Aufklärung und Sattelzeit (1763 - 1815)


Aufklärung

Aufklärung

Frauen in der Aufklärung

Inhaltsverzeichnis

  1. CHAUVINISMUS IM SCHAFSPELZ. EIN BLICK AUF DIE FRAUEN DER AUFKLÄRUNG UND WIE SIE UNS BIS HEUTE PRÄGEN
  2. FREUNDE DER AUFKLÄRUNG. Die Berliner Mittwochsgesellschaft (1783–1798)

1. CHAUVINISMUS IM SCHAFSPELZ. EIN BLICK AUF DIE FRAUEN DER AUFKLÄRUNG UND WIE SIE UNS BIS HEUTE PRÄGEN

Mit der Aufklärung verbinden wir die Forderung nach Gleichheit und Emanzipation. Doch galt das auch für Frauen? Die Antwort auf diese Frage ist zwiespältig: auf der einen Seite ein sich aufgeklärt gebender Chauvinismus, auf der anderen Seite starke Frauen, die sich dennoch ihren Platz in der Gesellschaft erkämpften. Harriet Merrow, Projektassistentin der Ausstellung „Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert“, blickt anlässlich des Weltfrauentages 2025 auf die verschiedenen Rollen der Frau in dieser Epoche.

Die Frage „Was ist Aufklärung?“ stammt aus einer Fußnote eines kritischen Beitrags über die Zivilehe in der Berlinischen Monatsschrift vom Dezember 1783. Gestellt hatte sie der konservative Theologe Johann Friedrich Zöllner (1753–1804). In seinem Aufsatz „Ist es rathsam, das Ehebündniß nicht ferner durch die Religion zu sanciren?“ warnt der Pfarrer vor dem drohenden Verfall der Sitten, sollte die Ehe zweier Heiratswilligen nicht mehr religiös (sondern nur noch zivilrechtlich) geschlossen werden und fragt in einer Fußnote: „Was ist Aufklärung? Diese Frage, die beinahe so wichtig ist, als: was ist Wahrheit, sollte doch wo[h]l beantwortet werden, ehe man aufzuklären anfinge! Und noch habe ich sie nirgends beantwortet gefunden!“

Der Vorstoß, die Zivilehe einzuführen, hatte zum größten Teil mit dem aufklärerischen Ideal der religiösen Toleranz zu tun (bei dieser Eheschließungsform könnten etwa Paare unterschiedlicher Konfessionen oder sogar Religionen heiraten). Den Ehekontrakt als Vertragsschluss vor dem Staat zu sehen hatte jedoch auch für die Gattinnen nützliche Implikationen. Eine Ehe, die nicht mehr nur „vor den Augen Gottes“ geknüpft wurde, konnte sich auch ohne göttlichen Segen entzweien und bedeutete mehr Scheidungsfreiheit. „Gegenseitige Abneigung“ oder „Nicht-Übereinstimmung der Charaktere“[i] gehörten nun zu Trennungsgründen und ein „partnerschaftlicher Umgang“[ii] zwischen Eheleuten wurde angestrebt. Sich im 18. Jahrhundert für aufgeklärt zu halten hieß auch, mit seiner Auffassung von Eherechten und -pflichten den „hohen zivilisatorischen Standard des Zeitalters“[iii] zum Ausdruck zu bringen. Ist die Aufklärung mit ihren Debatten um die Zivilehe also der große Gleichmacher zwischen den Geschlechtern? Das stimmt so nicht ganz. Die Frau als Ehe- und Lebenspartnerin wurde im bildungsbürgerlichen Milieu zwar als „kultivierter“ sparring partneridealisiert, eine teilweise – geschweige denn vollkommene – Gleichberechtigung erlangte sie allerdings nicht.

Die gelehrte Frau von Johann Heinrich Ramberg, Dresden, 1802 © Kunstsammlung der Georg-August-Universität Göttingen, Foto: Katharina Anna Haase

Stattdessen sahen die bekanntesten Aufklärer die Frau als „außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft mündiger, gleichberechtigter Bürger“[iv] stehend; das Ideal der ebenbürtigen Gefährtin war performativ und gefiel doch eher in der Theorie. Eine Grundausbildung sollte eine gute Ehefrau erhalten haben, damit sie im Gespräch mithalten und auch mal amüsieren konnte – zu weit durften ihre Ambitionen allerdings selten gehen. Im satirischen Kupferstich „Die gelehrte Frau“ von Johann Heinrich Ramberg (1763–1840) übertreibt der Künstler augenzwinkernd die Risiken, die eine Ablenkung von Haushalt und Kindeserziehung wohl mit sich bringen würde. Das Beispiel der Zivilehe und der Rolle der Frau in Zeiten der Aufklärung illustriert deutlich ein Spannungsfeld, das diese Epoche mit Blick auf die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau prägt. Man könnte von einem sich aufgeklärt gebenden Chauvinismus, einem Chauvinismus im Schafspelz sprechen.Gleichzeitig – auch das zeichnet die Aufklärung aus – gibt es Frauen, die sich mit dem Status quo nicht abfinden und sich ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen.

Die Ausstellung „Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert“, die nach Zöllners mittlerweile weltberühmter, viel zitierter Fußnoten-Frage benannt ist, thematisiert diesen sozialen Kontext, und stellt Frauengeschichten in allen Räumen der Ausstellung vor. Frauen, die nicht nur zufällige Produkte des 18. Jahrhunderts waren, sondern ohne die die Aufklärung „nur unzureichend geschildert und verstanden werden“[v] kann. So bildet die Ausstellung auch auf rein struktureller Ebene die Tatsache ab, dass Frauen in diesem philosophischen, von männlichen Denkern dominierten Zeitalter auf vielfältige Weise ihre Zeichen setzen konnten: Aufklärerische Protagonistinnen findet der/die Besucher*in nicht nur im Raum „Geschlechtermodelle“, sondern auch in allen weiteren Räumen, wie etwa „Herrschaft der Vernunft“, „Wissenschaft“ oder „Staatskunst“.

Porträt der Dorothea Christiane Erxleben, der ersten promovierten deutschen Ärztin © Public Domain 1.0 / Halle, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Wissenschaftlich engagierte Frauen, die in „Was ist Aufklärung?“ präsentiert werden, deren Leben allerdings noch viel intensiver erforscht werden müssten, sind etwa Émilie du Châtelet (1706–1749), Marie-Anne Pierrette Paulze Lavoisier (1758–1836) oder Dorothea Christiane Erxleben (1715–1762). Während die Marquise du Châtelet sich zeit ihres Lebens der Physik Newtons widmete und dessen Werke übersetzte, kommentierte und dem französischen Publikum vermittelte, beteiligte sich Marie-Anne Lavoisier an den chemischen Experimenten ihres 15 Jahre älteren Gatten Antoine. Mit ihrer detaillierten Dokumentation der Versuchsanordnungen in seinem Labor und der Übersetzung wissenschaftlicher Publikationen trug sie auch über seinen Tod hinaus entscheidend zur Formulierung der Erkenntnisse und ihrer empirischen Überprüfbarkeit bei. Dorothea Erxleben, die nur in Begleitung eines männlichen Verwandten Medizin hätte studieren dürfen, wandte sich 1741 mit ihrer Bitte um einen Studienplatz an Friedrich II. (1712–1786). Auf dessen Veranlassung wurde sie an der Reformuniversität in Halle zugelassen.  Über ein Jahrzehnt später reichte sie im Alter von 39 Jahren ihre Dissertation ein und wurde somit 1754 zur ersten promovierten Frau Deutschlands.

Die Ausstellung thematisiert auch künstlerisch tätige Frauen der Aufklärung, wie etwa die Dichterin Phillis Wheatley (ca. 1753–1784), die Autorin Luise Gottsched (1713–1762) oder die Malerin Anna Dorothea Therbusch (1721–1782). Der 1773 erschienene Gedichtband der mehrfachdiskriminierten Versklavten Phillis Wheatley machte sie zur ersten Autorin afrikanischer Herkunft in Amerika, die unter ihrem Namen veröffentlicht hat.[vi] Die „Gottschedin“ publizierte unterdessen schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehrere Theaterstücke unter eigenem Namen. Mehr noch: inzwischen geht die Forschung davon aus, dass einige der Werke ihres Ehemanns Johann Christoph Gottsched (1700-1766) eigentlich von ihr geschrieben wurden – zum Beispiel etliche Passagen der moralischen Wochenschrift „Die vernünftigen Tadlerinnen“.

Familienbildnis im Freien von Anna Dorothea Therbusch © Stadtmuseum Berlin, Reproduktion: Michael Setzpfandt, Berlin

Die künstlerische Laufbahn der Anna Therbusch ist – gerade für eine Zeit, in der Frauen der Zugang zur Ausbildung an Akademien kaum möglich war – beachtenswert: Die Berliner Künstlerin führte sogar Aufträge für den europäischen Adel aus und signierte nach ihrer Aufnahme in die Pariser Académie Royale 1767 ihre Werke fortan mit „Peintre du Roi de France“ , auf Deutsch: „Maler des französischen Königs“.

Neben der Wissenschaft ist es oft der gesellschaftliche Wandel, der eng mit unserem Bild der Aufklärung verknüpft ist. Und so ist es kaum verwunderlich, dass die Zeit auch von sozialkritischen, politisch engagierten Denkerinnen geprägt ist. Dazu gehören etwa die französische Revolutionärin Olympe de Gouges (1748–1793) oder die englische Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft (1759–1797). De Gouges setzte sich nicht nur für die gleichen Rechte für Mann und Frau ein, sondern ist auch ein Beispiel einer weißen Frau, die in ihren Schriften und Theaterstücken gegen den Rassismus ihrer Zeit kämpfte. Die Einführung eines Scheidungsrechts forderte sie ebenfalls.[vii]

A Vindication of the Rights of Woman (Verteidigung der Frauenrechte) von Mary Wollstonecraft, London, 1792© Deutsches Historisches Museum, Foto: Arne Psille

Mary Wollstonecraft, deren Hauptwerk Die Verteidigung der Frauenrechte von 1792 gleich zu Beginn der Ausstellung zitiert wird, sprach sich unterdessen klar gegen die Reduzierung der Frau auf die Rolle der hingebungsvollen Ehegattin aus – ob mit oder ohne Scheidungsrecht. Die mitunter als Mutter der Frankenstein-Autorin Mary Shelley bekannte Philosophin und Übersetzerin lebte jahrelang unverheiratet mit dem Vater ihres ersten Kindes zusammen. Ihren Einfluss auf die Entwicklung der Kämpfe um Gleichberechtigung im europäischen Raum erlebte sie wegen ihres frühen Todes durch das Kindbettfieber nur im Ansatz. Dabei sollte sie mit ihrer Argumentation für eine die eines Mannes gleichende Vernunftbegabung der Frau Folgegenerationen prägen.

Die Frauen der Aufklärung hatten in einer Ära des Chauvinismus im Schafspelz ein ganz schönes Päckchen zu tragen und konnten sich selten darauf verlassen, mit ihrem Schaffen die gebührende Aufmerksamkeit zu erlangen. Dank der jahrzehntelangen Forschungsarbeit von (oft explizit feministisch motivierten) Historiker*innen sind ihre Geschichten noch heute nachvollziehbar und bilden Teile des Fundaments der modernen Frauenbewegung, die knapp ein Jahrhundert nach Ausklingen der Aufklärung, im Jahr 1911, die Einführung des Weltfrauentags durch international vernetzte Sozialistinnen hervorbrachte. Eine traurige Ironie besteht darin, dass die beiden Länder, Frankreich und England, die mit Wollstonecraft und de Gouges die radikalsten Kämpferinnen für Frauenrechte hervorgebracht haben, erst vergleichsweise spät das Frauenwahlrecht eingeführt haben, nämlich 1928 (GB) und 1944 (FR).

2. FREUNDE DER AUFKLÄRUNG. Die Berliner Mittwochsgesellschaft (1783–1798)

Die Frage „Was ist Aufklärung?” ist nicht nur titelgebend für die Ausstellung im DHM, ein Originaldruck der berühmten Antwort Kants auf diese Frage ist noch bis zum 6. April 2025 im Museum zu sehen. Kant veröffentlichte sie 1784 in der Berlinischen Monatsschrift. Die Zeitschrift war das schriftliche Sprachrohr der Berliner Mittwochsgesellschaft und ließ dadurch die Öffentlichkeit an den diskutierten Fragen teilhaben. Nahezu alle Mitglieder der Berliner Mittwochsgesellschaft publizierten regelmäßig in der Berlinischen Monatsschrift. Doch wer verbarg sich hinter der Berliner Mittwochsgesellschaft und was machte sie zu einem Projekt der Aufklärung? Zum Start der Diskussionsreihe im Namen der Berliner Mittwochsgesellschaft und begleitend zur Ausstellung geht Stephanie von Steinsdorff, wissenschaftliche Mitarbeiterin, diesen Fragen nach.

Titelseite von Immanuel Kants Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, in: Berlinische Monatsschrift, Berlin, 1784 © Deutsches Historisches Museum

 

Kollektives Denken und Diskutieren war ihr gemeinsamer Weg, das Ziel eine „gegenseitige und gesellschaftliche Aufklärung“.[1] Die Mitglieder der Gesellschaft trafen sich ein bis zweimal im Monat bei einem der 24 festgelegten Mitglieder. Zu ihnen gehörten vor allem im Staatsdienst tätige Minister, Professoren, Juristen, Publizisten, Pädagogen, Philosophen und Theologen. Einige Namen der Mitglieder sind uns bis heute bekannt, wie Christian Wilhelm von Dohm (1751 – 1820), der sich in der Diskussion um die Gleichstellung der Juden bekannt gemacht hat, Friedrich Nicolai (1733 – 1811), dem Berliner Aufklärer, Schriftsteller und Verlagsbuchhändler oder Karl August von Struensee (1735 – 1804), der als Finanzpolitiker das aufklärerische Erbe in Form von Sozialreformen seines jüngeren Bruders Johann Friedrich Struensee (1737 – 1772) in Dänemark mitverantwortete. Das Ehrenmitglied der Gesellschaft zählt zu den bekanntesten Figuren der Berliner Aufklärung:  Moses Mendelssohn (1729 – 1786).  Ihm wurde als Jude trotz seines schon damals hohen Bekanntheitsgrads vom preußischen König Friedrich II. die Aufnahme in der Königlichen Akademie der Wissenschaften verwehrt, obwohl einige der Akademiemitglieder seine Aufnahme befürworteten.[2] Die Mittwochsgesellschaft erkannte Mendelssohn also nicht nur als Mitglied an, sondern persistierte auf seine besonderen Status als Ehrenmitglied, was als Widerstandsreaktion der Mittwochsgesellschaft auf die königliche Anordnung der Ausgrenzung gelesen werden kann.

Die Mitglieder der Gesellschaft bezeichneten sich selbst als Freunde der „gesunden Vernunft und des schlichten Menschenverstands“[3], oder auch  als „Gesellschaft der Freunde der Aufklärung“[4], die in einem geschützten Raum über gesellschaftspolitische Themen ins Gespräch kommen wollten und dabei die Selbstaufklärung zum erklärten Ziel hatten. Die Art des Diskutierens sollte „freimüthig und dreist, obgleich immer bescheiden“[5] sein. Der vertraute Kreis bot die Sicherheit, auch über unangenehme Themen konfliktreiche Gespräche miteinander führen zu können:

„Den Gesellschaftsmitgliedern bot sich hier die Möglichkeit, auch einen unausgereiften Gedanken zur Diskussion zu stellen, ihn der ,unparteyischen Prüfung [der Freunde] zu unterwerfen‘, ihn ,durch die Gegeneinanderstellung verschiedener Meinungen, deutlicher zu denken und von allen Seiten zu betrachten‘ und sich auf diese Weise durch ‚freundschaftlichen Gedankenwechsel […] wechselseitig den Geist aufzuklären‘.“[6]

Gegenstand der Diskussionen war „alles was Erkenntnis und Wissenschaft heißt“[7], insbesondere philosophische Fragestellungen, wobei fach- und praxisbezogene Diskussionen vermieden werden sollten.[8] Die Diskussionen blieben innerhalb des Kreises, sollten geheim gehalten werden, um eine freie Diskussion zu ermöglichen, denn es herrschte eine „vollkommene Tolerantz aller Meinungen, selbst derer, die ungereimt scheinen möchten.“[9]

Im Gründungsstatut von 1783 war der Ablauf der Sitzungen geregelt: „[nach] einem möglichst knappen Vortrag sollte eine disziplinierte Diskussion folgen, in der die Teilnehmer […] nach der Sitzordnung zu Worte kamen. Die Zusammenkunft begann um 6 Uhr, ein gemeinsames Abendessen um 8 beschloß sie.“[10]

Mit heutigem Vokabular würde man die Mittwochsgesellschaft vielleicht als einen vorpolitischen, aber auch exklusiven Raum einer regen Debattenkultur bezeichnen können. Allerdings handelte es sich hierbei gewiss im Gegensatz zu Teegesellschaften und Salons um einen reinen Gelehrtenzirkel, an dem ausschließlich im Staatsdienst tätige Männer teilnahmen. Marcus Herz knüpfte an die Tradition der Berliner Mittwochsgesellschaft an, indem er um 1800 zunächst eine wissenschaftlich ausgerichtete Mittwochsgesellschaft unterhielt, aus der Frauen ebenso ausgeschlossen waren. Seine emanzipierte Ehefrau Henriette Herz gründete daraufhin eine eigene Gesellschaft, welche sie auch noch nach dem Tod ihres Mannes weiterführte. Im Gegensatz zur Mittwochsgesellschaft diskutierten hier neben Akademikern auch Nichtakademiker und Frauen miteinander.

Politischen, aufrührerischen Einfluss im Sinne der Aufklärung sprach der König Friedrich Wilhelm III. jedoch vor allem der Berliner Mittwochsgesellschaft zu. Nach dem königlichen „Edikt wegen Verhütung und Bestrafung geheimer Verbindungen”vom 20. Oktober 1798 sah sich die Berliner Mittwochsgesellschaft gezwungen, sich noch im selben Jahr aufzulösen.

Die gleichnamige Diskussionsreihe im DHM knüpft an diese Tradition an und lädt bis zum 2. April 2025 alle zwei Wochen zur Berliner Mittwochsgesellschaft ein. Im Gegensatz zu damals obliegen die Diskussionsgegenstände keiner Diskretion und es sind hier alle willkommen, die Interesse haben, sich mit Expert*innen zu gesellschaftspolitischen Themen wie Frieden, Mündigkeit, Revolution und Rechtsstaat auszutauschen.

 

 

 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Merrow, Harriet: CHAUVINISMUS IM SCHAFSPELZ. EIN BLICK AUF DIE FRAUEN DER AUFKLÄRUNG UND WIE SIE UNS BIS HEUTE PRÄGEN, in: DHM-Blog, online verfügbar seit 06.03.2025 unter: https://www.dhm.de/blog/2025/03/06/chauvinismus-im-schafspelz-ein-blick-auf-die-frauen-der-aufklaerung-und-wie-sie-uns-bis-heute-praegen/, zuletzt geprüft am 07.12.2025.

-> von Steinsdorff, Stephanie: FREUNDE DER AUFKLÄRUNG. Die Berliner Mittwochsgesellschaft (1783–1798), in: DHM-Blog, online verfügbar seit 05.02.2025 unter: https://www.dhm.de/blog/2025/02/05/freunde-der-aufklaerung-die-berliner-mittwochsgesellschaft-1783-1798/, zuletzt geprüft am 15.12.2025. 

 

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Sekundärliteratur

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Aufklärung

Aufklärung Allgemein

Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert
  2. Das Heilige Römische Reich (1648-1815)

1. Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert

Das digitale Angebot More Story bietet unabhängig vom Museumsbesuch Einblicke in die Ausstellung „Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert”. Kuratorin Liliane Weissberg berichtet über den historischen Hintergrund der Frage „Was ist Aufklärung?“ und Projektleiterin Dorlis Blume erklärt, was die Besucher*innen erwartet. Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums, ordnet die Ausstellung in die Programmatik des Hauses ein und das Outreach-Projekt Aufklärung NOWwird vorgestellt.

Die Ausstellung nimmt die erstmals 1783 in der Berlinischen Monatsschrift gestellte Frage „Was ist Aufklärung?“ auf und konzentriert sich auf die wichtigen Auseinandersetzungen der Epoche, ihre Widersprüche und Ambivalenzen. In einer internationalen Perspektive nimmt sie die Themen des 18. Jahrhunderts in den Blick, darunter die Suche nach Wissen und der neuen Wissenschaft, die Ordnung der Welt sowie Staatskunst und politische Freiheit.

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Titelseite von Immanuel Kants Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, in: Berlinische Monatsschrift (1784), Heft 12, S. 481–494 © DHM

Suche nach Wissen und der neuen Wissenschaft

Im 18. Jahrhundert erlebten die Wissenschaften einen Umbruch. Verbesserte Geräte und neue kosmologische und geografische Entdeckungen hatten ab dem 16. Jahrhundert zu einem Wissenszuwachs geführt, der nicht mehr mit überliefertem Wissen und theoretischen Überlegungen zu bewältigen war. Das empirische Forschen, also Beobachtung, Messung und Experiment, rückte ins Zentrum. Ergebnisse sollten nachvollziehbar und objektiv sein. Aber nicht nur die wissenschaftliche Methode änderte sich. Forschung wurde populär. Außerhalb der Universitäten, in Akademien, Privathäusern und auf Märkten, führten Gelehrte und Schausteller Experimente vor.

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Robe à la française mit Ballonmotiven, vermutlich Frankreich, ca. 1783 © DHM

Die ersten Ballonfahrten 1783 versetzten Europa in große Euphorie. Auch die Mode griff das Thema auf.

Ordnung der Welt

Neue Ordnungsstrategien- und prinzipien führten zu einer veränderten Wahrnehmung der Welt. Sie halfen dabei, wissenschaftliche Erkenntnis zu fördern und breit zu vermitteln. Bedeutend für die Beschäftigung mit der Naturgeschichte, die Erscheinungen der Botanik, Zoologie und Mineralogie zu beschreiben suchte, wurde die neue Systematik von Carl von Linné. Seine binominale Klassifikation setzte sich europaweit durch, prägte einen neuen Blick auf die Schöpfung und beeinflusste Sammelpraktiken von Gelehrten. Geordnet, dokumentiert und kartografiert wurde auch auf den großen Expeditionen des 18. Jahrhunderts, etwa von James Cook. Die Forschungsreisen dienten nicht nur dem Wissenszuwachs, sondern auch den kolonialen Interessen europäischer Mächte.

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Geisblatt mit Granatrother Blume aus der Schildbach’schen Xylothek (Holzbibliothek), Kassel, 1780–1800 © Naturkundemuseum im Ottoneum, Foto: Peter Mansfeld

In Xylotheken spiegelt sich die Faszination für Linnés Klassifikationssystem. Blatt, Frucht und Blüte des Geisblattes mit Granatrother Blume bilden eines der „Bücher“ in der Holzbibliothek von Carl Schildbach.

Staatskunst und politische Freiheit

Ausgehend vom Naturrechtsdiskurs begannen die Theoretiker der Aufklärung schon früh, über Modelle der Staatsführung und der Gewaltenteilung zu diskutieren. Manche Monarchen wie Friedrich II. zeigten sich reformbereit und reklamierten die Aufklärung für sich, ohne sich jedoch von absolutistischen Machtansprüchen zu verabschieden. Forderungen nach Gleichheit und politischer Freiheit stellten das Ancien Régime in Frage und mündeten am Ende des 18. Jahrhunderts in zwei große Revolutionen, die erstmals Menschen- und Bürgerrechte erklärten: die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika und der Französischen Revolution. Frauen blieben jedoch ebenso von den revolutionären Errungenschaften ausgeschlossen wie Versklavte.

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2. Das Heilige Römische Reich (1648-1815)

Kulturelles Leben: Die deutsche Aufklärung

Das geistige Leben des langen 18. Jahrhunderts in Europa wurde lange als synonym mit der Aufklärung begriffen, die traditionell als umfassende intellektuelle und ästhetische Bewegung verstanden wird, welche Gesellschaft und Regierung unter Berufung auf die menschliche Vernunft reformieren wollte. Die Intellektuellen, die diese klassische These formulierten, konstatierten, dass Gott das Universum gemäß einer Reihe unveränderlicher Gesetze erschaffen hatte. Daraus folgte, dass Wissenschaftler diese Naturgesetze mithilfe ihrer von Gott gegebenen Vernunft entdecken und verstehen konnten, wie jüngste Entdeckungen berühmter „Naturphilosophen“ wie Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz bezeugten. Ebenso bot das Konzept der menschlichen Vernunft Reformern der Aufklärung den Schlüssel, um die menschliche Gesellschaft zu perfektionieren. Nach Ansicht des einflussreichen englischen Theoretikers John Locke werden menschliche Gesellschaften, ähnlich der Natur, von inhärenten Naturgesetzen regiert, die bestimmte unveräußerliche persönliche Freiheiten gewährleisten. Die Epoche der Aufklärung stellte zudem die Kulisse für eine Reihe von Bewegungen in der Kunst, die in überlieferten Berichten der Zeit deutlich zum Ausdruck kommen. Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Dramatiker wie Gotthold Ephraim Lessing und Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart machten die deutschsprachigen Länder Europas im langen 18. Jahrhundert zum Zentrum ästhetischer Innovation.

Jüngere Studien zur Aufklärung, die diese eher als ein diffuses kulturelles Phänomen als eine geschlossene geistige Bewegung darstellen, haben unser Verständnis der Epoche deutlich differenziert. Diese neue Sicht auf die deutsche Aufklärung betont, dass die Bewegung tatsächlich eine Vielzahl unterschiedlicher Ideen und Ziele umfasste, von denen viele intellektuelle Standpunkte so weit auseinanderklafften, dass sie sich gegenseitig ausschlossen. Dieser Mangel an geistiger Einheitlichkeit hing eng mit der Polyzentralität zur Zeit der Aufklärung zusammen. Durch die politische Zersplitterung des Heiligen Römischen Reichs konnten aufklärerische Denker, Autoren und Künstler unterschiedlicher intellektueller und ästhetischer Strömungen auf die Unterstützung einer Vielzahl an Fürstenhöfen, Bischofssitzen, Kaiserstädten und Universitäten vertrauen. Ebenso förderte der multikonfessionelle Aufbau des Reichs verschiedene Schulen des aufgeklärten Denkens innerhalb der verschiedenen lutherischen, pietistischen, calvinistischen, katholischen und jüdischen Religionskulturen.

Die Aufklärung fasste im späten 17. Jahrhundert von Frankreich und Großbritannien ausgehend auch in Deutschland Fuß, und zwar dank der Arbeit zweier zeitgenössischer Intellektueller. Der erste unter ihnen, Christian Thomasius (1655–1728), wurde 1681 Professor für Naturrecht an der Juristenfakultät der Universität Leipzig und war mitverantwortlich für die Gründung der Reformuniversität Halle an der Saale 1694, mit Unterstützung des Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg-Preußen. Während seiner gesamten Berufslaufbahn als Jurist und Akademiker betonte Thomasius stets die Fähigkeiten der menschlichen Vernunft – ein Erkennungsmerkmal der Aufklärung. Der deutsche Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646–1716) war etwa zeitgleich mit Thomasius aktiv und trug maßgeblich zur Verbreitung des Aufklärungsgedankens in deutschen intellektuellen Kreisen bei. Als innovativer Denker setzte Leibniz vor allem in der Mathematik ein Zeichen und gilt, neben und unabhängig von Isaac Newton, als Erfinder der Infinitesimalrechnung. Auf ihn geht die Weltvorstellung zurück, die als Optimismus in der Philosophie diskutiert wird, nämlich die Idee, dass unser Universum von einem allwissenden Gott erschaffen wurde und die beste aller möglichen Welten darstellt. Obwohl diese philosophische Ansicht von Voltaire in Candide ins Lächerliche gezogen wurde, galt Leibniz zu seiner Zeit neben René Descartes und Baruch Spinoza als eine der Größen des Rationalismus.

Der wohl wichtigste und einflussreichste Theoretiker der Aufklärung war jedoch der in der ostpreußischen Stadt Königsberg (heute Kaliningrad) geborene bedeutende deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724–1804). Kants Hauptwerk, die Kritik der reinen Vernunft, bildet den Höhepunkt der Aufklärung, indem es die traditionelle Erkenntnistheorie und die Bedeutung der Vernunft selbst hinterfragt, sowie erörtert, wo dessen Grenzen liegen. Zudem lieferte Kant in seinem Essay „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ von 1784 vielleicht das Motto des aufklärerischen Denkens, als er seine Leserschaft aufforderte: „Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ In seinen philosophischen Arbeiten strebte Kant einen Kompromiss zwischen dem Empirismus – dem Glauben, dass sämtliches Wissen von der Erfahrung abgeleitet werden kann – und dem Rationalismus – der Ansicht, dass alles Wissen durch menschliche Vernunft allein entsteht – an. Er postulierte demnach, dass sowohl Erfahrung als auch Vernunft für den Menschen unerlässlich seien, um zu sowohl validem als auch objektivem Wissen zu gelangen. Das kantsche Denken war in der deutschen Philosophie seiner Zeit ausgesprochen einflussreich und hat auch in den Jahrhunderten seit seinem Tod weiterhin Einfluss auf die Philosophie ausgeübt. In den 1770er- und 1780er-Jahren schuf Kant eine Reihe an monumentalen Kritiken der rationalen Erkenntnis („reine Vernunft“), Ethik („praktische Vernunft“) und Ästhetik („Urteilskraft“). Kant versuchte in seinen Werken, die Vernunft im menschlichen Geist zu verorten und lehnte damit die Sichtweise der philosophischen Skeptiker ab, zu denen beispielsweise David Hume gehörte, welche die inhärente Vernunft der Natur infrage stellten. Er argumentierte, dass der menschliche Geist durch seine Fähigkeit, Wahrnehmungen in Kategorien einzuordnen, dadurch selbst die wahrgenommene Ordnung in die Natur erschaffe. Damit formulierte Kant die zentralen Grundsätze des deutschen Idealismus: Ohne den einzelnen Menschenverstand gäbe es keine Gedanken, und ohne Gedanken gäbe es keine Gegenstände und keine Welt. Weiterhin argumentierte er, dass die Moral kein äußeres Phänomen sei, das in den Naturgesetzen oder in vorhandenen Bedingungen zu verorten, sondern in uns selbst angesiedelt sei. Laut Kant sei es dem Menschen also möglich, selbst einen moralischen Verstand zu entwickeln und somit unabhängig von religiösen Regelwerken ethisch selbstbestimmt zu handeln. Ebenso argumentierte Kant in Bezug auf die Ästhetik, dass große Kunst das Ergebnis des Schöpfungswillen der einzelnen Kunstschaffenden sei, und nicht das Produkt von außen gegebener Regeln der Ästhetik. In Bezug auf Politik und Wirtschaft griff Kants fortschrittliche Sichtweise dem deutschen Liberalismus des 19. Jahrhunderts vor: Er setzte sich für das Rechtsstaatlichkeitsprinzip ein, für repräsentative Gremien in der Politik und die Entwicklung der freien Marktwirtschaft.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) nahm Kants zentrale These des Primats des menschlichen Verstandes als Sitz der Vernunft als Ausgangspunkt für seine radikale Sichtweise, die das Denken (den Geist) über die physische Welt erhob. Für Hegel war die kantische Vernunft der Urheber der physischen Welt und die treibende Kraft der Menschheitsgeschichte, insbesondere durch die Schöpfungen der Religion, Philosophie und Kunst. Beeindruckt von den radikalen Veränderungen, welche die Französische Revolution angestoßen hatte, betonte Hegel zudem die Rolle des Staates und der Nation. Laut Hegel bestand die Aufgabe des Staates darin, kulturelle Errungenschaften zu fördern und zu schützen sowie das menschliche Gemeinwesen und die Moral des Einzelnen zu begünstigen. Hegels Vorstellungen der Nation wurden beeinflusst von den Schriften von Kants Zeitgenossen Johann Gottfried von Herder (1744–1803), der die Geschichte als Erzählung verschiedener nationaler Kulturen oder Völker betrachtete. Herder betrachtete den Charakter des Einzelnen als Ausdruck seiner eigenen nationalen Kultur und wertete Nationen in einem fast schon organischen Sinn als Kollektive, die sich über Jahrhunderte hinweg entwickelten. Herder rief moderne Nationen dazu auf, ihre kollektive kulturelle Identität anzuerkennen und sich durch das Genie ihrer Intellektuellen, Künstler und Dichter zu ihrem eigenen Schicksal erwecken zu lassen. Diese These sollte erste nationalistische Regungen in der deutschen Kultur begünstigen.

Die Ausbreitung der Aufklärung in Deutschland spiegelte die zunehmende Macht des Bürgertums im Reich wider: Die gebildeten Schichten der Beamten, Juristen und Geschäftsleute bildeten ein bereitwilliges Publikum für die progressiven Ideen von Philosophen wie Thomasius und Kant, die Literatur von Autoren wie Goethe und Schiller und die musikalischen Werke von Komponisten wie Bach und Haydn. Der wachsende Wohlstand und Einfluss der Mittelschicht, die im Lauf des 18. Jahrhunderts noch deutlicher ausgeprägt werden sollten, trugen zur Beliebtheit des Kults der Vernunft in Deutschland bei. Die deutsche Leserschaft diskutierte heftig über fortschrittliche Sozialreformen in Kaffeehäusern und auf den Seiten aufklärerischer Gazetten. Die gebildeten Bürokraten und Technokraten in der Verwaltung der deutschen Staaten, die ebenso die Ideale der Aufklärung aufgegriffen hatten, waren bestrebt, die „aufgeklärten“ Reformen ihrer absolutistischen Herrscher umzusetzen.

Im Gegensatz zur Aufklärung in Großbritannien oder Frankreich, die um Rationalismus und Säkularismus bemüht war, hatte die Bewegung in Deutschland schon seit ihren frühesten Anfängen im späten 17. Jahrhundert eine starke religiöse Prägung, die sie auch beibehielt. Diese religiöse Neigung zeigt sich zumal in der Entstehung der jüdischen Aufklärung, oder Haskala, sowie in den Beiträgen des deutschen Pietismus zum aufklärerischen Denken. Die religiöse Erneuerung kam im späten 17. Jahrhundert auf und sorgte dafür, dass die Frömmigkeit unter den Protestanten in vielen deutschen Gebieten wieder aufblühte. Begonnen hatte sie in den 1670er-Jahren mit dem lutherischen Pfarrer und Theologen Philipp Jacob Spener, der in Frankfurt Bibellesekreise veranstaltete. Sein einflussreiches Werk Pia desideria (1675) machte sich für die Erneuerung des Glaubens durch erweiterte Priesterseminare, mehr soziale Reformen in den Gemeinden sowie fromme Konventikel für Gemeindemitglieder stark. Spener erzürnte damit die lutherische Obrigkeit und wurde aus seinem Predigeramt in Frankfurt und einer anschließenden Ernennung zum sächsischen Oberhofprediger in Dresden entlassen, bevor er eine führende Stelle als Probst in Berlin erhielt. Sein Ruf nach spiritueller Erneuerung traf jedoch bei Laien auf Gehör, sodass in sämtlichen lutherischen Gebieten Deutschlands pietistische Hauskreise entstanden und sich viele lutherische Pfarrer von seiner ausdrucksstarken, persönlichen Form der Frömmigkeit angezogen fühlten. Einer dieser Pfarrer war August Hermann Francke, der ebenfalls aufgrund seiner pietistischen Orientierung aus mehreren Ämtern enthoben worden war. Er suchte Spener dann in Brandenburg-Preußen auf und bekam eine Anstellung an der neu gegründeten Reformuniversität in Halle an der Saale. Bald schon wurde an der Universität Halle die führende protestantische theologische Fakultät Deutschlands geschaffen, deren Absolventen im Sinne des Pietismus ausgebildet wurden und fortan Missionen, Wohlfahrts- und pädagogische Einrichtungen ins Leben riefen. Absolventen aus Halle waren die ersten protestantischen Missionare im Ausland und bemühten sich sogar Anfang der 1700er Jahre um missionarische Stationen in Indien. Der Pietismus leistete zudem entscheidende Beiträge zur frühen Aufklärung, insbesondere durch seinen progressiven Einsatz im Bildungs- und Sozialwesen.

Kulturelles Leben: Aufgeklärter Absolutismus

Im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn waren die deutschen Staaten des 18. Jahrhunderts deutlich vom „aufgeklärten Absolutismus“ geprägt. Laut dieser politischen Ideologie, die ihren Ursprung in den Schriften von Thomas Hobbes hatte, bestand ein grundlegender Gesellschaftsvertrag zwischen Herrschenden und Untergebenen, der Monarchen die absolute Herrschaft über ihre Untertanen gab. Im Gegenzug waren die Machthaber jedoch ihrerseits verpflichtet, zum Wohl der Menschen zu handeln, indem sie Vernunft walten ließen. Als Reaktion auf die wachsende bürgerliche Schicht und angestoßen von deutschen Theoretikern der Aufklärung, setzten die deutschen Herrscher Reformen in ihren Hoheitsgebieten um. Im Lauf des 18. Jahrhunderts modernisierten die Herrscher ihre Regierungen so von Grund auf und milderten die Auswirkungen eines monarchischen Herrschaftssystems durch „aufgeklärte“ Reformen ab. So änderte sich der politische Charakter des Reichs und ebnete den Weg für die liberalen Reformen des Folgejahrhunderts. Staatsoberhäupter, die sich von aufklärerischen Grundsätzen leiten ließen, führten Reformen durch, zu denen die Ausrufung der Religionsfreiheit, die Abschaffung der Folter in der Justiz, die Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien in der Landwirtschaft und die Einführung der Schulpflicht gehörten. Aufgeklärte absolutistische Monarchen förderten durch großzügige Schirmherrschaften Fortschritte in der Philosophie und der Kunst und stellten manchmal sogar führende Denker der Aufklärung bei Hofe an. Obwohl diese „aufgeklärten“ Herrscher bereit waren, ihren Untergebenen neue Rechte einzuräumen, blieben sie dennoch Despoten und waren fest von ihrem grundgegebenen Recht als absolute Monarchen überzeugt. Obgleich sie zahlreiche fortschrittliche Reformen einführten, die das Leben ihrer Untertanen verbessern sollten, taten sie dies stets mit Hinblick auf den Ausbau ihrer eigenen Macht und die Vermehrung ihres eigenen Einkommens. So stießen die progressiven Reformen der preußischen und österreichischen Monarchen im 18. Jahrhundert beispielsweise aufgrund ihres autokratischen Wesens und ihrer rücksichtslosen Missachtung bestehender Bräuche und traditioneller Freiheiten oft auf den hartnäckigen Widerstand des Adels und des Bürgertums.

Die These des aufgeklärten Absolutismus kam wohl am deutlichsten während der Regierungszeit Friedrichs II. von Preußen zum Ausdruck. Dieser setzte eine Reihe von Reformen auf der Grundlage aufklärerischen Denkens um, veröffentlichte philosophische Schriften auf Französisch und inszenierte sich vor der aufgeklärten Öffentlichkeit als „Roi philosophe“ [Philosophenkönig]. Friedrich korrespondierte mit vielen der führenden Denker der Aufklärung und bot fortschrittlichen Schriftstellern und Künstlern großzügige Unterstützung an. Im Gegenzug proklamierten ihn berühmte Schriftsteller der Aufklärung wie Voltaire zu „Friedrich dem Großen“. Er förderte Kunst und Literatur, machte Berlin zur Kulturhauptstadt und lud viele illustre Kunstschaffende, Musiker und Intellektuelle an seinen Hof ein, darunter Carl Philipp Emanuel Bach, Maupertuis und Voltaire. Als Zeichen seiner aufklärerischen Empfindsamkeiten trat er 1738 sogar den Freimaurern bei. Friedrich führte die hohenzollernsche Tradition der Schirmherrschaft für akademische Reformer fort, welche die Gesinnung der Aufklärung vertraten, indem er sie zu Ämtern im preußischen Staats- und Kirchendienst erhob und den preußischen Staat so als treibende Kraft aufklärerischer Reformen inszenierte. Tatsächlich kann Friedrichs Herangehensweise als aufgeklärt angesehen werden, wenn man die Abschaffung der Folter bei Gericht, die Einführung einer staatlich geförderten weiterführenden Schulbildung und die Modernisierung des preußischen Staatsdienstes bedenkt. Trotz der aufklärerischen Züge seiner Politik muss dabei jedoch bedacht werden, dass seine Regentschaft vor allem durch autokratische Herrschaft, passionierten Militarismus und eine aggressive Expansionspolitik geprägt war.

Obwohl Maria Theresia genau genommen eine ungekrönte Kaiserin war, besteht kaum Zweifel daran, dass sie die wahre Machthaberin der österreichischen Monarchie war. Maria Theresia regierte praktisch als Kaiserin und führte in ihrem Hoheitsgebiet zahlreiche aufgeklärte Reformen durch, darunter Bildungs-, Wirtschafts- und Agrarinitiativen. Zudem reformierte sie das österreichische Militär, das sich während ihrer gesamten Regentschaft in einem anhaltenden Machtkampf mit Preußen befand. Gleichzeitig war Maria Theresia maßgeblich für die Wiederherstellung der Macht Österreichs verantwortlich und sicherte dank ihrer sechzehn Kinder den Fortbestand der habsburgischen Herrscherdynastie. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1765 half Maria Theresia ihrem Sohn, der als Joseph II. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt wurde, als Kaiserinmutter bei der Verwaltung des Reichs. Joseph II., der von 1765 bis 1790 als römisch-deutscher Kaiser und zwischen 1780 und 1790 als Erzherzog von Österreich regierte, war ausgesprochen von den Reformen Friedrichs II. begeistert und verschrieb sich mitunter von allen deutschen Herrschern am meisten den Grundsätzen des aufgeklärten Absolutismus. Er war unermüdlich bestrebt, die Verwaltung der habsburgischen Kronländer zu modernisieren und rationale Gesellschaftsreformen umzusetzen. Als Bewunderer Voltaires und der französischen Aufklärung war er bemüht, die Religionsfreiheit auszubauen, die Einkünfte der Kirche zu begrenzen, die letzten Reste des Feudalismus zu beseitigen, und den freien Handel sowie das freie Denken in seinem Herrschaftsgebiet zu fördern. Geleitet von Vernunft und uneingeschränkt von Gesetzen, verfolgte Joseph II. ein rücksichtslos ausschweifendes Reformprogramm und erließ Tausende neuer Edikte. Er machte von seiner autokratischen Macht über den Staat Gebrauch und reformierte das gesamte Rechtssystem, modernisierte die staatlichen Finanzinstitutionen von Grund auf, schaffte die Leibeigenschaft ab, säkularisierte zahlreiche kirchliche Besitztümer und führte die Grundschulpflicht ein. Im Jahr 1781 erließ er das Toleranzpatent, welches eingeschränkte Religionsfreiheit gewährleistete, gefolgt vom Toleranzpatent von 1782, welches Juden vergleichbare Rechte einräumte. 1787 schaffte er sogar die Todesstrafe ab, obwohl diese Neuerung, wie die meisten seiner aufgeklärten Reformen, seine Herrschaft nicht lange überdauern sollte.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert, in: Blog des Deutschen Historischen Museums, online verfügbar unter: https://www.dhm.de/ausstellungen/was-ist-aufklaerung-fragen-an-das-18-jahrhundert/more-story/, zuletzt geprüft am 10.10.2026.

-> Jason Coy, Jared Poley: Das Heilige Römische Reich (1648–1815). Einführung, veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/das-heilige-roemische-reich-1648-1815/ghdi:introduction-2> [04.06.2026].

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Sekundärliteratur

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Gesellschaft

Gesellschaft

Das Bürgertum

Inhaltsverzeichnis

  1. Entstehung des bürgerlichen Weihnachtsfestes (Online-Artikel LeMO)
  2. Berliner Salons um 1800. Fürstinnen des Geistes.

1. Entstehung des bürgerlichen Weihnachtsfestes (Online-Artikel LeMO)

„O du fröhliche“ (1815), „O Tannenbaum“ (1820) und „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ (1835), alle drei Klassiker, die auch heute noch Bestandteil des weihnachtlichen Liedgutes sind, haben wie auch weitere wesentliche Bestandteile und Requisiten des heutigen Weihnachtsfestes ihren Ursprung im 19. Jahrhundert. Zunächst als christliches Fest, das ausschließlich in der Kirche gefeiert wurde, zog das Weihnachtsfest erst mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft in die heimischen Wohnstuben ein. Mit den reformatorischen Ideen Martin Luthers zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte sich bereits ein Wandel der Gottesdienste und auch weiterer Weihnachtsbräuche der Gemeindemitglieder vollzogen.

Mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert und schließlich im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Weihnachtsfest erst zu dem Ritual bürgerlicher Festkultur, das sich vermehrt in der privaten Intimität der Familie abspielte. Doch noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Weihnachtsfest eines unter vielen kirchlichen Festen. Industrialisierung und Urbanisierung führten zu einer zunehmenden Trennung des Alltags in öffentliches und privates Leben. Erst das Bürgertum sollte Weihnachten schließlich zu dem besinnlichen Familienfest machen, das es in breiten Gesellschaftskreisen noch heute ist: Die aufstrebende neue soziale Schicht hatte zwar noch keinen beträchtlichen politischen Einfluss, kulturelle Praktiken hingegen prägte das Bürgertum im 19. Jahrhundert bereits wesentlich, darunter auch, Weihnachten mit festen Ritualen im Kreise der Familie zu feiern.

Weihnachten als bürgerliches Bescherfest

Das ideale bürgerliche Familienleben des 19. Jahrhunderts – auch als Kontrapunkt zur Sphäre des Erwerbslebens – bestand aus einem gefühlsbetonten Miteinander, einem ausgeprägten Interesse an kulturellen Hervorbringungen wie Musik oder Dichtkunst sowie der Beschäftigung mit Fragen der Bildung und Erziehung. All diese Werte ließen sich mit dem Weihnachtsfest verknüpfen und verliehen dem Fest eine neue, deutlich säkularere Sinngebung, bei der die Harmonie in der Familie im Vordergrund stand. An Heiligabend, dem 24. Dezember, versammelte sich die Familie zuhause in der Regel um einen geschmückten Weihnachtsbaum. Zu den weihnachtlichen Pflichten der Kinder gehörte es, Gedichte zu rezitieren oder zur festlichen Hausmusik beizutragen. Stets verknüpft mit den elterlich beziehungsweise gesellschaftlich erwünschten Erziehungsprinzipien gehörte zum Heiligen Abend auch die Erfüllung von Wünschen der Kinder. Die Bescherung, insbesondere der Kinder, stellte dabei in der Regel den Höhepunkt der weihnachtlichen Rituale dar.

Beginn der Kommerzialisierung

Mit Äpfeln, Nüssen oder Gebäck geschmückte Tannen sind vereinzelt zwar auch schon bei gesellschaftlichen Anlässen seit dem späten 16. Jahrhundert überliefert, doch zog der Weihnachtsbaum erst im 19. Jahrhundert in die privaten Wohnstuben ein – und wurde zu einem unverzichtbaren Bestandteil der zunehmend ritualisierten Weihnachtsfeier. Dies hatte auch Auswirkungen auf den Schmuck selbst: Bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts interessierten sich bereits breite gesellschaftliche Kreise für Christbaumschmuck. Diese neuartigen (Konsum-)Wünsche an den Weihnachtsbaum ließen einen neuen Industriezweig sowie regelrechte Baumschmuck-Moden entstehen. Eine Kommerzialisierung des Festes hatte begonnen.

Und je stärker sich eine deutsche Feiertradition entwickelte, in der das Zusammenkommen der Familie im Vordergrund stand und je weniger der christlich-theologische Gehalt des Festes, desto attraktiver wurde das Weihnachtsfest in Deutschland auch für den Teil der jüdischen Glaubensgemeinschaft, der weitgehend säkular lebte und sich den deutschen kulturellen Praktiken auch patriotisch verbunden fühlte. So feierten jüdische Familien etwa sowohl Weihnachten als auch das ebenfalls in der dunklen Jahreszeit im November/Dezember/Januar liegende Lichterfest Chanukka – das Fest der Einweihung des Jerusalemer Tempels – oder aber ließen in das Chanukka-Fest Bestandteile des Weihnachtsfestes wie einen geschmückten Baum einfließen.

Mit seiner allmählichen Entfernung von den streng theologisch-spirituellen Ursprüngen verselbstständigte sich das Weihnachtsfest im 19. Jahrhundert also zu einem Fest in der Familie. Und es wurde gleichsam zum Symbol bürgerlicher Werteorientierungen: Der christliche Glaube (protestantisch wie katholisch), Familie, Nächstenliebe und Mildtätigkeit, Freude, Tradition und Nation – mit all diesen Werten ließ sich das Weihnachtsfest verbinden. Der Volkskundler Friedrich August Reimann schrieb Weihnachten in einem Eintrag zum „Christfest“ auch eine dezidierte politische Implikation zu. Das Fest habe das Potential, zu einer Erziehung der Staatsbürgerinnen und -bürger beizutragen. Er stellte 1839 in seinem Buch „Deutsche Volksfeste im 19. Jahrhundert“ fest, dass das Weihnachtsfest „in einer zeitgemäßen Form hergestellt und eingeführt, eines der sichersten und wirksamsten Mittel seyn dürften, den Gemeingeist der Staatsbürger zu wecken, zu beleben und anzufeuern.“ Diese Erkenntnis Reimanns zeigt, dass eine Verknüpfung des Weihnachtsfestes mit politischen Zielen schon vor der Revolution von 1848/49 als politisch dienlich betrachtet wurde, einer Zeit, in der bürgerlicher Reformwille, der Nationalstaatsgedanke und ebenso gesellschaftliche Gegensätze für Konflikte sorgten. Der deutsch-französische Krieg 1870/71 ist so auch der Beginn einer politischen Vereinnahmung des Weihnachtsfestes. Hier kam wohl erstmals die weihnachtliche Friedensbotschaft mit dezidiert kriegerischen Parolen zusammen. Propagandistische Drucksachen zeichneten Bilder soldatischer Weihnachtsfeiern mit geschmückten Bäumen an der Front und beschworen Heimat- und Familienverbundenheit wie die angebliche deutsche Gemütstiefe. Das Weihnachtsfest eignete sich somit als Instrument patriotischer Durchhalterhetorik während des Krieges und damit psychologischer Kriegsführung.

Aufgrund seiner besonderen sentimental-emotionalen Dimension wurde das „Fest der Liebe“ im 19. und ebenso im 20. Jahrhundert immer wieder für unterschiedliche staatliche beziehungsweise ideologische Ziele benutzt und in den Dienst hetzerischer (Kriegs-)Propaganda gestellt. Die relativ breite Akzeptanz für das Feiern des Weihnachtsfestes war eine Basis für die Anschlussfähigkeit an unterschiedliche politische Strömungen und Ideologien und zugleich Garant dafür, breite Gesellschaftskreise zu erreichen.

Doch nicht nur Militär und die jeweilige Staatsführung setzten die Weihnachtsbotschaft für ihre Ziele ein, auch Akteurinnen und Akteure der Arbeiterbewegung nutzten Weihnachtslieder und dichteten diese für ihre Zwecke um. So wurde um 1900 aus dem 1818 während der Koalitionskriege entstandenen Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ die sozialkritische Parodie „Stille Nacht, traurige Nacht, hast Du Brot mitgebracht?“

Im 19. Jahrhundert wurden Bilder von erwartungsfrohen Kinderaugen, Besinnlich- und Wohltätigkeit sowie allgemeiner familiärer Weihnachtsseligkeit geschaffen, die das Weihnachtsfest bis heute begleiten. Trotz politischer Vereinnahmung und Sozialkritik und dem Ende des patriarchalischen bürgerlichen Familienideals ist das Weihnachtsfest ein christliches Fest, das die deutsche Kulturgeschichte nachhaltig inspiriert und geprägt hat.

2. Berliner Salons um 1800. Fürstinnen des Geistes.

Preußen ist mehr als ein Soldatenstaat. In seiner Kapitale blühen Wissenschaft und Künste – und junge, gebildete Jüdinnen prägen mit literarischen Salons die intellektuelle Avantgarde Berlin ist en vogue. In keiner deutschen Stadt wirken um 1800 mehr Künstler, Schriftsteller und Gelehrte, in keiner gibt es mehr Lesegesellschaften und private Bibliotheken, in keiner entwickelt sich eine vielseitigere Theaterszene.

Zu den anregendsten Intellektuellentreffen kommt es aber nicht in Bildungsvereinen oder Akademien, sondern in den Wohnungen junger jüdischer Damen: bei Teegesellschaften, zu denen sich Adelige und Bürger, Christen und Juden, Frauen und Männer einfinden, um gemeinsam die Bildung ihrer Persönlichkeit zu pflegen. Erstaunt schreibt der Dichter Jean Paul 1801 in einem Brief aus Berlin: „Der Ton hier übertrifft an Unbefangenheit weit den Weimarschen. Der Adel vermengt sich mit dem Bürger, nicht wie Fett mit Wasser, auf welchem dieses immer oben schwimmt, sondern sie sind innig vereinigt. Gelehrte, Juden, Offiziere, Geheime Räte, Edelleute, kurz alles was sich an anderen Orten (Weimar ausgenommen) die Hälse bricht, fällt einander um diese, und lebt wenigstens freundlich an Tee- und Esstischen beisammen.“

Nirgendwo im Königreich Preußen gibt es eine größere Freiheit der Gedanken, nirgends einen derart ebenbürtigen Austausch zwischen den Geschlechtern und Konfessionen, einen solch geballten Hunger nach Selbstbildung. Und doch sind die Intellektuellenzirkel in der Beletage nicht viel mehr als Kunstwelten für vielleicht 200 Freigeister. Kunstwelten, die wenig gemein haben mit der gesellschaftlichen Realität, in der es etwa Mädchen nach wie vor nicht möglich ist, auf ein Gymnasium zu gehen oder später die Universität zu besuchen. Bewegt sind die Zeiten, in denen Preußens Kapitale zur Großstadt heranwächst. Die Französische Revolution stellt die Ständegesellschaft in Europa zur Diskussion. Unter dem Einfluss der Aufklärung kämpft in Berlin der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn für die politische und soziale Gleichstellung von Juden und Nichtjuden. Preußens König Friedrich II. haben Kriege jahrelang von seiner Hauptstadt fern gehalten. Zudem kümmerte ihn das kulturelle und geistige Leben seiner Untertanen gerade in späten Regierungsjahren wenig. Dadurch erst entstanden jene Freiräume, in denen sich private Aufklärungs- und Lesezirkel entwickeln konnten.

Vielleicht acht Salondamen laden um 1800 in Berlin regelmäßig zu Tee und Schnittchen. En privé wird dabei das neue Ideal der gemeinschaftlichen Bildung gepflegt, wie es vor allem der Philosoph und Sprachwissenschaftler Wilhelm von Humboldt 1792 definiert hat: „Der wahre Zweck des Menschen ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“ Die Selbstbildung könne jedoch nur im Wechselspiel mit der Umwelt erreicht werden. Jeder Einzelne müsse sich immerfort und zum Guten von Gesellschaft und Nation „den Reichtum des anderen“ zu Eigen machen. Ein Gelehrter, der sein Wissen für sich behält, ist nicht im Sinn des Neuhumanisten. Und so werden die Kreise zu avantgardistischen Laboratorien für die Reformen des Bildungswesens – und auch zu Foren für den Bildungsroman, jener einzigartigen deutschen Literaturform, deren Protagonisten sich mit der gesellschaftlichen Realität auseinander setzen und dadurch fortentwickeln.

In die Runden aufgenommen wird, wer die Kunst der Konversation beherrscht, wer Begabung, Geist und Persönlichkeit besitzt. Ein neuer Gast muss von einem bereits etablierten Mitglied des Zirkels eingeführt werden. Die meisten Gastgeberinnen sind in mehreren Sprachen beredt und Kinder der Sturm-und-Drang-Zeit, in der junge deutsche Literaten wie Johann Wolfgang Goethe oder Johann Gottfried Herder als Gegensatz zur kühlen Vernunft der Aufklärung Gefühl, Volksnähe und „Empfindsamkeit“ gefeiert haben. Den ersten literarischen Salon der Stadt führt Henriette Herz. Zu den Gästen der Professorengattin gehören die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, der Bildhauer Gottfried Schadow, der Theologe Friedrich Schleiermacher sowie der Schriftsteller und Kritiker Friedrich Schlegel. Während ihr 17 Jahre älterer Mann Marcus Herz Studenten und Gelehrte zu philosophischen und physikalischen Vortragsabenden in seinem Haus empfängt, lädt die erst 16-jährige Henriette ab 1780 zu „ästhetischen Dienstagen“. In diesem Kreis diskutiert sie mit Gleichgesinnten über Literatur, werden neue Romane besprochen.

Auch die berühmteste Berliner Salondame Rahel Levin und ihr späterer Mann, der Schriftsteller Karl August Varnhagen von Ense, verkehren bald bei Henriette Herz. Im Hause Levin in der Jägerstraße 54 treffen sich Prinz Louis Ferdinand von Preußen und dessen Geliebte Pauline Wiesel, dazu die Dichter Jean Paul und Ludwig Tieck sowie der schwedische Diplomat und Poet Karl Gustav von Brinckmann. Neben den Geburtsadel tritt jetzt der Geistesadel. In den Salons wird poetisiert und musiziert, streiten Berliner Spätaufklärer mit Jenaer Frühromantikern, werden die Werke Goethes gefeiert, Theaterstücke kritisiert – aber auch Ehen angebahnt. Weit mehr als die Hälfte aller Salongäste sind unverheiratet, geschieden oder leben in ungeklärten Verhältnissen.

Konservative Kreise empfinden diese jeunesse dorée als unbürgerlich und unpreußisch. Tatsächlich schafft die Salonszene die ersten gesellschaftlichen Freiräume, in denen Frauen und Juden, vor allem aber jüdische Frauen sich und ihre literarischen Talente entfalten können. Die Salons bieten Humboldt eine Bühne für sein Bildungsideal; 1809 wird es mit der Gründung einer Berliner Universität etabliert. Erstmals wird dort Forschung und Lehre verbunden und der Austausch zwischen den Fakultäten gefordert – ein Konzept, beeinflusst unter anderem durch die Ideen zur geselligen Selbstbildung Schleiermachers. Politische Orte aber, Zentren der Frauen- oder der Juden- Emanzipation sind die Berliner „Teetische“ um 1800 nicht. Zu gering noch ist ihre Strahlkraft nach draußen.

Nur wenige Salons überdauern die Besatzung Berlins durch Napoleons Truppen 1806 – die schwärmerisch unpolitischen Kreise passen nicht mehr zur neuen Zeit unter dem französischen Joch, passen auch nicht zum aufkommenden Nationalismus. Henriette Herz veranstaltet nach dem Tod ihres Gatten 1803 immer seltener ihre „ästhetischen Tees“. Das gesellige Leben hat das gesamte Vermögen ihres Mannes aufgezehrt. Ihren Lebensunterhalt verdient sie fortan als Fremdsprachenlehrerin für höhere Töchter. Sie stirbt am 22. Oktober 1847.

Der Salon Rahel Levins zerbricht 1806 – in jenem Moment, als auch das alte Preußen untergeht. 1814 konvertiert sie zum Christentum, um den 14 Jahre jüngeren Karl August Varnhagen von Ense zu heiraten. Zur gleichen Zeit finden sich nach den Befreiungskriegen alte und neue Teegesellschaften in Preußens Kapitale zusammen. Von 1819 bis 1833 führt auch Rahel Varnhagen noch einmal einen Salon in Berlin, wo etwa Heinrich Heine und Franz Grillparzer verkehren. Aber die Leichtigkeit des ersten Zirkels ist perdue. Rahel Varnhagen stirbt am 7. März 1833. Ihr Mann überlebt sie um 25 Jahre und gibt ihre Briefe heraus. Darunter auch diese Zeilen: „Wo ist unsere Zeit! Wo wir alle zusammenwaren. Sie ist Anno 6 untergegangen. Untergegangen wie ein Schiff: mit den schönsten Lebensgütern, den schönsten Lebensgenuss enthaltend. Und viele teure belebende Freunde mit: 1000 Bekannte, adieu, adieu.“

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Franke, Julia: Entstehung des bürgerlichen Weihnachtsfestes, in: LeMO, online verfügbar seit 14.12.2023 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/reaktionszeit/alltagsleben/entstehung-des-buergerlichen-weihnachtsfestes, zuletzt geprüft am 04.08.2025.

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Sekundärliteratur

-> Herold, Anja: Berliner Salons um 1800. Fürstinnen des Geistes, in: Preussen 1701-1871 (GEO Epoche Jg. 2006, Heft Nr 23), Hamburg 2006.

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Gesellschaft

Die Judenemanzipation im 18. Jahrhundert

Inhaltsverzeichnis

  1. Haskala / Aufklärung
  2. Moses Mendelssohn – Wegbereiter des emanzipierten JudentumsWegbereiter des emanzipierten Judentums

1. Haskala / Aufklärung

Der hebräische Begriff Haskala (השכלה) bezeichnet die jüdische Aufklärung. Seine Wurzel setzt sich aus den Buchstaben Schin (ש), Kaf (כ) und Lamed (ל) zusammen, die für sich genommen das Wort „Verstand“ bilden. So verweist der Begriff selbst auf das Ziel der Haskala: Es galt, das jüdisch-hebräische Erbe zu bewahren – und den Verstand zu respektieren. Es ging um keine geringere Aufgabe, als die Religion mit Philosophie und Wissenschaft zu versöhnen.

Die Haskala entstand als Teil der europäischen Aufklärungsbewegungen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Berlin und Königsberg. Ihre Anhänger, die Maskilim, wollten der kulturellen und gesellschaftlichen Isolation der jüdischen Gemeinschaft ein Ende setzen. Sie plädierten für die Aneignung von Bildung und weltlichem Wissen – ein Weg, den sie selbst bereits erfolgreich beschritten hatten. Das traditionelle Judentum versuchten sie mit der modernen Kultur ihrer Zeit in Einklang zu bringen. Dabei betonten sie diejenigen Elemente der jüdischen Tradition, die Judentum und Christentum gemeinsam waren: Sie gaben der Bibel und dem biblischen Hebräisch den Vorrang vor dem Talmud.

Die Maskilim gründeten moderne jüdische Schulen. In Büchern und Zeitschriften warben sie unter den Jüdinnen*Juden in Deutschland und später auch in Osteuropa für ihre Ideen. Einige der Salonièren gehörten zu den ersten jüdischen Frauen überhaupt, die Texte unter ihrem eigenen Namen veröffentlichten. Da sich all diese Schriften zum großen Teil an ein jüdisches Publikum richteten, bedienten sich ihre Autor*innen oft der hebräischen Sprache. Andere verwandten die deutsche Sprache, um ihre aufklärerischen Ziele zu erreichen. Teilweise wurden diese Schriften in hebräischen Buchstaben gedruckt, da der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung diese Schrift vertrauter war.

Ziel der Maskilim war aber auch die Aufklärung der nichtjüdischen Öffentlichkeit: Sie wiesen darauf hin, dass die jüdische Religion mit der modernen Aufklärungsphilosophie nicht in Widerspruch stand und dass Jüdinnen*Juden den Christ*innen ebenbürtig seien. Sie kämpften für die Gleichberechtigung und gesellschaftliche Anerkennung der jüdischen Minderheit.

Übergang zum Ausstellungsbereich Auch Juden werden Deutsche in der Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Die Symbolfigur der jüdischen Aufklärung war Moses Mendelssohn. Er hielt noch strikt an der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, fest. Doch viele seiner Nachfolger*innen kritisierten offen die jüdische Tradition. Sie befürworteten eine Reform der jüdischen Religion und die Abschaffung all jener Gebote, die sich mit einem Leben in der Gesellschaft nur schwer vereinbaren ließen. So begann im Zeitalter der Aufklärung die komplizierte Gratwanderung der deutschen Jüdinnen*Juden zwischen dem Wunsch nach Integration und Bewahrung ihrer religiösen und kulturellen Eigenart.


2. Moses Mendelssohn – Wegbereiter des emanzipierten JudentumsWegbereiter des emanzipierten Judentums

Moses Mendelssohn gehörte zu den wichtigsten Intellektuellen Europas, zu den Wegbereitern der jüdischen Aufklärung (der Haskala) und war schon zu Lebzeiten weit über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmt. Er wurde 1729 in Dessau geboren und wuchs in einem jüdisch-orthodoxen Haushalt auf, seine Muttersprachen waren Jiddisch und Hebräisch. Im Alter von 14 Jahren machte er sich alleine auf den Weg nach Berlin und erklärte den Wachen am Stadttor – so erzählt man sich –, er käme, um "zu lernen". Und das tat er gründlich: Interner Link: Mendelssohn folgte nicht nur seinem Lehrer aus Dessau an die jüdische Religionsschule in Berlin, sondern lernte neben dem Studium der jüdischen Bibel (der Thora) und der verschiedenen mit ihr zusammenhängenden Bücher, alte und moderne Sprachen, las die Werke der wichtigsten Philosophen seiner Zeit (wie zum Beispiel Spinoza, Hobbes und Locke) und unterrichtete sich eigenständig in Mathematik und Physik. Um nebenbei seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete er sowohl als Privatlehrer der Kinder des Kaufmanns Bernhard Isaak und später als Buchhalter und schließlich Geschäftsführer in dessen Unternehmen.

Die Themen, in denen sich Moses Mendelssohn zu bewegen wusste, reichten von Physik über Philosophie und Literatur bis tief in die jüdische Religionswissenschaft. So entstanden aus seinen vielfältigen Überlegungen ein Reichtum an Texten, publiziert in mehreren Sprachen. Auch den Wettbewerb der Königlichen Akademie zur Fragestellung nach einer Evidenz in den metaphysischen Wissenschaften von 1763 konnte er gewinnen – gegen Immanuel Kant. Er war in ständigem schriftlichem Austausch mit vielen wichtigen Persönlichkeiten der Aufklärung und veröffentlichte umfangreiche Publikationen über alle Bereiche der zeitgenössischen Philosophie: Ästhetik, politische Theorie, Semiotik, Philologie und mehr. Sein Haus in der Spandauer Straße 68 im Berliner Nikolaiviertel, wo er mit seiner Frau, der Hamburgerin Fromet Guggenheim, die er 1762 heiratete, und ihren gemeinsamen zehn Kindern lebte, wurde zu einem Treffpunkt für die intellektuelle Elite Berlins und für Besucher aus aller Welt.

All das war alles andere als selbstverständlich Link hat Vorschau-PopupInterner Link: in einer Zeit, in der die jüdische Bevölkerung nicht die gleichen Bürgerrechte hatte wie die christliche und kulturell und politisch separat von der Mehrheitsgesellschaft lebte

. Doch durch die Externer Link: europäische Aufklärung, die bereits seit Anfang des 18. Jahrhunderts gegen Vorurteile und für Toleranz plädierte und im Zuge der mit ihr einhergehenden Diskussionen über die gesellschaftliche (zu dieser Zeit nur männliche) Gleichberechtigung, wurde auch die Gleichstellung der Juden in der deutschen Gesellschaft zu einem wichtigen philosophischen und politischen Thema. Mendelssohn nahm an dieser Debatte aktiv teil, wurde quasi zum Fürsprecher seiner deutschen Glaubensgenossen. Nachdem man ihn aufgefordert hatte, die Gründe für die jüdische Gleichberechtigung doch einmal darzulegen, veröffentlichte er 1783 seinen wichtigsten Aufsatz über das Judentum unter dem Titel "Jerusalem". Diesen langen Essay unterteilte er in zwei Teile: Während er im ersten Teil für die Trennung von Staat und Religion plädiert, erläutert er im zweiten die Vorteile des Judentums als Religion der Vernunft. Jüdinnen und Juden würden die Geschichten der biblischen Texte als historische Wahrheit verstehen und glaubten nicht, wie die Christen, an eine "göttliche Offenbarung". Daraus könne gefolgert werden, dass sich die "jüdische Vernunft auf die ganze Menschheit übertragen" ließe. Dieser Essay stellte nicht nur ein philosophisches Traktat dar, sondern erläuterte erstmalig einer breiten – jüdischen und nichtjüdischen – Öffentlichkeit die zentralen Thesen der Haskala.

Mendelssohns Essay war eine Sensation. Immanuel Kant etwa lobte ihn – wenn auch nur privat – für seine "Scharfsinnigkeit, Feinheit und Klugheit"; sein Freund Gotthold Ephraim Lessing schrieb das berühmte Theaterstück "Nathan der Weise", das sich mit dem Toleranzgedanken der Aufklärung mit Mendelssohn in der Figur des weisen Nathan beschäftigt. Andere wiederum waren weniger verständnisvoll, reagierten im besten Fall skeptisch oder – wie die meisten, die in der Regel auch gegen die Aufklärung waren – ablehnend, und argumentierten vehement gegen die Gewährung gleicher Rechte für Juden und gegen ihre Integration in die deutsche Gesellschaft.

Auch von seinen Glaubensbrüdern und -schwestern verlangte Mendelssohn ihren Teil an der sogenannten Emanzipation der Jüdinnen und Juden und fordert sie auf, Deutsch zu lernen, die Sprache auch im Alltag zu sprechen, und nicht im Jiddischen und in der "heiligen Sprache" Hebräisch zu verharren. Damit sollten sie nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen, sondern ihrerseits Toleranz ihren christlichen Mitbürgern gegenüber zeigen. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran und übersetzte die Hebräische Bibel des Alten Testaments, in ein "gepflegtes und korrektes Deutsch […] entsprechend dem heutigen Sprachgebrauch".

Die jüdische Gleichstellung wurde zwar in den Jahrzehnten nach der Interner Link: Französischen Revolution nach und nach umgesetzt, aber Mendelssohn erlebte diesen Wendepunkt nicht mehr. Er starb am 4. Januar 1786. Kurz nach seinem Tod wurde sein Leben und Wirken zu einem Mythos, sowohl in der nichtjüdischen Welt der europäischen Aufklärung als auch unter den aufgeklärten Jüdinnen und Juden. Die einen – wie z.B. Isaac Abraham Euchel (1756-1804), einem wichtigen Vertreter der Haskala – lobten seine Person und seine Lehren, doch andere (wie z.B. die Aufklärer Salomon Maimon und Saul Ascher) lehnten seine Thesen vollständig ab und fürchteten den Untergang des Judentums durch Anpassung. Dabei verwiesen sie immer wieder auf die Tatsache, dass einige seiner Kinder sich hatten taufen lassen. Erst die nächste Generation – zu der z.B. der Dichter Heinrich Heine oder der Historiker Heinrich Graetz gehörte – machte Mendelssohn zu einem wichtigen Wegbereiter in der jüdischen Geschichte und sahen ihn als fast sagenumwobenen Führer von der Dunkelheit des Mittelalters ins Licht der Moderne.

In der Welt des Interner Link: orthodoxen Judentums – einer Strömung, die im 19. Jahrhundert in Abgrenzung des neu entstandenen Reformjudentum entwickelt wurde und in der die überlieferten Weisungen und Regeln möglichst genau einhalten werden soll(t)en – hingegen, in die die Haskala keinen Einzug hielt, war und ist er bis heute verpönt: Der bekannte Rabbiner Moses Schreiber (1762-1839), Leitfigur der strengen Orthodoxie, warnte seine Gemeindemitglieder sogar, "die Bücher des Rabbi Moses aus Dessau nicht zu berühren". Dieser Streit weitete sich auf ganz Europa, vor allem auf die vielen jüdischen Gemeinden Osteuropas aus. Mendelssohns zentrale Stellung verlor sich vor allem mit dem Aufkommen des Interner Link: Zionismus, der jüdischen Nationalbewegung, die eine Heimstätte im Land Israel anstrebte. Sein Plädoyer für jüdisches Leben in Deutschland stieß letztlich auf Ablehnung bei Personen, die für jüdische Selbstbestimmung in einem jüdischen, eigenen Staat eintraten. Heute ist Mendelssohn für viele Jüdinnen und Juden in Israel ein deutscher Jude, dessen Leben und Werk zur Assimilation und zum Verlust des Nationalstolzes führten.

Moses Mendelssohns Familie umfasst noch heute über 200 Mitglieder, verstreut über den ganzen Erdball. Viele davon sind ebenfalls Berühmtheiten geworden, wie etwa sein Enkel Felix Mendelssohn-Bartholdy, der berühmte deutsche Komponist, dessen Schwester Interner Link: Fanny Hensel, eine der wenigen bekannten Komponistinnen ihrer Zeit, oder seine Tochter Dorothea Schlegel, die Schriftstellerin der Romantik, um nur einige Beispiele zu nennen. Sie alle haben eines gemein: Im Zuge des gesellschaftlichen Drucks der deutschen Mehrheitsgesellschaft sind sie selbst oder sogar schon ihre Eltern zum Christentum übergetreten, um, wie der ebenfalls zum Christentum konvertierte Dichter Heinrich Heine es nannte, "mit dem Taufzettel ein Entreébillet zur europäischen Kultur" zu bekommen. Allerdings ermöglichten es weder die Aufklärung noch die rechtliche Gleichstellung, weder die Taufe noch die später so verzweifelt von den deutschen Jüdinnen und Juden angestrebte Assimilation Mendelssohn und seinen Nachkommen, gleichwertige Mitglieder der deutschen Gesellschaft zu werden.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> https://www.jmberlin.de/thema-haskala-aufklaerung, zuletzt geprüft am 25.01.2026. 

-> Stern, Adina: Moses Mendelssohn – Wegbereiter des emanzipierten JudentumsWegbereiter des emanzipierten Judentums, in: bpb online, online verfügbar seit 20.05.2021 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/juedischesleben/juedisches-leben-videos/333299/moses-mendelssohn-wegbereiter-des-emanzipierten-judentums/, zuletzt geprüft am 25.01.2026.

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Sekundärliteratur

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Gesellschaft

Wissenschaft um 1800

Inhaltsverzeichnis

1. Eine Frau greift nach den Sternen

1. Eine Frau greift nach den Sternen

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Caroline Herschel, die am 16. März 1750 in Hannover geboren wurde, war eine Pionierin in mehr als einer Hinsicht. Als einer der ersten Frauen erarbeitete sie sich in einer Naturwissenschaft die Ehre und Anerkennung der Fachwelt. Und sie war die erste Wissenschaftlerin, die dafür bezahlt wurde – die erste professionelle Astronomin der Welt!

Wenn es nach ihrer Mutter gegangen wäre, würde heute kein Mensch mehr ihren Namen kennen. Caroline Lucretia Herschel ist das zweitjüngste der sechs überlebenden Kinder von Isaak und Anne Ilse Herschel und die jüngste Tochter. Ihre älteren Brüder erhalten vom Vater, der als Militärmusiker arbeitet, eine solide musikalische Grundausbildung. Auch Caroline darf Violine lernen und sogar an der Garnisonsschule Lesen und Schreiben lernen (aber kein Rechnen), was damals für Mädchen noch völlig unüblich ist.

Die Mutter sieht in Caroline in erster Linie eine Haushaltshilfe, besonders nachdem ihre ältere Schwester heiratet. Sie soll "ein roher Klotz sein und bleiben, allerdings aber ein nützlicher", so die Mutter. Caroline muss die Familie bekochen, bedienen. Der Vater hätte sie gerne noch auf eine höhere Schule geschickt, aber die Mutter besteht darauf, dass sie bei einer Näherin in die Lehre geht. Sie muss für die Familie Strümpfe, Hauben und Decken nähen, stricken, säumen, sticken.

„Aschenputtel“ für immer?

Wilhelm (William) Herschel, 1785

Wilhelm (William) Herschel, 1785

„Ich vermochte den Gedanken, dass ich ein Aschenputtel oder eine Hausmagd werden sollte, nicht zu ertragen“, erinnert sich Caroline Herschel später. Der Vater betreibt heimlich ihre musikalische Ausbildung weiter und erklärt ihr und den Brüdern den nächtlichen Sternenhimmel. So erwacht bei ihrem zwölf Jahre älteren Bruder Wilhelm und ihr die Begeisterung für die Astronomie.

Als Kind erkrankt sie an Typhus. Das beeinträchtigt ihr Wachstum; sie soll etwa 1,40 Meter klein bleiben. Als sie 17 Jahre alt ist, stirbt der Vater. Ihre Brüder arbeiten mittlerweile alle in England (das damals mit Hannover in Personalunion verbunden ist; der Kurfürst ist zugleich König von Großbritannien). Für ihre Mutter ist sie als Haushaltshilfe unentbehrlich. Ihr Schicksal als „Aschenputtel“ scheint besiegelt.

Rettung aus England

Doch ihr Bruder Wilhelm errettet sie. Er hat es im englischen Bath als Komponist und Orchesterleiter zu Ansehen gebracht und holt Caroline 1772 zu sich. Die Mutter lässt sie freilich erst gehen, als Wilhelm ihr genug Geld zusagt, um ein Hausmädchen als Ersatz für Caroline einzustellen.

Auch für Wilhelm führt Caroline nun den Haushalt – aber eben nicht nur: Sie lernt jetzt mit größtem Eifer Englisch und Mathematik bei ihrem Bruder. Außerdem bildet sie sich als Sängerin aus und hat schließlich einigen Erfolg, etwa als Solistin in Händels „Messias“ unter der Leitung ihres Bruders.

Aber neben der Musik haben beide ein gemeinsames Hobby, das immer mehr Berufung und Profession wird: die Astronomie. Von der „Auszubildenden“, die ihren Bruder buchstäblich füttern muss, weil er fast ununterbrochen arbeitet, wächst Caroline im Lauf der Jahre zur kongenialen Partnerin Wilhelms heran. Die beiden werden ein Team, das Wissenschaftsgeschichte schreibt.

Eine Entdeckung verändert das Universum

Die Herschels entdecken den Uranus

Die Herschels entdecken den Uranus

Sie bauen Teleskope, zunächst mit 2.000-bis 6.000facher Vergrößerung, was damals sensationell ist und etwa einen guten Blick auf die Mondkrater erlaubt. Die Teleskope werden bald immer größer und aufwändiger, teils unter Gefahr für Leib und Leben gebaut und teilweise auch verkauft. Die Nächte verbringen sie mit Himmelsbeobachtungen: Wilhelm beobachtet, sie notiert und analysiert die Daten, erstellt Systematiken und Beobachtungspläne.

1777 ziehen sie in ein neues Haus in Bath (19 King Street), das heute als Herschel-Museum besichtigt werden kann. Dort geschieht etwas, das ihrer beider Leben und die Astronomie für immer verändern wird: Am 13. März 1781 entdeckt Friedrich Wilhelm Herschel einen neuen Planeten - den Uranus.

Wilhelm wird dank dieser wissenschaftlichen Sensation praktisch über Nacht berühmt. Von einem Tag auf den anderen wuchs das damals bekannte Sonnensystem um das Achtfache! König George III. bietet Herschel die Stelle eines königlichen Hofastronomen mit dem Jahresgehalt von 200 Pfund an. Endlich kann er seine Leidenschaft zum Beruf machen.

Ein Jobangebot von historischer Dimension

Nachbau des Uranus-Teleskops im Herschel Museum of Astronomy in Bath

Nachbau des Uranus-Teleskops im Herschel Museum of Astronomy in Bath

Auch Caroline entschließt sich, ihre Karriere als Musikerin nicht fortzusetzen und sich gemeinsam mit Wilhelm nun ganz der Wissenschaft zu widmen. Und tatsächlich erhält auch sie ab 1787 als anerkannte wissenschaftliche Mitarbeiterin Wilhelms ein festes Gehalt von 50 Pfund vom Hof. Das macht sie zur ersten beruflichen Astronomin der Welt und wahrscheinlich zur ersten Frau überhaupt, die für eine naturwissenschaftliche Tätigkeit bezahlt wird. Für Caroline bedeutet das sehr viel. Es ist "das erste Geld, das ich in meinem ganzen Leben für mich besaß und nach meinem Belieben verwenden konnte. Damit wurde mir ein sehr unbehagliches Gefühl von der Seele genommen.“

1786 ziehen die beiden nach Slough, wo sie ein 13 Meter langes Teleskop mit einem Durchmesser von 1,5 Metern bauen lassen – eine Attraktion, die viele Besucher anzieht (darunter Joseph Haydn), die manchmal gar von einem „Weltwunder“ sprechen. Caroline forscht nun auch direkt am Teleskop (besonders, wenn ihr Bruder verreist ist).

Die Kometenjägerin

Herschels aufsehenerregendes "40-Fuß-Teleskop"

Herschels aufsehenerregendes "40-Fuß-Teleskop"

Als Wilhelm 1788 heiratet, gibt Caroline "meinen Posten als Haushälterin" auf und zieht in eine Mietwohnung. Der Schwägerin begegnet sie zunächst mit Misstrauen, aber als ihr Neffe John 1792 geboren wird, zu dem sie ihr Leben lang eine enge Beziehung haben wird, bessert sich das Verhältnis (John wird später ebenfalls ein berühmter Astronom und Universalgelehrter).

Die Geschwister bleiben weiter ein erfolgreiches wissenschaftliches Team. Caroline kann nun immer mehr auch ihre eigenen Forschungen betreiben. Am 1. August 1786 entdeckt Caroline ihren ersten Kometen (35P/Herschel-Rigollet). Soweit bekannt, ist sie die erste Frau überhaupt, der dies gelingt. Ihr Unterstützer Sir Joseph Banks und die Royal Society fördern die Kommunikation der Entdeckung - ihre erste eigene wissenschaftliche Publikation.

Caroline entdeckt insgesamt 8 Kometen, außerdem hunderte von Sternennebeln (Nebulae) und Sternhaufen. 1797 legt sie der Royal Society einen Index und Ergänzungen zu John Flamsteeds Sternenkatalog vor, unter anderem mit einer Liste von 561 Sternen, die darin bis dahin fehlen.

Nach einem halben Jahrhundert nach Hause

Caroline Herschel im Alter von 92 Jahren

Caroline Herschel im Alter von 92 Jahren

Als Wilhelm 1822 stirbt, beschließt Caroline, England nach 50 Jahren zu verlassen und nach Hannover zurück zu kehren. Ihren langen Lebensabend verbringt sie bei der Familie ihres Bruders Dietrich. Die kleine alte Dame ist längst eine Berühmtheit in wissenschaftlichen Kreisen und erhält mehrere internationale wissenschaftliche Ehrungen, etwa die Goldmedaille und die Ehrenmitgliedschaft der Royal Astronomical Society (wiederum als erste Frau). Berühmte Wissenschaftler wie Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt besuchen sie.

Caroline Herschel stirbt mit 97 Jahren am 9. Januar 1848 in Hannover. Seit 2022 verleihen die Royal Astronomical Society und die Astronomische Gesellschaft gemeinsam die Caroline-Herschel-Medaille, mit der abwechselnd britische und deutsche Astronominnen geehrt werden.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Potthast, Jan-Björn: Caroline Herschel. Eine Frau greift nach den Sternen, in: dpma.de, online verfügbar unter: https://www.dpma.de/dpma/veroeffentlichungen/patentefrauen/carolineherschel/index.html, zuletzt geprüft am 07.05.2026.

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Sekundärliteratur

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Zeitalter der Revolutionen

Zeitalter der Revolutionen

Proteste und Revolten

Inhaltsverzeichnis

1. Liberté, Égalité, Bohnenkaffee: Der Paderborner Kaffeelärm von 1781

1. Liberté, Égalité, Bohnenkaffee: Der Paderborner Kaffeelärm von 1781
Eine Geschichte von der ausgehöhlten fürstbischöflichen Macht Ende des 18. Jahrhunderts und ein Lehrstück über das, was bürgerliche Proteste und eine gute Tasse Kaffee bewirken können


Es ist ein Kuriosum in der Stadthistorie. Wer die Geschichte vom Paderborner Kaffeelärm von 1781 gut zu erzählen weiß, dem ist ein lachendes Publikum sicher. Aber worum geht es genau? Was war passiert in Paderborn, dem beschaulichen Bistumsstädtchen, dass Ende des 18. Jahrhunderts plötzlich sonst so sittsame Bürger und treue Untertanen gegen die Obrigkeit revoltierten, Schmähschriften verfassten, missliebigen Beamten heimlich die Keller fluteten, aufsässige Spottgesänge anstimmten und ihren Protest auf die Straße trugen, bis sich der Fürstbischof und Landesherr Wilhelm Anton von der Asseburg gezwungen sah, zwei Kompanien Soldaten in Marsch zu setzen, um die Ruhe wiederherzustellen?

Kaffee als Getränk der privilegierten Schichten

Der Grund für den Aufruhr war ein Erlass des Fürstbischofs. Gleich mehrfach hatte Wilhelm Anton von der Asseburg versucht, seinen Untertanen per Gesetz das Kaffeetrinken auszutreiben. Auf Basis der Bestände des Erzbistumsarchivs kennt die Geschichtswissenschaft vier Paderborner Kaffeeedikte aus den Jahren 1766, 1767, 1777 und 1781. Begründet wurden die Verbote jeweils mit der Sorge, der Genuss des Luxusartikels könnte die Kaffeesüchtigen in den finanziellen Ruin treiben. Daher war der Kaffeegenuss lediglich den niederen Ständen untersagt. Die Privilegierten, der Adel, die Geistlichkeit und die höheren Beamten, durften weiterhin nach Lust und Laune die Mokkatässchen erheben. Nachdem die ersten Kaffeeedikte trotz hoher Geldstrafen und Belohnungen für Denunziationen nicht zum gewünschten Erfolg führten, ließ der Fürstbischof 1781 einen letzten und verschärften Erlass folgen.

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Nur eine Provinzposse?

Mit der heftigen Reaktion seiner Untertanen aber hatte er nicht gerechnet. Das Volk zeigte sich widerständig – und zwar aus zwei unterschiedlichen Motiven. Zum einen wollten sich die Menschen nicht von der Obrigkeit den Kaffeegenuss verbieten lassen. Zum anderen erregte die Ungleichbehandlung ihren Zorn: Kaffee sollte nicht länger ein Privileg sein, sondern ein Getränk des Volkes.

Die etwas beschwichtigende Bezeichnung „Paderborner Kaffeelärm von 1781“ erfand der Paderborner Chronist Georg Joseph Rosenkranz erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Man kann darin eine Provinzposse um ein belebendes Heißgetränk sehen, ein „Viel Lärm um nichts“. Es gibt aber auch andere Lesarten.


Aufruhr – acht Jahre vor der Französischen Revolution



Zum Beispiel die, dass in Paderborn das Bürgertum allmählich selbstbewusst wurde und mit Mitteln des Protestes begann, für seine Rechte einzutreten – und dies acht Jahre vor dem Ausbruch der Französischen Revolution. In dieser Deutung zeigt der Paderborner Aufruhr zudem die allmähliche Aushöhlung alter Machtstrukturen. Mit dem Aufmarsch seiner Soldaten gelang es Fürstbischof Wilhelm Anton von der Asseburg zwar, den Aufruhr niederzuschlagen, glücklicherweise ohne Blutvergießen. Aber langfristig durchzusetzen war das Kaffeeverbot nicht – auch nicht mit Mitteln der Drohung, mit Denunziation und militärischer Gewalt.

Das Kaffeeverbot – es gilt bis heute!

Widerrufen wurde das Kaffeeedikt übrigens niemals und wäre das Hochstift Paderborn mit der Säkularisation und der Angliederung an Preußen im Jahre 1803 nicht als Staat untergegangen, würde das Gesetzeswerk dem Papier nach immer noch gelten. An einem besonderen Ort ist der Kaffeegenuss sogar bis heute strengstens untersagt: Es ist das Erzbistumsarchiv, wo auch die Originaldokumente zum Paderborner Kaffeelärm lagern, darunter die fürstbischöflichen Kaffeeerlasse, die brieflichen Berichte von den Aufständen und die Bittschriften der Bürger. Anders als gegen das historische Edikt regt sich gegen das aktuelle Kaffeeverbot in den Magazinräumen und im Lesesaal des Erzbistumsarchivs kein Protest. Es gilt schließlich für alle gleichermaßen und es hat gute Gründe: Wo einzigartige Handschriften, historisches Aktenmaterial und wertvolle Druckwerke für die Nachwelt erhalten werden, ist nun wirklich kein Platz für Kaffee.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Pöllmann, Hans: Liberté, Égalité, Bohnenkaffee: Der Paderborner Kaffeelärm von 1781, in: Erzbistum Paderborn, online verfügbar seit 07.03.2024 unter: https://www.erzbistum-paderborn.de/news/liberte-egalite-bohnenkaffee-der-paderborner-kaffeelaerm-von-1781/, zuletzt geprüft am 24.03.2026.

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Sekundärliteratur

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Rheinbund

Napoleonische Ära

Napoleonische Ära

Widerstand und Aufbegehren gegen Napoleon

Inhaltsverzeichnis

1. Räuber und Gauner im Rheinland 1798-1814

1. Räuber und Gauner im Rheinland 1798-1814

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Bild eines Gendarmen, aus: Vernet/Lami, Collection des Uniformes des Armées françaises de 1791 à 1814, Paris 1822, Tafel 40.

1. Einleitung

Das or­ga­ni­sier­te Ban­den­we­sen er­leb­te um 1800 ei­ne Blü­te­zeit. Räu­ber­ban­den tra­ten zwar schon seit dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg auf, doch erst im 18. Jahr­hun­dert wuchs die Zahl ih­rer Mit­glie­der be­denk­lich an. Die Be­set­zung des Rhein­lan­des durch fran­zö­si­sche Trup­pen und die dar­aus fol­gen­de Ge­men­ge­la­ge aus al­ter und neu­er Ord­nung be­güns­tig­te zu­sätz­lich kri­mi­nel­les Ver­hal­ten. Dies stell­te die Be­hör­den so­wohl des An­ci­en Ré­gimes als auch der so­ge­nann­ten „Fran­zo­sen­zeit“ vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen.

Über die Räu­ber­ban­den im Rhein­land um 1800 ist be­reits viel ge­schrie­ben wor­den. Nicht nur die Wis­sen­schaft, son­dern auch die Bel­le­tris­tik hat sich des The­mas an­ge­nom­men. Die Ge­schich­ten und My­then um ein­zel­ne Räu­ber und die „he­roi­schen“ Über­fäl­le ha­ben seit je­her die Phan­ta­sie be­flü­gelt. Hin­ge­wie­sen sei nur auf die un­zäh­li­gen Ro­ma­ne und Fil­me rund um Jo­han­nes Bück­ler, den Schin­der­han­nes. Ähn­lich re­zi­piert wur­den auch sei­ne Kol­le­gen aus dem nörd­li­che­ren Teil des Rhein­lands. Die zen­tra­le Fi­gur ist hier – wenn auch nicht ganz so be­rühmt – Ma­thi­as We­ber, ge­nannt der Fet­zer. Von ihm wird noch die Re­de sein. Be­trach­tet wird im Fol­gen­den die staat­li­che Sicht­wei­se auf die Ban­den­kri­mi­na­li­tät im Spe­zi­el­len und auf die mo­bi­len Grup­pen im All­ge­mei­nen. Wer war ei­gent­lich un­ter­wegs? Wie wur­den die Leu­te auf der Stra­ße von den Po­li­zis­ten, Gen­dar­men, Bür­ger­meis­tern, Un­ter­prä­fek­ten, Prä­fek­ten usw. wahr­ge­nom­men? Wel­che Ei­gen­schaf­ten wur­den ih­nen zu­ge­schrie­ben? Und vor al­lem – wel­che Kon­se­quen­zen wur­den dar­aus ge­zo­gen?

In den Jah­ren 1798-1814 wur­de das ge­sam­te Staats­we­sen in den von Frank­reich er­ober­ten Ge­bie­ten neu or­ga­ni­siert. Al­te In­sti­tu­tio­nen wur­den ab­ge­schafft, neue ent­stan­den. Al­les war im Fluss. Auch die Ver­fol­gung ver­däch­ti­ger Per­so­nen wur­de auf neue Fü­ße ge­stellt. Tat­säch­lich ge­lang es, das Ban­den­we­sen so weit ein­zu­däm­men, dass es nach 1815 kei­ne be­son­de­re Be­dro­hung mehr dar­stell­te. Der Kampf ge­gen Räu­ber­ban­den war je­doch kein spe­zi­fisch rhei­ni­sches oder deut­sches Phä­no­men. Na­po­le­on kämpf­te an vie­len Fron­ten, nicht nur bei sei­nen Feld­zü­gen, son­dern auch in­ner­halb der er­ober­ten Ge­bie­te. Be­son­ders hef­tig wa­ren die Kon­fron­ta­tio­nen in Spa­ni­en und Ita­li­en, in de­nen das Räu­ber­we­sen in Ver­bin­dung mit Auf­stän­den ge­gen die fran­zö­si­sche Be­sat­zung stand. Die­se in­ne­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen kön­nen mit Mi­cha­el Bro­ers als „Na­po­le­ons an­de­rer Krie­g“ be­zeich­net wer­den.[1]

Die früh­neu­zeit­li­che Ge­sell­schaft war kei­nes­wegs ei­ne un­fle­xi­ble und star­re Ge­sell­schaft. Vor al­lem die His­to­ri­sche Mi­gra­ti­ons­for­schung hat den Blick auf die mo­bi­len Ele­men­te ge­lenkt. Et­li­che Leu­te wa­ren aus un­ter­schied­li­chen Grün­den un­ter­wegs. Die­ser Bei­trag be­trach­tet je­ne Grup­pen, die von den Be­hör­den als po­ten­zi­ell ge­fähr­lich ein­ge­stuft wur­den. Da­zu zäh­len vor al­lem Men­schen aus der so­zia­len Un­ter­schicht wie Räu­ber, Bett­ler, Va­ga­bun­den, Wan­der­händ­ler und De­ser­teu­re. Ein­be­zo­gen wer­den je­doch auch die wan­dern­den Hand­werks­bur­schen, da sie auf­grund ih­rer be­son­de­ren so­zia­len Stel­lung vom Staat nur schwer zu kon­trol­lie­ren wa­ren und eben­falls ein ge­wis­ses Ge­fah­ren­po­ten­zi­al in sich bar­gen. Nicht be­rück­sich­tigt wer­den die sons­ti­gen Rei­sen­den, Pil­ger und un­be­schol­te­nen Leu­te, die sich im nä­he­ren Um­kreis ih­res Wohn­or­tes be­weg­ten und nicht ak­ten­kun­dig ge­wor­den sind.

2. Die Entwicklung des Bandenwesens und die Maßnahmen des Staates bis 1798


Or­ga­ni­sier­te Grup­pen, die Ei­gen­tums- und Ge­walt­de­lik­te ver­üb­ten, tra­ten vor al­lem in wirt­schaft­li­chen Kri­sen­zei­ten auf. Ei­nen ers­ten Hö­he­punkt er­reich­ten sie nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, als zahl­rei­che Men­schen auf­grund der durch den Krieg her­vor­ge­ru­fe­nen bit­te­ren Ar­mut zu ei­nem Le­ben auf der Stra­ße ge­zwun­gen wur­den. Ei­ne ähn­li­che Pau­peri­sie­rung in Kom­bi­na­ti­on mit Krie­gen lässt sich im 18. Jahr­hun­dert be­ob­ach­ten, wel­che das er­neu­te An­wach­sen mo­bi­ler Rand­grup­pen und or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät be­güns­tig­te. Im Ge­fol­ge des Sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ges for­mier­te sich et­wa die so­ge­nann­te „Mehl­beu­tel­ban­de“ um Ni­ko­laus Ar­nold, ge­nannt „Mehl­beu­tel“. Die Ban­de war zwi­schen 1756 und 1763 im heu­ti­gen deutsch-nie­der­län­di­schen Grenz­ge­biet un­ter­wegs und ver­üb­te auch Über­fäl­le und Dieb­stäh­le im Düs­sel­dorf und Köln. In ih­ren Rei­hen be­fan­den sich auf­fal­lend vie­le De­ser­teu­re, was auf ei­nen Zu­sam­men­hang mit den Kriegs­er­eig­nis­sen hin­weist.

Be­reits in der Zeit vor Aus­bruch der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on 1789 lie­gen die An­fän­ge der gro­ßen Ban­den, die das Rhein­land bis in die Fran­zo­sen­zeit hin­ein un­si­cher mach­ten. So for­mier­te sich in den spä­ten 1780er Jah­ren in der Nä­he von Gro­nin­gen ei­ne Räu­ber­ban­de um Ja­kob Mo­y­ses. Sie bil­de­te den Kern der spä­te­ren Gro­ßen Nie­der­län­di­schen Ban­de, die die Nie­der­lan­de und das Rhein­land bis nach Mainz un­si­cher ma­chen soll­te. Die Gro­ße Nie­der­län­di­sche Ban­de war ein Ober­be­griff für vie­le Räu­ber­ban­den vom Nie­der­rhein bis nach Köln. Im Ber­gi­schen war zwi­schen 1796 und 1802 vor al­lem die Kre­fel­der und Neus­ser Ban­de un­ter ih­rem An­füh­rer Ma­thi­as We­ber, dem Fet­zer, ak­tiv.

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Die große jülich-bergische Policeyordnung von 1751. (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

Die kri­sen­haf­ten Wel­len las­sen sich auch an der Ge­setz­ge­bung der früh­neu­zeit­li­chen Staa­ten ab­le­sen. Et­wa seit dem 17. Jahr­hun­dert wur­den reichs­weit in den ein­zel­nen Ter­ri­to­ri­en und Reichs­städ­ten ver­stärkt Ge­set­ze und Ver­ord­nun­gen zur Be­kämp­fung frem­der Bett­ler, her­ren­lo­sen Ge­sin­dels und sons­ti­ger ver­däch­ti­ger Per­so­nen er­las­sen. In der ers­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts nahm die Ver­ord­nungs­dich­te zwar ab, stei­ger­te sich aber ab cir­ca 1770 wie­der deut­lich. Die­se Ver­ord­nun­gen wur­den zu­nächst in um­fang­rei­chen „Po­li­cey-Ord­nun­gen“ ver­öf­fent­licht, die al­le Be­rei­che mensch­li­chen Le­bens re­gel­ten.

In Kur­k­öln wid­me­ten sich in der Frü­hen Neu­zeit 87 Po­li­ce­y­ge­set­ze den mo­bi­len Rand­grup­pen und der Va­gan­ten­pro­ble­ma­tik. 53 wur­den al­lein von 1723, dem Amts­an­tritt des Kur­fürs­ten Cle­mens Au­gust bis zur Auf­lö­sung des Staa­tes 1806 er­las­sen. Be­son­de­res Au­gen­merk galt da­bei den frem­den, ar­beits­fä­hi­gen Bett­lern, den „Mü­ßig­gän­gern“ so­wie den „her­ren­lo­sen“ Va­gan­ten und Zi­geu­nern. Die­se stell­ten das ge­naue Ge­gen­teil ei­ner or­dent­li­chen, flei­ßi­gen und sess­haf­ten Ge­sell­schaft dar, und wur­den da­her mit dra­ko­ni­schen Stra­fen be­droht, wenn sie den Kur­staat nicht so­fort ver­lie­ßen. Die Stra­fen reich­ten von Ar­beits­stra­fen, Pran­ger, Brand­mar­kung bis hin zur To­des­stra­fe für frem­de Bett­ler und Zi­geu­ner.[2] Die Po­li­ce­y­ge­set­ze ziel­ten aber nicht nur auf die Ab­schre­ckung der mo­bi­len Rand­grup­pen, son­dern hiel­ten der „or­dent­li­chen“ Be­völ­ke­rung vor Au­gen, was sie bei ei­ner Ab­wen­dung von den bür­ger­li­chen Mo­ral­vor­stel­lun­gen er­war­ten wür­de. Dass ei­ne so ho­he Zahl an Po­li­ce­y­ge­set­zen mit grö­ß­ten­teils iden­ti­schem In­halt in ei­nem re­la­tiv kur­zen Zeit­raum er­las­sen wur­de, er­weckt zu­nächst den Ein­druck der Ohn­macht und Hilf­lo­sig­keit des Kur­staa­tes ge­gen­über den fah­ren­den Leu­ten. Wenn die ein­zel­nen Ge­set­ze strikt be­folgt wür­den, wä­re ih­re per­ma­nen­te Wie­der­ho­lung ja nicht not­wen­dig.

Die neue­re his­to­ri­sche For­schung sieht in die­sen Wie­der­ho­lun­gen al­ler­dings kei­ne Schwä­che des Staa­tes mehr, son­dern sie be­tont sei­ne Fä­hig­keit, sich im­mer wie­der in die Pro­ble­ma­tik re­gu­la­tiv ein­zu­brin­gen. Tat­säch­lich las­sen sich bei ge­naue­rem Hin­schau­en gra­du­el­le Un­ter­schie­de in den Po­li­ce­y­ord­nun­gen fest­stel­len, sei es bei der Be­stim­mung der­je­ni­gen, die be­kämpft wer­den sol­len, sei es bei der Art und Wei­se wie das Ge­setz um­ge­setzt wer­den kann oder sei es bei der Form der an­ge­droh­ten Stra­fe. Bis 1798 lässt sich – auch auf­grund der wach­sen­den Be­dro­hungs­la­ge durch die nä­her rü­cken­den fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen – ei­ne zu­neh­men­de Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Frem­den­po­li­cey fest­stel­len. Die Lis­ten der ver­däch­ti­gen Frem­den wur­den län­ger und de­tail­lier­ter, die Ver­fol­gungs­in­stru­men­te dif­fe­ren­zier­ter.

Ein Bei­spiel für den un­be­ding­ten Wil­len, das Pro­blem der Va­gan­ten an­zu­ge­hen, ist die von Kur­fürst Cle­mens Au­gust 1751 auf­ge­stell­te Hu­sa­ren­kom­pa­nie,  ei­ne vom Mi­li­tär un­ab­hän­gi­ge Trup­pe mit uni­for­mier­ten und fest be­sol­de­ten Män­nern, die im Erz­stift für Si­cher­heit auf dem Lan­de sor­gen soll­te. Die Hu­sa­ren­kom­pa­nie er­setz­te die sonst üb­li­chen, aber un­zu­rei­chen­den Strei­fen und Nacht­wa­chen in den ein­zel­nen Dör­fern.

Es man­gel­te aber vor al­lem an ei­nem ef­fi­zi­en­ten Jus­tiz­sys­tem, das die ver­haf­te­ten De­lin­quen­ten hät­te schnell und zu­ver­läs­sig ab­ur­tei­len kön­nen. So kam es im­mer wie­der zu Be­schwer­den, die Ge­mein­den wür­den gar kein Straf­ver­fah­ren an­stren­gen, son­dern ei­ni­ge Va­gan­ten gleich wie­der frei­las­sen. Zu ei­ner ef­fek­ti­ven Be­kämp­fung der Kri­mi­na­li­tät mo­bi­ler Rand­grup­pen kam es nicht, die Zahl der Fest­nah­men blieb dau­er­haft gleich hoch. Wäh­rend sich die Ob­rig­keit noch mit Ver­ord­nun­gen al­ten Stils ab­müh­te, war die Kre­fel­der und Neus­ser Ban­de be­reits gut im Ge­schäft.

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Edikt des Kurfürsten Clemens August vom 25.9.1751, in dem er befiehlt, die Verordnung zur Errichtung der Husarenkompanie zu publizieren, und zwar zu '„Verfolg und Ausrottung der Vagabunden“'. (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

3. Charakterisierung der umherziehenden Leute und Entwicklung des Bandenwesens nach 1798

Va­gan­ten üb­ten häu­fig am­bu­lan­te Dienst­leis­tun­gen aus als Sche­ren­schlei­fer, Pfan­nen- und Kes­sel­fli­cker, Sä­gen­fei­ler oder Vieh­kas­trie­rer oder han­del­ten mit Wa­ren al­ler Art wie Ge­schirr aus Por­zel­lan, Ton oder Zinn, mit Zun­der, Blas­roh­ren, Käm­men, Bürs­ten, Be­sen, Kör­ben, Sie­ben, Mau­se­fal­len, Knöp­fen und Schnal­len, oft auch mit ge­stoh­le­nen Wa­ren. In­dem sie die Land­be­völ­ke­rung mit Wa­ren al­ler Art ver­sorg­ten, er­füll­ten sie ei­ne wich­ti­ge öko­no­mi­sche Funk­ti­on. Doch auch hier lie­ßen sich kei­ne Reich­tü­mer ver­die­nen, da die Bau­ern oft selbst kaum Geld hat­ten und die Wan­der­händ­ler sich ge­gen­sei­tig Kon­kur­renz mach­ten. Wei­ter­hin wa­ren die „klas­si­schen“ Fah­ren­den un­ter­wegs, die Gauk­ler, die mit al­ler­lei Kunst­stü­cken für Un­ter­hal­tung auf dem Lan­de sorg­ten. Hier­zu zähl­ten auch die Quack­sal­ber, Zahn­bre­cher und Ocu­lis­ten, die mit viel Schau auf ih­re an­geb­li­chen oder auch tat­säch­lich vor­han­de­nen me­di­zi­ni­schen Fä­hig­kei­ten auf­merk­sam mach­ten. Schlie­ß­lich gab es noch die Hau­sie­rer mit Nach­rich­ten und Neu­ig­kei­ten, die ge­wis­ser­ma­ßen als vor­mo­der­ne Zei­tun­gen fun­gier­ten.

Oft reich­ten die­se Tä­tig­kei­ten al­ler­dings nicht aus, um über die Run­den zu kom­men, wes­halb sehr vie­le auf das Bet­teln an­ge­wie­sen wa­ren und zu Klein­kri­mi­nel­len wur­den. Von die­sen äu­ßerst be­dürf­ti­gen Va­gan­ten ging al­ler­dings nur ei­ne Min­der­heit zum ban­den­mä­ßig or­ga­ni­sier­ten, ge­walt­tä­ti­gen Raub über. Die­je­ni­gen Va­ga­bun­den, die kri­mi­nell wur­den, be­fan­den sich in al­ler Re­gel in ei­ner pre­kä­ren öko­no­mi­schen Si­tua­ti­on. Auch die mit dem Um­her­zie­hen ver­bun­de­ne Bin­dungs­lo­sig­keit so­wie die Aus­gren­zung aus der Ge­sell­schaft mach­ten die Va­gan­ten an­fäl­lig für das Ab­sin­ken in die Kri­mi­na­li­tät. Dies soll am Bei­spiel der Kre­fel­der und Neus­ser Ban­de nä­her er­läu­tert wer­den. Keim­zel­le der Kre­fel­der Ban­de wa­ren die Sche­ren­schlei­fer Fried­rich der Ein­äu­gi­ge und Fran­zis von Dah­len. Sie ver­üb­ten be­reits 1793 ers­te Über­fäl­le. Da sie über ein Pa­tent ih­res Ge­wer­bes – und da­mit über re­gu­lä­re Pa­pie­re – ver­füg­ten, war es nicht leicht, sie als Übel­tä­ter zu iden­ti­fi­zie­ren. Wei­te­re Mit­glie­der der Ban­de wa­ren im Lau­fe der Zeit vor al­lem ehe­ma­li­ge Sol­da­ten, Hand­wer­ker und Ju­den, das hei­ßt An­ge­hö­ri­ge ver­arm­ter Schich­ten.

1796 stieß Ma­thi­as We­ber, der den Bei­na­men „Fet­zer“ be­kam, 18-jäh­rig zur Ban­de. 1797 ging die Kre­fel­der Ban­de in der Neu­wie­der Ban­de auf, die durch ih­re Zu­ge­hö­rig­keit zur Gro­ßen Nie­der­län­di­schen Ban­de ei­nen we­sent­lich grö­ße­ren Ak­ti­ons­ra­di­us hat­te. Ihr Ge­biet um­fass­te Tei­le der Nie­der­lan­de, den ge­sam­ten Nie­der­rhein, das Ber­gi­sche Land und die Rhein­schie­ne bis hin­un­ter nach Mainz. In Neu­wied hat­te die Ban­de ih­ren ei­gent­li­chen Stütz­punkt. Da­ne­ben hat­te sie wei­te­re Schlupf­win­kel un­ter an­de­rem in Neuss und Deutz (heu­te Stadt Köln). Die Struk­tur der Ban­de darf man sich nicht als fest­ge­fügt vor­stel­len. Sie be­stand viel­mehr aus mo­bi­len Ein­hei­ten, die sich aus den für ei­nen be­stimm­ten Über­fall ge­eig­ne­ten und ge­ra­de ver­füg­ba­ren Mit­glie­dern zu­sam­men­setz­te. Es wur­de al­ler­dings dar­auf ge­ach­tet, dass zu­min­dest ei­ne Füh­rungs­per­sön­lich­keit da­bei war, die das Kom­man­do über­nahm. Sol­che Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten wa­ren ne­ben dem Fet­zer zum Bei­spiel der An­füh­rer der Gro­ßen Nie­der­län­di­schen Ban­de, Abra­ham Pi­card, Da­mi­an Hes­sel, ge­nannt das Stu­dent­chen, und Carl Heck­mann. Oh­ne ei­nen wa­ge­mu­ti­gen An­füh­rer wur­de ein ge­plan­ter Über­fall nicht durch­ge­führt.

Zu Be­ginn des Jah­res 1803 wur­de der Fet­zer mit ei­ni­gen Kom­pli­zen im Amt Ber­gen bei Frank­furt fest­ge­nom­men. Zu­fäl­lig in­spi­zier­te zu die­sem Zeit­punkt der öf­fent­li­che An­klä­ger An­ton Keil aus Köln die dor­ti­gen Ge­fäng­nis­se. Die­ser konn­te den Fet­zer zwei­fels­frei iden­ti­fi­zie­ren. Nur we­nig spä­ter wur­de der Fet­zer über den Rhein nach Köln trans­por­tiert, wo er am 19. Fe­bru­ar durch die Guil­lo­ti­ne nur 25-jäh­rig hin­ge­rich­tet wur­de. Nach ei­ge­nen An­ga­ben hat­te er in sei­nem kur­zen Le­ben ins­ge­samt 192 De­lik­te ver­übt.

Die an­de­ren Mit­glie­der der gro­ßen Räu­ber­ban­den er­fuh­ren ein ähn­li­ches Schick­sal. Da­mi­an Hes­sel wur­de En­de Ok­to­ber 1810 zum To­de durch die Guil­lo­ti­ne ver­ur­teilt. Abra­ham Pi­card wur­de 1805 eben­falls im Amt Ber­gen ver­haf­tet und starb 1807 im Ge­fäng­nis in Mar­burg. Nur we­ni­ge Mo­na­te nach dem Fet­zer, am 21.11.1803, wur­de auch Jo­han­nes Bück­ler, der Schin­der­han­nes, in Mainz hin­ge­rich­tet. Das Jahr 1803 gilt all­ge­mein als das Jahr, in dem die Zeit der gro­ßen Räu­ber­ban­den end­gül­tig zu En­de ging. Tat­säch­lich nahm die Ban­den­kri­mi­na­li­tät in den Jah­ren da­nach deut­lich ab. Sie ver­la­ger­te sich je­doch zu­neh­mend auf den ein­fa­chen Stra­ßen­raub und den or­ga­ni­sier­ten Schmug­gel. Ins­be­son­de­re die Er­rich­tung der Kon­ti­nen­tal­sper­re 1806 sorg­te für ein Auf­blü­hen des Schmug­gels.

Auch die er­neu­te ra­di­ka­le Neu­ord­nung der rhei­ni­schen Ter­ri­to­ri­en be­güns­tig­te das Ab­neh­men der Ban­den­kri­mi­na­li­tät. Bis 1806 konn­ten sich die Räu­ber be­quem von der lin­ken Rhein­sei­te auf die rech­te und um­ge­kehrt ab­set­zen. Der Rhein war die Gren­ze zwi­schen ver­fein­de­ten Mäch­ten. Nach Auf­lö­sung des Al­ten Reichs und der ter­ri­to­ria­len Neu­ord­nung ge­riet nun auch das rech­te Rhein­ufer un­ter fran­zö­si­schen Ein­fluss. Nach und nach wur­den auch dort die fran­zö­si­schen Ge­set­ze ein­ge­führt. Nun war es für Kri­mi­nel­le im Rhein­land nicht mehr so leicht, den Be­hör­den zu ent­kom­men. Zwi­schen 1810 und 1813 leb­te das Ban­den­we­sen er­neut auf. Dies­mal han­del­te es sich al­ler­dings vor al­lem um Re­frak­tä­re und De­ser­teu­re so­wie um ver­arm­te Leu­te, de­nen die Kon­ti­nen­tal­sper­re mit den da­mit ver­bun­de­nen Be­las­tun­gen die letz­te Le­bens­grund­la­ge ge­nom­men hat­te. Be­son­ders das be­reits in­dus­tri­ell ent­wi­ckel­te Gro­ßher­zog­tum Berg mit sei­ner Tex­til­pro­duk­ti­on hat­te dar­un­ter zu lei­den. Dort fan­den 1813 rich­ti­ge Ar­bei­ter­pro­tes­te, wie sie kenn­zeich­nend für das 19. Jahr­hun­dert wa­ren, statt.

4. Wahrnehmung der Räuber durch Staat und Gesellschaft

Wie schon im Al­ten Reich, so be­schränk­ten sich auch die fran­zö­si­schen Be­hör­den auf die dif­fu­se Kon­trol­le ver­däch­ti­ger Frem­der, der Va­ga­bun­den, von sons­ti­gem Ge­sin­del etc. Die durch­füh­ren­den Ver­wal­tun­gen vor Ort hat­ten al­so ei­nen nicht un­er­heb­li­chen Er­mes­sens­spiel­raum, wen sie un­ter die­se Ka­te­go­ri­en fas­sen woll­ten. Wenn kon­kre­te An­wei­sun­gen er­teilt wur­den, dann ge­schah dies auf­grund kon­kre­ter, meis­tens krie­ge­ri­scher An­läs­se. So war zum Bei­spiel die Er­obe­rung Mal­tas durch die Bri­ten 1798 ein Grund, um Durch­su­chun­gen nach Frem­den mal­te­si­scher Her­kunft an­zu­wei­sen. Dies wur­de dann gleich zum Rund­um­schlag ge­nutzt, um nach al­len Fein­den Frank­reichs, das hei­ßt Emi­gran­ten, De­ser­teu­ren, Pries­tern, Va­ga­bun­den und sons­ti­gem Ge­sin­del so­wie nach Eng­län­dern, Ame­ri­ka­nern und Rus­sen zu su­chen. Die Durch­su­chun­gen wa­ren vor al­lem po­li­ti­scher Na­tur und dien­ten dem Auf­spü­ren von Spio­nen.

Wäh­rend die Staats­fein­de Frank­reichs klar de­fi­niert wa­ren, blieb die Be­stim­mung der Va­ga­bun­den nach wie vor recht va­ge. Erst in ei­nem pro­vi­so­ri­schen Re­gle­ment zur Ar­men­für­sor­ge, das 1811 pu­bli­ziert wur­de, wur­de die Ka­te­go­rie des va­ga­bun­die­ren­den Bett­lers ge­nau­er de­fi­niert: Hier­zu zähl­ten die­je­ni­gen, die nicht in dem be­tref­fen­den Ar­ron­dis­se­ment ge­bo­ren wa­ren, die mit Un­ver­schämt­heit bet­tel­ten, sich als Sol­da­ten oder Krüp­pel aus­ga­ben oder in Grup­pen von mehr als vier Per­so­nen auf­tra­ten. Ein­hei­mi­sche ar­beits­fä­hi­ge Bett­ler soll­ten je­doch in die zu­stän­di­ge Ar­men­an­stalt, das so­ge­nann­te Bett­ler­de­pot auf­ge­nom­men wer­den. Die Ar­beits­fä­hig­keit, die noch vor 1798 über die Teil­ha­be an der Ar­men­für­sor­ge ent­schied, trat als Kri­te­ri­um ge­gen­über der ter­ri­to­ria­len Fremd­heit zu­rück. Die­se frem­den, um­her­zie­hen­den Bett­ler und Va­ga­bun­den wur­den viel­mehr als prin­zi­pi­ell ge­fähr­lich ein­ge­stuft und soll­ten der Gen­dar­me­rie über­ge­ben wer­den.

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Edikt des Kurfürsten Maximilian Friedrich vom 5.4.1762 bezüglich der 'Vertilg- und Ausrottung deren auswärtige Bettler und Müßiggänger fort nichtsnutzigen herrenlosen Gesindels und Vagabunden'. Eine Besonderheit ist hier, dass bei Verstoß gegen dieses Edikt nicht konkrete Körperstrafen angedroht wurden, sondern die Delinquenten ins Stockhaus nach Kaiserswerth gebracht werden sollten. (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

Aus­gren­zung er­folg­te auch da­durch, dass man be­stimm­ten Per­so­nen ei­ne Her­kunft aus fer­ne­ren Län­dern zu­schrieb. So wa­ren 1811 und 1812 an­geb­lich „ita­lie­ni­sche Kup­fer­wa­ren­händ­ler“ und „un­ga­ri­sche Schar­la­ta­ne“ un­ter­wegs. Die­se dien­ten wie­der­um als Be­grün­dung, al­le Ar­bei­ter und Wan­der­händ­ler zu kon­trol­lie­ren und ge­ge­be­nen­falls di­rekt an der Gren­ze ab­zu­wei­sen. Die Be­zeich­nun­gen sa­gen al­ler­dings nicht un­be­dingt et­was über die na­tio­na­le Her­kunft der Grup­pen aus. Sie sind ver­mut­lich eher Be­rufs­be­zeich­nun­gen, die sich ver­selbst­stän­digt ha­ben. Das glei­che Phä­no­men be­geg­net uns bei den Zi­geu­nern, eng­lisch „gyp­sies“. Die Be­zeich­nung „gyp­sy“ weist auf die ur­sprüng­li­che Her­kunft aus Ägyp­ten, „Egyp­t“ hin, wur­de spä­ter aber un­ab­hän­gig von der Her­kunft ver­wen­det.

Ei­ne zu­sätz­li­che Kri­mi­na­li­sie­rung er­fuh­ren die Va­gan­ten da­durch, dass sich vie­le Ju­den in ih­ren Rei­hen be­fan­den. Vie­le Ju­den wa­ren auf­grund der dau­er­haf­ten Aus­gren­zung aus der Ge­sell­schaft in der Frü­hen Neu­zeit in ei­ne so­zi­al pre­kä­re La­ge ge­ra­ten. Man schätzt ih­ren An­teil an den Fah­ren­den auf bis zu 20 Pro­zent. Nicht we­ni­ge da­von wur­den zu Mit­glie­dern der ge­fürch­te­ten Räu­ber­ban­den. Von 205 Ban­den­mit­glie­dern, die 1805 be­kannt wa­ren, wa­ren 112 jü­disch, was den Glau­ben un­ter­stütz­te, das Ban­den­we­sen sei ma­ß­geb­lich von Ju­den be­ein­flusst. Vor­ur­tei­le ge­gen­über Va­gan­ten und Ju­den ver­stärk­ten sich so ge­gen­sei­tig. Ju­den wa­ren aber nicht nur Tä­ter, son­dern auch häu­fig Op­fer ge­walt­sa­mer Über­fäl­le. Ju­den aus­zu­rau­ben hat­te für die Ban­di­ten zu­dem den Vor­teil, mit ei­ner we­ni­ger in­ten­si­ven Straf­ver­fol­gung rech­nen zu kön­nen. So teil­te der Schul­meis­ter von Sö­dern im Tau­nus dem über­fal­le­nen Mo­y­ses Löw mit, dass er die Sturm­glo­cke nur für Chris­ten und kei­nes­wegs für Ju­den läu­ten dür­fe.[3]  Ins­be­son­de­re die Ban­de des Schin­der­han­nes hat­te sich auf Über­fäl­le auf Ju­den spe­zia­li­siert. Doch auch im Rhein­land wa­ren im­mer wie­der Ju­den Op­fer der Räu­ber­ban­den. Er­wähnt sei­en hier nur ein Über­fall auf ei­nen Ju­den in Net­tes­heim durch die Kre­fel­der Ban­de so­wie der ge­schei­ter­te Über­fall auf ei­nen jü­di­schen La­den­be­sit­zer in Hörst­gen (heu­te Stadt Kamp-Lint­fort).

Das Bild, das von den Räu­ber­ban­den ge­zeich­net wur­de, war na­tür­lich über­wie­gend ne­ga­tiv. Die Ver­bre­chen wa­ren durch nichts zu ent­schul­di­gen. Un­ter­stüt­zung bei ih­ren Vor­ha­ben er­fuh­ren die Ban­den nur durch An­ge­hö­ri­ge der Un­ter­schicht, die sich zu­min­dest ei­nen klei­nen Vor­teil da­von ver­spra­chen oder de­ren Neid und Hass auf die Rei­chen be­reits so­weit ge­die­hen war, dass sie eben­falls zu Kri­mi­nel­len wur­den. Wei­te­re Un­ter­stüt­zung be­ka­men die Räu­ber nur durch Ein­schüch­te­rung bei­spiels­wei­se der Nach­barn, die Zeu­ge ei­nes Über­falls wur­den.

Die Pro­fes­sio­na­li­tät, mit der die Über­fäl­le teil­wei­se ver­übt wur­den, nö­tig­te al­ler­dings selbst dem öf­fent­li­chen An­klä­ger An­ton Keil Re­spekt ab. Vor al­lem in sei­nen Be­schrei­bun­gen des Fet­zers scheint so et­was wie Be­wun­de­rung her­vor: „Ma­thi­as We­ber ge­nannt Fet­zer ver­dient viel­leicht al­len un­ter Räu­bern, die in die­ser Ge­schich­te vor­kom­men, am meis­ten, daß man von ihm ein aus­führ­li­ches Ge­mähl­de ent­wer­fe; denn er ge­hört un­ter die we­ni­gen Men­schen, die sich im To­de wie im Le­ben treu blie­ben und bey gro­ßen Las­tern ei­ne gro­ße Fes­tig­keit der See­le be­sa­ßen.“[4]

5. Kontrollmaßnahmen des Staates und dessen Vorstellungen von Ordnungspolitik mit Rückblick auf das Ancien Régime

Die Maß­nah­men ge­gen die Räu­ber­ban­den und ge­gen Va­gan­ten im All­ge­mei­nen las­sen sich gut un­ter dem Be­griff der Frem­den­po­li­zei fas­sen. Wie be­reits er­läu­tert wur­de, ver­such­te die Ob­rig­keit im Al­ten Reich das Ge­mein­we­sen mit Hil­fe von Po­li­ce­ynor­men in Ord­nung zu brin­gen und zu hal­ten. „Po­li­ce­y“ war vor al­len Din­gen auf die Re­gu­lie­rung na­he­zu sämt­li­cher Le­bens­be­rei­che an­ge­legt. Nach 1798 setz­te zu­erst in den vier neu­en De­par­te­ments und ab 1806 schlie­ß­lich auch im Gro­ßher­zog­tum Berg ein Wan­del hin zu ei­ner Po­li­zei ein, die vor al­lem für die Ge­fah­ren­ab­wehr und die Auf­klä­rung von Ver­bre­chen zu­stän­dig war. 1804 schrieb der Köl­ner Mai­re Jo­hann Ja­kob Witt­gen­stein (1754-1823): „Es [ist] ei­ne der Haupt­auf­ga­ben ei­ner gut or­ga­ni­sier­ten Po­li­zei, ge­nau­so über die öf­fent­li­che Ru­he wie die Si­cher­heit der Ein­woh­ner und ihr Ei­gen­tum zu wa­chen, und ge­eig­ne­te Me­tho­den ein­zu­set­zen, um nicht nur den De­lik­ten vor­zu­beu­gen, son­dern auch um die­je­ni­gen in ih­ren ver­steck­tes­ten Win­keln zu ent­de­cken, die be­reits be­gan­gen wur­den, da­mit sie von dem zu­stän­di­gen Ge­richt ver­folgt wer­den kön­nen.“[5]

Ein ers­ter Schritt war die Neu­or­ga­ni­sa­ti­on der fran­zö­si­schen Gen­dar­me­rie im Jahr 1798. Ge­grün­det wor­den war die Gen­dar­me­rie 1791 in Frank­reich. Sie ent­wi­ckel­te sich aus der ehe­ma­li­gen kö­nig­li­chen Ma­ré­chaus­sée, die für die Si­cher­heit auf den gro­ßen Stra­ßen zu­stän­dig ge­we­sen war. 1798 stell­te Bri­ga­de­ge­ne­ral Wiri­on die Gen­dar­me­rie neu auf – par­al­lel zu ih­rer Ein­füh­rung in den vier neu­en rhei­ni­schen De­par­te­ments. In dem da­zu an­ge­fer­tig­ten Zir­ku­lar-Schrei­ben vom 6. Fruc­tidor VI (23.8.1798) hei­ßt es: „Die Na­tio­nal-Gen­dar­me­rie ist haupt­säch­lich ein­ge­setzt, um auf die Si­cher­heit der Land­ge­gen­den und der gro­ßen Stra­ßen zu wa­chen“.[6]

Um die Si­cher­heit auf dem Land zu ge­währ­leis­ten, wur­den der Gen­dar­me­rie zwei Auf­ga­ben­fel­der zu­ge­wie­sen:

  1. die Auf­ga­ben ei­ner ad­mi­nis­tra­ti­ven Po­li­zei, um Ge­fah­ren ab­zu­weh­ren (all­ge­mei­ne Über­wa­chung, Be­kämp­fung des Va­gan­ten­tums, as­sis­tie­ren­de Auf­ga­ben, Es­kor­tie­rung von Kon­vois, Si­che­rung der Ord­nung auf Märk­ten, Jahr­märk­ten, Fes­ten und sons­ti­gen Ver­samm­lun­gen)
  2. die Auf­ga­ben ei­ner jus­ti­zi­el­len Po­li­zei, zur Ein­däm­mung von Ta­ten, die nicht ver­hin­dert wer­den konn­ten (Fest­stel­lung von Ver­bre­chen und De­lik­ten, Durch­füh­rung von Ver­hö­ren, Auf­nah­me von Kla­gen und Zeu­gen­aus­sa­gen, Ver­haf­tung von Kri­mi­nel­len).

Da­mit sind im Prin­zip die Auf­ga­ben ei­ner mo­der­nen Po­li­zei ziem­lich ge­nau be­schrie­ben.

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Verordnung des Ministers des Innern des Großherzogtums Berg aus dem Jahr 1808, in der die Aufnahme von Bezeichnungen verdächtiger Personen angeordnet wird. (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

Da­mit sind im Prin­zip die Auf­ga­ben ei­ner mo­der­nen Po­li­zei ziem­lich ge­nau be­schrie­ben.

Die neu­en Her­ren aus Frank­reich stütz­ten sich bei der Ein­rich­tung ei­ner pro­fes­sio­nel­le­ren Po­li­zei in den vier rhei­ni­schen De­par­te­ments auf die be­reits vor­han­de­nen Struk­tu­ren. So wur­den die Bür­ger­haupt­leu­te der ehe­ma­li­gen frei­en Reichs­stadt Köln kur­zer­hand zu be­sol­de­ten Po­li­zei­kom­mis­sa­ren. Auch be­reits im Ent­ste­hen be­grif­fe­ne Ent­wick­lun­gen wur­den auf­ge­grif­fen, wie die Zen­tra­li­sie­rung des In­for­ma­ti­ons­flus­ses über ver­däch­ti­ge Per­so­nen und de­ren de­tail­lier­te Er­fas­sung. Wohn­ort­wech­sel wur­den mel­de­pflich­tig. An­sons­ten wur­den die vor­han­de­nen Me­tho­den der Frem­den­über­wa­chung nur mit mehr Nach­druck ver­kün­det, was manch­mal er­folg­reich war, manch­mal we­ni­ger. Die weit­aus häu­figs­te ver­häng­te Stra­fe war der Ver­weis aus der Stadt oder Ge­mein­de. Erst nach und nach be­griff man, dass da­mit das Pro­blem nicht ge­löst, son­dern nur ver­la­gert wur­de. Die ter­ri­to­ria­le Zer­split­te­rung des Al­ten Reichs hat­te der Aus­wei­sung ja noch ei­ne ge­wis­se Be­rech­ti­gung ge­ge­ben. Das Mit­tel der Aus­wei­sung war recht sim­pel und kos­ten­scho­nend. Es muss­ten kei­ne Ge­rich­te be­müht und kei­ne Ge­fan­ge­nen ver­kös­tigt wer­den. Vom ad­mi­nis­tra­ti­ven Auf­wand ganz zu schwei­gen. Un­ter den neu­en Um­stän­den in ei­nem gro­ßen Staats­ver­band aber war die­ses Mit­tel al­ler­dings nicht mehr taug­lich.

Die­se auf klei­ne­re ter­ri­to­ria­le Ein­hei­ten zu­ge­schnit­te­ne Pra­xis wur­de nach 1798 al­ler­dings nicht voll­stän­dig ab­ge­schafft. Um­her­zie­hen­de Ar­me und Bett­ler wur­den jetzt nur dann ab­ge­scho­ben, wenn sie aus ei­nem an­de­ren De­par­te­ment oder aus dem Aus­land stamm­ten. Wenn die Bett­ler aber aus dem De­par­te­ment stamm­ten, in dem sie un­ter­wegs wa­ren, so stand ih­nen ei­ne Un­ter­stüt­zung zu. Die Kos­ten für die Ver­haf­tung und Ab­schie­bung de­par­te­ments­frem­der Bett­ler über­nahm der Staat. Da­mit wur­den die kom­mu­na­len Kas­sen ent­las­tet und für die Ge­mein­den ein An­reiz zur Ko­ope­ra­ti­on ge­schaf­fen. 

Ei­ne bis heu­te zen­tra­le Me­tho­de, um mo­bi­le Men­schen zu kon­trol­lie­ren, ist die Aus­stat­tung die­ser Men­schen mit Päs­sen. Der Pass be­geg­net uns erst­mals im aus­ge­hen­den Mit­tel­al­ter als Aus­weis­pa­pier für Bo­ten. Da­nach wur­den Päs­se vor al­lem zur Kon­trol­le von Sol­da­ten ver­wen­det, die da­mit be­wei­sen muss­ten, dass sie sich er­laub­ter­wei­se von der Trup­pe ent­fernt hat­ten. Doch nach und nach wur­den Päs­se auch für an­de­re Be­völ­ke­rungs­grup­pen ver­wen­det, de­ren Kon­trol­le im In­ter­es­se der Ob­rig­keit lag. Da­zu zähl­ten bald die um­her­zie­hen­den Bett­ler, die mit dem Pass nach­wei­sen muss­ten, ob sie in ei­ner Ge­mein­de un­ter­stüt­zungs­be­rech­tigt wa­ren. Der Pass soll­te da­zu die­nen, sei­nen Trä­ger als den aus­zu­wei­sen, der er zu sein vor­gibt. Par­al­lel da­zu wur­den bei den Be­hör­den Re­gis­ter an­ge­legt, in de­nen theo­re­tisch al­le aus­ge­stell­ten Päs­se re­gis­triert wur­den. Ein Pass war er­for­der­lich, so­bald man sei­ne Hei­mat­ge­mein­de ver­ließ.

Die Ein­glie­de­rung der links­rhei­ni­schen Ge­bie­te in den fran­zö­si­schen Staat im Jahr 1798 brach­te ei­ne Ver­staat­li­chung des Pass­we­sens mit sich. Nun wur­de von Pa­ris aus be­stimmt, wie das Pass­we­sen ge­re­gelt wer­den soll­te. Dies hat­te den ent­schei­den­den Vor­teil, dass es nun im Links­rhei­ni­schen, ab 1806 auch im Rechts­rhei­ni­schen, ein­heit­li­che Vor­schrif­ten gab. Zu­dem wur­de die Pas­ser­tei­lung zen­tra­li­siert und ra­tio­na­li­siert. Die Päs­se dien­ten der Kon­trol­le der Mo­bi­li­tät. Da­von ver­sprach man sich ei­ne wirk­sa­me Be­kämp­fung der Kri­mi­na­li­tät, das schnel­le Auf­spü­ren von De­ser­teu­ren und Wehr­dienst­ver­wei­ge­rern, so­ge­nann­ten Re­frak­tä­ren, so­wie die Ver­hin­de­rung oder zu­min­dest Re­du­zie­rung des Va­gan­ten­tums. Doch die Räu­ber und Gau­ner wa­ren nicht auf den Kopf ge­fal­len, son­dern ih­nen ge­lang es ziem­lich oft, die Be­hör­den übers Ohr zu hau­en. Sie ga­ben sich als ehr­ba­re Wan­der­händ­ler aus oder ver­wen­de­ten Pa­pie­re für Hand­werks­ge­sel­len auf Wan­der­schaft. Un­ter die­sem Deck­man­tel ge­lang es ih­nen auch, sich in frem­de Häu­ser ein­zu­schlei­chen und dort ih­re Raub­über­fäl­le aus­zu­üben.

Ge­ra­de die­se Fehl­schlä­ge aber wa­ren es, die die Be­hör­den da­zu an­sporn­ten, das Pass­we­sen zu ver­bes­sern oder be­stimm­te Be­rei­che über­haupt erst staat­lich zu re­gu­lie­ren. So war dem Pro­vin­zi­al­rat von Sieg­burg ei­ne Rei­he von Kla­gen zu Oh­ren ge­kom­men, dass vie­le Bett­ler un­ter dem Na­men von Hand­werks­bur­schen bet­teln wür­den. Es sei schwie­rig, dies zu kon­trol­lie­ren, da die Hand­werks­bur­schen le­dig­lich mit ei­ner Kund­schaft ih­res Meis­ters aus­ge­stat­tet sei­en. Aus Sieg­burg kam der Vor­schlag an den Mi­nis­ter des In­nern des Gro­ßher­zog­tums Berg, die­se Kund­schaf­ten nicht als Päs­se an­zu­er­ken­nen, son­dern den Hand­werks­bur­schen, so­weit sie arm sind, un­ent­gelt­lich Päs­se aus­zu­stel­len. Die­ser Vor­schlag, der in­ten­siv dis­ku­tiert wur­de, wur­de schlie­ß­lich um­ge­setzt. Die Aus­weis­pflicht wur­de so­mit auf ei­nen wei­te­ren Per­so­nen­kreis aus­ge­dehnt.

6. Fazit

Im Al­ten Reich be­stand ein struk­tu­rel­les Un­ver­mö­gen der Ob­rig­kei­ten, das Va­gan­ten­tum nach­hal­tig zu be­kämp­fen. Die Vor­stel­lung von ei­ner gu­ten Po­li­cey, die sämt­li­che Le­bens­be­rei­che re­gelt, wur­de den am En­de des 18. Jahr­hun­dert her­vor­bre­chen­den Kon­flik­ten nicht mehr ge­recht. Doch muss fest­ge­hal­ten wer­den, dass es be­reits mehr oder we­ni­ger er­folg­rei­che Be­mü­hun­gen gab, das Va­gan­ten­tum zu be­kämp­fen und für mehr Si­cher­heit vor al­lem auf dem Lan­de zu sor­gen. Er­in­nert sei nur an die kur­k­öl­ni­sche Hu­sa­ren­kom­pa­gnie.

Die­se An­sät­ze wur­den un­ter den neu­en fran­zö­si­schen Her­ren durch­aus fort­ge­führt. Jetzt wur­den sie al­ler­dings mit mehr Här­te und grö­ße­rer Kon­se­quenz um­ge­setzt. Dies er­for­der­ten al­lein schon die im Ge­fol­ge der Ko­ali­ti­ons­krie­ge ent­stan­de­nen Räu­ber­ban­den. Sie stell­ten ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung für den Staat dar, der sich nun aber zu weh­ren wuss­te. Die Furcht vor den ge­fähr­li­chen Ban­den zog ei­ne ge­stei­ger­te Kri­mi­na­li­sie­rung al­ler Va­gan­ten nach sich. Die Ban­den­kri­mi­na­li­tät sorg­te auf die­se Wei­se für ei­nen Aus­bau der In­stru­men­te zur Wah­rung der in­ne­ren Si­cher­heit. Wich­ti­ge As­pek­te zur Er­hö­hung der all­ge­mei­nen Si­cher­heit wa­ren der Auf­bau ei­ner gut funk­tio­nie­ren­den Po­li­zei bzw. Gen­dar­me­rie so­wie die Eta­blie­rung ei­nes bis ins De­tail ge­re­gel­ten Pass­we­sens. Oh­ne die ter­ri­to­ria­le Ver­ein­heit­li­chung der links­rhei­ni­schen Ge­bie­te  und die recht­li­che An­glei­chung der rechts­rhei­ni­schen Ge­bie­te wä­ren die­se An­stren­gun­gen al­ler­dings nur schwer durch­zu­set­zen ge­we­sen. Die Räu­ber hat­ten nun kei­ne Chan­ce mehr, sich in ein Ge­biet ab­zu­set­zen, das nicht von Frank­reich kon­trol­liert wur­de.

Eben­so re­le­vant zur dau­er­haf­ten Nie­der­schla­gung des Ban­den­we­sens tru­gen noch an­de­re Fak­to­ren bei, die hier nicht be­rück­sich­tigt wer­den konn­ten oder nur am Ran­de er­wähnt wur­den. Da­zu zäh­len die Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Jus­tiz­we­sens, die Eta­blie­rung von Ge­fäng­nis­sen an­stel­le von Kör­per­stra­fen und die In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung des Ar­men­we­sens. Das Übel wur­de zu­neh­mend an der Wur­zel ge­packt. Nicht zu­letzt ge­lang es vor al­lem dem öf­fent­li­chen An­klä­ger An­ton Keil durch be­harr­li­che Nach­for­schun­gen, die Rä­dels­füh­rer der Ban­den zu er­mit­teln und aus dem Weg zu räu­men. Zum Schluss soll noch ein­mal der Fet­zer zu Wort kom­men: „Ich ha­be es aus der Ge­schich­te von mei­nes Glei­chen be­stä­tigt ge­fun­den, daß, so­bald der Ruhm ei­nes Räu­bers zu groß zu wer­den an­fängt, er nicht mehr lan­ge mit­macht, und der Jus­tiz bald in die Hän­de fällt; so ging es auch mir. […] Mein Ruhm er­scholl im­mer mehr und mehr; al­lein die­ses zog auch mei­nen Un­ter­gang nach sich.“[7]




 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Küntzel, Astrid, Räuber und Gauner im Rheinland 1798-1814, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/raeuber-und-gauner-im-rheinland-1798-1814/DE-2086/lido/57d124ad931b74.08562974 (abgerufen am 14.06.2026)


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Sekundärliteratur

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Napoleonische Ära

Frühe Demokratiebewegungen

Inhaltsverzeichnis

  1. Mainzer Republik. Aufbruch am Rhein
  2. ,,Die ersten modernen Wahlen auf deutschem Boden'' - Die Bergzaberner Republik 1792/93
  3. 18. März 1793: Ausrufung der Mainzer Republik

1. Mainzer Republik. Aufbruch am Rhein

In Mainz entsteht 1792/93 die erste Republik im deutschsprachigen Raum. Aber auf das rauschende Freiheitsfest folgt preußischer Beschuss.

Am 14. Juli 1789 stürzt die Pariser Bastille, das französische Volk widersetzt sich seinem König. Als die Sensation nach Deutschland dringt, jubelt die Bildungselite im Norden wie im Süden. Der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock besingt die Ereignisse als "des Jahrhunderts edelste Tat"; der Schriftsteller Heinrich Christian Boie spekuliert in seiner Zeitschrift Neues Deutsches Museum, dass das Geschehen in Paris"wie ein elektrischer Schlag" auf kein Land stärker wirken werde "als auf unser Deutschland".

Für die Aufklärer ist die Französische Revolution der Sieg des Lichtes über die Finsternis. Sie versprechen sich größte Auswirkungen auf das eigene Land mit seinen Hunderten Staaten und Staatchen, lose zusammengehalten durch das klapprige dynastische Konstrukt des Heiligen Römischen Reichs.

Elektrisiert ist auch der berühmte Weltreisende und Naturforscher Georg Forster, Hof- und Universitätsbibliothekar in Mainz. Ihm schwebt für Frankreich eine "Republik von 24 Millionen Menschen" vor, wie er seinem Freund Christian Gottlob Heyne am 30. Juli schreibt. Am 5. August beschließt die französische Nationalversammlung die Abschaffung aller Feudallasten und Standesunterschiede. Forsters nächster Brief an den Vertrauten setzt mit dem Ausruf "Welch eine Sitzung!" ein, als habe er selbst teilgenommen und nicht erst Tage später davon gelesen.

Die Zuschauerrolle der Deutschen endet drei Jahre danach. Im Frühjahr 1792 zieht die monarchische Koalition unter Führung Österreichs und Preußens gegen das revolutionäre Frankreich und wird am 20. September 1792 bei Valmy überraschend zum Stehen gebracht. Für Goethe ist die Kriegswende eine "neue Epoche der Weltgeschichte", denn nun rücken die Franzosen vor und marschieren ins linksrheinische Deutschland ein. Mit ihnen kommt die Revolution. Schnell fallen die Städte Speyer und Worms, dann gerät Mainz ins Visier. Beim Herannahen der Trikolore flüchten panisch Kurfürst, Adel und hohe Geistliche, im Schlepptau die französischen Emigranten. Die Stadt ergibt sich ohne Widerstand am 21. Oktober. Die Studenten freuen sich unverhohlen, aber auch brave Bürger stecken sich Revolutionskokarden an.

Besonders bei den Intellektuellen öffnet sich jetzt ein lange verschlossenes Ventil. Schon am übernächsten Tag, dem 23. Oktober, kommen um sechs Uhr abends im großen Akademiesaal des verwaisten kurfürstlichen Schlosses 20 Revolutionsanhänger zusammen, um die "Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit" zu gründen – es ist die Geburtsstunde des Mainzer Jakobinerklubs. Eins ihrer Mitglieder ist der Student Friedrich Lehne, Verfasser revolutionärer Gedichte und Lieder. "Die Sache der Freiheit" schätzt er höher als alle privaten Interessen.

Die Zahl der Klubmitglieder wächst rasch auf rund 500 an. Beitreten dürfen wie zu den französischen Klubs nur Männer, es gilt ein Mindestalter von zunächst 18, später 24 Jahren. Sechs Prozent aller infrage kommenden Mainzer sind somit Jakobiner – ein für diese Zeit ungewöhnlich hoher Grad an politischer Organisation in der mit 28 000 Einwohnern vergleichsweise großen Stadt.

Nicht alle politischen Sympathisanten treten sofort bei. Bibliothekar Forster erkennt: "Diese Neutralität ist mißlich, die Krisis naht heran, und man wird Partei ergreifen müssen." Am 5. November 1792 bittet er um Aufnahme. Das macht Eindruck, schnell steigt der Weltgewandte zu den führenden Männern auf und hält im Klub eine viel beachtete Rede. Binnen dreier Wochen seien "aus bedrückten, gemishandelten, stillschweigenden Knechten eines Priesters" – gemeint ist der Mainzer Erzbischof und Kurfürst – nun "aufgerichtete, lautredende, freie Bürger" geworden. Als radikale Gegner des Absolutismus skizzieren die Mitglieder des Klubs ihre Vorstellungen. Sie wollen Rechtsgleichheit und Menschenrechte, streben nach einer repräsentativen Demokratie mit allgemeinem Wahlrecht für Männer, Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit und fordern ein Wirtschaftssystem ohne Privilegien, Zünfte und Zollschranken.

Schnell formiert sich Widerstand. Die Mainzer Zünfte sind strikt gegen solche Ideen. Die bürgerlichen Kaufleute bevorzugen immerhin einen Mittelweg, eine konstitutionelle Monarchie ohne Privilegien für Adel und Klerus. Doch das geht den Freiheitsfreunden nicht weit genug.

Die Demokratie wird erprobt

Mit wachsender Mitgliederzahl wandelt sich die soziale Struktur des Klubs. Professoren, Lehrer, Ärzte, Juristen oder Studenten führen zwar das Wort, stellen jedoch nur etwa ein Fünftel der Mitglieder. Knapp die Hälfte sind Handwerker, kleine Kaufleute und niedere Beamte. Gezielt sprechen die Jakobiner die noch passiven Bürger aus Mainz und Umgebung an. Im Spätherbst 1792 ergießt sich eine Flut von lehrhaften Flugschriften, revolutionären Gedichten und Plakaten mit Bekanntmachungen, Aufrufen und Verordnungen über die Region, und in sonntäglichen Volksbelehrungen erläutern erfahrene Didaktiker wie der Mediziner Georg Christian Wedekind die demokratischen Grundsätze. Mancher Jakobiner wirkt in die ländliche Bevölkerung hinein, indem er sein Wirtshaus mit revolutionären Schriften tapeziert oder von der Kanzel herab den Kirchgängern die Vorteile der französischen Verfassung predigt.

Auch in neu gegründeten Periodika betreiben die Jakobiner Aufklärungsarbeit. So erklärt die Zeitung Der Bürgerfreund des Mathematikers Mathias Metternich der ländlichen Bevölkerung um Mainz zweimal wöchentlich in schlichter Sprache die Vorzüge der Demokratie. Intellektuelle abonnieren die Wochenschrift Der Patriot von Wedekind, die ständische Normalbevölkerung liest Die Neue Mainzer Zeitung oder der Volksfreund, in der Georg Forster die meisten Beiträge schreibt und in Ausgabe Nummer eins triumphiert: "Die Pressefreiheit herrscht endlich innerhalb dieser Mauern, wo die Buchdruckerpresse erfunden ward."

Die Mainzer Revolutionäre wissen, dass die Menschen nicht allein durch Erklärungen für die Revolution zu gewinnen sind. Auch Gemüt und Gefühl wollen angesprochen sein. So feiern sie am 13. Januar 1793 ein großes "Volksfest der Freiheit und Gleichheit". Auf dem Marktplatz steht ein 21 Meter hoher, mit Trikolorebändern geschmückter Freiheitsbaum, flankiert von zwei Piken mit roten Freiheitsmützen. Französische Militärs, aus Paris angereiste Kommissare und führende Mainzer Jakobiner halten feierliche Reden, und immer wieder erklingt die Marseillaise. Tausende Zuschauer verfolgen das Spektakel – teilweise sogar von den Dächern der umliegenden Häuser aus –, es wird ausgelassen getanzt und gesungen. Abends findet ein "Freiball" statt, zu dem die Mainzerinnen "bunte Schärpen von dreyerley Farbe, als roth, blau und weiß", tragen, wie Zeitzeugen berichten.

Wenige Tage später stirbt König Ludwig XVI. unter der Guillotine, und Frankreich ist endgültig Republik. Im Februar und März 1793 werden im "befreiten" Gebiet zwischen Landau und Bingen nach gleichem und direktem Männerwahlrecht die Abgeordneten für den Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent gewählt. Es ist das erste Parlament auf deutschem Boden, das sich uneingeschränkt zur Demokratie bekennt. Anders als in der Pariser Nationalversammlung, wo die Vertreter freier Berufe dominieren, sind in Mainz und Umgebung allein 70 der 130 Abgeordneten Bauern. Die Wahlbeteiligung liegt mit acht Prozent in den Städten und mit bis zu 30 Prozent auf den Dörfern auf einem ähnlichen Niveau wie in Frankreich. Anders als oft behauptet, ist sie nicht gering, denn in diesen Tagen wird die Demokratie erstmals erprobt, und die Bürger fürchten zu Recht mögliche Strafen bei Rückkehr des alten Regimes.

Am 17. März 1793, um neun Uhr morgens, treten die 130 Abgeordneten im Deutschordenshaus am Rheinufer zusammen, darunter 40 Mainzer Jakobiner. Jeder der Abgeordneten leistet den republikanischen Eid, "den Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit treu zu sein und die Pflichten eines Stellvertreters des freien Volkes gewissenhaft zu erfüllen". Danach wählt der Konvent den ebenso wortgewaltigen wie streitbaren Philosophieprofessor Andreas Joseph Hofmann zu seinem Präsidenten. Am 18. März 1793 ruft Hofmann vom Balkon des Deutschordenshauses den Rheinisch-Deutschen Freistaat aus. Der 18. März, er sollte ein Freiheitsdatum der deutschen Geschichte werden.

Doch die Unabhängigkeit währt nur kurz. Reichstruppen unter preußischer Führung ziehen einen Belagerungsring um Mainz. Die Deputierten wissen, dass ihre kleine rheinische Republik allein nicht lebensfähig ist. Am 23. März beantragen sie beim Pariser Konvent die Angliederung an die "Mutterrepublik" und entsenden eine Delegation. Eine Woche später hält der Vizepräsident der Mainzer Republik, Georg Forster, in der französischen Nationalversammlung eine Rede für das Gesuch, es wird unter tosendem Beifall einstimmig angenommen. Doch zu spät. Preußens Truppen beginnen mit dem Beschuss – Mainz steht in Flammen. Am 23. Juli verlassen die Franzosen die Stadt, und die zurückgebliebenen Republikaner trifft die Rache ihrer Gegner. Viele von ihnen werden ausgeplündert, misshandelt, öffentlich gedemütigt und verschwinden für Jahre in Verliesen auf der Festung Königstein im Taunus.

Dem Präsidenten Hofmann und einigen Mitstreitern gelingt die Flucht. Im Pariser Exil bemüht sich die Societé des Refugiés Mayençais jahrelang darum, das Schicksal ihrer in Deutschland eingekerkerten Freunde zu erleichtern. Erst nach dem Frieden von Campo Formio im Oktober 1797, als Österreich den Franzosen das linke Rheinufer überlässt, können die Mainzer Demokraten in ihre Heimat zurückkehren.

Ihr politisches Erbe reichen sie weiter. Die Traditionslinien führen bis zur Paulskirche und darüber hinaus, denn nicht selten setzen Kinder und Enkel das begonnene Werk fort. Mathias Metternichs Sohn Germain etwa, der 1848/49 als Revolutionär kämpft. Einer aus dem Klub von 1793 ist selbst im Frankfurter Vorparlament aktiv: Adam Itzstein führt dort als Vizepräsident 72-jährig die Regie. Auch Andreas Joseph Hofmann, der erste deutsche Präsident, erlebt die Revolution und ihr Scheitern. 1849 ist das Jahr seines Todes. Auf seinem Grabstein steht der hoffnungsvolle Wunsch, dass sich endlich der "Sieg des Rechts, der Freiheit und der Humanität" erfüllen möge.

2. ,,Die ersten modernen Wahlen auf deutschem Boden'' - Die Bergzaberner Republik 1792/93

Gesetzgeber! Das aus mehr denn zehn Dörfern bestehende, dem Herzog von Zweibrücken bisher zugehörige Oberamt Bergzabern, müde, sich noch als Sklaven eines despotischen Fürsten und dessen grausamen Trabanten, mitten unter einem freien und glücklichen Volke zu sehen, und durch die Siege der fränkischen Freiheitswaffen beherzt gemacht, hat plötzlich die Fesseln der schändlichen Knechtschaft, in der es seufzte, abgestreift und stellt sich den erhabenen Stellvertretern der fränkischen Nation frei dar, um ihnen für die große, den Völkern zubereitete Wohltaten zu danken und die Vereinigung mit der Republik zu begehren.

Der uns heute in seiner Wortwahl und im begeisterten Ton fremd anmutende Text stammt vom 10. November 1792 und war von Bergzaberner Bürgern an den Nationalkonvent in Paris gerichtet.

Übersetzt man ihn in unsere weniger schmuckvolle Sprache, dann könnte man von einer Art Unabhängigkeitserklärung südpfälzischer Gemeinden in der Französischen Revolutionszeit sprechen. Also: ein besonderes Dokument und auch einzigartig.

Wie kam es dazu? Die Französische Revolution, die mit dem Bastille-Sturm vom 14. Juli 1789 begann, schwappte schnell ins Elsass und in die Pfalz über. Schon am 20. Juli kam es zu Unruhen in der damals französischen Stadt und Festung Landau, die kurz darauf in eine Meuterei innerhalb der Garnison und in die Entmachtung des Magistrats, also der alten Stadtverwaltung, mündeten. Am 30. Juli begannen die Bauern in dem zwischen Kurpfalz und dem Hochstift Speyer aufgeteilten Fischbach bei Dahn den Aufruhr und teilten Äcker und Wiesen unter sich auf. Anfang August ergriff die Empörung auch die Dörfer Dörrenbach und Oberotterbach sowie das kurpfälzische Annweiler.

Schwelender Konflikt zwischen Volk und Fürstenhaus

Die Unruhen kamen nicht aus heiterem Himmel. Zeichen für eine zunehmende Gärung in der Bevölkerung hatte es schon vor 1789 gegeben. Nur erkannten die Landesherren und ihre Beamten diese Warnsignale nicht. Eine wichtige Rolle nahm das etwa 1.700 Einwohner zählende südpfälzische Residenzstädtchen Bergzabern ein. In dem von einer selbstbewussten evangelischen Handwerkerschicht geprägten Gemeinwesen saß auch die Verwaltung des pfalz-zweibrückischen Territoriums in der Südpfalz. Zu den wirtschaftlichen Beschwerden dieser Zeit kamen noch konfessionelle Probleme hinzu, die wir heute kaum nachvollziehen können.

Damals zählte aber die Konfession. So war es über lange Jahre hinweg zu einer Entfremdung zwischen der überwiegend evangelischen Bevölkerung Bergzaberns und dem Fürstenhaus gekommen, das nach mehreren Konfessionswechseln 1718 schließlich katholisch wurde. Was die wirtschaftlichen Probleme betraf, so hatte bereits 1782 der Stadtrat der Zweibrücker Regierung eine Denkschrift vorgelegt, in der er die als ungerecht empfundene Besteuerung kritisierte. Es wäre interessant zu untersuchen, ob die Steuern mit den immensen Kosten zusammenhingen, die der Landesherr, Herzog Karl II. August, für den Bau seines Schlosses Karlsberg bei Homburg benötigte. Eine offene Kritik wagten die Bergzaberner Untertanen noch nicht, immerhin unterschrieb „der gehorsame Stadtrat“.

Das leidige Gift der Freiheitsseuche

Sieben Jahre später war es mit dem Gehorsam vorbei und die Bürger von Bergzabern brachten ihre Forderungen wieder vor und dieses Mal viel deutlicher. Unter anderem ging es um die Nutzungsrechte in den Waldungen, die zwischen dem Herzog und den Bürgern umstritten waren. 

Anfänglich glaubte der herzogliche Regierungsrat Klick noch, den aufflammenden Protest beruhigen zu können. Allerdings sah er die Gefahr einer Revolte durchaus, als er an seinen Herzog schrieb: „Ich muss zur Schande der Stadt Bergzabern sagen, dass ein sehr großer Teil, wohl die Hälfte und noch mehr, mit dem leidigen Gift der Freiheitsseuche angesteckt ist“. Er sollte Recht behalten. Es blieb nicht beim schriftlichen Protest, sondern die Aufrührer wurden tätlich. Am 19. September 1789 läuteten sie die Sturmglocke, besetzten das Rathaus und sperrten den regierungstreuen Stadtrat aus.

In unserer modernen Kommunikationswelt täuschen wir uns, wenn wir glauben, dass es früher eine Ewigkeit gedauert hat, bis sich Nachrichten verbreiteten. Gewiss, nicht jedes Ereignis in der fernen Welt gelangte in die heimischen Wohnzimmer. Der berühmte Sack, der in China umfällt, löste nicht wie heute ein Medienecho aus. Aber wenn am 14. Juli 1789 in Paris die Bastille gestürmt wurde und es am 20. Juli in der französischen Festung Landau zu einem Volksauflauf kam, dann zeigt dies doch deutlich, wie schnell sich die Kunde von wichtigen Ereignissen verbreitete. Freilich, nicht jeder konnte im Juli 1789 fern von Paris die politische Dimension des Bastillesturms erkennen. Eine der Wenigen war die in Bergzabern lebende englische Adlige Baronesse Mary von Bode, die als eine der Ersten von Revolution sprach und nach Hause schrieb: „Man wagt kaum zu sagen, was man von der Revolution hält. Gott allein weiß, wie dies alles noch enden wird“.


Landau – Zentrum der Revolution

Landau, die französische Festung, wurde in der Folgezeit zum Kernpunkt der revolutionären Bewegung in der Südpfalz. Hier lässt sich auch die „Fieberkurve“ der Revolutionsbegeisterung am ehesten verfolgen und beschreiben. Es kam zu einer Meuterei in der Garnison, der Magistrat, also die alte Stadtverwaltung, wurde entmachtet und von der Munizipalität, der neuen Verwaltung abgelöst. Im Juni 1790 gründete sich ein Jakobinerklub. Der Jakobinerklub war jedoch entgegen landläufiger Meinung keine Ansammlung verarmter Jungradikaler, sondern repräsentierte das Bürgertum und vor allem das protestantische.

Revolutionärer Elan war dem Klub trotz aller Bürgerlichkeit nicht abzusprechen. Er empfand sich als „Speerspitze der Revolution“ und agierte in diesem Sinne nicht nur in der Stadt, sondern auch in ihrer ländlichen Umgebung. Da zog man hinaus auf die Dörfer, sang Lieder – oft waren es umgedichtete Kirchenlieder –, man trug Gedichte vor, diskutierte, pflanzte Freiheitsbäume und gründete Brüderklubs. Deren Existenz lässt sich freilich heute nur schwer und nur indirekt nachweisen, denn wie immer nach gesellschaftlichen Umbrüchen, vor allem, wenn sie mit Gewalt und Krieg einhergingen, versucht man die Spuren früheren Engagements zu verschleiern oder ganz zu vernichten. Die große Ausnahme findet sich in Landau, wo im dortigen Archiv die Protokolle der „Gesellschaft der Constitutionsfreunde“, wie sich der Jakobinerklub nannte, verwahrt werden.

Die Revolution breitet sich aus

Auch von Weißenburg aus „missionierte“ der dortige Klub in der Umgebung. Oftmals wurden die Jakobiner bei ihren Propagandaaktionen von den protestantischen Dorfpfarrern unterstützt, die auch die Gottesdienste nutzten, um die Revolution zu predigen. So überrascht es nicht, dass gerade in protestantisch geprägten Gemeinden die Radikalisierung am ehesten voranging. Aber sogar in rein katholischen Gemeinden wie z. B. Herxheim gelang es, Klubs zu gründen. Wirksamer noch als die zahlreichen revolutionären Flugschriften, die überall kursierten, dürften die persönlichen Auftritte der „Freiheitsmänner“ in den Dörfern gewesen sein. Denn nicht jeder konnte lesen. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts betrug der Anteil der Analphabeten im Bereich Dahn 76 Prozent! In der Südpfalz waren es immerhin nur (!) 54 Prozent.

Wie auch immer, die revolutionären Ideen wurden zu Katalysatoren für eine schon lange andauernde und nun fortschreitende Unruhe. Im August 1789 begehrte die Bevölkerung in Kandel, Annweiler und Oberotterbach auf und so wurde das pfalz-zweibrückische Territorium um Bergzabern und Kandel zum zweiten Schwerpunkt revolutionärer Unruhen in der Südpfalz. Es ging den Untertanen aber nicht in erster Linie um Ideologie. Vielmehr lassen sich die Beschwerden der verschiedenen Gemeinden auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Im Mittelpunkt standen die Forderungen nach Abschaffung wirtschaftlicher Hemmnisse. Noch war hier nicht die Rede von einer etwaigen Enteignung der Kirche und der Herrschaften, zu der es ja später dann kam. Lange ließ die Radikalisierung der Wünsche und Forderungen aber nicht auf sich warten. Doch zum Unterschied zu den Ämtern Dahn und Berwartstein, wo es beim Aufbegehren der Bevölkerung blieb, kann man im pfalz-zweibrückischen Territorium von einer weitgehenden Politisierung sprechen.

Hier waren es die Gemeinden selbst, die ihre Forderungen anmeldeten und auch vertraten. Sie waren es, die die Rechtmäßigkeit des herrschaftlichen Besitzes bestritten und Ländereien beanspruchten, die weltliche und kirchliche Herrschaften in den Dörfern besaßen.

Die Behörden in Zweibrücken erkannten die Situation nicht rechtzeitig und die Versuche ihrer Beamten vor Ort, die „Aufrührer“ zu beruhigen, schlugen fehl. Aber was hätten sie auch tun können, außer die Entwicklung zu beobachten und ständig Meldungen nach Zweibrücken zu senden. Die Regierung versprach zwar eine Untersuchung der Beschwerden, allerdings arbeitete die hierfür eingesetzte Kommission sehr zaghaft und langsam.

Propaganda und Gegenpropaganda

Immerhin gab die Regierung am 19. Juli 1791 bekannt, dass sie einige Missstände in der Stadt, die schon 1789 angemahnt worden waren, abstellen wollte – den Bürgern reichte dies aber nicht aus. Die Initiative lag nicht mehr in den Händen der Regierung. Sie konnte nur noch reagieren – und dies tat sie schwach. Sie ließ immer wieder Maueranschläge oder Flugblätter verbreiten, die vor dem „Gift der Revolution“ warnten. Revolutionäre Flugschriften wurden eingesammelt und die Personen, die sie verteilt hatten oder die man in Verdacht hatte, wurden überwacht. Neben der hergebrachten Obrigkeit hatten die Menschen in 

Bergzabern auch andere Vertreter der alten Ordnung in ihren Mauern. Es waren die zahlreichen Emigranten, die aus Frankreich geflohen waren und vom Herzog eine Aufenthaltsgenehmigung für sein Territorium erhalten hatten. Hinzu kamen katholische Priester aus dem Elsass, die sich hierher geflüchtet hatten. So prallten hier wie sonst nirgends in der Südpfalz revolutionäre und antirevolutionäre Propaganda aufeinander. Letztere blieb wohl immer mehr erfolglos und so erreichte die Revolutionierung der Südpfalz im Herbst 1792 ihren ersten Höhepunkt. Es war die Präsenz der französischen Truppen, die im September 1792 die Pfalz besetzt und die Festung Mainz erobert hatten, was der Bewegung in der Südpfalz den entscheidenden Schub gab. Am 25. Oktober 1792 wurde in Ingenheim ein Freiheitsbaum gepflanzt, am 2. November war Mühlhofen an der Reihe. Der Ort erklärte sich als „fürstenfrei“. In beiden Gemeinden waren es die evangelischen Pfarrer und Lehrer, die zu Wortführern der Bewegung wurden. Die Liste der Dörfer, in denen man Freiheitsbäume pflanzte, wurde immer länger.

Bergzabern will Anschluss an das revolutionäre Landau

Auch in Bergzabern gärte es, wie Franz-Xaver Remling in seiner umfassenden Darstellung „Die Rheinpfalz in der Französischen Revolutionszeit“ aus dem Jahre 1865 berichtet. Remling (1803–1873) war katholischer Priester und gleichzeitig ein bedeutender Historiker. So ist natürlich seine Darstellung der revolutionären Ereignisse sehr parteiisch. Aber trotz einiger verbaler Ausfälle gegen die „Hetzer“, „Wühler“ oder „Freiheitsschwindler“, wie er die Anhänger der neuen Ideen bezeichnete, bietet er die einzige detaillierte Darstellung der Zeit, und bislang hat sich jeder Historiker, der sich mit dem Thema befasste, auf ihn und seine Quellenstudien bezogen.

„Am 4. November 1792 begannen in der Stadt Bergzabern und im ganzen Amte Barbelrodt die aufrührerischen Bewegungen ohne Scheue“, schreibt er. Man entsandte von Bergzabern aus eine Abordnung nach Landau, „damit von der dortigen Munizipalität Abgeordnete gen Bergzabern, wie nach Mühlhofen, gesendet würden, um die Freiheit zu verkünden und den Eid der Treue auf die französische Verfassung abzunehmen.“

Die Landauer verwiesen die Bergzaberner darauf, dass sie sich nicht einfach Landau oder Weißenburg anschließen könnten, „sondern nebst den anderen gleichgesinnten Dörfern einen eigenen Freiheitsbund abschließen müssten“. Auch wenn die Landauer dem Wunsch der …

Die Landauer verwiesen die Bergzaberner darauf, dass sie sich nicht einfach Landau oder Weißenburg anschließen könnten, „sondern nebst den anderen gleichgesinnten Dörfern einen eigenen Freiheitsbund abschließen müssten“. Auch wenn die Landauer dem Wunsch der Bergzaberner nicht nachkamen, sie in ihren Kreis aufzunehmen, so versprachen sie wenigstens, ihnen bei ihrer Aktion behilflich zu sein.

Am 6. November erschien also eine Delegation aus der Stadt. Es waren Vertreter der Munizipalität und des Jakobinerklubs, begleitet von sechs Offizieren der französischen Garnison. In einem festlichen Zug wurden sie von der versammelten Bürgerschaft in die Stadt hinein zum Rathaus geleitet. In einer Ansprache versicherte der Landauer Jakobiner Johann Jakob Groß, der zeitweise auch „Maire“ (= Bürgermeister) war, den Bergzabernern, sie seien nicht als Abgeordnete der französischen Nation gekommen, sondern als Freunde der hiesigen Bürger. Einzig der Nationalkonvent sei der richtige Adressat, um sie als französische Bürger aufzunehmen.

Nach dieser Ansprache ging es erst einmal zu einem großen Mittagessen. Nachdem man sich gestärkt hatte, versammelte man sich wieder auf dem Rathaus und Groß ergriff erneut das Wort. Er fragte die Versammelten, unter denen die Anhänger der Regierung die Minderheit stellten, ob sie sich inzwischen beraten hätten und welche Beschwerden sie eigentlich gegen ihren Herzog vorzubringen hatten. Die Wortführer wiesen auf die 1782 verfasste Schrift hin, die ihrer Meinung nach ohne Resonanz geblieben sei. Groß erwiderte darauf, da der Landesherr seine Pflichten gegen die Bürgerschaft nicht erfüllt habe, so sei auch diese ihren Verpflichtungen gegen jenen enthoben.

Nun forderte er die Bürger auf (von Bürgerinnen war damals nicht die Rede), den Eid auf die französische Revolutionsformel „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zu leisten. Dies taten die Versammelten und wählten auch sofort eine neue Gemeindeverwaltung. Zum Maire gewählt wurde Adam Mayer, der Wirt des Gasthauses „Zum türkischen Kaiser“.

Bruch mit der alten Ordnung

Auf dem Marktplatz und vor dem Haus des neuen Maires wurden Freiheitsbäume aufgestellt, die noch verbliebenen Insignien der herzoglichen Regierung wurden abgerissen und auf dem Kirchturm wurde die Trikolore gehisst. Jeder Bürger musste sich dann auch mit der Nationalkokarde Blau-Weiß-Rot schmücken. Als Zeichen der Ablösung der Feudalgerichtsbarkeit wurde der Galgen auf dem Marktplatz verbrannt. Die Bürger weigerten sich, wie zuvor die Schlosswache zu stellen. Sie schlugen die herzoglichen Wappen am Riesentor und am Ludwigsbau des Schlosses aus und entfernten das pfalz-zweibrückische Wappen aus seiner Steinfassung. Es kam auch zu Übergriffen auf Personen, die man enger Beziehung zum alten Herrscherhaus verdächtigte.

Vier Tage später, am 10. November, baten 32 südpfälzische Gemeinden um die Aufnahme in die Französische Republik. In Bergzabern unterschrieben 273 von 285 wahlberechtigten Bürgern diese Petition. Das war ein veritabler und gewagter Aufstand, auf den der Herzog mit Waffengewalt reagierte – allerdings vergeblich. Die Einheiten, etwa 300 Mann stark, mussten bei Vorderweidenthal umkehren. Ein Aufgebot aus dem Oberamt mit einer Verstärkung aus Weißenburg zog den zweibrückischen Truppen entgegen, um sie aufzuhalten. Die Kommandeure der Zweibrücker Einheiten scheuten den offenen Konflikt mit der Bergzaberner Nationalgarde und zogen sich zurück. Selbst Remling kommt nicht umhin zu schreiben: „Die Bergzaberer waren bereits mit den Franzosen zu eng verbunden, für die Freiheit und Gleichheit zu leben und zu sterben“.

Am 19. November wurde die Bergzaberner Adresse in der Nationalversammlung in Paris verlesen. Der Text sollte gedruckt und an alle Departements verschickt werden. In dem Text werden die Orte des Oberamtes Bergzabern ausdrücklich genannt.

Die Republik Bergzabern

Am 7. Dezember 1792 beschlossen die meisten südpfälzischen Dörfer, keine Abgaben mehr zu entrichten und ihre Kirchen und Lehrer selbst zu wählen. Am 22. Januar beschlossen die Gemeinden, bis zur Aufnahme in die Französische Republik einen Freistaat zu gründen. Die neue Volksvertretung nannte sich „schweizerischer Landtag“. Dieser Landtag sollte im Amt bleiben, bis die Aufnahme nach Frankreich vollzogen wäre.

„Das größte Kuriosum der Revolution in der Pfalz ist jedoch Bergzabern, für einige Zeit eine richtige kleine Republik, die von Bergzaberns Bürgern aus eigener Kraft und ohne militärische Macht ausgerufen wurde.“

Am 15. März wurden die 32 aufständischen Dörfer vom Nationalkonvent in die Französische Republik aufgenommen. Sie bildeten nun einen Bestandteil des Distriktes Landau.

Die Restauration

Lange existierte dieses demokratische Gebilde allerdings nicht. Die französischen Truppen wurden im Jahr 1793 von den Preußen und Österreichern zurückgedrängt und die alte Ordnung kehrte unter ihrem Schutz wieder zurück. Nun flohen die Anhänger der Revolution mit den Franzosen. Die Bürger mussten im gesamten zweibrückischen Territorium dem Herzog erneut huldigen.

Mit der französischen Rheinarmee flohen viele Bürger, die an der Revolution beteiligt gewesen waren, aus Bergzabern. Ihr namhaftester Vertreter war der bereits erwähnte Johann Adam Mayer, der auch der erste „Maire“ der Stadt gewesen war. Er sollte es späterhin in der französischen Armee bis zum Divisionsgeneral bringen.

Man glaubte, die alte feudale Ordnung nun wieder sicher hergestellt zu haben. Dem war aber nicht so: Schon im Dezember 1793 erfolgte der Gegenangriff der Franzosen und mit der Befreiung der von den Preußen und Österreichern belagerten Festung Landau endete das kurze Wiederaufleben der alten Feudalordnung.

Was bleibt?Wenig Sichtbares. Einzig die ausgeschlagenen Wappen der Herzöge von Zweibrücken am Schloss in Bad Bergzabern erinnern heute noch an dieses Ereignis in der Südpfalz. Die „Bergzaberner Republik“ sollte für die Stadt Bergzabern eine revolutionäre Tradition einleiten. Aus diesem Ort stammen Männer, die beim Hambacher Fest aktiv waren und sich auch noch in der Revolution von 1848/49 engagierten. Sie gehörten zu den Verfechtern freiheitlichen Gedankengutes. In ihren Familien wurden die Ereignisse der Französischen Revolution zum lebendigen Familienerbe.

3. 18. März 1793: Ausrufung der Mainzer Republik

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Der Tanz um einen Freiheitsbaum: Wo Freiheitsbäume außerhalb Frankreichs errichtet wurden, war das Gebiet von der französischen Revolutionsarmee besetzt worden. In der Regel lebten an jedem Ort einige Anhänger der Aufklärung und der Ideen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. (© Bundesarchiv, Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte, Rastatt)

Da das Protokoll gerade dieser Sitzung des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents nur fragmentarisch erhalten ist, orientiert sich die folgende Darstellung der Geschehnisse in Mainz am 18. März 1793, soweit dies den Sitzungsverlauf betrifft, an der Beschreibung des Ereignisses in der von Georg Forster redigierten Zeitung "Die neue Mainzer Zeitung oder der Volksfreund" vom Dienstag, dem 19. März 1793 (Nr. 34) mit der Überschrift "Mainz, den 18ten März. Nationalkonvent der freien Deutschen diesseits des Rheins":

"Am Montag, dem 18. März 1793, tritt um 8 Uhr morgens im Rittersaal des Deutschhauses zu Mainz der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent zu seiner dritten Sitzung zusammen. Die ersten beiden Sitzungen hatten tags zuvor am gleichen Ort stattgefunden, vor- und nachmittags. Das Deutschhaus war eines der Residenzgebäude des Kurfürsten und Erzbischofs von Mainz gewesen. Der Kurfürst und sein Hofstaat waren aus der Stadt geflohen, als sich die französische Revolutionsarmee im Herbst 1792 der Stadt näherte, die dann am 21. Oktober besetzt wurde.

Der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent ist eine Versammlung, wie es sie noch nie in der deutschen Geschichte gegeben hat. Die Mitglieder sind an ihren Herkunftsorten in der Pfalz und in den linksrheinischen Gebieten Rheinhessens von ihren Mitbürgern gewählt und als deren Repräsentanten nach Mainz gesandt worden. Vorbild waren die Wahlen zum Nationalkonvent in Frankreich im Herbst 1792. An diesem Tag sind 59 Deputierte anwesend. (An den folgenden Tagen trafen weitere Deputierte ein, sodass der Nationalkonvent letztlich 128 Deputierte hatte, die 126 Orte vertraten – Anm. d. Verf.).

Nach der Eröffnung der Versammlung durch den Präsidenten, den Professor der Philosophie Andreas Joseph Hofmann, bildet der Konvent vier Ausschüsse, nämlich den Ausschuss des Unterrichts, der Wachsamkeit, der Finanzen und der Petitionen. Der Bürger Dorsch aus Neubamberg, Professor der Philosophie in Straßburg, erklärt in einer patriotischen Rede, der Tag sei von einzigartiger geschichtlicher Bedeutung. Von Mainz würde nunmehr an alle noch unterdrückten Deutschen die Botschaft der Befreiung von dem jahrhundertelangen Despotismus der Fürsten ausgehen. Die Menschen würden ihre natürlichen Rechte der Freiheit und Gleichheit wiedererlangen, die ihnen in der Vorzeit geraubt worden seien und die ihnen seither durch Gewalt und Unterdrückung verwehrt sein würden. Nun sei das Ende der Gewaltherrschaft nahe; eine freie Republik der Deutschen müsse gegründet werden. Danach erheben sich die gewählten Volksvertreter und erklären feierlich, dass sie nur die Gewalt des Volkes als rechtmäßig anerkennen und dass die bislang bestehenden Rechte aller weltlichen Fürsten und geistlichen Herren in den Ländern diesseits des Rheins von Landau bis Bingen ab sofort erloschen seien.

Hiernach wird über ein Dekret beraten, in dem die neuen Rechtsverhältnisse dargelegt werden sollen. Letztendlich wird der Text des Bürgers Forster, Bibliothekar der Universität, von der Versammlung angenommen. 30 Kanonenschüsse verkünden auf der Stelle diesen ersten wichtigen Akt der deutschen Volkssouveränität. Damit der Beschluss der freien Deutschen der ganzen Welt bekannt gemacht werden kann, soll das Dekret 30.000mal gedruckt und in allen Orten des Rheinisch-Deutschen Freistaats feierlich proklamiert werden.

Sodann sprechen Gesandte des Nationalkonvents aus Paris sowie der französische General (Adam Philippe de) Custine den versammelten Stellvertretern des freien deutschen Volkes Lob und Anerkennung aus. Der General erklärt, seine Soldaten, die Söhne Frankreichs, würden den neuen Freistaat verteidigen wie ihr eigenes Vaterland. Frankenbürger* Haußmann weist in einer Rede darauf hin, "dass alles Unglück der Völker von den Beherrschern und Fürsten herrühre, dass hingegen alle Völker, welche frei sein wollen, ihre Feinde immer überwunden haben". Im Namen der Frankenrepublik* verspricht er, "niemals zu dulden, dass je wieder ein Despot dies von nun an ewig freie Land unterjoche". Präsident Hofmann dankt für den Großmut der Franken und nimmt – stellvertretend für das deutsche Volk – die Brüderküsse der Gesandten der Frankenrepublik entgegen. Zu dieser erhabenen Szene spielt Musik, die alle Anwesenden zu Tränen rührt. Die Versammlung endet um 12 Uhr mit dem Schwur der Treue gegenüber dem deutschen Volk.

Vor dem Deutschhaus werden die Mitglieder des Nationalkonvents von einer größeren Zahl Bürger und Bürgerinnen freudig erwartet. Gemeinsam ziehen sie zum Marktplatz am Dom, wobei sie Freiheitslieder anstimmen. Auf dem Marktplatz steht seit dem Januar ein Freiheitsbaum, daneben zwei Piken, geschmückt mit der Jakobinermütze. Musiker spielen auf. Um den Baum herum tanzen Männer und Frauen Reigen. Unter ihnen auch französische Soldaten. Ein Bürger trägt ein neues Lied vor, ein "Freiheitslied für die lieben Mainzer". Da ist zu hören: "Seht Deutschlands erste freie Stadt …"

Am Tag darauf wird im Konvent die Frage beraten, "in welcher Form der von Deutschland getrennte und auf die allgemeinen Grundsätze von Freiheit und Gleichheit gegründete Staat künftighin bestehen solle". Die Debatten dauern drei Tage. Schließlich setzt sich die Auffassung durch, dass der neue Freistaat zu schwach wäre, um den Armeen der deutschen Fürsten Widerstand leisten zu können. Daher soll die freie Republik sich mit der Frankenrepublik vereinigen. Am 21. März wird in diesem Sinne ein Dekret beschlossen. Tags darauf werden drei Emissäre gewählt, die dem Konvent in Paris das Anliegen vortragen sollen. Dies sind die Bürger Georg Forster, Andrè Potocki (Kaufmann aus Colmar) und Adam Lux (Dr. philos. und Landwirt aus Kostheim)."

* Unter "Frankenrepublik" ist die Erste Französische Republik zu verstehen, die am 21. September 1792 ausgerufen worden war, mit "Franken" sind demnach die französischen Staatsbürger gemeint.

Die Dekrete des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents vom 18. und 21. März 1793


In den beiden (unten stehenden) Dekreten ist allgemein von einer Staatsgründung die Rede sowie von einem "Freistaat", was nichts anderes als "Republik" bedeutet. Der neu gegründete Staat bleibt in diesen Dokumenten namenlos. Einen Namen gab es jedoch bereits, nämlich "Mainzer Republik". So nannten ihn etwa Revolutionsanhänger aus Oberolm am 3. Januar 1793 in einer Eingabe an die Mainzer Zivilverwaltung (im Faksimile unten re., Mi.).

Die Aufzählung der territorialen Gewalten in Artikel 3 des Gründungsdekrets der Mainzer Republik vermittelt einen Eindruck von der damaligen Zersplitterung des linksrheinischen Reichsgebietes. Dabei war die Anzahl der "Herrschaften" tatsächlich noch wesentlich höher als hier dargestellt. Es existierten sogar einzelne Gemeinden, die unter mehreren Herrschaften aufgeteilt waren (vgl. Hellmut G. Haasis: Morgenröte der Republik. Die linksrheinischen deutschen Demokraten 1789-1849, Berlin 1984). Das machte es in Einzelfällen dem Reichsgericht in Wetzlar schwer, Herrschaftsansprüche verbindlich zu klären. Die Zahl der Menschen, die in dem Gebiet des "deutschen Freistaates" gelebt haben, wird auf 250.000 geschätzt.

Zum Dekret vom 21. März 1793: Das Ersuchen des "rheinisch-deutschen Nationalkonvents", der Französischen Republik angegliedert zu werden, wurde am 30. März 1793 im Pariser Nationalkonvent behandelt und fand dort begeisterte Zustimmung. Die drei Emissäre aus Mainz konnten allerdings nicht zurückkehren, weil die Armeen der deutschen Fürsten das Gebiet um die Stadt bereits wieder eingenommen hatten.

Zum geschichtlichen Zusammenhang


Als 1789 die Französische Revolution die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Europa erschütterte, bestand noch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, ein "Flickenteppich" mit über 300 Territorien unterschiedlichster Größe. In diesem Reich hatte Mainz, durch seine Funktion als Sitz eines Erzbischofs und Kurfürsten, neben Wien, dem Sitz des Kaisers, eine große Bedeutung. Der Erzbischof von Mainz war der Erste unter den Kurfürsten, der Reichserzkanzler für "Germanien", wie es traditionell hieß. Folglich war Mainz als Residenzstadt von regem diplomatischen Verkehr und einer dauerhaften Anwesenheit zahlreicher Adeliger geprägt. Von den Erfordernissen, die mit ihrer standesgemäßen Hofhaltung verbunden waren, profitierten auch viele ortsansässige Bürger.

Schon aus geografischen Gründen war die Region seit 1789 schnell mit den Ideen und den Folgen der Umwälzung in Frankreich konfrontiert. Französische Adelige und andere Anhänger der Monarchie suchten Zuflucht in Mainz. Andererseits waren revolutionäre Publikationen ohne weiteres in der Stadt zu erstehen, so etwa die erste deutschsprachige Übersetzung der französischen Menschenrechtserklärung.

Als sich nach dem Artillerieduell von Valmy am 20. September 1792 die preußisch-österreichische Interventionsarmee zurückziehen musste und die französischen Revolutionstruppen zum Rhein vordrangen, flohen der Erzbischof mit seinem Hofstaat und die adelige Einwohnerschaft aus der Stadt, unter ihnen die französischen Emigranten. Am 21. Oktober 1792 zog die französische Armee kampflos in die Festung Mainz ein, fünf Tage später in Frankfurt. Noch am 14. Juli jenes Jahres – also bewusst am dritten Jahrestag des Revolutionsbeginns in Frankreich – war dort Franz II. zum Kaiser des Reiches gekrönt worden, mit anschließendem Fest in Mainz.

Anders als 100 Jahre zuvor im Pfälzischen Erbfolgekrieg, der mit seinen Mordbrennereien noch immer Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der Menschen in der Pfalz war, traten die französischen Truppen nun als Überbringer von Freiheitsbotschaften auf, die sie unter den Menschen verbreiten wollten. Die Soldaten gaben sich als "Brüder" – zunächst jedenfalls. In Dörfern und Städten verbreiteten sich die Symbole der Französischen Revolution, die ersten demokratischen Symbole überhaupt: Freiheitsbäume, Jakobinermützen und Kokarden in den Revolutionsfarben Blau, Weiß, Rot. Revolutionäre Lieder wurden in die deutsche Sprache übertragen. Und es bildeten sich erste politische Klubs, von denen sich einige "Jakobinerclub" nannten.

Die Bezeichnung "Jakobiner" war zu diesem Zeitpunkt in den Augen vieler Zeitgenossen noch positiv besetzt. Die Jakobiner in den deutschen Staaten und Reichsstädten verstanden die Naturrechtslehre, wonach jeder Mensch von Natur aus unveräußerliche Rechte hat, gleichsam als ein philosophisches Grundgesetz und befürworteten eine republikanische Staatsform. Sie begrüßten enthusiastisch die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, wie sie in der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 formuliert waren. Die Schreckensherrschaft in Frankreich ab Herbst 1793, die dann gemeinhin mit dem Begriff "Jakobiner" verbunden wurde, hat die meisten von ihnen erschüttert, nur wenige hielten sie für unvermeidbar.

Schon zwei Tage nach der Besetzung von Mainz bildete sich dort eine "Gesellschaft der Freunde der Republik", deren Mitglieder "Clubisten" genannt wurden. Anfänglich gehörten der Vereinigung etwa 20 Professoren und Beamte der Universität an, später auch Handwerker und kleine Kaufleute. Die Mitgliederzahl stieg auf mehrere Hundert an, sank dann aber wieder rapide, als sich die militärische Lage zu Ungunsten der Revolutionsarmee veränderte. Dies war bereits am 2. Dezember 1792 der Fall, als Frankfurt wieder von anrückenden Reichstruppen eingenommen wurde.

In Mainz wie in den deutschen Staaten generell herrschte keine genuine revolutionäre Stimmung. Die Menschen sollten daher mobilisiert werden, unter anderem durch eine Abstimmung über die Annahme der französischen republikanischen Verfassung. Das Wahlrecht war einzigartig, denn stimmberechtigt waren alle "selbstständigen" Männer über 21 Jahren, unabhängig von ihrem Stand und Einkommen. Auf den Dörfern, wo allenthalben noch feudale Abhängigkeitsverhältnisse herrschten und die Befreiung daher konkret spürbar war, war die Zustimmung größer als in den Städten. In Mainz stimmten 17 Prozent der Bürger ab. Eine weitere Wahl gab es dann zu dem "Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent", an der in Mainz nur noch 8 Prozent der Wahlberechtigten teilnahmen.

Eine, wenn auch nicht die alleinige Ursache für diese Zurückhaltung war vermutlich der Umstand, dass die Armeen der deutschen Fürsten in jenen Wochen Zug um Zug die von Franzosen besetzten Gebiete zurückeroberten. Da erschien es wenig klug, sich auf die Seite der Revolutionäre zu stellen. Ab dem 14. April 1793 wurde Mainz durch Truppen Österreichs, Preußens, Sachsens, Bayerns und Hessens belagert, die von weiteren deutschen Fürsten Hilfeleistungen erhielten. Ab Mitte Juni war die Stadt über mehrere Wochen dem Beschuss von über 200 Kanonen ausgesetzt. Das Kriegsgeschehen erzeugte geradezu touristisches Interesse: Angehörige der Hofgesellschaften wie auch Bürgerinnen und Bürger reisten heran, um das "Spektakel" der Beschießung von der rechten Rheinseite aus mitzuerleben. Ein neuer Begriff kam auf: Schlachtenbummler. Am 23. Juli kapitulierten die französischen Truppen. Mainz war durch die Kanonade zu einem Drittel zerstört. Die in der Stadt verbliebenen Jakobiner mussten sich Übergriffen der Einwohnerschaft erwehren und wurden gefangen gesetzt.

Doch Ende 1794 hatten die französischen Revolutionsheere erneut den größten Teil, ab Dezember 1797 dann das ganze linksrheinische Gebiet unter ihrer Kontrolle. Bis zum Mai 1814 hieß Mainz nun wieder "Mayence". Ein Versuch von rheinischen Jakobinern, westlich des Rheins eine "Cisrhenanische Republik" zu gründen, scheiterte, denn in Frankreich verstand man den Rhein als "natürliche" östliche Staatsgrenze. Nachdem Preußen und Österreich bereits in Geheimverträgen der Annexion der linksrheinischen Gebiete durch Frankreich zugestimmt hatten (1796 bzw. 1797), wurde 1801 mit dem Vertrag von Lunéville eine völkerrechtlich verbindliche Regelung erzielt. 1804 wurde linksrheinisch der "Code Civil", das französische Zivilgesetzbuch, eingeführt. Dort galten nun die Grundsätze der Französischen Revolution, nämlich die Anerkennung der Freiheit des Individuums und des Eigentums, die Rechtsgleichheit der Menschen sowie die Trennung von Staat und Kirche, die sich für die Menschen am deutlichsten in der Einführung der Zivilehe zeigte. Als Bewohner Frankreichs mussten die Menschen allerdings auch die Lasten der Kriege tragen, mit denen Napoleon seine Vorherrschaft in Europa zu stabilisieren suchte. Als das napoleonische Frankreich militärisch niedergerungen war, wurden die annektierten linksrheinischen Gebiete den Staaten Bayern, Preußen und Hessen zugeschlagen. Diese waren nach dem Ende des Reichs nunmehr Staaten des auf dem Wiener Kongress 1815 gegründeten Deutschen Bundes.

"Ihr seid das Volk!" – der Versuch, aus Untertanen Revolutionäre machen zu wollen


"Keine erzwungenen Abgaben und Dienste mehr!" – So verheißungsvoll stellten sich die Ideen der Französischen Revolution für die den Grundherren untertane Landbevölkerung dar. Anders die Interessenlage eines großen Teils der städtischen Bevölkerung, die wie in der Residenz Mainz von den feudalen Verhältnissen durchaus profitierte. Sie teilte deshalb überwiegend auch nicht den Wunsch der Freiheitsfreunde, eine neue Gesellschaftsordnung gestalten zu können. Im Sinne der revolutionären politisch-philosophischen Lehren der Aufklärung huldigten die Anhänger der Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einem vernunftgeleiteten Modell politischen Lernens. Unter anderem sollten Publikationen eine prorevolutionäre Einstellung befördern. In Mainz erschienen nicht weniger als 7 revolutionäre Zeitungen, die teilweise mit geschliffenen Argumenten den Menschen ihre "wahre" Interessenlage darzulegen suchten. Abgesehen davon, dass breite Bevölkerungsteile damals kaum lesen konnten, unterschätzten die Reformer dabei allerdings auch die Beharrungskräfte von religiösen Überzeugungen oder die Bedeutung emotionaler Dispositionen, etwa der "Angst vor der Freiheit". Solches stieß vielmehr bei den Mainzer Jakobinern auf Unverständnis.

Schnell verloren die Jakobiner, auch getrieben von den Erwartungen in Paris, die Geduld. Nur wer einen Eid ablegte, durfte wählen. "Ich, (Name), schwöre treu zu sein dem Volke und den Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit, und entsage hierdurch feierlich dem Kurfürsten und seinem Anhang als auch allen meinen bisher genossenen Privilegien und Vorrechten." Die Unwilligen und Zögernden sollten durch Diskriminierungen und Zwangsausweisungen "bekehrt" bzw. bestraft werden. Diese "Despotie der Demokratie" (so der Historiker Franz Dumont) führte im Übrigen im Klub selbst zu Auseinandersetzungen. Kein Wunder jedenfalls, dass die Jakobiner beträchtlichen Unmut auf sich zogen, der sich nach der Eroberung von Mainz durch die fürstlichen deutschen Armeen entlud.

Georg Forster und Adam Lux – zwei Mainzer Jakobiner


Unter den Akteuren der Mainzer Republik gab es eine Reihe hervorragender Denker, Publizisten und Redner. Zwei von ihnen sollen im Folgenden näher vorgestellt werden.

Georg Forster (1754-1794) hatte sich als Entdeckungsreisender, als Ethnologe und Naturforscher sowie als Schriftsteller und Journalist bereits zu Lebzeiten international einen Namen gemacht. Forster wurde in der Nähe von Danzig geboren. Sein wichtigster Lehrer war sein umfassend gebildeter Vater, ursprünglich ein Prediger. Bereits als Zehnjähriger begleitete der Hochbegabte seinen Vater im Auftrag der Zarin auf einer Inspektionsreise zu den deutschstämmigen Siedlungen an der Wolga. In London, wohin die Familie zog, suchte der Vater Kontakt zu dem Weltumsegler James Cook. Vater und Sohn nahmen ab 1772 an dessen zweiter (drei Jahre währenden) Weltumseglung teil. Dabei betrieben sie umfangreiche Naturstudien.

1777 erschien Forsters über 1000 Seiten umfassendes Werk "A Voyage Round the World". Mit dem Erscheinen der deutschsprachigen Fassung (1778-1784) avancierte er zum bekanntesten Reiseschriftsteller seiner Zeit. Danach fand er Tätigkeiten als Lehrer bzw. Professor in Kassel und Wilna. 1788 erging an ihn der Ruf des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz, die Leitung der dortigen Universitätsbibliothek zu übernehmen. 1790 reiste er gemeinsam mit Alexander von Humboldt durch Brabant, Holland, England und Frankreich und veröffentlichte darüber ein weiteres Reisebuch.

In Mainz war Forster einer der führenden Köpfe des Jakobinerklubs wie auch des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents. Als einer der drei Gesandten, die den Konvent in Paris um die Aufnahme der Mainzer Republik in die "Frankenrepublik" ersuchen sollten, konnte er wegen der militärischen Lage nicht zurück nach Mainz. In Paris vermochte er seinen Lebensunterhalt kaum zu bestreiten. Eine angestrebte Stelle in der Nationalbibliothek blieb ihm verwehrt; er erhielt allerdings von der Revolutionsregierung kleinere diplomatische Aufträge. Die Gewalt der Jakobinerherrschaft bedrückte Forster zwar, er hielt sie allerdings für unvermeidbar, denn die Revolution empfand er als eine Naturgewalt. Am 10. Januar 1794 starb Forster vereinsamt in Paris.

Adam Lux (1766-1793) verdient Aufmerksamkeit wegen seines einzigartig kompromisslosen Eintretens für die Ideale der Französischen Revolution. In Obernburg bei Aschaffenburg geboren, fiel er bereits im Kindesalter durch hohe Intelligenz auf. Er studierte anfangs Medizin, dann Philosophie und promovierte 1784 mit der Schrift "De enthusiasmo" in lateinischer Sprache. Der junge Privatgelehrte heiratete in eine wohlhabende Familie ein, was ihm den Erwerb eines Landgutes und ein Leben im Geiste der naturphilosophischen Lehren Jean-Jacques Rousseaus ermöglichte, der seinerseits ein Wegbereiter der französischen Revolution war. Mit Begeisterung verfolgte Lux die Geschehnisse in Frankreich. Nach dem Einmarsch der Revolutionsarmee versuchte er, die Landbevölkerung für die revolutionären Ideen zu gewinnen und nahm Kontakt zu Georg Forster auf. Bald zog er mit seiner Familie nach Mainz, wurde Mitglied des Jakobinerklubs und des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents. Seine Sprachkenntnisse führten ihn an der Seite Forsters als Emissär nach Paris. Doch die dortige Schreckensherrschaft entsetzte ihn. Er wollte den Terror nicht auch nur als unvermeidliches Übel hinnehmen, sondern verurteilte ihn als Perversion der revolutionären Ideale. Mit kritischen Pamphleten (Schriften), in denen er unter anderem den Mut von Charlotte Corday, der Mörderin des einflussreichen Publizisten und radikalen Jakobiners Jean Marat, anerkannte, provozierte er die Machthabenden. Am 4. November 1793 wurde er unmittelbar nach der Urteilsverkündung hingerichtet.

Die ursprünglichen Freiheitsideale der französischen Revolution übten auch Strahlkraft auf Frauen aus, die durch ihre Geschlechtszugehörigkeit mehr noch als Männer gesellschaftlichen Zwängen unterlagen. 1792/93 lebten einige der emanzipiertesten Frauen ihrer Zeit in Mainz. Zu ihnen zählten drei sogenannte Universitätsmamsellen, Töchter aus bildungsorientierten Göttinger Professorenfamilien: Therese Heyne (1764-1829) war zeitweilig mit Georg Forster verheiratet. Als Therese Huber wurde sie eine renommierte zeitgenössische Schriftstellerin. Caroline Michaelis (1763-1809), zunächst mit ihrem Jugendfreund Johann Franz Wilhelm Böhmer, später nacheinander mit den Philosophen August Wilhelm Schlegel und Friedrich Wilhelm Schelling vermählt, war eine überzeugte Anhängerin der revolutionären Ideen. 1792/93 lebte sie, jung verwitwet und mit Georg Forster befreundet, in Mainz und geriet dort in die Kriegswirren hinein. Die Nähe zu ihrem Bruder, dem Jakobiner Georg Wedekind, hatte auch Meta Forkel-Liebeskind (1765-1853) gesucht, die eine gefragte Übersetzerin war. Auf Anregung von Georg Forster übertrug sie unter anderem die Schrift "Rights of Man" von Thomas Paine ins Deutsche, die sie eine "Urkunde der Menschheit" nannte.

Literatur: Stefan Zweig, Adam Lux. Mit Essays von Franz Dumont und Erwin Rotermund, Obernburg 2003, 208 S.; Klaus Harpprecht, Georg Forster oder Die Liebe zur Welt. Eine Biographie, Reinbek 1987, 640 S.; Eckart Kleßmann, Universitätsmamsellen. Fünf aufgeklärte Frauen zwischen Rokoko, Revolution und Romantik, Frankfurt a. M., 2008, 336 S.

Zur Wirkungsgeschichte des Mainzer Demokratieversuchs


Die Mainzer Republik von 1793 war ein erster Versuch, die Ideen der Menschenrechte, der Volkssouveränität und der demokratischen Mitbestimmung in Deutschland zu verwirklichen. Die Einschätzung seiner Wirkungsgeschichte wird erschwert durch den Umstand, dass dieser ohnehin zeitlich begrenzte Versuch in das epochale Geschehen der Französischen Revolution eingebettet war. In Frankreich hatte der Sieg des Bürgertums über die feudale politische Ordnung eine historisch neue Gesellschaftsordnung hervorgebracht. Diese "Proklamation der politischen Ordnung für die neue europäische Gesellschaft", so Karl Marx in der "Neuen Rheinischen Zeitung" vom 15. Dezember 1848, stellte somit eine existenzielle Herausforderung für alle weiterhin bestehenden feudalen oder halbfeudalen politischen Ordnungen in Europa dar. Allein in den mehr oder weniger großen Staaten des 1815 auf dem Wiener Kongress gegründeten Deutschen Bundes regierten 34 Fürsten. Sie suchten jahrzehntelang mit massiven polizeistaatlichen Maßnahmen ("System Metternich") das Herrschaftsmodell der monarchischen Souveränität mit seinem Selbstverständnis eines "Gottesgnadentums" gegen die Idee der Volkssouveränität, gestützt auf Menschen- und Bürgerrechte, zu verteidigen.

Die Idee der Volkssouveränität wurde getragen von gesellschaftlichen Gruppen, die im Geiste der Aufklärung ihre traditionelle passive Untertanenrolle aufkündigten. Dabei wandelte sich die Bedeutung des Begriffs "Bürger". Der Bürger war nun nicht mehr lediglich der Angehörige einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht (Händler, Handwerker) und der typische Stadtbewohner, sondern er war eine Person, die sich aktiv in die gesellschaftlichen und politischen Angelegenheiten einmischte und universellen menschlichen Werten von Freiheit und Gleichheit verpflichtet war. Für dieses Verständnis des engagierten Bürgers setzte sich in Frankreich mit der Revolution der Begriff "Citoyen" bzw. "Citoyenne" durch. Dort ersetzte er ab 1792 die Anredeformel Monsieur bzw. Madame. Als Gesinnungszeichen blieb der Begriff "Citoyen" in der politischen Restauration nach 1815 erhalten. Georg Büchner und gleichgesinnte Mitschüler pflegten beispielsweise den Gruß "Bonjour Citoyen".

Die "Franzosenzeit" von 1798 bis 1814 hatte auf die politischen und sozialen Gegebenheiten in Deutschland nachhaltigere Auswirkungen als die kurze Zeitspanne der Mainzer Republik. Sie brachte den linksrheinischen Gebieten einen politisch-gesellschaftlichen Modernisierungsvorsprung. Nach der endgültigen Niederlage Napoleons wurden die von Frankreich annektierten linksrheinischen Gebiete den Staaten des Deutschen Bundes Bayern, Preußen bzw. Hessen zugeschlagen. Hier widersetzten sich in der Folgezeit das Bürgertum und seine Repräsentanten anhaltend den Bestrebungen der Fürsten, die freiheitlichen Rechtsgrundsätze des Code Civil rückgängig zu machen. Dies erklärt auch, warum gerade im pfälzischen Hambach, also in "Rheinbayern", 1832 die "erstepolitische Volksversammlung der neueren deutschen Geschichte" (so der erste Bundespräsident Theodor Heuss), das "Hambacher Fest", stattfinden konnte. Das französische Recht wurde unter dem Begriff "Rheinische Institutionen" bewahrt. Dieser Umstand begünstigte im Übrigen über die "Franzosenzeit" hinaus die beruflichen Betätigungsmöglichkeiten von (vormaligen) deutschen Jakobinern, soweit sie eine juristische Laufbahn eingeschlagen hatten. Im 1871 gegründeten deutschen Kaiserreich galt das "Rheinische Recht" bis zur Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre 1900 mithin in einem Sechstel des Staatsgebietes.

Die Lebenswege deutscher Jakobiner zeigen, wie nicht anders zu erwarten, eine Spannweite von Überzeugungstreue bis zur Distanzierung von einstigen Einstellungen. Zum Teil finden sich demokratische Überzeugungen in der familiären Generationsfolge, wie an Teilnehmern des Hambacher Festes ausgemacht werden kann. Ein Mann, dessen Lebensweg den Bogen von der Mainzer Republik bis zur Revolution von 1848/49 spannt, ist Johann Adam von Itzstein (1775-1855). Der Sohn des Direktors des Mainzer Hofgerichts besuchte Versammlungen des Mainzer Jakobinerklubs, und er erlebte die Belagerung und Rückeroberung der Stadt durch die deutschen fürstlichen Truppen, weshalb die Familie auf das Landgut Hallgarten im Rheingau floh. Mit diesen prägenden Erfahrungen nahm Itzstein seine berufliche Tätigkeit als Jurist im Staatsdienst auf. Als ihm seine freiheitlichen Überzeugungen zunehmend Schwierigkeiten einbrachten, schied er 1825 aus dem Staatsdienst aus und zog sich nach Hallgarten zurück. 1832 gehörte Itzstein zu den prominenten Teilnehmern des Hambacher Festes. Denkbar, dass dort der Plan reifte, ein möglichst breites Zusammenwirken von liberalen und demokratischen Politikern in den deutschen Staaten zu organisieren. Jedenfalls lud Itzstein in den Folgejahren Oppositionelle aus unterschiedlichen Lagern regelmäßig zum Gedankenaustausch nach Hallgarten ein, darunter Robert Blum, Johann Jacoby, Karl Mathy, Daniel Bassermann, Heinrich von Gagern, Hoffmann von Fallersleben, Ferdinand Freiligrath und Georg Herwegh. Der Hallgarten-Kreis gilt heute als eine Keimzelle der Frankfurter Nationalversammlung. Dort schloss sich Itzstein den Befürwortern einer demokratischen Republik an (Deutscher Hof). Als Teilnehmer des Rumpfparlaments galt er in der Restaurationszeit als Hochverräter. Wie schon 1793 musste er vor preußischen Truppen fliehen, nun in die Schweiz. 1850 konnte er nach Hallgarten zurückkehren.

Die "Franzosenzeit" hat in den linksrheinischen Gebieten vielfältige Spuren in der Alltagskultur hinterlassen, nicht allein sprachlich im "Kölschen" sondern zum Beispiel auch in den Karnevalsbräuchen. Während der Restaurationszeit wurde nämlich der mit der Jakobinermütze verknüpfte herrschaftskritische Impuls im rheinischen Karneval aufgegriffen. Narrenkappe und Jakobinermütze verschmolzen miteinander. Auch die Bedeutung der Zahl Elf, der traditionellen Narrenzahl, soll in einem Bezug zu den Idealen der Französischen Revolution stehen. Lassen sich die drei Buchstaben des Wortes doch aus den Anfangsbuchstaben der Losung "Egalité, Liberté, Fraternité" bilden. Der "Elferrat", das närrische Parlament, würde demnach symbolisch für ein Volkstribunal stehen.

Verlinkungen:

->

Quellen:

Internetquellen

-> Schweigard, Jörg: Mainzer Republik: Aufbruch am Rhein, in: Zeit online, online verfügbar seit 14.03.2028 unter: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2016/03/mainzer-republik/komplettansicht, zuletzt geprüft am 16.02.2026.

-> Jochheim, Gernot: 18. März 1793: Ausrufung der Mainzer Republik, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 20.11.2024 unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/info-aktuell/195470/18-maerz-1793-ausrufung-der-mainzer-republik/, zuletzt geprüft am 22.09.2026.

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Sekundärliteratur

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Napoleonische Ära

Die ''Franzosenzeit''

Inhaltsverzeichnis

1. 1794 bis 1815 - Aufbruch in die Moderne. Die "Franzosenzeit"

1. 1794 bis 1815 - Aufbruch in die Moderne. Die "Franzosenzeit"

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Einzug Napoleons in Düsseldorf am 3.11.1811, kolorierte Lithographie von Johann Petersen, Original im Stadtmuseum Düsseldorf. (Stadtarchiv Düsseldorf)

1. Einleitung

Wie kaum ein an­de­res Er­eig­nis hat die fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on die Ge­schich­te des Rhein­lan­des nach­hal­tig ge­prägt. Rund 20 Jah­re herrsch­ten die Fran­zo­sen zwi­schen 1794 und 1814 am Rhein. In die­sen Jah­ren ent­wi­ckel­te sich Frank­reich vom Land der Re­vo­lu­ti­on zum Kai­ser­reich und zur do­mi­nie­ren­den Macht im Staa­ten­ge­bil­de des da­ma­li­gen Eu­ro­pa.

Die vier links­rhei­ni­schen De­par­te­ments Ro­er, Rhein-Mo­sel, Don­ners­berg und Saar wa­ren seit 1798/1801 Teil die­ses Ge­fü­ges, das rechts­rhei­nisch ge­le­ge­ne Gro­ßher­zog­tum Berg war ihm seit 1806 ver­bun­den. Bei­der­seits des Rheins wur­den jahr­hun­der­te­al­te Struk­tu­ren mit un­ter­schied­li­cher In­ten­si­tät grund­le­gend um­ge­stal­tet. Die Be­sei­ti­gung der zahl­rei­chen vor­ma­li­gen Staats­ge­fü­ge des Al­ten Rei­ches, die ter­ri­to­ria­le Neu­ein­tei­lung mit ei­ner straff ge­glie­der­ten Ver­wal­tung, die Neu­ord­nung der Jus­tiz, die Um­schich­tung der Ge­sell­schaft durch Auf­he­bung des Adels, die Ent­eig­nung der Klös­ter und die Ab­schaf­fung der Ab­hän­gig­keits­ver­hält­nis­se so­wie al­ler Feu­dal­rech­te sorg­ten für ei­nen grund­le­gen­den Wan­del und lei­te­ten ei­nen Mo­der­ni­sie­rungs­schub gro­ßen Aus­ma­ßes ein.

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Prise de la Bastille, Gemälde von Jean-Pierre Louis Laurent Houel (1735-1813), 1789.

Die von der nach­fol­gen­den preu­ßi­schen Re­gie­rung seit 1814 in­ten­dier­te Re­stau­ra­ti­on der stän­di­schen Ge­sell­schaft traf rechts und vor al­lem links des Rheins auf star­ke Op­po­si­ti­on. So er­reich­ten die 1822 in der preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz zu­sam­men­ge­schlos­se­nen Ge­bie­te in Preu­ßen ei­nen Son­der­sta­tus. Er ga­ran­tier­te ih­nen zahl­rei­che Er­run­gen­schaf­ten der fran­zö­si­schen Jah­re, al­len vor­an das Rhei­ni­sche Recht.

2. Politische Geschichte und allgemeine Verwaltung

Mit der Kriegs­er­klä­rung des re­vo­lu­tio­nä­ren Frank­reichs an Ös­ter­reich und da­mit auch an das mit Ös­ter­reich ver­bün­de­te Preu­ßen im April 1792 wur­den die deut­schen Län­der in ein nicht mehr auf­zu­hal­ten­des po­li­ti­sches Ge­sche­hen hin­ein­ge­zo­gen, das erst mit dem Wie­ner Kon­gress 1814/1815 sei­nen Ab­schluss fand. Nach ei­nem ers­ten vor­über­ge­hen­den Er­folg ge­lang es den fran­zö­si­schen Trup­pen 1794, Bel­gi­en und das links­sei­ti­ge Rhein­ufer auf Dau­er zu be­set­zen. Auch das rechts­sei­ti­ge Rhein­land kam zwi­schen 1795 und 1801 un­ter mi­li­tä­ri­sche Auf­sicht der Fran­zo­sen und wur­de 1806 als Gro­ßher­zog­tum Berg zum fran­zö­si­schen Mo­dell­staat.

Die Jah­re zwi­schen 1794 und 1813/ 1814, die so ge­nann­te Fran­zo­sen­zeit, ha­ben das Rhein­land nach­hal­ti­ger als an­de­re Tei­le Deutsch­lands und Eu­ro­pas ge­formt. Na­po­le­on Bo­na­par­te (1769-1821) be­stimm­te seit 1799 als Ers­ter Kon­sul die Ge­schi­cke Frank­reichs. Im Jah­re 1804 krön­te er sich zum Kai­ser, 1813 wur­de er in der Völ­ker­schlacht bei Leip­zig ver­nich­tend ge­schla­gen. Im wei­te­ren Ver­lauf fiel das vor­mals fran­zö­si­sche Ter­ri­to­ri­um zum grö­ß­ten Teil an Preu­ßen und wur­de seit 1822 als Rhein­pro­vinz von Ber­lin aus ver­wal­tet.

2.1 Zeit der militärischen Okkupation

In den Jah­ren bis 1797 hat­te man in Pa­ris noch kei­ne Vor­stel­lun­gen, was mit den er­ober­ten rhei­ni­schen Land­stri­chen, be­ste­hend aus ei­ner Viel­zahl von grö­ße­ren und klei­ne­ren Staa­ten, ge­sche­hen soll­te. Die fran­zö­si­sche Be­sat­zungs­po­li­tik ziel­te da­mals auf den Un­ter­halt der ei­ge­nen Ar­mee und war durch die Er­he­bung von Re­qui­si­tio­nen, Kont­ri­bu­tio­nen und Ein­quar­tie­run­gen cha­rak­te­ri­siert. So ent­stan­den im Links­rhei­ni­schen ei­ne Rei­he kurz­le­bi­ger zi­vi­ler und mi­li­tä­ri­scher In­sti­tu­tio­nen.

Trotz al­ler be­ste­hen­den Be­drü­ckung durch die Fremd­herr­schaft gab es auch im Rhein­land An­hän­ger der Re­vo­lu­ti­ons­be­we­gung. Nach fran­zö­si­schem Vor­bild grün­de­ten sie pa­trio­ti­sche Zir­kel oder Klubs, er­reg­ten mit ra­di­kal­de­mo­kra­ti­schen Schrif­ten und po­li­ti­schen Jour­na­len Auf­se­hen und rie­fen vor­über­ge­hend mit der Main­zer (1793) und der Cis­rhen­a­ni­schen Re­pu­blik (1797) re­vo­lu­tio­när ge­präg­te Staa­ten auf rhei­ni­schem Bo­den aus.

Durch zum Teil ge­hei­me Ver­zichts­er­klä­run­gen Preu­ßens und Ös­ter­reichs in den Frie­dens­schlüs­sen von Ba­sel (1795) und Cam­po For­mio (1797) wur­de in je­nen Jah­ren in Pa­ris der Plan zur In­te­gra­ti­on des links­rhei­ni­schen Ge­bie­tes ge­fasst. Der Rhein wur­de 1798 zur Gren­ze Frank­reichs.

2.2 Annexion des linken Rheinufers

Im Früh­jahr 1798 be­gan­nen die Fran­zo­sen im Links­rhei­ni­schen mit der Or­ga­ni­sa­ti­on der Ver­wal­tung und Jus­tiz nach fran­zö­si­schem Mus­ter. Mit der Ein­rich­tung der neu­en Be­hör­den­ver­fas­sung wur­de der El­säs­ser François Jo­seph Rud­ler (1757-1837) un­ter Er­nen­nung zum Re­gie­rungs­kom­mis­sar be­auf­tragt und dem Pa­ri­ser Jus­tiz­mi­nis­ter un­ter­stellt. Rud­ler nahm sei­nen Amts­sitz in Mainz. Von dort aus lei­te­ten er und sei­ne sechs Amts­nach­fol­ger die Ge­schi­cke des Rhein­lan­des. Die Amts­in­ha­ber führ­ten seit 1800 den Ti­tel „Ge­ne­ral­re­gie­rungs­kom­mis­s­ar“ und wa­ren al­len zu­stän­di­gen Pa­ri­ser Mi­nis­te­ri­en wei­sungs­ge­bun­den.

Oh­ne Rück­sicht auf die vor­ma­li­gen po­li­ti­schen Gren­zen wur­de 1798 das Ge­biet in vier De­par­te­ments ein­ge­teilt: Ro­er, Saar, Rhein-Mo­sel und Don­ners­berg mit den je­wei­li­gen Haupt­or­ten Aa­chen, Trier, Ko­blenz und Mainz. Bei die­ser Flur­be­rei­ni­gung ver­schwan­den die be­ste­hen­den zahl­rei­chen al­ten Herr­schafts­ge­bil­de. Die 1798 fest­ge­leg­te Um­schrei­bung des Ter­ri­to­ri­ums blieb im wei­te­ren Ver­lauf im We­sent­li­chen bis 1814 ver­bind­lich.

In den neu­en De­par­te­ments wur­den die ver­schie­de­nen Ver­wal­tungs- und Ge­richts­be­hör­den gleich­för­mig nach fran­zö­si­schem Vor­bild ein­ge­rich­tet. Die­se Über­gangs­pe­ri­ode en­de­te 1801: Mit der Un­ter­zeich­nung des Frie­dens­ver­tra­ges von Lun­é­vil­le am 9.2.1801 trat das Hei­li­ge Rö­mi­sche Reich das lin­ke Rhein­ufer for­mell an Frank­reich ab. Am 23.9.1802 wur­de die fran­zö­si­sche Ver­fas­sung ein­ge­führt. Das Amt des Ge­ne­ral­re­gie­rungs­kom­mis­sars wur­de we­nig spä­ter im Fe­bru­ar 1803 auf­ge­ho­ben. Die Rhein­län­der der vier De­par­te­ments wa­ren fran­zö­si­sche Bür­ger, Na­po­le­on als­bald ihr Kai­ser.

Die durch den Lun­é­vil­ler Frie­den be­trof­fe­nen welt­li­chen Ge­bie­te links des Rheins wur­den mit dem Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluss (1803) auf rechts­rhei­ni­schem Reichs­ge­biet ent­schä­digt. So er­hiel­ten die nas­saui­schen Her­zog­tü­mer Usin­gen und Weil­burg die rechts­rhei­nisch an­gren­zen­den Ge­bie­te von Kur­trier (un­ter an­de­rem Amt Ham­mer­stein, Eh­ren­breit­stein und En­gers), Kur­k­öln (un­ter an­de­rem Deutz, Linz, Kö­nigs­win­ter) und der sayn­schen und wie­di­schen Graf­schaf­ten. Die 1803 er­wor­be­nen Be­sit­zun­gen Deutz und Kö­nigs­win­ter so­wie die Ab­tei Vil­lich muss­ten 1806 an das Gro­ßher­zog­tum Berg ab­ge­tre­ten wer­den. Im glei­chen Jahr tra­ten so­wohl Nas­sau-Usin­gen als auch Weil­burg dem Rhein­bund bei und schlos­sen sich zum ver­ei­nig­ten Her­zog­tum Nas­sau zu­sam­men. So wur­den fort­an bis 1815 al­le rechts­rhei­ni­schen Ter­ri­to­ri­en süd­lich von Kö­nigs­win­ter von Wies­ba­den aus ver­wal­tet.

Die 1798 ein­ge­rich­te­te neue Ver­wal­tung in den links­rhei­ni­schen De­par­te­ments war zu­nächst nach der fran­zö­si­schen Ver­fas­sung von 1795 kon­zi­piert. Die De­par­te­ments glie­der­ten sich in Kan­to­ne, die Kan­to­ne wie­der­um in Ge­mein­den. An der Spit­ze ei­nes je­den De­par­te­ments stand ei­ne fünf­köp­fi­ge Zen­tral­ver­wal­tung. Ihr un­ter­ge­ord­net wa­ren die Kan­to­ne mit ih­ren Mu­ni­zi­pa­li­tä­ten. Sie setz­ten sich aus Agen­ten und Ad­junk­ten zu­sam­men und wa­ren nach Grö­ße der Ge­mein­den or­ga­ni­siert. De­par­te­ments- und Kan­tons­ver­wal­tun­gen wur­den je­weils von Re­gie­rungs­kom­mis­sa­ren über­wacht und kon­trol­liert. Im Ge­gen­satz zu Frank­reich wur­de in den rhei­ni­schen De­par­te­ments das Ver­wal­tungs­per­so­nal nicht ge­wählt, son­dern vom Main­zer (Ge­ne­ral-) Re­gie­rungs­kom­mis­sar er­nannt. Be­reits 1798 wur­de Fran­zö­sisch als Amts­spra­che ver­bind­lich - ei­ne Be­stim­mung, die sich für vie­le Funk­ti­ons­trä­ger als pro­ble­ma­tisch er­wei­sen soll­te.

2.3 Präfektursystem und Integration der rheinischen Departements

Im Früh­jahr des Jah­res 1800 wur­de die Zi­vil­ver­wal­tung Frank­reichs grund­le­gend ge­än­dert. Die Neue­run­gen wur­den auch für die rhei­ni­schen De­par­te­ments ver­bind­lich. Je­des De­par­te­ment lei­te­te fort­an ein von Na­po­le­on er­nann­ter Prä­fekt. Die­se wich­ti­gen, mit um­fang­rei­chen Amts­be­fug­nis­sen aus­ge­stat­te­ten Pos­ten wur­den im Rhein­land vor­nehm­lich mit El­säs­sern und Loth­rin­gern, al­so ge­bür­ti­gen Fran­zo­sen, be­setzt.

Die Ar­beit des Prä­fek­ten wur­de un­ter­stützt durch ei­nen Ge­ne­ral­se­kre­tär, ein Prä­fek­tur­bü­ro, durch Prä­fek­tur­rä­te als per­ma­nent ta­gen­des Ver­wal­tungs­ge­richt und schlie­ß­lich durch ei­nen De­par­te­ments- oder Ge­ne­ral­rat. Die De­par­te­ments wur­den in Ar­ron­dis­se­ments (Ge­mein­de­be­zir­ke) ein­ge­teilt. Je­des Ar­ron­dis­se­ment lei­te­te ein dem Prä­fek­ten un­ter­stell­ter Un­ter­prä­fekt mit ei­nem ihm zu­ge­ord­ne­ten Ar­ron­dis­se­ments­rat (Be­zirks­rat).

Auf der un­ters­ten Ebe­ne der Ver­wal­tungs­hier­ar­chie wur­den gleich­falls im Jah­re 1800 die Kan­to­ne als Ein­hei­ten der all­ge­mei­nen Ver­wal­tung auf­ge­löst (ih­re Be­deu­tung für an­de­re Ad­mi­nis­tra­ti­ons­zwei­ge blieb er­hal­ten). An die Stel­le der Kan­to­ne tra­ten Mai­ri­en (Bür­ger­meis­te­rei­en). Da­zu wur­den in der Re­gel meh­re­re Ge­mein­den zu­sam­men­ge­fasst. Den Mai­re, der wie­der­um dem Un­ter­prä­fek­ten un­ter­ge­ord­net war, un­ter­stütz­te ein Ad­junkt oder Bei­ge­ord­ne­ter. Die Be­set­zung der kom­mu­na­len Ver­wal­tung rich­te­te sich nach der Be­völ­ke­rungs­zahl. Je nach Grö­ße der Ge­mein­den er­höh­te sich die Zahl der Ad­junk­ten. An je­der Mai­rie wur­de zu­dem ein Mu­ni­zi­pal­rat aus zehn bis drei­ßig Mit­glie­dern be­ru­fen.

Der klar ge­glie­der­te drei­stu­fi­ge Ver­wal­tungs­auf­bau der fran­zö­si­schen De­par­te­ments­ver­fas­sung, die 1808 auch im Gro­ßher­zog­tum Berg ein­ge­führt wur­de, wies auf je­der Ebe­ne die glei­chen Struk­tu­ren auf. Der je­weils lei­ten­de Be­am­te hat­te in­ner­halb sei­nes Be­rei­ches die Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz. Den aus der be­gü­ter­ten Eli­te be­stell­ten De­par­te­ments-, Ar­ron­dis­se­ments- und Mu­ni­zi­pal­rä­ten hin­ge­gen kam le­dig­lich be­ra­ten­de Stim­me zu, ihr Ein­fluss be­schränk­te sich auf die Ver­tei­lung der ein­zu­for­dern­den Ab­ga­ben. In dem neu­en Sys­tem ent­fie­len die vor­ma­li­gen Un­ter­schie­de zwi­schen Stadt- und Land­ge­mein­de. Durch die Zen­tra­li­sie­rung und Bü­ro­kra­ti­sie­rung der Ver­wal­tung wur­de im Rhein­land ein Mo­der­ni­sie­rungs­schub ein­ge­lei­tet. Die ein­heit­li­che Ver­wal­tung konn­te bes­se­re Leis­tun­gen er­brin­gen als die schwer­fäl­li­gen Be­hör­den der zer­split­ter­ten Ter­ri­to­ri­en des Al­ten Rei­ches. So über­dau­er­te die fran­zö­si­sche Kom­mu­na­l­ord­nung die Zeit nach 1814 und wur­de zu ei­nem wich­ti­gen Ele­ment des rhei­ni­schen Par­ti­ku­la­ris­mus.

3. Gerichtswesen und Napoleonische Gesetzbücher

1794 fan­den die Fran­zo­sen in dem an­nek­tier­ten Ge­biet ei­ne un­über­schau­ba­re Rechts­zer­split­te­rung mit ei­ner kaum be­frie­di­gen­den Ge­richts­or­ga­ni­sa­ti­on und ei­nem ver­al­te­ten, oft­mals nicht ge­druckt vor­lie­gen­den Recht vor. 1798 bra­chen sie ra­di­kal mit den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen und ho­ben im Links­rhei­ni­schen al­le be­ste­hen­den rich­ter­li­chen Ge­wal­ten auf. Das mehr­stu­fi­ge Jus­tiz­we­sen war nach den Be­stim­mun­gen der fran­zö­si­schen Ver­fas­sung von 1795 auf­ge­baut; es wur­de 1802 und noch­mals 1810 re­for­miert. Die Neu­or­ga­ni­sa­tio­nen im­pli­zier­ten je­weils ver­schärf­te Aus­bil­dungs- und An­stel­lungs­be­din­gun­gen für das Per­so­nal und ei­ne zu­neh­men­de staat­li­che Kon­trol­le.

Auf der un­ters­ten Ebe­ne am­tier­te seit 1798 in je­dem Kan­ton ein Frie­dens­rich­ter. Er war für Ba­ga­tell­sa­chen in Zi­vil- und Straf­an­ge­le­gen­hei­ten zu­stän­dig. Ihm über­ge­ord­net wa­ren für Zi­vil- und Kri­mi­nal­de­lik­te Be­hör­den mit wech­seln­den Be­zeich­nun­gen und sich aus­wei­ten­den Funk­tio­nen.

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Titelblatt des Code Civil, 1804.

In je­dem Ar­ron­dis­se­ment war in den rhei­ni­schen De­par­te­ments seit 1802 für Zi­vil­sa­chen ein Ge­richt ers­ter In­stanz zu­stän­dig. Ge­gen die Ur­tei­le die­ser Ge­rich­te konn­te beim Ap­pel­la­ti­ons­ge­richts­hof in Trier (für das Ro­er­de­par­te­ment seit 1805 in Lüt­tich) Be­ru­fung ein­ge­legt wer­den. Über­ge­ord­ne­te In­stanz war der Kas­sa­ti­ons­hof in Pa­ris.

Für grö­ße­re Straf­sa­chen wur­de in je­dem Ar­ron­dis­se­ment ein Straf­ge­richt in­stal­liert. Ge­gen des­sen Ur­tei­le konn­te an ei­nem Kri­mi­nal­ge­richt im Haupt­ort des De­par­te­ments Be­ru­fung ein­ge­legt wer­den. Vor dem Kri­mi­nal­ge­richt wur­den Schwerst­ver­bre­cher ver­ur­teilt. Häu­fig ver­häng­te Stra­fen wa­ren Haft, Pran­ger, Zwangs­ar­beit und Tod durch die Guil­lo­ti­ne.

Das Amt des Rich­ters war grund­sätz­lich von dem des Ver­wal­ters ge­trennt. In Frank­reich wur­den die Rich­ter ge­wählt, in den rhei­ni­schen De­par­te­ments hin­ge­gen wur­den sie vom Main­zer (Ge­ne­ral-) Re­gie­rungs­kom­mis­sar, spä­ter von Na­po­le­on er­nannt. An den hö­he­ren Ge­rich­ten am­tier­ten zu­sätz­lich Ge­schwo­re­ne. Auch war die­sen Ein­rich­tun­gen das so ge­nann­te Öf­fent­li­che Mi­nis­te­ri­um als Vor­läu­fer der heu­ti­gen Staats­an­walt­schaft zu­ge­ord­net. Die Ver­fah­ren wa­ren münd­lich und öf­fent­lich. Al­le Bür­ger wa­ren vor dem Ge­setz gleich und hat­ten An­spruch auf ei­nen münd­li­chen Pro­zess. Fran­zö­sisch war als Amts­spra­che vor­ge­schrie­ben. Die Par­tei­en muss­ten sich sel­ber ver­tei­di­gen oder sich von ei­nem Be­voll­mäch­tig­ten ver­tei­di­gen las­sen. Das zwang die Rechts­su­chen­den häu­fig, sich an ju­ris­tisch ver­sier­te Ver­mitt­ler und ge­le­gent­lich frag­wür­di­ge Ge­set­zes­kun­di­ge (Hom­mes de loi) zu wen­den.

In der Fran­zo­sen­zeit herrsch­te für die Rhein­län­der durch die auch hier gül­ti­gen Na­po­leo­ni­schen Ge­setz­bü­cher ei­ne bis da­hin un­be­kann­te Rechts­si­cher­heit und Rechts­ein­heit. Das im Bür­ger­li­chen oder Na­po­leo­ni­schen Ge­setz­buch (Code ci­vil, 1804; Code Na­po­lé­on, 1807), in der Zi­vil­pro­zess­ord­nung (Code de pro­cé­du­re ci­vil, 1806), dem Han­dels­ge­setz­buch (Code de com­mer­ce, 1807), der Straf­pro­zess­ord­nung (Code d’in­struc­tion cri­mi­nel­le, 1808) und dem Straf­ge­setz­buch (Code pé­nal, 1810) nie­der­ge­schrie­be­ne Recht wur­de als­bald in den rhei­ni­schen De­par­te­ments ver­bind­lich. Die neue Ju­ris­dik­ti­on wur­de durch Über­set­zun­gen ei­nem brei­ten Kreis be­kannt und zog ei­ne gro­ße Po­pu­la­ri­tät des fran­zö­si­schen Rechts nach sich.

Im Gro­ßher­zog­tum Berg trat 1810 gleich­falls das Na­po­leo­ni­sche Ge­setz­buch in Kraft. Die fran­zö­si­sche Ge­richts­or­ga­ni­sa­ti­on wur­de mit De­kret vom 17.12.1811 ver­ab­schie­det und 1812 eben­so wie die Zi­vil­pro­zess­ord­nung und das Han­dels­ge­setz­buch ein­ge­führt. Der ent­spre­chen­de Ap­pel­la­ti­ons­ge­richts­hof wur­de in Düs­sel­dorf eta­bliert. Ihm über­ge­ord­net war eben­falls der Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof in Pa­ris.

Die zwei Jahr­zehn­te fran­zö­si­scher Herr­schaft wa­ren für die Jus­tiz des lin­ken, aber auch des rech­ten Rhein­lan­des ei­ne Zeit des voll­stän­di­gen Um­bru­ches; sie zo­gen ei­ne sich aus­wei­ten­de Rechts­si­cher­heit nach sich. Die Grund­sät­ze der fran­zö­si­schen Or­ga­ni­sa­ti­on über­dau­er­ten die Zeit nach 1814. Auch nach dem Rück­zug der Fran­zo­sen blieb das fran­zö­si­sche Rechts­we­sen im Rhein­land weit­ge­hend er­hal­ten. Das Bür­ger­li­che Ge­setz­buch als ju­ris­ti­sche Fest­schrei­bung der ge­sell­schaft­li­chen Ord­nung hat­te hier noch bis zum Jahr 1900 Gül­tig­keit.

4. Kirchenpolitik

Neu­ord­nung des Kir­chen­we­sens
Die Stel­lung der das links­sei­ti­ge Rhein­land do­mi­nie­ren­den ka­tho­li­schen Kir­che und ih­rer In­sti­tu­tio­nen war be­reits ge­gen En­de des 18. Jahr­hun­derts stark an­ge­grif­fen. Der Zu­sam­men­bruch des Al­ten Rei­ches nach 1794 ver­setz­te den geist­li­chen Staa­ten den To­des­stoß. Die Ver­kün­dung der Men­schen­rech­te hat­te im Rhein­land die Re­li­gi­ons- und Kul­tus­frei­heit zur Fol­ge. Al­ler­dings fand auch die zu­nächst scharf an­ti­kirch­li­che Ge­setz­ge­bung, die vor al­lem Klos­ter- und Kir­chen­gü­ter, die Geist­lich­keit und das kirch­li­che Le­ben be­traf, in dem be­setz­ten Land­strich An­wen­dung. Be­schlag­nah­mung der geist­li­chen Gü­ter, Ein­grif­fe in die kirch­li­che Selbst­ver­wal­tung und in die noch be­ste­hen­de kirch­li­che Recht­spre­chung, Ent­fer­nung re­li­giö­ser Sym­bo­le in der Öf­fent­lich­keit, Un­ter­sa­gung der öf­fent­li­chen Re­li­gi­ons­aus­übung, Ein­füh­rung des pries­ter­li­chen Bür­ge­rei­des, Auf­nah­me­ver­bot von No­vi­zen, sys­te­ma­ti­sche staat­li­che Re­gis­trie­rung des Kir­chen­gu­tes, Ein­füh­rung der Zi­vil­stands­ge­set­ze und des re­pu­bli­ka­ni­schen Ka­len­ders wa­ren Maß­nah­men, wel­che die vor­han­de­nen Struk­tu­ren grund­le­gend zer­schlu­gen.

Mit dem Staats­streich Na­po­le­ons im Jah­re 1799 hat­te die stark an­ti­kirch­li­che Ent­wick­lung ein En­de und wur­de mit dem Kon­kor­dat zwi­schen Na­po­le­on und Papst Pi­us VII. (Epis­ko­pat 1800-1823) im Jahr 1801 in neue Bah­nen ge­lenkt. Das als Staats­ge­setz er­las­se­ne Kon­kor­dat wur­de zu­sam­men mit den so ge­nann­ten Or­ga­ni­schen Ar­ti­keln ein Jahr spä­ter in den rhei­ni­schen De­par­te­ments ver­kün­det. Mit dem zen­tra­lis­ti­schen na­po­leo­ni­schen Staats­kir­chen­tum wur­de ei­ne grund­le­gen­de Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Re­li­gi­ons­we­sens in­iti­iert und die rö­misch-ka­tho­li­sche Re­li­gi­on als die der Mehr­heit der Staats­bür­ger an­er­kannt. Frank­reich wur­de fort­an in zehn Erz­bis­tü­mer auf­ge­teilt. Die neu ge­schaf­fe­nen rhei­ni­schen Bis­tü­mer Aa­chen mit den De­par­te­ments Ro­er und Rhein-Mo­sel, Trier mit dem Saar- und Mainz mit dem Don­ners­berg­de­par­te­ment wur­den dem Erz­bis­tum Me­cheln zu­ge­ord­net. Zu Bi­schö­fen wur­den ge­bür­ti­ge Fran­zo­sen er­nannt. Sie er­hiel­ten eben­so wie die Pfar­rer staat­li­che Be­sol­dung. Die Pfar­rei­be­zir­ke wur­den neu um­schrie­ben, für je­den Kan­ton war ei­ne Haupt­pfar­rei und ei­ne An­zahl Suk­kur­sal­pfar­rei­en vor­ge­se­hen. Ih­re Zir­kumskrip­ti­on er­folg­te 1802; sie wur­de 1804 und noch­mals 1807/1808 re­vi­diert. 1806 wur­de der in ganz Frank­reich ver­bind­li­che Reichs­ka­te­chis­mus pu­bli­ziert.

Gleich­zei­tig mit dem ka­tho­li­schen Kul­tus wur­den auch die Kir­chen der re­for­mier­ten und lu­the­ri­schen Pro­tes­tan­ten 1802 in den vier rhei­ni­schen De­par­te­ments neu struk­tu­riert. Erst­mals er­hiel­ten die Pro­tes­tan­ten vol­le Re­li­gi­ons­frei­heit mit ei­ner zen­tra­lis­ti­schen Kir­chen­ver­wal­tung. Die pro­tes­tan­ti­sche Kir­che mit Kon­sis­to­ri­al­kir­chen un­ter Lei­tung ei­nes Lo­kal­kon­sis­to­ri­ums kam eben­falls un­ter stren­ge Staats­auf­sicht. Als über­ge­ord­ne­te Auf­sichts­or­ga­ne wur­den Syn­oden für die Re­for­mier­ten und In­spek­tio­nen für die Lu­the­ra­ner ein­ge­setzt. Über den In­spek­tio­nen be­stan­den zu­dem Ge­ne­ral­kon­sis­to­ri­en (Köln für die De­par­te­ments Ro­er und Rhein-Mo­sel, Mainz für die De­par­te­ments Saar und Don­ners­berg).

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Marc Antoine Berdolet, erster Bischof des Bistums Aachen (1802-1809), Ölgemälde von Johann Peter Scheuren (1774-1844), 1807. (Domschatzkammer Aachen)

Mit der fran­zö­si­schen Herr­schaft wur­den die Ju­den erst­mals gleich­be­rech­tigt. 1808 wur­den für sie in Frank­reich drei­zehn Syn­ago­gen mit je ei­nem Kon­sis­to­ri­um er­öff­net. Ent­spre­chen­de Syn­ago­gen mit über­re­gio­na­lem Ein­zugs­be­reich ent­stan­den im Rhein­land in Ko­blenz, Kre­feld, Trier und Mainz. Die Kon­sis­to­ri­en soll­ten auch die Glau­bens­brü­der zur Aus­übung ei­nes nütz­li­chen Ge­wer­bes und zur Ein­hal­tung der Mi­li­tär­pflicht an­trei­ben. Da­mit wur­den die­se In­sti­tu­tio­nen zu ei­nem staat­li­chen In­te­gra­ti­ons­mit­tel.

In dem­sel­ben Jahr ver­schlech­ter­te sich die La­ge der Ju­den je­doch durch das so ge­nann­te „Schänd­li­che De­kre­t“. Es un­ter­warf sie in ih­rer Ge­schäfts­tä­tig­keit et­li­chen Re­strik­tio­nen und zwang sie, fes­te Fa­mi­li­en­na­men an­zu­neh­men. Die­se dis­kri­mi­nie­ren­de Son­der­ge­setz­ge­bung wur­de auch nach dem Über­gang des lin­ken Rhein­lan­des an Preu­ßen im Jah­re 1815 zu­nächst nicht rück­gän­gig ge­macht. Im Gro­ßher­zog­tum Berg, wo es für kei­ne Re­li­gi­on zu ei­ner ent­spre­chen­den Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Kir­chen­we­sens kam, wur­de das „Schänd­li­che De­kre­t“ erst nach En­de der Fran­zo­sen­zeit un­ter preu­ßi­scher Herr­schaft ver­bind­lich.

4.1 Säkularisation

1801 wur­de in den vier neu­en fran­zö­si­schen De­par­te­ments die in Frank­reich be­reits er­folg­te Sä­ku­la­ri­sa­ti­on, die Ent­eig­nung des geist­li­chen Be­sit­zes durch den Staat, ein­ge­lei­tet. Ein Jahr spä­ter wur­de die Auf­he­bung na­he­zu al­ler Klös­ter und Stif­te an­ge­ord­net; aus­ge­nom­men wa­ren nur geist­li­che An­stal­ten, die Ein­rich­tun­gen für den öf­fent­li­chen Un­ter­richt und die Kran­ken­pfle­ge un­ter­hiel­ten. Der Klos­ter- und Stifts­be­sitz ging in die Ver­wal­tung des fran­zö­si­schen Staa­tes über und wur­de nach und nach zum Kauf an­ge­bo­ten. Un­ter den Käu­fern mach­ten An­ge­hö­ri­ge des ge­ho­be­nen Bür­ger­tums die Mehr­heit aus.

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Jakobinermütze, Besitz des Kölnischen Stadtmuseum, Foto: Wolfgang F. Meier. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

Durch die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on ging im Rhein­land ei­ne reich­hal­ti­ge jahr­hun­der­te­al­te Klos­ter- und Stifts­land­schaft un­ter. Der Pro­zess er­fass­te durch den Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluss von 1803 auch das Her­zog­tum und spä­te­re Gro­ßher­zog­tum Berg. Mit die­ser Fi­nanzope­ra­ti­on zur Ret­tung der Staats­bud­gets er­leb­te das Rhein­land ei­ne Be­sitz- und Ver­mö­gensum­schich­tung von bis da­hin un­vor­stell­ba­rem Aus­maß. Die Um­struk­tu­rie­rung, die Auf­he­bung der kirch­li­chen Pri­vi­le­gi­en und die Ver­staat­li­chung ge­sell­schaft­li­cher Auf­ga­ben hat­ten zahl­rei­che Ver­än­de­run­gen in ver­schie­de­nen Be­rei­chen zur Fol­ge und be­ein­fluss­ten be­son­ders das wirt­schaft­li­che und ge­sell­schaft­li­che Ge­fü­ge nach­hal­tig. Die ka­tho­li­sche Kir­che er­leb­te ei­ne ein­schnei­den­de Zä­sur. Sie konn­te sich von dem Zu­sam­men­bruch der sie tra­gen­den Ord­nung erst im Ver­lauf des 19. Jahr­hun­derts lang­sam er­ho­len, der Ver­lust an welt­li­chem Ein­fluss zwang sie zu ei­ner grund­le­gen­den Neu­auf­stel­lung.

5. Wirtschaftspolitik beidseits des Rheins und neue Elite

Ne­ben der Kir­chen­po­li­tik war der Wirt­schafts­auf­schwung im links­sei­ti­gen Rhein­land ein grund­le­gen­des Ele­ment der In­te­gra­ti­on der Rhein­län­der in den fran­zö­si­schen Staat. Schon vor der Fran­zo­sen­zeit hat­te die rhei­ni­sche Wirt­schaft trotz der Be­schrän­kun­gen durch den Feu­da­lis­mus und das Zunftsys­tem an Pros­pe­ri­tät ge­won­nen. Die Be­set­zung des Rhein­lan­des hat­te für al­le Wirt­schafts­zwei­ge links­rhei­nisch nur vor­über­ge­hend Sta­gna­ti­on und Nie­der­gang zur Fol­ge. Mit der Ver­le­gung der Zoll­gren­ze an den Rhein er­hol­te sich die Wirt­schaft hier nach 1798 zu­se­hends. Den rhei­ni­schen Wa­ren stand mit ei­nem Ma­le der gan­ze fran­zö­si­sche Wirt­schafts­raum als Ab­satz­ge­biet zur Ver­fü­gung, die ho­hen Zöl­le am Rhein schütz­ten zu­dem vor der Kon­kur­renz aus dem Rechts­rhei­ni­schen. Die Ab­schaf­fung der Zünf­te und die neue bür­ger­li­che Rechts­ord­nung mach­ten die Ge­wer­be­frei­heit mög­lich.

Das wirt­schaft­li­che Le­ben wur­de nach­hal­tig ge­för­dert durch die Ein­füh­rung des ein­heit­li­chen Münz­we­sens, ei­ner fes­ten Wäh­rung und des me­tri­schen Maß- und Ge­wichts­sys­tems. Eben­so tru­gen im wei­te­ren Ver­lauf das Han­dels­ge­setz­buch, Han­dels­ge­rich­te, so ge­nann­te Rä­te der Ge­wer­be­ver­stän­di­gen als Ar­beits­ge­rich­te und die Er­öff­nung von Han­dels­kam­mern ent­schei­dend zum wirt­schaft­li­chen Er­folg bei. Mit Ge­wer­be­aus­stel­lun­gen, Preis­aus­schrei­ben oder Pa­tent­ver­ga­ben kur­bel­te der Staat zu­sätz­lich die Wirt­schaft an. Ma­nu­fak­tu­ren und Fa­bri­ken brei­te­ten sich aus, neue Ma­schi­nen ka­men zum Ein­satz. Die Über­sie­de­lung zahl­rei­cher Un­ter­neh­mer aus dem Ber­gi­schen sorg­te links­rhei­nisch für wei­te­ren Auf­schwung. Köln, bis da­hin ein Sym­bol wirt­schaft­li­cher Rück­stän­dig­keit, wur­de in na­po­leo­ni­scher Zeit zur grö­ß­ten rhei­ni­schen Han­dels- und Ge­wer­be­stadt.

An­ders sah es rechts­rhei­nisch aus. Hier wirk­te sich die Ver­le­gung des Zolls an den Rhein fa­tal aus, denn die Un­ter­neh­mer ver­lo­ren ei­nen Gro­ß­teil ih­res be­ste­hen­den Ab­satz­mark­tes. Der Rhein wur­de zur streng be­wach­ten Zoll­gren­ze. Die Ab­sper­rung hat­te ei­nen schwung­haf­ten Schmug­gel zur Fol­ge, ei­ge­ne Doua­ne­ge­rich­te ent­stan­den in We­sel, Köln, Mainz und 1812 auch im Gro­ßher­zog­tum Berg. Seit 1806 führ­te Na­po­le­on mit der Ver­hän­gung der Kon­ti­nen­tal­sper­re ei­nen Wirt­schafts­krieg. Er­neut wur­de da­durch vor al­lem das rechts­rhei­ni­sche Ge­biet be­trof­fen. Der Nie­der­gang der ber­gi­schen Wirt­schaft führ­te 1813 zum Auf­stand der so ge­nann­ten Knüp­pel­rus­sen, der ein­zi­gen schwe­ren Re­vol­te ge­gen die fran­zö­si­sche Herr­schaft am Rhein.

Im All­ge­mei­nen wur­den die Be­las­tun­gen der fran­zö­si­schen Herr­schaft, be­son­ders die Be­steue­rung und Kon­skrip­ti­on, oh­ne öf­fent­li­chen Wi­der­stand hin­ge­nom­men. Bei den zwei­ma­li­gen Be­su­chen Na­po­le­ons im Rhein­land in den Jah­ren 1804 und 1811 wur­den ihm gro­ße Eh­ren­be­zeu­gun­gen dar­ge­bracht. In wei­ten Tei­len des lin­ken Rhein­ufers wur­de er als Wie­der­her­stel­ler von Ord­nung und Re­li­gi­on und als gro­ßer Kriegs­held be­wun­dert. Die Mehr­heit der Bür­ger war be­reit, sich loy­al an­zu­pas­sen. Ge­führt wur­de sie von den No­ta­beln, den An­ge­hö­ri­gen der so­zia­len Ober­schicht des neu­en Frank­reich und den Höchst­be­steu­er­ten des Lan­des, be­ste­hend aus Mit­glie­dern des al­ten Adels und er­folg­rei­chen Wirt­schafts­bür­gern. Mit die­ser Eli­te des Be­sit­zes und Gel­des ver­such­te Na­po­le­on sei­ne Herr­schaft zu fes­ti­gen. An die Stel­le des ge­burts­stän­di­schen Ge­sell­schafts­auf­baus war da­mit der be­sitz­stän­di­sche ge­tre­ten. Die No­ta­beln knüpf­ten viel­fach an In­sti­tu­tio­nen der Auf­klä­rungs­zeit an und fan­den sich in Frei­mau­rer­lo­gen, Le­se- oder Ka­si­no­ge­sell­schaf­ten zu­sam­men. Die 1801 ge­grün­de­te „Ge­sell­schaft für nütz­li­che For­schun­gen“ in Trier be­steht noch heu­te und ist ei­ne der äl­tes­ten wis­sen­schaft­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen Deutsch­lands.

6. Öffentliche Gesundheitspolitik und Wohlfahrtsverwaltung

Die fran­zö­si­sche Ver­wal­tung nahm sich nach den zer­stö­re­ri­schen Kriegs­wir­ren und der pro­vi­so­ri­schen Über­gangs­pha­se be­son­ders in der Kai­ser­zeit aus wirt­schaft­li­chen und mi­li­tä­ri­schen Er­wä­gun­gen her­aus aus­drück­lich der öf­fent­li­chen Ge­sund­heits­po­li­tik an. Sie wur­de in den rhei­ni­schen De­par­te­ments mit un­ter­schied­li­cher In­ten­si­tät rea­li­siert. Mit Ge­setz von 1803 kam es zu ver­schärf­ter Re­gle­men­tie­rung der Ärz­te­schaft und des sons­ti­gen Heil­per­so­nals und zur ver­stärk­ten Kon­trol­le des öf­fent­li­chen Ge­sund­heits­we­sens durch staat­lich be­auf­trag­te und be­zahl­te Ärz­te. Die Heb­am­men­aus­bil­dung wur­de durch Ein­füh­rung ent­spre­chen­der Schu­len mit prak­ti­schem kli­ni­schen Un­ter­richt am Kran­ken­bett ver­bes­sert. Vor­bild­lich wur­de die Ein­füh­rung der da­mals erst vor we­ni­gen Jah­ren von Dr. Ed­ward Jen­ner (1749-1823) ent­deck­ten Po­cken­imp­fung. Da­durch wur­de der seit Jahr­hun­der­ten wü­ten­den Seu­che erst­mals groß­flä­chig Ein­halt ge­bo­ten.

Durch die Auf­he­bung der Klös­ter und Stif­tun­gen wur­de die Über­nah­me der Ar­men- und Kran­ken­für­sor­ge ver­stärkt in die Pflicht und un­ter die Kon­trol­le des Staa­tes ge­stellt. Es wur­den Hos­pi­zi­en­kom­mis­sio­nen und Wohl­tä­tig­keits­bü­ros ein­be­ru­fen und mit Hos­pi­zi­en, Hos­pi­tä­lern und häus­li­chen Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ent­spre­chen­de staat­li­che und öf­fent­li­che Ein­rich­tun­gen zur Ver­fü­gung ge­stellt. Im Gro­ßher­zog­tum Berg lie­fen In­itia­ti­ven zur Re­ge­lung ei­nes ein­heit­li­chen Ar­men­we­sens erst 1809 an und konn­ten nur par­ti­ell rea­li­siert wer­den.

Eben­falls spät wur­de im Links­rhei­ni­schen das Bet­tel­we­sen durch die Ein­rich­tung von Bet­tel­häu­sern in Brau­wei­ler (Ro­er­de­par­te­ment), Trier (Saar­de­par­te­ment) und Fran­ken­thal (Don­ners­berg­de­par­te­ment) un­ter be­trächt­li­chem Auf­wand staat­lich or­ga­ni­siert. Dort wa­ren meh­re­re hun­dert In­sas­sen ar­re­tiert. Al­le drei In­sti­tu­tio­nen krank­ten an Dis­zi­plin­lo­sig­keit und feh­len­der Ar­beits­ren­ta­bi­li­tät. Nur im Ro­er­de­par­te­ment ent­wi­ckel­te sich die An­stalt im wei­te­ren Ver­lauf zu ei­nem Re­nom­mier­ob­jekt und be­stand un­ter wech­seln­den Na­men und In­ten­tio­nen bis 1967 fort.

7. Bildung und Kultur

Nach dem Ein­marsch der fran­zö­si­schen Trup­pen war die Kul­tur­po­li­tik der Fran­zo­sen zu­nächst de­struk­tiv und durch kon­fis­ka­to­ri­sche Maß­nah­men ge­kenn­zeich­net. Öf­fent­li­che und pri­va­te, be­son­ders kirch­li­che Kunst­wer­ke, Ma­nu­skrip­te, Bi­blio­theks­be­stän­de und sons­ti­ge Samm­lun­gen wur­den ge­sich­tet. Die wich­tigs­ten Ob­jek­te ka­men nach Pa­ris. Erst ab 1798 er­folg­te ei­ne sys­te­ma­ti­sche Bil­dungs- und Kul­tur­po­li­tik. Be­reits zu Be­ginn war in Pa­ris die För­de­rung der fran­zö­si­schen Spra­che aus­drück­lich als In­stru­ment zur Be­frei­ung der Rhein­län­der von den Ein­rich­tun­gen des Al­ten Rei­ches und zur Ge­wöh­nung an die fran­zö­si­schen Ge­set­ze pro­pa­giert wor­den.

Das si­chers­te Mit­tel war die Ein­füh­rung des Fran­zö­sisch­un­ter­rich­tes an Schu­len, aber auch die För­de­rung fran­zö­si­scher Thea­ter, pa­trio­ti­scher Na­tio­nal­fes­te und re­pu­bli­ka­ni­scher Zei­tun­gen. Bin­nen we­ni­ger Mo­na­te wur­de Fran­zö­sisch als Amts­spra­che ver­bind­lich. We­nig spä­ter wur­de das Schul­we­sen nach dem fran­zö­si­schen Un­ter­richts­ge­setz von 1795 mit den Grund­prin­zi­pi­en der Frei­heit, Gleich­heit und Lai­zi­tät der Bil­dung neu ge­ord­net. Die be­ste­hen­den Bil­dungs­ein­rich­tun­gen (dar­un­ter die Uni­ver­si­tä­ten in Köln, Bonn, Trier und Mainz) wur­den auf­ge­ho­ben. An Stel­le der al­ten In­sti­tu­tio­nen soll­ten Pri­mär­schu­len und als wei­ter­füh­ren­de An­stal­ten Zen­tral- und Spe­zi­al­schu­len nach fran­zö­si­schem Mus­ter tre­ten. Im No­vem­ber 1798 wur­de die Er­öff­nung der Zen­tral­schu­len in den vier vor­ma­li­gen Uni­ver­si­täts­städ­ten des links­sei­ti­gen Rhein­lan­des an­ge­ord­net.

Zur Wen­de im Be­reich von Bil­dung und Kul­tur wur­de das Jahr 1802. An die Stel­le der re­pu­bli­ka­ni­schen Fes­te tra­ten Sie­ges­fei­ern und Ver­an­stal­tun­gen zu Eh­ren des Ers­ten Kon­suls und spä­te­ren Kai­sers Na­po­le­on und sei­ner Dy­nas­tie. Nach und nach wur­de kul­tu­rel­le Auf­bau­ar­beit ge­leis­tet. Ge­sell­schaf­ten zur För­de­rung der Wis­sen­schaf­ten und der Lan­des­kul­tur ent­stan­den in Aa­chen, Köln und Trier. Schau­samm­lun­gen und Mu­se­en wur­den ge­grün­det, teil­wei­se er­folg­te die Rück­füh­rung der zu­vor ent­wen­de­ten Kunst­wer­ke. Es wur­den neue Stadt­wap­pen ver­lie­hen, Denk­mä­ler wur­den er­rich­tet und mit öf­fent­li­chen In­schrif­ten ver­se­hen. Die Pres­se­frei­heit hin­ge­gen wur­de er­heb­lich ein­ge­schränkt, 1810 war für je­des De­par­te­ment nur noch ei­ne Zei­tung amt­lich zu­ge­las­sen. In die­sel­be Rich­tung ging die Ein­tei­lung Frank­reichs in Thea­ter­be­zir­ke, seit 1806 wur­de das Thea­ter staat­li­cher Kon­trol­le un­ter­stellt.

Auch das bis da­hin vom Staat weit­ge­hend un­ab­hän­gi­ge Schul­we­sen wur­de durch ein grund­le­gen­des Schul­ge­setz von 1802 zu­neh­mend zen­tra­li­siert und ei­nem dem In­nen­mi­nis­te­ri­um in Pa­ris an­ge­glie­der­ten Staats­rat un­ter­ge­ord­net. Die Re­form sah vier Schul­ty­pen vor: Im An­schluss an die Pri­mär­schu­len folg­ten auf Gym­na­si­al­ni­veau Se­kun­där­schu­len und Ly­ze­en und schlie­ß­lich pra­xis­ori­en­tier­te, fach­ge­bun­de­ne Spe­zi­al­schu­len für die ein­zel­nen Zwei­ge hö­he­rer Bil­dung. Wäh­rend es in je­dem De­par­te­ment ei­ni­ge Se­kun­där­schu­len gab, ver­füg­ten nur Bonn im Rhein-Mo­sel­de­par­te­ment und Mainz im Don­ners­berg­de­par­te­ment über Ly­ze­en.

Das Schul­ge­setz von 1802 blieb bis zur Ein­rich­tung der Kai­ser­li­chen Uni­ver­si­tät 1806/ 1808 in Kraft. Mit der Grün­dung der Kai­ser­li­chen Uni­ver­si­tät un­ter Lei­tung ei­nes Gro­ß­meis­ters in Pa­ris wur­de das ge­sam­te Bil­dungs­we­sen mit Aus­nah­me der pri­va­ten Mäd­chen­aus­bil­dung ver­ein­heit­licht und kam durch das staat­li­che Schul­mo­no­pol un­ter stren­ge Hier­ar­chie. Die Kai­ser­li­che Uni­ver­si­tät war in Aka­de­mi­en un­ter­teilt (Lüt­tich für das Ro­er­de­par­te­ment, Mainz für die an­de­ren drei rhei­ni­schen De­par­te­ments). Al­le be­ste­hen­den Un­ter­richts­ein­rich­tun­gen wur­den bei­be­hal­ten, die kom­mu­na­len Se­kun­där­schu­len wur­den je­doch in Kol­le­gi­en und die Spe­zi­al­schu­len in Fa­kul­tä­ten um­be­nannt.

In den rhei­ni­schen De­par­te­ments gab es an staat­lich sank­tio­nier­ten In­sti­tu­tio­nen auf Fa­kul­täts­ni­veau nur ei­ne aus der al­ten Uni­ver­si­tät her­vor­ge­gan­ge­ne Me­di­zin­schu­le (1803-1822) in Mainz und ei­ne neue Rechts­schu­le (1806-1816) und ei­ne Nor­mal­schu­le zur Leh­rer­aus­bil­dung (1807-1813) in Ko­blenz.

Ins­ge­samt be­fand sich im links­sei­ti­gen Rhein­land das Schul­we­sen bis zum En­de der Fran­zo­sen­herr­schaft in ei­ner de­so­la­ten La­ge. Die Um­ge­stal­tung des vor­mals zum gro­ßen Teil von der Kir­che ge­tra­ge­nen Er­zie­hungs­we­sens ge­stal­te­te sich schwie­rig und ent­täu­schend. Vor al­lem die Pri­mär­schu­len krank­ten an Per­so­nal- und Geld­man­gel. Die feh­len­de Kon­se­quenz der fran­zö­si­schen Kul­tur­po­li­tik und ih­re Un­ter­ord­nung un­ter mi­li­tä­ri­sche und wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen lie­ßen die ur­sprüng­li­chen Ab­sich­ten schei­tern: Die Ver­brei­tung der fran­zö­si­schen Spra­che konn­te sich nicht durch­set­zen. Nur ei­ne klei­ne Grup­pe der Rhein­län­der be­herrsch­te Fran­zö­sisch, die Sprach­bar­rie­re blieb er­hal­ten.

Im Ge­gen­satz zu den rhei­ni­schen De­par­te­ments gab es im Gro­ßher­zog­tum Berg kei­ne ge­ziel­te Sprach­po­li­tik, Ver­wal­tungs- und Schul­spra­che blie­ben deutsch, eben­so die Leh­rer- und Be­am­ten­schaft mit Aus­nah­me der obe­ren Ver­wal­tungs­spit­ze. An ei­ne kurz­fris­ti­ge Ver­ein­heit­li­chung des Schul­we­sens war an­ge­sichts der zahl­rei­chen Schul­ty­pen und Cur­ri­cu­la nicht zu den­ken. 1811 wur­de in Düs­sel­dorf zwar die ber­gi­sche Lan­des­uni­ver­si­tät nach preu­ßi­schem Vor­bild pro­kla­miert, der Russ­land­feld­zug Na­po­le­ons ver­hin­der­te je­doch ih­re Grün­dung. Die links­rhei­nisch weit­ge­hend durch­ge­führ­te An­pas­sung an das fran­zö­si­sche Bil­dungs­sys­tem kam auf dem rech­ten Rhein­ufer trotz be­ste­hen­der Vor­ha­ben nicht über ers­te An­sät­ze hin­aus.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Graumann, Sabine, 1794 bis 1815 - Aufbruch in die Moderne. Die "Franzosenzeit", in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Epochen/1794-bis-1815---aufbruch-in-die-moderne.-die-%2522franzosenzeit%2522/DE-2086/lido/57ab23d29508f8.06009224 (abgerufen am 18.05.2026)


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Sekundärliteratur

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Kriege und Konflikte

Kriege und Konflikte

Revolutionskriege

Inhaltsverzeichnis

1. Untergang des Deutschen Reiches. Ende eines Imperiums.

1. Untergang des Deutschen Reiches. Ende eines Imperiums.

Am 6. August 1806 endet nach 844 Jahren die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation – Franz II. dankt ab. Er beugt sich dem Willen eines korsischen Feldherrn, der zum erfolgreichsten General der Revolutionsarmee aufgestiegen ist, halb Europa niedergeworfen und sich selbst zum Kaiser gekrönt hat: Napoleon Bonaparte

Das Heilige Römische Reich deutscher Nation liegt im ungewöhnlich warmen Sommer des Jahres 1806 in Agonie. Franz II. aus dem Geschlecht der Habsburger – der 34. Herrscher, der die Kaiserkrone trägt – regiert formal zwar noch immer dieses riesige Imperium, das sich von Rügen bis zur Adria und von Friesland bis Pommern erstreckt, aber nun zerfällt es. 13 Jahre lang waren die Österreicher fast ununterbrochen im Krieg mit Frankreich: anfangs, um die Familie des Königs vor den Revolutionären zu retten, um die Volksregierung abzusetzen – und um den Anspruch der europäischen Monarchen zu demonstrieren, dass ihnen allein von Gott das Recht zu herrschen verliehen worden ist. Doch Franz II. hat Niederlage um Niederlage erlitten. Die Franzosen haben die Territorien links des Rheins mit Städten wie Bonn und Köln annektiert. Schlimmer noch: Die Könige von Bayern und Württemberg sowie weitere 14 Fürsten sind aus dem Reich ausgeschieden und haben eine Allianz mit Napoleon Bonaparte geschlossen, dem selbst gekrönten Kaiser Frankreichs.

Zudem haben die andauernden Kriegszüge Teile Süd- und Westdeutschlands verheert: Einquartierungen, plündernde Soldaten, Viehseuchen, Typhus. Und immer noch steht dort eine 200 000 Mann starke französische Armee, deren Oberkommando in München residiert. Reisen sind lebensgefährlich. Verarmte Bauern, erwerbslose Handwerker und Deserteure organisieren sich in Räuberbanden. Zudem lauern überall militärische Werber, die für jeden zum Dienst Gepressten eine Prämie kassieren.

Und nun steht der vielfach besiegte Franz II. unter enormem Druck: Napoleon droht, die österreichischen Stammlande anzugreifen, wenn der Habsburger nicht die römischdeutsche Kaiserkrone niederlegt und das Reich auflöst. Der 38-jährige Monarch zögert. Doch vier Tage bevor das Ultimatum abläuft, gibt Franz II. den Kampf um das zerstörte Reich auf. Er unterzeichnet am 6. August eine Urkunde, in der es in umständlicher Kanzleisprache heißt: „Wir erklären demnach durch Gegenwärtiges, dass Wir das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des deutschen Reichs gebunden hat, als gelöst ansehen, dass Wir das reichsoberhauptliche Amt und Würde als erloschen betrachten.“ In einfaches Deutsch übersetzt, ist der Inhalt der Erklärung ebenso leicht verständlich wie ungeheuerlich: Nach fast 850 Jahren hat das Heilige Römische Reich aufgehört zu existieren.

Der neue Kaiser entmachtet den Erben Roms

UNERWARTET KOMMT DIESES ENDE nicht. Denn das Reich, so ein Rechtsgelehrter schon mehr als ein Jahrhundert zuvor, gleicht einem irregulären „Monstrum“ – erstarrt in einer Verfassung, die aus jahrhundertealten Gesetzen besteht.

So regelt die Goldene Bulle von 1356 noch immer die Wahl des Reichsoberhaupts: mitunter ein monatelang andauernder Prozess. Und die Reichskriegsverfassung von 1681 bestimmt, dass im Kriegsfall alle Fürsten Kontingente zu stellen haben – das aber sind in manchen Fällen nur eine Handvoll Infanteristen, und so kann aus dieser zusammengewürfelten Truppe nichts anderes entstehen als eine ohnmächtige Streitkraft, die Zeitgenossen als „Confusions-Armee“ verhöhnen. In Großbritannien, Europas modernster Monarchie, steht ein König mit einem Adelsparlament an der Spitze der Nation, ist die Macht in den Händen einer Zentralregierung konzentriert, gibt es eine Hauptstadt, direkte Steuern und weitgehend einheitliche Gesetze. Das Heilige Römische Reich dagegen zerfällt in mehr als 300 Fürstentümer.

Darunter sind Großmächte wie Österreich, in dem 20 Millionen Deutsche, Niederländer, Böhmen, Slowenen, Italiener leben. Oder Preußen mit einer fast 200 000 Mann starken Armee. Dazu gehören aber auch Ländchen wie die Grafschaft Hohengeroldseck im Schwarzwald mit 4500 Einwohnern.

Andere Staaten im Reich werden zudem von Ausländern regiert – so das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, wo der englische König herrscht. Oder Holstein, das dem dänischen Monarchen untertan ist. Jeder Reichsfürst ist ein Souverän, der Gesetze erlässt, an seinen Grenzen Zölle erhebt und Bündnisse sogar mit ausländischen Mächten schließen darf. Die reale Macht des Kaisers, des Reichsoberhaupts, beschränkt sich weitgehend darauf, Universitätsprivilegien zu erteilen und verdiente Beamte in den Adelsstand zu erheben.

Für fast alles, was darüber hinausgeht, braucht er dagegen das Einverständnis der lokalen Herrscher – etwa für die Vergabe von Zollprivilegien die Zustimmung der Kurfürsten, die auch den Kaiser wählen. Das sind bei der letzten Wahl 1792: die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln; der König von Böhmen; der Markgraf von Brandenburg (zugleich König von Preußen) sowie die Herzöge von Sachsen, Pfalz-Bayern und Braunschweig-Lüneburg. Diese acht Würdenträger lassen sich ihre Stimme von den jeweiligen Aspiranten bezahlen: mit wachsenden Kompetenzen und immer neuen Privilegien.

Über Jahrhunderte waren die Habsburger stets bereit, diesen hohen Preis zu zahlen, um den Kaisertitel in ihrer Familie zu halten – der 1792 gekrönte Franz II. ist der 22. Imperator aus ihrer Dynastie. Es geht den Österreichern vor allem um das Prestige, als Kaiser die Nachfolger der römischen Cäsaren zu sein, Beschützer der katholischen Kirche und, dem Rang nach, die Ersten unter den europäischen Monarchen. Doch es geht ihnen auch um reale Macht. Denn der Kaiser hat ein Privileg: Er darf seine Truppen durch das gesamte Reich marschieren lassen. Die Habsburger besitzen große Ländereien in den südlichen Niederlanden – und der Weg dorthin führt durch das Territorium anderer Reichsfürsten.

Für den Thron zahlen die Habsburger einen hohen Preis

DIE BEDEUTENDSTEN Rechte übt der Kaiser gemeinsam mit dem Reichstag aus: etwa über Krieg oder Frieden zu beschließen, Steuern zu erheben, Gesetze zu erlassen.

Doch die Gesandten der Fürsten und Städte, die für ihren Reichstag seit 1594 im Rathaus von Regensburg tagen, unterliegen derartig komplizierten Verfahrensregeln, dass sie fast nie zu einem Entschluss kommen. Deshalb verabschiedet der Reichstag im gesamten 18. Jahrhundert nur ein wichtiges Gesetz: die Reichshandwerkerordnung von 1731. Ebenso langsam und entscheidungsschwach sind die beiden obersten Gerichtshöfe des Reiches, an denen sich Prozesse oft jahrzehntelang hinziehen. Als am Reichkammergericht in Wetzlar 1654 eine Kommission für liegen gebliebene Revisionsfälle eingesetzt wird, beginnt dieses Gremium erst mehr als 100 Jahre später mit seiner Arbeit.

Die gefährlichste „Teutsche Staats-Kranckheit“, für die zeitgenössische Enzyklopädien sogar einen eigenen Eintrag haben, ist jedoch die Rivalität zwischen Österreich und den Hohenzollern, der preußischen Herrscherdynastie. 1740 wurde daraus offene Feindschaft, als Friedrich der Große die österreichische Provinz Schlesien überfiel und das Recht der Habsburger auf den Kaiserthron bestritt. 39 Jahre lang bekämpften sich die beiden Staaten in vier Kriegen, in denen Hunderttausende Soldaten fielen; seither herrscht ein zerbrechlicher Frieden. Nach der Französischen Revolution von 1789 jedoch nähern sich Habsburger und Hohenzollern wieder an – eine aus der Not geborene Solidarität der Monarchen. Denn schon bald darauf erklären Frankreichs Revolutionäre den Anciens Régimes in Europa den Krieg.

ANFANGS SIND die deutschen Staaten durch die Revolution nicht beunruhigt. Im Gegenteil: Österreichs Staatskanzler vermutet, die Anarchie werde Frankreich für lange Zeit schwächen. Zudem scheinen die Aufständischen nur an der Änderung der Verhältnisse im eigenen Land interessiert: Im Mai 1790 verzichtet die Pariser Nationalversammlung feierlich auf Eroberungskriege. Doch das ändert sich rasch. Immer radikalere Gruppen von Revolutionären drängen an die Macht, und auch ihre außenpolitischen Forderungen werden immer extremer. Die Fanatiker wollen den Umsturz exportieren; der Journalist und Abgeordnete Jacques Pierre Brissot etwa verlangt im Dezember 1791 einen „Kreuzzug für die Freiheit der Welt“. Wenige Monate später erklärt Frankreich den Habsburgern den Krieg. Allerdings bleibt der Aufruf zunächst bloße Rhetorik: Ein französischer Vorstoß scheitert – die Revolutionäre verfügen nicht über ausreichend Truppen. Stattdessen fallen umgekehrt im August 1792 die Österreicher in Frankreich ein. An ihrer Seite preußische Einheiten – König Friedrich Wilhelm II. erhofft sich einen schnellen Sieg über Frankreich und Ländereien als leichte Beute.

Eine Fehlkalkulation. Denn am 20. September stoppt der Feldzug. Nach einem Artilleriegefecht rund 100 Kilometer östlich von Paris weicht die durch Hunger und Krankheiten dezimierte Koalitionsarmee hinter die Grenze zurück. Die Franzosen folgen den fliehenden Invasoren und erobern Speyer, Worms und Mainz. Im Jahr darauf reduziert Friedrich Wilhelm II. seine Truppen im Westen um mehr als die Hälfte auf nur noch 20 000 Mann – auch, um Kosten zu sparen. Der Regent des durch Kriegszüge und verschwenderische Hofhaltung praktisch bankrotten Preußen fordert: Wenn der Kaiser in Wien weiterhin eine Beteiligung des Hohenzollern-Staates am Krieg verlange, müsse das Reich dafür zahlen. Franz II. ist empört. Als die Franzosen Sieg um Sieg erringen, schließt Preußens Monarch am 5. April 1795 sogar Frieden mit den Republikanern. Fortan wird die zweitstärkste deutsche Macht mehr als elf Jahre lang im Todeskampf des Reiches neutral bleiben.

ÖSTERREICH KANN DEN ATTACKEN der Franzosen nur wenige Monate widerstehen. Die Angreifer sind überlegen, weil sie durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht ihre Armee auf 500 000 Mann vergrößert haben. Aber auch dank ihrer jungen Heerführer, etwa dem General Napoleon Bonaparte. Für Österreich kämpfen dagegen vor allem teure Söldner unter dem Kommando oft unfähiger Adeliger. Im Frühling 1797 stößt der 27-jährige Bonaparte auf Wien vor. In die Enge gedrängt, muss Franz II. die Bedingungen der Franzosen akzeptieren: Im Frieden von Campo Formio verzichtet er unter anderem auf die Österreichischen Niederlande und erkennt den Rhein als Reichsgrenze an.

Aber die Waffenruhe hält nicht lange. Bereits zwei Jahre später kämpft Österreich erneut gegen Frankreich, das in Norditalien und der Schweiz eingefallen ist. Wiederum unterliegt Wien. Franz II. muss abermals harte Bedingungen akzeptieren, etwa etliche rechtsrheinische Festungen schleifen und die Bestimmungen des Friedens von Campo Formio – denen auch der Reichstag zustimmt – bestätigen.

Für den Verlust linksrheinischer Territorien sollen die weltlichen Fürsten im Reich mit Ländereien rechts des Stroms entschädigt werden: mit Gebieten, die man ihren geistlichen Herren wegnehmen will. Und fast alle Mächtigen im Reich sind bereit, Herrschaft und Eigentum der Bischöfe, Äbte und Reichspröbste preiszugeben: Die religionsfeindlichen französischen Revolutionäre haben ja bereits 1789 jeglichen Kirchenbesitz zum Nationaleigentum erklärt, und viele deutsche Politiker in den protestantischen Ländern haben das gleiche Ziel; auch die katholischen Mächte Österreich und Bayern planen schon seit Längerem, ihr Gebiet auf Kosten geistlicher Herrschaften zu vergrößern.

All das entspricht der Stimmung vieler Zeitgenossen, die die weltliche Herrschaft von Priestern für ein Relikt aus dem Mittelalter halten. Vor allem aber: Kaum ein Kleriker protestiert – und so wundert sich der päpstliche Nuntius in Wien, freilich mit einem antisemitischen Unterton: „Selbst Juden treten für ihre Rechte ein, nur die Bischöfe schweigen.“ Die geistlichen Regenten haben gute Gründe für ihre Zurückhaltung: Sie sollen von den Landesherren, die ihre Herrschaftsrechte übernehmen, großzügige Pensionen erhalten; bis zu 60 000 Gulden im Jahr bekommt etwa ein Fürstbischof. 1803 setzt ein Fürstenrat den Friedenskontrakt in deutsches Recht um – mit dem Reichsdeputationshauptschluss. Von 65 geistlichen Herrschaften bleiben nur drei übrig: die Territorien zweier Ritterorden und das Erzbistum von Mainz (dessen Erzbischof riesige Bestechungssummen an französische Minister und Beamte gezahlt hat).

Zudem werden die Ländereien von 41 Reichsstädten an die sie umgebenden Staaten verteilt. Insgesamt kommen so fast fünf Millionen Menschen und etwa 45 000 Quadratkilometer Land unter eine neue Herrschaft. Größter Verlierer dieser gewaltigsten Gebietsumverteilungen in der Geschichte des Reichs ist die katholische Kirche: Ihre Landgüter fallen an die weltlichen Staaten, Klöster werden aufgelöst, deren Besitz eingezogen. Die Landesherren versteigern Gemälde, Bibliotheken werden eingestampft, Gebäude niedergerissen, silberne Altarleuchter eingeschmolzen.

Die Nonnen und Mönche aus den aufgelösten Klöstern stehen oft ohne Einkommen da. Viele müssen fortan in „Aussterbeklöstern“ leben. Die größten Profiteure des Reichsdeputationshauptschlusses sind neben Preußen die süddeutschen Mittelmächte: Baden, Bayern sowie Württemberg erweitern ihre Gebiete erheblich und entwickeln sich aus zerstückelten Ländersammlungen zu Staaten mit nahezu geschlossenen Territorien. Ihre Landgewinne verdanken die süddeutschen Fürsten allein Bonaparte. Und sie erhoffen sich weitere Erträge; deshalb werden sie zu treuen Verbündeten des Franzosenherrschers. Genau wie der es geplant hat.

Napoleon besiegt Österreich – mit deutscher Hilfe

AM 18. MAI 1804 ernennt sich Napoleon Bonaparte zum Kaiser der Franzosen; die Selbstproklamation ist ein Symbol für die schrankenlose Macht des korsischen Offiziers, der durch einen Staatsstreich die Alleinregierung in Frankreich übernommen hat. Und für das Ende der Revolution, vollzogen von ihrem erfolgreichsten General. In Wien löst die Rangerhöhung Panik aus. Wird Napoleon nun auch nach der römisch-deutschen Krone greifen? Wer sollte Europas mächtigsten Potentaten daran hindern? Franz II., von dem ein französischer Agent schreibt, er lasse sich durch nichts aus seiner natürlichen Apathie bringen, handelt diesmal schnell und kommt dem drohenden Statusverlust zuvor: Keine drei Monate später ernennt er sich zum Kaiser von Österreich – als Franz I.

Dieser Titel ist erblich, bleibt also garantiert in seiner Familie, ganz gleich, welche Absichten Napoleon hat. Noch allerdings hält Franz auch an dem römisch-deutschen Amt fest. In Wirklichkeit will Napoleon, wie er einige Jahre später einem deutschen Minister verraten wird, gar nicht Kaiser des Reichs werden: „Zu allen Zeiten habt ihr eure Kaiser schikaniert. Ich habe kein Interesse daran, euer Oberhaupt zu werden. Ich habe die Hand freier, wenn ich euch fremd bleibe.“

Zudem sind Mittelstaaten wie Bayern und Württemberg ohnehin abhängige Verbündete, die ihm sofort Truppen zur Verfügung stellen, als Österreich 1805 erneut Krieg gegen Frankreich führt. Auch diese Auseinandersetzung endet für Wien in einer Niederlage. Nach dem Sieg dankt Napoleon seinen deutschen Gehilfen: Er nötigt Kaiser Franz II., den Herrscher von Baden zum Großherzog zu erheben und die Fürsten von Württemberg und Bayern zu Königen; Bayern erhält von Österreich zudem unter anderem Tirol und Vorarlberg.

Doch die Belohnung hat ihren Preis. Baden, Bayern und Württemberg sollen sich vom Reich lösen. Napoleon will sie mit 13 weiteren von ihm abhängigen Reichsländern in den Rheinbund zwingen, eine deutsche Föderation unter französischem Protektorat. Dessen Mitglieder haben in Zukunft Zehntausende Soldaten zu stellen, über deren Verwendung allein Bonaparte bestimmt. Und sie sollen ihren Austritt aus dem Reich erklären.

Als die deutschen Monarchen erfahren, was ihren Vertretern in Paris oktroyiert worden ist, sind sie entsetzt. Der bayerische König hätte seinem Gesandten am liebsten eine Kugel durch den Kopf gejagt, schreibt ein Vertrauter später; der Großherzog von Baden lässt eine Urkunde verfassen, in der er seine Loslösung vom Reich für erzwungen erklärt. Dennoch unterzeichnen sie alle – denn Napoleon steht mit 200 000 Soldaten in Südwestdeutschland. Der Franzose fordert zudem das Ende des Reiches. Der Kaiser habe seine römisch-deutsche Krone niederzulegen; wenn nicht, werde er seine Truppen marschieren lassen. Und so unterzeichnet Franz II., „von Gottes Gnaden erwählter römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs“ am 6. August 1806 seine Abdankungsurkunde als Kaiser. 844 Jahre nach der Wahl Ottos des Großen zum ersten Kaiser endet so die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches.

KAUM EINEN DEUTSCHEN aber berührt der 6. August 1806 – zu kraftlos ist schon seit Jahrzehnten das Kaisertum. Johann Wolfgang von Goethe etwa notiert in seinem Journal am folgenden Tag, der Streit seiner Kutscher habe ihn mehr aufgeregt als das Ende des Reiches. Die Mitglieder des Reichstags in Regensburg berufen nicht einmal eine Sitzung ein, als die Nachricht vom Rücktritt des Kaisers bekannt wird. Die wenigen Diplomaten, die während der Sommerferien in der Stadt geblieben sind, reisen ab und lassen ihre Wohnungen und das Inventar versteigern; immer wieder erscheinen in den folgenden Wochen Anzeigen im örtlichen „Regierungs- und Intelligenzblatt“, die Auktionen von „sauberen Kleidern“, Bettwäsche, Sesseln, Kommoden und Weinvorräten ankündigen.

Vor allem die zahlreichen Equipagen allerdings sind unverkäuflich. Und wer sollte in dem nun bedeutungslosen Ort eine Residenz wie das Quartier der Gesandtschaft von Hessen-Darmstadt erwerben, das 22 Zimmer und einen Saal umfasst, einen Stall für sechs Pferde, zwei Küchen, drei Böden sowie zwei Keller? Nur zwei ausländische Reichsfürsten protestieren: Gustav IV. Adolf von Schweden, zu dessen Territorium Vorpommern gehört. Und Englands König Georg III., der auch Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg ist und diesen Titel weiterführt.

Ein Kaiserreich endet in Kanzleideutsch

Das Heilige Römische Reich aber, das am Ende keiner mehr verteidigen wollte, ersteht nicht wieder, auch nicht nach dem Sieg über Napoleon 1814. Aus seinem fast tausendjährigen Erbe wird nach Napoleons Niederlage auf dem Wiener Kongress 1815 der Deutsche Bund, ein lockerer Zusammenschluss souveräner Monarchen und Städte (siehe Seite 82). Dennoch lebt die Rivalität zwischen Österreich und Preußen fort. 1866 wird sie erneut zum Krieg eskalieren. Und erst enden, als 1871 ein deutsches Kaiserreich entsteht, dem der Habsburgerstaat nicht mehr angehört.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Otto, Frank: Untergang des Deutschen Reiches. Ende eines Imperiums, in: Die Deutsche Romantik (GEO Epoche Jg. 2009, Heft Nr. 6), Hamburg 2009.

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Kriege und Konflikte

Befreiungskriege

Inhaltsverzeichnis

  1. Schwarze Jäger: Die Freischärler gegen den mächtigsten Mann Europas
  2. Völkerschlacht bei Leipzig

1. Schwarze Jäger: Die Freischärler gegen den mächtigsten Mann Europas
Napoleon

Napoleon (Mitte) reitet während der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 die französischen Truppen ab. Nach dem Sieg über Preußen besetzt er weite Teile des Landes. Erst sie­ben Jahre später, nach dem Desaster der Grande Armée in Russland, wagen es König und Volk, sich gegen die Fran­zo­sen aufzulehnen © Erich Lessing / akg-images

Kein Heer kann es in den Befreiungskriegen gegen Napoleon anfangs mit der »Grande Armée« aufnehmen. 1813 setzen die Preußen erstmals Freischärlertrupps ein, die französische Nachschubtransporte überfallen. Der bekannteste ist das Lützowsche Freikorps, das in schwarz-rot-goldenen Uniformen kämpft. Wie ein Lindwurm wälzt sich die Kolonne durch das Flusstal und einen Hügel hinauf. Es ist der 26. August 1813, wohl 40 Plan­wagen rumpeln über die Poststraße zwischen Ratzeburg und Schwerin. Fran­zösische Grenadiere und Musketiere bewachen den Treck, der Waffen und Proviant für Napoleons Kriegs­maschi­nerie transportiert.

Der Tross hat bei Tagesanbruch die Stadt Gadebusch hinter sich gelassen, nun sind es noch 20 Kilometer bis nach Schwerin. Die Soldaten sind arglos; der Feind tritt ja meist in unübersehbaren Truppenmassierungen auf, von Kundschaftern lange im Voraus gemeldet. So zieht die Kolonne durch Wiesen und Felder auf einen Waldrand zu. Direkt in den Hinterhalt. Wie aus dem Nichts greifen plötzlich 200 Reiter an, die Pistolen und Gewehre geladen, die Säbel gezückt, zum Teil mit Lanzen bewaffnet. Dies ist kein geordneter Aufmarsch, sondern ein blitzartiger Überfall. Die Fuhrleute, überwiegend Bauern aus Holstein, nutzen das Chaos des Angriffs, machen Pferde los, springen auf und stieben davon – dies ist nicht ihr Krieg. Die französischen Soldaten aber suchen zwischen den Wagen Deckung und leisten erbittert Widerstand.

Nach und nach gelingt es ihnen, den Schutz der Bäume zu erreichen. Aus dem Dickicht heraus eröffnen sie das Feuer auf die Reiter. Doch die Gegner attackieren fanatisch und verfolgen die Soldaten bis in den Wald hinein. Mehr als 50 Franzosen liegen schließlich tot oder verwun­det am Wegesrand, 38 Wagen haben die Angreifer erobert – und nur vier eigene Kämpfer verloren. Das ist der Erfolg einer für Deutschland völlig neuartigen Taktik: mit kleinen, beweglichen Einheiten tief im Feindesland wie aus dem Nichts aufzutauchen, kurz zuzuschlagen und sofort wieder zu verschwinden.

Preußens Niederlage löst Reformen aus

Allerdings haben die Angreifer einen herben Verlust zu beklagen: Theodor Körner, ihr berühmtester Kämpfer, wurde von einer Kugel tödlich getroffen. Der Dichter, in dessen Dresdner Elternhaus Schiller und Goethe verkehrten, hat die Taten seiner Einheit, der „Lützower Jäger“, in pathetischen Versen gerühmt. In seinen viel gele­se­nen Werken werden die Kämpfer zum Inbegriff der Befreiungskriege, die deutsche Armeen und Freischärler seit März 1813 gegen den mächtigsten Mann Eu­ropas führen: Napoleon Bonaparte. In jenen Sommertagen des Jahres 1813 herrscht der französische Kaiser von der italienischen Stiefelspitze bis an die Elbmündung, von Spanien bis Dalmatien. In Deutschland hat er seit seinen Siegen 1805 und 1806 rund drei Dutzend Terri­torien im „Rheinbund“ unter seiner Vor­herrschaft vereinigt; auch Mecklenburg und Sachsen gehören zu dieser „Confédération du Rhin“.

Carl von Clausewitz

Der preußische Offizier Carl von Clausewitz erlebt 1806 das Scheitern seiner Armee – und fordert ein neues Freiwilligenheer© akg-images

Die meisten deutschen Länder, sofern nicht ohnehin annektiert, sind Marionettenstaaten, die Napoleon als Sicherheitskordon und Auf­marsch­gebiet gegen Russland und Österreich dienen. Mit ihrem Kampfgeist und ihren schnellen Vorstößen sind die französi­schen Streitkräfte den Armeen der alten euro­päischen Mächte weit überlegen, die in starren Formationen und wenig motiviert in die Schlachten ziehen. Napoleons Truppen sind auch deshalb so flexibel, weil der Franzosenkaiser den schwerfälligen Versorgungs­apparat minimiert: Die „Grande Armée“ ernährt sich von den Ländern, durch die sie zieht; nicht unbedingt plündernd, aber ­rigoros requirierend.

Doch 1812, als Napoleon bis nach Moskau marschiert, um das Reich des Zaren niederzuringen, scheitert diese Strategie erstmals. Das Riesenheer muss weite, dünn besiedelte Gebiete durchqueren. Zudem verbrennen die Russen ihre Vorräte, ehe sie den Invasoren in die Hände fallen können. Ende 1812 flieht die geschlagene Grande Armée zurück nach Westen, von Kälte und Hunger gezeichnet. Kosaken setzen ihr grausam zu – in frei operie­renden Kavallerieverbänden, die die reguläre russische Armee unterstützen. Sie stehen schon bald in Berlin.

In der Katastrophe Napoleons bietet sich Preußen die Gelegenheit, sich endlich von den Franzosen zu befreien, die seit 1806 im Lande stehen (zudem hat der preußische Staat die Hälfte seines Territoriums verloren, darunter sämtliche Gebiete westlich der Elbe). Doch König Friedrich Wilhelm III. zögert: Zu schwach erscheinen ihm seine Truppen, deren Obergrenze Napo­leon auf 42000 Mann festgesetzt hat. Einige seiner Militärs gehen dafür umso beherzter vor. Zu ihnen gehört Carl von Clausewitz, dessen Abhandlung „Vom Kriege“ später zum Standardwerk an den Militäraka­de­mien der Welt avancieren wird. Clausewitz hat als Offizier das preußi­sche Desaster an der Front miterlebt. Und er hat vermutlich schon seine Zeit in französischer Kriegsgefangenschaft genutzt, um die Niederlage zu analysieren – und radikale Schlüsse zu ziehen. In seinen Theorien wird er die Kampfweise der alten Armeen verwerfen, die sich aufstellen wie Figuren auf einem Schachbrett, und für einen leidenschaftlich geführten Volkskrieg plädieren.

Der spanische Kleinkrieg dient Clausewitz als Taktikvorbild

Clausewitz orientiert sich zum einen am Erfolgsrezept des französischen Heeres, an dessen Beweglichkeit und Entschlossenheit. Zum anderen an der Taktik des ersten erfolgreichen Gegners ebendieser Truppen: an den Bauern, Handwerkern und Mönchen in Spanien, denen es gelungen ist, mit einem unerbittlich geführten Kleinkrieg der bis zu 250000 Mann starken Armee Napoleons zu trotzen. Guerrilla, spanisch für „kleiner Krieg“, heißt diese Art des Kampfes seither.

Nach der Gefangenschaft arbeitet Clausewitz zunächst in der preußischen ­Militär-Reorganisationskommission, ehe er 1812 in russischen Dienst tritt, um gegen Napoleon zu kämpfen. Leiter der Kommission ist Gerhard von Scharnhorst, Chef des Generalstabs. Scharnhorst und Männer wie Clausewitz wollen ein Heer aus Freiwilligen und Wehrpflichtigen formen – und nicht mehr zwangsrekrutierte Kriminelle oder gedungene Söldner antreten lassen. Scharnhorst erkennt, dass Militärreformen nicht ohne gesellschaftliche Veränderungen zu haben sind: Wer im Kampf sein Leben riskiert, muss wissen, wofür – für die Kriege der Herrscher sind die Bürger nicht zu begeistern. Und so wird die Erneuerung des Militärs Teil jenes umfassenden Reform­werks, das ab 1807 den gesamten Staat erfasst: Bauernbefreiung, Abschaffung ständischer Privilegien, kommunale Selbstverwaltung – in Preußen kommt die Revolution von oben.

Als Napoleons verbliebene Truppen nach dem Russland-Desaster weitgehend aus Preußen abgezogen sind, ruft Friedrich Wilhelm sein Volk endlich zu den Waffen und erklärt Frankreich im März 1813 den Krieg. Preußen zieht an der Seite Russlands in den Kampf – die Rheinbundstaaten aber bleiben, anders als vom König erhofft, an der Seite Napoleons; nur Mecklenburg fällt ab. Scharnhorst ist es gelungen, heimlich viel mehr Männer auszubilden, als Napoleon Berlin zugestanden hat. Zu­sätzlich zur so vergrößerten regulären Armee lässt der König nun die Landwehr aufstellen, eine Art Miliz. Außerdem fordert er zur Gründung „freiwilliger Jägerdetachements“ auf – weitgehend selbstständig organisierter mobiler Einheiten, deren wichtigste Waffe das Jagdgewehr ist. Der Appell richtet sich vor allem an das Besitz- und Bildungsbürgertum, das bisher vom Militärdienst ausgenommen war. Die Jäger müssen für Ausrüstung und Bewaffnung meist selbst sorgen, dürfen aber ihre Offiziere frei wählen.

Lützow kehrte trotz Niederlage gegen Napoleon als Kriegsheld zurück

Preußen wird von einer Welle des Patriotismus erfasst. An Universitäten rufen Professoren ihre Studenten zum Waffengang auf, vor den Einschreibungsstellen stehen die Frei­willigen an. Außerhalb der Städte aber – und erst recht außerhalb Preußens – ist die Euphorie deutlich schwächer. In den Rheinbundstaaten und den annektierten Territorien formieren sich Frei­­­wil­ligenverbände erst, als der Krieg diese ­Gebiete erreicht: das „Banner der Freiwilligen Sachsen“ etwa oder die „Bremen-­Verdensche Legion“.

In Preußen entstehen zudem zahlreiche Freischaren: ausschließlich aus Freiwilligen gebildete, den regulären Streit­kräften gleichgestellte Truppen, die zumeist normale Infanterie- oder Kavallerieeinheiten mit Gruppen von Jägern kombinieren. Die wohl größte und berühmteste dieser Scharen – sie wird später fast 4000 Mann stark werden – ist das Freikorps des Majors Adolf von Lützow.

Als preußischer Offizier hat Lützow an der Schlacht bei Jena und Auerstedt gegen Napoleon teilgenommen und ist trotz der Niederlage als Kriegsheld zurückgekehrt. Zwischenzeitlich aus dem Dienst ausgetreten, hat er stets Kontakt zu den preußi- schen Militär-­Reformern gehalten. Nun schickt ihm Scharnhorst persönlich seine „Instruktion für die Streifdetachements“ – eine Anleitung zum Partisanenkrieg.

Mindestens ebenso wichtig wie militärischer Erfolg ist Scharnhorst die psychologische Kriegsführung: Lützows ­Truppe soll zum Aufstand anstacheln, vor allem in den Rheinbundstaaten. Im Gasthaus „Goldener Szepter“ zu Breslaueröffnet im Februar 1813 das Werbungsbüro. Schnell findet sich eine illustre Runde zusammen: Friedrich Ludwig Jahn gehört zu den ersten Freiwilligen, der deutschpatriotische „Turnvater“, der seine Leibesertüchtigung als vormilitärische Ausbildung begreift.

Mit ihm kommt Friedrich Friesen, ein ebenfalls von der Idee einer deutschen Nation beseelter Turnpädagoge. Beide stehen in Kontakt zu national gesinnten Studenten, unter denen sie Lützows Truppe bekannt machen. Auch Theodor Körner, der seine Stelle als kaiserlich-königlicher Hoftheaterdichter in Wien aufgegeben hat, um ­Befreiungskrieger zu werden, tritt dem Freikorps bei. Später folgen der romantische Maler Georg Friedrich Kersting und der Dichter Joseph von Eichendorff (der die Truppe nach sechs Wochen ­allerdings schon wieder verlässt). Offiziell heißt der Verband „Königlich Preußisches Freicorps“, aber bekannt werden die Freischärler als „Schwarze Jäger“. Da sie ihre Uniformen selbst finanzieren müssen, hat Lützow dafür die einzige Farbe gewählt, in die sich ­jedes schon vorhandene Kleidungsstück umfärben lässt.

Der Kampf gegen Napoleon soll Deutschland einen

Die politischen Vordenker in der Truppe sehen das Freikorps als Keim ­einer gesamtdeutschen Nationalarmee. Im Kampf gegen Napoleon soll das zersplitterte Land vereint und durch eine Volkserhebung auch gleich die Kleinstaaterei, die Herrschaft unzähliger Fürsten beseitigt werden.

„Es ist in unserer Schar kein Unterschied der Geburt, des Standes, des Landes“, notiert Theodor Körner. Und so schwingt im Kampf gegen Napoleon auch ein bisschen der Geist der Fran­zösischen Revolution mit. Aber die Radikalen bleiben in der Minderheit, den meisten Freiheitskriegern genügt als Programm der Franzosenhass. Immer mehr Freiwillige treffen nun in Breslau ein, am 17. März sind im Aus­bildungslager schon fast 1000 Mann versammelt. Körner schwärmt davon, dass „die gebildetsten und ausgesuchtesten Köpfe aus ganz Deutschland neben mir in Reih und Glied stehen“. Unter seinen Kameraden finden sich mehr Akademiker und Literaten als in anderen Verbänden, ebenso Handwerker und Studenten.

Anders als übliche Infanterietruppen, die mit einfachen Flinten weitgehend ungezielt in Richtung Feind feuern, üben die Jäger den präzisen Schuss aus Büchsen mit gezogenem Lauf, die eine viel höhere Treffgenauigkeit erlauben. Sie sollen unabhängig operieren, das Gelände ausnutzen und gezielt angreifen. Theodor Körner meldet nach Haus: „Um zwei Uhr ist Scheibenschießen, wo zur Errettung deutscher Nation ein namhaftes Pulver verknallt wird.“

Im April 1813 werden weite Areale entlang der Elbe zum Aufmarschgebiet. Furchterregend schnell ist es Napoleon gelungen, erneut eine große Armee in Stellung zu bringen. Er will die Russen mitsamt der mit ihnen verbündeten Preußen möglichst bald in einer Entscheidungsschlacht stellen. Die Gegner sammeln ihre Truppen, rüsten auf, formieren sich. Napoleon setzt neu ausgehobene Soldaten aus Frankreich in Bewegung und erreicht im Laufe des Monats die Saale. Preußen wartet ungeduldig auf das Eintreffen der russischen Hauptarmee, die schließlich am 24. April vor Dresden erscheint. Am 2. Mai kommt es bei Großgörschen zur ersten gro- ßen Schlacht der Befreiungskriege, wie der Kampf gegen Napo­leon später aus deutscher Sicht genannt wird. Doch die Alliierten müssen sich nach Einbruch der Dunkelheit zurückziehen, um nicht von Napoleons klar überlegener Armee aufgerieben zu werden.

Major von Lützow versucht das Volk in Aufstand zu bringen

Die Schwarzen Jäger setzen sich unterdessen an der mittleren Elbe nahe dem Königreich Westphalen fest, einem von Napoleon geschaffenen Rheinbundstaat, um dort den Gegner zu stören und vielleicht sogar eine Volks­erhebung auszulösen. Abseits des Hauptkriegsgeschehens ziehen sie los zu Streifzügen im Feindesland, rauben Kriegskassen aus, fangen Kuriere ab, liefern sich Schießereien mit Gendarmen und stehlen Pferde – ein kostbares Gut, an dem es allen Kriegs­parteien mangelt.

Als einer Einheit der Freischärler 22 Wagenladungen Mehl in die Hände fallen, lässt der Anführer die Beute an die Armen verteilen. Die Bevölkerung nimmt sie dankbar an, kann sich aber nicht zum Aufstand entschließen. Zur ersehnten Volkserhebung kommt es nicht – die Leute auf dem Lande sorgen sich um Haus und Hof, die Idee einer „Nation“ bleibt ihnen fremd. Major von Lützow stellt resigniert fest, „dass trotz allem Eifer und guten Willen jeder Versuch, ein Volk in Aufstand zu bringen, ohne bedeutende Schläge der großen Macht misslingen muss“. Doch die Schläge der „großen Macht“, die als Fanal hätten dienen ­können, bleiben aus.

Der andere Teil des Auftrags aber, Unruhe im Rücken des Feindes zu schüren, gelingt Lützow zunehmend besser. Allerdings nur mit seiner Kavallerie. Der Major erkennt nun auch, dass die mittlerweile fast 2000 Mann starke Infanterie eher hinderlich ist, und beschließt, das Freikorps zu teilen. Die Fußtruppen bleiben zunächst an der Elbe, schließen sich aber Anfang Juni größeren Einheiten der russischen Armee an und marschieren mit ihnen gegen Leipzig. Die Kavallerie unter Lützow bricht schon am 29. Mai mit 400 Pferden und unterstützt von 50 Kosaken nach Süden auf, streift durch königlich-westphäli­sches Gebiet Richtung Thüringen und weiter bis nach Franken.

Die Reiter rechnen mit großer Unterstützung durch die Bevölkerung im ehemals preußischen, nunmehr königlich-­bayerischen Gebiet Ansbach-Bayreuth. Auf dem Weg dorthin überfallen sie gelegentlich Militärtransporte und klei­nere Gruppen feindlicher Soldaten.

Völkerschlacht Leipzig

18. Oktober 1813, der Sieg im Freiheitskrieg ist nah: Drei Tage schon wütet die Völkerschlacht bei Leipzig, als Oberbefehls­haber Karl zu Schwarzenberg den verbündeten Herrschern von Preußen, Österreich und Russland (stehend von links) den baldigen Triumph über Napo­leon meldet. Lützows Freikorps nimmt zur gleichen Zeit an der Eroberung Bremens teil © akg-images

Bei Jena entwaffnen sie eine 200 Mann starke Einheit der Rheinbundtruppen, besetzen Plauen im Vogtland und starten von dort aus einen Angriff auf die in Ansbach-Bayreuth gelegene Stadt Hof. Da trifft am 9. Juni die Kunde von einem Waffenstillstand ein. Die Schwarzen Jäger sind konsterniert. Sie fürchten, dass der Krieg, der für sie doch gerade erst erfolgreich begonnen hat, schon wieder zu Ende sein könnte. Dass Zar und König mit dem Franzosenkaiser womöglich einen Kompromiss ausgehandelt haben.

Preußen und Russen haben inzwischen eine zweite große Schlacht gegen Napoleons Armeen geschlagen, bei Bautzen. Und erneut erwiesen sich die Ver­bündeten als unterlegen und mussten den Rückzug antreten. Doch in beiden Auseinandersetzungen hat Napoleon insgesamt rund 40000 Soldaten ver­loren, ohne eine Entscheidung herbei­zuführen. Weitere Siege dieser Art kann sich der Imperator nicht leisten. Auch seine Gegner müssen sich neu aufstellen. Und so ist beiden Kriegsparteien an einer Gefechtspause gelegen.

Die verstreuten Truppenteile der Verbündeten müssen sich umgehend auf preußisches Territorium zurückziehen, so verlangt es das am 4. Juni geschlossene Abkommen. Major von Lützow aber erhält die offizielle Bestätigung erst am 14. Juni – als die Frist zum Abzug ­bereits seit zwei Tagen abgelaufen ist. Die Grenze nach Böhmen, zum neutralen Kaisertum Österreich, ist von Plauen aus nur einen Tagesmarsch entfernt. Der Major aber entscheidet sich, nach Norden in Richtung Elbe zu ziehen. Am 17. Juni erreicht er mit seinen Reitern das 15 Kilometer südlich von Leipzig ­gelegene Dorf Kitzen.

Napoleons Vertreter im sächsischen Leipzig schickt den 400 Schwarzen 4000 Mann entgegen. Als die Situation bedrohlich wird, reitet Lützow mit Theodor Körner, mittler­- weile sein Adjutant, zum gegnerischen Befehlshaber.

Der Major glaubt immer noch, ein Missverständnis aufklären zu können. Doch plötzlich fallen die feindlichen Truppen über seine Männer her. Lützow entkommt, Körner ebenfalls, wenn auch schwer verwundet. 300 Jäger aber sterben oder werden abgeführt – nicht als Kriegsgefangene, sondern als Schwerverbrecher. Denn für Napoleon sind Lützows Männer nichts anderes als brigands noir, schwarze Räuber.

„Potsdamer Jeanne d’Arc“ wird zur Heldin der Befreiungskriege

Ein Verdikt, aus dem freilich nicht allein Verachtung spricht – vielmehr hat der Feldherr bereits in Spanien die Taktik der Irregulären fürchten gelernt. Und jetzt auch die der patriotischen Freischärler in Deutschland. Mitte August 1813 ist der zehnwöchige Waffenstillstand beendet. Preußen hat die Zeit genutzt und massiv aufgerüstet; zudem ist Österreich dem Bündnis beigetreten, Schweden ebenso (wenn auch mit wenig Engagement); England sichert Unterstützung zu.

Napoleons Hauptarmee steht noch immer in Sachsen, die Koalitionstruppen konzentrieren sich in Böhmen und Schlesien, weiter nördlich verstellt den Franzosen eine wei­tere Armee unter Befehl des schwedischen Kronprinzen Karl Johann den Weg nach Berlin. In Norddeutschland, entlang der Linie Hamburg–Lübeck und weiter östlich in Mecklenburg, sind rund 35000 Franzosen und Dänen, die seit 1807 mit Napoleon verbündet sind, gegen etwa 27000 Alliierte in Stellung gegangen. Hier wird auch Lützows Freikorps wieder eingesetzt, das der Major neu formiert hat. Allerdings ist die schwarze Schar nunmehr fest in einen größeren Verband integriert.

Manchmal ergeben sich aber auch jetzt noch Gelegenheiten, dem ursprünglichen Auftrag nachzukommen: mit Streifzügen hinter den Linien die Franzosen in Atem halten, feindliche Kräfte binden und Nachschublinien unterbrechen – so wie an jenem Morgen des 26. August, als die Korpskämpfer auf der Straße nach Schwerin, das gerade von den Franzosen besetzt worden ist, einen Wagentross angreifen.

Bei diesem Überfall operieren die Schwarzen Jäger gemeinsam mit russi­schen Kosaken. Auch Tiroler Schützen, die 1809 in ihrer Heimat unter dem Volkshelden Andreas Hofer einen Befreiungskrieg gegen Bayern und Fran­zosen geführt haben, sind ihnen nun zur Seite gestellt. Gelegentlich verbinden sie sich auch mit anderen Einheiten freiwilliger Jäger.

Wenn es aber zum offenen Kampf kommt, sollen Lützows Männer jetzt wie andere Truppenteile auch einer regulären Strategie folgen. So bei der Schlacht an der Göhrde, einem Wald­gebiet auf dem linken Elbufer 70 Kilometer südöstlich von Hamburg. Nur drei Wochen nach der erfolgreichen Parti­sanen-Operation in Mecklenburg erkämpfen die Schwarzen Jäger hier in einem kon­ventionellen Gefecht ihren bis dahin größten Erfolg.

Die Franzosen verlieren 1500 Mann, dazu zahlreiche ­Geschütze. König Friedrich Wilhelm III. zeichnet Soldaten des Freikorps mit 17 Eisernen Kreuzen aus. Für einen der freiwilligen Jäger will er sogar ein Denkmal errichten – und dieser Jäger ist eine Frau. Eleonore Prochaska aus Potsdam hat sich in Männerkleidern bei der Truppe eingeschlichen. Sie kämpft unerkannt an vorderster Front, erst nach ihrer Verwundung an der Göhrde wird ihre wahre Identität offenbar.

Die Freischärlerin stirbt an den Folgen ihrer Verletzung und wird, als „Potsdamer Jeanne d’Arc“ verehrt, zu ­einer Heldin der Befreiungskriege. Ihrem Bruder hatte sie zur eigenen Rechtfer­tigung geschrieben: „Sieh nur Spanien und Tirol, wie da die Weiber und Mädchen handelten!“ So hat der Kampf gegen Napoleon durchaus Elemente eines Volkskriegs, und vor allem solche Episoden sind es, die Lützows Truppe zu einem Mythos machen.

Dass der Ruf dieser Einheit den aller anderen weit übertrifft, liegt aber vor allem an Theodor Körner, dem prominenten, früh verstorbenen Poeten in ihren Reihen, der das Freischärler-Dasein in hochtrabenden Gedichten rühmte – mag auch Heinrich Heine später über die „schlechten Verse der Körnerschen Lieder“ spotten, für die sich die braven Deut- schen auf „allerhöchsten Befehl“ begeisterten.

Aber es ist wohl auch der gewachsene Bürgerstolz, der sich in dem Ruhm der Schwarzen Jäger widerspiegelt. Das alte Fürs­tenheer war für die schmachvolle Niederlage Preußens ver­antwortlich – hier nun ziehen freie Bürger den Waffen- rock an, reiten hinaus in die Wälder, nehmen die Sache selbst in die Hand. Entschieden werden die Befreiungskriege gleichwohl von den großen Armeen. Vor Leipzig marschieren am 16. Oktober über 400000 Soldaten zu einer Entscheidungsschlacht auf. Nach vier Tagen sind mehr als 100000 Kämpfer tot oder verwundet. Und Napoleon ist militärisch ge­schlagen.

Napoleon verliert seine Verbündeten in Deutschland

Unterdessen haben die Schwarzen gemeinsam mit Kosa­ken und anderen Einheiten vorübergehend Bremen eingenommen. Während die Haupttruppen der Koalition gen Rhein vorstoßen, bleiben sie im zu Dänemark gehörenden Holstein, nehmen an der Belagerung Hamburgs teil, erobern Glückstadt und machen reiche Beute in dänischen Festungen.

Im Januar 1814 dann dürfen endlich auch Lützows schwarze Männer westwärts ziehen, kämpfen bald vor Jülich und erreichen schließlich die Picardie und damit französisches Kernland. Hier dringen Teile der Lützowschen Kavallerie tief ins Land des zurückweichenden Feindes ein. Nun lernt das Freikorps aus umgekehrter Perspektive, was ein Volkskrieg ist: In den Dörfern werden die Eindringlinge aus Häusern und Ställen beschossen, sie stolpern in Hinterhalte, werden versprengt – und brennen zur Strafe ganze Ortschaften nieder. Friedrich Friesen, der deutschpatriotische Turner, wird von einem Schäfer erschossen.

Napoleon hat seine Verbündeten in Deutschland verloren, der Rheinbund existiert nicht mehr – aber Frieden will der französische Kaiser noch immer nicht schließen. Doch dann marschieren die Koali­tionsarmeen in Paris ein; am 6. April 1814 dankt Napoleon ab. Er erhält die ­Mittelmeerinsel Elba als Fürstentum. Das Lützowsche Freikorps wird in zwei reguläre Regimenter umgewandelt. Der Dienst der freiwilligen Jäger aber ist beendet, sie kehren ins Zivilleben zurück.

Provence: Auf der Route Napoléon von Cannes bis nach Grenoble

Zum Glück musste der Kaiser den Weg über die Berge nehmen, als er 1815 zurück an die Macht nach Paris eilte. Die "Route Napoléon" führt durch die schönsten Landschaften Südfrankreichs

Als Napoleon ein knappes Jahr später aus dem Exil zurückkehrt und bald schon wieder an der Spitze einer Armee marschiert, kommt es am 18. Juni 1815 bei Waterloo im heutigen Belgien zur letzten Schlacht: Gegen die Franzosen treten britische, niederländische und preußische Truppen an. Darunter ist auch die Kavallerie des früheren Freikorps, wenn auch ohne ihren Kommandeur Lützow, der zwei Tage zuvor schwer verletzt in Gefangenschaft geraten ist.

Napoleon erleidet eine totale Niederlage: Am 7. Juli 1815 ziehen ehemalige Lützower als Teil der siegreichen Truppenverbände in Paris ein. Ihr hochdekorierter Gründer wird später zum Generalmajor befördert. Er dient der preußischen Armee noch fast 20 Jahre, ehe er 1834 in Berlin stirbt. Die Ideale der Lützower existieren weiter. Im Zivilleben werden die Vete­ra­nen nicht müde, den „Geist der Be­frei­ungskriege“ zu beschwören – und erreichen so, dass der Ruhm der schwarzen Schar stetig wächst.

Nicht wenige der Studenten und Akademiker, die nach den Befreiungskriegen an den Universitäten für Einheit und Freiheit eintreten, haben einst bei den Schwarzen Jägern oder in anderen Freikorps gekämpft. Sie sorgen dafür, dass die Farben der Lützower – ­schwarze Uniform, rote Aufschläge, goldene Knöpfe – zum Symbol der deutschen Nation werden. Zumal manche die Farben so deuten: schwarz wie die Nacht der Fremdherrschaft, rot wie das Blut, golden wie die Morgenröte der gewonnenen Freiheit. Bis diese Trikolore aber als Flagge einer deutschen ­Republik am Fahnenmast weht, wird noch mehr als ein Jahrhundert vergehen.

2. Völkerschlacht bei Leipzig

Die vom 16. bis zum 19. Oktober 1813 andauernde Völkerschlacht bei Leipzig brachte nicht nur den Sieg der Verbündeten Österreich, Preußen, Russland und Schweden über Napoleon. Sie war mit weit über 500.000 Soldaten sowie mehr als 90.000 Toten und Verwundeten auch eine der größten und blutigsten Schlachten der europäischen Geschichte. Den 200. Jahrestag der Völkerschlacht nimmt das Deutsche Historische Museum zum Anlass, verschiedene Aspekte dieser bedeutenden europäischen Schlacht ab dem 22. August 2013 in der Sonderausstellung "1813 – Auf dem Schlachtfeld bei Leipzig. Ein Rundgang durch das Gemälde Siegesmeldung von Johann Peter Krafft" zu durchleuchten. 

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Am 19. Oktober 1813 schrieb der eben erst zum Oberst beförderte preußische Offizier Karl von Müffling (1775-1851) in seinen Armeebericht: "So hat die viertägige Völkerschlacht von Leipzig das Schicksal der Welt entschieden". Von Müffling übertrieb: Bei Leipzig wurde nicht das Schicksal der Welt entschieden. Und sie markierte auch noch nicht das Ende der napoleonischen Hegemonie - dies erreichte erst die Schlacht bei Waterloo eineinhalb Jahre später. Aber durch diese bedeutende Niederlage Napoleons und den anschließenden Abfall der verbündeten Rheinbundfürsten, stand sie am Anfang vom Ende der Herrschaft Napoleons in Deutschland. Damit leitete die Völkerschlacht einen Prozess ein, an dessen Ende mit dem Wiener Kongress 1815 die territoriale Neuordnung Europas stand und der im selben Jahr geschlossenen Heiligen Allianz die monarchische Ordnung Europas wiederhergestellt wurde.

Die Völkerschlacht, so der Journalist Andreas Platthaus, war "die letzte Königsschlacht", also die letzte Schlacht, in der die Monarchen persönlich auf dem Feld standen und Befehle erteilten. Das waren neben Kaiser Napoleon I. (1769-1821) seine verbündeten Gegner Zar Alexander I. von Russland (1777-1825), Kaiser Franz I. von Österreich (1768-1835) und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen (1770-1840). Folgerichtig zielte Oberst Müffling mit dem Begriff Völkerschlacht auch auf die Heervölker absolutistischer Herrscher und keineswegs auf eine Schlacht, die von freiheitsdürstenden und sich nach nationaler Einheit sehnenden Völkern geschlagen wurde, wie patriotisch gesinnte Zeitgenossen den Begriff rasch umdeuteten. Richtig bleibt: In die Schlacht bei Leipzig waren fast alle damals in Europa existierenden Völker verwickelt.

Nach dem Scheitern Napoleons und seiner Grande Armée im Russlandfeldzug 1812 schloss Preußen zunächst im Februar 1813 ein Bündnis mit Russland und erklärte im März 1813 Frankreich den Krieg. Damit begannen die Befreiungskriege gegen Napoleon, denen sich nacheinander Schweden, England und schließlich auch Österreich anschlossen. Nachdem es Napoleon in der Schlacht bei Dresden am 26./27. August 1813 nicht gelungen war, die Hauptarmee der Alliierten vernichtend zu schlagen und seine Generäle in den Einzelschlachten bei Großbeeren (23.8.1813), an der Katzbach (26.8.1813), bei Kulm (29./30.8.1813), Dennewitz (6.9.1813) und an der Göhrde (16.9.1813) eine Niederlage nach der anderen erlitten, hatte er zunächst versucht, die Armeen der Verbündeten einzeln zu schlagen. Genau das wollten diese aber vermeiden und bezogen im Umkreis von Leipzig Stellung, um von Napoleon gemeinsam die Entscheidungsschlacht zu erzwingen.

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Am Vorabend der Schlacht verfügten die alliierten Verbündeten Russland, Österreich, Preußen und Schweden über rund 360.000 Mann und Napoleon über rund 200.000 Mann, wobei noch nicht alle Truppen einsetzbar waren. Die Böhmische Armee unter dem Oberbefehlshaber der alliierten Truppen, Feldmarschall Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg (1771-1820), umfasste 194.430 Mann. Auf die Schlesische Armee unter Führung des preußischen Generals Gebhard Leberecht von Blücher (1742-1819) und seines Generalstabschefs August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) kamen 63.861 Soldaten. Die Nordarmee unter Führung des schwedischen Kronprinzen und ehemaligen französischen Marschalls Jean-Baptiste Bernadotte (1763-1844) vereinigte 67.416 Mann unter sich und die russische Reservearmee aus dem besetzten Polen unter Graf Levin August Theophil von Bennigsen (1745-1826) brachte es auf 33.875 Mann.

An der Schlacht waren Soldaten fast aller Völker Europas beteiligt: Auf napoleonischer Seite kämpften an die 20.000 Deutsche aus den Rheinbundstaaten, vornehmlich Sachsen, Baden, Hessen, Württemberger und Westphalen, rund 11.000 Polen, die Fürst Joseph Anton Poniatowsky (1762-1813) in Krakau in der Hoffnung auf ein unabhängiges Königreich Polen um sich geschart hatte, an die 7.000 Mann aus den Königreichen Italien und Neapel sowie Niederländer, Spanier und Kroaten aus den von Frankreich annektierten Gebieten. Der Koalitionsarmee gehörten neben Russen, Österreichern und Preußen auch Ungarn, Tschechen, Slowenen, Kroaten, Rumänen, Kalmücken, Baschkiren und Walachen aus den Vielvölkerstaaten Russland und Österreich an. Ab dem 17. Oktober stießen auch Schweden, die Reservetruppen aus dem russisch besetzten Teil Polens sowie das technisch neuartige britische Raketenbataillon hinzu.

"Die Ebenen von Leipzig werden abermals eine fürchterliche Schlacht erleben […]. Diese Schlacht wird mehrere Tage dauern, denn die Lage ist einzigartig und die Entscheidung von unendlichen Folgen", schrieb der Oberbefehlshaber der alliierten Truppen, Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg, am Vorabend der Völkerschlacht bei Leipzig an seine Frau – und er sollte recht behalten, sowohl was die Folgen als auch was die schrecklichen Ausmaße der Schlacht anbelangte.

Bis 1813 war Leipzig eine blühende Handels-, Messe- und Universitätsstadt mit rund 30.000 Einwohnern. Nach der Völkerschlacht war von dieser einst so blühenden Stadt nichts mehr erkennbar. Vom 16. bis zum 19. Oktober kämpften insgesamt über 550.000 Soldaten zunächst im Nordwesten und Südosten Leipzigs und am 19. Oktober auch in Leipzig selbst. Tagsüber schlugen sich die Truppen auf dem durch tagelangen Regen schlammigen und sumpfigen Boden, nachts kampierten sie zumeist auf freiem Feld und verbrannten für wärmende Feuerstellen alles, was sie in den nahegelegenen Wäldern, Dörfern und Scheunen finden konnten. In der Stadt wurde die Zahl der Lazarette auf 50 erhöht, Kirchen und öffentliche Räume dienten den Verwundeten als Notunterkünfte, aber auch diese reichten bald nicht mehr aus, so dass sich Verwundete und Tote auf den Straßen Leipzigs regelrecht stapelten. Tausende Tote wurden tagtäglich per Karren vor die Stadt gekarrt und dort in Massengräbern verscharrt.

Die eigentliche Schlacht begann am Samstag, den 16. Oktober 1813 an vier verschiedenen Standorten rund um Leipzig, brachte aber trotz erbitterter Kämpfe und immenser Verluste auf beiden Seiten noch keinen eindeutigen Sieger. Der 17. Oktober diente beiden Seiten mit wenigen Ausnahmen als Ruhetag und zur Aufstockung ihrer Truppen. Am 18. Oktober 1813 gelang es den zahlenmäßig überlegenen Verbündeten am späten Nachmittag, Napoleons Truppen bis vor die Leipziger Stadtmauern zu drängen. Um die vollständige Vernichtung seiner Truppen zu verhindern, blieb Napoleon nur der Rückzug. Schwarzenberg bereitete unterdessen für den 19. Oktober den konzentrischen Angriff auf Leipzig vor. Noch vor Ende der Kampfhandlungen erschienen gegen 13 Uhr die drei Monarchen Russlands, Österreichs und Preußens auf dem Leipziger Marktplatz zur Siegesfeier und Ehrung der siegreichen Generäle. Es wurde ein teuer erkämpfter Sieg: Allein am 16. Oktober waren auf alliierter Seite 38.000 und auf Napoleons Seite 23.000 Soldaten gefallen, nach der Schlacht waren es 54.000 auf alliierter Seite und 37.000 auf französischer.

Obwohl die Völkerschlacht im Gegensatz zu Waterloo 1815 keineswegs den entscheidenden Sieg über Napoleon oder dessen endgültige Entmachtung gebracht hatte, wurde sie rasch zum wirkmächtigsten nationalen Mythos Deutschlands und zum Volkskrieg verklärt. So wie Napoleon die sächsischen und württembergischen Überläufer während der Schlacht als Hauptursache für seine Niederlage deklariert hatte, verklärten national gesinnte sie als rein patriotisch motivierte Tat von Deutschen, die nicht mehr gegen Deutsche kämpfen wollten – dabei ging es ums nackte Überleben. Denn – zumindest das hatte die national aufgeheizte Propaganda eines Ernst Moritz Arndt (1769-1860) oder eines Theodor Körner (1791-1813) erreicht – die Überläufer wurden mit offenen Armen empfangen und nicht als Gefangene behandelt.

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Und noch schneller vergaßen die Zeitgenossen – mit Ausnahme der Bewohner Leipzigs – das Grauen auf dem Schlachtfeld nach dem Ende der Kampfhandlungen. Allerorten fanden Siegesfeiern statt und die Uraufführung von Beethovens Sinfonie "Wellingtons Sieg" – eigentlich auf den Sieg der britischen über die französischen Truppen am 21. Juni 1813 im spanischen Vitoria komponiert –, wurde von den Zeitgenossen als Siegeshymne der Völkerschlacht intoniert. Über Jahrzehnte wurden Erinnerungsmedaillen geprägt oder aus auf dem Schlachtfeld gefundenen Kanonenkugeln gegossen.

Als die verbündeten Monarchen weder die Freiheitsideale noch die Rufe nach einer geeinten deutschen Nation erfüllten, wandelten sich die Gedenkfeiern zum 18. Oktober mancherorts in politische Demonstrationen national und liberal gesinnter Freiheitskämpfer, wie beim Wartburgfest vom 18. Oktober 1817. So teilte sich die Erinnerung an die Schlacht: Die einen verherrlichten sie als Geburtsstunde der deutschen Nation, als Volksbewegung für Einheit und Freiheit, die anderen feierten sie als Sieg über die Herrschaft Napoleons und die Revolution auf deutschem Boden. Erst mit dem 1894 begonnenen und zur Hundertjahrfeier 1913 eingeweihten Völkerschlachtdenkmal auf dem ehemaligen Schlachtfeld wurde dem Mythos der Völkerschlacht als Geburtsstunde der deutschen Nation das passende Denkmal gesetzt – der liberale Freiheitsgedanke blieb dabei allerdings auf der Strecke.

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Nach dem Ersten Weltkrieg vereinnahmte die national und völkisch gesinnte Rechte den 18. Oktober ebenso wie später die Nationalsozialisten für Großveranstaltungen, die Deutschlands Größe und Volksgemeinschaft verherrlichten. In der DDR diente die Erinnerung an die Völkerschlacht dazu, die deutsch-russische Waffenbrüderschaft zu beschwören, während sie in der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren zunehmend in Vergessenheit geriet.

Zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht wurde in zahlreichen Veranstaltungen nicht nur in und um Leipzig der europäische Erinnerungsort wieder in den Mittelpunkt gerückt.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Langer, Fred: Schwarze Jäger: Die Freischärler gegen den mächtigsten Mann Europas, in: Geo.de, online verfügbar unter https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/befreiungskriege-schwarze-jaeger-die-freischaerler-gegen-den-maechtigsten-mann-30180566.html, zuletzt geprüft am 16.02.2026.

-> Blume, Dorlis: Völkerschlacht bei Leipzig, in: Lebendiges Museum Online (lemo), online verfügbar seit Oktober 2013 unter: https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/voelkerschlacht-bei-leipzig, zuletzt geprüft am 26.04.2026.

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Sekundärliteratur

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Kunst und Kultur

Kunst und Kultur

Die Romantik

Inhaltsverzeichnis

  1. Dichter auf Abwegen. 
  2. Beethovens Neunte Symphonie. Das große Finale.
  3. E.T.A. Hoffmann. Der Gespensterseher.

1. Dichter auf Abwegen.

Im Sommer des Jahres 1800 bricht Heinrich von Kleist das Studium in seiner Geburtsstadt Frankfurt an der Oder ab, eilt nach Berlin und schreibt seiner Halbschwester Ulrike, der neben Penthesilea und Käthchen wichtigsten Frau seines Lebens, dass er ihr die Wahrheit verschweigen müsse. Es sei »nothwendig, nothwendig, den Zweck der scheinbar abenteuerlichen Reise, die er nun unternehmen werde, zu verheimlichen. Wilhelmine von Zenge, mit der er seit Kurzem verlobt war, erfährt in einem zärtlichen Brief, Wichtiges stehe auf dem Spiel, es gehe dabei so gut um ihr Glück wie um seines, vielleicht mehr noch um das ihre. Der 22-Jährige ermahnt die Braut, sie dürfe ihr Versprechen nicht vergessen: »unwandelbares Vertrauen in meine Liebe zu Dir, und Ruhe über die Zukunft«.

Was ist in ihn gefahren? Warum verreist er? Und mit welcher sorgsam verborgenen Absicht? Bis heute lässt sich das nur vermuten. Aber Kleist gehört zu den Dichtern, über die man alles wissen will und vieles wissen muss, will man nicht auf Zerrbilder, Klischees hereinfallen oder auf die Rollenbilder, die er von sich selbst entwarf. Zunächst fährt er nach Pasewalk, seinen Freund Ludwig von Brockes zu treffen, der ihn auf seinem Abenteuer begleiten soll. Ende August spricht Kleist noch mit einem hohen Beamten in Berlin; am 28. brechen sie gen Süden auf, sie wollen nach Wien. In Leipzig immatrikulieren sich die Freunde als Klingstedt und Bernhoff an der Universität. Nächste Station ist Dresden, wo sie vom englischen Gesandten neue Pässe zu erhalten hoffen. Das schlägt fehl; sie ändern ihr Reiseziel: Straßburg oder Würzburg, noch ist es unentschieden. Am 11.September 1800 schreibt Kleist vergnügt aus Würzburg an sein »liebstes Herzensmädchen«. Sie bleiben in der Stadt, die eine Belagerung durch französische Truppen erwartet. Erst am 22. Oktober beginnt die eilige Rückreise nach Berlin. Was hatten sie in Würzburg gewollt?

Wir wissen aus den Briefen, was sie sahen, wir sind über viele Einzelheiten gut informiert, aber die Details fügen sich nicht zu einer schlüssigen Geschichte. Das Rätsel der »Würzburger Reise«, die besser Reise der verschleierten Zwecke hieße, haben Kleist-Forscher seit Jahrzehnten zu lösen versucht. Da Heinrich von Kleist die Generalstochter Wilhelmine von Zenge hartnäckig zur Verlobung gedrängt und die Freuden des Ehestandes mit leidenschaftlicher Pedanterie ausgemalt hatte, liegt die Vermutung nahe, er habe etwas unternommen, um bald heiraten zu können. Möglicherweise standen dem gesundheitliche Probleme im Wege, Impotenz oder eine Phimose? Aber zur Behandlung einer Vorhautverengung hätte er doch in Berlin einen Arzt aufsuchen können, ohne mehrere Hundert Taler Reisekosten aufbringen zu müssen, Geld, das er nicht besaß. Einst werde es, schrieb er von Kleist, sein Stolz und seine Freude sein, den Reise mitzuteilen. Tatsächlicher Aufwand und Verschleierungsrhetorik wären selbst für den unaussprechlichen, oft übertreibenden Kleist unangemessen, wäre es um eine Phimose oder andere Hemmungen des Sexualapparats gegangen. Und dass er unter dergleichen litt, ist unbewiesen.

Sicher ist, dass es Kleist an Mitteln fehlte. Er verfügte weder über ein ausreichendes Vermögen noch über Einkünfte, die ein standesgemäßes Leben ermöglicht hätten. Er brauchte eine Stellung, sonst würden Wilhelmines Eltern einer Heirat nie zustimmen. Er könnte also versucht haben, sich auszubilden oder für ein Amt zu empfehlen. Vor der Reise hat er im Ministerium für Akzise-, Zoll, Kommerzial- und Fabrikwesen vorgesprochen. Ging es um Industriespionage? Dann wäre die Notwendigkeit der Geheimhaltung erklärt, auch hat Eberhard Siebert ermittelt, dass sowohl in Wien als auch in Würzburg für Preußens Textilindustrie nützliche Verfahren des Färbens und Bleichens hätten ausgekundschaftet werden können.

War Kleist wegen der Rezeptur des Pickelgrüns in Würzburg? Die Spionagehypothese hat vieles für sich, nur passt sie nicht zum damals sittenstrengen Kleist, der Lügen verabscheute und versicherte, seine Zwecke seien »der Verehrung jedes edeln Menschen werth«.

Wollte er im Glücksspiel gewinnen, sich mit einer Verteidigungsschrift den Freimaurern empfehlen, sich in Würzburg habilitieren? Überzeugen konnte bis heute keine der mit viel Spürsinn entwickelten Hypothesen. Gab es überhaupt ein Geheimnis? Vielleicht hat Kleist Braut und Verwandtschaft lediglich in die Irre geführt, um sich eine Auszeit zu gönnen - selbstverständlich mit einem Freund. Vielleicht ahnte er, dass der Lebensplan, von dem er so gern sprach, nicht weit trug, dass seine Bestimmung nicht darin bestand, Beamter und Ehemann zu werden. Und doch reizte ihn diese Aussicht immer wieder. Die Spannung zwischen Wunsch und Einsicht, der Riss im Inneren, trieb hinaus, lockte auf Reisen.Hat Kleist den Zweck des Abenteuers auch vor sich selbst verheimlicht?

Während der Reise schrieb er einige seiner schönsten Briefe; nach der Rückkehr erinnert er sich an einen Spaziergang »an jenem Abend vor dem wichtigsten Tage meines Lebens in Würzburg«. Die Sonne sank, auch sein Glück schien unterzugehen, er ging durch ein gewölbtes Tor: »Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen ...« Das Bild wird er in der Penthesilea verwenden. Ob er am »wichtigsten Tag« die Pickel-grün-Rezeptur erhielt, Professoren, Freimaurer oder einen Arzt traf - er wurde während der Reise dem Kleist ähnlicher, dem wir Penthesilea, Käthchen, Kohlhaas verdanken. Ein bleibendes Rätsel.

3. Beethovens Neunte Symphonie. Das große Finale.

Vollständig ertaubt leitet Ludwig van Beethoven 1824 in Wien die Uraufführung seiner Neunten Symphonie. Dem Publikum wird Unerhörtes geboten: ein Werk von ungeheurer Ausdruckstiefe, mit dem der Komponist die Grenzen klassischer Tonkunst durchbricht und endgültig zum Wegbereiter der romantischen Musik wird

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Titelblatt der Neunten Symphonie Ludwig van Beethovens, mit dem Schlusschor über Schillers Ode "An die Freude"

Ein schlechtes Gedicht“ nennt der Schriftsteller seine eigenen Verse, und der Komponist räumt ein, mit dem letzten Satz dieser Symphonie einen „Missgriff“ begangen zu haben. Für die Nachwelt aber verklären sich Text und Musik zu einer fast heiligen Schöpfung, zum „Evangelium der Menschheit“, wie einer schreibt. Bis heute versetzt kaum ein Werk das Publikum in stärkere Erregung als das Finale der Neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven, die vertonte Ode „An die Freude“ des Friedrich Schiller.

Am 7. Mai 1824 sind fast alle 2400 Plätze des Wiener Theaters am Kärntnertor besetzt: Die Premiere von Beethovens neuer Symphonie ist angekündigt. Der Komponist, so ist zu hören, will persönlich dirigieren. Mehr als sechs Jahre sind seit seinem letzten Auftritt vergangen. Längst hat sich herumgesprochen, dass er sein Gehör verloren hat. Nun steht der 53-Jährige vor einem Dirigierpult. Wie soll ein Ertaubter ein Orchester leiten? „Beethoven fuhr wie ein Wahnsinniger hin und her“, erinnert sich ein Geiger. „Bald streckte er sich hoch empor, bald kauerte er bis zur Erde, er schlug mit Händen und Füßen herum, als wollte er allein die sämtlichen Instrumente spielen.“ Tatsächlich aber gibt der Komponist wohl nur zu Anfang der Sätze das Tempo vor – ansonsten haben die Musiker Anweisung, auf einen weiteren, neben ihm postierten Dirigenten zu achten.

So unerhört wie dieses Vorgehen ist an jenem Abend auch die Musik – vom ersten Satz der Symphonie, der in seinem unbestimmten Brodeln manchem anmutet, als stimme das Orchester noch die Instrumente, bis zum Finale, in dem Beethoven mit den Grundregeln der rein instrumentalen Gattung „Symphonie“ bricht und einen Chor samt Solisten einsetzt, der in einer simplen, fast kindlichen Melodie Schillers Verse von der „Freude, schöner Götterfunken“ singt.

Die Kritiker streiten: Ist das revolutionäre Tonkunst – oder der Beweis, dass der taube Sonderling den Verstand verloren hat? Konservative Kunstrichter haben sich schon früher an Beethovens „Absonderlichkeiten“ gestört: seinem Hang zu übertriebener Länge, seiner Missachtung fester Regeln. Den jungen Komponisten und Dichtern der Romantik aber gilt er als Genie. „Beethovens Musik bewegt die Hebel des Schauers, der Furcht, des Entsetzens, des Schmerzes und erweckt jene unendliche Sehnsucht, die das Wesen der Romantik ist“, hat E. T. A. Hoffmann 1810 geschrieben.

GASSENJUNGEN VERSPOTTEN schon lange den pockennarbigen Mann, der oft in verwahrloster Kleidung durch die Straßen stapft, unablässig vor sich hin redet oder schallend auflacht. In Wirtshäusern hält er lange Monologe, schimpft auf Kaiser und Adel, spuckt manchmal in die Hand und betrachtet sich den Auswurf. Einmal verhaftet ihn die Polizei, weil er wie ein Landstreicher wirkt und in fremde Fenster starrt. Doch zugleich wird Beethoven in Europa verehrt. Könige verleihen ihm Orden, Verlage umwerben ihn, Adelige zahlen ihm Leibrenten, und für viele Musikliebhaber steht er auf einer Stufe mit Haydn und Mozart. 1792, ein Jahr nach Mozarts Tod, ist er nach Wien gekommen: ein 21-jähriges Wunderkind aus Bonn, das mit sieben Jahren sein erstes Konzert am Klavier gegeben, mit zwölf eine Komposition veröffentlicht hat.

Rasch macht er sich in Wien einen Namen als Virtuose – keine leichte Aufgabe in der Stadt der Klavierspieler. Mehr als 300 leben hier, und die besten treten in Zweikämpfen gegeneinander an. Beethoven aber überragt bald alle Konkurrenten. Ein Schüler beschreibt die Wirkung seines Lehrers: „Er verstand es, einen solchen Eindruck auf jeden Hörer hervorzubringen, dass häufig kein Auge trocken blieb, während manche in lautes Weinen ausbrachen, denn es war etwas Wunderbares in seinem Ausdrucke.“ Nebenher vervollkommnet Beethoven bei Lehrern wie Haydn seine Kompositionstechnik. Die ersten zehn Jahre sind für ihn voller Triumphe, erst als Klavierspieler, dann auch als Komponist. Ab 1801 aber flackert in seinen Briefen die Angst vor dem Taubwerden auf: „Meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort“, schreibt er. Erste Symptome sind bereits einige Jahre zuvor aufgetreten – vermutlich leidet er an einem abnormen Knochenwuchs im Mittelohrbereich. Beethoven schwankt zwischen Selbstmordgedanken und Hoffnung, es siegt der Wille zum Widerstand: „Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen.“

Ein Ringen, wie es die Menschen in seiner Musik wahrnehmen, bestimmt fortan auch sein Leben. Beethoven sieht sich mehr und mehr als einsamer Kämpfer und Dulder: als Künstler, der nur dem Höheren verpflichtet ist. Und weil er zudem über einen guten Geschäftssinn sowie viele Gönner verfügt, wird ihm gelingen, was selbst Haydn und Mozart nie wirklich geschafft haben: als freischaffender Komponist anerkannt zu werden und den eigenen Lebensunterhalt sichern zu können, ohne feste Anstellung oder Pflichten. In seinem Œuvre will er nun „einen neuen Weg einschlagen“. Nachdem er zuvor die Tradition der Wiener Klassik gemeistert und zu seinem eigenen Stil gefunden hat, beginnt ab 1802 die „heroische Periode“ seines Schaffens. Unter Einfluss der französischen Revolutionsmusik hält der Ausdruck von Kampf, Tragik und deren Überwindung noch weit mehr als zuvor Einzug in seine Werke, allen voran in die Symphonien.

DAS ERSTE GROSSE WERK aus dieser Zeit, 1803 komponiert, heißt programmatisch „Sinfonia Eroica“. Beethoven will es zunächst nach dem bewunderten Napoleon benennen. Als er aber erfährt, dass der sich zum Kaiser gekrönt hat, soll Beethoven das Titelblatt wütend zerrissen und ausgerufen haben: „Ist der auch nichts anders wie ein gewöhnlicher Mensch!“

Nach weiteren schweren Lebenskrisen – Beethoven lebt immer isolierter und gibt schließlich alle Hoffnung auf, jemals eine Ehefrau zu finden – geht der bald völlig ertaubte Komponist etwa ab 1818 in Form und Harmonik ganz neue Wege. In der Spannung zwischen dem Festhalten an der klassischen Form und dem Drang, sie aufzulösen, wird besonders seine Neunte Symphonie zum Fanal für die romantische Musik. Für deren Finale greift Beethoven zu einem berühmten Poem, das er schon in seiner Bonner Zeit vertonen wollte. Friedrich Schiller hat „An die Freude“ 1785 verfasst. Es ist das Gelegenheitsgedicht eines 25-Jährigen, der von Freundschaft und einer gleichberechtigten Gesellschaft träumt, vier Jahre vor Beginn der Französischen Revolution. Als sich Beethoven an die Ode erinnert, herrscht drückende Restauration, alle Träume scheinen ausgeträumt: die Revolution in Blut versunken, Napoleon aufgestiegen und geschlagen, Europa verwüstet, die alten Fürsten seit dem Wiener Kongress 1814/15 wieder an der Macht. Text und Musik der „Freude“ bilden nun die Klammer um eine gescheiterte Utopie.

Dennoch, oder gerade deshalb, ist es vor allem das gesungene Finale, das der Symphonie zu ihrer ungeheuren Wirkung und ihrem weltweiten Ruhm verhilft. Die Komponisten der Romantik – von Robert Schumann über Richard Wagner bis zu Gustav Mahler – sind besonders von den ungekannten Dimensionen des Ausdrucks und der Bedeutungstiefe beeindruckt. In ihren eigenen Werken werden sie die klassischen Formen und Strukturen immer mehr auflösen, die Harmonik ausweiten und dabei ganz andere Wege gehen als Beethoven selbst. Das Finale seiner Neunten Symphonie aber gilt ihnen als Signal zum Aufbruch in neue Musikwelten.

Kritiker verhöhnen zwar die „delirierenden Schwanengesänge“. Die Musikliebhaber aber überschlagen sich bis heute in ihrer Begeisterung für die „Marseillaise der Menschheit“ und die „Stimme des Absoluten“. Und schon der Premierenabend ist ein grandioser Erfolg. Doch Beethovens cholerisches Temperament zerstört auch diesen Triumph. Denn wenig später lädt er einige Mitstreiter zu einem Essen – eigentlich, um sich zu bedanken. Dann aber gibt er sich „kalt, bissig und krittlich in allen seinen Worten“, wie sein Gehilfe Anton Schindler später berichtet, und erhebt sogar den Vorwurf, Schindler habe ihn bei der Abrechnung des Konzerts betrogen. Gekränkt verlassen die Gäste den Tisch. Der Komponist bleibt mit seinem Neffen allein zurück.

Drei Jahre später, am 26. März 1827, stirbt Ludwig van Beethoven mit 56 Jahren an Leberzirrhose, wohl eine Folge seines starken Alkoholkonsums. Zwei Wochen vor seinem Tod schreibt er noch nach Mainz, man möge ihm Rheinwein schicken. Als der endlich eintrifft, sagt er: „Schade, schade, zu spät.“ Es sind seine letzten Worte.

4. E.T.A. Hoffmann. Der Gespensterseher.

Ein preußischer Beamter mit Hang zu Dämonie und Exzess wird im frühen 19. Jahrhundert zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der Romantik. Ernst Theodor Amadeus Hoffmann spricht vormittags akribisch Recht – und ersinnt danach im Rausch schaurig-düstere Geschichten über Untote, Naturgeister und sprechende Tiere. Mit anderen Autoren revolutioniert er die Literatur einer Zeit, in der das Künstlerische zum Maß aller Dinge geworden ist

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E. T. A. Hoffmann, geboren 1776 in Königsberg, studiert Jura. Doch eigentlich will er – ganz im Sinn romantischer Selbstverwirklichung – dichten, komponieren und malen (Darstellung in der Mitte nach einem Selbstporträt)

Eine kleine, gebeugte Gestalt schreitet über den nächtlichen Berliner Gendarmenmarkt. Düster ragt in ihrem Rücken die ausgebrannte Ruine des Schauspielhauses auf. Der Mond verleiht dem Mann einen seltsam unruhigen Schatten – mit jedem Schritt, so scheint es, wird der Schemen lebhafter.

Dann geschieht es: Kurz bevor der späte Gast die Weinstube von Lutter & Wegner erreicht, gleitet sein Schatten an ihm vorbei, springt auf und schafft mit Dämonengewalt seinen Besitzer aus der Welt – den preußischen Juristen Ernst Hoffmann, pünktlich, nüchtern und rechtschaffen. Über die Schwelle des Wirtshauses tritt, den schmalen Mund sardonisch verzogen, den breitkrempigen Hut tief im Gesicht: der Säufer und Phantast, Komponist, Dichter, Schwadroneur und Schnellzeichner Ernst Theodor Amadeus Hoffmann. „Gespenster-Hoffmann“. So nennen sie den Gerichtsrat im Berlin des Jahres 1817, seiner Erzählungen wegen, durch die Doppelgänger und Naturgeister huschen, Alchemisten, Untote und sprechende Hunde; mit klopfendem Herzen blättern Tausende Leser bei Kerzenschein die Seiten um. Ganz geheuer ist den Berlinern aber auch der Autor selbst nicht: der königliche Beamte mit der ausgeprägten Nachtseite. Ein gelbhäutiges, Grimassen schneidendes Männlein mit einem mächtigen, markanten Schädel auf einem lächerlich kleinen, nach vorn gekrümmten Körper.

Bei Tag spricht Hoffmann Recht am königlichen Kammergericht, gewissenhaft wie kein Zweiter – um des Nachts unter Schauspielern und Glücksspielern, bei Wein, Arrak-Punsch und Champagner phantastische Geschichten, ätzende Bonmots und aberwitzige Parodien zu sprühen. Ein Doppelleben, müssen sie annehmen, die ordentlichen Bürger. Und fehlen weit: Dies würde den Verwandlungskünstler Hoffmann um mehrere Leben verkürzen. Seines ist eher ein Drei-, Vier- und Fünffachleben, ein aus Masken, Spielerei, Exzessen, Erfolgen, mehr aber noch aus Niederlagen zusammengesetztes, unstetes Wanderleben. Ein kurzes Leben, natürlich. So viel Ehrgeiz, Talent und Intensität lässt sich nicht über die übliche Daseinsspanne durchhalten. Schon gar nicht in einer Zeit, die das gesellschaftlich Übliche ohnehin außer Kurs gesetzt hat, deren Parole „Romantik“ lautet: die Erhebung der Kunst zum Maß aller Dinge, die Verwandlung des Lebens in einen Roman.

In einen Roman, wie ihn Hoffmann lebt, meist nah am Abgrund, großenteils in der Nacht – und in dem er allmählich die Metamorphose durchmacht vom Bürgersohn Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann zum Mozartnachfolger Ernst Theodor Amadeus und endlich zu E. T. A. Hoffmann, dem obersten Gespensterseher seiner Zeit.

WENIG DEUTET VORAUS auf dieses Leben, als der Zweijährige 1778 mit seiner Mutter in ein geräumiges Haus in der Junkergasse im ostpreußischen Königsberg zieht, zur Großmutter, zu zwei Tanten und einem Onkel. Das Heim der mütterlichen Familie ist ein sauberes, ja überordentliches Bürgerhaus in vornehmer Lage. Doch das Übermaß an Schicklichkeit, der furchtsame Blick auf die Meinung „der Leute“ verrät, dass die bürgerliche Ehrbarkeit wankt. Der Onkel, Jurist wie Generationen vor ihm: gescheitert, vorzeitig pensioniert. Die Mutter: geschieden, von dem Juristen Christoph Ludwig Hoffmann, der die Musik mehr liebt als das Amt, und den Alkohol noch mehr.

Eine beschämte Familie, die zurückgezogen lebt. Durch das Haus dringen regelmäßig unheimliche Klagelaute: Im Obergeschoss wohnt eine gemütskranke Witwe mit ihrem Sohn – den sie für den wiedergeborenen Heiland hält, sich selbst für die Jungfrau der Schmerzen. Das zweite prägende Geräusch in Hoffmanns Kindheit ist Musik. Bisweilen gibt es Hauskonzerte; der Onkel dilettiert auf einem Cembalo, spielt leidlich Klavier. Auch Ernst erhält Klavier- und Geigenstunden. Doch selbst daran knüpft sich ein Misston: das Schimpfen des Onkels.

Denn der, so schildert Hoffmann es später in einer Erzählung, versteht den verträumten, bald traumwandlerisch sicher auf dem Klavier phantasierenden Jungen nicht. Beharrt auf korrektem Abspielen der Übungen. Fordert Konvention, nicht Kunst. Umfangen von Reputationsangst, Irrsinn und lächerlicher Autorität, entwickelt der Heranwachsende eine distanzierte, genaue Beobachtungsgabe. Heimlich hält er, was er hört und sieht, in ironischen Notizen fest, in boshaft präzisen Karikaturen: ein Talent, das ihm einmal die Karriere ruinieren wird. Wenn er unbeobachtet ist, durchforstet Hoffmann die Bücherregale seines Onkels. Konsumiert Schund, verliert sich in den offenherzigen „Bekenntnissen“ des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau und in aktuellen Theaterstücken.

Lesen wird seine zweite Obsession. Über Jahrhunderte haben allenfalls Gelehrte und Mitglieder des Hofadels regelmäßig gelesen. Der größere Teil derjenigen, die überhaupt die Kunst beherrschten, aus Buchstaben Wörter und Sätze zu bilden, beschränkte sich auf die wiederholte Lektüre weniger, meist frommer Texte. Doch seit die Philosophen und Pädagogen der Aufklärung fordern, dass jeder Mensch Unterricht erhalte und gebildet werde, wächst die Zahl der Lesefähigen. Und Fürsten wie Friedrich II. von Preußen, die meinen, ein frommes Volk, das die Bibel lesen kann, sei leichter zu regieren, drängen darauf, dass Neuerungen wie die Schulpflicht auch wirklich durchgesetzt werden.

Die Nachfrage nach frischen Stoffen steigt. Immer neue Dramen und Romane kommen auf den Markt, Zeitungen, Almanache und „Taschenbücher“: preisgünstige, in handlichem Format gedruckte Sammlungen kurzweiliger Schriften aller Art. Regelrechte Textfabriken entstehen, in denen Autoren arbeitsteilig und in Serie literarische Massenware herstellen. Nicht alles Gedruckte entspricht freilich dem Anliegen der Aufklärer. Neben Räuber- und Abenteuergeschichten sind besonders Geheimbund-Romane beliebt, in denen mysteriöse Organisationen verwickelte Komplotte spinnen, Ehrenmänner sich als Doppelagenten herausstellen und Schränke Geheimtüren haben.

Skeptiker warnen vor einer unkontrollierten Anfeuerung der Phantasie. Vergebens: Allein zwischen 1790 und 1800 erscheinen 2500 Romane – so viele wie in den 90 Jahren zuvor. Als Hoffmann 1792 an der Universität Königsberg zu studieren beginnt, ist die „Leserevolution“, wie der Kulturphilosoph Friedrich Schlegel das neue bürgerliche Phänomen später nennen wird, in vollem Gang. Zwar wählt er, gemäß der Familientradition, die Juristerei, doch Hoffmann teilt das Schicksal zahlreicher Leser: Er will selbst schreiben. Der Unterschied zu anderen: Er will auch malen. Und vor allem komponieren.

1795 hat er einige kleinere Musikstücke fertig, einen Roman, macht sein erstes Examen. Die Malerei hat er nach einem gescheiterten Versuch, zwei Bilder zu verkaufen, zurückgestellt. Schockierender für die Familie: Der 19-Jährige hat eine Affäre mit einer ehemaligen Nachbarin – neun Jahre älter, verheiratet, sechs Kinder. Die Familie schickt Hoffmann ins schlesische Glogau, zu einem Verwandten, Regierungsrat am dortigen Gericht. Der junge Mann leidet. Bummelt, statt sich aufs zweite Staatsexamen vorzubereiten. Vom Verlag erhält er das Manuskript seines ersten Romans zurück: abgelehnt. In dieser Zeit wird ihm selbst die Musik sauer.

Endlich rafft er sich auf, verlobt sich wie zur Besiegelung einer neuen Ernsthaftigkeit mit der Glogauer Cousine Minna Doerffer und legt die Prüfung ab. Als sein zukünftiger Schwiegervater als Gerichtsrat nach Berlin berufen wird, bemüht sich Hoffmann dort erfolgreich um eine Referendarstelle. 1798 zieht er um in Preußens Kapitale, wo sich in privaten Salons eine bürgerlich-adelige Intelligenz versammelt. Zu der gehört seit Kurzem auch eine Schar junger Literaten, die das vernunftgläubige Moralisieren der Aufklärung ablehnen, den hohen Ton, die erstarrten Formen der Klassik. Die nicht weniger fordern als eine Revolution des Dichtens und Denkens. „Etwas Neues“: Dies ist die Devise, seit der Revolution 1789 in Frankreich. Auch deutsche Intellektuelle bejubeln die Ereignisse als Durchbruch der Freiheit und der Vernunft. Doch 1792 schlägt das demokratische Experiment um in Terror und Bürgerkrieg, und die politisch entfesselte Vernunft erweist sich als mörderisch. Die wahre Freiheit, verkündet der Dramatiker Friedrich Schiller nun in Jena, sei ohnehin nicht in der Politik zu suchen, sondern in der Kunst, im ästhetischen Spiel.

Bald sammeln sich die agilsten Köpfe der jungen Generation in dem thüringischen Universitätsstädtchen und treiben Schillers Gedanken weiter: Die Aufklärung, postulieren sie, sei gescheitert. Sie werde dem Individuellen und Eigentümlichen nicht gerecht, der abgründigen Seite des Lebens. Eine Kunst, die vom Geheimnis des Alltäglichen handelt: Das wäre die wahre Revolution. „Romantische Poesie“ nennen die Neuerer ihr Projekt: „Indem ich dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten gebe, so romantisiere ich es“, schreibt Friedrich von Hardenberg, ein Bergassessor, der unter dem Namen „Novalis“ mystische Gedichte verfasst. Die Kunst soll sich dem Leben zuwenden – und das Leben Kunst werden: ein Roman. Schluss mit der Kunstsprache des klassischen Dramas, fort mit dem Korsett der gesellschaftlichen Zwänge, fordern die Anhänger der neuen Bewegung. Aus dem Kreis um ihren Vordenker Schlegel heißt es, die Freunde fielen vor Lachen vom Stuhl, wenn sie sich Schillers pathetische Verse vorlesen. Es kommt zum Bruch mit Schiller, die Runde löst sich auf, und einige Literaten siedeln über nach Berlin. Die Stadt wird um 1800 neben Jena zum zweiten Zentrum der Romantiker.

Ludwig Tieck, der als Schüler in einer Literaturfabrik an trivialen Ritter- und Räubergeschichten mitgeschrieben hat, veröffentlicht in Berlin den Künstlerroman „Franz Sternbalds Wanderungen“. Friedrich Schleiermacher, Krankenhausprediger an der Charité, verkündet eine Spiritualität des Gefühls und der Ästhetik. Kunst und Religion gehen ineinander über; an die Stelle von Konventionen und einer verknöcherten Morallehre tritt ein Kult des Lebens und seiner Schönheit. Die Romantiker setzen den erotischen Genuss offen über die eheliche Treue. Selbstverwirklichung geht ihnen vor Ordnung, Spiel ist alles: Ironisch ist der Umgang miteinander, ironisch sind ihre Briefe. Ironie pragt ihre Schriften – in der Theorie. Praktisch vermögen nur wenige, das eigene Schaffen spielerisch zu gestalten. E. T. A. Hoffmann wird es gelingen. Noch aber ist der Jurist weit davon entfernt. Während seiner Mußestunden komponiert der Rechtsreferendar ein „Singspiel“. Solche Werke – schlichter als die am Hof geschätzten italienischen Opern mit ihren prunkvollen Belcanto-Arien – sind besonders beim bürgerlichen Publikum beliebt.

Und revolutionär: Es wird deutsch gesungen. Vorbei die Zeiten, da Friedrich II. diktieren konnte, lieber lasse er sich „von einem Pferde eine Arie vorwiehern, als eine Deutsche in meiner Oper zur Primadonna zu haben“. Hoffmann sendet sein Werk an das Berliner Nationaltheater – erhält jedoch nicht einmal eine Antwort. Im Frühjahr 1800 legt er das letzte Examen ab und wird ans Gericht nach Posen befohlen. Während die romantischen Junggenies in Deutschland von sich reden machen, reist Hoffmann in ein Garnisonsstädtchen auf ehemals polnischem Territorium, das erst seit 1793 zu Preußen gehört. Doch immerhin ist er ohne verwandtschaftliche Aufsicht: das erste Mal in seinem Leben.

28. FEBRUAR 1802. Die preußischen Adeligen und Offiziere in Posen feiern Fastnacht. zunächst kaum bemerkt, tauchen in der strahlenden Gesellschaft kostümierter Damen und Herren Maskierte auf, die aus zwei Mappen Bilder zücken und verkaufen. Wo sie einen Abnehmer finden, flackert Gelächter auf – anfangs. Denn rasch merken die Käufer, die sich eben noch über die Karikatur eines anderen Anwesenden amüsiert haben, dass dieser eine nicht minder bissige Veralberung ihrer eigenen Schwächen in den Händen hält. Der Präsident der Domänenkammer sieht sich als französischer General dargestellt – den die Revolutionäre guillotiniert haben. Andere Bilder zeigen Sprösslinge adeliger Familien beim Wettlauf zum Schuldturm oder einen spielsüchtigen Leutnant als Pik-Buben. Als der Kommandant des Standortes sich selbst entdeckt – im Bild eines Teelöffel schwingenden Regimentstrommlers – befiehlt er, die Verkäufer auf der Stelle festzusetzen. Doch die sind bereits verschwunden.

Es gibt wenige Menschen in Posen, die über das Talent, den grotesken Humor und die Respektlosigkeit verfügen, die Spitzen der Gesellschaft derart treffend in ein Witzfigurenkabinett zu verwandeln. Auch wenn es keine Beweise gibt: Als Hauptverdächtiger für diesen Frevel gilt Ernst Hoffmann. Eine Aura des Suspekten umgibt ihn ohnehin. Ein Beamter, der, wenn auch ohne Erfolg, komponiert, dichtet, zeichnet! Der sich mit Leuten herumtreibt, die lose Trink- und Liebessitten allzu bedenkenlos pflegen, und der neuerdings sogar eine polnische Geliebte haben soll. Michalina Rorer-Trzcińska, brunett, gilt als Schonheit. Hoffmann nennt sie Mischa. Und schreibt seiner Verlobten in Berlin, sie moge die Verbindung als gelost betrachten. Bei schweren ungarischen Weinen, in einer „überaus lustigen Verbrüderung“ von Assessoren und Raten und in Mischas Bett hat Hoffmann ein neues Ich entwickelt; ein rücksichtsloses, lustvolles Selbstbewusstsein, wie es die romantischen Kunstrebellen im fernen Berlin propagieren.

Doch unterschätzt er, was es in Preußen heißt, einen General zu beleidigen: Hoffmann wird strafversetzt. Um Mischa mitnehmen zu können, heiratet er sie. Dann tritt er sein „Exil“, wie er es nennt, in Płock an der Weichsel an, einem Nest mit 389 Häusern. Verbissen komponiert Hoffmann gegen die Ödnis an, schreibt ein Lustspiel, verschickt Noten und Texte – und erhält nichts als Ablehnungen. Ein kleiner Zeitungsaufsatz ist alles, was er in knapp zwei Jahren unterbringt. Dann endlich erlöst ihn das Justizministerium und schickt Hoffmann nach Warschau.

„ORIENTALISCH“ nennen manche Deutsche die polnische Stadt. Durch die Straßen zieht der Geruch von Fisch, Brathuhn und Kochwurst. Kutscher spielen vor Toreinfahrten Karten; die Bevölkerung, vom Adeligen bis zum Pförtner, spielt und wettet mit Leidenschaft. Kurtisanen und Vorstadthuren bieten ihre Dienste im Theater an – und sogar in den vielen Kirchen, die Tag und Nacht offen stehen. Hoffmann hat die steife Unterwürfigkeit und quälende Etikette Preußens hinter sich gelassen, hat nun ein gutes Auskommen, eine kleine Tochter, eine schöne Wohnung. An lauen Sommerabenden öffnet er das Fenster seines Salons, die befreundete Nachbarsfamilie setzt sich an das ihre, und er spielt für alle Mozart oder Bach, oft bis zum Morgengrauen. Seine eigenen Kompositionen finden bei den örtlichen Musikliebhabern Anerkennung. Erstmals signiert er eine Partitur statt mit seinem Taufnamen Ernst Theodor Wilhelm mit „Ernst Theodor Amadeus Hoffmann“, in Anspielung auf den verehrten Wiener Komponisten.

Die Musik, wird er sich in Warschau gewiss, ist seine Berufung. Dienstpflichten erledigt er wie nebenbei. Da ihm makellose Schriftsätze leicht von der Hand gehen, gilt er gleichwohl als tüchtiger, ja fleißiger Beamter. Später wird mancher Zeitgenosse jene Macht, die die Metamorphose des glücklichen Vaters zum nächtlich umherschweifenden E. T. A. Hoffmann in Gang setzt, selbst als ein Monstrum, einen Spuk, eine Abnormität empfinden: Napoleon Bonaparte, seit 1804 Kaiser der Franzosen. Im Oktober 1806 wirft Napoleon Preußen nieder, Ende November besetzen die Franzosen Warschau. Polen soll als Staat wiedererstehen, die preußischen Behörden werden aufgelöst. Hoffmann schickt Frau und Tochter zu den Schwiegereltern nach Posen. Er selbst wendet sich nach Berlin, wo er Bekannte hat und den Sprung ins professionelle Künstlertum wagen will.

Doch der Zeitpunkt ist ungünstig. Die Bevölkerung in Preußens besetzter Hauptstadt hungert, im Tiergarten nächtigen Obdachlose. Hoffmann isst tagelang nichts als trockenes Brot. Und er trinkt wieder, auch aus Verzweiflung: In Posen ist die zweijährige Tochter gestorben. Endlich, im Frühjahr 1808, erreicht ihn die Zusage einer Stelle als Musikdirektor im fränkischen Bischofsstädtchen Bamberg. Im dortigen Krankenhaus praktiziert der Arzt und Romantiker Friedrich Adalbert Marcus, der eine neue Sichtweise vom Menschen vertritt: Geist und Materie seien nicht zu trennen, sondern vielmehr als „Aggregatzustände“ derselben Natur aufzufassen. Da zudem zwischen lebenden Wesen ein „magnetischer Rapport“ hergestellt werden könne, eine übersinnliche Verbindung, lasse sich die Einheit von Körper und Seele auch medizinisch nutzen.

Mit „magnetischen Strichen“, einem ausgeklügelten System von Berührungen und Streichbewegungen, will Marcus den Kranken helfen. Nicht nur Ärzte, sondern auch Laien praktizieren diese wundersame Heilkunst – oft in Verbindung mit anderen okkulten Praktiken, Hellseherei, Hypnose, magischen Ritualen. Hoffmann, den alles fasziniert, was übersinnlich und geheimnisvoll ist, dunkel und doppelbödig, nimmt an Séancen mit Mondsüchtigen teil, diskutiert ausgiebig mit dem Arzt Marcus, lässt sich von ihm Literatur empfehlen. Doch sein Antrittsdirigat misslingt, und bereits nach zwei Monaten hat er seine Direktorenstelle verloren. Er schlägt sich nun mit Auftragskompositionen durch, unterrichtet Töchter aus höherem Hause, schreibt Musikkritiken und musikalische Betrachtungen.

Die immerhin werden gedruckt. Als Erste die Erzählung „Ritter Gluck“. Der Erzähler trifft in Berlin auf einen Fremden, der ihn – so wie in den populären Geheimbundgeschichten – in ein schäbiges Haus führt und durch dunkle Flure in ein Hinterzimmer. Darin: eine goldene Wanduhr, ein von Spinnweben überzogenes Tintenfass, zu Folianten gebundene, aber leere Notenblätter. Der Fremde spielt von den Seiten Werke Christoph Willibald Glucks ab, phantasievoll, wie der Erzähler es nie gehört hat – um sich dann als der verstorbene Komponist selbst vorzustellen. Das Stück ist eine Abrechnung mit dem Berliner Musikbetrieb, der aus den Opern Glucks und Mozarts kommerzielle Potpourris zusammenstellt – und Hoffmann hartnäckig ignoriert. Vor allem aber ist es ein mild gruseliges, phantastisches Meisterwerk, das Hoffmann längst nicht so wichtig nimmt wie seine Kompositionen.

Einen großen Teil seines ohnehin geringen Verdienstes trägt Hoffmann ins Wirtshaus. Er verliebt sich in eine Gesangsschülerin, erhält eine Abfuhr, tröstet sich mit einer Schauspielerin, löst schließlich einen ärgeren Skandal aus als einst in Königsberg. Ende 1812 muss er seinen Mantel verkaufen, „um fressen zu können“.

Immerhin bringt ihm „Ritter Gluck“ einen Verlagsvertrag über mehrere Erzählbände ein. Zudem plant er eine Opernadaption des populären romantischen Märchens „Undine“ von Friedrich de la Motte Fouqué – und kann den Erfolgsschriftsteller dazu bewegen, selbst das Libretto zu liefern. 1813 erhält Hoffmann gar das Angebot, Musikdirektor einer Opernkompanie in Leipzig und Dresden zu werden. Doch nach kurzer Zeit kommt es zum Streit mit dem Leiter des Ensembles. Hoffmann wird zum zweiten Mal als Musikdirektor entlassen. Fortan verdient er Geld mit jenem Talent, das ihn in Posen aus der Laufbahn geworfen hat: Hoffmann zeichnet antinapoleonische Karikaturen.

Nach dem Sieg über den Franzosenkaiser Anfang 1814 kann er sich als Jurist wieder für den Staatsdienst bewerben und erhält eine Stelle am Kammergericht in Berlin. Die Hunger- und Wanderjahre gehen dem Ende zu. Am 26. September 1814 steigen die Hoffmanns im „Goldenen Anker“ am Dönhoffplatz ab. Berlin ist von der langen Besatzung gezeichnet, das Bier so schlecht wie früher, der Wein teuer, der Tabak erbärmlich. Allein der Name Hoffmann hat nun einen anderen Klang.

Im Mai sind seine ersten beiden Erzählbände erschienen – und begeistert aufgenommen worden. Beim weiblichen Publikum, wichtig für den Verkauf, findet besonders „Der Magnetiseur“ Anklang: eine Geschichte, in der Hoffmann von der „Nachtseite“ jener modischen Heilkunst erzählt, von der dämonischen Macht der Eingeweihten über die Uneingeweihten, von Liebe, gespenstischer Hingabe und Tod. Kaum in Berlin eingetroffen, sitzt Hoffmann mit Tieck, Fouqué und anderen beim Abendessen. Zum ersten Mal trifft er auf Künstler, die seine Ironie teilen, seine Ambitionen verstehen – und ihn als einen der Ihren anerkennen.

Inzwischen hat er den ersten Teil der „Elixiere des Teufels“ vollendet: Als der Kapuzinermönch Medardus von einem geheimnisvollen Elixier trinkt, gewinnt die finstere Seite seines Wesens Macht über ihn. Er jagt einem Mädchen nach, ermordet dessen Stiefmutter und Bruder, flieht – und begegnet fortan immer wieder seinem anderen Selbst in Gestalt eines wahnsinnigen Doppelgängers. Ein bizarrer, psychologisch raffinierter Schauerroman, der das moderne Thema der Persönlichkeitsspaltung in eine Doppelgängergeschichte fasst. Ein wüstes Buch. Ein Buch für das große, auf Nervenkitzel erpichte Publikum. Hoffmann selbst aber erachtet die Arbeit an der Märchenoper „Undine“ für ungleich wichtiger – jenem Werk, an dem er seit Jahren feilt. Das ihn endlich als Komponist etablieren soll. Am 3. August 1816 wird die Oper im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt uraufgeführt. Als der Vorhang fällt, ruft das Publikum den Komponisten heraus, und überglücklich nimmt Hoffmann die Ovationen entgegen.

Kritiker loben das Werk, doch die Berliner strömen weniger wegen Hoffmanns Musik ins Schauspielhaus, sondern um die Kulissen des Architekten Karl Friedrich Schinkel zu bestaunen. Während der Schriftsteller Hoffmann also zu Ruhm gelangt, sich von den Honoraren für seine Geschichten und von seinen Einkünften als Gerichtsrat eine geräumige Wohnung gegenüber dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt leisten kann, muss der Komponist Hoffmann erleben, wie seine schönste Schöpfung über diese eine Bühne nicht hinausgelangt. Dann der 29. Juli 1817. Es ist Mittagszeit, Hoffmann sitzt am Schreibtisch, als Mischa eintritt, blass: „Mein Gott – das Theater brennt!“ Am Abend ist Hoffmanns mageres Antlitz im Fenster zu sehen. Er verfolgt, wie die Flammen Schinkels gepriesene Kulissen verzehren, die Stätte seines vermeintlichen Durchbruchs. Und sein Leben als Komponist: Nie wieder wird er eine Aufführung seines Lieblingswerkes erleben.

ES IST, ALS HABE sich eine Schleuse geöffnet, als bringe Hoffmann alles zu Papier, was er gesehen, erlebt, erlitten, über die Welt und die Menschen gelernt hat. Eben weil er die Literatur nur halb ernst nimmt, geht er bedenkenlos zu Werke. Lässt seine Phantasie schießen, treibt Spuk und Aberwitz, erlaubt sich neben Geniestreichen reichlich Gebrauchsprosa, von der er sagt, man könne sie ebenso gut mit dem Hintern schreiben. Doch wie kaum ein Zweiter trifft er damit den Geschmack der Leser. Seine Themen sind Gewalt und Selbstzerstörung, Künstlerverzweiflung und Psychopathie. Immer wieder inszeniert „Gespenster-Hoffmann“ den Einbruch des Dämonischen in den Alltag. Angehimmelte Frauen entpuppen sich als tote Automaten, ein Pariser Goldschmied mordet seine Kunden, um seine Arbeit aus deren Händen zu retten.

Dazwischen heiter Skurriles, vergnügliche Maskeraden, Kindermärchen wie „Nussknacker und Mausekönig“. Und dann gelingt ihm der große literarische Wurf: die „Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“. Eine ätzende Gesellschaftssatire – und ein Hasardeur-Akt. Hoffmann in der Rolle des Herausgebers bittet darin wortreich um Verzeihung für die „aus Versehen“ mit abgedruckten Aufzeichnungen des Kapellmeisters Kreisler, die dem Kater als Schmierpapier gedient hätten – um dann in den vorgeblichen Notizen des zornigen Künstlers sich selbst zu karikieren. Ein bitterböses, urkomisches, verschachteltes, überdrehtes Werk. Und der vielleicht gelungenste Roman dieser aufs Fragmentarische versessenen Zeit.

„Es ist wahr“, schreibt der Komponist und Dirigent Carl Maria von Weber 1816 über Hoffmann, „dass aus diesem Gesicht ein wahrhaft kleines Teufelchen heraussieht.“ Die Berliner Teezirkel versuchen sich mit dem Kammergerichtsrat zu schmücken, der so seltsame Geschichten schreibt und auch ein wenig komponieren kann. Doch Hoffmann, von den Treffen „schändlich ennuyiert“, schneidet seinem Publikum Grimassen, gibt Sarkasmen und blanken Irrwitz von sich, trinkt zu viel und wird bald nicht mehr eingeladen. Es ist ihm recht: In den Kränzchen herrscht jene hohle Kunstbeflissenheit, die er in Königsberg hassen gelernt hat – und vor der er in Kneipen und Weinstuben flieht.

Fast jeden Abend nun schreitet der Gerichtsrat den Berliner Gendarmenmarkt entlang und durchlebt jene Metamorphose, an deren Ende ein gespenstischer, Witze sprühender Kobold durch die Tür von Lutter & Wegner tritt – um dort seinen Kumpanen Ludwig Devrient zu treffen. Der Schauspieler ist eine Berühmtheit. Bringt sein Publikum beliebig zum Schluchzen oder versetzt es in tobendes Gelächter, spielt mit nie gesehener Intensität und Rücksichtslosigkeit – und lebt auch so. Sechs Flaschen Wein soll er jeden Tag trinken, raunen die Bürger.

In Devrient hat Hoffmann den Freund fürs Leben gefunden, ein ungehemmtes Temperament, das die Auffassung teilt, Leben sei verschwendet, wenn es nicht Poesie und Ekstase ist. Gemeinsam machen die Männer die Weinstube zu ihrer Bühne. Der Schauspieler deklamiert aus seinen Rollen oder solchen, die er nicht bekommen hat – Hoffmann trägt unveröffentlichte Geschichten vor, erfindet neue, karikiert Anwesende, steigert sich mit dem Freund in einen rasanten Austausch von Witzen, Polemik, Wortspielen, oft bis zum Morgengrauen.

Der Spuk zieht Gäste in solchen Scharen in die Wirtschaft, dass der Inhaber seinen beiden besten Kunden die Zechschulden erlässt. Hoffmanns Gewissenhaftigkeit als Richter beeinträchtigen die Trinkgelage nicht. 1819 beginnen die deutschen Regierungen, liberale Studenten und Intellektuelle zu verfolgen – als „Demagogen“, die für einen freiheitlichen deutschen Nationalstaat kämpfen. Hoffmann, der in die für Preußen zuständige Untersuchungskommission berufen wird, verficht mit Scharfsinn, dass niemand für seine Gesinnung eingesperrt werden dürfe; dass nicht die Regierung dem Gericht zu befehlen habe, sondern das Gericht die Exekutive kontrollieren müsse. In einigen Fällen bewahrt er die Angeklagten vor dem Kerker.

Doch wieder kann er seine Spottlust nicht bezähmen. 1821 karikiert er die „Demagogen“-Verfolger in einer satirischen Erzählung. Die Betroffenen reagieren wie einst der gekränkte General in Posen – und beantragen eine Strafversetzung des Richters. Doch ihre Rache kommt zu spät. Seit Anfang 1822 frisst sich ein mysteriöses Nervenleiden durch Hoffmanns Körper, tötet ihn von den Beinen herauf Stück um Stück ab. Zu seinem 46. Geburtstag Ende Januar empfängt er die Freunde bereits im Lehnstuhl, trinkt Wasser statt Wein.

Bald erreicht die Lähmung die Hände; seine Verteidigungsschrift muss Hoffmann diktieren. Die Ärzte machen den Krankheitsherd im Rückenmark aus – und brennen dem Patienten beiderseits der Wirbelsäule glühende Eisen ins Fleisch, um die absterbenden Nerven „wiederzubeleben“. Hoffmann will vom Tod nichts wissen, diktiert weiter, Erzählungen, Briefe. Bald kann er nur noch den Kopf bewegen. Am 25. Juni, Mischa steht an seinem Bett, bittet er, mit dem Gesicht zur Wand gedreht zu werden. Es ist gegen halb elf Uhr vormittags, als er stirbt.

„… ausgezeichnet / im Amte / als Dichter / als Tonkünstler / als Maler“: So schreiben es Hoffmanns Freunde auf den Grabstein. Und vergessen zu erwähnen: als gespenstische, Geist sprühende Nachtgestalt, als Frauenschwärmer und Trinker, als innerlich zerrissener, ewiger Wanderer. Als romantische Existenz par excellence.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Bisky, Jens: Dichter auf Abwegen, in: Süddeutsche Zeitung u. Harald Eggebrecht (Hrsg.): Geheimnisse aus der Geschichte. Erstaunlich, vergessen, sagenhaft: Auf der Spur von Mythen, Rätseln und Skandalen, 2. Auflage, München 2025, S. 72-75.

-> Strempel, Johannes: Beethovens Neunte Symphonie. Das große Finale, in: Die Deutsche Romantik (GEO Epoche Jg. 2009, Heft Nr. 37), Hamburg 2009.

-> Mesenhöller, Mathias: E.T.A. Hoffmann. Der Gespensterseher, in: Die Deutsche Romantik (GEO Epoche Jg. 2009, Heft Nr. 37), Hamburg 2009.

Kunst und Kultur

Die Weimarer Klassik

Inhaltsverzeichnis

1. Am Hof der Musen. Goethe und Schiller in Weimar

1. Am Hof der Musen. Goethe und Schiller in Weimar.

Das geistige Zentrum Deutschlands ist um 1800 nicht Wien, Berlin oder Hamburg, sondern ein verwinkeltes Städtchen in Thüringen. Ausgerechnet in Weimar, dem Regierungssitz eines unbedeutenden Herzogtums, versammeln sich einige der größten Dichter und Philosophen ihrer Zeit. Sie nutzen die beispiellose Freiheit, die ihnen die kunstsinnige Herrscherfamilie gewährt. Und zwei Männer übertreffen sie alle: Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller.

In Bronze gegossen: Dieses Doppelstandbild der Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller steht seit 1857 in Weimar

Bei schönem Wetter, wenn Weimar in diesen Septembertagen 1794 herbstlich leuchtet, treten die beiden Herren aus dem Haus am Frauenplan. Sie meiden die engen Gassen und spazieren in den Park und die Gärten vor dem Städtchen, zu den Flussauen der Ilm. Der eine, ein langer, dürrer, rotblonder Mann mit ungesundem Teint und gelben Tabakflecken unter der Nase, spricht den nasalen Dialekt seiner schwäbischen Heimat und gestikuliert lebhaft.

Der andere ist kleiner, korpulent, hält in gemessener Würde die Arme auf dem Rücken verschränkt. Höflich grüßt er Passanten in Frankfurter Hessisch, ohne jedoch das Gespräch zu unterbrechen – während sein Begleiter so ins Gespräch vertieft ist, dass er die Menschen nicht einmal wahrnimmt. Es handelt sich um den 34-jährigen Friedrich Schiller, einen Arzt und Philosophieprofessor an der nicht weit entfernten Universität Jena. Der vornehmer dahinschreitende Mann ist der zehn Jahre ältere sächsisch-weimarische Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe.

Zwei Erfolgsautoren – die einander über Jahre beargwöhnt, beneidet und gemieden haben. Die auf den ersten Blick alles trennt: Herkunft und Auftreten, Denkstil und Arbeitsweise, politische und Moralvorstellungen. Nun hat sie die Idee zu einer neuen Zeitschrift zusammengeführt, von der beide zu profitieren hoffen. Schiller bezieht für zwei Wochen eine Suite von drei Zimmern in Goethes großzügigem Haus am Frauenplan.

Vorab warnt der Gast den Hausherrn: Seine angegriffene Gesundheit, chronische Krämpfe, Schlaflosigkeit, Blähungen machten ihm einen geregelten Tagesablauf fast unmöglich. Tatsächlich aber quälen ihn die Beschwerden in der Folgezeit kaum; in einem Brief führt er dies auf das „ordentliche Abendessen“ im Hause Goethe zurück, den Verzicht auf Obst, Kaffee, Tee und Bier; stattdessen trinke er nun mehr Wein als sonst.

Möglicherweise aber trägt vor allem der intellektuelle Austausch mit Goethe zu Schillers Wohlbefinden bei. Denn die 14 Tage werden zu einem einzigen, nicht endenden Dialog. Über Erlebnisse, Theorien, Projekte, Beobachtungen. Die beiden lesen sich gegenseitig aus ihren Texten vor, zeigen einander Manuskripte. Die Gemeinsamkeiten, stellt sich heraus, sind größer, die Unterschiede weniger trennend als gedacht – oder sie ergänzen sich gar. Anderes lässt sich übergehen. So erspart der Gastgeber dem sittsamen Schiller eine Begegnung mit seiner Haushälterin Christiane Vulpius – von der jeder weiß, dass sie Goethes Geliebte ist, das Paar einen vierjährigen Sohn hat.

Sie bleibt im Hintergrund, sorgt dafür, dass Schillers Zimmer in Ordnung sind, das Essen auf den Tisch kommt, der Wein. Vorgestellt wird sie dem Besucher nicht. Kein Wort des Grußes oder Dankes von Schiller an sie, auch später nicht, in dem intensiven Briefwechsel mit Goethe, der nun einsetzt. Der Kontakt wird nie mehr abreißen. In diesen zwei Wochen schließen Schiller und Goethe Freundschaft. Mehr noch: Sie schließen einen Pakt. Ein Bündnis, das Literaturgeschichte machen, beide zu ihren größten Leistungen anregen und ihnen gewaltigen Ruhm eintragen wird. Und bittere Missgunst.

Zehn Jahre wird der Bund halten, bis zu Schillers Tod 1805. Er wird Weimar zu einem legendären Ort der Geistesgeschichte machen. Und damit eine Entwicklung krönen, die fast ein halbes Jahrhundert zuvor eingesetzt hat: den Aufstieg des thüringischen Residenzstädtchens zu einem Zentrum gelehrten Lebens von europäischer Bedeutung.

Weimars Verwandlung zur Kulturmetropole beginnt im Februar 1755 mit einem Brief. Darin fragt ein Hofbeamter des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach beim Fürsten von Braunschweig-Lüneburg an, ob er bereit sei, dem 17-jährigen, noch unmündigen Weimarer Herzog Ernst August eine seiner Töchter zur Frau zu geben. Der Braunschweiger schickt als Angebot ein Porträt nach Weimar. Das zeigt aber nicht dessen geliebte älteste Tochter, sondern die eher unscheinbare, knapp 1,55 Meter kleine und leicht bucklige zweite Tochter Anna Amalia. Für Sachsen-Weimar muss das reichen: Der dortige Jungherzog ist überaus kränklich und auf eine baldige Hochzeit angewiesen, will er seinem Haus noch einen Erben verschaffen.

Alles beginnt mit einer fremden Braut

Im Frühjahr 1756 zieht Anna Amalia als neue Herzogin in Weimar ein, eine 16-Jährige in einem blauen, golddurchwirkten Kleid. Nach anderthalb Jahren bringt sie den ersehnten Stammhalter zur Welt und wird bald abermals schwanger. Kurz darauf stirbt Herzog Ernst August so plötzlich wie erwartet. Am 24. Oktober 1758, ihrem 19. Geburtstag, wird die Witwe als Regentin des Herzogtums anerkannt. Ein wenig mag sie sich fühlen wie gestrandet.

Denn Anna Amalia ist in Braunschweig und Wolfenbüttel an einem der kultiviertesten und wohlhabendsten deutschen Fürstenhöfe aufgewachsen, einem Zentrum der frühen Aufklärung. Weimar hingegen ist ein mittelalterlich verwinkeltes, schäbiges Landstädtchen. Die Tage beginnen mit Hahnenschreien und Entengeschnatter. Schweine und Ziegen laufen umher, der Stadthirte treibt die Kühe der Bürger die Gassen hinab. Über Straßen, durch die offene Kanäle und Bäche voller Dung und Kehricht fließen; stellenweise führen nur Trittsteine von Haus zu Haus.

Die Ratten sind eine Plage, ebenso tollwütige Hunde, Wanzen, Flöhe und anderes Ungeziefer sowieso.

Die Mehrheit der rund 6000 Einwohner lebt karg oder ärmlich in ein- oder zweistöckigen, mit Stroh oder Schindeln gedeckten, schlecht gebauten, noch schlechter verputzten Häuschen. Diebstähle sind verbreitet, viele Menschen wildern, andere betteln.

Abends werden die Tore geschlossen, doch die Stadtmauer ist baufällig und leicht zu überklettern. Die wenigen Wandlaternen sind oft defekt, oder es ist der Fischtran ausgegangen, der sie leuchten lässt. Zweimal pro Woche erscheint eine Lokalzeitung von einer Doppelseite, der etwa zu entnehmen ist, wann wieder ein Zahnarzt durchreisen wird. Wer es sich leisten kann, bestellt Fisch, Butter, Wein von außerhalb, weil die Ware der örtlichen Händler schlecht ist.

Die Landstraßen nach Erfurt im Westen und Jena im Osten sind in einem so erbärmlichen Zustand, dass zuweilen selbst die Bauernkarren ausbleiben und das Getreide knapp wird. Das herzogliche Schloss immerhin ist ansehnlich, verfügt über einen Komödiensaal und eine gut ausgestattete Bibliothek. Doch selbst das übersteigt eigentlich die Mittel: Der Staat, den Anna Amalia übernimmt, ist massiv verschuldet, kann von höchstens 100000 Untertanen Steuern einfordern, fast alle einfache Bauern und Handwerker.

In Sachsen-Weimar-Eisenach – das aus mehreren unverbundenen Gebieten und Ämtern besteht und mit einer Fläche von knapp 2000 Quadratkilometern zu den kleineren deutschen Fürstentümern zählt – gibt es weder nennenswerten Handel noch Manufakturen, kaum Bodenschätze, wenig Reichtum. Dennoch lässt Anna Amalia den Etat des Hofes erhöhen und weiter Schulden machen, um ein wenig Glanz zu entfalten. Zwischen 1761 und 1765 baut sie für die von ihr besonders geliebte, stetig wachsende Büchersammlung ein eigenes Palais prunkvoll um – und öffnet diese neue Bibliothek auch bürgerlichen Lesern. So kennt sie es aus dem heimatlichen Wolfenbüttel; in Mitteldeutschland ist derlei noch unüblich.

Ähnlich steht das Hoftheater, das an drei Abenden in der Woche ein Potpourri aus Musik, Drama, Ballett bietet, jedem offen, der an eine der kostenlosen Karten gelangt. Die Herzogin setzt eine bessere Ausstattung für die Landesuniversität Jena durch, höhere Professorengehälter, eine strengere Studienordnung. 1772 gelingt ihr ein besonderer Erfolg: Aus dem benachbarten Erfurt kann sie den Dichter und Philosophieprofessor Christoph Martin Wieland abwerben, als Erzieher ihrer Söhne.

Wieland hat sich mit sinnenfrohen Romanen und Versen einen Namen gemacht, zudem als Shakespeare-Übersetzer. Er ist ein hagerer Mann mit einer schwarzen Pockennarbe auf der spitzen Nase. Zuweilen wankelmütig, meist freundlich, oft enthusiastisch, aber auch aufbrausend und im Jähzorn ungerecht. Anna Amalia engagiert ihn, damit die heranwachsenden Söhne den Geist der Aufklärung aus erster Hand empfangen. Zudem soll er als Hofdichter und geistreicher Gesellschafter an ihrer Tafel glänzen, kurz: als intellektuelles Statussymbol. Dafür erhält der Autor ein gutes Gehalt und nach Volljährigkeit des Thronerben eine lebenslange Pension.

Seine freie Zeit nutzt Wieland, um einen lang gehegten Plan zu verwirklichen: die Gründung einer Zeitschrift nach dem Vorbild des französischen „Mercure de France“. In dem literarisch-politischen Journal „Der Teutsche Merkur“ publiziert er ab April 1773 Erzählungen, Gedichte und Buchbesprechungen, politische und wissenschaftliche Beiträge, Vermischtes und Leichtes.

Die erste Ausgabe bringt die Übertragung eines französischen Liedes sowie eines englischen Gedichts, gehobene und unterhaltsame „poetische Kleinigkeiten“ deutscher Dichter, ausführliche Betrachtungen zu Wielands Singspiel „Alceste“, eine anmutige Erzählung aus der Antike sowie die umfassende Rezension eines Pariser Literaturjournals.

Als Erzieher bewirkt Wieland, dass Anna Amalias älterer Sohn Karl August zu einem selbstbewussten, freisinnigen, eigenwilligen jungen Mann heranwächst.

Ende 1774 wird der junge Herzog auf eine Bildungsreise an den Rhein und nach Paris geschickt. Einer der Begleiter, ein kunstbegeisterter Offizier, besteht darauf, in Frankfurt am Main den jüngsten literarischen Star des Landes zu besuchen: Johann Wolfgang Goethe, den erst 25-jährigen Autor des „Götz von Berlichingen“ und der „Leiden des jungen Werthers“.

In einem Gasthof kommt es zu der Begegnung, aus der Weimars Weltruhm hervorgehen wird. Der 17-jährige Thronerbe und der Dichter finden auf Anhieb Gefallen aneinander: die gleiche Lebenslust, ähnlich ungestüme Temperamente, geistige und politische Nähe.

Karl August lädt Goethe zu einem Besuch an seinen Hof ein, wiederholt den Vorschlag mehrmals über das folgende Jahr und lässt den Gast schließlich mit einer Kutsche in Frankfurt abholen.

Am 7. November 1775 trifft Goethe in Weimar ein. Zwei Monate zuvor hat der inzwischen volljährige Karl August die Regierungsgeschäfte von seiner Mutter übernommen. Bald sind die beiden jungen Männer zu sehen, wie sie in den gefrorenen Auen Schlittschuh laufen – ein zuvor verpöntes Vergnügen, das nun Mode wird. Viele bei Hof, auch Anna Amalia und Wieland, sind entzückt von dem Neuankömmling, der so witzig erzählen kann, Verse improvisiert, bereitwillig aus seinen Werken und Entwürfen vorliest.

Im Frühjahr und Sommer bemüht sich Karl August, den berühmten Freund länger an Weimar zu binden: Er schenkt Goethe ein Gartenhaus in den Weinbergen vor der Stadt, verleiht ihm gar den Titel eines Geheimrats mit Sitz im Kabinett sowie einem üppigen Gehalt. Den Herzog bewegen Sympathie und Faszination, die Hoffnung auf intelligenten Rat, nicht zuletzt Renommierstreben: Ähnlich wie der bewunderte Friedrich II. von Preußen den Philosophen Voltaire möchte auch er einen großen Geist an seiner Seite haben. Unter den übergangenen Beamten weckt die willkürliche Berufung Unmut. Und nicht nur dort. Manche Bewohner Weimars sind abgestoßen von den oft derben Belustigungen, zu denen sich Goethe und Karl August animieren.

So knallen die Kumpane auf dem Marktplatz schon mal mit Peitschen um die Wette. Sie laufen auf Stelzen, raufen und boxen, liefern sich wilde Pferderennen. Zerreiten bei ihren Jagden den Bauern die Felder, zechen, würfeln, bändeln auf den Dörfern mit Mädchen an.

Etliche Unternehmungen sind reine Schindereien, bei denen die Übermütigen sich selbst in fremde Häuser einladen, ihre Gastgeber verhöhnen, Tapeten zerstechen, Gemälde zerschneiden, Weinfässer einen Hang hinabtreten. In den deutschen Landen spricht sich schnell herum, wie locker das geistige Klima in Weimar ist. Junge Intellektuelle reisen von überall her an und beginnen in der Stadt ein wüstes „Genietreiben“: Allenthalben werden Theaterbühnen improvisiert und Szenen gespielt, wird gelärmt, getrunken, anstößiges Zeug geredet und lustvoll gegen Sitte und Konventionen verstoßen.

Auch die örtlichen jungen Männer machen bei dem wilden Gebaren mit, kleiden sich in das modische Werther-Kostüm (siehe Seite 49), tragen hohe Stulpenstiefel, gelbe Beinkleider aus Leder, gelbe Weste und blauen Frack, gern ohne Kragen, die langen Haare offen. Karl August hält es zeitweilig für en vogue, sich kaum noch zu waschen und zu kämmen, ist voller Schmutz und Ungeziefer. Sein Intimus Goethe flucht ordinär und kraftmeiert im Gossenjargon „Scheißerei“, „scheißig“, „Scheißkerl“

Doch anders als die meisten Angereisten hat Goethe ein feines Gespür für Grenzen. Er versteht, wann und wo es geboten ist, sich zu fangen, einfühlsam, ja galant aufzutreten. Bündnisse zu schließen. Etwa mit Wieland, dessen gezierte Sprachkunst er einst in einem Pamphlet verhöhnt hat. Der 16 Jahre Ältere verzeiht es ihm rasch, ja verliebt sich geradezu intellektuell in den „göttlichen Menschen“. Zumal der um Entschuldigung gebeten hat und Wieland mit Achtung und Vertrauen begegnet. Schon früh werben sie gemeinsam dafür, einen weiteren klugen Kopf an die Ilm zu ziehen: Johann Gottfried Herder. Der studierte Theologe ist ein Großtalent, enzyklopädisch gebildet, hat mit literaturgeschichtlichen, theologischen und philosophischen Schriften Aufsehen erregt. Goethe kennt und achtet ihn seit einer ausgedehnten Begegnung einige Jahre zuvor.

Nun, mit Anfang dreißig, versauert Herder als Hofprediger des Grafen von Schaumburg-Lippe im winzigen Bückeburg, ohne Gesprächspartner und Perspektive. In Weimar aber ist die Stelle des Generalsuperintendenten, Oberhofund Stadtpredigers unbesetzt. Goethe und Wieland schlagen vor, Herder auf den Posten zu berufen. Die Pastoren des Herzogtums wehren sich erbittert: Wozu einen Auswärtigen holen? Noch dazu einen Freigeist, der im Zweifel viel zu gelehrt ist, um verständlich zu predigen? Karl August aber setzt sich über die Einwände hinweg.

Am 20. Oktober 1776 hält Herder seine Antrittspredigt – und gewinnt die Zuhörer mit warmherziger Klugheit: „so wahr, so simpel, so fasslich, und doch alles so tief gedacht, so rein gefühlt“, wie Wieland jubelt.

Bald schart der begnadete Redner eine begeisterte Gemeinde um sich. Doch all jene, die engeren Umgang mit Herder haben, lernen einen herrischen, unleidlichen Menschen kennen, bei dem die Ungeduld des Hochbegabten zu intellektuellem Dünkel wird (und das Leid des häufig Kranken zu Hypochondrie). Und so groß und zahlreich Herders Talente auch sind: Zufriedenheit gehört ebenso wenig dazu wie Takt. Kaum eingetroffen, nennt er seine neue Heimat Weimar ein „unseliges Mittelding zwischen Hofstadt und Dorf“. Ganz unrecht hat er damit nicht. Selbst die wohlhabenden Bürger leben eher einfach. Besucher in Goethes Gartenhaus mögen eine Weinsuppe erhalten, Eierkuchen – oder selbst gewilderten Fisch aus der Ilm.

Zuweilen sendet Charlotte von Stein, die Frau des herzoglichen Oberstallmeisters (und Goethes platonische Geliebte), eine Wurst oder einen kalten Braten als Gruß zu ihm, wofür Goethe sich mit selbst angebautem Spargel, Pfirsichen oder Blumen revanchiert. Sachsen-Weimar-Eisenach ist eine kleine, bescheidene, provinzielle Welt. Aber auch eine liberale, und darin liegt ihr Reiz für wache Geister. Hier können sie freier leben als in den Residenzstädten Berlin, Wien oder Dresden. Hier werden sie nicht bedrängt vom Absolutismus eines großen Gebieters, der den Ton vorgibt, Propaganda verlangt und kalt auf Etikette hält. „In Weimar“, wird ein Reisender später schreiben, „war es licht und geistig warm.“

Bei Anna Amalia und Karl August finden Künstler und Gelehrte Wertschätzung, etliche von ihnen ein Auskommen – während fast überall im Reich begabte Männer zu Hungerlöhnen Kanzleidienste leisten und hochnäsigen Adelsnachwuchs unterrichten. Und oft zugrunde gehen. Zudem bietet der abgelegene Intelligenzler-Hof seinen Mitgliedern Anregung untereinander sowie mit den Professoren der wenige Kilometer entfernten Universitäten Erfurt und Jena – und über Besucher, Briefe, Journale und die Bibliothek auch mit der ganzen Welt. In der thüringischen Provinz versammelt sich ein Häuflein geistiger Kosmopoliten.

Es ist eine Schar vielseitig begabter und interessierter Männer und Frauen, zu denen unter anderem der Gymnasiallehrer, Märchensammler und Schriftsteller Johann Carl August Musäus gehört, der ursprünglich Pfarrer war, dann aber bei einem Dorftanz gesehen und aus dem Amt gejagt wurde. Oder die Sängerin und Schauspielerin Corona Schröter, die Karl August aus Leipzig an sein Hoftheater geholt hat, wo ihr Goethe die Rolle der Iphige- nie in seinem gleichnamigen Stück auf den Leib schreibt. Sowie der Bibliothekar und Italienforscher Christian Jagemann, der Bildhauer Martin Gottlieb Klauer, der Maler Georg Melchior Kraus, der philosophische Sonderling und bekennende Atheist August von Einsiedel.

Und schließlich Friedrich Justin Bertuch, der Theaterstücke schreibt, den „Don Quichote“ ins Deutsche übersetzt, an Wielands „Teutschem Merkur“ mitarbeitet – dann aber sein Talent auf der kaufmännischen Seite des Literaturbetriebs entdeckt, Verleger wird, später weitere Unternehmen gründet. Goethe selbst stellt in diesen Jahren die Kunst hintan. „Regieren!!“, notiert er am 8. Oktober 1777 ins Tagebuch, unterstrichen, mit zwei Ausrufezeichen. Und meint damit zugleich sich und Karl August. Für beide scheint es Zeit, erwachsen zu werden. Es ist ein eigenwilliger, radikaler Schritt: Der Dichter entsagt dem Literatentum, um sich in der praktischen Welt zu beweisen. Zwar schreibt er weiter, doch fast nur für den Gebrauch bei Hof.

Nun also die Politik . Als herzoglicher Rat kümmert sich Goethe um die Trockenlegung von Sümpfen, den Brand- und Hochwasserschutz; er bedrängt Karl August, sich persönlich einzuschränken, die Steuern der überlasteten Bauern zu senken, die verheerenden Parforcejagden über ihre Äcker zu verringern, neue Bewässerungsmethoden einzuführen. Er versucht in Ilmenau den Silberbergbau wiederzubeleben und reduziert die sächsisch-weimarische Armee (ein weitgehend nutzloses, überaus teures Fürstenspielzeug); vom Artilleriekorps bleibt einzig eine Haubitze zum Salutschießen. Kleine Schritte. Mehr entspräche auch nicht Goethes politischem Naturell. Scharfe Brüche widerstreben ihm. Ebenso abstrakte Ideale.

1782 überträgt Karl August ihm die Oberaufsicht über die Finanzen des Herzogtums und lässt den Freund vom Kaiser in den Adelsstand erheben. Im selben Jahr siedelt Goethe in ein geräumiges Haus am Frauenplan über, eines der schönsten Weimars. Vor allem Herder tut sich schwer mit Goethes Vorrang. Selbst betont bürgerstolz, ätzt der alte Gefährte nun gegen den „baronisierten“ Goethe, die vornehmen „Assembleen“ in dessen „adlig Haus“, seine „Anbetung“ durch die Fürsten nicht nur der Weimarer Residenz, sondern auch der benachbarten Höfe.

Auch Wieland empfindet, dass Goethe zunehmend karg zu ihm wird, schroff, „politischer Frost um ihn her“. Doch besitzt er die Gabe, neidlos anerkennen zu können, was anderen gelingt. Wieland vermag Goethe gleichzeitig zu schelten und zu verehren. Das liegt vermutlich auch daran, dass er seit Karl Augusts Volljährigkeit das gut dotierte Leben eines Pensionärs führt, produktiv ist, mit dem „Teutschen Merkur“ Erfolg hat. Das Journal lockt mit Fortsetzungsgeschichten, gefällig gemischten Essays, Unterhaltung, Nachrichten, aber auch vernichtenden Rezensionen, „weil das liebe Publikum von Zeit zu Zeit gern jemanden hängen oder geköpft sieht“. Viele Leser verbinden mit Weimar in diesen Jahren vor allem den Namen Wieland.

Goethe ist mir im Weg, notiert Schiller

1783 nähern Herder und Goethe sich wieder an. Herder plant eine philosophische Natur- und Kulturgeschichte der Menschheit von den Anfängen bis zur Gegenwart zu verfassen, die den Geheimrat fasziniert. Der Grundgedanke: Die Menschen sind Teil der Natur, nicht von Gott über diese gesetzt. Dennoch entwickeln sie sich zu etwas Höherem, zur „Humanität“, das heißt zur Herrschaft von Vernunft und Gemeinsinn. Dass innerhalb dieser Entwicklung jede Nation ihren eigenen (etwa durch das Klima beeinflussten) Weg einschlägt, folgt nach Herder einem tiefen Sinn und darf nicht von anderen oder aus späterer Zeit verurteilt werden. Die „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“, Herders mehrbändiges Hauptwerk, werden Generationen von Philosophen und Historikern beeinflussen.

Goethe, der sich zu der Zeit mit naturkundlichen Studien beschäftigt, steuert Beobachtungen und Anregungen bei. Als ihm jedoch ein Verleger im Sommer 1786 eine Werkausgabe seiner gesammelten Schriften vorschlägt, wird ihm schmerzhaft bewusst: Während Wieland und Herder publizieren, Ruhm ernten, hat er seit über zehn Jahren nichts von Gewicht veröffentlicht. Er hat auch wenig geschrieben. Nur Anfänge, nichts künstlerisch Vollendetes. Als Autor ist er tot. Abermals trifft er eine radikale Entscheidung. Am 3. September 1786 packt er einen Stapel unfertiger Manuskripte zusammen und macht sich ohne Abschied davon. Anfang November meldet er sich per Brief – aus Rom. Italien: Sehnsuchtsort aller Gebildeten. Wer nie dort war, kann nicht mitreden. Hier hofft Goethe, sich als Künstler wiederzufinden.

Karl August ist verschnupft. Aber er versteht den Ausbruch auch. Der Herzog gewährt dem Freund nachträglich bezahlten Urlaub, aus dem am Ende fast zwei Jahre werden; Goethe nutzt sie zum Schauen, Genießen – und um die Dramen „Iphigenie auf Tauris“ und „Egmont“ zu vollenden, „Torquato Tasso“ voranzutreiben. Als er am 18. Juni 1788 nach Thüringen zurückkehrt, erwarten ihn sein Fürst, der Hof, die gelehrten Freunde. Und: Friedrich Schiller. Der 28-jährige gelernte Militärarzt, der als Regimentsmedikus aus dem Dienst des Herzogs von Württemberg desertiert ist, um Bühnenautor zu werden, sucht einen Mäzen, aber auch nach Kontakt zu den „Weimarischen Göttern“, wie er sie in einem Brief nennt.

Die Uraufführung seines ersten Dramas „Die Räuber“ hat Mannheims Theater im Jahr 1782 in ein „Irrenhaus“ verwandelt, so ein Zeuge: „Rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür.“ Schiller versteht sich auf Effekte. Und er hat keine Hemmungen, sie einzusetzen, stellt größte Bosheit und riesige Gemeinheit, Verzweiflung und Leidenschaft ungebremst auf die Bühne, legt den Figuren drastische Bilder und Worte in den Mund, steigert die Handlung durch grausame Wendungen zu aufwühlender Wucht.

Ebendas stößt Goethe an den „Räubern“ ab. Sie sind ihm zu laut, zu wüst, zu sehr Kopfgeburt, maßlos in ihrem Freiheitspathos und Tyrannenhass. Außerdem geht ihm auf die Nerven, dass jedermann in Weimar von Schiller zu schwärmen scheint. Während Wieland, Herder, Anna Amalia den Neuen freundlich aufnehmen, begegnet Goethe ihm kühl, hält ihn auf Distanz. Schiller, der nicht weit von Goethe entfernt wohnt, sieht die Gäste am Frauenplan kommen und gehen, ohne selbst je eingeladen zu sein. Er dürstet nach Beachtung – und mokiert sich zugleich über den Kult, den Goethes Jünger um den Bewunderten treiben. Macht sich in Briefen erbittert Luft: Goethe sei „ein Egoist in ungewöhnlichem Grade. Ein solches Wesen sollten die Menschen um sich herum nicht aufkommen lassen.“

Und: „Ich betrachte ihn wie eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muss, um sie vor der Welt zu demütigen.“ Und: „Dieser Mensch ist mir im Weg.“ Im Herbst 1788 veröffentlicht er in Leipzig eine fast 550 Seiten starke Abhandlung über den Freiheitskampf der Niederlande zwei Jahrhunderte zuvor. Eigentlich ein Abfallprodukt: Schiller, der bevorzugt historische Quellen nach Stoff für seine Dramen durchsucht, will auch Material lukrativ verwerten, das für die Bühne nicht taugt. Also schreibt er Geschichte auf wie niemand sonst in Deutschland: für ein großes Publikum, zugleich wissenschaftlich gehaltvoll und literarisch unterhaltsam.

Goethe erfasst den Wert der neuen Arbeit schnell – und den des populären Autors für Sachsen-Weimar-Eisenach. Ohne seine persönliche Distanz zu mildern, bewirkt er, dass Schiller eine Professur in Jena angeboten wird. Der Autor nimmt an. Und erfährt anschließend, dass die Stelle unbesoldet ist, er allein von den Hörergeldern der Studenten leben muss, die er anzieht. Grollend (und nur halb im Scherz) schreibt er einem Freund: „Könntest du mir eine Frau von 12 000 Talern verschaffen, die Akademie in Jena möchte mich dann im Arsch lecken.“ Das von Weimar nur 20 Kilometer entfernte Jena, mit 5000 Einwohnern noch kleiner als die Goethe-Stadt, hat an seiner Universität rund 800 Studenten.

Viele tragen lange Haare, farbige Jacken und hohe, bunte Mützen oder große Hüte, die sie demonstrativ und unhöflich aufbehalten, wenn sie einem ihrer Professoren begegnen. Sie rauchen auf der Straße, streiten und lärmen in den Wirtshäusern, schlagen sich und verschrecken die Bürger. Zuweilen rollen sie im Wagenkorso durch die Stadt, sturzbetrunken und außerstande zu gehen. Und sie verehren rebellische Geister, Männer wie den Verfasser der „Räuber“. Am 26. Mai 1789 ist Schillers Antrittsvorlesung für 18.00 Uhr angekündigt. Um 17.30 Uhr fasst der Hörsaal keine Besucher mehr; ein neuer Saal wird ausgerufen, der größte der Stadt. Die Wartenden springen auf, rennen und drängen die Straße hinab, um einen Platz zu ergattern. Anwohner glauben erschreckt, es sei ein Feuer ausgebrochen.

Als Schiller das Gebäude erreicht, ist der mehr als 300 Menschen fassende Saal überfüllt, der Vorraum ebenfalls, selbst unter den offenen Fenstern stehen Zuhörer. Donnerndes Beifallklopfen empfängt den neuen Professor. Schiller spricht leidenschaftlich, gedankenstark über wissenschaftliches Ethos, den Zweck der Geschichte und ihres Studiums. Es wird ein Triumph. Die Studenten ehren ihn mit einem Konzert und Fackelzug, dem dreifach ausgebrachten Ehrenjubel: „Vivat!“ Im Sommer wird er sich verloben, im Winter heiraten: Charlotte von Lengefeld ist zwar keine Frau von 12 000 Talern, dafür von Verstand, freundlichem Wesen und altem Adel, mit Verbindungen zum Weimarer Hof.

Während Schiller sich eine bürgerliche Existenz aufbaut, gerät Goethe ins Gerede. Erst wird bekannt, dass er ein Verhältnis hat; dann, dass die Geliebte schwanger ist; schließlich, dass er sie und das Kind zu sich nehmen, aber nicht heiraten will. Vor dem Gesetz ist das Hurerei und strafbar. Doch sind Paragrafen für die kleinen Leute gedacht, nicht für die großen; Mätressen und uneheliche Kinder gehören zum höfischen Leben. Anstoß erregt, dass Goethe offen in wilder Ehe zu leben gedenkt. Und dass die Verbindung nicht standesgemäß ist. Christiane Vulpius ist die Tochter eines unehrenhaft entlassenen, herzoglichen Angestellten; für ihren Lebensunterhalt arbeitet sie in einer Kunstblumen-Manufaktur. Sie ist hübsch, aber nicht eigentlich schön, kaum gebildet. Es mag ihre Ausstrahlung sein, das Unkomplizierte, das Goethe anzieht.

Karl August scheint die Angelegenheit gelassen zu nehmen. Doch die Frauen am Hof sind empört, namentlich die selbst fortwährend betrogene Gemahlin. Und da Schicklichkeit und Recht auf ihrer Seite sind, muss Goethe zumindest das repräsentative Haus am Frauenplan räumen; sein herzoglicher Freund weist ihm ein bequemes Domizil etwas außerhalb zu. Offiziell wird Christiane als „die von-Goethesche Haushälterin“ geführt. Oft sitzt der Dichter nun in dem Häuschen vor der Stadtmauer, vergnügt, eine weiße Fuhrmannsmütze auf dem Kopf, lange Flauschhosen und abgetretene Pantoffeln an den Beinen, auf den Knien der kleine Sohn August. Christiane daneben mit dem Strickstrumpf. Geht er in Gesellschaft, bleibt sie meist daheim.

Weimar ist reich an Gelegenheiten zu kultivierter Geselligkeit, bei denen vorgelesen, kritisiert, musiziert und gesungen, debattiert wird. Ihr Vorbild ist die „Tafelrunde“, die Anna Amalia nach dem Ende ihrer Regentschaft eingerichtet hat, immer montags, in ihrem Stadtpalais, im Sommer auch auf dem Landsitz Tiefurt. Die Herzoginmutter schreibt selbst Gedichte, malt, komponiert. Bei ihr gilt der Stand wenig, Talent viel, ein geistreicher Niemand mehr als ein wohlgeborener Langweiler. Alle Koryphäen der Stadt sind geladen – und verpflichtet. Wieland, der älteste unter Weimars Großen, bewegt sich hier mit selbstverständlicher Zwanglosigkeit und genießt das Recht, bisweilen auf dem Sofa neben Anna Amalia einzuschlafen. Legendär aber auch die heftigen, lautstarken Wortgefechte, bei denen sich Goethe, Herder und er intellektuell messen. Seit 1789 kommt ein ideologischer Konflikt hinzu: Während Wieland und Herder die Französische Revolution anfangs begrüßen, lehnt Goethe sie früh ab, ist erschüttert von dem Aufruhr (was ihn freilich nicht hindert, dem Sohn eine Spielzeugguillotine zu kaufen).

Doch trotz aller Differenzen sorgt er dafür, dass Herders Gehalt erhöht, die Arbeitslast gesenkt und dessen Schulden diskret getilgt werden, um den schwierigen Freund davon abzuhalten, einem Ruf an die Universität Göttingen zu folgen. Zum Undank lässt Herder keinerlei Zweifel daran, dass er Goethes Privatleben für hochgradig unmoralisch hält. Herder ist ein aufgeklärter Kleriker, aber eben doch ein Kleriker und sittenstreng. Die Schüler des örtlichen Gymnasiums etwa warnt er vor dem Theater: „Sich mit dieser Bande einzulassen, mit Komödianten Umgang zu haben, ist einem Gymnasiasten durchaus unanständig, niederträchtig und abscheulich!“

Das führt abermals zu Streit, denn Goethe, der das Theater leitet, rekrutiert die Gymnasiasten häufig als Chorsänger und Statisten. Herder beschwert sich beim Herzog, erreicht aber nur, dass die Proben außerhalb der Unterrichtszeit stattfinden. Wieland wiederum stichelt angesichts Christianes Gewohnheit, sich weiterhin Demoiselle, also „Fräulein“ rufen zu lassen, Goethe habe wohl gewisse poetische Momente, in denen er Christiane für die Jungfrau Maria, sich selbst für den Heiligen Geist und den gemeinsamen Sohn für das Jesuskind halte.

Er selbst wird wegen seiner 13 Kinder „Papa Wieland“ genannt, führt ein auskömmliches Leben als kommerziell erfolgreicher Autor von heiteren Versepen und satirischen Schwänken – deren eingängige Leichtigkeit die Mühe nicht ahnen lässt, mit der Wieland seine Texte oft über Jahre immer neu bearbeitet. Herder nennt ihn Schiller gegenüber einen flachen und frivolen Geist. Schiller teilt das im Grunde und denkt ähnlich von Anna Amalia, behält es aber für sich. Das kleine Weimar mag Deutschlands heimliche Kulturhauptstadt sein, über irdisches Geplänkel erhaben ist es nicht.

Friedrich Schiller ist erst 31 Jahre alt , als sein Körper den Dienst zu versagen beginnt. Zu viele Jahre hat der Dichter ihn mit Aufputschmitteln und Rosskuren traktiert, nur für den Geist und über den Leib hinweggelebt. Am Abend des 3. Januar 1791 bekommt er heftiges Fieber, hat Hustenanfälle, dann verliert er das Bewusstsein. Es folgen Wochen, in denen er Blut spuckt, unter Atemnot, Schüttelfrost und Magenkrämpfen leidet. Seine Studenten halten bei ihm Nachtwache. Die Ärzte reinigen den gebeutelten Körper mit Abführ- und Brechmitteln, lassen ihn zur Ader, setzen Blutegel an.

Der Herzog schickt einige Flaschen Madeira zur Stärkung. Schiller erholt sich, übersteht im April einen schweren Rückfall. Vermutlich handelt es sich um eine Organtuberkulose, die Lunge und Darm befallen hat. Schiller ist Mediziner genug, um zu begreifen, dass die Krankheit ihn nicht mehr verlassen, sondern immer wiederkehrend quälen und schließlich töten wird. Seine Zeit ist begrenzt. Was er noch schaffen will, muss er nun angehen.

Im Jahr darauf schließt er sein zweites großes historisches Werk ab, eine knapp 500-seitige Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs. Sie erzielt enorme Auflagen, fehlt bald in kaum einem gebildeten Haushalt. Schiller darf sich zu Recht als einflussreichster Historiker deutscher Sprache fühlen. Doch das ist es nicht, woran er seine befristete Existenz setzen will. Vielmehr wendet er sich wieder der Kunst zu, diesmal endgültig. Er beginnt ein Theaterstück über den Feldherrn Albrecht von Wallenstein, den wichtigsten General des Dreißigjährigen Krieges. Und er versucht noch einmal eine Annäherung an Goethe.

Gemeinsam mit dem jungen, ehrgeizigen Verleger Johann Friedrich Cotta in Stuttgart will Schiller ein neues literarisch- philosophisches Journal auf den Markt bringen, das die besten Schriftsteller, Denker, Publizisten aus Deutsch- land zusammenführt. Das aber bedeutet auch: Goethe. Am 13. Juni 1794 lädt Schiller „Euer Hochwohlgeboren“, den Herrn Geheimrat, brieflich zur Mitarbeit ein. Goethe zögert. Und sagt schließlich zu, nicht ohne Kalkül: Seine Werkausgabe samt der neuen Stücke ist wenig erfolgreich, mancher Leser empfindet ihn bereits als ausgeschrieben. Der Literaturmarkt ist größer geworden, aber auch rauer und kommerzieller. Schiller kombiniert Qualität mit Publikumserfolg. Da mag sich etwas gewinnen lassen.

Wenig später das erste längere Gespräch in Jena. Ein zweites. Anfang September lädt Goethe Schiller nach Weimar ein: Der Hof gehe für einige Zeit nach Eisenach, da lasse sich doch einmal ausgiebig reden. Inzwischen hat Karl August den Bann gehoben und Goethe mit Christiane an den Frauenplan zurückkehren lassen. Einen Bau aus ursprünglich zwei Häusern, im Inneren verwinkelt, voller Treppen und enger Durchgänge. Gewachsen, nicht geplant. Im Oberstock und in der Mansarde gibt es knapp 30 Zimmer, zu ebener Erde Wirtschaftsräume, im Hinterhaus Kammern für die Dienstboten. Ein Hausgarten dient der Erholung und liefert Obst, Artischocken, Kräuter, Gemüse, bietet Goethe Raum für botanische Experimente. Am 14. September 1794 bezieht Schiller hier eine Suite von drei Gästezimmern.

Es scheint unwahrscheinlich, dass diese beiden Männer sofort Gefallen aneinander finden. Goethe lässt während des Dichtens mitunter im Nebenzimmer Musiker spielen, um sich in die rechte Schreibstimmung zu versetzen, betrachtet die Kunst als Teil eines glücklich gelingenden Lebens. Schiller stimuliert sich mit dem Geruch fauler Äpfel in der Schreibtischschublade, raucht und schnupft, putscht sich mit Kaffee, Likör, Wein und beißendem Arrak auf, ruiniert seinen Körper, um dem Leben Kunst abzutrotzen.

Er denkt abstrakt, moralisch, prinzipiell – Goethe bevorzugt die konkrete Anschauung, liebt und respektiert in allen Dingen die Natur. Er ist ein Empfangender, dem das Gelingen zufliegt, und ähnlich geht er mit seinen Figuren um, lässt sie etwa im Schlaf mit sich ins Reine kommen. Schiller könnte so etwas nie akzeptieren. Er verlangt dem Personal seiner Stücke freie, bewusste Handlungen ab – so wie er selbst um Szenen und Worte kämpft. Goethe, der von sich sagt, er brauche das Dunkle, die Ahnung, Intuition, ist immer wieder verblüfft, wie durchdacht Schiller zu Werke geht.

Weimar wird zur Kapitale der Kunst

Und wie grausam, so empfindet es Goethe: gegen mühevoll hervorgebrachten Text, aus dem Schiller mitleidlos alles streicht, was die Komposition stört, ablenkt, mildert. Und gegen seine Figuren, denen er nichts erspart, die er ohne Gnade ihre Schicksalswege hinabzwingt. Doch die Unterschiede stoßen sich nicht ab. Sondern ziehen sich an. Beide spüren, dass der andere etwas geben kann, was einem selbst fehlt. Und beide sind sich einig in einem ernsthaften, sehr hohen Anspruch an ihre Kunst. Es ist dieses Interesse am Werk, das die beiden grundverschiedenen Charaktere verbindet und das sie im September 1794 aneinander entdecken. Schiller wird ihre Freundschaft später ein „auf wechselseitige Perfektibilität gebautes Verhältnis“ nennen. Von den Weimarern neugierig beäugt und betuschelt, wird sein Besuch bei Goethe am Frauenplan zum Einschnitt in beider Leben. Und in der deutschen Literaturgeschichte.

Als Schiller nach zwei Wochen abreist, haben er und Goethe einen Freundschafts- und Arbeitsbund geschlossen. Von nun an besuchen sie sich regelmäßig, dazwischen gehen Briefe und Manuskripte hin und her. Botenfrauen bewältigen die rund 20 Kilometer zwischen Jena und Weimar für wenige Groschen in vier Stunden. Die geplante Zeitschrift wird gegründet und erscheint ab 1795 monatlich; nach einer Gruppe griechischer Göttinnen heißt sie „Die Horen“. Als sie im Herbst Goethes erotische „Römische Elegien“ bringt, schimpft Herder, der Titel müsse fortan mit einem u gedruckt werden. Doch das Heft verkauft sich reißend.

Im Jahr darauf dann ein Rundumschlag. Unter dem Titel „Xenien“ („Gastgeschenke“) veröffentlichen Goethe und Schiller eine Sammlung Zweizeiler, die den Literaturbetrieb und dessen Großtuer und Kleingeister verspotten; beim Verfassen in Schillers Jenaer Arbeitszimmer lachen die beiden so laut, dass Charlotte der Schicklichkeit wegen die Fenster schließt. Abermals ist der Erfolg ansehnlich. Die Zahl neuer Feinde auch. Etwa zur gleichen Zeit erscheint Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, ein Schauspieler- und Bildungsroman. Viele Kritiker schmähen ihn als langweilig, andere als unzüchtig – doch jüngere Leser feiern das Buch begeistert: Es entspricht ihrem Wunsch nach Subjektivität und subtiler Ironie. „Romantiker“ nennen sich diese auf ihr Ich, ihr Erleben versessenen jungen Leute: weil auch das Leben selbst erregend wie ein Roman sein soll. Fast zwei Jahrzehnte hat Goethe daran gearbeitet – erst mit Schillers Hilfe und Kritik ist der Abschluss gelungen. Goethe schreibt ihm: „Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft und mich wieder zum Dichter gemacht, welches zu sein ich so gut als aufgehört hatte.“

1797 gehen die Freunde einen Balladen-Wettstreit ein: wer wohl in kurzer Zeit die besseren dieser Erzählgedichte ersinnen könne. Goethe liefert unter anderem den „Zauberlehrling“, doch Schiller setzt sich mit dem „Taucher“, „Die Kraniche des Ibykus“, „Der Handschuh“, „Der Ring des Polykrates“ klar durch. Kleine Meisterwerke, mit leichter Hand hingeworfen. Und eine erholsame Ablenkung von dem Monumentalwerk, an dem Schiller sich abarbeitet, dem „Wallenstein“-Drama. Düster, gewaltig. Goethe schlägt eine Aufteilung des Stoffes auf drei Stücke vor. Seinen Hinweisen verdankt Schiller es wohl auch, dass sich seine intellektuell brillante Konstruktion mit Natur und Leben füllt. Angesichts des beglückenden Zusammenwirkens nimmt er es ruhig hin, dass die „Horen“ nicht genug renommierte Autoren finden und wieder eingehen.

Im April 1799 kommen alle drei „Wallenstein“-Teile in Weimar auf die Bühne. Die Trilogie schildert den Sturz eines skrupellosen Aufsteigers, eine Welt der politischen Kämpfe, verstörend trostlos: dramaturgisch höchst raffiniert, meisterhaft in Verse gebracht. Es ist sofort klar, dass Schiller mit diesem Werk zukünftigen deutschen Dramatikern den Maßstab gesetzt hat. Goethe inszeniert es persönlich – und in erlesener Form: Beide Dramatiker wenden sich entschieden gegen ein Theater, das möglichst naturgetreu sein will. Um zu wirken, lautet ihre Maxime, muss Kunst als Kunst erkennbar sein, aus dem Gewöhnlichen herausragen. Deshalb Reime und Rhythmus und langes Üben mit den Schauspielern, bis sie den komplizierten Text wunschgemäß wiedergeben. Zu dieser hohen Form von Kunst wollen Goethe und Schiller das Publikum erziehen. Doch sie scheitern.

Denn auch wenn Schiller gefeiert wird wie noch kein Bühnenautor vor ihm – der meistgespielte Weimarer Dramatiker bleibt August von Kotzebue, dessen Rührstücke etwa über Ehebruch und Reue ungemein populär sind. Und kein Autor findet so viele Leser wie Goethes Schwager Christian August Vulpius mit seinen spannenden Serienerzählungen um den Räuberhauptmann Rinaldo Rinaldini. Unter den jüngeren Intellektuellen ist dagegen die Ironie verbreitet sowie ein Widerwille gegen den hohen Ton – der Philosoph Friedrich Schlegel etwa erklärt, er sei bei Schillers „Lied von der Glocke“ vor Lachen vom Stuhl gefallen. Ende 1799 siedelt Schiller nach Weimar über. Das Leben dort ist teurer als in Jena, doch er hat einen Plan: jedes Jahr ein Stück. Und beinahe hält er das durch. 1800: „Maria Stuart“. 1801: „Die Jungfrau von Orleans“. 1803: „Die Braut von Messina“. 1804: „Wilhelm Tell“.

Wie ein absterbender Baum, der sich noch einmal an Früchte verausgabt, stößt der von Kopfschmerzen, Rheumaschüben, Magenkrämpfen gequälte Schiller Meisterwerke aus. Schon Zeitgenossen empfinden sie als Klassiker, mustergültige, kaum zu übertreffende Leistungen, universal. Bald wird daraus so etwas wie eine Marke: „Weimarer Klassik“, ähnlich der „Wiener Klassik“ in der Musik – der Ära Haydns, Mozarts und Beethovens.

Längst hat Goethe eine fast zärtliche, fürsorgliche Zuneigung zu dem kranken Freund entwickelt. 1802 bringt er Herzog Karl August dazu, Schiller in den erblichen Adel erheben zu lassen. Der so Geehrte freut sich vor allem für seine Frau Charlotte, die nun „mit ihrer Schleppe am Hof herumschwänzelt“.

Er überwindet seine Vorbehalte und verbringt auch einmal einen Abend mit Christiane Vulpius, aber hinter Charlottes Rücken. Denn so herzlich sie Goethe auch verbunden ist – noch mehr hält sie auf gesellschaftliche Formen: Christiane wird ignoriert, nie eingeladen. Im Sommer 1804 verschlimmern sich Schillers Koliken. Im Herbst melden süddeutsche Zeitungen bereits seinen Tod. Als bekannt wird, dass dies falsch ist, schickt sein Verleger Cotta vor Freude 40 Flaschen Portwein und zehn Flaschen teuren Malaga. Das Frühjahr kommt. Der Arzt rät zu mehr Bewegung. Schiller kauft sich ein Pferd.

Am Abend des 1. Mai 1805 begegnet er Goethe auf dem Weg ins Theater. Doch der Freund kehrt um, ihm sei unwohl. Schiller geht allein weiter, bezieht seine Loge. Ein belangloses Unterhaltungsstück. Da bricht er zusammen. Schüttelfrost. Abtransport. Über eine Woche quält er sich, will Märchen und Rittergeschichten vorgelesen bekommen. Möchte über den Unterschied zwischen Komödie und Tragödie reden. Zum Schluss erkennt er die Menschen um sein Bett nicht mehr. Am 9. Mai 1805 gegen Abend stirbt Friedrich Schiller mit 45 Jahren. Eine knappe Stunde später erreicht die Nachricht das Haus am Frauenplan. Christiane verheimlicht sie dem kranken Goethe. Erst am nächsten Morgen bringt sie es ihm vorsichtig bei.

Erschüttert zieht Goethe sich zurück. Weder verabschiedet er sich von dem aufgebahrten Freund, noch geht er zur Beerdigung. Goethe kann den Tod nicht ausstehen; er will grundsätzlich nichts mit ihm zu tun haben. Und dieser Tod ist wie ein Riss in seinem Leben, als hätte sich etwas von ihm selbst abgetrennt. Er versucht ein unfertiges Drama zu vollenden, das Schiller hinterlassen hat. Es gelingt ihm nicht. Er nimmt die Arbeit an seiner großen Tragödie „Faust“ wieder auf, zu der Schiller ihn stets so entschieden gedrängt hat. Auch damit kommt er nur mühselig voran.

Da findet am 14. Oktober 1806 auf dem Territorium Sachsen-Weimar-Eisenachs jene Schlacht statt, die das Ende der alten Ordnung in Deutschland besiegelt: Bei Jena und Auerstedt schlägt eine französische Armee unter Napoleon Bonaparte das preußische Heer.

Am Abend erreichen die Sieger Weimar, fallen plündernd und sengend ein. Auch am Frauenplan dringen Soldaten ein, randalieren, fordern Wein und Essen. Goethe ist schon zu Bett gegan- gen. Er wirft einen Morgenmantel über, kann die Lage wohl beruhigen. Was später in der Nacht geschieht, ist ungewiss. Bruchstückhaften Berichten zufolge marodieren zwei betrunkene Schützen durch die Zimmer, gelangen in Goethes Schlafkammer und bedrohen ihn mit Degen oder Bajonett. Christiane geht dazwischen, laut, verzweifelt, ruft geistesgegenwärtig Hilfe herbei, während der 57-Jährige in sich zusammenfällt, alle Nerven verliert. Vermutlich rettet Christiane sein Leben.

Fünf Tage später heiraten die beiden in der Sakristei der Jakobskirche. Eine Mesalliance, die in der Stadt noch mehr giftige Kommentare provoziert als ihre wilde Ehe zuvor. Einzig die zugezogene Schriftstellerin Johanna Schopenhauer – Mutter eines 18-jährigen Sohnes namens Arthur, der später als Philosoph berühmt werden wird – zeigt sich bereit, Christiane ohne Vorbehalte in ihrem Salon zu empfangen: „Wenn Goethe ihr seinen Namen gibt“, schreibt sie in einem Brief, „können wir ihr wohl eine Tasse Tee geben.“

Am 10. April 1807 stirbt Anna Amalia an einem Schlaganfall. Ihr Leichnam, in ein Kleid aus weißem Atlas und einen karmesinroten Mantel mit Hermelinaufschlag gekleidet, wird im Paradebett ihres Palais aufgebahrt; mehrere Stunden dauert der Vorbeizug der Trauernden. Abermals fehlt Goethe. Und auch als sechs Jahre später Wieland beerdigt wird, bleibt er fern. Nun ist er endgültig ein Überlebender, ein Übriggebliebener. Zunehmend auch ein Unverstandener: Seine Bereitschaft, Napoleons Hegemonie als Friedensordnung hinzunehmen, die Verachtung für patriotische Phrasen, sein kosmopolitischer Vorbehalt gegen den Kult der Nation machen ihn bei vielen Zeitgenossen suspekt.

Später sucht er nach Verbindungen zwischen der klassischen und der nun herrschenden romantischen Kunstauffassung. Spielerisch kombiniert Goethe Textsorten vom Märchen bis zum Sachbericht, erlesene mit einfacher, fast naiver Sprache, bettet alles in komplexe, scheinbar ziellos kreisende Strukturen, den Romantikern nicht unähnlich. Ein wenig wirkt es, als habe ihn der Tod Schillers, dem er für den Rest seines Lebens nachtrauern wird, auch befreit. Goethe hält nun regelrecht Hof, selbst Fürsten pilgern herbei, etwa Ludwig I. von Bayern. Mit der Zeit aber fühlen sich Besucher in Weimar an ein Museum erinnert. Goethe wird bewundert und gefeiert – aber kaum noch gelesen oder abgelehnt.

Er weiß es und schreibt für spätere Generationen: den Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ etwa oder die Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“. Das größte und fantastischste, sein Lebenswerk hält er sogar bis zu seinem Tod zurück: den zweiten Teil des „Faust“. Der erste Teil ist 1808 erschienen, ein sperriges Meisterwerk, das erstmals 1829 aufgeführt wird – wohl als Hommage in Goethes 80. Geburtsjahr. Am 22. März 1832 gegen Mittag schläft Johann Wolfgang von Goethe friedlich ein. Ein writers’ writer : ein Poet, der Generationen von Schriftstellern inspirieren wird – ansonsten aber häufiger zitiert als gelesen wird, bis heute.

Das klassische Weimar ist da bereits Vergangenheit, die epochale Rolle des Städtchens in der Literaturgeschichte ausgeklungen: Eine kreative Explosion wie die Begegnung Goethes und Schillers lässt sich nicht beliebig wiederholen. Das klassische Weimar ist da bereits Vergangenheit, die epochale Rolle des Städtchens in der Literaturgeschichte ausgeklungen: Eine kreative Explosion wie die Begegnung Goethes und Schillers lässt sich nicht beliebig wiederholen. Dennoch, Weimars Nimbus als Ort, an dem sich deutsche Provinz und Weltgeist verbunden haben, wird bleiben. Jene heitere Aura – die Goethe, der sich auch für einen einfachen Reim nie zu schade war, einst mit den Worten pries: „Spiel und Tanz, Gespräch, Theater, Sie erfrischen unser Blut; Lasst den Wienern ihren Prater: Weimar, Jena, da ist’s gut.“

 
 
 
 
Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Miesenhöller, Mathias: Am Hof der Musen. Goethe und Schiller in Weimar, in: Deutschland um 1800 (GEO Epoche, Jg. 2016, Heft Nr. 16), Hamburg 2016, S. 100-115.

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Europa nach Napoleon

Europa nach Napoleon

Wiener Kongress

Inhaltsverzeichnis

1. Wiener Kongress. Festspiele der Macht.

1. Wiener Kongress. Festspiele der Macht.

Im Herbst 1814 kommen in Wien Europas Herrscher zusammen, um nach langem, aber siegreichem Kampf gegen Napoleon den Kontinent neu zu ordnen. Doch die von Österreichs Außenminister Fürst von Metternich pompös geplante Friedenskonferenz droht in Rivalitäten, Geheimdiplomatie und Vergnügungstrubel unterzugehen

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Österreichs Außenminister Klemens Fürst von Metternich (2. von rechts) orchestriert die politischen Ereignisse des Wiener Kongresses

Die Equipagen drängen sich im Wiener Rennweg. Mehrere Hundert Gäste – Monarchen und Diplomaten, Generäle und elegante Frauen – streben der Villa des österreichischen Außenministers zu. Die Herren tragen Uniformen oder Frack, viele der in Weiß und Blau gekleideten Damen sind als Friedensengel erschienen, mit Ölbaumzweigen im Haar.

Als die Monarchen Österreichs, Russlands und Preußens eintreffen, steigt ein Heißluftballon in den Himmel, begleitet von Feuerwerk und Trompetengeschmetter. Eine Pantomime wird aufgeführt: der Triumph der Eintracht über die Zwietracht. Es folgt das Festmahl, dann eröffnen die österreichische Kaiserin und Zar Alexander I. den Ball. Der Tanzsaal erstrahlt im Schein der Lüster, bengalische Feuer erleuchten den Garten. „Mein Fest muss den Glanz von 20 Jahren Frieden ausstrahlen“, hat sich der Gastgeber vorgenommen.

Klemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich hat geladen. Europas Herrscher feiern an diesem 18. Oktober 1814 das Ende von Truppenaushebungen und Plünderungen. 22 Jahre lang haben auf dem Kontinent fast ununterbrochen Krieg und Aufruhr geherrscht, haben die Fürsten um ihre Throne gebangt, haben die Mächte in wechselnden Koalitionen erst gegen das revolutionäre, dann gegen das napoleonische Frankreich gekämpft – und manchmal auch auf dessen Seite. Doch nun ist Napoleon besiegt und mit der kleinen Mittelmeerinsel Elba abgefunden; im Mai 1814 haben die verbündeten Mächte in Paris Frieden mit Frankreich geschlossen. Metternich ist nicht nur Hausherr dieses Festes, sondern der Gastgeber des glanzvollsten und bedeutendsten Kongresses der Epoche: Seit September verhandeln Sieger und Besiegte in Wien, um den Kontinent neu zu ordnen.

Es gilt, Napoleons Erbschaft aufzuteilen, Europas Staaten neue Grenzen zu geben, alte Herrschaften zu bestätigen oder neue einzusetzen. Und Österreichs Außenminister will der Welt ein imposantes Schauspiel bieten. Metternich ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Kaiser Franz I. hat ihn in den erblichen Fürstenstand erhoben und ihm das Goldene Vlies verliehen, den höchsten Orden der Monarchie. Der Minister genießt das völlige Vertrauen des Kaisers, der ihm freie Hand lässt. Denn hat Österreich dem genialen Strategen nicht die Rückkehr in den Kreis der Großmächte zu verdanken?

1801, MIT 28 JAHREN, wird der Sohn eines adeligen Diplomaten mit der Leitung der Gesandtschaft am Dresdner Hof betraut. Zwei Jahre später wechselt er auf den Botschafterposten in Berlin. Und dient schließlich, 1806, als österreichischer Gesandter in Europas wichtigster Stadt: in Paris, am Hof Napoleons. Da gibt es das Heilige Römische Reich deutscher Nation bereits nicht mehr. Am 6. August 1806 hat Kaiser Franz II. die Krone des Reichs auf Druck Napoleons niedergelegt und nur den Titel Franz I., Kaiser von Österreich, behalten.

Um den Kaisertitel, der kaum mit tatsächlicher Autorität verbunden ist, tut es Metternich nicht leid, doch die Wiederherstellung von Österreichs Prestige wird von nun an sein Anliegen. Er beginnt, auf den „großen Gerichtstag“ über Napoleon hinzuarbeiten. Noch aber ist der Kontinent fest in dessen Hand. 1809 beruft Franz I. den 36-jährigen Metternich zum Außenminister. Österreich ist besiegt und nahezu bankrott, und Metternich weiß, dass sich sein Land mit dem Empereur gut stellen muss, um sein Weiterbestehen zu sichern, seine Kräfte zu sammeln.

Als sich Napoleons europäische Gegner, darunter Russland, Preußen und England, 1813 zusammenschließen, hält er die Monarchie durch eine Politik des Taktierens, Lavierens und der Neutralität so lange aus dem Krieg heraus, bis Österreich über ein Heer verfügt, das stark genug ist, der Allianz den Sieg über Napoleon zu sichern. Bis er sicher ist, dass Österreich nicht zum Anhängsel der Allianz gerät, sondern dass er, Metternich, den Charakter des Krieges mitbestimmen kann. Erst im August 1813 wechselt er die Front zur preußisch-russischen Allianz und entscheidet damit nicht nur den Kriegsausgang. Metternich macht aus dem Befreiungskrieg der Völker – wie viele den Kampf gegen Napoleon sehen – einen Krieg der Staaten: einen Kabinettskrieg unter Österreichs Führung zur Wiederherstellung des europäischen Gleichgewichts. Und sich selbst gleichsam zum Ministerpräsidenten der Koalition.

Als solcher ruft er 1814 die Mächtigen zu einem großen Friedenskongress zusammen: Der Krieg ist vorbei, nun beginnt die Arbeit der Diplomaten. Wien wird in den folgenden Monaten die glanzvollste Zeit seiner Geschichte erleben, wird der Mittelpunkt der Welt. Und der Mittelpunkt Wiens ist Metternichs Staatskanzlei am Ballhausplatz. Nicht in der Hofburg, hier sollen die Verhandlungen stattfinden, die Fäden der Kongressdiplomatie zusammenlaufen. Das Palais wird renoviert und mit einem Ballsaal versehen, wofür der Kaiser seinem Minister 56 000 Gulden bewilligt. Das Mobiliar für seine Kanzlei sucht Metternich in Paris aus.

In den letzten Sommertagen 1814 verlassen die Wiener Adelsfamilien ihre Sommersitze, um die Paläste in der Innenstadt für die Ankunft der Kongressgäste herrichten zu lassen. „Die ersten Familien drängten sich um Hofdamen-, Kammerherrn- und Pagenstellungen“, berichtet ein Zeitgenosse, „wohlhabende Leute boten sich für die Livree an, um nur den Wunderdingen nahe zu sein.“

Die Gäste kommen – die SPITZEL sind bereit

Kaiser Franz schafft für seine Gäste 300 zwei- und vierspännige Wagen und 1200 Pferde an. Die Mieten steigen in schwindelerregende Höhen. Und die Prostituierten stellen sich auf eine nie erlebte Nachfrage ein. Baron Hager, Chef der „Polizeiund Zensur-Hofstelle“, erhält von Franz I. den Auftrag, sich „über die in Wien weilenden Souveräne genaue Nachrichten zu verschaffen“, und wirbt deshalb zusätzliche Geheimagenten an. Zudem stellt er fremdsprachenkundige Spezialisten und Dechiffreure für Geheimunterlagen ein, Sekretäre, Kanzleidiener, Stubenmädchen und Lakaien für die Gäste von außerhalb, um Schriftstücke, Briefe, selbst Schnipsel aus den Papierkörben zu sichern: Wien ist bereit, Majestäten und Minister zu observieren.

ÖSTERREICHS KAPITALE zählt mitsamt ihrer Vorstädte rund 240 000 Einwohner und ist damit eine der größten Städte Europas. Nun strömen weitere 30 000 Menschen nach Wien, und zu allen Tageszeiten stauen sich in den Gassen die Prunkkarossen.

Mitte September treffen die Chefunterhändler ein, um mit Metternich die Verfahrensfragen für den Kongress festzulegen. Am 25. September ziehen unter großem Pomp Zar Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen gemeinsam in Wien ein. 1000 Kanonenschüsse begleiten ihren Einzug, 100 Kanonenschüsse sind für weniger bedeutende Monarchen vorgesehen. Insgesamt erscheinen zwei Kaiser und vier Könige. Dazu viele Angehörige des europäischen Hochadels und kleinere Fürstlichkeiten.

Die Souveräne logieren in der Hofburg auf Einladung des österreichischen Kaisers, der bis dahin eher für seine Sparsamkeit bekannt war. Nun bewirtet Franz I. seine Gäste an 40 Tischen: 50 000 Gulden pro Tag, so heißt es, wird der Hof allein für diese Tafel ausgeben. Neben den Monarchen und ihren Begleitern, ihren Ministern, Generälen und Beamten, den Ehefrauen und Mätressen mitsamt ihrem Dienstpersonal, den Schreibern und Leibärzten sind Vertreter und Abordnungen fast aller europäischer Staaten erschienen. Dazu Abgesandte des deutschen Buchhandels, die sich für die Pressefreiheit einsetzen sowie Vertreter jüdischer Gemeinden, die um ihre unter Napoleon gewonnenen Freiheiten fürchten.

Und mit ihnen Fremde aus ganz Europa: ausländische Spione, Musiker, Tänzerinnen, Grandseigneurs und Halbweltdamen, Abenteurer, Glücksspieler, Taschendiebe, Schaulustige und vornehme Müßiggänger. Sie alle wollen dabei sein, wenn Napoleons Erbe aufgeteilt wird. Sie hoffen auf Provinzen und Throne, auf die Rückgabe ihrer Besitztümer, auf eine Entschädigung, ein einträgliches Geschäft – oder auch nur auf spektakuläre Unterhaltung, den Kitzel der Sensation. Viele Fragen sind offen geblieben, als die Alliierten im Mai den Frieden von Paris geschlossen haben. Was zum Beispiel soll aus dem Herzogtum Warschau werden, jenem Kunstgebilde, das Napoleon aus preußischen und österreichischen Teilen des einstigen polnischen Staates geschaffen hat und das der Zar nun mit seinen Truppen besetzt hält?

Wie soll Italien, das Napoleon fast vollständig erobert hatte, unter all jenen Dynastien verteilt werden, die Anspruch auf italienischen Besitz erheben? Und was wird aus den deutschen Staaten? Wie sollen die einzelnen Gebiete unter den Fürsten verteilt, wo sollen die Grenzen gezogen werden? Zahlreiche von Frankreich zurückerlangte Gebiete wie Würzburg, Aschaffenburg, das Land zwischen Rhein, Maas und Mosel sind noch herrenlos. Und wie soll dieses neu geordnete Deutschland aussehen, was für eine Verfassung soll es besitzen?

Eine sehr vage gehaltene Vorentscheidung ist im Pariser Friedensvertrag bereits gefallen. „Deutschland besteht aus unabhängigen Staaten und wird von einem föderativen Band zusammengehalten“, hat Metternich in das Papier schreiben lassen. Mehr als einen losen Bund selbstständiger deutscher Staaten kann er sich nicht vorstellen. Vor allem aber will der Minister „ein wirkliches und dauerhaftes System des Gleichgewichts in Europa“ errichten. Es ist die alte, bewährte Politik des 18. Jahrhunderts, die Staatenordnung so auszubalancieren, dass keine Großmacht so stark wird, dass sie über eine andere herfallen und nach Vorherrschaft streben kann, und keine so schwach, dass sie dazu herausfordert.

In Wien soll die Balance der Kräfte erneuert, restauriert werden, soll die Grundlage für einen dauerhaften Frieden geschaffen werden – und ein Schutz vor revolutionären Kräften. Metternich war als Student der diplomatischen Hochschule in Straßburg Augenzeuge, als im Juli 1789 die Französische Revolution ausbrach und eine Volksmenge das Straßburger Rathaus stürmte. Dies ist sein politisches Schlüsselerlebnis, das Trauma, das ihn seither begleitet. Der eigentliche Zweck der Französischen Revolution, so schrieb er 1793 in einem Pamphlet, sei die „Verbreitung einer allgemeinen Anarchie“. Mit den anderen Regenten will er deshalb neben den politischen auch die sozialen Grenzen aufrichten, die die Revolutionäre niedergerissen hatten.

DOCH ANFANG OKTOBER, als der Kongress offiziell beginnen soll, ist nicht einmal das Verfahren klar. Welches Gremium soll über die Zukunft Europas bestimmen? Wann und in welcher Form soll der Kongress zusammentreten?

Was viele Abgesandte noch nicht wissen: Die Siegermächte Österreich, Russland, Preußen und Großbritannien haben den Friedensvertrag von Paris um ein geheimes Abkommen ergänzt, das die grundlegenden Entscheidungen allein ihnen vorbehält. In Wien bestätigen ihre leitenden Minister dieses Abkommen: Metternich, der preußische Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg, der Brite Lord Castlereagh sowie der russische Bevollmächtigte Karl Robert Graf von Nesselrode. Hardenberg verteidigt die Vorherrschaft der Großmächte: „Wir können unmöglich die Angelegenheiten ganz Europas von den Fürsten von Leyen und Liechtenstein regeln lassen“ – zweier Zwergstaaten, deren Heere zuletzt 29 und 57 Mann zählten. Wie aber sollen sie den Verlierer einbinden? Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, der Frankreichs Interessen als Außenminister Ludwigs XVIII. vertritt, will gleichberechtigt am Verhandlungstisch sitzen: Inzwischen sei Frieden geschlossen worden, argumentiert er, also könne es keinen Grund geben, den Bourbonenherrscher auszuschließen. Talleyrand, der frühere Bischof von Autun, immer gepudert und stark parfümiert, wegen eines Klumpfußes hinkend, hat der Revolution und Napoleon gedient und den Kaiser schließlich verraten: ein Opportunist, der dennoch stets darauf bedacht ist, Frankreich dauerhafte Größe zu verschaffen.

Metternich und Castlereagh sind durchaus bereit, dem besiegten Frankreich eine angemessene Rolle zuzuweisen. Dem Österreicher gilt das Land als unverzichtbares Gegenwicht zu Russland, das in Europa immer stärker wird. Doch die Erinnerung der einstigen Verbündeten an die Kriegszeit ist noch zu frisch, als dass sie Frankreich als gleichberechtigten Partner aufnehmen können. Auch eine stärkere Berücksichtigung der kleineren Staaten, als deren Anwalt Talleyrand sich aufspielt, kann der Franzose nicht durchsetzen.

Stattdessen entscheiden die „Großen Vier“, den Beginn des Kongresses um einen Monat auf den 1. November zu verschieben. Zudem beschließen sie, die deutsche Verfassungsfrage von den europäischen Fragen abzutrennen und in einem eigenen „Deutschen Komitee“ zu beraten. Dessen Mitglieder sollen eine Verfassung für einen Staatenbund erarbeiten, die für Österreich und Preußen ebenso annehmbar ist wie für die rund drei Dutzend anderen deutschen Souveräne. Doch dem Komitee gehören nur die Vertreter der fünf größten deutschen Staaten an: der Habsburgermonarchie sowie der Königreiche Preußen, Bayern, Hannover und Württemberg. Fürst von Metternich hat sich damit abgefunden, dass ein Teil der alten Ordnung unwiederbringlich verloren gegangen ist.

Er will das zersplitterte alte Heilige Römische Reich mit seinen Reichsständen, geistlichen Fürstentümern, Reichsstädten und Reichsdörfern nicht restaurieren. Jeder Versuch, die unter Napoleons Druck erfolgte Neuordnung Deutschlands rückgängig zu machen, würde, so vermutet er, zu einem Chaos aus alten und neuen Ansprüchen der deutschen Fürsten führen. Und so strebt er ein Deutschland an, das aus unabhängigen, durch einen losen Bund vereinigten Staaten ohne förmliches Oberhaupt besteht: einen Bund unter Führung Österreichs und Preußens, berechtigt vor allem zur Verteidigung seines Gebietes.

Als Grundlage ihrer Arbeit dient der Kommission ein Verfassungsentwurf des preußischen Staatskanzlers Hardenberg, den Metternich kurz vor Kongressbeginn auf „Zwölf Artikel“ zusammengestrichen hat: Preußen und Österreich hätten demnach die Vorherrschaft in einem in sieben Kreise gegliederten Deutschland.

NOCH ABER IST DER KONGRESS nicht einmal offiziell eröffnet. Statt im Plenum zu konferieren, werfen sich die Delegierten in einen Reigen von Festlichkeiten, für die Wien die passende, barocke Kulisse bietet: Endlich sollen wieder die Freuden des Friedens auf der Tagesordnung stehen. Die Tage sind ausgefüllt mit Hofbällen und Redouten, Banketten, Konzerten, Theatervorstellungen, mit Paraden, Heeresmanövern, Jagden und Spazierfahrten. Metternich, der über alle organisatorischen Fragen wacht, erscheint als Gastgeber auf möglichst vielen Feiern und lädt selbst in sein Palais.

Der 41-Jährige ist ein schöner, fast jugendlicher Mann, das lächelnde Antlitz stets leicht geschminkt, die blond gelockten Haare gepudert. Stets trägt Metternich Seide. Und er verliert, immer trinkfest, bei keiner Tischrunde die Contenance. Er weiß die Zeit so vergnüglich zu gestalten, dass es vielen scheint, als befänden sie sich auf einem endlosen Tanzfest und nicht auf einem Friedenskongress, der über die Zukunft Europas entscheiden soll. „Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht voran“, bemerkt Charles-Joseph de Ligne, österreichischer Fürst und Feldmarschall – und beschert dem Ereignis mit diesem Bonmot den Ruf einer einzigen Abfolge von Vergnügungen.

Am 29. September, bei einem Fest im Prater, brennt ein berühmter Feuerwerker zur Freude des Publikums „sinnbildliche Gemälde“ ab. „Ein Blick in die Zukunft“ heißt das erste, das zweite „Der Gürtel der Eintracht“. Drei Tage später findet der erste Ball in der Hofburg statt, mit angeblich 12 000 Menschen. Von den 10 000 mit der kaiserlichen Krone versehenen Tee und Eislöffeln, so erzählt man sich später, fehlt ein Viertel am Ende der Nacht. Am 6. Oktober kommt es im Augarten zu einem großen „Völkerfest“, bei dem die Monarchen mit „alten, narbenbedeckten Soldaten“ plaudern. Am 9. Oktober folgt ein Kostümball in der Hofburg. Viele der Gäste sind allerdings ein wenig mitgenommen, sie haben an dem Tag schon eine Parade mit Militärgottesdienst und eine Jagd absolviert. Aber auch Erhabenes wird geboten. Bombastisches, Weihemusik, Kantaten. Ludwig van Beethoven und der 17-jährige Franz Schubert dirigieren eigene Werke, an Händels Oratorium „Samson“ am 16. Oktober in der Hofreitschule sind mehr als 700 Musiker beteiligt.

Erzherzog Johann, der Bruder von Kaiser Franz I., notiert in seinem Tagebuch: „Nichts als Visiten und Gegenvisiten; Essen, Feuerwerk, Beleuchtung. Überhaupt habe ich seit 8–10 Tagen nichts getan. Das ist ein Leben!“ Dass besonders Metternich die Festlichkeiten genießt, trifft auf Missbilligung in Kongresskreisen. „Ministre papillon“ nennt man ihn, den „Schmetterlingsminister“.

Die FÜRSTEN feiern die Nächte durch

Und der kluge Wilhelm von Humboldt, der August von Hardenberg beratend zur Seite steht, tadelt: „Metternich ist durchaus in der Lage, ein paar Botschafter warten zu lassen, während er seine Tochter tanzen sieht und liebenswürdig mit den Damen plaudert. Er nimmt nur Nebensächlichkeiten ernst, und das ernste Geschäft behandelt er wie Nebensächlichkeiten.“ Aber auch die anderen Herrschaften wissen sich zu amüsieren. Der Zar tanzt fast jede Nacht und viele Stunden lang. Castlereagh, der lange britische Botschafter, ein eher spröder Mensch, ist mehr als einmal sturzbetrunken, während Lady Castlereagh, „bis zum Magen dekolletiert“, für Heiterkeit sorgt.

Der aufreizend hochmütige Talleyrand, ganz Grandseigneur des 18. Jahrhunderts, pflegt nach Mitternacht an den Spieltisch zu verschwinden. Und selbst der scheue, melancholische Friedrich Wilhelm III. tanzt, wenn auch lieber unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

UND NUN, AM 18. OKTOBER, erlebt der Festreigen seinen ersten Höhepunkt.

Es ist der Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, und der Kongress feiert den Sieg über den Franzosenkaiser als gewaltiges Friedensfest. Vormittags um elf Uhr zelebriert der Erzbischof von Wien im Prater ein Hochamt, die Generäle und 20 000 Soldaten im doppelten Karree aufgestellt. Danach Militärparade, großes Bankett im Freien unter Vorsitz der Herrscher: 14 000 Grenadiere, die bei Leipzig gekämpft hatten, werden verköstigt.

Am späten Nachmittag zieht die höhere Gesellschaft schließlich in den Rennweg, wo Metternich empfängt. Im neu erbauten Festsaal seines Palais können sich 1000 Gäste bequem bewegen. Für die Livreen der Lakaien sind in London Borten und Knöpfe besorgt worden. Das Fest stelle selbst Napoleons legendäre Empfänge in den Tuilerien in den Schatten, bemerkt ein schweizerischer Bankier. Doch es endet für Metternich mit einem Missklang. Ohne Rücksicht auf „die vielen Weiber der hiesigen Gesellschaft“, so berichtet es der zur russischen Delegation gehörende Freiherr Karl vom Stein, äußert der Zar „seine Abneigung gegen Metternich“ und nennt ihn den „besten Zeremonienmeister der Welt“, dafür aber einen umso schlechteren Minister.

Alexander I. ist protokollarisch die am höchsten gestellte Persönlichkeit aller Kongressgäste. Kein Monarch verfügt über ein größeres Heer als der russische Herrscher, der die Finessen der Politiker verachtet und seinen Schneid durch stets neue Uniformen hervorhebt. Der Zar gilt als intrigant, launisch und despotisch, dann wieder scheint er weich, liebenswürdig und zerrissen. Alexander hat ein großes Herz für junge Mädchen und lässt sie sich in die Hofburg schmuggeln, nur um sich kurz darauf in einsame Bußübungen und entrückte religiöse Meditationen zu versenken.

Alexander wird der eigentliche Widersacher des österreichischen Ministers, und Metternich der schärfste Opponent des Zaren. Ihr Streit dreht sich um einen jungen Staat auf dem Boden einer alten Nation, den die Befreiungskriege herrenlos gemacht haben: das Herzogtum Warschau.

Nachdem Polen zwischen 1772 und 1795 dreimal von Preußen, Russland und Österreich geteilt worden war, hatte Napoleon ab 1807 Gebiete der preußischen und ös­terreichischen Erwerbungen zu jenem Herzogtum zusammengesetzt, das seit der Niederlage des Franzosenkaisers 200 000 russische Soldaten besetzt halten. „Ich werde Preußen geben, was ihm zusteht, Österreich aber nicht ein einziges Dorf“, erklärt Alexander, der mit der Herrschaft über Polen seine Machtbasis in Osteuropa erweitern will. Der preußische König soll mit dem Königreich Sachsen entschädigt werden – einem wohlhabenden Land mit zwei Millionen Einwohnern, dessen Besitz Preußen wieder zur Führungsmacht in Deutschland aufsteigen lassen würde. Metternich aber will dies verhindern: Ein zu starkes Russland würde Europa beherrschen. Und ein erweitertes Preußen bedroht die von Wien angestrebte Vormachtstellung in Deutschland.

Der Minister zeigt sich bereit, notfalls der Annexion Sachsens zuzustimmen – verlangt als Gegenleistung jedoch, dass Preußen gemeinsam mit Österreich und Großbritannien Russlands Plänen für ein großpolnisches Reich entgegentritt. Die Aussicht auf Sachsen erleichtert dem preußischen Gesandten die Entscheidung. Am 23. Oktober einigen sich die Außenminister Großbritanniens, Österreichs und Preußens auf ein Vorgehen gegen Russland – jenes Land also, mit dem sie noch vor wenigen Monaten gegen Napoleon gekämpft haben.

Der Zar sieht in der Vereinbarung eine Verschwörung, spricht zornig vom „Komplott vom 23. Oktober“, dem er sich keinesfalls beugen werde. Als Metternich am Tag darauf versucht, den Zaren zur Mäßigung zu bewegen, kommt es in einem Salon der Hofburg zum offenen Zusammenstoß. Alexander wirft Metternich vor, er sei der Einzige, der sich ihm widersetze, und stellt die Amtstauglichkeit des österreichischen Ministers infrage. Talleyrand berichtet, der Zar habe eine Sprache benutzt, „die so heftig war, dass sie selbst dann außergewöhnlich gewesen wäre, wenn er sie bei einem seiner Domestiken gebraucht hätte“. Metternich und Alexander vermeiden von nun an jede persönliche Begegnung. Vier Monate lang werden sie nicht miteinander sprechen.

DER KONFLIKT um Polen und Sachsen belastet den Kongress – und so erscheint es niemandem sinnvoll, eine Vollversammlung einzuberufen. Am 1. November werden die Gesandten lediglich dazu aufgefordert, ihre Vollmachten von einer Kommission prüfen zu lassen. Zudem werden weitere Ausschüsse gegründet, von denen einige allein aus Vertretern der Großmächte bestehen, andere um die kleinerer Staaten und Experten erweitert sind.

Ein Komitee befasst sich mit der Neutralität der Schweiz, eines mit dem Verbot des Sklavenhandels, ein weiteres mit der freien Schifffahrt auf den europäischen Flüssen. Eine statistische Kommission soll die exakte Einwohnerzahl aller Ländereien ermitteln, die auf dem Kongress zu verteilen sind – und leistet auf dem Gebiet der modernen Demographie Pionierarbeit. Doch dabei bleibt es. Bis zum Ende werden die 221 königlichen und fürstlichen Delegationen kein einziges Mal zu einer Vollversammlung zusammentreten. Talleyrand spricht spöttisch vom „Kongress, der nie stattfand“. Das Bild, zu dem der Pariser Maler Jean-Baptiste Isabey die wichtigsten Diplomaten im Verhandlungssaal der Staatskanzlei arrangieren wird, ist reine Fiktion: Die Minister sitzen dem Maler einzeln in dessen Atelier Modell.

Stattdessen wird hinter den Kulissen, in Kabinetten, informellen Besprechungen und vertraulichen Unterredungen verhandelt: In Wien erlebt die absolutistische Geheimdiplomatie noch einmal eine Spätblüte. Es konferiert ein exklusiver Zirkel hochgebildeter Aristokraten, deren gemeinsame Wertevorstellungen von der Französischen Revolution kaum erschüttert worden sind – und die die Sprache des einstigen Feindes nicht nur bei Tisch pflegen, sondern für alle offiziellen Texte und Dokumente verwenden: Metternich etwa drückt sich im Französischen klarer und eleganter aus als in der eigenen Muttersprache. Allerdings ist der Spielraum der Delegierten höchst unterschiedlich. Kaiser Franz I. behält sich zwar Entscheidungen vor, vermeidet es aber meist, in Verhandlungen einzugreifen, und verweist alle an Metternich.

Nesselrode dagegen ist völlig vom Zaren abhängig, muss sich fortwährend dessen Launen beugen. Und der Preuße Hardenberg wird schon bald zu einer Politik gezwungen, die ihm widerstrebt. Denn der Konflikt um Polen und Sachsen verschärft sich weiter, als es dem Zaren Ende Oktober gelingt, Friedrich Wilhelm von Preußen bedingungslos auf seine Seite zu ziehen. Der ist Alexander in tiefer Ergebenheit verbunden, seit sein Land mit russischer Hilfe von Napoleons Vorherrschaft befreit worden ist. Eine gemeinsame Politik der beiden deutschen Großmächte Österreich und Preußen scheint nicht mehr möglich: Monatelang finden im Deutschen Komitee keine Verhandlungen statt.

Für zusätzliche Spannungen sorgt, dass Alexander I. und Metternich auch in Liebesangelegenheiten Rivalen sind. Der Österreicher ist seiner Frau Eleonore ein aufmerksamer Ehemann und enger Vertrauter. Aber er ist ihr eben nur auf seine Weise treu. Er gilt als ein homme à femmes, ein vollendeter Kavalier, der noch im Raffinement der adeligen Libertinage des 18. Jahrhunderts schwelgt. Selbst mit Napoleons Schwester Caroline hatte er eine kurze Affäre. Und nun kreuzen sich seine diskreten Wege zur Geliebten mit denen des Zaren.

FAST JEDEN MORGEN um elf Uhr fährt Metternich vor dem Palais Palm vor, um mit seiner Lieblingsmätresse zu frühstücken, der Herzogin Wilhelmine von Sagan. Die wohnt Wand an Wand mit ihrer erbitterten Konkurrentin, der Fürstin Jekaterina Bagration. Mit der Bagration hatte Metternich mehr als zehn Jahre zuvor ein Verhältnis, dem eine Tochter entstammt – das einzige uneheliche Kind, zu dem er sich bekennt. Nun aber empfängt Jekaterina Bagration den Zaren in ihren Armen. Auch die Herzogin von Sagan beginnt, sich dem russischen Herrscher zuzuwenden und dem Minister ihre Gunst zu entziehen. Metternich aber kommt von ihr nicht los. Immer wieder muss sein Sekretär Friedrich von Gentz „Seelengartenpflege“ betreiben.

„Heute Nachmittag zum Fürsten gerufen“, beklagt sich Gentz in seinem Tagebuch. „Drei Stunden über affaires du cɶur, nur über affaires du cɶur“. Und am nächsten Tag: „Immer noch mehr von dieser maudite femme geredet als über Europa.“ Die Auseinandersetzungen zwischen den Staatsmännern trüben die Stimmung der Wiener Öffentlichkeit. Ein österreichischer Geheimagent berichtet: „Überall heißt es: Es handelt sich nicht um die Wiederherstellung von Ordnung und Recht, sondern um Gewalt, dass ein jeder so viel nimmt und man sich auf einen allgemeinen Krieg vorbereitet, der bald ausbrechen wird.“

Zudem treibt die lange Dauer des Kongresses Preise und Steuern in die Höhe. „Bleiben diese Fremden noch drei Monate, so ist der Kurs auf 500. Sie kaufen unser Gold, fressen uns auf und spotten unser. Man sollte sie zum Teufel jagen“, klagt ein Wiener. Auch unter den Gesandten kommt, trotz Reiterspielen und Schlittenfahrten, Missmut auf. Ein österreichischer Spion berichtet: „Ausländer und Inländer haben die Feste und den Kongress satt bis zum Ekel.“

HINTER DEN KULISSEN aber führt Metternich eine erbitterte diplomatische Schlacht. Seine Vergnügungslust verbirgt, wie unbeirrbar er an seinen politischen Zielen festhält, auf welch listenreichen Wegen er für sie arbeitet. Er führt die Kunst der Diplomatie auch nach den offiziellen Sitzungen weiter. Die Salons und Ballsäle mit ihrem Klatsch und Geflüster sind da oft ergiebiger als die Gespräche am Verhandlungstisch.

Metternich schürt Stimmung gegen Friedrich Wilhelm – und für die Rettung Sachsens als eigenständiges Königreich. Ein österreichischer Verfassungsentwurf wird in Umlauf gebracht, in dem Preußen als Mitglied des Deutschen Bundes nicht mehr vorgesehen ist. Ein Gedanke, den Metternich nie ernsthaft erwägt: Er ist nur Teil seiner Kampagne. Und in der Tat sinkt Preußens Ansehen, wie Geheimpolizisten notieren: Berlin habe die „Sache Europas“ und des „Gleichgewichts“ verraten, heißt es.

Auf der anderen Seite wächst Metternichs Ansehen, da er sich nun als Schutzherr der kleineren deutschen Staaten aufspielt. Ein Kongressbeobachter berichtet: „Russland und Preußen die Zähne zeigen, das bezeichnet keinen gemeinen, das bezeichnet einen großen Minister.“ Der Preuße Hardenberg, von seinem König zu einer Politik gezwungen, mit der er nicht einverstanden ist, schreibt in einem Akt der Verzweiflung an Metternich: „Finden Sie die Mittel, lieber Fürst, um diesem Zustand, in dem wir uns unglücklicherweise befinden, ein Ende zu machen. Retten Sie Preußen aus der Lage, in der es sich befindet!“

Metternich aber tut das Gegenteil: Am 10. Dezember nimmt er sein Zugeständnis an Preußen, Sachsen annektieren zu dürfen, zurück. Um sich zu rächen, zeigt Hardenberg dem Zaren Metternichs an ihn gerichtete vertrauliche Korrespondenz: ein schwerer Bruch der diplomatischen Etikette. Nun macht auch Metternich dem Zaren Briefe Hardenbergs zugänglich, die das Doppelspiel des preußischen Kanzlers offenbaren – Hardenberg ist überspielt. Nichts freilich erzürnt den Zaren mehr, als dass ihn Metternich in einem vertraulichen Brief der Lüge beschuldigt. Alexander will den Österreicher zum Duell auffordern – was ihm Kaiser Franz nur mit Mühe ausreden kann.

Am 31. Dezember erklärt Hardenberg, Preußen betrachte es als Kriegserklärung, wenn seine Ansprüche auf Sachsen nicht erfüllt würden. Nun sieht sich der britische Gesandte gezwungen, den Preußen zu ermahnen, „dass, wenn eine solche Gemütsverfassung sich tatsächlich geltend macht, wir nicht in einem Zustand der Unabhängigkeit beraten können, und es daher besser wäre, den Kongress abzubrechen“. Nach nur wenigen Friedensmonaten scheint Europa vor dem Ausbruch eines neuen kontinentalen Krieges zu stehen. Geschossen wird nicht. Noch nicht.

WENIGSTENS IN seinen Herzensangelegenheiten aber will Metternich einen Schlussstrich ziehen. In der Silvesternacht 1814/1815 verlässt Metternich den Ball in der Hofburg und schreibt Wilhelmine von Sagan einen Abschiedsbrief.

Auf dem Kongress dagegen scheint sich die Lage weiter zuzuspitzen. Am 3. Januar schließen Österreich, Frankreich und Großbritannien ein geheimes Verteidigungsbündnis gegen Preußen und Russland, dem sich die Niederlande, Hannover und Bayern anschließen.  Nun zeigt sich, dass Preußen sich mit seiner Drohung übernommen hat. Kaum einer der Verhandlungspartner glaubt ernsthaft an eine Kriegserklärung des erschöpften Landes. Noch schwerer wiegt, dass Preußen plötzlich ohne verlässlichen Bundesgenossen dasteht. Zar Alexander, berüchtigt für seine Stimmungsumschwünge, hat nämlich schon im Dezember seine Bereitschaft signalisiert, auf kleine Teile des beanspruchten polnischen Territoriums zu verzichten, und so in aller Stille eine Lösung dieses Problems vorgegeben. Entsprechend gering ist nun sein Interesse daran, Preußens Ansprüche auf Sachsen zu unterstützen und damit einen neuen Krieg zu riskieren.

Hardenberg hat keine Wahl: Er leitet den Rückzug am Verhandlungstisch ein, wenige Tage später ist die Krise überwunden. Bis Mitte Februar erarbeiten die fünf Mächte detaillierte Kompromisslösungen für die polnische wie die sächsische Frage. Polen wird zum vierten Mal in nicht einmal 50 Jahren geteilt. Der größte Teil des nun aufgelösten Herzogtums Warschau geht an Russland, kleinere Gebiete fallen an Preußen und Österreich. Berlin erhält zwei Fünftel Sachsens und weite Gebiete Westfalens und des Rheinlandes: Preußen besteht künftig aus zwei unverbundenen Staatsgebieten in Ost- und Westdeutschland. Zudem verständigen sich die „Großen Fünf“ darauf, den barbarischen „Negerhandel“ zu verurteilen, und die freie Flussschifffahrt zu fördern. Der Schweiz werden „immerwährende Neutralität“ und Unabhängigkeit garantiert.

Nur in der deutschen Frage kommt der Kongress nicht weiter. Seit das Deutsche Komitee am 16. November zuletzt getagt hat, sind zwar neue Verfassungsvorschläge in Umlauf gekommen: So plädieren die Vertreter der Mittelstaaten für ein „reines Deutschland“ – ohne Preußen und Österreich. Noch einmal lebt die Sehnsucht nach der Erneuerung des alten deutschen Kaisertums auf. „Einen Kaiser sollt ihr uns wiedergeben, wie wir seit undenklichen Zeiten ihn gehabt“, fordert Freiherr vom Stein am 17. Februar im „Rheinischen Merkur“.

Fünf Großmächte sollen EUROPA stabil halten

Doch für das erstarkte Preußen wäre es unerträglich, würden die österreichischen Habsburger in ihre alten Rechte wiedereingesetzt. Und Metternichs pragmatischer Sinn sträubt sich gegen die Kaiseridee, weil eine deutsche Krone wie schon im alten Reich eher mit lästigen Verpflichtungen als mit wirklicher Macht verbunden wäre. Noch weniger aber als die Idee einer Wiederbelebung des alten Reiches behagt ihm der Gedanke an einen zentral regierten deutschen Nationalstaat, unter wessen Führung auch immer. Sein Weltbild sieht nur die fünf Großmächte vor: Frankreich, Russland, Großbritannien, Preußen und Österreich. Und er weiß, dass die Bildung eines Nationalstaates das Vielvölkerreich Österreich zerreißen, das europäische Gleichgewicht zerstören würde.

NOCH BEVOR die diversen Vorschläge zur Zukunft Deutschlands in formelle Verhandlungen münden, trifft am Morgen des 7. März eine Eildepesche des österreichischen Konsuls in Genua an Metternich ein: Napoleon hat Elba verlassen und ist wahrscheinlich auf dem Weg nach Frankreich! Den Brief in der Tasche, eilt Metternich zu Franz I. Der erklärt gefasst und ruhig: „Gehen Sie ohne Verzug zu dem Kaiser von Russland und dem König von Preußen und sagen Sie ihnen, dass ich bereit bin, meiner Armee alsbald den Rückmarsch nach Frankreich zu befehlen.“ Es ist das erste Mal seit Monaten, dass Metternich mit dem Zaren unter vier Augen spricht. Alexander besteht darauf, allen Streit zu vergessen. Als die Minister der Großmächte in Metternichs Kanzlei eintreffen, sind die österreichischen, preußischen und russischen Adjutanten bereits unterwegs, ihre Armeen in Alarmbereitschaft zu versetzen: Die alten Alliierten sind sich wieder einig. Mit dem „Ungeheuer“ Napoleon, der am 20. März mit einer Armee in Paris einzieht, wollen sie kurzen Prozess machen.

Am 25. März wird die Vierer-Allianz, die sich ein Jahr zuvor gegen Frankreich vereinigt hatte, durch Großbritannien, Russland, Österreich und Preußen erneuert: Für Talleyrand ist es ein großer Erfolg, dass sie nicht Frankreich, sondern nur Napoleon den Krieg erklärt. Kaiser Franz untersagt nun alle weiteren Festlichkeiten bei Hof. Die Zeit der Bälle ist endgültig vorbei. Metternich aber besteht darauf, den Kongress weiter, die Beratungen zu Ende zu führen. Und plötzlich haben es alle Beteiligten sehr eilig. Während die Militärs ihre Armeen in Bewegung setzen, einigen sich die Großmächte auf verschiedene Gebietsveränderungen. Die Niederlande werden mit Belgien vereint, Österreich sichert sich den Anspruch auf Mailand und Venedig sowie das Übergewicht in ganz Oberitalien.

Metternichs Hauptaugenmerk aber gilt den deutschen Angelegenheiten. Und jetzt profitieren vor allem die kleineren deutschen Staaten: Ihre Hilfe ist nötig, um die Armeen möglichst rasch neu zu formieren. Als Gegenleistung garantieren ihnen die Großmächte ihren gegenwärtigen Besitz und Souveränität; außerdem dürfen die Gesandten an den abschließenden Beratungen über die deutsche Verfassung teilnehmen. Die verzögern sich allerdings wegen der Kriegsvorbereitungen. Am 23. Mai legt Metternich dem Deutschen Komitee einen mit Preußen abgesprochenen Verfassungsentwurf vor, der kaum mehr als eine ständige Bundesversammlung gleichberechtigter Mitglieder unter österreichischem Vorsitz vorsieht. Und selbst diese Minimallösung höhlen die deutschen Fürsten durch Änderungswünsche weiter aus. Bayern besteht darauf, das bereits vorgesehene Bundesgericht aus der Verfassung zu streichen; das verkleinerte, nun aber wieder selbstständige Sachsen verlangt, dass Änderungen an den Grundgesetzen des Bundes stets einstimmig beschlossen werden müssen – und erschwert damit jede Weiterentwicklung des Bundes.

Es ist eine merkwürdig weltentrückte Atmosphäre, in der nun gearbeitet wird. Alle Welt blickt nach Frankreich. Wen interessiert da noch eine deutsche Verfassung? Am 26. Mai verlassen Alexander und Friedrich Wilhelm nach acht Monaten und einem Tag Wien, während noch an der 121 Artikel umfassenden Schlussakte des Kongresses gearbeitet wird. Tags darauf folgt Kaiser Franz, der sich nach Heidelberg in das Hauptquartier der alliierten Truppen begibt. Nesselrode, Hardenberg, Talleyrand und Metternich bleiben dagegen in Wien und spielen gelegentlich eine Partie Whist, während Kopien der Schlussakte für alle Delegierten angefertigt werden.

Es ist ein Werk der Eile: Die Ordnungszahlen sind teilweise radiert und mit Tinte nachgetragen, manchmal auch nur mit Bleistift. Die Schrift des österreichischen Exemplars ist voller Rasuren und Durchstreichungen, das Papier von unterschiedlicher Farbe und Form. Am 8. Juni schließen sich die „souveränen Fürsten und Freien Städte Deutschlands“ zum „Deutschen Bund“ zusammen. Dem gehören 34 Fürstentümer und vier Freie Städte an. Die von vielen erhoffte nationale Einheit und Freiheit aber bleibt ein Traum. Der Deutsche Bund hat nur ein einziges zentrales Verfassungsorgan, die Bundesversammlung in Frankfurt unter dem Vorsitz Österreichs. Sie ist kein Parlament, sondern eine diplomatische Organisation, ein Gesandtenkongress ohne klare Kompetenzen und Zuständigkeiten. Ihre Bevollmächtigten müssen bei allen wichtigen Fragen Anweisungen ihrer Regierungen einholen.

Der Bund hat kein gemeinsames Oberhaupt, keine gesetzgebende Versammlung, kein oberstes Gericht, keine einheitliche Verwaltung, kein geschlossenes Zollgebiet. Er ist allein bestimmt zur Verteidigung. Auf die Forderung vieler Liberaler nach gewählten Volksvertretungen, unabhängigen Gerichten sowie Presse- und Meinungsfreiheit in den einzelnen Staaten geht die Schlussakte nur vage ein – und tatsächlich führen in den Folgejahren nur wenige deutsche Herrscher in ihren Ländern gewählte Abgeordnetenhäuser ein. Einige gewähren lediglich die gewünschten Bürgerrechte, andere schaffen Kammern, in denen Vertreter des Adels, der Geistlichkeit, von Stadtgemeinden und Universitäten sitzen.

Am 9. Juni treten die Verhandelnden zum feierlichen Abschluss im Festsaal der Staatskanzlei zusammen: Es ist die erste und zugleich letzte offizielle Sitzung des Kongresses. Dann unterzeichnen die Bevollmächtigten alle getroffenen Abmachungen. Am 10. Juni reisen Talleyrand und Hardenberg ab, am 12. Juni besteigt Metternich eine Kutsche, die ihn zu den alliierten Streitmächten in Heidelberg bringt. Sechs Tage später wird Napoleon bei Waterloo geschlagen. 30 Millionen Goldgulden, so Schätzungen, hat sich Österreich das Gesellschaftstheater kosten lassen. Die Wiener Wirtschaft bricht nach dem Kongressende völlig zusammen.

DIE FÜNF GROSSMÄCHTE haben in Wien nicht das alte Europa wiederhergestellt, sondern Veränderungen nachträglich legitimiert – um eine neue Staatenordnung zu schaffen, die dauerhaften Frieden ermöglicht. Mit Erfolg: In Europa wird ein Jahrhundert lang kein allgemeiner Krieg mehr ausbrechen.

Die politische Gestalt des Kontinents trägt nun vor allem Metternichs Handschrift. Der Außenminister ist der einflussreichste Mann Europas – und Österreich aufgestiegen in den Rang einer Schutzmacht gegen alles, was Gentz „die Unruhe der Massen und die Wirrnisse unserer Zeit“ nennt. Nicht zuletzt dank Metternichs Verhandlungsgeschick halten die fünf Mächte, die Europa im 18. Jahrhundert beherrscht hatten, den Erdteil wieder in ihrer Hand. Darin sieht Metternich sein herausragendes, im Großen abgeschlossenes Werk. „Alles, was sich nach 1815 ereignete, gehörte der gewöhnlichen Geschichte an“, schreibt er später. Der Erhalt dieses Werks wird zu seiner Lebensaufgabe. Drei Jahrzehnte lang wird Metternich die alte Ordnung gegen Veränderungen verteidigen. Viel mehr als mit dem Wiener Kongress wird man dereinst seinen Namen mit der „Ära Metternich“ verbinden: einer Epoche der Unterdrückung, Zensur, Polizeiwillkür und Spitzelei, die 1819 nach dem Mord eines national gesinnten Burschenschafters an dem Dichter August von Kotzebue beginnt und bis 1848 währt.

Metternich, der dem Deutschen Bund immer möglichst wenig Macht geben wollte, setzt sich nach dem Attentat dafür ein, dass dieser Kompetenzen erhält, um „Staatsfeinde“ abzuwehren. Jeder Souverän darf künftig die Bundesversammlung in Frankfurt um militärischen Beistand anrufen, wenn Aufruhr droht: Der Deutsche Bund wird zum Instrument der Unterdrückung aller liberalen und nationalen Bestrebungen. Und doch weiß Metternich, dass seine Welt früher oder später untergehen wird. Seit den 1830er Jahren sind es mehr und mehr Rückzugsgefechte, die er führt; prinzipientreu, sich versteifend bis zur Starrheit, zur Versteinerung. Als Mann des 18. Jahrhunderts ist er unfähig, in den liberalen Bewegungen schöpferische Kräfte zu entdecken. „Ich verbringe mein Leben damit, ein baufälliges Gebäude vor dem Einsturz zu bewahren“, bekennt er. Eine Sisyphusarbeit.

Er selbst stürzt am 13. März 1848, als in Österreich die Revolution ausbricht: Der 74-Jährige flieht nach England, kehrt aber bereits 1851 nach Wien zurück. Bis zu seinem Tod berät er den österreichischen Kaiser Franz Joseph. Einem seiner letzten Besucher wird er sagen: „Ich war ein Fels der Ordnung.“ Klemens Fürst von Metternich stirbt am 11. Juni 1859 mit 86 Jahren und in der Überzeugung, in der falschen Zeit gelebt zu haben, in einer abscheulichen Periode der Geschichte.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Moser, Ulrike: Wiener Kongress. Festspiele der Macht, in: Die deutsche Romantik (GEO Epoche Jg. 2014, Heft Nr. 37), Hamburg 2014.

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Persönlichkeiten

Persönlichkeiten

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Inhaltsverzeichnis

  1. Johannes Bückler
  2. Ludwig van Beethoven
  3. Friedrich Schiller
  4. Georg Wilhelm Friedrich Hegel
  5. Alexander von Humboldt
  6. Immanuel Kant
  7. Wilhelm von Humboldt
  8. Sophie Mereau
  9. Bettina von Arnim
  10. Friedrich Schlegel
  11. Caspar David Friedrich 
  12. Henriette Herz 
  13. Novalis 
  14. Clemens Brentano
  15. Karoline von Günderrode
  16. E.T.A. Hoffmann
  17. Philipp Otto Runge
  18. Dorothea Schlegel
  19. Zacharias Werner
  20. Carl von Clausewitz
  21. Johann Gottfried Herder
  22. Charlotte von Stein
  23. Friedrich Hölderlin
  24. Christoph Martin Wieland
  25. Heinrich von Kleist
  26. Rahel Varnhagen von Ense
  27. Caroline Herschel
  28. Friedrich Wilhelm III.
  29. Achim von Arnim 
  30. Matthias Claudius

1. Johannes Bückler

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Räuber (etwa 1780-1803)

Jo­han­nes (Jo­hann) Bück­ler, bes­ser un­ter sei­nem Ruf­na­men Schin­der­han­nes be­kannt, war ein deut­scher Räu­ber, der wäh­rend der Jah­re 1796 und 1802 ge­mein­sam mit sei­nen Spie­ß­ge­sel­len über 130 Straf­ta­ten ver­üb­te, die von Vieh­dieb­stahl bis Mord reich­ten. Trotz­dem bie­tet die Fi­gur des Schin­der­han­nes bis heu­te Stoff für vie­le Ge­schich­ten, die den Räu­ber aus dem Huns­rück meist mehr als ei­nen Ro­bin Hood des So­on­wal­des er­schei­nen las­sen.

Am 21.11.1803 fand Jo­han­nes Bück­ler un­ter der Guil­lo­ti­ne in Mainz den Tod. Es ist nicht be­kannt, wann ge­nau er ge­bo­ren wur­de, doch ist da­von aus­zu­ge­hen, dass er bei sei­nem Tod zwi­schen 20 und 24 Jah­ren alt war. Der Zeit­raum sei­ner Ge­burt wird dem­nach auf die Jah­re 1777-1780 ein­ge­grenzt. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass Bü­cker in Mieh­len bei Na­stät­ten ge­bo­ren wur­de, dem Hei­mat­ort sei­ner Mut­ter.

Jo­han­nes Bück­ler zeigt ei­ne für sei­ne Zeit ty­pi­sche „Kar­rie­re“ als Räu­ber. Die meis­ten Men­schen, die im 18. und frü­hen 19. Jahr­hun­dert in so­ge­nann­ten „Räu­ber­ban­den“ ak­tiv wa­ren, stamm­ten aus sehr ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen. Hin­ter­grund war der ra­sche Be­völ­ke­rungs­an­stieg im 18. Jahr­hun­dert. Vie­le die­ser Men­schen wa­ren nicht sess­haft, son­dern ver­dien­ten ih­ren Le­bens­un­ter­halt, in­dem sie über Land zo­gen. So auch der Va­ter des Jo­han­nes Bück­ler, der sich als Feld­ar­bei­ter und Ta­ge­löh­ner ver­ding­te. Sei­ne Mut­ter, An­na Ma­ria Schmitt, war bei ih­rer Hoch­zeit be­reits schwan­ger. Sei­ne ers­ten Le­bens­ah­re ver­brach­te Jo­han­nes Bück­ler in Mieh­len, doch nach ei­nem Dieb­stahl sei­ner Mut­ter ver­ließ die Fa­mi­lie den Ort über­stürzt. Ei­ni­ge Zeit schloss sich Bück­lers Va­ter als ein­fa­cher Sol­dat dem Mi­li­tär an, dann de­ser­tier­te er und zog mit sei­ner Fa­mi­lie in den Huns­rück. Da der Va­ter nir­gends lan­ge Ar­beit hat­te, zo­gen sie von Ort zu Ort.

Et­wa ein Jahr nach sei­ner Kon­fir­ma­ti­on ver­ließ der da­mals 15-jäh­ri­ge Jo­han­nes sein El­tern­haus, nach­dem er ei­nen Wirt be­stoh­len hat­te. Zu­nächst schlug er sich mehr schlecht als recht mit Vieh­dieb­stäh­len durch, ging dann aber bei ver­schie­de­nen Schin­dern (Ab­de­ckern) in die Leh­re. In die­ser Zeit ent­stand ver­mut­lich der von ihm we­nig ge­lieb­te Ruf­na­me „Schin­der­han­nes“.

Ei­nem sei­ner Meis­ter, dem Ab­de­cker Na­gel in Bä­ren­bach (heu­te Ver­bands­ge­mein­de Kirch­berg/Huns­rück), stahl er sechs Kalbs­fel­le und ei­ne Kuh­haut. Da­für er­hielt er ei­ne öf­fent­li­che Prü­gel­stra­fe, die ihn, wie er spä­ter be­haup­te­te, sehr ge­prägt hat. Vom wei­te­ren Steh­len hielt sie ihn al­ler­dings nicht ab. Ge­mein­sam mit di­ver­sen Ver­bün­de­ten, zum Bei­spiel Ja­kob Fink, der auf Grund sei­ner ro­ten Haa­re als der „ro­te Fin­k“ be­kannt wur­de, un­ter­nahm er ver­mehrt in den Jah­ren 1796/1797 Vieh­dieb­stäh­le. Schlie­ß­lich wur­de Bück­ler in Kirn in­haf­tiert, konn­te aber schon nach ei­nem Tag aus dem Ge­fäng­nis flie­hen.

Das ers­te Ge­walt­ver­bre­chen des Schin­der­han­nes, bei dem ein Mensch sein Le­ben ver­lor, fällt auf das Jah­res­en­de 1797. Ge­mein­sam mit dem ro­ten Fink und ei­ni­gen an­de­ren Kom­pli­zen ver­prü­gel­te er den Land­strei­cher und Pfer­de­dieb Ni­k­las Rau­schen­ber­ger, ge­nannt Pla­cken­k­los, nach­dem die­ser zwei Freun­din­nen Bück­lers be­drängt und be­stoh­len hat­te. Rau­schen­ber­ger er­litt so star­ke Ver­let­zun­gen, dass er die­sen er­lag.

Zu Be­ginn des Jah­res 1798 ist der ers­te be­waff­ne­te Raub­über­fall des Schin­der­han­nes und sei­ner Ban­de be­legt. Auch er for­der­te ein To­des­op­fer. Wei­te­re Über­fäl­le folg­ten, dar­un­ter auf zwei Jü­din­nen. An­sons­ten fan­den in die­ser Zeit wei­ter­hin Vieh­dieb­stäh­le statt. Die Ak­ti­vi­tä­ten der Schin­der­han­nes­ban­de wur­de durch die er­neu­te Fest­nah­me Bück­lers kaum un­ter­bro­chen, da er wie schon zu­vor nach kur­zer Zeit aus dem Ge­fäng­nis in Saar­brü­cken flie­hen konn­te. Im sel­ben Jahr war Jo­han­nes Bück­ler wie­der­um in ei­nen To­des­fall ver­wi­ckelt. Es han­del­te sich um den Ju­den Si­mon Se­lig­mann aus Sei­bers­bach (heu­te Ver­bands­ge­mein­de Strom­berg), der im So­on­wald er­schla­gen wur­de. Schin­der­han­nes gab spä­ter an, nicht an der Tö­tung des Ju­den be­tei­ligt ge­we­sen zu sein. Er schob sei­nem Kom­pli­zen Pe­ter Pe­try, auch als der schwar­ze Pe­ter be­kannt, die Schuld zu, ge­stand aber, dem To­ten Wert­ge­gen­stän­de ent­wen­det zu ha­ben.

Die Ge­gend, in der Schin­der­han­nes und sei­ne Kom­pli­zen tä­tig wa­ren, war wie das ge­sam­te links­rhei­ni­sche Deutsch­land seit 1794 von fran­zö­si­schen Trup­pen be­setzt. Die Fran­zo­sen setz­ten al­les dar­an, ihn und sei­ne Ban­de zu fas­sen. 1799 konn­te die Na­tio­nal­gen­dar­me­rie erst­mals ei­nen wirk­li­chen Er­folg ver­bu­chen. Bei ei­nem Streif­zug wur­de Jo­han­nes Bück­ler in Schnep­pen­bach (heu­te Ver­bands­ge­mein­de Kirn-Land) fest­ge­nom­men und nach ei­ni­gen Ver­hö­ren in den Ge­fäng­nis­turm von Sim­mern ge­bracht. Die­ses Mal ge­lang dem Schin­der­han­nes die Flucht erst nach knapp ei­nem hal­ben Jahr, im Au­gust 1799. Die­se wie­der­hol­ten Ge­fäng­nis­aus­brü­che brach­ten ihm noch zu Leb­zei­ten den Ruf ein, er kön­ne Wun­der voll­brin­gen und sich un­sicht­bar ma­chen. Nach dem Aus­bruch aus dem Turm von Sim­mern be­gann die ei­gent­li­che Hoch­pha­se der Ak­ti­vi­tä­ten des Schin­der­han­nes. Er schar­te wie­der Ge­sel­len um sich. Stra­ßen­raub, Ein­brü­che und Er­pres­sung wa­ren die Fol­ge. Nach ei­ni­ger Zeit war er ne­ben sei­nem Ruf­na­men Schin­der­han­nes auch un­ter dem Na­men „der Kö­nig vom So­on­wal­d“ be­kannt.

Die Ban­de des Schin­der­han­nes ent­sprach al­ler­dings nicht den heu­ti­gen Vor­stel­lun­gen ei­ner „Ban­de“, da es sich da­bei nicht um ei­ne fes­te Grup­pe han­del­te, son­dern um re­la­tiv spon­ta­ne Zu­sam­men­rot­tun­gen, die nach der ver­üb­ten Tat schnell wie­der zer­fie­len. Ei­ne hier­ar­chi­sche Ord­nung be­stand nur wäh­rend der Zeit der Tat, und sie dien­te nur der er­folg­rei­chen Durch­füh­rung. Die Ban­den­mit­glie­der wur­den über­wie­gend aus der va­gie­ren­den Be­völ­ke­rungs­schicht re­kru­tiert und man ver­stän­dig­te sich über ge­hei­me Zei­chen (so­ge­nann­te Zin­ken) und ei­ne ei­ge­ne Ge­heim­spra­che, das so­ge­nann­te „Rot­welsch“. Die­se Form von Räu­ber­ban­den war ty­pisch für das 18. und frü­he 19. Jahr­hun­dert.

Von Ja­nu­ar bis März 1800 hielt sich Jo­han­nes Bück­ler auf der rech­ten Rhein­sei­te auf, kehr­te dann aber wie­der ins Links­rhei­ni­sche zu­rück. Bei Ge­fahr wech­sel­te er al­ler­dings gern zwi­schen den Rhein­sei­ten hin und her, da dies es den fran­zö­si­schen Be­hör­den er­schwer­te, ihn zu fas­sen. Im Lau­fe der Zeit leg­te er sich so­gar ein Pseud­onym für sei­ne Auf­ent­hal­te auf der an­de­ren Rhein­sei­te zu, um dort als fah­ren­der Krä­mer sei­ne Wa­re an­zu­bie­ten, oder Märk­te zu be­su­chen: Ja­kob Ofen­loch von Al­ten­bam­berg. Os­tern 1800 lern­te er auf ei­ner Tanz­ver­an­stal­tung sei­ne zu­künf­ti­ge Le­bens­ge­fähr­tin Ju­lia­na (Jul­chen) Blä­si­us (1781-1851) ken­nen. Die Be­zie­hung zu ihr soll­te ihm spä­ter beim Volk noch ei­nen Sym­pa­thie­bo­nus ver­schaf­fen, da er sich wäh­rend des Pro­zes­ses als lie­be­vol­ler, für­sorg­li­cher Fa­mi­li­en­va­ter prä­sen­tier­te.

1801 ar­bei­te­te er mit ei­ner Grup­pe der so­ge­nann­ten „Nie­der­län­di­schen“ Räu­ber­ban­de zu­sam­men, de­ren Kern über­wie­gend aus Ju­den be­stand. Un­ter dem Ober­be­fehl des nie­der­län­di­schen Räu­bers Abra­ham Pi­cards be­tei­lig­te Jo­hann Bück­ler sich an ei­nem Über­fall auf das Post­haus in Wür­ges (heu­te Stadt Bad Cam­berg im Tau­nus), ent­wen­de­te Pi­card al­ler­dings auch ei­nen Teil von des­sen Beu­te und mach­te sich mit ihr rhein­ab­wärts aus dem Staub. Nach dem Coup in Wür­ges ver­stän­dig­ten sich die Lan­des­o­b­rig­kei­ten auf mehr Zu­sam­men­ar­beit bei der Ver­bre­chens­be­kämp­fung; die Bür­ger wur­den un­ter An­dro­hung von Stra­fe ver­pflich­tet, im Fal­le von Raub­über­fäl­len Alarm zu schla­gen und Hil­fe zu leis­ten. Das er­schwer­te die Ar­beit der Schin­der­han­nes­ban­de er­heb­lich. Im­mer öf­ter muss­ten die Räu­ber flie­hen, oder sie wur­de so­gar nach ei­nem Über­fall von den Dorf­be­woh­nern ver­folgt.

Im Mai 1802 wur­de Schin­der­han­nes durch ei­nen Zu­fall auf der rech­ten Rhein­sei­te ge­fasst, weil er sich nicht aus­wei­sen konn­te. Zu­nächst wur­de er nach Frank­furt ge­bracht und am 15. Ju­ni dem fran­zö­si­schen Na­tio­nal­kom­man­do in Mainz über­ge­ben. Der Pro­zess ge­gen die Ban­de des Schin­der­han­nes be­gann am 24.10.1803 und en­de­te am 20. No­vem­ber des glei­chen Jah­res mit ei­nem To­des­ur­teil für Jo­hann Bück­ler und 19 Mit­an­ge­klag­te, wel­ches am 21. No­vem­ber voll­streckt wur­de. Jul­chen Blä­si­us wur­de zu zwei Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt, im Ge­fäng­nis ge­bar sie ei­nen ge­mein­sa­men Sohn. Zu­vor hat­te sie schon ein­mal ein Kind von Bück­ler be­kom­men, doch war es kurz nach der Ge­burt ge­stor­ben.

Die Er­zäh­lun­gen, die be­reits zu sei­nen Leb­zei­ten ber den Schin­der­han­nes und sei­ne Ban­de kur­sier­ten, zei­gen kei­nen gro­ben, ge­walt­tä­ti­gen Räu­ber, son­dern sti­li­sie­ren ihn zu ei­ner Art Ro­bin Hood, des­sen Ta­ten, wenn auch ge­set­zes­wid­rig, von ed­len Mo­ti­ven ge­lei­tet wur­den. Drei Haupt­mo­ti­ve sind da­bei ent­schei­dend: Ers­tens An­ti­se­mi­tis­mus, zwei­tens po­li­ti­sche Re­bel­li­on und drit­tens so­zia­les En­ga­ge­ment. Kei­nes die­ser Mo­ti­ve wird tat­säch­lich für den Schin­der­han­nes ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben, doch kam es ihm na­tür­lich stets zu Gu­te zu wis­sen, dass er ei­ne ge­wis­se Sym­pa­thie im Volk ge­noss, und er mag sich wohl auch dem ent­spre­chend in­sze­niert ha­ben, be­son­ders wäh­rend des Pro­zes­ses. Die Ge­rüch­te mach­ten ihm zum Rä­cher an den bei vie­len ein­fa­chen Men­schen ver­hass­ten Ju­den, ob­wohl er kei­ne Be­rüh­rungs­ängs­te hat­te, mit jü­di­schen Gau­nern zu­sam­men zu ar­bei­ten, sie sti­li­sier­ten ihn zum Frei­heits­kämp­fer ge­gen die Fran­zo­sen, ob­wohl er kei­ne Ten­denz da­zu er­ken­nen lässt, und sie mach­ten ihn zum So­zi­al­re­bel­len, ob­wohl er und sei­ne Ban­de nur auf per­sön­li­che Be­rei­che­rung aus wa­ren. Die Ge­schich­ten ent­spra­chen den heu­te schwer nach­voll­zieh­ba­ren Wün­schen und Sehn­süch­ten der da­ma­li­gen Zeit und nicht der his­to­ri­schen Per­son des Jo­han­nes Bück­ler.

2. Ludwig van Beethoven

Lud­wig van Beet­ho­ven gilt nach Haydn und Mo­zart nicht nur als Voll­ender der Wie­ner Klas­sik, son­dern auch als Weg­be­rei­ter der Mu­sik der Ro­man­tik und des 19. Jahr­hun­derts und wur­de vor al­lem mit sei­nen neun Sym­pho­ni­en zum Vor­bild al­ler nach­ge­bo­re­nen Kom­po­nis­ten und In­be­griff des Klas­si­schen.

Lud­wig van Beet­ho­ven war das zwei­te von sie­ben Kin­dern des kur­k­öl­ni­schenHof­ten­oris­ten Jo­hann van Beet­ho­ven (um 1740-1792) und sei­ner Frau Ma­ria Mag­da­le­na, ge­bo­re­ne Ke­ve­rich (1746-1787). Ne­ben Lud­wig er­reich­ten nur sei­ne zwei jün­ge­ren Brü­der Kas­par Karl (1774-1815) und Ni­ko­laus Jo­hann (1776-1848) das Er­wach­se­nen­al­ter, die üb­ri­gen Ge­schwis­ter star­ben be­reits im Kin­des­al­ter. Lud­wig van Beet­ho­ven wur­de am 17.12.1770 in St. Re­mi­gius in Bonn ge­tauft, ver­mut­lich war er am sel­ben oder am vor­an­ge­gan­ge­nen Tag ge­bo­ren wor­den. Sein Ge­burts­haus, ei­nes der we­ni­gen er­hal­te­nen Bür­ger­häu­ser des 18. Jahr­hun­derts in der Stadt (Bonn­gas­se 20), be­her­bergt heu­te die grö­ß­te Beet­ho­ven-Samm­lung welt­weit.

Die Beet­ho­vens wa­ren ei­ne Fa­mi­lie von kur­fürst­li­chen Hof­mu­si­kern. Gro­ßva­ter Lud­wig van Beet­ho­ven der Äl­te­re (1712-1773) stamm­te aus Me­che­len in Bel­gi­en und kam 1733 als Bass-Sän­ger an den Bon­ner Hof. 1761 avan­cier­te er zum Hof­ka­pell­meis­ter, ei­ne Po­si­ti­on, die auch sein Sohn Jo­hann ger­ne ge­habt, aber nie er­reicht hat.


 

Sei­nen ers­ten Mu­sik­un­ter­richt er­hielt Lud­wig vom Va­ter, der ihn Kla­vier­spie­len lehr­te. Am 26.3.1778 trat Lud­wig erst­mals öf­fent­lich in Köln in ei­nem Kon­zert auf. Um 1779 be­gann er, auch Or­gel zu ler­nen. 1780 er­hielt er sei­nen wohl be­kann­tes­ten Kla­vier­leh­rer, den Lei­ter des kur­k­öl­ni­schen Hof­thea­ters, Chris­ti­an Gott­lob Nee­fe (1748-1798), der das Po­ten­zi­al des jun­gen Mu­si­kers er­kann­te und ihn för­der­te. Bei Nee­fe lern­te Beet­ho­ven die Wer­ke Jo­hann Se­bas­ti­an Bachs (1685-1750) ken­nen (na­ment­lich das Wohl­tem­pe­rier­te Kla­vier).

Die al­ler­ers­te ge­druck­te Kom­po­si­ti­on des Elf­jäh­ri­gen, die „Dress­ler­va­ria­tio­nen" WoO (Wer­ke oh­ne Opus­zahl) 63, er­schie­nen 1782 in dem re­nom­mier­ten Ver­lag Götz in Mann­heim durch die Ver­mitt­lung Nee­fes. Schon im Al­ter von elf Jah­ren hat­te Beet­ho­ven im Got­tes­dienst Or­gel ge­spielt. Ab 1783 spiel­te er auch im Ho­for­ches­ter Cem­ba­lo. Sein ers­tes fes­tes Ge­halt er­hielt er 1784 als stell­ver­tre­ten­der Hof­or­ga­nist.

Mit un­ge­fähr neun Jah­ren hat­te Lud­wig auch Gei­ge spie­len ge­lernt und war ab 1789 im Ho­for­ches­ter ne­ben sei­nem Dienst als Cem­ba­list und Or­ga­nist auch als Brat­scher an­ge­stellt. Im De­zem­ber 1786 brach Beet­ho­ven auf Ver­an­las­sung sei­nes Dienst­herrn, des Kur­fürs­ten und Erz­bi­schofs Ma­xi­mi­li­an Franz von Habs­burg, nach Wien auf, um dort bei Mo­zart (1756-1791) Un­ter­richt zu neh­men. Beet­ho­ven hielt sich je­doch nur we­ni­ge Wo­chen dort auf. Schon auf der Heim­rei­se er­reich­te ihn ei­ne Nach­richt des Va­ters mit der Bit­te um ra­sche Rück­kehr: die Mut­ter sei schwer er­krankt und lie­ge im Ster­ben. Ob Beet­ho­ven Mo­zart in Wien ge­trof­fen hat, ist nicht be­kannt.



Ludwig van Beethoven, 1802. Reproduktion eines Holzschnittes von Alfred Hanf nach der Miniatur von Christian Horneman (1765-1844). (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

Der Tod der Mut­ter am 17.7.1787 führ­te zum end­gül­ti­gen Ab­sturz des Va­ters. Schon frü­her hat­te Jo­hann van Beet­ho­ven ei­ne aus­ge­präg­te Nei­gung zum Al­ko­hol ge­habt, jetzt wur­de er zum Al­ko­ho­li­ker. Sei­nen Dienst konn­te er nicht mehr ver­se­hen und wur­de sus­pen­diert. Lud­wig muss­te von da ab für die ge­sam­te Fa­mi­lie sor­gen und sie er­näh­ren.

Ei­ne neue emo­tio­na­le Hei­mat fand er bei der Fa­mi­lie Bre­u­ning, wo er be­reits seit un­ge­fähr 1782 Kla­vier­leh­rer der Kin­der Eleo­no­re und Lo­renz war. De­ren Bru­der Ste­phan zog 1801 nach Wien und blieb zeit­le­bens ein en­ger Freund. Auch Eleo­no­re, die den Ju­gend­freund und frü­hen Beet­ho­ven-Bio­gra­phen Franz Ger­hard We­ge­ler (1765-1848) hei­ra­te­te, blieb Beet­ho­ven im­mer ver­bun­den. Der li­be­ra­le Geist im Hau­se Bre­u­ning präg­te ent­schei­dend Beet­ho­vens frei­heit­li­che Ge­sin­nung. Wei­te­re Ein­flüs­se er­hielt er durch die Bon­ner Le­se- und Er­ho­lungs­ge­sell­schaft, die kur­k­öl­ni­sche Lan­des­uni­ver­si­tät in Bonn, an der er sich 1789 im­ma­tri­ku­lier­te, so­wie durch den in­tel­lek­tu­el­len Freun­des­kreis im Lo­kal „Zehr­gar­ten".



Notenblatt. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

Hier lern­te er die Ide­en und Grund­sät­ze der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on ken­nen und mach­te sie sich zu ei­gen. Den nur ein Jahr äl­te­ren, in den Re­vo­lu­ti­ons­krie­gen er­folg­rei­chen Na­po­le­on Bo­na­par­te (1769-1821) ver­ehr­te Beet­ho­ven in sei­ner Ju­gend glü­hend. Beet­ho­vens Be­geis­te­rung war aber durch­aus am­bi­va­lent und ebb­te auf dem Hö­he­punkt der Na­po­leo­ni­schen Krie­ge 1809/1810 stark ab, die Kai­ser­krö­nung Na­po­le­ons 1804 ver­ach­te­te er. Sei­ne grund­sätz­li­che Be­wun­de­rung der Na­po­leo­ni­schen Staats­phi­lo­so­phie und Ge­setz­ge­bung hielt der Re­pu­bli­ka­ner Beet­ho­ven in spä­te­ren Jah­ren auf­recht.

1792 er­hielt Beet­ho­ven auf Ver­mitt­lung des Gra­fen Wald­stein vom Kur­fürs­ten er­neut ein Aus­bil­dungs­sti­pen­di­um und reis­te im No­vem­ber aber­mals nach Wien, um bei Jo­seph Haydn (1732-1809) Un­ter­richt zu neh­men. 1794 er­ober­ten fran­zö­si­sche Trup­pen das Rhein­land und lös­ten die kur­k­öl­ni­sche Bon­ner Hof­hal­tung auf. Beet­ho­vens Dienst­stel­le exis­tier­te da­mit nicht mehr. Er blieb in Wien und kehr­te nie nach Bonn zu­rück.



Beethoven-Haus Bonn, Innenansicht. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

Ver­mut­lich hat­te Graf Wald­stein ihm Emp­feh­lungs­schrei­ben mit­ge­ge­ben, so dass Beet­ho­ven leicht Zu­tritt zum Wie­ner Hoch­adel er­hielt und von der Aris­to­kra­tie ge­för­dert wur­de. Sein wich­tigs­ter Gön­ner in den ers­ten Wie­ner Jah­ren war Fürst Karl von Lich­now­sky (1756-1814), der ihm die Tü­ren zu den Adels­häu­sern öff­ne­te, Woh­nung stell­te und auch mit Geld un­ter­stütz­te. In kür­zes­ter Zeit er­ober­te der jun­ge Beet­ho­ven Wien als ge­frag­ter Pia­nis­ten und Im­pro­vi­sa­tor.

Auf Ver­an­las­sung Lich­now­skys und – zu­min­dest auf der ers­ten Etap­pe – in sei­ner Be­glei­tung un­ter­nahm Beet­ho­ven 1796 sei­ne ein­zi­ge Kon­zert­tour­née, die ihn nach Prag, Dres­den, Leip­zig und Ber­lin führ­te. Lich­now­sky, der schon Freund und Gön­ner Mo­zarts ge­we­sen war, hat­te sie­ben Jah­re zu­vor mit Mo­zart be­reits die­sel­be Rei­se un­ter­nom­men.

Mit un­ge­fähr 26 Jah­ren müs­sen Beet­ho­vens Ge­hör­pro­ble­me be­gon­nen ha­ben, von de­nen er 1801 erst­mals sei­nem Bon­ner Freund Franz Ger­hard We­ge­ler un­ter dem Sie­gel der Ver­schwie­gen­heit be­rich­te­te. Der Ver­lust der Hör­fä­hig­keit führ­te 1802 zu ei­ner schwe­ren Kri­se, die im so ge­nann­ten Hei­li­gen­städ­ter Tes­ta­ment gip­felt. Mit die­sem Brief an sei­ne bei­den Brü­der re­gel­te Beet­ho­ven nicht nur sei­nen Nach­lass, son­dern ver­such­te, sein ei­ge­nes Bild bei den Men­schen ge­ra­de zu rü­cken und sei­ne Mo­ti­va­tio­nen klar­zu­stel­len. Das Tes­ta­ment ist ein Schrift­stück tie­fer Ver­zweif­lung und Hoff­nungs­lo­sig­keit. Die Kri­se hat Beet­ho­ven schlie­ß­lich über­wun­den; um 1806 be­schloss er so­gar, sei­ne be­gin­nen­de Taub­heit nicht län­ger ge­heim zu hal­ten.



Ludwig van Beethoven, Gemälde von Willibrord Joseph Mähler (1778-1860), 1815. (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

In­zwi­schen war er ein an­ge­se­he­ner und er­folg­rei­cher Kom­po­nist. 1808 be­kam Beet­ho­ven ein ver­lo­cken­des An­ge­bot von Jé­rô­me Bo­na­par­te (1784-1860), Kö­nig von West­fa­len, an des­sen Hof in Kas­sel Ka­pell­meis­ter zu wer­den. Um ei­ne Ab­wan­de­rung des be­rühm­ten Künst­lers zu ver­hin­dern, ent­schlos­sen sich drei Mit­glie­der der Hoch­a­ris­to­kra­tie, Erz­her­zog Ru­dolph, Fürst Lob­ko­witz und Fürst Kin­s­ky, Beet­ho­ven ei­ne Leib­ren­te von 4.000 Gul­den aus­zu­set­zen, de­ren ein­zi­ge Be­din­gung sein Ver­bleib in Wien war. Die ei­gent­lich statt­li­che Sum­me schmolz aber in­fol­ge der Na­po­leo­ni­schen Krie­ge und der da­mit ver­bun­de­nen Teue­rung schnell da­hin. Zu­dem wur­de Fürst Lob­ko­witz zah­lungs­un­fä­hig. Die Fa­mi­lie Kin­s­ky woll­te nach dem Tod des Fürs­ten 1812 ih­re Zah­lun­gen ganz ein­stel­len. Ein­zig Erz­her­zog Ru­dolph, Beet­ho­vens ein­zi­ger Kom­po­si­ti­ons­schü­ler und sein treu­es­ter Mä­zen, zahl­te zu­ver­läs­sig bis an Beet­ho­vens Le­bens­en­de.

In der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung er­reich­te Beet­ho­ven 1814/1815 mit dem Wie­ner Kon­gress den Hö­he­punkt sei­nes Ruh­mes. Meh­re­re glanz­vol­le Kon­zert­er­eig­nis­se un­ter An­we­sen­heit der ver­sam­mel­ten eu­ro­päi­schen Fürs­ten be­scher­ten ihm ei­ne zu­vor nicht er­leb­te Po­pu­la­ri­tät. Auch das er­star­ken­de Bür­ger­tum, das sein Be­dürf­nis nach öf­fent­li­chem Mu­sik­le­ben in neu ge­grün­de­ten Mu­sik­ver­ei­nen zum Aus­druck brach­te, trug zu Beet­ho­vens wach­sen­dem An­se­hen bei.

Pri­vat war Beet­ho­ven nicht ganz so er­folg­reich. Er war zwar häu­fig ver­liebt, je­doch nie­mals ver­hei­ra­tet, ob­wohl er ei­ni­ge An­läu­fe da­zu un­ter­nom­men hat­te. Als sein Bru­der Kas­par Karl 1815 starb und ei­nen min­der­jäh­ri­gen Sohn hin­ter­ließ, rück­te die Er­fül­lung des Trau­mes ei­ner ei­ge­nen Fa­mi­lie in greif­ba­re Nä­he. Beet­ho­ven wur­de Vor­mund für sei­nen Nef­fen Karl und rich­te­te ei­ne fast er­drü­cken­de Für­sor­ge auf das Kind. Die Mut­ter des Kin­des, sei­ne Schwä­ge­rin, hielt er mo­ra­lisch und cha­rak­ter­lich für un­wür­dig und ver­such­te, sie ganz von der Er­zie­hung aus­zu­schlie­ßen und je­den Kon­takt zwi­schen Mut­ter und Kind zu un­ter­bin­den. Da­ge­gen wehr­te sich die Mut­ter, es folg­te ei­ne län­ge­re Rei­he von amt­li­chen und ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die schlie­ß­lich 1820 zu­guns­ten Beet­ho­vens ent­schie­den wur­den.



Ludwig van Beethoven, um 1817. Lithographie von Carl Fischer, 1822, nach einer Zeichnung von August von Kloeber (1793-1864). (Beethoven-Haus Bonn, Bildstelle)

 

Das letz­te Le­bens­jahr­zehnt Beet­ho­vens war ei­ner­seits ge­prägt von sei­nen mo­nu­men­ta­len Groß­wer­ken Mis­sa so­lem­nis (zur In­thro­ni­sa­ti­on des Erz­her­zogs Ru­dolphs als Bi­schof von Ol­mütz) und der 9. Sym­pho­nie, den letz­ten Kla­vier­so­na­ten und den spä­ten Streich­quar­tet­ten, an­de­rer­seits aber von schwe­ren ge­sund­heit­li­chen Be­schwer­den und na­he­zu völ­li­ger Taub­heit. Zum Ge­spräch mit Be­su­chern und Freun­den be­dien­te er sich ab 1818 klei­ner Hef­te (Kon­ver­sa­ti­ons­hef­te), in die sei­ne Ge­sprächs­part­ner ih­re Bei­trä­ge no­tier­ten. Beet­ho­ven ant­wor­te­te münd­lich. Ab­ge­se­hen von sei­nem schwa­chen Ge­hör wur­de Beet­ho­ven von star­ken Ko­li­ken und Un­ter­leibs­be­schwer­den ge­plagt, die ihn häu­fig ar­beits­un­fä­hig mach­ten. Ur­sa­che da­für wa­ren ei­ne schwe­re Blei­ver­gif­tung und ei­ne Le­ber­zir­rho­se. Die Zir­rho­se so­wie die durch sie ver­ur­sach­te Bauch­was­ser­sucht wa­ren auch die Ur­sa­che sei­nes To­des am 26.3.1827 in Wien.

Beet­ho­vens Lei­chen­be­gäng­nis auf dem Wäh­rin­ger Fried­hof in Wien glich ei­nem Staats­be­gräb­nis. 20.000 Men­schen sol­len dem Sarg ge­folgt sein, dar­un­ter nicht nur die an­ge­se­hens­ten Mu­si­ker der Stadt (Franz Schu­bert war ei­ner der Fa­ckel­trä­ger), son­dern auch Mit­glie­der des Hoch­adels. Der Schau­spie­ler Hein­rich An­schütz hielt am Fried­hofs­ein­gang ei­ne von Franz Grill­par­zer ver­fass­te Re­de, in der er Beet­ho­ven als Künst­ler und Mensch her­vor­hob. „Wenn die Pfor­te des Le­bens hin­ter uns sich schlie­ßt, sprin­gen auf die Pfor­ten zum Tem­pel der Un­sterb­lich­keit. Dort steht er nun bey den Gro­ßen al­ler Zei­ten; un­an­tast­bar für im­mer." Sei­ne letz­te Ru­he­stät­te fand Beet­ho­ven 1888 auf dem be­rühm­ten Wie­ner Zen­tral­fried­hof.

3. Friedrich Schiller

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Nach mehrfachen Wohnortwechseln wegen der verschiedenen Einsatzorte des Vaters besuchte S. seit 1764 die Elementarschule in Lorch, seit 1766 die Lateinschule in Ludwigsburg. Von den Eltern zunächst für den geistlichen Stand bestimmt, besuchte er auf Forderung des württ. Hzg. Carl Eugen seit Anfang 1773 die „Militär-Pflanzschule“ (später „Hzgl. Militär-Akademie“) auf der Solitude (nahe Stuttgart), wo er Kenntnisse in Fremdsprachen (Latein, Griechisch, Französisch), Philosophie, Mathematik und Geschichte erwarb. 1774 begann er ein Studium zunächst der Rechtswissenschaften, seit 1775 der Medizin, das er im Dez. 1780 mit einer dritten Dissertation (Versuch über d. Zusammenhang d. thierischen Natur d. Menschen mit seiner geistigen) abschloß, nachdem zwei vorangegangene Versuche von den Gutachtern abgelehnt worden waren.

Anschließend trat S. als Regimentsmedikus in Stuttgart in hzgl. Dienste und widmete sich seiner schon auf der Militär-Akademie bevorzugten Nebenbeschäftigung, der Dichtung. Sein Erstlingsdrama. „Die Räuber“, schloß er im Frühjahr 1781 ab und begann „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“; Gedichte für die „Anthologie auf das Jahr 1782“ entstanden rasch in großer Zahl. Nach der ohne Erlaubnis seiner Vorgesetzten unternommenen Reise zur Uraufführung der „Räuber“ im kurpfälz. Mannheim am 13.1.1782 und einer Wiederholung dieser Reise Ende Mai 1782 verhängte der Herzog eine 14tägige Arrest-Strafe und ordnete an, daß S. mit der Poesie Schluß zu machen habe. S. floh daraufhin am 22.9.1782 von Stuttgart nach Mannheim.

Um der vermuteten Verfolgung durch württ. Häscher zu entgehen, zog er sich im Okt. 1782 nach Oggersheim (Pfalz) zurück und ging im Dezember ins thür.Bauerbach, wo er – beschäftigt mit der Fertigstellung des „Fiesko“ (1783), der Arbeit an „Kabale und Liebe“ (1784) sowie Vorstudien für „Don Karlos“ – auf dem Gut →Henriette v. Wolzogens (1745–88) bis Juli 1783 lebte. Nach Mannheim zurückgekehrt, schloß er mit dem dortigen →Theaterintendanten Heribert v. Dalberg (1750–1806) einen einjährigen Vertrag als Theaterdichter, in dem er sich verpflichtete, neben einer umgearbeiteten „Fiesko“-Fassung und „Kabale und Liebe“ ein weiteres Stück zu liefern. Da er den Vertrag nicht erfüllen konnte, versuchte er der sich abzeichnenden finanziellen Misere u. a.durch Gründung der Zeitschrift „Rhein. Thalia“ (1. H., 1785; 1786-91 „Thalia“, bis 1793 „Neue Thalia“) zu entgehen.

Im April 1785 folgte S. einer Einladung →Christian Gottfried Körners (1756–1831) nach Leipzig. Bis Juli 1787 lebte er, tatkräftig unterstützt v. a. von Körner, vornehmlich in und bei Dresden bzw. Leipzig. Hier stellte er „Don Karlos“ (1787), die Erzählung „Verbrecher aus Infamie“, den Anfang des Romans „Der Geisterseher“ sowie einige Gedichte (u. a. An d. Freude) fertig. Außerdem sammelte er Material für die „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Span. Regierung“ (1788).

Von Juli 1787 bis Mai 1789 lebte S. in Weimar, um dem „Musenhof” der Herzoginmutter →Anna Amalia – also auch Goethe, Herder und Wieland – nahe zu sein. Hier galt seine Hauptbeschäftigung historischen Arbeiten, die ihm auf Goethes Vermittlung einen Ruf an die (seit 1934 nach S. benannte) Univ. Jena zum Sommersemester 1789 einbrachten. Seine Lehrtätigkeit machte ihm wenig Freude und währte nicht lange. Im Jan. 1791 erkrankte S. an einer schweren Lungenentzündung, die nie auskuriert wurde. Nach Vollendung der „Geschichte des Dreyßigjährigen Kriegs“ (1790-92), dominierten 1792-95 philosophische Studien und Abhandlungen. Erst 1795, nachdem er sich zur Herausgabe eines „Musen-Almanachs“ (5 Jgg., 1796–1800) und der literarischen Zeitschrift „Die Horen“ (3 Jgg., 1795–97) entschlossen hatte, kehrte er – zunächst mit Gedichten, dann mit dem „Wallenstein“ – zur Poesie zurück.

Zu den bemerkenswerten Ereignissen in den letzten zwölf Lebensjahren zählen S.s Reisen nach Schwaben (1793/94) und Berlin (1804), die Freundschaft mit Wilhelm v. Humboldt seit 1794 und v. a. das „Bündnis“ mit Goethe seit 1794. S.s „Gedankenlyrik“ (z. B. Das Ideal u. d. Leben, Der Spaziergang, Der Tanz, Das Glück) ist ohne Goethes Anregungen ebenso wenig denkbar wie S.s Balladendichtung (z. B. Der Ring d. Polykrates, Der Handschuh, Die Kraniche d. Ibycus); auch am Entstehen des „Wallenstein“ (1800) hatte der ältere Freund Anteil.

Um Goethe nahe zu sein und aus Interesse an praktischer Theaterarbeit zog S. im Dez. 1799 nach Weimar, wo in rascher Folge „Maria Stuart“ (1801), „Die Jungfrau von Orleans“ (1801), „Die Braut von Messina“ (1803) und „Wilhelm Teil“ (1804) erschienen. Sein Tod verhinderte den Abschluß des „Demetrius“.

S. wurde schon zu Lebzeiten mit dem Ehrentitel eines „teutschen Shakespeare“ ausgezeichnet. Bis heute gehören seine Bühnenwerke zum Repertoire zahlreicher (nicht nur dt.) Theater. Die Gründe dafür sind vielfältig: Fast alle seine Dramen halten Zuschauer bis zum meist pointierten Schluß in Spannung; alle beschäftigen sich mit anthropologischen Grundfragen; und in den späten – ‚klassischen' – Stücken wird das ‚Wesen' der Geschichte thematisiert, mit dem Ziel, daß sich die Kunst über sie erhebe. Zudem scheint S.s Sprache, zunächst auftrumpfend heftig, später poetisch stilisiert, Stoff und Handlung fast stets angemessen; sie verdeckt, daß Handlungszusammenhänge gelegentlich nur flüchtig oder gar nicht motiviert sind.

In den „Räubern“, einem späten Sturm-und-Drang-Drama, opponiert S. heftig gegen eine Väter-Welt, der sich die Söhne auf verschiedene Weise zu erwehren suchen. „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“, S.s lange Zeit am wenigsten geschätztes Drama, ist ein grandioses Spektakelstück voller Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten, in dem das Historische (Genua 1547) nur Kulisse ist. Es geht um Liebe und Gewalt, Intrigen und Verstellungen, um das Scheitern angemaßter Größe, um Tod und Verderben Schuldiger und Unschuldiger – ein „republikanisches Trauerspiel“ (so der Untertitel). „Kabale und Liebe“ (ursprüngl. Titel: „Louise Millerin“) ist S.s einziger Versuch, politische Verhältnisse und Standesunterschiede seiner Zeit dramatisch zu behandeln. „Don Karlos“ (vor 1801: „Dom Karlos“) führte deutlich über die Sturm-und-Drang-Dramen hinaus: Die Heftigkeit der Sprache wird durch kunstvoll stilisierte Blankverse gemildert, die Charaktere sind ‚poliert', die Themen werden im Geist der Aufklärung diskutiert.

Das Drama „Wallenstein“, das 1796-99 zu einer Trilogie anwuchs, ist S.s bedeutendstes poetisches Werk. Es handelt vom notwendigen Untergang eines großen Einzelnen, der sich in Irrtümer verstrickt, weil er Zufälle als Schicksal mißversteht. In „Maria Stuart“, dem am strengsten ‚komponierten' Drama, von ihm auch als „Trauerspiel“ bezeichnet, geht es um eine andere Art der Tragik: die der Geschichte, die über den Menschen verfügt, ohne ‚gerecht' zu sein. Mit „Die Jungfrau von Orleans“ ging S. noch einen Schritt weiter: Da Johanna als Werkzeug in der Hand Gottes nicht schuldfähig sein kann, muß sie, um menschlich und damit (moralisch) beurteilbar zu sein, von Gott verlassen und so in den Stand der Freiheit gesetzt werden. Indem sie das Liebesverbot übertritt, fällt sie in Schuld, von der sie durch die erneute Hingabe an Gott (bis in den Tod) absolviert wird. Tragisch ist ihre Menschlichkeit, deren Bedingung ihre freie Entscheidung ist. „Die Braut von Messina“ handelt von zwei Brüdern, die dasselbe Mädchen lieben, ohne in ihr ihre Schwester zu erkennen. Die Handlung wird durch ein – in keinem anderen Drama S.s erreichtes – poetisches Sprechen auf höchstem Niveau aufgehoben, der Kunstwille auf die Spitze getrieben: In den Verheerungen der Welt bietet allein das Schöne einen Ort der Zuflucht. „Wilhelm Teil“ verknappt den Freiheitskampf der Schweizer auf die befreiende Tat eines Einzelnen, die die Restitution guter alter Verhältnisse ermöglicht. Das Stück ist reich an theatralischen Szenen, durch die manch Problematisches (Apfelschuß!) überspielt wird und die leicht übersehen lassen, daß S. hier nicht einem teleologisch begründeten Fortschritt der Geschichte das Wort redet, sondern eine Rückkehr in die Vergangenheit als Möglichkeit eines besseren Weltzustands diskutiert.

Als Lyriker stand S. bei Zeitgenossen und in der Nachwelt in hohem Ansehen. Von seinen 1782 erschienenen Jugend-Gedichten, deren Abhängigkeit von anerkannten Vorbildern, v. a. von Klopstock, leicht zu erkennen ist, distanzierte er sich später (ebenso wie von der 1785 entstandenen Ode „An die Freude“ und anderen Gelegenheitsgedichten). Während er den moralischen Lehrsätzen seiner Balladen weiterhin Gültigkeit zumaß, sah er die großen philosophischen Gedichte „Die Götter Griechenlandes“ (1788), „Die Künstler“ (1789) „Das Reich der Schatten“ (1795; später: „Das Ideal u. d. Leben“) und „Elegie“ (1795; später: „Der Spaziergang“) entsprechend den veränderten philosophischen (ästhetischen) Anschauungen als verbesserungsbedürftig an. Vorzügliches leistete der Lyriker S. mit kürzeren Gedanken-Gedichten in Distichen, dem Versmaß der klassischen Elegie, in denen es um die Funktion der Kunst in den Wirrnissen der Geschichte|geht (Der Tanz, 1795; Das Glück, 1797; Nänie, 1799). S.s Meisterschaft in der formalen Handhabung der Distichen zeigt sich auch in seinen zahlreichen Epigrammen, in seinen „Tabulae votivae“ (1796) und „Xenien“ (1796), mit denen er das Mittelmaß der Lyrik seiner Zeit weit überragt.

Zum epischen Fach fühlte sich S. nicht sonderlich hingezogen. Mit der Erzählung „Verbrecher aus Infamie/eine wahre Geschichte“ (1786, später: „Der Verbrecher aus verlorener Ehre, Eine wahre Gesch.") gelang ihm dennoch eine tiefgreifende Studie auf dem Gebiet der Erfahrungsseelenkunde, in der deutlich wird, wie durch eine unmenschliche Strafrechtspraxis ein kleiner Rechtsbrecher zu einem großen Verbrecher förmlich „gemacht“ wird. Auch mit dem nicht zu Ende geführten Roman „Der Geisterseher“ (1787-89) erweist sich S. als origineller Erzähler großen Formats: Die Abenteuer-, Intrigen-, Kriminal-, Geheimbund- und Geister-Geschichte beschreibt, auf dem Boden der Aufklärung stehend, deren Nachtseiten in quasi romantischer Manier.

In den fünf Jahren, in denen sich S. vornehmlich mit der Geschichte auseinandersetzte, festigte sich in ihm die – später aufgegebene – Idee vom konstruierbaren Sinn historischer Prozesse, der nicht aus überlieferten Fakten erkennbar sei, aber durch den „philosophischen Kopf“ mittels Imagination als gesetzmäßig erwiesen werden könne. Diese Auffassung ist am deutlichsten in der akademischen Antrittsrede „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ (1789) formuliert. Der Historiker ist für S. auch (und in erster Linie) ein Lehrer der Moral und – als Geschichtserzähler – ein Bruder des Dichters.

An S.s intensive Beschäftigung mit Kant (seit 1791) schlossen sich zahlreiche philosophische Untersuchungen an, unter denen die großen Abhandlungen „Ueber Anmuth und Würde“ (1793), „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1794/95) und „Ueber naive und sentimentalische Dichtung“ (1795) als Dokumente klassischer Ästhetik herausragende Bedeutung erlangt haben. In „Ueber Anmuth und Würde“ versucht S., die Kunst als das Verbindende der durch freien Willen errungenen Würde des Menschen (die sich in der Unterwerfung sinnlicher Begierde unter das Sittengesetz bekundet) und der durch Übereinstimmung zwischen Vernunft und Sinnlichkeit behaupteten Anmut (die als wirklich gewordene Idee verstanden wird) nachzuweisen. In „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen“ geht es um die Kunst als sichtbaren Ausdruck der „Freiheit in der Erscheinung“, die sich in der Beherrschung des Stoffs durch die Form manifestiert, freilich das Vermögen des ästhetischen Spiels, das nur dem Menschen auf dem Gipfel der Kultur gegeben ist, voraussetzt. In „Ueber naive und sentimentalische Dichtung“ beschreibt S. die wesentlichen Typen von Dichtern und die Grundmuster von Dichtungen: einerseits den naiven Dichter längst vergangener (arkadischer) Zeit, der Anschauen, Denken und Handeln natürlich, also unreflektiert verbindet, andererseits den sentimentalischen Dichter der Moderne, der die verlorene Natur sucht und durch Nachdenken bemüht ist, die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit zu schließen. Letzterer könne sein Ziel erst in Elysium, dem Ort der Geschichtslosigkeit, erreichen, wo er zur höchsten Poesie, der Idylle, befähigt sei; bis dahin bleibe seine Poesie entweder satirisch oder elegisch.

S. war schon zu Lebzeiten populär; 1791 galt er einem Mitarbeiter der „Oberdt. allgemeinen Litteraturzeitung“ als „Liebling der dt. Musen“, und in einem Brief vom 10.2.1802 nannte ihn sein Freund Körner einen „Lieblingsdichter der Nation“. Wenngleich es nicht an Kritikern fehlte – z. B. urteilte Karl Philipp Moritz vernichtend über „Kabale und Liebe“, Friedrich Leopold Gf. zu Stolberg griff „Die Götter Griechenlandes“ als Schmähung des Christentums an und die Romantiker belustigten sich über „Würde der Frauen“ und „Das Lied von der Glocke“ –, so überwog doch die Zustimmung deutlich. Bald nach seinem Tod begann S.s Heroisierung und Mythisierung. Dazu trugen nicht zuletzt Goethe mit seinem „Epilog zu Schillers Glocke“ (1805) und Johann Heinrich v.Dannecker mit seiner Kolossalbüste (1807/08, s. P) bei, die das Bild vom über alles Gemeine triumphierenden großen Menschen schufen. 1830 veröffentlichte W. v. Humboldt seinen Briefwechsel mit S. und schrieb dazu eine „Vorerinnerung“, die bis heute zu den bemerkenswertesten Würdigungen des Freundes gehört. Die Popularität S.s, der als Dichter der Freiheit, Sänger edler Frauen, Mann des Volkes und Liebling der Jugend galt, erreichte 1859 ihren Höhepunkt. Der 100. Geburtstag wurde dazu genutzt, den Dichter der Nation als Prophet der ersehnten nationalen Einheit zu feiern. Die Beliebtheit S.s blieb in unterschiedlicher Intensität über die Reichsgründung 1871 hinaus bis zum S.-Jahr 1959 erhalten. Erst als nach 1970 die Postamente der „Klassiker“ gestürmt wurden, verfiel S.s Ansehen, dessen Gebrauchswert (v. a. im Westen) zunehmend bestritten wurde. Ein erneuter Umschwung deutet sich derzeit an.

In der Literaturwissenschaft gewannen seit dem Ende des 19. Jh. jene S.-Bilder Konturen, die jeweiligen Moden und Methoden entsprachen. Positivistisch gründlich wurde das Leben des Dichters erforscht, geistesgeschichtlich wurde er als Repräsentant einer Epoche gedeutet, deren wesentliche Kennzeichen (die des Dt. Idealismus) auf ihn übertragen werden konnten. Dabei hatte die Ableitung des Besonderen (der individuellen Persönlichkeit) aus dem Allgemeinen (dem sog. Geist der Zeit) Vorrang vor der Untersuchung des historisch Einmaligen, wodurch, wie die S.-Rezeption der NS-Zeit belegt, die Tür für die Vereinnahmung des Dichters durch eine politisch motivierte Ideologie geöffnet wurde. Die S.-Forschung nach dem 2. Weltkrieg brachte zwar im Zuge der sog. werkimmanenten Interpretation etliche subtile Struktur- und Formanalysen S.scher Werke hervor. Sie maß diesen aber – etwa im Vergleich zu Goethes Œuvre – geringeren Stellenwert zu, weil nicht zu übersehen war, daß S., wie kaum ein anderer seiner Zeit, in das Geflecht geistiger (philosophischer) und politischer (sozialer) Zusammenhänge eingebunden war und eigentlich nur in enger Verbindung von geistesgeschichtlichen und literatursoziologischen (oder sozialhistorischen) Deutungspraktiken angemessen verstanden werden kann.|

4. Georg Wilhelm Friedrich Hegel

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Er galt als Spätzünder und schlechter Redner. Doch setzte Hegel mit seiner Dialektik und seiner „Wissenschaft der Logik“ neue Maßstäbe in der Philosophie. Ein Denker der preußischen Restauration war er nur in den Augen seiner Feinde. Hegel blieb bis zuletzt ein Sympathisant der Französischen Revolution.

„Ich glaube, Hegel ist ein Denker, über den die meisten Lügenmärchen und Klischees verbreitet wurden. Schon mein Vorgänger […] der erste Biograf Hegels, Karl Rosenkranz, schreibt: Hegel ist der Philosoph der Revolution und nicht der Philosoph der Restauration“, so Klaus Vieweg bei der Vorstellung seiner Hegel-Biografie auf der Frankfurter Buchmesse.

Der Philosoph selbst unterstreicht in seiner Vorlesung über die Philosophie der Geschichte:

„Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit,
ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, geboren am 27. August 1770 in Stuttgart, stammt aus einer schwäbischen Beamtenfamilie. Er gilt als Spätzünder. Während seines Studiums der Philosophie und Theologie am Tübinger Stift nennt man ihn „den Alten“. Einen Winter lang wohnt Hegel mit zwei anderen zukünftigen Geistesgrößen auf einem Zimmer: dem Dichter Hölderlin und dem Philosophen Schelling.

Klaus Vieweg: „Die jungen Studenten waren natürlich, die meisten, begeisterte Anhänger der Französischen Revolution, speziell auch Hegel. Hegel war der Mitanführer eines revolutionären Studentenkreises.“

Auf allen Gebieten Wissen angesammelt

Hegel macht sich für die Prinzipien der Freiheit und der Vernunft stark. Nach Ende seines Studiums nutzt er seine Jahre als Hauslehrer, um auf allen Gebieten Wissen anzusammeln: in Volkswirtschaft, Natur- und Sozialwissenschaften, ja sogar Astronomie. Frei nach dem Prinzip: „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“

Hegel will die gesamte Wirklichkeit in einem philosophischen System deuten – inklusive ihrer historischen Entwicklung. Er denkt groß – auch bei seiner Begegnung 1806 mit dem Eroberer Napoleon, der mit seinen neuen, von der Französischen Revolution inspirierten Gesetzen vielen Regionen Deutschlands die Moderne bringt:

„Es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“

Die Idee des „Weltgeists“ wird ein Kernbegriff von Hegels spekulativer Philosophie. Seine „Phänomenologie des Geistes“, die Grundlegung seines Systems, erscheint 1807. Doch erst nach Jahren als Journalist, Gymnasiallehrer und Dozent wird der wichtigste Denker des deutschen Idealismus, 46-jährig, zum Professor berufen: erst nach Heidelberg, dann, ab 1818, nach Berlin.

Von der preußischen Polizei stets überwacht

Seine Vorlesungen sind bestens besucht, obwohl Hegel alles andere als ein guter Rhetoriker ist, wie Biograf Klaus Vieweg schreibt: „Er stückelte Sätze, kramte in Papieren, schnupfte Tabak, krächzte und hustete. Er sprach zu sich selbst, ein lautes Selbstgespräch, eine Art denkende Improvisation – er dachte seinen Zuhörern etwas vor.“

Hegel, der philosophische Systembauer und Begriffsdenker, wird von der preußischen Polizei stets überwacht, obwohl er die Idee des Staates als etwas durch und durch Positives sieht.

„Es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist, sein Grund ist die Gewalt der sich als Wille verwirklichenden Vernunft.“

Hegels treibende Kraft ist das von Fichte inspirierte Denken in Widersprüchen, die Methode der Dialektik. Aus Thesis und Antithesis entsteht jeweils eine höhere Form der Synthesis. Auf die Spitze getrieben will er so zum „absoluten Geist“ vordringen. Die Aktualität Hegels, der die Willkür des freien Marktes vehement ablehnt, wird heute aber oft unterschätzt:

„Ich behaupte, dass Hegel der Begründer des Gedankens einer sozial regulierten Marktordnung ist, und dass die Marktstruktur die Tendenz in sich hat, so Hegel, sich selbst zu zerstören. Deswegen braucht sie Regulation und einen sozialen Staat. Hegel war ein weltbürgerlicher Denker, ein dezidierter Kritiker allen Nationalismus und allen Rassismus.“

Ob der Philosoph und Weinliebhaber, der Karl Marx zu seiner Kritik der politischen Ökonomie anregt, im Alter von 61 Jahren an der Cholera stirbt oder an einem Magenleiden, bleibt offen. In jedem Fall: Seine Sympathie für die Ideen der Französischen Revolution behält er.

Die Schlussworte von Hegels letzter Vorlesung lauten: „Freyheit ist das Innerste, und aus ihr ist es, daß der ganze Bau der geistigen Welt hervorsteigt.“

5. Alexander von Humboldt

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Der Wissenschaftler und Forschungsreisende Alexander von Humboldt (1769-1859) zählt bis heute zu den bekanntesten Deutschen weltweit. Viele Dinge sind nach ihm benannt: zum Beispiel eine Lilie, ein Mondkrater und eine Meeresströmung.

Jugend und Studium

Alexander von Humboldt wird 1769 in Berlin geboren und wächst auf Schloss Tegel auf. Er genießt eine Bildung, wie sie für einen Adelsspross typisch ist. Alexanders Leistungen sind eher mäßig; mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Wilhelm kann er nicht mithalten.

Dafür liebt er Gesellschaft und ist ein exzellenter Erzähler. Er knüpft selbstständig Kontakt zu Leuten, die ihn interessieren. Einer von ihnen ist der Botaniker Carl Ludwig Willdenow, der Humboldts lebenslanges Interesse für die Pflanzenkunde weckt. Besonders Willdenows Sammlung tropischer Pflanzen fasziniert ihn.

Gemälde: Humboldt sitzt im Park von Schloss Tegel

Die Zeit auf Schloss Tegel empfand Humboldt als langweilig

Staatsdienst im Bergbau und erste Schritte als Forscher

Als Student besucht er die Universität im sächsischen Freiberg bei Dresden. Der Alltag an der Bergakademie ist hart: morgens ab fünf Uhr in die Grube, nachmittags Vorlesungen, abends Ausarbeitungen. Trotzdem beendet Alexander das eigentlich dreijährige Studium in nur neun Monaten.

Auch unter Tage zeigt sich sein Forscherinstinkt: Er entdeckt und untersucht die sogenannten kryptogamischen Pflanzen, die ohne Licht in der Grube wachsen. Damit wird er zum Begründer der Höhlenbotanik.

Nach seinem Dienstantritt als Bergmeister für Oberfranken gründet er auf eigene Faust eine Berufsschule für Bergleute, die erste ihrer Art. Zur Verbesserung der Arbeitssituation unter Tage entwickelt er eine Sicherheits-Grubenlampe und eine Atemmaske.

Ende 1796 stirbt Humboldts Mutter. Da sein Erbe ihn finanziell unabhängig macht, verlässt er Ende des Jahres den Staatsdienst, um sich ganz der Forschung zu widmen.

Alexander von Humboldt, porträtiert in einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch aus dem Jahre 1806.

Humboldt in jungen Jahren beim Botanisieren

Zwei große Expeditionen

Die Kombination Reisen und Forschen stellt für Humboldt eine ideale Verbindung dar. Er will in die Tropen reisen und möglichst viele Aspekte der belebten und unbelebten Natur erforschen. Um seinen eigenen wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, bereitet er sich umfassend auf die geplante Expedition vor.

In Jena studiert Humboldt Anatomie, außerdem führt er, wo immer möglich, meteorologische und geografische Messungen durch. Dann geht er nach Paris, damals die Hauptstadt der Wissenschaften. Nach seiner Amerika-Expedition wird er 20 Jahre lang hier leben und nur wegen finanzieller Engpässe nach Berlin zurückkehren.

In Paris lernt er auch seinen späteren Reisebegleiter kennen: den Arzt und Botaniker Aimé Bonpland. Diverse Expeditionspläne der beiden scheitern wegen der Napoleonischen Kriege. Sie beschließen in Spanien zu überwintern und haben Glück: Sie werden dem König empfohlen und erhalten Forscherpässe für die spanischen Kolonien in Süd- und Mittelamerika.

Von 1799 bis 1804 reisen Humboldt und Bonpland durch Süd- und Mittelamerika: über die Kanarischen Inseln nach Venezuela und Kuba, durch die Anden an die peruanische Küste, nach Mexiko und mit Zwischenstopp in den USA zurück nach Europa.

Gemälde: Humboldt und Bonpland in einer Hütte mit Messinstrumenten und Pflanzen

Humboldt (links) mit seinem Mitstreiter Bonpland in Südamerika

Genauso imposant wie die Reiseroute sind die Mengen an Messdaten und botanischen und geologischen Proben, die sie sammeln. Der Universalist Humboldt beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Forschungsgebieten: von Vulkanologie über Kartografie, Erdmagnetismus, Botanik, Zoologie, Ethnologie, Wirtschaft, Landwirtschaft und Bergbau bis hin zu Meteorologie und Meereskunde.

Humboldt will das Zusammenwirken aller Naturkräfte verstehen. Zwischen 1805 und 1839 publiziert er sein 34-bändiges Reisewerk, größtenteils auf Französisch. Es bleibt unvollendet und ruiniert ihn finanziell.

Seinen 60. Geburtstag verbringt Humboldt in Russland. Es ist seine zweite große Expedition und die Umstände sind gänzlich anders als bei der Amerika-Reise. Dieses Mal ist er auf Einladung und Kosten der russischen Regierung unterwegs. Diese erhofft sich davon Informationen über gewinnbringende Minenvorkommen.

Obwohl die Route (von St. Petersburg zum Ural) vorgegeben ist, kann Humboldt einige Änderungen durchsetzen und dadurch bis zur chinesischen Grenze vordringen. Seine Hauptinteressen gelten dem Erdmagnetismus, dem Klima und der Geologie.

Landschaft im Ural.

Im Uralgebirge vermutete Humboldt reiche Diamantvorkommen

Der Universalist: Humboldts Netzwerke

Dank seiner offenen Art fällt es Humboldt leicht, in aller Welt freundschaftliche Kontakte zu anderen Wissenschaftlern zu knüpfen. Der eng vernetzte Datenaustausch mit Kollegen ist für ihn sehr wichtig. Ohne diese Kontakte wären seine umfangreichen Veröffentlichungen gar nicht möglich gewesen. Denn gerade weil er in verschiedenen Disziplinen gleichzeitig arbeitet, ist er oft auf den Rat von Experten eines bestimmten Fachgebiets angewiesen.

Humboldts gutes Gespür für den Umgang mit Menschen zeigt sich auch darin, dass er vom preußischen König mehrfach in diplomatischen Missionen eingesetzt wird. Im Alter wird er für viele junge Wissenschaftler zum Förderer.

Über seinen Bruder Wilhelm lernt er die Dichter Goethe und Schiller kennen. Goethe ist fasziniert von Humboldts Arbeit und zeigt seine Wertschätzung unter anderem mit einem Tagebucheintrag der Ottilie in seinen "Wahlverwandtschaften": "Wie gern möchte ich einmal Humboldten erzählen hören."

Schwarzweiß-Stich: Alexander von Humboldt  mit Goethe, Schiller und seinem Bruder Wilhelm

Alexander von Humboldt (stehend) mit Goethe, Schiller und seinem Bruder Wilhelm

Das Weltbild des Weltbürgers

Humboldts Weltbild ist von den Idealen der Aufklärung geprägt. Er ist davon überzeugt, dass prinzipiell alle Menschen gleichmäßig zur Vernunft begabt sind. Dass es keine hohen und niedrigen Menschenrassen gibt, nur Bildungs- und kulturelle Unterschiede: "Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt."

Er kritisiert die Sklaverei und den Umgang der weißen Siedler mit den Ureinwohnern Amerikas. Humboldt glaubt an einen ständigen Fortschritt in Wissenschaft und Politik, der früher oder später zur Ausbildung einer rechtlich-sozial egalitären Gesellschaft führen wird.

Bei seiner Forschung kommen auch praktische Aspekte nicht zu kurz. Er sucht zum Beispiel nach Möglichkeiten, für die stetig wachsende Weltbevölkerung neue Nahrungsquellen zu erschließen. Dazu analysiert er die Verbreitung und die Lebensbedingungen diverser Nutzpflanzen. Der Mensch soll in die Lage versetzt werden, die Natur möglichst effizient zu nutzen.

Bis kurz vor seinem Tod am 6. Mai 1859 arbeitet er an seinem Lebenswerk, dem "Kosmos", in dem er alles vereinen will: das gesamte Wissen über die Welt. Viele seiner wissenschaftlichen Einzelbeobachtungen sind im Laufe der Jahre von anderen Forschern korrigiert worden.

Das Besondere an Alexander von Humboldt aber ist sein Sinn für Gesamtzusammenhänge. Nach der Aufspaltung der Wissenschaften in spezialisierte Einzeldisziplinen hat dieser global-ökologische Ansatz erst seit Ende des 20. Jahrhunderts wieder an Bedeutung gewonnen.

6. Immanuel Kant

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Wie zahlreiche andere Gelehrte und Publizisten der deutschen Aufklärung stammt K. aus einfachen Verhältnissen. Er wird am 22.4.1724 morgens um 5 Uhr als viertes von neun Kindern in der „vordern Vorstadt“ von Königsberg „in dem Hause neben der Sattlerstraße“ geboren – auch sein eigener Vater war wie schon die beiden Großväter Sattler- oder genauer Riemermeister – und am folgenden Tag auf den Namen Emanuel getauft. Väterlicherseits stammt die Familie neueren Forschungen zufolge nicht – wie K. selbst angenommen hat – aus Schottland, sondern aus dem Kurischen (sein Urgroßvater Richard Cant, der den sozial gehobenen Beruf eines „Krügers“, das heißt Schankwirts, in|Werden bei Heidekrug ausübte, kommt allem Vermuten nach aus der Gruppensiedlung Kantweinen 5 km nordöstl. von Prökuls); auf Seiten der Mutter führen die Linien nach Nürnberg und Tübingen, so daß K. ungefähr „drei Viertel deutsch und je ein Achtel kurisch und litauisch“ gewesen wäre; in beiden Familien sind die Berufe des Ledergewerbes: Färber, Gerber, Sattler, Kürschner, Schuhmacher stark vertreten. Die Atmosphäre seines Elternhauses hat K. selbst oft beschworen. Bei der Rückkehr von Schloß Capustigall, dem Gut der Grafen Truchseß-Waldburg (auf dem sich zu dieser Zeit die Familie Keyserling aufhält) erinnert sich der Privatdozent „mit inniger Rührung an die ungleich herrlichere Erziehung …, die er selbst in seiner Eltern Hause genossen“. Und noch der 73jährige erklärt in dem Entwurf eines Antwortschreibens an den schwedischen Bischof Lindblom, „daß meine beyde Eltern (aus dem Handwerksstande) in Rechtschaffenheit, sittlicher Anständigkeit und Ordnung musterhaft … mir eine Erziehung gegeben haben, die von der moralischen Seite betrachtet gar nicht besser seyn konnte und für welche ich … mich mit dem dankbarsten Gefühle gerührt finde“. Das gelassene Selbstbewußtsein, das der Bürger K. zeitlebens auch gegenüber den höchsten Rängen des Adels gezeigt hat, mag nicht zuletzt hier seine Wurzel haben.

Eine wichtige Komponente dieser Atmosphäre des Elternhauses bildete der Pietismus, der K. bei aller Kritik und inneren Distanz tief beeindruckt und beeinflußt hat. Nicht seinen Kult- und Ausdrucksformen, wohl aber seiner Haltung und Gesinnung stand K. bis ins hohe Alter mit Respekt, ja Zustimmung gegenüber. „Die Leute, denen er ein Ernst war“, so lautet K.s Urteil gegenüber Rink, „besaßen das Höchste, was der Mensch besitzen kann, jene Ruhe, jene Heiterkeit, jenen innern Frieden, die durch keine Leidenschaft beunruhigt wurden“. Vor allem seine Mutter, die er schon als 13jähriger verliert und am Tag vor Heiligabend beerdigen muß, lebte aus solchem Glauben. Sie war eine sensible, für ihre Zeit und Verhältnisse ungewöhnlich gebildete Frau. K. hat sie seinen Königsberger Biographen (Borowski, Jachmann und Wasianski) noch in späten Lebensjahren immer wieder geschildert: „sie pflanzte und nährte den ersten Keim des Guten in mir, sie öfnete mein Herz den Eindrücken der Natur; sie weckte und erweiterte meine Begriffe, und ihre Lehren haben einen immerwährenden heilsamen Einfluß auf mein Leben gehabt.“

Durch die Mutter gelangt K. auch in den Wirkungskreis von →Franz Albert Schultz, einem der führenden Köpfe des Königsberger Pietismus, der aber zugleich zu den bedeutendsten Schülern des Aufklärungsphilosophen →Ch. Wolff zählte. Schultz hat K.s Talent schon früh entdeckt und Zeit seines Lebens gefördert. Auf seine Veranlassung hin wechselt K., der zunächst die Vorstädt. Hospitalschule besucht hatte, 1732 als Achtjähriger aufs Gymnasium, und zwar auf das seit 1733 von Schultz geleitete „Fridericianum“ über. Diese Schule, nach dem Vorbild der Franckeschen Anstalten in Halle eingerichtet und von der Bevölkerung etwas abwertend „Pietisten-Schule“ oder „Pietisten-Herberge“ genannt, war von strengstem religiösen Reglement: Religionsunterricht und Gottesdienst nahmen einen erheblichen Teil des Unterrichts in Anspruch; wie das Hebräische wurde auch das Griechische ausschließlich am Leitfaden der Heiligen Schrift dargeboten. Noch den alten K. soll bei der Erinnerung an jene „Jugendsclaverey“ „Schrecken und Bangigkeit“ überfallen haben. Fachlich scheint nur der Lateinunterricht von einigem Rang gewesen zu sein (wie denn auch K.s ganzes Interesse während der Schulzeit der klassischen lateinischen Literatur gegolten haben soll). Nach dem Zeugnis der Schulakten zählte K. in der Regel zu den besten Schülern; der allgemeine Eindruck war – wie der klassische Philologe →David Ruhnken (ein enger Freund und Mitschüler K.s) es später einmal formuliert hat – er könne einst sehr wohl „ad id, quod in literis summum est, pervenire“. Im Herbst 1740 verläßt K. als Zweitbester seiner Klasse das Fridericianum.

Am 24.9.1740, also mit sechzehn Jahren, kurz nach dem Regierungsantritt Friedrichs des Großen, wird K. nach Ablegung des damals üblichen Immatrikulationsexamens an der Albertina, der Königsberger Universität, immatrikuliert. Das Schwergewicht seines Studiums, das er teils mit Hilfe von Verwandten, teils durch Unterricht und (wenn man dem späten Bericht seines Studienfreundes Heilsberg Glauben schenken darf) durch Billardspiel finanziert, liegt nicht auf den positiven Wissenschaften, die der akademischen Ausbildung dienten, sondern auf den damals sogenannten „Humaniora“, vor allem auf Mathematik, Philosophie und den lateinischen Klassikern. „Was K. für einen Studienplan befolgte, ist seinen Freunden unbekannt geblieben“, heißt es bei Jachmann; allem Anschein nach war er in keiner der drei „oberen Fakultäten“ eingeschrieben. Zu seinen akademischen Lehrern zählen sein ehemaliger Direktor Schultz, dessen Dogmatikvorlesung er „aus Wißbegierde“ hört, und der außerordentliche Professor der Logik und Metaphysik →Martin Knutzen, „ein Mann, der sich als Lehrer und als Schriftsteller einen großen Ruf auf der Universität erworben hatte“. Er ist derjenige „Professor der Philosophie, welcher wahrscheinlich auf“ K.s „Geistesbildung den mehresten Einfluß gehabt hat“. Ähnlich wie Schultz bemühte sich auch Knutzen um die Verbindung von (pietistischer) Theologie und Philosophie, war aber zugleich stark an Mathematik und Naturwissenschaft interessiert. Zu den Gegenständen seiner Vorlesungen – an denen K. „unausgesetzt“ teilnimmt – gehörten neben den damals üblichen philosophischen Disziplinen auch Mathematik, Astronomie und Rhetorik. Er lieh K., so berichtet Borowski, „besonders Neutons Werke und, da K. Geschmack daran fand, alles, was er aus seiner herrlichen, reichlich versehenen Bibliothek irgend verlangte“.

Die Etappe der Konziliation (1746–56)

Noch während des Studiums beginnt K. mit der Ausarbeitung einer umfangreichen Abhandlung – keineswegs einer Examensarbeit – die sich, wie K.schreibt, mit einem damals „berüchtigten Streit“, ja mit einer der „größten Spaltungen … unter den Geometrern von Europa“ beschäftigt. Es sind dies die schon 1746 der Philosophischen Fakultät zur Zensur vorgelegten, aber erst 1749 erschienenen „Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte“. Die naturwissenschaftliche Interessenlage dieser Schrift bleibt für die kommenden 10 Jahre bestimmend, ihre spezifisch philosophischen Grundprobleme aber wirken darüber hinaus bis tief in die kritische Philosophie hinein weiter. Von ihrer Thematik her – ihr unmittelbarer Gegenstand ist der Streit über das Kräftemaß, das die Kartesianer als m-v, die Leibnizianer als m-v² zu bestimmen suchten – zeigt die Abhandlung einen K., der ganz von mathematisch-naturwissenschaftlichen Fragen gefangengenommen ist und im Zusammenhang damit sogar eigene Versuche anstellt. Hinter dieser Thematik aber steht eine genuin philosophische Problemstellung, die ohne die Gedankenwelt der deutschen Aufklärung nicht zu verstehen ist: wie steht es um die von ihr proklamierte Idee einer allgemeinen Menschenvernunft, wenn sich die bedeutendsten Köpfe des Zeitalters sogar in einer so konkreten naturwissenschaftlichen Frage nicht zu einigen vermögen? Das überraschende Selbstbewußtsein des 22jährigen, das in der Schrift zum Ausdruck kommt, ist oft registriert worden: „Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will. Ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern ihn fortzusetzen.“

Kurz vor Abschluß des Studiums verliert K. auch den Vater. Seine Eintragung in das Familienbuch wirft ein aufschlußreiches Licht auf die Geisteshaltung, die K. auch nach dem Besuch der Universität bestimmt: „Anno 1746 d. 24. März Nachmittags um halb 4 Uhr ist mein liebster Vater, durch einen seeligen Tod abgefordert worden. Gott der ihm in diesem Leben nicht viel Freude geniessen lassen, lasse ihm davor die ewige Freude zu Theil werden.“ Die folgenden Jahre verbringt K. als „Hofmeister“, das heißt Hauslehrer, bei dem reformierten Prediger Daniel Andersch in Judtschen bei Gumbinnen, einer bis zu einem gewissen Grad selbständigen Schweizer Kolonie meist französisch sprechender Siedler (bis etwa 1751), und bei dem Gutsbesitzer Major Bernhard Friedrich von Hülsen auf Groß-Arnsdorf bei Mohrungen (bis etwa 1753). In diesen Jahren tritt zum erstenmal ein charakteristischer Zug der K.schen Biographie hervor: auf einen Zeitraum konzentrierter Produktion folgt eine Phase völligen Schweigens. Sie findet in diesem Fall erst im Sommer 1754 durch eine Reihe kleinerer naturwissenschaftlicher Beiträge für die „Königsberg. Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“ ihr Ende. Zu dieser Zeit befindet sich K. bereits wieder in Königsberg.

Die anschließende Produktionsphase ist eng mit K.s akademischem Werdegang verknüpft, geht aber bei weitem nicht darin auf. Im März 1755 erscheint, und zwar zunächst anonym, die umfangreiche „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“, die den Versuch macht, die Entstehung des Weltgebäudes mit Hilfe der Newtonschen Anziehungs- und Abstoßungskraft aus den einfachsten Elementen der Materie abzuleiten, und damit Grundgedanken der Laplaceschen Weltentstehungshypothese (1796) vorwegnimmt. Sie bleibt jedoch bei ihrem Erscheinen so gut wie unbekannt und wird erst 1842 von Arago in ihrer Bedeutung für die Naturwissenschaft entdeckt. Am 17.4.1755 reicht K. der Philosophischen Fakultät seine Promotionsschrift „de igne“ ein, am 13.5. findet das „examen rigorosum“, am 12.6. der öffentliche Promotionsakt statt, über den die „Königsberg. Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“ eingehend berichten. Noch 37 Jahre später erinnert sich Borowski, einer der ersten Hörer K.s, an den „seltenen Zusammenfluß von hiesigen angesehenen und gelehrten Männern“ sowie an die ungewöhnliche „Stille und Aufmerksamkeit“, mit der die Zuhörer K.s lateinischer Rede – sie handelte „vom leichtern und vom gründlichem Vortrage der Philosophie“ – gefolgt seien. Schon dreieinhalb Monate später, am 27.9.1755, erfolgt K.s Habilitation mit der Schrift „Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio“. Wieder ein paar Monate später erscheinen in kurzem Abstand drei kleinere, allgemeiner gehaltene naturwissenschaftliche Abhandlungen, die durch das Erdbeben von Lissabon veranlaßt sind. Am 23.3.1756 schließlich reicht K. der Philosophischen Fakultät als dritte Dissertation – nach einer Verordnung Friedrichs des Großen (vom 24.12.1749) wurden für ein Extraordinariat drei öffentliche Disputationen vorausgesetzt – die „monadologia physica“ ein. Die Disputation findet am 10.4.1756 statt, einer der 3 Opponenten ist Ludwig Ernst Borowski. Etwas von der Gewalt dieses Produktionsschubes ist noch in dessen späterer Kantbiographie zu spüren, wenn er schreibt, daß der 30jährige K.damals mit seinen Schriften „zur Ueberraschung Vieler, die das von ihm, wenigstens nicht in dem Maaße erwartet hatten, auf einmal und schnell auf einander hervortrat“.

Mit Ausnahme der Habilitationsschrift, bei deren Themenwahl äußere Gründe mitgespielt haben können, haben auch die Schriften dieser Produktionsphase Probleme der Naturwissenschaft zum Gegenstand. Wie in der Erstlingsschrift von 1746 aber stehen die Sachfragen auch jetzt auf dem Hintergrund einer umfassenden philosophischen Problematik. Wieder macht K. zentrale Streitfragen seines Zeitalters – über die leitenden Grundsätze der Naturerklärung, über die Freiheit des Willens und über die Interpretation der Materie – zum Gegenstand der Untersuchung. Und wieder ist K. darum bemüht, zwischen den verfeindeten „Parteien“ (Naturalismus – Christentum; Wolffianismus – Crusianismus; Leibnizianismus – Newtonianismus) zu vermitteln, die partielle, durch gemeinsame Irrtümer nur verdeckte Wahrheit der verschiedenen Positionen ans Licht zu bringen und so „gewissermaßen die Ehre der menschlichen Vernunft“ zu verteidigen. Eben diese „Konzilianz“ gibt den Schriften der Jahre 1755/56, so verschieden sie ihrer Thematik nach auch sein mögen, ihre innere Einheit und ein sachliches Gewicht, das sie über ihre historische Bedeutung hinaus vom Methodischen her auch für die Gegenwart noch interessant macht.

Zugleich aber scheinen sich in den Schriften dieser Phase unter der Hand bereits Grundtendenzen der späteren, kritischen Philosophie anzudeuten. Das gilt vor allem für den Vorrang der praktischen vor der theoretischen Vernunft. So heißt es etwa in der „Geschichte und Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens“ von 1755: „der Mensch“ ist „im Dunkeln, wenn er die Absichten errathen will, die Gott in der Regierung der Welt vor Augen hat. Allein wir sind in keiner Ungewißheit, wenn es auf die Anwendung ankommt, wie wir diese Wege der Vorsehung dem Zwecke derselben gemäß gebrauchen sollen.“

Die Etappe der Analysis (1756–69)

Im WS 1755/56 beginnt K., von stärkstem öffentlichen Interesse begleitet, als „Magister legens“, das heißt als Privatdozent, seine Vorlesungstätigkeit; bei seiner ersten Vorlesung, so berichtet Borowski, sind selbst Vorhaus und Treppe „mit einer beinahe unglaublichen Menge von Studirenden angefüllt“. Die Fächer, über die K. – nach dem Vorlesungsstil der Zeit am Leitfaden von Kompendien – liest, sind zunächst, ähnlich wie bei seinem Lehrer Knutzen, Logik, Metaphysik, Ethik, Mathematik, theoretische Physik sowie außerdem physische Geographie, eine Disziplin, die K. in Königsberg als erster in den Kreis der akademischen Lehrfächer einbringt; später treten noch Naturrecht (ab WS 1766/67), philosophische Enzyklopädie (ab WS 1767/68), Anthropologie (ab WS 1772/73) und Pädagogik (ab WS 1776/77) hinzu. Vereinzelt liest K. auch über Mechanik und Mineralogie, auch Vorlesungen über natürliche Theologie beziehungsweise philosophische Religionslehre sind glaubwürdig bezeugt. Der Umfang seiner Lehrtätigkeit beläuft sich im Schnitt auf 16, zuweilen aber auch auf 26 bis 28, wenn nicht gar über 30 Wochenstunden.

Die Zeit der Privatdozentur (1755–70) verändert jedoch nicht nur K.s berufliche Situation. Sie bringt vielmehr zugleich, viele Anzeichen sprechen dafür, tiefgreifende Veränderungen in seinem persönlichen Lebensstil mit sich. Sie ist die „weltfreudigste Periode seines Lebens“ (Schöndörffer). Zahlreiche menschliche Bindungen entstehen in diesen Jahren, enge Freundschaften wie die mit dem englischen Kaufmann und Privatgelehrten Joseph Green, der „mehr Gelehrter als Kaufmann“ ist und „weniger den Freuden als den Büchern“ lebt, aber auch lockerere Beziehungen zu Bankiers, Kaufleuten, Beamten, Militärs und hohen Adligen. Sein gelöstes Auftreten, seine Freude an geistreicher Unterhaltung, gemeinsamem Essen, Kartenspiel und Theater, sein sprühender Witz, nicht zuletzt aber auch sein Charme gegenüber dem weiblichen Geschlecht machen K. bald zu einem umworbenen Liebling der Königsberger Gesellschaft und tragen ihm den Titel des „eleganten Magisters“ ein, ja Hamann sieht ihn gelegentlich durch „einen Strudel gesellschaftl. Zerstreuungen fortgerißen“ und bangt um die Verwirklichung seiner wissenschaftlichen Pläne.

Ein wichtiger Faktor, der zu diesen Veränderungen in K.s Lebensgefühl und -haltung beigetragen haben wird, war allem Vermuten nach die erste russische Okkupation Königsbergs von Januar 1758 bis August 1762. Sie war von ungewöhnlicher Liberalität und hat die gesellschaftlichen Verhältnisse des damaligen Königsberg, das mit seinen etwa 50 000 Einwohnern zu den größten Städten Preußens zählte, aufs nachhaltigste beeinflußt. „Mit der Okkupation zog die ganze Breite und Vorurteilslosigkeit des östlichen Lebensstils in die alte zopfige Stadt ein“ (Stavenhagen). Unter ihrem Einfluß zerbricht oder lockert sich zumindest die strenge ständische Ordnung, der Ernst des Pietismus wird von einer freieren, gelegentlich in Libertinage übergehenden Lebenshaltung abgelöst, die preußische Kargheit macht einer luxuriöseren Lebensführung Platz. Auch der Magister K. war offenbar bis zu einem gewissen Grade in den Wirbel solcher Veränderungen einbezogen. Stavenhagen schildert anschaulich, wie K. „an dem munteren Treiben der Offiziere in den Privathäusern und Offizierskasinos regen Anteil genommen hat“; nach einem anderen Bericht hat er „viele rußische Officiere in der Mathematik … während des siebenjährigen Krieges privatim unterrichtet“.

Ganz ähnlich ist das Bild, das K. in diesen Jahren als akademischer Lehrer bietet. Auch hier ist er der Mann von Welt: Seine Wirkung auf die Studenten, unter denen sich zahlreiche Ausländer, vor allem Balten, Polen und Russen befinden, ist von seltener Stärke und Eindringlichkeit. Seine Vorlesungen – „freyer Discours, mit Witz und Laune gewürzt“ – sind von intensiven Diskussionen begleitet, immer wieder fordert er einzelne Hörer auf, das Gespräch beim Spaziergang fortzusetzen, ja der Prediger Wannowski erinnert sich noch 1804, daß ihm K. „in seiner Stube öfters und mit vieler Lebhaftigkeit“ Gedichte von Haller und Bürger, aber auch von Horaz und Juvenal vorgetragen habe. Vor allem die Vorlesungen über physische Geographie und Anthropologie werden nicht nur von Studenten, sondern auch von dem gebildeten Publikum besucht. K.s Erziehungsziel ist „Urbanität“, nicht „Höflichkeit“; ein Stück seiner Wirkung wird in den „Briefen zur Beförderung der Humanität“ von Johann Gottfried Herder sichtbar, der 1762-64 in Königsberg studiert hat. In diesen Briefen schreibt Herder 1795, also zu einem Zeitpunkt, als sachlich schon tiefe Gegensätze zwischen beiden aufgebrochen waren, über seinen früheren Lehrer: „keine Kabale, keine Sekte, kein Vortheil, kein Namen-Ehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf, und zwang angenehm zum Selbstdenken; Despotismus war seinem Gemüth fremde“.

Sieht man von 4 kurzen Programmschriften ab, die, den damaligen Universitätsverhältnissen entsprechend, zugleich der Ankündigung der Vorlesungen zu dienen hatten, so beginnt mit der Vorlesungstätigkeit in K.s schriftstellerischer Arbeit zugleich ein Zeitraum erneuten Schweigens. Er wird 1762 von einer Phase fast hektischer Produktivität abgelöst, →Benno Erdmann spricht mit Recht von der „erstaunlichen Productionskraft des Philosophen in diesen Jahren“. In ihnen tritt auch von der Stoffwahl her ein veränderter K. vor die Öffentlichkeit. Standen bis 1756 naturwissenschaftliche Themen ganz im Vordergrund des Interesses, so behandeln die Schriften der folgenden Jahre fast ausschließlich Fragen der Logik und Metaphysik auf der einen, der Ethik und Anthropologie auf der anderen Seite. Dem entspricht es, wenn in K.s Lehrtätigkeit mit dem Jahre 1763 die Vorlesungen über Mathematik ganz aufhören und die über theoretische Physik seltener werden.

Die erste Schrift, die in diese neue Produktionsphase gehört, ist K.s kurze Skizze über „Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren“, allem Vermuten nach eine Einladungsschrift für seine Vorlesungen des WS 1762/63. Auf sie folgt kurz darauf die Hauptschrift dieses Zeitabschnitts, „Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes“; sie ist nicht, wie das Titelblatt angibt, 1763, sondern schon im Dezember 1762 erschienen. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet K. jedoch bereits an seiner Antwort auf die Preisfrage der Berliner Akademie für das Jahr 1763, der „Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral“. Diese Abhandlung, die von K. kurz vor dem 31.12.1762 eingereicht wird, erhält am 2.6.1763 den zweiten Preis – der erste fällt an →Moses Mendelssohn – und erscheint im|Frühjahr 1764 im Drude. Vor allem diese beiden Schriften sind es, die K. lange vor der „Kritik der reinen Vernunft“ in ganz Deutschland als philosophischen Autor bekannt machen. Noch vor der Preisschrift aber erscheinen in dichter Folge 3 weitere Abhandlungen: 1763 der „Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen“ (er hat der Philosophischen Fakultät am 3.6.1763 zur Zensur vorgelegen); im Januar 1764 die „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen“, die K. im Herbst 1763 während der Semesterferien im Forsthaus Moditten, eine Meile von Königsberg entfernt, zu Papier bringt; und schließlich im Februar 1764 der „Versuch über die Krankheiten des Kopfes“, den K. anonym in den von Hamann herausgegebenen „Königsbergschen Gelehrten und Politischen Zeitungen“ veröffentlicht.

Die gemeinsame Idee, die allen diesen Schriften zugrunde liegt, ist das Programm der Analysis. Wie Mendelssohn, Tetens und andere führende Köpfe seiner Generation, die sich gegen den herrschenden Wolffianismus ihrer Zeit wenden, ist K. in diesen Jahren der Überzeugung, daß man in der Philosophie, vor allem „in der Metaphysik durchaus analytisch verfahren müsse, denn ihr Geschäfte ist in der That, verworrene Erkenntnisse aufzulösen“. Ähnlich emphatisch wie bald darauf Tetens erklärt er: „Es ist noch lange die Zeit nicht, in der Metaphysik synthetisch zu verfahren; nur wenn die Analysis uns wird zu deutlich und ausführlich verstandenen Begriffen verholfen haben, wird die Synthesis den einfachsten Erkenntnissen die zusammengesetzte, wie in der Mathematik, unterordnen können“. Beobachten, konkrete Erfahrungen zum Ausgang nehmen, komplexe Vorstellungen in einfachere auflösen – analysieren, das, und nur das, ist die angemessene Methode der Philosophie. Von ihr erwartet K. in dieser Etappe seines Denkens auch – ähnlich wie Mendelssohn, mit dem er 1766 in brieflichen Kontakt tritt – die Lösung jener Streitfragen, die ihn in den Jahren 1755/56 so stark beschäftigt hatten.

Freilich gelangt K. spätestens gegen Ende dieser Phase auch schon an die Grenzen, die einer solchen Konzeption von Philosophie gesetzt sind. In seiner Abhandlung über die negativen Größen versucht er zu zeigen, daß sich bestimmte Probleme wie das des „Realgrundes“, also der Verknüpfung von Ursache und Wirkung, oder der „Realentgegensetzung“ letztlich der Analysis entziehen. „Die logische Verknüpfung und Wiederstreit können analytisch erkannt werden und also rational, die reale nicht anders als empirisch“, konstatiert er zu dieser Zeit in seinen Notizen. Allem Vermuten nach liegt hier zumindest einer der Gründe, weshalb K. die zahlreichen Pläne und Projekte, die ihn in dieser eigentlichen Etappe der Analysis beschäftigen, unerledigt liegen läßt und in den folgenden Jahren auffällig wenig veröffentlicht. Die gegen Immanuel Swedenborg, aber mehr noch gegen die herrschende Metaphysik seines Zeitalters gerichteten „Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik“, die Anfang 1766 erscheinen, artikulieren noch einmal die genannte Schwierigkeit und lassen unüberhörbar skeptische Töne erklingen. In diesen Jahren entfernt sich K., ohne sich darüber schon selbst ganz im klaren zu sein, mehr und mehr von den Grundüberzeugungen und -stimmungen seiner eigenen Generation.

K.s materielle Lage ändert sich in allen diesen Jahren nach der Habilitation trotz seines wissenschaftlichen und pädagogischen Erfolges nur wenig. Seine Bewerbung (8.4.1756) um das Extraordinariat für Logik und Metaphysik, das sein Lehrer →Knutzen innegehabt hatte, bleibt ohne Erfolg, weil die preußische Regierung die Stelle im Blick auf den bevorstehenden 7jährigen Krieg unbesetzt läßt. Vergeblich ist auch die Bewerbung (vom 11./14.12.1758) um die ordentliche Professur für Logik und Metaphysik; trotz der massiven Unterstützung seines Mäzens →Franz Albert Schultz, der zu dieser Zeit Rektor ist, fällt die Professur an einen älteren (und dienstälteren) Kollegen names Bück. So lebt K. 15 Jahre lang im großen und ganzen von Hörgeldgebühren und Einnahmen aus der privaten Betreuung von Studenten. Die Angaben über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Privatdozenten schwanken: düsteren Schilderungen – nach der Darstellung Jachmanns zum Beispiel ist K. in dieser Zeit gezwungen, „seine damals ansehnliche und auserlesene Bibliothek nach und nach zu veräußern“ – stehen Berichte gegenüber, denenzufolge K. in diesen Jahren über ein gesichertes, ja gutes Auskommen verfügt. Jedenfalls lehnt er im Sommer 1764, da er sich hier „nicht in seinem rechten Fache“ zu befinden glaubt, die ordentliche Professur für Dichtkunst an der Universität Königsberg ab, die ihm aufgrund einer ausdrücklichen Intervention des Ministeriums in Berlin angetragen wird. Erst knapp 2 Jahre später, mit 41 Jahren, erhält er seine erste, wenn auch äußerst bescheidene, festbesoldete Stelle: das mit 62 Talern im Jahr dotierte Amt des Subbibliothekars an der Königl Schloßbibliothek, das er bis 1772 gewissenhaft ausübt.

Der Übergang zur Kritik der reinen Vernunft (1769–81)

Gegen Ende der 60er Jahre bahnen sich jedoch in K.s beruflicher Situation von verschiedenster Seite her tiefgreifende Veränderungen an. Im Herbst 1769, K. ist mittlerweile 45, erhält er seinen ersten Ruf, und zwar auf den im Zuge einer umfassenden Universitätsreform neugeschaffenen ordentlichen Lehrstuhl für theoretische Philosophie (Logik und Metaphysik) an der Universität Erlangen. Die Erwartungen, die mit dieser Berufung verknüpft sind, lassen sich aus den Universitätsakten noch mit ziemlicher Deutlichkeit erkennen: nicht „Sektierer“, sondern „Männer, in die man ein Vertrauen hätte“, sollten durch die Reform nach Erlangen gezogen werden. K. lehnt den Ruf jedoch postwendend ab; die Gründe, die er für seine Absage anführt, liegen auf verschiedener Ebene: greifbare Berufungschancen an seiner eigenen Universität, die „Anhänglichkeit“ an seine „Vaterstadt“, ein „ziemlich ausgebreiteter Kreis von Bekannten und Freunden“ sowie seine „schwächliche Leibesbeschaffenheit“. Kaum einen Monat darauf erreicht K. ein neues, nicht weniger ehrenvolles auswärtiges Angebot: eine Anfrage der Universität Jena, die er offenbar auch abschlägig beschieden hat. Ein Vierteljahr später aber erhält K. die Stelle, die er seit vielen Jahren angestrebt hat: die ordentliche Professur für Logik und Metaphysik an der Universität Königsberg; am 2.5.1770 wird er feierlich in sein Amt eingeführt.

Aus diesem Anlaß schreibt K. für die „in denen statutis Academicis verordnete öffentliche und solenniter zu haltende Disputationes“ seine letzte und wichtigste lateinische Dissertation „De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis“. Die Disputation findet, von der begeisterten Anteilnahme seiner Studenten, die ein eigenes Huldigungsgedicht drucken lassen, begleitet, am 21.8.1770 statt, Respondent ist der jüdisch Medizinstudent →Markus Herz, schon bald darauf einer der führenden Köpfe der Berliner Aufklärung. Die genannte Schrift, die K. in späteren Jahren immer wieder als die entscheidende Vorarbeit für die „Kritik der reinen Vernunft“ betrachtet hat, fällt in eine Übergangsphase, in der sich im Denken K.s schwerwiegende Veränderungen vollziehen („Das Jahr 69 gab mir großes Licht“, heißt es in der berühmten autobiographischen Reflexion 5037), und ist daher wohl weniger die abschließende Fixierung eines Standpunktes als vielmehr ein momentaner Querschnitt durch einen noch mitten in Gang befindlichen Reflexionsprozeß. Die Abhandlung basiert auf einer rigorosen Zweiteilung. Das sinnliche Erkenntnisvermögen mit den ihm zugrunde liegenden Anschauungsformen von Zeit und Raum ist der Grund der Form der Sinnenwelt. Es ist auf den Bereich der „Erscheinungen“, der „Phaenomena“, eingeschränkt und vermag die res „sicuti sunt“, die „Dinge an sich“, nicht zu erkennen (diese genau umgrenzte Position hat K. in der „Kritik der reinen Vernunft“ als „transzendentalen Idealismus“ bezeichnet). Der Verstand dagegen ist imstande, mit Hilfe der ihm (a priori) eigenen Begriffe und Grundsätze die Welt der Dinge an sich, der „Noumena“, zu erfassen und zu der Erkenntnis zu gelangen, daß deren wechselseitige Verknüpfung untereinander – ihre „Form“ – im Geschaffensein der Dinge durch Gott ihren Grund hat. Eben diese Zweiteilung gibt K. auch eine neue Lösungsmöglichkeit für jene Streitfragen der Metaphysik an die Hand, die ihn in den vorangegangenen Etappen seines Denkens so intensiv beschäftigt hatten. Alle diese Kontroversen, so meint K. jetzt, wurzeln in einer Vermischung oder Vertauschung der Gesetze der Sinnlichkeit und des Verstandes, einer „permutatio intellectualium et sensitivorum“; die Einsicht in deren grundsätzliche Verschiedenheit ist daher zugleich der so lange gesuchte Schlüssel für die Auflösung der Streitfragen (für die K. bald darauf den Terminus „Antinomien“ verwenden wird).

Der Versuch, die Dissertation von 1770 zu überarbeiten und um „ein paar Bogen“ zu erweitern, verstrickt K. schon bald in einen Reflexionsprozeß, der sich wider Erwarten über 10 Jahre hinzieht und schließlich zur „Kritik der reinen Vernunft“ führen wird. K. entwirft dabei, wie vor allem der Briefwechsel mit Herz anschaulich dokumentiert, eine ganze Reihe von Plänen und Projekten, unter anderem – in Anlehnung an Lambert – eine Phaenomenologia generalis (um ein Haar also hätte K. statt der „Kritik der reinen Vernunft“ eine Art „Phänomenologie des Geistes“ geschrieben) und ein Werk über „Die Grentzen der Sinnlichkeit und der Vernunft“. Alle diese Entwürfe sind von der Hoffnung begleitet, die Probleme „in Kurtzem zur völligen Deutlichkeit zu bringen“, werden aber immer wieder von neuen Überlegungen überholt und durchkreuzt.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Problem der Geltung der apriorischen Begriffe des menschlichen Verstandes (der Kategorien Es taucht erstmals, und zwar ausdrücklich als neue Fragestellung charakterisiert, in K.s Brief an Herz vom 21.2.1772 auf: „wie mein Verstand gäntzlich a priori sich selbst Begriffe von Dingen bilden soll, mit denen nothwendig die Sachen einstimmen sollen, … diese Frage hinterläßt immer eine Dunckelheit in Ansehung unsres Verstandesvermögens“. Die Antwort, zu der K. schließlich in der „Kritik der reinen Vernunft“ gelangt – sie bildet den Inhalt der „Transscendentalen Deduction der reinen Verstandesbegriffe“ –, führt zu einer schwerwiegenden Korrektur an den Grundpositionen der Dissertation. Auch der Verstand, so erklärt K. jetzt, ist nicht imstande, die Dinge an sich zu erkennnen. Seine apriorischen Begriffe gewinnen ihre Geltung allein aus ihrer Notwendigkeit für die Konstitution der Erfahrungswelt, des „mundus sensibilis“. Sie sind nötig, um die Vielfalt der sinnlichen Eindrücke zu einer geordneten Welt der Erfahrung zu verbinden (und so die empirische Einheit des Bewußtseins herzustellen), aber eben deshalb auch nur für diese gültig. Der „mundus intelligibilis“, die wahre, unverschleierte Wirklichkeit, ist dem Menschen – genauer: dem theoretischen Erkennen des Menschen – unabänderlich verschlossen.

Diese Position bringt es zwangsläufig mit sich, daß sich im Denken K.s mehr und mehr das Problem der Verbindung, der „Synthesis“, in den Vordergrund schiebt. Es markiert gegenüber den 60er Jahren einen deutlichen Wendepunkt. Nicht mehr die Theorie der Analysis, sondern die Theorie der Synthesis steht jetzt im Zentrum der Überlegungen K.s. War jene Konzeption der Analysis mehr oder weniger Ausdruck einer allgemeinen Zeitstimmung, so ist diese das genuine Resultat seines eigenen Nachdenkens.

Mit der Absage an eine theoretische Erkenntnis des „mundus intelligibilis“ gerät aber auch die Lösung, die K. 1770 für sein altes, nach wie vor akutes Problem, die Streitfragen der Metaphysik, gefunden hatte, abermals ins Wanken, ja diese treten erst jetzt in ihrer ganzen Schärfe als Antinomien zutage. Wenn auch die Gesetze des Verstandes ebenso wie die der Sinnlichkeit nur für die Welt der Erscheinungen gelten und also prinzipiell die gleiche Funktion haben, dann kann ihre Vertauschung nicht der wahre Grund, ihre Separierung nicht die wahre Auflösung der Streitfragen sein. So kommt es zwischen 1770 und 1781 zur Ausarbeitung einer eigenen Antinomienlehre, die den Widerspruch in die Vernunft selbst verlegt. Nicht mehr die Vermischung von Sinnlichkeit und Verstand, sondern die Verwechslung von „Erscheinung“ und „Ding an sich“, von „mundus sensibilis“ und „mundus intelligibilis“, erscheint jetzt als die Wurzel der Antinomien. Für jede der beiden Welten gelten andere Gesetze, die menschliche Vernunft selbst ist antinomisch strukturiert (und bedarf daher auch selber der Kritik). Die einzelnen Antinomien lassen sich demgemäß zwar durchschauen und in diesem Sinn „auflösen“, aber sie sind und bleiben unaufhebbar: Die „Dialektik“ ist ein wesentlicher Zug der menschlichen Vernunft, ein Signum ihrer Endlichkeit.

Alle diese Überlegungen und Entwürfe sind das Resultat eines Arbeitsprozesses, dessen wachsende Anspannung in gelegentlichen Äußerungen gegenüber Herz für einen Augenblick durchbricht. So heißt es zum Beispiel am 24.11.1776: „Ich empfange von allen Seiten vorwürfe, wegen der Unthatigkeit, darinn ich seit langer Zeit zu seyn scheine und bin doch wirklich niemals systematischer und anhaltender beschäftigt gewesen“. „Es gehöret … Hartnäckigkeit dazu, einen Plan, wie dieser ist, unverrückt zu befolgen“. Rückblickend schreibt K. am 7.8.1783 an Garve, daß er die „Kritik der reinen Vernunft“ mit allen ihren Mängeln um keinen Preis „ungeschrieben wissen möchte, aber auch um keinen Preis die lange Reihe von Bemühungen, die dazu gehöret haben, noch einmal übernehmen möchte“. Die „Hartnäckigkeit“ dieser Jahre bleibt nicht ohne Auswirkungen auf K.s Lebensführung. So schränkt er seine Vorlesungstätigkeit in der Regel auf 14, im SS 1772 sogar auf 10 Wochenstunden ein. Für 10 Jahre verzichtet er so gut wie ganz auf jede Publikation. Eine anonym erschienene Rezension über Moscatis Abhandlung „Von dem Körperlichen wesentlichen Unterschiede zwischen der Structur der Thiere und Menschen“ (1771), eine Vorlesungsankündigung aus dem Bereich der physischen Geographie „Von den verschiedenen Racen der Menschen“ (1775) und zwei kurze, enthusiastische Zeitungsbeiträge für das Dessauer Philanthropin (1776 u. 1777) sind alles, was in diesen 10 Jahren von K. erscheint. Immer wieder berichtet er über „Unpäßlichkeiten“ und „indispositionen“. Zwei Rufe, die er in diesem Zeitraum erhält, der erste (1776) an die eben gegründete Academia Petrina in Mitau, der zweite (1778) an die Universität Halle auf den Lehrstuhl Wolffs, den angesehensten philosophischen Lehrstuhl Preußens, lehnt K. fast schon wie ärgerliche Störungen ab. Die Nachrichten über sein Auftreten in der Königsberger Gesellschaft werden seltener, an die Stelle spontaner Beziehungen treten allmählich feste Verbindungen und gesellschaftliche Verpflichtungen, ja, einzelne Äußerungen lassen möglicherweise auf eine tiefgehende Entfremdung schließen. In der täglichen Lebensführung beginnt ein „eigentümlicher Mechanisierungsprozeß“ des äußeren zugunsten des inneren Lebens (Heller). Vieles spricht dafür, daß sich in diesen Jahren – und nicht erst nach 1781 – der „Übergang vom eleganten Magister zum alten Kant“ (Lehmann) vollzieht.

Die Durchführung des kritischen Systems (1781–96)

In merkwürdigem Kontrast zu dieser langen Zeit der Ausarbeitung geschieht die Niederschrift der „Kritik der reinen Vernunft“ nach K.s eigenem wiederholtem Bericht „gleichsam im Fluge“ in „etwa 4 bis 5 Monathen“. Diese Zeitangaben nötigen zu der Annahme, daß K. dabei auf umfangreiche schriftliche Vorarbeiten zurückgegriffen hat; zahlreiche Schwierigkeiten des Werks mögen sich von hier aus erklären. Das Buch erscheint im Mai 1781. Es bleibt jedoch, wie K. betroffen registriert, für längere Zeit so gut wie ohne Echo. →Moses Mendelssohn, auf dessen Urteil K. in besonderem Maße gerechnet hatte, legt es wie zahlreiche andere Leser irritiert „zur Seite“. Die erste Rezension, von Garve verfaßt und von Feder gekürzt, wenn nicht verstümmelt, die am 19.1.1782 anonym in den „Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen“ erscheint, ist mit Ironie getränkt. Der Königsberger Professor der Mathematik Johann Schultz, einer der engsten Kollegen K.s, gibt der herrschenden Stimmung Ausdruck, wenn er 1784 in seinen „Erläuterungen über des Herrn Professor K. Critik der reinen Vernunft“ bedauernd erklärt, „daß man fast allgemein über unüberwindliche Dunkelheit und Unverständlichkeit“ dieser Schrift klage, ja, „daß sie selbst für den größten Theil des gelehrten Publikums eben so viel ist, als ob sie aus lauter Hieroglyphen bestünde“.

Das Gefühl der inneren Befreiung und der Erwartung weicht damit bei K. in wachsendem Maße einem Gefühl der Enttäuschung und der Isolierung. Das Wissen um das heranrückende Alter verbindet sich bei ihm mit dem Bewußtsein, mit den neuen Einsichten der „Kritik“ ganz auf sich gestellt zu sein. Aus solcher Konstellation heraus macht sich K. gewissermaßen im Alleingang an die Ausarbeitung des Gesamtsystems der kritischen Philosophie (für die er häufig auch den traditionsbeladenen Ausdruck „Transzendentalphilosophie“ verwendet). Es beginnt eine Zeit unerbittlicher schriftstellerischer Arbeit. Trotz der Last zahlreicher akademischer Ämter und Verpflichtungen, über die K. immer wieder klagt – unter anderem wird er in diesen Jahren zweimal, im SS 1786 und im SS 1788, Rektor – erscheinen in schneller Folge die großen epochemachenden Werke, die das kritische System Stück um Stück der Vollendung näher bringen. Die erste Schrift freilich, die K. nach der „Kritik der reinen Vernunft“ veröffentlicht, artikuliert noch einmal, wenn auch aus anderem Blickwinkel, die Grundgedanken seines Hauptwerks und versucht damit, der – wie K. selbst zugesteht – „gerechten“ „Beschwerde“ über eine „gewisse Dunkelheit“ der „Kritik“ abzuhelfen. Es sind dies die „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“, die – mit einer schneidenden Erwiderung auf die „Götting. Rezension“ als Anhang – im Frühjahr 1783 herauskommen. Zwei Jahre darauf, im April 1785, erscheint die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ mit den nachgerade klassisch gewordenen Formulierungen des kategorischen Imperativs („handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“), in der K. – im Gegensatz zur herrschenden „Glückseligkeitsethik“ seiner Zeit – die Grundzüge einer „Pflichtethik“ zu entwickeln sucht. Auch sie ist das Resultat langjähriger Überlegungen: erste Pläne oder Vorarbeiten zu einer Schrift, die „gleichsam die Metaphysic der Sitten“ zum Thema haben sollte, gehen bis in die Mitte der 60er Jahre zurück, der Plan zu einer eigenen „Grundlegung“ einer solchen „metaphysischen“ Disziplin innerhalb der praktischen Philosophie mindestens bis Anfang 1784. In mancherlei Hinsicht eine Art Gegenstück dazu bilden im Felde der theoretischen Philosophie die „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft“, die K. im Sommer 1785 – und zwar wiederum im Rückgriff auf weit zurückliegende Überlegungen – als notwendige Vorarbeit zur eigentlichen „Metaphysik der Natur“ ausarbeitet; sie erscheinen im Frühjahr 1786.

Zu eben diesem Zeitpunkt ist K. bereits von einer weiteren schriftstellerischen Aufgabe in Anspruch genommen: er arbeitet an „einer neuen sehr umgearbeiteten Auflage“ der „Kritik der reinen Vernunft“, deren erste mittlerweile vergriffen ist. (Das sachliche Verhältnis dieser beiden Auflagen gehört bis heute zu den zentralen, immer wieder aufgeworfenen Problemen der K.-Forschung.) Aufgrund seines ersten Rektorats, bei dem|K. unter anderem die Huldigungsfeierlichkeiten der Universität für den gerade gekrönten König Friedrich Wilhelm II. zu arrangieren hat, zieht sich diese Arbeit bis in den April 1787 hin, doch liegt die 2. Auflage schon 2 Monate später im Druck vor. Zugleich faßt K. in diesem Zeitraum entgegen früheren Plänen den Entschluß, seiner ersten Kritik – die er daher jetzt des öfteren, um wenigstens nachträglich die Parallelität herzustellen, als Kritik der „reinen speculativen“ beziehungsweise „reinen (theoretischen)“ Vernunft bezeichnet – eine zweite, die „Kritik der praktischen Vernunft“, folgen zu lassen, mit der er die Ansätze der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ weiterzuführen und gegen Einwände zu verteidigen sucht. Sie proklamiert ausdrücklich den „Primat“ der „praktischen“, das heißt auf das Handeln des Menschen bezogenen, vor der theoretischen Vernunft. Nur die erstere ist imstande, Recht und Wahrheit der Ideen von „Gott, Freiheit und Unsterblichkeit“ positiv zu erweisen. Eine wichtige Neuerung gegenüber der „Grundlegung“, aber auch gegenüber der „Kritik der reinen Vernunft“ ist dabei der Gedanke einer eigenen „Dialektik der reinen praktischen Vernunft“ – die großen Streitfragen der Philosophie, der alte Stachel seines Denkens, gewinnen für K. offenbar von neuem, jetzt im Felde der praktischen Philosophie, zentrale Bedeutung. Neben die Antinomie der theoretischen tritt eine Antinomie der praktischen Vernunft. Das Manuskript dieser zweiten Kritik gelangt im Juli 1787 zum Abschluß, die ersten gedruckten Exemplare hat K., obwohl das Titelblatt 1788 schreibt, bereits im Dezember 1787 in Händen.

Noch vor Abschluß dieser Arbeiten ist K. abermals mit neuen Überlegungen und Plänen beschäftigt, die das Gesamtsystem der kritischen Philosophie tiefgreifend verändern beziehungsweise erweitern und 3 Jahre später zu seiner dritten und letzten Kritik führen werden, der „Kritik der Urtheilskraft“, die von manchen als „das gewaltigste seiner Werke“ (Windelband) betrachtet wird. Erste Anzeichen für einen solchen Umbau des kritischen Systems lassen sich bereits in der 2. Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ und in der „Kritik der praktischen Vernunft“ erkennen. Doch hat K. zunächst offenbar sehr viel weniger umfassende Projekte im Auge: im Katalog der Ostermesse 1787 kündigt sein Verleger Hartknoch (voreilig) „Kants Grundlegung zur Kritik des Geschmacks“ an – die Parallele zur „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ liegt zumindest nahe; auch in K.s Briefen ist zunächst nur von einer „Grundlage der Kritik des Geschmacks“ die Rede, dann, seit Dezember 1787, gleichsam als zweiter Schritt, von einer „Critik des Geschmaks“ selber. Die weitere Vertiefung in die damit verbundenen Probleme führt K. jedoch schließlich dazu, die ästhetische Thematik der Schönheit und der Kunst mit der teleologischen Thematik des Organischen in einem und demselben Werk zu verbinden: beide Bereiche finden jetzt in dem Vermögen der „reflectirenden Urtheilskraft“ ein gemeinsames apriorisches Prinzip. So berichtet K. am 12.5.1789 dem Jenaer Philosophieprofessor →Karl Leonhard Reinhold – dessen „Briefe über die Kantische Philosophie“ (1786/87) bei der Durchsetzung der kritischen Philosophie eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben – von einer neuen, umfassenden Schrift: der „Critik der Urtheilskraft (von der die Critik des Geschmacks ein Theil ist)“. In der Tat enthält denn auch das gedruckte Werk, das Ostern 1790 erscheint, zwei fast gleich starke Teile: die „Kritik der ästhetischen“ und die „Kritik der teleologischen Urtheilskraft“.

Mit der Arbeit an der „Kritik der Urtheilskraft“ läuft jedoch spätestens seit dem Frühjahr 1789 noch eine andere Arbeit parallel, die K. über Jahre hinweg stark beschäftigen wird. Sie dient nicht der Ausarbeitung des kritischen Systems, sondern seiner Verteidigung gegen die Angriffe von Seiten des sogenannten Dogmatismus (beziehungsweise der Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie). Der Gegner, gegen den sich K. hier mit befremdlicher Heftigkeit zur Wehr setzt, ist der Verfasser der „Neuen Apologie des Socrates“, Johann August Eberhard, seit 1778 – also seit der Ablehnung des Rufes durch K. – Professor der Philosophie in Halle. Eberhard, ein gewiß nicht unbedeutender Vertreter der deutschen Aufklärungsphilosophie, hatte Ende 1788 in Halle das „Philosophische Magazin“ gegründet, und die eigentliche Stoßrichtung der neuen Zeitschrift galt unmißverständlich der von der Kritik vollzogenen philosophischen „Revolution“. K.s wichtigste Reaktion auf diese Angriffe ist eine Schrift, die gleichzeitig mit der „Kritik der Urtheilskraft“ Ostern 1790 erscheint und den sarkastischen Titel trägt: „Über eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll“. Darüber hinaus aber unterstützt K. Reinhold und seinen Königsberger Kollegen Schultz bei ihren Rezensionen des „Magazins“ in der Jenaer „Allgemeinen Literatur-Zeitung“, dem wichtigsten Kampforgan der sich formierenden Kantianer, wiederholt mit umfangreichen schriftlichen Vorlagen. Auch seine Ausarbeitungen „über die von der Königlich Akademie der Wissenschaften zu Berlin für das Jahr 1791 ausgesetzte Preisfrage: Welches sind die wirklichen Fortschritte, die die Metaphysik seit Leibnitzens und Wolf's Zeiten in Deutschland gemacht hat?“ – sie sind wahrscheinlich in den Jahren 1793/94 entstanden und wurden 1804 von Friedrich Theodor Rink kurz nach dem Tode K.s veröffentlicht – gehören vermutlich in diesen Zusammenhang. Die Bedeutung dieser langen, erbittert geführten Kontroverse mit der „Schulphilosophie“ ist teilweise außerordentlich hoch veranschlagt worden, ja Vaihinger sieht in ihr die eigentliche „Peripetie des Kantianismus“ und die Vorbereitung der idealistischen Philosophie.

Zur Überraschung vieler Zeitgenossen entfaltet K. neben dieser stupenden wissenschaftlichen Arbeit auch noch eine kaum weniger intensive publizistische Tätigkeit „Unser Pr. Kant … wird auf seine alten Tage der fleißigste Autor, wie aus sn Beyträgen zur Berl. Monathsschrift zur allgemeinen Litteraturzeitung, wo er Herder recensirt, zu ersehen“, witzelt Hamann am 9.3.1785 gegenüber Lindner. In der von Biester und Gedike 1783 gegründeten „Berlin. Monatsschrift“, die sich bald zum führenden Organ der deutschen Aufklärung entwickelt, veröffentlicht K. zwischen 1784 und 1796 nicht weniger als 15 Beiträge. Ihre Themen reichen von der Politik und Geschichtsphilosophie bis hin zur physischen Geographie. Die „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ (1784), die „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784) und die Abhandlung „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ (1793) sind hier erschienen. In der „Allgemeinen Literatur-Zeitung“ erregt K. vor allem durch seine skeptischen Rezensionen von Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1785) starkes Aufsehen. In Wielands „Teutschem Merkur“ erscheint der Aufsatz „Über den Gebrauch teleologischer Principien in der Philosophie“ (1788).

In engem Zusammenhang mit dieser publizistischen Tätigkeit für die „Berlin. Monatsschrift“ steht eines der vielschichtigsten und verwickeltsten Kapitel der Biographie K.s: die politischen Schwierigkeiten während der sogenannten Ära Wöllner, die seine Altersjahre in wachsendem Maße überschatten. Schon im September 1786, wenige Wochen nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms II, äußert K. die Befürchtung, er werde „von seinem Brod … kommen“. Doch ändert sich an seiner äußeren Lage zunächst wenig, ja er wird sogar Ende 1786 Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und erhält Anfang 1789, also mit 64 Jahren, als Zeichen der „wahren Zufriedenheit“ des Monarchen eine nicht unbeträchtliche Gehaltszulage; das entsprechende Reskript ist von dem neuen Kultusminister Johann Christoph von Wöllner unterzeichnet. Im Sommer 1791 freilich kursieren in Berlin bereits Gerüchte, man habe K. „das fernere Schreiben untersagt“.

Der eigentliche „Zensurkonflikt“ K.s entzündet sich an seiner späteren religionsphilosophischen Hauptschrift über „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. „Das ganze Werk sollte“ nämlich ursprünglich, wie K. dem Göttinger Theologieprofessor Stäudlin am 4.5.1793 berichtet, „in 4 Stücken in der Berliner Monats Schrift, doch mit der Censur der dortigen Commission herauskommen“. Was K. veranlaßt hat, die Arbeit ohne Not der berüchtigten Berliner Immediat-Examinations-Kommission vorzulegen und den Konflikt damit geradezu heraufzubeschwören, ist nicht mit Sicherheit auszumachen – da die „Monatsschrift“ damals bereits in Jena, also im Ausland, gedruckt wurde, fiel sie, wie K. sehr wohl wußte, juristisch gesehen gar nicht mehr unter deren Zuständigkeit. Jedenfalls passiert das 1. Stück unbeanstandet die Berliner Zensur und erscheint im April 1792 wie geplant unter dem Titel „Ueber das radikale Böse in der menschlichen Natur“; dem zweiten dagegen verweigern die Zensoren Gottlob Friedrich Hühner und Hermann Daniel Hermes am 14.6.1792 die Druckerlaubnis. Eine Eingabe Biesters (vom 15. Juni) und ein außerordentlich mutiges Immediatgesuch desselben an den König (vom 20. Juni) bleiben ohne Erfolg. Angesichts dieser Sachlage entschließt sich K., die vier Beiträge zusammen als Buch zu veröffentlichen. Zur Erlangung der Druckerlaubnis unternimmt er zwei Schritte. Zunächst ersucht er die Theologische Fakultät in Königsberg um die Klärung der Vorfrage, ob die Schrift überhaupt in den Kompetenzbereich der Theologie falle. Nach dem gewünschten und erwarteten negativen Bescheid erhält er dann von Justus Chrst. Hennings, dem Dekan der Philosophischen Fakultät in Jena, wo die Schrift gedruckt wurde, das eigentliche Imprimatur. Bereits Ostern 1793 liegt das Werk im Druck vor.

Während sich in Berlin bereits das Gewitter über K. zusammenbraut – „mit Kantens schädlichen Schriften muß es auch nicht länger fortgehen“, schreibt Friedrich Wilhelm II. am 30.3.1794 eigenhändig an Wöllner – und in Deutschland die verschiedensten Gerüchte („Inquisizion gegen Kant“, Amtsenthebung, Verbannung, Emigration) umlaufen, veröffentlicht K. im Juni 1794 in Biesters „Monatsschrift“ („ehe noch das Ende Ihrer und meiner Schriftstellerey eintritt“) einen weiteren religionsphilosophischen Beitrag über „Das Ende aller Dinge“. In ihm charakterisiert er ein „mit gebieterischer Autorität bewaffnetes“ Christentum (wie Wöllner es praktizierte) als Herrschaft des „Antichrist“, der eben damit „sein (vermuthlich auf Furcht und Eigennutz gegründetes), obzwar kurzes Regiment anfangen“ würde. Über das mit diesem Beitrag verbundene Risiko ist K. sich offensichtlich im klaren; er ist auf alles gefaßt: „überzeugt, jederzeit gewissenhaft und gesetzmäßig gehandelt zu haben, sehe ich dem Ende dieser sonderbaren Veranstaltungen ruhig entgegen“.

Etwa 3 Monate später erhält der 70jährige K., der auf der Höhe seines Ruhms steht, ein scharfes, von Wöllner selbst unterschriebenes Königliches Reskript (vom 1.10.1794). Es gipfelt in der unverhohlenen Drohung, K. habe sich „bei fortgesetzter Renitenz unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen“. In einem ausführlichen Antwortschreiben weist K. zunächst den Vorwurf Wöllners zurück, er habe seine Philosophie „zu Entstellung und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der heiligen Schrift und des Christenthums mißbraucht“. Am Schluß seines Schreibens aber tut K. –zur Überraschung seiner Freunde wie seiner Gegner – wie so häufig das gänzlich Unerwartete: er verzichtet in aller Form auf jede weitere Äußerung im Felde der Religionsphilosophie. Seine diesbezügliche Erklärung lautet: „so halte ich, um auch dem mindesten Verdachte darüber vorzubeugen, für das Sicherste, hiemit, als Ew. Königliche Maj. getreuester Unterthan, feierlichst zu erklären: daß ich mich fernerhin aller öffentlichen Vorträge die Religion betreffend, es sei die natürliche oder geoffenbarte, sowohl in Vorlesungen als in Schriften gänzlich enthalten werde“. Die Sorge, bei einer längeren Diskussion im Hin und Her von Anklage und Verteidigung zu mehrdeutigen oder mißverständlichen Äußerungen über die Sache gedrängt zu werden, mag bei dieser – immer wieder diskutierten und umstrittenen – Entscheidung eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. hat K. die genannten beiden Schriftstücke 1798 in seiner Abhandlung „Der Streit der Facultäten“ selber der Öffentlichkeit vorgelegt. Zu der Formulierung „als Ew. Königliche Maj. getreuester Unterthan“ bemerkt er dabei: „Auch diesen Ausdruck wählte ich vorsichtig, damit ich nicht der Freiheit meines Urtheils in diesem Religionsproceß auf immer, sondern nur so lange Se. Maj. am Leben wäre, entsagte.“

Zuvor aber verlagert K., weit entfernt von Resignation oder Mutlosigkeit, seine schriftstellerische Arbeit auf ein anderes, kaum weniger brisantes Tätigkeitsfeld: das Feld des Politischen. Etwa ein Jahr nach dem Reskript Wöllners, im Herbst 1795, erscheint seine Schrift „Zum ewigen Frieden“. Sie findet eine ungewöhnlich rasche Verbreitung: die 1. Auflage von 2 000 Exemplaren ist in kürzester Zeit vergriffen, noch im gleichen Jahr wird vom Verleger ein Nachdruck hergestellt, bereits ein Jahr später kommt die 2. „vermehrte“ Auflage heraus. Zwei französische Übersetzungen erscheinen 1795 in Bern und 1796 in Königsberg.

Die letzten Schriften, die K. noch selbst zum Abschluß bringt, fallen fast ausnahmslos in den Bereich der praktischen Philosophie. Ihr leitendes Interesse gilt nun aber nicht mehr wie in den 80er Jahren der Grundlegung und Kritik, sondern der inhaltlichen, „doctrinalen“ Ausführung und Vervollständigung des kritischen Systems, oder anders formuliert: der Anwendung der kritischen Grundsätze auf die konkreten Probleme menschlichen Handelns. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der „Metaphysik der Sitten“ zu, die K.s System der Moralphilosophie enthält. Die Pläne zu einem solchen Werk, dessen Idee (darauf hat neuerdings Giorgio Tonelli hingewiesen) innerhalb der Geschichte der praktischen Philosophie ohne Vorläufer zu sein scheint, lassen sich zwar, wie schon ausgeführt, bis in die 60er Jahre zurückverfolgen und treten nach 1785 auch wieder mehr in den Vordergrund, ihre endgültige Realisierung aber scheint, nach den Zeugnissen des Briefwechsels zu urteilen, erst Anfang der 90er Jahre, also erst nach Abschluß der gesamten kritischen Arbeit, in Gang zu kommen. Jedenfalls spricht K. im Dezember 1792 von seiner „unter Händen habenden Metaphysik der Sitten“, im Mai 1793 von der „vorhabenden Metaphysik der Sitten“. Das Werk kommt in 2 Teilen heraus:|Ende 1796 oder Anfang 1797 erscheinen die „Metaphysischen Anfangsgründe der Rechtslehre“, im Spätsommer 1797 die „Metaphysischen Anfangsgründe der Tugendlehre“. Fast gleichzeitig veröffentlicht K. in den von Biester herausgegebenen „Berlin. Blättern“, dem Nachfolgeorgan der „Berlin. Monatsschrift“, den Aufsatz „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“, der gemeinhin als ein besonders krasses Beispiel des sogenannten K.schen Rigorismus verstanden (oder mißverstanden) und kritisiert wird.

Im darauffolgenden Jahr schließlich erscheint K.s „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“, die gleichsam den empirischen Teil der praktischen Philosophie abdeckt. Ihr Thema sind nicht die „reinen“, a priori einsichtigen Imperative des moralischen Verhaltens (der „Sittlichkeit“), sondern die auf Beobachtung und Lebenserfahrung beruhenden Regeln des pragmatischen Umgangs mit Menschen (der „Klugheit“). Diese Schrift, ihre Ausarbeitung fällt allem Vermuten nach in die Jahre 1796/97, nimmt unter K.s Veröffentlichungen eine Sonderstellung ein: sie geht auf die Anthropologievorlesungen zurück, die K. seit dem WS 1772/73 regelmäßig gehalten hat, und ist die einzige Vorlesung, die noch von ihm selbst für den Druck ausgearbeitet worden ist. Zahlreiche Unausgeglichenheiten des Werks, nicht zuletzt die Schwankungen im Begriff der „pragmatischen Anthropologie“ selber, sind wohl auf diese Art der Entstehung zurückzuführen.

Seine übrigen Vorlesungen sind nicht mehr von K. selbst (der allem Vermuten nach im SS 1796 sein letztes Kolleg gehalten hat) veröffentlicht worden. Vielmehr geht K. Anfang des Jahres 1799 daran, die „Koncepte“ und „Papiere“, nach denen er seine Vorlesungen gehalten hatte, zwei jüngeren Kollegen, die früher einmal zu seinen Hörern gezählt hatten, zu übergeben und ihnen die Bearbeitung und Drucklegung derselben zu übertragen. So erscheint 1800, herausgegeben von Gottlieb Benjamin Jäsche, „Immanuel Kants Logik, Ein Handbuch zu Vorlesungen“. 1802 gibt Rink „Immanuel Kant's physische Geographie“, 1803 K.s Vorlesungen „über Pädagogik“ heraus. Durch die umfassende Veröffentlichung des K.schen Nachlasses im Rahmen der Akademie-Ausgabe von „Kant's gesammelten Schriften“ (1911-55) sind diese Ausgaben, so interessant sie für die Wirkungsgeschichte der K.schen Philosophie auch nach wie vor sein mögen, weitgehend überholt und relativiert. Nach seinem Tode sind auch zahlreiche andere Vorlesungen K.s aufgrund von Nachschriften veröffentlicht worden. Von ihnen können hier nur die wichtigsten angeführt werden, so die „Vorlesungen über die philosophische Religionslehre“ (1817) und die „Vorlesungen über die Metaphysik“ (1821), beide herausgegeben von K. H. L. Pölitz, sowie die Vorlesungen über „Menschenkunde oder philosophische Anthropologie“ (1831), herausgegeben von Fr. Ch. Starke [= →Johann Adam Bergk]. Die exakte wissenschaftliche Edition und Analyse aller dieser Vorlesungen, die eine wichtige Ergänzung zu den gedruckten Werken bilden, ist bis heute nicht abgeschlossen.

Das Alterswerk (1796–1804)

K.s letzte Lebensjahre sind in wachsendem Maße von Alterserscheinungen überschattet. Nach den Angaben des Predigers Ehregott Andreas Christoph Wasianski, der in den 70er Jahren K.s „Amanuensis“, also eine Art Hilfsassistent, gewesen ist und dem K. im November 1801 die gänzliche Führung seiner Geschäfte anvertraut, machen sich schon 1799 die ersten Anzeichen des Verfalls bemerkbar: „Kopfbedrückungen“, „Abnahme seines Gedächtnisses“, Verlust des Zeitmaßes und so weiter. Sein großer Verstand, so heißt es bei Wasianski, schlug zwar noch „oft in lichten, selbst blendenden Flammen wieder auf“, loderte aber „bisweilen nur noch unter der Asche“. Die wenigen Briefe, die von K. aus den Jahren 1799-1803 erhalten sind, und der Nachlaß bestätigen dieses Bild.

So kommt es, daß das letzte von K. in Angriff genommene große Werk, das sogenannte „Opus postumum“, das in wichtigen Punkten frühere Auffassungen K.s bewußt zu korrigieren scheint, nicht mehr zum Abschluß gelangt und am Ende nicht der System-, sondern der Prozeßdenker das letzte Wort behält. Die Pläne zu diesem Werk, „das vom Uebergange von der Metaphysik der Natur zur Physik handeln sollte“ (Wasianski), scheinen bis zum Anfang der 90er Jahre zurückzugehen, der früheste zusammenhängende Entwurf (der sogenannte „Oktaventwurf“) stammt nach den Feststellungen von →Erich Adickes aus der Zeit um 1796. K. scheint diesem Werk, an dem er noch in seinem letzten Lebensjahr arbeitet, außerordentliche Bedeutung beigemessen zu haben; nach den Angaben Borowskis und Jachmanns sah er in ihm den „Schlußstein seines ganzen Lehrgebäudes“, nach der Darstellung Hasses sein „Hauptwerk“, sein „Chef d'oeuvre“. In einem Brief an Garve vom 21.9.1798 spricht K. von dem „Tantalischen Schmertz“, „den völligen Abschlus meiner Rechnung, in Sachen welche das|Ganze der Philosophie … betreffen, vor sich liegen und es noch immer nicht vollendet zu sehen“. Bei Wasianski heißt es: „Die Anstrengung, die K. auf die Ausarbeitung dieses Werks verwandte, hat den Rest seiner Kräfte schneller verzehrt. Er gab es für sein wichtigstes Werk aus.“

Das letzte Lebensjahr ist durch einen rapiden Verfall der körperlichen und geistigen Kräfte gekennzeichnet, den K. selber mit schrecklicher Deutlichkeit registriert. Am 8. Oktober 1803 erkrankt er zum ersten Mal in seinem Leben schwer, vier Monate später, am 12.2.1804, Sonntag vormittags um 11 Uhr, setzt der Tod seinem Leben ein Ende.

Wirkungsgeschichte

Die Wirkungsgeschichte der K.schen Philosophie ist nicht ohne Zwiespältigkeit, ja Tragik. Auf der einen Seite nämlich hat K. den weiteren Gang der Philosophie bis hin zur Gegenwart in Problemstellung und Terminologie tiefgreifend beeinflußt. Kaum eine philosophische Richtung der Folgezeit ist nicht in irgendeiner Form davon betroffen. Auf der anderen Seite aber sind die Grundintentionen und -haltungen seines Denkens wohl zu keinem Zeitpunkt in ihrer ganzen Vielfalt genuin aufgenommen und weitergeführt worden, ja es stellt sich die Frage, ob es nicht bestimmte Momente innerhalb der kritischen Philosophie selber gewesen sind, die schon bald eine philosophische Bewegung ausgelöst haben, welche den grundlegenden Überzeugungen K.s diametral widersprach.

Im einzelnen lassen sich in der K.rezeption und -interpretation insbesondere fünf große Etappen unterscheiden, die in der Regel jeweils einen bestimmten Aspekt des K.schen Denkens in den Mittelpunkt gerückt haben: 1. die spontane, „buchstabengetreue“ Kantrezeption nach 1785, die die K.sche Philosophie in zahllosen Handbüchern, Kommentaren, Erläuterungsschriften und Lexika binnen weniger Jahre über ganz Deutschland verbreitet hat (Johann Schultz, Karl Christian Erhard Schmid, der frühe Karl Leonhard Reinhold, Ludwig Heinrich Jakob, Johann Gottfried Karl Christian Kiesewetter, Georg Samuel Albert Mellin und zahlreiche andere); 2. die spekulative K.rezeption des Deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel), die vor allem durch Jacob Sigismund Becks Schrift über den „Einzig-möglichen Standpunkt, aus welchem die critische Philosophie beurtheilt werden muß“ (1796) vorbereitet worden ist; 3. die erkenntnistheoretische K.rezeption des Marburger Neukantianismus (Hermann Cohen, →Paul Natorp und andere), die um 1871 nach Jahrzehnten der Mißachtung eine bahnbrechende Renaissance der Kantischen Philosophie herbeigeführt hat; 4. die ontologisch-metaphysische K.rezeption nach 1924 (Heinz Heimsoeth, Max Wundt, Martin Heidegger, →Gottfried Martin und andere); 5. die K.rezeption der Gegenwart, die in der europäischen wie in der amerikanischen Philosophie einen nicht unwichtigen Platz einnimmt, aber nur schwer auf einen Nenner zu bringen ist. Sie orientiert sich vornehmlich an den Problemen der Wissenschaftstheorie, der Grundlegung einer praktischen Philosophie und der Geschichtsphilosophie. Darüber hinaus sind auch zahlreiche andere philosophische Schulen unterschiedlichster Provenienz wie der Positivismus, der Pragmatismus, die Phänomenologie, die Existenzphilosophie oder der Kritische Rationalismus mehr oder weniger stark von K. beeinflußt worden.

Die Wirkung, die von K. ausging, beschränkt sich jedoch nicht auf den Bereich der Philosophie. Kaum weniger stark ist seine Ausstrahlung auf andere Wissenschaften, ja auf weite Bereiche des öffentlichen Lebens gewesen. Das gilt vornehmlich für die protestantische Theologie, aber auch für nicht unbedeutende Strömungen innerhalb des Katholizismus, für die Rechtswissenschaft, die Geschichtswissenschaft, die Soziologie und für die Pädagogik. Im Felde des Politischen wären an erster Stelle die preußische Reformbewegungen zu nennen sowie respektable Strömungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, die von dem „neukantischen Sozialismus“ insbesondere Cohens beeinflußt sind. In der Literatur sind es vor allen anderen Schiller und Kleist, die von dem epochemachenden Einfluß der K.schen Philosophie Zeugnis geben.

7. Wilhelm von Humboldt

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Fünf Tage vor seinem Tode richtete →Goethe den letzten Brief seines Lebens an H. Darin heißt es: „Das beste Genie ist das, welches alles in sich aufnimmt, sich alles anzueignen weiß, ohne daß es der eigentlichen Grundbestimmung, demjenigen, was man Charakter nennt, im mindesten Eintrag tue, vielmehr solches noch erst recht erhebe und durchaus nach Möglichkeiten befähige.“ Diese Worte können als eine Selbstschau →Goethes gedeutet werden. Sie können aber auch auf den Adressaten bezogen werden, denn es war H. eigentümlich, sich alles anzueignen, ohne dabei sein Eigentlichstes zu gefährden. Wer heute über das Leben H.s schreibt, muß sich eingestehen, daß er dem schon Bekannten Neues kaum hinzuzufügen hat. Die Werke und die Briefe liegen in musterhaften Ausgaben vor, und sein Leben ist bis in alle Winkel erforscht worden. Darüber hinaus besitzen wir die klassische Biographie→Hayms, die philosophische Würdigung →Sprangers und die kritische Bewertung des Staatsmannes von Kaehler. Nur der Sprachforscher hat bisher keine zusammenfassende Würdigung erfahren (s. II).

Durch Geburt und Umstände gehörte H. der preuß. Aristokratie an, und ein Aristokrat ist er sein Leben lang geblieben, ein Edelmann, dem die Tore der Welt und der Gesellschaft offenstanden. Im Deutschland des späten 18. Jh. gab es nur wenige Mitglieder der geistigen Elite, denen pekuniäre Sorgen erspart geblieben sind. Man denkt unwillkürlich an →Goethe und den einen oder anderen, aber die Mehrheit der großen Deutschen hatte es schwer, sich in der ständisch-aristokratischen Gesellschaft durchzusetzen. Daß H. dies nicht auferlegt wurde, hat sein Leben in zweifacher Weise bestimmt: Es gab ihm Freiheit und Souveränität gegenüber dem Druck feindseliger Umstände, was ihm erlaubte zu schreiben, „am Ende brauchen wir den Dienst nicht, wenn er einmal unangenehm würde“. Positiv gesprochen, gestattete ihm die finanziell gesicherte Position eine Selbsterziehung, die durch kein Fach- oder Zunftgebot eingeschränkt war. Beides zusammen hat die Voraussetzung dafür geschaffen, daß er sich dem goetheschen Ideal der Bildung so öffnen konnte wie kaum ein anderer Zeitgenosse.

Von Hauslehrern erzogen (→Campe, Künth), studiert der Frühreife zuerst in Frankfurt/Oder und 1788 in Göttingen die Rechte, nicht nur, weil es ihn zum Eintritt in den Staatsdienst qualifiziert, sondern weil es einen weiten Ausblick auf das Leben gewährt und das Studium der klassischen Sprachen voraussetzt. Diese haben H. sein Leben lang angezogen und festgehalten. Daneben führen Reisen ins „Reich“, in die Schweiz und 1789 in das revolutionäre Frankreich.

In das gleiche Jahr fällt seine Verlobung mit →Caroline v. Dachroeden. H.s Verhältnis zu Frauen ist nicht einfach zu bestimmen. Seine Jugendbriefe zeigen den Ton der Schwärmerei, die das Gefühlsleben der deutschen Jugend bestimmte. Ihm war der Umgang mit Frauen unerläßlich, um die Totalität seines Wesens in Schwingung zu versetzen. Noch bevor er die Universität bezog, hat er →Henriette Herz nahegestanden. In Göttingen fühlte er sich von →Therese Forster, der Frau seines Freundes, angezogen. Neben solchen Seelenfreundschaften haben gewiß auch andere Beziehungen bestanden. H.war eine sinnliche Natur und war sich des epikuräischen Einschlages in seiner Anlage wohl bewußt. Die Sehnsucht nach Liebe und Liebe im Genuß schien ihr Ziel gefunden zu haben, als H. 1788 →Caroline v. Dachroeden begegnete. Beiden erschien Liebe als die einzig denkbare Form der Glückseligkeit. Für mehr als ein Jahrzehnt hat die Ehe beiden die tiefste Beglückung gewährt, eine Art „individueller Weltschöpfung“, in der sich Ideal und Wirklichkeit zu vermählen schienen. Sie hat auch die Gefährdung überstanden, als beide Gatten Befriedigung bei anderen Menschen suchten und fanden, so etwa 1809 die leidenschaftliche Beziehung zu →Johanna Motherby, die der 40jährige so schwärmerisch verehrte wie ein 14jähriger Gymnasiast. Später tritt →Charlotte Diede, der er schon als Jüngling begegnet war, zum zweiten Male in sein Leben, und er öffnet ihr sein Herz in den berühmten „Briefen an eine Freundin“ (2 Bde., 1909). Man kann also nicht behaupten, daß seine seelische Harmonie nie von den Stürmen der Leidenschaft erschüttert worden sei. Ebenso falsch ist es freilich, die Bedeutung dieser Erlebnisse für H. zu übersteigern und ihn als einen Romantiker darzustellen, der „im Genuß nach Begierde“ verschmachtete. Das heißt nicht nur H., sondern auch den romantischen Typus verkennen. Man darf in diesem Zusammenhange an einen Satz aus seinen autobiographischen Aufzeichnungen erinnern: „Es gibt im Menschen… immer einen gewissen Teil, der nur ihn und sein zufälliges Dasein angeht und recht eigentlich unerkannt mit ihm dahin stirbt. Dagegen gibt es in ihm einen anderen Teil, durch den er mit der Idee zusammenhängt, die sich in ihm vorzüglich klar ausspricht, und von der er das Symbol ist.“ Uns liegt es ob, jenen „zufälligen Teil“ nicht zu verkleinern, aber im Falle H.s bleibt doch,|was ihn mit der Idee verbindet und zum Symbol eines Überpersönlichen macht, das Entscheidende. Auch sind die Sphären des Zufälligen und des Symbolischen, oder wie wir heute sagen würden, des Existentiellen, in H. nicht so scharf getrennt. Neben der Geliebten steht der Freund, ohne den H.s Leben nicht zu denken ist. Es war Caroline selbst, die H. →Schiller zuführte. Für den 8 Jahre Jüngeren bedeutet diese Begegnung den Anfang einer neuen Epoche in seinem Leben. →Schiller ist für H. die Verkörperung alles dessen, wonach er selbst strebt: ein Leben für die Idee und in der Idee. „Mir heißt ins Große und Ganze wirken, auf den Charakter der Menschheit wirken, und darauf wirkt jeder sobald er auf sich und bloß auf sich wirkt.“ Dies ist in jenen Jahren das dominierende Ideal: der Gedanke der Selbstvollendung. Bilde dich selbst, und du wirst auf andere wirken durch das, was du bist. Es war, wie →Haym es ausdrückt, ein idealistischer Quietismus, man könnte auch sagen ein quietistischer Idealismus, der sich in vielem mit den Idealen →Goethes und →Schillers in jenem Jahrzehnt begegnet.

H. war davon durchdrungen, daß diese Selbstvollendung nur auf dem Wege über das klassische Altertum zu erreichen sei. Der antike Mensch war ihm der vollkommene Mensch und die Kenntnis dieser Vollkommenheit dem Historiker wie dem Philosophen und dem Künstler, ja dem Genießenden, unentbehrlich. Wie hätte sich H. damals selbst gesehen? Gewiß nicht als Künstler und kaum als Philosoph, wahrscheinlich aber als Genießender. Denn das war er in jenen Jahren. Nach einer kurzen Zeit im preuß. Staatsdienst scheidet er 1791 aus dem Amt und lebt nun auf den Gütern seiner Frau, bis er 1794 nach Jena übersiedelt, wo Schiller lebt und wohin bald alle führenden Geister Deutschlands tendieren. In diesem Jahrzehnt bleibt H. ein Gebildeter auf der Suche nach seiner Bestimmung und Aufgabe. An Plänen gebrach es nicht, ja es waren ihrer zu viele, und sie waren zu groß konzipiert, um eine Durchführung zu erlauben. Die Schriften „Plan einer vergleichenden Anthropologie“ (1795), „Über männliche und weibliche Form“ (1795), „Über den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluß auf die organische Natur“ (1794) kreuzen sich mit kritischen Versuchen beschränkterer Art über „Hermann und Dorothea“ (1799) oder „Über die gegenwärtige franz. tragische Bühne“ (1799). Kein Wunder, daß ihn der Gedanke bedrückte, doch eigentlich nur ein Dilettant zu sein, dem es, wenn nicht an Ausdauer, so doch an Konzentration gebrach. Gewiß ist, daß H. damals noch nicht reif war, sich für eine begrenzte Tätigkeit in einem begrenzten Felde zu entscheiden. Es gehörte Vertrauen in das Glück des Lebens dazu, diesen Weg zu gehen, und daran hat es H. auch nicht gefehlt. Bei aller Bescheidenheit hat er sich doch, wie Goethe, stets als einen „Liebling der Götter“ gefühlt. Es war ihm vergönnt, lange Zeit in Paris zu verbringen (Ende 1797-Sommer 1801), um von dort nach Spanien zu gehen (1799), ein Land, das nur wenige Deutsche vor ihm bereist hatten und an dem ihn vor allem die baskischen Ureinwohner und die baskische Sprache interessierten (Frühjahr 1801 reiste er erneut in die Gascogne und an die Biskaya).

Vielleicht ist es ungerecht, aus der Summe seiner mannigfaltigen Versuche einen herauszusondern und zu sagen, er repräsentiere den ganzen H. Aber seine „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ (1792) sind der Beginn seiner Beschäftigung mit dem Individuum in seinem Verhältnis zur Menschheit, also kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu. Schon 1791 hatte sich H. mit dem Problem des Staates beschäftigt, das durch die Franz. Revolution in ein neues Licht gerückt worden war. Er war damals höchst skeptisch und glaubte nicht, daß das franz. Vorbild Nachahmung finden würde. Ein Jahr später warf er die Frage auf, welchen Zweck die ganze Staatseinrichtung besitze und welche Schranken ihr gesetzt werden sollen. H. wollte alle jene Tätigkeiten dem Zugriff des Staates entziehen, die der freien, ungehemmten Wirksamkeit der Bürger entspringen. Der Einzelne wurde der Gemeinschaft übergeordnet, das Individuum dem Staate. „Der wahre Zweck des Menschen … ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte.“ Die Sorgfalt des Staates für das positive Wohl seiner Bürger hindre die Entfaltung der Individualität und Eigentümlichkeit des Menschen. Daraus zieht H. den Schluß, daß der Staat sich jeder Sorgfalt für das Wohl seiner Bürger zu enthalten habe und sich auf die Sicherstellung gegen innere und äußere Feinde beschränken müsse. Er lehnt nicht nur den aufgeklärten Despotismus, sondern auch die Repräsentativ-Verfassung ab. Selbst die öffentliche Erziehung wird verworfen, da sie darauf gerichtet ist, den Menschen in bürgerlichen Formen zu bilden, statt ihn zu einem freien Gebildeten zu machen. Es ist leicht zu erkennen, daß H.s Entschluß, dem preuß. Staate den Rücken zu kehren, aus tiefeingewurzelter Überzeugung erwachsen war. H.s Schrift ist eines der ersten großen Bekenntnisse des deutschen Liberalismus, wirklichkeitsfremd und verstiegen in seiner Unbedingtheit. Wie →J. P. Gooch es ausgedrückt hat, „his state was only possible in a community of Humboldts“. Und doch kann man in der Rückschau auf die Geschichte des deutschen Liberalismus nur wünschen, daß dieser der idealistischen Frühkonzeption treuer geblieben wäre, als er es schließlich gewesen ist. Eine Wirkung war H.s Versuch freilich nicht beschieden, da nur Teilstücke seiner Schrift an die Öffentlichkeit gelangten und das ganze erst viel später bekannt wurde (1851), also zu einer Zeit, wo für den aristokratischen Individualismus H.s weder Raum noch Verständnis bestand.

Doch täte man H. Unrecht, wollte man behaupten, es sei ihm nur um das Individuum zu tun. Die Bildung der Individualität findet ihre notwendige Ergänzung in der Universalität, aus beider Verbindung am Ende die Totalität hervorgeht. Nur der besitzt die wahre Humanität, der diese Dreiheit errungen hat. H. selbst hat sich nach langem Zögern doch dazu verstanden, dem preuß. Staate zu dienen, freilich in einer Stellung, die ihn kaum zum Einsatz seiner intellektuellen oder moralischen Person verpflichtete. Er bewarb sich um die Stellung des preuß. Residenten beim Vatikan und wurde 1802 zum Geheimen Legationsrat ernannt. Im gleichen Jahre trifft er in Rom ein und richtet sich in der Villa di Malta auf dem Monte Pincio ein. Wären Selbsterfüllung und menschliche Glückseligkeit die einzigen Triebfedern seiner Existenz gewesen, so hätte er in Rom die Antwort auf alle jene Fragen finden müssen, die den Stetig-Unstetigen bewegten. Seine Briefe aus dieser Zeit atmen eine tiefe Harmonie zwischen „Individualität“ und Welt. Vor ihm lag das unerschöpfliche Panorama der urbs aeterna als ein ständiger Anreiz zu Studium und Genuß, und er fand einen Kreis kongenialer Künstlernaturen, der ihn befruchtete und dem er selbst zum Mäzen wurde. Zwar fehlte es auch nicht an tragischen Erlebnissen. Zwei seiner Kinder starben am röm. Fieber. Aber weder dies, noch der Tod Schillers hat die Magie der Stadt zu zerstören vermocht. H. empfand den Drang der Geschäfte weniger drückend, als er gefürchtet hatte. Er erledigte sie mit der Leichtigkeit des Mannes, der zum Regieren geboren war. Diese Fähigkeit wird sich auch später bekunden und schafft Muße für seine künstlerischen und philosophischen Interessen.

Während rings um ihn die Welt in Kämpfen zittert, das Hl. Röm. Reich zerfällt und →Napoleons Großmacht aufsteigt, scheint H. auf seinem „Zauberberg“ ein verwunschenes Dasein zu führen. Aber als 1808 aus dem geschlagenen Preußen der Ruf kam, sich dem Vaterland zur Verfügung zu stellen, hat er doch kaum gezögert. Im Okt. 1808 verläßt er Rom, und schon wenige Monate später wird er zum Geh. Staatsrat befördert. Er wird Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht im Ministerium des Innern. Es folgen 10 Jahre unermüdlicher Tätigkeit, in der H. nicht nur in die Vorfront der Reform-Generation aufrückt, sondern zum Staatsmann von europ. Ruf wird. Gewiß liegt hier eine Wandlung vor, aber doch kein Bruch. Der Kontemplative entdeckt in sich Kräfte, die bisher nur geschlummert hatten, er weiß sie zum Nutzen des Gemeinwesens anzuwenden, mit dem er sich nun identifiziert. Die beschauliche Seite seines Wesens wird davon jedoch nicht ausgelöscht; inmitten der Staatswirren findet er die Sammlung, an seiner Übertragung des Aeschylus zu arbeiten, und selbst in den Augenblicken der höchsten Anspannung verraten seine Briefe eine Distanz vom täglichen Geschehen, die einzigartig ist. Er wußte menschliche Schwächen mit dieser Serenität zu bekämpfen und zu überwinden. Es war die Wahrheit, als er seiner Frau schrieb: „Wie Du mich kennst, ich bin in meinem Leben auf niemanden böse.“ Das hieß freilich nicht, daß er frei von Ehrgeiz war. Er hatte eine sehr klare Vorstellung von dem, was er schaffen wollte, und glaubte darum, daß ihm ein Platz gebühre, an dem er alle seine Kräfte einsetzen könne, sei es als Minister oder als Botschafter. Vielleicht war dies sogar die Achillesferse des sonst Unverwundbaren, jedenfalls hat sein Ehrgeiz dazu beigetragen, seiner politischen Tätigkeit ein vorschnelles Ende zu bereiten.

Wir sehen heute die preuß. Reformbewegung in einem anderen Licht als die Generation →F. Meineckes. Es war ihr kein voller Erfolg beschieden, aber sie darf doch auch nicht schlechtweg als ein Fehlschlag bezeichnet werden. H.s Werk und Leben geben Zeugnis von diesem Zwiespalt. Niemand kann leugnen, daß ihm die Neugestaltung des preuß. Unterrichtswesens zu danken ist, auch wenn man der Mitarbeit von →Nicolovius und →Süvern eingedenk bleibt. Ihr Kernstück war die Errichtung der Univ. Berlin, die H. schon 1810 ins Leben rief. Seine Denkschrift „Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“ (1809) darf auch heute noch als ein mustergültiger Ausdruck dessen betrachtet werden, was die Universität bis in unsere Zeit dargestellt hat: „das geistige Leben des|Menschen, die äußere Muße oder inneres Streben zur Wissenschaft oder Forschung“. Die Univ.Berlin wurde zum Mittelpunkt des wissenschaftlichen Lebens in Deutschland und zum Vorbild späterer Gründungen. Daneben wurde das humanistische Gymnasium zur Basis des höheren Unterrichts gemacht und so die deutsche Erziehung für ein Jahrhundert auf die Prinzipien des Neuhumanismus eingeschworen.

Da H. seine Ideen über die notwendige Organisation der Staatsbehörden nicht durchsetzen konnte, bat er den König schon nach einem Jahr (1810) um seinen Abschied. Der König und Hardenberg aber wollten dieses außerordentliche Talent nicht verlieren, und so wurde er zum Gesandten in Wien ernannt. Wien war nach Paris der wichtigste diplomatische Posten, da die Vermählung →Napoleons mit →Maria Louise Österreich zum stillschweigenden Verbündeten Frankreichs gemacht hatte. Von Anfang an hat sich H. die Aufgabe gestellt, den widerwilligen →Kaiser Franz und den skeptischen →Metternich für die große Allianz gegen →Napoleon zu gewinnen. Es war ein diplomatischer Sieg ersten Ranges, daß ihm dies nach 3 Jahren gelang. Im August 1813 schrieb er an Caroline: „Ich stehe auf dem Punkte, den ich zu erreichen wünschte. Ich habe jetzt eine wichtige Sache im Leben durchgesetzt.“ Aber nichts zeigt diesen komplizierten Geist besser als die Tatsache, daß er sich 5 Tage nach der Schlacht von Leipzig mit einem klassischen Philologen über seine Übertragung des Agamemnon unterhielt.

Als preuß. Gesandter folgte er den siegreichen Armeen über den Rhein und verfaßte im Winter 1813 die erste Denkschrift über die zukünftige Verfassung Deutschlands. Er schlug vor, daß sich alle deutschen Fürsten durch ein gegenseitiges Verteidigungsbündnis zu einem Ganzen zusammenschließen sollten. Ein solches Bündnis würde von den großen Mächten Europas garantiert werden, aber Österreich und Preußen sollten die eigentlichen Schutzmächte dieser Föderation sein. Die Verteidigung des Bundes sollte allen deutschen Fürsten obliegen, aber die Erklärung des Kriegsfalles war Österreich und Preußen vorbehalten. In jedem deutschen Staat sollten Stände eingerichtet oder wiederhergestellt werden. Gut eingerichtete Stände, sagte H., seien nicht bloß eine Schutzwehr des Bürgers gegen die Regierung, sie erhöhten auch „das Gefühl der Selbständigkeit in der Nation“. Sollte das Deutsche Reich wieder auferstehen, so müßten dem neuen Oberhaupt wahre Reichsstände zur Seite stehen.

Als der Krieg dann nach Frankreich hineingetragen wurde, mußte H. sich eingestehen, daß „das Friedensmachen eins der undankbaren Geschäfte“ sei. Er wurde zum Wortführer der preuß. Großmachtansprüche. So war es fast selbstverständlich, daß er im Sommer 1814 zusammen mit →Hardenberg Preußen auf dem Wiener Kongreß vertrat. Mehr und mehr war er durchdrungen von der Notwendigkeit, „eine so enge Verbindung als möglich zwischen dem Volk und den höheren Ständen“ anzuknüpfen, da letzthin doch alle Frische der Nation im Volke liege. Als →Napoleon aus Elba floh, war H. entschlossen, den Kampf bis zum Ende durchzuführen. In einer Beratung der leitenden Staatsmänner sagte er: „Kein Friede und kein Waffenstillstand mit ihm.“ Nach dem Ende des 2. Feldzuges setzte er zum zweiten Male seine Unterschrift unter den Friedensvertrag mit Frankreich. Vielleicht war dies der Grund, warum die franz. Regierung es ablehnte, ihn 1816 als Gesandten in Paris zu akkreditieren. Nach einigem Zögern übernahm er den gleichen Posten in London, jedoch mit dem Vorbehalt, daß dies nur als ein Übergang zu einem Posten im Ministerium betrachtet werden dürfe.

H. war davon durchdrungen, daß Preußens Aufgabe in Deutschland noch nicht abgeschlossen sei, daß Preußen anstreben müsse „die Verbesserung und Erweiterung der Bundesakte in Absicht aller inneren Einrichtungen, welche das Recht zu sichern und Willkür zu entfernen bezwecke“. H. wollte nicht, daß Deutschland unter preuß. Führung ein erobernder Staat werden sollte, „da man jetzt wohl weiß, welche bedeutenden Vorzüge in geistiger und wissenschaftlicher Bildung die deutsche Nation, so lange sie keine politische Richtung nach außen hatte, erreicht hat, aber es noch unausgemacht ist, wie eine solche Richtung auch in dieser Rücksicht wirken würde.“

Angesichts eines solchen Programms moralischer Eroberungen Preußens in Deutschland kann man es wohl verstehen, daß er darauf bestand, nur unter bestimmten Bedingungen in das Ministerium einzutreten. Aber diese Forderungen konnten leicht als Ehrgeiz ausgelegt werden, den Kanzler →Hardenberg selbst zu ersetzen. Die Beziehungen H.s zu dem Fürsten waren während des Kriegs und des Kongresses die besten gewesen, hatten sich aber seit 1817 ständig verschlechtert. H. wollte Minister des Auswärtigen werden, ein Amt, das sich Hardenberg vorbehielt. Wer an dem Zerwürfnis zwischen den beiden Männern die Schuld trägt, ist schwer zu sagen; gewiß ist, daß H.s Ehrgeiz dem Fürsten verdächtig war. Allen Erwartungen zum Trotz wurde H. im Januar 1819 in das Kabinett berufen, mit dem Auftrage, „die ständischen Angelegenheiten“ zu betreuen. Aber er hätte sich nicht verbergen dürfen, daß dieser Posten ihn unaufhaltsam in einen Konflikt mit Hardenberg treiben mußte, der ihm am Tage der Ernennung schrieb: „Ich arbeite jetzt an einer Konstitution, deren Beschleunigung der König nun ernstlich will.“ Schon im Febr. 1819 legte H. seinen eigenen Entwurf für eine landständische Verfassung Preußens vor. Er wollte die Verfassung nicht nur, weil sie feierlich versprochen worden war, sondern um den Bürger in seinem zivilen Geiste zu bestärken. Daher hielt er es auch für notwendig, Grundrechte in die Verfassung einzubauen. Diese sollten das Eigentum garantieren und die Freiheit des Gewissens und der Presse gewährleisten. Sie würden nicht nur dem einzelnen zugute kommen, sondern dem Staate selbst. Die Stände sollten nicht nur beratend, sondern beschließend an der Gesetzgebung teilnehmen. Das Recht der Steuerbewilligung, beziehungsweise der Steuerverweigerung, das 1862 eine so große Rolle spielen sollte, wollte H. den Ständen jedoch nicht zugestehen. H.s Plan war gemäßigt, durchaus nicht radikal. Die Einführung der ständischen Vertretung sollte, wie es einst auch Stein geplant hatte, stufenweise vor sich gehen. H. zeigt sich hier durchaus als der Staatsmann des Möglichen; jeder utopische Einschlag fehlt seinem Entwurf. Und doch ist er gescheitert.

Das Jahr 1819 war ein Krisenjahr für Deutschland. Am 20.9.1819 waren die Karlsbader Beschlüsse vom Deutschen Bund sanktioniert worden. Die Frage erhebt sich natürlich, was geschehen wäre, wenn Preußen H.s Pläne durchgeführt hätte. Aber der König war zu ängstlich und unentschlossen, einen solchen Schritt zu wagen, Hardenberg mißtraute H. aus persönlichen Gründen, und die Aristokratie mißbilligte jede Verfassung, die zu einer Beschneidung ihrer Privilegien führen mußte. Am 31.12.1819 wurde H. aus dem Amt entlassen; die Pension, die der König ihm zuerkannte, wies er zurück. Wir wissen heute, daß die Entlassung H.s ein Verhängnis für Preußen und Deutschland wurde. Sie bestärkte alle jene Kräfte des Autoritätsbewußtseins, der Klassenherrschaft und des Militarismus in Preußen, die einer friedlichen Entwicklung der gesellschaftlichen Energien den Weg verstellten.

H. hat dies nicht verhüten können und hat sich in das Unvermeidliche ohne Groll gefügt. Er war einer jener wenigen Menschen, auf die →Lord Actons Wort von der Macht, die korrumpiert, nicht zutrifft. Er erstrebte Macht nur, um objektive Ziele zu verwirklichen. Wo dies nicht möglich war, hat er die Macht gelassen an jene weitergegeben, die sie nur um ihrer selbst willen erstrebten. Wie er an Stein schrieb, wollte er nicht „vom Aktentisch ins Grab taumeln“ und hoffte, daß man nie wieder an ein Amt für ihn denken würde. „Für mich beschäftige ich mich jetzt mit Wissenschaft wie sonst.“ Und so folgen denn auf 10 Jahre intensiver politischer Wirksamkeit 15 Jahre der Kontemplation und des Studiums. Diese 15 Jahre sind im Ertrag für die Geisteswissenschaften so bedeutsam wie das Jahrzehnt seiner politischen Wirksamkeit für den Staat. Er zieht sich auf den Familienbesitz in Tegel zurück und läßt sich hier von Schinkel „eine Wohnung mit Gips und Marmor“ einrichten. Dem alternden H. wird nun die Humanität der gesamten Menschheit zum Problem. „Sonst pflegte ich mich in eine einzige Individualität einzuspinnen, und die ganze Welt in sie gleichsam aufzunehmen; jetzt scheinen sich mir alle im Ganzen der Menschheit zu verlieren.“ Die Werkzeuge auf diesem neuen Wege werden das vergleichende Sprachstudium und die Besinnung auf die Aufgaben des Geschichtsschreibers. In beiden Bereichen stößt H. zu neuen Erkenntnissen vor. Seine Abhandlung „Über die Aufgaben des Geschichtsschreibers“ (1822) setzt programmatisch die Linie, auf der sich später die deutsche Historiographie von →Ranke bis zu →Dilthey entwickeln wird. 1830 veröffentlicht er eine „Vorerinnerung über Schiller und den Gang seiner Geistesentwicklung“. Er schreibt an →Charlotte Diede: „Ich hatte mir das Alter immer reizend und viel reizender als die früheren Lebensepochen gedacht.“ Obschon auch er dem Alter seinen Zoll an Krankheit und körperlicher Gebrechlichkeit hat entrichten müssen, bleibt er sich doch selber treu, und seine Briefe atmen einen unvergleichlichen Freimut und ebenso viel Stolz wie Bescheidenheit. Als er 1835 starb, konnte man wohl sagen, daß ihm gelungen war (so weit dies ein Mensch überhaupt vermag), was er als die größte Aufgabe der Menschheit bezeichnet hatte: „sich selbst zu einem Symbole des Weltalls umzuschaffen“. Es war ein faustischer Wunsch, und H. bleibt in seinem Wesentlichen eine Gestalt des Goetheschen Zeitalters. In dieser Epoche steht er einzigartig da durch die abgewogene Harmonie von vita activa und vita contemplativa, für die man vergebens nach einer Parallele sucht.

II

Obwohl dem Staatsmann H. kein bleibender Erfolg beschieden war und seine idealistische Bildungsidee, deren lebendige Verkörperung er selber war, über den Versuch einer Realisierung nicht hinauskam, blieb er im allgemeinen Bewußtsein fixiert als der Mann, der z. B. über „die Grenzen der Wirksamkeit des Staates“ schrieb und in enger Verbindung zu unseren Klassikern stand. Selbst noch Eppelsheimers Handbuch der Weltliteratur erwähnt 1947 nichts von den zahlreichen sprachwissenschaftlichen Werken, die er in 25 Jahren schuf, ganz zu schweigen von seiner einzigartigen Bedeutung auf diesem Gebiet. Zwar wurde seinen Arbeiten zu seinen Lebzeiten kein unmittelbarer Erfolg zuteil; schon Steinthal, der Herausgeber seiner linguistischen Werke, stellte fest: „H. hat als Sprachforscher auf keinen seiner älteren oder jüngeren Zeitgenossen in spezifischer Weise, d. h. durch die ihm eigentümlich angehörenden, von ihm geschaffenen Ideen eingewirkt. Er hat wohl von den Schlegels, den Grimms, den Bopps gelernt, sie aber von ihm durchaus nicht.“ Die Rezeption seiner Gedankenfülle ist ein sehr langsamer und längst noch nicht abgeschlossener Prozeß. Der Grund liegt einerseits in der Wissenschaftsentwicklung von der Indogermanistik zur allgemeinen Linguistik, andererseits in der Einzigartigkeit von H.s Werk selbst, das Ausdruck seiner Forscherpersönlichkeit ist.

In der gesamten Geschichte der Sprachwissenschaft gibt es niemand, der wie er ausgedehnte und eindringliche Kenntnis verschiedenster Sprachstämme mit einem wahrhaft umfassenden Sprachdenken verband. Während die Sprachphilosophen im allgemeinen keine eigentlichen Linguisten waren oder nur solche mit einer sehr schmalen Basis, waren die Linguisten selber keine Sprachdenker oder waren es nur in einer rudimentären und unzulänglichen Weise. Bei H. aber ist sein jahrzehntelanges Bemühen um die Erkenntnis des Wesens der Sprache ständig gespeist von seinem auf eigener Forschung beruhenden außerordentlichen Wissen über die Besonderheiten der Einzelsprachen und andererseits jede Spezialuntersuchung auf deren Gebiet (etwa „Über den Dualis“, 1827) geleitet und durchdrungen von seiner Erkenntnis sprachlicher Erscheinungen überhaupt. Er konnte ausgehen von den klassischen und geläufigen modernen Sprachen und fügte im Laufe der Zeit das Baskische, Ungarische und Tatarische, Indianersprachen, Sanskrit, Chinesisch, Japanisch, Birmanisch, Alt-Javanisch und die semitischen Sprachen hinzu.

Ein Blick auf die Titel seiner Schriften vermag schon die Vielseitigkeit seiner Forschungen und die dominierende Interessenrichtung zu zeigen; ständig wechselt das Allgemeine mit dem Speziellen. Dafür ist schon sein Anfang bezeichnend. Er begann mit einer „Einleitung in das gesamte Sprachstudium“ (1810/11) – und er blieb ein Mann der großen Einleitungen –, gleichzeitig erschienen (1811) im 4. Band von Adelungs und Vaters großer Sprachensammlung „Mithridates“ seine „Berichtigungen und Zusätze zum 1. Abschnitt des 2. Bandes des ‚Mithridates'“, über die kantabrische oder baskische Sprache, Frucht einer Spanienreise, die er schon um die Jahrhundertwende unternommen hatte. Im folgenden Jahre erscheint die „Ankündigung einer Schrift über die baskische Sprache und Nation“, worin er schon seine Grundauffassungen von der Sprache als einem Organismus, in dem alles auf Analogie beruht (entsprechend Cuviers Organismusbegriff) und seine Zielsetzung für alles Sprachstudium niederlegt. Ausgehend von vollständiger Zergliederung (Morphologie) der Einzelsprachen, soll man sie als organische Einheiten und schließlich als nationale Charakter- und Geistesformen erfassen, um schließlich aus allen diesen zur „Sprache als Menschheitsausdruck“ zu gelangen. Das ist von vornherein das höchste Ziel, dessen Erreichung im Grunde alle folgenden Arbeiten bis hin zur letzten und umfangreichsten dienten. Hervorgehoben sei nur noch: „Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung“ (1820), worin er nicht nur Aufgaben und Methoden der Linguistik, sondern auch ihre fundamentalen Begriffe entwickelt. Sein bedeutendstes und umfassendstes Werk über die Sprache aber war sein letztes: „Über die Kawisprache auf der Insel Java“ (3 Bde., 1836–40), weil es die 434 Seiten lange Einleitung „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts“ enthielt.

Da H. ständig die vielen Aspekte des Phänomens Sprache vor Augen hat, gerät er nicht in Gefahr, einseitig zu werden, d. h. aber auch: Er bietet kein System, das sich leicht übernehmen ließe. Da es ihm immer um die Totalität des Phänomens Sprache geht und eine gültige Terminologie nicht vorhanden ist (sowenig wie heute), muß er versuchen, ihr mit seinen eigenen sprachlichen Mitteln beizukommen; er ist jedoch kein so begnadeter Schriftsteller, daß er die immer schwierig zu fassenden sprachlichen Erscheinungen schlagend und definitiv zu bezeichnen vermöchte,|vielmehr leiden seine Ausführungen manchmal unter einer gewissen schwerfälligen Unbestimmtheit, die handliche Begriffe verhindert. Dies ist ein Grund, warum sein Werk nicht die verdiente Geltung fand, ein anderer ist in den spektakulären Erfolgen der reinen Indogermanisten seiner und der folgenden Zeit zu sehen.

H.s sprachwissenschaftliches Werk ist noch unausgeschöpft, lediglich angezapft. Es enthält fundamentale Einsichten in das Wesen der Sprache und – mit andern Benennungen – schon eine Reihe von Lehren, die dann im 20. Jh. die Entwicklung der Sprachwissenschaft bestimmt haben. H.s spiraliges Denken umkreist die Sprache ständig von neuem, bezeichnet ihr Wesen und ihre Aspekte immer neu, und wenn Widersprüche aufzutreten scheinen, muß man sich zuerst fragen, von welchem Gesichtspunkt er sie gerade sieht. Zum Teil kann er sie nur in Antinomien fassen. Er behandelt das Sprachvermögen als gemeinmenschliche Anlage (und nennt in diesem Zusammenhang die Sprache einen „intellektuellen Instinkt der Vernunft“) und ebenso als persönliche Fähigkeit und im Zusammenhang damit das Problem des Verstehens (ein Ausgangspunkt der modernen Erzeugungsgrammatik); die Sprache als „das bildende Organ des Gedankens“, als eine energeia und ein ergon, eine wirkende Kraft und ein Werk (im „eigentlichsten Sinne“, nämlich als Sprechen, nur ersteres) – diese Worte sind viel (und verzerrend) nachgeredet worden. Energeia = Sprechen = Saussures ‚parole', ergon = Sprache = Saussures ‚langue'. Die einseitige Auffassung der Sprache als energeia ist die Grundlage der energetischen Sprachbetrachtung Weisgerbers und seiner Schule sowie der Amerikaner Sapir und Whorf. Die Sprache ist sowohl individuelles als auch gesellschaftliches („nationales“) Erzeugnis. Sie macht von endlichen Mitteln einen unendlichen Gebrauch (von den amerikan. Vätern der Erzeugungsgrammatik als ihr Grundprinzip zitiert). Angelegt ist ferner schon bei H. Saussures Unterscheidung von diachronischer und synchronischer Sprachwissenschaft sowie seine grundlegende Auffassung der Sprache als eines Systems, in dem alles sich gegenseitig bedingt, usw. H. erkennt die Sprache als subjektives und zugleich objektives Gebilde, als Abbild und Zeichen, als ein zugleich Geistiges und Körperliches, Form und Stoff (wobei er zu seinen tiefsten Einsichten kommt). Er untersucht die Fülle der wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Individuum und Sprachgemeinschaft, innerer Form und Lautform, Wort und Begriff, Denken und Sprache, Sprache und Wirklichkeit; vor allem der letztere Komplex beschäftigt ihn immer wieder. Und da diese Lehre von der vom Denken bestimmten und das Denken bestimmenden, die Wirklichkeit schaffenden und den Menschen daran bindenden Sprache von größter Bedeutung ist und starken Widerhall fand, sei hier H. selbst knapp zitiert, zugleich als Beispiel für seinen Stil: „Durch die gegenseitige Abhängigkeit des Gedankens und des Wortes voneinander leuchtet es klar ein, daß die Sprachen nicht eigentlich Mittel sind, die schon erkannte Wahrheit darzustellen, sondern weit mehr, die vorher unerkannte zu entdecken. Ihre Verschiedenheit ist nicht eine von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst.“ „Wie der einzelne Laut zwischen den Gegenstand und den Menschen, so tritt die ganze Sprache zwischen ihn und die innerlich und äußerlich auf ihn einwirkende Natur. Er umgibt sich mit einer Welt von Lauten, um die Welt von Gegenständen in sich aufzunehmen und zu bearbeiten … Der Mensch lebt mit den Gegenständen … so, wie die Sprache sie ihm zuführt. Durch denselben Akt, vermöge dessen er die Sprache aus sich herausspinnt, spinnt er sich in dieselbe ein, und jede zieht um das Volk, welchem sie angehört, einen Kreis, aus dem es nur insofern hinauszugehen möglich ist, als man zugleich in den Kreis einer anderen hinübertritt.“ Mit alldem ist die Fülle der Gedanken und Einsichten H.s nur angedeutet.

8. Sophie Mereau 

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M. verbrachte ihre Jugend in Altenburg. Nach ihrer ersten Heirat wurde sie zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten im geselligen Jena, das sich zu dieser Zeit zum literarischen Zentrum der Frühromantik entwickelte, und stand zugleich im Mittelpunkt des Universitätslebens, wobei sie vor allem studentische Kreise an sich band. 1795 befreundete sie sich mit dem Jurastudenten →Johann Heinrich Kipp (1773–1834) aus Lübeck. Ein Jahr später – nach Auflösung dieser Beziehung – reiste sie mit ihrem neuen studentischen Verehrer →Georg Philipp Schmidt (1766–1849) aller Etikette zum Trotz zusammen nach Berlin. Im Sommer 1798 lernte sie, ebenfalls als jenaischen Studenten, →Clemens Brentano kennen, dem sie erste Gelegenheiten vermittelte, umfangreichere Werkveröffentlichungen zu verwirklichen. Im Sommer 1800 kam es nach einer vorübergehenden Phase engster freundschaftlicher Beziehungen zwischen M. und Brentano zu einem zunächst scheinbar endgültigen Zerwürfnis; Brentano verließ Jena, da er dort grundsätzlich keine Ehe schließen konnte, ohne seine akademischen Rechte als ordentlicher Student zu verlieren. Während Brentanos Abwesenheit von Jena verstärkte sich der Einfluß Friedrich Schlegels auf M.; dieser hatte zusammen mit seiner späteren Frau Dorothea gegen die Beziehung zu Brentano intrigiert. Zu M.s Freundeskreis zählte damals auch Stephan August Winkelmann, der als ehemaliger Studienfreund Brentanos diesem auch während seiner Entfremdungsphase ständig über M. berichtete. Unter dem Vorsitz Johann Gottfried Herders wurde M. am 21.7.1801 von ihrem Mann geschieden. Über ein Jahr lang lehnte sie eine Aussöhnung mit Brentano ab, bis sie im Dezember 1802 selbst die Beziehung zu ihm wieder aufnahm. Am 29.11.1803 fand in Marburg die prot. Trauung statt. Im Mai 1804 wurde ein Sohn, im Mai 1805 eine Tochter geboren, die jedoch beide wenige Wochen nach der Geburt starben. An der Totgeburt eines dritten Kindes starb M. selbst; ihre Tochter Hulda aus erster Ehe blieb zunächst unter der Obhut Brentanos.

M. gehörte zu den vielseitigsten und produktivsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Ihre literarischen Werke umfassen Gedichte, Erzählungen, Romane, Idyllen sowie Übersetzungen aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Spanischen; dazu kommt die Herausgeberschaft, Mitarbeit und Redaktion bei Musenalmanachen und Taschenbüchern. Ihr Wirken bewegte sich im Spannungsfeld von Klassik und Romantik, von Aufklärung und Empfindsamkeit. Für ihre freundschaftliche Verbindung zu Romantikern wie Friedrich Schlegel, Brentano oder Achim v. Arnim war es kein Hindernis, daß sie auch mit einem Opponenten der romantischen Bewegung wie Friedrich Schiller in literarischem Gedankenaustausch stand und mit ihm zusammenarbeitete. Schiller begründete M.s literarische Karriere, indem er ihre Arbeiten als erster in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Thalia“ 1791 und später auch in der Zeitschrift „Horen“ sowie in seinem Musenalmanach veröffentlichte. Eine Aufführung von Corneilles „Cid“ in M.s Übersetzung kam jedoch nicht zustande, und während der Ehejahre mit Brentano zog sich M. mehr und mehr aus der literarischen Öffentlichkeit zurück.

Ihre beiden Romane „Das Blüthenalter der Empfindung“ (1794) und „Amanda und Eduard“ (1803) stehen außerhalb der Tradition des Entwicklungs- und Bildungsromans ihrer Zeit. Ihr Handlungsgefüge ist durch Stimmungsbilder und Schilderungen von Landschaftseindrücken unterbrochen, die zugleich die Zufälligkeit der einzelnen Episoden widerspiegeln. Moralisch-sittliche Konventionen sind durchbrochen; stattdessen regieren Genuß und Liebe ein Leben abseits bürgerlicher Wert Vorstellungen. Literaturgeschichtlich steht ihr Erzählwerk unter dem Einfluß von „Empfindsamkeit“ und „Sturm und Drang“. Dabei ist der Standort M.s als Schriftstellerin nicht eindeutig von der Belletristik des Trivial- oder Unterhaltungsromans getrennt. Der Einfluß des Tagesgeschehens und Lebensalltags erklärt sich aber nicht aus mangeldem Selbstwertgefühl der Autorin; vielmehr ist die Zeitnähe Ausdruck eines Interesses an der realen Lebenssituation, für deren Bewältigung in der Literatur um 1800 allgemein der Generationskonflikt ein verbreitetes Modell darstellt. Inneres und äußeres Erleben durchdringen sich in M.s Romanen, so daß die Darstellung der Realität keine sozialpolitischen Konsequenzen zur Sprache bringt oder gar in Gang setzt. Norden und Süden sind ebenso konstituierende Merkmale ihrer Landschaftsbeschreibungen wie der Gegensatz von Alt und Jung in der Personendarstellung. Amerikasehnsucht und Französische Revolution sind bei M. Stereotype des zeitgenössischen Romangenus, keine politischen Chiffren. Ihre Romane sind, insofern sie auf literarische Vorläufer zurückgreifen, weniger Erlebnisdichtung als Literaturkritik in poetischer Form; der Zusammenhang mit der Romantik ist an dieser Stelle ihres Werks leicht zu erkennen. Den in Schillers Nachfolge stehenden klassizistischen Naturgedichten verdankte M. ihren Ruhm als Lyrikerin. Sie war eine der ersten Frauen, die nach ihrer Scheidung Schreiben als Beruf ausübten und von ihren Einkünften daraus lebten.

9. Bettina von Arnim 

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Biografie

Bis zu ihrem 13. Jahr wurde B. im Pensionat des Ursulinerinnen-Klosters in Fritzlar erzogen, dann im Hause des Vaters in Frankfurt, war aber nach dem Tod der Eltern häufig bei der Großmutter La Roche in Offenbach. Nach deren Tode wechselte sie wiederholt ihren Aufenthalt, Geschwistern folgend, lebte in Kassel, von wo aus sie im Frühjahr 1807 Goethe zum ersten Mal besuchte, in München, in Landshut u. a. Orten und kam 1810 mit K. F. von Savigny nach Berlin. Dort heiratete sie →Achim von A.. Mit diesem wohnte sie abwechselnd in Berlin und in Wiepersdorf, nach seinem Tod (1831) mehr in Berlin.

Der Verbindung deutschen und italienischen Blutes verdankte B., wie ihr Bruder Clemens, außergewöhnliche Lebendigkeit und große künstlerische Gaben, ohne wie jener in sich zerrissen und von Sehnsucht und Dämonen getrieben zu sein. Vielmehr war sie eine aus dem eigenen Wesenskern lebende Persönlichkeit, immer ganz ihrem Gefühl folgend, von unerhörter Lebensintensität und köstlicher Unmittelbarkeit, die ihr doch bewußt war, ganz unbürgerlich allen Konventionen ins Gesicht schlagend, nur dem Augenblick hingegeben. Von ihrer empfindungsstarken Phantasie und Freude am Spiel und Vexieren fortgerissen, hat sie es nicht immer ernst genommen mit der buchstäblichen Wahrheit, und doch konnte J. Görres mit Recht „das schöne, große, unverfälschte Naturell in ihr und die große Wahrheit in ihrem Innersten“ rühmen. Bis in ihr hohes Alter hat sie sich die Begeisterungsfähigkeit ihrer Jugend bewahrt und die Gabe außerordentlicher persönlicher Wirkung auf andere Menschen, rätselhaft wohl auch und koboldartig und voller Mutwillen, aber zündend wie elektrische Funken, das Tiefste in ihnen aufrührend und sie mit sich fortreißend im Schwung ihrer Seele, die sie selbst „eine leidenschaftliche Tänzerin“ nannte. Sie hat sich die Freundschaft von Menschen sehr verschiedener Art erworben, in ihrer Jugend die der Dichterin Caroline von Günderode, die, fünf Jahre älter, in einem adeligen Damenstift in Frankfurt lebte, A.s, ihres Schwagers Savigny, L. Tiecks, der Frau Rat Goethe, dann Goethes selbst und später der →Brüder Grimm, Schleiermachers, Gneisenaus u. a., junger Männer wie Philipp Nathusius', Emanuel Geibels, sowie der Rahel Varnhagen und auch ausländischer Frauen; sie hat aber auch Menschen geringer Stellung ihrer Freundschaft gewürdigt. Mit liebendem Mitgefühl zu helfen bereit und von starkem Rechtsgefühl getrieben, hat sie sich eingesetzt für politisch Verfolgte und Verfemte und andere Menschen, denen Unrecht geschehen war, und in persönlicher Aufopferung, so während der Choleraepidemie 1831, Krankheit und Elend zu mildern gesucht. Dem Leben wie der Kunst gegenüber besaß sie einen scharfen, unbeirrbaren Blick für Echtheit und Größe. Wie sie der Persönlichkeit und der Kunst Goethes in einer Liebe und Verehrung von geradezu religiöser Inbrunst gehuldigt und anderen das Verständnis für sie erschlossen hat, so hat sie auch für Beethoven geworben, gerade auch, obwohl vergeblich, bei Goethe, und ist als eine der ersten von dem Genius Hölderlins und der Sprache seiner Dichtung berührt worden. B.s künstlerische Begabung war außerordentlich vielseitig, im ganzen mehr aufnehmend und dilettantisch sich betätigend als wirklich schöpferisch. So in der Musik, die ihr Lebenselement war, in der sie aber nur mit einigen Liederkompositionen hervorgetreten ist. Auf dem Gebiet der bildenden Kunst hat sie, von einzelnen Zeichnungen abgesehen, sich ganz auf ein plastisches Werk konzentriert, das sie seit dem Anfang der 20er Jahre beschäftigt hat, das Goethe-Denkmal. Ihre dichterische Begabung hat sie selbst angezweifelt. Ein paar Gedichte und kleine Märchen von ihr sind auch nicht von besonderer Bedeutung, bemerkenswerter ihre, freilich nicht ganz sichere, Mitarbeit an dem Märchen ihrer Tochter Gisela „Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns“ (herausgegeben von O. Mallon, 1926).

In den Briefwerken ihres Alters aber hat sie Halbdichtungen ganz einmaliger und unvergleichbarer Art geschaffen: Briefwechsel, die sie mit Goethe (Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Seinem Denkmal, 1835), mit Caroline von Günderode (Die Günderode, 1840), mit ihrem Bruder Clemens (Clemens Brentanos Frühlingskranz aus Jugendbriefen ihm geflochten wie er selbst schriftlich verlangte, 1. [einziger] Band, 1844) und als ältere Frau schon mit dem jungen Ph. Nathusius (Ilius Pamphilius und die Ambrosia, 1848) tatsächlich geführt hat, hat sie für die Veröffentlichung sehr frei bearbeitet, die einzelnen Briefe auch wohl zerstückelt und die Teile neu zusammengestellt, neue Briefe und Briefteile erfunden, auch Briefe anderer Schreiber und Motive aus gedruckten Werken hinzugenommen, die Zeitfolge mißachtet usw., aber mit all dieser Willkür die betreffende Freundschaftsbeziehung, wie sie war oder wie sie nach B.s Wunsch hätte sein können. und auch andere Menschen ihres Umgangs, vor allem aber ihr eigenes Wesen um so lebendiger heraustreten lassen und den einzelnen Werken einen einheitlichen künstlerischen Charakter gegeben. Wohl fehlt es diesen Büchern, besonders dem ersten, an Komposition, aber sie sind Empfindungsausdruck, sprühend von Leben, und der Stil ihrer eigenen Briefe ist von einem rhythmischen Schwung, der seinesgleichen sucht, und bei aller Sprunghaftigkeit sehr anschaulich in den von Stimmung gesättigten Landschaftsbildern, in der Darstellung kleiner Vorgänge aus dem Leben und in der Fülle von Menschengostalten. Darüber hinaus bricht sich im „Frühlingskranz“, in der „Günderode“ und in dem „Tagebuch“, das im Goethebuch mitgeteilt wird, der Reichtum romantischen Gefühlslebens und romantischer Ideenwelt, auf religiösem Gebiet und im Erleben der Natur und der Liebe, in B.s Seele wie in einem buntschillernden Prisma. Daß diese zur Selbstbespiegelung neigende Frau in all ihren Werken nur sich selbst ausspreche und widerspiegele, hat man stark betont. Aber es ist ihr doch auch gelungen, die Persönlichkeit der Frau Aja lebendig werden zu lassen und in deren Erzählungen die Kindheit und das Wesen Goethes, so daß dieser B.s Aufzeichnungen von Gesprächen mit seiner Mutter als eine Quelle für „Dichtung und Wahrheit“ verwenden konnte. Schon das gibt „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ historische Bedeutung. Und als dieser in einer Zeit erschien, die dem Dichter schon entfremdet war, und einen lebhaften Streit der Meinungen auslöste, ging davon ein neuer Aufschwung der Goethe-Verehrung aus, mochte B.s Beziehung zu Goethe oder vielmehr die Goethes zu ihr darin auch anders erscheinen, als sie in Wirklichkeit gewesen war.

Goethes Mutter ist auch eine Hauptgestalt des Werkes „Dies Buch gehört dem König“ (1843), das an Friedrich Wilhelm IV. gerichtet ist, mit welchem B. in Briefverkehr stand, und bei recht krauser Gesamtkomposition in Erzählungen der Frau Rat und mancherlei Gesprächen religiöse, politische und soziale Fragen bereden läßt, wesentlich vom liberalen Standpunkt, aber mit Nachwirkungen romantischen Ideengutes, besonders in der Auffassung des Königs und des Verhältnisses von König und Volk, und mit warmem, menschlichem Sicheinsetzen für soziale Verantwortung und Gerechtigkeit. Es erhielt eine Fortsetzung in den „Gesprächen mit Dämonen“, die als „Des Königsbuchs zweiter Band“ 1852 erschienen. Diese beiden Bücher und andere Schriften noch zeigen die Romantikerin, die in ihrem Alter auch mit einer neuen Zeit und ihr noch vorauszugehen vermochte. Bedeutungsvoller aber war, daß sie im Alter ihre eigene Jugend sich bewahrt hatte und in ihren anderen Büchern den ganzen seelischen Reichtum ihres romantischen Jugenderlebens und die Fülle und Tiefe menschlicher Beziehungen, in denen sie gestanden, hatte festhalten und wieder ausströmen können.

10. Friedrich Schlegel

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S. wurde zunächst seinem Onkel Johann August, danach seinem Bruder →Moritz zur Erziehung anvertraut. 1789 brach er eine auf väterlichen Wunsch begonnene Kaufmannslehre bei Bankier Schlemm in Leipzig ab und begann 1790 ein Jurastudium in Göttingen, wo er mit seinem Bruder →August Wilhelm die Vorlesungen des Altphilologen →Christian Gottlob Heyne (1729–1812) hörte. 1791 wechselte er nach Leipzig, wo er zusätzlich Philosophie und Geschichte studierte und sich 1792 mit →Friedrich v. Hardenberg (Novalis, 1772–1801) befreundete. Wegen Geldmangels brach er sein Studium 1794 ab und zog zu seiner Schwester Charlotte nach Dresden, wo er sich einem intensiven Selbststudium der griech. Literatur widmete. Im Sommer 1796 folgte er seinem Bruder nach Jena, wurde mit Fichte, Goethe, Herder und Wieland bekannt und geriet mit Schiller in Streit über dessen Kunstauffassung. 1797 zog er nach Berlin um, lernte im Salon von Rahel Levin(-Varnhagen) seine zukünftige Frau kennen und schloß enge Freundschaft mit →Ludwig Tieck (1773–1853) und →Friedrich Schleiermacher (1768–1834). Zusammen mit seinem Bruder gab er die für die Frühromantik richtungweisende Zeitschrift „Athenäum“ (3 Bde., 1798–1800, Neudr. 1973) heraus. Seit 1799 wieder in Jena, habilitierte er sich hier 1800 und hielt Vorlesungen über Transzendentalphilosophie, die auch Hegel besuchte. Nach dem Zerfall des Jenaer Romantikerkreises 1801 zog er 1802 nach Paris um, gründete dort die Zeitschrift „Europa“ (2 Bde., 1803–05) und begann das Sanskritstudium. Nach seiner Heirat übersiedelte er 1804 nach Köln und hielt für die Brüder →Sulpiz und →Melchior Boisserée Privatvorlesungen über Literaturwissenschaft und Philosophie (Phil. Vorlesungen aus d. J. 1804-1806, hg. v. →C. J. H. Windischmann, 2 Bde., 1836/37). Seine zusammen mit seiner Ehefrau vollzogene Konversion zum Katholizismus sowie die Veröffentlichung seiner Schrift „Über die Sprache und Weisheit der Indier“ (1808), in welcher er mit dem Pantheismus in der zeitgenössischen Philosophie abrechnet, waren ein entscheidender Wendepunkt in S.s Leben. Noch 1808 zog er nach Wien und wurde 1809 Sekretär der Hof- und Staatskanzlei. 1810 hielt S. in Wien vor ausgewähltem Publikum seine Vorlesungen „Über die neuere Geschichte“ (1811), 1812 las er die Metternich gewidmete „Geschichte der alten und neuen Literatur“ (1815). 1812/13 gab er die Zeitschrift „Dt. Museum“ heraus und schrieb 1814 Verfassungsvorschläge für den Wiener Kongreß (1814). 1815-18 war S. österr. Legationsrat am Bundestag in Frankfurt/M., 1819 begleitete er als Kunstsachverständiger Ks. →Franz auf einer Italienreise. Der Wiener Romantikerkreis (→Adam|Müller, →Franz v. Baader, →Carl Ludwig Haller, Franz Bucholtz, →Zacharias Werner) bildete sich um die von S. herausgegebene „Concordia“ (6 Hh. 1820–23, Neudr. 1967). Die konservative Ausrichtung dieser Zeitschrift führte 1828 zum Zerwürfnis zwischen S. und seinem Bruder →August Wilhelm.

In seiner Abhandlung „Über das Studium der Griechischen Poesie“ (1797) sowie in seiner in →Johann Friedrich Reichardts Zeitschrift „Deutschland“ (Bd. 1, 1796) erschienenen Rezension von Schillers Musenalmanach für das Jahr 1796 entwarf er seine Grundauffassung von moderner Poesie, die zur Abzweigung der Romantik von der Klassik führte. Im Gegensatz zu Schiller behauptete S., daß das „Besondere, Individuelle, Eigenartige“ – das er unter den Oberbegriff des „Interessanten“ (gegenüber Schillers „Schönem“) subsumierte – das Spezifikum moderner Dichtung sei. August Wilhelm verbreitete die Ideen seines Bruder in den Wiener Vorlesungen „Über dramatische Kunst und Literatur“ (3 Bde., 1809–11) als Botschaft der dt. Romantik an Europa.

Als spiritus movens der Jenaer Romantik beschränkte S. seine kritische Reflexion keineswegs auf die Literatur, sondern setzte sich lebenslang mit philosophischen Fragen auseinander. Die von ihm neu konzipierte „hermeneutische Kritik“ soll ein poetisch reflektierendes Verstehen entfalten, das sich ausdrücklich auf die Individualität und das vom Individuum in der Geschichte Geschaffene und Verstandene bezieht. Kritik als „universalphilosophische Kunst“ besagt ein „symphilosophierendes“ Gespräch mit dem Kunstwerk und den überlieferten literarischen Denkmälern, wobei das Unvollständige am Werk gemäß seinem individuellen Ideal zur Vollendung gebracht wird.

Als vorzügliches Ausdrucksmittel für die individuelle Widerspiegelung des Unendlichen galt S. die fragmentarische Darstellungsart. S. nennt das Fragment die eigentliche Form der „Universalphilosophie“; nur ein „System von Fragmenten“ als Verflechtung der „formlosen Formen“ vermöge das differenzlose Spiel des Unendlichen angemessen auszudrücken. Die romantische Dichtkunst sollte nach dem Vorbild der griech. Mythologie eine neue Mythologie aus der „tiefsten Tiefe des Geistes“ herausbilden, die als Lehrerin der Menschheit alle Formen sozialen Lebens kreativ zu bestimmen und zu durchdringen hätte.

S. versuchte, die zentralen Paradoxien und Widersprüche der modernen Kunst durch seine Bestimmung der Ironie zur Sprache zu bringen. Durch Ironie werde gezeigt, wie aus dem differenzlosen Chaos des Unendlichen eine künstlerische „Welt“ entspringen kann. Denn die Ironie offenbart die Vergänglichkeit und Brüchigkeit der menschlichen Existenz, die sich im künstlerischen Schaffen über sich selbst hinwegsetzt, und dabei ein Gefühl von der „Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung“ erregt (Lyceum-Fragment Nr. 108). In den Spätvorlesungen „Philosophie der Sprache und des Wortes“ (1827-29, gedr. 1830) erwartete S., daß die „Ironie der Liebe“ den scheinbaren Widerspruch von Endlichem und Unendlichem durchschaubar machen werde.

Nach seiner Konversion verschärfte sich S.s Abneigung gegen die logisch-diskursive Denkweise. Er legte immer mehr Nachdruck auf das von ihm befürwortete Gegenbild derselben: die „Philosophie des Lebens“ (1827, gedr. 1828), die „Philosophie der Sprache“ (1829) und die „Philosophie der Geschichte“ (1828, gedr. 1829), die aus der Tiefe der Offenbarung ihren positiven Anstoß erhalten. Gott als Quelle des Lebens wird demnach nicht mehr als abstraktes Sein und leerer Begriff gedacht, sondern als Leben und lebendiges Dasein. Die Sprache verstand S. dabei als „Faden der Erinnerung und Überlieferung“, der unterschiedliche Völker miteinander verbindet und ihre gegenseitige Kommunikation ermöglicht. Die ethische Dimension der Lebensphilosophie besteht dabei im verantwortlichen Verhältnis jedes Individuums zu seinem eigenen Leben. Mit dem Triptychon der Vorlesungen (Phil. d. Lebens; Phil. d. Gesch.; Phil. d. Sprache u. d. Wortes) vollendete S. seine „positive“ Philosophie.

S.s Einfluß erstreckt sich auf nahezu alle Bereiche der Geisteswissenschaften: Im dt. Sprachraum gilt er als Begründer der Literaturkritik; in ganz Europa stand sein Name im 19. Jh. als Synonym für die Opposition gegen den Klassizismus; S.s autobiographisch geprägter und v. a. wegen seiner geschlechteremanzipatorischen Passagen umstrittener Roman „Lucinde“ (1799) inspirierte →Thomas Mann und →Robert Musil; seine Kunst- und Lebensphilosophie beeinflußte sog. postmetaphysische Denker wie →Dilthey, →Heidegger und Walter Benjamin.

11. Caspar David Friedrich 

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F. genoß seinen ersten Kunstunterricht bei dem Architekten und Universitätszeichenmeister Johann Gottfried Quistorp in Greifswald, dem Freunde des Dichters Kosegarten, des Freundes und Gönners von Runge. 1794-98 besuchte er die Kunstakademie in Kopenhagen, wo er die übliche Ausbildung im Freihandzeichnen, Zeichnen nach Gips und nach Modell erhielt und in die Landschaftstradition des 18. Jahrhunderts durch die Berührung mit der Kunst Ch. August Lorentzens (dessen Unterricht er genoß), Jens Juels' und Erik Pauelsens hineinwuchs. 1798 siedelte er nach Dresden über, das um jene Zeit durch die Anwesenheit der Gebrüder Schlegel, des Novalis, Jean Pauls, Schellings und Steffens' zu einem Mittelpunkt der deutschen romantischen Bewegung wurde. Dort schloß sich F. der Schule Adriaen Zinggs (des Dresdener Hauptes der Prospektenzeichner), Ch. Klengels und Jacob Seidelmanns an, ohne aber zu einem dieser Künstler in ein Schülerverhältnis zu treten, und verdiente sich durch die damals beliebte Prospektmalerei (Federzeichnungen, Sepiablätter) seinen Lebensunterhalt. Den ersten Erfolg brachte dem Künstler die Beteiligung an der Ausstellung der Weimarer Kunstfreunde 1805. Goethe erkannte ihm für 2 Sepiablätter den halben Preis zu und würdigte seine Arbeiten in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung. Seit dieser Zeit stand F.mit Goethe in Beziehung, ohne daß sich freilich ein näheres Band knüpfte. In den Jahren der französischen Fremdherrschaft schloß sich F. in Dresden einem Kreise Gleichgesinnter an, zu dem der Maler Ferdinand Hartmann, der Philosoph Gotthard Heinrich von Schubert, der Dichter Heinrich von Kleist und der Philosoph Adam Müller gehörten. In F.s ärmlichem Atelier in der Pirnaischen Vorstadt wurde vermutlich zuerst Kleists „Hermannschlacht“ vorgetragen. – Seit 1807 begann F. sich der Ölmalerei zu widmen. Bald war sein Name in aller Munde. In den Weihnachtstagen 1808 gab er in seinem Atelier ein Gemälde zur Besichtigung frei, das für den Altar in der Hauskapelle der Gräfin Thun und Höllenstein auf Schloß Tetschen in Böhmen bestimmt war, das Kreuz im Gebirge (Dresden, Staatliche Gemäldegalerie). Die Kühnheit des Werkes in Thema und Formensprache rief die Kritik auf den Plan (Basilius von Ramdohr, in: Zeitung für die Elegante Welt, 1809). F.s Gesinnungsgenossen nahmen für den Angegriffenen Partei. Der Tetschener Altar wurde zu einem Programmwerk der neuen romantischen Kunst. – Die folgenden Jahre festigten F.s Ruf. 1816 wurde er Mitglied der Dresdener Akademie, 1824 außerordentlicher Professor. Seine Hoffnung, nach Klengels Tod ordentlicher Professor zu werden, schlug freilich fehl. Hier zeigt sich bereits der Umschlag des Kunstideals zugunsten der Düsseldorfer Schule, der F. mehr und mehr vereinsamen ließ. Kränklichkeit und wirtschaftliche Not haben sein Alter überschattet. 1835 lahmte ein Schlaganfall seine Kräfte. Seit 1837 hat er nicht mehr arbeiten können. – Zu den Freunden seiner späteren Jahre gehörten der norweg. Landschaftsmaler Ch. Clausen Dahl, der seit 1820 sein Hausgenosse war, und der Arzt, Naturforscher und Philosoph C. G. Carus, dessen 1815-24 geschriebene „Neun Briefe über Landschaftsmalerei“ dem Umgang mit F. ihre Entstehung und ihr Gepräge verdanken.

In dem Nachruf, den Carus seinem toten Freunde widmete, heißt es, daß F. „mit einem durchaus tiefsinnigen und energischen Geiste und auf absolut originale Weise in den Wust des Alltäglichen, Prosaischen, Abgestandenen hineingriff und, indem er ihn mit einer herben Melancholie niederschlug, aus dessen Mitte eine eigentümlich neue leuchtende poetische Richtung hervorhob“. Über die Zugehörigkeit F.s zur romantischen Bewegung und über seine kunstgeschichtliche Stellung in der Geschichte der Landschaftsmalerei kann nichts Treffenderes gesagt werden.

Schon in der Thematik seiner Bilder wird der Gegensatz zur barocken Landschaftsmalerei deutlich. F. liebt es, seine Landschaften mit symbolischen Zeichen, Kreuzen, gotischen Ruinen, vaterländischen Gedächtnismalen, Schiffen und Schiffstrümmern auszustatten. Er gibt die Natur gern als einsame, oft verlassene Natur, die nicht mehr Wohnstätte des Menschen, sondern Urlandschaft ist. Er liebt das Elementare, mag es ihm nun als Meer oder als Gebirge entgegentreten, und das nordisch Dunkle, das die Zeitgenossen mit dem Worte „ossianisch“ umschrieben haben. – Gern steigert F. das einzelne Motiv über das gegenständlich Zulässige hinaus, monumentalisiert und verabsolutiert es und läßt Natur- und Menschenlaut in eins zusammenklingen. Das Bild des|Morgens wird zum Gleichnis des Weltenwerdens und des Lebensmorgens, das Bild einer winterlichen Landschaft zum Gleichnis des Winterlichen schlechthin wie dem der Verlassenheit und des Todes. Mensch, Baum, Bauwerk, Stein wachsen über ihr begrenzt gegenständliches Sein zu unbegrenzt allgemeiner Bedeutung. Alle Gegensätze werden von einer großen Gesamtstimmung umfangen, die zugleich das Erlebnis des Künstlers widerspiegelt. – Der neuen Thematik entspricht eine neue Bildform: Rahmenlosigkeit, unvermitteltes Gegeneinandersetzen übernah gesehener Vordergründe gegen weite und ferne Hintergründe, ornamentale, fast flächenhafte Linienführung, die aus dem Gegensatz des Begrenzten und Unbegrenzten ihre stille, manchmal unheimliche Kraft zieht, dünn und spitz aufgetragene Farbe, die, ohne sinnlichen Reiz, die symbolische Aussage der Zeichnung verstärkt, besonders bezeichnend das Grauviolett in verschiedenen Abstufungen, das die Formen entkörperlicht und unfaßbar macht.

12. Henriette Herz

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H. heiratete nach damaliger jüdischer Sitte bereits als 15jährige →Markus Herz. Um die junge, auffallend schöne Frau des berühmten Arztes und Wissenschaftlers sammelten sich sehr bald die Liebhaber der zeitgenössischen Literatur. Klopstocks Oden, Goethes „Werther“ und sein „Götz von Berlichingen“ wurden gelesen und erregten die Gemüter. Freimaurerische und pietistische Einflüsse führten zur Gründung eines sogenannten Tugendbundes, in dem schwülstige Briefe und heimliche Küsse getauscht wurden, Pfänder- und Schäferspiele einer Jugend sich auszuleben halfen, die zu früh schon zu den Erwachsenen gezählt worden war.

Dennoch hielten einige dieser Freundschaften lebenslang. Die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt, Carl Laroche, →Gottfried Schadow, Dorothea Veit geboren(e) Mendelssohn, Franz Leuchsenring, Sara und Marianne Meyer (später als Baronin Grotthus und Marianne von Eybenberg aus Goethes Freundeskreis in den böhmischen Bädern bekannt geworden) zählten sich dem Tugendbund zu; Therese Heyne, Sophie Schubert und Caroline von Dacheröden (die künftigen Gattinnen Georg Forsters, Clemens Brentanos und Wilhelm von Humboldts) wurden korrespondierende Mitglieder. Später stießen die Grafen Dohna und, zuerst als flüchtiger Gast, auch Schleiermacher zu dem Kreis. Nach dessen Anstellung als Prediger an der Charité 1796 und seinen nun häufigen Besuchen beim Ehepaar H. wurde die auf den Konversationston gestimmte Geselligkeit des Tugendbundes durch die langsam reifende Freundschaft zu Schleiermacher abgelöst, wenn auch die Problematik der H.schen Ehe, die Kinderlosigkeit, die Trennung durch ein halbes Lebensalter, sich sichtbarer darstellte als vorher. Durch den Umgang mit Schleiermacher entfaltete sich H.s mütterlich fraulicher Charakter. Ihm vertraute sie ihre Not an, für niemanden wirken zu können. Er gab ihrem Denken Richtung und Halt, als sie nach dem Tode ihres Gatten 1803 recht hilflos und verarmt zurückblieb. In der Schleiermacherschen Familie fand sie ein Jahrzehnt später zu jener Gelassenheit, die ihr bis ins hohe Alter blieb, so daß sie trotz ihrer Verarmung wöchentlich einen Freitisch für Studenten hielt und sich für die dienstsuchenden Mädchen, die vom Lande in die jäh anwachsende Stadt kamen, hilfreich einsetzte.

H.s Leben ist charakteristisch für das einer Berliner Jüdin ihrer Generation. Die Loslösung aus der Geborgenheit des jüdischen Glaubens ging der politischen Emanzipation|von 1812 vorauf, wenn auch der Trugschluß, die politische Assimilation durch die Taufe zu beschleunigen, sich schon nach der Ermordung Kotzebues in der sogenannte(r) Reaktionszeit erwies. Die Judenschaft hatte aber in Preußen dank der Politik Friedrichs II., der ihr zwar noch immer die Ausübung einer großen Zahl bürgerlicher Berufe untersagt, ihre weltweiten Finanzverbindungen jedoch zu nutzen und zu honorieren verstanden hatte, eine Sonderstellung in der Gesellschaft der aufstrebenden Stadt erreicht. Ihre Häuser waren zu Zentren der Geselligkeit geworden, in denen besonders die Frauen, frei von den Einschränkungen der feudal-absolutistischen Gesellschaftsordnung, ihren Teil an der Entwicklung des liberalen Denkens in Berlin leisten konnten, denn in ihren Salons trafen sich Prinzen, der hohe und niedere Adel, Künstler, Hofschauspieler, Wissenschaftler und Politiker. Der Weg zur geistigen Emanzipation der Frau wurde hier vorbereitet.

H.s Salon hatte noch vor der Eröffnung von Rahel Varnhagens Salon eine neue, der höfischen und bürgerlichen Geselligkeit konträre Form des geselligen Lebens geschaffen, und aus ihrem Kreise waren nachhaltige Wirkungen auf die Entwicklung Berlins zur geistigen Hauptstadt Preußens ausgegangen.

13. Novalis 

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H. hat lange Zeit hindurch als „romantischer Dichter“ kat' exochen gegolten. An der Legende seines Lebens, an dem Bilde des frühvollendeten Jünglings, dem die geliebte Braut entrissen wurde und der auf ihrem Grabe sich entschloß, ihr nachzusterben, haben schon die Zeitgenossen, namentlich Tieck, mitgewirkt. Ihm erschien H. als „die reinste und lieblichste Verkörperung eines hohen unsterblichen Geistes“, dessen irdisches Leben uns mit einem „sonderbaren Schauer“ berührt. Andere hoben seinen „ätherischen Geist“ hervor, für den das ganze Dasein sich in eine „tiefe Mythe“ auflöste (Steffens). Er war der Dichter, der in seinen „Hymnen an die Nacht“ in mystischer Weltflucht Liebe, Traum und Tod als die zentralen Erlebnisse einer anderen, irrationalen Welt besang; der in seinem Roman „→Heinrich von Ofterdingen“ die Sehnsucht nach der blauen Blume als Sinnbild romantischer Sehnsucht überhaupt gestaltete; dem als Märchendichter schließlich Welt und Geschichte in einem magischen Wunderglauben sich ins Märchen verwandelten. Die gedankliche Leistung seiner Fragmente und philosophischen Studien, von denen freilich im 19. Jahrhundert nur weniges gedruckt vorlag, wurde entweder nicht beachtet oder als flüchtiges und letzthin verantwortungsloses Philosophieren abgetan. Auch sein beruflicher Werdegang mit der erstaunlich gründlichen Ausbildung in naturwissenschaftlichen und kameralistischen Fachgebieten wurde als störend empfunden. „Es macht aber eine sonderbare Wirkung und stört doch, wenn man sich den Novalis als Amtshauptmann oder als Salzbeisitzer denkt. Das ist entsetzlich!“ (Kerner an Uhland) Als eine fast unirdische Erscheinung lebte H. im Gedächtnis der Nachwelt fort und verführte seine Biographen immer wieder dazu, Leben und Werk unter mythischen Aspekten zu deuten und darzustellen. „Was sich in H.s Leben ereignete…, kann nicht anders als unter dem Zeichen eines Mythos gesehen werden“ (Hiebel). Die Novalis-Legende rief freilich schon frühzeitig Kritik hervor, an ihr entzündete sich zum Beispiel der Spott Heines und des Jungen Deutschland. Aber sie wirkt bis heute nach und scheint unzerstörbar. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde H. als ein Dichter und Theoretiker entdeckt, bei dem „Romantik fast genau Modernität bedeutet“ (Th. Mann). Vielfach sind seine Wirkungen auf den französischen Symbolismus, auf Keats und Poe, Nerval und Maeterlinck, auf Hofmannsthal, Musil, Benn und andere bezeugt. Die moderne Lyrik hat entscheidende Anregungen durch ihn erfahren und beruft sich auf H. als ihren Ahnherrn; der moderne Roman verdankt seinen kunsttheoretischen Erörterungen überraschende Anstöße. In fast allen Bereichen der Wissenschaft hat er antizipierend gewirkt. Zwischen dem Bilde eines schwärmerischen Romantikers, der an Schwindsucht starb, und dem Bilde des hochintellektuellen Dichters und Denkers, für den Poesie ein „Tun und Hervorbringen mit Wissen und Willen“ war und in dessen Bewußtheit sich|die moderne Künstlerexistenz vorgebildet fand, klafft ein unüberbrückbarer Riß. In dieser Ambivalenz der Wirkungsgeschichte liegt das eigentliche Deutungsproblem seines Werkes, zu dessen Lösung das Biographische zwar beitragen, aber nicht letzten Aufschluß vermitteln kann.

H. verlebte seine Kindheit auf dem Schloß Oberwiederstedt in einem Elternhaus von strenger pietistischer Frömmigkeit. Sein Vater hatte sich nach dem Tode der ersten Frau, der ihm als Strafe Gottes für sein „sehr weltliches Leben“ erschien, an die Herrnhuter Brüdergemeine angeschlossen, wenn auch nur als Freund, nicht als Mitglied. Anfangs still und träumerisch veranlagt, ist der neunjährige Knabe nach einer schweren Erkrankung 1781 wie umgewandelt und wird von seinem damaligen Hofmeister K. Ch. E. Schmid als ungewöhnlich selbsttätig, originell und phantasiereich charakterisiert. Ein vorübergehender Aufenthalt im Hause des Oheims Friedrich Wilhelm von Hardenberg in Lucklum bei Braunschweig, dessen weltmännische Lebensart ganz im Gegensatz zu der Atmosphäre des Elternhauses stand, wirkte bestimmend auf ihn ein. 1785 übersiedelte die Familie nach Weißenfels. Auf dem Gymnasium in Eisleben schloß H. 1790 seine Schulbildung ab und bezog im Oktober die Universität Jena, um Jurisprudenz zu studieren. Aus den Jahren 1788-91 liegt ein bisher nur zum Teil veröffentlichter Nachlaß von ersten dichterischen Versuchen vor, der ungewöhnlich umfangreich ist und die literarische Bildungswelt des jungen H. spiegelt. Neben zahlreichen Gedichten anakreontischen Inhalts, bei denen vor allem Johann Nikolaus Götz, Wieland, J. G. Jacobi und Gotter als Muster gewirkt haben, stehen empfindsamere Gedichte nach Muster des Göttinger Hainbundes, vor allem der Brüder Stolberg, Bürgers und Höltys, stehen vaterländische Oden und Gesänge nach Muster Ramlers und Klopstocks, zu denen zahlreiche Übersetzungen antiker Autoren, namentlich Vergils, Theokrits, Pindars und Horaz' treten. Auch in Verserzählungen und Dramenentwürfen versucht sich der junge H. Praktisch reizt ihn alles zur Nachahmung, was in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Rang und Namen hatte, und der Umfang dieses Jugendwerkes widerlegt die Auffassung, daß erst die späteren biographischen Ereignisse den Weg zum dichterischen Beruf eröffnet haben. – In Jena wirkten damals C. L. Reinhold als Lehrer der Kantischen Philosophie und Schiller als Professor der Geschichte, beiden trat H. persönlich nahe, und vor allem Schiller übte einen tiefen Einfluß auf ihn aus. Jedenfalls steht das erste Gedicht, das er 1791 in Wielands „Teutschem Merkur“ veröffentlichte, ganz unter dem Eindruck dieser Begegnung. In Leipzig, wo er 1791/92 sein Studium fortsetzte, schloß er Freundschaft mit Friedrich Schlegel, und dieses Verhältnis sollte trotz zeitweiliger Unterbrechungen bestimmend für die Begründung der sogenannten Jenaer Frühromantik werden, für die der Briefwechsel beider ein aufschlußreiches Zeugnis ist. Die Hinwendung zur Philosophie, das Studium Kants und später Fichtes hat durch Schlegel entscheidende Anregungen erfahren, auch wenn H. in Leipzig noch „brillante Rollen auf dem Theater der Welt“ spielte und eine verworrene Liebesepisode den jungen „Flatterer“ (nach dem Urteil seines Bruders Erasmus) zu dem merkwürdigen, nach kurzer Zeit widerrufenen Entschluß veranlaßte, Soldat zu werden. Im Frühjahr 1793 kehrte H. nach Weißenfels zurück und vollendete ein Jahr später seine juristischen Studien in Wittenberg. Nach dem Wunsche des Vaters trat er im Herbst 1794 als Aktuarius beim Kreisamt in Tennstedt ein, um hier unter Anleitung des Kreisamtmanns A. C. Just, der später sein Freund und erster Biograph wurde, in die Verwaltungspraxis eingeführt zu werden. In Tennstedt entschied sich sein Schicksal, „eine Viertelstunde“ bestimmte sein Leben, wie er in einem Briefe an Erasmus schreibt. Auf einer Dienstreise kam er am 17.11.1794 nach Grüningen in das Haus des Rittmeisters Johann von Rockenthien und lernte dessen zwölfjährige Stieftochter Sophie von Kühn kennen. Sie wurde sein „Genius“, in der Liebe zu ihr fand er den Schlüssel zu seinem „eigensten Selbst“. Im März 1795 verlobten sich beide.

Die Jahre 1795/96 stehen im Zeichen eingehender philosophischer Studien, vor allem einer Auseinandersetzung mit Fichtes Wissenschaftslehre, die H. als „dringende Einleitungsstudien“ auf sein ganzes künftiges Leben und „notwendige Übungen“ seiner Denkkräfte bezeichnete. Fichte hatte er schon im Mai 1795 in Jena im Hause Niethammers persönlich kennengelernt und sich mit seinen bis dahin erschienenen Werken beschäftigt. Aber erst im Herbst beginnen die umfänglichen Niederschriften, die bis zum Spätsommer oder Herbst des nächsten Jahres reichen. In ihnen bildet sich eine eigene Denkform H.s aus, die zur Voraussetzung seiner späteren Fragmentsammlungen wie seines dichterischen Werkes wird. Mit Recht ist auch die Frage aufgeworfen worden, ob der Tod der Braut nicht nur deshalb in diesem Ausmaß erfahren werden konnte, weil er schon in diesen beiden Jahren vom Denken vorbereitet worden war. Die Sorge um Sophie, die im|November 1795 an Lungenschwindsucht erkrankte und Anfang Juli 1796 einen schweren Rückfall erlitt, prägt sich in den Meditationen der Studienblätter deutlich genug aus – die „unendliche Idee der Liebe“ führte H. über Fichte hinaus und ließ auch das bisher schlummernde religiöse Erbe in ihm erwachen (Zinzendorf). Dennoch bedeutete der Tod der Braut am 19.3.1797 eine Wende seines Lebens, „ein gewaltsames Korrektiv“, das den Entschluß, ihr nachzusterben, hervorrief. Die Briefe und Tagebuchblätter aus diesen Monaten zeigen aber, wie H. in der völligen Loslösung von der empirischen Welt zugleich den „Beruf zur unsichtbaren Welt“ als seine menschliche und künstlerische Bestimmung erfuhr. Am 13. Mai läßt ihn ein Erlebnis am Grabe die Schranken von Raum und Zeit überwinden und ihm die Nähe der verstorbenen Geliebten fühlbar werden. Das wird zur metaphysischen Grunderfahrung seines Lebens. Von nun an erfaßt er es als seine Aufgabe, in beiden Welten zu leben und ihre wechselseitige Durchdringung und Überführung als Ziel seiner dichterischen und philosophischen Arbeit anzusehen. Auch die Wissenschaften gewinnen ein neues Interesse für ihn, er studiert sie „nach höheren Zwecken, von einem höhern Standpunkte“. Neben Fichte, →Schelling und Hülsen werden vor allem die Schriften des holländischen Philosophen Franz Hemsterhuis für ihn bedeutsam, die er im Herbst 1797 exzerpiert und weiterdenkt. Dessen Lehre vom moralischen Organ im Menschen, von H. als „echt prophetisch“ empfunden, führt zu einer tiefgreifenden Kritik Kants und Fichtes, mit der sich ein seit langem angebahnter Denkprozeß vollendet. Die erste Frucht dieser intensiven gedanklichen Arbeit bilden die beiden zur Veröffentlichung gelangten Fragmentsammlungen „Blütenstaub“ und „Glauben und Liebe“ aus dem Februar beziehungsweise Mai 1798. In der Geschichte der Romantik hat die erstere ihre besondere Bedeutung darum, weil sich hier zuerst die romantische Haltung des Blickes nach innen und außen, das Heimischsein in zwei Welten ausspricht, die zweite, weil sie als die erste stark fortwirkende Formulierung des romantischen Verhältnisses zur Gemeinschaft und besonders zum Staate gelten kann. Das Erlebnis des Mittlertums („Christus und Sophie“) ist in beiden von grundlegender Bedeutung. Doch sind sie nur ein kleiner Teil der gleichzeitig angelegten Fragmenthandschriften seit Anfang 1798, in denen sich die romantische Poetik H.s und sein magischer Idealismus gedanklich ausgeformt haben. Ziel der Magie ist ihm nicht die Unabhängigkeit des Geistes gegenüber der Sinnenwelt, sondern deren Verwandlung und Belebung; Ziel der Poesie die Erhebung des Menschen über sich selbst, die Überwindung von Schmerz, Tod und Zeit, das Bewußtsein der Illusion als solcher. Hier zuerst wird auch das berühmte Poesieprogramm von 1798 verkündet („Die Welt muß romantisiert werden …“).

Von Weißenfels aus, wo er seit dem Frühjahr 1796 als Akzessist an den Salinen beschäftigt war, übersiedelte H. am 1.12.1797 nach Freiberg, um sich an der dortigen Bergakademie in den naturwissenschaftlichen Fächern, vor allem der Geologie, Mineralogie, Bergbaukunde, Chemie und Mathematik, weiter auszubilden. Sein bedeutendster Lehrer wurde hier →Abraham Gottlob Werner, dessen Ruf als Geologe und Mineraloge schon damals weit über die Grenzen Deutschlands gedrungen war. So sehr das Studium in Freiberg den beruflichen Fachkenntnissen H.s dienen sollte, so nachhaltig hat es gleichzeitig auf seine philosophischen und dichterischen Pläne eingewirkt. Aus dieser Zeit liegen seit Juni 1798 umfängliche naturwissenschaftliche Studienhefte und -blätter vor, die neben zahlreichen Exzerpten selbständig weiterführende Bemerkungen und kritische Schlußfolgerungen H.s enthalten, deren Auswertung erst nach ihrer bevorstehenden vollständigen Edition möglich sein wird. Die wichtigsten Anregungen daraus sind in das „Allgemeine Brouillon“ übergegangen, jenes philosophische Hauptwerk vom Herbst 1798 bis Frühjahr 1799, das „Materialien zur Enzyklopädistik“ sammeln sollte und mit dem H. alle Wissenschaften auf ihre ursprüngliche Einheit zurückzuführen beabsichtigte. Die Idee einer solchen Enzyklopädie war ihm bereits durch Hemsterhuis und C. A. Eschenmayer 1797 vermittelt worden, den entscheidenden Anstoß aber gab ihm nun Werners „großer systematischer Geist“, während ihm Goethe – den er im März 1798 erstmals in Weimar persönlich kennengelernt hatte und als den „merkwürdigsten Physiker unsrer Zeit“ bewunderte – durch seine „Behandlung der Wissenschaften“ zum Vorbild wurde. Eine universale Wissenschaftskunde schwebte ihm vor, in welcher alle Verhältnisse, Ähnlichkeiten, Gleichheiten, Wirkungen der Wissenschaften aufeinander aufgespürt und dargestellt werden sollten. Das Unternehmen mußte bald auf die Methodik des Verfahrens und einzelne Beispiele eingeschränkt werden, und über die endgültige Form des Werkes – das entgegen der üblichen Auffassung keinesfalls als Fragmentsammlung gedacht war – haben wir nur wenige Andeutungen. Als dichterischer Ertrag dieser Studien darf|das tiefsinnige Romanfragment „Die Lehrlinge zu Sais“ gelten, dessen 1. Teil schon Anfang 1798 geschrieben wurde, um dann in der Wende 1798/99 mit den Gesprächen des 2. Teils fortgesetzt zu werden. Der Plan, die vorhandenen Bruchstücke zu einem „echt-sinnbildlichen Naturroman“ auszugestalten, wurde später um des Ofterdingen-Romans willen zurückgestellt und blieb unausgeführt.

Im Hause des Berghauptmanns von Charpentier, in dem H. während seines Freiberger Aufenthaltes verkehrte, lernte er im Januar dessen Tochter Julie kennen, mit der er sich im Dezember 1798 verlobte. Diese zweite Bindung ist von ihm selbst als schweres Problem empfunden worden, denn die Liebe zu Sophie und die Gewißheit ihrer künftigen Wiedervereinigung blieben davon unberührt. Doch ist für das Verständnis des Dichters und sein Leben zwischen den beiden Welten vielleicht nichts so wichtig wie die Tatsache dieser erneuten Verlobung. Er fühlte sich auf einer Mission, „zur Bildung der Erde sind wir berufen“. In dieser Hinsicht wurde ihm Julie zur Gefährtin des irdischen Lebens, während Sophie die Mittlerin der „höhern Welt“ blieb, die ins Diesseits überführt werden sollte. Der zweiten Gefährtin verdankte er es, daß er sich noch einmal „mit voller Seele“ der empirischen Welt zuwenden und sich auch in seinen literarischen Plänen zur „bürgerlichen Baukunst“ bekennen konnte. „Ich bin dem Mittage so nahe, daß die Schatten die Größe der Gegenstände haben – und also die Bildungen meiner Phantasie so ziemlich der wirklichen Welt entsprechen.“ In den beiden Gestalten der Mathilde und Cyane hat dieses merkwürdige Verhältnis seine dichterische Widerspiegelung im „Ofterdingen“ gefunden, ebenso wie hier Werner in der Gestalt des alten Bergmannes und Goethe in derjenigen Klingsohrs ihre weiterwirkende Bedeutung für H. offenbart haben. Die Stellungnahme zu H.s Verlobung mit Julie bildet in gewisser Hinsicht einen Prüfstein für die Wirkungsgeschichte seines romantischen Werkes, denn im älteren Novalis-Bild wurde sie bezeichnenderweise mit Unbehagen übergangen. „Ich hätte mir sein Leben doch viel anders vorgestellt. Die Jungfer Charpentier stört auch so die Poesie“ (Kerner an Uhland).

Im Mai 1799 kehrte H. von Freiberg nach Weißenfels zurück, das fortan sein Wohnsitz blieb. Hier wurde er Ende des Jahres zum Assessor ernannt, zahlreiche Dienstreisen führten ihn von hier nach Artern, Kösen, Dürrenberg und an andere Orte in die Salinen und Bergwerke Thüringens, umfangreiche Memoranden und Protokolle sind als Zeugnisse seiner Berufstätigkeit erhalten. Vor allem aber bildet sich nun, im Verkehr mit den Brüdern Schlegel, mit denen er seit 1798 öfter in Jena, Dresden und Weimar zusammentraf, in der Bekanntschaft mit Tieck, den er im Sommer 1799 in Jena rasch zum Freunde gewann, im gedanklichen Austausch mit Schleiermacher, →Schelling und J. W. Ritter, neben fortlaufenden philosophischen und poetologischen Aufzeichnungen sein dichterisches Werk aus. Schon im Frühjahr 1799 entstehen die ersten geistlichen Lieder, die sich bis zum Sommer 1800 zu einem Zyklus erweitern. Obwohl einige von ihnen in die evangelischen Gesangbücher eingegangen sind, behaupten diese Gedichte in der Geschichte des Kirchenliedes als Ausdruck eines ganz persönlichen Erlebens und einer sehr individuellen Religiosität eine Sonderstellung. Schlegel nannte sie „das Göttlichste“, was H. je gemacht habe, und verglich sie mit den innigsten und tiefsten unter Goethes frühen Gedichten. Im engen Zusammenhang damit stehen die „Hymnen an die Nacht“, die am 31.1.1800 als vollendet angekündigt werden, aber, wie neuere Forschungen ergeben haben, auf eine höchst vielschichtige Entstehungsgeschichte zurückweisen. So ist die Keimzelle der Hymnendichtung, eine erste Fassung der 3. Hymne, als „Urhymne“ sicherlich noch in den Herbst 1797 zu setzen, während eine frühe Prosafassung der 1., 2. und 4. Hymne wohl schon zu Anfang der Freiberger Zeit 1797/98 entstanden ist. Die erhaltene handschriftliche Fassung der Hymnen, die sich vom Athenaeums-Druck im Sommer 1800 durch abgesetzte Verszeilen unterscheidet, ist dagegen erst in der Jahreswende 1799/1800 niedergeschrieben worden. In ihnen hat das Sophien-Erlebnis seine letzte dichterische Überhöhung erfahren, die Graberfahrung des Sängers der 3. Hymne und der Geschichtsmythos der 5. Hymne verbinden sich im Symbol des christlichen Kreuzes, der „Siegesfahne unsers Geschlechts“, mit dem der Tod überwunden und die Gegensätzlichkeit des Nacht- und Lichtreiches aufgehoben ist in einem neuen Wissen, das die irdische Tageswelt durchdringt und verwandelt. Tritt hier die metahistorische Zukunft eines himmlischen Reiches der Liebe in den Mittelpunkt esoterischer Verkündigung, so beherrscht den im Spätherbst 1799 entstandenen Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“ ein realgeschichtliches Zukunftsbild, das sich aus dem Zerfall des idealen Mittelalters über die Stufen des Niedergangs und fortschreitender Evolutionen hinweg mit der prophetischen Erwartung einer „heiligen Zeit des ewigen Friedens“ und einer „neuen, dauerhaftern Kirche“ abzeichnet. Der Aufsatz, den H.treffender als eine „Rede“|bezeichnete und unter rhetorischen Kategorien betrachtet wissen wollte, blieb ungedruckt; die erste Lesung im Kreise der Jenaer Frühromantiker führte zu lebhaften Kontroversen, die der vermeintlich katholisierenden Tendenz und der schwachen historischen Ansicht des Mittelalters galten; Goethes Urteil entschied schließlich gegen den Druck, der vollständig erst 1826 erfolgte und auch dann noch zu heftigen Auseinandersetzungen Anlaß gab. – Wenig später, noch im Zusammenhang mit den Mittelalter-Studien, die vor allem im Dezember 1799 bei einem Aufenthalt in Artern in der Bibliothek des befreundeten Majors von Funck fortgesetzt wurden, entstand die erste Konzeption des „→Heinrich von Ofterdingen“, der die Arbeit des letzten Lebensjahres bestimmte. Der Roman, zweifellos das bedeutendste dichterische Werk der Frühromantik und auch in seiner unvollendeten Gestalt eine Summe von H.s Poetik und dichterischem Wollen, löste die früheren Romanpläne ab und verdrängte sie; der gesamte 1. Teil war schon am 5.4.1800 fertiggestellt, die Fortsetzung blieb im Herbst mit dem großen Gespräch zwischen Heinrich und Sylvester liegen, fand aber durch zahlreiche Entwurfsnotizen und einzelne, ausgeführte Bruchstücke aus dem Sommer bis Spätsommer 1800 eine stichwortartige Abrundung. Dennoch ist eine Rekonstruktion des 2. Teils kaum möglich, zumal H. nach Schlegels Mitteilung noch in den letzten Wochen seinen Plan völlig geändert haben soll und auch in den Entwurfsnotizen ein charakteristisches Schwanken und Verwerfen der vorläufigen Kapitelgliederung – zum Beispiel hinsichtlich des Wartburgfestes, das im 6. Kapitel behandelt werden sollte – spürbar wird. Auch Tiecks Fortsetzungsbericht ist nicht in allen Punkten zuverlässig, obwohl er gegenüber früheren Urteilen durch die neu aufgefundenen Papiere aus dem Nachlaß E. von Bülows eine gewisse Bestätigung gefunden hat. Das Werk, das wie alle frühromantischen Romane unter dem Einfluß von Goethes „Wilhelm Meister“ steht, aber trotz Übernahme vieler formaler Stilzüge seinem Geiste nach ein Anti-Meister zu werden versprach, ist allzu lange vom Stimmungszauber romantischer Traum- und Märchenbilder her gedeutet und als Ausdruck einer Weltanschauung märchenhaft-utopischen Charakters empfunden worden. Die Komposition des Werkes, die den klassischen Entwicklungs- und Bildungsroman hinter sich läßt, zeigt dagegen einen sehr bewußten, vor allem in der Perspektiventechnik und Zeitbehandlung sichtbar werdenden Gestaltungswillen, der auf den modernen Roman und einige seiner Formexperimente vorausdeutet. Ob der 2. Teil dem höchsten messianischen Auftrag der Poesie, der in diesem Roman nicht nur dargestellt, sondern vielmehr auch durchgeführt und erfüllt werden sollte, gewachsen gewesen wäre, wissen wir nicht; gegenüber kritischen Urteilen, die den totalen Anspruch der dichterischen Weltverwandlung für die unvollendete Form des Werkes verantwortlich machen und darin ein Scheitern an den Grenzen der Kunst erblicken möchten, mag darauf hingewiesen sein, daß Krankheit und Tod dem Dichter eine von ihm niemals bezweifelte Vollendung versagten. Schon im Herbst 1800 kam es zum Ausbruch der tödlichen Krankheit, ein Blutsturz warf H. aufs Krankenlager, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Die letzten Tagebuchaufzeichnungen vom Oktober, die er als „Lehrjahre der höheren Lebenskunst“ bezeichnete, zeigen in klarer und unerbittlicher Selbstbeobachtung Unruhe und Angst, eine dagegen beschwörend aufgerufene, fast kindliche Frömmigkeit und – bezeichnend für die weit gespannte, kaum zu fassende Arbeitsintensität dieser letzten 4 Lebensjahre – die „wahrhaft himmlische Lust der Tätigkeit“, die ihn bis zum Ende mit Lektüreplänen gefaßt hält. Im Dezember 1800 erfuhr er noch seine Ernennung zum Amtshauptmann in Weißenfels. Dort starb er im Beisein seines Freundes Friedrich Schlegel und seines Bruders Karl, die beide zu den treuesten Verwaltern seines literarischen Nachlasses wurden.

H.s Werk scheint sich mühelos zu gliedern in die sogenannten „reinen“ Dichtungen und in die Gedankenwelt seiner Studien und Fragmente. Doch hat sich eben diese Trennung als verhängnisvoll erwiesen. Der Anteil des Denkers ist im dichterischen Werk, unter Einschluß der Märchen, ebenso unverkennbar, wie sich der Anteil des Dichters in der „poetischen“ Philosophie der Fragmente und in der angestrebten „Poetisierung“ aller Wissenschaften nachweisen läßt. Die Wirkungsgeschichte seines Werkes knüpft sich in erster Linie an die Dichtungen, vor allem an die „Hymnen“ und „Geistlichen Lieder“ und den Roman „→Heinrich von Ofterdingen“; von ihnen her wurde das volkstümliche Bild des romantischen Mystikers und Träumers geprägt. Dagegen setzte die zweite Phase seiner Wirkung, in der die spezifische Modernität H.s erkannt und hervorgehoben wurde, mit einer stärkeren Hinwendung zu den Fragmenten ein, die namentlich mit ihren kunsttheoretischen Überlegungen in den Mittelpunkt des Interesses rückten. Aber auch hier scheint sich die Gefahr einer Verzeichnung des Novalis-Bildes anzubahnen. So berechtigt die Betonung der Modernität gegenüber dem pseudoromantischen Verständnis des Dichters ist und zu dessen Korrektur beitragen kann, so oft fußt sie auf einer fragwürdigen Ausdeutung isolierter, aus dem Zusammenhang gerissener Fragmente. Das hängt unter anderem mit der Editionstechnik aller älteren Ausgaben zusammen, die, von dem Leitbild des „Fragmentisten“ ausgehend, auch aus fortlaufenden Niederschriften einzeln herausgelöste Sätze als „Fragmente“ darboten und damit einer heillosen Verwirrung hinsichtlich des Fragments als einer bewußt konzipierten romantischen Kunstform Vorschub leisteten. Bei einer solchen Hinterlassenschaft schien es leicht, in den einzelnen Gedankensplittern H.s die „entromantisierten“ Kunsttheorien der Moderne vorgeprägt zu finden. Erst die neue, im Entstehen begriffene Edition wird hierin einen Wandel schaffen, da sie auf die wieder zugänglich gewordenen Handschriften im Besitz des Freien Deutschen Hochstifts, Frankfurt/M., zurückgreifen kann. In der chronologischen Neuordnung der Papiere zeigt sich zunächst ein Zusammenhang, der die Entwicklung der H.schen Denkhaltung genauer als bisher beleuchtet und nach den einzelnen Phasen seines Werkes abstuft. In der Entschlüsselung zahlreicher „Fragmente“ als fortlaufender, in einen größeren Gedankenzusammenhang eingebetteter Studiennotizen wird die Kontinuität dieses Denkens sichtbar, die es verbietet, das gedankliche Werk H.s als ein Trümmerfeld zu betrachten, aus dem durch willkürliches Zitieren das Trugbild eines phantasievoll spielenden, aus dem Nichts gedanklicher Kombinationen und Assoziationen schaffenden Denkers abgeleitet werden kann. Vor allem aber werden durch die Aufdeckung zahlreicher Exzerpte und Lektürenotizen H.s die vielfältigen geistigen Voraussetzungen faßbar, aus denen die Gedankenwelt seiner Fragmente erwachsen ist und ohne die diese nicht zu verstehen sind. Gewiß gab ihm seine umfangreiche, erst jetzt in vollem Ausmaß erkennbare Lektüre im Grunde nur eine Bestätigung dessen, was er selbst erfahren und schon durchdacht hatte. Nicht die Originalität H.s wird also in Frage gestellt, wohl aber der scheinbar unbegrenzte Spielraum an Interpretationsmöglichkeiten, der ohne Kenntnis der zeitgeschichtlich bedingten, als Anstoß und Denkimpuls wirksamen Lektüre zu einer Überschätzung der aktuellen Aspekte führen kann. Es zeigt sich dann, daß H. auch in denjenigen Aufzeichnungen, die man „artistisch“ oder gar „manieristisch“ genannt hat und die ihn als „Klassiker des Surrealismus“ erscheinen lassen, noch ganz auf dem Boden metaphysischer Denkvoraussetzungen steht, die in der modernen Literatur völlig abgestreift sind. Das wird etwa aus seinen Plotin-Studien von 1798/99 deutlich, die zu den wichtigsten poetologischen Folgerungen führen, ohne daß diese in ihren geistigen Voraussetzungen bisher erkannt worden wären. Der metaphysische Bezugspunkt seines oft experimentierenden Denkens wird durch die „unbekannte heilige Welt“ bestimmt, die hinter den Erscheinungen steht und auf die hin alle empirische Wirklichkeit „romantisiert“ werden soll, er wird ebenso sichtbar in dem Endziel der „neuen goldnen Zeit“, deren Realisierung der Dichter wie der Enzyklopädist, der Staats- wie der Naturphilosoph allen Ernstes anstrebt. So wird die Novalis-Forschung in einer Art Spiralbewegung über die Erkenntnis der „Modernität“ hinaus wieder zu einer neuen und vertieften Bestimmung des spezifisch „Romantischen“ im Werk des Dichters gelangen müssen. Dies wird die Aufgabe sein, die sich nach der historisch-kritischen Edition seiner Schriften stellt. Was für ihn selbst „Romantik“ bedeutete und welches erstaunlich kühl durchdachte, mit Vorliebe durch mathematische Begriffe bezeichnete Denk- und Stilprogramm sich für ihn mit dem Ziel einer Romantisierung der Welt verband, läßt sich vielleicht am deutlichsten am Gegenbild der Trivialromantik fassen, etwa an einem Vergleich mit dem Novalis-Epigonen Otto Heinrich Graf von Loeben, der sich Isidorus Orientalis nannte und 1808 mit seinem Roman „Guido“ den „Ofterdingen“ nachzuahmen und zu vollenden unternahm.

14. Clemens Brentano 

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Zu Ehrenbreitstein im Haus der Großmutter →La Roche geboren, verlebte B. seine ersten Kinderjahre im Haus zum Goldenen Kopf in der Großen Sandgasse in Frankfurt/Main unter vielen Geschwistern, kam sechsjährig zu der harten Tante Moehn nach Koblenz, wo er später auch das Gymnasium besuchte, war zwischendurch wieder zu Hause und in einem Heidelberger Internat, 1791-93 in einem Mannheimer Erziehungsinstitut, danach ein Semester auf der Universität Bonn. Im Herbst 1794 wurde er vom Vater in kaufmännische Lehre genommen, 1796 in eine solche nach Langensalza geschickt, wo er nicht lange aushielt, und Anfang 1797 nach Schönebeck an der Elbe zu dem Onkel →Karl v. La Roche, dem Salinendirektor, um sich auf das Studium des Bergfaches vorzubereiten, das er im Sommer in Halle begann, unlustig und ohne Ergebnis. Im Frühjahr 1798 ging er dann als Student der Medizin nach Jena, wo er wenig studierte, aber mit den Führern der deutschen Romantik, mit den Brüdern Schlegel, →Tieck und mit J. W. Ritter in Fühlung kam, an Savigny einen Freund gewann und starke Anregungen für seine Dichtungen erhielt, besonders von Tieck. Es entstand die literarische Satire „Gustav Wasa“, gegen Kotzebue, den Feind der Romantik, gerichtet, und der erste Band des „Godwi“ mit vielen Gedichten. Eine Liebesbeziehung zu →Sophie Mereau, der Frau des Bibliothekars und Professors, die als Dichterin und Übersetzerin hervorgetreten war, führte ihn in alle Höhen und Tiefen der Liebe und nach schweren Rückschlägen 1803 zur Ehe. Inzwischen war er Savigny nach Marburg gefolgt, im Sommer 1801 in Göttingen als Student der Philosophie immatrikuliert, aber stärker dichterischem Schaffen am zweiten Band des „Godwi“ und am „Ponce de Leon“ hingegeben und der beglückenden Freundschaft mit →Achim v. Arnim, unstet in Frankfurt, wieder in Jena, in Marburg gewesen, mit →Arnim 1802 am Rhein gereist, hatte in Düsseldorf Theaterpläne verfolgt, aus denen das Singspiel „Die lustigen Musikanten“ erwuchs, von Liebesglück erfüllte Sommerwochen mit Sophie in Thüringen verlebt und diese nach Marburg nach sich gezogen. Dort blieben sie das erste Jahr ihrer Ehe. Nach dem raschen Tod des ersten Kindes zogen sie nach Heidelberg, wohin für den Sommer 1805 und für das Jahr 1808 auch →Arnim kam und 1806 der Koblenzer Freund Josef Görres als Privatdozent, und nun die Heidelberger Romantik aufblühte.|Deren erste Frucht, „Des Knaben Wunderhorn“, Band 1, kam im Herbst 1805 heraus. B.s Eheglück, das die ersehnte Erfüllung ihm freilich nicht in vollem Maße gegeben hat, war nur von kurzer Dauer. Bei der Geburt des dritten Kindes starb Sophie. B. war wie ein Verzweifelter. Noch unsteter wurde nun sein Leben. Eine zehn Monate später unter phantastischen Umständen geschlossene Ehe mit der 16jährigen hysterischen Auguste Bußmann wurde Hölle und Farce für ihn. Nach kurzem gemeinsamem Leben in Kassel, wo er mit den Brüdern Grimm Freundschaft geschlossen, ging B. 1808 allein wieder nach Heidelberg (zweiter und dritter Band des „Wunderhorns“, Mitarbeit an der „Zeitung für Einsiedler“ u. a.), im Herbst dann mit seinem Schwager Savigny nach Landshut und, vor seiner Frau fliehend, nach München. Vom Herbst 1809 bis Sommer 1811 war er bei Arnim in Berlin, wo er an der Christlich-Deutschen Tischgesellschaft teilnahm, der er seine satirische Abhandlung „Der Philister vor, in und nach der Geschichte“ vorlas, und die Arbeit an den „Romanzen vom Rosenkranz“ wieder aufnahm, dann in Böhmen auf einem von seinen Geschwistern gekauften Gutshof Bukowan und in Prag. Die Dramen „Aloys und Imelde“ und „Die Gründung Prags“ entstanden hier. 1813 ging er nach Wien, wo er aber als Theaterdichter nicht Fuß zu fassen vermochte, und 1814 kam er nach Berlin zurück. Bei regem geselligem Leben und mancherlei schriftstellerischen Arbeiten war er hier in sich tief unbefriedigt und wie auf der Flucht vor sich selbst. Religiöse Sehnsucht, die schon in frühen Werken angeklungen war, verstärkte sich zu bitterem Leiden („Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe“). Unter Einwirkung der jungen Luise Hensel, die, mit Leidenschaft und Sehnsucht von ihm umworben, ihn auf den Weg der Entsagung und an die katholische Kirche verwies, der er angehörte, erfolgte die entscheidende Wendung B.s. Er legte 1817 die Generalbeichte ab. Unzufrieden mit seinem bisherigen Dichten, suchte er nun seine literarischen Aufgaben im religiösen und caritativen Dienst. 5 Jahre lebte er in Dülmen in Westfalen, um die Gesichte der stigmatisierten Nonne →Anna Katharina Emmerick aufzuschreiben und herauszugeben. Nach deren Tode war er in Koblenz und auf größeren Reisen für die Barmherzigen Schwestern tätig („Die Barmherzigen Schwestern in bezug auf Armen- und Krankenpflege“, 1831), lebte danach in Frankfurt und Regensburg und seit 1833 in München, still und zurückgezogen, aber noch einmal von starker Liebe zu einer Frau, der Malerin →Emilie Linder, ergriffen. Er starb 1842 im Hause seines Bruders Christian in Aschaffenburg.

Dieser unruhige Verlauf seines äußeren Lebens kennzeichnet die innere Verfassung B.s. Eine problematische Natur in dem Sinne, in dem Goethe dies Wort gebraucht, von entgegengesetzten Stimmungen zugleich erfüllt, heiße Sinnlichkeit mit überwacher Selbstreflexion verbindend und mehr als in der Wirklichkeit in einer Welt der Träume und Phantasien zu Hause, in die verfehlte Erziehungsmethoden ihn von früh auf sich hatten zurückziehen lassen, hat er nicht vermocht, einen festen Halt im Leben zu gewinnen. Die deutsch-romanische (italienisch und französisch) Blutmischung mag daran Anteil haben wie auch an seinen reichen künstlerischen Gaben. Eine übermächtige Phantasie ließ ihn die Grenzen von Dichtung und Leben verwischen, die Poesie ins Leben hineintragen, so daß er sie mehr lebte als dichtete, wofür seine reichen Briefe sprechende Zeugen sind. Sein Leben bekam so etwas Willenloses, Getriebenes. Allzuviel mit sich selbst beschäftigt, ohne mit sich fertig zu werden, hatte er etwas Selbstzerstörerisches, ja Dämonisches und konnte in sich selbst seinen fürchterlichsten Feind sehen. Den unversöhnlichen Kampf mit dem eigenen Dämon nennt Eichendorff die eigentliche Geschichte seines Lebens und Dichtens. Das Fehlen eines festen Zentrums in sich selbst trieb ihn immer wieder dazu, in der Geliebten oder im Freund seinen Halt zu suchen in einer weiblich anmutenden Hingabefähigkeit bis zum Sichfortwerfen. Seine Sehnsucht und seine Phantasie flogen dabei über alles Erleben so weit hinweg, daß dieses ihm schal wurde und immer neue Enttäuschungen brachte, die nur neue Sehnsucht weckten. Sehnsucht und Wehmut wurden so Grundtöne seiner Dichtung sowie Ironie und Witz, hinter denen sich ein an den Härten und Dissonanzen des Lebens schmerzlich leidendes Gemüt verbarg.

So sehr hat B. Poesie gelebt, daß seine Dichtungen fast wie zufällige Früchte des Lebens wirken und ihm wenig daran lag, als Dichter anerkannt zu werden. Erzählend und singend war er ein genialer Improvisator, auch wenn er sich wiederholt um spätere Ausgestaltung und Ausfeilung des Improvisierten bemühte. Nie hat er hausgehalten mit seinem Talent. Die dichterisch wertvollsten größeren Werke, die „Chronika“ und die „Romanzen vom Rosenkranz“, sind Fragmente geblieben. Ebenso „Die mehreren Wehmüller“. Auch die Märchen kamen nicht zu dem geplanten Abschluß und erschienen erst nach seinem Tode, und er mag mehr Märchen sich ausgedacht|und erzählt haben, als überhaupt zur Niederschrift gekommen sind. Seine Gedichte hat er nicht selbst gesammelt; von so manchen gibt es verschiedene Fassungen, aber keine endgültige. Eine Gesamtausgabe der Gedichte fehlt bis heute. Zahlreiche Dramenfragmente sind überhaupt noch nicht gedruckt.

Das erste Werk des Erzählers B., „Godwi oder das steinerne Bild der Mutter, Ein verwilderter Roman von Maria“ (I 1801, II 1802) zeigt ihn auf den Bahnen der Frühromantik. Wichtiger als das Erzählen und Gestalten ist dem jungen Dichter das Aussprechen seiner Stimmungen und seines Lebensgefühls, persönlicher Erlebnisse, Nöte und Sehnsüchte und das Bekenntnis zu einer Lebensführung, die nur aus der eigenwilligen persönlichen Eigentümlichkeit ihre Richtung gewinnt. Der zweite Teil ist noch bizarrer in der Komposition als der erste, noch „verwilderter“. Hier spielt die Ironie des Dichters mit sich selbst und seinem Werk. Der künstlerische Wert des Buches liegt im Lyrischen, Stimmungshaften der Prosa - die Nachtstimmungen werden bevorzugt - und mehr noch in den zahlreichen eingelegten Gedichten.

Einheitlicher im Ton eines schlichten altertümlichen Erzählungsstils ist die „Chronika eines fahrenden Schülers“, die der kindlichen, gläubigen Seite von B.s Wesen entsprossen ist, seinem Erinnerungsbild der Mutter ein Denkmal setzt und Wackenroders Welt nahe steht, aber eine tiefer erlebte Darstellung des Mittelalters gibt. Die Erzählung blieb trotz späterer Überarbeitung unvollendet, weil B. ihre reine Stimmung nicht lange festzuhalten vermochte. Starke Wirkung geht auch von der komischen und spukhaften Sammelerzählung „Die mehreren Wehmüller und die ungarischen Nationalgesichter“ aus, die viel Atmosphäre und Figuren der österreichisc-ungarischen Lande in sich aufgenommen hat. Was B. auch und gerade in Zeiten tiefen Aufgewühltseins als Dichter zu leisten vermochte, zeigt die im zweiten Berliner Aufenthalt rasch entstandene „Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl“, die in einer Rahmennovelle von sehr kunstvoller und spannender Bauform und in realistischer und zugleich hintergründiger Darstellung von schweren Schicksalen erzählt, ein volkstümliches Werk im besten Sinne des Wortes. Ihr gegenüber stehen seine anderen Novellen zurück. Nicht aber seine Märchen, diese Produkte einer reichen überquellenden Phantasie nicht nur da, wo er frei erfindet, wenn auch mit Benutzung überlieferter Märchenmotive, wie in dem Märchenzyklus „Das Märchen vom Rhein und dem Müller Radlauf“, an dem seine Liebe zum Rhein und zum deutschen Wald mitgeschaffen hat, sondern auch da, wo er Märchen aus dem „Pentamerone“ des Basile nacherzählt oder vielmehr umdichtet, sie verinnerlicht, psychologisch vertieft und in eine reine höhere Sphäre hebt und trotz mancher satirischer Anspielungen auf Zeiterscheinungen den Ton zu treffen weiß, der kindlichen Zuhörern gemäß ist. Hierher gehören u. a. „Gockel, Hinkel und Gakeleia“. Dieses Märchen hat B. in späteren Jahren umgearbeitet und erweitert, um es zum Gefäß seiner Anschauungen zu machen, wobei freilich mancher ursprüngliche Reiz verloren ging.

Der improvisierenden Art seines Schaffens lag auf dramatischem Gebiet das heitere Genre näher als das große Drama. „Ponce de Leon“, zu Goethes Preisausschreiben für das beste Intrigenlustspiel ohne Erfolg eingesandt, ist gleichwohl eine der besten romantischen Komödien, von der italienischen Komödie und Shakespeare und von der fröhlichen Heiterkeit jugendlichen Lebens mit Arnim in Göttingen befruchtet. Ein schier unersättlicher Spieltrieb wirkt sich hier aus, besonders in der Sprache. Dennoch entbehrt das Stück nicht des tieferen Sinns und persönlichen Bekennens. In stärkerem Maße ist in dem Singspiel „Die lustigen Musikanten“, das in wenigen Tagen geschaffen und u. a. von Hoffmann komponiert ist, dem leichten Spiel der Gestalten der commedia dell' arte und ihrer Fröhlichkeit tieferes Weh beigemischt. Wie andererseits das Trauerspiel „Aloys und Imelde“ zugleich auch als Komödie angesprochen werden könnte. Seine künstlerischen Werte liegen weniger im Dramatischen als im Lyrisch-Musikalischen. Das darf man auch von dem großen Drama „Die Gründung Prags“ sagen, dem ersten und einzigen Teil einer Trilogie aus der böhmischen Vorzeit, einem ideenreichen mythisierenden Werke, dem bei einer übergroßen Fülle von Geschehnissen und Personen und reicher Instrumentierung die eigentliche dramatische Handlungsführung fehlt. Dafür bietet es starke Stimmungswirkungen und große sprachliche Schönheiten. Und alle Dramen B.s enthalten unter ihren zahlreichen Liedeinlagen lyrische Kostbarkeiten.

Lyriker war dieser Dichter in erster Linie, ein ganz ursprünglicher Lyriker, der seine Lieder improvisierend zur Laute sang, oft nur von seinen Empfindungen und Assoziationen sich leiten lassend, aber auch kunstvollen Aufbau meisternd. Nietzsche hat einmal gesagt, von allen deutschen Dichtern habe B. die meiste Musik im Leibe. Diese starke musikalische Begabung, die sowohl in dem schwingenden Rhythmus und in fortreißenden Melodien wie in reichen suggestiven Klangmitteln im einzelnen sich auswirkt, schließt bei ihm die malerischen Vorzüge nicht aus; es gelingen ihm Bildwirkungen von großer Anschaulichkeit und leuchtendem Farbenreichtum. Seine malerische Begabung zeigt sich übrigens auch direkt in seinen Zeichnungen zu seinen eigenen Büchern, allen voran in den Bildern zum Gockelmärchen.

Am reichsten blüht B.s Lyrik in den Jahren 1802/3, da er den Volksliedton gewonnen, der aber keineswegs sein einziger bleibt, und die schöpferische Kraft seiner Phantasie in seinen Balladen geradezu auch neue Mythen geschaffen hat wie die Loreley-Sage, und dann in den Jahren, da religiöses Suchen und die Liebe zu Luise Hensel ihn tief aufwühlten und das Hinausschreien seiner Schmerzen und seiner Sehnsucht trotzdem die Form großer künstlerischer Vollendung gewann in einem Gedichtaufbau, der dem Gefühl sich öffnet und der Variation freies Spiel läßt und doch sich schließt wie ein Kreis oder eine Spirale. Zu seinem lyrischen Werk gehören auch die Romanzen vom Rosenkranz, an denen er ein Jahrzehnt lang immer wieder gearbeitet hat. Vollendet wären sie das Werk B.s geworden. Die selbst erdachte Legende von der Erfindung des Rosenkranzes wird in der Geschichte eines bologneser Geschlechtes mit einer Fülle mittelalterlicher historischer und mythischer Überlieferungen und vielen persönlichen Erlebnissen und symbolischem Ausdruck eines reichen Gehaltes durchwoben. Die spanische Romanzenform mit dem langen Durchhalten der Stimmung durch die Wiederkehr immer der gleichen Vokale am Versende und anderen Klangkünsten kommt hier zu bezaubernder Wirkung.

Neben der reichen dichterischen Produktion ging mannigfaltige andere schriftstellerische Tätigkeit B.s einher, die zu gutem Teil aus seiner reichen Sammlung alter Bücher und Handschriften und auch aus der Aufzeichnung mündlicher Überlieferung gespeist war. „Des Knaben Wunderhorn“, das er mit Achim v. Arnim zusammen herausgegeben hat, wobei er zahlreiche Gedichte umarbeitete und auch eigene beisteuerte, hat ebenso daraus schöpfen können wie Arnims Zeitung für Einsiedler und Görres' Buch über die deutschen Volksbücher und auch die Studien und die Märchensammlung der →Brüder Grimm, zu deren Gunsten B. auf den eigenen Plan einer Volksmärchensammlung verzichtet hat. Von mancherlei Neuausgaben älterer Werke, die er vorhatte, sind nur eine Bearbeitung von Jörg Wickrams „Goldfaden“ (1809) und Ausgaben von Friedrich v. Spees „Trutz Nachtigall“ (1817) und „Güldenem Tugendbuch“ (1829) erschienen. Aber auch noch seine letzten Werke zeugen von seiner reichen Belesenheit in älterer geistlicher Literatur. Aus den Aufzeichnungen, die er sich am Bette der Anna Katharina Emmerick über deren Visionen und Betrachtungen gemacht, hat er mit Umstilisierung und dichterischer Ausschmückung, nicht ohne eigene Erzählungen, Gedanken und Bekenntnisse einzuschieben und aus den Passionsbetrachtungen Martin von Kochems und aus manchen anderen Büchern zu schöpfen, zahlreiche große Manuskriptbände zusammengestellt. Von den Büchern, die daraus werden sollten, ist nur eines noch von ihm selbst ohne Nennung seines Namens veröffentlicht worden: „Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi nach den Betrachtungen der gottseligen →Anna Katharina Emmerick, Augustinerin des Klosters Agnetenberg zu Dülmen († 9. Februar 1824) nebst dem Lebensumriß dieser Begnadigten“ (1833). Zwei andere erschienen erst nach seinem Tode: „Leben der heiligen Jungfrau Maria nach den Betrachtungen der gottseligen →A. K. E. …“ (1852) und „Das Leben unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi nach den Gesichten der gottseligen →A. K. E. … (3 Bde., 1858–60), Erbauungsbücher, die große Verbreitung gefunden haben. Das erste ist in acht Fremdsprachen, in die meisten mehrere Male, übersetzt und eines der am meisten gelesenen Andachtsbücher geworden, ein Werk tiefer Glaubensinbrunst von ergreifender Kraft der Darstellung und reiner sprachlicher Schönheit.

15. Karoline von Günderrode

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Karoline stammte aus einer verarmten, gebildeten Adelsfamilie und war die Älteste von insgesamt sechs Geschwistern. 1797 trat sie in Frankfurt in ein adeliges Damenstift ein – eine Institution, in der unverheiratete, verarmte adelige Frauen versorgt wurden, von wo aus sie sich aber auch in Ruhe eine gute Partie suchen konnten. Karoline wurde als schön, sanft und schüchtern beschrieben. In Gesprächen mit ihrer Freundin Lisette Mettingh erkannte sie die Benachteiligung der Frau in der Gesellschaft. Ein Ausweg, der Beschränkung zu entkommen, war Bildung, die sich Karoline durch unermüdliches Lesen erwarb. Ihre Bildung war bald auf der Höhe der Zeit. Karoline befaßte sich mit Literatur, Philosophie, fernöstlicher und nordischer Mythologie, Chemie, Geographie, Religionsgeschichte, Physiognomie, Latein und Verslehre. Überdies schrieb sie Dramen und Gedichte, vor allem aber Briefe - der Brief etabliert sich in der Romantik als eigene literarische Gattung. Briefe waren ein Ausweis geistiger Bildung und emotionaler Erlebnisfähigkeit, und weil sie meist vorgelesen wurden, waren sie immer an ein halböffentliches Publikum gerichtet. Wegen eines Augenleidens litt Karoline zeitlebens an heftigen Kopfschmerzattacken und benutzte, um ihre Augen zu schonen, zum Schreiben grünes Papier.

Karoline war mit Bettina, Gunda und Clemens von Brentano befreundet. Bettina und Karoline spielten Rollenspiele, in denen Karoline immer die Männerrolle übernahm, so daß sie von Bettina scherzhaft “Günter” genannt wurde. Karoline konnte sich nicht mit der ihr zugewiesenen weiblichen Rolle abfinden; hellsichtig bemerkte sie einmal: “Die Männlichkeit und die Weiblichkeit, wie sie gewöhnlich genommen werden, sind Hindernisse der Menschlichkeit.” Sie litt sehr unter den beengenden Rollenzuschreibungen. In einem Brief an Gunda von Brentano schreibt sie: “Schon oft hatte ich den unweiblichen Wunsch, mich in ein wildes Schlachtengetümmel zu werfen, zu sterben. Warum ward ich kein Mann! Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unseliges, aber unverbesserliches Mißverhältnis in meiner Seele; und es wird und muß so bleiben, denn ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd, und so uneins mit mir…”

Karoline litt unter nervös bedingter Schwermut und hatte ein unberechenbares Temperament, das manche abstieß. Gleichzeitig ging sie gerne auf Bälle, interessierte sich für Gesellschaftstanz, Hauswirtschaft, Handarbeiten und Musizieren. Bei einer Abendgesellschaft traf sie Friedrich Karl von Savigny, damals noch Jurastudent, später ein bedeutender Rechtsgelehrter, in den sie sich leidenschaftlich verliebte. Es kam zu Annäherungen, die eine Heirat nahelegten, doch Savigny, von Günderodes Bildung abgeschreckt, heiratete lieber die nicht so hochgebildete Gunda von Brentano.

Nach der gescheiterten Liebe zu Savigny widmete Karoline sich vor allem der Kunst, um, wie sie sagte, ihre Persönlichkeit zu vervollkommnen. In der Kunst wollte sie Leben und Schreiben vereinen. Hier orientierte sie sich vor allem an Schelling, der neben Fichte, Schlegel und Novalis ihr bevorzugter Denker wurde. Sie schrieb Dramen, z.B. Hildegund und Nikator, oder Mora, in denen meist heldenhafte, starke Frauen im Mittelpunkt standen. Sie kritisierte in ihrem Werk die Werte der bürgerlichen Gesellschaft und das traditionelle Rollenbild.

Zunehmend vereinsamte sie, da ihre Schwester und zwei ihrer Freundinnen heirateten. Nun wird Schreiben immer mehr zum Mittel der Selbstbehauptung. Unter dem männlichen Pseudonym Tian veröffentlicht sie Gedichte und Phantasien, ein Werk bestehend aus lyrisch-epischen Dichtungen, Dramenfragmenten und Prosastücken. Ihre Dichtungen sind von Gedanken der romantischen Philosophie geprägt. Ansonsten suchte sie in den Mythen und Religionen Asiens und Ägyptens nach Vorstellungen vom Tod als Wiedergeburt. Die Einheit von Ich und Welt wollte sie denken können und zugleich erleben. Höhepunkt ihres dichterischen Schaffens ist Die Idee der Erde. Hier entwickelt sie das Prinzip des “Vortrefflichen” und versteht darunter den Prozeß der Einswerdung mit der Natur.

Im August 1804 lernte sie den mit einer dreizehn Jahre älteren Frau verheirateten Heidelberger Altertumsforscher Friedrich Creuzer kennen. Eine große Liebe entwickelte sich. Sie verstanden sich nicht nur menschlich, sondern auch wissenschaftlich und literarisch sehr gut. Sie hatten gemeinsame Interessen und förderten sich gegenseitig. Sie hatten sogar Pläne für ein gemeinsames Werk – ideale Bedingungen für ein gemeinsames Leben. Creuzers Frau hatte sogar in eine Scheidung eingewilligt, doch Creuzer, der wegen der heimlichen Liebe zur Günderrode Depressionen hatte und Angst vor einem öffentlichen Skandal, suchte Rat bei zwei befreundeten Kollegen und schob die Scheidung auf. Seine Freunde rieten ihm von der Heirat mit Günderrode ab, sie würde keine bürgerliche Hausfrau abgeben, außerdem sei ihr Schellingstudium sehr bedenklich. Nun forderte Creuzer von ihr, sie solle seinen Freunden einen Brief schreiben, in dem sie sich für ein stilles Eheleben ausspräche und der Schellinglektüre abschwüre. Karoline wehrte sich gegen diese Zumutungen und faßte den Plan, mit Creuzer nach Alexandria, oder in Männerkleidern nach Rußland zu fliehen. Sie wollte auch gemeinsam mit Creuzer sterben. Creuzer wurde unter dieser großen Anspannung krank und bat seinen Freund Daub, an Günderrode einen Absagebrief zu schreiben. Karoline befand sich gerade in Winkel im Rheingau. Sie machte sich zu einem Spaziergang auf und erdolchte sich am Rheinufer.

16. E.T.A. Hoffmann 

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Um Person und Werk H.s ranken Legenden. Sein Lebenslauf wurde das Paradigma einer exzentrischen romantischen Künstlerexistenz; als „Gespenster-H.“ und Geisterseher, der an seiner Geliebten Julia Mark zum Dichter geworden sei und die Liebe zu ihr lebenslang als nur im Tode Erfüllung findende Liebe des Künstlers besungen habe, ging er in das Bewußtsein der Öffentlichkeit ein. Sein skurriles Wesen und der ausschweifende Lebenswandel, den man ihm nachsagte, aber auch die Figuren seiner Werke, die Wahnsinnigen, Doppelgänger, Geistererscheinungen, die Künstler und Träumer, die Renegaten und die Tiere trugen zu dem Bild von dem unheimlichsten und groteskesten aller Romantiker bei. Schon die Zeitgenossen hatten daran mitgewirkt, J. Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ hat es bestätigt, und die um die Jahrhundertwende einsetzende H.-Forschung vermochte nichts Grundsätzliches daran zu ändern. Sie lenkte zwar den Blick zunehmend auf das Gesamtwerk H.s, vermehrte jedoch die Mißverständnisse, indem sie große Teile dieses Werkes, nämlich die Almanach-Erzählungen, disqualifizierte und die formal kühnste Dichtung H.s, den Roman vom Kater Murr, in seine Bestandteile zerlegte, weil er „in romantischer Willkür unorganisch durchsetzt [sei] mit einer satirischen Fabel, die den Kater zum Helden hatte“ (Hans von Müller). H.s eingehendes Studium der Naturwissenschaften und Medizin, insbesondere seine Beschäftigung mit dem Magnetismus und den Wahnsinnserscheinungen, seine fortschrittlichen juristischen Auffassungen wurden nur vermerkt, ohne daß versucht worden wäre, sie in das Gesamtbild des Dichters, Musikers und Juristen H. einzufügen. Stattdessen wurde eine radikale Scheidung des Künstlers vom Bürger vorgenommen, die bis heute kaum überwunden ist. Gleichwohl hielt schon|1819 ein Jurist (von Trützschler) das „Vorurtheil, daß ein genialer Schriftsteller für ernste Geschäfte nicht tauge“, durch H. für widerlegt. Ein tiefer Widerspruch besteht zwischen den Deutungen und dem Selbstverständnis H.s; wo man romantische Sehnsucht nach dem Unendlichen sah und bedingungslosen Geschichtsfatalismus, sah sich H. selbst als Künstler wie im Amt in die entscheidenden wissenschaftlichen, künstlerischen und gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit gestellt; wo man von einer verzweifelten Zerrissenheit zwischen Künstlertum und Bürgertum sprach, forderte H. mit höchstem künstlerischem Bewußtsein eine „Integration der Teile zu einem Ganzen“. Seine Wirkung auf die französische Literatur (Baudelaire, Dumas), auf Poe, Dostojewskij, Immermann, R. Wagner, Hofmannsthal, Th. Mann und viele andere ist kaum zu überschätzen, seine Bedeutung für die Kriminalerzählung und die sich aus ihr entwickelnden Gattungen ist unbestritten. Formprobleme des Romans, die im 19. Jahrhundert sichtbar wurden und im 20. Jahrhundert zur Krise des Erzählens führten, wurden von ihm vorweggenommen; die moderne Prosa, die autobiographische Formen der Aufzeichnung, der Niederschrift und des Berichts in zunehmendem Maße für sich nutzbar macht, ist ohne ihn nicht zu denken. Unter solchen Aspekten kann das Biographische nur ein erster Schritt zur Erkenntnis seiner Bedeutung sein.

Nach der Trennung seiner Eltern (1778) wuchs H. im Hause der Familie Dörffer in Königsberg auf. Pedanterie und Gleichgültigkeit, Großzügigkeit und Strenge wirkten auf ihn ein, denn mehrere Angehörige der alten Juristenfamilie erprobten ihre Erziehungsgrundsätze an ihm. Mit seinem Freund Th. G. von Hippel dem Jüngeren besprach H. seine Versuche in allen Künsten; gemeinsam lasen sie Rousseaus „Bekenntnisse“, die Werke der Königsberger Dichter Scheffner, Hippel und Hamann, die Ritterromane der Zeit, aber auch die Klassiker und Werke wie Wieglebs „Natürliche Magie“. H. erhielt früh Unterricht in der Musik (durch Chr. W. Podbielsky) und im Zeichnen (durch J. G. Saemann); in der reformierten Burgschule, die er besuchte, erregte er die Aufmerksamkeit des Rektors St. Wannowski, der ihn zu Kunstgesprächen heranzog. Im Frühjahr 1792 nahm H. an der Königsberger Universität das familienübliche Studium der Jurisprudenz auf, das er, ohne den Vorlesungen der Gelehrten aus anderen Fakultäten (zum Beispiel Kants) viel Interesse entgegenzubringen, zielstrebig absolvierte. Daneben widmete er sich der Musik, komponierte nach dem Vorbild Mozarts, gab Musikunterricht (unter anderem an Dora Hatt, die Frau eines Weinhändlers, in die er sich unglücklich verliebte), malte und zeichnete (Historiengemälde, Karikaturen und Porträts) und verfaßte einen (nicht erhaltenen) Roman mit dem Titel „Cornaro“. 1795 bestand er sein 1. juristisches Examen, setzte seine Ausbildung zunächst in Königsberg fort und ging 1796 nach Glogau, wo sein Onkel J. L. Dörffer Regierungs- und Konsistorialrat war.

Die Briefe an Hippel aus dieser Zeit sind Zeugnisse der Krisen und Beglückungen einer vielseitigen und problematischen Künstlernatur, zu der sich H. mehr und mehr entwickelte. Die Konflikte, in die er geriet, sind nicht allein aus dem Gegensatz von Künstlertum und Bürgerlichkeit, juristischem Alltag und künstlerischer Begeisterung zu erklären; sie ergaben sich aus dem Künstlertum selbst, dessen Richtung und Berechtigung er lange nicht erkannte. Zu einer kontinuierlichen Produktion kam H. erst spät, nämlich als es ihm gelang, die Künste, die er ausübte, untereinander und das Künstlerische selbst als Gesamtkonzeption in sein Leben zu integrieren. Die Zeit in Glogau ist aus solcher Sicht eine Zeit der Ungewißheit und des Zweifels. Auch die Verlobung mit seiner Kusine Minna Dörffer, die H. später wieder löste, ist von daher zu verstehen. Als er 1798 nach dem Referendarexamen seine Versetzung ans Kammergericht in Berlin erreichte, pries er sich glücklich, „ein Nest verlassen zu haben, dessen Einsamkeit mir vielleicht … heilsam gewesen ist“. Von den Eindrücken, die er während einer Reise in der Dresdner Galerie empfing, bekennt er, „daß mich die Nacht von Correggio in den Himmel gehoben – daß mich die Magdalena von Battoni entzückt hat, und daß ich mit tiefer Ehrfurcht vor der Madonna von Raphael gestanden habe“. Auch in Berlin nahmen ihn die Theater und Galerien, die Konzerte und die kunstliebenden geselligen Kreise ganz gefangen, ohne daß er seine juristische Ausbildung darüber vernachlässigt hätte: Er bestand die 2. Staatsprüfung im Februar 1800 mit Auszeichnung. Zuvor hatte er sein erstes Bühnenwerk, das Singspiel „Die Maske“, abgeschlossen und der Königin Luise von Preußen mit der Bitte um Protektion übersandt; zur Aufführung kam es nicht. Auch H.s Wunsch, in Berlin bleiben zu können, wo er Bekanntschaft mit F. von Holbein und A. W. Iffland geschlossen und bei J. F. Reichardt Musikunterricht genommen hatte, erfüllte sich nicht; er wurde als Assessor an das Obergericht in Posen versetzt.

Die Posener Zeit hat H. als sein „merkwürdigstes Lebensjahr“ bezeichnet: „Ein Kampf|von Gefühlen, Vorsätzen pp, die sich geradezu wiedersprachen, tobte … in meinem innern – ich wollte mich betäuben, und wurde das was … Prediger, Onkels und Tanten liederlich nennen“. Außer dem Regierungsrat J. L. Schwarz gab es kaum eine „gute“ Gesellschaft für den Juristen, und für den Komponisten, dessen neues Singspiel nach Goethes „Scherz, List und Rache“ allerdings mehrfach aufgeführt wurde, gab es kaum ein Publikum. Mit frechen Karikaturen, die führende Vertreter der Posener Militär- und Zivilverwaltung attackierten, protestierte H. zugleich gegen die Enge und Kleinbürgerlichkeit der Stadt. Eine Strafversetzung nach Płock an der Weichsel war die Folge. Noch vor seiner Übersiedlung dorthin heiratete er. Seine berufliche Tätigkeit ließ ihm Zeit zur Ausübung seiner Künste: „Die Akten werden in die Nebenkammer geworfen, und dann zeichne, komponire und dichte ich wie's komt“. Neben weiteren Kompositionen (Singspiele, Messen, Sonaten) entstand hier die erste gedruckte literarische Arbeit, das „Schreiben eines Klostergeistlichen an seinen Freund in der Hauptstadt“, in dem H. das Verhältnis von Deklamation und Gesang im Schauspiel behandelt. Vom ersten Erfolg beflügelt, beteiligte er sich an einem Preisausschreiben des „Freimüthigen“ für das beste Lustspiel. Sein Text, „Der Preis“ betitelt, erhielt zwar den Preis nicht, wurde aber lobend erwähnt. Trotzdem ist H. noch nicht auf dem Weg zur Literatur. „Ob ich wohl zum Maler oder zum Musiker geboren wurde“, fragt er sich im Tagebuch. Die Malerei allerdings tritt in den folgenden Jahren zurück. Zwar wird H. noch mehrfach, so in Warschau, Bamberg und Berlin, Räume malerisch ausgestalten und in Bamberg sogar als Theaterdekorationsmaler tätig sein, doch scheint die Entwicklung seiner schöpferischen Begabung im Wesentlichen bereits um diese Zeit abgeschlossen zu sein: Vom Historiengemälde ist er über die Porträtkunst zur Karikatur gekommen, in der er die seinem Beobachtungsvermögen, seiner Freude am überspitzt Treffenden und an der grotesken Übertreibung gemäße Kunstgattung fand. Auch die späteren Illustrationen eigener Werke tragen karikaturistische Züge. Daß er das Malerische (ebenso wie das Musikalische) seinem dichterischen Werk zunutze gemacht hat, belegen die Malerfiguren und Gemäldebeschreibungen, vor allem aber die erzählerischen Kompositionsprinzipien in „Callots Manier“, denen er, aller künstlerischen Weiterentwicklung unerachtet, bis zuletzt treu geblieben ist. H.s Wille zur Kunstproduktion war unbedingt: „es ist als müsse sich bald was großes ereignen – irgend ein KunstProdukt müsse aus dem Chaos hervorgehen! – Ob das nun ein Buch – eine Oper – ein Gemähide seyn wird – quod diis placebit“, schrieb er am Ende der Płocker Zeit, angeregt vom gesellig-künstlerischen Leben Königsbergs, das er vor seiner Versetzung als Rat nach Warschau noch einmal besucht hatte. Diese Unbedingtheit des Ausdruckswillens war Voraussetzung seiner spezifischen Leistung. In Warschau (1804–06) kam H. – eine weitere Voraussetzung seines künftigen Werkes – durch →Julius Eduard Hitzig in geistige und persönliche Verbindung zur Berliner Romantik. Hitzig regte ihn zur Lektüre der Werke A. W. Schlegels, Tiecks, Fichtes, Brentanos und anderer an; ihm verdankt H. den Anschluß an den Geist und den Bewußtseinsstand der Romantik. Daneben traten der Musiker F. A. Morgenroth und der Dichter Z. Werner in nähere Beziehung zu H., der in der neugegründeten „Musikalischen Gesellschaft“ das gesellige Leben der Stadt mitgestaltete. Als Dirigent der Konzerte dieser Gesellschaft brachte er Werke von Mozart, Gluck, Haydn, Cherubini und Beethoven zu Gehör. Im „Deutschen Theater“ erklang seine Bühnenmusik zu Brentanos „Die lustigen Musikanten“, auch die Messe in d-moll wurde aufgeführt. Unter den weiteren Kompositionen sind die Sinfonie in Es-Dur und die Bühnenmusik zu Z. Werners „Das Kreuz an der Ostsee“ hervorzuheben. Eine musikalische Karriere also schien sich anzubahnen, und da H. auch häusliches Glück (seine Tochter Caecilia wurde im Juli 1805 geboren) und berufliche Anerkennung erfuhr, kann man von einer glücklichen Zeit sprechen, die er in Warschau erlebte. Sie fand ein jähes Ende mit der Besetzung der Stadt durch französische Truppen. Die preußische Verwaltung wurde aufgelöst, H. verlor seine Stellung. Im Juni 1807, vor die Wahl gestellt, eine Huldigung →Napoleons zu unterschreiben oder die Stadt zu verlassen, ging er nach Berlin, um dort einen Lebensunterhalt zu finden; seine Familie blieb in Posen. Es sollte das schwerste Jahr seines Lebens werden. Die Stellungssuche erwies sich als aussichtslos, Gelegenheitsarbeiten trugen nichts ein; zu der drückenden Not kam die Nachricht vom Tode seiner Tochter und einer schweren Erkrankung seiner Frau. Die Berliner Bekanntschaften – unter anderem mit Fichte, Schleiermacher, K. F. Zelter, Varnhagen, L. Robert, Chamisso und Iffland – führten zu keiner Hilfe, und seine Kontaktversuche mit auswärtigen Musikverlegern schlugen fehl. Endlich meldete sich auf eine Annonce der Intendant des Bamberger Theaters, Julius Graf von Soden, und bot ihm zum September 1808 die Stelle eines Theaterkapellmeisters an. Damit vollzog H. den Schritt vom Beamten- zum Künstlerleben. Die Bamberger Jahre bringen ihm den Durchbruch zur Dichtung. Gerade weil er die Kunst zur alleinigen Existenzgrundlage machen mußte, konnte er seine erstaunlich konsequente Entwicklung vom Musiker über den Musikkritiker zum Dichter nehmen.

Über Posen, wo er seine Frau abholte, reiste H. nach Bamberg. Die Theaterverhältnisse fand er dort in ziemlicher Unordnung vor. Nur kurzfristig war er als Dirigent und Theaterkomponist für das Theater tätig, das der Schauspieler H. Cuno übernommen hatte. Erst 1810–12, unter der Theaterleitung F. von Holbeins, arbeitete er wieder als Komponist, Theatermaler und -architekt. So war er von vornherein auf eine freiberufliche Tätigkeit (Musikstunden, Musikalienhandel) angewiesen. Durch seine erste musikalische Erzählung „Ritter Gluck“ (1808/09), in der die Erkenntnis des Reiches der Musik über alles Geheimnisvolle triumphiert, kam er in Verbindung mit der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ (AMZ), deren ständiger Mitarbeiter er wurde; schon bald zog man ihn als Rezensenten der Beethovenschen Sinfonien heran. Als Musikkritiker hat H. epochemachend gewirkt. Seine Bedeutung liegt in der Verbindung praktischer Kenntnisse mit romantischen Kunstanschauungen; von der Beschreibung technischer Details führt er bruchlos zu den allgemeinsten Problemen der Tonkunst, oder er geht von Gattungsfragen aus und ordnet das jeweilige Werk souverän ein; dabei gelingt ihm, ohne Verzicht auf die notwendige Fachterminologie und analytische Verfahrensweise, eine plastische und bilderreiche Sprache, die auch dem Laien verständlich ist und ihm tiefe Einsichten in das Wesen der Musik eröffnet. Neben Gluck, Mozart und Haydn, deren Werk H. vorbildlich erscheint, befürwortet er als einer der ersten Beethoven, ist an der Wiederentdeckung Bachs beteiligt und führt die Diskussion der Kirchenmusik-Probleme weiter. Sein musikkritisches Werk, das späteren Generationen vorbildlich wurde, läßt sich in zwei Gruppen gliedern: 1. Rezensionen musikalischer Werke (1808–14), 2. Berichte über Opern- und Konzertaufführungen (nach 1814). Neben dem „Ritter Gluck“ erschienen in der AMZ die Erzählungen „Don Juan“, „Die Automate“ sowie mehrere Bemerkungen und Gedanken der Figur des Kapellmeisters Johannes Kreisler, die H. als alter ego lebenslang begleitete. Das Musikalische vertritt im Werk H.s die Sehnsucht nach dem „romantischen Reich“, das unerreichbar bleibt, aber als Kontrast zu dem Profanen eine der Spannungen konstituiert, ohne die sein Werk undenkbar wäre. In H.s Musikschülerin Julia Mark, zu der er eine leidenschaftliche Zuneigung faßte, hat man, in Anlehnung an romantische Vorbilder (Novalis), den seine Dichtung auslösenden Faktor sehen wollen; gewiß zu Unrecht. H. war bereits der Dichter, zu dem Julia ihn angeblich gemacht hat, als er ihr begegnete; er hat nicht aus dem Erlebnis Dichtungen geschaffen, sondern er hat dieses Erlebnis selbst bereits „literarisiert“ und dichterisch produziert. Im Werk H.s wird das Julia-Motiv zum permanenten Demonstrationsmodell der „Liebe des Künstlers“. Eine wesentliche Bereicherung erfuhr H. durch den freundschaftlichen Umgang mit den Bamberger Ärzten F. Speyer, A. F. Marcus, Weiß und Chr. Pfeufer, die fachlich zu den fortschrittlichsten Medizinern Deutschlands gehörten und an den lebhaften wissenschaftlichen Diskussionen der Zeit über Geisteskrankheiten und ihre Heilmethoden Anteil nahmen. Sie konfrontierten H. mit Geisteskranken und Somnambulen, erläuterten ihm Probleme der Pathologie, Psychologie und des Magnetismus und berieten ihn offensichtlich beim Studium der diesbezüglichen Literatur, das er intensiv betrieb; so las er unter anderem Werke von J. Ch. Reil, G. H. Schubert, J. Ch. Hoffbauer, Ph. Pinel, E. D. A. Bartels, C. A. F. Kluge, F. A. Mesmer. Die Traum-, Spuk-, Wahnsinns- und Gespensterdarstellungen in seinen späteren Erzählungen beruhen auf genauester theoretischer und praktischer Kenntnis der entsprechenden Phänomene. Mit literarischen Werken von Goethe, A. W. Schlegel, Novalis, →Schelling, Tieck, →Jean Paul, H. von Kleist, A. von Arnim, Calderon und anderen versorgte ihn der Weinhändler C. F. Kunz, der ihm auch die persönliche Bekanntschaft mit F. G. Wetzel und →Jean Paul vermittelte. 1813 schloß Kunz, der inzwischen ein „Lese-Institut“ eröffnet hatte, einen Verlagsvertrag mit H.über die „Fantasiestücke in Callots Manier“.

Als Komponist schrieb H. in Bamberg vorwiegend Bühnenmusik zu Fest- und Schauspielen sowie Vokalwerke; von größerer Bedeutung sind das Miserere in b-moll für 4 Solostimmen, Chor, Orgel und Orchester und das Klaviertrio in E-dur sowie die Oper „Aurora“ (Text von F. von Holbein), die als Vorstufe zur „Undine“ gilt und H.s Lösung von seinen bisherigen Vorbildern dokumentiert. Bis auf den späten Höhepunkt der „Undine“, deren Anfänge allerdings ebenfalls in die Bamberger Zeit fallen, liegt damit das musikalische Werk H.s in seinen wesentlichen Teilen vor; zwar beschäftigten ihn noch manche musikalischen Pläne, auch wünschte noch der Dichter der „Fantasiestücke“, daß „mein Nahme nicht anders als durch eine gelungene musikalische Composition der Welt bekannt werden soll“; trotzdem ist bereits um diese Zeit seine musikgeschichtliche Bedeutung erfüllt: H. hat als Komponist und als Musiktheoretiker maßgeblichen Anteil an der Durchsetzung des romantischen Stils. Auffallend, aber nicht genügend beachtet ist die Parallelität seiner Entwicklung in allen von ihm ausgeübten Künsten: Dem Weg zur Karikatur in der Malerei entspricht derjenige zur Kritik in der Musik und derjenige zur Satire und Gesellschaftskritik in der Literatur. Dabei führte ihn dieser Weg zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zuständen, die er als rückständig erkannte. Dieser Auseinandersetzung ist er auch als Jurist nicht ausgewichen. Ihn zum „Prototyp des unpolitischen Menschen“ (W. Harich) zu stempeln, ist verfehlt. In Bamberg verfolgte er gespannt die politischen „Nachrichten, die in das Leben eingehen“; vollends aber wurde er mitten in das Kriegsgeschehen versetzt, als er Bamberg im April 1813 verließ, um Musikdirektor der Theatertruppe J. Secondas in Dresden und Leipzig zu werden. Die Schlacht bei Dresden erlebte er aus unmittelbarer Nähe; seine Eindrücke beschrieb er in mehreren Arbeiten, vor allem in der „Vision auf dem Schlachtfelde bei Dresden“, die Kunz als nichtautorisiertes Flugblatt druckte. H. vertrat, politisch gesehen, die Sache der Befreiungskriege gegen den „Tyrann“ →Napoleon; in grellen Farben schilderte er das Kriegsgeschehen und seine schrecklichen Folgen. Stärker aber noch beschäftigte ihn ein für Kunst und Leben gleichermaßen existentielles Problem: Die Kunst hat angesichts solcher Ereignisse ihre Berechtigung zu erweisen, wenn sie überhaupt eine Berechtigung hat. Diese These wird in der mitten in den Kriegswirren entstandenen Dialogerzählung „Der Dichter und der Componist“ entwickelt. Das reiche poetische Schaffen H.s in der Dresdener und Leipziger Zeit – hier entstanden unter anderem „Der goldne Topf“, „Der Magnetiseur“, „Die Automate“ und der 1. Band der „Elixiere des Teufels“ – ist als Reaktion des „inneren Poeten“ auf die kriegerische Wirklichkeit zu verstehen; dieser „innere Poet überflügelt den Criticus und äußeren Bildner“, heißt es in H.s Tagebuch. Trotzdem war auch der Komponist und der Maler – H. beendete in Leipzig die Komposition der „Undine“ und zeichnete antinapoleonische Karikaturen – noch tätig. Mit seinem Beruf dagegen war er unzufrieden; die Fähigkeiten seiner Musiker waren begrenzt, die Proben mühsam; die Zusammenarbeit mit dem unbeherrschten Seconda erwies sich als schwierig. H. fühlte sich zudem, trotz mancher Bekanntschaften (F. A. Morgenroth, A. Wagner, F. Keller, F. Laun, J. Ettlinger) „ohne Mittheilung, ohne Freunde“, so daß er, als ihm Seconda im Februar 1814 kündigte, nach anfänglicher Niedergeschlagenheit („meine ganze Karriere ändert sich abermals“) entschlossen in den bürgerlichen Beruf zurückstrebte.

In der poetisch ertragreichen Zeit bis zur Wiedereinstellung in den Staatsdienst schrieb H. den 1. Teil der „Elixiere des Teufels“, jene verworrene Familiengeschichte, die ihn, als sie 1815 erschien, zusammen mit den „Fantasiestücken“ weithin bekannt machte. In der Figur des beichtenden Medardus, der durch die Niederschrift seiner Lebensgeschichte die Entschuldigung seiner Schuld erfährt, gestaltete H. autobiographische Probleme in neuer, nicht „privater“ Weise. Medardus ist das Exempel einer Verfahrensweise, nicht das Abbild einer Wirklichkeit. Im Frühjahr 1814 erschienen auch die ersten Bände der „Fantasiestücke in Callots Manier“, die, mit einer etwas gewundenen Einleitung Jean Pauls versehen, im Wesentlichen H.s Beiträge zur AMZ enthielten. Neu war im 1. Band die Skizze „Jaques Callot“, in der H. programmatisch „Callots Manier“ als ein Kompositionsprinzip erläutert, in dem „das Einzelne als Einzelnes für sich bestehend, doch dem Ganzen sich anreiht“, so daß die Erzählungen zu „aus den heterogensten Elementen geschaffenen Kompositionen“ werden. Der 2. Band enthielt neben der Erzählung „Der Magnetiseur“ die „Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza“, in der H. in ironischer Konfrontation des menschlichen Tieres mit dem unmenschlichen Menschen Ereignisse der Bamberger Zeit verarbeitete. Als 3. Band erschien im Herbst 1814 das von H. zeitlebens am höchsten geschätzte Märchen „Der goldne Topf“. Die „Seligkeit“, die dem Studenten Anselmus hier vom Dichter zuteil wird, ist die der poetischen Figur. In ihr allein ist der „heilige Einklang aller Wesen“ noch möglich. Der Poesie fällt also die Funktion zu, das Heterogene zu vereinen, das als solches jedoch zuvor erkannt werden muß. Wo Wirklichkeit und Phantasie als unaufhebbare Kontraste nicht erkannt werden, ist jeder Weg zur Einheit verbaut. Davon ist in der Erzählung „Die Abenteuer der Silvester-Nacht“ im 4. Band (1815) eindringlich die Rede.

Durch die Vermittlung Hippels gelang es H., nach 8jähriger Unterbrechung wieder in den Staatsdienst einzutreten: Zum 1.10.1814 wurde er am Kammergericht zu Berlin, zunächst in untergeordneter Position, eingestellt. Damit beginnt der letzte und kontinuierlichste Abschnitt seines Lebens. Die juristische Arbeit, die er mit Genauigkeit, Gewissenhaftigkeit und mit großem persönlichem Mut ausübte, gab ihm mehr als nur das bürgerliche Rückgrat einer künstlerischen Existenz. Sie war vielmehr eine Seite der von ihm als notwendig empfundenen „Duplizität“ des Seins und ist deshalb auch für sein künstlerisches Werk wichtig, das in den Berliner Jahren konsequent weitergeführt wurde. Noch vor seinem Dienstantritt vollendete H. die Komposition der Oper „Undine“, die als erste romantische Oper gilt. Sie wurde am 3.8.1816 im Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt mit großem Erfolg uraufgeführt. C. M. von Weber, auf dessen „Freischütz“ H. vorausweist, rühmte das Werk enthusiastisch, das bis zum Brand des Schauspielhauses am 17.7.1817, dem auch die wertvollen Dekorationen K. F. Schinkels zum Opfer fielen, 14mal gegeben wurde; eine geplante Neuinszenierung indes unterblieb. In Berlin gehörte H. als arrivierter Autor und erfolgreicher Komponist bald „zur Gesellschaft“; doch die Atmosphäre im Kaffeehaus Manderlee oder im Weinlokal Lutter und Wegner sagte H. mehr zu als die üblichen „ästhetischen Thees“. Seit dem 12.10.1814 (Seraphinustag) trafen sich die Freunde H., Hitzig, der Arzt D. F. Koreff, die Brüder F. und E. von Pfuel, G. Seegemund, Contessa, Fouqué und Chamisso als „Seraphinenorden“ zu regelmäßigen poetischgeselligen Gesprächsabenden, die, von Chamissos Weltreise unterbrochen, am 14.11.1818 (Serapionstag) in etwas anderer Zusammensetzung wiederauflebten. Die Rahmenhandlung der Sammlung „Die Serapions-Brüder“ überträgt biographische Gegebenheiten in poetische und poetologische Prinzipien. Als Gäste fanden sich gelegentlich ein: Hippel, L. Robert, A. Oetzel, Oehlenschläger, W. von Haxthausen. Neben diese trat als Freund und Zechgenosse H.s der Schauspieler L. Devrient, dessen phantasievolles Temperament ihm in besonderer Weise entsprach. Auch mit Bernhardi und Tieck verkehrte H. freundschaftlich. In den Jahren 1816/17 erschienen außer dem 2. Band der „Elixiere des Teufels“ 8 neue Erzählungen als „Nachtstücke“; bedrohliche, dunkle Mächte und bedrohte Existenzen, Exempel extremer seelisch-geistiger Positionen, stehen hier im Zentrum. Das Grauenvolle, Gespenstische und Unheimliche demonstriert Gefährdungen, denen der Mensch ausgesetzt ist. Vor allem die Gespenstergeschichte „Das Majorat“ zeigt mit ihrer äußeren Gestalt wie mit der Durchführung der Thematik des Gespenstischen den Zusammenhang des Unerkannten in der Kunst mit dem Unmenschlichen im menschlichen Leben. Ruhm und Ruf H.s, aber auch seine Einnahmen als Schriftsteller stiegen schnell; seine begehrten und guthonorierten Beiträge zu den gängigen Almanachen und Taschenbüchern vereinigte er 1819/21 zu der 4bändigen Erzählungssammlung „Die Serapions-Brüder“; das in der Rahmenhandlung entwickelte „serapiontische Prinzip“ fordert von einer Erzählung erlebte Wirklichkeit, erzählerische Kunstform und gesellig-gesellschaftliche Verbindlichkeit. Die Figur des heiligen Serapion, des unbewußten Poeten, ist Gegenstand der Kritik, nicht uneingeschränktes Vorbild der Serapions-Brüder; und dementsprechend ist das Wunderbare, Märchenhafte und Schauerliche in den Erzählungen kein exemplarisches Programm, sondern Bestandteil einer exzentrischen Welt, die im Profanen, in der Spießbürgerlichkeit und Plattheit ihren Gegenpol hat. In solchen „Kontrastierungen“ ist das zyklische Prinzip der „Serapions-Brüder“ zu sehen; dem „reinen“ Märchen „Nußknacker und Mausekönig“ stehen die durch Groteske und Gesellschaftskritik desillusionierenden Märchen „Das fremde Kind“ und „Die Königsbraut“ gegenüber. H.s Kritik geht in beide Richtungen: Sie betrifft den Künstler, der nur Künstler ist, ebenso wie den Bürger. Der Konflikt zwischen den Extrempositionen wird in den Figuren der Erzählungen ausgetragen: der Rat Krespel und Elis Fröbom („Die Bergwerke zu Falun“) gehen an diesem Konflikt, der nur durch Selbsterkenntnis lösbar ist, zugrunde. Die Pflicht zu solcher Selbsterkenntnis ist allen Figuren aufgetragen, und den Weg dahin beschreibt und fördert der Dichter. Traugott („Die Automate“) gelingt diese Leistung; sie gelingt auch dem Fräulein von Scuderi in H.s Kriminal- beziehungsweise Detektivgeschichte, wobei ihre Selbst- und Kunsterkenntnis menschliche Verbindlichkeit erreicht gegenüber der unmenschlichen Künstlerfigur des Cardillac. Der „Zusammenhang der Dinge“ ist, wie gerade diese meisterhafte Erzählung zeigt, keine falsche Harmonisierung der Dinge. Das bestätigen auch die an alten Chroniken orientierten Erzählungen („Kampf der Sänger“, „Meister Martin der Küfner und seine Gesellen“), in denen die „Gemütlichkeit“ des Idyllischen relativiert wird. Der kritische Impuls, der in solcher allseitigen Relativierung steckt, führt zu immer kühneren Gestaltungen des Dualismus und entsprechend zu einer immer grundsätzlicheren Infragestellung der Möglichkeit einer Integration der Teile. Dieser kritische Impuls greift zunehmend auf die Bereiche der bürgerlichen Welt, der Wissenschaften und der Justiz über und macht sie zu Gegenständen der Satire („Klein Zaches genannt Zinnober“, 1819). Aus den satirischen Zügen im Spätwerk H.s hat man unter Hinweis auf die erneute Forderung, genau hinzusehen („Des Vetters Eckfenster“), den Realisten H. konstruieren wollen; doch darf der Zusammenhang mit „Callots Manier“ und dem „serapiontischen Prinzip“ nicht übersehen werden. Satire und Gesellschaftskritik sind auch im Spätwerk H.s nicht isoliert zu betrachten; sie schaffen stärkere Kontraste und bezeichnen damit die Vereinigung des einander scheinbar Ausschließenden als ein noch dringenderes Postulat. Von daher ist die so sichtbar „zerrissene“ Form des parodierten Bildungsromans „Lebens-Ansichten des Katers Murr.,“ (1820/21) zu verstehen, dessen Fragmentcharakter selbst noch Verweisungsfunktion hat. Die „Teile“ dieses Romans (der „Kater-Teil“ und der „Kreisler-Teil“) sind konkret gewordene Ironie; denn die Ironie ist das Darstellungsmittel H.s, das die heterogenen Teile als solche sichtbar macht, während das Erzählprinzip des Humors, zu dem H. mehr und mehr gelangt, sie vereint. Dieses Erzählprinzip will erkannt sein, so daß die Erkenntnisleistung, die H. in seinen früheren Erzählungen noch als Leistung der Figuren demonstriert hatte, nun dem Leser abgefordert wird. Daß dies keine leichte Forderung an den Leser ist, zeigen die Mißverständnisse, denen H.s sinnverwirrendes, aber am weitesten in erzählerisches Neuland vorstoßendes Capriccio „Prinzessin Brambilla“ (1820) und das Märchen „Meister Floh“ ausgesetzt waren, das die Möglichkeit der Erkenntnis in geradezu jeder Hinsicht in Frage stellt.

Mit dem „Meister Floh“ und der damit verbundenen Affäre treten am Ende seines Lebens in fast symbolischer Weise noch einmal der Künstler und der Jurist H. gemeinsam ins Blickfeld. Als Jurist hatte er es nach anfänglichen Hilfsdiensten in Berlin mit Kriminalfällen zu tun. Am 1.10.1819 wurde er Mitglied der „Immediatkommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“. Hartnäckig und mutig widersetzte er sich mit seinen Kollegen allen Versuchen, die Kommission zu einem politischen Instrument gegen die liberalen und revolutionären Bestrebungen der Zeit zu machen. Das zeigen die überlieferten Gutachten H.s innerhalb der Untersuchungen gegen A. L. Follen, G. L. Roediger, F. L. Jahn und L. von Mühlenfels; H.wies die gegen sie vorgebrachten Anklagen zurück und votierte für die Freilassung der Inhaftierten. Im Rahmen dieser „Demagogen“-Aktionen stieß er mit dem Polizeidirektor K. A. von Kamptz zusammen, dem er unrechtmäßige Eingriffe in einen Untersuchungsvorgang vorwarf. Kamptz seinerseits leitete im Januar 1822, nachdem H. zu seiner Erleichterung bereits aus der Kommission ausgeschieden und in den Oberappellationssenat aufgerückt war, eine Aktion gegen das im Druck befindliche Märchen „Meister Floh“ ein, mit dem Ziel, den Verdacht der gebrochenen Pflicht zur Amtsverschwiegenheit, der Beamtenverleumdung und der Majestätsbeleidigung bestätigt zu sehen. Nach Beschlagnahme des Manuskripts sah Kamptz, der im Märchen als Knarrpanti karikiert wird, seine Vorwürfe als berechtigt an. Der „Meister Floh“ konnte daher nur in zensurierter Form erscheinen. H., wegen seiner letzten schweren Krankheit nicht vernehmungsfähig, verfaßte eine Verteidigungsschrift, die zu den bedeutendsten poetologischen Äußerungen des Dichters gehört; er betont darin abermals die Notwendigkeit einer Integration der Teile zu einem Ganzen und führt damit die Problematik der Heterogenität der Teile einerseits und des „Zusammenhangs der Dinge“ andererseits fort. Die Erkenntnis des unheilbar Disparaten war ihm bis zuletzt Voraussetzung und Antrieb zur künstlerischen Arbeit. Sein Werk stellt nicht eine heile Welt dar, aber indem es dem künstlerischen Prinzip der Integration des Heterogenen folgt und dieses Prinzip selbst zum Gegenstand des Erkennens seiner Leser macht, gewährt es einen Blick in das verlorene Paradies. Die „Meister-Floh“-Affäre blieb unerledigt. H., der seit Januar 1822 an einer Lähmung litt, die von den Beinen zu den Armen aufstieg, starb, als die Lähmung auf sein Atemzentrum übergriff.

17. Philipp Otto Runge 

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Prägend für R., der sich schon als Kind mit dem Scherenschnitt beschäftigte, waren Bibellektüre und Luthers Katechismus im streng prot. Elternhaus sowie der Unterricht durch →Gotthard Ludwig Kosegarten (1758–1818) an der Stadtschule in Wolgast. 1795 trat er in Hamburg als Gehilfe dem Handelsgeschäft seines Bruders Johann Daniel bei und studierte daneben Homer, Vergil und Ovid, 1798 Ludwig Tiecks Künstlerroman „Franz Sternbalds Wanderungen“ sowie Schillers Musenalmanache und „Horen“. Zum Freundes- und Bekanntenkreis gehörten neben dem Kupferstichsammler Johann Michael Speckter, den Buchhändlern →Friedrich Perthes und Johann Heinrich Besser auch →Matthias Claudius und Klopstock. Von Okt. 1799 bis März 1801 studierte R. an der Akademie in Kopenhagen, u. a. bei →Nikolai Abildgaard und →Jens Juel. Beeindruckt v. a. von John Flaxmans Umrißstichen zu Homer und Äschylos, entwickelte R. gegen den akademischen Lehrbetrieb und die normative Ästhetik des Klassizismus alsbald eine Opposition, die sich in Briefen und den gezeichneten Bildkompositionen „Triumph des Amor“ und „Heimkehr der Söhne“ (1800) niederschlug.

Nach einem Aufenthalt in Wolgast im April 1801 traf R. Ende Juni 1801 in Dresden ein. Hier erfolgte sein Durchbruch zur romantischen Kunst. Entscheidende Faktoren waren dabei das Studium der Gemäldegalerie, wo ihn besonders Raffaels „Sixtinische Madonna“ beeindruckte, die Liebe zu Pauline Bassenge, seiner späteren Frau, und die Freundschaft mit dem norweg. Schelling-Schüler und Naturphilosophen Henrik Steffens. Hinzu kam der Umgang mit Friedrich Schlegel und →Ludwig Tieck, der die Kenntnis der Schriften Jakob Böhmes vermittelte, sowie mit dem Komponisten →Ludwig Berger und den Malern →Anton Graff, →Ferdinand Hartmann, seit Juli 1802 auch mit →Caspar David Friedrich und Friedrich August v. Klinkowström. 1801 beteiligte R. sich erfolglos an Goethes Preisausschreiben für bildende Künstler mit der Zeichnung „Achill und Skamandros“, was die endgültige Abkehr vom Klassizismus bewirkte. Im Febr. 1802 proklamierte R. das Ende der Historienmalerei und eine neuartige „Landschaft“, erstmals verwirklicht im Ölgemälde „Triumph des Amor“ (1801/02). Das fingierte Basrelief zeigt das Wirken der Liebe in den verschiedenen Lebensaltern, verkörpert durch Kinderfiguren auf Wolken. „Die Lehrstunde der Nachtigall“ (1802), nach einer Ode Klopstocks, huldigte als Bild im Bilde der Liebe zu Pauline (1931 verbrannt). Als Gründungswerk der dt. romantischen Kunst gelten R.s „Vier Zeiten“, die, gezeichnet in Federumrissen zwischen Weihnachten 1802 und Juli 1803, als Kupferstiche erstmals 1805 (²1807) erschienen. „Morgen“, „Tag“, „Abend“, „Nacht“ zeigen das tägliche Wachsen und Vergehen des Sonnenlichts, symbolisiert als riesige Lilie mit kindlichen Genien. Die Rahmenleisten interpretieren den kosmischen Naturprozeß durch christl. Sinnbilder. Mit dem Plan einer monumentalen Ausführung der „Zeiten“, begleitet durch Dichtung und Musik in einer eigenen Architektur nach Art der Gotik, war die synästhetische Idee des romantischen Gesamtkunstwerks im Sinne Richard Wagners vorweggenommen. Joseph Görres widmete den „Zeiten“ 1807/08 eine Abhandlung, Goethe, mit dem R. im Nov. 1803 in Weimar persönlich zusammengetroffen war, hatte sie 1811 in seinem Musikzimmer hängen.

Seit 1804 lebte R., mit Unterbrechung 1806/07 in Wolgast, wieder in Hamburg, wo er im Frühjahr 1806 Johann Friedrich Overbeck aus Lübeck empfing und 1807 dem jungen →Arthur Schopenhauer sowie dem Kunsthistoriker Carl Friedrich Rumohr begegnete. Neben eindringlichen Porträts und Selbstporträts entstanden symbolische und religiöse Gemälde. „Die Mutter an der Quelle“ (1804, 1931 verbrannt) war beeinflußt durch Gedanken von Böhme und Novalis sowie der idealistischen Lehre vom weltsetzenden Subjekt. Die „Ruhe auf der Flucht“ (1805) wurde als „Morgen des Morgenlandes“ konzipiert und ergänzt durch die Federzeichnung „Quelle und Dichter“ als „Abend des Abendlandes“. Für Kosegartens Uferkapelle|bei Vitte (Arcona/Rügen) schuf R. das unvollendete Altarbild „Petrus auf dem Meer“ (1806). Unter den großen Gruppenporträts war „Wir Drei“ (1805) das Hauptbeispiel des romantischen Freundschaftsbildes, gemalt als Selbstporträt mit Pauline und Bruder Johann Daniel (1931 verbrannt). Die „Hülsenbeckschen Kinder“ (1805) und das „Bildnis der Eltern“ (1806) transponieren die Symbolsprache der „Zeiten“ in extreme Wirklichkeitstreue.

Das Erzähltalent R.s äußerte sich in den beiden 1806 in plattdt. Mundart niedergeschriebenen Märchen „Von den Fischer un syne Fru“ und „Von den Mahandel Bohm“. Ihr lapidarer Erzählstil und die scheinbar kindliche Einfachheit dienten als erklärtes Vorbild für die →Brüder Grimm, die sie in ihre „Kinder- und Hausmärchen“ aufnahmen (Erstaufl. 1812).

Über farbtheoretische Probleme korrespondierte R. 1806 mit Goethe, der im Anhang seiner „Farbenlehre“ (1810) R.s Brief vom 3.7.1806 abdruckte. Die Beschäftigung mit der Farbentheorie bezeichnet eine Akzentverschiebung von allegorisch verschlüsselter Naturmystik zu einer naturwissenschaftlichen Fundierung der sinnlichen Aspekte der Malerei. Im „Kleinen Morgen“ (1808) erscheint im Mittelbild Aurora, aus deren Hand die Lichtlilie ins Universum aufsteigt, während kindliche Genien dem Säugling auf der Wiese Rosen als materialisiertes Morgenlicht darbringen. Das Außenbild zeigt den Aufstieg der Seele von der verfinsterten Sonne zur Herrlichkeit Gottes. Beim „Großen Morgen“ (1809/10) plante R., das Innenbild durch einen geschnitzten Rahmen vom nicht mehr ausgeführten Außenbild abzusetzen und das Ganze durch einen noch größeren plastischen Rahmen einzufassen. Das Kolorit arbeitet bereits, wie später der Impressionismus, mit buntfarbigen Schatten und überwindet so die traditionelle Helldunkelmalerei. Dies hängt zusammen mit der Schrift „Die Farbenkugel“, von der R. 1809 das Manuskript und 1810 ein gedrucktes Exemplar an Goethe schickte. Die hier veröffentlichten Erkenntnisse über Farbenharmonie und -disharmonie und ihre psychologische Wirkung waren bahnbrechend.

R.s kunstgewerbliche Originalität dokumentieren die meisterhaften Scherenschnitte, in der Frühzeit figürliche Motive und Szenen, später v. a. Blumen und Pflanzen. Das Projekt für ein Grabmal (1808) antizipiert den Jugendstil, indem es die gesamte Architektur pflanzlich verwandelt. Die beiden Entwurfsserien für ein Kartenspiel (1809) zeigen anstelle der bis dahin üblichen ganzfigurigen Trümpfe diese erstmals jeweils als Halbfigur im Gegensinn verdoppelt. Unter R.s Entwürfen für Buchumschläge sind die beiden Fassungen zu Perthes' Zeitschrift „Vaterländisches Museum“ Inkunabeln einer anti-napoleonischen, patriotischen Kunst in Deutschland (1809). Im Dez. 1809 trat R. in einen Briefwechsel mit →Clemens Brentano, seinem zeitlebens größten Verehrer, ein.

R., der Begründer der romantischen Kunst in Deutschland, hinterließ bei seinem frühen, vermutlich durch Tuberkulose verursachten Tod ein quantitativ kleines Œuvre. Es beeinflußte zunächst C. D. Friedrich und K. F. Schinkel sowie – nach der Wiederentdeckung des Malers im späten 19. Jh. durch →Alfred Lichtwark – im 20. Jh. u. a. die Kunst am Bauhaus, insbesondere →Paul Klee und Johannes Itten, ferner Max Ernst und Otto Dix.

18. Dorothea Schlegel

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S., die eine traditionelle jüd. Bildung erhielt, wurde von ihrem Vater 1783 verheiratet. Die junge Ehefrau und Mutter fand anregende Geselligkeit im Berliner Salon ihrer Freundin →Henriette Herz (1764–1847), in dem u. a. der junge Theologe →Friedrich Schleiermacher sowie die Brüder Alexander und Wilhelm v. Humboldt verkehrten. Zusammen mit →Henriette Herz und anderen gründete sie einen von der Epoche der Empfindsamkeit bestimmten Tugendbund. Im Sommer 1797 lernte sie im Salon der Freundin Friedrich Schlegel kennen, der noch im selben Jahr ihr Geliebter wurde und die gemeinsame Beziehung in „Lucinde“ (1799) verarbeitete. Nach der Scheidung von Veit 1799 folgte S., die sich von nun an Dorothea nannte, Schlegel mit ihrem jüngsten Sohn nach Jena in das Haus seines Bruders August Wilhelm und dessen Frau Caroline, wo u. a. die Dichter →Ludwig Tieck und Novalis sowie der junge Philosoph Friedrich Wilhelm Schelling verkehrten.

Angeregt von diesem Kreis und nach dem Vorbild von Goethes „Wilhelm Meister“, schrieb S. den ersten Band des Romans „Florentin“ (1801, Neudr., hg. v.L. Weissberg, 1987), der, herausgegeben von Friedrich Schlegel, ohne Nennung der Verfasserin erschien (2. Bd. unvollendet). 1802 übersiedelte das Paar nach Paris, 1804 nach Köln. In den folgenden Jahren übersetzte S. hier aus dem Französischen Memoiren, Rittergeschichten und Germaine de Staëls Roman „Corinna oder Italien“ (4 Bde., 1807, Neudrr. Krit. Friedrich-Schlegel-Ausgabe, 4. Abt., Bd. 33, 1980 u. hg. v. A. Kappler, 1985), der mit dem Namen ihres Mannes als Übersetzer|und Herausgeber erschien. Diese und andere Arbeiten seiner Ehefrau nahm Schlegel sogar in seine Werke auf. Dem herrschenden Frauenbild ihrer Zeit entsprechend, legte S. keinen Wert darauf, öffentlich zu wirken; sie verstand sich als Zuarbeiterin ihres Mannes: „Friedrich sein Geselle zu werden“ und seine Einnahmen aufzubessern, war ihr Ziel.

1808 übersiedelte das Ehepaar nach Wien. Hier schloß S. Freundschaft mit →Caroline Pichler (1769–1843) und verkehrte während des Wiener Kongresses mit ihrer Freundin →Rahel (Levin-)Varnhagen v. Ense (1771–1833) im Salon der →Fanny v. Arnstein (1758–1818) und im Haus des preuß.Gesandten →Wilhelm v. Humboldt (1767–1835), wo sie u. a. →Josef v. Eichendorff kennenlernte. Nach vorübergehendem Aufenthalt in Frankfurt/M. 1816–18, wo ihr Mann als österr. Diplomat beim Dt. Bundestag tätig war, lebte S. 1818-20 bei ihren Söhnen in Rom, die dort als Maler der Schule der Nazarener angehörten. Als ihr Mann 1829 starb, übersiedelte sie zu ihrem Sohn →Philipp nach Frankfurt.

Erst in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jh. wurde S. insbesondere als Briefautorin, Schriftstellerin und Übersetzerin neu entdeckt. Ihr Mut, sich von ihrem ungeliebten Ehemann zu trennen und als Geliebte und spätere Ehefrau des Mitbegründers der Frühromantik Friedrich Schlegel entgegen jüd.Tradition und strenger gesellschaftlicher Normen ihr Recht auf Glück einzufordern, machte sie zu einer Wegbereiterin weiblicher Emanzipation.

19. Zacharias Werner

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W. wuchs in der Obhut seiner psychisch belasteten Mutter auf, wurde von Hauslehrern unterrichtet und begann früh zu publizieren (Vermischte Gedichte, 1789). Ein 1784 begonnenes Studium der Rechtswissenschaft in Königsberg brach er 1792 ab. 1793 nahm er eine Stellung als Kopist im preuß.Staatsdienst an (1793 / 94 Piotrków, 1794–96 Płock, 1796–1801 u. 1804 / 05 Warschau). Seit 1799 hatte die Bekanntschaft mit →Johann Jacob Mnioch (1765–1804) und →Julius Eduard Hitzig (1780–1849) große Bedeutung für W.s. Verbindung freimaurerischer Reformpläne mit religiösen Ideen der Theosophie (→Jacob Böhme) und Frühromantik (→Friedrich Schleiermacher). Sein erstes Drama „Die Söhne des Thals“ (2 T., 1803 / 04, ²1807) ist Ausdruck dieser angestrebten Vervollkommnung der Aufklärung durch eine neue Mythologie der Kunst, die einem geläuterten Christentum dienen sollte.

1805 nach Berlin versetzt, wurde W. durch →August Wilhelm Ifflands (1759–1814) Aufführung seines Dramas „Martin Luther oder Die Weihe der Kraft“ (1806) in Berlin zu einem der angesehensten Dramatiker seiner Zeit. 1807 schied er aus dem Staatsdienst, bis 1809 bereiste er Deutschland, Österreich, die Schweiz und Frankreich. →Johann Wolfgang v. Goethe (1749–1832) führte 1808 und 1810 zwei von W.s Dramen auf. W. nahm maßgeblichen Einfluß auf →Goethes Romantikverständnis, besonders durch seine Sonette. Ein W. gewidmetes Kapitel in →Germaine de Staëls „De l’Allemagne“ (1810 [1813]) machte ihn in ganz Europa bekannt. 1809–13 lebte er in Rom und wurde als einziger Dichter 1813 Mitglied des „Lukasbunds“ dt. Maler. 1814| erhielt er in Aschaffenburg die Priesterweihe und wirkte fortan als Prediger und Beichtvater in Wien; Leitfigur und Freund wurde hier →Klemens Maria Hofbauer (1751–1820). W.s Kanzelpredigten erregten 1814 / 15 während des Wiener Kongresses wegen W.s Lebensgeschichte und wegen seines eigenwilligen Stils großes Aufsehen. 1816 / 17 bemühte sich W. in Janów (Podolien) erfolglos um eine Niederlassung der Redemptoristen; 1817 wurde er Ehrenkanonikus des Domkapitels von Kamjanez-Podilskyj. 1821 / 22 war er Novize der Redemptoristen, nach seinem Austritt blieb er dem Orden als Oblate verbunden. W. starb an einer Lungenkrankheit.

Als Dramatiker schloß sich W. an →Friedrich Schiller (1759–1805) an und erweiterte die klassische Tragödienform sprachlich und dramentechnisch um romantische Elemente.

Die meist im Mittelalter situierten Handlungen zielen auf umfassende Geschichtsdarstellung im Detail wie im theologisch-geschichtsphilosophisch begründeten Zusammenhang (v. a. Das Kreuz an d. Ostsee, 1. T. 1805 [1806], Musik v. →E. T. A. Hoffmann; 2. T. 1805 unvollendet u. verschollen). Gegenüber der bei →Schiller bestimmenden Freiheitsthematik ist der dramatische Konflikt vom Gegensatz göttlicher Vorbestimmung und individuell beschränkter Einsicht geprägt. Zentral in „Wanda, Königin der Sarmaten“ (1808 [1810]) ist die Darstellung von W.s „Liebessystem“, der übernatürlichen Bestimmung eines Liebespaars füreinander, die sich nach der Opferung in der Apotheose erfüllt (ebenso in Attila, König d. Hunnen, 1807 [1808] u. Cunegunde d. Hl., 1809 [1815]). In „Die Mutter der Makkabäer“ (1816 [1820]) kommt es zu einer Wiederbelebung der Märtyrertragödie. Der Einakter „Der vierundzwanzigste Februar“ (1809 [1815]) wurde Ausgangspunkt des sog. Schicksalsdramas.

W.s Bühnenwerke wurden in die meisten europ. Sprachen übersetzt, konnten sich aber nicht dauerhaft behaupten. Sie beeinflußten alle späteren Bemühungen um die hohe Tragödie in Deutschland, so bei →Heinrich v. Kleist, →Theodor Körner, →Clemens Brentano, →Franz Grillparzer, →Friedrich Hebbel, →Richard Wagner und →Otto Ludwig. W.s Gestalten und Sujets regten noch →Giuseppe Verdi (Attila, 1846), →Fjodor Dostojewski (Die Brüder Karamasow, 1878 / 80) und →Theodor Fontane (Effi Briest, 1894 / 95) an. W.s. Lyrik, v. a. sein Sonettwerk, seine Kanzonen und seine religiöse Dichtung, wurde postum gesammelt und nur vereinzelt rezipiert und vertont, etwa durch →Franz Schubert.

20. Carl von Clausewitz

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C. trat 1792 als Gefreiterkorporal in das preußische Infanterie-Regiment Prinz Ferdinand Nummer 34 ein, bei dem er (ab 20.7.1793 Fähnrich) den Rheinfeldzug 1793/94 (Belagerung von Mainz) mitmachte. Leutnant seit dem 5.3.1795, besuchte er 1801-03 die Kriegsschule zu Berlin, deren Leiter J. G. D. von Scharnhorst sein Freund und unvergessener, die Richtung seines geistigen Schaffens bestimmender Lehrer wurde. Als Stabskapitän (2.11.1805) und Adjutant des Prinzen August von Preußen nahm C. am Feldzug 1806 teil (Auerstädt, Kapitulation von Prenzlau). Nach mehrmonatiger Internierung in Frankreich trat er im April 1808 in Königsberg zu dem engeren Kreis der preußischen Reformer um Stein, Scharnhorst, Gneisenau, H. von Boyen und K. Wilhelm Georg von Grolman. Als vertrautester Mitarbeiter Scharnhorsts wirkte C. - zunächst im Range eines „Wirklichen Kapitäns“ wieder angestellt - vom 21.2.1809 bis zum 11.10.1810 im preußischen Kriegsministerium; am 19.7.1810 wurde er in den Generalstab versetzt und am 29.8. gleichen Jahres zum Major befördert. Seit dem 11.10.1810 lehrte C. über Generalstabsdienst und kleinen Krieg an der Allgemeinen Kriegsschule zu Berlin, außerdem unterrichtete er den preußischen Kronprinzen in den Militärwissenschaften. Nach Abschluß des französisch-preußischen Militärbündnisses im Frühjahr 1812 nahm er mit einer Gruppe gleichgesinnter Offiziere den Abschied (23.4.1812 erteilt), um fortan als „freier Preuße“ im russischen Heere gegen→Napoleon zu fechten: C. traf diese folgenschwerste Entscheidung seines Lebens allein vor seinem Gewissen, als preußischer Patriot, politisch gebildeter Offizier und im ausgeprägten Gefühl für politische Ehre, wie dies der Inhalt der von ihm im Februar 1812 verfaßten „Bekenntnisdenkschrift“ beweist. Als russischer Generalstabsoffizier (Oberstleutnant) in wechselnden Stellungen kämpfte er mit Auszeichnung im Feldzug von 1812 (Moshaisk, Witebsk, Smolensk, Borodino) und leitete als russischer Bevollmächtigter die zur Konvention von Tauroggen führenden Verhandlungen mit York. Während der Feldzüge 1813/14 gehörte C. der russisch-deutschen Legion (Korps Wallmoden im Verbande der Nordarmee) an. Sein Gesuch um Wiedereinstellung in die preußische Armee blieb einstweilen erfolglos, da Friedrich Wilhelm III. den eigenmächtigen Schritt vom Frühjahr 1812 noch nicht vergessen hatte; erst am 30.3.1815 wurde C. als Oberst im Generalstab in preußische Dienste übernommen. Am 22.4.1815 zum Chef des Generalstabes des III. Armeekorps unter Johann A. von Thielmann bestimmt, leitete er im Feldzug von 1815 die Operationen dieses Korps bei Ligny und Wavre. Vom Herbst 1815 bis zum Frühjahr 1818 war C. als Chef des Generalkommandos am Niederrhein in Koblenz unter Gneisenau (später Hake) tätig. Vom 9.5.1818-19.8.1830 bekleidete er (seit dem 19.9.1818 Generalmajor) die bedeutungslose, ihm wenig zusagende Stelle eines Verwaltungsdirektors der Allgemeinen Kriegsschule zu Berlin. Nach vorübergehender Wiederverwendung im Truppendienst als Inspekteur der 2. Artillerieinspektion in Breslau (ab 19.8.1830) wurde C. am 6.3.1831 zum Chef des Generalstabes der anläßlich der polnischen Unruhen gebildeten preußischen Observationsarmee unter Gneisenau in Posen ernannt. Nach Ende der Unruhen und Auflösung des Armeeoberkommandos kehrte C. - zutiefst erschüttert durch den Tod seines Freundes Gneisenau - Anfang November 1831 nach Breslau zurück. Dort erlag er unerwartet der Cholera.

C. war eine nach außen hin verschlossen, fast kalt abweisend wirkende, im Innern gleichwohl leidenschaftlich bewegte Persönlichkeit von großer Tiefe des Gemüts und Zartheit der Empfindungen. In ihm verbanden sich ausgesprochene Neigung zur Wissenschaft auf der Grundlage einer umfassenden historischen, philosophischen, politischen, militärwissenschaftlichen, ökonomischen und naturwissenschaftlich-technischen Bildung, starke Meditationskraft, durchdringender kritischer Verstand und Sinn für die konkreten Bedingtheiten des Lebens zu einer geschlossenen Einheit. C. erfüllte nicht der Hang zu rein spekulativem Dasein, sondern das Drängen zur Tat auf politisch-militärischem Felde in Verbindung mit den schöpferisch lenkenden Kräften des Geistes und den Werten des Charakters. Von Jugend an bestrebt, über den militärischen Fachbereich hinaus einen eigenen Standort im Gesamtbereich der Lebenswirklichkeit zu gewinnen, vermied er alle Einseitigkeit und die Gefahr der Selbstisolierung seines Berufes. Stets richtete C. den Blick auf die allgemeinen politischen, geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse seines Zeitalters.

C. ist der Schöpfer der modernen Theorie des Krieges, wie sie in seinem erstmalig 1832-34 von seiner Witwe herausgegebenen Werk „Vom Kriege“ vorliegt. Dieses in acht Bücher von ungleicher Ausführung gegliederte Werk - „Frucht eines vielseitigen Nachdenkens mit beständiger Richtung gegen das praktische Leben“ - schuf C. aus einer inneren Spannung, dem Bewußtsein eines letzthin unerfüllten Lebens heraus: sich zum praktischen Handeln auf höchster Ebene (Staatsmann - Feldherr) berufen zu fühlen und dennoch stets auf einen im Vergleich dazu bedeutungslosen Wirkungskreis beschränkt zu bleiben, jene höchsten von ihm erstrebten Tätigkeitsbereiche nur auf dem Wege der reinen Kontemplation erfassen zu dürfen. Mit dem Werk „Vom Kriege“, das eine zweckvolle, die Zeiten überdauernde Synthese von Vorstellung und Wirklichkeit darstellt, hat C. dennoch eine besondere Form des Handelns gesucht und gefunden; er wollte nach seinen eigenen Worten ein Buch schreiben, „was nicht nach zwei oder drei Jahren vergessen wäre“. Dieses Buch enthält eine umfassende Wesensschau des Krieges in seiner Tatsächlichkeit, das heißt in allen seinen Arten und möglichen Erscheinungsformen, wie sie sich C. aus dem bewußten Erleben der Epoche 1789/1815 in Verbindung mit kriegsgeschichtlichen Studien, militärisch-technischen Kenntnissen, der Praxis des Truppen- und Generalstabsdienstes im Wechsel von Krieg und Frieden, Zusammenbruch und Wiederaufbau unter gleichzeitiger Anwendung der ihm vornehmlich durch Kants Lehren vermittelten philosophischen Systematik erschloß. Nicht die moralisch-ethische Wertung des Krieges, sondern die in der Lebensvielfalt praktisch wirkenden Elemente seines Instrumentalcharakters sind Gegenstand der Betrachtung. Der Krieg - „ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“ - ist ein Mittel der Politik, welches der verantwortlich handelnde Staatsmann wohl kennen muß, um richtige Entschlüsse im Falle einer bewaffneten Auseinandersetzung fassen zu können.

Die Grundgedanken Scharnhorsts verwertende Konzeption des Werkes „Vom Kriege“ geht bis in C. Kriegsschulzeit zurück; ihre stufenweise Entwicklung kommt ebenso in seinen kritischen Studien über Strategie und Kriegskunst aus den Jahren 1804, 1805, 1808 und 1809 zum Ausdruck wie in den von ihm 1810/11 an der Allgemeinen Kriegsschule zu Berlin gehaltenen Vorlesungen über den|kleinen Krieg und seinen militärischen Vorträgen aus den Jahren 1810-12 vor dem preußischen Kronprinzen. Insbesondere die Vorlesungen über den kleinen Krieg machen eine Erweiterung und Vertiefung der Konzeption nach der praktischen Seite hin sichtbar. Sie deuten darüber hinaus C. Gesamtbild an: großer und kleiner Krieg. Das Buch „Vom Kriege“ ist die zwischen 1816 und 1830 in aller Stille erfolgte, als notwendiger Klärungsprozeß zu wertende Niederschrift, die freilich nur den großen Krieg und seine Führung behandelt. Indem C. in philosophischer Ausdeutung Strukturen des Krieges sieht und ihn in das „Gebiet des gesellschaftlichen Lebens“ verweist, bietet er eine in ihren Grundlagen zeitlose, in sich geschlossene Theorie des Krieges und seiner Wesenselemente; das heißt die grundsätzliche Bedeutung dieser Theorie liegt in der Tatsache, daß C. über die Bedingtheiten seiner eigenen Epoche hinaus das Wesen des Krieges schlechthin erfaßt und herausgestellt hat. Er will nicht lediglich „aktuell“ für den Augenblick und damit einem vorzeitigen Veralten ausgesetzt sein, sondern die zu allen Zeiten gleichbleibenden Elemente des Krieges aufzeigen. Dies ist ihm mit dem Werk „Vom Kriege“ tatsächlich gelungen. Dadurch unterscheidet sich dieses völlig von allen anderen vor und nach ihm erschienenen Bücher über Krieg und Kriegskunst: es ist in seinen Kerngedanken weder „unvollkommen“ noch „überholt“ und stellt darüber hinaus das Grundwerk über den Krieg überhaupt dar. C. bricht darin mit dem abstrakt-generalisierenden Systemdenken des 18. Jahrhunderts, gibt aber auch keine „positive Lehre“ oder „Formelsammlung“ im Sinne eines verengten handwerklichen Handelns für militärische Techniker; eine „Lehre“ würde die Wahrheit verfälschen. Für C. ist die Theorie vielmehr verstehende Betrachtung: ein Bildungsgang, der den Geist im selbständigen Erkennen des Krieges schult, Urteilsmaßstäbe schafft. Das Werk „Vom Kriege“ entstand aus der innigen Verbindung von praktischer Erfahrung und geistiger Meditation, kritischer Auswertung historischer Beispiele und zweckvoller Anwendung der philosophischen Dialektik, der Beleuchtung des Allgemeinen wie des Besonderen, unter Berücksichtigung der jeweiligen („historisch“ bedingten) Individualität und der Unwägbarkeiten des wirklichen Lebens. C. betrachtet den Krieg in seiner Gesamtheit, angefangen von der Aufstellung einzelner Feldwachen bis herauf zu den großen strategisch-politisch-philosophischen Seinszusammenhängen, untersucht die Probleme nach allen Seiten hin, durchdringt sie bis in ihre letzten Tiefen. Mit dem Werk „Vom Kriege“ vollzieht er für seinen Teil den Durchbruch zu jenem neuen Bewußtseinsgefüge, wie es etwa durch den Begriff des „Historismus“ gekennzeichnet ist.

Das Werk „Vom Kriege“ ist für Politiker wie für Soldaten geschrieben. Zu den in ihm enthaltenen Gedanken von bleibender, durch die Erfahrungen zweier Weltkriege und des Kalten Krieges erhärteter Geltung gehören die Ausführungen über die Natur (Arten) des Krieges, das Verhältnis von Politik und Krieg, die moralischen Größen, die Bedeutung und das Wesen der Theorie, die Rolle der Imponderabilien („Friktion“), die Relationen von Zweck, Ziel und Mittel sowie das Wechselverhältnis von Verteidigung und Angriff. Der Krieg ist für C. kein isolierter Akt, sondern geht stets aus der Politik hervor, ist „eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel“; seine „Lineamente“ liegen in der Politik bereits verborgen angedeutet „wie die Eigenschaften der lebenden Geschöpfe in ihren Keimen“. „Gute und zahlreiche Truppen und ein ausgezeichneter Feldherr sind die unfehlbaren Mittel zum Siege; aber es sind immer nur Mittel, das heißt Instrumente, und die Seele des Krieges wohnt im Kabinett, das heißt in den Interessen, durch welche dasselbe geführt wird, und in dem Geist, womit es diesen Interessen nachgeht. Es ist unmöglich, den Krieg von der Politik zu trennen, ihn nach eigenen, selbständigen Gesetzen zu behandeln.“ Die Politik also erzeugt und beherrscht den Krieg in allen Phasen seines Ablaufes, auch wenn man nach politischen Rücksichten keine Spähtrupps führt oder Feldwachen aufstellt; freilich soll sie sich in rechter Kenntnis der Mittel davor hüten, Forderungen an den Krieg, das heißt den Soldaten zu stellen, die dieser nicht leisten kann. Der Staatsmann muß ferner bereits vor Abschluß des Krieges die letzten militärischen Operationen im Sinne der zu erwartenden oder konzipierten Friedensregelung anlegen. C. vertritt damit grundsätzlich den Primat der politischen Leitung gegenüber der militärischen Führung. - Das Werk „Vom Kriege“ fand zunächst Aufnahme in Militärkreisen. Neben einigen bereits 1833-35 aus ihm in der „Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Krieges“ abgedruckten „Aphorismen“ warb vornehmlich der sächsische Militärschriftsteller K. E. Pönitz in seinen 1845 erschienenen „Militärischen Briefen eines Verstorbenen an seine noch lebenden Freunde“ (Neueste Ausgabe 3 Bände, 1854) für die Ideen von C. Auch Moltke hat sich mit dem Werk „Vom Kriege“ beschäftigt, wobei er die spezifisch|militärischen Thesen bejahte und sie fruchtbringend im System seiner erfolgreichen Kriegführung zu verarbeiten wußte. Indes vertrat Moltke im Hinblick auf das politische Hauptanliegen eher die entgegengesetzte, von C. zeitlebens so scharf bekämpfte Anschauung, indem er den Krieg weitgehend von der Politik emanzipierte: die Politik zwar löst den Krieg aus, tritt auch beim Friedensschluß wirksam hervor; während des Ablaufes der Operationen jedoch hat sie nichts dreinzureden. Nur bedingt war Moltke ein Schüler von C.; ebenso dürfte die bekannte Auffassung, die preußischen Generale von 1870/71 seien im Geiste der Lehren des Werkes „Vom Kriege“ herangebildet worden, nur dort der Wahrheit entsprechen, wo es sich um Übernahme einzelner, mehr oder weniger wahllos aus dem Zusammenhang herausgegriffener Leitsätze aus seinem militärischen Teil handelt. Praktisch vollzog sich mit Moltke und namentlich seiner Schule samt deren Nachfolgern im Denken des preußisch-deutschen Generalstabes hinsichtlich der Beurteilung und tatsächlichen Regelung des Verhältnisses von Politik und Krieg eine allmähliche, fast bis zur Verständnislosigkeit gehende Abkehr von C. zugunsten einer vordergründigen, die Herauslösung des militärischen Sektors aus dem zivilen Gesamtlebensbereich befördernden und kaum mehr als ein reines Handwerkertum zum Idealbild erhebenden Anschauung. Dies lag im Zuge der wirklichen Entwicklung in Preußen-Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Einmal betrachtete sich die Armee im Glanze ihrer durch die überlegene Staatskunst →Bismarcks 1864, 1866 und 1870/71 zustandegekommenen Siege als ein dominierender, durch die Krone abgeschirmter und damit von politischer Seite so gut wie unantastbarer Eigenkörper im Staatsleben; zum anderen wurde gerade die zum rechten Verständnis der Gedanken von C. erforderliche philosophisch-universale Bildungsgrundlage eingeschränkt (zum Beispiel Streichung des Faches „Logik“ aus dem Lehrplan der Kriegsakademie ab 1858/59), um dem einseitigen, lediglich auf „Perfektionierung“ seines Fachgebietes bedachten militärischen Techniker (zum Beispiel W. von Scherff, L. von Falkenhausen) das Feld zu überlassen; drittens machte sich zunehmend ein übersteigertes, alle natürlichen Lebenszusammenhänge zerreißendes Spezialisierungs- und Ressortprinzip geltend. In dem Sinne sprach Graf Schlieffen 1905 von einer „philosophierenden Betrachtungsweise“ im Werk „Vom Kriege“, die den „heutigen Leser nicht immer anmutet“. Im Grunde zog die deutsche Armee 1914 ohne C. ins Feld; noch nach dem Ende des 1. Weltkrieges meinte man beim Studium des Werkes „Vom Kriege“ die „philosophischen Partien“ einfach überschlagen zu können. Den Endpunkt dieser zur völligen Umkehrung der Lehren von C. führenden Entwicklung bedeutete die von Ludendorff 1935 verkündete Forderung, die Politik habe dem Kriege zu dienen, „alle Theorien von C. sind über den Haufen zu werfen“. Anders dachte freilich Generaloberst Beck, dessen hinterlassene Studien von einer verständnisvollen Würdigung der Kerngedanken des Werkes „Vom Kriege“ zeugen. Dagegen ließ Hitlers Führung im 2. Weltkrieg alle wesentlichen Grundsätze von C. außer Acht.

Die weltweite Verbreitung der Gedanken des Werkes „Vom Kriege“ im Gefolge der preußischen Waffensiege im deutsch-französischen Krieg setzte zwischen 1871 und 1914 ein. C. wurde ebenso in Großbritannien, Frankreich, Italien und Rußland studiert wie in Holland, der Schweiz, Österreich-Ungarn, Schweden, den USA oder Japan. Der Verlauf und die Probleme des 1. Weltkrieges bestätigten nicht nur die Richtigkeit der Lehren von C., sondern lösten auch die Beschäftigung mit seinen bisher weniger beachteten philosophisch-politischen Hauptgedanken aus, ließen Staatsmänner auf sie aufmerksam werden. Es war W. I. Lenin, der (wie vor ihm Marx und Engels 1857/58) das Werk „Vom Kriege“ 1915 während seiner Schweizer Emigration vom politisch-philosophischen Standpunkt aus mit kritischem Verständnis durcharbeitete, die Grundthesen über das Verhältnis von Politik und Krieg in marxistischer Verarbeitung übernahm und als wirksame Waffe im Kampf um die Begründung der Sowjetmacht, insbesondere in seiner Auseinandersetzung mit den „rechten“ und „linken“ Sozialrevolutionären verwandte; er erkannte, daß C. die zur Orientierung in der verwirrenden Vielfalt sich überschneidender Fronten des großen Völkerringens allein gültige, klärende Theorie des Krieges bot. Lenins im Hinblick auf die bolschewistischen Anschauungen über Krieg und Politik noch heute aufschlußreichen Notizen (samt Randbemerkungen) aus dem Werk „Vom Kriege“ sind in einem besonderen Heft („Tetradka“) erhalten; sie stellen gleichsam das sowjetische C.-Brevier dar und zeugen darüber hinaus von der Tatsache, daß Lenin als erster die so bedeutsame politische Seite des Werkes „Vom Kriege“ herausstellte und damit seiner Zeit in der C.-Interpretation um Jahrzehnte voraus war. Das Studium des Buches „Vom Kriege“ den Kommandanten der Roten Armee empfehlend, erklärte Lenin 1917, die|„grundlegenden Gedanken“ von C. seien „in unserer gegenwärtigen Zeit zum unbedingten Besitz jedes denkenden Menschen“ geworden. Auch. J. Stalin, L. Trotzki, K. Radek, W. Molotow und M. W. Frunse waren mit C. wohl vertraut, ebenso die Sowjetmarschälle M. Tuchatschewski, Schaposchnikow und G. Schukow. Deutschen Politikern dagegen (mit geringen Ausnahmen wie P. Levi, Th. Haubach, J. Leber) blieben die Lehren des Werkes „Vom Kriege“ nahezu fremd. Selbst →Bismarck, der seine Politik in den deutschen Einigungskriegen freilich im Sinne von C. geführt hat, bekannte, über diesen kaum mehr zu wissen, als daß er „ein verdienter General“ gewesen sei.

Der 2. Weltkrieg, der Kalte Krieg, die Kämpfe in Korea und Indochina vertieften allgemein in den beteiligten Ländern das Bewußtsein von der grundsätzlichen Gültigkeit der Kerngedanken des Werkes „Vom Kriege“ trotz kritischer Anfechtung im einzelnen. Dies beweisen etwa die 1954 in der Deutschen Demokratischen Republik erschienene C.-Schrift „Feder und Degen. Carl von C. und seine Zeit“ oder die der neuen französischen C.-Ausgabe (Paris 1955) vorangestellten Studien von Camille Rougeron: „Actualité de C.“ und Pierre Naville: „Carl von C. et la théorie de la guerre“. Rougeron weist auf die Gültigkeit von C. Lehren auch hinsichtlich des Indochina-Krieges, des Falls von Dien-Bien-Phu hin, während Naville die Bedeutung des Werkes „Vom Kriege“ vornehmlich im Lichte des neuzeitlichen Sozialismus beleuchtet. Kritisch über C. äußerte sich J. W. Stalin 1946, ohne indes den politisch-philosophischen Kerngehalt des Buches „Vom Kriege“ abzulehnen: allerdings seien „die Partien rein taktischer und strategischer Natur durch die Entwicklung zum Teil überholt“, und C. selbst habe „sich ständig gegen die dogmatische Auslegung von Theorien gewandt“. Scharf gegen C. nimmt der britische Militärschriftsteller B. H. Liddell Hart in seinem neuesten Buch über Strategie (1955) Stellung, indem er ihm - in freilich nicht überzeugender Oberflächlichkeit der Beweisführung - vorwirft, seine Gedanken hätten zum Niedergang der Führungskunst beigetragen, seine Philosophie sei unklar, „eine Lehre für Feldwebel“, seine „theoretischen Überlegungen und Übertreibungen von der Idee der ‚absoluten' Kriegführung“ hätten eine schlimme Wirkung ausgeübt. Dennoch bezeichnet Liddell Hart das Werk „Vom Kriege“ als „klassisch“ und betont, es sei „von ausschlaggebender Bedeutung, die Theorien von C. zu untersuchen“. Entgegen den Erkenntnissen von C. handelten übrigens die verantwortlichen politischen und militärischen Führungskreise der USA um Roosevelt und Eisenhower in der das künftige Schicksal des Balkans, Berlins, Mitteldeutschlands und damit Europas bestimmenden Schlußphase des 2. Weltkrieges; ähnlich wie vordem in Deutschland war hier neben politischer Konzeptionslosigkeit ein militärisch-technischer „Perfektionismus“ wirksam. Unter Berufung auf den deutschen Kriegsphilosophen schreibt Präsident Truman dazu in seinen Memoiren (1955): „Schon von C. hat den Satz geprägt, daß der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, und daraus haben viele unserer Generale, aber auch ein großer Teil der Öffentlichkeit geschlossen, daß - hat ein Krieg erst einmal begonnen - alle Entscheidungen militärischer Natur seien. Nur hat C. noch viel mehr als diesen leicht in Erinnerung zu behaltenden Satz gesagt. Nach ihm ist beides, Politik und Krieg, Mittel zum Zweck; die Art dieses Zweckes aber ist Sache der politischen Zielsetzung“.

Die übrigen Schriften von C. sind vornehmlich kriegsgeschichtlicher, militärpolitischer und politischer Natur. Die kriegsgeschichtlichen Arbeiten umfassen den 4. bis 10. Band der „Hinterlassenen Werke über Krieg und Kriegführung“: sie behandeln in erster Linie die Feldzüge der napoleonischen Epoche, enthalten aber auch Darstellungen zur Kriegführung des 17. und 18. Jahrhunderts; hierzu gehört ferner eine gesondert veröffentlichte kritische Untersuchung über den preußischen Zusammenbruch von 1806. Diese Arbeiten entstanden im Zusammenhang mit dem Werk „Vom Kriege“, sie dürfen gleichsam als Vorstudien, „Materialien“ und praktische Beispielsammlung betrachtet werden. Größere Verbreitung erlangte C. „Feldzug von 1812 in Rußland“, der später auch in englischer, russischer und französischer Übersetzung erschien. Als ein persönliches Bekenntnis und literarisches Denkmal zugleich im Hinblick auf die tiefe Verbundenheit mit seinem besten Freund ist C. erstmalig 1832 in L. Rankes „Historisch-politischer Zeitschrift“ erschienener Aufsatz: „Über das Leben und den Charakter von Scharnhorst“ zu werten.

21. Johann Gottfried Herder

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H. entstammt einem kargen pietistischen Elternhaus im ostpreußischen Städtchen Mohrungen. Schon als Zögling der Lateinschule, unter dem Rektor Grimme, verrät er außerordentliche Lernbegier. Den 16jährigen benutzt der Diakon und theologische Schriftsteller Trescho gegen freies Logis zum Exzerpieren theologischer Bücher; H. hat Gelegenheit, nachts in der Bibliothek des Diakons zu lesen und seine Feder zu üben. Der Chirurg eines in Mohrungen einquartierten russischen Regiments, Schwarz-Erla, bestimmt ihn im Frühjahr 1762, in Königsberg das Studium der Medizin aufzunehmen. Bei der ersten Leichenöffnung fällt der schmächtige und sensible junge Mann in Ohnmacht und wechselt im August zu Theologie und Philosophie über. Seine Lieblingsfächer werden Astronomie und physische Geographie, sein bevorzugter Lehrer Kant. Nebenbei versieht|H. den Dienst eines Inspizienten, später eines Lehrers am Collegium Fridericianum. Die Lektüre Rousseaus und die Bekanntschaft J. G. Hamanns machen ihn mit freiheitlichen Ideen, mit englischer und französischer Sprache, mit Volkslied, „Ossian“ und Shakespeare vertraut. Auf Verwendung Hamanns hin erfolgt im Herbst 1764 die Anstellung als Kollaborator an der Domschule zu Riga. 1765 wird H. dort als Lehrer und Prediger verpflichtet. Seine Predigten gewinnen ihm Freunde, ja schwärmerische Verehrer; viel zarter Umgang mit Frauen hat statt. Die Lektüre bestimmen Shaftesbury, Home, Young, Leibniz und Baumgarten; die Freimaurerloge „Zum Nordstern“ nimmt ihn auf. Einem Ruf als Rektor der Sankt Petersburger Petersschule wirkt der Rat der Stadt Riga durch eine eigens für H. geschaffene Predigerstelle an der Hauptkirche entgegen. Die ersten größeren Werke erscheinen: „Über die neuere deutsche Litteratur. Fragmente“ (3 Sammlungen, 1766/67) und „Kritische Wälder“ (3 Bände, 1769). Die „Fragmente“ deklarieren sich als „Beilagen zu den Briefen die neuere deutsche Litteratur betreffend“, jenem 1759-65 erschienenen Periodikum, das Lessing, Nicolai, Mendelssohn und →Abbt zur höchsten kunstrichterlichen Instanz in Deutschland gemacht hatten. Diesen Männern stellt sich der 22jährige zur Seite, kritisiert jene Briefe selbst, übernimmt, kommentiert, verbessert ihre Urteile und versucht, aus den Einzelkritiken eine „pragmatische Geschichte der Litteratur“ zu systematisieren; diese soll die einzelnen literarischen Erscheinungen ursächlich miteinander und mit den politischen und sozialen Umständen verknüpfen und für eine künftige Poesie Weisungen geben. Titel und Programm dieses Erstlings machen das von Lessing überlieferte Wort verständlich, der junge Mann sei entweder ein Geck oder ein Genie. Die Fragmente entfalten den Gedanken, daß jedes Volk seine dichterische Ausdrucksweise besitzt, die sich nach dem Stand seine Sprache richtet, wie diese nach den natürlichen und politischen Verhältnissen. Uns hineinversetzend in die verschiedenen Dichtungen, in die Bedingung ihrer Entstehung und Wirkung auf ein ganz bestimmt strukturiertes Publikum, lernen wir leichter die Bedingungen und Forderungen unserer nationalen Lage erkennen und ihr dichterisch genügen. Zur Zeitgemäßheit tritt als weitere ästhetische Forderung die Verständlichkeit; der Dichter muß in der Volkssprache schreiben, der „Muttersprache“; sie ist kein Wert an sich, sondern dient der Verständlichkeit und Wirksamkeit des Literaten. Sagen und Märchen, die „Nationalvorurteile“, greife der Schriftsteller auf, nicht um sie zu konservieren, sondern um den „gemeinen Mann“, das „Volk, diesen edelsten Theil der Menschheit“, zu dem „unendlich viele gehören“, psychologisch um so leichter pakken und bilden zu können. Der Gedanke, altes unreflektiert-mythisches Vorstellungsgeschiebe didaktisch zu nützen, durchzieht die meisten Schriften H.s und darf auch bei seinen Bemühungen um das Volkslied nicht übersehen werden; kein Museum wird da eingerichtet, sondern Studienmaterial gesammelt für die Aufklärung des Volks und der Nationen übereinander. Daß der Volksbegriff des russischen Staatsbürgers H.hier, wie auch später, kein eng nationalistischer ist, zeigen die Abschnitte, die den Dichter zum Lernen bei Griechen, Franzosen, Engländern und Italienern anhalten und sich gegen übertriebenen Purismus wehren. Eindeutig ist zudem, daß der Begriff – in einer Zeit, da französisch geprägte Fürsten in Deutschland die Macht besitzen – durchgehend soziologisch, klassenmäßig bestimmt ist und die Zuwendung zum „Volk“ schon viel von H.s späterer Republikaner-Gesinnung vorausnimmt.

Die „Fragmente“ tragen H. die Anerkennung Kants und das Werben Nicolais um kunstrichterliche Mitarbeit an seiner „Neuen deutschen Bibliothek“ ein, außerdem die bittere Feindschaft des von ihm angegriffenen Hallenser Professors Klotz und seines Schülers Riedel. Diese beiden werden in verschärfter Form im nächsten Werk H.s getroffen: den „Kritischen Wäldern“, deren drei erste 1769 erscheinen, während das vierte nicht mehr von H. selbst veröffentlicht wird. Neben der Ablehnung einer engherzig moralisierenden Kritik geht es ihm hier um die Zerstörung jeder aprioristisch aus leeren Definitionen deduzierenden Ästhetik; an ihre Stelle setzt H. die Analyse des Einzelwerks durch Einfühlung in die Situation seines Entstehens und die Absicht des Künstlers. Erst aus der Betrachtung vieler Kunstwerke kann sich ein erfüllter Begriff einer Gattung, erst aus der Zusammenschau der verschiedenen Disziplinen eine gerechtfertigte Umschreibung „des Schönen“ ergeben. Dieses empirische Programm, welches H.s Wendung zur Geschichte methodisch rechtfertigt, ergänzt er durch physiologisch-psychologische Argumente und skizziert in diesem Sinn eine Ästhetik des plastischen Kunstgebildes, die aber erst 1778 als „Plastik“ ausgereift an die Öffentlichkeit tritt. Eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit Lessings „Laokoon“ füllt das 1. Wäldchen: Mit Schulbegriffen der Wolff-Baumgartenschen Ästhetik wird Lessings Trennung von Malerei und Poesie, die starre Gesetzgebung aus metaphysischen Axiomen für beide Kunstgattungen, zurückgewiesen und Homer sowohl der scholastischen Musterung wie der ebenso unangemeßnen scholastischen Rechtfertigung entrückt.

Am 5.6.1769 verläßt H. zusammen mit seinem Freund Behrens zu Schiff Riga, wohin er zurückkehren will, um die Stelle eines Direktors der livländischen Ritterakademie anzutreten. Die Reise führt an den Küsten Jütlands, Hollands und Englands vorbei nach Nantes. Hier wird das „Journal meiner Reise im Jahre 1769“ (veröffentlicht erst 1846) fertiggeschrieben, ein faszinierendes Kompendium von Ideen zu Natur- und Völkergeschichte, Einsichten in Volksdichtung und Volkserziehung, Entwürfe zur Organisation von Schulen, Akademien, ja des ganzen russischen Reiches, all das dithyrambisch herausgestoßen und reflektiert aus der ekstatischen Situation des Schiffes, Programm, dessen meiste Versprechen H. in der Folgezeit einlösen wird. Der anschließende Aufenthalt in Paris führt H. mit Diderot und andern Enzyklopädisten zusammen. Ergebnis seiner französischen Studien und Erfahrungen ist, daß eine direkte Nachahmung französischer Einrichtungen, vor allem des Theaters, der deutschen Situation unangemessen sei.

Ein Antrag, den Erbprinzen von Holstein-Gottorf auf seiner Bildungsreise als Hofmeister und Prediger zu begleiten, führt H. nach Hamburg. Er schließt hier Bekanntschaft mit Lessing, Claudius, Bode und Reimarus. Die im Juli 1770 begonnene Reise geht über Darmstadt, wo H. bei Merck seine spätere Gattin kennenlernt und sich verlobt, nach Straßburg. Den längeren Aufenthalt in dieser Stadt benutzt H. zu einer erfolglosen Operation der erkrankten Tränenfistel; er trifft mit Goethe zusammen, auf den er nachhaltigen Einfluß gewinnt, ihn besonders zum Studium Shakespeares und Sammeln von Volksliedern anhaltend. Von hier reicht er seine Abhandlung „Über den Ursprung der Sprache“ der Berliner Akademie ein, deren Preisaufgabe für 1770 auf ein schon langjähriges Interesse H.s für Sprache und Sprachveränderung getroffen ist. Mehr und mehr ist sie zu einer Kontroverse mit Süßmilch geworden, dessen 1766 vertretene These, die Sprache sei göttlichen Ursprungs, sie als abergläubisch, aporetisch, denkfaul und überflüssig erweist. Des Menschen Instinktschwäche, seine Nichtfestgelegtheit auf eine begrenzte Merk- und Wirksphäre sind der negative Ausdruck dessen, was positiv „Freiheit“, „Vernunft“ heißt, das ist einer spezifischen Disposition der menschlichen Seelenkräfte, deren Trennung in Tierisches und hinzukommenden Verstand eine unzulässige Abstraktion darstellt. Mensch ist nun einmal diese bestimmte Organisation, ebenso „natürlich“ wie das Außermenschliche, und bedarf keiner göttlichen Spezialeinwirkung. Die organische Verfassung des Menschen, schon in sich zur Sprache disponiert, weist zugleich auf seine gesellschaftliche Existenz, in der jene sich bildet. In der Weitergabe der Generationen verbessert sie sich und wird, in gegenseitiger Bereicherung der konkurrierenden Einzelsprachen, zum Träger und Garanten des universalen Lernens. Erstaunlich die Souveränität, mit der schon hier – wie verstärkt später in den „Ideen“ – anthropologische Probleme prägnant in wenig Sätzen erledigt werden, die heute ganze Bände füllen, erstaunlich auch die scharf antitheologische Position des jungen Theologen.

Man muß letztere in Verbindung bringen mit der wohl 1769 erfolgten Begegnung mit →Spinoza; dessen Gedanke des „deus sive natura“ prägt noch die „Ideen“ und findet seine ausführliche und endgültige Aneignung in den 5 „Gott“-Gesprächen von 1787, die in der Verteidigung Lessings gegen Jacobi die Undenkbarkeit eines außerweltlichen Gottes und die Göttlichkeit der Natur systematisch entfalten. Der Naturbegriff wird religiös aufgeladen und damit die Naturforschung als ein heiliges Geschäft begründet. In den „Fragmenten zu einer Archäologie des Morgenlandes“, zwischen 1769 und 1772 niedergeschrieben, tritt Naturerkenntnis an die Stelle orthodoxer Andacht, rückt an die Stelle der Bibel die neuzeitliche Naturwissenschaft; die modernen Physiker und Kosmologen erhalten exakt die Würde Mosis und der Propheten. Sie sind Verkünder derselben göttlichen Natur, die für die Hebräer unter den Bildern ihrer natürlichen Umgebung und gesellschaftlichen Verhältnisse sich in der Genesis offenbarte. Die intensive Versenkung in die patriarchalischen Zustände und den Sprachgeist des hebräischen Volkes relativiert so die biblische Offenbarung und befreit uns von ihrer physikalischen, methaphysischen oder theologischen Verbindlichkeit; sie gerade ermächtigt zu einer eigenen „Bibel“, dem rationalen Weltbild der modernen Physik und Geschichtsforschung: H.s „Ideen“ wollen diese neue Offenbarung dann ja sein. H.s Spinozismus ist von demokratischem Pathos erfüllt: „Natur“, das ist menschlich die Gemeinschaft von gleich Göttlichen, also Gleichen, der Ständeordnung entgegengesetzt. Die Institution des geläufigen Gottesdienstes, die gefühlserhebende „Andacht“,|wird als „schädliches Opium der Seele“ charakterisiert – eine immer wiederkehrende Bezeichnung für das, was nicht der Lebenspraxis dient, insonderheit für den religiösen Jenseitsglauben und eine nur ästhetisch-artistisch betriebene Kunst; der Gottesdienst ist nur noch legitimiert als Chance der Volksbildung.

Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe, eingenommen durch eine verehrende Schrift H.s über →Thomas Abbt, den 1766 verstorbenen Bückeburger Konsistorialrat, und eifrig, durch das junge Genie seinen kleinen Hof zu ehren, bietet H. Abbts Stelle an. H. entbindet sich von seinem Eutiner Dienstherrn und trifft im Mai 1771 in Bückeburg ein. Die ersten Bückeburger Jahre dienen der Reorganisation der verödeten Kirchenverwaltung. Für große Arbeiten bleibt wenig Zeit. Es werden Rezensionsschulden an Nicolais „Allgemeiner Deutscher Bibliothek“ abgetragen, der Jahrgang 1772 der „Frankfurter. gelehrte Anzeiger“ mit Goethe und Merck zusammen beliefert und geleitet, das Drama „Brutus“ verfaßt. Eine Bibliotheksreise nach Göttingen bringt die enge Freundschaft mit Ch. G. Heyne. Empfindsame Briefe gehen zu der entfernten Braut. Zwei schon vor und in Straßburg konzipierte Aufsätze erscheinen 1773 zusammen mit Arbeiten Goethes, Mösers und Frisis bei Bode in Hamburg in dem Sammelband „Von deutscher Art und Kunst“: „Shakespeare“ und „Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker“. Anders als Lessing beurteilt H. im ersten Aufsatz Shakespeare nicht von der aristotelischen Definition her, wonach die Tragödie Furcht und Mitleid erregen soll, braucht ihn also nicht wie jener dadurch zu entschuldigen, daß er diesen Hauptzweck besser als die Franzosen erreiche, die der gleichfalls aristotelischen Forderung nach den drei Einheiten pünktlich genügen. H. überhebt sich solchem Abwägen, indem er Sophokles und →Aristoteles historisch relativiert. Jener sprach in seiner Dichtung die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit aus, dieser kanonisierte ihn für eben diese einmaligen griechischen Zustände. Shakespeare steht dem Sophokles dort am nächsten, nämlich im Prinzip der gesellschaftlichen Bezogenheit, wo er formal am weitesten, den ganz andern englischen Zuständen seiner Zeit gemäß, von ihm abweicht. Vergleichbar sind beide nur darin, wie stark sie ihre Zeit aussprechen und ihr dienen. Die These vom prinzipiellen, nicht technisch-formalen Lernen von den Alten, vorbereitet schon in den „Fragmenten“, findet hier ihren endgültigen Ausdruck. Bemerkenswert, daß der Aufsatz über Shakespeare hinaus auf die schon wieder veränderten Zeitverhältnisse und als Beispiel eines zeitgemäßen deutschen Dramas auf Goethes antiabsolutistischen „Götz“ hinweist. – Der andere dieser beiden Aufsätze, die der zornigen Jugend des Sturm und Drang, den jüngeren Aufklärern, das gute Gewissen gaben, beweist die Schönheit des Volksliedes, feiert die formale „Freiheit“ der Gesänge, ihre Sprünge und Härten, als Ausdruck freiheitlicher Gesittung und wirft von da her Licht auf die altgriech. Dithyramben und Oden; er ruft zum Sammeln des unter den einfachen Ständen noch lebendigen Liedguts auf, welches – „idealisiert“ – eine echte deutsche, das Volk belebende und lehrende Dichtung begründen könnte.

Die Heirat mit Caroline im Mai 1773 wirkt sehr anregend auf H.s schriftstellerische Produktivität: In diesem und dem nächsten Jahr entstehen und werden veröffentlicht „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“, „An Prediger. Funfzehn Provinzialbriefe“, der 1. Band der „Ältesten Urkunden des Menschengeschlechts“ (2. Band 1776), die 1774 von der Berliner Akademie gekrönte Preisschrift „Ursachen des gesunknen Geschmacks bei den verschiedenen Völkern, da er geblühet“, die „Erläuterungen zum Neuen Testament“ und die „Briefe zweener Jünger Jesu in unserm Kanon“. Viele kleinere Aufsätze und Rezensionen werden daneben in Zeitschriften untergebracht, drei weitere, ungekrönte, Preisaufgaben verfaßt und die Volksliedersammlung mit 4 Abhandlungen zum Druck bereitet; letzteres Werk kommt jedoch erst 1778/79 heraus, weil H. sich der zu erwartenden hämischen Kritik Nicolais jetzt nicht aussetzen will; mit letzterem ist wegen seiner ständigen Schulmeistereien an H.s Stil und eines ironischen Briefes über die „Älteste Urkunde“ im Juli 1774 ein harter Bruch erfolgt.

Man hat diese ungewöhnlich fruchtbare Epoche H.s die „orthodoxe“ genannt und sie mit dem Einfluß Lavaters und des wieder befreundeten Hamann begründet. Es sollte indes skeptisch machen, daß die geschichtsphilosophische Schrift wörtliche Übernahmen aus den „Archäologie“-Entwürfen enthält, die Newton, Galilei oder Leibniz als Offenbarer Gottes neben die biblischen Propheten stellen, daß anderseits mit Heyne darum gesorgt wird, wie man bei der „Urkunde“ „Sätze werde vortragen und einkleiden können, ohne anstößig zu werden“; ebenso bleibt die kompetente Zusammenfassung des eingeweihten Freundes: „das Bild der Schöpfung nur Rune, Symbol und Mittel, Anlage|auf Woche und Sabbath aber Zweck … Urkunde der ersten Stufe der Cultur“, das heißt der ökonomischen Tages-, Wochen- und Jahreseinteilung. Der Wandel von den „Archäologie“-Fragmenten zur „Urkunde“ ist hauptsächlich ein stilistischer aus Taktik, die Grundideen bleiben und werden in fortgehender Betrachtung der biblischen Geschichte und gehäuften Vergleichen mit den verschiedensten alten Religionsüberlieferungen ergänzt. Auch die andern theologischen Schriften dieses Zeitraums – fast alle erscheinen anonym – deuten die biblischen Bücher aus der Geistesart und poetischen Sprechweise des Morgenländers und ziehen zur Auflösung der als solche verstandenen Allegorien parallele religiöse und historische Quellen des Orients heran; sie verharren im Bereich der natürlichen Erklärung und sagen, trotz zuweilen poetisch-mystischer Ausdrucksweise, der Mystik und Metaphysik in der Theologie ab, ebenfalls den Predigern, die Tugendlehrer sind für die „Unterthanen seiner Majestät des Königs“.

Man muß bei der Frage nach der „Orthodoxie“ der genannten Schriften in Rechnung stellen, daß H. sich bald schon aus Bürkeburg, dem „despotischen Narren- und Zauberlande“, „wegschreiben“ wollte. Die stoischen Gespräche des alten Soldaten Graf Wilhelm und die geistige Dürftigkeit der Hofgesellschaft langweilten H., zudem verärgerte ihn eine Gehaltskürzung, den Grafen aber H.s Widerstand gegen simonistische Ämterbesetzungen. Seit 1773 bemühte sich Heyne in Göttingen um eine theologische Professur für H., was der in der „Urkunde“ bös angegriffene Michaelis und der in den Frankfurter gelehrten Anzeigen 1772 allzu großspurig rezensierte Schlözer blockieren. Man drängt auf theologische Veröffentlichungen und den Erweis der Rechtgläubigkeit. Dem schließlich auch noch geforderten mündlichen Examen in Orthodoxie entgeht H., der nach dem Tod der ihm freundschaftlich zugetanen Gräfin Maria 1776 unter allen Umständen Bückeburg verlassen wollte, durch den Weimarer Ruf, den Goethe beim Herzog durchgesetzt hat.

Man versteht die geschichtsphilosophische Schrift „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“ falsch, nimmt man sie als objektive Darstellung des Geschichtsverlaufs oder Untersuchung über die Frage, ob die Menschheit im Ganzen zum Bessern fortschreite oder nicht. In ihrer pragmatisch-pädagogischen Intention verwahrt sich diese Schrift gegen Voltaires Skepsis ebenso wie gegen Iselins Geschichtsoptimismus. Beide nämlich lähmen die aktuelle Tatkraft und führen zu einem mehr oder minder befriedigten Quietismus. Ebenso führt dazu die vernunftgläubige Hybris der selbstüberzeugten Gegenwart. Wie in jedem Wachstumsstadium, führt H. aus, Pflanze oder Mensch sich ganz darstellen, so in jeder kulturellen Epoche die Menschheit. Angesichts dieser Gleichwertigkeit der Kulturen wird die eingebildete Höhe der Gegenwart sodann weiter relativiert durch den Hinweis auf neue Untaten, Sklavenhandel, koloniale Ausbeutung, Krieg, Fürstenwillkür und Rabulistik und den Nachweis, daß die Verbrechen rauherer Zeiten jetzt nur „policirt“, das ist legitimiert und höflich verbrämt worden sind. Auch die – in den „Ideen“ später aus ebenso pädagogischen Gründen genau entgegengesetzte – hohe Bewertung des Mittelalters entspringt der Absicht dieser Schrift, „Pamphlet auf unser Jahrhundert“ zu sein, das zu demütiger Arbeit zum Besten der Menschheit, „unter der Wolke“, das heißt ohne den Verlaß auf erkennbare göttliche Providenzen, aufruft.

In Weimar trifft der freigeistige neue Hofprediger und Generalsuperintendent auf die Opposition der Geistlichkeit, dagegen auf das Wohlwollen des Volks und des Hofes. Letzteres schränkt sich ein, als der Herzog und Goethe wegen H.s Kritik an ihrem genialischen Treiben etwas abkühlen. Mit Wieland wird freundschaftlich distanzierte Beziehung aufgenommen, Gedichte und Abhandlungen erscheinen in seinem „Teutschen Merkur“. Der Aufsatz „Hutten“ (1776) stellt „Deutschlands Demosthenes“, der sich „patriotisch der Ehre, Freiheit und Aufklärung“ des Volks annahm, dem tändelnden Schöngeist Erasmus gegenüber und provoziert die kritische Nachschrift Wielands, der für den Historiker das distanzierte Schweben über der Geschichte und den Parteien fordert – im schärfsten Gegensatz zum „Partheygeist“ von H.s Geschichtsdarstellung. – An der Weimarer Schulreform 1785 hat H. großen Anteil; 1787 ernennt ihn die Berliner Akademie der Wissenschaften zum Ehrenmitglied. „Briefe, das Studium der Theologie betreffend“ und „Vom Geiste der Ebräischen Poesie“ erscheinen 1780/81 beziehungsweise 1782/83. Die Ablehnung eines Göttinger Rufs trägt H. die Ernennung zum Vizepräsidenten des Oberkonsistoriums ein nebst dem Versprechen des Herzogs, H. bei der Ausbildung seiner Söhne zu unterstützen. Die Italienreise H.s 1788/89, zunächst mit dem Trierer Domherrn Dalberg und dessen Freundin, später im Troß Anna Amalias, zeitigt keine Verjüngung wie bei Goethe; die direkte Konfrontation mit den Ruinen der Antike deprimiert|den Gegenwartsbezogenen, in einzelnen Plastiken nur sieht er „Humanität“ lebendig verkörpert.

1784-91 schreibt H. an dem Werk, das alle bisherigen Würfe und die Pläne der Seereise in sich versammeln soll, den „Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit“. Die 4 geschriebenen Bände – der projektierte fünfte unterbleibt aus politischer Vorsicht – verarbeiten die gesamte H.zugängliche geschichts-, natur-, sprach- und religionswissenschaftliche Literatur seiner Zeit. Sie entstehen in einer Periode wiedererwachter Freundschaft und regen wissenschaftlichen Austauschs mit Goethe. Ausgangspunkt dieser „Lieblingsphilosophie“ H.s: Dieselbe „Natur“, in der Vorrede sehr durchsichtig zur Tarnung einem „Gott“ unterstellt, durchwirkt die beiden Bereiche der physischen Natur und der moralischen, der Geschichte, gleichmächtig mit Gesetzen, die in keinem Bereich Ausnahmen, Wunder oder Spezialteleologien, zulassen. Das Reich der physischen Natur und der tierischen Triebe wird in seinen Vorausdeutungen auf das Reich der vernünftigen Gesellschaft beschrieben (was Kant in seiner berühmten Rezension zum Grimme H.s als Spekulation auf persönliche menschliche Unsterblichkeit mißversteht). Die Gesetze, in denen Gott-Natur sich offenbart, erkennt der Geschichtsphilosoph in Analogie zu physikalischen Lehrsätzen und induktiv-empirisch aus der Betrachtung der Kulturen in ihrem Aufstieg und Vergehn und ihrer Wirkung aufeinander. Weder das Schema eines „organischen“ Kreislaufs von Aufblühen und Welken noch das lineare eines errechenbaren Fortschritts dürfen hieraus präpariert werden; besonders erstere Vorstellung tritt immer nur ad hoc auf, um ungeschichtliche Restaurationen und Repristinationen abzuschneiden. Aus der historischen Schau läßt sich kein utopisch-konkreter Zukunftsentwurf ableiten, aber doch der notwendige Fortgang der Menschheit zu „allgemeiner Vernunft und Billigkeit“ – im heutigen Sprachgebrauch etwa: Sachlichkeit, Rechtlichkeit und Fairneß – wie die „Humanität“ umschrieben wird. Im Verfolg dieser Richtung hat jede Kultur ihre unverwechselbare Stelle und ihren individuellen Auftrag, keine Nation steht über der andern, auch nicht die deutsche, deren Begabungen, Chancen, Aufgaben ebenso wie ihre Schwächen und Verbrechen (Barbarei, Ostkolonisation der Deutschordensritter und andere) mit Schärfe aufgezeigt werden. Nur sehr bedingt kann man diese geschichtspädagogische Schrift dem Historismus zuzählen.

Die französische Revolution wird von H. als größtes Ereignis seit der Reformation und als ihre politische Fortsetzung begrüßt. Auch die von den Jakobinern berichteten Greuel bringen ihn nicht vom Glauben ab, daß hier der Fortschritt der Geschichte zu Vernunft und Republik mächtige Wirklichkeit geworden ist; ableiten läßt sich für ihn aus den Greueln nur, daß die Fürsten durch freiwillige Gesetzgebung dem notwendigen Gang der Geschichte zur Volkssouveränität zuvorkommen müssen, um jene Wirren zu ersparen. Scharf verurteilt er die Intervention der Alliierten, predigt gegen diesen Versuch, das Rad der Geschichte rückwärts zu drehen, und zieht sich so das Mißfallen des Herzogs und die Entfremdung Goethes zu. Die politischen Umstände behindern das freie Wort, darum werden jetzt Formen genutzt und neu ersonnen, in denen H. sich äußern kann, ohne „eigentlich responsabel“ zu sein: Herausgabe und Einführung des schwäbischen Rebellen Johann Valentin Andreä, des Jesuiten Jakob Balde, diaphane Aufsätze über Luther und Hutten, mythologisch-philosophische Abhandlungen wie „Tithon und Aurora“ und viele andere, meist in den „Zerstreuten Blättern“ zwischen 1785 und 1793 erschienen, vor allem aber die „Briefe zur Beförderung der Humanität“, in denen Josef II., Luther oder der Rebell B. Franklin gezielt zu Wort kommen und H.sich durch Partnerbriefe kaschiert ausspricht. 1793-97 werden diese Briefe veröffentlicht als Ersatz für den Gegenwartsband der „Ideen“, deren Meinungen über Regierungsform, Volkserziehung und davon abhängige Kulturhöhe aktualisierend.

Von der Arbeit an den „Horen“, die H. im Triumvirat mit Goethe und Schiller zunächst mitbestimmt hatte, zieht er sich bald zurück. Anlaß bildet sein Aufsatz „Iduna. Oder der Apfel der Verjüngung“ (1796), in dem er sich gegen die ausschließliche Verwendung der antiken Mythologie ausspricht und zur größeren Wirksamkeit und Lehrhaftigkeit auch den Gebrauch einer gereinigten deutschen vorschlägt. Schiller setzt hiegegen schroff seinen Klassizismus, der sich vom alltäglichen Leben und der Absicht politischen Wirkens fernhält, „da ihn die Wirklichkeit nur beschmutzen würde“. Solche Anschauung muß H.verbittern, und „artistisch“, „kalt“, „puppenhaft“ sind die Prädikate, mit denen in seinem Hause fortan die Weimarer Götter und ihre Schriften bedacht werden.

Mehr noch verärgert H. die Philosophie Kants, Fichtes und ihre Folgen bei den aufblühenden Romantikern. Er erkennt in den übertriebenen Programmen der jungen Poeten, den zum „Absoluten“ aufsteigenden und von dort her begründenden Theorien und Demonstrationen eine Fluchtbewegung aus der politischen Lage und Forderung, ein aufwendiges Ersatzgetöse für die in Deutschland versäumte Revolution. Als die seiner Aufsicht unterstellten Pfarrerkandidaten in vermehrter Zahl und Intensität der „Transzendentalinfluenza“ erliegen, philosophieren statt zu predigen, statt des Erwerbs historischer Kenntnisse aus dem Absoluten deduzieren, fühlt er sich gedrängt, als neuer „Luther“ in zwei Schriften die kantianische „Scholastik“, ihre spitzfindigen und von der Praxis ablenkenden Distinktionen, zu zerschlagen. Die „Metakritik“ (1799) und die „Kalligone“ (1800), als Widerlegungen gedacht, werden Kant nicht gerecht. Die polemische Emotion hindert den Verfasser, auch nur Kants diffizile Unterscheidung der Urteilsarten nachzuvollziehen, und läßt den einstigen Schüler am alten Lehrer vorbeireden. Dies auch der Hauptpunkt der höhnischen Kritik, mit der das „Athenäum“, freimütig aber stets nach den stärkern Bataillonen schielend, H. angreift. Er hat sich hier bedeutende Blößen gegeben; dennoch versammeln die beiden Werke noch einmal augenfällig und grundsätzlich die Methoden und Hauptbegriffe, die H.s Denken prägen und es von dem Kants unterscheiden: ganzheitlich, empirisch, an Geschichte und Sprache orientiert, die gesellschaftliche Praxis über Ästhetik und Theorie, den Einzelnen über die Gattung, seine Glückseligkeit über die abstrakte allgemeine Vernünftigkeit stellend.

Die Verbindung mit Wieland wird jetzt herzlicher, gleichfalls der Austausch mit dem kauzigen Materialisten August von Einsiedel und dem Lukrez-Übersetzer Knebel. 1798 eröffnet sich eine schwärmerische Freundschaft mit →Jean Paul, die dem Vergrämten Ermunterung, dem Jüngeren Gedanken schenkt, die besonders in seiner Ästhetik und den politischen Schriften wirksam werden. 1801 erhebt der bayerische Kurfürst H. in den Adelsstand, um seinem Sohn Adalbert den Besitz des schon gekauften Guts Stachesried zu sichern. Der Herzog von Weimar, feindselig seit H.s Revolutionspredigten, erkennt die Nobilitierung nicht an; H. selbst gebraucht das „von“ nicht.

Für das neue Jahrhundert wird eine Zeitschrift projektiert, die zur hoffnungsfrohen Arbeit an der neuen Zeit aufmuntern soll: „Aurora“; Einsiedel, die Brüder Georg und Johannes von Müller, Klopstock sagen Mitarbeit zu; aus dem Programm soll ausgeschlossen bleiben die „politische Orakel- und Zaubertracht“. Wie sehr das Mystifikation ist, zeigen zum Beispiel die dramatischen Allegorien „Aeon und Aeonis“ (1801) und „Der entfesselte Prometheus“ (1802), die in der „Adrastea“ erscheinen, jenem Werk in Fortsetzungen, das die nicht zustande kommende „Aurora“ ersetzt und H.s späte Äußerungen aufnimmt – neben den Dramen vor allem historische Artikel, Diskussionen über Heidenmission und Freimaurerei, literaturgeschichtliche und gattungstheoretische Abhandlungen. Das erste der Kurzdramen, eine politisch gewetzte Parodie des neutralen Goetheschen Maskenscherzes „Paläophron und Neoterpe“, setzt dem alten „Aeon“, auch „Ares“ genannt, seinen in Hofuniform auftretenden Kreaturen „Ansehn“ und „Herkommen“, seiner Sippschaft „blinde Meinung“ und „Vorurtheil“ mit ihren „Putz und Spiel und Amores“ die neue Zeit entgegen: „Aeonis“, mit der im Bürger- und Priesterkleid „Wahrheit“ und „Recht“ auftreten, während fröhliche Arbeiter und Arbeiterinnen ihre Anstrengung für „die beßre Nachwelt“ besingen. Das 2. Stück feiert die Befreiung des Menschen aus alter Naturangst und mitmenschlicher Knechtung, aus lähmender religiöser Ehrfurcht und nationaler Enge zu universaler Naturbeherrschung, „Bildung und Fortbildung des Menschengeschlechts in jeder Cultur“. Mag diese Dichtung auch nicht zu formaler Vollkommenheit gediehen sein, so verwirklicht sie doch als schönstes Vermächtnis H.s das Hauptprinzip seiner Ästhetik, daß Gedichte „Waffen der Freiheit“ sein sollen, der allgemeinen Ermündigung dienend.

Dem schwer Leber- und Augenleidenden helfen zwei Badereisen nach Aachen und Eger 1800 wenig. Erfreulicher verlaufen eine zweite Kur in Eger und der anschließende 3wöchige Aufenthalt in Dresden im Sommer 1803. Die freie Luft der Großstadt erfrischt ihn, Besuche in Bibliothek und Galerie, der Umgang mit Menschen, die ihn seit langem verehren, tun ihm wohl und erfüllen ihn mit neuen schriftstellerischen Plänen. Nach Weimar zurückgekehrt, fällt er jedoch bald in schwere Krankheit, von der ihn im Dezember der Tod erlöst.

Lieber als den Dichter H. würdigt man den Nachdichter, besonders fremder Volkslieder und des „Cid“ (1802 f.), und den Prosaisten, wobei man neben der rhythmisch und bildhaft überhöhten Prosa (die H. selbst historisch und psychologisch reflektiert und bewußt einsetzt) der Bückeburger Schriften nicht die Prägnanz der frühen und die ausgewogene Mittellage der Weimarer Arbeiten vergessen darf. Großen Einfluß übt H., vor|allem durch Vermittlung Jean Pauls, auf die literarische Formenwelt des 19. Jahrhundert: Das Romanzenepos, die Legende, das nachempfundene Volkslied, das hohe Epigramm, die mythologisch-politische Fabel und andere Formen, vor allem solche der Lehre und Erbauung, sind durch ihn neu verbindlich geworden. Die großen Literaturhistoriker Bouterwek, Gervinus, Heinrich Kurz, H. Hettner haben von ihm die realistische und liberale Gesinnung und die Methode gelernt, ästhetische Äußerungen auf ihre jeweilige Gesellschaft zurückzubeziehen. In der Romantik, die die Begeisterung für altdeutsches Erbe in Sage und Lied, die Wertschätzung des Mittelalters, den Preis der Prosa von ihm übernimmt, beginnt zugleich die Verfälschung seines Bestrebens: Restauration statt pragmatischer Nutzung des Alten, Allgefühl statt Vernunft-Religion und humaner Diesseitsethik, Vergöttlichung und Esoterisierung der Kunst, Verzäunung im Nationalen. Der deutsche Liberalismus nationaler Prägung rückt von H., „der in Deutschland zuerst den Welthumanismus predigte“ (→Hermann Marggraff 1839), ab, da er nach Gervinus' Urteil, in der jungen Generation „nur weltbürgerliche Hänge erzeugen und nähren“ konnte. Sehr merkwürdig wird demgegenüber die Umdeutung H.s im Nationalsozialismus; sie ist durch eine Germanistik vorbereitet, die den Irrationalismus feiert und H., der an Klopstocks Dichtung das Zurückstehen des Begriffs hinter der Empfindung tadelt und gelegentlich der „Erziehung des Menschengeschlechts“ einem Lessing unrealistischen Schicksalsglauben vorwirft, als Irrationalisten deklariert. Dabei stützt sie sich – zumeist noch mißverstehend – auf die paar Schriften der kurzen Bückeburger Zeit, ignoriert das gewaltige übrige Werk oder unterstellt es dem Verdikt eines Rückfalls in Aufklärung. H., für den „Volk“, sofern begrifflich gebraucht, durchgehend ein Standesbegriff ist, wird zum völkischen Herold; er, der Umwelt und Tradition die Hauptkräfte der Geschichte nennt, zum Rassisten. Man schlachtet seinen „Patriotismus“ und „Nationalismus“ aus, ohne zu bedenken, daß diese Begriffe im 18. Jahrhundert kosmopolitisch und gegen die selbstsüchtige Politik der Kabinette gerichtet sind und ein Schriftsteller sich lange erklärt, wenn er sie nicht synonym mit „republikanisch“ gebraucht. Sogar Helden- und Führerprinzip hat man entdeckt bei ihm, der Kant trotzt: „der Mensch, der einen Herrn nötig hat, ist ein Tier“.

Direkt für die Politik wurde H. im Osten wirksam: Die baltischen Staaten wurden durch seine Schriften zum Eigenbewußtsein geführt, über die tschechische Romantik der Celakowsky, Kollar, Safarik und Palacky hilft er – das Slavenkapitel der „Ideen“ gibt den bedeutendsten Impetus – bei der Bildung der slavischen Nationen; bis zu →Masaryk bleibt ihm der Ehrenname „Praeceptor Slavorum“.

Für die liberale Theologie ist H. einer der großen Ahnherren. Seine Methode, die Schriften des Alten Testaments poetologisch anzusehen und ihnen die Kategorie dichterischer Gattungen unterzulegen, läßt ihn zu einem neuen Verständnis der biblischen Bilder- und Gleichnissprache gelangen. Gunkels Lehre vom „Sitz im Leben“ der einzelnen Bibelstücke wird vorweggenommen. Entscheidende Anregung verdankt die Exegese der Johanneischen Schriften H., der zum ersten Male hellenistische und parsische Parallelen zur Deutung heranzieht. Seine Erklärung des Zusammenhangs der synoptischen Evangelien als Modifizierungen einer zunächst mündlichen Tradition wird 1818 von J. K. L. Gieseler zur bekannten „Traditionshypothese“ ausgebaut. Bis in die neueste Form- und Redaktionsgeschichte verdankt die protestantische Bibelwissenschaft H. Wegweisung. Seine Persönlichkeit ist weniger schillernd, als es darzustellen beliebt ist, räumt man stilistische und methodische Wandlungen ein und erklärt die Grämlichkeit des Alten außer als Folge organischer Gebrechen auch als Reflex auf die Flüchte und Opportunismen der früheren Weggenossen. Fest steht er in der Tradition der Aufklärung, schon die Lieblingsbegriffe und -bilder: Vernunft, Morgenröte, Licht hinter der Wolke, Glückseligkeit, Humanität beweisen es. Ihrem englischen Zweig ist der Empiriker und Pragmatiker am stärksten verpflichtet. H. „überwindet“ die Aufklärung nicht, zum Glück. Wo sie selbstgenügsam und steril geworden, da greift er an. So wird die Vernunft zwar psychologisch, historisch und gesellschaftlich reflektiert und wo nötig relativiert, stets aber zu dem Zweck, die Aufklärung zum Allgemeingut und damit praktisch zu machen.

22. Charlotte von Stein

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S. wuchs unter bedrückenden Umständen in einem verarmten, aber zu adligem Lebensstil verpflichteten Elternhaus in Weimar auf. Nachdem ihr Vater 1758 aus hzgl. Diensten entlassen worden war, nahm Hzgn. Anna Amalia (1739–1807) sie als Hofdame in ihren Dienst. 1764 heiratete sie den Stallmeister Josias Frhr. v. Stein, dessen Grundbesitz in Großkochberg bei Rudolstadt die Existenz der Familie sicherte. Während ihr zum Oberstallmeister beförderter Ehemann als Begleiter Hzg. Carl Augusts (1757–1828) häufig auf Reisen war, zog sich S. vom Hofleben zurück nach Großkochberg und in ihr Haus an der Ackerwand in Weimar, wo sie sich ihren Büchern und der Musik widmete und auch selbst dichtete und zeichnete. Eine große physische und psychische Belastung waren für sie die sieben Geburten in den ersten zehn Ehejahren; ihre nächsten Jahre waren gekennzeichnet von psychosomatischen Erkrankungen. Johann Wolfgang Goethe (1749–1832), der im Nov. 1775 nach Weimar kam, fand in S. seine Besänftigerin. Fast elf Jahre war sie für ihn die wichtigste weibliche Bezugsperson in Weimar. Er schrieb ihr fast täglich, insgesamt über 1600 Briefe und Billets, deren Ton zunehmend liebevoller und dankbarer wurde. S.s Abneigung gegen körperliche Liebe belastete ihren Verehrer. Schiller schrieb 1787 seinem Freund Körner, das Verhältnis Goethes zu S. sei „ganz untadelhaft und rein“. Die Beziehung zwischen S. und Goethe endete in einem Zerwürfnis nach dessen Rückkehr aus Italien 1788 und dem Beginn seines Verhältnisses zu Christiane Vulpius (1765–1816): S. forderte ihre Briefe von Goethe zurück und vernichtete sie. Ihren Zorn verarbeitete sie 1794 in dem Trauerspiel „Dido“ (hg. v. O. Volger, 1867). Erst im Alter fanden beide wieder zu einem freundschaftlichen und vertraulichen Umgang miteinander. – S. wurde nicht nur von Seiten der Goethephilologie Interesse zuteil; ihre Person und die Beziehung zu Goethe wurden auch mehrfach literarisch verarbeitet, so etwa in Peter Hacks Monodrama „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ (1976).

23. Friedrich Hölderlin 

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H. verlor schon im Alter von 2 Jahren seinen Vater, als Neunjähriger auch den geliebten Stiefvater. So lag seine Erziehung vor allem in den Händen von Mutter und Großmutter. Zur pietistisch frommen Mutter, die freilich die Liebe zu ihrem Sohn hinter ängstlich-beschränkten Lebensforderungen eher verbarg als zeigte, hatte er ein besonders inniges, aber auch spannungsreiches Verhältnis, da er ihr gegenüber seine geistige Freiheit und seine schwäbisch-bürgerliche Verhältnisse sprengende Lebensform verteidigen mußte. Ein übersteigertes Schuldgefühl, vor den Erwartungen der Mutter nach einem gesicherten Leben zu versagen und|auf ihre Hilfe angewiesen zu sein, um dem „Dichterberuf“ leben zu können und er selbst zu werden, hat er nie überwunden. Das Berufsziel H.s, durch Familientradition und württembergische Hochschätzung des Theologenstandes bestimmt, stand schon vor dem Tod des Stiefvaters fest; die Mutter verfolgte es mit besorgter Liebe und frommer Hartnäckigkeit. H. sollte Pfarrer werden, und so besuchte er nach der Nürtinger Lateinschule seit 1784 die niedere Klosterschule in Denkendorf, wo er seine ersten Gedichte schrieb, und seit 1786 die höhere Klosterschule in Maulbronn. Er gewann während dieser Zeit unter anderem den späteren Juristen Chr. L. Bilfinger, F. K. Hiemer und Immanuel Nast, mit dessen Cousine Louise Nast (1768–1839) er sich verlobte, zu Freunden und arbeitete intensiver an seinen dichterischen Versuchen: Freundschafts- und Naturgedichte, vor allem in Odenform, noch unselbständig und bezeichnenderweise am Vorbild „Ossians“, Klopstocks, Schubarts und der Dichter des Göttinger Hains, nicht an dem Goethes, orientiert, doch eigene Töne gefühlvollen Engagements andeutend. 1788-93 besuchte H. das Tübinger Stift, wo er im Rahmen der theologischen Ausbildung auch mit Philosophie, Literatur und Kunst des Altertums vertraut wurde. 1790 legte er das Magisterexamen ab; von seinen beiden Magisterarbeiten bezeugt besonders die „Geschichte der schönen Künste unter den Griechen“ die Konzentration seines Interesses auf die Antike, sie ist jedoch in der Hauptsache Paraphrase von Winckelmanns „Geschichte der Kunst des Altertums“. Im Stift wurde nicht nur H.s Begeisterung für die Antike geweckt. Ebenso wie für Hegel und Schelling wurde hier für ihn der Grund gelegt für die Beschäftigung mit der kritischen Philosophie Kants, wenn auch weniger von den Professoren direkt, als vielmehr von den Stiftlern selbst, die kennenlernen wollten, was von den Lehrern in Verteidigung orthodoxen Protestantismus' abgelehnt, aber immerhin erwähnt wurde. Kant und die von ihm ausgehende geistige Revolution beherrschten neben der Französischen Revolution Gespräche und Lektüre im Stift. Literarisch wurde für H. hier das Vorbild des jungen Schiller bestimmend. Die Hymnen der Tübinger Zeit zeigen deutlich dessen Einfluß und leiden noch unter Abstraktheit der Thematik und Eintönigkeit des Stils, sind aber geschloßner als die früheren Gedichte. Persönliches Betroffensein von den Verhältnissen im Stift gibt jedoch dem Freiheitspathos mancher Gedichte realen Grund. Auch in den begeisterten, religiös anmutenden Tönen des Preisens der Freundschaft und der Natur kündigt sich über Schiller hinaus die Entwicklung eines eigenen Stils an.

Schon in Maulbronn, stärker und zeitweise übermächtig in Tübingen, zeigte sich H.s Abneigung gegen den Theologenberuf. Der Tübinger Supranaturalismus sagte ihm nichts, religiöse Zweifel und der Drang nach intellektueller Emanzipation, ja, unstillbarer Ehrgeiz plagten ihn: „Ich duld es nimmer! ewig und ewig so/Die Knabenschritte, wie ein Gekerkerter/Die kurzen, vorgemeßnen Schritte/Täglich zu wandeln, ich duld es nimmer!“ Er will den Ruhm und glaubt, nicht eher den „Kelch der Freuden“ genießen zu können, ehe ihm nicht „ein Männerwerk gelinget“, er „den ersten Lorbeer“ erringt. Zum ungestillten Ehrgeiz, aus dem heraus er 1789 die Bindung an Louise Nast löste, und zum gehaßten Berufsziel kam noch die starre Stiftsdisziplin, in die der Duodeztyrann Karl Eugen kleinlich eingriff und die angesichts der Ereignisse der Französischen Revolution besonders drückend empfunden wurde. Die rebellische Stimmung der Stiftler, vor allem der Mömpelgarder, mit denen H. Kontakt hatte, nährte sich außerdem aus den „Beispielen tyrannischer Willkür in unserem Lande“ (der Stiftler H. Pfaff) und führte dazu, daß sich im Stift ein politischer Club bildete. Wenn auch die Errichtung eines Freiheitsbaumes in Tübingen (wohl 14.7.1793), an der auch H. beteiligt gewesen sein soll, nicht belegbar ist, ist es doch sicher, daß H. den Tübinger revolutionären Zirkeln nahestand; mit einem ihrer „Feuerköpfe“, Christian Friedrich Hiller, war er befreundet. Er unternahm mit ihm und Friedrich August Memminger Ostern 1791 eine Reise in die Schweiz, das „Land der göttlichen Freiheit“, und besuchte Lavater in Zürich. H., der die Mutter mehrmals gebeten hatte, aus dem Stift ausscheiden und Jura studieren zu dürfen, wies auf sein „Temperament“ hin, „wie es so wenig für Mißhandlungen, für Druck und Verachtung taugt“, und ging in der Abwehr der herzoglichen Eingriffe so weit, Rebellion zu predigen: „Die Sache ist gewiß wichtig. Wir müssen dem Vaterlande und der Welt ein Beispiel geben, daß wir nicht geschaffen sind, um mit uns nach Willkür spielen zu lassen.“

Diese Bereitschaft zur Rebellion ist freilich nicht zu trennen von H.s beginnendem Dichtertum und seinem philosophischen Interesse; schon in Tübingen war er bestrebt, Natur, Schönheit, Liebe, Freiheit und Denken nach dem Vorbild der bewunderten Griechen in eins zu empfinden und – was freilich die|gesellschaftliche Situation seiner Zeit nicht mehr erlaubte – zu leben. Die Trennung der Lebensbereiche erfuhr er wie kein zweiter seiner Zeit, den Theoretiker Schiller in den „Ästhetischen Briefen“ ausgenommen, mit einer Intensität, die sein Denken, seine Dichtung und sein Leben bestimmte und schließlich zerstörte. In Tübingen konnte sie noch aufgehoben werden in der Dichterfreundschaft mit Ludwig Neuffer (einem der wichtigsten späteren Briefpartner) und Rudolf Magenau sowie in der Beziehung zu dem väterlichen Freund G. F. Stäudlin, der in seinem „Musenalmanach“ (1792) und seiner „Poetischen Blumenlese“ (1793) die Tübinger Hymnen H.s veröffentlichte, die Bekanntschaft H.s mit Matthisson und Schiller vermittelte und den jungen Dichter-Rebellen „zu stillem Mitwirken an der Sache der Freiheit“ (Häussermann) ermunterte. Das politische Aufbegehren fand auch philosophisch bestimmte Sublimierung in der Freundschaft mit Hegel und Schelling, mit denen er in der Losung „Reich Gottes“, die durchaus politisch-utopisch als „Reich Gottes auf Erden“ zu verstehen ist, und in der pantheistischen Parole „Eins und Alles“, die ebenfalls auf die Einheit von Geist, Leben und Wirklichkeit hindeutet, sich einig wußte.

Die Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ohne in das Joch des Theologenberufs eingespannt zu sein, und zugleich die sehr ehrgeizigen Dichterpläne zu fördern, ließ H. den naheliegenden Hofmeisterberuf ergreifen, in dem er sich Freiheit zu eigener Arbeit erhoffte und doch ein typisches Hofmeisterschicksal in Abhängigkeit und Demütigung erleben sollte. Durch Vermittlung Schillers, mit dem er im September 1793 in Ludwigsburg zusammengetroffen war, erhielt er bei Charlotte von Kalb die Stelle eines Erziehers ihres 9jährigen Sohnes Fritz, die er Ende dieses Jahres, nachdem er das Stift verlassen und die theologische Konsistorialprüfung abgelegt hatte, in Waltershausen/Grabfeld antrat. Erregt von der Nähe der „großen Männer“ in Weimar und Jena, suchte er die Kräfte, die ihm die Natur gegeben, „immer mehr und mehr auszubilden“ und auch als an Rousseau und Kant orientierter Erzieher zu bestehen. Bis etwa Oktober 1794 hatte er mit seiner Haltung, sich dem Knaben als Freund zu zeigen und ohne Strenge das „Bewußtsein seiner sittlichen Freiheit“ in ihm zu wecken, Erfolg, scheiterte aber schließlich an dem moralischen Rigorismus, der ihn ein von ihm und der H.-Literatur so genanntes „Laster“ des Knaben hart verurteilen ließ. Die vergeblichen Korrektionsversuche führten zu ernsten Störungen seiner Arbeitsfähigkeit. Als auch ein Aufenthalt mit dem Knaben in Jena (seit November 1794) und in Weimar (für 2 Wochen) die Lage nicht besserte, wurde im Januar 1795 das Hofmeisterverhältnis gelöst, um dem „Jammer ein Ende zu machen“ (Charlotte von Kalb).

H. ging nach Jena, wo er plante, nach einem halben Jahr Studiums sich entweder zu habilitieren oder die Möglichkeit zu finden, von eigener literarischer Arbeit zu leben. Zwiespältig war diese Zeit auch für H. als Dichter; zwar arbeitete er weiter an dem 1792 begonnenen Roman „Hyperion“, doch die lyrische Produktion versiegte fast ganz, und auch die Arbeit am Roman wurde gestört durch die Begegnung mit der Philosophie Fichtes, den H. in Jena täglich hörte. Fasziniert und zugleich gelähmt von der „Tyrannin Philosophie“, vermochte er es noch nicht, sein eigenes Denken in der Auseinandersetzung mit den Fichteschen Abstraktionen zu klären. Auch das Verhältnis zu Schiller, der ihn zu fördern (Druck des „Fragments von Hyperion“ in der „Thalia“, Vermittlung des „Hyperion“ an Cotta, wo der Roman 1797 erschien, etc.), und zu leiten versuchte, war von Bewunderung, Minderwertigkeitsgefühl und ehrgeiziger, heimlicher Rivalität durchsetzt. Mit den Worten: „die Nähe der großen Geister … schlägt mich nieder und erhebt mich wechselweise“, kennzeichnet H. die Ambivalenz dieser Zeit, aus der heraus er im Juli 1795 Jena beinahe fluchtartig verließ, nachdem sich seine Pläne nicht hatten realisieren lassen, seine Mittel – darunter das „Kinderhonorar“ (Häussermann) von 100 Gulden für den „Hyperion“ – selbst zu seiner zurückgezogenen und bescheidenen Lebensweise nicht mehr ausreichten und keine Aussicht auf eine Stelle bestand. Er lebte, immer in der Furcht, der Mutter zur Last zu fallen und vom Stuttgarter Konsistorium zum Vikarsdienst verpflichtet zu werden, bis Ende des Jahres in Nürtingen. Der Thüringer Aufenthalt war jedoch nicht ohne Nutzen für H.; neben der Erweiterung seiner dichterischen und besonders seiner philosophischen Bildung brachte er ihm die entscheidende Freundschaft mit Isaak von Sinclair, der von Anfang an für die Französische Revolution begeistert war, und durch diesen die Berührung mit dem Fichte nahestehenden „Bund der freien Männer“ sowie die Bekanntschaft mit den republikanisch gesinnten späteren Schriftstellern Casimir Ulrich von Boehlendorff und Siegfried Schmid.

Die bedrückende und dichterisch unergiebige Zeit in Nürtingen – neben der Weiterarbeit|am „Hyperion“ konnte H. nur das Gedicht „An die Natur“ vollenden – fand ein Ende, als er durch die Vermittlung des Arztes und Naturforschers Johann Gottfried Ebel eine Hofmeisterstelle bei dem Bankier Jakob Friedrich Gontard in Frankfurt erhielt, die er im Januar 1796 antrat. Durch die Begegnung mit der Frau des Bankiers, Susette geborene Borkenstein (1769–1802), wurden die Frankfurter Jahre zur glücklichsten und produktivsten Zeit seines Lebens. Er fand in ihr sein Frauenideal: „Majestät und Zärtlichkeit, und Fröhlichkeit und Ernst, und süßes Spiel und hohe Trauer und Leben und Geist, alles ist in und an ihr zu Einem göttlichen Ganzen vereint!“ Die Liebe zu ihr, die sie erwiderte, die in ihrer hohen Idealisierung aber wohl nicht über geistige und seelische Vereinigung hinausging, bedeutete ihm Erfüllung seiner Sehnsucht nach Rückkehr zur Natur im Erlebnis der Liebe, Wiedergewinnung der Identität der Kindheit, Aufhebung der Einsamkeit und Vereinzelung: Erfüllung, wie sie „Hyperion“ in „Diotima“, der Platos „Symposion“ entlehnten Priesterin der Liebe, erlebt hatte und wie sie für H. jetzt Realität gewann und den dichterischen Traum noch zu übertreffen schien. Er nannte sie nach der Gestalt des Romans „Diotima“ und feierte sie in den an sie gerichteten Gedichten als seine „holde Muse“, als „Heilige“ und „Botin des Himmels“. Durch sie fand er innere Ruhe und den Glauben an seinen „Dichterberuf“; er vollendete den 1. Band des „Hyperion“, arbeitete am 2. Band (erschienen 1799) und gewann in den Oden jener Zeit eigene Töne lyrischer Klarheit, die, zeitgenössische Vorbilder überwindend, antike Strenge in deutscher Dichtung vollendet Wiederaufleben ließen. Doch war der Aufenthalt im Gontardschen Hause, der H. auch als Erzieher Erfolge brachte, schon nach einiger Zeit überschattet von Spannungen zu dem geschäftstüchtigen, persönlich achtenswerten, aber amusischen Bankier. Ungestört zusammen waren H. und Susette nur von Juli bis Oktober 1796 während eines Aufenthalts in Kassel, wo der von H. bewunderte W. Heinse zu der Gesellschaft stieß, und in Bad Driburg, durch den Gontard seine Frau und die Kinder vor den befürchteten Kriegsgefahren in Frankfurt bewahren wollte. In Frankfurt führten dann mehr und mehr Verpflichtungen zur Teilnahme an den zahlreichen gesellschaftlichen Veranstaltungen der Gontards, vor allem aber „der unhöfliche Stolz, die geflissentliche tägliche Herabwürdigung aller Wissenschaft und aller Bildung, die Äußerungen, daß die Hofmeister auch Bedienten wären, daß sie nichts Besonders für sich fordern könnten, weil man sie für das bezahlte, was sie täten, …“ zu Verstimmungen, Krankheit und Störungen der dichterischen Arbeit, die H. nur ertrug, um Susette nahe sein zu können. Ende September 1798 kam es zum Bruch. H. verließ nach einer Auseinandersetzung mit dem Bankier (die Legende berichtet von einem Eifersuchtsausbruch) auf den hilflosen Rat Susettens hin ohne Abschied das Haus. Er fand Zuflucht in Homburg von der Höhe, wo Sinclair, inzwischen hessen-homburgischer Hofrat, sich seiner annahm.

Die Flucht aus Frankfurt entfernte H. nicht nur von der Geliebten, sondern sie bedeutete auch den Verzicht auf den Umgang mit Hegel, dem H. 1797 eine Hauslehrerstelle in der Stadt vermittelt hatte. Auch die Anteilnahme durch den Homburger Hof, an dem der „Hyperion“ begeisterte Aufnahme gefunden hatte, besonders der Glaube der Prinzessin Auguste von Hessen-Homburg an des Dichters „Laufbahn …, die so schön und sicher begonnen“ habe, vermochte H. nicht aus der Zerrissenheit „zwischen Liebe und Haß“, aus Krankheit (Gallenkoliken) und Depression herauszuhelfen. Doch gelang es Sinclair, den Freund für eine Weile aus der Apathie zu lösen, als er ihn im Oktober 1798 auf den Kongreß nach Rastatt mitnahm, auf dem er homburgische Interessen zu vertreten hatte und mit zahlreichen anwesenden Gesinnungsgenossen (Jakob Friedrich Gutsche, Baz, Muhrbeck, Boehlendorff und anderen) die Sache einer „Revolution ganz Süddeutschlands“ voranzutreiben versuchte. H. schloß und vertiefte zahlreiche Bekanntschaften und kehrte aus Rastatt mit neu gewonnenem Lebensmut (Brief an Sinclair vom 24.12.1798) nach Homburg zurück. Er versucht jetzt, seinem Denken und seiner Dichtung Grund zu geben durch das Bekenntnis zu einer Synthese von Philosophie, Politik und Dichtung. Als seine Bestimmung erkennt er die Poesie, die Hoffnung seiner Jugend, von der er auch unter den widrigsten Umständen nur um den Preis der Selbstaufgabe lassen könne. Er verleiht ihr göttlichen Rang, in dem er ihr die Aufgabe beimißt, den Gegensatz von Denken und Handeln, von Philosophie und Politik, dialektisch aufzuheben. Doch bedeutet das keinen Rückzug in die Dichtung, er will „mit allen Kräften … ringen, und mit aller Schärfe und Zartheit“ zusehen, „wie wir alles Menschliche an uns und andern in immer freieren und innigeren Zusammenhang bringen, es sei in bildlicher Darstellung (Dichtung) oder in wirklicher Welt …“ (Politik). Angesichts einer durch die Revolutionskriege auch für Deutschland erhofften Revolution bekennt er sich zur Tat: „… und wenn das Reich der Finsternis mit Gewalt einbrechen will, so werfen wir die Feder unter den Tisch und gehen in Gottes Namen dahin, wo die Not am größten ist, und wir am nötigsten sind.“ Dieses, an anderer Stelle wiederkehrende, auch in dem Sinclair gewidmeten Gedicht „An Eduard“ deutlich werdende Bekenntnis zur revolutionären Tat, die Andeutungen in den Briefen an die Mutter, daß „man jetzt den Menschen nicht alles gerade heraussagen“ könne, daß im „Falle, daß die Franzosen glücklich wären,… es vielleicht in unserem Vaterlande (Württemberg) Veränderungen geben“ dürfte, daß er Mut brauche, wenn er nicht lässig werden wolle in dem, was seine Sache sei, und daß er mit allen Kräften dafür sorgen wolle, daß die Mutter „unter gewissen möglichen Vorfällen kein Unrecht leiden“ werde, lassen vermuten, daß er zumindest geistigen Anteil hatte an den Vorbereitungen zu einer revolutionären Umwälzung und daß er einen Gutteil seiner Zuversicht daraus bezog.

Daß H. im Gegensatz zu dem Tatmenschen Sinclair im Kreise der Homburger „Revolutionsschwärmer“ die Rolle der Dichtung als Verkünderin der republikanischen Ideale und der Versöhnung der Gegensätze in der dichterischen Vision vertrat, geht aus den Briefen an den Bruder vom Jahreswechsel 1798/99 und vom 4.7.1799 hervor. Auch ein Brief Boehlendorffs aus dieser Homburger Zeit bestätigt die revolutionären Hoffnungen und H.s intellektuelle Anteilnahme: „Ich habe hier einen Freund (Sinclair), der Republikaner mit Leib und Leben ist, – auch einen andern Freund, der es im Geist und in der Wahrheit ist, die gewiß, wenn es Zeit ist, aus ihrem Dunkel hervorbrechen werden; der letzte ist Dr. Hölderlin, der Verfasser des Hyperion, einer Schrift, die Epoche zu machen im tiefsten Sinne verdient …“ Auch der Versuch, den Verlust der Geliebten dichterisch aufzuheben in der Vision einer Insel der Seligen, trägt Züge einer aufs Diesseits gerichteten Hoffnung, die aus der Parenthese „oder auch hier“ in Strophe 9, Vers 19 der Elegie „Menons Klage um Diotima“ herausgelesen werden kann. In dem Wunsch „Sprache der Liebenden/Sei die Sprache des Landes,/Ihre Seele Laut des Volkes!“ (Ode „Die Liebe“) verschmilzt diese Hoffnung mit der Utopie einer allgemeinen Liebe, in der die individuelle aufgeht und ihr Verlust aufgehoben ist. Die Zuversicht auf Verwirklichung politischer Träume und auf Wiedervereinigung mit der Geliebten – er hielt von Homburg aus noch fast 2 Jahre lang Kontakt zu ihr durch Briefe und flüchtige heimliche Zusammenkünfte – war zwar von Hypochondrie und Vorahnung des Scheiterns und der endgültigen Trennung gefährdet, gab ihm aber dennoch Halt bei dem Versuch, „endlich einen geltenden Posten in der gesellschaftlichen Welt“ zu erreichen durch seine Dichtung und die Herausgabe einer eigenen humanistischen Zeitschrift: „Iduna, Journal für Damen, ästhetischen Inhalts“, für die er durch Vermittlung Neuffers den Stuttgarter Verleger Johann Friedr. Steinkopf interessieren konnte. Nach dem Eingehen der „Horen“ bestand die Chance, deren Platz einzunehmen und mit literarischen, philosophischen und ästhetischen Beiträgen und Rezensionen auf die Zeitgenossen zu wirken. Vor allem sollte ihm die Zeitschrift die Möglichkeit geben, eine Zeitlang in materieller Unabhängigkeit zu leben. Allerdings verlangte der Verleger, daß neben H. (vorgesehen von ihm unter anderem das Trauerspiel „Empedokles“, an dem er in Homburg schrieb) und seinen Freunden Heinse, Conz, Ebel, S. Schmid auch Namen wie Herder, Goethe, W. von Humboldt, Thümmel, Fichte, Schelling und vor allem Schiller der Zeitschrift Publikumswirkung verschaffen sollten. H. bemühte sich auch um die Mitarbeit einiger dieser Prominenten, mußte aber nach der nüchternen, mit eigener Erfahrung begründeten Absage Schillers und nach Versuchen des Verlegers, durch einen Redakteur in Stuttgart H. gleichsam das Projekt aus der Hand zu nehmen, den Plan einer eigenen Zeitschrift aufgeben.

Der Hoffnung beraubt, seine „Existenz auf eine honette Art“ zu sichern, mittellos – die in Frankfurt ersparten 500 Gulden waren durch Krankheit und Teuerung vorzeitig verbraucht – und nur unter ängstlichen Skrupeln Geldsendungen (aus den Zinsen des väterlichen Vermögens) von der Mutter erbittend, zuletzt in der blinden Zuversicht auf die Vermittlung einer Stelle durch Schiller getäuscht, mußte er Ende Mai 1800 Homburg verlassen. Das bedeutete die endgültige Trennung von Susette Gontard und zugleich das Scheitern seines letzten Versuchs, sich eine bescheiden gesicherte und seiner dichterischen Berufung gemäße Stellung zu schaffen. Nach kurzem Aufenthalt in Nürtingen fand er im Hause des befreundeten Kaufmanns Christian Landauer in Stuttgart Aufnahme. Er beabsichtigte, Privatunterricht zu geben, für Steinkopf zu schreiben und so seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Leiden und Enttäuschungen, vermutlich auch das endgültige Scheitern der Revolutionsversuche in Schwaben (März 1799 Zurücknahme versprochener|französischer Unterstützung, November Auflösung der Landstände und Verhaftung des Revolutionärs Baz und anderen), hatten H. psychisch und körperlich tief geschädigt, doch lebte er durch die herzliche Aufnahme bei Landauer (Gedicht „An Landauer“, das Wohlstand und ruhige Tätigkeit des Freundes preist) und den Kontakt mit Neuffer, dem Bildhauer Scheffauer, mit F. Haug und L. F. Huber für eine Zeitlang wieder auf. In dem Bruchstück eines Briefes an den Bruder: „Ich würde in dieser schönen und großen Zeit und in der Ruhe und Freiheit, die ich habe, wohl sagen können, daß ich wahrhaft lebte, wenn nicht noch alte Leiden in mir zuweilen“, das hier abbricht, ist die Stimmung des Stuttgarter Aufenthaltes angedeutet: Obwohl H. während Sommer und Herbst dieses Jahres mit zahlreichen Oden und Elegien den Gipfel seines dichterischen Schaffens erreichte und ein Gesuch an das Konsistorium ihn von der Pflicht zum Pfarrdienst freistellte, scheinen jene „alten Leiden“ und ein „dringendes Bedürfnis nach Ruhe und Stille“ ihn aus der Heimat fortgedrängt zu haben. Schon im Herbst begann er, sich nach einer neuen Stelle umzusehen. Im Januar 1801 übernahm er in Hauptwil/Schweiz bei dem Kaufmann Anton von Gonzenbach sein drittes Hofmeisteramt, wie bei jedem Neubeginn wiederum mit Zuversicht und einem Hochgefühl, das durch das Erlebnis der Alpen und die aus dem Frieden von Lunéville (9.2.1801) genährten Hoffnungen auf ein neues Zeitalter, auf „Tage der schönen Menschlichkeit“ bis zur Euphorie sich steigerte. Doch schon nach einem Vierteljahr verlor H. auch diese Stellung. Im März 1801 schrieb er an Landauer: „Überhaupt ists seit ein paar Wochen ein wenig bunt in meinem Kopfe.“ Er beklagte sein „Einsamsein“, das ihn auch aus jener Lage „nur immer unwiderstehlicher“ zurückdränge, die er gewählt habe, um sich „selbst herauszufinden“. Er erfuhr, „je länger ichs mir verschwiegen habe, dies, daß ich ein Herz habe in mir, und doch nicht sehe wozu? mich niemand mitteilen, hier vollends niemand mich äußern kann“. Dieser Zustand dürfte Anlaß gegeben haben zu der rücksichtsvollen, familiäre Veränderungen anführenden Kündigung Gonzenbachs vom 11.4.1801.

Nach Nürtingen zurückgekehrt, wandte sich H. im Juni ein letztes Mal an Schiller und erbat dessen Rat und Hilfe für seinen Plan, nach Jena zu gehen und dort Vorlesungen über griechische Dichtung zu halten. Als Schiller und Niethammer, an den sich H. ebenfalls gewandt hatte, nicht antworteten und auch Verhandlungen mit Cotta wegen der Herausgabe seiner Gedichte zu nichts führten, entschloß er sich, nach Frankreich zu emigrieren: „Ich bin jetzt voll Abschieds. Ich habe lange nicht geweint. Aber es hat mich bittre Tränen gekostet, da ich mich entschloß, mein Vaterland noch jetzt zu verlassen, vielleicht auf immer. Denn was hab ich Lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht brauchen. Deutsch will und muß ich übrigens bleiben, und wenn mich die Herzens- und die Nahrungsnot nach Otaheiti triebe“ (auf jene Südsee-Insel, die, von Georg Forster beschrieben, von Heinse, Gerstenberg, Claudius, auch Klopstock, F. L. Stolberg und Voß als Asyl deutscher Dichter erträumt worden war). Nach einer großenteils zu Fuß zurückgelegten, über Straßburg, Lyon (der Weg über Paris war ihm aus Sicherheitsgründen von den französischen Behörden verwehrt worden) und die verschneiten Höhen der Auvergne führenden harten Winterreise trat H. Ende Januar 1802 seine letzte Hofmeisterstelle an: bei dem hamburgischen Konsul und Weinhändler Daniel Christoph Meyer in Bordeaux. Er blieb auch hier nur ein Vierteljahr. Es ist nur eine Vermutung, daß er wegen des Ansinnens, als Prediger für die evangelische Gemeinde in Bordeaux zu wirken, die Stadt schon Anfang Mai wieder verließ; sein psychischer Zustand – aus den beiden allein erhaltenen Briefen aus Bordeaux erkennbare Zurücknahme von Gefühl und Anteilnahme am Schicksal der Seinigen als deutliches Anzeichen beginnender Schizophrenie – mag zur Erklärung hinreichen. Die Heimreise, wohl ebenfalls zumeist zu Fuß, führte ihn innerhalb von 4 Wochen über Paris nach Straßburg. Von dort nach Nürtingen – ⅙ der Entfernung Bordeaux–Straßburg – benötigte er mehr als 4 Wochen, was die Überlieferung, H. sei auf dieser Strecke überfallen und ausgeraubt worden, wahrscheinlich macht. Jedenfalls erschien er etwa Mitte Juni 1802 abgerissen, in wilder Erregung in Stuttgart, gleich darauf in Nürtingen. Durch den Aufenthalt bei den Freunden in Stuttgart Anfang Juli ein wenig beruhigt, traf ihn dort der Brief Sinclairs mit der Nachricht vom Tode Susette Gontards. In tiefer Verstörung floh er in die Geborgenheit des mütterlichen Hauses, wo er, von Anfällen blinder Raserei heimgesucht, erst allmählich wieder ruhiger wurde. Von Sinclair Ende September 1802 auf eine Reise zum Reichstag nach Regensburg mitgenommen, begegnete er dort den revolutionär gesinnten Freunden Fritz Horn und Leo Freiherr von Seckendorf sowie dem Landgrafen von Hessen-Homburg und kehrte in relativ ruhigem Zustand nach Nürtingen zurück. Er arbeitete 1802/03 an der Hymne|„Patmos“, mit der ihn vermutlich der Landgraf beauftragt hatte, an den Übersetzungen der Tragödien „Ödipus“ und „Antigonä“ des Sophokles, die durch die Vermittlung Sinclairs April 1804 bei dem Verleger Friedrich Wilmanns in Frankfurt erschienen, und an der Überarbeitung einiger früherer Oden zu den „Nachtgesängen“ für Wilmanns' „Taschenbuch der Liebe und der Freundschaft“ (1805, schon September 1804 erschienen).

Sinclairs Bemühungen, den Freund zu sich nach Homburg zu holen und ihm dort eine bleibende Heimstatt zu schaffen, hatten gegenüber der Mutter erst Erfolg, als Landauer ihr vorstellte, daß der Aufenthalt H.s in Homburg das einzige Mittel sei, ihn zu heilen, zumal er demnächst an der Reihe sei, ein Pfarramt antreten zu müssen, wovon er auf keinen Fall etwas wissen dürfe. Sinclair, der seit Dezember 1802 die Leitung der hessenhomburgischen Regierung innehatte, erwirkte die Anstellung H.s als Bibliothekar in Homburg – 200 Gulden einer eigenen Besoldungserhöhung, mit denen er schon eine Zeitlang H. unterstützt hatte, ließ er ihm als Gehalt aussetzen- und holte ihn im Juni 1804 von Nürtingen ab. In Stuttgart hielten sich die Freunde über eine Woche auf; Sinclair führte in der von Revolutionsgerüchten erfüllten Stadt politische Gespräche mit befreundeten Vertretern der Landstände und der revolutionären württembergischen Reformpartei, die sich im erbitterten Kampf mit Kurfürst Friedrich II., „dem bösesten und begabtesten Sohne des Hauses Württemberg“ (Treitschke), befanden, und er „hielt H. keineswegs davon fern“ (Kirchner). Spuren der Anteilnahme H.s an dieser später für Sinclair, Seckendorf und Baz, nach den Forschungen Kirchners auch für H. gefährlichen politischen Verschwörung finden sich in einem Brief H.s an Seckendorf und in dem Gedichtentwurf „Dem Fürsten“, wo dem „vom Himmel herabsingenden Dichter der bösartige, finstere Mann (Kurfürst Friedrich II.) gegenübergestellt (wird), um den das Verhängnis des Todes schwebt, fast als wäre über ihn beschlossen, was die Freunde in ihrem Gespräch an der Abendtafel bei Baz sich ausgemalt hatten“ (Kirchner). Es deutet alles darauf hin, daß Sinclair in Homburg besänftigend auf H.s Gemütszustand wirken konnte. Ja, eine briefliche Äußerung dieses vertrautesten Freundes gegenüber H.s Mutter „nicht nur ich, sondern außer mir noch 6-8 Personen, die seine Bekanntschaft gemacht haben, sind überzeugt, daß das, was Gemüths Verwirrung bei ihm scheint, nichts weniger, als das, sondern eine aus wohlüberdachten Gründen angenommene Äußerungs Art ist“, scheint zu belegen, daß H. aus zwar pathologischer, aber bei den befürchteten Verfolgungen verständlicher Angst nach außen hin seine Krankheitssymptome als Schutzschild gebrauchte und übersteigerte. Die Beschäftigung H.s mit den Übersetzungen Pindars und eigenen hymnischen Entwürfen während dieses zweiten Homburger Aufenthalts zeigen jedenfalls, daß er seine psychischen und geistigen Kräfte auf diese letzten Arbeiten noch zu konzentrieren versuchte.

Der endgültige Zusammenbruch erfolgte erst, nachdem 1805 Sinclair, Seckendorf, Baz und andere auf Grund einer Denunziation in Württemberg der Prozeß gemacht worden war und H., der in der Denunziation und in den Erstverhören als Mitwisser einer Verschwörung gegen Kurfürst Friedrich II aufgetaucht war, ein ärztliches Gutachten aus Homburg, daß er völlig wahnsinnig sei, vor dem Schicksal seiner Freunde bewahrt hatte. Nach den Untersuchungsberichten soll er immer wieder geschrien haben: „Ich will kein Jacobiner seyn, fort mit allen Jacobinern! Ich kann meinem gnädigsten Churfürsten mit gutem Gewissen unter die Augen tretten!“ Als dann im August 1806 mit der Mediatisierung Hessen-Homburgs H.s Aufenthalt in Homburg unmöglich wurde und man ihn nach Tübingen überführte, fürchtete er in wahnhafter Angst offensichtlich, wie Sinclair in württembergische Haft verschleppt zu werden: „H. schrie, daß "Harschier“ ihn wegholten und wehrte sich mit seinen ungeheuer langen Fingernägeln so heftig, daß der Mann (der ihn begleiten sollte) ganz mit Blut bedeckt war“ (Landgräfin Caroline von Hessen-Homburg).

Der von nun an völlig im Wahn versunkene Dichter kam nach Tübingen in die Autenriethsche Klinik, wo die dort vorgenommenen Kuren nach dem Bericht Chr. Th. Schwabs seinen Zustand nur verschlimmerten. Im Sommer 1807 gab man ihn in die verständige Pflege des wohlhabenden und gebildeten Tischlermeisters Zimmer in Tübingen. In einem kleinen Erkerzimmer im 1. Stock des Zimmerschen Hauses am Neckar lebte er noch 36 Jahre lang, allmählich von Paroxysmen frei, doch in beständiger Umnachtung. Seine stereotypen, förmlichen Briefe an die Mutter, die starren Reimgedichte, die er zumeist auf Wunsch von Besuchern schrieb, sowie die Berichte W. Waiblingers, der sich 6 Jahre lang seiner annahm, und Chr. Th. Schwabs zeigen einen vollständigen Rückzug H.s auf die eigene, verworrene Innenwelt. Bei serviler Höflichkeit gegen Besucher schützte er sich im Wahn vor jeder Erinnerung, jedem Gedanken, jedem gegenwärtigen|Eindruck, die Emotionales anzurühren drohten. Seinen Unterhalt bestritt die Familie aus den Zinsen des väterlichen Vermögens, das die Mutter peinlich verwaltete und vermehrte, und mit Hilfe einer im Oktober 1806 bewilligten württembergischen Unterstützung für den ehemaligen Stiftler von jährlich 150 Gulden Als er starb, war H., der solange er klaren Geistes war, sich von Armut bedroht sah, ein wohlhabender Mann.

H. selbst hat nur den „Hyperion“ und, verstreut in Zeitschriften, eine Anzahl von Gedichten sowie die Sophokles-Übertragungen veröffentlichen können. Den Zeitgenossen war sein Werk, von dem er sich Ruhm und hohe Wirkung erhofft hatte, nahezu unbekannt. Nur die engsten Freunde, idealistisch gesinnte Revolutionäre, verkrachte Genies, einige mit ihm auch das Schicksal der Geisteskrankheit teilend, doch kaum einer mehr als dichtender Dilettant, glaubten an seine Größe. Sinclair konnte nach 1806 in Fr. Schlegel, Tieck, C. Brentano, am tiefsten in Bettina Brentano (Die Günderode, 1840), Begeisterung für die Dichtungen H.s wecken. Doch haben die Romantiker sich mehr in H. gespiegelt als ihn in seiner Eigenart erkannt. Für die Verbreitung seines Werkes vermochten sie kaum etwas zu tun: Die Rezension einiger Gedichte H.s durch A. W. Schlegel (1799) und die des „Hyperion“ durch Görres (1805) sowie die späte, umso nachdrücklichere Anerkennung durch A. von Arnim (1828) drangen gegenüber dem flachsten Unverständnis in den führenden Rezensionsorganen der Zeit nicht durch. Schiller kam über die anfängliche Anerkennung genialischen Talents bei H. nicht hinaus und äußerte sich nicht einmal über den „Hyperion“; Goethe stellte ihn gar mit dem reimenden S. Schmid auf eine Stufe. Aus landsmännischer Verbundenheit haben einige Schwaben, die das Genie H.s kaum begriffen und vor angeblichen Spuren des Wahnsinns ängstlich zurückschreckten, das meiste für die Erhaltung und Verbreitung seiner Dichtung getan: 1826 gaben G. Schwab und Uhland die erste Gedichtauswahl heraus (²1843), unter Weglassung aller unverstandenen Arbeiten; Chr. Th. Schwab besorgte die erste Werkausgabe (Sämtliche Werke, 2 Bände, 1846), der er eine Biographie beifügte, die noch heute Quellenwert besitzt; Waiblinger kümmerte sich jahrelang um den Wahnsinnigen und schrieb die erste, allerdings für die Zeit vor 1806 sehr fehlerhafte, für die Kenntnis der Zeit der Umnachtung außerordentlich wertvolle Biographie H.s. Impetus und jugendlich-rebellischen Gehalt der Dichtungen H.s verstand in dieser Zeit nur Herwegh. Außergewöhnlich für das 19. Jahrhundert ist die enthusiastische Würdigung des zeitweiligen Außenministers der 3. französischen Republik, P. Challemel-Lacour, eines Freundes Herweghs, der H. einen der größten Lyriker nicht nur seines Landes, sondern aller Zeiten nannte. Sonst kannte man den Dichter kaum, repräsentativ war die Ansicht R. Hayms, der ihn als „Seitentrieb der romantischen Poesie“ abtat. Dilthey behandelte H. mit geschichtlichem Verständnis und betonte den Zusammenhang des „Hyperion“ mit der „Tragödie der neuen Menschheitsideale, wie sie H. und seine Freunde eben damals am Verlauf der Französischen Revolution erlebten“. Nietzsche fühlte in H. einen Verwandten im dionysischen Geist. – In seiner dichterischen Größe und im wahren Umfang erkannt, wenn auch von vornherein mit der verhängnisvollen Hypothek eines esoterischen Heroenkults belastet, wurde das Werk H.s erst durch N. von Hellingrath und den Georgekreis. Die ahistorische, moderne nationalistische Kategorien in H. projizierende Begeisterung für den Dichter ergriff von hier aus die Jugendbewegung und die Generation um den 1. Weltkrieg, die sich nach 1918 um ihre Ideale betrogen sah. Die Hypostasierung H.s zum Propheten eines „Geheimen Deutschland“ und dessen zukünftiger Größe, verbunden mit dem Mythos vom kommenden „Dritten Reich“, wurde aufgenommen und zu zynischer Perversion gesteigert von den Nationalsozialisten, denen moderne Mythologen unter den Germanisten und Philosophen in die Hände arbeiteten. Von nachhaltiger, doch rational schwer nachvollziehbarer Faszination waren dabei Heideggers Deutungen der H.schen Dichtung (seit 1936, 1951 unverändert wiederaufgelegt), nach denen H. das „Wesen der Dichtung“ eigens dichte als „worthafte Stiftung des Seins“ und als einziger abendländischer Dichter aus der Seinsentfremdung durch die Vernunft zurückführe zu den Ursprüngen des Seins. Doch erfährt man aus dieser Interpretation weniger etwas über H.s Dichtung und geschichtliche Position als über die konservative Kulturkritik des Philosophen Heidegger. Neuere Forschung hat denn auch seine Ergebnisse mit philologischen und erkenntnistheoretischen Argumenten mehr oder weniger entschieden kritisiert (P. de Man, K. Gründer, H. J. Schrimpf und andere). Die von ihm übernommene nationalistische These von der „vaterländischen Umkehr“ H.s wurde von Adorno, W. Hof, L. Ryan und P. Szondi entkräftet; R. Minder sieht in ihr die Projektion der „Fehlleistung der vaterländischen Kehre“ Heideggers 1933/34.

Neben diesen und anderen Ideologisierungen hat jedoch gewissenhafte philologische Forschung, ausgehend von der 1. kritischen Ausgabe durch Hellingrath, Seebaß und L. von Pigenot und der kritischen Ausgabe Zinkernagels, das verstreute und entstellt überlieferte Werk H.s gesammelt, entziffert, kommentiert und ihm überzeugende Textgestalt gegeben in der Großen Stuttgarter Ausgabe F. Beißners. Nach 1945 wurden vor allem in immanenter Interpretation Probleme der poetischen Struktur erörtert und, in Besinnung auf den Text, mit Hilfe sorgfältiger Analysen zahlreiche politische, religiöse und philosophische Legenden zerstört. H.s Bedeutung für die Moderne wurde entdeckt, und sein Werk fand internationale Anerkennung: „In H. hat man nicht nur einen ‚Seher', sondern auch einen formbewußten Künstler höchsten Ranges, ja in seinen Gedichten den Gipfel der deutschen Oden-, Elegien- und Hymnendichtung anzuerkennen gelernt. Er steht in der Tradition der klassischen deutschen Dichtung; seine Gestaltung der antiken Versmaße in deutscher Sprache hat nicht ihresgleichen“ (Ryan). Von den nationalistischen Fesseln befreit, wird seine Dichtung in aller Welt gelesen und erforscht. Aber erst in jüngster Zeit wurde begonnen, H. auch als politischen Dichter seiner Epoche zu verstehen (nicht, sein Werk aus dem Hintergrund der Zeit zu lösen und es gerade dadurch für aktuelle politische Zwecke verfügbar zu machen), ihn aus dem neuen Getto der reinen Poesie zu befreien und zu erkennen, daß sein Leben und Werk eng mit den Idealen, Kämpfen und Niederlagen der Französischen Revolution und ihren Auswirkungen auf Deutschland verknüpft war. Die Analyse der historisch-politischen Bedeutung H.s unternahmen jedoch keine deutschen Germanisten, sondern der Ungar G. Lukács, der schon 1934 den „Hyperion“ die „objektivste Citoyenepik der bürgerlichen Entwicklung“ genannt hatte, und französische Germanisten, an ihrer Spitze P. Bertaux, der den Jakobiner H. und Sänger einer schwäbischen Republik freilegte (1969). Die durch seine Deutungen ausgelöste Diskussion könnte den Anstoß bilden zu neuen interpretatorischen Anstrengungen, so daß das Werk H.s nicht mehr nur in seiner dichterischen Eigenart und Größe, sondern auch in seiner historischen und politischen Rolle anerkannt wird.

Die Dichtungen H.s bedürfen wie die kaum eines seiner Zeitgenossen der Interpretation, Analyse und Entschlüsselung. Ihr Verständnis wird nicht nur erschwert durch die Dunkelheiten seines Stils, die komplizierte Syntax, die unter dem Gesetz der rhythmischen Stauung und Entladung steht und dem Vorbild der griechischen Sprache folgt, sondern vor allem auch durch die mythologischen Einkleidungen ihrer Gegenstände. – Zahlreiche Einflüsse haben H.s Werk geprägt: der schwäbische Pietismus, dessen Gefühlsreichtum und -intensität und dessen Naturfrömmigkeit in seiner Dichtung in säkularisierter und pantheistischer Gestalt erscheinen, Rousseaus zivilisationsfremde Verabsolutierung der Natur und sein Freiheitswille, eingeschränkt und korrigiert von den ethischen Postulaten Kants, als Gegenkraft gegen allzu abstrakten Subjektivismus in der Auseinandersetzung mit Fichte jedoch wiederaufgenommen, sowie die Anfänge geschichtlichen dialektischen Denkens der Freunde Hegel und Schelling. Übergriffen und in allen Bereichen durchformt wurden diese Einflüsse von H.s Verehrung der griechischen Welt, die er erlebte als jenes Zeitalter der Menschheit, in dem die Ideale der Humanität: Freiheit, Schönheit, Liebe und Identität des Menschen mit der Natur im Erlebnis der Götter, rein verwirklicht waren und die auf neuer Stufe wiederherzustellen er als die Aufgabe seiner, der „reißenden Zeit“ ansah. Dies Griechenideal steht von Anfang an im Zusammenhang mit der eigenen Zeit. Es ist republikanisch-demokratisches Ideal. In den Einkleidungen und Metaphern der griechischen Welt und ihrer Götter erscheinen in der Dichtung H.s die utopischen Hoffnungen, die von der Französischen Revolution ausgelöst worden sind. So bestimmt Griechenland das Gesamtwerk H.s, beginnend mit der Tübinger „Hymne an den Genius Griechenlands“, die vor allem die Freiheit Griechenlands preist, über den „Hyperion“, der im Freiheitskampf der Neugriechen von 1770 die Ideale und Niederlagen der Französischen Revolution widerspiegelt und die deutschen Zustände hart kritisiert, über die Fragmente der „Empedokles“-Tragödie bis hin zu den sogenannten Vaterländischen Gesängen, die die geschichtliche Dialektik von Griechenland und Abendland zum Gegenstand haben und Deutschland die Rolle der Vermittlung griechischen Geistes für eine prophetisch gesehene Zukunft zuweisen. Der Bezug auf die eigene Zeit in der dichterischen Konfrontation Griechenlands und seiner Mythologie mit der Neuzeit, besonders auch der Landschaft und den Zuständen Deutschlands, ist der politische Grundton des H.-schen Werkes. Es ist kaum aktuelle oder gar offen ausgesprochene politische Dichtung, wenn auch Gedichte aus der optimistisch getönten Homburger Zeit wie „Der Tod fürs Vaterland“, das Bertaux mit Grund die „deutsche Marseillaise“ genannt hat,|und „An Eduard“ aktivistische Töne anschlagen und unter den späteren die Oden „Gesang des Deutschen“ und „An die Deutschen“ jene Hoffnungen auf eine „künftige Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles Bisherige schamrot machen“ werde, dichterisch wiederaufnehmen, die H. 1797 in einem Brief an Ebel an die Rolle der Deutschen geknüpft hat. Der tiefere politische Sinn der Dichtung H.s liegt in ihrer menschheitsgeschichtlichen Perspektive. Ähnlich wie bei Hegel und später bei Marx nimmt die Menschheitsgeschichte auch in H.s Denken ihren Ausgang von einem „Goldenen Zeitalter“ (Griechenland), um im Durchgang durch eine Zeit der Entfremdung von der Natur, die zu deren Eroberung und Beherrschung notwendig ist und in der der Mensch die Aufgabe hat, „den ewigen Vollendungsgang der Natur zu … vervollkommnen“, schließlich auf höherer Stufe in eine neue Identität des Menschen mit sich selbst und der „vervollkommneten“ Natur zu münden.

In dieser Dialektik der Geschichte nimmt für H. die Dichtung die Rolle der Mittlerin zwischen den Mächten der Natur (den Göttern) und den Menschen ein. So erhält in idealistischer Kunstanschauung, die zugleich politischphilosophische Weltsicht ist, die Dichtung höchsten geschichtlichen Rang. Vor dem Hintergrund der Tragik des eigenen Lebens ist das Werk H.s, das dieser Rolle gerecht werden sollte, Gefährdungen ausgesetzt gewesen, und es spiegelt in jähen Wechseln hoffnungsvolle Zuversicht, Freude, Schmerz, Trauer und verborgene Prophetie angesichts aktuellen Scheiterns: „Hyperion“ zerbricht am Kleinmut und an der Schwäche der Menschen, „Diotima“, in deren Liebe und Schönheit er höchstes Glück nach dem Scheitern im politischen Kampf erfuhr, stirbt im Roman, wie auch H. in der Realität seine „Diotima“ verliert; das Drama „Der Tod des Empedokles“, das offenbar den Opfertod des sizilianischen Sehers angesichts eines der Natur und den Göttern entfremdeten Volkes als Aufruf zu republikanischer Umkehr – „Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr“ – deuten sollte, blieb in seinen drei Fassungen Bruchstück, und die Dichtungen nach 1800 verbergen in schwer zugänglicher mythologischer Metaphorik die griechisch republikanischen Ideale und weisen prophetisch auf eine zukünftige Zeit. Dieses Verbergen der Ideale in dunkler mythologischer Rede hat das Spätwerk H.s zahlreichen Deutungen ausgesetzt. Die Deutung Bertaux', daß nach dem Scheitern der schwäbischen Revolutionsversuche H. in seiner Dichtung die jakobinische Utopie einer Wiederkehr Griechenlands, die soviel Parallelen mit der antiken Drapierung der 1. französischen Republik aufweist, der verschwiegenen „Mutter Erde“ anvertraue für zukünftige Zeiten, hat, im Blick auf das von den Idealen der Freiheit, Gleichheit, Schönheit und brüderlichen Liebe geprägte Gesamtwerk, die größte Wahrscheinlichkeit für sich. In der Tradition der Dichter, die, wie H. W. Jäger nachwies, in der Verehrung der Griechen und ihrer Polis-Verfassung antiabsolutistische, demokratische Ziele verfolgten, nimmt H. den höchsten Rang ein. Im wesentlichen rhythmisch vollendete, klare, wohltönende Lyrik, auch in der Prosa des „Hyperion“ und den Versen des Dramas „Empedokles“, birgt und verbirgt sein Werk in mythologischer Gestalt Hoffnungen und jugendlich reine Ideale, deren Interpretation und geschichtliche Einordnung vor dem Hintergrund der Französischen Revolution zugleich die Aufgabe ist, diese Dichtung in ihrer Größe und in ihren idealistischen Grenzen darzustellen.

24. Christoph Martin Wieland

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Der zunächst privat unterrichtete W. besuchte 1747–49 die pietistisch geprägte Internatsschule Klosterbergen bei Magdeburg. 1750 kehrte er über Erfurt, wo er mit einem Verwandten, dem Arzt und Mineralogen Johann Wilhelm Baumer (1719–1788), den „Don Quijote“ las, nach Biberach zurück, um im Herbst in Tübingen ein Jurastudium zu beginnen. Im August 1750 verlobte er sich mit seiner Großcousine Sophie Gutermann, der späteren v. La Roche. Verlobungsgeschenk war W.s Erstling, das Lehrgedicht nach Lukrez „Die Natur der Dinge“ (1752). Nachdem die Verbindung mit Sophie, familiär hintertrieben, gescheitert war und W. sein Studium abgebrochen hatte, folgte er 1752 einer Einladung Johann Jakob Bodmers (1698–1783) nach Zürich, in dessen Haus er bis 1754 wohnte. Danach war er als Hauslehrer tätig, zuletzt 1759 in Bern.

In Bodmers Umkreis entstanden das Hexameterepos „Der gepryfte Abraham“ (1753), zwei Dramen sowie der frühklassizistische „Cyrus“ (1759). Hier zeigten sich erstmals W.s Rückgriff auf die Antike und sein Ausgreifen in die europ. Nationalliteraturen, zunächst in die englische. In Bern begegnete W.Julie Bondeli (1731–1778), mit der er brieflich verbunden blieb und die ihn 1764 folgenschwer auf Laurence Sternes „Tristram Shandy“ hinwies. Auch der Arzt Johann Georg Zimmermann (1728–1789), ein Schüler Albrecht v. Hallers (1708–77), stimulierte W.s dichterische Praxis, wobei er viel von seinen poetischen Wirkungsabsichten hörte. 1760 kehrte W. als Senator und Kanzleiverwalter nach Biberach zurück, wo ihm eine Heirat mit der Katholikin Christine (Bibi) Hogel, die ein Kind von ihm erwartete, verwehrt wurde. In seinem knappen Biberacher Jahrzehnt erbrachte W. bahnbrechende Leistungen für die dt. Literatur: So übertrug er Shakespeare ins Deutsche (22 Stücke in 8 Bdn., 1762–66) und verfaßte den vom „Don Quijote“ inspirierten Roman „Don Sylvio von Rosalva“ (1764) sowie den ersten modernen Roman „von klassischem Geschmack“ (Lessing), die „Geschichte des Agathon“ (2 T., 1766/67). Ihnen folgten Verserzählungen, deren Eleganz von der bei Anton Heinrich Friedrich Gf. Stadion (1691–1768) auf Schloß Warthausen bei Biberach kennengelernten, franz. geprägten Adelskultur profitierte, darunter „Idris“ und „Musarion“ (1768) sowie die prosimetrischen „Grazien“ (1770). 1768 wechselte W. von „Orell, Geßner u. Comp.“, Zürich, zu „Weidmanns Erben und Reich“ nach Leipzig. Seine hier erschienenen Werke setzten mit nach Zeichnungen von Adam Friedrich Oeser (1717–1799) gestochenen Illustrationen auch buchkünstlerisch neue Maßstäbe.

W.s Tätigkeit als kurmainz. Regierungsrat und Professor der Philosophie an der Univ. Erfurt 1769–72 blieb ein Intermezzo, auch wenn er hier ein enzyklopädisches Lehrprogramm entwickelte, das eine universalistisch|zu verstehende Kulturgeschichte begründete, die W. mit Herder verband. Davon zeugen der „Diogenes“ -Roman (1770), die „Beyträge zur geheimen Geschichte des menschlichen Verstandes und Herzens“ (1770) und der von Xenophons „Kyrupädie“ seinen Ausgang nehmende Fürstenspiegel und Staatsroman „Der goldne Spiegel“ (1772). 1772 wurde W. von der regierenden Herzoginwitwe Anna Amalia (1739–1807) als Instruktor insbesondere des Erbprinzen Carl August (1757–1828) nach Weimar berufen.

Bis zu dessen Volljährigkeit 1775 hatte er somit ein Hofamt inne und konnte danach, ausgestattet mit einer lebenslänglichen Pension, als freier Schriftsteller leben. W.s Auftaktpläne für Weimar bildeten das National- und Kulturjournal „Der Teutsche Merkur“ (1773–1810), an Metastasio orientierte Opernlibretti, u. a. „Alceste“ (1773) und, nach dem Weimarer Schloß- und Theaterbrand, „Rosamund“ (Mannheim 1778/79) sowie Aufsätze zur Theater- und Musiktheaterarbeit. 1775/76 betrieb er mit Goethe die Berufung Herders nach Weimar. 1780 veröffentlichte er sein Stanzenepos „Oberon“, von Goethe mit Lorbeer gekrönt, 1784 das dem Prosaduktus nahe Versepos „Clelia und Sinibald“. Mit seinem stilistisch, formgeschichtlich sowie stoffund motivgeschichtlich überragenden Werk wurde W. einer der Begründer des klassischen Weimar. Theoretisch begleitete er dieses Werk sowohl im „Teutschen Merkur“ als auch in seiner zweiten Zeitschrift, „Attisches Museum“ (1796–1810), wo zudem Vorabdrucke von Werken und Übersetzungen oder Folgen, wie im „Teutschen Merkur“ einer der frühesten Fortsetzungsromane der dt. Literatur, die satirisch-humoristischen „Abderiten“ (1774–80), erschienen. 1782 widmete W. seine Übertragung von Horaz’ „Briefen“ seinem Herzog. 1786 veröffentlichte er die „Satyren“ sowie 1788/89 die Lukian-Übertragung (6 Bde.), der 1791 der Roman „Peregrinus Proteus“ folgte. Die Feenmärchensammlung „Dschinnistan“ (3 Bde., 1786–89) wurde zur Quelle für Schikaneders und Mozarts „Zauberflöte“ (1791). Eine komplexe politische Kommentierung der Franz. Revolution lieferte W. 1789–98 in mehr als 30 Einlassungen im „Teutschen Merkur“. 1794 begannen in Leipzig, verlegt von Georg Joachim Göschen (1752–1828), W.s „Sämmtliche Werke“ (ohne die Übersetzungen) zu erscheinen, die größte bei Lebzeiten eines dt. Autors veranstaltete Ausgabe (42 Bde., drei Formate, bis 1801; 45 Bde., oktav, bis 1811, Nachdr. 1984). Sie enthält seine beiden vielschichtigsten Werke, den sich mit der Erfolgsgeschichte des Christentums auseinandersetzenden Brief- und Gesprächsroman „Agathodämon“ (Bd. 32, 1799) und den ein Kulturpanorama ausbreitenden Briefwechselroman „Aristipp und einige seiner Zeitgenossen“ (Bd. 33–36, 1800/01). Sie entstanden während W.s Zeit 1797–1803 nordöstlich von Weimar in Oßmannstedt, W.s „Osmantinum“, das er nach dem Vorbild des Horaz und Ciceros bewohnte und bewirtschaftete. In diese Zeit fielen auch die Euripides-, Aristophanes-, Isokrates- und Xenophon-Übertragungen. Die Krönung von W.s reichem Übersetzungswerk bildet die Übertragung der chronologisch geordneten Cicero-Briefe (Bd. 1–6,1, 1808–13, Forts. v. F. D. Gräter, Bd. 6,2 u. 7, 1818/21). W.s letzte Rede, mit der er den Weimarer Freimaurern für ihre Ehrung zu seinem 80. Geburtstag dankte, galt dem „Fortleben im Andenken der Nachwelt“ (24.10.1812).

Von der Dominanz der Erfahrungswelt gegenüber der Phantasiewelt wich W. im Geist der Aufklärung nicht ab, was ihn in Opposition zu den Romantikern brachte. Sein von den Göttinger Hainbündlern 1773 verbranntes Bildnis sowie seine „Annihilation“ 1799 seitens der Schlegel-Brüder konterkarieren W.s weltbürgerliche Gesinnung und weltliterarische Bedeutung und sind wohl auch Ausdruck zweier Generationenkonflikte. Die aus romantischem Geist begründete Germanistik trug bis weit in das 20. Jh. nur wenig zu W.s Kanonisierung bei.

25. Heinrich von Kleist 

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Wie Hölderlin gehört K. aufgrund seiner ungewöhnlichen Wirkung im 20. Jahrhundert zu den Dichtern der klassisch-romantischen Literaturepoche, denen vielfach zeitlose Modernität zuerkannt wird. Sein Leben ist von Rätseln umgeben, und als rätselhaft hat er selbst menschliches Dasein wiederholt bezeichnet. Um so wichtiger sind historischer Kontext und biographischer Zusammenhang. Die aus Pommern stammende, ursprünglich slawische Familie fühlte sich dem preußischen Staat eng verbunden. Sie hatte ihm zahlreiche Generale geschenkt, und Offizier zu werden, entsprach einer als selbstverständlich angesehenen Tradition. K. hat ohne Frage an der Last dessen getragen, was Familie heißen kann. Diese Last bekam er zumal seit der Zeit zu spüren, in der er sich zu den Traditionen seiner Familie in Widerspruch setzte. Denn anders als der angesehene Vorfahre Ewald von Kleist, der Offizier blieb und nebenher dichtete, verließ K. die Armee, um sich bald ganz seinem Dichterberuf zu widmen. Die so gewählte Lebensform galt es zu beweisen, und Ehrgeiz blieb auch aus diesem Grund bis an das Lebensende eine Triebfeder seines schriftstellerischen Tuns. Das Ringen mit dem Stoff des „Robert Guiskard“ ist eindrucksvoller Beweis: „Ich habe nun ein Halbtausend hinter einander folgender Tage, die Nächte der meisten mit eingerechnet, an den Versuch gesetzt, zu so vielen Kränzen noch einen auf unsere Familie herabzuringen: jetzt ruft mir unsere heilige Schutzgöttin zu, daß es genug sei“ (5.10.1803). Daß die Familie diesem Dichter zum „Schicksal“ werden mußte und geworden ist, ist bis in seine letzten Lebenstage hinein zu verfolgen. Zehn Tage vor dem Freitod kommt er im Brief an Marie von Kleist, eine angeheiratete Cousine, darauf zu sprechen. Er teilt ihr mit, daß es ihm ganz unmöglich sei, länger zu leben, und bezieht sich dabei auf Erfahrungen mit den nächsten Verwandten: „Ich habe meine Geschwister immer … von Herzen lieb gehabt; so wenig ich davon gesprochen habe, so gewiß ist es, daß es einer meiner herzlichsten und innigsten Wünsche war, ihnen einmal, durch meine Arbeiten und Werke, recht viel Freude und Ehre zu machen …, aber der Gedanke, das Verdienst, das ich doch zuletzt, es sei nun groß oder klein, habe, gar nicht anerkannt zu sehn, und mich von ihnen als ein ganz nichtsnutziges Glied der menschlichen Gesellschaft, das keiner Teilnahme mehr wert sei, betrachtet zu sehn, ist mir überaus schmerzhaft …“ (10.11.1811).

Familie, wie sie erfahren wurde – von Schuld kann nicht die Rede sein –, wird zum dichterischen Motiv. Das erste Drama mit dem definitiven Titel „Die Familie Schroffenstein“ wurde von Anfang an als eine Familientragödie konzipiert. Zwischen beiden Häusern desselben Geschlechts wird ein Erbvertrag abgeschlossen, der die Beziehungen vergiftet. Aus Mißtrauen entsteht Mord. Das Ende ist schrecklich: Eine Katastrophe, die gerade die Unschuldigen, Agnes und Ottokar, ins Verderben reißt. Eine der unerbittlichsten Novellen, die K. geschrieben hat, handelt von einem „Findling“, den ein Ehepaar adoptiert. Aber eine Familie kommt nicht eigentlich zustande, weil man sich voreinander verschließt. Das Ende ist auch hier eine Katastrophe: Dem Findling wird zuletzt von seinem Adoptiwater, einem ehrbaren Kaufmann, das Gehirn an der Wand eingedrückt. Dieser seinerseits wird mit dem Strange vom Leben zum Tod gebracht, wie es abschließend heißt. Im „Zweikampf“ wird die wehrlose Littegarde von ihren am Erbe interessierten Brüdern unbarmherzig aus dem Hause gejagt. Ungeheuerliches geschieht im „Erdbeben in Chili“. Ein wie durch ein Wunder vom Tode errettetes Liebespaar wird im blinden Fanatismus der aufgebrachten Menge erschlagen, und nur sein Kind bleibt am Leben. Einer der Bürger Santiagos, der das eigene Kind während des Aufruhrs verloren hat, nimmt „den kleinen Findling zum Pflegesohn an“ – als müsse Familie nicht unbedingt in blutsverwandtschaftlichen Beziehungen bestehen.

Mit den Traditionen seiner Familie brach der junge K., als er sich entschloß, aus dem Militärdienst auszuscheiden. Der zum Offizier bestimmte Adelssproß, der im Juni 1792 in das Potsdamer Garderegiment eingetreten und zum Leutnant avanciert war, unterschrieb am 17.4.1799 einen Revers, in dem ausgesprochen ist, daß er nach Absolvierung seiner Studien dem König und dem Vaterland im Zivilstande dienen wolle. Gänzlich unvorbereitet kam dieser Entschluß nicht. Schon als Teilnehmer am Rheinfeldzug hatte K. 1795 im Brief an seine Schwester geäußert: „Gebe uns der Himmel nur Frieden, um die Zeit, die wir hier so unmoralisch|töten, mit menschenfreundlicheren Taten bezahlen zu können!“ Auch das frühe Gedicht „Der höhere Frieden“ verrät, daß ihn der Soldatenberuf offensichtlich wenig befriedigt. Rückblickend bekannte er, daß es ihm mehr und mehr zweifelhaft geworden sei, ob er als Mensch oder Offizier habe handeln müssen: „denn die Pflichten beider zu vereinen, halte ich bei dem jetzigen Zustande der Armeen für unmöglich“ (19.3.1799). An der Universität Frankfurt an der Oder wurde das Studium aufgenommen, vornehmlich in den Fächern Mathematik, Physik und Philosophie. Sie werden als die „Grundfesten alles Wissens“ bezeichnet, und daß zumal die Mathematik als die strengste aller Wissenschaften zu gelten habe, hätte er in Kants „Kritik der reinen Vernunft“ bestätigt gefunden. Obgleich die mit so viel Begeisterung ergriffene Wissenschaft bald wieder aufgegeben wurde, blieb die Mathematik weiterhin ein vertrauter Gegenstand; auch in die dichterische Vorstellung wirkte sie noch gelegentlich hinein. „Ich kann ein Differentiale finden, und einen Vers machen; sind das nicht die beiden Enden der menschlichen Fähigkeit?“, heißt es in einem Brief vom 7.1.1805 an Ernst von Pfuel; und noch in der spätesten Zeit, im Aufsatz über das Marionettentheater, werden Logarithmen, Asymptoten und Hyperbeln zum Vergleich herangezogen. Der Abschied vom Militärdienst und die Entscheidung für das Studium werden in einem umfangreichen Bekenntnisbrief vom 18./19. März 1799 an den früheren Hauslehrer Christian Ernst Martini gerechtfertigt: Das Denken wird bestimmt vom Entwurf eines Lebensplans, an den sich der aus nahezu allen Bindungen Gelöste zu halten gedenkt. Die rationalen Elemente einer noch stark von der späten Aufklärung bestimmten Kultur sind unverkennbar. Die Bewußtseinslage des angehenden Studenten, wie sie sich in diesem Brief spiegelt, ist gleichwohl komplex. Zeitgemäße Ideen – wie die Idee der Bildung – werden von älteren Denkmustern überlagert. Aber die eigene Denkart verleugnet sich deswegen keineswegs. Sie äußert sich in der Entschiedenheit seiner Auffassungen wie in einer Sprache, die paradoxe Wendungen liebt: „Wenn man also nur seiner eigenen Überzeugung folgen darf und kann, so müßte man eigentlich niemand um Rat fragen, als sich selbst, als die Vernunft“. Damit verbindet sich für den jungen K. die Auffassung, daß kein denkender Mensch sich der Autorität eines anderen unterwerfen solle. Zum Zweifel an der überlieferten Autorität gesellt sich ein geschichtliches Bewußtsein besonderer Art, ein Bewußtsein des Umbruchs, das ihm rät, „in dieser wandelbaren Zeit so wenig wie möglich an die Ordnung der Dinge zu knüpfen.“ Der Wissenschaft wird bedingungslos vertraut, und daß von ihr zugleich die Lösung eigener Probleme erhofft wird, ist nicht zu übersehen. Im fast bedingungslosen Vertrauen auf das, was Wissenschaft für die eigene Lebensführung bedeuten kann, sind die zahlreichen Krisen angelegt, die den Lebensweg fortan begleiten.

Die Reihe dieser Krisen begann mit Symptomen einer Sprachkrise. Schon im Bekenntnisbrief vom März 1799 machten sie sich bemerkbar. Die Tugend, fester Bestandteil im Wertsystem der Aufklärung, wird auf sehr unaufklärerische Art als etwas erfahren, für das K. vergebens ein Wort sucht. Deutlicher spricht er sich in einem Brief an die Schwester (vom 5.2.1801) über die Sprachnot aus, um die es sich handelt: „… gern möchte ich Dir alles mitteilen, wenn es möglich wäre. Aber es ist nicht möglich, und wenn es auch kein weiteres Hindernis gäbe, als dieses, daß es uns an einem Mittel zur Mitteilung fehlt. Selbst das einzige, das wir besitzen, die Sprache taugt nicht dazu, sie kann die Seele nicht malen, und was sie uns gibt, sind nur zerrissene Bruchstücke.“ Daß K. über dem Ungenügen an der Sprache zur Sprache seiner Dichtung fand, gehört zu den Merkwürdigkeiten seiner Entwicklung.

Die Entfernung von Studium und Wissenschaft ließ unter solchen Umständen nicht lange auf sich warten, denn mit krisenhaften Lebenssituationen suchte K. vor allem dadurch fertig zu werden, daß er sich auf Reisen begab. Mit der Würzburger Reise begann es. Sie wurde mit dem neun Jahre älteren Freund Ludwig von Brockes, einem Enkel des Dichters Barthold Hinrich Brockes, ausgeführt. Im August 1800 brach man auf; Ende Oktober kehrte man nach Berlin zurück. Diese Reise gibt zahlreiche Rätsel auf, und K. selbst hat von sich aus alles getan, das ohnehin rätselvolle Unternehmen zusätzlich in ein mysteriöses Dunkel zu hüllen. Politische Motive einer geheimen Mission mögen hineinspielen. Der eigentliche Anlaß sind sie nicht; er liegt in der Person des jungen K., im Psychischen wie im Somatischen seines damaligen Zustandes. Schwierigkeiten im Sexuellen sind in Rechnung zu stellen, und daß man in Würzburg den dortigen Stadtchirurgen Joseph Wirth aufgesucht hat, ist bezeugt. Diese Reise versteht man vermutlich am besten, wenn man sie nicht als eine Flucht auffaßt, vielmehr als eine „Suche nach der Identität des Menschen“ (H. Politzer).|Auch handelt es sich nicht nur um eine Zeit der Krankheit und der Krisen. Die Briefe und Berichte dieser Monate sind in einem vielfach euphorischen Ton verfaßt. Der Gedanke, den Bedrängnissen gegenüber nicht nachzugeben, sondern standzuhalten, wird erstmals hier, soweit man sieht, erwogen. Ein Vertrauen in die eigenen schöpferischen Kräfte beginnt sich zu regen. Es findet seinen Ausdruck im Bild des Gewölbes, mit dem rückblickend die eigene Lebenssituation zu umschreiben gesucht wird. „Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen – und ich zog aus diesem Gedanken einen unbeschreiblich erquickenden Trost, der mir bis zu dem entscheidenden Augenblicke immer mit der Hoffnung zur Seite stand, daß auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken läßt“ (16.11.1800). Die Erfahrung wird später in die „Penthesilea“ eingehen, in die Verse: „Steh, stehe fest, wie das Gewölbe steht/Weil seiner Blöcke jeder stürzen will.“ Eine Entscheidung für das „Geschäft des Dichters“ und gegen die Wissenschaft ist damit noch nicht gefallen. Das Verhältnis der Wissenschaft (als Philosophie) zur Dichtung bleibt vorerst noch ungeklärt, und von der Zeitlage her kann man sich, seit etwa 1795, dieses Verhältnis nicht spannungsvoll genug vorstellen. Auch für die Zeitsymptomatik ist die Person von K.s Freund Brockes aufschlußreich. Die Skepsis gegenüber Vielwisserei und einseitiger Wissenschaft war bei ihm ausgeprägt, wie wir aus den Briefen erfahren; aber ausgeprägt nicht minder waren die wiederholt bezeugten Berufungen auf das Gefühl: „Immer seiner ersten Regung gab er sich hin, das nannte er seinen Gefühlsblick.“ Ein tiefes Gefühl für Recht sei in Brockes herrschend gewesen. An ihm muß K. aufgegangen sein, wie die Welt beschaffen sein könnte, wenn jeder – wie dieser Freund – „seinen eigenen Vorteil gegen den Vorteil des andern vergäße“. Damit sind auch die gesellschaftskritischen Gesichtspunkte genannt, die K. durch Brockes offensichtlich vermittelt wurden. Die Einwirkungen Rousseaus stehen damit im engsten Zusammenhang. Zugleich sieht man sich auf die angesehene Göttinger Universität verwiesen. Hier hatte Brockes seine Studienjahre verbracht. An diese Universität war er 1796 als Hofmeister eines Herrn von Dewitz zurückgekehrt. In diesen Jahren lehrte hier neben anderen der Philosoph und Schriftsteller Friedrich Bouterwek, dessen Briefroman „Graf Donamar“ nicht ohne Einfluß auf Hölderlins „Hyperion“ gewesen ist. Als junger Gelehrter hatte sich Bouterwek für die Kantische Philosophie begeistert, aber als er 1796 eine Professur erhielt, erfolgte die Wende. Aus dem Jünger der Kantischen Philosophie wurde ihr unerbittlicher Kritiker. Diese Kritik fand ihren Niederschlag in einem Werk mit dem Titel „Idee einer Apodiktik. Ein Beitrag zur menschlichen Selbstverständigung und zur Entscheidung des Streits über Metaphysik, kritische Philosophie und Skeptizismus“ (2 Bände, 1799). Sein Verfasser wendet ein, daß im Hinblick auf Kant und Fichte ein Kategoriensystem nicht ausreiche, „das nur die logische Form des Erkennens in der Erfahrung bestimmt“. Die Logik wird als arme Logik bedauert. Bouterwek übt Kritik an der Art des Begründens. Er fragt nach dem Grund aller Beweise und fragt damit nach dem Grund eines absoluten Seins. Mit der Idee des Absoluten erscheint das Gefühl eng verknüpft: „Da aber Denken und Empfinden im Gemüthe unzertrennbar verbunden sind, ist das Bewußtsein auch ein Gefühl, und zwar vernünftiges Selbstgefühl. “ Von der absoluten Unmöglichkeit des Erkennens ist die Rede. Von hier führt der Weg zur Rechtfertigung der Kunst und der dichterischen Einbildungskraft. Die Anschauungen Brockes' sind ein getreues Spiegelbild solchen Denkens. Die persönlichen Beziehungen verdichten sich in der Person Julie Westfelds. K. hat sie kennengelernt, als er sich im Juni 1801 in Göttingen aufhielt; sie wurde 1806 die Gemahlin Bouterweks.

Damit ist die sich entwickelnde Kantkrise K.s nicht erklärt. Aber ihre zeitgeschichtliche Symptomatik wird deutlich, die es uns verwehrt, die Verzweiflung an der Philosophie Kants als ein Problem der Philosophiegeschichte zu isolieren. Diese Krise wird im Frühjahr 1801 akut. Davon handelt ein Brief an die Schwester vom 23.3.1801: „Es scheint, als ob ich eines von den Opfern der Torheit werden würde, deren die Kantische Philosophie so viele auf das Gewissen hat … Mein einziges und höchstes Ziel ist gesunken, ich habe keines mehr. Seitdem ekelt mich vor den Büchern, ich lege die Hände in den Schoß und suche ein neues Ziel …“ Daß das auslösende Moment die „Kritik der Urteilskraft“ mit der in ihr entwickelten Kritik der teleologischen Urteilskraft gewesen sein könnte, wurde mit überzeugenden Argumenten (von L. Muth) begründet. Dennoch sind Einschränkungen angebracht. Denn der auslösenden Schrift kommt eine gewisse Zweitrangigkeit zu gegenüber dem philosophischen System im ganzen, das solche Krisen wiederholt bewirkte. Sie sind im Falle Friedrich Schlegels, Hardenbergs oder Hölderlins ebenso nachweisbar wie im Falle Bouterweks. Einem abstrakten Denksystem wird die eigene „konkrete“ Poesie entgegengesetzt. Zum zweiten sind Einschränkungen angebracht, weil zumal bei K. die individuelle Lebenssituation samt allen psychosomatischen Faktoren zu bedenken bleibt. Was mit dem Abschied vom Militärdienst eingeleitet worden war, setzt sich in der Kantkrise fort. Sprachkrise, Lebenskrise und Kantkrise sind als eine Einheit anzusehen. Mit der Verzweiflung an einer Philosophie, die nicht gewährt, was von ihr erhofft worden war, verbindet sich eine rigorose Kritik am Wissenschaftsbetrieb der Zeit, die sich wiederholt in Äußerungen des Unmuts niederschlägt: „Diese Menschen sitzen sämtlich wie die Raupe auf einem Blatte, jeder glaubt, seines sei das beste, und um den Baum bekümmern sie sich nicht“ (5.2.1801). Daß K. sich von Wissenschaft und Philosophie auch deshalb enttäuscht abgewandt hatte, weil sie zur Bewältigung eigener Lebensprobleme wenig oder nichts beizutragen vermochten, verrät ein 1801 in Paris geschriebener Brief: „… die Menschen sprechen mir von Alkalien und Säuren, indessen mir ein allgewaltiges Bedürfnis die Lippe trocknet …“ (21.7.1801). Der Entstehungshintergrund seiner Dichtung ist damit umrissen. Gegenüber der zeitgenössischen Philosophie und Wissenschaft wie gegenüber der Gesellschaft und ihren Institutionen wird sie zur Gegenposition in einem schöpferischen Sinn. Damit fällt vom Ende dieser drangvollen Zeit noch einmal ein Licht auf die Würzburger Reise: „Sie war die Ausgangsstation eines Passionsweges, der von Krise zu Krise in ein Schöpfertum von einzigartigem Rang führte“ (H. Politzer).

Nach der Rückkehr von Würzburg hatte K. im November 1800 eine Anstellung als Volontär im preußischen Wirtschaftsministerium erhalten. Das hinderte ihn nicht, sich erneut auf Reisen zu begeben. Diesmal begleitete ihn die Schwester. Im Sommer 1801 gelangten sie über Dresden, Leipzig, Halberstadt, Göttingen, Mainz und Straßburg nach Paris. Noch war die Wissenschaft nicht verabschiedet, und es besteht kein Grund, die Wahrheit einer brieflichen Aussage zu bezweifeln: „Von mir kann ich Ihnen nur so viel sagen, daß ich wenigstens ein Jahr hier bleiben werde, das Studium der Naturwissenschaft auf dieser Schule der Welt fortzusetzen“ (18.7.1801). Die Stadt selbst wird in düsteren Farben geschildert. Verrat, Mord und Diebstahl seien an der Tagesordnung; die Menschen seien sich fremd (16.8.1801). Hinter solcher Kritik steht unverkennbar Rousseau; auch die vielfach radikal formulierte Wissenschaftskritik weist auf ihn und seine berühmte Akademieschrift zurück, deren Gedankengehalt sich bis in die wörtlichen Anklänge hinein in den Briefen widerspiegelt. Von der Wissenschaftskritik bis zur umfassend gemeinten Kritik an der bestehenden Gesellschaft ist es nur ein Schritt, Kantkrise, Rousseauverständnis und eigene Dichtung liegen nahe beieinander. Das eigene Leben ist immer weniger ablösbar von Literatur, und Literatur wird in Leben umzusetzen gesucht. K. strebte im wörtlichsten Sinne zurück zur Natur. Er wählte die Schweiz als Aufenthalt, um in einer bäuerlichen Lebensform zu verwirklichen, was in der Literatur – von Rousseau und anderen – verheißen worden war. Noch ehe er hier eintraf, suchte er die Braut zu der neuen, in Aussicht genommenen Lebensform als „Bauersfrau“ zu überreden. In einer vorübergehend beruhigten Atmosphäre erlebte er als Dichter die erste fruchtbare Schaffenszeit. Hier zum erstenmal ist eigene Dichtung als etwas Gewordenes und Vorhandenes bezeugt. Das Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ wurde konzipiert; Teile eines „Guiskard“-Dramas wurden ausgearbeitet, und das erste abgeschlossene Drama, „Die Familie Schroffenstein“, wurde im Kreise der neuen Freunde vorgelesen. Es waren dies Heinrich Zschokke, Heinrich Geßner (der Sohn des bekannten Idyllendichters) und Ludwig Wieland, der Sohn Christoph Martin Wielands. Der Aufenthalt endete mit Krankheit und „Zusammenbruch“, was immer man darunter verstehen will. Gemeinsam mit der Schwester und Ludwig Wieland reiste man im Spätherbst 1802 nach Weimar. Auf Wielands Landgut in Oßmannstedt fand K. freundlichste Aufnahme. Hier vor allem erfuhr er zum erstenmal den Zuspruch, nach dem er als Dichter verlangte. Wieland erhielt eines Tages Einblick in die ausgeführten Teile des „Robert Guiskard“, und vorzüglich auf diesen Eindruck bezieht sich die spätere Äußerung: „Wenn die Geister des Äschylus, Sophokles und Shakespeare sich vereinigten, eine Tragödie zu schaffen, so würde das sein, was K.s, Tod Guiscards des Normanns', sofern das Ganze demjenigen entspräche, was er mich damals hören ließ. Von diesem Augenblicke war es bei mir entschieden, K. sei dazu geboren, die große Lücke in unserer dermaligen Literatur auszufüllen, die (nach meiner Meinung wenigstens) selbst von Goethe und Schiller noch nicht ausgefüllt worden ist …“ (Lebenspuren, S. 59). Auf den|wiederholten Vortrag eigener Werke folgte die erste Publikation. Unter dem Titel „Die Familie Schroffenstein. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen“ erschien das Drama 1803 anonym im Verlag Heinrich Geßners.

Im Hause Wielands hielt es K. bis zum Frühjahr 1803: „Ich habe das Haus mit Tränen verlassen … Aber ich mußte fort! O Himmel, was ist das für eine Welt!“ heißt es in einem Brief an die Schwester vom 13./14. März. Der ersten Schweizer Reise folgte die zweite unmittelbar. Diesmal war es der treue Ernst von Pfuel, späterer Ministerpräsident in Preußen, der ihn begleitete. Bern, Mailand und Genf waren einige Stationen dieser Fußreise. Im Herbst 1803 traf K.zum zweitenmal in Paris ein. In einer Situation der Verzweiflung am eigenen Werk verbrannte er das Manuskript „Robert Guiskard“. „Wie von der Furie getrieben“, begab er sich ohne den Freund dorthin, wohin sich auch Hölderlin wenige Jahre zuvor begeben hatte: in den Westen Frankreichs; nur daß diesmal nicht Bordeaux, sondern das nördlich gelegene Boulogne das Ziel des ruhelosen Dichters war. Aber eigentlich war nicht irgendein Ort das Ziel, sondern der Tod: „… ich werde den schönen Tod der Schlachten sterben, … werde französische Kriegsdienste nehmen, das Heer wird bald nach England hinüber rudern, unser aller Verderben lauert über den Meeren, ich frohlocke bei der Aussicht auf das unendlichprächtige Grab“, schrieb er am 26. Oktober der Schwester aus St. Omer. Auch diese Reise endete mit einem „Zusammenbruch“. In Mainz nahm sich der Arzt Georg Christian Wedekind des kranken Dichters an. Im Juni 1804 kehrte K. nach Berlin zurück. Aber schon in der Schweiz, im Sommer 1802, hatte er das Verlöbnis mit Wilhelmine von Zenge gelöst. Sie wurde bald darauf die Gemahlin des Philosophen W. T. Krug, des Nachfolgers auf dem Lehrstuhl Immanuel Kants. „Liebes Mädchen, schreib mir nicht mehr. Ich habe keinen andern Wunsch als bald zu sterben“, lautet der letzte Satz seines Abschiedsbriefes. Was in den Monaten dieser undurchsichtigen Reise geschehen war, ist schwer „einzuordnen“. K. selbst war nicht imstande, es zu tun: „Ich selber habe seit meiner Krankheit die Einsicht in ihre Motive verloren, und begreife nicht mehr, wie gewisse Dinge auf andere erfolgen konnten“ (29.7.1804). Doch war nicht unbekannt geblieben, wo es ihn umhergetrieben hatte. Seine Wiederverwendung im preußischen Staatsdienst war damit erschwert. Der Adjutant des Königs, General von Köckeritz, hielt es ihm in einer Audienz vor. Vieles kam zusammen, um die Bedenken zu verstärken: der Adlige, der die Armee verlassen hatte; die wirren, womöglich revolutionären Gedanken, die ihn nach Frankreich geführt haben könnten; und die Krankheit obendrein. Dennoch wurde mit Hilfe einflußreicher Freunde die Wiedereinstellung erreicht. Marie von Kleist scheint daran nicht unbeteiligt gewesen zu sein. Im Herbst 1804 wurde dem Antrag stattgegeben; im Mai 1805 erfolgte die Versetzung an die Domänenkammer nach Königsberg. K. wurde damit in das Zentrum der preußischen Reform versetzt. Sein nächster Vorgesetzter war der spätere Finanzminister Karl Freiherr vom Stein zum Altenstein, zu dem freundschaftliche Beziehungen hergestellt wurden. An der Universität lehrte der Staatswissenschaftler Christian Jakob Kraus, ein dezidierter Anhänger von Adam Smith. Politische Aktivität wurde aus nächster Nähe beobachtet, aber die eigene Dichtung kam nicht zu kurz: Die Dienststunden waren knapp bemessen, und für literarische Arbeit blieb genügend Zeit. Erzählungen wie „Michael Kohlhaas“ und „Die Marquise von O …“ wurden gefördert, ebenso „Amphitryon“ und „Penthesilea“. Aber der Widerwille gegen das Amt – gegen jedes Amt – regte sich gleichwohl. Am 30.6.1806 war es so weit, Freiherr vom Stein zum Altenstein wurde um Entpflichtung von allen Ämtern gebeten: „Ein Gram, über den ich nicht Meister zu werden vermag, zerrüttet meine Gesundheit. Ich sitze, wie an einem Abgrund … das Gemüt immer starr über die Tiefe geneigt, in welcher die Hoffnung meines Lebens untergegangen ist …“ Der Versuch, in der bürgerlichen Gesellschaft eine berufliche Existenz aufzubauen, war damit abermals mißlungen. Der Dichterberuf erhielt Vorrang vor jeder anderen Tätigkeit.

Die Wahl einer neuen Wirkungsstätte fiel auf Dresden. Schon zu Beginn seiner Wanderjahre, im Sommer 1801, hatte K. an der sächsischen Residenzstadt Gefallen gefunden. Ein bewegender Brief aus Paris an eine Freundin (Karoline von Schlieben) gibt darüber Auskunft: Hier, wenn irgendwo, hatte er so etwas wie Heimat erfahren. Aber der Entschluß, sich in Dresden als Schriftsteller niederzulassen, wurde auf unvorhersehbare Weise durchkreuzt: Auf dem Wege in die sächsische Hauptstadt wurde K. im Januar 1807 vor den Toren Berlins von napoleonischen Truppen verhaftet und als Gefangener nach Frankreich gebracht. Auf dem Fort Joux und danach in Châlons-sur-Marne hatte er mehrere Monate zuzubringen, ehe er im Juli 1807 entlassen wurde. Die unfreiwillige Muße war seiner dichterischen Arbeit zugute gekommen Die Tragödie „Penthesilea“ wurde entscheidend gefördert, so daß sie im Herbst desselben Jahres abgeschlossen werden konnte. Mit der Gattungsbezeichnung „Ein Trauerspiel“ ist sie 1808 bei Cotta als Buch erschienen. Schon im März 1807 hatte Adam Müller das in der Gefangenschaft fertiggestellte Lustspiel „Amphitryon“ herausgegeben, nachdem das Manuskript an eine Dresdner Buchhandlung vermittelt worden war. Schließlich traf K. im August 1807 in Dresden ein. Man bezeichnet diesen Aufenthalt zumeist als K.s glücklichste Zeit. Es war gleichwohl ein kurzes Glück, zu dem sicher die Anwesenheit der treuen Freunde, Ernst von Pfuels und Otto August Rühles von Lilienstern, das meiste beitrug. In der Verwirklichung seiner schriftstellerischen Pläne stand ihm am nächsten der so vielseitige wie schillernde Adam Müller, der das geistige Leben Dresdens eine Zeitlang maßgeblich bestimmte. Wie sein Einfluß auf die hier entstandenen Dichtungen einzuschätzen ist und in welcher Weise Müller seinerseits von K. beeinflußt wurde, muß offen bleiben. Mit ihm gab K. die vielbeachtete Monatsschrift „Phöbus“ heraus, deren erstes Heft im Januar 1808 erschien. Mehrere Werke K.s – darunter das Fragment „Robert Guiskard“ – wurden hier zuerst, vollständig oder in Teilabdrucken, veröffentlicht. Bedeutende Persönlichkeiten wie Gotthilf Heinrich Schubert, Carl Gustav Carus oder Caspar David Friedrich hielten sich damals in Dresden auf. Die „Entdeckung des Unbewußten“ ist mit dem Namen dieser Stadt vor allem verknüpft. Hier hielt Schubert seine vielbeachteten Vorlesungen über die Nachtseiten der Natur: über Magnetismus, Somnambulismus und verwandte Phänomene. Er wurde für E. T. A. Hoffmann wie für K. einer der wichtigen Vermittler romantischer Psychologie. Das betrifft vor allem dasjenige Drama, das K. als ein Gegenbild zur „Penthesilea“ verstanden hat. Unter dem Titel „Das Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe, ein großes historisches Ritterschauspiel …“ ist es 1810 als Buch erschienen. Das schon in der französischen Gefangenschaft abgeschlossene Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ hatte Adam Müller an Goethe übersandt. Es wurde am 2.3.1808 in Weimar aufgeführt. Diese Aufführung wurde, nicht ohne Goethes Mitwirkung, ein eklatanter Mißerfolg. K. reagierte gereizt, er rückte wütende Epigramme in seine Zeitschrift ein; ihr Niedergang ist zum Teil dieser Polemik zuzuschreiben. Persönliche Auseinandersetzungen mit dem Freund und Mitherausgeber Adam Müller kamen hinzu. Mehr und mehr wurde ihm Dresden durch eine Reihe mißlicher Umstände verleidet. Vor allem aber zog ihn die Politik in ihren Bann. Das vaterländische Drama „Die Hermannsschlacht“, zwischen Juni und Dezember 1808 niedergeschrieben, stellte sich ganz in ihren Dienst. Die Übereinstimmung mit den Zielen der preußischen Reformer ist offenkundig. Das Drama will zum Handeln aufrufen und setzt dabei in erster Linie auf Österreich. Dem Wiener Burgtheater wurde es zur Aufführung – obschon vergeblich – angeboten; und Österreich war auch das Ziel der nächsten Reise.

K. trat sie am 29.4.1809 an. Er wurde von F. Ch. Dahlmann begleitet. Vor Wien wurden die Schlachtfelder von Aspern und Eßling besichtigt. Hier waren die Österreicher am 21./22. Mai unter Erzherzog Karl gegenüber Napoleon siegreich gewesen. Aber nach der Niederlage von Wagram, am 5./6. Juli, sah K.seine Hoffnungen zerstört. Seine Niedergeschlagenheit findet ihren Ausdruck in einem Brief an die Schwester (vom 17. Juli). Erste Zweifel am Dichterberuf kündigen sich an. Sie signalisieren den Grad der sich nun entwickelnden Depression: „Kurz, meine teuerste Ulrike, das ganze Geschäft des Dichtens ist mir angelegt …“ Über die nächsten Monate ist wenig bekannt. Der oben erwähnte Brief an die Schwester ist vom 17. Juli datiert; das nächste Schreiben in der Sammlung der Briefe – gleichfalls an die Schwester – stammt vom 23. November. Es trägt die Ortsbezeichnung Frankfurt an der Oder. Für die Zwischenzeit sind wir auf Vermutungen, Berichte und Gerüchte angewiesen. Verbürgt ist ein Aufenthalt in Prag, wo K. ein politisches Journal herauszugeben gedachte, und abermals verwendet man in der Biographie des Dichters für das, was ihm hier widerfahren ist, den Begriff des „Zusammenbruchs“. Er soll als Kranker in ein Kloster gebracht worden sein. Das Gerücht von seinem Tod breitete sich aus. Wilhelm Grimm spricht davon in einem Brief an seinen Bruder vom 3.10.1809. Auch Brentano will gehört haben, daß K. in einem Prager Spital verstorben sei (Lebensspuren, S. 240). Am 23.11.1809 meldete er sich aus Frankfurt/Oder zurück. Sein letzter Berliner Aufenthalt folgte. Man hat ihn als K.s „Berliner Kämpfe“ bezeichnet.

K. übersiedelte am 29.1.1810 nach Berlin. Es begann – trotz vielfacher Verdüsterung – eine überaus fruchtbare Schaffenszeit. Zu keiner Zeit auch scheint der mündliche Gedankenaustausch, der Kontakt mit Freunden und die Verabredung zu gemeinsamer Aktivität, so rege gewesen zu sein wie in den|Jahren 1810/11. Adam Müller, Achim von Arnim, Clemens Brentano, Carl Maria von Weber, Fouqué, Rahel Levin, Varnhagen von Ense waren neben anderen die Gesprächspartner. Beziehungen zur Christlich-Deutschen Tischgesellschaft wurden gepflegt, ebenso zu den preußischen Reformern. Was sie einte und was K. durch seine schriftstellerische Arbeit zu befördern suchte, war die gemeinsame Gegnerschaft zu Napoleon und dessen Herrschaft. Seine Niederlage war das erklärte Ziel, und die eigene Dichtung erhielt von diesem gesetzten Ziel her mehr und mehr ihre Rechtfertigung. Auch das letzte Unternehmen sollte diesem Ziel dienen: die Gründung und Herausgabe der „Berliner Abendblätter“, deren Erscheinen in der Geschichte der deutschen Journalistik etwas Einzigartiges darstellt. Literarische Beiträge werden mit politischen Absichten auf eine geschickte Art vermischt. Die Neuigkeit hat Vorrang vor anderem, und der Fleiß, den K. selbst an die Sache setzte, ist beträchtlich. Daß er damit in die Rivalitäten zwischen Konservativen und Reformern verstrickt wurde, konnte nicht ausbleiben. Mit seinen eigenen Auffassungen stand er auf der Seite der letzteren. Durch die Teilhabe an einer gemeinsamen Sache wie durch das Bewußtsein einer Tätigkeit, die dem Ganzen des Volkes zugute kommt, konnte die drohende Isolierung zeitweilig vergessen werden. Aber die Stellung zwischen den Parteien gefährdete das journalistische Unternehmen. Eingriffe einer von politischer Taktik bestimmten Zensur beeinträchtigten die Arbeit erheblich. Es kam zu Zerwürfnissen mit dem Verleger, zu Auseinandersetzungen mit der Regierung und dem Kanzler Hardenberg. Um den Belastungen standzuhalten, hätte K. Nerven haben müssen, die er nicht besaß. Die Enttäuschungen über die offizielle preußische Politik und das Zaudern des Königs führten zu einer Niedergeschlagenheit, die den letzten „Zusammenbruch“ verständlich macht. Er dürfte nicht zuletzt in den Zweifeln am „Geschäft des Dichtens“ zu suchen sein, auf das K. fast bedingungslos gesetzt hatte. Die eigene Dichtung trat in diesen letzten Wochen unverkennbar zurück hinter die Musik, von der gesagt wird, daß hier, im Generalbaß, die wichtigsten Aufschlüsse über sie zu erhalten seien. Selbst die Wissenschaft, die er auf dem Weg zur Dichtung mit bitteren Worten verabschiedet hatte, wurde als Tätigkeitsfeld erneut in Betracht gezogen. Diese Zweifel am dichterischen Tun waren möglicherweise das auslösende Moment dessen, was am 21.11.1811 am Wannsee geschah, als K., zusammen mit einer schwerkranken Frau (Henriette Vogel), aus dem Leben schied. Der wohl „verstehendsten“ Frau seines Lebens, Marie von Kleist, wird in einem bewegenden Brief mitgeteilt, was die „eigentlichen“ Motive gewesen sind. Noch einmal kommen der Konflikt mit der Familie und die versagte Anerkennung zur Sprache, auf die so viel angekommen wäre. Die Stimmung dieser letzten Lebenstage umschreibt K. wie folgt: „Aber ich schwöre Dir, es ist mir ganz unmöglich länger zu leben; meine Seele ist so wund, daß mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut, das mir darauf schimmert. Das wird mancher für Krankheit und überspannt halten; nicht aber Du, die fähig ist, die Welt auch aus andern Standpunkten zu betrachten als aus dem Deinigen.“ Die Verklärung des Todes, wie sie sich in den letzten Lebenszeugnissen äußert, ist von Krankheit gezeichnet. Aber der Gedanke, freiwillig aus dem Leben zu gehen, begleitet das Leben K.s von der Zeit an, seit der wir aus Briefen und anderen Lebenszeugnissen genauere Kenntnis haben. Diese das Leben begleitende „Krankheit zum Tode“ kann auf keinen Fall als ein die Dichtung belastendes Moment in dem Sinn aufgefaßt werden, als ginge sie uns als Ausdruck eines kranken Menschen nichts an. K.s dichterische Ausdruckskraft und intellektuelle Wahrnehmung wurden zu keiner Zeit, soweit aus den Zeugnissen erkennbar, beeinträchtigt, und nichts deutet darauf hin, daß wir es mit einem prozeßhaften Verlauf – wie im Falle Hölderlins – zu tun hätten. Eher scheint es sich um phasische Verläufe zu handeln, die jeweils mit dem enden, was man in der Medizin als Remission zu bezeichnen pflegt. Diese Phasen – die „Zusammenbrüche“, wie in den Biographien gesagt wird – sind zahlreich. Es hat sie nachweisbar in Bern, in Mainz, in Prag und zuletzt in Berlin gegeben. Daß die dabei gemachten Erfahrungen auch der dichterischen Ausdruckskraft zugute gekommen sind, ist nicht nachzuweisen, aber zu erwägen.

K.s Dichtung gibt trotz ausgebreiteter Forschung auch heute noch zahlreiche Rätsel auf. Rätselhaft erscheint weiterhin ihre Entstehung. Junge Dichter haben ihre Vorbilder, an denen sie sich orientieren. Für K. kommen allenfalls Wieland und Schiller in Frage. Aber eine prägende Wirkung haben sie nicht ausgeübt. Schon die ersten Dichtungen wirken selbständig und auf eigentümliche Weise „fertig“. Wie es zu solcher Fertigkeit kommen konnte, ist unserer Einsicht weithin entzogen. Doch steht zu vermuten, daß sich|ihr Hervortreten während der Würzburger Reise vorbereitet. In dieser Zeit hat sich ihm ein unbeschreiblicher Trost mitgeteilt, der als Erfahrung in die spätere Dichtung eingeht: „und ich zog aus diesem Gedanken [daß das Gewölbe nicht stürzt, obwohl es keinerlei Stützen hat] einen unbeschreiblich erquickenden Trost, der mir bis zu dem entscheidenden Augenblick immer mit der Hoffnung zur Seite stand, daß auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken läßt.“ Seit der Würzburger Reise begleitet dieses Bilderlebnis sein Denken. Damit zeichnen sich Beziehungen zwischen dem existierenden Ich des Dichters und der Funktion von Literatur ab. Die Dichtung erhält einen eigentümlich existentiellen Sinn, der keineswegs ungeschichtlich verstanden werden muß. Ein solches Dichtungsverhältnis ist durchaus zeittypisch. In Goethes „Torquato Tasso“ erscheint der Dichter als einer, der mit seinen Leiden bezahlt, was er ist. Dichtung hört auf oder hat aufgehört, nur Schmuck und Zier der Gesellschaft zu sein. Sie ist in der Fähigkeit, das erfahrene Leid sagen zu können, das Gegenteil von dem, was als unverbindliches Spiel aufgefaßt werden könnte. Gegen solche Auffassungen wendet sich Hölderlin: „Man hielt sich bloß an ihre anspruchslose Außenseite. … man nahm sie für Spiel, und so konnte sich auch vernünftiger weise keine andere Wirkung von ihr ergeben, als die des Spiels, nämlich Zerstreuung, beinahe das gerade Gegentheil von dem, was sie wirket, wo sie in ihrer wahren Natur vorhanden ist“ (1.1.1799). Von K. werden Auffassungen wie diese mit der ihm eigenen Entschiedenheit aufgenommen. Dichtung wird zur Lebensform. Dem entspricht, was am 31.8.1806 gegenüber Rühle von Lilienstern ausgesprochen wird: „Wär ich zu etwas anderem brauchbar, so würde ich es von Herzen gern ergreifen: ich dichte bloß, weil ich es nicht lassen kann.“ Und ähnlich gegenüber dem Verleger Cotta Ende Juli 1808: „Wenn ich dichten kann … so sind alle Ansprüche an dieses Leben erfüllt.“ Das Leben wird aufgegeben in dem Augenblick, in dem das Vertrauen in die eigene Dichtung aufgegeben wird – mit der Erwägung, „die Kunst vielleicht auf ein Jahr oder länger ganz ruhen [zu] lassen.“

Die Denkfigur, die sich im Entstehungsgebiet der Dichtung ausbildet und später in sie eingeht, ist das Paradox: zu stehen, obgleich alles zu stürzen scheint. Sie äußert sich als Verkehrung des Gewohnten: Die seelenlose Marionette wird zum beseeltesten Wesen schlechthin; als Struktur des Widerspruchs wie in der „Marquise von O. . …“: „er würde ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen sein, wenn er ihr nicht, bei seiner ersten Erscheinung, wie ein Engel vorgekommen wäre.“ Bis in die Sprachfügung hinein ist diese Grundfigur zu verfolgen. Das Prosastück „Von der Überlegung“ wird im Untertitel eine Paradoxe genannt, und paradox an ihr ist der Rat, den der Sprecher als Vater seinem Sohn gibt: daß nämlich die Überlegung schicklicherweise ihren Zeitpunkt nach der Tat und nicht vor der Tat finden möge. Mit solchen Denkformen geht die Vorliebe für das einher, was im „Marionettentheater“ als das Antigrave verherrlicht wird. Damit wird e contrario auf Schwerkraft und physikalische Gesetzlichkeit verwiesen. Diese Denkfigur scheint sich gleichfalls im Entstehungsgebiet der späteren Dichtung zu entwickeln. In einem Brief vom 30.12.1800 wird von Newton gesagt, er sei im Nachdenken über einen vor die Füße gefallenen Apfel zu dem Gesetz gelangt, „nach welchem die Weltkörper sich schwebend in dem unendlichen Raume erhalten.“ Das Antigrave als eine Daseinsform der Schwerelosigkeit wird nicht als ein völlig gesetzloser Zustand erfaßt, sondern als eine Gesetzlichkeit, die nur von unseren gewohnten Denkformen her nicht unmittelbar eingesehen werden kann. Dennoch erhält das Antigrave in der poetischen Verfahrensweise vielfach Züge einer märchenhaft-utopischen Welt (wie im „Käthchen von Heilbronn“), wenn die „wirkliche“ Welt ganz von den typischen Denkweisen (im Zeichen der Schwerkraft) beherrscht wird.

Der Maxime, nicht zu sinken, wenn alles stürzen will, liegt eine Vorstellung von Welt zugrunde, die das Ich in seinen Ansprüchen bedroht. Diese Welt ist in der dichterischen Einbildungskraft K.s eine gespaltene Welt. In zahlreichen Wendungen seiner Werke kommt dies zum Ausdruck. Von Penthesilea heißt es: „Schlug sie mit Donnerkrachen eben ein,/Als wollte sie den ganzen Griechenstamm/Bis auf den Grund, die Wütende, zerspalten“; der Dorfrichter Adam im Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ wünscht sich vielsagend, „von ungespaltenem Leibe“ zu sein. Der Krug selbst wird in lustspielhafter Darbietung zum Sinnbild einer Welt, die zerbrochen ist. Ihre Scherben wieder zusammenzubringen, ist die Komödienfigur der Frau Marthe rührend bemüht. Im „Michael Kohlhaas“ wird von der gebrechlichen Einrichtung der Welt gesprochen, die der Hauptfigur eine bereits vertraute Vorstellung ist. Die zahlreichen Rechtsfälle und Rechtsdinge,|die K. in seinen Dramen wie in seinen Erzählungen behandelt, hängen mit der Erfahrung einer gespaltenen, zerbrochenen oder gebrechlichen Welt aufs engste zusammen. Die Rechtswelt ist ihrerseits gespalten. Zwischen der Idee einer schon ins Märchenhafte entrückten Gerechtigkeit und der gebrechlichen Einrichtung, wie sie sich in den juristischen Institutionen und Instanzen bezeugt, besteht eine unüberbrückbar scheinende Kluft. Sie wird im „Michael Kohlhaas“ auf widerspruchsvolle Weise versöhnt – dadurch, daß dieser das Todesurteil fast verklärend annimmt. Zum Rechtsdenken einer grundsätzlich gespaltenen Welt gehört das Denken an Besitz, Eigentum und an alles, was Mißtrauen erzeugt. Dieses die menschlichen Verhältnisse bedrohende Denken findet im ersten Drama, in der „Familie Schroffenstein“, seinen sinnbildhaften Ausdruck im Faktum des Erbvertrags, der auf den Sündenfall des Bewußtseins verweist. Die hier in Frage stehende Bewußtseinswelt – und auch sie ist ein durchaus zeittypisches Phänomen – ist in drei Phasen gegliedert. Dem Sündenfall geht ein Zustand der Unschuld voraus, den es eines Tages wieder zu erreichen gilt. Diese Wiedervereinigung wird im Aufsatz über das Marionettentheater auf humorvoll anmutende Art umschrieben: „Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?“ Diese auch im Juristischen sich bezeugende Gespaltenheit findet in einer unerwarteten Wortverbindung den ihr gemäßen Ausdruck: im Begriff des Rechtgefühls. Davon handelt das erste Drama, wenn eine der Personen zum Ausdruck bringt, was ihr vor allem wichtig ist: „Das Gefühl/Des Rechts! O du Falschmünzer der Gefühle/… Das Rechtgefühl! – Als ob's ein andres noch/In einer andern Brust, als dieses, gäbe!“ Im „Michael Kohlhaas“ wird dasselbe „Rechtgefühl“ mit dem Roßhändler in Verbindung gebracht, von dem es paradoxerweise heißt, daß es ihn zum Räuber und Mörder gemacht habe. Daß sich auch diese Denkfigur – als Vereinigung von Recht und Gefühl – schon in der Vorphase der Dichtung entwickelt, ist der auf den Freund Brockes bezogenen Aussage zu entnehmen (31.1.1801): „Ein tiefes Gefühl für Recht war immer in ihm herrschend …“

Damit ist zugleich derjenige Begriff genannt, der im Verständnis der neueren K.-Forschung die Bedeutung eines Schlüsselbegriffs erlangt hat: das Gefühl. Daß diesem Wort trotz partieller Einschränkungen, eine zentrale Bedeutung in der Poetik K.s zukommt, kann als unbestritten angesehen werden. „Denn etwas gibt's, das über alles Wähnen/Und Wissen hoch erhaben – das Gefühl/Ist es der Seelengüte andrer …“ (Die Familie Schroffenstein); „Die höchste Achtung … trag ich im Innersten für sein Gefühl“ (Prinz Friedrich von Homburg); „Türme das Gefühl … wie einen Felsen empor: halte dich daran und wanke nicht“ (Der Zweikampf). Von der Untrüglichkeit dieses Gefühls – für eine Figur wie das Käthchen von Heilbronn trifft sie zu – war man lange Zeit überzeugt. Diese generell vorausgesetzte (und von K. vermeintlich intendierte) Untrüglichkeit kann heute nicht mehr als communis opinio bezeichnet werden. Die Verwirrbarkeit des Gefühls ist im Gegenteil in Gestalten wie Penthesilea, dem Prinzen von Homburg, Michael Kohlhaas, auch wohl in Alkmene und der Eve des „Zerbrochnen Krugs“ erkannt. Das verwirrte und vom Widerspruch gezeichnete Gefühl findet in der Tragödie der „Penthesilea“ seinen gesteigerten Ausdruck in Bildern, die Unvereinbares auf schockierende Weise zusammenbringen. „Nicht ehr zu meinen Freunden will ich lenken/… Als bis ich sie zu meiner Braut gemacht,/Und sie, die Stirn bekränzt mit Todeswunden,/Kann durch die Straßen häuptlings mit mir schleifen.“ Verwirrbar kann sich Gefühl in den Personen K.s äußern, weil die Institutionen des Rechts und der Gesellschaft die ungespaltene Welt verhindern. Ehrgeiz, Ruhmsucht oder Eigennutz können solche Verwirrungen motivieren. Sie wirken sich so gut im gesellschaftlichen wie im individuellen Bereich aus. Das im Individuum verwirrte Gefühl wird im Fall der Penthesilea von den unmenschlichen Gesetzen des Amazonenstaates verfälscht. Gefühl und Gesellschaft werden in K.s Dramen und Erzählungen zumeist antagonistisch aufgefaßt. Aber die Dichtung selbst nimmt nicht einseitig für diese oder jene Seite Partei. Sie richtet sich auf eine Vereinigung beider Bereiche. Es geht daher in diesem Werk nicht einseitig um Gefühl und Emotion, sondern um ihre Vereinigung in Formen des Bewußtseins und Erkennens, wie es in der eigentlich widerspruchsvollen Wortverbindung vom „Rechtgefühl“ zum Ausdruck kommt.

Die Erkennbarkeit des Gefühls wird daher wichtiger als dieses selbst. Die von ihrem Gefühl bestimmte Alkmene sieht sich am Ende des Dramas eines anderen belehrt, und ihr vielsagendes „Ach“ kann nicht unbesehen als Verklärung und Verherrlichung solchen Gefühls verstanden werden. Wenn der Prinz|von Homburg am Ende seines Erkenntnisweges zu seinem Vorteil ein anderer ist, als er es zuvor war, so kann der Gefühlszustand der Eingangsszene nicht schon als der ideale Zustand aufgefaßt werden, auf den es ankommt. In der Art, wie er sich selbst träumt, indem er sich selbst den Kranz des Ruhmes flicht, liegt das Bedenkliche seines Verhaltens. Es besteht kein Grund, am Gewicht seiner späteren Einsicht zu zweifeln: „Schuld ruht, bedeutende, mir auf der Brust,/Wie ich es wohl erkenne.“ Diese Schuld ist keine moralische oder gerichtliche Schuld. Sie liegt im Zustand des Menschen beschlossen. Aber sie wird erkannt, und ihre Erkennbarkeit wird durch eine von der Gesellschaft vermittelte Denkweise erschwert. So vor allem in der Tragödie der „Penthesilea“. Hier sind es die unnatürlichen Gesetze des Amazonenstaates, die dem Erkennen so lange und so verhängnisvoll im Wege stehen. Nirgends im Raum dieses Dramas gibt es den Staat oder die Gesellschaft, die eine Harmonie beider Bereiche verbürgen. Die Kritik an der bestehenden Gesellschaft ist in den Werken der frühen und mittleren Zeit radikal. Erst die Dichtung der letzten Lebensjahre sieht Versöhnungen von Gefühl und Gesellschaft vor.

Hinsichtlich der Erkennbarkeit des Gefühls (oder des rechten Herrschers wie in „Robert Guiskard") gibt es keine höchste Person und keine göttergleiche Gestalt, der eine solche Erkenntnisfähigkeit kraft ihres Amtes zukäme. Selbst der Kurfürst (im „Prinzen von Homburg") oder der Gott der Götter (in „Amphitryon“) oder der Gerichtsrat (im „Zerbrochnen Krug“) sind vorübergehend verwirrbare Gestalten. Es gibt keine über der Welt waltende Autorität. Kein Gesetz, keine ein für allemal zu befolgende Regel und keine theologische Lehre können als sakrosankt angesehen werden. Die Eindeutigkeit des Meinens, Denkens und Glaubens ist das, was K. Werk für Werk widerlegt; mit bemerkenswertem Scharfsinn geschieht dies in der Erzählung „Der Zweikampf“. Das Gottesurteil wird als völlig widersprüchlich erkannt. Es enthält denen die Eindeutigkeit vor, die ihm so gern vertrauen möchten. Ob der Ausgang des Zweikampfs zugunsten des einen oder des anderen auszulegen ist, wird zu einer Frage der Interpretation. Der Gott dieser Erzählung gibt sich nicht in klar befolgbaren Anweisungen zu erkennen. Er bleibt als deus absconditus in seinen Entscheidungen rätselhaft und unerkannt. Auch im „Erdbeben in Chili“ bleibt völlig offen, wie das auslösende Faktum des Geschehens gedeutet werden soll. Der im Urteil sich verbergende Erzähler wird zum Sinnbild einer in ihrem Sinn sich verbergenden Welt.

Die Vorbehalte gegenüber tradierter Autorität äußern sich auch als Vorbehalte gegenüber dem Regelsystem der Rhetorik. Sie wird im dichterischen Werk wiederholt ironisch behandelt. „Ihr seid ein Freund von wohlgesetzter Rede,/Und Euren Cicero habt Ihr studiert …“, läßt K. den Dorfrichter Adam im „Zerbrochnen Krug“ sagen. Als Dichter spricht K. eine durchaus eigene Sprache. Sie ist weder an den vorgegebenen Normen der Grammatik noch an der Dichtersprache seiner Zeit zu messen. In ihrer eigenwilligen Diktion, in ihren Wortverschränkungen, Hyperbeln und Hypotaxen ist sie am ehesten mit der Sprache des späten Hölderlin vergleichbar. Doch übertrifft sie diese an gesteigerter und vielfach rücksichtsloser Expressivität, der sich alle Stilmittel unterordnen. K.s Sprache ist mehr als nur ein Mittel zur Wiedergabe von Handlung. Sie ist ihrerseits Handlung und Aktion, allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. Darin beruht ihre spannungsvolle Unmittelbarkeit, die sich jedem Redeschmuck versagt. Auch die Bildersprache vermittelt Ausdruck und Unmittelbarkeit. Zugleich ist sie Ausdruck einer entzweiten Welt. Der Begriff des Symbols verliert damit seinen ursprünglichen Sinn. Dennoch ist die Dichtersprache K.s nicht auf einige wenige Begriffe zu reduzieren; sie ist ihrerseits komplex. Es gibt die Dramensprache, und es gibt die Sprache des Erzählers; und die eine, hat man gemeint, sei auf den ersten Blick in der anderen nicht zu erkennen. Selbst innerhalb der Komödien, zwischen „Amphitryon“ und dem „Zerbrochnen Krug“, sind die Unterschiede in den Sprachformen und Redeweisen beträchtlich. Die Spannweite des sprachlichen Ausdrucks reicht vom krassen „Naturalismus“ der „Penthesilea“ bis zur „Romantik“ der „lieblichen Gefühle“, auf die man sich im „Prinzen von Homburg“ beruft. Der sprachlichen Vielfalt entspricht die Vielfalt der literarischen Gattungen, deren sich K. bedient.

Innerhalb seines literarischen Werkes kommt den Dramen zweifellos eine Vorrangstellung zu. Sie bestehen aus Tragödien, Komödien und Schauspielen. Die Übergänge sind fließend. Tragisches wird mit Komischem vermischt, ohne daß diejenige Zwischenform entstünde, die in der Literatur der Moderne als Tragikomödie bevorzugt wird. Aber die Nähe beider Dichtungsarten, der mühelose Übergang von der einen zur anderen, ist im|dichterischen „Weltbild“ K.s angelegt, wonach man dasselbe Vorkommen bald tragisch und bald komisch verstehen kann. Damit sind bereits Unterschiede zum Drama der klassischen Ästhetik bezeichnet. Sie treten deutlicher in der Struktur seines Dramas hervor. Die zahlreichen Traumszenen sind hierfür aufschlußreich. Im Drama Schillers sind sie eher die Ausnahme als die Regel. Dagegen sind K.s Dramen wiederholt um Träume gruppiert. Das betrifft die „Penthesilea“ ebenso wie das „Käthchen von Heilbronn“ oder den „Prinzen von Homburg“, der mit einem Traum beginnt und mit einem solchen auch endet: „Nein, sagt! Ist es ein Traum? … Ein Traum, was sonst?“ Mit der Verwendung von Träumen geht es stets um Bewußtseinsgrade der handelnden Personen. Es kommt nicht so sehr auf das bewußte Kalkül mit Intrige und berechenbarem Handeln an, sondern auf die Formen der Unwissenheit, des Unbewußten und des Unwillkürlichen, auf Reduzierungen des Bewußtseins, wie sie für die Struktur seines Dramas kennzeichnend sind. Demgemäß bestimmen auch nicht spannungsvolle Konflikte den Aufbau der Dramen, weil Konflikte eine Bewußtseinshöhe voraussetzen, die man hier zumeist vermißt. Auch damit sind Entfernungen von der strengen Tektonik des klassischen Dramas verbunden. Sowohl „Penthesilea“ wie „Der Zerbrochne Krug“ kommen ohne die bis dahin selbstverständliche Einteilung in Akte aus. Mit dem durch Traum und Unwissenheit reduzierten Bewußtseinsstand verlagert sich das Gewicht des Geschehens in die Dramenschlüsse, in den letzten Akt, in dem die Erkennung des bis dahin Unerkannten geschieht. Tragödie wie Komödie haben eine Dramenform gemeinsam, die Schiller an der Tragödie des Sophokles wahrgenommen und als tragische Analysis bezeichnet hat. In der Vorrede zum „Zerbrochnen Krug“ wird auf die für den König Ödipus bezeichnende Verkennungssituation angespielt: „der Gerichtsschreiber sah jetzt den Richter mißtrauisch an, wie Kreon bei einer ähnlichen Gelegenheit den Ödip, als die Frage war, wer den Laius erschlagen?“

Im Blick auf die Tragödie der Griechen wie auf die zeitgenössische Schicksalstragödie der Romantik stellt sich die Frage nach der Bedeutung, die dem Schicksal zukommt. Das Wort hat durch die neuere Forschung eine erschließende Bedeutung erhalten. Aber die Dramen selbst entziehen sich weithin dieser Frage: Das Wort „Schicksal“ kommt bei K. nur selten vor. Statt dessen ist an entscheidenden Stellen beider Tragödien von „Versehen“ die Rede. „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen“, heißt es am Ende der „Familie Schroffenstein“; und Penthesilea läßt sich nach allem, was geschehen ist, mit Versen vernehmen, die dasselbe Wort ge brauchen: „So war es ein Versehen. Küsse, Bisse/Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt,/Kann schon das eine für das andre greifen.“ Damit scheint Entscheidendes im Verhalten der Menschen untereinander dem Zufall überlassen zu sein. Aber Zufall kann als Versehen nur wirksam werden, weil die Menschen in Denkweisen befangen sind, die solche Versehen fast beliebig herbeiführen. Nicht auf schicksalhaftes Geschehen kommt es daher an, sondern auf das Erkennen der zumeist gesellschaftlich bedingten Denkweisen. Über den tragischen oder untragischen Ausgang entscheidet der Zeitpunkt der Erkennung. Beide Schlüsse erhalten im dramatischen „Weltbild“ K.s ihr Recht. Auch insofern verhalten sich nach einem Wort des Dichters „Penthesilea“ und „Käthchen von Heilbronn“ wie das Plus und Minus der Algebra zueinander. Nicht zufällig stehen in beiden Dramen Frauengestalten im Mittelpunkt des Geschehens. Die Tragödie in ihrer klassischen Gestalt setzt den Helden voraus. Aber K.s Achill in der „Penthesilea“ ist nur bedingt als ein solcher anzusehen, und die sicher unbedingteste Tragödie in diesem dramatischen Werk ist die Tragödie einer Frau. Auch in den Komödien wird Tragisches nicht zufällig an einer Frauengestalt vernehmbar. Die auf tragische Schuld zielende Frage wird von Alkmene gestellt: „Kann man auch Unwillkürliches verschulden?“ Gegenüber dem ernsten Lustspiel nach Molière vermittelt die Komödie „Der zerbrochne Krug“ den Eindruck eines unbeschwerten Theaterstücks, eines selbstgenügsamen Realismus in dörflicher Umgebung. Aber mit der Grundthematik K.s ist auch diese Komödie auf vielfache Weise verknüpft. Die Vorliebe für Rechtsfälle und Verhöre bestätigt sich erneut. Damit hängt der prozeßhafte Ablauf zusammen, den man nahezu aus allen Dramen kennt. Zugleich wird das Lustspiel durch Anspielungen und Wortspiele auf eine Welt hin durchsichtig, die es als gebrechlich und gespalten hinzunehmen gilt. In ihr muß es darum gehen, Schlimmes, wie Todesstrafe und Rechtsbeugung, zu verhüten oder zu mildern. Daher ist Nachsicht geboten, die zuletzt noch dem „Übeltäter“ der Komödie zugute kommt. Man holt ihn zurück, kaum daß er von sich aus das Weite gesucht hatte: „Geschwind, Herr Schreiber, fort! Holt ihn zurück! … Tut mir den Gefallen, holt ihn wieder!“ Mit|dieser Geste der Nachsicht wird K. zum Schöpfer eines der humansten Lustspiele unserer Literatur. Satire oder Groteske sind hierfür gänzlich unpassende Begriffe.

Die beiden vaterländischen Dramen der letzten Lebensjahre, „Die Hermannsschlacht“ und der „Prinz Friedrich von Homburg“, entfernen sich am weitesten von den Tragödien der frühen und der mittleren Zeit. An ihnen vor allem wird ein Wandel erkennbar, der nicht so sehr ein Wandel des Stils, sondern ein solcher der Auffassung ist. Im vorausliegenden Werk – in Drama wie Erzählung – standen sich Individuum und Gesellschaft weithin unvermittelt gegenüber. Dagegen setzen die beiden politischen Dramen der letzten Lebensjahre eine Versöhnung als Möglichkeit voraus; vor allem im „Prinz Friedrich von Homburg“ ist das der Fall. Die Wiederherstellung des Getrennten – von Gesetz und Gefühl, von Individuum und Staat oder wie man die Gegensätze bezeichnen will – ist das eigentliche Thema, und der Staat, in dem eine solche Versöhnung als möglich angesehen wird, ist der brandenburgische Staat des Großen Kurfürsten – also Preußen. Aber die letzte Szene des Schauspiels steht im Zeichen des Traums; die versöhnte Welt, die gefeiert wird, ist ein Traum – „was sonst!“ Sie ist Idee – nicht Wirklichkeit. Es geht mithin um einen preußischen Staat, wie er sein soll. Das kann durchaus in Übereinstimmung mit der preußischen Reformpartei gesehen werden. An diesem Schauspiel ist die Stellung K.s zwischen Klassik und Moderne am besten zu erläutern. Sein Drama bleibt in Aufbau, Verssprache oder Dialog dem klassischen Drama benachbart. Die Figuren sind hochgestellte Personen der Gesellschaft – wie in anderen Dramen auch. Eingangs- und Schlußszene sind miteinander verklammert; dadurch entsteht der Eindruck von Geschlossenheit und Komposition. Mit den Traumszenen des Dramas nähert sich K. aber auch der zeitgenössischen Romantik. Damit sind Reduzierungen des Bewußtseins verbunden, die nach vorwärts weisen. Schon bei Büchner, und erst recht im Naturalismus, sind sie sozial motiviert. So weit geht K. noch nicht. Dennoch ist der träumende General partiell eine Vorwegnahme des halben Helden, wie es zumal die Todesfurchtszene beweist. Man hat sie noch lange als eine Zumutung aufgefaßt und entsprechend getadelt.

Solche Herausforderungen des Publikums sind vor allem in den Erzählungen zahlreich vorhanden. Es gibt insgesamt acht; sie wurden noch zu Lebzeiten des Dichters in zwei Bänden 1810/11 veröffentlicht. Unter diesen läßt die bekannteste und umfangreichste, der „Michael Kohlhaas“, am deutlichsten den Wandel in der Auffassung erkennen, wie er für die gleichzeitig entstandenen Preußendramen kennzeichnend ist. Die Erzählung endet tragisch, aber die Hauptfigur des Roßhändlers stirbt mit sich und der Welt versöhnt. Erzählungen wie „Der Findling“, „Die Verlobung in St. Domingo“ oder „Das Erdbeben in Chili“ versagen sich auch diese Geste der Versöhnung. Die radikal geübte Gesellschaftskritik scheint hier auch noch die „Erhebung“ ins Tragische zu verhindern. Es fällt auf, daß in ihnen die Familienthematik im Mittelpunkt steht: Die entzweite Welt wird im Kreis der Menschen offenkundig, die sich einander die Nächsten sind; so vor allem im „Findling“. In der „Verlobung in St. Domingo“ werden Familienmotive mit der Kritik an der Kolonialherrschaft verknüpft. Dennoch vermeidet es K. als Erzähler, für eine der streitenden Parteien eindeutig Partei zu ergreifen. Das hat dazu beigetragen, ihm erzählerische Objektivität zu attestieren. Aber objektiv ist er als Erzähler in Fragen des menschlichen Verhaltens keineswegs. Der Bericht über die Bürger Santiagos, die ihre Dächer an jene vermieten, die dem „Schauspiel“ einer Hinrichtung zusehen wollen, ist alles andere als wertneutral. Gegenüber Unmenschlichkeiten, wo immer es sie gibt, verhält sich K. als Erzähler nicht objektiv. Dem Neger Hoango (in „Die Verlobung in St. Domingo“) wird „unmenschliche Rachsucht“ nachgesagt, und das ist durchaus kritisch gemeint. Aber vor solcher Kritik werden die vielfach unmenschlichen Verhaltensweisen der Europäer nicht verschont. Der Erzähler spricht bald aus der Sicht der einen und bald aus der Sicht der anderen. Er wechselt den Standort; seine Erzählart ist polyperspektivisch. Bisweilen scheint er – wie der allwissende Erzähler – über das Innere seiner Figuren Bescheid zu wissen; aber meistens weiß er es nicht. Was geschehen ist, wird nicht so erzählt, daß man weiß, woran man ist. Es wird in seiner Vieldeutigkeit transparent. Auf diese vor allem kommt es K. an. Daß er in einigen Erzählungen ein glückliches Ende riskiert, ohne sie deswegen in Trivialliteratur zu überführen, bleibt bemerkenswert. Aber die Frage der literarhistorischen Einordnung erweist sich hier um vieles schwieriger als hinsichtlich der Dramen. Gegenüber der Geselligkeit des Erzählens, wie ihr Goethe in den „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ das Wort redet, und gegenüber der liebenswürdigen|Erzählart in romantischen Novellen mutet K.s Erzählkunst spröde und wenig gefällig an. Episches Behagen ist ihr fremd. Seine Novellen sind Gesellschaftsnovellen, die in ihrer Zeit kaum Vergleichbares kennen.

Den Erzählungen am nächsten verwandt sind die Anekdoten, teilweise Meisterwerke ihrer Art. Um eigene „Erfindungen“ handelt es sich nicht. Als Herausgeber eines Neuigkeitenblattes greift K. auf, was sich ihm bietet. Sein Anteil beruht vornehmlich in Auswahl und Bearbeitung, und die letztere ist so beschaffen, daß aus den Vorlagen nicht selten ein Produkt des eigenen Geistes und der eigenen Denkart entsteht. Diese Prosastücke sind unterhaltsam, weil sie es um des Publikums willen sein sollen. Aber sie sind in dem gleichen Maße hintergründig, indem es nur um vordergründige Unterhaltungsliteratur zu gehen scheint. Eine Stileigentümlichkeit der Anekdoten ist das Lakonische ihrer Darbietung; Witz und Hintersinn werden miteinander verschmolzen, wie in der Anekdote vom Kapuziner, der einen Verurteilten zurechtweist, weil dieser sich über das schlechte Wetter beklagt. Der Kapuziner wendet ein. daß er eben diesen Weg bei solchem Wetter zurückzugehen habe, und der lakonische Kommentar des Anekdotenerzählers lautet: „Wer es empfunden hat, wie öde einem, auch selbst an einem schönen Tage, der Rückweg vom Richtplatz wird, der wird den Ausspruch des Kapuziners nicht so dumm finden.“

Die Abteilung der „Kleinen Schriften“ enthält Verschiedenartiges, und auch diese Prosa verdankt vielfach der publizistischen Tätigkeit ihre Entstehung. Die politischen Schriften des Jahres 1809 mit dem „Katechismus der Deutschen“, dem Aufruf „Was gilt es in diesem Kriege?“ oder dem Beitrag über die Rettung Österreichs stellen sich noch unmittelbarer als die vaterländischen Dramen in den Dienst der Erneuerung Preußens und des Kampfes gegenNapoleon. Die wichtigsten Beiträge sind jene, die K.s Denkformen am deutlichsten verraten. Sie finden ihren prägnanten Ausdruck in Stücken wie „Betrachtungen über den Weltlauf“, „Von der Überlegung“ oder „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Als der zweifellos berühmteste Beitrag dieser Prosastücke ist der Aufsatz „Über das Marionettentheater“ anzusehen. Seine Wirkung auf die spätere Literatur und Literaturwissenschaft ist unabsehbar. An Versuchen, ihn zum Schlüssel des Verständnisses schlechthin zu machen, hat es nicht gefehlt: Sie bleiben problematisch, und daß K. zumal mit diesem Beitrag eine Denkform seiner Zeit aufnimmt und variiert, ist offenkundig.

Der Lyrik wurde im allgemeinen wenig Beachtung geschenkt. Sie ist in hohem Maß politische Lyrik. Die Verbindung von politischer Motivik und Selbstaussprache ist im großen Gedicht „Das letzte Lied“ eindrucksvoll. Aber auch die unpolitische Lyrik enthält mit einigen kurzen Gelegenheitsgedichten oder dem Gedicht „Der Engel am Grabe des Herrn“ Kostbarkeiten, die man in Anthologien im allgemeinen vergeblich sucht.

Neben den Werken stehen als ein eigener Bereich die Briefe, von denen circa 230 gedruckt vorliegen. Aber eigentlich sind sie aufgrund ihrer Literarität ein vom Werk nicht ablösbarer Teil. Während die frühen Briefe noch teilweise den Briefstellern des 18. Jahrhunderts verpflichtet bleiben, gewinnt K. mit dem Durchbruch zur Dichtung auch in dieser Mitteilungsart seine eigene Form. Die durch seine Situation bedingte Isolierung verstärkt das Verlangen nach Kommunikation, das sich in den Briefen befreit. Dabei gewinnt die Mitteilung eine Aufrichtigkeit, Unmittelbarkeit und sprachliche Prägnanz, die alles Persönliche und Private vergessen macht.

Es wird verständlich, daß von dem unaussprechlichen Menschen, als den sich K. bezeichnet hat, eine faszinierende Wirkung auf andere ausgegangen sein muß. Bedeutende Frauen, zuletzt noch Rahel Levin, hat er anzusprechen vermocht. Nicht weniger ist er bedeutenden Männern seiner Zeit, Schriftstellern, Gelehrten oder Staatsmännern, eine unvergeßliche Gestalt geblieben. Der Historiker Dahlmann hat in seinen Erinnerungen geschrieben, K.s vielseitige Bildung und seine gewinnende Liebenswürdigkeit hätten jeden Erkennenden unwiderstehlich gefesselt: „Sein Tod hat eine Lücke in mein Leben gerissen, die niemals ausgefüllt ist.“ Diese schon zu Lebzeiten ungewöhnliche Wirkung – bei vielfach schroffen Ablehnungen – erklärt wenigstens zum Teil die Wirkung seines Werks im 20. Jahrhundert. Er war zwar der Literaturkritik des 19. Jahrhunderts kein unbekannter Autor, und zumal die preußisch-patriotischen Kreise haben ihn als Dichter geschätzt. Dennoch fällt die eigentliche Wiederentdeckung in die Zeit, in welcher der Aufbruch in die Moderne erfolgt, zu Beginn unseres Jahrhunderts. Seither hat fast jede Epoche ihr Verhältnis zu K. entdeckt und bekräftigt. Der noch vor dem 1. Weltkrieg gestiftete Kleist-Preis gehörte zu den angesehensten Literaturpreisen in Kaiserreich und Republik. Die Erforschung des Werkes wie des Lebens nimmt ihren|Fortgang, und dieser vermeintlich so preußische Dichter hat inzwischen ein weltweites Interesse gefunden, wie es kaum vorauszusehen war. Neben dem Denkmal am Wannsee wurde 1861 ein Gedenkstein gesetzt, in dem in der Sprache der Zeit die Verse eingezeichnet sind: „Er lebte, sang und litt/In trüber, schwerer Zeit,/Er suchte hier den Tod/Und fand Unsterblichkeit.“ Die Familie hatte es schwer, mit diesem „Abtrünnigen“ ins Reine zu kommen. Aber zum hundertsten Todestag wurde ein Kranz am Grab niedergelegt, der die Schleife trug: „Dem Besten ihres Geschlechts.“

26. Rahel Varnhagen von Ense

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V. wuchs in Berlin in einer jüd., großbürgerlichen Familie auf, lernte Fremdsprachen (Französisch, Englisch) und erhielt Klavierunterricht. 1787 verweigerte sie sich einer Verheiratung nach Breslau und übernahm nach dem Tod des Vaters 1790 Erziehungsaufgaben bei den Geschwistern. Die gesellschaftliche Minderstellung als Frau und Jüdin hinderte sie daran, ihrer Intellektualität entsprechende Bildungswege zu beschreiten. Die fehlende Schulbildung kompensierte sie durch Selbststudium, Korrespondenz mit studierenden Freunden, Reisen (u. a. 1810 nach Amsterdam u. Paris) und Abendgesellschaften, an denen sich Diplomaten, Militärs, Schauspieler, Künstler und Gelehrte beteiligten (u. a. die Brüderpaare Humboldt und Schlegel, Jean Paul, Friedrike Unzelmann, Friedrich v. Gentz, Karl Gustav v. Brinkmann u. Prinz Louis Ferdinand, der Geliebte ihrer Freundin Pauline Wiesel). 1795 lernte sie in Karlsbad Goethe kennen, der V. als „schöne Seele“ bezeichnete und ihre Auseinandersetzung mit seinem Werk würdigte: V. habe „das Problem meines Lebens erkannt“ und Goethe „über manches Zweifelhafte belehrt, über|manches Beunruhigende beschwichtigt“ (Geneigte Theilnahme an d. Wanderjahren, 1822). Mehrere Verlöbnisse scheiterten, bevor V. 1808 auf das Werben Karl August Varnhagens einging. Während dieser noch seinen Studien in Hamburg und Tübingen nachging, trennte sie sich im Herbst desselben Jahrs von ihrer Familie und bezog eine eigene Wohnung in Charlottenburg.

Schon früh begann ihr journalistisch tätiger späterer Ehemann, V.s Korrespondenz zu sammeln (zunächst die mit der Schriftstellerin Regina Frohberg), die er mit Abschriften und Editionshinweisen überlieferte. 1811 trat er in Verbindung zu Goethe, um ihre erste (anonyme) Publikation im „Morgenblatt“, den gemeinsamen Briefwechsel über Goethes „Wilhelm Meister“, autorisieren zu lassen. Im Sommer desselben Jahrs hielt sich das Paar in Teplitz auf, wo beide Beethoven und Clemens Brentano kennenlernten. V. begleitete ihren Mann auch später häufig auf seinen Reisen. Während der Napoleonischen Kriege organisierte sie in Prag eine Spendensammlung zur Versorgung verwundeter Soldaten aller Kriegsparteien und sandte Berichte zum Druck in die „Zeitung aus dem Feldlager“ ihres Mannes. Vor ihrer Heirat ließ sich V. 1814 in Berlin taufen, ohne die in ihren Aphorismen und Reflexionen fortwirkenden Traditionen des Judentums zu verleugnen. 1827 zog sie in die Beletage in der Mauerstraße 36, die zum geselligen Mittelpunkt für Gäste wie Friedrich v.Gentz, Fanny Elßler, Heinrich Heine, Leopold Ranke, Alexander v. Humboldt und Bettina v. Arnim wurde.

1833 erlag V., die testamentarisch ein Legat für den postumen Druck ihrer Briefe ausgesetzt hatte, Krankheiten, an denen sie seit Jahren gelitten hatte. Kurz darauf erschien eine genrebildende Collage aus ihren Lebenszeugnissen (R., Ein Buch d. Andenkens f. ihre Freunde, hg. v. K. A. Varnhagen v. Ense, 3 Bde., ²1834, P, eine v. K. A. Varnhagen v. Ense vorbereitete 3. Aufl., hg. v. B. Hahn, mit e. Essay v. B. Kronauer, 6 Bde., 2011). 1836 folgte eine Auswahl an sie gerichteter Briefe mit Biographien der Absender (Gallerie v. Bildnissen aus R.s Umgang u. Briefwechseln, hg. v. K. A. Varnhagen v. Ense, 2 Bde., 1836). Mit mehreren tausend Briefen hinterließ V. der dt. Literatur den wohl bedeutendsten Beitrag zur dt. Epistolographie und wurde, auch international, für Schriftstellerinnen und Akademikerinnen zum Leitbild weiblicher kritischer Intellektualität und bedeutend für die Geschichte der jüd. Assimilation. Ihre Biographie regte die Produktion von Fernsehfilmen, eines Hörspiels und des Musiktheaterstücks „Rahel und Pauline“ von Roland Moser (* 1943) an (UALuzern 2007).

27. Caroline Herschel

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Caroline Lucretia Herschel war die erste Frau, die in der Astronomie volle Anerkennung fand. Sie wuchs als einziges Mädchen von fünf überlebenden Kindern des Militärmusikers Isaak Herschel und seiner Frau Anna Ilse Herschel in Hannover auf. Der Vater war bestrebt, seinen Kindern eine musikalische Grundausbildung zu geben. Aber im Hause Herschel wurde nicht nur viel musiziert, sondern auch philosophiert und Astronomie betrieben.

Caroline in ihren Erinnerungen: “Mein Vater war ein großer Bewunderer der Astronomie und besaß einige Kenntnisse in der Wissenschaft. Ich erinnere mich, daß er mich in einer kalten Nacht auf die Straße führte, um mich mit einigen unserer schönsten Sternbilder bekannt zu machen, nachdem wir vorher einen Kometen, der eben sichtbar war, beobachtet hatten.” Einige Stunden täglich besuchte sie zusammen mit ihren Brüdern die Garnisonsschule, so daß sie das Lesen und Schreiben erlernen konnte – damals für ein Mädchen aus dem Bürgertum keine Selbstverständlichkeit. Viele Stunden des Tages verbrachte sie jedoch gegen ihren Willen mit Stricken, Sticken und allerlei Haushaltstätigkeiten. Die Mutter meinte, daß sie ein “roher Klotz sein und bleiben sollte, allerdings aber ein nützlicher”.

Der Gedanke, daß sie – nach dem Willen ihrer Mutter – zur Weißnäherin ausgebildet werden sollte und ihr eine Zukunft als bloße Haushaltskraft bevorstände, war ihr unerträglich. Sie wollte ein Leben führen, das auch geistige Anforderungen an sie stellte. Daher hielt sie sich an den Wunsch des Vaters, der für sie, wie für ihre vier Brüder, eine musikalischen Ausbildung, in ihrem Fall zur Konzertsängerin, vorsah.

Caroline Herschel

22jährig folgte sie ihrem zwölf Jahre älteren Bruder Friedrich Wilhelm Herschel, der als Organist und Konzertleiter im vornehmen Bath tätig war, nach England. Er brauchte sie als Haushälterin, wollte ihr aber auch Gelegenheit geben, der häuslichen Enge zu entfliehen, sich musikalisch weiterzubilden und als Solistin in seinen Konzerten mitzuwirken. Schon bald stieg sie zur ersten Sängerin auf, übernahm Leitungsfunktionen im Chor und bekam Angebote, auch in anderen Städten aufzutreten. Dies lehnte sie allerdings ab, da sie nur unter der Leitung ihres geliebten und verehrten Bruders auftreten wollte. Sicherlich hätte sie musikalisch eine große Karriere vor sich gehabt, wenn sie nicht der Passion ihres Bruders für die Astronomie gefolgt wäre. Zweifellos eine ungewöhnliche Familie, diese Herschels aus Hannover, in denen große Begabungen, ja Doppelbegabungen (Musik und Astronomie) anscheinend die Regel waren: Bruder Alexander, ebenfalls Musiker, wirkte auch als Astronom in Wilhelms Familienbetrieb zur Erforschung des Himmels.

Caroline widmete sich nun neben der Haushaltsführung und ihren Auftritten als Sängerin auch noch der Astronomie; zum Beispiel half sie Wilhelm beim Anfertigen von Spiegelfernrohren. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die Spiegel zu polieren und zu schleifen – eine Arbeit, bei der es auf absolute Genauigkeit ankommt. Neben den praktischen Tätigkeiten befaßte sie sich aber auch mit astronomischer Theorie. Sie erlernte die Algebra, Formeln für Berechnungen und Reduktionen als Grundlage für das Beobachten und Durchmustern des Himmels.

Der große Einschnitt für Caroline Herschel kam 1781, im Entdeckungsjahr des Planeten Uranus, den ihr Bruder eher zufällig bei einer Himmelsdurchmusterung fand. Diese Entdeckung führte dazu, daß er über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde. Neben zahlreichen Ehrungen bekam er eine Stelle als Königlicher Hofastronom in Windsor angeboten, die er dankbar annahm. Nun konnte er sich ganz seiner wahren Leidenschaft widmen.

Für Caroline hingegen bedeutete die Entdeckung des Uranus eine erneute Wende in ihrem Leben. Sie stand vor der Wahl, als Sängerin in Bath ihre erfolgreiche Karriere fortzusetzen oder aber ihrem Bruder als wissenschaftliche Assistentin zu “dienen”. Sie entschied sich für letzteres und bekam vom Hof eine Anstellung als Gehilfin ihres Bruders mit einem Gehalt von 50 Pfund im Jahr – das erste Gehalt, das je eine Frau für wissenschaftliche Tätigkeit bezog. Nun begann Caroline mit der eigenen Erforschung des Sternenhimmels, und zwar widmete sie sich der Kometensuche. In den Jahren von 1786 bis 1797 entdeckte sie acht solcher Schweifsterne. Nächtelang blieb sie mit ihrem Bruder auf Beobachtungsposten, notierte die Sternpositionen, die er ihr vom anderen Ende des von ihnen selbst gebauten riesigen Fernrohrs zurief, wertete die nächtlichen Aufzeichnungen aus und rechnete sie nach, schrieb Abhandlungen für die Philosophical Transactions, entdeckte vierzehn Nebel, berechnete Hunderte von ihnen und begann einen Katalog für Sternhaufen und Nebelflecke anzufertigen. Des weiteren verfaßte sie einen Ergänzungskatalog zu Flamsteeds Atlas, der 561 Sterne umfaßte, sowie ein Gesamtregister dazu.

Für diese Arbeit wurde ihr allerhöchste Anerkennung u.a. von Gauß und Encke gezollt. Trotzdem blieb sie die (übermäßig?) bescheidene Frau, die sie immer gewesen war. Ihre Biographin Renate Feyl bemerkt dazu: “Bis an das Ende ihres Lebens versucht sie jeglichen Hinweis auf eine eigene Leistung lediglich als das Verdienst ihres berühmten Bruders herauszustellen. … Sie wagt zu wissen, will aber dieses Wagnis nicht öffentlich eingestehen. Fortgesetzt betont sie, wie nichtsnutzig, wie unfähig, wie untauglich sie sei. Dies ist ihre lebenslängliche Demutsgeste und Entschuldigung dafür, daß sie sich erkühnt, leise, aber nachhaltig gegen die Gewalt von Gewohnheiten anzugehen und sich auf ihre Weise zu nehmen, was einem menschlichen Wesen zusteht: das Recht auf Erkenntnis.”

1822 – nach vielen Jahren unermüdlicher Arbeit - folgte ein weiterer Einbruch in ihrem Leben: ihr geliebter Bruder starb. Nun hielt sie nichts mehr in England. Wenige Wochen nach seinem Tod zog Caroline Herschel wieder in ihre Heimatstadt Hannover, die sie fast fünfzig Jahre zuvor als junge Frau verlassen hatte. Die bedeutendsten Gelehrten suchten sie in ihrem einfachen Haus in der Marktstraße auf, um sie ihrer Gunst und Wertschätzung zu versichern. Selbst zum Königlichen Hof hatte sie Kontakt. Zahlreiche Auszeichnungen wurden ihr verliehen – 1828 u.a. die goldene Medaille der Royal Astronomical Society, zu deren Ehrenmitglied sie 1835 ernannt wurde. Sie war die erste Frau, der Anerkennungen dieser Art zuteil wurden. Anlaß dazu war ihr sogenannter Zonenkatalog, den sie zum Andenken an ihren Bruder erstellt hatte. Er enthielt die reduzierten Beobachtungen sämtlicher von Wilhelm Herschel entdeckten Nebel und Sternhaufen – eigentlich eine schier unschaffbare Aufgabe! 1838 ernannte die Königliche Irische Akademie der Wissenschaften in Dublin die 88jährige Caroline Herschel zu ihrem Mitglied. 1846 erhielt sie im Alter von 96 Jahren im Auftrag des Königs von Preußen die goldene Medaille der Preußischen Akademie der Wissenschaften.

Noch an ihrem 97. Geburtstag empfing sie den Besuch des Kronprinzenpaares, unterhielt sich einige Stunden lebhaft mit ihnen und sang ihnen abschließend ein Lied vor, das ihr Bruder siebzig Jahre zuvor komponiert hatte. Keiner der von ihr entdeckten Kometen wurde nach ihr benannt, aber ein Mondkrater: Caroline Herschel.

28. Friedrich Wilhelm III.

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F. empfing die übliche Erziehung, wurde aber als Kronprinz niemals mit selbständigen politischen oder Verwaltungsaufgaben betraut. In den Feldzügen von 1792/93 im Westen und 1794 in Polen führte er ein eigenes Kommando. Im großen und ganzen stand F. in Opposition zur Regierung seines Vaters. Nach dem Regierungsantritt war daher seine erste Maßnahme die Verhaftung der Gräfin Lichtenau, der Mätresse des Vaters. Es wurde ihr der Prozeß gemacht; sie mußte jedoch später rehabilitiert werden. Auch die einflußreichen Berater Friedrich Wilhelms II., Wöllner und Bischoffwerder, wurden entlassen.

Das war der sichtbare Bruch, den nüchterne Sittenreinheit mit der Lebensweise und schlichte Verständigkeit mit der Religionspolitik des Vorgängers vollzog. Aufgrund solcher Maßnahmen wurde der neue Herrscher mit großen Hoffnungen begrüßt. Den gewaltigen Erschütterungen, die er in seiner Regierung erlebte, war er jedoch nicht gewachsen. Er blieb ein achtenswerter, aber schwungloser Charakter ohne tiefere Bildung. Im Zeitalter der deutschen Klassiker hielt er sich an seichte Romane und als eifriger Theaterbesucher an Singspiel und Galaoper. Er neigte einem bürgerlichen Lebensstil zu und fühlte sich am wohlsten im Kreise seiner Familie in Potsdam oder in der Abgeschiedenheit von Paretz. An seiner Gattin hing er mit rührender Liebe. Er war besonders zu Anfang ausgesprochen schüchtern und scheute sich vor Auseinandersetzungen. Die königliche Selbstregierung suchte er eifersüchtig aufrecht zu erhalten, erkannte jedoch die Notwendigkeit von Reformen an, die durch zwei Instruktionen für eine Militär- und eine Finanzkommission eingeleitet wurden. Die bedeutendste Reform bis 1806 war die Befreiung der Domänenbauern aus der Erbuntertänigkeit und die Ablösung ihrer Dienste; der König wagte jedoch nicht, den adligen Gutsherren das gleiche anzubefehlen. Am Hauptübel, dem Kabinettsystem, wurde nichts geändert, so daß die geheimen Kabinettsräte, besonders Beyme, mehr Einfluß als die Minister ausübten.

Die Außenpolitik war bis 1806 durch große Schwankungen gekennzeichnet. Unter Graf Haugwitz wurde die im Basler Frieden begründete Neutralitätspolitik des Heraushaltens aus den Konflikten der Großmächte fortgeführt Um die Verletzung der norddeutschen Neutralität zu verhindern, ließ F. 1801 Hannover besetzen, gab es jedoch nach dem Frieden von Amiens 1802 an England zurück. Im gleichen Jahre ließ er sich durch einen geheimen Vertrag mit Frankreich große Entschädigungen aus säkularisiertem Kirchenbesitz in Westfalen zusichern, so daß der Reichsdeputationshauptschluß die Erwerbungen nur zu bestätigen brauchte. Die Verwaltung dieser Gebiete wurde dem Freiherrn vom Stein unterstellt. Im Kriege gegen Österreich ließ Napoleon 1805 seine Truppen durch das preußische Ansbach marschieren. Unter dem Einfluß Hardenbergs entschloß sich der König zur Mobilmachung und zum Vertrage von Potsdam mit dem Zaren, wonach sich Preußen zur bewaffneten Vermittlung, notfalls zum Kampf gegen Napoleon verpflichtete. Nach der Dreikaiserschlacht von Austerlitz wagte Haugwitz nicht mehr, Napoleon seine Vermittlung aufzudrängen, sondern nahm den Vertrag von Schönbrunn an, in dem sich Preußen zur Abtretung von Ansbach an Bayern und zur Annektion von Hannover verpflichtete. Dadurch sollte sich Preußen die Feindschaft Englands zuziehen. Im Februar 1806 zwang Napoleon Haugwitz einen neuen Vertrag auf, nach dem das Bündnis selbst gegen Rußland gelten und Preußen seine Häfen gegen England sperren sollte. Die Folge war der Kaperkrieg Englands gegen Preußen und die Beschlagnahme aller preußischen Schiffe auf See.

Der Vertrag wurde als eine solche Demütigung empfunden, daß eine patriotische öffentliche Meinung in gefährlicher Selbstüberschätzung ohne genügende Rückendeckung zum Kriege gegen Frankreich drängte. Der König mußte Haugwitz entlassen. Nachdem die Franzosen preußische Gebietsteile am Niederrhein besetzt hatten, entschloß sich der König ohne Vertrauen zu sich selbst und zu den Kräften seines Staates zu einem Kriege, der seine schlimmsten Befürchtungen bestätigte.

An der Doppelschlacht vom 14.10.1806 nahm der König bei Auerstedt, das heißt bei der vom Herzog von Braunschweig befehligten Hauptarmee teil. Während sich die Armee bis auf geringe Reste auflöste und die Festungen sich kampflos ergaben, flüchtete F. über Küstrin nach Ostpreußen, entschied sich jedoch nach Kriegsrat in Osterode im Sinne der Minderheit für Weiterführung des Krieges. Der König berief ein verantwortliches Ministerium, dem auch Stein angehören sollte. Als dieser die Entlassung von Beyme und die Ernennung von Hardenberg zum Außenminister verlangte, entließ ihn der König in äußerster Erregung. Nach der Niederlage von Friedland schloß Zar Alexander über den Kopf seines Verbündeten hinweg einen Waffenstillstand mitNapoleon. Bei den Verhandlungen spielte F. eine untergeordnete, aber nicht unwürdige Rolle; die Bedingungen wurden von den beiden Großen festgelegt. Sie nahmen Preußen sämtliche Besitzungen westlich der Elbe sowie den gesamten Gewinn aus der 2. und 3. Teilung Polens; immerhin hatte der Zar dem König die Kernlande gerettet.

Obwohl F. den Geist der Reformzeit nicht begriff und ihm das ungestüme Drängen der Patrioten unheimlich war, bleibt es sein Verdienst, daß er die tiefgehende Wandlung, die sich damals in Preußen vollzog, mit seiner Autorität deckte. Der König residierte zunächst in Memel, Anfang 1808 in Königsberg und kehrte erst Anfang 1810 nach Berlin zurück. Als leitenden Minister berief er Stein, mußte ihn aber auch auf Verlangen Napoleons entlassen. 1810 wurde Hardenberg Staatskanzler. An die Stelle der bisherigen Kabinettsregierungen traten verantwortliche Minister. Von Stein und von Hardenberg wurden die großen Reformen auf allen Gebieten der preußischen Verwaltung durchgeführt. Scharnhorst wurde Leiter der Militärreorganisation und führte einen mißtrauischen König in kleinen Schritten auf den Weg zur allgemeinen Wehrpflicht. In der Außenpolitik war F. sehr vorsichtig. Er ließ Stein fallen, als dieser ihn auf die Bahn des Volksaufstandes gegen Napoleon drängte. 1809 ließ er Österreich allein Krieg führen, denn er blieb überzeugt, daß sich Preußen nur mit Österreich und Rußland zusammen vorwagen dürfte. Schills Tat empfand er als Meuterei. Als sich der französisch-russische Krieg von 1812 vorbereitete, verschloß sich der König den Forderungen der Patrioten ebenso wie den Bitten Hardenbergs, er solle sich Rußland anschließen. Vielmehr folgte er dem Rat Ancillons und bestätigte den ihm aufgedrängten Vertrag vom Februar 1812, der seinen Staat an Frankreich auslieferte und ihn zur Stellung eines Hilfskorps von 20 000 Mann verpflichtete. Grollend sah er zu, wie eine große Anzahl preußischer Offiziere nach Rußland ging und wie der General York als Kommandeur des Hilfskorps nach dem Zusammenbruch der Großen Armee auf eigene Faust ein Neutralitätsabkommen mit den Russen schloß.

Auch in den Befreiungskriegen ließ er sich mehr von den Ereignissen treiben. Der patriotische Aufschwung ließ ihn kalt, aber er|trat, wenn auch zögernd, an der Seite Rußlands in den Krieg. Die Armee begleitete er sowohl während des Frühjahrsfeldzuges wie während des Herbstfeldzuges 1813 und bewies gelegentlich guten militärischen Blick und im Notfalle wie bei Kulm eigene Initiative. Am 31.3.1814 zog er zusammen mit dem Zaren an der Spitze der verbündeten Truppen in Paris ein. Den Friedensschluß überließ er Hardenberg, nachdem er durchgesetzt hatte, daß die Bonapartes völlig beseitigt wurden. Gemeinsam mit dem Zaren ging er auf Einladung des Prinzregenten nach London. Am Wiener Kongreß nahm er teil, ohne besonders hervorzutreten; in der sächsisch-polnischen Krise schloß er sich dem russischen Standpunkt an. Nach der Rückkehr Napoleons trat Preußen sofort wieder in den Krieg ein. Der König begnügte sich gern mit dem Gewinn an Land, den der Wiener Kongreß und der 2. Pariser Frieden seinem Staat einbrachten (4 neue Provinzen: Rheinland mit Saargebiet, Westfalen, Sachsen, Posen). Für die weitergehenden Ideen der Patrioten und für eine Wiederherstellung des alten Reiches brachte er kein Verständnis auf. Der Heiligen Allianz trat er bei, weil er die äußere Politik seines Staates nur im Einvernehmen mit Österreich und Rußland führen wollte.

Nach dem Abschluß des Krieges setzte sich die konservative Grundhaltung des Königs wieder voll durch. Das Versprechen von 1815, eine gesamtstaatliche Verfassung einzuführen, hat er nicht gehalten, da er unter dem Einfluß des russischen Zaren und des Fürsten Metternich vor allem Sicherheit und Ruhe für seinen Staat wünschte. Die deutsche Einheitsbewegung war ihm um so unsympathischer, je revolutionärer sie auftrat. Die Männer der Befreiungskriege mußten bald vor anderen Ratgebern zurückstehen: in Heeresfragen Boyen vor dem Schwager des Königs, Herzog Karl von Mecklenburg, in der allgemeinen Politik Hardenberg vor Ancillon und dem Fürsten Wittgenstein. Die europäischen Kongresse von Aachen 1818, Troppau 1820 und Verona 1822 besuchte er wie die anderen Monarchen der Heiligen Allianz persönlich und unterstützte die Metternichsche Politik der Intervention gegen die südeuropäische Revolutionen. Er handelte immer in engem Einvernehmen mit Rußland, das durch die Heirat der Prinzessin Charlotte mit dem Großfürsten, seit 1825 Zar Nikolaus I., und durch häufige Monarchenbesuche gefestigt wurde. In Preußen ließ er die Gesetze der Reformepoche bestehen, doch wurde die Bauernbefreiung durch eine Deklaration von 1816, die Städteordnung durch mannigfaltige Verwaltungs- maßnahmen bis zur Revision von 1831 beschränkt und auch die allgemeine Wehrpflicht (eingeführt 1814) der wachsenden Bevölkerung nicht angepaßt. Die neuen Provinzen wurden nicht ohne Reibungen in die Verwaltung des alten Staates eingefügt und die Finanzen aufgrund des Zollgesetzes von 1818 und der Steuergesetze von 1820/21 allmählich saniert. Als oberster Bischof der evangelischen Landeskirche ließ er 1817 die Union zwischen dem lutherischen und dem reformierten Bekenntnis vollziehen und 1821 eine neue Agende einführen. Den Staatskanzler entmachtete er in der Verfassungsfrage und erließ nach dessen Tode 1823 ein Gesetz, das in allen Provinzen konservative Provinzialstände einführte. Die Demagogenverfolgungen wurden in Preußen besonders scharf durchgeführt, da der König Männern wie Kamptz und Tschoppe Handlungsfreiheit gab.

Auf diese Weise wurde die Minderheit von vorwärtsdrängenden Kräften in Preußen einem Staate entfremdet, der weder die Mehrheit der Bevölkerung in den westlichen Provinzen noch die polnischen Einwohner für sich zu gewinnen vermochte. Das offenbarte der Streit mit der katholischen Kirche über die Frage der Mischehen (seit 1837), der durch die Verhaftung der Erzbischöfe von Köln und von Posen-Gnesen nur verschärft wurde. Die eigentliche Leistung dieser Epoche war der vorbildliche Ausbau der Verwaltung, die auf allen Gebieten die Initiative ergriff; in der Wirtschaft kam es 1833 zum Zollverein, der den größten Teil der außerösterreichischen Länder Deutschlands umfaßte. Die Verwaltung gab aber auch die äußeren Mittel für die Gründung der Universitäten Berlin, Breslau und Bonn sowie für künstlerische Leistungen, von denen sich Schinkels Bauten (1816-18 die Berliner Hauptwache, 1818-21 das Schauspielhaus, 1824-28 das Alte Museum) am sichtbarsten darstellten.

Auf diese Weise erwarb sich das patriarchalische Regiment des Königs in den Kernprovinzen des Staats eine gewisse Popularität. Er hinterließ ein politisches Testament von 1827, in dem er seinen Nachfolger auf das Einverständnis mit Rußland und mit Österreich verpflichtete und den Erlaß einer ständischen Gesamtverfassung an die Zustimmung aller Agnaten des königlichen Hauses band.

 

29. Achim von Arnim 

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A. wurde, da seine Mutter nach seiner Geburt gestorben war, mit seinem älteren Bruder Karl Otto im Hause der Großmutter von Labes in Berlin im Viereck (Pariser Platz) erzogen. 1793-98 war er Schüler des Joachimsthalschen Gymnasiums (Hauptneigung Mathematik), 1798-1800 studierte er Jurisprudenz sowie Mathematik und Physik in Halle: dort machte er im Hause des Kapellmeisters J. F. Reichardt die Bekanntschaft von L. Tieck. 1800/01 setzte er das Studium in Göttingen fort, wo er im Sommer 1801 Freundschaft mit C. Brentano schloß. Seine erste Veröffentlichung war der „Versuch einer Theorie der elektrischen Erscheinungen“ (Halle 1799); fortan betätigte er sich bis 1806 als Mitarbeiter an den „Annalen der Physik“ seines Lehrers L. W. Gilbert. Es folgte 1801-04 die große Bildungsreise mit seinem Bruder nach Dresden (Umgang mit Tieck), Prag, Regensburg, München, Wien, Frankfurt (Juni 1802 Rheinreise mit Brentano), Stuttgart, durch die Schweiz nach Oberitalien und Frankreich (in Paris Bekanntschaft mit Friedrich und Dorothea Schlegel, Mitarbeit an Schlegels „Europa“ und Helmina von Chézys „Französische Miszellen“), London, Wales, Schottland, Holland. Durch den Tod des Vaters wurde A. 1803 Herr von Wiepersdorf im Ländchen Bärwalde bei Jüterbog und von mehreren Gütern in der Uckermark. Er nahm seinen Wohnsitz in Berlin, dazwischen lebte er 1805 in Heidelberg mit Brentano (Arbeit für „Des Knaben Wunderhorn“, Band 1, 1806, d. h. Herbst 1805), seit Juni 1806 in Halle und Göttingen, vom November 1806 bis September 1807, dem preußischen Königspaar folgend, in Königsberg, ging über Weimar (Goethe), Kassel (Brüder Grimm) nach Heidelberg (Januar bis November 1808 mit Brentano und J. Görres). 1809-13 war er wieder in Berlin, gründete die „Christlich-Deutsche Tischgesellschaft“ preußischer Patrioten (1811) und arbeitete an den „Berliner Abendblättern“ H. von Kleists u. a. Zeitschriften mit. 1813 führte er als Hauptmann ein Berliner Landsturmbataillon und war Redakteur des „Preußischen Correspondenten“. Von 1814 bis zu seinem Tod lebte A. zur Bewirtschaftung seiner Güter in Wiepersdorf, zwischendurch in Berlin und auf Reisen.

A. war ein preußischer Edelmann der besten Art, fest verwurzelt in der heimatlichen Scholle, mit Sinn für Tradition und Ehrfurcht vor der Vergangenheit, von sicherem Auftreten, aufrichtig und liebenswürdig, „eine ritterliche Erscheinung im besten Sinne“ (Eichendorff), zu gerade zum Hofdienst und über Formen, die er mit Selbstverständlichkeit beherrschte, sich doch auch hinwegsetzend, zum Scherz geneigt, lebensfreudig, ein zuverlässiger, anderen Halt gebender Freund. Die tatkräftig zupackende Hand und den sicheren Blick des Landmanns für die realen Dinge verband er mit der Universalität des Bildungsstrebens seiner Zeit, mit einfachem starkem Glauben an jenseitige Mächte und ihr Eingreifen in die irdische Gegenwart und mit einer weitschweifenden, überreichen Phantasie, die ein Hauptcharakteristikum seines Schaffens wurde. Seine dichterischen Werke, mehr Erzeugnisse dieser Phantasie als Ausdruck persönlichen Erlebens, sind oft nur erster Wurf und Schöpfungen glücklicher Improvisation. Strenges, bewußtes Ausarbeiten und Ringen um letzte Vollendung lagen ihm nicht. Er wußte seiner überschäumenden Phantasie keine Grenzen zu setzen. So konnte Goethe sein Dichten mit einem Faß vergleichen, „wo der Böttcher vergessen hat, die Reifen festzuschlagen, da läuft's denn auf allen Seiten heraus“. „Es ist wahr“, sagte W. Grimm, „manchmal war der Becher zu klein, und der Wein strömte über, oder er war zu groß und wurde nicht bis zum Rande gefüllt, immer aber war der Duft, der davon aufstieg, rein und erfrischend“.

Trotz der Fülle der Gedichte, die er geschaffen und in seine erzählenden und dramatischen Werke eingestreut hat, war A. kein Lyriker. Allzu leicht ließ er sich von Reim und Metrum forttragen und von Assoziationen leiten. Nur vereinzelt gelangen ihm kleine lyrische Gebilde, die Eichendorff vorwegzunehmen scheinen, wie die Verse „Mir ist zu licht zum Schlafen“, oder Gedichte, in denen die Männlichkeit seines Wesens echtes Pathos gewinnt, wie der „Rundgesang an die Unterdrücker des Werdenden“, der bei seinem Erscheinen in der „Zeitung für Einsiedler“ auf die Jugend stark gewirkt hat. Auch seine Bearbeitungen von Volksliedern in der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ sind weniger musikalisch und gegenständlich als die von Brentano, zeigen aber einen harten Marschrhythmus und viele willkürliche Eingriffe. Diese Volksliedersammlung, die nicht bloß Volkslieder enthielt, verfolgte keine gelehrten Zwecke, sondern erstrebte unmittelbare lebendige Wirkung auf das deutsche Volk in seiner Gesamtheit. Altes Sangesgut verschiedener Zeiten und Schichten sollte zu neuem Leben erweckt, die sog. Gebildeten mit der Poesie des Volkes bekanntgemacht und dem Volke aus der Poesie der Gebildeten zugeführt werden, was ihm gemäß sei. „Die Nation selbst hat in diesen Gesängen ihr Inneres aufgetan“, schrieb Görres in einer begeisterten Besprechung. In der Tat hat keine|andere Gedichtsammlung so stark sowohl auf das Publikum als auf die Dichter gewirkt. Die meisten Lyriker des 19. Jahrhunderts stehen unter ihrem Einfluß und die Vorstellungen vom Volkslied sind weithin von ihr bestimmt worden. Dem gleichen Ziele, „verlorene Töne der Poesie“ dem Volke wieder zuzuführen, Schätze vergangener Zeiten zu heben und „die hohe Würde alles Gemeinsamen, Volksmäßigen darzustellen“, dienten die von A.in Heidelberg herausgegebene „Zeitung für Einsiedler“ (1808), die, in Buchform gesammelt, den Titel „Tröst Einsamkeit“ erhielt, und auch Nacherzählungen älterer Novellen in der Sammlung „Der Wintergarten“ (1809) und Nachdichtungen älterer Dramen in der „Schaubühne“ (1813).

Seine eigenen Erzählungen beginnen mit dem kleinen Roman „Hollins Liebeleben“ (1802), der noch in der Nachfolge von Goethes „Werther“ steht. Bedeutender ist der Roman „Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores, Eine wahre Geschichte zur lehrreichen Unterhaltung armer Fräulein aufgeschrieben“ (1810), ein Gegenwartsroman, der eine hohe und ernste Auffassung der Ehe und ihrer sittlichen Verpflichtungen und der Forderungen der Gemeinschaft vertritt und zu Bildungs-, sozialen und politischen Fragen der Zeit vom Standpunkt der Tradition und des historisch Gewordenen Stellung nimmt. Die Komposition des Werkes leidet unter allzu vielen Episoden und Einschüben, und die Darstellung des Seelischen ist weniger gelungen als die ethischen Absichten. In dem Roman „Die Kronenwächter oder Bertholds erstes und zweites Leben“ (Band 1, 1817, Band 2 unvollendet) hat A. vor der Einwirkung Walter Scotts einen historischen Roman von hohem Range geschaffen, der eine vergangene Zeit, das 16. Jahrhundert, in vielen Einzelheiten anschaulich lebendig zu machen weiß und den realen Vorgängen zugleich symbolische Bedeutung gibt. Wie hier hat A. auch in anderen Erzählungen reale historische Geschehnisse mit Märchen- und Sagenmotiven verschiedener Art verbunden, z. B. in „Isabella von Ägypten, Kaiser Karls V. erste Jugendliebe“ die feste und lebensfreudige, plastisch gestaltete Welt flandrischen Bürgerlebens zur Zeit Karls V. nicht nur mit mythischem Zigeunerwesen, sondern auch mit einem Alraun und anderen Spukgestalten durchwoben, die er, wie E. Th. A. Hoffmann seine Gespenster, mitten aus dem realen Leben aufsteigen läßt. Die in dem gleichen Bande „Novellen“ (1812) erschienene Erzählung „Die drei liebreichen Schwestern und der glückliche Färber“ ist im Gegensatz dazu eine realistische Erzählung aus der Zeit Friedrich Wilhelms I. mit sehr lebendiger Menschengestaltung, scharfer Beobachtung der Umwelt und erfrischendem Humor. Dieses Nebeneinander von Werken überquellender Phantasie, die die Grenzen des Wirklichen weit überschreitet, und wirklichkeitsnahen Erzählungen mit anschaulicher Gestaltung ist für A.s reiches Erzählungswerk überhaupt charakteristisch. Aus den Erzählungen der zweiten Art sei noch „Der tolle Invalide auf dem Fort Ratonneau“ (1818) herausgehoben, in ihrer streng geschlossenen Komposition, psychologischen Problemstellung und lebendigen Charakteristik eine meisterhafte Novelle, in der A. von Kleist gelernt hat.

Ist der reiche Erzähler A. heute noch viel zu wenig bekannt und gewürdigt, so gilt das erst recht von dem fast vergessenen und schon zu seiner Zeit kaum beachteten Dramatiker. Manche dramatischen Werke A.s stehen auf der Grenze von Dramatik und Epik in jener unheilvollen Vermengung der Gattungen, zu der Tieck verführt hatte, oder haben wie „Die Gleichen“ (1819) mehr dichterische und ethische als eigentlich dramatische Werte. Dennoch besaß A. eine ursprüngliche dramatische Begabung. Das kann z. B. ein Vergleich seines sehr lebendigen Studentenspiels „Halle und Jerusalem, Studentenspiel und Pilgerabenteuer“ (1811) mit der Vorlage, dem Drama „Cardenio und Celinde“ des Andreas Gryphius, zeigen oder die Charaktere des Dramas „Der Auerhahn“ (1813) oder des späten Dramas "Woldemar“ und dessen straffer dramatischer Bau mit analysierender Technik. Auch auf die knappe und lebendige Handlungsführung des kleinen Schauspiels „Die Vertreibung der Spanier aus Wesel im Jahre 1629“ sei hingewiesen, das in der Tat eines klugen, entschlossenen Mannes für die Zeit des Dichters ein Beispiel geben will. Diesem Ziel dienten auch das „heroische Lustspiel“ „Die Kapitulation von Oggersheim“, ein sehr ergötzliches Stück voll Situations- und Charakterkomik, sowie das Puppenspiel „Die Appelmänner“, das saftige Fröhlichkeit und die überraschendsten märchenhaften Wendungen mit ernstem Gehalt und lebendiger Charaktergestaltung vereint. Nur ein Teil der Dramen A.s wurde von ihm selbst veröffentlicht, andere erst aus dem Nachlaß in den „Werken“; mehrere sind bis heute ungedruckt geblieben.

Die historische Bedeutung des Dichters A. liegt einmal trotz seiner überquellenden Phantasie in der Wendung zu realistischer Darstellung, die er sowohl in seinen Erzählungen wie in seinen Dramen genommen hat, und zum anderen in der Neubelebung alten dichterischen Gutes, in erster Linie in|der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“. Er hat damit wie als Tagesschriftsteller die innere Neugeburt und den Geist der Befreiungskriege vorbereiten helfen. Sein Leben lang ist er für das Echte, Lebendige und für Erhaltung wertvoller Tradition eingetreten und hat das Bewußtsein der Abhängigkeit des Einzelnen von überpersönlichen Mächten und die Wendung vom Subjektivismus zur Gemeinschaft gestärkt.

 

30. Matthias Claudius

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C. besuchte, nachdem er bis zur Konfirmation vom Vater unterrichtet worden war, die Lateinschule zu Plön; 1759-63 studierte er in|Jena erst Theologie, dann Rechts- und Kameralwissenschaften, von J. C. Davies und J. A. Schlettwein freigeistig beeinflußt. Nach dem Vorbild H. W. von Gerstenbergs schrieb er anakreontische Verse (Tändeleyen und Erzählungen, Jena 1763). Ohne das Studium abzuschließen, kehrte er ins Vaterhaus zurück, blieb dort, abgesehen von einem Jahr, das er als Sekretär in Kopenhagen im Kreis um Klopstock verbrachte, bis 1768 und nahm dann eine Stelle bei den hamburgischen „Adreß-Komptoir-Nachrichten“ an.

In Hamburg trat er Lessing und Basedow nahe, lernte Herder kennen und freundete sich mit dem Übersetzer und Verleger J. Bode an, auf dessen Wunsch er Anfang 1771 die Redaktion einer schlecht beleumundeten Dorfzeitung in Wandsbek übernahm. Er nannte sie „Der Wandsbecker Bothe“, ab 1773 „Der Deutsche, sonst Wandsbecker Bothe“. Das bescheidene Blättchen errang dank der Beiträge der besten Autoren aus den Kreisen der Stürmer und Dränger und des Göttinger Hainbundes, nicht minder aber durch die eigenen Arbeiten des Redakteurs bald eine besondere Stellung in der literarischen Welt. In Vers und Prosa wurde C. zum Anwalt der Natur, der Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit, des Glaubens und des Friedens. Die ewigen Fragen wie die des Tages behandelte er in einer volkstümlichen, humorvollen, oft absichtlich naiven Sprache, die seine persönlichste Ausdrucksform wurde. Ostern 1775 gab er eine Sammlung seiner Gedichte und Prosa „Asmus omnia sua secum portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Boten, I. und II. Theil“ im Selbstverlag in Hamburg heraus, ein nur scheinbar willkürliches Nebeneinander von Ernst und Scherz, Gedichten und Rezensionen, Traktaten und Epigrammen. Kurz nachher ging die Zeitung ein; durch Herders Vermittlung wurde C. in die vom Präsidenten Karl Friedr. von Moser gegründete Landkommission nach Darmstadt berufen, wo er die „Hessen-Darmstädtische privilegierte Land-Zeitung“ redigieren sollte. Aber weder der Beamtenstand noch die Luft behagten ihm; er erkrankte schwer, und im Frühling 1777 kehrte er mit der Familie nach Wandsbeck zurück. „Was in Wandsbeck anfangen?“, schrieb er an Herder. „Übersetzen, Asmus herausgeben, und - befiehl Du Deine Wege!“ In den folgenden Jahrzehnten erschienen weitere sechs Bändchen seines „Asmus“, anspruchlose Dokumente einer vollkommenen Identität von Mensch und Schriftsteller. C. wurde berühmt, sein Haus das Ziel vieler Besucher von nah und fern. Herz der zahlreichen Familie war seine Frau, deren Anmut und Liebenswürdigkeit jedermann bezauberte. Wenn die Not groß war, halfen wohlhabende Freunde; später verlieh ihm der dänische Kronprinz eine bescheidene Sinekure. C. übersetzte Bücher von J. Terrasson, A. M. Ramsay, Fénelon und St. Martin. Mit den Jahren prägte sich seine konservative und christliche Gesinnung stärker aus. Sie trug ihm Angriffe der „Xenien“ und der Rationalisten ein, alte Freunde fielen von ihm ab, aber Geister wie Hamann, F. H. Jacobi, Graf F. L. zu Stolberg, J. G. Schlosser und dessen Schwiegersohn G. H. L. Nicolovius verstanden ihn; den Weg zu ihm fanden auch Johannes von Müller, F. Schlegel, Ph. O. Runge, B. G. Niebuhr und andere Romantiker. - Die Kriegsereignisse von 1813 trieben C. und Rebekka in die Emigration. Sie konnten zwar im nächsten Jahr nach Wandsbek zurückkehren, aber die Gesundheit des Dichters war erschüttert. Im Haus seiner Tochter Caroline starb er - „der reinste Mensch, den ich … gekannt habe“ (Herder).

C. Schriften verbergen hinter dem ursprünglichen Volkston eine hohe und bewußte Kunst. Viele seiner Gedichte gehören zum ewigen Schatz deutscher Poesie, einige sind zu Volksliedern geworden. Aber sein eigentliches Anliegen war nicht das Kunstwerk; sondern als Dichter, Christ und Zeitkritiker an die wahre Bestimmung des Menschen zu erinnern und „durch Scherz und Ernst, durch gut und böse, schwach und stark und auf allerlei Weise an das Bessere und Unsichtbare zu erinnern … und mit gutem Beispiel voranzugehen“.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Becker, Lydia, Johannes Bückler, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johannes-bueckler-/DE-2086/lido/57c58a6c1b8fd3.60387402 (abgerufen am 14.10.2025)

-> Ronge, Julia, Ludwig van Beethoven, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ludwig-van-beethoven-/DE-2086/lido/57c578bad39561.36831967 (abgerufen am 19.10.2025)

-> Oellers, Norbert, "Schiller, Friedrich von" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 759-763 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607626.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 01.12.2025.

-> Vormweg, Christoph: Vor 250 Jahren geboren - Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, in: Deutschlandfunk, online verfügbar seit 27.08.2020 unter: https://www.deutschlandfunk.de/vor-250-jahren-geboren-der-philosoph-georg-wilhelm-100.html, zuletzt geprüft am 06.12.2025.

-> Heinz, Tina: Alexander von Humboldt, in: planetwissen.de, online verfügbar seit 02.12.2019 unter: https://www.planet-wissen.de/geschichte/persoenlichkeiten/alexander_von_humboldt/index.html, zuletzt geprüft am 06.12.2025. 

-> Hinske, Norbert, "Kant, Immanuel" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 110-125 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118559796.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 09.12.2025.

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-> Schröder, Julie: Caroline Lucretia Herschel, in: fembio.org, online verfügbar unter: https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/caroline-herschel/, zuletzt geprüft am 07.05.2026.

-> Haussherr, Hans, "Friedrich Wilhelm III." in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 560-563 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118535986.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 16.05.2026.

-> Roedl, Urban, "Claudius, Matthias" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 266-267 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118521098.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am ß

Sekundärliteratur

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Persönlichkeiten

Caspar David Friedrich

Inhaltsverzeichnis

1. Caspar David Friedrich. Ein neuer Blick auf die Welt.

1. Caspar David Friedrich. Ein neuer Blick auf die Welt.

Seine Landschaften sind nicht bloß Landschaften: Sie weisen über sich hinaus, tragen Bedeutung. Gemalt von Caspar David Friedrich, senden Wälder, Meere und Gebirge Botschaften, vermitteln Stimmungen und Gefühle. Und sie beschwören das Göttliche in der Natur. So schafft der Künstler eine nie zuvor gesehene, romantische Ästhetik, in der Äußeres und Inneres, Weltliches und Metaphysik verschmelzen

Eine seltsame Revolution. Sie braucht kaum Platz, keine Parolen, nicht ein einziges Wort. Ihr genügt ein sparsam beleuchteter Raum mit einem Tisch, verhängt mit einer schwarzen Decke. Darauf steht, altargleich, ein Ölgemälde. Eine ungekannte, eigentümliche Magie geht von dem Bild aus. „Es ergriff alle, die ins Zimmer traten, als beträten sie einen Tempel“, berichtet später eine Besucherin. „Die größten Schreihälse sprachen leise und ernsthaft wie in einer Kirche.“ Sorgfältig hat der Maler des Gemäldes seine Inszenierung geplant, die ihre Wirkung an diesen Weihnachtstagen im Jahr 1808 in Dresden nicht verfehlt. Dabei wollte er sein für eine Hauskapelle vorgesehenes Werk zunächst nur Freunden zeigen. Doch die drängten ihn schließlich zu dieser sonderbaren Ausstellung in seinem Atelier, in der nur ein einziges Bild zu sehen ist. Es heißt „Kreuz im Gebirge“ und stellt einen silhouettenhaften, von Tannen umwachsenen Felsgipfel dar. Auf diesem ein Kreuz, daran ein Heiland aus Metall, der im Licht unnatürlicher Strahlenbündel leuchtet. Eingefasst ist das Bild in einem eigens geschnitzten, vergoldeten Rahmen, mit gotischen Säulen, Engelsköpfen und dem allsehenden Auge Gottes.

Innerhalb weniger Tage wird das Gemälde zum beherrschenden Thema in den intellektuellen Zirkeln Dresdens. Schon bald spaltet es die Kunstwelt der Stadt, dann die des ganzen Landes. Der Auslöser dieser Kontroverse, ein menschenscheuer Blondschopf namens Caspar David Friedrich, bekommt davon zunächst nichts mit. Während Kunstinteressierte und Neugierige über Tage hinweg seine Arbeitsstätte an der Elbe aufsuchen, ist er verreist. Erst nach seiner Rückkehr erfährt er von den Reaktionen, die sein Bild ausgelöst hat: Lob, Begeisterung, Kritik. Der schärfste Verriss erscheint im Januar 1809 in der „Zeitung für die elegante Welt“. Verfasser ist Friedrich Wilhelm Basilius von Ramdohr, ein Anhänger des Klassizismus, ein Gralshüter der alten Schule, der die Nachahmung des klassischen Altertums als die wahre Kunst erachtet. Zentral- und Luftperspektive fehlen, moniert Ramdohr – wo steht der Maler des Bildes überhaupt? Weshalb wirkt der Berg wie aus der Ferne betrachtet, erscheinen Einzelheiten wie Tannenzweige oder Efeu aber ganz nah? Was für eine Art Licht ist es, bei dem nicht zwischen Sonnenunter- und Sonnenaufgang zu unterscheiden ist? Und warum ist keine Differenzierung zwischen Vorder-, Mittel- und Hintergrund zu erkennen?

Im Wesen geht es Ramdohr aber weniger um die Technik als um den Inhalt. Denn was im „Kreuz im Gebirge“ zu sehen ist, bricht mit dem herrschenden Kunstverständnis. Themen jener Zeit sind die Götter oder Regenten, auch Landschaften. Doch die werden jetzt mit religiöser Bedeutung aufgeladen. Ein klarer Bruch mit der Gattungshierarchie, die die Landschaftsmalerei auf eine untere Stufe stellt. Nun aber wolle diese plötzlich „in die Kirchen schleichen und auf Altäre kriechen“, empört sich Ramdohr, der vielleicht schon ahnt, was er nicht wahrhaben will: Die Zeit der christlichen Historienmalerei ist vorbei. Monatelang zieht sich der „Ramdohrstreit“. In Zeitschriften kämpfen Fürsprecher des Malers gegen dessen Kritiker, und auch der Künstler selbst mischt sich ein. Wäre er, schreibt Friedrich im „Journal des Luxus und der Moden“, „auf der einmal gebahnten Straße einhergegangen, wo jeder Esel seinen Sack trägt, wo Hund und Katze der Sicherheit wegen wandeln, weil die berühmten Künstler der Vorzeit als Muster und Vorbilder da aufgestellt worden, wahrlich der Kammerherr von Ramdohr hätte geschwiegen“.

NICHT ZULETZT dieser Streit wird den Ruf Caspar David Friedrichs als romantischer Maler begründen – und ihn schließlich bekannt machen, den Sohn eines Lichtziehers aus Greifswald, der 1774 als sechstes von zehn Kindern geboren wird. Eine Schwester stirbt an Fleckfieber, ein Bruder ertrinkt, als er einen anderen Bruder retten will, der auf einem gefrorenen See durchs Eis gebrochen ist. Der Gerettete ist: Caspar David.

Der ist schon mit sieben Jahren zur Halbwaise geworden. Seit dem Tod der Mutter kümmert sich eine Haushälterin um die kinderreiche Familie, die ein Haus mit Werkstatt direkt am Dom bewohnt. Die Stadt Greifswald, einst stolzes Mitglied der Hanse, hat ihre Bedeutung längst eingebüßt. Eine Stadt im Dämmerzustand, in der die Einwohner ihren Lebensunterhalt vorwiegend als Handwerker verdienen, Kleinhändler, Fischer.

Doch immerhin gibt es eine Universität, an der etwa 60 Studenten eingeschrieben sind. Zeichnen lehrt hier Johann Gottfried Quistorp, der interessierte Studenten und Schüler nebenbei privat unterrichtet – auch den 16-jährigen Caspar David, den er mit Gemälden internationaler Maler aus seiner Privatsammlung vertraut macht, mit Handzeichnungen und Landschaftsradierungen deutscher Künstler. Vor allem weckt Quistorp das Interesse seines Schülers für die Natur, schärft auf Ausflügen dessen Sinne für die Schönheit der Heimat. Durch ihn lernt der Junge die Ideen des mit Quistorp befreundeten Pastors und Dichters Gotthard Ludwig Kosegarten kennen. Der Pfarrer ist berühmt für seine Uferpredigten auf Rügen: Gottesdienste unter freiem Himmel, in denen sich Glaube und Natur vereinen.

Kosegartens Welt ist geprägt von seiner Begeisterung für Eichenhaine und Hünengräber; für Übergangsstimmungen wie etwa Sonnenauf- und Sonnenuntergänge; für die Legenden und das Altertum des Nordens. Und all das bestimmt schon bald auch Friedrichs Weltbild. Der junge Mann ist 20, als er ein Kunststudium in Kopenhagen beginnt. Die Akademie ist renommiert, liberal und kostenlos. Dänemarks bedeutendste Maler unterrichten hier, so der Landschafts- und Porträtmaler Jens Juel, ein Meister für Beleuchtungseffekte. Oder Nicolai Abildgaard, ein Historienmaler und ausgewiesener Perspektivtheoretiker, durch dessen Anregungen Friedrich vermutlich das später so exzellente Gespür für Proportionen und Blickwinkel entwickelt.

Vier Jahre verbringt der Deutsche an der Akademie, lernt Strichführung, Licht- und Schattensetzung, zeichnet Gipsabdrücke antiker Plastiken und studiert die Landschaftsbilder, die in den Gemäldesammlungen der Stadt zu sehen sind. 1798 verlässt Friedrich Kopenhagen und zieht nach Dresden. An der dortigen Akademie, die als Deutschlands beste gilt, setzt er seine Ausbildung fort. Kurse besucht er jedoch nur wenige, er schult sich weitgehend selbst. Er arbeitet viel an seiner Technik und Bildsprache, erschließt sich die Umgebung Dresdens durch Zeichnungen. Bäume, Felsen, Pflanzen. Nur Figuren wird er zeitlebens nicht beherrschen. Mitunter malt sie später ein befreundeter Kollege in seine Bilder, oder Friedrich kopiert sie immer wieder aus dem eigenen, im Laufe der Zeit entstandenen Figurenfundus. Caspar David ist Mitte 20, da scheint er unter der Schwermut, die ihn vermutlich seit seiner Kindheit begleitet, mehr zu leiden als je zuvor. Verstärkt vielleicht durch ein Gefühl der Erfolglosigkeit: Weder hat er eine Familie noch berufliches Renommee. Nach wie vor sieht er sich eher als Schüler, denn als gestandener Künstler. Aber wovon soll er leben?

NOCH WENIGE JAHRE ZUVOR haben Maler ihr Honorar vorwiegend mit Auftragsarbeiten verdient. Gemälde für den Klerus, den Adel. Wer das Geld gab, der bestimmte den Inhalt des Bildes, nicht selten auch das Format, die Größe, das Material. Doch mit dem Aufstieg des Bürgertums ist der Einfluss von Kirche und Adel geschwunden, und Männer wie Friedrich sehen sich nicht mehr als abhängige Handwerker, sondern als autonom Schaffende, die sich ihre Motive und Themen selbst suchen – und erst dann den Käufer. Ein neuer Beruf ist entstanden, der des freien Künstlers.

Aber so unerträglich erscheint Friedrich sein Leben, dass er ihm in seinen ersten Dresdner Jahren vermutlich ein Ende setzen will. Ein wuchtiger Bart verdeckt angeblich die Wunde, die ein missglückter Messerstich am Hals hinterlässt. Einen weiteren Selbstmordversuch unternimmt er offenbar nicht: Freunden, die ihn beim ersten Mal gerettet haben, hat er darauf sein Wort gegeben, berichtet ein anonymer Zeitgenosse. Bis heute stellt sich die Frage, ob Schwermut der Grund für Friedrichs oft düster erscheinende Motive ist. Aber könnte die melancholisch wirkende Ernsthaftigkeit des Künstlers, wie später ein Biograf meint, nicht auch Ausdruck eines konsequent gelebten Protestantismus sein, der das Leben als Bürde betrachtet? Eine eindeutige Antwort findet niemand. Geld verdient Friedrich zunächst mit Zeichenunterricht und dem Kolorieren von Stichen. Ab 1800 beginnt er, Landschaften in Sepia-Tusche zu entwerfen. Einfarbig braune Bilder sind es, deren Motive fast nur durch die Abstufung verschiedener Helligkeitsgrade entstehen.

Seine Bilder sind realistisch. Doch sie zeigen nicht die Wirklichkeit

Über Jahre hinweg verfeinert Caspar David diese Technik, die er schließlich meisterhaft beherrscht. Mehrfach reist er in diesen Jahren zurück in die Heimat und nach Rügen. Seine Sepia-Bilder etwa von der dortigen Steilküste werden auf Dresdner Kunstausstellungen gezeigt und in den Journalen und Zeitungen freundlich besprochen; sie verkaufen sich gut. Friedrichs Bekanntenkreis in Dresden wächst. Er lernt den Schriftsteller Ludwig Tieck kennen, der in seinen Büchern die Natur ebenso romantisiert, wie Friedrich in Bildern. Trifft den Maler Philipp Otto Runge. Beide haben das gleiche Ziel: Ihre Bilder sollen Ausdruck eines religiösen Gefühls sein – ohne Bindung an die traditionellen, von den christlichen Kirchen vorgegebenen Bildinhalte. Doch während sich Friedrich von realen Landschaften – Bergen, Seen, Bäumen – inspirieren lässt, konstruiert Runge mitunter eine kosmische Natur, eher von Engeln bewohnt als von Menschen. Zu einer tieferen Freundschaft reicht es zwischen den beiden Männern aber nicht, denn Friedrich sucht die Nähe zur Natur, nicht die zu den Menschen. Er wandert nur für sich durch den Harz und die kaum erschlossenen Gebiete des Riesengebirges. Allein mit Gott wird jeder Gang in die Natur für den gläubigen Protestanten zu einem religiösen Erlebnis.

„Einmal wohnte ich eine ganze Woche im Uttewalder Grund zwischen Felsen und Tannen“, schreibt er einem russischen Dichter in einem Brief, „und in dieser Zeit begegnete ich keinem einzigen lebenden Menschen; es ist wahr, die Methode rate ich niemandem, auch für mich war es schon zu viel.“ Diese Versenkung sucht er auch bei der Arbeit im Atelier: einem fast kahlen Raum, in dem nur Staffelei, Tisch und Stuhl stehen, an der Wand zwei Paletten, Reißschiene, Lineal und Dreieck, eines der zwei Fenster mit Brettern verschlossen. Selbst Ölflaschen und Farblappen verbannt er gelegentlich in eine Kammer nebenan. Nichts soll die innere Bildwelt stören. Bei der Arbeit trägt der Maler meist einen langen, grauen Reisemantel, „der es zweifelhaft ließ, ob er sonst noch etwas darunter habe“, wie sich ein Besucher erinnert. „Und wer ihn kannte, wusste, dass dies nicht der Fall war.“

Friedrich beschwört beides: Todesgewissheit und Hoffnung auf Erlösung

Malen ist für Friedrich ein meditativer Akt, der Bilder nach dem immer gleichen Prinzip entstehen lässt: „Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf andere von außen nach innen.“ So geht er sein gesamtes künstlerisches Leben lang vor: Stets sind seine Motive zwar realistisch – geben aber zumeist keine Realität wieder. Es sind Kunstlandschaften, aus Skizzen, aus Einzelteilen zusammengesetzt. Orte, die er selbst nie gesehen hat, malt er nach Vorlagen anderer Künstler. 1807 vollendet Caspar David sein erstes Ölbild. Noch im selben Jahr erhält er den Auftrag für das „Kreuz im Gebirge“.

DER DURCHBRUCH gelingt Friedrich 1810 unter anderem mit der Ausstellung eines großformatigen Gemäldes, auf dem ein Mönch zu sehen ist, der einsam am Ufer steht und über einen schmalen Streifen schäumenden, leeren Meeres auf einen tief angelegten Horizont blickt. Düster, beklemmend, einschüchternd spannt sich darüber der Himmel.

Den unbedeutenden Menschen im Kontrast zu den Urgewalten, sein Zwiegespräch mit der übermächtigen Natur: Das will Friedrich mit dem „Mönch am Meer“ ausdrücken. Dafür missachtet er radikaler als je zuvor die Regeln der bisherigen Landschaftsmalerei. Hier wird keine Geschichte erzählt, und auch der Bildaufbau aus hellem Vorder- und dunklem Hintergrund ist nach herrschendem Kunstverständnis ungewöhnlich. Überhaupt lässt sich die Tiefe des Raums nicht erschließen; erzeugt durch vielfache Lasuren, entsteht ein bisher unbekanntes Raumgefühl: das Erlebnis der Unendlichkeit. Eine Stimmungslandschaft ist der „Mönch am Meer“, von Friedrich in einem etwa zwei Jahre währenden Prozess geschaffen. Schnelles Malen verachtet er, „mit dem Pinsel wackeln“ nennt er das. Er braucht allein für die Wiedergabe einer einzelnen Tanne oft mehr als drei Stunden. Ruinen, Mondscheinstimmung, Hünengräber: Auf Landschaften übertragene Todesgewissheit sowie die Hoffnung auf Erlösung bleiben sein Thema. Eine melancholische Stimmung zieht sich durch fast alle Bilder: eine Stimmung, die sich nicht an den Kopf des Betrachters richtet, sondern an dessen Gefühl.

DER „MÖNCH AM MEER“ ist eines der Bilder, die der preußische König Friedrich Wilhelm III. 1810 von Friedrich erwirbt. Nun gehört der Künstler endgültig zu den großen deutschen Malern seiner Zeit.

Und mag es ihn auch immer wieder in die Natur ziehen – weltfremd ist er nicht. Vielmehr ein politischer Mensch, der auf die Besetzung seiner Heimat 1806 durch Napoleons Truppen mit ausgeprägtem Franzosenhass reagiert. In den Befreiungskriegen ab 1813 unterstützt er mit Geld jüngere Freunde, die in den neuen Freiwilligenkorps dienen. Auch an der Staffelei leistet er seinen Beitrag für das Vaterland, etwa mit dem „Chasseur im Walde“ von 1814: Das Bild zeigt einen einsamen französischen Soldaten, der in einer Winterlandschaft seinem wohl tödlichen Schicksal entgegengeht – einem deutschen Tannenwald, der ihn zu schlucken droht. Die politische Lage wird zum Thema vieler seiner Werke, er malt Mahn- und Gedenkbilder wie „Grabmale alter Helden“ oder „Das Grab des Arminius“, das an den germanischen Fürsten erinnert, der einst die römischen Besatzer schlug.

Seinem Wunsch nach Freiheit bleibt er auch dann noch treu, als sich die deutschen Herrscher 1819 anschicken, mit den Karlsbader Beschlüssen Zensur, Spitzeltum und Repressalien zu verbreiten. So tragen die „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ eine schwarze, altdeutsche Tracht. Die aber ist die Kleidung von Patrioten und Demokraten und ab Ende 1819 als Symbol der „Demagogen“ verboten. Solche Bekenntnisse haben finanzielle Folgen. Friedrich verliert den preußischen Hof als Kunden. Seine Äußerungen sind auch der Grund dafür, dass seine Bewerbung auf eine ordentliche Professur an der Dresdner Akademie scheitert. Der sächsische König gewährt ihm nur eine außerordentliche Professur, unterrichten darf er nicht.

Könige und Bürger kaufen seine Bilder – bis sich der Zeitgeist wandelt

1818 heiratet der 43-Jährige die fast 20 Jahre jüngere Caroline Bommer. Und seine düstere Stimmung hellt sich auf. „Es ist doch ein schnurrig Ding, wenn man eine Frau hat“, schreibt er Verwandten in Vorpommern. Die Hochzeitsreise führt unter anderem nach Rügen. Danach entstehen auch freundliche, lichte Arbeiten wie die „Kreidefelsen auf Rügen“ oder „Auf dem Segler“ – eine Allegorie auf die Ehe; ein sich an den Händen fassendes Paar auf dem Weg zu neuen Ufern. Schon zeichnet sich im Hintergrund zart ein Ziel ab, eine Stadt. Der „Mystiker mit dem Pinsel“, so der schwedische Dichter Per Daniel Amadeus Atterbom nach einem Atelierbesuch, hat jetzt ein gutes Auskommen. Seine Bilder – insgesamt sind mehr als 150 Gemälde und etwa 1000 Zeichnungen, Aquarelle und Radierungen bekannt; 500 Werke gelten als verschollen – schickt er zu Ausstellungen nach Hamburg, Königsberg und Prag; vor allem im gebildeten Bürgertum findet er ausreichend Kundschaft. Selbst der Großfürst Nikolaus von Russland, der spätere Zar Nikolaus I., besucht Friedrichs Atelier und lässt noch Jahre später zahlreiche Werke kaufen.

Doch nach 1820 wendet sich das Publikum langsam von ihm ab; Friedrichs Arbeiten werden wieder zunehmend düster und kryptisch. Vermutlich auch eine Reaktion auf den Tod seines Freundes Gerhard von Kügelgen, der Opfer eines Raubmordes wird. Es entstehen Werke wie das „Eismeer“, auf dem ein Schiff, das Symbol der Hoffnung, eingeklemmt zwischen Eisbergen liegt. Ein Sinnbild für die allgemeine Erstarrung in Deutschland? Oder ist es die Erinnerung an den Bruder, der bei dem Versuch, ihn zu retten, einst im eisigen Wasser ertrank? Der Versuch, ein Trauma zu bewältigen, Malen als Therapie? Die Kritik an seinen Arbeiten nimmt zu. Der Zeitgeist hat sich gewandelt, eine neue Kunstsprache ist gefragt. Aber die Landschaft als Idylle zu inszenieren wie die meist jungen Künstler des neuen Biedermeier-Stils oder sachlich wie im bald aufkommenden Realismus – das ist nicht Friedrichs Sache. Verbittert zieht er sich zurück, arbeitet aber beharrlich weiter, auch wenn er weniger Werke verkauft. Dennoch experimentiert er mit neuen Techniken. Er verwendet dafür lichtdurchlässige Farben, die er beidseitig auf das Papier aufträgt. Stellt er anschließend eine Lampe auf die eine Seite, zeigt sich beispielsweise eine sonnige Landschaft; kommt das Licht von der anderen Seite, erscheint die gleiche Landschaft bei Nacht.

1835 erleidet er einen Schlaganfall und ist fortan an Beinen und Armen gelähmt. Er wird nun von Freunden finanziell unterstützt. Schon zuvor hat sich sein Wesen verändert, fast despotische Züge angenommen. Friedrich verdächtigt seine Frau der Untreue, und auch „Anfälle von roher Härte gegen die Seinen blieben nicht aus“, wie ein Freund später schreibt. Fünf Jahre darauf, am 7. Mai 1840, stirbt Caspar David Friedrich. Und schon bald nach seinem Tod gerät der Maler in Vergessenheit.

BERLIN, 1906. In der Nationalgalerie wird eine „Jahrhundertausstellung deutscher Kunst“ eröffnet. Zahllose zwischen 1775 und 1875 entstandene Arbeiten sind zu sehen, darunter auch mehr als 50 Werke eines gewissen Caspar David Friedrich, die dem neuen Lebensgefühl vor allem junger Menschen entsprechen, die sich in der durch Industrie und Gewinnstreben geprägten Zeit wieder der Natur zuwenden und das einfache Leben romantisierend verklären. Caspar David Friedrich, ein romantischer Patriot. So beginnt die Wiederentdeckung eines der bedeutendsten deutschen Maler, und noch heute, mehr als 150 Jahre nach seinem Tod, begeistern sich Betrachter für seine Gemälde. Vielleicht ist es die von ihnen ausgehende Ruhe in einer zunehmend hektischeren, vielleicht die Erhabenheit der ikonenhaften Landschaft in einer zunehmend technisierten Welt. In einem Manuskript hatte der Maler einst folgenden Satz notiert: „Ich spinne mich in meine Puppe und überlasse es der Zeit, was aus dem Gespinst herauskommen wird, ob ein bunter Schmetterling oder eine Made.“

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Wolff, Markus: Caspar David Friederich. Ein neuer Blick auf die Welt, in: Die Deutsche Romantik (GEO Epoche Jg. 2014, Heft Nr. 37), Hamburg 2014. 

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Persönlichkeiten

Johannes Brahms

Inhaltsverzeichnis

  1. Johannes Brahms versenkt Briefe im Rhein
  2. Johannes Brahms und das Rheinland

1. Johannes Brahms versenkt Briefe im Rhein

„ACH, LIEBER JOHANNES, HÄTTEST DU ES DOCH NICHT SO WEIT KOMMEN LASSEN.“

Im Jahr 1888 versenkt Johannes Brahms mehrere Päckchen mit Briefen an Clara Schumann im Rhein. Vorausgegangen war - 30 Jahre früher - eine unglückliche Liebesgeschichte zwischen den beiden.

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Im Herbst 1854 – er ist gerade auf großer Wanderung den Rhein entlang – macht Johannes Brahms Station bei den Schumanns in Düsseldorf: ein Jüngling aus Hamburg, kaum 20 Jahre alt, langes blondes Haar, die Stimme noch hoch. Der Hausherr verfasst einen hymnischen Aufsatz über den jungen Komponisten. Schumann spielt Schach mit Brahms und der – aus bescheidenen Verhältnissen stammend – beginnt bald, wie sein Vorbild großbürgerlich zu rauchen. Er kauft sich eine Pfeife und weiht sie gemeinsam mit seinem Freund, dem Geiger Joseph Joachim, ein. Der ist ebenfalls mit den Schumanns gut bekannt. „Uns beiden wurde sehr schlimm“, berichtet Brahms der hochverehrten Frau. Clara, die den Jüngling nur „dem Robert seinen Johannes“ nennt, ist traurig, als der junge Komponist bald weiterzieht: „Robert liebt ihn. Er findet seine große Freude an ihm, den Menschen und Künstler.“

Es ist wirklich rührend, wenn man diesen Menschen am Klavier sieht mit seinem interessanten, jugendlichen Gesichte, das sich beim Spielen ganz verklärt.
Clara Schumann über den jungen Brahms

DIE KATASTROPHE

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Bildquelle: Ernst Burger: "Robert Schumann. Eine Lebenschronik in Bildern und Dokumenten", Mainz 1998

Schumann hat an einem Wintertag unbemerkt das Haus verlassen. Kaum bekleidet im geblümten Morgenmantel und barfuß in Stiefeln geht er zum Rhein. Schumann wirft den Ehering in den Fluss. Dann springt er in die Tiefe. Es ist Karneval in Düsseldorf, die Straßen sind voller Narren. Fischer ziehen ihn aus dem Rhein. Auf eigenen Wunsch geht Schumann in eine Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich. Clara ist schwanger.Nur kurze Zeit nach der Katastrophe mietet Brahms ein kleines Zimmer in Düsseldorf. Bald zieht er in das Haus der Schumanns ein, führt an Roberts Stelle das Haushaltsbuch – und verliebt sich. Clara bringt ihr siebtes Kind auf die Welt: Felix. Kurz darauf geht sie wieder auf Konzertreisen, um für ihre Familie zu sorgen. Brahms bleibt. Er kümmert sich um die Kinder.

"DEINE BRIEFE SIND MIR WIE KÜSSE"

Brahms besucht Schumann, der zwischen Umnachtung und lichten Momenten dämmert. Die Ärzte erlauben Clara nicht, ihren Mann zu besuchen. Er verlangt nicht, sie zu sehen. Als Clara auf Konzertreisen geht, sehnt Brahms Sie zurück: „Könnten Sie mir nicht jeden Tag einen guten Morgen telegraphieren lassen?“ Brahms scherzt: „Sie müssen mir den Kopf zurechtrücken. Er ist ganz aus dem Leim gegangen.“ Brahms schreibt der „verehrten Frau“, der „teuersten, der innigst geliebten Freundin“ zunehmend vertraulich. Und nachdem die „viel zu schöne, hohe Frau“ endlich das „Du“ erlaubt, schreibt er bald: „Deine Briefe sind mir wie Küsse.“

DAS ENDE?

Sommer 1856: Schumann ist tot, Clara trauert. Ernüchterung macht sich breit. Die Liebe scheint dem heimlichen Paar abhanden zu kommen. Clara löst den Haushalt auf, bringt ihre Kinder in verschiedenen Städten unter und geht auf Konzertreisen. Brahms zieht nach Detmold und verbringt die Sommer mit Musikerfreunden in Göttingen. Er verliebt sich in die Tochter eines Medizin-Professors, der in seiner Freizeit in einem Laienorchester die Pauke schlägt. Agathe von Siebold heißt sie, ist hübsch, musikalisch und mit schöner Stimme begabt. Brahms widmet ihr bald Liebeslieder, verlobt sich und trägt einen Ring. „Ich liebe dich. Ich muss dich wiedersehen. Aber Fesseln tragen kann ich nicht“, schreibt er an die Liebste. „Schreibe mir, ob ich wiederkommen soll, dich in meine Arme zu schließen, dich zu küssen, dir zu sagen, dass ich dich liebe.“ Agathe gibt Brahms einen Korb. Clara, die eifersüchtig das verliebte Paar in Göttingen beobachtet, schreibt: „Ach, lieber Johannes, hättest du es doch nicht so weit kommen lassen.“

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Bildquelle: Christiane Jacobsen (Hrsg.): "Johannes Brahms: Leben und Werk", Hamburg 1983

An einem Sommertag, einige Jahre später, taucht Brahms wieder auf. Er bezieht Quartier in Baden-Baden, unweit von Claras Haus, in dem sie sich jeden Sommer mit ihrer Familie trifft. „Wir Kinder hatten Brahms alle sehr gern, aber wir behandelten ihn wie einen, der eben da ist“, erinnert sich Tochter Eugenie an Brahms, den griesgrämigen: eine mürrische Gestalt im abgetragenen Janker. Clara und Johannes musizieren, gehen spazieren, essen gemeinsam Abendbrot. Aber sie finden nicht mehr zusammen. 1888 fordert Clara alle Briefe von Brahms zurück – sie tauschen. Brahms reist an den Rhein und wirft bei einer Dampferfahrt unweit Deidesheim mehrere Päckchen in die Fluten. Als Clara sich daran macht, die übrig gebliebenen zu verbrennen, bringen ihre Töchter sie davon ab. Es bleiben bloß Freundschaftsbriefe aus jenen Jahren, als die Liebe längst verschwunden schien.

2. Johannes Brahms und das Rheinland

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Johannes Brahms in Wien im Jahr 1874. (Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Inv. Nr. ABH 1.7.1.24)

Im Le­ben von Jo­han­nes Brahms hat das Rhein­land ei­ne prä­gen­de Rol­le ge­spielt, auch wenn die Re­gi­on von der Dau­er der Auf­ent­hal­te her in sei­ner Bio­gra­phie nicht be­son­ders her­vor­sticht. Ge­bo­ren wur­de der Kom­po­nist am 7.5.1833 in Ham­burg, wo er sei­ne ers­ten 20 Jah­re ver­brach­te; wäh­rend der letz­ten 35 Jah­res sei­nes Le­bens war sein of­fi­zi­el­ler Wohn­ort die Stadt Wien. An­stel­lun­gen, Tour­ne­en und pri­va­te Rei­sen führ­ten ihn au­ßer­dem in zahl­rei­che an­de­re deut­sche Städ­te und ins Aus­land; ins­be­son­de­re Ita­li­en be­such­te er vie­le Ma­le. In Re­la­ti­on da­zu neh­men sich die zwei Jah­re zwi­schen 1854 und 1856, in de­nen er in Düs­sel­dorf wohn­te, und die Be­su­che und Kon­zer­te in ver­schie­de­nen rhei­ni­schen Städ­ten wie Köln, Bonn, Aa­chen und Ko­blenz nur kurz aus. Be­deut­sam für Brahms war je­doch, dass im Rhein­land zahl­rei­che Be­geg­nun­gen mit Men­schen statt­fan­den, die ihn und sein Werk nach­hal­tig präg­ten. So war das Rhein­land der Ort, an dem sich der Kom­po­nist im Al­ter von 20 Jah­ren erst­mals nä­her mit der ro­man­ti­schen Mu­sik von Ro­bert Schu­mann be­schäf­tig­te und we­nig spä­ter die­sen und sei­ne Frau Cla­ra per­sön­lich ken­nen­lern­te. Ein von Ro­bert Schu­mann ver­öf­fent­lich­ter Ar­ti­kel über den jun­gen Brahms nahm Ein­fluss auf die Wahr­neh­mung von des­sen Wer­ken in der Öf­fent­lich­keit, und aus der Be­geg­nung mit Cla­ra Schu­mann (1819−1896) ent­stand ei­ne le­bens­lan­ge, en­ge Freund­schaft.

Jo­han­nes Brahms wuchs in nicht ge­ra­de wohl­ha­ben­den Ver­hält­nis­sen, aber ei­nem mu­si­ka­li­schen Um­feld auf. Sein Va­ter, der ur­sprüng­lich Mi­li­tär- und Tanz­mu­si­ker ge­we­sen war, hat­te es bis zum Kon­tra­bas­sis­ten der Phil­har­mo­ni­schen Ge­sell­schaft ge­bracht und un­ter­stütz­te die mu­si­ka­li­schen Am­bi­tio­nen sei­nes Soh­nes nach Kräf­ten. Die­ser galt schon früh als Wun­der­kind, gab mit zehn Jah­ren sein ers­tes Kon­zert und be­kam ab 1843 Kom­po­si­ti­ons- und Kla­vier­un­ter­richt bei dem da­mals be­kann­ten Kom­po­nis­ten und Mu­sik­leh­rer Edu­ard Marx­sen (1806–1887). Be­reits im März 1850 fand ei­ne ers­te, je­doch nur kur­ze Be­geg­nung mit Ro­bert Schu­mann statt, der ge­mein­sam mit sei­ner Frau zur Auf­füh­rung ei­ni­ger sei­ner Wer­ke nach Ham­burg ge­reist war. Nach­dem Brahms die phil­har­mo­ni­schen Kon­zer­te be­sucht und bei die­ser Ge­le­gen­heit die „Ge­no­ve­va-Ou­ver­tü­re“ und das Kla­vier­kon­zert op. 54 ge­hört hat­te, wur­de er wäh­rend ei­ner Abend­ver­an­stal­tung Schu­mann kurz vor­ge­stellt. Ein Be­richt, der auf die Schil­de­rung des Vio­li­nis­ten Wil­helm Jo­seph von Wa­sie­lew­ski (1822−1896), ei­nem Freund und Schü­ler Schu­manns, zu­rück­geht und ge­mäß dem Brahms Schu­mann ei­ni­ge sei­ner Ma­nu­skrip­te über­reich­te, die­ser je­doch kei­ne Zeit fand, sie zu prü­fen, wird aus heu­ti­ger Sicht als Aus­schmü­ckung ge­wer­tet: Der ge­ra­de ein­mal 17 Jah­re al­te und recht schüch­ter­ne Brahms dürf­te zu ei­ner Soi­ree kaum ei­ne Ma­nu­skript­map­pe mit­ge­bracht ha­ben, um die­se dem be­rühm­ten Kom­po­nis­ten zu über­rei­chen.[1] 

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Fotographie nach einer Lithographie von Eduard Marxsen. (Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Inv. Nr. ABH 1.7.4.146)

Drei Jah­re spä­ter lern­te Brahms den aus Un­garn stam­men­den Vio­li­nis­ten Jo­seph Joa­chim (1831−1907) ken­nen, wor­aus ei­ne über vie­le Jahr­zehn­te be­ste­hen­de Freund­schaft ent­stand. Joa­chim war mit den Schu­manns be­freun­det und emp­fahl Brahms, sich bei Ro­bert Schu­mann vor­zu­stel­len, der zu die­ser Zeit Mu­sik­di­rek­tor in Düs­sel­dorf war. So brach Brahms im Som­mer 1853 zu ei­ner Rei­se ins Rhein­land auf, die er grö­ß­ten­teils zu Fuß zu­rück­leg­te. Er wan­der­te das Rhein­tal ent­lang und be­sich­tig­te zahl­rei­che Städ­te, Klös­ter und Bur­gen, be­vor er am 7.9.1853 in Bonn ein­traf. Dort war Brahms ei­ni­ge Wo­chen lang in der Vil­la des aus Köln ge­bür­ti­gen Ban­kiers Wil­helm Lud­wig Deich­mann und sei­ner Frau zu Gast. Bei­de wa­ren be­geis­ter­te Mu­sik­lieb­ha­ber und mit den Schu­manns be­kannt. Wäh­rend des Auf­ent­hal­tes hat­te Brahms erst­mals die Ge­le­gen­heit, sich mit den No­ten ei­ni­ger Wer­ke von Ro­bert Schu­mann ver­traut zu ma­chen, die sei­ne Gast­ge­ber be­sa­ßen.[2] 

Be­ein­druckt von den Kom­po­si­tio­nen, über die er bis da­hin nur we­ni­ge Kennt­nis­se ge­habt hat­te, mach­te sich Brahms auf den Weg nach Düs­sel­dorf, wo er am 30.9.1853 ein­traf. An­ders als bei der ers­ten kur­zen Be­geg­nung in Ham­burg hat­te Schu­mann Zeit für den von Jo­seph Joa­chim an­ge­kün­dig­ten Gast und for­der­te ihn freund­lich auf, ihm sei­ne Kom­po­si­tio­nen zu zei­gen. Brahms je­doch hat­te kei­ne No­ten mit­ge­bracht, son­dern setz­te sich ans Kla­vier und spiel­te ein ei­ge­nes Werk aus dem Ge­dächt­nis. Schon nach we­ni­gen Au­gen­bli­cken war Schu­mann so be­geis­tert, dass er ihn das ers­te Stück nicht ein­mal zu En­de spie­len ließ, son­dern un­ter­brach, um ei­lig sei­ne Frau her­bei­zu­ho­len. Die­se be­schrieb spä­ter die Wir­kung, die der jun­ge Kom­po­nist auf sie bei­de aus­ge­übt hat­te, an­schau­lich in ih­rem Ta­ge­buch: Die­ser Mo­nat brach­te uns ei­ne wun­der­ba­re Er­schei­nung in dem 20-jäh­ri­gen Brahms aus Ham­burg. Das ist wie­der ein­mal ei­ner, der kommt ei­gens, wie von Gott ge­sandt! Er spiel­te uns So­na­ten, Scher­zos von sich, al­les voll über­schwäng­li­cher Phan­ta­sie, In­nig­keit der Emp­fin­dung und meis­ter­haft in der Form. Ro­bert meint, er wü­ß­te ihm nichts zu sa­gen, das er hin­weg- oder hin­zu­tun soll­te. Es ist wirk­lich rüh­rend, wenn man die­sen Men­schen am Kla­vier sieht mit sei­nem in­ter­es­sant ju­gend­li­chen Ge­sich­te, das sich beim Spie­len ganz ver­klärt, sei­ne schö­ne Hand, die mit der grö­ß­ten Leich­tig­keit die grö­ß­ten Schwie­rig­kei­ten be­siegt (sei­ne Sa­chen sind sehr schwer), und da­zu die­se merk­wür­di­gen Kom­po­si­tio­nen. Er hat bei Mar­xen in Ham­burg stu­diert, doch das, was er uns ge­spielt, ist so meis­ter­haft, daß man mei­nen mü­ß­te, den hät­te der lie­be Gott gleich so fer­tig auf die Welt ge­setzt. Ei­ne schö­ne Zu­kunft steht Dem be­vor, denn wenn er erst für Or­ches­ter schrei­ben wird, dann wird er erst das rech­te Feld für sei­ne Phan­ta­sie ge­fun­den ha­ben![3] 

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Johannes Brahms (sitzend) mit Joseph Joachim, Klagenfurt 1867. (Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Inv. Nr. ABH 1.7.1.18)

Brahms blieb den gan­zen Ok­to­ber 1853 in Düs­sel­dorf, wo er je­den Tag im Hau­se der Schu­mann zu Gast war. Für sei­ne täg­li­chen Kla­vier­übun­gen ging er in das nicht weit von der Woh­nung der Schu­manns ent­fernt ge­le­ge­ne Ma­ga­zin des Kla­vier­fa­bri­kan­ten Klems[4] (auf der Ho­he Stra­ße 34, da­mals Haus­num­mer 962), bei dem Ro­bert Schu­mann kurz zu­vor ei­nen Klems-Flü­gel für sei­ne Frau als Ge­schenk zu ih­rem Ge­burts­tag am 13.9.1853 ge­kauft hat­te. Die Schu­manns stell­ten den jun­gen Mann in den kul­tur­in­ter­es­sier­ten Krei­sen Düs­sel­dorfs vor und ver­an­stal­te­ten abends Haus­mu­sik­kon­zer­te in ver­schie­de­nen Be­set­zun­gen, bei de­nen Brahms ei­ge­ne Wer­ke, aber auch Kom­po­si­tio­nen von Schu­mann spiel­te.[5] Wäh­rend sei­nes Auf­ent­hal­tes ent­stan­den ei­ni­ge Zeich­nun­gen des fran­zö­si­schen Ma­lers Jean-Jo­seph Bo­na­ven­ture Lau­rens (1801−1890), die den ju­gend­lich Brahms zei­gen.

1. Brahms und Robert Schumann

Der jun­ge Brahms be­ein­druck­te Ro­bert Schu­mann mit sei­ner Mu­sik zu­tiefst und be­rei­te­te ihm mit sei­ner An­we­sen­heit in dem sonst von schwie­ri­gen Um­stän­den über­schat­te­ten Le­ben ei­ne gro­ße Freu­de. 1853 Schu­mann hat­te schon seit län­ge­rem mit ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men zu kämp­fen. So litt er durch sei­ne Krank­heit, die er selbst als Ner­ven­schwä­che be­zeich­ne­te, un­ter Angst­zu­stän­den, Ner­vo­si­tät, akus­ti­schen Hal­lu­zi­na­tio­nen und ei­ner Be­ein­träch­ti­gung sei­nes Ge­hörs, was auch das Fa­mi­li­en­le­ben in er­heb­li­chem Ma­ße be­las­te­te. Au­ßer­dem be­stan­den Kon­flik­te zwi­schen Schu­mann und dem von ihm ge­lei­te­ten Ge­sang­ver­ein und Or­ches­ter, wel­che im letz­ten Jahr im­mer wei­ter es­ka­liert wa­ren und letzt­lich da­zu führ­ten, dass Schu­mann am 9.11.1853 sei­ne Stel­le in Düs­sel­dorf kün­dig­te.[6] Vor die­sem Hin­ter­grund ist es nicht ver­wun­der­lich, dass die Be­kannt­schaft mit Brahms ei­nen Licht­blick für die Schu­manns dar­stell­te.

Trotz des ge­mein­sa­men Mu­si­zie­rens und vie­ler Ge­sprä­che über Mu­sik kam es nicht da­zu, dass Brahms Kom­po­si­ti­ons­schü­ler von Ro­bert Schu­mann wur­de. Über die Zeit in Düs­sel­dorf schrieb er spä­ter, dass er von die­sem nichts ge­lernt ha­be als das Schach­spie­len.[7] Den­noch ist es si­cher­lich be­rech­tigt, von ei­nem in­ten­si­ven mu­si­ka­li­schen Aus­tausch und ei­ner ge­gen­sei­ti­gen Mo­ti­va­ti­on zwi­schen Schu­mann und Brahms zu spre­chen. So lie­gen ei­ni­ge de­tail­lier­te Stu­di­en vor, die an­hand be­stimm­ter Wer­ke ei­nen Ein­fluss Schu­manns auf das Mu­sik­ver­ständ­nis und die Wahl der Stil­mit­tel bei dem jun­gen Brahms in die­ser Zeit auf­zei­gen.[8] 

Auf die Rol­le, die Brahms im deut­schen Mu­sik­le­ben des 19. Jahr­hun­derts zu­ge­schrie­ben wur­de, nahm Schu­mann auch noch auf an­de­re Wei­se Ein­fluss, und zwar in Form sei­nes be­rühmt ge­wor­de­nen Ar­ti­kels „Neue Bah­nen“, den er vom 9.−13.10.1853 ver­fass­te. Er er­schien gut zwei Wo­chen spä­ter in der „Neu­en Zeit­schrift für Mu­si­k“, die Schu­mann mit­ge­grün­det und zehn Jah­re lang re­dak­tio­nell ge­lei­tet hat­te. Bei die­sem kei­ne zwei Sei­ten lan­gen Ar­ti­kel han­del­te es sich um ei­ne em­pha­ti­sche Lo­bes­hym­ne auf den jun­gen Kom­po­nis­ten, wie fol­gen­der Aus­schnitt ver­deut­licht: Ich dach­te, die Bah­nen die­ser Aus­er­wähl­ten mit der grö­ß­ten Theil­nah­me ver­fol­gend, es wür­de und müs­se nach sol­chem Vor­gang ein­mal plötz­lich Ei­ner er­schei­nen, der den höchs­ten Aus­druck der Zeit in idea­ler Wei­se aus­zu­spre­chen be­ru­fen wä­re, ei­ner, der uns die Meis­ter­schaft nicht in stu­fen­wei­ser Ent­fal­tung bräch­te, son­dern, wie Mi­ner­va, gleich voll­kom­men ge­pan­zert aus dem Haup­te des Kro­ni­on ent­sprän­ge. Und er ist ge­kom­men, ein jun­ges Blut, an des­sen Wie­ge Gra­zi­en und Hel­den Wa­che hiel­ten. Er hei­ßt Jo­han­nes Brahms, kam von Ham­burg, dort in dunk­ler Stil­le schaf­fend, aber von ei­nem treff­li­chen und be­geis­tert zu­tra­gen­den Leh­rer ge­bil­det in den schwie­rigs­ten Sat­zun­gen der Kunst, mir kurz vor­her von ei­nem ver­ehr­ten be­kann­ten Meis­ter emp­foh­len. Er trug, auch im Aeu­ße­ren, al­le An­zei­chen an sich, die uns an­kün­di­gen: das ist ein Be­ru­fe­ner.[9] 

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Johannes Brahms (links) mit Julius Stockhausen, Wien 1869. (Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Inv. Nr. ABH 1.7.1.20)

Der Ar­ti­kel mach­te Brahms qua­si über Nacht zum Ge­sprächs­the­ma in der kul­tur­in­ter­es­sier­ten Öf­fent­lich­keit und das, ob­wohl noch gar kei­ne sei­ner Kom­po­si­tio­nen be­kannt war. Sein frü­her Ruhm ging al­so nicht von sei­nen Wer­ken aus, son­dern von ei­ner Art Emp­feh­lungs­schrei­ben des zwar be­rühm­ten, aber kei­nes­wegs un­um­strit­te­nen Kom­po­nis­ten Schu­mann. Noch be­vor sei­ne Wer­ke über­haupt dis­ku­tiert wer­den konn­ten, wur­de Brahms auf die­se Wei­se in ei­ne ge­sell­schafts­po­li­tisch be­deut­sa­me Po­si­ti­on ge­bracht, wo­durch in der Öf­fent­lich­keit er­heb­li­che Er­war­tungs­hal­tun­gen an das so über­schwäng­lich ge­prie­se­ne ‚jun­ge Ge­nie‘ ge­weckt wur­den, de­nen ge­gen­über sich der Kom­po­nist erst ein­mal be­wei­sen muss­te. In der Li­te­ra­tur wird nicht sel­ten die Mei­nung ver­tre­ten, dass Schu­mann trotz sei­ner gu­ten Ab­sich­ten Brahms mit sei­nem em­pha­ti­schen Ar­ti­kel in ei­ne denk­bar miss­li­che La­ge brach­te.[10] Viel­leicht heg­te so­gar Schu­mann we­nig spä­ter selbst der­ar­ti­ge Be­fürch­tun­gen; zu­min­dest ent­fern­te er im Fe­bru­ar 1854 den Text aus sei­nen „Ge­sam­mel­ten Schrif­ten“, die ge­ra­de für den Druck vor­be­rei­tet wur­den.[11] 

Die Art und Wei­se, wie Brahms in die Öf­fent­lich­keit be­kannt wur­de, ist zu­gleich ein an­schau­li­ches Bei­spiel da­für, wie sich die Re­zep­ti­on mu­si­ka­li­scher Wer­ke in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ge­ne­rell ver­än­dert hat­te: An­ders als frü­her stan­den nun nicht mehr nur die Kom­po­si­tio­nen selbst mit ih­ren Qua­li­tä­ten und dem da­hin­ter­ste­hen­den hand­werk­li­chen Kön­nen im Fo­kus der Öf­fent­lich­keit. Viel­mehr ging es nun auch um die Fra­ge, ob sie als „fort­schritt­li­ch“ zu be­wer­ten sei­en und wo sie in der ak­tu­el­len Dis­kus­si­on um die Mu­sik stün­den, wo­mit Kom­po­si­tio­nen und Kunst­wer­ke ge­ne­rell ei­ne neu­ar­ti­ge ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Re­le­vanz be­ka­men. Durch For­mu­lie­run­gen wie bei­spiels­wei­se „Ge­ni­us“, „zau­be­ri­sche Krei­se“ und „Geis­ter­welt“ hat­te Schu­mann den jun­gen Brahms in sei­nem Ar­ti­kel zu ei­nem Ver­tre­ter ei­nes ro­man­ti­schen Sub­jek­ti­vis­mus und ei­ner ro­man­ti­schen In­ner­lich­keit sti­li­siert, der nach der Re­vo­lu­ti­on von 1848 kei­nes­wegs über­all in der Be­völ­ke­rung ge­schätzt wur­de. Die von Schu­mann als po­si­tiv ge­se­he­ne ro­man­ti­sche Tra­di­ti­on galt vie­len als schäd­li­cher Tra­di­tio­na­lis­mus und die Ver­wei­ge­rung des not­wen­di­gen Fort­schritts. Mit sei­nem Ar­ti­kel hat­te Schu­mann al­so in der Öf­fent­lich­keit ein Bild von Brahms ge­prägt, ge­mäß dem er an die Tra­di­ti­on der Ro­man­tik an­knüpf­te und da­mit zum An­ti­po­den ei­ner neu­en und mo­der­nen mu­si­ka­li­schen Ent­wick­lung ge­macht wur­de, die ins­be­son­de­re von Kom­po­nis­ten wie Ri­chard Wag­ner (1813−1883) und Franz Liszt (1811−1886) re­prä­sen­tiert wur­de und un­ter dem Be­griff „Neu­deut­sche Schu­le“ be­kannt war.[12] Auch Hec­tor Ber­li­oz (1803−1869), ob­wohl Fran­zo­se, und spä­ter An­ton Bruck­ner (1824−1896) wur­den die­sem La­ger zu­ge­rech­net. Brahms‘ Po­si­ti­on in die­sem Par­tei­en­streit des 19. Jahr­hun­derts zwi­schen „Kon­ser­va­ti­ven“ und „Neu­deut­schen“ fand ihr Äqui­va­lent so­gar in der zu­ge­spitzt for­mu­lier­ten Ge­gen­über­stel­lung der „Wag­ne­ria­ner“ und der „Brah­mi­nen“.[13] 

Die Di­men­si­on des öf­fent­lich mit gro­ßer Hef­tig­keit aus­ge­tra­ge­nen Strei­tes wird deut­lich, wenn man sich ver­ge­gen­wär­tigt, dass es da­bei im Grun­de um die Fra­ge ging, wel­che der bei­den Strö­mun­gen be­rech­tigt war, das le­gi­ti­me Er­be Beet­ho­vens, der als „der“ deut­sche Kom­po­nist schlecht­hin galt, an­zu­tre­ten. Brahms sah sich je­doch kei­nes­wegs als re­prä­sen­ta­ti­ven An­ti­po­den der Neu­deut­schen an. Für sich selbst ver­trat er den An­spruch, der Nach­welt „dau­er­haf­te Mu­si­k“ zu hin­ter­las­sen, al­so ei­ne Mu­sik zu schaf­fen, die sich auf „rei­ne Ge­set­ze“ kon­zen­trier­te und die auf­grund ih­rer Qua­li­tä­ten dem his­to­ri­schen Wan­del ent­zo­gen war.[14] Vor die­sem Hin­ter­grund über­rascht es we­nig, dass er für die vir­tuo­sen Kom­po­si­tio­nen von Franz Liszt in der Tat nur we­nig üb­rig hat­te und sie für sub­stanz­lo­se Ef­fekt­ha­sche­rei hielt. Den­noch be­wun­der­te er Liszts Fä­hig­kei­ten als Pia­nist.[15] Und auch wenn er kein gro­ßer Freund der Mu­sik Ri­chard Wag­ners war, gab es doch ei­ni­ge von des­sen Opern, die er durch­aus schätz­te. Die Un­ter­tei­lung des deut­schen Mu­sik­le­bens et­wa in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts in „Wag­ne­ria­ner“ und „Brah­mi­nen“ war al­so we­nig dif­fe­ren­ziert und Brahms die Rol­le des gro­ßen Ge­gen­spie­lers der Neu­deut­schen mehr oder we­ni­ger über­ge­stülpt wor­den.

Die­se enor­men Aus­wir­kun­gen für die Re­zep­ti­on von Brahms‘ Werk wa­ren je­doch kei­nes­wegs ab­seh­bar, als Schu­mann im Ok­to­ber 1853 über den jun­gen Gast sei­nen Ar­ti­kel schrieb. Schon we­ni­ge Mo­na­te spä­ter wur­de die in die­ser Zeit zwi­schen den bei­den Kom­po­nis­ten ent­stan­de­ne Freund­schaft auf ei­ne har­te Pro­be ge­stellt: Im Fe­bru­ar 1854 un­ter­nahm Schu­mann, der im­mer hef­ti­ger un­ter sei­nen ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men litt, ei­nen Selbst­mord­ver­such, in­dem er sich in ei­ner ei­si­gen Nacht in den Rhein stürzt. Er wur­de ge­ret­tet und in die Heil­an­stalt En­de­nich (heu­te Stadt Bonn) ge­bracht, wo er die zwei letz­ten Jah­re sei­nes Le­bens ver­brach­te.

Nach­dem ab­seh­bar war, dass Ro­bert Schu­mann nicht mehr als Di­ri­gent des Düs­sel­dor­fer Ge­sang­ver­eins und des Or­ches­ters tä­tig sein wür­de, wur­de von der Stadt­ver­wal­tung be­schlos­sen, ei­nen Mu­sik­di­rek­tor of­fi­zi­ell bei der Stadt an­zu­stel­len. Die Stel­le wur­de nun erst­mals öf­fent­lich aus­ge­schrie­ben, statt wie frü­her Städ­ti­sche Mu­sik­di­rek­to­ren und Di­ri­gen­ten der Mu­sik­ver­ei­ne über per­sön­li­che Ver­mitt­lun­gen aus­zu­wäh­len.

In ei­ner Zei­tung hat­te Schu­mann von der Aus­schrei­bung er­fah­ren und Brahms in ei­nem Brief dar­auf an­ge­spro­chen: In den Si­gna­len hab‘ ich ge­le­sen, daß die städ­ti­sche Ver­wal­tung in Düs­sel­dorf ein Kon­kur­renz­aus­schrei­ben nach ei­nem neu­en Mu­sik­di­rek­tor ge­stellt. Wer könn­te der sein? Sie nicht? Viel­leicht hät­te Ver­hulst[16] Lust, wenn der An­trag ihm ge­stellt wür­de. Das soll­te man tun.[17] Der in­di­rek­ten An­deu­tung, Brahms könn­te sich viel­leicht auf die Stel­le be­wer­ben, kam die­ser nicht nach. Rück­bli­ckend er­scheint es auch als un­wahr­schein­lich, dass der da­mals 20-jäh­ri­ge und noch un­be­kann­te Brahms die Stel­le be­kom­men hät­te.

Nach län­ge­ren stadt­in­ter­nen Que­re­len ent­schied man sich schlie­ß­lich für Ju­li­us Tausch (1827−1895), der be­reits in den Jah­ren zu­vor als ge­le­gent­li­cher Stell­ver­tre­ter Schu­manns den Ge­sang­ver­ein di­ri­giert hat­te und auch durch an­de­re mu­si­ka­li­sche Tä­tig­kei­ten in Düs­sel­dorf be­kannt war. Be­rühm­te­re und wo­mög­lich auch qua­li­fi­zier­te­re Be­wer­ber von au­ßer­halb konn­ten sich auf­grund des per­sön­li­chen Ein­sat­zes ver­schie­de­ner mu­si­ka­li­scher Ver­ei­ne in der Stadt nicht durch­set­zen.

Wäh­rend Cla­ra Schu­mann ih­ren Mann erst kurz vor sei­nem Tod am 29.7.1856 noch ein­mal sah, be­such­te Brahms ihn neun­mal in der Heil­an­stalt in En­de­nich.[18] Die Be­su­che bei dem zu­neh­mend um­nach­te­ten Freund emp­fand er als er­schüt­ternd. In ei­nem Brief an Jo­seph Joa­chim vom 25.4.1856 (al­so vier Mo­na­te vor Schu­manns Tod) schrieb er: Ich blieb ei­ni­ge Ta­ge in Bonn [...]. Her­nach sah ich Schu­mann. Wie hat­te er sich ver­än­dert. Er emp­fing mit freu­dig und herz­lich wie im­mer, aber es durch­schau­er­te mich – denn ich ver­stand kein Wort von ihm. Wir setz­ten uns, mir wur­de im­mer schmerz­li­cher, die Au­gen wa­ren mir feucht, er sprach im­mer­fort, aber ich ver­stand nichts. Ich blick­te wie­der auf sei­ne Lek­tü­re. Es war ein At­las und er eben be­schäf­tigt, Aus­zü­ge zu ma­chen, frei­lich kin­di­sche.[19] Zwei Ta­ge nach sei­nem Tod wur­de Schu­mann in An­we­sen­heit sei­ner Wit­we und sei­ner Freun­de Jo­han­nes Brahms, Jo­seph Joa­chim und Fer­di­nand Hil­ler (1811─1885) auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn be­er­digt.

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Das Wohnhaus von Johannes Brahms in Bonn, 1899 - Fotografie von Theodor Schafgans sen.. (Beethoven-Haus Bonn, B 841, https://www.beethoven.de/de/media/view/5826330964787200/Das+Wohnhaus+von+Johannes+Brahms+in+Bonn%2C+1899+-+Fotografie+von+Theo+Schafgans+sen.?fromArchive=4895188531019776)

2. Brahms und Clara Schumann

Als Brahms 1854 von Ro­bert Schu­manns Selbst­mord­ver­such er­fuhr, ließ er in Han­no­ver, wo er sich ge­ra­de auf­hielt, al­les ste­hen und lie­gen und reis­te nach Düs­sel­dorf, um Cla­ra Schu­mann und ih­ren sechs Kin­dern bei­zu­ste­hen. Hier wur­de er zum Boll­werk, das so­wohl Ro­bert als auch Cla­ra Schu­mann vor viel­leicht gut ge­mein­ten, aber an­ma­ßen­den Heim­su­chun­gen durch das Düs­sel­dor­fer Bür­ger­tum be­wahr­te. Brahms er­in­ner­te sich spä­ter: Als man Schu­mann nach En­de­nich ge­bracht hat­te, schick­ten die Düs­sel­dor­fer Pie­tis­ten ei­nen ‚stren­gen‘ Pre­di­ger, um ihn ins Ge­bet zu neh­men. Der Arzt aber er­klär­te, oh­ne aus­drück­li­che schrift­li­che Zu­sa­ge der Frau Schu­mann wer­de er ihn nicht zu dem Kran­ken las­sen, und die­se hat, nach mei­nem Da­zwi­schen­tre­ten, die Er­laub­nis nie ge­ge­ben.[20] 1887 ur­teil­te er rück­bli­ckend: Ich glau­be, sie wä­re ver­rückt ge­wor­den, wenn sie da­mals nicht mich klei­nen Mann ge­habt hät­te, der, un­ter all den Frau­en­zim­mern das ein­zi­ge männ­li­che In­di­vi­du­um, ihr den Un­sinn wie­der aus­re­de­te.[21]Brahms war zu die­ser Zeit fast mit­tel­los und nahm sei­ne Mahl­zei­ten im Haus der Schu­manns ein. Ein we­nig Geld ver­dien­te er sich mit Kla­vier­stun­den und be­kam au­ßer­dem für ei­ni­ge im Druck er­schie­ne­ne Wer­ke die ers­ten Ho­no­ra­re aus­ge­zahlt. Ur­sprüng­lich hat­te Brahms ein klei­nes Zim­mer be­wohnt, doch nach­dem Cla­ra Schu­mann für sich und ih­re Kin­der ei­ne Woh­nung auf der Post­stra­ße ge­mie­tet hat­te, zog Brahms dort in das Gäs­te­zim­mer ein. Bis heu­te er­in­nert an dem nach dem Zwei­ten Welt­krieg neu er­bau­ten Haus ei­ne Ge­denk­ta­fel an Brahms‘ Düs­sel­dor­fer Zeit.

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Porträtfoto von Clara Schumann. (Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main, S 36/F09848)

Cla­ra war nun ge­zwun­gen, re­gel­mä­ßig Kon­zer­te zu ge­ben und auf Tour­nee zu ge­hen, um Geld für die Fa­mi­lie und nicht zu­letzt für die teu­re me­di­zi­ni­sche Be­hand­lung ih­res Man­nes zu ver­die­nen. In die­ser schwe­ren Zeit wur­de Jo­han­nes Brahms zu ei­ner un­ent­behr­li­chen Stüt­ze für sie, da er sich in ih­rer Ab­we­sen­heit um die Kin­der, den Haus­halt und an­de­re Din­ge des All­tags küm­mer­te. An­ge­sichts die­ser Be­las­tung über­rascht es nicht, dass er in die­sen Jah­ren nur we­nig kom­po­nier­te, auch kaum in der Öf­fent­lich­keit prä­sent war und da­mit als Kom­po­nist kaum an Be­kannt­heit ge­wann. Ei­ni­ge Mo­na­te nach Ro­bert Schu­manns Selbst­mord­ver­such brach­te Cla­ra am 11.6.1854 ihr sieb­tes Kind, den Sohn Fe­lix zur Welt. Sein Pa­ten­on­kel wur­de Jo­han­nes Brahms, der spä­ter drei Ge­dich­te aus der Fe­der von Fe­lix ver­ton­te. Das be­kann­tes­te die­ser Wer­ke ist das Lied „Mei­ne Lie­be ist grün wie der Flie­der­bu­sch“ (ver­öf­fent­licht als op. 63, in „Jun­ge Lie­der I“). Zur Ge­burt ih­res letz­ten Kin­des schenk­te Brahms Cla­ra das Ma­nu­skript sei­ner An­fang Ju­ni 1854 ent­stan­de­nen Kom­po­si­ti­on „Va­ria­tio­nen über ein The­ma von Ro­bert Schu­man­n“ op. 9. Ein Ge­rücht, das sich lan­ge und hart­nä­ckig in der Öf­fent­lich­keit hielt, dass Brahms der Va­ter von Fe­lix ge­we­sen sei, gilt heu­te als wi­der­legt.[22] Fe­lix Schu­mann starb 1879 im Al­ter von nur 25 Jah­ren an Lun­gen­tu­ber­ku­lo­se.

Die Düs­sel­dor­fer Jah­re sind spä­ter bis­wei­len als Brahms‘ „Wer­t­her­zeit“[23] be­zeich­net wor­den, was sich auf die in der Li­te­ra­tur kol­por­tier­te un­er­füll­te Lie­be zu Cla­ra Schu­mann be­zieht – auch wenn die­se nicht wie in der li­te­ra­ri­schen Vor­la­ge „Die Lei­den des jun­gen Wer­t­her“ von Jo­hann Wolf­gang von Goe­the (1749–1832) im Selbst­mord des un­glück­lich Lie­ben­den en­de­te. Dass er ab 1854 im glei­chen Hau­se wie Cla­ra Schu­mann wohn­te und sich lie­be­voll ih­rer Kin­der an­nahm, führ­te auf je­den Fall schon da­mals zu Ge­rüch­ten in Düs­sel­dorf. Zahl­rei­che Brie­fe der bei­den zeu­gen von ei­ner le­bens­lan­gen in­ni­gen Zu­nei­gung und Ver­bun­den­heit. Die Un­ge­wiss­heit, ob dar­aus auch ei­ne heim­li­che Be­zie­hung ent­stand, hat zu zahl­lo­sen Spe­ku­la­tio­nen und ei­ner aus­ge­präg­ten Le­gen­den­bil­dung ge­führt. Nach Schu­manns Tod reis­ten sei­ne Wit­we und Brahms ge­mein­sam mit des­sen Schwes­ter Eli­se von En­de Au­gust bis An­fang Sep­tem­ber nach Süd­deutsch­land und in die Schweiz. Im Som­mer 1857 un­ter­nah­men sie noch ein­mal ei­ne ge­mein­sa­me Rhein­rei­se und ver­brach­ten dann noch ei­ni­ge Ta­ge in Düs­sel­dorf, be­vor Cla­ra Schu­mann nach Ber­lin ging und Brahms am Fürs­ten­hof in Det­mold sei­ne ers­te fes­te Stel­le an­trat. Im Lau­fe ih­res Le­bens tra­fen die bei­den je­doch im­mer wie­der bei Kon­zer­ten zu­sam­men, be­such­ten ein­an­der und un­ter­hiel­ten ei­nen re­gel­mä­ßi­gen Brief­wech­sel.

3. Reisen ins Rheinland

Bis zum En­de sei­nes Le­bens blieb Brahms dem Rhein­land ver­bun­den und war dort fast jähr­lich im­mer wie­der bei Freun­den zu Gast, gab Kon­zer­te oder be­such­te, wann im­mer es ihm mög­lich war, auch die Nie­der­rhei­ni­schen Mu­sik­fes­te, sei es als Mit­wir­ken­der oder als Zu­hö­rer. Die­se über die Gren­zen des Rhein­lan­des hin­aus be­kann­te Ver­an­stal­tung fand seit 1818 im­mer zu Pfings­ten tur­nus­mä­ßig in Düs­sel­dorf, Köln und Aa­chen (in der An­fangs­zeit statt in Aa­chen in El­ber­feld) statt und konn­te auf ei­ne lan­ge Lis­te von be­rühm­ten Gast­künst­lern zu­rück­bli­cken, die im Lau­fe der Jah­re dar­an mit­ge­wirkt hat­ten. Im Jahr 1855 lern­te Brahms bei dem Nie­der­rhei­ni­schen Mu­sik­fest die sei­ner­zeit welt­be­rühm­te So­pra­nis­tin Jen­ny Lind (1820–1887) ken­nen, die in Ro­bert Schu­manns Ora­to­ri­um „Das Pa­ra­dies und die Pe­ri“ zu hö­ren war, und au­ßer­dem den Mu­sik­feuille­to­nis­ten der in Wien er­schei­nen­den „Neu­en Frei­en Pres­se“, Edu­ard Hanslick (1825−1904), der spä­ter, als Brahms in Wien leb­te, ein gu­ter Freund wur­de.[24]Auch Franz Liszt war in die­sem Jahr un­ter den Gäs­ten. Dass Brahms dar­über hin­aus die Be­kannt­schaft ei­ner pro­mi­nen­ten Kla­vier­schü­le­rin von Cla­ra Schu­mann, der Prin­zes­sin Frie­de­ri­ke von Lip­pe-Det­mold (1825− 1897), mach­te, führ­te da­zu, dass er zwei Jah­re spä­ter als Kon­zert­pia­nist und Di­ri­gent des Hof­cho­res an den Det­mol­der Fürs­ten­hof be­ru­fen wur­de. Wäh­rend des Nie­der­rhei­ni­schen Mu­sik­fes­tes 1856, das in Düs­sel­dorf statt­fand, traf Brahms den Ba­ri­ton Ju­li­us Stock­hau­sen (1826−1906), mit dem er spä­ter zahl­rei­che Kon­zer­te gab und für den er Lie­der kom­po­nier­te, die die­ser zur Ur­auf­füh­rung brach­te.[25] Wenn Brahms das Rhein­land be­such­te, wa­ren ins­be­son­de­re Düs­sel­dorf und Bonn wich­ti­ge An­lauf­stel­len, da dies die Städ­te wa­ren, die bio­gra­phisch eng mit Ro­bert und Cla­ra Schu­mann ver­bun­den wa­ren. Als am 2.5.1880 die Ent­hül­lung das Grab­denk­mal von Adolf von Donn­dorf (1835−1916) für Ro­bert Schu­mann auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn statt­fand, reis­te Brahms dort­hin, um ein Kon­zert zu di­ri­gie­ren. Eben­falls 1880, am 20. Ja­nu­ar, fand in Kre­feld im Hau­se des mu­sik­be­geis­ter­ten Ban­kiers Ru­dolf von der Ley­en (1851−1910) ein Kon­zert mit Wer­ken von Brahms statt. Auch bei die­ser Ge­le­gen­heit er­wei­ter­te sich Brahms‘ Freun­des­kreis um Herrn von der Ley­en und ei­ni­ge sei­ner Ver­wand­ten, de­nen er zeit­le­bens ver­bun­den blieb.

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Eduard Hanslick im Jahr 1863. (Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Inv. Nr. ABH 1.7.4.89)

Im Jahr 1874 wur­den mit Brahms schrift­lich Ver­hand­lun­gen auf­ge­nom­men, die ihn bei­na­he an sei­nen frü­he­ren Wohn­ort Düs­sel­dorf zu­rück­ge­führt hät­ten: 1855 hat­te Ju­li­us Tausch nach dem Selbst­mord­ver­such Ro­bert Schu­manns den Pos­ten des Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors über­nom­men, doch war sein Ver­trag 1861 nicht wie­der ver­län­gert wor­den und die Stel­le in den fol­gen­den Jah­ren va­kant ge­blie­ben.[26] Nach­dem in frü­he­ren Zei­ten Be­rühmt­hei­ten wie Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dy (1809−1847), Fer­di­nand Hil­ler, Ro­bert Schu­mann und sei­ne Frau Cla­ra das städ­ti­sche Kul­tur­le­ben be­rei­chert hat­ten, war das Feh­len ei­nes Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors ei­ne un­be­frie­di­gen­de und we­nig pres­ti­ge­träch­tig Si­tua­ti­on. Da zwi­schen­zeit­lich kei­ne Lö­sung ge­fun­den wer­den konn­te, er­grif­fen 1874 die Düs­sel­dor­fer Po­li­ti­ker und Mu­sik­lieb­ha­ber Re­gie­rungs­rat Dr. Stein­metz, ein Freund von Cla­ra Schu­mann und Jo­seph Joa­chim, so­wie der Jus­ti­ti­ar Karl Bit­ter die In­itia­ti­ve. Mit Blick auf das Nie­der­rhei­ni­sche Mu­sik­fest 1875, das in Düs­sel­dorf statt­fin­den soll­te, reg­ten sie er­neut die An­stel­lung ei­nes Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors an. Oh­ne sich im vol­len Um­fang mit der Stadt­ver­wal­tung ab­zu­stim­men, nah­men sie mit Jo­han­nes Brahms Kon­takt auf, of­fe­rier­ten ihm die An­stel­lung bei der Stadt und mach­ten sich auf die Su­che nach Geld­quel­len, aus de­nen sein Ge­halt be­zahlt wer­den soll­te. An­ders als im Jahr 1854, als Brahms bes­ten­falls als viel­ver­spre­chen­des jun­ges Ta­lent hat­te gel­ten kön­nen, war er in­zwi­schen ein deutsch­land­weit an­er­kann­ter und be­rühm­ter Künst­ler, der den Wunsch nach ei­nem qua­li­fi­zier­ten und re­nom­mier­ten Mu­sik­di­rek­tor er­füllt hät­te. Mit dem Di­ri­gat von Chö­ren hat­te er viel Er­fah­rung und wur­de dar­über hin­aus als Kom­po­nist von Chor­mu­sik ge­schätzt. Zu sei­nen be­kann­tes­ten Chor­wer­ken ge­hör­ten „Ein Deut­sches Re­qui­e­m“, die „Alt­rhap­so­die“, die Chor­kan­ta­te „Ri­nal­do“ und die Lie­bes­lie­der­wal­zer op. 52 für Kla­vier vier­hän­dig und ge­misch­ten Chor. Um Gel­der für das gro­ßzü­gi­ge Ge­halt, das Brahms an­ge­bo­ten wer­den soll­te, be­reit­stel­len zu kön­nen, plan­te Jus­ti­ti­ar Bit­ter un­ter an­de­rem, in Düs­sel­dorf ei­ne Mu­sik­schu­le zu grün­den, die Brahms lei­ten soll­te. Als Städ­ti­scher Mu­sik­di­rek­tor hät­te es au­ßer­dem zu sei­nen Auf­ga­ben ge­hört, den Ge­sang­ver­ein zu lei­ten, dem je­doch auf Ba­sis ei­nes Pri­vat­ver­tra­ges zu die­ser Zeit nach wie vor Ju­li­us Tausch vor­stand. Die­sen ver­gleichs­wei­se un­be­kann­ten Mu­si­ker durch den kom­pe­ten­te­ren und be­rühm­te­ren Brahms zu er­set­zen, wä­re durch­aus im In­ter­es­se von Bit­ter und Stein­metz ge­we­sen.

Im De­zem­ber 1876 schien al­les in tro­cke­nen Tü­chern zu sein. Zu­nächst war Brahms über das An­ge­bot sehr er­freut ge­we­sen und hat­te auch ge­plant, die Be­ru­fung nach Düs­sel­dorf an­zu­neh­men.[27] Letzt­lich wa­ren es je­doch zwei Din­ge, die zu sei­ner Ent­schei­dung führ­ten, nicht nach Düs­sel­dorf zu ge­hen: Zum ei­nen woll­te er nicht die Lei­tung der ge­plan­ten Mu­sik­schu­le mit den gan­zen da­mit ver­bun­de­nen ad­mi­nis­tra­ti­ven Auf­ga­ben über­neh­men und zwei­tens war er nicht ge­willt, Ju­li­us Tausch aus dem Amt zu drän­gen. In Düs­sel­dorf war be­kannt, dass Tausch bei vie­len mit­wir­ken­den Lai­en­mu­si­kern der von ihm di­ri­gier­ten Chö­re sehr be­liebt war, was 1876 so­gar in der Ver­brei­tung ei­nes an­ony­men Flug­blat­tes gip­fel­te, das sich für den Ver­bleib von Tausch in sei­ner Po­si­ti­on aus­sprach; die­se Vor­aus­set­zun­gen hät­ten Brahms‘ Po­si­ti­on von An­fang an ge­schwächt. Für sei­ne Un­mut ob der ge­sam­ten Si­tua­ti­on fand Brahms in sei­ner Ab­sa­ge an Jus­ti­ti­ar Bit­ter im Ja­nu­ar 1877 deut­li­che Wor­te: Dem Be­den­ken „Tau­sch“ ge­gen­über klän­ge es ge­mein (:Ham­let wür­de sa­gen: es ist ge­mein:) woll­te ich sa­gen, daß man­ches da­von nicht sehr er­mun­ternd ist. Die, zu­nächst an Zahl, ge­rin­ge­ren ein­hei­mi­schen Kräf­te, der gro­ße Saal da­ge­gen, die un­ge­nü­gen­de Zahl der Pro­ben usw. Statt dar­über mich zu er­ge­hen sa­ge ich lie­ber wie sehr leid es mir ist mei­ne Ab­sa­ge wie­der­ho­len zu müs­sen. Ich gin­ge gern nach Deutsch­land, ich hät­te gern ste­te Be­schäf­ti­gung mit Chor und Or­ches­ter und wü­ß­te kei­ne Stadt, wo ich weit­aus das Meis­te so mir sym­pa­thisch fän­de als in Düs­sel­dorf. Wä­ren nicht je­ne zwei Be­den­ken über die ich nicht weg kann, ich be­sä­he mir al­les in der Nä­he und wür­de wohl mit dem Üb­ri­gen fer­tig. So aber – es ist nicht rein­lich – und mö­gen gleich ge­schei­te­re Leu­te es an­ders be­haup­ten – man kann nicht ge­gen sein in­ners­tes Ge­sicht. Das aber sprach bei mir von An­fang an das­sel­be und wur­de durch al­les Vor­kom­men­de nur ver­stärkt.[28] Auch wie­der­hol­tes hef­ti­ges In­ter­ve­nie­ren von Bit­ter und Stein­metz än­der­te an Brahms‘ Ent­schei­dung nichts. Die Stel­le des Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors wur­de letzt­lich erst 1890 mit Ju­li­us Buths (1851−1920) neu be­setzt, nach­dem Tausch in sei­ner Funk­ti­on als Lei­ter des Düs­sel­dor­fer Ge­sang­ver­eins und an­de­rer Ver­ei­ne 1889 in Pen­si­on ge­gan­gen war.

Sie­ben Jah­re spä­ter un­ter­nahm man ei­nen ähn­li­chen Ver­such, Brahms ins Rhein­land zu ho­len, dies­mal je­doch in die Stadt Köln: 1884 be­such­te Brahms sei­nen schwer kran­ken Freund Fer­di­nand Hil­ler, der 34 Jah­re lang das Köl­ner Mu­sik­le­ben ge­lei­tet hat­te. In­zwi­schen war ab­seh­bar, dass er auf­grund sei­nes Ge­sund­heits­zu­stan­des das Amt bald wür­de nie­der­le­gen müs­sen. Da­her hat­te der Kon­zert- und Kon­ser­va­to­ri­ums­vor­stand der Stadt bei Brahms an­ge­fragt, ob er die Stel­le des Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors zu über­neh­men be­reit wä­re. Doch wie schon bei der An­fra­ge aus Düs­sel­dorf sie­ben Jah­re zu­vor lehn­te Brahms ab. Wäh­rend er über die­se ers­te Ent­schei­dung lan­ge ernst­haft nach­ge­dacht hat­te, rang er beim zwei­ten Mal nur ei­ni­ge Ta­ge um die rich­ti­gen Wor­te für sei­ne Ab­sa­ge: Ich bin zu lan­ge oh­ne ei­ne der­ar­ti­ge Stel­lung ge­we­sen, ha­be mich wohl nur zu sehr an ei­ne ganz an­de­re Le­bens­füh­rung ge­wöhnt, als daß ich nicht ei­nes­teils gleich­gül­ti­ger ge­wor­den sein soll­te ge­gen vie­les, für das ich an sol­chem Platz das leb­haf­tes­te In­ter­es­se ha­ben mü­ß­te, an­dern­teils un­ge­übt und un­ge­wandt in Sa­chen ge­wor­den wä­re, die mit Rou­ti­ne und Leich­tig­keit be­han­delt sein wol­len.[29] 

Brahms bis­wei­len selbst­iro­ni­sche Hal­tung zu sei­nen oft als me­lan­cho­lisch und tra­gisch be­zeich­ne­ten Wer­ken zeigt sich an­schau­lich in ei­nem Brief, den er im Vor­feld ei­nes Kon­zer­tes im Rhein­land dem Es­se­ner Mu­sik­di­rek­tors Ge­org Hein­rich Wit­te (1843−1929) schrieb. Die­ser war ein glü­hen­der Ver­eh­rer von Brahms‘ Wer­ken und hat­te da­her ei­nen mons­trös lan­gen Pro­gramm-Vor­schlag an ihn ge­schickt, wor­auf die­ser ihm zu­rück­schrieb: Schön – aber schreck­lich! [...] Ich ent­beh­re un­gern ei­nes der Chor­wer­ke, aber so schmei­chel­haft die Men­ge für mich ist, wer soll all die trau­ri­gen Sa­chen an­hö­ren mö­gen?[30] Brahms hal­bier­te das Pro­gramm, ließ sich vor Ort dann aber doch von dem be­geis­ter­ten und gut vor­be­rei­te­ten Chor da­zu über­re­den, am 2.3.1884 das „Deut­sches Re­qui­e­m“ kom­plett zu di­ri­gie­ren, das er ur­sprüng­lich hat­te kür­zen wol­len.

4. Brahms' letzte Reise ins Rheinland

We­ni­ger als ein Jahr vor Brahms‘ Tod fand 1896 im Rhein­land ein letz­tes Tref­fen mit ei­ni­gen sei­ner engs­ten Freun­de statt, das durch den Be­richt des Ju­ris­ten und Mu­sik­lieb­ha­bers Gus­tav Op­hüls (1866-1926)[31] so­wie durch ei­ni­ge Fo­to­gra­fi­en gut do­ku­men­tiert ist und ei­nen Blick in die­se letz­te Le­bens­pha­se von Brahms ge­stat­tet. Seit 1892 hat­te sich die Tra­di­ti­on eta­bliert, dass wäh­rend der Pfingst­ta­ge auf dem Ha­ger Hof, ei­nem al­ten Her­ren­sitz ober­halb von Bad Hon­nef, Pro­fis und Lai­en zu ei­ner Art pri­va­tem Mu­sik­fest zu­sam­men­ka­men, um ge­mein­sam zu es­sen, Wan­de­run­gen zu un­ter­neh­men und zu mu­si­zie­ren.[32] Zu die­sen zähl­ten meh­re­re Mit­glie­der der Fa­mi­li­en von Ru­dolf von der Ley­en, den Brahms 1880 in Kre­feld ken­nen­ge­lernt hat­te, und Ru­dolf von Be­ckerath (1863−1945), die un­ter­ein­an­der ver­wandt­schaft­lich ver­bun­den und al­le mit Jo­han­nes Brahms be­freun­det wa­ren. Nach­dem am 20.5.1896 Cla­ra Schu­mann in Frank­furt am Main ge­stor­ben war, wur­de ih­re Lei­che nach Bonn über­führt, um, wie es ihr Wunsch ge­we­sen war, ne­ben ih­rem Mann bei­ge­setzt zu wer­den. Brahms er­fuhr von dem Ter­min so spät, dass er nur un­ter gro­ßen Stra­pa­zen dort­hin rei­sen konn­te und ge­ra­de noch recht­zei­tig ein­traf. Er ent­schied sich, ei­ni­ge Ta­ge bei sei­nen Freun­den auf dem Ha­ger Hof zu ver­brin­gen, wo er sicht­lich be­drückt nach der Be­er­di­gung ein­traf. Im Krei­se sei­ner en­gen Freun­de trug er ei­ne sei­ner letz­ten Kom­po­si­tio­nen „Vier erns­te Ge­sän­ge für ei­ne Bass­stim­me mit Pia­no­for­te­be­glei­tun­g“ op. 121 vor, die er un­ter dem Ein­druck von Cla­ra Schu­manns na­hen­dem Tod – am 26.3.1896 hat­te sie ei­nen Schlag­an­fall er­lit­ten – kom­po­niert und ihr zu­ge­sandt hat­te.[33] Wäh­rend die­ser Ta­ge auf dem Ha­ger Hof ent­stan­den ei­ni­ge der letz­ten Fo­to­gra­fi­en von Jo­han­nes Brahms, auch ei­ni­ge Zeich­nun­gen von ihm, die der Ma­ler Wil­ly von Be­ckerath (1868−1938), der un­ter den Gäs­ten war, an­ge­fer­tigt hat­te.

Wäh­rend die­ses Tref­fens litt Brahms be­reits an der von ihm selbst scherz­haft als „bür­ger­li­che Gelb­such­t“ be­zeich­ne­ten Krank­heit, bei der es sich ver­mut­lich um Pan­kre­as­krebs han­del­te.[34] Sein Ge­sund­heits­zu­stand ver­schlech­ter­te sich in der nächs­ten Zeit. Jo­han­nes Brahms starb am 3.4.1897 in Wien und wur­de in ei­nem Eh­ren­grab auf dem Wie­ner Zen­tral­fried­hof bei­ge­setzt.

Die Fo­tos von dem Tref­fen auf dem Bon­ner Hof ge­hö­ren zu den letz­ten Auf­nah­men von Brahms und ver­an­schau­li­chen das zu­meist von ihm kol­por­tier­te Bild: So ist er pri­mär durch sein mit Me­lan­cho­lie und „End­zeit“ as­so­zi­ier­tes Al­ters­werk in der Öf­fent­lich­keit prä­sent, was sich in der Er­schei­nung des al­ten, nicht ge­ra­de schlan­ken Herrn mit üp­pi­gem Voll­bart wi­der­spie­gel­te, den er seit sei­nem 45. Le­bens­jahr trug. Zeit­ge­nos­sen be­schrie­ben ihn als freund­li­chen, höf­li­chen, aber den­noch nicht im­mer ein­fa­chen Men­schen. Zeit­le­bens blieb er Jung­ge­sel­le; die Ver­lo­bung mit der Pro­fes­so­ren­toch­ter Aga­the von Sie­bold (1835−1909) im Jahr 1858 wur­de nach kur­zer Zeit wie­der ge­löst. Ein­mal soll er ei­nem Freund ver­ra­ten ha­ben, dass es zu sei­nen Prin­zi­pi­en ge­hö­re, kei­ne Oper und kei­ne Hei­rat mehr zu ver­su­chen – und das sei auch gut so ge­we­sen.[35] Be­stand­teil der Le­gen­den­bil­dung um die Be­zie­hung zu Cla­ra Schu­mann ist die Spe­ku­la­ti­on, dass er nach der Ent­täu­schung die­ser un­er­füll­ten Lie­be kei­ne wirk­lich Bin­dung mit ei­ner an­de­ren Frau mehr ein­ge­hen woll­te. Bei dem Le­bens­wan­del, für den Brahms sich ent­schie­den hat­te und in des­sen Mit­tel­punkt un­ein­ge­schränkt das Kom­po­nie­ren stand, wä­re ei­ne Ehe mög­li­cher­wei­se auch schlicht­weg hin­der­lich ge­we­sen. Wohl aus den glei­chen Grün­den hat­te Brahms in fort­ge­schrit­te­nem Al­ter die Stel­le als Mu­sik­di­rek­tor in Köln ab­ge­lehnt, die zahl­rei­che or­ga­ni­sa­to­ri­sche und re­prä­sen­ta­ti­ve Auf­ga­ben mit sich ge­bracht hät­te, wel­che sei­ner kom­po­si­to­ri­schen Ar­beit im We­ge ge­stan­den hät­ten.

Am 28.10.1853 bei ei­ner Abend­ge­sell­schaft im Hau­se der Schu­manns war Jo­seph Joa­chim zu Gast, der für ei­ni­ge Kon­zer­te ins Rhein­land ge­kom­men war. Als Ge­schenk wur­de ihm ei­ne So­na­te über die Ton­fol­ge F-A-E über­reicht, die Ro­bert Schu­mann, sein Schü­ler Al­bert Diet­rich (1829−1908) und Brahms ge­mein­schaft­lich kom­po­niert hat­ten. Die Buch­sta­ben F, A und E wa­ren die Ab­kür­zung des Mot­tos „Frei Aber Ein­sam“ für das Joa­chim ge­wid­me­te Werk. Spä­ter je­doch be­zeich­ne­te Brahms die­ses zu­gleich auch als stim­mi­ges Mot­to für sein ei­ge­nes Le­ben.[36] 

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Porträtfoto von Rudolf von der Leyen. (Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Inv. Nr. ABH 1.7.4.138)



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Quellen:

Internetquellen

->Matyschok, Wiebke: Johannes Brahms versenkt Briefe im Rhein, in: br-klassik online, online verfügbar seit 12.08.2018 unter:  https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/brahms-versenkt-briefe-im-rhein-100.html, zuletzt geprüft am 18.05.2026.

-> Sträter, Nina, Johannes Brahms und das Rheinland, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/johannes-brahms-und-das-rheinland/DE-2086/lido/602cf334b3cb35.55756284 (abgerufen am 18.05.2026)


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Sekundärliteratur

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