Die frühe Nachkriegszeit
Entnazifizierung
Kapitulation und Befreiung
Besatzung und Politik
Inhaltsverzeichnis
1. Potsdamer Konferenz. Die Stunde der Sieger.
1. Potsdamer Konferenz. Die Stunde der Sieger.
Mitte Juli 1945 kommen Vertreter der drei großen Siegermächte in Potsdam zusammen, um über die Nachkriegsordnung in Deutschland und Europa zu beraten. Einer der heikelsten Punkte: das Schicksal der Menschen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten

An diesem warmen Sommernachmittag wird der Ton auf einmal rau zwischen den Herren. Als sei nun klar, dass die Zeit der Nettigkeiten und wechselseitigen Komplimente endgültig vorbei ist. Oder aber, als stünde allen jäh und unmissverständlich vor Augen, wofür sie hier zusammengekommen sind: nicht weniger, als den Neubeginn in Deutschland und Europa zu organisieren. Sie, das sind die Großen Drei, die Sieger in dem fürchterlichen Krieg, in den die Deutschen die Welt sechs Jahre zuvor gezerrt hatten.
Winston Churchill, der zigarrenrauchende Premierminister Großbritanniens, der gern schwadroniert und doch genau weiß, wie viel auf dem Spiel steht. Er will das geschwächte British Empire erhalten, koste es, was es wolle – und verhindern, dass sich die beiden anderen über seinen Kopf hinweg verständigen.
Josef Stalin, der unumschränkte Herrscher der Sowjetunion, der selbst ernannte Generalissimus, dessen Rote Armee sich unter unsäglichen Opfern von Moskau bis nach Berlin gekämpft hat. Er verzieht kaum eine Miene. Ein unergründlicher Mensch, der seine Ziele mit stählerner Härte verfolgt. Die Länder, die seine Soldaten erobert haben, will er nicht mehr hergeben.
Schließlich Harry S. Truman, der Neuling in der Dreierrunde, ein jovialer Mann aus Amerikas Mittlerem Westen, dem die Floskeln der Diplomaten eher fremd sind. Erst ein Vierteljahr zuvor ist er nach dem plötzlichen Tod Franklin D. Roosevelts als Präsident der Vereinigten Staaten nachgerückt. Doch der passionierte Pokerspieler Truman hat innerhalb dieser kurzen Zeit bereits gelernt, welch gute Karten er in diesem geostrategischen Machtspiel hält: Die USA gehen stark aus dem Krieg hervor.
In Potsdam wird auch über POLEN verhandelt
Nur zwei Monate nach dem Ende des nationalsozialistischen Reichs im Mai 1945 sind diese drei nun in dessen völlig zerbombtes und zerschossenes Zentrum gereist. Stalin mit der Eisenbahn aus Moskau, in einem Zug mit mehreren einstigen Salonwagen des Zaren, die Strecke bewacht von mehr als 19 000 Soldaten. Truman über den Atlantik mit dem schweren Kreuzer „Augusta“ und das letzte Stück mit dem Flugzeug von Brüssel nach Berlin. Churchill von Bordeaux aus, wo er an den nahen Sandstränden der französischen Küste Kraft sammeln wollte, ebenfalls mit dem Flieger.
Doch zwischen den Schuttbergen der deutschen Hauptstadt fand sich nicht ein Gebäude, das noch geeignet gewesen wäre, ein solches Gipfeltreffen zu beherbergen. Und so sind sie nach Potsdam gezogen, jenseits der Stadtgrenzen. In das unversehrt gebliebene Schloss Cecilienhof, die letzte Residenz, die sich die Hohenzollern erbaut hatten: fünf Innenhöfe, 176 Räume – mehr als genug Platz für eine Konferenz und ihre Delegierten.
Der Cecilienhof liegt in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands; die Sowjets sind damit Gastgeber. Und sie lassen es ihre britischen und amerikanischen Kampfgefährten wissen: Im Hof prangt der fünfzackige Stern der Kommunisten, geformt aus Tausenden frisch gepflanzter, rot glühender Geranien, und in der mit dunklem Holz getäfelten einstigen Empfangshalle des Schlosses haben Stalins Emissäre den mächtigen runden Verhandlungstisch für die Großen Drei mit feinem Tuch bespannen lassen – in einem roten Farbton natürlich.
„Erlauben Sie mir bitte eine Feststellung“, beginnt Harry S. Truman spitz an diesem fünften Tag des Potsdamer Siegertreffens. Es ist der 21. Juli 1945. Und Amerikas Präsident wirkt selbstbewusster denn je. Tatsächlich hat er nur Stunden zuvor einen ausführlichen Bericht über den ersten erfolgreichen Test einer Atombombe in der Wüste von New Mexico erhalten. Die USA besitzen nun die schrecklichste Waffe der Welt. Sie sind so mächtig wie nie zuvor.
Er habe, fährt Truman am Konferenztisch fort, „eine Feststellung betreffs der Westgrenze Polens“ zu machen. Damit spricht Truman eines der heikelsten Themen des Potsdamer Treffens an. Denn auf dem Gebiet des Deutschen Reichs haben die Siegermächte vier Besatzungszonen errichtet (neben der UdSSR, den USA und Großbritannien hat auch Frankreich einen Teil Deutschlands okkupiert: im Südwesten). Doch in den bisherigen Ostgebieten Deutschlands, in Schlesien, in Teilen Ostpreußens und in Pommern, die ebenfalls von der Roten Armee besetzt wurden, hat die Sowjetunion inzwischen eine polnische Verwaltung einziehen lassen.
Es ist Teil eines großen mit ihren Verbündeten vereinbarten Landtausches: Im Januar 1945, bei einem früheren Treffen der Großen Drei in Jalta, haben die Westalliierten einer Forderung Stalins nachgegeben und dem Diktator erlaubt, große Gebiete im Osten Polens dem sowjetischen Staatsgebiet zuzuschlagen. Zum Ausgleich sollte Warschau deutsche Territorien im Westen erhalten. Die Details dieser „Westverschiebung Polens“ legten die Verbündeten in Jalta allerdings noch nicht fest.
Doch Stalin schuf bereits im Frühjahr 1945 Fakten: Er gestattete Vertretern der neuen, sowjetfreundlichen Warschauer Regierung, den Großteil der deutschen Ostgebiete praktisch dem polnischen Staat einzugliedern. Gegen dieses eigenmächtige Handeln Stalins, durch das weite Territorien dem Zugriff der Westalliierten ohne völkerrechtliche Basis entzogen werden, wendet sich nun Truman in Potsdam.
Empört führt der US-Präsident aus, dass all dies geschehen sei, „ohne dass man uns in dieser Angelegenheit konsultiert hätte“. Besonders heikel erscheint Truman Stalins Vorgehen, weil deswegen schon jetzt oder sehr bald Millionen Menschen ihre angestammten Gebiete verlassen müssen. Nicht zuletzt um Platz für polnische Bürger aus den nun sowjetischen Gebieten im Osten zu schaffen, sollen die Deutschen aus ihrer bisherigen Heimat vertrieben werden. Ihnen bleibt nur der Weg Richtung Westen, also in die Besatzungsgebiete der Alliierten. Ein schwer zu bewältigender Flüchtlingsstrom, der auch die amerikanische Zone träfe. Deswegen konfrontiert Truman nun Stalin mit dieser Frage.
Doch der Generalissimus gibt sich ungerührt. „Auf dem Papier sind es noch immer deutsche Gebiete“, gibt er zurück, „de facto sind sie polnisch.“ Stalin spricht wie oft in einfach strukturierten Sätzen, die keinen Raum für Zweifel lassen sollen. Die Deutschen seien längst geflohen, stellt er fest, suggeriert vollendete Tatsachen. Der große Führer der Sowjetunion lügt, ohne die Miene zu verziehen. Denn die Menschen sind längst noch nicht alle fort, sie werden vertrieben, sogar jetzt, in diesen Tagen der Konferenz, die über ihr Schicksal entscheiden soll. Und die anderen beiden Männer, Truman und Churchill, wissen, dass Stalin die Unwahrheit sagt.
So offenbaren der Vorstoß des US-Präsidenten und die Reaktion des Kremlherrn darauf am fünften Tag des Potsdamer Treffens mit einem Schlag, wie groß mittlerweile die Kluft und das Misstrauen zwischen den drei Mächten sind. Gemeinsam hatten sie gekämpft bis zum Sieg. Gemeinsam wollten sie dessen Früchte ernten. Soll das gelingen, müssen sie in Potsdam gemeinsam die großen Fragen der Zukunft angehen: Wie soll es weitergehen mit den Deutschen, die zweimal in weniger als einem halben Jahrhundert Krieg und Tod über den Kontinent gebracht haben? In welchen Grenzen sollen sie existieren? Und sollen auch außerhalb dieser Grenzen weiterhin Deutsche siedeln können?
Zu klären ist ebenfalls, wie die Deutschen für die Kriegsschäden aufkommen sollen und wie die Sieger mit den einstigen Bundesgenossen der Besiegten umgehen, mit Ungarn, Rumänen und Italienern. Mit einem Wort: Die Großen Drei verhandeln in Potsdam die Nachkriegsordnung Deutschlands und des europäischen Kontinents. Eine Ordnung, die – so zeigen die Auseinandersetzungen wie jene über die polnische Westgrenze und die Vertreibung der Deutschen immer deutlicher – eine Zweiteilung der Welt mit sich zu bringen scheint.
Das Siegestreffen in Potsdam ist bereits die dritte Konferenz der Großen Drei. Als der Krieg längst noch nicht gewonnen war, die Wehrmacht tief in Russland stand und die Landung in der Normandie in weiter Zukunft lag, hatten sich Churchill, Roosevelt und Stalin bereits das erste Mal verabredet, um über eine Zeit nach der absehbaren deutschen Niederlage zu beraten. Ende November, Anfang Dezember 1943 war das, in Teheran.
Bei dieser Zusammenkunft legte Churchill drei Streichhölzer nebeneinander, je eines für Deutschland, Polen und die UdSSR. Dann rückte er das polnische und das sowjetische Hölzchen in Richtung des deutschen. Damit billigte er – und stillschweigend taten das auch die Amerikaner – im Prinzip eine zentrale Forderung Stalins: Polen sollte im Osten Land an die Sowjetunion abtreten, im Westen dafür mit deutschen Gebieten entschädigt werden. So einfach schien das zu sein. Auch bei ihrer nächsten Konferenz in Jalta im Februar 1945 bestätigten die drei das Vorhaben.
Damit verbunden war das Ziel, ethnisch homogene Staaten anzustreben, um künftig Konflikte in Europa zu vermeiden. Die Konsequenzen solcher Überlegungen lagen auf der Hand: Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen Menschen müssten ihre Heimat verlassen – vor allem die Angehörigen jener Nationalität, die diesen gewaltigen Konflikt angezettelt hatte: die Deutschen. Das britische Kabinett stimmte bereits 1942 dem „allgemeinen Prinzip der Umsiedlung von deutschen Minderheiten“ zu. US-Präsident Roosevelt billigte 1943 Vorschläge, die Deutschen aus Ostpreußen auszusiedeln.
Doch wie die gewaltigen Umsiedlungen tatsächlich ins Werk gesetzt werden sollen, das wollten die beiden westlichen Alliierten erst später verhandeln. Polen und die Tschechoslowakei, wo ebenfalls große deutsche Minderheiten leben, haben indes bei Kriegsende nicht vor, diese Gespräche abzuwarten. Die gerade befreiten Staaten, die als Erste zu Opfern der Aggression des NS-Regimes geworden waren und unsäglich unter der deutschen Okkupation gelitten haben, schaffen Fakten.
In der Tschechoslowakei kommen Deutsche schon in den ersten Tagen nach der offiziellen Kapitulation am 8. Mai 1945 in Haft und in Internierungslager. Milizionäre beschlagnahmen Wohnungen, mitsamt der Einrichtung. Männer müssen Zwangsarbeit verrichten, als Vergeltung für die Jahre unter dem nationalsozialistischen Joch. Bald beginnen gezielte Vertreibungen.
In Langenbruck etwa, einem Dorf im zur Tschechoslowakei gehörenden Sudetenland, werden am 17. Juni 1945, einen Monat vor Beginn der Potsdamer Konferenz, um zwei Uhr nachts alle deutschen Bewohner aus dem Schlaf gerissen. 30 Kilogramm Gepäck darf jeder mitnehmen, mehr nicht, und weder Geld noch Schmuck. Eine verstörte alte Frau schneidet sich die Pulsadern auf, ein Familienvater bringt seine beiden Kinder und seine Frau um, ehe er sich selbst das Leben nimmt. Die übrigen werden in offenen Kohlewaggons über die Grenze nach Norden gebracht – ins polnisch verwaltete Schlesien.
Die neuen polnischen Behörden verfahren nach dem gleichen Muster. In Sorau, einem Städtchen in der Niederlausitz östlich von Cottbus, müssen wenige Tage später, am 23. Juni 1945, frühmorgens alle deutschen Bewohner ihre Häuser und Wohnungen räumen. Erst tags zuvor sind Milizionäre der von Stalin gestützten polnischen Regierung eingerückt.
Zehn Minuten lassen sie den verhassten Deutschen, das Notdürftigste zusammenzusammeln. Jahrelang hatten Angehörige des angeblichen „Herrenvolks“ die Polen tyrannisiert. Nun haben sich die Machtverhältnisse umgekehrt. Die Deutschen müssen fort – 29 000 Menschen allein aus dem Städtchen Sorau, ein Elendszug von Schubkarren, Kinderwagen und kleinen Holzfuhrwerken. Nur zwei Tage später verkündet die Regierung der Republik Polen per Erlass die „jetzt beginnende“ Aussiedlung der Deutschen. Auf Flugblättern und Wandanschlägen ist die Rede von „wiedergewonnenen Gebieten“, Polens katholische Kirche gibt der Vertreibung der Deutschen ihren Segen.
Auch in der Tschechoslowakei wird am 19. Juni 1945 die Enteignung „staatlich unzuverlässiger“ Bürger verfügt. Damit sind Deutschstämmige gemeint. Sie müssen weiße Armbinden oder ein aufgenähtes N für Němec (Deutscher) tragen. Zwei Wochen später kommt eine Regierungsdelegation aus Moskau zurück mit der Kunde, dass Stalin, dessen Rote Armee ja ganz Osteuropa besetzt hält, die Abschiebung der Deutschen „erlaubt“ habe.
Umfassende Zwangsaussiedlungen sind die Folge. Zu Hunderttausenden werden Deutsche in Güterwaggons und Viehwagen über die Grenze transportiert oder müssen in Trecks zu Fuß aufbrechen. Überall kommt es zu Gewaltexzessen. Die später „wilde Vertreibungen“ genannten Aktionen bleiben nicht unbemerkt von den westlichen Alliierten. Und diese fürchten den Elendszug aus dem Osten, weil sie die Menschen werden versorgen müssen. Zumal mehr oder minder staatlich organisiert Deutsche auch aus Ungarn, Rumänien und Jugoslawien vertrieben werden.
Aber das ist nur eines von vielen Problemen der Alliierten, eine von zahllosen Schwierigkeiten in diesen chaotischen Wochen nach dem Krieg. Wie können sie die Versorgung der Not leidenden Bevölkerung in den zerbombten deutschen Städten sichern? Was soll mit den Millionen sogenannten Displaced Persons geschehen, die von den Deutschen verschleppt worden waren? Wie ist mit NS-Verbrechern zu verfahren? Wie kann eine neue deutsche Verwaltung aufgebaut werden? All das muss besprochen werden. In Potsdam.
Vielerorts im Osten trifft die Deutschen nun HASS und Gewalt
Am 17. Juli treffen die Großen Drei zum ersten Mal am runden Konferenztisch im Saal von Schloss Cecilienhof aufeinander. Die Holzsessel der Chefs haben Armlehnen und sind leicht erhöht. An ihrer Seite sitzen die Dolmetscher, die Außenminister und Topberater, nicht ganz so bequem. Jede Nation hat fünf Sitze direkt am runden Tisch. Alle anderen Berater, Beamten und Experten müssen weiter hinten Platz nehmen. Wie bei jeder Diplomaten-Konferenz aber werden sie die Hauptarbeit erledigen – in langen, zähen Verhandlungen.
Untergebracht sind die Sitzungsteilnehmer in den unzerstört gebliebenen Villen der Umgebung, von denen viele einst den Größen des deutschen Films gehört haben (die Ufa-Studios von Babelsberg liegen in unmittelbarer Nähe). In weitem Umkreis sind für die Konferenz Gebäude geräumt worden, die deutschen Bewohner mussten ihre Unterkünfte verlassen. Ein eigens errichteter Holzzaun trennt das Gebiet vom Rest Potsdams.
Die drei Verhandlungsführer werden sich nun fast täglich treffen, meist am späten Nachmittag, abends bleibt Zeit für Büfetts, Banketts und Entspannung. In den Räumen der Sowjetabgesandten servieren Soldatinnen Champagner, Kaviar und frisches Obst aus Georgien, im Hintergrund spielen Pianisten und Violinvirtuosinnen.
Truman bietet deutschen Rheinwein und Vanilleeis mit Schokoladensoße auf, die er extra von der in Antwerpen am Kai liegenden „Augusta“ einfliegen lässt, dem Kriegsschiff, mit dem er den Atlantik überquert hat. Churchill wiederum beordert sogar die Band der Royal Air Force in voller Mannstärke aus London zur abendlichen Unterhaltung nach Potsdam.
Als Gastgeber eröffnet Stalin am 17. Juli spätnachmittags die Konferenz; nicht ohne Hintersinn übergibt er die Konferenzleitung aber sogleich dem US-Präsidenten. Harry S. Truman, der Neuling in der Runde, nimmt geschmeichelt an. Fortan steht die Konferenz unter der Führung des Amerikaners. Truman ist damit in die Rolle des Vermittlers zwischen Briten und Russen gedrängt – und Stalin kann njet sagen, wenn ihm etwas nicht passt.
Doch zunächst geht alles einigermaßen glatt. Schon am folgenden Tag einigen sich die drei Siegermächte darauf, wie sie künftig die Besatzungsherrschaft in Deutschland organisieren wollen. Bereits in Jalta hatten sie den grundsätzlichen Zuschnitt der Besatzungszonen verabredet. Die Briten verwalten den Nordwesten, die Franzosen den Südwesten. Die Amerikaner übernehmen Hessen, die Pfalz und Bayern, die Sowjets die Mitte Deutschlands von der Ostseeküste bis zum Erzgebirge. Die Hauptstadt Berlin hatten sie entsprechend in vier Sektoren geteilt.
Für die konkrete Verwaltung des besetzten Landes treffen die Großen Drei mehrere Verabredungen: Deutschland soll weiterhin, trotz unterschiedlicher Besatzungszonen, als politische – und wirtschaftliche – Einheit behandelt werden. Dafür wird der Alliierte Kontrollrat in Berlin eingerichtet mit den Oberkommandierenden der vier Besatzungstruppen an der Spitze. Der Kontrollrat ist mit „allen Deutschland als Ganzes betreffenden Angelegenheiten“ befasst. (Und tatsächlich werden sich die Oberbefehlshaber in den kommenden gut zweieinhalb Jahren dreimal pro Monat in Berlin treffen, ehe die Sowjetunion im März 1948 aus dem Kontrollrat auszieht.)
Zugleich aber erhält jede Macht die Befugnis, in ihrer Zone zu verfahren, wie sie will. Zwar billigen die Alliierten gemeinsame Grundsätze, wie die Besatzer künftig mit dem besiegten Land verfahren wollen: Die nationalsozialistischen Kriegsverbrecher sollen vor Gericht gestellt, alle vor Kriegsende politisch aktiven NSDAP-Mitglieder aus dem öffentlichen Leben entfernt werden; die Deutschen müssen ihre Verantwortung für die Untaten der NS-Zeit eingestehen; sie sollen zudem an demokratische Spielregeln herangeführt und auf eine zukünftige friedliche Rolle in der Völkergemeinschaft vorbereitet werden.
Die Reste des alten Militärapparats wollen die Alliierten genauso zerschlagen wie die Großunternehmen, auf deren Unterstützung das NS-Regime bauen konnte. Mit welcher Konsequenz diese Grundsätze indes verfolgt werden, bleibt jeder Besatzungsmacht selbst überlassen. Vereinbart wird an diesem 18. Juli 1945 zudem, dass die Außenminister der vier Siegermächte fortan regelmäßig zusammenkommen, um eine endgültige Friedenskonferenz vorzubereiten.
Trotz dieser Einigkeit geraten die Großen Drei schon bald in einen Grundsatzstreit: Was eigentlich ist unter Deutschland künftig zu verstehen, welche Dimensionen soll es genau haben? Diese Fragen sind nämlich weitgehend ungeklärt. Überhaupt wird die Stimmung gereizter zwischen den drei Männern. Vor allem Churchill stichelt gegen Stalin. Auch der Generalissimus teilt aus. Es ist der Nachmittag des 19. Juli 1945, erst der dritte Verhandlungstag. Er höre lauter „Anklagen“ des Briten, gibt der Sowjetführer zu Protokoll, während der Premier kontert, er trage lediglich „Beschwerden“ vor.
Truman, der Mann, der noch vor Jahresfrist ein einfacher Senator aus Amerikas Mittlerem Westen war, hat rasch genug von derlei Spitzfindigkeiten: „Ich bin hierhergekommen, um mit den Regierungen der Sowjetunion und Großbritanniens über Weltpolitik zu reden.“ Er sitze hier nicht als Schiedsrichter zwischen den beiden. Die Sitzung an diesem Tag ist bald beendet. Und immer wieder geraten die drei nun aneinander.
Am Nachmittag des 21. Juli, am fünften Verhandlungstag, ist es Truman, der sich mit dem unnachgiebigen Sowjetführer anlegt. Mit Nachdruck spricht er die Frage der polnischen Westgrenze und den Status der deutschen Ostgebiete an. Denn noch ist völkerrechtlich ungeklärt, welchen Verlauf diese Grenze nehmen soll – und was genau jenseits dieser Grenze geschehen soll.
Genauso wenig entschieden ist über das Problem der Umsiedlung von Millionen Deutschen. Außer der früheren Zusage, dass sie im Grundsatz zustimmen, haben Briten und Amerikaner ja noch nicht mit der UdSSR vereinbart, wie diese Massenvertreibung organisiert werden soll. Als Stalin behauptet, dass keine Deutschen mehr im Osten leben würden, flüstert Trumans oberster Militärberater Admiral William Leahy dem Präsidenten – wohl scherzhaft – ins Ohr: „Natürlich nicht, die Bolschies haben sie alle umgebracht.“ Wenig später wird die neue polnische Regierung aus Warschau nach Potsdam eingeladen, auch deshalb, um zu ergründen, wie viele Deutsche noch in den östlichen Gebieten jenseits von Oder und Neiße leben. Sie spricht immerhin von anderthalb Millionen, fügt allerdings hinzu, dass auch diese Massen noch „ziehen werden, sobald die Ernte vorbei ist“.
Bei keinem der Beteiligten steht das Schicksal der Menschen im Vordergrund. Auch Truman (und mit ihm Churchill) bewegt die Grenzfrage vor allem aus zwei anderen Gründen. Zum einen hegt er die Befürchtung, dass noch viel mehr als die anderthalb Millionen, von denen Warschau redet, aus Polen, aus der Tschechoslowakei und vom Balkan, nach Westen vertrieben werden – Menschen, von denen ja am Ende Briten und Amerikaner viele in ihren Zonen aufnehmen und ernähren müssen (so wie es tatsächlich bald auch kommen wird). Zum anderen aber wollen Churchill und Truman eine Gegenleistung für ihre Zustimmung zu den neuen Grenzen Polens und zur massenhaften Umsiedlung der Deutschen. Stalin soll ihnen in einer nicht unbedeutenden Frage entgegenkommen.
Denn der Sowjetführer will Reparationen von den Deutschen. Er verlangt eine fixe Summe von zehn Milliarden US-Dollar, so war es in Jalta besprochen. Diese Regelung empfinden die Amerikaner nun allerdings als zu starr. Sie bevorzugen eine flexiblere Lösung: Jede Besatzungsmacht soll in ihrer Zone künftig selbst bestimmen, wie sie ihre Ansprüche befriedigt, etwa durch Demontagen von Fabriken und Eisenbahnen oder Lieferungen aus der deutschen Industrieproduktion.
Eines ist den Amerikanern dabei besonders wichtig. Die Last der Reparationen darf nicht so drückend ausfallen, dass die Deutschen auf Dauer ohne Hilfe von außen nicht existieren könnten. Denn die Hauptlast dieser Unterstützung müsste unweigerlich das reichste, vom Krieg am wenigsten gebeutelte Land unter den Siegern tragen: die USA.
Tagelang ringen nun beide Seiten. Bereits morgens um acht Uhr treten die ersten Expertenkomitees zusammen, die Außenminister verhandeln meist später am Vormittag miteinander. Doch insbesondere der sowjetische Chefdiplomat Wjatscheslaw Molotow ist bei seinen amerikanischen Verhandlungspartnern bald wegen seiner Unbeweglichkeit verschrien. „Steinarsch“ nennen sie ihn hinter vorgehaltener Hand.
Auch die Grenzfrage entzweit die drei Siegermächte weiterhin. Churchill fasst am 25. Juli die allgemeine Stimmung zusammen: „Wir müssen konstatieren, dass wir bis jetzt in diesem Punkt keinerlei Fortschritte gemacht haben.“ Es ist der neunte Verhandlungstag. Der Tiefpunkt der Konferenz.
Selbst ein persönliches Gespräch zwischen Truman und Außenminister Molotow etwas später bringt keine Einigung. Die Verhandlungen im Kreis der Großen Drei werden erst einmal ausgesetzt, weil Stalin sich erkältet hat. Doch in zähen Verhandlungen kommen die Außenminister sich näher.
Zwei Tage später ist Stalin wieder fit – und nun geht alles sehr schnell. Ein Kompromiss nimmt Form an: Briten und Amerikaner geben in der Grenzfrage nach, die Sowjets bei den Reparationen. So klärt sich die letzte große Streitfrage. Noch einmal werden die Diplomaten angewiesen, Details zu besprechen und schließlich alle Entscheidungen und neuen Bestimmungen zusammenzuführen: in einem großen Abschlussprotokoll.
Am 1. August 1945, um 22.40 Uhr, 15 Tage nach Beginn der Verhandlungen, treffen sich die Großen Drei ein letztes Mal im großen Saal von Cecilienhof: Stalin, Truman und der neue britische Premier Clement Attlee, der nach seinem Wahlsieg mitten in der Konferenz Winston Churchill abgelöst hat.
Rasch soll jetzt alles vorüber sein. Denn Truman will nur noch eines: nach Hause. Die „Augusta“ hat er bereits von Antwerpen nach Plymouth geschickt; das spart einige Stunden auf hoher See. Das Flugzeug, das ihn nach England bringen soll, steht bereit.
Noch einmal werden die Punkte der Abschlusserklärung abgehakt. Deutschland bleibt auf dem Papier (und weiterhin auf den Karten vieler Atlanten) in seinen Grenzen von 1937 bestehen. Völkerrechtlich verbindlich geregelt werden soll die Grenzfrage erst bei einer Friedenskonferenz, so wie es der US-Präsident gefordert hat. Tatsächlich aber übernehmen die Polen mit Billigung der westlichen Alliierten die Gebiete östlich von Oder und Neiße.
Ausdrücklich ist in der Erklärung die Rede von „ordnungsgemäßer und humaner Überführung“ der Deutschen „aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn“. Politisch ist damit die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten östlich der vier Besatzungszonen abgesegnet.
Wie weit der formulierte Anspruch, dass dies in „humaner“ Form zu geschehen habe, und die Wirklichkeit gut zwei Monate nach Kriegsende auseinanderklaffen, zeigt sich unmittelbar: Fast zeitgleich zum Abschlusstreffen in Potsdam kommt es nicht einmal 300 Kilometer davon entfernt, in Ústí nad Labem, dem sudetendeutschen Aussig, zu Ausschreitungen.
Tschechische Milizionäre jagen dort Deutsche durch die Straßen. Menschen werden erschlagen, erschossen, in der Elbe ertränkt. Wie viele ihr Leben verlieren, wird nie zweifelsfrei geklärt, einigen Schätzungen zufolge gibt es mehr als 100 Tote. Insgesamt, so vermuten Historiker später, werden Hunderttausende Deutsche die Vertreibungen nicht überleben.
In Potsdam dagegen ist die „Überführung“ der Deutschen aus den Ostgebieten nach Westen nur ein Punkt unter vielen. Alles auf dieser Konferenz ist mit allem verbunden. Stalin etwa verzichtet – als Gegenleistung für die faktische Anerkennung der neuen polnischen Westgrenze – auf seine Forderung, dass die Sieger eine fixe Reparationssumme erhalten sollen. Er stimmt stattdessen dem Vorschlag der Amerikaner zu, dass jede Siegermacht die Reparation weitestgehend aus ihrer jeweils eigenen Besatzungszone bekommt und so deren Höhe selbst festsetzen kann. Eine Regelung mit weitreichenden Folgen.
Denn bei allen Bekenntnissen zur Einheit des besetzten Landes – in Potsdam legen die Großen Drei damit fest, dass sie künftig in ihren Zonen weitgehend frei entscheiden können, ohne Rücksicht auf die anderen Besatzungsmächte: wirtschaftlich, weil sie selbst das Tempo von Demontagen und Reparationsleistungen bestimmen dürfen; politisch, weil sie unter anderem die vereinbarte Demokratisierung eigenmächtig regeln können.
Und da Briten und Franzosen wiederum zusehends von der wirtschaftlichen Unterstützung ihres wohlhabenden amerikanischen Verbündeten abhängig sind und dessen politischen Vorstellungen folgen, begünstigt diese Regelung faktisch noch etwas anderes: die Teilung Deutschlands in zwei Interessensphären, in eine West- und eine Osthälfte.
Es ist kurz nach Mitternacht, am frühen 2. August 1945, als Stalin am runden Eichentisch in Cecilienhof nach seinem Federhalter greift. In der Mitte stehen die drei Fähnchen der Sieger: das Sternenbanner, der Union Jack und die rote Fahne mit Hammer und Sichel. Der Sowjetführer unterzeichnet als Erster die ausgehandelte Deklaration, gefolgt von Truman und Attlee. Dann sagt der US-Präsident feierlich: „Hiermit vertage ich die Konferenz – bis zu unserem nächsten Treffen, das, wie ich hoffe, in Washington stattfinden wird.“ Es ist ausgerechnet der Atheist Stalin, der hinzufügt: „So Gott will.“
Doch die Großen Drei werden sich nie wiedersehen. Die Zeit ihrer Zusammenarbeit ist beendet. Bald schon wird eine neue Konfrontation beginnen, eine Auseinandersetzung, die auch die zukünftige Geschichte Deutschlands prägen wird: der Kalte Krieg zwischen Ost und West.
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