# Kriege und Konflikte



# Revolutionskriege

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Untergang des Deutschen Reiches. Ende eines Imperiums.

##### 1. Untergang des Deutschen Reiches. Ende eines Imperiums.

Am 6. August 1806 endet nach 844 Jahren die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation – Franz II. dankt ab. Er beugt sich dem Willen eines korsischen Feldherrn, der zum erfolgreichsten General der Revolutionsarmee aufgestiegen ist, halb Europa niedergeworfen und sich selbst zum Kaiser gekrönt hat: Napoleon Bonaparte


Das Heilige Römische Reich deutscher Nation liegt im ungewöhnlich warmen Sommer des Jahres 1806 in Agonie. Franz II. aus dem Geschlecht der Habsburger – der 34. Herrscher, der die Kaiserkrone trägt – regiert formal zwar noch immer dieses riesige Imperium, das sich von Rügen bis zur Adria und von Friesland bis Pommern erstreckt, aber nun zerfällt es. 13 Jahre lang waren die Österreicher fast ununterbrochen im Krieg mit Frankreich: anfangs, um die Familie des Königs vor den Revolutionären zu retten, um die Volksregierung abzusetzen – und um den Anspruch der europäischen Monarchen zu demonstrieren, dass ihnen allein von Gott das Recht zu herrschen verliehen worden ist. Doch Franz II. hat Niederlage um Niederlage erlitten. Die Franzosen haben die Territorien links des Rheins mit Städten wie Bonn und Köln annektiert. Schlimmer noch: Die Könige von Bayern und Württemberg sowie weitere 14 Fürsten sind aus dem Reich ausgeschieden und haben eine Allianz mit Napoleon Bonaparte geschlossen, dem selbst gekrönten Kaiser Frankreichs.

Zudem haben die andauernden Kriegszüge Teile Süd- und Westdeutschlands verheert: Einquartierungen, plündernde Soldaten, Viehseuchen, Typhus. Und immer noch steht dort eine 200 000 Mann starke französische Armee, deren Oberkommando in München residiert. Reisen sind lebensgefährlich. Verarmte Bauern, erwerbslose Handwerker und Deserteure organisieren sich in Räuberbanden. Zudem lauern überall militärische Werber, die für jeden zum Dienst Gepressten eine Prämie kassieren.

Und nun steht der vielfach besiegte Franz II. unter enormem Druck: Napoleon droht, die österreichischen Stammlande anzugreifen, wenn der Habsburger nicht die römischdeutsche Kaiserkrone niederlegt und das Reich auflöst. Der 38-jährige Monarch zögert. Doch vier Tage bevor das Ultimatum abläuft, gibt Franz II. den Kampf um das zerstörte Reich auf. Er unterzeichnet am 6. August eine Urkunde, in der es in umständlicher Kanzleisprache heißt: „Wir erklären demnach durch Gegenwärtiges, dass Wir das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des deutschen Reichs gebunden hat, als gelöst ansehen, dass Wir das reichsoberhauptliche Amt und Würde als erloschen betrachten.“ In einfaches Deutsch übersetzt, ist der Inhalt der Erklärung ebenso leicht verständlich wie ungeheuerlich: Nach fast 850 Jahren hat das Heilige Römische Reich aufgehört zu existieren.

> Der neue Kaiser entmachtet den Erben Roms

**UNERWARTET KOMMT DIESES ENDE** nicht. Denn das Reich, so ein Rechtsgelehrter schon mehr als ein Jahrhundert zuvor, gleicht einem irregulären „Monstrum“ – erstarrt in einer Verfassung, die aus jahrhundertealten Gesetzen besteht.

So regelt die Goldene Bulle von 1356 noch immer die Wahl des Reichsoberhaupts: mitunter ein monatelang andauernder Prozess. Und die Reichskriegsverfassung von 1681 bestimmt, dass im Kriegsfall alle Fürsten Kontingente zu stellen haben – das aber sind in manchen Fällen nur eine Handvoll Infanteristen, und so kann aus dieser zusammengewürfelten Truppe nichts anderes entstehen als eine ohnmächtige Streitkraft, die Zeitgenossen als „Confusions-Armee“ verhöhnen. In Großbritannien, Europas modernster Monarchie, steht ein König mit einem Adelsparlament an der Spitze der Nation, ist die Macht in den Händen einer Zentralregierung konzentriert, gibt es eine Hauptstadt, direkte Steuern und weitgehend einheitliche Gesetze. Das Heilige Römische Reich dagegen zerfällt in mehr als 300 Fürstentümer.

Darunter sind Großmächte wie Österreich, in dem 20 Millionen Deutsche, Niederländer, Böhmen, Slowenen, Italiener leben. Oder Preußen mit einer fast 200 000 Mann starken Armee. Dazu gehören aber auch Ländchen wie die Grafschaft Hohengeroldseck im Schwarzwald mit 4500 Einwohnern.

Andere Staaten im Reich werden zudem von Ausländern regiert – so das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, wo der englische König herrscht. Oder Holstein, das dem dänischen Monarchen untertan ist. Jeder Reichsfürst ist ein Souverän, der Gesetze erlässt, an seinen Grenzen Zölle erhebt und Bündnisse sogar mit ausländischen Mächten schließen darf. Die reale Macht des Kaisers, des Reichsoberhaupts, beschränkt sich weitgehend darauf, Universitätsprivilegien zu erteilen und verdiente Beamte in den Adelsstand zu erheben.

Für fast alles, was darüber hinausgeht, braucht er dagegen das Einverständnis der lokalen Herrscher – etwa für die Vergabe von Zollprivilegien die Zustimmung der Kurfürsten, die auch den Kaiser wählen. Das sind bei der letzten Wahl 1792: die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln; der König von Böhmen; der Markgraf von Brandenburg (zugleich König von Preußen) sowie die Herzöge von Sachsen, Pfalz-Bayern und Braunschweig-Lüneburg. Diese acht Würdenträger lassen sich ihre Stimme von den jeweiligen Aspiranten bezahlen: mit wachsenden Kompetenzen und immer neuen Privilegien.

Über Jahrhunderte waren die Habsburger stets bereit, diesen hohen Preis zu zahlen, um den Kaisertitel in ihrer Familie zu halten – der 1792 gekrönte Franz II. ist der 22. Imperator aus ihrer Dynastie. Es geht den Österreichern vor allem um das Prestige, als Kaiser die Nachfolger der römischen Cäsaren zu sein, Beschützer der katholischen Kirche und, dem Rang nach, die Ersten unter den europäischen Monarchen. Doch es geht ihnen auch um reale Macht. Denn der Kaiser hat ein Privileg: Er darf seine Truppen durch das gesamte Reich marschieren lassen. Die Habsburger besitzen große Ländereien in den südlichen Niederlanden – und der Weg dorthin führt durch das Territorium anderer Reichsfürsten.

> Für den Thron zahlen die Habsburger einen hohen Preis

**DIE BEDEUTENDSTEN** Rechte übt der Kaiser gemeinsam mit dem Reichstag aus: etwa über Krieg oder Frieden zu beschließen, Steuern zu erheben, Gesetze zu erlassen.

Doch die Gesandten der Fürsten und Städte, die für ihren Reichstag seit 1594 im Rathaus von Regensburg tagen, unterliegen derartig komplizierten Verfahrensregeln, dass sie fast nie zu einem Entschluss kommen. Deshalb verabschiedet der Reichstag im gesamten 18. Jahrhundert nur ein wichtiges Gesetz: die Reichshandwerkerordnung von 1731. Ebenso langsam und entscheidungsschwach sind die beiden obersten Gerichtshöfe des Reiches, an denen sich Prozesse oft jahrzehntelang hinziehen. Als am Reichkammergericht in Wetzlar 1654 eine Kommission für liegen gebliebene Revisionsfälle eingesetzt wird, beginnt dieses Gremium erst mehr als 100 Jahre später mit seiner Arbeit.

Die gefährlichste „Teutsche Staats-Kranckheit“, für die zeitgenössische Enzyklopädien sogar einen eigenen Eintrag haben, ist jedoch die Rivalität zwischen Österreich und den Hohenzollern, der preußischen Herrscherdynastie. 1740 wurde daraus offene Feindschaft, als Friedrich der Große die österreichische Provinz Schlesien überfiel und das Recht der Habsburger auf den Kaiserthron bestritt. 39 Jahre lang bekämpften sich die beiden Staaten in vier Kriegen, in denen Hunderttausende Soldaten fielen; seither herrscht ein zerbrechlicher Frieden. Nach der Französischen Revolution von 1789 jedoch nähern sich Habsburger und Hohenzollern wieder an – eine aus der Not geborene Solidarität der Monarchen. Denn schon bald darauf erklären Frankreichs Revolutionäre den Anciens Régimes in Europa den Krieg.

**ANFANGS SIND** die deutschen Staaten durch die Revolution nicht beunruhigt. Im Gegenteil: Österreichs Staatskanzler vermutet, die Anarchie werde Frankreich für lange Zeit schwächen. Zudem scheinen die Aufständischen nur an der Änderung der Verhältnisse im eigenen Land interessiert: Im Mai 1790 verzichtet die Pariser Nationalversammlung feierlich auf Eroberungskriege. Doch das ändert sich rasch. Immer radikalere Gruppen von Revolutionären drängen an die Macht, und auch ihre außenpolitischen Forderungen werden immer extremer. Die Fanatiker wollen den Umsturz exportieren; der Journalist und Abgeordnete Jacques Pierre Brissot etwa verlangt im Dezember 1791 einen „Kreuzzug für die Freiheit der Welt“. Wenige Monate später erklärt Frankreich den Habsburgern den Krieg. Allerdings bleibt der Aufruf zunächst bloße Rhetorik: Ein französischer Vorstoß scheitert – die Revolutionäre verfügen nicht über ausreichend Truppen. Stattdessen fallen umgekehrt im August 1792 die Österreicher in Frankreich ein. An ihrer Seite preußische Einheiten – König Friedrich Wilhelm II. erhofft sich einen schnellen Sieg über Frankreich und Ländereien als leichte Beute.

Eine Fehlkalkulation. Denn am 20. September stoppt der Feldzug. Nach einem Artilleriegefecht rund 100 Kilometer östlich von Paris weicht die durch Hunger und Krankheiten dezimierte Koalitionsarmee hinter die Grenze zurück. Die Franzosen folgen den fliehenden Invasoren und erobern Speyer, Worms und Mainz. Im Jahr darauf reduziert Friedrich Wilhelm II. seine Truppen im Westen um mehr als die Hälfte auf nur noch 20 000 Mann – auch, um Kosten zu sparen. Der Regent des durch Kriegszüge und verschwenderische Hofhaltung praktisch bankrotten Preußen fordert: Wenn der Kaiser in Wien weiterhin eine Beteiligung des Hohenzollern-Staates am Krieg verlange, müsse das Reich dafür zahlen. Franz II. ist empört. Als die Franzosen Sieg um Sieg erringen, schließt Preußens Monarch am 5. April 1795 sogar Frieden mit den Republikanern. Fortan wird die zweitstärkste deutsche Macht mehr als elf Jahre lang im Todeskampf des Reiches neutral bleiben.

**ÖSTERREICH KANN DEN ATTACKEN** der Franzosen nur wenige Monate widerstehen. Die Angreifer sind überlegen, weil sie durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht ihre Armee auf 500 000 Mann vergrößert haben. Aber auch dank ihrer jungen Heerführer, etwa dem General Napoleon Bonaparte. Für Österreich kämpfen dagegen vor allem teure Söldner unter dem Kommando oft unfähiger Adeliger. Im Frühling 1797 stößt der 27-jährige Bonaparte auf Wien vor. In die Enge gedrängt, muss Franz II. die Bedingungen der Franzosen akzeptieren: Im Frieden von Campo Formio verzichtet er unter anderem auf die Österreichischen Niederlande und erkennt den Rhein als Reichsgrenze an.

Aber die Waffenruhe hält nicht lange. Bereits zwei Jahre später kämpft Österreich erneut gegen Frankreich, das in Norditalien und der Schweiz eingefallen ist. Wiederum unterliegt Wien. Franz II. muss abermals harte Bedingungen akzeptieren, etwa etliche rechtsrheinische Festungen schleifen und die Bestimmungen des Friedens von Campo Formio – denen auch der Reichstag zustimmt – bestätigen.

Für den Verlust linksrheinischer Territorien sollen die weltlichen Fürsten im Reich mit Ländereien rechts des Stroms entschädigt werden: mit Gebieten, die man ihren geistlichen Herren wegnehmen will. Und fast alle Mächtigen im Reich sind bereit, Herrschaft und Eigentum der Bischöfe, Äbte und Reichspröbste preiszugeben: Die religionsfeindlichen französischen Revolutionäre haben ja bereits 1789 jeglichen Kirchenbesitz zum Nationaleigentum erklärt, und viele deutsche Politiker in den protestantischen Ländern haben das gleiche Ziel; auch die katholischen Mächte Österreich und Bayern planen schon seit Längerem, ihr Gebiet auf Kosten geistlicher Herrschaften zu vergrößern.

All das entspricht der Stimmung vieler Zeitgenossen, die die weltliche Herrschaft von Priestern für ein Relikt aus dem Mittelalter halten. Vor allem aber: Kaum ein Kleriker protestiert – und so wundert sich der päpstliche Nuntius in Wien, freilich mit einem antisemitischen Unterton: „Selbst Juden treten für ihre Rechte ein, nur die Bischöfe schweigen.“ Die geistlichen Regenten haben gute Gründe für ihre Zurückhaltung: Sie sollen von den Landesherren, die ihre Herrschaftsrechte übernehmen, großzügige Pensionen erhalten; bis zu 60 000 Gulden im Jahr bekommt etwa ein Fürstbischof. 1803 setzt ein Fürstenrat den Friedenskontrakt in deutsches Recht um – mit dem Reichsdeputationshauptschluss. Von 65 geistlichen Herrschaften bleiben nur drei übrig: die Territorien zweier Ritterorden und das Erzbistum von Mainz (dessen Erzbischof riesige Bestechungssummen an französische Minister und Beamte gezahlt hat).

Zudem werden die Ländereien von 41 Reichsstädten an die sie umgebenden Staaten verteilt. Insgesamt kommen so fast fünf Millionen Menschen und etwa 45 000 Quadratkilometer Land unter eine neue Herrschaft. Größter Verlierer dieser gewaltigsten Gebietsumverteilungen in der Geschichte des Reichs ist die katholische Kirche: Ihre Landgüter fallen an die weltlichen Staaten, Klöster werden aufgelöst, deren Besitz eingezogen. Die Landesherren versteigern Gemälde, Bibliotheken werden eingestampft, Gebäude niedergerissen, silberne Altarleuchter eingeschmolzen.

Die Nonnen und Mönche aus den aufgelösten Klöstern stehen oft ohne Einkommen da. Viele müssen fortan in „Aussterbeklöstern“ leben. Die größten Profiteure des Reichsdeputationshauptschlusses sind neben Preußen die süddeutschen Mittelmächte: Baden, Bayern sowie Württemberg erweitern ihre Gebiete erheblich und entwickeln sich aus zerstückelten Ländersammlungen zu Staaten mit nahezu geschlossenen Territorien. Ihre Landgewinne verdanken die süddeutschen Fürsten allein Bonaparte. Und sie erhoffen sich weitere Erträge; deshalb werden sie zu treuen Verbündeten des Franzosenherrschers. Genau wie der es geplant hat.

> Napoleon besiegt Österreich – mit deutscher Hilfe

**AM 18. MAI 1804** ernennt sich Napoleon Bonaparte zum Kaiser der Franzosen; die Selbstproklamation ist ein Symbol für die schrankenlose Macht des korsischen Offiziers, der durch einen Staatsstreich die Alleinregierung in Frankreich übernommen hat. Und für das Ende der Revolution, vollzogen von ihrem erfolgreichsten General. In Wien löst die Rangerhöhung Panik aus. Wird Napoleon nun auch nach der römisch-deutschen Krone greifen? Wer sollte Europas mächtigsten Potentaten daran hindern? Franz II., von dem ein französischer Agent schreibt, er lasse sich durch nichts aus seiner natürlichen Apathie bringen, handelt diesmal schnell und kommt dem drohenden Statusverlust zuvor: Keine drei Monate später ernennt er sich zum Kaiser von Österreich – als Franz I.

Dieser Titel ist erblich, bleibt also garantiert in seiner Familie, ganz gleich, welche Absichten Napoleon hat. Noch allerdings hält Franz auch an dem römisch-deutschen Amt fest. In Wirklichkeit will Napoleon, wie er einige Jahre später einem deutschen Minister verraten wird, gar nicht Kaiser des Reichs werden: „Zu allen Zeiten habt ihr eure Kaiser schikaniert. Ich habe kein Interesse daran, euer Oberhaupt zu werden. Ich habe die Hand freier, wenn ich euch fremd bleibe.“

Zudem sind Mittelstaaten wie Bayern und Württemberg ohnehin abhängige Verbündete, die ihm sofort Truppen zur Verfügung stellen, als Österreich 1805 erneut Krieg gegen Frankreich führt. Auch diese Auseinandersetzung endet für Wien in einer Niederlage. Nach dem Sieg dankt Napoleon seinen deutschen Gehilfen: Er nötigt Kaiser Franz II., den Herrscher von Baden zum Großherzog zu erheben und die Fürsten von Württemberg und Bayern zu Königen; Bayern erhält von Österreich zudem unter anderem Tirol und Vorarlberg.

Doch die Belohnung hat ihren Preis. Baden, Bayern und Württemberg sollen sich vom Reich lösen. Napoleon will sie mit 13 weiteren von ihm abhängigen Reichsländern in den Rheinbund zwingen, eine deutsche Föderation unter französischem Protektorat. Dessen Mitglieder haben in Zukunft Zehntausende Soldaten zu stellen, über deren Verwendung allein Bonaparte bestimmt. Und sie sollen ihren Austritt aus dem Reich erklären.

Als die deutschen Monarchen erfahren, was ihren Vertretern in Paris oktroyiert worden ist, sind sie entsetzt. Der bayerische König hätte seinem Gesandten am liebsten eine Kugel durch den Kopf gejagt, schreibt ein Vertrauter später; der Großherzog von Baden lässt eine Urkunde verfassen, in der er seine Loslösung vom Reich für erzwungen erklärt. Dennoch unterzeichnen sie alle – denn Napoleon steht mit 200 000 Soldaten in Südwestdeutschland. Der Franzose fordert zudem das Ende des Reiches. Der Kaiser habe seine römisch-deutsche Krone niederzulegen; wenn nicht, werde er seine Truppen marschieren lassen. Und so unterzeichnet Franz II., „von Gottes Gnaden erwählter römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs“ am 6. August 1806 seine Abdankungsurkunde als Kaiser. 844 Jahre nach der Wahl Ottos des Großen zum ersten Kaiser endet so die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches.

**KAUM EINEN DEUTSCHEN** aber berührt der 6. August 1806 – zu kraftlos ist schon seit Jahrzehnten das Kaisertum. Johann Wolfgang von Goethe etwa notiert in seinem Journal am folgenden Tag, der Streit seiner Kutscher habe ihn mehr aufgeregt als das Ende des Reiches. Die Mitglieder des Reichstags in Regensburg berufen nicht einmal eine Sitzung ein, als die Nachricht vom Rücktritt des Kaisers bekannt wird. Die wenigen Diplomaten, die während der Sommerferien in der Stadt geblieben sind, reisen ab und lassen ihre Wohnungen und das Inventar versteigern; immer wieder erscheinen in den folgenden Wochen Anzeigen im örtlichen „Regierungs- und Intelligenzblatt“, die Auktionen von „sauberen Kleidern“, Bettwäsche, Sesseln, Kommoden und Weinvorräten ankündigen.

Vor allem die zahlreichen Equipagen allerdings sind unverkäuflich. Und wer sollte in dem nun bedeutungslosen Ort eine Residenz wie das Quartier der Gesandtschaft von Hessen-Darmstadt erwerben, das 22 Zimmer und einen Saal umfasst, einen Stall für sechs Pferde, zwei Küchen, drei Böden sowie zwei Keller? Nur zwei ausländische Reichsfürsten protestieren: Gustav IV. Adolf von Schweden, zu dessen Territorium Vorpommern gehört. Und Englands König Georg III., der auch Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg ist und diesen Titel weiterführt.

> Ein Kaiserreich endet in Kanzleideutsch

Das Heilige Römische Reich aber, das am Ende keiner mehr verteidigen wollte, ersteht nicht wieder, auch nicht nach dem Sieg über Napoleon 1814. Aus seinem fast tausendjährigen Erbe wird nach Napoleons Niederlage auf dem Wiener Kongress 1815 der Deutsche Bund, ein lockerer Zusammenschluss souveräner Monarchen und Städte (siehe Seite 82). Dennoch lebt die Rivalität zwischen Österreich und Preußen fort. 1866 wird sie erneut zum Krieg eskalieren. Und erst enden, als 1871 ein deutsches Kaiserreich entsteht, dem der Habsburgerstaat nicht mehr angehört.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

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**Sekundärliteratur**

-&gt; Otto, Frank: Untergang des Deutschen Reiches. Ende eines Imperiums, in: Die Deutsche Romantik (GEO Epoche Jg. 2009, Heft Nr. 6), Hamburg 2009.

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# Befreiungskriege

#### Inhaltsverzeichnis

1. <span class="title__headline typo-headline-sc-2xl-alt">Schwarze Jäger: Die Freischärler gegen den mächtigsten Mann Europas</span>
2. <span class="title__headline typo-headline-sc-2xl-alt">Völkerschlacht bei Leipzig</span>

##### 1. <span class="title__headline typo-headline-sc-2xl-alt">Schwarze Jäger: Die Freischärler gegen den mächtigsten Mann Europas</span>


<section data-reader-unique-id="83" id="bkmrk-napoleon-%28mitte%29-rei"><section data-reader-unique-id="73"><section data-reader-unique-id="60"><section data-reader-unique-id="32"><section data-reader-unique-id="9"><figure data-reader-unique-id="225">![Napoleon](https://image.geo.de/30151878/t/1a/v3/w1440/r0/-/napoleon-jena-auerstadt-akg-1110910291-jpg--86645-.jpg "Napoleon")<figcaption data-reader-unique-id="227">Napoleon (Mitte) reitet während der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 die französischen Truppen ab. Nach dem Sieg über Preußen besetzt er weite Teile des Landes. Erst sie­ben Jahre später, nach dem Desaster der Grande Armée in Russland, wagen es König und Volk, sich gegen die Fran­zo­sen aufzulehnen © Erich Lessing / akg-images

</figcaption></figure>Kein Heer kann es in den Befreiungskriegen gegen Napoleon anfangs mit der »Grande Armée« aufnehmen. 1813 setzen die Preußen erstmals Freischärlertrupps ein, die französische Nachschubtransporte überfallen. Der bekannteste ist das Lützowsche Freikorps, das in schwarz-rot-goldenen Uniformen kämpft. Wie ein Lindwurm wälzt sich die Kolonne durch das Flusstal und einen Hügel hinauf. Es ist der 26. August 1813, wohl 40 Plan­wagen rumpeln über die Poststraße zwischen Ratzeburg und Schwerin. Fran­zösische Grenadiere und Musketiere bewachen den Treck, der Waffen und Proviant für Napoleons Kriegs­maschi­nerie transportiert.

<section data-reader-unique-id="9"></section>Der Tross hat bei Tagesanbruch die Stadt Gadebusch hinter sich gelassen, nun sind es noch 20 Kilometer bis nach Schwerin. Die Soldaten sind arglos; der Feind tritt ja meist in unübersehbaren Truppenmassierungen auf, von Kundschaftern lange im Voraus gemeldet. So zieht die Kolonne durch Wiesen und Felder auf einen Waldrand zu. Direkt in den Hinterhalt. Wie aus dem Nichts greifen plötzlich 200 Reiter an, die Pistolen und Gewehre geladen, die Säbel gezückt, zum Teil mit Lanzen bewaffnet. Dies ist kein geordneter Aufmarsch, sondern ein blitzartiger Überfall. Die Fuhrleute, überwiegend Bauern aus Holstein, nutzen das Chaos des Angriffs, machen Pferde los, springen auf und stieben davon – dies ist nicht ihr Krieg. Die französischen Soldaten aber suchen zwischen den Wagen Deckung und leisten erbittert Widerstand.

<section data-reader-unique-id="32"></section>Nach und nach gelingt es ihnen, den Schutz der Bäume zu erreichen. Aus dem Dickicht heraus eröffnen sie das Feuer auf die Reiter. Doch die Gegner attackieren fanatisch und verfolgen die Soldaten bis in den Wald hinein. Mehr als 50 Franzosen liegen schließlich tot oder verwun­det am Wegesrand, 38 Wagen haben die Angreifer erobert – und nur vier eigene Kämpfer verloren. Das ist der Erfolg einer für Deutschland völlig neuartigen Taktik: mit kleinen, beweglichen Einheiten tief im Feindesland wie aus dem Nichts aufzutauchen, kurz zuzuschlagen und sofort wieder zu verschwinden.

**Preußens Niederlage löst Reformen aus**

Allerdings haben die Angreifer einen herben Verlust zu beklagen: Theodor Körner, ihr berühmtester Kämpfer, wurde von einer Kugel tödlich getroffen. Der Dichter, in dessen Dresdner Elternhaus Schiller und Goethe verkehrten, hat die Taten seiner Einheit, der „Lützower Jäger“, in pathetischen Versen gerühmt. In seinen viel gele­se­nen Werken werden die Kämpfer zum Inbegriff der Befreiungskriege, die deutsche Armeen und Freischärler seit März 1813 gegen den mächtigsten Mann Eu­ropas führen: Napoleon Bonaparte. In jenen Sommertagen des Jahres 1813 herrscht der französische Kaiser von der italienischen Stiefelspitze bis an die Elbmündung, von Spanien bis Dalmatien. In Deutschland hat er seit seinen Siegen 1805 und 1806 rund drei Dutzend Terri­torien im „Rheinbund“ unter seiner Vor­herrschaft vereinigt; auch Mecklenburg und Sachsen gehören zu dieser „Confédération du Rhin“.

<section data-reader-unique-id="60"></section><figure class="clear" data-reader-unique-id="68">![Carl von Clausewitz](https://image.geo.de/30151876/t/0p/v3/w960/r0/-/carl-von-clausewitz-akg-1110910286-jpg--86644-.jpg "Carl von Clausewitz")<figcaption data-reader-unique-id="70">Der preußische Offizier Carl von Clausewitz erlebt 1806 das Scheitern seiner Armee – und fordert ein neues Freiwilligenheer© akg-images

</figcaption></figure><section data-reader-unique-id="73"></section>Die meisten deutschen Länder, sofern nicht ohnehin annektiert, sind Marionettenstaaten, die Napoleon als Sicherheitskordon und Auf­marsch­gebiet gegen Russland und Österreich dienen. Mit ihrem Kampfgeist und ihren schnellen Vorstößen sind die französi­schen Streitkräfte den Armeen der alten euro­päischen Mächte weit überlegen, die in starren Formationen und wenig motiviert in die Schlachten ziehen. Napoleons Truppen sind auch deshalb so flexibel, weil der Franzosenkaiser den schwerfälligen Versorgungs­apparat minimiert: Die „Grande Armée“ ernährt sich von den Ländern, durch die sie zieht; nicht unbedingt plündernd, aber ­rigoros requirierend.

Doch 1812, als Napoleon bis nach Moskau marschiert, um das Reich des Zaren niederzuringen, scheitert diese Strategie erstmals. Das Riesenheer muss weite, dünn besiedelte Gebiete durchqueren. Zudem verbrennen die Russen ihre Vorräte, ehe sie den Invasoren in die Hände fallen können. Ende 1812 flieht die geschlagene Grande Armée zurück nach Westen, von Kälte und Hunger gezeichnet. Kosaken setzen ihr grausam zu – in frei operie­renden Kavallerieverbänden, die die reguläre russische Armee unterstützen. Sie stehen schon bald in Berlin.

<section data-reader-unique-id="83"></section>In der Katastrophe Napoleons bietet sich Preußen die Gelegenheit, sich endlich von den Franzosen zu befreien, die seit 1806 im Lande stehen (zudem hat der preußische Staat die Hälfte seines Territoriums verloren, darunter sämtliche Gebiete westlich der Elbe). Doch König Friedrich Wilhelm III. zögert: Zu schwach erscheinen ihm seine Truppen, deren Obergrenze Napo­leon auf 42000 Mann festgesetzt hat. Einige seiner Militärs gehen dafür umso beherzter vor. Zu ihnen gehört Carl von Clausewitz, dessen Abhandlung „Vom Kriege“ später zum Standardwerk an den Militäraka­de­mien der Welt avancieren wird. Clausewitz hat als Offizier das preußi­sche Desaster an der Front miterlebt. Und er hat vermutlich schon seine Zeit in französischer Kriegsgefangenschaft genutzt, um die Niederlage zu analysieren – und radikale Schlüsse zu ziehen. In seinen Theorien wird er die Kampfweise der alten Armeen verwerfen, die sich aufstellen wie Figuren auf einem Schachbrett, und für einen leidenschaftlich geführten Volkskrieg plädieren.

**Der spanische Kleinkrieg dient Clausewitz als Taktikvorbild**

Clausewitz orientiert sich zum einen am Erfolgsrezept des französischen Heeres, an dessen Beweglichkeit und Entschlossenheit. Zum anderen an der Taktik des ersten erfolgreichen Gegners ebendieser Truppen: an den Bauern, Handwerkern und Mönchen in Spanien, denen es gelungen ist, mit einem unerbittlich geführten Kleinkrieg der bis zu 250000 Mann starken Armee Napoleons zu trotzen. Guerrilla, spanisch für „kleiner Krieg“, heißt diese Art des Kampfes seither.

Nach der Gefangenschaft arbeitet Clausewitz zunächst in der preußischen ­Militär-Reorganisationskommission, ehe er 1812 in russischen Dienst tritt, um gegen Napoleon zu kämpfen. Leiter der Kommission ist Gerhard von Scharnhorst, Chef des Generalstabs. Scharnhorst und Männer wie Clausewitz wollen ein Heer aus Freiwilligen und Wehrpflichtigen formen – und nicht mehr zwangsrekrutierte Kriminelle oder gedungene Söldner antreten lassen. Scharnhorst erkennt, dass Militärreformen nicht ohne gesellschaftliche Veränderungen zu haben sind: Wer im Kampf sein Leben riskiert, muss wissen, wofür – für die Kriege der Herrscher sind die Bürger nicht zu begeistern. Und so wird die Erneuerung des Militärs Teil jenes umfassenden Reform­werks, das ab 1807 den gesamten Staat erfasst: Bauernbefreiung, Abschaffung ständischer Privilegien, kommunale Selbstverwaltung – in Preußen kommt die Revolution von oben.

Als Napoleons verbliebene Truppen nach dem Russland-Desaster weitgehend aus Preußen abgezogen sind, ruft Friedrich Wilhelm sein Volk endlich zu den Waffen und erklärt Frankreich im März 1813 den Krieg. Preußen zieht an der Seite Russlands in den Kampf – die Rheinbundstaaten aber bleiben, anders als vom König erhofft, an der Seite Napoleons; nur Mecklenburg fällt ab. Scharnhorst ist es gelungen, heimlich viel mehr Männer auszubilden, als Napoleon Berlin zugestanden hat. Zu­sätzlich zur so vergrößerten regulären Armee lässt der König nun die Landwehr aufstellen, eine Art Miliz. Außerdem fordert er zur Gründung „freiwilliger Jägerdetachements“ auf – weitgehend selbstständig organisierter mobiler Einheiten, deren wichtigste Waffe das Jagdgewehr ist. Der Appell richtet sich vor allem an das Besitz- und Bildungsbürgertum, das bisher vom Militärdienst ausgenommen war. Die Jäger müssen für Ausrüstung und Bewaffnung meist selbst sorgen, dürfen aber ihre Offiziere frei wählen.

**Lützow kehrte trotz Niederlage gegen Napoleon als Kriegsheld zurück**

Preußen wird von einer Welle des Patriotismus erfasst. An Universitäten rufen Professoren ihre Studenten zum Waffengang auf, vor den Einschreibungsstellen stehen die Frei­willigen an. Außerhalb der Städte aber – und erst recht außerhalb Preußens – ist die Euphorie deutlich schwächer. In den Rheinbundstaaten und den annektierten Territorien formieren sich Frei­­­wil­ligenverbände erst, als der Krieg diese ­Gebiete erreicht: das „Banner der Freiwilligen Sachsen“ etwa oder die „Bremen-­Verdensche Legion“.

In Preußen entstehen zudem zahlreiche Freischaren: ausschließlich aus Freiwilligen gebildete, den regulären Streit­kräften gleichgestellte Truppen, die zumeist normale Infanterie- oder Kavallerieeinheiten mit Gruppen von Jägern kombinieren. Die wohl größte und berühmteste dieser Scharen – sie wird später fast 4000 Mann stark werden – ist das Freikorps des Majors Adolf von Lützow.

Als preußischer Offizier hat Lützow an der Schlacht bei Jena und Auerstedt gegen Napoleon teilgenommen und ist trotz der Niederlage als Kriegsheld zurückgekehrt. Zwischenzeitlich aus dem Dienst ausgetreten, hat er stets Kontakt zu den preußi- schen Militär-­Reformern gehalten. Nun schickt ihm Scharnhorst persönlich seine „Instruktion für die Streifdetachements“ – eine Anleitung zum Partisanenkrieg.

Mindestens ebenso wichtig wie militärischer Erfolg ist Scharnhorst die psychologische Kriegsführung: Lützows ­Truppe soll zum Aufstand anstacheln, vor allem in den Rheinbundstaaten. Im Gasthaus „Goldener Szepter“ zu [Breslau](safari-reader://www.geo.de/reisen/reiseziele/breslau--tipps-fuer-ihre-staedtereise-30176994.html)eröffnet im Februar 1813 das Werbungsbüro. Schnell findet sich eine illustre Runde zusammen: Friedrich Ludwig Jahn gehört zu den ersten Freiwilligen, der deutschpatriotische „Turnvater“, der seine Leibesertüchtigung als vormilitärische Ausbildung begreift.

Mit ihm kommt Friedrich Friesen, ein ebenfalls von der Idee einer deutschen Nation beseelter Turnpädagoge. Beide stehen in Kontakt zu national gesinnten Studenten, unter denen sie Lützows Truppe bekannt machen. Auch Theodor Körner, der seine Stelle als kaiserlich-königlicher Hoftheaterdichter in Wien aufgegeben hat, um ­Befreiungskrieger zu werden, tritt dem Freikorps bei. Später folgen der romantische Maler Georg Friedrich Kersting und der Dichter Joseph von Eichendorff (der die Truppe nach sechs Wochen ­allerdings schon wieder verlässt). Offiziell heißt der Verband „Königlich Preußisches Freicorps“, aber bekannt werden die Freischärler als „Schwarze Jäger“. Da sie ihre Uniformen selbst finanzieren müssen, hat Lützow dafür die einzige Farbe gewählt, in die sich ­jedes schon vorhandene Kleidungsstück umfärben lässt.

**Der Kampf gegen Napoleon soll Deutschland einen**

Die politischen Vordenker in der Truppe sehen das Freikorps als Keim ­einer gesamtdeutschen Nationalarmee. Im Kampf gegen Napoleon soll das zersplitterte Land vereint und durch eine Volkserhebung auch gleich die Kleinstaaterei, die Herrschaft unzähliger Fürsten beseitigt werden.

„Es ist in unserer Schar kein Unterschied der Geburt, des Standes, des Landes“, notiert Theodor Körner. Und so schwingt im Kampf gegen Napoleon auch ein bisschen der Geist der Fran­zösischen Revolution mit. Aber die Radikalen bleiben in der Minderheit, den meisten Freiheitskriegern genügt als Programm der Franzosenhass. Immer mehr Freiwillige treffen nun in Breslau ein, am 17. März sind im Aus­bildungslager schon fast 1000 Mann versammelt. Körner schwärmt davon, dass „die gebildetsten und ausgesuchtesten Köpfe aus ganz Deutschland neben mir in Reih und Glied stehen“. Unter seinen Kameraden finden sich mehr Akademiker und Literaten als in anderen Verbänden, ebenso Handwerker und Studenten.

Anders als übliche Infanterietruppen, die mit einfachen Flinten weitgehend ungezielt in Richtung Feind feuern, üben die Jäger den präzisen Schuss aus Büchsen mit gezogenem Lauf, die eine viel höhere Treffgenauigkeit erlauben. Sie sollen unabhängig operieren, das Gelände ausnutzen und gezielt angreifen. Theodor Körner meldet nach Haus: „Um zwei Uhr ist Scheibenschießen, wo zur Errettung deutscher Nation ein namhaftes Pulver verknallt wird.“

Im April 1813 werden weite Areale entlang der Elbe zum Aufmarschgebiet. Furchterregend schnell ist es Napoleon gelungen, erneut eine große Armee in Stellung zu bringen. Er will die Russen mitsamt der mit ihnen verbündeten Preußen möglichst bald in einer Entscheidungsschlacht stellen. Die Gegner sammeln ihre Truppen, rüsten auf, formieren sich. Napoleon setzt neu ausgehobene Soldaten aus Frankreich in Bewegung und erreicht im Laufe des Monats die Saale. Preußen wartet ungeduldig auf das Eintreffen der russischen Hauptarmee, die schließlich am 24. April vor Dresden erscheint. Am 2. Mai kommt es bei Großgörschen zur ersten gro- ßen Schlacht der Befreiungskriege, wie der Kampf gegen Napo­leon später aus deutscher Sicht genannt wird. Doch die Alliierten müssen sich nach Einbruch der Dunkelheit zurückziehen, um nicht von Napoleons klar überlegener Armee aufgerieben zu werden. **Major von Lützow versucht das Volk in Aufstand zu bringen**

Die Schwarzen Jäger setzen sich unterdessen an der mittleren Elbe nahe dem Königreich Westphalen fest, einem von Napoleon geschaffenen Rheinbundstaat, um dort den Gegner zu stören und vielleicht sogar eine Volks­erhebung auszulösen. Abseits des Hauptkriegsgeschehens ziehen sie los zu Streifzügen im Feindesland, rauben Kriegskassen aus, fangen Kuriere ab, liefern sich Schießereien mit Gendarmen und stehlen Pferde – ein kostbares Gut, an dem es allen Kriegs­parteien mangelt.

Als einer Einheit der Freischärler 22 Wagenladungen Mehl in die Hände fallen, lässt der Anführer die Beute an die Armen verteilen. Die Bevölkerung nimmt sie dankbar an, kann sich aber nicht zum Aufstand entschließen. Zur ersehnten Volkserhebung kommt es nicht – die Leute auf dem Lande sorgen sich um Haus und Hof, die Idee einer „Nation“ bleibt ihnen fremd. Major von Lützow stellt resigniert fest, „dass trotz allem Eifer und guten Willen jeder Versuch, ein Volk in Aufstand zu bringen, ohne bedeutende Schläge der großen Macht misslingen muss“. Doch die Schläge der „großen Macht“, die als Fanal hätten dienen ­können, bleiben aus.

Der andere Teil des Auftrags aber, Unruhe im Rücken des Feindes zu schüren, gelingt Lützow zunehmend besser. Allerdings nur mit seiner Kavallerie. Der Major erkennt nun auch, dass die mittlerweile fast 2000 Mann starke Infanterie eher hinderlich ist, und beschließt, das Freikorps zu teilen. Die Fußtruppen bleiben zunächst an der Elbe, schließen sich aber Anfang Juni größeren Einheiten der russischen Armee an und marschieren mit ihnen gegen Leipzig. Die Kavallerie unter Lützow bricht schon am 29. Mai mit 400 Pferden und unterstützt von 50 Kosaken nach Süden auf, streift durch königlich-westphäli­sches Gebiet Richtung Thüringen und weiter bis nach Franken.

Die Reiter rechnen mit großer Unterstützung durch die Bevölkerung im ehemals preußischen, nunmehr königlich-­bayerischen Gebiet Ansbach-Bayreuth. Auf dem Weg dorthin überfallen sie gelegentlich Militärtransporte und klei­nere Gruppen feindlicher Soldaten.

<figure class="clear" data-reader-unique-id="144">![Völkerschlacht Leipzig](https://image.geo.de/30151874/t/HM/v3/w960/r0/-/voelkerschlacht-leipzig-akg-1110910290-jpg--86643-.jpg "Völkerschlacht Leipzig")<figcaption data-reader-unique-id="146">18\. Oktober 1813, der Sieg im Freiheitskrieg ist nah: Drei Tage schon wütet die Völkerschlacht bei Leipzig, als Oberbefehls­haber Karl zu Schwarzenberg den verbündeten Herrschern von Preußen, Österreich und Russland (stehend von links) den baldigen Triumph über Napo­leon meldet. Lützows Freikorps nimmt zur gleichen Zeit an der Eroberung Bremens teil © akg-images

</figcaption></figure>Bei Jena entwaffnen sie eine 200 Mann starke Einheit der Rheinbundtruppen, besetzen Plauen im Vogtland und starten von dort aus einen Angriff auf die in Ansbach-Bayreuth gelegene Stadt Hof. Da trifft am 9. Juni die Kunde von einem Waffenstillstand ein. Die Schwarzen Jäger sind konsterniert. Sie fürchten, dass der Krieg, der für sie doch gerade erst erfolgreich begonnen hat, schon wieder zu Ende sein könnte. Dass Zar und König mit dem Franzosenkaiser womöglich einen Kompromiss ausgehandelt haben.

Preußen und Russen haben inzwischen eine zweite große Schlacht gegen Napoleons Armeen geschlagen, bei Bautzen. Und erneut erwiesen sich die Ver­bündeten als unterlegen und mussten den Rückzug antreten. Doch in beiden Auseinandersetzungen hat Napoleon insgesamt rund 40000 Soldaten ver­loren, ohne eine Entscheidung herbei­zuführen. Weitere Siege dieser Art kann sich der Imperator nicht leisten. Auch seine Gegner müssen sich neu aufstellen. Und so ist beiden Kriegsparteien an einer Gefechtspause gelegen.

Die verstreuten Truppenteile der Verbündeten müssen sich umgehend auf preußisches Territorium zurückziehen, so verlangt es das am 4. Juni geschlossene Abkommen. Major von Lützow aber erhält die offizielle Bestätigung erst am 14. Juni – als die Frist zum Abzug ­bereits seit zwei Tagen abgelaufen ist. Die Grenze nach Böhmen, zum neutralen Kaisertum Österreich, ist von Plauen aus nur einen Tagesmarsch entfernt. Der Major aber entscheidet sich, nach Norden in Richtung Elbe zu ziehen. Am 17. Juni erreicht er mit seinen Reitern das 15 Kilometer südlich von Leipzig ­gelegene Dorf Kitzen.

Napoleons Vertreter im sächsischen Leipzig schickt den 400 Schwarzen 4000 Mann entgegen. Als die Situation bedrohlich wird, reitet Lützow mit Theodor Körner, mittler­- weile sein Adjutant, zum gegnerischen Befehlshaber.

Der Major glaubt immer noch, ein Missverständnis aufklären zu können. Doch plötzlich fallen die feindlichen Truppen über seine Männer her. Lützow entkommt, Körner ebenfalls, wenn auch schwer verwundet. 300 Jäger aber sterben oder werden abgeführt – nicht als Kriegsgefangene, sondern als Schwerverbrecher. Denn für Napoleon sind Lützows Männer nichts anderes als brigands noir, schwarze Räuber.

**„Potsdamer Jeanne d’Arc“ wird zur Heldin der Befreiungskriege**

Ein Verdikt, aus dem freilich nicht allein Verachtung spricht – vielmehr hat der Feldherr bereits in Spanien die Taktik der Irregulären fürchten gelernt. Und jetzt auch die der patriotischen Freischärler in Deutschland. Mitte August 1813 ist der zehnwöchige Waffenstillstand beendet. Preußen hat die Zeit genutzt und massiv aufgerüstet; zudem ist Österreich dem Bündnis beigetreten, Schweden ebenso (wenn auch mit wenig Engagement); England sichert Unterstützung zu.

Napoleons Hauptarmee steht noch immer in Sachsen, die Koalitionstruppen konzentrieren sich in Böhmen und Schlesien, weiter nördlich verstellt den Franzosen eine wei­tere Armee unter Befehl des schwedischen Kronprinzen Karl Johann den Weg nach Berlin. In Norddeutschland, entlang der Linie Hamburg–Lübeck und weiter östlich in Mecklenburg, sind rund 35000 Franzosen und Dänen, die seit 1807 mit Napoleon verbündet sind, gegen etwa 27000 Alliierte in Stellung gegangen. Hier wird auch Lützows Freikorps wieder eingesetzt, das der Major neu formiert hat. Allerdings ist die schwarze Schar nunmehr fest in einen größeren Verband integriert.

Manchmal ergeben sich aber auch jetzt noch Gelegenheiten, dem ursprünglichen Auftrag nachzukommen: mit Streifzügen hinter den Linien die Franzosen in Atem halten, feindliche Kräfte binden und Nachschublinien unterbrechen – so wie an jenem Morgen des 26. August, als die Korpskämpfer auf der Straße nach Schwerin, das gerade von den Franzosen besetzt worden ist, einen Wagentross angreifen.

Bei diesem Überfall operieren die Schwarzen Jäger gemeinsam mit russi­schen Kosaken. Auch Tiroler Schützen, die 1809 in ihrer Heimat unter dem Volkshelden Andreas Hofer einen Befreiungskrieg gegen Bayern und Fran­zosen geführt haben, sind ihnen nun zur Seite gestellt. Gelegentlich verbinden sie sich auch mit anderen Einheiten freiwilliger Jäger.

Wenn es aber zum offenen Kampf kommt, sollen Lützows Männer jetzt wie andere Truppenteile auch einer regulären Strategie folgen. So bei der Schlacht an der Göhrde, einem Wald­gebiet auf dem linken Elbufer 70 Kilometer südöstlich von Hamburg. Nur drei Wochen nach der erfolgreichen Parti­sanen-Operation in Mecklenburg erkämpfen die Schwarzen Jäger hier in einem kon­ventionellen Gefecht ihren bis dahin größten Erfolg.

Die Franzosen verlieren 1500 Mann, dazu zahlreiche ­Geschütze. König Friedrich Wilhelm III. zeichnet Soldaten des Freikorps mit 17 Eisernen Kreuzen aus. Für einen der freiwilligen Jäger will er sogar ein Denkmal errichten – und dieser Jäger ist eine Frau. Eleonore Prochaska aus Potsdam hat sich in Männerkleidern bei der Truppe eingeschlichen. Sie kämpft unerkannt an vorderster Front, erst nach ihrer Verwundung an der Göhrde wird ihre wahre Identität offenbar.

Die Freischärlerin stirbt an den Folgen ihrer Verletzung und wird, als „Potsdamer Jeanne d’Arc“ verehrt, zu ­einer Heldin der Befreiungskriege. Ihrem Bruder hatte sie zur eigenen Rechtfer­tigung geschrieben: „Sieh nur Spanien und Tirol, wie da die Weiber und Mädchen handelten!“ So hat der Kampf gegen Napoleon durchaus Elemente eines Volkskriegs, und vor allem solche Episoden sind es, die Lützows Truppe zu einem Mythos machen.

Dass der Ruf dieser Einheit den aller anderen weit übertrifft, liegt aber vor allem an Theodor Körner, dem prominenten, früh verstorbenen Poeten in ihren Reihen, der das Freischärler-Dasein in hochtrabenden Gedichten rühmte – mag auch Heinrich Heine später über die „schlechten Verse der Körnerschen Lieder“ spotten, für die sich die braven Deut- schen auf „allerhöchsten Befehl“ begeisterten.

Aber es ist wohl auch der gewachsene Bürgerstolz, der sich in dem Ruhm der Schwarzen Jäger widerspiegelt. Das alte Fürs­tenheer war für die schmachvolle Niederlage Preußens ver­antwortlich – hier nun ziehen freie Bürger den Waffen- rock an, reiten hinaus in die Wälder, nehmen die Sache selbst in die Hand. Entschieden werden die Befreiungskriege gleichwohl von den großen Armeen. Vor Leipzig marschieren am 16. Oktober über 400000 Soldaten zu einer Entscheidungsschlacht auf. Nach vier Tagen sind mehr als 100000 Kämpfer tot oder verwundet. Und Napoleon ist militärisch ge­schlagen.

**Napoleon verliert seine Verbündeten in Deutschland**

Unterdessen haben die Schwarzen gemeinsam mit Kosa­ken und anderen Einheiten vorübergehend [Bremen](safari-reader://www.geo.de/reisen/reiseziele/staedtereise-bremen-30185452.html) eingenommen. Während die Haupttruppen der Koalition gen Rhein vorstoßen, bleiben sie im zu Dänemark gehörenden Holstein, nehmen an der Belagerung Hamburgs teil, erobern Glückstadt und machen reiche Beute in dänischen Festungen.

Im Januar 1814 dann dürfen endlich auch Lützows schwarze Männer westwärts ziehen, kämpfen bald vor Jülich und erreichen schließlich die Picardie und damit französisches Kernland. Hier dringen Teile der Lützowschen Kavallerie tief ins Land des zurückweichenden Feindes ein. Nun lernt das Freikorps aus umgekehrter Perspektive, was ein Volkskrieg ist: In den Dörfern werden die Eindringlinge aus Häusern und Ställen beschossen, sie stolpern in Hinterhalte, werden versprengt – und brennen zur Strafe ganze Ortschaften nieder. Friedrich Friesen, der deutschpatriotische Turner, wird von einem Schäfer erschossen.

Napoleon hat seine Verbündeten in Deutschland verloren, der Rheinbund existiert nicht mehr – aber Frieden will der französische Kaiser noch immer nicht schließen. Doch dann marschieren die Koali­tionsarmeen in Paris ein; am 6. April 1814 dankt Napoleon ab. Er erhält die ­Mittelmeerinsel Elba als Fürstentum. Das Lützowsche Freikorps wird in zwei reguläre Regimenter umgewandelt. Der Dienst der freiwilligen Jäger aber ist beendet, sie kehren ins Zivilleben zurück.

<article class="clear" data-brand-identifier="geo" data-content-id="30189590" data-headline="Provence: Auf der Route Napoléon von Cannes bis nach Grenoble" data-impression-observer-attached="true" data-position="2-1" data-position-group-index="2" data-position-index="1" data-reader-unique-id="192" data-teaser-click-handler="attached" data-teaser-context="not_set" data-teaser-context-headline="not_set" data-teaser-type="embed-text" data-trace-id="teaser" data-tracking="" data-type="article" data-upscore-object-id="30189590">**<span data-reader-unique-id="201" data-upscore-title="">Provence: Auf der Route Napoléon von Cannes bis nach Grenoble</span>**

Zum Glück musste der Kaiser den Weg über die Berge nehmen, als er 1815 zurück an die Macht nach Paris eilte. Die "Route Napoléon" führt durch die schönsten Landschaften Südfrankreichs

</article>Als Napoleon ein knappes Jahr später aus dem Exil zurückkehrt und bald schon wieder an der Spitze einer Armee marschiert, kommt es am 18. Juni 1815 bei Waterloo im heutigen Belgien zur letzten Schlacht: Gegen die Franzosen treten britische, niederländische und preußische Truppen an. Darunter ist auch die Kavallerie des früheren Freikorps, wenn auch ohne ihren Kommandeur Lützow, der zwei Tage zuvor schwer verletzt in Gefangenschaft geraten ist.

Napoleon erleidet eine totale Niederlage: Am 7. Juli 1815 ziehen ehemalige Lützower als Teil der siegreichen Truppenverbände in Paris ein. Ihr hochdekorierter Gründer wird später zum Generalmajor befördert. Er dient der preußischen Armee noch fast 20 Jahre, ehe er 1834 in Berlin stirbt. Die Ideale der Lützower existieren weiter. Im Zivilleben werden die Vete­ra­nen nicht müde, den „Geist der Be­frei­ungskriege“ zu beschwören – und erreichen so, dass der Ruhm der schwarzen Schar stetig wächst.

Nicht wenige der Studenten und Akademiker, die nach den Befreiungskriegen an den Universitäten für Einheit und Freiheit eintreten, haben einst bei den Schwarzen Jägern oder in anderen Freikorps gekämpft. Sie sorgen dafür, dass die Farben der Lützower – ­schwarze Uniform, rote Aufschläge, goldene Knöpfe – zum Symbol der deutschen Nation werden. Zumal manche die Farben so deuten: schwarz wie die Nacht der Fremdherrschaft, rot wie das Blut, golden wie die Morgenröte der gewonnenen Freiheit. Bis diese Trikolore aber als Flagge einer deutschen ­Republik am Fahnenmast weht, wird noch mehr als ein Jahrhundert vergehen.

</section></section></section></section></section>##### 2. Völkerschlacht bei Leipzig

**Die vom 16. bis zum 19. Oktober 1813 andauernde Völkerschlacht bei Leipzig brachte nicht nur den Sieg der Verbündeten Österreich, Preußen, Russland und Schweden über Napoleon. Sie war mit weit über 500.000 Soldaten sowie mehr als 90.000 Toten und Verwundeten auch eine der größten und blutigsten Schlachten der europäischen Geschichte. Den 200. Jahrestag der Völkerschlacht nimmt das Deutsche Historische Museum zum Anlass, verschiedene Aspekte dieser bedeutenden europäischen Schlacht ab dem 22. August 2013 in der Sonderausstellung "1813 – Auf dem Schlachtfeld bei Leipzig. Ein Rundgang durch das Gemälde Siegesmeldung von Johann Peter Krafft" zu durchleuchten.**

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Am 19. Oktober 1813 schrieb der eben erst zum Oberst beförderte preußische Offizier Karl von Müffling (1775-1851) in seinen Armeebericht: "So hat die viertägige Völkerschlacht von Leipzig das Schicksal der Welt entschieden". Von Müffling übertrieb: Bei Leipzig wurde nicht das Schicksal der Welt entschieden. Und sie markierte auch noch nicht das Ende der napoleonischen Hegemonie - dies erreichte erst die Schlacht bei Waterloo eineinhalb Jahre später. Aber durch diese bedeutende Niederlage Napoleons und den anschließenden Abfall der verbündeten Rheinbundfürsten, stand sie am Anfang vom Ende der Herrschaft Napoleons in Deutschland. Damit leitete die Völkerschlacht einen Prozess ein, an dessen Ende mit dem Wiener Kongress 1815 die territoriale Neuordnung Europas stand und der im selben Jahr geschlossenen Heiligen Allianz die monarchische Ordnung Europas wiederhergestellt wurde.

Die Völkerschlacht, so der Journalist Andreas Platthaus, war "die letzte Königsschlacht", also die letzte Schlacht, in der die Monarchen persönlich auf dem Feld standen und Befehle erteilten. Das waren neben Kaiser Napoleon I. (1769-1821) seine verbündeten Gegner Zar Alexander I. von Russland (1777-1825), Kaiser Franz I. von Österreich (1768-1835) und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen (1770-1840). Folgerichtig zielte Oberst Müffling mit dem Begriff Völkerschlacht auch auf die Heervölker absolutistischer Herrscher und keineswegs auf eine Schlacht, die von freiheitsdürstenden und sich nach nationaler Einheit sehnenden Völkern geschlagen wurde, wie patriotisch gesinnte Zeitgenossen den Begriff rasch umdeuteten. Richtig bleibt: In die Schlacht bei Leipzig waren fast alle damals in Europa existierenden Völker verwickelt.

Nach dem Scheitern Napoleons und seiner Grande Armée im Russlandfeldzug 1812 schloss Preußen zunächst im Februar 1813 ein Bündnis mit Russland und erklärte im März 1813 Frankreich den Krieg. Damit begannen die Befreiungskriege gegen Napoleon, denen sich nacheinander Schweden, England und schließlich auch Österreich anschlossen. Nachdem es Napoleon in der Schlacht bei Dresden am 26./27. August 1813 nicht gelungen war, die Hauptarmee der Alliierten vernichtend zu schlagen und seine Generäle in den Einzelschlachten bei Großbeeren (23.8.1813), an der Katzbach (26.8.1813), bei Kulm (29./30.8.1813), Dennewitz (6.9.1813) und an der Göhrde (16.9.1813) eine Niederlage nach der anderen erlitten, hatte er zunächst versucht, die Armeen der Verbündeten einzeln zu schlagen. Genau das wollten diese aber vermeiden und bezogen im Umkreis von Leipzig Stellung, um von Napoleon gemeinsam die Entscheidungsschlacht zu erzwingen.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/s0Jimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/s0Jimage.jpeg)

Am Vorabend der Schlacht verfügten die alliierten Verbündeten Russland, Österreich, Preußen und Schweden über rund 360.000 Mann und Napoleon über rund 200.000 Mann, wobei noch nicht alle Truppen einsetzbar waren. Die Böhmische Armee unter dem Oberbefehlshaber der alliierten Truppen, Feldmarschall Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg (1771-1820), umfasste 194.430 Mann. Auf die Schlesische Armee unter Führung des preußischen Generals Gebhard Leberecht von Blücher (1742-1819) und seines Generalstabschefs August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) kamen 63.861 Soldaten. Die Nordarmee unter Führung des schwedischen Kronprinzen und ehemaligen französischen Marschalls Jean-Baptiste Bernadotte (1763-1844) vereinigte 67.416 Mann unter sich und die russische Reservearmee aus dem besetzten Polen unter Graf Levin August Theophil von Bennigsen (1745-1826) brachte es auf 33.875 Mann.

An der Schlacht waren Soldaten fast aller Völker Europas beteiligt: Auf napoleonischer Seite kämpften an die 20.000 Deutsche aus den Rheinbundstaaten, vornehmlich Sachsen, Baden, Hessen, Württemberger und Westphalen, rund 11.000 Polen, die Fürst Joseph Anton Poniatowsky (1762-1813) in Krakau in der Hoffnung auf ein unabhängiges Königreich Polen um sich geschart hatte, an die 7.000 Mann aus den Königreichen Italien und Neapel sowie Niederländer, Spanier und Kroaten aus den von Frankreich annektierten Gebieten. Der Koalitionsarmee gehörten neben Russen, Österreichern und Preußen auch Ungarn, Tschechen, Slowenen, Kroaten, Rumänen, Kalmücken, Baschkiren und Walachen aus den Vielvölkerstaaten Russland und Österreich an. Ab dem 17. Oktober stießen auch Schweden, die Reservetruppen aus dem russisch besetzten Teil Polens sowie das technisch neuartige britische Raketenbataillon hinzu.

"Die Ebenen von Leipzig werden abermals eine fürchterliche Schlacht erleben \[…\]. Diese Schlacht wird mehrere Tage dauern, denn die Lage ist einzigartig und die Entscheidung von unendlichen Folgen", schrieb der Oberbefehlshaber der alliierten Truppen, Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg, am Vorabend der Völkerschlacht bei Leipzig an seine Frau – und er sollte recht behalten, sowohl was die Folgen als auch was die schrecklichen Ausmaße der Schlacht anbelangte.

Bis 1813 war Leipzig eine blühende Handels-, Messe- und Universitätsstadt mit rund 30.000 Einwohnern. Nach der Völkerschlacht war von dieser einst so blühenden Stadt nichts mehr erkennbar. Vom 16. bis zum 19. Oktober kämpften insgesamt über 550.000 Soldaten zunächst im Nordwesten und Südosten Leipzigs und am 19. Oktober auch in Leipzig selbst. Tagsüber schlugen sich die Truppen auf dem durch tagelangen Regen schlammigen und sumpfigen Boden, nachts kampierten sie zumeist auf freiem Feld und verbrannten für wärmende Feuerstellen alles, was sie in den nahegelegenen Wäldern, Dörfern und Scheunen finden konnten. In der Stadt wurde die Zahl der Lazarette auf 50 erhöht, Kirchen und öffentliche Räume dienten den Verwundeten als Notunterkünfte, aber auch diese reichten bald nicht mehr aus, so dass sich Verwundete und Tote auf den Straßen Leipzigs regelrecht stapelten. Tausende Tote wurden tagtäglich per Karren vor die Stadt gekarrt und dort in Massengräbern verscharrt.

Die eigentliche Schlacht begann am Samstag, den 16. Oktober 1813 an vier verschiedenen Standorten rund um Leipzig, brachte aber trotz erbitterter Kämpfe und immenser Verluste auf beiden Seiten noch keinen eindeutigen Sieger. Der 17. Oktober diente beiden Seiten mit wenigen Ausnahmen als Ruhetag und zur Aufstockung ihrer Truppen. Am 18. Oktober 1813 gelang es den zahlenmäßig überlegenen Verbündeten am späten Nachmittag, Napoleons Truppen bis vor die Leipziger Stadtmauern zu drängen. Um die vollständige Vernichtung seiner Truppen zu verhindern, blieb Napoleon nur der Rückzug. Schwarzenberg bereitete unterdessen für den 19. Oktober den konzentrischen Angriff auf Leipzig vor. Noch vor Ende der Kampfhandlungen erschienen gegen 13 Uhr die drei Monarchen Russlands, Österreichs und Preußens auf dem Leipziger Marktplatz zur Siegesfeier und Ehrung der siegreichen Generäle. Es wurde ein teuer erkämpfter Sieg: Allein am 16. Oktober waren auf alliierter Seite 38.000 und auf Napoleons Seite 23.000 Soldaten gefallen, nach der Schlacht waren es 54.000 auf alliierter Seite und 37.000 auf französischer.

Obwohl die Völkerschlacht im Gegensatz zu Waterloo 1815 keineswegs den entscheidenden Sieg über Napoleon oder dessen endgültige Entmachtung gebracht hatte, wurde sie rasch zum wirkmächtigsten nationalen Mythos Deutschlands und zum Volkskrieg verklärt. So wie Napoleon die sächsischen und württembergischen Überläufer während der Schlacht als Hauptursache für seine Niederlage deklariert hatte, verklärten national gesinnte sie als rein patriotisch motivierte Tat von Deutschen, die nicht mehr gegen Deutsche kämpfen wollten – dabei ging es ums nackte Überleben. Denn – zumindest das hatte die national aufgeheizte Propaganda eines Ernst Moritz Arndt (1769-1860) oder eines Theodor Körner (1791-1813) erreicht – die Überläufer wurden mit offenen Armen empfangen und nicht als Gefangene behandelt.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/Ejsimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/Ejsimage.jpeg)

Und noch schneller vergaßen die Zeitgenossen – mit Ausnahme der Bewohner Leipzigs – das Grauen auf dem Schlachtfeld nach dem Ende der Kampfhandlungen. Allerorten fanden Siegesfeiern statt und die Uraufführung von Beethovens Sinfonie "Wellingtons Sieg" – eigentlich auf den Sieg der britischen über die französischen Truppen am 21. Juni 1813 im spanischen Vitoria komponiert –, wurde von den Zeitgenossen als Siegeshymne der Völkerschlacht intoniert. Über Jahrzehnte wurden Erinnerungsmedaillen geprägt oder aus auf dem Schlachtfeld gefundenen Kanonenkugeln gegossen.

Als die verbündeten Monarchen weder die Freiheitsideale noch die Rufe nach einer geeinten deutschen Nation erfüllten, wandelten sich die Gedenkfeiern zum 18. Oktober mancherorts in politische Demonstrationen national und liberal gesinnter Freiheitskämpfer, wie beim Wartburgfest vom 18. Oktober 1817. So teilte sich die Erinnerung an die Schlacht: Die einen verherrlichten sie als Geburtsstunde der deutschen Nation, als Volksbewegung für Einheit und Freiheit, die anderen feierten sie als Sieg über die Herrschaft Napoleons und die Revolution auf deutschem Boden. Erst mit dem 1894 begonnenen und zur Hundertjahrfeier 1913 eingeweihten Völkerschlachtdenkmal auf dem ehemaligen Schlachtfeld wurde dem Mythos der Völkerschlacht als Geburtsstunde der deutschen Nation das passende Denkmal gesetzt – der liberale Freiheitsgedanke blieb dabei allerdings auf der Strecke.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/ajrimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/ajrimage.jpeg)

Nach dem Ersten Weltkrieg vereinnahmte die national und völkisch gesinnte Rechte den 18. Oktober ebenso wie später die Nationalsozialisten für Großveranstaltungen, die Deutschlands Größe und Volksgemeinschaft verherrlichten. In der DDR diente die Erinnerung an die Völkerschlacht dazu, die deutsch-russische Waffenbrüderschaft zu beschwören, während sie in der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren zunehmend in Vergessenheit geriet.

Zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht wurde in zahlreichen Veranstaltungen nicht nur in und um Leipzig der europäische Erinnerungsort wieder in den Mittelpunkt gerückt.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Langer, Fred: Schwarze Jäger: Die Freischärler gegen den mächtigsten Mann Europas, in: Geo.de, online verfügbar unter [https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/befreiungskriege-schwarze-jaeger-die-freischaerler-gegen-den-maechtigsten-mann-30180566.html](https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/befreiungskriege-schwarze-jaeger-die-freischaerler-gegen-den-maechtigsten-mann-30180566.html), zuletzt geprüft am 16.02.2026.

-&gt; Blume, Dorlis: Völkerschlacht bei Leipzig, in: Lebendiges Museum Online (lemo), online verfügbar seit Oktober 2013 unter: [https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/voelkerschlacht-bei-leipzig](https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/voelkerschlacht-bei-leipzig), zuletzt geprüft am 26.04.2026.

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**Sekundärliteratur**

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