# Imperialismus



# Deutsche Kolonien

#### Inhaltsverzeichnis

1. Missionare im Pazifik. In Gottes Auftrag in die Südsee
2. Kolonial-Ausstellung. Ein Ort zum Gaffen.
3. Kolonialpolitik. Ein Platz an der Sonne

##### 1. Missionare im Pazifik. In Gottes Auftrag in die Südsee

Eine private Gesellschaft erhält 1885 die kaiserliche Erlaubnis, den Nordosten Neuguineas zu erschließen. Schon bald folgen den deutschen Kaufleuten christliche Missionare auf die zweitgrößte Insel der Erde – mit ganz eigenen Zielen

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image size-full is-resized" id="bkmrk-">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/10/Briefmarke-Neuguinea.jpg?webp=1&w=1200)</figure><figure class="no-tts no-tts wp-block-image size-full" id="bkmrk-inmitten-von-festlic">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/10/Aufmacher-Neuguinea.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">INMITTEN von festlich in Weiß gekleideten Täuflingen zeigt diese Fotografie einen lutherischen Geistlichen vom Neuendettelsauer Missionswerk bei den Bukaua in Deutsch-Neuguinea. Die Kolonie (oben eine Briefmarke aus dem Jahr 1914) umfasst mit dem Nordosten Neuguineas, Kaiser-Wilhelmsland genannt, dem vorgelagerten Archipel und weiteren Eilanden schließlich ein weit gespanntes Inselreich im Pazifik</figcaption></figure>SPIEGELGLATT LIEGT DIE BUCHT, als Johann Flierl im Juli 1886 den Ort, an dem er mehr als vier Jahrzehnte lang Gottes Wort verkünden wird, zum ersten Mal erblickt. Links vom Dampfer, auf dem Flierl reist, erheben sich Bergrücken über dem Ufer, dicht bewachsen mit tiefgrünem Dschungel. Auf der rechten Seite überragen mehr als 4000 Meter hohe Gipfel eine Halbinsel. „Und so“, wird Johann Flierl notieren, „sahen wir das herrliche tropische Neu-Guinea“. Doch weit wichtiger sind dem Geistlichen die unsichtbaren Dinge. Er ist durchglüht von dem Vorhaben, „einem noch ganz unberührten Heidenvolk“ das Evangelium zu bringen.

Der Protestant Flierl ist der erste Missionar, der das deutsche Kolonialgebiet auf der zweitgrößten Insel der Welt betritt. Erst ein Jahr zuvor hat die Regierung in Berlin die Region im Pazifik ihrer Einflusssphäre einverleibt und einer privaten Gesellschaft das Recht eingeräumt, Siedlungen zu errichten, Plantagen anzulegen. Dieser wirtschaftlich motivierten Landnahme folgt nun, so Flierls Absicht, die spirituelle Eroberung.

So werden in den kommenden Jahren zahlreiche Missionsgruppen versuchen, den christlichen Glauben und europäische Vorstellungen unter den Einheimischen zu verbreiten. Einerseits als Mitstreiter und rigorose Vorkämpfer des kolonialen Projekts, zuweilen aber auch als Quertreiber: Weil sie in den vor Ort lebenden Menschen vor allem zukünftige Christen sehen und weniger billige Arbeitskräfte, geraten manche dieser Glaubensboten mit anderen Kolonisten aneinander. Viele Indigene wiederum sind keinesfalls bereit, sich bekehren zu lassen. Das Ansinnen katholischer Missionare, die göttliche Botschaft unter Zwang zu vermitteln, wird einige Jahre nach Flierls Ankunft gar in einer Katastrophe enden.

Die Missionsgesellschaften, die in den Pazifik ausgreifen, haben teils jahrhundertealte Wurzeln. Schon als die Europäer am Ende des Mittelalters begannen, in andere Weltgegenden vorzudringen, stand neben der Jagd nach Beute und politischer Macht auch das Ringen um religiöse Dominanz. Nachdem Christoph Kolumbus 1492 Amerika erreicht hat, entstehen in Spanien und Portugal, bald auch in Frankreich und dem inzwischen protestantischen England, wachsende Bewegungen mit dem Ziel, Nichtchristen zu bekehren. Diese Kirchenleute sehen sich gemäß dem Neuen Testament in göttlichem Auftrag, wollen Seelen retten und die christliche Gefolgschaft vergrößern. Vom 18. Jahrhundert an reisen auch deutschsprachige Geistliche mit dieser missionarischen Absicht nach Übersee. Da selbst größere deutsche Staaten wie Preußen keine bedeutenden Kolonien unterhalten, verrichten sie ihre Arbeit aber meist in Gebieten, die von anderen europäischen Mächten kontrolliert werden.

Das ändert sich, als das Deutsche Reich nach eigenen Besitzungen greift. Kurz nach den ersten Vorstößen in Afrika wendet sich Berlin dem Pazifik zu, seit den Reisen von James Cook um 1775 als Sehnsuchtsort „Südsee“ Teil der europäischen Fantasie. Eine Einigung mit den anderen dort aktiven europäischen Mächten Großbritannien und Niederlanden reicht der Regierung, um im Mai 1885 der von Bankiers und Industriellen finanzierten „Neuguinea-Kompagnie“ einen Schutzbrief auszustellen. Das Papier macht die Firma faktisch zur Kolonialmacht im Nordosten Neuguineas, fortan „Kaiser-Wilhelmsland“, und auf einer Gruppe von mehr als 200 vorgelagerten Inseln, nun „Bismarck-Archipel“ genannt.

Während im Archipel bereits französische und britische Missionare wirken, ist der Oberpfälzer Johann Flierl, der im Sommer 1886 Kaiser-Wilhelmsland erreicht, ein Pionier. Doch folgen ihm bis 1899 mehr als 30 Männer und Frauen. Einige gehören, wie Flierl, der lutherischen Missionsgesellschaft aus dem fränkischen Neuendettelsau an, andere einer ebenfalls protestantischen Mission aus dem Rheinland oder der von Katholiken betriebenen Steyler Mission.

Vor Ort errichten die Neuankömmlinge meist zunächst einfache Gebäude aus Holz und Palmwedeln in der Nähe einheimischer Siedlungen, suchen Kontakt, lernen erste Bruchstücke der fremden Sprachen. Auch wenn sie die Indigenen für ihre Sache gewinnen wollen, blicken die Missionare oft mit Geringschätzung auf die Menschen, halten sie für primitive Heiden. Neben dem Glauben müsse man ihnen jene Werte vermitteln, die die Deutschen für Errungenschaften europäischer Zivilisation halten – Sittlichkeit, Sauberkeit, Ordnung, Pünktlichkeit –, sie damit, so sehen die Missionare das, auf eine höhere kulturelle Stufe heben. Mit der Frage, ob die Einheimischen diese vermeintliche Hebung überhaupt anstreben, halten sie sich nicht auf (und gehen nach den rassistischen Vorstellungen der Zeit davon aus, dass eine echte Gleichwertigkeit auch kaum erreicht werden kann).

In jedem Fall verstehen sie Erziehung und einfache Bildung als wichtigen Teil ihrer Missionsarbeit. Praktisch jede Station verfügt bald über ein Klassenzimmer, manche über ein eigenes Schulhaus. Einige Missionare zeigen sogar einen gewissen Respekt vor der Kultur der indigenen Gemeinschaften. So unterrichten die Steyler Katholiken die Inselbewohner in deren jeweiliger Muttersprache. Viele Einheimische schätzen zwar wohl, dass ihre Kinder kostenlos Rechnen, Lesen, Schreiben lernen können. Christen werden sie aber meist nicht: Die von Flierl gegründete Mission etwa feiert 1899, nach 13 Jahren, die erste Taufe von Inselbewohnern.

Unterdessen beschweren sich Mitarbeiter der Neuguinea-Kompagnie, die Missionare brächten den Indigenen zu viel Aufmerksamkeit entgegen. Letztere sollten auf den Plantagen arbeiten, statt ihre Zeit im Pfarr- oder Schulhaus zu verbringen. Dabei helfen die Geistlichen indirekt bei der Ausbeutung, indem sie eine strenge Arbeitsmoral propagieren. „Geregelte äußere Beschäftigung“, schreibt ein katholischer Missionar, solle bei den Einheimischen „die Flatterhaftigkeit und Untätigkeit des Geistes“, die „Lässigkeit und Trägheit“ zügeln.

Eine fromme Gemeinschaft verfolgt das Ziel, die Einheimischen kulturell und religiös zu formen, besonders radikal: die französischen Herz-Jesu-Missionare, die sich ab 1890 mit Priestern und Laienbrüdern aus Westfalen verstärken. In einem Brief nach Europa umreißt der Leiter der Gruppe, Bischof Louis Couppé, seinen Ansatz mit unmissverständlichen Worten: Es wolle die „menschenfressenden und niedrigstehenden Völker in ein vollständig neues Volk“ umwandeln (tatsächlich ist Kannibalismus in einigen indigenen Gemeinschaften der Region üblich).

Bischof Couppé kauft von der Gemeinschaft der Tolai bald Kindersklaven, die die Tolai zuvor den weiter im Landesinnern lebenden Taulil und Baining geraubt haben.

> Die Arbeit, so urteilt ein Missionar, solle bei den Einheimischen »Lässigkeit und Trägheit« zügeln

Die Verschleppten will er katholisch erziehen und später untereinander verheiraten, um eine indigene Gemeinde zu erschaffen, die keine Religion kennt außer das Christentum. In der eigens für dieses Menschenexperiment errichteten Siedlung St. Paul führt ein deutscher Pater mit einigen anderen Missionaren ein hartes Regime. Er verbietet den für die Baining bedeutsamen Ahnenkult, lässt seine Zöglinge karg ernähren, gewährt ihnen kaum genug Kleidung, untersagt zudem jeglichen außerehelichen Kontakt zwischen den jungen Männern und Frauen. Doch das harsche Gebaren schürt den Unmut unter den Baining.

Am Morgen des 13. August 1904 kommt To Maria, Hausdiener des deutschen Paters, von der Taubenjagd zurück. Mehrfach hatten die Geistlichen der Siedlung in der Zeit davor den jungen Einheimischen und dessen Freundin gefesselt und geschlagen – als Strafe dafür, dass sich das Liebespaar heimlich im Wald traf. Nun liefert To Maria nicht wie üblich seine Flinte wieder ab, sondern zielt auf den im Bett liegenden Pater und drückt ab. Unmittelbar darauf erschießt er eine Missionsschwester.

Weitere Baining schließen sich an diesem Tag To Maria an, gehen mit Messern und Äxten auf die Missionare los. Als sie ihre Waffen niederlegen, haben die Einheimischen zehn Menschen umgebracht. Die Leitung der Kolonie verurteilt sämtliche Beteiligten zum Tod.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-johann-flierl-%28in-st">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/931e9857-a38c-4228-b47b-039a832909a8.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">JOHANN FLIERL (in Stiefeln und weißer Jacke) ist 1886 der erste deutsche Missionar in Kaiser-Wilhelmsland. Zahlreiche weitere werden ihm folgen, darunter Protestanten wie er, aber auch Katholiken. Sie verkünden das Evangelium, gründen Schulen. Nicht wenige der Geistlichen sehen ihre Aufgabe zudem darin, die Kolonisierung der Einheimischen voranzutreiben, notfalls mit Zwang</figcaption></figure>Auch wenn das Massaker von St. Paul nicht der einzige Aufstand im Pazifik ist: Dass sich der Griff der Deutschen um ihr Land immer fester schließt, können die Menschen nicht verhindern. Bereits 1899 hat das Deutsche Reich der inzwischen hoch verschuldeten Neuguinea-Kompagnie die Kontrolle über Kaiser-Wilhelmsland und den Bismarck-Archipel entzogen. Seitdem regiert Berlin die Gebiete zusammen mit weiteren Inseln in Mikronesien als offizielle staatliche Kolonie. Auch die Missionen bauen ihre Arbeit aus; im Jahr 1913 haben allein die Katholiken in den deutschen Pazifikbesitzungen 42 000 Menschen bekehrt.

Noch bis 1930 verkündet Johann Flierl dort das Evangelium. Als er Neuguinea im Alter von 72 Jahren verlässt, ist die Kolonialherrschaft der Deutschen längst vorüber. Ergriffen notiert der Geistliche zur Abreise, wie durch seine Missionsarbeit aus einem „Senfkorn ein großer Baum erwachsen“ sei. Und er erinnert sich, wie er mit den Einheimischen stets gesungen habe. Zur Melodie von, so schreibt Flierl, „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“.

##### 2. Kolonial-Ausstellung. Ein Ort zum Gaffen.

1896 präsentiert das Auswärtige Amt auf einer Großveranstaltung vor den Toren Berlins Menschen aus den deutschen Kolonien – als lebende Exponate, die ein Millionenpublikum für das imperiale Projekt begeistern sollen

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image" id="bkmrk-die-%C2%BBdeutsche-koloni">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/115f8167-b65f-428d-b49e-f4488a4d10a4.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">DIE »DEUTSCHE KOLONIAL-AUSSTELLUNG«, die im Mai 1896 öffnet, ist Teil der Berliner Gewerbeschau im Treptower Park. Auf deren gewaltigem Gelände präsentieren 3700 Aussteller Produkte und Innovationen</figcaption></figure>Der Kaiser ist da! Die Sonne scheint, als Wilhelm II. an diesem 1. Mai 1896 Afrika besucht. Krieger, mit Speeren bewaffnet, wachen vor einem Torhaus, Menschenschädel stecken auf zwei Meter hohen Palisadenzäunen. Bewohner des Dorfes begrüßen Seine Majestät mit einem lauten Willkommensruf. Zwischen viereckigen Lehmhäusern und runden Grashütten versammeln sich Männer und Frauen in bunten Gewändern im Kreis um ihren Häuptling, einen würdevollen, kräftigen Mann Ende 30. Dann stimmen sie einen Gesang an, schlagen Trommeln und lassen Rasseln ertönen, während die Krieger ihre Körper im Rhythmus bewegen, Schwerter und Äxte in die Höhe recken. Es ist eine Reise in die Fremde – ein paar Hundert Meter von der Spree entfernt. Denn die Hütten, die Palisaden, die Palmen: alles Attrappe. Aufgebaut vor den Toren Berlins. Und John Calvert Nayo Bruce, der Mann Ende 30, ist kein wahrhaftiger Häuptling, er spielt eine Rolle. Genauso wie die anderen vermeintlichen Dorfbewohner.

Sie alle sind Teil der „Deutschen Kolonial-Ausstellung“, die Kaiser Wilhelm an diesem Tag im Treptower Park eröffnet, Hauptattraktion eines noch größeren Spektakels, einer deutschen Leistungsschau. Deren Ziel: die pompöse Weltausstellung in Paris wenige Jahre zuvor zu übertrumpfen und Berlin als Europas aufstrebende Industrie- und Handelsmetropole zu präsentieren. Auf einer gewaltigen Fläche von fast einem Quadratkilometer zeigen mehr als 3700 Aussteller in Pavillons und Hallen ihre neuesten Produkte, Innovationen, Errungenschaften. Passend dazu will das Auswärtige Amt Deutschlands Aufstieg zur Kolonialmacht zelebrieren – und hat auf einem Teil des Geländes ein aufwendiges Abbild der eroberten „Schutzgebiete“ errichten lassen, samt „Eingeborenendörfern“ und deren Bewohnern.

Mehr als 100 Menschen aus Deutsch-Ostafrika, Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika und Neuguinea sind von den Organisatoren Tausende Kilometer per Schiff und Bahn nach Berlin gebracht worden. Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche. Als lebende Exponate sollen sie den Besucherinnen und Besuchern nun knapp sechs Monate lang ihren angeblichen Alltag vorspielen – und damit die perfekte Rechtfertigung für Deutschlands Kolonialpolitik liefern, für Unterdrückung und Fremdbestimmung.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image" id="bkmrk-%C2%BBv%C3%96lkerschauen%C2%AB%2C-die">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/11adf1b7-c4fe-498a-a2bd-46e37f641b43.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">»VÖLKERSCHAUEN«, die Angehörige fremder Kulturen als Kuriositäten ausstellen, sind im späten Jahrhundert in ganz Europa beliebt. Dieses Plakat wirbt für eine Vorführung in Frankfurt am Main</figcaption></figure><div class="lSSlideOuter" id="bkmrk-schirmherr-der-ausst"><div class="lSSlideWrapper usingCss">- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/26fef071-7391-487e-a3c9-b907d9f0e49a.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>SCHIRMHERR der Ausstellung in Treptow ist Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg-Schwerin, dessen Büste dort inmitten von Objekten aus Übersee thront</figcaption></figure>
- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/3403b3c7-24e7-45cb-a7a5-b84c200aaf5c.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>DIE KOLONIALSCHAU (unten eine Werbepostkarte) soll »Eingeborenendörfer« erlebbar machen. Deren »Bewohner« wurden von Agenten in den Kolonien angeworben</figcaption></figure>

</div></div>Lebendige Menschen aus fernen Weltgegenden auszustellen wie Museumsobjekte oder Tiere im Zoo, ist im ausgehenden 19. Jahrhundert in Europa nichts Neues: 1875 bereits engagiert der Hamburger Unternehmer und Tierhändler Carl Hagenbeck für seine erste „Völkerschau“ in Deutschland drei Männer und eine Frau aus Lappland, die vor Publikum Zelte aufbauen, Rentiere pflegen und Babys stillen.

Schnell entwickeln sich solche Veranstaltungen zu Massenspektakeln: Organisatoren touren mit indigenen Gruppen aus Afrika, vom indischen Subkontinent, aus der Südsee oder Nordamerika monatelang durch Europa, lassen sie in zoologischen Gärten und in Vergnügungsparks auftreten. Die meisten Deutschen kennen Menschen aus derart weit entfernten Regionen allenfalls aus Büchern oder von Sammelbildchen, die Zigarettenpackungen oder Schokoladentafeln beigelegt werden.

Umso begeisterter sind viele, die Fremden leibhaftig vor sich zu sehen, ihren Gesängen zu lauschen, ihre Kleider oder Tätowierungen zu begutachten, gar mit ihnen eine Unterhaltung zu versuchen, und sei es in Zeichensprache. Auch deshalb locken manche „Völkerschauen“ Hunderttausende, mitunter gar Millionen Schaulustige an. Dabei mischen sich Neugier und Voyeurismus, Vergnügungslust und Rassismus. Das Ergötzen am Andersartigen, an Menschen, die als kaum gleichwertige, exotische Kuriosität gesehen werden, entwickelt sich zur florierenden Branche.

Ein Volksvergnügen, an das auch Mitarbeiter in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes anknüpfen wollen: In ihrem Auftrag bereitet ein 30-köpfiger Ausschuss die Berliner Ausstellung von 1896 monatelang vor, um – so schreiben die Organisatoren in einem Bericht – „dem deutschen Volke das Kolonialwesen in seinen mannigfachen Verzweigungen vorzuführen“.

<div class="lSSlideOuter" id="bkmrk-maschinenhalle-im-tr"><div class="lSSlideWrapper usingCss">- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/96f4e108-996f-4349-8ba6-0b3c57635caa.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>MASCHINENHALLE im Treptower Park. Die ausgestellte Technik steht in bewusstem Kontrast zu den gezeigten Kolonialdörfern. Ziel: die Überlegenheit deutscher Zivilisation zu suggerieren</figcaption></figure>
- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/d4c94307-9548-4de5-a72d-dd8df7282303.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>MIT DER BERLINER GROSSSCHAU (unten das Hauptgebäude) will das Kaiserreich die Weltausstellung sieben Jahre zuvor in Paris übertrumpfen</figcaption></figure>

</div></div><div class="lSSlideOuter" id="bkmrk-103-menschen-aus-%C3%9Cbe"><div class="lSSlideWrapper usingCss">- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/c82c0624-c316-4928-a293-64fab07729a8.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>103 MENSCHEN AUS ÜBERSEE holen die Veranstalter nach Treptow, verpflichten sie (wie links) zu klischeehaften und sorgsam inszenierten Vorführungen</figcaption></figure>
- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/f80eeae3-dbd0-4a37-836b-0ac95301e6ee.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>EXOTISCHES FLAIR verbreitet auf der von Wilhelm II. er öffneten Gewerbeschau auch eine »Kairo«-Sonderausstellung – inklusive verkleinertem Nachbau der Cheopspyramide</figcaption></figure>

</div></div>Grundsätzlich und in der Mehrheit stehen die Deutschen hinter dem imperialen Projekt. Doch bei den Anhängern der katholischen Zentrumspartei, im linksliberalen Milieu und bei der SPD werden immer wieder kritische Stimmen laut, die vor allem hartes und ausbeuterisches Vorgehen anprangern. Es kann also nicht schaden, der Akzeptanz in der Bevölkerung etwas nachzuhelfen.

Und so entsenden die Organisatoren Agenten in die deutschen Kolonien in Afrika und im Pazifik, um vor Ort passende Darsteller für die geplanten Attraktionen zu engagieren. Auch Einheimische sind an der Rekrutierung beteiligt. So wie J. C. Nayo Bruce aus dem von Deutschland beherrschten Togo. Bruce lässt sich in seiner Heimat taufen und reist im Alter von etwa 30 Jahren 1889 erstmals ins Kaiserreich, als Begleitung eines deutschen Schriftstellers, der Togo erkundet hatte.

Danach arbeitet Bruce für die deutsche Verwaltung in der Kolonie – und unterbreitet den Offiziellen dort schließlich ein Angebot für eine „Völkerschau“-Darbietung bei der Kolonial-Ausstellung 1896 in Berlin. Bruce bekommt den Zuschlag, verpflichtet in seiner Heimat 25 Landsleute, darunter zwei seiner Frauen und ein dreieinhalb Jahre alter Sohn, und schifft sich mit ihnen Richtung deutsche Hauptstadt ein. Insgesamt 103 Teilnehmer aus fast allen deutschen Kolonien schließen Verträge über ein Engagement in Berlin ab. Für etwa ein Drittel eines deutschen Arbeiterlohns, monatlich zwischen 15 und 20 Reichsmark, bei Kost und Logis, sollen sie sich schon bald darauf dem Publikum darbieten.

Nachdem der Kaiser am 1. Mai seinen Rundgang durch den Treptower Park beendet und die Ausstellung offiziell eröffnet hat, strömen die ersten Besucherinnen und Besucher auf das Gelände. Können in den Pavillons der Gewerbeschau technische Innovationen wie die erst im Jahr zuvor entwickelten Röntgenapparate bewundern, durch ein Riesenfernrohr ins All schauen oder mitverfolgen, wie sich Miniatur-Schlachtschiffe in einem eigens angelegten Wasserbassin Gefechte mit lauten Explosionen liefern.

> EINE GANZE BRANCHE NÄHRT DIE LUST AM GLOTZEN

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-vermeintlicher-allta">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/ce326bef-919c-4e7f-b4e1-55f285190632.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">VERMEINTLICHER ALLTAG: Vormittags werkeln und kochen die Koloniebewohner vor ihren Hütten – begafft von Millionen Besuchern</figcaption></figure><figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-im-kaiserreich-sind-">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/b8faf632-29dc-4cdf-a927-c7c68745070e.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">IM KAISERREICH sind »Völkerschauen« mit lebenden Exponaten ein verbreitetes Spektakel. Viele finden in Zoos statt – so auch die hier beworbene »Samoa«Ausstellung</figcaption></figure><figure class="no-tts no-tts wp-block-image" id="bkmrk-voyeurismus-in-einem">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/087a3a26-6353-42a5-99f4-0512ce897769.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">VOYEURISMUS in einem Hamburger Tierpark, 1910: Deutsche Schüler an einer Hütte, vor der sich Kinder aus Samoa präsentieren müssen</figcaption></figure><figure class="no-tts no-tts wp-block-image" id="bkmrk-hagenbeck-in-hamburg">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/a2741986-5010-42b9-9118-4a58f445c959.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">HAGENBECK in Hamburg wirbt 1903 mit einem »Lappendorf«. 28 Jahre zuvor hat Zoogründer Carl Hagenbeck die erste deutsche »Völkerschau« initiiert</figcaption></figure>Und etwas anderes, ebenfalls noch immer recht Neues können sie bestaunen: die globale Dimension und Weltläufigkeit des Kaiserreichs. In der „Wissenschaftlichen Halle“, einem prächtigen Kuppelbau, ragt eine griechische Titanen-Statue empor, die auf ihren Schultern eine gewaltige Erdkugel mit zwei Meter Durchmesser trägt. Darauf eingezeichnet: die deutschen Kolonien, alle 22 deutschen Dampferlinien im Weltpostverkehr, dazu die Botschaften, Gesandtschaften, Konsulate sowie die Zahl der außerhalb Europas lebenden Deutschen.

Die Köstlichkeiten, welche Deutschland aus diesem erdumspannenden Reich gewinnt, lassen sich in einem anderen Gebäude würdigen. Hier probieren Interessierte Kaffee, Zigarren, Erdnussöl aus deutschen Kolonien, haben Gelegenheit, „erstmals in breitem Maße Bekanntschaft mit der Banane“ zu machen, wie ein Besucher feststellt. Erst seit Kurzem steigt im Reich die Zahl der sogenannten Kolonialwarenläden, die ein ähnliches Sortiment von Gütern aus Übersee für die deutsche Kundschaft anbieten.

Mit der wohl größten Erwartung aber nähern sich die Besucher und Besucherinnen den „Eingeborenendörfern“: an einem kleinen See angeordnete hölzerne Hütten, Pfahlbauten und Baumhäuser, die deutsche Zimmerleute nach Reiseberichten aus Afrika und der Südsee errichtet haben. Darin und davor: Menschen, die Federschmuck herstellen, Netze knüpfen, Feuer schüren, Maiskörner mithilfe eines Stücks Holz zu Mehl mahlen, Hüte aus Palmenblättern flechten. Die auf dem Teich um die Wette rudern, Tänze aufführen, singen, sich im Speerwurf üben.

Mitten im Treptower Park erleben die Berliner authentische Szenen aus den Kolonien – das zumindest sollen sie glauben. Was sie tatsächlich sehen, sind kulturelle Versatzstücke, Stereotype, sorgsam zusammengefügt und inszeniert, um die Neugier der Deutschen zu befriedigen. Und um eines unter Beweis zu stellen: die vermeintliche eigene zivilisatorische Überlegenheit.

So berichten für einen Band zur Ausstellung befragte Schaulustige denn auch von „dunklen, halbentblößten Gestalten“, die mit „ihren primitiven Gebrauchsgegenständen beschäftigt“ seien. Der Kontrast zu den nahen, mit neuester Technik aus Deutschland angefüllten Ausstellungshallen könnte kaum größer sein. Und ist gewollt. Der angebliche Entwicklungsbedarf der in Übersee Unterworfenen soll jedem klar werden.

Fotoserien in Pavillons, die über die Arbeit von christlichen Missionaren informieren, unterfüttern diese Perspektive. Zu sehen sind Bilder von „bekehrten, anständig gekleideten Eingeborenen“, wie ein Zeitgenosse es beschreibt, und – ihnen gegenübergestellt – Aufnahmen von „noch heidnischen Landsleuten mit den abschreckenden, wilden und stumpfen Gesichtern“.

Die Botschaft ist klar: Die Kolonialherrschaft tut den Unterworfenen gut. Und: Man leistet ganze Arbeit, die Außereuropäer mit den Segnungen deutscher Kultur zu beglücken. Besser gesagt, sie großzuziehen. Denn viele Deutsche folgen der Auffassung von Wissenschaftlern jener Zeit, Menschen aus anderen Erdteilen, insbesondere Afrikaner, befänden sich im evolutionären Stadium der „Kindheit“ und müssten „erzogen“ werden.

<div class="lSSlideOuter" id="bkmrk-unter-den-augen-wilh"><div class="lSSlideWrapper usingCss">- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/e3be7d30-42c2-4b0b-845c-c04e965a1ea9.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>UNTER DEN AUGEN Wilhelms II. müssen sich diese Männer 1913 vor einer ihrer Heimat nachempfundenen Kulisse bei Hagenbeck einen Schaukampf liefern</figcaption></figure>
- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/1464deaf-d407-45c5-bdee-7775b13512d7.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>DAS »SOMALIDORF« im Tierpark Hagenbeck. Die »Völkerschauen« befriedigen Neugier und zementieren die koloniale Hierarchie, in der Europäer sich wie selbstverständlich oben sehen</figcaption></figure>

</div></div><div class="lSSlideOuter" id="bkmrk-der-anthropologe-fel"><div class="lSSlideWrapper usingCss">- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/cbccad9d-32f5-45a1-8e70-632d3d791860.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>DER ANTHROPOLOGE Felix von Luschan, der Schädel aus allen Zeiten und Weltgegenden sammelt, nimmt auf der Kolonial-Ausstellung 1896 die Maße von etlichen Zurschaugestellten</figcaption></figure>
- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/3097b6c4-b8c3-4c5e-969c-34eee31ebeb2.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>DIE WISSENSCHAFT nutzt die »Völkerschauen« für zweifelhafte Theorien: Forscher klassifizieren die Fremden etwa mithilfe von Gesichtsmasken</figcaption></figure>

</div></div>Unterdessen folgt die Inszenierung in Treptow einem streng getakteten Ablaufplan. Die Darsteller schlafen in barackenähnlichen Unterkünften direkt auf dem Gelände. Ihr Tag beginnt um sechs Uhr morgens. Den Männern, Frauen und Kindern stehen eine Wanne, zwei Duschen und acht Toiletten zur Verfügung. Zum Frühstück gibt es Tee mit Zucker, zwei Schrippen und drei Eier.

Vormittags, so ist es vorgeschrieben, müssen sich die „Eingeborenen“ in ihren Dörfern handwerklichen Tätigkeiten widmen, vor aller Augen Kleidung waschen, ihr Mittagessen zubereiten. Nachmittags stehen Spiele und Aufführungen an.

Der Tag endet, jenseits der Kulissen, mit einer zugeteilten Flasche Bier – zumindest für die männlichen Teilnehmer. Wenn es kalt ist, wird Schnaps ausgegeben: ein Esslöffel für die Frauen, zwei für die Männer. Um 22 Uhr ist Bettruhe. Obwohl Ärzte permanent den Gesundheitszustand der Angereisten überprüfen, breiten sich mehrmals Erkältungskrankheiten und Lungenentzündungen aus. Drei der Darsteller sterben.

War den Beteiligten bei Vertragsunterzeichnung wirklich bewusst, worauf sie sich einlassen? Was es bedeutet, ein halbes Jahr lang in einem völlig fremden Land zu leben? Jeden Tag von Menschen begafft zu werden? Schwer vorstellbar. Zur Teilnahme gezwungen wurde aber wohl niemand.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image size-full" id="bkmrk-auch-fotos-verwenden">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/7544f9ee-8791-4a54-86dd-64a1ad916c2c.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">AUCH FOTOS verwenden Wissenschaftler, um Menschen aus den Kolonien zu kategorisieren. Diese zeigen einen Jungen aus Neuguinea (1893)</figcaption></figure><figure class="no-tts no-tts wp-block-image size-full" id="bkmrk-das-ergebnis-rassist">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/0daaf5f3-8af2-4c3c-a046-674a803800dd.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">DAS ERGEBNIS rassistisch geprägter Forschung: »Meyers Großes Konversations-Lexikon« präsentiert 1900 Tafeln afrikanischer »Völker«</figcaption></figure>Vielmehr sehen einige die Berlinreise sicher als Möglichkeit, Geld zu verdienen. Andere verfolgen weiterreichende Ziele. So wirbt Nayo Bruce aus Togo in einem Interview mit der „Kölnischen Zeitung“ während seines Aufenthalts dafür, dass das Kaiserreich die Bewohner seiner Kolonien ausbilden möge. Nebenbei verschafft er einigen seiner Landsleute sogar eine Art Studienreise nach Deutschland.

Aus Deutsch-Südwestafrika ist mit dem 21-jährigen Friedrich Maharero der Sohn eines Anführers der Herero nach Berlin gekommen. Auch er mimt bei der Ausstellung einen „Eingeborenen“ und will zugleich mit dem Kaiser über die Beziehung zwischen seiner Gemeinschaft und den Kolonialherren sprechen. Tatsächlich wird ihm eine Audienz bei Wilhelm II. gewährt, bei der er wohl auf eine friedliche Behandlung durch die Kolonialverwaltung in der Heimat pocht.

Viele der Darsteller verbringen die Monate in Deutschland nicht ausschließlich im Treptower Park. Die Veranstalter schaffen die Gäste in den Zoo, in Museen, zu Theatervorführungen, lassen sie sogar Truppen in Kasernen besuchen. Denn zurück in der Heimat sollen sie, wie es im amtlichen Bericht zur Kolonial-Ausstellung heißt, „ihren Stammesgenossen von den in Berlin gewonnenen Eindrücken erzählen und so Ehrfurcht und Unterwürfigkeit vor dem ‚klugen weißen Manne‘ verbreiten“.

Ein Ansinnen, das offenbar fehlschlägt: Das unaufhörlich glotzende, oft mit anzüglichen Bemerkungen um sich werfende Publikum schädige, beklagen Kritiker, das „Ansehen der Weißen“. Und zwar so sehr, dass ein Autoritätsverlust der Deutschen in den unterworfenen Gebieten zu befürchten sei. Manche Besucher flirten gar mit den Darstellern: Der Herero Friedrich Maharero wird noch lange nach seiner Abreise aus Berlin Liebesbriefe von deutschen Verehrerinnen erhalten.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-gesch%C3%84ftig%3A-j.-c.-na">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/9773a286-0a0e-4a7b-a98f-2515682ff100.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">GESCHÄFTIG: J. C. Nayo Bruce (M.) aus Togo nimmt an der Kolonial-Ausstellung in Treptow als Darsteller teil. Und tourt nach deren Ende selbst mit einer »Togo-Truppe« durch Europa</figcaption></figure>Auch die Wissenschaft interessiert sich für die Ausgestellten aus der Fremde. Der Anthropologe Felix von Luschan ergreift die Gelegenheit und vermisst ihre Körper. Luschan, Mitglied des Direktoriums im Berliner Völkerkundemuseum, ist wie andere Gelehrte jener Zeit geradezu besessen davon, Menschen nach Äußerlichkeiten zu klassifizieren und sie unterschiedlichen evolutionären Entwicklungsstufen zuzuordnen. Anders als zahlreiche Kollegen teilt Luschan zwar nicht die zutiefst rassistische Vorstellung von einer naturgegebenen Hierarchie der Völker. Berüchtigt aber ist der Anthropologe heute, weil er Tausende Schädel in Berlin sammelt und kategorisiert, darunter viele, die unter dunklen Umständen aus den Kolonien nach Deutschland geschafft worden sind.

Bei seinen Messungen und Untersuchungen in Treptow zieht Luschan mitunter absurde, herabwürdigende Schlüsse. Zum Kameruner Martin Dibobe etwa merkt er an, dessen „psychische Eigenschaften entsprechen vollkommen dem Bilde, das man sich nach seiner schlechten Stirne und seinen mächtig entwickelten Fresswerkzeugen von ihm machen kann“. Der Anthropologe fotografiert die Darsteller – allerdings nimmt nur knapp die Hälfte an diesem Prozedere teil. Der Rest weigert sich.

> MANCHE LASSEN SICH NICHT GÄNGELN UND GAFFEN ZURÜCK

Überhaupt zeigen sich die lebenden Exponate sehr viel eigenwilliger, als die deutschen Veranstalter das eingeplant haben. Manche sind nicht bereit, traditionelle Trachten anzuziehen, sondern tragen einen Anzug europäischer Machart. Andere äffen die Besucher nach, stolzieren – einen Spazierstock schwingend – durch ihr Attrappendorf. Der Kameruner Kwelle Ndumbe, genannt Bismarck Bell, ebenfalls der Spross einer Anführerfamilie, mustert die Besucher durch ein Opernglas, das er sich besorgt hat, wirft ihnen verächtliche Blicke zu und führt ihnen so ihr eigenes Verhalten vor Augen.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-nach-1901-d%C3%BCrfen-in-">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/e044a734-cb48-4d93-8b04-759761cf37b0.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">NACH 1901 dürfen in den deutschen Kolonien keine »Eingeborenen« mehr für »Völkerschauen« angeworben werden. Nun touren vor allem Menschen aus Kolonien anderer europäischer Mächte durch Deutschland – etwa Frauen aus dem Kongo (Plakat von 1919)</figcaption></figure>Am 15. Oktober, nach einem knappen halben Jahr, endet die Ausstellung von Treptow. Mehr als sieben Millionen Besucher haben die Veranstalter gezählt – für sie ein voller Erfolg. Und doch untersagt die Reichsregierung es wenige Jahre später, Menschen aus deutschen Kolonien zu Schaustellungszwecken anzuwerben – wenn auch nicht aus Rücksicht. „Völkerschauen“: sehr wohl, aber lieber mit den „Eingeborenen“ anderer Kolonialmächte. Längst ja ist diese Art von Veranstaltung in vielen europäischen Ländern etabliert, in Frankreich, Großbritannien oder Belgien touren Gruppen aus deren Kolonialreichen über den Kontinent von Show zu Show.

Einen allzu engen Kontakt zwischen Deutschen und den Menschen aus den deutschen Überseegebieten halten viele Politiker und Wissenschaftler im Kaiserreich aber nun für heikel. Der „schwarze Untertan“, so erklärt der Tropenmediziner Hans Ziemann, könne nicht zum „schwarzen Bruder“ werden. Eindringlich warnen er und andere vor „Rassenvermischung“ – und davor, dass „Eingeborene“ aus den Kolonien in Deutschland bleiben könnten.

So wie Nayo Bruce aus Togo. Nach der Kolonial-Ausstellung von 1896 organisiert er selbst „Völkerschauen“, zieht mit seinen vier Frauen und einer „Togo-Truppe“ 22 Jahre lang durch Europa, teils mit mehr als 80 Darstellerinnen und Darstellern. Bei Auftritten im Kaiserreich präsentiert er sie als „unsere schwarzen Landsleute“ – und lässt sie am Schluss der Aufführung die Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“ singen.

##### 3. Kolonialpolitik. Ein Platz an der Sonne

Den Erwerb von Kolonien lehnt Bismarck lange ab. Zu groß erscheint ihm das Risiko eines Konflikts mit den anderen Mächten. Doch 1884 ändert der Kanzler seine Meinung Ein unwirtlicher, felsiger Ort, baumlos – aber eben auch der einzig gute Ankerplatz entlang der Westküste des südlichen Afrikas, den sich noch keine europäische Macht angeeignet hat. Am 9. April 1883 erreicht der Bremer Zwei- master „Tilly“ die Angra Pequena, „die kleine Bucht“, wie sie portugiesische Entdecker getauft haben.

Die Brigg hat Baumaterial, Zelte, Munition und 4000 Gewehre geladen. Das Kommando über den kleinen Trupp, der hier an Land gehen soll, führt ein erst 21-jähriger Abenteurer, Heinrich Vogelsang. Er kennt das südliche Afrika von einer früheren Reise und hat die Bucht ausgewählt. Vogelsangs Auftraggeber ist ein Bremer Kaufmann. Adolf Lüderitz will in Südwestafrika mit Waffen handeln, aber die Importzölle sparen, die die Engländer in ihren Kolonialhäfen verlangen. Deshalb plant der Hanseat, einen Handelsstützpunkt aufzubauen – und eine Privatkolonie. Vielleicht, so hofft Lüderitz, lässt sich hier Kupfer, Silber und Gold abbauen, geschützt durch das deutsche Kaiserreich.

Zwei Wochen nach der Landung in der Angra Pequena trifft Vogelsang in einer Missionarssiedlung am Rande der Namib-Wüste das Oberhaupt der! Aman Nama, des in der Region siedelnden Stammes, und erwirbt die Bucht und ihr Hinterland für 200 Gewehre und 100 englische Pfund.

**IN AFRIKA GIBT ES SCHON LÄNGER** einen erbitterten Wettlauf zwischen den Mächten um die Errichtung immer neuer Kolonien, vor allem zwischen Großbritannien und Frankreich. Angestachelt durch das Beispiel dieser Länder und fasziniert von Berichten, die Missionare und Kaufleute verfassen, fordern auch in Deutschland immer mehr Gelehrte, Schriftsteller und Beamte, Kolonien zu erwerben: Das Reich müsse sich Bodenschätze und Märkte erschließen; es könne zudem die revolutionäre Gefahr im Land verringern, wenn es den Armen Lebensperspektiven in den Kolonien schaffe. Darüber hinaus sei die Regierung auf diese Weise in der Lage, die Massenauswanderung in die USA zu stoppen.

Auch der Kaufmann Lüderitz wirbt mit solchen Argumenten im Auswärtigen Amt um Unterstützung für sein Projekt, schickt immer wieder Memoranden, die das milde Klima und die dort vermutlich zu fördernden Rohstoffe preisen. Aber Reichskanzler Otto von Bismarck lehnt jede territoriale Erwerbung strikt ab. Er fürchtet, in Konflikte mit den anderen europäischen Großmächten verwickelt zu werden, die sich schon lange Überseebesitzungen gesichert haben. So halten die Briten die nördlich von der Angra Pequena gelegene Walfischbucht besetzt, im Süden liegt ihre goldreiche Kapkolonie. Bismarck weiß, dass Deutschland ohne schlagkräftige Flotte keine Macht hat, im Kriegsfall seine Gebiete zu schützen. Noch 1881 stellt er kategorisch fest: „Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik.“ Doch im Frühjahr 1884 ändert er seine Haltung. Weshalb, ist bis heute umstritten. Vermutlich will er einen Konflikt mit England provozieren – aus innenpolitischen Gründen.

Denn Kaiser Wilhelm I., geboren 1797, altert rapide, seine Gesundheit ist schlecht. Ein Thronwechsel droht. Und für diesen Fall fürchtet der Reichskanzler seinen Rauswurf durch den neuen Herrscher, Kronprinz Friedrich Wilhelm. Der hegt offene Sympathien für die Liberalen. Zudem steht er unter dem Einfluss seiner englischen Gemahlin Victoria, der Bismarck misstraut. Der Plan des Kanzlers zur Sicherung der eigenen Position ist ebenso raffiniert wie komplex: Indem er Deutschland in den Wettstreit um die Kolonien mit dem britischen Empire führt, will er einerseits das Verhältnis zu England belasten und es dem Thronfolger so unmöglich machen, sich außenpolitisch der liberalen Heimat seiner Gattin anzunähern – was Friedrich Wilhelm offenbar plant. Und nach innen will er mit dem Erwerb von Überseebesitzungen den Reichstagswahlkampf bestreiten, der im Herbst ansteht: gegen die mehrheitlich antikolonial eingestellten Linksliberalen.

Einem engen Mitarbeiter sagt Bismarck zu jener Zeit offen: „Die ganze Kolonialgeschichte ist ja Schwindel, aber wir brauchen sie für die Wahlen.“ Die erste offizielle Kolonie des Deutschen Reichs wird das südwestafrikanische Territorium von Lüderitz, das im Verlauf von zwölf Monaten durch weitere Landkäufe erheblich erweitert worden ist – auf etwa 50 000 Quadratkilometer. Am 24. April 1884 erklärt Bismarck die Angra Pequena und andere von Lüderitz erworbene Ländereien zum deutschen „Schutzgebiet“: Damit wird Deutschland offiziell zur Kolonialmacht. Den Ausdruck „Kolonie“ aber meidet der Kanzler: Das Gebiet bleibt Lüderitz’ Privatbesitz – auch Verwaltung und anfallende Kosten soll er weiterhin übernehmen. So behält der Kaufmann zwar alle Rechte, aber die Pflichten für das Reich bleiben gering. Für Bismarck zählt vor allem das Signal an seine innenpolitischen Feinde und an Großbritannien.

Im Sommer schickt der Kaiser zwei deutsche Kriegsschiffe zur Angra Pequena: 300 Matrosen und Vogelsangs Männer singen „Heil dir im Siegerkranz“ und salutieren, als am 7. August 1884, begleitet von 21 Schuss Salut und einem dreifachen Hoch, über drei armseligen Schuppen die Reichskriegsflagge gehisst wird. Deutsch-Südwestafrika, wie es später heißen wird, ist begründet. Deutschlands Patrioten jubeln über diese Demonstration nationaler Stärke. In rascher Folge werden weitere Schutzgebiete ausgerufen: im Juli 1884 Kamerun und Togo, im Februar 1885 Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda), im Mai Neuguinea, im Oktober die Marschall- Inseln sowie gut ein Jahr darauf die Salomonen im Pazifik.

Binnen weniger Jahre hat Bismarck ein Kolonialreich geschaffen – ein Territorium von etwa 2,5 Millionen Quadratkilometern, fast fünfmal so groß wie Deutschland. Und: Er hat seine taktischen Ziele erreicht. Bereits die Reichstagswahlen Ende Oktober 1884 waren für ihn erfolgreich, die Linksliberalen verloren ein Drittel ihrer Mandate. Auch das Kronprinzenpaar kapituliert: Sich in der Kolonialeuphorie der deutschen Öffentlichkeit als Freunde des konkurrierenden British Empire zu zeigen, würde die Popularität Friedrich Wilhelms und Victorias erheblich beschädigen. Sie lassen dem Reichskanzler mitteilen, er werde auch nach einem Thronwechsel im Amt bleiben.

Weil sich damit die politischen Bedingungen grundlegend verändert haben, erlischt Bismarcks Interesse an den Kolonien. Einem Afrikaforscher, der ihn für eine Expedition zu gewinnen versucht, entgegnet der Kanzler schroff: „Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Hier liegt Russland, und hier liegt Frankreich, und wir sind in der Mitte; das ist meine Karte von Afrika.“ Doch Deutschlands Eintritt in die Kolonialpolitik kann er nicht rückgängig machen – und muss nun die Forderungen der deutschen Öffentlichkeit nach weiterer Expansion sowie private Eroberer zügeln. Als einer von ihnen, Carl Peters, 1885 auf eigene Faust in Ostafrika noch mehr Land annektieren will, fordert Bismarck die britische Regierung auf, dem notfalls mit Waffengewalt ein Ende zu bereiten: Gute Beziehungen zu Großbritannien stehen für den Kanzler jetzt wieder an erster Stelle – auch weil in London mittlerweile ein ihm genehmer Premier regiert.

Schließlich beginnt Bismarck mit der britischen Regierung Verhandlungen über die gegenseitigen Kolonialinteressen. An deren Ende im Sommer 1890 verzichtet Deutschland unter anderem auf jede Expansion in Ostafrika – etwa auf die Insel Sansibar. Im Gegenzug erhält das Kaiserreich das seit 1807 unter britischer Herrschaft stehende Helgoland. Die Kolonialenthusiasten empören sich, „Königreiche“ würden für eine „Badewanne“ gegeben. Aber da ist Bismarck bereits nicht mehr im Amt.

Denn nun bestimmt ein anderer die Politik des Reichs. Nur 99 Tage nach seiner Thronbesteigung im März 1888 ist Friedrich Wilhelm einer Krebserkrankung erlegen. Ihm folgt sein Sohn, ein unberechenbarer junger Monarch, der Kolonialbesitz als eine nationale Selbstverständlichkeit betrachtet: Wilhelm II., der Deutschland zu „Weltgeltung“ führen will und der durch seine rabiate Großmannssucht 1914 einen Krieg der imperialistischen Großmächte mit auslösen wird. Einen Krieg, an dessen Ende das Deutsche Reich all seine Kolonien wieder abgeben muss.

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt;

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt; Kretz, Sebastian: Missionare im Pazifik. In Gottes Auftrag in die Südsee, in: Die Deutschen Kolonien (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 135), Hamburg 2025, S. 44-47.

-&gt; Opitz, Manuel: Kolonial-Ausstellung. Ein Ort zum Gaffen, in: Die Deutschen Kolonien (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 135), Hamburg 2025, S. 80-93.

-&gt; Albrecht, Henning: Kolonialpolitik. Ein Platz an der Sonne, in: Otto von Bismarck 1815-1898. Diplomat, Kriegstreiber, Reichsgründer (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 52), Hamburg 2001.

# Imperialismus

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Außenpolitik und Imperialismus

##### 1. Außenpolitik und Imperialismus


Bismarcks Außenpolitik konzentrierte sich nach den Kriegen der Reichsgründungszeit auf die Erhaltung des europäischen Friedens als Existenzgrundlage des neuen Reiches „in der Mitte Europas“. Ein massiver Kurswechsel erfolgte erst nach seiner erzwungenen Abdankung am 18.3.1890. Nun begann ein „Neuer Kurs“: Bündnisse wurden auf ihre Kriegstauglichkeit hin geprüft. Und Deutschland forderte einen „Platz an der Sonne“.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/7kZimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/7kZimage.jpeg)

<div class="spacer-horizontal__breakout" id="bkmrk-parade-am-tempelhofe"><figure class="detail-picture spacer-horizontal"><figcaption class="detail-picture__description">Parade am Tempelhofer Feld, Berlin. Deutschland. Photographie. 1908. (© picture-alliance, brandstaetter images/Austrian Archives | Anonym)  
Zu Anfang war die Stellung des neuen Reiches „in der Mitte Europas“ noch durchaus ungewiss, und die Außenpolitik Bismarcks war vor allem darum bemüht, eine antideutsche Koalition der europäischen Mächte zu verhindern. Die Überlebensfähigkeit des neu gegründeten Nationalstaats hing jedoch nicht allein von den Möglichkeiten und Grenzen einer geschickten Außenpolitik ab. Ihre politische Bedeutung zeigte sich nicht zuletzt darin, dass Bismarck sie immer auch als einen Hebel begriff, um die innenpolitische Stabilisierung des Kaiserreichs zu betreiben. Nicht nur das in sich höchst widersprüchliche aristokratisch-bürgerliche "Bündnis zwischen Rittergut und Hochofen" (Bismarck) galt es durch außenpolitische Erfolge zu zementieren, sondern auch den Zusammenhalt eines neu zusammengefügten, von vielfältigen ökonomischen, sozialen, kulturellen, konfessionellen und politischen Widersprüchen geprägten Nationalstaats. Die Außenpolitik des Kaiserreichs ist so – zeitgenössisch wie in der Forschung – auch unter innenpolitischen Perspektiven, ja unter einem „Primat der Innenpolitik“ (Eckart Kehr) betrachtet worden, nach dem außenpolitische Feindbilder und machtpolitische Erfolge nicht zuletzt einer Konsolidierung der inneren Ordnung dienen sollten.

**Hegemoniale Konsolidierung unter Bismarck**

Ihren vorläufig sinnfälligsten Ausdruck gewannen Bismarcks Bemühungen um eine Integration in die europäische Mächteordnung im September 1872, als sich Zar Alexander II., Kaiser Franz Joseph von Österreich und Kaiser Wilhelm I. zusammenfanden, um sich ihrer monarchischen Verbundenheit für "die Aufrechterhaltung des europäischen Friedens gegen alle Erschütterungen" zu versichern. Das Treffen führte direkt zum so genannten Dreikaiserabkommen vom Juni bzw. Oktober 1873. Außenpolitisch diente es vor allem der Isolation Frankreichs, also jenes Landes, das nach der Niederlage gegen Preußen-Deutschland und der danach erzwungenen Abtretung Elsass-Lothringens sowie einer Reparationszahlung von 5 Milliarden Francs auf Revanche sann. Bereits im Sommer 1871 begannen französische Diplomaten mit der Annäherung an Russland. Vor allem dieser Entwicklung vermochte Bismarck mit dem Dreikaiserabkommen vorerst einen Riegel vorzuschieben. Überhaupt sollte die außenpolitische Isolation des als "Erbfeind" geltenden westlichen Nachbarn ein zentraler Eckpfeiler der deutschen Außenpolitik bleiben. Schon das Krisenjahr 1874 zeigte allerdings, dass sich das deutsch-russische Verhältnis wieder abzukühlen begann und Frankreich auch weiterhin den Schulterschluss mit dem östlichen Nachbarn Deutschlands suchte.

Vor diesem Hintergrund versuchte Bismarck, die im Umfeld der Einigungskriege so erfolgreiche Strategie der Kriegsdrohung wieder aufzunehmen, um Frankreich einerseits in seinen Revanchekriegsgelüsten zu disziplinieren und andererseits unter den europäischen Mächten zu isolieren. In der „Krieg-in-Sicht-Krise“ des Jahres 1875 kulminierten diese Versuche – und scheiterten: Nachdem im März 1875 in Frankreich ein Gesetz erlassen worden war, das eine militärische Verstärkung zur Folge hatte, erschien am 8. April in der regierungsnahen Zeitung „Die Post“ ¬und wahrscheinlich mit Billigung Bismarcks ein Artikel unter der Schlagzeile „Ist der Krieg in Sicht?“ Zwar hegte Bismarck – anders als viele führende Militärs – nicht die Absicht, einen Präventivkrieg gegen Frankreich zu führen. Aber der Fall eignete sich in seinen Augen vorzüglich, um vor allem die Reaktionen Englands und Russlands zu erproben und nebenbei auch Österreich-Ungarn die militärische Entschlossenheit des Reiches zu demonstrieren.

Doch die unmissverständlichen Reaktionen Russlands und Englands, einen ähnlichen Krieg wie den 1870 herbeigeführten keinesfalls zu dulden bzw. durch ihr Nichteingreifen überhaupt erst zu ermöglichen, führten dem Reichskanzler eines deutlich vor Augen: Die Option Krieg kam nicht in Frage, um die europäischen Machtverhältnisse zu beeinflussen und die Existenz des Deutschen Reiches zu sichern. Was folgte, war eine „Politik der relativen Selbstbescheidung“ (Jost Dülffer), ja, die Entdeckung eines „Bewegungsgesetz(es), nämlich durch kontrollierte Benutzung machtpolitischer Rivalitäten Ausgleich zu schaffen und durch gezügelte Pflege internationaler Spannungen Frieden zu stiften“ (Klaus Hildebrand). Das mag etwas zu idealistisch formuliert sein, charakterisiert aber den Grundcharakter der hegemonialen Sicherungsversuche in den 1870er und 1880er Jahre recht präzise.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/ctSimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/ctSimage.jpeg)

<div class="spacer-horizontal__breakout"><figure class="detail-picture spacer-horizontal"><figcaption class="detail-picture__description">Berliner Kongress (13. Juni 1878 bis 13. Juli 1878). Gemälde von Anton Werner von 1881. (© Public Domain)

</figcaption></figure></div>**Das Reich ist saturiert**

Die neu gewonnenen Erkenntnisse zu erproben, boten die offene orientalische Frage – womit nichts anderes gemeint ist als der allmähliche Verfall des Osmanischen Reiches und die daraus resultierenden Gebietsansprüche der europäischen Mächte – und eine der vielen Balkan-Krisen eine erste Gelegenheit. Seit dem Sommer 1875 hatten Aufstände gegen die türkische Herrschaft auf dem Balkan zugenommen. Direkt betroffen waren hier aber auch die Interessen Russlands und Österreich-Ungarns und – nachdem der Zar am 24. April 1877 einen Krieg gegen die Türkei begonnen und am 3. März 1878 mit einem Diktatfrieden beendet hatte – auch englische Ambitionen zu berücksichtigen. Seit dem Krimkrieg (1853-1856), der ebenfalls als russisch-türkischer Krieg begonnen hatte und in dem schließlich der religiös instrumentalisierte Eroberungswillen Russlands auf den entschiedenen Widerstand Englands und Frankreichs gestoßen war, drohte jeder Konflikt in dieser Region zum europäischen Krieg zu werden.

Auf dem Berliner Kongress (13. Juni bis 13. Juli 1878), der als Forum für die Beendigung der Krise einberufen worden war, gelang es Bismarck als „ehrlicher Makler“ aufzutreten und zwischen den beteiligten Mächten erfolgreich zu vermitteln. Dabei folgte er jenen Prinzipien, die er ein Jahr zuvor während einer Kur in Bad Kissingen als Aktennotiz diktiert hatte ( „Kissinger Diktat“, vgl. Dokumente). Nicht das Zukunftsbild „irgend eines Ländererwerbs“ schwebte ihm vor, "sondern das einer politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden." Die Grundlage dafür bildete ein komplexes Bündnissystem, das schließlich im Dreibundvertrag zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien (20.5.1882) gipfelte und später durch den Rückversicherungsvertrag mit Russland (18.6.1887) ergänzt werden konnte. Er enthielt eine beidseitige Neutralitätsverpflichtung im Verteidigungsfall und in geheimen Zusatzprotokollen Russland zugestandene territoriale Ansprüche im Mittelmeerraum und auf dem Balkan.

Die außenpolitischen Ambitionen Bismarcks konzentrierten sich deshalb auf die Erhaltung des europäischen Friedens, weil ein Krieg das Reich zerstören würde. „Wir haben“, so führte er in einer Reichstagsrede am 11. Januar 1887 aus, „keine kriegerischen Bedürfnisse, wir gehören zu den – was der alte Fürst Metternich nannte: saturierten Staaten, wir haben keine Bedürfnisse, die wir durch das Schwert erkämpfen könnten“. Das hieß allerdings nicht, dass das Schwert für einen möglicherweise doch kommenden Krieg und für die Abwehr innerer ,Feinde‘ nicht scharf gehalten werden sollte. Noch unter Bismarck und von ihm unterstützt wurden in den Jahren 1887 und 1890 zwei Wehrvorlagen verabschiedet, die zusammen mit der von 1893 fast zu einer Verdoppelung der personellen Heeresstärke führten.

**Die neue Außenpolitik**

Nach der erzwungenen Abdankung Bismarcks (18.3.1890) erfolgte eine scharfe Wende in der deutschen Außenpolitik. Der junge, nach dem Tod seines Vaters und Großvaters inthronisierte Kaiser Wilhelm II. (15. Juni 1888) berief am 23. März 1890 den General der Infanterie Leo von Caprivi (1831-1899) zum neuen Reichskanzler. Mit ihm sollte ein „Neuer Kurs“ in der Außenpolitik gefahren werden, der die als stagnierend wahrgenommene, zugleich immer undurchsichtiger und widersprüchlicher gewordene Diplomatie Bismarcks in Bewegung zu bringen hatte. Das vorhandene Bündnissystem wurde nun nach einem Wort des Historikers Klaus Hildebrand weniger auf seine Friedens- als auf seine Kriegstauglichkeit hin beurteilt. Da sich die neue deutsche Führung aber mittlerweile einen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland durchaus zutraute, Russland dagegen misstrauisch gegenüberstand und den zur Verlängerung anstehenden Rückversicherungsvertrag mit dem Zarenreich als unvereinbar mit den Prinzipien des Dreibunds interpretierte, ließ man ihn im März 1890 auslaufen. Die Wendung gegen Russland sollte durch eine Annäherung an England und durch den Ausbau und die Stabilisierung des Dreibundes – vor allem durch Handelsverträge – ausgeglichen werden. Sie führte jedoch in eine neue Form der Blockkonfrontation, in der das Kaiserreich schließlich allein im Zweibund mit Österreich-Ungarn der Entente aus England, Frankreich und Russland gegenüberstand.

<div class="detail-picture detail-picture--right text-content"><figure class="detail-picture__figure"><div class="detail-picture__picture"><picture class="picture is-lazy is-active">![Faktorei in Lomé, Togo, um 1895.](https://www.bpb.de/cache/images/8/144288_article_side.jpg?9ADF8)</picture><button class="lightbox-toggle"><span class="a-visually-hidden" lang="de">In Lightbox öffnen</span></button></div><figcaption class="detail-picture__description">Faktorei in Lomé, Togo, um 1895. (© picture-alliance/akg)

</figcaption></figure></div>Dies alles geschah in einer Zeit, als global der Übergang zu einem forciert betriebenen Imperialismus unübersehbar geworden war. Nachdem Bismarck anfangs eher zögerlich und aus sozialimperialistischen, der nationalen Integration verpflichteten Erwägungen die Einrichtung deutscher Schutzgebiete vor allem in Afrika (Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun) unterstützt hatte, trat das imperialistische Weltmachtstreben auch in Deutschland bald immer deutlicher in den Vordergrund. Es ging in der Politik nach Innen mit einer zunehmenden Zentralisierung und Kartellbildung der prosperierenden Wirtschaft einher, die ihr industrielles Produktionsvolumen binnen weniger Jahre bedeutend steigern konnte. Die Erschließung von Absatzmärkten, aber auch die Absicherung von Rohstoffquellen und damit die Zukunft der Wirtschaft und des Wohlstands hingen, so meinten viele Meinungsführer und Entscheidungsträger, von einer forcierten Expansion Deutschlands nach Übersee ab, die mit einem staatlichen geförderten Kolonialismus zugleich imperiale Weltmachtträume befeuern konnte. „Weltpolitik“ lautete die nicht zuletzt mit dem jungen Kaiser Wilhelm II. verbundene Parole der Zeit, unter der sich sowohl der monarchische Staat als auch die bürgerliche Gesellschaft zusammenfinden konnten. Da das Kaiserreich bei seinen weltpolitischen Aktivitäten jedoch fast überall auf bereits etablierte Kolonialreiche seiner europäischen Nachbarn traf, waren damit vielfältige außenpolitische Konflikte vorprogrammiert.

**Wilhelminismus und Weltpolitik**

Wilhelm II, dessen Anspruch auf ein "persönliches Regiment" der Epoche den Stempel aufdrückte, war nicht allein ein begeisterter Außenpolitiker, er engagierte sich auch von Anfang an für eine nach Expansion und Kolonialbesitz strebende Weltpolitik. Im Tagesgeschäft wurde er von den jeweiligen, für die Außenpolitik zuständigen Kanzlern und den Staatssekretären des Auswärtigen beraten und gelenkt. Zur unübertroffenen Meisterschaft darin brachte es Bernhard von Bülow (1849 – 1929), der 1897 zum Staatssekretär des Äußeren und drei Jahre später zum Reichskanzler berufen wurde. Namentlich in der Frage der Modernisierung und des Ausbaus der Kriegsmarine trafen von Bülow und der 1897 als Staatssekretär des Reichsmarineamts berufene Admiral Alfred von Tirpitz (1849 – 1930) beim marinebegeisterten Kaiser auf offene Ohren. Spätestens seit Mitte der 1890er Jahre blieb dessen außenpolitische Vorstellungswelt beherrscht vom Bau neuer Kriegsschiffe und einer offensiven Seestrategie.

</figcaption>Er reagierte damit auch auf eine öffentliche Meinung und deren wachsende Bedeutung: Vor allem in den bildungs- und wirtschaftsbürgerlichen Schichten des Kaiserreichs, den eigentlichen Trägern eines überschießenden Nationalismus, brach sich die ungehemmte Begeisterung für die neue Flottenpolitik Bahn, die gleichermaßen den Status einer Weltmacht gegen England sichern wie ein großes deutsches Kolonialreich errichten sollte. Außenpolitisch führte der vom Kaiser gebilligte, von Bülow vertretene und von Tirpitz nicht zuletzt mit dem Ziel einer innenpolitischen Integration der auseinandertreibenden gesellschaftlich-politischen Kräfte konzipierte Aufbau einer Schlachtflotte – die im Innern mit einer bis dahin unbekannten propagandistischen Mobilisierung der öffentlichen Meinung und Einschränkungen des parlamentarischen Budgetrechts verbunden war – in erster Linie zu einer massiven deutsch-britischen Rivalität. Darüber hinaus setzte sie einen schließlich alle Mächte erfassenden maritimen Rüstungswettlauf in Gang, die sich im Bau immer stärkerer Schlachtschiffe zu übertreffen versuchten.

**Der deutsche Kolonialismus**

Die Kolonialherrschaft des Kaiserreichs hat in der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft lange eine untergeordnete Rolle gespielt und ist erst im Zeichen „postkolonialer“ Perspektiven in den Mittelpunkt von Forschung und öffentlichen Debatten gerückt. Sein koloniales Reich bestand seit den 1880er Jahren aus verstreuten „Schutzgebieten“ in den afrikanischen Kolonien Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia), Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda), Togo und Kamerun sowie dem zur Musterkolonie erklärten nordchinesischen Marinestützpunkt Kiautschou und den pazifischen Inselgruppen Deutsch-Neuginea und Deutsch-Samoa. Zweifellos war der deutsche Kolonialismus für manche Unternehmen ertragreich, und er hat darüber hinaus die Phantasien vieler Menschen von Abenteuer, Macht und deutscher Größe beherrscht. Doch in der Realität war nur eine kleine Zahl von deutschen Siedlern beteiligt, und für das Reich wurde die Kolonialherrschaft zu einem Zuschussgeschäft, das viele Finanzmittel und Energien verschlang. Desaströs waren die Ergebnisse dagegen für die indigene Bevölkerung. Die zivilisatorischen Errungenschaften, die nach der Kolonialpropaganda die deutsche Kultur den „Eingeborenen“ bringen sollte, blieben, wenn überhaupt, bescheiden, während nicht nur die von rassistischen Überlegenheitsvorstellungen angeleitete Beherrschung und ökonomische Ausbeutung, sondern auch die Korrumpierung und Zerstörung der indigenen Lebensformen ebenso menschenverachtende wie destruktive Formen annahm.

<figcaption class="detail-picture__description">In Deutschland wurden die Kolonialverbrechen vor allem durch die Sozialdemokraten publik gemacht und angeprangert. Besonderes Aufsehen erregte 1894 die „Peitschenrede“ des SPD-Vorsitzenden August Bebel, der im Reichstag eine „Nilpferdpeitsche“ präsentierte, mit der deutsche Kolonialbeamte nackte Afrikanerinnen auspeitschen ließen. Die Verbindung von rassistischer Gewalt und Sexismus diente zweifellos der beabsichtigten Empörung, doch war sie durchaus real und durchzog auch die weiteren Debatten im Reichstag und der deutschen Öffentlichkeit über skandalöse koloniale Gewaltpraktiken und Strafmaßnahmen. Körperliche Bestrafungsformen wurden daraufhin offiziell beschränkt, doch im Zusammenhang der folgenden kolonialen Militäraktionen setzten sich auch in der deutschen Öffentlichkeit wieder rassistische Deutungsmuster durch. Am Anfang stand 1900 die Entsendung eines deutschen Marineverbandes nach China, als die vereinten europäisch-amerikanischen Kolonialmächte angesichts des sog. Boxer-Aufstands eine gemeinsame Strafexpedition beschlossen. In seiner berühmt-berüchtigten Hunnenrede forderte Wilhelm II. die deutschen Soldaten auf, mit Gewaltmaßnahmen wie der Hunnenkönig Etzel dafür zu sorgen, „dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen“. Zwar kam das deutsche Expeditionskorps zu spät, um noch in die bereits entschiedenen Kriegshandlungen eingreifen zu können. Doch trotzdem praktizierten sie unter der Zivilbevölkerung eine Gewaltherrschaft, der viele Chinesen zum Opfer fielen.

Der immer wieder aufflackernde Widerstand in den afrikanischen Kolonien kulminierte im frühen 20. Jahrhundert in zwei großen Aufstandsbewegungen, die von den deutschen Kolonialtruppen auf brutale Weise niedergeschlagen wurden. Wenig Aufmerksamkeit hat bis heute der „Maji Maji-Aufstand“ von 1905 bis 1907 in Deutsch-Ostafrika gefunden, bei dessen Niederschlagung nach Schätzungen etwa 300.000 Menschen umkamen. Immer nachdrücklicher in das heutige politische Bewusstsein ist dagegen der sog. Hererokrieg von 1904/5 getreten, dessen brutale militärische Unterdrückung inzwischen als erster Genozid des an Völkermorden reichen 20. Jahrhunderts angesehen wird. Die Völker der Herero und Nama hatten sich nach Vertreibungsmaßnahmen der deutschen Kolonialherren erhoben und wurden nach anfänglichen Erfolgen militärisch besiegt. Der zwischenzeitlich eingesetzte Kommandeur Lothar von Trotha ließ das ganze Volk der Herero in die anschließend abgeriegelte Omaheke-Wüste treiben, wo die meisten verdursteten oder verhungerten. Nach seinem Befehl vom 2. Oktober 1904 wurde „jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf und treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen“.

Zwar traf diese Rache- und Vernichtungspolitik im Reich zunehmend auf Kritik und Trotha wurde schließlich abberufen; doch als Ende 1906 SPD und Zentrum im Reichstag die Bewilligung weiterer Finanzmittel für die Kriegsführung in Deutsch-Südwest verhinderten, löste die Regierung den Reichstag auf und nutzte dies, um in den propagandistisch aufgehetzten „Hottentottenwahlen“ gegen die „inneren Feinde“ neue parlamentarischen Mehrheiten zu schaffen. In „Deutsch-Südwest“ waren große Teile der Herero bereits ums Leben gekommen, bevor die Überlebenden ähnlich wie die Nama in Zwangsarbeitslager gesperrt wurden. Von der neueren Forschung ist diese Vernichtungspolitik in eine Entwicklungslinie „von Windhoek nach Auschwitz“ (Jürgen Zimmerer) eingeordnet worden. Doch jenseits der Empörung über eine Politik des genozidalen Massenmordes sind bisher kaum eindeutige historische Verbindungen aufgezeigt worden, die vom kolonialen Genozid an den Herero und Nama zum Holocaust und anderen nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen geführt haben. Ob diese auf einen spezifisch kolonialistisch-genozidalen Rassismus zurückgeführt werden können, muss deshalb fragwürdig bleiben.

**Deutsche Machtpolitik zwischen „Politik der freien Hand“ und „Einkreisung“**

Die koloniale Expansion des Kaiserreichs traf in der Weltpolitik überall auf Widerstände und rief vielfältige Konflikte hervor. Denn die Suche nach einem „Platz an der Sonne“ begann zu einer Zeit intensiver zu werden, da die überseeische Welt unter den etablierten Kolonialmächten bereits weitgehend aufgeteilt war und das Deutsche Reich auch im „Wettlauf um Afrika“ von Anfang an keine guten Karten hatte. Daran konnte auch die von Bismarck einberufene Berliner Kongo-Konferenz der imperialistischen Mächte wenig ändern, die 1894/95 nur Einigungen über den zentralafrikanischen Kongo ohne deutsche Zugewinne erbrachte. In Nordafrika stießen die deutschen Ambitionen auf etablierte französische Interessen, die Orientpolitik des Reiches rief englische Befürchtungen und Widerstände vor allem gegen das Projekt einer von deutschen Unternehmen initiierten Bagdadbahn hervor. Die diplomatischen Konflikte, die dadurch ausgelöst wurden, wogen schwerer als der vermeintlich gestärkte Weltmacht-Status, zumal die von Berlin verfolgte „Politik der freien Hand“ nach Außen – die in der Forschung bereits früh als eine Art bindungsloses Torkeln, als „springende Unruhe“ zwischen den Großmächten Russland und England charakterisiert wurde (Hermann Oncken) – die bündnispolitische Position des Reiches deutlich schwächte. Als verlässlicher Bündnispartner blieb allein die schwächelnde Doppelmonarchie Österreich-Ungarn übrig.

Dennoch gab es 1898 nochmals eine Chance zur Verständigung mit England. Der britische Kolonialminister Joseph Chamberlain (1836 – 1914) unterbreitete dem deutschen Botschafter in London, Paul Graf von Hatzfeld (1831 – 1901), den „Wunsch“ nach einem Vertrag mit dem Dreibund. Überzeugt, dass England sich weltpolitisch zu überheben drohte und deshalb nach Bündnispartnern suchen müsse, war das Angebot durchaus ernst gemeint. Doch es wurde von der deutschen Regierung nicht einmal ernsthaft geprüft. In der Wilhelmstraße war man fest davon überzeugt, die durch den vermeintlich unüberbrückbaren Gegensatz zwischen England und Russland garantierte und durch die kolonialen Konflikte zwischen England und Frankreich noch verstärkte außenpolitische Handlungsfreiheit beibehalten zu können.

Doch anders als in Berlin erwartet, legten England und Frankreich am 8. April 1904 ihre kolonialen Konflikte bei und verbanden sich zur Entente cordiale. Diese konnte auch durch die von Deutschland provozierten zwei Marokko-Krisen der Jahre 1905/06 und 1911 nicht mehr aufgebrochen werden. Schließlich verständigten sich auch Russland und England: Am 31. August 1907 einigten sich beide Mächte über ihre Interessensgebiete in Asien und im Nahen Osten. Schnell war klar, dass sich damit die Entente cordiale zur Triple-Entente entwickelt hatte. Bis zum Amtsantritt von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1856 – 1921) im Jahre 1909 bestand die außenpolitische Reaktion Deutschlands auf diese als „Einkreisung“ verstandenen Bündnis-Entwicklungen vor allem darin, einen noch engeren Schulterschluss „in treuem Zusammenstehen“ (Bernhard von Bülow) mit Österreich-Ungarn zu suchen. Die schwächelnde Position der habsburgischen Doppelmonarchie auf dem Balkan sollte unter allen Umständen gesichert werden.

Am Ende der Amtszeit Bülows war man auf der Einbahnstraße der selbst verschuldeten außenpolitischen Isolierung weit vorangekommen. Das noch Bismarck wie einen Alp belastende Schreckensbild eines Zweifrontenkrieges konnte Wirklichkeit werden. Und über den „Erbfeind“ Frankreich und das zum Feindbild geronnene Zarenreich hinaus zählte nun auch die „Händlernation“ Großbritannien, provoziert durch den deutschen Schlachtflottenbau, als vermeintlicher Drahtzieher einer antideutschen „Einkreisung“ zu den deutschen Feindbildern und möglichen Gegnern in einem großen europäischen Krieg. Dem neuen, 1909 berufenen Reichskanzler Bethmann Hollweg gelang es zwar im gemeinsamen Krisenmanagement mit England, die Balkankriege von 1912/13 zu lokalisieren. Doch die Idee, die „Einkreisung“ durch eine Flucht nach vorn in einen vermeintlichen Präventivkrieg aufzubrechen und so zugleich eine innere Stabilisierung der zunehmend bedroht erscheinenden Herrschaftsordnung des Kaiserreichs bewirken zu können, gewann insbesondere in Militär- und Staatsführung, aber auch in der Öffentlichkeit immer mehr Befürworter.

  
  
  
  
  
</figcaption></figure></div>##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Ulrich Bernd u. Kruse, Wolfgang: Außenpolitik und Imperialismus, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung) online verfügbar seit 04.02.2026 unter: [https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/139653/aussenpolitik-und-imperialismus/](https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/139653/aussenpolitik-und-imperialismus/), zuletzt geprüft am 30.08.2026.

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt;

-&gt;

-&gt;