Jugendkultur

1968er Generation

Inhaltsverzeichnis

  1. Das Attentat auf Benno Ohnesorg 1967
  2. Die Ermordung von Rudi Dutschke 1968
  3. Kaufhaus-Brandstiftungen

1. Das Attentat auf Benno Ohnesorg

Gründungsmythos der Studentenbewegung mit Fragezeichen

Am 2. Juni 1967 wird in West-Berlin der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien erschossen. Sein Tod gehört zu den einschneidenden Ereignissen in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Tag wurde nach und nach zumSymboldatum der Studentenbewegung. Bis heute gibt die Tat Rätsel auf.

Von Monika Dittrich |

Eine Gruppe Studenten, die ein Transparent mit der Aufschrift "Wer hat Benno auf dem Gewissen? Albertz? Innensenator? Polizei?" tragen.

Eine Gruppe Studenten, die ein Transparent mit der Aufschrift "Wer hat Benno auf dem Gewissen? Albertz? Innensenator? Polizei?" tragen. 

 

"Die Straße sieht bereits aus wie ein Schlachtfeld. Zwischen der Polizei und den Demonstrierenden kam es bereits zu mehreren Handgreiflichkeiten, und es war leider bedauerlich mitzuteilen, dass die Polizei auch heute wieder einen recht nervösen Eindruck macht. Sie hat auf einzelne Personen mit mehreren Leuten eingeschlagen, nicht nur mit ihren Gummiknüppeln, sondern auch mit Fußtritten, dieses habe ich selbst gesehen."
West-Berlin, 2. Juni 1967. Der Schah von Persien, Mohammed Reza Pahlavi, ist gemeinsam mit seiner Frau Farah auf Staatsbesuch in der Bundesrepublik. Zu Ehren des Kaiserpaares wird in der Deutschen Oper Mozarts "Zauberflöte" gespielt. Draußen aber, vor der Oper, tobt ein Straßenkampf zwischen demonstrierenden Studenten und der Polizei.

Aufgeheizte Stimmung vor der Deutschen Oper
Ein Reporter des RIAS, des damaligen Rundfunks im amerikanischen Sektor, beschreibt die aufgeheizte Stimmung in der Bismarckstraße vor der Deutschen Oper.
"In Sprechchören rufen die Studenten, 'Nieder mit dem Schah' und sie haben außer Tomaten, Eiern und Gummireifen auch Stinkbomben, Rauchbomben geworfen. Einige dieser Rauchbomben wurden von den Polizisten dann wieder zurück in die Menge geworfen. Und das gab dann den Krawall."

 

Tumulte vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin am 2.6.1967. Der Besuch des persischen Herrscherpaares Kaiser Schah Reza Mohammed Pahlavi und Kaiserin Farah Diba, die sich für 24 Stunden in Westberlin aufhielten, löste Massendemonstrationen aus. Bei schweren Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und der Polizei wurde der 26jährige Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen.

Anti-Schah-Demonstration in Berlin. (picture-alliance / dpa)

 

Krawall, den die Polizisten beenden sollen, bevor die Staatsgäste die Oper wieder verlassen. Ihr Vorgehen wird der Berliner Polizeipräsident später als "Leberwursttaktik" bezeichnen: Man müsse in die Mitte der demonstrierenden Menschenmenge hineinstechen, damit sie an den Enden – so wörtlich - auseinanderplatzt. Mit Knüppeln jagen die Polizisten die Studenten auseinander, auch in die Krumme Straße, eine Seitenstraße der Deutschen Oper.
"Hier vor diesem Gebäude, Krumme Straße 66/67, ist ein Parkplatz, auf den sind einige Studenten geflohen vor der Polizei."

Studenten versuchten, der Prügelei zu entkommen
Eckard Michels ist Historiker. Er hat gerade ein Buch über den Schahbesuch veröffentlicht und darin rekonstruiert, was am 2. Juni 1967, also vor 50 Jahren, in der Krummen Straße passierte.
"Es gab also ein großes Gerangel auf diesem Parkhof, zwischen den Studenten und der Polizei, wobei die Polizei geprügelt hat und die Studenten nach Möglichkeit versucht haben, diese Schläge abzuwehren oder der Prügelei zu entkommen."
Die Krumme Straße heute: eine Nebenstraße in Berlin-Charlottenburg, an der Ecke ein Supermarkt, Mehrfamilienhäuser, breite Bürgersteige. In einem Hof stehen geparkte Autos. Eine unscheinbare Gedenktafel erinnert an den Abend des 2. Juni 1967, als dieser Ort zum Tatort wurde.
"Und plötzlich war ein Schuss zu vernehmen und Benno Ohnesorg ist dann in sich zusammengesackt."

Benno Ohnesorgs erste Demonstration
Benno Ohnesorg. Ein 26-jähriger Lehramtsstudent, Mitglied der Evangelischen Studentengemeinde, seit kurzem verheiratet, seine Frau Christa ist schwanger. Angehörige beschreiben ihn als introvertiert und musisch begabt. Es ist das erste Mal, dass Benno Ohnesorg an einer Demonstration teilnimmt. Es wird auch das letzte Mal bleiben. Denn jetzt liegt er sterbend am Boden, die Studentin Friederike Dollinger kniet sich neben ihn, sie schiebt ihre Handtasche unter seinen blutenden Kopf und ruft nach einem Krankenwagen. Das Foto, das ein Reporter in diesem Moment schießt, geht später um die Welt.
"Zu dem Zeitpunkt wusste man noch nicht, dass Ohnesorg wegen des Schusses zusammengesackt ist, weil er gleichzeitig von drei Polizisten verprügelt worden ist."

Sein Tod galt als Beleg für einen faschistischen Staat
Den Schuss, den kaum einer hörte, wegen der tumultartigen Zustände und auch wegen der vielen Knallfrösche, die die Demonstranten warfen, dieser Schuss sollte in die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik eingehen. Und zu einem Gründungsmythos der Studentenbewegung und auch der radikalen Linken werden. Linksterroristen gründeten Anfang der 70er Jahre die "Bewegung 2. Juni", manche von ihnen schlossen sich später der Rote-Armee-Fraktion an, die sich ebenfalls auf Benno Ohnesorg berief. Der erschossene Demonstrant war in dieser Nacht zur Symbolfigur geworden: Sein Tod galt vielen im linken Milieu als Beweis dafür, dass der westdeutsche Staat faschistisch sei und bekämpft werden müsse.

 

Benno Ohnesorg umringt von Helfern des Roten Kreuzes bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus, wo er kurze Zeit später verstarb. Bei einer Anti-Schah Demonstration in Berlin, bei der es zu schweren Zwischenfällen zwischen den Demonstranten und der Polizei kam, wurde der 26-jährige Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Aufgenommen am 2. Juni 1967

Benno Ohnesorg umringt von Helfern des Roten Kreuzes bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus, wo er kurze Zeit später verstarb. (dpa)

 

Die Kugel, die Ohnesorgs Kopf durchbohrte, hatte Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras abgefeuert. Warum er geschossen hat, bleibt bis heute ein Rätsel. Dazu später mehr. Wie aber konnte es überhaupt so weit kommen?
"Kaiserliche Majestät, ich darf Sie hier auf dem Berliner Flughafen ganz herzlich begrüßen!"
Am Morgen des 2. Juni 1967 empfängt Berlins Regierender Bürgermeister Heinrich Albertz das persische Herrscherpaar.
"Es ist uns eine hohe Ehre, dass Sie, kaiserliche Majestät und Kaiserin Farah, auch die deutsche Hauptstadt besuchen. Die Berliner freuen sich darauf und wir sind glücklich, ihnen den freien Teil des wiederaufgebauten Berlins zeigen zu können."

Bundesregierung wollte Beziehungen zum Schah intensivieren
West-Berlin ist eine von mehreren Stationen des Schahbesuchs, der insgesamt anderthalb Wochen dauert, mit Aufenthalten unter anderem in Bonn und München. Der Schah wird in Deutschland mit großem Pomp umgarnt. Die Bundesregierung folgt dabei einer Strategie, die charakteristisch ist für die Zeit des Kalten Krieges. Sie will die Beziehungen zum Drittweltland Iran intensivieren und den Schah unter allen Umständen davon abbringen, Kontakte zur DDR aufzunehmen. Dass Mohammed Reza Pahlavi längst seine Fühler in den Ostblock ausgestreckt hatte und unmittelbar vor seinem Deutschlandbesuch in der sozialistischen Tschechoslowakei empfangen worden war, beobachtete die Bundesregierung mit Sorge.
"Das war ja sozusagen der GAU, der größte anzunehmende Unfall, aus Sicht der Bundesregierung, dass die DDR die Anerkennung von Regierungen aus der dritten Welt erfahren könnte. Und deswegen musste man den Schah eben '67 auch besonders hofieren."

Der bis dahin größte Polizeieinsatz in der Bundesrepublik
Hofieren – und: schützen. Der Schah galt als gefährdete Person. Mehrere Attentate und Anschlagsversuche hatte er bereits überlebt. Iranische Oppositionelle, die in der Bundesrepublik lebten, galten als gut vernetzt. Wohl aus diesen Gründen organisierten die deutschen Sicherheitsbehörden den bis dahin größten Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Akteure der Studentenbewegung sahen darin allerdings eine systematisch geplante Notstandsübung. Eine Fehl-Interpretation, sagt der Historiker:
"Diese Idee, dass der Schahbesuch so eine Art Generalprobe für einen Notstandsstaat sei, indem man erstmals versucht, bestimmte Grundrechte auszuhebeln und der Polizei freien Lauf zu lassen, das lässt sich einfach so nicht darstellen."

 

Der iranische Schah Reza Mohammed Pahlavi (M) schreitet am 2. Juni 1967 die Front der Ehrenformation der Berliner Bereitschaftspolizei mit dem Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz (l) auf dem Flughafen Tempelhof in Berlin ab. Das iranische Herrscherpaar hielt sich für 24 Stunden im westlichen Teil der geteilten Stadt auf. Der Besuch des Schahs löste Massendemonstrationen und schwere Tumulte gegen den iranischen Herrscher aus, der Student Benno Ohnesorg kam dabei ums Leben.

Der iranische Schah Reza Mohammed Pahlavi (M) schreitet am 2. Juni 1967 die Front der Ehrenformation der Berliner Bereitschaftspolizei ab. (dpa)

 

Eckard Michels, der am Londoner Birkbeck College deutsche Geschichte lehrt, hat auch untersucht, warum der Schah überhaupt zum übergroßen Feindbild der Studenten geworden war. In erster Linie galt er ihnen als Marionette des Westens, als eitler Monarch, der sich nur durch die Unterstützung der USA auf dem Thron halten konnte und sein eigenes Volk unterdrückte.
"Der Protest gegen den Schahbesuch war sicherlich gerechtfertigt, weil die Menschenrechtssituation im Iran und die Lebensbedingungen für einen Großteil der Bevölkerung katastrophal waren."

Kritik an den Verhältnissen im Iran
Das ist die vordergründige Erklärung. Sie reicht aber nicht aus. Denn in der Bundesrepublik wurden damals auch andere Potentaten empfangen – ohne dass ein einziger Student dagegen demonstriert hätte. Beim Protest gegen den Schah spielten also noch weitere Faktoren eine Rolle. Da war zum einen die Regenbogenpresse, die immer wieder anbiedernd über den persischen Herrscher und seine Ehefrauen berichtete. Das hatte für Aufmerksamkeit gesorgt und zugleich viele politisierte Studenten angewidert. Im krassen Gegensatz dazu stand ein Büchlein, das erst wenige Wochen vor dem Schahbesuch erschienen war und sich unter den Studenten schnell zum Bestseller entwickelt hatte. "Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt", heißt die Streitschrift des iranisch-stämmigen Germanisten Bahman Nirumand, verlegt in der Taschenbuchreihe "rororo aktuell" für erschwingliche 2 Mark 20.
"Es ist mit Verve geschrieben. Und es geht auch letztendlich über den Iran hinaus, indem es auch eine Art Appell ist an die Studenten, sie dürften das nicht mehr so hinnehmen, diese Unterdrückung der dritten Welt. Man solle vielmehr ein Bündnis mit den Befreiungskämpfern der Dritten Welt schmieden."
Am Tag vor dem Schahbesuch sprach Bahman Nirumand im vollbesetzten Audimax der Freien Universität Berlin.
"Kritik an dieser Art von Demokratie wird in Persien offen mit Verrat gleichgesetzt. Und vor einem Militärtribunal abgeurteilt, zu dessen Prozessen Öffentlichkeit und Presse keinen Zutritt haben. Die Untersuchungsrichter mühen sich nicht mit langen Verhören ab. Geständnisse, die man braucht, werden durch Folter erzwungen. Schon in der Anklageschrift werden die Angeklagten schuldig im Sinne der Anklage befunden, bevor noch … (Applaus)."

Aus Jubelpersern werden Prügelperser
Im Audimax liefen sich die Studenten warm für die Demonstrationen gegen den Schah. Hier wurden auch die Papiertüten mit den Karikaturen von Mohammed Reza und Farah Pahlavi verkauft, die sich viele Studenten bei den Protesten über die Köpfe stülpten. Zum Beispiel vor dem Schöneberger Rathaus, um die Mittagszeit am 2. Juni, wo sich der Schah in das Goldene Buch der Stadt eintragen sollte.

 

Tumulte vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin am 2.6.1967. Der Besuch des persischen Herrscherpaares Kaiser Schah Reza Mohammed Pahlavi und Kaiserin Farah Diba, die sich für 24 Stunden in Westberlin aufhielten, löste Massendemonstrationen aus. Bei schweren Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und der Polizei wurde der 26jährige Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen.

Tumulte bei der Anti-Schah-Demonstration in Berlin. (picture-alliance / dpa )

 

Studenten, Demonstranten, aber auch Schaulustige, drängeln sich hinter den Absperrgittern, mit denen sie auf Distanz zum Rathaus gehalten werden. Kurz bevor der Schah eintrifft, fahren zwei Busse der Berliner Verkehrs-Betriebe vor. Etwa 80 Perser steigen aus, es sind Anhänger des Schahs, teilweise Mitarbeiter des iranischen Geheimdienstes, wie sich später herausstellen sollte. Jubelperser heißen sie von nun an: Sie dürfen näher ans Rathaus heran als die Schah-Gegner und sie haben Plakate mitgebracht; darauf stehen Grußformeln für das Kaiserpaar. Doch als der Schah im Rathaus verschwunden ist, werden aus den Jubelpersern Prügelperser. Mit Holzlatten gehen sie auf die Demonstranten los. Die Polizei lässt sie gewähren.
"Inzwischen aber ist es zwischen diesen Persern und den Studenten, die hinter den polizeilichen Absperrungen stehen, zu Handgreiflichkeiten gekommen. Man muss der Wahrheit die Ehre geben, die Perser, die den Schah freundlich begrüßten mit ihren Plakaten, sie waren die ersten, die die Plakate von ihren Stöcken abmachten und damit wahllos in die Menge hineinschlugen."

Diskussionen zwischen Studenten und Berlinern
Und dann, am Abend, die nächste Eskalation: vor der Deutschen Oper.
"Das, meine Damen und Herren ist die Begrüßung der etwa 500 Studenten, die auf der gegenüberliegenden Seite des Einganges der Deutschen Oper Berlin hinter den Sperrgittern der Polizei stehen. Der Schah ist eben vorgefahren, sein Wagen wurde unter das Überdach der Oper gefahren, damit ihn die Eier und die Tomaten, die hier geworfen werden, nicht erreichen."
Am Straßenrand entwickeln sich Diskussionen – zwischen demonstrierenden Studenten und schaulustigen Berlinern.
"Unser Anliegen ist es, dass wir der Bevölkerung klarmachen, dass es noch andere Tatsachen gibt als die, die man in der Springerpresse liest. – Na hören Sie mal, es geht doch, nicht nur um die Springerpresse, man macht sich doch auch seine eigenen Gedanken. – Das ist schön, wenn Sie das machen! Dann wüssten Sie auch, dass der Schah ein Tyrann ist. – Was sagten Sie eben? – Da hinten wird geschlagen. Polizeiausschreitungen."
"Das, was sich hier bot, meine Damen und Herren, kann man eigentlich mit Worten kaum noch beschreiben. Man kann nur eins sagen: Man muss der Polizeiführung bescheinigen, dass hier wieder völliges Versagen vorliegt. Die Antwort auf die Polizeiknüppel waren Pflastersteine und Mauersteine, die zwei Polizisten am Kopf verletzten, sie kamen sofort in Krankenhäuser und ich zähle jetzt zurzeit vier Krankenwagen, die ständig im Einsatz waren."

Karl-Heinz Kurras wird freigesprochen
Der Schahbesuch, der für die Bundesrepublik strategisch so wichtig war, endete in West-Berlin mit Straßenschlachten, prügelnden Polizisten und einem toten Demonstranten. Ein verstörendes Ereignis, vor allem für viele West-Berliner Studenten. Der damalige Asta-Chef an der Freien Universität, Hartmut Häußermann:
"Wir sind deshalb so sehr betroffen, weil hier ein Student, der gegen ein Gewaltregime demonstrieren musste, diese Demonstration mit seinem Leben bezahlen musste."
Karl-Heinz Kurras, der Todesschütze, wurde später freigesprochen; ihm sei keine strafrechtliche Schuld nachzuweisen, hieß es. Für viele ohnehin politisierte Studenten war das ein weiterer Beleg dafür, dass der Staat mörderisch agiert – und sie selbst die Opfer sind. So wurde der 2. Juni 1967 nach und nach zum Symboldatum und viele Protagonisten der Studentenbewegung und der radikalen Linken bezeichneten die Ereignisse vor der Deutschen Oper später als Erweckungserlebnis. Der frühere RAF-Terrorist Karl-Heinz Dellwo etwa schrieb einmal in einem Aufsatz mit dem Titel "Mein 2. Juni":
"Schlüsselereignisse sind die, die für die eigene Biografie konstituierend sind. Der Tod von Benno Ohnesorg gehört sicher dazu (...)"

 

Gedenktafel "Benno Ohnesorg" in der Bismarckstrasse in Berlin-Charlottenburg.

Gedenktafel "Benno Ohnesorg" in der Bismarckstrasse in Berlin-Charlottenburg. (imago / Schöning)

 

"Die Bedeutung des 2. Juni für die Studentenbewegung und für den Linksterrorismus in der Bundesrepublik ist natürlich erst eine nachträgliche Konstruktion. Im Rückblick hat man nach diesen Eskalationsstufen versucht zu denken, wann hat das Ganze eigentlich angefangen und da bot sich der 2. Juni und der Tod Ohnesorgs als Ausgangspunkt an."

Todesschütze war IM der Stasi
Auch diese Erkenntnis des Historikers kommt einer Entzauberung der Studentenbewegung gleich. Doch die Geschichte über den 2. Juni und den Tod Benno Ohnesorgs, über seine vermeintliche oder tatsächliche Bedeutung für die Studentenbewegung – diese Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt.
"Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Erkenntnisse der Stasiakten-Behörde werfen ein neues Licht auf einen Auslöser der Studentenproteste Ende der 60er-Jahre."
Eine Wendung, die niemand erwartet hatte: Im Mai 2009 kam heraus, dass Karl-Heinz Kurras, der Mann, der Benno Ohnesorg erschossen hat, ein Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit gewesen war. Helmut Müller-Enbergs, der zu dieser Zeit in der Stasi-Unterlagenbehörde arbeitete, hatte die Kurras-Akte durch Zufall entdeckt – gemeinsam mit einer Kollegin.
"Dass ein West-Berliner Polizist in einer Schlüsselstellung von der Staatssicherheit eine Waffe bekommen hat, Geld für eine P38 mit Kleinkaliber-Aufsatz, das habe ich zum ersten Mal in 17 Jahren Behördengeschichte gelesen."

DDR hatte kein Interesse an Ausschreitungen
Die Frage, die sich nun stellte, lautete: Muss die Geschichte der Studentenbewegung, die Geschichte des 2. Juni, umgeschrieben werden? Schoss Kurras möglicherweise sogar im Auftrag der Stasi?

 

Das SED-Mitgliedsbuch des West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras, der während des Schah-Besuchs am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, aufgenommen am 28.05.2009 in Berlin in der Stasi-Unterlagenbehörde.

Das SED-Mitgliedsbuch des West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras, der während des Schah-Besuchs am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss. (dpa / picture alliance / Hannibal Hanschke)

"Wie starb Benno Ohnesorg" sang die DDR-Singegruppe Oktoberklub schon 1967. Manch einer im Westen dachte damals vielleicht, in der DDR-Führung habe es eine klammheimliche Genugtuung gegeben angesichts der eskalierenden Ereignisse beim Schahbesuch. Doch das Gegenteil dürfte richtig sein. Die DDR hatte kein Interesse an den Ausschreitungen und auch nicht am Tod eines Demonstranten. Ostberlin wollte schließlich selbst diplomatische Beziehungen mit dem Schah aufbauen. Eckard Michels:

"Am liebsten wäre es der DDR gewesen, dass der Schah-Besuch in West-Berlin vollkommen ruhig ohne Demonstrationen abgelaufen wäre. Weil die DDR immer Angst hatte, dass der Schah jegliche Proteste auf die Aktivitäten der iranischen Kommunisten oder sogar auf die DDR-Organe in West-Berlin zurückführen könnte und damit wäre natürlich die erhoffte Annäherung des Schahs an die DDR von vornherein unmöglich geworden."

Frage nach dem Motiv von Kurras bleibt

Karl-Heinz Kurras hatte also keinen Mord-Auftrag aus der DDR. 2014 ist er gestorben. Was bleibt, ist die Frage, warum er damals, an diesem frühsommerlichen Abend vor 50 Jahren, geschossen hat. Man wird es wohl nie herausfinden – aber Eckard Michels versucht eine Erklärung.

"Ich glaube, dass Kurras – aus welchen Gründen auch immer – an jenem Abend, in dieser speziellen Situation überfordert gewesen ist und sich bedroht gefühlt hat, ich glaube nicht mal, dass er gezielt auf Ohnesorg geschossen hat, vielleicht wollte er wirklich einen Warnschuss abgeben. Ich weiß, das klingt schwer akzeptabel, weil Kurras nun wirklich kein angenehmer Zeitgenosse ist – nach allem, was wir wissen. Aber auch einer solchen Person muss man zugutehalten, falsch gehandelt zu haben, aber nicht vorsätzlich in dem Sinne, dass er jemanden töten wollte an dem Abend."


2. Die Ermordung von Rudi Dutschke

Am 11. April erfolgt auf dem Berliner Ku'damm ein Attentat auf Rudi Dutschke. Durch einen Schuss wird er lebensgefährlich am Kopf verletzt. Der 24-jährige Anstreicher Josef Bachmann, hatte die zur "Jagd" hetzenden Presseschlagzeilen wörtlich genommen.

Seine Schuhe liegen noch auf der Straße: Am 11. April 1968 wird Rudi Dutschke auf offener Straße niedergeschossen.
Seine Schuhe liegen noch auf der Straße: Am 11. April 1968 wird Rudi Dutschke auf offener Straße niedergeschossen. (© AP)

Sogar Rudi Dutschke ließ sich nun zu handfesteren militanten Aktionen hinreißen. Zusammen mit seinem Kommilitonen Bahman Nirumand war er offenbar kurz davor, einen Sendemast des amerikanischen Soldatenradios AFN in die Luft zu sprengen, eine Aktion, die allein aus Dilettantismus scheiterte. Erst in letzter Minute stoppte er die Sprengung eines amerikanischen Schiffes, das Kriegsmaterial nach Vietnam transportieren sollte (den Sprengstoff hatte ihm der italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli im Februar 1968 als "Gastgeschenk" zum Vietnam-Kongress mitgebracht). Am 2. April 1968 explodieren in den Kaufhäusern Kaufhof und Schneider in Frankfurt am Main Brandsätze. Am Tag darauf werden der Journalist Andreas Baader, die Germanistikstudentin Gudrun Ensslin, der Kunststudent Thorwald Proll und der Schauspieler Horst Söhnlein verhaftet. Am 4. April wird der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet. Am 11. April erfolgt auf dem Berliner Ku'damm ein Attentat auf Rudi Dutschke. Er wird durch einen Schuss lebensgefährlich am Kopf verletzt. Der Attentäter, der 24-jährige Anstreicher Josef Bachmann, hatte die zur "Jagd" auf Rudi Dutschke hetzenden Presseschlagzeilen wörtlich genommen. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Attentats kommt es in ganz Deutschland zu schwersten Straßenschlachten. In zahlreichen Filialen des Springer-Verlages werden nicht nur erneut Scheiben eingeworfen, sondern auch Auslieferungswagen blockiert oder angesteckt. In Berlin schleicht sich Peter Urbach, der später als Agent provocateur enttarnte Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, zusammen mit Demonstranten zum Fuhrpark des Springer-Konzerns, schraubt die Tankverschlüsse von fünf Lieferwagen auf und steckt die Wagen in Brand. Die Bilder von den entflammten Lieferwagen vor dem Springer-Hochhaus gehen um die Welt (vgl. Uesseler 1998, S. 290).

Die Polizei reagiert mit dem Einsatz von Wasserwerfern und Panzerwagen. Dabei werden erneut Demonstranten in blinder Wut mit Knüppeln, Hunden und Pferden auseinander getrieben und verprügelt, oft bewusst ihre Pkws zerstört. In zahlreichen Fällen werden Festgenommene noch in Polizeigewahrsam systematisch misshandelt.

Das Fazit der Ostertage 1968: bundesweit Demonstrationen und Kundgebungen in 27 Städten mit jeweils 5000 bis 18000 Teilnehmern, in 50 Städten Verkehrsblockaden, Einsatz von rund 21000 Polizisten, zwei Tote (in München wurden ein Pressefotograf und ein Student von Steinen tödlich getroffen), über 400 verletzte Demonstranten, 54 verletzte Polizisten. Innenminister Ernst Benda berichtet am 30. April 1968 vor dem Deutschen Bundestag: "Von den Beschuldigten sind 87 bis zu 18 Jahren alt, 210 zwischen 19 und 21 Jahren, 246 zwischen 22 und 25 Jahren; 286 Personen sind älter als 25 Jahre. Nach Berufen aufgegliedert, ergibt sich folgendes Bild: 92 sind Schüler, 286 Studenten, 185 Angestellte, 150 Arbeiter, 31 sonstige Berufe, 97 ohne Beruf, unbekannt ist der Beruf bei 26 Personen. Meine Damen und Herren, diese Aufgliederung scheint mir zu zeigen, wie falsch es wäre, die Gewaltaktionen als Studentenunruhen zu bezeichnen." (nach Wolff/Windaus 1977, S. 236)

Bereits der Tod von Benno Ohnesorg hatte unmittelbar eine breite Solidaritätswelle und eine sprunghaft steigende Protestbereitschaft unter vielen jungen Leuten ausgelöst. Der SDS erlebte einen bisher unbekannten Mitgliederboom, und in einer vom Spiegel in Auftrag gegebenen repräsentativen Umfrage im Frühjahr 1968 erklärten zwei Drittel der befragten Schüler und Studenten und 55 Prozent der Berufsschüler, sie würden auch selbst an Protestaktionen teilnehmen, 56 Prozent von diesen würden sogar bei "Streiks in der Schule oder an der Universität mitmachen", 32 Prozent "den Verkehr blockieren", je 23 Prozent würden "sich widersetzen, wenn die Polizei die Demonstrationen auflöst", oder sogar "zurückschlagen, wenn Polizisten mit Knüppeln auf sie einprügeln". Fazit: "Die meisten Jugendlichen lehnen die Proteste ihrer Altersgenossen in den Groß- und Universitätsstädten nicht ab, sondern finden sie gut." (Der Spiegel 8/1968, S. 40) Am 26. Februar 1967 gründeten Schülerinnen und Schüler aus 17 Städten in Frankfurt das "Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler" (AUSS). Zwei Jahre später existierten bereits 130 Schülergruppen (Mosler 1977, S. 77f.). Schon zu Beginn des Jahres 1968 hatten Schülerproteste gegen Fahrpreiserhöhungen bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt, vor allem, weil die Polizei erneut auf die symbolischen Regelverletzungen mit handfester Gewalt überreagierte: Die Blockaden von Straßenbahnschienen wurden mit Schlagstöcken und Wasserwerfern aufgelöst, es gab erneut Verletzte.

3. Kaufhaus Brandstiftungen

Nach dem Tod von Benno Ohnesorg hatte sich die APO(Außerparlamentarische Opposition) gespalten. Der radikale Flügel diskutierte, ob Sachbeschädigung ein legitimes Mittel sei, um politischen Protest auszudrücken.

Die Mitglieder der Kommune 1 veröffentlichten Flugblätter, in denen das Legen von Kaufhausbränden befürwortet wurde. Das galt ihnen insbesondere als Protest gegen den Vietnamkrieg: Das Leid von Menschen in brennenden Kaufhäusern verglichen sie mit dem Leid der im Vietnamkrieg mit Napalm bombardierten Menschen.
 

Baader und EnsslinAndreas Baader und Gudrun Ensslin, später führende Mitglieder der RAF, hatten sich im Juli 1967 im Umfeld der APO kennengelernt. Gemeinsam verübten sie im August 1967 einen (noch harmlosen) Rauchbombenanschlag auf die Berliner Gedächtniskirche.Dass sie auch vor Gewalt nicht zurückschreckten, zeigten sie erstmals, als sie am 2. April 1968zwei Kaufhäuser in Frankfurt am Main in Brand stecken. Es handelte sich um die Kaufhäuser M. Schneider und Kaufhof.
 Auch dabei: Thorwald Proll und Horst SöhnleinDie Brandstiftung unternahmen Baader und Ensslin gemeinsam mit Horst Söhnlein und Thorwald Proll. Sie wollten damit also gegen den Vietnamkrieg protestieren. Da sie die drei Brände an zwei Kaufhäusern nachts legten, war es eher unwahrscheinlich, dass Menschen zu Schaden kommen würden - allerdings gab es ja dort auch Nachtwächter.Menschen wurden indes tatsächlich nicht verletzt. Allerdings betrug der Sachschaden knapp 675.000 Mark.
 Verhaftung, Prozess und Freilassung der BrandstifterZwei Tage später wurden die Brandstifter gefasst. Im Prozess verhielten sie sich gegenüber Richter und Staatsanwalt respektlos. Einer der vier Verteidiger war Horst Mahler, später ebenfalls Mitglied der RAF.Am 31. Oktober 1968 wurden die vier Angeklagten zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach 14 Monaten (13. Juni 1969) wurden die Brandstifter jedoch freigelassen, weil über eine mögliche Revision entschieden werden sollte.Dieser Revision, der Neuaufnahme des Prozesses, wurde im November 1969 aber nicht stattgegeben. Die vier hätten wieder in Haft gemusst. Nur Horst Söhnlein trat diese an, die drei anderen flohen nach Frankreich.

Verlinkungen:

Quellen:

Internetquellen

-> Dittrich, Monika: Der Tod von Benno Ohnesorg. Gründungsmythos der Studentenbewegung, in: Deutschlandfunk online, verfügbar seit 02.06.2017 online unter: https://www.deutschlandfunk.de/der-tod-von-benno-ohnesorg-gruendungsmythos-der-100.html, zuletzt geprüft am 16.10.2025. 

-> Farin, Klaus: Attentat auf Dutschke, in: bpb online, online verfügbar seit 25.02.2010 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/jugendkulturen-in-deutschland/36185/attentat-auf-dutschke/, zuletzt geprüft am 16.10.2025.

-> Kaufhaus Brandstiftungen, in: Zeitklicks online, verfügbar unter: https://www.zeitklicks.de/zeitstrahl/1968/kaufhaus-brandstiftungen, zuletzt geprüft am 16.10.2025.

Sekundärliteratur

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1950er Jahre

Inhaltsverzeichnis

1. Jugend in den 50ern: Rebellion in Jeans und mit Rock 'n' Roll

1. Jugend in den 50ern: Rebellion in Jeans und mit Rock 'n' Roll

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Von den Eltern missbilligt, wird der Rock 'n' Roll Mitte der 50er-Jahre zum Soundtrack einer jungen Generation, die sich faszinieren lässt vom American Way of Life und sich nach Aufbruch und Freiheit sehnt. Zumindest im Westen.

von Ulrike Bosse

Auch als zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Besatzungsstatut aufgehoben wird, bleiben Teile der alliierten Truppen als Folge aus dem Vorbehalt der Pariser Verträge in Deutschland. Aus den Besatzern werden Schutzmächte und Verbündete - und sie hinterlassen ihre kulturellen Spuren. In Norddeutschland sind es die Briten. Die Amerikaner sind vornehmlich im Süden Deutschlands stationiert - und haben mit GI Elvis Presley 1958 einen Star im Gepäck: Idol Millionen Jugendlicher und Projektionsfläche für Freiheit und Rebellion.

Die "Moldau" auf dem Plattenteller: "Hat uns alles angekotzt"

Als Elvis Presley 1958 als GI nach Deutschland kommt, lernt Claus-Kurt Ilge ihn kennen.

"Wir wollten frei sein, wir wollten unsere eigene Kultur haben", erinnert sich Claus-Kurt Ilge im Podcast "Rock me" von NDR Info im Jahr 2021 an die Zeit. Als Teenager ist er damals dem Rock 'n' Roll und der amerikanischen Kultur verfallen. Weil er Kontakt hat zu US-Soldaten - darunter Elvis Presley. Aber auch, weil er und seine Freunde einfach genug haben vom Lebensstil ihrer Eltern: "Sonntags war gemeinsames Frühstück. Da sind dann Schallplatten aufgelegt worden aus dem Musik-Schrank. Moldau langsam geflossen, schnell geflossen. Das hat uns alles angekotzt, kann man so sagen."

Nierentisch, Petticoat, Milchbar und die Sonne von Capri: So, wie die 1950er-Jahreoft dargestellt werden, sind sie in Wirklichkeit nicht. Jedenfalls nicht für meisten Deutschen und nicht für den Großteil des Jahrzehnts. Was heute gerne in Filmen gezeigt wird, mag gegen Ende des Jahrzehnts und in wohlhabenden Familien möglich sein. Der Alltag der meisten Menschen aber sieht zunächst anders aus: viel Arbeit, wenig Freizeit, Wohnungsmangel, traditionelle Rollenbilder, autoritäre Gesellschaftsstrukturen. Und bis Mitte des Jahrzehnts leben die Deutschen unter einem Besatzungsregime.

Leben unter den Alliierten als Schmach empfunden

Claus-Kurt Ilge erinnert sich, dass sich sein Vater vom Auftreten amerikanischer Soldaten gedemütigt fühlte.

Claus-Kurt Ilge, Jahrgang 1942, wächst in Bad Nauheim in Hessen auf. Im benachbarten Friedberg sind amerikanische Soldaten stationiert. Sein Vater empfindet deren Anwesenheit anfangs als ziemliche Schmach. Sie haben das Sagen und lassen das die Deutschen spüren: "Da gab es das große Grand Hotel, da war der General Patten. Und die Offiziere, die sind zum Bürgermeister gegangen und haben gesagt: 'Bis 18 Uhr brauchen wir so und so viel Wohnungen oder so und so viel Häuser.' Da sind die Leute zum Teil rausgeschmissen worden, zum Teil mussten sie auf den Dachboden. Und da haben dann die Sieger gewohnt."

Eiscreme und Zigaretten: Begehrtes aus den USA

Als Kindergartenkind macht Claus-Kurt Ilge umgekehrt aber positive Erfahrungen mit den Amerikanern, die die Kleinen in die Kaserne einladen: "Da war die Kantine, da sind wir bewirtet worden. Und da habe ich den ersten Donut, den ersten Amerikaner gegessen, diese Zuckerguss-überzogenen Dinger."

Der Unterschied zwischen dem kargen Leben in den Elternhäusern und dem Überfluss, in dem die Amerikaner offenkundig leben, prägt sich den Kindern ein: "Die großen Autos. Ice-Cream, Zigaretten, Whiskey, Shrimps: Da war alles da", sagt Ilge. "Die hatten schon die Jeans, da hat bei uns die Mustang-Jeans noch 19,50 gekostet - und das waren Raritäten."

Fraternisierungsverbot unterbindet persönliche Kontakte

Als das Fraternisierungsverbot in mehreren Schritten fällt, beginnt unter alliierten Soldaten und Deutschen auch ein reger Tauschhandel.

Ilge findet das damals alles faszinierend - auch wenn er es anfangs nur aus der Ferne mitbekommt: "Die Amerikaner waren unter sich." Im und nach dem Krieg herrscht für die Soldaten zunächst ein Fraternisierungsverbot mit den Deutschen: Im Frühjahr 1944 wird in einem Erlass der westlichen Alliierten festgelegt, dass die Verbrüderung zwischen alliierten Truppen und deutschen Beamten und der Bevölkerung streng zu unterbinden sei. Erst zwei Jahre später wird das offiziell durch eine Besatzungspolitik abgelöst, bei der Zusammenarbeit und Kooperation in den Vordergrund rücken. Da ist das Fraternisierungsverbot allerdings schon längst gefallen, weil es von vielen US-Soldaten ohnehin nicht eingehalten wurde.

"Fräuleins" weichen Kontaktverbot auf

Ilge erinnert sich, dass es in der Praxis zunächst durch die "Fräuleins" - deutsche Freundinnen von Amerikanern - aufgeweicht wird. Dann werden Deutsche von den Amerikanern eingestellt - zum Beispiel in der Kantine oder als Reinigungspersonal. Und schließlich kommt es zur Kooperation auf politischer Ebene: Deutschen Landräten werden amerikanische Offiziere zur Seite gestellt. "Die haben dann Paraden abgenommen oder zusammen irgendwelche Festlichkeiten eröffnet, die Amerikaner mit den Deutschen."

Was nicht bedeutet, dass das Verhältnis zwischen den US-Truppen und der Bevölkerung zu dieser Zeit immer ganz einfach ist. In der Nähe bestimmter amerikanischer Kasernen in Wohngebieten etwa werden Mitte der 50er-Jahre Bereiche geschaffen, die von GIs nicht betreten werden dürfen, um Deutsche vor Übergriffen zu schützen. Darüber hinaus werden vom amerikanischen Hauptquartier in Heidelberg Ausgangsbeschränkungen für sämtliche in der Bundesrepublik stationierten GIs angeordnet.

Rock 'n' Roll und Jeans als Ausdruck der Rebellion

Objekt der Begierde und Ausdruck von Freiheit: die Jeans in den 50ern.

Claus-Kurt Ilges Kontakt zu den Amerikanern und seine Liebe zum American Way of Life vermittelt sich über die Musik. "Radio AFN, das American Forces Network, war klasse", sagt er. Beim amerikanischen Soldatensender hören er und seine Freunde zum ersten mal Elvis, Bill Haley und Doris Day. Das Amerikanische wird für den jungen Claus-Kurt ein Mittel, um gegen Elternhaus und Lehrer aufzubegehren.

So dürfen an seiner Schule damals keine Jeans getragen werden - die Begründung: Das sei primitive amerikanische Arbeitskleidung. "Wenn einer damit gekommen ist, wurde er wieder heimgeschickt", sagt Ilge. Was ihn nicht davon abhält, es trotzdem immer wieder zu tun.

Abwertung der US-Kultur als Kompensation von Ohnmacht

Die Ablehnung des Amerikanischen geht auch im Elternhaus weiter. "Meine Oma hat immer gesagt: 'Wie kannst du da hingehen?!' Das sind doch unsere Feinde.' Da habe ich gesagt: 'Oma, das sind nicht unsere Feinde, das sind die Sieger.'" Die Erwachsenen in seiner Familie fühlen sich Ilge zufolge unterjocht und bevormundet: "Alles Amerikanische war schlecht - die haben alles schlechtgeredet." Und da ihnen die Kultur der Amerikaner fremd ist, heißt es, die hätten gar keine richtige Kultur.



Vor allem junge Menschen fasziniert der American Way of Life in den 50ern - und so manche Lifestyle-Idee wird übernommen.

Auch konservative Intellektuelle setzen "Amerikanisierung" gleich mit kultureller Leere und beurteilen den kulturellen Wandel, der sich in Deutschland - nicht zuletzt aufgrund des Wirtschaftswunders - vollzieht, negativ. Soziologen sagen heute, dass die Europäer so auch versucht hätten, Ohnmachtsgefühle gegenüber der militärischen, politischen und wirtschaftlichen Übermacht der Amerikaner zu kompensieren.

Trotz aller Vorbehalte: Das US-Kino wird geschätzt

Wobei die Wirklichkeit wie immer vielschichtiger ist als die Theorie. Zum Beispiel ist ein Kino-Besuch in den 50ern eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen, wenn man ausgeht. Es gibt die Filme mit den alten deutschen Stars wie Heinz Rühmann oder Hans Albers, ganz besonders beliebt sind Heimatfilme. Aber auf der anderen Seite zeigen Statistiken, dass zwischen 1949 und 1963 fast die Hälfte der in den Kinos gezeigten Filme US-Produktionen sind.

"Jugendkultur" in der DDR ein straffer Erziehungsapparat

In der DDR ist der American Way of Life zwar weiter weg, aber die Führung beobachtet die Entwicklung im Westen sehr genau - und will keinesfalls, dass sie über die Grenze schwappt. Anders als in der Bundesrepublik gibt es in der DDR so etwas wie eine "Jugendkultur" als von oben organisiertes System, das dazu dienen soll, Kinder und Jugendliche zu "sozialistischen" Menschen zu machen. Schon im Sommer 1945 beginnt die sowjetische Militärverwaltung, "Jugendausschüsse" zu organisieren. Am 7. März 1946 wird die Freie Deutsche Jungend (FDJ) offiziell gegründet, 1948 kommt noch die Pionierorganisation "Ernst Thälmann" für Kinder im Grundschulalter dazu. Zwar gibt es keine Zwangsmitgliedschaft in der FDJ, aber die FDJ-Leiter zum Beispiel können darüber befinden, ob jemand zum Abitur zugelassen wird und studieren darf. Ohne FDJ kann man es also nicht weit bringen in der DDR.

Jeans und Rock 'n' Roll: Rote Tücher für die DDR-Führung

Nach Vorstellung der DDR-Führung ist das blaue Hemd der FDJ das angemessene Kleidungsstück für Jugendliche - und nicht die blaue "Nietenhose" aus dem Westen, wie die Jeans genannt wird. Die ist ebenso verpönt wie die Musik aus Amerika, die die Jugendlichen in der DDR über das Radioprogramm des RIAS Berlin natürlich auch kennen und mögen. Es bilden sich auch Rock 'n' Roll-Clubs - aber sobald die Obrigkeit davon Wind bekommt, werden sie geschlossen. Und über Elvis Presley schreibt das FDJ-Zentralorgan "Junge Welt": "Sein Gesang gleicht seinem Gesicht: dümmlich, stumpfsinnig und brutal. Der Bursche war völlig unmusikalisch."

Elvis mit Schmalztolle und Hüftschwung: "Unser Vorreiter"

Gegeltes Haar, melancholischer Blick: Mit "Love Me Tender" bringt Elvis die Jugend zum Schwärmen.

Claus-Kurt Ilge, der die Musik von Elvis auf AFN hört, ist von Anfang an begeistert von ihm. Auf einem "Spiegel"-Titelbild sieht er erstmals ein Bild von ihm. "Da hat er die Schmalztolle gehabt. Und das fanden wir toll." 1957 kommt der Film "Love Me Tender" unter dem Titel "Pulverdampf und heiße Lieder" in die deutschen Kinos: "Da bin ich drei Mal in den Film gegangen." Elvis wird zum Idol der Jungen mit seiner Art zu Singen und Aufzubegehren, die damals selbst in Amerika kritisiert wird. "Da durfte er zum Teil nicht gespielt werden. Im Fernsehen durfte er nur oberhalb der Gürtellinie gezeigt werden und so weiter. Das war unser Vorreiter. Wir wollten frei sein."

Der "King" kommt als GI

Dann kommt Elvis Presley als GI nach Deutschland. Am 1. Oktober 1958 trifft der amerikanische Truppentransporter in Bremerhaven ein - empfangen von einer begeisterten Menge und etlichen Kamerateams. Auch Claus-Kurt Ilge ist dabei: "Der hat seinen Seesack geschultert, ist runter auf die Rampe und mit dem Bus dann zur Kaserne gefahren." Nach Friedberg.

Von da an macht es sich Ilge zum Hobby, immer genau zu wissen, wo sich Elvis in und um Friedberg gerade aufhält. Elvis' Familie ist in einem Hotel in Bad Nauheim untergebracht. Dort lungert der mittlerweile 16-jährige Claus-Kurt herum und versucht, einen Blick auf Elvis zu erhaschen. Zum ersten persönlichen Kontakt kommt es dann aber durch einen Bekannten, den Elvis als persönlichen Chauffeur angestellt hat. Ilge bekommt sein erstes Autogramm - und ist begeistert vom Auftreten des Stars: "Freundlich, zuvorkommend, gelacht. Er wollte wissen, was ich mache, wie es in der Schule geht. Er war nahbar, immer fröhlich. Das war unser Idol, unser Vorbild, und wir haben das hautnah gehabt."

Ilge wird zum "Boy from Friedberg"

Vom Autogramm-Jäger zum Autogramm-Organisator: Regelmäßig hat Ilge Ende der 50er-Jahre Kontakt zu Elvis.

Danach gelingt es Ilge, Elvis regelmäßig zu treffen: Er arbeitet als Zeitschriften-Austräger und kann dem Star so die neuesten Artikel über ihn bringen, bevor sie am Kiosk ausliegen. "Ich war dann sein 'Boy from Friedberg" und habe ihn mit Zeitungen versorgt, allwöchentlich."

Im Gegenzug lässt sich Ilge Unterschriften von Elvis geben, auf Postkarten, Schallplatten, Postern und vielem mehr. Sein Kontakt spricht sich herum, und Fans weltweit fangen an, ihn um Autogramme von Elvis zu bitten. Der ist zunächst sauer, weil er glaubt, sein "Boy from Friedberg" würde ein Geschäft daraus machen, wie Ilge erzählt. So zeigt er Elvis die Briefe, die er von Teenagern aus England, Holland und Belgien bekommt."Die sind irgendwo in Schweden und sonst wo abgehauen und wurden in Bad Nauheim wieder gefunden. Die wollten zu Elvis - und mussten wieder zurück." Von daheim schreiben sie Ilge, der lässt Postkarten und Schallplatten unterschreiben und schickt sie an die Fans zurück. Und der Star versteht. "Und da hat er mir auf die Schulter geklopft und gesagt: 'You do a lot of work for me.'"

Rock 'n' Roll: Revolte - und Flucht in eine etwas leichtere Welt

Der freundliche US-Soldat Elvis Presley - das ist die eine Seite. Die andere, das ist der Musiker: Schmalzlocke, provokative sexuelle Gesten auf der Bühne, die Haltung des Rebellen. Und die hat nicht nur Elvis, sondern sie kennzeichnet die damaligen Rockmusiker insgesamt. Es gibt Konzerte, die in Randale enden. Das gesellschaftliche Establishment setzt Rock 'n' Roll deshalb oft gleich mit den sogenannten Halbstarken: Jugendlichen, die auf die Straße gehen und sich mit Polizisten prügeln.

"Bravo"-Starschnitt bringt Idole auf die Partys


Für Ilge ist der Rock 'n' Roll einfach ein perfektes Mittel, um sich vom Elternhaus zu distanzieren, aufzubegehren. Und auch, um sich in eine andere leichtere Welt zu flüchten. Eine, die nicht aus vom Krieg traumatisierten Erwachsenen und strengen Erziehungsregeln besteht. Der Rock 'n' Roll und seine Stars vermitteln ihm und seinen Freunden ein neues Lebensgefühl. Ohne Youtube und Instagram - mit der Jugendzeitschrift "Bravo" allerdings und ihren Fotos der Stars. "Diese Starschnitte von 'Bravo' früher - da hat man 17 Teile aneinandergeklebt. Und dann hat man den Elvis in Lebensgröße", schwelgt Ilge. Oder Peter Kraus, Brigitte Bardot und andere Angesagte. Auf Tapete hätten sie sie aufgeklebt und im Partyraum aufgehängt: "Wenn man Partys gemacht hat, hat man seine Idole dabeigehabt."

Als Möglichkeit, sich gegen die Welt der Erwachsenen aufzulehnen, bekommt die Rock 'n' Roll-Bewegung immer mehr Zulauf. Und setzt sich durch. Ilges Fazit: "Das war Befreiung."

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Bosse, Ulrike: Jugend in den 50ern: Rebellion in Jeans und mit Rock 'n' Roll, in: nur.de, online verfügbar seit 12.10.2024 unter: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Jugend-in-50ern-Rebellion-in-Jeans-und-mit-Rock-n-Roll,rocknroll110.html, zuletzt geprüft am 18.01.2026.

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Sekundärliteratur

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