# Gesellschaft der Wilhelminischen Ära



# Adel und gehobenes Bürgertum

#### Inhaltsverzeichnis

1. Kleine Geschichte der Kotze-Affäre, eines Sexskandals am Kaiserhof
2. Das Bürgertum. We immer strebend sich bemüht.

##### 1. Kleine Geschichte der Kotze-Affäre, eines Sexskandals am Kaiserhof

Adel, Sex und Schlittenfahrt – wie ein frivoler Ausflug das wilhelminische Berlin erschütterte und den ehrenwerten Namen eines Mannes befleckte, erzählen unsere Kolumnisten.

Es ist Januar im Jahr 1891. Einige Mitglieder des kaiserlichen Hofs begeben sich auf eine Schlittenfahrt in Berlin. Die illustre Gesellschaft, darunter der Schwager und der Zeremonienmeister von Kaiser Wilhelm II., vergnügt sich, bis die Dämmerung hereinbricht. Es wird beschlossen, die Nacht im pittoresken Jagdschloss Grunewald zu verbringen.

Die 15 Anwesenden speisen fürstlich zu Abend, der Champagner fließt in Strömen, bis zu fortgeschrittener Stunde die Stimmung so ausgelassen wird, dass nicht nur Hemmungen, sondern auch Kleidungsstücke fallen. Schnell kommt man sich näher, bis das Ganze schließlich in einer veritablen Orgie endet. Am nächsten Tag bricht die Runde wieder auf. Und ein jeder und eine jede gehen davon aus, dass die vergnüglichen Stunden des Vorabends im Dunkel der Vergangenheit verborgen bleiben. Doch weit gefehlt.

**Skandalbriefe machen die Runde**

Es entfaltet sich ein handfester Sexskandal um den Kaiserhof. [Die Ereignisse hat unter anderem der Historiker Wolfgang Wippermann in seinem Buch »Skandal im Jagdschloss Grunewald« dargelegt](https://books.google.nl/books/about/Skandal_im_Jagdschloss_Grunewald.html?id=EcTcSAAACAAJ). Denn schon einen Tag später erhalten nicht nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schlittenfahrt, sondern auch weitere Mitglieder des kaiserlichen Hofs Post. Es sind Briefe, in denen die Vorkommnisse jener Nacht nicht nur bis ins kleinste Detail geschildert werden, sie sind sogar teils mit pornografischen Zeichnungen versehen. Und wer bei dem ausschweifenden Stelldichein mitgemischt hat, ist mit Namen genannt.

Darunter Ernst Günther von Schleswig-Holstein (1863–1921), der Bruder der Kaiserin. Sein Spitzname »Herzog Rammler« bezeugt, dass er generell sexuellen Eskapaden nicht abgeneigt ist. Auch das Ehepaar von Hohenau steht auf der Liste – und Hohenau-Gattin Charlotte von der Decken (1863–1933) erhält in den Briefen die Bezeichnung »Lottchen von Preußen«. Lottchen galt damals als abwertender Ausdruck für eine Prostituierte.

Schnell findet der Inhalt der Briefe den Weg in die Öffentlichkeit. Nicht zuletzt, weil es am Hof üblich war, dass die Post, bevor sie an den Frühstückstisch kam, von Bediensteten geöffnet, gelesen und sortiert wurde.

Für die Betroffenen ist die Angelegenheit nicht nur peinlich, sondern auch brandgefährlich. Denn in den Briefen werden unter anderem homosexuelle Handlungen beschrieben, die zu jener Zeit noch mit bis zu zehn Jahren Haft unter Strafe standen. Und obwohl Mitglieder des Hofstaats eine Sonderstellung im Kaiserreich innehaben, sie also nicht mit denselben drakonischen Strafen wie der Rest der Bevölkerung rechnen müssen, sind die Briefe allemal ehrenrührig. Und die Ehre zu verlieren, das konnte in einer adeligen Stellung sehr reale und sehr drastische Folgen haben, wie die folgenden Jahre zeigen sollten.

**Erst ein Fall für die Polizei, dann einer für die Selbstjustiz**

Um der Schmach und den eventuellen Folgen zu entgehen, setzen die Beteiligten alles daran, die für die Briefe verantwortliche Person ausfindig zu machen. So wird Kommissar Eugen von Tausch auf den Fall angesetzt. Doch obwohl er sich selbst illegaler Methoden bedient, verlaufen seine Ermittlungen im Sand. Einer seiner Hauptverdächtigen, der oben erwähnte »Herzog Rammler«, verbündet sich daraufhin mit anderen Betroffenen, um auf eigene Faust den Schuldigen zu ermitteln. Schon bald haben sie einen Verdächtigen ausgemacht: den Zeremonienmeister des Kaisers, Leberecht von Kotze (1850–1920).

<div class="collapse row" id="bkmrk-%C2%A9-alamy-%2F-svintage-a" style="text-align: justify;"><div class="columns small-12"><figure class="image image__article"><div class="img-wrapper th__2000">![Leberecht von Kotze (1850–1920)](https://static.spektrum.de/fm/912/f2000/2E07GFF_Alamy.jpg "Leberecht von Kotze (1850–1920)")</div><figcaption><div class="row"><div class="columns small-12"><div class="image-copyright">© ALAMY / SVINTAGE ARCHIVE (AUSSCHNITT)</div><div class="collapse row"><div class="columns image-text small-12">Leberecht von Kotze (1850–1920) | ... war ein preußischer Zeremonienmeister am Hof des deutschen Kaisers. In der nach ihm benannten Kotze-Affäre wurde er zu Unrecht verdächtigt, skandalträchtige Briefe aufgesetzt und verbreitet zu haben.</div></div></div></div></figcaption></figure></div></div>Von Kotze war zwar bei Kaiser Wilhelm II. beliebt, doch innerhalb des Hofstaats hatte er einen schlechten Stand. Ihm wurde nachgesagt, ein Lästermaul zu sein, auch seine Vorliebe für elegante Kleidung sorgte für Missfallen.

Um von Kotze die Schuld zuzuschieben, entwendet man aus seinem Haus Löschblätter. Und auf einem zeichnet sich dann doch tatsächlich das Wort »Lottchen« ab. Ein Grafologe wird hinzugezogen, der zu dem Schluss kommt, dass die Abdrücke den »Eindruck der Absichtlichkeit« vermitteln. Höchstwahrscheinlich handelt es sich also um eine Fälschung. Dennoch schafft es die Gruppe, den Kaiser von der Schuld von Kotzes zu überzeugen. So wird der Zeremonienmeister am 17. Juni 1894 – mehr als zwei Jahre nach dem Auftauchen der ersten Briefe – vom Chef des Militärkabinetts verhaftet.

**Für eine Schuldzuweisung fehlen Beweise**

Doch die Anklage steht auf wackligen Beinen. Vor allem weil der Grund der Verhaftung – verleumderische Beleidigung und Verbreitung unzüchtiger Schriften – nach einer Anklage vor einem ordentlichen Gericht verlangt. Von Kotze soll allerdings vor einem Militärgericht angeklagt werden. Das ist aber nicht möglich, weil er Rittmeister außer Dienst ist. Kurzerhand wird er wieder aktiviert, vom Rittmeister a. D. zum Rittmeister z. D. (zur Disposition) gemacht.

Allerdings schwindet die Glaubwürdigkeit der Anklage, da weitere obszöne Briefe über die Schlittenfahrtgesellschaft auftauchen – obwohl von Kotze in Haft ist. Letztlich wird der beschuldigte Zeremonienmeister aus dem Gefängnis entlassen.

Doch für den Kaiser ist die Sache noch nicht vorbei. Er setzt eine Untersuchungskommission ein, die von Kotzes Schuld beweisen soll. Diesem reicht es nun aber. Er nimmt sich einen Anwalt und geht an die Öffentlichkeit. Der gesamte Skandal gelangt an die Presse. In Zeitungsberichten beschuldigt von Kotze diejenigen, die ihn verurteilt sehen wollten.

Das Bürgertum ist empört, der Kaiserhof bloßgestellt. Die Schmach ist derart verletzend, dass einer der Widersacher, Karl Freiherr von Schrader (1848–1896), von Kotze zum Duell fordert. Dieser nimmt an. Das Schießgefecht endet ohne Sieger und Verletzte. Nachdem von Kotze dann in einem weiteren Prozess vor dem Militärgericht freigesprochen wird, lenkt auch der Kaiser ein. Er akzeptiert von Kotzes Unschuld und verlangt eine Entschuldigung von jenen, die diesen zu Unrecht beschuldigt hatten. Die meisten Ankläger leisten Folge, doch drei weigern sich, darunter Freiherr von Schrader. Von Kotze, der nun wiederum seine Ehre verletzt sieht, fordert alle drei zum Duell.

**Wieder soll ein Duell die Ehre wiederherstellen**

Einer der drei tritt schließlich am 13. April 1895 gegen von Kotze an. Der wird am Bein verletzt, und obwohl Duelle damals verboten sind, schickt der Kaiser ihm Genesungswünsche ins Krankenhaus. Für Schrader ist die Sache aber noch nicht vorbei. Er fordert von Kotze einige Monate später wieder heraus. Am Ende ist Schrader tot und von Kotze im Gefängnis. Wegen Totschlags wird er zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Einige Monate später begnadigt ihn der Kaiser jedoch. Der Zeremonienmeister zieht sich auf sein Anwesen zurück, wo er den Rest seines Lebens verbringt.

Der Skandal schadet dem Ansehen des kaiserlichen Hofstaats. Nicht nur wegen der moralischen Verfehlungen, auch die Austragung von eigentlich verbotenen Duellen sorgt für Aufruhr in der Bevölkerung. Die Tatsache, dass der Kaiser die Duelle billigte, mündet schließlich in einen parlamentarischen Antrag durch die Sozialdemokraten. Sie fordern das Kaiserhaus auf, sich stärker gegen die illegale Praxis einzusetzen.

Was zwischen all den Versuchen, verlorene Ehre wiederherzustellen, in den Hintergrund rückt, ist die Frage, wer nun tatsächlich für die Briefe verantwortlich ist. Eine Theorie der Historiker besagt, dass vielleicht der Schwager des Kaisers selbst die Briefe verfasst hatte, mit der Hilfe von Komplizen. Doch obwohl heute noch mehr als 200 dieser Briefe im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz lagern, ließ sich bislang nicht sicher beantworten, wer tatsächlich hinter den skandalösen Schreiben steckt.

##### 2. Das Bürgertum. Wer immer strebend sich bemüht. 

Prunkvolle Inneneinrichtung, tadellose Körperhaltung, repräsentative Familie: Das Bürgertum müht sich stets um Status und Ansehen. So auch die Kaufmannsdynastie Mann aus Lübeck. Aber 1901 veröffentlicht Sohn Thomas Mann seinen Roman »Buddenbrooks« – und zeigt darin Abgründe hinter herrschaftlichen Fassaden Wenn nun doch alles vergeblich ist? Wenn der Abstieg jederzeit drohen kann. Wenn die Anstrengungen nichts mehr nützen. Die Selbstdisziplin. Die Tüchtigkeit. Wie schnell das gehen kann! Noch schneller als der Aufstieg.

Nehmen wir die Familie Mann aus Lübeck. Sie hatte es doch schon geschafft. Hatte etwas gewagt, das Schicksal in die eigene Hand genommen, der erste von ihnen war am Ende des 18. Jahrhunderts aus Rostock nach Lübeck gekommen und hatte hier ein Handelshaus gegründet: „Johann Siegmund Mann, Commissions- und Speditionsgeschäfte“, bald eine erste Adresse im internationalen Getreidehandel.

Übernimm die Verantwortung für dich selbst, mach etwas aus deinem Leben, entfalte deine Persönlichkeit und deine Individualität, hatten die Aufklärer gerade erst gerufen – und die Familie Mann und all die anderen selbstbewussten und fortschrittswilligen Bürger waren an die Arbeit gegangen. Manche hatten sich irgendwann kunstvoll bestickte Deckchen in die Wohnungen gehängt mit der Selbstverwirklichungsformel des angebrochenen bürgerlichen Zeitalters: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“

Fast jeder. Nicht dass die Verheißungen und Verpflichtungen der Aufklärung für alle gegolten hatten. Nicht dass die Ständegesellschaft plötzlich abgeschafft gewesen war. Noch immer regierten Fürsten und Könige, und der Rest des Adels saß fest auf seinen Schlössern und Gütern, eingemauert in die Geschichte und in die Herkunft, eingehüllt in die Gewissheit der ewigen Kontinuität der eigenen Genealogie. Es kämpften die Bauern in ihren Dörfern ums Überleben, um den Fortbestand dessen, was ihnen in der Vergangenheit gegeben worden war. Und in den toten Winkeln der Städte verharrte hungrig das allmählich entstehende Proletariat in der drückenden Gegenwart der Tagelöhnerei.

Für die Bürger jedoch, für die Händler, die Kaufleute, die Handwerker, die Beamten, die Gelehrten in den Städten, waren, trotz gewisser Beschränkungen durch die überlieferte Ordnung, in der ersten Hälfte dieses 19. Jahrhunderts das Leben und die Zeit in Fluss geraten, und die Zukunft hatte begonnen. Die Entdeckung der Dampfkraft hatte Produktion und Handel entscheidende Impulse gegeben, die Aufklärung dem Denken eine neue Richtung. In den erfolgreichen Stadtbürgern entwickelte sich das Bewusstsein der eigenen Stärke – so nannten sie sich selbst jetzt stolz: „Bürgertum“. Und dieses Bürgertum, das sich sozusagen selbst erschaffen hatte, sollte fortan Bildung, Wissenschaft, Sozialleben, Kultur durch seine Wertvorstellungen prägen – und, so weit nur irgend möglich, auch die Politik und die Rechtsordnung. Vor allem aber die Wirtschaft und die neuen industriellen Produktionsformen, kurz: den Kapitalismus. Karl Marx hat später die historische Modernisierungsmission des Bürgertums euphorisch gelobt.

> Viele halten Manns Buch für einen Schlüsselroman

Gleichzeitig wurden die Plätze innerhalb der Bürgergesellschaft nun immer wieder neu verteilt. Man musste sich nur immer strebend recht bemühen und frischen Mutes zugreifen. Dann konnte jeder Bürger etwas Besseres werden. Reicher. Mächtiger. Klüger. Oder womöglich eben auch etwas Schlechteres. Was Gott, falls es ihn trotz der Aufklärung noch gab, verhüten mochte.

Denn alles war möglich, Aufstieg, Abstieg, Familien, die wie die Manns in einer Generation noch fast mit nichts angefangen hatten, konnten in der nächsten schon Großhändler, Konsuln, Senatoren sein – und in der übernächsten alles verlieren. Glanzvolle Zeiten, unsichere Zeiten. „Wie gewonnen, so zerronnen“: Noch so ein beliebter Sinnspruch – den Zeitgenossen zur Mahnung auf dem abschüssigen Gelände einer allzu beweglich gewordenen sozialen Ordnung.

Noch gehörte die Familie Mann zu den Gewinnern. Sie wurde tatsächlich etwas Besseres. Erst reich. Dann mächtig. Dann klug. Und wie um dieses selbst geschmiedete Glück zu beschweren, damit es nicht wieder wegrutschen konnte, saßen ihre Mitglieder schließlich mitten in Lübeck in massigen Häusern und wuchtigen Möbeln und verzehrten mächtige Menüs, die tagelang im Magen lagen. Man war über die Jahre unaufhaltsam aufgestiegen. Inzwischen war die Familie, wie sie, der eigenen Position sicher, sagen durfte, „alteingesessen“. Jetzt konnte, durfte, sollte nicht mehr viel passieren – anhaltende Tüchtigkeit vorausgesetzt. Aber die Männer fingen an, über sich selbst nachzudenken – auch das hatten sie von den Aufklärern gelernt. Und so ist 1891 plötzlich alles vorbei.

**KURZ VOR DER** Jahrhundertwende sitzt Paul Thomas Mann, jener Sohn des Hauses, auf dem einmal die Zukunftserwartungen der Familie geruht haben, nicht im Kontor der Firma seiner Väter über Rechnungen und Aufträgen, sondern über einem Romanmanuskript mit dem Arbeitstitel „Abwärts“.

Dabei hätte doch auch er aufwärts streben und ebenfalls Kaufmann werden sollen. Großkaufmann wie der Vater, Senator Thomas Johann Heinrich Mann, wie der Vater des Vaters, Konsul Johann Siegmund Mann jun., und wie dessen Vater, Johann Siegmund Mann sen., Gründer des gleichnamigen Handelshauses: derAhnherr dieser bürgerlichen Kopie dynastischer Erbfolge, die wenigstens den Anschein der Kontinuität und Sicherheit der Adelshäuser versprach. So hatten sich die Vornamen fortgepflanzt, die Aufgaben, die Bestimmung, die Firma. Goldene Fesseln, unabweisbarer Schutz der über hundertjährigen Familientradition. Aber Paul Thomas Mann hat sie längst zerschnitten, zerstört, zerdacht, zerschrieben: aus. Er ist Schriftsteller geworden, wie zuvor schon sein älterer Bruder Luis Heinrich, die Firma hat aufgehört zu existieren und auch der strenge, rationale Patriziergeist, der sie getragen hatte.

Noch immer sieht Thomas Mann aus, als wäre nichts geschehen. Er ist kaum 25 Jahre alt, ein Foto wird gemacht, in München, wo er, in maximaler Entfernung zur Stadt seiner Väter, um die Jahrhundertwende lebt: ernster Blick, aufrechte Haltung, dunkler Anzug, eleganter Hut, steifer Kragen, sorgfältig getrimmter Schnurrbart. Äußerlich ist er ganz Bürger nach wie vor, kein Bohemien, kein Libertin, kein Salonrevolutionär wie mancher seiner schreibenden Kollegen. Aber einer wie seine Väter wird er dennoch nicht mehr werden.

Im Herbst 1901 erscheint der fertige Roman. „Buddenbrooks – Verfall einer Familie“ heißt er jetzt. Es ist *auch* die Geschichte des Verfalls der Familie Mann. So zeigt sich der hochgeschlossene Bürgersohn Thomas Mann als Entkleidungskünstler. Als Porträtist der nackten Seelen des Großbürgertums. Seiner eigenen, derer seiner Familie, derer der Mitbürger seiner Heimatstadt.

Eine beispiellose und ganz und gar unbürgerliche Indiskretion. So weit ist es gekommen mit dem Bürgertum, dem vor allem eines wichtig ist: „die Dehors zu wahren“, wie Thomas Mann selbst immer wieder schreibt, den äußerlichen Anschein. Nein, man ist nicht sehr amüsiert in diesem Herbst in Lübeck, wo selbst die kleinbürgerlichen Buchhändler noch so diskret sind, dass sie die dickleibige zweibändige Erstausgabe lieber unter dem Ladentisch verkaufen. Die „Buddenbrooks“ als Bückware – aber Schlüssellisten, wer von den weit über 400 Figuren wer ist im Roman und im wirklichen Leben, werden dennoch gleich mitgeliefert.

Allen voran und unschwer zu erkennen, Firmengründer Johann Siegmund Mann sen. als Firmengründer Johann Buddenbrook sen.; Konsul Johann Siegmund Mann jun. als Konsul Jean Buddenbrook; Senator Thomas Johann Heinrich Mann als Senator Thomas Buddenbrook, letzter Prinzipal der Firma; schließlich Thomas Paul Mann, jetzt Schriftsteller und für das Geschäftsleben bereits von Kindheit an verloren, als sensibler und künstlerisch begabter Hanno Buddenbrook, der halbwüchsig verstirbt.

Die Buddenbrooks. Die Manns. Ein paar zeitliche Verschiebungen, ein paar personelle Vertauschungen, ein paar Verdichtungen – die Unterschiede zwischen Dichtung und Wahrheit sind vor allem ästhetischer, kompositorischer Art. Aber Verfall bleibt Verfall. Und jetzt ist es ein Schiffbruch mit Zuschauern; das bürgerliche Lesepublikum mag sich daran ergötzen mit wohligem Schaudern.

Denn es ist auch *sein* möglicher Verfall, seine Gefährdung, sein innerer Widerspruch, der hier geschildert wird: Nun kann die Stadt und alle Welt die Geschichte einer Familie lesen, die von Gewandschneidern im Mecklenburgischen abstammt, zu höchsten Kaufmannsehren in Lübeck gelangt und schließlich dennoch liquidieren muss (1891 im wirklichen Leben, 1875 im Roman), nachdem der letzte der Kaufleute in der Familie gestorben und von der nächsten, der fünften Generation nichts mehr zu erwarten ist. Nennen wir diese Familie also nicht mehr die Manns, sondern die Buddenbrooks.

Und Thomas Mann beschreibt, wie dieser Verfall vor sich geht. Mitten in einer Epoche voll frenetischer Begeisterung für Technik und Fortschritt, hektischer wirtschaftlicher Aktivität und panisch ausgestellter Prosperität. Erfolg!, Erfolg!, Erfolg! – die Lust der frühen Jahre ist zum Zwang geworden, wie lange lässt sich so etwas durchhalten? Dunkle Ahnungen, Endzeitgefühle machen sich breit, kriechen in die Eingeweide der Empfindlicheren unter den Bürgern und in die Gehirne der Philosophen – und denen wird der Begriff „Décadence“ zum Schlüsselwort des sterbenden Jahrhunderts. Auf eine diffuse Weise ist nichts mehr wirklich. Echt. Verlässlich. Dauerhaft. Sinnig. Übrig ist nur das verzweifelte Bemühen, die „Hinfälligkeit mit allen Mitteln zu verstecken“, wie Thomas Mann schreibt.

Gewiss: die Familie! Die ist doch echt! Eine trotzige Behauptung, der Bürger letzte Wahrheit, Sinn des Lebens, Ersatz für die schwindenden Gewissheiten der Religion, ein „heiliges Naturverhältnis“, wie Meyers Lexikon von 1867 versichert. Die öffentliche Herabwürdigung der Ehe, etwa durch gewisse vorwitzige Frauenrechtlerinnen, kommt einer Gotteslästerung gleich und wird strafrechtlich verfolgt. Man liebt sich doch, man hält zusammen, beschützt einander gegen den Rest der Welt. Gefühle statt Zweckhaftigkeit, nichts Schöneres auf dieser Erde als dieser letzte, dieser unantastbare Rückzugsort:„ Trautes Heim, Glück allein.“ Hier ist der Mensch ganz Mensch, das aufgeklärte Individuum ganz es selbst – so soll es sein, Amen, die Bürger glauben fest daran.

Mag die Welt dort draußen noch so unübersichtlich geworden sein – die Politik!, die Wirtschaft!, die Klassengesellschaft! Die Familienwelt jedoch hat Festigkeit, Ordnung, Struktur, hier gibt es keine Plätze, die ständig neu verteilt werden, die Rollen sind von Anfang an auf Ewigkeit festgelegt.

Und wer nicht in seine Rolle passt, wird passend gemacht – für jene mehrfach lebenslängliche, Generationen übergreifende Inszenierung, die man bürgerliche Familie nennt.

Wer wollte es wagen, etwa Konsul Johann Buddenbrook, dem Familienoberhaupt und „alleinigen Inhaber der Firma“, auch nur zu widersprechen? Frauen etwa? Kinder gar? Der aufgeklärte Bürger geriert sich in seinem kleinen, privaten Reich zu Hause als absolutistischer Herrscher.

Er gibt, er nimmt. Schutz, sittliche Bildung, Erhaltung der Existenz, finanzielle Versorgung, Mitgifte, Abfindungen, Erbschaften im Tausch gegen freiwilligen Gehorsam und „mehr ängstliche Ehrfurcht als Zärtlichkeit“, wie Thomas Mann die Buddenbrooksche Tochter sagen lässt. Und der Wille des Vaters, der gleichzeitig die Firma ist, geschehe. Auch über die Kindheit hinaus. „Der ausgeprägte Familiensinn“, schreibt Thomas Mann in sein Notizbuch, „hebt den freien Willen und die Selbstbestimmung beinahe auf und macht fast fatalistisch.“

Später heiratet die Tochter praktisch widerstandslos ein reiches und vornehmes Ekel – eine scheinbar gute Partie zum Ruhm und Ansehen der Familie, des Vaters, der Firma. Der Sohn erobert immerhin eine Schönheit, die er liebt. Aber es macht sein Glück und seinen Stolz „desto größer, dass ich, indem sie mein eigen wird, gleichzeitig unserer Firma einen bedeutenden Kapitalzufluss erobere“.

**GEFÜHL UND GESCHÄFT** – das lässt sich nicht mehr auseinander halten. Das „heilige Naturverhältnis“ ist vor allem auch eine Wirtschaftsgemeinschaft, getarnt durch den Anschein häuslicher Eintracht und Geborgenheit. Die Liebe endet, wenn ein Familienmitglied seinen Beitrag zum häuslichen Bruttosozialprodukt aus Geld und Steigerung des Ansehens verweigert: Der müßiggängerische und liederliche Bruder desSenatorswirdausgestoßen; er muss den Schauplatz der zweckfreien Zuneigung verlassen. Weit weg von Lübeck mag er sein ungebührliches Verhalten pflegen, „in Hamburg oder wo auch immer“. Dort kann er dem Ruf des Hauses nicht mehr schaden.

Denn die Familie ist auch ein Verbund zur Selbstbehauptung in der Gesellschaft. Glücklich ist, wer in ihr besteht, etwas darstellt. Und etwas darstellen kann nur, wer einen glänzenden Namen und eine gut gehende Firma vorzuweisen hat. Schwierig genug – das Dasein ist ein dauernder Kampf nach diffizilen Regeln.

All die Dehors, die man unbedingt wahren muss, die Umgangsformen. Wer wann den Hut zuerst zieht. Taktgefühl, Haltung, Würde. Die großen Toiletten der Damen, die Schnüre, Knöpfe, Korsagen, die die Körper zusammenhalten. Die Sorgfalt, mit der sich Senator Thomas Buddenbrook kleidet, von Morgen zu Morgen braucht er länger. Allein die Bart-Enden immer wieder mit der Brennschere waagerecht zu ziehen ist ein Zweifrontenkrieg gegen die Bedrohungen der Außenwelt und gegen die Verödung im eigenen Innern.

„Während noch nie so volltönend von der ,freien Persönlichkeit‘ geredet worden ist“, schreibt Friedrich Nietzsche, der wichtigste Denker der Décadence, dessen Werke eifrig gelesen werden und die auch in Thomas Manns Arbeitszimmer stehen, „sieht man nicht einmal Persönlichkeiten, geschweige denn freie, sondern lauter ängstlich verhüllte Universalmenschen.“ Anstrengen sollen hatten sich die Bürger im Namen der Aufklärung, des Individualismus, des persönlichen Glücks. Jetzt sind sie nur noch angestrengt, Darsteller ihrer selbst, Schauspieler deren „ganzes Leben“, wie Thomas Mann beobachtet, „bis auf die geringste und alltäglichste Kleinigkeit zu einer einzigen Produktion geworden ist, einer Produktion, die mit Ausnahme einiger weniger und kurzer Stunden des Alleinseins und der Abspannung beständig alle Kräfte in Anspruch nimmt und verzehrt“.

> Jeder hat seine Rolle zu spielen – als Kind und als Erwachsener

Da stehen sie in künstlichen Kulissen, bereit zu täuschen, sich selbst und andere. Hier „lackierte Flügeltüren im Hintergrunde, die genau betrachtet gar keine Türen“ sind, sondern nur in Trompe-l’oeil-Technik gemalte Klinken haben. Dort der Buddenbrooksche Kamin, in dem falsche Kohlen „mit ihren Streifen von rotgoldenem Glanzpapier“ zu glühen vorgeben. Und überall unzählige, eigentlich praktische Gegenstände, die, wie das „prachtvolle Tintenfass aus Sèvres-Porzellan in Gestalt eines schwarzgefleckten Jagdhundes“, der ausgestopfte Bär als Träger einer Visitenkartenüberschale im Vestibül oder der „kleine silberne Hirsch“ auf dem Pfropfen der Weinflasche ihre profane Zweckdienlichkeit verschleiern.

Noch mögen diese Objekte sogar handwerklich gefertigt sein – aber schon lassen andere potente Bürger in ihren neu gegründeten Fabriken solche Artikel bürgerlichen Kunstgeschmacks massenweise produzieren. Bald wird daraus eine ganze Kulturindustrie entstehen. Deren fatale Macht werden die nachfolgenden Generationen zu spüren bekommen.

Das alles „putzt ganz ungemein“, wie ein in die Familie Buddenbrook eingeheirateter Hochstapler und Pleitier zu sagen pflegt, selbst ebenfalls eine Scheinexistenz. Aber die Wirklichkeit ist verschwunden, das Surrogat und das Schmuckbedürfnis triumphieren. Je mehr Plüsch, Kitsch, Theatralik, desto lieber – *horror vacui*.

Und eine aufwendig hergestellte Gegenwelt des Eklektizismus: Man isst im antikisierenden „Speisetempel“ zwischen schlanken Säulen und weißen Götterbildern; den Flur zieren „Reliefs nach Thorwaldsen“, also Kopien klassizistischer Kunstwerke, die ihrerseits die Antike kopieren – und alles zusammen stellt wiederum eine Kopie des adeligen Lebensstils dar.

Kein Wunder, dass der Zeitgenosse Friedrich Nietzsche schreibt, es gehöre „selbst zu meinem Glücke, kein Haubesitzer zu sein“. Aber Bürger wie die Buddenbrooks wollen so wohnen. Möchten zu Hause sein in ihren Gesamtkunstwerken der Statuspflege und der Eitelkeit. Falls man in diesem Zusammenhang überhaupt noch von einem „Zuhause“ sprechen kann.

„Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an“, schreibt ein 1903 in Frankfurt am Main geborener Großbürgersohn einige Jahrzehnte später: „Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit dem Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt.“

Der kurze Text des in seinen späten Jahren von Thomas Mann überaus geschätzten Philosophen Theodor W. Adorno mit dem Titel „Asyl für Obdachlose“ endet mit dem berühmt gewordenen Satz: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Aber schon den Bürgern des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist das Falsche, Künstliche, Aufgeblasene die einzige Rettung. Vor der Prosa der Arbeit, des Geldes, der Zeit. Und vor dem Verlust des eigenen Status.

Denn wenn jeder seines Glückes Schmied ist, dann wird der Mensch schnell des Menschen Wolf.

Zwar gehört die Freude am Wettbewerb, neben der an der Leistung, an Können, Fleiß, Risikobereitschaft, zur Grundausstattung der bürgerlichen Seele. Aber überall lauern existenzbedrohende Gefahren. Nicht nur wegen der Konkurrenz mit den anderen alteingesessenen Firmen oder mit Emporkömmlingen, die sich ebenfalls an die Arbeit gemacht und ihre Chance genutzt haben.

Sondern auch, weil die hochkapitalistische Gesellschaft völlig unübersichtlich geworden ist und sozial extrem differenziert. Die Anstrengungen der einzelnen Gruppen, sich voneinander abzugrenzen, die Eifersucht auf die besten Plätze und die Angst abzusteigen, sind fast unerträglich.

1859 formuliert Charles Darwin den „Kampf ums Dasein“, die Anpassung, den Selbstschutz und die Lehre von der Mimikry als Prinzipien der Evolution. Der Zeitgeist hat diese Theorie, wenn nicht hervorgebracht, so zumindest begünstigt. Und kurze Zeit später wird sie als Sozialdarwinismus auch auf die menschliche Gesellschaft übertragen.

**IM LÜBECK** der Buddenbrooks ist es jetzt schon so weit gekommen, dass ein Einzelhändler Senator werden soll. Einer aus der Mittelschicht, kaum besser als ein Handwerker oder einer dieser immer zahlreicher werdenden Angestellten, die in den Büros und Läden treue Dienste leisten. Wo doch Macht und Einfluss in der Stadt bislang dem Großbürgertum vorbehalten waren – denn ihm gehören Geld und Geist.

Das heißt, den *Wirtschafts*- oder *Besitz*bürgern gehört das Geld. Den Buddenbrooks oder den Manns, die durch Großhandel, den Krupps, die durch Industrieunternehmen, den Oppenheimers, die durch Bankgeschäfte zu Reichtum gelangt sind. Der Geist wiederum gehört den *Bildungs*bürgern, den Akademikern, Ärzten, Juristen, Architekten, Ingenieuren – gleichgültig, ob angestellt, beamtet oder freiberuflich.

Doch Wirtschafts- und Bildungsbürgertum sind nur eine verschwindend kleine Minderheit. Gerade 1,3 Millionen sind es 1907, etwa vier Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Die Kleinbürger sind weit in der Überzahl – aber auch sie machen nur 20 Prozent der Erwerbstätigen aus.

Und sie ahmen die Großbürger nach oder versuchen es zumindest. Imitieren deren ohnehin schon künstliche Lebensweise. Kleiden sich, so weit sie nicht gerade Handwerker sind, mit Stehkragen und weißen Manschetten, um jedem zu zeigen, dass sie sich die Hände nicht schmutzig machen. Feiern den Individualismus, obwohl sie abhängige Angestellte oder Beamte sind. Beschweren sich wie die Großbürger mit diesen auftrumpfenden Möbeln (auch wenn die jetzt aus der Massenproduktion kommen), damit auch sie nicht abrutschen – zu den Arbeitern, ins Proletariat, in die unkultivierte, in die schmutzige Klasse der absoluten Mehrheit.

„Stehkragenproletariat“ wird das Angestelltenheer von Sozialdemokraten spöttisch genannt, weil sich diese neue Schicht durch ihre Mimikry mit allen Mitteln nach unten abgrenzen und nach oben behaupten will.

> Konkurrenzdruck von unten: Die Kleinbürger proben den Aufstieg

Deshalb wird, wer aus der Mittelschicht auf sich hält, extremer Nationalist, um seinen Anspruch auf Bürgerlichkeit durch Anpassung und staatstragende Haltung kundzutun – denn trotz aller Ideale der Selbstbestimmung sind die deutschen Bürger, anders als etwa die französischen, schon eine ganze Weile gehorsame Untertanen.

Oder der gute Mittelständler wird Antisemit, um gegen den hemmungslosen Kapitalismus und das Großbürgertum zu rebellieren, weil auch Juden sich immer strebend recht bemüht haben, weil sie aufgestiegen und zu Geld und Einfluss in Wirtschaft und Kultur gekommen sind.

Gleichzeitig greift die Mittelschicht selbst, wenn irgend möglich, nach den Sternen. Die Tüchtigsten unter ihnen würden es schon schaffen. Zumindest ihre Söhne, die es einmal besser haben sollen, weshalb jede Anstrengung unternommen wird, sie zu bilden und womöglich gar auf die Universität zu schicken.

Auch Mittelklassekinder haben schließlich Talent, erbringen Leistung – und das ist doch wichtiger als die Geburt. So hat es sich seit der Aufklärung herumgesprochen, so hat es das Großbürgertum selbst verkündet, auch wenn es dann doch wieder den Dünkel der guten Familie pflegt – um sich seinerseits nach unten abzugrenzen.

Denn für das Großbürgertum wird es allmählich eng. Im letzten Drittel des Jahrhunderts kommt schon ein Drittel der Studenten aus der Mittelschicht. Die Bildungsbürger von morgen halten sich allerdings erst gar nicht mehr mit dem Versuch auf, den ganzen Horizont des Darüberlieferten Wissens zu überblicken. Sie werden lieber gleich Spezialisten, Pragmatiker in Sachen Krankheit, Recht oder Häuserbau.

Die generalistischen Ideale der alten Bildungsbürger schwinden dahin – während die neue Konkurrenz sich voranarbeitet, die akademischen Posten erobert und sich in die besten Kreise einschleicht. Selbst die Buddenbrooksche Tochter hatte sich schon in einen Medizinstudenten, der nur Sohn eines Lotsenwärters war, verliebt – um dann doch noch den Status zu wahren und das reiche Ekel zu heiraten.

Irgendwann nutzen womöglich auch die Dehors nichts mehr. Die Abgrenzung nach unten. Die klug kalkulierten Eheschließungen, die theatralischen Wohnungen, die wohl inszenierten Auftritte. Die Mühe. Die Arbeit, die fast zur Sucht geworden ist. Das ganze angehäufte Kapitel, das doch nur Mittel zum Zweck ist, immer noch mehr davon zusammenzuraffen. Nach noch nicht einmal einem Jahrhundert wird das Großbürgertum von den Geistern, die es einst selbst rief, allmählich aufgefressen. Von der Idee der Selbstverwirklichung, des Aufstiegs, der Rationalität, der Industrie, des Fortschritts.

Durchkommen werden die Härtesten und Skrupellosesten unter den Kapitalisten. Sie werden noch weiter aufsteigen, ihre Firmen vergrößern, reicher und reicher und reicher werden und irgendwann sogar am Tisch des Kaisers sitzen. Bürger heißen sie noch immer. Aber die Austreibung „des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches“, schreibt Nietzsche, hat längst stattgefunden. Jetzt zählen nicht mehr Liberalität und Redlichkeit, sondern Ellbogen und „allgemeine Wurstigkeit“,wie selbst Bismarck zu formulieren beliebt.

> Die Angst vor dem Abstieg verlässt den Bürger nie

Andere werden dafür untergehen. Sie werden pleite machen. Oder sie werden einfach zu müde sein für den Kampf ums Dasein.

**BEI DEN BUDDENBROOKS** stellt sich der Verfall schleichend ein. Er kommt weniger von außen, etwa durch geschäftliche Fehlschläge, als von innen. Thomas Mann lässt ihn an den Körpern fressen, ihn sich in die Gehirne setzen. Die Physis wird schwächlich, der Geist sensibel – ein klassisches Motiv der Décadence, die vom Darwinismus und den kursierenden Degenerationstheorien inspiriert ist.

Ganz langsam schwindet die Lebenskraft. Nervöse Krankheiten breiten sich aus in der Familie. Schwindelanfälle, Rheumatismus, Herzklopfen, Halluzinationen,Magenschwäche. Die Lebensdauer nimmt ab, ebenso wie die Zahl der Geburten. Von Generation zu Generation werden die Zähne schlechter. Biologisch sind die Buddenbrooks am Ende.

Ihre zunehmend verfeinerten Geister bewegen sich in gefährlichen Sphären. Die Selbstdisziplin lässt nach. Gefühlsausbrüche. Grübeln. Künstlerische Neigungen. Der Bruder des Senators dauernd im Theater, Frau und Sohn ständig an Geige und Klavier, Wagner spielen sie, ausgerechnet.

Und schließlich sogar Senator Buddenbrook persönlich, in Travemünde sinnend am Strand: „Auf der Weite des Meeres, das mit diesem mystischen und lähmenden Fatalismus seine Wogen heranwälzt“, sagt er, „träumt ein verschleierter, hoffnungsloser und wissender Blick, der irgendwo einstmals tief in traurige Wirrnisse sah.“ Das ist Schwärmerei, nicht bürgerlich, nicht rational – seine Schwester schämt sich dafür. Fremde Mächte haben diese selbstbestimmten Bürger ergriffen. Die Macht der Kunst – aus dem Jenseits des biederen Wohlgefallens. Die Macht des Nachdenkens – vor allem über sich selbst. Die Selbstreflexion haben die Bürger von den Aufklärern gelernt. Aber zu viel davon behindert das Geschäft. Und irgendwann fragt sich Senator Buddenbrook, nachdem er auch noch Schopenhauer gelesen hat, ob er ein Mann der Tat sei oder ein skrupulöser Nachdenker.

Inzwischen ist der Verfall nicht mehr aufzuhalten. Das Firmenvermögen ist dezimiert, der körperlich schwächliche Sohn Hanno lebt nur für die Musik – er wird die Firma nicht fortführen können, und auch der Senator steht vor seinem physischen und psychischen Ende. Der Tod kommt bald. Das Ende der Firma. Und noch ein Tod: der von Hanno, des letzten der Familie. Dies ist das Ende der Geschichte der Buddenbrooks, aufgeschrieben von Thomas Mann, der selbst Künstler geworden ist und sich hat bezwingen lassen von unbürgerlichen Mächten. Ein literarischer Bericht von der Krankheit zum Tode des alten, aufgeklärten Bürgertums.

**DOCH SCHON** als der Roman die „Buddenbrooks“ 1901 erscheint, regen sich Kräfte des Heils. Zunächst in der Sphäre der Kultur. So macht sich auch in der Literatur eine starke Heimatkunstbewegung breit. Sie erklärt die Décadence für undeutsch und krank und setzt eine Literatur der Scholle mit Bauernund Dorfgeschichten dagegen. Die Ideologie von Blut und Boden wird immer größeren Raum greifen.

Und bald wird der bürgerliche Geist der Rationalität, derTechnik,des Fortschritts in andere fahren. Von den kranken Bürgern geht er in gesunde, antibürgerliche Volksgenossen über. In Männer der Tat. In Spezialisten des Darwinismus. 1929 erhält Thomas Mann für die „Buddenbrooks“ den Literaturnobelpreis. Noch vier Jahre bis zur Bücherverbrennung und bis zum Exil von Thomas Mann. Noch 13 Jahre bis zur industriellen Vernichtung von Menschen im rationalen Geiste.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Hemmer, Richard u. Meßner, Daniel: Kleine Geschichte der Kotze-Affäre, eines Sexskandals am Kaiserhof, in: spektrum.de, online verfügbar seit 01.12.2021 unter: [https://www.spektrum.de/kolumne/kleine-geschichte-der-kotze-affaere-ein-sexskandal-am-kaiserhof/1954927](https://www.spektrum.de/kolumne/kleine-geschichte-der-kotze-affaere-ein-sexskandal-am-kaiserhof/1954927), zuletzt geprüft am 10.11.2025.

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**Sekundärliteratur**

-&gt; Riedle, Gabriele: Das Bürgertum. Wer immer strebend sich bemüht, in: Deutschland um 1900 (GEO Epoche Jg. 2004, Heft Nr. 12), Hamburg 2004.

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# Leben in der Großstadt

#### Inhaltsverzeichnis

1. Lärmbelästigung um 1900. Quietschen, hupen, fauchen
2. Urbanisierung im Deutschen Reich
3. Warenhäuser
4. München um 1900. Die leuchtende Stadt
5. Heinrich Zille in Berlin. Gesichter der Großstadt
6. Industrialisierung und moderne Gesellschaft

##### 1. Lärmbelästigung um 1900. Quietschen, hupen, fauchen

"Wer gegen Lärm kämpft, muß Lärm schlagen": Der verzweifelte Versuch des Philosophen Theodor Lessing, dem modernen Großstadtgetöse den Garaus zu machen.

<header class="article-header" data-ct-area="articleheader" id="bkmrk-der-potsdamer-platz-"><div data-ct-row="headerimage"><figure class="article__media u-apart variant variant--wide" data-ct-block="image"><div class="article__media-container u-rimless"><picture>![Der Potsdamer Platz in Berlin um 1925 mit der bis heute erhaltenen Ampelanlage](https://img.zeit.de/wissen/geschichte/2013-06/s24-potsdamer-platz-berlin-2/wide__1000x562)</picture></div><figcaption class="figure__caption "><span class="figure__text">Der Potsdamer Platz in Berlin um 1925 mit der bis heute erhaltenen Ampelanlage</span> <span class="figure__copyright figure__copyright--long">© General Photographic Agency/​Hulton Archive/​Getty Images</span></figcaption></figure></div></header><div class="article-body article-body--article" id="bkmrk-wer-um-die-jahrhunde"><section class="article-page" data-page-number="1" id="bkmrk-wer-um-die-jahrhunde-1">Wer um die Jahrhundertwende zum ersten Mal nach <span class="rtr-schema-org">[Berlin](https://www.zeit.de/thema/berlin)</span> kam, der wurde durch die ungewohnte Dichte und Hektik des Verkehrs geradezu überwältigt. "Von vier Seiten elektrische Bahnen und Omnibusse, Wagen auf Wagen, ohne Pause; aus sechs, sieben Straßen Equipagen, Droschken, Automobile, Geschäftswagen, Fahrräder, kreuz und quer, in mühsam gemäßigter Hast; und dazwischen ein Gewimmel von Fußgängern, aus allen Richtungen kommend, in alle Richtungen strebend, reich und arm, alt und jung, Berlin in allen seinen Schichten", so beschrieb ein zeitgenössischer Beobachter das Treiben um den Potsdamer Platz.

Von einer Straßenseite zur anderen zu gelangen sei "ein Kunststück für den Großstädter, eine Pein für den Provinzler", bemerkte eine Neuberlinerin 1898, und sie empfand das unablässige Läuten, Klingeln und Tuten all dieser Vehikel als "ohrenzerreißend". Tatsächlich war das Anwachsen des großstädtischen Verkehrs mit einer erheblichen Zunahme des Lärmpegels verbunden. "Das ununterbrochene Rasseln der Fuhrwerke auf dem Pflaster in den Hauptverkehrsstraßen verursacht häufig ein solches Getöse", klagte ein Berliner Stadtbauinspektor 1903, "daß man sein eigenes Wort nicht mehr versteht." Da sei ihm doch "die ländliche Stille" lieber, schrieb der Dichter <span class="rtr-schema-org">[Wilhelm Busch](https://www.zeit.de/thema/wilhelm-busch)</span>, nachdem er 1902 in Frankfurt am Main den Verkehrstrubel erlebt hatte.

Schon früh äußerten sich Ärzte und Psychologen besorgt über die schädlichen Wirkungen des Straßenlärms. Häufig wurden sie mitverantwortlich gemacht für die nervösen Leiden, die um 1900 grassierten und unter dem Sammelbegriff "[Neurasthenie](http://de.wikipedia.org/wiki/Neurasthenie)" Eingang in die medizinische Diskussion fanden. Es formierte sich eine Bewegung gegen Lärmbelästigung; zu ihrem wichtigsten Vorkämpfer wurde der Kulturphilosoph [Theodor Lessing](https://www.zeit.de/schlagworte/personen/theodor-lessing/index).

Lessing, am 8. Februar 1872 als Sohn eines jüdischen Arztes in <span class="rtr-schema-org">[Hannover](https://www.zeit.de/thema/hannover)</span> geboren, hatte ursprünglich auf Wunsch des Vaters Mediziner werden sollen. Während seines Studiums in München, wo er Anschluss an die Schwabinger Boheme fand und mit kulturkritischen Feuilletons auf sich aufmerksam machte, hatte er in einer Straße gewohnt, in der es besonders laut zuging. 1901 und 1902 veröffentlichte er in der viel gelesenen Zeitschrift *Nord und Süd* zwei Aufsätze, in denen er zum ersten Mal vehement gegen die neuen Plagen des großstädtischen Verkehrs zu Felde zog.

Nachdem 1906 in New York eine Society for the Suppression of Unnecessary Noise unter der Schirmherrschaft der Millionärin Julia Barnett-Rice gegründet worden war und unter anderem in <span class="rtr-schema-org">[England](https://www.zeit.de/thema/england)</span>Nachahmer gefunden hatte, lag der Gedanke in der Luft, eine ähnliche Organisation auch im deutschen Kaiserreich ins Leben zu rufen.

Um den Schritt vorzubereiten, schrieb Theodor Lessing im März 1908 – inzwischen Privatdozent für Philosophie an der Technischen Hochschule seiner Geburtsstadt Hannover – unter dem Titel *Der Lärm*, eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens. Darin verwies er ausdrücklich auf das Beispiel Amerikas und Englands, wo "schon weit mehr auf die Hygiene des Ohrs geachtet" werde, als dies in Deutschland der Fall sei. Nichts sei für das "Nervensystem" schädlicher als der "lärmende Trubel", den die Großstädter erdulden müssten. "Vierhundertpfündige Kraftbolzen rülpsen roh daher im tiefsten Tone der Übersättigung. Schrille Pfeifentöne gellen darein. Riesenautos, Achthundertpfünder, die ›jeden Rekord nehmen‹, stöhnen, ächzen, quietschen, hippen und huppen. Motorräder fauchen und schnauben durch die stille Nacht."

Lessing beklagte jedoch nicht nur den Lärm, sondern auch die mit den neuen Verkehrsmitteln einhergehende Umweltverschmutzung: "Blaue Benzinwolken rollen mit grauenhaftem Gestank über die Dächer. Bleichen das Grün der wenigen Bäume, wandern über das kleine schmale Stückchen schmutziggrauen Himmel, das zwischen den kahlen Steinmauern irgendwo noch auftaucht. Grässliche Signale durchbrechen von Zeit zu Zeit die erstickende, bleierne Dunstschicht. Das ist die Morphologie der Stadt. Auf das stolze Zeitalter der stinkenden Steinkohlebahn und lärmenden Dampfmaschine ist die lautere und stinkendere Periode der Kraftaufspeicherungs- und Explosivmaschinen gefolgt. Der Zylindertyp weicht dem Turbinentyp, der Kohlengeruch dem Benzingestank. Niemals hat sich der Mensch mit mehr Gelärm, unter schrecklicherem Geruch über die Erde bewegt."

"Wer gegen Lärm kämpft, muß Lärm schlagen", so lautete das Motto. Am 1. November 1908 gründete Lessing den Deutschen Antilärm-Verein. Er machte sich zur Aufgabe, die deutsche Öffentlichkeit für die Risiken der Lärm- und Umweltbelastung zu sensibilisieren, um auf diese Weise Druck auf die staatlichen Behörden auszuüben. Wichtigstes Medium war das von Lessing herausgegebene und von ihm allein redigierte Mitteilungsorgan *[Der Anti-Rüpel](http://archive.org/details/DerAntirpel1.jg1908-09)* (Untertitel: "Monatsblätter zum Kampf gegen Lärm, Roheit und Unkultur im deutschen Wirtschafts-, Handels- und Verkehrsleben"). Die Zeitschrift informierte über alle Aktivitäten des Vereins, über konkrete Vorschläge zur Einrichtung von Ruhezonen ebenso wie über Fortschritte in der "Antilärm-Technik", aber auch über Beschwerden und Eingaben, Prozesse und Gerichtsurteile, Maßnahmen und Verordnungen von städtischen Verwaltungen und Polizeibehörden.

</section><section class="article-page" data-page-number="2" id="bkmrk-lessing-scheiterte-a">**Lessing scheiterte an seiner elitären Haltung**

<figure class="article__media article__item article__item--wide article__item--rimless u-apart scaled-image variant variant--wide" data-ct-block="image"><div class="article__media-container ">![Die Leipziger Strasse in Berlin Mitte der 1920er Jahre](https://img.zeit.de/wissen/geschichte/2013-06/s24-leipziger-strasse-berlin/s24-leipziger-strasse-berlin-540x304.jpg/imagegroup/wide__892x502__desktop__scale_2)</div><figcaption class="figure__caption "><span class="figure__text">Die Leipziger Strasse in Berlin Mitte der 1920er Jahre</span> <span class="figure__copyright">© Alexander Binder/​Hulton Archive/​Getty Images</span></figcaption></figure>Am Anfang erfreute sich der Verein einigen Zuspruchs, auch in den großen Blättern wie dem liberalen Berliner Tageblatt. Bekannte Persönlichkeiten wie der Dichter Hugo von Hofmannsthal, der Leipziger Historiker Karl Lamprecht oder der Leiter der Göttinger Universitätsklinik, August Kramer, traten ihm bei. Man werde wohl bald mit 6.000 Mitgliedern rechnen können, schätzte Lessing Ende November 1908 zuversichtlich. Doch zwei Jahre später waren es gerade einmal 1.085; außer in Hannover, wo der Vorsitzende Lessing ein eigenes Büro unterhielt, gab es größere Ortsgruppen nur in Berlin, München und <span class="rtr-schema-org">[Frankfurt am Main](https://www.zeit.de/thema/frankfurt-am-main)</span>.

Das Scheitern der hochfliegenden Pläne war zum einen zurückzuführen auf die elitäre Haltung Lessings und seiner Mitstreiter. Unter dem <span class="rtr-schema-org">[Lärm](https://www.zeit.de/thema/laerm)</span>, so verkündeten sie, litten vor allem Intellektuelle, weil sie ihre "Nervenkraft" im Kampf gegen die Alltagsgeräusche verbrauchten und daher zu keinen geistigen Höchstleistungen mehr imstande seien. "Eine nie endende Kette von Qual und Pein zieht sich durch das Leben aller mit dem Gehirne arbeitenden Menschen." An Lärm und anderen Belastungen in den Fabriken, unter denen Industriearbeiter im Kaiserreich litten, zeigte sich der Verein hingegen nicht interessiert. Kein Wunder, dass die Antilärm-Agitatoren unter Sozialdemokraten keine Verbündeten fanden.

Zum anderen hatte die schwache Resonanz auch etwas mit den Widerständen zu tun, die Lessings Initiative hervorrief. So hielt etwa Arthur Wilke, ein Vertreter der Elektro- und Automobillobby, Lessing vor, er wolle eine "Tyrannei der Nervösen" errichten. Nicht nur "in ihrer Empfindung, sondern auch in ihren Äußerungen und Forderungen" seien die Lärmgegner "ziemlich maßlose Menschen". Besonders besorgt zeigte sich Wilke, dass sie sich als "erste Kraftprobe" gerade am Automobil versuchten, da dadurch die Entwicklung des noch jungen Verkehrsmittels behindert werde und Deutschland gegenüber den Vereinigten Staaten hoffnungslos ins Hintertreffen geraten könne. So suchten Lessings Gegner den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei der Antilärm-Bewegung um den Spleen einiger Neurastheniker handele, deren einziges Ziel es sei, dem unaufhaltsamen technischen Fortschritt Steine in den Weg zu legen.

Im April 1911 legte Lessing den Vorsitz des Vereins nieder, und wenige Wochen später verabschiedete er sich von den Lesern des Anti-Rüpels: "Unsere Sache kam zu früh, wird sich aber wieder melden und wird siegen." Tatsächlich meldete sich "die Sache" wieder – allerdings erst siebzig Jahre später in der Bewegung der Grünen. "Gesiegt" haben diese trotz mancher Erfolge freilich nicht: Nach wie vor genießen im Konfliktfall die Interessen der Wirtschaft Vorrang.

</section></div>##### 2. Urbanisierung im Deutschen Reich

[![g0000006_2.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/g0000006-2.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/g0000006-2.jpg)

<section class="container" id="bkmrk-die-bev%C3%B6lkerungszahl">Die Bevölkerungszahl in Deutschland stieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark an. Von 1871 bis 1910 wuchs sie von 41 auf 65 Millionen Menschen. Hatten bei der Gründung des Deutschen Reichs 1871 lediglich acht Städte mehr als 100.000 Einwohner, waren es 1910 bereits 48 Städte. Der Anteil der Großstadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung betrug zu diesem Zeitpunkt 21,3 Prozent. Mit der Reichseinigung unter Preußen als Führungsmacht war Berlin 1871 Reichshauptstadt geworden. Berlin war schon im politisch zersplitterten deutschen Kulturraum Mitte des 19. Jahrhunderts mit 412.000 Einwohnern vor Hamburg mit 175.000 Einwohnern die größte Stadt in Deutschland und ein Zentrum der Aufklärung und der sozialen Bewegung gewesen.

</section><section class="container" id="bkmrk-seit-den-1870er-jahr">Seit den 1870er Jahren aber wandelte sich die Residenz- und Handelsstadt Berlin zum größten industriellen Ballungsraum im Reich, vergleichbar höchstens dem Ruhrgebiet. Doch während dort die Verstädterung dezentral verlief und in einem unvollkommenen Urbanisierungsprozess eine zersiedelte Industrielandschaft entstand, wuchs Berlin zur Metropole zusammen. Im Jahre 1907 waren von den rund zwei Millionen Berlinern nur 40,5 Prozent ortsgebürtig. Die Zuwanderer stammten zu 18 Prozent aus der Umgebung, 39,1 Prozent waren Fernwanderer, 2,4 Prozent kamen aus dem Ausland. Im Ruhrgebiet waren bei 43,3 Prozent Ortsansässigen von den Zuwanderern 31,7 Prozent Nahwanderer, 22 Prozent Fernwanderer, 3 Prozent Ausländer. Im Gegensatz zur Zuwanderung in das Ruhrgebiet, die hauptsächlich aus Arbeitern bestand, war der Zuzug nach Berlin vielschichtiger: Neben der größten Gruppe der Industriearbeiter drängten auch Angehörige der bürgerlichen Mittelschichten in die Hauptstadt, da sie sich hier bessere Berufschancen erhofften. Gesinde-Vermietungsbüros, wie sie der Maler Fritz Paulsen (1838-1898) in seinem Gemälde "Bei der Stellenvermittlung" darstellte, entstanden vielerorts.

Nicht immer hielt der Wohnungsbau in der Hauptstadt unter dem Druck der Zuwanderung Schritt mit dem Wohnungsbedarf. Verglichen mit den Städten des Ruhrgebiets war die Wohndichte in Berlin in der Regel mehr als doppelt so hoch, die Bebauung war höher und die Wohnungen waren im Durchschnitt kleiner und teurer. Durch den "Bebauungsplan für die Umgebungen Berlins" von 1862 waren die Voraussetzungen für ein geregeltes Wachstum Berlins über die historischen Grenzen hinaus geschaffen worden. Auf den tief zugeschnittenen Grundstücken bildete sich der Typus des [Berliner Mietshauses](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/mietskaserne) heraus. Zwar zielte die Intention des für den Bebauungsplan verantwortlich zeichnenden Baumeisters [James Hobrecht](https://www.dhm.de/lemo/biografie/james-hobrecht) darauf, die Hofinnenräume großzügig zu gestalten und zu begrünen, doch erlaubte die dem Bauboom nicht gewachsene Bauordnung eine vordringlich am Renditeinteresse ausgerichtete, zum Teil menschenunwürdig dichte Bebauung. Die schnell in wenigen Monaten hochgezogenen Häuser mussten von den ersten Bewohnern gegen Mietnachlass erst "trockengewohnt" werden, was die Gefahr von Krankheiten wie Tuberkulose erhöhte. Beständiger Mietpreisdruck zwang zu Überbelegung, Untervermietung und dem sogenannten Schlafgängerwesen. In den überbelegten Wohnungen der Mietshäuser wurden zur finanziellen Entlastung oftmals nur Schlafstellen an wechselnde alleinstehende Arbeiter vermietet. Die dauerhaften "Schlafgänger" hatten nicht selten engen Kontakt zu den Hauptmietern und ihren Familien.

<div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--1"></div><div id="bkmrk-elendsquartier-in-de"><div class="photo-with-caption">[![[Foto: Berliner Elendsquartier, um 1910]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/ba109764.jpg "[Foto: Berliner Elendsquartier, um 1910]")<span class="image-caption">Elendsquartier in der Berliner Spreestr. 6, um 1910</span>](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/berliner-elendsquartier-um-1910)</div></div><div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0">  
</div></div></div>Um 1900 hatte sich um die historischen Stadtkerne Berlins und der Nachbarstädte ein dichter Gürtel aus Mietshäusern gebildet, der mit seinem sozialen Gefälle vom Vorder- zum Hinterhaus soziale Mischung garantierte und die schlimmsten Auswüchse der Segregation weitgehend verhinderte. Trotzdem gab es eine stärkere Konzentration proletarischer Wohnquartiere im Osten und Norden der Stadt und eine innere Wohlstandsgliederung bzw. -wanderung. Lag im 19. Jahrhundert die Fabrikantenvilla noch oft auf dem Fabrikgelände, entstanden in Berlin Villenviertel zuerst am Tiergarten, später vor allem in Grunewald, Dahlem und am Wannsee.

Neue Stadttechnologien entstanden in den Großstädten vor allem im Bereich der Elektrizitäts- und Nahverkehrssysteme, von der Verbindung der verschiedenen Kopfbahnhöfe vermittels einer Ringbahn über Omnibus und Straßenbahn bis zu S- und U-Bahn. Sie trugen verstärkt ab 1870 zur Verwirklichung einer modernen großstädtischen Infrastruktur bei und führten zu Zentralisation und Automatisierung der Ver- und Entsorgungsleistungen sowie zur Beschleunigung, Intensivierung und Koordination in den Metropolen. Doch der Urbanisierungsprozess im Kaiserreich erfasste auch die Menschen: Die Assimilation der verschiedenen Herkünfte, Dialekte, Mentalitäten und die Synchronisation der unterschiedlichen Arbeits- und Lebensrhythmen zwang Zuwanderer, sich dem Prozess einer "inneren Urbanisierung" zu unterwerfen. Sie führte zu einer eigenen Großstadtidentität mit spezifischem Jargon sowie zu - gegenüber dem Land - schnelleren Bewegungsabläufen und rascherem Reaktionsbewusstsein.

<div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--2"></div></div><div class="sidebar hide-for-print large-5 small-15 end columns"><div id="bkmrk-fritz-paulsen%3A-%22bei-"><div class="photo-with-caption">[![[Gemälde: Fritz Paulsen: "Bei der Stellenvermittlung", 1881]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/k1000053.jpg "[Gemälde: Fritz Paulsen: "Bei der Stellenvermittlung", 1881]")<span class="image-caption">Fritz Paulsen: "Bei der Stellenvermittlung", 1881</span>](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/fritz-paulsen-bei-der-stellenvermittlung-gesinde-vermiethungsbureau-1881)</div></div><div id="bkmrk-berliner-mietskasern"><div class="photo-with-caption">[![[Photo: Berliner Mietskaserne, um 1910]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/ba009477.jpg "[Photo: Berliner Mietskaserne, um 1910]")<span class="image-caption">Berliner Mietskaserne, um 1910</span>](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/berliner-wohnungselend-19011920)</div></div></div></div><div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div id="bkmrk-klaus-strohmeyer">Klaus Strohmeyer</div><div id="bkmrk-%C2%A9-deutsches-historis">© Deutsches Historisches Museum, Berlin</div><div id="bkmrk-stand%3A-15.-juni-2022">Stand: 15. Juni 2022</div><div id="bkmrk-text%3A-cc-by-nc-sa-4.">[Text: CC BY NC SA 4.0](https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/deed.de)</div></div></div></section>##### 3. Warenhäuser

<section class="container" id="bkmrk-in-der-zweiten-h%C3%A4lft">[![pk005422.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/pk005422.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/pk005422.jpg)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich im Gefolge von Industrialisierung und Massenproduktion eine grundlegende Veränderung und Erweiterung der Konsumgewohnheiten. Die [Verstädterung](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/urbanisierung-im-deutschen-reich) wuchs, und immer mehr Menschen wurden von den Möglichkeiten der Selbstversorgung abgeschnitten. Handwerklich-manufakturelle Produktionsbedingungen wurden verdrängt und die Waren des alltäglichen Gebrauchs zunehmend maschinell hergestellt. Vor allem für die Bevölkerung der Großstädte wurden neue Einrichtungen für die Versorgung sowie für die Verteilung der Waren notwendig. In Europa wurden um 1860 die ersten Warenhäuser gegründet, wobei Paris zur "Hauptstadt der Warenhäuser" avancierte.

</section><section class="container" id="bkmrk-in-seinem-auf-dem-vo">In seinem auf dem Vorbild des ersten Pariser Warenhauses "Au Bon Marché" basierenden Roman "Au Bonheur des Dames" ("Das Paradies der Damen") schilderte der Schriftsteller [Emile Zola](https://www.dhm.de/lemo/biografie/emile-zola) eindrucksvoll die revolutionären Organisationsprinzipien des Warenhauses, aber auch das Elend der Angestellten und die Verdrängung der kleinen Ladenbesitzer im Einzugsgebiet der Warenhäuser, die mit den niedrigen Preisen der dort in großer Stückzahl verkauften Industrieprodukte nicht mehr Schritt zu halten vermochten. Eine Vielzahl von Großmärkten, Schlachthöfen und Warenhäusern entstanden in den europäischen Großstädten, da die traditionellen Märkte und Markthallen dem Massenbedarf immer weniger gewachsen war.

In Deutschland wurden um die Jahrhundertwende große luxuriöse Warenhauspaläste gebaut, die das Einkaufen zu einem Erlebnis machten. Das von dem Architekten Alfred Messel (1853-1909) am Leipziger Platz in Berlin entworfene und 1894 eröffnete Warenhaus Wertheim war das größte Europas, und ein Besuch galt nicht immer dem Einkauf, sondern nahm häufig Formen eines Familienausflugs an. Außer dem Warenhaus Wertheim entstanden in Berlin das ebenfalls sehr prachtvoll gestaltete Warenhaus Tietz am Alexanderplatz (1904), das "Kaufhaus des Westens" am Kurfürstendamm (1907) und das Warenhaus Karstadt am Hermannplatz (1929). Als Massenumschlagsplätze strukturierten diese "Flaggschiffe" der Warenhauskonzerne auch die Verkehrsflüsse in den Städten, wurden gleichermaßen zu notwendigen Versorgungseinrichtungen der Bevölkerung wie zu Attraktionen des Fremdenverkehrs.

Obwohl Warenhäuser im Kaiserreich noch eher einer bürgerlichen, bessergestellten Käuferschaft vorbehalten waren, vollzog sich zu Beginn der Weimarer Republik rasch eine "Demokratisierung des Konsums". Neben den großen Warenhäusern, die sich durch repräsentative Fassaden und Treppenhäuser, großzügige Lichthöfe, Glaskuppeln, Dachgärten und durch eine luxuriöse Ausstattung auszeichneten, wurden kleinere Warenhäuser in den Einkaufszentren der Stadtteile errichtet, die nahezu den gesamte Kosmos von Gebrauchsgütern unter einem Dach anboten und diese stärker an den häufig über wenig Einkommen verfügenden Käuferschichten des Einzugsgebiets ausrichteten. Industriell gefertigte Massenprodukte konnten für breitere Schichten hergestellt werden. Die vorher wenigen Wohlhabenden vorbehaltenen Luxusgüter wurden zu preiswerten Serienprodukten, und auch seltene Importgüter waren nun in großen Mengen für immer mehr Käufer erschwinglich.

In den zwanziger Jahren vergrößerte sich mit zunehmender Rationalisierung und Automatisierung in Produktion und Distribution der Preisvorteil der Warenhausprodukte zusehends. Gegen die Konzentration der Warenhausunternehmen mit zahlreichen Filialen - in Deutschland vor allem Karstadt, Leonhard Tietz (Kaufhof) und Hermann Tietz (Hertie) - konnten sich kleine Läden in den Stadtzentren oft nur mit einem sehr begrenzten und spezialisierten Angebot halten. Unter den neuen Produktions- und Distributionsbedingungen setzten sich auch neue Verkaufsprinzipien durch: Warenhäuser boten mehr Kulanz, offerierten Umtausch- oder Rückgaberecht und führten neue Formen der Werbung wie Lichtreklame, Zeitungsannoncen oder die sogenannten Weißen Wochen wie Sommer- und Winter-Schlußverkäufe ein. Das Verhältnis der traditionell oft noch im Haus der Ladenbesitzer wohnenden und deren Familie zugehörig fühlenden Gehilfen versachlichte sich: Die Verkäufer und Verkäuferinnen der Warenhäuser waren Angestellte mit festen Arbeitszeiten und "Sonntagsruhe", die unter Berücksichtigung von Wohnungs- und Verpflegungsgeld eine eigene Wohnung bewohnten.

<div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--3"></div></div><div class="sidebar hide-for-print large-5 small-15 end columns"><div id="bkmrk-erfrischungsraum-des"><div class="photo-with-caption">[![[Foto: Erfrischungsraum des Warenhauses Wertheim in Berlin, 1918]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/95005015.jpg "[Foto: Erfrischungsraum des Warenhauses Wertheim in Berlin, 1918]")<span class="image-caption">Erfrischungsraum des Warenhauses Wertheim in Berlin, 1918</span>](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/erfrischungsraum-des-warenhauses-wertheim-in-berlin-1918)</div></div><div id="bkmrk-werbeplakat-des-ware"><div class="photo-with-caption">[![[Werbeplakat des Warenhauses Hermann Tietz für die "Weisse Woche", 1912]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/XP990456.jpg "[Werbeplakat des Warenhauses Hermann Tietz für die "Weisse Woche", 1912]")<span class="image-caption">Werbeplakat des Warenhauses Hermann Tietz für die "Weisse Woche", 1912</span>](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/werbeplakat-des-warenhauses-hermann-tietz-1912)</div></div></div></div><div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div id="bkmrk-text%3A-cc-by-nc-sa-4.-1"></div></div></div></section><section class="container" id="bkmrk--4"><div class="row" id="bkmrk--5"><div class="small-15 large-15 columns"><a id="bkmrk--6"></a><div class="hide-for-print" id="bkmrk--7"><div class="h3 epochenfarbe" id="bkmrk--8"></div></div></div></div></section>#### 4. München um 1900. Die leuchtende Stadt

Keine deutsche Metropole ist um 1900 so kunstversessen wie München: Das Publikum strömt in Theater und Ausstellungen, an der Akademie brillieren Traditionalisten – und in einem Viertel im Norden ersinnen radikale Neuerer die Zukunft

[![be03ac72-1321-47df-bc50-7e1a57ce17d2.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/be03ac72-1321-47df-bc50-7e1a57ce17d2.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/be03ac72-1321-47df-bc50-7e1a57ce17d2.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image photo" id="bkmrk-errungenschaften-der"><figcaption>ERRUNGENSCHAFTEN der Moderne wie die elektrische Tram – hier am Karlsplatz – machen das Leben in München angenehm. Freigeister von überall her aber schätzen auch etwas anderes: die Liberalität der Stadt</figcaption></figure>Ein nebeliger, ungemütlicher Novemberabend in München. Schnee liegt in den Gassen. Im Weinlokal „Eckel“ in der Theresienstraße drängen sich Studenten und Künstler, literaturinteressierte Beamte und Offiziere. Und als vorn im Saal ein junger Mann mit gepflegtem Schnurrbart zu lesen beginnt, hat er den düsteren Herbst schon nach den ersten Worten vertrieben:

„München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitages.“

Was für ein Idyll! Thomas Mann liest an diesem 18. November 1901 aus seiner Erzählung „Gladius Dei“ („Schwert Gottes“). Genauer: Er schwärmt, schwelgt, preist. Denn dieser 19 Seiten lange Text beginnt wie eine Hymne auf Bayerns Hauptstadt und ihre Liebe zu den Künsten.

Thomas Mann berichtet von offenen Fenstern, aus denen Klavierklänge und Geigentöne dringen. Von Reisenden aus allen Nationen, die die Freitreppen der Museen emporeilen. Er beschreibt Studenten, die auf den Straßen Richard-Wagner-Melodien pfeifen. Erzählt von Malern, die mit ihren Geliebten in offenen Wagen wie Fürsten umherfahren. Von Geschäften, deren Schaufenster voller Jugendstilvasen, Kopien von Renaissancestatuen und Reproduktionen unterschiedlichster Meisterwerke sind.

Nichts davon ist schriftstellerische Fantasie. Der Autor, 26 Jahre alt, kennt die Stadt genau. Geboren in Lübeck, lebt er seit sieben Jahren mit Unterbrechung in München, mitten im Künstlerviertel Schwabing (wo er auch seinen Lübeck-Roman „Buddenbrooks“ beendet hat, der seit wenigen Wochen in den Buchläden ausliegt).

**KUNSTZENTRUM**

Einheimische, Zugewanderte, Verweilende: In München leben um 1900 außergewöhnlich viele kreative Köpfe

Seine Beschreibungen des Münchner Alltags sind so präzise, dass die Zuhörer im Weinlokal oft auflachen. Etwa wenn er von Künstlern mit „runden Hütchen auf den Hinterköpfen“ erzählt, die ihre Miete mit schnell hingetupften Bildern bezahlen. Viele im Saal kennen einen dieser „unbesorgten Gesellen“, wie Mann sie nennt.

Und auch beim „Schönheitsgeschäft Blüthenzweig“ muss keiner im Publikum lange rätseln. Der Name spielt auf die Firma Hanfstaengl an, eines von vielen Unternehmen in der Stadt, die mit der Kunstliebe der Münchner gute Geschäfte machen: Mit neuester Technik stellt die Firma fotografische Reproduktionen berühmter Gemälde her; fast 20.000 Motive hat sie im Angebot, die sie bis in die USA verkauft.

Vor diesem Geschäft lässt Thomas Mann eine (nun allerdings rein fiktive) Gestalt auftreten, die den Frieden der kunstverliebten Stadt stört: Hieronymus, einen frommen Jüngling mit wulstigen Lippen, der – gekleidet wie ein Mönch in schwarzem Mantel mit Kapuze – an den Bußprediger Savonarola aus dem Florenz der Renaissance erinnert. Er betritt die Verkaufsräume von Blüthenzweig und verlangt, dass ein Madonnenbild aus dem Schaufenster entfernt wird – denn zu lustvoll, so findet er, entblößt die heilige Muttergottes ihre Brust für das Jesuskind. Doch der Geschäftsinhaber weigert sich und lässt den lächerlichen Frömmler am Schluss der Geschichte auf den Odeonsplatz hinauswerfen.

Schon bald nach diesem Abend im Weinlokal „Eckel“ wird „Gladius Dei“ zu einer der bekanntesten Schilderungen der Isarstadt. Vor allem die Münchner selbst lieben die Novelle, denn Manns elegischer Lobpreis bestärkt sie in dem Gefühl, in einer außergewöhnlichen Stadt zu leben, einem bayerischen Arkadien.

Der erste Satz – „München leuchtete“ – wird rasch bekannt. Kaum ein Reiseführer, der ihn nicht zitiert. Werbeleute setzen ihn als Slogan ein. Sogar eine Medaille, mit der der Oberbürgermeister der Stadt heute verdiente Bürger auszeichnet, trägt den Namen „München leuchtet“. Doch viele Freunde der Novelle übersehen die feine Ironie, mit der Thomas Mann seine Hymne geschrieben hat. Denn vieles am Münchner Kunstbetrieb kommt ihm – wie man aus anderen seiner Schriften weiß – oberflächlich und selbstgefällig vor.

Und sie vergessen, dass der frömmlerische Hieronymus, als er am Schluss gedemütigt auf dem Odeonsplatz steht, der Stadt zur Strafe für ihren Schönheitskult den Untergang vorhersagt – und das Schwert Gottes, das Gladius Dei, auf den kunstversessenen Ort herabfahren sieht. Um 1900 aber kann niemand bestreiten, dass München strahlt. Bayerns Hauptstadt ist in den Jahrzehnten zuvor zur Metropole gewachsen. Eine halbe Million Menschen wohnt hier – allein in den letzten fünf Jahren sind 100.000 hinzugekommen.

Wer hier lebt, genießt viele Annehmlichkeiten der Moderne: Millionen Liter Frischwasser schießen täglich durch eine neu angelegte Leitung aus einem Tal nahe den Alpen und machen München zu einer der gesündesten Großstädte Europas. In der Innenstadt beleuchten elektrische Bogenlampen nachts die meist kopfsteingepflasterten Straßen. Tagsüber verkehren hier stromgetriebene Trambahnen, drängen sich zwischen Pferdedroschken und Fußgängern hindurch.

60.000 Passagiere transportieren sie pro Tag, fahren bis in Vororte wie Giesing im Süden, wo Bauunternehmer Mietskasernen für Arbeiter errichten. Oder ins vornehmere, östlich gelegene Bogenhausen, wo gerade ein elegantes Wohnviertel mit Luxusapartments entsteht. Und im Herzen der Metropole, am Marienplatz, lassen die Stadtoberen schon zum zweiten Mal binnen zehn Jahren das Rathaus erweitern und nun mit einem 80 Meter hohen, kathedralenhaften Turm bekrönen – Symbol für Münchens neue Größe.

Regiert wird die Stadt von liberal gesinnten Beamten, Kaufleuten und Fabrikanten, die sich in politischen Wahlvereinen organisiert haben. Gemeinsam halten sie die Mehrheit im Kollegium der Gemeindebevollmächtigten wie auch im Magistrat. Stärkste Oppositionspartei ist das katholische Zentrum, das verbissen den Einfluss der Kirche auf die Schulen verteidigt.

Die Sozialdemokraten holen immer mehr auf, sie sind 1905 bereits mit elf Gemeindebevollmächtigten und drei Magistratsräten vertreten. Doch wählen darf nur, wer das Bürgerrecht erworben hat. Und die Kosten dafür entsprechen dem halben Monatslohn eines Arbeiters; viele Anhänger der SPD können ihre Stimme daher nicht abgeben. 400.000 Auswärtige reisen jedes Jahr an – mehr als Berlin besuchen. Am Hauptbahnhof gibt es nun ein Auskunftsbüro, in dem Touristen Broschüren und Informationen erhalten.

[![005fede6-8bec-4d0f-bfe2-f0d00b08007a.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/005fede6-8bec-4d0f-bfe2-f0d00b08007a.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/005fede6-8bec-4d0f-bfe2-f0d00b08007a.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image photo" id="bkmrk-m%C3%9Cnchen-profitiert-v"><figcaption>MÜNCHEN profitiert vom Kunstsinn des bayerischen Prinzregenten – und vom Geld seiner Bürger. Mondäne Flaniermeilen entstehen, etwa am Odeonsplatz (oben). Und ein paar Straßen weiter nördlich das Künstlerviertel Schwabing</figcaption></figure>Vor allem die Kunstsammlungen und Ausstellungen ziehen Besucher an, die prächtigen Theater und Konzertsäle – Orte, von denen gebildete Bürger im ganzen Land schwärmen. Schon seit der Zeit von König Ludwig I. gilt München als Kunststadt. Der ab 1825 regierende Monarch, ein großer Verehrer der Antike, hat Museen und Bühnenhäuser errichten lassen, die wie griechische Tempel oder Renaissancepaläste wirken – etwa die Glyptothek, in der der König seine antike Skulpturensammlung unterbrachte oder die Pinakothek mit ihrer Gemäldegalerie. So groß ist die Zahl dieser „antikisierenden Monumente“, wie Thomas Mann sie nennt, dass Reiseführer die Stadt als „Isar-Athen“ preisen.

**DOCH ALL DAS IST NICHTS** gegen die Kunstbegeisterung unter Ludwigs Sohn Luitpold. Der im Volk beliebte Prinz regiert seit 1886, zunächst kurz anstelle seines Neffen Ludwig II. (siehe Seite 50), dann für dessen geisteskranken Bruder Otto. Luitpold ist sehr an Malerei interessiert und mit vielen Künstlern befreundet. Zuweilen fährt er frühmorgens in seiner Kutsche durch die Straßen, um einen von ihnen im Atelier zu besuchen – ohne Ankündigung, was eines Tages dazu führt, dass ihm der junge, aufstrebende Maler Max Slevogt im Nachthemd die Tür öffnet.

Doch stärker noch als der freundliche Wittelsbacher treibt das Geld die Blüte der Kunst voran. So ist etwa an der Prinzregentenstraße, Münchens neuem Prachtboulevard, 1901 ein Festspielhaus für Richard Wagners Opern eröffnet worden – ein Theater, mit dem die Münchner Bayreuth Konkurrenz machen wollen. Die privaten Investoren versprechen sich von dem Theater eine Aufwertung des eleganten Wohnviertels, das sie hier gerade errichten. Der Kulturbau, so hoffen sie, wird die Immobilienpreise steigen lassen und ihre Profite erhöhen.

Es ist bereits der dritte Theaterneubau in der Stadt während Luitpolds Amtszeit. 1908 wird noch eine vierte Spielstätte hinzukommen, wodurch sich die Zahl der Münchner Bühnen innerhalb von nur zwölf Jahren verdoppelt. Auch die Zahl der Künstler nimmt zu: In München finden sie viele Galerien, die ihre Werke verkaufen. Und Firmen wie Hanfstaengl, die sie reproduzieren und in alle Welt verbreiten.

Bayerns Hauptstadt wird in diesen Jahren zu einem Zentrum des europäischen Kunsthandels. Tausende Besucher, darunter viele Galeristen, Kuratoren und Sammler schieben sich jeden Sommer durch die großen Kunstausstellungen im Glaspalast, einer kühnen Gusseisen-Konstruktion nahe dem Hauptbahnhof. Sie kaufen dort Werke etablierter Gegenwartskünstler wie etwa des gefeierten Porträtmalers Friedrich August von Kaulbach oder des bekannten Realisten Wilhelm Leibl.

[![c183c175-5d3d-49f8-b296-6f0752e86056.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/c183c175-5d3d-49f8-b296-6f0752e86056.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/c183c175-5d3d-49f8-b296-6f0752e86056.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image photo" id="bkmrk-so-rasant-w%C3%A4chst-m%C3%BCn"><figcaption>SO RASANT wächst München, dass die Stadtoberen für ihre Verwaltung um 1865 ein neues Rathaus errichten müssen. Dem ersten Teil im neugotischen Stil (oben) folgen bis 1905 noch zwei weitere große Bauabschnitte</figcaption></figure>Und nur zwei Kilometer nördlich des Glaspalasts lernen die Maler von morgen: an der Kunstakademie, die – so Thomas Mann in „Gladius Dei“ – „ihre weißen Arme zwischen der Türkenstraße und dem Siegestor ausbreitet“.

Studenten aus ganz Europa eilen jeden Morgen zwischen den kannelierten Säulen des Portals hindurch in den lang gestreckten Bau. Hochgelobte Künstler wie Franz von Stuck unterrichten hier die jungen Leute. Die Ausbildung ist auf handwerkliche Perfektion im Stil der alten Meister ausgerichtet und hat einen guten Ruf – selbst im fernen Spanien wird sie geschätzt: Pablo Picasso schreibt 1897 in einem Brief an einen Freund, hätte er einen Sohn, würde er ihn zum Kunststudium nach München schicken. Die Akademie ist eine streng geführte Anstalt, in der Studenten sich vor ihren Professoren verbeugen müssen. Doch nur ein paar Meter nördlich der Kunsthochschule und des nahe gelegenen Siegestors beginnt ein Ort anarchischer Freiheiten: Schwabing.

Erst seit 1890 gehört das frühere Bauerndorf zu München und wirkt vielerorts noch immer ländlich: Zwischen Neubauten liegen Nutzgärten, auf den Straßen gehen Frauen in Hauskitteln zum Einkauf. Doch dazwischen laufen viele Kunststudenten, sind mit Zeichenmappen oder gerollten Leinwänden in den Händen unterwegs zur Akademie. Wegen der günstigen Mieten haben sie sich in Schwabing angesiedelt, ebenso wie viele ausgebildete Maler und Bildhauer, Musiker, Literaten und Journalisten. Die Neuzugezogenen verändern das Viertel in den Jahren vor der Jahrhundertwende rasch. Kaufleute eröffnen Geschäfte für Pigmente, Farbtuben und andere Malutensilien. Hausbesitzer bauen ihre Dachgeschosse zu Ateliers aus.

Passanten können schon von der Straße die großen Mansardenfenster sehen, die meist nach Norden ausgerichtet sind – so fällt den Tag über ein gleichmäßig helles Licht in den Raum, die Wirkung der Farben verändert sich vom Morgen bis zum Abend kaum. In manchen Straßen lassen geschäftstüchtige Bauherren ganze Atelierhäuser hochziehen, mit Bildhauerwerkstätten im Erdgeschoss, damit sich Skulpturen einfacher hinein und hinaustransportieren lassen.

Wirte eröffnen neue Lokale, etwa das „Café Stefanie“ in der Amalienstraße, das bald einer der beliebtesten Treffpunkte des Viertels ist. Zu jeder Tageszeit hängt hier dichter Zigarettenqualm in der Luft und mischt sich mit dem leichten Muff aus den schweren Polstermöbeln. Studenten, Maler und Schriftsteller hocken auf den Bänken, lassen Dominosteine klackern oder debattieren über radikal neue Wege in der Kunst. Am Billardtisch stehen Frauen mit weit geschnittenen Reformkleidern, die es ihnen erlauben, sich freier zu bewegen – und die so gegen konventionelle Vorstellungen von Weiblichkeit und Korsettmode rebellieren.

Dazu versammeln sich hier Sinnsucher, Aussteiger und Möchtegerngenies aus Deutschland, Ungarn und dem Balkan. Angelockt von Schwabings Flair, sind sie an die Isar gezogen, schwadronieren nun bis um drei Uhr morgens über die Philosophie Friedrich Nietzsches oder erklären: Ein vollkommener Mensch sei nur, wer beide Geschlechter lieben kann.

Kaum ein anderer Ort in Europa, an dem so kühn gedacht, so fantastisch gesponnen, so frei gelebt wird wie in Schwabing. Und wohl nirgendwo sonst finden sich auf solch engem Platz so viele Männer und Frauen, die in den folgenden Jahren Kunst- und Literaturgeschichte schreiben werden: Maler wie Paul Klee, Alexej von Jawlensky und viele andere, Schriftsteller wie Thomas Mann, Frank Wedekind und Stefan George. Hohenzollernstraße Nr. 6, 1901: Im Hinterhaus ist das Arbeiten der Bildhauer zu hören. Im Treppenhaus ranken sich Blumengirlanden die Wände hinauf, gemalt in einem neuen, von Pflanzenornamenten geprägten Stil, den die in München erscheinende Zeitschrift „Jugend“ fördert und in ganz Deutschland bekannt macht.

Wer oben durch die Tür tritt, gelangt in eine kleine Stube, in der mehrere Frauen vor Staffeleien stehen. Durch ein übergroßes Fenster fällt helles Licht. Zwischen den Künstlerinnen läuft ein Mann mit Anzug und Zwicker hin und her, der seine Erläuterungen mit leichtem Akzent abgibt: Dr. Wassily Kandinsky.

Der 35-Jährige ist Mitbetreiber der Schwabinger Malschule „Phalanx“, zu der auch die Bildhauerklasse im Erdgeschoss gehört. Kandinsky wurde in Moskau geboren und hat dort Jura und Nationalökonomie studiert, ehe er nach der Promotion beschloss, ein neues Leben als Maler zu beginnen – und 1896 nach München zog. Wie ein Verliebter lief er in den ersten Monaten durch die Stadt. „Die blaue Trambahn zog durch die Straßen wie verkörperte Märchenluft, die das Atmen leicht und freudig machte“, schwärmt er Jahre später in einem Rückblick.

Ein Jahr lang studierte er an der staatlichen Akademie bei Franz von Stuck. Doch die Malweise dieses berühmten Mannes, der wie die meisten Professoren vor allem mit gedämpften Tönen arbeitete, passte nicht zu Kandinsky. Ihm schwebte – noch sehr undeutlich – eine Art der Malerei vor, die sich ganz auf die Leuchtkraft der Farben konzentriert, die für den Russen wie Wesen mit einem eigenen Charakter sind.

Gemeinsam mit anderen Unzufriedenen – darunter dem Jugendstilkünstler Hermann Obrist – gründet Kandinsky die Gruppe „Phalanx“, benannt nach einer als unbesiegbar geltenden, geschlossenen Gefechtsformation der griechischen Antike, und organisiert nun Ausstellungen. 1903 etwa zeigt die Gruppe Bilder des Impressionisten Claude Monet. Dessen Stil ist an der Akademie als handwerklich unsolide verpönt. Doch zur Vernissage fährt selbst Prinzregent Luitpold vor, ein gewaltiger Erfolg für die Gruppe.

Ihre Malschule in der Hohenzollernstraße unterhalten die Phalanx-Künstler, um Geld zu verdienen – aber auch, um gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern nach neuen Formen der Kunst zu suchen. Es gibt viele solcher privaten Lehranstalten in Schwabing. Die größte ist die des Slowenen Anton Ažbe, der an drei Standorten im Viertel fast 200 Klienten unterrichtet. An diesen Schulen schreiben sich junge Leute ein, die von der Kunstakademie abgelehnt wurden oder von der traditionell ausgerichteten Lehre dort enttäuscht sind – aber auch Frauen, die an der Akademie aus Prinzip nicht aufgenommen werden.

Kandinsky, als einfühlsamer Lehrer bekannt, zieht besonders viele weibliche Schüler an. 1902 meldet sich in seinem Institut eine gerade erst nach München gezogene junge Frau an: Gabriele Münter. Sie wird bald zu seiner Lebensgefährtin (und zu einer herausragenden Künstlerin).

Bis zu sieben Stunden am Tag unterrichtet Kandinsky, anschließend arbeitet er an eigenen Werken, bis er müde und erschöpft ist. Er experimentiert mit Jugendstil und Impressionismus, malt immer wieder Motive aus Schwabing wie den Nikolaiplatz oder den Nördlichen Friedhof – Bilder, bei denen sich Farben und Formen mehr und mehr von der Wirklichkeit lösen.

**WÄHREND SICH KANDINSKY** in eine Traumwelt aus Farben zurückzieht, setzen sich ein paar Hundert Meter weiter andere Schwabinger Künstler Woche für Woche mit der realen Welt auseinander, voller Biss und ohne Kompromisse.

Kaulbachstr. 91, nahe dem Englischen Garten. Hier residiert die Redaktion des „Simplicissimus“, einer Wochenzeitschrift für Satire, Politik und Literatur – das frechste und aggressivste Blatt des Deutschen Reichs. Seine Hauptgegner: Spießbürger, Geistliche und der Kaiser in Berlin. Der wohl wichtigste Mitarbeiter ist Thomas Theodor Heine, ein hochbegabter Zeichner und Karikaturist. Man kann ihn häufig von seinem nahe gelegenen Atelier in die Redaktion laufen sehen, in der Hand Zeichenblätter, darunter oft der Entwurf für das nächste Titelbild. Sein Stil ist beeinflusst von der Kunst des Franzosen Henri de Toulouse-Lautrec und äußerst provokant.

Als die Wiener Staatsanwaltschaft den „Simplicissimus“ im Frühling 1896 in Österreich verbieten lässt, fertigt er für die Ausgabe vom 23. Mai 1896 eine Titel-Illustration an: Sie zeigt österreichische Gendarmen, die mit gezückten Säbeln auf ein Werbeplakat des Magazins losgehen – sowie eine rote Bulldogge, die einem der Beamten ans Bein pinkelt. Dieser zähnefletschende Hund wird zum Wappentier der Zeitschrift: als Kampfansage an Obrigkeiten aller Art.

Der „Simplicissimus“ gibt vielen Schwabinger Literaten die Möglichkeit, Geld zu verdienen und Texte zu publizieren, etwa Joachim Ringelnatz, Jakob Wassermann oder Ludwig Thoma. Thomas Mann arbeitet ab 1898 für gut ein Jahr als Redakteur beim „Simplicissimus“, sitzt in einem elegant eingerichteten Büro und prüft für 100 Mark monatlich viele der eingehenden Manuskripte; zuvor hat er hier selbst einige Erzählungen veröffentlicht.

Zu den Mitarbeitern gehört auch Frank Wedekind, Deutschlands prominentester Skandalautor, seit er in seinem Drama „Frühlings Erwachen“ die erdrückende bürgerliche Sexualmoral angegriffen hat. Seine Spezialität beim „Simplicissimus“ sind Spottgedichte. 1898 reimt er eines auf Kaiser Wilhelm II., und das genügt für eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung.

Die Staatsanwaltschaft in Leipzig (wo der „Simplicissimus“ gedruckt wird) ermittelt gegen Wedekind und will ihn festnehmen lassen. Doch der Autor erhält von Münchner Polizisten eine Warnung und kann in die Schweiz fliehen. Offenbar halten die liberalen bayerischen Behörden Majestätsbeleidigung nur dann für gravierend, wenn sie die Wittelsbacher trifft – und nicht den ungeliebten Hohenzollern-Herrscher in Berlin.

Eine der ungewöhnlichsten Mitarbeiterinnen des „Simplicissimus“ ist eine lebenshungrige junge Adelige: Franziska Gräfin zu Reventlow. Bereits als Kind hat sie im Husumer Schloss ihrer Eltern gegen die strenge Erziehung der Mutter rebelliert und schon früh Werke des Norwegers Henrik Ibsen gelesen, der in Dramen wie „Nora“ die Emanzipation der Frauen feiert. Ähnlich wie Ibsens Heldin ging Franziska ihren eigenen Weg, verließ ihren Mann – und siedelte 1896 nach Schwabing über, um frei von erstickenden Konventionen zu leben.

Inzwischen wohnt sie dort in einer Art Kommune in einem alten Haus mit verwahrlostem Garten – gemeinsam mit ihrem aktuellen Liebhaber, einem polnischen Glasmaler, sowie dem Schriftsteller Franz Hessel und ihrem unehelichen Sohn Rolf (den Namen des Kindsvaters wird sie nie verraten, möglicherweise vermag sie ihn selber nicht zu benennen).

Als Malerin hat sie keinen Erfolg, daher arbeitet die Gräfin als Autorin und Übersetzerin, schreibt Satiren für den „Simplicissimus“ oder Witze, für drei Mark pro Stück. Zudem wirbt sie in Aufsätzen für die sexuelle Befreiung der Frau: „So geht mir doch mit der Behauptung, die Frau sei monogam! Weil Ihr sie dazu zwingt, ja! Weil Ihr sie Pflicht und Entsagung lehrt, wo Ihr sie Freude und Verlangen lehren solltet!“

**DAS IST FÜR DIE** meisten Bürger des Kaiserreichs eine verstörende Botschaft – doch hochwillkommen in dem wohl mythenschwersten aller Schwabinger Intellektuellenkreise: dem Zirkel um den Dichter Stefan George. Der ist in diesen Jahren ein Mann ohne festen Wohnsitz, hält sich aber meist in München oder Berlin auf. Er ist eine imposante, aber auch etwas unheimliche Erscheinung, mit seinem sehr flachen Gesicht, in dem nur die Stirnwülste stark vorspringen. „Kommt einem nicht recht wie ein wirklicher Mensch vor, wiewohl er lachen kann“, schreibt Franziska von Reventlow über ihn.

Wenn George in München ist, wohnt er bei dem Schriftsteller Karl Wolfskehl in der Leopoldstraße mitten in Schwabing. Dorthin bittet er mit durch Boten überbrachten Einladungskarten seine Getreuen: den Schriftsteller Ludwig Derleth, den Grafologen Ludwig Klages, dazu Universitätsdozenten, Maler und oft auch einen der Jünglinge, für die George schwärmt.

Die Mitglieder dieses Kreises sprechen einen sehr eigenen Jargon, unterteilen die Menschheit in „Enorme“, das sind sie selbst (und die, die sie dazu bestimmen) – und „Belanglose“. Sie sind fasziniert von der Religion der griechischen Antike, die sie für kraftvoller halten als das ermattete, verbürgerlichte Christentum der Gegenwart.

Viele von ihnen haben begeistert das populäre Buch „Das Mutterrecht“ des Schweizers Johann Jakob Bachofen gelesen. Dieser Gelehrte vertritt die (nicht belegte) These, dass die Frühzeit der Menschheit vom „Häterismus“ bestimmt war: einer Art Gruppenehe, in der Frauen Mutterschaft und freie Liebe ohne moralische Verdammung miteinander verbinden konnten. Georges Anhänger schätzen eine erotisch freizügig lebende Mutter wie Franziska zu Reventlow daher sehr – als Wiedergeburt eines vermeintlich uralten Ideals. Ihre Verehrung von Müttern geht so weit, dass Männer in Gehröcken bei einem Treffen ergriffen vor einer stillenden Frau niederknien.

Die Gräfin zu Reventlow nimmt all dies aufmerksam und meist amüsiert wahr. Ihre Erlebnisse im George-Kreis hält sie später in dem Roman „Herrn Dames Aufzeichnungen“ fest. Darin beschreibt sie auch eines der berühmten Kostümfeste, mit denen der Dichter die (vermeintlich) rauschhaften Feiern des Altertums wiederbeleben will. Stefan George hat sich an diesem Abend, dem 22. Februar 1903, als der Römer Gaius Iulius Caesar verkleidet. Mit einer weißen Toga und Goldkranz auf dem Kopf schreitet er zu Beginn der Feier durch Wolfskehls Wohnung.

Ihm folgen der Hausherr, der mit Weinlaub im Haar den Gott der Ausschweifungen und Fruchtbarkeit Dionysos darstellt, und ein Archäologe mit schwarzem Kleid und Schleier, der als römische Matrone erscheint. Vor und neben ihnen laufen Jünglinge mit Weinbechern sowie eine Bacchantin, die ein Becken schlägt. Die Gäste – mehrere Dutzend Schwabinger und Auswärtige – murmeln dazu eine Litanei. Nach dem Umzug beginnen die Besucher unter den dröhnenden Klängen eines Gongs zu tanzen. Später vergnügen sich einige in den Winkeln der Wohnung miteinander.

In der gesamten Stadt raunt man von diesen „Orgien“ (wobei die Vorstellungen, die die Münchner Bürger sich davon machen, wohl um ein Mehrfaches bunter sind als die Realität). Vieles, was Stefan George und seine Getreuen tun und denken, klingt nach infantilem Getue und esoterischem Unsinn. Aber harmlos ist es nicht. Zahlreiche Anhänger des George-Kreises verachten Vernunft und Individualität, Christentum und Judentum. All das sind in ihrem Jargon „molochitische“, das heißt: lebenszersetzende Elemente.

„Kosmisch“, also lebensbejahend, sind in ihrer kruden Logik dagegen römische und germanische „Ursubstanzen“, die in manchen Menschen angeblich fortleben. Manche Mitglieder des Zirkels, darunter der Grafologe Klages, denken offen antisemitisch. Thomas Mann, der mehrere George-Anhänger persönlich kennt, wird einen von ihnen – den Dichter Ludwig Derleth – später im Roman „Doktor Faustus“ porträtieren: als geistigen Vorläufer des Faschismus.

[![6676d34a-cbfd-4c3b-81f8-bf08142e0bfe.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/6676d34a-cbfd-4c3b-81f8-bf08142e0bfe.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/6676d34a-cbfd-4c3b-81f8-bf08142e0bfe.jpg)

So bunt, so aufregend und manchmal abgründig das Leben der Maler und Literaten in Schwabing auch ist: Sie machen nur einen kleinen Teil der Münchner Kunstszene aus. Und auch wenn manche von ihnen später weltbekannt werden – in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts kennt außerhalb des Viertels kaum jemand die Namen von Wassily Kandinsky oder Gabriele Münter.

Die Kunst der Stadt wird vielmehr von drei Männern beherrscht, die mit ihren Gemälden seit Jahren das Publikum begeistern und für ihre Verdienste um die Kunst von den Wittelsbachern in den Adelsstand erhoben wurden: Franz von Stuck, Friedrich August von Kaulbach sowie Franz von Lenbach. Lenbach, geboren als Sohn eines Maurermeisters, hat sich mit betörenden Porträts im Stile Tizians und Rembrandts ein Vermögen ermalt, lebt nahe der Glyptothek in einem Palais, das verschwenderisch ausgestattet ist mit Damasttapeten und Renaissancemöbeln.

Er sitzt der „Münchener Künstlergenossenschaft“ vor, die jedes Jahr die großen Ausstellungen im Glaspalast organisiert – und bestimmt mit, wessen Werke präsentiert werden. Es ist schwer, ohne seine Gunst im Münchner Kunstbetrieb Erfolg zu haben. Einer der wichtigsten Treffpunkte für einflussreiche Männer wie ihn ist ein Garten nahe dem Hauptbahnhof. Meist mittwochs lässt er sich mit seiner Kutsche hierhinbringen, läuft dann zwischen Nussbäumen und Kastanien hindurch bis zur Kegelbahn am Ende der Grünanlage.

Das Grundstück gehört der Familie Seidl, die in der Nähe eine Großbäckerei betreibt. Die Seidls sind ein kunstsinniger Clan und laden schon seit mehr als 20 Jahren Maler und Bildhauer zum Kegeln in ihren Garten; neben Lenbach auch den verehrten Akademiedirektor Friedrich August von Kaulbach. Dazu gesellen sich Verwandte der Seidls aus der Bierbrauer-Dynastie Sedlmayr, häufig schaut auch Prinz Rupprecht vorbei, der Enkel des Prinzregenten. Etwa 30 Männer sitzen an einem runden Tisch vor Maßkrügen oder stehen am Rand der Bahn und plaudern (Frauen sind beim Kegeln nicht erwünscht). Nützliche Kontakte werden hier geknüpft oder vertieft.

Es gibt viele solcher Zirkel, in denen sich Münchens reiche und mächtige Familien treffen. Da sind etwa die großen Gesellschaften, die der Brauereibesitzer Georg Theodor Pschorr regelmäßig in seinem Haus gibt. Dort verkehren unter anderem die Maffeis, eine der reichsten Familien Bayerns, der eine Lokomotivenfabrik gehört. Sowie der Architekt Jakob Heilmann, der das größte Bauunternehmen des Landes führt und zusammen mit seinem Schwiegersohn Max Littmann das Prinzregententheater errichtete. Münchens mächtige Unternehmerdynastien sind oft miteinander verwandt oder verschwägert. So hat eine Tochter des Bäcker-Clans Seidl in die Familie der Handschuhfabrikanten Roeckl eingeheiratet, die ihre Waren bis nach England und in die USA exportiert.

Münchner Großfamilien kontrollieren nicht nur ihre eigenen Unternehmen, sondern sitzen häufig auch in den Aufsichtsräten anderer Firmen und mischen gerne in der Politik mit: Die Bierbrauer Sedlmayr etwa, die Verwandten der Bäckerfamilie Seidl, stellen Abgeordnete im Bayerischen Landtag und im Berliner Reichstag, sind zudem im Aufsichtstrat der Bayerischen Vereinsbank tätig. Und die Brauerfamilie Pschorr hat Mitglieder im Gemeindekollegium, im Kommerzienrat und der Handelskammer. Wer diesen höchsten Kreisen Münchens angehört, der kann ein weitverzweigtes, vielfältiges Netz von Beziehungen nutzen. Von den Treffen auf der Kegelbahn profitieren besonders Männer wie der Architekt Gabriel von Seidl aus dem Großbäcker-Clan.

Er freundet sich mit Franz von Lenbach an, der den zwölf Jahre Jüngeren „mein Seidl“ oder „Gabi“ nennt und ihn an seine Kunden empfiehlt: Wen der Maler porträtiert, dem baut Seidl oft später ein Haus. Doch auch Lenbach profitiert von den Runden im Seidl’schen Garten – vor allem bei seinem Lieblingsprojekt: dem Bau eines Münchner Künstlerhauses mit Festsaal und Restaurant, in dem sich Maler, Bildhauer und Bürger bei Bällen und Konzerten begegnen können.

Seit Jahren wirbt Lenbach beim Magistrat der Stadt und beim Finanzminister für diese Idee. Als er endlich von der Kommune günstig ein Grundstück beim Karlsplatz erhält, fehlt ihm bald Geld für den Bau – bis seine Kegelbrüder, die Brauereibesitzer Sedlmayr, eine große Summe stiften. Als Architekten setzt der gut vernetzte Lenbach seinen Freund durch: Gabriel von Seidl.

Das im Jahr 1900 eröffnete Künstlerhaus wird ein Meisterwerk. Seidl hat sich der von einem österreichischen Architekten propagierten Auffassung angeschlossen, dass Städtebau „malerisch“ sein, also auf Betrachter anziehend und harmonisch wirken solle. Auf diese Weise wollen sich Seidl und andere Architekten von dem klotzigen, abweisenden Stil abgrenzen, in dem zu dieser Zeit etwa in Berlin ganze Viertel hochgezogen werden. Der mehrgeschossige Hauptbau des neuen Künstlerhauses liegt daher etwas zurückgesetzt von der Straßenfront und ist auf dem Grundstück leicht zur Seite geschoben – starre Symmetrie soll bei dieser Art der Architektur unbedingt vermieden werden. Bezüge zur heimatlichen Bautradition sind erwünscht. Und so bekrönt Seidl den Hauptbau mit geschwungenen Renaissancegiebeln, wie man sie etwa an Augsburger oder Nürnberger Bürgerhäusern findet.

Davor errichtet Seidl einen eingeschossigen Trakt, der sich mit Flachdach und Rundbogenfenstern deutlich vom Hauptbau unterscheidet und wie nachträglich hinzugefügt aussieht. Auch das ist Programm: Gebäude sollen wie organisch gewachsen erscheinen, nicht wie in einem Zug errichtet. Um die Passanten mit einer malerischen Silhouette zu erfreuen, verziert Seidl den Bau mit Säulen, Türmchen und Pavillons.

Ähnliche Ideen wie Seidl verfolgt der Münchner Stadtplaner Theodor Fischer. Auch er ist vom Gedanken eines „malerischen“ Stils begeistert. Straßen sollen nicht langweilig geradeaus laufen, meint Fischer, sondern den Bürgern Überraschungen und Abwechslung bieten. Vor Seidls Bayerischem Nationalmuseum lässt er – in Zusammenarbeit mit dem Architekten – daher eine Grünfläche anlegen, die sich auf die Prinzregentenstraße hinausschiebt und so die Achse unterbricht. Während Kutschen und Automobile hier einen Schlenker machen müssen, können Passanten in dem kleinen Park rasten.

Im weiteren Verlauf des neuen Boulevards, am rechteckigen Prinzregentenplatz, setzt Fischer seine Vorstellungen ebenfalls um. Sechs Straßen münden hier ein – aber nicht etwa sternförmig, das wäre zu monoton, sondern in unregelmäßigen Abständen und aus unterschiedlichen Winkeln. Fischer und Seidel erschaffen so eine Atmosphäre der Behaglichkeit, die München unverwechselbar macht (und die Thomas Mann in „Gladius Dei“ so eindrücklich beschreibt).

**AUCH IN DER MALEREI** werden in der Stadt nach wie vor Akzente gesetzt. Ab 1910 zeichnet sich in München eine der revolutionärsten Umwälzungen der Kunstgeschichte ab: der Weg in die Abstraktion. Wassily Kandinsky hat in den Jahren zuvor weiter nach einer neuen Sprache für seine Malerei gesucht. Mittlerweile kann man in seinen Bildern kaum noch Figuren oder Gegenstände erkennen. Nur mit Mühe lässt sich etwa auf seinem kürzlich geschaffenen Ölbild „St. Georg III“ der Drache ausmachen, dem der Ritter die Lanze ins Maul stößt. (Das genaue Datum seines ersten komplett abstrakten Bildes ist in der Forschung umstritten.)

Beifall bekommt Kandinsky für diese Arbeiten nicht. Selbst vielen Schwabinger Kollegen sind seine Bilder zu radikal. Im Dezember 1911 weigert sich die „Neue Künstlervereinigung München“ mit vorgeschobenen Gründen, ein weitgehend abstraktes Werk von ihm auf einer Gruppenausstellung zu zeigen. Ein Eklat, immerhin hat Kandinsky diesen Verein drei Jahre zuvor selbst gegründet. (Die Gruppe „Phalanx“ mit der Malschule hat sich 1904 wegen Geldproblemen aufgelöst.)

Kandinsky und Gabriele Münter treten aus der Künstlervereinigung aus, ebenso der Münchner Franz Marc, mit dem sich die beiden ein Jahr zuvor angefreundet haben. Marc malt zarte, abstrahierende Bilder von roten Pferden und gelben Kühen, die für ihn Symbole eines reinen, ursprünglichen Daseins sind. Wassily Kandinsky fühlt sich Marcs Kunstauffassung nahe. Und gründet mit ihm eine neue Gruppe, den „Blauen Reiter“. Später erklärt der Russe: „Beide liebten wir Blau, Marc Pferde, ich Reiter. So kam der Name von selbst.“ Rasch organisieren sie eine erste Ausstellung in einer Münchner Galerie. Zudem arbeiten sie, häufig in Kandinskys Wohnung in der Schwabinger Ainmillerstraße, an einem Almanach, der ebenfalls „Der Blaue Reiter“ heißen soll. Es ist keine Programmschrift für einen bestimmten Stil, sondern eine Sammlung von Denkanstößen und Anregungen für alle, die nach neuen Wegen in der Kunst suchen.

Unter den mehr als 100 Abbildungen sind auch Kinderzeichnungen zu sehen sowie Hinterglasmalereien bayerischer Dorfkünstler. Der Maler August Macke, der sich der Gruppe angeschlossen hat, verfasst einen Aufsatz über Masken indigener Völker und Puppenspiele bei Griechen, Japanern und Siamesen. Ein mit Kandinsky befreundeter russischer Komponist schreibt über „Anarchie in der Musik“. Und Kandinsky erläutert in seinem Beitrag, dem längsten des Bandes, sein Konzept des künstlerischen Schaffens: Unabdingbare Voraussetzung sei eine neue Innerlichkeit, der Verzicht auf Gegenständliches im Bild gleichbedeutend mit der Abwendung vom Materialismus der Zeit – ein Aufbruch in ein höheres Reich reiner Geistigkeit.

Ihm und seinem Ko-Redakteur Marc ist wohl bewusst, dass sie mit dem Almanach Großes geschaffen haben. Stolz posieren sie für ein Foto auf dem Terrassendach neben Kandinskys Wohnung mit dem Umschlag des Bandes. Und tatsächlich kann der Verleger in den folgenden Jahren immer neue Auflagen drucken. Der Almanach beeinflusst das ausdrucksstarke Schaffen der Expressionisten. Er wird in viele Sprachen übersetzt, macht Kandinskys Ideen über abstrakte Kunst weltweit bekannt und wird zur wohl wichtigsten Programmschrift für Künstler des Jahrhunderts. Einige Monate nach Erscheinen des „Blauen Reiters“ stirbt Prinzregent Luitpold. 26 Jahre lang hat der kunstsinnige Wittelsbacher München und Bayern geprägt. Sein Tod scheint wie ein Menetekel für den Anbruch einer anderen, einer unfreieren Zeit.

Schon seit Jahren wird das einst so liberale Klima in der Stadt bekämpft. Wie der besessene Hieronymus in Thomas Manns Novelle gehen fromme Eiferer gegen die Kunst vor. Unterstützt von der katholischen Kirche, hat sich ein „Münchner Männerverein zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit“ gegründet. Diese Gruppe flutet die Behörden mit Beschwerden – gegen den Verkauf von Aktbildern, gegen frivole Kabaretts oder angeblich unmoralische Theaterstücke. Der Sittlichkeitsverein stört sich besonders an den Dramen von Frank Wedekind. Mit seinen Protesten erreicht er, dass die Polizeibehörde, die für die Überwachung der Bühnen zuständig ist, die Aufführung fast aller dramatischen Werke des Autors verbietet. Die Zeit, da Beamte dem bedrängten Schriftsteller mit einem Tipp zur Flucht verhalfen, ist vorbei.

Wedekind verbittert insbesondere, dass einer seiner ehemaligen Kollegen vom „Simplicissismus“ die Feinde der Kunstfreiheit auch noch unterstützt: Im Jahr 1912 wird Thomas Mann Mitglied des Zensurbeirats, eines Gremiums aus Honoratioren, das die Polizei mit Empfehlungen unterstützen soll. Weshalb sich Thomas Mann darauf einlässt, ist nicht bekannt. Nach dem Erfolg mit den „Buddenbrooks“ und der Heirat mit der Millionärstochter Katia Pringsheim ist er aus Schwabing fortgezogen und lebt nun im neu angelegten, schicken Wohnviertel Bogenhausen. Möglicherweise schmeichelt es ihm, dass er in ein Gremium aus Professoren und Hofräten berufen wird.

[![ba06dd90-4919-45f8-93ab-275178b4c2e2.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/ba06dd90-4919-45f8-93ab-275178b4c2e2.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/ba06dd90-4919-45f8-93ab-275178b4c2e2.jpg)

**FRANZISKA VON REVENTLOW** hat München da bereits verlassen. Ihr Geliebter, der polnische Puppenspieler und Glasmaler, hat sich von ihr getrennt. Sie ist zermürbt von dauernden Geldsorgen und daher zeitweise gezwungen, sich zu prostituieren. Sie hofft auf einen Neuanfang im Tessin und zieht an den Monte Verità nahe dem Lago Maggiore, wo mehrere Aussteiger eine Kolonie gegründet haben.

Und im Frühjahr 1913, weniger als drei Jahre nach ihrem Fortgang, lässt sich ein gescheiterter Maler aus Wien, zerfressen von Kränkungen und Hass, am Rand des Künstlerviertels in der Schleißheimer Straße nieder: Adolf Hitler. Im August 1914 ist die Epoche der Kunststadt München endgültig beendet. Wie der fromme Fanatiker in Thomas Manns Erzählung prophezeit hat, erscheint ein Schwert über dem Ort: Der Erste Weltkrieg beginnt.

Ausländer wie Alexej von Jawlensky und Wassily Kandinsky müssen Deutschland umgehend verlassen. Gabriele Münter begleitet Kandinsky in die Schweiz (wo ihre Beziehung kurz darauf zerbricht). Zwei weitere Mitglieder des „Blauen Reiters“, Franz Marc und August Macke, melden sich freiwillig für den Kriegsdienst. Beide sterben bei den Kämpfen in Frankreich.

Daheim in München feiert währenddessen Thomas Mann – wie viele Intellektuelle – den Krieg, nennt ihn in einem Aufsatz „Reinigung“ und „Befreiung“. Und auch der „Simplicissimus“, der seit fast 20 Jahren die Stimme der Aufmüpfigen ist, der voller Witz die Obrigkeiten verspottet, lässt sich vom nationalistischen Taumel infizieren. Die Redaktion erklärt ihren Lesern, nun ganz ernst, in diesen Zeiten dürfe es eine Kritik an der Regierung „selbstverständlich“ nicht mehr geben.

##### 5. Heinrich Zille in Berlin. Gesichter der Großstadt

Heinrich Zille zieht als Kind mit seinen Eltern nach Berlin – wie Hunderttausende andere, die dort Arbeit suchen. Als 1908 sein erstes Buch mit Porträts der kleinen Leute und ihrer Lebensumstände erscheint, ist er als Zeichner längst berühmt. In der Reichshauptstadt säumen inzwischen prachtvolle Stadthäuser breite Boulevards, protzige Paläste die großen Plätze. Doch in den Hinterhöfen oder beim Kiesgrubenwärter, bei dem Zille seine Zigarre raucht, herrschen Armut und Kriminalität, Schmutz und Elend – die andere Seite der drittgrößten Metropole Europas

[![BA009470.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/ba009470.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/ba009470.jpg)


Vielleicht wird er einen Gang durch Berlins alten Stadtkern machen. Durch die schmalen Gassen des Krögel, in denen man Platzangst bekommt. Vorbei an den eng stehenden Häusern, von denen der Putz abblättert,vorbei an den Werkstätten und Remisen. Weiter in die dunklen Hinterhöfe, in denen die Mülleimer überquellen. Zu den finsteren Treppenaufgängen mit den ausgetretenen Stiegen.

Er wird ein paar Fotos machen. Oder ein paar schnelle Skizzen in den Block. Und dann in die Kneipe gehen, vielleicht in den „Lindengarten“ am Spree-Ufer. Oder in den „Nussbaum“ in der Fischerstraße, wo die entlassenen Häftlinge aus den Zuchthäusern Plötzensee und Sonnenburg ihre neue Freiheit feiern. Da wird das eine oder andere markante Profil zu finden sein. Eine Schlägervisage unter einer Ballonmütze. Ein zerschnittenes Gesicht. Oder er geht doch auf den Rummel im Charlottenburger Lietzenseepark. Ein paar schiefe Buden zeichnen, Frauen ohne Unterleib, mit großem Busen. Kinder, die sich vor der Bühne der Ringer drängeln. Die Zeitschriften mögen solche Bilder. Und Heinrich Zille braucht Geld. Ein Jahr zuvor, 1907, hat er seine Arbeit bei der „Photographischen Gesellschaft“ verloren. Nach 30 Jahren. Plötzlich war er kein Angestellter mehr, sondern freiberuflicher Presse- und Witzblattzeichner. Bekannt geworden ist der 49-Jährige durch seine Zeichnungen – nun müssen sie ihn und seine Familie auch ernähren.

Klagen kann er nicht. Soeben ist sein erstes Buch im Verlag der „Lustigen Blätter“ erschienen: „Kinder der Straße“, ein Album mit seinen Arbeiten. Auf dem Titel eine Hure, die von Polizisten weggeführt wird und wütend die Faust schüttelt. Das Buch ist ein gewaltiger Erfolg. Auch die Illustrierten und Witzblätter drucken seine Hinterhof- und Mietskasernengeschichten. Aber bitte nicht nur solche, die den Leser trübsinnig machen. Deftig, volkstümlich derb und heiter sollen sie schon sein. Die Zeitungen mögen eben am liebsten Erfolgsgeschichten, Aufsteigergeschichten – Berichte von kleinen Leuten, die sich als Kneipenwirte oder fliegende Händler selbstständig gemacht haben und erfolgreich sind. Geschichten, wie Zilles eigene: vom Armeleutekind zum bekannten Armeleutemaler. Denn die liefern den Beweis, dass man in Berlin etwas werden kann. Dass es in der Hauptstadt immer nur aufwärts geht.

**„BERLIN WIRD** Weltstadt“, hat rund 40 Jahre zuvor der Hausdiener Friedrich in der Lokalposse „Haussegen“ gespottet. „Schon wieder ein Haus eingestürzt, drei Menschen spurlos verschwunden und sechs neugeborene Kinderleichen an der Waisenbrücke gefunden. London und Paris können nicht mehr mit uns konkurrieren. Berlin wird immer größer.“ Um die Jahrhundertwende hat die Realität die Posse längst überholt. In nur drei Jahrzehnten ist die alte Residenz-, Beamten- und Garnisonsstadt nach der deutschen Reichsgründung 1871 zur modernsten und am raschesten wachsenden Metropole Europas geworden, zur Großstadt par excellence, zur Retorte der Modernität.

Vor den Augen der Zeitgenossen verändert sich Berlin in einer bisher nicht gekannten und für viele erschreckenden Geschwindigkeit. „Das Baufieber raste in den Adern der Stadt“, schreibt einer. Die Metropole wächst und wächst; sie erobert das Land ringsum und die innerstädtischen Grünflächen, wird unübersichtlicher, turbulenter, lauter. „Berlin ist Spekulation, ungesunde Tempobeschleunigung, die Stadt schießt hinein ins Auswärts, sie kommt nicht gütig oder werbend“, klagt später der Nationalökonom Alfons Goldschmidt. „Sie reißt Landstücke an sich, sie pfropft ihre Hässlichkeiten hinein.“

„Spree-Athen ist tot, und Spree-Chicago wächst heran“, meint der Großindustrielle und spätere Außenminister Walther Rathenau. Und Mark Twain hält Chicago im Vergleich mit Berlin für „geradezu ehrwürdig. Die Hauptmasse der Stadt macht den Eindruck, als wäre sie vorige Woche erbaut worden“. Rund um die Kapitale wachsen Schornsteine in die Höhe. Berlin ist das größte Industriezentrum Deutschlands, Standort von Borsig, der Agfa sowie der beiden Elektroriesen Siemens &amp; Halske und AEG – Unternehmen, die Berlin zur Welthauptstadt der Hochtechnologie gemacht haben. Die Produktionsanlagen werden so groß, dass sie ins Umland abwandern müssen.

Borsig verlegt die gesamte Produktion nach Tegel; hier sind fortan der Bau von Lokomotiven, von Dampfmaschinen, Kältemaschinen und Pumpwerken konzentriert. Neben dem Stahlwerk, der Gießerei, der Kesselschmiede, den Lokomotivwerkstätten entstehen ein eigenes Kraftwerk, ein eigener Hafen und eine eigene Wohnsiedlung für Angestellte und Facharbeiter: Borsigwalde. Siemens beginnt im Nordwesten Berlins mit dem Bau der „Siemensstadt“, einem Industrierevier mit Wohnstätten, Straßen, Brücken, Verkehrsverbindungen. Jahr für Jahr nimmt die Metropole Massen von Zuwanderern auf. Jeder Zweite in Berlin sieht aus, als wäre er eben erst aus dem Zug gestiegen – desorientiert und entschlossen zugleich. Der echte Berliner ist nicht in Berlin geboren. Der kommt aus Brandenburg, Ostpreußen und Schlesien. Viele Neuankömmlinge sind Juden aus den preußischen Provinzen oder aus den Ländern Osteuropas. Im Jahr der Reichsgründung hatte die neue Hauptstadt 826341 Einwohner; am 1. Dezember 1900 werden 1 888 848 Berliner gezählt. 1905 leben mehr als zwei Millionen Menschen in der Stadt.

Die viel zitierte Verdoppelung „Berlin! Berlin!“ steht für das Berliner Tempo. „Die elektrischen Wagen und die Trams bilden eine ununterbrochene Linie“, schreibt die Baronin Spitzemberg in ihr Tagebuch. „Wagen aller Art, Droschken, Drei- und Zweiräder zu Hunderten fahren neben-, vor-, hinterund oft aufeinander, das Läuten aller dieser Vehikel, das Rasseln der Räder ist ohrzerreißend, der Übergang der Straßen ein Kunststück für den Großstädter, eine Pein für den Provinzler.“ Die erste elektrische Straßenbahn der Welt startet 1881 in Lichterfelde. Der Fortschritt aber wird nicht von allen begrüßt: Biologen warnen vor magnetischen Feldern, die von der Oberleitung erzeugt würden und negativen Einfluss auf die menschlichen Körpersäfte nähmen. Tierschützer sagen ein Massensterben unter Vögeln voraus. Die neue, Zug um Zug eingeführte Stadtbahn ist Europas erste Hochbahn überhaupt. Unter ihren Ziegelarkaden richten sich Läden und Gastwirtschaften ein. Während oben die Züge rollen, bestellt man eine Etage tiefer die nächste Molle. 1896 ist mit dem Bau des U-Bahn-Netzes begonnen worden. Und trotz seiner hoch entwickelten Verkehrsmittel, trotz zehn Fernbahnhöfen ist Berlin eine der autoverrücktesten Städte Europas. 1902 muss der erste Polizist zur Verkehrsregelung auf den „Linden“ abgeordnet werden.

„Sähe ein Unbeteiligter, Ruhiger von irgendwoher hinein in dieses unablässige Rollen, Tuten, Drängen, Rufen, Scharren, Klingeln, in dieses Vorwärtsschieben und Umherwimmeln“, notiert ein Beobachter, „es müsste ihm vorkommen, als jage ein böser Dämon alle diese Menschen dort im Kreise umher.“ Nervosität und Übererregung sind die typischen Krankheiten der Großstadt. „Meyers Konversations-Lexikon“ attestiert den Berlinern ein „keckes, dreistes Auftreten“: Ein „ganz unangemessener Stolz auf B. und seine Herrlichkeit ist dem Berliner eigentümlich. Er glaubt steif und fest an das alte Anagramm des Namens B.“ Berolinum – lumen orbi. Berlin – Licht für die Welt. Berlin ist großspurig, bombastisch, prahlerisch und auf plumpe Weise protzig – geltungssüchtig wie sein Kaiser. „Der Parvenü der Großstädte und die Großstadt der Parvenüs“, spottet Walther Rathenau.

**ABER HIER IN BERLINS** Norden und Osten, auf der hässlichen Rückseite der lärmenden, aufstrebenden Stadt, in den heruntergekommenen Arbeitervierteln, wo geht es hier schon aufwärts? In den düsteren Stadtlandschaften von Zilles Kindheit hat sich nichts zum Guten geändert, seit er und seine Eltern nach Berlin gekommen sind. Neun Jahre alt ist Heinrich, als die Familie Zille im November 1867 aus Sachsen in Berlin eintrifft. Mit wenig Gepäck und wenig Geld. Aber der Hoffnung, in der schnell wachsenden Industriestadt eine Anstellung und eine gesicherte Existenz zu finden.

Wohnungen sind knapp, damals schon. Die Nachfrage übersteigt ständig das Angebot. Und eine skrupellose Grund- und Bauspekulation sorgt dafür, dass es auch so bleibt. Wer wie die Zilles kein Geld hat, der strandet in den Mietskasernenvierteln der ärmeren Vorstädte im Norden und Osten der Stadt, im Wedding oder in der Luisenstadt (im heutigen Kreuzberg), in Neukölln, in Friedrichshain. Oder es verschlägt ihn in das Gewirr schmaler und feuchter Gassen des Scheunenviertels nördlich des Alexanderplatzes, das als die verrufenste Gegend Berlins gilt. Hier ist die niederste Prostitution zu Hause, kleine Händler betreiben hier ein armseliges Gewerbe, und jüdische Einwanderer aus Russland oder Polen suchen hier eine erste Unterkunft. „Frauen mit bemalten Gesichtern, mit großen Schlüsseln in den Händen strichen herum wie in der Zosina-Wolja-Gasse in Stanislau oder in der Spitalna in Lemberg“, berichtet ein Besucher. „Juden gingen herum, gekleidet wie in Galizien, Rumänien und Russland.“

Die Familie Zille findet eine Unterkunft in der Andreasstraße, in unmittelbarer Nähe des Schlesischen Bahnhofs. Hier leben die ganz Armen, hier lebt das Lumpenproletariat. Eine Kellerwohnung, eine Stube, eine Küche. „Zerrissene Tapeten, dunkle Konturen, wo einst Bett und Schränke gestanden hatten. Blutflecke zerquetschter Wanzen und in der Ecke ein Packen Stroh, das sollte unser Bett sein“, erinnert sich Zille. Abweisend, zweckmäßig und eintönig, haben die Mietskasernen in der Tat viel gemein mit Soldatenunterkünften. Vier bis sechs Stockwerke sind sie hoch, quadratisch um einen Innenhof angelegt und sich in die Tiefe vervielfachend. Die Hinterhöfe sind düster und stickig, erfüllt vom Lärm der kleinen Handwerksbetriebe.

Das Klopfen, Hämmern und Sägen aus den Werkstätten übertönt den ganzen Tag hindurch Kindergeschrei und das Rufen und Schwatzen der Mütter. Hier stehen überquellende Mülleimer und oft auch der Abort. Nach der Berliner Bauordnung, die bis 1887 gilt, brauchen die Hinterhöfe nur eine Länge und Breite von je 5,30 Meter zu haben – so groß, dass der Spritzenwagen der Feuerwehr darin eben wenden kann. „Schmaler Hof, aber schön hoch“, lautet der Hinweis eines Hauswirts auf einer Zeichnung von Zille. „Kaum irgendwo in der Welt wohnt man so dicht; es ist, als ob nicht für Menschen Unterkunft geschaffen werden sollte, sondern für Maulwürfe“, ist in der Zeitschrift „Die Zukunft“ zu lesen. Die Wohnungszählungen von 1900 und 1905 bringen Zustände zutage, die den sozialdemokratischen Abgeordneten Albert Südekum zu dem Schluss kommen lassen: „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung geradeso gut töten wie mit einer Axt.“

Um 1895 leben in Berlin 43,7 Prozent der Bevölkerung in Wohnungen mit nur einem beheizbaren Zimmer, das in der Regel gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlafstube dient. Die Gemeinschaftstoilette auf dem Treppenpodest oder im Hof wird manchmal von mehr als 40 Personen benutzt. Licht und Luft kommen oft allein über Lichtschächte – wenn die Wohnung nicht gleich im lichtlosen Keller liegt. Drangvolle Enge herrscht überall. Kinder, Kranke, zwischendrin viel zu schnell gealterte Frauen, die als Heimarbeiterin etwas dazuverdienen versuchen. Für sieben Pfennig die Stunde, selten mehr, nähen sie für einen Zwischenhändler Kindermäntel mit Pelerinen oder Malerkittel. Bis zur Erschöpfung wird die auf Raten gekaufte Nähmaschine getreten. Oder sie fabrizieren Hüte, Kunstblumen, Knallbonbons oder – wie Zilles Mutter – Tintenwischer.

Um ihre Miete bezahlen zu können, sind viele gezwungen, in den ohnehin schon überfüllten Wohnungen „Schlafburschen“ aufzunehmen. Dann müssen die Kinder zusammenrücken, auf zusammengeschobenen Stühlen schlafen oder auf dem Fußboden, um Platz für den zahlenden Schlafgänger zu schaffen. Hier stinkt es nach Armut, nach verbranntem Kohl und billigem Schnaps, nach Schweiß und feuchten Wänden. Der Armenarzt behandelt Dirnen, die von Zuhältern geprügelt werden, und an Sommerdiarrhöe leidende Kinder – Folge verdorbener Milch und schlechter Luft in den überhitzten Mietskasernen. Er kümmert sich um Schwindsüchtige und Geschlechtskranke.

Die Mieten schießen, trotz dieser Zustände, ständig weiter in die Höhe. Als das Haus Hirschelstraße 14, in dem der Schriftsteller Theodor Fontane mit seiner Familie seit neun Jahren zur Miete lebt, an einen Bankier verkauft wird, erhöht dieser die Miete auf das Dreifache, obwohl das Gebäude eine abfallübersäte Ruine ist, mit einem Hof, der aussieht, „als könne er das ganze Geheimratsviertel mit Typhus versorgen“. Der empörte Autor übersiedelt in eine erschwinglichere Wohnung in der Potsdamer Straße, in ein Haus, das freilich ebenso heruntergekommen ist, bevölkert von Wanzen und „Schaben in kaum übersehbarer Heerschar“

Fontane ist nicht der Einzige, der aus Kostengründen die Wohnung wechselt. An den üblichen „Ziehtagen“, zum 1. April und 1. Oktober, herrscht stets ein reger Umzugsverkehr. Beladen mit ihren wenigen Habseligkeiten, ziehen die Berliner von einer trostlosen Wohnung in eine noch trostlosere – womöglich in einen Keller oder einen soeben fertig gestellten, noch feuchten Neubau. „Trockenwohner“ nennt man jene Mieter,die eine frisch verputzte Wohnung gerade so lange beziehen, bis sie ausgetrocknet genug ist und zahlungskräftigeren Mietern angeboten werden kann.

Viele fallen ganz durch die weiten Maschen des sozialen Netzes. Obdachlosen, die von einem der überfüllten Asyle abgewiesen werden, bleibt nur, bei „Mutter Grün“ zu nächtigen. An einem einzigen Tag, dem 30. Januar 1895, nimmt eine „Wärmehalle“, ein Tagesasyl für Obdachlose, 4000 Personen auf. In Zeiten verschärfter Wohnungsnot steigt die Zahl der Suizide. Wöchentlich veröffentlichen die Zeitungen die Liste der Selbsttötungen. In diesem Elend findet Heinrich Zille um die Jahrhundertwende seine Motive. Etwa die Heimarbeiterin, die für die Konfektion arbeitet. „Der Haussegen“ heißt eine Radierung, weil sich das Geschehen in der ärmlichen Stube genau unter dem an der Wand hängenden Bild „Haussegen“ ereignet. Das Ideal gesegneter Häuslichkeit will nur nicht passen zu dem hastigen Geschlechtsakt – der Hausverwalter treibt die Wochenmiete ein, die die Näherin nicht mit Geld bezahlen kann.

Auf einem anderen Bild der Schlafbursche, der genau in jenem Moment in die Wohnung tritt, als die halbwüchsige Tochter nackt im Waschbottich steht. Intimität gibt es hier nicht. Da ist die Mutter, die abends nebenbei als Prostituierte „klettern“ geht. Das kleine Mädchen, das prahlt, Blut in den Sand spucken zu können. Die junge Frau, die mit ihrem Kind ins Wasser gehen will – die billigste Methode des Selbstmords. „Mutter, isset ooch nich kalt?“, fragt das Kind. „Nee, lass man, die Fische leben ja ooch drin.“

**BERLIN IST EINE GETEILTE STADT.** Hier Zilles „Milljöh“, der triste, in seinem Elend verharrende Norden und Osten, das „dunkle Berlin“, dort der glänzende Westen, das Berlin der Aufsteiger.

Proper, blitzend und aufgeräumt präsentiert die junge Hauptstadt, die 1126 Straßenkehrer beschäftigt, ihre schmucke Seite. Und nirgendwo ist es so sauber, so blank wie Unter den Linden. Schaufenster prunken mit Luxusauslagen. Die Wände des Café Bauer hat der vom Kaiser so geschätzte Historienmaler Anton von Werner mit Szenen aus dem alten Rom bemalt. Zwischen Café Bauer und Pariser Platz machen sich „Palazzi prozzi“ breit: die Geschäftshäuser der Disconto- Gesellschaft, der Preußischen Central-Bodenkredit-AG, der Internationalen Eisenbahn-Schlafwagen-Gesellschaft. Und schließlich am Pariser Platz der Prunkbau des Hotel „Adlon“.

Bei seiner Eröffnung im Oktober 1907 schwärmen die Zeitungen von Suiten, die „halb Museum, halb Wohnzimmer“ seien, von der riesigen Hotelhalle mit der Büste Wilhelms II. Die moderne Sanitärtechnik wissen vor allem amerikanische Gäste zu schätzen. Zum Fünfuhrtee findet sich die Jeunesse dorée des wilhelminischen Berlin ein, um zu plauschen und zu flirten. „Laufstraße“ nennen die Berliner Unter den Linden, „Saufstraße“ die Friedrichstraße, „Kaufstraße“ die Leipziger Straße. In die Leipziger geht man zum „Shopping“ – „eine neue Sitte in Berlin“, wie das „Berliner Tageblatt“ berichtet, bei der die Damen „ohne die geringste Absicht des Kaufens sich die neuesten Kreationen vorlegen lassen“. Hier befindet sich das 1897 eröffnete Kaufhaus Wertheim mit seiner gotisch stilisierten Fassade, ein Tempel des Massenkonsums. Und schnell das populärste Bauwerk Berlins.

1907 ist über das Wertheim zu lesen: „Menschen zu fast jeder Tageszeit in ununterbrochenen Strömen; unabsehbare, immer neue Reihen von Verkaufsständen; ein Meer von Warenmassen, ausgebreitet; Treppen, Aufzüge, Etagen, sichtbar wie die Rippen eines Skeletts. Enge und Weite, Tiefe und Höhe; Farben, Glanz, Licht und Lärm.“ Die größte Sehenswürdigkeit aber ist der Kaiser: „Berlin jewesen – Kaiser jesehen.“ In der Lokalpresse und in Stadtführern wird angezeigt, wann und wo die Untertanen den Monarchen bestaunen können: an Festtagen bei Paraden und Denkmalsenthüllungen; alltags bei Ausritten Unter den Linden, meist zu fester Stunde. Oder er braust im Daimler- Wagen vom Schloss zum Brandenburger Tor. „Die kaiserlichen Automobile“, informiert der Baedeker, „sind elfenbeinfarbig und fallen durch ein melodisches Trompetensignal mit besonderem Zweiklang auf.“

Tausende von Berlinern stehen Spalier oder ziehen im Gleichschritt mit, wenn das Gardekorps zur Frühjahrsoder Herbstparade auf dem Tempelhofer Feld ausrückt. Und an der Spitze reitet Wilhelm II. Die Metropole trägt Gardeuniform. Walther Rathenau beschreibt den merkwürdigen Doppelcharakter Berlins als Stadt der Beharrung und des Wandels: „Ein überhitztes, tatsachenhungriges Großstadtleben, auf Technik und so genannte Errungenschaften gestellt, verlangte eine Repräsentation, die Rom und Byzanz, Versailles und Potsdam auf einer Platte vereinigt.“ „Militärtoll“ nennt eine französische Zeitung die Berliner. Reserveleutnant zu sein hebt die gesellschaftliche Reputation und fördert die Karriere. Der Herr pflegt seinen Schnurrbart à la Wilhelm II. Erste Adresse für den Schnurrbartträger mit den nach oben gezwirbelten Spitzen ist der Salon des Hofbarbiers François Haby in der Mittelstraße. Hier bringt man die stolze Manneszierde mit Pomade der Marke „Es ist erreicht!“ in Form. Wer im Glanz der Aristokratie stehen will, ersucht den König um ein Adelsprädikat – so mancher hilft mit einer Spende nach.

Im Königlichen Opernhaus wird zu gegebenen Anlässen die Macht des Reiches zur Schau gestellt. Im ersten Rang die hohe Generalität, das diplomatische Korps und die Hofchargen. In der Hofloge die Kaiserin in lilafarbener Samtrobe und der Kaiser in Galauniform. Die geladenen Damen mit vorgeschriebenem Dekolleté von 16 Zentimetern Tiefe. Die Kleiderordnung regelt die Garderobe bis hin zur Zahl der Knöpfe bei Uniformen und Hoftrachten. Der festlich gekleidete Herr trägt, à l’Ancien Régime, kurze Beinkleider, Seidenstrümpfe und leichte Schuhe. Die „besseren Kreise“ bauen jetzt im Grunewald, in Dahlem oder am Wannsee. Ein griechisch-italienisches Palais vielleicht, dessen Dekor-überladenes Mobiliar mehr zum Repräsentieren als zum Wohnen geeignet ist. „Hier ein assyrischer Tempelbau“, spottet Walther Rathenau, „daneben ein Patrizierhaus aus Nürnberg, weiter ein Stück Versailles, dann Reminiszenzen vom Broadway, von Italien, von Ägypten – entsetzliche Frühgeburten polytechnischer Bierfantasien.“ Wo zuvor ein Knüppeldamm durch sumpfiges Gelände führte, auf dem Kurfürsten, Könige und ihre Jagdgesellschaften zum Jagdschloss Grunewald ritten, ist nach dem Vorbild der Pariser Champs-Elysées eine Prachtstraße entstanden: der Kurfürstendamm. Die Protagonistin von Theodor Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“ konnte hier zu Beginn der 1870er Jahre noch kilometerlange Spaziergänge durch offenes Gelände machen.

Nun wohnen hinter pompösen Treppenaufgängen und Fassaden im „neuen Westen“ die Repräsentanten des alten wie des neuen Reichtums: Gutsbesitzer, Offiziere, Rittmeister, Generäle a. D., Bankiers, Fabrikanten, Kommerzienräte, Ärzte, Rentiers und Schauspieler. Hier hängen Schilder „Nur für Herrschaften!“, es gibt Nebeneingänge und Hintertreppen fürs Dienstpersonal, und man hat keinen „Hinterhof“, sondern einen „Gartenhof“. 1913 werden im „Jahrbuch der Millionäre“ allein 120 ganz Reiche am Kurfürstendamm registriert – und ungefähr noch einmal so viele in den umliegenden Straßen. Keine andere Einkommensgruppe wächst in diesen Jahren so rasch wie die der wirklich Vermögenden.

Aber auch für den Mittelstand werden neue Wohnviertel aus dem Boden gestampft – in Charlottenburg, Schöneberg, Wilmersdorf, Steglitz und Tempelhof, wo eben noch Rittergüter lagen. Der Bauwut weichen auch die Äcker der Schöneberger Kartoffelbauern, die der Verkauf zu Millionären macht. Der Mittelstand versucht zu zeigen, dass man „wer“ geworden ist – auch wenn er das Gold durch Talmi und den Marmor durch getünchtes Blech ersetzt. Und die angeklebten Gipsfiguren am Mietshaus mit Ölfarbe wasserfest machen lässt.

**EINE GERÄUMIGE** Dreizimmerwohnung im vierten Stock mit Küche und Balkon am nicht ganz so vornehmen Westrand von Charlottenburg: Sophie-Charlotten- Straße, Vorderhaus mit Blick bis zu den Ausläufern des Grunewalds. Vertiko, Sekretär, eine Kommode, überladen mit Krimskrams, Muscheln, Döschen, Nippes; Äffchen aus Gips neben Hühnchen aus Ton. Mozart- und Beethovenbüste; ein Vogelbauer für die Tigerfinken und Sittiche – mittelständischer Komfort, blitzsauber, Kleinbürgeridyll.

Hier wohnt, seit 1892, Heinrich Zille. „Meine erste eigene Wohnung war im Osten Berlins im Keller, nun sitze ich schon im Berliner Westen, vier Treppen hoch, bin also auch gestiegen“, schreibt er rückblickend. Zille, der Sozialaufsteiger. Vom Hinterhofkind zunächst zum Lithographenlehrling, der Fürsten, Generäle, Schlachten- und Heiligenbilder, Schutzengel und röhrende Hirsche kopiert: Kunst für arme Leute, die mit billigen Drucken den Geschmack der „besseren Kreise“ kopieren. Dann Aufstieg zum gut verdienenden Angestellten der Berliner „Photographischen Gesellschaft“, einer der führenden europäischen Kunstanstalten, die Reproduktionen alter Meister, aber auch zeitgenössischer Kunst vertreibt.

Vom Freizeitmaler, der in unbeholfenen Aquarellen seine Kinder und die Landschaft vor seiner Haustür festhält, zum Künstler, der Anfang der 1890er Jahre beginnt, Beobachtungen aus der Großstadt zu Papier zu bringen. Der sich angesprochen fühlt vom Naturalismus, einem Angriff auf die satte Borniertheit der Gründerjahre. Das ist etwas, was mit seiner Geschichte, mit seiner Herkunft zu tun hat. Gerhart Hauptmann, der die Not der schlesischen Weber schildert; Arno Holz, der bitteres Elend mit protzendem Reichtum kontrastiert; Max Kretzer, der drastisch die Elendsverhältnisse in Mietskasernen und Vorstadtdestillen schildert: All diese Autoren, die sich zum Naturalismus bekennen, entdecken nun die Hinterhöfe und Kaschemmen, die Krämerläden und Obdachlosenasyle, die Bordelle und Ganoventreffs.

Schaudernd und fasziniert zugleich, steigen sie „hinab“ zu den Pennern und Nutten, zu Zuhältern, Verbrechern und Alkoholikern. Einige leben – zumindest gelegentlich – in den Arbeitervierteln. Und kennt sich Zille in den lichtlosen Ecken Berlins nicht viel besser aus als diese Elendsausflügler? Hat er nicht selbst erlebt, was die milieusüchtigen Literaten nur beschreiben?

**NICHT HINABSTEIGEN** zu den Elenden, sondern die „unteren Stände“ aufrichten, sie emporheben: *Das* soll die Kunst nach dem Willen Wilhelms II. Der Kaiser fühlt sich zum obersten Kunstrichter berufen. Und Berlin ist die Bühne für sein ästhetisches Selbstverständnis und die Selbstdarstellung des Monarchen. Zur „schönsten Stadt der Welt“ soll die Hauptstadt werden. Er lässt Regierungsbauten und Kirchen errichten, Gefängnisse, Kasernen und Hospitäler. Allein 34 Gotteshäuser werden in den ersten 20 Regierungsjahren Wilhelms II. in Berlin gebaut. In der Hauptstadt geht die Scherzrede, es würden „jeden Mittwoch und Sonnabend Vormittag (von 10–12 Uhr) neue Kirchen eingeweiht oder, wenn zufällig keine neuen fertig seien, an ihrer Stelle Orgeln, Teppiche und dergleichen“.

Wilhelms besondere Liebe gilt Denkmälern. Und der „Denkmalssegen“ aus Marmor und Bronze, der sich über Berlin ergießt, ist beachtlich. Allein die Siegesallee, eine 1901 fertig gestellte Flaniermeile durch den Tiergarten, säumen 32 überlebensgroße Standbilder von Mitgliedern des Hauses Hohenzollern – in den Augen des Kaisers ein besonders gelungenes Beispiel seiner Bemühungen, das Berliner Stadtbild zu verschönern. Ein Stein gewordener Lehrpfad, ein Triumphweg aus des „Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse“ bis zum Deutschen Reich. Marmorbüste folgt auf Marmorbüste, vom Markgrafen Albrecht dem Bären zu den Königen Friedrich I. bis Wilhelm I. Ein persönliches Geschenk des Monarchen an die Stadt Berlin. Eine Denkmalsorgie, große Hohenzollernoper.

Was Wilhelm II. dagegen von der Armeleutekunst hält, verkündet er 1901 bei der Enthüllung der letzten Denkmäler der Siegesallee. Wenn diese Kunst, „wie es jetzt vielfach geschieht, nichts weiter tut, als das Elend noch scheußlicher hinzustellen, wie es schon ist, dann versündigt sie sich damit am deutschen Volke“ – indem sie „in den Rinnstein niedersteigt“. Rinnsteinkunst. Das zielt auf einen wie Zille. Vor allem aber auf die „Berliner Secession“ – jene Gruppe oppositioneller Künstler um Max Liebermann, die bald nach ihrer Gründung 1898 zur mächtigsten aller progressiven Kunstgruppierungen in der Hauptstadt aufgeblüht ist. In den jährlichen Präsentationen der Secession in der Kantstraße werden Werke von Künstlern gezeigt, die vom offiziellen Kunstbetrieb übergangen werden.

In ihrer Ausstellung „Zeichnende Künste“ im Winter 1901 ist auch Zille vertreten. Acht seiner Zeichnungen und zwei Radierungen hängen neben Arbeiten von Käthe Kollwitz oder Lyonel Feininger. Rückblickend berichtet Zille: „Und ich hörte, wie ein älterer Herr, wie es schien, Militär in Zivil oder Hauptmann an der Majorsecke, zu seiner Dame sagte: ,Der Kerl nimmt einem ja die ganze Lebensfreude!‘“ 1902 hat Zille seine erste Einzelausstellung. 1903 wird er in die Secession aufgenommen, auch wenn seine naturalistische Zeichenkunst nicht mehr den neuesten Moden entspricht: Der aus Frankreich herüberflirrende Impressionismus verkündet den Rückzug in eine private Genusswelt; und gegen die morbide Eleganz und ornamental stilisierte Kunst des Jugendstils wirken Zilles Werke hemdsärmelig robust.

Der aber bleibt bei seinem „Milljöh“. Er läuft Männern hinterher, die auf dem Weg in die Volksküche sind, und studiert Bewegungen und Gesichter. Er folgt Frauen über die Straße, beobachtet, wie sie die Röcke raffen, und zeichnet sie mit ausladenden Hinterteilen. Er schaut durch dunkle Torbögen, zu den Kindern mit ihren durchlöcherten Hosen und zerrissenen Strümpfen. Fotografiert übereinander gestapelte Kindersärge in einem Schaufenster. Mit immer sicherer werdendem Strich skizziert er Ladenfronten, Straßenecken, Schilderwände, dunkle Treppenhäuser, bröckelnden Putz und faulendes Holz – Bühnenbilder für künftige Zeichnungen. Vorlagen. Erinnerungsskizzen. Beweismaterial. Seine Themen sind Wohnen, Essen, Schlafen, Kinderkriegen, Altwerden, Sterben. Arbeitende Männer kommen in den Bildern selten vor. Die sind in der „Fabrikstadt, die im Westen niemand kennt und die vielleicht die größte der Welt ist“, wie Rathenau berichtet: „Nach Norden, Süden und Osten streckt die Arbeiterstadt ihre schwarzen Polypenarme, sie umklammert den schwächlichen Westen mit Eisenzähnen.“

Berlin hat Fabriken in allen Größen und einen nahezu unstillbaren Arbeitskräftebedarf. 321 800 Arbeiter, mehr als die Hälfte der Berufstätigen, sind 1907 in fast 17 000 Fabriken und Betrieben beschäftigt. Die „neuen“ Werktätigen sind auf Teilarbeiten spezialisiert, arbeiten als Bohrer, Fräser und Dreher. Akkord und Stempeluhr bestimmen häufig den Rhythmus. Die Fabriken werden wie Kasernen geführt. Nur wenige Konzerne wie Siemens oder AEG gewähren nach mehrjähriger Betriebszugehörigkeit und als besondere „Vergünstigung“ drei bis sechs Tage Urlaub. Dennoch: Die Situation hat sich, bei aller Reglementierung und Monotonie, für die Beschäftigten verbessert. Die Arbeitszeit verringert sich von zwölf Stunden täglich 1870 auf neun bis zehn im Jahr 1910. Auf dem Bau erkämpfen die Gewerkschaften Wochenlöhne bis zu 36 Mark. In bestimmten Branchen, etwa dem Druckereigewerbe, bildet sich eine „Oberschicht“ aus hoch spezialisierten Fachleuten, die über ein weit höheres Einkommen verfügt als ein normaler oder ungelernter Arbeiter, der selten mehr als 1000 Mark im Jahr erhält.

Für die Arbeiterbewegung interessiert sich Zille künstlerisch allerdings nicht – nicht für das „rote Berlin“, in dem die Sozialdemokraten seit 1903 fünf der sechs Berliner Reichstagswahlkreise halten. Er ist weder Mitglied einer Partei noch der Gewerkschaft. Zille ist ein Menschenfreund, kein Revolutionär. Seine Figuren haben fatalistische Neigungen und richten sich meist lebenstüchtig im Elend ein. Wenn gekegelt wird, dann hält es auch den Rollstuhlfahrer nicht mehr in seinem Gefährt. Und wer im Müll sein Auskommen suchen muss, bedient sich vom „Kempinskihaufen“.

**ES SIND DIESE** kleinen Fluchten aus dem Elend, die der Zeichner darstellt: ins Jrüne oder wenigstens in den Biergarten, in die Laubenkolonie, auf den Rummel, ins Freibad an der schmutzigen Spree oder an den Wannsee. Man macht Dampfer- und Kremserfahrten zu den vielen Garten- und Tanzlokalen an Berlins Seen. Der Berliner Zoo bietet an einem Sonntag im Monat verbilligte Eintrittskarten für 25 Pfennig an, sodass sich auch die Arbeiter und kleinen Angestellten in Massen durch das berühmte Elefantentor drängen. Vor allem aber die Kneipe ist Treffpunkt, Vereinslokal, Aufwärmmöglichkeit, Fluchtpunkt aus der häuslichen Enge und Rettungsinsel für die Alkoholiker. Nur in den Kneipen spielen die Männer bei Zille eine Hauptrolle.

Und nirgendwo gibt es wohl so viele Kneipen wie in der Friedrichstraße. „Neulich“, berichtet Mark Twain, „setzte ein Mann sein Geld darauf, dass es auf dieser Straße mehr Lokale gibt als Hausnummern – und er gewann. Es gibt 254 Nummern und 257 Lokale.“ Etwa den berühmten Pschorr-Palast, Ecke Behrensstraße. Schnell und billig essen kann man bei Aschinger, einem Filialunternehmen mit 40 Lokalen in der Stadt, vielleicht die erste Fast-Food-Kette. Hier hat man sich dem Tempo und der Zeitnot der Großstädter angepasst, gegessen wird im Stehen. Ein belegtes Brot für 10 Pfennig, ein Teller Erbsensuppe mit Speck für 30 Pfennig. In der Friedrichstraße konzentrieren sich auch die Nachtlokale, Tanzbars und Animierkneipen, die der Stadt den Ruf eines Sündenbabel eintragen, in das der brave Provinzler nur mit frommem Schauder (und heimlicher Sehnsucht) fährt.

„In der Nähe des Bahnhofs begann zur nächtlichen Stunde die Teufelsmagie“, berichtet ein Nachtschwärmer. Gruppen von Betrunkenen quellen aus den Lokalen. Auf dem Bürgersteig zieht ein „Strom von Frauenwaden, dicken und dünnen, und Männerbeinen, langen und kurzen, trippelnd, schlurfend, schiebend, stoßend, ständig auf und ab“. In der Friedrichstadt stehen die Huren. Sie tragen Federhüte, Federboas und hochgeschnürte Busen und schwenken ihre Taschen hin und her. 1900 gehen nach Schätzungen der Polizei in Berlin 20 000 Frauen der Prostitution nach. Ein großer Teil hat zuvor versucht, als Hausmädchen über die Runden zu kommen. Ihre Zuhälter gehören oft „Ringvereinen“ aus dem Halbweltmilieu an. Die organisieren kleinere Untergruppen, die sich auf Geschäftsfelder wie Drogenhandel, Prostitution oder Auftragsmord spezialisieren. Vereinsmitglied wird nur, wer mindestens zwei Jahre im Gefängnis verbracht hat. Und die Mitgliedschaft lohnt sich: Der Verein stellt nicht nur ausgezeichnete Rechtsanwälte. Wenn es sein muss, sorgt er dafür, dass wichtige Zeugen und Richter bestochen werden. Die Unterwelt trifft sich in der Kaffeeklappe in der Frankfurter Straße. Oder in der „Parochialritze“, auch so einem Gaunerladen.

**MITTEN UNTER** der zwielichtigen Kundschaft mit den bunten Krawatten sitzt einer, der nicht recht in die Kreise passen will. Es ist irgendwann mitten in den 1920er Jahren – Heinrich Zille ist, nach einem seiner langen Gänge durch die Stadt, wieder einmal in der „Parochialritze“ eingekehrt. Nicht nur geduldet wird Zille, oft sogar wird er eingeladen, wenn die Unterwelt feiert. Ein Außenseiter dennoch. Keiner, der dazugehört. Hier nicht. Aber schon lange auch nicht mehr zu den Armen und Absteigern, die er zeichnet.

Doch in den Künstlerkreisen, in der besseren Gesellschaft, ist er auch nicht richtig angekommen. Anfang 1924 wird Zille zwar zum Professor und Ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Künste gewählt, und alle Magazine und Zeitungen bringen Fotos von ihm. Aber noch immer verkauft er seine Zeichnungen, als wäre er ein Handwerker: Der Preis bemisst sich nach der Zeit, die er für ein Bild benötigt hat. Als Heinrich Zille am 9. August 1929 stirbt, sind ihm seine Figuren schon längst ein wenig abhanden gekommen. Weil es für die Zeitschriften schnell gehen musste, hat er immer häufiger bei sich selbst abgezeichnet. Und dass sich hinter den humorigen Bildern noch immer bitterer Ernst verbirgt, erkennen nur wenige.

Zille, das ist ein Markenname geworden für ein derbes, aber fröhliches, ursprüngliches Berlin. Nicht provokant, eher amüsant. Seit 1925 feiert Berlins feine Gesellschaft Zille-Bälle. Der Herr Bankdirektor gefällt sich als Ganove mit Ballonmütze und gemaltem Messerstich auf der Wange. Seine Frau spielt mit Netzstrümpfen und einem Ausschnitt, der alles verspricht, die Hure. Die Blaskapelle spielt eine Zille-Polonaise. Die Aufsteiger begeben sich Champagner trinkend für eine Nacht hinab in Zilles „Milljöh“. Nur Zilles Personal bleibt, wo es immer schon war, draußen, auf der dunklen Seite von Berlin.

##### 6. Industrialisierung und moderne Gesellschaft 

Im Kaiserreich erlebte Deutschland den Durchbruch zur modernen Industriegesellschaft. Die Industrialisierung ging einher mit massiven gesellschaftlichen Veränderungen. Wohnen, Bildung, Arbeit, Kultur: Vor allem Bürgertum und Arbeiterschaft lebten in sozial scharf voneinander getrennten Lebenssphären, es gab kaum Kontakt und Mobilität zwischen diesen Gruppen.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/sMKimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/sMKimage.jpeg)

<div class="spacer-horizontal__breakout" id="bkmrk-wohn--und-schlafraum"><figure class="detail-picture spacer-horizontal" style="text-align: justify;"><figcaption class="detail-picture__description">Wohn- und Schlafraum in der Manteuffelstraße 64 in Berlin, aufgenommen am 27.6.1910: Während die Mutter Knallbonbons fertigt, müssen die beiden Kinder helfen. Raummaße: 4,00m lang, 2,75m breit, 2,60m hoch. (© picture-alliance, ZB)</figcaption></figure></div>In der Zeit des Kaiserreichs erlebte Deutschland den Durchbruch zur modernen Industriegesellschaft. Industrie und Gewerbe, Handel und Verkehr drängten die Landwirtschaft immer stärker in den Hintergrund und wurden zur wesentlichen Triebkraft von wirtschaftlichem Wachstum und gesellschaftlichem Wandel.

<div class="detail-picture detail-picture--right text-content" id="bkmrk-in-lightbox-%C3%B6ffnen-."><figure class="detail-picture__figure"><div class="detail-picture__picture"><picture class="picture is-lazy is-active"><source media="(min-width: 900px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/7/163037_original.jpg?5CBD6"><source media="(min-width: 490px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/7/163037_article_side.jpg?7B3C1">![Im Leihhause. Gemälde, 1876, von Christian Ludwig.](https://www.bpb.de/cache/images/7/163037_article_side.jpg?7B3C1)</source></source></picture><button class="lightbox-toggle"><span class="a-visually-hidden" lang="de">In Lightbox öffnen</span></button></div><figcaption class="detail-picture__description">...und hier eine Szene aus einem Pfandleihhaus ("Im Leihhause" - Gemälde von Christian Ludwig, 1876) (© picture-alliance/akg)

</figcaption></figure></div>Der industrielle Kapitalismus brachte zugleich eine Klassengesellschaft hervor, die von marktabhängigen Erwerbsklassen mit ausgeprägten Gegensätzen insbesondere zwischen besitzendem Bürgertum auf der einen und lohnabhängigem Proletariat auf der anderen Seite geprägt war. Im Zuge der Hochindustrialisierung bildeten Wirtschaft, Kapital, Arbeit und Staat hochgradig organisierte Organisationsstrukturen aus, die das individuelle Gesellschaftsideal des klassischen Liberalismus zunehmend veraltet erscheinen ließen. Zugleich verschob sich der Schwerpunkt des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens immer mehr vom Lande in die expandierenden Städte, begleitet von einer dynamischen Modernisierung der Infrastruktur und der alltäglichen Lebensverhältnisse.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/SLCimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/SLCimage.jpeg)

**Die Industrialisierung**

Nachdem sich in der Zeit zwischen 1850 und 1870 die Startphase der deutschen Industriellen Revolution vollzogen hatte, trat das Kaiserreich in die Phase der Hochindustrialisierung ein. Die Zentren der industriellen Produktion in Mittel- und Südwestdeutschland, um Berlin und vor allem im Ruhrgebiet wurden immer größer und ökonomisch dominanter. Hier fanden nicht nur die Überschüsse einer rasch wachsenden Bevölkerung Beschäftigung, die zwischen 1871 und 1910 von 41 auf 65 Millionen anstieg. Die Industrialisierung rief vielmehr auch eine enorme Mobilität hervor, denn viele Menschen zogen auf der Suche nach Arbeit – wenn sie nicht gleich nach Übersee auswanderten oder als „Flugsand“ der Industrialisierung (Rudolf Braun) nirgendwo mehr sesshaft wurden – vom Lande in die expandierenden industriellen Zentren. Ihre Beschäftigtenzahl zog Mitte der 1890er Jahre mit der Landwirtschaft gleich und begann sie im frühen 20. Jahrhundert immer deutlicher zu überflügeln.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/87Fimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/87Fimage.jpeg)

Vor allem aber übertraf die industrielle Wertschöpfung die des primären Wirtschaftssektors bald immer deutlicher. Auch wenn die Zeitgenossen noch engagiert darüber diskutierten, ob Deutschland von einem Agrar- zu einem Industriestaat werden sollte: Ökonomisch war die Entscheidung Ende des 19. Jahrhunderts längst gefallen. Auf Textil-, Eisen- und Stahlproduktion als Leitsektoren der industriellen Entwicklung folgten nun die Chemie- und Elektroindustrie, mit der Deutschland endgültig vom Nachzügler zum Vorreiter der Industrialisierung in Europa wurde. Die Landwirtschaft dagegen, die mit dem forcierten Einsatz moderner Maschinen und Düngemittel selbst einen Prozess der Industrialisierung durchlief, aber trotzdem auf dem Weltmarkt gegenüber den amerikanischen und russischen Agrarpreisen ihre Konkurrenzfähigkeit verlor, litt nicht nur unter der Massenabwanderung ihrer Arbeitskräfte, sondern auch unter einer strukturellen Agrarkrise und forderte immer vehementer staatliche Schutzzölle.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/GJkimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/GJkimage.jpeg)

Auch die industrielle Dynamik stellte sich allerdings keineswegs als eine kontinuierliche, gar harmonische Aufstiegsentwicklung dar. Sie war vielmehr selbst von gravierenden Krisen und Konflikten begleitet. Auf den ökonomischen Boom der Reichsgründungszeit folgte 1873 die sog. Gründerkrise. Dabei handelte es sich um eine schwere, in Deutschland besonders einschneidend erfahrene Weltwirtschaftskrise, die bis Ende der 1870er Jahre anhielt und der in den 80er und 90er Jahren weitere schwere konjunkturelle Einbrüche folgten. Wenn viele Historiker sogar von einer Großen Depression der Weltwirtschaft zwischen 1873 bis 1895 sprechen, so ist darunter allerdings keineswegs ein allgemeiner Produktionsrückgang zu verstehen. Die Wachstumsraten verlangsamten sich vielmehr zeitweise durch rasch aufeinander folgende, krisenhafte Konjunktureinbrüche in einer insgesamt weiterhin wachsenden Wirtschaft. Mitte der 1890er setzte dann auch in Deutschland wieder eine lange anhaltende Aufschwungsphase ein, die nur zwischen 1906 und 1908 von einem kurzen Produktionsrückgang unterbrochen wurde.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/5KNimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/5KNimage.jpeg)

Diese Phase der Hochindustrialisierung brachte zugleich einen weiteren einschneidenden Strukturwandel mit sich. Angesichts der notwendigen Investitionen in die Entwicklung moderner Großunternehmen gewann das Finanzkapital eine wachsende Bedeutung. Die traditionellen Familienbetriebe wurden zunehmend von Aktiengesellschaften abgelöst und immer mehr von Managern als von Besitzern geleitet. Fabriken und Betriebe wuchsen rasant, zugleich entstanden Konzerne, die mit der Bildung von Syndikaten und Kartellen weitreichende Konzentrationsprozesse einleiteten und monopolartige Stellungen entwickeln konnten. Diese Entwicklung zum „Organisierten Kapitalismus“ (Rudolf Hilferding) wurde begleitet von einer immer ausgeprägteren staatlichen Interventionspolitik, die in der Schutzzollpolitik nur ihren deutlichsten Ausdruck fand. Die Zentralisierungsprozesse des industriellen Kapitalismus prägten aber auch die Entwicklung der Gewerkschaften als Vertretung der Arbeiterschaft, die sich nach dem Auslaufen der Sozialistengesetze 1890 nicht nur in der Generalkommission der Freien Gewerkschaften zusammenschlossen. Auch die Einzelgewerkschaften entwickelten sich von anfangs oft lokal organisierten Berufsverbänden über Branchengewerkschaften zu umfassenden, national agierenden Industrieverbänden. Diese Industrieverbände organisierten alle Arbeiter von großen Industriesparten wie etwa der Metallindustrie oder der Textilindustrie.

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**Die industrielle Klassengesellschaft**

Die Industrialisierung führte zur Ausbildung einer modernen Klassengesellschaft mit nicht nur in ökonomischer Hinsicht deutlich unterschiedenen Erwerbsklassen. Vor allem Bürgertum und Arbeiterschaft lebten auch in sozial scharf voneinander getrennten Lebenssphären mit höchst unterschiedlichen Wohnverhältnissen, Bildungsinstitutionen und kulturellen Lebensformen, zwischen denen im Kaiserreich vergleichsweise wenig Kontakt und Mobilität bestand. Stattdessen rückte der Klassenkonflikt zwischen Kapital und Arbeit mit der fortschreitenden Industrialisierung immer stärker ins Zentrum des gesellschaftlichen und politischen Lebens, bestärkt noch durch einen als parteiisch wahrgenommenen „Klassenstaat“. In der Arbeiterschaft bildete sich ein wachsendes Klassenbewusstsein aus, das nicht zuletzt von der Erfahrung getragen war, dass angesichts geringer Aufstiegschancen die Zugehörigkeit zu dieser Klasse über Generationen ‚vererbt’ wurde. Das „geborene Proletariat“ (Hartmut Zwahr) erkannte immer deutlicher seine gemeinsamen sozialen und politischen Interessen, organisierte sich in Gewerkschaften, eigenen Konsum- und Bildungsvereinen sowie in der sozialdemokratischen Partei, die gemeinsam eine starke sozialdemokratische Gegenkultur ausbildeten. Gewerkschaften bildeten sich zwar mit unterschiedlichen weltanschaulichen Ausrichtungen. Doch wie stark betont klassenkämpferische, streikorientierte Ausrichtungen in der Arbeiterschaft verbreitet waren, zeigt die unterschiedliche Mitgliederentwicklung an: Während die sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften am Vorabend des Ersten Weltkrieges 2,5 Millionen Mitglieder organisierten, kamen die wirtschaftsfriedlich orientierten christlichen und liberalen Gewerkvereine zusammen nicht einmal auf eine halbe Million.

Den Gewerkschaften standen Unternehmer und ihre Verbände gegenüber, die sie lange nicht als gleichberechtigte Kontrahenten akzeptieren wollten. Insbesondere in den schwerindustriellen Großbetrieben herrschte ein Herr-im-Haus Standpunkt vor, der jede gewerkschaftliche Betätigung ablehnte und aktiv zu verhindern suchte. Unternehmen wie Krupp etwa organisierten eigene „gelbe“ Betriebsgewerkschaften, die auf das Unternehmensinteresse verpflichtet waren. Und sie verfolgten sozialdemokratisch orientierte Arbeiter mit schwarzen Listen, auf denen alle diejenigen verzeichnet waren, die keine Beschäftigung mehr finden sollten. Trotz einer Vielzahl von Arbeitskämpfen mit Streiks und Aussperrungen, die teilweise zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führen konnten, kam so der von den Gewerkschaften angestrebte Abschluss von verbindlichen Tarifverträgen nur langsam voran: Am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren erst 1.4 Millionen Beschäftigungsverhältnisse tarifvertraglich geregelt, überwiegend in kleinen und mittelständischen Betrieben.

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Allerdings darf man sich trotz dieser Klassentrennung weder das Bürgertum noch die Arbeiterschaft als homogene, gar die ganze Gesellschaft beherrschende soziale Formationen vorstellen. In der Arbeiterschaft gab es eine ausgeprägte Hierarchie zwischen relativ gut verdienenden Facharbeitern auf der einen und wesentlich schlechter gestellten an- oder ungelernten Arbeitern auf der anderen Seite; hinzu kam ein beträchtlicher Anteil von schlechter gestellten und entlohnten Arbeiterinnen. Eine besondere Rolle spielten ferner die Hausangestellten und die Landarbeiter, die eigene Lebenszusammenhänge aufwiesen und sich zumeist nicht dem industriellen Proletariat zugehörig fühlten. Schließlich gab es auch eine ausgeprägte Migration insbesondere der unteren Bevölkerungsschichten, die auf Suche nach Arbeit und Lebensmöglichkeiten nicht nur in großer Zahl nach Übersee auswanderten, sondern auch aus den ländlichen Gebieten des Reiches in die industriellen Ballungsräume abwanderten.

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Die Kerngruppen des Bürgertums waren ebenfalls in ihrer sozialen Lage keineswegs einheitlich gestellt. Hier handelte es sich zum einen um akademisch gebildete Bürger im gehobenen Staatsdienst, in der Wissenschaft und den freien Berufen, das sog. Bildungsbürgertum, und zum anderen um das sozial und auch politisch immer stärker in den Vordergrund tretende wirtschaftliche Großbürgertum, von dem die neuen industriellen Großunternehmen geleitet wurden. Sie machten zusammen allerdings nur wenige Prozent der Bevölkerung aus, und sie mussten ihren gesellschaftlichen Führungsanspruch mit einem Adel teilen, der noch immer einen privilegierten Zugang zu den Schalthebeln der staatlichen Macht besaß. Zum Bürgertum zählten sich ferner die selbständigen mittelständischen Gewerbetreibenden, der kleinbürgerliche, sog. alte Mittelstand, der allerdings an Prestige, Einfluss und Einkommen mit dem Großbürgertum nicht Schritt halten konnte. Hinzu kamen viele weitere Zwischengruppen mit gehobener, aber nicht universitärer Bildung und bald auch der sog. neue Mittelstand, die schnell expandierende Gruppe der Angestellten, die vor allem die Technisierung der Bürotätigkeiten und Kommunikationsformen trugen, aber auch als leitende Angestellte in die Leitung von Wirtschaftsunternehmen aufsteigen konnten.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/894image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/894image.jpeg)


**Technisierung, sozialer Wandel und gesellschaftliche Modernisierung**

Die moderne Wirtschaft spielte sich immer weniger nur im Produktionsbereich ab und war zunehmend auf Bürotätigkeiten in Verwaltung, Kommunikation und Dienstleistung angewiesen. Während es 1882 im Kaiserreich insgesamt nur 307.000 Angestellte gab, wuchs ihre Zahl in den folgenden 25 Jahren auf mehr als das Vierfache, auf etwa1,3 Millionen Beschäftigte an, wozu auch ein starker Anstieg von jungen Frauen beitrug, die in Büros und Telegrafenämtern als zumeist schlechter bezahlte weibliche Angestellte tätig wurden. Obwohl abhängig beschäftigt, unterschieden sich die Angestellten in ihrem sozialen Status deutlich von der Arbeiterschaft: Sie arbeiteten in Büros und erhielten ein festes Monatsgehalt anstelle des leistungsabhängigen Wochenlohns der Arbeiter, die Arbeitszeiten waren kürzer, die Arbeitsgestaltung selbständiger, die Verantwortung und auch die Aufstiegschancen größer. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Angestellten vielfach ihren Unterschied zur industriellen Arbeiterschaft betonten und sich sozial am Bürgertum orientierten, dessen Lebensstil sie zu imitieren versuchten. Dabei wurden sie auch vom Staat unterstützt, der 1911 eine eigene Angestelltenversicherung mit besseren Bedingungen als in den Sozialversicherungen der Arbeiter einrichtete. In sozialer und kultureller Hinsicht wurden die Angestellten zu Trägern einer Reihe von Modernisierungsprozessen. Sie orientierten ihre Familienplanung zunehmend an der Kleinfamilie mit zwei Kindern, sie bemühten sich um Bildung und sozialen Aufstieg, und sie wurden zugleich zur wichtigen Trägergruppe für eine wachsende Freizeitkultur.

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Um die Jahrhundertwende bildeten sich vor allem in den Industriegebieten und Städten generell neuartige, immer stärker von der Technisierung aller Lebensbereiche geprägte Verhältnisse aus. Sie brachten einerseits vielfältige Umweltprobleme wie die Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden mit sich, die erst einmal vor allem auf der Ebene eigentumsrechtlicher Konflikte ausgetragen wurden. Aber auch vielfältige zukunftsweisende technische Neuerungen prägten zunehmend das öffentliche Leben. Kommunale Wasser-, Gas- und Elektrizitätswerke sorgten nicht nur im öffentlichen Leben, sondern zunehmend auch im privaten Bereich für künstliches Licht und fließendes Wasser. Die Eisenbahnen, deren Bau die Schwerindustrie zum industriellen Leitsektor hatten werden lassen, ermöglichten eine bisher ungekannte regionale Mobilität. Elektrische Straßenbahnen beschleunigten den öffentlichen Nahverkehr, und in den Großstädten kamen Untergrundbahnen hinzu. Ihre aufeinander abgestimmten Fahrpläne bestimmten auch in wachsendem Maße die Taktung des öffentlichen Lebens, deren grenzüberschreitende Formen schon 1884 zur weltweiten Einführung standardisierter Zeitzonen führte. Auch die ersten Automobile begannen die Straßen zu beleben, und in der Kommunikation setzten Telegraf und Telefon zu ihrem Siegeszug an.

Die moderne, technisierte Großstadtkultur wurde zur Grundlage für vielfältige fortschrittsoptimistische Visionen, die „in unserer alles überholenden Zeit“, wie der Journalist Arthur Brauner 1910 formulierte, ein Bild „so großer Verheißungen voll“ entwarfen. Aber sie verband sich für viele auch mit kulturpessimistisch gedeuteten Verlusterfahrungen natürlicher Lebenszusammenhänge, die sich in einer verbreiteten Großstadtfeindschaft und Agrarromantik bündelten. Und das zeitgenössische Bild der Großstadt war auch mit einer Modernisierung der Kriminalität wie ihrer Bekämpfung verbunden. In Berlin etwa entstanden die sog. Ringvereine, die in modern organisierter Form Diebstahl, Hehlerei und Prostitution zu ihrem Geschäft machten, während die Polizei ihrerseits moderne Methoden der Überwachung zu entwickeln versuchte. Zugleich entstanden neue, moderne Krankheitsbilder. Das Nervenkostüm vieler Menschen schien der wachsenden Geschwindigkeit, dem Lärm und der Hektik der industrialisierten Gesellschaft oft nicht mehr gewachsen zu sein, die Nervenkrankheit „Neurasthenie“ griff um sich und wurde zum Kennzeichen eines „Zeitalters der Nervosität“ (Joachim Radcakau).

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##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Ullrich, Volker: Lärmbelästigung um 1900. Quietschen, hupen, fauchen, in: Zeit online, online verfügbar seit 12.06.2013 unter: [https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/02/theodor-lessing-laerm-kaiserreich/komplettansicht](https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/02/theodor-lessing-laerm-kaiserreich/komplettansicht), zuletzt geprüft am 16.02.2026.

-&gt; Strohmeyer, Klaus: Urbanisierung im Deutschen Reich, in: LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 15.06.2022 unter: [https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/urbanisierung-im-deutschen-reich](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/urbanisierung-im-deutschen-reich), zuletzt geprüft am 16.03.2026.

-&gt; Strohmeyer, Klaus: Warenhäuser, in LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 14.09.2014 unter: [https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/warenhaeuser](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/warenhaeuser), zuletzt geprüft am 16.03.2026.

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt; Fischer, Oliver: München um 1900. Die leuchtende Stadt, in: Bayern. Die Geschichte eines ganz besonderen deutschen Staates. (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 92), Hamburg 2018, S. 76-87.

-&gt; Moser, Ulrike: Heinrich Zille in Berlin. Gesichter der Großstadt, in: Deutschland um 1900. Von Bismarck bis Wilhelm II.: Aufstieg und Fall des Kaiserreichs (GEO Epoche Jg. 2004, Heft Nr. 12), Hamburg 2004.

-&gt; Kruse, Wolfgang: Industrialisierung und moderne Gesellschaft, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 02.02.2026 unter: [https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/139649/industrialisierung-und-moderne-gesellschaft/](https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/139649/industrialisierung-und-moderne-gesellschaft/), zuletzt geprüft am 22.08.2026.

# Die Frauenbewegung im Kaiserreich

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Frauenbewegung. Frauen an die Macht.

##### 1. Frauenbewegung. Frauen an die Macht. 

Jahrtausendelang bleiben Frauen von Herrschaft und Politik weitgehend ausgeschlossen. Auch als das Volk mehr Mitsprache gewinnt, erhalten zunächst nur Männer eine Stimme: Die Hälfte der Menschen wird in Unmündigkeit gehalten. Und so ist es vielleicht die größte Revolution von allen, die um 1900 auch im Deutschen Kaiserreich entbrennt: der Kampf der Frauen für ihr Wahlrecht

[![9f053394-57de-4122-9486-3e77bf0ca0b3-e1707134971308.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/9f053394-57de-4122-9486-3e77bf0ca0b3-e1707134971308.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/9f053394-57de-4122-9486-3e77bf0ca0b3-e1707134971308.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-k%C3%84mpferisch-schwingt"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">KÄMPFERISCH SCHWINGT die gezeichnete Vorstreiterin auf einem Plakat der Frauenbewegung von 1914 ihre Fahne. Die Aktivistinnen im Kaiserreich organisieren vereinzelt Demonstrationen (rechts) – vor allem aber setzen sie sich mit Zeitungsartikeln und in einer Vielzahl von Vereinen für ihre Forderungen ein</figcaption></figure>Es ist nur ein schmales Büchlein. Doch was der Leipziger Nervenarzt Paul Julius Möbius hier auf 23 Seiten über Frauen behauptet, liest sich so ungeheuerlich, dass es Hedwig Dohm in Rage bringt. „Wären Flüche nicht aus der Mode, und wäre ich Fanatikerin genug, mich ihrer zu bedienen, so wüsste ich einen Fluch, wie gemacht für den Entdecker des weiblichen Schwachsinns“, tippt die Schriftstellerin voller Wut in die Tastatur ihrer Schreibmaschine. Der Essay, der sie empört, heißt „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ und ist im Jahr 1900 ein Bestseller im Deutschen Kaiserreich.

Beim „Weib“ seien wichtige Gehirnteile schlechter entwickelt als beim männlichen Geschlecht, heißt es darin. Daher handele die Frau instinktgetrieben, unselbstständig, ja tierähnlich, könne Gut und Böse nicht unterscheiden. Das Lernen sei ihr zuwider, übermäßige Gehirntätigkeit mache sie krank. „Gelehrte und künstlerische Frauen sind Ergebnisse der Entartung“, schreibt der Mediziner. Ihre einzige Bestimmung sei die Mutterschaft. Dreimal wird das vermeintlich wissenschaftliche Pamphlet innerhalb eines Jahres aufgelegt. Doch Hedwig Dohm hat klar erkannt, dass die Nachfrage vor allem eines zeigt: Die „Antifeministen“, so nennt die Schriftstellerin Männer wie Möbius, haben Angst. Sie fürchten den Wandel, der in der Luft liegt.

Denn überall in Deutschland ist in den vergangenen Jahren die Frauenbewegung erstarkt. Aktivistinnen haben sich in Vereinen zusammengeschlossen, fordern in Zeitungsartikeln und auf Kongressen bessere Bildung und mehr Rechte. Seit Kurzem gibt es an einigen Universitäten die ersten Studentinnen. Und diese „Fraueninvasion in das Reich der Männer“, weiß Dohm, lässt viele Männer um den Verlust der Macht bangen. Die Schriftstellerin ist eine jener von Möbius Verdammten, die nicht mehr nur Ehepartnerin und Mutter sein wollen. Und setzt sich wortmächtig in Zeitungsartikeln gegen den Arzt zur Wehr, als den Inbegriff des Mannes, „der meine Entrechtung für alle Ewigkeit festhalten will, der das Weib nur als Durchgang zum eigentlichen Menschen – als Gebärerin des Mannes – gelten lässt“.

[![7eab2643-02ba-473b-b83f-23c4eb59d8b1.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/7eab2643-02ba-473b-b83f-23c4eb59d8b1.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/7eab2643-02ba-473b-b83f-23c4eb59d8b1.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-das-ziel-eines-lange"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">DAS ZIEL eines langen Ringens: Im Januar 1919 können Frauen das erste Mal für ein deutsches Parlament votieren (Bürgerinnen vor einem Berliner Wahllokal, rechts)</figcaption></figure>Seit Jahrzehnten ist die zierliche Intellektuelle mit den durchdringenden braun-grünen Augen eine der radikalsten Kämpferinnen für die Rechte ihres Geschlechts. Allen Anfeindungen zum Trotz hat sie bereits um 1875 verlangt, was damals niemand sonst öffentlich zu fordern wagte: das Wahlrecht für Frauen.

Mit der Zeit haben zwar in etlichen Ländern immer mehr Menschen politische Mitsprache erhalten – allerdings fast überall nur Männer. Nun aber scheint in Deutschland und anderswo eine Revolution so nah wie nie zuvor, die vielleicht gewaltigste Umwälzung in der Geschichte der Demokratie: Auf einen Schlag würde sie die Hälfte der Bevölkerung aus der politischen Unmündigkeit befreien, ihr eine Stimme geben. Es wäre eine Revolution ohne Anführerin, getragen von einer Bewegung Hunderttausender Aktivistinnen aus fast allen gesellschaftlichen Schichten. Eine Revolution, in der die Frauen nicht mit Kanonen oder Gewehren kämpfen – sondern mit jenen Geistesgaben, über die sie aus Sicht von Männern wie Möbius gar nicht verfügen: Beharrlichkeit, Verstand und Organisationsgabe. Nicht nur in Deutschland hat die Unterdrückung der Frauen eine jahrtausendealte Tradition. Seit jeher gilt in weiten Teilen der Welt das Gesetz des Mannes, haben sich Töchter dem Vater unterzuordnen, Ehefrauen ihrem Gatten. Mitunter gelangen dennoch Herrscherinnen an die Macht, etwa weil ein Sohn als Thronfolger fehlt – oder zunächst zu jung ist, um zu regieren. Doch an der Stellung ihres Geschlechts vermögen auch sie nichts zu ändern.

Zwar erheben im Lauf der Zeit einzelne Frauen ihre Stimmen gegen das Diktat des Patriarchats. Wie etwa die reichen Römerinnen, die im Jahr 42 v. Chr. gegen eine Sonderabgabe demonstrieren, die sie zur Finanzierung eines Krieges leisten müssen. „Warum sollten wir Steuern zahlen“, sagt die Wortführerin, „wenn wir nicht an den Ehren, der Macht und der Regierung beteiligt sind, für die ihr gegeneinander mit so verheerenden Folgen antretet?“ Oder die französische Schriftstellerin und Lyrikerin Christine de Pizan, die im Mittelalter auf die verkannten Fähigkeiten der Frauen hinweist: In ihren Schriften wehrt sie sich um 1400 gegen die Geringschätzung ihres Geschlechts und fordert den Zugang zu Bildung. Doch erst während der Französischen Revolution beginnen Frauen sich als Bewegung zu formieren. Etliche von ihnen gehören zu den Aufständischen, die 1789 gegen die Monarchie aufbegehren; dennoch sieht die zwei Jahre später eingeführte neue Verfassung für sie keine Mitbestimmung vor.

Viele Französinnen wollen das nicht hinnehmen: Sie gründen politische Klubs, um sich zu organisieren, tragen Hosen und wie männliche Revolutionäre die rote Jakobinermütze, fordern öffentlich das Wahlrecht. Besonders wortgewandt und entschlossen tut sich dabei die Schriftstellerin Olympe de Gouges hervor. Sie verfasst eine „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, in der es heißt: „Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Mann in allen Rechten gleich.“

**Hedwig Dohm**

[![6ffe1ced-2db9-4fb7-837f-6b8e9c969a80.jpg.webp](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/6ffe1ced-2db9-4fb7-837f-6b8e9c969a80-jpg.webp)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/6ffe1ced-2db9-4fb7-837f-6b8e9c969a80-jpg.webp)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-die-gelernte-lehreri"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">DIE GELERNTE LEHRERIN und Berliner Intellektuelle (1831–1919) zählt zu den radikalsten Stimmen der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung. 1875 fordert sie Unerhörtes: die kompromisslose Gleichberechtigung der Geschlechter</figcaption></figure>
[![9661a175-0fa8-4aa6-9af0-3e290bb583f9.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/9661a175-0fa8-4aa6-9af0-3e290bb583f9.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/9661a175-0fa8-4aa6-9af0-3e290bb583f9.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-mutterschaft-ist-f%C3%BCr"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">MUTTERSCHAFT ist für die Gegner der Gleichberechtigung lange ein Vorwand, um Frauen die Teilnahme an Politik zu verwehren. Das ändert sich nun (Wahlplakat von 1918)</figcaption></figure>Doch diese Haltung stößt bei vielen Revolutionären auf Ablehnung. Und als in Paris immer radikalere Kräfte an Einfluss gewinnen, stirbt die Vorkämpferin der Frauenrechte am 3. November 1793 wegen „Verrats an der Volksherrschaft“ unter der Guillotine. Die Idee der Gleichberechtigung aber lebt weiter. Vor allem in Frankreich und in Großbritannien erkennen Frauen im frühen 19. Jahrhundert Olympe de Gouges’ Erklärung als Pionierwerk an, treten auch erste männliche Denker in Büchern und Artikeln für die Emanzipation ein.

**Louise Otto-Peters**

[![9ae14377-2e66-4079-ae7f-b955b6cf7404.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/9ae14377-2e66-4079-ae7f-b955b6cf7404.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/9ae14377-2e66-4079-ae7f-b955b6cf7404.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-mit-der-gr%C3%9Cndung-des"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">MIT DER GRÜNDUNG des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 1865 in Leipzig legt die Tochter aus wohlhabendem Haus (1819–1895) das Fundament des Aktivismus</figcaption></figure>Dann kommt es auch in den deutschen Landen zu einem Umsturz, der den Frauen Hoffnung bringt – und sie dennoch bitter enttäuscht. Hunderte, vielleicht Tausende rebellieren in der Revolution von 1848 Seite an Seite mit den Männern gegen die Fürstenherrschaft (siehe Seite 96). Sie sind als Kurierinnen und Sanitäterinnen im Einsatz, schleppen Steine für den Barrikadenbau und kämpfen in manchen Fällen mit der Waffe in der Hand. Doch als im Mai 1848 das erste gesamtdeutsche Parlament zusammentritt, ist keine einzige weibliche Vertreterin unter den rund 600 Abgeordneten. Und die Verfassung, die sie formulieren, gesteht allein Männern das Wahlrecht zu. Frauen dürfen den Debatten lediglich auf den Tribünen beiwohnen.

Mit dieser Zuschauerinnenrolle will sich Louise Otto nicht begnügen. Ihre vermögenden Eltern sind früh gestorben, daher verfügt die 29-Jährige über Geld. Im April 1849 gründet sie im sächsischen Großenhain die „Frauen-Zeitung“ – die erste feministische Publikation Deutschlands. „Wohlauf denn, meine Schwestern“, schreibt sie in der ersten Ausgabe, „wir wollen unser Teil fordern: das Recht der Mündigkeit und Selbstständigkeit im Staat.“ Das Blatt ist ein großer Erfolg: Bald wird die „Frauen-Zeitung“ auch außerhalb Deutschlands gelesen, erreichen Louise Otto begeisterte Zuschriften aus der Schweiz, Frankreich und sogar den USA. Aber als die deutsche Revolution schon im Sommer 1849 scheitert, ersticken die Fürsten jede kritische Regung mit Zensur. Frauen ist es nun fast überall verboten, Vereinen mit politischen Zielen anzugehören oder Zeitungen herauszugeben.

Auch Louise Otto muss 1852 schließlich aufgeben. Statt politischer Schriften veröffentlicht sie in den folgenden Jahren historische Romane und Zeitungsartikel über Musik und Theater. Doch sie bleibt ein radikaler Freigeist – und wartet auf ihre nächste Chance. Zunächst aber scheint aller Aufbruchsgeist verschwunden. Im Gegenteil: Die Industrialisierung, die Mitte des 19. Jahrhunderts allmählich die deutschen Lande erfasst, trennt die Geschlechterrollen im Bürgertum sogar noch schärfer als je zuvor. Während Männer Fabriken führen, etwa in Kohlebergbau und Stahlproduktion investieren oder als Angestellte in Kontoren arbeiten, beschränkt sich die Lebenswelt der Frauen nun vor allem auf das eigene Heim. Während sie früher häufiger an den Geschäften ihrer Ehemänner beteiligt waren, gilt für Bürgerinnen Arbeit jetzt als unschicklich. Sie kümmern sich um ihre Kinder, wohlhabende Damen weisen das Dienstpersonal an. Laut Gesetz dürfen sie weder Eigentum besitzen noch einen Betrieb führen, sind ihrem Gatten zu Gehorsam verpflichtet.

Mädchen besuchen in der Regel lediglich bis zum Alter von 14 Jahren die Volksschule: Allein Töchter vermögender Familien können an einer Privatschule weiterlernen und sich zur Lehrerin ausbilden lassen – dem einzigen bürgerlichen Frauenberuf. Doch wenn eine Pädagogin heiratet, verliert sie automatisch ihre Anstellung, um ihrer vermeintlich wahren Berufung als Ehepartnerin und Mutter nachgehen zu können. Frauen der Unterschicht hingegen sind oft sogar zur Arbeit gezwungen, um den kargen Lohn ihrer Männer aufzubessern. Hunderttausende weibliche Werktätige schuften in Fabriken oder als Tagelöhnerinnen in der Landwirtschaft. Doch sie erhalten höchstens die Hälfte des Männerlohnes. Zudem gibt es keinen Mutterschutz; Schwangere müssen oft bis kurz vor der Niederkunft arbeiten. Nirgends in den deutschen Landen gibt es eine Organisation, die sich für die Rechte von Frauen einsetzt. Erst im Jahr 1865 eröffnet sich endlich eine Gelegenheit.

[![72b5f710-32df-4456-a45b-e3328479eb84.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/72b5f710-32df-4456-a45b-e3328479eb84.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/72b5f710-32df-4456-a45b-e3328479eb84.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-b%C3%9Crgerliche-und-sozi"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">BÜRGERLICHE und sozialistisch gesinnte Frauen kämpfen meist getrennt. Bereits 1891 hat die SPD das Wahlrecht für alle in ihr Programm aufgenommen</figcaption></figure>*Ein* neuer König hat wenige Jahre zuvor den Thron in Preußen bestiegen, dem größten deutschen Fürstentum: Unter Wilhelm I. beginnt eine Zeit vorsichtiger Liberalisierung, die auch auf andere Landesteile ausstrahlt, etwa auf Sachsen. Die Gründung von Frauenvereinen – auch zuvor nicht ausdrücklich verboten, solange ein Zusammenschluss keinen politischen Zwecken dient – erscheint nun als eine erfolgversprechende Option. Und so gründet Louise Otto-Peters (wie sie sich seit dem Tod ihres Mannes nennt) in Leipzig mit einigen Mitstreiterinnen den Allgemeinen Deutschen Frauenverein. An diesem Tag, dem 18. Oktober 1865, beginnt aus Sicht vieler Historiker die deutsche Frauenbewegung.

Die Ziele der Vereinigung sind alles andere als radikal: Frauen sollen bessere Bildung erhalten, in Handel und Wissenschaft beruflich tätig sein dürfen. Sonntags geben Aktivistinnen Unterricht in Französisch, Rechnen und Handarbeit, halten Vorträge, veranstalten Konzerte. Auch in anderen deutschen Staaten entstehen nach und nach weitere Ortsverbände. Würden sich die Mitglieder aber für politische Mitbestimmung engagieren, könnte ihre Organisation jederzeit aufgelöst werden.

Dieser Maulkorb gilt jedoch nicht für Privatpersonen. Und so ist es eine einzelne Schriftstellerin, die als Erste in Deutschland umfassende Gleichberechtigung einfordert: Hedwig Dohm. „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht“, begründet sie um 1875 in einer Reihe aufsehenerregender Artikel ihre Forderung.

Die gelernte Lehrerin ist keine Unbekannte in den Intellektuellenkreisen Berlins, der Kapitale des 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreichs: Mit ihrem Mann, dem leitenden Redakteur eines Satiremagazins, betreibt sie in ihrer Wohnung in der Potsdamer Straße einen Salon. Montags drängen sich hier Frauen und Männer, Unternehmer, Abgeordnete und Kreative, darunter die Autorin Fanny Lewald und der Literat Theodor Fontane, streiten über Politik und Kultur – und über die „Frauenfrage“, an der sich immer wieder hitzige Debatten entfachen.

[![4e3df00a-697c-4f88-914e-bf51b4ca7f0f.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/4e3df00a-697c-4f88-914e-bf51b4ca7f0f.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/4e3df00a-697c-4f88-914e-bf51b4ca7f0f.jpg)

Für die Arbeiterführerin (1857-1933) ist Gleichberechtigung ein Teil des Klassenkampfes. Zusammen mit anderen sozialistischen Aktivistinnen ersinnt sie 1910 den Internationalen Frauentag

[![f4ad9e85-531a-410f-a5d6-95c22a01ed63.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/f4ad9e85-531a-410f-a5d6-95c22a01ed63.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/f4ad9e85-531a-410f-a5d6-95c22a01ed63.jpg)

Selbst reaktionäre Parteien, die gegen Frauenrechte zuerst gewettert haben, müssen sich nun - wie hier 1919 - auf eine zur Hälfte weibliche Wählerschaft einstellen

Hedwig Dohm treibt dieses Thema seit ihrer Kindheit um. Sie ist in einer bürgerlichen Familie mit 17 Geschwistern aufgewachsen – und weiß, welche Erniedrigungen bereits junge Mädchen auf sich nehmen müssen. „Meine acht Brüder schlitterten auf dem zugefrorenen Rinnstein, schneeballten sich, keilten sich grässlich untereinander, waren faul in der Schule“, wird sie später spöttisch schreiben, „die Mädchen, die saßen möglichst still, sittsam, machten Handarbeiten in den Freistunden, von der mühsamen Perlen- und Petit-Point-Stickerei bis zum ekligen Strumpfstopfen herunter.“ Dass Dohm kompromisslose Gleichberechtigung und sogar das Wahlrecht für Frauen fordert, gilt zunächst als unerhört. Sie erhält anonyme Drohbriefe, bei ihrem Verleger treffen Beschwerden erboster Leserinnen und Leser ein, in den Zeitungen schmähen Kritiker die „Berliner Pamphletin“. Unbeirrt publiziert sie weiter, legt sich in Texten mit Medizinern, Kirchenvätern und Literaten an. Sogar den berühmten Friedrich Nietzsche, dessen Philosophie Dohm eigentlich verehrt, attackiert die Feministin für seine frauenfeindlichen Äußerungen.

„Weil die Frauen Kinder gebären, darum sollen sie keine politischen Rechte haben“, schreibt die Autorin. „Ich behaupte: Weil die Männer keine Kinder gebären, darum sollen sie keine politischen Rechte haben, und ich finde die eine Behauptung mindestens ebenso tiefsinnig wie die andere.“ *I*ndes gewinnt die Frauenbewegung im Kaiserreich an Stärke – und wird gegen Ende des Jahrhunderts zum Massenphänomen. Um 1900 gibt es keine größere Stadt mehr, in der sich nicht eine Organisation für die Belange des weiblichen Geschlechts einsetzt.

Mehr als 7000 Ortsgruppen von Frauenvereinen existieren nun im Land. Es gibt gemäßigte und radikale Aktivistinnen, bürgerliche und proletarische. Sie alle wollen die Gesellschaft verändern, im Kleinen oder im Großen. Unter ihnen sind Lehrerinnen wie Helene Lange und Minna Cauer, in deren Kursen sich junge Berlinerinnen weiterbilden und ab 1897 sogar das Abitur ablegen können. Aber auch die Schwäbin Clara Zetkin, eine Anführerin der Arbeiterbewegung – die Gleichberechtigung als Teil des Kampfes der unterdrückten Klassen gegen die Herrschenden versteht. An­ dere Gruppen treten etwa für die Rechte von Prostituierten ein oder gründen Rechtsschutzstel­len, die Frauen beispielsweise bei Scheidungen beraten. Eines aber ist den Organisationen gemeinsam: Sie veranstalten kaum Protestmärsche oder Demonstrationen, sondern äußern sich fast ausschließlich auf Papier. Nahezu jede Vereinigung veröffentlicht eine Zeitung, verteilt Flugblätter, verfasst Petitionen. „Es handelt sich bei der Frauenfrage um eine soziale Revolution“, wird Hedwig Dohm später schreiben, „eine gewaltige und wunderbare, wie die Welt keine zweite gesehen, eine Revolution, in der einzig und allein mit geistigen Waffen gekämpft wird.“

Dabei finden die Frauenrechtlerinnen auch immer mehr Unterstützung seitens der Männer: Die SPD fordert ab 1891 in ihrem Programm das Wahlrecht „ohne Unterschied des Geschlechts“. Führende Aktivistinnen stehen zudem im Austausch mit Gruppen im Ausland, besuchen etwa in England die ersten Hochschulen für Frauen, reisen zu Kongressen, schließen sich internationalen Verbänden an. Denn besonders in der Wahlrechtsfrage sind einige Staaten schon weiter als Deutschland. So dürfen US-Amerikanerinnen im späten 19. Jahrhundert zumindest in den Bundesstaaten Wyoming, Utah, Colorado und Idaho mitvotieren. Und Neuseeland führt 1893 auf nationaler Ebene das aktive Frauenwahlrecht ein – als erstes Land der Welt: Ein Drittel der erwachsenen weiblichen Bevölkerung hatte in einer Petition dafür plädiert.

**Anita Augspurg**

[![9496b3ba-4fd7-4b9d-80a3-93a150f65e5d.jpg.webp](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/9496b3ba-4fd7-4b9d-80a3-93a150f65e5d-jpg.webp)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/9496b3ba-4fd7-4b9d-80a3-93a150f65e5d-jpg.webp)

Die promovierte Juristin (1857-1943) erkennt eine Lücke in der rigiden Gesetzgebung des Kaiserreichs. Und ermöglicht so, dass sich Frauenvereine ab 1902 nach und nach auch offen politisch engagieren können.

[![d6365598-57fb-4b07-bac2-1f1ee4c4040d.jpg.webp](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/d6365598-57fb-4b07-bac2-1f1ee4c4040d-jpg.webp)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/d6365598-57fb-4b07-bac2-1f1ee4c4040d-jpg.webp)

Der Aufruf, das neue Wahlrecht fürs deutsche Parlament zu nutzen, verfängt: 1919 liegt die weibliche Beteiligung bei 90 Prozent (Plakat der DVP)

##### [![9f2028ba-e83c-48f7-b83f-9d6d83c550b8.jpg.webp](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/9f2028ba-e83c-48f7-b83f-9d6d83c550b8-jpg.webp)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/9f2028ba-e83c-48f7-b83f-9d6d83c550b8-jpg.webp)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-die-spd-abgeordnete-"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">DIE SPD-ABGEORDNETE Marie Juchacz – hier bei einer Kundgebung – ist 1919 die erste Frau, die eine Rede im deutschen Parlament hält</figcaption></figure>
**Minna Caur**

[![faddd51d-2618-49c0-8955-d641431c2c78.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/faddd51d-2618-49c0-8955-d641431c2c78.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/faddd51d-2618-49c0-8955-d641431c2c78.jpg)


<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-als-p%C3%84dagogin-k%C3%A4mpft"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">ALS PÄDAGOGIN kämpft die im Brandenburgischen Geborene (1841–1922) für einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung – und gibt selber Kurse für Mädchen und Frauen</figcaption></figure>In fast der gesamten westlichen Welt erhöhen Aktivistinnen in diesen Jahren mit friedlichen Mitteln den Druck auf den männerdominierten Staat. Allein die Britinnen greifen mitunter zu rabiateren Methoden: Sie liefern sich ab etwa 1910 Straßenschlachten mit der Polizei, stürmen das Parlament, schlagen die Fenster von Ministerien sowie Banken ein und sprengen Briefkästen in die Luft. Die deutsche Frauenbewegung lehnt Gewalt ab – und erzielt mit der Zeit Erfolge. In Baden werden 1899 erstmals Mädchen regulär zum Abitur zugelassen, ein Jahr später dürfen sich Frauen an den Universitäten in Freiburg und Heidelberg einschreiben (ab 1909 dann im ganzen Land). Dort sitzen nun Studentinnen in den Hörsälen – wenn auch begleitet von lautstarken Beleidigungen, Pfiffen und Trampeln ihrer männlichen Kommilitonen.

Überhaupt: Je entschiedener die Frauen auf ihre Rechte pochen, desto lauter wird der Widerstand der Männer. Es sind besonders Ärzte wie Paul Julius Möbius, die eine naturgegebene Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern beschwören. Tatsächlich fürchten viele von ihnen wohl die weibliche Konkurrenz – denn immer mehr bürgerliche Frauen nehmen nun ein Medizinstudium auf. Aber auch viele konservative Bürgerinnen halten nichts von den Feministinnen. In Büchern etwa predigen sie, der Mann sei der einzige Inhalt im Leben des „Weibes“. *D*er nächste Etappensieg ist der ersten deutschen Frau zu verdanken, die ein Jurastudium mit Promotion abgeschlossen hat (in der Schweiz, wo Frauen dies schon länger erlaubt ist). Auch sonst entspricht Anita Augspurg nicht dem klassischen Rollenbild: Die 45-Jährige trägt Kurzhaarschnitt und wallende Kleider, sie ist unverheiratet und wohnt zeitweilig mit ihrer Lebensgefährtin zusammen.

Vielleicht stößt sie wegen ihrer Rechtskenntnis auf die Gesetzeslücke, die andere übersehen haben. Die Lösung lautet: Hamburg! Denn die freie Hansestadt hat das Verbot politischer Frauenvereine niemals offiziell in ihre Gesetze aufgenommen. Am 1. Januar 1902 gründet Augspurg mit weiteren Aktivistinnen dort den Deutschen Verein für Frauenstimmrecht. Ganz legal kann der Verein politische Forderungen stellen, Kampagnen organisieren – und kein Gesetz kann etwa eine Frankfurterin oder Münchnerin daran hindern, Mitglied zu werden.

1908 schließlich wird das Verbot reichsweit aufgehoben. Frauen dürfen nun in Parteien eintreten – viele Arbeiterinnen strömen in die SPD, Bürgerinnen eher zu liberalen Gruppierungen. Im Sommer 1914 sind bereits 500 000 Frauenrechtlerinnen in Vereinen engagiert, von denen sich immer mehr für das Wahlrecht engagieren. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Mütter, Töchter und Ehefrauen müssen an der Heimatfront die kämpfenden Männer ersetzen. Plötzlich arbeiten im Land Schaffnerinnen, Postkutscherinnen und Lastenträgerinnen – auch wenn sie nicht mehr als Lückenbüßerinnen sind und manche gar vertraglich zusichern müssen, ihre Stelle aufzugeben, sobald der eigentliche Inhaber aus dem Schützengraben zurückkehrt.

Und wieder erschüttert eine Revolution das Land – diesmal bringt sie den Frauen unverhofften Erfolg. Als sich im Oktober 1918 Marinesoldaten weigern, in den faktisch verlorenen Krieg zu ziehen, beginnt ein Aufstand: Binnen Tagen fegt er das alte Regime hinweg, zwingt den Kaiser zur Abdankung und verwandelt Deutschland in eine Republik. Ein von der SPD dominierter „Rat der Volksbeauftragten“ hat nun die Macht inne. Er verkündet, dass sowohl Männer als auch Frauen die neue Nationalversammlung wählen sollen. Beinahe über Nacht sind die Geschlechter politisch gleichberechtigt.

Für die meisten Aktivistinnen kommt der Durchbruch überraschend: Sie erfahren aus der Zeitung oder durch Aushänge von dem Triumph. Als „Wunder“ oder „schönen Traum“ bejubeln einige Frauenvereine den Sieg, von dem sie wissen, dass ihr langer, zäher Kampf ihm den Weg bereitet hat. Unzählige Frauen stehen am 19. Januar 1919 in den Schlangen vor den Wahllokalen. 90 Prozent der weiblichen Stimmberechtigten machen ihr Kreuz, ein höherer Anteil als bei den Männern. Eine von ihnen ist Hedwig Dohm, die diesen Moment – inzwischen 87 Jahre alt – nur wenige Monate vor ihrem Tod noch erlebt.

37 Frauen ziehen ins Parlament ein: Fast neun Prozent der Abgeordneten sind weiblich, ein weltweiter Spitzenwert (den die Bundesrepublik erst in den 1980er Jahren erreichen wird). Etwa zeitgleich erhalten Frauen unter anderem in Polen, Österreich und den Niederlanden das Wahlrecht. Nach und nach werden die übrigen demokratischen Staaten folgen. Am 19. Februar 1919 ist es so weit: Zum ersten Mal spricht eine Frau in einem deutschen Parlament. Die mehr als 400 Mitglieder der Nationalversammlung sitzen auf ihren Plätzen, im großen Saal des Nationaltheaters in Weimar. Die SPD-Abgeordnete Marie Juchacz betritt die Rednertribüne. Bereits ihre Begrüßungsworte schreiben Geschichte: „Meine Herren und Damen.“



##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

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**Sekundärliteratur**

-&gt; Diederichs, Katrin: Frauenbewegung. Frauen an die Macht, in: Die Geschichte der Demokratie. Wie Volksherrschaften entstehen und wie sie scheitern (GEO Epoche Jg. 2021, Heft Nr. 110), Hamburg 2021, S. 108-117.

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# Jugendbewegungen

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Wandervogel

##### 1. Wandervogel

Um 1900 entstandene (Jugend-)Bewegung, in der sich v. a. Schüler höherer Schulen, aber auch Mädchen und Studenten bis hin zu Erwachsenen organisierten, um zusammen in Gruppen von Gleichaltrigen in der Freizeit zu wandern. Hier prägte sich ein intensives Gruppen- und Wanderfahrtenleben und erstmals eine eigene "Jugendkultur" aus. Diese wandte sich gegen Bevormundung, restriktive Autoritäten und Drill in der Erziehung und zielte auf Selbstverwaltung sowie Selbsterziehung. Die erste Vereinigung des Wandervogels entstand 1901 am Gymasium Steglitz bei Berlin. Von dort aus verbreitete sich die Bewegung im gesamten deutschen Sprachraum. Auf bayerischem Boden erfolgte die erste Gründung auf Initiative dreier Steglitzer Gymnasiasten 1906 in München. In Bayern weitete sich die Bewegung zunächst auf die Groß-, später auch auf die Mittel- und Kleinstädte aus. Unterschiedliche gesellschaftliche, ideologische und ideelle Strömungen sowie gegensätzliche Einstellungen zu Themen wie Führerfrage, Alkoholverbot und Umgang mit Mädchen führten in den örtlichen Niederlassungen immer wieder zu Auseinandersetzungen, Spaltungen und Neugründungen bzw. Wiedervereinigungsversuchen. Die Organisationsstruktur des Wandervogels änderte sich mit dem Ersten Weltkrieg. Nach Kriegsende formierte sich die Bündische Jugend als Jugendbewegung der Weimarer Republik, in die auch die Mitglieder des Wandervogels Eingang fanden.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/bcDimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/bcDimage.jpeg)

Wandervogel. Verein zur Förderung des Jugendwanderns in Bayern e. V., 1910, 1. Jg., Heft 2, Ausgabe Mai, Titelblatt. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, Z 100-2539)

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-der-wandervogel-als--1">Der Wandervogel als "deutscher Erinnerungsort"</span>**

Der Wandervogel war eine um 1900 aufkommende Bewegung, in der sich vorwiegend Schüler höherer Schulen, darüber hinaus aber auch Mädchen, Studenten, junge Leute anderer Schichten und Erwachsene organisierten, um gemeinsam in verbindlichen Gruppen von Gleichaltrigen in der Freizeit zu wandern. Neu war das Angebot eines intensiven Gruppen- und Wanderfahrtenlebens, in dem sich die altersgemäßen Bedürfnisse nach unbeobachteten Freiräumen, Gelegenheit zu körperlicher Betätigung und persönlichem Austausch unter Gleichaltrigen verbinden ließen. Nicht Lehrer oder Eltern, sondern nur wenig ältere, erfahrene Führer, häufig Studenten, leiteten die Schüler an und gingen der Gruppe voraus. Zur Wandervogelkultur gehörten ein einfacher, allem Luxus abholder Fahrtenstil, ein kameradschaftliches Miteinander der Geschlechter und ein Interesse an der "Volkskultur" als Lebensart der ländlichen Bevölkerung. Eine zweckmäßige Bekleidung für den Aufenthalt im Freien und spezifisches Fahrtengerät hielten Einzug in den Gruppen; im Heimatort wurden Behausungen für das Gemeinschaftsleben ("Wandervogelnester") eingerichtet. Das gemeinsame Singen und Musizieren, etwa auf der sog. Wandervogel-Laute, zur Gestaltung der sog. Nestabende oder "auf Fahrt" und am Feuer verstärkte die erstmalige Ausbildung einer eigenen "Jugendkultur".

Die erste Vereinigung dieser Art wurde 1901 am Gymnasium in Steglitz bei Berlin gegründet; davon ausgehend verbreitete sich der Wandervogel noch vor dem Ersten Weltkrieg überall im deutschen Sprachraum. Mit dem Wandervogel artikulierte sich erstmals in Kleidung, Musik und Freizeitgestaltung eine eigenständige Jugendkultur unter einem gemeinsamen Namen und Symbol, dem Zugvogel, die zum einflussreichen Vorbild für viele spätere Entwicklungen wurde. Sie wandte sich gegen Bevormundung, restriktive Autoritäten und Drill in Elternhaus und Schule und strebte nach Freiräumen der Selbstverwaltung und Selbsterziehung für die junge Generation.

Diese Bewegung gilt als genuin deutsche Erscheinung: Während das Wandern selbst zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits eine Massenerscheinung war, die [touristische](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fremdenverkehr_(Von_den_Anf%C3%A4ngen_bis_1945) "Fremdenverkehr (Von den Anfängen bis 1945)")Erschließung etwa der Mittelgebirge und der Alpen längst eingesetzt und auch die Jugend anderer europäischer Länder das Wandern entdeckt hatte, beispielsweise durch die Verbreitung des "Scouting" von England aus, blieb die selbstbestimmte, allein von jugendlichen Interessen geleitete Form der Jugendbewegung im Wandervogel im internationalen Vergleich einzigartig. Das zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Wandervogel entwickelte eigenständige Jugend-Gruppen-Leben bietet bis heute Impulse für Jugendbildung, Jugendarbeit und Jugendpolitik, Schulreformen sowie Freizeit- und Erlebnispädagogik.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/ygfimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/ygfimage.jpeg)

Das erste gemeinsame Liederbuch des Wandervogel: Der Zupfgeigenhansl, hg. von Hans Breuer, illustriert von [Hermann Pfeiffer](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118803301 "Person:118803301"), Darmstadt 1909, Titelblatt der Erstausgabe. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, B 931-001)

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/349image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/349image.jpeg)

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-die-wandervogel-bewe-1">Die Wandervogel-Bewegung in Bayern</span>**

In Bayern hielt die Wandervogel-Idee Einzug, als drei Steglitzer Gymnasiasten mit ihren Familien nach [München](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00008915 "Ort:ODB S00008915") zogen und dort seit 1904 den Aufbau einer Ortsgruppe betrieben. 1906 erfolgte die Vereinsgründung, und eine rege Wandertätigkeit setzte ein. Prägende Persönlichkeiten der Wandervogel-Bewegung wie [Hans Breuer](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118660004 "Person:118660004") (1883–1918), der Herausgeber der ersten Wandervogel-Liedersammlung "Zupfgeigenhansl", [Hans Lißner](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:1131638646 "Person:1131638646")(1886–1964) und [Knud Ahlborn](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:11627056X "Person:11627056X") (1888–1977) wirkten als Studenten in München an der Führung der dortigen Ortsgruppe mit. Eine Münchner Besonderheit waren die selbst zusammengestellten und publizierten Kochbücher, erstmals 1906 unter dem Titel "Der Schlemmer im Rucksack".

In den Folgejahren gab es weitere Gründungen in [Augsburg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00008854 "Ort:ODB S00008854"), [Bayreuth](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00038624 "Ort:ODB S00038624"), [Nürnberg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000094 "Ort:ODB S00000094"), [Regensburg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00033360 "Ort:ODB S00033360"), [Rothenburg ob der Tauber](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000799 "Ort:ODB S00000799") (Lkr. Ansbach) und [Würzburg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00002826 "Ort:ODB S00002826"); ein eigener Mädchenwandervogel gründete sich in München und Augsburg. Seit 1910 wurde die Gau-Zeitschrift "Wandervogel. Verein zur Förderung des Jugendwanderns in Bayern e. V." herausgegeben; 1911 fand der erste gemeinsame Gautag in Nürnberg statt. Danach setzte eine neue Gründungswelle, vorwiegend in Mittel- und Kleinstädten [Frankens](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Franken_(Begriff) "Franken (Begriff)"), ein: [Ansbach](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000001 "Ort:ODB S00000001"), [Aschaffenburg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00002820 "Ort:ODB S00002820"), [Erlangen](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000055 "Ort:ODB S00000055"), [Kitzingen](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00003771 "Ort:ODB S00003771"), [Lichtenfels](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00041763 "Ort:ODB S00041763"), [Lohr am Main](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00004149 "Ort:ODB S00004149") (Lkr. Main-Spessart), [Marktbreit](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00003788 "Ort:ODB S00003788") (Lkr. Kitzingen), [Schwabach](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000121 "Ort:ODB S00000121"), [Schweinfurt](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00002823 "Ort:ODB S00002823") und [Uffenheim](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00002129 "Ort:ODB S00002129") (Lkr. Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim), als Deutsche Wandervogel-Gemeinschaft e. V. auch in [Coburg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00038698 "Ort:ODB S00038698"), über die Abspaltung des Alt-Wandervogel auch in [Hof](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00038724 "Ort:ODB S00038724") und [Fürth](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000073 "Ort:ODB S00000073"). 1912 waren etwa 1.000 junge Menschen in Bayern im Wandervogel organisiert, die durchschnittlich 20 Tage pro Jahr wanderten; hinzu kamen etwa 600 erwachsene Mitglieder in den Freundes- und Fördervereinen.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-vom-wandervogel-zur--1">Vom Wandervogel zur Freideutschen Jugend</span>**

Bedingt durch den landesweit großen Erfolg musste sich der Wandervogel zunehmend organisatorischen und gesellschaftlichen Herausforderungen stellen. So mündeten Auseinandersetzungen über die Führerfrage, das Alkoholverbot, aber auch die Frage nach dem Umgang mit Mädchen in den eigenen Reihen immer wieder in Spaltungen und Neugründungen, auf die dann ebenso regelmäßig neue Einigungsversuche folgten. Umstritten waren insbesondere auch das Verhältnis zu Juden, die in vielen Bünden als Mitglieder abgelehnt wurden und zum Teil eigene Wandervogel-Vereinigungen gründeten, zum deutschen Volkstum und zu Militarismus bzw. Pazifismus. Diese Debatten wurden mehrheitlich von der Führerschaft der Bünde getragen, meist Studenten und jüngere Akademiker, die sich ihrerseits in akademischen Vereinigungen organisierten und ein differenziertes jugendbewegtes Zeitschriftenwesen betrieben. Darin wurden Impulse der Lebensreformbewegung, aber auch sozialistische und kommunistische Positionen aufgegriffen. Die von [Siegfried Bernfeld](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118509802 "Person:118509802") (1892–1953) und [Georges Barbizon](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:116832703 "Person:116832703") (1892–1943) in Zusammenarbeit mit [Gustav Wyneken](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118635743 "Person:118635743") (1875–1964) herausgegebene Zeitschrift "Der Anfang. Vereinigte Zeitschriften der Jugend" stellte 1911 erstmals ein Medium zur Artikulation von Jugendinteressen bereit.

Besonders nachdrücklich setzte sich die Freideutsche Jugend für eine gesellschaftliche Anerkennung der jugendlichen Bedürfnisse nach Freiheit und Autonomie ein, u. a. mit sogenannten Schülersprechsälen in verschiedenen Städten, so auch in München. Einen Höhepunkt der freideutschen Bewegung stellte das Treffen auf dem Hohen Meißner bei Kassel (Hessen) am 12. Oktober 1913 dar, zu dem mehr als 2.000 Teilnehmer, darunter auch Mitglieder der Münchner Freischar, kamen, um den patriotischen Feiern zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig (Sachsen) ein Naturfest entgegenzusetzen. Das Bekenntnis des Freideutschen Jugendtages lautete: "Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein." Als Bild-Ikone dieses Festes fand das "Lichtgebet" von [Hugo Höppener-Fidus](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118687077 "Person:118687077") (1868–1948) weite Verbreitung.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/lq0image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/lq0image.jpeg)

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-aufnahme-aus-dem-fot"><figcaption>Aufnahme aus dem Fotoalbum des Nürnberger Wandervogels aus dem Jahre 1913 von einem Ausflug nach Rothenburg. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, FA 351)</figcaption></figure>**<span class="mw-headline" id="bkmrk-wandervogel-und-refo-1">Wandervogel und Reformpädagogik</span>**

Wirkung entfalteten der Wandervogel und die Freideutsche Jugend nicht zuletzt in der deutschen [Reformpädagogik](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Reformp%C3%A4dagogik "Reformpädagogik") und insbesondere in den damit verbundenen [Landerziehungsheimen](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Landschulheime "Landschulheime"). Ausgehend von einem umfassenden Begriff von "Jugendkultur" sollte der Aufbruch der Jugend für weitergehende Bildungs- und Erziehungsansätze genutzt werden. So entwickelte Gustav Wyneken die von [Hermann Lietz](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118728229 "Person:118728229")(1868-1919) ins Leben gerufenen Internatsschulen nach dem Modell einer koedukativen "Freien Schulgemeinde" weiter. Mit der Gründung der "Freien Schulgemeinde Wickersdorf" (1906) in Thüringen wurden Impulse aus dem Wandervogel auf den Schulalltag übertragen und erprobt, in der Verbindung von Gemeinschaft und Individualität, Naturerfahrung und Geistesbildung, aber auch Formung und Selbstbestimmung. Am Vorbild Wickersdorf orientierte Schulgründungen gab es u. a. in Württemberg, Baden und Hessen.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-die-kontroverse-um-d-1">Die Kontroverse um die freideutsche Jugendkultur im Bayerischen Landtag 1914</span>**

Im Zusammenhang mit den Aktivitäten von Freideutscher Jugend und Freistudenten verursachte das mehrfache Auftreten von Gustav Wyneken in München 1913 und 1914 eine öffentliche kulturpolitische Auseinandersetzung, die in einer kontroversen Sitzung des Bayerischen Landtags am 29. Januar 1914 kulminierte. Der Zentrums-Abgeordnete [Sebastian Schlittenbauer](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:117329193 "Person:117329193") (1874–1936) prangerte darin die freideutsche Jugendkultur an. Sie habe sich dem "Kampf gegen das Elternhaus, Kampf gegen die Schule, Kampf gegen jede positive Religion, Kampf gegen die christliche Moral, Kampf gegen einen gesunden Patriotismus" verschrieben. Diese Vorwürfe zogen Erwiderungen der Betroffenen nach sich, u. a. in einer "Aufklärungsversammlung" in der Münchner Tonhalle am 9. Februar 1914, aber auch Einschränkungen für die freien Jugendbünde in Bayern, deren Unterschiedlichkeit von der Politik kaum wahrgenommen wurde; so wurde der Gebrauch des Wandervogel-Liederbuches "Zupfgeigenhansl" verboten. In der Folge distanzierte sich die Freideutsche Jugend von Gustav Wyneken, während sich die Wandervogel-Bünde von den Freideutschen distanzierten, soweit sie das nicht schon früher getan hatten. Die Freideutschen selbst konnten sich kaum mehr auf gemeinsame Positionen verständigen und verloren lange vor ihrer endgültigen Auflösung 1923 erheblich an Bedeutung.

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-coburger-wanderv%C3%B6gel">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/9/96/Nachtfahrt_Coburger_Wandervoegel.jpg/300px-Nachtfahrt_Coburger_Wandervoegel.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Nachtfahrt_Coburger_Wandervoegel.jpg)<figcaption>Coburger Wandervögel auf Nachtfahrt an die Hoffmannsteiche, 1915. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, CH 1 Nr. 725)</figcaption></figure><figure class="mw-default-size" id="bkmrk-m%C3%A4dchengruppe-des-wa">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/9/9d/Wandervogel_Maedchengruppe_Oberfranken_1915.jpg/300px-Wandervogel_Maedchengruppe_Oberfranken_1915.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Wandervogel_Maedchengruppe_Oberfranken_1915.jpg)<figcaption>Mädchengruppe des Wandervogel e. V. auf Fahrt nach Oberfranken, 4.-10.8.1915. Fotograf: Julius Groß. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, F 1\_05\_41)  
  
</figcaption></figure>**<span class="mw-headline" id="bkmrk-der-wandervogel-im-u-1">Der Wandervogel im und nach dem Ersten Weltkrieg</span>**

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs sahen sich der Wandervogel als Organisation aber auch die einzelnen Mitglieder vor neue Aufgaben gestellt. Viele junge Männer wurden eingezogen oder meldeten sich freiwillig. Um den Kontakt zur Front aufrecht zu halten, bildeten sich in der Heimat intensive Korrespondenz-Netzwerke, um den Feld-Wandervogel bei der Herausgabe eigener Zeitschriften und Gruppengründungen im Feld zu unterstützen. Parallel dazu wurden wie zuvor Nestabende, Wanderungen usw. abgehalten, nun häufig von Frauen und Mädchen in Organisations- und Führungsaufgaben mitgestaltet, beispielsweise ein größerer [Gautag](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Gau_(neuzeitliche_Begriffsgeschichte) "Gau (neuzeitliche Begriffsgeschichte)") in Nürnberg im Januar 1917.

Als organisatorische Konsequenz verschob sich im Wandervogel allmählich die generationelle Zuordnung: Zunehmend verblieben ältere Wandervögel innerhalb ihres Bundes statt ihn zu verlassen und verwässerten damit dessen Charakter als Jugendbund.

Erst nach dem Ende des Krieges setzte die von der Freideutschen Jugend angestoßene Debatte um Inhalt und Form der gemeinsamen Organisation wieder ein. Darin meldeten sich die aus dem Krieg zurückgekehrten, desillusionierten ehemaligen Frontsoldaten zu Wort und nahmen Einfluss auf die Trennung der politischen Richtungen im Wandervogel, aber auch auf die generationelle Neuordnung. Als [Bündische Jugend](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/B%C3%BCndische_Jugend "Bündische Jugend"), in der sich neben den Wandervögeln auch weite Teile der Pfadfinderbewegung wiederfanden, formierte sich die Nachkriegsjugend, weitgehend nach Geschlechtern getrennt, und trat als unabhängige Jugendbewegung in der Weimarer Republik auf.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-historisierung-des-w-1">Historisierung des Wandervogel</span>**

Das Bewusstsein dafür, dass mit dem Ersten Weltkrieg die "Wandervogel-Zeit" zu Ende ging, setzte unter den nunmehr erwachsenen Wandervögeln der ersten Stunde früh ein und begründete die Bemühungen um eine Sammlung der bis dahin erschienenen Literatur. 1922 wurde auf der Jugendburg Ludwigstein (bei Kassel) das "Reichsarchiv der deutschen Jugendbewegung" gegründet, das heute ebenda als "Archiv der deutschen Jugendbewegung" mit über 2.000 lfm Archivgut eine weltweit einzigartige Quellensammlung zur deutschen Jugendbewegung sowie zu Jugendverbänden und Jugendkulturen seit etwa 1890 bis zur Gegenwart bereithält. Unweit vom Schauplatz des Freideutschen Jugendtages 1913 gelegen, stellt die Jugendburg mit dem Archiv der deutschen Jugendbewegung und der zugehörigen Jugendbildungsstätte ein lebendiges Ensemble zur Erinnerung an den Wandervogel dar.

Das Archiv selbst, das vom Land Hessen und der privaten Ludwigstein-Stiftung getragen wird, dient der wissenschaftlich-kritischen Erforschung von Jugendbewegung und Jugendkulturen, was mit Tagungen, Ausstellungen und Veröffentlichungen gefördert wird.

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##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Susanne Rappe-Weber, Wandervogel, publiziert am 21.02.2017, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: &lt;[https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Wandervogel](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Wandervogel)&gt; (12.05.2026)

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**Sekundärliteratur**

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# Judentum im Kaiserreich

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Jüdische Emanzipation und Antisemitismus

##### 1. Jüdische Emanzipation und Antisemitismus 

Die deutsch-jüdische Geschichte im ‚langen‘ 20. Jahrhundert war nicht nur von einem wachsenden Antisemitismus geprägt. Lange stand sie auch im Zeichen eines sehr erfolgreichen Emanzipationsprozesses.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/qxaimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/qxaimage.jpeg)

<div class="spacer-horizontal__breakout" id="bkmrk-berlin-mitte%2C-synago"><figure class="detail-picture spacer-horizontal"><figcaption class="detail-picture__description">Berlin-Mitte, Synagoge Oranienburger Straße (1859-66 erbaut von Eduard Knoblauch). Photographie, um 1870, von F. Albert Schwartz. (© picture-alliance/akg)</figcaption></figure></div>Die deutsch-jüdische Geschichte im ‚langen‘ 19. Jahrhundert ist oft vor allem als Geschichte eines wachsenden Antisemitismus betrachtet worden, der im Kaiserreich wesentliche Formierungen erfahren und unter dem Nationalsozialismus im Holocaust seinen schrecklichen Höhepunkt gefunden hat. So notwendig gerade angesichts dieses Menschheitsverbrechens die historische Ursachenanalyse ist: Blickt man auf die Vorgeschichte des Holocaust, so gibt es neben der zwingenden Perspektive auf die Kontinuität des Antisemitismus auch andere sinnvolle Perspektiven auf die deutsch-jüdische Geschichte im Kaiserreich, die zugleich weiterführende und vertiefende Erkenntnismöglichkeiten eröffnen. Das gilt zum einen für die großen und erfolgreichen Schritte, die von den deutschen Juden auf dem Weg aus der Abgeschiedenheit des „Schtetls“ in das Zentrum der modernen bürgerlichen Gesellschaft des Kaiserreichs vollzogen worden sind. Zum anderen lohnt es, die Entstehungsbedingungen, Formen, Bedeutungen und Funktionen antisemitischer Haltungen, Ideologien, Praktiken und Bewegungen zu untersuchen.

Trotz aller judenfeindlichen Orientierungen stand am Anfang die förmliche Gleichstellung der Juden, die am 3. Juli 1869 in Zusammenhang mit der Gleichstellung aller Konfessionen vom Reichstag des Norddeutschen Bundes verabschiedet und im April 1871 als Reichsgesetz übernommen wurde. Vorausgegangen war eine lange, politisch umstrittene, zwischen Emanzipationsschritten und Rücknahmen verlaufende Geschichte, die ihre Höhepunkte unter dem Einfluss der napoleonischen Herrschaft, in den Preußischen Reformen sowie in den Neuordnungsversuchen der Revolution 1848/49 sowie den jeweils folgenden Restaurationsregimen gefunden hatte. Begleitet und inspiriert wurde dieser Prozess von einer jüdischen Aufklärungsbewegung, der Haskala , die die Beteiligung der Juden an allgemeiner Bildung und öffentlicher Kultur förderte und für ihre gleichberechtigte Integration in die sich entwickelnde bürgerliche Gesellschaft eintrat. Die sich im Laufe dieses Prozesses eröffnenden Möglichkeiten wurden von den deutschen Juden in Wirtschaft, Kultur und Politik insgesamt höchst erfolgreich genutzt und bewirkten so kollektiv einen enormen sozialen Aufstieg, der mit starken Assimilationsbestrebungen, der Entwicklung eines Reformjudentums und teilweise auch mit dem Übertritt zum Christentum verbunden war: Während zu Beginn des Emanzipationsprozesses Ende des 18. Jahrhunderts die große Mehrheit der rund 250.000 deutschen Juden zur meist ländlichen Unterschicht gehörte, hatten sich ihre sozialen Verhältnisse schon bis zur Gründung des Kaiserreichs radikal verschoben: Nur noch ein kleiner Teil der deutlich überproportional auf etwa eine halbe Million Menschen angestiegenen jüdischen Bevölkerung, die bis ins frühe 20. Jahrhundert noch einmal um etwa 100.000 zulegte, zählte nun zur sozialen Unterschicht, während der selbständige Mittelstand auf etwa ein Drittel zugenommen hatte und weit über die Hälfte der deutschen Juden in die wirtschafts- und bildungsbürgerliche Oberschicht des Kaiserreichs aufgestiegen war.

In enger Verbindung mit diesem erfolgreichen Emanzipations- und Aufstiegsprozess , der sich teilweise mit der Übernahme traditioneller antijüdischer Ressentiments bis hin zu einem „jüdischen Selbsthass“ verbinden konnte, entwickelte sich auch ein intensives gesellschaftspolitisches Engagement der deutschen Juden, das weit über die Tätigkeit der teils traditionellen, teils reformorientierten jüdischen Kultusgemeinden und des 1893 als Interessenverband gegründeten „Central-Vereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ hinausging. Ähnlich wie bei den christlichen Konfessionen entstanden jüdische Vorfeldorganisationen wie etwa der Jüdische Frauenbund (1904) und vielfältige sozialpolitische wie kulturelle Initiativen. Deutsche Juden engagierten sich zum einen für die Integration jüdischer Migranten aus Osteuropa, darüber hinaus aber auch in vielen nicht-konfessionell gebundenen gesellschaftlichen Organisationen. Das galt nicht zuletzt für die liberalen politischen Parteien und die SPD, wo Politiker jüdischer Herkunft teilweise führende Positionen einnahmen. So standen in der Reichsgründungsphase etwa Eduard Lasker und Ludwig Bamberger an der Spitze der Nationalliberalen Partei, und in der SPD amtierten, nachdem bereits Ferdinand Lassalle 1863 den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ gegründet hatte, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nacheinander Paul Singer und Hugo Haase als Vorsitzende der Partei und ihrer Reichstagsfraktion.

Die tief verwurzelte Judenfeindschaft war mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs allerdings noch nicht überwunden, im Gegenteil. Sie schwelte weiter und brachte den modernen Antisemitismus hervor, dessen Entwicklung zumeist als Gegenbewegung zum Zeitalter der Emanzipation gesehen wird. In enger Verbindung mit dieser Periodisierung ist auch das Verhältnis zwischen traditioneller Judenfeindschaft und modernem Antisemitismus immer wieder und auf vielfältige Weise thematisiert worden. Die überkommene Judenfeindschaft wird dabei als christlich begründet angesehen und mit der traditionellen, aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossenen Sonderstellung der jüdischen Gemeinden verbunden; sie bezog sich inhaltlich vornehmlich auf ‚typisch‘ jüdische Verhaltensweisen und wies den Juden in Krisensituationen eine Sündenbockfunktion zu. Der spezifisch moderne Antisemitismus dagegen wurde rassistisch begründet, er bezog sich nicht auf die Sonderstellung der Juden, sondern auf ihre Rolle in der modernen Gesellschaft, und er entwickelte sich zu einer eigenständigen Weltanschauung, die in Konkurrenz zu den prägenden -Ismen des Modernisierungsprozesses, insbesondere zu Kapitalismus, Liberalismus und Sozialismus trat und in immer radikalerer Weise Lösungen für die mit ihnen verbundenen, zugleich mit den Juden identifizierten Probleme und Krisen der Moderne anbot.

Dieser moderne, politische Charakter des Antisemitismus trat gleich zu Beginn des Kaiserreichs in vehementer Form an die Öffentlichkeit, als sich in Reaktion auf die sogenannte Gründerkrise Ende der 1870er Jahre die christlich-soziale Bewegung des Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker bildete und die Hetze gegen die Juden als vermeintlichen Verursachern der um sich greifenden ökonomisch-soziale Verwerfungen in den Mittelpunkt ihrer Agitation stellte. Ähnlich argumentierten auch ehemals liberale und radikale Autoren wie Otto Glagau und Wilhelm Marr, die ihre Judenfeindlichkeit sowohl sozial und ökonomisch als auch rassistisch begründeten. Marr war es auch, der 1879 in seiner Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum – Vom nichtkonfessionellen Standpunkt aus betrachtet“, den rassistisch begründeten Begriff „Antisemitismus“ prägte und zugleich eine „Antisemiten-Liga“ gründete. Neben vielerlei Verbindungen mit den traditionellen Führungsschichten fand die antisemitische Agitation vor allem Zustimmung in den unter Druck geratenen mittelständischen Schichten, während die erhoffte Zustimmung von Seiten der Arbeiterschaft weitgehend ausblieb.

Als sich die ökonomische Situation wieder zu bessern begann, flaute die Bewegung erst einmal ab, und die folgenden Versuche zur Etablierung explizit antisemitischer Parteien konnten politisch nur eher geringe Erfolge erzielen. Ihren Höhepunkt erreichten sie 1893, als die sogenannte Böckel-Bewegung immerhin sieben Reichstagsmandate errang. Diese begrenzten Erfolge sollten allerdings nicht dazu verleiten, den modernen Antisemitismus des Kaiserreichs für einflusslos zu halten. Vielmehr hat die Forschung nicht nur aufgezeigt, dass antisemitische Vorstellungen und Praktiken in vielfältigen gesellschaftlichen Organisationen zunehmend an Bedeutung gewannen. Deutlich wurde auch, wie sich der Antisemitismus darüber hinaus in seinen weltanschaulichen Komponenten zu einem essentiellen Bestandteil des historisch-politischen Selbstverständnisses wesentlicher Teile der deutschen Gesellschaft entwickelt hat.

ies trat bereits im sogenannten Berliner Antisemitismusstreit zutage, der Ende der 1870er/Anfang der 1880er Jahre an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität ausbrach. Hauptprotagonisten waren mit Heinrich v. Treitschke und Theodor Mommsen zwei der berühmtesten und einflussreichsten Historiker ihrer Zeit. Nachdem der nationalliberale Neuzeithistoriker und Politiker Treitschke in einem Aufsatz, obwohl ursprünglich ein Befürworter der Judenemanzipation, nun die fehlende Bereitschaft des Judentums zur vollständigen Assimilation kritisiert hatte, reklamierte er als nationalen Wahlspruch die Parole: „Die Juden sind unser Unglück!“ Darauf reagierte der liberale Althistoriker Mommsen, der 1902 für seine Geschichte der römischen Republik den Literaturnobelpreis erhielt, mit einer entschiedenen Kritik, die zu dieser Zeit im gebildeten deutschen Bürgertum offensichtlich noch mehrheitsfähig war. Eindrucksvoll zum Ausdruck brachte das der bereits 1871 von 76 namhaften Persönlichkeiten unterzeichnete Protest, darunter neben Mommsen andere berühmte Professoren der Berliner Universität wie der Historiker Johann Gustav Droysen, der Mediziner Rudolf Virchow und der Jurist Gottfried v. Gneist. Er richtete sich gegen die von Stoecker und weiteren Antisemiten an Reichskanzler Bismarck adressierte „Antisemitenpetition“, in der eine Rücknahme der Emanzipationsgesetze – mit denen die rechtliche Gleichstellung aller Konfessionen festgeschrieben wurde – gefordert wurde. In der nachwachsenden akademischen Generation fiel der Antisemitismus aber auf deutlich fruchtbareren Boden. Nicht zuletzt unter dem Eindruck schwieriger Karrierebedingungen und vermeintlich jüdischer Konkurrenz, fanden hier antisemitische Orientierungen schnell großen Widerhall, wie nicht nur in der Zustimmung zu Treitschke, sondern auch im zunehmenden Ausschluss jüdischer Kommilitonen aus vielen studentischen Burschenschaften deutlich wurde. Zugleich gewann der ideologische Antisemitismus auch programmatisch immer ausgeprägtere Formen, besonders mit dem erstmals 1887 veröffentlichten, schnell viele Auflagen erlebenden „Antisemiten-Katechismus“ von Theodor Fritsch.

Judenfeindliche Einstellungen traten in fast allen gesellschaftlichen Bereichen und Organisationen immer wieder hervor, auch wenn sie den Antisemitismus, wie etwa die Sozialdemokratie, programmatisch ablehnten. Politisch waren es aber insbesondere die konservativen Parteien und bald auch die neuen nationalistischen Agitationsverbände wie der 1891 gegründete „Alldeutsche Verband“, die neben den explizit antisemitischen Organisationen, und teilweise auch in Verbindung mit ihnen, offen einen radikalen Antisemitismus vertraten. Eine besondere Rolle spielte dabei die Interessenvertretung der Agrarier, der 1893 gegründete „Bund der Landwirte“ (BdL), weil er seine antisemitische Agitation zugleich auch aktiv in die konservativen Parteien hineintrug, die selbst bereits traditionell unter dem Einfluss christlich begründeter Judenfeindlichkeit standen. Ebenfalls 1893 entstand der entschieden antisemitisch auftretende Interessenverband der Handlungsgehilfen, der sich drei Jahre später den programmatischen Namen „Deutschnationaler Handlungsgehilfenverband“ gab. Und auch die in der Folgezeit gegründeten nationalistischen Agitationsvereine vom Flottenverein über den Kolonialverein, den Wehrverein und den Ostmarkenverein bis zum Reichsverband gegen die Sozialdemokratie sowie die völkische Bewegung verbanden ihre öffentliche Agitation mit entschiedenem Antisemitismus. Der nun insbesondere in den gebildeten Schichten immer deutlicher hervortretende, von den ‚deutschen‘ Schriften Paul de Lagardes, Julius Langbehns und dem immer stärker um sich greifenden Kult um Friedrich Nietzsche und Richard Wagner geprägte Kulturpessimismus bot dafür eine besonders virulente ideologische Grundlage, wie sie etwa im sogenannten Bayreuther Kreis um Cosima Wagner und ihrem entschieden antisemitischen Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain wirkmächtig hervortrat.

In der wilhelminischen Phase des Kaiserreichs entwickelte sich der Antisemitismus so zu einem essentiellen Bestandteil der nationalen Orientierungen breiter Bevölkerungsschichten, die man auch als neue „deutsche Ideologie“ der Zeit charakterisieren kann. Ihre Vertreter nahmen zwar mit einem radikalen Nationalismus und Imperialismus wesentliche Konzepte der Moderne auf, im Innern der Nation aber standen sie dem gesellschaftlichen Modernisierungsprozess fundamental ablehnend gegenüber. Sie verwarfen den industriellen Kapitalismus ebenso wie die Demokratisierung, und sie lehnten die Emanzipationsbewegungen bislang entrechteter Gesellschaftsgruppen wie der proletarischen Unterschichten oder der Frauen vehement ab. Eine besondere Rolle in diesem Konglomerat fiel dem Antisemitismus zu, denn mit dem Kampf gegen die jüdische Emanzipation wurde der Kampf gegen die Emanzipationsbewegungen der Moderne insgesamt verbunden. Der Antisemitismus entwickelte sich so zu einem „kulturellen Code“ (Shulamit Volkov) für die Ablehnung der Moderne. Es schien als ob „die Juden in der Tat identisch mit dem ausbeuterischen Kapitalismus und dem Verfall der vorindustriellen Produktionswiesen und des Sittenkodex, mit Korruption und sozialer Auflösung“ gewesen wären, und der Kampf gegen Liberalismus, Kapitalismus und Sozialismus als Ideologien der Moderne verdichtete sich dementsprechend im Antisemitismus. Mehr noch, die Stellung zu den Juden und zum Antisemitismus beinhaltete, ja erzwang zunehmend nun nicht nur für die Antisemiten, sondern auch für ihre Gegner eine Stellungnahme zur gesellschaftspolitischen Moderne schlechthin – oder mit den Worten Volkovs: „Wie ein antisemitischer Standpunkt im Wilhelminischen Deutschland praktisch eine anti-emanzipatorische Position und Widerstand gegen die unterschiedlichen Bekundungen des modernen sozialen und politischen Freiheitsringens bedeutete, so bedeutete die Ablehnung des Antisemitismus das Eintreten für Emanzipation, und zwar nicht allein der Juden, sondern der Gesellschaft insgesamt .“

In mancher Hinsicht quer zu diesen auf die Stellung der Juden in der modernen bürgerlichen Gesellschaft bezogenen, politisch-kulturellen Kodierungen standen allerdings die Reaktionen auf die jüdische Zuwanderung aus Osteuropa, vor allem aus dem Herrschaftsbereich des Zarismus und der dort stattfindenden Pogrome. Die Menschen, die hier ins Deutsche Reich einwanderten, ähnelten oft mehr einem prä-emanzipatorischen Judentum als den erfolgreichen, emanzipierten und assimilierten Juden in der modernen deutschen Gesellschaft – weshalb sie gerade deshalb viel Ablehnung hervorriefen. Doch während sich jüdische Organisationen um ihre Integration bemühten, sahen Antisemiten in den Ostjuden das Schreckbild des „ewigen Juden“, der sich generell nur oberflächlich anpassen könne, auch hinter einer emanzipierten Fassade aber weiterhin die ebenso minderwertigen wie zersetzenden Züge seiner „Rasse“ in sich trage und deshalb aus dem deutschen „Volkskörper“ ausgemerzt werden müsse. Konkrete Vernichtungsprogramme waren damit allerdings noch nicht gemeint, und die große Mehrheit der deutschen Juden fühlte sich weiterhin so sehr als Bestandteil der deutschen Gesellschaft, dass der die Auswanderung nach Palästina propagierende Zionismus um die Jahrhundertwende nur kleine Minderheiten ansprach. Dies begann sich erst im Ersten Weltkrieg zu verändern, als anfangs mit dem aktiven Kriegsengagement großer Teile der deutschen Juden und ihrer Teilnahme am nationalen Einheitserlebnis des August 1914 zwar eine noch weitergehende jüdische Integration möglich schien, bald aber der Antisemitismus in den Krisen der Kriegsgesellschaft eine immer weitere Ausbreitung und Radikalisierung erfuhr.

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Kruse, Wolfgang: Jüdische Emanzipation und Antisemitismus, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 23.02.2026 unter: [https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/575107/juedische-emanzipation-und-antisemitismus/](https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/575107/juedische-emanzipation-und-antisemitismus/), zuletzt geprüft am 22.08.2026.

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**Sekundärliteratur**

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