Minoische Kultur
Inhaltsverzeichnis
1. Minoische Palastzeit. Insel der Mythen
1. Minoische Palastzeit. Insel der Mythen
Der Aufschwung, der viele Gesellschaften in der Bronzezeit erfasst, lässt auch auf der Mittelmeerinsel Kreta eine Zivilisation erblühen. Zwischen Küsten und schroffen Bergen entsteht hier ab etwa 2000 v. Chr. die erste Hochkultur Europas. Deren Herrscher residieren in gewaltigen Palästen wie dem von Knossos, einem Ort glänzender Macht – und wohl auch Geburtsstätte einer düsteren Legende
Hier irgendwo soll sie geschehen sein, die abscheuliche Tat, von der die Sage berichtet. Vielleicht auf den hohen Berghängen Kretas, wo zwischen verschlungenem Gebüsch sich Höhlen öffnen und tief ins Dunkel führen. Vielleicht in den Felsschluchten der großen Insel, in denen der Duft von Thymian aufsteigt. Vielleicht am Rand einer Klippe an einem entlegenen Strand. Irgendwo hier soll es zu einem Akt gekommen sein, der seit jeher als Schande gilt: Eine Frau begeht Ehebruch, indem sie sich mit einem Tier paart. Und bringt, als wäre das noch nicht genug, bald darauf ein Ungeheuer zur Welt. Es ist eine Geschichte von Untreue und göttlicher Strafe, von Menschenopfern und dem Sieg der Freiheit, die hier auf Kreta spielt. Laut der Legende beginnt sie so: Minos, der König von Kreta, hat den Gott Poseidon betrogen. Um seinen Herrschaftsanspruch zu stärken, hatte dieser ihm einen außergewöhnlich schönen Stier gesandt. Doch statt den Prachtbullen wie versprochen zu opfern, behält Minos das Tier.
Selbstverständlich bemerkt Poseidon die Veruntreuung sofort – und verhängt eine bösartige Strafe: Er entflammt bei Pasiphaë, der Frau des Königs, eine verrückte Liebe zu dem stattlichen Tier. In einer Kuhverkleidung aus Holz gibt sie sich dem Bullen hin und gebiert ein Zwitterwesen, mit dem Leib eines Menschen und dem Kopf eines Stiers. Der König ist entsetzt über die Geburt des Minotaurus, wie das Kind genannt wird: Minos-Stier. Voller Zorn beschließt er, das unglückselige Geschöpf zu verstecken. Eigens dafür lässt er, so die Legende, ein verschachteltes Gebäude mit einer verwirrenden Vielzahl von Gängen bauen. Ein Labyrinth, aus dem kein Mensch entfliehen kann, und auch der Minotaurus nicht. Fürchterlich brüllend und schnaubend rast das Mischwesen durch sein Gefängnis. Regelmäßig verschlingt es sieben junge Frauen und ebenso viele junge Männer aus dem fernen Athen, die ihm zum Fraß vorgeworfen werden – ein blutiger Tribut, den die Athener zahlen müssen, um den von ihnen verschuldeten Tod eines Sohnes von König Minos zu sühnen.
Die Sage vom Stiermann erzählen sich die Menschen in den Städten und Dörfern Griechenlands spätestens im 5. Jahrhundert v. Chr. Hellenische Dichter wie Sophokles und Euripides verfassen Dramen über den Hof des Fabelkönigs Minos, Philosophen und Schriftsteller halten die Legende in verschiedenen Varianten fest. Doch der Ursprung des Mythos vom Minotaurus reicht tiefer zurück in die Vergangenheit, in eine Ära, in der die klassische griechische Zivilisation noch nicht existiert. In die Bronzezeit, in der auf Kreta ein rätselhaftes Volk lebt, dessen Schriften bis heute niemand entziffern kann. Niemand weiß, wie seine Herrscher hießen, auch kennt niemand den Namen, mit dem sich die Inselbewohner einst selbst bezeichneten. Erst viele Zeitalter später werden Archäologen die Kultur der frühen Kreter „minoisch“ nennen, nach dem König der Legende.
Sicher ist, dass Stiere, diese Sinnbilder für Kraft und Macht, bei den bronzezeitlichen Menschen Kretas in hohem Ansehen stehen. Hoch auf den Berggipfeln der Insel legen sie in Heiligtümern unzählige kleine Stierstatuen ab, vielleicht um die Götter günstig zu stimmen. Wandgemälde zeigen jugendliche Akrobaten, die waghalsig, gar todesmutig über Bullen mit langen Hörnern springen. Und auch von Monstern und Zwitterwesen scheinen die Minoer gebannt – auf den Siegeln ihrer Hofbeamten sind immer wieder Darstellungen dieser Kreaturen zu sehen.
Aus solchen Kunstwerken gehen wahrscheinlich erste Anregungen, frühe Versatzstücke der Legende vom Stiermenschen hervor – und fließen ein in den erzählerischen Mahlstrom, aus dem sich erst im Laufe der Jahrhunderte der Mythos vom Minotaurus formen wird.
Die Minoer lernen daher die Legende nie kennen, die ihnen ihren späteren Namen verschafft. Zu ihrer Zeit sind sie bekannt als Baumeister von Palästen, die ein bis dahin in der Ägäis kaum bekanntes Ausmaß von Luxus bieten, mit großen Innenhöfen, Sälen und Bädern. Sie legen auf der Insel ein Straßennetz an, postieren Wachen an strategisch wichtigen Punkten. Ihre Kaufleute fahren mit Schiffen übers Meer, gründen Handelsstützpunkte auf Inseln der Ägäis und tauschen Waren auf dem griechischen Festland, an den Küsten Kleinasiens und in Ägypten.
Die Minoer steigen auf zur führenden Seemacht in der Ägäis. Auf den benachbarten Inseln etwa beginnen Menschen, die farbenfrohen Fresken und den einzigartigen Baustil der Kreter zu übernehmen. Mit ihrem kaufmännischen Geschick, ihrem feinen Kunstsinn und Lebensstil werden die Minoer so zu einer mächtigen Zivilisation. Zur ersten Hochkultur Europas.
Dabei sind die Anfänge schlicht: Lange Zeit leben die Minoer – wahrscheinlich Nachfahren von Einwanderern aus Anatolien, einst gekommen übers Meer – in winzigen Dörfern mit höchstens drei Dutzend Bewohnern. Ihre Häuser sind eng aneinandergebaut, die Decken niedrig. Sie betreiben Landwirtschaft, bauen Weizen und Oliven an, weiden Schafe und Rinder – produzieren aber meist nur so viel, wie sie für sich und ihre Familien zum Leben brauchen.
Um das Jahr 2500 v. Chr. aber beginnt sich das zu ändern. Die Mittelmeerinsel gerät nach und nach in den Sog der großen metallurgischen Revolution, die durch die Entdeckung der Bronze weiter vorangetrieben wird – eine gewaltige Transformation, die neue Handelswege eröffnet und bald in Europa und Vorderasien ganze Gesellschaften radikal verwandelt. Die Minoer, deren Heimat wie ein Brückenkopf im Meer zwischen den Kontinenten liegt, beginnen mit den Bewohnern der nördlich von Kreta gelegenen Inseln der Kykladen Geschäfte zu machen, knüpfen aber bald auch Kontakte nach Ägypten und Kleinasien.
Vermutlich dank des Handels kommen in dieser Zeit auf Kreta einige Bewohner zu Macht und Reichtum. Das zeigen die Gaben, die ihre Angehörigen ihnen später ins Grab legen: Dolche, kostbare Steingefäße – und Gegenstände aus Bronze. Manche dieser Wohlhabenden kontrollieren wohl kleinere oder größere Territorien auf der sich über gut 250 Kilometer Länge von West nach Ost erstreckenden Insel, steigen so zu Herrschern auf. Eine Elite bildet sich heraus, die andere für sich arbeiten lassen kann. Diese Oberschicht ordnet die bislang meist nur für den Eigenbedarf betriebene Landwirtschaft neu, lässt die Ernte an zentralen Orten sammeln und verarbeiten. Überschüsse an Korn, Wein und Schafswolle fallen an, die minoische Kaufleute vermutlich auf ihren Reisen etwa gegen Schmuckarbeiten oder Metalle eintauschen. Kreta blüht auf!
Ausdruck dieser Blüte sind die großen Paläste, die einige der Inselherrscher bald nach 2000 v. Chr. bauen lassen. Wer oder was sie auf diese Idee gebracht hat, ist ganz und gar rätselhaft. Denn weder auf Kreta noch auf einer der Nachbarinseln gibt es Vorbilder für Residenzen dieser Art. Möglicherweise haben Händler auf ihren Reisen nach Ägypten oder ins Zweistromland an Euphrat und Tigris die prachtvollen Paläste dortiger Machthaber gesehen. Doch solche Bauten können den Kretern höchstens vage Anstöße gegeben haben. Denn die Paläste der Minoer sind neuartig und ohne Vorbild – und werden unter ungeheuren Mühen errichtet.
In einem Tal im Norden Kretas, um 1950 v. Chr.: Auf einem seit Jahrhunderten von Menschen bewohnten Hügel beginnen Männer mit Erdarbeiten. Sie tragen nach und nach die gesamte Spitze der Anhöhe ab, planieren schließlich eine mehrere Tausend Quadratmeter messende Fläche. Auf dem neu geschaffenen Plateau legen sie vermutlich zunächst einen weiten, rechteckigen, bald von mehrstöckigen Gebäuden umstandenen Hof an, von dem aus man schließlich durch Zugänge und über Treppen in alle Bereiche der Anlage gelangen wird: des Palasts von Knossos. Die Idee der Minoer, einen Gebäudekomplex durch einen zentralen Innenhof begehbar zu machen, ist eine spektakuläre Neuerung und wird ihre Architektur für die nächsten 500 Jahre prägen.
Etwa zur selben Zeit wie in Knossos lassen weitere Herrscher auf Kreta ähnliche Paläste anlegen. Etwa in Phaistos, einer Siedlung im Süden der Insel, knapp 60 Kilometer von Knossos entfernt. Die Residenz liegt am Ende eines Bergrückens, mit weitem Blick über eine Hochebene, und ist dank der fruchtbaren Böden stets mit Getreide, Öl und Trauben versorgt. In Malia im Norden Kretas errichtet ein Magnat einen weiteren Palast. Anders als die Bauten in Knossos und Phaistos erhebt sich diese Anlage dicht am Meer. Nur fünf Minuten braucht es zu Fuß zur Küste, wo in Buchten Schiffe ankern.
Vor den Mauern jedes dieser Paläste lärmen Werkstätten, finden sich Heiligtümer und Stadtvillen. Am Rand der geschäftigen Siedlungen wohnen die Ärmeren in schlichten Quartieren. Der größte Ort der Insel ist Knossos. Bald nach 1950 v. Chr., nach Beginn der Bauarbeiten für den Palast, leben hier wahrscheinlich etwa 12 000 Menschen – wohl nirgendwo sonst in der Ägäis gibt es derart große Siedlungen.
Der Bau der Paläste dauert Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte. An manchen Trakten müht sich vermutlich mehr als eine Generation von Arbeitern ab. Und wohl nur selten sind die Anlagen gänzlich fertig, denn häufig erschüttern Erdstöße die Insel und beschädigen Gebäude, machen immer wieder Umbauten und Renovierungen nötig. Wahrscheinlich ist auch die Katastrophe, die Kreta um 1700 v. Chr. erschüttert, auf schwere Beben zurückzuführen. Ein Großteil der Paläste liegt danach in Trümmern. Und doch endet die Blütezeit der Insel keineswegs. Die Minoer beginnen bald, die zerstörten Bauten neu zu errichten – vermutlich noch prächtiger als zuvor.
Einige Jahrzehnte später: Wer nun den dicht besiedelten Hügel hinauf zum Palast von Knossos läuft, steht bald vor der majestätisch aufragenden Westfassade der Anlage. Vor der Mauer aus massiven Steinquadern erstreckt sich ein etwa 30 Meter breiter Platz, über den sich leicht erhöhte Straßen aus Steinplatten ziehen: Wege für religiöse Prozessionen. Die Bewohner des Palasts können die Kultfeiern anscheinend durch Fenster in der Westfassade verfolgen – und sehen dann vielleicht, darauf deuten Wandgemälde hin, einen Reigen von tanzenden Frauen in glockenförmigen Röcken am Rand der Prozessionswege. Womöglich wollen die Tänzerinnen so das Erscheinen einer Gottheit heraufbeschwören.
Doch wie über so vieles bei den Minoern ist auch über ihre Religion nur wenig bekannt. Sie bauen keine großen Tempel, verehren ihre Götter vermutlich in ihren Palästen und in Heiligtümern auf Berggipfeln. Neben männlichen Gottheiten, die in den Darstellungen oft jung und muskulös erscheinen, spielen offenbar Göttinnen eine wichtige Rolle. Auf den Fresken oder Siegelabdrücken sind sie oft in Begleitung von Löwen und Greifen zu sehen – möglicherweise gelten sie als Beschützerinnen der Natur.
Der wahre Glanz des Palastes von Knossos erschließt sich jedoch erst in seinem Inneren. Nur wenige Wege führen hinein. Wer vom Platz vor der westlichen Mauer her kommt, muss zunächst einen offenen, bald nach links abknickenden Korridor entlanggehen, läuft dann durch verwinkelte Gänge bis zu einer Torhalle und gelangt von dort in den großen Innenhof.
Jeder Mensch, der den mehr als 1000 Quadratmeter umfassenden Ort zum ersten Mal betritt, muss benommen sein von so viel Pracht und Monumentalität: An den Seiten erheben sich mehrstöckige Gebäude mit Balkonen und Loggien. In offenen Treppenhäusern prangen in leuchtenden Farben gemalte Fresken. Pfeiler und Säulen rahmen eine Vielzahl der Türen und Tore. Auf einigen Dächern ragen stilisierte Hörner in den Himmel, die an Stiere erinnern sollen – jene Tiere, deren animalische Stärke die Minoer bewundern und verehren.
VOLLER RÄTSEL DIE ZEICHEN, BRILLANT DIE BILDER
Vielleicht beschleicht den einen oder anderen Landbewohner, der erstmals den Palast besucht und durch die von Öllampen erleuchteten, verschachtelten Gänge läuft, ein unheimliches Gefühl: die Angst, in einen Irrgarten geraten zu sein. Gut möglich, dass in diesem düsteren Gemäuer jemand der Vorstellung verfallen ist, es gebe in Knossos ein Labyrinth, in dem Menschen für immer verschwinden.
Auf dem Palastgelände und in dessen Umgebung befinden sich Dutzende Werkstätten: Kundige Arbeiter fertigen feine Gewänder und Wandbehänge an, färben Stoffe mit kostbarem Purpur. Elfenbein- und Knochenschnitzer stellen Perlen und Amulette her, aber auch Einlagen für die Brettspiele, mit denen sich die Palastelite die Zeit vertreibt.
Metallhandwerker fachen mit Blasebälgen Feuer an, schmelzen in Tonöfen Bronze und formen aus dem Wunderstoff der Epoche in einem aufwendigen Prozess des Gießens und Schmiedens Beile, Hämmer und Meißel. Auch stellen sie kleine, etwa 20 Zentimeter breite Doppeläxte her – Weihgaben, die den Minoern göttlichen Schutz gewähren sollen. Weil die für die Herstellung von Bronze notwendigen Metalle Kupfer und Zinn auf Kreta kaum zu finden sind, müssen die Minoer sie teuer auf anderen Inseln oder auf dem Festland erwerben. Die Palastbeamten bewahren edle Materialien wie Gold und Elfenbein vermutlich in den Lagerräumen auf und teilen sie den Handwerkern in genau bemessenen Mengen zu; danach verschließen sie die Truhen, Kästen und Räume wieder und bringen zum Schutz vor Diebstahl Siegel an.
Doch all diese mit so viel Sorgfalt hergestellten Produkte verblassen vor den Schöpfungen der minoischen Freskenmaler. Mit nur wenigen Farben – vor allem Rot, Gelb, Schwarz und Blau – erschaffen sie Werke voller Harmonie und Leichtigkeit. An den Palastwänden in Knossos ist etwa das Bild zweier blauer Affen zu sehen, die durch einen verwunschenen Hain mit blühenden Krokussen streifen. Andere Wandmalereien zeigen Delfine, die friedlich durch einen Schwarm kleiner Fische schwimmen. Oder einen muskulösen Jüngling, der mit einem Salto über einen riesigen Stier springt. Es sind Szenen voller Anmut. Bilder von Kampf und Krieg hingegen sind selten, ebenso wie Darstellungen von Herrschern – anders als an den Höfen Ägyptens oder Vorderasiens, deren Könige ihre Kriegstaten in Kunstwerken verherrlichen.
Manche Forschende haben daraus den Schluss gezogen, dass Kreta zur Zeit der Minoer ein außerordentlich friedlicher Ort war. Aber ob es in der Realität so idyllisch zuging wie auf den farbenprächtigen Bildern, ist ungewiss. Denn die Bronzeschmiede der Paläste stellen auch in großer Zahl Schwerter her, äußerst effektive Tötungsinstrumente und prächtige Statussymbole, zuweilen verziert mit Gold und Kristallen. Ein Schwert dieser Art wurde etwa im Palast von Malia gefunden (siehe Seite 66) und weist den Träger als Angehörigen einer Kriegeraristokratie aus. Allerdings scheinen die Herrschenden ihre Macht auf der Insel eher selten mit Gewalt verteidigen zu müssen: So sind auf Kreta kaum Befestigungsanlagen zu finden. Gut möglich daher, dass die Minoer lange Perioden über in Frieden und Sicherheit lebten.
Wohl nur wenigen, ausgewählten Menschen ist es erlaubt, ein kleines Gemach im Westtrakt des Palastes zu betreten: den Thronraum. Er liegt wie versteckt. Kein monumentaler Eingang, kein prachtvoller Korridor führt auf ihn zu – man betritt ihn vom Hof aus durch einen Vorraum. Im Allerheiligsten der Residenz zieren Bilder von Greifen die dunkelrot-weiße Wand hinter dem aus feinstem Alabaster gearbeiteten Thron. Links und rechts davon umlaufen steinerne Bänke den Raum, auf denen womöglich hochgestellte Personen, vielleicht Mitglieder der Herrscherfamilie, Hofbeamte, Priester oder Priesterinnen Platz nehmen können. Vielleicht werden auf den Bänken aber auch einfach Opfergaben niedergelegt, ist sogar der Thron leer.
Wer den in diesem Raum offenbar vollzogenen Ritualen vorsteht – der Herrscher oder die Herrscherin, ein Priester oder eine Priesterin –, ist nicht bekannt. Mit eigenen Augen können in dem kleinen Zimmer nur wenige Menschen die Zeremonien verfolgen, bei der den Göttern wahrscheinlich Tiere und Früchte, aber auch kostbare Kleider dargebracht werden. Vielleicht versammeln sich im Vorraum und auf dem Innenhof größere Gruppen von Menschen und begleiten die Kulthandlungen.
Die privaten Gemächer des Herrschers, seiner Familie und hoher Beamter liegen vermutlich auf der gegenüberliegenden Hofseite, im Ostflügel. Hier zeigt sich das ganze Genie der minoischen Architekten. Denn im Osten fällt der Hügel von Knossos steil ins Tal ab. Um den Bau zu stabilisieren, haben die Konstrukteure zwei Stockwerke tief in den Hang gebaut. Die Geschosse liegen unter dem Niveau des Innenhofs – bieten aber einen berauschenden Ausblick über das Tal. Die dritte Etage lässt sich ebenerdig vom Innenhof aus betreten. Die unteren Stockwerke erreichen die Bewohner über ein prächtiges, mit Säulen geschmücktes Treppenhaus.
Der Komfort in diesem Flügel ist außergewöhnlich: Eine Toilette mit einem von zwei Steinplatten getragenen Holzsitz steht für die Elite bereit. Zum Spülen nutzen die Bewohner eine Kanne. Das Brauchwasser fließt durch Leitungen aus Ton und Stein ab (dieselben Kanäle fangen auch die Regenmassen auf, die von Herbst bis Frühjahr auf den Dächern und über dem Zentralhof niedergehen). Für frische Luft und Helligkeit in den Gemächern sorgen Lichtschächte, die sich durch mehrere Stockwerke ziehen.
Der Palast von Knossos ist der größte auf Kreta, er nimmt vermutlich eine Art Vorrangstellung ein. Die Elite, die hier und in den anderen Palästen lebt, verfügt offenbar über fast unerschöpfliche Reichtümer und große Macht. Denn anscheinend ist es den Herrschenden gelungen, die Insel im Lauf der Zeit mit einem dichten Netz aus ihnen zur Treue verpflichteten Grundbesitzern, Verwaltern und Aufsehern zu überziehen, die die Landwirtschaft kontrollieren, aber auch Steinbrüche und Weinpressen betreiben. Einen Teil ihrer Erträge müssen die lokalen Herren wohl als Abgaben an die Paläste abführen.
Unter Oberaufsicht der Paläste steht auch der Seehandel. Schon seit Beginn der Bronzezeit kreuzen die Minoer mit Ruderschiffen durch die Ägäis. Ab etwa 2000 v. Chr. nutzen sie dabei wahrscheinlich bereits drei fest etablierte Handelsrouten, die auf die Halbinsel Peloponnes, an das nördlich anschließende griechische Festland und die Küste Kleinasiens führen.
Entlang der Schifffahrtswege siedeln sich größere Gruppen von Minoern an, zum Beispiel auf den Inseln Rhodos und Kythera, und arbeiten dort vermutlich als Zwischenhändler. Dabei tauschen sie Waren aus Kreta wie etwa Wolle, Wein und hervorragend gearbeitete Schwerter gegen Kupfer, Blei und Obsidian.
LANGE HERRSCHT FRIEDEN
Wie komplex der Handel der Minoer bereits im 18. Jahrhundert v. Chr. ist, zeigen Dokumente aus einem Palast im fernen Mari am Euphrat: Demnach hat ein Kreter, der in Ugarit an der levantinischen Küste im heutigen Syrien wohnt, aus seiner Heimat mehrere teure Waren erhalten: eine Ladung Zinn, ein Paar Lederschuhe und eine Metallwaffe. Diese Güter leitet der Kreter an den König von Mari weiter, der sie wiederum als Geschenk Hammurabi zukommen lässt, dem Herrscher von Babylon.
Manche Orte, die die kretischen Kapitäne ansteuern, nehmen nach und nach fast vollständig Kultur und Gebräuche der Minoer an. Etwa die heute Akrotiri genannte Stadt auf Thera (Santorin), gut 100 Kilometer von Kreta entfernt. Die Einwohner nutzen Gewichte und Maße der Minoer, ebenso die Linear-A-Schrift. Auch dürfte sich hier eine größere Zahl minoischer Händler angesiedelt haben.
Bei einem Gang durch den Ort ist der Einfluss der kretischen Baumeister unübersehbar. So ähneln die Häuser an dem dreieckigen Platz im Zentrum mit ihren mehrstöckigen Fassaden und den rechteckigen Fenstern auffällig denen der Minoer.
Ebenfalls am Platz in der Ortsmitte erhebt sich ein prächtiges Gebäude. Bis zu drei Stockwerke hoch reichen seine Mauern, 15 Meter in der Länge misst seine Fassade. Vielleicht gehört das später von Archäologen „Westhaus“ genannte Wohngebäude einem Kapitän oder Kaufmann, der durch den Seehandel zu großem Wohlstand gekommen ist. Darauf weist auch der seltene Luxus einer steinernen Toilette hin – außerhalb der Paläste sind Latrinen sonst fast nirgendwo zu finden. Eindrucksvolle Wandmalereien im Stil der Minoer zieren die Wände im Haus: etwa eine Flusslandschaft, vermutlich der Nil, mit Palmen, Wasservögeln und Raubtieren. Oder eine große Flotte von Ruderschiffen, die von einer Insel zur nächsten unterwegs ist.
Doch Schönheit und Anmut der Fresken im Westhaus verschwinden – ebenso wie das gesamte Gebäude, wie die anderen Häuser, die Gassen und Plätze von Akrotiri – um 1625 v. Chr. jäh: Bei einem verheerenden Vulkanausbruch versinkt der Ort in einem dichten Regen aus Asche und Vulkangestein. Wohl gewarnt durch vorangegangene Erdstöße können die meisten Bewohner zwar aus der Stadt fliehen, doch es wird mehr als 3500 Jahre dauern, bis Menschen wieder einen Blick auf die einzigartigen Malereien werfen können.
Ebenfalls in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts v. Chr. kommt im fernen Ägypten eine neue Dynastie an die Macht: die sogenannten Hyksos, eine aus Vorderasien eingewanderte Volksgruppe. Zu ihrer Residenz machen sie den Ort Auaris im Nildelta, der bald aufblüht und zu einer der größten Städte am östlichen Mittelmeer wird. Doch ihre Herrschaft währt nur etwa ein Jahrhundert lang.
Um 1530 v. Chr. gelingt es dem Spross einer einheimischen ägyptischen Dynastie, Auaris zu erobern und die Herrschaft der Hyksos zu beenden. In ihrer einstigen Hauptstadt lässt vermutlich einer seiner Nachfolger neue Paläste bauen. Sie sollen mit Fresken von höchster Qualität geschmückt werden – daher beauftragt der Hof Künstler aus Kreta, das seit Jahrhunderten mit Ägypten Handel treibt und mit dem man den Austausch weiter vertiefen möchte.
Und so arbeiten auch am Nil minoische Maler, fertigen berückend schöne Bilder von Fluss- und Felslandschaften an, zeigen junge Männer, die elegant über Stiere springen, und Jäger, die Ziegen und Antilopen nachsetzen. Die einzigartige Bilderwelt der Minoer kommt in Mode. Auch in Alalach am Unterlauf des Orontes in der heutigen Türkei und in Tel Kabri im Norden des modernen Israel statten Künstler die Residenzen einheimischer Herrscher mit Fresken aus. Und mehren damit Glanz und Ruhm der hochstehenden Kultur ihrer Insel.
Es ist eine gute Zeit für das Volk aus Kreta. Die Minoer sind die führende maritime Macht im östlichen Mittelmeer. Ihre Schiffe kreuzen an den Küsten Kleinasiens, Griechenlands, Nordafrikas. Die Kunst ihrer Baumeister wird weithin bewundert, ebenso die Geschäftstüchtigkeit ihrer Händler. Und die Paläste organisieren Wirtschaft und Verwaltung so effizient, dass manch moderner Forscher die Insel den ersten funktionsfähigen Staat Europas nennen wird. Doch um 1450 v. Chr. brechen gleich mehrere Katastrophen über Kreta herein. Alle Paläste, außer jenem von Knossos, fallen verheerenden Zerstörungen zum Opfer, Städte und Dörfer liegen in Trümmern.
Was damals genau geschehen ist, lässt sich heute nur schwer rekonstruieren. Einen Teil der Verwüstungen haben möglicherweise Erdbeben ausgelöst. Doch der Niedergang wird auch von Menschen vorangetrieben, die in diesen Jahren von Norden her nach Kreta vordringen: Angehörige der mykenischen Kultur auf dem griechischen Festland. Ob sie die Zerstörungen auf der Insel selbst verursacht haben oder nur von ihnen profitieren, ist allerdings unklar.
Gesichert ist, dass die Anwesenheit der Fremden die Insel massiv verändert. Sie führen ihre eigene Sprache ein, eine frühe Form des Griechischen. Dazu übernehmen mykenische Adelige nun die Herrschaft und residieren im Palast von Knossos.
Gut 80 Jahre nach den Katastrophen von 1450 v. Chr. wird der Prachtbau vermutlich bei einem Aufstand zerstört und danach nicht wieder errichtet. Das Kreta der Minoer wird nach und nach zu einem Teil der mykenischen Zivilisation (siehe Seite 86).
Auch der Mythos vom Minotaurus endet mit einem Sieg der Fremden vom griechischen Festland. Denn eines Tages, so berichtet die Legende, begehrt Theseus, der Sohn des Königs von Athen, gegen die grausamen Menschenopfer im Labyrinth des Minotaurus auf. Er reiht sich in die Gruppe der todgeweihten Jünglinge und Jungfrauen ein und segelt mit ihnen nach Kreta. Dort trifft er auf Ariadne, die Tochter von König Minos. Die Frau verliebt sich in den gut aussehenden Mann, steckt ihm ein Schwert und ein Garnknäuel zu, damit er sich verteidigen und aus dem verwinkelten Gefängnis des Minotaurus retten kann.
So ausgestattet betritt Theseus das Labyrinth. Er befestigt ein Ende der Schnur am Eingang und rollt sie immer weiter ab, während er mit seinen Gefährten durch die düsteren Gänge läuft. Bald stößt die Gruppe auf den bluthungrigen Minotaurus. Doch statt wie alle jungen Menschen vor ihm den Opfertod zu sterben, erlegt Theseus das Mischwesen mit seinem Schwert. Und nicht nur das: Dank Ariadnes Faden findet die Gruppe auch wieder hinaus ins Freie und kann zurück nach Athen segeln.
Der Legende zufolge besteigt Theseus nach dem Tod seines Vaters den Thron in seiner Heimat. Er gibt den freien Einwohnern Athens wie denen der umliegenden Bauernhöfe und Dörfer Mitbestimmungsrechte und verspricht, seine Herrschergewalt nur in Einklang mit einer neu eingerichteten Volksvertretung auszuüben: Der Mythos feiert die Geburt der attischen Demokratie. Die Geschichte vom Minotaurus und seinem Bezwinger könnte somit nicht nur eine schaurige Legende, sondern womöglich auch ein Stück politischer Propaganda der Griechen sein. Ein Versuch, so könnte man meinen, die Minoer als rückschrittliches Volk darzustellen, das weder vor archaischen Menschenopfern noch vor Sodomie zurückschreckt – während die Griechen samt König als Inbegriff von Vernunft und Zivilisation erscheinen.
Es ist eine völlig verzerrte Geschichte über jenes Volk von Kreta, das über mehrere Jahrhunderte hinweg mit seiner hochentwickelten Kultur den östlichen Mittelmeerraum beeinflusst und bereichert hat. Eine Geschichte, vielleicht entstanden, weil die minoischen Paläste mit ihren verschachtelten, einem Labyrinth ähnelnden Gängen viele Besucher zutiefst beeindruckten – und ihre Fantasien beflügelten.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Fischer, Oliver: Minoische Palastzeit. Insel der Mythen, in: Die Bronzezeit (GEO Epoche Jg. 2023, Heft Nr. 123), Hamburg 2023, S. 38-51.
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