Musik der Romantik
Inhaltsverzeichnis
1. Chopin. Revolutionär der Töne
1. Chopin. Revolutionär der Töne
In seinen Schöpfungen mischen sich Bauernlieder mit höchster Kunst, einheimische Tradition mit wilder Virtuosität. Polens größter Komponist Fryderyk Chopin geht 1830 für die Karriere ins Ausland – und muss aus der Ferne erleben, wie seine geschundene Heimat vergebens um Unabhängigkeit ringt. Ein patriotischer Kampf, den auch er voll Leidenschaft führt: auf Notenblättern und den Tasten seines Klaviers
ER WILL WEG. Und er will nicht weg. Fryderyk Chopin ist im Frühherbst 1830 hin- und hergerissen. Der Sohn eines französischen Lehrers und einer Polin ist mit seinen 20 Jahren in Warschau ein Star geworden. Wenn er ein Konzert als Pianist gibt, eilt die bessere Gesellschaft herbei. Danach ist zu lesen, er sei der polnische Mozart, ein Geschenk an sein Volk. Stiche mit seinem Konterfei wären vermutlich ausverkauft, hätte er nicht deren Druck verhindert aus Sorge, „dass man Butter in mich einwickelt“. Über mangelnde Aufmerksamkeit kann er nicht klagen.
Doch Anschluss an die europäische Avantgarde findet der bejubelte Komponist in seiner Heimat nicht. Dafür ist die polnische Hauptstadt international viel zu isoliert. Die Musik spielt in Leipzig, in Wien, in Paris. Dorthin muss, wer Weltruhm erlangen will. Noch etwas spricht für eine baldige Abreise: So gut es Chopin in Warschau geht, so schlecht geht es seinem Land.
„Kongresspolen“ werden Historiker das Staatsgebilde nennen, das auf dem Wiener Kongress 1815 geschaffen wurde – nur ein kleiner Teil von dem, was einst die stolze Adelsrepublik Polen-Litauen gewesen war. Auch das kurzlebige „Herzogtum Warschau“ ist Vergangenheit. Jetzt stehen die Gebiete im Westen um Posen unter preußischer Herrschaft, der Süden mit Lemberg gehört zu Österreich, fast das ganze einstige Großfürstentum Litauen und gewaltige Gebiete weiter südlich sind dem Russischen Kaiserreich eingegliedert. Die alte Königsstadt Krakau schließlich bildet eine eigene kleine Republik. Formal hat das „Königreich Polen“, wie Kongresspolen offiziell heißt, eine Verfassung, einen Reichstag, sogar eine Armee und ein aus Frankreich importiertes Gesetzbuch, den von Napoleon eingeführten Code civil. Politisch jedoch untersteht das Land mit seinen rund vier Millionen Einwohnern dem Zaren, der in Personalunion auch König von Polen ist.
Doch die russischen Herrscher geben mittlerweile immer weniger auf die freiheitlichen Rechte der polnischen Bürger. Seit fünf Jahren ist Zar Nikolaus I. an der Macht, ein brutaler Autokrat, der den Polen misstraut und deren Land mehr und mehr in einen Polizeistaat verwandelt. Spione schleichen nun durch Warschau. Bücher unterliegen der Zensur; politische Manifestationen werden verboten, katholische Messen behindert. Es kommt zu Massenverhaftungen.
Chopin aber tut sich schwer aufzubrechen. Mal halten ihn seine Herzensangelegenheiten auf. Gerade hat es dem feingliedrigen Jüngling die gleichaltrige Sängerin Konstancja Gładkowska angetan; bloß wagt er nicht, um sie zu werben. Dann wieder fürchtet Chopin, die Behörden könnten ihm einen Pass verweigern, schließlich haben sie kein Interesse daran, dass polnische Bürger von Reisen revolutionäre Gedanken heimbringen. Und überhaupt, was er noch alles zu erledigen hat in Warschau. Ein Stück fertig schreiben, ein Abschiedskonzert organisieren.
In seinem intellektuellen, patriotischen Freundeskreis rumort es. Anfang August haben Bürgerliche in Frankreich nach einem Aufstand einen liberaleren König auf den Thron gehoben. Das gibt den Kritikern der russischen Fremdherrschaft in Warschau Aufwind: Könnte es nicht auch für Polen der Moment sein, einen Wechsel herbeizuführen – und zugleich wieder eine selbstständige Nation zu werden? Chopin ist kein Rebell wie seine Freunde, die sich im Kaffeehaus in Rage reden. Er hat den Kopf voller Noten, das Herz voller Liebesnot. Sein Bauchgefühl aber sagt ihm wohl, dass es nun wirklich Zeit wird. Er muss gehen, bevor in Warschau Straßenkämpfe ausbrechen und er zwischen die Fronten gerät.
Er kauft einen Reisekoffer und neue Kleider. Am 11. Oktober steht er noch einmal auf der Bühne des Warschauer Nationaltheaters. Es ist die erste öffentliche Aufführung seines Konzerts für Klavier und Orchester in e-Moll. Und es ist eine Ansage. Seht, wofür er steht, der junge Chopin.
Der erste Satz weckt allegro maestoso, gemäßigt schnell und erhaben, alle auf. Der zweite Satz kommt als ruhige, zarte Romanze daher, Chopin vergleicht ihn mit einer „Träumerei in einer schönen, mondbeglänzten Frühlingsnacht“. Der dritte Satz schließlich ist ein wilder Ritt, inspiriert von den unbefangenen Rhythmen des Krakowiak, eines aus der Gegend von Krakau stammenden Volkstanzes. So vereint das Werk die Hochkunst mit dem Volkstümlichen, das Schnelle mit dem Besinnlichen, das Gemeinschaftsstiftende mit dem ganz Privaten. Es ist, als wolle der Musiker seinen Mitbürgern zeigen, wie sich Gegensätze versöhnen lassen. Wie sie alle in der einen polnischen Nation zusammengehören, mit ihren unterschiedlichen Prägungen, Herkünften, Temperamenten.
Oft regt es ihn auf, vor so vielen Menschen zu spielen, rund 700 sind gekommen. Dieses Mal aber ist er offenbar ganz bei sich. „Ich spielte so, wie wenn ich allein bin“, schreibt er hinterher in einem Brief. Chopins angebetete Konstancja singt eine italienische Arie. Sie trägt ein weißes Kleid und einen Kranz weißer Rosen, als wäre sie schon seine Braut.
Wie es scheint, schwärmt die Sängerin nicht weniger für ihn als er für sie. Doch Chopin sucht eine Frau zum Bewundern, nicht zur sofortigen Heirat. „Vielleicht kann man dich in der Fremde höher belohnen, aber stärker lieben kann man dich nicht“, schreibt sie ihm noch ins Album. Und schenkt ihm einen Ring.
Chopin trägt ihn, als er am 2. November in die Postkutsche steigt, unter den Tränen seiner Eltern und Schwestern. Ihm selbst mag auch etwas mulmig zumute sein. Manchmal malt er sich aus, wie es wäre, allein in der Ferne sterben zu müssen. Plötzlich hält die Kutsche abrupt. Ein alter Kompositionslehrer Chopins zieht ihn aus dem Gefährt, hält ihm mit seinen Studenten ein Ständchen. Sein Auftrag an den Meisterschüler: Er möge das polnische musikalische Erbe in die Welt hinaustragen. Schluchzend sitzt Fryderyk Chopin dann wieder in der Kutsche. Er weiß nicht, was kommen wird, auch nicht, ob und wann er zurückkehren kann. Doch er kennt nun womöglich seine Aufgabe.
Den Weg, den er einschlägt, hat sein Vater einst in umgekehrter Richtung unternommen. Nicolas Chopin wächst im französischen Lothringen auf. Als 16-Jähriger folgt er einer befreundeten Familie nach Warschau und arbeitet sich zum Hauslehrer adeliger Kinder für Französisch hoch. Er heiratet eine sanftmütige, musisch begabte Polin, Tekla Justyna Krzyżanowska, Tochter eines verarmten Adeligen. Sie bekommen drei Töchter und einen Sohn.
Fryderyk erblickt das Licht der Welt entweder am 22. Februar (das steht im Taufregister) oder am 1. März 1810 (das sagen seine Eltern und er selbst später). Im selben Jahr zieht die Familie nach Warschau, wo Nicolas Chopin eine Stelle am Lyzeum in einem prächtigen Palast antritt. Die Lehrerfamilie darf hier auch wohnen.
Seine Frau vertreibt sich die Zeit damit, mit den Kindern zu musizieren. Der schmächtige Fryderyk findet schon als Vierjähriger am Piano Gefallen, mit sechs komponiert er einfache Melodien. Sein erster Klavierlehrer, ein Patriot mit vergilbter Perücke, macht sich nicht die Mühe, Fryderyk sein eigenwilliges Fingerspiel abzugewöhnen. Soll der Junge nach Gutdünken in die Tasten greifen; Hauptsache, er macht sich mit den Werken von Bach, Haydn und Mozart vertraut. Das tut der Schüler gern – und saugt ebenso begierig die Tänze der Straßenmusiker, die Lieder der Bauernfrauen und die Rhythmen der Polonaise auf. Die ist in Warschaus gehobenen Kreisen äußerst geschätzt. Und sie passt zum aufblühenden Nationalgefühl, schließlich war der höfische Tanz einst in der polnisch-litauischen Adelsrepublik beliebt. Als Siebenjähriger komponiert Fryderyk 1817 eine Polonaise in g-Moll.
Zu diesem Zeitpunkt existiert Kongresspolen seit zwei Jahren als eine Art Anhängsel des Zarenreiches. Wortführer für den Bestand Polens auf dem Wiener Kongress von 1815 war Fürst Adam Jerzy Czartoryski, ein energischer Mittvierziger aus einem alten Magnatengeschlecht, der enttäuscht die Abkehr Russlands von den vereinbarten Freiheiten für Polen erleben muss und später in einem Essay fordern wird: Keine Nation dürfe über eine andere herrschen.
Obschon polnischer Patriot, war es Czartoryski einst gelungen, das Vertrauen des künftigen Zaren Alexander I. zu gewinnen, der ihn nach seiner Thronbesteigung für kurze Zeit sogar zum russischen Außenminister machte und später zum Wiener Kongress mitnahm. Anders als sein Bruder und Nachfolger Nikolaus hatte sich Alexander modernen Ideen nicht komplett verschlossen.
Nun also denkt Czartoryski in seinem Warschauer Wohnsitz über die polnische Zukunft nach – und in dem Palast ist mitunter wohl ein Junge anzutreffen, der diese zu repräsentieren scheint: der talentierte, neugierige, umgängliche Fryderyk Chopin. Der Achtjährige tollt hier vermutlich mit Adelskindern herum und revanchiert sich für die Gastfreundschaft mit Wohltätigkeitskonzerten, die schon deshalb überlaufen sind, weil alle das Wunderkind erleben wollen.
Sogar Großfürst Konstantin, Alexanders und Nikolaus’ Bruder, der in Kongresspolen für den Zaren quasi als Vizekönig die Geschäfte führt und die polnische Armee schindet. Konstantin ist jähzornig, paranoid. Um den Gatten zu beruhigen, bestellt seine polnische Ehefrau Joanna den jungen Pianisten in den Belvedere-Palast ein. Der Knabe spielt einen selbst komponierten Marsch. Der verhasste Statthalter wundert sich, dass Fryderyk nicht auf die Tasten schaut, sondern in die Luft. Aber er mag den Marsch angeblich und will ihn für seine Militärkapelle übernehmen.
Spätestens jetzt ahnt Fryderyk wohl, wie viel Unabhängigkeit ihm die Musik verleiht. Wer so spielen kann wie er, mag er denken, muss nach niemandes Pfeife tanzen. Als Jugendlicher wagt er immer neue formale Experimente, lässt seine Polonaisen noch virtuoser, anspielungsreicher tönen. Er entdeckt die Mazurka, den im Dreiertakt vorgetragenen Tanz, dessen Vorläufer einst masowische Bauern in der Umgebung Warschaus stampften. Der Heranwachsende prahlt damit nicht, aber was er da treibt, ist auch ein patriotisches Projekt: Chopin trägt dazu bei, das kulturelle Erbe Polens vor dem Vergessen zu bewahren und bringt es in der neuen Zeit zum Funkeln. Als er 15 Jahre alt ist, legt er seine Schuluniform mit den silbernen Schuhschnallen an und spielt beim Warschau-Besuch von Zar Alexander auf, in dessen letztem Lebensjahr. Gerührt schenkt der russische Kaiser dem Schüler einen Diamantring.
Dieser Ring ist wertvoll, sehr wertvoll. Trotzdem hat Chopin ihn nicht eingesteckt, als er nun, im November 1830, das Land verlässt. Nicht dem Zarenhaus möchte er sich in der Ferne verbunden fühlen, sondern seiner verehrten Konstancja. Die allerdings muss sein Herz teilen mit dem Menschen, der neben Chopin in der Kutsche sitzt: Tytus Woyciechowski, sein zwei Jahre älterer Schulfreund, ein Verfechter der polnischen Sache.
So schwer sich Chopin tut, Frauen zu hofieren, so leicht fällt es ihm bei Woyciechowski – vielleicht weil er gar nicht damit rechnet, von dem Freund erhört zu werden. „Du würdest mich auch nicht küssen, wenn ich mich mit byzantinischen Ölen eingeschmiert hätte, es sei denn, ich würde dich auf magnetische Weise zwingen“, schrieb Chopin Woyciechowski vor einiger Zeit. Jetzt aber fahren sie gemeinsam außer Landes. Am 22. November erreichen sie Wien.
Eine Woche später, am Abend des 29. November, stürmt in Warschau eine Gruppe polnischer Offiziersanwärter das Schloss Belvedere. Sie überrumpeln die Wachen und durchforsten die Privaträume des Zarenbruders: Irgendwo muss er doch stecken, Konstantin, der russische Tyrann. Der aber konnte sich im letzten Moment retten. Am nächsten Tag ruft er die polnische Armee zu den Waffen. Doch die weigert sich nun, gegen die Aufständischen vorzugehen. Im Schutz russischer Einheiten verlässt Konstantin die Stadt. Sein Bruder Zar Nikolaus tobt.
Es dauert eine Woche, bis die Nachricht vom Novemberaufstand bei den Freunden in Wien ankommt. Woyciechowski ist Patriot, aber er ist auch Realist. Als solcher rät er Chopin, im Ausland zu bleiben, um seine Karriere zu retten. Er selbst aber muss zurück, für seine Heimat kämpfen. Zögernd willigt Chopin ein, verabschiedet den Freund, nicht ahnend, dass sie einander nie wiedersehen werden. Nun ist er wirklich allein. Die Ruhe in Wien beginnt ihn bald zu quälen. In einem Brief schreibt er: „Wenn ich doch wenigstens als Trommler dienen könnte!“
Den Aufständischen in Warschau dagegen vergeht die Revolutionsromantik schnell. Fürst Adam Jerzy Czartoryski glaubt nicht, dass Polen so leicht souverän werden kann. Doch er versucht, die Situation zu retten, und übernimmt die Leitung der provisorischen Regierung.
Es wäre einfacher, wären die Menschen in Polen sich einig, was sie wollten. Doch in dem Königreich leben ganz unterschiedliche soziale, religiöse und ethnische Gruppen. Die Menschen sprechen Polnisch, Jiddisch, Deutsch oder Russisch; es gibt Katholiken, Orthodoxe, Protestanten und Juden. Die Mehrheit der Bevölkerung bilden weitgehend rechtlose Bauern, von denen es vielen fast gleichgültig ist, wer in Warschau regiert – was sie brauchen, sind soziale und ökonomische Reformen. Das aber trägt die adelige Elite nicht mit, profitieren ihre Mitglieder doch zumeist selbst vom Großgrundbesitz.
Czartoryski will die vielfältige polnische Gesellschaft in einer konstitutionellen Monarchie zusammenbringen. Dafür bittet er die Mächte Europas um Unterstützung. Doch Österreich und Preußen, selbst Profiteure der Teilungen Polens, halten zu dem Monarchen in Sankt Petersburg, mit dem sie darüber hinaus seit 1815 in der „Heiligen Allianz“ verbündet sind, auch Großbritannien und Frankreich bieten keine aktive Hilfe an. Als es das polnische Parlament im Januar 1831 dennoch wagt, den Zaren Nikolaus als König von Polen formal abzusetzen, begreift dieser das als Kriegserklärung und schickt seine Truppen los.
Das polnische Heer ist hochmotiviert, Freiwillige aus den anderen Teilungsgebieten schließen sich an. Auf dem ganzen Kontinent sympathisieren Liberale bald mit den polnischen Patrioten – es scheint ihnen, als könnte deren möglicher Sieg den Zusammenbruch der alten Regime einleiten, als stünde eine Zukunft souveräner und gleichberechtigter, rechtsstaatlich organisierter Nationalstaaten unmittelbar bevor.
In Wien aber erlebt Chopin wenig von dieser Stimmung. Die zumeist adeligen Kreise, in denen er verkehrt, leben gut im alten System. Immer öfter hört er abfällige Bemerkungen gegenüber Polen. Seine Karriere kommt auch nicht voran. Er will in die Heimat seines Vaters, in die Heimat der Revolution gewissermaßen. Nach Frankreich.
In Chopins eigener Heimat sind die polnischen Truppen derweil auf dem Rückzug. Russische Soldaten bedrohen Warschau, am 6. September 1831 legen sie die Vororte in Brand. Zwei Tage später kapituliert die Stadt. Der Traum eines freien Polens ist vorüber.
Chopin erfährt davon kurz vor seiner Abreise nach Paris, und er stürzt in Verzweiflung. Was, so überlegt er in seinem Tagebuch, wenn die Eltern hungern, die Schwestern Gewalt erleiden? Wie mag es Woyciechowski gehen? Und er, der Komponist, kann seinen Kummer nur dem Klavier anvertrauen. „Ach, weshalb konnte ich nicht einen von diesen Moskowitern umbringen?“, stöhnt er. Die furchtbarsten Qualen sollten die Franzosen strafen dafür, dass sie den Polen nicht zu Hilfe kamen.
Immerhin aber nimmt Frankreich die Exilanten aus Kongresspolen nun freundlich auf, vielleicht auch, weil die Begeisterung für die polnische Sache Liberale in ganz Europa erfasst. Es sind Zehntausende, vor allem einfache Soldaten, Politiker, Offiziere, die nach dem Einmarsch der russischen Truppen aus dem Land fliehen – viele von ihnen werden von außen für ein unabhängiges Polen agitieren. Auch Adam Jerzy Czartoryski, vom Zaren unlängst in Abwesenheit zum Tode verurteilt, muss das Land im Zuge der „Wielka Emigracja“, der „Großen Emigration“, verlassen.
Als Chopin im September 1831 die französische Hauptstadt erreicht, ist er daher nur einer von vielen. Bald aber läuft sein Geschäft. Der junge Mann mit den guten Manieren, dem polnischen Akzent (den er kultiviert) und dem furiosen Tastenanschlag kommt an im Pariser Bürgertum, das nur die Langeweile fürchtet.
Schon im Februar 1832 hat er seinen ersten großen Auftritt im gut besuchten Konzertsaal eines Klavierfabrikanten. Berühmte Kollegen wie Friedrich Kalkbrenner spielen ebenfalls, Felix Mendelssohn Bartholdy und Franz Liszt sitzen im Publikum. Frédéric Chopin, wie er hier heißt, betritt zum dritten Programmpunkt die Bühne, nimmt am Flügel Platz. Er stimmt sein Klavierkonzert in e-Moll an. Und wie schon in Warschau anderthalb Jahre zuvor reißt er sein Publikum fast von den Stühlen, so emotional ist dieser hochvirtuose Ritt durch Tradition und Gegenwart, so ungewohnt scheint auch seine Art, mit der linken Hand den Takt zu halten und die rechte frei phrasieren zu lassen, als denke er sich die Tonfolgen erst in diesem Moment aus. Ein Freund jubelt: „Alle hiesigen Komponisten hat er an die Wand gespielt, und ganz Paris ist fassungslos.“
Nun reißen sich Adelige und reiche Bürger in Paris um Unterricht bei dem Meister, schnell nimmt er hohe Preise. Und passt seinen Lebensstil an mit eleganten Möbeln, edlen Handschuhen und der Angewohnheit, statt Droschken ein gemietetes Kabriolett zu fahren, einen Einspänner auf zwei Rädern. Seine Vergangenheit ist nun weit weg – sein Vater, der möchte, dass er spart. Konstancja, die inzwischen reich geheiratet hat. Tytus, dem er zwar noch Briefe schickt, aber den er darin nicht mehr so innig begehrt wie einst.
Paris ist Chopins neues Warschau, hier verkehrt er in einem polnischen Literaturverein, unterstützt mit Wohltätigkeitskonzerten die polnische Sache und trifft sich mit Czartoryski. Während andere Emigranten von einer Republik träumen, arbeitet der Fürst aus einem Pariser Palast, dem Hôtel Lambert, auf eine konstitutionelle Monarchie hin – womöglich mit ihm selbst an der Spitze. Und er fördert die polnische Kultur, unterstützt polnische Intellektuelle wie die Nationaldichter Adam Mickiewicz und Juliusz Słowacki.
Sein Ziel erreicht er nicht. Die Polen genießen zwar die Sympathie vieler freiheitsliebender Europäer, in den Teilungsgebieten aber unterdrücken die drei autoritären Großmächte alle nationalen Regungen. Im russisch beherrschten Kongresspolen sind sämtliche Emigranten nach dem Novemberaufstand enteignet worden, die polnische Armee und der Sejm werden 1832 aufgelöst, für fast 25 Jahre wird das Kriegsrecht verhängt. Zehntausende Polen werden inhaftiert oder nach Sibirien deportiert.
Chopin zieht es nicht mehr zurück nach Kongresspolen. Es genügt ihm, seine Eltern einmal bei deren Kuraufenthalt im böhmischen Karlsbad zu besuchen. Doch er ist berühmt, und das reizt wohl Zar Nikolaus, der sich vielleicht erinnert, wie Chopin einst als Jugendlicher für seinen Bruder Alexander gespielt hatte. Ein Vertrauter des russischen Herrschers sendet dem Musiker eine Botschaft: Dieser möge doch russischer Hofkomponist werden. Man werde ihn willkommen heißen und nicht als politischen Emigranten bestrafen, da Chopin ja schon vor dem 1831 gescheiterten Aufstand das Land verlassen habe.
Der Komponist ist vermutlich entgeistert. Und antwortet seinem Kontaktmann: Er bedaure außerordentlich, nicht aktiv an der Revolte gegen den Zaren beteiligt gewesen zu sein, und trauere noch immer, dass diese misslungen sei.
Es dürfte Chopin befremden, wie sehr Russlands Oberhaupt seine Ambitionen verkennt. Schließlich übersetzt er seit seiner Jugend den polnischen Wunsch nach Aufbruch, nach Selbstbestimmung in Noten. „Wüsste der gewaltige Monarch im Norden, wie in Chopins Werken, in den einfachsten Weisen seiner Mazurken, ein gefährlicher Feind droht, er würde die Musik verbieten“, schreibt der Komponist Robert Schumann einmal. Und: „Chopins Werke sind unter Blumen eingesenkte Kanonen.“
Kanonen mag Chopin lieber metaphorisch als in seiner unmittelbaren Nähe. 1848 rollt wieder eine Revolution auf ihn zu, diesmal in Paris. Bürgerliche und Arbeiter wollen endlich Ernst machen mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Sie werden leidenschaftlich unterstützt von Intellektuellen wie der Schriftstellerin George Sand, einer so furchtlosen wie freizügigen Frau, die gern Männerkleidung trägt. Jahrelang war Chopin ihr Geliebter, bis die Beziehung im Sommer 1847 zerbrach, jetzt stehen sie gewissermaßen auf unterschiedlichen Seiten.
Schließlich lebt der Komponist ganz gut von den besseren Herrschaften, denen es nun an die Pelzkragen gehen soll. Zuvor hat er sie noch einmal um sich geschart. Am 16. Februar lädt er zum Konzert im großen Saal der Klaviermanufaktur, der er seit seiner Ankunft in der Stadt verbunden ist. Im Publikum sitzen viele langjährige Bewunderer, in einer der ersten Reihen hat das Fürstenpaar Czartoryski Platz genommen.
Der Star des Abends sieht blass aus, seit Langem leidet er an Tuberkulose. Chopin spielt dennoch kraftvoll und technisch brillant, ausdrucksstark und voller Hingabe. Die elegant herausgeputzten Hörer lauschen drei Sätzen einer Sonate für Violoncello und Klavier, seinem Walzer in Des-Dur op. 64 Nr. 1, seiner an Wiegenlieder angelehnten Berceuse und seiner Barcarolle, einer von venezianischen Gondelliedern inspirierten Form. Es ist Chopins letzter Auftritt in der Stadt, die ihn weltberühmt machte.
Eine gute Woche nach dem Konzert zwingen die französischen Revolutionäre König Louis-Philippe dazu, den Weg für eine Übergangsregierung freizumachen. Der König wird sich nach England absetzen, viele Adelige verlassen ebenfalls die Stadt. Am Abend des 19. April flieht auch Chopin nach England. Heimisch wird er hier nicht. Immer wieder muss er Blut spucken, seine „Seele aushusten“, wie er sagt.
Im November kehrt Chopin nach Paris zurück. Keine drei Wochen später, am 10. Dezember, wird Napoleon Bonapartes Neffe, Louis-Napoléon, zum Staatspräsidenten gewählt; einige Jahre später wird er Kaiser. Die Revolution ist diesmal in Frankreich gescheitert. Und im Rest des Kontinents auch. Die alten Mächte haben wieder einmal gesiegt, auch für den Traum eines freien Polens heißt das nichts Gutes.
Den nun 39-jährigen Chopin holt derweil wohl die alte Sorge ein, ohne Familie in der Ferne zu sterben. Er fleht seine Schwester Ludwika an, zu ihm nach Paris zu kommen. Sie sei die „beste Arznei“, glaubt er. Im Hochsommer 1849 nimmt Ludwika Jędrzejewiczowa die Reise auf sich. Bald schon kann Chopin das Bett nicht mehr verlassen. Er bewohnt nun ein Appartement im Stadtzentrum mit einem riesigen Himmelbett im Schlafzimmer. Dort drängeln sich Zeichner und reiche Musikliebhaberinnen, die – als sie den Todkranken erblicken – melodramatisch in Ohnmacht fallen, wie eine Beobachterin später böse behauptet.
In der Nacht auf den 17. Oktober wacht neben Ludwika noch ein kleiner Kreis am Bett. Das Gesicht des Komponisten hat sich vor lauter Erstickungsanfällen blau verfärbt. Ob er sehr leide, fragt der Arzt. „Plus“, haucht er. Nicht mehr. Kurz nach zwei Uhr morgens ist Fryderyk Chopin tot.
Seine letzten Wünsche hat er noch mitteilen können: Alle unveröffentlichten Manuskripte sollen nach seinem Tod verbrannt werden – was tatsächlich keineswegs geschieht. Auf seiner Beerdigung solle das Requiem von Mozart vorgetragen werden. Und sein Leichnam solle obduziert werden, um zu verhindern, dass er lebendig begraben werde. Sein Herz aber soll in Polen beigesetzt werden.
Die Totenmesse findet am 30. Oktober 1849 in der Kirche La Madeleine statt. Das Gotteshaus ist voll, die Stimmung feierlich. Anschließend rollt der Leichenwagen zum Friedhof Père Lachaise. Ihm voran schreitet Fürst Czartoryski.
Auch er wird seine Heimat nicht wiedersehen. 1863, zwei Jahre nach Czartoryskis Tod in Frankreich, gibt es in Kongresspolen wieder einen größeren Aufstand, angeführt von patriotischen Adeligen, die diesmal auch die Bauern zum Mitmachen ermutigen – doch die dilettantisch vorbereitete Revolte scheitert letztlich ebenso wie die Erhebung von 1830. Und die Folgen sind noch einschneidender: Das Königreich Polen wird de facto zu einer Verwaltungseinheit des Russischen Kaiserreichs herabgestuft. Anstelle der offiziell weiterbestehenden Bezeichnung wird bald immer öfter der Begriff „Weichselland“ benutzt.
Einige Wochen nach Chopins Begräbnis nähert sich eine Frau mit reichlich Gepäck der Grenze zum russisch kontrollierten Gebiet. Ludwika Jędrzejewiczowa muss etwas Wichtiges nach Polen bringen: ein gut verschlossenes Gefäß, gefüllt mit Cognac, in dem das Herz von Chopin schwimmt. So wie der große Musiker es sich gewünscht hat, gelangt es unbehelligt nach Warschau. Bald darauf gibt die Familie das Herz dort in die Heilig-Kreuz-Kirche, wo es noch heute von vielen Polen verehrt wird.
Der internationale Star Fryderyk Chopin, der in der Ferne zum polnischen Nationalkomponisten und Hoffnungsträger wurde, ist doch noch heimgekehrt.
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Sekundärliteratur
-> Vahland, Kia: Chopin. Revolutionär der Töne, in: Polen. 1000 Jahre europäische Geschichte (GEO Epoche Jg. 2022, Heft Nr. 117), Hamburg 2022, S. 80-89.
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