Karolinger

Wikinger

Inhaltsverzeichnis

1. Wikinger am Mittelrhein

1. Wikinger am Mittelrhein

Einleitung

Als im Jah­re 793 skan­di­na­vi­sche See­räu­ber die nord­eng­li­sche Klos­ter­in­sel Lin­dis­far­ne über­fie­len, mar­kier­te die­ses Er­eig­nis nicht nur den An­fang ei­ner Se­rie von Raub­über­fäl­len in Eu­ro­pa, son­dern auch den Be­ginn ei­ner neu­en Epo­che. Nicht nur die Küs­ten Eng­lands und des Fran­ken­reichs wur­den von der „Gei­ßel der Chris­ten­heit“ heim­ge­sucht, mit ih­ren schnel­len, hoch­see­tüch­ti­gen Schif­fen be­fuh­ren die skan­di­na­vi­schen Pi­ra­ten bei­na­he al­le grö­ße­ren Ge­wäs­ser der nörd­li­chen Halb­ku­gel. In­ner­halb von gut 250 Jah­ren er­ober­ten sie gan­ze Land­stri­che und er­rich­te­ten neue Rei­che (Ca­pel­le 1986, S. 1).

Auch an Rhein und Mo­sel lern­ten die Men­schen die Wi­kin­ger vor al­lem als Krie­ger ken­nen. Der weit­aus grö­ße­re Teil der skan­di­na­vi­schen Be­völ­ke­rung leb­te und ar­bei­te­te je­doch als Bau­ern, Hand­wer­ker, Fi­scher oder Händ­ler. Die hei­mi­schen Kern­ge­bie­te bil­de­ten wei­te Tei­le der heu­ti­gen Kö­nig­rei­che Dä­ne­mark, Schwe­den und Nor­we­gen. Von die­sen Sied­lungs­ge­bie­ten aus nah­men die Wi­kin­ger­zü­ge ih­ren Aus­gang. Die meis­ten der nor­di­schen Räu­ber, die En­de des 9. Jahr­hun­derts die Or­te am Mit­tel­rhein an­grif­fen, wa­ren Dä­nen oder ka­men aus Ge­gen­den Süd­skan­di­na­vi­ens, die un­ter dä­ni­scher Ober­herr­schaft stan­den (Sa­wy­er 2002, S. 134).

1. Die Wikinger an Rhein und Mosel

Auch wenn es kaum ar­chäo­lo­gi­sche Fun­de gibt, die auf ei­ne re­ge Tä­tig­keit der Wi­kin­ger an Rhein und Mo­sel hin­wei­sen, so be­le­gen doch ei­ni­ge zeit­ge­nös­si­sche Quel­len, dass die nor­di­schen Pi­ra­ten die­se Re­gi­on un­si­cher mach­ten und grö­ße­re Han­dels­plät­ze wie Bonn, An­der­nach, Ko­blenz und Trier über­ra­schend an­grif­fen und mit rei­cher Beu­te wei­ter zo­gen.

Be­reits seit Mit­te der 830er Jah­re wa­ren die Wi­kin­ger über den Rhein bis ins Fran­ken­reich vor­ge­drun­gen, wo sie wich­ti­ge Han­dels­plät­ze über­fie­len. Do­re­stad in den heu­ti­gen Nie­der­lan­den wur­de bis zur Mit­te des Jahr­hun­derts min­des­tens sechs Mal ge­plün­dert und bei ei­nem er­neu­ten Über­fall im Jahr 863 kom­plett zer­stört. 845 wur­de Pa­ris ver­wüs­tet und von den Wi­kin­gern das ers­te so ge­nann­te Da­ne­geld in Hö­he von 7.000 Pfund Sil­ber er­ho­ben; bis 926 gab es im Fran­ken­reich ins­ge­samt min­des­tens 13 sol­cher „Schutz­geld­er­pres­sun­gen“ (Ca­pel­le 1986, S. 88).

Doch erst seit den 880er Jah­ren – und da­mit eher spät – such­ten die Wi­kin­ger grö­ße­re Han­dels­plät­ze an Mit­tel­rhein und Mo­sel heim. Dies war je­doch kein Zu­fall, son­dern ei­ne Fol­ge der zu­neh­men­den Er­fol­ge Kö­nig Al­freds des Gro­ßen (Re­gie­rungs­zeit 871-899) ge­gen das so ge­nann­te Gro­ße Wi­kin­ger­heer in Eng­land, der den Wi­kin­gern 878 bei Eding­ton (Wiltshire) ei­ne emp­find­li­che Nie­der­la­ge zu­ge­fügt hat­te.

Da die Wi­kin­ger häu­fig die di­rek­te Kon­fron­ta­ti­on mit ei­nem star­ken Geg­ner scheu­ten, zo­gen sie sich zu­nächst aus Eng­land zu­rück. Als her­vor­ra­gend ge­eig­net für neue Beu­te­zü­ge er­wies sich das Fran­ken­reich, denn der Zer­fall des Gro­ßen Hee­res nach dem ge­schei­ter­ten Ver­such der Er­obe­rung von Wes­sex fiel zeit­lich mit neu­er­li­chen Nach­fol­ge­strei­tig­kei­ten im Fran­ken­reich zu­sam­men. Ge­teilt und durch po­li­ti­sche Wir­ren er­schüt­tert, war für die Wi­kin­ger hier nicht mit ei­ner ef­fek­tiv or­ga­ni­sier­ten Ge­gen­wehr zu rech­nen.

Die in­ter­nen Kon­flik­te, die zu den Tei­lun­gen des frän­ki­schen Rei­ches führ­ten, hat­ten ernst­haf­te Fol­gen für die Ver­tei­di­gung ge­gen Ein­dring­lin­ge von au­ßen. Zwar hat­ten Karl der Gro­ße (Re­gie­rungs­zeit 786/771-814) und Lud­wig der From­me (Re­gie­rungs­zeit 814-840) durch die Er­rich­tung von Be­fes­ti­gungs­an­la­gen die Küs­ten zu si­chern ver­sucht, aber spä­tes­tens nach dem Aus­bruch der Kon­flik­te zwi­schen Lud­wig dem From­men und sei­nen Söh­nen im Jahr 830 brach die­se Ver­tei­di­gung zu­sam­men (Ca­pel­le 1986, S. 89). Die po­li­ti­sche Schwä­che des Fran­ken­reichs, ins­be­son­de­re nach dem To­de Lud­wigs im Jahr 840 und der an­schlie­ßen­den Tei­lung des Reichs im Ver­trag von Ver­dun 843, schuf ei­ne güns­ti­ge Vor­aus­set­zung für die Wi­kin­ger. Karl der Kah­le (Re­gie­rungs­zeit 843-877) er­hielt den Wes­ten des frän­ki­schen Reichs, Lud­wig der Deut­sche (Re­gie­rungs­zeit 840-876) den Os­ten, Lo­thar I. (Re­gie­rungs­zeit 843-855) si­cher­te sich das Mit­tel­reich, zu dem auch der Mit­tel­rhein ge­hör­te. Da­mit wa­ren die Kon­flik­te al­ler­dings nicht be­en­det. Die Brü­der und ih­re Nach­kom­men be­kämpf­ten sich wei­ter­hin, was im­mer neue Reichs­tei­lun­gen zur Fol­ge hat­te. Mit dem Ver­trag von Meer­sen 870 fiel der öst­li­che Teil des Mit­tel­reichs – und da­mit die Ge­gend um Ko­blenz und Trier – an das Ost­fran­ken­reich Lud­wigs des Deut­schen (An­ton/Ha­ver­kamp 1996, S. 76).

Die Be­völ­ke­rung am Rhein wird den Wi­kin­gern weit­ge­hend wehr­los aus­ge­lie­fert ge­we­sen sein, da die­se meist schnell und über­ra­schend an­grif­fen, ob­wohl sie auf dem Rhein und der Mo­sel von den Ufern her we­sent­lich ge­fähr­de­ter und leich­ter an­greif­bar wa­ren als an den Küs­ten. Wa­ren die Maß­nah­men der frän­ki­schen Kö­ni­ge zur Ab­wehr der Wi­kin­ger, wie zum Bei­spiel die Er­rich­tung ei­ner Flot­te zum Küs­ten­schutz, die In­stand­set­zung ehe­ma­li­ger rö­mi­scher Stadt­be­fes­ti­gun­gen, die christ­li­che Mis­si­on oder auch die Über­las­sung von Küs­ten­ge­bie­ten an Wi­kin­ger oder de­ren An­heue­rung als Söld­ner nicht son­der­lich wirk­sam, so gibt es kei­ner­lei An­zei­chen da­für, dass die Be­woh­ner an Rhein und Mo­sel ir­gend­wel­che prä­ven­ti­ven Maß­nah­men ge­gen die Wi­kin­ger er­grif­fen hät­ten (Eick­hoff 2004, S. 56). Auch von Sei­ten der je­wei­li­gen Herr­scher scheint es in die­sem Raum kei­ne ko­or­di­nier­ten und sys­te­ma­ti­schen Vor­be­rei­tun­gen auf even­tu­el­le Wi­kin­ger­at­ta­cken ge­ge­ben zu ha­ben.

Mög­li­cher­wei­se wur­den, wie in Mainz, die vor­han­de­nen Be­fes­ti­gungs­an­la­gen beim Her­an­rü­cken ei­ner Schar Wi­kin­ger ei­lig in Stand ge­setzt oder ver­stärkt, an­sons­ten scheint der ein­fa­chen Be­völ­ke­rung eben­so wie Mön­chen und Kle­ri­kern aber nur die ei­li­ge Flucht ins Hin­ter­land oder der di­rek­te Kampf ge­blie­ben zu sein. Wie groß die Schar der Plün­de­rer am Mit­tel­rhein war, lässt sich nicht ge­nau re­kon­stru­ie­ren, nor­ma­ler­wei­se ope­rier­ten die Wi­kin­ger bei ih­ren Blitz­über­fäl­len aber in klei­ne­ren Grup­pen, die eher Hun­der­te denn Tau­sen­de zähl­ten. Die Not­wen­dig­keit ei­ner aus­rei­chen­den Ver­sor­gung war ein ent­schei­den­der Fak­tor bei der Be­gren­zung der zah­len­mä­ßi­gen Stär­ke (Sa­wy­er 2002, S. 141).

Zwi­schen 879 und 891 wa­ren meh­re­re Wi­kin­ger­hee­re, die ih­re Kräf­te ge­le­gent­lich bün­del­ten, auf dem Fest­land ak­tiv. Zu­erst kon­zen­trier­ten sie sich auf das Ge­biet nörd­lich der Sei­ne ein­schlie­ß­lich Flan­derns. Im No­vem­ber 881 setz­ten sich zwei dä­ni­sche An­füh­rer, Go­de­frid und Sig­frid, mit ih­rem Ge­fol­ge in Els­loo an der Maas fest, wo sie nörd­lich von Ro­er­mond ge­schützt den Win­ter ver­brin­gen und von hier aus auf Raub­zü­ge ge­hen konn­ten. Zu­erst ver­wüs­te­ten sie die Or­te in der Nach­bar­schaft und brand­schat­zen Lüt­tich, Maas­tricht und Ton­gern (Re­gi­no von Prüm, Chro­nik, ad a. 881). En­de 881 zo­gen sie dann rhein­auf­wärts in Rich­tung Jü­lich, Neuss, Köln, Zül­pich und Bonn. Mit Bonn er­reich­ten sie das Tor zum Mit­tel­rhein.

2. Bonn

In Bonn wa­ren zur Zeit der Wi­kin­ge­r­an­grif­fe nur noch die Süd­west­e­cke des ehe­ma­li­gen Rö­mer­la­gers un­weit der spät­an­ti­ken Diet­kir­che und die Um­ge­bung der Mär­ty­rer­kir­che Cas­si­us und Flo­ren­ti­us be­sie­delt. Zu die­ser „vil­la ba­si­li­ca“ um die Stifts­kir­che ge­hör­te auch der so­ge­nann­te „vi­cus“, ei­ne klei­ne Händ­ler­sied­lung, die beim An­griff 882 schwer be­schä­digt wor­den sein dürf­te (En­nen/Höroldt 1976, S. 30). Zwar be­rich­ten die Ful­da­er An­na­len, die Städ­te Köln und Bonn sei­en mit ih­ren Kir­chen und Ge­bäu­den wäh­rend des ver­hee­ren­den Über­falls 882 in Flam­men auf­ge­gan­gen, es gibt je­doch we­der in Köln noch in Bonn ar­chäo­lo­gi­sche Hin­wei­se auf ei­ne der­art um­fas­sen­de Zer­stö­rung. Bei den Aus­gra­bun­gen am Bon­ner Müns­ter wur­de über den ka­ro­lin­gi­schen Bö­den kein Brand­schutt ge­fun­den (Päff­gen 2004, S. 102). Dar­aus lässt sich schlie­ßen, dass die Kir­che 882 nicht ab­ge­brannt ist. Laut dem Prü­mer Chro­nis­ten Re­gi­no ge­lang vie­len Kle­ri­kern die Flucht nach Mainz, wo sie ei­nen gro­ßen Teil der Kir­chen­schät­ze und Hei­li­gen­re­li­qui­en in Si­cher­heit brin­gen konn­ten.

Ne­ben der Aa­che­ner Pfalz über­fie­len die Wi­kin­ger an­schlie­ßend auch die Klös­ter Kor­ne­li­müns­ter, Sta­blo und Malme­dy. Be­son­ders hart dürf­te die geist­li­chen Chro­nis­ten ge­trof­fen ha­ben, dass die Wi­kin­ger bei ih­ren Raub­zü­gen auch vor Kir­chen und Klös­tern nicht halt mach­ten. So er­wies sich die Nach­richt, die bar­ba­ri­schen Hei­den aus dem Nor­den hät­ten die ehr­wür­di­ge Aa­che­ner Pfalz­ka­pel­le Karls des Gro­ßen als Pfer­de­stall be­nutzt, als be­son­ders de­mü­ti­gend für die Fran­ken (Krau­se 2006, S. 97).

3. Prüm

Im Rhein­land be­wie­sen die Wi­kin­ger, dass sie nicht auf ih­re Schif­fe an­ge­wie­sen wa­ren. Zu Pfer­de, die auf den Schif­fen mit­ge­führt wer­den konn­ten, nut­zen sie die al­ten Rö­mer­stra­ßen, um die Ei­fel und die Ar­den­nen zu über­win­den. Den Wi­kin­ger­plün­de­run­gen der Jah­re 881/882 fie­len so nicht nur die Re­si­den­zen in Köln und Aa­chen zum Op­fer, son­dern auch die Sankt Sal­va­tor-Ab­tei Prüm in der Ei­fel.

Was die­sem be­deu­ten­den Klos­ter ge­schah, schil­dert der Mönch und spä­te­re Abt Re­gi­no in sei­ner Chro­nik (Re­gi­no, Chro­nik, ad a. 882): 

Sie dran­gen auf ei­nem Streif­zug durch die Ar­den­nen am Tag der Er­schei­nung des Herrn, al­so am 6. Ja­nu­ar, in das Klos­ter ein, in dem sie sich drei Ta­ge auf­hiel­ten und die gan­ze Ge­gend aus­plün­der­ten. Dar­auf­hin sam­mel­te sich viel Fu­ß­volk von den Äckern und Land­gü­tern und rück­te ge­gen die Nord­män­ner vor. Aber die­se be­herz­ten Män­ner hat­ten of­fen­sicht­lich kei­ne Krie­ger un­ter sich; sie wa­ren kampf­un­ge­wohn­te Bau­ern. Dem­entspre­chend be­rei­te­ten sie den Wi­kin­gern kei­ne Pro­ble­me. Denn als die­se ih­re man­geln­de Be­waff­nung und die feh­len­de mi­li­tä­ri­sche Dis­zi­plin wahr­nah­men, fie­len sie mit Ge­schrei über sie her. Und sie met­zel­ten die Fran­ken der­art nie­der, dass un­ver­nünf­ti­ges Vieh und nicht Men­schen ge­schlach­tet zu wer­den schie­nen. Da­nach kehr­ten sie mit rei­cher Beu­te be­la­den ins La­ger zu­rück. Als sie das Klos­ter ver­lie­ßen, soll kein Mensch mehr ge­lebt ha­ben, der die ge­leg­ten Feu­er lö­schen konn­te. So brann­te das Klos­ter Prüm nie­der.

4. Andernach und Koblenz

Nach dem Mas­sa­ker an der sich zur Wehr set­zen­den Prü­mer Be­völ­ke­rung zo­gen die Wi­kin­ger wei­ter gen Sü­den. Ein von dem schwer er­krank­ten Lud­wig den Jün­ge­ren (Re­gie­rungs­zeit 876-882) auf­ge­stell­tes Heer hat­te sich nach des­sen Tod am 20.1.882 kampf­los wie­der zu­rück ge­zo­gen. In Er­war­tung ei­nes An­griffs wur­den da­her die rö­mi­schen Stadt­mau­ern von Mainz ei­lig in Stand ge­setzt; die mitt­ler­wei­le bis nach An­der­nach und Ko­blenz vor­ge­drun­ge­nen Skan­di­na­vi­er wi­chen je­doch auf die Mo­sel aus und zo­gen in Rich­tung Trier (Hei­nen/An­ton 2003, S. 273).

4.1 Andernach

An­der­nach ging erst ver­hält­nis­mä­ßig spät in den Be­sitz der Fran­ken über, die hier ei­nen Kö­nigs­hof er­rich­te­ten, der von den me­ro­win­gi­schen Kö­ni­gen häu­fig be­sucht wur­de. Auch in ka­ro­lin­gi­scher Zeit be­hielt An­der­nach als kö­nig­li­ches Fis­kal­gut und Grenz­stadt sei­ne wirt­schaft­li­che und mi­li­tä­risch-stra­te­gi­sche Be­deu­tung (Flach 1988, S. 44). Ähn­lich wie in Ko­blenz und Mainz schei­nen auch in An­der­nach die Mau­ern des ehe­ma­li­gen rö­mi­schen Kas­tells den Vor­stoß der Wi­kin­ger ver­hin­dert zu ha­ben. Nach dem Über­fall 882 wird je­doch die Vor­stadt­sied­lung, die wäh­rend des An­griffs mit ih­ren von Hand­wer­kern, Kauf­leu­ten und Fi­schern be­sie­del­ten klei­ne­ren Häu­sern wohl stark in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen wor­den war, auf­ge­ge­ben wor­den sein (Krü­ger 1988, S. 87). Wirt­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen auf das Fis­kal­gut sind al­ler­dings aus­zu­schlie­ßen, denn be­reits im Jah­re 885 war die Wirt­schafts­ver­wal­tung des An­der­nach­er Fis­kus wie­der her­ge­stellt.

4.2 Koblenz

In Ko­blenz scheint die ehe­ma­li­ge rö­mi­sche Be­fes­ti­gung mit ei­ner star­ken Mau­er und 19 mäch­ti­gen Rund­tür­men in ei­nem gu­ten Zu­stand ge­we­sen zu sein und leis­te­te ent­spre­chen­den Dienst bei der Ab­wehr der Wi­kin­ger. Vor den Mau­ern des ehe­ma­li­gen Kas­tells hat­ten sich Bau­ern und Ge­wer­be­trei­ben­de an­ge­sie­delt, de­ren Häu­ser eben­so wie die Ba­si­li­ka St. Kas­tor bei dem An­griff der Wi­kin­ger 882 im Ge­gen­satz zu den hin­ter den Mau­ern lie­gen­den Ge­bäu­den mög­li­cher­wei­se in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen wur­den (Flach 1988, S. 80).

5. Trier

Nach­dem die Wi­kin­ger die Mo­sel ent­lang ge­zo­gen wa­ren, er­reich­ten sie Trier. Hier über­fie­len sie zu­nächst in der Kar­wo­che die ex­tra mu­ros ge­le­ge­nen Kir­chen und Ge­höf­te. Die Stadt selbst wur­de nach dem Be­richt Re­gi­nos von Prüm an Grün­don­ners­tag (5. April) ein­ge­nom­men und ta­ge­lang aus­ge­plün­dert. Nach Re­gi­no gab es zahl­rei­che Op­fer un­ter der Be­völ­ke­rung; al­ler­dings ge­lang Erz­bi­schof Bert­hold von Trier mit we­ni­gen Ge­folgs­leu­ten die Flucht. Wie groß die Zer­stö­run­gen tat­säch­lich wa­ren, ist nur an­nä­hernd zu er­mit­teln. Nach­ge­wie­sen sind an­ders als in Bonn Be­schä­di­gun­gen im Dom­be­reich (Brand­schich­ten über den ka­ro­lin­gi­schen Es­tri­chen der Ka­the­dra­le, Hu­bert/Ha­ver­kamp 1996, S. 125). Fer­ner wa­ren die Klös­ter St. Ma­xi­min, St. Eu­cha­ri­us, St. Mar­tin und St. Sym­pho­ri­an nörd­lich der an­ti­ken Stadt­mau­er be­trof­fen, wo­bei letz­te­res nicht wie­der auf­ge­baut wur­de. Hin­ge­gen be­rich­tet Re­gi­no, dass das Klos­ter St. Pau­lin von den Nord­män­nern nicht ein­ge­nom­men wer­den konn­te. Aber nicht nur die Klös­ter, auch de­ren Bi­blio­the­ken und Ar­chi­ve fie­len den Über­fäl­len zum Op­fer. Was nicht in Si­cher­heit ge­bracht wer­den konn­te, ver­brann­te. Mit der Zer­stö­rung der Stadt durch die Wi­kin­ger sind we­sent­li­che an­ti­ke Struk­tu­ren des städ­ti­schen Sied­lungs­ge­fü­ges un­ter­ge­gan­gen und der Über­fall be­deu­te­te ei­nen tie­fen Ein­schnitt in der früh­mit­tel­al­ter­li­chen Ge­schich­te der Stadt (Cle­mens 2001, S. 70). 

6. Die Schlacht bei Remich

Nach der Ver­wüs­tung Triers zo­gen die Wi­kin­ger die Mo­sel fluss­auf­wärts Rich­tung Metz. Bei Re­mich kam es zum Kampf zwi­schen den Ein­dring­lin­gen und ei­nem mo­sel­la­ni­schen Auf­ge­bot un­ter der Füh­rung des Met­zer Bi­schofs Wa­la (Epis­ko­pat 876-882), un­ter­stützt von sei­nem Trie­rer Amts­bru­der und Graf Adal­hard von Metz (um 840/845-889/890). Die Wi­kin­ger sieg­ten, Wa­la fiel in der Schlacht, Bert­hold und Graf Adal­hard ge­lang noch ein­mal die Flucht. Den­noch zo­gen sich die Wi­kin­ger an­schlie­ßend – wohl auf­grund des zu­neh­men­den Wi­der­stan­des – aus der Re­gi­on zu­rück und kehr­ten mit rei­cher Beu­te zu ih­rem La­ger nach Els­loo zu­rück (Re­gi­no von Prüm, Chro­nik, ad a. 882). 

Ein wei­te­rer Grund für den Rück­zug der Wi­kin­ger aus dem Rhein-Mo­sel-Raum mag auch die Rück­kehr des am 12.2.882 in Rom zum Kai­ser ge­krön­ten Karls III. (der Di­cke, Re­gie­rungs­zeit Ost­fran­ken­reich: 876-887, West­fran­ken­reich: 884-888) ge­we­sen sein. Nach dem Reichs­tag von Worms im Mai 882 zog die­ser mit ei­nem star­ken Hee­res­auf­ge­bot vor das nor­man­ni­sche La­ger in Els­loo, ver­zich­te­te je­doch auf mi­li­tä­ri­sche Ak­tio­nen und nahm nach zwölf Ta­gen Be­la­ge­rung Ver­hand­lun­gen mit den Wi­kin­gern auf. Das Er­geb­nis war ein mit Kir­chen­gut er­kauf­ter Ab­zug, bei dem Go­de­frid un­ter der Be­din­gung, dass er sich tau­fen las­se, Fries­land als Le­hen über­tra­gen wur­de. Sig­frid und die in Els­loo zu­rück ge­blie­be­nen Wi­kin­ger wur­den zu­nächst durch rei­che Zah­lun­gen von wei­te­ren Raub­über­fäl­len ab­ge­hal­ten  (Run­de 2003, S. 229).

Der Frie­de währ­te je­doch nur ein hal­bes Jahr. Wäh­rend Karl der Di­cke nach Ita­li­en zog, ver­wüs­te­ten die Wi­kin­ger im No­vem­ber 882 die nie­der­län­di­sche Re­gi­on Deven­ter. Da Go­de­frid zu­dem in dem ein­zi­gen Sohn Lo­thars II., Hu­go, aus sei­ner nicht an­er­kann­ten Ver­bin­dung mit Wald­ra­da, ei­nen Bünd­nis­part­ner ge­fun­den und des­sen Schwes­ter Gi­se­la ge­hei­ra­tet hat­te, konn­ten 883 aus Dä­ne­mark nach­ge­rück­te Trup­pen die Plün­der­zü­ge, wie es in den An­na­les Ful­den­ses hei­ßt „mit Be­stim­mung Go­de­fri­ds“ er­neut rhein­auf­wärts aus­deh­nen.

Be­son­ders be­trof­fen war dies­mal der Xan­te­ner Raum. Nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter rhein­auf­wärts in Duis­burg schlu­gen die Wi­kin­ger ihr La­ger auf. Dass die Wi­kin­ger die­ses Mal nicht den Rhein hin­ab bis an den Mit­tel­rhein vor­stie­ßen, lag ein­zig dar­an, dass ih­nen der Main­zer Erz­bi­schof Li­ut­bert (Epis­ko­pat 863-889) und Graf Hein­rich von Ba­ben­berg (vor 860-886) ent­ge­gen­tra­ten. Der Nie­der­rhein nörd­lich der Ruhr konn­te erst im Früh­jahr 884 auf­at­men, als es Hein­rich ge­lang, Duis­burg zu­rück zu er­obern und den Nie­der­rhein von den Wi­kin­gern frei­zu­kau­fen (Re­gi­no von Prüm, Chro­nik, ad a. 884). Da Go­de­frid je­doch zu­sam­men mit sei­nem Schwa­ger Hu­go im Früh­jahr 885 die Über­ga­be von Sin­zig, An­der­nach, Ko­blenz und an­de­rer wein­tra­gen­der Gü­ter for­der­te, ent­schloss sich Karl der Di­cke, ge­gen den Skan­di­na­vi­er vor­zu­ge­hen. Er ließ Go­de­frid und Hu­go durch Graf Hein­rich in ei­ne Fal­le lo­cken. Der Wi­kin­ger und sei­ne Ge­folgs­leu­te wur­den ge­tö­tet, Hu­go ge­fan­gen ge­nom­men und ge­blen­det (Boy­er 1994, S. 147). In den nächs­ten Jah­ren blie­ben die Wi­kin­ger­über­fäl­le am Rhein aus.

7. Der Wikingereinfall des Jahres 892

Nach zehn Jah­ren der Ru­he wur­den Rhein und Mo­sel im Jahr 892 er­neut von den Wi­kin­gern heim­ge­sucht. Hin­ter­grund war, dass der ost­frän­ki­sche Herr­scher Ar­nulf von Kärn­ten (Re­gie­rungs­zeit 887-899) den Wi­kin­gern in der Schlacht von Lö­wen an der Dyle (Bel­gi­en) 891 ei­ne emp­find­li­che Nie­der­la­ge be­rei­tet hat­te, die sie er­neut da­zu zwang, ins Rhein­land aus­zu­wei­chen. Im Fe­bru­ar 892 zog da­her noch ein­mal ein Heer ent­lang der Mo­sel über Trier, das er­neut ge­plün­dert wur­de, bis nach Bonn. Bei Lan­nes­dorf trat ih­nen ein Auf­ge­bot der ört­li­chen Be­völ­ke­rung ent­ge­gen. Die­ses Mal schei­nen sich die Wi­kin­ger ih­rer Schlag­kraft je­doch nicht si­cher ge­we­sen zu sein, denn sie scheu­ten den Kampf und zo­gen im Eil­marsch er­neut durch die Ei­fel bis zum Klos­ter Prüm. Wie zehn Jah­re zu­vor plün­der­ten sie es, tö­te­ten und ver­schlepp­ten zahl­rei­che Men­schen, nur der Abt des Klos­ters und ei­ni­ge Mön­che konn­ten flie­hen (Re­gi­no von Prüm, Chro­nik, ad a. 892).

Der Sieg Ar­nulfs von Kärn­ten bei Lö­wen 891 hat­te je­doch ei­ne Wen­de mar­kiert: Die gro­ße Zeit der Wi­kin­ger­hee­re auf dem Fest­land und da­mit auch im Rhein­land war vor­bei. Die frän­ki­schen Herr­scher zeig­ten mehr Wi­der­stand ge­gen die nor­di­schen Ein­dring­lin­ge, zu­dem ver­mel­den die zeit­ge­nös­si­schen Chro­ni­ken ei­ne Hun­gers­not. Für die Wi­kin­ger be­deu­te­te dies, dass we­ni­ger Beu­te mit grö­ße­rem Ri­si­ko ver­bun­den war. Des­halb zo­gen sich die meis­ten Wi­kin­ger­trupps aus dem Rhein­land nach Eng­land ins so ge­nann­te Da­nelag, ein dä­nisch be­sie­del­tes Ge­biet, zu­rück. Auch nach 900 ver­such­ten die Wi­kin­ger Raub­zü­ge zu un­ter­neh­men, aber ins­ge­samt blie­ben dies ver­ein­zel­te Ak­tio­nen, die die Nord­leu­te nicht mehr an Rhein und Mo­sel füh­ren soll­ten.

8. Die Wikinger als Händler

In den zeit­ge­nös­si­schen, meist aus Sicht von Geist­li­chen ver­fass­ten Quel­len, wer­den die Wi­kin­ger als er­bit­ter­te Fein­de des Chris­ten­tums, blut­rüns­ti­ge Räu­ber und „Gei­ßel Got­tes“ dar­ge­stellt. Tat­säch­lich wa­ren häu­fig Klös­ter und Kir­chen von den Plün­de­run­gen be­trof­fen, da sich hier auf re­la­tiv un­ge­schütz­tem Raum Reich­tü­mer be­fan­den und Lö­se­gel­der für Bi­schö­fe und Äb­te sehr hoch aus­fal­len konn­ten, was das Bild der Wi­kin­ger bis heu­te ma­ß­geb­lich be­ein­flusst. Gleich­wohl wa­ren die Wi­kin­ger der mit­tel­al­ter­li­chen Welt aber nicht nur als Pi­ra­ten be­kannt, son­dern auch als fried­li­che Händ­ler.

Die Rei­sen der Wi­kin­ger nach Os­ten und Wes­ten lie­ßen Skan­di­na­vi­en zu ei­nem Teil des weit ver­zweig­ten Fern­han­dels­net­zes wer­den, das ne­ben dem Mit­tel­meer­raum und Tei­len Asi­ens auch den Mit­tel­rhein und die Mo­sel um­fass­te. Der sai­son­wei­se be­trie­be­ne Han­del ver­lief auf mehr oder we­ni­ger fest­ste­hen­den Rou­ten über die gro­ßen eu­ro­päi­schen Flüs­se so­wie die Küs­ten­be­rei­che von Nord- und Ost­see (Duis­burg und die Wi­kin­ger, 1983, S. 6).

In­ner­halb des Frän­ki­schen Rei­ches ge­hör­ten die Rhein­lan­de zu den be­deu­tends­ten Han­dels­zen­tren und so be­stan­den auch mit den Or­ten am Mit­tel­rhein weit ver­zweig­te Han­dels­be­zie­hun­gen. 

Han­dels­plät­ze wie Bonn oder Ko­blenz ge­hör­ten wie Kau­pang in Nor­we­gen, Bir­ka in Schwe­den, Ri­be und Hait­ha­bu in Dä­ne­mark, Quen­to­wic in Frank­reich, York und Lon­don in Eng­land zu ei­nem gro­ßen Han­dels­netz. Da­mit um­spann­te die­ses Ge­flecht aus Han­dels­plät­zen so­wohl die Wi­kin­ger­welt als auch das Frän­ki­sche Reich (Wil­lem­sen 2004, S. 99).

Die Raub­über­fäl­le der Jah­re 881 und 882 wa­ren nicht die ers­ten Kon­tak­te der Wi­kin­ger mit dem Rhein­land. Be­reits seit der Me­ro­win­ger­zeit (cir­ca 5. – 7. Jahr­hun­dert) sind in­ten­si­ve Han­dels­kon­tak­te bis in das Ge­biet des Mit­tel­rheins nach­ge­wie­sen. Stof­fe, Glas, Ke­ra­mik, hoch­wer­ti­ge Klin­gen aus den Schwert­ma­nu­fak­tu­ren am Rhein, Maye­ner Ba­salt oder Wein aus der Ge­gend um Ko­blenz fan­den den Weg nach Skan­di­na­vi­en (Ver­wers 1998, S. 110). 

9. Die Auswirkungen der Wikingerüberfälle an Mittelrhein und Mosel

Die zeit­ge­nös­si­schen Be­richt­er­stat­ter ha­ben das Aus­maß der von den Wi­kin­gern an­ge­rich­te­ten Zer­stö­run­gen an Mit­tel­rhein und Mo­sel ver­mut­lich über­trie­ben. Um­fas­sen­de Ver­wüs­tun­gen durch die Plün­de­run­gen wa­ren eher sel­ten. Vie­le Schät­ze, Re­li­qui­en und Bü­cher wur­den ge­ret­tet, da sich die Mön­che häu­fig vor­über­ge­hend in die Si­cher­heit ih­rer Be­sit­zun­gen auf dem Lan­de zu­rück­zo­gen. Auch die kirch­li­chen Struk­tu­ren schei­nen durch die An­grif­fe nicht ge­stört wor­den zu sein. (Sa­wy­er 2002, S. 141). Sieht man da­her ein­mal von den Plün­de­run­gen ab, die für die je­wei­li­gen Klös­ter und Kir­chen si­cher­lich ver­lust­reich wa­ren, dürf­te sich der ma­te­ri­el­le Scha­den ins­ge­samt in Gren­zen ge­hal­ten ha­ben. Die Quel­len sug­ge­rie­ren an­de­res, was zum ei­nen der Per­spek­ti­ve von Kir­chen­män­nern ge­schul­det ist, die Ver­fas­ser der wich­tigs­ten Quel­len wa­ren, zum an­de­ren ih­rer mo­ra­lisch-di­dak­ti­schen In­ten­ti­on, denn die Wi­kin­ger­über­fäl­le soll­ten häu­fig auch als Stra­fe Got­tes wahr­ge­nom­men wer­den.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Striewski, Jennifer, Wikinger am Mittelrhein, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/wikinger-am-mittelrhein/DE-2086/lido/57d11ffb5b1dd7.60977295 (abgerufen am 19.10.2025)

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Sekundärliteratur

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Kriege und Konflikte

Inhaltsverzeichnis

1. Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane

1. Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane.

Um sein Reich der Franken zu erweitern, nimmt Karl der Große 772 den Kampf gegen die Sachsen auf: Die Stämme zwischen Rhein und Elbe gehören zu jenen Germanen, die noch den heidnischen Göttern folgen und keiner Großmacht unterworfen sind. Es wird Karls grausamster Krieg – und der Sachsenführer Widukind sein erbittertster Gegner: Mit Tücke und Entschlossenheit kämpft der letzte germanische Rebell für die Freiheit seines Volkes

Erst im Jahr 785 wird sich Widukind unterwerfen: Wie die fränkischen Reichsannalen berichten, fällt der Stammesführer (in der Bildmitte unten, mit Krone) im Bardengau im Raum Lüneburg vor Karl dem Großen nieder, nachdem dessen Truppen das Sachsenland mehrmals verwüstet haben (Gemälde von Ary Scheffler, 1840; Foto: picture-alliance / akg-images / akg-images)

Der Anlass, dem die Archäologen später ihren spektakulären Fund verdanken, mutet zunächst profan an: In Enger, einem unscheinbaren Ort in Ostwestfalen, sollen Bauarbeiter 1971 die Kirche renovieren und eine Fußbodenheizung installieren. Bei dieser Gelegenheit wollen die Forscher durch Grabungen die Baugeschichte der Kirche rekonstruieren. Mit etwas Glück, so hoffen sie, könnten sie dabei Hinweise auf einen Mann entdecken, von dem bis dahin kaum mehr greifbar ist als ein weit über 1000 Jahre alter Mythos.

Denn wohl seit dem Hochmittelalter gilt die Stiftskirche in Enger als Ruhestätte des bekanntesten Volkshelden der Region: eines Stammesherzogs der Sachsen, dessen Abbild mit Spangenkrone und Lilienzepter als lebensgroßes Sandsteinrelief auf einem Grabmal hinter dem Altar liegt.Aber niemand weiß, wie dieser Mann ausgesehen haben mag, wann er geboren wurde oder wo er tatsächlich begraben liegt. Und ob er wirklich so hieß, wie man ihn heute nennt: Widukind.

Ein erbitterter Feind Karls des Großen ist dieser Herzog gewesen, so viel steht fest. Widukind hat im 8. Jahrhundert den verzweifelten Widerstand der Sachsen gegen die übermächtigen Franken organisiert, bis er sich schließlich als Zeichen der Unterwerfung taufen ließ. Mit ihm und seinen Sachsen endete das heidnisch-germanische Zeitalter in Mitteleuropa, hob das katholisch-christliche Mittelalter endgültig an. Monatelang graben sich die Archäologen Schicht um Schicht zurück durch die Jahrhunderte, bis sie schließlich die Zeit um das Jahr 800 erreichen – jene Epoche, in der wahrscheinlich noch zu Lebzeiten des legendären Sachsenführers die Kirche von Enger errichtet wurde.

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts thront der kleine Sakralbau auf einer Hügelkuppe zwischen Wiehengebirge und Teutoburger Wald. Er ist 14 Meter lang und 6,50 Meter breit und wurde von erfahrenen und vermutlich weit gereisten Handwerkern aus dem Frankenreich errichtet. Stein ist in dieser Gegend ein bis dahin wenig genutzter Baustoff – und Gotteshäuser sind noch ein seltener Anblick in diesem Gebiet, dessen Bewohner über Jahrhunderte hinweg heidnischen Bräuchen gefolgt sind und es mitunter nach wie vor tun. Wer sich noch nicht zu Jesus Christus bekennt, der glaubt an eine Welt von Göttern, verbrennt seine Toten, statt sie zu begraben, und ermittelt sein Schicksal mithilfe von Losbefragungen und Orakeln. Seher lesen die Zukunft wohl immer noch so, wie es der römische Historiker Tacitus 98 n. Chr. beschrieben hat: aus Eingeweiden, dem Wiehern von Schimmeln, dem Flug der Vögel.

Sachsen werden die hier siedelnden Stämme erstmals in römischen Schriften des 4. Jahrhunderts genannt. Vermutlich rührt der Name von dem altgermanischen Wort für Messer her: sahs. Ein Volk sei es, berichtet im 5. Jahrhundert ein spanischer Geschichtsschreiber, das am Gestade eines Ozeans und in unzugänglichen Sümpfen wohne und durch seine Tapferkeit und Beweglichkeit gefürchtet sei. Und noch um das Jahr 730 beschränkt sich das gelehrte Wissen auf Aufzeichnungen wie die des spanischen Enzyklopädisten Isidor von Sevilla: Das Gebiet östlich des Rheins werde von rohen Stämmen bewohnt, die sehr wild seien und durch unbarmherzige Gewohnheiten abgehärtet.

In friedlichen Zeiten züchten die Sachsen Pferde, Schafe, Schweine und Rinder. Häufig bestellen sie auch Felder, bauen Roggen und Weizen an sowie Flachs, den sie zur Herstellung von Stoffen nutzen. Immer wieder aber verlassen die Männer ihre Siedlungen zwischen Nordsee und Harz, Elbe und Rhein und gehen auf Raubzüge. Sie sind gute Seefahrer, und im 4. und 5. Jahrhundert wird ihr Name zum Synonym für „Piraten“. Lange Abschnitte der gallischen und britannischen Küste nennen die Römer litus Saxonicum. Nicht etwa, weil an der „Sächsischen Küste“ Sachsen lebten, sondern weil diese die dortige Bevölkerung immer wieder heimsuchen.

Im 8. Jahrhundert grenzt das Gebiet der Sachsen im Westen an das Reich der Franken, das gut zwei Jahrhunderte zuvor entstanden ist. Damals schuf der germanische Stammesführer Chlodwig mit List, Verrat und Gewalt aus mehreren kleinen germanischen Reichen das fränkische Einheitsreich, das sich inzwischen von der Garonne im Südwesten bis über den Rhein hinaus erstreckt. Ihren Namen haben ihnen Zeitgenossen gegeben: Franken – die Kühnen. An der Nordostgrenze des Frankenreiches treffen Christentum und germanischer Götterglauben aufeinander. Denn unter dem Einfluss seiner katholischen Frau hat Chlodwig im Jahr 498 Göttern wie Donar und Wotan entsagt und sich taufen lassen: Die Franken sind Christen geworden. Zangengleich liegt ihr Reich nun um das der heidnischen Sachsen.

Doch es ist zunächst wohl kein Missionierungswille, der Chlodwigs Nachfolger zu Feldzügen in das benachbarte Land treibt: Teils aus Vergeltung für sächsische Überfälle, teils getrieben von Machtwillen, rücken die Franken immer wieder in das Nachbarland vor. Über Jahrzehnte flammen die Feindseligkeiten zwischen den Völkern auf, auch weil es zwischen ihren Ländern keine klare Grenze gibt: Nur dort, wo Bergrücken oder unbewohnte Wälder sich zwischen die Siedlungsgebiete in der Ebene schieben, sind die Territorien deutlich voneinander getrennt. Und so nehmen „Totschlag, Raub und Brandstiftung auf beiden Seiten kein Ende“: Das zumindest überliefert der Biograf Karls des Großen, der Hofgelehrte Einhard.

Karl ist 771 zum Alleinherrsc her der Franken aufgestiege n und macht sich schon bald d aran, sein Großreich zu erweitern. Im Inneren bemüht sich der Herrscher um eine neu gestaltete Verwaltung, gibt eine einheitliche Gesetzgebung vor und schafft die letzten Stammesherzogtümer ab – jene selbstständigen Herrschaften, die sich zu Zeiten schwächerer Könige auf fränkischem Boden hatten etablieren können. Selbst zeitlebens Analphabet, lässt der Herrscher Klöster und Schulen bauen, fördert Bildung und Wissenschaft. Eine Hochkultur entsteht, die an das Land von Stämmen grenzt, die nicht einmal ein eigenes Schrifttum kennen: das der Sachsen. Schon früh beschließt der König, die Unruhen an der nordöstlichen Grenze für immer zu beenden und das Frankenreich auf Kosten der Sachsen zu erweitern – eine Entscheidung, die zu seinem längsten und grausamsten Krieg führen wird.

Im Jahr 772 zieht Karl mit seinen Soldaten erstmals gegen die Sachsen. Zunächst erzielen die fränkischen Truppen rasche Erfolge: Sie erobern die Eresburg, eine mächtige Wallanlage im heutigen Sauerland, und zerstören ein nahe gelegenes Heiligtum der Sachsen. An strategisch wichtigen Stellen östlich des Rheins legen die Franken nun Befestigungen und Aufmarschrouten an. Zudem ruft Karl einige sächsische Führer zusammen und lässt sich von ihnen Geiseln stellen. Die heidnischen Nachbarn, so muss es dem König erscheinen, haben sich der fränkischen Übermacht ergeben.

Widukind muss mehrfach ins dänische Exil flüchten – und organisiert den Widerstand nach seiner Rückkehr jedes Mal neu

Doch 774, Karl ist gerade auf einem Feldzug in Italien, üben die Sachsen Vergeltung. Sie zerstören den fränkischen Stützpunkt auf der Eresburg, verwüsten die hessischen Grenzgebiete. Daraufhin wirft Karl seinen Feinden Ehr- und Treulosigkeit vor. Ihm ist vermutlich nicht klar, dass die Sachsen ein loses Gefüge größerer und kleinerer Stämme sind, die keinen gemeinsamen Herrscher oder gar König kennen, nur Oberhäupter von Siedlungsgemeinschaften. Ein Schwur oder ein Friedensvertrag ist deshalb wohl allein für jene Gruppe bindend, die ihn geleistet oder geschlossen hat.

Ein solcher Stammesführer ist wahrscheinlich auch jener Mann, den der Münsteraner Bischof Altfried die „Wurzel allen Übels“ nennt, aber auch dux Saxonum, „Herzog der Sachsen“. Widukind. Über seine Herkunft, seine Stellung und seinen Rang wird wohl nie Klarheit herrschen. Denn Aufzeichnungen der Sachsen gibt es nicht, das wenige Wissen über ihn stammt allein aus den Quellen seiner Gegner. Eines jedoch lässt sich sagen: Widukind wird seine Heimat viele Jahre lang grimmig entschlossen gegen Karls Armeen verteidigen.

Vermutlich kämpft er schon auf wichtigem Posten bei den Sachsen mit, als die Franken im Jahr 775 erneut einmarschieren, um „das treulose und vertragsbrüchige Geschlecht der Sachsen zu besiegen und der christlichen Religion zu unterwerfen oder es gänzlich zu vernichten“, so Karls Biograf Einhard. Nun geht es dem König nicht mehr um die Sicherheit der Grenze und die Ausweitung des fränkischen Machtbereichs, sondern um kompromisslose Unterwerfung und Missionierung eines Feindes. Bei Höxter überschreiten die fränkischen Truppen die Weser, bezwingen Stämme wie die Ostfalen, die Engern, die Westfalen. Widerstand leisten die Sachsen dabei kaum – die Armee des Gegners ist übermächtig, vor allem beim Kampf im offenen Gelände. Auf vormals feindlichem Gebiet errichten die Franken eine Festung an der Lippe, die Karlsburg. In Massen empfangen heidnische Sachsen hier die Taufe und schwören: „Ich entsage allem Teufelswerk und Teufelswort, Donar, Wotan und Saxnot und allen Unholden, die ihre Genossen sind.“

777 hält Karl erstmals einen Reichstag in Paderborn ab. Die sächsischen Adeligen schwören ihm die Treue. Sachsen scheint endgültig unterworfen. Doch unter den Abgesandten fehlt einer: Widukind, der „als Rebell im Bewusstsein seiner vielen Freveltaten aus Furcht vor dem König“ mit seinen Anhängern zum Dänenkönig Sigfrid geflohen ist, wie ein Chronist festhält. Weshalb Widukind sich nicht beugt, welche Motive ihn antreiben, ja selbst, wie er aussieht, das verrät keine der Schriften über Karls größten Widersacher. Doch mehr als 1200 Jahre später können Forscher zumindest zur letzten Frage plausible Vermutungen anstellen. Denn im Spätsommer 1971 stoßen die Archäologen nach monatelangen Grabungen im Chorraum der Stiftskirche von Enger auf drei Skelette. Die Gräber liegen direkt vor dem Altar, ein ungewöhnlicher Platz. Es könnten Gräber für den Auftraggeber der Kirche und dessen Angehörige sein.

Und war der Stifter nicht Widukind? Hatte der getaufte Sachsenherzog nicht der Sage nach die Bevölkerung dreier Orte zum Bau eines Gotteshauses ermutigt und versprochen, sich in der zuerst vollendeten Kirche begraben zu lassen? Und ist eben dies nicht den Einwohnern Engers gelungen, weil sie zunächst auf den Bau des Turmes verzichteten und ihn erst später errichteten? Noch heute steht der Engeraner Glockenturm, eine Konstruktion aus dem 14. Jahrhundert, ungewöhnlich frei neben der Stiftskirche. Doch es existiert noch eine andere, verlässlichere Quelle: Eine Chronik aus dem 10. Jahrhundert beschreibt Widukind als gottesfürchtigen Mann, der nach seiner Taufe mehrere Kirchen errichten ließ, darunter die „cellula Aggerinensis“, die Kirche in Enger. Ab 2001 werden die Skelettfunde von Anthropologen mit modernen Methoden untersucht: Könnte der Tote im mittleren Grab der Sachsenherzog Widukind sein? Ein kraftstrotzender Mann war der Verstorbene auf jeden Fall, etwa 60 Jahre alt, 1,82 Meter groß.

Nach rund zehn Jahren Kampf lässt sich Widukind 785 taufen. Karl der Große feiert die Unterwerfung des Rebellen mit einem Dankesfest

Wahrscheinlich ist er bis ins hohe Alter körperlich aktiv gewesen, denn alle Skelettteile haben besonders ausgeprägte Ansatzstellen für Muskeln; vergleichbar kräftig sind heute etwa Schwerathleten. Die Oberschenkelknochen sind säbelartig gebogen, einige Wirbel des Rückgrats zeigen knöcherne Überbrückungen. Die Bandscheiben müssen stark abgenutzt gewesen sein, Knochen rieb auf Knochen, Indiz für chronische Überbeanspruchung der Wirbelsäule – sein ganzes Leben hat der Mann wohl im Sattel verbracht. Auch ist das rechte Schlüsselbein dicker als die erhaltenen Stücke des linken. Ein Krieger, vermuten die Anthropologen, der möglicherweise über Jahre hinweg mit der rechten Hand Speer und Schwert geführt hat.

Von anderem Alter und Körperbau war der Tote im linken Grab: ein 14- bis 16-jähriger junger Mann, etwa 1,66 Meter groß. Der dritte, im rechten Grab Bestattete könnte Abbio gewesen sein, ein langjähriger Weggefährte Widukinds: etwa 60 Jahre alt und 1,82 Meter groß, robust gebaut, massiger Schädel. So könnten sie also ausgesehen haben, die zwei kampferprobten Hünen, die sich nach ihrer Rückkehr aus Dänemark im Jahr 778 erneut gegen die fränkischen Besatzer stellen. Einer endlosen Schleife gleich wiederholen sich nun Treuegelöbnisse und gebrochene Schwüre, Aufstände, Eroberungen und Rückeroberungen, Verwüstungen, Unterwerfungen und Massentaufen – sowie Fluchten jenes Mannes, der sich nicht beugen will.

Mehrfach sucht Widukind Schutz im sicheren Dänemark, das so weit nördlich des unwegsamen Sachsenlandes liegt, dass die Franken nicht bis dorthin vordringen. In Dänemark hält sich Widukind wohl auch in jenen Jahren auf, als sein Land in Grafschaften eingeteilt wird, die zum Teil nun von sächsischen Edelleuten regiert werden. Dadurch, dass sie die Sachsen in die Verwaltung des Landes mit einbeziehen, wollen die Franken neuen Widerstand verhindern. Doch der Plan geht zunächst nicht auf. Vielmehr scheint die neue Regelung die Kampfbereitschaft der Sachsen unter dem erneut aus dem Exil zurückgekehrten Widukind zu befeuern: Immer wieder überfallen sie fränkische Truppen.

Widukinds größter Triumph gelingt im Jahr 782. Am Süntel, einem Höhenzug im Weserbergland, schlagen seine Männer ein Frankenheer vernichtend. Als Vergeltung lässt Karl eine „ungeheure Menschenmenge“ mit dem Schwert umbringen, so die fränkischen Annalen. Zahlreiche Siedlungen gehen in Flammen auf. An der Aller demonstriert Karl der Große besondere Härte. Da die aufständischen Sachsen ihren Rädelsführer Widukind, der wieder einmal nach Dänemark geflohen ist, nicht überstellen können, werden „die anderen ausgeliefert, die ihm gehorcht und an seinem Verbrechen teilgenommen hatten“, wie es in den Annalen steht: „Es waren 4500. Sie alle wurden an der Aller in einem Ort namens Verden auf Befehl des Königs an einem Tag enthauptet.“

Diese Massenexekution geht als das „Blutgericht von Verden“ in die Geschichte ein – auch wenn die Zahl der Geköpften strittig ist (möglicherweise wurden nicht mehr als 45 Aufständische hingerichtet) und vielleicht auf einen Lesefehler des Chronisten zurückgeht. Um die Sachsen nicht nur im Kampf zu zermürben, erlässt der Frankenherrscher im selben Jahr die „Capitulatio de partibus Saxoniae“: ein drakonisches Sondergesetz, das schon geringe Verstöße gegen die politisch-religiöse Ordnung streng bestraft. Fortan wird jeder hingerichtet, der einen Toten verbrennt, statt ihn christlich zu bestatten, sich der Taufe verweigert oder ohne Not während der Fastenzeit Fleisch isst. Auch wird den Sachsen verboten, sich öffentlich zu versammeln. Nur der von den Franken eingesetzte Graf darf die Sachsen zusammenrufen, allerdings unter Aufsicht eines Priesters.

Karl ordnet zudem eine Politik der verbrannten Erde an; fürchterlich sind die Zerstörungen – und wirkungsvoll. Dann, 785, übt Karl plötzlich Mäßigung: Er erfährt, dass sich seine Gegner Widukind und Abbio im „rechtselbischen Sachsen“ aufhalten – und schickt statt einer Armee bloß Boten, die den beiden Kriegern Straffreiheit zusichern, sollten sie sich unterwerfen. Wohl nie wird sich klären lassen, in welcher Lage sich der Sachsenführer und Abbio zu dieser Zeit befinden, von wie vielen Anhängern sie umgeben sind, welche Gedanken sie umtreiben.

Fest steht nur: Die Männer willigen ein – möglicherweise, weil sie sich der Aussichtslosigkeit ihres Widerstandes bewusst und des Kämpfens müde sind; denn mehr als 13 Jahre führen sie nun schon Krieg. Ein Höfling geleitet Widukind und Abbio nach Attigny im heutigen Nordostfrankreich, wo einer der wichtigsten karolingischen Stützpunkte liegt. Wahrscheinlich steht kein Geringerer als Karl der Große Pate, als Widukind seinen Göttern abschwört und die Taufe empfängt. Als Zeichen seiner Wandlung, so eine Sage, erhält der bekehrte Heide vom König einen Schimmel, den er fortan anstelle seines Rappen reiten soll. Bis zum heutigen Tag ziert das weiße Sachsenross die Wappen Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens. Für Karl ist die Unterwerfung des Sachsenführers ein solcher Erfolg, dass er den Papst zu einem Dankesfest veranlasst. Drei Tage lang wird in allen Ländern des Reiches gefeiert.

Widukind, der große Aufrührer, ist bekehrt und durch Karls Patenschaft in die familia des Frankenkönigs aufgenommen. Unbekannt und in den Quellen namenlos bleiben die Anführer, die ihm folgen. Bis das heidnische Sachsenland im christlichen Frankenreich aufgeht, wird keiner ähnliche Bedeutung erreichen. Die Taufe Widukinds in Attigny erscheint so als das Ende der Germanen in Mitteleuropa. Und Widukind selbst als ihr letzter großer Führer. Doch auch ohne Widukind währen die Sachsenkriege noch fast 20 Jahre. Es kommt zu weiteren Verwüstungen und Feldzügen, nun vor allem im Norden des sächsischen Territoriums, auch jenseits der Elbe.

Mit dem Ziel, die restlichen Sachsen für immer zu unterwerfen, lässt Karl sogar zerlegbare Schiffe nach Sachsen transportieren, um die zahlreichen Wasserwege nutzen und sich so schneller bewegen zu können. Er lässt Tausende Menschen deportieren und umsiedeln und den Bewohnern in den neu christianisierten Gebieten den Zehnten mit solcher Härte abpressen, dass selbst seine Berater dieses Vorgehen missbilligen. 804 hat Karl sein Ziel erreicht: Die letzten Widerständler ergeben sich. In den Jahrzehnten darauf integrieren sich die Sachsen überraschend schnell in das Reich ihrer ehemaligen Feinde – und einigen gelingt sogar ein steiler politischer Aufstieg: Schon 919 sitzt erstmals ein Sachse auf dem fränkischen Königsthron – Heinrich I.

Widukind hingegen wird nach seiner Taufe in keiner fränkischen Schrift mehr erwähnt – ganz so, als sei der einmal besiegte Feind Karl und dessen Chronisten keines Wortes mehr wert. Wo und wann er stirbt, weiß niemand. Und doch wird er noch Jahrhunderte fortleben: Schon bald verehren ihn nachfolgende Generationen als vorbildlich gewandelten Christen. Troubadoure an den europäischen Höfen besingen seine Taten, und Fürsten wie Könige schmücken sich mit ihm als Ahnherrn. Während der Freiheitskriege gegen Napoleon dient er den Deutschen als Vorbild für Mut und Tapferkeit, im „Dritten Reich“ gar als Ausdruck trotziger, germanischer Selbstbehauptung. In den Jahren darauf jedoch gerät er in Vergessenheit, schrumpft die Erinnerung an ihn zu lokaler Folklore. Und so dient er am Ende nurmehr als Symbol für westfälische Starrköpfigkeit. Widukind, der letzte Germane.

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Wolff, Markus: Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane, in: GEO Epoche. 

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