Antike und Völkerwanderungszeit (1. Jh. - 919)
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Wirtschaft
Inhaltsverzeichnis
1. Das Wirtschaftsleben im Rheinland während der Antike
1. Das Wirtschaftsleben im Rheinland während der Antike
Der Münzschatz von Spay, die Münzen stammen aus dem Ende des dritten Jahrhunderts, der Schatz liegt heute beim LVR-Landesmuseum in Bonn. (Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn)
1. Überblick
Der Begriff ‚Wirtschaft‘ im modernen Verständnis umfasst eine Vielzahl komplexer Zusammenhänge, Entwicklungen und Abläufe, die bei weitem nicht so vollständig für die Antike dargestellt werden können wie für moderne Gesellschaften. Obwohl bereits die antiken Gelehrten bemüht waren, theoretische wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, gab es keine umfassende Erforschung der Wirtschaft. Das liegt daran, dass die antiken Zeitgenossen keine detaillierte Wirtschaftswissenschaft nach heutigem Verständnis betrieben. Da das Individuum nicht die Wirtschaft als Ganzes betrachten konnte, waren dem antiken Betrachten Grenzen gesetzt. Bei der Landwirtschaft ist die Forschung jedoch in einer günstigen Lage, da durch die Werke Catos[1], Varros[2], Columellas[3], Plinius[4], Vergils[5] und die Schriften der römischen Feldvermesser[6] antike Texte erhalten sind, die recht detailliert auf einen bestimmten Sektor der Wirtschaft eingehen. Die Erforschung des römischen Wirtschaftssystems ist aber ganz wesentlich von der Überlieferungssituation und den Fortschritten in der Aufarbeitung der archäologischen Zeugnisse abhängig. Eine Betrachtung der Wirtschaft im römischen Rheinland kann somit nur ein zum Teil grober Überblick über das Wirtschaftsleben sein.[7]
In antiken Gesellschaften waren die Individuen stark an ihr geographisches Umfeld gebunden und es bestand für diese ein enger Zusammenhang zwischen sozialem und wirtschaftlichem Leben. Auch im römischen Rheinland bestimmten die Geographie und Geologie die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Akteure. Der Untersuchungsraum lässt sich zur besseren Handhabung grob in drei unterschiedliche Wirtschaftsgebiete gliedern: Im Südosten waren die Gebirge mit ihren Rohstoffvorkommen bestimmend, im Süden die Lössböden, die besonders für Ackerbau geeignet waren, und im Norden die weniger fruchtbaren Böden, auf denen Viehzucht betrieben wurde.[8]
Aufgrund der römischen Präsenz im Rheinland änderte sich das Wirtschaftssystem der vornehmlich in kleineren Siedlungen lebenden einheimischen Bevölkerung, die eine agrarisch ausgerichtete Form der Wirtschaft mit gering ausdifferenziertem Handwerk betrieben, grundlegend. Da das Rheinland eine Grenzprovinz war, wurde eine große Anzahl an Legionären entlang des Rheins stationiert und ihnen folgten zahlreiche Zivilisten aus anderen Teilen des Römischen Reiches. Die starke Präsenz des römischen Militärs war für die gesellschaftlichen Entwicklungen prägend und hatte einen großen demographischen und gesellschaftlichen Einfluss. Seine stark hierarchisierte Struktur war wahrscheinlich für den Nichtrömer ein allgegenwärtiges Abbild der römischen Gesellschaft. Die einheimischen Gesellschaften, die sich durch eine tendenziell eher flachere Hierarchisierung auszeichneten, entwickelten sich zu einer römischen Gesellschaft, die ausgeprägte soziale Unterschiede aufwies. Mit dem römischen Militär kam ebenfalls viel Geld in das Rheinland, da die Soldaten einen nicht unbedeutenden Teil des ihnen ausgezahlten Soldes vor Ort wieder ausgaben, um sich und ihren Anhang mit Lebensmitteln und anderen Waren zu versorgen. Diese waren nicht alle in den Grenzprovinzen vorhanden und mussten daher aus anderen Teilen des Römischen Reiches importiert werden. Relativ früh nach der Stationierung römischer Truppen führte dies zu einem regen Austausch von Gütern zwischen den Binnen- und den Grenzprovinzen, was wiederum zur Folge hatte, dass zwischen diesen Provinzen eine Migration von Westen nach Osten einsetzte. Neben der hohen Zahl an Legionären in der Region machten die Städtegründungen es notwendig, die Nahrungsmittelproduktionen zu steigern und das landwirtschaftliche System des Rheinlands von der Selbstversorgung auf eine Überschussproduktion umzustellen. Denn durch die wachsende Zahl teils sehr spezialisierter Handerker in den Städten war eine große Bevölkerungsgruppe nicht in der Landwirtschaft tätig. Die Transformationsprozesse hin zu einer römischen Form der Wirtschaft lassen sich ungefähr ab der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. beobachten und fiel sowohl mit einem leichten Anstieg der Besiedlungsdichte im ländlichen Bereich als auch einem langsamen Bevölkerungswachstum in den Städten zusammen. Dieser Wandel verstärkte sich zu Beginn des 2. Jahrhunderts und ging im Verlauf des Jahrhunderts in eine Hochphase über. Für ungefähr 100 Jahre kann man von einer Blütezeit des Wirtschaftslebens im Rheinland sprechen, die bis in das nachfolgende Jahrhundert anhielt, weshalb sich die nachfolgenden Ausführungen vor allem auf den Zeitraum des 2. bis 3. Jahrhunderts n. Chr. Beziehen.[9]
2. Landwirtschaft
Die Land- und Weidewirtschaft bildete sowohl vor als auch während der römischen Zeit im Rheinland die Grundlagen der lokalen Wirtschaft, wie es generell für vormoderne Gesellschaften angenommen werden kann. Daher schätzt man, dass mindestens 80 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt waren, obwohl man in der Forschung das soziale und ökonomische System der römischen Kaiserzeit nicht als typische Agrargesellschaft bezeichnet, da das Handwerk sehr weit entwickelt war. Mit der Eingliederung des Rheinlandes in das Römische Reich war die römische Verwaltung um Kontinuität in der Ausrichtung der vorhandenen Wirtschaftslandschaften bemüht. Gleichzeitig änderten sich die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft dadurch, dass die Römer Militärstützpunkte, Städte und Straßen errichteten. Die Wirtschaft wurde leistungsorientierter und die Produktion der landwirtschaftlichen Betriebe verlagerte sich von der Selbstversorgung hin zu einer Überschussproduktion und einer Marktorientierung. Die Steigerung der land- und viehwirtschaftlichen Erträge auf einen zuvor nie erreichten Grad gelang durch die Übernahme römischer Anbau- und Zuchtmethoden. Darüber hinaus wurden Anbauflächen durch Rodung ausgedehnt, der Familienbetrieb wurde als Produktionseinheit um zusätzliche Arbeitskräfte in Form von Lohnarbeitern und Saisonkräften erweitert. Die Anbauflächen wurden durch Zufahrtswege erschlossen, wodurch ein schneller Abtransport der Güter gewährleistet war. Daneben wurden Dünger und technologische Neuerungen, welche die Römer im Rheinland einführten, eingesetzt, um ebenfalls die Ernteerträge zu verbessern. Ein Beispiel hierfür ist der Räderpflug, der statt des vorher verwendeten Hakenpflugs eingeführt wurde.[10]
Das südliche Niedergermanien ist von fruchtbaren Lössböden geprägt, die bereits Plinus der Ältere wegen ihrer Fruchtbarkeit lobte.[11] Mit Ausnahme der Eifel, wo die Böden weniger ergiebig, dafür aber rohstoffreicher sind, war die Wirtschaft dieser Region vor allem auf den Ackerbau ausgerichtet. Insbesondere die Köln-Bonner Bucht westlich des Rheins war ein wichtiges Gebiet für die Versorgung der Provinz mit Getreide im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. Begünstigt hat diesen Umstand wahrscheinlich, dass sich mit der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) als Stadt und der in Bonna (Bonn) stationierten Legion in unmittelbarer Nähe mehrere Großabnehmer befanden. Viehwirtschaft wurde dagegen eher im nördlichen Niedergermanien betrieben.[12]
Die römische Form eines landwirtschaftlichen Betriebs im Rheinland wird als villa rustica bezeichnet, die sich durch architektonische und wirtschaftliche Alleinstellungsmerkmale auszeichnet. Dadurch unterschied sich die römische Villa von den zuvor vorherrschenden germanischen Höfen. Die Villen waren nicht auf eine Selbstversorgung ausgerichtet, sondern können vielmehr als „Unternehmen“ bezeichnet werden, die Überschüsse produzierten und diese auf einem Markt verkauften. Auf diese Weise stellten die villae rusticae sicher, dass die nicht in der Landwirtschaft tätige Bevölkerung und die Armee ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt waren. Die Umstellung auf diese Art des landwirtschaftlichen Betriebes erfolgte Mitte bis Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. im gesamten Rheinland. Die Bauweise der Villen wurde durch den römischen Einfluss geprägt, indem zahlreiche architektonische Elemente aufgriffen wurden, wie beispielsweise Steinfundamente und die Trennung zwischen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Daneben wiesen die Villen in verschiedenen Graden römische Ausstattung auf, für die Mosaike, Wandmalerei und der Einsatz von Marmor als Bodenbelag und Wandverkleidung typisch sind. Die Anzahl von Personen, die auf einer Villa tätig waren, wird auf etwa 50 geschätzt und umfasste die Familie, das Personal und zusätzliche Saisonarbeiter. Anhand der bisherigen Grabungen lässt sich vermuten, dass die meisten Villen im Schnitt 400 Morgen beziehungsweise 100 Hektar besaßen, obwohl auch Betriebe mit bis zu 1.000 Hektar gefunden wurden, die jedoch die Ausnahme bilden. Die zahlreichen Villen standen verteilt und einzeln, sodass das Land gleichmäßig mit Höfen bedeckt war.[13]
Paleobotanische Untersuchungen von Brunnensedimenten römischer Siedlungen geben Auskunft über die wirtschaftliche Grundlage der römischen Villen im Rheinland und zeigen, dass auf den Feldern vor allem Dinkel angebaut wurde. Am zweithäufigsten tritt Gerste auf, sowie teilweise Emmer, Saat- und Zwergweizen, Einkorn, Hafer und Roggen.[14] Für die Brotproduktion waren vor allem Gerste und Weizenarten von Bedeutung. Hafer fand in römischer Zeit vor allem als Viehfutter immer mehr Verbreitung. Neben Getreide wurden auch Bohnen, Erbsen, Linsen und Wicke angebaut. Flachs diente als Spinnstoff und zur Ölherstellung. Mit den Römern gewann der Garten- und Obstbau an Bedeutung, sowie die Herstellung von Wein. Zwar hatten die Weinanbaugebiete an Rhein, Pfalz und Mosel insgesamt nur einen geringen Anteil an der gesamten Fläche der Weinanbaugebiete des Römischen Reichs, aber sehr schnell erlangten die Weine aus diesen Regionen besondere Beliebtheit. Im Garten wuchsen Blatt- und Wurzelgemüse, wie zum Beispiel Gartenmelde, Amarant, Rettich, Pastinake, Möhren und weiße Rüben, neben Gewürzen wie Petersilie, Koriander, Fenchel und Sellerie. Die Obstgärten lieferten Äpfel, Pflaumen, Süßkirschen, Pfirsiche und Walnüsse und mit der Bienenzucht stand Honig als Süßungsmittel zur Verfügung. Römische Villen waren weitgehend autark und so fand man bei zahlreichen villae rusticae Ölpressen, Mühlen, Webstühle, Back- und Räucheröfen, Schmieden, Töpferöfen und Glashütten.[15]
Während im Süden der Provinz Niedergermanien vor allem der Ackerbau dominierte, überwog im nördlichen Rheinland die Viehzucht. Die entscheidende Rolle, welche die Viehzucht für diesen Teil des Rheinlands einnahm, spiegelt sich in der dort verbreiteten Form der Häuser wieder, die wenig mit den Villen weiter südlich gemeinsam hatten. Vielmehr dominierten hölzerne Wohnstallhäuser, die 6–7 Meter breit und bis zu 27 Meter lang waren. So sind in den Regionen, in denen Viehzucht vorherrschte, weit weniger bauliche Veränderungen mit der römischen Zeit erkennbar, als dort, wo primär Ackerbau betrieben wurde. Die keltische oder germanische Lebensweise blieb in Teilen erhalten und der römische Einfluss ist nur in geringerem Maße in der Bauweise zu erkennen. Dieser Prozess vollzog sich im 1. Jahrhundert n. Chr. und führte zu vereinzelten Adaptionen römischer Architekturelemente in Form von portikenartigen Vorbauten. Daneben vollzog sich die Entwicklung von einem gemeinschaftlichen Besitz und der Mobilität des Siedlungsplatzes hin zur Besitztrennung und Platzkonstanz. Parallel wies die Art des Wirtschaftens römische Denkstrukturen von Marktorientiertheit und Überschussproduktion auf, sodass die Betriebe hier, aufgrund ihres Wirtschaftssystems, gleichermaßen als villae rusticae bezeichnet werden. Auf diese Weise war die Versorgung der Städte, der Armee und des südlichen Teils der Provinz mit Milchprodukten, Fleisch und Leder sichergestellt. Knochenfunde in römischen Siedlungen und Militärlagern zeigen, dass die im Rheinland gehaltenen Rinder eine römische Züchtung waren. Außerdem wurden Pferde, Esel, Schweine, Schafe, Ziegen und Geflügel gehalten. Auf dem Speiseplan stand vor allem Rind, an zweiter Stelle Schwein, gefolgt von Schaf, Ziege und Geflügel.[16]
Andere, nicht landwirtschaftliche Bereiche, die ebenfalls zur Versorgung mit Nahrung beitrugen, sind bei weitem nicht so gut in den archäologischen und schriftlichen Quellen belegt. Die Jagd war bei den Römern sehr beliebt, wie etwa die Jagd auf Wildgänse am Rheinufer[17], aber ihr Beitrag dürfte zur gesamten Produktion an Nahrung nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben, wie Knochenfunde zum Beispiel vom Gebiet der Colonia Ulpia Traiana (Xanten) nahe legen.[18] Anders verhält es sich mit Lebensmitteln aus dem Meer beziehungsweise den Flüssen, die zwar wenige Spuren hinterlassen haben, aber einen höheren Stellenwert gehabt haben dürften, wie eine Inschrift nahelegt, die das Vorhandensein von conductores piscatus (eine Art Pachtgesellschaft, die Fisch verarbeitet) in der Provinz belegt.[19] Fisch in Form von salsamentum (eingesalzener Fisch) kann zu den römischen Grundnahrungsmitteln gezählt werden. Häufig war mit dem Fischfang die Salzgewinnung verbunden, wie es an der Nordseeküste zwischen den Mündungen von Maas und Schelde gut belegt ist. Salz wurde in Salzsümpfen an der Küste, künstlichen Bassins oder durch Verkochen gewonnen und im nördlichen Rheinland gehandelt.[20]
3. Bau- und Rohstoffe
Als Baustoff war Holz auch in römischer Zeit sehr wichtig, dennoch hat das Fällen von Bäumen weder in schriftlichen noch in archäologischen Quellen große Spuren hinterlassen. Die Eiche war ein begehrtes Bauholz für Häuser, Brücken, Schiffe und Wagen, zahlreiche andere Holzarten wurden speziell für Möbel, landwirtschaftliche Geräte oder für den Haushalt genutzt. Schließlich war Holz ein sehr wichtiger Energieträger und essentiell für das Befeuern von Kaminen und Öfen, beispielsweise von handwerklichen Betrieben oder Thermen.[21]
Stein war ebenfalls ein wichtiges Baumaterial und der Steinbau gewann während des 1. Jahrhunderts n. Chr. in der Germania inferior sowohl beim Bau öffentlicher als auch privater Gebäude zunehmend an Bedeutung. Die Steinvorkommen im Rheinland wurden mit dem Eintreffen der Römer genutzt und waren wichtig für die Befestigung und Urbanisierung. Die Mehrzahl der Steinbrüche lag im Raum zwischen Aachen und Andernach. Dass sich die Steinvorkommen leicht abbauen ließen und sich die Steinbrüche in der Nähe von Wasserwege befanden, was für den Abtransport des Materials wichtig war, war von hoher Bedeutung für ihre Rentabilität. Die Steinbrüche zwischen Andernach und Königswinter, in denen Grauwacke, Tuffstein, Basalt und Trachyt abgebaut wurde, waren von besonderer Bedeutung. Von dort aus konnte das Baumaterial direkt flussabwärts zu den Siedlungen und Militärstützpunkten in Bonn, Köln oder Xanten transportiert werden. Darüber hinaus gab es außer den Sandsteinvorkommen bei Mönchengladbach und in Düsseldorf-Kaiserwerth keine weiteren Steinvorkommen in der Provinz. Andere Baumaterialien mussten über große Distanzen herbeigeschafft werden, so etwa Kalkstein aus der Region südlich von Divodurum (Metz) oder Marmor aus allen Teilen des Imperium Romanum. Viele der Steinbrüche im Rheinland wurden von Truppenteilen der Legionen betrieben.[22]
Gleiches gilt für die Kalkbrennerei bei Bad Münstereifel-Iversheim, die von der Xantener Legion betrieben wurde. Dass dies kein Einzelfall war, bezeugen weitere kleine Betriebe in der Umgebung, die teils von der Bonner Legion, teils von Privatpersonen betrieben wurden. Die Anlage bei Bad Münstereifel-Iversheim zeichnet sich durch ihre Größe und ihren Erhaltungszustand aus, welche zahlreiche Einblicke in den Stand Technologie, Logistik und Organisation einer römischen Kalkbrennerei gewähren. Der Kalk für die gesamte Provinz wurde überwiegend im Raum Bad Münstereifel abgebaut und war für die Herstellung von Mörtel sehr wichtig. Viele der Ziegeleien, die sich am Rhein befanden, wurden vom Militär betrieben und stellten nicht nur Wand- und Dachziegel her, sondern auch Hohlziegel, Wand- und Bodenplatten, die für hypocausta (Fußbodenheizungen) wichtig waren. Ein Beispiel ist die Ziegelei der 5. Legion bei Sentiacum (Sinzig). Da die militärischen Ziegeleien nur für die Armee produzierten, gab es parallel zivile Ziegeleien, wie zum Beispiel nahe dem heutigen Bedburg. Namentlich ist der in Gelduba(Krefeld-Gellep) lebende Ziegeleibesitzer M. Valerius Sano bekannt, der im 2. Jahrhundert n. Chr. sowohl militärische als auch zivile Auftraggeber belieferte.[23]
Neben kleineren Erzvorkommen östlich von Aachen und bei Bad Neuenahr-Ahrweiler[24] lagen die Hauptvorkommen in der nördlichen Eifel, wodurch die Eifel eine Sonderstellung im agrarisch geprägten Süden der Provinz einnahm. Die gebirgige Region war locker mit Villen besiedelt, die aufgrund der vorherrschenden Böden zwar eher Viehzucht als Ackerbau betrieben haben. Doch die Haupteinnahmequelle stellte der Metallabbau dar. Deutlich wird der hohe Stellenwert von Metall für die römische Provinz dadurch, dass es teilweise regelrechte Gewerbesiedlungen gab, die ausschließlich Erz abbauten und verarbeiteten, denn fast jeder Bewohner des Rheinlands benötigte in der einen oder anderen Form Metallwaren, angefangen vom Soldaten über den Maurer bis hin zum Landwirt. Eisenerze wurden unter anderem in der Nähe von Bad Münstereifel, Blankenheim und Nettersheim verarbeitet. Bei Mechernich gab es Bleivorkommen, die ebenfalls silberhaltig waren, Zink und Kupfer wurden bei Nettersheim-Zingsheim vor Ort zu Messing weiterverarbeitete, wofür das Galmeivorkommen bei Gressenich-Breinig von besonderer Bedeutung war. Gold gab es zwar vereinzelt in den Bächen und Flüssen des Hohen Venns, der Eifel und des Rheintals, aber insgesamt war die Provinz nicht sehr reich an Gold.[25]
4. Handwerk
Das einheimische Handwerk war ebenfalls von den Veränderungen betroffen, welche die Umstellung auf ein Wirtschaftssystem nach römischem Vorbild mit sich brachte. Die Handwerker reagierten darauf, indem sie, ähnlich den bäuerlichen Betrieben zu einer Arbeitsteilung, zur Spezialisierung und zu rationalisierten Herstellungsprozessen übergingen. Häufig waren Rohstoffvorkommen ausschlaggebend für den Standort von Betrieben, was insbesondere beim Töpferhandwerk in Kombination mit einer seriellen Produktion zu beobachten ist. Die meisten Betriebe waren kleine Familienunternehmen, die dennoch groß genug waren, um auf neue Herausforderungen des Marktes zu reagieren. Da zahlreiche Produktionsstätten gefunden wurden, ist die archäologische Fundsituation für die kaiserzeitlichen Gewerbe in Niedergermanien insgesamt gut. Trotz der hohen Bedeutung des Handwerks für den Alltag besaßen Handwerker keine hohe soziale Stellung, da körperliche Arbeit und Spezialistentum im Römischen Reich wenig Ansehen genossen. Daher waren Handwerker häufig liberti (freigelassene Sklaven), die teils unabhängig, teils für ihren Patron, also ihren ehemaligen Herrn, arbeiteten.[26]
So ist die Metallverarbeitung gut belegt, die allgegenwärtig war und einen hohen Grad an Spezialisierung im Rheinland erreicht hatte, was die Ausdifferenzierung in die verschiedenen Berufe, wie etwa Eisen-, Bronzeschmied oder Bronzegießer, verdeutlicht. Dennoch kann ihre Bedeutung leicht unterschätzt werden, da nur noch wenige Produkte dieses Handwerks gefunden werden, was daran liegt, dass Metall meist wieder eingeschmolzen wurde.[27]Das Töpferhandwerk, das ebenfalls gut für das Rheinland belegt ist, siedelte sich meist dort an, wo die Rohstoffversorgung oder der Bedarf gesichert waren, was prinzipiell zu zwei Arten von Standorten führte: Die Werkstätten konnten entweder in unmittelbarer Nähe zu den Rohstoffen, wie zum Beispiel bei Friesheim liegen oder in der Nähe der Abnehmer, wie das Gegenbeispiel Novaesium (Neuss) zeigt, bei dem der Ton über lange Strecke hin transportiert wurde, was das Transportrisiko für die fertigen Produkte senkte. Daneben gab es im 1. Jahrhundert n. Chr. bedeutende Produktionsstätten in Rigomagus (Remagen), Bonn, Köln, Moers-Asberg, Xanten und Kalkar, die wahrscheinlich zunächst vor allem den lokalen Markt, also das Militär bedienten, wovon in gleicherweise die Zivilbevölkerung profitierte. Die einheimischen Betriebe übernahmen römische Techniken, entwickelten eine Art von Serienproduktion und produzierten römische Formen, um so aufgrund der veränderten und gesteigerten Nachfrage wettbewerbsfähig zu bleiben. Kölner Töpfer, wie die namentlich bekannten Acceptus, Capito, Fabricus und Servandus, waren ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. wichtig für die Versorgung der Provinz mit Alltagskeramik.[28]
Eine wahrscheinlich noch bedeutendere Rolle hatte Köln bei der Fertigung von Glasprodukten, wie der Diatretbecher aus Köln-Braunsfeld auf eindrucksvolle Weise zeigt. Glasschmelzöfen sind bereits für das 1. Jahrhundert n. Chr. in Köln belegt und hier entstand schnell ein bedeutender Standort der handwerklichen Glasproduktion. Die zahlreichen Glasfunde in Gräbern verdeutlichen die besondere Bedeutung dieses Handwerks für den Alltag im Rheinland, dennoch wurden bislang keine Grab- oder Weiheinschriften von Glasbläsern oder Glasschleifern gefunden. Neben Köln gibt es Belege für Produktionsstätten von Glas ebenfalls in Bonn und dem Hambacher Forst, für deren Standortwahl vielleicht die Nähe zu den Quarzsandvorkommen in der Köln-Bonner-Bucht ausschlaggebend war. Neuere Untersuchungen zeigen gleichfalls, dass die Ausgangsmaterialien für die Glasherstellung, wie Sand, Kalk und Soda, nicht nur aus der näheren Umgebung bezogen wurden, sondern auch teilweise aus Ägypten und dem Vorderen Orient importiert und erst vor Ort zu Glas verarbeitet wurden.[29]
Außer den erwähnten Gewerben und Produktionen gab es noch viele weitere Handwerke im Rheinland, die jedoch archäologisch weit schlechter fassbar und lediglich durch vereinzelte bildliche Darstellungen, Inschriften, Werkzeuge oder handwerkstypische Abfälle für die Region belegbar sind. Häufig zeigen Inschriften Berufe und Namen von einzelnen Personen: Q. Vetinius Verus[30] war 186 oder 215 n. Chr. Zimmermann in Köln und Tiberius Iulius Tertius[31] war in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Maler in Xanten. Ebenfalls primär durch Inschriften nachweisbar sind Kleinbetriebe, die Textilien verarbeiteten, wie Weber, Walker, Färber und Spezialisten im Bereich von Luxuskleidung. Besonders interessant sind die Funde von Webgewichten im Lager der römischen Flotte in Köln-Altenburg, da Webgewichte im Allgemeinen unüblich für Militärlager sind. Sie sind so ein Beleg für die Ausdifferenzierungen des Textilhandwerkes: Die Webgewichte stammten von Webstühlen, die der Verarbeitung grober Stoffe dienten und die Untersuchung zweier Grabsteine, welche velarii (Segelmacher)[32] für das Flottenlager erwähnen, bestätigt, dass im Lager die Segel für die Flotte hergestellt wurden.[33]
Wie andere Handwerker des Römischen Reiches organisierten sich auch die des römischen Rheinlands in collegia (Vereine), die Geselligkeit, Beistand, Wahrung der Interessen des Handwerks und kultische Verpflichtungen zur Aufgabe hatten. Politische Aktivitäten verfolgten sie jedoch nicht und übernahmen wahrscheinlich die Funktion einer Feuerwehr. Die Vereine sind vor allem für Köln aufgrund von Inschriften gut belegt, so weiß man von collegium fabrum tignariorum (Verein der Zimmerleute)[34], collegium tectorum(Verputzer)[35] und collegium pistricorum (Bäcker).[36] Daneben gibt es noch eine Inschrift zu Ehren des Kaiserhauses und des Schutzgottes des collegium focariorum (Küchenjungenverein)[37], was den Schluss nahelegt, dass es noch für viele andere Berufe Vereine gab.[38]
5. Handel und Wege
Das Eingreifen der Römer in das Wirtschaftssystem betraf auch den einheimischen Handel. Durch ein ausgebautes Wegesystem konnten Waren und Güter gezielter verteilt und zu verkehrsgünstig gelegenen Märkten an Straßenkreuzungen oder bei Flussübergängen transportiert und gehandelt werden. Diese Marktorte waren von zentraler Bedeutung für die Bevölkerung, die in der näheren Umgebung siedelte. Der Handel und das Transportgewerbe erlebte bereits zeitnah nach dem Beginn der römischen Herrschaft einen Aufschwung, der im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. seinen Höhepunkt erlebte. Ein zentraler Faktor für die Initiierung des wirtschaftlichen Wachstums war neben dem verbesserten Wegenetz die Vereinheitlichung von Maßen, Münzen und Gewichten, was allen Beteiligten des Wirtschaftssystems eine allgemeingültige Handelsgrundlage für Waren und Dienstleistungen bereitstellte. Vor allem Inschriften und verschiedene bildliche Darstellungen sind wichtige antike Zeugnisse, die Auskünfte über den sehr vielfältigen Handel im römischen Rheinland geben. Der Handel mit heimischen Waren im Nahbereich lief nicht immer über die mercatores (Händler), sondern konnte auch im begrenzten Radius durch die Produzenten, die häufig auch Ladeninhaber waren, selbst bestritten werden. Daneben reiste auch der Produzent selbst zu bestimmten Terminen zu den verschiedenen Märkten und wurde dann als forensis bezeichnet.[39]
Zwar wurden zahlreiche Güter und Rohstoffe direkt im Rheinland produziert und verarbeitet, dennoch mussten auch Waren aus anderen Teilen des Römischen Reiches importiert werden, was vor allem durch negotiatores(Großhändler) bewerkstelligt wurde, die sich teilweise zu Gruppen zusammenschlossen und die Handel über die Grenzen der Provinz und des Reiches hinaus betrieben. Literarische Quellen[40] und Inschriften legen den Schluss nahe, dass gallo-römische und italo-römische Händler die Träger des Importhandels in die germanischen Provinzen waren. Vor allem die gallo-römische Händler hatten, noch bevor der Versuch unternommen wurde, in den Gebieten rechts des Rheins eine Provinz zu errichten, nachweislich Handelskontakte dorthin etabliert.[41] Bis ins 2. Jahrhundert n. Chr. übernahmen die einheimischen Händler lediglich die Aufgaben am Ende der Handelskette als Dienstleister in der Distribution der Waren vor Ort und erst im Laufe der Zeit verdrängten sie die gallischen und italischen Händler. Die Gründe für die Dominanz der nicht-einheimischen Händler im 1. Jahrhundert lagen wahrscheinlich in der mangelnden Erfahrung der Einheimischen und dem zu großen Konkurrenzdruck durch die Händler aus den gallischen und italischen Provinzen. Parallel lässt sich eine andere Entwicklung feststellen, die zu einer Veränderung des Marktgefüges im Rheinland führte. Im 1. Jahrhundert n. Chr. war die lokale Produktion und der Import lediglich auf den rheinischen Markt ausgerichtet, was bedeutet, dass relativ viele Waren in das Rheinland importiert werden mussten, im Gegenzug aber keine Güter aus der Provinz ausgeführt wurden. Im Laufe des 2. Jahrhundert n. Chr. wurden rheinische Waren exportiert und die Zahl der Importe, vor allem von Alltagsgütern, sank. Neben den zeitlichen Unterschieden im Wirtschaftssystem des Rheinlandes gab es auch innerhalb der Provinz Germania inferior den Handel betreffende Unterschiede zwischen den südlich siedelnden Ubiern und den Germanen am Niederrhein. Die Ubier waren schon lange amici populi romani (Freunde des Römischen Volkes) und konnten zudem ihre gute verkehrsgeographische Position flussaufwärts und den Standortvorteil Kölns als Sitz des Provinzstatthalters auch wirtschaftlich ausnutzen. Köln erlangte schon früh einen hohen Stellenwert für den Handel im römischen Rheinland. Während eine Beteiligung niederrheinischer Germanen ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. im Handel mit Britannien angenommen werden kann, aber durch die Quellenlage nicht ganz eindeutig ist, so ist die vielfältige Beteiligung der Ubier im Fernhandel erwiesen. Die ubischen Händler waren ebenfalls in Vereinen organisiert, wie etwa die der negotiatores cisalpini et transalpini[42] und so in den Handel mit anderen Teilen des Römischen Reiches eingebunden. Die Vereinigung der negotiatores Britanniciani[43] betrieb speziell den Handel mit Britannien, der für das Rheinland einen hohen Stellenwert hatte. Zu den gehandelten Waren gehörten Salz, Fischsoße und Wein, sowie Keramikprodukte aus Köln, die in Britannien sogar zeitweise nachgeahmt wurden.[44]
Für die Identifizierung der importierten Waren sind die Reste in Amphoren, die als Transportgefäße dienten, sehr aufschlussreich. Anfang des 1. Jahrhunderts n. Chr. dominierten weite Transportwege, die sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts merklich verkürzten. Importiert wurden unter anderem Olivenöl aus der Provinz Baetica in Südspanien, und Wein, dessen Bezugsorte anfangs in Italien und dem östlichen Mittelmeer lagen und der zunehmend durch gallische Weine verdrängt wurde. Auch bei der importierten Keramik ist eine Verkürzung der Transportwege zu beobachten, vom südlichen Gallien hin zum mittleren und östlichen Gallien. Fischsoße war ein wichtiges Würzungsmittel und stammte zu großen Teilen aus dem Gebiet der Rhône. Insgesamt ist gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. die Tendenz erkennbar, dass importierte Waren vornehmlich aus nähergelegenen Regionen stammten, wodurch einheimische Waren an Bedeutung gewinnen konnten und die Gesamtzahl der Importe zurückging.[45]
Ausschlaggebende Faktoren für den wirtschaftlichen Aufschwung des Rheinlandes im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. waren eine lang anhaltende Friedensperiode in der Region, die Stationierung römischer Truppen entlang des Rheins, die Vereinheitlichung von Maßen, Münzen und Gewichten, sowie das bereits im 1. Jahrhundert ausgebaute Wegenetz, durch das ein schneller Warentransport gewährleistet war. Die Distribution der Produkte und Rohstoffe funktionierte zum einen aufgrund der Nutzung der Wasserwege, von denen vor allem der Rhein und die Maas mit ihren Nebenarmen, die in dieser Zeit noch schiffbar waren, von großer Bedeutung waren. Die zahlreichen Flusshäfen fungierten gleichzeitig als Handelszentren, wie zum Beispiel die gut erhaltene Anlage von Xanten.[46] Nur wenige Flusshäfen sind so gut erforscht, was vor allem an dem schlechten Erhaltungszustand der Häfen liegt. Auch die in Köln-Altenburg stationierte Flotte Classis Germanica war nachweislich in der Logistik tätig. Da die Rheingrenze seit dem letzten Drittel des 1. Jahrhunderts relativ friedlich war, konnten die Soldaten der Classis Germanica friedlichen Aufgaben, wie dem Transport und der Gewinnung von Baumaterialien nachgehen. Hierbei kam ihr eine sehr wichtige Rolle zu, da sie alle Städte, Orte und Militärlager entlang des Rheins mit Baumaterialen bediente, wofür der Flotte spezielle Transportschiffe zur Verfügung standen. Daneben gab es zahlreiche private Transportunternehmer, die wahrscheinlich eng mit den Händlern zusammengearbeitet haben. Durch den deutlichen Kostenunterschied beim Transport von Waren auf den verschiedenen Arten von Verkehrswegen, war es wesentlich günstiger, größere Stückmengen an Gütern auf dem Wasserweg zu transportieren. Aufgrund des Erfahrungsschatzes der keltischen Schiffsbauer konnte im 1. Jahrhundert n. Chr. außerdem das Fassungsvermögen der Flachbodenschiffe gesteigert werden und die Römer führten das Treideln von Schiffen flussaufwärts ein. Durch diese Neuerungen konnten weitere Transportkosten gesenkt werden, sodass der Landweg für den Großhandel keine besondere Bedeutung hatte.[47]
Auch das Straßensystem war für den Austausch von Waren wichtig und verband die Städte, Siedlungen und Militärlager der Provinz miteinander. Das gut funktionierende Netz von Straßen war essentiell für den Landtransport von Waren und Gütern, angefangen von agrarischen Produkten über Metalle bis hin zu Keramik. Die Erforschung dieser Verkehrswege kann sich auf eine Vielzahl an Methoden und Quellen stützen: die Tabula Peutingeriana, das Iternarium Antonini, Luftbildarchäologie und archäologische Untersuchungen vor Ort. Insbesondere Grabungen verdeutlichen, dass die Straßen in der Provinz meist die Form der viae glaria stratae hatten, also dammartige, kiesgeschotterte Trassen waren. Der Erhaltungszustand der Römerstraßen im Rheinland ist sehr unterschiedlich. Während sie am Niederrhein durch die beinahe vollständige Kultivierung der Böden schlechter erhalten sind, sind die römischen Wege in der Eifel und den Ardennen zum Teil noch heute im Gelände erkennbar. Die Erforschung des Straßennetzes in der Provinz hat mit dem interdisziplinären Projekt „Römerstraßen zwischen Köln und Trier“ neuen Aufschwung erfahren. Seit der Statthalterschaft des Agrippa wurden die Fernstraßen im Rheinland systematisch mit Blick auf strategische und wirtschaftliche Überlegungen ausgebaut, wofür zum Teil auf das bereits bestehende vorrömische Wegenetz zurückgegriffen werden konnte. Für den Straßenbau waren die Legionäre zuständig, die wetterfeste Straßen errichteten, auf denen Reisende fahren, Truppen schnell bewegt und Waren transportiert werden konnten. Um möglichst kurze und geradlinige Wege mit einer geringen Steigung zu errichten, wurden Felsen aus dem Weg geräumt, Tunnel gebaut, Sümpfe auf Dämmen passiert und Flüsse mit Brücken überwunden. Die wichtigen Verbindungswege in Nord-Südrichtung waren zum einen die Limesstraße durch das Rheintal, die entlang der Rheingrenze führend die Nordseeküste mit Italien verband. Zum anderen der zunächst von Neuss und später mit der Erhebung Kölns zur colonia[48] ausgehende Abzweig der Limesstraße, der über Trier, Metz und Lyon bis zum Mittelmeer führte und als „Agrippastraße“ bezeichnet wird. Daneben gab es weitere wichtige Landwege, wie die von Köln bis zur Kanalküste führende „Via Belgica“ und die „Ausoniusstraße“, die Trier und Mainz verband, neben unzähligen Querverbindungen zwischen den großen und kleinen Straßen. Ein Beispiel für solch kleinere Verbindungsstraßen zur Verkürzung der Wege führte von Belgica (Billig) nach Bonn. An wichtigen Abzweigungen entstanden nicht selten neue Siedlungen und Meilensteine entlang der Straßen gaben die Entfernung zur Provinzhauptstadt Köln an. Das Militär trug durch Posten zur Sicherheit auf den Straßen bei und in regelmäßigen Abständen wurden Rasthäuser und Pferdestationen an den Straßen errichtet.[49]
Ein Fernhandel des Rheinlands mit Gebieten außerhalb des Römischen Reiches wurde vor allem, nicht jedoch ausschließlich, mit den benachbarten, rechtsrheinischen Germanen betrieben, darüber hinaus auch vereinzelt bis in den Ostseeraum und den Orient. Dennoch darf nicht das Bild entstehen, dass der „Außenhandel“ die gleiche Bedeutung und das gleiche Volumen für das Rheinland hatte, wie der Handel mit anderen Provinzen des Römischen Reiches. Gleichzeitig muss man zwischen den verschiedenen Regionen, mit denen gehandelt wurde, differenzieren. Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Grenzprovinzen und dem nordwesteuropäischen Babaricum (Holland, Niedersachsen, Schleswig-Holstein) existierten nur in sehr geringem Maße und nicht kontinuierlich. So lässt sich so gut wie kein Austausch von Gütern mit den benachbarten Friesen feststellen, ein Phänomen, das so ähnlich auch für Britannien gilt. Weder während der temporären römischen Besatzung Schottlands in flavischer und wieder in frühantoninischer Zeit noch danach wurden bedeutende Mengen an Waren aus dem Römischen Reich importiert.[50]
Ein etwas anderes Bild vom Handel mit den rechtsrheinischen Germanen zeigt der Ort Gelduba (Krefeld-Gellep), welcher der nördlichste Ort des Stammesgebiets der Ubier war und am Ende eines wichtigen, aus dem Rechtsrheinischen kommenden Handelswegs lag. Noch im Mittelalter nahm er eine ähnliche Route und wurde als Hellweg bezeichnet. Die verkehrsgünstige Lage von Gelduba mit seinem Hafen am Rhein sowie am Knotenpunkt zwischen der Limesstraße und dem Handelsweg über den Rhein nach Osten führte zu seiner großen Bedeutung als Umschlagplatz für Waren. Ausschlaggebend für die Wahl des Standorts der römischen Neugründung kann neben der Lage auch das höhere Interesse der Ubier am Handel sein, das diese im Vergleich zu den nördlichen Stämmen besaßen.[51] Die Bedeutung Geldubasfür den Handel erkennt man ebenfalls in den aufwendigen merkantilen Baustrukturen der Märkte Geldubas, die im 2. Jahrhundert n. Chr. weiter ausgebaut wurden. Neben einer allgemeinen Bauverdichtung wurden auch die Magazinbauten und Ladenzeilen ausgebaut und die ortsansässigen Händler statteten mit wachsendem Wohlstand ihre Häuser teilweise mit Heizungsanlagen aus. Ihre Geschäfte, zu denen beispielsweise der Transport von Baumaterialien für das Militär gehörte, betrieben die Händler Geldubasvor allem im Rhein- und Moselraum. Darüber hinaus war der Ort auch in einen Fernhandel eingebunden, dessen Handelsverknüpfungen bis in den Orient reichten. Den direkten Kontakt belegt eine Wanderratte, die zu dieser Zeit nur im Orient vorkam und die in den Sedimenten eines Brunnens innerhalb des Kastells gefunden wurde. Besitzinschriften auf Alltagskeramik in Schriftzeichen, die in Palmyra gebräuchlich waren, sind ein weiteres starkes Indiz. Aber auch der Handel mit den rechtsrheinischen Germanen lässt sich nachweisen, denn die Auswertung zahlreicher in Gelduba gefundener Wildtierknochen legt den Schluss nahe, dass Gelduba als Zwischenhandelsplatz diente, an dem Wildtiere aus dem Rechtsrheinischen umgeschlagen wurden und von hier aus lebendige Jungtiere für die Gatterhaltung, erlegtes Wild und Wildprodukte, wie Federn, Pelze, Hirschhorn usw. in die Provinz weiterverkauft wurden. Andere Güter, die laut den Schriftquellen mit Barbaren gehandelt wurden, wie Sklaven, Felle, Pelze, Frauenhaar, Honig und Wachs[52], lassen sich nicht nachweisen.[53]
Auch das rechtsrheinische Limesvorland bis in das Bergische Land hinein war für die Wirtschaft des römischen Rheinlandes von Bedeutung, da diese Region Metalle, Gestein, Ton, Weideland, Holz und Tiere zu bieten hatte. Hier wurden zwei Formen von Wirtschaft parallel betrieben. Zum einen der gezielte Abbau von Rohstoffen während der gesamten Zeit durch die Römer selbst. Auch hier betrieb die römische Armee Steinbrüche und Ziegelöfen. Das rechtsrheinische Auenland wurde vom römischen Militär als Weideland für seine Tiere genutzt[54], dagegen wurden Metalle nicht vom Militär abgebaut, sondern von Privatpersonen. Zum anderen gab es eine eigenständige ‚germanische‘ Wirtschaft in Form von selbständiger Produktion und Lieferung von Holz und Wildprodukten[55] an die Römer, sowie der Arbeit für die Römer in den von diesen betriebenen Weiden, Abbau- beziehungsweise Produktionsstätten. Die Ausbeutung der Rohstoffe im Rechtsrheinischen zeigt, dass die Römer eine sehr gute Ortskenntnis des Raumes rechts des Rheins hatten, um so gezielt auf bestimmte Rohstoffe zugreifen zu können.[56]
6. Ausblick
Nach dieser ausgesprochen intensiven Phase für das Wirtschaftsleben im Rheinland, die etwas mehr als 100 Jahre andauerte, zeichneten sich im fortschreitenden 3. Jahrhundert rückläufige Tendenzen ab. Auf einen deutlichen Anstieg der Bevölkerungsdichte in den städtischen und ländlichen Gebieten folgte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ein Rückgang der Neugründungen von Siedlungen und eine allgemeine wirtschaftliche Verschlechterung, eine Entwicklung, die durch die Frankeneinfälle noch beschleunigt wurde. Die Bewohner größere Villen, wie beispielsweise die bei Rheinbach-Flerzheim, Titz und Vettweiß-Froitzheim, errichteten in ihrer näheren Umgebung Befestigungen nach militärischem Vorbild. Diese Tendenz verstärkte sich in der Spätantike weiter, insbesondere im ländlichen Bereich ist ein Besiedlungsrückgang vor allem für das 4. Jahrhundert zu erkennen. Dies ging wahrscheinlich auch mit einer Migration in die Provinzen im Inneren des Römischen Reiches einher. Der Übergang vom 4. zum 5. Jahrhundert ist aus historischer und archäologischer Sicht wenig aufschlussreich. So fehlt für zahlreiche Gebiete das Fundmaterial und es entsteht der Eindruck, dass die ländlichen Gebiete Niedergermaniens scheinbar bevölkerungsleer waren. Insgesamt gab es in diese Zeit nur wenig Kontinuität und diese lediglich vereinzelt in den größeren Ortschaften, wie Bonn, Jülich und Köln. Diese Entwicklung flachte sich während der fränkischen Herrschaft ab, bis in der Ottonenzeit ein steter ökonomischer Aufschwung im Rheinland einsetzte. Insbesondere Köln entwickelte sich wieder zu einem wichtigen Wirtschaftszentrum.[57]
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Willée, Ulf-Henning, Das Wirtschaftsleben im Rheinland während der Antike, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963 (abgerufen am 06.07.2026)
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Sekundärliteratur
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Völkerwanderung
Krankheiten
Inhaltsverzeichnis
1. Die Justitianische Pest
1. Die Justitianische Pest
In der Mitte des sechsten Jahrhunderts n. Chr. wird Europa von einer Seuche heimgesucht, die heute als erste historisch belegte Pestpandemie gilt. Nach dem damals herrschenden römischen Kaiser Justinian I. wird ihre erste Ausbreitungswelle als Justinianische Pest bezeichnet. Für den Mittelmeerraum berichten Zeitzeugen von Tausenden Toten und wirtschaftlich sowie gesellschaftlich verheerenden Folgen. Naturwissenschaftliche Analysen an frühmittelalterlichen Skeletten belegen, dass die erste Pandemie auch Bayern erreichte. Mangels zeitgenössischer Berichte aus dem Raum sind allerdings ihre dortigen Auswirkungen nur schwer abschätzbar.
Die erste historische Pestpandemie
Von einer Pandemie spricht man bei der länderübergreifenden, globalen Ausbreitung einer Infektionskrankheit über einen begrenzten Zeitraum hinweg. Bezogen auf die damals bekannte römische Welt trifft dies auch auf die Seuche zu, die während der Herrschaft des römischen Kaisers Justinian I. (reg. 527-565 n. Chr.) nach Europa vordrang. Anhand zeitgenössischer Beschreibung der Symptome wurde schon lange die Pest als Auslöser der Erkrankung vermutet. Mittlerweile ist dank naturwissenschaftlicher Untersuchungen bekannt, dass die Pest die Menschheit auch schon zu früheren Zeiten heimgesucht hat, doch liegen erst ab der Spätantike entsprechende Überlieferungen vor. Für diese Zeit spricht man daher von der ersten, historisch bekannten Pestpandemie. Strenggenommen wird nur ihre erste Ausbreitungswelle, die schätzungsweise von 541 bis 544 durch Europa lief, als Justinianische Pest bezeichnet, obwohl manche Autoren unter diesem Begriff auch nachfolgende Pestausbrüche miteinbeziehen.
Von der ersten Pandemie wird die zweite, historisch belegte Pestpandemie abgegrenzt. Diese beginnt in Europa ab 1347 und wird später als der „Schwarze Tod“ bekannt werden. Man zählt noch eine dritte Pestpandemie, die ab 1894 als sogenannte „Hongkong-Pest“ in die Geschichte einging.
Zeitzeugenberichte
Die Justinianische Pest ist durch zeitgenössische Historiker zwar verhältnismäßig gut dokumentiert, aber für viele Regionen, so auch für Bayern, liegen große zeitliche Lücken in der Überlieferung vor. Die umfänglichsten Augenzeugenberichte stammen von Johannes von Ephesos (ca. 507-589 n. Chr.), der die Pest auf Reisen in Palästina, Syrien und Kleinasien erlebt. Der bekannteste Bericht jedoch ist von Prokop von Caesarea (ca. 500-560 n. Chr.), einem oströmischen Historiker, überliefert, der die erste Pestwelle in Konstantinopelmiterlebte. Von ihm weiß man auch, dass sich Justinian I. mit der Pest infizierte, diese aber überlebte. Der Kaiser selbst erklärte die Pest dann 544 zwar für beendet, doch weiteren Zeitzeugen zufolge sollte diese in den folgenden 200 Jahren immer wieder aufflackern. Gregor von Tours (539-594 n. Chr., Bischof von Tours (F) von 573 bis 594), ist die wichtigste historische Quelle für Westeuropa. Er berichtet über mindestens sechs epidemische Pestausbrüche zwischen 543 und 547, wie auch zwischen 591 und 594 n. Chr., die in seiner Region stattfanden oder von denen ihn Berichte aus dem heutigen Italien und Spanien erreichten. Insgesamt kennt man Erzählungen von mindestens 18 (bis 34, je nach Autor) verschiedenen Pestausbrüchen im frühen Mittelalter im Mittelmeerraum und Europa. Bezüglich der Einschätzung ihrer Zuverlässigkeit und Genauigkeit variiert die Meinung von heutigen Historikern allerdings beträchtlich. Klar scheint zu sein, dass spätestens in der Mitte des 8. Jahrhunderts die Berichte über die Seuche in Europa versiegen.
Pesterreger
Aufgrund der in den zeitgenössischen Quellen genannten Krankheitssymptome vermuteten Historiker schon lange, dass es sich bei der Justinianischen Pest tatsächlich um diejenige Infektionskrankheit handelt, die vom Pestbakterium (Yersinia pestis [Y. pestis]) ausgelöst wird. Doch war die Annahme nicht unumstritten. Endgültige Bestätigung fand sie jedoch, als es gelang, die DNA des Pesterregers im Skelett einer Frau zu finden und zu rekonstruieren, die in der Mitte des 6. Jahrhunderts im heutigen Aschheim (Lkr. München) bestattet worden war. Mittlerweile wurde die Erbinformation des Pestbakteriums auch in menschlichen Überresten aus weiteren Fundorten in Deutschland, aber auch Spanien, Frankreich oder England nachgewiesen. Diejenige(n) Y. pestis–Variante(n), die die Justinianische Pest ausgelöst haben, unterscheiden sich in ihrer DNA geringfügig sowohl von modernen Y. pestis-Erregern wie auch von denjenigen, die die zweite und dritte Pandemie ausgelöst hatten. Gravierende Unterschiede im Erkrankungsbild dürfte dies allerdings nicht verursacht haben.
Übertragungswege
Der Pesterreger kann neben dem Menschen auch viele andere Säugetiere infizieren. Die natürlichen Wirte von Y. pestis sind aber wildlebende Nagetiere. Die Übertragung des Pesterregers von Tier zu Tier geschieht allerdings nicht direkt, sondern wird über Parasiten vermittelt. Dabei handelt es sich meist um Flöhe. Als häufigste Infektionsquelle für den Menschen gelten heute infizierte Haus- und Wanderratten sowie deren Flöhe. Dies darf grundsätzlich auch für die Justinianische Pest angenommen werden. Andere Verbreitungswege könnten aber aufgrund schlechterer hygienischer Bedingungen und vermehrten Kontaktes mit Tieren eine größere Rolle als heute gespielt haben. Eine Infektion von Menschen durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren, Pesttoten oder durch Verzehr von infiziertem, nicht ausreichend gekochtem Fleisch ist möglich. Neben Rattenflöhen können auch Menschenflöhe und Läuse als Überträger dienen, doch scheinen sie bei der Weitergabe des Erregers weniger erfolgreich zu sein.
Erkrankungen
Neben einer ganzen Reihe von anderen Symptomen, die sich je nach Autor auch unterscheiden können, wird in den meisten historischen Quellen über die Ausbildung von Geschwülsten berichtet. Heute ist bekannt, dass diese mit der häufigsten Erscheinungsform der Pestinfektion, der sog. Beulenpest assoziiert sind: Sie entwickelt sich nach dem Biss eines infizierten Flohs, durch den das Bakterium in die Lymphbahnen gelangt, sich hier vermehrt und beim nächsten Lymphknoten für eine Entzündungsreaktion und Schwellung sorgt. Je nach Bissstelle kann dies im Leisten-, Achsel- oder Halsbereich auftreten. Weitere Symptome wie Fieber, Kopfschmerz, Abgeschlagenheit oder Bewusstseinsverwirrung kommen hinzu. 40 bis 60% der mit Beulenpest Infizierten überleben diese nicht. Y. pestis kann sich zudem im Verlauf der Erkrankung bis in die Lunge ausbreiten. Die so entstandene Lungenpest lässt als einzige Pestform auch eine direkte Ansteckung über Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch zu. So Infizierte entwickeln innerhalb von ein bis zwei Tagen ebenfalls eine Lungenpest, die unbehandelt in 100% der Fälle zu einem schnellen Tod führt. Je nach Infektionsweg und Befall können auch noch weitere Erscheinungsformen der Pest auftreten. Der Erreger kann beispielsweise in den Blutkreislauf eindringen und führt dort zu einer Blutvergiftung.
Herkunft und Verschwinden
Y. pestis konnte in Europa in Skelettüberresten nachgewiesen werden, die in die Jungsteinzeit und die Bronzezeit datieren. Die damaligen Erreger unterscheiden sich aber von dem der historisch bekannten Pestpandemien zum Teil beträchtlich. Einige dieser frühen Pestvarianten waren beispielsweise noch nicht in der Lage, den Floh als Überträger zu nutzen. Interessanterweise finden sich unter den frühen, in Europa aufgefundenen Erregern aber nicht die Vorfahren desjenigen Erregers, der schließlich zur Justinianischen Pest führte. Diese scheinen einige Jahrhunderte vor Justinians Zeit in Zentralasien entstanden zu sein.
Und auch diese Linie der Justinianischen Pest scheint heute ausgestorben zu sein und war nicht Vorfahre derjenigen Erreger, die die zweite und die dritte Pandemie ausgelöst haben. Diese finden sich wiederum unter den asiatischen Peststämmen.
Dies macht es, ebenso wie der Mangel an späteren Berichten, wahrscheinlich, dass der Pesterreger tatsächlich im 8. Jahrhundert n. Chr. aus Europa verschwand und erst ca. 600 Jahre später wieder eingeschleppt wurde.
Ausbreitung im Mittelmeerraum
Prokop berichtet, dass die Pest erstmals im Sommer 541 n. Chr. in der ägyptischen Hafenstadt Pelusium im Nildelta ausbricht. Von hier breitet sie sich sowohl nach Osten als auch nach Westen aus und erreicht rasch Alexandria und Palästina. Spätestens im Frühjahr 542 gelangt die Pest nach Konstantinopel. Im selben Jahr wird sie auch für Syrien, auf dem westlichen Balkan, in Tunesien, Sizilien und Spanien erwähnt. Bis 543 hat sie dann Armenien im Osten sowie Italien und Gallien im Westen erreicht. Genetische Studien zeigen, dass sich der Erreger sogar bis England ausbreitet. In Bayern kann Yersinia pestismittlerweile auf mehreren frühmittelalterlichen Reihengräberfeldern nachgewiesen werden. Wie und über welchen Weg der Pesterreger nach Bayern gelangte, bleibt bislang Spekulation. Wahrscheinlich ist aber, dass hierbei Handelskontakte über die Hauptverkehrsrouten eine wesentliche Rolle gespielt haben.
Pestreservoirs und Pestwellen
In Gebieten, in denen die Pest heimisch ist, zirkuliert Y. pestis in einem lokal begrenzten Gebiet zwischen den wildlebenden Tieren und ihren Flöhen. Die Wirte reagieren aufgrund ihrer langen Koexistenz mit dem Erreger zumeist weniger sensibel und die Sterblichkeitsrate ist gering. Solche Zyklen stellen Erhaltungsreservoirs für das Bakterium dar und sind die Vorrausetzung für eine endemische Verbreitung der Pest. Es wird diskutiert, dass sich auch in der Zeit der Justinianischen Pest solche Reservoirs in Europa oder im Nahen Osten gebildet haben könnten. Als mögliche Wirtstiere kommen u. a. die auch heute noch in Bayern lebenden Alpenmurmeltiere in Frage.
Zu Pestwellen kann es u. a. dann kommen, wenn der Pesterreger aus den natürlichen Reservoirs auf Populationen übertritt, die weniger resistent sind und empfindlicher auf den Erreger reagieren. Sind z. B. Ratten betroffen, kommt es zu einem vermehrten Sterben der Tiere. Dies veranlasst dann den Rattenfloh dazu, sich mit dem Menschen einen neuen Wirt zu suchen. Auch das frühmittelalterliche Bayern ist wahrscheinlich von mehr als einer Pestwelle getroffen worden. Das Erbgut des Pesterregers eines Individuums von Petting (Lkr. Traunstein) unterscheidet sich leicht von den übrigen der Region, was darauf hindeutet, dass man es mit mindestens zwei unterschiedlichen Ausbreitungswellen zu tun hat.
Infektionsgeschehen und Umwelt
Der Verlauf jeglicher Epidemien wird durch verschiedenste Mechanismen beeinflusst. Dazu gehören Veränderungen in der Infektiosität und Anfälligkeit der Wirte. Sollte beispielswiese das Immunsystem durch andere Erkrankungen geschwächt worden sein, kann die Krankheit stärker um sich greifen. Eine bekannte These besagt, dass für die Ausbreitung der Justinianischen Pest eine Reihe von Vulkanausbrüchen zwischen der Mitte der 530er bis zum Ende der 540er Jahre eine wichtige Rolle gespielt haben. Sie waren für die spätantike Klimaverschlechterung verantwortlich und führten zu Agrarkrisen. Hungerperioden sollen zu einer größeren Krankheitsanfälligkeit der Bevölkerung geführt haben. Dieses Modell mag aber etwas zu kurz greifen. Bei der Pest ist zu berücksichtigen, dass nicht nur die Anfälligkeit des Menschen eine Rolle spielt, sondern auch diejenige von Ratte und Floh (und ggf. andere Vektoren). Diese spielen auch bei der Verbreitung eine große Rolle. Neben der Ausbreitung der Pest von einer Rattenpopulation zur anderen, wird bei der Langstreckenverbreitung des Pesterregers entlang von Handelsrouten dem Transport von Gütern und damit verbunden Ratten und Flöhen (z.B. in Getreidesäcken) eine große Rolle zugeschrieben. So wirken nicht nur Klimaparameter (Temperatur, Niederschlag, Feuchtigkeit), sondern auch ökologische Faktoren (z. B. Ratten- bzw. Flohdichte) und die ausgebildeten sozialen Muster (z. B. Kontakte) auf Erreger, Ratte, Floh und Mensch unterschiedlich ein. Dies kann u.a. dazu führen, dass sowohl die Anteile verschiedener Pestformen (Lungenpest vs. Beulenpest), als auch die Übertragungsfähigkeit des Erregers und schlussendlich die Sterblichkeit regional sehr unterschiedlich ausfallen kann.
Sterblichkeit
Prokop erlebte die Pest in Konstantinopel als Augenzeuge mit und berichtete zum Höhepunkt der Seuche von 10.000 Toten täglich. Die schiere Anzahl der Toten habe es unmöglich gemacht, diese in gewohnter Weise beizusetzen. Die Toten wurden in Gräbern fremder Familien bestattet und seien schließlich sogar in den Wehrtürmen der Stadt angehäuft worden. Inwieweit solche Berichte übertrieben sind und wie viele Menschen tatsächlich während der Justinianischen Pest den Tod gefunden haben, wird heute lebhaft diskutiert. Die meisten Autoren gehen aber davon aus, dass etwa ein Viertel der damaligen Bevölkerung der ersten Pandemie zum Opfer fiel. Ein so dramatisches Geschehen, wie es Prokop für Konstantinopel beschreibt, zeichnet sich für Bayern bislang nicht ab. Zumindest zeitweise dürfte es aber auch im frühmittelalterlichen Bayern eine erhöhte Zahl von Verstorbenen zur Zeit der ersten Pandemie gegeben haben. Dies wird in den vereinzelt auftretenden Mehrfachbestattungen dieser Zeit deutlich, für die häufig ein Zusammenhang mit der Pest nachgewiesen werden konnte.
Folgen
Es ist davon auszugehen, dass die demografischen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für die damalige Welt weitreichend gewesen sein dürften. Neben der verringerten Arbeitskraft, wird auch internationaler Handel weniger und lokaler Handel bricht stellenweise ein. Am deutlichsten ist dies für das eng vernetzte Byzantinische Reich zu erkennen. Hier lassen sich auch kulturelle und religiöse Veränderungen, wie z. B. die zunehmende Marienverehrung, überzeugend mit der Pest in Zusammenhang bringen. Inwieweit das Kaiserreich Justinians durch die Pest tatsächlich langfristig geschwächt wurde oder inwieweit diese gar zu seinem Untergang beitrug, wird momentan jedoch noch kontrovers diskutiert.
Im Vergleich zu vielen Regionen des Byzantinischen Reichs war Bayern zu dieser Zeit wesentlich weniger eng besiedelt und die Gesellschaft eher agrarisch geprägt. Zeitgenössische Berichte, wie beispielweise der von Gregor von Tours, zeigen aber, dass auch eher ländliche Gebiete Westeuropas nicht verschont geblieben sind. Auch Johannes von Ephesos berichtet von verlassenen Landstrichen und Höfen auf seiner Reise durch das ländliche Syrien und Palästina. Aber während beispielsweise in Syrien festzustellen ist, dass die Besiedlung ganzer Dörfer zum Zeitpunkt der Justinianischen Pest abbricht, lässt sich ähnliches in Bayern bisher nicht finden. Es zeichnet sich sogar ein wirtschaftlicher und demographischer Aufschwung im archäologischen Befund ab. Aber auch dieser ist lückenhaft und Datierungen gelingen nicht jahrgenau. Hinzu kommt, dass sich selbst katastrophale, aber kurzfristige Übersterblichkeiten kaum durch die reine Anzahl von Bestattungen auf einem Friedhof ableiten lassen, da für eine solche Beurteilung auch die Geburts- und Einwanderungsraten bekannt sein müssten. Über die Auswirkungen der Justinianischen Pest auf Bayern kann nach heutigem Wissensstand nur spekuliert werden.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Michaela Harbeck, Justinianische Pest, publiziert am 03.03.2023, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Justinianische_Pest> (18.01.2026)
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Sekundärliteratur
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Überblick über die Völkerwanderung
Inhaltsverzeichnis
1. Die ''Völkerwanderung''. Flucht historisch.
1. Die ''Völkerwanderung''. Flucht historisch.
Im Zuge der "Flüchtlingskrise" hat auch das Thema "Völkerwanderung" eine neue Aktualität gewonnen. Aber welches historische Geschehen verbirgt sich hinter dieser Begriffskonstruktion? Sind hier tatsächlich "Völker" "gewandert" und haben den Untergang des Römischen Reichs herbeigeführt?
Seit jeher geht von der "Völkerwanderung" eine schaurige Faszination aus. Die Vorstellung endloser Wagentrecks aus hünenhaften Kämpfern und ihren Familien, die sich aus dem Innern Germaniens oder von noch entlegeneren Orten aus in Richtung des Römischen Reichs aufmachten und nach einer langen Phase des Ringens und Kämpfens auf dessen Boden ihre eigenen Reiche errichteten, hat sich in das kulturelle Gedächtnis Europas eingebrannt. Die Grundlagen der modernen Staatenwelt, so wird des Öfteren behauptet, seien in diesem Zusammenhang gelegt worden, und auch das politische und kulturelle Selbstverständnis der Europäer sowie einzelner Nationen unter ihnen wird mitunter auf die "Völkerwanderung" zurückgeführt. Gleichzeitig prägt die "Völkerwanderung" unsere Vorstellung historischer Epochenumbrüche. So wurde etwa die Antike lange als Phase zwischen zwei großen Migrationsbewegungen konzeptualisiert, der "Dorischen Wanderung", die man um 1200 v. Chr. ansetzte, und der "Völkerwanderung".
Nicht zufällig nimmt im deutschsprachigen Raum der Terminus "Völkerwanderung" als Bezeichnung jenes tief greifenden, mit Migrationen und Konflikten einhergehenden Transformationsprozesses, der den Übergang von der Spätantike in das Frühmittelalter gestaltet hat, eine dominierende Stellung ein und transportiert damit bereits eine wirkmächtige Interpretation: Die Initiative beziehungsweise Gestaltungsmacht soll damals bei den wandernden Gruppen gelegen haben. In den romanischen Sprachen wird demgegenüber eine andere Perspektive eingenommen: Wenn diese von invasions barbares oder invasioni barbarichesprechen, nehmen sie eher einen römischen Blickwinkel ein, verweisen damit auf jenes Gebilde, das von den Geschehnissen in besonderer Weise betroffen war, und suggerieren eine katastrophische Deutung. Insofern ebnen bereits Begrifflichkeiten die Pfade für gängige, subkutan national besetzte Interpretationsmuster, die auf einen Antagonismus wandernder Völker auf der einen sowie des statischen Imperium Romanum auf der anderen Seite hinauslaufen und sich in einen Römer-Germanen-Gegensatz hinein verengen, der auch in der traditionellen zeitlichen Eingrenzung der Völkerwanderung als Phase zwischen den großen "germanischen" Invasionen um 375 (Ankunft der Goten an der römischen Donaugrenze) und 568 (Langobardeneinfall in Italien) zum Ausdruck kommt.
Was aber haben wir uns unter der "Völkerwanderung" vorzustellen? In einer jüngeren, an ein breites Publikum gerichteten Einführung zu den Germanen heißt es: "Die Zeit der Völkerwanderung wird in den Jahren 375–568 angesetzt, es ist die Zeit zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Sie wird ausgelöst durch den Einfall der aus Asien kommenden Hunnen, die [sic] die Völker zur Wanderung nach Süden und Westen trieb. Aber auch Bevölkerungszuwachs und damit verbunden Landnot sind Gründe der Völkerwanderung, ebenso Eroberungs- und Kriegslust. Ganz Europa bis hin zum Schwarzen Meer ist im Umbruch, die meisten Völker verlassen ihre alten Siedlungsgebiete, um neue zu erobern. Es ist das Ende des Römischen Reiches. Nicht mehr Rom, sondern die neue Kultur der Germanen nördlich der Alpen bestimmt von nun an das Geschehen."
Im Folgenden erörtere ich einige zentrale Aspekte, die in dieser für verbreitete Vorstellungen durchaus repräsentativen Definition angeführt werden oder mitschwingen, um aufzuzeigen, dass sie vor dem Hintergrund der Forschungsdiskussionen der vergangenen drei Jahrzehnte nicht mehr tragfähig sind. Dabei wird es allerdings nicht darum gehen, unzulängliche Definitionen schlicht durch neue Begriffsbestimmungen zu ersetzen; vielmehr soll deutlich werden, dass das Konzept einer großen, insbesondere für das Imperium Romanum zerstörerischen "Völkerwanderung" am Ausgang der Antike als solches inzwischen problematisch erscheint und durch differenziertere konzeptuelle Erwägungen abgelöst werden sollte. Das Ergebnis wird also eher unbequem sein, weil es uns nötigt, altvertraute Gewissheiten zu verabschieden, und weil es vor allem auf die beträchtliche Komplexität der zu betrachtenden Phänomene verweist; je schärfer einzelne Sachverhalte hervortreten, die uns ein erhöhtes Maß an Differenzierung und Präzisierung abverlangen, desto mehr verschwindet die "Völkerwanderung" als bequem handhabbarer Gesamtkomplex im Nebel.
Völker, Stämme, Volksstämme
Das Kompositum "Völkerwanderung" stellt keinen Quellenbegriff dar, sondern eine sekundäre Wortbildung; antiken Zeitgenossen war die Vorstellung wandernder Einheiten zwar bekannt – Einwanderung zählte für sie sogar zu den wichtigsten Impulsgebern für Staatsbildungs- und Vergesellschaftungsprozesse –, aber eine migratio gentium zur Bezeichnung eines spezifischen Geschehniskomplexes in der Spätphase der römischen Geschichte kannten sie nicht. Auch der Gebrauch der Wendung migrationes gentium bei dem Humanisten Wolfgang Lazius (1514–1565), der gemeinhin als Schöpfer unseres modernen Begriffs gilt (mit seinem Werk "De aliquot gentium migrationibus" von 1557), erscheint noch recht unspezifisch. Zum Epochenbegriff im engeren Sinne gerinnt "Völkerwanderung" erst im 19. Jahrhundert; sinnbildlich sei die Definition in Grimms "Deutschem Wörterbuch" angeführt, in der von "der groszen bewegung der germanischen völker am ausgang des alterthums" gesprochen wird. Diese begriffliche Verengung gegenüber Lazius erfolgte keineswegs zufällig: Im Zuge der Nationsbildungsprozesse in Europa suchte man auch in Deutschland nach vermeintlichen historischen Anknüpfungspunkten für eine kollektive Geschichte; fündig wurde man in der Vorstellung einer Überwindung des Imperium Romanumdurch germanische Stämme, worin man eine erste identitätsstiftende Großtat der frühen Deutschen sah.
Der Zusammenhang zwischen den "frühen" und den "gegenwärtigen" Deutschen wurde unter Rückgriff auf den zunehmend emphatisch aufgeladenen und holistisch gebrauchten Volksbegriff akzentuiert. Im politisch parzellierten Deutschland gewann die Vorstellung eines einheitlichen Volkes, das als Kollektivsubjekt agieren konnte und ähnliche Eigenschaften besaß wie ein Individuum – Eigenschaften, die sich in "Volksliedern", "Volksdichtung" oder "Volkskultur" manifestierten – an Attraktivität. Die Amalgamierung von Germanen und Deutschen zu einem überzeitlich agierenden "Volk" ermöglichte Rück- und Vorausprojektionen vermeintlicher Heldentaten und Ereignisse und ließ sich im Kontext eines zunehmenden Nationalbewusstseins instrumentalisieren. Hier liegt eine wesentliche Ursache für die bald als selbstverständlich geltende Verknüpfung von "Völkerwanderung" und dem Untergang des Römischen Reichs: Die vermeintlichen Vorfahren der Deutschen hatten mit den Römern die Ahnherren des Erzfeinds Frankreich überwunden und an die Stelle des Imperium Romanum die Grundlagen des mittelalterlichen Europas gesetzt. Eine Folge dieser Sichtweise war die zeitliche Eingrenzung der "Völkerwanderung" auf den Zeitraum 375–568, also die Phase der "germanischen" Aktivitäten. Die im 6. Jahrhundert einsetzenden slawischen Bewegungen wurden in dieser Konzeption ebenso ausgeklammert wie die arabische Expansion seit dem frühen 7. Jahrhundert. Sie fügten sich nicht in die Vorstellung von der "Völkerwanderung" als einer von Germanen und damit dem deutschen Volk getragenen Bewegung ein.
Heute wissen wir sehr gut, dass die romantische Vorstellung von Völkern als handelnden, überzeitlich existenten Einheiten jeglichem empirischen Befund widerspricht. Völker sind keineswegs homogene, unveränderliche Entitäten, sondern höchst instabile soziale Gebilde, die permanenten Transformationsprozessen ausgesetzt sind, vorwiegend durch politische Klammern definiert werden und deren Zusammenhalt auf komplexen Identitätsbildungsprozessen beruht, die allenfalls in der Lage sind, temporäre Kohärenzsuggestionen zu erzeugen. Bereits das römische Kaiserreich selbst, ein gewaltiges Gebilde, das sich geografisch von Britannien bis in die Sahara, vom heutigen Portugal bis zum Zweistromland erstreckte, ließe sich als Vielvölkerstaat beschreiben, der nie zu vollständiger innerer Homogenität gelangt ist. Seine Kohärenz gewann es vor allem als fest gefügte politische Einheit, die durch Faktoren wie das gemeinsame Bürgerrecht, einen übergreifenden Kaiserkult, eine für alle Reichsbewohner verbindliche Gesetzgebung, aber auch durch weichere Aspekte wie etwa die Bedeutung des Lateinischen als Verwaltungs- und Militärsprache, weiträumige infrastrukturelle Maßnahmen sowie die Implementierung der römischen Stadtkultur beziehungsweise des Roman way of life in den meisten Provinzen gewährleistet wurde. Ein Bewohner Britanniens durfte sich dadurch ebenso als römischer Bürger fühlen wie ein Syrer, Ägypter oder eben auch ein Einwohner der Stadt Rom. Mit einem konventionellen Volksbegriff lässt sich dieses Konglomerat nicht annähernd beschreiben.
Ähnliche Probleme ergeben sich für jene Gruppen, die jenseits der Grenzen des Imperium Romanum angesiedelt waren. Zu einer politischen Einheit sogenannter germanischer Verbände ist es zu keinem Zeitpunkt gekommen. Das liegt nicht so sehr daran, dass allein die Frage, wie man denn eigentlich "germanisch" beziehungsweise "Germane" definieren soll, höchst umstritten ist und sogar zu der Forderung geführt hat, auf das Adjektiv "germanisch" im wissenschaftlichen Kontext ganz zu verzichten; es liegt vor allem daran, dass keine der Kleingruppen an der Peripherie des Imperium Romanum sich als stark genug erwiesen hat, um langfristige politische Dominanz auszuüben – und immer dann, wenn sich entsprechende Anzeichen verdichteten, intervenierten die Römer. Vor allem aber existierte keine Form eines germanischen Gemeinschaftsbewusstseins, das Identitätsbildungsprozesse, die für den Aufbau komplexerer politischer Strukturen unerlässlich sind, hätte grundieren können. Auch die Großverbände, die sich im Verlauf des 3. Jahrhunderts herausgebildet haben (Goten, Hunnen, Alemannen, Franken, Sachsen, Burgunder und weitere), besaßen kein derartiges Kollektivbewusstsein.
Ebenso wie der Begriff "Volk" bereiten indes auch der Terminus "Stamm" oder gar das Kompositum "Volksstamm" Probleme. In der Ethnologie sind Stämme mittlerweile eine gut erforschte und auch kritisch beleuchtete Kategorie. So attraktiv es auf den ersten Blick erscheinen mag, die etwa von Caesar oder Tacitus beschriebenen Kleinverbände im nördlichen Barbaricum als "Stämme" zu beschreiben – die von der Ethnologie erarbeiteten Kriterien passen schlichtweg nicht auf diese Gruppen oder sind dort zumindest nicht nachweisbar, und derselbe Vorbehalt gilt in besonderem Maße für jene Verbände, mit denen wir in der Spätantike konfrontiert werden.
Hinzu kommt, dass bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts sogenannte Stammesverfassungen als rückständig gegenüber dem ausgebildeten Staat europäisch-transatlantischer Prägung galten. In dieser Sichtweise werden im Prinzip antike Barbarenstereotype fortgeschrieben, die im Kern darauf zielen, dem Barbaren die Fähigkeit zur politischen und sozialen Organisation abzusprechen. Wir wissen aber, dass gerade während der "Völkerwanderung" intensivster Austausch zwischen Römern und Barbaren herrschte, letztere also mit der antiken Welt bestens vertraut waren und nicht umsonst sowohl als Individuen wie auch als Gruppen innerhalb des Imperium Romanum Karriere machen und auch politische und soziale Prozesse gezielt einleiten und steuern konnten. Dieser seit Langem bekannte Sachverhalt hat aber zunächst nicht zu Korrekturen in der Begriffsbildung geführt. Vielmehr wurde stattdessen vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter vermeintlich germanischen Zentralbegriffen wie "Herrschaft", "Treue", "Eid" und "Gefolgschaft" am Konstrukt einer spezifischen germanischen Stammesverfassung als Grundlage des mittelalterlichen Staats und Gegensatz zur Organisation des Imperium Romanum gearbeitet, das mittlerweile ebenfalls längst widerlegt ist.
Es ist also an der Zeit, sich für den "Völkerwanderungskomplex" von Völkern, Stämmen und Volksstämmen zu verabschieden.
Wanderung
Wieviel Wanderung steckt in der "Völkerwanderung"? Die Frage nach dem Stellenwert von Migration in der Übergangsphase zwischen Antike und Mittelalter erweist sich bei näherer Betrachtung als höchst komplex. In der Forschung vollzieht sich zurzeit ein Paradigmenwechsel: Hatte man bisher außergewöhnlichen Migrationsphänomenen wie der "Völkerwanderung" als Ausnahmeerscheinungen innerhalb der Geschichte des Altertums besondere Aufmerksamkeit gewidmet, so wird inzwischen zunehmend anerkannt, dass Mobilität ein nahezu omnipräsentes Phänomen darstellte – keineswegs eine erklärungsbedürftige, punktuelle Sonderentwicklung, sondern tendenziell der Normalzustand. Menschen waren in Bewegung: räumlich, sozial, kulturell. Migration wiederum, heute definiert als "die auf einen längerfristigen Aufenthalt angelegte räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen, Familien, Gruppen oder auch ganzen Bevölkerungen", stellt innerhalb dieser prinzipiellen Disposition lediglich ein Teilphänomen dar. Es ist während der "Völkerwanderung" weder neu noch begrenzt auf Immigration beziehungsweise Invasion.
Vielmehr konstituierte das Römische Reich bereits seit Jahrhunderten einen Raum für Binnenmigrationen unterschiedlichster Art, und auch Ein- und Auswanderungen sowie ein kontinuierlicher grenzüberschreitender Austausch gehörten selbstverständlich zum Alltag. Denn das Römische Reich übte aufgrund des vergleichsweise hohen Lebensstandards nicht nur eine generelle Anziehungskraft aus, sondern der Zuzug aus dem Barbaricum wurde mitunter sogar großzügig gefördert, wenn etwa Mangel an Arbeitskräften und insbesondere an Rekruten herrschte. Die im Nachhinein so fatale Entscheidung, die von den Hunnen vertriebenen Goten im Jahr 376 über die Donau in das Imperium eindringen zu lassen, folgte einem derartigen Kalkül: Kaiser Valens (364–378) ging es auch damals in erster Linie darum, kostengünstige Soldaten zu gewinnen. Die Besonderheit der nachfolgenden Geschehnisse lag darin, dass die Lage bald außer Kontrolle geriet und die Römer dieses Mal in ihrem prinzipiellen Bemühen, Migrationsprozesse soweit es eben ging beherrschbar zu halten, an ihre Grenzen stießen. Auch außerhalb des Imperium Romanum waren Menschen grundsätzlich mobil. Immer wieder – insbesondere seit dem 3. Jahrhundert – kam es zu Drucksituationen an den römischen Grenzen, wenn Mobilität tendenziell zunahm, was aus unterschiedlichen Gründen geschehen konnte, die großenteils innerhalb des römischen Kontextes zu lokalisieren sind.
Während der "Völkerwanderung" wurden die Römer also keineswegs mit einem grundlegend neuartigen Phänomen konfrontiert. Ungewöhnlich war lediglich die Massivität, mit der in einigen Grenzregionen nunmehr der Druck zunahm (zunächst an Donau und Rhein, später dann auch in anderen Regionen); ungewöhnlich war sodann die Intensität, mit der sich insbesondere seit dem frühen 5. Jahrhundert innere Probleme (Bürgerkriege) mit dem Geschehen an der Peripherie des Reichs vermengten, was zwangsläufig eine beträchtliche Ressourcenverknappung nach sich zog; ungewöhnlich war schließlich auch die Diversität und Variabilität der einzelnen Verbände, mit denen die Römer innerhalb weniger Jahrzehnte konfrontiert wurden und die plötzlich Herausforderungen konstituierten, denen die römische Regierung auch angesichts einer zunehmend angespannten innenpolitischen Lage zumindest im lateinischsprachigen Westen mittelfristig nicht gewachsen war.
All diese Gruppen pauschal unter das Stichwort "Wanderung" zu subsumieren, verwischt allerdings grundlegende Unterschiede und erscheint daher problematisch. Zu unterscheiden sind mindestens die folgenden Gruppen: militärisch schlagkräftige Flüchtlinge wie die Goten, die 376 die Donau überschritten; mobile Armeen mit wachsender ziviler Begleitung und zunehmender Kohärenz wie der Verband, mit dem der terwingische Gote Alarich 410 die Stadt Rom eroberte; Großverbände auf der Suche nach Integration in das Römische Reich (so einigte man sich auf eine Ansiedlung von Westgoten in Aquitanien 418/19); Großverbände auf der Suche nach politischer und wirtschaftlicher Autonomie, die etwa den Vandalen 442 in Form eines regnumzugestanden wurde; mobile Kriegergruppen in variierenden Aggregatszuständen, das heißt Gewaltgemeinschaften wie die gotischen Verbände im Balkanraum; nomadisch geprägte Reiterverbände wie die Hunnen; (halb)nomadisch, partiell tribal strukturierte Verbände mit lang etablierten Beziehungen zum Römischen Reich und zur römischen Lebenswelt, beispielsweise die Araber; bäuerlich strukturierte Kleingruppen wie die Slawen.
Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; nicht berücksichtigt wurden beispielsweise all die gescheiterten und daher in unseren Zeugnissen nur schemenhaft sichtbaren Gruppen, deren Zahl jedoch nicht unterschätzt werden sollte. Zudem sind Überschneidungs- und Überlagerungsphänomene, insbesondere aus einer Longue-durée-Perspektive heraus, in Rechnung zu stellen, denn kaum eine der uns bekannten Gruppen blieb über einen längeren Zeitraum hinweg stabil oder gar ethnisch homogen – das gilt im Übrigen auch für jene Großgruppe, die wir als "Römer" bezeichnen. Deutlich werden sollte allerdings, dass Migration allein keinen hinreichenden Ansatzpunkt darstellt, um das "Völkerwanderungs"-Geschehen zu erfassen; vielmehr wäre für jeden einzelnen Fall zunächst einmal zu klären, welche Rolle Migration grundsätzlich spielte, in welcher Ausprägung sie erfolgte und welche Konsequenzen sich aus ihr ergeben haben könnten. Die gegenwartsnah arbeitende jüngere Migrationsforschung bietet inzwischen ein attraktives methodologisches Instrumentarium an, um zukünftige Forschungen in dieser Richtung mit der erforderlichen Differenziertheit vorzunehmen. Ältere, reduktionistische Erklärungsmodelle für die "Völkerwanderung", die mit monokausalen Ansätzen wie Naturkatastrophen, einer allgemeinen Klimaverschlechterung oder der Verdrängung durch konkurrierende Gruppen operieren, erübrigen sich damit nicht allein deshalb, weil all diese Erklärungsversuche sich im Bereich reiner Spekulation bewegen, sondern weil sie a prioriwandernde, homogene Entitäten voraussetzen, die sich als solche über große Entfernungen und lange Zeiträume hinweg bewegt haben sollen, bevor sie an die Grenzen des Imperium Romanumgelangten.
Herkunft der Neuankömmlinge und Untergang des Römischen Reichs
Dieser Einwand entbindet uns jedoch nicht von der Notwendigkeit, darüber nachzudenken, woher jene Gruppen kamen, mit denen die Römer sich seit dem 3. und in verstärktem Maße seit dem 4. Jahrhundert auseinanderzusetzen hatten. Mittlerweile geht man mehrheitlich davon aus, dass es im Barbaricum selbst im Verlauf der römischen Kaiserzeit – also seit dem 1. Jahrhundert – zu komplexen gesellschaftlichen Veränderungen und Ausdifferenzierungsprozessen gekommen ist, die im Ergebnis zur Ausformung (Ethnogenese) größerer, schlagkräftiger Verbände geführt haben (wie der Alemannen, der Franken und Sachsen jenseits des Rheins, der Quinquegentiani in Nordafrika oder der Salīḫ, der Tanūḫ und insbesondere der Laḫmiden im arabischen Raum). Ihre Entwicklung kam freilich nicht an einem bestimmten Punkt zum Stillstand, vielmehr waren sie als hochdynamische, geradezu fluide Gebilde durch Abspaltungen, Zuzug aus verschiedenen Richtungen, durch Neudefinitionen im Zusammenhang permanenter Identitätsbildungsprozesse, durch Kriegsverluste, Verträge, Königserhebungen und so weiter kontinuierlichen Veränderungen unterworfen. Anders als lange gemutmaßt, stellen diese Konföderationen nicht oder zumindest nur partiell das Resultat ausgreifender Wanderungsbewegungen dar, sondern müssen im Zusammenhang komplexer Ethnogeneseprozesse gedeutet werden. Sie traten an die Stelle kleinerer Einheiten, wie sie uns für das nördliche Barbaricum etwa durch Caesar und Tacitus bezeugt sind, und ließen sich nicht mehr so einfach wie diese mit den traditionellen Mitteln römischer Politik kontrollieren.
Diese Mittel umfassten in der Kaiserzeit natürlich Eroberungszüge und Strafexpeditionen; aber die Römer waren auch zu einem weitaus subtileren Vorgehen fähig: So versuchte man etwa wohlgesonnene beziehungsweise für die Interessen Roms wichtige Barbarenführer mit Geschenken (das heißt der Vergabe von Objekten, die im Barbaricum als prestigesteigernde Luxusgüter gelten mussten) und Ehrungen an das Reich zu binden, während andere demonstrativ abgestraft wurden. Diese Praxis sollte über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg die Welt jenseits der Grenzen des Imperium Romanum nachhaltig verändern. Denn Personen, die auf Kontakte ins Imperium und auf römische Aufmerksamkeiten setzen konnten, die erfahrungsgesättigt und wohlhabend aus langjährigem Dienst in römischen Hilfstruppen zurückkehrten oder die als Händler die Lebenswelt des Römischen Reichs mit eigenen Augen kennengelernt hatten, gelangten in der Heimat zu hohem Ansehen, sie konnten Gefolgschaften um sich herum versammeln beziehungsweise vergrößern. Auf diese Weise etablierten sich langsam neue, differenziertere soziale Strukturen im Barbaricum, was wiederum vielfach Spannungen und sozialen Stress auslöste, der Bugwellen verursachte, die im Laufe der Zeit auch die römischen Grenzen erreichten – teilweise auch in Form von Migrationen. Eine Schicht ambitionierter, wagemutiger Krieger und entsprechender Führungspersonen bildete sich heraus; sie ist archäologisch mittlerweile gut nachgewiesen. Diese Krieger konstituierten das Substrat, aus dem sich zunächst kleinere Raubgruppen und schließlich jene größeren Verbände herausbildeten, die seit dem 3. und 4. Jahrhundert den Druck auf die römischen Grenzen erhöhten. Äußere Impulsverstärker wie die Attacken der Hunnen konnten hinzutreten. Aber die entscheidenden Veränderungen, die sich im Barbaricum vollzogen und damit überhaupt erst die Grundlagen für das "Völkerwanderungs"-Geschehen bereiteten, sind offenbar in hohem Maße von der römischen Seite selbst eingeleitet worden. Dass hier nicht lediglich Naturkatastrophen oder gar ein "gemeingermanischer Wanderungsdrang" am Werk waren, geht bereits aus dem Umstand hervor, dass sich die betreffenden Veränderungen an der gesamten Peripherie des Imperium Romanum vollzogen – nicht nur an Rhein und Donau, sondern auch in Nordafrika und im Osten.
Zudem erfolgten die ab dem 3. Jahrhundert signifikant zunehmenden Überfälle auf die aus barbarischer Perspektive überaus wohlhabenden römischen Gebiete häufig dann oder erwiesen sich als besonders verheerend, wenn wieder einmal Bürgerkriege die Schlagkraft der römischen Verteidigung lähmten. Daher haben einige Stimmen in der Forschung sogar die pointierte Behauptung aufgestellt, die "Völkerwanderung" stelle letztlich ein rein römisches, das heißt von den Römern ausgelöstes Phänomen dar: Nicht sie habe den Untergang des Römischen Reichs herbeigeführt, sondern dieser selbst sei vielmehr die Ursache für die "Völkerwanderung" gewesen. Das Imperium Romanum habe gewissermaßen Selbstmord verübt.
Diese extreme Zuspitzung steht am Ende einer etwa 30-jährigen Phase intensiver Forschungen über das Ende der römischen Welt und ihren Übergang in die poströmische Phase. Sie hat vor allem die Kontinuitäten zwischen Antike und Mittelalter herausgearbeitet; sie hat auf den vielfach "römischen" Charakter der vordergründig barbarischen Akteure verwiesen; sie hat aufgezeigt, dass die poströmischen regna auf römischen Strukturen errichtet worden sind; sie hat analysiert, in welcher Weise nichtrömische Verbände versucht haben, ihre eigenen Geschichtskonstrukte in einen christlich-antiken Rahmen einzuschreiben, um selbst ein Teil der römischen Geschichte zu werden; und sie hat darauf aufmerksam gemacht, dass die in zahllosen spätantiken und frühmittelalterlichen Texten weiterhin greifbare scharfe Abgrenzung zwischen Römern und Barbaren nicht nur stark durch topische Elemente durchdrungen ist, sondern in geradezu atavistischer Form Dichotomien fortschreibt, die in der Lebenswelt der Autoren schon längst nicht mehr galten.
Dieses Konzept einer kontinuierlichen und in jedem Fall hochgradig komplexen Transformation of the Roman World (TRW) wird seit einem Jahrzehnt von einigen Althistorikern und Archäologen infrage gestellt, die insbesondere dem "Völkerwanderungs"-Geschehen als zerstörerischer Urkatastrophe wieder stärkere Geltung verschaffen möchten. In ihren Augen verschleiert das Konzept der Transformation die brutalen Gewaltakte, die scharfen Brüche und Rupturen, die mit der "Völkerwanderung" einhergegangen sind. Auch wenn die Vertreter des Transformation-Ansatzes nie behaupten würden, der Übergang ins Frühmittelalter sei friedlich verlaufen, geht es hier letztlich doch auch um die Frage, ob das Ende Roms ein Prozess war, der von Zeitgenossen als entsprechend schmerzhafte Verlusterfahrung wahrgenommen wurde, oder ob er sich als langsame, für Mitlebende kaum bemerkbare Transformation vollzogen hat. Mit dieser Frage korreliert das Problem, ob man den Untergang des Römischen Reichs als einen im Wesentlichen von außen verursachten Zusammenbruch oder als eine eher von den Römern selbst herbeigeführte Entwicklung zu bewerten hat. Die "Völkerwanderung" wurde, wie angedeutet, für beide Positionen in Anspruch genommen. Nicht zuletzt dieser Sachverhalt sollte hinreichend deutlich machen, dass die Problematik letztlich viel zu komplex ist, als dass sie sich im Sinne einer klaren Position beantworten ließe, denn selbstverständlich hingen innere und äußere Entwicklungen – sofern überhaupt unterscheidbar – aufs Engste miteinander zusammen.
"Völkerwanderung" und "Flüchtlingskrise"
Mit dem Eintritt der sogenannten Flüchtlingskrise in die populäre Medienlandschaft im Sommer 2015 hat auch das Thema "Völkerwanderung" neue Aktualität gewonnen. Zeitungsbeiträge, Radiofeatures und Fernsehdokumentationen überbieten sich seitdem in der Diskussion möglicher Parallelen und versuchen aus dem "Völkerwanderungs"-Paradigma Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft abzuleiten. Dass auch prominente Historiker sich in das vielstimmige Raunen eingebracht haben und versuchen, korrigierend in eine mitunter unbedarft, ziellos und chaotisch geführte Debatte einzugreifen, ist grundsätzlich zu begrüßen. Allerdings hat etwa der Althistoriker Alexander Demandt in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", der vielfältige zustimmende wie auch kritische Reaktionen ausgelöst hat, einmal mehr einen reduktionistischen "Völkerwanderungs"-Begriff zugrunde gelegt, um seine These vom Untergang Roms als Resultat massenweisen Andrängens von Barbaren zu begründen. Zum Themenkomplex "Völkerwanderung" und "Flüchtlingskrise" seien daher abschließend noch einige Gedanken formuliert:
Erstens: Historische Vergleiche gehören zu den spannendsten und produktivsten Unterfangen, mit denen Historiker sich auseinandersetzen. Sie erfordern aber auch ein Höchstmaß an methodischer Präzision und setzen intime Kenntnis beider Comparanda voraus. Ein seriöser Vergleich des "Völkerwanderungs"-Geschehens mit der "Flüchtlingskrise" müsste daher, wenn er einem Mindestmaß methodisch-theoretischer Reflexion gerecht werden soll, von Wissenschaftlerteams vorgenommen werden, weil er die Kompetenzen einzelner Personen überschreitet.
Zweitens: Prinzipiell ist es möglich, alles miteinander zu vergleichen. Aus der Perspektive des Historikers erscheint allerdings nicht jeder Vergleich gleichermaßen sinnvoll, denn das Ergebnis sollte einen analytischen Mehrwert erbringen. In diesem Zusammenhang sei an den heuristischen Unterschied zwischen Vergleichen und Analogien erinnert. Während ein historischer Vergleich auf einer soliden methodischen Basis klare Kriterien definiert und die Untersuchungsgegenstände mit ihrer Hilfe analysiert, um abschließend zu einem wissenschaftlich fundierten Ergebnis zu gelangen, erschöpft sich die Analogie in der Beobachtung oberflächlicher Parallelen, die zumeist nicht eingehender verortet und hinterfragt werden, sodass ihre Aufdeckung im besten Fall folgenlos bleibt.
Drittens: Wollte man sich unter Berücksichtigung all dieser Kautelen dennoch an das komplizierte Unterfangen begeben, die "Völkerwanderung" mit der "Flüchtlingskrise" zu vergleichen, so sollte aus den vorangegangenen Ausführungen hervorgegangen sein, dass es keinen klar definierten Gegenstand "Völkerwanderung" gibt, den man als Comparandum heranziehen könnte. Der Terminus selbst stellt, wie gezeigt, keinen analysefähigen Begriff für ein klar definiertes Konzept dar, sondern bezeichnet vage einen nur schwer eingrenzbaren, assoziationsbefrachteten Zusammenhang, der sich vielfältig ausdeuten lässt, und transportiert überdies Ideologeme, die rasch ein spezifisches Vorverständnis des Sachverhalts prägen können.
Viertens: Versucht man sich von dem problematischen Konzept der "Völkerwanderung" zu lösen und blickt hinter den Begriff, so wird man mit einem komplexen Geflecht höchst unterschiedlicher, eng ineinandergreifender Phänomene konfrontiert, die einmal mehr die Frage aufwerfen, was nun eigentlich der Vergleichspunkt sein soll. Ein Ansatz könnte darin bestehen, den Blick auf Migration zu richten. Wie sich gezeigt hat, werden wir in der Spätantike aber mit sehr unterschiedlichen Formen von Migration konfrontiert. Wollte man sie sämtlich berücksichtigen, müsste man erneut eine abstrakte Ebene erreichen, die ihrerseits wieder die Gefahr birgt, analytisch fruchtlose Hypostasierungen wie die "Völkerwanderung" zu kreieren.
Fünftens: Soweit ich sehe, zielen die aktuell in den Medien fassbaren Vergleiche zwischen "Völkerwanderung" und "Flüchtlingskrise" darauf, zum einen Anschauungsmaterial hinsichtlich möglicher Folgen von Massenmigration zu gewinnen sowie zum anderen Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft zu generieren beziehungsweise allgemeine Mahnungen auszusprechen. Beides erscheint indes problematisch: Die auch heute noch unwillkürliche Assoziierung der "Völkerwanderung" mit dem Untergang des Römischen Reichs erzeugt eine fatale Pfadabhängigkeit des Vergleichs mit Blick auf die Bewertung gegenwärtigen Geschehens und daraus resultierender möglicher Handlungsmaximen. Die "Völkerwanderung" kann den aktuellen Akteuren keine Hilfestellung leisten, weil sie als kohärenter Geschehenszusammenhang nicht fassbar ist und weil die Einzelphänomene, die sich isolieren lassen, vor dem Hintergrund fundamental differenter geostrategischer, politischer und kultureller Rahmenbedingungen zu sehen sind. Oberflächliche Analogien können durchaus gravierende Unterschiede verdecken. Nur ein methodisch-theoretisch skrupulös vorbereiteter Vergleich vermag Klippen dieser Art zu umschiffen – und dürfte im Fall der "Völkerwanderung", wie gezeigt, dennoch höchst problematisch bleiben. Die aktuelle Suche nach vordergründigen Parallelen und Analogien droht hingegen Geschichte zum instrumentellen Passepartout zu degradieren, um politischen oder moralischen Imperativen einen pseudolegitimatorischen Firnis zu verleihen. Gegen Vereinnahmungen dieser Art anzuarbeiten, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Historikers.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Meier, Mischa: Die ''Völkerwanderung'', in: ApUZ, online verfügbar seit 24.06.2016 unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/229813/die-voelkerwanderung/, zuletzt geprüft am 20.02.2026.
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Sekundärliteratur
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Christianisierung der Germanen
Die Christianisierung unter Bonifatius
Inhaltsverzeichnis
1. Wie Bonifatius die Germanen bekehren sollte
1. Wie Bonifatius die Germanen bekehren sollte
Als Apostel der Deutschen und als Märtyrer wird er von Katholiken bis heute verehrt. Sein historischer Hauptverdienst war die Reform der Kirche im Frankenreich seiner Zeit. Heute vor 1.300 Jahren erhielt der heilige Bonifatius von Papst Gregor II. den Auftrag zur Germanenmission.

Ein typischer Vertreter dieser Kirche war etwa der Mainzer Bischof Gewilib, der auf einem Feldzug gegen die Sachsen Blutrache an einem feindlichen Krieger nahm. Der fromme Bonifatius notierte mit Grausen: „Die Franken haben seit mehr als achtzig Jahren weder eine Synode abgehalten noch einen Erzbischof gehabt. Größtenteils sind die Bischofssitze in den Städten habgierigen Laien zum Besitz oder ehebrecherischen, dem Gelderwerb frönenden Klerikern lediglich zum weltlichen Genuss ausgeliefert.“
Becher: „Man muss bedenken, dass bis zum Wirken des Bonifatius die gallo-fränkische Kirche kaum ein Interesse daran gehabt hat, sich nach Vorschriften aus Rom zu richten. Man hatte eine eigene Liturgie und hat von daher sich nicht weiter um Rom gekümmert.“
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Quellen:
Internetquellen
-> Dolderer Winfried: Wie Bonifatius die Germanen bekehren sollte, in: Deutschlandfunk online, verfügbar seit 15.05.2019 unter: https://www.deutschlandfunk.de/vor-1-300-jahren-wie-bonifatius-die-germanen-bekehren-sollte-100.html, zuletzt geprüft am 07.11.2025.
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Sekundärliteratur
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Fränkisches Reich
Machtkämpfe, Erbfolge und fränkische Diplomatie
Inhaltsverzeichnis
- Babenberger Fehde. Franken gegen Franken
- Abul Abbas. Das Geschenk des Kalifen
- Daten und Fakten. Die Geschichte der Franken
1. Babenberger Fehde. Franken gegen Franken.
Unter den Nachfahren Karls des Großen zerfällt das fränkische Imperium in mehrere Königtümer. Machtkämpfe prägen jene Ära – so auch im östlichen Teilreich, wo sich zwei Adelsfamilien ab Ende des 9. Jahrhunderts eine blutige Fehde liefern
MIT SCHWER GERÜSTETEN Panzerreitern bekriegen sich östlich des Rheins die Babenberger und die Konradiner (hier und im Folgenden vergleichbare Schlachtendarstellungen aus dem 10. Jh.)
Seit Langem schon gärt Zwietracht in dem sanft gewellten, fruchtbaren Land am Main. Zwei Familien von hohem Adel stehen sich lauernd gegenüber: ein alteingesessenes Geschlecht und eines, das erst seit wenigen Jahrzehnten in das Gebiet zwischen Frankfurt und dem späteren Bayreuth vordringt. Störenfriede, in den Augen ihrer Gegner.
Verbissen beäugen sich die beiden Familien, die man später Babenberger und Konradiner nennen wird. Argwöhnisch beobachten die einen, wie die anderen sie bei der Vergabe von Grafschaften, Landgütern oder Bischofstiteln ausstechen. Und betrachten eifersüchtig deren Einfluss am Hof des Karolingerkönigs Arnulf, der seit 887 das Ostfrankenreich regiert – ein gewaltiges Gebilde, gestreckt von der Nordsee bis zu den Alpen. Einige Jahre schwelt der Konflikt der beiden Sippen, angespannt, aber weitgehend gewaltlos. Bis es zu einer unerhörten Bluttat kommt.
LUDWIG DER FROMME
KARLS Thronerbe beteiligt seine drei Söhne noch zu Lebzeiten an der Herrschaft über das Reich. Denn allein ist das riesige fränkische Imperium kaum noch zu regieren
Auslöser für die Fehde zwischen Babenbergern und Konradinern ist ein brutaler Mord: 897 töten die Babenberger einen königlichen Dienstmann, der Land von ihnen einfordert
IN DER GEGEND VON WÜRZBURG, an einem Tag im Jahr 897. Ein Mann namens Trageboto reitet durch eine Ebene nahe dem Main, vorbei an Getreidefeldern, Obstbäumen und Weinstöcken. Er ist, so lässt es sich rekonstruieren, eine Art Verwalter für König Arnulf, wahrscheinlich wird er von einigen bewaffneten Männern begleitet. Denn der Auftrag, den Trageboto von seinem Herrn erhalten hat, ist äußerst heikel: Er soll von den Babenbergern, der älteren der beiden Familien, Ländereien zurück fordern, die ihnen ein früherer Herrscher einst zur Bewirtschaftung überlassen hat.
Für die Babenberger – so benannt nach ihrer Burg auf dem Gebiet des heutigen Bamberg – wäre das ein weiterer schwerer Schlag. Lange Zeit hatten sie großen Einfluss in dem Landstrich. Der Patriarch der Familie, Graf Heinrich, war einst der bedeutendste Militärführer der Karolinger, starb bei Paris im Kampf gegen die von Norden ins Frankenreich einfallenden Wikinger. Nun führen seine drei Söhne den Clan an.
Doch unübersehbar sind die Babenberger ein Geschlecht im Niedergang. Mehrfach schon mussten sie Demütigungen ertragen, haben etwa die Herrschaftsrechte über eine ihrer Grafschaften verloren. Und das prestigeträchtige Bischofsamt von Würzburg, an dem auch die Babenberger Interesse bekundet hatten, hat 892 ausgerechnet ein Vertreter der rivalisierenden Familie übernommen. Denn König Arnulf, Oberherr im Land, ist den Babenbergern durch alte Feindschaft verbunden, hat ihnen bereits etliche Privilegien aberkannt – und fördert die rivalisierende Sippe.
Viel Wut also muss sich bei den Babenbergern angestaut haben, als der königliche Dienstmann Trageboto mit seinen Begleitern an jenem Tag im Jahr 897 auf ihrem Landgut erscheint. Was genau in den folgenden Minuten oder Stunden geschieht, ist nicht überliefert. Doch vermutlich ruft der Gutsleiter der Babenberger seine Landleute zusammen. Stachelt ihren Zorn gegen die vermeintlichen Eindringlinge an, lässt sie mit Stangen, Spießen und Sensen auf den Abgesandten des Königs losgehen – bis Trageboto schließlich tot am Boden liegt.
KAMPF DER ADELSGESCHLECHTER
DAS RINGEN ZWISCHEN Konradinern und Babenbergern trägt sich in der Gegend um Würzburg und Bamberg zu – der Stadt, die aus dem Stammsitz der Babenberger hervorgehen wird. Das Gebiet zu beiden Seiten des Mains, das später Teil des Heiligen Römischen Reiches wird, entspricht in weiten Teilen der heutigen Region Franken
Eine unerhörte Tat, ein Paukenschlag, der Folgen hat. Der Mord gerät zu einem Fanal für die inneren Konflikte im Reich: Der bislang schwelende Zwist zwischen den Babenbergern und den Konradinern wird in den folgenden Jahren in offenen, unerbittlichen Kampf übergehen.
Verrat, Blutrache, Heimtücke und List – mit allen Mitteln versuchen beide Sippen nun, den jeweils gegnerischen Clan niederzuringen. Stürzen dabei weite Gebiete in Chaos und Krieg. Und erschüttern die Fundamente des Ostfrankenreichs.
Entstanden ist dieses viele Jahrzehnte zuvor in einer Zeit großen Umbruchs. Als im Jahr 814 Karl der Große in seiner Pfalz in Aachen stirbt, sind bereits zwei seiner drei Söhne, die als Erben in Betracht kamen, tot. So bleibt als einziger Thronfolger der 35 Jahre alte Ludwig. Spätere Generationen werden ihn „den Frommen“ nennen, wegen seiner angeblich besonders tiefen religiösen Überzeugungen.
LOTHAR I.
Seinen ältesten Sohn erhebt Ludwig der Fromme zum Mitkaiser und damit zum künftigen Oberherrscher des Reichs. Zusammen mit seinem Vater regiert Lothar unter anderem die fränkischen Kernlande zwischen Rhein und Loire
LUDWIG DER DEUTSCHE
DER DRITTÄLTESTE Spross Ludwigs des Frommen erhält die Bayern genannte Herrschaft, der auch Regionen wie Kärnten und Böhmen zugeordnet sind – Gebiete, die später zum Ostfrankenreich gehören werden
Im Frankenreich ist es üblich, beim Tod eines Herrschers dessen Gebiet unter seinen legitimen männlichen Nachkommen aufzuteilen – nun aber gibt es nur einen Erben. Ein gewaltiges Imperium wie das Karls des Großen jedoch ist kaum noch allein zu regieren.
Ludwig der Fromme, der neue Herr der Franken und Erbe des von Karl errungenen Kaisertitels, will deshalb zwar die Einheit des väterlichen Reiches bewahren, zugleich aber seine drei Söhne schon zu seinen Lebzeiten an der Herrschaft beteiligen. 817 erlässt er eine Nachfolgeregelung, die „Ordinatio imperii“, Ordnung des Reiches. Darin teilt er seinen Söhnen Ämter und Gebiete zu: Lothar, seinen Ältesten, erhebt er zum Mitkaiser und damit zum künftigen Oberherrscher des Karolingerreichs; zusammen mit seinem Vater regiert er unter anderem die fränkischen
Kernlande zwischen Rhein und Loire. Den zweitältesten Sohn Pippin setzt er als König von Aquitanien ein, einer großen Region im Südwesten des heutigen Frankreich.
Für seinen jüngsten Spross Ludwig, damals vermutlich erst elf Jahre alt, hat er ein Gebiet namens Bayern vorgesehen (das allerdings nur in Teilen mit dem heutigen Bundesland identisch ist). Ludwig „den Deutschen“ wird man ihn Jahrhunderte später nennen, ein der Überlieferung nach zäher und tatkräftiger Mann, der die entscheidende Rolle bei der Entstehung des Ostfrankenreichs spielen wird.
Der junge Ludwig und sein Bruder Pippin sollen nach den Vorstellungen ihres Vaters auch nach dessen Tod nur Könige mit eingeschränkten Rechten sein. Demnach werden sie weder Kriege beginnen noch Frieden schließen dürfen, ohne den ältesten Bruder, Kaiser Lothar, um Erlaubnis zu bitten.
BALD HERRSCHT STREIT ZWISCHEN KARLS ENKELN
EIN PAAR JAHRE SPÄTER, 823, ereignet sich jedoch etwas, mit dem am Hof niemand gerechnet zu haben scheint: Die zweite Frau von Kaiser Ludwig dem Frommen gebiert einen Sohn und bringt damit das wohlgeordnete Regelwerk der „Ordinatio imperii“ durcheinander. Das gesteht nur den drei Söhnen aus der ersten Ehe des Vaters Gebiete und Titel zu. Für die drei Älteren ist der neue Halbbruder eine Bedrohung ihrer eigenen Ambitionen auf Macht und Ruhm.
Der Nachzügler wird nach seinem Großvater auf den prestigeträchtigen Namen Karl getauft. Er ist erst sechs Jahre alt, als der Kaiser, bedrängt wohl von seiner Gattin, dem Jungen größere Gebiete überträgt (und damit gegen die von ihm selbst gesetzte Regel verstößt): Alemannien im Südwesten des heutigen Deutschland, dazu das Elsass und Teile von Burgund. Zunächst regiert das Kind dort nur nominell, die Amtsgeschäfte führen Berater. Trotzdem existiert auf den fränkischen Territorien nun noch ein weiteres Teilreich.
Die Gebiete für sein jüngstes Kind (später Karl der Kahle genannt) hat Kaiser Ludwig aus jenen Gegenden des Reiches herausgelöst, die er zusammen mit seinem Sohn Lothar regiert. Der verliert so einen Teil seines Erbes an den Halbbruder. Als Lothar dagegen protestiert, lässt Kaiser Ludwig ihn vorübergehend als Mitregenten absetzen und schickt ihn nach Italien.
Doch auch der Zorn der anderen zwei Söhne über die tatsächliche oder vermeintliche Bevorzugung des Jüngsten ist groß, und so wagen die drei Brüder Anfang der 830er Jahre zweimal einen gemeinsamen Aufstand gegen den Vater, der zwischenzeitlich sogar abgesetzt wird. Selbst als Ludwig der Fromme 840 stirbt, enden die Unruhen nicht. Im Gegenteil.
Lothar, nach dem Tod des Vaters nunmehr alleiniger Kaiser, versucht, seine Geschwister, Ludwig und den inzwischen 17-jährigen Karl, unter seine Oberherrschaft zu zwingen (der zweitälteste Bruder Pippin ist bereits verstorben, sein Erbe in Aquitanien zwischen dessen Sohn und Karl umstritten). Die beiden Jüngeren standen sich bislang misstrauisch gegenüber. Doch nun, unter dem Druck Lothars, gehen sie überraschend eine Allianz ein, um sich gegen die Ansprüche ihres älteren Bruders zu stellen und sich selbst ein möglichst großes Stück des Gesamtreichs zu sichern.
Die beiden lösen damit ein Ringen aus, das das Reich im Kern erschüttert: Franken töten Franken, und das zum ersten Mal in schrecklich großer Zahl.
DER OSTFRÄNKISCHE König Arnulf steht in einer Allianz mit den Konradinern. Mit der Ermordung seines Dienstmannes eskaliert deren schwelender Konflikt mit den Babenbergern zu einem jahrelangen, unerbittlichen Kampf
Am Morgen des 25. Juni 841, nahe dem Dorf Fontenoy in Burgund. In der flachen, von blühenden Wiesen und einem Bach durchzogenen Landschaft stehen sich zwei Armeen gegenüber: das von Kaiser Lothar geführte Heer und die verbündeten Streitkräfte seiner Geschwister Ludwig und Karl – insgesamt wohl mehr als 50 000 Mann. Schwer gerüstete Panzerreiter ziehen übers Feld, dazu marschieren Scharen von Bauern aus allen Landstrichen des Reiches herbei, zum Kriegsdienst einberufen von den Adeligen ihrer Heimatorte.
Die Schlacht zwischen den Brüdern beginnt im Morgengrauen und wird zu einem der fürchterlichsten Gemetzel des Zeitalters. Den Truppen von Ludwig und Karl gelingt es in den folgenden Stunden, Lothars Krieger weiter und weiter zurückzudrängen, viele von ihnen fliehen panisch vom Schlachtfeld. Bald schon liegen Tausende Sterbende und Verwundete auf dem Boden. Noch am nächsten Morgen wimmern Schwerverletzte im Gras; Wölfe und Geier, so berichten Chronisten, machen sich über die Toten her. Lothar und die Überlebenden seiner Armee ziehen sich nach Aachen zurück.
Auch nach den Kämpfen entflammen immer wieder bewaffnete Streitigkeiten zwischen den Brüdern. Ein knappes Jahr dauert es, dann sendet Kaiser Lothar, offenbar der zermürbenden Waffengänge müde, Boten zu seinen Brüdern und bittet um einen Waffenstillstand. Er will endlich eine Lösung des blutigen Streits.
IM HERBST 842 versammeln sich in der Kirche Sankt Kastor in Koblenz 120 Adelige, von denen jeder Bruder ein Drittel ausgewählt hat. Die Edelleute sollen eine Einigung vorbereiten und dafür eine Teilung des Reiches vorschlagen, die in Wert und Größe etwa ebenbürtige Territorien hervorbringt. Um die Gebiete so gerecht wie möglich zu bemessen, werden eigens Emissäre in alle Regionen geschickt, um Siedlungen, Böden und Besitz zu taxieren.
KARL DER KAHLE
Mit seiner zweiten Frau bekommt Ludwig der Fromme überraschend noch einen Sohn. Für seinen Halbbruder Karl muss Lothar Gebiete abgeben – und entzweit sich so mit seinem Vater
ARNULF VON KÄRNTEN
DER REGENT des Ostfrankenreichs ist ein außerehelich geborener Enkel Ludwigs des Deutschen. Arnulf gilt damit als Karolinger – doch seine Legitimation als König ist schwach. Umso sorgfältiger muss er seine Allianzen pflegen
Nachdem die Boten zurückgekehrt, deren Berichte ausgewertet worden sind, finden sich die drei Brüder im August 843 in Verdun ein, einer Bischofsstadt an der Maas, und unterzeichnen einen denkwürdigen Vertrag. Er spaltet das Imperium der Karolinger in drei fast unabhängige Königreiche. Kaiser Lothar erhält ein langes, schlauchartiges Gebiet, das sich von der Nordsee bis ans Mittelmeer zieht und für die Karolinger so bedeutsame Orte wie Aachen umfasst; darüber hinaus fällt ihm das gesamte fränkische Italien zu und damit auch die Schutzherrschaft über die heilige Stadt Rom.
Karl der Kahle, der jüngste legitime Sohn, bekommt die westlichen Gebiete mit Städten wie Paris und Reims zugesprochen. Sie erstrecken sich von den Flüssen Rhône und Saône bis zum Atlantik, vom Ärmelkanal bis nach Barcelona.
Der dritte Bruder, Ludwig der Deutsche, kann durch den Vertrag sein Territorium fast verdoppeln: Sein östliches Reich umfasst nun auch Gebiete links des Rheins mit den Bischofsstädten Mainz, Speyer und Worms, zieht sich bis an die Elbe und die Nordsee. Die große Erweiterung soll wohl auch dafür entschädigen, dass zahlreiche Gebiete Ludwigs eher dünn besiedelt sind, wirtschaftlich und kulturell hinter den einstigen römischen Provinzen in Gallien zurückstehen.
NOCH GUT 30 JAHRE herrscht Ludwig der Deutsche im Ostfrankenreich, dem er 870 einen Teil des mittleren Herrschaftsgebiets mit der Stadt Aachen hinzufügen kann. Mit seinen Söhnen kämpft er an Elbe und Saale gegen slawische Völker, hilft aber auch im Westen, Wikinger und aufständische Aquitanier zurückzuschlagen. Nach Ludwigs Tod 876 regiert einige Zeit sein Sohn Karl „der Dicke“. Im Jahr 887 wird der von mächtigen Adeligen abgesetzt. Zum ostfränkischen König lässt sich nun Arnulf von Kärnten erheben, ein unehelich geborener Enkel Ludwigs des Deutschen. Zwar ebenfalls ein Karolinger, muss er als Usurpator seine Machtbasis besonders aufmerksam pflegen.
NACH UND NACH gewinnen die Konradiner die Oberhand über die Babenberger. Im Jahr 902 belagern sie die Hauptburg des verfeindeten Adelsgeschlechts
Um seine Position zu stärken, stützt er sich bald auf ein aufstrebendes Adelsgeschlecht, mit dem er durch seine Frau verschwägert ist. Ursprünglich aus dem Lahngebiet im heutigen Hessen stammend, haben diese Konradiner (später so benannt nach dem einzigen König, den die Familie hervorbringt) ihren Einfluss bis in den östlichen Teil des Reiches ausgeweitet, greifen dort jetzt nach den Kerngebieten der Babenberger nahe dem Main.
König Arnulf ist das gerade recht: Die Babenberger waren enge Vertraute seines gestürzten Vorgängers. Vermutlich, weil sie ihm die Absetzung weiterhin verübeln, ignoriert er sie bei der Vergabe von Ämtern, beschneidet ihre Macht und alte Vorrechte. Die Konradiner dagegen begünstigt er nach Kräften, teilt ihnen eine Grafschaft im Stammland der Babenberger zu, schließlich den Bischofsstuhl von Würzburg. Und befeuert so den zunehmenden Streit der beiden mächtigen Sippen.
Im Jahr 897 erfährt König Arnulf, der auf seinen Reisen durchs Reich häufig auch in der Gegend um
Würzburg und die Babenburg unterwegs ist, sicher bald von dem brutalen Mord an seinem Dienstmann Trageboto. Es ist ein Anschlag auf die Allianz, die er mit den Konradinern zulasten der Babenberger geformt hat – und damit zugleich auf seine königliche Autorität.
Ob und wie der Herrscher auf die Attacke aus dem Kreis der verbitterten Adelssippe reagiert, ist nicht überliefert. Doch der Gewaltakt scheint das politische Klima weiter zu vergiften. Anfangs noch nahezu unmerklich, wie ein untergründiges Dräuen, dann deutlich spürbar. Bald wohl kommt es immer wieder zu kleinen und größeren Streitigkeiten zwischen Babenbergern und Konradinern, brechen in den folgenden Jahren Scharmützel zwischen Anhängern beider Lager aus, gehen Landleute der Familien mit Stöcken und Spießen aufeinander los und fachen den Hass an – bis die Fehde nach einigen Jahren mit voller Wucht entbrennt.
DAS ENDE EINER ÄRA
BABENBURg, UM 902. Die gut befestigte Anlage erhebt sich auf einem der sieben Hügel der heutigen Stadt Bamberg. Hierher, auf ihren Stammsitz, haben sich die Babenberger zurückgezogen, nachdem sie in den Wochen zuvor im Umland von Würzburg mehrere Landstriche verwüstet haben – wohl noch immer voller Zorn darüber, dass der Bischofsstuhl von Würzburg an einen Konradiner gegangen ist. Die Truppen der verfeindeten Sippe folgen ihnen rasch und belagern die Burg von allen Seiten. Adalbert, einer von drei Brüdern und Anführer der Babenberger, bewaffnet seine Männer mit Schwertern, gibt den Befehl zum Ausbruch. Die Eingeschlossenen strömen durch die Burgtore herab, rücken auf ihre Gegner zu.
Doch statt zu weichen, drängen nun auch die Konradiner nach vorn. Sie durchbrechen die Schlachtreihe der Feinde mit Schwerthieben, strecken alle nieder, die ihnen begegnen. Dabei erschlagen sie auch einen von Adalberts Brüdern, einen weiteren nehmen sie zunächst gefangen. Nachdem die Konradiner unter einem Haufen von Leichen einen schwer versehrten Angehörigen gefunden haben, pflegen sie ihn einige Tage. Als er stirbt, enthaupten sie aus Rache den gefangenen Babenberger.
Das Schicksal wendet sich nun immer heftiger gegen das alteingesessene Geschlecht. Kurz nach der verlorenen Schlacht beruft der König einen Reichstag, eine Versammlung der wichtigsten Adeligen des Landes, in Forchheim ein, mitten in den Stammlanden der Babenberger. An der Spitze des Reichs steht mittlerweile, seit dem Tod Arnulfs von Kärnten im Jahr 899 wohl in Folge eines Schlaganfalls, formell sein zehnjähriger Sohn Ludwig. Tatsächlich aber führen vor allem Berater aus der Familie der Konradiner die Regierung. Die aus allen Teilen des Ostfrankenreichs herbeigeeilten Großen beschließen, den Besitz der beiden getöteten Babenberger einzuziehen und ihn dem Bischof von Würzburg zu überlassen, dem Konradiner Rudolf. Ein großer Verlust für die Babenberger und eine gezielte Demütigung, die ihnen noch einmal bewusst machen dürfte, wie sehr sie an Einfluss und Macht verloren haben.
DREI JAHRE SPÄTER bäumen sie sich trotzdem noch einmal auf. Adalbert schlägt das Heer der Konradiner in einem verlustreichen Gefecht. Zunächst kann er mit großer Beute auf die Babenburg zurückkehren. Doch bald darauf stellt der Königshof gemeinsam mit den Konradinern ein Reichsheer auf und umzingelt den Babenberger auf einer seiner Burgen am Main, gut 40 Kilometer vom Stammsitz entfernt.
KONRAD I.
DER KONRADINER ist ab 911 der erste nichtkarolingische Herrscher des Ostfrankenreichs. Doch die Regentschaft des kränkelnden Königs bleibt kurz und glanzlos
OTTO I.
NACH KONRAD übernimmt das sächsische Adelsgeschlecht der Ottonen die Herrschaft über das Ostfrankenreich. Otto I. kann zudem den Königstitel in Italien und die Kaiserwürde erlangen
Die Lage in der Festung spitzt sich zu. Die Übermacht vor den Mauern ist zu groß, um auch diesmal den Kampf zu wagen. Als die Belagerung länger und länger andauert, geht Adalbert daher auf ein Angebot seiner Gegner ein: Gegen das Versprechen auf freies Geleit tritt er mit wenigen Begleitern vor das Burgtor und stellt sich den Königlichen. So hofft er, mit dem Leben davonzukommen. Doch die Konradiner halten sich nicht an die Absprache: Der letzte der drei Babenberger-Brüder wird mit gefesselten Händen vor dem versammelten Heer abgeführt und kurz darauf hingerichtet.
Die Babenberger haben nun keinen Anführer mehr. Die Kämpfe, die eine bedeutende Region des Ostfrankenreichs über Jahre erschüttert haben, gehen zu Ende. Sieger der langen Fehde sind die Konradiner, die in die obersten Zirkel der Macht vorgedrungen sind und weiter zu den wichtigsten Ratgebern des minderjährigen Königs gehören. Ein Geschlecht, das schon bald eine neuerliche Rangerhöhung erlebt.
Denn als der junge, oft kränkelnde Ludwig 911 stirbt, wählen die Großen des Reiches Graf Konrad, den mächtigsten Vertreter seiner Familie, zum König. Es ist das erste Mal, dass kein Karolinger an der Spitze des Ostfrankenreichs steht.
Konrads Herrschaft allerdings ist kurz und glanzlos. Er regiert nur sieben Jahre, die geprägt sind von fast unablässigen Kämpfen gegen die von Osten ein fallenden Ungarn, aber auch von Streitigkeiten mit seinen Herzögen. Er stirbt im Dezember 918.
UND NUN ÜBERNIMMT ein Adelsgeschlecht aus Sachsen die Königswürde: die Liudolfinger, nach ihren bedeutendsten Vertretern auch Ottonen genannt. Unter den neuen Regenten, die aus einer Region stammen, die Karl der Große erst rund 150 Jahre zuvor fränkischer Herrschaft unterworfen hatte, verfestigt sich die Trennung in ein westliches und ein östliches Frankenreich endgültig. (Bereits 880 war die noch für Jahrhunderte weitgehend unverändert geltende Grenze zwischen den beiden Machtbereichen festgelegt worden.)
MIT DER HINRICHTUNG des letzten Anführers der Babenberger durch die Konradiner endet im Jahr 905 jene Fehde, die das Ostfrankenreich über Jahre erschüttert hat
Die Könige im Osten erlangen in der Folge die Kaiserwürde und die Herrschaft in Italien. Für dieses Gebilde wird sich später der Name „Heiliges Römisches Reich“ etablieren. Er bezieht sich auf das Imperium Romanum, dessen Nachfolge schon Karl der Große beansprucht hatte.
Die ottonischen Herrscher des 10. Jahrhunderts bezeichnen sich selbst noch als Könige der Franken – und suchen bewusst den Anschluss an die Karolinger: Otto I., der glanzvollste König seines Geschlechts (und dessen erster Kaiser), begibt sich für seine Inthronisation nach Aachen; hier, in der Kirche Karls des Großen, wo auch dessen Grab liegt, lässt sich Otto zum König krönen. Während der Zeremonie trägt er fränkische Kleidung – und reiht sich damit ein in die lange Geschichte der Franken und ihrer Herrscher.
Auch im Westen werden die Karolinger endgültig im 10. Jahrhundert von einem anderen Geschlecht abgelöst (siehe Seite 148). Und auch hier bleibt das Erbe der Franken präsent. Der allmählich entstehende Staat Frankreich trägt ihren Namen bis heute.
In jenen östlichen Teilen, die dereinst als „deutsche Lande“, dann als Deutschland bezeichnet werden, finden sich ganz ähnliche Spuren in geografischen Namen. In „Frankfurt“ etwa. Oder in „Franken“, jener Region um Bamberg und Würzburg, in der einst eine blutige Adelsfehde tobte.
2. Abul Abbas. Das Geschenk des Kalifen
Die Beziehungen der Frankenkönige reichen bis in den Nahen Osten. Mehrfach tauscht man mit dem Herrscher des Abbasidenreichs Gesandtschaften aus. Und kostbare Gaben. Die wohl größte ist ein Elefant aus Indien, der am Hof Karls des Großen für Exotik sorgt
EIN LEIBHAFTIGER ELEFANT gelangt zur Zeit Karls des Großen nach Aachen, als Freundesgabe des Kalifen Harun ar-Raschid an den Kaiser. Das Tier mit dem Namen Abul Abbas (hier die Darstellung eines anderen Elefanten, 13. Jh.) hat da bereits eine Tausende Kilometer lange Reise hinter sich – von Indien über den Nahen Osten, Nordafrika und Italien bis zur Pfalz des Frankenherrschers
Am 20. Juli 802 stampft ein Wesen durch die Straßen von Aachen, wie es die Menschen hier allenfalls aus abenteuerlichen Sagen kennen. Größer ist es als jedes andere Tier, das die Einwohnerinnen und Einwohner bislang gesehen haben. Es hat einen riesigen Schädel mit großen faltigen Ohren, zudem einen Rüssel, aus dem merkwürdige Laute ertönen: ein Elefant. Vorbei an hölzernen Wohnhäusern, Schmieden, Viehställen, Speichern und Werkstätten zieht er zur Lieblingspfalz Karls des Großen (siehe Seite 84).
Viele Reisende hat der eineinhalb Jahre zuvor zum Kaiser gekrönte Frankenherrscher bereits empfangen, wohl keine allerdings mit einer so weiten Anreise. 5000 Kilometer liegen hinter dem Dickhäuter Abul Abbas, den Karl an jenem Sommertag als Geschenk aus dem Morgenland erhält. Seine Begleiter haben das Tier, das jeden Tag 200 Kilogramm Gräser, Blätter und Wurzeln verschlingt sowie 100 Liter Wasser trinkt, durch Täler geführt, entlang von Küstenlinien gelenkt, über das Mittelmeer transportiert und gar die Alpen mit ihm überwunden.
Keine Quelle berichtet davon, wie die Begegnung zwischen Kaiser und Elefant ausfällt. Sicher ist: Das Tier wird bleiben – und es hat eine Mission. Abul Abbas soll die Bande zwischen dem mächtigsten Reich des Abendlandes und jenem der muslimischen Welt, dem Abbasiden-Kalifat, stärken. Eine Freundschaft, die einst Karls Vater angebahnt hat.
Pippin, der erste Karolinger auf dem Frankenthron, setzt auch auf die Kraft der Diplomatie, um die Position seiner Dynastie zu sichern. Denn wer Respekt und Anerkennung durch andere mächtige Herrscher erfährt, wer mit ihnen Geschenke tauscht und so Schätze aus der ganzen Welt vereint, der muss in den Augen der jeweiligen Untertanen wahrhaft königlich sein.
Im Jahr 764 entsendet der König Botschafter zum Kalifen al-Mansur nach Bagdad. Der muslimische Herrscher gebietet über das gewaltige Reich der Abbasiden, eine gleichfalls junge Dynastie, deren Einfluss von Nordafrika bis zum Indus reicht, und revanchiert sich beim Frankenkönig mit kostbaren Geschenken.
Gut 30 Jahre später bringt Pippins Sohn Karl gleichfalls eine Delegation auf den Weg gen Osten. Im Abbasidenreich sitzt mit Harun ar-Raschid inzwischen ein Regent auf dem Thron, der sich seinen Platz mühsam gegen Widersacher erkämpft hat, seither von der Unterstützung durch einflussreiche Militärs abhängig ist und sich immer wieder mit Rebellionen herumschlagen muss. Karls Delegation empfängt er daher wohl nur allzu gern, vermutlich an seinem Hof in Raqqa, knapp 600 Kilometer nordwestlich von Bagdad im heutigen Syrien, das er kurze Zeit zuvor zu seiner neuen Hauptstadt gemacht hat. Und er scheut keine Mühe, die Gunst des aufstrebenden Karolingers durch eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit zu erwidern: einen indischen Elefanten.
Wie Harun ar-Raschid an das Rüsseltier gelangt, ist unbekannt. Vielleicht kam es einst als diplomatisches Geschenk mit Gewürzen, Edelsteinen und anderen Handelsgütern per Schiff aus Indien ins Kalifat. Fest steht: In freier Wildbahn leben in seinem Reich keine Elefanten, am Hof des Kalifen sind die Tiere höchst außergewöhnliche Erscheinungen. Vielleicht auch deshalb trägt das für Karl den Großen vorgesehene Exemplar einen klangvollen Namen: Abul Abbas – vermutlich nach Abu l-Abbas as-Saffah, dem Begründer der Abbasidendynastie.
Wohl im Jahr 800 geht es für den Elefanten auf eine noch viel längere Reise als jene, die ihn einst aus seiner indischen Heimat geführt hat. Denn Karls Delegation leitet Abul Abbas nicht etwa auf kürzestem Weg – über Kleinasien – in Richtung Frankenreich: Weil sich die Abbasiden immer wieder im Krieg mit Ostrom befinden, muss das Tier zunächst gen Mittelmeer laufen, folgt dann der Küstenlinie vorbei an Alexandria weiter gen Westen, stets im Einflussgebiet des Kalifen, bis es vermutlich Tunis erreicht. Spezialisten, die das Tier führen, füttern und pflegen, begleiten den Tross.
Karl, inzwischen zum Kaiser gekrönt, hat vier Jahre nichts von der Delegation gehört, als ihn im Juni 801 während eines Aufenthaltes in Norditalien eine Nachricht erreicht: In Pisa, so berichten ihm Boten, seien Abgesandte von Harun ar-Raschid eingetroffen. Umgehend reist der Kaiser den Ankömmlingen entgegen und erfährt, dass seine fränkischen Gesandten inzwischen ums Leben gekommen sind, ihr Begleiter aber sei mit Helfern und großen Geschenken auf der Rückreise aus dem Kalifat – darunter ein Elefant. Karl lässt daraufhin eine Flotte rüsten, um die gewaltige Gabe von Afrika über das Mittelmeer an die ligurische Küste zu holen und von dort weiter bis in seine Pfalz in Aachen zu transportieren.
Für das Rüsseltier muss eigens ein Schiff angefertigt werden, das auch dann nicht kentert, wenn sich ein bis zu 6,5 Tonnen schweres Tier darauf bewegt. Im Herbst des Jahres läuft es samt dem Elefanten in Porto Venere ein. Sogleich nach Aachen kann die Gruppe jedoch nicht ziehen: Die Alpen sind mit Schnee bedeckt, Abul Abbas überwintert in Norditalien. Erst im Frühsommer 802 überschreitet der Trupp die Berge, rund 1000 Jahre nachdem der legendäre karthagische Feldherr Hannibal mit seinen Elefanten die Alpen in umgekehrter Richtung passiert hatte und in Italien eingefallen war.
Am 20. Juli 802 schließlich erscheint Abul Abbas in Aachen, wo Karl in diesen Jahren die prächtigste Pfalz des Frankenreiches errichtet: eine herrschaftliche Anlage mit der monumentalen Königshalle und der 30 Meter gen Himmel ragenden Marienkirche. Karl ist höchst angetan von dem Präsent aus dem Morgenland, wohl die Krönung seiner Sammlung an aufsehen erregenden Geschenken. (Einer einzelnen Quelle zufolge hat er den Elefanten sogar beim Kalifen bestellt.) Er revanchiert sich beim fernen Herrscher unter anderem mit einer Sendung besonders schneller und furchtloser Hunde für die Löwen- und Tigerjagd. Im Gegenzug erhält er weitere kostbare Präsente aus dem Abbasidenreich, darunter eine Wasseruhr und ein großes, farbenprächtiges Zelt aus Leinen als Symbol der Macht – und antwortet wiederum mit Gold und einem kostbaren Mantel.
Der Kaiser revanchiert sich beim Kalifen für den Elefanten – mit einer Sendung besonders schneller Hunde für die Löwen- und Tigerjagd
Abul Abbas verbringt seine Zeit derweil wohl zumeist in Tiergehegen, in denen sich etwa auch Pfauen tummeln, streift vielleicht durch die Obstgärten der Residenz. Und immer wieder wird er womöglich auf kürzere Reisen gehen, mit dem Frankenherrscher von Quartier zu Quartier ziehen, Eindruck schinden bei den Untertanen und Gegner auf Feldzügen in Angst und Schrecken versetzen.
Im Jahr 810 begleitet Abul Abbas den Kaiser auf einer Kampagne gegen Dänen, die in Friesland eingefallen sind. Karl will den Nordmännern auch mithilfe seines Elefanten Einhalt gebieten. Doch auf dem Weg stirbt Abul Abbas bei einem Ort namens Lippeham am östlichen Rheinufer, mehrere Tagesreisen von Aachen entfernt – „plötzlich“, wie es in einer fränkischen Quelle heißt. Hat er das kühlere Klima im Frankenreich, in dem er acht Jahre seines Lebens verbrachte, nicht vertragen? Litt er an einer Lungenentzündung? Oder war er unzureichend gepflegt worden? Möglich. Wahrscheinlicher aber ist, dass der Elefant einer Rinderseuche zum Opfer fällt, die in jenem Jahr durch das Frankenreich fegt.
Auf jeden Fall bleibt Abul Abbas unvergessen. Chronisten halten die Erinnerung an das wundersame Tier aus dem Orient wach, das die Menschen noch Jahrhunderte später fasziniert. Um 1746 nimmt der westfälische Gelehrte Hermann Jodokus Nünning in seine Altertumssammlung einen Knochen auf, der auf einem Acker am Rheinufer zum Vorschein gekommen war – dort, wo sich womöglich einst der Königshof Lippeham befand. Nünning klassifiziert den 70 Zentimeter langen Knochen sogleich als Überrest des kaiserlichen Elefanten. Im Jahr 1750 ziehen Fischer drei weitere, heute gleichfalls verschollene Skelettteile aus der Lippe, darunter angeblich ein Schienbein. Auch diese schreiben Zeitgenossen Karls Dickhäuter zu – getrieben wohl von der Sehnsucht, Spuren des legendären Elefanten zu finden.
KARL DER GROSSE weiß um die Macht der Inszenierung und genießt offenbar die Faszination des wundersamen Rüsseltieres, das bei Freund und Feind Eindruck macht. Bis es im Jahr 810, als der Kaiser es auf einen Feldzug mitnimmt, plötzlich verstirbt (Buchmalerei, 14. Jahrhundert)
3. Daten und Fakten. Die Geschichte der Franken
Dort wo lange Rom herrschte, erwächst eine neue Macht: Von Gallien aus errichten fränkische Anführer mit Schwert und Kreuz das größte europäische Reich des frühen Mittelalters. Ein Imperium, das schließlich zerbricht. Aber in seinen Teilen weiterlebt
um 250 n. Chr.
In später verfassten Werken antiker Autoren finden sich Berichte von Überfällen germanischer Kämpfer, die lateinisch Franci oder griechisch Frankoi genannt werden. Die Angreifer queren offenbar den Rhein, der die Grenze des Imperium Romanum markiert, und ziehen plündernd durch römisches Territorium in Nordgallien. Die genaue Herkunft dieser Franken (deren Name wohl von einem germanischen Wort für „mutig“ oder „wild“, verwandt mit dem deutschen „frech“, abgeleitet ist) bleibt im Dunkeln. Vermutlich handelt es sich um einen erst in diesen Jahren entstandenen, eher lockeren Verband, womöglich aus kleineren Gruppen, die aus weiter entfernten Gegenden an den Niederrhein gekommen sind oder auf für frühere Zeiten in der Region bezeugte Stämme zurückgehen.
Für ihre Überfälle nutzen die Franken Phasen der Schwäche des Imperiums, das immer wieder von Usurpationen und inneren Machtkämpfen erschüttert wird. Zudem setzen die Kaiser meist einen großen Teil ihrer Truppen im Osten des Reichs ein, wo ihnen mit den persischen Sassaniden ein gefährlicher Gegner erwachsen ist, vernachlässigen darüber den Schutz der Rheingrenze.
288
Maximian, der Augustus der Westhälfte des Römischen Reichs, in dem sich seit einigen Jahren zwei Kaiser die Herrschaft teilen, unternimmt einen Feldzug auf rechtsrheinischem Gebiet. Einer zeitgenössischen Lobrede zufolge unterwirft sich dem Imperator dabei ein Gennobaudes genannter Franke: der erste namentlich bekannte fränkische „König“, tatsächlich wohl ein regionaler Gefolgschaftsführer.
306
In Britannien stirbt der Westkaiser Constantius, die dortigen Truppen rufen seinen Sohn Konstantin zum neuen Augustus aus. Erneut nutzen fränkische Heerführer die instabile Situation für Überfälle, dringen möglicherweise bis zur Somme im heutigen Nordfrankreich vor. Doch Konstantin (später „der Große“ genannt) wendet sich energisch gegen die Eindringlinge, schlägt auch jenseits des Rheins Verbände der Franken und verwüstet deren Siedlungsgebiet.
355
Franken erobern Köln, um die gleiche Zeit überschreiten Franken und weiter südlich Alemannen auf breiter Front den Rhein und verheeren weite Gebiete auf der römischen Seite des Stroms. Um der Situation Herr zu werden, erhebt Kaiser Constantius II. seinen Cousin Julian zum Mitkaiser und schickt ihn nach Gallien.
MEHRFACH GREIFEN FRANKEN TRIER AN
358
Nach erfolgreichen Feldzügen gegen die Alemannen und der Rückeroberung Kölns von den fränkischen Besatzern wendet sich Julian gegen andere Franken, die in ein Toxandrien genanntes Gebiet (zwischen Rheindelta und Schelde beim heutigen Antwerpen) eingedrungen waren und sich dort bereits niedergelassen haben. Nachdem er sie besiegt hat, erlaubt Julian ihnen, dauerhaft in der Gegend zu bleiben, wofür sie Soldaten für die römischen Truppen stellen müssen. Zudem siedelt Julian wohl auch an Rhein und Mosel Franken auf römischem Boden an. In kleinerem Umfang waren römische Kaiser so vermutlich schon zuvor verfahren. (Die lange von neuzeitlichen Historikern vertretene Ansicht, die in Toxandrien angesiedelten „Salfranken“ seien eine von den „Rheinfranken“ klar abgegrenzte Teilgruppe, gilt inzwischen in der Forschung als überholt.)
392/93
Arbogast, der oberste Armeechef des Westreichs, zieht zu einem Winterfeldzug an den Rhein bei Köln. Zuvor hatten abermals Franken römische Thronwirren für großflächige Überfälle genutzt. Arbogast greift nun fränkisches Gebiet rechts des Rheins an, verwüstet Dörfer und ganze Landstriche. Dabei ist Arbogast selbst Franke: Schon seit Kaiser Konstantin hatten zunehmend fränkische Kämpfer in der römischen Armee gedient, in der Folge waren einzelne bis in höchste Militärränge aufgestiegen.
406/07
Um den Jahreswechsel setzen gewaltige Gruppen von „Barbaren“, darunter Vandalen, Sueben und Alanen, bei Mainz über den Rhein und fallen in Gallien ein. Versuche von am Mittelrhein siedelnden Franken, die Grenze gegen die Invasoren zu verteidigen, waren zuvor gescheitert. In Gallien stoßen die Eindringlinge auf wenig Widerstand und ziehen einige Jahre plündernd durch die Provinzen.
418
Westgoten schließen mit Westrom einen Vertrag: Sie erhalten ein Gebiet im südwestgallischen Aquitanien, um sich daraus zu versorgen, und sollen dafür die Verteidigung gegen weitere Barbareneinfälle stärken. Tatsächlich gründen die Westgoten in Aquitanien ein schnell wachsendes eigenes Reich mit der Hauptstadt Toulouse, dessen Könige bald allenfalls nominell die Oberherrschaft der römischen Kaiser anerkennen.
419/20
Rechtsrheinische Franken erobern und plündern Trier, wohl bereits zum dritten Mal. Wie der zeitweilige Regierungssitz der weströmischen Kaiser, die sich nun aber kaum noch in Gallien aufhalten, sind auch andere Städte Ziel fortgesetzter fränkischer Angriffe von jenseits des Rheins. Derweil verläuft das Zusammenleben der bereits in Nordostgallien ansässigen Franken und der römischen Bevölkerung offenbar weitgehend friedlich, passen sich die Zugewanderten nach und nach der Lebensweise ihrer romanischsprachigen, überwiegend christlichen Nachbarn an.
um 445
Chlodio, gemäß einer der wenigen überlieferten Informationen ein fränkischer „König“, unternimmt Eroberungszüge in die Gegend von Cambrai und Arras, dringt vor bis zur Somme. Zwar wird er von einem römischen Feldherrn geschlagen, darf sich möglicherweise aber – ähnlich wie viele fränkische Truppenführer zuvor – in der Gegend niederlassen.
451
Der Hunnenkönig Attila greift mit einem großen Heer Gallien an. Auf den Katalaunischen Feldern (wohl bei Troyes in der Champagne) kommt es zur Entscheidungsschlacht, auf beiden Seiten kämpfen auch Franken: rechtsrheinische in Attilas Heer, linksrheinische als Teil einer Allianz aus Römern, Westgoten und etlichen weiteren Gruppen. Mit knapper Not gelingt es dieser, die Invasoren zurückzuschlagen. In der Folge jedoch zieht sich die römische Zentralmacht vollständig aus Gallien zurück. Mit den Truppen verlassen auch Teile des Verwaltungsapparats die Provinzen. Dennoch bricht das öffentliche Leben nicht zusammen: Die verbleibenden gallorömischen Eliten organisieren sich nun selbstständig ohne kaiserlichen Oberherrn. Viele Funktionen übernimmt die Kirche, den Bischöfen fällt zusehends die Regierung der Städte samt Umland zu.
um 460
Ein fränkischer „König“ namens Childerich unternimmt Kriegszüge in Gegenden westlich des fränkischen Siedlungsbereichs, bezeugt sind Aktionen in Paris sowie den Loire Städten Orléans und Angers. Unklar bleibt, ob Childerich, angeblich ein Nachkomme Chlodios und der Sohn eines gewissen Merowech, mit seiner Gefolgschaft im Dienst der Römer vorgeht oder auf eigene Rechnung. Möglicherweise ist er zeitweise mit dem Heerführer Aegidius alliiert, der sich 461 von der römischen Führung lossagt und ein unabhängiges Herrschaftsgebiet in Nordgallien errichtet.
476
Der germanischstämmige Heerführer Odoaker setzt den in Italien amtierenden Kaiser des Weströmischen Reiches ab, vier Jahre später stirbt ein in Dalmatien ansässiger, noch vom Ostreich anerkannter Gegenkaiser. Da das Amt im Westen fortan vakant bleibt, ist formal nun der Kaiser in Konstantinopel für das gesamte Reich zuständig. Dessen Oberhoheit gilt damit nominell auch für die Könige germanischer Völkerschaften, die sich in Gallien eigene Reiche geschaffen haben, neben den Westgoten etwa die Burgunder in Südostgallien, hat aber kaum praktische Auswirkungen.
482
Childerich wird in Tournai (heutiges Belgien) beigesetzt. Unter den wertvollen Grabbeigaben sind ein Siegelring, dessen Inschrift ihn als rex bezeichnet, etliche oströmische Goldmünzen und weitere Gegenstände, die eine offizielle Anerkennung durch die Kaiser nahelegen. Die aufwendige Bestattung initiiert hat Childerichs Sohn Chlodwig. Dieser erbt vom Vater offenbar erheblichen Reichtum, als Herrschaftsgebiet jedoch wohl nur die Gegend um Tournai – möglicherweise war Childerich an der Loire mit den Westgoten in Konflikt geraten, die ihr Reich mittlerweile bis dahin ausgedehnt haben, und von diesen zurückgedrängt worden. Chlodwig gelingt es aber wohl schnell, seinen Einflussbereich zu vergrößern, wahrscheinlich unterwirft er manche der benachbarten fränkischen Kleinkönige, schließt mit anderen Bündnisse. Nach Childerichs angeblichem Vater Merowech erhält Chlodwigs Dynastie in späterer Zeit die Bezeichnung Merowinger.
486
Chlodwig zieht gegen das Reich des Syagrius, das dessen Vater Aegidius begründet hatte. Nach gewonnener Schlacht gegen den Römer erobert Chlodwig die Hauptstadt Soissons und macht sie zu seinem Sitz, erweitert in der Folge seinen Herrschaftsraum bis an die Seine und weiter bis zur Loire.
um 498
Samt großem Gefolge tritt Chlodwig in Reims zum christlichen Glauben über. Angeblich hatte er bei einer Schlacht gegen die Alemannen Jesus Christus um Hilfe angerufen und für den Fall des Sieges seine Taufe gelobt. Tatsächlich handelt es sich um einen lang geplanten Schritt, der Chlodwig und der Kirche gegenseitige Unterstützung sichern soll und der Einbindung der galloromanischen Eliten dient.
507
Chlodwig greift die Westgoten in Aquitanien an. Schon mehrfach hatte er Feldzüge gegen deren Reich, das mittlerweile auch große Teile der Iberischen Halbinsel umfasst, gestartet, aber wieder abgebrochen. Nun gewinnt er bei Poitiers eine entscheidende Schlacht, der gegnerische König fällt. In der Folge erobern die Franken fast das gesamte Territorium der Westgoten nördlich der Pyrenäen. Nur durch das Eingreifen des Ostgotenkönigs Theoderich bleibt den Westgoten die Septimanien genannte Region am Mittelmeer. Die östlich benachbarte Provence fügt Theoderich seinem eigenen Reich zu, das Italien und die im Norden und Osten anschließenden römischen Provinzen umfasst.
508
In Tours empfängt Chlodwig ein Diadem und ein Purpurgewand – geschickt vom oströmischen Herrscher Anastasius als Zeichen der offiziellen Anerkennung durch den Kaiser, der in dem Franken einen Verbündeten gegen Theoderich sieht. Hauptstadt seines Reiches, das Chlodwig zwischenzeitlich auch um Gegenden an Main und Oberrhein vergrößern konnte, wird nun Paris.
511
Mit etwa 45 Jahren stirbt Chlodwig. Für seine Nachfolge kommt eine Regelung zum Tragen, die die weitere Geschichte des Frankenreichs maßgeblich prägen wird: Seine vier Söhne – Theuderich, Chlodomer, Childebert und Chlothar – teilen das Reich unter sich auf. Umgehend beginnen Kämpfe um das Erbe, bei denen die Brüder in wechselnden Allianzen ihren Anteil vergrößern oder sogar die Alleinherrschaft erringen wollen.
524
Chlodomer stirbt im Kampf gegen die Burgunder. Seine Mutter, Chlodwigs Witwe Chrodechilde, übernimmt die Regentschaft für Chlodomers unmündige Söhne, doch seine Brüder Childebert und Chlothar bringen zwei von ihnen in ihre Gewalt und töten sie, teilen dann Chlodomers Territorium unter sich auf.
um 530
Theuderich unterwirft mit Chlothars Unterstützung das Reich der Thüringer (das vermutlich weit über die heutige Region Thüringen hinausgeht). 532 gelingt den Brüdern dann die schon lange von den Merowingern anvisierte Eroberung des Burgunderreichs in Südostgallien.
533
Theuderich stirbt und hinterlässt als Nachfolger seinen Sohn Theudebert, der Childerichs und Chlothars Versuch, auch dieses Erbe an sich zu reißen, vereiteln kann. Als im Jahr darauf das Burgunderreich geteilt wird, beziehen die Brüder auch ihren Neffen mit ein.
537
Die Merowinger besetzen die Provence und erhalten damit erstmals Zugang zum Mittelmeer. Der Ostgotenkönig hatte ihnen das Gebiet abgetreten, um fränkische Unterstützung im Kampf gegen das Oströmische Reich zu erlangen, das die Rückeroberung Italiens in Angriff genommen hat. Theudebert zieht in den folgenden Jahren mehrfach nach Italien, stellt sich aber auch gegen die Ostgoten und erobert Teile Norditaliens. Zudem können die Merowinger ihrem Reich zuvor ostgotische Gebiete in den Alpen und im nördlichen Vorland angliedern.
555
Der Sohn und Nachfolger Theudeberts stirbt mit nur etwa 18 Jahren, 558 ereilt auch Childebert der Tod. Da sie keine Erben hinterlassen, fallen ihre beiden Teilreiche an Chlothar, der damit das gesamte Merowingerreich wieder in einer Hand vereinigen kann.
561
Mit Chlothars Ableben wird das Frankenreich abermals zwischen vier Söhnen aufgeteilt. Die umgehend ausbrechenden Rivalitäten zwischen den Brüdern und später deren Nachkommen ziehen sich über Jahrzehnte hin. Involviert in das wechselvolle Geschehen, bei dem etliche Merowinger einen gewaltsamen Tod finden, sind auch Fredegunde, die Ehefrau von Chlothars Sohn Chilperich, und Brunichilde, die Gattin von dessen Bruder Sigibert. Letztere führt zeitweise für ihre Söhne, Enkel und sogar noch für einen Urenkel die Regentschaft – bis sich schließlich Chilperichs Sohn Chlothar II. durchsetzen kann, Brunichilde und fast alle verbliebenen Nachkommen töten lässt und ab 613 allein über das Gesamtreich gebietet.
614
Chlothar II. erlässt ein Edikt, das den Adeligen seines Reiches zuvor königliche Machtbefugnisse zugesteht – vermutlich als Gegenleistung für deren Unterstützung in den vorangegangenen Kämpfen. Zwar steht das Merowingerreich von nun an zumeist unter der Herrschaft nur eines Königs, dennoch verfestigt sich die Spaltung in mehrere Teilgebiete mit eigenen, vom jeweiligen Adel getragenen Machtstrukturen: Austrasien mit Reims, Metz und Köln umfasst den Großteil der fränkischen Stammlande in Nordostgallien sowie die Gebiete rechts von Nieder- und Mittelrhein; Neustrien vor allem die ab 486 von Chlodwig eroberten Territorien an der Seine und nördlich der Loire mit Soissons, Paris und Rouen; Burgund schließlich besteht aus dem einstigen Burgunderreich, erweitert um die Provence und Gebiete im Norden mit Orléans. Aquitanien hingegen steht bald nur noch nominell unter merowingischer Oberherrschaft und wird von Herzögen quasi unabhängig regiert, Ähnliches gilt für Alemannien am Ober- und Hochrhein sowie die östlich benachbarte Region zwischen Alpen und Donau, in der das Herzogtum Bayern entsteht.
624/25
Chlothars Sohn Dagobert, vom Vater als Unterkönig in Austrasien eingesetzt, macht den Adeligen Pippin zu seinem „Hausmeier“. Das lateinisch maior domus (etwa „Hausälterer“) genannte Amt war ursprünglich nur das eines Aufsehers am Hofe, dann eines Verwalters des königlichen Besitzes; im 7. Jahrhundert aber steigen die fränkischen Hausmeier, meist einer in jedem Teilreich, zu den wichtigsten Beratern der Herrscher auf und übernehmen immer mehr Regierungsgeschäfte.
Pippin hatte 613 zu den Anführern der austrasischen Adeligen gehört, die sich von ihrem unmündigen König Sigibert II. und dessen Urgroßmutter Brunichilde abwandten und stattdessen Chlothar II., bis dahin König allein von Neustrien, ins Land holten.
629/30
Nach Chlothars Tod folgt ihm Dagobert im Gesamtreich. Pippins Stellung in den folgenden Jahren ist unklar, er erscheint aber nach Dagoberts Ableben 639 erneut als austrasischer Hausmeier, bevor er im folgenden Jahr stirbt.
673
Nach gut 30 Jahren, in denen das Merowingerreich abermals geteilt war, vereinigt Childerich II. die Herrschaft wieder in einer Person. Nur unklar lässt sich das Geschehen um Pippins Sohn Grimoald in der vorangegangenen Zeit ausmachen: Dieser konnte wie der Vater das Amt des austrasischen Hausmeiers erlangen, erregte mit seinem Machtstreben jedoch offenbar den Widerstand der neustrischen Adeligen, die ihn stürzten und hinrichten ließen. Zu neuerlichen Wirren kommt es nun, als 675 Childerich II. ermordet wird und in der Folge verschiedene Hausmeier der Teilreiche gegeneinander vorgehen, dabei Angehörige der Merowinger zusehends nur noch als Galionsfiguren benutzen, um ihre eigene Macht zu legitimieren.
679
Einem gleichnamigen Enkel des älteren Pippin, dessen Großvater väterlicherseits, Arnulf von Metz, ebenfalls 613 am Seitenwechsel der austrasischen Großen beteiligt war, gelingt es erneut, Hausmeier in Austrasien zu werden. Pippin „der Mittlere“ kann 687 seinen neustrischen Konkurrenten in einer Schlacht besiegen; als dieser einige Zeit später ermordet wird, vereinigt Pippin das Hausmeieramt in allen Reichsteilen auf sich, formal dem Merowinger Theuderich III. unterstellt.
714
Mit Pippins Tod beginnt das Ringen um seine Nachfolge. Nach einigen Jahren setzt sich der Sohn Karl erst in Austrasien gegen Rivalen aus der eigenen Familie durch, besiegt dann die neustrischen Adeligen, akzeptiert aber den dort installierten Merowingerkönig und wird dessen Hausmeier für das gesamte Reich.
732
Karl schlägt zwischen Tours und Poitiers ein Heer von Muslimen, das von der Iberischen Halbinsel nach Aquitanien vorgestoßen ist (wohl dieser Sieg trägt ihm den späteren Beinamen Martell, „der Hammer“, ein). Zugleich kann er das de facto unabhängig regierte Aquitanien wieder an das Frankenreich angliedern. Zuvor schon hatte er mit ähnlichen Zielen in Bayern und Alemannien interveniert.
737
König Theuderich IV. stirbt. War der nominelle Herrscher zuvor schon wenig mehr als eine Marionette seines Hausmeiers, so verzichtet dieser nun ganz darauf, einen anderen Merowinger als neuen König zu bestellen. Ob Karl dabei anstrebt, selbst den Thron zu besteigen, ist unklar; möglicherweise wird er durch internen Widerstand oder andere Probleme davon abgebracht, bis er 740 schwer erkrankt.
741
Karl Martells Söhne kämpfen nach dessen Tod um die Herrschaft. Bald setzen sich Karlmann und Pippin „der Jüngere“ gegen einen Halbbruder durch und teilen das Reich unter sich auf. Dabei handeln sie bereits wie Könige, doch um ihre Stellung zu legitimieren, heben sie 743 nochmals einen Merowinger als Childerich III. auf den Thron. Karlmann tritt 747 von seinem Amt zurück und wird Mönch, Pippin ist damit alleiniger fränkischer Hausmeier.
751
Nachdem er zuvor die Zustimmung des Papstes eingeholt hat, setzt Pippin Childerich III. ab und lässt sich selbst zum König der Franken proklamieren.
754
In der Abtei Saint-Denis bei Paris salbt Papst Stephan II. persönlich Pippin sowie dessen Söhne Karl und Karlmann, zudem erklärt er den Frankenkönig zum Schutzherrn Roms und der römischen Kirche. Anlass ist die Bedrohung des Papstes durch die Langobarden. Hatte im 6. Jahrhundert zunächst das Oströmische Reich nach langen Kämpfen Italien von den Ostgoten zurückerobert, so waren bereits 568 die germanischen Langobarden in Norditalien eingefallen; nach und nach konnten sie den Oströmern weite Teile der Apenninenhalbinsel abnehmen. Pippin gelobt dem Papst, gegen sie zu Kriege zu ziehen, und erobert in den folgenden zwei Jahren Teile Mittelitaliens, neben Gebieten um die Stadt Rom auch Ravenna und weitere Gegenden an der Adria, und unterstellt sie wie versprochen päpstlicher Herrschaft.
759
Pippin nimmt Septimanien ein. Der Streifen entlang der Mittelmeerküste war auch nach der fränkischen Eroberung Aquitaniens unter Chlodwig Teil des fortan auf der Iberischen Halbinsel zentrierten Westgotenreichs geblieben, bis dieses ab 711 von Muslimen überrannt wurde. In den folgen den Jahren führt Pippin mehrere Feldzüge in Aquitanien und bringt die Region wieder fest unter königliche Herrschaft.
DER THRON GEHÖRT NUN DEM HAUSMEIER
768
Nach Pippins Tod folgen ihm seine zwei Söhne als Könige, zwischen denen das Reich abermals geteilt wird: Karl (später „der Große“ genannt) erhält den Norden und Westen, Karlmann die anderen Territorien. Dessen früher Tod Ende 771 verhindert, dass zuvor ausgebrochene Spannungen zwischen den Brüdern in einen regelrechten Krieg umschlagen. Umgehend lässt sich Karl von den Großen in Karlmanns Reichsteil huldigen und herrscht fortan als alleiniger König der Franken.
772
Karl unternimmt einen Feldzug ins Gebiet der Sachsen zwischen Rhein, Elbe und Nordsee. Nachdem er einige wichtige Stützpunkte erobert und die Irminsul, eine bedeutende Kultstätte der heidnischen Sachsen, zerstört hat, zieht er sich zurück, in der Annahme vermutlich, das Land seiner Oberherrschaft unterworfen zu haben.
773
Mit einem großen Heer zieht Karl über die Alpen und dringt ins Reich der Langobarden ein. Anlass ist erneut ein Hilferuf des Papstes, doch anders als einst sein Vater legt es Karl jetzt auf eine Eroberung an. In Norditalien stoßen seine Truppen auf wenig Widerstand, König Desiderius zieht sich in seine Hauptstadt Pavia zurück. Als dieser nach monatelanger Belagerung im Frühsommer 774 aufgibt, bricht sein Reich zusammen. Karl nennt sich fortan „König der Franken und Langobarden“, zudem führt er den Titel patricius Romanorum, der ihm bei einem Besuch in Rom vom Papst verliehen wurde und Karl als Schutzherrn Roms und der Kirche ausweist.
775
Karl wendet sich erneut gegen die Sachsen, die zwischenzeitlich fränkische Städte und Klöster angegriffen hatten. Ziel ist nun deren vollständige Unterwerfung und Christianisierung. Tatsächlich unterstellen sich bald mehrere sächsische Anführer Karls Herrschaft, mit Massentaufen wird die Bekehrung zum Christentum vorangetrieben. 777 hält er zu Paderborn, im bis dahin eroberten Sachsengebiet, eine Reichsversammlung ab. Doch hat sich zu dieser Zeit bereits ein Muster gezeigt, das über viele Jahre immer wieder auftreten wird: Sobald sich Karl fern der Region aufhält, etwa bei seinen Zügen nach Italien, flammt unter den Sachsen erneuter Widerstand auf.
778
Auf dem Rückzug von einem erfolglosen Feldzug im muslimischen Spanien wird die Nachhut von Karls Heer am Pass von Roncesvalles in den Pyrenäen von Basken überfallen und vollständig aufgerieben. Karls Abwesenheit und die empfindliche Niederlage befeuern wiederum den Kampf der Sachsen gegen die fränkische Herrschaft, an dessen Spitze nun der adelige Truppenführer Widukind steht. Im folgenden Jahr erneut im Sachsenland, stößt Karl bis zur Elbe vor und beginnt, das eroberte Gebiet zu ordnen, etwa durch die Errichtung von Grafschaften und Bischofssitzen.
782
Sachsen unter Führung von Widukind schlagen in Karls Abwesenheit ein fränkisches Heer. Als Reaktion kehrt der König umgehend in die Region zurück, lässt sich an der Schlacht beteiligte Sachsen ausliefern und diese nahe der Mündung der Aller in die Weser hinrichten. Dem „Blutgericht von Verden“ fallen angeblich 4500 Männer zum Opfer. Zunehmend setzt Karl jetzt auf brutale Gewalt, später auch auf die massenhafte Umsiedlung rebellischer Sachsen.
785
Widukind, der sich fränkischem Zugriff mehrfach durch Flucht nach Dänemark entzogen hatte, unterwirft sich Karl und lässt sich taufen. Auch wenn sein mächtigster Widersacher damit besiegt ist, greift Karl bis 804 noch diverse Male in Sachsen ein, um immer wieder aufkeimende Unruhen niederzuschlagen.
787
Mit militärischer Übermacht zwingt Karl seinen Cousin Herzog Tassilo III. von Bayern zur Unterwerfung. Im folgenden Jahr inszeniert der König eine Art Schauprozess gegen den Herzog, der sein Territorium zuvor weitgehend autonom geführt hatte: Wegen angeblicher Fahnenflucht – Tassilo soll 25 Jahre zuvor Karls Vater Pippin die Heeresfolge verweigert haben – wird er zum Tode verurteilt, von Karl begnadigt und (wie zahlreiche andere Widersacher des Königs) in ein Kloster gezwungen.
791
Von Regensburg aus zieht Karl gegen die Awaren. Das Reitervolk hatte sich um die Mitte des 6. Jahrhunderts im vormals römischen Pannonien (in etwa das heutige Ungarn) angesiedelt und bedroht mit Raubzügen immer wieder auch fränkische Gebiete. Ein entscheidender Schlag bleibt aus, weshalb Karl in Regensburg überwintert und bis zum folgenden Sommer dort bleibt. Dies nutzen unzufriedene Adelige aus der Mainregion und vermutlich auch aus Bayern für eine Rebellion, an deren Spitze sich Karls ältester Sohn Pippin „der Bucklige“ stellen lässt. Bereits 781 hatte Karl zwei Söhne aus einer anderen Ehe vom Papst zu Unterkönigen salben lassen: Ludwig in Aquitanien, Karlmann – der dabei ebenfalls den Namen Pippin annimmt – in Italien. Pippin der Bucklige wurde damit de facto von der Erbfolge ausgeschlossen. Der Aufstand, den er nun wagt, wird schnell niedergeschlagen. Während Karl die Rädelsführer hart bestrafen lässt, muss Pippin in ein Kloster gehen. Den Kampf gegen die Awaren setzen in den folgenden Jahren Karls Feldherren fort, denen schließlich der Durchbruch gelingt, woraufhin auch Pannonien dem Frankenreich angegliedert wird. Die Reste der Awaren erkennen die fränkische Oberherrschaft an, ebenso die meisten der entlang der Ostgrenze von Karls Reich siedelnden slawischen Gruppen.
796
In Aachen wird ein Teil der noch unvollendeten Pfalzkapelle eingeweiht. Das gewaltige Gotteshaus, dessen Gestaltung auf spätantike Vorbilder in Italien zurückgreift, wird der imposante Mittelpunkt der Pfalz, die Karl seit Jahren großzügig ausbauen lässt und in der er sich in Zukunft häufiger aufhalten wird als an jedem anderen Ort seines Reiches.
800
Während einer Messe zum Weihnachtsfest krönt Papst Leo III. Karl, der darauf von den Anwesenden in der Peterskirche zum „Kaiser der Römer“ ausgerufen wird. Mit der vermutlich lange im Voraus geplanten Aktion erhebt Karl den Anspruch, die Nachfolge der römischen Imperatoren im Westen anzutreten. Die Aneignung der Kaiserwürde durch den Franken stößt in Konstantinopel auf entschiedene Ablehnung, die dortigen Kaiser sehen sich als einzige rechtmäßige Träger dieses Titels. 806 kommt es zum Krieg, bei dem die Franken das zu Ostrom gehörende Venedig besetzen. In einem 812 geschlossenen Kompromiss verzichtet Karl auf Venedig, wofür Konstantinopel im Gegenzug seinen Kaisertitel anerkennt, allerdings nicht mit dem Zusatz „der Römer“. Das Verhältnis bleibt gleichwohl nachhaltig gespannt.
801
Nach monatelanger Belagerung kann Karls Sohn Ludwig in Barcelona einziehen, das mit weiteren unter seiner Führung von den Muslimen eroberten Städten Teil der „Spanischen Mark“ wird. In der Folge wird das fränkische Einflussgebiet in Spanien noch bis zum Ebro ausgedehnt.
806
Karl erlässt eine Nachfolgeregelung, derzufolge das Frankenreich nach seinem Tod zwischen den drei erbberechtigten Söhnen aufgeteilt werden soll. Zur Ausführung kommt der Plan jedoch nicht, denn zwei der angedachten Nachfolger sterben schon vor dem Vater, Pippin 810, der ebenfalls Karl genannte Sohn 811.
810
Eine Flotte des Dänenkönigs Göttrik greift zum Frankenreich gehörende friesische Inseln an, dänische Krieger schlagen die Friesen auch auf dem Festland und erpressen Tributzahlungen. Karl macht sich daraufhin mit einem Heer nach Norden auf (wobei ein mitgeführter Elefant, den Karl vom Kalifen des Abbasidenreichs geschenkt bekommen hat, auf dem Weg verendet).
Bereits 804 war es fast zu einer Konfrontation mit Göttrik gekommen, als Karl bei seinem letzten Feldzug gegen die Sachsen ins Gebiet jenseits der Elbe eindrang, bis nahe an die Grenzbefestigung Danewerk. Doch wie damals kommt es nicht zu Kämpfen – dieses Mal, weil Göttrik von einem Gefolgsmann ermordet worden ist. Sein Nachfolger schließt Frieden mit Karl, die dabei vereinbarte Nordgrenze des Frankenreichs folgt dem Flusslauf der Eider und reicht bis an die Kieler Förde.
814
28. Januar. Karl der Große stirbt mit 65 Jahren in Aachen. Sein Sohn Ludwig, vom Vater bereits im Vorjahr zum Mitkaiser gekrönt, tritt die Nachfolge im gesamten Reich an. Bald schon beginnt Ludwig (der in späterer Zeit den Beinamen „der Fromme“ erhält) verschiedene Reformprojekte, ordnet etwa die Klöster in seinem Reich neu und modernisiert das Gerichtswesen.
817
Ludwig beschließt mit den Großen des Reiches eine Nachfolgeregelung, die vom Prinzip der gleichen Teilung abweicht, um die Reichseinheit zu wahren. Lothar, Ludwigs ältester Sohn, wird zum Mitkaiser und Mitregenten erhoben, seine beiden Brüder bekommen eigene, aber vergleichsweise kleine Herrschaftsbereiche zugewiesen. Der Großteil des Reiches soll hingegen nach Ludwigs Tod vollends an Lothar fallen, der zudem als Kaiser die Oberherrschaft über die Königreiche der Brüder ausübt.
818
Ludwigs Neffe Bernhard, noch von Karl dem Großen zum Unterkönig in Italien bestimmt wie zuvor sein Vater Pippin, aber in der Regelung vom Vorjahr nicht bedacht, erhebt sich gegen den Kaiser und lässt die Alpenpässe sperren. Als Ludwig daraufhin mit einem großen Heer nach Süden zieht, unterwirft sich Bernhard kampflos seinem Onkel, der ihn gleichwohl hart bestraft: Ludwig lässt Bernhard blenden, er stirbt kurz darauf an den Folgen. Doch Ludwigs gnadenloses Vorgehen erregt den Widerstand vieler Adeliger, sodass sich der Kaiser vier Jahre später zu einer öffentlichen Buße genötigt sieht. Italien übergibt er im selben Jahr Lothar als Herrschaftsgebiet.
823
Ludwigs zweite Ehefrau bringt einen Jungen zur Welt, der den Namen seines Großvaters erhält: Karl (später „der Kahle“ genannt). Einige Jahre darauf versieht der Kaiser auch ihn mit einem eigenen Herrschaftsbereich – auf Kosten Lothars, der dafür Gebiete aus seinem Erbe abgeben muss.
830
Unzufriedene Adelige rebellieren gegen den Kaiser und finden Unterstützung bei dessen Söhnen Pippin und Lothar. Ludwigs Gattin muss in ein Kloster gehen, Lothar übernimmt anstelle des kaltgestellten Vaters die Regierungsgewalt. Bald aber wendet sich die Lage gegen Lothar. Ludwig gelingt die Rückkehr an die Macht, auch die Kaiserin kehrt zu ihm zurück, Lothar aber verliert seine Position als Mitregent. Im folgenden Jahr erlässt Ludwig eine drastisch veränderte Nachfolgeregelung: Lothar bleibt nur noch Italien, alle anderen Gebiete werden zwischen seinem gleichnamigen Sohn, Pippin und Karl aufgeteilt.
833
Die drei Söhne aus erster Ehe erheben sich gemeinsam gegen ihren Vater. Es gelingt ihnen, den von seinen Anhängern verlassenen Kaiser gefangen zu nehmen, Ludwig zur Abdankung zu zwingen und in ein Kloster zu verbannen. Als sich jedoch bald darauf Pippin und sein Bruder Ludwig mit Lothar entzweien, wird der Vater 834 wieder in seine Rechte eingesetzt. In den folgenden Jahren kann Ludwig der Fromme die zurückgewonnene Machtstellung untermauern, doch weiterhin kommt es zu Auseinandersetzungen unter den Söhnen sowie mit ihm. Noch mehrfach ändert Ludwig die Aufteilung des Reichs, unter anderem, als 838 Pippin stirbt.
840
Nach dem Tod Ludwigs des Frommen brechen umgehend neue Streitigkeiten zwischen den Brüdern aus, bei denen zudem noch der gleichnamige Sohn des verstorbenen Pippin, den aquitanische Adelige eigenmächtig zu ihrem König erhoben hatten, eine Rolle spielt. Der nun entbrennende Bürgerkrieg kulminiert in einer blutigen Schlacht beim burgundischen Ort Fontenoy, in der das Aufgebot von Lothar und Pippin II. im Juni 841 auf die vereinten Heere von Ludwig und Karl trifft. Die tragen den Sieg davon, doch Lothar sammelt umgehend neue Anhänger, um den Krieg fortzusetzen.
842
In Straßburg bekräftigen Ludwig (der von späteren Historikern den Beinamen „der Deutsche“ erhält) und Karl der Kahle ihr Bündnis gegen Lothar. Die Brüder schwören sich dabei in der Sprache, die von den Anhängern des jeweils anderen gesprochen wird, gegenseitigen Beistand: Karl in einem Dialekt des Althochdeutschen, Ludwig in einer frühen Form des Altfranzösischen. Diese in einer Chronik überlieferten „Straßburger Eide“ sind ein einzigartiges Zeugnis der zu dieser Zeit im Frankenreich verbreiteten Volkssprachen.
Nach weiteren Kämpfen gegen Lothar kommen Ludwig und Karl im Lauf des Jahres mit ihrem Bruder überein, einen Kompromiss zu suchen und das Reich untereinander aufzuteilen.
843
Im Vertrag von Verdun besiegeln die Söhne Ludwigs des Frommen die anvisierte Reichsteilung. Karl erhält das westliche Drittel; Ludwigs Ostreich umfasst Bayern samt Kärnten, fast alle Gebiete rechts des Rheins sowie ein linksrheinisches Gebiet mit Mainz und Worms; Lothar, bei dem auch die Kaiserwürde verbleibt, erhält den zwischen Karls und Ludwigs Teilreichen gelegenen Streifen sowie Burgund, die Provence und Italien einschließlich der Schutzherrschaft über Rom und die Besitzungen des Papstes. Sein Mittelreich erstreckt sich damit von Friesland bis zu den Abruzzen. Nicht an der Aufteilung beteiligt ist Pippin II., der noch viele Jahre mit Karl dem Kahlen um die Herrschaft in Aquitanien kämpfen wird.
845
Im Westfrankenreich plündern Wikinger Ortschaften an der Seine. Schon seit Jahrzehnten überfallen skandinavische Seekrieger immer wieder fränkische Klöster und Städte, setzen sich teils auch dauerhaft an den Mündungen großer Flüsse fest. Karl der Kahle zieht nun zwar Truppen zusammen, lässt die Angreifer jedoch gewähren – wohl, weil er einen Kampf für aussichtslos hält. In Paris übergibt er angeblich dem Wikingerführer Ragnar sogar 7000 Pfund Silber, damit dieser die Stadt verschone.
855
Kurz vor seinem Tod teilt Lothar das Mittelreich im Vertrag von Prüm unter seinen drei Söhnen auf: Lothar II. erhält das zwischen West- und Ostreich gelegene Gebiet, das nach ihm bald Lotharingien genannt wird; Karl wird König über den Großteil von Burgund und die Provence; Italien und die Kaiserwürde gehen an Ludwig II. Als Karl 863 stirbt, fällt dessen burgundisches Reich zu etwa gleichen Teilen an seine beiden Brüder.
870
Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche teilen im Vertrag von Meerssen Lotharingien auf. Nachdem Lothar II. im Vorjahr gestorben war, hatte sich Karl dort umgehend zum König erheben lassen, Ludwig konnte in der Folge aber Verhandlungen erzwingen, in deren Ergebnis beide einen ungefähr gleich großen Anteil ihren Reichen einverleiben. Als 875 mit Ludwig II. auch der dritte Sohn Lothars I. ohne Erben stirbt, fällt Italien mitsamt der Kaiserwürde an Karl den Kahlen.
876
Mit dem Ableben von Ludwig dem Deutschen wird auch das Ostfrankenreich zwischen drei Söhnen aufgeteilt. Doch die Spaltung währt nur wenige Jahre: Karlmann stirbt 880, zwei Jahre später Ludwig der Jüngere. Somit vereint der Jüngste der drei, Karl „der Dicke“, der zunächst nur Alemannien geerbt hatte, ab 882 das gesamte Ostfrankenreich unter seiner Herrschaft und zudem Italien, das Karlmann nach dem Tod Karls des Kahlen 877 für sich erobert hatte.
879
In der Provence und Teilen von Burgund, die zwischenzeitlich an das Westfrankenreich gefallen sind, nutzt Boso, Graf von Vienne, die Situation nach dem Tod von Ludwig dem Stammler, des Nachfolgers Karls des Kahlen im West reich, und lässt sich zum König des später Niederburgund genannten Gebiets ausrufen. Boso ist damit der erste König in einem Teil des einstigen fränkischen Großreichs, der nicht zur Dynastie Karls des Großen zählt.
880
Zwei Söhne Ludwigs des Stammlers, die gemeinsam die Herrschaft im Westfrankenreich übernommen haben, müssen im Vertrag von Ribemont ihren Anteil an Lotharingien der ostfränkischen Seite abtreten, die dafür auf Thronansprüche im Westreich verzichtet. Die so festgelegte Grenze zwischen den Machtbereichen wird über Jahrhunderte weitgehend Bestand haben.
884
Zwei Jahre nach seinem Bruder stirbt auch der zweite Sohn Ludwigs des Stammlers. Darauf wählen die Großen des Westfrankenreichs Karl den Dicken zu ihrem König, der bereits im Ostfrankenreich sowie in Italien regiert und 882 vom Papst zum Kaiser gekrönt wurde. Bis auf Niederburgund herrscht Karl damit in allen fränkischen Teilreichen, die aus dem Großreich seines Urgroßvaters, Karls des Großen, hervorgegangen waren. Zu einer nachhaltigen Vereinigung der Teilreiche kommt es gleichwohl nicht.
885
Nachdem in den Vorjahren schon zahlreiche Städte im West- und Ostfrankenreich von Wikingern verheert worden waren, fährt eine große Flotte der Nordmänner die Seine hinauf und belagert monatelang Paris. Karl der Dicke kann die Feinde im folgenden Jahr nur durch die Zahlung eines gewaltigen Lösegelds zum Abzug bewegen. Aufgrund seines halbherzigen Vorgehens gegen die Wikinger sowie gegen andere äußere Feinde verliert der Kaiser zusehends den Rückhalt der Großen in seinen Reichen.
887
Im November wird Karl der Dicke bei einer ostfränkischen Reichsversammlung abgesetzt. Zu den Drahtziehern des Umsturzes gehört Arnulf, Herzog der ostfränkischen Grenzregion Kärnten, ein außerehelicher Sohn des 880 verstorbenen Karlmann. Ungeachtet seiner nicht zweifelsfrei legitimen Abstammung wird Arnulf noch vor Jahresende zum König im Ostreich erhoben. Der entmachtete, wohl bereits seit Längerem schwer kranke Karl stirbt im folgenden Januar.
888
Odo, Graf von Paris, der sich bei der Verteidigung der Stadt gegen die Wikinger hohes Ansehen erworben hatte und unter Karl dem Dicken zu einem der mächtigsten Adeligen aufgestiegen war, wird nach dessen Absetzung und Tod zum König im Westfrankenreich gewählt – als erster Nicht-Karolinger. Mit seinem Bruder Robert wird 922 ein weiteres Mitglied seines Geschlechts westfränkischer Herrscher, gefolgt von einem Schwager; dazwischen und danach kommen aber jeweils wieder Karolinger auf den Thron.
Ebenfalls Anfang 888 reißt Berengar, Markgraf von Friaul, in Italien die Macht an sich. Über seine Mutter ein Enkel Ludwigs des Frommen, zählt gleichwohl auch er nicht zum Geschlecht der Karolinger. Bereits im Jahr darauf verdrängt ihn Wido, Herzog von Spoleto, vom italienischen Thron, der sich 891 als erster Nicht-Karolinger vom Papst zum Kaiser erheben lässt. Zudem wird 888 auch der Welfe Rudolf König: in Hochburgund, dem an das Ostfrankenreich gefallenen Norden des burgundischen Gebiets.
911
Ludwig „das Kind“, Arnulfs Sohn und Nachfolger als ostfränkischer König, stirbt mit 18 Jahren ohne Erben. Als einziger Karolinger kommt für die Thronfolge der im Westfrankenreich herrschende Karl „der Einfältige“ infrage. Doch die ostfränkischen Großen wählen stattdessen einen der ihren, Herzog Konrad. Der neue König entstammt einem Adelsgeschlecht, das sich in den Jahrzehnten zuvor in einer blutigen Fehde gegen die Familie der Babenberger als Vormacht in der Mainregion durchgesetzt hat (die schon früh bezeugte Bezeichnung „Ostfranken“ für diese Gegend ist die Grundlage für den Namen der allerdings nicht deckungsgleichen heutigen Region Franken).
919
Mit dem Sachsenherzog Heinrich tritt ein König an die Spitze des Ostfrankenreichs, dessen Familie nicht aus dem fränkischen Kerngebiet stammt, sondern aus der erst von Karl dem Großen eroberten Region im Nordosten des Reichs.
DIE KAROLINGER VERLIEREN IHRE MACHT
936
Heinrichs Sohn Otto wird zum König gekrönt – in der Aachener Pfalzkapelle, womit er gezielt an das Erbe der Karolinger anknüpft.
962
Papst Johannes XII. salbt und krönt Otto in Rom zum Kaiser. Seit der Teilung des fränkischen Mittelreichs war die Kaiserwürde zu einem Nebentitel des Königs von Italien herabgesunken und in den Jahrzehnten zuvor nicht mehr vergeben worden. Otto, der im Vorjahr die Königsherrschaft auch jenseits der Alpen sichern konnte, schließt mit seiner Krönung nun an das Kaisertum Karls des Großen und die von diesem intendierte Erneuerung des Imperium Romanum im Westen an.
987
Hugo, ein Verwandter der vormaligen Könige Odo und Robert, lässt sich zum Herrscher im Westfrankenreich erheben. Schon Hugos gleichnamiger Vater war zum mächtigsten Adeligen im Westreich aufgestiegen und hatte mit dem Titel als „Herzog der Franken“ eine Stellung direkt unter dem König eingenommen, jedoch nie danach gestrebt, selbst den Thron zu besteigen. Auch der Sohn greift nicht nach der Krone, bis der junge König Ludwig V., ein Karolinger, unerwartet und ohne direkten Erben stirbt. Dessen Onkel Karl erhebt jedoch ebenfalls Anspruch auf den Thron und wird von vielen Adeligen als rechtmäßiger König anerkannt. Hugo kann den Widersacher schließlich 991 aus dem Weg räumen – auch im letzten der fränkischen Reiche ist damit das Geschlecht Karls des Großen endgültig von der Königsmacht verdrängt. Hugos Nachkommen aus der nach seinem späteren Beinamen Capet benannten Dynastie der Kapetinger dagegen stellen noch für mehr als 800 Jahre die Könige des aus dem einstigen fränkischen Teilreich hervorgehenden Staatswesens: Frankreich.
1033
Kaiser Konrad II., König des (offiziell weiter so benannten) Ostfrankenreichs und Italiens, wird auch in Burgund zum Herrscher gekrönt. Die drei Königreiche bleiben unter Konrads Nachfolgern gleichfalls in einer Hand. Neben Frankreich entsteht so ein Herrschaftsgebilde, das alle anderen aus dem Imperium Karls des Großen hervorgegangenen Reiche umfasst und einige Zeit später seinen geläufigen Namen erhält: das Heilige Römische Reich.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Fischer, Oliver: Babenberger Fehde. Franken gegen Franken, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 125), Hamburg 2025, S. 130-147.
-> Opitz, Manuel: Abul Abbas. Das Geschenk des Kalifen, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 125), Hamburg 2025, S. 110-113.
-> Sedlmair, Stefan; Sedlmair, Andres: Daten und Fakten. Die Geschichte der Franken, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 125), Hamburg 2025, S.
Die fränkischen Herrscher
Inhaltsverzeichnis
- Chlodwig. Der dunkle Held.
- Radegunde. Wegbereiterin des Glaubens
1. Chlodwig. Der dunkle Held.
Um die Wende zum 6. Jahrhundert steigt ein fränkischer Kleinkönig aus der Familie der Merowinger zum mächtigsten Mann in Gallien auf: mithilfe von Gewalt, Diplomatie – und einer Taufe
Dies ist die Geschichte eines Mannes, der das Beten zum barmherzigen Gott der Christen lernt – aber skrupellos all jene beiseiteräumt, die seinem eigenen Aufstieg zur Macht im Wege stehen. Feierlich lässt er sich am Weihnachtstag wohl des Jahres 498 taufen. In der Taufkirche des Bischofs von Reims schwört er, ein Franke, den germanischen Göttern seiner Vorfahren ab und bekennt sich zu den Lehren der Heiligen Schrift, die ihm Demut und Nächstenliebe gebieten. Und doch schreckt er nicht vor Lug und Trug, Totschlag und Mord zurück. Eiskalt lockt er Rivalen in den Hinterhalt, zertrümmert manch Unglücklichem mit der Kriegsaxt eigenhändig den Schädel, täuscht Verwandte und wechselt Verbündete mit dem einzigen Ziel, sich über alle anderen zu erheben: Chlodwig aus der Dynastie der Merowinger, der erste König eines fränkischen Großreichs.
Ein Herrscher, so doppelgesichtig, so schillernd und mächtig, dass er wie kein anderer herausstrahlt aus der Geschichte jener Jahre, in denen der europäische Kontinent taumelnd zwischen Antike und Mittelalter steht, zwischen dem Ende der Ära Roms und einer noch ungewissen Zukunft. Doch kündet kein einziges zeitgenössisches Zeugnis vom Charakter des dunklen Helden dieser Zeit. Erst etliche Jahrzehnte nach seinem Tod werden Berichte über sein Leben aufgezeichnet, die bis heute überdauert haben. Den ausführlichsten verfasst gegen Ende des 6. Jahrhunderts Gregor von Tours, der Bischof der bedeutenden Stadt an der Loire, als Teil einer christlichen Universalgeschichte von seiner Hand. Der Kleriker verbindet darin historisch auch in anderen Quellen verbürgte Ereignisse mit legendenhaften Erzählungen. Seine Absicht dabei: Chlodwigs Herrschaft zu rechtfertigen und den einstigen einstigen Heiden als frommen Diener Gottes zu verklären.
NIEMAND BEGEHRT AUF
EXPANSION NACH SÜDEN

EUROPA TAUMELT in der Ära Chlodwigs aus der Antike ins Mittelalter, von römischen Traditionen zu neuen Machtansprüchen: Chlodwigs Vater Childerich stand vermutlich in Diensten des sterbenden Reichs, er selbst spricht Latein neben seinem germanischen Idiom. Und vergrößert das fränkische Gebiet auf weite Teile des heutigen Frankreichs und Südwestdeutschland Und doch lässt sich aus den „Zehn Büchern Geschichten“ Gregors von Tours das Bild eines gleichermaßen grausamen und machtgierigen Mannes herausfiltern, der das Schwert ebenso zu nutzen weiß wie das Kreuz, um in Zeiten des Zerfalls des weströmischen Imperiums fast ganz Gallien zu erobern – und einen neuen, machtvollen Staat zu schmieden.
Als Chlodwig beginnt, nach der Herrschaft zu greifen, sind Angehörige der Völkerschaften, die den Römern als „Franken“ gelten, bereits seit fast zwei Jahrhunderten westlich des Rheins heimisch. Die ersten Gruppen siedelt die wankende Großmacht um 300 in Nordgallien und den Provinzen entlang des Stromes an. Gut 50 Jahre später erlauben es die römischen Machthaber einem Teilverband der Franken, den zeitgenössische Quellen als „Salier“ bezeichnen, sich zwischen Schelde und Rhein am Nordostrand des Imperiums niederzulassen (wohin die Gruppen wohl zuvor schon vorgedrungen waren). Als Gegenleistung müssen die Siedler der Armee Roms Soldaten stellen. Ein vorteilhaftes Arrangement für beide Seiten; viele fränkische Kämpfer steigen als Offiziere in römischen Diensten auf (siehe Seite 26).
WESTROM LIEGT IN TRÜMMERN
Doch immer wieder fehlt es den Legionen in Gallien an Schlagkraft, um die Grenzen zu verteidigen. Germanische Scharen wie die der Vandalen und Sueben fallen plündernd in die reichen Provinzen ein, die Westgoten und später die Burgunder gründen eigene Reiche auf römisch-gallischem Boden, und auch weitere fränkische Gruppen wechseln die Rheinseite. Im politischen Chaos jener Jahre sichern sich die Franken Posten, Einfluss und Territorien. Um 460 siedeln sie in einem Gebiet, das von Mainz und Trier bis zur belgischen Nordseeküste, vom Rheindelta bis zur Somme im heutigen Nordfrankreich reicht, herrschen hier wohl etliche fränkische Kleinkönige.
Einer von ihnen tritt aus dem Dämmer der Geschichte hervor: Childerich, angeblich ein Nachfahre des fränkischen Heerkönigs Chlodio, der einige Jahrzehnte zuvor bis zur Somme vorgestoßen sein soll, und der Sohn eines gewissen Merowech (von dessen Namen frühmittelalterliche Chronisten die Bezeichnung der Dynastie, Merowinger, ableiten). Childerichs Machtbasis ist vermutlich die Gegend um die Stadt Tournai im heutigen Belgien unweit der französischen Grenze.
Zeitweise steht Childerich, der als eine Art Warlord über eine Gefolgschaft von fränkischen Kriegern verfügt, mit seinen Kämpfern wohl in römischen Diensten. Doch die Verhältnisse im Norden Galliens sind verworren, in wechselnden Bündnissen kämpfen die Kaiser, selbstständig agierende römische Militärführer und verschiedene germanische Gruppierungen gegeneinander. Der Franke kontrolliert offenbar eine Zeit lang, auf eigene Rechnung oder im Bündnis mit römischen Kräften, ein Gebiet bis zur Loire, muss sich dann aber aus nicht überlieferten Gründen auf das Gebiet um Tournai zurückziehen. Vielleicht, weil die Westgoten, die ihr Reich im Südwesten Galliens inzwischen bis an die Loire ausgedehnt haben, über den Fluss in seinen Machtbereich eingefallen sind, um ihn aus der Gegend zu vertreiben.
Um 481 stirbt Childerich. Sein Sohn und Erbe Chlodwig, zu dieser Zeit wohl erst etwa 15 Jahre alt, lässt ihn in Tournai pompös bestatten, vermutlich unter einem immensen Grabhügel, nach Sitte von Reitervölkern wie den Hunnen zusammen mit Pferden des Vaters. Ein prunkvolles Langschwert gibt man Childerich mit ins Grab, auch einen goldenen Siegelring mit seinem Antlitz und Namen sowie 100 Goldmünzen und 200 Silberlinge. Die aufwendige Bestattung des verblichenen Königs ist ein Signal an dessen bisherige Gefolgsleute: Unter der Herrschaft seines Sohnes dürfen sie weiterhin auf die Freigebigkeit ihres Anführers hoffen – und auf Kriegsbeute bei vielleicht bevorstehenden Feldzügen.
GESCHICKT GEKNÜPFTE BANDE
Einige Jahre nach seinem Antritt lässt Chlodwig diesem sinnbildlichen Versprechen Taten folgen. Im Bund mit einem verwandten fränkischen Kleinkönig, der im benachbarten Cambrai ansässig ist, greift er den römischen Heerführer Syagrius an. Der herrscht als selbstständiger Machthaber über ein Gebiet um seine Hauptstadt Soissons (nordöstlich von Paris). Die Verbündeten vertreiben Syagrius aus seinem Reich. Chlodwig fällt der Staatsschatz in die Hände. Und er ist nun Herr über die Waffenschmieden, die die Römer in Soissons errichtet haben. So kann er sich die Treue seiner Männer durch die Verteilung von Geld und Gold sichern und sie mit Schwertern und Schutzpanzern für weitere Feldzüge ausrüsten.
Zu seiner neuen Kapitale erwählt Chlodwig Soissons – und expandiert von hier aus weiter, bis zur Seine zunächst, dann auch bis zur Loire. Die Gelegenheit, sich ein immer größeres Territorium zusammenzuraffen, ist günstig wie nie: Mit der Absetzung des kindlichen Kaisers Romulus hat der Germane Odoaker 476 das Ende des weströmischen Kaisertums besiegelt. Was bleibt, ist der Herrscher über die Osthälfte des Imperiums mit der Kapitale Konstantinopel, der nun als Kaiser des gesamten Reiches gilt – doch sich nicht weiter um die Geschehnisse im fernen Gallien kümmert, wo die Kontrolle durch zentrale Institutionen des Reichs längst erloschen ist. Und es bleibt das Ringen zwischen germanischen Stämmen, die in das Imperium ein gedrungen sind, um Territorien und Macht auf römischem Boden. Während die Vandalen in Nordafrika ein Reich errichtet haben, herrschen die Westgoten, zu denen sich Syagrius nach seiner Niederlage gegen Chlodwig geflüchtet hat, inzwischen nicht nur über Gallien zwischen Loire und Pyrenäen, sondern auch über weite Teile der Iberischen Halbinsel.
Offenbar von der Entwicklung jenseits der Nordgrenze ihres Territoriums und dem Machtzuwachs Chlodwigs überrascht, wollen die Westgoten eine Auseinandersetzung mit dem neuen kriegerischen Nachbarn zu diesem Zeitpunkt vermeiden. Als der junge Frankenkönig ihnen, so berichtet es jedenfalls Gregor von Tours, mit einem Angriff droht, sollten sie Syagrius weiter Schutz gewähren, liefern sie ihm den Römer in Ketten aus. Chlodwig lässt den einstigen Gegner einkerkern und später ohne viel Aufhebens umbringen. Schonungslose Härte – fortan wird er sie immer wieder an den Tag legen gegenüber allen, die er als Rivalen oder Konkurrenten um die Macht begreift.
Die materielle Beute seines Feldzugs teilt er wohl noch 486 in Soissons und vermutlich altem Herkommen nach: Einen erheblichen Teil beansprucht der König für sich, der Rest geht an sein Heer. Obwohl Chlodwig eigentlich kein Anrecht auf bestimmte Beutestücke hat, allein das Los über deren Zuteilung entscheidet, bittet er, so erzählt es Gregor von Tours, um einen besonderen Krug, den seine Krieger aus einer Kirche geraubt haben. Denn der dortige Bischof hat Chlodwig um die Rückgabe des liturgischen Gefäßes ersucht – und der König will es sich offenkundig nicht mit einem geistlichen Würdenträger verscherzen.
Wie in allen einstigen römischen Provinzen sind auch in Gallien die meisten Menschen Anhänger des christlichen Glaubens, aber gerade hier, wo die kaiserliche Verwaltung längst zum Erliegen gekommen ist, bestimmt die Kirche tiefgreifend das Leben der Menschen. In jeder bedeutenden Gemeinde steht den Gläubigen ein Bischof vor, als geistlicher Oberhirte, aber de facto auch als Herr der Stadt samt den dazugehören den Dörfern und Landgebieten. Und es sind überwiegend die Familien der eingesessenen römischen Führungsschicht, die sich die höchsten Kirchenämter untereinander aufteilen. Die meisten der in Soissons anwesenden Krieger, so der Geschichtsschreiber weiter, stimmen Chlodwigs Bitte zu. Einer aber widerspricht vehement und schlägt mit seiner Streitaxt auf den kostbaren Krug ein. Nichts solle der König erhalten, ruft er angeblich, als was das Los ihm rechtens gewährt!
DAS NEUE ZENTRUM DES REICHS: PARIS
Offenkundig ist die Situation so angespannt, dass Chlodwig diese Demütigung vor seinen Truppen hinnimmt und auf eine augenblickliche Reaktion verzichtet. Er nimmt das ramponierte Gefäß an sich und übergibt es dem Boten des Bischofs. Es ist eine Botschaft voller politischer Weitsicht, die der Chronist dem Frankenherrscher zuschreibt: Chlodwig, selbst Heide, signalisiert mit der Absicht, den Krug der Kirche zurückzugeben, dass die Christen in seinem wachsenden Reich auf seinen Schutz zählen können. Gegenüber dem Mann aber, der ihn bei der Beuteteilung brüskiert hat, kennt er keine Gnade.
Der König schlägt zurück, als er im folgenden Jahr seine Kämpfer zur Heerschau versammelt. In voller Rüstung treten sie vor ihm an. Chlodwig mustert die Reihen, bleibt dann vor dem Krieger stehen, der in Soissons auf das sakrale Gefäß eingehauen hatte. Niemand trage so schlecht gepflegte Waffen wie er, sagt der König dem Mann angeblich, weder Lanze noch Schwert noch Axt seien tauglich. Daraufhin nimmt er ebendiese Axt und wirft sie zu Boden. Und als der Krieger sich ein wenig vorbeugt, um sie aufzuheben, spaltet Chlodwig ihm mit einem mächtigen Schlag seiner eigenen Streitaxt den Schädel – laut Gregor von Tours mit den Worten, so habe es der Mann in Soissons mit dem Krug gemacht. Keiner begehrt auf. Wer diesen König herausfordert, muss mit brutaler Strafe rechnen – für den Chronisten, selbst Bischof, aber nur die gerechte Vergeltung für den begangenen Frevel.
Wenige Jahre später, 491, befindet sich Chlodwig wieder im Krieg, jetzt gegen die Thüringer, deren Einflussbereich sich zu dieser Zeit wohl bis zum Rhein und den dortigen Gebieten fränkischer Kleinkönige erstreckt. Und vermutlich kämpft Chlodwig bald darauf gegen die Burgunder im Südosten Galliens. Er erweist damit einmal mehr seine Schläue und Schlagkraft, die sich mittlerweile bei anderen Herrschern in Europa herumgesprochen haben dürfte. Denn womöglich hat sich der Ostgotenkönig Theoderich, der in Italien gerade mit Odoaker darum kämpft, das römische Kernland unter seine Kontrolle zu bringen, an Chlodwig gewandt: Der Franke möge ihm helfen, indem er das Reich des Burgunderkönigs angreift, der aufseiten Odoakers in Norditalien eingedrungen ist.
SCHLÄUE UND SCHLAGKRAFT
ER SCHWÖRT DEM TEUFEL AB
Chlodwig greift daraufhin das beiderseits der Rhône gelegene, im Osten bis in die heutige Schweiz reichende Gebiet der Burgunder an – offenbar mit Erfolg, denn deren Truppen ziehen sich bald aus Italien zurück. Eine neue Machtallianz ist entstanden, Chlodwig, längst schon nicht mehr ein Frankenkönig unter vielen, ist im europäischen Kräftespiel jetzt ein Herrscher auf Augenhöhe. Wohl 493 nimmt Theoderich, nach seinem Sieg über Odoaker nunmehr der einflussreichste Herrscher im Westen Europas, eine Schwester Chlodwigs zur Frau, im Jahr darauf heiratet wiederum Chlodwig die Nichte des noch kurz zuvor mit ihm verfeindeten Burgunderkönigs. Auch das ein kluger Schachzug: Er verschafft sich so wieder Ruhe an der südöstlichen Flanke seines Reiches. Und damit Schlagkraft für sein nächstes Ziel: Aquitanien, das von den Westgoten beherrschte Land jenseits der Loire.
Was genau geschieht, liegt im Dunkel der Geschichte. Doch im Jahr 496, so scheint es, fällt Chlodwig dort ein, dringt bis nach Saintes vor, rund 200 Kilometer südlich der Loire. Dann aber muss er offenbar abrupt abziehen, die schon eroberte Stadt fällt wieder an die Westgoten. Der wahrscheinliche Grund: Die Alemannen, heimisch am Oberrhein und möglicherweise von den Westgoten um Hilfe gebeten, attackieren nun ihrerseits die flussabwärts gelegenen Gebiete der Franken. Westlich des Stromes, der Ort lässt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren – vielleicht ist es Zülpich bei Köln –, kommt es zu einem großen Treffen zwischen beiden Lagern. Es läuft zunächst wohl nicht gut für Chlodwig. Als die Reihen seiner Kämpfer unter den Hieben der anstürmenden Alemannen zu brechen drohen, so berichtet es jedenfalls der fromme Chronist Gregor von Tours, wendet sich Chlodwig unvermittelt an Jesus Christus, fleht den Sohn Gottes um Hilfe an – und verspricht seine Bekehrung zum Christentum, falls dieser ihn aus seiner höchsten Not errette. Tatsächlich erringen die Franken daraufhin den Sieg, die Alemannen unterwerfen sich. Und Chlodwig kann das fränkische Herrschaftsgebiet den Rhein entlang nach Süden ausdehnen.
Ob es mehr als eine Legende ist, dass Chlodwig auf dem Schlachtfeld die Entscheidung trifft, sich zum christlichen Glauben zu bekennen, bleibt fraglich. Tatsächlich übt wohl seine Frau Chrodechilde, die im Gegensatz zu ihm Christin ist, einen gewissen Einfluss auf ihren Mann aus. Die bald nach der Eheschließung geborenen Söhne werden wie sie katholisch getauft. Chlodwig hätte dies als König ohne Zweifel verhindern können. Doch er tut es nicht – womöglich, um wiederum ein Zeichen an seine zum größten Teil römisch geprägten Untertanen zu senden: Seine Thronerben, die künftigen Herrscher des Frankenreichs, werden christliche Könige sein. Und dann geht Chlodwig, vermutlich von Chrodechilde angetrieben, aber auch von hohen Geistlichen wie Bischof Remigius von Reims, dem einflussreichsten Kirchenführer in Nordgallien, den entscheidenden Schritt weiter: Er lässt sich selbst feierlich taufen.
CHRISTEN STEHEN UNTER SEINEM SCHUTZ
Reims, am Weihnachtstag 498*. Farbige Tücher wehen in den Straßen, weiße Vorhänge schmücken die Kirchen. Marmorsäulen künden an manchen Fassaden von den Zeiten, als die Bischofsstadt noch der Hauptort einer römischen Provinz war. Dicht gedrängt wohl säumen Menschen den Weg zur Taufkirche.
Chlodwig, zu dieser Zeit vermutlich Anfang 30, ist eine stattliche Erscheinung, ein Mann von immenser Körperkraft. Mit einem großen Gefolge, von 3000 seiner Kämpfer berichten die Chroniken, zieht der Herrscher durch die Straßen. Ein scharlachroter Umhang mag seine Würde signalisieren, darunter ein eng anliegendes buntes Gewand, die Füße in fellbesetzten Schnürstiefeln. Unterschenkel und Arme aber sind unbedeckt – so ist es üblich unter fränkischen Kriegern, egal welche Witterung herrscht. Die Haare trägt Chlodwig lang, ein Zeichen seiner Königsmacht, Wangen und Kinn sind dagegen wohl glatt rasiert wie bei allen Männern seines Volkes.
Im Baptisterium – auch dieses ist herausgeputzt, zahllose Kerzen erleuchten den von Weihrauchdüften erfüllten Raum – nimmt ihn Remigius in Empfang. Der alte Bischof, so mag man es sich vorstellen, geleitet den König zum Taufbecken, an dem sich vermutlich etliche der Kirchenführer des Reiches versammelt haben. Vor aller Augen wendet sich Chlodwig zunächst gen Westen und schwört dem Teufel ab. Nach Osten gerichtet, spricht er dann das christliche Glaubensbekenntnis gemäß den Lehren der römischen Kirche. Er legt seine kostbaren Gewänder ab und steigt in das Taufbecken.
Dreimal taucht ihn Remigius darin unter, auf dass die Spuren seines bisherigen Heidenlebens abgewaschen werden. Dann beugt Chlodwig sein stolzes Haupt vor dem Kreuz, vor dem Herrscher der Welten, dem dreieinigen Gott der Christen. Remigius salbt ihn mit Chrisam, dem heiligen Öl, und legt dem Bekehrten ein strahlend weißes Taufgewand an, Symbol der neu gewonnenen Reinheit des nunmehr christlichen Königs. Nach Chlodwig werden auch die mit ihm gekommenen Krieger getauft – wiederum ein Zeichen an das gallische Volk: Die neue Herrscherelite samt ihrem Gefolge nimmt den Glauben der Untertanen an.
Mit der Taufe in Reims ist der Pakt zwischen Kirche und König besiegelt. Chlodwig ringt nun als Christ und mit dem Segen der katholischen Kirche weiter um die Macht in Gallien. Denn die Kämpfe der Franken mit den Westgoten und anderen germanischen Reichen wogen in diesen Jahren hin und her. Chlodwig kann vermutlich Bordeaux erobern, tief in westgotischem Gebiet, zieht sich jedoch offenbar bald abermals wieder zurück. Stattdessen mischt er sich in einen Thronstreit im Burgunderreich ein – in dem sich letztlich allerdings die rivalisierende Seite durchsetzt, möglicherweise mit westgotischer Unterstützung.
KALTBLÜTIG GEGEN KONKURRENZ
RECHT IM REICH
Um 502 treffen sich Chlodwig und Alarich II., der König der Westgoten, angeblich auf einer Insel in der Loire und vereinbaren Frieden untereinander – wahrscheinlich auf Initiative des Ostgoten Theoderich, der zugleich Chlodwigs Schwager und Alarichs Schwiegervater ist. Und tatsächlich wendet sich der Frankenkönig in eine andere Richtung, erringt wohl 506 einen durchschlagenden Erfolg gegen die Alemannen und erweitert sein Reich nochmals auf deren Kosten.
Längst beobachtet Theoderich mit Argwohn von Italien aus den Machtzuwachs Chlodwigs. Der Ostgotenkönig will den Unruhestifter jenseits der Alpen im Zaum halten, versucht mittels Gesandtschaften, eine neuerliche Eskalation zwischen Franken und Westgoten zu verhindern. Zugleich strebt er ein Bündnis mit dem Burgunderherrscher sowie den Königen der im heutigen Deutschland ansässigen Heruler, Warnen und Thüringer an – für den Fall, dass Chlodwig dennoch den Krieg gegen Alarich wagt und in die Schranken gewiesen werden muss. Doch die Bemühungen Theoderichs bleiben fruchtlos.
Vielmehr überschreitet Chlodwig im Frühjahr 507 erneut die Grenze zum Reich der Westgoten. Die sind auf die Attacke vorbereitet: In der Nähe von Poitiers stellt sich ihre Streitmacht unter König Alarich II. dem fränkischen Invasionsheer in den Weg.
Es wird ein schreckliches Gemetzel, noch Jahrzehnte später berichtet ein Zeitzeuge von Leichenbergen, vermutlich in großen Grabhügeln verscharrt. Mit Chlodwig kämpfen fränkische Verwandte vom Rhein, die dort wohl als Unterkönige herrschen, auf westgotischer Seite sind Galloromanen aus der Auvergne beteiligt. Der Frankenkönig selbst überlebt angeblich nur knapp. Von beiden Seiten treffen ihn Speere, schreibt Gregor von Tours, doch sein Brustpanzer schützt ihn, und er kann sich mit seinem schnellen Pferd in Sicherheit bringen. Gleichwohl gewinnt er die Schlacht. Alarich II. fällt im Kampf, die Westgoten fliehen in Panik – alleingelassen von ihren germanischen Verbündeten.
Denn Chlodwig beherrscht inzwischen das diplomatische Spiel virtuos: Die Burgunder hat er, wohl mit der Aussicht auf Gebietsgewinne in der Provence, zum Seitenwechsel überredet, sie treten nun auch selbst in den Krieg gegen die Westgoten ein. Und um die Ostgoten fernzuhalten, hat er rechtzeitig Hilfe vom Kaiser im fernen Konstantinopel, Anastasius, gewinnen können. Während Chlodwig 507 in das Reich der Westgoten einfällt, stehen oströmische Soldaten an der Grenze zu Theoderichs Reich, bedroht zudem eine Flotte des Kaisers die Küsten Süditaliens – sodass der Ostgote nicht mit seinen Truppen nach Gallien eilen kann, um seinem Schwiegersohn Alarich II. beizustehen. Chlodwigs Truppen erobern nach der siegreichen Schlacht Schritt für Schritt fast das gesamte nördlich der Pyrenäen gelegene Territorium der Westgoten, denen lediglich ein Gebiet am Mittelmeer bis zum Unterlauf der Rhône bleibt. Eines fehlt dem Franken nun noch: die formelle Akzeptanz als neuer mächtiger Mann in Gallien durch den Kaiser in Konstantinopel.
Lange muss Chlodwig nicht warten. Bereits 508 schickt Anastasius eine Gesandtschaft und lässt dem Frankenkönig in Tours, das genau an der Grenze zwischen seinen alten und den neu eroberten Gebieten liegt, die Zeichen höchster Anerkennung überreichen: ein Purpurgewand und ein Diadem. Nach dieser Ehrung erhebt Chlodwig Paris zur neuen Zentrale seines Reiches. Die Stadt an der Seine, bis dato ein unbedeutender Ort, ist günstig gelegen. Chlodwig gelangt von dort auf den alten Römerstraßen relativ schnell zu den eroberten Gebieten im Süden, aber auch an den Rhein und über den Fluss in weitere Winkel seines Reiches, sollte sich an dieser Seite irgendwo Widerstand gegen seine expandierende Herrschaft regen. Kaltblütig und systematisch schaltet er zudem mögliche Konkurrenten im Innern aus.
Laut Gregor von Tours spinnt Chlodwig eine perfide Intrige gegen den in Köln residierenden fränkischen König Sigibert. Er stiftet dessen Sohn, der ihn in der Schlacht bei Poitiers mit Truppen unterstützt hat, an, den eigenen Vater zu erschlagen und selbst den Thron zu besteigen. Nach vollbrachter Tat lässt Chlodwig seinerseits den jungen Mann umbringen, bezichtigt den Toten öffentlich des Vatermordes und beschwört die eigene Unschuld an den Taten; so präsentiert er sich den vormaligen Untertanen Sigiberts als Garant von Recht und Ordnung – und gewinnt schließlich ihre Königswürde.
Auch die fränkischen Kleinkönige im heutigen Belgien und Nordfrankreich, die wie jene am Rhein vermutlich schon länger unter Chlodwigs Oberherrschaft stehen, aber wohl noch immer relativ selbstständig ihre Gebiete regieren, fallen ihm zum Opfer. Einige lässt er von gedungenen Häschern umbringen. König Ragnachar von Cambrai, der einst mit ihm gegen Syagrius gezogen war, erschlägt Chlodwig angeblich sogar eigenhändig mit der Axt – wie damals den unbotmäßigen Krieger in Soissons. Schließlich sind alle Könige neben ihm beseitigt, und die einzigen fränkischen Thronanwärter sind die eigenen Nachkommen, seine inzwischen vier Söhne.
Doch mag der Herrscher selbst blutig das Recht des Stärkeren praktizieren, lügen und betrügen – in seinem Reich sollen doch Recht und Ordnung herrschen. Chlodwig, der das germanische Idiom der Franken spricht und vermutlich auch sehr gut Latein beherrscht, gibt seinem Reich nach dem Vorbild der römischen Kaiser ein einheitliches, schriftlich fixiertes Gesetzbuch: die Lex salica(wohl „allgemeines Gesetz“). Das Werk regelt unter anderem Strafen bei Beleidigungen, Körperverletzung und diversen Formen von Diebstahl bis hin zur Zahlung eines sogenannten Wergeldes für die vorsätzliche Tötung eines Menschen. Die Höhe einer solchen Strafzahlung hängt vom sozialen Stand von Opfern und Tätern ab. Wer etwa einen Franken tötet, zahlt deutlich mehr Geld als der Mörder eines Untertanen römischer Abstammung.
Dass sich Chlodwig nicht mit der mündlichen Überlieferung von Stammesregeln zufriedengibt, sondern Juristen mit der lateinischen Niederschrift eines für alle Franken geltenden Rechts beauftragt, ist vermutlich ein Zeichen imperialer Ambition: Nur andere große Könige der Zeit wie der Westgote Alarich II. oder der Burgunder Gundobad lassen ihre Gesetze in solcher Form festhalten – und natürlich der Kaiser in Konstantinopel.
Der Frankenherrscher ist auf dem Höhepunkt seiner Macht und rund 45 Jahre alt, als er im Sommer 511 ein Konzil nach Orléans einberuft. 32 Bischöfe vor allem aus den seit seinem Machtantritt eroberten Teilen des neuen Großreiches reisen an, um Chlodwigs durch die Taufe in Reims geschlossenen Pakt mit der katholischen Kirche zu bestätigen. Es ist wohl das letzte von ihm initiierte Großereignis. Am 27. November 511 stirbt Chlodwig als unumstrittener Herrscher aller Franken (und von zahllosen römisch geprägten Galliern) – woran, schildert keine Quelle. Auf jeden Fall wird er als erster König aus dem Haus der Merowinger in einer Kirche bestattet, einem Gotteshaus in Paris.
Das von ihm erkämpfte Reich aber wird unter seinen Söhnen aufgeteilt. Ein Keim für Zwietracht: Die Erben Chlodwigs und auch deren Nachkommen werden fortan immer wieder erbittert um die Macht ringen. Doch die ideelle Einheit des Reiches stellen sie nie infrage. Und so wird das fränkische Herrschaftsgebiet trotz aller internen Kämpfe weiter wachsen. Seine größte Blüte allerdings wird das Frankenreich erst erleben, als fast zweieinhalb Jahrhunderte nach Chlodwigs Tod eine neue Dynastie endgültig dessen Spitze erobert: 751 lässt sich ein Karolinger zum König erheben – und schickt den letzten Merowinger auf dem Thron, einen fernen Nachfahren des großen Chlodwig, ins Kloster.
2. Radegunde. Wegbereiterin des Glaubens
Sie kommt ins Frankenreich als Unterworfene und steigt auf zur Königin. Doch nicht weltliche Macht interessiert Radegunde, sondern die Kraft des Göttlichen. Als Gründerin eines Frauenklosters wird sie zur Pionierin – und prägt die fränkische Kultur
DAS HOLZSTÜCK IST UNSCHEINBAR, nur einige Zentimeter groß, und doch wird es dem Nonnenkloster in Poitiers, der Bischofsstadt im Westen des Frankenreichs, einen nie gekannten Glanz verleihen. Würdevoll schreitend tragen Kleriker es im Jahr 569 durch die Stadt, hin zur Abtei. Als sie durch das Portal der Klosterkirche treten, empfängt sie das Licht unzähliger Kerzen, der würzig-süße Duft von Weihrauch.
Dem feierlichen Geschehen wohnt auch eine etwa 50-jährige Frau bei: Radegunde, die Gründerin des Klosters. Ihr ist es gelungen, das hölzerne Bruchstück vom Kaiser in Konstantinopel zu erwerben. Ein gewaltiger Erfolg. Denn es ist angeblich ein Teil des Kreuzes, an dem Jesus Christus starb – und zählt damit zu den bedeutendsten Reliquien der Christenheit. Kaum eine andere Kirche oder Abtei kann mit einem derart prestigeträchtigen Gegenstand aufwarten. Und so ist die Prozession an diesem Tag auch ein Triumphzug für Radegunde.
Sie, die aus der Fremde ins Reich der Franken gekommen und dort zur Königin aufgestiegen ist. Die sich mit der Gründung des Frauenklosters zu Poitiers als visionäre Pionierin erweist. Denn neben den trutzigen Residenzen der fränkischen Herrscher, neben den noch aus römischer Zeit stammenden städtischen Zentren werden es bald die Klöster sein, die Antlitz und Kultur des Frankenreichs prägen. Radegunde hat in dieser entrückten Welt ein neues Leben gefunden – nach einem dunklen Schicksal mit Entführung, Zwang und Flucht. Als der Frankenkönig Chlodwig im Jahr 511 stirbt, teilen dessen Nachkommen sein Großreich unter sich auf und beginnen bald darauf, einander mit Mord und Krieg zu überziehen; gleichzeitig erobern die Merowinger weitere Gebiete für ihre Dynastie.
Radegunde, Tochter und Nichte von Königen der Thüringer (deren Reich sein Zentrum im heutigen Thüringen hat), ist kaum zehn Jahre alt, als zwei von Chlodwigs Söhnen um 530 in das Gebiet eindringen. Nach ihrem Sieg fällt das Thüringerreich an Theuderich, sein Halbbruder Chlothar, der ihm bei der Eroberung geholfen hat, verschleppt die Prinzessin und einen ihrer Brüder in seinen Reichsteil um die Kapitale Soissons nordöstlich von Paris. Knapp zehn Jahre später arrangiert der Merowinger eine Hochzeit mit seiner Kriegsbeute: Er ehelicht Radegunde, möglicherweise, um seine Erbansprüche auf die thüringischen Gebiete zu stärken.
Chlothar gilt als außerordentlich brutal. Statt zu ihm fühlt sich die junge Königin, die im Frankenreich eine christliche Erziehung erhalten hat, mehr zu Gott hingezogen, so berichten es zumindest die legendenhaft überhöhten Lebensbeschreibungen von Radegunde, die bald nach ihrem Tod entstehen. Sie übt sich in Nächstenliebe und Askese, gründet ein Hospital, schenkt Gefangenen die Freiheit – und verbringt die Nächte lieber im Gebet als im Ehebett. Die Verbindung bleibt kinderlos, distanziert, für die Gemahlin wohl zutiefst unbehaglich. Als Chlothar schließlich um 550 Radegundes Bruder als möglichen Konkurrenten um das thüringische Erbe töten lässt, entflieht die Königin ihrem Ehemann.
Sie zieht beim Ort Saix, in einem rund 300 Kilometer südwestlich gelegenen Teil von Chlothars Reich, auf ein Landgut, das der König ihr vermacht hat. Und offenbar verschreibt sich Radegunde nun ganz ihrer religiösen Mission: Bereits auf der Flucht hat sie sich von einem Bischof zur Diakonin weihen lassen. Ihre kostbaren Kleider und Juwelen, Zeichen ihres weltlichen Rangs, legt sie ab und spendet sie. Sie sammelt andere fromme Frauen um sich, gewinnt mächtige Kleriker als Fürsprecher und kann sich schließlich sogar Chlothars Unterstützung sichern. Radegundes Plan: Sie will ein Frauenkloster errichten, eines der ersten in Westeuropa. Im nicht weit entfernten Poitiers.
Wie die zahlreichen anderen Städte im Frankenreich ist auch Poitiers, erst 507 durch die Merowinger von den Westgoten erobert, einst von Vertretern des expandierenden Imperium Romanum gegründet worden, als Stützpunkt römischer Zivilisation und Herrschaft. Die politischen Stürme der vergangenen Jahrhunderte haben diesen Orten allerdings zugesetzt. Amphitheater, Markthallen, Thermenanlagen ragen jetzt oft als Ruinen über Brachflächen oder Äcker. Manche Großbauten werden zu Behausungen umgewandelt, bei anderen brechen Handwerker Steine aus dem alten Mauerwerk, um sie als Baumaterial zu nutzen, etwa für christliche Gotteshäuser. Denn Pracht verbreitet nun vor allem die Kirche. Ihre Bischöfe sind die mächtigsten Männer in den Städten – zusammen mit den hier residierenden Statthaltern der Könige für die jeweilige Gegend. So haben die Orte ihre herrschaftliche und kulturelle Strahlkraft bewahrt.
Poitiers verfügt zudem über eine besondere religiöse Tradition. Wenige Kilometer südlich der Stadt hatte etwa zwei Jahrhunderte zuvor der inzwischen als Heiliger verehrte ehemalige Soldat Martin eine asketische Anhängerschaft angezogen und damit die vermutlich erste christliche Klostergemeinschaft im Westen begründet. Unweit von dessen alter Wirkungsstätte bezieht Radegunde wohl zwischen 555 und 560 ihre neue, eigens errichtete Abtei mit Kapelle, Wohnquartieren und Wirtschaftsgebäuden.
Es ist ein streng geführtes, eigenes Reich, das sie sich hier formt, rigide abgeschirmt von den Versuchungen und Gefahren der Außenwelt. Die Nonnen dürfen das Kloster ihr Leben lang nicht verlassen, Besucher sind nur in Ausnahmen gestattet. Hinter den Mauern versenken sich Dutzende Frauen Tag um Tag in fromme Lektüre, sie beten, schmücken den Altar ihrer Kapelle mit Blumen, fasten regelmäßig. Für sich selbst, so heißt es in ihren Viten, ersinnt Radegunde ständig neue Martern, um dem Gekreuzigten nahe zu sein, sie hungert oder ernährt sich von einer kargen Diät aus Getreide und Wasser, versengt und geißelt ihren Körper.
Das Amt der Äbtissin überlässt sie einer Vertrauten. Als Gründerin und einstige Herrschergattin steht Radegunde dennoch de facto an der Spitze des Klosters. Bittsteller ersuchen sie um Rat oder Fürsprache bei der Königsfamilie. Nach Chlothars Tod 561 versucht sie per Brief in den Machtkampf zwischen ihren Stiefkindern einzugreifen. Und sie schickt Agenten aus, um für ihre Abtei Reliquien zu beschaffen.
Sie ersinnt ständig neue Martern, um dem Gekreuzigten nahe zu sein, hungert und geißelt ihren Körper
Um 567 reift ein besonders ehrgeiziges Vorhaben: Im fernen Konstantinopel bewahrt der Kaiser gleich mehrere Stücke vom angeblichen Heiligen Kreuz; um eines davon will Radegunde ihn bitten. Von ihrem Stiefsohn Sigibert, zu dessen Herrschaftsgebiet Poitiers inzwischen gehört, erhält sie Empfehlungsschreiben an den kaiserlichen Hof, denn auch für den König wäre der Erwerb ein Prestigegewinn und ein diplomatischer Erfolg. Im Jahr 569 kommen Radegundes Boten tatsächlich mit dem ersehnten Kreuzteilchen zurück.
Dann jedoch ein Rückschlag: Der Bischof von Poitiers weigert sich, die Reliquie mit dem erforderlichen Zeremoniell in die Klosterkirche von Radegundes Abtei zu überführen. Vielleicht weil sich der Kleriker von der königlichen Nonne in den Schatten gestellt sieht. Die Gesandtschaft muss sich vorerst in das nahe Tours zurückziehen. Radegunde wendet sich erneut an Sigibert, und der beauftragt einen Vertreter. So ist es schließlich der Bischof von Tours, der bei Kerzenschein und Weihrauchnebel das Holzfragment in eine Nische im Altar der Abteikirche einfügt. Radegundes Kloster trägt fortan den Namen Sainte-Croix: Heiliges Kreuz. Es ist ihr wahrscheinlich stolzester Tag.
Fast zwei Jahrzehnte bleiben ihr da noch. Als sie im August 587 stirbt, geleiten Kleriker ihren Sarg bis zur Begräbniskapelle außerhalb der Stadtmauern. Die Nonnen dagegen bleiben in der Abtei zurück, so wie es die Ordensregel vorschreibt, die die Verstorbene einst eingeführt hatte. Nur vier Jahre nach Radegundes Tod erhält das fränkische Klosterwesen einen weiteren Schub: Der irische Missionar Columban erreicht den Kontinent. In den rund zwei Jahrzehnten, die er im Frankenreich verbringt, erschafft er eine Bewegung, aus der mehr als 100 neue Klöster hervorgehen werden, unterstützt durch viele einheimische Adelige. Versehen mit reichen Schenkungen, wachsen die Abteien zu bedeutenden Wirtschaftszentren heran, zu Hütern von Kunstschätzen, zu architektonischen Wahrzeichen und Orten höchster Gelehrsamkeit.
Die Nonnen von Sainte-Croix hegen die Kreuzreliquie über die Jahrhunderte, bis heute. Radegunde, die das Wunderding einst nach Poitiers holte, gilt inzwischen als Schutzpatronin der Stadt. Jahr für Jahr kommen Pilger und beten an ihrem schlichten, schwarzen Marmorsarkophag. Und so ist es längst auch sie selbst, die dem Ort heiligen Glanz verleiht.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Klüver, Reymer: Chlodwig. Der dunkle Held, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 134), Hamburg 2025, S. 46-66.
-> Muche, Svenja: Radegunde. Wegbereiterin des Glaubens, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 134), Hamburg 2025, S. 80-83.
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Karolinger
Wikinger
Inhaltsverzeichnis
1. Wikinger am Mittelrhein
1. Wikinger am Mittelrhein
Einleitung
Als im Jahre 793 skandinavische Seeräuber die nordenglische Klosterinsel Lindisfarne überfielen, markierte dieses Ereignis nicht nur den Anfang einer Serie von Raubüberfällen in Europa, sondern auch den Beginn einer neuen Epoche. Nicht nur die Küsten Englands und des Frankenreichs wurden von der „Geißel der Christenheit“ heimgesucht, mit ihren schnellen, hochseetüchtigen Schiffen befuhren die skandinavischen Piraten beinahe alle größeren Gewässer der nördlichen Halbkugel. Innerhalb von gut 250 Jahren eroberten sie ganze Landstriche und errichteten neue Reiche (Capelle 1986, S. 1).
Auch an Rhein und Mosel lernten die Menschen die Wikinger vor allem als Krieger kennen. Der weitaus größere Teil der skandinavischen Bevölkerung lebte und arbeitete jedoch als Bauern, Handwerker, Fischer oder Händler. Die heimischen Kerngebiete bildeten weite Teile der heutigen Königreiche Dänemark, Schweden und Norwegen. Von diesen Siedlungsgebieten aus nahmen die Wikingerzüge ihren Ausgang. Die meisten der nordischen Räuber, die Ende des 9. Jahrhunderts die Orte am Mittelrhein angriffen, waren Dänen oder kamen aus Gegenden Südskandinaviens, die unter dänischer Oberherrschaft standen (Sawyer 2002, S. 134).
1. Die Wikinger an Rhein und Mosel
Auch wenn es kaum archäologische Funde gibt, die auf eine rege Tätigkeit der Wikinger an Rhein und Mosel hinweisen, so belegen doch einige zeitgenössische Quellen, dass die nordischen Piraten diese Region unsicher machten und größere Handelsplätze wie Bonn, Andernach, Koblenz und Trier überraschend angriffen und mit reicher Beute weiter zogen.
Bereits seit Mitte der 830er Jahre waren die Wikinger über den Rhein bis ins Frankenreich vorgedrungen, wo sie wichtige Handelsplätze überfielen. Dorestad in den heutigen Niederlanden wurde bis zur Mitte des Jahrhunderts mindestens sechs Mal geplündert und bei einem erneuten Überfall im Jahr 863 komplett zerstört. 845 wurde Paris verwüstet und von den Wikingern das erste so genannte Danegeld in Höhe von 7.000 Pfund Silber erhoben; bis 926 gab es im Frankenreich insgesamt mindestens 13 solcher „Schutzgelderpressungen“ (Capelle 1986, S. 88).
Doch erst seit den 880er Jahren – und damit eher spät – suchten die Wikinger größere Handelsplätze an Mittelrhein und Mosel heim. Dies war jedoch kein Zufall, sondern eine Folge der zunehmenden Erfolge König Alfreds des Großen (Regierungszeit 871-899) gegen das so genannte Große Wikingerheer in England, der den Wikingern 878 bei Edington (Wiltshire) eine empfindliche Niederlage zugefügt hatte.
Da die Wikinger häufig die direkte Konfrontation mit einem starken Gegner scheuten, zogen sie sich zunächst aus England zurück. Als hervorragend geeignet für neue Beutezüge erwies sich das Frankenreich, denn der Zerfall des Großen Heeres nach dem gescheiterten Versuch der Eroberung von Wessex fiel zeitlich mit neuerlichen Nachfolgestreitigkeiten im Frankenreich zusammen. Geteilt und durch politische Wirren erschüttert, war für die Wikinger hier nicht mit einer effektiv organisierten Gegenwehr zu rechnen.
Die internen Konflikte, die zu den Teilungen des fränkischen Reiches führten, hatten ernsthafte Folgen für die Verteidigung gegen Eindringlinge von außen. Zwar hatten Karl der Große (Regierungszeit 786/771-814) und Ludwig der Fromme (Regierungszeit 814-840) durch die Errichtung von Befestigungsanlagen die Küsten zu sichern versucht, aber spätestens nach dem Ausbruch der Konflikte zwischen Ludwig dem Frommen und seinen Söhnen im Jahr 830 brach diese Verteidigung zusammen (Capelle 1986, S. 89). Die politische Schwäche des Frankenreichs, insbesondere nach dem Tode Ludwigs im Jahr 840 und der anschließenden Teilung des Reichs im Vertrag von Verdun 843, schuf eine günstige Voraussetzung für die Wikinger. Karl der Kahle (Regierungszeit 843-877) erhielt den Westen des fränkischen Reichs, Ludwig der Deutsche (Regierungszeit 840-876) den Osten, Lothar I. (Regierungszeit 843-855) sicherte sich das Mittelreich, zu dem auch der Mittelrhein gehörte. Damit waren die Konflikte allerdings nicht beendet. Die Brüder und ihre Nachkommen bekämpften sich weiterhin, was immer neue Reichsteilungen zur Folge hatte. Mit dem Vertrag von Meersen 870 fiel der östliche Teil des Mittelreichs – und damit die Gegend um Koblenz und Trier – an das Ostfrankenreich Ludwigs des Deutschen (Anton/Haverkamp 1996, S. 76).
Die Bevölkerung am Rhein wird den Wikingern weitgehend wehrlos ausgeliefert gewesen sein, da diese meist schnell und überraschend angriffen, obwohl sie auf dem Rhein und der Mosel von den Ufern her wesentlich gefährdeter und leichter angreifbar waren als an den Küsten. Waren die Maßnahmen der fränkischen Könige zur Abwehr der Wikinger, wie zum Beispiel die Errichtung einer Flotte zum Küstenschutz, die Instandsetzung ehemaliger römischer Stadtbefestigungen, die christliche Mission oder auch die Überlassung von Küstengebieten an Wikinger oder deren Anheuerung als Söldner nicht sonderlich wirksam, so gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass die Bewohner an Rhein und Mosel irgendwelche präventiven Maßnahmen gegen die Wikinger ergriffen hätten (Eickhoff 2004, S. 56). Auch von Seiten der jeweiligen Herrscher scheint es in diesem Raum keine koordinierten und systematischen Vorbereitungen auf eventuelle Wikingerattacken gegeben zu haben.
Möglicherweise wurden, wie in Mainz, die vorhandenen Befestigungsanlagen beim Heranrücken einer Schar Wikinger eilig in Stand gesetzt oder verstärkt, ansonsten scheint der einfachen Bevölkerung ebenso wie Mönchen und Klerikern aber nur die eilige Flucht ins Hinterland oder der direkte Kampf geblieben zu sein. Wie groß die Schar der Plünderer am Mittelrhein war, lässt sich nicht genau rekonstruieren, normalerweise operierten die Wikinger bei ihren Blitzüberfällen aber in kleineren Gruppen, die eher Hunderte denn Tausende zählten. Die Notwendigkeit einer ausreichenden Versorgung war ein entscheidender Faktor bei der Begrenzung der zahlenmäßigen Stärke (Sawyer 2002, S. 141).
Zwischen 879 und 891 waren mehrere Wikingerheere, die ihre Kräfte gelegentlich bündelten, auf dem Festland aktiv. Zuerst konzentrierten sie sich auf das Gebiet nördlich der Seine einschließlich Flanderns. Im November 881 setzten sich zwei dänische Anführer, Godefrid und Sigfrid, mit ihrem Gefolge in Elsloo an der Maas fest, wo sie nördlich von Roermond geschützt den Winter verbringen und von hier aus auf Raubzüge gehen konnten. Zuerst verwüsteten sie die Orte in der Nachbarschaft und brandschatzen Lüttich, Maastricht und Tongern (Regino von Prüm, Chronik, ad a. 881). Ende 881 zogen sie dann rheinaufwärts in Richtung Jülich, Neuss, Köln, Zülpich und Bonn. Mit Bonn erreichten sie das Tor zum Mittelrhein.
2. Bonn
In Bonn waren zur Zeit der Wikingerangriffe nur noch die Südwestecke des ehemaligen Römerlagers unweit der spätantiken Dietkirche und die Umgebung der Märtyrerkirche Cassius und Florentius besiedelt. Zu dieser „villa basilica“ um die Stiftskirche gehörte auch der sogenannte „vicus“, eine kleine Händlersiedlung, die beim Angriff 882 schwer beschädigt worden sein dürfte (Ennen/Höroldt 1976, S. 30). Zwar berichten die Fuldaer Annalen, die Städte Köln und Bonn seien mit ihren Kirchen und Gebäuden während des verheerenden Überfalls 882 in Flammen aufgegangen, es gibt jedoch weder in Köln noch in Bonn archäologische Hinweise auf eine derart umfassende Zerstörung. Bei den Ausgrabungen am Bonner Münster wurde über den karolingischen Böden kein Brandschutt gefunden (Päffgen 2004, S. 102). Daraus lässt sich schließen, dass die Kirche 882 nicht abgebrannt ist. Laut dem Prümer Chronisten Regino gelang vielen Klerikern die Flucht nach Mainz, wo sie einen großen Teil der Kirchenschätze und Heiligenreliquien in Sicherheit bringen konnten.
Neben der Aachener Pfalz überfielen die Wikinger anschließend auch die Klöster Kornelimünster, Stablo und Malmedy. Besonders hart dürfte die geistlichen Chronisten getroffen haben, dass die Wikinger bei ihren Raubzügen auch vor Kirchen und Klöstern nicht halt machten. So erwies sich die Nachricht, die barbarischen Heiden aus dem Norden hätten die ehrwürdige Aachener Pfalzkapelle Karls des Großen als Pferdestall benutzt, als besonders demütigend für die Franken (Krause 2006, S. 97).
3. Prüm
Im Rheinland bewiesen die Wikinger, dass sie nicht auf ihre Schiffe angewiesen waren. Zu Pferde, die auf den Schiffen mitgeführt werden konnten, nutzen sie die alten Römerstraßen, um die Eifel und die Ardennen zu überwinden. Den Wikingerplünderungen der Jahre 881/882 fielen so nicht nur die Residenzen in Köln und Aachen zum Opfer, sondern auch die Sankt Salvator-Abtei Prüm in der Eifel.
Was diesem bedeutenden Kloster geschah, schildert der Mönch und spätere Abt Regino in seiner Chronik (Regino, Chronik, ad a. 882):
Sie drangen auf einem Streifzug durch die Ardennen am Tag der Erscheinung des Herrn, also am 6. Januar, in das Kloster ein, in dem sie sich drei Tage aufhielten und die ganze Gegend ausplünderten. Daraufhin sammelte sich viel Fußvolk von den Äckern und Landgütern und rückte gegen die Nordmänner vor. Aber diese beherzten Männer hatten offensichtlich keine Krieger unter sich; sie waren kampfungewohnte Bauern. Dementsprechend bereiteten sie den Wikingern keine Probleme. Denn als diese ihre mangelnde Bewaffnung und die fehlende militärische Disziplin wahrnahmen, fielen sie mit Geschrei über sie her. Und sie metzelten die Franken derart nieder, dass unvernünftiges Vieh und nicht Menschen geschlachtet zu werden schienen. Danach kehrten sie mit reicher Beute beladen ins Lager zurück. Als sie das Kloster verließen, soll kein Mensch mehr gelebt haben, der die gelegten Feuer löschen konnte. So brannte das Kloster Prüm nieder.
4. Andernach und Koblenz
Nach dem Massaker an der sich zur Wehr setzenden Prümer Bevölkerung zogen die Wikinger weiter gen Süden. Ein von dem schwer erkrankten Ludwig den Jüngeren (Regierungszeit 876-882) aufgestelltes Heer hatte sich nach dessen Tod am 20.1.882 kampflos wieder zurück gezogen. In Erwartung eines Angriffs wurden daher die römischen Stadtmauern von Mainz eilig in Stand gesetzt; die mittlerweile bis nach Andernach und Koblenz vorgedrungenen Skandinavier wichen jedoch auf die Mosel aus und zogen in Richtung Trier (Heinen/Anton 2003, S. 273).
4.1 Andernach
Andernach ging erst verhältnismäßig spät in den Besitz der Franken über, die hier einen Königshof errichteten, der von den merowingischen Königen häufig besucht wurde. Auch in karolingischer Zeit behielt Andernach als königliches Fiskalgut und Grenzstadt seine wirtschaftliche und militärisch-strategische Bedeutung (Flach 1988, S. 44). Ähnlich wie in Koblenz und Mainz scheinen auch in Andernach die Mauern des ehemaligen römischen Kastells den Vorstoß der Wikinger verhindert zu haben. Nach dem Überfall 882 wird jedoch die Vorstadtsiedlung, die während des Angriffs mit ihren von Handwerkern, Kaufleuten und Fischern besiedelten kleineren Häusern wohl stark in Mitleidenschaft gezogen worden war, aufgegeben worden sein (Krüger 1988, S. 87). Wirtschaftliche Auswirkungen auf das Fiskalgut sind allerdings auszuschließen, denn bereits im Jahre 885 war die Wirtschaftsverwaltung des Andernacher Fiskus wieder hergestellt.
4.2 Koblenz
In Koblenz scheint die ehemalige römische Befestigung mit einer starken Mauer und 19 mächtigen Rundtürmen in einem guten Zustand gewesen zu sein und leistete entsprechenden Dienst bei der Abwehr der Wikinger. Vor den Mauern des ehemaligen Kastells hatten sich Bauern und Gewerbetreibende angesiedelt, deren Häuser ebenso wie die Basilika St. Kastor bei dem Angriff der Wikinger 882 im Gegensatz zu den hinter den Mauern liegenden Gebäuden möglicherweise in Mitleidenschaft gezogen wurden (Flach 1988, S. 80).
5. Trier
Nachdem die Wikinger die Mosel entlang gezogen waren, erreichten sie Trier. Hier überfielen sie zunächst in der Karwoche die extra muros gelegenen Kirchen und Gehöfte. Die Stadt selbst wurde nach dem Bericht Reginos von Prüm an Gründonnerstag (5. April) eingenommen und tagelang ausgeplündert. Nach Regino gab es zahlreiche Opfer unter der Bevölkerung; allerdings gelang Erzbischof Berthold von Trier mit wenigen Gefolgsleuten die Flucht. Wie groß die Zerstörungen tatsächlich waren, ist nur annähernd zu ermitteln. Nachgewiesen sind anders als in Bonn Beschädigungen im Dombereich (Brandschichten über den karolingischen Estrichen der Kathedrale, Hubert/Haverkamp 1996, S. 125). Ferner waren die Klöster St. Maximin, St. Eucharius, St. Martin und St. Symphorian nördlich der antiken Stadtmauer betroffen, wobei letzteres nicht wieder aufgebaut wurde. Hingegen berichtet Regino, dass das Kloster St. Paulin von den Nordmännern nicht eingenommen werden konnte. Aber nicht nur die Klöster, auch deren Bibliotheken und Archive fielen den Überfällen zum Opfer. Was nicht in Sicherheit gebracht werden konnte, verbrannte. Mit der Zerstörung der Stadt durch die Wikinger sind wesentliche antike Strukturen des städtischen Siedlungsgefüges untergegangen und der Überfall bedeutete einen tiefen Einschnitt in der frühmittelalterlichen Geschichte der Stadt (Clemens 2001, S. 70).
6. Die Schlacht bei Remich
Nach der Verwüstung Triers zogen die Wikinger die Mosel flussaufwärts Richtung Metz. Bei Remich kam es zum Kampf zwischen den Eindringlingen und einem mosellanischen Aufgebot unter der Führung des Metzer Bischofs Wala (Episkopat 876-882), unterstützt von seinem Trierer Amtsbruder und Graf Adalhard von Metz (um 840/845-889/890). Die Wikinger siegten, Wala fiel in der Schlacht, Berthold und Graf Adalhard gelang noch einmal die Flucht. Dennoch zogen sich die Wikinger anschließend – wohl aufgrund des zunehmenden Widerstandes – aus der Region zurück und kehrten mit reicher Beute zu ihrem Lager nach Elsloo zurück (Regino von Prüm, Chronik, ad a. 882).
Ein weiterer Grund für den Rückzug der Wikinger aus dem Rhein-Mosel-Raum mag auch die Rückkehr des am 12.2.882 in Rom zum Kaiser gekrönten Karls III. (der Dicke, Regierungszeit Ostfrankenreich: 876-887, Westfrankenreich: 884-888) gewesen sein. Nach dem Reichstag von Worms im Mai 882 zog dieser mit einem starken Heeresaufgebot vor das normannische Lager in Elsloo, verzichtete jedoch auf militärische Aktionen und nahm nach zwölf Tagen Belagerung Verhandlungen mit den Wikingern auf. Das Ergebnis war ein mit Kirchengut erkaufter Abzug, bei dem Godefrid unter der Bedingung, dass er sich taufen lasse, Friesland als Lehen übertragen wurde. Sigfrid und die in Elsloo zurück gebliebenen Wikinger wurden zunächst durch reiche Zahlungen von weiteren Raubüberfällen abgehalten (Runde 2003, S. 229).
Der Friede währte jedoch nur ein halbes Jahr. Während Karl der Dicke nach Italien zog, verwüsteten die Wikinger im November 882 die niederländische Region Deventer. Da Godefrid zudem in dem einzigen Sohn Lothars II., Hugo, aus seiner nicht anerkannten Verbindung mit Waldrada, einen Bündnispartner gefunden und dessen Schwester Gisela geheiratet hatte, konnten 883 aus Dänemark nachgerückte Truppen die Plünderzüge, wie es in den Annales Fuldenses heißt „mit Bestimmung Godefrids“ erneut rheinaufwärts ausdehnen.
Besonders betroffen war diesmal der Xantener Raum. Nur wenige Kilometer rheinaufwärts in Duisburg schlugen die Wikinger ihr Lager auf. Dass die Wikinger dieses Mal nicht den Rhein hinab bis an den Mittelrhein vorstießen, lag einzig daran, dass ihnen der Mainzer Erzbischof Liutbert (Episkopat 863-889) und Graf Heinrich von Babenberg (vor 860-886) entgegentraten. Der Niederrhein nördlich der Ruhr konnte erst im Frühjahr 884 aufatmen, als es Heinrich gelang, Duisburg zurück zu erobern und den Niederrhein von den Wikingern freizukaufen (Regino von Prüm, Chronik, ad a. 884). Da Godefrid jedoch zusammen mit seinem Schwager Hugo im Frühjahr 885 die Übergabe von Sinzig, Andernach, Koblenz und anderer weintragender Güter forderte, entschloss sich Karl der Dicke, gegen den Skandinavier vorzugehen. Er ließ Godefrid und Hugo durch Graf Heinrich in eine Falle locken. Der Wikinger und seine Gefolgsleute wurden getötet, Hugo gefangen genommen und geblendet (Boyer 1994, S. 147). In den nächsten Jahren blieben die Wikingerüberfälle am Rhein aus.
7. Der Wikingereinfall des Jahres 892
Nach zehn Jahren der Ruhe wurden Rhein und Mosel im Jahr 892 erneut von den Wikingern heimgesucht. Hintergrund war, dass der ostfränkische Herrscher Arnulf von Kärnten (Regierungszeit 887-899) den Wikingern in der Schlacht von Löwen an der Dyle (Belgien) 891 eine empfindliche Niederlage bereitet hatte, die sie erneut dazu zwang, ins Rheinland auszuweichen. Im Februar 892 zog daher noch einmal ein Heer entlang der Mosel über Trier, das erneut geplündert wurde, bis nach Bonn. Bei Lannesdorf trat ihnen ein Aufgebot der örtlichen Bevölkerung entgegen. Dieses Mal scheinen sich die Wikinger ihrer Schlagkraft jedoch nicht sicher gewesen zu sein, denn sie scheuten den Kampf und zogen im Eilmarsch erneut durch die Eifel bis zum Kloster Prüm. Wie zehn Jahre zuvor plünderten sie es, töteten und verschleppten zahlreiche Menschen, nur der Abt des Klosters und einige Mönche konnten fliehen (Regino von Prüm, Chronik, ad a. 892).
Der Sieg Arnulfs von Kärnten bei Löwen 891 hatte jedoch eine Wende markiert: Die große Zeit der Wikingerheere auf dem Festland und damit auch im Rheinland war vorbei. Die fränkischen Herrscher zeigten mehr Widerstand gegen die nordischen Eindringlinge, zudem vermelden die zeitgenössischen Chroniken eine Hungersnot. Für die Wikinger bedeutete dies, dass weniger Beute mit größerem Risiko verbunden war. Deshalb zogen sich die meisten Wikingertrupps aus dem Rheinland nach England ins so genannte Danelag, ein dänisch besiedeltes Gebiet, zurück. Auch nach 900 versuchten die Wikinger Raubzüge zu unternehmen, aber insgesamt blieben dies vereinzelte Aktionen, die die Nordleute nicht mehr an Rhein und Mosel führen sollten.
8. Die Wikinger als Händler
In den zeitgenössischen, meist aus Sicht von Geistlichen verfassten Quellen, werden die Wikinger als erbitterte Feinde des Christentums, blutrünstige Räuber und „Geißel Gottes“ dargestellt. Tatsächlich waren häufig Klöster und Kirchen von den Plünderungen betroffen, da sich hier auf relativ ungeschütztem Raum Reichtümer befanden und Lösegelder für Bischöfe und Äbte sehr hoch ausfallen konnten, was das Bild der Wikinger bis heute maßgeblich beeinflusst. Gleichwohl waren die Wikinger der mittelalterlichen Welt aber nicht nur als Piraten bekannt, sondern auch als friedliche Händler.
Die Reisen der Wikinger nach Osten und Westen ließen Skandinavien zu einem Teil des weit verzweigten Fernhandelsnetzes werden, das neben dem Mittelmeerraum und Teilen Asiens auch den Mittelrhein und die Mosel umfasste. Der saisonweise betriebene Handel verlief auf mehr oder weniger feststehenden Routen über die großen europäischen Flüsse sowie die Küstenbereiche von Nord- und Ostsee (Duisburg und die Wikinger, 1983, S. 6).
Innerhalb des Fränkischen Reiches gehörten die Rheinlande zu den bedeutendsten Handelszentren und so bestanden auch mit den Orten am Mittelrhein weit verzweigte Handelsbeziehungen.
Handelsplätze wie Bonn oder Koblenz gehörten wie Kaupang in Norwegen, Birka in Schweden, Ribe und Haithabu in Dänemark, Quentowic in Frankreich, York und London in England zu einem großen Handelsnetz. Damit umspannte dieses Geflecht aus Handelsplätzen sowohl die Wikingerwelt als auch das Fränkische Reich (Willemsen 2004, S. 99).
Die Raubüberfälle der Jahre 881 und 882 waren nicht die ersten Kontakte der Wikinger mit dem Rheinland. Bereits seit der Merowingerzeit (circa 5. – 7. Jahrhundert) sind intensive Handelskontakte bis in das Gebiet des Mittelrheins nachgewiesen. Stoffe, Glas, Keramik, hochwertige Klingen aus den Schwertmanufakturen am Rhein, Mayener Basalt oder Wein aus der Gegend um Koblenz fanden den Weg nach Skandinavien (Verwers 1998, S. 110).
9. Die Auswirkungen der Wikingerüberfälle an Mittelrhein und Mosel
Die zeitgenössischen Berichterstatter haben das Ausmaß der von den Wikingern angerichteten Zerstörungen an Mittelrhein und Mosel vermutlich übertrieben. Umfassende Verwüstungen durch die Plünderungen waren eher selten. Viele Schätze, Reliquien und Bücher wurden gerettet, da sich die Mönche häufig vorübergehend in die Sicherheit ihrer Besitzungen auf dem Lande zurückzogen. Auch die kirchlichen Strukturen scheinen durch die Angriffe nicht gestört worden zu sein. (Sawyer 2002, S. 141). Sieht man daher einmal von den Plünderungen ab, die für die jeweiligen Klöster und Kirchen sicherlich verlustreich waren, dürfte sich der materielle Schaden insgesamt in Grenzen gehalten haben. Die Quellen suggerieren anderes, was zum einen der Perspektive von Kirchenmännern geschuldet ist, die Verfasser der wichtigsten Quellen waren, zum anderen ihrer moralisch-didaktischen Intention, denn die Wikingerüberfälle sollten häufig auch als Strafe Gottes wahrgenommen werden.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Striewski, Jennifer, Wikinger am Mittelrhein, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/wikinger-am-mittelrhein/DE-2086/lido/57d11ffb5b1dd7.60977295 (abgerufen am 19.10.2025)
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Sekundärliteratur
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Kriege und Konflikte
Inhaltsverzeichnis
1. Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane
1. Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane.
Um sein Reich der Franken zu erweitern, nimmt Karl der Große 772 den Kampf gegen die Sachsen auf: Die Stämme zwischen Rhein und Elbe gehören zu jenen Germanen, die noch den heidnischen Göttern folgen und keiner Großmacht unterworfen sind. Es wird Karls grausamster Krieg – und der Sachsenführer Widukind sein erbittertster Gegner: Mit Tücke und Entschlossenheit kämpft der letzte germanische Rebell für die Freiheit seines Volkes
Der Anlass, dem die Archäologen später ihren spektakulären Fund verdanken, mutet zunächst profan an: In Enger, einem unscheinbaren Ort in Ostwestfalen, sollen Bauarbeiter 1971 die Kirche renovieren und eine Fußbodenheizung installieren. Bei dieser Gelegenheit wollen die Forscher durch Grabungen die Baugeschichte der Kirche rekonstruieren. Mit etwas Glück, so hoffen sie, könnten sie dabei Hinweise auf einen Mann entdecken, von dem bis dahin kaum mehr greifbar ist als ein weit über 1000 Jahre alter Mythos.
Denn wohl seit dem Hochmittelalter gilt die Stiftskirche in Enger als Ruhestätte des bekanntesten Volkshelden der Region: eines Stammesherzogs der Sachsen, dessen Abbild mit Spangenkrone und Lilienzepter als lebensgroßes Sandsteinrelief auf einem Grabmal hinter dem Altar liegt.Aber niemand weiß, wie dieser Mann ausgesehen haben mag, wann er geboren wurde oder wo er tatsächlich begraben liegt. Und ob er wirklich so hieß, wie man ihn heute nennt: Widukind.
Ein erbitterter Feind Karls des Großen ist dieser Herzog gewesen, so viel steht fest. Widukind hat im 8. Jahrhundert den verzweifelten Widerstand der Sachsen gegen die übermächtigen Franken organisiert, bis er sich schließlich als Zeichen der Unterwerfung taufen ließ. Mit ihm und seinen Sachsen endete das heidnisch-germanische Zeitalter in Mitteleuropa, hob das katholisch-christliche Mittelalter endgültig an. Monatelang graben sich die Archäologen Schicht um Schicht zurück durch die Jahrhunderte, bis sie schließlich die Zeit um das Jahr 800 erreichen – jene Epoche, in der wahrscheinlich noch zu Lebzeiten des legendären Sachsenführers die Kirche von Enger errichtet wurde.
Zu Beginn des 9. Jahrhunderts thront der kleine Sakralbau auf einer Hügelkuppe zwischen Wiehengebirge und Teutoburger Wald. Er ist 14 Meter lang und 6,50 Meter breit und wurde von erfahrenen und vermutlich weit gereisten Handwerkern aus dem Frankenreich errichtet. Stein ist in dieser Gegend ein bis dahin wenig genutzter Baustoff – und Gotteshäuser sind noch ein seltener Anblick in diesem Gebiet, dessen Bewohner über Jahrhunderte hinweg heidnischen Bräuchen gefolgt sind und es mitunter nach wie vor tun. Wer sich noch nicht zu Jesus Christus bekennt, der glaubt an eine Welt von Göttern, verbrennt seine Toten, statt sie zu begraben, und ermittelt sein Schicksal mithilfe von Losbefragungen und Orakeln. Seher lesen die Zukunft wohl immer noch so, wie es der römische Historiker Tacitus 98 n. Chr. beschrieben hat: aus Eingeweiden, dem Wiehern von Schimmeln, dem Flug der Vögel.
Sachsen werden die hier siedelnden Stämme erstmals in römischen Schriften des 4. Jahrhunderts genannt. Vermutlich rührt der Name von dem altgermanischen Wort für Messer her: sahs. Ein Volk sei es, berichtet im 5. Jahrhundert ein spanischer Geschichtsschreiber, das am Gestade eines Ozeans und in unzugänglichen Sümpfen wohne und durch seine Tapferkeit und Beweglichkeit gefürchtet sei. Und noch um das Jahr 730 beschränkt sich das gelehrte Wissen auf Aufzeichnungen wie die des spanischen Enzyklopädisten Isidor von Sevilla: Das Gebiet östlich des Rheins werde von rohen Stämmen bewohnt, die sehr wild seien und durch unbarmherzige Gewohnheiten abgehärtet.
In friedlichen Zeiten züchten die Sachsen Pferde, Schafe, Schweine und Rinder. Häufig bestellen sie auch Felder, bauen Roggen und Weizen an sowie Flachs, den sie zur Herstellung von Stoffen nutzen. Immer wieder aber verlassen die Männer ihre Siedlungen zwischen Nordsee und Harz, Elbe und Rhein und gehen auf Raubzüge. Sie sind gute Seefahrer, und im 4. und 5. Jahrhundert wird ihr Name zum Synonym für „Piraten“. Lange Abschnitte der gallischen und britannischen Küste nennen die Römer litus Saxonicum. Nicht etwa, weil an der „Sächsischen Küste“ Sachsen lebten, sondern weil diese die dortige Bevölkerung immer wieder heimsuchen.
Im 8. Jahrhundert grenzt das Gebiet der Sachsen im Westen an das Reich der Franken, das gut zwei Jahrhunderte zuvor entstanden ist. Damals schuf der germanische Stammesführer Chlodwig mit List, Verrat und Gewalt aus mehreren kleinen germanischen Reichen das fränkische Einheitsreich, das sich inzwischen von der Garonne im Südwesten bis über den Rhein hinaus erstreckt. Ihren Namen haben ihnen Zeitgenossen gegeben: Franken – die Kühnen. An der Nordostgrenze des Frankenreiches treffen Christentum und germanischer Götterglauben aufeinander. Denn unter dem Einfluss seiner katholischen Frau hat Chlodwig im Jahr 498 Göttern wie Donar und Wotan entsagt und sich taufen lassen: Die Franken sind Christen geworden. Zangengleich liegt ihr Reich nun um das der heidnischen Sachsen.
Doch es ist zunächst wohl kein Missionierungswille, der Chlodwigs Nachfolger zu Feldzügen in das benachbarte Land treibt: Teils aus Vergeltung für sächsische Überfälle, teils getrieben von Machtwillen, rücken die Franken immer wieder in das Nachbarland vor. Über Jahrzehnte flammen die Feindseligkeiten zwischen den Völkern auf, auch weil es zwischen ihren Ländern keine klare Grenze gibt: Nur dort, wo Bergrücken oder unbewohnte Wälder sich zwischen die Siedlungsgebiete in der Ebene schieben, sind die Territorien deutlich voneinander getrennt. Und so nehmen „Totschlag, Raub und Brandstiftung auf beiden Seiten kein Ende“: Das zumindest überliefert der Biograf Karls des Großen, der Hofgelehrte Einhard.
Karl ist 771 zum Alleinherrsc her der Franken aufgestiege n und macht sich schon bald d aran, sein Großreich zu erweitern. Im Inneren bemüht sich der Herrscher um eine neu gestaltete Verwaltung, gibt eine einheitliche Gesetzgebung vor und schafft die letzten Stammesherzogtümer ab – jene selbstständigen Herrschaften, die sich zu Zeiten schwächerer Könige auf fränkischem Boden hatten etablieren können. Selbst zeitlebens Analphabet, lässt der Herrscher Klöster und Schulen bauen, fördert Bildung und Wissenschaft. Eine Hochkultur entsteht, die an das Land von Stämmen grenzt, die nicht einmal ein eigenes Schrifttum kennen: das der Sachsen. Schon früh beschließt der König, die Unruhen an der nordöstlichen Grenze für immer zu beenden und das Frankenreich auf Kosten der Sachsen zu erweitern – eine Entscheidung, die zu seinem längsten und grausamsten Krieg führen wird.
Im Jahr 772 zieht Karl mit seinen Soldaten erstmals gegen die Sachsen. Zunächst erzielen die fränkischen Truppen rasche Erfolge: Sie erobern die Eresburg, eine mächtige Wallanlage im heutigen Sauerland, und zerstören ein nahe gelegenes Heiligtum der Sachsen. An strategisch wichtigen Stellen östlich des Rheins legen die Franken nun Befestigungen und Aufmarschrouten an. Zudem ruft Karl einige sächsische Führer zusammen und lässt sich von ihnen Geiseln stellen. Die heidnischen Nachbarn, so muss es dem König erscheinen, haben sich der fränkischen Übermacht ergeben.
Widukind muss mehrfach ins dänische Exil flüchten – und organisiert den Widerstand nach seiner Rückkehr jedes Mal neu
Doch 774, Karl ist gerade auf einem Feldzug in Italien, üben die Sachsen Vergeltung. Sie zerstören den fränkischen Stützpunkt auf der Eresburg, verwüsten die hessischen Grenzgebiete. Daraufhin wirft Karl seinen Feinden Ehr- und Treulosigkeit vor. Ihm ist vermutlich nicht klar, dass die Sachsen ein loses Gefüge größerer und kleinerer Stämme sind, die keinen gemeinsamen Herrscher oder gar König kennen, nur Oberhäupter von Siedlungsgemeinschaften. Ein Schwur oder ein Friedensvertrag ist deshalb wohl allein für jene Gruppe bindend, die ihn geleistet oder geschlossen hat.
Ein solcher Stammesführer ist wahrscheinlich auch jener Mann, den der Münsteraner Bischof Altfried die „Wurzel allen Übels“ nennt, aber auch dux Saxonum, „Herzog der Sachsen“. Widukind. Über seine Herkunft, seine Stellung und seinen Rang wird wohl nie Klarheit herrschen. Denn Aufzeichnungen der Sachsen gibt es nicht, das wenige Wissen über ihn stammt allein aus den Quellen seiner Gegner. Eines jedoch lässt sich sagen: Widukind wird seine Heimat viele Jahre lang grimmig entschlossen gegen Karls Armeen verteidigen.
Vermutlich kämpft er schon auf wichtigem Posten bei den Sachsen mit, als die Franken im Jahr 775 erneut einmarschieren, um „das treulose und vertragsbrüchige Geschlecht der Sachsen zu besiegen und der christlichen Religion zu unterwerfen oder es gänzlich zu vernichten“, so Karls Biograf Einhard. Nun geht es dem König nicht mehr um die Sicherheit der Grenze und die Ausweitung des fränkischen Machtbereichs, sondern um kompromisslose Unterwerfung und Missionierung eines Feindes. Bei Höxter überschreiten die fränkischen Truppen die Weser, bezwingen Stämme wie die Ostfalen, die Engern, die Westfalen. Widerstand leisten die Sachsen dabei kaum – die Armee des Gegners ist übermächtig, vor allem beim Kampf im offenen Gelände. Auf vormals feindlichem Gebiet errichten die Franken eine Festung an der Lippe, die Karlsburg. In Massen empfangen heidnische Sachsen hier die Taufe und schwören: „Ich entsage allem Teufelswerk und Teufelswort, Donar, Wotan und Saxnot und allen Unholden, die ihre Genossen sind.“
777 hält Karl erstmals einen Reichstag in Paderborn ab. Die sächsischen Adeligen schwören ihm die Treue. Sachsen scheint endgültig unterworfen. Doch unter den Abgesandten fehlt einer: Widukind, der „als Rebell im Bewusstsein seiner vielen Freveltaten aus Furcht vor dem König“ mit seinen Anhängern zum Dänenkönig Sigfrid geflohen ist, wie ein Chronist festhält. Weshalb Widukind sich nicht beugt, welche Motive ihn antreiben, ja selbst, wie er aussieht, das verrät keine der Schriften über Karls größten Widersacher. Doch mehr als 1200 Jahre später können Forscher zumindest zur letzten Frage plausible Vermutungen anstellen. Denn im Spätsommer 1971 stoßen die Archäologen nach monatelangen Grabungen im Chorraum der Stiftskirche von Enger auf drei Skelette. Die Gräber liegen direkt vor dem Altar, ein ungewöhnlicher Platz. Es könnten Gräber für den Auftraggeber der Kirche und dessen Angehörige sein.
Und war der Stifter nicht Widukind? Hatte der getaufte Sachsenherzog nicht der Sage nach die Bevölkerung dreier Orte zum Bau eines Gotteshauses ermutigt und versprochen, sich in der zuerst vollendeten Kirche begraben zu lassen? Und ist eben dies nicht den Einwohnern Engers gelungen, weil sie zunächst auf den Bau des Turmes verzichteten und ihn erst später errichteten? Noch heute steht der Engeraner Glockenturm, eine Konstruktion aus dem 14. Jahrhundert, ungewöhnlich frei neben der Stiftskirche. Doch es existiert noch eine andere, verlässlichere Quelle: Eine Chronik aus dem 10. Jahrhundert beschreibt Widukind als gottesfürchtigen Mann, der nach seiner Taufe mehrere Kirchen errichten ließ, darunter die „cellula Aggerinensis“, die Kirche in Enger. Ab 2001 werden die Skelettfunde von Anthropologen mit modernen Methoden untersucht: Könnte der Tote im mittleren Grab der Sachsenherzog Widukind sein? Ein kraftstrotzender Mann war der Verstorbene auf jeden Fall, etwa 60 Jahre alt, 1,82 Meter groß.
Nach rund zehn Jahren Kampf lässt sich Widukind 785 taufen. Karl der Große feiert die Unterwerfung des Rebellen mit einem Dankesfest
Wahrscheinlich ist er bis ins hohe Alter körperlich aktiv gewesen, denn alle Skelettteile haben besonders ausgeprägte Ansatzstellen für Muskeln; vergleichbar kräftig sind heute etwa Schwerathleten. Die Oberschenkelknochen sind säbelartig gebogen, einige Wirbel des Rückgrats zeigen knöcherne Überbrückungen. Die Bandscheiben müssen stark abgenutzt gewesen sein, Knochen rieb auf Knochen, Indiz für chronische Überbeanspruchung der Wirbelsäule – sein ganzes Leben hat der Mann wohl im Sattel verbracht. Auch ist das rechte Schlüsselbein dicker als die erhaltenen Stücke des linken. Ein Krieger, vermuten die Anthropologen, der möglicherweise über Jahre hinweg mit der rechten Hand Speer und Schwert geführt hat.
Von anderem Alter und Körperbau war der Tote im linken Grab: ein 14- bis 16-jähriger junger Mann, etwa 1,66 Meter groß. Der dritte, im rechten Grab Bestattete könnte Abbio gewesen sein, ein langjähriger Weggefährte Widukinds: etwa 60 Jahre alt und 1,82 Meter groß, robust gebaut, massiger Schädel. So könnten sie also ausgesehen haben, die zwei kampferprobten Hünen, die sich nach ihrer Rückkehr aus Dänemark im Jahr 778 erneut gegen die fränkischen Besatzer stellen. Einer endlosen Schleife gleich wiederholen sich nun Treuegelöbnisse und gebrochene Schwüre, Aufstände, Eroberungen und Rückeroberungen, Verwüstungen, Unterwerfungen und Massentaufen – sowie Fluchten jenes Mannes, der sich nicht beugen will.
Mehrfach sucht Widukind Schutz im sicheren Dänemark, das so weit nördlich des unwegsamen Sachsenlandes liegt, dass die Franken nicht bis dorthin vordringen. In Dänemark hält sich Widukind wohl auch in jenen Jahren auf, als sein Land in Grafschaften eingeteilt wird, die zum Teil nun von sächsischen Edelleuten regiert werden. Dadurch, dass sie die Sachsen in die Verwaltung des Landes mit einbeziehen, wollen die Franken neuen Widerstand verhindern. Doch der Plan geht zunächst nicht auf. Vielmehr scheint die neue Regelung die Kampfbereitschaft der Sachsen unter dem erneut aus dem Exil zurückgekehrten Widukind zu befeuern: Immer wieder überfallen sie fränkische Truppen.
Widukinds größter Triumph gelingt im Jahr 782. Am Süntel, einem Höhenzug im Weserbergland, schlagen seine Männer ein Frankenheer vernichtend. Als Vergeltung lässt Karl eine „ungeheure Menschenmenge“ mit dem Schwert umbringen, so die fränkischen Annalen. Zahlreiche Siedlungen gehen in Flammen auf. An der Aller demonstriert Karl der Große besondere Härte. Da die aufständischen Sachsen ihren Rädelsführer Widukind, der wieder einmal nach Dänemark geflohen ist, nicht überstellen können, werden „die anderen ausgeliefert, die ihm gehorcht und an seinem Verbrechen teilgenommen hatten“, wie es in den Annalen steht: „Es waren 4500. Sie alle wurden an der Aller in einem Ort namens Verden auf Befehl des Königs an einem Tag enthauptet.“
Diese Massenexekution geht als das „Blutgericht von Verden“ in die Geschichte ein – auch wenn die Zahl der Geköpften strittig ist (möglicherweise wurden nicht mehr als 45 Aufständische hingerichtet) und vielleicht auf einen Lesefehler des Chronisten zurückgeht. Um die Sachsen nicht nur im Kampf zu zermürben, erlässt der Frankenherrscher im selben Jahr die „Capitulatio de partibus Saxoniae“: ein drakonisches Sondergesetz, das schon geringe Verstöße gegen die politisch-religiöse Ordnung streng bestraft. Fortan wird jeder hingerichtet, der einen Toten verbrennt, statt ihn christlich zu bestatten, sich der Taufe verweigert oder ohne Not während der Fastenzeit Fleisch isst. Auch wird den Sachsen verboten, sich öffentlich zu versammeln. Nur der von den Franken eingesetzte Graf darf die Sachsen zusammenrufen, allerdings unter Aufsicht eines Priesters.
Karl ordnet zudem eine Politik der verbrannten Erde an; fürchterlich sind die Zerstörungen – und wirkungsvoll. Dann, 785, übt Karl plötzlich Mäßigung: Er erfährt, dass sich seine Gegner Widukind und Abbio im „rechtselbischen Sachsen“ aufhalten – und schickt statt einer Armee bloß Boten, die den beiden Kriegern Straffreiheit zusichern, sollten sie sich unterwerfen. Wohl nie wird sich klären lassen, in welcher Lage sich der Sachsenführer und Abbio zu dieser Zeit befinden, von wie vielen Anhängern sie umgeben sind, welche Gedanken sie umtreiben.
Fest steht nur: Die Männer willigen ein – möglicherweise, weil sie sich der Aussichtslosigkeit ihres Widerstandes bewusst und des Kämpfens müde sind; denn mehr als 13 Jahre führen sie nun schon Krieg. Ein Höfling geleitet Widukind und Abbio nach Attigny im heutigen Nordostfrankreich, wo einer der wichtigsten karolingischen Stützpunkte liegt. Wahrscheinlich steht kein Geringerer als Karl der Große Pate, als Widukind seinen Göttern abschwört und die Taufe empfängt. Als Zeichen seiner Wandlung, so eine Sage, erhält der bekehrte Heide vom König einen Schimmel, den er fortan anstelle seines Rappen reiten soll. Bis zum heutigen Tag ziert das weiße Sachsenross die Wappen Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens. Für Karl ist die Unterwerfung des Sachsenführers ein solcher Erfolg, dass er den Papst zu einem Dankesfest veranlasst. Drei Tage lang wird in allen Ländern des Reiches gefeiert.
Widukind, der große Aufrührer, ist bekehrt und durch Karls Patenschaft in die familia des Frankenkönigs aufgenommen. Unbekannt und in den Quellen namenlos bleiben die Anführer, die ihm folgen. Bis das heidnische Sachsenland im christlichen Frankenreich aufgeht, wird keiner ähnliche Bedeutung erreichen. Die Taufe Widukinds in Attigny erscheint so als das Ende der Germanen in Mitteleuropa. Und Widukind selbst als ihr letzter großer Führer. Doch auch ohne Widukind währen die Sachsenkriege noch fast 20 Jahre. Es kommt zu weiteren Verwüstungen und Feldzügen, nun vor allem im Norden des sächsischen Territoriums, auch jenseits der Elbe.
Mit dem Ziel, die restlichen Sachsen für immer zu unterwerfen, lässt Karl sogar zerlegbare Schiffe nach Sachsen transportieren, um die zahlreichen Wasserwege nutzen und sich so schneller bewegen zu können. Er lässt Tausende Menschen deportieren und umsiedeln und den Bewohnern in den neu christianisierten Gebieten den Zehnten mit solcher Härte abpressen, dass selbst seine Berater dieses Vorgehen missbilligen. 804 hat Karl sein Ziel erreicht: Die letzten Widerständler ergeben sich. In den Jahrzehnten darauf integrieren sich die Sachsen überraschend schnell in das Reich ihrer ehemaligen Feinde – und einigen gelingt sogar ein steiler politischer Aufstieg: Schon 919 sitzt erstmals ein Sachse auf dem fränkischen Königsthron – Heinrich I.
Widukind hingegen wird nach seiner Taufe in keiner fränkischen Schrift mehr erwähnt – ganz so, als sei der einmal besiegte Feind Karl und dessen Chronisten keines Wortes mehr wert. Wo und wann er stirbt, weiß niemand. Und doch wird er noch Jahrhunderte fortleben: Schon bald verehren ihn nachfolgende Generationen als vorbildlich gewandelten Christen. Troubadoure an den europäischen Höfen besingen seine Taten, und Fürsten wie Könige schmücken sich mit ihm als Ahnherrn. Während der Freiheitskriege gegen Napoleon dient er den Deutschen als Vorbild für Mut und Tapferkeit, im „Dritten Reich“ gar als Ausdruck trotziger, germanischer Selbstbehauptung. In den Jahren darauf jedoch gerät er in Vergessenheit, schrumpft die Erinnerung an ihn zu lokaler Folklore. Und so dient er am Ende nurmehr als Symbol für westfälische Starrköpfigkeit. Widukind, der letzte Germane.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Wolff, Markus: Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane, in: GEO Epoche.
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Persönlichkeiten
Inhaltsverzeichnis
- Ludwig der Fromme
- Pippin der Jüngere
- Bonifatius
- Karl Martell
- Widukind
- Alarich
- Childerich I.
- Gregor von Tours
- Radegunde von Thüringen
- Columban
- Tassilo III.
- Hildegard
- Pippin der Bucklige
- Konstantin der Große
- Severin von Köln
1. Ludwig der Fromme
L. und sein Zwillingsbruder Lothar (früh verstorben) erhielten als erste Karolingersprossen, freilich erst der dritten Königsgeneration, in „Ansippung“ an die abgelöste alte Dynastie, merowing. Namen (Chlodwig und Chlothar). L. wurde am Ostertage (15.4.) 781 in Rom, zusammen mit seinem Bruder Pippin, von Hadrian I. zum König gesalbt und gekrönt. Es ist die erste klar bezeugte, nicht nur erschließbare Krönung im Karolingerhause. Als vom Vater bestellter Unterkönig verbrachte L. seine Jugend in Aquitanien (wie Pippin in Italien). Daß er eine geistlichliterarische Erziehung genoß, findet sich zwar nur andeutungsweise bezeugt, ist aber aus seinem späteren religiös-kirchlichen Eifer mit Sicherheit zu erschließen. In roman. Umwelt aufgewachsen, beherrschte er das Lateinische völlig, verstand aber auch das Griechische, während er der volkssprachlich-fränk. Tradition weniger Interesse entgegenbrachte als sein Vater.
Bis zur Wehrhaftmachung (791 in Regensburg) blieb L. unter beauftragter vormundschaftlicher Regierung. Er hielt eigene Reichsversammlungen ab (789 in Mourgoudou b. Albi; 790, 795, 801 in Toulouse; 814 in Doué b. Tours) und urkundete 794, 807, 808 als rex Aquitaniae bzw. als rex Aquitanorum. Neben dem Grenzgrafen →Wilhelm von Toulouse († 812 als Mönch in seiner Gründung Gellone) nahm L., allmählich in selbständiger Führung, an den Abwehr- und Sicherungskämpfen gegen Basken und Araber beiderseits der Pyrenäen teil (Einnahme von Barcelona 801, von Tortosa 811, Strafzug nach Pamplona 813), doch wurde er oft auch zu Reichsversammlungen und Heereszügen des Vaters und des Bruders Pippin entboten (785 Paderborn, 790 Worms, 791 Ingelheim-Regensburg-Awarenkrieg, 792/93 Italien, 793 Salz, 798 Sachsenkrieg, 797 Herstal, 799 Aachen-Friemersheim-Sachsenzug, 800 Tours, 804 Sachsenzug, 805/06 Diedenhofen, 809 Aachen). In der Divisio von 806 sprach ihm Karl d. Gr. über Wasconien und Aquitanien hinaus das gesamte südliche Gallien zu, aber der Tod der älteren Brüder (810/11) machte diese Regelung hinfällig. Karl d. Gr., inzwischen von Byzanz als Kaiser anerkannt, krönte nach oström.-byzantin. Stil am 11.9.813 in Aachen den nunmehr alleinigen Nachfolger L. zum Mitkaiser.
Karl starb am 28.1.814; am 27. Februar traf L. in Aachen ein. Als Repräsentant einer stärker verchristlichten Generation, der in Aquitanien die Klöster gefördert und angeblich einmal erwogen hatte, selber Mönch zu werden, übernahm er ein in seinen gewaltigen Dimensionen machtpolitisch saturiertes, von außen vorerst nicht mehr gefährdetes, in der inneren, d. h. auch kirchlichen Ausformung dagegen unfertiges Reich. Die Lebensgeschichte L.s fällt von nun an größtenteils mit der Reichsgeschichte zusammen, in der das individuell-biographische Element im ganzen nur mit ungleicher Deutlichkeit sichtbar wird.
Von persönlichen Initiativen „außenpolitischer“ Art kann bei L. nicht ernstlich die Rede sein. Durch den feierlichen Empfang einer noch an Karl abgeordneten griech. Gesandtschaft (1.8.814 in Aachen) sanktionierte der neue Kaiser den Ausgleich mit Byzanz. Darin war offensichtlich der Verzicht auf den Römernamen im Kaisertitel vereinbart worden: L. und seine fränk.-deutschen Nachfolger nannten sich bis ins späte 10. Jh. nur Imperator augustus, ohne Attribut. Auch die Umschrift des Bullensiegels Renovatio Roman-[orum] imp[erii] entfiel und wurde durch die Formel Renovatio regni Franc[orum]ersetzt. Griechische Abgesandte sind an L.s Hof noch wiederholt, aber eher beiläufig (817, 824, 826, 827, 833, 839) bezeugt. Im übrigen blieb es unter ihm durchweg bei einer im ganzen defensiven Grenzpolitik. L. nahm 814 die Lehnshuldigung des dän. Thronprätendenten Harald entgegen, hob ihn 826 in Mainz aus der Taufe und sandte Ansgar zur Missionierung des Nordens aus; Harald vermochte sich jedoch in seinem Lande nicht durchzusetzen. An der Elbelinie und besonders im Südosten kam es mit den angrenzenden Slawen wiederholt zu Kämpfen, die ihre Wellen zeitweise bis zu den Bulgaren schlugen, aber|diese Geschehnisse gehören, ebenso wie die Auseinandersetzungen in Italien (Benevent und Venedig), nicht zur Biographie L.s, der in solchen Zusammenhängen zwar gelegentlich Gesandtschaften empfing – insbesondere 826 in Ingelheim –, in aller Regel aber diese Aufgaben den Unterkönigen und Grenzgrafen überließ. Er selber zog 818 und 824 gegen die Bretonen zu Felde, offenbar ohne nachhaltigen Erfolg. Sichtlich kein Heerführer von Rang, griff er auch in Wasconien und Spanien, wo es immer wieder brodelte, nicht persönlich ein.
In der „Innenpolitik“, in der Regierung des Reiches und der Kirche, steht dagegen, mindestens für den Anfang, der persönliche Wille und Beitrag L.s außer Zweifel. Hier setzte der Generationswechsel von 814 neue Energien zur Festigung und Mehrung des überkommenen Erbes frei. Persönlich zur Strenge, ja zum Mißtrauen geneigt, verwies L. seine Schwestern vom Hof in ihre Klöster und entließ auch die Brüder Adalhard und Wala, seine bisher sehr einflußreichen Seitenverwandten. Auf die Sicherung der Randländer bedacht, entbot er seinen Neffen Bernhard, den Sohn Pippins und italischen Unterkönig, zur Huldigung. Zugleich bestellte er – schon 814 – seine eigenen Söhne Lothar und Pippin zu Unterkönigen in Bayern und Aquitanien. Oberster Hofkaplan blieb der EB Hildebald von Köln; nach dessen Tod (818) folgte der Abt Hilduin von Saint-Denis. Aus Aquitanien brachte L. seinen Kanzler Helisachar an den Hof, ebenso seinen Jugendfreund Ebbo, den er 816 zum Erzbischof von Reims erhob. Als einflußreicher Berater begegnet bald auch der Graf →Matfrid von Orléans.
Der neue Schwung der kaiserlichen Regierung wird von Anfang an in einer ausgiebigen Beurkundungstätigkeit sichtbar. Die insgesamt nahezu 500 Diplome L.s, ausgefertigt unter der Leitung der Kanzler Helisachar (814–19), Fridugis (819–32), Theoto (832–34) und Hugo (834–40, – 844, Halbbruder L.s, Abt von Saint-Quentin), stellen mit ihrer ausgereiften diplomatischen Kursive und der geschliffenen Latinität ihrer Textformulare, so in der Verbindung des Immunitätsprivilegs mit dem Königsschutz, den mustergebenden Höhepunkt frühmittelalterlicher Kanzleigeschichte dar. Überhaupt stehen die ersten Jahre für Reich und Kirche im Zeichen gesetzgeberisch-programmatischer Normung und Fixierung durch regelmäßige Reichsversammlungen, durch eine stattliche Zahl von gewandt formulierten Kapitularien, in der Tradition Karls d. Gr. und zugleich über ihn hinaus. Mit der Konstituierung der Bistümer Hildesheim und Halberstadt und des Missionserzbistums Hamburg sowie der Klöster Corvey und Herford vollendete L. die Basis der sächsischen Kirchenorganisation. Aus Aquitanien berief er den Mönchsreformer →Benedikt von Aniane zum Abt der Neugründung Inden (Kornelimünster)¶ und betraute ihn mit der Aufsicht über die Reichsklöster insgesamt, die, wie sich besonders an den Kaiserdiplomen ablesen läßt, mit den Hochstiften zu einer gefestigten, an den Herrscher gebundenen Reichskirche zusammenzuwachsen begannen. Auf einer großen Aachener Synode wurden 816 für die Mönchs- und Nonnenklöster eine neu formulierte, von jeder Mischobservanz gereinigte Benediktregel, für die Kanonikerstifte (und analog für die Kanonissen) eine – freilich nur mittelbar an Chrodegang von Metz orientierte – Institutio unter L.s Autorität als verbindliche Normen verkündet. Es folgten 817-19 weitere Bestimmungen für Bischofskirchen und Klöster (Wahlrecht, Reichslasten, Einkünfteregelung, Sicherung und Beaufsichtigung der Eigenkirchen). Rasche Erfolge dieser Vorschriften sind nicht erkennbar, um so bedeutender aber wurde die prägende Fernwirkung der Statuten von 816 im 10. und 11. Jh.
Auch die geltende Oberhoheit über Rom wurde neu formuliert. Als der Papst Leo III. 815 eigenmächtig eine Verschwörung blutig unterdrückte, ordnete L.eine Untersuchung durch Kg. Bernhard an, ließ sich aber durch päpstliche Gesandte beruhigen. Bei der durch Leos Tod 816 eintretenden ersten Vakanz unter dem neuen Kaisertum griff man weder in Rom noch in Aachen auf das seit der Mitte des 8. Jh. faktisch erloschene kaiserliche Bestätigungsrecht zurück, aber der neue Papst Stephan IV. (816–17) ließ die Römer einen Treueid auf den Kaiser schwören und begab sich zu L. nach Reims. Eine segnende Festkrönung mit einer angeblichen Konstantinskrone (Okt. 816) brachte den röm. Ursprung des Kaisertums in Erinnerung. Als mittelbares Ergebnis der Reimser Verhandlungen stellt sich das Pactum Hludovicianum von 817 für den nächsten Papst Paschalis I. (817–24) dar, das – nach dem Verlust des Kaiserprivilegs für Stephan IV. – erste und für spätere Zeiten mustergebend ausformulierte Kaiserprivileg für die röm. Kirche. Es bestätigte mit dem Territorium und der internen Autonomie des Kirchenstaates auch die Freiheit der Papstwahl, die erst nach der Weihe dem Kaiser anzuzeigen war.
Der Wille zur Konsolidierung gewachsener Ordnung gipfelte in einer großzügigen politischen Neuregelung, die, sichtlich von L.s geistlichen Beratern konzipiert, im Juli 817 auf einer Aachener Reichsversammlung verkündet wurde. Die bisher nur faktisch – zuletzt durch die Todesfälle von 810/11 – zustande gekommene Einheit des Gesamtreiches im Zeichen des Kaisertums wurde zum durchdachten Prinzip erhoben. Dem entspricht es, daß seit 814 in den Urkunden hinter dem Kaisertitel auch der Bezug auf Franken und Langobarden verschwunden ist, ungeachtet der erwähnten Bullenumschrift. Dieses Programm wurzelte geistig im christlichen Universalismus, wie ihn mit publizistischer Verve vor allem EB →Agobard von Lyon verfocht, es entsprach aber auch, angesichts der über viele Länder verbreiteten Rechte, Ämter und Güter, den sehr konkreten Wünschen der Kirchen und weitverzweigter Adelsgruppen. Lothar wurde (wie L. selber 813) zum Mitkaiser gekrönt und zum Nachfolger bestimmt, während Pippin und Ludwig (der Deutsche) als Unterkönige in Aquitanien und Bayern eingesetzt wurden. Diese Ordinatio imperii untersagte über L.s Tod hinaus weitere Teilungen und gab der nach Sinn und Tradition genossenschaftlichen Teilung eine herrschaftliche Wendung: Die Teilkönige sollten in allem, was über ihre interne Autonomie hinausging, dem Kaiser untergeordnet bleiben. Dieses theologisch fundierte, imperial formulierte Programm war eine kühne Konzeption, geradezu eine verfrühte Reichs- und Staatsidee, die dem Rechtsdenken des Zeitalters weit vorauseilte. Ob und in welchem Ausmaße sie sich in der dynastischaristokratischen Welt auch würde durchsetzen lassen, war die Frage, die L.s weitere Regierungszeit überschattete. Die Widerstände blieben nicht aus, treten für uns aber nur vordergründig, namentlich im Kaiserhause selber, in helles Licht, während die offenbar wechselnden Gruppierungen im Adel oft undeutlich bleiben. Das Persönlichkeitsbild L.s verliert dabei sehr an Festigkeit und wird immer mehr durch die Unausgeglichenheit seines Charakters bestimmt.
Der ersten Krisen wurde er aber Herr. Der in der Ordinatio übergangene Bernhard von Italien ließ sich zu einer Empörung hinreißen, die jedoch rasch zusammenbrach. Er starb an der Blendung, die L. – statt des Todesurteils der nächsten Aachener Reichsversammlung (April 818) – über ihn verhängte (17.4.818). Erneut mißtrauisch geworden, zwang L. seine jungen Halbbrüder, Karls d. Gr. nicht vollbürtige Söhne →Drogo, Hugo und Theuderich, zum Eintritt in den geistlichen Stand und entsetzte den Bischof Theodulf von Orléans seines Amtes. Die Bemühungen um kirchliche Reformen und politische Konsolidierung gingen jedoch weiter, wenn auch seit dem Tode Benedikts von Aniane (821) sichtlich mit geringerer Energie. – Auf den Reichsversammlungen von 821 (im Mai zu Nimwegen, im Oktober zu Diedenhofen) wurde die Ordinatio von 817 beschworen. Ein Ausgleich mit den bisher ausgeschalteten und bekämpften Gruppen zielte auf eine erneute Sammlung der Kräfte. In Diedenhofen wurden die Teilnehmer an der Verschwörung Bernhards begnadigt, ebenso Adalhard, dessen Bruder Wala gleichfalls an den Hof zurückkehrte. Zu Attigny versöhnte sich L. im August 822 auch mit seinen Halbbrüdern; Drogo wurde Erzbischof in der Karolingerstadt Metz. Zugleich sanktionierte L. sein Friedenswerk durch eine öffentliche Buße für alles Unrecht, das er insbesondere den Seinen angetan hatte; mit einem Bekenntnis ihrer Pflichtvergessenheit folgten die Bischöfe seinem Beispiel. Die neuen Ratgeber, unter denen neben Adalhard († 826) und Wala der Erzkaplan Hilduin hervortrat, blieben bei alledem auf eine nachhaltige Festigung der Reichsautorität bedacht. Begleitet und beraten von Wala, begab sich Lothar 822 nach Italien. Er wurde von Paschalis I. nach Rom eingeladen und am Osterfeste 823 gekrönt; es war abermals eine bloße Festkrönung, aber zum ersten Mal seit 800 wieder eine Krönung in Rom, wo der Zweitkaiser sogleich wieder eine unmittelbare Gerichtsgewalt in Anspruch nahm. Nach des Paschalis Tod erwirkte Wala die Erhebung des frankenfreundlichen Aristokraten Eugen II. (824–27), und bei einem abermaligen Aufenthalt in Rom verkündete Lothar 824 die Constitutio Romana über eine Reorganisation des Kirchenstaates, der jetzt im Auftrage des Kaisers einer steten Kontrolle unterworfen, also über die bisherige Praxis hinaus ins Reich einbezogen wurde, zumal der gewählte Papst vor der Weihe dem Vertreter des Kaisers einen Treueid leisten sollte. Lothar kehrte 825 an den Kaiserhof zurück und wurde, auch formell im Titel der Urkunden, Mitregent L.s, dessen wahrscheinlich im August 825 in Aachen erlassene Admonitio ad omnes regni ordines erneut von lebendigem Reformwillen zeugte. – Aus den Kontakten mit Byzanz und Rom ergab sich die Notwendigkeit, nochmals den Bilderstreit zu erörtern; dies geschah 825 auf einer Synode in Paris, blieb aber ein bloßer Nachhall ohne Bedeutung.
Das erste Jahrzehnt von L.s Regierung darf nach alledem als Höhepunkt der fränk.-karoling. Reichsgeschichte gewertet werden. Die|vielseitige Breitenwirkung der karoling. Bildungsreform relativierte gewiß die bis dahin dominierende Stellung des Kaiserhofes im geistigen Leben, aber seine Schriftkultur, sein hoher Rang und seine ansehnliche Bibliothek bestanden fort und erneuerten sich gar in der Folgezeit; auch L. wurden Verse, theologische Schriften und kostbare Codices gewidmet; nach vorwiegender, jedoch umstrittener Forschungsmeinung war er der Auftraggeber des altsächs. Heliand. Die politische Stabilität geriet dagegen ins Wanken. Es steigerten sich die Unruhen an den Grenzen, im Süden die Übergriffe der Sarazenen, vom Norden her die Vorstöße der Normannen (seit 834 Jahr für Jahr), an deren Abwehr L. nach wie vor keinen Anteil hatte. Die gefährlichen Erschütterungen bahnten sich aber im Innern an. In Reich und Kirche, denen es an einem organisatorischen Unterbau fehlte, lag weiterhin vieles im argen. Angesichts dieser Aufgaben wurden die kaiserliche Autorität, L.s Energie und Führungswille unverkennbar schwächer. Die Passivität des Kaisers hatte zur Folge, daß der hohe Klerus den Kampf um das steckengebliebene Reformwerk stärker als bisher aus eigener Initiative aufnahm und sich seiner Autonomie, ja seines geistigen Führungsanspruches bewußt wurde. Zugleich regten sich in L.s Umgebung, am Hof und im Adel, Widerstände gegen das politische Programm der Ordinatio von 817. Personell zeichnen sich diese rivalisierenden Gruppen weiterhin nicht deutlich ab, doch tritt als zentrale Gestalt allmählich die neue Kaiserin →Judith in den Vordergrund, die ehrgeizige Mutter des 823 geborenen vierten Kaisersohnes →Karl (des Kahlen). Für ihn gewann sie Lothar als Taufpaten und, 829, den Gelehrten und Dichter →Walahfrid Strabo als Erzieher, für ihn erstrebte sie aber auch einen Anteil an der Reichsherrschaft. Das entsprach dem am Teilungsprinzip orientierten überkommenen Rechtsdenken, lief jedoch dem Nachfolgegesetz von 817 zuwider.
Zwar verteidigte der Gf. Bernhard von Barcelona, der Sohn Wilhelms von Toulouse, 827 erfolgreich seine fränk. Bastion in Spanien, im übrigen aber verliefen die Grenzkämpfe dieses Jahres sehr unglücklich. Die Grafen Hugo von Tours und Matfrid von Orléans, aber auch Mgf. Balderich von Friaul wurden Anfang 828 ihrer Ämter enthoben. Mit den immer lebhafter beklagten Mißständen in Reich und Kirche befaßten sich im Winter 828/29 eine Aachener Versammlung, dann Anfang 829 vier Synoden in Mainz, Lyon, Paris und Toulouse. Hier wurden Reformprogramme sehr grundsätzlicher Art entwickelt, die über die Bemühungen des letzten Jahrzehnts hinaus im Geiste der (schon spätantiken) Lehre von den beiden Gewalten – auctoritas sacrata pontificum et regalis potestas – auf eine Auflockerung des Staatskirchentums, ja auf eine Art von geistlicher „Normenkontrolle“ des öffentlichen Lebens zielten. L. aber und die Seinen erwiesen sich nicht – jedenfalls nicht mehr – willens und imstande, auch ihrerseits solche Wege zu beschreiten; naiver Machtwille überwucherte die hochfliegenden, im politischen Bereich freilich auch unrealistischen Reformideen – eben daraus ergab sich die schwere Krise der nächsten Jahre.
Auf die in einer relatio des Episkopats formulierten Reformwünsche ging L. nicht ein. Dagegen übertrug er im Aug. 829 auf einer Wormser Reichsversammlung seinem jüngsten Sohn Karl Alemannien mit Rätien, dem Elsaß und einem Teil Burgunds. Ob dieser Bereich als künftiges regnum im vollen Rechtssinne gedacht war, steht dahin, aber dem Geist der Ordinatio von 817 widersprach diese Regelung sehr, sie bezeichnete einen Sieg Judiths und einen völligen Kurswechsel des Kaiserhofes. Die Verfechter der Reichseinheit waren beiseite geschoben; Lothar, in den Urkunden nicht mehr als Mitregent genannt, wurde nach Italien entlassen; neue Männer, voran der zum Kämmerer berufene Bernhard von Barcelona, herrschten am Hof. Der Kampf um das Programm von 817 wurde ein Kampf um die Macht am Hofe. Die Initiative lag jedoch vorerst nicht bei den älteren Kaisersöhnen. Wala (seit 826 als Nachfolger seines Bruders Adalhard Abt von Corbie), der Erzkaplan Hilduin, der frühere Kanzler Helisachar erscheinen als Anführer einer Gruppe, die durch eine loyale Palastrevolution gegen den Kaiser selber die erstrebte Reichsordnung sichern wollte, sich dabei freilich im Kampf gegen die Gruppe um Judith und Bernhard mit Hugo, Matfrid und anderen Magnaten traf, deren Motive kaum über persönliche Feindschaft hinausreichten. Die Vorbereitungen zu einem auf Frühjahr 830 anberaumten Bretonenfeldzug schlugen in einen großen Aufstand um, dem L. keinen Widerstand entgegenzusetzen wagte. Bernhard floh nach Barcelona, Judith wurde nach Poitiers ins Radegundiskloster verwiesen. Unter der Leitung des aus Italien zurückgekehrten Mitkaisers Lothar tagte im Mai 830 zu Compiègne eine Reichsversammlung, die sich – soweit erkennbar – formal mit der Wiederherstellung des vorherigen Rechtszustandes begnügte: Lothar erscheint jedenfalls wieder als Zweitkaiser in den|Diplomen, in Wirklichkeit aber trat er als Alleinherrscher auf, beschränkte L. auf eine nominelle Rolle und wollte ihn gar zum Eintritt in den Mönchsstand bewegen. Ohne daß wir die Hintergründe im einzelnen durchschauen, gewann L. in kürzester Frist wieder das Übergewicht. Er ließ den jüngeren Söhnen Pippin und Ludwig eine Vergrößerung ihrer Reichsteile anbieten und konnte sich auf der nächsten Reichsversammlung, im Okt. 830 zu Nimwegen, wieder durchsetzen. Lothar leistete einen neuen Treueid, Judith 1 kehrte zurück, die Anführer des Aufstandes wurden vom Hofe verwiesen und dann im Febr. 831 in Aachen abgeurteilt: Wala und Hilduin, nicht mehr Erzkaplan, wurden verbannt; Lothar, nicht mehr Mitregent, mußte nach Italien zurückkehren. Auf dieser Aachener Versammlung wurde wahrscheinlich eine neue Erbteilung verkündet, die Lothar auf Italien beschränkte und im übrigen, wohl im Rückgriff auf die Divisio von 806, Pippins und Ludwigs Anteile weit ins Reichsinnere, Karls. Gebiet um den Mosel- und Rhoneraum erweiterte. Der Aufstand von 830 hatte also nicht zur Sicherung der Ordinatio, sondern zur Preisgabe der Reichseinheit geführt; Judith schien gesiegt zu haben.
Statt einer Beruhigung kam es bald, bei erneut schwindender Führungskraft L.s und wechselnden Gruppierungen, zu neuen Gegensätzen, die sich, wiederum im einzelnen schwer durchschaubar, für uns nur noch als erbitterter Machtkampf in Dynastie und Hochadel darstellen. Daß die großzügige Ausstattung des jungen Karl die älteren Brüder sehr verstimmt hatte, steht außer Zweifel. Offenbar durch Judiths Bemühen, Lothar auf die Seite ihres Sohnes zu ziehen, kam es jedoch zunächst zu einer halben Aussöhnung: Auf einer Reichsversammlung in Ingelheim empfing L. im Mai 831 Lothar und amnestierte die meisten seiner Anhänger, darunter Hilduin, nicht jedoch Wala. Aber die Spannungen zu den anderen Söhnen bestanden fort. Pippin blieb im Okt. 831 einer Diedenhofener Reichsversammlung fern und verließ gegen Jahresende im Unfrieden den Hof, Ludwig von Bayern empörte sich Anfang 832. Dieser Widerstände wurde der Kaiser jedoch Herr. Er beließ dem jüngeren Ludwig Bayern, verwies Pippin dagegen nach Trier und sprach Aquitanien Karl zu. Die Erbteilung vom Vorjahre war damit schon umgestoßen, ja L. erwog nunmehr eine Teilung des Gesamtreiches (außer Bayern) nur zwischen Lothar und Karl.
Statt dessen aber flammte Anfang 833 der schwelende Konflikt zu äußerster Heftigkeit auf, da Pippin und der jüngere Ludwig sich jetzt mit ihrem Bruder Lothar verbündeten, in gemeinsamem Widerstande, aber kaum mit klarem gemeinsamem Ziel. Für Lothar war es ein Kampf um seine Rechte aus der Reichsordnung von 817. Um für dieses ja auch religiös konzipierte Programm und überhaupt für die Friedenswahrung mit seiner geistl. Autorität einzutreten, fand sich Papst Gregor IV. (827–44) bereit, Lothar in die Francia zu begleiten. Wala dagegen trat nach den Erfahrungen von 830 nur widerstrebend neben Ebbo von Reims auf Lothars Seite. Wortführer des Aufstandes wurde Agobard von Lyon, während Drogo von Metz mit anderen Bischöfen ebenso entschieden zu L. hielt. So kam es unvermittelt zu einer Konfrontation von kaiserlichem, reichsbischöflichem und päpstlichem Anspruch. Der von L.s Bischöfen als frater angeredete und an seinen Treueid gemahnte Papst berief sich, ebenso wie Agobard, auf den religiösen Vorrang der priesterlichen, insbesondere päpstlichen Gewalt. Über diesen Prinzipienkampf aber ging der Machtkampf hinweg. Während sich die Heere bei Kolmar gegenüberlagen und L. mit dem Papst über einen Ausgleich verhandelte, wußten die Gegner am 24.6.833 seine Anhänger auf ihre Seite zu ziehen, so daß L. sich sechs Tage später gefangen geben mußte. Diese formlose Preisgabe L.s durch seine Getreuen auf dem Rotfelde, das später „Lügenfeld“ genannt wurde, bedeutete im Rechtsdenken der Zeit seine Absetzung. Ebenso formlos ging die Herrschaft an Lothar über, der den kaiserlichen Urkundentitel L.s annahm, aber seinen eigentlichen Anspruch nicht aufrechtzuerhalten vermochte. Seinen Brüdern Pippin und Ludwig, die ihm vielleicht ein Treueversprechen leisteten, räumte er ausgedehnte Länder zu sofortiger selbständiger Herrschaft ein. Karl blieb von dieser Teilung ausgeschlossen, aber auch von der Ordinatio war nur ein schwacher Abglanz übriggeblieben. Gregor IV. sah seine Autorität mißbraucht und kehrte enttäuscht nach Rom zurück.
Lothar und seine Parteigänger zeigten sich zum äußersten entschlossen, um die labile neue Herrschaft zu stabilisieren. Karl wurde nach Prüm, Judith nach Tortosa, L. in das Medarduskloster nach Soissons verbracht. Von den Erzbischöfen Ebbo und Agobard beraten, wenn nicht gar getrieben, wollte Lothar den Sturz L.s kirchlich sanktioniert und unwiderruflich gemacht wissen. Das Idoneitätsprinzip, die Auffassung vom Herrschertum als einem von Gott verliehenen Amt in der ecclesia, wurde zu einer Waffe|gegen den Kaiser. Im Okt. 833 erklärten die in Compiègne versammelten Bischöfe, L. habe sein Amt – ministerium sibi commissum – schlecht verwaltet und mahnten ihn zur Kirchenbuße. In Saint-Médard zu Soissons folgte eine feierliche Zeremonie, bei der Ebbo von Reims als Ankläger auftrat. Der gestürzte Kaiser bekannte sich ob vielfacher Schuld, insbesondere der Gewalttaten gegen seine Anverwandten und der Verstöße gegen die Reichsordnung, der Herrschaft unwürdig, legte die Waffen ab und nahm als Exkommunizierter das Büßergewand. Seine Thronfähigkeit sollte damit erloschen sein, ja die Kaiser- und Königswürde schien, kaum zwanzig Jahre nach L.s Thronbesteigung, in eine tödliche Krise geraten.
Lothar und seine Ratgeber hatten jedoch den Bogen überspannt. Der Abt →Hrabanus Maurus von Fulda protestierte gegen die Entthronung des alten Kaisers, den Lothar als Gefangenen mit nach Aachen führte und dem abermals der Klostereintritt nahegelegt wurde. In kürzester Zeit kehrten sich die Fronten wieder um. Durch die harte Behandlung des Vaters, anscheinend aber auch durch den Versuch, die politisch-territoriale Position der Brüder wieder zu beschneiden, brachte Lothar zunächst Ludwig von Bayern, dann auch Pippin von Aquitanien gegen sich auf. Er wich nach Saint-Denis aus, ließ dort aber den Vater und den (inzwischen auch an den Hof geholten) Halbbruder Karl zurück und zog am 28.2.834 fluchtartig nach Burgund ab. Schon am 1.3., einem Sonntag, wurde L. dann in Saint-Denis wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen und als Kaiser anerkannt. Pippin und Ludwig fanden sich bei ihm ein, auch Judith wurde befreit. Der jetzt unausweichlich gewordene, mit grausamer Gewalt ausgetragene offene Kampf schien in eine neue Katastrophe L.s einzumünden, denn an der Bretonengrenze wurde sein Heer geschlagen (der Kanzler Theoto fiel), und Lothar eroberte vom Süden her die Stadt Chalon. Auf die letzte Machtprobe mit den überlegenen Kräften des Vaters ließ er es aber schließlich doch nicht ankommen. So konnte L. im Spätsommer oder Herbst 834 bei Blois die Unterwerfung Lothars entgegennehmen. Er beließ ihm Italien, gebot ihm aber, dieses Land nicht eigenmächtig zu verlassen; mit zahlreichen Getreuen, darunter Wala († 836) und Agobard, kehrte Lothar über die Alpen zurück. Ohne die letzte Teilung anzuerkennen, duldete L., daß Pippin ein nach Norden erweitertes Aquitanien, Ludwig anscheinend die rechtsrheinischen Länder behielt. Mit einer Reichsversammlung in Diedenhofen, einer feierlichen Restitution des Kaisers im Dom der Karolingerstadt Metz (28.2.835) und der Resignation Ebbos als Erzbischof von Reims gingen die fünfjährigen Wirren zu Ende.
Das Amt des obersten Hofkaplans hatte L. anscheinend schon 830 dem nicht sicher bestimmbaren Abt Fulko anvertraut (bezeugt 833), ihn aber wohl gleich 834, spätestens 836 durch seinen in Treue bewährten Halbbruder EB Drogo ersetzt. Die Leitung der Kanzleigeschäfte ging 834 an seinen anderen Halbbruder, den Abt Hugo, über. Am Hofe war damit wieder Stetigkeit eingekehrt, nicht aber im Reich, für dessen Küstenländer sich die Normannen- und Sarazenengefahr von Jahr zu Jahr steigerte. Trotz einer neuen Aachener Reformsynode von 836 fanden auch die kirchlichen Dinge nicht zu wirklicher Konsolidierung. Vor allem aber blieb die Ausstattung des jüngsten Kaisersohnes Karl eine offene Frage. Ohne Verständigung mit Lothar, der sich gegen die Aussöhnungsbemühungen des Hofes sperrte, bestimmte L. 837 in Aachen weite Länder im Raum zwischen Rhein, Seine und Nordküste als – wohl künftigen – Anteil Karls, den er 838 in Quierzy endlich wehrhaft machen und zum König krönen konnte. Der jüngere Ludwig, der sich erneut auflehnte, wurde wieder auf Bayern beschränkt. Als dann aber Pippin I. von Aquitanien am 13.12.838 starb, war die Bahn frei für die von Judith offensichtlich längst erstrebte Lösung. L. überging den Erbanspruch Pippins II, empfing Lothar zu formeller Aussöhnung auf einer Reichsversammlung in Worms (Juni 839), setzte u. a. auch Agobard wieder in sein Erzbistum ein († 840) und ordnete eine Teilung des Gesamtreiches außer Bayern nur zwischen Lothar und Karl an. Italien und die Länder östlich einer Linie von der Maas zum Genfer See sollten an Lothar, der Westen an Karl fallen. Dieser Entscheidung aber widersetzten sich sowohl Ludwig von Bayern wie eine bedeutende Gruppe des aquitanischen Adels, der Pippin II. zum König ausrief. L. zog nun selber zu Felde, 839 nach Aquitanien, 840 gegen Ludwig. In dieser wirren Situation starb L., nachdem er vom Krankenlager aus den Zweitkaiser Lothar durch Zusendung der Reichsinsignien zum Nachfolger designiert hatte. Sein Bruder Drogo setzte ihn im alten Hauskloster der Karolinger bei.
Einem Herrschernamen das Attribut pius (oder piissimus) beizulegen, gehörte allgemein zur rhetorisch geprägten Topik der Literatur, der Urkunden und der Münzen. Dieses Epitheton begegnet im 9. Jh. und noch darüber hinaus bei L., bei Ludwig dem Deutschen und selbst bei Ludwig dem Kinde. Abgesehen von einem isolierten Zeugnis bei Notker von St. Gallen (Hludovicus agnomine pii, 887) hat sich diese Bezeichnung als individueller Beiname L.s erst im 10. und 11. Jh. eingebürgert. Sie ist auch in der Wissenschaft fester Sprachgebrauch geworden und entbehrt nicht der Berechtigung, denn persönliche Frömmigkeit und Aufgeschlossenheit für Wesen und Anliegen der Kirche treten bei L. ausgeprägt und vertieft zutage. An der schillernden Duplizität der französischen Titel Louis le Pieux und Louis le Débonnaire ist freilich abzulesen, daß dem Beinamen auch eine negative Note im Sinne der Schwäche, der Nachgiebigkeit gegenüber geistlichem Machtanspruch eignen kann. Der unverkennbare Kontrast zu Karl d. Gr., dessen Format L. sicherlich nicht hatte, eine isolierte, unnuancierte Blickrichtung auf die Szenen von 822 und 833, unreflektiert nationalliberale. Wertungskategorien der Geschichtsschreibung haben solche Vorstellungen zu einem Klischee verdichtet, das die älteren Darstellungen und Handbücher beherrscht, in jüngeren Studien aber differenzierend aufgelok-kert worden ist. In L.s Regierung begegnen sich Kulmination und Wende des fränk.-karoling. Zeitalters, aber daß diese Jahrzehnte schlechthin eine Periode des Verfalls gewesen seien, behauptet niemand mehr. In der Kirchenpolitik vor allem der Anfangszeit, aber auch im Willen zur organisatorischen Straffung des Reiches ließ L. es, bei allem Verdienst seiner Berater, nicht an eigener Energie fehlen; das geistige Leben, die sog.Karoling. Renaissance, fand unter ihm zu gesteigerter Entfaltung, der politischen Konzeption einer einheitlichen Reichsstruktur eignet fraglos ein großer Zug. Als sich dann freilich die Probleme türmten, wußte L., jetzt anders beraten und wechselnd beeinflußt, seine anfängliche Energie nicht mehr zu behaupten. Es liegt zwar vordergründig nahe, wäre jedoch unhistorisch, in des Kaisers persönlichem Versagen die primäre Erklärung für diese Wende sehen zu wollen. Die entscheidenden Gründe waren objektiver Art. Das Programm von 817 war eine theoretische, von den Zeitgenossen auch geistig kaum erfaßte Konstruktion geblieben, der es an den wirtschaftlichen und verkehrstechnischen, administrativen und militärischen Voraussetzungen fehlte. Der Weg zu einer innerdynastischen Aufgliederung des Riesenreiches erscheint im historischen Rückblick als ein strukturbedingter Sachzwang, dem auch ein Karl d. Gr. schwerlich Einhalt geboten hätte. So ist L. als eine zentrale Gestalt des noch gemeinsamen german.-roman. Europa zu sehen, eines Zeitalters, das zur gemeinsamen Basis deutscher und franz. Geschichte gehört – L. wird als erster in der langen Reihe franz. Könige dieses Namens gezählt -, das aber in manchen Bezügen, so in der Kloster- und Kirchenreform, in der neuartigen Polarität von Herrschertum, Adel und Episkopat wie auch in der sich anbahnenden staatlichen Pluralität schon spezifische hochmittelalterliche Probleme, teilweise sogar normgebend, vorweggenommen hat.
2. Pippin der Jüngere
P. war der zweite Sohn Karl Martells und wurde geboren, als der Vater gerade daran ging, den Kampf um das Erbe Pippins d. M. zu führen. Bezeugt sind seine Taufe durch den hl. Willibrord und eine zeitweilige Erziehung im Kloster Saint-Denis, doch ist im übrigen kaum etwas über ihn wie auch den älteren Bruder Karlmann zu Lebzeiten des Vaters bekannt. Unklar in ihrer Bedeutung ist die Nachricht, →Karl Martell habe P. 737 nach Italien entsandt, wo ihn der Langobardenkönig Liutprand an Sohnes statt annahm. Jedenfalls hinterließ Karl zwei verschiedene Erbfolgeregelungen: Während er zunächst (vielleicht schon 737) das Reich und das Hausmeieramt, das er zuletzt ohne König versehen hatte, allein unter Karlmann (Austrasien, Alemannien, Thüringen) und P.(Neustrien, Burgund, Provence) aufgeteilt hatte, berücksichtigte er auf deren Kosten kurz vor seinem Ende auch Grifo, den um 726 geborenen Sohn seiner zweiten Frau, der Agilolfingerin Swanahild, mit einem ansehnlichen Erbteil in der Mitte des Reiches.
Dies führte nach Karls Tod zu einem kurzen, aber heftigen Machtkampf, in dem die älteren Brüder die Stiefmutter und den Stiefbruder bezwangen. Grifo wurde noch 741 bei Laon umzingelt und schließlich auf dem Chèvremont bei Lüttich gefangengesetzt, seine Mutter verschwand im Kloster Chelles bei Paris. Damit hatten sich Karlmann und P. die Herrschaft als Hausmeier über die zentrale Francia gesichert und begannen sogleich, sich gegen widerstrebende Kräfte an der Peripherie zu wenden. 742 unternahmen sie einen gemeinsamen Feldzug gegen Aquitanien, der zur Einnahme von Bourges führte, und stießen in Alemannien bis zur Donau vor. Außerdem vereinbarten sie in Vieux-Poitiers eine vom väterlichen Willen abweichende Reichsteilung, die Karlmann eine eher nördl., P. eine südl. Zone zugestand, und setzten Anfang 743 noch einmal einen merowing. König namens Childebert III. ein, der ihre Position gegenüber Rivalen legitimieren sollte. So gerüstet nahmen sie den Kampf mit ihrem Schwager Odilo von Bayern auf, der sich am Lech geschlagen geben und der karoling. Oberhoheit beugen mußte. Während Karlmann 743 und nochmals 744 bis ins östl. Sachsen hinein Schrecken verbreitete, setzte sich P. wohl 744 mit Theudebald, dem Bruder des letzten Alemannen-Hzg. Landfrid, auseinander. Das Jahr 745 sah dann beide Brüder wieder zusammen beim Heereszug gegen Hunoald von Aquitanien, der zuvor einen Einfall in Neustrien gewagt hatte und nun zur Kapitulation genötigt wurde. Man ließ ihn seine Tage im Kloster beschließen, gestattete aber seinem Sohn Waifar die Nachfolge im aquitan. Dukat. Den Abschluß dieser neuen Welle der Zentralisierung des Frankenreiches bildete das Einschreiten Karlmanns in Alemannien, der dort 746 eine letzte Empörung niederschlug und das Herzogtum endgültig beseitigte.
Gleichzeitig leiteten beide Brüder eine neue Ära der fränk. Kirchenpolitik ein, die über die bisherige Begünstigung von Klostergründungen und rechtsrhein. Mission hinaus auf eine organisatorische Festigung und umfassende Erneuerung nach kanonischen, zumal von den Angelsachsen (Bonifatius) vermittelten Maßstäben abzielte. Karlmann ging damit in seinem Teilreich voran, doch ist spätestens 744 (Synode v. Soissons) eine Förderung dieser Tendenzen auch durch P. erkennbar, wobei die geforderte Rückgabe entfremdeten Kirchenguts den heikelsten Punkt darstellte. 745 trafen beide Hausmeier bei einer gesamtfränk. Synode (an unbek. Ort) mit Bonifatius zusammen. Seither wuchsen jedoch die Widerstände mit der Folge, daß in P.s Teilreich die beschlossene Einführung der Metropolitanverfassung nicht durchzusetzen war. Es bleibt indes ungewiß, inwieweit Enttäuschung über diese Entwicklung den Entschluß des Hausmeiers Karlmann befördert hat, im Herbst 747 der Welt zu entsagen und sich in Italien dem klösterlichen Leben zu widmen.
Als damit alleiniges Familienoberhaupt war P. nicht gesonnen, die Macht abermals zu teilen, schob Karlmanns Sohn Drogo beiseite (zumal er seit 2.4.748 in Karl d. Gr. einen eigenen Stammhalter hatte) und focht einen neuen Kampf mit Grifo aus, der nach Karlmanns Abdankung zu den Sachsen entkommen war und 748 nach Hzg. Odilos Tod sein Heil in Bayern suchte. P. bezwang ihn 749 durch einen Vorstoß bis zum Inn, gewährte ihm eine Abfindung mit 12 Grafschaften um Le Mans, doch blieb der Stiefbruder unzufrieden und fand schließlich 753 beim Versuch, nach Italien durchzubrechen, den Tod. Erst der Rücktritt Karlmanns und die Überwindung Grifos setzten P. in die Lage, ein eigenes Königtum an Stelle der machtlos gewordenen Merowinger ins Auge zu fassen. Dabei die Autorität des Papsttums einzuschalten, mag ihm der Fortgang der Kirchenreform nahegelegt haben, die er seit 748 zunehmend durch unmittelbare Einholung von Rechtsauskünften in Rom betrieben hatte. Sein besonderes Vertrauen in geistlichen Dingen genossen der vornehme Franke Chrodegang, seit 742 Bf. von Metz, und Fulrad, seit 750 Abt von Saint-Denis. So sandte er im Frühjahr 750 Bf. Burchard von Würzburg, einen Angelsachsen, zusammen mit Fulrad zu Papst Zacharias, den Reichsannalen zufolge mit der Frage „nach den Königen im Frankenreich, die damals keine königliche Gewalt hatten, ob das gut sei oder nicht“. Sie erhielten, vermutlich sogar schriftlich, den Bescheid, „daß es besser sei, der hieße König, welcher die Macht habe, als der, welcher ohne königliche Macht sei“. Das berühmte Responsum des Zacharias bot die erwünschte Grundlage, um die Diskrepanz zwischen Titel und Inhalt der kgl. Würde zu überwinden. Rechtsverbindlich wurde der Dynastiewechsel erst dadurch, daß P. wohl im Nov. 751 in Soissons nach akklamatorischer Huldigung der Großen und förmlicher Thronsetzung das Königtum annahm, während Childerich III. ins Kloster Saint-Bertin verwiesen wurde. Zum traditionellen Ritual trat als neuartiges Element die geistliche Salbung durch die Bischöfe (an Weihnachten 751 ?), die, vielleicht durch irische Anregung, auf Vorbilder im Alten Testament zurückging.
Nicht nur für diese sakrale Fundierung der Monarchie, sondern auch für die Einbeziehung Italiens in das abendländ. Mittelalter ist P.s Herrschaft wegweisend geworden. Als nämlich Papst Stephan II. 753 seine Hilfe gegen den wachsenden Druck der Langobarden erbat, lud er ihn ins Frankenreich ein und schloß mit ihm 754 in Quierzy und Saint-Denis ein Bündnis, das seine Bestellung zum Schutzherrn Roms (patricius Romanorum) und zugleich die Sicherung des dynastischen Vorrangs seiner Familie durch päpstl. Salbung (auch der Söhne Karl und Karlmann) zum Inhalt hatte. Unbeirrt von den Warnungen des aus dem Kloster Montecassino zurückgekehrten Bruders Karlmann, brach P. zu seinem ersten Italienfeldzug auf, der zu einem raschen Sieg über den langobard. Kg. Aistulf führte. Da dieser jedoch entgegen den Vereinbarungen erneut vor Rom rückte, griff P. 756 wiederum ein und erzwang in einem verschärften Friedensvertrag die Übergabe umfangreicher langobard. Eroberungen in Mittelitalien an den Papst (Pippinische Schenkung), womit die Geschichte des Kirchenstaates begann. Die Einzelheiten der Grenzziehung blieben noch lange strittig, konnten aber P. trotz mehrfacher Mahnung Papst Pauls I. (757–67) nicht mehr auf den Plan rufen.
Vielmehr konzentrierte sich P. seit den späten 750er Jahren wieder ganz auf den Herrschaftsaufbau nördl. der Alpen. Er beförderte die weiträumige Verflechtung loyaler Adelsfamilien, ließ seinen Neffen, Hzg. Tassilo III. von Bayern, seit 757 mündig, mit Vorbehalten gewähren und beschränkte sich gegenüber Sachsen auf gelegentliche Strafexpeditionen, um alle Kraft auf den Südwesten Galliens zu richten. 759 nahm er die Küstenlandschaft Septimanien mit dem Zentrum Narbonne, den letzten maur. Vorposten nördl. der Pyrenäen, ein, und seit 760 führte er nahezu jährliche zermürbende Feldzüge gegen Aquitanien unter dem dux Waifar, woran er bald auch seine Söhne Karl und Karlmann beteiligte. 762 fiel Bourges, 766 war die Garonne erreicht, und 768 nahm das Ringen ein wenig rühmliches Ende, als der letzte aquitan. Herzog einem Mordanschlag aus der eigenen Umgebung anheim fiel, an dem schon Zeitgenossen P. die Schuld gaben.
P., der den Aufstieg seines Geschlechts zum Königtum vollendete, stützte sein Regiment auf die neu geschaffene Hofkapelle, einen Verband ergebener Kleriker, die für den herrscherlichen Gottesdienst ebenso wie – anstelle der laikalen referendarii der Merowinger – für den gesamten Schriftverkehr des Hofes zuständig wurden. Dauerhafte geistliche Mitwirkung an Beratung, Formulierung und Vollzug der Politik tritt auch im Fortgang der fränk. Kirchenreform zutage, die unter P. zur Verallgemeinerung des Zehntgebots und zu einer beginnenden Vereinheitlichung der liturgischen Bücher nach röm. Mustern gelangte. Für ein zunehmendes intellektuelles Selbstbewußtsein spricht, daß P. 767 auf der Synode von Gentilly röm. und griech. Theologen vor seinen Bischöfen ein Streitgespräch über Probleme des Bilderkults führen ließ, ein Vorgang, der bereits deutlich auf die nachfolgende Ära Karls d. Gr. vorausweist.
Auf dem Rückweg vom letzten aquitan. Feldzug erkrankte P. im Juni 768 schwer. Er verfügte eine Reichsteilung, die in Anlehnung an diejenige von 742 dem Sohn Karl ein nördl., Karlmann ein südl. Teilreich und beiden je zur Hälfte das eben erst unterworfene Aquitanien zusprach. Tatsächlich wurde schon nach drei Jahren sein alleiniger Erbe Karl d. Gr., dessen historische Leistung ohne die inneren und äußeren Erfolge P.s nicht möglich geworden wäre.
3. Bonifatius
Einer Grundherrenfamilie entstammend, im Kloster Exeter aufgewachsen, erfuhr B. in Nursling (bei Winchester) die entscheidende Formung: das benediktinische Mönchtum, die festgefügte, der Verbundenheit mit Rom bewußte angelsächsische Landeskirche, die von dem Theologen und Dichter Aldhelm beherrschte Bildungswelt von Wessex gaben ihm das unverlierbare geistige Gepräge. In Nursling wurde er Leiter der Klosterschule; eine Anzahl Dichtungen, eine Grammatik und eine Metrik sind als Niederschlag dieser Lehrtätigkeit zu betrachten. Schon im reifen Mannesalter stehend, entschloß er sich, der iroschottischen und angelsächsischen Tradition der peregrinatio zu folgen und sich der Missionsarbeit bei den stammverwandten Heiden zu widmen. Nachdem ein erster Versuch in Friesland 716 an politischen Widrigkeiten gescheitert war, schied B. 718 für immer aus der Heimat, mit der er nur brieflich zeitlebens in enger Fühlung blieb. Dem Vorbilde des Friesenapostels Willibrord folgend, begab er sich nach Rom, um vom Papste die Ermächtigung zur Heidenbekehrung einzuholen. In einem Schreiben vom 15.5.719, das diesen Auftrag aussprach, erhielt er von Gregor II. den Namen des römischen Heiligen vom Vortage, B., den er seitdem regelmäßig führte. Er wirkte zunächst kurze Zeit in Thüringen, trat aber nach dem Tode des frankenfeindlichen Friesenherzogs Radbod (719) in den Dienst Willibrords.
Er trennte sich jedoch (wohl 721) von seinem Meister und begann mit der Glaubensverkündigung in Hessen; in Amöneburg (östlich von Marburg) entstand sein erstes Kloster. Nach bedeutenden Anfangserfolgen nahm B. neue Verbindung mit dem Papste auf. Gregor II. entbot ihn nach Rom und weihte ihn am 30.11.722 zum Bischof. Angelsächsischer|Missionspraxis entsprechend suchte B. zugleich Rückhalt bei der Staatsgewalt; Karl Martell stellte ihm auch einen Schutzbrief aus (723), aber von einer ernstlichen Förderung durch den Hausmaier ist nichts zu erkennen. B. blieb auf die dem Frankenreiche erst lose angegliederten Randgebiete beschränkt, was sich freilich fürs erste ohnehin in seine Pläne fügte. Mit verstärkter Energie und Autorität nahm er seine Wirksamkeit wieder auf, zunächst in Hessen - die Fällung der Donarseiche in Geismar (unweit von Fritzlar) gehörte in diese Zeit -, bald auch in Thüringen (seit 725), wo weniger das Heidentum als ein noch wenig gefestigtes Christentum ihm Widerstände entgegensetzte. Im glücklichen Fortgang gewann sein Werk eine breitere organisatorische Grundlage. Gregor III. ernannte ihn (wohl 732) zum Erzbischof mit der Befugnis, Bischöfe einzusetzen. Da →Karl Martell seine Hilfe versagte, kam die Errichtung von Bistümern freilich nicht zustande, aber die angelsächsische Heimat lieh moralische und materielle Unterstützung und sandte Gefährten, darunter Wigbert, den ersten Abt von Fritzlar, und des B. Verwandte Lioba (Leobgytha); zu den Klostergründungen Ohrdruf und Fritzlar kamen am Main die Frauenklöster Tauberbischofsheim, Kitzingen und Ochsenfurt; aus Bayern stieß Sturmi als neuer Schüler zu ihm. Bei der dritten Romreise 737/38 erweiterte Gregor III. die Vollmachten und Aufträge des B., der zugleich in den Landsleuten Wunibald, Lul, Burchard abermals Schüler gewann: als legatus Germanicus sollte er das Christentum auch unter seinen eigentlichen Stammesgenossen, den 'Altsachsen', verkünden - diese Krönung seines Werkes blieb ihm freilich versagt -, und vor allem sollte er in Hessen, Thüringen und Bayern eine feste Kirchenorganisation aufbauen. Aber die Unterstützung durch die fränkische Staatsgewalt blieb auch jetzt aus; nur in dem weitgehend selbständigen Bayern konnte B. 739 mit Hilfe Herzog Odilos in Anlehnung an bereits bestehende kirchliche Brennpunkte vier Diözesen errichten und Oberhirten einsetzen: Gawibald in Regensburg, Erembert in Freising, Johannes in Salzburg; in Passau verblieb der bereits früher vom Papste geweihte Vivilo. Die bayerische Landeskirche blieb freilich nicht lange unter der Aufsicht des Erzbischofs B.; Odilo setzte 745 in Salzburg den Iroschotten Virgil ein, mit dem B. über kosmologische Fragen in einen langwierigen Streit geriet.
Der Tod Karl Martells 741 brachte die große Wende. Karlmann und Pippin standen dank einer gewissen geistlichen Erziehung den kirchlichen Anliegen aufgeschlossener gegenüber. Die Bistumsorganisation in Thüringen und Hessen wurde jetzt realisiert (742). B. errichtete die Diözesen Würzburg (erster Bischof Burchard), Büraburg (Witta) und Erfurt (Bischof unbekannt); Büraburg und Erfurt gingen wohl bald nach seinem Tode im Mainzer Sprengel auf. B.weihte am 21.10.742 auch Wunibalds Bruder Willibald, der, aus Montecassino und Rom kommend, im Jahre zuvor zu ihm gestoßen war und seinen Sitz in Eichstätt genommen hatte, zum Bischof, doch scheint es, daß sein Bistum (das dem Verbande der fränkischen, nicht der bayerischen Kirche angehörte) erst nach einigen Jahren (745 ?) wirklich errichtet werden konnte; in seinem Bezirk entstanden die Klöster Heidenheim¶ und Solnhofen. In enger Verschmelzung politischer und kirchlicher Ziele betrieben die neuen Hausmaier, im Bunde mit B. und dem Papsttum, eine Gesamtreform der fränkischen Kirche und den Ausbau ihrer monarchischen Gewalt, im Widerstreit zum austrasischen Adel, der mit Gestalten wie Milo von Trier-Reims und Gewilib von Mainz auch den Episkopat beherrschte. Im so genannten Concilium Germanicum, das am 21.4.743 an unbekanntem Orte tagte, bestätigte Karlmann die neuen Bischöfe und B. als austrasischen Erzbischof; er verkündete strenge Vorschriften über die kirchliche Disziplin und bestimmte die Rückgabe der unter→Karl Martell 'säkularisierten' Kirchengüter. Pippin übernahm ähnliche Prinzipien für Neustrien und leitete eine Wiederherstellung des Metropolitansystems ein, indem er durch B. Erzbischöfe für Rouen (Grimo), Reims (Abel) und Sens (Hartbert) weihen ließ; Papst Zacharias wurde um die Pallien gebeten (Konzil von Soissons, 3.3.744). Diese beiden Synoden und die gleichzeitige wichtigste Klostergründung, Fulda mit Sturmi als erstem Abt (744), bezeichnen den Höhepunkt der bonifatianischen Reform. Aber der heftige Widerstand des fränkischen Adels führte zu rascher Krise, die Karolinger wichen zurück. Schon die zweite Reformsynode Karlmanns in Les Estinnes (Hennegau) vom 1.3.744 schwächte die Bestimmungen über die Restitution des Kirchengutes sehr ab. Auch die neustrischen Pläne blieben stecken: Abel konnte sich in Reims gegen Milo nicht halten, Pippin schränkte die Pallienbitte auf Grimo von Rouen ein. Schließlich scheiterte gar die Errichtung einer eigentlichen Kirchenprovinz in Austrasien, denn ein Synodalbeschluß von 745, Köln zum Metropolitansitz des B. zu erheben, blieb unausgeführt. Immerhin gelang es, Gewilib von Mainz zu stürzen, und B. übernahm (wohl 746) dieses Bistum, aber nur als persönlicher Missionserzbischof; Metropolitanrechte erhielt Mainz erst unter →Karl dem Großen (780/82).
Pippin, durch Karlmanns Abdankung seit 747 alleiniger Hausmaier, ließ B. angesichts der übermächtigen Gegnerschaft in der fränkischen Aristokratie jetzt in den Hintergrund treten. Einer Synode, die B. 747 mit 13 Bischöfen an unbekanntem Orte hielt, kam offenbar nur geringe Bedeutung zu. Der Hausmaier nahm unmittelbare Verbindung mit Rom auf, die Führung im Reformwerk (das keineswegs fallen gelassen wurde!) ging an fränkische Persönlichkeiten wie den Abt Fulrad von St. Denis und den Bischof Chrodegang von Metz über. An den Verhandlungen über die Erhebung Pippins zum Könige war B. nicht beteiligt, wenn es auch möglich bleibt, daß er 751 die Königssalbung vollzog. Er trug schwer an den Hemmnissen und bemühte sich, sein Werk nach Möglichkeit zu sichern: er erwirkte 751 die päpstliche Exemtion für seine Stiftung Fulda und 753 die Nachfolge seines Schülers Lul in Mainz. Nicht einmal bei der Reise Stephans II. ins Frankenreich 754 trat er in Erscheinung. Er kehrte zur Friesenmission zurück und fand den Märtyrertod. Seine Leiche wurde feierlich über Mainz nach Fulda gebracht; seine Eingeweide wurden in Mainz beigesetzt.
„Kein Genie, aber ein Charakter, ein Mann der Tat, des Gewissens und des Gehorsams“ (→Hans von Schubert, S. 312), ist B. durch die Ausbreitung des christlichen Kulturbereiches und der Kirchenorganisation auf deutschem Boden ebenso wie durch die Erneuerung der fränkischen Landeskirche im Bunde mit dem Papsttum zu einem Mitbegründer des abendländischen Mittelalters geworden.
4. Karl Martell
K.s Vater hatte seit 687 von der austrischen Basis aus einen formal mit dem Amt des maior domus (Hausmeier) verbundenen Prinzipat errichtet, der das Königtum der Merowingerdynastie nominell bestehen ließ, aber in faktisch eigener Herrschaft die austrisch-neustrische Francia zusammenfaßte und bereits in germanische Randgebiete (Friesland, Mainland-Thüringen, Alemannien) ausgriff. Bei Pippins Tode (18.12.714) stand jedoch kein regierungsfähiger Nachfolger bereit, da er seine legitimen Söhne aus der Ehe mit Plektrud überlebt und den Friedelsohn K. von der Nachfolge ausgeschlossen hatte. Plektrud setzte K. gefangen und wollte mit ihren noch unmündigen Enkeln und dem König Dagobert III. († 715/16) die Regierung des Gesamtreiches fortsetzen. Aber ein Aufstand der Neustrier, die alsbald den König Chilperich II. († 721) erhoben, sowie schwere Angriffe der Friesen und Sachsen brachten das politische Werk Pippins dem Zusammenbruch nahe. Die Überwindung dieser Krise und die Sicherung des fränkischen Gesamtreiches, wiederum vom germanischen Austrien aus, ist die historische Leistung K.s.
K. befreite sich aus der Haft, sammelte austr. Anhänger, schlug die Neustrier (716 u. 717) und brachte bis 717 die Herrschaft in Austrien an sich, wo er einen eigenen König, Chlothar IV. (717–20), aufstellte. 719 erreichte er durch einen entscheidenden Sieg bei Soissons die Unterwerfung der mit dem Aquitanierhzg. Eudo verbündeten Neustrier und erleichterte den Frieden, indem er nach dem Tode Chlothars IV. den König Chilperich II. anerkannte; als dieser 721 starb, ließ er Theuderich IV. († 737) als nominellen König folgen. Damit war die von Pippin geschaffene Ordnung wiederhergestellt. K. regierte als Hausmeier dieser Könige, wird aber von den Chronisten als dux und princeps, von den Päpsten gelegentlich als patricius und subregulus bezeichnet.
Auch die ausweitende Sicherung und Festigung der fränkischen Reichsgewalt kam wieder in Gang. K. zog 718 gegen die Sachsen zu Felde, richtete 719 die Herrschaft über Westfriesland wieder auf und schloß 720 Frieden mit Eudo von Aquitanien. Das nächste Jahrzehnt stand im Zeichen des schon von Pippin begonnenen Kampfes mit den germanischen Herzogsgewalten. Nachdem K. schon vor 720 das thüringische Herzogtum hatte zu Ende gehen lassen und 722/24 erneute Heerfahrten gegen die Sachsen unternommen hatte, zog er 725 durch Alemannien nach Bayern; bei der Rückkehr führte er die Herzogin Pilitrud und ihre Nichte Swanahild mit. Obgleich K. 728 abermals in Bayern erschien, kam es noch nicht zu nachhaltiger Bindung an das Reich, geschweige denn zur Beseitigung des agilolfing. Herzogtums. Härter griff K. in Alemannien zu, wo er nach abermaliger militärischer Intervention und dem Tode des Herzogs Lantfrid (730) keine Herzogsgewalt mehr gelten ließ, aber nicht verhindern konnte, daß Lantfrids Bruder Theutbald sich weiterhin behauptete, während im Elsaß um 740 das Herzogtum erlosch. – Der sowohl kirchlichen wie politischen Gewinnung Alemanniens und des Elsaß diente die Förderung, die K. dem Klostergründer Pirmin (Reichenau, Murbach) angedeihen ließ. Sicherlich nicht ohne politische Erwägungen hatte er bereits 723 dem in Hessen und Thüringen wirkenden Bonifatius einen Schutzbrief im Königsstil ausgestellt, aber es blieb ein eher distanzierter Schutz; bei der Reorganisation der bayerischen Kirche durch Bonifatius (739) ist kein Kontakt mit der fränkischen Reichsgewalt erkennbar. Stärkeren Rückhalt erfuhr zwelfellos der Friesenmissionar Willibrord von Utrecht, doch ist darüber im einzelnen fast nichts bekannt. K. unterwarf 733/34 auch das nördliche Friesland, beseitigte hier gleichfalls das Herzogtum und erweiterte Willibrords Missionsfeld. Erwartungen politischer und kirchlicher Expansion verbanden sich 738 auch mit einem großen Unternehmen K.s gegen die Sachsen, doch scheint es über Anfangserfolge und Grenzsicherung nicht hinausgeführt zu haben.
Seit 731 war im übrigen Südgallien zu K.s wichtigstem Aktionsfeld geworden. Eudo von Aquitanien sperrte sich gegen die fränkisch Hoheit (Strafzüge K.s 731), mußte aber K.s Hilfe suchen, als 732 ein arabisch Heer von Spanien aus über Bordeaux und Poitiers vordrang. K. brachte durch die Abwehrschlacht zwischen Poitiers und Tours (Oktober 732) die islamisch Expansion in Westeuropa zum Stehen und behielt seitdem in Gallien die Initiative. Seine Aktionen richteten sich seit 733 im Ringen mit Arabern und einheimischen Magnaten nach Südosten. In harten, bis 739 fast Jahr für Jahr ausgetragenen Kämpfen, teils unter seiner eigenen, teils unter seines Bruders Childebrand Führung – 738 mit einem langobardischen Hilfskorpszwang K. Burgund und die Provence politisch und administrativ in den Reichsverband, während Septimanien mit Narbonne noch unter arabischer Herrschaft verblieb. Nach dem Tode Eudos rückte er 735 erneut in Aquitanien ein, ließ aber das Herzogtum unter Eudos Sohn Hunoald bestehen, nahm jedoch dessen Treueid entgegen (736).
Bei den inneren und äußeren Kämpfen bedurfte K. einer schlagkräftigen berittenen Truppe, einer zuverlässigen Anhängerschaft im – vor allem austr. – Grundbesitz- und Schwertadel, die er teilweise bereits in der Rechtsform der Vasallität an sich band. Zu ihrer Ausstattung griff er auch auf kirchliche Güter und Ämter zurück, indem er geistliches Eigentum nach Leiherecht seinen Vasallen zuteilte, ja Bistümer und Klöster als politisch-wirtschaftliche Macht- und Besitzobjekte seinen Gegnern entzog, um sie an seine Anhänger zu vergeben. Solche Praktiken waren nicht grundsätzlich neu und lassen sich nicht eigentlich als „Säkularisationen“ kennzeichnen, aber sie gingen sichtlich über die bisher bekannten Ausmaße weit hinaus und trugen sehr zur organisatorischen und geistigen Zerrüttung der fränkischen Kirche bei. Ob mangelnde Einsicht oder politische Vorsicht K. von energischen Reformeingriffen abhielt, steht dahin. Die großenteils vertretene Annahme, er habe unmittelbar vor seinem Tode, im Herbst 741, dem EB Bonifatius in einem kirchenpolitischen Kurswechsel die Errichtung der Bistümer Würzburg, Büraburg und Erfurt ermöglicht, beruht auf bloßer Rückrechnung aus späteren Zeugnissen und widerspricht ebensosehr jeder Wahrscheinlichkeit wie die alternative Unterstellung, Bonifatius habe einen solchen Schritt eigenmächtig gewagt. Einem Ansuchen des von dem Langobardenkönig Liutprand bedrängten Papstes Gregor III. wich K. 739/40 aus; er hatte selber langobardische Militärhilfe entgegengenommen und seinen jüngeren Sohn Pippin von Liutprand adoptieren, das heißt zum Königssohn erheben lassen.
K. regierte seit 737 ohne König und verfügte vor seinem Tode eine Reichsteilung nach Königsart, indem er dem älteren Sohn Karlmann Austrien mit Alemannien und Thüringen, Pippin dem Jüngeren Neustrien mit Burgund und der Provence zusprach; Grifo sollte im Reichsinnern ausgestattet werden; Bayern und Aquitanien blieben außerhalb dieser Teilung. K., der seinen Namen in die „karolingische“ Dynastie einbrachte, hat durch die endgültige Festigung des alten Frankenreichs und des neuen Prinzipats seinem Sohn (Pippin des Jüngeren) und seinem Enkel (Karl der Große) in entscheidender Weise einen Weg geebnet, der schließlich sowohl in die deutsche wie in die französische Geschichte geführt hat. Der Nachwelt wurde sein geschichtliches Bild freilich zwiespältig: die bewundernden Beinamen Tudes, Tudites, Martellus, aber auch die Verdammung des Kirchenräubers begegnen seit dem späteren 9. Jahrhundert in schroffem Widerspruch zueinander.
5. Widukind
W. war neben dem bayer. Hzg. →Tassilo III. (741 – n. 794) der bedeutendste Gegner →Karls d. Gr. nördlich der Alpen. Die frühesten Nennungen W.s lassen seine herausragende Rolle schon vor 777 erkennen; sie finden sich innerhalb der Schilderungen der sog. „Fränk. Reichsannalen“ und der „Ältesten Metzer Jahrbücher“ (Annales Mettenses priores) über den Reichstag →Karls d. Gr. 777 in Paderborn.
W. wird erwähnt, weil er an dieser Versammlung nicht teilnahm, sondern „im Aufruhr verharrte“ und „mit seinen Anhängern zu den Dänen geflohen“ war. Die „Einhard-Annalen“, eine Bearbeitung der Reichsannalen, fügen ergänzend hinzu, W. sei „einer der westfälischen Großen“ gewesen und habe bei dem dän.Kg. →Siegfried Aufnahme gefunden. 778, zu Beginn des zweiten Abschnitts des seit 772 währenden Sachsenkriegs, erhoben sich die Sachsen nach dem Zeugnis der Reichsannalen auf Betreiben W.s erneut. Ein sächs. Heer stieß – vielleicht unter W.s Führung – auf der rechten Seite des Rheins sogar bis in das der Moselmündung gegenüberliegende Gebiet vor. 779 und 780 erschien Karl selbst auf dem sächs. Kriegsschauplatz. Über W.s Tätigkeit während dieser beiden Jahre ist nichts bekannt.
Im Frühsommer 782 hielt Karl eine Reichsversammlung in Lippspringe ab. Wie 777 war er offenbar der Überzeugung, das Land sei unterworfen; und wiederum heißt es, daß „alle Sachsen außer dem Aufrührer W.“ erschienen wären, der bei den Dänen Zuflucht gesucht habe. Nachdem Karl sich über den Rhein zurückbegeben hatte, kam es „am Süntel“ zu einer schweren Niederlage des fränk. Heeres. Vermutlich befehligte W. das sächs. Aufgebot. Auf die Kunde von dieser Niederlage eilte Karl nach Sachsen, verwüstete das Land und vollzog ein Strafgericht. W., der von den sächs. Großen als Anführer des Aufstands benannt wurde, war nach Aussage der Reichsannalen erneut nach Dänemark geflohen.
Nach weiteren Feldzügen Karls bzw. seines gleichnamigen Sohnes 783–85 unterwarfen sich W. und sein Schwager oder Schwiegersohn →Abbi(o) 785 und empfingen in Attigny die Taufe. Fraglich bleibt, ob Karl d. Gr. persönlich als Taufpate W.s wirkte, wie die „Jahrbücher von der Mosel“ (Annales Mosellani) und die von ihnen abhängigen Quellen erzählen. Die Reichs- und die Einhardannalen erwähnen eine solche Beteiligung des Königs an der feierlichen Handlung nicht – und schweigen auch in folgendem Punkt: Nachdem Papst →Hadrian I. von Karl die Mitteilung von der Unterwerfung der Sachsen erhalten hatte, ordnete er Anfang 786 für Juni desselben Jahres ein in allen Gebieten der Christenheit zu feierndes Dankfest an. Aus dem Schweigen der höfischen oder wenigstens hofnahen Berichterstattung der Reichsannalen und der Einhardsannalen läßt sich folgern, daß der König später nicht mehr an sein frommes Tun erinnert werden wollte, nachdem sich seine Hoffnung, Sachsen unterworfen zu haben, 785 zum dritten Mal als trügerisch erwiesen hatte.
Es liegt der Verdacht nahe, daß der König mit W. ebenso verfuhr wie mit anderen Gegnern und ihn in Klosterhaft gab – entgegen der damals herrschenden Rechtsvorstellung, wonach Karl als W.s „geistlicher Vater“ nicht strafend gegen ihn hätte vorgehen dürfen. Jedenfalls findet W. nach 785 in den zeitgenössischen Quellen keine Erwähnung mehr.
Seit der Mitte des 9. Jh. erscheint W. wieder in der schriftlichen Überlieferung. Die vor einiger Zeit vorgeschlagene Gleichsetzung eines während des 9. Jh.auf der Reichenau faßbaren gleichnamigen Mönchs mit W. dürfte aus chronologischen Gründen nicht haltbar sein.
Der Nachwelt erschien W. spätestens seit der zweiten Hälfte des 9. Jh. als „Herzog der Sachsen“. So wird er in der zweitältesten Lebensbeschreibung des hl. →Liudger († 809), Bischof von Münster, abwechselnd „dux“ oder „princeps“ genannt. In ähnlicher Weise wurde auf einer Synode 922 in Koblenz vom hinterlassenen Grundbesitz des seinerzeitigen „dux vel comes“ W. gesprochen. In beiden Fällen scheidet die Möglichkeit aus, „dux“ als „(An)führer“ zu übersetzen. Seit dem 10. Jh. erlangte W. immer größeren Nachruhm, u. a. als Ahnherr der späteren Capetinger; →Thietmar von Merseburg († 1018) bezeichnete W. als König. Am Ende des Mittelalters galt er sogar als Heiliger. – Vielleicht bereits um 1000, sicher aber um 1100 herrschte in Enger die Vorstellung, W. sei in der dortigen Stiftskirche bestattet worden – nach den archäologischen Grabungen von 1971 läßt sich dies zwar nicht sicher erweisen, könnte aber möglich sein. (Grab 463, Mittleres Grab im Chor).
Von dem in Enger betriebenen W.-Kult zeugt ein bis heute erhaltenes Epitaph.
6. Alarich
Alarich, der erste König der Westgothen, den die Geschichte kennt. Er stammte aus einem Geschlecht, das den Namen der Balthen, d. h. der Kühnen, führte und wol nicht erst von ihm empfangen hat, dem nach dem ostgothischen Königsgeschlecht der Amaler der erste Rang unter dem Adel des gothischen Stammes überhaupt beigelegt wird wird. Er ist geboren auf der Insel Peuce an der südlichen Mündung der Donau, die wahrscheinlich erst nach dem Einbruch der Hunnen ein Theil der von den Sitzen nördlich des Flusses verdrängten Westgothen eingenommen hatte. Da diese damals das Christenthum nach arianischem Bekenntnisse annahmen, ist A. ohne Zweifel von Jugend auf in demselben erzogen und auch ihm immer anhängig geblieben. Er theilte auch sonst die Schicksale seines Volks, das in die Verhältnisse sogenannter Föderaten zum römischen Reich getreten war, betheiligte sich als Führer eines Heerhaufens an dem Krieg des Kaisers Theodosius gegen den im Westen erhobenen Eugenius. Nach des Theodosius Tod 395, da unter seinen jungen Söhnen Arcadius und Honorius das Reich getheilt war, und für jenen im Osten Rufin, für diesen im Westen der Vandale Stilicho die Herrschaft führten, treten die Gothen in größerer Selbständigkeit hervor: sie erheben den A., in welchem Ansehen des Geschlechts und persönliche Tüchtigkeit sich vereinigten, zu ihrem König; nicht volle Unabhängigkeit, aber besondere staatliche Vereinigung auf nationaler Grundlage nahmen sie damit in Anspruch. Der König war Haupt und Führer des Volks, zugleich Behüter desselben dem römischen Reich gegenüber, von dem er sich nicht trennte, dessen Würden er sich ertheilen ließ, auf das er, wie die Deutschen überhaupt, mit ehrfurchtsvoller Scheu blickte, mit dessen Gewalthabern er aber wiederholt in Kampf gerieth, dessen innere Zerrüttung er auszubeuten suchte, um Zugeständnisse mancherlei Art, vor allem für sein Volk feste Niederlassung in günstigen Sitzen zu erlangen. Zuerst versuchte er sein Glück im Osten. Noch im J. 395 zogen die Gothen bis Thessalien, im folgenden durch die Thermopylen nach dem alten Hellas bis tief in den Peloponnes hinab, wo aber Stilicho, von Westen kommend, wie er schon vorher gewollt, dem A. entgegentrat, ihn bedrängte, zur Rückkehr nach dem Norden nóthigte. Hier ward ihm das östliche Illyrien übergeben, wo er einige Jahre hindurch an den Grenzen des Ost- und Westreichs eine beiden drohende Stellung einnahm. Dann, am Ende des Jahres 400,|wandte er sich nach Italien, belagerte Aquileja, später Mailand, wo der Kaiser Honorius sich aufhielt, kämpfte mit dem zum Entsatz herangekommenen Stilicho in der gewaltigen Schlacht bei Polentia (Polenzo südwestlich von Asti) am Osterfest (6. April) 402, nicht Sieger, aber auch nicht besiegt, unglücklicher ein zweites Mal auf dem Rückwege bei Verona. Es kam zu einer Verständigung mit Stilicho, in dessen Interesse A. eine Zeit lang im Osten, aber ohne sonderlichen Erfolg, thätig war. Die Ermordung Stilicho's, die Nichterfüllung von Forderungen, welche A. erhob, führten zu einem neuen Bruch mit dem weströmischen Hof: bald (408) standen die Gothen wieder in Italien, vor Rom, das seine Schonung mit einer reichen Zahlung erkaufen mußte. Längere Unterhandlungen führten zu keinem Resultat. Alarichs Verlangen, außer jährlicher Geldzahlung seinem Volk Noricum und beide Venetien, oder doch eine regelmäßige Getreidelieferung und die erste jener Provinzen zu gewähren, fand kein Gehör: er hätte hier, im Anschluß an die Gebiete stammverwandter Völker, eine für die Erweiterung des deutschen Bodens und den Fortgang der deutschen Geschichte überhaupt wichtige Herrschaft gründen können. Durch Aufstellung eines neuen Kaisers, des Attalus, suchte er seine Absichten zu erreichen. Er wird auch zu der höchsten Würde des Reichs, eines magister utriusque militiae, erhoben; aber weder gelingt es, dem Attalus allgemeine Anerkennung zu verschaffen, noch auf die Dauer das rechte Einverständniß zu erhalten, bald genug ist jener wieder beseitigt. Aber auch mit Honorius wird keine Einigung erreicht, und nun zieht A. aufs neue gegen Rom. Am 24. Aug. 410 fällt die Stadt in die Hände der Gothen: seit der gallischen Eroberung das erste Mal, daß ein Feind innerhalb ihrer Mauern erschien, ein Zeichen, was ihr und dem Reiche drohte, was die Deutschen damals schon vermochten und in Zukunft bedeuten sollten. Auch jetzt war es nicht die Absicht des Gothenkönigs, die Stadt zu behaupten, hier selbst die Herrschaft zu führen: schon nach drei Tagen verließ er sie, zog in den Süden der Halbinsel bis nach Reggio, entschlossen, wie es heißt, nach Sicilien und weiter nach Africa zu gehen, und sich so der reichen Kornlande des römischen Reiches zu bemächtigen. Aber ehe er dazu kam, raffte ein plötzlicher Tod ihn fort, noch in jungen Jahren: der Tag ist, wie Vieles in Alarichs Geschichte, nicht bekannt. Bei Cosenza im Bette des Busento fand er sein Grab, über das die Gothen die Wellen des Flusses strömen ließen, daß niemand die Stätte wisse, wo der König ruhte. — Er, der sein Volk in neue Bahnen geführt, die beiden Halbinseln des Südens durchzogen, auf alle Stätten des classischen Alterthums seinen Fuß gesetzt, fand hier das Ziel seines Lebens, das Volk der Westgothen schon unter seinem Nachfolger die Sitze, welche die Grundlage einer mächtigen Reichsgründung, vornehmlich auf der hispanischen Halbinsel werden sollten. In der großen, die Verhältnisse der alten und der germanischen Welt umgestaltenden Bewegungen der sogenannten Völkerwanderung ragt A. als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten hervor; aufgenommen in den Verband des römischen Reichs, hat er von innen heraus, fast wider seinen Willen, an der Zerstörung desselben gearbeitet, zugleich der Verbreitung germanischer Elemente über die Lande des Südens und Westens mächtigen Vorschub geleistet. In die deutsche Heldensage, die sich auf dem Grunde dieser historischen Umwandlungen gebildet, hat seine Person keine Aufnahme gefunden, Dagegen hat am Eingang des Mittelalters die Dichtung sich Alarichs Namens bemächtigt, um die Anfänge selbständigen deutschen Lebens in den Thälern der Alpen mit ihm in Verbindung zu setzen.
7. Childerich I.
Childerich I., des Königs Mervig Sohn, ist ein Zeitgenosse des hunnischen Einbruchs in Gallien. Sagenhafte Ueberlieferung erzählt, wie er mit seiner Mutter von den Hunnen gefangen, von einem treuen Manne, Namens Viomad, befreit worden sei. Als später König Ch., weil er ausschweifend Frauenehre verletzte, von den salischen Franken verjagt wurde, floh er zu den Thüringern, bei deren Königspaare Bisino und Basina er gastfreie Aufnahme fand. Die Franken ergaben sich inzwischen dem römischen Statthalter Aegidius und unter diesem spielte Viomad als subregulus eine Rolle. Vom römischen Steuerdruck beschwert, riefen die Franken den Ch. zurück (angeblich 463). Auch hier weiß die Sage von dem persönlichen Antheil Viomads zu erzählen, auf dessen Rath Aegidius die Steuern auflegt und auf dessen Anzeichen hin Ch. zurückkehrt, auch auf Viomads Veranlassung alle Steuern im Anfang erläßt; ein starker Anachronismus ist es, wenn Ch. am Hofe des um ein Jahrhundert späteren Kaisers Mauricius erscheint. — Nach der Rückkehr kam Basina zu ihm und schloß mit ihm die Ehe, aus welcher Chlodwig und die Töchter Audeflede, Alboflede, Lantechilde entstammten. Die Herrschaft des Ch.nach seiner Rückkehr scheint sich indeß nicht über alle salischen Franken erstreckt zu haben, wenigstens erscheinen dieselben später in mehrere kleine Königreiche getrennt. Die späteren Kämpfe des Königs mit Westgothen, Sachsen, Alamannen sind nur andeutungsweise überliefert. Bei Orleans kämpft er als Bundesgenosse des Aegidius im Krieg wider die Westgothen; ebenda schlägt er die von der Loiremündung unter Führung des Odoaker heranrückenden Sachsen. Nach des Aegidius Tode erscheint er aufs neue als Bundesgenosse des römischen Comes Paulus im Krieg gegen Westgothen und Sachsen (470). In Angers fiel Paulus gegen den Sachsenführer Odoaker, aber Tags darauf erschien Ch., nahm die Stadt und verwüstete in der Folge die von den Sachsen bewohnten Inseln vor der Loiremündung. Mit Odoaker später verbündet, bekämpft er die Alamannen, die von einem Raubzuge nach Italien zurückgekehrt waren. Bei seinem Tode 481 war das Volk der salischen Franken gespalten; sein Nachfolger ist Chlodwig. Childerichs Grab ist 1653 bei Tournay gefunden worden, die darin enthaltenen Münzen, Schwert, Griffel etc. sind dem Pariser Museum einverleibt worden.
8. Gregor von Tours
G. war ein standesbewußtes Glied eines der angesehenen gallo-romanischen Senatorengeschlechter, die führende Stellungen in Staat und Kirche des südlichen Gallien bekleideten und auf deren Bündnis mit dem merowingischen Königtum das fränkische Reich beruhte. Diese Herkunft bestimmte Laufbahn und Anschauungen G.s. Erzogen bei seinem Oheim Gallus und seinem Großoheim →Nicetius, trat er jung in den geistlichen Stand und wurde 573 auf den kirchlich und politisch wichtigen Stuhl von Tours erhoben, das damals zum austrasischen Teilreich Sigiberts gehörte, nach dessen Tod 575 aber von →Chilperich, später von →Guntchram beansprucht wurde. Mit Geschick verstand G. es, seine und seiner Kirche Stellung inmitten der politischen Intrigen und Kämpfe zu behaupten und sich auch mit dem gefürchteten →Chilperich und der ihm verhaßten →Fredegund zu verständigen. Er war besorgt um Kirchenbau und Mehrung der Reliquien, um Wahrung des orthodoxen Glaubens gegenüber den national und konfessionell verachteten arianischen Westgoten. Neben einem chronologisch-astronomischen Traktat und zahlreichen hagiographischen Schriften über Leben und Wunder zumeist gallischer Heiliger schrieb er „10 Bücher Geschichten“, denen er seinen Ruhm vor allem verdankt. Sie beginnen mit der Schöpfung, wenden sich im 2. Buch der Geschichte Galliens und des Frankenreiches zu, kommen im 4. Buch auf die von G. selbst erlebte Zeit und schließen mit dem Jahre 591; eine Übersicht über das Wirken der Bischöfe von Tours bis zu G. selbst ist beigefügt. Er vermeidet bewußt den Schwulst der rhetorischen Schulsprache und schreibt ein barbarisches Latein, gewinnt aber eben dadurch die derbe Anschaulichkeit und Buntheit, die den Reiz seiner mit vielen direkten Reden und Dialogen belebten Erzählung ausmachen. Nicht nur Königtum,|Staat und Kirche, sondern auch das wilde Leben und Treiben der aristokratischen Gesellschaft, deren gallo-romanischen und fränkischen Glieder sich kaum noch scheiden lassen, sind sein Gegenstand. Der Kunst lebendiger Darstellung des an handfester christlicher Lohn-Strafe-Moral gemessenen Einzelnen entspricht freilich nicht die Kraft gedanklicher Verknüpfung und Durchdringung des Ganzen. Trotzdem ist G.s Werk nicht nur von unschätzbarem Wert für die Geschichte der neuen romanisch-fränkischen Gesellschaft, sondern ist auch das unbestritten bedeutendste Geschichtswerk in lateinischer Sprache, das aus dem 6. Jahrhundert überhaupt überliefert ist.|
9. Radegunde von Thüringen
Radegunde von Thüringen († 587). R., die erste Christin deutschen Stammes, über deren Gemüthsleben wir genauer unterrichtet sind, war die Tochter des Thüringerkönigs Berthachar, der der Sage nach durch seinen älteren ehrgeizigen Bruder Irminfrid des Lebens und der Herrschaft beraubt wurde, denn ihr Großvater Basin oder Bessin hatte (um 500) das Reich einst unter seine drei Söhne Baderich, Irminfrid (Hermanfrid) und Berthachar getheilt. Von der Macht dieser Fürsten ist in dem heutigen Thüringen nur der Kern übrig geblieben, sie erstreckte sich einst im Norden bis zum Harze, im Süden bis über das Mainland. Irminfrid's unersättliche Gier, die mit fränkischer Hülfe auch Baderich beseitigte, verwickelte ihn alsbald im J. 531 in einen Krieg mit seinem vorherigen Verbündeten, dem Frankenkönige Theoderich, der durch den Besitz Hessens ein Nachbar Thüringens war. Theoderich und als sein Bundesgenosse sein Bruder Chlotachar II. überzogen Thüringen mit Krieg und bereiteten durch zwei oder drei Schlachten, von denen die letzte an der Unftrut bei Burgscheidungen geschlagen wurde, der Selbständigkeit des thüringischen Reiches den Untergang. Zerstört wurde die Königsburg, die wir wahrscheinlich in Scheidungen zu suchen haben, und die königliche Familie auseinander gerissen. Während Irminfrid als Gefangener in Zülpich bald darauf ein gewaltsames Ende fand, floh seine ostgothische Gemahlin Amalaberga mit ihren Kindern nach Italien, wo gerade ihr Bruder Theodahad regierte, die Kinder Berthachar's dagegen, die am Hofe Irminfrid's bisher ausgewachsen waren, Radegunde nebst einem Bruder gehörten zur Kriegsbeute und fielen, nachdem die Könige über sie in heftigen Zwist gerathen waren, auf das Loos Chlotachar's. Dieser führte Radegunde auf das Krongut Athies an der Somme und ließ sie, die mit ihrem Volke bisher heidnisch gewesen zu sein scheint, im Christenthum erziehen. Sie ergriff nicht bloß mit Inbrunst die christliche Lehre, sondern sie eignete sich auch die lateinische Sprache und Bildung an. Zur lieblichen Jungfrau erblüht, mußte sie zu Soissons Chlotachar ihre Hand reichen, der ebenso grausam und zügellos war wie die meisten Merowinger und thatsächlich in Vielweiberei lebte. Nur gezwungen schloß sie diese Ehe, die ihr keine Befriedigung gewähren konnte und bald bemerkte Chlotachar, daß er keine Königin, sondern eine Nonne zur Frau habe. Werke der christlichen Mildthätigkeit, mit der größten Hingebung ausgeübt, füllten ihre Stunden. Allem fürstlichen Aufwande, allem Schmucke völlig abgeneigt, lebte sie, soweit sie es verstohlen thun konnte, wie eine entsagende Büßerin und wurde schon am Hofe fast wie eine Heilige verehrt. Nach einigen Jahren zerriß das Band dieser freudlosen Ehe, als Chlotachar Radegunde's einzigen Bruder, der als Jüngling sein Glück in Constantinopel hatte versuchen wollen, auf ihre Bitte jedoch bei ihr geblieben war, meuchlings ermorden ließ. Die Königin floh den Gatten, dem nichts heilig war, und indem sie sich an den heiligen Bischof Medardus zu Noyon wendete, bat sie diesen inständig, sie zur Nonne zu weihen. Trotz seines Widerstrebens, trotz der Drohungen ihres Gefolges wußte sie es durchzusetzen, und es gelang ihr später durch Vermittelung des Bischofs Germanus von Paris, ihren Gatten zu erweichen und Befreiung von ihm zu erlangen, wie auch Förderung|für ihre Stiftungen. Hierauf begann sie nach längerem Aufenthalte an verschiedenen heiligen Stätten vor den Thoren von Poitiers den Bau eines stattlichen, von Mauern und Thürmen umgebenen Frauenklosters, dem sie den größeren Theil ihrer reichen Besitzungen zuwendete. Andere dienten zur Errichtung eines Mönchsklosters in Tours und auch eine Kirche der Jungfrau als Grabstätte der Nonnen wurde in Poitiers erbaut. Nach der Regel der Cäsaria von Arles wurde die neue Genossenschaft geordnet, deren Leitung als Aebtissin jedoch nicht Radegunde übernahm, so sehr sie die Seele derselben blieb, sondern ein von ihr in ihrem Sinne erzogenes junges Mädchen Namens Agnes. Von dem Tage ihrer Verschleierung an führte Radegunde ein Leben von übermäßiger und kaum erträglicher Kasteiung, so daß selbst Cäsaria sie vor Uebertreibung warnte: sie lebte fast nur von Pflanzenkost und genoß als Getränk nur Wasser mit etwas Honig vermischt oder Birnenmost, sie schlief auf einer groben Haardecke, die über eine Streu von Asche gebreitet war, ja in der Fastenzeit, in welcher sie die Entsagung zu steigern pflegte, fügte sie sich sogar körperliche Martern zu. Im Beten, im Psalmengesange, auch bei Nacht, und im Lesen heiliger Schriften übertraf sie alle Schwestern weit an unermüdlicher Ausdauer. Sie bediente übrigens alle andern und übernahm mit Vorliebe die niedrigsten Verrichtungen der Mägde. Neben den Almosen übte sie unter den Liebeswerken besonders die Pflege der Kranken und kein noch so ekelhaftes Leiden vermochte sie von körperlicher Berührung abzuschrecken. Das Kloster füllte sich mit den Töchtern des fränkischen Adels, deren Zahl bei ihrem Tode etwa 200 betrug, ein wilder und trotziger Geist zog vielfach mit ihnen in die frommen Mauern ein, der nach dem Ende der Stifterin manches Aergernis hervorrufen sollte. Aufs eifrigste widmete sich Radegunde, die ja selbst eine feinere Bildung besaß, ihrer Belehrung. Der Verkehr mit der Außenwelt war ihr keineswegs ganz versagt und würdige Gäste wurden an der Klostertafel gern gesehen. Zu den Freunden der Stiftung, die in ein dauerndes Verhältniß zu ihr traten, gehörte namentlich der italienische Priester und Dichter Venantius Fortunatus, der, aus der Gegend von Treviso gebürtig, durch eine von ihm gelobte Wallfahrt zum Grabe des h. Martin im J. 565 nach Tours gezogen worden war. Er besuchte auf dieser Reise als willkommner Gast die fränkischen Pfalzen und Bischofssitze, die genossene Gastfreundschaft durch zierliche Verse erwiedernd und kam endlich auch nach Poitiers, das er zu seiner zweiten Heimath wählte. Hier trat er zu Radegunde und Agnes, die er mit den Namen einer Mutter und Schwester ehrt, in ein geistliches und tadelloses Freundschaftsverhältniß inniger Art. Er besorgte Geschäfte, welche die äußere Stellung des Klosters mit sich brachte, und verfaßte Briefe oder Gedichte im Auftrage der Freundinnen. Er besang sowohl den Untergang des thüringischen Reiches, dessen letzter Königssproß Amalafrid im byzantinischen Dienste endete, als auch das freudevolle Ereigniß, daß auf Radegunde's Bitte das byzantinische Kaiserpaar Justin II. und Sophia nebst einem prachtvollen Evangelienbuche ihr ein Stückchen von dem vermeintlich echten Kreuze Christi, der kostbarsten aller Reliquien, im J. 569 übersandten. Nach dieser wurde Radegundens Stiftung fortan das Kloster zum heil. Kreuze benannt. Die treue Anhänglichkeit Fortunat's, der später zu der Würde eines Bischofs von Poitiers erhoben ward, wurde von Seiten der Freundinnen durch mancherlei Gaben, namentlich auch Erzeugnisse ihrer Kochkunst, erwiedert, für welche er sich durch schmeichlerische Verse zu bedanken pflegte. Jedenfalls zeigt uns dieser Verkehr mit einem der hervorragendsten Schriftsteller dieser trüben Zeit, daß R. neben ihren übertriebenen Bußübungen für geistige Anregung ebenso empfänglich war, als sie dieselbe andern mitzutheilen verstand.
10. Columban
Columban St., irischer Mönch und Glaubensbote, am Ende des 6. und im Anfang des 7. Jahrhunderts thätig. Für die deutsche Geschichte kommt dieser bedeutendste unter den von Irland in der Zeit der merowingischen Könige ausgegangenen Klosterstiftern als Lehrer des hl. Gallus (s. d. Art.) vorzüglich in Betracht. — Mit zwölf Gefährten, nach der stehenden Sitte solcher auf die Mission ausgehender Genossenschaften irischer Mönche, verließ C., der in Leinster geboren war, das Kloster Benchuir oder Bangor, um unter den Heiden das Evangelium zu predigen. Da aber die von ihm im fränkischen Reiche gehaltenen Bußpredigten durch den Ernst und die eindringliche Beredsamkeit eine wohlthätige Einwirkung auf das Volk äußerten und der günstige Ruf von dem strengen sittlichen Wandel sich auch an den Hof des Königs Childebert II., des Sohnes Sigeberts I., verbreitete, forderte derselbe C. und dessen Begleiter auf, sich zu ihm in das austrasische Reich zu begeben. Allein C. ließ sich am Hofe nicht festhalten, sondern siedelte sich in der Wildniß des Wasgaues um 590 an. Einer ersten Einsiedelei in Anagrates (Anegray) folgte in dem für die wachsende Zahl der Mönche günstigeren Platze Luxovium (Luxeuil), einem zerstörten und verlassenen römischen Badeorte, ein Mittelpunkt fruchtbarsten klösterlichen Lebens, dem sich noch Fontanä (Fontaines) in der Nähe anschloß. Inzwischen war das burgundische Reich, welches C. dergestalt zur Stätte seiner Wirksamkeit gemacht hatte, 593 durch den Tod des Königs Guntram, des Oheims Childeberts II., an diesen erblich übergegangen, welchem hinwieder 596 dessen junger Sohn Theuderich II. nachfolgte. C.hoffte, das Vertrauen, welches ihm dieser jugendliche Herrscher entgegenbrachte, durch wohlthätige Beeinflussung der sittlichen Haltung desselben erwiedern zu können. Allein dadurch erweckte er den Neid der Großmutter Theuderichs, der Wittwe Sigeberts I., Brunhilde; die längst vorhandene Abneigung des sittenlosen fränkischen Klerus gegen den reinen Wandel des strengen Bußpredigers, Meinungsverschiedenheiten wegen einzelner äußerlicher Abweichungen (Osterberechnung, Tonsur) kamen zu dieser Ungnade des Hofes: so gelang es der Königin durch den Beistand des gleichfalls gegen C. nunmehr eingenommenen Enkels die Iren aus Luxeuil zu vertreiben. Um 610 wichen sie aus Burgund und standen im Begriffe, nach dem königl. Befehle den Boden des fränkischen Reiches zu verlassen, als widrige Winde ihnen die Ausfahrt aus der Loire unmöglich machten. Das betrachteten sie als einen Wink|des Himmels, daß die Rückkehr nach Irland nicht ihre Bestimmung sei, und durch die Vermittlung des neustrischen Königs, Chlothars II., des Sohnes der Fredegunda, gelangten die Flüchtlinge nach ihrem Wunsche an den Hof Theudeberts II., eines älteren Bruders des Theuderich und Herrschers in Austrasien. Zu Theudebert waren schon vorher durch andere Brüder aus Luxeuil Anregungen Columbans gekommen, und der König stellte den Mönchen anheim, wo sie auf austrasischem Gebiete für die Ausbreitung des Glaubens wirken wollten. C. wählte den vor Zeiten zerstörten Römerplatz Brigantia am Bodensee. Sie fanden hier bei den Alamannen keineswegs mehr das reine Heidenthum zu bekämpfen vor, sondern ein mit christlichen Anregungen, theils aus den erhalten gebliebenen römischen Plätzen, theils fränkischen Ursprunges, eigenthümlich gemischtes religiöses Leben, einen Uebergangszustand, wo es sich nur um die Stärkung der christlichen Elemente handeln konnte (s. d. Art. Gallus). Doch sagte dieser Wirkungskreis C. nicht zu, und er dachte zuerst daran, den Wenden das Evangelium zu bringen; dann aber kam er auf den schon bei dem Betreten des austrasischen Reiches gefaßten Plan zurück, nach Italien zu gehen. Nochmals aber bemühte er sich zuvor, wenn auch ohne Erfolg, durch seinen Rath dem Hause der Brunhilde nützlich zu werden. Die Früchte des Sieges Theuderichs über den eigenen Bruder Theudebert fielen nach kürzester Zeit Chlothar anheim, welcher sich Austrasiens bemächtigte und die Söhne des inzwischen schon verstorbenen Theuderich mit ihrer Urgroßmutter Brunhilde aus dem Wege schaffte, deren ganzes Geschlecht dergestalt vertilgend. Dankbar erinnerte sich Chlothar bei der Vereinigung des ganzen fränkischen Reiches unter seinem Scepter einer glückverheißenden Weissagung Columbans. Aber dieser hatte bereits inzwischen — 612 oder 613, zwischen der Niederlage Theudeberts und dem Siege Chlothars — nach etwa dreijährigem Aufenthalte Bregenz, wo er viele Entbehrungen geduldet hatte, verlassen: nur Gallus blieb nach späteren Nachrichten hier auf deutschem Boden zurück. Der Weg nach dem Longobardenreich wurde jedenfalls durch Rätien genommen, und an diese letzte Reise Columbans knüpften spätere Localtraditionen den Ursprung vom Kloster Dissentis am Lukmanierpasse (durch Sigbert, einen Schüler Columbans). König Agilulf empfing C. ehrenvoll. Derselbe wies eine nochmalige Einladung König Chlothars durch Eustasius, seinen Schüler und nunmehrigen Abt von Luxeuil, nach dem fränkischen Reiche zurückzukehren, ab. Vielmehr beschäftigte er sich mit der Bekämpfung der Arianer und mit der Pflanzung einer neuen Culturstätte in einer einsamen Gegend der Apenninen. Hier starb er, im Kloster Bobio, am 21. November, nach kurzer Zeit, wahrscheinlich 615. Für die mittelbar auf C.zurückgehende klösterliche Stiftung St. Gallen ist, da ein klösterliches Leben daselbst erst recht begründet wurde, unter dem ersten Abte Otmar (s. d. Art.), auf Veranstaltung der Arnulfinger die auf C. zurückgehende Tradition der Einrichtung und Disciplin verdrängt worden, indem da an Stelle der auf Luxeuil als Mittelpunkt hinweisenden strengen Regel Columbans die mildere, deutlichere und zweckmäßigere Benedictinerregel gesetzt wurde. Dennoch behielten in noch weit späterer Zeit in dem in den Augen der Mönche gleichsam urkundlichen Werth besitzenden „Regulae nostrae codex“ Nr. 915 (aus dem 10. und 11. Jahrhundert) neben der geltenden „Regula s. Benedicti“ auch die „Regula monachorum s. Columbani abba“ (14 Capitel) und die „Regula coenobialis patrum“ (15 Capitel) ihren Platz. — Für C. ist die Hauptquelle die von Jonas, welcher drei Jahre nach Columbans Tode nach Bobio kam und später da Abt wurde, verfaßte Lebensbeschreibung, ohne allen Zweifel eines der aufschlußreichsten und bestgeschriebenen Heiligenleben des Mittelalters (Mabillon, Acta Sanctorum Ord. s. Bened., Pars II.). Seine Schriften (Briefe, Predigten: die Epistola: „O tu vita quantos decepisti“|zwischen beiden Regeln in Codex Nr. 915 von St. Gallen) sind in der Bibliotheca patrum maxima, Tom. XII abgedruckt. Vergleiche Rettberg's Kirchengeschichte Deutschlands, Bd. II, und gegen die vielen Entstellungen und Willkürlichkeiten bei Ebrard, Die iroschottische Missionskirche, auch Friedrich's Kirchengeschichte Deutschlands, Bd. II, sowie auch Hertel, Ueber des h. Columban Leben und Schriften (Zeitschrift für die historische Theologie, XLV. Bd., 1875).
11. Tassilo III.
Der Herrschaftsantritt T.s, des letzten bayer. Herzogs aus dem Geschlecht der Agilolfinger, 748 stand unter keinem guten Stern, da Grifo, der Halbbruder Chiltruds und Onkel T.s, sich nach dem Tod Odilos des Hzgt. Bayern bemächtigte. Erst Pippins d. J. militärische Intervention und Vertreibung Grifos restituierten seinem Mündel T. Bayern dauerhaft, für den dessen Mutter Chiltrud bis zu ihrem Tod 754 die Regentschaft führte. Offensichtlich ohne formalen Einsetzungsoder gar Belehnungsakt durch den neuen fränk. Kg. Pippin III. (751–68) begann T. seit 756/57 selbständig zu regieren.
Seine sukzessiv errichtete königsgleiche Herrschaft basierte auf ganz unterschiedlichen Grundlagen. Mit seinem reichen Besitz an Höfen, Pfalzen und Eigenkirchen – mit Schwerpunkten zwischen Amper und Inn und entlang der Donau bis zur Enns – suchte T. den gesamten Raum seines Herzogtums herrschaftlich, kirchlich und siedlungsmäßig zu erfassen. Dies betrieb er im engen Bündnis mit Adel, Klerus und freien Landbesitzern, die ihm bis 788 – und z. T. darüber hinaus – hohe Anerkennung zollten und Gefolgschaft leisteten. Bf. Arbeo von Freising datierte eine seiner Urkunden im Febr. 769 nach dem regnum des „gloriosus dux“ T..
T.s politische Unabhängigkeit dokumentieren v. a. die auswärtigen Beziehungen zu seinen Nachbarn im Süden und Osten und sein Verhältnis zum Papsttum. Die traditionell engen Verbindungen zwischen Bayern und Langobarden intensivierte T. durch die Ehe mit der langobard. Königstochter Liutpirc (um 763/65) und auf seiner Italienreise zu Kg. Desiderius (769), die im Abschluß eines fränk.-langobard.-bayer. Bündnisses (770) mündete. Wie konsequent T. die Verwandtschaft mit dem langobard. Königshaus zur Steigerung seiner eigenen quasiköniglichen Dignität zu nutzen verstand, zeigt der sog.Tassilokelch, den das hzgl. Paar dem Kloster Kremsmünster¶ stiftete. Die Inschrift am Fuß des Kelchs hebt besonders auf die edle Abstammung Liutpircs aus königlichem Sproß (virga regalis) ab. Durch militärische Erfolge über die Karantanen (zuletzt 772), die er vertraglich an sich band, dehnte T.den bayer. Herrschaftsbereich bis weit in den südöstl. Alpenraum aus. Selbst der Papst erwies T. die gebührende Reverenz. Mit der Taufe von T.s Sohn Theodo II. durch →Hadrian I. 772 traten beide Seiten in ein Compaternitätsverhältnis ein. Dieses verband nicht nur den Täufling und seine Familie mit dem Papst in geistlicher Hinsicht; die der compaternitas (Patenschaft) eignende politische Dimension steigerte zudem Ansehen und Legitimation von T.s eigenständiger Herrschaft.
T.s Hoheit über die bayer. Herzogskirche (W. Störmer) manifestierte sich in einer engen Zusammenarbeit mit Klerus und Mönchen. Auf den von T. geleiteten Landessynoden – zugleich hzgl. Landtagen – in Aschheim (756?), Dingolfing (um 770?) und Neuching (771) faßten Herzog und Bischöfe wegweisende Beschlüsse: Sie stärkten die bischöflichen Rechte, grenzten die klösterliche und bischöfliche Sphäre schärfer voneinander ab und verpflichteten Bischöfe und Äbte zu einer strikteren Befolgung der kanonischen und klösterlichen Vorschriften. T.s zahlreiche Klostergründungen seit 765 (Mattsee¶, Weltenburg¶, Innichen¶, Kremsmünster¶ u. Frauenchiemsee¶) waren integraler Bestandteil der herzoglichen Kirchenpolitik und verliehen Bayern das Gepräge einer Klosterlandschaft.
Als Herzog (dux Baiuvariorum; 770–72: dux regni) beanspruchte und übte T. die uneingeschränkte Herrschaftsgewalt in seinem bayer. Hoheitsbereich (regnum) aus, die das Recht zur Weitergabe des Herzogtums und Teilung unter seinen Söhnen einschloß. Zeitgenössische Chronisten und Notare priesen T. als Fürsten (princeps; summus princeps) und deuteten seine Stellung als dukalen Prinzipat, der unmittelbar an die königliche Sphäre heranreichte (F.-R. Erkens; C. I. Hammer). T.s Machtposition und -anspruch gründeten auf einem einzigartigen Selbstverständnis und Rangbewußtsein, das durch und durch königlich fundiert war und sich in je eigenen Formen einer imitatio regis artikulierte (F.-R. Erkens).
Dies und T.s überaus erfolgreiche, unabhängige Politik deutete Karl d. Gr. spätestens seit 781 – nach langen Jahren gegenseitigen Einvernehmens – als Mißachtung der fränk. Suprematie in Bayern und als Gefahr für seine neue Herrschaftskonzeption, die auf die Beseitigung autonomer Strukturen in den Regionen seines Reichs abzielte. Die daraus erwachsenden politisch-militärischen Spannungen gipfelten 788 schließlich in der Verurteilung T.s und der völligen Ausschaltung der agilolf. Familie. Eine genauere Rekonstruktion des Konfliktverlaufs und der Karl leitenden Motive wird durch die verfälschende, erst um 790 entstandene offiziöse Darstellung der fränk. Reichsannalen erheblich erschwert. Nahezu allen, nur hier überlieferten Nachrichten zu T. spricht die neueste Forschung – M. Becher folgend – jede Glaubwürdigkeit ab.
Gesichert ist jedoch, daß Karl den wiederholt eingeforderten, von T. aber verweigerten Treuebeweisen nunmehr militärisch Nachdruck verlieh. Als im Sept.787 drei fränk. Armeen in Bayern einmarschierten, unterwarf sich T. Karl am 3. Okt. kampflos auf dem Lechfeld, erneuerte seine Treue und stellte Geiseln, darunter seinen Sohn Theodo. Zudem trat er durch öffentlichen Handgang in Karls Vasallität ein und verzichtete durch symbolische Übergabe seines Szepters auf sein Herzogtum, das er als Lehen empfing. Auf dem Hoftag in Ingelheim (Juni 788) ließ Karl den letzten Akt in der politischen Demontage und persönlichen Demütigung seines einst so mächtigen Gegners vollziehen. Die aus Franken und Bayern zusammengesetzte Gerichtsversammlung verurteilte T. in einem politischen Schauprozeß wegen zahlreicher Vergehen (Untreue, Konspiration mit den Awaren, Feindschaft gegenüber den Franken) zum Tode; als formale Rechtfertigung diente T.s – angebliche – Fahnenflucht (harisliz) während des Aquitanienfeldzugs Pippins III. 763. Die von Karl für seinen Vetter erwirkte Begnadigung – ein offensichtlich erzwungener Kompromiß (R. Deutinger) – sah dessen Zwangstonsurierung und dauerhafte Verwahrung in einem Kloster vor. Die provokativ demütigende Strafe der Scherung zum Kleriker erfolgte auf Bitten T.s nicht schon in Ingelheim, sondern erst am 6. 7. 788 im nahen Kloster St. Goar¶ (B. Isphording). Die ersten Stationen seines jahrelangen Exils bildeten die Klöster Jumièges/Seine und Lorsch¶.
Karl ordnete in Ingelheim gleichfalls die Zwangsscherung von T.s gesamter Familie und deren Inhaftierung in Klöstern im Westen des Frankenreichs an (St.Maximin vor Trier¶, Chelles, Soissons). Damit schaltete er die einzige verbliebene, den Karolingern an Rang und Einfluß lange Zeit ebenbürtige adlige Konkurrenz politisch und dynastisch für immer aus – und suchte zugleich, jegliche Form von Memoria und Gebet zu verhindern.
Auf Karls Befehl kehrte T. im Juni 794 ein letztes Mal auf die politische Bühne zurück. Auf der Synode von Frankfurt bekräftigte T. für sich und seine Familie den erneuten Verzicht auf alle Besitzungen und Rechtsansprüche in Bayern. Diese öffentliche Inszenierung diente dem alleinigen Zweck, den neuen Besitzern und Rechtsnachfolgern der Agilolfinger in Bayern eine erhöhte Rechtssicherheit zu garantieren.
Nach 794 verliert sich die Spur T.s und seiner Familie; es dürfte kein Zufall sein, daß weder genaue Sterbedaten noch die jeweiligen Begräbnisorte überliefert sind. Bereits im Mittelalter setzte der bis heute anhaltende Prozeß ein, der T. zu einem „Erinnerungsort“ machte.
12. Hildegard
Hildegard, die zweite Gemahlin Karls des Großen nach der Verstoßung der Tochter des Königs Desiderius, gehörte durch ihre Mutter Imma dem Hause der alten Schwabenherzoge an und war eine Schwester des bei Karl in hohem und wohlverdientem Ansehen stehenden Markgrafen Gerold sowie des Grafen Udalrich. Der König, damals etwa 29 Jahre alt, heirathete sie als eine dreizehnjährige, wahrscheinlich zu Anfang des J. 771. Sie begleitete ihren Gemahl auf dem Zuge nach Italien und Rom 773—774; eine ihrer Töchter (Adalheid) wurde gerade während der Belagerung von Pavia vor den Mauern dieser Stadt geboren|und in Rom brachte sie dem Papste Hadrian eine kostbare Altardecke als Geschenk für die Peterskirche dar. Mit der hochverehrten Aebtissin Lioba von Bischofsheim, die auf ihren Wunsch öfter an den Hof kam, lebte sie in inniger Freundschaft. Ihre glückliche Ehe wurde im 13. Jahre schon durch den Tod gelöst, am 30. April 783 zu Diedenhofen an der Mosel, als ihr Gemahl eben im Begriffe stand zum sächsischen Feldzuge aufzubrechen. In der Kirche des heiligen Arnulf, des Stammvaters der Karolinger, bei Metz fand sie gleich anderen Mitgliedern des Königshauses ihre letzte Ruhestätte und der gelehrte Langobarde Paulus setzte ihr im Auftrage Karls eine zierliche und gemüthvolle Grabschrift. Die Schönheit ihrer äußeren Erscheinung pries er darin, ihre lautere Seele, daß sie klug und thätig, anmuthig und freigebig gewesen sei, doch als ihr höchster Ruhm erschien ihm, daß sie einem Fürsten wie Karl gefallen habe. Aus ihrer kurzen Ehe gingen dennoch 9 Kinder hervor: Karl, Pippin (der spätere König von Italien), Ludwig (der Fromme) und sein als Kind gestorbener Zwillingsbruder Lothar, ferner 5 Töchter, von denen die jüngste, Hildegard, durch ihre Geburt den Tod der Mutter verursachte, um derselben, erst 40 Tage alt, bald selbst nachzufolgen. Nur Bertha, Hrottrud und Gisla wuchsen von den Töchtern heran und empfingen an der Hofschule eine sorgfältige geistige Ausbildung, neben welcher sie jedoch weibliche Handarbeiten mit Spindel und Nadel keineswegs vernachlässigen dunften. Der schöne Name Hildegard, den die Schwäbin in das Haus der Karolinger gebracht hatte, kehrte außer bei ihrem jüngsten Kinde wieder in einer Tochter Ludwigs des Frommen und seiner Gemahlin Irmingard, ferner in einer Tochter Ludwigs des Deutschen, welche als Aebtissin des Fraumünsters zu Zürich im J. 858 oder 859 starb, in einer Tochter Ludwigs des jüngeren von Ostfranken, die sich um die Erhebung Arnolfs auf den Thron wesentliche Verdienste erworben haben soll. Dennoch bei ihm später verklagt, wurde sie unter Verlust ihrer Besitzungen 895 in das Kloster Frauenwörth¶ im Chiemsee verbannt, erlangte aber nach einiger Zeit Begnadigung. Nicht minder begegnet uns dieser Name bei den westfränkischen Karolingern, sowol unter den Töchtern Karls des Kahlen als auch Ludwigs des Stammlers und Karls des Einfältigen befand sich eine Hildegard, über deren Loos jedoch Näheres nicht mehr zu ermitteln ist. Der Name der Ahnfrau lebte besonders in dem ihrer schwäbischen Heimath ungehörigen Kloster Kempten¶ fort, dem sie Gebeine des heiligen Gordian und Epimachus zum Geschenke gemacht hatte. Es knüpfte sich daran der Glaube, daß sie (im J. 773) die Stifterin dieses Klosters gewesen sei, das sich auch des Besitzes ihrer Gebeine fälschlich rühmte und zur Verherrlichung ihres Namens wurde eine völlig fabelhafte Legende erdichtet, die an die Geschichte der Pfalzgräfin Genovefa erinnert.
13. Pippin der Bucklige
Pippin der Bucklige war der erste Sohn Karls des Großen. Im Vergleich zu seinem kaiserlichen Vater und seinem ebenfalls zum Kaiser gekrönten Halbbruder Ludwig dem Frommen (778-840) hat Pippin nur wenig Beachtung in den mittelalterlichen Quellen gefunden. In den offiziösen sogenannten Fränkischen Reichsannalen (Annales regni Francorum) wird er sogar verschwiegen. Auch die Forschung ist meist nur knapp über ihn hinweggegangen. Bestimmt wurde sein Leben von der Frage der Herrschaftsnachfolge, von der Pippin nach der Geburt mehrerer Halbbrüder aus einer späteren Eheverbindung Karls ausgeschlossen wurde. Die Gründe dafür sind unklar. Inwieweit eine körperliche Beeinträchtigung, aufgrund derer er von den beiden Biographen Karls des Großen Einhard (um 770-840) und Notker (um 840/um 850-912) seinen pejorativen Beinamen erhielt, verantwortlich war, bleibt umstritten.
Über seine Mutter Himiltrud ist wenig mehr als ihr Name bekannt. Der Geschichtsschreiber Paulus Diaconus (720/730-797/799) hielt lediglich fest, dass sie adliger Herkunft gewesen sei. Der rechtliche Charakter der Verbindung Karls mit Himiltrud sowie deren Beginn lassen sich gleichermaßen nicht sicher bestimmen. Als der fränkische König unter dem Einfluss seiner Mutter Bertrada (um 725-783) Himiltrud Ende 769 verstieß, um eine (namentlich nicht bekannte) Tochter des langobardischen Königs Desiderius (gestorben nach 786) zu ehelichen, bezeichnete Papst Stephan III. (gestorben 772, Papst 768-772) sie in einem Brief als rechtmäßige Gattin (coniux) aus einheimischem fränkischem Geschlecht. Erst im etwa 15 Jahre später entstandenen Liber de episcopis Mettensibus des Paulus Diaconus wurde die Verbindung – also im Nachhinein – als eine Beziehung vor der legalen Ehe (ante legale connubium) definiert. In der den Karolingern nahestehenden Annalistik seit 790 wurde Himiltrud gar als Konkubine (concubina) bezeichnet. Nachdem Karl Pippins Mutter verlassen hatte, dürfte sie den Rest ihres Lebens im Kloster Nivelles verbracht haben, wo Anfang der 1970er Jahre die Begräbnisstätte einer dreißig- bis vierzigjährigen Frau entdeckt wurde, die aufgrund zweier beschrifteter Ziegelplatten als Grab Himiltruds gilt.
Angesichts der programmatischen Namensgebung – Karl benannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Pippin dem Jüngeren (714-768), der 751 durch eine Versammlung in Soissons nach der Absetzung des Merowingers Childerich III. (gestorben um 755, König 743-751) zum König der Franken (rex Francorum) ernannt worden war – liegt es jedoch nahe, dass Pippin zumindest anfänglich als potentieller Nachfolger verstanden wurde. Das würde auf eine legale Verbindung zwischen Karl und Himiltrud hindeuten. Zudem wäre dies ein Argument gegen die Behauptung, dass sein körperlicher Makel – Notker bezeichnet ihn nicht nur als bucklig, sondern auch als kleinwüchsig – bereits angeboren war. Entsprechend wird die Möglichkeit einer erst durch das Längenwachstum eines Kindes ab dem 10. Lebensjahr ausgebildeten Veränderung des Körpers aufgrund einer Rachitis (Vitamin D-Mangel) oder Skoliose (Verdrehung der Wirbelsäule) erwogen. Auffallend ist jedenfalls, dass der zeitnäher schreibende Paulus Diaconus im Zusammenhang mit den anderen Kindern Karls hierzu nichts vermerkt hatte. Einhard hatte zu Pippins Aussehen lakonisch konstatiert, dass dieser schön von Angesicht aber bucklig gewesen sei.
Das Geburtsjahr Pippins ist nicht genau zu bestimmen; in der Literatur wird meist auf 769/770 verwiesen. Die erste Erwähnung findet sich in den Lorscher Annalen zu 780: Während Karl der Große mit seinen beiden jüngeren Söhnen Karlmann (777-810) und Ludwig nach Italien gezogen sei, seien Pippin und Karl der Jüngere (772/773-812) in Worms geblieben. Die hier genannten Halbbrüder Pippins stammten aus Karls Ehe mit Hildegard (um 758-783), die Karl einging, nachdem er die Tochter des Langobardenkönigs Desiderius aus politischen Gründen ebenfalls wieder verlassen hatte. In zwölf Ehejahren war Hildegard insgesamt acht Mal schwanger. Von den neun Kindern (eine Zwillingsgeburt) waren vier männlichen Geschlechts, ein Sohn starb bereits als Säugling. Durch die Geburt weiterer Söhne Karls des Großen war die Frage der Herrschaftsnachfolge respektive der konkreten Art und Weise der Beteiligung der (männlichen) Nachkommen virulent geworden. Am 15. April 781 wurden die beiden jüngeren Söhne Karlmann und Ludwig in Rom durch Papst Hadrian I. (gestorben 795, Papst 772-795) zu Königen in Italien und Aquitanien erhoben; Karlmann erhielt darüber hinaus durch eine päpstliche Taufe den Namen Pippin, was in der Regel als deutliches Zeichen der Zurücksetzung Pippins des Buckligen interpretiert wird. Ihr älterer Bruder Karl erhielt 789 mit Maine (heute Teil der Region Pays de la Loire, Frankreich) einen eigenen Herrschaftsraum, ohne dass in den Quellen dezidiert von einer Königserhebung gesprochen wird. Obschon Pippin in den 780ern zusammen mit seinen Geschwistern in ein Salzburger Gedenkbuch eingetragen sowie in königlichen Lobpreisungen zusammen mit seinem Bruder Karl genannt wurde, scheint eine vergleichbare Heranführung an eine eigenständige (königliche) Herrschaft nicht stattgefunden zu haben. Carl I. Hammer hat durch die Zusammenführung verschiedener Indizien hingegen die These aufgestellt, dass Karl für einige Zeit geplant haben könnte, Pippin nach der Absetzung des bayerischen Herzogs Tassilo III. an der (karolingischen) Herrschaft in Bayern zu beteiligen, was er vor allem mit einer Freisinger Überlieferung, in der Pippin als König (rex Pippinus) gefasst wird, begründet. In den von einem Prümer Mönch namens Wandalbert verfassten Wunderberichten des heiligen Goar ist zudem eine Anekdote festgehalten, nach der Karl der Jüngere und Pippin die zwischen ihnen seit längerem schwelenden Rivalitäten und Feindseligkeiten mit göttlicher Hilfe gelöst und in der Kirche brüderliche Eintracht und ein Freundschaftsband eingegangen seien, das sie anschließend mit einem festlichen Mahl besiegelten hätten. In der älteren (deutschen) Forschung wurde der genannte Pippin aber nicht mit Pippin dem Buckligen, sondern mit seinem Halbbruder Karlmann/Pippin identifiziert. Ob der Annalist der Reichsannalen im Eintrag zu 785 darüber hinaus Pippin den Buckligen meinte, als er vermerkte, dass Karl zur Eresburg zurückkehrt sei und seine (dritte oder vierte) Frau, die Königin Fastrada (um 765-794), mit seinen Söhnen und Töchtern zu sich kommen ließ, kann nicht als gesichert angenommen werden. Mehr als lediglich kurze Schlaglichter, die unterschiedlich interpretiert werden können, bieten diese Quellenstellen nicht.
Die in der Summe der Entscheidungen aber wohl doch sinnfällig gewordene Benachteiligung scheint Pippin nicht akzeptiert zu haben. Vielmehr war er 792 in einen Anschlagsplan fränkischer Großer gegen seinen Vater verwickelt. Lediglich knapp geht Einhard auf die Ereignisse ein: So habe sich Pippin krank gestellt und mit einigen fränkischen Großen gegen seinen Vater verschworen, die ihn durch eitle Hoffnungen auf das Königtum verführt hätten. Nach der Aufdeckung des Anschlags und Verurteilung der Verschworenen habe Karl ihn scheren und im Kloster Prüm ein gottgeweihtes Leben führen lassen. Die Lorscher Annalen bieten den zeitlich nächsten Bericht, ziehen einen Vergleich zur biblischen Figur des Abimelech (Ri. 8–9) und ergänzen, dass sich die Anschlagspläne nicht nur gegen Karl den Großen, sondern auch gegen Pippins Halbbrüder gerichtet hätten. Sowohl die sogenannten Einhardsannalen, eine früher fälschlicherweise Einhard zugeschriebene Bearbeitung der Reichannalen, als auch Einhard in seiner Vita Karoli machen die angebliche Grausamkeit Fastradas, der Stiefmutter Pippins, für den Ausbruch des Konflikts verantwortlich. Die in den weiteren Quellen gebrauchten Formulierungen lassen zudem erkennen, dass führende fränkische Große (primores) beteiligt waren, was deutlich macht, dass Pippin durchaus über eine nicht zu unterschätzende Anhängerschaft verfügt haben dürfte.
Miniatur Kaiser Karls I. und Pippins von Italien, Miniatur aus dem Liber legum (Biblioteca Capitolare, O. I. 2, fol. 154v.), entstanden zwischen 870-950, Original im Archivio Capitolare di Modena. (gemeinfrei)
Den ausführlichsten, aber narrativ ausgeschmückten Bericht bietet Notker, Mönch im Kloster St. Gallen, der den gleichfalls wenig schmeichelnden Beinamen ‚der Stammler‘ (Notkerus Balbulus) erhielt. Er setzt mit der Bemerkung ein, Karl sei von Pippin und seinen Anhängern beinahe gefangen gesetzt und zum Tode verurteilt worden, was folgendermaßen ans Licht gekommen sei: Pippin hätte in der Kirche des heiligen Petrus in Regensburg Große versammelt und sich mit ihnen über die Ermordung Karls beraten. Anschließend habe er, um ganz sicher zu sein, nachsehen lassen, ob nicht jemand in den Winkeln oder unter dem Altar versteckt sei. Wie befürchtet sei ein Geistlicher gefunden worden, der genötigt worden sei, ihnen zu schwören, ihr Vorhaben nicht zu verraten. Anschließend sei dieser jedoch in den Palast geeilt und habe Karl gewarnt. Die Verschwörer seien noch vor der dritten Stunde des Tages, ganz wie sie es verdienten, entweder in die Verbannung geschickt oder in anderer Weise bestraft worden; Pippin sei gegeißelt und geschoren in das Kloster St. Gallen geschickt worden, um sich dort auf einige Zeit zu kasteien. Womöglich aufgrund seiner Erfahrungen als Anführer respektive Kristallisationspunkt einer früheren Verschwörung gegen Karl den Großen hätte dieser seinen Sohn bei einem folgenden Anschlagsplan – wenigstens nach Notker – um Rat gefragt. Die von Karl geschickten Gesandten hätten Pippin im Kloster bei der Gartenarbeit angetroffen und von ihm als Antwort erhalten, Karl würde, wenn er auf seinen Rat Wert lege, ihn nicht solcher Kränkung aussetzen: Sagt ihm, bei welcher Tätigkeit Ihr mich angetroffen habt. Damit hätten sich die Gesandten nicht zufriedengegeben und erneut nachgefragt, woraufhin Pippin geantwortet hätte: Nichts anderes habe ich ihm zu bestellen, als was ich tue. Ich reiße das unnütze Gewächs heraus, damit die unentbehrlichen Kräuter unbehinderter wachsen können. Von dieser Antwort enttäuscht und eine Bestrafung befürchtend, seien die Gesandten wieder zu Karl zurückgekehrt. Doch der Kaiser hätte den Sinn des Gesagten sogleich erkannt und zur Ausführung gebracht: Er nahm alle diese Verschwörer aus der Mitte der Lebenden hinweg und überließ dann seinen Getreuen die von den Unnützen behaupteten Plätze, damit sie wachsen und sich ausdehnen sollten.
Pippins Putsch beschrieben in: Einhard, Vita Karoli Magni. Faksimileausgabe im Originalformat der Vita Karoli Magni aus Codex Vindobonensis 529 (Folio 1-13) der Österreichischen Nationalbibliothek, hg. v. Wolfgang Milde/Thomas Wurzel, Graz 1991, hier fol. 8r. (gemeinfrei)
Seinen Sohn Pippin habe er daraufhin angewiesen, sich auszusuchen, wie er sein Leben verbringen wolle, woraufhin Pippin sich entschieden habe, in das Kloster Prüm zu wechseln. Da keine weiteren Nachrichten über Pippin existieren, steht zu vermuten, dass er bis zu seinem Tod im Jahr 811 dort lebte. Im Gegensatz zum Enkel Karls des Großen, Kaiser Lothar I., dessen Gebeine im Jahr 1860 beim Abbau des alten Hochaltars in der dortigen Sankt-Salvator-Basilika freigelegt wurden und für den mit finanzieller Unterstützung Kaiser Wilhelms I. (1797-1888) ein Grabmal eingerichtet wurde, hat Pippin der Bucklige auch hier keine Spuren hinterlassen.
Die vermeintliche Tragik von Pippins Lebens diente indes als Inspiration für ein lose an seine Biographie angelehntes Broadway-Musical von Stephen Schwartz aus dem Jahre 1972, das 2013 nochmals aufgelegt und in Deutschland beispielsweise von der Staatsoperette Dresden adaptiert wurde. Durch eine weibliche Besetzung der Prinzipalrolle entfernte sich diese Version freilich noch weiter von der historischen Person.
14. Konstantin der Große
Statue Kaiser Konstantin des Großen. (Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg / Studio Jester Blank / CC BY-NC-SA)
Konstantin der Große war nach Augustus der bedeutendste römische Kaiser, dessen Aufstieg zur Alleinherrschaft im Rheinland begann. Zeitwillig regierte er in Augusta Treverorum (Trier), dass er zu einer repräsentativen Residenzstadt ausbauen ließ.
Caius Flavius Valerius Constantinus wurde um das Jahr 275 zu Naissus (Nisch) im heutigen Serbien als illegitimer Sohn des Offiziers und späteren Kaisers Constantius Chlorus (regierte 293-306) und der aus einfachsten Verhältnissen stammenden Helena geboren. Der Vater erkannte Konstantin als seinen Sohn an und sorgte dafür, dass er an der Seite seiner Mutter in Naissus in materiell gesicherten Verhältnissen aufwachsen konnte.
Im Jahre 289 stieg Constantius Chlorus zum Caesar (Unterkaiser) des Reichswestens auf, doch wurde seinem Sohn keine Prinzenerziehung zuteil. Dieser schlug vielmehr die militärische Laufbahn ein, diente stets im Reichsosten und besaß im Jahr 305 den Rang eines Tribunen. In diesem Jahr traten die beiden regierenden Augusti (Oberkaiser) Diocletian (Regierung 284-305) und Maximian (Regierung 286-305) zurück und machten den beiden bisherigen Caesares Constantius Chlorus im Reichswesten und Gaius Galerius (Regierung 293-311) im Reichsosten Platz, an deren Stelle zwei neue Unterkaiser, Flavius Valerius Severus (Regierung 305-307) und Maximinus Daia (Regierung 305-313), nachrückten.
Obwohl Constantius Chlorus an sich die Position des Senior Augustus, des rangältesten Oberkaisers, zukam, lag das Übergewicht bei Galerius, der mit Hilfe Diocletians beide Caesarenstellen mit seinen Kreaturen hatte besetzen können. Constantius blieb im äußersten Reichswesten (Gallien, Britannien, Spanien) isoliert, hatte aber das Zugeständnis erreicht, dass ihm sein ältester Sohn Konstantin zugesandt werden musste, was praktisch auf eine Designierung Constantins zu seinem Nachfolger hinauslief.
Schon im Jahr darauf ist Constantinus Chlorus zu Eboracum (York) im heutigen England gestorben und Konstantin folgte ihm im Range eines Caesars nach. Neuer Augustus des Westens wurde der vormalige Caesar Severus, der Mann des Galerius. Dadurch fühlte sich freilich der ehemalige Augustus Maximian herausgefordert, dessen Sohn Marcus Aurelius Valerius Maxentius (Regierung 306-312) eine Thronfolge verwehrt worden war. Es gelang Maximian, die Usurpation seines Sohnes in die Wege zu leiten und Severus zu beseitigen. Obwohl sich Vater und Sohn bald überwarfen, vermochte Maxentius 307 die Invasion des Galerius zu überstehen und sich in Italien und Teilen des westlichen Nordafrika zu behaupten.
Von nun an begann das Vierkaisertum (Tetrarchie) auseinander zu fallen, da Galerius bei der Kür eines neuen Westaugustus die Ansprüche der beiden Caesares überging und statt dessen seinen Gefolgsmann Licinius (Regierung 308-324) erhob, der jedoch nicht imstande war, wirksam gegen Maxentius vorzugehen. Nach seiner Bestätigung als Caesar war Konstantin auf den Kontinent zurückgekehrt und sah sich dort mit der Aufgabe konfrontiert, die Rheingrenze gegen germanische Einfälle zu sichern.
Die Prosperität der beiden germanischen Provinzen – Germania Inferior (Hauptstadt Colonia Agrippinensis/Köln) und Germania superior (Hauptstadt Mogontiacum/Mainz) hatte nur bis zum ersten Drittel des 3. Jahrhunderts gewährleistet werden können, danach verschlechterte sich die Situation drastisch. Wiederholte Bürgerkriege und Kriege gegen äußere Feinde an weit entfernten Fronten dezimierten die Streitkräfte und führten infolge von Truppenabzügen zu einer zusätzlichen Schwächung der Grenzverteidigung, was die benachbarten Germanen zu immer neuen Invasionen ermunterte.
An die Stelle einer Vielzahl kleinerer, untereinander oft heftig rivalisierender Stämme traten allmählich die großen Stammesbünde der Alemannen (am Mittel- und Oberrhein) und Franken (am Niederrhein). Diese standen zwar auch nicht unter einheitlicher politischer Führung, doch zeigten sich ihre Kleinkönige eher in der Lage, gegenüber dem Imperium zu gemeinsamem Handeln zusammen zu finden. Man darf sich von den germanischen Einfällen keine übertriebenen Vorstellungen machen: Oft handelte es sich um bloße Raubzüge von einigen Dutzend oder bestenfalls einigen Hundert Kriegern. Aufgrund ihrer Mobilität waren sie jedoch schwer zu bekämpfen und über die Jahrzehnte zeitigten ihre Razzien Wirkung. Die Bevölkerung der Rheinprovinzen, soweit sie nicht geflohen, getötet oder verschleppt worden war, zog sich in die Städte und Militärstützpunkte zurück, während das Umland zusehends verödete. Die Städte selbst veränderten ihr Gesicht: der Festungscharakter nahm auf Kosten von Pracht- und Repräsentationsbauten zu.
Nicht überall konnte sich das Imperium behaupten: Rechts des Rheins mussten große Gebiete de facto vollständig aufgegeben werden. Dank der Anstrengungen des Maximian und des Constantius Chlorus änderte sich die Situation seit 284 zum besseren, eine Änderung der insgesamt ungünstiger gewordenen strategischen „Großwetterlage" konnte aber nicht erreicht werden. Der Versuch, Bevölkerungsverluste durch die Ansiedlung von germanischen Kriegsgefangenen in verlassenen Landstrichen auszugleichen, führte letztlich zu einer wachsenden Germanisierung des städtischen Hinterlandes. Bezüglich der Germanenkriege Konstantins lässt sich feststellen, dass sich der Kaiser als militärischer Führer bewährte. In seiner Politik gegenüber den Franken und Alemannen folgte er grundsätzlich dem Beispiel seiner beiden Vorgänger: Feindliche Einfälle wurden abgewehrt und nach Möglichkeit mit Gegenangriffen beantwortet, kriegsgefangene Germanen als Militärkolonisten angesiedelt oder direkt in den Heeresdienst übernommen.
In Köln errichtete Konstantin im Jahr 310 die erste steinerne Rheinbrücke, die er durch das Kastell Divitia (Deutz) auf dem rechten Rheinufer sichern ließ. Vor allem aber veranlasste er den Ausbau des verkehrsgünstig gelegenen, bereits von seinem Vater bevorzugten Trier zu einer kaiserlichen Residenzstadt. Die Überreste konstantinischer Repräsentationsarchitektur prägen dort bis heute das Stadtbild.
Seit 307 emanzipierte sich Konstantin von der zerfallenden Tetrarchie. Von dem vertriebenen Maximian ließ er sich zum Augustus ernennen, nach dessen Beseitigung proklamierte er 310 seine Abstammung vom Kaiser Claudius Gothicus (Regierung 268-270) und machte damit Erbansprüche auf das Gesamtreich geltend. Nach dem natürlichen Tode des Galerius im Jahr 311 brachen die Rivalitäten zwischen Herrschern der einzelnen Reichsteile offen aus. Konstantin schritt 312 zur Tat, besiegte und tötete Maxentius in der Schlacht an der Milvischen Brücke vor den Toren Roms und wurde dadurch zum alleinigen Herrscher des Reichswestens. Der Ausgleich mit Licinius, der sich im Osten durchgesetzt hatte, war nur von kurzer Dauer, die endgültige Entscheidung fiel aber erst 324. In einem kurzen, überaus blutigen Krieg wurde Licinius besiegt, gefangen gesetzt und im folgenden Jahr umgebracht.
Konstantins Alleinherrschaft war insgesamt gesehen erfolgreich und vielfach Richtung weisend. Die Grenzen wurden überall erfolgreich gesichert. Konstantins Reformen des Heeres und des kaiserlichen Hofes hatten Bestand, ebenso die von ihm nach einer Zeit des Währungsverfalls eingeführte neue Goldmünze, der Solidus. Mit der Gründung der neuen Kaiserstadt Konstantinopel (Istanbul) gab er dem Reichsosten ein neues Zentrum, das über tausend Jahre lang, bis 1453, Bestand hatte. Seine Finanz- und Steuerpolitik diente allerdings einzig dem Zweck, das Geld für seine ehrgeizigen Vorhaben aufzutreiben und nicht der Steigerung der wirtschaftlichen Prosperität des Imperiums.
Anstelle der Tetrarchie führte Konstantin eine familiengestützte Monarchie ein, in der seine Söhne als Repräsentanten der kaiserlichen Macht in entfernten Reichsteilen fungierten. Dieses System versagte völlig. Schon 326 sah sich Konstantin veranlasst, seine Gattin Flavia Maxima Fausta sowie seinen ältesten Sohn und Mitregenten Crispus ( Regierung 317-326) zu beseitigen. Nach seinem Ableben brachten sich die Mitglieder seiner Familie im Kampf um die Herrschaft vielfach gegenseitig um.
Welthistorische Bedeutung erlangte Konstantins Hinwendung zum Christentum, die bereits auf sein eigenes Betreiben mit einer Vision vor der Schlacht an der Milvischen Brücke erklärt wurde. Konstantin, ein Anhänger des Sonnengottes, hat jedoch das Christentum nie verstanden, was daraus deutlich wird, dass er sich selbst bis zuletzt als eine christusgleiche, göttliche Gestalt verstand: Seine Hinwendung zur arianischen Häresie, die die Wesenseinheit von Vater und Sohn ablehnte, ist dadurch zu erklären. In der christlichen Kirche mit ihrer allen anderen Religionen überlegenen Organisation sah er die geeignete Institution, ein reichsweites, allgemein verbindliches Bekenntnis durchzusetzen, das seinen kaiserlichen Machtanspruch stützte; in dieser Hinsicht war seine Religionspolitik konventionell.
Er überschätzte völlig die innere Einheit des Christentums, das ihm unter dem Druck einer teilweise bis 313 fortdauernden Verfolgung als religiöser Monolith erschienen sein mochte. Seit sich der christliche Glaube ab 313 und verstärkt seit 324 von einer bloß tolerierten zu einer kaiserlich favorisierten Religion entwickelte, erhielten die dogmatischen Streitigkeiten der Christen den Charakter veritabler Staatsaffären, zugleich wurde der Kaiser selbst Partei und verlor seine Position als über den Fraktionen stehender Moderator.
Im Jahre 337 ist Konstantin zu Nikomedia (Izmir) in der heutigen Türkei gestorben, auf dem Totenbett empfing er die Taufe durch den arianischen Bischof der Stadt, Eusebios (Episkopat 318-338). Um das Rheinland hat er sich nach 313 kaum mehr persönlich gekümmert, dort residierte zuletzt sein ältester überlebender Sohn Konstantin II. (Regierung 328-340).
15. Severin von Köln
Severin (Severinus) war der dritte namentlich bekannte Kölner Bischof. Seine Verehrung geht von der Kölner Kirche St. Severin aus, wo sich auch die Gebeine des Heiligen befinden.
Im Wesentlichen sind es lediglich zwei schriftliche Quellen, die Hinweise auf Leben und Amtszeit Severins bieten: Die seit dem frühen Mittelalter entstandenen Kölner Bischofslisten führen ihn nach Maternus und Euphrates als dritten namentlich bekannten Amtsinhaber auf. Um 580 schildert ferner Bischof Gregor von Tours (Episkopat 573–594) das Leben seines Amtsvorgängers, des 396 oder 397 verstorbenen heiligen Martin. Erwähnt wird darin auch die Himmelfahrt Martins, die der Kölner Bischof Severin in einer Vision erlebte, als er zusammen mit Klerikern die heiligen Stätten seiner Bischofsstadt Köln besuchte. Aus dieser legendarischen Erzählung ist zu schließen, dass Severin zum Todeszeitpunkt Martins von Tours Bischof in Köln war. Zudem könnte es sich bei Severin um einen Schüler Martins gehandelt haben, finden sich doch im ausgehenden 4. und beginnenden 5. Jahrhundert auf mehreren gallischen Bischofsstühlen Amtsinhaber, die aus den beiden von Martin gegründeten Klöstern Ligugé (bei Poitiers) und Marmoutier (bei Tours) hervorgegangen sind.
Alle übrigen schriftlichen Quellen über Person und Verehrung Severins setzen nicht vor dem 9. Jahrhundert ein. Dabei kommt einer im späten 9. oder frühen 10. Jahrhundert entstandenen Vita und einem Translationsbericht des Heiligen ein besonderer Rang zu. Dort wird unter anderem berichtet, dass Severin als Bischof von Köln ins heimatliche Bordeaux gezogen, dort verstorben und begraben worden sei. Der Leib des Heiligen sei dann zwischen Köln und Bordeaux geteilt worden. Hierbei handelt es sich um eine Legendenbildung, bei der zwei gleichnamige, etwa zur selben Zeit an unterschiedlichen Orten tätige Bischöfe als eine Person angesehen wurden.
Heiliger Severin, Abbildung auf dem Severin-Anno-Fenster des Kölner Doms, um 1320. (Dombauarchiv Köln)
Hauptort der Verehrung des heiligen Severin ist die gleichnamige Kirche in der südlichen Kölner Altstadt, wo ein entsprechender Heiligenkult seit der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts nachweisbar ist. Wahrscheinlich fand auf dem römischen Gräberfeld rund um St. Severin auch die erste Bestattung Severins statt. Dass diese im Bereich des im 4. Jahrhunderts entstandenen Ursprungsbaus der Kirche erfolgte, ist möglich, aber nicht eindeutig nachweisbar. Heute befinden sich die Gebeine des Heiligen in einem 1819 angefertigten Schrein im Hochchor von St. Severin.
Thronender Sankt Severin, 11. Jahrhundert. Köln, Sankt Severin, Foto: Helmut Buchen.
1999 wurde dieser Schrein geöffnet und dessen Inhalt einer umfassenden Untersuchung unterzogen. Neben den verehrten Gebeinen enthielt der Schrein eine hölzerne Reliquienlade des 10. Jahrhunderts, eine größere Zahl von farbenprächtigen Textilien (7.-10. Jahrhundert), Siegel von Schreinsöffnungen seit 948 sowie Fragmente von Hölzern, Leder, Weintraubenkernen und die Knochen einer Maus. Diese Materialien weisen insbesondere auf frühmittelalterliche Verehrungsaktivitäten hin. Für die menschlichen Gebeine im Schrein ließ sich feststellen, dass es sich um einen Mann von circa 159 cm Körpergröße handelte, der gemäß Strontiumanalysen seine Kindheit in Köln oder dem linksrheinischen Umfeld, also in der romanisierten Welt, verbracht haben dürfte. Bei einem Sterbealter von etwa 55 Jahren ergibt sich als jüngstes mögliches Sterbejahr etwa 410 nach Christus. Offenbar liegt eine sozial hochrangige Bestattung vor, worauf nicht nur eine mögliche Einbalsamierung schließen lässt, sondern insbesondere das Fragment eines so genannten Blöckchendamastes des 3. oder 4. Jahrhunderts, der in der Markhöhle einer der Knochen aufgefunden wurde. Dieses wertvolle Textil fand wohl bei der ersten Bestattung des Toten Verwendung. Damit liefert der Befund Indizien dafür, dass es sich bei den Gebeinen tatsächlich um Severin handeln könnte, ohne dass dies freilich eindeutig nachweisbar wäre. Die Beurteilung dieser Frage ist letztlich im Kontext der in der Forschung geführten Diskussion zu sehen, ob es im 5. und im beginnenden 6. Jahrhundert zu einem Abbruch christlichen Lebens und der entsprechenden Strukturen im Rheinland kam oder nicht. Auch für Severin klafft jedenfalls vom Zeitpunkt der Bestattung um 400, die auf der Nekropole unter der heutigen Severinskirche erfolgt sein könnte, bis zur zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts eine zeitliche Lücke.
Verehrung des hl. Severin in Köln, 20. Bild des Severinszyklus, 1499-1501. Köln, Sankt Severin, Foto: Helmut Buchen.
Klarer erkennbar ist die Verehrung des heiligen Severin im weiteren Verlauf des Mittelalters (Festtag 23. Oktober). In Köln gehört er zu den Stadtpatronen; von besonderer Intensität ist der Severinuskult im Bereich des Erzbistums Köln, aber auch in fast allen Diözesen nördlich der Alpen ist eine Verehrung feststellbar, die stark in den skandinavischen Raum hinein ausstrahlte. Zu unterscheiden ist der heilige Severin von Köln von anderen gleichnamigen wirklichen oder legendären Heiligen, insbesondere vom heiligen Severin von Bordeaux (Verehrung insbesondere in Aquitanien) und vom heiligen Severin von Noricum (Verehrung insbesondere im Alpenraum). Die intensive Verehrung des Heiligen erklärt auch, dass sich aus „Severin" mehrere Familiennamen ableiten, so im deutschsprachigen Raum neben der vollständigen Namensform insbesondere „Frings",„Sievering" und ähnliche, im dänischen Raum vor allem „Sören" und „Sörensen".
An der Ostseite des Kölner Rathausturmes erinnert seit 1992 eine Figur (Bildhauer: Walter Hutz) an Severin.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
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