# Kriege und Konflikte

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane

##### 1. Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane.

**Um sein Reich der Franken zu erweitern, nimmt Karl der Große 772 den Kampf gegen die Sachsen auf: Die Stämme zwischen Rhein und Elbe gehören zu jenen Germanen, die noch den heidnischen Göttern folgen und keiner Großmacht unterworfen sind. Es wird Karls grausamster Krieg – und der Sachsenführer Widukind sein erbittertster Gegner: Mit Tücke und Entschlossenheit kämpft der letzte germanische Rebell für die Freiheit seines Volkes**

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image size-large" id="bkmrk-erst-im-jahr-785-wir">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2008/12/Widukind_17005413-scaled.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">Erst im Jahr 785 wird sich Widukind unterwerfen: Wie die fränkischen Reichsannalen berichten, fällt der Stammesführer (in der Bildmitte unten, mit Krone) im Bardengau im Raum Lüneburg vor Karl dem Großen nieder, nachdem dessen Truppen das Sachsenland mehrmals verwüstet haben (Gemälde von Ary Scheffler, 1840; Foto: picture-alliance / akg-images / akg-images)</figcaption></figure>Der Anlass, dem die Archäologen später ihren spektakulären Fund verdanken, mutet zunächst profan an: In Enger, einem unscheinbaren Ort in Ostwestfalen, sollen Bauarbeiter 1971 die Kirche renovieren und eine Fußbodenheizung installieren. Bei dieser Gelegenheit wollen die Forscher durch Grabungen die Baugeschichte der Kirche rekonstruieren. Mit etwas Glück, so hoffen sie, könnten sie dabei Hinweise auf einen Mann entdecken, von dem bis dahin kaum mehr greifbar ist als ein weit über 1000 Jahre alter Mythos.

Denn wohl seit dem Hochmittelalter gilt die Stiftskirche in Enger als Ruhestätte des bekanntesten Volkshelden der Region: eines Stammesherzogs der Sachsen, dessen Abbild mit Spangenkrone und Lilienzepter als lebensgroßes Sandsteinrelief auf einem Grabmal hinter dem Altar liegt.Aber niemand weiß, wie dieser Mann ausgesehen haben mag, wann er geboren wurde oder wo er tatsächlich begraben liegt. Und ob er wirklich so hieß, wie man ihn heute nennt: Widukind.

Ein erbitterter Feind Karls des Großen ist dieser Herzog gewesen, so viel steht fest. Widukind hat im 8. Jahrhundert den verzweifelten Widerstand der Sachsen gegen die übermächtigen Franken organisiert, bis er sich schließlich als Zeichen der Unterwerfung taufen ließ. Mit ihm und seinen Sachsen endete das heidnisch-germanische Zeitalter in Mitteleuropa, hob das katholisch-christliche Mittelalter endgültig an. Monatelang graben sich die Archäologen Schicht um Schicht zurück durch die Jahrhunderte, bis sie schließlich die Zeit um das Jahr 800 erreichen – jene Epoche, in der wahrscheinlich noch zu Lebzeiten des legendären Sachsenführers die Kirche von Enger errichtet wurde.

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts thront der kleine Sakralbau auf einer Hügelkuppe zwischen Wiehengebirge und Teutoburger Wald. Er ist 14 Meter lang und 6,50 Meter breit und wurde von erfahrenen und vermutlich weit gereisten Handwerkern aus dem Frankenreich errichtet. Stein ist in dieser Gegend ein bis dahin wenig genutzter Baustoff – und Gotteshäuser sind noch ein seltener Anblick in diesem Gebiet, dessen Bewohner über Jahrhunderte hinweg heidnischen Bräuchen gefolgt sind und es mitunter nach wie vor tun. Wer sich noch nicht zu Jesus Christus bekennt, der glaubt an eine Welt von Göttern, verbrennt seine Toten, statt sie zu begraben, und ermittelt sein Schicksal mithilfe von Losbefragungen und Orakeln. Seher lesen die Zukunft wohl immer noch so, wie es der römische Historiker Tacitus 98 n. Chr. beschrieben hat: aus Eingeweiden, dem Wiehern von Schimmeln, dem Flug der Vögel.

Sachsen werden die hier siedelnden Stämme erstmals in römischen Schriften des 4. Jahrhunderts genannt. Vermutlich rührt der Name von dem altgermanischen Wort für Messer her: *sahs*. Ein Volk sei es, berichtet im 5. Jahrhundert ein spanischer Geschichtsschreiber, das am Gestade eines Ozeans und in unzugänglichen Sümpfen wohne und durch seine Tapferkeit und Beweglichkeit gefürchtet sei. Und noch um das Jahr 730 beschränkt sich das gelehrte Wissen auf Aufzeichnungen wie die des spanischen Enzyklopädisten Isidor von Sevilla: Das Gebiet östlich des Rheins werde von rohen Stämmen bewohnt, die sehr wild seien und durch unbarmherzige Gewohnheiten abgehärtet.

In friedlichen Zeiten züchten die Sachsen Pferde, Schafe, Schweine und Rinder. Häufig bestellen sie auch Felder, bauen Roggen und Weizen an sowie Flachs, den sie zur Herstellung von Stoffen nutzen. Immer wieder aber verlassen die Männer ihre Siedlungen zwischen Nordsee und Harz, Elbe und Rhein und gehen auf Raubzüge. Sie sind gute Seefahrer, und im 4. und 5. Jahrhundert wird ihr Name zum Synonym für „Piraten“. Lange Abschnitte der gallischen und britannischen Küste nennen die Römer *litus Saxonicum*. Nicht etwa, weil an der „Sächsischen Küste“ Sachsen lebten, sondern weil diese die dortige Bevölkerung immer wieder heimsuchen.

Im 8. Jahrhundert grenzt das Gebiet der Sachsen im Westen an das Reich der Franken, das gut zwei Jahrhunderte zuvor entstanden ist. Damals schuf der germanische Stammesführer Chlodwig mit List, Verrat und Gewalt aus mehreren kleinen germanischen Reichen das fränkische Einheitsreich, das sich inzwischen von der Garonne im Südwesten bis über den Rhein hinaus erstreckt. Ihren Namen haben ihnen Zeitgenossen gegeben: Franken – die Kühnen. An der Nordostgrenze des Frankenreiches treffen Christentum und germanischer Götterglauben aufeinander. Denn unter dem Einfluss seiner katholischen Frau hat Chlodwig im Jahr 498 Göttern wie Donar und Wotan entsagt und sich taufen lassen: Die Franken sind Christen geworden. Zangengleich liegt ihr Reich nun um das der heidnischen Sachsen.

Doch es ist zunächst wohl kein Missionierungswille, der Chlodwigs Nachfolger zu Feldzügen in das benachbarte Land treibt: Teils aus Vergeltung für sächsische Überfälle, teils getrieben von Machtwillen, rücken die Franken immer wieder in das Nachbarland vor. Über Jahrzehnte flammen die Feindseligkeiten zwischen den Völkern auf, auch weil es zwischen ihren Ländern keine klare Grenze gibt: Nur dort, wo Bergrücken oder unbewohnte Wälder sich zwischen die Siedlungsgebiete in der Ebene schieben, sind die Territorien deutlich voneinander getrennt. Und so nehmen „Totschlag, Raub und Brandstiftung auf beiden Seiten kein Ende“: Das zumindest überliefert der Biograf Karls des Großen, der Hofgelehrte Einhard.

Karl ist 771 zum Alleinherrsc her der Franken aufgestiege n und macht sich schon bald d aran, sein Großreich zu erweitern. Im Inneren bemüht sich der Herrscher um eine neu gestaltete Verwaltung, gibt eine einheitliche Gesetzgebung vor und schafft die letzten Stammesherzogtümer ab – jene selbstständigen Herrschaften, die sich zu Zeiten schwächerer Könige auf fränkischem Boden hatten etablieren können. Selbst zeitlebens Analphabet, lässt der Herrscher Klöster und Schulen bauen, fördert Bildung und Wissenschaft. Eine Hochkultur entsteht, die an das Land von Stämmen grenzt, die nicht einmal ein eigenes Schrifttum kennen: das der Sachsen. Schon früh beschließt der König, die Unruhen an der nordöstlichen Grenze für immer zu beenden und das Frankenreich auf Kosten der Sachsen zu erweitern – eine Entscheidung, die zu seinem längsten und grausamsten Krieg führen wird.

Im Jahr 772 zieht Karl mit seinen Soldaten erstmals gegen die Sachsen. Zunächst erzielen die fränkischen Truppen rasche Erfolge: Sie erobern die Eresburg, eine mächtige Wallanlage im heutigen Sauerland, und zerstören ein nahe gelegenes Heiligtum der Sachsen. An strategisch wichtigen Stellen östlich des Rheins legen die Franken nun Befestigungen und Aufmarschrouten an. Zudem ruft Karl einige sächsische Führer zusammen und lässt sich von ihnen Geiseln stellen. Die heidnischen Nachbarn, so muss es dem König erscheinen, haben sich der fränkischen Übermacht ergeben.

> Widukind muss mehrfach ins dänische Exil flüchten – und organisiert den Widerstand nach seiner Rückkehr jedes Mal neu

Doch 774, Karl ist gerade auf einem Feldzug in Italien, üben die Sachsen Vergeltung. Sie zerstören den fränkischen Stützpunkt auf der Eresburg, verwüsten die hessischen Grenzgebiete. Daraufhin wirft Karl seinen Feinden Ehr- und Treulosigkeit vor. Ihm ist vermutlich nicht klar, dass die Sachsen ein loses Gefüge größerer und kleinerer Stämme sind, die keinen gemeinsamen Herrscher oder gar König kennen, nur Oberhäupter von Siedlungsgemeinschaften. Ein Schwur oder ein Friedensvertrag ist deshalb wohl allein für jene Gruppe bindend, die ihn geleistet oder geschlossen hat.

Ein solcher Stammesführer ist wahrscheinlich auch jener Mann, den der Münsteraner Bischof Altfried die „Wurzel allen Übels“ nennt, aber auch *dux Saxonum*, „Herzog der Sachsen“. Widukind. Über seine Herkunft, seine Stellung und seinen Rang wird wohl nie Klarheit herrschen. Denn Aufzeichnungen der Sachsen gibt es nicht, das wenige Wissen über ihn stammt allein aus den Quellen seiner Gegner. Eines jedoch lässt sich sagen: Widukind wird seine Heimat viele Jahre lang grimmig entschlossen gegen Karls Armeen verteidigen.

Vermutlich kämpft er schon auf wichtigem Posten bei den Sachsen mit, als die Franken im Jahr 775 erneut einmarschieren, um „das treulose und vertragsbrüchige Geschlecht der Sachsen zu besiegen und der christlichen Religion zu unterwerfen oder es gänzlich zu vernichten“, so Karls Biograf Einhard. Nun geht es dem König nicht mehr um die Sicherheit der Grenze und die Ausweitung des fränkischen Machtbereichs, sondern um kompromisslose Unterwerfung und Missionierung eines Feindes. Bei Höxter überschreiten die fränkischen Truppen die Weser, bezwingen Stämme wie die Ostfalen, die Engern, die Westfalen. Widerstand leisten die Sachsen dabei kaum – die Armee des Gegners ist übermächtig, vor allem beim Kampf im offenen Gelände. Auf vormals feindlichem Gebiet errichten die Franken eine Festung an der Lippe, die Karlsburg. In Massen empfangen heidnische Sachsen hier die Taufe und schwören: „Ich entsage allem Teufelswerk und Teufelswort, Donar, Wotan und Saxnot und allen Unholden, die ihre Genossen sind.“

777 hält Karl erstmals einen Reichstag in Paderborn ab. Die sächsischen Adeligen schwören ihm die Treue. Sachsen scheint endgültig unterworfen. Doch unter den Abgesandten fehlt einer: Widukind, der „als Rebell im Bewusstsein seiner vielen Freveltaten aus Furcht vor dem König“ mit seinen Anhängern zum Dänenkönig Sigfrid geflohen ist, wie ein Chronist festhält. Weshalb Widukind sich nicht beugt, welche Motive ihn antreiben, ja selbst, wie er aussieht, das verrät keine der Schriften über Karls größten Widersacher. Doch mehr als 1200 Jahre später können Forscher zumindest zur letzten Frage plausible Vermutungen anstellen. Denn im Spätsommer 1971 stoßen die Archäologen nach monatelangen Grabungen im Chorraum der Stiftskirche von Enger auf drei Skelette. Die Gräber liegen direkt vor dem Altar, ein ungewöhnlicher Platz. Es könnten Gräber für den Auftraggeber der Kirche und dessen Angehörige sein.

Und war der Stifter nicht Widukind? Hatte der getaufte Sachsenherzog nicht der Sage nach die Bevölkerung dreier Orte zum Bau eines Gotteshauses ermutigt und versprochen, sich in der zuerst vollendeten Kirche begraben zu lassen? Und ist eben dies nicht den Einwohnern Engers gelungen, weil sie zunächst auf den Bau des Turmes verzichteten und ihn erst später errichteten? Noch heute steht der Engeraner Glockenturm, eine Konstruktion aus dem 14. Jahrhundert, ungewöhnlich frei neben der Stiftskirche. Doch es existiert noch eine andere, verlässlichere Quelle: Eine Chronik aus dem 10. Jahrhundert beschreibt Widukind als gottesfürchtigen Mann, der nach seiner Taufe mehrere Kirchen errichten ließ, darunter die „cellula Aggerinensis“, die Kirche in Enger. Ab 2001 werden die Skelettfunde von Anthropologen mit modernen Methoden untersucht: Könnte der Tote im mittleren Grab der Sachsenherzog Widukind sein? Ein kraftstrotzender Mann war der Verstorbene auf jeden Fall, etwa 60 Jahre alt, 1,82 Meter groß.

> Nach rund zehn Jahren Kampf lässt sich Widukind 785 taufen. Karl der Große feiert die Unterwerfung des Rebellen mit einem Dankesfest

Wahrscheinlich ist er bis ins hohe Alter körperlich aktiv gewesen, denn alle Skelettteile haben besonders ausgeprägte Ansatzstellen für Muskeln; vergleichbar kräftig sind heute etwa Schwerathleten. Die Oberschenkelknochen sind säbelartig gebogen, einige Wirbel des Rückgrats zeigen knöcherne Überbrückungen. Die Bandscheiben müssen stark abgenutzt gewesen sein, Knochen rieb auf Knochen, Indiz für chronische Überbeanspruchung der Wirbelsäule – sein ganzes Leben hat der Mann wohl im Sattel verbracht. Auch ist das rechte Schlüsselbein dicker als die erhaltenen Stücke des linken. Ein Krieger, vermuten die Anthropologen, der möglicherweise über Jahre hinweg mit der rechten Hand Speer und Schwert geführt hat.

Von anderem Alter und Körperbau war der Tote im linken Grab: ein 14- bis 16-jähriger junger Mann, etwa 1,66 Meter groß. Der dritte, im rechten Grab Bestattete könnte Abbio gewesen sein, ein langjähriger Weggefährte Widukinds: etwa 60 Jahre alt und 1,82 Meter groß, robust gebaut, massiger Schädel. So könnten sie also ausgesehen haben, die zwei kampferprobten Hünen, die sich nach ihrer Rückkehr aus Dänemark im Jahr 778 erneut gegen die fränkischen Besatzer stellen. Einer endlosen Schleife gleich wiederholen sich nun Treuegelöbnisse und gebrochene Schwüre, Aufstände, Eroberungen und Rückeroberungen, Verwüstungen, Unterwerfungen und Massentaufen – sowie Fluchten jenes Mannes, der sich nicht beugen will.

Mehrfach sucht Widukind Schutz im sicheren Dänemark, das so weit nördlich des unwegsamen Sachsenlandes liegt, dass die Franken nicht bis dorthin vordringen. In Dänemark hält sich Widukind wohl auch in jenen Jahren auf, als sein Land in Grafschaften eingeteilt wird, die zum Teil nun von sächsischen Edelleuten regiert werden. Dadurch, dass sie die Sachsen in die Verwaltung des Landes mit einbeziehen, wollen die Franken neuen Widerstand verhindern. Doch der Plan geht zunächst nicht auf. Vielmehr scheint die neue Regelung die Kampfbereitschaft der Sachsen unter dem erneut aus dem Exil zurückgekehrten Widukind zu befeuern: Immer wieder überfallen sie fränkische Truppen.

Widukinds größter Triumph gelingt im Jahr 782. Am Süntel, einem Höhenzug im Weserbergland, schlagen seine Männer ein Frankenheer vernichtend. Als Vergeltung lässt Karl eine „ungeheure Menschenmenge“ mit dem Schwert umbringen, so die fränkischen Annalen. Zahlreiche Siedlungen gehen in Flammen auf. An der Aller demonstriert Karl der Große besondere Härte. Da die aufständischen Sachsen ihren Rädelsführer Widukind, der wieder einmal nach Dänemark geflohen ist, nicht überstellen können, werden „die anderen ausgeliefert, die ihm gehorcht und an seinem Verbrechen teilgenommen hatten“, wie es in den Annalen steht: „Es waren 4500. Sie alle wurden an der Aller in einem Ort namens Verden auf Befehl des Königs an einem Tag enthauptet.“

Diese Massenexekution geht als das „Blutgericht von Verden“ in die Geschichte ein – auch wenn die Zahl der Geköpften strittig ist (möglicherweise wurden nicht mehr als 45 Aufständische hingerichtet) und vielleicht auf einen Lesefehler des Chronisten zurückgeht. Um die Sachsen nicht nur im Kampf zu zermürben, erlässt der Frankenherrscher im selben Jahr die „Capitulatio de partibus Saxoniae“: ein drakonisches Sondergesetz, das schon geringe Verstöße gegen die politisch-religiöse Ordnung streng bestraft. Fortan wird jeder hingerichtet, der einen Toten verbrennt, statt ihn christlich zu bestatten, sich der Taufe verweigert oder ohne Not während der Fastenzeit Fleisch isst. Auch wird den Sachsen verboten, sich öffentlich zu versammeln. Nur der von den Franken eingesetzte Graf darf die Sachsen zusammenrufen, allerdings unter Aufsicht eines Priesters.

Karl ordnet zudem eine Politik der verbrannten Erde an; fürchterlich sind die Zerstörungen – und wirkungsvoll. Dann, 785, übt Karl plötzlich Mäßigung: Er erfährt, dass sich seine Gegner Widukind und Abbio im „rechtselbischen Sachsen“ aufhalten – und schickt statt einer Armee bloß Boten, die den beiden Kriegern Straffreiheit zusichern, sollten sie sich unterwerfen. Wohl nie wird sich klären lassen, in welcher Lage sich der Sachsenführer und Abbio zu dieser Zeit befinden, von wie vielen Anhängern sie umgeben sind, welche Gedanken sie umtreiben.

Fest steht nur: Die Männer willigen ein – möglicherweise, weil sie sich der Aussichtslosigkeit ihres Widerstandes bewusst und des Kämpfens müde sind; denn mehr als 13 Jahre führen sie nun schon Krieg. Ein Höfling geleitet Widukind und Abbio nach Attigny im heutigen Nordostfrankreich, wo einer der wichtigsten karolingischen Stützpunkte liegt. Wahrscheinlich steht kein Geringerer als Karl der Große Pate, als Widukind seinen Göttern abschwört und die Taufe empfängt. Als Zeichen seiner Wandlung, so eine Sage, erhält der bekehrte Heide vom König einen Schimmel, den er fortan anstelle seines Rappen reiten soll. Bis zum heutigen Tag ziert das weiße Sachsenross die Wappen Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens. Für Karl ist die Unterwerfung des Sachsenführers ein solcher Erfolg, dass er den Papst zu einem Dankesfest veranlasst. Drei Tage lang wird in allen Ländern des Reiches gefeiert.

Widukind, der große Aufrührer, ist bekehrt und durch Karls Patenschaft in die *familia* des Frankenkönigs aufgenommen. Unbekannt und in den Quellen namenlos bleiben die Anführer, die ihm folgen. Bis das heidnische Sachsenland im christlichen Frankenreich aufgeht, wird keiner ähnliche Bedeutung erreichen. Die Taufe Widukinds in Attigny erscheint so als das Ende der Germanen in Mitteleuropa. Und Widukind selbst als ihr letzter großer Führer. Doch auch ohne Widukind währen die Sachsenkriege noch fast 20 Jahre. Es kommt zu weiteren Verwüstungen und Feldzügen, nun vor allem im Norden des sächsischen Territoriums, auch jenseits der Elbe.

Mit dem Ziel, die restlichen Sachsen für immer zu unterwerfen, lässt Karl sogar zerlegbare Schiffe nach Sachsen transportieren, um die zahlreichen Wasserwege nutzen und sich so schneller bewegen zu können. Er lässt Tausende Menschen deportieren und umsiedeln und den Bewohnern in den neu christianisierten Gebieten den Zehnten mit solcher Härte abpressen, dass selbst seine Berater dieses Vorgehen missbilligen. 804 hat Karl sein Ziel erreicht: Die letzten Widerständler ergeben sich. In den Jahrzehnten darauf integrieren sich die Sachsen überraschend schnell in das Reich ihrer ehemaligen Feinde – und einigen gelingt sogar ein steiler politischer Aufstieg: Schon 919 sitzt erstmals ein Sachse auf dem fränkischen Königsthron – Heinrich I.

Widukind hingegen wird nach seiner Taufe in keiner fränkischen Schrift mehr erwähnt – ganz so, als sei der einmal besiegte Feind Karl und dessen Chronisten keines Wortes mehr wert. Wo und wann er stirbt, weiß niemand. Und doch wird er noch Jahrhunderte fortleben: Schon bald verehren ihn nachfolgende Generationen als vorbildlich gewandelten Christen. Troubadoure an den europäischen Höfen besingen seine Taten, und Fürsten wie Könige schmücken sich mit ihm als Ahnherrn. Während der Freiheitskriege gegen Napoleon dient er den Deutschen als Vorbild für Mut und Tapferkeit, im „Dritten Reich“ gar als Ausdruck trotziger, germanischer Selbstbehauptung. In den Jahren darauf jedoch gerät er in Vergessenheit, schrumpft die Erinnerung an ihn zu lokaler Folklore. Und so dient er am Ende nurmehr als Symbol für westfälische Starrköpfigkeit. Widukind, der letzte Germane.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

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**Sekundärliteratur**

-&gt; Wolff, Markus: Sachsenkriege. Widukind der letzte Germane, in: GEO Epoche.

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