# Antike und Völkerwanderungszeit (1. Jh. - 919)

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# Römisches Germanien



# Wirtschaft

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Das Wirtschaftsleben im Rheinland während der Antike

##### 1. Das Wirtschaftsleben im Rheinland während der Antike


[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-07/scaled-1680-/image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-07/image.jpeg)

<div class="information-object__top" id="bkmrk-der-m%C3%BCnzschatz-von-s"><div class="outer-wrapper"><div class="information-object-mood
                    "><div class="information-object-mood__mood-image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Der Münzschatz von Spay, die Münzen stammen aus dem Ende des dritten Jahrhunderts, der Schatz liegt heute beim LVR-Landesmuseum in Bonn. (Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn)

</figcaption></figure></div></div></div></div></div>**1. Überblick**

Der Be­griff ‚Wirt­schaft‘ im mo­der­nen Ver­ständ­nis um­fasst ei­ne Viel­zahl kom­ple­xer Zu­sam­men­hän­ge, Ent­wick­lun­gen und Ab­läu­fe, die bei wei­tem nicht so voll­stän­dig für die An­ti­ke dar­ge­stellt wer­den kön­nen wie für mo­der­ne Ge­sell­schaf­ten. Ob­wohl be­reits die an­ti­ken Ge­lehr­ten be­müht wa­ren, theo­re­ti­sche wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­hän­ge zu ver­ste­hen, gab es kei­ne um­fas­sen­de Er­for­schung der Wirt­schaft. Das liegt dar­an, dass die an­ti­ken Zeit­ge­nos­sen kei­ne de­tail­lier­te Wirt­schafts­wis­sen­schaft nach heu­ti­gem Ver­ständ­nis be­trie­ben. Da das In­di­vi­du­um nicht die Wirt­schaft als Gan­zes be­trach­ten konn­te, wa­ren dem an­ti­ken Be­trach­ten Gren­zen ge­setzt. Bei der Land­wirt­schaft ist die For­schung je­doch in ei­ner güns­ti­gen La­ge, da durch die Wer­ke Ca­tos[<sup>\[1\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10235), Var­ros[<sup>\[2\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10236), Co­lu­mel­las[<sup>\[3\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10237), Pli­ni­us[<sup>\[4\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10238), Ver­gils[<sup>\[5\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10239) und die Schrif­ten der rö­mi­schen Feld­ver­mes­ser[<sup>\[6\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10240) an­ti­ke Tex­te er­hal­ten sind, die recht de­tail­liert auf ei­nen be­stimm­ten Sek­tor der Wirt­schaft ein­ge­hen. Die Er­for­schung des rö­mi­schen Wirt­schafts­sys­tems ist aber ganz we­sent­lich von der Über­lie­fe­rungs­si­tua­ti­on und den Fort­schrit­ten in der Auf­ar­bei­tung der ar­chäo­lo­gi­schen Zeug­nis­se ab­hän­gig. Ei­ne Be­trach­tung der Wirt­schaft im rö­mi­schen Rhein­land kann so­mit nur ein zum Teil gro­ber Über­blick über das Wirt­schafts­le­ben sein.[<sup>\[7\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10241)

In an­ti­ken Ge­sell­schaf­ten wa­ren die In­di­vi­du­en stark an ihr geo­gra­phi­sches Um­feld ge­bun­den und es be­stand für die­se ein en­ger Zu­sam­men­hang zwi­schen so­zia­lem und wirt­schaft­li­chem Le­ben. Auch im rö­mi­schen Rhein­land be­stimm­ten die Geo­gra­phie und Geo­lo­gie die wirt­schaft­li­chen Mög­lich­kei­ten der Ak­teu­re. Der Un­ter­su­chungs­raum lässt sich zur bes­se­ren Hand­ha­bung grob in drei un­ter­schied­li­che Wirt­schafts­ge­bie­te glie­dern: Im Süd­os­ten wa­ren die Ge­bir­ge mit ih­ren Roh­stoff­vor­kom­men be­stim­mend, im Sü­den die Löss­bö­den, die be­son­ders für Acker­bau ge­eig­net wa­ren, und im Nor­den die we­ni­ger frucht­ba­ren Bö­den, auf de­nen Vieh­zucht be­trie­ben wur­de.[<sup>\[8\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10242)

Auf­grund der rö­mi­schen Prä­senz im Rhein­land än­der­te sich das Wirt­schafts­sys­tem der vor­nehm­lich in klei­ne­ren Sied­lun­gen le­ben­den ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung, die ei­ne agra­risch aus­ge­rich­te­te Form der Wirt­schaft mit ge­ring aus­dif­fe­ren­zier­tem Hand­werk be­trie­ben, grund­le­gend. Da das Rhein­land ei­ne Grenz­pro­vinz war, wur­de ei­ne gro­ße An­zahl an Le­gio­nä­ren ent­lang des Rheins sta­tio­niert und ih­nen folg­ten zahl­rei­che Zi­vi­lis­ten aus an­de­ren Tei­len des Rö­mi­schen Rei­ches. Die star­ke Prä­senz des rö­mi­schen Mi­li­tärs war für die ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen prä­gend und hat­te ei­nen gro­ßen de­mo­gra­phi­schen und ge­sell­schaft­li­chen Ein­fluss. Sei­ne stark hier­ar­chi­sier­te Struk­tur war wahr­schein­lich für den Nicht­rö­mer ein all­ge­gen­wär­ti­ges Ab­bild der rö­mi­schen Ge­sell­schaft. Die ein­hei­mi­schen Ge­sell­schaf­ten, die sich durch ei­ne ten­den­zi­ell eher fla­che­re Hier­ar­chi­sie­rung aus­zeich­ne­ten, ent­wi­ckel­ten sich zu ei­ner rö­mi­schen Ge­sell­schaft, die aus­ge­präg­te so­zia­le Un­ter­schie­de auf­wies. Mit dem rö­mi­schen Mi­li­tär kam eben­falls viel Geld in das Rhein­land, da die Sol­da­ten ei­nen nicht un­be­deu­ten­den Teil des ih­nen aus­ge­zahl­ten Sol­des vor Ort wie­der aus­ga­ben, um sich und ih­ren An­hang mit Le­bens­mit­teln und an­de­ren Wa­ren zu ver­sor­gen. Die­se wa­ren nicht al­le in den Grenz­pro­vin­zen vor­han­den und muss­ten da­her aus an­de­ren Tei­len des Rö­mi­schen Rei­ches im­por­tiert wer­den. Re­la­tiv früh nach der Sta­tio­nie­rung rö­mi­scher Trup­pen führ­te dies zu ei­nem re­gen Aus­tausch von Gü­tern zwi­schen den Bin­nen- und den Grenz­pro­vin­zen, was wie­der­um zur Fol­ge hat­te, dass zwi­schen die­sen Pro­vin­zen ei­ne Mi­gra­ti­on von Wes­ten nach Os­ten ein­setz­te. Ne­ben der ho­hen Zahl an Le­gio­nä­ren in der Re­gi­on mach­ten die Städ­te­grün­dun­gen es not­wen­dig, die Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­tio­nen zu stei­gern und das land­wirt­schaft­li­che Sys­tem des Rhein­lands von der Selbst­ver­sor­gung auf ei­ne Über­schuss­pro­duk­ti­on um­zu­stel­len. Denn durch die wach­sen­de Zahl teils sehr spe­zia­li­sier­ter Han­der­ker in den Städ­ten war ei­ne gro­ße Be­völ­ke­rungs­grup­pe nicht in der Land­wirt­schaft tä­tig. Die Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se hin zu ei­ner rö­mi­schen Form der Wirt­schaft las­sen sich un­ge­fähr ab der Mit­te des 1. Jahr­hun­derts n. Chr. be­ob­ach­ten und fiel so­wohl mit ei­nem leich­ten An­stieg der Be­sied­lungs­dich­te im länd­li­chen Be­reich als auch ei­nem lang­sa­men Be­völ­ke­rungs­wachs­tum in den Städ­ten zu­sam­men. Die­ser Wan­del ver­stärk­te sich zu Be­ginn des 2. Jahr­hun­derts und ging im Ver­lauf des Jahr­hun­derts in ei­ne Hoch­pha­se über. Für un­ge­fähr 100 Jah­re kann man von ei­ner Blü­te­zeit des Wirt­schafts­le­bens im Rhein­land spre­chen, die bis in das nach­fol­gen­de Jahr­hun­dert an­hielt, wes­halb sich die nach­fol­gen­den Aus­füh­run­gen vor al­lem auf den Zeit­raum des 2. bis 3. Jahr­hun­derts n. Chr. Be­zie­hen.[<sup>\[9\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10243)

**2. Landwirtschaft**

Die Land- und Wei­de­wirt­schaft bil­de­te so­wohl vor als auch wäh­rend der rö­mi­schen Zeit im Rhein­land die Grund­la­gen der lo­ka­len Wirt­schaft, wie es ge­ne­rell für vor­mo­der­ne Ge­sell­schaf­ten an­ge­nom­men wer­den kann. Da­her schätzt man, dass min­des­tens 80 Pro­zent der Be­völ­ke­rung in der Land­wirt­schaft be­schäf­tigt wa­ren, ob­wohl man in der For­schung das so­zia­le und öko­no­mi­sche Sys­tem der rö­mi­schen Kai­ser­zeit nicht als ty­pi­sche Agrar­ge­sell­schaft be­zeich­net, da das Hand­werk sehr weit ent­wi­ckelt war. Mit der Ein­glie­de­rung des Rhein­lan­des in das Rö­mi­sche Reich war die rö­mi­sche Ver­wal­tung um Kon­ti­nui­tät in der Aus­rich­tung der vor­han­de­nen Wirt­schafts­land­schaf­ten be­müht. Gleich­zei­tig än­der­ten sich die Rah­men­be­din­gun­gen für die Wirt­schaft da­durch, dass die Rö­mer Mi­li­tär­stütz­punk­te, Städ­te und Stra­ßen er­rich­te­ten. Die Wirt­schaft wur­de leis­tungs­ori­en­tier­ter und die Pro­duk­ti­on der land­wirt­schaft­li­chen Be­trie­be ver­la­ger­te sich von der Selbst­ver­sor­gung hin zu ei­ner Über­schuss­pro­duk­ti­on und ei­ner Markt­ori­en­tie­rung. Die Stei­ge­rung der land- und vieh­wirt­schaft­li­chen Er­trä­ge auf ei­nen zu­vor nie er­reich­ten Grad ge­lang durch die Über­nah­me rö­mi­scher An­bau- und Zucht­me­tho­den. Dar­über hin­aus wur­den An­bau­flä­chen durch Ro­dung aus­ge­dehnt, der Fa­mi­li­en­be­trieb wur­de als Pro­duk­ti­ons­ein­heit um zu­sätz­li­che Ar­beits­kräf­te in Form von Lohn­ar­bei­tern und Sai­son­kräf­ten er­wei­tert. Die An­bau­flä­chen wur­den durch Zu­fahrts­we­ge er­schlos­sen, wo­durch ein schnel­ler Ab­trans­port der Gü­ter ge­währ­leis­tet war. Da­ne­ben wur­den Dün­ger und tech­no­lo­gi­sche Neue­run­gen, wel­che die Rö­mer im Rhein­land ein­führ­ten, ein­ge­setzt, um eben­falls die Ern­te­er­trä­ge zu ver­bes­sern. Ein Bei­spiel hier­für ist der Rä­der­pflug, der statt des vor­her ver­wen­de­ten Ha­ken­pflugs ein­ge­führt wur­de.[<sup>\[10\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10244)

Das süd­li­che [Nie­der­ger­ma­ni­en](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/N#term-368) ist von frucht­ba­ren Löss­bö­den ge­prägt, die be­reits Pli­nus der Äl­te­re we­gen ih­rer Frucht­bar­keit lob­te.[<sup>\[11\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10245) Mit Aus­nah­me der Ei­fel, wo die Bö­den we­ni­ger er­gie­big, da­für aber roh­stoff­rei­cher sind, war die Wirt­schaft die­ser Re­gi­on vor al­lem auf den Acker­bau aus­ge­rich­tet. Ins­be­son­de­re die Köln-Bon­ner Bucht west­lich des Rheins war ein wich­ti­ges Ge­biet für die Ver­sor­gung der Pro­vinz mit Ge­trei­de im 2. und 3. Jahr­hun­dert n. Chr. Be­güns­tigt hat die­sen Um­stand wahr­schein­lich, dass sich mit der *Co­lo­nia Clau­dia Ara Agrip­pi­nen­si­um* ([Köln](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5b0ea4bdd8c297.92917889 "Köln")) als Stadt und der in *Bon­na* ([Bonn](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5bbf40a9b536d6.38944580 "Bonn")) sta­tio­nier­ten Le­gi­on in un­mit­tel­ba­rer Nä­he meh­re­re Gro­ß­ab­neh­mer be­fan­den. Vieh­wirt­schaft wur­de da­ge­gen eher im nörd­li­chen Nie­der­ger­ma­ni­en be­trie­ben.[<sup>\[12\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10246)

Die rö­mi­sche Form ei­nes land­wirt­schaft­li­chen Be­triebs im Rhein­land wird als *vil­la rusti­ca* be­zeich­net, die sich durch ar­chi­tek­to­ni­sche und wirt­schaft­li­che Al­lein­stel­lungs­merk­ma­le aus­zeich­net. Da­durch un­ter­schied sich die rö­mi­sche Vil­la von den zu­vor vor­herr­schen­den ger­ma­ni­schen Hö­fen. Die Vil­len wa­ren nicht auf ei­ne Selbst­ver­sor­gung aus­ge­rich­tet, son­dern kön­nen viel­mehr als „Un­ter­neh­men“ be­zeich­net wer­den, die Über­schüs­se pro­du­zier­ten und die­se auf ei­nem Markt ver­kauf­ten. Auf die­se Wei­se stell­ten die *vil­lae rusti­cae* si­cher, dass die nicht in der Land­wirt­schaft tä­ti­ge Be­völ­ke­rung und die Ar­mee aus­rei­chend mit Nah­rungs­mit­teln ver­sorgt wa­ren. Die Um­stel­lung auf die­se Art des land­wirt­schaft­li­chen Be­trie­bes er­folg­te Mit­te bis En­de des 1. Jahr­hun­derts n. Chr. im ge­sam­ten Rhein­land. Die Bau­wei­se der Vil­len wur­de durch den rö­mi­schen Ein­fluss ge­prägt, in­dem zahl­rei­che ar­chi­tek­to­ni­sche Ele­men­te auf­grif­fen wur­den, wie bei­spiels­wei­se Stein­f­un­da­men­te und die Tren­nung zwi­schen Wohn- und Wirt­schafts­ge­bäu­den. Da­ne­ben wie­sen die Vil­len in ver­schie­de­nen Gra­den rö­mi­sche Aus­stat­tung auf, für die Mo­sai­ke, Wand­ma­le­rei und der Ein­satz von Mar­mor als Bo­den­be­lag und Wand­ver­klei­dung ty­pisch sind. Die An­zahl von Per­so­nen, die auf ei­ner Vil­la tä­tig wa­ren, wird auf et­wa 50 ge­schätzt und um­fass­te die Fa­mi­lie, das Per­so­nal und zu­sätz­li­che Sai­son­ar­bei­ter. An­hand der bis­he­ri­gen Gra­bun­gen lässt sich ver­mu­ten, dass die meis­ten Vil­len im Schnitt 400 Mor­gen be­zie­hungs­wei­se 100 Hekt­ar be­sa­ßen, ob­wohl auch Be­trie­be mit bis zu 1.000 Hekt­ar ge­fun­den wur­den, die je­doch die Aus­nah­me bil­den. Die zahl­rei­chen Vil­len stan­den ver­teilt und ein­zeln, so­dass das Land gleich­mä­ßig mit Hö­fen be­deckt war.[<sup>\[13\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10247)

Pa­leo­bo­ta­ni­sche Un­ter­su­chun­gen von Brun­nen­sedi­men­ten rö­mi­scher Sied­lun­gen ge­ben Aus­kunft über die wirt­schaft­li­che Grund­la­ge der rö­mi­schen Vil­len im Rhein­land und zei­gen, dass auf den Fel­dern vor al­lem Din­kel an­ge­baut wur­de. Am zweit­häu­figs­ten tritt Gers­te auf, so­wie teil­wei­se Em­mer, Saat- und Zwerg­wei­zen, Ein­korn, Ha­fer und Rog­gen.[<sup>\[14\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10248) Für die Brot­pro­duk­ti­on wa­ren vor al­lem Gers­te und Wei­zen­ar­ten von Be­deu­tung. Ha­fer fand in rö­mi­scher Zeit vor al­lem als Vieh­fut­ter im­mer mehr Ver­brei­tung. Ne­ben Ge­trei­de wur­den auch Boh­nen, Erb­sen, Lin­sen und Wi­cke an­ge­baut. Flachs dien­te als Spinn­stoff und zur Öl­her­stel­lung. Mit den Rö­mern ge­wann der Gar­ten- und Obst­bau an Be­deu­tung, so­wie die Her­stel­lung von Wein. Zwar hat­ten die Wein­an­bau­ge­bie­te an Rhein, Pfalz und Mo­sel ins­ge­samt nur ei­nen ge­rin­gen An­teil an der ge­sam­ten Flä­che der Wein­an­bau­ge­bie­te des Rö­mi­schen Reichs, aber sehr schnell er­lang­ten die Wei­ne aus die­sen Re­gio­nen be­son­de­re Be­liebt­heit. Im Gar­ten wuch­sen Blatt- und Wur­zel­ge­mü­se, wie zum Bei­spiel Gar­ten­mel­de, Ama­rant, Ret­tich, Pas­ti­na­ke, Möh­ren und wei­ße Rü­ben, ne­ben Ge­wür­zen wie Pe­ter­si­lie, Ko­ri­an­der, Fen­chel und Sel­le­rie. Die Obst­gär­ten lie­fer­ten Äp­fel, Pflau­men, Sü­ß­kir­schen, Pfir­si­che und Wal­nüs­se und mit der Bie­nen­zucht stand Ho­nig als Sü­ßungs­mit­tel zur Ver­fü­gung. Rö­mi­sche Vil­len wa­ren weit­ge­hend aut­ark und so fand man bei zahl­rei­chen *vil­lae rusti­cae* Öl­pres­sen, Müh­len, Web­stüh­le, Back- und Räu­ch­er­ö­fen, Schmie­den, Töp­fer­ö­fen und Glas­hüt­ten.[<sup>\[15\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10249)

Wäh­rend im Sü­den der Pro­vinz Nie­der­ger­ma­ni­en vor al­lem der Acker­bau do­mi­nier­te, über­wog im nörd­li­chen Rhein­land die Vieh­zucht. Die ent­schei­den­de Rol­le, wel­che die Vieh­zucht für die­sen Teil des Rhein­lands ein­nahm, spie­gelt sich in der dort ver­brei­te­ten Form der Häu­ser wie­der, die we­nig mit den Vil­len wei­ter süd­lich ge­mein­sam hat­ten. Viel­mehr do­mi­nier­ten höl­zer­ne Wohn­stall­häu­ser, die 6–7 Me­ter breit und bis zu 27 Me­ter lang wa­ren. So sind in den Re­gio­nen, in de­nen Vieh­zucht vor­herrsch­te, weit we­ni­ger bau­li­che Ver­än­de­run­gen mit der rö­mi­schen Zeit er­kenn­bar, als dort, wo pri­mär Acker­bau be­trie­ben wur­de. Die kel­ti­sche oder ger­ma­ni­sche Le­bens­wei­se blieb in Tei­len er­hal­ten und der rö­mi­sche Ein­fluss ist nur in ge­rin­ge­rem Ma­ße in der Bau­wei­se zu er­ken­nen. Die­ser Pro­zess voll­zog sich im 1. Jahr­hun­dert n. Chr. und führ­te zu ver­ein­zel­ten Ad­ap­tio­nen rö­mi­scher Ar­chi­tek­tur­ele­men­te in Form von por­ti­ken­ar­ti­gen Vor­bau­ten. Da­ne­ben voll­zog sich die Ent­wick­lung von ei­nem ge­mein­schaft­li­chen Be­sitz und der Mo­bi­li­tät des Sied­lungs­plat­zes hin zur Be­sitz­tren­nung und Platz­kon­stanz. Par­al­lel wies die Art des Wirt­schaf­tens rö­mi­sche Denk­struk­tu­ren von Markt­ori­en­tiert­heit und Über­schuss­pro­duk­ti­on auf, so­dass die Be­trie­be hier, auf­grund ih­res Wirt­schafts­sys­tems, glei­cher­ma­ßen als *vil­lae rusti­cae* be­zeich­net wer­den. Auf die­se Wei­se war die Ver­sor­gung der Städ­te, der Ar­mee und des süd­li­chen Teils der Pro­vinz mit Milch­pro­duk­ten, Fleisch und Le­der si­cher­ge­stellt. Kno­chen­fun­de in rö­mi­schen Sied­lun­gen und Mi­li­tär­la­gern zei­gen, dass die im Rhein­land ge­hal­te­nen Rin­der ei­ne rö­mi­sche Züch­tung wa­ren. Au­ßer­dem wur­den Pfer­de, Esel, Schwei­ne, Scha­fe, Zie­gen und Ge­flü­gel ge­hal­ten. Auf dem Spei­se­plan stand vor al­lem Rind, an zwei­ter Stel­le Schwein, ge­folgt von Schaf, Zie­ge und Ge­flü­gel.[<sup>\[16\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10250)

An­de­re, nicht land­wirt­schaft­li­che Be­rei­che, die eben­falls zur Ver­sor­gung mit Nah­rung bei­tru­gen, sind bei wei­tem nicht so gut in den ar­chäo­lo­gi­schen und schrift­li­chen Quel­len be­legt. Die Jagd war bei den Rö­mern sehr be­liebt, wie et­wa die Jagd auf Wild­gän­se am Rhein­ufer[<sup>\[17\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10251), aber ihr Bei­trag dürf­te zur ge­sam­ten Pro­duk­ti­on an Nah­rung nur ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le ge­spielt ha­ben, wie Kno­chen­fun­de zum Bei­spiel vom Ge­biet der *Co­lo­nia Ul­pia Traia­na* (Xan­ten) na­he le­gen.[<sup>\[18\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10252) An­ders ver­hält es sich mit Le­bens­mit­teln aus dem Meer be­zie­hungs­wei­se den Flüs­sen, die zwar we­ni­ge Spu­ren hin­ter­las­sen ha­ben, aber ei­nen hö­he­ren Stel­len­wert ge­habt ha­ben dürf­ten, wie ei­ne In­schrift na­he­legt, die das Vor­han­den­sein von *con­duc­to­res pis­ca­tus* (ei­ne Art Pacht­ge­sell­schaft, die Fisch ver­ar­bei­tet) in der Pro­vinz be­legt.[<sup>\[19\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10253) Fisch in Form von *sal­sa­men­tum* (ein­ge­sal­ze­ner Fisch) kann zu den rö­mi­schen Grund­nah­rungs­mit­teln ge­zählt wer­den. Häu­fig war mit dem Fisch­fang die Salz­ge­win­nung ver­bun­den, wie es an der Nord­see­küs­te zwi­schen den Mün­dun­gen von Maas und Schel­de gut be­legt ist. Salz wur­de in Salz­sümp­fen an der Küs­te, künst­li­chen Bas­sins oder durch Ver­ko­chen ge­won­nen und im nörd­li­chen Rhein­land ge­han­delt.[<sup>\[20\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10254)

**3. Bau- und Rohstoffe**

Als Bau­stoff war Holz auch in rö­mi­scher Zeit sehr wich­tig, den­noch hat das Fäl­len von Bäu­men we­der in schrift­li­chen noch in ar­chäo­lo­gi­schen Quel­len gro­ße Spu­ren hin­ter­las­sen. Die Ei­che war ein be­gehr­tes Bau­holz für Häu­ser, Brü­cken, Schif­fe und Wa­gen, zahl­rei­che an­de­re Holz­ar­ten wur­den spe­zi­ell für Mö­bel, land­wirt­schaft­li­che Ge­rä­te oder für den Haus­halt ge­nutzt. Schlie­ß­lich war Holz ein sehr wich­ti­ger En­er­gie­trä­ger und es­sen­ti­ell für das Be­feu­ern von Ka­mi­nen und Öfen, bei­spiels­wei­se von hand­werk­li­chen Be­trie­ben oder Ther­men.[<sup>\[21\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10255)

Stein war eben­falls ein wich­ti­ges Bau­ma­te­ri­al und der Stein­bau ge­wann wäh­rend des 1. Jahr­hun­derts n. Chr. in der *Ger­ma­nia in­fe­ri­or* so­wohl beim Bau öf­fent­li­cher als auch pri­va­ter Ge­bäu­de zu­neh­mend an Be­deu­tung. Die Stein­vor­kom­men im Rhein­land wur­den mit dem Ein­tref­fen der Rö­mer ge­nutzt und wa­ren wich­tig für die Be­fes­ti­gung und Ur­ba­ni­sie­rung. Die Mehr­zahl der Stein­brü­che lag im Raum zwi­schen [Aa­chen](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5b17f424e87294.11126066 "Aachen") und An­der­nach. Dass sich die Stein­vor­kom­men leicht ab­bau­en lie­ßen und sich die Stein­brü­che in der Nä­he von Was­ser­we­ge be­fan­den, was für den Ab­trans­port des Ma­te­ri­als wich­tig war, war von ho­her Be­deu­tung für ih­re Ren­ta­bi­li­tät. Die Stein­brü­che zwi­schen An­der­nach und Kö­nigs­win­ter, in de­nen Grau­wa­cke, Tuff­stein, Ba­salt und Trachyt ab­ge­baut wur­de, wa­ren von be­son­de­rer Be­deu­tung. Von dort aus konn­te das Bau­ma­te­ri­al di­rekt fluss­ab­wärts zu den Sied­lun­gen und Mi­li­tär­stütz­punk­ten in Bonn, Köln oder Xan­ten trans­por­tiert wer­den. Dar­über hin­aus gab es au­ßer den Sand­stein­vor­kom­men bei Mön­chen­glad­bach und in Düs­sel­dorf-Kai­ser­werth kei­ne wei­te­ren Stein­vor­kom­men in der Pro­vinz. An­de­re Bau­ma­te­ria­li­en muss­ten über gro­ße Dis­tan­zen her­bei­ge­schafft wer­den, so et­wa Kalk­stein aus der Re­gi­on süd­lich von *Di­vo­du­rum* (Metz) oder Mar­mor aus al­len Tei­len des [Im­pe­ri­um Ro­ma­num](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/I#term-235). Vie­le der Stein­brü­che im Rhein­land wur­den von Trup­pen­tei­len der Le­gio­nen be­trie­ben.[<sup>\[22\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10256)

Glei­ches gilt für die Kalk­bren­ne­rei bei Bad Müns­ter­ei­fel-Ivers­heim, die von der Xan­te­ner Le­gi­on be­trie­ben wur­de. Dass dies kein Ein­zel­fall war, be­zeu­gen wei­te­re klei­ne Be­trie­be in der Um­ge­bung, die teils von der Bon­ner Le­gi­on, teils von Pri­vat­per­so­nen be­trie­ben wur­den. Die An­la­ge bei Bad Müns­ter­ei­fel-Ivers­heim zeich­net sich durch ih­re Grö­ße und ih­ren Er­hal­tungs­zu­stand aus, wel­che zahl­rei­che Ein­bli­cke in den Stand Tech­no­lo­gie, Lo­gis­tik und Or­ga­ni­sa­ti­on ei­ner rö­mi­schen Kalk­bren­ne­rei ge­wäh­ren. Der Kalk für die ge­sam­te Pro­vinz wur­de über­wie­gend im Raum Bad Müns­ter­ei­fel ab­ge­baut und war für die Her­stel­lung von Mör­tel sehr wich­tig. Vie­le der Zie­ge­lei­en, die sich am Rhein be­fan­den, wur­den vom Mi­li­tär be­trie­ben und stell­ten nicht nur Wand- und Dach­zie­gel her, son­dern auch Hohl­zie­gel, Wand- und Bo­den­plat­ten, die für *hy­po­caus­ta* (Fuß­bo­den­hei­zun­gen) wich­tig wa­ren. Ein Bei­spiel ist die Zie­ge­lei der 5. Le­gi­on bei *Sen­tia­cum* (Sin­zig). Da die mi­li­tä­ri­schen Zie­ge­lei­en nur für die Ar­mee pro­du­zier­ten, gab es par­al­lel zi­vi­le Zie­ge­lei­en, wie zum Bei­spiel na­he dem heu­ti­gen Bed­burg. Na­ment­lich ist der in *Gel­du­ba*([Kre­feld](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5b1a7c897379d1.34088907 "Krefeld")-Gel­lep) le­ben­de Zie­ge­lei­be­sit­zer M. Va­le­ri­us Sa­no be­kannt, der im 2. Jahr­hun­dert n. Chr. so­wohl mi­li­tä­ri­sche als auch zi­vi­le Auf­trag­ge­ber be­lie­fer­te.[<sup>\[23\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10257)

Ne­ben klei­ne­ren Erz­vor­kom­men öst­lich von Aa­chen und bei Bad Neue­nahr-Ahr­wei­ler[<sup>\[24\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10258) la­gen die Haupt­vor­kom­men in der nörd­li­chen Ei­fel, wo­durch die Ei­fel ei­ne Son­der­stel­lung im agra­risch ge­präg­ten Sü­den der Pro­vinz ein­nahm. Die ge­bir­gi­ge Re­gi­on war lo­cker mit Vil­len be­sie­delt, die auf­grund der vor­herr­schen­den Bö­den zwar eher Vieh­zucht als Acker­bau be­trie­ben ha­ben. Doch die Haupt­ein­nah­me­quel­le stell­te der Me­tall­ab­bau dar. Deut­lich wird der ho­he Stel­len­wert von Me­tall für die rö­mi­sche Pro­vinz da­durch, dass es teil­wei­se re­gel­rech­te Ge­wer­be­sied­lun­gen gab, die aus­schlie­ß­lich Erz ab­bau­ten und ver­ar­bei­te­ten, denn fast je­der Be­woh­ner des Rhein­lands be­nö­tig­te in der ei­nen oder an­de­ren Form Me­tall­wa­ren, an­ge­fan­gen vom Sol­da­ten über den Mau­rer bis hin zum Land­wirt. Ei­sen­er­ze wur­den un­ter an­de­rem in der Nä­he von Bad Müns­ter­ei­fel, Blan­ken­heim und Net­ters­heim ver­ar­bei­tet. Bei Me­cher­nich gab es Blei­vor­kom­men, die eben­falls sil­ber­hal­tig wa­ren, Zink und Kup­fer wur­den bei Net­ters­heim-Zings­heim vor Ort zu Mes­sing wei­ter­ver­ar­bei­te­te, wo­für das Gal­mei­vor­kom­men bei Gres­se­nich-Brei­nig von be­son­de­rer Be­deu­tung war. Gold gab es zwar ver­ein­zelt in den Bä­chen und Flüs­sen des Ho­hen Venns, der Ei­fel und des Rhein­tals, aber ins­ge­samt war die Pro­vinz nicht sehr reich an Gold.[<sup>\[25\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10259)

**4. Handwerk**

Das ein­hei­mi­sche Hand­werk war eben­falls von den Ver­än­de­run­gen be­trof­fen, wel­che die Um­stel­lung auf ein Wirt­schafts­sys­tem nach rö­mi­schem Vor­bild mit sich brach­te. Die Hand­wer­ker re­agier­ten dar­auf, in­dem sie, ähn­lich den bäu­er­li­chen Be­trie­ben zu ei­ner Ar­beits­tei­lung, zur Spe­zia­li­sie­rung und zu ra­tio­na­li­sier­ten Her­stel­lungs­pro­zes­sen über­gin­gen. Häu­fig wa­ren Roh­stoff­vor­kom­men aus­schlag­ge­bend für den Stand­ort von Be­trie­ben, was ins­be­son­de­re beim Töp­fer­hand­werk in Kom­bi­na­ti­on mit ei­ner se­ri­el­len Pro­duk­ti­on zu be­ob­ach­ten ist. Die meis­ten Be­trie­be wa­ren klei­ne Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men, die den­noch groß ge­nug wa­ren, um auf neue Her­aus­for­de­run­gen des Mark­tes zu re­agie­ren. Da zahl­rei­che Pro­duk­ti­ons­stät­ten ge­fun­den wur­den, ist die ar­chäo­lo­gi­sche Fund­si­tua­ti­on für die kai­ser­zeit­li­chen Ge­wer­be in Nie­der­ger­ma­ni­en ins­ge­samt gut. Trotz der ho­hen Be­deu­tung des Hand­werks für den All­tag be­sa­ßen Hand­wer­ker kei­ne ho­he so­zia­le Stel­lung, da kör­per­li­che Ar­beit und Spe­zia­lis­ten­tum im Rö­mi­schen Reich we­nig An­se­hen ge­nos­sen. Da­her wa­ren Hand­wer­ker häu­fig *li­ber­ti* (frei­ge­las­se­ne Skla­ven), die teils un­ab­hän­gig, teils für ih­ren Pa­tron, al­so ih­ren ehe­ma­li­gen Herrn, ar­bei­te­ten.[<sup>\[26\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10260)

So ist die Me­tall­ver­ar­bei­tung gut be­legt, die all­ge­gen­wär­tig war und ei­nen ho­hen Grad an Spe­zia­li­sie­rung im Rhein­land er­reicht hat­te, was die Aus­dif­fe­ren­zie­rung in die ver­schie­de­nen Be­ru­fe, wie et­wa Ei­sen-, Bron­ze­schmied oder Bron­ze­gie­ßer, ver­deut­licht. Den­noch kann ih­re Be­deu­tung leicht un­ter­schätzt wer­den, da nur noch we­ni­ge Pro­duk­te die­ses Hand­werks ge­fun­den wer­den, was dar­an liegt, dass Me­tall meist wie­der ein­ge­schmol­zen wur­de.[<sup>\[27\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10261)Das Töp­fer­hand­werk, das eben­falls gut für das Rhein­land be­legt ist, sie­del­te sich meist dort an, wo die Roh­stoff­ver­sor­gung oder der Be­darf ge­si­chert wa­ren, was prin­zi­pi­ell zu zwei Ar­ten von Stand­or­ten führ­te: Die Werk­stät­ten konn­ten ent­we­der in un­mit­tel­ba­rer Nä­he zu den Roh­stof­fen, wie zum Bei­spiel bei Fries­heim lie­gen oder in der Nä­he der Ab­neh­mer, wie das Ge­gen­bei­spiel *No­va­e­si­um* (Neuss) zeigt, bei dem der Ton über lan­ge Stre­cke hin trans­por­tiert wur­de, was das Trans­port­ri­si­ko für die fer­ti­gen Pro­duk­te senk­te. Da­ne­ben gab es im 1. Jahr­hun­dert n. Chr. be­deu­ten­de Pro­duk­ti­ons­stät­ten in *Ri­go­ma­gus* (Re­ma­gen), Bonn, Köln, Mo­ers-As­berg, Xan­ten und Kal­kar, die wahr­schein­lich zu­nächst vor al­lem den lo­ka­len Markt, al­so das Mi­li­tär be­dien­ten, wo­von in glei­cher­wei­se die Zi­vil­be­völ­ke­rung pro­fi­tier­te. Die ein­hei­mi­schen Be­trie­be über­nah­men rö­mi­sche Tech­ni­ken, ent­wi­ckel­ten ei­ne Art von Se­ri­en­pro­duk­ti­on und pro­du­zier­ten rö­mi­sche For­men, um so auf­grund der ver­än­der­ten und ge­stei­ger­ten Nach­fra­ge wett­be­werbs­fä­hig zu blei­ben. Köl­ner Töp­fer, wie die na­ment­lich be­kann­ten Ac­cep­tus, Ca­pi­to, Fa­bri­cus und Ser­van­dus, wa­ren ab dem 2. Jahr­hun­dert n. Chr. wich­tig für die Ver­sor­gung der Pro­vinz mit All­tags­ke­ra­mik.[<sup>\[28\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10262)

Ei­ne wahr­schein­lich noch be­deu­ten­de­re Rol­le hat­te Köln bei der Fer­ti­gung von Glas­pro­duk­ten, wie der Dia­tret­be­cher aus Köln-Brauns­feld auf ein­drucks­vol­le Wei­se zeigt. Glas­schmelz­öfen sind be­reits für das 1. Jahr­hun­dert n. Chr. in Köln be­legt und hier ent­stand schnell ein be­deu­ten­der Stand­ort der hand­werk­li­chen Glas­pro­duk­ti­on. Die zahl­rei­chen Glas­fun­de in Grä­bern ver­deut­li­chen die be­son­de­re Be­deu­tung die­ses Hand­werks für den All­tag im Rhein­land, den­noch wur­den bis­lang kei­ne Grab- oder Wei­hein­schrif­ten von Glas­blä­sern oder Glas­schlei­fern ge­fun­den. Ne­ben Köln gibt es Be­le­ge für Pro­duk­ti­ons­stät­ten von Glas eben­falls in Bonn und dem Ham­ba­cher Forst, für de­ren Stand­ort­wahl viel­leicht die Nä­he zu den Quarz­sand­vor­kom­men in der Köln-Bon­ner-Bucht aus­schlag­ge­bend war. Neue­re Un­ter­su­chun­gen zei­gen gleich­falls, dass die Aus­gangs­ma­te­ria­li­en für die Glas­her­stel­lung, wie Sand, Kalk und So­da, nicht nur aus der nä­he­ren Um­ge­bung be­zo­gen wur­den, son­dern auch teil­wei­se aus Ägyp­ten und dem Vor­de­ren Ori­ent im­por­tiert und erst vor Ort zu Glas ver­ar­bei­tet wur­den.[<sup>\[29\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10263)

Au­ßer den er­wähn­ten Ge­wer­ben und Pro­duk­tio­nen gab es noch vie­le wei­te­re Hand­wer­ke im Rhein­land, die je­doch ar­chäo­lo­gisch weit schlech­ter fass­bar und le­dig­lich durch ver­ein­zel­te bild­li­che Dar­stel­lun­gen, In­schrif­ten, Werk­zeu­ge oder hand­werk­s­ty­pi­sche Ab­fäl­le für die Re­gi­on be­leg­bar sind. Häu­fig zei­gen In­schrif­ten Be­ru­fe und Na­men von ein­zel­nen Per­so­nen: Q. Ve­ti­ni­us Ver­us[<sup>\[30\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10264) war 186 oder 215 n. Chr. Zim­mer­mann in Köln und Ti­be­ri­us Iu­li­us Ter­ti­us[<sup>\[31\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10265) war in der zwei­ten Hälf­te des 1. Jahr­hun­derts n. Chr. Ma­ler in Xan­ten. Eben­falls pri­mär durch In­schrif­ten nach­weis­bar sind Klein­be­trie­be, die Tex­ti­li­en ver­ar­bei­te­ten, wie We­ber, Wal­ker, Fär­ber und Spe­zia­lis­ten im Be­reich von Lu­xus­klei­dung. Be­son­ders in­ter­es­sant sind die Fun­de von Web­ge­wich­ten im La­ger der rö­mi­schen Flot­te in Köln-Al­ten­burg, da Web­ge­wich­te im All­ge­mei­nen un­üb­lich für Mi­li­tär­la­ger sind. Sie sind so ein Be­leg für die Aus­dif­fe­ren­zie­run­gen des Tex­til­hand­wer­kes: Die Web­ge­wich­te stamm­ten von Web­stüh­len, die der Ver­ar­bei­tung gro­ber Stof­fe dien­ten und die Un­ter­su­chung zwei­er Grab­stei­ne, wel­che *ve­l­arii* (Se­gel­ma­cher)[<sup>\[32\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10266) für das Flot­ten­la­ger er­wäh­nen, be­stä­tigt, dass im La­ger die Se­gel für die Flot­te her­ge­stellt wur­den.[<sup>\[33\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10267)

Wie an­de­re Hand­wer­ker des Rö­mi­schen Rei­ches or­ga­ni­sier­ten sich auch die des rö­mi­schen Rhein­lands in *col­le­gia* (Ver­ei­ne), die Ge­sel­lig­keit, Bei­stand, Wah­rung der In­ter­es­sen des Hand­werks und kul­ti­sche Ver­pflich­tun­gen zur Auf­ga­be hat­ten. Po­li­ti­sche Ak­ti­vi­tä­ten ver­folg­ten sie je­doch nicht und über­nah­men wahr­schein­lich die Funk­ti­on ei­ner Feu­er­wehr. Die Ver­ei­ne sind vor al­lem für Köln auf­grund von In­schrif­ten gut be­legt, so weiß man von *col­le­gi­um fa­brum ti­gna­rio­rum* (Ver­ein der Zim­mer­leu­te)[<sup>\[34\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10268), *col­le­gi­um tec­to­rum*(Ver­put­zer)[<sup>\[35\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10269) und *col­le­gi­um pistri­co­rum* (Bä­cker).[<sup>\[36\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10270) Da­ne­ben gibt es noch ei­ne In­schrift zu Eh­ren des Kai­ser­hau­ses und des Schutz­got­tes des *col­le­gi­um fo­ca­rio­rum* (Kü­chen­jun­gen­ver­ein)[<sup>\[37\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10271), was den Schluss na­he­legt, dass es noch für vie­le an­de­re Be­ru­fe Ver­ei­ne gab.[<sup>\[38\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10272)

**5. Handel und Wege**

Das Ein­grei­fen der Rö­mer in das Wirt­schafts­sys­tem be­traf auch den ein­hei­mi­schen Han­del. Durch ein aus­ge­bau­tes We­ge­sys­tem konn­ten Wa­ren und Gü­ter ge­ziel­ter ver­teilt und zu ver­kehrs­güns­tig ge­le­ge­nen Märk­ten an Stra­ßen­kreu­zun­gen oder bei Fluss­über­gän­gen trans­por­tiert und ge­han­delt wer­den. Die­se Markt­or­te wa­ren von zen­tra­ler Be­deu­tung für die Be­völ­ke­rung, die in der nä­he­ren Um­ge­bung sie­del­te. Der Han­del und das Trans­port­ge­wer­be er­leb­te be­reits zeit­nah nach dem Be­ginn der rö­mi­schen Herr­schaft ei­nen Auf­schwung, der im 2. und 3. Jahr­hun­dert n. Chr. sei­nen Hö­he­punkt er­leb­te. Ein zen­tra­ler Fak­tor für die In­iti­ie­rung des wirt­schaft­li­chen Wachs­tums war ne­ben dem ver­bes­ser­ten We­ge­netz die Ver­ein­heit­li­chung von Ma­ßen, Mün­zen und Ge­wich­ten, was al­len Be­tei­lig­ten des Wirt­schafts­sys­tems ei­ne all­ge­mein­gül­ti­ge Han­dels­grund­la­ge für Wa­ren und Dienst­leis­tun­gen be­reit­stell­te. Vor al­lem In­schrif­ten und ver­schie­de­ne bild­li­che Dar­stel­lun­gen sind wich­ti­ge an­ti­ke Zeug­nis­se, die Aus­künf­te über den sehr viel­fäl­ti­gen Han­del im rö­mi­schen Rhein­land ge­ben. Der Han­del mit hei­mi­schen Wa­ren im Nah­be­reich lief nicht im­mer über die *mer­ca­to­res* (Händ­ler), son­dern konn­te auch im be­grenz­ten Ra­di­us durch die Pro­du­zen­ten, die häu­fig auch La­den­in­ha­ber wa­ren, selbst be­strit­ten wer­den. Da­ne­ben reis­te auch der Pro­du­zent selbst zu be­stimm­ten Ter­mi­nen zu den ver­schie­de­nen Märk­ten und wur­de dann als *fo­ren­sis* be­zeich­net.[<sup>\[39\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10273)

Zwar wur­den zahl­rei­che Gü­ter und Roh­stof­fe di­rekt im Rhein­land pro­du­ziert und ver­ar­bei­tet, den­noch muss­ten auch Wa­ren aus an­de­ren Tei­len des Rö­mi­schen Rei­ches im­por­tiert wer­den, was vor al­lem durch *ne­go­tia­to­res*(Gro­ßhänd­ler) be­werk­stel­ligt wur­de, die sich teil­wei­se zu Grup­pen zu­sam­men­schlos­sen und die Han­del über die Gren­zen der Pro­vinz und des Rei­ches hin­aus be­trie­ben. Li­te­ra­ri­sche Quel­len[<sup>\[40\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10274) und In­schrif­ten le­gen den Schluss na­he, dass gal­lo-rö­mi­sche und ita­lo-rö­mi­sche Händ­ler die Trä­ger des Im­port­han­dels in die ger­ma­ni­schen Pro­vin­zen wa­ren. Vor al­lem die gal­lo-rö­mi­sche Händ­ler hat­ten, noch be­vor der Ver­such un­ter­nom­men wur­de, in den Ge­bie­ten rechts des Rheins ei­ne Pro­vinz zu er­rich­ten, nach­weis­lich Han­dels­kon­tak­te dort­hin eta­bliert.[<sup>\[41\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10275) Bis ins 2. Jahr­hun­dert n. Chr. über­nah­men die ein­hei­mi­schen Händ­ler le­dig­lich die Auf­ga­ben am En­de der Han­dels­ket­te als Dienst­leis­ter in der Dis­tri­bu­ti­on der Wa­ren vor Ort und erst im Lau­fe der Zeit ver­dräng­ten sie die gal­li­schen und ita­li­schen Händ­ler. Die Grün­de für die Do­mi­nanz der nicht-ein­hei­mi­schen Händ­ler im 1. Jahr­hun­dert la­gen wahr­schein­lich in der man­geln­den Er­fah­rung der Ein­hei­mi­schen und dem zu gro­ßen Kon­kur­renz­druck durch die Händ­ler aus den gal­li­schen und ita­li­schen Pro­vin­zen. Par­al­lel lässt sich ei­ne an­de­re Ent­wick­lung fest­stel­len, die zu ei­ner Ver­än­de­rung des Markt­ge­fü­ges im Rhein­land führ­te. Im 1. Jahr­hun­dert n. Chr. war die lo­ka­le Pro­duk­ti­on und der Im­port le­dig­lich auf den rhei­ni­schen Markt aus­ge­rich­tet, was be­deu­tet, dass re­la­tiv vie­le Wa­ren in das Rhein­land im­por­tiert wer­den muss­ten, im Ge­gen­zug aber kei­ne Gü­ter aus der Pro­vinz aus­ge­führt wur­den. Im Lau­fe des 2. Jahr­hun­dert n. Chr. wur­den rhei­ni­sche Wa­ren ex­por­tiert und die Zahl der Im­por­te, vor al­lem von All­tags­gü­tern, sank. Ne­ben den zeit­li­chen Un­ter­schie­den im Wirt­schafts­sys­tem des Rhein­lan­des gab es auch in­ner­halb der Pro­vinz *Ger­ma­nia in­fe­ri­or* den Han­del be­tref­fen­de Un­ter­schie­de zwi­schen den süd­lich sie­deln­den Ubi­ern und den Ger­ma­nen am Nie­der­rhein. Die [Ubier](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/U#term-902) wa­ren schon lan­ge *ami­ci po­pu­li ro­ma­ni* (Freun­de des Rö­mi­schen Vol­kes) und konn­ten zu­dem ih­re gu­te ver­kehrs­geo­gra­phi­sche Po­si­ti­on fluss­auf­wärts und den Stand­ort­vor­teil Kölns als Sitz des Pro­vinz­statt­hal­ters auch wirt­schaft­lich aus­nut­zen. Köln er­lang­te schon früh ei­nen ho­hen Stel­len­wert für den Han­del im rö­mi­schen Rhein­land. Wäh­rend ei­ne Be­tei­li­gung nie­der­rhei­ni­scher Ger­ma­nen ab dem 2. Jahr­hun­dert n. Chr. im Han­del mit Bri­tan­ni­en an­ge­nom­men wer­den kann, aber durch die Quel­len­la­ge nicht ganz ein­deu­tig ist, so ist die viel­fäl­ti­ge Be­tei­li­gung der Ubier im Fern­han­del er­wie­sen. Die ubi­schen Händ­ler wa­ren eben­falls in Ver­ei­nen or­ga­ni­siert, wie et­wa die der *ne­go­tia­to­res cisal­pi­ni et tran­sal­pi­ni*[<sup>\[42\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10276) und so in den Han­del mit an­de­ren Tei­len des Rö­mi­schen Rei­ches ein­ge­bun­den. Die Ver­ei­ni­gung der *ne­go­tia­to­res Bri­tan­ni­cia­ni*[<sup>\[43\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10277) be­trieb spe­zi­ell den Han­del mit Bri­tan­ni­en, der für das Rhein­land ei­nen ho­hen Stel­len­wert hat­te. Zu den ge­han­del­ten Wa­ren ge­hör­ten Salz, Fisch­so­ße und Wein, so­wie Ke­ra­mik­pro­duk­te aus Köln, die in Bri­tan­ni­en so­gar zeit­wei­se nach­ge­ahmt wur­den.[<sup>\[44\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10278)

Für die Iden­ti­fi­zie­rung der im­por­tier­ten Wa­ren sind die Res­te in Am­pho­ren, die als Trans­port­ge­fä­ße dien­ten, sehr auf­schluss­reich. An­fang des 1. Jahr­hun­derts n. Chr. do­mi­nier­ten wei­te Trans­port­we­ge, die sich in der zwei­ten Hälf­te des Jahr­hun­derts merk­lich ver­kürz­ten. Im­por­tiert wur­den un­ter an­de­rem Oli­ven­öl aus der Pro­vinz Bae­ti­ca in Süd­spa­ni­en, und Wein, des­sen Be­zugs­or­te an­fangs in Ita­li­en und dem öst­li­chen Mit­tel­meer la­gen und der zu­neh­mend durch gal­li­sche Wei­ne ver­drängt wur­de. Auch bei der im­por­tier­ten Ke­ra­mik ist ei­ne Ver­kür­zung der Trans­port­we­ge zu be­ob­ach­ten, vom süd­li­chen Gal­li­en hin zum mitt­le­ren und öst­li­chen Gal­li­en. Fisch­so­ße war ein wich­ti­ges Wür­zungs­mit­tel und stamm­te zu gro­ßen Tei­len aus dem Ge­biet der Rhô­ne. Ins­ge­samt ist ge­gen En­de des 1. Jahr­hun­derts n. Chr. die Ten­denz er­kenn­bar, dass im­por­tier­te Wa­ren vor­nehm­lich aus nä­her­ge­le­ge­nen Re­gio­nen stamm­ten, wo­durch ein­hei­mi­sche Wa­ren an Be­deu­tung ge­win­nen konn­ten und die Ge­samt­zahl der Im­por­te zu­rück­ging.[<sup>\[45\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10279)

Aus­schlag­ge­ben­de Fak­to­ren für den wirt­schaft­li­chen Auf­schwung des Rhein­lan­des im 2. und 3. Jahr­hun­dert n. Chr. wa­ren ei­ne lang an­hal­ten­de Frie­dens­pe­ri­ode in der Re­gi­on, die Sta­tio­nie­rung rö­mi­scher Trup­pen ent­lang des Rheins, die Ver­ein­heit­li­chung von Ma­ßen, Mün­zen und Ge­wich­ten, so­wie das be­reits im 1. Jahr­hun­dert aus­ge­bau­te We­ge­netz, durch das ein schnel­ler Wa­ren­trans­port ge­währ­leis­tet war. Die Dis­tri­bu­ti­on der Pro­duk­te und Roh­stof­fe funk­tio­nier­te zum ei­nen auf­grund der Nut­zung der Was­ser­we­ge, von de­nen vor al­lem der Rhein und die Maas mit ih­ren Ne­ben­ar­men, die in die­ser Zeit noch schiff­bar wa­ren, von gro­ßer Be­deu­tung wa­ren. Die zahl­rei­chen Fluss­hä­fen fun­gier­ten gleich­zei­tig als Han­dels­zen­tren, wie zum Bei­spiel die gut er­hal­te­ne An­la­ge von Xan­ten.[<sup>\[46\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10281) Nur we­ni­ge Fluss­hä­fen sind so gut er­forscht, was vor al­lem an dem schlech­ten Er­hal­tungs­zu­stand der Hä­fen liegt. Auch die in Köln-Al­ten­burg sta­tio­nier­te Flot­te *Clas­sis Ger­ma­ni­ca* war nach­weis­lich in der Lo­gis­tik tä­tig. Da die Rhein­gren­ze seit dem letz­ten Drit­tel des 1. Jahr­hun­derts re­la­tiv fried­lich war, konn­ten die Sol­da­ten der *Clas­sis Ger­ma­ni­ca* fried­li­chen Auf­ga­ben, wie dem Trans­port und der Ge­win­nung von Bau­ma­te­ria­li­en nach­ge­hen. Hier­bei kam ihr ei­ne sehr wich­ti­ge Rol­le zu, da sie al­le Städ­te, Or­te und Mi­li­tär­la­ger ent­lang des Rheins mit Bau­ma­te­ria­len be­dien­te, wo­für der Flot­te spe­zi­el­le Trans­port­schif­fe zur Ver­fü­gung stan­den. Da­ne­ben gab es zahl­rei­che pri­va­te Trans­port­un­ter­neh­mer, die wahr­schein­lich eng mit den Händ­lern zu­sam­men­ge­ar­bei­tet ha­ben. Durch den deut­li­chen Kos­ten­un­ter­schied beim Trans­port von Wa­ren auf den ver­schie­de­nen Ar­ten von Ver­kehrs­we­gen, war es we­sent­lich güns­ti­ger, grö­ße­re Stück­men­gen an Gü­tern auf dem Was­ser­weg zu trans­por­tie­ren. Auf­grund des Er­fah­rungs­schat­zes der kel­ti­schen Schiffs­bau­er konn­te im 1. Jahr­hun­dert n. Chr. au­ßer­dem das Fas­sungs­ver­mö­gen der Flach­bo­den­schif­fe ge­stei­gert wer­den und die Rö­mer führ­ten das Trei­deln von Schif­fen fluss­auf­wärts ein. Durch die­se Neue­run­gen konn­ten wei­te­re Trans­port­kos­ten ge­senkt wer­den, so­dass der Land­weg für den Gro­ßhan­del kei­ne be­son­de­re Be­deu­tung hat­te.[<sup>\[47\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10282)

Auch das Stra­ßen­sys­tem war für den Aus­tausch von Wa­ren wich­tig und ver­band die Städ­te, Sied­lun­gen und Mi­li­tär­la­ger der Pro­vinz mit­ein­an­der. Das gut funk­tio­nie­ren­de Netz von Stra­ßen war es­sen­ti­ell für den Land­trans­port von Wa­ren und Gü­tern, an­ge­fan­gen von agra­ri­schen Pro­duk­ten über Me­tal­le bis hin zu Ke­ra­mik. Die Er­for­schung die­ser Ver­kehrs­we­ge kann sich auf ei­ne Viel­zahl an Me­tho­den und Quel­len stüt­zen: die *Ta­bu­la Peu­tin­ge­ria­na*, das *Itern­a­ri­um An­to­ni­ni*, Luft­bild­ar­chäo­lo­gie und ar­chäo­lo­gi­sche Un­ter­su­chun­gen vor Ort. Ins­be­son­de­re Gra­bun­gen ver­deut­li­chen, dass die Stra­ßen in der Pro­vinz meist die Form der *viae gla­ria stra­tae* hat­ten, al­so dam­mar­ti­ge, kies­ge­schot­ter­te Tras­sen wa­ren. Der Er­hal­tungs­zu­stand der Rö­mer­stra­ßen im Rhein­land ist sehr un­ter­schied­lich. Wäh­rend sie am Nie­der­rhein durch die bei­na­he voll­stän­di­ge Kul­ti­vie­rung der Bö­den schlech­ter er­hal­ten sind, sind die rö­mi­schen We­ge in der Ei­fel und den Ar­den­nen zum Teil noch heu­te im Ge­län­de er­kenn­bar. Die Er­for­schung des Stra­ßen­net­zes in der Pro­vinz hat mit dem in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Pro­jekt „Rö­mer­stra­ßen zwi­schen Köln und Trier“ neu­en Auf­schwung er­fah­ren. Seit der Statt­hal­ter­schaft des [Agrip­pa](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57a9dc8616b181.69685305 "Marcus Vipsanius Agrippa") wur­den die Fern­stra­ßen im Rhein­land sys­te­ma­tisch mit Blick auf stra­te­gi­sche und wirt­schaft­li­che Über­le­gun­gen aus­ge­baut, wo­für zum Teil auf das be­reits be­ste­hen­de vor­rö­mi­sche We­ge­netz zu­rück­ge­grif­fen wer­den konn­te. Für den Stra­ßen­bau wa­ren die Le­gio­nä­re zu­stän­dig, die wet­ter­fes­te Stra­ßen er­rich­te­ten, auf de­nen Rei­sen­de fah­ren, Trup­pen schnell be­wegt und Wa­ren trans­por­tiert wer­den konn­ten. Um mög­lichst kur­ze und ge­rad­li­ni­ge We­ge mit ei­ner ge­rin­gen Stei­gung zu er­rich­ten, wur­den Fel­sen aus dem Weg ge­räumt, Tun­nel ge­baut, Sümp­fe auf Däm­men pas­siert und Flüs­se mit Brü­cken über­wun­den. Die wich­ti­gen Ver­bin­dungs­we­ge in Nord-Süd­rich­tung wa­ren zum ei­nen die Li­mes­stra­ße durch das Rhein­tal, die ent­lang der Rhein­gren­ze füh­rend die Nord­see­küs­te mit Ita­li­en ver­band. Zum an­de­ren der zu­nächst von Neuss und spä­ter mit der Er­he­bung Kölns zur *co­lo­nia*[<sup>\[48\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10283) aus­ge­hen­de Ab­zweig der Li­mes­stra­ße, der über Trier, Metz und Ly­on bis zum Mit­tel­meer führ­te und als „Agrip­pa­stra­ße“ be­zeich­net wird. Da­ne­ben gab es wei­te­re wich­ti­ge Land­we­ge, wie die von Köln bis zur Ka­nal­küs­te füh­ren­de „Via Bel­gi­ca“ und die „Auso­ni­us­stra­ße“, die Trier und Mainz ver­band, ne­ben un­zäh­li­gen Quer­ver­bin­dun­gen zwi­schen den gro­ßen und klei­nen Stra­ßen. Ein Bei­spiel für solch klei­ne­re Ver­bin­dungs­stra­ßen zur Ver­kür­zung der We­ge führ­te von *Bel­gi­ca* (Bil­lig) nach Bonn. An wich­ti­gen Ab­zwei­gun­gen ent­stan­den nicht sel­ten neue Sied­lun­gen und Mei­len­stei­ne ent­lang der Stra­ßen ga­ben die Ent­fer­nung zur Pro­vinz­haupt­stadt Köln an. Das Mi­li­tär trug durch Pos­ten zur Si­cher­heit auf den Stra­ßen bei und in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den wur­den Rast­häu­ser und Pfer­de­sta­tio­nen an den Stra­ßen er­rich­tet.[<sup>\[49\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10284)

Ein Fern­han­del des Rhein­lands mit Ge­bie­ten au­ßer­halb des Rö­mi­schen Rei­ches wur­de vor al­lem, nicht je­doch aus­schlie­ß­lich, mit den be­nach­bar­ten, rechts­rhei­ni­schen Ger­ma­nen be­trie­ben, dar­über hin­aus auch ver­ein­zelt bis in den Ost­see­raum und den Ori­ent. Den­noch darf nicht das Bild ent­ste­hen, dass der „Au­ßen­han­del“ die glei­che Be­deu­tung und das glei­che Vo­lu­men für das Rhein­land hat­te, wie der Han­del mit an­de­ren Pro­vin­zen des Rö­mi­schen Rei­ches. Gleich­zei­tig muss man zwi­schen den ver­schie­de­nen Re­gio­nen, mit de­nen ge­han­delt wur­de, dif­fe­ren­zie­ren. Wirt­schafts­be­zie­hun­gen zwi­schen den Grenz­pro­vin­zen und dem nord­west­eu­ro­päi­schen Ba­ba­ri­cum (Hol­land, Nie­der­sach­sen, Schles­wig-Hol­stein) exis­tier­ten nur in sehr ge­rin­gem Ma­ße und nicht kon­ti­nu­ier­lich. So lässt sich so gut wie kein Aus­tausch von Gü­tern mit den be­nach­bar­ten Frie­sen fest­stel­len, ein Phä­no­men, das so ähn­lich auch für Bri­tan­ni­en gilt. We­der wäh­rend der tem­po­rä­ren rö­mi­schen Be­sat­zung Schott­lands in fla­vi­scher und wie­der in frühan­to­ni­ni­scher Zeit noch da­nach wur­den be­deu­ten­de Men­gen an Wa­ren aus dem Rö­mi­schen Reich im­por­tiert.[<sup>\[50\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10285)

Ein et­was an­de­res Bild vom Han­del mit den rechts­rhei­ni­schen Ger­ma­nen zeigt der Ort *Gel­du­ba* (Kre­feld-Gel­lep), wel­cher der nörd­lichs­te Ort des Stam­mes­ge­biets der Ubier war und am En­de ei­nes wich­ti­gen, aus dem Rechts­rhei­ni­schen kom­men­den Han­dels­wegs lag. Noch im Mit­tel­al­ter nahm er ei­ne ähn­li­che Rou­te und wur­de als [Hell­weg](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/H#term-701) be­zeich­net. Die ver­kehrs­güns­ti­ge La­ge von *Gel­du­ba* mit sei­nem Ha­fen am Rhein so­wie am Kno­ten­punkt zwi­schen der Li­mes­stra­ße und dem Han­dels­weg über den Rhein nach Os­ten führ­te zu sei­ner gro­ßen Be­deu­tung als Um­schlag­platz für Wa­ren. Aus­schlag­ge­bend für die Wahl des Stand­orts der rö­mi­schen Neu­grün­dung kann ne­ben der La­ge auch das hö­he­re In­ter­es­se der Ubier am Han­del sein, das die­se im Ver­gleich zu den nörd­li­chen Stäm­men be­sa­ßen.[<sup>\[51\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10286) Die Be­deu­tung *Gel­du­bas*für den Han­del er­kennt man eben­falls in den auf­wen­di­gen mer­kan­ti­len Bau­struk­tu­ren der Märk­te *Gel­du­bas*, die im 2. Jahr­hun­dert n. Chr. wei­ter aus­ge­baut wur­den. Ne­ben ei­ner all­ge­mei­nen Bau­ver­dich­tung wur­den auch die Ma­ga­zin­bau­ten und La­den­zei­len aus­ge­baut und die orts­an­säs­si­gen Händ­ler stat­te­ten mit wach­sen­dem Wohl­stand ih­re Häu­ser teil­wei­se mit Hei­zungs­an­la­gen aus. Ih­re Ge­schäf­te, zu de­nen bei­spiels­wei­se der Trans­port von Bau­ma­te­ria­li­en für das Mi­li­tär ge­hör­te, be­trie­ben die Händ­ler *Gel­du­bas*vor al­lem im Rhein- und Mo­sel­raum. Dar­über hin­aus war der Ort auch in ei­nen Fern­han­del ein­ge­bun­den, des­sen Han­dels­ver­knüp­fun­gen bis in den Ori­ent reich­ten. Den di­rek­ten Kon­takt be­legt ei­ne Wan­der­rat­te, die zu die­ser Zeit nur im Ori­ent vor­kam und die in den Se­di­men­ten ei­nes Brun­nens in­ner­halb des Kas­tells ge­fun­den wur­de. Be­sit­zin­schrif­ten auf All­tags­ke­ra­mik in Schrift­zei­chen, die in Pal­my­ra ge­bräuch­lich wa­ren, sind ein wei­te­res star­kes In­diz. Aber auch der Han­del mit den rechts­rhei­ni­schen Ger­ma­nen lässt sich nach­wei­sen, denn die Aus­wer­tung zahl­rei­cher in *Gel­du­ba* ge­fun­de­ner Wild­tier­kno­chen legt den Schluss na­he, dass *Gel­du­ba* als Zwi­schen­han­dels­platz dien­te, an dem Wild­tie­re aus dem Rechts­rhei­ni­schen um­ge­schla­gen wur­den und von hier aus le­ben­di­ge Jung­tie­re für die Gat­ter­hal­tung, er­leg­tes Wild und Wild­pro­duk­te, wie Fe­dern, Pel­ze, Hirsch­horn usw. in die Pro­vinz wei­ter­ver­kauft wur­den. An­de­re Gü­ter, die laut den Schrift­quel­len mit Bar­ba­ren ge­han­delt wur­den, wie Skla­ven, Fel­le, Pel­ze, Frau­en­haar, Ho­nig und Wachs[<sup>\[52\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10287), las­sen sich nicht nach­wei­sen.[<sup>\[53\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10288)

Auch das rechts­rhei­ni­sche Li­mes­vor­land bis in das Ber­gi­sche Land hin­ein war für die Wirt­schaft des rö­mi­schen Rhein­lan­des von Be­deu­tung, da die­se Re­gi­on Me­tal­le, Ge­stein, Ton, Wei­de­land, Holz und Tie­re zu bie­ten hat­te. Hier wur­den zwei For­men von Wirt­schaft par­al­lel be­trie­ben. Zum ei­nen der ge­ziel­te Ab­bau von Roh­stof­fen wäh­rend der ge­sam­ten Zeit durch die Rö­mer selbst. Auch hier be­trieb die rö­mi­sche Ar­mee Stein­brü­che und Zie­gel­öfen. Das rechts­rhei­ni­sche Au­en­land wur­de vom rö­mi­schen Mi­li­tär als Wei­de­land für sei­ne Tie­re ge­nutzt[<sup>\[54\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10289), da­ge­gen wur­den Me­tal­le nicht vom Mi­li­tär ab­ge­baut, son­dern von Pri­vat­per­so­nen. Zum an­de­ren gab es ei­ne ei­gen­stän­di­ge ‚ger­ma­ni­sche‘ Wirt­schaft in Form von selb­stän­di­ger Pro­duk­ti­on und Lie­fe­rung von Holz und Wild­pro­duk­ten[<sup>\[55\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10290) an die Rö­mer, so­wie der Ar­beit für die Rö­mer in den von die­sen be­trie­be­nen Wei­den, Ab­bau- be­zie­hungs­wei­se Pro­duk­ti­ons­stät­ten. Die Aus­beu­tung der Roh­stof­fe im Rechts­rhei­ni­schen zeigt, dass die Rö­mer ei­ne sehr gu­te Orts­kennt­nis des Rau­mes rechts des Rheins hat­ten, um so ge­zielt auf be­stimm­te Roh­stof­fe zu­grei­fen zu kön­nen.[<sup>\[56\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10291)

**6. Ausblick**

Nach die­ser aus­ge­spro­chen in­ten­si­ven Pha­se für das Wirt­schafts­le­ben im Rhein­land, die et­was mehr als 100 Jah­re an­dau­er­te, zeich­ne­ten sich im fort­schrei­ten­den 3. Jahr­hun­dert rück­läu­fi­ge Ten­den­zen ab. Auf ei­nen deut­li­chen An­stieg der Be­völ­ke­rungs­dich­te in den städ­ti­schen und länd­li­chen Ge­bie­ten folg­te in der zwei­ten Hälf­te des Jahr­hun­derts ein Rück­gang der Neu­grün­dun­gen von Sied­lun­gen und ei­ne all­ge­mei­ne wirt­schaft­li­che Ver­schlech­te­rung, ei­ne Ent­wick­lung, die durch die Fran­ken­ein­fäl­le noch be­schleu­nigt wur­de. Die Be­woh­ner grö­ße­re Vil­len, wie bei­spiels­wei­se die bei Rhein­bach-Flerz­heim, Titz und Vett­weiß-Froitz­heim, er­rich­te­ten in ih­rer nä­he­ren Um­ge­bung Be­fes­ti­gun­gen nach mi­li­tä­ri­schem Vor­bild. Die­se Ten­denz ver­stärk­te sich in der Spät­an­ti­ke wei­ter, ins­be­son­de­re im länd­li­chen Be­reich ist ein Be­sied­lungs­rück­gang vor al­lem für das 4. Jahr­hun­dert zu er­ken­nen. Dies ging wahr­schein­lich auch mit ei­ner Mi­gra­ti­on in die Pro­vin­zen im In­ne­ren des Rö­mi­schen Rei­ches ein­her. Der Über­gang vom 4. zum 5. Jahr­hun­dert ist aus his­to­ri­scher und ar­chäo­lo­gi­scher Sicht we­nig auf­schluss­reich. So fehlt für zahl­rei­che Ge­bie­te das Fund­ma­te­ri­al und es ent­steht der Ein­druck, dass die länd­li­chen Ge­bie­te Nie­der­ger­ma­ni­ens schein­bar be­völ­ke­rungs­leer wa­ren. Ins­ge­samt gab es in die­se Zeit nur we­nig Kon­ti­nui­tät und die­se le­dig­lich ver­ein­zelt in den grö­ße­ren Ort­schaf­ten, wie Bonn, Jü­lich und Köln. Die­se Ent­wick­lung flach­te sich wäh­rend der frän­ki­schen Herr­schaft ab, bis in der Ot­to­nen­zeit ein ste­ter öko­no­mi­scher Auf­schwung im Rhein­land ein­setz­te. Ins­be­son­de­re Köln ent­wi­ckel­te sich wie­der zu ei­nem wich­ti­gen Wirt­schafts­zen­trum.[<sup>\[57\]</sup>](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963#footnote-10292)

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Willée, Ulf-Henning, Das Wirtschaftsleben im Rheinland während der Antike, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-wirtschaftsleben-im-rheinland-waehrend-der-antike/DE-2086/lido/5cd174640a59e2.01378963 (abgerufen am 06.07.2026)

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</div></div></div></div>-&gt;

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**Sekundärliteratur**

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# Völkerwanderung



# Krankheiten

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Die Justitianische Pest

##### 1. Die Justitianische Pest

In der Mitte des sechsten Jahrhunderts n. Chr. wird Europa von einer Seuche heimgesucht, die heute als erste historisch belegte Pestpandemie gilt. Nach dem damals herrschenden römischen Kaiser Justinian I. wird ihre erste Ausbreitungswelle als Justinianische Pest bezeichnet. Für den Mittelmeerraum berichten Zeitzeugen von Tausenden Toten und wirtschaftlich sowie gesellschaftlich verheerenden Folgen. Naturwissenschaftliche Analysen an frühmittelalterlichen Skeletten belegen, dass die erste Pandemie auch Bayern erreichte. Mangels zeitgenössischer Berichte aus dem Raum sind allerdings ihre dortigen Auswirkungen nur schwer abschätzbar.

<div aria-labelledby="mw-toc-heading" class="toc" id="bkmrk-" role="navigation"></div>**<span class="mw-headline" id="bkmrk-die-erste-historisch-1">Die erste historische Pestpandemie</span>**

Von einer Pandemie spricht man bei der länderübergreifenden, globalen Ausbreitung einer Infektionskrankheit über einen begrenzten Zeitraum hinweg. Bezogen auf die damals bekannte römische Welt trifft dies auch auf die Seuche zu, die während der Herrschaft des römischen Kaisers [Justinian I.](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:11855896X "Person:11855896X") (reg. 527-565 n. Chr.) nach Europa vordrang. Anhand zeitgenössischer Beschreibung der Symptome wurde schon lange die Pest als Auslöser der Erkrankung vermutet. Mittlerweile ist dank naturwissenschaftlicher Untersuchungen bekannt, dass die Pest die Menschheit auch schon zu früheren Zeiten heimgesucht hat, doch liegen erst ab der Spätantike entsprechende Überlieferungen vor. Für diese Zeit spricht man daher von der ersten, historisch bekannten Pestpandemie. Strenggenommen wird nur ihre erste Ausbreitungswelle, die schätzungsweise von 541 bis 544 durch Europa lief, als Justinianische Pest bezeichnet, obwohl manche Autoren unter diesem Begriff auch nachfolgende Pestausbrüche miteinbeziehen.

Von der ersten Pandemie wird die zweite, historisch belegte Pestpandemie abgegrenzt. Diese beginnt in Europa ab 1347 und wird später als der „Schwarze Tod“ bekannt werden. Man zählt noch eine dritte Pestpandemie, die ab 1894 als sogenannte „Hongkong-Pest“ in die Geschichte einging.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-zeitzeugenberichte-1">Zeitzeugenberichte</span>**

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-dreifachbestattung-m">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/5/56/Graeber_Aschheim.jpg/300px-Graeber_Aschheim.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Graeber_Aschheim.jpg)<figcaption>Dreifachbestattung mit Pestnachweis aus dem Reihengräberfeld Aschheim-Bajuwarenring mit Grabbeigaben (rechts unten) und Stammbaum der Bestatteten (rechts oben). Es handelt sich um zwei Schwestern, die beide im Alter von Anfang 20 verstorben sind, und ihre nur ca. vierjährige Cousine. (Zeichnung \[verändert\] nach Gutsmiedl-Schümann et al. 2017; Stammbaum nach Rott et al. 2018; Foto der Grabbeigaben: AschheiMuseum/Pütz)</figcaption></figure>Die Justinianische Pest ist durch zeitgenössische Historiker zwar verhältnismäßig gut dokumentiert, aber für viele Regionen, so auch für Bayern, liegen große zeitliche Lücken in der Überlieferung vor. Die umfänglichsten Augenzeugenberichte stammen von [Johannes von Ephesos](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118864254 "Person:118864254") (ca. 507-589 n. Chr.), der die Pest auf Reisen in Palästina, Syrien und Kleinasien erlebt. Der bekannteste Bericht jedoch ist von [Prokop von Caesarea](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118741985 "Person:118741985") (ca. 500-560 n. Chr.), einem oströmischen Historiker, überliefert, der die erste Pestwelle in Konstantinopelmiterlebte. Von ihm weiß man auch, dass sich Justinian I. mit der Pest infizierte, diese aber überlebte. Der Kaiser selbst erklärte die Pest dann 544 zwar für beendet, doch weiteren Zeitzeugen zufolge sollte diese in den folgenden 200 Jahren immer wieder aufflackern. [Gregor von Tours](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118697439 "Person:118697439") (539-594 n. Chr., Bischof von Tours (F) von 573 bis 594), ist die wichtigste historische Quelle für Westeuropa. Er berichtet über mindestens sechs epidemische Pestausbrüche zwischen 543 und 547, wie auch zwischen 591 und 594 n. Chr., die in seiner Region stattfanden oder von denen ihn Berichte aus dem heutigen Italien und Spanien erreichten. Insgesamt kennt man Erzählungen von mindestens 18 (bis 34, je nach Autor) verschiedenen Pestausbrüchen im frühen Mittelalter im Mittelmeerraum und Europa. Bezüglich der Einschätzung ihrer Zuverlässigkeit und Genauigkeit variiert die Meinung von heutigen Historikern allerdings beträchtlich. Klar scheint zu sein, dass spätestens in der Mitte des 8. Jahrhunderts die Berichte über die Seuche in Europa versiegen.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-pesterreger-1">Pesterreger</span>**

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-stark-vereinfachter-">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/3/32/Schematischer_Stammbaum_Pesterreger.jpg/300px-Schematischer_Stammbaum_Pesterreger.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Schematischer_Stammbaum_Pesterreger.jpg)<figcaption>Stark vereinfachter Stammbaum des Pesterregers Yersinia pestis. Verwandte Abstammungsgemeinschaften sind als Dreiecke zusammengefasst. Die grauen Dreiecke symbolisieren Abstammungsgemeinschaften, von denen auch heute noch Vertreter existieren. (Grafik: Marcel Keller)</figcaption></figure>Aufgrund der in den zeitgenössischen Quellen genannten Krankheitssymptome vermuteten Historiker schon lange, dass es sich bei der Justinianischen Pest tatsächlich um diejenige Infektionskrankheit handelt, die vom Pestbakterium (*Yersinia pestis* \[*Y. pestis*\]) ausgelöst wird. Doch war die Annahme nicht unumstritten. Endgültige Bestätigung fand sie jedoch, als es gelang, die DNA des Pesterregers im Skelett einer Frau zu finden und zu rekonstruieren, die in der Mitte des 6. Jahrhunderts im heutigen [Aschheim](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00016659 "Ort:ODB S00016659") (Lkr. München) bestattet worden war. Mittlerweile wurde die Erbinformation des Pestbakteriums auch in menschlichen Überresten aus weiteren Fundorten in Deutschland, aber auch Spanien, Frankreich oder England nachgewiesen. Diejenige(n) *Y. pestis*–Variante(n), die die Justinianische Pest ausgelöst haben, unterscheiden sich in ihrer DNA geringfügig sowohl von modernen *Y. pestis*-Erregern wie auch von denjenigen, die die zweite und dritte Pandemie ausgelöst hatten. Gravierende Unterschiede im Erkrankungsbild dürfte dies allerdings nicht verursacht haben.

<span id="bkmrk--1"></span>**<span class="mw-headline" id="bkmrk-%C3%9Cbertragungswege-1">Übertragungswege</span>**

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-enzootischer-und-epi">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/5/50/Pestzyklus.jpg/300px-Pestzyklus.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Pestzyklus.jpg)<figcaption>Enzootischer und epizootischer Pestzyklus. (Grafik M. Harbeck, erstellt mit Infogramm)</figcaption></figure>Der Pesterreger kann neben dem Menschen auch viele andere Säugetiere infizieren. Die natürlichen Wirte von *Y. pestis* sind aber wildlebende Nagetiere. Die Übertragung des Pesterregers von Tier zu Tier geschieht allerdings nicht direkt, sondern wird über Parasiten vermittelt. Dabei handelt es sich meist um Flöhe. Als häufigste Infektionsquelle für den Menschen gelten heute infizierte Haus- und Wanderratten sowie deren Flöhe. Dies darf grundsätzlich auch für die Justinianische Pest angenommen werden. Andere Verbreitungswege könnten aber aufgrund schlechterer hygienischer Bedingungen und vermehrten Kontaktes mit Tieren eine größere Rolle als heute gespielt haben. Eine Infektion von Menschen durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren, Pesttoten oder durch Verzehr von infiziertem, nicht ausreichend gekochtem Fleisch ist möglich. Neben Rattenflöhen können auch Menschenflöhe und Läuse als Überträger dienen, doch scheinen sie bei der Weitergabe des Erregers weniger erfolgreich zu sein.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-erkrankungen-1">Erkrankungen</span>**

Neben einer ganzen Reihe von anderen Symptomen, die sich je nach Autor auch unterscheiden können, wird in den meisten historischen Quellen über die Ausbildung von Geschwülsten berichtet. Heute ist bekannt, dass diese mit der häufigsten Erscheinungsform der Pestinfektion, der sog. Beulenpest assoziiert sind: Sie entwickelt sich nach dem Biss eines infizierten Flohs, durch den das Bakterium in die Lymphbahnen gelangt, sich hier vermehrt und beim nächsten Lymphknoten für eine Entzündungsreaktion und Schwellung sorgt. Je nach Bissstelle kann dies im Leisten-, Achsel- oder Halsbereich auftreten. Weitere Symptome wie Fieber, Kopfschmerz, Abgeschlagenheit oder Bewusstseinsverwirrung kommen hinzu. 40 bis 60% der mit Beulenpest Infizierten überleben diese nicht. Y. pestis kann sich zudem im Verlauf der Erkrankung bis in die Lunge ausbreiten. Die so entstandene Lungenpest lässt als einzige Pestform auch eine direkte Ansteckung über Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch zu. So Infizierte entwickeln innerhalb von ein bis zwei Tagen ebenfalls eine Lungenpest, die unbehandelt in 100% der Fälle zu einem schnellen Tod führt. Je nach Infektionsweg und Befall können auch noch weitere Erscheinungsformen der Pest auftreten. Der Erreger kann beispielsweise in den Blutkreislauf eindringen und führt dort zu einer Blutvergiftung.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-herkunft-und-verschw-1">Herkunft und Verschwinden</span>**

*Y. pestis* konnte in Europa in Skelettüberresten nachgewiesen werden, die in die Jungsteinzeit und die Bronzezeit datieren. Die damaligen Erreger unterscheiden sich aber von dem der historisch bekannten Pestpandemien zum Teil beträchtlich. Einige dieser frühen Pestvarianten waren beispielsweise noch nicht in der Lage, den Floh als Überträger zu nutzen. Interessanterweise finden sich unter den frühen, in Europa aufgefundenen Erregern aber nicht die Vorfahren desjenigen Erregers, der schließlich zur Justinianischen Pest führte. Diese scheinen einige Jahrhunderte vor Justinians Zeit in Zentralasien entstanden zu sein.

Und auch diese Linie der Justinianischen Pest scheint heute ausgestorben zu sein und war nicht Vorfahre derjenigen Erreger, die die zweite und die dritte Pandemie ausgelöst haben. Diese finden sich wiederum unter den asiatischen Peststämmen.

Dies macht es, ebenso wie der Mangel an späteren Berichten, wahrscheinlich, dass der Pesterreger tatsächlich im 8. Jahrhundert n. Chr. aus Europa verschwand und erst ca. 600 Jahre später wieder eingeschleppt wurde.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-ausbreitung-im-mitte-1">Ausbreitung im Mittelmeerraum</span>**

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-r%C3%A4umliche-verteilung">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/6/60/Karte_Verteilung_Justinianische_Pest.jpg/300px-Karte_Verteilung_Justinianische_Pest.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Karte_Verteilung_Justinianische_Pest.jpg)<figcaption>Räumliche Verteilung der Erwähnung der Justinianischen Pest in historischen Quellen (Angaben nach Keller et al. 2019) und der Nachweise mittels naturwissenschaftlicher Methoden (Stand 2022). Die ungefähre Ausdehnung des Justinianischen Reiches ist rötlich eingefärbt (größte Ausdehnung im 6. Jh. n. Chr.). Ausschnitt: Gerade in Bayern konzentrieren sich viele molekulargenetische Nachweise. Dies spiegelt das langjährige Forschungsinteresse der Staatssammlung für Anthropologie in München und damit den Forschungstand wieder. Es ist zu vermuten, dass sich zukünftig auch für andere Regionen die Nachweise häufen werden. (Karte: M. Harbeck, erstellt mit QGis, Kartendaten: [WMS Digital Terrain Model](https://gdz.bkg.bund.de/index.php/default/wms-digitales-gelandemodell-gitterweite-200-m-wms-dgm200.html), [Data licence Germany – attribution – Version 2.0](http://www.govdata.de/dl-de/by-2-0)).</figcaption></figure>Prokop berichtet, dass die Pest erstmals im Sommer 541 n. Chr. in der ägyptischen Hafenstadt Pelusium im Nildelta ausbricht. Von hier breitet sie sich sowohl nach Osten als auch nach Westen aus und erreicht rasch Alexandria und Palästina. Spätestens im Frühjahr 542 gelangt die Pest nach Konstantinopel. Im selben Jahr wird sie auch für Syrien, auf dem westlichen Balkan, in Tunesien, Sizilien und Spanien erwähnt. Bis 543 hat sie dann Armenien im Osten sowie Italien und Gallien im Westen erreicht. Genetische Studien zeigen, dass sich der Erreger sogar bis England ausbreitet. In Bayern kann *Yersinia pestis*mittlerweile auf mehreren frühmittelalterlichen Reihengräberfeldern nachgewiesen werden. Wie und über welchen Weg der Pesterreger nach Bayern gelangte, bleibt bislang Spekulation. Wahrscheinlich ist aber, dass hierbei Handelskontakte über die Hauptverkehrsrouten eine wesentliche Rolle gespielt haben.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-pestreservoirs-und-p-1">Pestreservoirs und Pestwellen</span>**

In Gebieten, in denen die Pest heimisch ist, zirkuliert *Y. pestis* in einem lokal begrenzten Gebiet zwischen den wildlebenden Tieren und ihren Flöhen. Die Wirte reagieren aufgrund ihrer langen Koexistenz mit dem Erreger zumeist weniger sensibel und die Sterblichkeitsrate ist gering. Solche Zyklen stellen Erhaltungsreservoirs für das Bakterium dar und sind die Vorrausetzung für eine endemische Verbreitung der Pest. Es wird diskutiert, dass sich auch in der Zeit der Justinianischen Pest solche Reservoirs in Europa oder im Nahen Osten gebildet haben könnten. Als mögliche Wirtstiere kommen u. a. die auch heute noch in Bayern lebenden Alpenmurmeltiere in Frage.

Zu Pestwellen kann es u. a. dann kommen, wenn der Pesterreger aus den natürlichen Reservoirs auf Populationen übertritt, die weniger resistent sind und empfindlicher auf den Erreger reagieren. Sind z. B. Ratten betroffen, kommt es zu einem vermehrten Sterben der Tiere. Dies veranlasst dann den Rattenfloh dazu, sich mit dem Menschen einen neuen Wirt zu suchen. Auch das frühmittelalterliche Bayern ist wahrscheinlich von mehr als einer Pestwelle getroffen worden. Das Erbgut des Pesterregers eines Individuums von [Petting](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00020103 "Ort:ODB S00020103") (Lkr. Traunstein) unterscheidet sich leicht von den übrigen der Region, was darauf hindeutet, dass man es mit mindestens zwei unterschiedlichen Ausbreitungswellen zu tun hat.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-infektionsgeschehen--1">Infektionsgeschehen und Umwelt</span>**

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-komplexe-epidemiolog">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/1/15/Grafik_Wechselwirkungen_Pest.jpg/300px-Grafik_Wechselwirkungen_Pest.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Grafik_Wechselwirkungen_Pest.jpg)<figcaption>Komplexe Epidemiologie der Pest. (Grafik M. Harbeck, erstellt mit Infogramm)</figcaption></figure>Der Verlauf jeglicher Epidemien wird durch verschiedenste Mechanismen beeinflusst. Dazu gehören Veränderungen in der Infektiosität und Anfälligkeit der Wirte. Sollte beispielswiese das Immunsystem durch andere Erkrankungen geschwächt worden sein, kann die Krankheit stärker um sich greifen. Eine bekannte These besagt, dass für die Ausbreitung der Justinianischen Pest eine Reihe von Vulkanausbrüchen zwischen der Mitte der 530er bis zum Ende der 540er Jahre eine wichtige Rolle gespielt haben. Sie waren für die spätantike Klimaverschlechterung verantwortlich und führten zu Agrarkrisen. Hungerperioden sollen zu einer größeren Krankheitsanfälligkeit der Bevölkerung geführt haben. Dieses Modell mag aber etwas zu kurz greifen. Bei der Pest ist zu berücksichtigen, dass nicht nur die Anfälligkeit des Menschen eine Rolle spielt, sondern auch diejenige von Ratte und Floh (und ggf. andere Vektoren). Diese spielen auch bei der Verbreitung eine große Rolle. Neben der Ausbreitung der Pest von einer Rattenpopulation zur anderen, wird bei der Langstreckenverbreitung des Pesterregers entlang von Handelsrouten dem Transport von Gütern und damit verbunden Ratten und Flöhen (z.B. in Getreidesäcken) eine große Rolle zugeschrieben. So wirken nicht nur Klimaparameter (Temperatur, Niederschlag, Feuchtigkeit), sondern auch ökologische Faktoren (z. B. Ratten- bzw. Flohdichte) und die ausgebildeten sozialen Muster (z. B. Kontakte) auf Erreger, Ratte, Floh und Mensch unterschiedlich ein. Dies kann u.a. dazu führen, dass sowohl die Anteile verschiedener Pestformen (Lungenpest vs. Beulenpest), als auch die Übertragungsfähigkeit des Erregers und schlussendlich die Sterblichkeit regional sehr unterschiedlich ausfallen kann.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-sterblichkeit-1">Sterblichkeit</span>**

Prokop erlebte die Pest in Konstantinopel als Augenzeuge mit und berichtete zum Höhepunkt der Seuche von 10.000 Toten täglich. Die schiere Anzahl der Toten habe es unmöglich gemacht, diese in gewohnter Weise beizusetzen. Die Toten wurden in Gräbern fremder Familien bestattet und seien schließlich sogar in den Wehrtürmen der Stadt angehäuft worden. Inwieweit solche Berichte übertrieben sind und wie viele Menschen tatsächlich während der Justinianischen Pest den Tod gefunden haben, wird heute lebhaft diskutiert. Die meisten Autoren gehen aber davon aus, dass etwa ein Viertel der damaligen Bevölkerung der ersten Pandemie zum Opfer fiel. Ein so dramatisches Geschehen, wie es Prokop für Konstantinopel beschreibt, zeichnet sich für Bayern bislang nicht ab. Zumindest zeitweise dürfte es aber auch im frühmittelalterlichen Bayern eine erhöhte Zahl von Verstorbenen zur Zeit der ersten Pandemie gegeben haben. Dies wird in den vereinzelt auftretenden Mehrfachbestattungen dieser Zeit deutlich, für die häufig ein Zusammenhang mit der Pest nachgewiesen werden konnte.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-folgen-1">Folgen</span>**

Es ist davon auszugehen, dass die demografischen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für die damalige Welt weitreichend gewesen sein dürften. Neben der verringerten Arbeitskraft, wird auch internationaler Handel weniger und lokaler Handel bricht stellenweise ein. Am deutlichsten ist dies für das eng vernetzte Byzantinische Reich zu erkennen. Hier lassen sich auch kulturelle und religiöse Veränderungen, wie z. B. die zunehmende Marienverehrung, überzeugend mit der Pest in Zusammenhang bringen. Inwieweit das Kaiserreich Justinians durch die Pest tatsächlich langfristig geschwächt wurde oder inwieweit diese gar zu seinem Untergang beitrug, wird momentan jedoch noch kontrovers diskutiert.

Im Vergleich zu vielen Regionen des Byzantinischen Reichs war Bayern zu dieser Zeit wesentlich weniger eng besiedelt und die Gesellschaft eher agrarisch geprägt. Zeitgenössische Berichte, wie beispielweise der von Gregor von Tours, zeigen aber, dass auch eher ländliche Gebiete Westeuropas nicht verschont geblieben sind. Auch Johannes von Ephesos berichtet von verlassenen Landstrichen und Höfen auf seiner Reise durch das ländliche Syrien und Palästina. Aber während beispielsweise in Syrien festzustellen ist, dass die Besiedlung ganzer Dörfer zum Zeitpunkt der Justinianischen Pest abbricht, lässt sich ähnliches in Bayern bisher nicht finden. Es zeichnet sich sogar ein wirtschaftlicher und demographischer Aufschwung im archäologischen Befund ab. Aber auch dieser ist lückenhaft und Datierungen gelingen nicht jahrgenau. Hinzu kommt, dass sich selbst katastrophale, aber kurzfristige Übersterblichkeiten kaum durch die reine Anzahl von Bestattungen auf einem Friedhof ableiten lassen, da für eine solche Beurteilung auch die Geburts- und Einwanderungsraten bekannt sein müssten. Über die Auswirkungen der Justinianischen Pest auf Bayern kann nach heutigem Wissensstand nur spekuliert werden.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Michaela Harbeck, Justinianische Pest, publiziert am 03.03.2023, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <span class="url">&lt;[https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Justinianische\_Pest](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Justinianische_Pest)&gt;</span> (18.01.2026)

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**Sekundärliteratur**

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# Überblick über die Völkerwanderung

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Die ''Völkerwanderung''. Flucht historisch.

##### 1. Die ''Völkerwanderung''. Flucht historisch.

<header class="opening-header t-99" id="bkmrk-"><div class="opening-header__inner spacer-horizontal__inset-narrow" style="text-align: justify;"><div class="opening-header__gist"><div class="opening-header__actions">  
</div></div></div></header>Im Zuge der "Flüchtlingskrise" hat auch das Thema "Völkerwanderung" eine neue Aktualität gewonnen. Aber welches historische Geschehen verbirgt sich hinter dieser Begriffskonstruktion? Sind hier tatsächlich "Völker" "gewandert" und haben den Untergang des Römischen Reichs herbeigeführt?

Seit jeher geht von der "Völkerwanderung" eine schaurige Faszination aus. Die Vorstellung endloser Wagentrecks aus hünenhaften Kämpfern und ihren Familien, die sich aus dem Innern Germaniens oder von noch entlegeneren Orten aus in Richtung des Römischen Reichs aufmachten und nach einer langen Phase des Ringens und Kämpfens auf dessen Boden ihre eigenen Reiche errichteten, hat sich in das kulturelle Gedächtnis Europas eingebrannt. Die Grundlagen der modernen Staatenwelt, so wird des Öfteren behauptet, seien in diesem Zusammenhang gelegt worden, und auch das politische und kulturelle Selbstverständnis der Europäer sowie einzelner Nationen unter ihnen wird mitunter auf die "Völkerwanderung" zurückgeführt. Gleichzeitig prägt die "Völkerwanderung" unsere Vorstellung historischer Epochenumbrüche. So wurde etwa die Antike lange als Phase zwischen zwei großen Migrationsbewegungen konzeptualisiert, der "Dorischen Wanderung", die man um 1200 v. Chr. ansetzte, und der "Völkerwanderung".

Nicht zufällig nimmt im deutschsprachigen Raum der Terminus "Völkerwanderung" als Bezeichnung jenes tief greifenden, mit Migrationen und Konflikten einhergehenden Transformationsprozesses, der den Übergang von der Spätantike in das Frühmittelalter gestaltet hat, eine dominierende Stellung ein und transportiert damit bereits eine wirkmächtige Interpretation: Die Initiative beziehungsweise Gestaltungsmacht soll damals bei den wandernden Gruppen gelegen haben. In den romanischen Sprachen wird demgegenüber eine andere Perspektive eingenommen: Wenn diese von *invasions barbares* oder *invasioni barbariche*sprechen, nehmen sie eher einen römischen Blickwinkel ein, verweisen damit auf jenes Gebilde, das von den Geschehnissen in besonderer Weise betroffen war, und suggerieren eine katastrophische Deutung. Insofern ebnen bereits Begrifflichkeiten die Pfade für gängige, subkutan national besetzte Interpretationsmuster, die auf einen Antagonismus wandernder Völker auf der einen sowie des statischen *Imperium Romanum* auf der anderen Seite hinauslaufen und sich in einen Römer-Germanen-Gegensatz hinein verengen, der auch in der traditionellen zeitlichen Eingrenzung der Völkerwanderung als Phase zwischen den großen "germanischen" Invasionen um 375 (Ankunft der Goten an der römischen Donaugrenze) und 568 (Langobardeneinfall in Italien) zum Ausdruck kommt.

Was aber haben wir uns unter der "Völkerwanderung" vorzustellen? In einer jüngeren, an ein breites Publikum gerichteten Einführung zu den Germanen heißt es: "Die Zeit der Völkerwanderung wird in den Jahren 375–568 angesetzt, es ist die Zeit zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Sie wird ausgelöst durch den Einfall der aus Asien kommenden Hunnen, die \[sic\] die Völker zur Wanderung nach Süden und Westen trieb. Aber auch Bevölkerungszuwachs und damit verbunden Landnot sind Gründe der Völkerwanderung, ebenso Eroberungs- und Kriegslust. Ganz Europa bis hin zum Schwarzen Meer ist im Umbruch, die meisten Völker verlassen ihre alten Siedlungsgebiete, um neue zu erobern. Es ist das Ende des Römischen Reiches. Nicht mehr Rom, sondern die neue Kultur der Germanen nördlich der Alpen bestimmt von nun an das Geschehen."

Im Folgenden erörtere ich einige zentrale Aspekte, die in dieser für verbreitete Vorstellungen durchaus repräsentativen Definition angeführt werden oder mitschwingen, um aufzuzeigen, dass sie vor dem Hintergrund der Forschungsdiskussionen der vergangenen drei Jahrzehnte nicht mehr tragfähig sind. Dabei wird es allerdings nicht darum gehen, unzulängliche Definitionen schlicht durch neue Begriffsbestimmungen zu ersetzen; vielmehr soll deutlich werden, dass das Konzept einer großen, insbesondere für das *Imperium Romanum* zerstörerischen "Völkerwanderung" am Ausgang der Antike *als solches* inzwischen problematisch erscheint und durch differenziertere konzeptuelle Erwägungen abgelöst werden sollte. Das Ergebnis wird also eher unbequem sein, weil es uns nötigt, altvertraute Gewissheiten zu verabschieden, und weil es vor allem auf die beträchtliche Komplexität der zu betrachtenden Phänomene verweist; je schärfer einzelne Sachverhalte hervortreten, die uns ein erhöhtes Maß an Differenzierung und Präzisierung abverlangen, desto mehr verschwindet die "Völkerwanderung" als bequem handhabbarer Gesamtkomplex im Nebel.

**Völker, Stämme, Volksstämme**

Das Kompositum "Völkerwanderung" stellt keinen Quellenbegriff dar, sondern eine sekundäre Wortbildung; antiken Zeitgenossen war die Vorstellung wandernder Einheiten zwar bekannt – Einwanderung zählte für sie sogar zu den wichtigsten Impulsgebern für Staatsbildungs- und Vergesellschaftungsprozesse –, aber eine *migratio gentium* zur Bezeichnung eines spezifischen Geschehniskomplexes in der Spätphase der römischen Geschichte kannten sie nicht. Auch der Gebrauch der Wendung *migrationes gentium* bei dem Humanisten Wolfgang Lazius (1514–1565), der gemeinhin als Schöpfer unseres modernen Begriffs gilt (mit seinem Werk "De aliquot gentium migrationibus" von 1557), erscheint noch recht unspezifisch. Zum Epochenbegriff im engeren Sinne gerinnt "Völkerwanderung" erst im 19. Jahrhundert; sinnbildlich sei die Definition in Grimms "Deutschem Wörterbuch" angeführt, in der von "der groszen bewegung der germanischen völker am ausgang des alterthums" gesprochen wird. Diese begriffliche Verengung gegenüber Lazius erfolgte keineswegs zufällig: Im Zuge der Nationsbildungsprozesse in Europa suchte man auch in Deutschland nach vermeintlichen historischen Anknüpfungspunkten für eine kollektive Geschichte; fündig wurde man in der Vorstellung einer Überwindung des *Imperium Romanum*durch germanische Stämme, worin man eine erste identitätsstiftende Großtat der frühen Deutschen sah.

Der Zusammenhang zwischen den "frühen" und den "gegenwärtigen" Deutschen wurde unter Rückgriff auf den zunehmend emphatisch aufgeladenen und holistisch gebrauchten Volksbegriff akzentuiert. Im politisch parzellierten Deutschland gewann die Vorstellung eines einheitlichen Volkes, das als Kollektivsubjekt agieren konnte und ähnliche Eigenschaften besaß wie ein Individuum – Eigenschaften, die sich in "Volksliedern", "Volksdichtung" oder "Volkskultur" manifestierten – an Attraktivität. Die Amalgamierung von Germanen und Deutschen zu einem überzeitlich agierenden "Volk" ermöglichte Rück- und Vorausprojektionen vermeintlicher Heldentaten und Ereignisse und ließ sich im Kontext eines zunehmenden Nationalbewusstseins instrumentalisieren. Hier liegt eine wesentliche Ursache für die bald als selbstverständlich geltende Verknüpfung von "Völkerwanderung" und dem Untergang des Römischen Reichs: Die vermeintlichen Vorfahren der Deutschen hatten mit den Römern die Ahnherren des Erzfeinds Frankreich überwunden und an die Stelle des *Imperium Romanum* die Grundlagen des mittelalterlichen Europas gesetzt. Eine Folge dieser Sichtweise war die zeitliche Eingrenzung der "Völkerwanderung" auf den Zeitraum 375–568, also die Phase der "germanischen" Aktivitäten. Die im 6. Jahrhundert einsetzenden slawischen Bewegungen wurden in dieser Konzeption ebenso ausgeklammert wie die arabische Expansion seit dem frühen 7. Jahrhundert. Sie fügten sich nicht in die Vorstellung von der "Völkerwanderung" als einer von Germanen und damit dem deutschen Volk getragenen Bewegung ein.

Heute wissen wir sehr gut, dass die romantische Vorstellung von Völkern als handelnden, überzeitlich existenten Einheiten jeglichem empirischen Befund widerspricht. Völker sind keineswegs homogene, unveränderliche Entitäten, sondern höchst instabile soziale Gebilde, die permanenten Transformationsprozessen ausgesetzt sind, vorwiegend durch politische Klammern definiert werden und deren Zusammenhalt auf komplexen Identitätsbildungsprozessen beruht, die allenfalls in der Lage sind, temporäre Kohärenzsuggestionen zu erzeugen. Bereits das römische Kaiserreich selbst, ein gewaltiges Gebilde, das sich geografisch von Britannien bis in die Sahara, vom heutigen Portugal bis zum Zweistromland erstreckte, ließe sich als Vielvölkerstaat beschreiben, der nie zu vollständiger innerer Homogenität gelangt ist. Seine Kohärenz gewann es vor allem als fest gefügte politische Einheit, die durch Faktoren wie das gemeinsame Bürgerrecht, einen übergreifenden Kaiserkult, eine für alle Reichsbewohner verbindliche Gesetzgebung, aber auch durch weichere Aspekte wie etwa die Bedeutung des Lateinischen als Verwaltungs- und Militärsprache, weiträumige infrastrukturelle Maßnahmen sowie die Implementierung der römischen Stadtkultur beziehungsweise des *Roman way of life* in den meisten Provinzen gewährleistet wurde. Ein Bewohner Britanniens durfte sich dadurch ebenso als römischer Bürger fühlen wie ein Syrer, Ägypter oder eben auch ein Einwohner der Stadt Rom. Mit einem konventionellen Volksbegriff lässt sich dieses Konglomerat nicht annähernd beschreiben.

Ähnliche Probleme ergeben sich für jene Gruppen, die jenseits der Grenzen des *Imperium Romanum* angesiedelt waren. Zu einer politischen Einheit sogenannter germanischer Verbände ist es zu keinem Zeitpunkt gekommen. Das liegt nicht so sehr daran, dass allein die Frage, wie man denn eigentlich "germanisch" beziehungsweise "Germane" definieren soll, höchst umstritten ist und sogar zu der Forderung geführt hat, auf das Adjektiv "germanisch" im wissenschaftlichen Kontext ganz zu verzichten; es liegt vor allem daran, dass keine der Kleingruppen an der Peripherie des *Imperium Romanum* sich als stark genug erwiesen hat, um langfristige politische Dominanz auszuüben – und immer dann, wenn sich entsprechende Anzeichen verdichteten, intervenierten die Römer. Vor allem aber existierte keine Form eines germanischen Gemeinschaftsbewusstseins, das Identitätsbildungsprozesse, die für den Aufbau komplexerer politischer Strukturen unerlässlich sind, hätte grundieren können. Auch die Großverbände, die sich im Verlauf des 3. Jahrhunderts herausgebildet haben (Goten, Hunnen, Alemannen, Franken, Sachsen, Burgunder und weitere), besaßen kein derartiges Kollektivbewusstsein.

Ebenso wie der Begriff "Volk" bereiten indes auch der Terminus "Stamm" oder gar das Kompositum "Volksstamm" Probleme. In der Ethnologie sind Stämme mittlerweile eine gut erforschte und auch kritisch beleuchtete Kategorie. So attraktiv es auf den ersten Blick erscheinen mag, die etwa von Caesar oder Tacitus beschriebenen Kleinverbände im nördlichen *Barbaricum* als "Stämme" zu beschreiben – die von der Ethnologie erarbeiteten Kriterien passen schlichtweg nicht auf diese Gruppen oder sind dort zumindest nicht nachweisbar, und derselbe Vorbehalt gilt in besonderem Maße für jene Verbände, mit denen wir in der Spätantike konfrontiert werden.

Hinzu kommt, dass bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts sogenannte Stammesverfassungen als rückständig gegenüber dem ausgebildeten Staat europäisch-transatlantischer Prägung galten. In dieser Sichtweise werden im Prinzip antike Barbarenstereotype fortgeschrieben, die im Kern darauf zielen, dem Barbaren die Fähigkeit zur politischen und sozialen Organisation abzusprechen. Wir wissen aber, dass gerade während der "Völkerwanderung" intensivster Austausch zwischen Römern und Barbaren herrschte, letztere also mit der antiken Welt bestens vertraut waren und nicht umsonst sowohl als Individuen wie auch als Gruppen innerhalb des *Imperium Romanum* Karriere machen und auch politische und soziale Prozesse gezielt einleiten und steuern konnten. Dieser seit Langem bekannte Sachverhalt hat aber zunächst nicht zu Korrekturen in der Begriffsbildung geführt. Vielmehr wurde stattdessen vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter vermeintlich germanischen Zentralbegriffen wie "Herrschaft", "Treue", "Eid" und "Gefolgschaft" am Konstrukt einer spezifischen germanischen Stammesverfassung als Grundlage des mittelalterlichen Staats und Gegensatz zur Organisation des *Imperium Romanum* gearbeitet, das mittlerweile ebenfalls längst widerlegt ist.

Es ist also an der Zeit, sich für den "Völkerwanderungskomplex" von Völkern, Stämmen und Volksstämmen zu verabschieden.

<div id="bkmrk--1" style="text-align: justify;"><div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow title2margin"><a id="bkmrk--2"></a></div></div>**Wanderung**

Wieviel Wanderung steckt in der "Völkerwanderung"? Die Frage nach dem Stellenwert von Migration in der Übergangsphase zwischen Antike und Mittelalter erweist sich bei näherer Betrachtung als höchst komplex. In der Forschung vollzieht sich zurzeit ein Paradigmenwechsel: Hatte man bisher außergewöhnlichen Migrationsphänomenen wie der "Völkerwanderung" als Ausnahmeerscheinungen innerhalb der Geschichte des Altertums besondere Aufmerksamkeit gewidmet, so wird inzwischen zunehmend anerkannt, dass Mobilität ein nahezu omnipräsentes Phänomen darstellte – keineswegs eine erklärungsbedürftige, punktuelle Sonderentwicklung, sondern tendenziell der Normalzustand. Menschen waren in Bewegung: räumlich, sozial, kulturell. Migration wiederum, heute definiert als "die auf einen längerfristigen Aufenthalt angelegte räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen, Familien, Gruppen oder auch ganzen Bevölkerungen", stellt innerhalb dieser prinzipiellen Disposition lediglich ein Teilphänomen dar. Es ist während der "Völkerwanderung" weder neu noch begrenzt auf Immigration beziehungsweise Invasion.

Vielmehr konstituierte das Römische Reich bereits seit Jahrhunderten einen Raum für Binnenmigrationen unterschiedlichster Art, und auch Ein- und Auswanderungen sowie ein kontinuierlicher grenzüberschreitender Austausch gehörten selbstverständlich zum Alltag. Denn das Römische Reich übte aufgrund des vergleichsweise hohen Lebensstandards nicht nur eine generelle Anziehungskraft aus, sondern der Zuzug aus dem *Barbaricum* wurde mitunter sogar großzügig gefördert, wenn etwa Mangel an Arbeitskräften und insbesondere an Rekruten herrschte. Die im Nachhinein so fatale Entscheidung, die von den Hunnen vertriebenen Goten im Jahr 376 über die Donau in das Imperium eindringen zu lassen, folgte einem derartigen Kalkül: Kaiser Valens (364–378) ging es auch damals in erster Linie darum, kostengünstige Soldaten zu gewinnen. Die Besonderheit der nachfolgenden Geschehnisse lag darin, dass die Lage bald außer Kontrolle geriet und die Römer dieses Mal in ihrem prinzipiellen Bemühen, Migrationsprozesse soweit es eben ging beherrschbar zu halten, an ihre Grenzen stießen. Auch außerhalb des *Imperium Romanum* waren Menschen grundsätzlich mobil. Immer wieder – insbesondere seit dem 3. Jahrhundert – kam es zu Drucksituationen an den römischen Grenzen, wenn Mobilität tendenziell zunahm, was aus unterschiedlichen Gründen geschehen konnte, die großenteils innerhalb des römischen Kontextes zu lokalisieren sind.

Während der "Völkerwanderung" wurden die Römer also keineswegs mit einem grundlegend neuartigen Phänomen konfrontiert. Ungewöhnlich war lediglich die Massivität, mit der in einigen Grenzregionen nunmehr der Druck zunahm (zunächst an Donau und Rhein, später dann auch in anderen Regionen); ungewöhnlich war sodann die Intensität, mit der sich insbesondere seit dem frühen 5. Jahrhundert innere Probleme (Bürgerkriege) mit dem Geschehen an der Peripherie des Reichs vermengten, was zwangsläufig eine beträchtliche Ressourcenverknappung nach sich zog; ungewöhnlich war schließlich auch die Diversität und Variabilität der einzelnen Verbände, mit denen die Römer innerhalb weniger Jahrzehnte konfrontiert wurden und die plötzlich Herausforderungen konstituierten, denen die römische Regierung auch angesichts einer zunehmend angespannten innenpolitischen Lage zumindest im lateinischsprachigen Westen mittelfristig nicht gewachsen war.

All diese Gruppen pauschal unter das Stichwort "Wanderung" zu subsumieren, verwischt allerdings grundlegende Unterschiede und erscheint daher problematisch. Zu unterscheiden sind mindestens die folgenden Gruppen: militärisch schlagkräftige Flüchtlinge wie die Goten, die 376 die Donau überschritten; mobile Armeen mit wachsender ziviler Begleitung und zunehmender Kohärenz wie der Verband, mit dem der terwingische Gote Alarich 410 die Stadt Rom eroberte; Großverbände auf der Suche nach Integration in das Römische Reich (so einigte man sich auf eine Ansiedlung von Westgoten in Aquitanien 418/19); Großverbände auf der Suche nach politischer und wirtschaftlicher Autonomie, die etwa den Vandalen 442 in Form eines *regnum*zugestanden wurde; mobile Kriegergruppen in variierenden Aggregatszuständen, das heißt Gewaltgemeinschaften wie die gotischen Verbände im Balkanraum; nomadisch geprägte Reiterverbände wie die Hunnen; (halb)nomadisch, partiell tribal strukturierte Verbände mit lang etablierten Beziehungen zum Römischen Reich und zur römischen Lebenswelt, beispielsweise die Araber; bäuerlich strukturierte Kleingruppen wie die Slawen.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; nicht berücksichtigt wurden beispielsweise all die gescheiterten und daher in unseren Zeugnissen nur schemenhaft sichtbaren Gruppen, deren Zahl jedoch nicht unterschätzt werden sollte. Zudem sind Überschneidungs- und Überlagerungsphänomene, insbesondere aus einer *Longue-durée*-Perspektive heraus, in Rechnung zu stellen, denn kaum eine der uns bekannten Gruppen blieb über einen längeren Zeitraum hinweg stabil oder gar ethnisch homogen – das gilt im Übrigen auch für jene Großgruppe, die wir als "Römer" bezeichnen. Deutlich werden sollte allerdings, dass Migration allein keinen hinreichenden Ansatzpunkt darstellt, um das "Völkerwanderungs"-Geschehen zu erfassen; vielmehr wäre für jeden einzelnen Fall zunächst einmal zu klären, welche Rolle Migration grundsätzlich spielte, in welcher Ausprägung sie erfolgte und welche Konsequenzen sich aus ihr ergeben haben könnten. Die gegenwartsnah arbeitende jüngere Migrationsforschung bietet inzwischen ein attraktives methodologisches Instrumentarium an, um zukünftige Forschungen in dieser Richtung mit der erforderlichen Differenziertheit vorzunehmen. Ältere, reduktionistische Erklärungsmodelle für die "Völkerwanderung", die mit monokausalen Ansätzen wie Naturkatastrophen, einer allgemeinen Klimaverschlechterung oder der Verdrängung durch konkurrierende Gruppen operieren, erübrigen sich damit nicht allein deshalb, weil all diese Erklärungsversuche sich im Bereich reiner Spekulation bewegen, sondern weil sie *a priori*wandernde, homogene Entitäten voraussetzen, die sich als solche über große Entfernungen und lange Zeiträume hinweg bewegt haben sollen, bevor sie an die Grenzen des *Imperium Romanum*gelangten.

**Herkunft der Neuankömmlinge und Untergang des Römischen Reichs**

Dieser Einwand entbindet uns jedoch nicht von der Notwendigkeit, darüber nachzudenken, woher jene Gruppen kamen, mit denen die Römer sich seit dem 3. und in verstärktem Maße seit dem 4. Jahrhundert auseinanderzusetzen hatten. Mittlerweile geht man mehrheitlich davon aus, dass es im *Barbaricum* selbst im Verlauf der römischen Kaiserzeit – also seit dem 1. Jahrhundert – zu komplexen gesellschaftlichen Veränderungen und Ausdifferenzierungsprozessen gekommen ist, die im Ergebnis zur Ausformung (Ethnogenese) größerer, schlagkräftiger Verbände geführt haben (wie der Alemannen, der Franken und Sachsen jenseits des Rheins, der Quinquegentiani in Nordafrika oder der Salīḫ, der Tanūḫ und insbesondere der Laḫmiden im arabischen Raum). Ihre Entwicklung kam freilich nicht an einem bestimmten Punkt zum Stillstand, vielmehr waren sie als hochdynamische, geradezu fluide Gebilde durch Abspaltungen, Zuzug aus verschiedenen Richtungen, durch Neudefinitionen im Zusammenhang permanenter Identitätsbildungsprozesse, durch Kriegsverluste, Verträge, Königserhebungen und so weiter kontinuierlichen Veränderungen unterworfen. Anders als lange gemutmaßt, stellen diese Konföderationen nicht oder zumindest nur partiell das Resultat ausgreifender Wanderungsbewegungen dar, sondern müssen im Zusammenhang komplexer Ethnogeneseprozesse gedeutet werden. Sie traten an die Stelle kleinerer Einheiten, wie sie uns für das nördliche *Barbaricum* etwa durch Caesar und Tacitus bezeugt sind, und ließen sich nicht mehr so einfach wie diese mit den traditionellen Mitteln römischer Politik kontrollieren.

Diese Mittel umfassten in der Kaiserzeit natürlich Eroberungszüge und Strafexpeditionen; aber die Römer waren auch zu einem weitaus subtileren Vorgehen fähig: So versuchte man etwa wohlgesonnene beziehungsweise für die Interessen Roms wichtige Barbarenführer mit Geschenken (das heißt der Vergabe von Objekten, die im *Barbaricum* als prestigesteigernde Luxusgüter gelten mussten) und Ehrungen an das Reich zu binden, während andere demonstrativ abgestraft wurden. Diese Praxis sollte über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg die Welt jenseits der Grenzen des *Imperium Romanum* nachhaltig verändern. Denn Personen, die auf Kontakte ins Imperium und auf römische Aufmerksamkeiten setzen konnten, die erfahrungsgesättigt und wohlhabend aus langjährigem Dienst in römischen Hilfstruppen zurückkehrten oder die als Händler die Lebenswelt des Römischen Reichs mit eigenen Augen kennengelernt hatten, gelangten in der Heimat zu hohem Ansehen, sie konnten Gefolgschaften um sich herum versammeln beziehungsweise vergrößern. Auf diese Weise etablierten sich langsam neue, differenziertere soziale Strukturen im *Barbaricum*, was wiederum vielfach Spannungen und sozialen Stress auslöste, der Bugwellen verursachte, die im Laufe der Zeit auch die römischen Grenzen erreichten – teilweise auch in Form von Migrationen. Eine Schicht ambitionierter, wagemutiger Krieger und entsprechender Führungspersonen bildete sich heraus; sie ist archäologisch mittlerweile gut nachgewiesen. Diese Krieger konstituierten das Substrat, aus dem sich zunächst kleinere Raubgruppen und schließlich jene größeren Verbände herausbildeten, die seit dem 3. und 4. Jahrhundert den Druck auf die römischen Grenzen erhöhten. Äußere Impulsverstärker wie die Attacken der Hunnen konnten hinzutreten. Aber die entscheidenden Veränderungen, die sich im *Barbaricum* vollzogen und damit überhaupt erst die Grundlagen für das "Völkerwanderungs"-Geschehen bereiteten, sind offenbar in hohem Maße von der römischen Seite selbst eingeleitet worden. Dass hier nicht lediglich Naturkatastrophen oder gar ein "gemeingermanischer Wanderungsdrang" am Werk waren, geht bereits aus dem Umstand hervor, dass sich die betreffenden Veränderungen an der *gesamten* Peripherie des *Imperium Romanum* vollzogen – nicht nur an Rhein und Donau, sondern auch in Nordafrika und im Osten.

Zudem erfolgten die ab dem 3. Jahrhundert signifikant zunehmenden Überfälle auf die aus barbarischer Perspektive überaus wohlhabenden römischen Gebiete häufig dann oder erwiesen sich als besonders verheerend, wenn wieder einmal Bürgerkriege die Schlagkraft der römischen Verteidigung lähmten. Daher haben einige Stimmen in der Forschung sogar die pointierte Behauptung aufgestellt, die "Völkerwanderung" stelle letztlich ein rein römisches, das heißt von den Römern ausgelöstes Phänomen dar: Nicht sie habe den Untergang des Römischen Reichs herbeigeführt, sondern dieser selbst sei vielmehr die Ursache für die "Völkerwanderung" gewesen. Das *Imperium Romanum* habe gewissermaßen Selbstmord verübt.

Diese extreme Zuspitzung steht am Ende einer etwa 30-jährigen Phase intensiver Forschungen über das Ende der römischen Welt und ihren Übergang in die poströmische Phase. Sie hat vor allem die Kontinuitäten zwischen Antike und Mittelalter herausgearbeitet; sie hat auf den vielfach "römischen" Charakter der vordergründig barbarischen Akteure verwiesen; sie hat aufgezeigt, dass die poströmischen *regna* auf römischen Strukturen errichtet worden sind; sie hat analysiert, in welcher Weise nichtrömische Verbände versucht haben, ihre eigenen Geschichtskonstrukte in einen christlich-antiken Rahmen einzuschreiben, um selbst ein Teil der römischen Geschichte zu werden; und sie hat darauf aufmerksam gemacht, dass die in zahllosen spätantiken und frühmittelalterlichen Texten weiterhin greifbare scharfe Abgrenzung zwischen Römern und Barbaren nicht nur stark durch topische Elemente durchdrungen ist, sondern in geradezu atavistischer Form Dichotomien fortschreibt, die in der Lebenswelt der Autoren schon längst nicht mehr galten.

Dieses Konzept einer kontinuierlichen und in jedem Fall hochgradig komplexen *Transformation of the Roman World* (TRW) wird seit einem Jahrzehnt von einigen Althistorikern und Archäologen infrage gestellt, die insbesondere dem "Völkerwanderungs"-Geschehen als zerstörerischer Urkatastrophe wieder stärkere Geltung verschaffen möchten. In ihren Augen verschleiert das Konzept der Transformation die brutalen Gewaltakte, die scharfen Brüche und Rupturen, die mit der "Völkerwanderung" einhergegangen sind. Auch wenn die Vertreter des *Transformation*-Ansatzes nie behaupten würden, der Übergang ins Frühmittelalter sei friedlich verlaufen, geht es hier letztlich doch auch um die Frage, ob das Ende Roms ein Prozess war, der von Zeitgenossen als entsprechend schmerzhafte Verlusterfahrung wahrgenommen wurde, oder ob er sich als langsame, für Mitlebende kaum bemerkbare Transformation vollzogen hat. Mit dieser Frage korreliert das Problem, ob man den Untergang des Römischen Reichs als einen im Wesentlichen von außen verursachten Zusammenbruch oder als eine eher von den Römern selbst herbeigeführte Entwicklung zu bewerten hat. Die "Völkerwanderung" wurde, wie angedeutet, für beide Positionen in Anspruch genommen. Nicht zuletzt dieser Sachverhalt sollte hinreichend deutlich machen, dass die Problematik letztlich viel zu komplex ist, als dass sie sich im Sinne einer klaren Position beantworten ließe, denn selbstverständlich hingen innere und äußere Entwicklungen – sofern überhaupt unterscheidbar – aufs Engste miteinander zusammen.

<div id="bkmrk--3" style="text-align: justify;"><div class="text-content spacer-horizontal__inset-narrow title2margin"><a id="bkmrk--4"></a></div></div>**"Völkerwanderung" und "Flüchtlingskrise"**

Mit dem Eintritt der sogenannten Flüchtlingskrise in die populäre Medienlandschaft im Sommer 2015 hat auch das Thema "Völkerwanderung" neue Aktualität gewonnen. Zeitungsbeiträge, Radiofeatures und Fernsehdokumentationen überbieten sich seitdem in der Diskussion möglicher Parallelen und versuchen aus dem "Völkerwanderungs"-Paradigma Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft abzuleiten. Dass auch prominente Historiker sich in das vielstimmige Raunen eingebracht haben und versuchen, korrigierend in eine mitunter unbedarft, ziellos und chaotisch geführte Debatte einzugreifen, ist grundsätzlich zu begrüßen. Allerdings hat etwa der Althistoriker Alexander Demandt in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", der vielfältige zustimmende wie auch kritische Reaktionen ausgelöst hat, einmal mehr einen reduktionistischen "Völkerwanderungs"-Begriff zugrunde gelegt, um seine These vom Untergang Roms als Resultat massenweisen Andrängens von Barbaren zu begründen. Zum Themenkomplex "Völkerwanderung" und "Flüchtlingskrise" seien daher abschließend noch einige Gedanken formuliert:

*Erstens*: Historische Vergleiche gehören zu den spannendsten und produktivsten Unterfangen, mit denen Historiker sich auseinandersetzen. Sie erfordern aber auch ein Höchstmaß an methodischer Präzision und setzen intime Kenntnis beider Comparanda voraus. Ein seriöser Vergleich des "Völkerwanderungs"-Geschehens mit der "Flüchtlingskrise" müsste daher, wenn er einem Mindestmaß methodisch-theoretischer Reflexion gerecht werden soll, von Wissenschaftler*teams* vorgenommen werden, weil er die Kompetenzen einzelner Personen überschreitet.

*Zweitens*: Prinzipiell ist es möglich, alles miteinander zu vergleichen. Aus der Perspektive des Historikers erscheint allerdings nicht jeder Vergleich gleichermaßen sinnvoll, denn das Ergebnis sollte einen analytischen Mehrwert erbringen. In diesem Zusammenhang sei an den heuristischen Unterschied zwischen Vergleichen und Analogien erinnert. Während ein historischer Vergleich auf einer soliden methodischen Basis klare Kriterien definiert und die Untersuchungsgegenstände mit ihrer Hilfe analysiert, um abschließend zu einem wissenschaftlich fundierten Ergebnis zu gelangen, erschöpft sich die Analogie in der Beobachtung oberflächlicher Parallelen, die zumeist nicht eingehender verortet und hinterfragt werden, sodass ihre Aufdeckung im besten Fall folgenlos bleibt.

*Drittens*: Wollte man sich unter Berücksichtigung all dieser Kautelen dennoch an das komplizierte Unterfangen begeben, die "Völkerwanderung" mit der "Flüchtlingskrise" zu vergleichen, so sollte aus den vorangegangenen Ausführungen hervorgegangen sein, dass es keinen klar definierten Gegenstand "Völkerwanderung" gibt, den man als Comparandum heranziehen könnte. Der Terminus selbst stellt, wie gezeigt, keinen analysefähigen Begriff für ein klar definiertes Konzept dar, sondern bezeichnet vage einen nur schwer eingrenzbaren, assoziationsbefrachteten Zusammenhang, der sich vielfältig ausdeuten lässt, und transportiert überdies Ideologeme, die rasch ein spezifisches Vorverständnis des Sachverhalts prägen können.

*Viertens*: Versucht man sich von dem problematischen Konzept der "Völkerwanderung" zu lösen und blickt hinter den Begriff, so wird man mit einem komplexen Geflecht höchst unterschiedlicher, eng ineinandergreifender Phänomene konfrontiert, die einmal mehr die Frage aufwerfen, was nun eigentlich der Vergleichspunkt sein soll. Ein Ansatz könnte darin bestehen, den Blick auf Migration zu richten. Wie sich gezeigt hat, werden wir in der Spätantike aber mit sehr unterschiedlichen Formen von Migration konfrontiert. Wollte man sie sämtlich berücksichtigen, müsste man erneut eine abstrakte Ebene erreichen, die ihrerseits wieder die Gefahr birgt, analytisch fruchtlose Hypostasierungen wie die "Völkerwanderung" zu kreieren.

*Fünftens*: Soweit ich sehe, zielen die aktuell in den Medien fassbaren Vergleiche zwischen "Völkerwanderung" und "Flüchtlingskrise" darauf, zum einen Anschauungsmaterial hinsichtlich möglicher Folgen von Massenmigration zu gewinnen sowie zum anderen Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft zu generieren beziehungsweise allgemeine Mahnungen auszusprechen. Beides erscheint indes problematisch: Die auch heute noch unwillkürliche Assoziierung der "Völkerwanderung" mit dem Untergang des Römischen Reichs erzeugt eine fatale Pfadabhängigkeit des Vergleichs mit Blick auf die Bewertung gegenwärtigen Geschehens und daraus resultierender möglicher Handlungsmaximen. Die "Völkerwanderung" kann den aktuellen Akteuren keine Hilfestellung leisten, weil sie als kohärenter Geschehenszusammenhang nicht fassbar ist und weil die Einzelphänomene, die sich isolieren lassen, vor dem Hintergrund fundamental differenter geostrategischer, politischer und kultureller Rahmenbedingungen zu sehen sind. Oberflächliche Analogien können durchaus gravierende Unterschiede verdecken. Nur ein methodisch-theoretisch skrupulös vorbereiteter Vergleich vermag Klippen dieser Art zu umschiffen – und dürfte im Fall der "Völkerwanderung", wie gezeigt, dennoch höchst problematisch bleiben. Die aktuelle Suche nach vordergründigen Parallelen und Analogien droht hingegen Geschichte zum instrumentellen Passepartout zu degradieren, um politischen oder moralischen Imperativen einen pseudolegitimatorischen Firnis zu verleihen. Gegen Vereinnahmungen dieser Art anzuarbeiten, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Historikers.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Meier, Mischa: Die ''Völkerwanderung'', in: ApUZ, online verfügbar seit 24.06.2016 unter: [https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/229813/die-voelkerwanderung/](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/229813/die-voelkerwanderung/), zuletzt geprüft am 20.02.2026.

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**Sekundärliteratur**

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# Christianisierung der Germanen



# Die Christianisierung unter Bonifatius

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Wie Bonifatius die Germanen bekehren sollte

##### <span class="b-headline article-header-title u-responsive-font-xxxl-xxxxl-1 has-no-line has-subline"><span class="headline-title">1. Wie Bonifatius die Germanen bekehren sollte</span></span>

Als Apostel der Deutschen und als Märtyrer wird er von Katholiken bis heute verehrt. Sein historischer Hauptverdienst war die Reform der Kirche im Frankenreich seiner Zeit. Heute vor 1.300 Jahren erhielt der heilige Bonifatius von Papst Gregor II. den Auftrag zur Germanenmission.

<div class="article-header-meta" id="bkmrk-von-winfried-doldere"><span class="article-header-author">Von Winfried Dolderer</span> | <span class="article-header-publication-date"><time datetime="2019-05-15T09:05:00+02:00">15.05.2019</time></span></div><div class="article-content" id="bkmrk-bonifatius-erhielt-v"><section class="b-article-details"><figure class="b-image-figure u-space-bottom-xl"><div class="b-image image-figure u-content-separator-xxs-1-xxs-1 has-full-width"><div class="image-wrapper">![Vor dem St.-Petri-Dom im nordhessischen Fritzlar steht die Statue des heiligen Bonifatius, dem "Apostel der Deutschen".](https://bilder.deutschlandfunk.de/FI/LE/_0/00/FILE_000c5d26107c3db13f695437afae6b51/bonifatius-jpg-100-1920x1080.jpg "Vor dem St.-Petri-Dom im nordhessischen Fritzlar steht die Statue des heiligen Bonifatius, dem "Apostel der Deutschen".")</div></div><figcaption class="caption-figure is-left">Bonifatius erhielt vor 1.300 Jahren den Auftrag zur Germanenmission (picture-alliance / dpa – Uwe Zucchi)</figcaption></figure><div class="article-details-text u-space-bottom-xl">Es war ein Pilger vom anderen Ende der damaligen christlichen Welt, der im Herbst 718 in Rom auftauchte und beim Papst vorsprach. Er hatte vier Jahrzehnte als gelehrter Mönch und Abt in seiner englischen Heimat verbracht. Jetzt wollte er auf dem Kontinent ein neues Leben beginnen, heidnische Germanen bekehren. Am 15. Mai 719 stellte Papst Gregor II. dem Angelsachsen Winfried eine Urkunde aus, mit der er ihn als Missionar bevollmächtigte. Zugleich gab er ihm einen neuen Namen, den des spätrömischen Märtyrers Bonifatius.</div><div class="article-details-text u-space-bottom-xl">Beides sollte ihm auf seinem künftigen Arbeitsfeld Türen öffnen, wie der Bonner Frühmittelalter-Experte Matthias Becher meint: „Dieses Dokument legitimierte Bonifatius bei seinem Wirken nördlich der Alpen. Man muss sich vorstellen, dass er vielleicht nicht überall willkommen gewesen ist. Vom Nachfolger des Heiligen Petrus einen Auftrag bekommen zu haben, war eine über die Maßen hohe und große Legitimation“.</div><div class="article-details-text u-space-bottom-xl">  
</div><div class="article-details-text u-space-bottom-xl">**Gallo-fränkische Kirche ohne Interesse an römischen Vorgaben**</div><div class="article-details-text u-space-bottom-xl">Als „Apostel der Deutschen“ ist Bonifatius in späteren Jahrhunderten verklärt worden. An seinem Grab im Dom zu Fulda tagt bis heute die katholische Deutsche Bischofskonferenz. Seine Zerstörungstat im Osten des heutigen Hessen, wo er eine dem einheimischen Gott Donar geweihte Eiche fällte, und sein gewaltsamer Tod durch heidnische Friesen haben sich eingeprägt. Seine wesentliche Leistung indes war die Reform der Kirche im damaligen Frankenreich, das er in desolaten Verhältnissen vorfand. Becher:</div><div class="article-details-text u-space-bottom-xl">„Das Frankenreich war um das Jahr 700 ein von Bürgerkriegen gezeichnetes Land, das seine neue Mitte finden musste. Eine Folge dieser inneren Auseinandersetzungen war auch ein kirchlicher Niedergang gewesen.“  
Ein typischer Vertreter dieser Kirche war etwa der Mainzer Bischof Gewilib, der auf einem Feldzug gegen die Sachsen Blutrache an einem feindlichen Krieger nahm. Der fromme Bonifatius notierte mit Grausen: „Die Franken haben seit mehr als achtzig Jahren weder eine Synode abgehalten noch einen Erzbischof gehabt. Größtenteils sind die Bischofssitze in den Städten habgierigen Laien zum Besitz oder ehebrecherischen, dem Gelderwerb frönenden Klerikern lediglich zum weltlichen Genuss ausgeliefert.“  
Becher: „Man muss bedenken, dass bis zum Wirken des Bonifatius die gallo-fränkische Kirche kaum ein Interesse daran gehabt hat, sich nach Vorschriften aus Rom zu richten. Man hatte eine eigene Liturgie und hat von daher sich nicht weiter um Rom gekümmert.“</div><div class="article-details-text u-space-bottom-xl">  
</div><div class="article-details-text u-space-bottom-xl">**Kirchenreform mit umfassenden Änderungen**</div><div class="article-details-text u-space-bottom-xl">Der Kern der fränkischen Macht lag im heutigen Nordfrankreich. Bonifatius wirkte zunächst zwei Jahrzehnte lang in den rechtsrheinischen Randzonen, bei Hessen, Thüringen, Bayern. Die Menschen hier hielten auf Stammestraditionen, widerstrebten der fränkischen Herrschaft, hingen hier und da noch den alten Göttern an. Im hessisch-thüringischen Grenzland gab es sogar ein von christlicher Zivilisation völlig unberührtes heidnisches Siedlungsgebiet.</div><div class="article-details-text u-space-bottom-xl">Mit einem fränkischen Militärstützpunkt im Rücken gelang Bonifatius das Bekehrungswerk in einem knappen Jahr. Er zog durchs Land, organisierte Pfarreien, gründete Klöster, stiftete Bistümer. Wurde Bischof, Erzbischof, Stellvertreter des Papstes nördlich der Alpen. Im Jahr 741 starb der starke Mann des Frankenreiches Karl Martell. Seine Söhne Karlmann und Pippin vollzogen jetzt eine kirchenpolitische Wende, sagt Matthias Becher:</div><div class="article-details-text u-space-bottom-xl">„Sie haben sich von den alten Eliten abgelöst, die unter Karl Martell den Ton angegeben haben. Von daher war der natürliche Verbündete zumindest auf geistlichem Gebiet dann Bonifatius.“ Dieser leitete 743 eine Reformsynode, die umfassende Änderungen beschloss. Geistliche durften keine Waffen mehr tragen, nicht mehr jagen, in den Krieg ziehen, mit Frauen zusammenleben. Die fränkische Kirche sollte sich strikt an päpstlichen Vorgaben orientieren.</div><div class="article-details-text u-space-bottom-xl">Mit seiner Kirchenreform schuf Bonifatius die Grundlage für die spätere enge Verbindung von Papsttum und fränkischer Monarchie unter den Karolingern. Er selbst hat das nicht mehr erlebt. Als 80-Jähriger brach er noch einmal auf, sah im verwaisten Bistum Utrecht nach dem Rechten, zog predigend und taufend an der Nordseeküste entlang. Hier wurde er am 5. Juni 754 von friesischen Räubern erschlagen.</div></section></div>##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Dolderer Winfried: Wie Bonifatius die Germanen bekehren sollte, in: Deutschlandfunk online, verfügbar seit 15.05.2019 unter: [https://www.deutschlandfunk.de/vor-1-300-jahren-wie-bonifatius-die-germanen-bekehren-sollte-100.html](https://www.deutschlandfunk.de/vor-1-300-jahren-wie-bonifatius-die-germanen-bekehren-sollte-100.html), zuletzt geprüft am 07.11.2025.

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**Sekundärliteratur**

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# Fränkisches Reich



# Machtkämpfe, Erbfolge und fränkische Diplomatie

#### Inhaltsverzeichnis

1. Babenberger Fehde. Franken gegen Franken
2. Abul Abbas. Das Geschenk des Kalifen
3. Daten und Fakten. Die Geschichte der Franken

##### 1. Babenberger Fehde. Franken gegen Franken.

Unter den Nachfahren Karls des Großen zerfällt das fränkische Imperium in mehrere Königtümer. Machtkämpfe prägen jene Ära – so auch im östlichen Teilreich, wo sich zwei Adelsfamilien ab Ende des 9. Jahrhunderts eine blutige Fehde liefern

[![9028c503-3c5c-484e-8940-0ab568d67221.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/9028c503-3c5c-484e-8940-0ab568d67221.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/9028c503-3c5c-484e-8940-0ab568d67221.jpg)

MIT SCHWER GERÜSTETEN Panzerreitern bekriegen sich östlich des Rheins die Babenberger und die Konradiner (hier und im Folgenden vergleichbare Schlachtendarstellungen aus dem 10. Jh.)

Seit Langem schon gärt Zwietracht in dem sanft gewellten, fruchtbaren Land am Main. Zwei Familien von hohem Adel stehen sich lauernd gegenüber: ein alteingesessenes Geschlecht und eines, das erst seit wenigen Jahrzehnten in das Gebiet zwischen Frankfurt und dem späteren Bayreuth vordringt. Störenfriede, in den Augen ihrer Gegner.

Verbissen beäugen sich die beiden Familien, die man später Babenberger und Konradiner nennen wird. Argwöhnisch beobachten die einen, wie die anderen sie bei der Vergabe von Grafschaften, Landgütern oder Bischofstiteln ausstechen. Und betrachten eifersüchtig deren Einfluss am Hof des Karolingerkönigs Arnulf, der seit 887 das Ostfrankenreich regiert – ein gewaltiges Gebilde, gestreckt von der Nordsee bis zu den Alpen. Einige Jahre schwelt der Konflikt der beiden Sippen, angespannt, aber weitgehend gewaltlos. Bis es zu einer unerhörten Bluttat kommt.

**LUDWIG DER FROMME**

[![8510769f-3422-4085-8d2c-4987c06ae867.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/8510769f-3422-4085-8d2c-4987c06ae867.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/8510769f-3422-4085-8d2c-4987c06ae867.jpg)

KARLS Thronerbe beteiligt seine drei Söhne noch zu Lebzeiten an der Herrschaft über das Reich. Denn allein ist das riesige fränkische Imperium kaum noch zu regieren

[![b4b06830-6758-4430-9cec-d62d16135f21.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/b4b06830-6758-4430-9cec-d62d16135f21.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/b4b06830-6758-4430-9cec-d62d16135f21.jpg)

Auslöser für die Fehde zwischen Babenbergern und Konradinern ist ein brutaler Mord: 897 töten die Babenberger einen königlichen Dienstmann, der Land von ihnen einfordert

**IN DER GEGEND VON WÜRZBURG,** an einem Tag im Jahr 897. Ein Mann namens Trageboto reitet durch eine Ebene nahe dem Main, vorbei an Getreidefeldern, Obstbäumen und Weinstöcken. Er ist, so lässt es sich rekonstruieren, eine Art Verwalter für König Arnulf, wahrscheinlich wird er von einigen bewaffneten Männern begleitet. Denn der Auftrag, den Trageboto von seinem Herrn erhalten hat, ist äußerst heikel: Er soll von den Babenbergern, der älteren der beiden Familien, Ländereien zurück fordern, die ihnen ein früherer Herrscher einst zur Bewirtschaftung überlassen hat.

Für die Babenberger – so benannt nach ihrer Burg auf dem Gebiet des heutigen Bamberg – wäre das ein weiterer schwerer Schlag. Lange Zeit hatten sie großen Einfluss in dem Landstrich. Der Patriarch der Familie, Graf Heinrich, war einst der bedeutendste Militärführer der Karolinger, starb bei Paris im Kampf gegen die von Norden ins Frankenreich einfallenden Wikinger. Nun führen seine drei Söhne den Clan an.

Doch unübersehbar sind die Babenberger ein Geschlecht im Niedergang. Mehrfach schon mussten sie Demütigungen ertragen, haben etwa die Herrschaftsrechte über eine ihrer Grafschaften verloren. Und das prestigeträchtige Bischofsamt von Würzburg, an dem auch die Babenberger Interesse bekundet hatten, hat 892 ausgerechnet ein Vertreter der rivalisierenden Familie übernommen. Denn König Arnulf, Oberherr im Land, ist den Babenbergern durch alte Feindschaft verbunden, hat ihnen bereits etliche Privilegien aberkannt – und fördert die rivalisierende Sippe.

Viel Wut also muss sich bei den Babenbergern angestaut haben, als der königliche Dienstmann Trageboto mit seinen Begleitern an jenem Tag im Jahr 897 auf ihrem Landgut erscheint. Was genau in den folgenden Minuten oder Stunden geschieht, ist nicht überliefert. Doch vermutlich ruft der Gutsleiter der Babenberger seine Landleute zusammen. Stachelt ihren Zorn gegen die vermeintlichen Eindringlinge an, lässt sie mit Stangen, Spießen und Sensen auf den Abgesandten des Königs losgehen – bis Trageboto schließlich tot am Boden liegt.

<section class="no-tts no-tts wp-block-uagb-section uagb-section__wrap uagb-section__background-undefined uagb-block-54a1dd7d-3b1d-4e4d-bb4e-363f89ec94a5 article-boxout" id="bkmrk-kampf-der-adelsgesch"><div class="no-tts no-tts uagb-section__overlay">  
</div>**KAMPF DER ADELSGESCHLECHTER**

[![893a18f0-3436-40a3-bb6e-b39178d9d0e9.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/893a18f0-3436-40a3-bb6e-b39178d9d0e9.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/893a18f0-3436-40a3-bb6e-b39178d9d0e9.jpg)

</section>**DAS RINGEN ZWISCHEN** Konradinern und Babenbergern trägt sich in der Gegend um Würzburg und Bamberg zu – der Stadt, die aus dem Stammsitz der Babenberger hervorgehen wird. Das Gebiet zu beiden Seiten des Mains, das später Teil des Heiligen Römischen Reiches wird, entspricht in weiten Teilen der heutigen Region Franken

Eine unerhörte Tat, ein Paukenschlag, der Folgen hat. Der Mord gerät zu einem Fanal für die inneren Konflikte im Reich: Der bislang schwelende Zwist zwischen den Babenbergern und den Konradinern wird in den folgenden Jahren in offenen, unerbittlichen Kampf übergehen.

Verrat, Blutrache, Heimtücke und List – mit allen Mitteln versuchen beide Sippen nun, den jeweils gegnerischen Clan niederzuringen. Stürzen dabei weite Gebiete in Chaos und Krieg. Und erschüttern die Fundamente des Ostfrankenreichs.

Entstanden ist dieses viele Jahrzehnte zuvor in einer Zeit großen Umbruchs. Als im Jahr 814 Karl der Große in seiner Pfalz in Aachen stirbt, sind bereits zwei seiner drei Söhne, die als Erben in Betracht kamen, tot. So bleibt als einziger Thronfolger der 35 Jahre alte Ludwig. Spätere Generationen werden ihn „den Frommen“ nennen, wegen seiner angeblich besonders tiefen religiösen Überzeugungen.

**LOTHAR I.**

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Seinen ältesten Sohn erhebt Ludwig der Fromme zum Mitkaiser und damit zum künftigen Oberherrscher des Reichs. Zusammen mit seinem Vater regiert Lothar unter anderem die fränkischen Kernlande zwischen Rhein und Loire

**LUDWIG DER DEUTSCHE**

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DER DRITTÄLTESTE Spross Ludwigs des Frommen erhält die Bayern genannte Herrschaft, der auch Regionen wie Kärnten und Böhmen zugeordnet sind – Gebiete, die später zum Ostfrankenreich gehören werden

Im Frankenreich ist es üblich, beim Tod eines Herrschers dessen Gebiet unter seinen legitimen männlichen Nachkommen aufzuteilen – nun aber gibt es nur einen Erben. Ein gewaltiges Imperium wie das Karls des Großen jedoch ist kaum noch allein zu regieren.

Ludwig der Fromme, der neue Herr der Franken und Erbe des von Karl errungenen Kaisertitels, will deshalb zwar die Einheit des väterlichen Reiches bewahren, zugleich aber seine drei Söhne schon zu seinen Lebzeiten an der Herrschaft beteiligen. 817 erlässt er eine Nachfolgeregelung, die „Ordinatio imperii“, Ordnung des Reiches. Darin teilt er seinen Söhnen Ämter und Gebiete zu: Lothar, seinen Ältesten, erhebt er zum Mitkaiser und damit zum künftigen Oberherrscher des Karolingerreichs; zusammen mit seinem Vater regiert er unter anderem die fränkischen

Kernlande zwischen Rhein und Loire. Den zweitältesten Sohn Pippin setzt er als König von Aquitanien ein, einer großen Region im Südwesten des heutigen Frankreich.

Für seinen jüngsten Spross Ludwig, damals vermutlich erst elf Jahre alt, hat er ein Gebiet namens Bayern vorgesehen (das allerdings nur in Teilen mit dem heutigen Bundesland identisch ist). Ludwig „den Deutschen“ wird man ihn Jahrhunderte später nennen, ein der Überlieferung nach zäher und tatkräftiger Mann, der die entscheidende Rolle bei der Entstehung des Ostfrankenreichs spielen wird.

Der junge Ludwig und sein Bruder Pippin sollen nach den Vorstellungen ihres Vaters auch nach dessen Tod nur Könige mit eingeschränkten Rechten sein. Demnach werden sie weder Kriege beginnen noch Frieden schließen dürfen, ohne den ältesten Bruder, Kaiser Lothar, um Erlaubnis zu bitten.

> BALD HERRSCHT STREIT ZWISCHEN KARLS ENKELN

**EIN PAAR JAHRE SPÄTER,** 823, ereignet sich jedoch etwas, mit dem am Hof niemand gerechnet zu haben scheint: Die zweite Frau von Kaiser Ludwig dem Frommen gebiert einen Sohn und bringt damit das wohlgeordnete Regelwerk der „Ordinatio imperii“ durcheinander. Das gesteht nur den drei Söhnen aus der ersten Ehe des Vaters Gebiete und Titel zu. Für die drei Älteren ist der neue Halbbruder eine Bedrohung ihrer eigenen Ambitionen auf Macht und Ruhm.

Der Nachzügler wird nach seinem Großvater auf den prestigeträchtigen Namen Karl getauft. Er ist erst sechs Jahre alt, als der Kaiser, bedrängt wohl von seiner Gattin, dem Jungen größere Gebiete überträgt (und damit gegen die von ihm selbst gesetzte Regel verstößt): Alemannien im Südwesten des heutigen Deutschland, dazu das Elsass und Teile von Burgund. Zunächst regiert das Kind dort nur nominell, die Amtsgeschäfte führen Berater. Trotzdem existiert auf den fränkischen Territorien nun noch ein weiteres Teilreich.

Die Gebiete für sein jüngstes Kind (später Karl der Kahle genannt) hat Kaiser Ludwig aus jenen Gegenden des Reiches herausgelöst, die er zusammen mit seinem Sohn Lothar regiert. Der verliert so einen Teil seines Erbes an den Halbbruder. Als Lothar dagegen protestiert, lässt Kaiser Ludwig ihn vorübergehend als Mitregenten absetzen und schickt ihn nach Italien.

Doch auch der Zorn der anderen zwei Söhne über die tatsächliche oder vermeintliche Bevorzugung des Jüngsten ist groß, und so wagen die drei Brüder Anfang der 830er Jahre zweimal einen gemeinsamen Aufstand gegen den Vater, der zwischenzeitlich sogar abgesetzt wird. Selbst als Ludwig der Fromme 840 stirbt, enden die Unruhen nicht. Im Gegenteil.

Lothar, nach dem Tod des Vaters nunmehr alleiniger Kaiser, versucht, seine Geschwister, Ludwig und den inzwischen 17-jährigen Karl, unter seine Oberherrschaft zu zwingen (der zweitälteste Bruder Pippin ist bereits verstorben, sein Erbe in Aquitanien zwischen dessen Sohn und Karl umstritten). Die beiden Jüngeren standen sich bislang misstrauisch gegenüber. Doch nun, unter dem Druck Lothars, gehen sie überraschend eine Allianz ein, um sich gegen die Ansprüche ihres älteren Bruders zu stellen und sich selbst ein möglichst großes Stück des Gesamtreichs zu sichern.

Die beiden lösen damit ein Ringen aus, das das Reich im Kern erschüttert: Franken töten Franken, und das zum ersten Mal in schrecklich großer Zahl.

[![accdf4d5-0892-49b9-99e2-6f23232a3134.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/accdf4d5-0892-49b9-99e2-6f23232a3134.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/accdf4d5-0892-49b9-99e2-6f23232a3134.jpg)

DER OSTFRÄNKISCHE König Arnulf steht in einer Allianz mit den Konradinern. Mit der Ermordung seines Dienstmannes eskaliert deren schwelender Konflikt mit den Babenbergern zu einem jahrelangen, unerbittlichen Kampf

Am Morgen des 25. Juni 841, nahe dem Dorf Fontenoy in Burgund. In der flachen, von blühenden Wiesen und einem Bach durchzogenen Landschaft stehen sich zwei Armeen gegenüber: das von Kaiser Lothar geführte Heer und die verbündeten Streitkräfte seiner Geschwister Ludwig und Karl – insgesamt wohl mehr als 50 000 Mann. Schwer gerüstete Panzerreiter ziehen übers Feld, dazu marschieren Scharen von Bauern aus allen Landstrichen des Reiches herbei, zum Kriegsdienst einberufen von den Adeligen ihrer Heimatorte.

Die Schlacht zwischen den Brüdern beginnt im Morgengrauen und wird zu einem der fürchterlichsten Gemetzel des Zeitalters. Den Truppen von Ludwig und Karl gelingt es in den folgenden Stunden, Lothars Krieger weiter und weiter zurückzudrängen, viele von ihnen fliehen panisch vom Schlachtfeld. Bald schon liegen Tausende Sterbende und Verwundete auf dem Boden. Noch am nächsten Morgen wimmern Schwerverletzte im Gras; Wölfe und Geier, so berichten Chronisten, machen sich über die Toten her. Lothar und die Überlebenden seiner Armee ziehen sich nach Aachen zurück.

Auch nach den Kämpfen entflammen immer wieder bewaffnete Streitigkeiten zwischen den Brüdern. Ein knappes Jahr dauert es, dann sendet Kaiser Lothar, offenbar der zermürbenden Waffengänge müde, Boten zu seinen Brüdern und bittet um einen Waffenstillstand. Er will endlich eine Lösung des blutigen Streits.

**IM HERBST 842** versammeln sich in der Kirche Sankt Kastor in Koblenz 120 Adelige, von denen jeder Bruder ein Drittel ausgewählt hat. Die Edelleute sollen eine Einigung vorbereiten und dafür eine Teilung des Reiches vorschlagen, die in Wert und Größe etwa ebenbürtige Territorien hervorbringt. Um die Gebiete so gerecht wie möglich zu bemessen, werden eigens Emissäre in alle Regionen geschickt, um Siedlungen, Böden und Besitz zu taxieren.

**KARL DER KAHLE**

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Mit seiner zweiten Frau bekommt Ludwig der Fromme überraschend noch einen Sohn. Für seinen Halbbruder Karl muss Lothar Gebiete abgeben – und entzweit sich so mit seinem Vater

**ARNULF VON KÄRNTEN**

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DER REGENT des Ostfrankenreichs ist ein außerehelich geborener Enkel Ludwigs des Deutschen. Arnulf gilt damit als Karolinger – doch seine Legitimation als König ist schwach. Umso sorgfältiger muss er seine Allianzen pflegen

Nachdem die Boten zurückgekehrt, deren Berichte ausgewertet worden sind, finden sich die drei Brüder im August 843 in Verdun ein, einer Bischofsstadt an der Maas, und unterzeichnen einen denkwürdigen Vertrag. Er spaltet das Imperium der Karolinger in drei fast unabhängige Königreiche. Kaiser Lothar erhält ein langes, schlauchartiges Gebiet, das sich von der Nordsee bis ans Mittelmeer zieht und für die Karolinger so bedeutsame Orte wie Aachen umfasst; darüber hinaus fällt ihm das gesamte fränkische Italien zu und damit auch die Schutzherrschaft über die heilige Stadt Rom.

Karl der Kahle, der jüngste legitime Sohn, bekommt die westlichen Gebiete mit Städten wie Paris und Reims zugesprochen. Sie erstrecken sich von den Flüssen Rhône und Saône bis zum Atlantik, vom Ärmelkanal bis nach Barcelona.

Der dritte Bruder, Ludwig der Deutsche, kann durch den Vertrag sein Territorium fast verdoppeln: Sein östliches Reich umfasst nun auch Gebiete links des Rheins mit den Bischofsstädten Mainz, Speyer und Worms, zieht sich bis an die Elbe und die Nordsee. Die große Erweiterung soll wohl auch dafür entschädigen, dass zahlreiche Gebiete Ludwigs eher dünn besiedelt sind, wirtschaftlich und kulturell hinter den einstigen römischen Provinzen in Gallien zurückstehen.

**NOCH GUT 30 JAHRE** herrscht Ludwig der Deutsche im Ostfrankenreich, dem er 870 einen Teil des mittleren Herrschaftsgebiets mit der Stadt Aachen hinzufügen kann. Mit seinen Söhnen kämpft er an Elbe und Saale gegen slawische Völker, hilft aber auch im Westen, Wikinger und aufständische Aquitanier zurückzuschlagen. Nach Ludwigs Tod 876 regiert einige Zeit sein Sohn Karl „der Dicke“. Im Jahr 887 wird der von mächtigen Adeligen abgesetzt. Zum ostfränkischen König lässt sich nun Arnulf von Kärnten erheben, ein unehelich geborener Enkel Ludwigs des Deutschen. Zwar ebenfalls ein Karolinger, muss er als Usurpator seine Machtbasis besonders aufmerksam pflegen.

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NACH UND NACH gewinnen die Konradiner die Oberhand über die Babenberger. Im Jahr 902 belagern sie die Hauptburg des verfeindeten Adelsgeschlechts

Um seine Position zu stärken, stützt er sich bald auf ein aufstrebendes Adelsgeschlecht, mit dem er durch seine Frau verschwägert ist. Ursprünglich aus dem Lahngebiet im heutigen Hessen stammend, haben diese Konradiner (später so benannt nach dem einzigen König, den die Familie hervorbringt) ihren Einfluss bis in den östlichen Teil des Reiches ausgeweitet, greifen dort jetzt nach den Kerngebieten der Babenberger nahe dem Main.

König Arnulf ist das gerade recht: Die Babenberger waren enge Vertraute seines gestürzten Vorgängers. Vermutlich, weil sie ihm die Absetzung weiterhin verübeln, ignoriert er sie bei der Vergabe von Ämtern, beschneidet ihre Macht und alte Vorrechte. Die Konradiner dagegen begünstigt er nach Kräften, teilt ihnen eine Grafschaft im Stammland der Babenberger zu, schließlich den Bischofsstuhl von Würzburg. Und befeuert so den zunehmenden Streit der beiden mächtigen Sippen.

Im Jahr 897 erfährt König Arnulf, der auf seinen Reisen durchs Reich häufig auch in der Gegend um

Würzburg und die Babenburg unterwegs ist, sicher bald von dem brutalen Mord an seinem Dienstmann Trageboto. Es ist ein Anschlag auf die Allianz, die er mit den Konradinern zulasten der Babenberger geformt hat – und damit zugleich auf seine königliche Autorität.

Ob und wie der Herrscher auf die Attacke aus dem Kreis der verbitterten Adelssippe reagiert, ist nicht überliefert. Doch der Gewaltakt scheint das politische Klima weiter zu vergiften. Anfangs noch nahezu unmerklich, wie ein untergründiges Dräuen, dann deutlich spürbar. Bald wohl kommt es immer wieder zu kleinen und größeren Streitigkeiten zwischen Babenbergern und Konradinern, brechen in den folgenden Jahren Scharmützel zwischen Anhängern beider Lager aus, gehen Landleute der Familien mit Stöcken und Spießen aufeinander los und fachen den Hass an – bis die Fehde nach einigen Jahren mit voller Wucht entbrennt.

> DAS ENDE EINER ÄRA

**BABENBURg, UM 902.** Die gut befestigte Anlage erhebt sich auf einem der sieben Hügel der heutigen Stadt Bamberg. Hierher, auf ihren Stammsitz, haben sich die Babenberger zurückgezogen, nachdem sie in den Wochen zuvor im Umland von Würzburg mehrere Landstriche verwüstet haben – wohl noch immer voller Zorn darüber, dass der Bischofsstuhl von Würzburg an einen Konradiner gegangen ist. Die Truppen der verfeindeten Sippe folgen ihnen rasch und belagern die Burg von allen Seiten. Adalbert, einer von drei Brüdern und Anführer der Babenberger, bewaffnet seine Männer mit Schwertern, gibt den Befehl zum Ausbruch. Die Eingeschlossenen strömen durch die Burgtore herab, rücken auf ihre Gegner zu.

Doch statt zu weichen, drängen nun auch die Konradiner nach vorn. Sie durchbrechen die Schlachtreihe der Feinde mit Schwerthieben, strecken alle nieder, die ihnen begegnen. Dabei erschlagen sie auch einen von Adalberts Brüdern, einen weiteren nehmen sie zunächst gefangen. Nachdem die Konradiner unter einem Haufen von Leichen einen schwer versehrten Angehörigen gefunden haben, pflegen sie ihn einige Tage. Als er stirbt, enthaupten sie aus Rache den gefangenen Babenberger.

Das Schicksal wendet sich nun immer heftiger gegen das alteingesessene Geschlecht. Kurz nach der verlorenen Schlacht beruft der König einen Reichstag, eine Versammlung der wichtigsten Adeligen des Landes, in Forchheim ein, mitten in den Stammlanden der Babenberger. An der Spitze des Reichs steht mittlerweile, seit dem Tod Arnulfs von Kärnten im Jahr 899 wohl in Folge eines Schlaganfalls, formell sein zehnjähriger Sohn Ludwig. Tatsächlich aber führen vor allem Berater aus der Familie der Konradiner die Regierung. Die aus allen Teilen des Ostfrankenreichs herbeigeeilten Großen beschließen, den Besitz der beiden getöteten Babenberger einzuziehen und ihn dem Bischof von Würzburg zu überlassen, dem Konradiner Rudolf. Ein großer Verlust für die Babenberger und eine gezielte Demütigung, die ihnen noch einmal bewusst machen dürfte, wie sehr sie an Einfluss und Macht verloren haben.

**DREI JAHRE SPÄTER** bäumen sie sich trotzdem noch einmal auf. Adalbert schlägt das Heer der Konradiner in einem verlustreichen Gefecht. Zunächst kann er mit großer Beute auf die Babenburg zurückkehren. Doch bald darauf stellt der Königshof gemeinsam mit den Konradinern ein Reichsheer auf und umzingelt den Babenberger auf einer seiner Burgen am Main, gut 40 Kilometer vom Stammsitz entfernt.

**KONRAD I.**

[![5cc4d7f1-73b4-440b-b897-3b88bf001b03.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/5cc4d7f1-73b4-440b-b897-3b88bf001b03.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/5cc4d7f1-73b4-440b-b897-3b88bf001b03.jpg)

DER KONRADINER ist ab 911 der erste nichtkarolingische Herrscher des Ostfrankenreichs. Doch die Regentschaft des kränkelnden Königs bleibt kurz und glanzlos

**OTTO I.**

[![5d2e6453-eb9f-446a-b60e-27f2353e960a.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/5d2e6453-eb9f-446a-b60e-27f2353e960a.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/5d2e6453-eb9f-446a-b60e-27f2353e960a.jpg)

NACH KONRAD übernimmt das sächsische Adelsgeschlecht der Ottonen die Herrschaft über das Ostfrankenreich. Otto I. kann zudem den Königstitel in Italien und die Kaiserwürde erlangen

Die Lage in der Festung spitzt sich zu. Die Übermacht vor den Mauern ist zu groß, um auch diesmal den Kampf zu wagen. Als die Belagerung länger und länger andauert, geht Adalbert daher auf ein Angebot seiner Gegner ein: Gegen das Versprechen auf freies Geleit tritt er mit wenigen Begleitern vor das Burgtor und stellt sich den Königlichen. So hofft er, mit dem Leben davonzukommen. Doch die Konradiner halten sich nicht an die Absprache: Der letzte der drei Babenberger-Brüder wird mit gefesselten Händen vor dem versammelten Heer abgeführt und kurz darauf hingerichtet.

Die Babenberger haben nun keinen Anführer mehr. Die Kämpfe, die eine bedeutende Region des Ostfrankenreichs über Jahre erschüttert haben, gehen zu Ende. Sieger der langen Fehde sind die Konradiner, die in die obersten Zirkel der Macht vorgedrungen sind und weiter zu den wichtigsten Ratgebern des minderjährigen Königs gehören. Ein Geschlecht, das schon bald eine neuerliche Rangerhöhung erlebt.

Denn als der junge, oft kränkelnde Ludwig 911 stirbt, wählen die Großen des Reiches Graf Konrad, den mächtigsten Vertreter seiner Familie, zum König. Es ist das erste Mal, dass kein Karolinger an der Spitze des Ostfrankenreichs steht.

Konrads Herrschaft allerdings ist kurz und glanzlos. Er regiert nur sieben Jahre, die geprägt sind von fast unablässigen Kämpfen gegen die von Osten ein fallenden Ungarn, aber auch von Streitigkeiten mit seinen Herzögen. Er stirbt im Dezember 918.

**UND NUN ÜBERNIMMT** ein Adelsgeschlecht aus Sachsen die Königswürde: die Liudolfinger, nach ihren bedeutendsten Vertretern auch Ottonen genannt. Unter den neuen Regenten, die aus einer Region stammen, die Karl der Große erst rund 150 Jahre zuvor fränkischer Herrschaft unterworfen hatte, verfestigt sich die Trennung in ein westliches und ein östliches Frankenreich endgültig. (Bereits 880 war die noch für Jahrhunderte weitgehend unverändert geltende Grenze zwischen den beiden Machtbereichen festgelegt worden.)

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MIT DER HINRICHTUNG des letzten Anführers der Babenberger durch die Konradiner endet im Jahr 905 jene Fehde, die das Ostfrankenreich über Jahre erschüttert hat

Die Könige im Osten erlangen in der Folge die Kaiserwürde und die Herrschaft in Italien. Für dieses Gebilde wird sich später der Name „Heiliges Römisches Reich“ etablieren. Er bezieht sich auf das Imperium Romanum, dessen Nachfolge schon Karl der Große beansprucht hatte.

Die ottonischen Herrscher des 10. Jahrhunderts bezeichnen sich selbst noch als Könige der Franken – und suchen bewusst den Anschluss an die Karolinger: Otto I., der glanzvollste König seines Geschlechts (und dessen erster Kaiser), begibt sich für seine Inthronisation nach Aachen; hier, in der Kirche Karls des Großen, wo auch dessen Grab liegt, lässt sich Otto zum König krönen. Während der Zeremonie trägt er fränkische Kleidung – und reiht sich damit ein in die lange Geschichte der Franken und ihrer Herrscher.

Auch im Westen werden die Karolinger endgültig im 10. Jahrhundert von einem anderen Geschlecht abgelöst (siehe Seite 148). Und auch hier bleibt das Erbe der Franken präsent. Der allmählich entstehende Staat Frankreich trägt ihren Namen bis heute.

In jenen östlichen Teilen, die dereinst als „deutsche Lande“, dann als Deutschland bezeichnet werden, finden sich ganz ähnliche Spuren in geografischen Namen. In „Frankfurt“ etwa. Oder in „Franken“, jener Region um Bamberg und Würzburg, in der einst eine blutige Adelsfehde tobte.

##### 2. Abul Abbas. Das Geschenk des Kalifen

Die Beziehungen der Frankenkönige reichen bis in den Nahen Osten. Mehrfach tauscht man mit dem Herrscher des Abbasidenreichs Gesandtschaften aus. Und kostbare Gaben. Die wohl größte ist ein Elefant aus Indien, der am Hof Karls des Großen für Exotik sorgt

[![38cfb3b0-bbb7-4f09-a270-8679fe523faa.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/38cfb3b0-bbb7-4f09-a270-8679fe523faa.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/38cfb3b0-bbb7-4f09-a270-8679fe523faa.jpg)

EIN LEIBHAFTIGER ELEFANT gelangt zur Zeit Karls des Großen nach Aachen, als Freundesgabe des Kalifen Harun ar-Raschid an den Kaiser. Das Tier mit dem Namen Abul Abbas (hier die Darstellung eines anderen Elefanten, 13. Jh.) hat da bereits eine Tausende Kilometer lange Reise hinter sich – von Indien über den Nahen Osten, Nordafrika und Italien bis zur Pfalz des Frankenherrschers

Am 20. Juli 802 stampft ein Wesen durch die Straßen von Aachen, wie es die Menschen hier allenfalls aus abenteuerlichen Sagen kennen. Größer ist es als jedes andere Tier, das die Einwohnerinnen und Einwohner bislang gesehen haben. Es hat einen riesigen Schädel mit großen faltigen Ohren, zudem einen Rüssel, aus dem merkwürdige Laute ertönen: ein Elefant. Vorbei an hölzernen Wohnhäusern, Schmieden, Viehställen, Speichern und Werkstätten zieht er zur Lieblingspfalz Karls des Großen (siehe Seite 84).

Viele Reisende hat der eineinhalb Jahre zuvor zum Kaiser gekrönte Frankenherrscher bereits empfangen, wohl keine allerdings mit einer so weiten Anreise. 5000 Kilometer liegen hinter dem Dickhäuter Abul Abbas, den Karl an jenem Sommertag als Geschenk aus dem Morgenland erhält. Seine Begleiter haben das Tier, das jeden Tag 200 Kilogramm Gräser, Blätter und Wurzeln verschlingt sowie 100 Liter Wasser trinkt, durch Täler geführt, entlang von Küstenlinien gelenkt, über das Mittelmeer transportiert und gar die Alpen mit ihm überwunden.

Keine Quelle berichtet davon, wie die Begegnung zwischen Kaiser und Elefant ausfällt. Sicher ist: Das Tier wird bleiben – und es hat eine Mission. Abul Abbas soll die Bande zwischen dem mächtigsten Reich des Abendlandes und jenem der muslimischen Welt, dem Abbasiden-Kalifat, stärken. Eine Freundschaft, die einst Karls Vater angebahnt hat.

Pippin, der erste Karolinger auf dem Frankenthron, setzt auch auf die Kraft der Diplomatie, um die Position seiner Dynastie zu sichern. Denn wer Respekt und Anerkennung durch andere mächtige Herrscher erfährt, wer mit ihnen Geschenke tauscht und so Schätze aus der ganzen Welt vereint, der muss in den Augen der jeweiligen Untertanen wahrhaft königlich sein.

Im Jahr 764 entsendet der König Botschafter zum Kalifen al-Mansur nach Bagdad. Der muslimische Herrscher gebietet über das gewaltige Reich der Abbasiden, eine gleichfalls junge Dynastie, deren Einfluss von Nordafrika bis zum Indus reicht, und revanchiert sich beim Frankenkönig mit kostbaren Geschenken.

Gut 30 Jahre später bringt Pippins Sohn Karl gleichfalls eine Delegation auf den Weg gen Osten. Im Abbasidenreich sitzt mit Harun ar-Raschid inzwischen ein Regent auf dem Thron, der sich seinen Platz mühsam gegen Widersacher erkämpft hat, seither von der Unterstützung durch einflussreiche Militärs abhängig ist und sich immer wieder mit Rebellionen herumschlagen muss. Karls Delegation empfängt er daher wohl nur allzu gern, vermutlich an seinem Hof in Raqqa, knapp 600 Kilometer nordwestlich von Bagdad im heutigen Syrien, das er kurze Zeit zuvor zu seiner neuen Hauptstadt gemacht hat. Und er scheut keine Mühe, die Gunst des aufstrebenden Karolingers durch eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit zu erwidern: einen indischen Elefanten.

Wie Harun ar-Raschid an das Rüsseltier gelangt, ist unbekannt. Vielleicht kam es einst als diplomatisches Geschenk mit Gewürzen, Edelsteinen und anderen Handelsgütern per Schiff aus Indien ins Kalifat. Fest steht: In freier Wildbahn leben in seinem Reich keine Elefanten, am Hof des Kalifen sind die Tiere höchst außergewöhnliche Erscheinungen. Vielleicht auch deshalb trägt das für Karl den Großen vorgesehene Exemplar einen klangvollen Namen: Abul Abbas – vermutlich nach Abu l-Abbas as-Saffah, dem Begründer der Abbasidendynastie.

Wohl im Jahr 800 geht es für den Elefanten auf eine noch viel längere Reise als jene, die ihn einst aus seiner indischen Heimat geführt hat. Denn Karls Delegation leitet Abul Abbas nicht etwa auf kürzestem Weg – über Kleinasien – in Richtung Frankenreich: Weil sich die Abbasiden immer wieder im Krieg mit Ostrom befinden, muss das Tier zunächst gen Mittelmeer laufen, folgt dann der Küstenlinie vorbei an Alexandria weiter gen Westen, stets im Einflussgebiet des Kalifen, bis es vermutlich Tunis erreicht. Spezialisten, die das Tier führen, füttern und pflegen, begleiten den Tross.

Karl, inzwischen zum Kaiser gekrönt, hat vier Jahre nichts von der Delegation gehört, als ihn im Juni 801 während eines Aufenthaltes in Norditalien eine Nachricht erreicht: In Pisa, so berichten ihm Boten, seien Abgesandte von Harun ar-Raschid eingetroffen. Umgehend reist der Kaiser den Ankömmlingen entgegen und erfährt, dass seine fränkischen Gesandten inzwischen ums Leben gekommen sind, ihr Begleiter aber sei mit Helfern und großen Geschenken auf der Rückreise aus dem Kalifat – darunter ein Elefant. Karl lässt daraufhin eine Flotte rüsten, um die gewaltige Gabe von Afrika über das Mittelmeer an die ligurische Küste zu holen und von dort weiter bis in seine Pfalz in Aachen zu transportieren.

Für das Rüsseltier muss eigens ein Schiff angefertigt werden, das auch dann nicht kentert, wenn sich ein bis zu 6,5 Tonnen schweres Tier darauf bewegt. Im Herbst des Jahres läuft es samt dem Elefanten in Porto Venere ein. Sogleich nach Aachen kann die Gruppe jedoch nicht ziehen: Die Alpen sind mit Schnee bedeckt, Abul Abbas überwintert in Norditalien. Erst im Frühsommer 802 überschreitet der Trupp die Berge, rund 1000 Jahre nachdem der legendäre karthagische Feldherr Hannibal mit seinen Elefanten die Alpen in umgekehrter Richtung passiert hatte und in Italien eingefallen war.

Am 20. Juli 802 schließlich erscheint Abul Abbas in Aachen, wo Karl in diesen Jahren die prächtigste Pfalz des Frankenreiches errichtet: eine herrschaftliche Anlage mit der monumentalen Königshalle und der 30 Meter gen Himmel ragenden Marienkirche. Karl ist höchst angetan von dem Präsent aus dem Morgenland, wohl die Krönung seiner Sammlung an aufsehen erregenden Geschenken. (Einer einzelnen Quelle zufolge hat er den Elefanten sogar beim Kalifen bestellt.) Er revanchiert sich beim fernen Herrscher unter anderem mit einer Sendung besonders schneller und furchtloser Hunde für die Löwen- und Tigerjagd. Im Gegenzug erhält er weitere kostbare Präsente aus dem Abbasidenreich, darunter eine Wasseruhr und ein großes, farbenprächtiges Zelt aus Leinen als Symbol der Macht – und antwortet wiederum mit Gold und einem kostbaren Mantel.

> Der Kaiser revanchiert sich beim Kalifen für den Elefanten – mit einer Sendung besonders schneller Hunde für die Löwen- und Tigerjagd

Abul Abbas verbringt seine Zeit derweil wohl zumeist in Tiergehegen, in denen sich etwa auch Pfauen tummeln, streift vielleicht durch die Obstgärten der Residenz. Und immer wieder wird er womöglich auf kürzere Reisen gehen, mit dem Frankenherrscher von Quartier zu Quartier ziehen, Eindruck schinden bei den Untertanen und Gegner auf Feldzügen in Angst und Schrecken versetzen.

Im Jahr 810 begleitet Abul Abbas den Kaiser auf einer Kampagne gegen Dänen, die in Friesland eingefallen sind. Karl will den Nordmännern auch mithilfe seines Elefanten Einhalt gebieten. Doch auf dem Weg stirbt Abul Abbas bei einem Ort namens Lippeham am östlichen Rheinufer, mehrere Tagesreisen von Aachen entfernt – „plötzlich“, wie es in einer fränkischen Quelle heißt. Hat er das kühlere Klima im Frankenreich, in dem er acht Jahre seines Lebens verbrachte, nicht vertragen? Litt er an einer Lungenentzündung? Oder war er unzureichend gepflegt worden? Möglich. Wahrscheinlicher aber ist, dass der Elefant einer Rinderseuche zum Opfer fällt, die in jenem Jahr durch das Frankenreich fegt.

Auf jeden Fall bleibt Abul Abbas unvergessen. Chronisten halten die Erinnerung an das wundersame Tier aus dem Orient wach, das die Menschen noch Jahrhunderte später fasziniert. Um 1746 nimmt der westfälische Gelehrte Hermann Jodokus Nünning in seine Altertumssammlung einen Knochen auf, der auf einem Acker am Rheinufer zum Vorschein gekommen war – dort, wo sich womöglich einst der Königshof Lippeham befand. Nünning klassifiziert den 70 Zentimeter langen Knochen sogleich als Überrest des kaiserlichen Elefanten. Im Jahr 1750 ziehen Fischer drei weitere, heute gleichfalls verschollene Skelettteile aus der Lippe, darunter angeblich ein Schienbein. Auch diese schreiben Zeitgenossen Karls Dickhäuter zu – getrieben wohl von der Sehnsucht, Spuren des legendären Elefanten zu finden.

[![a0d75e13-ae5e-4c20-a1c0-ea38be2fa596.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/a0d75e13-ae5e-4c20-a1c0-ea38be2fa596.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/a0d75e13-ae5e-4c20-a1c0-ea38be2fa596.jpg)KARL DER GROSSE weiß um die Macht der Inszenierung und genießt offenbar die Faszination des wundersamen Rüsseltieres, das bei Freund und Feind Eindruck macht. Bis es im Jahr 810, als der Kaiser es auf einen Feldzug mitnimmt, plötzlich verstirbt (Buchmalerei, 14. Jahrhundert)

##### 3. Daten und Fakten. Die Geschichte der Franken 

Dort wo lange Rom herrschte, erwächst eine neue Macht: Von Gallien aus errichten fränkische Anführer mit Schwert und Kreuz das größte europäische Reich des frühen Mittelalters. Ein Imperium, das schließlich zerbricht. Aber in seinen Teilen weiterlebt

[![4f16e4d6-f8e3-4715-b13e-08f8513a08d6.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/4f16e4d6-f8e3-4715-b13e-08f8513a08d6.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/4f16e4d6-f8e3-4715-b13e-08f8513a08d6.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-eine-zentrale-szene-"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">EINE ZENTRALE SZENE der fränkischen Historie spielt sich im unteren Drittel dieses um 880 aus Elfenbein geschnitzten Buchdeckels ab: die Taufe von König Chlodwig. Viele aus der Zeit der Merowinger und Karolinger überlieferte Objekte zeugen von höchster Herrschaft und Religion, doch auch ganz Weltliches, Alltägliches hat die Jahrhunderte überdauert</figcaption></figure>**um 250 n. Chr.**

In später verfassten Werken antiker Autoren finden sich Berichte von Überfällen germanischer Kämpfer, die lateinisch *Franci* oder griechisch *Frankoi* genannt werden. Die Angreifer queren offenbar den Rhein, der die Grenze des Imperium Romanum markiert, und ziehen plündernd durch römisches Territorium in Nordgallien. Die genaue Herkunft dieser Franken (deren Name wohl von einem germanischen Wort für „mutig“ oder „wild“, verwandt mit dem deutschen „frech“, abgeleitet ist) bleibt im Dunkeln. Vermutlich handelt es sich um einen erst in diesen Jahren entstandenen, eher lockeren Verband, womöglich aus kleineren Gruppen, die aus weiter entfernten Gegenden an den Niederrhein gekommen sind oder auf für frühere Zeiten in der Region bezeugte Stämme zurückgehen.

Für ihre Überfälle nutzen die Franken Phasen der Schwäche des Imperiums, das immer wieder von Usurpationen und inneren Machtkämpfen erschüttert wird. Zudem setzen die Kaiser meist einen großen Teil ihrer Truppen im Osten des Reichs ein, wo ihnen mit den persischen Sassaniden ein gefährlicher Gegner erwachsen ist, vernachlässigen darüber den Schutz der Rheingrenze.

**288**

Maximian, der *Augustus* der Westhälfte des Römischen Reichs, in dem sich seit einigen Jahren zwei Kaiser die Herrschaft teilen, unternimmt einen Feldzug auf rechtsrheinischem Gebiet. Einer zeitgenössischen Lobrede zufolge unterwirft sich dem Imperator dabei ein Gennobaudes genannter Franke: der erste namentlich bekannte fränkische „König“, tatsächlich wohl ein regionaler Gefolgschaftsführer.

[![95c82775-e702-49a2-bd26-bd0c6e9992f1.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/95c82775-e702-49a2-bd26-bd0c6e9992f1.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/95c82775-e702-49a2-bd26-bd0c6e9992f1.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-im-galopp-prescht-de"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">IM GALOPP prescht der Reiter voran, als Zierde einer Fibel, einer Art Nadelverschluss, die die Kleidung eines Franken zusammenhielt. Nachempfunden ist die Figur wohl einem Nomaden aus den Steppen des Ostens</figcaption></figure>




**306**

In Britannien stirbt der Westkaiser Constantius, die dortigen Truppen rufen seinen Sohn Konstantin zum neuen Augustus aus. Erneut nutzen fränkische Heerführer die instabile Situation für Überfälle, dringen möglicherweise bis zur Somme im heutigen Nordfrankreich vor. Doch Konstantin (später „der Große“ genannt) wendet sich energisch gegen die Eindringlinge, schlägt auch jenseits des Rheins Verbände der Franken und verwüstet deren Siedlungsgebiet.

**355**

Franken erobern Köln, um die gleiche Zeit überschreiten Franken und weiter südlich Alemannen auf breiter Front den Rhein und verheeren weite Gebiete auf der römischen Seite des Stroms. Um der Situation Herr zu werden, erhebt Kaiser Constantius II. seinen Cousin Julian zum Mitkaiser und schickt ihn nach Gallien.

> MEHRFACH GREIFEN FRANKEN TRIER AN

**358**

Nach erfolgreichen Feldzügen gegen die Alemannen und der Rückeroberung Kölns von den fränkischen Besatzern wendet sich Julian gegen andere Franken, die in ein Toxandrien genanntes Gebiet (zwischen Rheindelta und Schelde beim heutigen Antwerpen) eingedrungen waren und sich dort bereits niedergelassen haben. Nachdem er sie besiegt hat, erlaubt Julian ihnen, dauerhaft in der Gegend zu bleiben, wofür sie Soldaten für die römischen Truppen stellen müssen. Zudem siedelt Julian wohl auch an Rhein und Mosel Franken auf römischem Boden an. In kleinerem Umfang waren römische Kaiser so vermutlich schon zuvor verfahren. (Die lange von neuzeitlichen Historikern vertretene Ansicht, die in Toxandrien angesiedelten „Salfranken“ seien eine von den „Rheinfranken“ klar abgegrenzte Teilgruppe, gilt inzwischen in der Forschung als überholt.)

**392/93**

Arbogast, der oberste Armeechef des Westreichs, zieht zu einem Winterfeldzug an den Rhein bei Köln. Zuvor hatten abermals Franken römische Thronwirren für großflächige Überfälle genutzt. Arbogast greift nun fränkisches Gebiet rechts des Rheins an, verwüstet Dörfer und ganze Landstriche. Dabei ist Arbogast selbst Franke: Schon seit Kaiser Konstantin hatten zunehmend fränkische Kämpfer in der römischen Armee gedient, in der Folge waren einzelne bis in höchste Militärränge aufgestiegen.

**406/07**

Um den Jahreswechsel setzen gewaltige Gruppen von „Barbaren“, darunter Vandalen, Sueben und Alanen, bei Mainz über den Rhein und fallen in Gallien ein. Versuche von am Mittelrhein siedelnden Franken, die Grenze gegen die Invasoren zu verteidigen, waren zuvor gescheitert. In Gallien stoßen die Eindringlinge auf wenig Widerstand und ziehen einige Jahre plündernd durch die Provinzen.

**418**

Westgoten schließen mit Westrom einen Vertrag: Sie erhalten ein Gebiet im südwestgallischen Aquitanien, um sich daraus zu versorgen, und sollen dafür die Verteidigung gegen weitere Barbareneinfälle stärken. Tatsächlich gründen die Westgoten in Aquitanien ein schnell wachsendes eigenes Reich mit der Hauptstadt Toulouse, dessen Könige bald allenfalls nominell die Oberherrschaft der römischen Kaiser anerkennen.

**419/20**

Rechtsrheinische Franken erobern und plündern Trier, wohl bereits zum dritten Mal. Wie der zeitweilige Regierungssitz der weströmischen Kaiser, die sich nun aber kaum noch in Gallien aufhalten, sind auch andere Städte Ziel fortgesetzter fränkischer Angriffe von jenseits des Rheins. Derweil verläuft das Zusammenleben der bereits in Nordostgallien ansässigen Franken und der römischen Bevölkerung offenbar weitgehend friedlich, passen sich die Zugewanderten nach und nach der Lebensweise ihrer romanischsprachigen, überwiegend christlichen Nachbarn an.

**um 445**

Chlodio, gemäß einer der wenigen überlieferten Informationen ein fränkischer „König“, unternimmt Eroberungszüge in die Gegend von Cambrai und Arras, dringt vor bis zur Somme. Zwar wird er von einem römischen Feldherrn geschlagen, darf sich möglicherweise aber – ähnlich wie viele fränkische Truppenführer zuvor – in der Gegend niederlassen.

**451**

Der Hunnenkönig Attila greift mit einem großen Heer Gallien an. Auf den Katalaunischen Feldern (wohl bei Troyes in der Champagne) kommt es zur Entscheidungsschlacht, auf beiden Seiten kämpfen auch Franken: rechtsrheinische in Attilas Heer, linksrheinische als Teil einer Allianz aus Römern, Westgoten und etlichen weiteren Gruppen. Mit knapper Not gelingt es dieser, die Invasoren zurückzuschlagen. In der Folge jedoch zieht sich die römische Zentralmacht vollständig aus Gallien zurück. Mit den Truppen verlassen auch Teile des Verwaltungsapparats die Provinzen. Dennoch bricht das öffentliche Leben nicht zusammen: Die verbleibenden gallorömischen Eliten organisieren sich nun selbstständig ohne kaiserlichen Oberherrn. Viele Funktionen übernimmt die Kirche, den Bischöfen fällt zusehends die Regierung der Städte samt Umland zu.

**um 460**

Ein fränkischer „König“ namens Childerich unternimmt Kriegszüge in Gegenden westlich des fränkischen Siedlungsbereichs, bezeugt sind Aktionen in Paris sowie den Loire Städten Orléans und Angers. Unklar bleibt, ob Childerich, angeblich ein Nachkomme Chlodios und der Sohn eines gewissen Merowech, mit seiner Gefolgschaft im Dienst der Römer vorgeht oder auf eigene Rechnung. Möglicherweise ist er zeitweise mit dem Heerführer Aegidius alliiert, der sich 461 von der römischen Führung lossagt und ein unabhängiges Herrschaftsgebiet in Nordgallien errichtet.

**476**

Der germanischstämmige Heerführer Odoaker setzt den in Italien amtierenden Kaiser des Weströmischen Reiches ab, vier Jahre später stirbt ein in Dalmatien ansässiger, noch vom Ostreich anerkannter Gegenkaiser. Da das Amt im Westen fortan vakant bleibt, ist formal nun der Kaiser in Konstantinopel für das gesamte Reich zuständig. Dessen Oberhoheit gilt damit nominell auch für die Könige germanischer Völkerschaften, die sich in Gallien eigene Reiche geschaffen haben, neben den Westgoten etwa die Burgunder in Südostgallien, hat aber kaum praktische Auswirkungen.

[![950bfb1a-5ee7-4cbf-8dd5-13b19b747d8d.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/950bfb1a-5ee7-4cbf-8dd5-13b19b747d8d.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/950bfb1a-5ee7-4cbf-8dd5-13b19b747d8d.jpg)


<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-mit-solchen-kannen-a"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">MIT SOLCHEN Kannen aus Holz und Bronzeblech konnten Vertreter der merowingischen Oberschicht Wasser oder andere Getränke servieren. Dieses Exemplar wurde um 500 zusammen mit einer Trinkschale einem Grab beigegeben</figcaption></figure>**482**

Childerich wird in Tournai (heutiges Belgien) beigesetzt. Unter den wertvollen Grabbeigaben sind ein Siegelring, dessen Inschrift ihn als *rex* bezeichnet, etliche oströmische Goldmünzen und weitere Gegenstände, die eine offizielle Anerkennung durch die Kaiser nahelegen. Die aufwendige Bestattung initiiert hat Childerichs Sohn Chlodwig. Dieser erbt vom Vater offenbar erheblichen Reichtum, als Herrschaftsgebiet jedoch wohl nur die Gegend um Tournai – möglicherweise war Childerich an der Loire mit den Westgoten in Konflikt geraten, die ihr Reich mittlerweile bis dahin ausgedehnt haben, und von diesen zurückgedrängt worden. Chlodwig gelingt es aber wohl schnell, seinen Einflussbereich zu vergrößern, wahrscheinlich unterwirft er manche der benachbarten fränkischen Kleinkönige, schließt mit anderen Bündnisse. Nach Childerichs angeblichem Vater Merowech erhält Chlodwigs Dynastie in späterer Zeit die Bezeichnung Merowinger.

**486**

Chlodwig zieht gegen das Reich des Syagrius, das dessen Vater Aegidius begründet hatte. Nach gewonnener Schlacht gegen den Römer erobert Chlodwig die Hauptstadt Soissons und macht sie zu seinem Sitz, erweitert in der Folge seinen Herrschaftsraum bis an die Seine und weiter bis zur Loire.

**um 498**

Samt großem Gefolge tritt Chlodwig in Reims zum christlichen Glauben über. Angeblich hatte er bei einer Schlacht gegen die Alemannen Jesus Christus um Hilfe angerufen und für den Fall des Sieges seine Taufe gelobt. Tatsächlich handelt es sich um einen lang geplanten Schritt, der Chlodwig und der Kirche gegenseitige Unterstützung sichern soll und der Einbindung der galloromanischen Eliten dient.

**507**

Chlodwig greift die Westgoten in Aquitanien an. Schon mehrfach hatte er Feldzüge gegen deren Reich, das mittlerweile auch große Teile der Iberischen Halbinsel umfasst, gestartet, aber wieder abgebrochen. Nun gewinnt er bei Poitiers eine entscheidende Schlacht, der gegnerische König fällt. In der Folge erobern die Franken fast das gesamte Territorium der Westgoten nördlich der Pyrenäen. Nur durch das Eingreifen des Ostgotenkönigs Theoderich bleibt den Westgoten die Septimanien genannte Region am Mittelmeer. Die östlich benachbarte Provence fügt Theoderich seinem eigenen Reich zu, das Italien und die im Norden und Osten anschließenden römischen Provinzen umfasst.

**508**

In Tours empfängt Chlodwig ein Diadem und ein Purpurgewand – geschickt vom oströmischen Herrscher Anastasius als Zeichen der offiziellen Anerkennung durch den Kaiser, der in dem Franken einen Verbündeten gegen Theoderich sieht. Hauptstadt seines Reiches, das Chlodwig zwischenzeitlich auch um Gegenden an Main und Oberrhein vergrößern konnte, wird nun Paris.

**511**

Mit etwa 45 Jahren stirbt Chlodwig. Für seine Nachfolge kommt eine Regelung zum Tragen, die die weitere Geschichte des Frankenreichs maßgeblich prägen wird: Seine vier Söhne – Theuderich, Chlodomer, Childebert und Chlothar – teilen das Reich unter sich auf. Umgehend beginnen Kämpfe um das Erbe, bei denen die Brüder in wechselnden Allianzen ihren Anteil vergrößern oder sogar die Alleinherrschaft erringen wollen.


[![8245f2f8-f466-4459-b4cf-86e088c02017.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/8245f2f8-f466-4459-b4cf-86e088c02017.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/8245f2f8-f466-4459-b4cf-86e088c02017.jpg)


<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-die-kirche-saint-den"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">DIE KIRCHE SAINT-DENIS bei Paris barg diese aus Gold und Silber gefertigten Beschläge eines ledernen Gürtels. Er gehörte einer fränkischen Königin: Arnegunde, der um 580 verstorbenen Gattin von Chlodwigs Sohn Chlothar</figcaption></figure>**524**

Chlodomer stirbt im Kampf gegen die Burgunder. Seine Mutter, Chlodwigs Witwe Chrodechilde, übernimmt die Regentschaft für Chlodomers unmündige Söhne, doch seine Brüder Childebert und Chlothar bringen zwei von ihnen in ihre Gewalt und töten sie, teilen dann Chlodomers Territorium unter sich auf.

**um 530**

Theuderich unterwirft mit Chlothars Unterstützung das Reich der Thüringer (das vermutlich weit über die heutige Region Thüringen hinausgeht). 532 gelingt den Brüdern dann die schon lange von den Merowingern anvisierte Eroberung des Burgunderreichs in Südostgallien.

**533**

Theuderich stirbt und hinterlässt als Nachfolger seinen Sohn Theudebert, der Childerichs und Chlothars Versuch, auch dieses Erbe an sich zu reißen, vereiteln kann. Als im Jahr darauf das Burgunderreich geteilt wird, beziehen die Brüder auch ihren Neffen mit ein.

**537**

Die Merowinger besetzen die Provence und erhalten damit erstmals Zugang zum Mittelmeer. Der Ostgotenkönig hatte ihnen das Gebiet abgetreten, um fränkische Unterstützung im Kampf gegen das Oströmische Reich zu erlangen, das die Rückeroberung Italiens in Angriff genommen hat. Theudebert zieht in den folgenden Jahren mehrfach nach Italien, stellt sich aber auch gegen die Ostgoten und erobert Teile Norditaliens. Zudem können die Merowinger ihrem Reich zuvor ostgotische Gebiete in den Alpen und im nördlichen Vorland angliedern.

**555**

Der Sohn und Nachfolger Theudeberts stirbt mit nur etwa 18 Jahren, 558 ereilt auch Childebert der Tod. Da sie keine Erben hinterlassen, fallen ihre beiden Teilreiche an Chlothar, der damit das gesamte Merowingerreich wieder in einer Hand vereinigen kann.

**561**

Mit Chlothars Ableben wird das Frankenreich abermals zwischen vier Söhnen aufgeteilt. Die umgehend ausbrechenden Rivalitäten zwischen den Brüdern und später deren Nachkommen ziehen sich über Jahrzehnte hin. Involviert in das wechselvolle Geschehen, bei dem etliche Merowinger einen gewaltsamen Tod finden, sind auch Fredegunde, die Ehefrau von Chlothars Sohn Chilperich, und Brunichilde, die Gattin von dessen Bruder Sigibert. Letztere führt zeitweise für ihre Söhne, Enkel und sogar noch für einen Urenkel die Regentschaft – bis sich schließlich Chilperichs Sohn Chlothar II. durchsetzen kann, Brunichilde und fast alle verbliebenen Nachkommen töten lässt und ab 613 allein über das Gesamtreich gebietet.


[![0ec9d400-df62-42a3-9f61-30af088c6dc3.jpg.webp](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/0ec9d400-df62-42a3-9f61-30af088c6dc3-jpg.webp)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/0ec9d400-df62-42a3-9f61-30af088c6dc3-jpg.webp)



<figure class="no-tts no-tts wp-block-image size-full" id="bkmrk-als-schmuck%2C-statuss"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">ALS SCHMUCK, Statussymbol und Halterung zugleich dienen die Fibeln, mit denen fränkische Frauen ihre Gewänder befestigen. Im 6. Jahrhundert sind bunte Varianten mit strahlenartigem Design in Mode</figcaption></figure>**614**

Chlothar II. erlässt ein Edikt, das den Adeligen seines Reiches zuvor königliche Machtbefugnisse zugesteht – vermutlich als Gegenleistung für deren Unterstützung in den vorangegangenen Kämpfen. Zwar steht das Merowingerreich von nun an zumeist unter der Herrschaft nur eines Königs, dennoch verfestigt sich die Spaltung in mehrere Teilgebiete mit eigenen, vom jeweiligen Adel getragenen Machtstrukturen: Austrasien mit Reims, Metz und Köln umfasst den Großteil der fränkischen Stammlande in Nordostgallien sowie die Gebiete rechts von Nieder- und Mittelrhein; Neustrien vor allem die ab 486 von Chlodwig eroberten Territorien an der Seine und nördlich der Loire mit Soissons, Paris und Rouen; Burgund schließlich besteht aus dem einstigen Burgunderreich, erweitert um die Provence und Gebiete im Norden mit Orléans. Aquitanien hingegen steht bald nur noch nominell unter merowingischer Oberherrschaft und wird von Herzögen quasi unabhängig regiert, Ähnliches gilt für Alemannien am Ober- und Hochrhein sowie die östlich benachbarte Region zwischen Alpen und Donau, in der das Herzogtum Bayern entsteht.

<div class="no-tts" id="bkmrk--21"><div class="no-tts">  
</div></div>**624/25**

Chlothars Sohn Dagobert, vom Vater als Unterkönig in Austrasien eingesetzt, macht den Adeligen Pippin zu seinem „Hausmeier“. Das lateinisch *maior domus* (etwa „Hausälterer“) genannte Amt war ursprünglich nur das eines Aufsehers am Hofe, dann eines Verwalters des königlichen Besitzes; im 7. Jahrhundert aber steigen die fränkischen Hausmeier, meist einer in jedem Teilreich, zu den wichtigsten Beratern der Herrscher auf und übernehmen immer mehr Regierungsgeschäfte.

Pippin hatte 613 zu den Anführern der austrasischen Adeligen gehört, die sich von ihrem unmündigen König Sigibert II. und dessen Urgroßmutter Brunichilde abwandten und stattdessen Chlothar II., bis dahin König allein von Neustrien, ins Land holten.

**629/30**

Nach Chlothars Tod folgt ihm Dagobert im Gesamtreich. Pippins Stellung in den folgenden Jahren ist unklar, er erscheint aber nach Dagoberts Ableben 639 erneut als austrasischer Hausmeier, bevor er im folgenden Jahr stirbt.

**673**

Nach gut 30 Jahren, in denen das Merowingerreich abermals geteilt war, vereinigt Childerich II. die Herrschaft wieder in einer Person. Nur unklar lässt sich das Geschehen um Pippins Sohn Grimoald in der vorangegangenen Zeit ausmachen: Dieser konnte wie der Vater das Amt des austrasischen Hausmeiers erlangen, erregte mit seinem Machtstreben jedoch offenbar den Widerstand der neustrischen Adeligen, die ihn stürzten und hinrichten ließen. Zu neuerlichen Wirren kommt es nun, als 675 Childerich II. ermordet wird und in der Folge verschiedene Hausmeier der Teilreiche gegeneinander vorgehen, dabei Angehörige der Merowinger zusehends nur noch als Galionsfiguren benutzen, um ihre eigene Macht zu legitimieren.


[![5c6e57b9-ab14-45aa-918d-34b28d08c03f.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/5c6e57b9-ab14-45aa-918d-34b28d08c03f.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/5c6e57b9-ab14-45aa-918d-34b28d08c03f.jpg)

[![fb211d4b-09d0-4097-9d5b-c04f483be309.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/fb211d4b-09d0-4097-9d5b-c04f483be309.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/fb211d4b-09d0-4097-9d5b-c04f483be309.jpg)

<div class="no-tts wp-block-image" id="bkmrk-aus-r%C3%96mischer-zeit-s"><figure class="no-tts no-tts aligncenter size-full is-resized"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">AUS RÖMISCHER ZEIT stammt die Kunst der Glasherstellung bei den Franken, wenngleich die Formen sich wandeln. Für den täglichen Gebrauch sind einfache Flaschen wie diese bestimmt</figcaption></figure></div>**679**

Einem gleichnamigen Enkel des älteren Pippin, dessen Großvater väterlicherseits, Arnulf von Metz, ebenfalls 613 am Seitenwechsel der austrasischen Großen beteiligt war, gelingt es erneut, Hausmeier in Austrasien zu werden. Pippin „der Mittlere“ kann 687 seinen neustrischen Konkurrenten in einer Schlacht besiegen; als dieser einige Zeit später ermordet wird, vereinigt Pippin das Hausmeieramt in allen Reichsteilen auf sich, formal dem Merowinger Theuderich III. unterstellt.

**714**

Mit Pippins Tod beginnt das Ringen um seine Nachfolge. Nach einigen Jahren setzt sich der Sohn Karl erst in Austrasien gegen Rivalen aus der eigenen Familie durch, besiegt dann die neustrischen Adeligen, akzeptiert aber den dort installierten Merowingerkönig und wird dessen Hausmeier für das gesamte Reich.

**732**

Karl schlägt zwischen Tours und Poitiers ein Heer von Muslimen, das von der Iberischen Halbinsel nach Aquitanien vorgestoßen ist (wohl dieser Sieg trägt ihm den späteren Beinamen Martell, „der Hammer“, ein). Zugleich kann er das de facto unabhängig regierte Aquitanien wieder an das Frankenreich angliedern. Zuvor schon hatte er mit ähnlichen Zielen in Bayern und Alemannien interveniert.

**737**

König Theuderich IV. stirbt. War der nominelle Herrscher zuvor schon wenig mehr als eine Marionette seines Hausmeiers, so verzichtet dieser nun ganz darauf, einen anderen Merowinger als neuen König zu bestellen. Ob Karl dabei anstrebt, selbst den Thron zu besteigen, ist unklar; möglicherweise wird er durch internen Widerstand oder andere Probleme davon abgebracht, bis er 740 schwer erkrankt.

**741**

Karl Martells Söhne kämpfen nach dessen Tod um die Herrschaft. Bald setzen sich Karlmann und Pippin „der Jüngere“ gegen einen Halbbruder durch und teilen das Reich unter sich auf. Dabei handeln sie bereits wie Könige, doch um ihre Stellung zu legitimieren, heben sie 743 nochmals einen Merowinger als Childerich III. auf den Thron. Karlmann tritt 747 von seinem Amt zurück und wird Mönch, Pippin ist damit alleiniger fränkischer Hausmeier.

**751**

Nachdem er zuvor die Zustimmung des Papstes eingeholt hat, setzt Pippin Childerich III. ab und lässt sich selbst zum König der Franken proklamieren.

**754**

In der Abtei Saint-Denis bei Paris salbt Papst Stephan II. persönlich Pippin sowie dessen Söhne Karl und Karlmann, zudem erklärt er den Frankenkönig zum Schutzherrn Roms und der römischen Kirche. Anlass ist die Bedrohung des Papstes durch die Langobarden. Hatte im 6. Jahrhundert zunächst das Oströmische Reich nach langen Kämpfen Italien von den Ostgoten zurückerobert, so waren bereits 568 die germanischen Langobarden in Norditalien eingefallen; nach und nach konnten sie den Oströmern weite Teile der Apenninenhalbinsel abnehmen. Pippin gelobt dem Papst, gegen sie zu Kriege zu ziehen, und erobert in den folgenden zwei Jahren Teile Mittelitaliens, neben Gebieten um die Stadt Rom auch Ravenna und weitere Gegenden an der Adria, und unterstellt sie wie versprochen päpstlicher Herrschaft.

[![eea8cc39-b659-49f3-ae5b-3026725fa9a0.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/eea8cc39-b659-49f3-ae5b-3026725fa9a0.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/eea8cc39-b659-49f3-ae5b-3026725fa9a0.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-mehr-allzweckwerkzeu"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">MEHR ALLZWECKWERKZEUG als lediglich Waffe, konnte der unter den Franken verbreitete, auf einer Seite mit einer scharfen Klinge versehene Scramasax auch in friedlichen Zeiten von Nutzen sein</figcaption></figure>**759**

Pippin nimmt Septimanien ein. Der Streifen entlang der Mittelmeerküste war auch nach der fränkischen Eroberung Aquitaniens unter Chlodwig Teil des fortan auf der Iberischen Halbinsel zentrierten Westgotenreichs geblieben, bis dieses ab 711 von Muslimen überrannt wurde. In den folgen den Jahren führt Pippin mehrere Feldzüge in Aquitanien und bringt die Region wieder fest unter königliche Herrschaft.

> DER THRON GEHÖRT NUN DEM HAUSMEIER

**768**

Nach Pippins Tod folgen ihm seine zwei Söhne als Könige, zwischen denen das Reich abermals geteilt wird: Karl (später „der Große“ genannt) erhält den Norden und Westen, Karlmann die anderen Territorien. Dessen früher Tod Ende 771 verhindert, dass zuvor ausgebrochene Spannungen zwischen den Brüdern in einen regelrechten Krieg umschlagen. Umgehend lässt sich Karl von den Großen in Karlmanns Reichsteil huldigen und herrscht fortan als alleiniger König der Franken.

**772**

Karl unternimmt einen Feldzug ins Gebiet der Sachsen zwischen Rhein, Elbe und Nordsee. Nachdem er einige wichtige Stützpunkte erobert und die Irminsul, eine bedeutende Kultstätte der heidnischen Sachsen, zerstört hat, zieht er sich zurück, in der Annahme vermutlich, das Land seiner Oberherrschaft unterworfen zu haben.

**773**

Mit einem großen Heer zieht Karl über die Alpen und dringt ins Reich der Langobarden ein. Anlass ist erneut ein Hilferuf des Papstes, doch anders als einst sein Vater legt es Karl jetzt auf eine Eroberung an. In Norditalien stoßen seine Truppen auf wenig Widerstand, König Desiderius zieht sich in seine Hauptstadt Pavia zurück. Als dieser nach monatelanger Belagerung im Frühsommer 774 aufgibt, bricht sein Reich zusammen. Karl nennt sich fortan „König der Franken und Langobarden“, zudem führt er den Titel *patricius Romanorum*, der ihm bei einem Besuch in Rom vom Papst verliehen wurde und Karl als Schutzherrn Roms und der Kirche ausweist.

**775**

Karl wendet sich erneut gegen die Sachsen, die zwischenzeitlich fränkische Städte und Klöster angegriffen hatten. Ziel ist nun deren vollständige Unterwerfung und Christianisierung. Tatsächlich unterstellen sich bald mehrere sächsische Anführer Karls Herrschaft, mit Massentaufen wird die Bekehrung zum Christentum vorangetrieben. 777 hält er zu Paderborn, im bis dahin eroberten Sachsengebiet, eine Reichsversammlung ab. Doch hat sich zu dieser Zeit bereits ein Muster gezeigt, das über viele Jahre immer wieder auftreten wird: Sobald sich Karl fern der Region aufhält, etwa bei seinen Zügen nach Italien, flammt unter den Sachsen erneuter Widerstand auf.

**778**

Auf dem Rückzug von einem erfolglosen Feldzug im muslimischen Spanien wird die Nachhut von Karls Heer am Pass von Roncesvalles in den Pyrenäen von Basken überfallen und vollständig aufgerieben. Karls Abwesenheit und die empfindliche Niederlage befeuern wiederum den Kampf der Sachsen gegen die fränkische Herrschaft, an dessen Spitze nun der adelige Truppenführer Widukind steht. Im folgenden Jahr erneut im Sachsenland, stößt Karl bis zur Elbe vor und beginnt, das eroberte Gebiet zu ordnen, etwa durch die Errichtung von Grafschaften und Bischofssitzen.

**782**

Sachsen unter Führung von Widukind schlagen in Karls Abwesenheit ein fränkisches Heer. Als Reaktion kehrt der König umgehend in die Region zurück, lässt sich an der Schlacht beteiligte Sachsen ausliefern und diese nahe der Mündung der Aller in die Weser hinrichten. Dem „Blutgericht von Verden“ fallen angeblich 4500 Männer zum Opfer. Zunehmend setzt Karl jetzt auf brutale Gewalt, später auch auf die massenhafte Umsiedlung rebellischer Sachsen.

**785**

Widukind, der sich fränkischem Zugriff mehrfach durch Flucht nach Dänemark entzogen hatte, unterwirft sich Karl und lässt sich taufen. Auch wenn sein mächtigster Widersacher damit besiegt ist, greift Karl bis 804 noch diverse Male in Sachsen ein, um immer wieder aufkeimende Unruhen niederzuschlagen.

**787**

Mit militärischer Übermacht zwingt Karl seinen Cousin Herzog Tassilo III. von Bayern zur Unterwerfung. Im folgenden Jahr inszeniert der König eine Art Schauprozess gegen den Herzog, der sein Territorium zuvor weitgehend autonom geführt hatte: Wegen angeblicher Fahnenflucht – Tassilo soll 25 Jahre zuvor Karls Vater Pippin die Heeresfolge verweigert haben – wird er zum Tode verurteilt, von Karl begnadigt und (wie zahlreiche andere Widersacher des Königs) in ein Kloster gezwungen.

**791**

Von Regensburg aus zieht Karl gegen die Awaren. Das Reitervolk hatte sich um die Mitte des 6. Jahrhunderts im vormals römischen Pannonien (in etwa das heutige Ungarn) angesiedelt und bedroht mit Raubzügen immer wieder auch fränkische Gebiete. Ein entscheidender Schlag bleibt aus, weshalb Karl in Regensburg überwintert und bis zum folgenden Sommer dort bleibt. Dies nutzen unzufriedene Adelige aus der Mainregion und vermutlich auch aus Bayern für eine Rebellion, an deren Spitze sich Karls ältester Sohn Pippin „der Bucklige“ stellen lässt. Bereits 781 hatte Karl zwei Söhne aus einer anderen Ehe vom Papst zu Unterkönigen salben lassen: Ludwig in Aquitanien, Karlmann – der dabei ebenfalls den Namen Pippin annimmt – in Italien. Pippin der Bucklige wurde damit de facto von der Erbfolge ausgeschlossen. Der Aufstand, den er nun wagt, wird schnell niedergeschlagen. Während Karl die Rädelsführer hart bestrafen lässt, muss Pippin in ein Kloster gehen. Den Kampf gegen die Awaren setzen in den folgenden Jahren Karls Feldherren fort, denen schließlich der Durchbruch gelingt, woraufhin auch Pannonien dem Frankenreich angegliedert wird. Die Reste der Awaren erkennen die fränkische Oberherrschaft an, ebenso die meisten der entlang der Ostgrenze von Karls Reich siedelnden slawischen Gruppen.

**796**

In Aachen wird ein Teil der noch unvollendeten Pfalzkapelle eingeweiht. Das gewaltige Gotteshaus, dessen Gestaltung auf spätantike Vorbilder in Italien zurückgreift, wird der imposante Mittelpunkt der Pfalz, die Karl seit Jahren großzügig ausbauen lässt und in der er sich in Zukunft häufiger aufhalten wird als an jedem anderen Ort seines Reiches.

[![b30709e7-0a53-4e83-a955-91ca4eb169c9.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/b30709e7-0a53-4e83-a955-91ca4eb169c9.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/b30709e7-0a53-4e83-a955-91ca4eb169c9.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-ob-ihr-name-%C2%BBfranzis"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">OB IHR NAME »Franziska« wirklich von den Franken abgeleitet wurde, ist nicht gesichert. Doch die Wurfaxt zählt, neben Schwert und Schild, zur gängigen Bewaffnung merowingischer Krieger</figcaption></figure>**800**

Während einer Messe zum Weihnachtsfest krönt Papst Leo III. Karl, der darauf von den Anwesenden in der Peterskirche zum „Kaiser der Römer“ ausgerufen wird. Mit der vermutlich lange im Voraus geplanten Aktion erhebt Karl den Anspruch, die Nachfolge der römischen Imperatoren im Westen anzutreten. Die Aneignung der Kaiserwürde durch den Franken stößt in Konstantinopel auf entschiedene Ablehnung, die dortigen Kaiser sehen sich als einzige rechtmäßige Träger dieses Titels. 806 kommt es zum Krieg, bei dem die Franken das zu Ostrom gehörende Venedig besetzen. In einem 812 geschlossenen Kompromiss verzichtet Karl auf Venedig, wofür Konstantinopel im Gegenzug seinen Kaisertitel anerkennt, allerdings nicht mit dem Zusatz „der Römer“. Das Verhältnis bleibt gleichwohl nachhaltig gespannt.

**801**

Nach monatelanger Belagerung kann Karls Sohn Ludwig in Barcelona einziehen, das mit weiteren unter seiner Führung von den Muslimen eroberten Städten Teil der „Spanischen Mark“ wird. In der Folge wird das fränkische Einflussgebiet in Spanien noch bis zum Ebro ausgedehnt.

**806**

Karl erlässt eine Nachfolgeregelung, derzufolge das Frankenreich nach seinem Tod zwischen den drei erbberechtigten Söhnen aufgeteilt werden soll. Zur Ausführung kommt der Plan jedoch nicht, denn zwei der angedachten Nachfolger sterben schon vor dem Vater, Pippin 810, der ebenfalls Karl genannte Sohn 811.

**810**

Eine Flotte des Dänenkönigs Göttrik greift zum Frankenreich gehörende friesische Inseln an, dänische Krieger schlagen die Friesen auch auf dem Festland und erpressen Tributzahlungen. Karl macht sich daraufhin mit einem Heer nach Norden auf (wobei ein mitgeführter Elefant, den Karl vom Kalifen des Abbasidenreichs geschenkt bekommen hat, auf dem Weg verendet).

Bereits 804 war es fast zu einer Konfrontation mit Göttrik gekommen, als Karl bei seinem letzten Feldzug gegen die Sachsen ins Gebiet jenseits der Elbe eindrang, bis nahe an die Grenzbefestigung Danewerk. Doch wie damals kommt es nicht zu Kämpfen – dieses Mal, weil Göttrik von einem Gefolgsmann ermordet worden ist. Sein Nachfolger schließt Frieden mit Karl, die dabei vereinbarte Nordgrenze des Frankenreichs folgt dem Flusslauf der Eider und reicht bis an die Kieler Förde.

**814**

**28. Januar.** Karl der Große stirbt mit 65 Jahren in Aachen. Sein Sohn Ludwig, vom Vater bereits im Vorjahr zum Mitkaiser gekrönt, tritt die Nachfolge im gesamten Reich an. Bald schon beginnt Ludwig (der in späterer Zeit den Beinamen „der Fromme“ erhält) verschiedene Reformprojekte, ordnet etwa die Klöster in seinem Reich neu und modernisiert das Gerichtswesen.

**817**

Ludwig beschließt mit den Großen des Reiches eine Nachfolgeregelung, die vom Prinzip der gleichen Teilung abweicht, um die Reichseinheit zu wahren. Lothar, Ludwigs ältester Sohn, wird zum Mitkaiser und Mitregenten erhoben, seine beiden Brüder bekommen eigene, aber vergleichsweise kleine Herrschaftsbereiche zugewiesen. Der Großteil des Reiches soll hingegen nach Ludwigs Tod vollends an Lothar fallen, der zudem als Kaiser die Oberherrschaft über die Königreiche der Brüder ausübt.

**818**

Ludwigs Neffe Bernhard, noch von Karl dem Großen zum Unterkönig in Italien bestimmt wie zuvor sein Vater Pippin, aber in der Regelung vom Vorjahr nicht bedacht, erhebt sich gegen den Kaiser und lässt die Alpenpässe sperren. Als Ludwig daraufhin mit einem großen Heer nach Süden zieht, unterwirft sich Bernhard kampflos seinem Onkel, der ihn gleichwohl hart bestraft: Ludwig lässt Bernhard blenden, er stirbt kurz darauf an den Folgen. Doch Ludwigs gnadenloses Vorgehen erregt den Widerstand vieler Adeliger, sodass sich der Kaiser vier Jahre später zu einer öffentlichen Buße genötigt sieht. Italien übergibt er im selben Jahr Lothar als Herrschaftsgebiet.

[![79e268cc-c5ce-4fad-b362-6966c850b0e2.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/79e268cc-c5ce-4fad-b362-6966c850b0e2.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/79e268cc-c5ce-4fad-b362-6966c850b0e2.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-wohl-einem-bedeutend"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">WOHL EINEM bedeutenden fränkischen Krieger gehörte dieser prächtige Kopfschutz, der im frühen 6. Jahrhundert beim heutigen Bad Kreuznach einem Grab beigegeben wurde. Helme dieses Typs gehörten zur Ausrüstung oströmischer Offiziere, viele Exemplare gelangten aber auch nach Mitteleuropa</figcaption></figure>[![0fcfb968-2228-409f-bdab-0626b443c199.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/0fcfb968-2228-409f-bdab-0626b443c199.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/0fcfb968-2228-409f-bdab-0626b443c199.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-niemand-weiss-heute-"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">NIEMAND WEISS heute genau, welchen Zweck die Stele aus Kalkstein, die wohl einen von drei Schlangen bedrohten Krieger zeigt, ursprünglich erfüllte. Aber sie gilt als bedeutsames Zeugnis der Bildhauerei der Merowingerzeit</figcaption></figure>**823**

Ludwigs zweite Ehefrau bringt einen Jungen zur Welt, der den Namen seines Großvaters erhält: Karl (später „der Kahle“ genannt). Einige Jahre darauf versieht der Kaiser auch ihn mit einem eigenen Herrschaftsbereich – auf Kosten Lothars, der dafür Gebiete aus seinem Erbe abgeben muss.

**830**

Unzufriedene Adelige rebellieren gegen den Kaiser und finden Unterstützung bei dessen Söhnen Pippin und Lothar. Ludwigs Gattin muss in ein Kloster gehen, Lothar übernimmt anstelle des kaltgestellten Vaters die Regierungsgewalt. Bald aber wendet sich die Lage gegen Lothar. Ludwig gelingt die Rückkehr an die Macht, auch die Kaiserin kehrt zu ihm zurück, Lothar aber verliert seine Position als Mitregent. Im folgenden Jahr erlässt Ludwig eine drastisch veränderte Nachfolgeregelung: Lothar bleibt nur noch Italien, alle anderen Gebiete werden zwischen seinem gleichnamigen Sohn, Pippin und Karl aufgeteilt.

**833**

Die drei Söhne aus erster Ehe erheben sich gemeinsam gegen ihren Vater. Es gelingt ihnen, den von seinen Anhängern verlassenen Kaiser gefangen zu nehmen, Ludwig zur Abdankung zu zwingen und in ein Kloster zu verbannen. Als sich jedoch bald darauf Pippin und sein Bruder Ludwig mit Lothar entzweien, wird der Vater 834 wieder in seine Rechte eingesetzt. In den folgenden Jahren kann Ludwig der Fromme die zurückgewonnene Machtstellung untermauern, doch weiterhin kommt es zu Auseinandersetzungen unter den Söhnen sowie mit ihm. Noch mehrfach ändert Ludwig die Aufteilung des Reichs, unter anderem, als 838 Pippin stirbt.

**840**

Nach dem Tod Ludwigs des Frommen brechen umgehend neue Streitigkeiten zwischen den Brüdern aus, bei denen zudem noch der gleichnamige Sohn des verstorbenen Pippin, den aquitanische Adelige eigenmächtig zu ihrem König erhoben hatten, eine Rolle spielt. Der nun entbrennende Bürgerkrieg kulminiert in einer blutigen Schlacht beim burgundischen Ort Fontenoy, in der das Aufgebot von Lothar und Pippin II. im Juni 841 auf die vereinten Heere von Ludwig und Karl trifft. Die tragen den Sieg davon, doch Lothar sammelt umgehend neue Anhänger, um den Krieg fortzusetzen.

**842**

In Straßburg bekräftigen Ludwig (der von späteren Historikern den Beinamen „der Deutsche“ erhält) und Karl der Kahle ihr Bündnis gegen Lothar. Die Brüder schwören sich dabei in der Sprache, die von den Anhängern des jeweils anderen gesprochen wird, gegenseitigen Beistand: Karl in einem Dialekt des Althochdeutschen, Ludwig in einer frühen Form des Altfranzösischen. Diese in einer Chronik überlieferten „Straßburger Eide“ sind ein einzigartiges Zeugnis der zu dieser Zeit im Frankenreich verbreiteten Volkssprachen.

Nach weiteren Kämpfen gegen Lothar kommen Ludwig und Karl im Lauf des Jahres mit ihrem Bruder überein, einen Kompromiss zu suchen und das Reich untereinander aufzuteilen.

**843**

Im Vertrag von Verdun besiegeln die Söhne Ludwigs des Frommen die anvisierte Reichsteilung. Karl erhält das westliche Drittel; Ludwigs Ostreich umfasst Bayern samt Kärnten, fast alle Gebiete rechts des Rheins sowie ein linksrheinisches Gebiet mit Mainz und Worms; Lothar, bei dem auch die Kaiserwürde verbleibt, erhält den zwischen Karls und Ludwigs Teilreichen gelegenen Streifen sowie Burgund, die Provence und Italien einschließlich der Schutzherrschaft über Rom und die Besitzungen des Papstes. Sein Mittelreich erstreckt sich damit von Friesland bis zu den Abruzzen. Nicht an der Aufteilung beteiligt ist Pippin II., der noch viele Jahre mit Karl dem Kahlen um die Herrschaft in Aquitanien kämpfen wird.

**845**

Im Westfrankenreich plündern Wikinger Ortschaften an der Seine. Schon seit Jahrzehnten überfallen skandinavische Seekrieger immer wieder fränkische Klöster und Städte, setzen sich teils auch dauerhaft an den Mündungen großer Flüsse fest. Karl der Kahle zieht nun zwar Truppen zusammen, lässt die Angreifer jedoch gewähren – wohl, weil er einen Kampf für aussichtslos hält. In Paris übergibt er angeblich dem Wikingerführer Ragnar sogar 7000 Pfund Silber, damit dieser die Stadt verschone.

**855**

Kurz vor seinem Tod teilt Lothar das Mittelreich im Vertrag von Prüm unter seinen drei Söhnen auf: Lothar II. erhält das zwischen West- und Ostreich gelegene Gebiet, das nach ihm bald Lotharingien genannt wird; Karl wird König über den Großteil von Burgund und die Provence; Italien und die Kaiserwürde gehen an Ludwig II. Als Karl 863 stirbt, fällt dessen burgundisches Reich zu etwa gleichen Teilen an seine beiden Brüder.

**870**

Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche teilen im Vertrag von Meerssen Lotharingien auf. Nachdem Lothar II. im Vorjahr gestorben war, hatte sich Karl dort umgehend zum König erheben lassen, Ludwig konnte in der Folge aber Verhandlungen erzwingen, in deren Ergebnis beide einen ungefähr gleich großen Anteil ihren Reichen einverleiben. Als 875 mit Ludwig II. auch der dritte Sohn Lothars I. ohne Erben stirbt, fällt Italien mitsamt der Kaiserwürde an Karl den Kahlen.

[![10580877-9eb6-4399-ad64-8445143f59a2.jpg.webp](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/10580877-9eb6-4399-ad64-8445143f59a2-jpg.webp)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/10580877-9eb6-4399-ad64-8445143f59a2-jpg.webp)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-um-beim-gottesdienst"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">UM BEIM GOTTESDIENST Fliegen von den Speisen des Abendmahls fernzuhalten und sich etwas Abkühlung zu verschaffen, dient Geistlichen im Frankenreich dieser kunstvolle Fächer. Die Elfenbeinplättchen zieren Szenen aus dem Werk des antiken Dichters Vergil (9. Jh.)</figcaption></figure>**876**

Mit dem Ableben von Ludwig dem Deutschen wird auch das Ostfrankenreich zwischen drei Söhnen aufgeteilt. Doch die Spaltung währt nur wenige Jahre: Karlmann stirbt 880, zwei Jahre später Ludwig der Jüngere. Somit vereint der Jüngste der drei, Karl „der Dicke“, der zunächst nur Alemannien geerbt hatte, ab 882 das gesamte Ostfrankenreich unter seiner Herrschaft und zudem Italien, das Karlmann nach dem Tod Karls des Kahlen 877 für sich erobert hatte.

**879**

In der Provence und Teilen von Burgund, die zwischenzeitlich an das Westfrankenreich gefallen sind, nutzt Boso, Graf von Vienne, die Situation nach dem Tod von Ludwig dem Stammler, des Nachfolgers Karls des Kahlen im West reich, und lässt sich zum König des später Niederburgund genannten Gebiets ausrufen. Boso ist damit der erste König in einem Teil des einstigen fränkischen Großreichs, der nicht zur Dynastie Karls des Großen zählt.

**880**

Zwei Söhne Ludwigs des Stammlers, die gemeinsam die Herrschaft im Westfrankenreich übernommen haben, müssen im Vertrag von Ribemont ihren Anteil an Lotharingien der ostfränkischen Seite abtreten, die dafür auf Thronansprüche im Westreich verzichtet. Die so festgelegte Grenze zwischen den Machtbereichen wird über Jahrhunderte weitgehend Bestand haben.

**884**

Zwei Jahre nach seinem Bruder stirbt auch der zweite Sohn Ludwigs des Stammlers. Darauf wählen die Großen des Westfrankenreichs Karl den Dicken zu ihrem König, der bereits im Ostfrankenreich sowie in Italien regiert und 882 vom Papst zum Kaiser gekrönt wurde. Bis auf Niederburgund herrscht Karl damit in allen fränkischen Teilreichen, die aus dem Großreich seines Urgroßvaters, Karls des Großen, hervorgegangen waren. Zu einer nachhaltigen Vereinigung der Teilreiche kommt es gleichwohl nicht.

**885**

Nachdem in den Vorjahren schon zahlreiche Städte im West- und Ostfrankenreich von Wikingern verheert worden waren, fährt eine große Flotte der Nordmänner die Seine hinauf und belagert monatelang Paris. Karl der Dicke kann die Feinde im folgenden Jahr nur durch die Zahlung eines gewaltigen Lösegelds zum Abzug bewegen. Aufgrund seines halbherzigen Vorgehens gegen die Wikinger sowie gegen andere äußere Feinde verliert der Kaiser zusehends den Rückhalt der Großen in seinen Reichen.

**887**

Im November wird Karl der Dicke bei einer ostfränkischen Reichsversammlung abgesetzt. Zu den Drahtziehern des Umsturzes gehört Arnulf, Herzog der ostfränkischen Grenzregion Kärnten, ein außerehelicher Sohn des 880 verstorbenen Karlmann. Ungeachtet seiner nicht zweifelsfrei legitimen Abstammung wird Arnulf noch vor Jahresende zum König im Ostreich erhoben. Der entmachtete, wohl bereits seit Längerem schwer kranke Karl stirbt im folgenden Januar.

[![2fbd6f81-d236-4a76-8524-e65d922ceb45.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/2fbd6f81-d236-4a76-8524-e65d922ceb45.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/2fbd6f81-d236-4a76-8524-e65d922ceb45.jpg)

<div class="no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-nur-vereinzelt-sind-"><figure class="no-tts no-tts aligncenter is-resized"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">NUR VEREINZELT sind zur Zeit Karls des Großen Goldstücke wie dieses im Umlauf, das das Konterfei des Herrschers zeigt</figcaption></figure></div>**888**

Odo, Graf von Paris, der sich bei der Verteidigung der Stadt gegen die Wikinger hohes Ansehen erworben hatte und unter Karl dem Dicken zu einem der mächtigsten Adeligen aufgestiegen war, wird nach dessen Absetzung und Tod zum König im Westfrankenreich gewählt – als erster Nicht-Karolinger. Mit seinem Bruder Robert wird 922 ein weiteres Mitglied seines Geschlechts westfränkischer Herrscher, gefolgt von einem Schwager; dazwischen und danach kommen aber jeweils wieder Karolinger auf den Thron.

Ebenfalls Anfang 888 reißt Berengar, Markgraf von Friaul, in Italien die Macht an sich. Über seine Mutter ein Enkel Ludwigs des Frommen, zählt gleichwohl auch er nicht zum Geschlecht der Karolinger. Bereits im Jahr darauf verdrängt ihn Wido, Herzog von Spoleto, vom italienischen Thron, der sich 891 als erster Nicht-Karolinger vom Papst zum Kaiser erheben lässt. Zudem wird 888 auch der Welfe Rudolf König: in Hochburgund, dem an das Ostfrankenreich gefallenen Norden des burgundischen Gebiets.

**911**

Ludwig „das Kind“, Arnulfs Sohn und Nachfolger als ostfränkischer König, stirbt mit 18 Jahren ohne Erben. Als einziger Karolinger kommt für die Thronfolge der im Westfrankenreich herrschende Karl „der Einfältige“ infrage. Doch die ostfränkischen Großen wählen stattdessen einen der ihren, Herzog Konrad. Der neue König entstammt einem Adelsgeschlecht, das sich in den Jahrzehnten zuvor in einer blutigen Fehde gegen die Familie der Babenberger als Vormacht in der Mainregion durchgesetzt hat (die schon früh bezeugte Bezeichnung „Ostfranken“ für diese Gegend ist die Grundlage für den Namen der allerdings nicht deckungsgleichen heutigen Region Franken).

**919**

Mit dem Sachsenherzog Heinrich tritt ein König an die Spitze des Ostfrankenreichs, dessen Familie nicht aus dem fränkischen Kerngebiet stammt, sondern aus der erst von Karl dem Großen eroberten Region im Nordosten des Reichs.

DIE KAROLINGER VERLIEREN IHRE MACHT

**936**

Heinrichs Sohn Otto wird zum König gekrönt – in der Aachener Pfalzkapelle, womit er gezielt an das Erbe der Karolinger anknüpft.

**962**

Papst Johannes XII. salbt und krönt Otto in Rom zum Kaiser. Seit der Teilung des fränkischen Mittelreichs war die Kaiserwürde zu einem Nebentitel des Königs von Italien herabgesunken und in den Jahrzehnten zuvor nicht mehr vergeben worden. Otto, der im Vorjahr die Königsherrschaft auch jenseits der Alpen sichern konnte, schließt mit seiner Krönung nun an das Kaisertum Karls des Großen und die von diesem intendierte Erneuerung des Imperium Romanum im Westen an.

**987**

Hugo, ein Verwandter der vormaligen Könige Odo und Robert, lässt sich zum Herrscher im Westfrankenreich erheben. Schon Hugos gleichnamiger Vater war zum mächtigsten Adeligen im Westreich aufgestiegen und hatte mit dem Titel als „Herzog der Franken“ eine Stellung direkt unter dem König eingenommen, jedoch nie danach gestrebt, selbst den Thron zu besteigen. Auch der Sohn greift nicht nach der Krone, bis der junge König Ludwig V., ein Karolinger, unerwartet und ohne direkten Erben stirbt. Dessen Onkel Karl erhebt jedoch ebenfalls Anspruch auf den Thron und wird von vielen Adeligen als rechtmäßiger König anerkannt. Hugo kann den Widersacher schließlich 991 aus dem Weg räumen – auch im letzten der fränkischen Reiche ist damit das Geschlecht Karls des Großen endgültig von der Königsmacht verdrängt. Hugos Nachkommen aus der nach seinem späteren Beinamen Capet benannten Dynastie der Kapetinger dagegen stellen noch für mehr als 800 Jahre die Könige des aus dem einstigen fränkischen Teilreich hervorgehenden Staatswesens: Frankreich.

**1033**

Kaiser Konrad II., König des (offiziell weiter so benannten) Ostfrankenreichs und Italiens, wird auch in Burgund zum Herrscher gekrönt. Die drei Königreiche bleiben unter Konrads Nachfolgern gleichfalls in einer Hand. Neben Frankreich entsteht so ein Herrschaftsgebilde, das alle anderen aus dem Imperium Karls des Großen hervorgegangenen Reiche umfasst und einige Zeit später seinen geläufigen Namen erhält: das Heilige Römische Reich.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

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**Sekundärliteratur**

-&gt; Fischer, Oliver: Babenberger Fehde. Franken gegen Franken, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 125), Hamburg 2025, S. 130-147.

-&gt; Opitz, Manuel: Abul Abbas. Das Geschenk des Kalifen, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 125), Hamburg 2025, S. 110-113.

-&gt; Sedlmair, Stefan; Sedlmair, Andres: Daten und Fakten. Die Geschichte der Franken, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 125), Hamburg 2025, S.

# Die fränkischen Herrscher

#### Inhaltsverzeichnis

1. Chlodwig. Der dunkle Held.
2. Radegunde. Wegbereiterin des Glaubens

##### 1. Chlodwig. Der dunkle Held. 

**Um die Wende zum 6. Jahrhundert steigt ein fränkischer Kleinkönig aus der Familie der Merowinger zum mächtigsten Mann in Gallien auf: mithilfe von Gewalt, Diplomatie – und einer Taufe**

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-flehend-hebt-chlodwi">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/497c6d88-3ed0-4a07-80aa-670f364ad698.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">FLEHEND HEBT CHLODWIG den Blick zum Himmel: Seine Truppen drohen 496 in einer Schlacht gegen die Alemannen zu verlieren. Da gelobt er, zumindest der Legende nach, im Fall eines Sieges zum Christentum überzutreten  
  
</figcaption></figure><figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-einen-schatz-nimmt-c">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/4d44d14b-13d9-48ba-b07e-fe0d21d45817.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">EINEN SCHATZ nimmt Chlodwigs Vater Childerich mit in sein Grab im heutigen Belgien, darunter dieses Schwert. Dem Sohn hinterlässt er seine Gefolgschaft, die der vermutlich schon bald um viele Anhänger erweitern kann  
  
</figcaption></figure>Dies ist die Geschichte eines Mannes, der das Beten zum barmherzigen Gott der Christen lernt – aber skrupellos all jene beiseiteräumt, die seinem eigenen Aufstieg zur Macht im Wege stehen. Feierlich lässt er sich am Weihnachtstag wohl des Jahres 498 taufen. In der Taufkirche des Bischofs von Reims schwört er, ein Franke, den germanischen Göttern seiner Vorfahren ab und bekennt sich zu den Lehren der Heiligen Schrift, die ihm Demut und Nächstenliebe gebieten. Und doch schreckt er nicht vor Lug und Trug, Totschlag und Mord zurück. Eiskalt lockt er Rivalen in den Hinterhalt, zertrümmert manch Unglücklichem mit der Kriegsaxt eigenhändig den Schädel, täuscht Verwandte und wechselt Verbündete mit dem einzigen Ziel, sich über alle anderen zu erheben: Chlodwig aus der Dynastie der Merowinger, der erste König eines fränkischen Großreichs.

Ein Herrscher, so doppelgesichtig, so schillernd und mächtig, dass er wie kein anderer herausstrahlt aus der Geschichte jener Jahre, in denen der europäische Kontinent taumelnd zwischen Antike und Mittelalter steht, zwischen dem Ende der Ära Roms und einer noch ungewissen Zukunft. Doch kündet kein einziges zeitgenössisches Zeugnis vom Charakter des dunklen Helden dieser Zeit. Erst etliche Jahrzehnte nach seinem Tod werden Berichte über sein Leben aufgezeichnet, die bis heute überdauert haben. Den ausführlichsten verfasst gegen Ende des 6. Jahrhunderts Gregor von Tours, der Bischof der bedeutenden Stadt an der Loire, als Teil einer christlichen Universalgeschichte von seiner Hand. Der Kleriker verbindet darin historisch auch in anderen Quellen verbürgte Ereignisse mit legendenhaften Erzählungen. Seine Absicht dabei: Chlodwigs Herrschaft zu rechtfertigen und den einstigen einstigen Heiden als frommen Diener Gottes zu verklären.

> NIEMAND BEGEHRT AUF

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-geschichten-%C3%BCber-chl">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/99c1007f-00a7-4db3-a479-a12e51fa532b.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">GESCHICHTEN über Chlodwig werden erst nach seinem Tod aufgeschrieben, darunter diese: Bei einer Heerschau erschlägt er kaltblütig einen aufmüpfigen Kämpfer</figcaption></figure>**EXPANSION NACH SÜDEN**

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/e07e9061-81c6-4084-8bed-8ce3f8c7d5f9.jpg?webp=1&w=1200)</figure>**EUROPA TAUMELT** in der Ära Chlodwigs aus der Antike ins Mittelalter, von römischen Traditionen zu neuen Machtansprüchen: Chlodwigs Vater Childerich stand vermutlich in Diensten des sterbenden Reichs, er selbst spricht Latein neben seinem germanischen Idiom. Und vergrößert das fränkische Gebiet auf weite Teile des heutigen Frankreichs und Südwestdeutschland Und doch lässt sich aus den „Zehn Büchern Geschichten“ Gregors von Tours das Bild eines gleichermaßen grausamen und machtgierigen Mannes herausfiltern, der das Schwert ebenso zu nutzen weiß wie das Kreuz, um in Zeiten des Zerfalls des weströmischen Imperiums fast ganz Gallien zu erobern – und einen neuen, machtvollen Staat zu schmieden.

Als Chlodwig beginnt, nach der Herrschaft zu greifen, sind Angehörige der Völkerschaften, die den Römern als „Franken“ gelten, bereits seit fast zwei Jahrhunderten westlich des Rheins heimisch. Die ersten Gruppen siedelt die wankende Großmacht um 300 in Nordgallien und den Provinzen entlang des Stromes an. Gut 50 Jahre später erlauben es die römischen Machthaber einem Teilverband der Franken, den zeitgenössische Quellen als „Salier“ bezeichnen, sich zwischen Schelde und Rhein am Nordostrand des Imperiums niederzulassen (wohin die Gruppen wohl zuvor schon vorgedrungen waren). Als Gegenleistung müssen die Siedler der Armee Roms Soldaten stellen. Ein vorteilhaftes Arrangement für beide Seiten; viele fränkische Kämpfer steigen als Offiziere in römischen Diensten auf (siehe Seite 26).

> WESTROM LIEGT IN TRÜMMERN

Doch immer wieder fehlt es den Legionen in Gallien an Schlagkraft, um die Grenzen zu verteidigen. Germanische Scharen wie die der Vandalen und Sueben fallen plündernd in die reichen Provinzen ein, die Westgoten und später die Burgunder gründen eigene Reiche auf römisch-gallischem Boden, und auch weitere fränkische Gruppen wechseln die Rheinseite. Im politischen Chaos jener Jahre sichern sich die Franken Posten, Einfluss und Territorien. Um 460 siedeln sie in einem Gebiet, das von Mainz und Trier bis zur belgischen Nordseeküste, vom Rheindelta bis zur Somme im heutigen Nordfrankreich reicht, herrschen hier wohl etliche fränkische Kleinkönige.

Einer von ihnen tritt aus dem Dämmer der Geschichte hervor: Childerich, angeblich ein Nachfahre des fränkischen Heerkönigs Chlodio, der einige Jahrzehnte zuvor bis zur Somme vorgestoßen sein soll, und der Sohn eines gewissen Merowech (von dessen Namen frühmittelalterliche Chronisten die Bezeichnung der Dynastie, Merowinger, ableiten). Childerichs Machtbasis ist vermutlich die Gegend um die Stadt Tournai im heutigen Belgien unweit der französischen Grenze.

Zeitweise steht Childerich, der als eine Art Warlord über eine Gefolgschaft von fränkischen Kriegern verfügt, mit seinen Kämpfern wohl in römischen Diensten. Doch die Verhältnisse im Norden Galliens sind verworren, in wechselnden Bündnissen kämpfen die Kaiser, selbstständig agierende römische Militärführer und verschiedene germanische Gruppierungen gegeneinander. Der Franke kontrolliert offenbar eine Zeit lang, auf eigene Rechnung oder im Bündnis mit römischen Kräften, ein Gebiet bis zur Loire, muss sich dann aber aus nicht überlieferten Gründen auf das Gebiet um Tournai zurückziehen. Vielleicht, weil die Westgoten, die ihr Reich im Südwesten Galliens inzwischen bis an die Loire ausgedehnt haben, über den Fluss in seinen Machtbereich eingefallen sind, um ihn aus der Gegend zu vertreiben.

Um 481 stirbt Childerich. Sein Sohn und Erbe Chlodwig, zu dieser Zeit wohl erst etwa 15 Jahre alt, lässt ihn in Tournai pompös bestatten, vermutlich unter einem immensen Grabhügel, nach Sitte von Reitervölkern wie den Hunnen zusammen mit Pferden des Vaters. Ein prunkvolles Langschwert gibt man Childerich mit ins Grab, auch einen goldenen Siegelring mit seinem Antlitz und Namen sowie 100 Goldmünzen und 200 Silberlinge. Die aufwendige Bestattung des verblichenen Königs ist ein Signal an dessen bisherige Gefolgsleute: Unter der Herrschaft seines Sohnes dürfen sie weiterhin auf die Freigebigkeit ihres Anführers hoffen – und auf Kriegsbeute bei vielleicht bevorstehenden Feldzügen.

> GESCHICKT GEKNÜPFTE BANDE

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-r%C3%9Ccksichtslos-und-br">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/5c3ae558-3f21-4e92-8399-49c165ef2f88.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">RÜCKSICHTSLOS und brutal ist Chlodwig, aber auch klug: Um 493 heiratet er Chrodechilde, eine Nichte des ihm kurz zuvor noch feindlich gesonnenen Burgunderkönigs</figcaption></figure>Einige Jahre nach seinem Antritt lässt Chlodwig diesem sinnbildlichen Versprechen Taten folgen. Im Bund mit einem verwandten fränkischen Kleinkönig, der im benachbarten Cambrai ansässig ist, greift er den römischen Heerführer Syagrius an. Der herrscht als selbstständiger Machthaber über ein Gebiet um seine Hauptstadt Soissons (nordöstlich von Paris). Die Verbündeten vertreiben Syagrius aus seinem Reich. Chlodwig fällt der Staatsschatz in die Hände. Und er ist nun Herr über die Waffenschmieden, die die Römer in Soissons errichtet haben. So kann er sich die Treue seiner Männer durch die Verteilung von Geld und Gold sichern und sie mit Schwertern und Schutzpanzern für weitere Feldzüge ausrüsten.

Zu seiner neuen Kapitale erwählt Chlodwig Soissons – und expandiert von hier aus weiter, bis zur Seine zunächst, dann auch bis zur Loire. Die Gelegenheit, sich ein immer größeres Territorium zusammenzuraffen, ist günstig wie nie: Mit der Absetzung des kindlichen Kaisers Romulus hat der Germane Odoaker 476 das Ende des weströmischen Kaisertums besiegelt. Was bleibt, ist der Herrscher über die Osthälfte des Imperiums mit der Kapitale Konstantinopel, der nun als Kaiser des gesamten Reiches gilt – doch sich nicht weiter um die Geschehnisse im fernen Gallien kümmert, wo die Kontrolle durch zentrale Institutionen des Reichs längst erloschen ist. Und es bleibt das Ringen zwischen germanischen Stämmen, die in das Imperium ein gedrungen sind, um Territorien und Macht auf römischem Boden. Während die Vandalen in Nordafrika ein Reich errichtet haben, herrschen die Westgoten, zu denen sich Syagrius nach seiner Niederlage gegen Chlodwig geflüchtet hat, inzwischen nicht nur über Gallien zwischen Loire und Pyrenäen, sondern auch über weite Teile der Iberischen Halbinsel.

Offenbar von der Entwicklung jenseits der Nordgrenze ihres Territoriums und dem Machtzuwachs Chlodwigs überrascht, wollen die Westgoten eine Auseinandersetzung mit dem neuen kriegerischen Nachbarn zu diesem Zeitpunkt vermeiden. Als der junge Frankenkönig ihnen, so berichtet es jedenfalls Gregor von Tours, mit einem Angriff droht, sollten sie Syagrius weiter Schutz gewähren, liefern sie ihm den Römer in Ketten aus. Chlodwig lässt den einstigen Gegner einkerkern und später ohne viel Aufhebens umbringen. Schonungslose Härte – fortan wird er sie immer wieder an den Tag legen gegenüber allen, die er als Rivalen oder Konkurrenten um die Macht begreift.

<div class="no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-childerichs-grab-wir"><figure class="no-tts no-tts aligncenter is-resized">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/342e5f98-9599-4edf-b06a-2fec4e536e47.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">CHILDERICHS Grab wird 1653 entdeckt, der Schatz jedoch später gestohlen. Nur wenige Stücke sind seither wieder aufgetaucht, darunter zwei von zahlreichen Goldbienen wie diese; sie zierten vermutlich den Gurt eines Schwertes</figcaption></figure></div>Die materielle Beute seines Feldzugs teilt er wohl noch 486 in Soissons und vermutlich altem Herkommen nach: Einen erheblichen Teil beansprucht der König für sich, der Rest geht an sein Heer. Obwohl Chlodwig eigentlich kein Anrecht auf bestimmte Beutestücke hat, allein das Los über deren Zuteilung entscheidet, bittet er, so erzählt es Gregor von Tours, um einen besonderen Krug, den seine Krieger aus einer Kirche geraubt haben. Denn der dortige Bischof hat Chlodwig um die Rückgabe des liturgischen Gefäßes ersucht – und der König will es sich offenkundig nicht mit einem geistlichen Würdenträger verscherzen.

Wie in allen einstigen römischen Provinzen sind auch in Gallien die meisten Menschen Anhänger des christlichen Glaubens, aber gerade hier, wo die kaiserliche Verwaltung längst zum Erliegen gekommen ist, bestimmt die Kirche tiefgreifend das Leben der Menschen. In jeder bedeutenden Gemeinde steht den Gläubigen ein Bischof vor, als geistlicher Oberhirte, aber de facto auch als Herr der Stadt samt den dazugehören den Dörfern und Landgebieten. Und es sind überwiegend die Familien der eingesessenen römischen Führungsschicht, die sich die höchsten Kirchenämter untereinander aufteilen. Die meisten der in Soissons anwesenden Krieger, so der Geschichtsschreiber weiter, stimmen Chlodwigs Bitte zu. Einer aber widerspricht vehement und schlägt mit seiner Streitaxt auf den kostbaren Krug ein. Nichts solle der König erhalten, ruft er angeblich, als was das Los ihm rechtens gewährt!

> DAS NEUE ZENTRUM DES REICHS: PARIS

Offenkundig ist die Situation so angespannt, dass Chlodwig diese Demütigung vor seinen Truppen hinnimmt und auf eine augenblickliche Reaktion verzichtet. Er nimmt das ramponierte Gefäß an sich und übergibt es dem Boten des Bischofs. Es ist eine Botschaft voller politischer Weitsicht, die der Chronist dem Frankenherrscher zuschreibt: Chlodwig, selbst Heide, signalisiert mit der Absicht, den Krug der Kirche zurückzugeben, dass die Christen in seinem wachsenden Reich auf seinen Schutz zählen können. Gegenüber dem Mann aber, der ihn bei der Beuteteilung brüskiert hat, kennt er keine Gnade.

Der König schlägt zurück, als er im folgenden Jahr seine Kämpfer zur Heerschau versammelt. In voller Rüstung treten sie vor ihm an. Chlodwig mustert die Reihen, bleibt dann vor dem Krieger stehen, der in Soissons auf das sakrale Gefäß eingehauen hatte. Niemand trage so schlecht gepflegte Waffen wie er, sagt der König dem Mann angeblich, weder Lanze noch Schwert noch Axt seien tauglich. Daraufhin nimmt er ebendiese Axt und wirft sie zu Boden. Und als der Krieger sich ein wenig vorbeugt, um sie aufzuheben, spaltet Chlodwig ihm mit einem mächtigen Schlag seiner eigenen Streitaxt den Schädel – laut Gregor von Tours mit den Worten, so habe es der Mann in Soissons mit dem Krug gemacht. Keiner begehrt auf. Wer diesen König herausfordert, muss mit brutaler Strafe rechnen – für den Chronisten, selbst Bischof, aber nur die gerechte Vergeltung für den begangenen Frevel.

Wenige Jahre später, 491, befindet sich Chlodwig wieder im Krieg, jetzt gegen die Thüringer, deren Einflussbereich sich zu dieser Zeit wohl bis zum Rhein und den dortigen Gebieten fränkischer Kleinkönige erstreckt. Und vermutlich kämpft Chlodwig bald darauf gegen die Burgunder im Südosten Galliens. Er erweist damit einmal mehr seine Schläue und Schlagkraft, die sich mittlerweile bei anderen Herrschern in Europa herumgesprochen haben dürfte. Denn womöglich hat sich der Ostgotenkönig Theoderich, der in Italien gerade mit Odoaker darum kämpft, das römische Kernland unter seine Kontrolle zu bringen, an Chlodwig gewandt: Der Franke möge ihm helfen, indem er das Reich des Burgunderkönigs angreift, der aufseiten Odoakers in Norditalien eingedrungen ist.

> SCHLÄUE UND SCHLAGKRAFT

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-himmel%2C-hilf%3A-nach-c">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/782d9c63-1356-4fe4-9a4d-e4c46c3a2651.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">HIMMEL, HILF: Nach Chlodwigs Schwur, sich taufen zu lassen, so die Legende weiter, wendet sich tatsächlich das Glück auf dem Schlachtfeld. Er besiegt die Alemannen und dehnt sein Reich gen Südosten aus</figcaption></figure>> ER SCHWÖRT DEM TEUFEL AB

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-an-weihnachten-tauft">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/002af19f-615c-47b6-a9d5-99fa509b415b.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">AN WEIHNACHTEN tauft der Bischof von Reims den Merowingerkönig und Männer in dessen Gefolge. Fortan werden sich alle Herrscher des Frankenreichs zum christlichen Glauben bekennen</figcaption></figure>Chlodwig greift daraufhin das beiderseits der Rhône gelegene, im Osten bis in die heutige Schweiz reichende Gebiet der Burgunder an – offenbar mit Erfolg, denn deren Truppen ziehen sich bald aus Italien zurück. Eine neue Machtallianz ist entstanden, Chlodwig, längst schon nicht mehr ein Frankenkönig unter vielen, ist im europäischen Kräftespiel jetzt ein Herrscher auf Augenhöhe. Wohl 493 nimmt Theoderich, nach seinem Sieg über Odoaker nunmehr der einflussreichste Herrscher im Westen Europas, eine Schwester Chlodwigs zur Frau, im Jahr darauf heiratet wiederum Chlodwig die Nichte des noch kurz zuvor mit ihm verfeindeten Burgunderkönigs. Auch das ein kluger Schachzug: Er verschafft sich so wieder Ruhe an der südöstlichen Flanke seines Reiches. Und damit Schlagkraft für sein nächstes Ziel: Aquitanien, das von den Westgoten beherrschte Land jenseits der Loire.

Was genau geschieht, liegt im Dunkel der Geschichte. Doch im Jahr 496, so scheint es, fällt Chlodwig dort ein, dringt bis nach Saintes vor, rund 200 Kilometer südlich der Loire. Dann aber muss er offenbar abrupt abziehen, die schon eroberte Stadt fällt wieder an die Westgoten. Der wahrscheinliche Grund: Die Alemannen, heimisch am Oberrhein und möglicherweise von den Westgoten um Hilfe gebeten, attackieren nun ihrerseits die flussabwärts gelegenen Gebiete der Franken. Westlich des Stromes, der Ort lässt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren – vielleicht ist es Zülpich bei Köln –, kommt es zu einem großen Treffen zwischen beiden Lagern. Es läuft zunächst wohl nicht gut für Chlodwig. Als die Reihen seiner Kämpfer unter den Hieben der anstürmenden Alemannen zu brechen drohen, so berichtet es jedenfalls der fromme Chronist Gregor von Tours, wendet sich Chlodwig unvermittelt an Jesus Christus, fleht den Sohn Gottes um Hilfe an – und verspricht seine Bekehrung zum Christentum, falls dieser ihn aus seiner höchsten Not errette. Tatsächlich erringen die Franken daraufhin den Sieg, die Alemannen unterwerfen sich. Und Chlodwig kann das fränkische Herrschaftsgebiet den Rhein entlang nach Süden ausdehnen.

<div class="no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-childerich%2C-dessen-m"><figure class="no-tts no-tts aligncenter is-resized">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/aaff2141-bfac-4235-8bd1-512c55d390d2.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">CHILDERICH, dessen Macht dieser Stierkopf wohl einst symbolisierte, war einer von mehreren Kleinkönigen. Sein Sohn Chlodwig aber unterwirft alle anderen fränkischen Herrscherfamilien</figcaption></figure></div>Ob es mehr als eine Legende ist, dass Chlodwig auf dem Schlachtfeld die Entscheidung trifft, sich zum christlichen Glauben zu bekennen, bleibt fraglich. Tatsächlich übt wohl seine Frau Chrodechilde, die im Gegensatz zu ihm Christin ist, einen gewissen Einfluss auf ihren Mann aus. Die bald nach der Eheschließung geborenen Söhne werden wie sie katholisch getauft. Chlodwig hätte dies als König ohne Zweifel verhindern können. Doch er tut es nicht – womöglich, um wiederum ein Zeichen an seine zum größten Teil römisch geprägten Untertanen zu senden: Seine Thronerben, die künftigen Herrscher des Frankenreichs, werden christliche Könige sein. Und dann geht Chlodwig, vermutlich von Chrodechilde angetrieben, aber auch von hohen Geistlichen wie Bischof Remigius von Reims, dem einflussreichsten Kirchenführer in Nordgallien, den entscheidenden Schritt weiter: Er lässt sich selbst feierlich taufen.

> CHRISTEN STEHEN UNTER SEINEM SCHUTZ

Reims, am Weihnachtstag 498\*. Farbige Tücher wehen in den Straßen, weiße Vorhänge schmücken die Kirchen. Marmorsäulen künden an manchen Fassaden von den Zeiten, als die Bischofsstadt noch der Hauptort einer römischen Provinz war. Dicht gedrängt wohl säumen Menschen den Weg zur Taufkirche.

Chlodwig, zu dieser Zeit vermutlich Anfang 30, ist eine stattliche Erscheinung, ein Mann von immenser Körperkraft. Mit einem großen Gefolge, von 3000 seiner Kämpfer berichten die Chroniken, zieht der Herrscher durch die Straßen. Ein scharlachroter Umhang mag seine Würde signalisieren, darunter ein eng anliegendes buntes Gewand, die Füße in fellbesetzten Schnürstiefeln. Unterschenkel und Arme aber sind unbedeckt – so ist es üblich unter fränkischen Kriegern, egal welche Witterung herrscht. Die Haare trägt Chlodwig lang, ein Zeichen seiner Königsmacht, Wangen und Kinn sind dagegen wohl glatt rasiert wie bei allen Männern seines Volkes.

Im Baptisterium – auch dieses ist herausgeputzt, zahllose Kerzen erleuchten den von Weihrauchdüften erfüllten Raum – nimmt ihn Remigius in Empfang. Der alte Bischof, so mag man es sich vorstellen, geleitet den König zum Taufbecken, an dem sich vermutlich etliche der Kirchenführer des Reiches versammelt haben. Vor aller Augen wendet sich Chlodwig zunächst gen Westen und schwört dem Teufel ab. Nach Osten gerichtet, spricht er dann das christliche Glaubensbekenntnis gemäß den Lehren der römischen Kirche. Er legt seine kostbaren Gewänder ab und steigt in das Taufbecken.

Dreimal taucht ihn Remigius darin unter, auf dass die Spuren seines bisherigen Heidenlebens abgewaschen werden. Dann beugt Chlodwig sein stolzes Haupt vor dem Kreuz, vor dem Herrscher der Welten, dem dreieinigen Gott der Christen. Remigius salbt ihn mit Chrisam, dem heiligen Öl, und legt dem Bekehrten ein strahlend weißes Taufgewand an, Symbol der neu gewonnenen Reinheit des nunmehr christlichen Königs. Nach Chlodwig werden auch die mit ihm gekommenen Krieger getauft – wiederum ein Zeichen an das gallische Volk: Die neue Herrscherelite samt ihrem Gefolge nimmt den Glauben der Untertanen an.

Mit der Taufe in Reims ist der Pakt zwischen Kirche und König besiegelt. Chlodwig ringt nun als Christ und mit dem Segen der katholischen Kirche weiter um die Macht in Gallien. Denn die Kämpfe der Franken mit den Westgoten und anderen germanischen Reichen wogen in diesen Jahren hin und her. Chlodwig kann vermutlich Bordeaux erobern, tief in westgotischem Gebiet, zieht sich jedoch offenbar bald abermals wieder zurück. Stattdessen mischt er sich in einen Thronstreit im Burgunderreich ein – in dem sich letztlich allerdings die rivalisierende Seite durchsetzt, möglicherweise mit westgotischer Unterstützung.

> KALTBLÜTIG GEGEN KONKURRENZ

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-eigenh%C3%84ndig-erschl%C3%A4g">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/e92db23a-b7af-4a32-a71d-23207fc6d216.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">EIGENHÄNDIG erschlägt Chlodwig angeblich manche Gegenspieler, andere lässt er meucheln. Schließlich gibt es nur noch vier fränkische Thronanwärter: seine eigenen Söhne</figcaption></figure>> RECHT IM REICH

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-gesetze-l%C3%84sst-chlodw">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/bd6a028f-f07a-452c-9632-2e66a58f1ae5.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">GESETZE LÄSST Chlodwig niederschreiben, auf Latein. Die Lex salica offenbart auch den Machtanspruch des Frankenkönigs: In seinem Reich gilt nun ein schriftliches Rechtswerk wie im Imperium der Kaiser von Konstantinopel</figcaption></figure>Um 502 treffen sich Chlodwig und Alarich II., der König der Westgoten, angeblich auf einer Insel in der Loire und vereinbaren Frieden untereinander – wahrscheinlich auf Initiative des Ostgoten Theoderich, der zugleich Chlodwigs Schwager und Alarichs Schwiegervater ist. Und tatsächlich wendet sich der Frankenkönig in eine andere Richtung, erringt wohl 506 einen durchschlagenden Erfolg gegen die Alemannen und erweitert sein Reich nochmals auf deren Kosten.

Längst beobachtet Theoderich mit Argwohn von Italien aus den Machtzuwachs Chlodwigs. Der Ostgotenkönig will den Unruhestifter jenseits der Alpen im Zaum halten, versucht mittels Gesandtschaften, eine neuerliche Eskalation zwischen Franken und Westgoten zu verhindern. Zugleich strebt er ein Bündnis mit dem Burgunderherrscher sowie den Königen der im heutigen Deutschland ansässigen Heruler, Warnen und Thüringer an – für den Fall, dass Chlodwig dennoch den Krieg gegen Alarich wagt und in die Schranken gewiesen werden muss. Doch die Bemühungen Theoderichs bleiben fruchtlos.

Vielmehr überschreitet Chlodwig im Frühjahr 507 erneut die Grenze zum Reich der Westgoten. Die sind auf die Attacke vorbereitet: In der Nähe von Poitiers stellt sich ihre Streitmacht unter König Alarich II. dem fränkischen Invasionsheer in den Weg.

Es wird ein schreckliches Gemetzel, noch Jahrzehnte später berichtet ein Zeitzeuge von Leichenbergen, vermutlich in großen Grabhügeln verscharrt. Mit Chlodwig kämpfen fränkische Verwandte vom Rhein, die dort wohl als Unterkönige herrschen, auf westgotischer Seite sind Galloromanen aus der Auvergne beteiligt. Der Frankenkönig selbst überlebt angeblich nur knapp. Von beiden Seiten treffen ihn Speere, schreibt Gregor von Tours, doch sein Brustpanzer schützt ihn, und er kann sich mit seinem schnellen Pferd in Sicherheit bringen. Gleichwohl gewinnt er die Schlacht. Alarich II. fällt im Kampf, die Westgoten fliehen in Panik – alleingelassen von ihren germanischen Verbündeten.

<div class="no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-pferdek%C3%96pfe-aus-gold"><figure class="no-tts no-tts aligncenter is-resized">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/50dfd916-a6e2-41cd-9935-9b8de4de2d86.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">PFERDEKÖPFE aus Gold, mit Granat eingelegt, fanden sich in Childerichs Grab; sie dienten als Beschläge einer Gürteltasche (die Darstellung folgt Abbildungen, die vor dem Diebstahl vom Grabschatz gefertigt wurden)</figcaption></figure></div>Denn Chlodwig beherrscht inzwischen das diplomatische Spiel virtuos: Die Burgunder hat er, wohl mit der Aussicht auf Gebietsgewinne in der Provence, zum Seitenwechsel überredet, sie treten nun auch selbst in den Krieg gegen die Westgoten ein. Und um die Ostgoten fernzuhalten, hat er rechtzeitig Hilfe vom Kaiser im fernen Konstantinopel, Anastasius, gewinnen können. Während Chlodwig 507 in das Reich der Westgoten einfällt, stehen oströmische Soldaten an der Grenze zu Theoderichs Reich, bedroht zudem eine Flotte des Kaisers die Küsten Süditaliens – sodass der Ostgote nicht mit seinen Truppen nach Gallien eilen kann, um seinem Schwiegersohn Alarich II. beizustehen. Chlodwigs Truppen erobern nach der siegreichen Schlacht Schritt für Schritt fast das gesamte nördlich der Pyrenäen gelegene Territorium der Westgoten, denen lediglich ein Gebiet am Mittelmeer bis zum Unterlauf der Rhône bleibt. Eines fehlt dem Franken nun noch: die formelle Akzeptanz als neuer mächtiger Mann in Gallien durch den Kaiser in Konstantinopel.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-chlodwig-stirbt-am-2">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/9cc5302a-2694-4fb6-a4ec-8577f5f487e7.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">CHLODWIG STIRBT am 27. November 511. Seinen Vater ließ er noch in einem Hügelgrab bestatten – er selbst findet nun, als getaufter Christ, in einer Kirche zu Paris die letzte Ruhe</figcaption></figure>Lange muss Chlodwig nicht warten. Bereits 508 schickt Anastasius eine Gesandtschaft und lässt dem Frankenkönig in Tours, das genau an der Grenze zwischen seinen alten und den neu eroberten Gebieten liegt, die Zeichen höchster Anerkennung überreichen: ein Purpurgewand und ein Diadem. Nach dieser Ehrung erhebt Chlodwig Paris zur neuen Zentrale seines Reiches. Die Stadt an der Seine, bis dato ein unbedeutender Ort, ist günstig gelegen. Chlodwig gelangt von dort auf den alten Römerstraßen relativ schnell zu den eroberten Gebieten im Süden, aber auch an den Rhein und über den Fluss in weitere Winkel seines Reiches, sollte sich an dieser Seite irgendwo Widerstand gegen seine expandierende Herrschaft regen. Kaltblütig und systematisch schaltet er zudem mögliche Konkurrenten im Innern aus.

Laut Gregor von Tours spinnt Chlodwig eine perfide Intrige gegen den in Köln residierenden fränkischen König Sigibert. Er stiftet dessen Sohn, der ihn in der Schlacht bei Poitiers mit Truppen unterstützt hat, an, den eigenen Vater zu erschlagen und selbst den Thron zu besteigen. Nach vollbrachter Tat lässt Chlodwig seinerseits den jungen Mann umbringen, bezichtigt den Toten öffentlich des Vatermordes und beschwört die eigene Unschuld an den Taten; so präsentiert er sich den vormaligen Untertanen Sigiberts als Garant von Recht und Ordnung – und gewinnt schließlich ihre Königswürde.

Auch die fränkischen Kleinkönige im heutigen Belgien und Nordfrankreich, die wie jene am Rhein vermutlich schon länger unter Chlodwigs Oberherrschaft stehen, aber wohl noch immer relativ selbstständig ihre Gebiete regieren, fallen ihm zum Opfer. Einige lässt er von gedungenen Häschern umbringen. König Ragnachar von Cambrai, der einst mit ihm gegen Syagrius gezogen war, erschlägt Chlodwig angeblich sogar eigenhändig mit der Axt – wie damals den unbotmäßigen Krieger in Soissons. Schließlich sind alle Könige neben ihm beseitigt, und die einzigen fränkischen Thronanwärter sind die eigenen Nachkommen, seine inzwischen vier Söhne.

Doch mag der Herrscher selbst blutig das Recht des Stärkeren praktizieren, lügen und betrügen – in seinem Reich sollen doch Recht und Ordnung herrschen. Chlodwig, der das germanische Idiom der Franken spricht und vermutlich auch sehr gut Latein beherrscht, gibt seinem Reich nach dem Vorbild der römischen Kaiser ein einheitliches, schriftlich fixiertes Gesetzbuch: die *Lex salica*(wohl „allgemeines Gesetz“). Das Werk regelt unter anderem Strafen bei Beleidigungen, Körperverletzung und diversen Formen von Diebstahl bis hin zur Zahlung eines sogenannten Wergeldes für die vorsätzliche Tötung eines Menschen. Die Höhe einer solchen Strafzahlung hängt vom sozialen Stand von Opfern und Tätern ab. Wer etwa einen Franken tötet, zahlt deutlich mehr Geld als der Mörder eines Untertanen römischer Abstammung.

Dass sich Chlodwig nicht mit der mündlichen Überlieferung von Stammesregeln zufriedengibt, sondern Juristen mit der lateinischen Niederschrift eines für alle Franken geltenden Rechts beauftragt, ist vermutlich ein Zeichen imperialer Ambition: Nur andere große Könige der Zeit wie der Westgote Alarich II. oder der Burgunder Gundobad lassen ihre Gesetze in solcher Form festhalten – und natürlich der Kaiser in Konstantinopel.

Der Frankenherrscher ist auf dem Höhepunkt seiner Macht und rund 45 Jahre alt, als er im Sommer 511 ein Konzil nach Orléans einberuft. 32 Bischöfe vor allem aus den seit seinem Machtantritt eroberten Teilen des neuen Großreiches reisen an, um Chlodwigs durch die Taufe in Reims geschlossenen Pakt mit der katholischen Kirche zu bestätigen. Es ist wohl das letzte von ihm initiierte Großereignis. Am 27. November 511 stirbt Chlodwig als unumstrittener Herrscher aller Franken (und von zahllosen römisch geprägten Galliern) – woran, schildert keine Quelle. Auf jeden Fall wird er als erster König aus dem Haus der Merowinger in einer Kirche bestattet, einem Gotteshaus in Paris.

Das von ihm erkämpfte Reich aber wird unter seinen Söhnen aufgeteilt. Ein Keim für Zwietracht: Die Erben Chlodwigs und auch deren Nachkommen werden fortan immer wieder erbittert um die Macht ringen. Doch die ideelle Einheit des Reiches stellen sie nie infrage. Und so wird das fränkische Herrschaftsgebiet trotz aller internen Kämpfe weiter wachsen. Seine größte Blüte allerdings wird das Frankenreich erst erleben, als fast zweieinhalb Jahrhunderte nach Chlodwigs Tod eine neue Dynastie endgültig dessen Spitze erobert: 751 lässt sich ein Karolinger zum König erheben – und schickt den letzten Merowinger auf dem Thron, einen fernen Nachfahren des großen Chlodwig, ins Kloster.

##### 2. Radegunde. Wegbereiterin des Glaubens

**Sie kommt ins Frankenreich als Unterworfene und steigt auf zur Königin. Doch nicht weltliche Macht interessiert Radegunde, sondern die Kraft des Göttlichen. Als Gründerin eines Frauenklosters wird sie zur Pionierin – und prägt die fränkische Kultur**

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-radegunde-ist-kaum-z">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/1877735e-a017-42e5-b48a-fa0a8807a606.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">RADEGUNDE IST KAUM zehn Jahre alt, als der Frankenkönig Chlothar sie nach einem Kriegszug aus ihrer thüringischen Heimat verschleppt. Später ehelicht Chlothar, der über eines von mehreren Teilreichen der Merowinger herrscht, seine Kriegsbeute. Doch Radegunde wendet sich radikal dem Glauben zu (hier bei einer Armenspeisung, Buchmalerei, 11. Jahrhundert)</figcaption></figure>DAS HOLZSTÜCK IST UNSCHEINBAR, nur einige Zentimeter groß, und doch wird es dem Nonnenkloster in Poitiers, der Bischofsstadt im Westen des Frankenreichs, einen nie gekannten Glanz verleihen. Würdevoll schreitend tragen Kleriker es im Jahr 569 durch die Stadt, hin zur Abtei. Als sie durch das Portal der Klosterkirche treten, empfängt sie das Licht unzähliger Kerzen, der würzig-süße Duft von Weihrauch.

Dem feierlichen Geschehen wohnt auch eine etwa 50-jährige Frau bei: Radegunde, die Gründerin des Klosters. Ihr ist es gelungen, das hölzerne Bruchstück vom Kaiser in Konstantinopel zu erwerben. Ein gewaltiger Erfolg. Denn es ist angeblich ein Teil des Kreuzes, an dem Jesus Christus starb – und zählt damit zu den bedeutendsten Reliquien der Christenheit. Kaum eine andere Kirche oder Abtei kann mit einem derart prestigeträchtigen Gegenstand aufwarten. Und so ist die Prozession an diesem Tag auch ein Triumphzug für Radegunde.

Sie, die aus der Fremde ins Reich der Franken gekommen und dort zur Königin aufgestiegen ist. Die sich mit der Gründung des Frauenklosters zu Poitiers als visionäre Pionierin erweist. Denn neben den trutzigen Residenzen der fränkischen Herrscher, neben den noch aus römischer Zeit stammenden städtischen Zentren werden es bald die Klöster sein, die Antlitz und Kultur des Frankenreichs prägen. Radegunde hat in dieser entrückten Welt ein neues Leben gefunden – nach einem dunklen Schicksal mit Entführung, Zwang und Flucht. Als der Frankenkönig Chlodwig im Jahr 511 stirbt, teilen dessen Nachkommen sein Großreich unter sich auf und beginnen bald darauf, einander mit Mord und Krieg zu überziehen; gleichzeitig erobern die Merowinger weitere Gebiete für ihre Dynastie.

Radegunde, Tochter und Nichte von Königen der Thüringer (deren Reich sein Zentrum im heutigen Thüringen hat), ist kaum zehn Jahre alt, als zwei von Chlodwigs Söhnen um 530 in das Gebiet eindringen. Nach ihrem Sieg fällt das Thüringerreich an Theuderich, sein Halbbruder Chlothar, der ihm bei der Eroberung geholfen hat, verschleppt die Prinzessin und einen ihrer Brüder in seinen Reichsteil um die Kapitale Soissons nordöstlich von Paris. Knapp zehn Jahre später arrangiert der Merowinger eine Hochzeit mit seiner Kriegsbeute: Er ehelicht Radegunde, möglicherweise, um seine Erbansprüche auf die thüringischen Gebiete zu stärken.

Chlothar gilt als außerordentlich brutal. Statt zu ihm fühlt sich die junge Königin, die im Frankenreich eine christliche Erziehung erhalten hat, mehr zu Gott hingezogen, so berichten es zumindest die legendenhaft überhöhten Lebensbeschreibungen von Radegunde, die bald nach ihrem Tod entstehen. Sie übt sich in Nächstenliebe und Askese, gründet ein Hospital, schenkt Gefangenen die Freiheit – und verbringt die Nächte lieber im Gebet als im Ehebett. Die Verbindung bleibt kinderlos, distanziert, für die Gemahlin wohl zutiefst unbehaglich. Als Chlothar schließlich um 550 Radegundes Bruder als möglichen Konkurrenten um das thüringische Erbe töten lässt, entflieht die Königin ihrem Ehemann.

Sie zieht beim Ort Saix, in einem rund 300 Kilometer südwestlich gelegenen Teil von Chlothars Reich, auf ein Landgut, das der König ihr vermacht hat. Und offenbar verschreibt sich Radegunde nun ganz ihrer religiösen Mission: Bereits auf der Flucht hat sie sich von einem Bischof zur Diakonin weihen lassen. Ihre kostbaren Kleider und Juwelen, Zeichen ihres weltlichen Rangs, legt sie ab und spendet sie. Sie sammelt andere fromme Frauen um sich, gewinnt mächtige Kleriker als Fürsprecher und kann sich schließlich sogar Chlothars Unterstützung sichern. Radegundes Plan: Sie will ein Frauenkloster errichten, eines der ersten in Westeuropa. Im nicht weit entfernten Poitiers.

Wie die zahlreichen anderen Städte im Frankenreich ist auch Poitiers, erst 507 durch die Merowinger von den Westgoten erobert, einst von Vertretern des expandierenden Imperium Romanum gegründet worden, als Stützpunkt römischer Zivilisation und Herrschaft. Die politischen Stürme der vergangenen Jahrhunderte haben diesen Orten allerdings zugesetzt. Amphitheater, Markthallen, Thermenanlagen ragen jetzt oft als Ruinen über Brachflächen oder Äcker. Manche Großbauten werden zu Behausungen umgewandelt, bei anderen brechen Handwerker Steine aus dem alten Mauerwerk, um sie als Baumaterial zu nutzen, etwa für christliche Gotteshäuser. Denn Pracht verbreitet nun vor allem die Kirche. Ihre Bischöfe sind die mächtigsten Männer in den Städten – zusammen mit den hier residierenden Statthaltern der Könige für die jeweilige Gegend. So haben die Orte ihre herrschaftliche und kulturelle Strahlkraft bewahrt.

Poitiers verfügt zudem über eine besondere religiöse Tradition. Wenige Kilometer südlich der Stadt hatte etwa zwei Jahrhunderte zuvor der inzwischen als Heiliger verehrte ehemalige Soldat Martin eine asketische Anhängerschaft angezogen und damit die vermutlich erste christliche Klostergemeinschaft im Westen begründet. Unweit von dessen alter Wirkungsstätte bezieht Radegunde wohl zwischen 555 und 560 ihre neue, eigens errichtete Abtei mit Kapelle, Wohnquartieren und Wirtschaftsgebäuden.

Es ist ein streng geführtes, eigenes Reich, das sie sich hier formt, rigide abgeschirmt von den Versuchungen und Gefahren der Außenwelt. Die Nonnen dürfen das Kloster ihr Leben lang nicht verlassen, Besucher sind nur in Ausnahmen gestattet. Hinter den Mauern versenken sich Dutzende Frauen Tag um Tag in fromme Lektüre, sie beten, schmücken den Altar ihrer Kapelle mit Blumen, fasten regelmäßig. Für sich selbst, so heißt es in ihren Viten, ersinnt Radegunde ständig neue Martern, um dem Gekreuzigten nahe zu sein, sie hungert oder ernährt sich von einer kargen Diät aus Getreide und Wasser, versengt und geißelt ihren Körper.

Das Amt der Äbtissin überlässt sie einer Vertrauten. Als Gründerin und einstige Herrschergattin steht Radegunde dennoch de facto an der Spitze des Klosters. Bittsteller ersuchen sie um Rat oder Fürsprache bei der Königsfamilie. Nach Chlothars Tod 561 versucht sie per Brief in den Machtkampf zwischen ihren Stiefkindern einzugreifen. Und sie schickt Agenten aus, um für ihre Abtei Reliquien zu beschaffen.

> Sie ersinnt ständig neue Martern, um dem Gekreuzigten nahe zu sein, hungert und geißelt ihren Körper

Um 567 reift ein besonders ehrgeiziges Vorhaben: Im fernen Konstantinopel bewahrt der Kaiser gleich mehrere Stücke vom angeblichen Heiligen Kreuz; um eines davon will Radegunde ihn bitten. Von ihrem Stiefsohn Sigibert, zu dessen Herrschaftsgebiet Poitiers inzwischen gehört, erhält sie Empfehlungsschreiben an den kaiserlichen Hof, denn auch für den König wäre der Erwerb ein Prestigegewinn und ein diplomatischer Erfolg. Im Jahr 569 kommen Radegundes Boten tatsächlich mit dem ersehnten Kreuzteilchen zurück.

Dann jedoch ein Rückschlag: Der Bischof von Poitiers weigert sich, die Reliquie mit dem erforderlichen Zeremoniell in die Klosterkirche von Radegundes Abtei zu überführen. Vielleicht weil sich der Kleriker von der königlichen Nonne in den Schatten gestellt sieht. Die Gesandtschaft muss sich vorerst in das nahe Tours zurückziehen. Radegunde wendet sich erneut an Sigibert, und der beauftragt einen Vertreter. So ist es schließlich der Bischof von Tours, der bei Kerzenschein und Weihrauchnebel das Holzfragment in eine Nische im Altar der Abteikirche einfügt. Radegundes Kloster trägt fortan den Namen Sainte-Croix: Heiliges Kreuz. Es ist ihr wahrscheinlich stolzester Tag.

Fast zwei Jahrzehnte bleiben ihr da noch. Als sie im August 587 stirbt, geleiten Kleriker ihren Sarg bis zur Begräbniskapelle außerhalb der Stadtmauern. Die Nonnen dagegen bleiben in der Abtei zurück, so wie es die Ordensregel vorschreibt, die die Verstorbene einst eingeführt hatte. Nur vier Jahre nach Radegundes Tod erhält das fränkische Klosterwesen einen weiteren Schub: Der irische Missionar Columban erreicht den Kontinent. In den rund zwei Jahrzehnten, die er im Frankenreich verbringt, erschafft er eine Bewegung, aus der mehr als 100 neue Klöster hervorgehen werden, unterstützt durch viele einheimische Adelige. Versehen mit reichen Schenkungen, wachsen die Abteien zu bedeutenden Wirtschaftszentren heran, zu Hütern von Kunstschätzen, zu architektonischen Wahrzeichen und Orten höchster Gelehrsamkeit.

Die Nonnen von Sainte-Croix hegen die Kreuzreliquie über die Jahrhunderte, bis heute. Radegunde, die das Wunderding einst nach Poitiers holte, gilt inzwischen als Schutzpatronin der Stadt. Jahr für Jahr kommen Pilger und beten an ihrem schlichten, schwarzen Marmorsarkophag. Und so ist es längst auch sie selbst, die dem Ort heiligen Glanz verleiht.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-radegunde-bei-ihrer-">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/07/451cfcc6-8d51-4f2f-893b-6821df8a7ddc.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">RADEGUNDE BEI IHRER Hochzeit mit Chlothar (oben links). Mehr Zeit indes als mit ihrem Mann verbringt sie allein im Gebet (oben rechts), ruft selbst in den Nächten lieber den Schöpfer an, als bei ihrem Gemahl im Ehebett zu liegen (unten). Die Verbindung bleibt kinderlos, distanziert. Um 550 nutzt Radegunde eine Gelegenheit, um Chlothar zu entfliehen</figcaption></figure>##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

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**Sekundärliteratur**

-&gt; Klüver, Reymer: Chlodwig. Der dunkle Held, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 134), Hamburg 2025, S. 46-66.

-&gt; Muche, Svenja: Radegunde. Wegbereiterin des Glaubens, in: Die Franken. Grossmacht des Mittelalters (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 134), Hamburg 2025, S. 80-83.

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# Karolinger



# Wikinger

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Wikinger am Mittelrhein

##### 1. Wikinger am Mittelrhein

**Einleitung**

Als im Jah­re 793 skan­di­na­vi­sche See­räu­ber die nord­eng­li­sche Klos­ter­in­sel Lin­dis­far­ne über­fie­len, mar­kier­te die­ses Er­eig­nis nicht nur den An­fang ei­ner Se­rie von Raub­über­fäl­len in Eu­ro­pa, son­dern auch den Be­ginn ei­ner neu­en Epo­che. Nicht nur die Küs­ten Eng­lands und des Fran­ken­reichs wur­den von der „Gei­ßel der Chris­ten­heit“ heim­ge­sucht, mit ih­ren schnel­len, hoch­see­tüch­ti­gen Schif­fen be­fuh­ren die skan­di­na­vi­schen Pi­ra­ten bei­na­he al­le grö­ße­ren Ge­wäs­ser der nörd­li­chen Halb­ku­gel. In­ner­halb von gut 250 Jah­ren er­ober­ten sie gan­ze Land­stri­che und er­rich­te­ten neue Rei­che (Ca­pel­le 1986, S. 1).

Auch an Rhein und Mo­sel lern­ten die Men­schen die Wi­kin­ger vor al­lem als Krie­ger ken­nen. Der weit­aus grö­ße­re Teil der skan­di­na­vi­schen Be­völ­ke­rung leb­te und ar­bei­te­te je­doch als Bau­ern, Hand­wer­ker, Fi­scher oder Händ­ler. Die hei­mi­schen Kern­ge­bie­te bil­de­ten wei­te Tei­le der heu­ti­gen Kö­nig­rei­che Dä­ne­mark, Schwe­den und Nor­we­gen. Von die­sen Sied­lungs­ge­bie­ten aus nah­men die Wi­kin­ger­zü­ge ih­ren Aus­gang. Die meis­ten der nor­di­schen Räu­ber, die En­de des 9. Jahr­hun­derts die Or­te am Mit­tel­rhein an­grif­fen, wa­ren Dä­nen oder ka­men aus Ge­gen­den Süd­skan­di­na­vi­ens, die un­ter dä­ni­scher Ober­herr­schaft stan­den (Sa­wy­er 2002, S. 134).

**1. Die Wikinger an Rhein und Mosel**

Auch wenn es kaum ar­chäo­lo­gi­sche Fun­de gibt, die auf ei­ne re­ge Tä­tig­keit der Wi­kin­ger an Rhein und Mo­sel hin­wei­sen, so be­le­gen doch ei­ni­ge zeit­ge­nös­si­sche Quel­len, dass die nor­di­schen Pi­ra­ten die­se Re­gi­on un­si­cher mach­ten und grö­ße­re Han­dels­plät­ze wie [Bonn](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11f467f2030.53547864 "Bonn"), An­der­nach, [Ko­blenz](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11fd00472a0.61506310 "Koblenz") und Trier über­ra­schend an­grif­fen und mit rei­cher Beu­te wei­ter zo­gen.

Be­reits seit Mit­te der 830er Jah­re wa­ren die Wi­kin­ger über den Rhein bis ins Fran­ken­reich vor­ge­drun­gen, wo sie wich­ti­ge Han­dels­plät­ze über­fie­len. Do­re­stad in den heu­ti­gen Nie­der­lan­den wur­de bis zur Mit­te des Jahr­hun­derts min­des­tens sechs Mal ge­plün­dert und bei ei­nem er­neu­ten Über­fall im Jahr 863 kom­plett zer­stört. 845 wur­de Pa­ris ver­wüs­tet und von den Wi­kin­gern das ers­te so ge­nann­te Da­ne­geld in Hö­he von 7.000 Pfund Sil­ber er­ho­ben; bis 926 gab es im Fran­ken­reich ins­ge­samt min­des­tens 13 sol­cher „Schutz­geld­er­pres­sun­gen“ (Ca­pel­le 1986, S. 88).

Doch erst seit den 880er Jah­ren – und da­mit eher spät – such­ten die Wi­kin­ger grö­ße­re Han­dels­plät­ze an Mit­tel­rhein und Mo­sel heim. Dies war je­doch kein Zu­fall, son­dern ei­ne Fol­ge der zu­neh­men­den Er­fol­ge Kö­nig Al­freds des Gro­ßen (Re­gie­rungs­zeit 871-899) ge­gen das so ge­nann­te Gro­ße Wi­kin­ger­heer in Eng­land, der den Wi­kin­gern 878 bei Eding­ton (Wiltshire) ei­ne emp­find­li­che Nie­der­la­ge zu­ge­fügt hat­te.

Da die Wi­kin­ger häu­fig die di­rek­te Kon­fron­ta­ti­on mit ei­nem star­ken Geg­ner scheu­ten, zo­gen sie sich zu­nächst aus Eng­land zu­rück. Als her­vor­ra­gend ge­eig­net für neue Beu­te­zü­ge er­wies sich das Fran­ken­reich, denn der Zer­fall des Gro­ßen Hee­res nach dem ge­schei­ter­ten Ver­such der Er­obe­rung von Wes­sex fiel zeit­lich mit neu­er­li­chen Nach­fol­ge­strei­tig­kei­ten im Fran­ken­reich zu­sam­men. Ge­teilt und durch po­li­ti­sche Wir­ren er­schüt­tert, war für die Wi­kin­ger hier nicht mit ei­ner ef­fek­tiv or­ga­ni­sier­ten Ge­gen­wehr zu rech­nen.

Die in­ter­nen Kon­flik­te, die zu den Tei­lun­gen des frän­ki­schen Rei­ches führ­ten, hat­ten ernst­haf­te Fol­gen für die Ver­tei­di­gung ge­gen Ein­dring­lin­ge von au­ßen. Zwar hat­ten Karl der Gro­ße (Re­gie­rungs­zeit 786/771-814) und Lud­wig der From­me (Re­gie­rungs­zeit 814-840) durch die Er­rich­tung von Be­fes­ti­gungs­an­la­gen die Küs­ten zu si­chern ver­sucht, aber spä­tes­tens nach dem Aus­bruch der Kon­flik­te zwi­schen Lud­wig dem From­men und sei­nen Söh­nen im Jahr 830 brach die­se Ver­tei­di­gung zu­sam­men (Ca­pel­le 1986, S. 89). Die po­li­ti­sche Schwä­che des Fran­ken­reichs, ins­be­son­de­re nach dem To­de Lud­wigs im Jahr 840 und der an­schlie­ßen­den Tei­lung des Reichs im Ver­trag von Ver­dun 843, schuf ei­ne güns­ti­ge Vor­aus­set­zung für die Wi­kin­ger. Karl der Kah­le (Re­gie­rungs­zeit 843-877) er­hielt den Wes­ten des frän­ki­schen Reichs, Lud­wig der Deut­sche (Re­gie­rungs­zeit 840-876) den Os­ten, Lo­thar I. (Re­gie­rungs­zeit 843-855) si­cher­te sich das Mit­tel­reich, zu dem auch der Mit­tel­rhein ge­hör­te. Da­mit wa­ren die Kon­flik­te al­ler­dings nicht be­en­det. Die Brü­der und ih­re Nach­kom­men be­kämpf­ten sich wei­ter­hin, was im­mer neue Reichs­tei­lun­gen zur Fol­ge hat­te. Mit dem Ver­trag von Meer­sen 870 fiel der öst­li­che Teil des Mit­tel­reichs – und da­mit die Ge­gend um Ko­blenz und Trier – an das Ost­fran­ken­reich Lud­wigs des Deut­schen (An­ton/Ha­ver­kamp 1996, S. 76).

Die Be­völ­ke­rung am Rhein wird den Wi­kin­gern weit­ge­hend wehr­los aus­ge­lie­fert ge­we­sen sein, da die­se meist schnell und über­ra­schend an­grif­fen, ob­wohl sie auf dem Rhein und der Mo­sel von den Ufern her we­sent­lich ge­fähr­de­ter und leich­ter an­greif­bar wa­ren als an den Küs­ten. Wa­ren die Maß­nah­men der frän­ki­schen Kö­ni­ge zur Ab­wehr der Wi­kin­ger, wie zum Bei­spiel die Er­rich­tung ei­ner Flot­te zum Küs­ten­schutz, die In­stand­set­zung ehe­ma­li­ger rö­mi­scher Stadt­be­fes­ti­gun­gen, die christ­li­che Mis­si­on oder auch die Über­las­sung von Küs­ten­ge­bie­ten an Wi­kin­ger oder de­ren An­heue­rung als Söld­ner nicht son­der­lich wirk­sam, so gibt es kei­ner­lei An­zei­chen da­für, dass die Be­woh­ner an Rhein und Mo­sel ir­gend­wel­che prä­ven­ti­ven Maß­nah­men ge­gen die Wi­kin­ger er­grif­fen hät­ten (Eick­hoff 2004, S. 56). Auch von Sei­ten der je­wei­li­gen Herr­scher scheint es in die­sem Raum kei­ne ko­or­di­nier­ten und sys­te­ma­ti­schen Vor­be­rei­tun­gen auf even­tu­el­le Wi­kin­ger­at­ta­cken ge­ge­ben zu ha­ben.

Mög­li­cher­wei­se wur­den, wie in Mainz, die vor­han­de­nen Be­fes­ti­gungs­an­la­gen beim Her­an­rü­cken ei­ner Schar Wi­kin­ger ei­lig in Stand ge­setzt oder ver­stärkt, an­sons­ten scheint der ein­fa­chen Be­völ­ke­rung eben­so wie Mön­chen und Kle­ri­kern aber nur die ei­li­ge Flucht ins Hin­ter­land oder der di­rek­te Kampf ge­blie­ben zu sein. Wie groß die Schar der Plün­de­rer am Mit­tel­rhein war, lässt sich nicht ge­nau re­kon­stru­ie­ren, nor­ma­ler­wei­se ope­rier­ten die Wi­kin­ger bei ih­ren Blitz­über­fäl­len aber in klei­ne­ren Grup­pen, die eher Hun­der­te denn Tau­sen­de zähl­ten. Die Not­wen­dig­keit ei­ner aus­rei­chen­den Ver­sor­gung war ein ent­schei­den­der Fak­tor bei der Be­gren­zung der zah­len­mä­ßi­gen Stär­ke (Sa­wy­er 2002, S. 141).

Zwi­schen 879 und 891 wa­ren meh­re­re Wi­kin­ger­hee­re, die ih­re Kräf­te ge­le­gent­lich bün­del­ten, auf dem Fest­land ak­tiv. Zu­erst kon­zen­trier­ten sie sich auf das Ge­biet nörd­lich der Sei­ne ein­schlie­ß­lich Flan­derns. Im No­vem­ber 881 setz­ten sich zwei dä­ni­sche An­füh­rer, Go­de­frid und Sig­frid, mit ih­rem Ge­fol­ge in Els­loo an der Maas fest, wo sie nörd­lich von Ro­er­mond ge­schützt den Win­ter ver­brin­gen und von hier aus auf Raub­zü­ge ge­hen konn­ten. Zu­erst ver­wüs­te­ten sie die Or­te in der Nach­bar­schaft und brand­schat­zen Lüt­tich, Maas­tricht und Ton­gern (Re­gi­no von Prüm, Chro­nik, ad a. 881). En­de 881 zo­gen sie dann rhein­auf­wärts in Rich­tung Jü­lich, Neuss, [Köln](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd5d2f2acc68.36305193 "Köln"), Zül­pich und Bonn. Mit Bonn er­reich­ten sie das Tor zum Mit­tel­rhein.

2\. Bonn

In Bonn wa­ren zur Zeit der Wi­kin­ge­r­an­grif­fe nur noch die Süd­west­e­cke des ehe­ma­li­gen Rö­mer­la­gers un­weit der spät­an­ti­ken Diet­kir­che und die Um­ge­bung der Mär­ty­rer­kir­che Cas­si­us und Flo­ren­ti­us be­sie­delt. Zu die­ser „vil­la ba­si­li­ca“ um die Stifts­kir­che ge­hör­te auch der so­ge­nann­te „vi­cus“, ei­ne klei­ne Händ­ler­sied­lung, die beim An­griff 882 schwer be­schä­digt wor­den sein dürf­te (En­nen/Höroldt 1976, S. 30). Zwar be­rich­ten die Ful­da­er An­na­len, die Städ­te Köln und Bonn sei­en mit ih­ren Kir­chen und Ge­bäu­den wäh­rend des ver­hee­ren­den Über­falls 882 in Flam­men auf­ge­gan­gen, es gibt je­doch we­der in Köln noch in Bonn ar­chäo­lo­gi­sche Hin­wei­se auf ei­ne der­art um­fas­sen­de Zer­stö­rung. Bei den Aus­gra­bun­gen am Bon­ner Müns­ter wur­de über den ka­ro­lin­gi­schen Bö­den kein Brand­schutt ge­fun­den (Päff­gen 2004, S. 102). Dar­aus lässt sich schlie­ßen, dass die Kir­che 882 nicht ab­ge­brannt ist. Laut dem Prü­mer Chro­nis­ten [Re­gi­no](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd1cd8452925.39773680 "Regino von Prüm") ge­lang vie­len Kle­ri­kern die Flucht nach Mainz, wo sie ei­nen gro­ßen Teil der Kir­chen­schät­ze und Hei­li­gen­re­li­qui­en in Si­cher­heit brin­gen konn­ten.

Ne­ben der [Aa­che­ner](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11ee6c78f89.85456777 "Aachen") Pfalz über­fie­len die Wi­kin­ger an­schlie­ßend auch die Klös­ter Kor­ne­li­müns­ter, [Sta­blo und Malme­dy](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57a2f186da4be6.33005033 "Reichsabtei und Fürstentum Stavelot-Malmedy"). Be­son­ders hart dürf­te die geist­li­chen Chro­nis­ten ge­trof­fen ha­ben, dass die Wi­kin­ger bei ih­ren Raub­zü­gen auch vor Kir­chen und Klös­tern nicht halt mach­ten. So er­wies sich die Nach­richt, die bar­ba­ri­schen Hei­den aus dem Nor­den hät­ten die ehr­wür­di­ge Aa­che­ner Pfalz­ka­pel­le Karls des Gro­ßen als Pfer­de­stall be­nutzt, als be­son­ders de­mü­ti­gend für die Fran­ken (Krau­se 2006, S. 97).

3\. Prüm

Im Rhein­land be­wie­sen die Wi­kin­ger, dass sie nicht auf ih­re Schif­fe an­ge­wie­sen wa­ren. Zu Pfer­de, die auf den Schif­fen mit­ge­führt wer­den konn­ten, nut­zen sie die al­ten Rö­mer­stra­ßen, um die Ei­fel und die Ar­den­nen zu über­win­den. Den Wi­kin­ger­plün­de­run­gen der Jah­re 881/882 fie­len so nicht nur die Re­si­den­zen in Köln und Aa­chen zum Op­fer, son­dern auch die Sankt Sal­va­tor-Ab­tei [Prüm](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d1196426e1a0.41537212 "Reichsabtei und Fürstentum Prüm") in der Ei­fel.

Was die­sem be­deu­ten­den Klos­ter ge­schah, schil­dert der Mönch und spä­te­re Abt Re­gi­no in sei­ner Chro­nik (Re­gi­no, Chro­nik, ad a. 882):

*Sie dran­gen auf ei­nem Streif­zug durch die Ar­den­nen am Tag der Er­schei­nung des Herrn, al­so am 6. Ja­nu­ar, in das Klos­ter ein, in dem sie sich drei Ta­ge auf­hiel­ten und die gan­ze Ge­gend aus­plün­der­ten. Dar­auf­hin sam­mel­te sich viel Fu­ß­volk von den Äckern und Land­gü­tern und rück­te ge­gen die Nord­män­ner vor. Aber die­se be­herz­ten Män­ner hat­ten of­fen­sicht­lich kei­ne Krie­ger un­ter sich; sie wa­ren kampf­un­ge­wohn­te Bau­ern. Dem­entspre­chend be­rei­te­ten sie den Wi­kin­gern kei­ne Pro­ble­me. Denn als die­se ih­re man­geln­de Be­waff­nung und die feh­len­de mi­li­tä­ri­sche Dis­zi­plin wahr­nah­men, fie­len sie mit Ge­schrei über sie her. Und sie met­zel­ten die Fran­ken der­art nie­der, dass un­ver­nünf­ti­ges Vieh und nicht Men­schen ge­schlach­tet zu wer­den schie­nen. Da­nach kehr­ten sie mit rei­cher Beu­te be­la­den ins La­ger zu­rück. Als sie das Klos­ter ver­lie­ßen, soll kein Mensch mehr ge­lebt ha­ben, der die ge­leg­ten Feu­er lö­schen konn­te. So brann­te das Klos­ter Prüm nie­der.*

**4. Andernach und Koblenz**

Nach dem Mas­sa­ker an der sich zur Wehr set­zen­den Prü­mer Be­völ­ke­rung zo­gen die Wi­kin­ger wei­ter gen Sü­den. Ein von dem schwer er­krank­ten Lud­wig den Jün­ge­ren (Re­gie­rungs­zeit 876-882) auf­ge­stell­tes Heer hat­te sich nach des­sen Tod am 20.1.882 kampf­los wie­der zu­rück ge­zo­gen. In Er­war­tung ei­nes An­griffs wur­den da­her die rö­mi­schen Stadt­mau­ern von Mainz ei­lig in Stand ge­setzt; die mitt­ler­wei­le bis nach An­der­nach und Ko­blenz vor­ge­drun­ge­nen Skan­di­na­vi­er wi­chen je­doch auf die Mo­sel aus und zo­gen in Rich­tung Trier (Hei­nen/An­ton 2003, S. 273).

**4.1 Andernach**

An­der­nach ging erst ver­hält­nis­mä­ßig spät in den Be­sitz der Fran­ken über, die hier ei­nen [Kö­nigs­hof](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/K#term-788) er­rich­te­ten, der von den me­ro­win­gi­schen Kö­ni­gen häu­fig be­sucht wur­de. Auch in ka­ro­lin­gi­scher Zeit be­hielt An­der­nach als kö­nig­li­ches Fis­kal­gut und Grenz­stadt sei­ne wirt­schaft­li­che und mi­li­tä­risch-stra­te­gi­sche Be­deu­tung (Flach 1988, S. 44). Ähn­lich wie in Ko­blenz und Mainz schei­nen auch in An­der­nach die Mau­ern des ehe­ma­li­gen rö­mi­schen Kas­tells den Vor­stoß der Wi­kin­ger ver­hin­dert zu ha­ben. Nach dem Über­fall 882 wird je­doch die Vor­stadt­sied­lung, die wäh­rend des An­griffs mit ih­ren von Hand­wer­kern, Kauf­leu­ten und Fi­schern be­sie­del­ten klei­ne­ren Häu­sern wohl stark in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen wor­den war, auf­ge­ge­ben wor­den sein (Krü­ger 1988, S. 87). Wirt­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen auf das Fis­kal­gut sind al­ler­dings aus­zu­schlie­ßen, denn be­reits im Jah­re 885 war die Wirt­schafts­ver­wal­tung des An­der­nach­er [Fis­kus](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/F#term-155) wie­der her­ge­stellt.

**4.2 Koblenz**

In Ko­blenz scheint die ehe­ma­li­ge rö­mi­sche Be­fes­ti­gung mit ei­ner star­ken Mau­er und 19 mäch­ti­gen Rund­tür­men in ei­nem gu­ten Zu­stand ge­we­sen zu sein und leis­te­te ent­spre­chen­den Dienst bei der Ab­wehr der Wi­kin­ger. Vor den Mau­ern des ehe­ma­li­gen Kas­tells hat­ten sich Bau­ern und Ge­wer­be­trei­ben­de an­ge­sie­delt, de­ren Häu­ser eben­so wie die Ba­si­li­ka St. Kas­tor bei dem An­griff der Wi­kin­ger 882 im Ge­gen­satz zu den hin­ter den Mau­ern lie­gen­den Ge­bäu­den mög­li­cher­wei­se in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen wur­den (Flach 1988, S. 80).

**5. Trier**

Nach­dem die Wi­kin­ger die Mo­sel ent­lang ge­zo­gen wa­ren, er­reich­ten sie Trier. Hier über­fie­len sie zu­nächst in der Kar­wo­che die ex­tra mu­ros ge­le­ge­nen Kir­chen und Ge­höf­te. Die Stadt selbst wur­de nach dem Be­richt Re­gi­nos von Prüm an Grün­don­ners­tag (5. April) ein­ge­nom­men und ta­ge­lang aus­ge­plün­dert. Nach Re­gi­no gab es zahl­rei­che Op­fer un­ter der Be­völ­ke­rung; al­ler­dings ge­lang Erz­bi­schof Bert­hold von Trier mit we­ni­gen Ge­folgs­leu­ten die Flucht. Wie groß die Zer­stö­run­gen tat­säch­lich wa­ren, ist nur an­nä­hernd zu er­mit­teln. Nach­ge­wie­sen sind an­ders als in Bonn Be­schä­di­gun­gen im Dom­be­reich (Brand­schich­ten über den ka­ro­lin­gi­schen Es­tri­chen der Ka­the­dra­le, Hu­bert/Ha­ver­kamp 1996, S. 125). Fer­ner wa­ren die Klös­ter St. Ma­xi­min, St. Eu­cha­ri­us, St. Mar­tin und St. Sym­pho­ri­an nörd­lich der an­ti­ken Stadt­mau­er be­trof­fen, wo­bei letz­te­res nicht wie­der auf­ge­baut wur­de. Hin­ge­gen be­rich­tet Re­gi­no, dass das Klos­ter St. Pau­lin von den Nord­män­nern nicht ein­ge­nom­men wer­den konn­te. Aber nicht nur die Klös­ter, auch de­ren Bi­blio­the­ken und Ar­chi­ve fie­len den Über­fäl­len zum Op­fer. Was nicht in Si­cher­heit ge­bracht wer­den konn­te, ver­brann­te. Mit der Zer­stö­rung der Stadt durch die Wi­kin­ger sind we­sent­li­che an­ti­ke Struk­tu­ren des städ­ti­schen Sied­lungs­ge­fü­ges un­ter­ge­gan­gen und der Über­fall be­deu­te­te ei­nen tie­fen Ein­schnitt in der früh­mit­tel­al­ter­li­chen Ge­schich­te der Stadt (Cle­mens 2001, S. 70).

**6. Die Schlacht bei Remich**

Nach der Ver­wüs­tung Triers zo­gen die Wi­kin­ger die Mo­sel fluss­auf­wärts Rich­tung Metz. Bei Re­mich kam es zum Kampf zwi­schen den Ein­dring­lin­gen und ei­nem mo­sel­la­ni­schen Auf­ge­bot un­ter der Füh­rung des Met­zer Bi­schofs Wa­la (Epis­ko­pat 876-882), un­ter­stützt von sei­nem Trie­rer Amts­bru­der und Graf Adal­hard von Metz (um 840/845-889/890). Die Wi­kin­ger sieg­ten, Wa­la fiel in der Schlacht, Bert­hold und Graf Adal­hard ge­lang noch ein­mal die Flucht. Den­noch zo­gen sich die Wi­kin­ger an­schlie­ßend – wohl auf­grund des zu­neh­men­den Wi­der­stan­des – aus der Re­gi­on zu­rück und kehr­ten mit rei­cher Beu­te zu ih­rem La­ger nach Els­loo zu­rück (Re­gi­no von Prüm, Chro­nik, ad a. 882).

Ein wei­te­rer Grund für den Rück­zug der Wi­kin­ger aus dem Rhein-Mo­sel-Raum mag auch die Rück­kehr des am 12.2.882 in Rom zum Kai­ser ge­krön­ten Karls III. (der Di­cke, Re­gie­rungs­zeit Ost­fran­ken­reich: 876-887, West­fran­ken­reich: 884-888) ge­we­sen sein. Nach dem [Reichs­tag](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/R#term-476) von Worms im Mai 882 zog die­ser mit ei­nem star­ken Hee­res­auf­ge­bot vor das nor­man­ni­sche La­ger in Els­loo, ver­zich­te­te je­doch auf mi­li­tä­ri­sche Ak­tio­nen und nahm nach zwölf Ta­gen Be­la­ge­rung Ver­hand­lun­gen mit den Wi­kin­gern auf. Das Er­geb­nis war ein mit Kir­chen­gut er­kauf­ter Ab­zug, bei dem Go­de­frid un­ter der Be­din­gung, dass er sich tau­fen las­se, Fries­land als Le­hen über­tra­gen wur­de. Sig­frid und die in Els­loo zu­rück ge­blie­be­nen Wi­kin­ger wur­den zu­nächst durch rei­che Zah­lun­gen von wei­te­ren Raub­über­fäl­len ab­ge­hal­ten (Run­de 2003, S. 229).

Der Frie­de währ­te je­doch nur ein hal­bes Jahr. Wäh­rend Karl der Di­cke nach Ita­li­en zog, ver­wüs­te­ten die Wi­kin­ger im No­vem­ber 882 die nie­der­län­di­sche Re­gi­on Deven­ter. Da Go­de­frid zu­dem in dem ein­zi­gen Sohn Lo­thars II., Hu­go, aus sei­ner nicht an­er­kann­ten Ver­bin­dung mit Wald­ra­da, ei­nen Bünd­nis­part­ner ge­fun­den und des­sen Schwes­ter Gi­se­la ge­hei­ra­tet hat­te, konn­ten 883 aus Dä­ne­mark nach­ge­rück­te Trup­pen die Plün­der­zü­ge, wie es in den An­na­les Ful­den­ses hei­ßt „mit Be­stim­mung Go­de­fri­ds“ er­neut rhein­auf­wärts aus­deh­nen.

Be­son­ders be­trof­fen war dies­mal der Xan­te­ner Raum. Nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter rhein­auf­wärts in [Duis­burg](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57a1bb8b86e3d8.75533467 "Duisburg") schlu­gen die Wi­kin­ger ihr La­ger auf. Dass die Wi­kin­ger die­ses Mal nicht den Rhein hin­ab bis an den Mit­tel­rhein vor­stie­ßen, lag ein­zig dar­an, dass ih­nen der Main­zer Erz­bi­schof Li­ut­bert (Epis­ko­pat 863-889) und Graf Hein­rich von Ba­ben­berg (vor 860-886) ent­ge­gen­tra­ten. Der Nie­der­rhein nörd­lich der Ruhr konn­te erst im Früh­jahr 884 auf­at­men, als es Hein­rich ge­lang, Duis­burg zu­rück zu er­obern und den Nie­der­rhein von den Wi­kin­gern frei­zu­kau­fen (Re­gi­no von Prüm, Chro­nik, ad a. 884). Da Go­de­frid je­doch zu­sam­men mit sei­nem Schwa­ger Hu­go im Früh­jahr 885 die Über­ga­be von Sin­zig, An­der­nach, Ko­blenz und an­de­rer wein­tra­gen­der Gü­ter for­der­te, ent­schloss sich Karl der Di­cke, ge­gen den Skan­di­na­vi­er vor­zu­ge­hen. Er ließ Go­de­frid und Hu­go durch Graf Hein­rich in ei­ne Fal­le lo­cken. Der Wi­kin­ger und sei­ne Ge­folgs­leu­te wur­den ge­tö­tet, Hu­go ge­fan­gen ge­nom­men und ge­blen­det (Boy­er 1994, S. 147). In den nächs­ten Jah­ren blie­ben die Wi­kin­ger­über­fäl­le am Rhein aus.

**7. Der Wikingereinfall des Jahres 892**

Nach zehn Jah­ren der Ru­he wur­den Rhein und Mo­sel im Jahr 892 er­neut von den Wi­kin­gern heim­ge­sucht. Hin­ter­grund war, dass der ost­frän­ki­sche Herr­scher Ar­nulf von Kärn­ten (Re­gie­rungs­zeit 887-899) den Wi­kin­gern in der Schlacht von Lö­wen an der Dyle (Bel­gi­en) 891 ei­ne emp­find­li­che Nie­der­la­ge be­rei­tet hat­te, die sie er­neut da­zu zwang, ins Rhein­land aus­zu­wei­chen. Im Fe­bru­ar 892 zog da­her noch ein­mal ein Heer ent­lang der Mo­sel über Trier, das er­neut ge­plün­dert wur­de, bis nach Bonn. Bei Lan­nes­dorf trat ih­nen ein Auf­ge­bot der ört­li­chen Be­völ­ke­rung ent­ge­gen. Die­ses Mal schei­nen sich die Wi­kin­ger ih­rer Schlag­kraft je­doch nicht si­cher ge­we­sen zu sein, denn sie scheu­ten den Kampf und zo­gen im Eil­marsch er­neut durch die Ei­fel bis zum Klos­ter Prüm. Wie zehn Jah­re zu­vor plün­der­ten sie es, tö­te­ten und ver­schlepp­ten zahl­rei­che Men­schen, nur der Abt des Klos­ters und ei­ni­ge Mön­che konn­ten flie­hen (Re­gi­no von Prüm, Chro­nik, ad a. 892).

Der Sieg Ar­nulfs von Kärn­ten bei Lö­wen 891 hat­te je­doch ei­ne Wen­de mar­kiert: Die gro­ße Zeit der Wi­kin­ger­hee­re auf dem Fest­land und da­mit auch im Rhein­land war vor­bei. Die frän­ki­schen Herr­scher zeig­ten mehr Wi­der­stand ge­gen die nor­di­schen Ein­dring­lin­ge, zu­dem ver­mel­den die zeit­ge­nös­si­schen Chro­ni­ken ei­ne Hun­gers­not. Für die Wi­kin­ger be­deu­te­te dies, dass we­ni­ger Beu­te mit grö­ße­rem Ri­si­ko ver­bun­den war. Des­halb zo­gen sich die meis­ten Wi­kin­ger­trupps aus dem Rhein­land nach Eng­land ins so ge­nann­te Da­nelag, ein dä­nisch be­sie­del­tes Ge­biet, zu­rück. Auch nach 900 ver­such­ten die Wi­kin­ger Raub­zü­ge zu un­ter­neh­men, aber ins­ge­samt blie­ben dies ver­ein­zel­te Ak­tio­nen, die die Nord­leu­te nicht mehr an Rhein und Mo­sel füh­ren soll­ten.

**8. Die Wikinger als Händler**

In den zeit­ge­nös­si­schen, meist aus Sicht von Geist­li­chen ver­fass­ten Quel­len, wer­den die Wi­kin­ger als er­bit­ter­te Fein­de des Chris­ten­tums, blut­rüns­ti­ge Räu­ber und „Gei­ßel Got­tes“ dar­ge­stellt. Tat­säch­lich wa­ren häu­fig Klös­ter und Kir­chen von den Plün­de­run­gen be­trof­fen, da sich hier auf re­la­tiv un­ge­schütz­tem Raum Reich­tü­mer be­fan­den und Lö­se­gel­der für Bi­schö­fe und Äb­te sehr hoch aus­fal­len konn­ten, was das Bild der Wi­kin­ger bis heu­te ma­ß­geb­lich be­ein­flusst. Gleich­wohl wa­ren die Wi­kin­ger der mit­tel­al­ter­li­chen Welt aber nicht nur als Pi­ra­ten be­kannt, son­dern auch als fried­li­che Händ­ler.

Die Rei­sen der Wi­kin­ger nach Os­ten und Wes­ten lie­ßen Skan­di­na­vi­en zu ei­nem Teil des weit ver­zweig­ten Fern­han­dels­net­zes wer­den, das ne­ben dem Mit­tel­meer­raum und Tei­len Asi­ens auch den Mit­tel­rhein und die Mo­sel um­fass­te. Der sai­son­wei­se be­trie­be­ne Han­del ver­lief auf mehr oder we­ni­ger fest­ste­hen­den Rou­ten über die gro­ßen eu­ro­päi­schen Flüs­se so­wie die Küs­ten­be­rei­che von Nord- und Ost­see (Duis­burg und die Wi­kin­ger, 1983, S. 6).

In­ner­halb des Frän­ki­schen Rei­ches ge­hör­ten die Rhein­lan­de zu den be­deu­tends­ten Han­dels­zen­tren und so be­stan­den auch mit den Or­ten am Mit­tel­rhein weit ver­zweig­te Han­dels­be­zie­hun­gen.

Han­dels­plät­ze wie Bonn oder Ko­blenz ge­hör­ten wie Kau­pang in Nor­we­gen, Bir­ka in Schwe­den, Ri­be und Hait­ha­bu in Dä­ne­mark, Quen­to­wic in Frank­reich, York und Lon­don in Eng­land zu ei­nem gro­ßen Han­dels­netz. Da­mit um­spann­te die­ses Ge­flecht aus Han­dels­plät­zen so­wohl die Wi­kin­ger­welt als auch das Frän­ki­sche Reich (Wil­lem­sen 2004, S. 99).

Die Raub­über­fäl­le der Jah­re 881 und 882 wa­ren nicht die ers­ten Kon­tak­te der Wi­kin­ger mit dem Rhein­land. Be­reits seit der Me­ro­win­ger­zeit (cir­ca 5. – 7. Jahr­hun­dert) sind in­ten­si­ve Han­dels­kon­tak­te bis in das Ge­biet des Mit­tel­rheins nach­ge­wie­sen. Stof­fe, Glas, Ke­ra­mik, hoch­wer­ti­ge Klin­gen aus den Schwert­ma­nu­fak­tu­ren am Rhein, Maye­ner Ba­salt oder Wein aus der Ge­gend um Ko­blenz fan­den den Weg nach Skan­di­na­vi­en (Ver­wers 1998, S. 110).

**9. Die Auswirkungen der Wikingerüberfälle an Mittelrhein und Mosel**

Die zeit­ge­nös­si­schen Be­richt­er­stat­ter ha­ben das Aus­maß der von den Wi­kin­gern an­ge­rich­te­ten Zer­stö­run­gen an Mit­tel­rhein und Mo­sel ver­mut­lich über­trie­ben. Um­fas­sen­de Ver­wüs­tun­gen durch die Plün­de­run­gen wa­ren eher sel­ten. Vie­le Schät­ze, Re­li­qui­en und Bü­cher wur­den ge­ret­tet, da sich die Mön­che häu­fig vor­über­ge­hend in die Si­cher­heit ih­rer Be­sit­zun­gen auf dem Lan­de zu­rück­zo­gen. Auch die kirch­li­chen Struk­tu­ren schei­nen durch die An­grif­fe nicht ge­stört wor­den zu sein. (Sa­wy­er 2002, S. 141). Sieht man da­her ein­mal von den Plün­de­run­gen ab, die für die je­wei­li­gen Klös­ter und Kir­chen si­cher­lich ver­lust­reich wa­ren, dürf­te sich der ma­te­ri­el­le Scha­den ins­ge­samt in Gren­zen ge­hal­ten ha­ben. Die Quel­len sug­ge­rie­ren an­de­res, was zum ei­nen der Per­spek­ti­ve von Kir­chen­män­nern ge­schul­det ist, die Ver­fas­ser der wich­tigs­ten Quel­len wa­ren, zum an­de­ren ih­rer mo­ra­lisch-di­dak­ti­schen In­ten­ti­on, denn die Wi­kin­ger­über­fäl­le soll­ten häu­fig auch als Stra­fe Got­tes wahr­ge­nom­men wer­den.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Striewski, Jennifer, Wikinger am Mittelrhein, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/wikinger-am-mittelrhein/DE-2086/lido/57d11ffb5b1dd7.60977295 (abgerufen am 19.10.2025)

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**Sekundärliteratur**

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# Kriege und Konflikte

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane

##### 1. Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane.

**Um sein Reich der Franken zu erweitern, nimmt Karl der Große 772 den Kampf gegen die Sachsen auf: Die Stämme zwischen Rhein und Elbe gehören zu jenen Germanen, die noch den heidnischen Göttern folgen und keiner Großmacht unterworfen sind. Es wird Karls grausamster Krieg – und der Sachsenführer Widukind sein erbittertster Gegner: Mit Tücke und Entschlossenheit kämpft der letzte germanische Rebell für die Freiheit seines Volkes**

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image size-large" id="bkmrk-erst-im-jahr-785-wir">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2008/12/Widukind_17005413-scaled.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">Erst im Jahr 785 wird sich Widukind unterwerfen: Wie die fränkischen Reichsannalen berichten, fällt der Stammesführer (in der Bildmitte unten, mit Krone) im Bardengau im Raum Lüneburg vor Karl dem Großen nieder, nachdem dessen Truppen das Sachsenland mehrmals verwüstet haben (Gemälde von Ary Scheffler, 1840; Foto: picture-alliance / akg-images / akg-images)</figcaption></figure>Der Anlass, dem die Archäologen später ihren spektakulären Fund verdanken, mutet zunächst profan an: In Enger, einem unscheinbaren Ort in Ostwestfalen, sollen Bauarbeiter 1971 die Kirche renovieren und eine Fußbodenheizung installieren. Bei dieser Gelegenheit wollen die Forscher durch Grabungen die Baugeschichte der Kirche rekonstruieren. Mit etwas Glück, so hoffen sie, könnten sie dabei Hinweise auf einen Mann entdecken, von dem bis dahin kaum mehr greifbar ist als ein weit über 1000 Jahre alter Mythos.

Denn wohl seit dem Hochmittelalter gilt die Stiftskirche in Enger als Ruhestätte des bekanntesten Volkshelden der Region: eines Stammesherzogs der Sachsen, dessen Abbild mit Spangenkrone und Lilienzepter als lebensgroßes Sandsteinrelief auf einem Grabmal hinter dem Altar liegt.Aber niemand weiß, wie dieser Mann ausgesehen haben mag, wann er geboren wurde oder wo er tatsächlich begraben liegt. Und ob er wirklich so hieß, wie man ihn heute nennt: Widukind.

Ein erbitterter Feind Karls des Großen ist dieser Herzog gewesen, so viel steht fest. Widukind hat im 8. Jahrhundert den verzweifelten Widerstand der Sachsen gegen die übermächtigen Franken organisiert, bis er sich schließlich als Zeichen der Unterwerfung taufen ließ. Mit ihm und seinen Sachsen endete das heidnisch-germanische Zeitalter in Mitteleuropa, hob das katholisch-christliche Mittelalter endgültig an. Monatelang graben sich die Archäologen Schicht um Schicht zurück durch die Jahrhunderte, bis sie schließlich die Zeit um das Jahr 800 erreichen – jene Epoche, in der wahrscheinlich noch zu Lebzeiten des legendären Sachsenführers die Kirche von Enger errichtet wurde.

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts thront der kleine Sakralbau auf einer Hügelkuppe zwischen Wiehengebirge und Teutoburger Wald. Er ist 14 Meter lang und 6,50 Meter breit und wurde von erfahrenen und vermutlich weit gereisten Handwerkern aus dem Frankenreich errichtet. Stein ist in dieser Gegend ein bis dahin wenig genutzter Baustoff – und Gotteshäuser sind noch ein seltener Anblick in diesem Gebiet, dessen Bewohner über Jahrhunderte hinweg heidnischen Bräuchen gefolgt sind und es mitunter nach wie vor tun. Wer sich noch nicht zu Jesus Christus bekennt, der glaubt an eine Welt von Göttern, verbrennt seine Toten, statt sie zu begraben, und ermittelt sein Schicksal mithilfe von Losbefragungen und Orakeln. Seher lesen die Zukunft wohl immer noch so, wie es der römische Historiker Tacitus 98 n. Chr. beschrieben hat: aus Eingeweiden, dem Wiehern von Schimmeln, dem Flug der Vögel.

Sachsen werden die hier siedelnden Stämme erstmals in römischen Schriften des 4. Jahrhunderts genannt. Vermutlich rührt der Name von dem altgermanischen Wort für Messer her: *sahs*. Ein Volk sei es, berichtet im 5. Jahrhundert ein spanischer Geschichtsschreiber, das am Gestade eines Ozeans und in unzugänglichen Sümpfen wohne und durch seine Tapferkeit und Beweglichkeit gefürchtet sei. Und noch um das Jahr 730 beschränkt sich das gelehrte Wissen auf Aufzeichnungen wie die des spanischen Enzyklopädisten Isidor von Sevilla: Das Gebiet östlich des Rheins werde von rohen Stämmen bewohnt, die sehr wild seien und durch unbarmherzige Gewohnheiten abgehärtet.

In friedlichen Zeiten züchten die Sachsen Pferde, Schafe, Schweine und Rinder. Häufig bestellen sie auch Felder, bauen Roggen und Weizen an sowie Flachs, den sie zur Herstellung von Stoffen nutzen. Immer wieder aber verlassen die Männer ihre Siedlungen zwischen Nordsee und Harz, Elbe und Rhein und gehen auf Raubzüge. Sie sind gute Seefahrer, und im 4. und 5. Jahrhundert wird ihr Name zum Synonym für „Piraten“. Lange Abschnitte der gallischen und britannischen Küste nennen die Römer *litus Saxonicum*. Nicht etwa, weil an der „Sächsischen Küste“ Sachsen lebten, sondern weil diese die dortige Bevölkerung immer wieder heimsuchen.

Im 8. Jahrhundert grenzt das Gebiet der Sachsen im Westen an das Reich der Franken, das gut zwei Jahrhunderte zuvor entstanden ist. Damals schuf der germanische Stammesführer Chlodwig mit List, Verrat und Gewalt aus mehreren kleinen germanischen Reichen das fränkische Einheitsreich, das sich inzwischen von der Garonne im Südwesten bis über den Rhein hinaus erstreckt. Ihren Namen haben ihnen Zeitgenossen gegeben: Franken – die Kühnen. An der Nordostgrenze des Frankenreiches treffen Christentum und germanischer Götterglauben aufeinander. Denn unter dem Einfluss seiner katholischen Frau hat Chlodwig im Jahr 498 Göttern wie Donar und Wotan entsagt und sich taufen lassen: Die Franken sind Christen geworden. Zangengleich liegt ihr Reich nun um das der heidnischen Sachsen.

Doch es ist zunächst wohl kein Missionierungswille, der Chlodwigs Nachfolger zu Feldzügen in das benachbarte Land treibt: Teils aus Vergeltung für sächsische Überfälle, teils getrieben von Machtwillen, rücken die Franken immer wieder in das Nachbarland vor. Über Jahrzehnte flammen die Feindseligkeiten zwischen den Völkern auf, auch weil es zwischen ihren Ländern keine klare Grenze gibt: Nur dort, wo Bergrücken oder unbewohnte Wälder sich zwischen die Siedlungsgebiete in der Ebene schieben, sind die Territorien deutlich voneinander getrennt. Und so nehmen „Totschlag, Raub und Brandstiftung auf beiden Seiten kein Ende“: Das zumindest überliefert der Biograf Karls des Großen, der Hofgelehrte Einhard.

Karl ist 771 zum Alleinherrsc her der Franken aufgestiege n und macht sich schon bald d aran, sein Großreich zu erweitern. Im Inneren bemüht sich der Herrscher um eine neu gestaltete Verwaltung, gibt eine einheitliche Gesetzgebung vor und schafft die letzten Stammesherzogtümer ab – jene selbstständigen Herrschaften, die sich zu Zeiten schwächerer Könige auf fränkischem Boden hatten etablieren können. Selbst zeitlebens Analphabet, lässt der Herrscher Klöster und Schulen bauen, fördert Bildung und Wissenschaft. Eine Hochkultur entsteht, die an das Land von Stämmen grenzt, die nicht einmal ein eigenes Schrifttum kennen: das der Sachsen. Schon früh beschließt der König, die Unruhen an der nordöstlichen Grenze für immer zu beenden und das Frankenreich auf Kosten der Sachsen zu erweitern – eine Entscheidung, die zu seinem längsten und grausamsten Krieg führen wird.

Im Jahr 772 zieht Karl mit seinen Soldaten erstmals gegen die Sachsen. Zunächst erzielen die fränkischen Truppen rasche Erfolge: Sie erobern die Eresburg, eine mächtige Wallanlage im heutigen Sauerland, und zerstören ein nahe gelegenes Heiligtum der Sachsen. An strategisch wichtigen Stellen östlich des Rheins legen die Franken nun Befestigungen und Aufmarschrouten an. Zudem ruft Karl einige sächsische Führer zusammen und lässt sich von ihnen Geiseln stellen. Die heidnischen Nachbarn, so muss es dem König erscheinen, haben sich der fränkischen Übermacht ergeben.

> Widukind muss mehrfach ins dänische Exil flüchten – und organisiert den Widerstand nach seiner Rückkehr jedes Mal neu

Doch 774, Karl ist gerade auf einem Feldzug in Italien, üben die Sachsen Vergeltung. Sie zerstören den fränkischen Stützpunkt auf der Eresburg, verwüsten die hessischen Grenzgebiete. Daraufhin wirft Karl seinen Feinden Ehr- und Treulosigkeit vor. Ihm ist vermutlich nicht klar, dass die Sachsen ein loses Gefüge größerer und kleinerer Stämme sind, die keinen gemeinsamen Herrscher oder gar König kennen, nur Oberhäupter von Siedlungsgemeinschaften. Ein Schwur oder ein Friedensvertrag ist deshalb wohl allein für jene Gruppe bindend, die ihn geleistet oder geschlossen hat.

Ein solcher Stammesführer ist wahrscheinlich auch jener Mann, den der Münsteraner Bischof Altfried die „Wurzel allen Übels“ nennt, aber auch *dux Saxonum*, „Herzog der Sachsen“. Widukind. Über seine Herkunft, seine Stellung und seinen Rang wird wohl nie Klarheit herrschen. Denn Aufzeichnungen der Sachsen gibt es nicht, das wenige Wissen über ihn stammt allein aus den Quellen seiner Gegner. Eines jedoch lässt sich sagen: Widukind wird seine Heimat viele Jahre lang grimmig entschlossen gegen Karls Armeen verteidigen.

Vermutlich kämpft er schon auf wichtigem Posten bei den Sachsen mit, als die Franken im Jahr 775 erneut einmarschieren, um „das treulose und vertragsbrüchige Geschlecht der Sachsen zu besiegen und der christlichen Religion zu unterwerfen oder es gänzlich zu vernichten“, so Karls Biograf Einhard. Nun geht es dem König nicht mehr um die Sicherheit der Grenze und die Ausweitung des fränkischen Machtbereichs, sondern um kompromisslose Unterwerfung und Missionierung eines Feindes. Bei Höxter überschreiten die fränkischen Truppen die Weser, bezwingen Stämme wie die Ostfalen, die Engern, die Westfalen. Widerstand leisten die Sachsen dabei kaum – die Armee des Gegners ist übermächtig, vor allem beim Kampf im offenen Gelände. Auf vormals feindlichem Gebiet errichten die Franken eine Festung an der Lippe, die Karlsburg. In Massen empfangen heidnische Sachsen hier die Taufe und schwören: „Ich entsage allem Teufelswerk und Teufelswort, Donar, Wotan und Saxnot und allen Unholden, die ihre Genossen sind.“

777 hält Karl erstmals einen Reichstag in Paderborn ab. Die sächsischen Adeligen schwören ihm die Treue. Sachsen scheint endgültig unterworfen. Doch unter den Abgesandten fehlt einer: Widukind, der „als Rebell im Bewusstsein seiner vielen Freveltaten aus Furcht vor dem König“ mit seinen Anhängern zum Dänenkönig Sigfrid geflohen ist, wie ein Chronist festhält. Weshalb Widukind sich nicht beugt, welche Motive ihn antreiben, ja selbst, wie er aussieht, das verrät keine der Schriften über Karls größten Widersacher. Doch mehr als 1200 Jahre später können Forscher zumindest zur letzten Frage plausible Vermutungen anstellen. Denn im Spätsommer 1971 stoßen die Archäologen nach monatelangen Grabungen im Chorraum der Stiftskirche von Enger auf drei Skelette. Die Gräber liegen direkt vor dem Altar, ein ungewöhnlicher Platz. Es könnten Gräber für den Auftraggeber der Kirche und dessen Angehörige sein.

Und war der Stifter nicht Widukind? Hatte der getaufte Sachsenherzog nicht der Sage nach die Bevölkerung dreier Orte zum Bau eines Gotteshauses ermutigt und versprochen, sich in der zuerst vollendeten Kirche begraben zu lassen? Und ist eben dies nicht den Einwohnern Engers gelungen, weil sie zunächst auf den Bau des Turmes verzichteten und ihn erst später errichteten? Noch heute steht der Engeraner Glockenturm, eine Konstruktion aus dem 14. Jahrhundert, ungewöhnlich frei neben der Stiftskirche. Doch es existiert noch eine andere, verlässlichere Quelle: Eine Chronik aus dem 10. Jahrhundert beschreibt Widukind als gottesfürchtigen Mann, der nach seiner Taufe mehrere Kirchen errichten ließ, darunter die „cellula Aggerinensis“, die Kirche in Enger. Ab 2001 werden die Skelettfunde von Anthropologen mit modernen Methoden untersucht: Könnte der Tote im mittleren Grab der Sachsenherzog Widukind sein? Ein kraftstrotzender Mann war der Verstorbene auf jeden Fall, etwa 60 Jahre alt, 1,82 Meter groß.

> Nach rund zehn Jahren Kampf lässt sich Widukind 785 taufen. Karl der Große feiert die Unterwerfung des Rebellen mit einem Dankesfest

Wahrscheinlich ist er bis ins hohe Alter körperlich aktiv gewesen, denn alle Skelettteile haben besonders ausgeprägte Ansatzstellen für Muskeln; vergleichbar kräftig sind heute etwa Schwerathleten. Die Oberschenkelknochen sind säbelartig gebogen, einige Wirbel des Rückgrats zeigen knöcherne Überbrückungen. Die Bandscheiben müssen stark abgenutzt gewesen sein, Knochen rieb auf Knochen, Indiz für chronische Überbeanspruchung der Wirbelsäule – sein ganzes Leben hat der Mann wohl im Sattel verbracht. Auch ist das rechte Schlüsselbein dicker als die erhaltenen Stücke des linken. Ein Krieger, vermuten die Anthropologen, der möglicherweise über Jahre hinweg mit der rechten Hand Speer und Schwert geführt hat.

Von anderem Alter und Körperbau war der Tote im linken Grab: ein 14- bis 16-jähriger junger Mann, etwa 1,66 Meter groß. Der dritte, im rechten Grab Bestattete könnte Abbio gewesen sein, ein langjähriger Weggefährte Widukinds: etwa 60 Jahre alt und 1,82 Meter groß, robust gebaut, massiger Schädel. So könnten sie also ausgesehen haben, die zwei kampferprobten Hünen, die sich nach ihrer Rückkehr aus Dänemark im Jahr 778 erneut gegen die fränkischen Besatzer stellen. Einer endlosen Schleife gleich wiederholen sich nun Treuegelöbnisse und gebrochene Schwüre, Aufstände, Eroberungen und Rückeroberungen, Verwüstungen, Unterwerfungen und Massentaufen – sowie Fluchten jenes Mannes, der sich nicht beugen will.

Mehrfach sucht Widukind Schutz im sicheren Dänemark, das so weit nördlich des unwegsamen Sachsenlandes liegt, dass die Franken nicht bis dorthin vordringen. In Dänemark hält sich Widukind wohl auch in jenen Jahren auf, als sein Land in Grafschaften eingeteilt wird, die zum Teil nun von sächsischen Edelleuten regiert werden. Dadurch, dass sie die Sachsen in die Verwaltung des Landes mit einbeziehen, wollen die Franken neuen Widerstand verhindern. Doch der Plan geht zunächst nicht auf. Vielmehr scheint die neue Regelung die Kampfbereitschaft der Sachsen unter dem erneut aus dem Exil zurückgekehrten Widukind zu befeuern: Immer wieder überfallen sie fränkische Truppen.

Widukinds größter Triumph gelingt im Jahr 782. Am Süntel, einem Höhenzug im Weserbergland, schlagen seine Männer ein Frankenheer vernichtend. Als Vergeltung lässt Karl eine „ungeheure Menschenmenge“ mit dem Schwert umbringen, so die fränkischen Annalen. Zahlreiche Siedlungen gehen in Flammen auf. An der Aller demonstriert Karl der Große besondere Härte. Da die aufständischen Sachsen ihren Rädelsführer Widukind, der wieder einmal nach Dänemark geflohen ist, nicht überstellen können, werden „die anderen ausgeliefert, die ihm gehorcht und an seinem Verbrechen teilgenommen hatten“, wie es in den Annalen steht: „Es waren 4500. Sie alle wurden an der Aller in einem Ort namens Verden auf Befehl des Königs an einem Tag enthauptet.“

Diese Massenexekution geht als das „Blutgericht von Verden“ in die Geschichte ein – auch wenn die Zahl der Geköpften strittig ist (möglicherweise wurden nicht mehr als 45 Aufständische hingerichtet) und vielleicht auf einen Lesefehler des Chronisten zurückgeht. Um die Sachsen nicht nur im Kampf zu zermürben, erlässt der Frankenherrscher im selben Jahr die „Capitulatio de partibus Saxoniae“: ein drakonisches Sondergesetz, das schon geringe Verstöße gegen die politisch-religiöse Ordnung streng bestraft. Fortan wird jeder hingerichtet, der einen Toten verbrennt, statt ihn christlich zu bestatten, sich der Taufe verweigert oder ohne Not während der Fastenzeit Fleisch isst. Auch wird den Sachsen verboten, sich öffentlich zu versammeln. Nur der von den Franken eingesetzte Graf darf die Sachsen zusammenrufen, allerdings unter Aufsicht eines Priesters.

Karl ordnet zudem eine Politik der verbrannten Erde an; fürchterlich sind die Zerstörungen – und wirkungsvoll. Dann, 785, übt Karl plötzlich Mäßigung: Er erfährt, dass sich seine Gegner Widukind und Abbio im „rechtselbischen Sachsen“ aufhalten – und schickt statt einer Armee bloß Boten, die den beiden Kriegern Straffreiheit zusichern, sollten sie sich unterwerfen. Wohl nie wird sich klären lassen, in welcher Lage sich der Sachsenführer und Abbio zu dieser Zeit befinden, von wie vielen Anhängern sie umgeben sind, welche Gedanken sie umtreiben.

Fest steht nur: Die Männer willigen ein – möglicherweise, weil sie sich der Aussichtslosigkeit ihres Widerstandes bewusst und des Kämpfens müde sind; denn mehr als 13 Jahre führen sie nun schon Krieg. Ein Höfling geleitet Widukind und Abbio nach Attigny im heutigen Nordostfrankreich, wo einer der wichtigsten karolingischen Stützpunkte liegt. Wahrscheinlich steht kein Geringerer als Karl der Große Pate, als Widukind seinen Göttern abschwört und die Taufe empfängt. Als Zeichen seiner Wandlung, so eine Sage, erhält der bekehrte Heide vom König einen Schimmel, den er fortan anstelle seines Rappen reiten soll. Bis zum heutigen Tag ziert das weiße Sachsenross die Wappen Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens. Für Karl ist die Unterwerfung des Sachsenführers ein solcher Erfolg, dass er den Papst zu einem Dankesfest veranlasst. Drei Tage lang wird in allen Ländern des Reiches gefeiert.

Widukind, der große Aufrührer, ist bekehrt und durch Karls Patenschaft in die *familia* des Frankenkönigs aufgenommen. Unbekannt und in den Quellen namenlos bleiben die Anführer, die ihm folgen. Bis das heidnische Sachsenland im christlichen Frankenreich aufgeht, wird keiner ähnliche Bedeutung erreichen. Die Taufe Widukinds in Attigny erscheint so als das Ende der Germanen in Mitteleuropa. Und Widukind selbst als ihr letzter großer Führer. Doch auch ohne Widukind währen die Sachsenkriege noch fast 20 Jahre. Es kommt zu weiteren Verwüstungen und Feldzügen, nun vor allem im Norden des sächsischen Territoriums, auch jenseits der Elbe.

Mit dem Ziel, die restlichen Sachsen für immer zu unterwerfen, lässt Karl sogar zerlegbare Schiffe nach Sachsen transportieren, um die zahlreichen Wasserwege nutzen und sich so schneller bewegen zu können. Er lässt Tausende Menschen deportieren und umsiedeln und den Bewohnern in den neu christianisierten Gebieten den Zehnten mit solcher Härte abpressen, dass selbst seine Berater dieses Vorgehen missbilligen. 804 hat Karl sein Ziel erreicht: Die letzten Widerständler ergeben sich. In den Jahrzehnten darauf integrieren sich die Sachsen überraschend schnell in das Reich ihrer ehemaligen Feinde – und einigen gelingt sogar ein steiler politischer Aufstieg: Schon 919 sitzt erstmals ein Sachse auf dem fränkischen Königsthron – Heinrich I.

Widukind hingegen wird nach seiner Taufe in keiner fränkischen Schrift mehr erwähnt – ganz so, als sei der einmal besiegte Feind Karl und dessen Chronisten keines Wortes mehr wert. Wo und wann er stirbt, weiß niemand. Und doch wird er noch Jahrhunderte fortleben: Schon bald verehren ihn nachfolgende Generationen als vorbildlich gewandelten Christen. Troubadoure an den europäischen Höfen besingen seine Taten, und Fürsten wie Könige schmücken sich mit ihm als Ahnherrn. Während der Freiheitskriege gegen Napoleon dient er den Deutschen als Vorbild für Mut und Tapferkeit, im „Dritten Reich“ gar als Ausdruck trotziger, germanischer Selbstbehauptung. In den Jahren darauf jedoch gerät er in Vergessenheit, schrumpft die Erinnerung an ihn zu lokaler Folklore. Und so dient er am Ende nurmehr als Symbol für westfälische Starrköpfigkeit. Widukind, der letzte Germane.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

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**Sekundärliteratur**

-&gt; Wolff, Markus: Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane, in: GEO Epoche.

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# Persönlichkeiten

#### Inhaltsverzeichnis

1. Ludwig der Fromme
2. Pippin der Jüngere
3. Bonifatius
4. Karl Martell
5. Widukind
6. Alarich
7. Childerich I.
8. Gregor von Tours
9. Radegunde von Thüringen
10. Columban
11. Tassilo III.
12. Hildegard
13. Pippin der Bucklige
14. Konstantin der Große
15. Severin von Köln

##### 1. Ludwig der Fromme 

<span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> und sein Zwillingsbruder Lothar (früh verstorben) erhielten als erste Karolingersprossen, freilich erst der dritten Königsgeneration, in „Ansippung“ an die abgelöste alte Dynastie, merowing. Namen (Chlodwig und Chlothar). <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> wurde am Ostertage (15.4.) 781 in Rom, zusammen mit seinem Bruder Pippin, von Hadrian I. zum König gesalbt und gekrönt. Es ist die erste klar bezeugte, nicht nur erschließbare Krönung im Karolingerhause. Als vom Vater bestellter Unterkönig verbrachte <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> seine Jugend in Aquitanien (wie Pippin in Italien). Daß er eine geistlichliterarische Erziehung genoß, findet sich zwar nur andeutungsweise bezeugt, ist aber aus seinem späteren religiös-kirchlichen Eifer mit Sicherheit zu erschließen. In <span class="abbr" title="romanisch">roman.</span> Umwelt aufgewachsen, beherrschte er das Lateinische völlig, verstand aber auch das Griechische, während er der volkssprachlich-<span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span> Tradition weniger Interesse entgegenbrachte als sein Vater.

Bis zur Wehrhaftmachung (791 in Regensburg) blieb <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> unter beauftragter vormundschaftlicher Regierung. Er hielt eigene Reichsversammlungen ab (789 in Mourgoudou <span class="abbr" title="bei">b.</span> Albi; 790, 795, 801 in Toulouse; 814 in Doué <span class="abbr" title="bei">b.</span> Tours) und urkundete 794, 807, 808 als <span class="italics">rex Aquitaniae</span> <span class="abbr" title="beziehungsweise">bzw.</span> als <span class="italics">rex Aquitanorum.</span> Neben dem Grenzgrafen [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz56468.html)Wilhelm von Toulouse (<abbr title="gestorben">†</abbr> 812 als Mönch in seiner Gründung Gellone) nahm <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>, allmählich in selbständiger Führung, an den Abwehr- und Sicherungskämpfen gegen Basken und Araber beiderseits der Pyrenäen teil (Einnahme von Barcelona 801, von Tortosa 811, Strafzug nach Pamplona 813), doch wurde er oft auch zu Reichsversammlungen und Heereszügen des Vaters und des Bruders Pippin entboten (785 Paderborn, 790 Worms, 791 Ingelheim-Regensburg-Awarenkrieg, 792/93 Italien, 793 Salz, 798 Sachsenkrieg, 797 Herstal, 799 Aachen-Friemersheim-Sachsenzug, 800 Tours, 804 Sachsenzug, 805/06 Diedenhofen, 809 Aachen). In der <span class="italics">Divisio</span> von 806 sprach ihm Karl <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span> über Wasconien und Aquitanien hinaus das gesamte südliche Gallien zu, aber der Tod der älteren Brüder (810/11) machte diese Regelung hinfällig. Karl <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span>, inzwischen von Byzanz als Kaiser anerkannt, krönte nach oström.-<span class="abbr" title="byzantinisch">byzantin.</span> Stil am 11.9.813 in Aachen den nunmehr alleinigen Nachfolger <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> zum Mitkaiser.

Karl starb am 28.1.814; am 27. Februar traf <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> in Aachen ein. Als Repräsentant einer stärker verchristlichten Generation, der in Aquitanien die Klöster gefördert und angeblich einmal erwogen hatte, selber Mönch zu werden, übernahm er ein in seinen gewaltigen Dimensionen machtpolitisch saturiertes, von außen vorerst nicht mehr gefährdetes, in der inneren, <span class="abbr" title="das heißt">d. h.</span> auch kirchlichen Ausformung dagegen unfertiges Reich. Die Lebensgeschichte <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s fällt von nun an größtenteils mit der Reichsgeschichte zusammen, in der das individuell-biographische Element im ganzen nur mit ungleicher Deutlichkeit sichtbar wird.

Von persönlichen Initiativen „außenpolitischer“ Art kann bei <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> nicht ernstlich die Rede sein. Durch den feierlichen Empfang einer noch an Karl abgeordneten <span class="abbr" title="griechisch">griech.</span> Gesandtschaft (1.8.814 in Aachen) sanktionierte der neue Kaiser den Ausgleich mit Byzanz. Darin war offensichtlich der Verzicht auf den Römernamen im Kaisertitel vereinbart worden: <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> und seine <span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span>-deutschen Nachfolger nannten sich bis ins späte 10. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> nur <span class="italics">Imperator augustus</span>, ohne Attribut. Auch die Umschrift des Bullensiegels <span class="italics">Renovatio Roman-\[orum\] imp\[erii\]</span> entfiel und wurde durch die Formel <span class="italics">Renovatio regni Franc\[orum\]</span>ersetzt. Griechische Abgesandte sind an <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s Hof noch wiederholt, aber eher beiläufig (817, 824, 826, 827, 833, 839) bezeugt. Im übrigen blieb es unter ihm durchweg bei einer im ganzen defensiven Grenzpolitik. <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> nahm 814 die Lehnshuldigung des <span class="abbr" title="dänisch">dän.</span> Thronprätendenten Harald entgegen, hob ihn 826 in Mainz aus der Taufe und sandte Ansgar zur Missionierung des Nordens aus; Harald vermochte sich jedoch in seinem Lande nicht durchzusetzen. An der Elbelinie und besonders im Südosten kam es mit den angrenzenden Slawen wiederholt zu Kämpfen, die ihre Wellen zeitweise bis zu den Bulgaren schlugen, aber<span class="pb" title="Seite im Original 312">|</span>diese Geschehnisse gehören, ebenso wie die Auseinandersetzungen in Italien (Benevent und Venedig), nicht zur Biographie <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s, der in solchen Zusammenhängen zwar gelegentlich Gesandtschaften empfing – insbesondere 826 in Ingelheim –, in aller Regel aber diese Aufgaben den Unterkönigen und Grenzgrafen überließ. Er selber zog 818 und 824 gegen die Bretonen zu Felde, offenbar ohne nachhaltigen Erfolg. Sichtlich kein Heerführer von Rang, griff er auch in Wasconien und Spanien, wo es immer wieder brodelte, nicht persönlich ein.

In der „Innenpolitik“, in der Regierung des Reiches und der Kirche, steht dagegen, mindestens für den Anfang, der persönliche Wille und Beitrag <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s außer Zweifel. Hier setzte der Generationswechsel von 814 neue Energien zur Festigung und Mehrung des überkommenen Erbes frei. Persönlich zur Strenge, ja zum Mißtrauen geneigt, verwies <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> seine Schwestern vom Hof in ihre Klöster und entließ auch die Brüder Adalhard und Wala, seine bisher sehr einflußreichen Seitenverwandten. Auf die Sicherung der Randländer bedacht, entbot er seinen Neffen Bernhard, den Sohn Pippins und italischen Unterkönig, zur Huldigung. Zugleich bestellte er – schon 814 – seine eigenen Söhne Lothar und Pippin zu Unterkönigen in Bayern und Aquitanien. Oberster Hofkaplan blieb der <abbr title="Erzbischof">EB</abbr> Hildebald von Köln; nach dessen Tod (818) folgte der Abt Hilduin von Saint-Denis. Aus Aquitanien brachte <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> seinen Kanzler Helisachar an den Hof, ebenso seinen Jugendfreund Ebbo, den er 816 zum Erzbischof von Reims erhob. Als einflußreicher Berater begegnet bald auch der Graf [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn137397879.html)Matfrid von Orléans.

Der neue Schwung der kaiserlichen Regierung wird von Anfang an in einer ausgiebigen Beurkundungstätigkeit sichtbar. Die insgesamt nahezu 500 Diplome <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s, ausgefertigt unter der Leitung der Kanzler Helisachar (814–19), Fridugis (819–32), Theoto (832–34) und Hugo (834–40, – 844, Halbbruder <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s, Abt von Saint-Quentin), stellen mit ihrer ausgereiften diplomatischen Kursive und der geschliffenen Latinität ihrer Textformulare, so in der Verbindung des Immunitätsprivilegs mit dem Königsschutz, den mustergebenden Höhepunkt frühmittelalterlicher Kanzleigeschichte dar. Überhaupt stehen die ersten Jahre für Reich und Kirche im Zeichen gesetzgeberisch-programmatischer Normung und Fixierung durch regelmäßige Reichsversammlungen, durch eine stattliche Zahl von gewandt formulierten Kapitularien, in der Tradition Karls <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span> und zugleich über ihn hinaus. Mit der Konstituierung der Bistümer Hildesheim und Halberstadt und des Missionserzbistums Hamburg sowie der Klöster Corvey und Herford vollendete <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> die Basis der sächsischen Kirchenorganisation. Aus Aquitanien berief er den Mönchsreformer [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz52579.html)Benedikt von Aniane zum Abt der Neugründung Inden (Kornelimünster)[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/50265) und betraute ihn mit der Aufsicht über die Reichsklöster insgesamt, die, wie sich besonders an den Kaiserdiplomen ablesen läßt, mit den Hochstiften zu einer gefestigten, an den Herrscher gebundenen Reichskirche zusammenzuwachsen begannen. Auf einer großen Aachener Synode wurden 816 für die Mönchs- und Nonnenklöster eine neu formulierte, von jeder Mischobservanz gereinigte Benediktregel, für die Kanonikerstifte (und analog für die Kanonissen) eine – freilich nur mittelbar an Chrodegang von Metz orientierte – <span class="italics">Institutio</span> unter <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s Autorität als verbindliche Normen verkündet. Es folgten 817-19 weitere Bestimmungen für Bischofskirchen und Klöster (Wahlrecht, Reichslasten, Einkünfteregelung, Sicherung und Beaufsichtigung der Eigenkirchen). Rasche Erfolge dieser Vorschriften sind nicht erkennbar, um so bedeutender aber wurde die prägende Fernwirkung der Statuten von 816 im 10. und 11. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span>

Auch die geltende Oberhoheit über Rom wurde neu formuliert. Als der Papst Leo III. 815 eigenmächtig eine Verschwörung blutig unterdrückte, ordnete <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>eine Untersuchung durch <span class="abbr" title="König">Kg.</span> Bernhard an, ließ sich aber durch päpstliche Gesandte beruhigen. Bei der durch Leos Tod 816 eintretenden ersten Vakanz unter dem neuen Kaisertum griff man weder in Rom noch in Aachen auf das seit der Mitte des 8. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> faktisch erloschene kaiserliche Bestätigungsrecht zurück, aber der neue Papst Stephan IV. (816–17) ließ die Römer einen Treueid auf den Kaiser schwören und begab sich zu <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> nach Reims. Eine segnende Festkrönung mit einer angeblichen Konstantinskrone (<span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 816) brachte den <span class="abbr" title="römisch">röm.</span> Ursprung des Kaisertums in Erinnerung. Als mittelbares Ergebnis der Reimser Verhandlungen stellt sich das <span class="italics">Pactum Hludovicianum</span> von 817 für den nächsten Papst Paschalis I. (817–24) dar, das – nach dem Verlust des Kaiserprivilegs für Stephan IV. – erste und für spätere Zeiten mustergebend ausformulierte Kaiserprivileg für die <span class="abbr" title="römisch">röm.</span> Kirche. Es bestätigte mit dem Territorium und der internen Autonomie des Kirchenstaates auch die Freiheit der Papstwahl, die erst nach der Weihe dem Kaiser anzuzeigen war.

Der Wille zur Konsolidierung gewachsener Ordnung gipfelte in einer großzügigen politischen Neuregelung, die, sichtlich von <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s geistlichen Beratern konzipiert, im Juli 817 auf einer Aachener Reichsversammlung verkündet wurde. Die bisher nur faktisch – zuletzt durch die Todesfälle von 810/11 – zustande gekommene Einheit des Gesamtreiches im Zeichen des Kaisertums wurde zum durchdachten Prinzip erhoben. Dem entspricht es, daß seit 814 in den Urkunden hinter dem Kaisertitel auch der Bezug auf Franken und Langobarden verschwunden ist, ungeachtet der erwähnten Bullenumschrift. Dieses Programm wurzelte geistig im christlichen Universalismus, wie ihn mit publizistischer Verve vor allem <abbr title="Erzbischof">EB</abbr> [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118647326.html)Agobard von Lyon verfocht, es entsprach aber auch, angesichts der über viele Länder verbreiteten Rechte, Ämter und Güter, den sehr konkreten Wünschen der Kirchen und weitverzweigter Adelsgruppen. Lothar wurde (wie <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> selber 813) zum Mitkaiser gekrönt und zum Nachfolger bestimmt, während Pippin und Ludwig (der Deutsche) als Unterkönige in Aquitanien und Bayern eingesetzt wurden. Diese <span class="italics">Ordinatio imperii</span> untersagte über <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s Tod hinaus weitere Teilungen und gab der nach Sinn und Tradition genossenschaftlichen Teilung eine herrschaftliche Wendung: Die Teilkönige sollten in allem, was über ihre interne Autonomie hinausging, dem Kaiser untergeordnet bleiben. Dieses theologisch fundierte, imperial formulierte Programm war eine kühne Konzeption, geradezu eine verfrühte Reichs- und Staatsidee, die dem Rechtsdenken des Zeitalters weit vorauseilte. Ob und in welchem Ausmaße sie sich in der dynastischaristokratischen Welt auch würde durchsetzen lassen, war die Frage, die <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s weitere Regierungszeit überschattete. Die Widerstände blieben nicht aus, treten für uns aber nur vordergründig, namentlich im Kaiserhause selber, in helles Licht, während die offenbar wechselnden Gruppierungen im Adel oft undeutlich bleiben. Das Persönlichkeitsbild <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s verliert dabei sehr an Festigkeit und wird immer mehr durch die Unausgeglichenheit seines Charakters bestimmt.

Der ersten Krisen wurde er aber Herr. Der in der <span class="italics">Ordinatio</span> übergangene Bernhard von Italien ließ sich zu einer Empörung hinreißen, die jedoch rasch zusammenbrach. Er starb an der Blendung, die <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> – statt des Todesurteils der nächsten Aachener Reichsversammlung (April 818) – über ihn verhängte (17.4.818). Erneut mißtrauisch geworden, zwang <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> seine jungen Halbbrüder, Karls <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span> nicht vollbürtige Söhne [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn102571619.html)Drogo, Hugo und Theuderich, zum Eintritt in den geistlichen Stand und entsetzte den Bischof Theodulf von Orléans seines Amtes. Die Bemühungen um kirchliche Reformen und politische Konsolidierung gingen jedoch weiter, wenn auch seit dem Tode Benedikts von Aniane (821) sichtlich mit geringerer Energie. – Auf den Reichsversammlungen von 821 (im Mai zu Nimwegen, im Oktober zu Diedenhofen) wurde die <span class="italics">Ordinatio</span> von 817 beschworen. Ein Ausgleich mit den bisher ausgeschalteten und bekämpften Gruppen zielte auf eine erneute Sammlung der Kräfte. In Diedenhofen wurden die Teilnehmer an der Verschwörung Bernhards begnadigt, ebenso Adalhard, dessen Bruder Wala gleichfalls an den Hof zurückkehrte. Zu Attigny versöhnte sich <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> im August 822 auch mit seinen Halbbrüdern; Drogo wurde Erzbischof in der Karolingerstadt Metz. Zugleich sanktionierte <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> sein Friedenswerk durch eine öffentliche Buße für alles Unrecht, das er insbesondere den Seinen angetan hatte; mit einem Bekenntnis ihrer Pflichtvergessenheit folgten die Bischöfe seinem Beispiel. Die neuen Ratgeber, unter denen neben Adalhard (<abbr title="gestorben">†</abbr> 826) und Wala der Erzkaplan Hilduin hervortrat, blieben bei alledem auf eine nachhaltige Festigung der Reichsautorität bedacht. Begleitet und beraten von Wala, begab sich Lothar 822 nach Italien. Er wurde von Paschalis I. nach Rom eingeladen und am Osterfeste 823 gekrönt; es war abermals eine bloße Festkrönung, aber zum ersten Mal seit 800 wieder eine Krönung in Rom, wo der Zweitkaiser sogleich wieder eine unmittelbare Gerichtsgewalt in Anspruch nahm. Nach des Paschalis Tod erwirkte Wala die Erhebung des frankenfreundlichen Aristokraten Eugen II. (824–27), und bei einem abermaligen Aufenthalt in Rom verkündete Lothar 824 die <span class="italics">Constitutio Romana</span> über eine Reorganisation des Kirchenstaates, der jetzt im Auftrage des Kaisers einer steten Kontrolle unterworfen, also über die bisherige Praxis hinaus ins Reich einbezogen wurde, zumal der gewählte Papst vor der Weihe dem Vertreter des Kaisers einen Treueid leisten sollte. Lothar kehrte 825 an den Kaiserhof zurück und wurde, auch formell im Titel der Urkunden, Mitregent <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s, dessen wahrscheinlich im August 825 in Aachen erlassene <span class="italics">Admonitio ad omnes regni ordines</span> erneut von lebendigem Reformwillen zeugte. – Aus den Kontakten mit Byzanz und Rom ergab sich die Notwendigkeit, nochmals den Bilderstreit zu erörtern; dies geschah 825 auf einer Synode in Paris, blieb aber ein bloßer Nachhall ohne Bedeutung.

Das erste Jahrzehnt von <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s Regierung darf nach alledem als Höhepunkt der <span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span>-<span class="abbr" title="karolingisch">karoling.</span> Reichsgeschichte gewertet werden. Die<span class="pb" title="Seite im Original 314">|</span>vielseitige Breitenwirkung der <span class="abbr" title="karolingisch">karoling.</span> Bildungsreform relativierte gewiß die bis dahin dominierende Stellung des Kaiserhofes im geistigen Leben, aber seine Schriftkultur, sein hoher Rang und seine ansehnliche Bibliothek bestanden fort und erneuerten sich gar in der Folgezeit; auch <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> wurden Verse, theologische Schriften und kostbare Codices gewidmet; nach vorwiegender, jedoch umstrittener Forschungsmeinung war er der Auftraggeber des <span class="abbr" title="altsächsisch">altsächs.</span> Heliand. Die politische Stabilität geriet dagegen ins Wanken. Es steigerten sich die Unruhen an den Grenzen, im Süden die Übergriffe der Sarazenen, vom Norden her die Vorstöße der Normannen (seit 834 Jahr für Jahr), an deren Abwehr <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> nach wie vor keinen Anteil hatte. Die gefährlichen Erschütterungen bahnten sich aber im Innern an. In Reich und Kirche, denen es an einem organisatorischen Unterbau fehlte, lag weiterhin vieles im argen. Angesichts dieser Aufgaben wurden die kaiserliche Autorität, <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s Energie und Führungswille unverkennbar schwächer. Die Passivität des Kaisers hatte zur Folge, daß der hohe Klerus den Kampf um das steckengebliebene Reformwerk stärker als bisher aus eigener Initiative aufnahm und sich seiner Autonomie, ja seines geistigen Führungsanspruches bewußt wurde. Zugleich regten sich in <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s Umgebung, am Hof und im Adel, Widerstände gegen das politische Programm der <span class="italics">Ordinatio</span> von 817. Personell zeichnen sich diese rivalisierenden Gruppen weiterhin nicht deutlich ab, doch tritt als zentrale Gestalt allmählich die neue Kaiserin [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz53372.html)Judith in den Vordergrund, die ehrgeizige Mutter des 823 geborenen vierten Kaisersohnes [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz53390.html)Karl (des Kahlen). Für ihn gewann sie Lothar als Taufpaten und, 829, den Gelehrten und Dichter [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz56420.html)Walahfrid Strabo als Erzieher, für ihn erstrebte sie aber auch einen Anteil an der Reichsherrschaft. Das entsprach dem am Teilungsprinzip orientierten überkommenen Rechtsdenken, lief jedoch dem Nachfolgegesetz von 817 zuwider.

Zwar verteidigte der <span class="abbr" title="Graf">Gf.</span> Bernhard von Barcelona, der Sohn Wilhelms von Toulouse, 827 erfolgreich seine <span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span> Bastion in Spanien, im übrigen aber verliefen die Grenzkämpfe dieses Jahres sehr unglücklich. Die Grafen Hugo von Tours und Matfrid von Orléans, aber auch <span class="abbr" title="Markgraf">Mgf.</span> Balderich von Friaul wurden Anfang 828 ihrer Ämter enthoben. Mit den immer lebhafter beklagten Mißständen in Reich und Kirche befaßten sich im Winter 828/29 eine Aachener Versammlung, dann Anfang 829 vier Synoden in Mainz, Lyon, Paris und Toulouse. Hier wurden Reformprogramme sehr grundsätzlicher Art entwickelt, die über die Bemühungen des letzten Jahrzehnts hinaus im Geiste der (schon spätantiken) Lehre von den beiden Gewalten – <span class="italics">auctoritas sacrata pontificum et regalis potestas</span> – auf eine Auflockerung des Staatskirchentums, ja auf eine Art von geistlicher „Normenkontrolle“ des öffentlichen Lebens zielten. <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> aber und die Seinen erwiesen sich nicht – jedenfalls nicht mehr – willens und imstande, auch ihrerseits solche Wege zu beschreiten; naiver Machtwille überwucherte die hochfliegenden, im politischen Bereich freilich auch unrealistischen Reformideen – eben daraus ergab sich die schwere Krise der nächsten Jahre.

Auf die in einer <span class="italics">relatio</span> des Episkopats formulierten Reformwünsche ging <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> nicht ein. Dagegen übertrug er im <span class="abbr" title="August">Aug.</span> 829 auf einer Wormser Reichsversammlung seinem jüngsten Sohn Karl Alemannien mit Rätien, dem Elsaß und einem Teil Burgunds. Ob dieser Bereich als künftiges <span class="italics">regnum</span> im vollen Rechtssinne gedacht war, steht dahin, aber dem Geist der <span class="italics">Ordinatio</span> von 817 widersprach diese Regelung sehr, sie bezeichnete einen Sieg Judiths und einen völligen Kurswechsel des Kaiserhofes. Die Verfechter der Reichseinheit waren beiseite geschoben; Lothar, in den Urkunden nicht mehr als Mitregent genannt, wurde nach Italien entlassen; neue Männer, voran der zum Kämmerer berufene Bernhard von Barcelona, herrschten am Hof. Der Kampf um das Programm von 817 wurde ein Kampf um die Macht am Hofe. Die Initiative lag jedoch vorerst nicht bei den älteren Kaisersöhnen. Wala (seit 826 als Nachfolger seines Bruders Adalhard Abt von Corbie), der Erzkaplan Hilduin, der frühere Kanzler Helisachar erscheinen als Anführer einer Gruppe, die durch eine loyale Palastrevolution gegen den Kaiser selber die erstrebte Reichsordnung sichern wollte, sich dabei freilich im Kampf gegen die Gruppe um Judith und Bernhard mit Hugo, Matfrid und anderen Magnaten traf, deren Motive kaum über persönliche Feindschaft hinausreichten. Die Vorbereitungen zu einem auf Frühjahr 830 anberaumten Bretonenfeldzug schlugen in einen großen Aufstand um, dem <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> keinen Widerstand entgegenzusetzen wagte. Bernhard floh nach Barcelona, Judith wurde nach Poitiers ins Radegundiskloster verwiesen. Unter der Leitung des aus Italien zurückgekehrten Mitkaisers Lothar tagte im Mai 830 zu Compiègne eine Reichsversammlung, die sich – soweit erkennbar – formal mit der Wiederherstellung des vorherigen Rechtszustandes begnügte: Lothar erscheint jedenfalls wieder als Zweitkaiser in den<span class="pb" title="Seite im Original 315">|</span>Diplomen, in Wirklichkeit aber trat er als Alleinherrscher auf, beschränkte <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> auf eine nominelle Rolle und wollte ihn gar zum Eintritt in den Mönchsstand bewegen. Ohne daß wir die Hintergründe im einzelnen durchschauen, gewann <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> in kürzester Frist wieder das Übergewicht. Er ließ den jüngeren Söhnen Pippin und Ludwig eine Vergrößerung ihrer Reichsteile anbieten und konnte sich auf der nächsten Reichsversammlung, im <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 830 zu Nimwegen, wieder durchsetzen. Lothar leistete einen neuen Treueid, Judith 1 kehrte zurück, die Anführer des Aufstandes wurden vom Hofe verwiesen und dann im <span class="abbr" title="Februar">Febr.</span> 831 in Aachen abgeurteilt: Wala und Hilduin, nicht mehr Erzkaplan, wurden verbannt; Lothar, nicht mehr Mitregent, mußte nach Italien zurückkehren. Auf dieser Aachener Versammlung wurde wahrscheinlich eine neue Erbteilung verkündet, die Lothar auf Italien beschränkte und im übrigen, wohl im Rückgriff auf die <span class="italics">Divisio</span> von 806, Pippins und Ludwigs Anteile weit ins Reichsinnere, Karls. Gebiet um den Mosel- und Rhoneraum erweiterte. Der Aufstand von 830 hatte also nicht zur Sicherung der <span class="italics">Ordinatio</span>, sondern zur Preisgabe der Reichseinheit geführt; Judith schien gesiegt zu haben.

Statt einer Beruhigung kam es bald, bei erneut schwindender Führungskraft <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s und wechselnden Gruppierungen, zu neuen Gegensätzen, die sich, wiederum im einzelnen schwer durchschaubar, für uns nur noch als erbitterter Machtkampf in Dynastie und Hochadel darstellen. Daß die großzügige Ausstattung des jungen Karl die älteren Brüder sehr verstimmt hatte, steht außer Zweifel. Offenbar durch Judiths Bemühen, Lothar auf die Seite ihres Sohnes zu ziehen, kam es jedoch zunächst zu einer halben Aussöhnung: Auf einer Reichsversammlung in Ingelheim empfing <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> im Mai 831 Lothar und amnestierte die meisten seiner Anhänger, darunter Hilduin, nicht jedoch Wala. Aber die Spannungen zu den anderen Söhnen bestanden fort. Pippin blieb im <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 831 einer Diedenhofener Reichsversammlung fern und verließ gegen Jahresende im Unfrieden den Hof, Ludwig von Bayern empörte sich Anfang 832. Dieser Widerstände wurde der Kaiser jedoch Herr. Er beließ dem jüngeren Ludwig Bayern, verwies Pippin dagegen nach Trier und sprach Aquitanien Karl zu. Die Erbteilung vom Vorjahre war damit schon umgestoßen, ja <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> erwog nunmehr eine Teilung des Gesamtreiches (außer Bayern) nur zwischen Lothar und Karl.

Statt dessen aber flammte Anfang 833 der schwelende Konflikt zu äußerster Heftigkeit auf, da Pippin und der jüngere Ludwig sich jetzt mit ihrem Bruder Lothar verbündeten, in gemeinsamem Widerstande, aber kaum mit klarem gemeinsamem Ziel. Für Lothar war es ein Kampf um seine Rechte aus der Reichsordnung von 817. Um für dieses ja auch religiös konzipierte Programm und überhaupt für die Friedenswahrung mit seiner geistl. Autorität einzutreten, fand sich Papst Gregor IV. (827–44) bereit, Lothar in die Francia zu begleiten. Wala dagegen trat nach den Erfahrungen von 830 nur widerstrebend neben Ebbo von Reims auf Lothars Seite. Wortführer des Aufstandes wurde Agobard von Lyon, während Drogo von Metz mit anderen Bischöfen ebenso entschieden zu <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> hielt. So kam es unvermittelt zu einer Konfrontation von kaiserlichem, reichsbischöflichem und päpstlichem Anspruch. Der von <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s Bischöfen als <span class="italics">frater</span> angeredete und an seinen Treueid gemahnte Papst berief sich, ebenso wie Agobard, auf den religiösen Vorrang der priesterlichen, insbesondere päpstlichen Gewalt. Über diesen Prinzipienkampf aber ging der Machtkampf hinweg. Während sich die Heere bei Kolmar gegenüberlagen und <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> mit dem Papst über einen Ausgleich verhandelte, wußten die Gegner am 24.6.833 seine Anhänger auf ihre Seite zu ziehen, so daß <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> sich sechs Tage später gefangen geben mußte. Diese formlose Preisgabe <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s durch seine Getreuen auf dem Rotfelde, das später „Lügenfeld“ genannt wurde, bedeutete im Rechtsdenken der Zeit seine Absetzung. Ebenso formlos ging die Herrschaft an Lothar über, der den kaiserlichen Urkundentitel <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s annahm, aber seinen eigentlichen Anspruch nicht aufrechtzuerhalten vermochte. Seinen Brüdern Pippin und Ludwig, die ihm vielleicht ein Treueversprechen leisteten, räumte er ausgedehnte Länder zu sofortiger selbständiger Herrschaft ein. Karl blieb von dieser Teilung ausgeschlossen, aber auch von der <span class="italics">Ordinatio</span> war nur ein schwacher Abglanz übriggeblieben. Gregor IV. sah seine Autorität mißbraucht und kehrte enttäuscht nach Rom zurück.

Lothar und seine Parteigänger zeigten sich zum äußersten entschlossen, um die labile neue Herrschaft zu stabilisieren. Karl wurde nach Prüm, Judith nach Tortosa, <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> in das Medarduskloster nach Soissons verbracht. Von den Erzbischöfen Ebbo und Agobard beraten, wenn nicht gar getrieben, wollte Lothar den Sturz <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s kirchlich sanktioniert und unwiderruflich gemacht wissen. Das Idoneitätsprinzip, die Auffassung vom Herrschertum als einem von Gott verliehenen Amt in der <span class="italics">ecclesia</span>, wurde zu einer Waffe<span class="pb" title="Seite im Original 316">|</span>gegen den Kaiser. Im <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 833 erklärten die in Compiègne versammelten Bischöfe, <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> habe sein Amt – <span class="italics">ministerium sibi commissum</span> – schlecht verwaltet und mahnten ihn zur Kirchenbuße. In Saint-Médard zu Soissons folgte eine feierliche Zeremonie, bei der Ebbo von Reims als Ankläger auftrat. Der gestürzte Kaiser bekannte sich ob vielfacher Schuld, insbesondere der Gewalttaten gegen seine Anverwandten und der Verstöße gegen die Reichsordnung, der Herrschaft unwürdig, legte die Waffen ab und nahm als Exkommunizierter das Büßergewand. Seine Thronfähigkeit sollte damit erloschen sein, ja die Kaiser- und Königswürde schien, kaum zwanzig Jahre nach <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s Thronbesteigung, in eine tödliche Krise geraten.

Lothar und seine Ratgeber hatten jedoch den Bogen überspannt. Der Abt [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz57181.html)Hrabanus Maurus von Fulda protestierte gegen die Entthronung des alten Kaisers, den Lothar als Gefangenen mit nach Aachen führte und dem abermals der Klostereintritt nahegelegt wurde. In kürzester Zeit kehrten sich die Fronten wieder um. Durch die harte Behandlung des Vaters, anscheinend aber auch durch den Versuch, die politisch-territoriale Position der Brüder wieder zu beschneiden, brachte Lothar zunächst Ludwig von Bayern, dann auch Pippin von Aquitanien gegen sich auf. Er wich nach Saint-Denis aus, ließ dort aber den Vater und den (inzwischen auch an den Hof geholten) Halbbruder Karl zurück und zog am 28.2.834 fluchtartig nach Burgund ab. Schon am 1.3., einem Sonntag, wurde <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> dann in Saint-Denis wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen und als Kaiser anerkannt. Pippin und Ludwig fanden sich bei ihm ein, auch Judith wurde befreit. Der jetzt unausweichlich gewordene, mit grausamer Gewalt ausgetragene offene Kampf schien in eine neue Katastrophe <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s einzumünden, denn an der Bretonengrenze wurde sein Heer geschlagen (der Kanzler Theoto fiel), und Lothar eroberte vom Süden her die Stadt Chalon. Auf die letzte Machtprobe mit den überlegenen Kräften des Vaters ließ er es aber schließlich doch nicht ankommen. So konnte <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> im Spätsommer oder Herbst 834 bei Blois die Unterwerfung Lothars entgegennehmen. Er beließ ihm Italien, gebot ihm aber, dieses Land nicht eigenmächtig zu verlassen; mit zahlreichen Getreuen, darunter Wala (<abbr title="gestorben">†</abbr> 836) und Agobard, kehrte Lothar über die Alpen zurück. Ohne die letzte Teilung anzuerkennen, duldete <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>, daß Pippin ein nach Norden erweitertes Aquitanien, Ludwig anscheinend die rechtsrheinischen Länder behielt. Mit einer Reichsversammlung in Diedenhofen, einer feierlichen Restitution des Kaisers im Dom der Karolingerstadt Metz (28.2.835) und der Resignation Ebbos als Erzbischof von Reims gingen die fünfjährigen Wirren zu Ende.

Das Amt des obersten Hofkaplans hatte <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> anscheinend schon 830 dem nicht sicher bestimmbaren Abt Fulko anvertraut (bezeugt 833), ihn aber wohl gleich 834, spätestens 836 durch seinen in Treue bewährten Halbbruder <abbr title="Erzbischof">EB</abbr> Drogo ersetzt. Die Leitung der Kanzleigeschäfte ging 834 an seinen anderen Halbbruder, den Abt Hugo, über. Am Hofe war damit wieder Stetigkeit eingekehrt, nicht aber im Reich, für dessen Küstenländer sich die Normannen- und Sarazenengefahr von Jahr zu Jahr steigerte. Trotz einer neuen Aachener Reformsynode von 836 fanden auch die kirchlichen Dinge nicht zu wirklicher Konsolidierung. Vor allem aber blieb die Ausstattung des jüngsten Kaisersohnes Karl eine offene Frage. Ohne Verständigung mit Lothar, der sich gegen die Aussöhnungsbemühungen des Hofes sperrte, bestimmte <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> 837 in Aachen weite Länder im Raum zwischen Rhein, Seine und Nordküste als – wohl künftigen – Anteil Karls, den er 838 in Quierzy endlich wehrhaft machen und zum König krönen konnte. Der jüngere Ludwig, der sich erneut auflehnte, wurde wieder auf Bayern beschränkt. Als dann aber Pippin I. von Aquitanien am 13.12.838 starb, war die Bahn frei für die von Judith offensichtlich längst erstrebte Lösung. <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> überging den Erbanspruch Pippins II, empfing Lothar zu formeller Aussöhnung auf einer Reichsversammlung in Worms (Juni 839), setzte <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> auch Agobard wieder in sein Erzbistum ein (<abbr title="gestorben">†</abbr> 840) und ordnete eine Teilung des Gesamtreiches außer Bayern nur zwischen Lothar und Karl an. Italien und die Länder östlich einer Linie von der Maas zum Genfer See sollten an Lothar, der Westen an Karl fallen. Dieser Entscheidung aber widersetzten sich sowohl Ludwig von Bayern wie eine bedeutende Gruppe des aquitanischen Adels, der Pippin II. zum König ausrief. <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> zog nun selber zu Felde, 839 nach Aquitanien, 840 gegen Ludwig. In dieser wirren Situation starb <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>, nachdem er vom Krankenlager aus den Zweitkaiser Lothar durch Zusendung der Reichsinsignien zum Nachfolger designiert hatte. Sein Bruder Drogo setzte ihn im alten Hauskloster der Karolinger bei.

Einem Herrschernamen das Attribut <span class="italics">pius</span> (oder <span class="italics">piissimus</span>) beizulegen, gehörte allgemein zur rhetorisch geprägten Topik der Literatur, der Urkunden und der Münzen. Dieses Epitheton begegnet im 9. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> und noch darüber hinaus bei <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>, bei Ludwig dem Deutschen und selbst bei Ludwig dem Kinde. Abgesehen von einem isolierten Zeugnis bei Notker von <span class="abbr" title="Sankt">St.</span> Gallen <span class="italics">(Hludovicus agnomine pii</span>, 887) hat sich diese Bezeichnung als individueller Beiname <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s erst im 10. und 11. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> eingebürgert. Sie ist auch in der Wissenschaft fester Sprachgebrauch geworden und entbehrt nicht der Berechtigung, denn persönliche Frömmigkeit und Aufgeschlossenheit für Wesen und Anliegen der Kirche treten bei <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> ausgeprägt und vertieft zutage. An der schillernden Duplizität der französischen Titel <span class="italics">Louis le Pieux</span> und <span class="italics">Louis le Débonnaire</span> ist freilich abzulesen, daß dem Beinamen auch eine negative Note im Sinne der Schwäche, der Nachgiebigkeit gegenüber geistlichem Machtanspruch eignen kann. Der unverkennbare Kontrast zu Karl <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span>, dessen Format <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> sicherlich nicht hatte, eine isolierte, unnuancierte Blickrichtung auf die Szenen von 822 und 833, unreflektiert nationalliberale. Wertungskategorien der Geschichtsschreibung haben solche Vorstellungen zu einem Klischee verdichtet, das die älteren Darstellungen und Handbücher beherrscht, in jüngeren Studien aber differenzierend aufgelok-kert worden ist. In <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>s Regierung begegnen sich Kulmination und Wende des <span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span>-<span class="abbr" title="karolingisch">karoling.</span> Zeitalters, aber daß diese Jahrzehnte schlechthin eine Periode des Verfalls gewesen seien, behauptet niemand mehr. In der Kirchenpolitik vor allem der Anfangszeit, aber auch im Willen zur organisatorischen Straffung des Reiches ließ <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> es, bei allem Verdienst seiner Berater, nicht an eigener Energie fehlen; das geistige Leben, die <span class="abbr" title="sogenannte(r)">sog.</span>Karoling. Renaissance, fand unter ihm zu gesteigerter Entfaltung, der politischen Konzeption einer einheitlichen Reichsstruktur eignet fraglos ein großer Zug. Als sich dann freilich die Probleme türmten, wußte <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span>, jetzt anders beraten und wechselnd beeinflußt, seine anfängliche Energie nicht mehr zu behaupten. Es liegt zwar vordergründig nahe, wäre jedoch unhistorisch, in des Kaisers persönlichem Versagen die primäre Erklärung für diese Wende sehen zu wollen. Die entscheidenden Gründe waren objektiver <span class="abbr" title="Artikel, Artillerie">Art.</span> Das Programm von 817 war eine theoretische, von den Zeitgenossen auch geistig kaum erfaßte Konstruktion geblieben, der es an den wirtschaftlichen und verkehrstechnischen, administrativen und militärischen Voraussetzungen fehlte. Der Weg zu einer innerdynastischen Aufgliederung des Riesenreiches erscheint im historischen Rückblick als ein strukturbedingter Sachzwang, dem auch ein Karl <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span> schwerlich Einhalt geboten hätte. So ist <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> als eine zentrale Gestalt des noch gemeinsamen <span class="abbr" title="germanisch">german.</span>-<span class="abbr" title="romanisch">roman.</span> Europa zu sehen, eines Zeitalters, das zur gemeinsamen Basis deutscher und <span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Geschichte gehört – <span class="abbr" title="Ludwig">L.</span> wird als erster in der langen Reihe <span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Könige dieses Namens gezählt -, das aber in manchen Bezügen, so in der Kloster- und Kirchenreform, in der neuartigen Polarität von Herrschertum, Adel und Episkopat wie auch in der sich anbahnenden staatlichen Pluralität schon spezifische hochmittelalterliche Probleme, teilweise sogar normgebend, vorweggenommen hat.

##### 2. Pippin der Jüngere

<span class="abbr" title="Pippin">P.</span> war der zweite Sohn Karl Martells und wurde geboren, als der Vater gerade daran ging, den Kampf um das Erbe Pippins d. M. zu führen. Bezeugt sind seine Taufe durch den <span class="abbr" title="heilig">hl.</span> Willibrord und eine zeitweilige Erziehung im Kloster Saint-Denis, doch ist im übrigen kaum etwas über ihn wie auch den älteren Bruder Karlmann zu Lebzeiten des Vaters bekannt. Unklar in ihrer Bedeutung ist die Nachricht, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70318.html)Karl Martell habe <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> 737 nach Italien entsandt, wo ihn der Langobardenkönig Liutprand an Sohnes statt annahm. Jedenfalls hinterließ Karl zwei verschiedene Erbfolgeregelungen: Während er zunächst (vielleicht schon 737) das Reich und das Hausmeieramt, das er zuletzt ohne König versehen hatte, allein unter Karlmann (Austrasien, Alemannien, Thüringen) und <span class="abbr" title="Pippin">P.</span>(Neustrien, Burgund, Provence) aufgeteilt hatte, berücksichtigte er auf deren Kosten kurz vor seinem Ende auch Grifo, den um 726 geborenen Sohn seiner zweiten Frau, der Agilolfingerin Swanahild, mit einem ansehnlichen Erbteil in der Mitte des Reiches.

Dies führte nach Karls Tod zu einem kurzen, aber heftigen Machtkampf, in dem die älteren Brüder die Stiefmutter und den Stiefbruder bezwangen. Grifo wurde noch 741 bei Laon umzingelt und schließlich auf dem Chèvremont bei Lüttich gefangengesetzt, seine Mutter verschwand im Kloster Chelles bei Paris. Damit hatten sich Karlmann und <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> die Herrschaft als Hausmeier über die zentrale Francia gesichert und begannen sogleich, sich gegen widerstrebende Kräfte an der Peripherie zu wenden. 742 unternahmen sie einen gemeinsamen Feldzug gegen Aquitanien, der zur Einnahme von Bourges führte, und stießen in Alemannien bis zur Donau vor. Außerdem vereinbarten sie in Vieux-Poitiers eine vom väterlichen Willen abweichende Reichsteilung, die Karlmann eine eher <span class="abbr" title="nördlich">nördl.</span>, <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> eine <span class="abbr" title="südlich">südl.</span> Zone zugestand, und setzten Anfang 743 noch einmal einen merowing. König namens Childebert III. ein, der ihre Position gegenüber Rivalen legitimieren sollte. So gerüstet nahmen sie den Kampf mit ihrem Schwager Odilo von Bayern auf, der sich am Lech geschlagen geben und der <span class="abbr" title="karolingisch">karoling.</span> Oberhoheit beugen mußte. Während Karlmann 743 und nochmals 744 bis ins <span class="abbr" title="östlich">östl.</span> Sachsen hinein Schrecken verbreitete, setzte sich <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> wohl 744 mit Theudebald, dem Bruder des letzten Alemannen-<span class="abbr" title="Herzog">Hzg.</span> Landfrid, auseinander. Das Jahr 745 sah dann beide Brüder wieder zusammen beim Heereszug gegen Hunoald von Aquitanien, der zuvor einen Einfall in Neustrien gewagt hatte und nun zur Kapitulation genötigt wurde. Man ließ ihn seine Tage im Kloster beschließen, gestattete aber seinem Sohn Waifar die Nachfolge im aquitan. Dukat. Den Abschluß dieser neuen Welle der Zentralisierung des Frankenreiches bildete das Einschreiten Karlmanns in Alemannien, der dort 746 eine letzte Empörung niederschlug und das Herzogtum endgültig beseitigte.

Gleichzeitig leiteten beide Brüder eine neue Ära der <span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span> Kirchenpolitik ein, die über die bisherige Begünstigung von Klostergründungen und rechtsrhein. Mission hinaus auf eine organisatorische Festigung und umfassende Erneuerung nach kanonischen, zumal von den Angelsachsen (Bonifatius) vermittelten Maßstäben abzielte. Karlmann ging damit in seinem Teilreich voran, doch ist spätestens 744 (Synode <span class="abbr" title="von">v.</span> Soissons) eine Förderung dieser Tendenzen auch durch <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> erkennbar, wobei die geforderte Rückgabe entfremdeten Kirchenguts den heikelsten Punkt darstellte. 745 trafen beide Hausmeier bei einer gesamtfränk. Synode (an <span class="abbr" title="unbekannt">unbek.</span> Ort) mit Bonifatius zusammen. Seither wuchsen jedoch die Widerstände mit der Folge, daß in <span class="abbr" title="Pippin">P.</span>s Teilreich die beschlossene Einführung der Metropolitanverfassung nicht durchzusetzen war. Es bleibt indes ungewiß, inwieweit Enttäuschung über diese Entwicklung den Entschluß des Hausmeiers Karlmann befördert hat, im Herbst 747 der Welt zu entsagen und sich in Italien dem klösterlichen Leben zu widmen.

Als damit alleiniges Familienoberhaupt war <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> nicht gesonnen, die Macht abermals zu teilen, schob Karlmanns Sohn Drogo beiseite (zumal er seit 2.4.748 in Karl <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span> einen eigenen Stammhalter hatte) und focht einen neuen Kampf mit Grifo aus, der nach Karlmanns Abdankung zu den Sachsen entkommen war und 748 nach <span class="abbr" title="Herzog">Hzg.</span> Odilos Tod sein Heil in Bayern suchte. <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> bezwang ihn 749 durch einen Vorstoß bis zum Inn, gewährte ihm eine Abfindung mit 12 Grafschaften um Le Mans, doch blieb der Stiefbruder unzufrieden und fand schließlich 753 beim Versuch, nach Italien durchzubrechen, den Tod. Erst der Rücktritt Karlmanns und die Überwindung Grifos setzten <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> in die Lage, ein eigenes Königtum an Stelle der machtlos gewordenen Merowinger ins Auge zu fassen. Dabei die Autorität des Papsttums einzuschalten, mag ihm der Fortgang der Kirchenreform nahegelegt haben, die er seit 748 zunehmend durch unmittelbare Einholung von Rechtsauskünften in Rom betrieben hatte. Sein besonderes Vertrauen in geistlichen Dingen genossen der vornehme Franke Chrodegang, seit 742 <span class="abbr" title="Bischof">Bf.</span> von Metz, und Fulrad, seit 750 Abt von Saint-Denis. So sandte er im Frühjahr 750 <span class="abbr" title="Bischof">Bf.</span> Burchard von Würzburg, einen Angelsachsen, zusammen mit Fulrad zu Papst Zacharias, den Reichsannalen zufolge mit der Frage „nach den Königen im Frankenreich, die damals keine königliche Gewalt hatten, ob das gut sei oder nicht“. Sie erhielten, vermutlich sogar schriftlich, den Bescheid, „daß es besser sei, der hieße König, welcher die Macht habe, als der, welcher ohne königliche Macht sei“. Das berühmte Responsum des Zacharias bot die erwünschte Grundlage, um die Diskrepanz zwischen Titel und Inhalt der <span class="abbr" title="königlich">kgl.</span> Würde zu überwinden. Rechtsverbindlich wurde der Dynastiewechsel erst dadurch, daß <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> wohl im <span class="abbr" title="November">Nov.</span> 751 in Soissons nach akklamatorischer Huldigung der Großen und förmlicher Thronsetzung das Königtum annahm, während Childerich III. ins Kloster Saint-Bertin verwiesen wurde. Zum traditionellen Ritual trat als neuartiges Element die geistliche Salbung durch die Bischöfe (an Weihnachten 751 ?), die, vielleicht durch irische Anregung, auf Vorbilder im Alten Testament zurückging.

Nicht nur für diese sakrale Fundierung der Monarchie, sondern auch für die Einbeziehung Italiens in das abendländ. Mittelalter ist <span class="abbr" title="Pippin">P.</span>s Herrschaft wegweisend geworden. Als nämlich Papst Stephan II. 753 seine Hilfe gegen den wachsenden Druck der Langobarden erbat, lud er ihn ins Frankenreich ein und schloß mit ihm 754 in Quierzy und Saint-Denis ein Bündnis, das seine Bestellung zum Schutzherrn Roms <span class="italics">(patricius Romanorum)</span> und zugleich die Sicherung des dynastischen Vorrangs seiner Familie durch <span class="abbr" title="päpstlich">päpstl.</span> Salbung (auch der Söhne Karl und Karlmann) zum Inhalt hatte. Unbeirrt von den Warnungen des aus dem Kloster Montecassino zurückgekehrten Bruders Karlmann, brach <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> zu seinem ersten Italienfeldzug auf, der zu einem raschen Sieg über den langobard. <span class="abbr" title="König">Kg.</span> Aistulf führte. Da dieser jedoch entgegen den Vereinbarungen erneut vor Rom rückte, griff <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> 756 wiederum ein und erzwang in einem verschärften Friedensvertrag die Übergabe umfangreicher langobard. Eroberungen in Mittelitalien an den Papst (Pippinische Schenkung), womit die Geschichte des Kirchenstaates begann. Die Einzelheiten der Grenzziehung blieben noch lange strittig, konnten aber <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> trotz mehrfacher Mahnung Papst Pauls I. (757–67) nicht mehr auf den Plan rufen.

Vielmehr konzentrierte sich <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> seit den späten 750er Jahren wieder ganz auf den Herrschaftsaufbau <span class="abbr" title="nördlich">nördl.</span> der Alpen. Er beförderte die weiträumige Verflechtung loyaler Adelsfamilien, ließ seinen Neffen, <span class="abbr" title="Herzog">Hzg.</span> Tassilo III. von Bayern, seit 757 mündig, mit Vorbehalten gewähren und beschränkte sich gegenüber Sachsen auf gelegentliche Strafexpeditionen, um alle Kraft auf den Südwesten Galliens zu richten. 759 nahm er die Küstenlandschaft Septimanien mit dem Zentrum Narbonne, den letzten maur. Vorposten <span class="abbr" title="nördlich">nördl.</span> der Pyrenäen, ein, und seit 760 führte er nahezu jährliche zermürbende Feldzüge gegen Aquitanien unter dem <span class="italics">dux</span> Waifar, woran er bald auch seine Söhne Karl und Karlmann beteiligte. 762 fiel Bourges, 766 war die Garonne erreicht, und 768 nahm das Ringen ein wenig rühmliches Ende, als der letzte aquitan. Herzog einem Mordanschlag aus der eigenen Umgebung anheim fiel, an dem schon Zeitgenossen <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> die Schuld gaben.

<span class="abbr" title="Pippin">P.</span>, der den Aufstieg seines Geschlechts zum Königtum vollendete, stützte sein Regiment auf die neu geschaffene Hofkapelle, einen Verband ergebener Kleriker, die für den herrscherlichen Gottesdienst ebenso wie – anstelle der laikalen <span class="italics">referendarii</span> der Merowinger – für den gesamten Schriftverkehr des Hofes zuständig wurden. Dauerhafte geistliche Mitwirkung an Beratung, Formulierung und Vollzug der Politik tritt auch im Fortgang der <span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span> Kirchenreform zutage, die unter <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> zur Verallgemeinerung des Zehntgebots und zu einer beginnenden Vereinheitlichung der liturgischen Bücher nach <span class="abbr" title="römisch">röm.</span> Mustern gelangte. Für ein zunehmendes intellektuelles Selbstbewußtsein spricht, daß <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> 767 auf der Synode von Gentilly <span class="abbr" title="römisch">röm.</span> und <span class="abbr" title="griechisch">griech.</span> Theologen vor seinen Bischöfen ein Streitgespräch über Probleme des Bilderkults führen ließ, ein Vorgang, der bereits deutlich auf die nachfolgende Ära Karls <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span> vorausweist.

Auf dem Rückweg vom letzten aquitan. Feldzug erkrankte <span class="abbr" title="Pippin">P.</span> im Juni 768 schwer. Er verfügte eine Reichsteilung, die in Anlehnung an diejenige von 742 dem Sohn Karl ein <span class="abbr" title="nördlich">nördl.</span>, Karlmann ein <span class="abbr" title="südlich">südl.</span> Teilreich und beiden je zur Hälfte das eben erst unterworfene Aquitanien zusprach. Tatsächlich wurde schon nach drei Jahren sein alleiniger Erbe Karl <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span>, dessen historische Leistung ohne die inneren und äußeren Erfolge <span class="abbr" title="Pippin">P.</span>s nicht möglich geworden wäre.

##### 3. Bonifatius

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/JiGimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/JiGimage.jpeg)

Einer Grundherrenfamilie entstammend, im Kloster Exeter aufgewachsen, erfuhr <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> in Nursling (bei Winchester) die entscheidende Formung: das benediktinische Mönchtum, die festgefügte, der Verbundenheit mit Rom bewußte angelsächsische Landeskirche, die von dem Theologen und Dichter Aldhelm beherrschte Bildungswelt von Wessex gaben ihm das unverlierbare geistige Gepräge. In Nursling wurde er Leiter der Klosterschule; eine Anzahl Dichtungen, eine Grammatik und eine Metrik sind als Niederschlag dieser Lehrtätigkeit zu betrachten. Schon im reifen Mannesalter stehend, entschloß er sich, der iroschottischen und angelsächsischen Tradition der <span class="italics">peregrinatio</span> zu folgen und sich der Missionsarbeit bei den stammverwandten Heiden zu widmen. Nachdem ein erster Versuch in Friesland 716 an politischen Widrigkeiten gescheitert war, schied <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> 718 für immer aus der Heimat, mit der er nur brieflich zeitlebens in enger Fühlung blieb. Dem Vorbilde des Friesenapostels Willibrord folgend, begab er sich nach Rom, um vom Papste die Ermächtigung zur Heidenbekehrung einzuholen. In einem Schreiben vom 15.5.719, das diesen Auftrag aussprach, erhielt er von Gregor II. den Namen des römischen Heiligen vom Vortage, <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span>, den er seitdem regelmäßig führte. Er wirkte zunächst kurze Zeit in Thüringen, trat aber nach dem Tode des frankenfeindlichen Friesenherzogs Radbod (719) in den Dienst Willibrords.

Er trennte sich jedoch (wohl 721) von seinem Meister und begann mit der Glaubensverkündigung in Hessen; in Amöneburg (östlich von Marburg) entstand sein erstes Kloster. Nach bedeutenden Anfangserfolgen nahm <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> neue Verbindung mit dem Papste auf. Gregor II. entbot ihn nach Rom und weihte ihn am 30.11.722 zum Bischof. Angelsächsischer<span class="pb" title="Seite im Original 445">|</span>Missionspraxis entsprechend suchte <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> zugleich Rückhalt bei der Staatsgewalt; Karl Martell stellte ihm auch einen Schutzbrief aus (723), aber von einer ernstlichen Förderung durch den Hausmaier ist nichts zu erkennen. <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> blieb auf die dem Frankenreiche erst lose angegliederten Randgebiete beschränkt, was sich freilich fürs erste ohnehin in seine Pläne fügte. Mit verstärkter Energie und Autorität nahm er seine Wirksamkeit wieder auf, zunächst in Hessen - die Fällung der Donarseiche in Geismar (unweit von Fritzlar) gehörte in diese Zeit -, bald auch in Thüringen (seit 725), wo weniger das Heidentum als ein noch wenig gefestigtes Christentum ihm Widerstände entgegensetzte. Im glücklichen Fortgang gewann sein Werk eine breitere organisatorische Grundlage. Gregor III. ernannte ihn (wohl 732) zum Erzbischof mit der Befugnis, Bischöfe einzusetzen. Da [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70318.html)Karl Martell seine Hilfe versagte, kam die Errichtung von Bistümern freilich nicht zustande, aber die angelsächsische Heimat lieh moralische und materielle Unterstützung und sandte Gefährten, darunter Wigbert, den ersten Abt von Fritzlar, und des <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> Verwandte Lioba (Leobgytha); zu den Klostergründungen Ohrdruf und Fritzlar kamen am Main die Frauenklöster Tauberbischofsheim, Kitzingen und Ochsenfurt; aus Bayern stieß Sturmi als neuer Schüler zu ihm. Bei der dritten Romreise 737/38 erweiterte Gregor III. die Vollmachten und Aufträge des <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span>, der zugleich in den Landsleuten Wunibald, Lul, Burchard abermals Schüler gewann: als <span class="italics">legatus Germanicus</span> sollte er das Christentum auch unter seinen eigentlichen Stammesgenossen, den 'Altsachsen', verkünden - diese Krönung seines Werkes blieb ihm freilich versagt -, und vor allem sollte er in Hessen, Thüringen und Bayern eine feste Kirchenorganisation aufbauen. Aber die Unterstützung durch die fränkische Staatsgewalt blieb auch jetzt aus; nur in dem weitgehend selbständigen Bayern konnte <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> 739 mit Hilfe Herzog Odilos in Anlehnung an bereits bestehende kirchliche Brennpunkte vier Diözesen errichten und Oberhirten einsetzen: Gawibald in Regensburg, Erembert in Freising, Johannes in Salzburg; in Passau verblieb der bereits früher vom Papste geweihte Vivilo. Die bayerische Landeskirche blieb freilich nicht lange unter der Aufsicht des Erzbischofs <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span>; Odilo setzte 745 in Salzburg den Iroschotten Virgil ein, mit dem <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> über kosmologische Fragen in einen langwierigen Streit geriet.

Der Tod Karl Martells 741 brachte die große Wende. Karlmann und Pippin standen dank einer gewissen geistlichen Erziehung den kirchlichen Anliegen aufgeschlossener gegenüber. Die Bistumsorganisation in Thüringen und Hessen wurde jetzt realisiert (742). <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> errichtete die Diözesen Würzburg (erster Bischof Burchard), Büraburg (Witta) und Erfurt (Bischof unbekannt); Büraburg und Erfurt gingen wohl bald nach seinem Tode im Mainzer Sprengel auf. <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span>weihte am 21.10.742 auch Wunibalds Bruder Willibald, der, aus Montecassino und Rom kommend, im Jahre zuvor zu ihm gestoßen war und seinen Sitz in Eichstätt genommen hatte, zum Bischof, doch scheint es, daß sein Bistum (das dem Verbande der fränkischen, nicht der bayerischen Kirche angehörte) erst nach einigen Jahren (745 ?) wirklich errichtet werden konnte; in seinem Bezirk entstanden die Klöster Heidenheim[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/60127) und Solnhofen. In enger Verschmelzung politischer und kirchlicher Ziele betrieben die neuen Hausmaier, im Bunde mit <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> und dem Papsttum, eine Gesamtreform der fränkischen Kirche und den Ausbau ihrer monarchischen Gewalt, im Widerstreit zum austrasischen Adel, der mit Gestalten wie Milo von Trier-Reims und Gewilib von Mainz auch den Episkopat beherrschte. Im so genannten Concilium Germanicum, das am 21.4.743 an unbekanntem Orte tagte, bestätigte Karlmann die neuen Bischöfe und <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> als austrasischen Erzbischof; er verkündete strenge Vorschriften über die kirchliche Disziplin und bestimmte die Rückgabe der unter[→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz31483.html)Karl Martell 'säkularisierten' Kirchengüter. Pippin übernahm ähnliche Prinzipien für Neustrien und leitete eine Wiederherstellung des Metropolitansystems ein, indem er durch <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> Erzbischöfe für Rouen (Grimo), Reims (Abel) und Sens (Hartbert) weihen ließ; Papst Zacharias wurde um die Pallien gebeten (Konzil von Soissons, 3.3.744). Diese beiden Synoden und die gleichzeitige wichtigste Klostergründung, Fulda mit Sturmi als erstem Abt (744), bezeichnen den Höhepunkt der bonifatianischen Reform. Aber der heftige Widerstand des fränkischen Adels führte zu rascher Krise, die Karolinger wichen zurück. Schon die zweite Reformsynode Karlmanns in Les Estinnes (Hennegau) vom 1.3.744 schwächte die Bestimmungen über die Restitution des Kirchengutes sehr ab. Auch die neustrischen Pläne blieben stecken: Abel konnte sich in Reims gegen Milo nicht halten, Pippin schränkte die Pallienbitte auf Grimo von Rouen ein. Schließlich scheiterte gar die Errichtung einer eigentlichen Kirchenprovinz in Austrasien, denn ein Synodalbeschluß von 745, Köln zum Metropolitansitz des <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> zu erheben, blieb unausgeführt. Immerhin gelang es, Gewilib von Mainz zu stürzen, und <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> übernahm (wohl 746) dieses Bistum, aber nur als persönlicher Missionserzbischof; Metropolitanrechte erhielt Mainz erst unter [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70315.html)Karl dem Großen (780/82).

Pippin, durch Karlmanns Abdankung seit 747 alleiniger Hausmaier, ließ <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> angesichts der übermächtigen Gegnerschaft in der fränkischen Aristokratie jetzt in den Hintergrund treten. Einer Synode, die <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> 747 mit 13 Bischöfen an unbekanntem Orte hielt, kam offenbar nur geringe Bedeutung zu. Der Hausmaier nahm unmittelbare Verbindung mit Rom auf, die Führung im Reformwerk (das keineswegs fallen gelassen wurde!) ging an fränkische Persönlichkeiten wie den Abt Fulrad von <span class="abbr" title="Sankt">St.</span> Denis und den Bischof Chrodegang von Metz über. An den Verhandlungen über die Erhebung Pippins zum Könige war <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> nicht beteiligt, wenn es auch möglich bleibt, daß er 751 die Königssalbung vollzog. Er trug schwer an den Hemmnissen und bemühte sich, sein Werk nach Möglichkeit zu sichern: er erwirkte 751 die päpstliche Exemtion für seine Stiftung Fulda und 753 die Nachfolge seines Schülers Lul in Mainz. Nicht einmal bei der Reise Stephans II. ins Frankenreich 754 trat er in Erscheinung. Er kehrte zur Friesenmission zurück und fand den Märtyrertod. Seine Leiche wurde feierlich über Mainz nach Fulda gebracht; seine Eingeweide wurden in Mainz beigesetzt.

„Kein Genie, aber ein Charakter, ein Mann der Tat, des Gewissens und des Gehorsams“ ([→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz116775.html)Hans von Schubert, S. 312), ist <span class="abbr" title="Bonifatius">B.</span> durch die Ausbreitung des christlichen Kulturbereiches und der Kirchenorganisation auf deutschem Boden ebenso wie durch die Erneuerung der fränkischen Landeskirche im Bunde mit dem Papsttum zu einem Mitbegründer des abendländischen Mittelalters geworden.

##### 4. Karl Martell

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/scaled-1680-/Drrimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/Drrimage.png)

<span class="abbr" title="Karl">K.</span>s Vater hatte seit 687 von der austrischen Basis aus einen formal mit dem Amt des <span class="italics">maior domus</span> (Hausmeier) verbundenen Prinzipat errichtet, der das Königtum der Merowingerdynastie nominell bestehen ließ, aber in faktisch eigener Herrschaft die austrisch-neustrische Francia zusammenfaßte und bereits in germanische Randgebiete (Friesland, Mainland-Thüringen, Alemannien) ausgriff. Bei Pippins Tode (18.12.714) stand jedoch kein regierungsfähiger Nachfolger bereit, da er seine legitimen Söhne aus der Ehe mit Plektrud überlebt und den Friedelsohn <span class="abbr" title="Karl">K.</span> von der Nachfolge ausgeschlossen hatte. Plektrud setzte <span class="abbr" title="Karl">K.</span> gefangen und wollte mit ihren noch unmündigen Enkeln und dem König Dagobert III. (<abbr title="gestorben">†</abbr> 715/16) die Regierung des Gesamtreiches fortsetzen. Aber ein Aufstand der Neustrier, die alsbald den König Chilperich II. (<abbr title="gestorben">†</abbr> 721) erhoben, sowie schwere Angriffe der Friesen und Sachsen brachten das politische Werk Pippins dem Zusammenbruch nahe. Die Überwindung dieser Krise und die Sicherung des fränkischen Gesamtreiches, wiederum vom germanischen Austrien aus, ist die historische Leistung <span class="abbr" title="Karl">K.</span>s.

<span class="abbr" title="Karl">K.</span> befreite sich aus der Haft, sammelte austr. Anhänger, schlug die Neustrier (716 u. 717) und brachte bis 717 die Herrschaft in Austrien an sich, wo er einen eigenen König, Chlothar IV. (717–20), aufstellte. 719 erreichte er durch einen entscheidenden Sieg bei Soissons die Unterwerfung der mit dem Aquitanierhzg. Eudo verbündeten Neustrier und erleichterte den Frieden, indem er nach dem Tode Chlothars IV. den König Chilperich II. anerkannte; als dieser 721 starb, ließ er Theuderich IV. (<abbr title="gestorben">†</abbr> 737) als nominellen König folgen. Damit war die von Pippin geschaffene Ordnung wiederhergestellt. <span class="abbr" title="Karl">K.</span> regierte als Hausmeier dieser Könige, wird aber von den Chronisten als <span class="italics">dux</span> und <span class="italics">princeps</span>, von den Päpsten gelegentlich als <span class="italics">patricius</span> und <span class="italics">subregulus</span> bezeichnet.

Auch die ausweitende Sicherung und Festigung der fränkischen Reichsgewalt kam wieder in Gang. <span class="abbr" title="Karl">K.</span> zog 718 gegen die Sachsen zu Felde, richtete 719 die Herrschaft über Westfriesland wieder auf und schloß 720 Frieden mit Eudo von Aquitanien. Das nächste Jahrzehnt stand im Zeichen des schon von Pippin begonnenen Kampfes mit den germanischen Herzogsgewalten. Nachdem <span class="abbr" title="Karl">K.</span> schon vor 720 das thüringische Herzogtum hatte zu Ende gehen lassen und 722/24 erneute Heerfahrten gegen die Sachsen unternommen hatte, zog er 725 durch Alemannien nach Bayern; bei der Rückkehr führte er die Herzogin Pilitrud und ihre Nichte Swanahild mit. Obgleich <span class="abbr" title="Karl">K.</span> 728 abermals in Bayern erschien, kam es noch nicht zu nachhaltiger Bindung an das Reich, geschweige denn zur Beseitigung des agilolfing. Herzogtums. Härter griff <span class="abbr" title="Karl">K.</span> in Alemannien zu, wo er nach abermaliger militärischer Intervention und dem Tode des Herzogs Lantfrid (730) keine Herzogsgewalt mehr gelten ließ, aber nicht verhindern konnte, daß Lantfrids Bruder Theutbald sich weiterhin behauptete, während im Elsaß um 740 das Herzogtum erlosch. – Der sowohl kirchlichen wie politischen Gewinnung Alemanniens und des Elsaß diente die Förderung, die <span class="abbr" title="Karl">K.</span> dem Klostergründer Pirmin (Reichenau, Murbach) angedeihen ließ. Sicherlich nicht ohne politische Erwägungen hatte er bereits 723 dem in Hessen und Thüringen wirkenden Bonifatius einen Schutzbrief im Königsstil ausgestellt, aber es blieb ein eher distanzierter Schutz; bei der Reorganisation der bayerischen Kirche durch Bonifatius (739) ist kein Kontakt mit der fränkischen Reichsgewalt erkennbar. Stärkeren Rückhalt erfuhr zwelfellos der Friesenmissionar Willibrord von Utrecht, doch ist darüber im einzelnen fast nichts bekannt. <span class="abbr" title="Karl">K.</span> unterwarf 733/34 auch das nördliche Friesland, beseitigte hier gleichfalls das Herzogtum und erweiterte Willibrords Missionsfeld. Erwartungen politischer und kirchlicher Expansion verbanden sich 738 auch mit einem großen Unternehmen <span class="abbr" title="Karl">K.</span>s gegen die Sachsen, doch scheint es über Anfangserfolge und Grenzsicherung nicht hinausgeführt zu haben.

Seit 731 war im übrigen Südgallien zu <span class="abbr" title="Karl">K.</span>s wichtigstem Aktionsfeld geworden. Eudo von Aquitanien sperrte sich gegen die fränkisch Hoheit (Strafzüge <span class="abbr" title="Karl">K.</span>s 731), mußte aber <span class="abbr" title="Karl">K.</span>s Hilfe suchen, als 732 ein arabisch Heer von Spanien aus über Bordeaux und Poitiers vordrang. <span class="abbr" title="Karl">K.</span> brachte durch die Abwehrschlacht zwischen Poitiers und Tours (Oktober 732) die islamisch Expansion in Westeuropa zum Stehen und behielt seitdem in Gallien die Initiative. Seine Aktionen richteten sich seit 733 im Ringen mit Arabern und einheimischen Magnaten nach Südosten. In harten, bis 739 fast Jahr für Jahr ausgetragenen Kämpfen, teils unter seiner eigenen, teils unter seines Bruders Childebrand Führung – 738 mit einem langobardischen Hilfskorpszwang <span class="abbr" title="Karl">K.</span> Burgund und die Provence politisch und administrativ in den Reichsverband, während Septimanien mit Narbonne noch unter arabischer Herrschaft verblieb. Nach dem Tode Eudos rückte er 735 erneut in Aquitanien ein, ließ aber das Herzogtum unter Eudos Sohn Hunoald bestehen, nahm jedoch dessen Treueid entgegen (736).

Bei den inneren und äußeren Kämpfen bedurfte <span class="abbr" title="Karl">K.</span> einer schlagkräftigen berittenen Truppe, einer zuverlässigen Anhängerschaft im – vor allem austr. – Grundbesitz- und Schwertadel, die er teilweise bereits in der Rechtsform der Vasallität an sich band. Zu ihrer Ausstattung griff er auch auf kirchliche Güter und Ämter zurück, indem er geistliches Eigentum nach Leiherecht seinen Vasallen zuteilte, ja Bistümer und Klöster als politisch-wirtschaftliche Macht- und Besitzobjekte seinen Gegnern entzog, um sie an seine Anhänger zu vergeben. Solche Praktiken waren nicht grundsätzlich neu und lassen sich nicht eigentlich als „Säkularisationen“ kennzeichnen, aber sie gingen sichtlich über die bisher bekannten Ausmaße weit hinaus und trugen sehr zur organisatorischen und geistigen Zerrüttung der fränkischen Kirche bei. Ob mangelnde Einsicht oder politische Vorsicht <span class="abbr" title="Karl">K.</span> von energischen Reformeingriffen abhielt, steht dahin. Die großenteils vertretene Annahme, er habe unmittelbar vor seinem Tode, im Herbst 741, dem <abbr title="Erzbischof">EB</abbr> Bonifatius in einem kirchenpolitischen Kurswechsel die Errichtung der Bistümer Würzburg, Büraburg und Erfurt ermöglicht, beruht auf bloßer Rückrechnung aus späteren Zeugnissen und widerspricht ebensosehr jeder Wahrscheinlichkeit wie die alternative Unterstellung, Bonifatius habe einen solchen Schritt eigenmächtig gewagt. Einem Ansuchen des von dem Langobardenkönig Liutprand bedrängten Papstes Gregor III. wich <span class="abbr" title="Karl">K.</span> 739/40 aus; er hatte selber langobardische Militärhilfe entgegengenommen und seinen jüngeren Sohn Pippin von Liutprand adoptieren, das heißt zum Königssohn erheben lassen.

<span class="abbr" title="Karl">K.</span> regierte seit 737 ohne König und verfügte vor seinem Tode eine Reichsteilung nach Königsart, indem er dem älteren Sohn Karlmann Austrien mit Alemannien und Thüringen, Pippin dem Jüngeren Neustrien mit Burgund und der Provence zusprach; Grifo sollte im Reichsinnern ausgestattet werden; Bayern und Aquitanien blieben außerhalb dieser Teilung. <span class="abbr" title="Karl">K.</span>, der seinen Namen in die „karolingische“ Dynastie einbrachte, hat durch die endgültige Festigung des alten Frankenreichs und des neuen Prinzipats seinem Sohn (Pippin des Jüngeren) und seinem Enkel (Karl der Große) in entscheidender Weise einen Weg geebnet, der schließlich sowohl in die deutsche wie in die französische Geschichte geführt hat. Der Nachwelt wurde sein geschichtliches Bild freilich zwiespältig: die bewundernden Beinamen <span class="italics">Tudes, Tudites, Martellus</span>, aber auch die Verdammung des Kirchenräubers begegnen seit dem späteren 9. Jahrhundert in schroffem Widerspruch zueinander.

5\. Widukind

<span class="abbr" title="Widukind">W.</span> war neben dem <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> <span class="abbr" title="Herzog">Hzg.</span> [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74933.html)Tassilo III. (741 – <span class="abbr" title="nach">n.</span> 794) der bedeutendste Gegner [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70315.html)Karls <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span> nördlich der Alpen. Die frühesten Nennungen <span class="abbr" title="Widukind">W.</span>s lassen seine herausragende Rolle schon vor 777 erkennen; sie finden sich innerhalb der Schilderungen der <span class="abbr" title="sogenannte(r)">sog.</span> „Fränk. Reichsannalen“ und der „Ältesten Metzer Jahrbücher“ (Annales Mettenses priores) über den Reichstag [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70315.html)Karls <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span> 777 in Paderborn.

<span class="abbr" title="Widukind">W.</span> wird erwähnt, weil er an dieser Versammlung nicht teilnahm, sondern „im Aufruhr verharrte“ und „mit seinen Anhängern zu den Dänen geflohen“ war. Die „Einhard-Annalen“, eine Bearbeitung der Reichsannalen, fügen ergänzend hinzu, <span class="abbr" title="Widukind">W.</span> sei „einer der westfälischen Großen“ gewesen und habe bei dem <span class="abbr" title="dänisch">dän.</span><span class="abbr" title="König">Kg.</span> [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz142270.html)Siegfried Aufnahme gefunden. 778, zu Beginn des zweiten Abschnitts des seit 772 währenden Sachsenkriegs, erhoben sich die Sachsen nach dem Zeugnis der Reichsannalen auf Betreiben <span class="abbr" title="Widukind">W.</span>s erneut. Ein <span class="abbr" title="sächsisch">sächs.</span> Heer stieß – vielleicht unter <span class="abbr" title="Widukind">W.</span>s Führung – auf der rechten Seite des Rheins sogar bis in das der Moselmündung gegenüberliegende Gebiet vor. 779 und 780 erschien Karl selbst auf dem <span class="abbr" title="sächsisch">sächs.</span> Kriegsschauplatz. Über <span class="abbr" title="Widukind">W.</span>s Tätigkeit während dieser beiden Jahre ist nichts bekannt.

Im Frühsommer 782 hielt Karl eine Reichsversammlung in Lippspringe ab. Wie 777 war er offenbar der Überzeugung, das Land sei unterworfen; und wiederum heißt es, daß „alle Sachsen außer dem Aufrührer <span class="abbr" title="Widukind">W.</span>“ erschienen wären, der bei den Dänen Zuflucht gesucht habe. Nachdem Karl sich über den Rhein zurückbegeben hatte, kam es „am Süntel“ zu einer schweren Niederlage des <span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span> Heeres. Vermutlich befehligte <span class="abbr" title="Widukind">W.</span> das <span class="abbr" title="sächsisch">sächs.</span> Aufgebot. Auf die Kunde von dieser Niederlage eilte Karl nach Sachsen, verwüstete das Land und vollzog ein Strafgericht. <span class="abbr" title="Widukind">W.</span>, der von den <span class="abbr" title="sächsisch">sächs.</span> Großen als Anführer des Aufstands benannt wurde, war nach Aussage der Reichsannalen erneut nach Dänemark geflohen.

Nach weiteren Feldzügen Karls <span class="abbr" title="beziehungsweise">bzw.</span> seines gleichnamigen Sohnes 783–85 unterwarfen sich <span class="abbr" title="Widukind">W.</span> und sein Schwager oder Schwiegersohn [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz142271.html)Abbi(o) 785 und empfingen in Attigny die Taufe. Fraglich bleibt, ob Karl <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span> persönlich als Taufpate <span class="abbr" title="Widukind">W.</span>s wirkte, wie die „Jahrbücher von der Mosel“ (Annales Mosellani) und die von ihnen abhängigen Quellen erzählen. Die Reichs- und die Einhardannalen erwähnen eine solche Beteiligung des Königs an der feierlichen Handlung nicht – und schweigen auch in folgendem Punkt: Nachdem Papst [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz130498.html)Hadrian I. von Karl die Mitteilung von der Unterwerfung der Sachsen erhalten hatte, ordnete er Anfang 786 für Juni desselben Jahres ein in allen Gebieten der Christenheit zu feierndes Dankfest an. Aus dem Schweigen der höfischen oder wenigstens hofnahen Berichterstattung der Reichsannalen und der Einhardsannalen läßt sich folgern, daß der König später nicht mehr an sein frommes Tun erinnert werden wollte, nachdem sich seine Hoffnung, Sachsen unterworfen zu haben, 785 zum dritten Mal als trügerisch erwiesen hatte.

Es liegt der Verdacht nahe, daß der König mit <span class="abbr" title="Widukind">W.</span> ebenso verfuhr wie mit anderen Gegnern und ihn in Klosterhaft gab – entgegen der damals herrschenden Rechtsvorstellung, wonach Karl als <span class="abbr" title="Widukind">W.</span>s „geistlicher Vater“ nicht strafend gegen ihn hätte vorgehen dürfen. Jedenfalls findet <span class="abbr" title="Widukind">W.</span> nach 785 in den zeitgenössischen Quellen keine Erwähnung mehr.

Seit der Mitte des 9. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> erscheint <span class="abbr" title="Widukind">W.</span> wieder in der schriftlichen Überlieferung. Die vor einiger Zeit vorgeschlagene Gleichsetzung eines während des 9. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span>auf der Reichenau faßbaren gleichnamigen Mönchs mit <span class="abbr" title="Widukind">W.</span> dürfte aus chronologischen Gründen nicht haltbar sein.

Der Nachwelt erschien <span class="abbr" title="Widukind">W.</span> spätestens seit der zweiten Hälfte des 9. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> als „Herzog der Sachsen“. So wird er in der zweitältesten Lebensbeschreibung des <span class="abbr" title="heilig">hl.</span> [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz51982.html)Liudger (<abbr title="gestorben">†</abbr> 809), Bischof von Münster, abwechselnd „dux“ oder „princeps“ genannt. In ähnlicher Weise wurde auf einer Synode 922 in Koblenz vom hinterlassenen Grundbesitz des seinerzeitigen „dux vel comes“ <span class="abbr" title="Widukind">W.</span> gesprochen. In beiden Fällen scheidet die Möglichkeit aus, „dux“ als „(An)führer“ zu übersetzen. Seit dem 10. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> erlangte <span class="abbr" title="Widukind">W.</span> immer größeren Nachruhm, <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> als Ahnherr der späteren Capetinger; [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz56386.html)Thietmar von Merseburg (<abbr title="gestorben">†</abbr> 1018) bezeichnete <span class="abbr" title="Widukind">W.</span> als König. Am Ende des Mittelalters galt er sogar als Heiliger. – Vielleicht bereits um 1000, sicher aber um 1100 herrschte in Enger die Vorstellung, <span class="abbr" title="Widukind">W.</span> sei in der dortigen Stiftskirche bestattet worden – nach den archäologischen Grabungen von 1971 läßt sich dies zwar nicht sicher erweisen, könnte aber möglich sein. (Grab 463, Mittleres Grab im Chor).

Von dem in Enger betriebenen <span class="abbr" title="Widukind">W.</span>-Kult zeugt ein bis heute erhaltenes Epitaph.

##### 6. Alarich

<span class="bold">Alarich</span>, der erste König der Westgothen, den die Geschichte kennt. Er stammte aus einem Geschlecht, das den Namen der Balthen, d. h. der Kühnen, führte und wol nicht erst von ihm empfangen hat, dem nach dem ostgothischen Königsgeschlecht der Amaler der erste Rang unter dem Adel des gothischen Stammes überhaupt beigelegt wird wird. Er ist geboren auf der Insel Peuce an der südlichen Mündung der Donau, die wahrscheinlich erst nach dem Einbruch der Hunnen ein Theil der von den Sitzen nördlich des Flusses verdrängten Westgothen eingenommen hatte. Da diese damals das Christenthum nach arianischem Bekenntnisse annahmen, ist <span class="abbr" title="Alarich">A.</span> ohne Zweifel von Jugend auf in demselben erzogen und auch ihm immer anhängig geblieben. Er theilte auch sonst die Schicksale seines Volks, das in die Verhältnisse sogenannter Föderaten zum römischen Reich getreten war, betheiligte sich als Führer eines Heerhaufens an dem Krieg des Kaisers Theodosius gegen den im Westen erhobenen Eugenius. Nach des Theodosius Tod 395, da unter seinen jungen Söhnen Arcadius und Honorius das Reich getheilt war, und für jenen im Osten Rufin, für diesen im Westen der Vandale Stilicho die Herrschaft führten, treten die Gothen in größerer Selbständigkeit hervor: sie erheben den <span class="abbr" title="Alarich">A.</span>, in welchem Ansehen des Geschlechts und persönliche Tüchtigkeit sich vereinigten, zu ihrem König; nicht volle Unabhängigkeit, aber besondere staatliche Vereinigung auf nationaler Grundlage nahmen sie damit in Anspruch. Der König war Haupt und Führer des Volks, zugleich Behüter desselben dem römischen Reich gegenüber, von dem er sich nicht trennte, dessen Würden er sich ertheilen ließ, auf das er, wie die Deutschen überhaupt, mit ehrfurchtsvoller Scheu blickte, mit dessen Gewalthabern er aber wiederholt in Kampf gerieth, dessen innere Zerrüttung er auszubeuten suchte, um Zugeständnisse mancherlei Art, vor allem für sein Volk feste Niederlassung in günstigen Sitzen zu erlangen. Zuerst versuchte er sein Glück im Osten. Noch im J. 395 zogen die Gothen bis Thessalien, im folgenden durch die Thermopylen nach dem alten Hellas bis tief in den Peloponnes hinab, wo aber Stilicho, von Westen kommend, wie er schon vorher gewollt, dem <span class="abbr" title="Alarich">A.</span> entgegentrat, ihn bedrängte, zur Rückkehr nach dem Norden nóthigte. Hier ward ihm das östliche Illyrien übergeben, wo er einige Jahre hindurch an den Grenzen des Ost- und Westreichs eine beiden drohende Stellung einnahm. Dann, am Ende des Jahres 400,<span class="pb" title="Seite im Original 174">|</span>wandte er sich nach Italien, belagerte Aquileja, später Mailand, wo der Kaiser Honorius sich aufhielt, kämpfte mit dem zum Entsatz herangekommenen Stilicho in der gewaltigen Schlacht bei Polentia (Polenzo südwestlich von Asti) am Osterfest (6. April) 402, nicht Sieger, aber auch nicht besiegt, unglücklicher ein zweites Mal auf dem Rückwege bei Verona. Es kam zu einer Verständigung mit Stilicho, in dessen Interesse <span class="abbr" title="Alarich">A.</span> eine Zeit lang im Osten, aber ohne sonderlichen Erfolg, thätig war. Die Ermordung Stilicho's, die Nichterfüllung von Forderungen, welche <span class="abbr" title="Alarich">A.</span> erhob, führten zu einem neuen Bruch mit dem weströmischen Hof: bald (408) standen die Gothen wieder in Italien, vor Rom, das seine Schonung mit einer reichen Zahlung erkaufen mußte. Längere Unterhandlungen führten zu keinem Resultat. Alarichs Verlangen, außer jährlicher Geldzahlung seinem Volk Noricum und beide Venetien, oder doch eine regelmäßige Getreidelieferung und die erste jener Provinzen zu gewähren, fand kein Gehör: er hätte hier, im Anschluß an die Gebiete stammverwandter Völker, eine für die Erweiterung des deutschen Bodens und den Fortgang der deutschen Geschichte überhaupt wichtige Herrschaft gründen können. Durch Aufstellung eines neuen Kaisers, des Attalus, suchte er seine Absichten zu erreichen. Er wird auch zu der höchsten Würde des Reichs, eines <span class="antiqua">magister utriusque militiae</span>, erhoben; aber weder gelingt es, dem Attalus allgemeine Anerkennung zu verschaffen, noch auf die Dauer das rechte Einverständniß zu erhalten, bald genug ist jener wieder beseitigt. Aber auch mit Honorius wird keine Einigung erreicht, und nun zieht <span class="abbr" title="Alarich">A.</span> aufs neue gegen Rom. Am 24. Aug. 410 fällt die Stadt in die Hände der Gothen: seit der gallischen Eroberung das erste Mal, daß ein Feind innerhalb ihrer Mauern erschien, ein Zeichen, was ihr und dem Reiche drohte, was die Deutschen damals schon vermochten und in Zukunft bedeuten sollten. Auch jetzt war es nicht die Absicht des Gothenkönigs, die Stadt zu behaupten, hier selbst die Herrschaft zu führen: schon nach drei Tagen verließ er sie, zog in den Süden der Halbinsel bis nach Reggio, entschlossen, wie es heißt, nach Sicilien und weiter nach Africa zu gehen, und sich so der reichen Kornlande des römischen Reiches zu bemächtigen. Aber ehe er dazu kam, raffte ein plötzlicher Tod ihn fort, noch in jungen Jahren: der Tag ist, wie Vieles in Alarichs Geschichte, nicht bekannt. Bei Cosenza im Bette des Busento fand er sein Grab, über das die Gothen die Wellen des Flusses strömen ließen, daß niemand die Stätte wisse, wo der König ruhte. — Er, der sein Volk in neue Bahnen geführt, die beiden Halbinseln des Südens durchzogen, auf alle Stätten des classischen Alterthums seinen Fuß gesetzt, fand hier das Ziel seines Lebens, das Volk der Westgothen schon unter seinem Nachfolger die Sitze, welche die Grundlage einer mächtigen Reichsgründung, vornehmlich auf der hispanischen Halbinsel werden sollten. In der großen, die Verhältnisse der alten und der germanischen Welt umgestaltenden Bewegungen der sogenannten Völkerwanderung ragt <span class="abbr" title="Alarich">A.</span> als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten hervor; aufgenommen in den Verband des römischen Reichs, hat er von innen heraus, fast wider seinen Willen, an der Zerstörung desselben gearbeitet, zugleich der Verbreitung germanischer Elemente über die Lande des Südens und Westens mächtigen Vorschub geleistet. In die deutsche Heldensage, die sich auf dem Grunde dieser historischen Umwandlungen gebildet, hat seine Person keine Aufnahme gefunden, Dagegen hat am Eingang des Mittelalters die Dichtung sich Alarichs Namens bemächtigt, um die Anfänge selbständigen deutschen Lebens in den Thälern der Alpen mit ihm in Verbindung zu setzen.

##### 7. Childerich I. 

<span class="bold">Childerich I.</span>, des Königs Mervig Sohn, ist ein Zeitgenosse des hunnischen Einbruchs in Gallien. Sagenhafte Ueberlieferung erzählt, wie er mit seiner Mutter von den Hunnen gefangen, von einem treuen Manne, Namens Viomad, befreit worden sei. Als später König <span class="abbr" title="Childerich I.">Ch.</span>, weil er ausschweifend Frauenehre verletzte, von den salischen Franken verjagt wurde, floh er zu den Thüringern, bei deren Königspaare Bisino und Basina er gastfreie Aufnahme fand. Die Franken ergaben sich inzwischen dem römischen Statthalter Aegidius und unter diesem spielte Viomad als <span class="antiqua">subregulus</span> eine Rolle. Vom römischen Steuerdruck beschwert, riefen die Franken den <span class="abbr" title="Childerich I.">Ch.</span> zurück (angeblich 463). Auch hier weiß die Sage von dem persönlichen Antheil Viomads zu erzählen, auf dessen Rath Aegidius die Steuern auflegt und auf dessen Anzeichen hin <span class="abbr" title="Childerich I.">Ch.</span> zurückkehrt, auch auf Viomads Veranlassung alle Steuern im Anfang erläßt; ein starker Anachronismus ist es, wenn <span class="abbr" title="Childerich I.">Ch.</span> am Hofe des um ein Jahrhundert späteren Kaisers Mauricius erscheint. — Nach der Rückkehr kam Basina zu ihm und schloß mit ihm die Ehe, aus welcher Chlodwig und die Töchter Audeflede, Alboflede, Lantechilde entstammten. Die Herrschaft des <span class="abbr" title="Childerich I.">Ch.</span>nach seiner Rückkehr scheint sich indeß nicht über alle salischen Franken erstreckt zu haben, wenigstens erscheinen dieselben später in mehrere kleine Königreiche getrennt. Die späteren Kämpfe des Königs mit Westgothen, Sachsen, Alamannen sind nur andeutungsweise überliefert. Bei Orleans kämpft er als Bundesgenosse des Aegidius im Krieg wider die Westgothen; ebenda schlägt er die von der Loiremündung unter Führung des Odoaker heranrückenden Sachsen. Nach des Aegidius Tode erscheint er aufs neue als Bundesgenosse des römischen Comes Paulus im Krieg gegen Westgothen und Sachsen (470). In Angers fiel Paulus gegen den Sachsenführer Odoaker, aber Tags darauf erschien <span class="abbr" title="Childerich I.">Ch.</span>, nahm die Stadt und verwüstete in der Folge die von den Sachsen bewohnten Inseln vor der Loiremündung. Mit Odoaker später verbündet, bekämpft er die Alamannen, die von einem Raubzuge nach Italien zurückgekehrt waren. Bei seinem Tode 481 war das Volk der salischen Franken gespalten; sein Nachfolger ist Chlodwig. Childerichs Grab ist 1653 bei Tournay gefunden worden, die darin enthaltenen Münzen, Schwert, Griffel etc. sind dem Pariser Museum einverleibt worden.

##### 8. Gregor von Tours 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/ym3image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/ym3image.jpeg)

<span class="abbr" title="Gregor">G.</span> war ein standesbewußtes Glied eines der angesehenen gallo-romanischen Senatorengeschlechter, die führende Stellungen in Staat und Kirche des südlichen Gallien bekleideten und auf deren Bündnis mit dem merowingischen Königtum das fränkische Reich beruhte. Diese Herkunft bestimmte Laufbahn und Anschauungen <span class="abbr" title="Gregor">G.</span>s. Erzogen bei seinem Oheim Gallus und seinem Großoheim [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz71721.html)Nicetius, trat er jung in den geistlichen Stand und wurde 573 auf den kirchlich und politisch wichtigen Stuhl von Tours erhoben, das damals zum austrasischen Teilreich Sigiberts gehörte, nach dessen Tod 575 aber von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60852.html)Chilperich, später von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz61044.html)Guntchram beansprucht wurde. Mit Geschick verstand <span class="abbr" title="Gregor">G.</span> es, seine und seiner Kirche Stellung inmitten der politischen Intrigen und Kämpfe zu behaupten und sich auch mit dem gefürchteten [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60852.html)Chilperich und der ihm verhaßten [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60984.html)Fredegund zu verständigen. Er war besorgt um Kirchenbau und Mehrung der Reliquien, um Wahrung des orthodoxen Glaubens gegenüber den national und konfessionell verachteten arianischen Westgoten. Neben einem chronologisch-astronomischen Traktat und zahlreichen hagiographischen Schriften über Leben und Wunder zumeist gallischer Heiliger schrieb er „10 Bücher Geschichten“, denen er seinen Ruhm vor allem verdankt. Sie beginnen mit der Schöpfung, wenden sich im 2. Buch der Geschichte Galliens und des Frankenreiches zu, kommen im 4. Buch auf die von <span class="abbr" title="Gregor">G.</span> selbst erlebte Zeit und schließen mit dem Jahre 591; eine Übersicht über das Wirken der Bischöfe von Tours bis zu <span class="abbr" title="Gregor">G.</span> selbst ist beigefügt. Er vermeidet bewußt den Schwulst der rhetorischen Schulsprache und schreibt ein barbarisches Latein, gewinnt aber eben dadurch die derbe Anschaulichkeit und Buntheit, die den Reiz seiner mit vielen direkten Reden und Dialogen belebten Erzählung ausmachen. Nicht nur Königtum,<span class="pb" title="Seite im Original 21">|</span>Staat und Kirche, sondern auch das wilde Leben und Treiben der aristokratischen Gesellschaft, deren gallo-romanischen und fränkischen Glieder sich kaum noch scheiden lassen, sind sein Gegenstand. Der Kunst lebendiger Darstellung des an handfester christlicher Lohn-Strafe-Moral gemessenen Einzelnen entspricht freilich nicht die Kraft gedanklicher Verknüpfung und Durchdringung des Ganzen. Trotzdem ist <span class="abbr" title="Gregor">G.</span>s Werk nicht nur von unschätzbarem Wert für die Geschichte der neuen romanisch-fränkischen Gesellschaft, sondern ist auch das unbestritten bedeutendste Geschichtswerk in lateinischer Sprache, das aus dem 6. Jahrhundert überhaupt überliefert ist.<abbr title="gestrichen:  - [d. Red.]">|</abbr>

##### 9. Radegunde von Thüringen 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/HHAimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/HHAimage.jpeg)

<span class="bold">Radegunde</span> von <span class="spaced">Thüringen</span> (<abbr title="gestorben">†</abbr> 587). <span class="abbr" title="Radegunde">R.</span>, die erste Christin deutschen Stammes, über deren Gemüthsleben wir genauer unterrichtet sind, war die Tochter des Thüringerkönigs Berthachar, der der Sage nach durch seinen älteren ehrgeizigen Bruder Irminfrid des Lebens und der Herrschaft beraubt wurde, denn ihr Großvater Basin oder Bessin hatte (um 500) das Reich einst unter seine drei Söhne Baderich, Irminfrid (Hermanfrid) und Berthachar getheilt. Von der Macht dieser Fürsten ist in dem heutigen Thüringen nur der Kern übrig geblieben, sie erstreckte sich einst im Norden bis zum Harze, im Süden bis über das Mainland. Irminfrid's unersättliche Gier, die mit fränkischer Hülfe auch Baderich beseitigte, verwickelte ihn alsbald im J. 531 in einen Krieg mit seinem vorherigen Verbündeten, dem Frankenkönige Theoderich, der durch den Besitz Hessens ein Nachbar Thüringens war. Theoderich und als sein Bundesgenosse sein Bruder Chlotachar II. überzogen Thüringen mit Krieg und bereiteten durch zwei oder drei Schlachten, von denen die letzte an der Unftrut bei Burgscheidungen geschlagen wurde, der Selbständigkeit des thüringischen Reiches den Untergang. Zerstört wurde die Königsburg, die wir wahrscheinlich in Scheidungen zu suchen haben, und die königliche Familie auseinander gerissen. Während Irminfrid als Gefangener in Zülpich bald darauf ein gewaltsames Ende fand, floh seine ostgothische Gemahlin Amalaberga mit ihren Kindern nach Italien, wo gerade ihr Bruder Theodahad regierte, die Kinder Berthachar's dagegen, die am Hofe Irminfrid's bisher ausgewachsen waren, Radegunde nebst einem Bruder gehörten zur Kriegsbeute und fielen, nachdem die Könige über sie in heftigen Zwist gerathen waren, auf das Loos Chlotachar's. Dieser führte Radegunde auf das Krongut Athies an der Somme und ließ sie, die mit ihrem Volke bisher heidnisch gewesen zu sein scheint, im Christenthum erziehen. Sie ergriff nicht bloß mit Inbrunst die christliche Lehre, sondern sie eignete sich auch die lateinische Sprache und Bildung an. Zur lieblichen Jungfrau erblüht, mußte sie zu Soissons Chlotachar ihre Hand reichen, der ebenso grausam und zügellos war wie die meisten Merowinger und thatsächlich in Vielweiberei lebte. Nur gezwungen schloß sie diese Ehe, die ihr keine Befriedigung gewähren konnte und bald bemerkte Chlotachar, daß er keine Königin, sondern eine Nonne zur Frau habe. Werke der christlichen Mildthätigkeit, mit der größten Hingebung ausgeübt, füllten ihre Stunden. Allem fürstlichen Aufwande, allem Schmucke völlig abgeneigt, lebte sie, soweit sie es verstohlen thun konnte, wie eine entsagende Büßerin und wurde schon am Hofe fast wie eine Heilige verehrt. Nach einigen Jahren zerriß das Band dieser freudlosen Ehe, als Chlotachar Radegunde's einzigen Bruder, der als Jüngling sein Glück in Constantinopel hatte versuchen wollen, auf ihre Bitte jedoch bei ihr geblieben war, meuchlings ermorden ließ. Die Königin floh den Gatten, dem nichts heilig war, und indem sie sich an den heiligen Bischof Medardus zu Noyon wendete, bat sie diesen inständig, sie zur Nonne zu weihen. Trotz seines Widerstrebens, trotz der Drohungen ihres Gefolges wußte sie es durchzusetzen, und es gelang ihr später durch Vermittelung des Bischofs Germanus von Paris, ihren Gatten zu erweichen und Befreiung von ihm zu erlangen, wie auch Förderung<span class="pb" title="Seite im Original 115">|</span>für ihre Stiftungen. Hierauf begann sie nach längerem Aufenthalte an verschiedenen heiligen Stätten vor den Thoren von Poitiers den Bau eines stattlichen, von Mauern und Thürmen umgebenen Frauenklosters, dem sie den größeren Theil ihrer reichen Besitzungen zuwendete. Andere dienten zur Errichtung eines Mönchsklosters in Tours und auch eine Kirche der Jungfrau als Grabstätte der Nonnen wurde in Poitiers erbaut. Nach der Regel der Cäsaria von Arles wurde die neue Genossenschaft geordnet, deren Leitung als Aebtissin jedoch nicht Radegunde übernahm, so sehr sie die Seele derselben blieb, sondern ein von ihr in ihrem Sinne erzogenes junges Mädchen Namens Agnes. Von dem Tage ihrer Verschleierung an führte Radegunde ein Leben von übermäßiger und kaum erträglicher Kasteiung, so daß selbst Cäsaria sie vor Uebertreibung warnte: sie lebte fast nur von Pflanzenkost und genoß als Getränk nur Wasser mit etwas Honig vermischt oder Birnenmost, sie schlief auf einer groben Haardecke, die über eine Streu von Asche gebreitet war, ja in der Fastenzeit, in welcher sie die Entsagung zu steigern pflegte, fügte sie sich sogar körperliche Martern zu. Im Beten, im Psalmengesange, auch bei Nacht, und im Lesen heiliger Schriften übertraf sie alle Schwestern weit an unermüdlicher Ausdauer. Sie bediente übrigens alle andern und übernahm mit Vorliebe die niedrigsten Verrichtungen der Mägde. Neben den Almosen übte sie unter den Liebeswerken besonders die Pflege der Kranken und kein noch so ekelhaftes Leiden vermochte sie von körperlicher Berührung abzuschrecken. Das Kloster füllte sich mit den Töchtern des fränkischen Adels, deren Zahl bei ihrem Tode etwa 200 betrug, ein wilder und trotziger Geist zog vielfach mit ihnen in die frommen Mauern ein, der nach dem Ende der Stifterin manches Aergernis hervorrufen sollte. Aufs eifrigste widmete sich Radegunde, die ja selbst eine feinere Bildung besaß, ihrer Belehrung. Der Verkehr mit der Außenwelt war ihr keineswegs ganz versagt und würdige Gäste wurden an der Klostertafel gern gesehen. Zu den Freunden der Stiftung, die in ein dauerndes Verhältniß zu ihr traten, gehörte namentlich der italienische Priester und Dichter Venantius Fortunatus, der, aus der Gegend von Treviso gebürtig, durch eine von ihm gelobte Wallfahrt zum Grabe des h. Martin im J. 565 nach Tours gezogen worden war. Er besuchte auf dieser Reise als willkommner Gast die fränkischen Pfalzen und Bischofssitze, die genossene Gastfreundschaft durch zierliche Verse erwiedernd und kam endlich auch nach Poitiers, das er zu seiner zweiten Heimath wählte. Hier trat er zu Radegunde und Agnes, die er mit den Namen einer Mutter und Schwester ehrt, in ein geistliches und tadelloses Freundschaftsverhältniß inniger Art. Er besorgte Geschäfte, welche die äußere Stellung des Klosters mit sich brachte, und verfaßte Briefe oder Gedichte im Auftrage der Freundinnen. Er besang sowohl den Untergang des thüringischen Reiches, dessen letzter Königssproß Amalafrid im byzantinischen Dienste endete, als auch das freudevolle Ereigniß, daß auf Radegunde's Bitte das byzantinische Kaiserpaar Justin II. und Sophia nebst einem prachtvollen Evangelienbuche ihr ein Stückchen von dem vermeintlich echten Kreuze Christi, der kostbarsten aller Reliquien, im J. 569 übersandten. Nach dieser wurde Radegundens Stiftung fortan das Kloster zum heil. Kreuze benannt. Die treue Anhänglichkeit Fortunat's, der später zu der Würde eines Bischofs von Poitiers erhoben ward, wurde von Seiten der Freundinnen durch mancherlei Gaben, namentlich auch Erzeugnisse ihrer Kochkunst, erwiedert, für welche er sich durch schmeichlerische Verse zu bedanken pflegte. Jedenfalls zeigt uns dieser Verkehr mit einem der hervorragendsten Schriftsteller dieser trüben Zeit, daß <span class="abbr" title="Radegunde">R.</span> neben ihren übertriebenen Bußübungen für geistige Anregung ebenso empfänglich war, als sie dieselbe andern mitzutheilen verstand.

##### 10. Columban

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/nbrimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/nbrimage.jpeg)



<span class="bold">Columban</span> St., irischer Mönch und Glaubensbote, am Ende des 6. und im Anfang des 7. Jahrhunderts thätig. Für die deutsche Geschichte kommt dieser bedeutendste unter den von Irland in der Zeit der merowingischen Könige ausgegangenen Klosterstiftern als Lehrer des hl. Gallus (s. d. Art.) vorzüglich in Betracht. — Mit zwölf Gefährten, nach der stehenden Sitte solcher auf die Mission ausgehender Genossenschaften irischer Mönche, verließ <span class="abbr" title="Columban St">C.</span>, der in Leinster geboren war, das Kloster Benchuir oder Bangor, um unter den Heiden das Evangelium zu predigen. Da aber die von ihm im fränkischen Reiche gehaltenen Bußpredigten durch den Ernst und die eindringliche Beredsamkeit eine wohlthätige Einwirkung auf das Volk äußerten und der günstige Ruf von dem strengen sittlichen Wandel sich auch an den Hof des Königs Childebert II., des Sohnes Sigeberts I., verbreitete, forderte derselbe <span class="abbr" title="Columban St">C.</span> und dessen Begleiter auf, sich zu ihm in das austrasische Reich zu begeben. Allein <span class="abbr" title="Columban St">C.</span> ließ sich am Hofe nicht festhalten, sondern siedelte sich in der Wildniß des Wasgaues um 590 an. Einer ersten Einsiedelei in Anagrates (Anegray) folgte in dem für die wachsende Zahl der Mönche günstigeren Platze Luxovium (Luxeuil), einem zerstörten und verlassenen römischen Badeorte, ein Mittelpunkt fruchtbarsten klösterlichen Lebens, dem sich noch Fontanä (Fontaines) in der Nähe anschloß. Inzwischen war das burgundische Reich, welches <span class="abbr" title="Columban St">C.</span> dergestalt zur Stätte seiner Wirksamkeit gemacht hatte, 593 durch den Tod des Königs Guntram, des Oheims Childeberts II., an diesen erblich übergegangen, welchem hinwieder 596 dessen junger Sohn Theuderich II. nachfolgte. <span class="abbr" title="Columban St">C.</span>hoffte, das Vertrauen, welches ihm dieser jugendliche Herrscher entgegenbrachte, durch wohlthätige Beeinflussung der sittlichen Haltung desselben erwiedern zu können. Allein dadurch erweckte er den Neid der Großmutter Theuderichs, der Wittwe Sigeberts I., Brunhilde; die längst vorhandene Abneigung des sittenlosen fränkischen Klerus gegen den reinen Wandel des strengen Bußpredigers, Meinungsverschiedenheiten wegen einzelner äußerlicher Abweichungen (Osterberechnung, Tonsur) kamen zu dieser Ungnade des Hofes: so gelang es der Königin durch den Beistand des gleichfalls gegen <span class="abbr" title="Columban St">C.</span> nunmehr eingenommenen Enkels die Iren aus Luxeuil zu vertreiben. Um 610 wichen sie aus Burgund und standen im Begriffe, nach dem königl. Befehle den Boden des fränkischen Reiches zu verlassen, als widrige Winde ihnen die Ausfahrt aus der Loire unmöglich machten. Das betrachteten sie als einen Wink<span class="pb" title="Seite im Original 425">|</span>des Himmels, daß die Rückkehr nach Irland nicht ihre Bestimmung sei, und durch die Vermittlung des neustrischen Königs, Chlothars II., des Sohnes der Fredegunda, gelangten die Flüchtlinge nach ihrem Wunsche an den Hof Theudeberts II., eines älteren Bruders des Theuderich und Herrschers in Austrasien. Zu Theudebert waren schon vorher durch andere Brüder aus Luxeuil Anregungen Columbans gekommen, und der König stellte den Mönchen anheim, wo sie auf austrasischem Gebiete für die Ausbreitung des Glaubens wirken wollten. <span class="abbr" title="Columban St">C.</span> wählte den vor Zeiten zerstörten Römerplatz Brigantia am Bodensee. Sie fanden hier bei den Alamannen keineswegs mehr das reine Heidenthum zu bekämpfen vor, sondern ein mit christlichen Anregungen, theils aus den erhalten gebliebenen römischen Plätzen, theils fränkischen Ursprunges, eigenthümlich gemischtes religiöses Leben, einen Uebergangszustand, wo es sich nur um die Stärkung der christlichen Elemente handeln konnte (s. d. Art. Gallus). Doch sagte dieser Wirkungskreis <span class="abbr" title="Columban St">C.</span> nicht zu, und er dachte zuerst daran, den Wenden das Evangelium zu bringen; dann aber kam er auf den schon bei dem Betreten des austrasischen Reiches gefaßten Plan zurück, nach Italien zu gehen. Nochmals aber bemühte er sich zuvor, wenn auch ohne Erfolg, durch seinen Rath dem Hause der Brunhilde nützlich zu werden. Die Früchte des Sieges Theuderichs über den eigenen Bruder Theudebert fielen nach kürzester Zeit Chlothar anheim, welcher sich Austrasiens bemächtigte und die Söhne des inzwischen schon verstorbenen Theuderich mit ihrer Urgroßmutter Brunhilde aus dem Wege schaffte, deren ganzes Geschlecht dergestalt vertilgend. Dankbar erinnerte sich Chlothar bei der Vereinigung des ganzen fränkischen Reiches unter seinem Scepter einer glückverheißenden Weissagung Columbans. Aber dieser hatte bereits inzwischen — 612 oder 613, zwischen der Niederlage Theudeberts und dem Siege Chlothars — nach etwa dreijährigem Aufenthalte Bregenz, wo er viele Entbehrungen geduldet hatte, verlassen: nur Gallus blieb nach späteren Nachrichten hier auf deutschem Boden zurück. Der Weg nach dem Longobardenreich wurde jedenfalls durch Rätien genommen, und an diese letzte Reise Columbans knüpften spätere Localtraditionen den Ursprung vom Kloster Dissentis am Lukmanierpasse (durch Sigbert, einen Schüler Columbans). König Agilulf empfing <span class="abbr" title="Columban St">C.</span> ehrenvoll. Derselbe wies eine nochmalige Einladung König Chlothars durch Eustasius, seinen Schüler und nunmehrigen Abt von Luxeuil, nach dem fränkischen Reiche zurückzukehren, ab. Vielmehr beschäftigte er sich mit der Bekämpfung der Arianer und mit der Pflanzung einer neuen Culturstätte in einer einsamen Gegend der Apenninen. Hier starb er, im Kloster Bobio, am 21. November, nach kurzer Zeit, wahrscheinlich 615. Für die mittelbar auf <span class="abbr" title="Columban St">C.</span>zurückgehende klösterliche Stiftung St. Gallen ist, da ein klösterliches Leben daselbst erst recht begründet wurde, unter dem ersten Abte Otmar (s. d. Art.), auf Veranstaltung der Arnulfinger die auf <span class="abbr" title="Columban St">C.</span> zurückgehende Tradition der Einrichtung und Disciplin verdrängt worden, indem da an Stelle der auf Luxeuil als Mittelpunkt hinweisenden strengen Regel Columbans die mildere, deutlichere und zweckmäßigere Benedictinerregel gesetzt wurde. Dennoch behielten in noch weit späterer Zeit in dem in den Augen der Mönche gleichsam urkundlichen Werth besitzenden <span class="antiqua">„Regulae nostrae codex“</span> Nr. 915 (aus dem 10. und 11. Jahrhundert) neben der geltenden <span class="antiqua">„Regula s. Benedicti“</span> auch die <span class="antiqua">„Regula monachorum s. Columbani abba“</span> (14 Capitel) und die <span class="antiqua">„Regula coenobialis patrum“</span> (15 Capitel) ihren Platz. — Für <span class="abbr" title="Columban St">C.</span> ist die Hauptquelle die von Jonas, welcher drei Jahre nach Columbans Tode nach Bobio kam und später da Abt wurde, verfaßte Lebensbeschreibung, ohne allen Zweifel eines der aufschlußreichsten und bestgeschriebenen Heiligenleben des Mittelalters (Mabillon, <span class="antiqua">Acta Sanctorum Ord. s. Bened., Pars</span> II.). Seine Schriften (Briefe, Predigten: die Epistola: <span class="antiqua">„O tu vita quantos decepisti“</span><span class="pb" title="Seite im Original 426">|</span>zwischen beiden Regeln in Codex Nr. 915 von St. Gallen) sind in der <span class="antiqua">Bibliotheca patrum maxima, Tom.</span> XII abgedruckt. Vergleiche Rettberg's Kirchengeschichte Deutschlands, Bd. II, und gegen die vielen Entstellungen und Willkürlichkeiten bei Ebrard, Die iroschottische Missionskirche, auch Friedrich's Kirchengeschichte Deutschlands, Bd. II, sowie auch Hertel, Ueber des h. Columban Leben und Schriften (Zeitschrift für die historische Theologie, XLV. Bd., 1875).

##### 11. Tassilo III.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/XT7image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/XT7image.jpeg)

Der Herrschaftsantritt <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s, des letzten <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Herzogs aus dem Geschlecht der Agilolfinger, 748 stand unter keinem guten Stern, da Grifo, der Halbbruder Chiltruds und Onkel <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s, sich nach dem Tod Odilos des <span class="abbr" title="Herzogtum">Hzgt.</span> Bayern bemächtigte. Erst Pippins <span class="abbr" title="der Jüngere">d. J.</span> militärische Intervention und Vertreibung Grifos restituierten seinem Mündel <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> Bayern dauerhaft, für den dessen Mutter Chiltrud bis zu ihrem Tod 754 die Regentschaft führte. Offensichtlich ohne formalen Einsetzungsoder gar Belehnungsakt durch den neuen <span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span> <span class="abbr" title="König">Kg.</span> Pippin III. (751–68) begann <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> seit 756/57 selbständig zu regieren.

Seine sukzessiv errichtete königsgleiche Herrschaft basierte auf ganz unterschiedlichen Grundlagen. Mit seinem reichen Besitz an Höfen, Pfalzen und Eigenkirchen – mit Schwerpunkten zwischen Amper und Inn und entlang der Donau bis zur Enns – suchte <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> den gesamten Raum seines Herzogtums herrschaftlich, kirchlich und siedlungsmäßig zu erfassen. Dies betrieb er im engen Bündnis mit Adel, Klerus und freien Landbesitzern, die ihm bis 788 – und <span class="abbr" title="zum Teil">z. T.</span> darüber hinaus – hohe Anerkennung zollten und Gefolgschaft leisteten. <span class="abbr" title="Bischof">Bf.</span> Arbeo von Freising datierte eine seiner Urkunden im <span class="abbr" title="Februar">Febr.</span> 769 nach dem regnum des „gloriosus dux“ <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>.

<span class="abbr" title="Tassilo">T.</span>s politische Unabhängigkeit dokumentieren <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> die auswärtigen Beziehungen zu seinen Nachbarn im Süden und Osten und sein Verhältnis zum Papsttum. Die traditionell engen Verbindungen zwischen Bayern und Langobarden intensivierte <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> durch die Ehe mit der langobard. Königstochter Liutpirc (um 763/65) und auf seiner Italienreise zu <span class="abbr" title="König">Kg.</span> Desiderius (769), die im Abschluß eines <span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span>-langobard.-<span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Bündnisses (770) mündete. Wie konsequent <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> die Verwandtschaft mit dem langobard. Königshaus zur Steigerung seiner eigenen quasiköniglichen Dignität zu nutzen verstand, zeigt der <span class="abbr" title="sogenannte(r)">sog.</span>Tassilokelch, den das <span class="abbr" title="herzoglich">hzgl.</span> Paar dem Kloster Kremsmünster[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/4025) stiftete. Die Inschrift am Fuß des Kelchs hebt besonders auf die edle Abstammung Liutpircs aus königlichem Sproß (virga regalis) ab. Durch militärische Erfolge über die Karantanen (zuletzt 772), die er vertraglich an sich band, dehnte <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>den <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Herrschaftsbereich bis weit in den südöstl. Alpenraum aus. Selbst der Papst erwies <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> die gebührende Reverenz. Mit der Taufe von <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s Sohn Theodo II. durch [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz130498.html)Hadrian I. 772 traten beide Seiten in ein Compaternitätsverhältnis ein. Dieses verband nicht nur den Täufling und seine Familie mit dem Papst in geistlicher Hinsicht; die der compaternitas (Patenschaft) eignende politische Dimension steigerte zudem Ansehen und Legitimation von <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s eigenständiger Herrschaft.

<span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s Hoheit über die <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Herzogskirche (W. Störmer) manifestierte sich in einer engen Zusammenarbeit mit Klerus und Mönchen. Auf den von <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> geleiteten Landessynoden – zugleich <span class="abbr" title="herzoglich">hzgl.</span> Landtagen – in <abbr title="geändert aus: Aschering [d. Red.]">Aschheim</abbr> (756?), <abbr title="geändert aus: Dagolfing [d. Red.]">Dingolfing</abbr> (um 770?) und Neuching (771) faßten Herzog und Bischöfe wegweisende Beschlüsse: Sie stärkten die bischöflichen Rechte, grenzten die klösterliche und bischöfliche Sphäre schärfer voneinander ab und verpflichteten Bischöfe und Äbte zu einer strikteren Befolgung der kanonischen und klösterlichen Vorschriften. <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s zahlreiche Klostergründungen seit 765 (Mattsee[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/3260), Weltenburg[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/60155), Innichen[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/3157), Kremsmünster[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/4025) u. Frauenchiemsee[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/60096)) waren integraler Bestandteil der herzoglichen Kirchenpolitik und verliehen Bayern das Gepräge einer Klosterlandschaft.

Als Herzog (dux Baiuvariorum; 770–72: dux regni) beanspruchte und übte <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> die uneingeschränkte Herrschaftsgewalt in seinem <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Hoheitsbereich (regnum) aus, die das Recht zur Weitergabe des Herzogtums und Teilung unter seinen Söhnen einschloß. Zeitgenössische Chronisten und Notare priesen <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> als Fürsten (princeps; summus princeps) und deuteten seine Stellung als dukalen Prinzipat, der unmittelbar an die königliche Sphäre heranreichte (F.-R. Erkens; C. I. Hammer). <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s Machtposition und -anspruch gründeten auf einem einzigartigen Selbstverständnis und Rangbewußtsein, das durch und durch königlich fundiert war und sich in je eigenen Formen einer imitatio regis artikulierte (F.-R. Erkens).

Dies und <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s überaus erfolgreiche, unabhängige Politik deutete Karl <span class="abbr" title="der Große">d. Gr.</span> spätestens seit 781 – nach langen Jahren gegenseitigen Einvernehmens – als Mißachtung der <span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span> Suprematie in Bayern und als Gefahr für seine neue Herrschaftskonzeption, die auf die Beseitigung autonomer Strukturen in den Regionen seines Reichs abzielte. Die daraus erwachsenden politisch-militärischen Spannungen gipfelten 788 schließlich in der Verurteilung <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s und der völligen Ausschaltung der <span class="abbr" title="agilolfische">agilolf.</span> Familie. Eine genauere Rekonstruktion des Konfliktverlaufs und der Karl leitenden Motive wird durch die verfälschende, erst um 790 entstandene offiziöse Darstellung der <span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span> Reichsannalen erheblich erschwert. Nahezu allen, nur hier überlieferten Nachrichten zu <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> spricht die neueste Forschung – M. Becher folgend – jede Glaubwürdigkeit ab.

Gesichert ist jedoch, daß Karl den wiederholt eingeforderten, von <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> aber verweigerten Treuebeweisen nunmehr militärisch Nachdruck verlieh. Als im <span class="abbr" title="September">Sept.</span>787 drei <span class="abbr" title="fränkisch">fränk.</span> Armeen in Bayern einmarschierten, unterwarf sich <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> Karl am 3. <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> kampflos auf dem Lechfeld, erneuerte seine Treue und stellte Geiseln, darunter seinen Sohn Theodo. Zudem trat er durch öffentlichen Handgang in Karls Vasallität ein und verzichtete durch symbolische Übergabe seines Szepters auf sein Herzogtum, das er als Lehen empfing. Auf dem Hoftag in Ingelheim (Juni 788) ließ Karl den letzten Akt in der politischen Demontage und persönlichen Demütigung seines einst so mächtigen Gegners vollziehen. Die aus Franken und Bayern zusammengesetzte Gerichtsversammlung verurteilte <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> in einem politischen Schauprozeß wegen zahlreicher Vergehen (Untreue, Konspiration mit den Awaren, Feindschaft gegenüber den Franken) zum Tode; als formale Rechtfertigung diente <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s – angebliche – Fahnenflucht (harisliz) während des Aquitanienfeldzugs Pippins III. 763. Die von Karl für seinen Vetter erwirkte Begnadigung – ein offensichtlich erzwungener Kompromiß (R. Deutinger) – sah dessen Zwangstonsurierung und dauerhafte Verwahrung in einem Kloster vor. Die provokativ demütigende Strafe der Scherung zum Kleriker erfolgte auf Bitten <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s nicht schon in Ingelheim, sondern erst am 6. 7. 788 im nahen Kloster <span class="abbr" title="Sankt">St.</span> Goar[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/1040) (B. Isphording). Die ersten Stationen seines jahrelangen Exils bildeten die Klöster Jumièges/Seine und Lorsch[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/30244).

Karl ordnete in Ingelheim gleichfalls die Zwangsscherung von <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s gesamter Familie und deren Inhaftierung in Klöstern im Westen des Frankenreichs an (<span class="abbr" title="Sankt">St.</span>Maximin vor Trier[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/40287), Chelles, Soissons). Damit schaltete er die einzige verbliebene, den Karolingern an Rang und Einfluß lange Zeit ebenbürtige adlige Konkurrenz politisch und dynastisch für immer aus – und suchte zugleich, jegliche Form von Memoria und Gebet zu verhindern.

Auf Karls Befehl kehrte <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> im Juni 794 ein letztes Mal auf die politische Bühne zurück. Auf der Synode von Frankfurt bekräftigte <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> für sich und seine Familie den erneuten Verzicht auf alle Besitzungen und Rechtsansprüche in Bayern. Diese öffentliche Inszenierung diente dem alleinigen Zweck, den neuen Besitzern und Rechtsnachfolgern der Agilolfinger in Bayern eine erhöhte Rechtssicherheit zu garantieren.

Nach 794 verliert sich die Spur <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span>s und seiner Familie; es dürfte kein Zufall sein, daß weder genaue Sterbedaten noch die jeweiligen Begräbnisorte überliefert sind. Bereits im Mittelalter setzte der bis heute anhaltende Prozeß ein, der <span class="abbr" title="Tassilo III">T.</span> zu einem „Erinnerungsort“ machte.

##### 12. Hildegard 

<span class="bold">Hildegard</span>, die zweite Gemahlin Karls des Großen nach der Verstoßung der Tochter des Königs Desiderius, gehörte durch ihre Mutter Imma dem Hause der alten Schwabenherzoge an und war eine Schwester des bei Karl in hohem und wohlverdientem Ansehen stehenden Markgrafen Gerold sowie des Grafen Udalrich. Der König, damals etwa 29 Jahre alt, heirathete sie als eine dreizehnjährige, wahrscheinlich zu Anfang des J. 771. Sie begleitete ihren Gemahl auf dem Zuge nach Italien und Rom 773—774; eine ihrer Töchter <span class="spaced">(Adalheid)</span> wurde gerade während der Belagerung von Pavia vor den Mauern dieser Stadt geboren<span class="pb" title="Seite im Original 407">|</span>und in Rom brachte sie dem Papste Hadrian eine kostbare Altardecke als Geschenk für die Peterskirche dar. Mit der hochverehrten Aebtissin Lioba von Bischofsheim, die auf ihren Wunsch öfter an den Hof kam, lebte sie in inniger Freundschaft. Ihre glückliche Ehe wurde im 13. Jahre schon durch den Tod gelöst, am 30. April 783 zu Diedenhofen an der Mosel, als ihr Gemahl eben im Begriffe stand zum sächsischen Feldzuge aufzubrechen. In der Kirche des heiligen Arnulf, des Stammvaters der Karolinger, bei Metz fand sie gleich anderen Mitgliedern des Königshauses ihre letzte Ruhestätte und der gelehrte Langobarde Paulus setzte ihr im Auftrage Karls eine zierliche und gemüthvolle Grabschrift. Die Schönheit ihrer äußeren Erscheinung pries er darin, ihre lautere Seele, daß sie klug und thätig, anmuthig und freigebig gewesen sei, doch als ihr höchster Ruhm erschien ihm, daß sie einem Fürsten wie Karl gefallen habe. Aus ihrer kurzen Ehe gingen dennoch 9 Kinder hervor: <span class="spaced">Karl, Pippin</span> (der spätere König von Italien), <span class="spaced">Ludwig</span> (der Fromme) und sein als Kind gestorbener Zwillingsbruder <span class="spaced">Lothar</span>, ferner 5 Töchter, von denen die jüngste, <span class="spaced">Hildegard</span>, durch ihre Geburt den Tod der Mutter verursachte, um derselben, erst 40 Tage alt, bald selbst nachzufolgen. Nur <span class="spaced">Bertha, Hrottrud</span> und <span class="spaced">Gisla</span> wuchsen von den Töchtern heran und empfingen an der Hofschule eine sorgfältige geistige Ausbildung, neben welcher sie jedoch weibliche Handarbeiten mit Spindel und Nadel keineswegs vernachlässigen dunften. Der schöne Name Hildegard, den die Schwäbin in das Haus der Karolinger gebracht hatte, kehrte außer bei ihrem jüngsten Kinde wieder in einer Tochter Ludwigs des Frommen und seiner Gemahlin Irmingard, ferner in einer Tochter Ludwigs des Deutschen, welche als Aebtissin des Fraumünsters zu Zürich im J. 858 oder 859 starb, in einer Tochter Ludwigs des jüngeren von Ostfranken, die sich um die Erhebung Arnolfs auf den Thron wesentliche Verdienste erworben haben soll. Dennoch bei ihm später verklagt, wurde sie unter Verlust ihrer Besitzungen 895 in das Kloster Frauenwörth[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/60096) im Chiemsee verbannt, erlangte aber nach einiger Zeit Begnadigung. Nicht minder begegnet uns dieser Name bei den westfränkischen Karolingern, sowol unter den Töchtern Karls des Kahlen als auch Ludwigs des Stammlers und Karls des Einfältigen befand sich eine Hildegard, über deren Loos jedoch Näheres nicht mehr zu ermitteln ist. Der Name der Ahnfrau lebte besonders in dem ihrer schwäbischen Heimath ungehörigen Kloster Kempten[¶](http://klosterdatenbank.germania-sacra.de/gsn/60182) fort, dem sie Gebeine des heiligen Gordian und Epimachus zum Geschenke gemacht hatte. Es knüpfte sich daran der Glaube, daß sie (im J. 773) die Stifterin dieses Klosters gewesen sei, das sich auch des Besitzes ihrer Gebeine fälschlich rühmte und zur Verherrlichung ihres Namens wurde eine völlig fabelhafte Legende erdichtet, die an die Geschichte der Pfalzgräfin Genovefa erinnert.

##### 13. Pippin der Bucklige

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/ad6image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/ad6image.jpeg)

Pip­pin der Buck­li­ge war der ers­te Sohn [Karls des Gro­ßen](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5acdc9f2207d09.41489983 "Karl der Große"). Im Ver­gleich zu sei­nem kai­ser­li­chen Va­ter und sei­nem eben­falls zum Kai­ser ge­krön­ten Halb­bru­der Lud­wig dem From­men (778-840) hat Pip­pin nur we­nig Be­ach­tung in den mit­tel­al­ter­li­chen Quel­len ge­fun­den. In den of­fi­ziö­sen so­ge­nann­ten Frän­ki­schen Reichs­an­na­len (*An­na­les reg­ni Fran­co­rum*) wird er so­gar ver­schwie­gen. Auch die For­schung ist meist nur knapp über ihn hin­weg­ge­gan­gen. Be­stimmt wur­de sein Le­ben von der Fra­ge der Herr­schafts­nach­fol­ge, von der Pip­pin nach der Ge­burt meh­re­rer Halb­brü­der aus ei­ner spä­te­ren Ehe­ver­bin­dung Karls aus­ge­schlos­sen wur­de. Die Grün­de da­für sind un­klar. In­wie­weit ei­ne kör­per­li­che Be­ein­träch­ti­gung, auf­grund de­rer er von den bei­den Bio­gra­phen Karls des Gro­ßen Ein­hard (um 770-840) und Not­ker (um 840/um 850-912) sei­nen pe­jo­ra­ti­ven Bei­na­men er­hielt, ver­ant­wort­lich war, bleibt um­strit­ten.

Über sei­ne Mut­ter Hi­mil­trud ist we­nig mehr als ihr Na­me be­kannt. Der Ge­schichts­schrei­ber Pau­lus Di­a­co­nus (720/730-797/799) hielt le­dig­lich fest, dass sie ad­li­ger Her­kunft ge­we­sen sei. Der recht­li­che Cha­rak­ter der Ver­bin­dung Karls mit Hi­mil­trud so­wie de­ren Be­ginn las­sen sich glei­cher­ma­ßen nicht si­cher be­stim­men. Als der frän­ki­sche Kö­nig un­ter dem Ein­fluss sei­ner Mut­ter Ber­tra­da (um 725-783) Hi­mil­trud En­de 769 ver­stieß, um ei­ne (na­ment­lich nicht be­kann­te) Toch­ter des lan­go­bar­di­schen Kö­nigs De­si­de­ri­us (ge­stor­ben nach 786) zu ehe­li­chen, be­zeich­ne­te Papst Ste­phan III. (ge­stor­ben 772, Papst 768-772) sie in ei­nem Brief als recht­mä­ßi­ge Gat­tin (*co­ni­ux*) aus ein­hei­mi­schem frän­ki­schem Ge­schlecht. Erst im et­wa 15 Jah­re spä­ter ent­stan­de­nen *Li­ber de epi­sco­pis Met­ten­si­bus* des Pau­lus Di­a­co­nus wur­de die Ver­bin­dung – al­so im Nach­hin­ein – als ei­ne Be­zie­hung vor der le­ga­len Ehe (*an­te le­ga­le con­nu­bi­um*) de­fi­niert. In der den Ka­ro­lin­gern na­he­ste­hen­den An­na­lis­tik seit 790 wur­de Hi­mil­trud gar als Kon­ku­bi­ne (*con­cu­bi­na*) be­zeich­net. Nach­dem Karl Pip­pins Mut­ter ver­las­sen hat­te, dürf­te sie den Rest ih­res Le­bens im Klos­ter Ni­vel­les ver­bracht ha­ben, wo An­fang der 1970er Jah­re die Be­gräb­nis­stät­te ei­ner drei­ßig- bis vier­zig­jäh­ri­gen Frau ent­deckt wur­de, die auf­grund zwei­er be­schrif­te­ter Zie­gel­plat­ten als Grab Hi­mil­truds gilt.

An­ge­sichts der pro­gram­ma­ti­schen Na­mens­ge­bung – Karl be­nann­te sei­nen Sohn nach sei­nem ei­ge­nen Va­ter Pip­pin dem Jün­ge­ren (714-768), der 751 durch ei­ne Ver­samm­lung in Sois­sons nach der Ab­set­zung des Me­ro­win­gers Chil­de­rich III. (ge­stor­ben um 755, Kö­nig 743-751) zum Kö­nig der Fran­ken (*rex Fran­co­rum*) er­nannt wor­den war – liegt es je­doch na­he, dass Pip­pin zu­min­dest an­fäng­lich als po­ten­ti­el­ler Nach­fol­ger ver­stan­den wur­de. Das wür­de auf ei­ne le­ga­le Ver­bin­dung zwi­schen Karl und Hi­mil­trud hin­deu­ten. Zu­dem wä­re dies ein Ar­gu­ment ge­gen die Be­haup­tung, dass sein kör­per­li­cher Ma­kel – Not­ker be­zeich­net ihn nicht nur als buck­lig, son­dern auch als klein­wüch­sig – be­reits an­ge­bo­ren war. Ent­spre­chend wird die Mög­lich­keit ei­ner erst durch das Län­gen­wachs­tum ei­nes Kin­des ab dem 10. Le­bens­jahr aus­ge­bil­de­ten Ver­än­de­rung des Kör­pers auf­grund ei­ner Ra­chi­tis (Vit­amin D-Man­gel) oder Sko­lio­se (Ver­dre­hung der Wir­bel­säu­le) er­wo­gen. Auf­fal­lend ist je­den­falls, dass der zeit­nä­her schrei­ben­de Pau­lus Di­a­co­nus im Zu­sam­men­hang mit den an­de­ren Kin­dern Karls hier­zu nichts ver­merkt hat­te. Ein­hard hat­te zu Pip­pins Aus­se­hen la­ko­nisch kon­sta­tiert, dass die­ser schön von An­ge­sicht aber buck­lig ge­we­sen sei.

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-%C2%A0-15" style="text-align: justify;"><div class="information-object-paragraph__image"> </div></div>Das Ge­burts­jahr Pip­pins ist nicht ge­nau zu be­stim­men; in der Li­te­ra­tur wird meist auf 769/770 ver­wie­sen. Die ers­te Er­wäh­nung fin­det sich in den Lor­scher An­na­len zu 780: Wäh­rend Karl der Gro­ße mit sei­nen bei­den jün­ge­ren Söh­nen Karl­mann (777-810) und Lud­wig nach Ita­li­en ge­zo­gen sei, sei­en Pip­pin und Karl der Jün­ge­re (772/773-812) in Worms ge­blie­ben. Die hier ge­nann­ten Halb­brü­der Pip­pins stamm­ten aus Karls Ehe mit Hil­de­gard (um 758-783), die Karl ein­ging, nach­dem er die Toch­ter des Lan­go­bar­den­kö­nigs De­si­de­ri­us aus po­li­ti­schen Grün­den eben­falls wie­der ver­las­sen hat­te. In zwölf Ehe­jah­ren war Hil­de­gard ins­ge­samt acht Mal schwan­ger. Von den neun Kin­dern (ei­ne Zwil­lings­ge­burt) wa­ren vier männ­li­chen Ge­schlechts, ein Sohn starb be­reits als Säug­ling. Durch die Ge­burt wei­te­rer Söh­ne Karls des Gro­ßen war die Fra­ge der Herr­schafts­nach­fol­ge re­spek­ti­ve der kon­kre­ten Art und Wei­se der Be­tei­li­gung der (männ­li­chen) Nach­kom­men vi­ru­lent ge­wor­den. Am 15. April 781 wur­den die bei­den jün­ge­ren Söh­ne Karl­mann und Lud­wig in Rom durch Papst Ha­dri­an I. (ge­stor­ben 795, Papst 772-795) zu Kö­ni­gen in Ita­li­en und Aqui­ta­ni­en er­ho­ben; Karl­mann er­hielt dar­über hin­aus durch ei­ne päpst­li­che Tau­fe den Na­men Pip­pin, was in der Re­gel als deut­li­ches Zei­chen der Zu­rück­set­zung Pip­pins des Buck­li­gen in­ter­pre­tiert wird. Ihr äl­te­rer Bru­der Karl er­hielt 789 mit Mai­ne (heu­te Teil der Re­gi­on Pays de la Loire, Frank­reich) ei­nen ei­ge­nen Herr­schafts­raum, oh­ne dass in den Quel­len de­zi­diert von ei­ner Kö­nigs­er­he­bung ge­spro­chen wird. Ob­schon Pip­pin in den 780ern zu­sam­men mit sei­nen Ge­schwis­tern in ein Salz­bur­ger Ge­denk­buch ein­ge­tra­gen so­wie in kö­nig­li­chen Lob­prei­sun­gen zu­sam­men mit sei­nem Bru­der Karl ge­nannt wur­de, scheint ei­ne ver­gleich­ba­re Her­an­füh­rung an ei­ne ei­gen­stän­di­ge (kö­nig­li­che) Herr­schaft nicht statt­ge­fun­den zu ha­ben. Carl I. Ham­mer hat durch die Zu­sam­men­füh­rung ver­schie­de­ner In­di­zi­en hin­ge­gen die The­se auf­ge­stellt, dass Karl für ei­ni­ge Zeit ge­plant ha­ben könn­te, Pip­pin nach der Ab­set­zung des baye­ri­schen Her­zogs Tas­si­lo III. an der (ka­ro­lin­gi­schen) Herr­schaft in Bay­ern zu be­tei­li­gen, was er vor al­lem mit ei­ner Frei­sin­ger Über­lie­fe­rung, in der Pip­pin als Kö­nig (*rex Pip­pi­nus*) ge­fasst wird, be­grün­det. In den von ei­nem Prü­mer Mönch na­mens Wan­dal­bert ver­fass­ten Wun­der­be­rich­ten des hei­li­gen Goar ist zu­dem ei­ne An­ek­do­te fest­ge­hal­ten, nach der Karl der Jün­ge­re und Pip­pin die zwi­schen ih­nen seit län­ge­rem schwe­len­den Ri­va­li­tä­ten und Feind­se­lig­kei­ten mit gött­li­cher Hil­fe ge­löst und in der Kir­che brü­der­li­che Ein­tracht und ein Freund­schafts­band ein­ge­gan­gen sei­en, das sie an­schlie­ßend mit ei­nem fest­li­chen Mahl be­sie­gel­ten hät­ten. In der äl­te­ren (deut­schen) For­schung wur­de der ge­nann­te Pip­pin aber nicht mit Pip­pin dem Buck­li­gen, son­dern mit sei­nem Halb­bru­der Karl­mann/Pip­pin iden­ti­fi­ziert. Ob der An­na­list der Reichs­an­na­len im Ein­trag zu 785 dar­über hin­aus Pip­pin den Buck­li­gen mein­te, als er ver­merk­te, dass Karl zur Eres­burg zu­rück­kehrt sei und sei­ne (drit­te oder vier­te) Frau, die Kö­ni­gin Fastra­da (um 765-794), mit sei­nen Söh­nen und Töch­tern zu sich kom­men ließ, kann nicht als ge­si­chert an­ge­nom­men wer­den. Mehr als le­dig­lich kur­ze Schlag­lich­ter, die un­ter­schied­lich in­ter­pre­tiert wer­den kön­nen, bie­ten die­se Quel­len­stel­len nicht.

Die in der Sum­me der Ent­schei­dun­gen aber wohl doch sinn­fäl­lig ge­wor­de­ne Be­nach­tei­li­gung scheint Pip­pin nicht ak­zep­tiert zu ha­ben. Viel­mehr war er 792 in ei­nen An­schlags­plan frän­ki­scher Gro­ßer ge­gen sei­nen Va­ter ver­wi­ckelt. Le­dig­lich knapp geht Ein­hard auf die Er­eig­nis­se ein: So ha­be sich Pip­pin krank ge­stellt und mit ei­ni­gen frän­ki­schen Gro­ßen ge­gen sei­nen Va­ter ver­schwo­ren, die ihn durch eit­le Hoff­nun­gen auf das Kö­nig­tum ver­führt hät­ten. Nach der Auf­de­ckung des An­schlags und Ver­ur­tei­lung der Ver­schwo­re­nen ha­be Karl ihn sche­ren und im Klos­ter Prüm ein gott­ge­weih­tes Le­ben füh­ren las­sen. Die Lor­scher An­na­len bie­ten den zeit­lich nächs­ten Be­richt, zie­hen ei­nen Ver­gleich zur bib­li­schen Fi­gur des Abimelech (Ri. 8–9) und er­gän­zen, dass sich die An­schlags­plä­ne nicht nur ge­gen Karl den Gro­ßen, son­dern auch ge­gen Pip­pins Halb­brü­der ge­rich­tet hät­ten. So­wohl die so­ge­nann­ten Ein­hards­an­na­len, ei­ne frü­her fälsch­li­cher­wei­se Ein­hard zu­ge­schrie­be­ne Be­ar­bei­tung der Reichan­na­len, als auch Ein­hard in sei­ner *Vi­ta Ka­ro­li* ma­chen die an­geb­li­che Grau­sam­keit Fastra­das, der Stief­mut­ter Pip­pins, für den Aus­bruch des Kon­flikts ver­ant­wort­lich. Die in den wei­te­ren Quel­len ge­brauch­ten For­mu­lie­run­gen las­sen zu­dem er­ken­nen, dass füh­ren­de frän­ki­sche Gro­ße (*pri­mo­res*) be­tei­ligt wa­ren, was deut­lich macht, dass Pip­pin durch­aus über ei­ne nicht zu un­ter­schät­zen­de An­hän­ger­schaft ver­fügt ha­ben dürf­te.

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-miniatur-kaiser-karl" style="text-align: justify;"><div class="information-object-paragraph__content" style="text-align: justify;">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/images/Iview/digicult_derivate_00656309%2FKarl_der_Grosse_-_Pippin_von_Italien.jpg/full/1600,/0/default.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/images/Iview/digicult_derivate_00656309%2FKarl_der_Grosse_-_Pippin_von_Italien.jpg/full/600,/0/default.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Miniatur Kaiser Karls I. und Pippins von Italien, Miniatur aus dem Liber legum (Biblioteca Capitolare, O. I. 2, fol. 154v.), entstanden zwischen 870-950, Original im Archivio Capitolare di Modena. (gemeinfrei)

</figcaption></figure></div> </div></div>Den aus­führ­lichs­ten, aber nar­ra­tiv aus­ge­schmück­ten Be­richt bie­tet Not­ker, Mönch im Klos­ter St. Gal­len, der den gleich­falls we­nig schmei­cheln­den Bei­na­men ‚der Stamm­ler‘ (*Not­ke­rus Bal­bu­lus*) er­hielt. Er setzt mit der Be­mer­kung ein, Karl sei von Pip­pin und sei­nen An­hän­gern bei­na­he ge­fan­gen ge­setzt und zum To­de ver­ur­teilt wor­den, was fol­gen­der­ma­ßen ans Licht ge­kom­men sei: Pip­pin hät­te in der Kir­che des hei­li­gen Pe­trus in Re­gens­burg Gro­ße ver­sam­melt und sich mit ih­nen über die Er­mor­dung Karls be­ra­ten. An­schlie­ßend ha­be er, um ganz si­cher zu sein, nach­se­hen las­sen, ob nicht je­mand in den Win­keln oder un­ter dem Al­tar ver­steckt sei. Wie be­fürch­tet sei ein Geist­li­cher ge­fun­den wor­den, der ge­nö­tigt wor­den sei, ih­nen zu schwö­ren, ihr Vor­ha­ben nicht zu ver­ra­ten. An­schlie­ßend sei die­ser je­doch in den Pa­last ge­eilt und ha­be Karl ge­warnt. Die Ver­schwö­rer sei­en noch vor der drit­ten Stun­de des Ta­ges, *ganz wie sie es ver­dien­ten*, ent­we­der in die Ver­ban­nung ge­schickt oder in an­de­rer Wei­se be­straft wor­den; Pip­pin sei ge­gei­ßelt und ge­scho­ren in das Klos­ter St. Gal­len ge­schickt wor­den, um sich dort auf ei­ni­ge Zeit zu kas­tei­en. Wo­mög­lich auf­grund sei­ner Er­fah­run­gen als An­füh­rer re­spek­ti­ve Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt ei­ner frü­he­ren Ver­schwö­rung ge­gen Karl den Gro­ßen hät­te die­ser sei­nen Sohn bei ei­nem fol­gen­den An­schlags­plan – we­nigs­tens nach Not­ker – um Rat ge­fragt. Die von Karl ge­schick­ten Ge­sand­ten hät­ten Pip­pin im Klos­ter bei der Gar­ten­ar­beit an­ge­trof­fen und von ihm als Ant­wort er­hal­ten, Karl wür­de, wenn er auf sei­nen Rat Wert le­ge, ihn nicht sol­cher Krän­kung aus­set­zen: *Sagt ihm, bei wel­cher Tä­tig­keit Ihr mich an­ge­trof­fen habt.* Da­mit hät­ten sich die Ge­sand­ten nicht zu­frie­den­ge­ge­ben und er­neut nach­ge­fragt, wor­auf­hin Pip­pin ge­ant­wor­tet hät­te: *Nichts an­de­res ha­be ich ihm zu be­stel­len, als was ich tue. Ich rei­ße das un­nüt­ze Ge­wächs her­aus, da­mit die un­ent­behr­li­chen Kräu­ter un­be­hin­der­ter wach­sen kön­nen.* Von die­ser Ant­wort ent­täuscht und ei­ne Be­stra­fung be­fürch­tend, sei­en die Ge­sand­ten wie­der zu Karl zu­rück­ge­kehrt. Doch der Kai­ser hät­te den Sinn des Ge­sag­ten so­gleich er­kannt und zur Aus­füh­rung ge­bracht: *Er nahm al­le die­se Ver­schwö­rer aus der Mit­te der Le­ben­den hin­weg und über­ließ dann sei­nen Ge­treu­en die von den Un­nüt­zen be­haup­te­ten Plät­ze, da­mit sie wach­sen und sich aus­deh­nen soll­ten.*

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-pippins-putsch-besch" style="text-align: justify;"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/images/Iview/digicult_derivate_00656308%2FEnhard_Pippin.jpg/full/1600,/0/default.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/images/Iview/digicult_derivate_00656308%2FEnhard_Pippin.jpg/full/600,/0/default.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Pippins Putsch beschrieben in: Einhard, Vita Karoli Magni. Faksimileausgabe im Originalformat der Vita Karoli Magni aus Codex Vindobonensis 529 (Folio 1-13) der Österreichischen Nationalbibliothek, hg. v. Wolfgang Milde/Thomas Wurzel, Graz 1991, hier fol. 8r. (gemeinfrei)

</figcaption></figure></div> </div></div>Sei­nen Sohn Pip­pin ha­be er dar­auf­hin an­ge­wie­sen, sich aus­zu­su­chen, wie er sein Le­ben ver­brin­gen wol­le, wor­auf­hin Pip­pin sich ent­schie­den ha­be, in das Klos­ter Prüm zu wech­seln. Da kei­ne wei­te­ren Nach­rich­ten über Pip­pin exis­tie­ren, steht zu ver­mu­ten, dass er bis zu sei­nem Tod im Jahr 811 dort leb­te. Im Ge­gen­satz zum En­kel Karls des Gro­ßen, Kai­ser [Lo­thar I.](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5f1ec03ab806e1.36615742 "Lothar I."), des­sen Ge­bei­ne im Jahr 1860 beim Ab­bau des al­ten Hoch­al­tars in der dor­ti­gen Sankt-Sal­va­tor-Ba­si­li­ka frei­ge­legt wur­den und für den mit fi­nan­zi­el­ler Un­ter­stüt­zung Kai­ser Wil­helms I. (1797-1888) ein Grab­mal ein­ge­rich­tet wur­de, hat Pip­pin der Buck­li­ge auch hier kei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen.

Die ver­meint­li­che Tra­gik von Pip­pins Le­bens dien­te in­des als In­spi­ra­ti­on für ein lo­se an sei­ne Bio­gra­phie an­ge­lehn­tes Broad­way-Mu­si­cal von Ste­phen Schwartz aus dem Jah­re 1972, das 2013 noch­mals auf­ge­legt und in Deutsch­land bei­spiels­wei­se von der Staats­o­pe­ret­te Dres­den ad­ap­tiert wur­de. Durch ei­ne weib­li­che Be­set­zung der Prin­zi­pal­rol­le ent­fern­te sich die­se Ver­si­on frei­lich noch wei­ter von der his­to­ri­schen Per­son.

##### 14. Konstantin der Große

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/3iOimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/3iOimage.jpeg)

<div class="information-object__top" id="bkmrk-statue-kaiser-konsta"><div class="outer-wrapper"><div class="information-object-mood
                                            information-object-mood--one-row
                    "><div class="information-object-mood__mood-image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Statue Kaiser Konstantin des Großen. (Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg / Studio Jester Blank / CC BY-NC-SA)

</figcaption></figure></div></div></div></div></div>Kon­stan­tin der Gro­ße war nach Au­gus­tus der be­deu­tends­te rö­mi­sche Kai­ser, des­sen Auf­stieg zur Al­lein­herr­schaft im Rhein­land be­gann. Zeit­wil­lig re­gier­te er in Au­gus­ta Tre­ver­o­rum (Trier), dass er zu ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Re­si­denz­stadt aus­bau­en ließ.

Cai­us Fla­vi­us Va­le­ri­us Con­stan­ti­nus wur­de um das Jahr 275 zu Nais­sus (Nisch) im heu­ti­gen Ser­bi­en als il­le­gi­ti­mer Sohn des Of­fi­ziers und spä­te­ren Kai­sers Con­stan­ti­us Chlo­rus (re­gier­te 293-306) und der aus ein­fachs­ten Ver­hält­nis­sen stam­men­den [He­le­na](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c82a069744e4.90497359 "Helena") ge­bo­ren. Der Va­ter er­kann­te Kon­stan­tin als sei­nen Sohn an und sorg­te da­für, dass er an der Sei­te sei­ner Mut­ter in Nais­sus in ma­te­ri­ell ge­si­cher­ten Ver­hält­nis­sen auf­wach­sen konn­te.

Im Jah­re 289 stieg Con­stan­ti­us Chlo­rus zum Cae­sar (Un­ter­kai­ser) des Reichs­wes­tens auf, doch wur­de sei­nem Sohn kei­ne Prin­zen­er­zie­hung zu­teil. Die­ser schlug viel­mehr die mi­li­tä­ri­sche Lauf­bahn ein, dien­te stets im Reichs­os­ten und be­saß im Jahr 305 den Rang ei­nes Tri­bu­nen. In die­sem Jahr tra­ten die bei­den re­gie­ren­den Au­gus­ti (Ober­kai­ser) Dio­cle­ti­an (Re­gie­rung 284-305) und Ma­xi­mi­an (Re­gie­rung 286-305) zu­rück und mach­ten den bei­den bis­he­ri­gen Cae­sa­res Con­stan­ti­us Chlo­rus im Reichs­wes­ten und Gai­us Ga­le­ri­us (Re­gie­rung 293-311) im Reichs­os­ten Platz, an de­ren Stel­le zwei neue Un­ter­kai­ser, Fla­vi­us Va­le­ri­us Se­ver­us (Re­gie­rung 305-307) und Ma­xi­mi­nus Daia (Re­gie­rung 305-313), nach­rück­ten.

Ob­wohl Con­stan­ti­us Chlo­rus an sich die Po­si­ti­on des Se­ni­or Au­gus­tus, des rang­äl­tes­ten Ober­kai­sers, zu­kam, lag das Über­ge­wicht bei Ga­le­ri­us, der mit Hil­fe Dio­cle­ti­ans bei­de Cae­sa­ren­stel­len mit sei­nen Krea­tu­ren hat­te be­set­zen kön­nen. Con­stan­ti­us blieb im äu­ßers­ten Reichs­wes­ten (Gal­li­en, Bri­tan­ni­en, Spa­ni­en) iso­liert, hat­te aber das Zu­ge­ständ­nis er­reicht, dass ihm sein äl­tes­ter Sohn Kon­stan­tin zu­ge­sandt wer­den muss­te, was prak­tisch auf ei­ne De­si­gnie­rung Con­stan­tins zu sei­nem Nach­fol­ger hin­aus­lief.

Schon im Jahr dar­auf ist Con­stan­ti­nus Chlo­rus zu Ebo­ra­cum (York) im heu­ti­gen Eng­land ge­stor­ben und Kon­stan­tin folg­te ihm im Ran­ge ei­nes Cae­sars nach. Neu­er Au­gus­tus des Wes­tens wur­de der vor­ma­li­ge Cae­sar Se­ver­us, der Mann des Ga­le­ri­us. Da­durch fühl­te sich frei­lich der ehe­ma­li­ge Au­gus­tus Ma­xi­mi­an her­aus­ge­for­dert, des­sen Sohn Mar­cus Au­re­li­us Va­le­ri­us Ma­xen­ti­us (Re­gie­rung 306-312) ei­ne Thron­fol­ge ver­wehrt wor­den war. Es ge­lang Ma­xi­mi­an, die [Usur­pa­ti­on](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/U#term-890) sei­nes Soh­nes in die We­ge zu lei­ten und Se­ver­us zu be­sei­ti­gen. Ob­wohl sich Va­ter und Sohn bald über­war­fen, ver­moch­te Ma­xen­ti­us 307 die In­va­si­on des Ga­le­ri­us zu über­ste­hen und sich in Ita­li­en und Tei­len des west­li­chen Nord­afri­ka zu be­haup­ten.

Von nun an be­gann das Vier­kai­ser­tum (Te­trar­chie) aus­ein­an­der zu fal­len, da Ga­le­ri­us bei der Kür ei­nes neu­en Westau­gus­tus die An­sprü­che der bei­den Cae­sa­res über­ging und statt des­sen sei­nen Ge­folgs­mann Li­ci­ni­us (Re­gie­rung 308-324) er­hob, der je­doch nicht im­stan­de war, wirk­sam ge­gen Ma­xen­ti­us vor­zu­ge­hen. Nach sei­ner Be­stä­ti­gung als Cae­sar war Kon­stan­tin auf den Kon­ti­nent zu­rück­ge­kehrt und sah sich dort mit der Auf­ga­be kon­fron­tiert, die Rhein­gren­ze ge­gen ger­ma­ni­sche Ein­fäl­le zu si­chern.

Die Pros­pe­ri­tät der bei­den ger­ma­ni­schen Pro­vin­zen – Ger­ma­nia In­fe­ri­or (Haupt­stadt Co­lo­nia Agrip­pi­nen­sis/[Köln](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd5d2f2acc68.36305193 "Köln")) und Ger­ma­nia su­pe­ri­or (Haupt­stadt Mo­gon­tia­cum/Mainz) hat­te nur bis zum ers­ten Drit­tel des 3. Jahr­hun­derts ge­währ­leis­tet wer­den kön­nen, da­nach ver­schlech­ter­te sich die Si­tua­ti­on dras­tisch. Wie­der­hol­te Bür­ger­krie­ge und Krie­ge ge­gen äu­ße­re Fein­de an weit ent­fern­ten Fron­ten de­zi­mier­ten die Streit­kräf­te und führ­ten in­fol­ge von Trup­pen­ab­zü­gen zu ei­ner zu­sätz­li­chen Schwä­chung der Grenz­ver­tei­di­gung, was die be­nach­bar­ten Ger­ma­nen zu im­mer neu­en In­va­sio­nen er­mun­ter­te.

An die Stel­le ei­ner Viel­zahl klei­ne­rer, un­ter­ein­an­der oft hef­tig ri­va­li­sie­ren­der Stäm­me tra­ten all­mäh­lich die gro­ßen Stam­mes­bün­de der Ale­man­nen (am Mit­tel- und Ober­rhein) und Fran­ken (am Nie­der­rhein). Die­se stan­den zwar auch nicht un­ter ein­heit­li­cher po­li­ti­scher Füh­rung, doch zeig­ten sich ih­re Klein­kö­ni­ge eher in der La­ge, ge­gen­über dem Im­pe­ri­um zu ge­mein­sa­mem Han­deln zu­sam­men zu fin­den. Man darf sich von den ger­ma­ni­schen Ein­fäl­len kei­ne über­trie­be­nen Vor­stel­lun­gen ma­chen: Oft han­del­te es sich um blo­ße Raub­zü­ge von ei­ni­gen Dut­zend oder bes­ten­falls ei­ni­gen Hun­dert Krie­gern. Auf­grund ih­rer Mo­bi­li­tät wa­ren sie je­doch schwer zu be­kämp­fen und über die Jahr­zehn­te zei­tig­ten ih­re Raz­zi­en Wir­kung. Die Be­völ­ke­rung der Rhein­pro­vin­zen, so­weit sie nicht ge­flo­hen, ge­tö­tet oder ver­schleppt wor­den war, zog sich in die Städ­te und Mi­li­tär­stütz­punk­te zu­rück, wäh­rend das Um­land zu­se­hends ver­öde­te. Die Städ­te selbst ver­än­der­ten ihr Ge­sicht: der Fes­tungs­cha­rak­ter nahm auf Kos­ten von Pracht- und Re­prä­sen­ta­ti­ons­bau­ten zu.

Nicht über­all konn­te sich das Im­pe­ri­um be­haup­ten: Rechts des Rheins muss­ten gro­ße Ge­bie­te de fac­to voll­stän­dig auf­ge­ge­ben wer­den. Dank der An­stren­gun­gen des Ma­xi­mi­an und des Con­stan­ti­us Chlo­rus än­der­te sich die Si­tua­ti­on seit 284 zum bes­se­ren, ei­ne Än­de­rung der ins­ge­samt un­güns­ti­ger ge­wor­de­nen stra­te­gi­schen „Groß­wet­ter­la­ge" konn­te aber nicht er­reicht wer­den. Der Ver­such, Be­völ­ke­rungs­ver­lus­te durch die An­sied­lung von ger­ma­ni­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen in ver­las­se­nen Land­stri­chen aus­zu­glei­chen, führ­te letzt­lich zu ei­ner wach­sen­den Ger­ma­ni­sie­rung des städ­ti­schen Hin­ter­lan­des. Be­züg­lich der Ger­ma­nen­krie­ge Kon­stan­tins lässt sich fest­stel­len, dass sich der Kai­ser als mi­li­tä­ri­scher Füh­rer be­währ­te. In sei­ner Po­li­tik ge­gen­über den Fran­ken und Ale­man­nen folg­te er grund­sätz­lich dem Bei­spiel sei­ner bei­den Vor­gän­ger: Feind­li­che Ein­fäl­le wur­den ab­ge­wehrt und nach Mög­lich­keit mit Ge­gen­an­grif­fen be­ant­wor­tet, kriegs­ge­fan­ge­ne Ger­ma­nen als Mi­li­tär­ko­lo­nis­ten an­ge­sie­delt oder di­rekt in den Hee­res­dienst über­nom­men.

In Köln er­rich­te­te Kon­stan­tin im Jahr 310 die ers­te stei­ner­ne Rhein­brü­cke, die er durch das Kas­tell Di­vi­tia (Deutz) auf dem rech­ten Rhein­ufer si­chern ließ. Vor al­lem aber ver­an­lass­te er den Aus­bau des ver­kehrs­güns­tig ge­le­ge­nen, be­reits von sei­nem Va­ter be­vor­zug­ten Trier zu ei­ner kai­ser­li­chen Re­si­denz­stadt. Die Über­res­te kon­stan­ti­ni­scher Re­prä­sen­ta­ti­ons­ar­chi­tek­tur prä­gen dort bis heu­te das Stadt­bild.

Seit 307 eman­zi­pier­te sich Kon­stan­tin von der zer­fal­len­den Te­trar­chie. Von dem ver­trie­be­nen Ma­xi­mi­an ließ er sich zum Au­gus­tus er­nen­nen, nach des­sen Be­sei­ti­gung pro­kla­mier­te er 310 sei­ne Ab­stam­mung vom Kai­ser Clau­di­us Got­hi­cus (Re­gie­rung 268-270) und mach­te da­mit Erb­an­sprü­che auf das Ge­samt­reich gel­tend. Nach dem na­tür­li­chen To­de des Ga­le­ri­us im Jahr 311 bra­chen die Ri­va­li­tä­ten zwi­schen Herr­schern der ein­zel­nen Reichs­tei­le of­fen aus. Kon­stan­tin schritt 312 zur Tat, be­sieg­te und tö­te­te Ma­xen­ti­us in der Schlacht an der Mil­vi­schen Brü­cke vor den To­ren Roms und wur­de da­durch zum al­lei­ni­gen Herr­scher des Reichs­wes­tens. Der Aus­gleich mit Li­ci­ni­us, der sich im Os­ten durch­ge­setzt hat­te, war nur von kur­zer Dau­er, die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung fiel aber erst 324. In ei­nem kur­zen, über­aus blu­ti­gen Krieg wur­de Li­ci­ni­us be­siegt, ge­fan­gen ge­setzt und im fol­gen­den Jahr um­ge­bracht.

Kon­stan­tins Al­lein­herr­schaft war ins­ge­samt ge­se­hen er­folg­reich und viel­fach Rich­tung wei­send. Die Gren­zen wur­den über­all er­folg­reich ge­si­chert. Kon­stan­tins Re­for­men des Hee­res und des kai­ser­li­chen Ho­fes hat­ten Be­stand, eben­so die von ihm nach ei­ner Zeit des Wäh­rungs­ver­falls ein­ge­führ­te neue Gold­mün­ze, der So­li­dus. Mit der Grün­dung der neu­en Kai­ser­stadt Kon­stan­ti­no­pel (Is­tan­bul) gab er dem Reichs­os­ten ein neu­es Zen­trum, das über tau­send Jah­re lang, bis 1453, Be­stand hat­te. Sei­ne Fi­nanz- und Steu­er­po­li­tik dien­te al­ler­dings ein­zig dem Zweck, das Geld für sei­ne ehr­gei­zi­gen Vor­ha­ben auf­zu­trei­ben und nicht der Stei­ge­rung der wirt­schaft­li­chen Pros­pe­ri­tät des Im­pe­ri­ums.

An­stel­le der Te­trar­chie führ­te Kon­stan­tin ei­ne fa­mi­li­en­ge­stütz­te Mon­ar­chie ein, in der sei­ne Söh­ne als Re­prä­sen­tan­ten der kai­ser­li­chen Macht in ent­fern­ten Reichs­tei­len fun­gier­ten. Die­ses Sys­tem ver­sag­te völ­lig. Schon 326 sah sich Kon­stan­tin ver­an­lasst, sei­ne Gat­tin Fla­via Ma­xi­ma Faus­ta so­wie sei­nen äl­tes­ten Sohn und Mit­re­gen­ten Cris­pus ( Re­gie­rung 317-326) zu be­sei­ti­gen. Nach sei­nem Ab­le­ben brach­ten sich die Mit­glie­der sei­ner Fa­mi­lie im Kampf um die Herr­schaft viel­fach ge­gen­sei­tig um.

Welt­his­to­ri­sche Be­deu­tung er­lang­te Kon­stan­tins Hin­wen­dung zum Chris­ten­tum, die be­reits auf sein ei­ge­nes Be­trei­ben mit ei­ner Vi­si­on vor der Schlacht an der Mil­vi­schen Brü­cke er­klärt wur­de. Kon­stan­tin, ein An­hän­ger des Son­nen­got­tes, hat je­doch das Chris­ten­tum nie ver­stan­den, was dar­aus deut­lich wird, dass er sich selbst bis zu­letzt als ei­ne chris­tus­glei­che, gött­li­che Ge­stalt ver­stand: Sei­ne Hin­wen­dung zur aria­ni­schen Hä­re­sie, die die We­sens­ein­heit von Va­ter und Sohn ab­lehn­te, ist da­durch zu er­klä­ren. In der christ­li­chen Kir­che mit ih­rer al­len an­de­ren Re­li­gio­nen über­le­ge­nen Or­ga­ni­sa­ti­on sah er die ge­eig­ne­te In­sti­tu­ti­on, ein reichs­wei­tes, all­ge­mein ver­bind­li­ches Be­kennt­nis durch­zu­set­zen, das sei­nen kai­ser­li­chen Macht­an­spruch stütz­te; in die­ser Hin­sicht war sei­ne Re­li­gi­ons­po­li­tik kon­ven­tio­nell.

Er über­schätz­te völ­lig die in­ne­re Ein­heit des Chris­ten­tums, das ihm un­ter dem Druck ei­ner teil­wei­se bis 313 fort­dau­ern­den Ver­fol­gung als re­li­giö­ser Mo­no­lith er­schie­nen sein moch­te. Seit sich der christ­li­che Glau­be ab 313 und ver­stärkt seit 324 von ei­ner bloß to­le­rier­ten zu ei­ner kai­ser­lich fa­vo­ri­sier­ten Re­li­gi­on ent­wi­ckel­te, er­hiel­ten die dog­ma­ti­schen Strei­tig­kei­ten der Chris­ten den Cha­rak­ter ve­ri­ta­bler Staats­af­fä­ren, zu­gleich wur­de der Kai­ser selbst Par­tei und ver­lor sei­ne Po­si­ti­on als über den Frak­tio­nen ste­hen­der Mo­dera­tor.

Im Jah­re 337 ist Kon­stan­tin zu Ni­ko­me­dia (Iz­mir) in der heu­ti­gen Tür­kei ge­stor­ben, auf dem To­ten­bett emp­fing er die Tau­fe durch den aria­ni­schen Bi­schof der Stadt, Eu­se­bios (Epis­ko­pat 318-338). Um das Rhein­land hat er sich nach 313 kaum mehr per­sön­lich ge­küm­mert, dort re­si­dier­te zu­letzt sein äl­tes­ter über­le­ben­der Sohn Kon­stan­tin II. (Re­gie­rung 328-340).

##### 15. Severin von Köln

Se­ve­rin (Se­ve­ri­nus) war der drit­te na­ment­lich be­kann­te [Köl­ner](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11a6076c626.53176868 "Köln Erzbistum") Bi­schof. Sei­ne Ver­eh­rung geht von der [Köl­ner](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd5d2f2acc68.36305193 "Köln") Kir­che St. Se­ve­rin aus, wo sich auch die Ge­bei­ne des Hei­li­gen be­fin­den.

Im We­sent­li­chen sind es le­dig­lich zwei schrift­li­che Quel­len, die Hin­wei­se auf Le­ben und Amts­zeit Se­ve­rins bie­ten: Die seit dem frü­hen Mit­tel­al­ter ent­stan­de­nen Köl­ner Bi­schofs­lis­ten füh­ren ihn nach [Ma­ter­nus](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c94950989690.58929397 "Maternus") und [Eu­phra­tes](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c6a6a591b3e7.32035103 "Euphrates") als drit­ten na­ment­lich be­kann­ten Amts­in­ha­ber auf. Um 580 schil­dert fer­ner Bi­schof Gre­gor von Tours (Epis­ko­pat 573–594) das Le­ben sei­nes Amts­vor­gän­gers, des 396 oder 397 ver­stor­be­nen hei­li­gen Mar­tin. Er­wähnt wird dar­in auch die Him­mel­fahrt Mar­tins, die der Köl­ner Bi­schof Se­ve­rin in ei­ner Vi­si­on er­leb­te, als er zu­sam­men mit Kle­ri­kern die hei­li­gen Stät­ten sei­ner Bi­schofs­stadt Köln be­such­te. Aus die­ser le­gen­da­ri­schen Er­zäh­lung ist zu schlie­ßen, dass Se­ve­rin zum To­des­zeit­punkt Mar­tins von Tours Bi­schof in Köln war. Zu­dem könn­te es sich bei Se­ve­rin um ei­nen Schü­ler Mar­tins ge­han­delt ha­ben, fin­den sich doch im aus­ge­hen­den 4. und be­gin­nen­den 5. Jahr­hun­dert auf meh­re­ren gal­li­schen Bi­schofs­stüh­len Amts­in­ha­ber, die aus den bei­den von Mar­tin ge­grün­de­ten Klös­tern Li­gu­gé (bei Poi­tiers) und Mar­mou­tier (bei Tours) her­vor­ge­gan­gen sind.

Al­le üb­ri­gen schrift­li­chen Quel­len über Per­son und Ver­eh­rung Se­ve­rins set­zen nicht vor dem 9. Jahr­hun­dert ein. Da­bei kommt ei­ner im spä­ten 9. oder frü­hen 10. Jahr­hun­dert ent­stan­de­nen Vi­ta und ei­nem Trans­la­ti­ons­be­richt des Hei­li­gen ein be­son­de­rer Rang zu. Dort wird un­ter an­de­rem be­rich­tet, dass Se­ve­rin als Bi­schof von Köln ins hei­mat­li­che Bor­deaux ge­zo­gen, dort ver­stor­ben und be­gra­ben wor­den sei. Der Leib des Hei­li­gen sei dann zwi­schen Köln und Bor­deaux ge­teilt wor­den. Hier­bei han­delt es sich um ei­ne Le­gen­den­bil­dung, bei der zwei gleich­na­mi­ge, et­wa zur sel­ben Zeit an un­ter­schied­li­chen Or­ten tä­ti­ge Bi­schö­fe als ei­ne Per­son an­ge­se­hen wur­den.

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-heiliger-severin%2C-ab"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/images/Iview/digicult_derivate_00016669%2FLVR_ILR_0000147862.jpg/full/1600/0/default.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/images/Iview/digicult_derivate_00016669%2FLVR_ILR_0000147862.jpg/full/600/0/default.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Heiliger Severin, Abbildung auf dem Severin-Anno-Fenster des Kölner Doms, um 1320. (Dombauarchiv Köln)

</figcaption></figure></div> </div></div>Haupt­ort der Ver­eh­rung des hei­li­gen Se­ve­rin ist die gleich­na­mi­ge Kir­che in der süd­li­chen Köl­ner Alt­stadt, wo ein ent­spre­chen­der Hei­li­gen­kult seit der zwei­ten Hälf­te des 6. Jahr­hun­derts nach­weis­bar ist. Wahr­schein­lich fand auf dem rö­mi­schen Grä­ber­feld rund um St. Se­ve­rin auch die ers­te Be­stat­tung Se­ve­rins statt. Dass die­se im Be­reich des im 4. Jahr­hun­derts ent­stan­de­nen Ur­sprungs­baus der Kir­che er­folg­te, ist mög­lich, aber nicht ein­deu­tig nach­weis­bar. Heu­te be­fin­den sich die Ge­bei­ne des Hei­li­gen in ei­nem 1819 an­ge­fer­tig­ten Schrein im Hoch­chor von St. Se­ve­rin.

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-thronender-sankt-sev"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/images/Iview/digicult_derivate_00013055%2FLVR_ILR_0000118234.jpg/full/1600/0/default.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/images/Iview/digicult_derivate_00013055%2FLVR_ILR_0000118234.jpg/full/600/0/default.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Thronender Sankt Severin, 11. Jahrhundert. Köln, Sankt Severin, Foto: Helmut Buchen.

</figcaption></figure></div> </div></div>1999 wur­de die­ser Schrein ge­öff­net und des­sen In­halt ei­ner um­fas­sen­den Un­ter­su­chung un­ter­zo­gen. Ne­ben den ver­ehr­ten Ge­bei­nen ent­hielt der Schrein ei­ne höl­zer­ne Re­li­qui­en­la­de des 10. Jahr­hun­derts, ei­ne grö­ße­re Zahl von far­ben­präch­ti­gen Tex­ti­li­en (7.-10. Jahr­hun­dert), Sie­gel von Schrein­s­öff­nun­gen seit 948 so­wie Frag­men­te von Höl­zern, Le­der, Wein­trau­ben­ker­nen und die Kno­chen ei­ner Maus. Die­se Ma­te­ria­li­en wei­sen ins­be­son­de­re auf früh­mit­tel­al­ter­li­che Ver­eh­rungs­ak­ti­vi­tä­ten hin. Für die mensch­li­chen Ge­bei­ne im Schrein ließ sich fest­stel­len, dass es sich um ei­nen Mann von cir­ca 159 cm Kör­per­grö­ße han­del­te, der ge­mäß Stron­ti­umana­ly­sen sei­ne Kind­heit in Köln oder dem links­rhei­ni­schen Um­feld, al­so in der ro­ma­ni­sier­ten Welt, ver­bracht ha­ben dürf­te. Bei ei­nem Ster­be­al­ter von et­wa 55 Jah­ren er­gibt sich als jüngs­tes mög­li­ches Ster­be­jahr et­wa 410 nach Chris­tus. Of­fen­bar liegt ei­ne so­zi­al hoch­ran­gi­ge Be­stat­tung vor, wor­auf nicht nur ei­ne mög­li­che Ein­bal­sa­mie­rung schlie­ßen lässt, son­dern ins­be­son­de­re das Frag­ment ei­nes so ge­nann­ten Blöck­chen­da­mas­tes des 3. oder 4. Jahr­hun­derts, der in der Mark­höh­le ei­ner der Kno­chen auf­ge­fun­den wur­de. Die­ses wert­vol­le Tex­til fand wohl bei der ers­ten Be­stat­tung des To­ten Ver­wen­dung. Da­mit lie­fert der Be­fund In­di­zi­en da­für, dass es sich bei den Ge­bei­nen tat­säch­lich um Se­ve­rin han­deln könn­te, oh­ne dass dies frei­lich ein­deu­tig nach­weis­bar wä­re. Die Be­ur­tei­lung die­ser Fra­ge ist letzt­lich im Kon­text der in der For­schung ge­führ­ten Dis­kus­si­on zu se­hen, ob es im 5. und im be­gin­nen­den 6. Jahr­hun­dert zu ei­nem Ab­bruch christ­li­chen Le­bens und der ent­spre­chen­den Struk­tu­ren im Rhein­land kam oder nicht. Auch für Se­ve­rin klafft je­den­falls vom Zeit­punkt der Be­stat­tung um 400, die auf der Ne­kro­po­le un­ter der heu­ti­gen Se­ve­rins­kir­che er­folgt sein könn­te, bis zur zwei­ten Hälf­te des 6. Jahr­hun­derts ei­ne zeit­li­che Lü­cke.

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-verehrung-des-hl.-se"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/images/Iview/digicult_derivate_00013057%2FLVR_ILR_0000118236.jpg/full/1600/0/default.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/images/Iview/digicult_derivate_00013057%2FLVR_ILR_0000118236.jpg/full/600/0/default.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Verehrung des hl. Severin in Köln, 20. Bild des Severinszyklus, 1499-1501. Köln, Sankt Severin, Foto: Helmut Buchen.

</figcaption></figure></div> </div></div>Kla­rer er­kenn­bar ist die Ver­eh­rung des hei­li­gen Se­ve­rin im wei­te­ren Ver­lauf des Mit­tel­al­ters (Fest­tag 23. Ok­to­ber). In Köln ge­hört er zu den Stadt­pa­tro­nen; von be­son­de­rer In­ten­si­tät ist der Se­ve­ri­nus­kult im Be­reich des Erz­bis­tums Köln, aber auch in fast al­len Diö­ze­sen nörd­lich der Al­pen ist ei­ne Ver­eh­rung fest­stell­bar, die stark in den skan­di­na­vi­schen Raum hin­ein aus­strahl­te. Zu un­ter­schei­den ist der hei­li­ge Se­ve­rin von Köln von an­de­ren gleich­na­mi­gen wirk­li­chen oder le­gen­dä­ren Hei­li­gen, ins­be­son­de­re vom hei­li­gen Se­ve­rin von Bor­deaux (Ver­eh­rung ins­be­son­de­re in Aqui­ta­ni­en) und vom hei­li­gen Se­ve­rin von No­ri­cum (Ver­eh­rung ins­be­son­de­re im Al­pen­raum). Die in­ten­si­ve Ver­eh­rung des Hei­li­gen er­klärt auch, dass sich aus „Se­ve­rin" meh­re­re Fa­mi­li­en­na­men ab­lei­ten, so im deutsch­spra­chi­gen Raum ne­ben der voll­stän­di­gen Na­mens­form ins­be­son­de­re „Frings",„Sie­ve­ring" und ähn­li­che, im dä­ni­schen Raum vor al­lem „Sö­ren" und „Sö­r­en­sen".

An der Ost­sei­te des Köl­ner Rat­haus­tur­mes er­in­nert seit 1992 ei­ne Fi­gur (Bild­hau­er: Wal­ter Hutz) an Se­ve­rin.


##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

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-&gt; Albrecht, "Childerich I." in: Allgemeine Deutsche Biographie 4 (1876), S. 123 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118675885.html#adbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118675885.html#adbcontent), zuletzt geprüft am 01.03.2026.

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-&gt; Groth, Simon, Pippin der Bucklige, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/pippin-der-bucklige-/DE-2086/lido/682f2009879d87.72921338 (abgerufen am 02.03.2026).

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-&gt; Oepen, Joachim, Severin, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/severin/DE-2086/lido/57c94e2bcc8d85.81971965 (abgerufen am 24.07.2026)

<div class="information-object__body" id="bkmrk--16"><div class="information-object-paragraph"><div class="information-object-paragraph__content"><div class="footnotes" id="bkmrk--17"></div></div></div></div><div class="information-object__body" id="bkmrk--18"><div class="information-object-paragraph"><div class="information-object-paragraph__content"><div class="footnotes">  
</div></div></div></div>**Sekundärliteratur**

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