# Völkerwanderung



# Krankheiten

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Die Justitianische Pest

##### 1. Die Justitianische Pest

In der Mitte des sechsten Jahrhunderts n. Chr. wird Europa von einer Seuche heimgesucht, die heute als erste historisch belegte Pestpandemie gilt. Nach dem damals herrschenden römischen Kaiser Justinian I. wird ihre erste Ausbreitungswelle als Justinianische Pest bezeichnet. Für den Mittelmeerraum berichten Zeitzeugen von Tausenden Toten und wirtschaftlich sowie gesellschaftlich verheerenden Folgen. Naturwissenschaftliche Analysen an frühmittelalterlichen Skeletten belegen, dass die erste Pandemie auch Bayern erreichte. Mangels zeitgenössischer Berichte aus dem Raum sind allerdings ihre dortigen Auswirkungen nur schwer abschätzbar.

<div aria-labelledby="mw-toc-heading" class="toc" id="bkmrk-" role="navigation"></div>**<span class="mw-headline" id="bkmrk-die-erste-historisch-1">Die erste historische Pestpandemie</span>**

Von einer Pandemie spricht man bei der länderübergreifenden, globalen Ausbreitung einer Infektionskrankheit über einen begrenzten Zeitraum hinweg. Bezogen auf die damals bekannte römische Welt trifft dies auch auf die Seuche zu, die während der Herrschaft des römischen Kaisers [Justinian I.](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:11855896X "Person:11855896X") (reg. 527-565 n. Chr.) nach Europa vordrang. Anhand zeitgenössischer Beschreibung der Symptome wurde schon lange die Pest als Auslöser der Erkrankung vermutet. Mittlerweile ist dank naturwissenschaftlicher Untersuchungen bekannt, dass die Pest die Menschheit auch schon zu früheren Zeiten heimgesucht hat, doch liegen erst ab der Spätantike entsprechende Überlieferungen vor. Für diese Zeit spricht man daher von der ersten, historisch bekannten Pestpandemie. Strenggenommen wird nur ihre erste Ausbreitungswelle, die schätzungsweise von 541 bis 544 durch Europa lief, als Justinianische Pest bezeichnet, obwohl manche Autoren unter diesem Begriff auch nachfolgende Pestausbrüche miteinbeziehen.

Von der ersten Pandemie wird die zweite, historisch belegte Pestpandemie abgegrenzt. Diese beginnt in Europa ab 1347 und wird später als der „Schwarze Tod“ bekannt werden. Man zählt noch eine dritte Pestpandemie, die ab 1894 als sogenannte „Hongkong-Pest“ in die Geschichte einging.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-zeitzeugenberichte-1">Zeitzeugenberichte</span>**

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-dreifachbestattung-m">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/5/56/Graeber_Aschheim.jpg/300px-Graeber_Aschheim.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Graeber_Aschheim.jpg)<figcaption>Dreifachbestattung mit Pestnachweis aus dem Reihengräberfeld Aschheim-Bajuwarenring mit Grabbeigaben (rechts unten) und Stammbaum der Bestatteten (rechts oben). Es handelt sich um zwei Schwestern, die beide im Alter von Anfang 20 verstorben sind, und ihre nur ca. vierjährige Cousine. (Zeichnung \[verändert\] nach Gutsmiedl-Schümann et al. 2017; Stammbaum nach Rott et al. 2018; Foto der Grabbeigaben: AschheiMuseum/Pütz)</figcaption></figure>Die Justinianische Pest ist durch zeitgenössische Historiker zwar verhältnismäßig gut dokumentiert, aber für viele Regionen, so auch für Bayern, liegen große zeitliche Lücken in der Überlieferung vor. Die umfänglichsten Augenzeugenberichte stammen von [Johannes von Ephesos](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118864254 "Person:118864254") (ca. 507-589 n. Chr.), der die Pest auf Reisen in Palästina, Syrien und Kleinasien erlebt. Der bekannteste Bericht jedoch ist von [Prokop von Caesarea](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118741985 "Person:118741985") (ca. 500-560 n. Chr.), einem oströmischen Historiker, überliefert, der die erste Pestwelle in Konstantinopelmiterlebte. Von ihm weiß man auch, dass sich Justinian I. mit der Pest infizierte, diese aber überlebte. Der Kaiser selbst erklärte die Pest dann 544 zwar für beendet, doch weiteren Zeitzeugen zufolge sollte diese in den folgenden 200 Jahren immer wieder aufflackern. [Gregor von Tours](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118697439 "Person:118697439") (539-594 n. Chr., Bischof von Tours (F) von 573 bis 594), ist die wichtigste historische Quelle für Westeuropa. Er berichtet über mindestens sechs epidemische Pestausbrüche zwischen 543 und 547, wie auch zwischen 591 und 594 n. Chr., die in seiner Region stattfanden oder von denen ihn Berichte aus dem heutigen Italien und Spanien erreichten. Insgesamt kennt man Erzählungen von mindestens 18 (bis 34, je nach Autor) verschiedenen Pestausbrüchen im frühen Mittelalter im Mittelmeerraum und Europa. Bezüglich der Einschätzung ihrer Zuverlässigkeit und Genauigkeit variiert die Meinung von heutigen Historikern allerdings beträchtlich. Klar scheint zu sein, dass spätestens in der Mitte des 8. Jahrhunderts die Berichte über die Seuche in Europa versiegen.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-pesterreger-1">Pesterreger</span>**

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-stark-vereinfachter-">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/3/32/Schematischer_Stammbaum_Pesterreger.jpg/300px-Schematischer_Stammbaum_Pesterreger.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Schematischer_Stammbaum_Pesterreger.jpg)<figcaption>Stark vereinfachter Stammbaum des Pesterregers Yersinia pestis. Verwandte Abstammungsgemeinschaften sind als Dreiecke zusammengefasst. Die grauen Dreiecke symbolisieren Abstammungsgemeinschaften, von denen auch heute noch Vertreter existieren. (Grafik: Marcel Keller)</figcaption></figure>Aufgrund der in den zeitgenössischen Quellen genannten Krankheitssymptome vermuteten Historiker schon lange, dass es sich bei der Justinianischen Pest tatsächlich um diejenige Infektionskrankheit handelt, die vom Pestbakterium (*Yersinia pestis* \[*Y. pestis*\]) ausgelöst wird. Doch war die Annahme nicht unumstritten. Endgültige Bestätigung fand sie jedoch, als es gelang, die DNA des Pesterregers im Skelett einer Frau zu finden und zu rekonstruieren, die in der Mitte des 6. Jahrhunderts im heutigen [Aschheim](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00016659 "Ort:ODB S00016659") (Lkr. München) bestattet worden war. Mittlerweile wurde die Erbinformation des Pestbakteriums auch in menschlichen Überresten aus weiteren Fundorten in Deutschland, aber auch Spanien, Frankreich oder England nachgewiesen. Diejenige(n) *Y. pestis*–Variante(n), die die Justinianische Pest ausgelöst haben, unterscheiden sich in ihrer DNA geringfügig sowohl von modernen *Y. pestis*-Erregern wie auch von denjenigen, die die zweite und dritte Pandemie ausgelöst hatten. Gravierende Unterschiede im Erkrankungsbild dürfte dies allerdings nicht verursacht haben.

<span id="bkmrk--1"></span>**<span class="mw-headline" id="bkmrk-%C3%9Cbertragungswege-1">Übertragungswege</span>**

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-enzootischer-und-epi">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/5/50/Pestzyklus.jpg/300px-Pestzyklus.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Pestzyklus.jpg)<figcaption>Enzootischer und epizootischer Pestzyklus. (Grafik M. Harbeck, erstellt mit Infogramm)</figcaption></figure>Der Pesterreger kann neben dem Menschen auch viele andere Säugetiere infizieren. Die natürlichen Wirte von *Y. pestis* sind aber wildlebende Nagetiere. Die Übertragung des Pesterregers von Tier zu Tier geschieht allerdings nicht direkt, sondern wird über Parasiten vermittelt. Dabei handelt es sich meist um Flöhe. Als häufigste Infektionsquelle für den Menschen gelten heute infizierte Haus- und Wanderratten sowie deren Flöhe. Dies darf grundsätzlich auch für die Justinianische Pest angenommen werden. Andere Verbreitungswege könnten aber aufgrund schlechterer hygienischer Bedingungen und vermehrten Kontaktes mit Tieren eine größere Rolle als heute gespielt haben. Eine Infektion von Menschen durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren, Pesttoten oder durch Verzehr von infiziertem, nicht ausreichend gekochtem Fleisch ist möglich. Neben Rattenflöhen können auch Menschenflöhe und Läuse als Überträger dienen, doch scheinen sie bei der Weitergabe des Erregers weniger erfolgreich zu sein.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-erkrankungen-1">Erkrankungen</span>**

Neben einer ganzen Reihe von anderen Symptomen, die sich je nach Autor auch unterscheiden können, wird in den meisten historischen Quellen über die Ausbildung von Geschwülsten berichtet. Heute ist bekannt, dass diese mit der häufigsten Erscheinungsform der Pestinfektion, der sog. Beulenpest assoziiert sind: Sie entwickelt sich nach dem Biss eines infizierten Flohs, durch den das Bakterium in die Lymphbahnen gelangt, sich hier vermehrt und beim nächsten Lymphknoten für eine Entzündungsreaktion und Schwellung sorgt. Je nach Bissstelle kann dies im Leisten-, Achsel- oder Halsbereich auftreten. Weitere Symptome wie Fieber, Kopfschmerz, Abgeschlagenheit oder Bewusstseinsverwirrung kommen hinzu. 40 bis 60% der mit Beulenpest Infizierten überleben diese nicht. Y. pestis kann sich zudem im Verlauf der Erkrankung bis in die Lunge ausbreiten. Die so entstandene Lungenpest lässt als einzige Pestform auch eine direkte Ansteckung über Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch zu. So Infizierte entwickeln innerhalb von ein bis zwei Tagen ebenfalls eine Lungenpest, die unbehandelt in 100% der Fälle zu einem schnellen Tod führt. Je nach Infektionsweg und Befall können auch noch weitere Erscheinungsformen der Pest auftreten. Der Erreger kann beispielsweise in den Blutkreislauf eindringen und führt dort zu einer Blutvergiftung.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-herkunft-und-verschw-1">Herkunft und Verschwinden</span>**

*Y. pestis* konnte in Europa in Skelettüberresten nachgewiesen werden, die in die Jungsteinzeit und die Bronzezeit datieren. Die damaligen Erreger unterscheiden sich aber von dem der historisch bekannten Pestpandemien zum Teil beträchtlich. Einige dieser frühen Pestvarianten waren beispielsweise noch nicht in der Lage, den Floh als Überträger zu nutzen. Interessanterweise finden sich unter den frühen, in Europa aufgefundenen Erregern aber nicht die Vorfahren desjenigen Erregers, der schließlich zur Justinianischen Pest führte. Diese scheinen einige Jahrhunderte vor Justinians Zeit in Zentralasien entstanden zu sein.

Und auch diese Linie der Justinianischen Pest scheint heute ausgestorben zu sein und war nicht Vorfahre derjenigen Erreger, die die zweite und die dritte Pandemie ausgelöst haben. Diese finden sich wiederum unter den asiatischen Peststämmen.

Dies macht es, ebenso wie der Mangel an späteren Berichten, wahrscheinlich, dass der Pesterreger tatsächlich im 8. Jahrhundert n. Chr. aus Europa verschwand und erst ca. 600 Jahre später wieder eingeschleppt wurde.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-ausbreitung-im-mitte-1">Ausbreitung im Mittelmeerraum</span>**

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-r%C3%A4umliche-verteilung">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/6/60/Karte_Verteilung_Justinianische_Pest.jpg/300px-Karte_Verteilung_Justinianische_Pest.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Karte_Verteilung_Justinianische_Pest.jpg)<figcaption>Räumliche Verteilung der Erwähnung der Justinianischen Pest in historischen Quellen (Angaben nach Keller et al. 2019) und der Nachweise mittels naturwissenschaftlicher Methoden (Stand 2022). Die ungefähre Ausdehnung des Justinianischen Reiches ist rötlich eingefärbt (größte Ausdehnung im 6. Jh. n. Chr.). Ausschnitt: Gerade in Bayern konzentrieren sich viele molekulargenetische Nachweise. Dies spiegelt das langjährige Forschungsinteresse der Staatssammlung für Anthropologie in München und damit den Forschungstand wieder. Es ist zu vermuten, dass sich zukünftig auch für andere Regionen die Nachweise häufen werden. (Karte: M. Harbeck, erstellt mit QGis, Kartendaten: [WMS Digital Terrain Model](https://gdz.bkg.bund.de/index.php/default/wms-digitales-gelandemodell-gitterweite-200-m-wms-dgm200.html), [Data licence Germany – attribution – Version 2.0](http://www.govdata.de/dl-de/by-2-0)).</figcaption></figure>Prokop berichtet, dass die Pest erstmals im Sommer 541 n. Chr. in der ägyptischen Hafenstadt Pelusium im Nildelta ausbricht. Von hier breitet sie sich sowohl nach Osten als auch nach Westen aus und erreicht rasch Alexandria und Palästina. Spätestens im Frühjahr 542 gelangt die Pest nach Konstantinopel. Im selben Jahr wird sie auch für Syrien, auf dem westlichen Balkan, in Tunesien, Sizilien und Spanien erwähnt. Bis 543 hat sie dann Armenien im Osten sowie Italien und Gallien im Westen erreicht. Genetische Studien zeigen, dass sich der Erreger sogar bis England ausbreitet. In Bayern kann *Yersinia pestis*mittlerweile auf mehreren frühmittelalterlichen Reihengräberfeldern nachgewiesen werden. Wie und über welchen Weg der Pesterreger nach Bayern gelangte, bleibt bislang Spekulation. Wahrscheinlich ist aber, dass hierbei Handelskontakte über die Hauptverkehrsrouten eine wesentliche Rolle gespielt haben.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-pestreservoirs-und-p-1">Pestreservoirs und Pestwellen</span>**

In Gebieten, in denen die Pest heimisch ist, zirkuliert *Y. pestis* in einem lokal begrenzten Gebiet zwischen den wildlebenden Tieren und ihren Flöhen. Die Wirte reagieren aufgrund ihrer langen Koexistenz mit dem Erreger zumeist weniger sensibel und die Sterblichkeitsrate ist gering. Solche Zyklen stellen Erhaltungsreservoirs für das Bakterium dar und sind die Vorrausetzung für eine endemische Verbreitung der Pest. Es wird diskutiert, dass sich auch in der Zeit der Justinianischen Pest solche Reservoirs in Europa oder im Nahen Osten gebildet haben könnten. Als mögliche Wirtstiere kommen u. a. die auch heute noch in Bayern lebenden Alpenmurmeltiere in Frage.

Zu Pestwellen kann es u. a. dann kommen, wenn der Pesterreger aus den natürlichen Reservoirs auf Populationen übertritt, die weniger resistent sind und empfindlicher auf den Erreger reagieren. Sind z. B. Ratten betroffen, kommt es zu einem vermehrten Sterben der Tiere. Dies veranlasst dann den Rattenfloh dazu, sich mit dem Menschen einen neuen Wirt zu suchen. Auch das frühmittelalterliche Bayern ist wahrscheinlich von mehr als einer Pestwelle getroffen worden. Das Erbgut des Pesterregers eines Individuums von [Petting](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00020103 "Ort:ODB S00020103") (Lkr. Traunstein) unterscheidet sich leicht von den übrigen der Region, was darauf hindeutet, dass man es mit mindestens zwei unterschiedlichen Ausbreitungswellen zu tun hat.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-infektionsgeschehen--1">Infektionsgeschehen und Umwelt</span>**

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-komplexe-epidemiolog">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/1/15/Grafik_Wechselwirkungen_Pest.jpg/300px-Grafik_Wechselwirkungen_Pest.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Grafik_Wechselwirkungen_Pest.jpg)<figcaption>Komplexe Epidemiologie der Pest. (Grafik M. Harbeck, erstellt mit Infogramm)</figcaption></figure>Der Verlauf jeglicher Epidemien wird durch verschiedenste Mechanismen beeinflusst. Dazu gehören Veränderungen in der Infektiosität und Anfälligkeit der Wirte. Sollte beispielswiese das Immunsystem durch andere Erkrankungen geschwächt worden sein, kann die Krankheit stärker um sich greifen. Eine bekannte These besagt, dass für die Ausbreitung der Justinianischen Pest eine Reihe von Vulkanausbrüchen zwischen der Mitte der 530er bis zum Ende der 540er Jahre eine wichtige Rolle gespielt haben. Sie waren für die spätantike Klimaverschlechterung verantwortlich und führten zu Agrarkrisen. Hungerperioden sollen zu einer größeren Krankheitsanfälligkeit der Bevölkerung geführt haben. Dieses Modell mag aber etwas zu kurz greifen. Bei der Pest ist zu berücksichtigen, dass nicht nur die Anfälligkeit des Menschen eine Rolle spielt, sondern auch diejenige von Ratte und Floh (und ggf. andere Vektoren). Diese spielen auch bei der Verbreitung eine große Rolle. Neben der Ausbreitung der Pest von einer Rattenpopulation zur anderen, wird bei der Langstreckenverbreitung des Pesterregers entlang von Handelsrouten dem Transport von Gütern und damit verbunden Ratten und Flöhen (z.B. in Getreidesäcken) eine große Rolle zugeschrieben. So wirken nicht nur Klimaparameter (Temperatur, Niederschlag, Feuchtigkeit), sondern auch ökologische Faktoren (z. B. Ratten- bzw. Flohdichte) und die ausgebildeten sozialen Muster (z. B. Kontakte) auf Erreger, Ratte, Floh und Mensch unterschiedlich ein. Dies kann u.a. dazu führen, dass sowohl die Anteile verschiedener Pestformen (Lungenpest vs. Beulenpest), als auch die Übertragungsfähigkeit des Erregers und schlussendlich die Sterblichkeit regional sehr unterschiedlich ausfallen kann.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-sterblichkeit-1">Sterblichkeit</span>**

Prokop erlebte die Pest in Konstantinopel als Augenzeuge mit und berichtete zum Höhepunkt der Seuche von 10.000 Toten täglich. Die schiere Anzahl der Toten habe es unmöglich gemacht, diese in gewohnter Weise beizusetzen. Die Toten wurden in Gräbern fremder Familien bestattet und seien schließlich sogar in den Wehrtürmen der Stadt angehäuft worden. Inwieweit solche Berichte übertrieben sind und wie viele Menschen tatsächlich während der Justinianischen Pest den Tod gefunden haben, wird heute lebhaft diskutiert. Die meisten Autoren gehen aber davon aus, dass etwa ein Viertel der damaligen Bevölkerung der ersten Pandemie zum Opfer fiel. Ein so dramatisches Geschehen, wie es Prokop für Konstantinopel beschreibt, zeichnet sich für Bayern bislang nicht ab. Zumindest zeitweise dürfte es aber auch im frühmittelalterlichen Bayern eine erhöhte Zahl von Verstorbenen zur Zeit der ersten Pandemie gegeben haben. Dies wird in den vereinzelt auftretenden Mehrfachbestattungen dieser Zeit deutlich, für die häufig ein Zusammenhang mit der Pest nachgewiesen werden konnte.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-folgen-1">Folgen</span>**

Es ist davon auszugehen, dass die demografischen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für die damalige Welt weitreichend gewesen sein dürften. Neben der verringerten Arbeitskraft, wird auch internationaler Handel weniger und lokaler Handel bricht stellenweise ein. Am deutlichsten ist dies für das eng vernetzte Byzantinische Reich zu erkennen. Hier lassen sich auch kulturelle und religiöse Veränderungen, wie z. B. die zunehmende Marienverehrung, überzeugend mit der Pest in Zusammenhang bringen. Inwieweit das Kaiserreich Justinians durch die Pest tatsächlich langfristig geschwächt wurde oder inwieweit diese gar zu seinem Untergang beitrug, wird momentan jedoch noch kontrovers diskutiert.

Im Vergleich zu vielen Regionen des Byzantinischen Reichs war Bayern zu dieser Zeit wesentlich weniger eng besiedelt und die Gesellschaft eher agrarisch geprägt. Zeitgenössische Berichte, wie beispielweise der von Gregor von Tours, zeigen aber, dass auch eher ländliche Gebiete Westeuropas nicht verschont geblieben sind. Auch Johannes von Ephesos berichtet von verlassenen Landstrichen und Höfen auf seiner Reise durch das ländliche Syrien und Palästina. Aber während beispielsweise in Syrien festzustellen ist, dass die Besiedlung ganzer Dörfer zum Zeitpunkt der Justinianischen Pest abbricht, lässt sich ähnliches in Bayern bisher nicht finden. Es zeichnet sich sogar ein wirtschaftlicher und demographischer Aufschwung im archäologischen Befund ab. Aber auch dieser ist lückenhaft und Datierungen gelingen nicht jahrgenau. Hinzu kommt, dass sich selbst katastrophale, aber kurzfristige Übersterblichkeiten kaum durch die reine Anzahl von Bestattungen auf einem Friedhof ableiten lassen, da für eine solche Beurteilung auch die Geburts- und Einwanderungsraten bekannt sein müssten. Über die Auswirkungen der Justinianischen Pest auf Bayern kann nach heutigem Wissensstand nur spekuliert werden.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Michaela Harbeck, Justinianische Pest, publiziert am 03.03.2023, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <span class="url">&lt;[https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Justinianische\_Pest](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Justinianische_Pest)&gt;</span> (18.01.2026)

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**Sekundärliteratur**

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# Überblick über die Völkerwanderung

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Die ''Völkerwanderung''. Flucht historisch.

##### 1. Die ''Völkerwanderung''. Flucht historisch.

<header class="opening-header t-99" id="bkmrk-"><div class="opening-header__inner spacer-horizontal__inset-narrow" style="text-align: justify;"><div class="opening-header__gist"><div class="opening-header__actions">  
</div></div></div></header>Im Zuge der "Flüchtlingskrise" hat auch das Thema "Völkerwanderung" eine neue Aktualität gewonnen. Aber welches historische Geschehen verbirgt sich hinter dieser Begriffskonstruktion? Sind hier tatsächlich "Völker" "gewandert" und haben den Untergang des Römischen Reichs herbeigeführt?

Seit jeher geht von der "Völkerwanderung" eine schaurige Faszination aus. Die Vorstellung endloser Wagentrecks aus hünenhaften Kämpfern und ihren Familien, die sich aus dem Innern Germaniens oder von noch entlegeneren Orten aus in Richtung des Römischen Reichs aufmachten und nach einer langen Phase des Ringens und Kämpfens auf dessen Boden ihre eigenen Reiche errichteten, hat sich in das kulturelle Gedächtnis Europas eingebrannt. Die Grundlagen der modernen Staatenwelt, so wird des Öfteren behauptet, seien in diesem Zusammenhang gelegt worden, und auch das politische und kulturelle Selbstverständnis der Europäer sowie einzelner Nationen unter ihnen wird mitunter auf die "Völkerwanderung" zurückgeführt. Gleichzeitig prägt die "Völkerwanderung" unsere Vorstellung historischer Epochenumbrüche. So wurde etwa die Antike lange als Phase zwischen zwei großen Migrationsbewegungen konzeptualisiert, der "Dorischen Wanderung", die man um 1200 v. Chr. ansetzte, und der "Völkerwanderung".

Nicht zufällig nimmt im deutschsprachigen Raum der Terminus "Völkerwanderung" als Bezeichnung jenes tief greifenden, mit Migrationen und Konflikten einhergehenden Transformationsprozesses, der den Übergang von der Spätantike in das Frühmittelalter gestaltet hat, eine dominierende Stellung ein und transportiert damit bereits eine wirkmächtige Interpretation: Die Initiative beziehungsweise Gestaltungsmacht soll damals bei den wandernden Gruppen gelegen haben. In den romanischen Sprachen wird demgegenüber eine andere Perspektive eingenommen: Wenn diese von *invasions barbares* oder *invasioni barbariche*sprechen, nehmen sie eher einen römischen Blickwinkel ein, verweisen damit auf jenes Gebilde, das von den Geschehnissen in besonderer Weise betroffen war, und suggerieren eine katastrophische Deutung. Insofern ebnen bereits Begrifflichkeiten die Pfade für gängige, subkutan national besetzte Interpretationsmuster, die auf einen Antagonismus wandernder Völker auf der einen sowie des statischen *Imperium Romanum* auf der anderen Seite hinauslaufen und sich in einen Römer-Germanen-Gegensatz hinein verengen, der auch in der traditionellen zeitlichen Eingrenzung der Völkerwanderung als Phase zwischen den großen "germanischen" Invasionen um 375 (Ankunft der Goten an der römischen Donaugrenze) und 568 (Langobardeneinfall in Italien) zum Ausdruck kommt.

Was aber haben wir uns unter der "Völkerwanderung" vorzustellen? In einer jüngeren, an ein breites Publikum gerichteten Einführung zu den Germanen heißt es: "Die Zeit der Völkerwanderung wird in den Jahren 375–568 angesetzt, es ist die Zeit zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Sie wird ausgelöst durch den Einfall der aus Asien kommenden Hunnen, die \[sic\] die Völker zur Wanderung nach Süden und Westen trieb. Aber auch Bevölkerungszuwachs und damit verbunden Landnot sind Gründe der Völkerwanderung, ebenso Eroberungs- und Kriegslust. Ganz Europa bis hin zum Schwarzen Meer ist im Umbruch, die meisten Völker verlassen ihre alten Siedlungsgebiete, um neue zu erobern. Es ist das Ende des Römischen Reiches. Nicht mehr Rom, sondern die neue Kultur der Germanen nördlich der Alpen bestimmt von nun an das Geschehen."

Im Folgenden erörtere ich einige zentrale Aspekte, die in dieser für verbreitete Vorstellungen durchaus repräsentativen Definition angeführt werden oder mitschwingen, um aufzuzeigen, dass sie vor dem Hintergrund der Forschungsdiskussionen der vergangenen drei Jahrzehnte nicht mehr tragfähig sind. Dabei wird es allerdings nicht darum gehen, unzulängliche Definitionen schlicht durch neue Begriffsbestimmungen zu ersetzen; vielmehr soll deutlich werden, dass das Konzept einer großen, insbesondere für das *Imperium Romanum* zerstörerischen "Völkerwanderung" am Ausgang der Antike *als solches* inzwischen problematisch erscheint und durch differenziertere konzeptuelle Erwägungen abgelöst werden sollte. Das Ergebnis wird also eher unbequem sein, weil es uns nötigt, altvertraute Gewissheiten zu verabschieden, und weil es vor allem auf die beträchtliche Komplexität der zu betrachtenden Phänomene verweist; je schärfer einzelne Sachverhalte hervortreten, die uns ein erhöhtes Maß an Differenzierung und Präzisierung abverlangen, desto mehr verschwindet die "Völkerwanderung" als bequem handhabbarer Gesamtkomplex im Nebel.

**Völker, Stämme, Volksstämme**

Das Kompositum "Völkerwanderung" stellt keinen Quellenbegriff dar, sondern eine sekundäre Wortbildung; antiken Zeitgenossen war die Vorstellung wandernder Einheiten zwar bekannt – Einwanderung zählte für sie sogar zu den wichtigsten Impulsgebern für Staatsbildungs- und Vergesellschaftungsprozesse –, aber eine *migratio gentium* zur Bezeichnung eines spezifischen Geschehniskomplexes in der Spätphase der römischen Geschichte kannten sie nicht. Auch der Gebrauch der Wendung *migrationes gentium* bei dem Humanisten Wolfgang Lazius (1514–1565), der gemeinhin als Schöpfer unseres modernen Begriffs gilt (mit seinem Werk "De aliquot gentium migrationibus" von 1557), erscheint noch recht unspezifisch. Zum Epochenbegriff im engeren Sinne gerinnt "Völkerwanderung" erst im 19. Jahrhundert; sinnbildlich sei die Definition in Grimms "Deutschem Wörterbuch" angeführt, in der von "der groszen bewegung der germanischen völker am ausgang des alterthums" gesprochen wird. Diese begriffliche Verengung gegenüber Lazius erfolgte keineswegs zufällig: Im Zuge der Nationsbildungsprozesse in Europa suchte man auch in Deutschland nach vermeintlichen historischen Anknüpfungspunkten für eine kollektive Geschichte; fündig wurde man in der Vorstellung einer Überwindung des *Imperium Romanum*durch germanische Stämme, worin man eine erste identitätsstiftende Großtat der frühen Deutschen sah.

Der Zusammenhang zwischen den "frühen" und den "gegenwärtigen" Deutschen wurde unter Rückgriff auf den zunehmend emphatisch aufgeladenen und holistisch gebrauchten Volksbegriff akzentuiert. Im politisch parzellierten Deutschland gewann die Vorstellung eines einheitlichen Volkes, das als Kollektivsubjekt agieren konnte und ähnliche Eigenschaften besaß wie ein Individuum – Eigenschaften, die sich in "Volksliedern", "Volksdichtung" oder "Volkskultur" manifestierten – an Attraktivität. Die Amalgamierung von Germanen und Deutschen zu einem überzeitlich agierenden "Volk" ermöglichte Rück- und Vorausprojektionen vermeintlicher Heldentaten und Ereignisse und ließ sich im Kontext eines zunehmenden Nationalbewusstseins instrumentalisieren. Hier liegt eine wesentliche Ursache für die bald als selbstverständlich geltende Verknüpfung von "Völkerwanderung" und dem Untergang des Römischen Reichs: Die vermeintlichen Vorfahren der Deutschen hatten mit den Römern die Ahnherren des Erzfeinds Frankreich überwunden und an die Stelle des *Imperium Romanum* die Grundlagen des mittelalterlichen Europas gesetzt. Eine Folge dieser Sichtweise war die zeitliche Eingrenzung der "Völkerwanderung" auf den Zeitraum 375–568, also die Phase der "germanischen" Aktivitäten. Die im 6. Jahrhundert einsetzenden slawischen Bewegungen wurden in dieser Konzeption ebenso ausgeklammert wie die arabische Expansion seit dem frühen 7. Jahrhundert. Sie fügten sich nicht in die Vorstellung von der "Völkerwanderung" als einer von Germanen und damit dem deutschen Volk getragenen Bewegung ein.

Heute wissen wir sehr gut, dass die romantische Vorstellung von Völkern als handelnden, überzeitlich existenten Einheiten jeglichem empirischen Befund widerspricht. Völker sind keineswegs homogene, unveränderliche Entitäten, sondern höchst instabile soziale Gebilde, die permanenten Transformationsprozessen ausgesetzt sind, vorwiegend durch politische Klammern definiert werden und deren Zusammenhalt auf komplexen Identitätsbildungsprozessen beruht, die allenfalls in der Lage sind, temporäre Kohärenzsuggestionen zu erzeugen. Bereits das römische Kaiserreich selbst, ein gewaltiges Gebilde, das sich geografisch von Britannien bis in die Sahara, vom heutigen Portugal bis zum Zweistromland erstreckte, ließe sich als Vielvölkerstaat beschreiben, der nie zu vollständiger innerer Homogenität gelangt ist. Seine Kohärenz gewann es vor allem als fest gefügte politische Einheit, die durch Faktoren wie das gemeinsame Bürgerrecht, einen übergreifenden Kaiserkult, eine für alle Reichsbewohner verbindliche Gesetzgebung, aber auch durch weichere Aspekte wie etwa die Bedeutung des Lateinischen als Verwaltungs- und Militärsprache, weiträumige infrastrukturelle Maßnahmen sowie die Implementierung der römischen Stadtkultur beziehungsweise des *Roman way of life* in den meisten Provinzen gewährleistet wurde. Ein Bewohner Britanniens durfte sich dadurch ebenso als römischer Bürger fühlen wie ein Syrer, Ägypter oder eben auch ein Einwohner der Stadt Rom. Mit einem konventionellen Volksbegriff lässt sich dieses Konglomerat nicht annähernd beschreiben.

Ähnliche Probleme ergeben sich für jene Gruppen, die jenseits der Grenzen des *Imperium Romanum* angesiedelt waren. Zu einer politischen Einheit sogenannter germanischer Verbände ist es zu keinem Zeitpunkt gekommen. Das liegt nicht so sehr daran, dass allein die Frage, wie man denn eigentlich "germanisch" beziehungsweise "Germane" definieren soll, höchst umstritten ist und sogar zu der Forderung geführt hat, auf das Adjektiv "germanisch" im wissenschaftlichen Kontext ganz zu verzichten; es liegt vor allem daran, dass keine der Kleingruppen an der Peripherie des *Imperium Romanum* sich als stark genug erwiesen hat, um langfristige politische Dominanz auszuüben – und immer dann, wenn sich entsprechende Anzeichen verdichteten, intervenierten die Römer. Vor allem aber existierte keine Form eines germanischen Gemeinschaftsbewusstseins, das Identitätsbildungsprozesse, die für den Aufbau komplexerer politischer Strukturen unerlässlich sind, hätte grundieren können. Auch die Großverbände, die sich im Verlauf des 3. Jahrhunderts herausgebildet haben (Goten, Hunnen, Alemannen, Franken, Sachsen, Burgunder und weitere), besaßen kein derartiges Kollektivbewusstsein.

Ebenso wie der Begriff "Volk" bereiten indes auch der Terminus "Stamm" oder gar das Kompositum "Volksstamm" Probleme. In der Ethnologie sind Stämme mittlerweile eine gut erforschte und auch kritisch beleuchtete Kategorie. So attraktiv es auf den ersten Blick erscheinen mag, die etwa von Caesar oder Tacitus beschriebenen Kleinverbände im nördlichen *Barbaricum* als "Stämme" zu beschreiben – die von der Ethnologie erarbeiteten Kriterien passen schlichtweg nicht auf diese Gruppen oder sind dort zumindest nicht nachweisbar, und derselbe Vorbehalt gilt in besonderem Maße für jene Verbände, mit denen wir in der Spätantike konfrontiert werden.

Hinzu kommt, dass bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts sogenannte Stammesverfassungen als rückständig gegenüber dem ausgebildeten Staat europäisch-transatlantischer Prägung galten. In dieser Sichtweise werden im Prinzip antike Barbarenstereotype fortgeschrieben, die im Kern darauf zielen, dem Barbaren die Fähigkeit zur politischen und sozialen Organisation abzusprechen. Wir wissen aber, dass gerade während der "Völkerwanderung" intensivster Austausch zwischen Römern und Barbaren herrschte, letztere also mit der antiken Welt bestens vertraut waren und nicht umsonst sowohl als Individuen wie auch als Gruppen innerhalb des *Imperium Romanum* Karriere machen und auch politische und soziale Prozesse gezielt einleiten und steuern konnten. Dieser seit Langem bekannte Sachverhalt hat aber zunächst nicht zu Korrekturen in der Begriffsbildung geführt. Vielmehr wurde stattdessen vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter vermeintlich germanischen Zentralbegriffen wie "Herrschaft", "Treue", "Eid" und "Gefolgschaft" am Konstrukt einer spezifischen germanischen Stammesverfassung als Grundlage des mittelalterlichen Staats und Gegensatz zur Organisation des *Imperium Romanum* gearbeitet, das mittlerweile ebenfalls längst widerlegt ist.

Es ist also an der Zeit, sich für den "Völkerwanderungskomplex" von Völkern, Stämmen und Volksstämmen zu verabschieden.

<div id="bkmrk--1" style="text-align: justify;"><div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow title2margin"><a id="bkmrk--2"></a></div></div>**Wanderung**

Wieviel Wanderung steckt in der "Völkerwanderung"? Die Frage nach dem Stellenwert von Migration in der Übergangsphase zwischen Antike und Mittelalter erweist sich bei näherer Betrachtung als höchst komplex. In der Forschung vollzieht sich zurzeit ein Paradigmenwechsel: Hatte man bisher außergewöhnlichen Migrationsphänomenen wie der "Völkerwanderung" als Ausnahmeerscheinungen innerhalb der Geschichte des Altertums besondere Aufmerksamkeit gewidmet, so wird inzwischen zunehmend anerkannt, dass Mobilität ein nahezu omnipräsentes Phänomen darstellte – keineswegs eine erklärungsbedürftige, punktuelle Sonderentwicklung, sondern tendenziell der Normalzustand. Menschen waren in Bewegung: räumlich, sozial, kulturell. Migration wiederum, heute definiert als "die auf einen längerfristigen Aufenthalt angelegte räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen, Familien, Gruppen oder auch ganzen Bevölkerungen", stellt innerhalb dieser prinzipiellen Disposition lediglich ein Teilphänomen dar. Es ist während der "Völkerwanderung" weder neu noch begrenzt auf Immigration beziehungsweise Invasion.

Vielmehr konstituierte das Römische Reich bereits seit Jahrhunderten einen Raum für Binnenmigrationen unterschiedlichster Art, und auch Ein- und Auswanderungen sowie ein kontinuierlicher grenzüberschreitender Austausch gehörten selbstverständlich zum Alltag. Denn das Römische Reich übte aufgrund des vergleichsweise hohen Lebensstandards nicht nur eine generelle Anziehungskraft aus, sondern der Zuzug aus dem *Barbaricum* wurde mitunter sogar großzügig gefördert, wenn etwa Mangel an Arbeitskräften und insbesondere an Rekruten herrschte. Die im Nachhinein so fatale Entscheidung, die von den Hunnen vertriebenen Goten im Jahr 376 über die Donau in das Imperium eindringen zu lassen, folgte einem derartigen Kalkül: Kaiser Valens (364–378) ging es auch damals in erster Linie darum, kostengünstige Soldaten zu gewinnen. Die Besonderheit der nachfolgenden Geschehnisse lag darin, dass die Lage bald außer Kontrolle geriet und die Römer dieses Mal in ihrem prinzipiellen Bemühen, Migrationsprozesse soweit es eben ging beherrschbar zu halten, an ihre Grenzen stießen. Auch außerhalb des *Imperium Romanum* waren Menschen grundsätzlich mobil. Immer wieder – insbesondere seit dem 3. Jahrhundert – kam es zu Drucksituationen an den römischen Grenzen, wenn Mobilität tendenziell zunahm, was aus unterschiedlichen Gründen geschehen konnte, die großenteils innerhalb des römischen Kontextes zu lokalisieren sind.

Während der "Völkerwanderung" wurden die Römer also keineswegs mit einem grundlegend neuartigen Phänomen konfrontiert. Ungewöhnlich war lediglich die Massivität, mit der in einigen Grenzregionen nunmehr der Druck zunahm (zunächst an Donau und Rhein, später dann auch in anderen Regionen); ungewöhnlich war sodann die Intensität, mit der sich insbesondere seit dem frühen 5. Jahrhundert innere Probleme (Bürgerkriege) mit dem Geschehen an der Peripherie des Reichs vermengten, was zwangsläufig eine beträchtliche Ressourcenverknappung nach sich zog; ungewöhnlich war schließlich auch die Diversität und Variabilität der einzelnen Verbände, mit denen die Römer innerhalb weniger Jahrzehnte konfrontiert wurden und die plötzlich Herausforderungen konstituierten, denen die römische Regierung auch angesichts einer zunehmend angespannten innenpolitischen Lage zumindest im lateinischsprachigen Westen mittelfristig nicht gewachsen war.

All diese Gruppen pauschal unter das Stichwort "Wanderung" zu subsumieren, verwischt allerdings grundlegende Unterschiede und erscheint daher problematisch. Zu unterscheiden sind mindestens die folgenden Gruppen: militärisch schlagkräftige Flüchtlinge wie die Goten, die 376 die Donau überschritten; mobile Armeen mit wachsender ziviler Begleitung und zunehmender Kohärenz wie der Verband, mit dem der terwingische Gote Alarich 410 die Stadt Rom eroberte; Großverbände auf der Suche nach Integration in das Römische Reich (so einigte man sich auf eine Ansiedlung von Westgoten in Aquitanien 418/19); Großverbände auf der Suche nach politischer und wirtschaftlicher Autonomie, die etwa den Vandalen 442 in Form eines *regnum*zugestanden wurde; mobile Kriegergruppen in variierenden Aggregatszuständen, das heißt Gewaltgemeinschaften wie die gotischen Verbände im Balkanraum; nomadisch geprägte Reiterverbände wie die Hunnen; (halb)nomadisch, partiell tribal strukturierte Verbände mit lang etablierten Beziehungen zum Römischen Reich und zur römischen Lebenswelt, beispielsweise die Araber; bäuerlich strukturierte Kleingruppen wie die Slawen.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; nicht berücksichtigt wurden beispielsweise all die gescheiterten und daher in unseren Zeugnissen nur schemenhaft sichtbaren Gruppen, deren Zahl jedoch nicht unterschätzt werden sollte. Zudem sind Überschneidungs- und Überlagerungsphänomene, insbesondere aus einer *Longue-durée*-Perspektive heraus, in Rechnung zu stellen, denn kaum eine der uns bekannten Gruppen blieb über einen längeren Zeitraum hinweg stabil oder gar ethnisch homogen – das gilt im Übrigen auch für jene Großgruppe, die wir als "Römer" bezeichnen. Deutlich werden sollte allerdings, dass Migration allein keinen hinreichenden Ansatzpunkt darstellt, um das "Völkerwanderungs"-Geschehen zu erfassen; vielmehr wäre für jeden einzelnen Fall zunächst einmal zu klären, welche Rolle Migration grundsätzlich spielte, in welcher Ausprägung sie erfolgte und welche Konsequenzen sich aus ihr ergeben haben könnten. Die gegenwartsnah arbeitende jüngere Migrationsforschung bietet inzwischen ein attraktives methodologisches Instrumentarium an, um zukünftige Forschungen in dieser Richtung mit der erforderlichen Differenziertheit vorzunehmen. Ältere, reduktionistische Erklärungsmodelle für die "Völkerwanderung", die mit monokausalen Ansätzen wie Naturkatastrophen, einer allgemeinen Klimaverschlechterung oder der Verdrängung durch konkurrierende Gruppen operieren, erübrigen sich damit nicht allein deshalb, weil all diese Erklärungsversuche sich im Bereich reiner Spekulation bewegen, sondern weil sie *a priori*wandernde, homogene Entitäten voraussetzen, die sich als solche über große Entfernungen und lange Zeiträume hinweg bewegt haben sollen, bevor sie an die Grenzen des *Imperium Romanum*gelangten.

**Herkunft der Neuankömmlinge und Untergang des Römischen Reichs**

Dieser Einwand entbindet uns jedoch nicht von der Notwendigkeit, darüber nachzudenken, woher jene Gruppen kamen, mit denen die Römer sich seit dem 3. und in verstärktem Maße seit dem 4. Jahrhundert auseinanderzusetzen hatten. Mittlerweile geht man mehrheitlich davon aus, dass es im *Barbaricum* selbst im Verlauf der römischen Kaiserzeit – also seit dem 1. Jahrhundert – zu komplexen gesellschaftlichen Veränderungen und Ausdifferenzierungsprozessen gekommen ist, die im Ergebnis zur Ausformung (Ethnogenese) größerer, schlagkräftiger Verbände geführt haben (wie der Alemannen, der Franken und Sachsen jenseits des Rheins, der Quinquegentiani in Nordafrika oder der Salīḫ, der Tanūḫ und insbesondere der Laḫmiden im arabischen Raum). Ihre Entwicklung kam freilich nicht an einem bestimmten Punkt zum Stillstand, vielmehr waren sie als hochdynamische, geradezu fluide Gebilde durch Abspaltungen, Zuzug aus verschiedenen Richtungen, durch Neudefinitionen im Zusammenhang permanenter Identitätsbildungsprozesse, durch Kriegsverluste, Verträge, Königserhebungen und so weiter kontinuierlichen Veränderungen unterworfen. Anders als lange gemutmaßt, stellen diese Konföderationen nicht oder zumindest nur partiell das Resultat ausgreifender Wanderungsbewegungen dar, sondern müssen im Zusammenhang komplexer Ethnogeneseprozesse gedeutet werden. Sie traten an die Stelle kleinerer Einheiten, wie sie uns für das nördliche *Barbaricum* etwa durch Caesar und Tacitus bezeugt sind, und ließen sich nicht mehr so einfach wie diese mit den traditionellen Mitteln römischer Politik kontrollieren.

Diese Mittel umfassten in der Kaiserzeit natürlich Eroberungszüge und Strafexpeditionen; aber die Römer waren auch zu einem weitaus subtileren Vorgehen fähig: So versuchte man etwa wohlgesonnene beziehungsweise für die Interessen Roms wichtige Barbarenführer mit Geschenken (das heißt der Vergabe von Objekten, die im *Barbaricum* als prestigesteigernde Luxusgüter gelten mussten) und Ehrungen an das Reich zu binden, während andere demonstrativ abgestraft wurden. Diese Praxis sollte über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg die Welt jenseits der Grenzen des *Imperium Romanum* nachhaltig verändern. Denn Personen, die auf Kontakte ins Imperium und auf römische Aufmerksamkeiten setzen konnten, die erfahrungsgesättigt und wohlhabend aus langjährigem Dienst in römischen Hilfstruppen zurückkehrten oder die als Händler die Lebenswelt des Römischen Reichs mit eigenen Augen kennengelernt hatten, gelangten in der Heimat zu hohem Ansehen, sie konnten Gefolgschaften um sich herum versammeln beziehungsweise vergrößern. Auf diese Weise etablierten sich langsam neue, differenziertere soziale Strukturen im *Barbaricum*, was wiederum vielfach Spannungen und sozialen Stress auslöste, der Bugwellen verursachte, die im Laufe der Zeit auch die römischen Grenzen erreichten – teilweise auch in Form von Migrationen. Eine Schicht ambitionierter, wagemutiger Krieger und entsprechender Führungspersonen bildete sich heraus; sie ist archäologisch mittlerweile gut nachgewiesen. Diese Krieger konstituierten das Substrat, aus dem sich zunächst kleinere Raubgruppen und schließlich jene größeren Verbände herausbildeten, die seit dem 3. und 4. Jahrhundert den Druck auf die römischen Grenzen erhöhten. Äußere Impulsverstärker wie die Attacken der Hunnen konnten hinzutreten. Aber die entscheidenden Veränderungen, die sich im *Barbaricum* vollzogen und damit überhaupt erst die Grundlagen für das "Völkerwanderungs"-Geschehen bereiteten, sind offenbar in hohem Maße von der römischen Seite selbst eingeleitet worden. Dass hier nicht lediglich Naturkatastrophen oder gar ein "gemeingermanischer Wanderungsdrang" am Werk waren, geht bereits aus dem Umstand hervor, dass sich die betreffenden Veränderungen an der *gesamten* Peripherie des *Imperium Romanum* vollzogen – nicht nur an Rhein und Donau, sondern auch in Nordafrika und im Osten.

Zudem erfolgten die ab dem 3. Jahrhundert signifikant zunehmenden Überfälle auf die aus barbarischer Perspektive überaus wohlhabenden römischen Gebiete häufig dann oder erwiesen sich als besonders verheerend, wenn wieder einmal Bürgerkriege die Schlagkraft der römischen Verteidigung lähmten. Daher haben einige Stimmen in der Forschung sogar die pointierte Behauptung aufgestellt, die "Völkerwanderung" stelle letztlich ein rein römisches, das heißt von den Römern ausgelöstes Phänomen dar: Nicht sie habe den Untergang des Römischen Reichs herbeigeführt, sondern dieser selbst sei vielmehr die Ursache für die "Völkerwanderung" gewesen. Das *Imperium Romanum* habe gewissermaßen Selbstmord verübt.

Diese extreme Zuspitzung steht am Ende einer etwa 30-jährigen Phase intensiver Forschungen über das Ende der römischen Welt und ihren Übergang in die poströmische Phase. Sie hat vor allem die Kontinuitäten zwischen Antike und Mittelalter herausgearbeitet; sie hat auf den vielfach "römischen" Charakter der vordergründig barbarischen Akteure verwiesen; sie hat aufgezeigt, dass die poströmischen *regna* auf römischen Strukturen errichtet worden sind; sie hat analysiert, in welcher Weise nichtrömische Verbände versucht haben, ihre eigenen Geschichtskonstrukte in einen christlich-antiken Rahmen einzuschreiben, um selbst ein Teil der römischen Geschichte zu werden; und sie hat darauf aufmerksam gemacht, dass die in zahllosen spätantiken und frühmittelalterlichen Texten weiterhin greifbare scharfe Abgrenzung zwischen Römern und Barbaren nicht nur stark durch topische Elemente durchdrungen ist, sondern in geradezu atavistischer Form Dichotomien fortschreibt, die in der Lebenswelt der Autoren schon längst nicht mehr galten.

Dieses Konzept einer kontinuierlichen und in jedem Fall hochgradig komplexen *Transformation of the Roman World* (TRW) wird seit einem Jahrzehnt von einigen Althistorikern und Archäologen infrage gestellt, die insbesondere dem "Völkerwanderungs"-Geschehen als zerstörerischer Urkatastrophe wieder stärkere Geltung verschaffen möchten. In ihren Augen verschleiert das Konzept der Transformation die brutalen Gewaltakte, die scharfen Brüche und Rupturen, die mit der "Völkerwanderung" einhergegangen sind. Auch wenn die Vertreter des *Transformation*-Ansatzes nie behaupten würden, der Übergang ins Frühmittelalter sei friedlich verlaufen, geht es hier letztlich doch auch um die Frage, ob das Ende Roms ein Prozess war, der von Zeitgenossen als entsprechend schmerzhafte Verlusterfahrung wahrgenommen wurde, oder ob er sich als langsame, für Mitlebende kaum bemerkbare Transformation vollzogen hat. Mit dieser Frage korreliert das Problem, ob man den Untergang des Römischen Reichs als einen im Wesentlichen von außen verursachten Zusammenbruch oder als eine eher von den Römern selbst herbeigeführte Entwicklung zu bewerten hat. Die "Völkerwanderung" wurde, wie angedeutet, für beide Positionen in Anspruch genommen. Nicht zuletzt dieser Sachverhalt sollte hinreichend deutlich machen, dass die Problematik letztlich viel zu komplex ist, als dass sie sich im Sinne einer klaren Position beantworten ließe, denn selbstverständlich hingen innere und äußere Entwicklungen – sofern überhaupt unterscheidbar – aufs Engste miteinander zusammen.

<div id="bkmrk--3" style="text-align: justify;"><div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow title2margin"><a id="bkmrk--4"></a></div></div>**"Völkerwanderung" und "Flüchtlingskrise"**

Mit dem Eintritt der sogenannten Flüchtlingskrise in die populäre Medienlandschaft im Sommer 2015 hat auch das Thema "Völkerwanderung" neue Aktualität gewonnen. Zeitungsbeiträge, Radiofeatures und Fernsehdokumentationen überbieten sich seitdem in der Diskussion möglicher Parallelen und versuchen aus dem "Völkerwanderungs"-Paradigma Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft abzuleiten. Dass auch prominente Historiker sich in das vielstimmige Raunen eingebracht haben und versuchen, korrigierend in eine mitunter unbedarft, ziellos und chaotisch geführte Debatte einzugreifen, ist grundsätzlich zu begrüßen. Allerdings hat etwa der Althistoriker Alexander Demandt in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", der vielfältige zustimmende wie auch kritische Reaktionen ausgelöst hat, einmal mehr einen reduktionistischen "Völkerwanderungs"-Begriff zugrunde gelegt, um seine These vom Untergang Roms als Resultat massenweisen Andrängens von Barbaren zu begründen. Zum Themenkomplex "Völkerwanderung" und "Flüchtlingskrise" seien daher abschließend noch einige Gedanken formuliert:

*Erstens*: Historische Vergleiche gehören zu den spannendsten und produktivsten Unterfangen, mit denen Historiker sich auseinandersetzen. Sie erfordern aber auch ein Höchstmaß an methodischer Präzision und setzen intime Kenntnis beider Comparanda voraus. Ein seriöser Vergleich des "Völkerwanderungs"-Geschehens mit der "Flüchtlingskrise" müsste daher, wenn er einem Mindestmaß methodisch-theoretischer Reflexion gerecht werden soll, von Wissenschaftler*teams* vorgenommen werden, weil er die Kompetenzen einzelner Personen überschreitet.

*Zweitens*: Prinzipiell ist es möglich, alles miteinander zu vergleichen. Aus der Perspektive des Historikers erscheint allerdings nicht jeder Vergleich gleichermaßen sinnvoll, denn das Ergebnis sollte einen analytischen Mehrwert erbringen. In diesem Zusammenhang sei an den heuristischen Unterschied zwischen Vergleichen und Analogien erinnert. Während ein historischer Vergleich auf einer soliden methodischen Basis klare Kriterien definiert und die Untersuchungsgegenstände mit ihrer Hilfe analysiert, um abschließend zu einem wissenschaftlich fundierten Ergebnis zu gelangen, erschöpft sich die Analogie in der Beobachtung oberflächlicher Parallelen, die zumeist nicht eingehender verortet und hinterfragt werden, sodass ihre Aufdeckung im besten Fall folgenlos bleibt.

*Drittens*: Wollte man sich unter Berücksichtigung all dieser Kautelen dennoch an das komplizierte Unterfangen begeben, die "Völkerwanderung" mit der "Flüchtlingskrise" zu vergleichen, so sollte aus den vorangegangenen Ausführungen hervorgegangen sein, dass es keinen klar definierten Gegenstand "Völkerwanderung" gibt, den man als Comparandum heranziehen könnte. Der Terminus selbst stellt, wie gezeigt, keinen analysefähigen Begriff für ein klar definiertes Konzept dar, sondern bezeichnet vage einen nur schwer eingrenzbaren, assoziationsbefrachteten Zusammenhang, der sich vielfältig ausdeuten lässt, und transportiert überdies Ideologeme, die rasch ein spezifisches Vorverständnis des Sachverhalts prägen können.

*Viertens*: Versucht man sich von dem problematischen Konzept der "Völkerwanderung" zu lösen und blickt hinter den Begriff, so wird man mit einem komplexen Geflecht höchst unterschiedlicher, eng ineinandergreifender Phänomene konfrontiert, die einmal mehr die Frage aufwerfen, was nun eigentlich der Vergleichspunkt sein soll. Ein Ansatz könnte darin bestehen, den Blick auf Migration zu richten. Wie sich gezeigt hat, werden wir in der Spätantike aber mit sehr unterschiedlichen Formen von Migration konfrontiert. Wollte man sie sämtlich berücksichtigen, müsste man erneut eine abstrakte Ebene erreichen, die ihrerseits wieder die Gefahr birgt, analytisch fruchtlose Hypostasierungen wie die "Völkerwanderung" zu kreieren.

*Fünftens*: Soweit ich sehe, zielen die aktuell in den Medien fassbaren Vergleiche zwischen "Völkerwanderung" und "Flüchtlingskrise" darauf, zum einen Anschauungsmaterial hinsichtlich möglicher Folgen von Massenmigration zu gewinnen sowie zum anderen Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft zu generieren beziehungsweise allgemeine Mahnungen auszusprechen. Beides erscheint indes problematisch: Die auch heute noch unwillkürliche Assoziierung der "Völkerwanderung" mit dem Untergang des Römischen Reichs erzeugt eine fatale Pfadabhängigkeit des Vergleichs mit Blick auf die Bewertung gegenwärtigen Geschehens und daraus resultierender möglicher Handlungsmaximen. Die "Völkerwanderung" kann den aktuellen Akteuren keine Hilfestellung leisten, weil sie als kohärenter Geschehenszusammenhang nicht fassbar ist und weil die Einzelphänomene, die sich isolieren lassen, vor dem Hintergrund fundamental differenter geostrategischer, politischer und kultureller Rahmenbedingungen zu sehen sind. Oberflächliche Analogien können durchaus gravierende Unterschiede verdecken. Nur ein methodisch-theoretisch skrupulös vorbereiteter Vergleich vermag Klippen dieser Art zu umschiffen – und dürfte im Fall der "Völkerwanderung", wie gezeigt, dennoch höchst problematisch bleiben. Die aktuelle Suche nach vordergründigen Parallelen und Analogien droht hingegen Geschichte zum instrumentellen Passepartout zu degradieren, um politischen oder moralischen Imperativen einen pseudolegitimatorischen Firnis zu verleihen. Gegen Vereinnahmungen dieser Art anzuarbeiten, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Historikers.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Meier, Mischa: Die ''Völkerwanderung'', in: ApUZ, online verfügbar seit 24.06.2016 unter: [https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/229813/die-voelkerwanderung/](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/229813/die-voelkerwanderung/), zuletzt geprüft am 20.02.2026.

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**Sekundärliteratur**

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