Karolinger
Wikinger
Inhaltsverzeichnis
1. Wikinger am Mittelrhein
1. Wikinger am Mittelrhein
Einleitung
Als im Jahre 793 skandinavische Seeräuber die nordenglische Klosterinsel Lindisfarne überfielen, markierte dieses Ereignis nicht nur den Anfang einer Serie von Raubüberfällen in Europa, sondern auch den Beginn einer neuen Epoche. Nicht nur die Küsten Englands und des Frankenreichs wurden von der „Geißel der Christenheit“ heimgesucht, mit ihren schnellen, hochseetüchtigen Schiffen befuhren die skandinavischen Piraten beinahe alle größeren Gewässer der nördlichen Halbkugel. Innerhalb von gut 250 Jahren eroberten sie ganze Landstriche und errichteten neue Reiche (Capelle 1986, S. 1).
Auch an Rhein und Mosel lernten die Menschen die Wikinger vor allem als Krieger kennen. Der weitaus größere Teil der skandinavischen Bevölkerung lebte und arbeitete jedoch als Bauern, Handwerker, Fischer oder Händler. Die heimischen Kerngebiete bildeten weite Teile der heutigen Königreiche Dänemark, Schweden und Norwegen. Von diesen Siedlungsgebieten aus nahmen die Wikingerzüge ihren Ausgang. Die meisten der nordischen Räuber, die Ende des 9. Jahrhunderts die Orte am Mittelrhein angriffen, waren Dänen oder kamen aus Gegenden Südskandinaviens, die unter dänischer Oberherrschaft standen (Sawyer 2002, S. 134).
1. Die Wikinger an Rhein und Mosel
Auch wenn es kaum archäologische Funde gibt, die auf eine rege Tätigkeit der Wikinger an Rhein und Mosel hinweisen, so belegen doch einige zeitgenössische Quellen, dass die nordischen Piraten diese Region unsicher machten und größere Handelsplätze wie Bonn, Andernach, Koblenz und Trier überraschend angriffen und mit reicher Beute weiter zogen.
Bereits seit Mitte der 830er Jahre waren die Wikinger über den Rhein bis ins Frankenreich vorgedrungen, wo sie wichtige Handelsplätze überfielen. Dorestad in den heutigen Niederlanden wurde bis zur Mitte des Jahrhunderts mindestens sechs Mal geplündert und bei einem erneuten Überfall im Jahr 863 komplett zerstört. 845 wurde Paris verwüstet und von den Wikingern das erste so genannte Danegeld in Höhe von 7.000 Pfund Silber erhoben; bis 926 gab es im Frankenreich insgesamt mindestens 13 solcher „Schutzgelderpressungen“ (Capelle 1986, S. 88).
Doch erst seit den 880er Jahren – und damit eher spät – suchten die Wikinger größere Handelsplätze an Mittelrhein und Mosel heim. Dies war jedoch kein Zufall, sondern eine Folge der zunehmenden Erfolge König Alfreds des Großen (Regierungszeit 871-899) gegen das so genannte Große Wikingerheer in England, der den Wikingern 878 bei Edington (Wiltshire) eine empfindliche Niederlage zugefügt hatte.
Da die Wikinger häufig die direkte Konfrontation mit einem starken Gegner scheuten, zogen sie sich zunächst aus England zurück. Als hervorragend geeignet für neue Beutezüge erwies sich das Frankenreich, denn der Zerfall des Großen Heeres nach dem gescheiterten Versuch der Eroberung von Wessex fiel zeitlich mit neuerlichen Nachfolgestreitigkeiten im Frankenreich zusammen. Geteilt und durch politische Wirren erschüttert, war für die Wikinger hier nicht mit einer effektiv organisierten Gegenwehr zu rechnen.
Die internen Konflikte, die zu den Teilungen des fränkischen Reiches führten, hatten ernsthafte Folgen für die Verteidigung gegen Eindringlinge von außen. Zwar hatten Karl der Große (Regierungszeit 786/771-814) und Ludwig der Fromme (Regierungszeit 814-840) durch die Errichtung von Befestigungsanlagen die Küsten zu sichern versucht, aber spätestens nach dem Ausbruch der Konflikte zwischen Ludwig dem Frommen und seinen Söhnen im Jahr 830 brach diese Verteidigung zusammen (Capelle 1986, S. 89). Die politische Schwäche des Frankenreichs, insbesondere nach dem Tode Ludwigs im Jahr 840 und der anschließenden Teilung des Reichs im Vertrag von Verdun 843, schuf eine günstige Voraussetzung für die Wikinger. Karl der Kahle (Regierungszeit 843-877) erhielt den Westen des fränkischen Reichs, Ludwig der Deutsche (Regierungszeit 840-876) den Osten, Lothar I. (Regierungszeit 843-855) sicherte sich das Mittelreich, zu dem auch der Mittelrhein gehörte. Damit waren die Konflikte allerdings nicht beendet. Die Brüder und ihre Nachkommen bekämpften sich weiterhin, was immer neue Reichsteilungen zur Folge hatte. Mit dem Vertrag von Meersen 870 fiel der östliche Teil des Mittelreichs – und damit die Gegend um Koblenz und Trier – an das Ostfrankenreich Ludwigs des Deutschen (Anton/Haverkamp 1996, S. 76).
Die Bevölkerung am Rhein wird den Wikingern weitgehend wehrlos ausgeliefert gewesen sein, da diese meist schnell und überraschend angriffen, obwohl sie auf dem Rhein und der Mosel von den Ufern her wesentlich gefährdeter und leichter angreifbar waren als an den Küsten. Waren die Maßnahmen der fränkischen Könige zur Abwehr der Wikinger, wie zum Beispiel die Errichtung einer Flotte zum Küstenschutz, die Instandsetzung ehemaliger römischer Stadtbefestigungen, die christliche Mission oder auch die Überlassung von Küstengebieten an Wikinger oder deren Anheuerung als Söldner nicht sonderlich wirksam, so gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass die Bewohner an Rhein und Mosel irgendwelche präventiven Maßnahmen gegen die Wikinger ergriffen hätten (Eickhoff 2004, S. 56). Auch von Seiten der jeweiligen Herrscher scheint es in diesem Raum keine koordinierten und systematischen Vorbereitungen auf eventuelle Wikingerattacken gegeben zu haben.
Möglicherweise wurden, wie in Mainz, die vorhandenen Befestigungsanlagen beim Heranrücken einer Schar Wikinger eilig in Stand gesetzt oder verstärkt, ansonsten scheint der einfachen Bevölkerung ebenso wie Mönchen und Klerikern aber nur die eilige Flucht ins Hinterland oder der direkte Kampf geblieben zu sein. Wie groß die Schar der Plünderer am Mittelrhein war, lässt sich nicht genau rekonstruieren, normalerweise operierten die Wikinger bei ihren Blitzüberfällen aber in kleineren Gruppen, die eher Hunderte denn Tausende zählten. Die Notwendigkeit einer ausreichenden Versorgung war ein entscheidender Faktor bei der Begrenzung der zahlenmäßigen Stärke (Sawyer 2002, S. 141).
Zwischen 879 und 891 waren mehrere Wikingerheere, die ihre Kräfte gelegentlich bündelten, auf dem Festland aktiv. Zuerst konzentrierten sie sich auf das Gebiet nördlich der Seine einschließlich Flanderns. Im November 881 setzten sich zwei dänische Anführer, Godefrid und Sigfrid, mit ihrem Gefolge in Elsloo an der Maas fest, wo sie nördlich von Roermond geschützt den Winter verbringen und von hier aus auf Raubzüge gehen konnten. Zuerst verwüsteten sie die Orte in der Nachbarschaft und brandschatzen Lüttich, Maastricht und Tongern (Regino von Prüm, Chronik, ad a. 881). Ende 881 zogen sie dann rheinaufwärts in Richtung Jülich, Neuss, Köln, Zülpich und Bonn. Mit Bonn erreichten sie das Tor zum Mittelrhein.
2. Bonn
In Bonn waren zur Zeit der Wikingerangriffe nur noch die Südwestecke des ehemaligen Römerlagers unweit der spätantiken Dietkirche und die Umgebung der Märtyrerkirche Cassius und Florentius besiedelt. Zu dieser „villa basilica“ um die Stiftskirche gehörte auch der sogenannte „vicus“, eine kleine Händlersiedlung, die beim Angriff 882 schwer beschädigt worden sein dürfte (Ennen/Höroldt 1976, S. 30). Zwar berichten die Fuldaer Annalen, die Städte Köln und Bonn seien mit ihren Kirchen und Gebäuden während des verheerenden Überfalls 882 in Flammen aufgegangen, es gibt jedoch weder in Köln noch in Bonn archäologische Hinweise auf eine derart umfassende Zerstörung. Bei den Ausgrabungen am Bonner Münster wurde über den karolingischen Böden kein Brandschutt gefunden (Päffgen 2004, S. 102). Daraus lässt sich schließen, dass die Kirche 882 nicht abgebrannt ist. Laut dem Prümer Chronisten Regino gelang vielen Klerikern die Flucht nach Mainz, wo sie einen großen Teil der Kirchenschätze und Heiligenreliquien in Sicherheit bringen konnten.
Neben der Aachener Pfalz überfielen die Wikinger anschließend auch die Klöster Kornelimünster, Stablo und Malmedy. Besonders hart dürfte die geistlichen Chronisten getroffen haben, dass die Wikinger bei ihren Raubzügen auch vor Kirchen und Klöstern nicht halt machten. So erwies sich die Nachricht, die barbarischen Heiden aus dem Norden hätten die ehrwürdige Aachener Pfalzkapelle Karls des Großen als Pferdestall benutzt, als besonders demütigend für die Franken (Krause 2006, S. 97).
3. Prüm
Im Rheinland bewiesen die Wikinger, dass sie nicht auf ihre Schiffe angewiesen waren. Zu Pferde, die auf den Schiffen mitgeführt werden konnten, nutzen sie die alten Römerstraßen, um die Eifel und die Ardennen zu überwinden. Den Wikingerplünderungen der Jahre 881/882 fielen so nicht nur die Residenzen in Köln und Aachen zum Opfer, sondern auch die Sankt Salvator-Abtei Prüm in der Eifel.
Was diesem bedeutenden Kloster geschah, schildert der Mönch und spätere Abt Regino in seiner Chronik (Regino, Chronik, ad a. 882):
Sie drangen auf einem Streifzug durch die Ardennen am Tag der Erscheinung des Herrn, also am 6. Januar, in das Kloster ein, in dem sie sich drei Tage aufhielten und die ganze Gegend ausplünderten. Daraufhin sammelte sich viel Fußvolk von den Äckern und Landgütern und rückte gegen die Nordmänner vor. Aber diese beherzten Männer hatten offensichtlich keine Krieger unter sich; sie waren kampfungewohnte Bauern. Dementsprechend bereiteten sie den Wikingern keine Probleme. Denn als diese ihre mangelnde Bewaffnung und die fehlende militärische Disziplin wahrnahmen, fielen sie mit Geschrei über sie her. Und sie metzelten die Franken derart nieder, dass unvernünftiges Vieh und nicht Menschen geschlachtet zu werden schienen. Danach kehrten sie mit reicher Beute beladen ins Lager zurück. Als sie das Kloster verließen, soll kein Mensch mehr gelebt haben, der die gelegten Feuer löschen konnte. So brannte das Kloster Prüm nieder.
4. Andernach und Koblenz
Nach dem Massaker an der sich zur Wehr setzenden Prümer Bevölkerung zogen die Wikinger weiter gen Süden. Ein von dem schwer erkrankten Ludwig den Jüngeren (Regierungszeit 876-882) aufgestelltes Heer hatte sich nach dessen Tod am 20.1.882 kampflos wieder zurück gezogen. In Erwartung eines Angriffs wurden daher die römischen Stadtmauern von Mainz eilig in Stand gesetzt; die mittlerweile bis nach Andernach und Koblenz vorgedrungenen Skandinavier wichen jedoch auf die Mosel aus und zogen in Richtung Trier (Heinen/Anton 2003, S. 273).
4.1 Andernach
Andernach ging erst verhältnismäßig spät in den Besitz der Franken über, die hier einen Königshof errichteten, der von den merowingischen Königen häufig besucht wurde. Auch in karolingischer Zeit behielt Andernach als königliches Fiskalgut und Grenzstadt seine wirtschaftliche und militärisch-strategische Bedeutung (Flach 1988, S. 44). Ähnlich wie in Koblenz und Mainz scheinen auch in Andernach die Mauern des ehemaligen römischen Kastells den Vorstoß der Wikinger verhindert zu haben. Nach dem Überfall 882 wird jedoch die Vorstadtsiedlung, die während des Angriffs mit ihren von Handwerkern, Kaufleuten und Fischern besiedelten kleineren Häusern wohl stark in Mitleidenschaft gezogen worden war, aufgegeben worden sein (Krüger 1988, S. 87). Wirtschaftliche Auswirkungen auf das Fiskalgut sind allerdings auszuschließen, denn bereits im Jahre 885 war die Wirtschaftsverwaltung des Andernacher Fiskus wieder hergestellt.
4.2 Koblenz
In Koblenz scheint die ehemalige römische Befestigung mit einer starken Mauer und 19 mächtigen Rundtürmen in einem guten Zustand gewesen zu sein und leistete entsprechenden Dienst bei der Abwehr der Wikinger. Vor den Mauern des ehemaligen Kastells hatten sich Bauern und Gewerbetreibende angesiedelt, deren Häuser ebenso wie die Basilika St. Kastor bei dem Angriff der Wikinger 882 im Gegensatz zu den hinter den Mauern liegenden Gebäuden möglicherweise in Mitleidenschaft gezogen wurden (Flach 1988, S. 80).
5. Trier
Nachdem die Wikinger die Mosel entlang gezogen waren, erreichten sie Trier. Hier überfielen sie zunächst in der Karwoche die extra muros gelegenen Kirchen und Gehöfte. Die Stadt selbst wurde nach dem Bericht Reginos von Prüm an Gründonnerstag (5. April) eingenommen und tagelang ausgeplündert. Nach Regino gab es zahlreiche Opfer unter der Bevölkerung; allerdings gelang Erzbischof Berthold von Trier mit wenigen Gefolgsleuten die Flucht. Wie groß die Zerstörungen tatsächlich waren, ist nur annähernd zu ermitteln. Nachgewiesen sind anders als in Bonn Beschädigungen im Dombereich (Brandschichten über den karolingischen Estrichen der Kathedrale, Hubert/Haverkamp 1996, S. 125). Ferner waren die Klöster St. Maximin, St. Eucharius, St. Martin und St. Symphorian nördlich der antiken Stadtmauer betroffen, wobei letzteres nicht wieder aufgebaut wurde. Hingegen berichtet Regino, dass das Kloster St. Paulin von den Nordmännern nicht eingenommen werden konnte. Aber nicht nur die Klöster, auch deren Bibliotheken und Archive fielen den Überfällen zum Opfer. Was nicht in Sicherheit gebracht werden konnte, verbrannte. Mit der Zerstörung der Stadt durch die Wikinger sind wesentliche antike Strukturen des städtischen Siedlungsgefüges untergegangen und der Überfall bedeutete einen tiefen Einschnitt in der frühmittelalterlichen Geschichte der Stadt (Clemens 2001, S. 70).
6. Die Schlacht bei Remich
Nach der Verwüstung Triers zogen die Wikinger die Mosel flussaufwärts Richtung Metz. Bei Remich kam es zum Kampf zwischen den Eindringlingen und einem mosellanischen Aufgebot unter der Führung des Metzer Bischofs Wala (Episkopat 876-882), unterstützt von seinem Trierer Amtsbruder und Graf Adalhard von Metz (um 840/845-889/890). Die Wikinger siegten, Wala fiel in der Schlacht, Berthold und Graf Adalhard gelang noch einmal die Flucht. Dennoch zogen sich die Wikinger anschließend – wohl aufgrund des zunehmenden Widerstandes – aus der Region zurück und kehrten mit reicher Beute zu ihrem Lager nach Elsloo zurück (Regino von Prüm, Chronik, ad a. 882).
Ein weiterer Grund für den Rückzug der Wikinger aus dem Rhein-Mosel-Raum mag auch die Rückkehr des am 12.2.882 in Rom zum Kaiser gekrönten Karls III. (der Dicke, Regierungszeit Ostfrankenreich: 876-887, Westfrankenreich: 884-888) gewesen sein. Nach dem Reichstag von Worms im Mai 882 zog dieser mit einem starken Heeresaufgebot vor das normannische Lager in Elsloo, verzichtete jedoch auf militärische Aktionen und nahm nach zwölf Tagen Belagerung Verhandlungen mit den Wikingern auf. Das Ergebnis war ein mit Kirchengut erkaufter Abzug, bei dem Godefrid unter der Bedingung, dass er sich taufen lasse, Friesland als Lehen übertragen wurde. Sigfrid und die in Elsloo zurück gebliebenen Wikinger wurden zunächst durch reiche Zahlungen von weiteren Raubüberfällen abgehalten (Runde 2003, S. 229).
Der Friede währte jedoch nur ein halbes Jahr. Während Karl der Dicke nach Italien zog, verwüsteten die Wikinger im November 882 die niederländische Region Deventer. Da Godefrid zudem in dem einzigen Sohn Lothars II., Hugo, aus seiner nicht anerkannten Verbindung mit Waldrada, einen Bündnispartner gefunden und dessen Schwester Gisela geheiratet hatte, konnten 883 aus Dänemark nachgerückte Truppen die Plünderzüge, wie es in den Annales Fuldenses heißt „mit Bestimmung Godefrids“ erneut rheinaufwärts ausdehnen.
Besonders betroffen war diesmal der Xantener Raum. Nur wenige Kilometer rheinaufwärts in Duisburg schlugen die Wikinger ihr Lager auf. Dass die Wikinger dieses Mal nicht den Rhein hinab bis an den Mittelrhein vorstießen, lag einzig daran, dass ihnen der Mainzer Erzbischof Liutbert (Episkopat 863-889) und Graf Heinrich von Babenberg (vor 860-886) entgegentraten. Der Niederrhein nördlich der Ruhr konnte erst im Frühjahr 884 aufatmen, als es Heinrich gelang, Duisburg zurück zu erobern und den Niederrhein von den Wikingern freizukaufen (Regino von Prüm, Chronik, ad a. 884). Da Godefrid jedoch zusammen mit seinem Schwager Hugo im Frühjahr 885 die Übergabe von Sinzig, Andernach, Koblenz und anderer weintragender Güter forderte, entschloss sich Karl der Dicke, gegen den Skandinavier vorzugehen. Er ließ Godefrid und Hugo durch Graf Heinrich in eine Falle locken. Der Wikinger und seine Gefolgsleute wurden getötet, Hugo gefangen genommen und geblendet (Boyer 1994, S. 147). In den nächsten Jahren blieben die Wikingerüberfälle am Rhein aus.
7. Der Wikingereinfall des Jahres 892
Nach zehn Jahren der Ruhe wurden Rhein und Mosel im Jahr 892 erneut von den Wikingern heimgesucht. Hintergrund war, dass der ostfränkische Herrscher Arnulf von Kärnten (Regierungszeit 887-899) den Wikingern in der Schlacht von Löwen an der Dyle (Belgien) 891 eine empfindliche Niederlage bereitet hatte, die sie erneut dazu zwang, ins Rheinland auszuweichen. Im Februar 892 zog daher noch einmal ein Heer entlang der Mosel über Trier, das erneut geplündert wurde, bis nach Bonn. Bei Lannesdorf trat ihnen ein Aufgebot der örtlichen Bevölkerung entgegen. Dieses Mal scheinen sich die Wikinger ihrer Schlagkraft jedoch nicht sicher gewesen zu sein, denn sie scheuten den Kampf und zogen im Eilmarsch erneut durch die Eifel bis zum Kloster Prüm. Wie zehn Jahre zuvor plünderten sie es, töteten und verschleppten zahlreiche Menschen, nur der Abt des Klosters und einige Mönche konnten fliehen (Regino von Prüm, Chronik, ad a. 892).
Der Sieg Arnulfs von Kärnten bei Löwen 891 hatte jedoch eine Wende markiert: Die große Zeit der Wikingerheere auf dem Festland und damit auch im Rheinland war vorbei. Die fränkischen Herrscher zeigten mehr Widerstand gegen die nordischen Eindringlinge, zudem vermelden die zeitgenössischen Chroniken eine Hungersnot. Für die Wikinger bedeutete dies, dass weniger Beute mit größerem Risiko verbunden war. Deshalb zogen sich die meisten Wikingertrupps aus dem Rheinland nach England ins so genannte Danelag, ein dänisch besiedeltes Gebiet, zurück. Auch nach 900 versuchten die Wikinger Raubzüge zu unternehmen, aber insgesamt blieben dies vereinzelte Aktionen, die die Nordleute nicht mehr an Rhein und Mosel führen sollten.
8. Die Wikinger als Händler
In den zeitgenössischen, meist aus Sicht von Geistlichen verfassten Quellen, werden die Wikinger als erbitterte Feinde des Christentums, blutrünstige Räuber und „Geißel Gottes“ dargestellt. Tatsächlich waren häufig Klöster und Kirchen von den Plünderungen betroffen, da sich hier auf relativ ungeschütztem Raum Reichtümer befanden und Lösegelder für Bischöfe und Äbte sehr hoch ausfallen konnten, was das Bild der Wikinger bis heute maßgeblich beeinflusst. Gleichwohl waren die Wikinger der mittelalterlichen Welt aber nicht nur als Piraten bekannt, sondern auch als friedliche Händler.
Die Reisen der Wikinger nach Osten und Westen ließen Skandinavien zu einem Teil des weit verzweigten Fernhandelsnetzes werden, das neben dem Mittelmeerraum und Teilen Asiens auch den Mittelrhein und die Mosel umfasste. Der saisonweise betriebene Handel verlief auf mehr oder weniger feststehenden Routen über die großen europäischen Flüsse sowie die Küstenbereiche von Nord- und Ostsee (Duisburg und die Wikinger, 1983, S. 6).
Innerhalb des Fränkischen Reiches gehörten die Rheinlande zu den bedeutendsten Handelszentren und so bestanden auch mit den Orten am Mittelrhein weit verzweigte Handelsbeziehungen.
Handelsplätze wie Bonn oder Koblenz gehörten wie Kaupang in Norwegen, Birka in Schweden, Ribe und Haithabu in Dänemark, Quentowic in Frankreich, York und London in England zu einem großen Handelsnetz. Damit umspannte dieses Geflecht aus Handelsplätzen sowohl die Wikingerwelt als auch das Fränkische Reich (Willemsen 2004, S. 99).
Die Raubüberfälle der Jahre 881 und 882 waren nicht die ersten Kontakte der Wikinger mit dem Rheinland. Bereits seit der Merowingerzeit (circa 5. – 7. Jahrhundert) sind intensive Handelskontakte bis in das Gebiet des Mittelrheins nachgewiesen. Stoffe, Glas, Keramik, hochwertige Klingen aus den Schwertmanufakturen am Rhein, Mayener Basalt oder Wein aus der Gegend um Koblenz fanden den Weg nach Skandinavien (Verwers 1998, S. 110).
9. Die Auswirkungen der Wikingerüberfälle an Mittelrhein und Mosel
Die zeitgenössischen Berichterstatter haben das Ausmaß der von den Wikingern angerichteten Zerstörungen an Mittelrhein und Mosel vermutlich übertrieben. Umfassende Verwüstungen durch die Plünderungen waren eher selten. Viele Schätze, Reliquien und Bücher wurden gerettet, da sich die Mönche häufig vorübergehend in die Sicherheit ihrer Besitzungen auf dem Lande zurückzogen. Auch die kirchlichen Strukturen scheinen durch die Angriffe nicht gestört worden zu sein. (Sawyer 2002, S. 141). Sieht man daher einmal von den Plünderungen ab, die für die jeweiligen Klöster und Kirchen sicherlich verlustreich waren, dürfte sich der materielle Schaden insgesamt in Grenzen gehalten haben. Die Quellen suggerieren anderes, was zum einen der Perspektive von Kirchenmännern geschuldet ist, die Verfasser der wichtigsten Quellen waren, zum anderen ihrer moralisch-didaktischen Intention, denn die Wikingerüberfälle sollten häufig auch als Strafe Gottes wahrgenommen werden.
Verlinkungen:
->
Quellen:
Internetquellen
-> Striewski, Jennifer, Wikinger am Mittelrhein, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/wikinger-am-mittelrhein/DE-2086/lido/57d11ffb5b1dd7.60977295 (abgerufen am 19.10.2025)
->
->
Sekundärliteratur
->
->
Kriege und Konflikte
Inhaltsverzeichnis
1. Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane
1. Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane.
Um sein Reich der Franken zu erweitern, nimmt Karl der Große 772 den Kampf gegen die Sachsen auf: Die Stämme zwischen Rhein und Elbe gehören zu jenen Germanen, die noch den heidnischen Göttern folgen und keiner Großmacht unterworfen sind. Es wird Karls grausamster Krieg – und der Sachsenführer Widukind sein erbittertster Gegner: Mit Tücke und Entschlossenheit kämpft der letzte germanische Rebell für die Freiheit seines Volkes
Der Anlass, dem die Archäologen später ihren spektakulären Fund verdanken, mutet zunächst profan an: In Enger, einem unscheinbaren Ort in Ostwestfalen, sollen Bauarbeiter 1971 die Kirche renovieren und eine Fußbodenheizung installieren. Bei dieser Gelegenheit wollen die Forscher durch Grabungen die Baugeschichte der Kirche rekonstruieren. Mit etwas Glück, so hoffen sie, könnten sie dabei Hinweise auf einen Mann entdecken, von dem bis dahin kaum mehr greifbar ist als ein weit über 1000 Jahre alter Mythos.
Denn wohl seit dem Hochmittelalter gilt die Stiftskirche in Enger als Ruhestätte des bekanntesten Volkshelden der Region: eines Stammesherzogs der Sachsen, dessen Abbild mit Spangenkrone und Lilienzepter als lebensgroßes Sandsteinrelief auf einem Grabmal hinter dem Altar liegt.Aber niemand weiß, wie dieser Mann ausgesehen haben mag, wann er geboren wurde oder wo er tatsächlich begraben liegt. Und ob er wirklich so hieß, wie man ihn heute nennt: Widukind.
Ein erbitterter Feind Karls des Großen ist dieser Herzog gewesen, so viel steht fest. Widukind hat im 8. Jahrhundert den verzweifelten Widerstand der Sachsen gegen die übermächtigen Franken organisiert, bis er sich schließlich als Zeichen der Unterwerfung taufen ließ. Mit ihm und seinen Sachsen endete das heidnisch-germanische Zeitalter in Mitteleuropa, hob das katholisch-christliche Mittelalter endgültig an. Monatelang graben sich die Archäologen Schicht um Schicht zurück durch die Jahrhunderte, bis sie schließlich die Zeit um das Jahr 800 erreichen – jene Epoche, in der wahrscheinlich noch zu Lebzeiten des legendären Sachsenführers die Kirche von Enger errichtet wurde.
Zu Beginn des 9. Jahrhunderts thront der kleine Sakralbau auf einer Hügelkuppe zwischen Wiehengebirge und Teutoburger Wald. Er ist 14 Meter lang und 6,50 Meter breit und wurde von erfahrenen und vermutlich weit gereisten Handwerkern aus dem Frankenreich errichtet. Stein ist in dieser Gegend ein bis dahin wenig genutzter Baustoff – und Gotteshäuser sind noch ein seltener Anblick in diesem Gebiet, dessen Bewohner über Jahrhunderte hinweg heidnischen Bräuchen gefolgt sind und es mitunter nach wie vor tun. Wer sich noch nicht zu Jesus Christus bekennt, der glaubt an eine Welt von Göttern, verbrennt seine Toten, statt sie zu begraben, und ermittelt sein Schicksal mithilfe von Losbefragungen und Orakeln. Seher lesen die Zukunft wohl immer noch so, wie es der römische Historiker Tacitus 98 n. Chr. beschrieben hat: aus Eingeweiden, dem Wiehern von Schimmeln, dem Flug der Vögel.
Sachsen werden die hier siedelnden Stämme erstmals in römischen Schriften des 4. Jahrhunderts genannt. Vermutlich rührt der Name von dem altgermanischen Wort für Messer her: sahs. Ein Volk sei es, berichtet im 5. Jahrhundert ein spanischer Geschichtsschreiber, das am Gestade eines Ozeans und in unzugänglichen Sümpfen wohne und durch seine Tapferkeit und Beweglichkeit gefürchtet sei. Und noch um das Jahr 730 beschränkt sich das gelehrte Wissen auf Aufzeichnungen wie die des spanischen Enzyklopädisten Isidor von Sevilla: Das Gebiet östlich des Rheins werde von rohen Stämmen bewohnt, die sehr wild seien und durch unbarmherzige Gewohnheiten abgehärtet.
In friedlichen Zeiten züchten die Sachsen Pferde, Schafe, Schweine und Rinder. Häufig bestellen sie auch Felder, bauen Roggen und Weizen an sowie Flachs, den sie zur Herstellung von Stoffen nutzen. Immer wieder aber verlassen die Männer ihre Siedlungen zwischen Nordsee und Harz, Elbe und Rhein und gehen auf Raubzüge. Sie sind gute Seefahrer, und im 4. und 5. Jahrhundert wird ihr Name zum Synonym für „Piraten“. Lange Abschnitte der gallischen und britannischen Küste nennen die Römer litus Saxonicum. Nicht etwa, weil an der „Sächsischen Küste“ Sachsen lebten, sondern weil diese die dortige Bevölkerung immer wieder heimsuchen.
Im 8. Jahrhundert grenzt das Gebiet der Sachsen im Westen an das Reich der Franken, das gut zwei Jahrhunderte zuvor entstanden ist. Damals schuf der germanische Stammesführer Chlodwig mit List, Verrat und Gewalt aus mehreren kleinen germanischen Reichen das fränkische Einheitsreich, das sich inzwischen von der Garonne im Südwesten bis über den Rhein hinaus erstreckt. Ihren Namen haben ihnen Zeitgenossen gegeben: Franken – die Kühnen. An der Nordostgrenze des Frankenreiches treffen Christentum und germanischer Götterglauben aufeinander. Denn unter dem Einfluss seiner katholischen Frau hat Chlodwig im Jahr 498 Göttern wie Donar und Wotan entsagt und sich taufen lassen: Die Franken sind Christen geworden. Zangengleich liegt ihr Reich nun um das der heidnischen Sachsen.
Doch es ist zunächst wohl kein Missionierungswille, der Chlodwigs Nachfolger zu Feldzügen in das benachbarte Land treibt: Teils aus Vergeltung für sächsische Überfälle, teils getrieben von Machtwillen, rücken die Franken immer wieder in das Nachbarland vor. Über Jahrzehnte flammen die Feindseligkeiten zwischen den Völkern auf, auch weil es zwischen ihren Ländern keine klare Grenze gibt: Nur dort, wo Bergrücken oder unbewohnte Wälder sich zwischen die Siedlungsgebiete in der Ebene schieben, sind die Territorien deutlich voneinander getrennt. Und so nehmen „Totschlag, Raub und Brandstiftung auf beiden Seiten kein Ende“: Das zumindest überliefert der Biograf Karls des Großen, der Hofgelehrte Einhard.
Karl ist 771 zum Alleinherrsc her der Franken aufgestiege n und macht sich schon bald d aran, sein Großreich zu erweitern. Im Inneren bemüht sich der Herrscher um eine neu gestaltete Verwaltung, gibt eine einheitliche Gesetzgebung vor und schafft die letzten Stammesherzogtümer ab – jene selbstständigen Herrschaften, die sich zu Zeiten schwächerer Könige auf fränkischem Boden hatten etablieren können. Selbst zeitlebens Analphabet, lässt der Herrscher Klöster und Schulen bauen, fördert Bildung und Wissenschaft. Eine Hochkultur entsteht, die an das Land von Stämmen grenzt, die nicht einmal ein eigenes Schrifttum kennen: das der Sachsen. Schon früh beschließt der König, die Unruhen an der nordöstlichen Grenze für immer zu beenden und das Frankenreich auf Kosten der Sachsen zu erweitern – eine Entscheidung, die zu seinem längsten und grausamsten Krieg führen wird.
Im Jahr 772 zieht Karl mit seinen Soldaten erstmals gegen die Sachsen. Zunächst erzielen die fränkischen Truppen rasche Erfolge: Sie erobern die Eresburg, eine mächtige Wallanlage im heutigen Sauerland, und zerstören ein nahe gelegenes Heiligtum der Sachsen. An strategisch wichtigen Stellen östlich des Rheins legen die Franken nun Befestigungen und Aufmarschrouten an. Zudem ruft Karl einige sächsische Führer zusammen und lässt sich von ihnen Geiseln stellen. Die heidnischen Nachbarn, so muss es dem König erscheinen, haben sich der fränkischen Übermacht ergeben.
Widukind muss mehrfach ins dänische Exil flüchten – und organisiert den Widerstand nach seiner Rückkehr jedes Mal neu
Doch 774, Karl ist gerade auf einem Feldzug in Italien, üben die Sachsen Vergeltung. Sie zerstören den fränkischen Stützpunkt auf der Eresburg, verwüsten die hessischen Grenzgebiete. Daraufhin wirft Karl seinen Feinden Ehr- und Treulosigkeit vor. Ihm ist vermutlich nicht klar, dass die Sachsen ein loses Gefüge größerer und kleinerer Stämme sind, die keinen gemeinsamen Herrscher oder gar König kennen, nur Oberhäupter von Siedlungsgemeinschaften. Ein Schwur oder ein Friedensvertrag ist deshalb wohl allein für jene Gruppe bindend, die ihn geleistet oder geschlossen hat.
Ein solcher Stammesführer ist wahrscheinlich auch jener Mann, den der Münsteraner Bischof Altfried die „Wurzel allen Übels“ nennt, aber auch dux Saxonum, „Herzog der Sachsen“. Widukind. Über seine Herkunft, seine Stellung und seinen Rang wird wohl nie Klarheit herrschen. Denn Aufzeichnungen der Sachsen gibt es nicht, das wenige Wissen über ihn stammt allein aus den Quellen seiner Gegner. Eines jedoch lässt sich sagen: Widukind wird seine Heimat viele Jahre lang grimmig entschlossen gegen Karls Armeen verteidigen.
Vermutlich kämpft er schon auf wichtigem Posten bei den Sachsen mit, als die Franken im Jahr 775 erneut einmarschieren, um „das treulose und vertragsbrüchige Geschlecht der Sachsen zu besiegen und der christlichen Religion zu unterwerfen oder es gänzlich zu vernichten“, so Karls Biograf Einhard. Nun geht es dem König nicht mehr um die Sicherheit der Grenze und die Ausweitung des fränkischen Machtbereichs, sondern um kompromisslose Unterwerfung und Missionierung eines Feindes. Bei Höxter überschreiten die fränkischen Truppen die Weser, bezwingen Stämme wie die Ostfalen, die Engern, die Westfalen. Widerstand leisten die Sachsen dabei kaum – die Armee des Gegners ist übermächtig, vor allem beim Kampf im offenen Gelände. Auf vormals feindlichem Gebiet errichten die Franken eine Festung an der Lippe, die Karlsburg. In Massen empfangen heidnische Sachsen hier die Taufe und schwören: „Ich entsage allem Teufelswerk und Teufelswort, Donar, Wotan und Saxnot und allen Unholden, die ihre Genossen sind.“
777 hält Karl erstmals einen Reichstag in Paderborn ab. Die sächsischen Adeligen schwören ihm die Treue. Sachsen scheint endgültig unterworfen. Doch unter den Abgesandten fehlt einer: Widukind, der „als Rebell im Bewusstsein seiner vielen Freveltaten aus Furcht vor dem König“ mit seinen Anhängern zum Dänenkönig Sigfrid geflohen ist, wie ein Chronist festhält. Weshalb Widukind sich nicht beugt, welche Motive ihn antreiben, ja selbst, wie er aussieht, das verrät keine der Schriften über Karls größten Widersacher. Doch mehr als 1200 Jahre später können Forscher zumindest zur letzten Frage plausible Vermutungen anstellen. Denn im Spätsommer 1971 stoßen die Archäologen nach monatelangen Grabungen im Chorraum der Stiftskirche von Enger auf drei Skelette. Die Gräber liegen direkt vor dem Altar, ein ungewöhnlicher Platz. Es könnten Gräber für den Auftraggeber der Kirche und dessen Angehörige sein.
Und war der Stifter nicht Widukind? Hatte der getaufte Sachsenherzog nicht der Sage nach die Bevölkerung dreier Orte zum Bau eines Gotteshauses ermutigt und versprochen, sich in der zuerst vollendeten Kirche begraben zu lassen? Und ist eben dies nicht den Einwohnern Engers gelungen, weil sie zunächst auf den Bau des Turmes verzichteten und ihn erst später errichteten? Noch heute steht der Engeraner Glockenturm, eine Konstruktion aus dem 14. Jahrhundert, ungewöhnlich frei neben der Stiftskirche. Doch es existiert noch eine andere, verlässlichere Quelle: Eine Chronik aus dem 10. Jahrhundert beschreibt Widukind als gottesfürchtigen Mann, der nach seiner Taufe mehrere Kirchen errichten ließ, darunter die „cellula Aggerinensis“, die Kirche in Enger. Ab 2001 werden die Skelettfunde von Anthropologen mit modernen Methoden untersucht: Könnte der Tote im mittleren Grab der Sachsenherzog Widukind sein? Ein kraftstrotzender Mann war der Verstorbene auf jeden Fall, etwa 60 Jahre alt, 1,82 Meter groß.
Nach rund zehn Jahren Kampf lässt sich Widukind 785 taufen. Karl der Große feiert die Unterwerfung des Rebellen mit einem Dankesfest
Wahrscheinlich ist er bis ins hohe Alter körperlich aktiv gewesen, denn alle Skelettteile haben besonders ausgeprägte Ansatzstellen für Muskeln; vergleichbar kräftig sind heute etwa Schwerathleten. Die Oberschenkelknochen sind säbelartig gebogen, einige Wirbel des Rückgrats zeigen knöcherne Überbrückungen. Die Bandscheiben müssen stark abgenutzt gewesen sein, Knochen rieb auf Knochen, Indiz für chronische Überbeanspruchung der Wirbelsäule – sein ganzes Leben hat der Mann wohl im Sattel verbracht. Auch ist das rechte Schlüsselbein dicker als die erhaltenen Stücke des linken. Ein Krieger, vermuten die Anthropologen, der möglicherweise über Jahre hinweg mit der rechten Hand Speer und Schwert geführt hat.
Von anderem Alter und Körperbau war der Tote im linken Grab: ein 14- bis 16-jähriger junger Mann, etwa 1,66 Meter groß. Der dritte, im rechten Grab Bestattete könnte Abbio gewesen sein, ein langjähriger Weggefährte Widukinds: etwa 60 Jahre alt und 1,82 Meter groß, robust gebaut, massiger Schädel. So könnten sie also ausgesehen haben, die zwei kampferprobten Hünen, die sich nach ihrer Rückkehr aus Dänemark im Jahr 778 erneut gegen die fränkischen Besatzer stellen. Einer endlosen Schleife gleich wiederholen sich nun Treuegelöbnisse und gebrochene Schwüre, Aufstände, Eroberungen und Rückeroberungen, Verwüstungen, Unterwerfungen und Massentaufen – sowie Fluchten jenes Mannes, der sich nicht beugen will.
Mehrfach sucht Widukind Schutz im sicheren Dänemark, das so weit nördlich des unwegsamen Sachsenlandes liegt, dass die Franken nicht bis dorthin vordringen. In Dänemark hält sich Widukind wohl auch in jenen Jahren auf, als sein Land in Grafschaften eingeteilt wird, die zum Teil nun von sächsischen Edelleuten regiert werden. Dadurch, dass sie die Sachsen in die Verwaltung des Landes mit einbeziehen, wollen die Franken neuen Widerstand verhindern. Doch der Plan geht zunächst nicht auf. Vielmehr scheint die neue Regelung die Kampfbereitschaft der Sachsen unter dem erneut aus dem Exil zurückgekehrten Widukind zu befeuern: Immer wieder überfallen sie fränkische Truppen.
Widukinds größter Triumph gelingt im Jahr 782. Am Süntel, einem Höhenzug im Weserbergland, schlagen seine Männer ein Frankenheer vernichtend. Als Vergeltung lässt Karl eine „ungeheure Menschenmenge“ mit dem Schwert umbringen, so die fränkischen Annalen. Zahlreiche Siedlungen gehen in Flammen auf. An der Aller demonstriert Karl der Große besondere Härte. Da die aufständischen Sachsen ihren Rädelsführer Widukind, der wieder einmal nach Dänemark geflohen ist, nicht überstellen können, werden „die anderen ausgeliefert, die ihm gehorcht und an seinem Verbrechen teilgenommen hatten“, wie es in den Annalen steht: „Es waren 4500. Sie alle wurden an der Aller in einem Ort namens Verden auf Befehl des Königs an einem Tag enthauptet.“
Diese Massenexekution geht als das „Blutgericht von Verden“ in die Geschichte ein – auch wenn die Zahl der Geköpften strittig ist (möglicherweise wurden nicht mehr als 45 Aufständische hingerichtet) und vielleicht auf einen Lesefehler des Chronisten zurückgeht. Um die Sachsen nicht nur im Kampf zu zermürben, erlässt der Frankenherrscher im selben Jahr die „Capitulatio de partibus Saxoniae“: ein drakonisches Sondergesetz, das schon geringe Verstöße gegen die politisch-religiöse Ordnung streng bestraft. Fortan wird jeder hingerichtet, der einen Toten verbrennt, statt ihn christlich zu bestatten, sich der Taufe verweigert oder ohne Not während der Fastenzeit Fleisch isst. Auch wird den Sachsen verboten, sich öffentlich zu versammeln. Nur der von den Franken eingesetzte Graf darf die Sachsen zusammenrufen, allerdings unter Aufsicht eines Priesters.
Karl ordnet zudem eine Politik der verbrannten Erde an; fürchterlich sind die Zerstörungen – und wirkungsvoll. Dann, 785, übt Karl plötzlich Mäßigung: Er erfährt, dass sich seine Gegner Widukind und Abbio im „rechtselbischen Sachsen“ aufhalten – und schickt statt einer Armee bloß Boten, die den beiden Kriegern Straffreiheit zusichern, sollten sie sich unterwerfen. Wohl nie wird sich klären lassen, in welcher Lage sich der Sachsenführer und Abbio zu dieser Zeit befinden, von wie vielen Anhängern sie umgeben sind, welche Gedanken sie umtreiben.
Fest steht nur: Die Männer willigen ein – möglicherweise, weil sie sich der Aussichtslosigkeit ihres Widerstandes bewusst und des Kämpfens müde sind; denn mehr als 13 Jahre führen sie nun schon Krieg. Ein Höfling geleitet Widukind und Abbio nach Attigny im heutigen Nordostfrankreich, wo einer der wichtigsten karolingischen Stützpunkte liegt. Wahrscheinlich steht kein Geringerer als Karl der Große Pate, als Widukind seinen Göttern abschwört und die Taufe empfängt. Als Zeichen seiner Wandlung, so eine Sage, erhält der bekehrte Heide vom König einen Schimmel, den er fortan anstelle seines Rappen reiten soll. Bis zum heutigen Tag ziert das weiße Sachsenross die Wappen Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens. Für Karl ist die Unterwerfung des Sachsenführers ein solcher Erfolg, dass er den Papst zu einem Dankesfest veranlasst. Drei Tage lang wird in allen Ländern des Reiches gefeiert.
Widukind, der große Aufrührer, ist bekehrt und durch Karls Patenschaft in die familia des Frankenkönigs aufgenommen. Unbekannt und in den Quellen namenlos bleiben die Anführer, die ihm folgen. Bis das heidnische Sachsenland im christlichen Frankenreich aufgeht, wird keiner ähnliche Bedeutung erreichen. Die Taufe Widukinds in Attigny erscheint so als das Ende der Germanen in Mitteleuropa. Und Widukind selbst als ihr letzter großer Führer. Doch auch ohne Widukind währen die Sachsenkriege noch fast 20 Jahre. Es kommt zu weiteren Verwüstungen und Feldzügen, nun vor allem im Norden des sächsischen Territoriums, auch jenseits der Elbe.
Mit dem Ziel, die restlichen Sachsen für immer zu unterwerfen, lässt Karl sogar zerlegbare Schiffe nach Sachsen transportieren, um die zahlreichen Wasserwege nutzen und sich so schneller bewegen zu können. Er lässt Tausende Menschen deportieren und umsiedeln und den Bewohnern in den neu christianisierten Gebieten den Zehnten mit solcher Härte abpressen, dass selbst seine Berater dieses Vorgehen missbilligen. 804 hat Karl sein Ziel erreicht: Die letzten Widerständler ergeben sich. In den Jahrzehnten darauf integrieren sich die Sachsen überraschend schnell in das Reich ihrer ehemaligen Feinde – und einigen gelingt sogar ein steiler politischer Aufstieg: Schon 919 sitzt erstmals ein Sachse auf dem fränkischen Königsthron – Heinrich I.
Widukind hingegen wird nach seiner Taufe in keiner fränkischen Schrift mehr erwähnt – ganz so, als sei der einmal besiegte Feind Karl und dessen Chronisten keines Wortes mehr wert. Wo und wann er stirbt, weiß niemand. Und doch wird er noch Jahrhunderte fortleben: Schon bald verehren ihn nachfolgende Generationen als vorbildlich gewandelten Christen. Troubadoure an den europäischen Höfen besingen seine Taten, und Fürsten wie Könige schmücken sich mit ihm als Ahnherrn. Während der Freiheitskriege gegen Napoleon dient er den Deutschen als Vorbild für Mut und Tapferkeit, im „Dritten Reich“ gar als Ausdruck trotziger, germanischer Selbstbehauptung. In den Jahren darauf jedoch gerät er in Vergessenheit, schrumpft die Erinnerung an ihn zu lokaler Folklore. Und so dient er am Ende nurmehr als Symbol für westfälische Starrköpfigkeit. Widukind, der letzte Germane.
Verlinkungen:
->
Quellen:
Internetquellen
->
->
->
Sekundärliteratur
-> Wolff, Markus: Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane, in: GEO Epoche.
->
->