen, die Ordnung, die allenthalben herrschte. Hier waren keine Wachen ausgestellt, hier kannte man nicht die gebieterische Stimme des Aufsehers, und noch weniger seinen Stecken; auch die Bienen und Ameisen bauen ohne Tyrannen und Satelliten, und vollenden doch in Eintracht den Bau ihres kleinen Freistaats. Die Gerechtigkeit des Volkes heiligte eines Jeden Eigentum, und schützte Jedermann in seinem Rechte. Kleidungsstücke und Uhren, die man während der Arbeit von sich gelegt hatte, blieben den ganzen Tag unberührt an ihrer Stelle liegen. Mit Trommeln und Kriegsmusik, die Schaufeln auf der Schulter, zogen die begeisterten Scharen Arm in Arm unter Freiheitsgesängen zu ihrem Tagewerk, und später als die Sonne verließen sie das Feld. Alte und Junge, Männer und Weiber, Herzöge und Tagelöhner, Generalpächter und Schuhputzer, Bischöfe und Schauspieler, Hofdamen und Poissarden, Betschwestern und Venuspriesterinnen, Schornsteinfeger und Stutzer, Invaliden und Schulknaben, Mönche und Gelehrte, Bauern aus den umliegenden Dörfern, Künstler und Handwerker unter ihren Fahnen kamen Arm in Arm in buntscheckigem Zuge, und griffen rüstig und mutig zur Arbeit. Tausend rührende Züge des überall rege gewordenen Gefühls verherrlichten diese geschäftige Szene; tausend gutmütige Scherze, tausend Beweise des gallischen Frohsinns, tausend Beispiele der Ehrliebe, Großmut, und Uneigennützigkeit des Pöbels versöhnten die gedemütigte Morguedes Adels.

Quelle: Georg Forster, „Bemerkungen über den neuen Gemeingeist“, aus seinen Erinnerungen aus dem Jahre 1790 (1793), in Sämtliche Werke, Hrsg. G. G. Leipzig: Brockhaus, 1843, Band VI, S. 181–83; abgedruckt in Jost Hermand, Hrsg., Von deutscher Republik 1775–1795. Texte radikalerDemokraten. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1968, S. 112–15.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Joachim Heinrich Campe, „Briefe aus Paris, 1789“ (1790), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/das-heilige-roemische-reich-1648-1815/ghdi:document-3568> [23.09.2026].

-> Georg Forster, „Bemerkungen über den neuen [französischen] Gemeingeist“ (1793), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/das-heilige-roemische-reich-1648-1815/ghdi:document-3569> [23.09.2026].

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Sekundärliteratur

-> Bauer, Jakob: Französische Revolution. Ein Zitat und seine Geschichte, in: Die Geschichte der Demokratie (GEO Epoche Jg. 2021, Heft Nr. 110), Hamburg 2021, S. 78-83.

-> Otto, Frank: Versammlung der Generalstände. Der Auftakt, in: Die französische Revolution (GEO Epoche, Jg. 2006, Heft Nr. 22), Hamburg 2006.

-> Rademacher, Cay: Der Sturm auf die Bastille, in: Die französische Revolution (GEO Epoche, Jg. 2006, Heft Nr. 22), Hamburg 2006.

-> Saller, Walter: Flucht und Hinrichtung Ludwig XVI. Ende eines Königs, in: Die französische Revolution (GEO Epoche, Jg. 2006, Heft Nr. 22), Hamburg 2006.

-> Albig, Jörg-Uwe: Die Zeit der Terreur. Tugend oder Tod, in: Die französische Revolution (GEO Epoche, Jg. 2006, Heft Nr. 22), Hamburg 2006.

Persönlichkeiten

Persönlichkeiten

Biografien

Inhaltsverzeichnis

1. Jacques Necker

1. Jacques Necker

30.9.1732 Genf, 9.4.1804 Genf, reformiert, von Genf. Sohn des Charles-Frédéric, Advokaten und Professors für deutsches öffentliches Recht an der Akademie Genf, und der Jeanne-Marie Gautier. Bruder des Louis (->), Neffe des Jean-Antoine Gautier. 1764 Suzanne Curchod (->). Ausbildung an der Akademie Genf. 1748 zog Jacques Necker nach Paris, wo er als Angestellter, später als Partner des Genfer Bankiers Isaac Vernet in der Kommanditgesellschaft Thellusson, Necker & Cie. (1756-1770) tätig war und in wenigen Jahren ein enormes Vermögen erwarb. Im September 1768 wurde er zum Minister der Republik Genf am französischen Hof ernannt und behielt diese diplomatische Stellung bis im November 1776, einen Monat nach seiner Ernennung zum Direktor der königlichen Schatzkammer.

Als Generaldirektor der Finanzen versuchte er ab Juni 1777 vor allem mit Staatsanleihen die öffentlichen Einnahmen und Ausgaben ins Gleichgewicht zu bringen (Anwendung eines neuen Systems von Leibrenten, die sogenannte trente demoiselles de Genève). Um die öffentliche Meinung zu beschwichtigen, machte er in einem ungewöhnlichen Schritt mit dem «Compte rendu au roi» im Februar 1781 den Zustand der Staatsfinanzen publik. Obwohl das Werk ein grosser Erfolg war, musste Necker im Mai zurücktreten. Seine 1784 erschienene Rechtfertigung «De l'administration des finances de la France» erhöhte seine Popularität weiter. Angesichts des drohenden Staatsbankrotts setzte Ludwig XVI. ihn im August 1788 wieder als Minister ein. Necker musste Fürsten, Ministern und der Ständeversammlung die Stirn bieten. Er wurde angefochten, am 11. Juli 1789 entlassen, am 15. Juli 1789 wieder in sein Amt berufen und kehrte im Triumph nach Paris zurück. Seine Bemühungen um eine Sanierung der Staatsfinanzen blieben jedoch erfolglos und seine Idee einer Nationalbank scheiterte. In Verruf geraten und isoliert reichte er im September 1790 seinen Rücktritt ein, ohne dass dies grosses Aufsehen erregte. Er verbrachte den Ruhestand auf seinem 1784 erworbenen Schloss Coppet und veröffentlichte unter anderem 1791 eine weitere Rechtfertigung seiner Zeit als Minister, 1792 ein Plädoyer zu Gunsten Ludwigs XVI., 1796 die grosse Abhandlung «De la révolution française», 1800 den «Cours de morale religieuse» sowie 1802 seine «Dernières vues de politique et de finance». Neckers Darstellung in der Geschichtsforschung schwankte lange zwischen familiärer Hagiografie und antirevolutionärer Polemik. Erst Herbert Lüthy rückte Neckers Banktätigkeiten ins rechte Licht, während Henri Grange die Originalität seiner Ideen im Bereich des Finanzwesens, der Moral und der Religion würdigte.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> HLS DHS DSS: "Necker, Jacques", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version von 2007 (Artikel aus der HLS-Druckversion, bearbeitet am 15.01.2009), übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/015905/2009-01-15/, zuletzt geprüft am 22.09.2026.

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Sekundärliteratur

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