Aufklärung Allgemein
Inhaltsverzeichnis
- Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert
- Das Heilige Römische Reich (1648-1815)
1. Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert
Das digitale Angebot More Story bietet unabhängig vom Museumsbesuch Einblicke in die Ausstellung „Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert”. Kuratorin Liliane Weissberg berichtet über den historischen Hintergrund der Frage „Was ist Aufklärung?“ und Projektleiterin Dorlis Blume erklärt, was die Besucher*innen erwartet. Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums, ordnet die Ausstellung in die Programmatik des Hauses ein und das Outreach-Projekt Aufklärung NOWwird vorgestellt.
Die Ausstellung nimmt die erstmals 1783 in der Berlinischen Monatsschrift gestellte Frage „Was ist Aufklärung?“ auf und konzentriert sich auf die wichtigen Auseinandersetzungen der Epoche, ihre Widersprüche und Ambivalenzen. In einer internationalen Perspektive nimmt sie die Themen des 18. Jahrhunderts in den Blick, darunter die Suche nach Wissen und der neuen Wissenschaft, die Ordnung der Welt sowie Staatskunst und politische Freiheit.
Titelseite von Immanuel Kants Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, in: Berlinische Monatsschrift (1784), Heft 12, S. 481–494 © DHM
Suche nach Wissen und der neuen Wissenschaft
Im 18. Jahrhundert erlebten die Wissenschaften einen Umbruch. Verbesserte Geräte und neue kosmologische und geografische Entdeckungen hatten ab dem 16. Jahrhundert zu einem Wissenszuwachs geführt, der nicht mehr mit überliefertem Wissen und theoretischen Überlegungen zu bewältigen war. Das empirische Forschen, also Beobachtung, Messung und Experiment, rückte ins Zentrum. Ergebnisse sollten nachvollziehbar und objektiv sein. Aber nicht nur die wissenschaftliche Methode änderte sich. Forschung wurde populär. Außerhalb der Universitäten, in Akademien, Privathäusern und auf Märkten, führten Gelehrte und Schausteller Experimente vor.
Robe à la française mit Ballonmotiven, vermutlich Frankreich, ca. 1783 © DHM
Die ersten Ballonfahrten 1783 versetzten Europa in große Euphorie. Auch die Mode griff das Thema auf.
Ordnung der Welt
Neue Ordnungsstrategien- und prinzipien führten zu einer veränderten Wahrnehmung der Welt. Sie halfen dabei, wissenschaftliche Erkenntnis zu fördern und breit zu vermitteln. Bedeutend für die Beschäftigung mit der Naturgeschichte, die Erscheinungen der Botanik, Zoologie und Mineralogie zu beschreiben suchte, wurde die neue Systematik von Carl von Linné. Seine binominale Klassifikation setzte sich europaweit durch, prägte einen neuen Blick auf die Schöpfung und beeinflusste Sammelpraktiken von Gelehrten. Geordnet, dokumentiert und kartografiert wurde auch auf den großen Expeditionen des 18. Jahrhunderts, etwa von James Cook. Die Forschungsreisen dienten nicht nur dem Wissenszuwachs, sondern auch den kolonialen Interessen europäischer Mächte.
Geisblatt mit Granatrother Blume aus der Schildbach’schen Xylothek (Holzbibliothek), Kassel, 1780–1800 © Naturkundemuseum im Ottoneum, Foto: Peter Mansfeld
In Xylotheken spiegelt sich die Faszination für Linnés Klassifikationssystem. Blatt, Frucht und Blüte des Geisblattes mit Granatrother Blume bilden eines der „Bücher“ in der Holzbibliothek von Carl Schildbach.
Staatskunst und politische Freiheit
Ausgehend vom Naturrechtsdiskurs begannen die Theoretiker der Aufklärung schon früh, über Modelle der Staatsführung und der Gewaltenteilung zu diskutieren. Manche Monarchen wie Friedrich II. zeigten sich reformbereit und reklamierten die Aufklärung für sich, ohne sich jedoch von absolutistischen Machtansprüchen zu verabschieden. Forderungen nach Gleichheit und politischer Freiheit stellten das Ancien Régime in Frage und mündeten am Ende des 18. Jahrhunderts in zwei große Revolutionen, die erstmals Menschen- und Bürgerrechte erklärten: die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika und der Französischen Revolution. Frauen blieben jedoch ebenso von den revolutionären Errungenschaften ausgeschlossen wie Versklavte.
2. Das Heilige Römische Reich (1648-1815)
Kulturelles Leben: Die deutsche Aufklärung
Das geistige Leben des langen 18. Jahrhunderts in Europa wurde lange als synonym mit der Aufklärung begriffen, die traditionell als umfassende intellektuelle und ästhetische Bewegung verstanden wird, welche Gesellschaft und Regierung unter Berufung auf die menschliche Vernunft reformieren wollte. Die Intellektuellen, die diese klassische These formulierten, konstatierten, dass Gott das Universum gemäß einer Reihe unveränderlicher Gesetze erschaffen hatte. Daraus folgte, dass Wissenschaftler diese Naturgesetze mithilfe ihrer von Gott gegebenen Vernunft entdecken und verstehen konnten, wie jüngste Entdeckungen berühmter „Naturphilosophen“ wie Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz bezeugten. Ebenso bot das Konzept der menschlichen Vernunft Reformern der Aufklärung den Schlüssel, um die menschliche Gesellschaft zu perfektionieren. Nach Ansicht des einflussreichen englischen Theoretikers John Locke werden menschliche Gesellschaften, ähnlich der Natur, von inhärenten Naturgesetzen regiert, die bestimmte unveräußerliche persönliche Freiheiten gewährleisten. Die Epoche der Aufklärung stellte zudem die Kulisse für eine Reihe von Bewegungen in der Kunst, die in überlieferten Berichten der Zeit deutlich zum Ausdruck kommen. Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Dramatiker wie Gotthold Ephraim Lessing und Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart machten die deutschsprachigen Länder Europas im langen 18. Jahrhundert zum Zentrum ästhetischer Innovation.
Jüngere Studien zur Aufklärung, die diese eher als ein diffuses kulturelles Phänomen als eine geschlossene geistige Bewegung darstellen, haben unser Verständnis der Epoche deutlich differenziert. Diese neue Sicht auf die deutsche Aufklärung betont, dass die Bewegung tatsächlich eine Vielzahl unterschiedlicher Ideen und Ziele umfasste, von denen viele intellektuelle Standpunkte so weit auseinanderklafften, dass sie sich gegenseitig ausschlossen. Dieser Mangel an geistiger Einheitlichkeit hing eng mit der Polyzentralität zur Zeit der Aufklärung zusammen. Durch die politische Zersplitterung des Heiligen Römischen Reichs konnten aufklärerische Denker, Autoren und Künstler unterschiedlicher intellektueller und ästhetischer Strömungen auf die Unterstützung einer Vielzahl an Fürstenhöfen, Bischofssitzen, Kaiserstädten und Universitäten vertrauen. Ebenso förderte der multikonfessionelle Aufbau des Reichs verschiedene Schulen des aufgeklärten Denkens innerhalb der verschiedenen lutherischen, pietistischen, calvinistischen, katholischen und jüdischen Religionskulturen.
Die Aufklärung fasste im späten 17. Jahrhundert von Frankreich und Großbritannien ausgehend auch in Deutschland Fuß, und zwar dank der Arbeit zweier zeitgenössischer Intellektueller. Der erste unter ihnen, Christian Thomasius (1655–1728), wurde 1681 Professor für Naturrecht an der Juristenfakultät der Universität Leipzig und war mitverantwortlich für die Gründung der Reformuniversität Halle an der Saale 1694, mit Unterstützung des Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg-Preußen. Während seiner gesamten Berufslaufbahn als Jurist und Akademiker betonte Thomasius stets die Fähigkeiten der menschlichen Vernunft – ein Erkennungsmerkmal der Aufklärung. Der deutsche Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646–1716) war etwa zeitgleich mit Thomasius aktiv und trug maßgeblich zur Verbreitung des Aufklärungsgedankens in deutschen intellektuellen Kreisen bei. Als innovativer Denker setzte Leibniz vor allem in der Mathematik ein Zeichen und gilt, neben und unabhängig von Isaac Newton, als Erfinder der Infinitesimalrechnung. Auf ihn geht die Weltvorstellung zurück, die als Optimismus in der Philosophie diskutiert wird, nämlich die Idee, dass unser Universum von einem allwissenden Gott erschaffen wurde und die beste aller möglichen Welten darstellt. Obwohl diese philosophische Ansicht von Voltaire in Candide ins Lächerliche gezogen wurde, galt Leibniz zu seiner Zeit neben René Descartes und Baruch Spinoza als eine der Größen des Rationalismus.
Der wohl wichtigste und einflussreichste Theoretiker der Aufklärung war jedoch der in der ostpreußischen Stadt Königsberg (heute Kaliningrad) geborene bedeutende deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724–1804). Kants Hauptwerk, die Kritik der reinen Vernunft, bildet den Höhepunkt der Aufklärung, indem es die traditionelle Erkenntnistheorie und die Bedeutung der Vernunft selbst hinterfragt, sowie erörtert, wo dessen Grenzen liegen. Zudem lieferte Kant in seinem Essay „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ von 1784 vielleicht das Motto des aufklärerischen Denkens, als er seine Leserschaft aufforderte: „Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ In seinen philosophischen Arbeiten strebte Kant einen Kompromiss zwischen dem Empirismus – dem Glauben, dass sämtliches Wissen von der Erfahrung abgeleitet werden kann – und dem Rationalismus – der Ansicht, dass alles Wissen durch menschliche Vernunft allein entsteht – an. Er postulierte demnach, dass sowohl Erfahrung als auch Vernunft für den Menschen unerlässlich seien, um zu sowohl validem als auch objektivem Wissen zu gelangen. Das kantsche Denken war in der deutschen Philosophie seiner Zeit ausgesprochen einflussreich und hat auch in den Jahrhunderten seit seinem Tod weiterhin Einfluss auf die Philosophie ausgeübt. In den 1770er- und 1780er-Jahren schuf Kant eine Reihe an monumentalen Kritiken der rationalen Erkenntnis („reine Vernunft“), Ethik („praktische Vernunft“) und Ästhetik („Urteilskraft“). Kant versuchte in seinen Werken, die Vernunft im menschlichen Geist zu verorten und lehnte damit die Sichtweise der philosophischen Skeptiker ab, zu denen beispielsweise David Hume gehörte, welche die inhärente Vernunft der Natur infrage stellten. Er argumentierte, dass der menschliche Geist durch seine Fähigkeit, Wahrnehmungen in Kategorien einzuordnen, dadurch selbst die wahrgenommene Ordnung in die Natur erschaffe. Damit formulierte Kant die zentralen Grundsätze des deutschen Idealismus: Ohne den einzelnen Menschenverstand gäbe es keine Gedanken, und ohne Gedanken gäbe es keine Gegenstände und keine Welt. Weiterhin argumentierte er, dass die Moral kein äußeres Phänomen sei, das in den Naturgesetzen oder in vorhandenen Bedingungen zu verorten, sondern in uns selbst angesiedelt sei. Laut Kant sei es dem Menschen also möglich, selbst einen moralischen Verstand zu entwickeln und somit unabhängig von religiösen Regelwerken ethisch selbstbestimmt zu handeln. Ebenso argumentierte Kant in Bezug auf die Ästhetik, dass große Kunst das Ergebnis des Schöpfungswillen der einzelnen Kunstschaffenden sei, und nicht das Produkt von außen gegebener Regeln der Ästhetik. In Bezug auf Politik und Wirtschaft griff Kants fortschrittliche Sichtweise dem deutschen Liberalismus des 19. Jahrhunderts vor: Er setzte sich für das Rechtsstaatlichkeitsprinzip ein, für repräsentative Gremien in der Politik und die Entwicklung der freien Marktwirtschaft.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) nahm Kants zentrale These des Primats des menschlichen Verstandes als Sitz der Vernunft als Ausgangspunkt für seine radikale Sichtweise, die das Denken (den Geist) über die physische Welt erhob. Für Hegel war die kantische Vernunft der Urheber der physischen Welt und die treibende Kraft der Menschheitsgeschichte, insbesondere durch die Schöpfungen der Religion, Philosophie und Kunst. Beeindruckt von den radikalen Veränderungen, welche die Französische Revolution angestoßen hatte, betonte Hegel zudem die Rolle des Staates und der Nation. Laut Hegel bestand die Aufgabe des Staates darin, kulturelle Errungenschaften zu fördern und zu schützen sowie das menschliche Gemeinwesen und die Moral des Einzelnen zu begünstigen. Hegels Vorstellungen der Nation wurden beeinflusst von den Schriften von Kants Zeitgenossen Johann Gottfried von Herder (1744–1803), der die Geschichte als Erzählung verschiedener nationaler Kulturen oder Völker betrachtete. Herder betrachtete den Charakter des Einzelnen als Ausdruck seiner eigenen nationalen Kultur und wertete Nationen in einem fast schon organischen Sinn als Kollektive, die sich über Jahrhunderte hinweg entwickelten. Herder rief moderne Nationen dazu auf, ihre kollektive kulturelle Identität anzuerkennen und sich durch das Genie ihrer Intellektuellen, Künstler und Dichter zu ihrem eigenen Schicksal erwecken zu lassen. Diese These sollte erste nationalistische Regungen in der deutschen Kultur begünstigen.
Die Ausbreitung der Aufklärung in Deutschland spiegelte die zunehmende Macht des Bürgertums im Reich wider: Die gebildeten Schichten der Beamten, Juristen und Geschäftsleute bildeten ein bereitwilliges Publikum für die progressiven Ideen von Philosophen wie Thomasius und Kant, die Literatur von Autoren wie Goethe und Schiller und die musikalischen Werke von Komponisten wie Bach und Haydn. Der wachsende Wohlstand und Einfluss der Mittelschicht, die im Lauf des 18. Jahrhunderts noch deutlicher ausgeprägt werden sollten, trugen zur Beliebtheit des Kults der Vernunft in Deutschland bei. Die deutsche Leserschaft diskutierte heftig über fortschrittliche Sozialreformen in Kaffeehäusern und auf den Seiten aufklärerischer Gazetten. Die gebildeten Bürokraten und Technokraten in der Verwaltung der deutschen Staaten, die ebenso die Ideale der Aufklärung aufgegriffen hatten, waren bestrebt, die „aufgeklärten“ Reformen ihrer absolutistischen Herrscher umzusetzen.
Im Gegensatz zur Aufklärung in Großbritannien oder Frankreich, die um Rationalismus und Säkularismus bemüht war, hatte die Bewegung in Deutschland schon seit ihren frühesten Anfängen im späten 17. Jahrhundert eine starke religiöse Prägung, die sie auch beibehielt. Diese religiöse Neigung zeigt sich zumal in der Entstehung der jüdischen Aufklärung, oder Haskala, sowie in den Beiträgen des deutschen Pietismus zum aufklärerischen Denken. Die religiöse Erneuerung kam im späten 17. Jahrhundert auf und sorgte dafür, dass die Frömmigkeit unter den Protestanten in vielen deutschen Gebieten wieder aufblühte. Begonnen hatte sie in den 1670er-Jahren mit dem lutherischen Pfarrer und Theologen Philipp Jacob Spener, der in Frankfurt Bibellesekreise veranstaltete. Sein einflussreiches Werk Pia desideria (1675) machte sich für die Erneuerung des Glaubens durch erweiterte Priesterseminare, mehr soziale Reformen in den Gemeinden sowie fromme Konventikel für Gemeindemitglieder stark. Spener erzürnte damit die lutherische Obrigkeit und wurde aus seinem Predigeramt in Frankfurt und einer anschließenden Ernennung zum sächsischen Oberhofprediger in Dresden entlassen, bevor er eine führende Stelle als Probst in Berlin erhielt. Sein Ruf nach spiritueller Erneuerung traf jedoch bei Laien auf Gehör, sodass in sämtlichen lutherischen Gebieten Deutschlands pietistische Hauskreise entstanden und sich viele lutherische Pfarrer von seiner ausdrucksstarken, persönlichen Form der Frömmigkeit angezogen fühlten. Einer dieser Pfarrer war August Hermann Francke, der ebenfalls aufgrund seiner pietistischen Orientierung aus mehreren Ämtern enthoben worden war. Er suchte Spener dann in Brandenburg-Preußen auf und bekam eine Anstellung an der neu gegründeten Reformuniversität in Halle an der Saale. Bald schon wurde an der Universität Halle die führende protestantische theologische Fakultät Deutschlands geschaffen, deren Absolventen im Sinne des Pietismus ausgebildet wurden und fortan Missionen, Wohlfahrts- und pädagogische Einrichtungen ins Leben riefen. Absolventen aus Halle waren die ersten protestantischen Missionare im Ausland und bemühten sich sogar Anfang der 1700er Jahre um missionarische Stationen in Indien. Der Pietismus leistete zudem entscheidende Beiträge zur frühen Aufklärung, insbesondere durch seinen progressiven Einsatz im Bildungs- und Sozialwesen.
Kulturelles Leben: Aufgeklärter Absolutismus
Im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn waren die deutschen Staaten des 18. Jahrhunderts deutlich vom „aufgeklärten Absolutismus“ geprägt. Laut dieser politischen Ideologie, die ihren Ursprung in den Schriften von Thomas Hobbes hatte, bestand ein grundlegender Gesellschaftsvertrag zwischen Herrschenden und Untergebenen, der Monarchen die absolute Herrschaft über ihre Untertanen gab. Im Gegenzug waren die Machthaber jedoch ihrerseits verpflichtet, zum Wohl der Menschen zu handeln, indem sie Vernunft walten ließen. Als Reaktion auf die wachsende bürgerliche Schicht und angestoßen von deutschen Theoretikern der Aufklärung, setzten die deutschen Herrscher Reformen in ihren Hoheitsgebieten um. Im Lauf des 18. Jahrhunderts modernisierten die Herrscher ihre Regierungen so von Grund auf und milderten die Auswirkungen eines monarchischen Herrschaftssystems durch „aufgeklärte“ Reformen ab. So änderte sich der politische Charakter des Reichs und ebnete den Weg für die liberalen Reformen des Folgejahrhunderts. Staatsoberhäupter, die sich von aufklärerischen Grundsätzen leiten ließen, führten Reformen durch, zu denen die Ausrufung der Religionsfreiheit, die Abschaffung der Folter in der Justiz, die Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien in der Landwirtschaft und die Einführung der Schulpflicht gehörten. Aufgeklärte absolutistische Monarchen förderten durch großzügige Schirmherrschaften Fortschritte in der Philosophie und der Kunst und stellten manchmal sogar führende Denker der Aufklärung bei Hofe an. Obwohl diese „aufgeklärten“ Herrscher bereit waren, ihren Untergebenen neue Rechte einzuräumen, blieben sie dennoch Despoten und waren fest von ihrem grundgegebenen Recht als absolute Monarchen überzeugt. Obgleich sie zahlreiche fortschrittliche Reformen einführten, die das Leben ihrer Untertanen verbessern sollten, taten sie dies stets mit Hinblick auf den Ausbau ihrer eigenen Macht und die Vermehrung ihres eigenen Einkommens. So stießen die progressiven Reformen der preußischen und österreichischen Monarchen im 18. Jahrhundert beispielsweise aufgrund ihres autokratischen Wesens und ihrer rücksichtslosen Missachtung bestehender Bräuche und traditioneller Freiheiten oft auf den hartnäckigen Widerstand des Adels und des Bürgertums.
Die These des aufgeklärten Absolutismus kam wohl am deutlichsten während der Regierungszeit Friedrichs II. von Preußen zum Ausdruck. Dieser setzte eine Reihe von Reformen auf der Grundlage aufklärerischen Denkens um, veröffentlichte philosophische Schriften auf Französisch und inszenierte sich vor der aufgeklärten Öffentlichkeit als „Roi philosophe“ [Philosophenkönig]. Friedrich korrespondierte mit vielen der führenden Denker der Aufklärung und bot fortschrittlichen Schriftstellern und Künstlern großzügige Unterstützung an. Im Gegenzug proklamierten ihn berühmte Schriftsteller der Aufklärung wie Voltaire zu „Friedrich dem Großen“. Er förderte Kunst und Literatur, machte Berlin zur Kulturhauptstadt und lud viele illustre Kunstschaffende, Musiker und Intellektuelle an seinen Hof ein, darunter Carl Philipp Emanuel Bach, Maupertuis und Voltaire. Als Zeichen seiner aufklärerischen Empfindsamkeiten trat er 1738 sogar den Freimaurern bei. Friedrich führte die hohenzollernsche Tradition der Schirmherrschaft für akademische Reformer fort, welche die Gesinnung der Aufklärung vertraten, indem er sie zu Ämtern im preußischen Staats- und Kirchendienst erhob und den preußischen Staat so als treibende Kraft aufklärerischer Reformen inszenierte. Tatsächlich kann Friedrichs Herangehensweise als aufgeklärt angesehen werden, wenn man die Abschaffung der Folter bei Gericht, die Einführung einer staatlich geförderten weiterführenden Schulbildung und die Modernisierung des preußischen Staatsdienstes bedenkt. Trotz der aufklärerischen Züge seiner Politik muss dabei jedoch bedacht werden, dass seine Regentschaft vor allem durch autokratische Herrschaft, passionierten Militarismus und eine aggressive Expansionspolitik geprägt war.
Obwohl Maria Theresia genau genommen eine ungekrönte Kaiserin war, besteht kaum Zweifel daran, dass sie die wahre Machthaberin der österreichischen Monarchie war. Maria Theresia regierte praktisch als Kaiserin und führte in ihrem Hoheitsgebiet zahlreiche aufgeklärte Reformen durch, darunter Bildungs-, Wirtschafts- und Agrarinitiativen. Zudem reformierte sie das österreichische Militär, das sich während ihrer gesamten Regentschaft in einem anhaltenden Machtkampf mit Preußen befand. Gleichzeitig war Maria Theresia maßgeblich für die Wiederherstellung der Macht Österreichs verantwortlich und sicherte dank ihrer sechzehn Kinder den Fortbestand der habsburgischen Herrscherdynastie. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1765 half Maria Theresia ihrem Sohn, der als Joseph II. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt wurde, als Kaiserinmutter bei der Verwaltung des Reichs. Joseph II., der von 1765 bis 1790 als römisch-deutscher Kaiser und zwischen 1780 und 1790 als Erzherzog von Österreich regierte, war ausgesprochen von den Reformen Friedrichs II. begeistert und verschrieb sich mitunter von allen deutschen Herrschern am meisten den Grundsätzen des aufgeklärten Absolutismus. Er war unermüdlich bestrebt, die Verwaltung der habsburgischen Kronländer zu modernisieren und rationale Gesellschaftsreformen umzusetzen. Als Bewunderer Voltaires und der französischen Aufklärung war er bemüht, die Religionsfreiheit auszubauen, die Einkünfte der Kirche zu begrenzen, die letzten Reste des Feudalismus zu beseitigen, und den freien Handel sowie das freie Denken in seinem Herrschaftsgebiet zu fördern. Geleitet von Vernunft und uneingeschränkt von Gesetzen, verfolgte Joseph II. ein rücksichtslos ausschweifendes Reformprogramm und erließ Tausende neuer Edikte. Er machte von seiner autokratischen Macht über den Staat Gebrauch und reformierte das gesamte Rechtssystem, modernisierte die staatlichen Finanzinstitutionen von Grund auf, schaffte die Leibeigenschaft ab, säkularisierte zahlreiche kirchliche Besitztümer und führte die Grundschulpflicht ein. Im Jahr 1781 erließ er das Toleranzpatent, welches eingeschränkte Religionsfreiheit gewährleistete, gefolgt vom Toleranzpatent von 1782, welches Juden vergleichbare Rechte einräumte. 1787 schaffte er sogar die Todesstrafe ab, obwohl diese Neuerung, wie die meisten seiner aufgeklärten Reformen, seine Herrschaft nicht lange überdauern sollte.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert, in: Blog des Deutschen Historischen Museums, online verfügbar unter: https://www.dhm.de/ausstellungen/was-ist-aufklaerung-fragen-an-das-18-jahrhundert/more-story/, zuletzt geprüft am 10.10.2026.
-> Jason Coy, Jared Poley: Das Heilige Römische Reich (1648–1815). Einführung, veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/das-heilige-roemische-reich-1648-1815/ghdi:introduction-2> [04.06.2026].
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Sekundärliteratur
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