1968er Generation
Inhaltsverzeichnis
- Das Attentat auf Benno Ohnesorg 1967
- Die Ermordung von Rudi Dutschke 1968
- Kaufhaus-Brandstiftungen
1. Das Attentat auf Benno Ohnesorg
Gründungsmythos der Studentenbewegung mit Fragezeichen
Am 2. Juni 1967 wird in West-Berlin der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien erschossen. Sein Tod gehört zu den einschneidenden Ereignissen in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Tag wurde nach und nach zumSymboldatum der Studentenbewegung. Bis heute gibt die Tat Rätsel auf.

Eine Gruppe Studenten, die ein Transparent mit der Aufschrift "Wer hat Benno auf dem Gewissen? Albertz? Innensenator? Polizei?" tragen.

Anti-Schah-Demonstration in Berlin. (picture-alliance / dpa)

Benno Ohnesorg umringt von Helfern des Roten Kreuzes bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus, wo er kurze Zeit später verstarb. (dpa)

Der iranische Schah Reza Mohammed Pahlavi (M) schreitet am 2. Juni 1967 die Front der Ehrenformation der Berliner Bereitschaftspolizei ab. (dpa)

Tumulte bei der Anti-Schah-Demonstration in Berlin. (picture-alliance / dpa )

Gedenktafel "Benno Ohnesorg" in der Bismarckstrasse in Berlin-Charlottenburg. (imago / Schöning)

Das SED-Mitgliedsbuch des West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras, der während des Schah-Besuchs am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss. (dpa / picture alliance / Hannibal Hanschke)
"Wie starb Benno Ohnesorg" sang die DDR-Singegruppe Oktoberklub schon 1967. Manch einer im Westen dachte damals vielleicht, in der DDR-Führung habe es eine klammheimliche Genugtuung gegeben angesichts der eskalierenden Ereignisse beim Schahbesuch. Doch das Gegenteil dürfte richtig sein. Die DDR hatte kein Interesse an den Ausschreitungen und auch nicht am Tod eines Demonstranten. Ostberlin wollte schließlich selbst diplomatische Beziehungen mit dem Schah aufbauen. Eckard Michels:
"Am liebsten wäre es der DDR gewesen, dass der Schah-Besuch in West-Berlin vollkommen ruhig ohne Demonstrationen abgelaufen wäre. Weil die DDR immer Angst hatte, dass der Schah jegliche Proteste auf die Aktivitäten der iranischen Kommunisten oder sogar auf die DDR-Organe in West-Berlin zurückführen könnte und damit wäre natürlich die erhoffte Annäherung des Schahs an die DDR von vornherein unmöglich geworden."
Frage nach dem Motiv von Kurras bleibt
Karl-Heinz Kurras hatte also keinen Mord-Auftrag aus der DDR. 2014 ist er gestorben. Was bleibt, ist die Frage, warum er damals, an diesem frühsommerlichen Abend vor 50 Jahren, geschossen hat. Man wird es wohl nie herausfinden – aber Eckard Michels versucht eine Erklärung.
"Ich glaube, dass Kurras – aus welchen Gründen auch immer – an jenem Abend, in dieser speziellen Situation überfordert gewesen ist und sich bedroht gefühlt hat, ich glaube nicht mal, dass er gezielt auf Ohnesorg geschossen hat, vielleicht wollte er wirklich einen Warnschuss abgeben. Ich weiß, das klingt schwer akzeptabel, weil Kurras nun wirklich kein angenehmer Zeitgenosse ist – nach allem, was wir wissen. Aber auch einer solchen Person muss man zugutehalten, falsch gehandelt zu haben, aber nicht vorsätzlich in dem Sinne, dass er jemanden töten wollte an dem Abend."
2. Die Ermordung von Rudi Dutschke
Am 11. April erfolgt auf dem Berliner Ku'damm ein Attentat auf Rudi Dutschke. Durch einen Schuss wird er lebensgefährlich am Kopf verletzt. Der 24-jährige Anstreicher Josef Bachmann, hatte die zur "Jagd" hetzenden Presseschlagzeilen wörtlich genommen.

Sogar Rudi Dutschke ließ sich nun zu handfesteren militanten Aktionen hinreißen. Zusammen mit seinem Kommilitonen Bahman Nirumand war er offenbar kurz davor, einen Sendemast des amerikanischen Soldatenradios AFN in die Luft zu sprengen, eine Aktion, die allein aus Dilettantismus scheiterte. Erst in letzter Minute stoppte er die Sprengung eines amerikanischen Schiffes, das Kriegsmaterial nach Vietnam transportieren sollte (den Sprengstoff hatte ihm der italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli im Februar 1968 als "Gastgeschenk" zum Vietnam-Kongress mitgebracht). Am 2. April 1968 explodieren in den Kaufhäusern Kaufhof und Schneider in Frankfurt am Main Brandsätze. Am Tag darauf werden der Journalist Andreas Baader, die Germanistikstudentin Gudrun Ensslin, der Kunststudent Thorwald Proll und der Schauspieler Horst Söhnlein verhaftet. Am 4. April wird der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet. Am 11. April erfolgt auf dem Berliner Ku'damm ein Attentat auf Rudi Dutschke. Er wird durch einen Schuss lebensgefährlich am Kopf verletzt. Der Attentäter, der 24-jährige Anstreicher Josef Bachmann, hatte die zur "Jagd" auf Rudi Dutschke hetzenden Presseschlagzeilen wörtlich genommen. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Attentats kommt es in ganz Deutschland zu schwersten Straßenschlachten. In zahlreichen Filialen des Springer-Verlages werden nicht nur erneut Scheiben eingeworfen, sondern auch Auslieferungswagen blockiert oder angesteckt. In Berlin schleicht sich Peter Urbach, der später als Agent provocateur enttarnte Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, zusammen mit Demonstranten zum Fuhrpark des Springer-Konzerns, schraubt die Tankverschlüsse von fünf Lieferwagen auf und steckt die Wagen in Brand. Die Bilder von den entflammten Lieferwagen vor dem Springer-Hochhaus gehen um die Welt (vgl. Uesseler 1998, S. 290).
Die Polizei reagiert mit dem Einsatz von Wasserwerfern und Panzerwagen. Dabei werden erneut Demonstranten in blinder Wut mit Knüppeln, Hunden und Pferden auseinander getrieben und verprügelt, oft bewusst ihre Pkws zerstört. In zahlreichen Fällen werden Festgenommene noch in Polizeigewahrsam systematisch misshandelt.
Das Fazit der Ostertage 1968: bundesweit Demonstrationen und Kundgebungen in 27 Städten mit jeweils 5000 bis 18000 Teilnehmern, in 50 Städten Verkehrsblockaden, Einsatz von rund 21000 Polizisten, zwei Tote (in München wurden ein Pressefotograf und ein Student von Steinen tödlich getroffen), über 400 verletzte Demonstranten, 54 verletzte Polizisten. Innenminister Ernst Benda berichtet am 30. April 1968 vor dem Deutschen Bundestag: "Von den Beschuldigten sind 87 bis zu 18 Jahren alt, 210 zwischen 19 und 21 Jahren, 246 zwischen 22 und 25 Jahren; 286 Personen sind älter als 25 Jahre. Nach Berufen aufgegliedert, ergibt sich folgendes Bild: 92 sind Schüler, 286 Studenten, 185 Angestellte, 150 Arbeiter, 31 sonstige Berufe, 97 ohne Beruf, unbekannt ist der Beruf bei 26 Personen. Meine Damen und Herren, diese Aufgliederung scheint mir zu zeigen, wie falsch es wäre, die Gewaltaktionen als Studentenunruhen zu bezeichnen." (nach Wolff/Windaus 1977, S. 236)
Bereits der Tod von Benno Ohnesorg hatte unmittelbar eine breite Solidaritätswelle und eine sprunghaft steigende Protestbereitschaft unter vielen jungen Leuten ausgelöst. Der SDS erlebte einen bisher unbekannten Mitgliederboom, und in einer vom Spiegel in Auftrag gegebenen repräsentativen Umfrage im Frühjahr 1968 erklärten zwei Drittel der befragten Schüler und Studenten und 55 Prozent der Berufsschüler, sie würden auch selbst an Protestaktionen teilnehmen, 56 Prozent von diesen würden sogar bei "Streiks in der Schule oder an der Universität mitmachen", 32 Prozent "den Verkehr blockieren", je 23 Prozent würden "sich widersetzen, wenn die Polizei die Demonstrationen auflöst", oder sogar "zurückschlagen, wenn Polizisten mit Knüppeln auf sie einprügeln". Fazit: "Die meisten Jugendlichen lehnen die Proteste ihrer Altersgenossen in den Groß- und Universitätsstädten nicht ab, sondern finden sie gut." (Der Spiegel 8/1968, S. 40) Am 26. Februar 1967 gründeten Schülerinnen und Schüler aus 17 Städten in Frankfurt das "Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler" (AUSS). Zwei Jahre später existierten bereits 130 Schülergruppen (Mosler 1977, S. 77f.). Schon zu Beginn des Jahres 1968 hatten Schülerproteste gegen Fahrpreiserhöhungen bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt, vor allem, weil die Polizei erneut auf die symbolischen Regelverletzungen mit handfester Gewalt überreagierte: Die Blockaden von Straßenbahnschienen wurden mit Schlagstöcken und Wasserwerfern aufgelöst, es gab erneut Verletzte.
3. Kaufhaus Brandstiftungen
Nach dem Tod von Benno Ohnesorg hatte sich die APO(Außerparlamentarische Opposition) gespalten. Der radikale Flügel diskutierte, ob Sachbeschädigung ein legitimes Mittel sei, um politischen Protest auszudrücken.
Baader und EnsslinAndreas Baader und Gudrun Ensslin, später führende Mitglieder der RAF, hatten sich im Juli 1967 im Umfeld der APO kennengelernt. Gemeinsam verübten sie im August 1967 einen (noch harmlosen) Rauchbombenanschlag auf die Berliner Gedächtniskirche.Dass sie auch vor Gewalt nicht zurückschreckten, zeigten sie erstmals, als sie am 2. April 1968zwei Kaufhäuser in Frankfurt am Main in Brand stecken. Es handelte sich um die Kaufhäuser M. Schneider und Kaufhof.
Auch dabei: Thorwald Proll und Horst SöhnleinDie Brandstiftung unternahmen Baader und Ensslin gemeinsam mit Horst Söhnlein und Thorwald Proll. Sie wollten damit also gegen den Vietnamkrieg protestieren. Da sie die drei Brände an zwei Kaufhäusern nachts legten, war es eher unwahrscheinlich, dass Menschen zu Schaden kommen würden - allerdings gab es ja dort auch Nachtwächter.Menschen wurden indes tatsächlich nicht verletzt. Allerdings betrug der Sachschaden knapp 675.000 Mark.
Verhaftung, Prozess und Freilassung der BrandstifterZwei Tage später wurden die Brandstifter gefasst. Im Prozess verhielten sie sich gegenüber Richter und Staatsanwalt respektlos. Einer der vier Verteidiger war Horst Mahler, später ebenfalls Mitglied der RAF.Am 31. Oktober 1968 wurden die vier Angeklagten zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach 14 Monaten (13. Juni 1969) wurden die Brandstifter jedoch freigelassen, weil über eine mögliche Revision entschieden werden sollte.Dieser Revision, der Neuaufnahme des Prozesses, wurde im November 1969 aber nicht stattgegeben. Die vier hätten wieder in Haft gemusst. Nur Horst Söhnlein trat diese an, die drei anderen flohen nach Frankreich.
Verlinkungen:
Quellen:
Internetquellen
-> Dittrich, Monika: Der Tod von Benno Ohnesorg. Gründungsmythos der Studentenbewegung, in: Deutschlandfunk online, verfügbar seit 02.06.2017 online unter: https://www.deutschlandfunk.de/der-tod-von-benno-ohnesorg-gruendungsmythos-der-100.html, zuletzt geprüft am 16.10.2025.
-> Farin, Klaus: Attentat auf Dutschke, in: bpb online, online verfügbar seit 25.02.2010 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/jugendkulturen-in-deutschland/36185/attentat-auf-dutschke/, zuletzt geprüft am 16.10.2025.
-> Kaufhaus Brandstiftungen, in: Zeitklicks online, verfügbar unter: https://www.zeitklicks.de/zeitstrahl/1968/kaufhaus-brandstiftungen, zuletzt geprüft am 16.10.2025.
Sekundärliteratur
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