Persönlichkeiten
Persönlichkeiten
Inhaltsverzeichnis
- Otto von Bismarck
- Bernhard von Bülow
- Maximilian Prinz von Baden
- Robert Julius Spies
- August Bebel
- Heinrich Mann
- Thomas Mann
- Karl May
- Karl Liebknecht
- Robert Koch
- Gottlieb Daimler
- Wilhelm Conrad Röntgen
- Friedrich Nietzsche
- Paula Modersohn-Becker
- Bertha Benz
- Lina Morgenstern
- Max Planck
- Robert Bosch
- Carl Benz
- Theodor Fontane
- Hedwig Dohm
- Clara Zetkin
- Minna Cauer
- Werner von Siemens
- Alfred Krupp
- Wilhelm I.
- Wilhelm II.
- Frank Wedekind
- Ernst Ludwig Kirchner
- Rudolf Diesel
- Franz Marc
- Richard Strauss
- Anita Augspurg
- Franzsika zu Reventlow
- Alfred von Tirpitz
- Melitta Bentz
- Max Reger
- Margarete Steiff
- Heinrich Hertz
- Emil von Behring
- Friedrich III.
- Stefan George
1. Otto von Bismarck
Biographie (1815 - 1898)
B. verlebte seine Kindheit in Kniephof (Pommern), wohin seine Eltern übergesiedelt waren. 1823 kam er auf die Plamannsche Erziehungsanstalt in Berlin, 1827 auf das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, anschließend auf das Gymnasium zum Grauen Kloster. 1832 bezog er die Universität Göttingen und trat bei der Hannovera ein, die sich damals noch als Landsmannschaft bezeichnete. Das Korpsleben füllte ihn nicht aus, er hatte einen vielseitigen Verkehr und schloß eine lebenslange Freundschaft mit dem späteren amerikanischen Historiker und Diplomaten →John Lothrop Motley, die sich noch in gemeinsamen Berliner Jahren vertiefte. 1834 ging er für drei Semester nach Berlin und trat 1835 als Auskultator am Berliner Stadtgericht, dann beim Kammergericht ein. 1836 wurde er Regierungsreferendar in Aachen und auf seine Bitte im November 1837 in Potsdam. 1839 schied er aus dem Staatsdienst aus, den er noch nicht ernst genommen hatte: er wollte Musik machen, wie er sie für gut erkenne, oder gar keine. B. übernahm die Bewirtschaftung von Kniephof, später von Schönhausen. Seine angeborene Neigung zu einem unabhängigen Herrenleben, sein tiefes Naturempfinden zogen ihn zum Lande hin. Doch vermochte ihm diese Tätigkeit auf die Dauer nicht zu genügen. Sein überschäumender Lebensdrang trug ihm bei seinen Nachbarn den Ruf des „wilden B.“ ein; er trieb ausgedehnte Lektüre historischer und staatswissenschaftlicher Werke; die Beschäftigung mit der Philosophie, schon bei der Vorbereitung zum Staatsexamen begonnen, darf dagegen nicht überschätzt werden. 1842 unternahm B. Reisen nach England, Frankreich und der Schweiz. Der Versuch, 1844 nochmals als Regierungsreferendar in Potsdam tätig zu sein, scheiterte nach kurzer Zeit an seiner Abneigung gegen die bürokratische Routine.
B. wurde aus dem Zustand innerer Unruhe und Vereinsamung durch die entscheidenden Eindrücke befreit, die er seit 1843 von dem Kreis der pommerschen Pietisten, vor allem von den Familien Thadden und Blankenburg empfing. Im Verkehr mit diesen harmonischen, innerlich gefestigten Menschen überwand er seinen pantheistischen Skeptizismus und gelangte zu dem Glauben an einen persönlichen Gott, der seinem Denken und Handeln Richtung und Ziel gab. Aus diesem Kreise wählte er seine Lebensgefährtin, mit der er eine überaus glückliche Ehe geführt hat. Die Liebe zu ihr trug dazu bei, daß sein Glaube an eine persönliche göttliche Führung sich festigte. Bei ihrem streitbaren Temperament war freilich →Johanna wenig geeignet, im versöhnlichen und ausgleichenden Sinn auf ihren Gatten einzuwirken.
Auf dem Weg über die ständische Selbstverwaltung (seit 1846 war er Deichhauptmann) gelangte B. im folgenden Jahr in den Vereinigten Landtag, mit dem der absolutistische Staat dem Ende zuging, den auch er nicht wollte. Er fiel schon damals durch sein exzentrisches Wesen, durch den unerschütterlichen Mut auf, mit dem er die Rechte des Königtums verteidigte. Die Märzrevolution von 1848 überraschte ihn auf dem Lande; er wäre gemeinsam mit seinen Bauern zu einer sofortigen Gegenaktion bereit gewesen und zog sich die dauernde Abneigung der damaligen Prinzessin von Preußen, der späteren Kaiserin →Augusta, dadurch zu, daß er sich offenbar darum bemüht hat, sie für eine Gegenrevolution im Namen ihres Sohnes zu gewinnen. Im Februar 1849 wurde B. in die zweite Kammer des preußischen Landtages gewählt, nachdem er sich schon vorher mit unbestreitbarer journalistischer Begabung an der Pressepolemik, hauptsächlich in der Kreuzzeitung, beteiligt hatte. In der Abgeordnetenkammer - 1850 gehörte er auch dem Erfurter Parlament an - war er bestrebt, bei realistischer Anerkennung der veränderten Lage für die Monarchie und die ständischen Interessen das noch Mögliche zu retten. Obwohl er noch die Anschauungen seiner christlich-konservativen Freunde teilte, wurde doch bald in seinen Reden ein abweichender Ton vernehmbar: weniger Prinzipien als die Interessen des preußischen Staates standen für ihn im Vordergrund. Von der mächtigen Kamarilla, insbesondere von →Leopold von Gerlach unterstützt, erfolgte am 15.5.1851 seine Ernennung zum Gesandten am Bundestag. In Frankfurt hat B. vielleicht seine glücklichsten Jahre verlebt. Erst jetzt konnte er sich mit seiner Familie dauernd vereinigen; er befand sich in seinen besten Mannesjahren, bewegte sich in einer anregenden Gesellschaft und war in eine Verantwortlichkeit hineingestellt, die seiner Befähigung entsprach, ohne daß die Last der Arbeit an ihm zehrte. In Frankfurt ist er durch die diplomatische Schule gegangen, die ihm noch fehlte; er kam mit den großen Fragen der Politik in unmittelbare Berührung und sah seine Hauptaufgabe darin, die volle Gleichberechtigung Preußens mit Österreich durchzusetzen, schon damals davon überzeugt, daß für zwei Großmächte in Deutschland kein Platz sei. Während des Krimkrieges (1854–56) mehrfach von seinen Freunden nach Berlin gerufen, befürwortete er nachdrücklich die Neutralität Preußens, für die sich dann auch die Regierung →Manteuffel schließlich entschied. In diesen Jahren löste er sich allmählich von der konservativen Parteiideologie und bekannte sich zu einer Interessenpolitik (Briefwechsel mit →Leopold von Gerlach).
Der Beginn der „Neuen Ära“, die der Prinz von Preußen als Regent für seinen erkrankten Bruder einleitete, hatte B.s Abberufung von Frankfurt und seine Ernennung zum Gesandten in Petersburg (23.1.1859) zur Folge. Noch galt er irrtümlich als ultra-konservativ und hatte durch zwei Unterredungen mit →Napoleon III. (1854 und 1857) das Mißtrauen des Prinzen erregt. Die Tätigkeit in Petersburg wurde durch eine zweimalige schwere Erkrankung, die hart am Tode vorbeiführte, für längere Zeit unterbrochen. Immerhin gelang es B., die traditionelle Freundschaft zwischen der russischen und preußischen Herrscherfamilie zu festigen; er lernte einen seiner wichtigsten Gegenspieler auf der politischen Bühne, den Fürsten Gortschakoff, richtig einschätzen und schrieb Berichte über die damalige innere Lage Rußlands, die zu dem Besten gehören, was darüber gesagt worden ist. Den französisch-österreichischen Krieg von 1859 verfolgte B. mit angespannter Aufmerksamkeit. In seinen verwegensten Träumen beschäftigte er sich mit der Möglichkeit, unter skrupelloser Ausnützung der österreichischen Bedrängnis die Verhältnisse in Deutschland zugunsten Preußens von Grund aus umzugestalten. Der Verfassungskonflikt in Preußen wegen der Militärreform machte ihm den Weg zur höchsten Verantwortung frei. Die Ernennung zum Gesandten in Paris am 22.5.1862 war schon als eine Übergangslösung gedacht. Ende Juli nahm er Urlaub. In Biarritz traf er mit dem russischen Diplomaten Fürst Orloff und dessen Gattin →Katharina zusammen; B. fühlte sich von der jungen und temperamentvollen Frau stark angezogen; er erlebte unvergeßliche Tage voller Romantik, unmittelbar bevor die Sorge um den Staat seine Kräfte voll in Anspruch nahm. Von dem preußischen Kriegsminister →Albrecht von Roon nach Berlin gerufen, fand er den →König zum Thronverzicht bereit, weil es ihm nicht gelungen war, die ihm am Herzen liegende Heeresreform gegen den Willen des Abgeordnetenhauses durchzusetzen. Da sich alle Minister verbraucht hatten, war B. die letzte Reserve. Der König mußte bei seinem Pflichtgefühl den Versuch wagen, obgleich ihm B.s dynamisches Wesen unheimlich war. In den Unterredungen vom 22. und 23.9. in Babelsberg hat er den König mit taktischem Geschick dahin gebracht, ihn nicht an ein festes Programm zu binden; er stellte sich unter Preisgabe konstitutioneller Sicherheiten wie ein Vasall dem Landesherrn zur Verfügung. Es war ein ungeschriebener Vertrag auf gegenseitige Treue, der Preußen bzw. Deutschland für fast drei Jahrzehnte eine überlegene politische Führung gab; aber in dieser Situation lag etwas Problematisches: alles war auf dieses einmalige Verhältnis zwischen König und Minister abgestellt, für eine freie konstitutionelle Entwicklung war kein Raum. Am 24.9. wurde B. interimistisch, am 8.10. endgültig zum Ministerpräsidenten und gleichzeitig zum Minister des Auswärtigen ernannt.
B.s Politik bis 1866 steht unter dem beherrschenden Gedanken, dem preußischen Staat diejenige Stellung zu gewinnen, die →Friedrich der Große angestrebt, aber noch nicht voll erreicht hatte: den Rang einer Großmacht, die hinter Österreich in keiner Hinsicht zurückstand. Hierzu bedurfte es eines in sich geschlossenen Staatskörpers; der preußische Staat mußte nach B.s Überzeugung über die Kräfte Norddeutschlands frei verfügen können. Der Verfassungskonflikt, dessen Verschärfung er anfänglich nicht wünschte, zwang ihm eine bestimmte Taktik auf. Er führte den kompromißlosen Kampf für die Rechte der Krone, für die Integrität der historischen Institutionen, er durfte daher dem preußischen bzw. dem deutschen Liberalismus auch auf außenpolitischem Felde keine Vorteile einräumen. Hinzu kam noch das Bestreben, die persönliche Macht zu behaupten, die in den ersten Jahren nicht so sehr vom Abgeordnetenhaus wie von einer Gruppe bedroht war, die, aus Mitgliedern der königlichen Familie mit ihrer internationalen Koburger Verwandtschaft, aus Beamten und Diplomaten bestehend, seine Politik mit Entschiedenheit bekämpfte. Die Bedeutung des Militärkonfliktes für die künftige Entwicklung läßt sich kaum überschätzen. Wieviele Fehler auch immer von der liberalen Opposition gemacht worden sind, wie sehr das Parlament seine Ansprüche übersteigerte, und betont werden muß, daß die Reform der preußischen Armee aus sachlichen Gründen notwendig war; hier stieß der autoritäre Militär- und Beamtenstaat mit den konstitutionellen Anschauungen einer neuen Zeit in erschreckender Deutlichkeit zusammen; das Mißtrauen der Fortschrittspartei, daß die Errungenschaften der Märzrevolution rückgängig gemacht werden sollten, war bei den in der Umgebung des Königs herrschenden Tendenzen durchaus nicht unbegründet. Der Ausgang war nur scheinbar ein Kompromiß, in Wahrheit eine Niederlage der zur Mitverantwortung drängenden bürgerlichen Kräfte, die nicht wieder gutgemacht werden konnte. Es gelang B., der Staatskrise durch seine außenpolitischen Erfolge die Spitze abzubrechen. Ein dämonischer Grundzug in B.s Handeln vor der Reichsgründung ist nicht zu übersehen. Es war eine revolutionäre Politik, die gelegentlich die Grenze überschritt, die dem Staatsmann in einer konservativen Monarchie gesetzt ist. Das wachsende Mißtrauen der auf dem Boden der christlichen Rechtsordnung stehenden Parteifreunde war nicht unberechtigt. Den Zeitgenossen erschien B.s Außenpolitik zunächst wie ein frivoles Spiel. Aber trotz des Risikos, das sie in sich schloß, war sie keinen Augenblick abenteuerlich, die Aussichten wurden von B. sorgfältig abgewogen, er war stets bereit, vor allzu starken Widerständen einen Schritt zurückzugehen. Er wußte, daß er angesichts der vielfachen europäischen Spannungen verhältnismäßig viel wagen konnte, daß er sich zur Durchsetzung preußischer Ziele auf die Krone, die Zuverlässigkeit der Armee und des Beamtentums, auch auf die Treue des flachen Landes zu verlassen vermochte. Bei dem ungestümen Tempo, in dem sich die Ereignisse vollzogen, konnte die Besorgnis des Auslandes gegen Preußen, das man ohnehin durch seinen inneren Konflikt als geschwächt ansah, nicht so rasch ansteigen, um automatisch eine allgemeine Intervention auszulösen.
Die so genannte Konvention Alvensleben vom 8.2.1863, in der B. Rußland unter bestimmten Umständen aktive Unterstützung bei der Niederwerfung des polnischen Aufstandes zusagte, verursachte allerdings erhebliche Beunruhigung in den westeuropäischen Hauptstädten; aber B. lavierte so geschickt, daß sich keine gefährlichen Konsequenzen ergaben, vielmehr ein preußisch-russisches Einverständnis begründet wurde, das sich in der kommenden Zeit noch als sehr nutzbringend erwies. Bei der Lösung der schleswig-holsteinischen Frage (1863–65) bewies B. vielleicht die größte diplomatische Meisterschaft seiner Regierungszeit. Er mußte im wahrsten Sinne des Wortes allein gegen den Strom schwimmen. Nicht nur liberalen, sondern auch konservativen Kreisen mußte es unbegreiflich erscheinen, daß er nicht die einzigartige Gelegenheit ergriff, Preußen an die Spitze der nationalen Bewegung zu stellen, um das tief gesunkene Ansehen dieses Staates wieder zu heben. Unberührt von den komplizierten Rechtsverhältnissen hat er von Anfang an die Angliederung der Herzogtümer an Preußen für das erwünschte Ziel gehalten, dieses aber nur von Etappe zu Etappe durchzusetzen versucht. Er mußte darauf bedacht sein, Preußen nicht wieder in die gefährliche internationale Isolierung hineinzumanövrieren, die 1848-50 bestanden hatte; er wünschte gleichzeitig zu verhindern, daß der deutsche Liberalismus und die deutschen Mittelstaaten einen außenpolitischen Gewinn zu verbuchen hatten. So hielt er zunächst am Londoner Protokoll von 1852 fest, in welchem die Großmächte zwar die Integrität des dänischen Staates garantiert, diesem aber auch gleichzeitig Verpflichtungen den Herzogtümern gegenüber auferlegt hatten. Nur so gelang es ihm, Österreich zum Mitgehen zu bewegen, so daß ihm dieses nicht in den Rücken fallen konnte; nur so war es möglich, den Deutschen Bund bzw. die deutschen Mittelstaaten lahmzulegen. Nachdem am 18.4.1864 preußische Truppen die Düppeler Schanzen erstürmt hatten, ging auf der Londoner Konferenz (Eröffnung 25.4.) B.s Rechnung auf; der dänische Nationalismus trieb ihm Wasser auf die Mühle, B. hatte wenigstens einen Vorwand, das Londoner Protokoll als erledigt zu betrachten, England unter →Palmerston erlitt eine schwere diplomatische Niederlage. Die Feindseligkeiten wurden wieder aufgenommen, der →Augustenburger Herzog schied als Thronkandidat aus, der Wiener Friedensschluß vom 1.8.1864 stellte die Herzogtümer Schleswig und Holstein unter die gemeinsame Verwaltung Preußens und Österreichs. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Besatzungsmächten konnten nur vorläufig im Vertrag von Gastein (14.8.1865) überbrückt werden.
Gleichzeitig drängte die deutsche Frage gebieterisch zu einer Lösung. B. steuerte nicht von vornherein planmäßig auf die bewaffnete Auseinandersetzung hin. Verhandlungen über einen friedlichen Dualismus waren ernst gemeint, ein Zusammengehen zwischen den konservativen deutschen Vormächten mußte ihm zu diesem Punkt erwünscht sein. Jedoch läßt sich die Frage aufwerfen, ob bei dem historisch gegebenen Antagonismus, bei der extremen Verfechtung des preußischen Machtegoismus ein anderer Ausgang wahrscheinlich war. Auf beiden Seiten wären zur endgültigen Befriedung große Zugeständnisse notwendig gewesen. Es standen sich ja nicht nur zwei Großmächte gegenüber; die beiden Wege, die die deutsche Geschichte in der Neuzeit eingeschlagen hatte, die übernationale und die nationale Konzeption, der|mitteleuropäische und der staatliche Gedanke durchkreuzten sich. Auch in der deutschen Angelegenheit hat B. von Anfang an ausschließlich das preußische Interesse vertreten, alle Bundesreformpläne, die von Österreich oder von den Mittelstaaten ausgingen, zu Fall gebracht; mit dem Abschied drohend verhinderte er es, daß König →Wilhelm dem Fürstentag in Frankfurt im August 1863 beiwohnte, so daß dieser zum Scheitern verurteilt war. Am 9.4.1866 legte B. am Bundestag ein Reformprogramm vor, das den liberalen und demokratischen Forderungen der Zeit weit entgegenkam: die künftige Volksvertretung sollte aus dem gleichen und allgemeinen Wahlrecht hervorgehen, eine Forderung, der Österreich als Nationalitätenstaat nicht zustimmen konnte. Am 14.6.1866 wurde der Bundeskrieg gegen Preußen erklärt. Die internationale Lage war soweit geklärt, daß von Rußland nichts zu befürchten war, Frankreich durch vage Versprechungen hingehalten wurde (Biarritzer Unterredungen mit →Napoleon III., Oktober 1865) und im April 1866 das Bündnis mit Italien zustande gekommen war. Bereits die Schlacht bei Königgrätz (3.7.) brachte die Entscheidung, die meisten deutschen Staaten waren trotz der Abneigung gegen Preußen nur zögernd in den Kampf gegangen. Bei den Friedensschlüssen mußte B. starke Widerstände überwinden. Der von Paris sofort einsetzende Druck und die Rücksicht auf die künftige Gestaltung der Beziehungen zu Österreich und Süddeutschland veranlaßten ihn, die vom König und den Militärs ausgehenden Annexionsforderungen abzulehnen. Nur diejenigen Staaten und Gebiete, die in der preußischen Interessensphäre lagen, wurden angegliedert: Hannover, Hessen-Kassel, Nassau, Schleswig-Holstein und Frankfurt. Hierbei zeigten sich allerdings gefährliche Konsequenzen der revolutionären Außenpolitik B.s. Die Beseitigung der alten Welfendynastie war vom monarchischen Standpunkt aus kaum tragbar, der russische Zar empfand das Bedenkliche dieses Schrittes lebhaft. Österreich schied ohne Gebietsverluste aus dem Bund aus, auch Sachsen und die süddeutschen Staaten wurden bewußt geschont. Mit den Friedensschlüssen war gewissermaßen der Höhepunkt, aber auch gleichzeitig der Abschluß der preußischen Geschichte erreicht. Der Weg Preußens hatte zur Vorherrschaft in Norddeutschland hingeführt. Die gesamtdeutsche Einigung ließ dagegen verschiedene Möglichkeiten offen. Hier erst begann die eigentliche Problematik.
Ob die Voraussetzungen, unter denen B. das Reich begründete, den dauernden Interessen Deutschlands und Europas entsprachen, ist daher heute mehr als je umstritten. Es wird die Frage gestellt, ob er den eigentlichen Auftrag der Geschichte begriffen habe. Der Raum, der dem deutschen Volk zum Leben zugeteilt war, schloß die Möglichkeit aus, alle Deutschen in einen Nationalstaat zu vereinigen; der übernationale Charakter des alten Reiches und auch des Deutschen Bundes war kein Zufall, eine föderalistische mitteleuropäische Lösung wäre den komplizierten Verhältnissen im Osten besser angepaßt gewesen. Es wird jedoch zu sagen sein, daß die Tendenzen der Zeit politisch, wirtschaftlich und ideologisch nach einer Konzentration der Kräfte hindeuteten, der nationalstaatliche Gedanke hatte in sich eine Selbstverständlichkeit und Folgerichtigkeit, der den mitteleuropäischen und großdeutschen Bestrebungen abging. Auch ein föderalistisches Gebilde konnte angesichts der liberalen und nationalen Zeitströmung, der industriellen und bevölkerungspolitischen Dynamik unter Umständen eine Kraft entwickeln, die von Deutschlands Nachbarn als eine noch größere Bedrohung emplunden worden wäre. Es war doch wohl so, wie es ein französischer Historiker formuliert hat, daß das kleindeutsche Reich noch gerade für das übrige Europa tragbar war. Eine andere Frage ist es freilich, ob nicht die durch B. angestrebte Überhöhung der preußischen Großmachtstellung bereits ein Anachronismus war und ob sich nicht bei elastischeren Methoden in irgend einer Form der Gedanke Gagerns vom engeren und weiteren Bund hätte entwickeln lassen.
Die Verfassung des Norddeutschen Bundes, an deren Vorbereitung B. starken persönlichen Anteil nahm, führte das allgemeine und gleiche Wahlrecht in einem Bund beschränkt souveräner Staaten ein, war aber deswegen zentralistischer als die Reichsverfassung von 1871, weil die norddeutschen Staaten, die ihm angehörten, keine Möglichkeit hatten, sich gegen das preußische Übergewicht durch Sonderrechte zu schützen. B., seit 14.7.1867 Bundeskanzler, hat den Prozeß der Weiterentwicklung der deutschen Einheit nicht künstlich beschleunigt; die vorwiegend preußischen Interessen waren zunächst befriedigt, Rücksichten auf das Ausland mahnten zur Vorsicht, Süddeutschland sollte Zeit gelassen werden, sich an die vollendeten Tatsachen zu gewöhnen. Aber durch die Aussöhnung mit einem großen Teil der Liberalen (Indemnitätsvorlage, 3.9.1866) sicherte er sich die Unterstützung der zur Einheit drängenden Kräfte. Das deutsch-französische Verhältnis trat in diesen Jahren in sein entscheidendes Stadium. Die preußischen Erfolge hatten das französische Sicherheitsbedürfnis sehr gesteigert. Eine|grundsätzliche Bereinigung der herrschenden Spannungen konnte nur auf dem Weg über große Konzessionen an Frankreich erreicht werden. Eine Zeitlang schien es so, als ob →Napoleon III. und seine Regierung die Verständigung einem für die Dynastie gefährlichen Kriege vorzögen. Auch der Botschafter des Norddeutschen Bundes Graf →Robert von der Goltz trat für den Ausgleich auf das entschiedenste ein. Es läßt sich schwer entscheiden, ob B. jemals ernstlich eine solche Lösung erwogen hat. Kompensierungen durch Belgien und Luxemburg standen zur Debatte. Das Endergebnis war schließlich, daß Frankreich nichts erhielt (Luxemburg-Krise, April 1867).
Spätestens seit 1868 hat B. eine bewaffnete Auseinandersetzung für unvermeidlich gehalten und im Geheimen die Kandidatur eines Hohenzollernprinzen für den spanischen Thron betrieben, die zwar kaum vorsätzlich den Krieg herbeiführen sollte, aber doch auf eine weitere Einengung der französischen Bewegungsfreiheit hinauslief. Die Entwicklung war eine andere als sich B. gedacht hatte. Das vorzeitige Bekanntwerden der Kandidatur, die Abneigung Wilhelms I., es über eine Familienangelegenheit zum Kriege kommen zu lassen, ließen einen diplomatischen Mißerfolg voraussehen. Erst durch weitergehende Forderungen der französischen Regierung kam B. in die Lage, zur Offensive überzugehen und durch die Redigierung der „Emser Depesche“, die nicht als eine Fälschung bezeichnet werden kann, →Napoleon III. unter dem Druck der öffentlichen Meinung zu zwingen, Preußen und damit Deutschland den Krieg zu erklären. B. beherrschte die ständige Sorge vor der Einmischung des Auslandes, als der Krieg gegen die französische Republik sich in die Länge zog. Am 10.5.1871 kam nach dramatischen Verhandlungen der Frankfurter Friede zustande, in dem Frankreich eine Kriegsentschädigung zahlen und auf Elsaß-Lothringen verzichten mußte. Es mag fraglich erscheinen, ob eine solche Forderung ohne die Zustimmung der Bevölkerung zweckmäßig war. Für B. bestimmend war die militärische Sicherheit, die, wie sich bald zeigen sollte, durch Bevölkerungszuwachs weit besser als durch Festungen garantiert wurde; vor allem hat sich der Besitz von Französisch Lothringen als Belastung erwiesen. Jedenfalls wurde ein hoher Preis für den Friedensschluß gezahlt. Niemals wieder sollte die deutsche Politik die volle Handlungsfreiheit zurückgewinnen, die noch Preußen besessen hatte; mit Frankreichs Zugehörigkeit zu einer feindlichen Gruppierung mußte fortan trotz vorübergehender scheinbarer Entspannungen als mit einer feststehenden Tatsache gerechnet werden.
Das Reich, das nach schwierigen Verhandlungen mit Süddeutschland, vor allem mit König →Ludwig II. von Bayern, dem wie Württemberg erhebliche Sonderrechte eingeräumt wurden, durch die Kaiserproklamation vom 18.1.1871 ins Leben trat, verzichtete von Anfang an bewußt auf universale Überlieferungen; die tausendjährige Gemeinschaft mit großen Teilen Österreichs war zerrissen. Als Hauptziel seiner Politik hat B. fortan die Behauptung und Sicherung des Gewonnenen angesehen. Mit Alterserscheinungen hatte das nichts zu tun. Diese Friedenspolitik beruhte vielmehr auf der Erkenntnis des Staatsmannes, daß die äußere wie die innere Situation des Reiches große Vorsicht gebot. Er hatte mit dem tiefen Mißtrauen des Auslandes zu rechnen, das in der Entstehung eines starken Nationalstaates in der Mitte Europas eine Störung des Gleichgewichts erblickte. Mit der Bildung von Koalitionen gegen Deutschland mußte fortan gerechnet werden. Auch aus innenpolitischen Gründen hielt B. eine möglichst lange Dauer des Friedens für unerläßlich. Das deutsche Nationalbewußtsein schien ihm angesichts der partikularistischen und zentrifugalen Strömungen noch nicht genug gesichert zu sein, um einen großen Krieg wagen zu können. Er war auch überzeugt, daß das Reich auch aus einem siegreichen Kampf keinen wirklichen Gewinn davontragen werde, daß es vielmehr nur die Zahl seiner Feinde vermehren und durch die notwendig werdende Übernahme fremdvölkischer Elemente sich selbst schwächen werde. Auch ahnte er den revolutionären Charakter jedes künftigen Krieges voraus. Seine Friedenspolitik war somit grundsätzlicher Natur, sie war keineswegs nur als taktischer Aufstieg gemeint, wenn B. die Möglichkeit eines Konfliktes auch im Auge behielt und sich diplomatisch und militärisch darauf vorbereitete. Der Gedanke eines Präventivkrieges lag ihm fern, da man der Vorsehung nicht in die Karten sehen könne. Nach dem Kissinger Diktat vom 15.7.1877 schwebte ihm eine Gesamtsituation vor, „in welcher alle Mächte außer Frankreich unserer bedürfen und vor Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden“; in den „Gedanken und Erinnerungen“ empfahl er eine Politik, nach der die anderen Staaten allmählich davon überzeugt werden sollten, daß die deutsche Hegemonie erträglicher sein werde, als etwa eine russische oder französische. B. legte daher bewußt dem jungen Reich das Gesetz der Selbstbeschränkung auf, erklärte es für territorial|saturiert, bekämpfte alle irredentistischen Bestrebungen der außerhalb des Staatsverbandes wohnenden deutschen Volksgruppen, vermied jede bloße Prestigepolitik und war bemüht, fremde Interessen so weit wie möglich zu achten. Er hatte kein starres System, er richtete sich nach den Verhältnissen. Auch wer der Meinung ist, daß der Staatsmann sich nicht über Recht und Sittlichkeit erheben darf, wird kaum finden können, daß B., wenigstens in der späteren Epoche, etwas anderes angestrebt hat als die Selbstbehauptung seines Staates, und wird zugeben müssen, daß die Ziele, die er verfolgte, dem Frieden Europas dienten.
Der negative Pol seiner Politik war die Isolierung Frankreichs, die er aber, als es sich im „Krieg in Sicht“-Jahr 1875 zeigte, daß die anderen Mächte keine weitere Schwächung Frankreichs dulden wollten, nur mit politischen Mitteln zu erreichen suchte. In kolonialen Fragen leitete er sogar in den achtziger Jahren unter Ausnützung der englisch-französischen Spannungen ein Zusammengehen ein, ohne daß er sich Illusionen über eine endgültige Befriedung hingab. Ein gutes Verhältnis zu Österreich und Rußland lag ihm in erster Linie am Herzen; es fehlte dabei nicht die Erkenntnis, daß die großen Monarchien ein Bollwerk gegen Umsturzgefahren darstellten. Vor allem war es ihm wichtig, das glimmende Feuer auf dem Balkan unter Kontrolle zu halten (Dreikaiserbündnis 1872). Die orientalische Krise (seit 1876) stellte allerdings die deutsch-russischen Beziehungen auf eine schwere Belastungsprobe; der Berliner Kongreß von 1878, auf dem B. als „ehrlicher Makler“ im Interesse des Friedens zwischen England und Rußland vermittelte, trug ihm keinen Dank ein. Das Bündnis mit Österreich, eine Antwort auf den bedenklichen russischen Stimmungsumschwung, war keine einseitige Option für Österreich, wohl aber die Anerkennung der natürlichen mitteleuropäischen Schicksalsgemeinschaft (1879). Das traditionelle Einvernehmen mit Rußland ließ sich jedoch nicht wieder herstellen. Als eine Erneuerung des Dreikaiserabkommens von 1884 nicht mehr möglich war, schloß B. 1887 mit Rußland den Rückversicherungsvertrag, der kaum die Annäherung des Landes an Frankreich auf die Dauer verhindert hätte, der aber notwendig war, um dem Reich die Abhängigkeit von Österreich zu ersparen und das gespannte österreichisch-russische Verhältnis zu überwachen. Die Kündigung dieses Vertrages im Jahre 1890, kurz nach B.s Abgang, erfolgte ohne zwingende Not und leitete die verhängnisvolle Isolierung nach allen Seiten ein.
Auch auf freundschaftliche Beziehungen zu England war B. stets bedacht, obgleich er für Geist und Wesen der britischen Politik nie ein rechtes Verständnis aufzubringen vermochte. Die Kolonialpolitik, die er nur ungern einleitete (Erwerbungen 1884/85), wurde von ihm unter dem Gesichtspunkt geführt, daraus keine dauernde Belastung für das deutsch-englische Verhältnis entstehen zu lassen. Die Annäherungsversuche an England 1879 und vornehmlich 1889 waren von der Überzeugung getragen, daß das Reich und Großbritannien in erster Linie an der Erhaltung des Friedens interessiert seien; gleichzeitig wollte er wohl damit den Wert der deutschen Freundschaft in den russischen Augen erhöhen. Wie weit B. damit eine grundsätzliche Neuorientierung anbahnte, läßt sich nicht eindeutig feststellen. Weitere Sicherungen wurden ständig eingebaut; 1882 Erweiterung des Zweibundes zum Dreibund mit Italien; 1883 deutsch-österreichisch-rumänischer Vertrag; 1887 Balkandreibund zwischen Österreich, Italien und England mit späterem Anschluß Spaniens; im gleichen Jahr Orient-Dreibund Österreich, Italien und England. Diese Abkommen hatten den ausschließlichen Zweck, durch die Schaffung von Querverbindungen nach Möglichkeit Konflikte auf dem Balkan und am Mittelmeer vorläufig, wenn nicht dauernd zu verhindern. Die Bedenklichkeit des aufsteigenden Nationalismus in allen Ländern hat B. rechtzeitig erkannt. Als er 1890 aus dem Amt schied, hatte das Reich seine Gefahrenzone noch nicht durchschritten; auch wären die auf die Erhaltung des europäischen Gleichgewichts berechneten Methoden B.s im Zeitalter der weltstaatlichen Entwicklung allein nicht mehr ausreichend gewesen. Jedoch hat der Kanzler die Gesamtlage stets überschaut und keine Möglichkeiten für die Zukunft verschüttet. Es war eine im besten Sinne europäische Politik. Er hatte sich in der internationalen Welt ein großes Kapital an Vertrauen erworben, bei seinem Abgang wurde ihm dies in überraschender Einmütigkeit bescheinigt. Grundsätzliche Bedenken lassen sich gegen seine innere Politik geltend machen. Es war doch nicht so, daß diese sich zwangsläufig von der Staatsraison her ergab, aus der gefährlichen Mittellage des Reiches, so daß die Notwendigkeit zur Zusammenfassung aller Kräfte B.s Abneigung gegen durchgreifende Reformen erklärt. Gerade die neuen Aufgaben, in die Deutschland hineinwuchs, verlangten, daß der auf kleinere und engere Verhältnisse berechnete Zuschnitt des innenpolitischen Lebens, vor allem in Preußen, sich der veränderten Welt anpaßte. Weil es|in Deutschland noch vielfach an Staatsgesinnung fehlte, mußte das Gefühl für Mitverantwortung gestärkt werden. In der Innenpolitik traten die Begrenzungen der B.schen Natur deutlicher in Erscheinung als in der Außenpolitik. Sein Machtwille ließ ihn gegen wirkliche und vermeintliche Gegner mit fragwürdigen Mitteln vorgehen. Bei der Behandlung seiner Mitbürger und der politischen Parteien hatte er keine glückliche Hand, da er für ihre Handlungen nur trübe Motive voraussetzte; für Prinzipien- und Überzeugungstreue besaß er kein Organ. In den Anschauungen der patriarchalischen Gutsherrschaft aufgewachsen, waren ihm die anders gearteten Lebensbedingungen in den großen Städten des Westens mit ihrer aufsteigenden Industriearbeiterschaft nicht recht vertraut.
Die Reichsverfassung (B. seit März 1871 Reichskanzler) unterschied sich von derjenigen des Norddeutschen Bundes hauptsächlich durch die Sonderrechte, die Bayern und Württemberg gewährt worden waren. Von einer völligen Gleichberechtigung der Bundesstaaten konnte bei dem Übergewicht Preußens nicht die Rede sein, obwohl B. großes Verständnis für die geschichtlich bedingte Verschiedenheit der Länder besaß. Mit feinem Takt hat er stets vermieden, im Bundesrat die preußische Hegemonie fühlbar werden zu lassen. Das allgemeine gleiche Wahlrecht war ein kühnes Experiment für die damalige Zeit, als Gegengewicht gegen den fürstlichen Partikularismus gedacht. Überdies war B. vom konservativen Grundcharakter der Landbevölkerung überzeugt; die Umwälzung, die sich im Zeitalter der Technik vollzog, stellte er nicht genügend in Rechnung. Die Verfassung war auf die überragende Stellung des Reichskanzlers zugeschnitten, in Personalunion mit dem preußischen Ministerpräsidenten verbunden. Im parlamentarischen Sinne war der Kanzler dem Reichstag nicht verantwortlich, für dessen positive Mitarbeit blieb nicht genügend Raum. Im ersten Jahrzehnt stützte sich B. auf die nationalliberale Partei. Seit 1878 erfolgte indes der große innen- und außenpolitische Umschwung. B. ging zum Schutzzoll über und zog wieder stärker die konservativen Kräfte heran, die bis dahin in grollender Opposition gestanden hatten. Die nationalliberale Partei spaltete sich; unbedenklich trug B. durch seine Taktik dazu bei, das liberale Gedankengut zu diskreditieren. Nach dem Ausscheiden Rudolfs von Delbrück übernahm B. von 1880-90 selbst das preußische Handelsministerium. Seine Leistungen auf diesem Gebiete waren bedeutend, seine persönlichen Erfahrungen als Leiter eines landwirtschaftlichen Großbetriebes kamen ihm dabei sehr zustatten. In der preußischen Verwaltung kam es zu Reformen (Kreisordnung 1871, Provinzialordnung 1875), eine Angleichung an die allgemeinen deutschen Verhältnisse erfolgte nicht, viele ungelöste Probleme blieben der Zukunft aufgespart.
Sobald es B. mit ihm unbekannten Tiefenkräften zu tun hatte, versagten seine Methoden. Die ihm gesetzten Grenzen zeigten sich vor allem im so genannten Kulturkampf (1873–87). B. hat diese Auseinandersetzung nicht mutwillig heraufbeschworen. Das Bedürfnis nach einer Abgrenzung zwischen der staatlichen und kirchlichen Sphäre entsprach dem Zeitgeist. Der Liberalismus hatte den Kampf ideologisch bereits längst begonnen. Den Staatsmann konnte die schwierige Situation in den Grenzgebieten mit Sorge erfüllen. Von konfessionellem Fanatismus war B. durchaus frei; das Staatsinteresse war für ihn allein bestimmend. Die Wege, die er mit der Maigesetzgebung von 1873 einschlug, für die er später nicht mehr verantwortlich zu sein wünschte, zeigten jedoch, daß er sich in Unkenntnis über das innerste Wesen der katholischen Kirche befand, wie er auch ebenso wenig die Eigengesetzlichkeit der evangelischen Kirche zu würdigen wußte, von der er in diesem Konflikt bedingungslose Unterstützung erwartete. Der große Realist brach dann allerdings sofort den Kampf ab, als er die Ausweglosigkeit einsah. Nach dem Tode →Pius' IX., der 1878 durch den friedlich gesinnten →Papst Leo XIII. abgelöst wurde, leitete er die Aussöhnung ein mit dem Ergebnis, daß bis 1887 so gut wie die ganze Kampfgesetzgebung abgebaut wurde. Es war keine Niederlage des Staates, die Grenzen waren genauer abgesteckt worden. Der angerichtete Schaden für den konfessionellen Frieden ließ sich aber sobald nicht wieder gutmachen.
Ebensowenig vermochte B. die soziale Bewegung in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken. Das Sozialistengesetz vom 19.10.1879, die Antwort auf zwei Attentate gegen den alten Kaiser, traf die sozialdemokratische Partei zwar schwer, konnte aber ihren kämpferischen Geist nicht brechen. Die seit 1881 eingeleitete Sozialgesetzgebung (Krankenversicherungsgesetz 1883, Unfallversicherung 1884), aus christlichem Verantwortungsgefühl und aus dem Erbe des aufgeklärten Absolutismus erwachsen, war in vieler Hinsicht vorbildlich. Das tiefer liegende Problem, die Einordnung des vierten Standes in den Staat, war damals bei dessen herrschaftlicher Struktur kaum zu lösen. Jedenfalls trat der von B. zunächst erhoffte staatspolitische Nutzen nicht ein, so daß er nicht geneigt war, den Arbeiterschutz noch weiter zu treiben. Hierüber ist es zum Konflikt mit Wilhelm II. und dessen Beratern gekommen. Im großen und ganzen hatte er sich am Ende seiner Regierung innenpolitisch ziemlich festgefahren. Es war ihm nicht geglückt, sich eine tragfähige Parlamentsmehrheit zu sichern, so daß er sich mit dem Gedanken eines legalen Staatsstreiches trug, der das Schwergewicht der Gesetzgebungsarbeit in die Landtage verlegt hätte. Der Aufbau einer berufsständischen Vertretung war in den Anfängen stecken geblieben.
B. hatte die Monarchie so sehr gestärkt, daß der junge Kaiser →Wilhelm II., nach der Tragödie →Friedrichs III. im Juni 1888 unerwartet auf den Thron berufen, nicht mehr willens war, den ihm unbequem gewordenen Minister weiter zu dulden. So mannigfach auch die Gründe waren, die B.s Sturz herbeiführten, die tiefere Ursache lag in einem persönlichen Machtkampf (Entlassung 20.3.1890). Er verlebte seine letzten Jahre in Friedrichsruh in persönlicher Verbitterung gegen den Kaiser (den ihm verliehenen Titel eines Herzogs von Lauenburg hat er nie geführt), in Sorge um den Bestand seines Werkes. Die Kritik am neuen Kurs brachte er in Reden, Gesprächen, vornehmlich aber durch die von ihm inspirierten Artikel in den „Hamburger Nachrichten“ nicht immer mit der notwendigen Zurückhaltung zum Ausdruck. 1894 kam es wenigstens äußerlich in Berlin zwischen dem Kaiser und B. zu einer Aussöhnung.
Es wird schwerlich je gelingen, eine so vielschichtige Persönlichkeit wie B. eindeutig zu erfassen. Vor einer künstlichen Harmonisierung der großen Gegensätze sollte man sich tunlichst hüten. Nichts jedoch ist falscher, als in ihm nur den skrupellosen Machtpolitiker zu sehen, den Mann von „Blut und Eisen“. Der Breite und Tiefe seines Menschentums wird eine so einseitige Beurteilung nicht gerecht. Seine „Briefe an Braut und Gattin“ gehören mit ihrer bildlichen Ausdrucksfähigkeit differenzierter Seelenvorgänge zu den schönsten Selbstzeugnissen, die wir besitzen. Freilich werden auch das dämonische Element, der Machtwille, der Zynismus und die sich immer mehr steigernde Menschenverachtung nicht zu übersehen sein. B. war historisch gründlich gebildet, ein Sprachkünstler von hohem Rang, als Redner und im Gespräch von sprühendem Geist und souveränem Humor; doch war für seine Entwicklung Deutschlands große literarische und philosophische Epoche, die noch in seine Jugend hineinreichte, von keinem bestimmenden Einfluß gewesen. Wenn seine Persönlichkeit trotz aller in seinem Wesen liegenden Widersprüche den Eindruck einer schöpferischen Einheit vermittelt, liegt es nahe, die ausgleichende Mitte in seiner Religion zu suchen. An der Aufrichtigkeit seines Glaubens ist nicht zu zweifeln, wenn dieser auch in den verschiedenen Lebensabschnitten manche Abwandlung erfahren hat. Für sein Selbstbewußtsein, sein Verantwortungsgefühl vor einer höheren Instanz, für sein kämpferisches Ethos war die Religion Voraussetzung und Rechtfertigung; für das volle Begreifen der christlichen Ethik, für Selbstüberwindung, Nächstenliebe und die Anerkennung objektiver Rechtsnormen war allerdings sein subjektiver Wille zu übermächtig. B. lebte jedoch ganz in der abendländischen Überlieferung; als Mitglied der preußischen Großgrundbesitzerschicht blieb er an ihre ideellen und materiellen Interessen gebunden. Seine Liebe zur Landwirtschaft und vor allem zum Walde lehrte ihn die Bedeutung des organischen Wachstums erkennen. Bei seinem angeborenen Herrengefühl wußte er zu viel von der Unbeständigkeit und Eitelkeit aller Dinge, um sich auch auf der Höhe seiner Macht zu Maßlosigkeit und gar Hybris verleiten zu lassen. Nimmt man hinzu, daß der preußische Staatsgedanke ihn in Zucht hielt und er noch überwiegend zur Diplomatie älteren Stiles gehörte, die ungeschriebenen Spielregeln beachtete und gegen alles Irrationale, Unberechenbare in der Politik ein instinktives Mißtrauen hatte, so erklärt sich jene erstaunliche Selbstbeschränkung, deren B. fähig war und die den Staatsmann vom Abenteurer unterscheidet. Obwohl in mancher Hinsicht zeitgebunden, in späteren Jahren sogar rückwärts gewandt, enthielt doch seine Staatskunst allgemein gültige Maximen, die er in großartiger Verdichtung in seinem Vermächtnis an die Nachwelt, in den „Gedanken und Erinnerungen“, niedergelegt hat.
2. Bernhard von Bülow
B. studierte in Berlin, Göttingen und Kiel. Er trat in dänischen Staatsdienst, war Legationsrat (1842) und Geschäftsträger in den Hansestädten (1847) und 1850 Bundestagsgesandter für Holstein und Lauenburg. 1862 wurde er Staatsminister in Mecklenburg-Strelitz, 1867 Bundesratsbevollmächtigter für beide Mecklenburg, 1873 Staatssekretär des Auswärtigen Amts und 1876 preußischer Staatsminister ohne Geschäftsbereich. Dreimal während seines Berufslebens „Kollege“ →Bismarcks - am Bundestage, im Bundesrat und im Preußischen Staatsministerium -, hat B. ihm auch innerlich nahe gestanden. Als Staatssekretär des Auswärtigen Amts verwirklichte er die Arbeitsgemeinschaft mit dem Kanzler wie sonst nur noch der Sohn Graf Herbert; als er vorzeitig starb, war man wegen der Nachfolge lange in Verlegenheit. Sachlich handelt es sich um die schicksalsvollen Jahre, da es galt, die Stellung der neuen Großmacht im europäischen Konzert zu festigen, vom kürzlich abgeschlossenen Dreikaiserbündnis über die „Kriegsgefahr“ von 1875 und den Berliner Kongreß bis zur Option zwischen Rußland und Österreich-Ungarn. Auf dieser diplomatischen Wegstrecke begegnen wir B. als Stellvertreter des Kanzlers in einer selbständigeren Tätigkeit als dieser sie sonst seinen Mitarbeitern vergönnt hat; besonders während des großen Urlaubs des „Chefs“ 1877 trat B. auch im Immediatverkehr mit Wilhelm I. hervor. 1878 war er zweiter Vertreter des Reichs auf dem Kongreß; das Gemälde A. von Werners zeigt ihn in einer vielleicht zu selbstgefälligen Haltung, jedoch ganz in der ihm eigenen Würde. In dem schweren Ringen um die Ratifikation des Zweibundvortrages durch den aufs äußerste widerstrebenden Monarchen hat auch B. im Sinne →Bismarcks trotz innerer Zweifel einen Beitrag geleistet. Seine Wirksamkeit reichte jedoch weit über das Ressortmäßige hinaus. →Bismarcks Vertrauen beschäftigte und belastete ihn mit einer Fülle von Aufgaben auch der inneren Politik. B.s vermittelnde und ausgleichende Art in Verbindung mit seinem konservativen, streng höfischen Wesen machte ihn geeignet zum Gesandten des Kanzlers bei Wilhelm I., um dessen „Ideen“ zu erkunden und ihm Bismarcksche Ansichten beizubringen. Mehr diplomatischer Techniker als Staatsmann im höheren Sinne, war er doch von großer Einsicht und Klarheit. Keine Kämpfernatur, allem Extremen abgeneigt und, wie der ihn schätzende J. M. von Radowitz bemerkt, nie mit unabänderlichen Überzeugungen beschwert, vielmehr wandlungs- und anpassungsfähig, schritt der durch seine Heirat mit der Hamburger Patriziertochter sehr wohlhabend Gewordene - eine wohlequilibrierte Seele (Bismarck) - in ruhiger Stetigkeit die goldene Mittelstraße. Die Kaiserin Augusta achtete sein politisches und persönliches Treueverhältnis zu →Bismarck, für sie gehörte aber B. mit seiner feinen Art sich zu geben, seiner Kultur, im Grunde auch|seiner Weltanschauung in „ihre“, die Goethezeit. Das Verhältnis zu den Untergebenen war weniger harmonisch. Der Staatssekretär drängte die Vortragenden Räte von der Spitze ab, indem er alle Vortragssachen an sich nahm; besonders eine Persönlichkeit wie L. Bucher hat das schmerzlich empfunden.
3. Maximilian Prinz von Baden
Nach humanistischer Ausbildung wurde M. preuß. Offizier; 1911 nahm er als Generalmajor seinen Abschied. Nach dem Tode des Ghzg. Friedrich von Baden (1907) wurde er designierter Nachfolger seines kinderlosen Vetters Friedrich II. und Präsident der Ersten Bad. Kammer. M. entwickelte lebhaftes Interesse an geistigen wie künstlerischen Strömungen seiner Zeit. Zu dem religiösen Schriftsteller und Erzieher →Johannes Müller, der später auf Schloß Elmau wirkte, trat er in freundschaftliche Beziehung. Nach dem Kriegsausbruch 1914 gehörte M. als Vertreter des Großherzogs dem Stab des Generalkommandos des XIV. Armeekorps an, dem die bad. Truppen unterstanden (zuletzt General d. Kav. à la suite). Die Unzufriedenheit mit seiner Stellung und seine schwache Gesundheit veranlaßten seine baldige Rückkehr in die Heimat. Im Oktober 1914 übernahm er den Ehrenvorsitz des Gesamtvorstandes des Bad. Landesvereins vom Roten Kreuz. Damit begann eine rege Fürsorgetätigkeit zugunsten der Kriegsgefangenen außerhalb wie innerhalb Deutschlands, wobei M. seine engen verwandtschaftlichen Beziehungen zum russ. wie zum schwed. Hof sowie Schweizer Verbindungen zu nutzen wußte und die Bemühungen des Weltbundes der Christl. Vereine Junger Männer (Y M C A) unterstützte, dessen amerikan.-deutscher Kriegsgefangenenhilfe er seit 1916 als Ehrenpräsident vorstand.
Seine Tätigkeit in der Gefangenenfürsorge, die ihn auch mehrmals in das neutrale Schweden führte, sowie sein liebenswürdiges, tolerantes Wesen verschafften M. das Ansehen einer weltgewandten, dem engen Nationalismus und der amtlichen Kriegspolitik distanziert gegenüberstehenden Persönlichkeit von geistigem und moralischem Rang. Dennoch einer breiteren Öffentlichkeit unbekannt, verdankte er seine spätere Ernennung zum Reichskanzler vor allem Kurt Hahn (1886–1974), der seit Frühjahr 1917 in der Militärischen Stelle des Auswärtigen Amtes tätig war. Hahn unterhielt auch Verbindungen zu Staatssekretär Wilh. Solf und einigen Reichstagsabgeordneten, wie dem Sozialdemokraten Eduard David und dem innerhalb der Fortschrittlichen Volkspartei einflußreichen Conrad Haußmann. David wirkte bereits Anfang Juli 1917 zugunsten einer Ernennung M.s zum Reichskanzler. Dieser bot sich – erfolglos – Anfang September 1918 Kaiser Wilhelm II. selbst an und verwies hierbei auf seine Verbindung zur Sozialdemokratie. Als sich Georg Graf v. Hertling zum Rücktritt veranlaßt sah, empfahl er, nach Rücksprache mit Vizekanzler Friedrich v. Payer (Fortschrittliche Volkspartei), M. dem Kaiser gegenüber als seinen Nachfolger. Doch erst auf dringendes Verlangen Haußmanns und auf Drängen des Verbindungsmannes der Obersten Heeresleitung zum Auswärtigen Amt, Oberst v. Haeften, vor allem Ludendorffs, kam die Berufung zum Reichskanzler am 3.10.1918 zustande. M. hatte seinen Parteigängern gegenüber bekannt, daß er eigentlich kein Politiker sei, daß er zwar für die Mitarbeit der Sozialdemokratie eintrete, aber eine fortschreitende Demokratisierung und Parlamentarisierung während des Krieges nicht befürworte. Eine Reform der Reichsverfassung und eine Beseitigung der Monarchie im Deutschen Reich schwebten ihm nicht vor.
Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und die Oberste Heeresleitung hatten inzwischen die Absendung eines Waffenstillstands- und Friedensersuchens an den Präsidenten der Vereinigten Staaten verlangt und beim Kaiser wie im Reichskabinett durchgesetzt. M. bemühte sich um eine die deutschen Interessen wahrende Interpretation der „Vierzehn Punkte“ Präsident Wilsons. Der deutschen Friedensnote an den amerikan. Präsidenten folgten in den nächsten Wochen in den Antwortnoten Bedingungen, die vor Beginn der Waffenstillstandsverhandlungen, die erst am 7. November aufgenommen wurden, erfüllt werden mußten. In diesen 32 Tagen hat M. als Reichskanzler, ständig beraten von Kurt Hahn, dem Geh. Legationsrat Simons und Haußmann, mit den Vertretern der Mehrheitsparteien im Kreise des Kriegskabinetts, dem außer Vizekanzler Payer die aus den Parteien kommenden Staatssekretäre Gröber, Trimborn, Erzberger, Haußmann, Scheidemann und Bauer sowie der Staatssekretär des Auswärtigen, Solf, angehörten, folgenreiche Entscheidungen getroffen, die zu einem Teil durch die amerikan. Noten provoziert wurden, aber auch dem Programm der Mehrheitsparteien entsprachen. Hierzu gehörten die Einführung der parlamentarischen Verantwortlichkeit des Reichskanzlers und der Reichsregierung sowie des preuß.Kriegsministers, die letzte Entscheidung für das allgemeine, gleiche Wahlrecht in Preußen, die Ersetzung des Statthalters von Elsaß-Lothringen durch den aus dem Reichslande kommenden Straßburger Oberbürgermeister Schwander, die Ernennung eines elsäss. Zentrumsabgeordneten zum Staatssekretär für Elsaß-Lothringen und eine Reihe weiterer personeller Veränderungen. Bei der Verabschiedung des preuß. Kriegsministers General Hermann v. Stein und des Chefs des geheimen Zivilkabinetts Frdr. v. Berg am 7. Oktober wie bei der Entlassung des Generalquartiermeisters Ludendorff am 26. Oktober hat M.Zielbewußtsein und klare Einsicht in die Situation bewiesen. Er konnte sich auf die Hilfe Hahns stützen, der auch an der Ausarbeitung der Reden des Reichskanzlers Anteil nahm sowie an der Propagierung einer moralisch fundierten Politik, die als „ethischer Imperialismus“ eine schlagwortartige Bezeichnung fand. Eine umfangreiche Amnestie politisch Verurteilter, die u. a. →Karl Liebknecht die Freiheit wiedergab, wurde auf Verlangen sozialdemokratischer Politiker herbeigeführt. Die Zusammenarbeit von bürokratischen, militärischen und politischen Spitzen des Reiches mit den führenden Männern der größten Parteien und mit den Bundesstaaten war zwar nicht in jedem Punkte reibungslos, funktionierte jedoch, was keine unbedeutende Voraussetzung für den späteren Verlauf der revolutionären Umwälzung bildete.
Das feindliche Ausland hegte Mißtrauen gegenüber M., dem Angehörigen eines deutschen Herrscherhauses, was durch die Veröffentlichung eines Privatbriefes an den in der Schweiz lebenden Prinzen Alexander zu Hohenlohe-Schillingsfürst von Anfang 1918 verstärkt wurde: M. hatte sich kritisch zu einer Parlamentarisierung und ablehnend zur Friedensresolution des Reichstags geäußert. Als durch die dritte amerikan. Note die Abdankung des Kaisers zur Friedensvorbedingung gemacht zu werden schien, wandte sich M. am 1. November an die herrschenden Fürsten mit einer Anfrage, ob sie mit der Abdankung des Kaisers einverstanden seien; der Umsturz in den deutschen Staaten eine Woche später machte eine Antwort überflüssig. M., der auf eine Entscheidung des Kaisers drängte, hat schließlich in später Stunde dessen Abdankung am 8. November bekanntgegeben und gleichzeitig seinen eigenen Rücktritt dergestalt vollzogen, daß er am 9.11. die Obliegenheiten des Reichskanzlers dem Führer der stärksten Reichstagspartei, dem Sozialdemokraten →Friedrich Ebert, übergab, um den Übergang in eine neue Staatsordnung einzuleiten, die auch von den Kriegsgegnern respektiert wurde.
M. ist nicht als starker und entscheidungsmächtiger Reichskanzler in die Geschichte eingegangen. Doch seine verständnisvolle und tolerante Haltung gegenüber den treibenden Kräften hat ihn für einige Wochen, als die Bedeutung des Kaisers zu schwinden begann, zur unentbehrlichen Persönlichkeit an der Spitze der politischen Führung des Reiches werden lassen. Durch ein engeres Zusammenwirken der künftigen tragenden Mehrheit des Reichstags und ihren Parteien mit den militärischen und administrativen Organisationen und Institutionen der Monarchie konnte der Übergang zu einer neuen politischen Ordnung eingeleitet werden.
Nach seinem Rücktritt vom Reichskanzleramt zog sich M. aus der Politik zurück. Auf Schloß Salem widmete er sich nun seinen erzieherischen Idealen.
Zusammen mit Kurt Hahn gründete er die bald weltweit berühmte Schloßschule Salem, die zur Heranbildung einer neuen Elite in Deutschland beitragen sollte. Die Salemer Grundsätze, die auf der Erziehung zur Selbstkontrolle und zur Gemeinschaft basierten, fanden später auch außerhalb Deutschlands Nachahmung. Wie Hahn sah M. eine wichtige Aufgabe der Pädagogik im Bemühen, Fähigkeiten der Kindheit – wie Vitalität, Bewegungsfreude, Neugier und Mitgefühl – über die Pubertät hinaus zu erhalten. Auch an den schriftstellerischen Arbeiten M.s, die schließlich in einem Erinnerungswerk ihren Abschluß fanden, hatte Hahn großen Anteil.
4. Robert Julius Spies
1819 – 1897
Großkaufmann, Fabrikant
Robert Spies gründete 1847 das Handelshaus Robert Spies, das bis 1914 existierte. Um 1845 hatte er in St. Petersburg den Importhandel mit Indigo und anderen Waren aufgenommen und gehörte von 1857 bis 1863, möglicherweise noch bis Anfang der 1870er Jahre, zu den zehn größten Importeuren in Russland. Nach der Verlegung des Firmensitzes nach Moskau investierte er in großem Stil in die Kiewer Zuckerindustrie, ab 1869 in die Zigaretten- und Textilfarbenindustrie. 1881 liquidierte er seine Firmen und zog sich nach Dresden zurück.
Spies absolvierte nach einer einfachen Schulausbildung seit ca. 1835 eine Lehre bei dem Textilkaufmann Julius Möller in Elberfeld (heute Wuppertal-Elberfeld), dann in der Webschule in Lyon. Seit 1840 war er bei der Seidenweberei Andreae in Mülheim an der Ruhr tätig, für die er durch Europa reiste, und wechselte bald nach Verviers (Provinz Lüttich, Belgien) in das Indigohandelsgeschäft Hermann Peltzer & Söhne, für das er 1845 nach St. Petersburg ging, um Indigo nach Russland zu importieren. 1847 wurde er russischer Staatsbürger und gründete das Handelsunternehmen Robert Spies in Moskau, 1856 mit Wilhelm Stucken (1820–1895)die Firma Stucken & Spies, die auch andere Farbstoffe sowie Baumwolle und Rohzucker nach Russland importierte. 1856 wurde er Mitglied der 1. Gilde, der höchsten der drei Moskauer Kaufmannsgilden. Mitte der 1850er Jahre integrierte sich Spies geschäftlich, gesellschaftlich und familiär in den Kreis der führenden deutschen Kaufleute in Moskau, aus dem u. a. die Familien, Knoop, Wogau, Mark und Rabeneck herausragten. 1866 wurde er Erblicher Ehrenbürger, d. h. Mitglied der noch über der 1. Gilde stehenden höchsten kaufmännischen Steuerklasse. In Moskau und St. Petersburg engagierte er sich für Angelegenheiten der evangelisch-reformierten Kirche, den Deutschen Wohltätigkeits-Verein, den Evangelischen Hilfsverein und den Verein zur Unterstützung mittelloser Deutscher Reichsangehöriger. Er leistete 1868 und 1874/76 drei große Spenden für den Bau des Armenhauses und den Wiederaufbau der Lutherischen Kirche in Moskau.
Spies‘ Firma war im Import- und Exporthandel aktiv und gehörte seit 1855 zu den fünf größten Außenhandelsfirmen Russlands. 1856 betrug der Umsatz 130 000 Rubel, stieg auf 3,2 Millionen Rubel und erreichte 1858 mit 4,3 Millionen Rubel einen Höhepunkt, womit das Unternehmen führender Importeur nach Russland wurde. Bis 1863 lagen die Umsätze konstant zwischen 2 und 4 Millionen Rubel, Hauptimportwaren waren Farbgrundstoffe wie Cochenille, Indigo und Krapp, ferner Rohbaumwolle, Textilien, Rohseide, Tabak und Tee. Im Export überwogen Rohstoffe wie Leinen, Wolle, Pottasche und Hanf, außerdem Nahrungsmittel wie Butter und Getreide; zusätzlich betrieb das Unternehmen russischen Binnenhandel.
Ab Mitte der 1870er Jahre ging der Handelsumsatz zurück, seit Ende der 1860er Jahre wandte Spies sich zunehmend der Industrieproduktion zu: Er errichtete eine Krappmühle in Derbent (Dagestan, Russland) und investierte in die zuckerverarbeitende Industrie in der Ukraine. Bis Ende der 1870er Jahre waren Stucken & Spies dort führend und betrieben fünf große Zuckerraffinerien mit einem jährlichen Umsatz von 2,5 Millionen Rubel. In der zweiten Hälfte der 1870er Jahre verkaufte Spies wegen der sinkenden Konjunktur der Branche seine Anteile. 1868 erwarb er die Gesellschaft der Rotfärbereifabrik Franz Rabeneck in Bolschewo (bei Moskau), 1869 die 1852 von Joseph von Huppmann del Valbella (1814–1897) gegründete Zigarettenfabrik Laferme in St. Petersburg, die er 1870 in eine Aktiengesellschaft umwandelte und die sich zügig zur größten Tabakfabrik Russlands entwickelte. Das Unternehmen hatte Filialen in Warschau, Odessa und Dresden, die Gewinne daraus vergrößerten das Vermögen der Familie beträchtlich. 1870 war Stucken & Spies Mitgründer der Moskauer Diskonto Bank und der Russischen Bank für Auswärtigen Handel. Spies wurde 1870 Vorstandsmitglied des Moskauer Börsenkomitees, gewählter Vertreter der Kaufmannsgesellschaft und Mitglied des Staatsbankkomitees. 1878 schätzte die Londoner Handelsbank Kleinwort & Co. das Unternehmen Stucken & Spies auf 1 Million Rubel Kapital.
1872 wurde Spies deutscher Staatsbürger und deutscher Konsul in Moskau. 1873 nahm er seinen Neffen Ernst Spies (1849–1917) in die Firma auf, der zusammen mit Spies’ ältestem Sohn Leon (1858–1921) das Geschäft mit wenig Erfolg führte. 1881 liquidierten Spies und Stucken ihr Unternehmen, Spies übernahm Stuckens Anteile an den Gesellschaften Laferme und Franz Rabeneck. Er übersiedelte im selben Jahr nach Dresden, wo er sich um die dortige Filiale der Tabakfabrik Laferme kümmerte. Seine Unternehmen wurden von Ernst Spies und ab 1890 zunehmend von seinen Söhnen Albert Spies (1859–1929), Leon und Georg Spies (1861–1926) fortgeführt und ausgebaut. Ernst Spies blieb noch bis 1914 in Moskau, im Ural und in Odessa tätig.
5. August Bebel
B., als Soldatenkind in einer Festungskasematte geboren, nach dem frühen Tod des Vaters in sehr bedrängten Verhältnissen zu Wetzlar aufgewachsen, erlernte nach dem Besuch der Armen- und Bürgerschule das Drechslerhandwerk. Von schwächlicher Konstitution, aber geistig ungeheuer regsam und lernbegierig, kam B. nach seinen Wanderjahren als Handwerksgeselle, die ihn durch Süddeutschland führten, 1860 fast zufällig nach Leipzig. Das wurde für ihn entscheidend. Diese Stadt war damals eine Mitte der|sich regenden Arbeiterbewegung mit liberalen Vorzeichen und ausgesprochenen Bildungstendenzen: Der junge B. nahm daran lebhaftesten Anteil, ab 1865 als Vorsitzender des Arbeiterbildungsvereins. Der preußische Verfassungskonflikt und Ferdinand Lassalles Auftreten politisierten die Atmosphäre: B.s politischer Beginn steht in der Gegnerschaft zu Lassalle - er vollzieht sich im Rahmen des Verbandes der deutschen Arbeitervereine, einer Schöpfung linksbürgerlicher Politiker, aber er führt dann, in der mit sozialistischer Theoretik und erster sozialpolitischer Praxis erfüllten Zeitspanne (Anfang der gewerkschaftlichen Organisation) zur Verselbständigung. 1867 wird der junge B. in den Norddeutschen Reichstag gewählt, als Vertreter der „Sächsischen Volkspartei“, neben ihm →Wilhelm Liebknecht; diese improvisierte Parteibildung mochte als sächsischer Demokratismus gegen →Bismarcks Militärpolitik erscheinen. Sie war nur kurzer Durchgang. Unter Liebknechts Einfluß vollzog sich B.s Entscheidung für die Marxschen Thesen, die das geistige Fundament der 1869 von B. in Eisenach mitbegründeten Sozialdemokratischen Partei wurden. Er blieb, dem „Intellektuellen“ Liebknecht rednerisch und in der geistigen Elastizität überlegen, bis zu seinem Ende ihr trotz mannigfacher interner Spannungen unbestrittener Führer, zumal im Reichstag, dem er ununterbrochen angehörte: bis 1877 für Glauchau-Meerane, bis 1883 für Dresden, dann für Hamburg. Als Drechslermeister führte er ein mühsames berufliches Leben - jene Zeit kannte noch nicht die Aufwandsentschädigung für Parlamentarier - erst seine späteren schriftstellerischen Arbeiten verhalfen ihm allmählich zu einiger Unabhängigkeit. An politischen Verfolgungen, zumal in der Frühzeit, fehlte es nicht; neben mehrfachen Gefängnisstrafen (Majestätsbeleidigung) steht der berühmt gewordene Hochverratsprozeß aus dem Jahre 1872, der B. und Liebknecht für zwei Jahre in die Festung brachte - er war angestrengt worden wegen des irgendwie greifbaren sozialistischen Broschürenmaterials und brachte B. wegen seiner dürftigen Begründung über seine Anhänger hinaus die Volkstümlichkeit des Märtyrers und zugleich die Muße von einem verhetzten Leben, die er zur ernsthaften Weiterbildung nutzte. Es hat etwas Großartiges und zugleich Rührendes, wie er das Gelernte weiterzugeben und zu gestalten bemüht war, so in den Schriften über den „Bauernkrieg“, über die „Frau und der Sozialismus“. Dieses Buch vor allem, 1883 erschienen, in Zehntausenden aufgelegt, in viele Sprachen übertragen, ist wichtig geworden, weil es, die Gesetze des „historischen Materialismus“ als gegeben nehmend, mit einer im Einzelstück rationalistisch argumentierenden Phantasie doch wieder zur Utopie kommt, die Marx verlassen zu haben glaubte.
B. war mit dem gesprochenen Wort stärker als mit dem geschriebenen, mit seiner metallenen Stimme, die zu dem fast zierlichen kleinen Körper seltsam kontrastierte, eine rednerische Naturbegabung von höchstem Rang. In seinen Schriften steckt die gelegentlich pedantische Heftigkeit des Überredens, doch weicht sie in seinem Erinnerungsbuch einer ruhig gewordenen, manchmal schier behaglichen Gelassenheit. Die Bedeutung des Mannes mit seiner Typen und Gesinnungen bildenden Kraft für die sozialistische deutsche Arbeiterbewegung kann kaum überschätzt werden, im Positiven und im Negativen. Was ihm fehlte, war das Organ für die Kraft des Religiösen oder Metaphysischen, das ihm eben nur, im vereinfachten Schema, als gesellschaftliche Spiegelung erschien, bemerkenswert aber daneben der gegen alle theoretische Ansage wachsende Sinn für realistische Staatlichkeit: Der Soldatensohn lehnte den Militäretat ab, kämpfte aber für verständige Kriegsmonturen. Der Utopist erwartete mit Ungeduld den großen sozusagen gesetzlichen Wandel der Gesellschaft, arbeitete sich aber zugleich mit Geduld in die sozialpolitischen Spezialfragen ein, durch deren legislative Beantwortung die Lebenslage einer Arbeitergruppe gebessert werden könne. Er stellte sich wütend gegen den „Revisionismus“, der, von wichtigen Gewerkschaftsführern sachlich unterstützt, dem „Erfurter Programm“ seine Buchstabengültigkeit rauben wollte, er tat dies, um die Einheit der Partei zu sichern, zugleich aber begegnete er den theoretischen Gegnern in den gemeinsamen Einzelentscheidungen, und seine letzten Jahre waren, aus außenpolitischen Sorgen, gegen den doktrinären Radikalismus gewandt, den die eigene Lebenserfahrung hinter sich gelassen hatte. Persönlich liebenswürdig, uneitel und um seines reinen Menschentums willen auch bei den nicht böswilligen Gegnern geachtet, konnte er in seinen Kampfjahren leidenschaftlich wie ein Vulkan ausbrechen, wo er Unrecht und Gewalt witterte. Darin versank das Dogmatische, das er erlernt und geglaubt hatte.
6. Heinrich Mann
M.s literarische Begabung zeigte sich auf einer Reise des Dreizehnjährigen nach St. Petersburg 1884, über die er ein Tagebuch führte. 1885 begann er mit erzählerischen, 1887 mit poetischen Versuchen. 1889 verließ er das Lübecker humanistische Gymnasium Katharineum mit dem Zeugnis der Unterprima. Er trat im selben Jahr eine Buchhandelslehre in Dresden an, die er bald abbrach. 1890/91 volontierte er im S. Fischer Verlag, Berlin, und hörte Vorlesungen an der Universität. Prägend wurde für sein Schaffen die Auseinandersetzung mit den literarischen Schulen des Naturalismus und Impressionismus.
Nach dem Tod des Vaters und der von diesem testamentarisch verfügten Liquidierung der Firma Johann Siegmund Mann 1891 begann M. – finanziell unabhängig – seine Laufbahn als freier Schriftsteller. Er veröffentlichte erste Rezensionen in den Zeitschriften „Die Gesellschaft“ und „Die Gegenwart“. Damit war er zu eine Zeit lebhaftester weltanschaulicher Debatten ins literarische Leben eingetreten. Er öffnete sich Hermann Bahrs Kritik am Naturalismus sowie dem Psychologismus Paul Bourgets. Bestimmend für ihn wurden auch erkenntnistheoretische Erörterungen Emil Du Bois-Reymonds, die sich gegen das kausalmechanische Weltbild des Positivismus richteten. 1893 erfolgte die Übersiedlung mit der Mutter und den Geschwistern nach München; M. hat seither seine Vaterstadt nicht wieder besucht. 1892-98 hielt er sich allerdings meist in Italien (vor allem in Rom) auf – 1896-98 mit seinem Bruder →Thomas – und begann seinen ersten, psychologisierenden Roman „In einer Familie“, dessen Druck 1894 die Mutter finanzierte. Die Figurenkonstellation orientiert sich im wesentlichen an der von Goethes „Wahlverwandtschaften“. 1895/96 war M. als Nachfolger →Friedrich Lienhards Herausgeber der konservativen Monatsschrift „Das Zwanzigste Jahrhundert, Blätter für deutsche Art und Wohlfahrt“. Seine eigenen Beiträge darin boten einen Querschnitt offiziöser, ja offizieller Meinungen des kaiserl. Deutschlands. Die Mittelstandspolitik des preuß. Finanzministers →Johs. v. Miquel, →Nietzsches Antisozialismus, →Frdr.Naumanns Rechtfertigung des Krieges durch die christliche Religion, der Antisemitismus des Berliner Hofpredigers →Adolf Stoecker, die völkische Überhebung der „Alldeutschen“ waren in ihr ebenso zu finden wie die Vorstellungen →Heinrich v. Treitschkes, der mit seinem|Eintreten für Hohenzollernverehrung, Militarismus und Antiparlamentarismus, seinem Rassendünkel und seinem irrationalen Schicksalsglauben eine Summe des Ganzen gab. Alle diese Themen hat M. bald als Material der Satire in seinen gesellschaftskritischen Romanen verwandt.
M.s erster Roman war – nach der von Bourget aufgestellten Romantypologie – als „roman de caractère“, der Analyse des Innenlebens, der Moral, der „Décadence“ ausgeführt. Diese Analysen führte M. nicht, wie ursprünglich geplant, weiter. Er richtete vielmehr seine Aufmerksamkeit auf die klassischen Traditionen des franz. Romans: die plastischen Darstellungen Daudets und Maupassants erschienen ihm zuerst als Gegenbeispiele einer nicht durch Reflexion und psychologische Analyse aufgelösten Erzählweise. Flaubert trat hinzu, seit 1896 Balzac und gegen 1900 Anatole France: sie alle sind Vertreter des in der Romantypologie von Bourget sogenannten „roman de moeurs“, des Abbilds der „vie extérieure et sociale“. Diesen Vorbildern schloß sich M. nun an. Nahm er im „Zwanzigsten Jahrhundert“ den franz. „Preßroman“ noch als Beleg für die Machtstellung der „jüdischen Zeitungsbesitzer“ mit dem Bedauern, „daß sich in Deutschland die höhere Erzählkunst noch kaum der Judenfrage angenommen“ habe, so wirkte nun seine Lektüre von Maupassants „Bel Ami“ besonders auf den Entwurf seines zweiten Romans „Im Schlaraffenland, Ein Roman unter feinen Leuten“ (1900) und mag dazu beigetragen haben, daß der Entwurf dieses deutschen „Preßromans“ der älteren Konzeption der „Göttinnen“ (1903) vorgezogen wurde. „Im Schlaraffenland“ ist formal ein Gegenstück zu „In einer Familie“. Mit seiner Fülle von Figuren aus unterschiedlichsten sozialen Milieus ist in ihm zum erstenmal im Werk M.s eine mächtige Gesellschaftspyramide aufgeschichtet. Auch andere Mittel, die seither M.s Erzählkunst bestimmen, sind hier ausgebildet: ein unter den Figuren anwesender Erzähler des Romans, dramatische Szenenführung, scharfe Schnitte zwischen den Szenen, weite Dialogpartien. Inhaltlich wird die „Kritik von rechts“, die M. im „Zwanzigsten Jahrhundert“ an der Gesellschaft geübt hatte, mit den ideologischen Mitteln eines romantischen Antikapitalismus, der sich vornehmlich gegen die jüd. Großbourgeoisie richtet, fortgesetzt. Dabei werden sämtliche Konventionen und Einrichtungen der Gesellschaft satirisch entwertet und verneint; Positionen sind im „Schlaraffenland“ nicht erkennbar. Die Satire umgreift auch Kunst und Literatur und unterzieht sie als Objekte der „feinen Leute“ der Abwertung.
Wesentlich für M.s Entwicklung wurde in diesen Jahren die Lektüre der Schriften von Nietzsche und →Georg Brandes. Nietzsches europäisch gesinnte und speziell anti-preußische, anti-reichsdeutsche Kulturkritik, auf deren politische Akzente er durch Brandes' Vorlesungen und den auf sie folgenden Aufsatz über Nietzsche hingewiesen worden war, bestimmte M.s Kritik am deutschen Bürgertum bald nach Abschluß seines ersten Romans. Diese Kritik umschließt Themen, die er bis in sein Spätwerk in vielen Variationen bearbeitete: die Künstler und Komödianten sowie besonders – vermutlich angeregt durch →Wilhelm II. – die wesenlosen, leeren Nachahmer in Gesellschaft und Geschichte, die „Bösen“ (als solche figurieren im Spätwerk auch Hitler, →Wagner und →Sacha Guitry in „Ein Zeitalter wird besichtigt“, ebenso →Friedrich II. in „Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen“). Auch Nietzsches aus der Ablehnung des Historismus erwachsener Geschichtsrelativismus hat vorübergehend auf M.s Geschichtsbild eingewirkt. Folgenreicher war allerdings für M. die ihm durch Brandes und die Franzosen Bourget und Taine vermittelte Kenntnis von Hegels Geschichtsphilosophie, die, um ihren Idealismus verkürzt und auf ein Triadenschema historischer Entwicklung beschränkt, von Anfang an Nietzsches Einflüssen relativierend entgegentrat und sich auf die Gliederung der Kaiserreich-Romane ausgewirkt hat. M. hatte sich die Bausteine seines Welt- und Menschenbildes vor der Jahrhundertwende angeeignet. Der Entwurf eines radikal demokratisch-republikanischen Gesellschaftsbildes, Grundlage seines späteren literarischen Schaffens und politischen Engagements, stand noch aus. Zunächst arbeitete er die gewonnenen negativen Einsichten in die Gesellschaft mit äußerster Konsequenz durch.
„Vorerst habe ich, wie Sie verstehen werden, die landläufigen Bürger satt“, schrieb M. nach Abschluß des „Schlaraffenlandes“ an seinen Münchner Verleger →Albert Langen (2.12.1900). In der Romantrilogie „Die Göttinnen“ (1903) flüchtete er sich in den Gestus des enttäuschten Romantikers, der der negativ erlebten Gesellschaft sein Ideal als unerfüllbaren Traum entgegenstellt. Angeregt von Bourget, d'Annunzio und Flaubert („Salammbô“) und durch gewisse damals lebendige Vorstellungen des „Renaissancismus“ – einer fragwürdigen gründerzeitlichen|Renovatio aus Sage, Mythos und dekorierter Antike – steigerte M. seine Gesellschaftsfeindlichkeit und Antibürgerlichkeit zum Affekt, der seine Begründung im Ästhetischen suchte. „Bürger“, so bekennt die Hauptfigur der „Göttinnen“, die Herzogin von Assy, „so nenne ich alle, die häßlich empfinden und ihre häßlichen Empfindungen obendrein lügenhaft ausdrücken“. Der in sechs Monaten niedergeschriebene, im selben Jahr erschienene Roman „Die Jagd nach Liebe“ (1903) transponierte den Ästhetizismus in das München der Jahrhundertwende mit seinen Boden- und Bauspekulationen, mit seinen Malerzirkeln der „Schlawiner“ und „Sezessionisten“, mit seinen höfischen Schaustellungen. Allein, das gesamte zeit- und kulturkritisch verwertete Material vermochte dem kärglichen Gehalt einer folgenlosen Liebesgeschichte, die zudem kolportagehaft Erfahrungen der Schwester Carla benutzte, nicht aufzuhelfen. Sein Bruder Thomas war von „dieser Fratzenwelt der krassen Effekte“ abgestoßen und mutmaßte, „die Begierde nach Wirkung“ habe M. „korrumpiert“ (5.12.1903). Der erste große, zu dieser Zeit noch ästhetisch-literarisch begrenzte Konflikt der Brüder war damit ausgebrochen.
Das formstrengste Werk dieser Jahre war M.s Novelle „Pippo Spano“, die Geschichte vom Versagen eines „steckengebliebenen Komödianten“: Die Umwertung von Nietzsches Renaissance-Ideal zum Requisit der Maskerade eines Literaten, der sich als Condottiere empfinden möchte, war ein Ausdruck für M.s einsetzenden Anschauungswandel. Er begann, die Ausweglosigkeit affektiver Negationen zu begreifen. Eine autobiographische Notiz spricht von der völligen Isolation, in der er sich befand und in der er dahin gelangte, „sein Wirkungsbedürfnis einzuengen, es an einem Einzigen auszulassen; wodurch es gewinnt an Heftigkeit“ (1904).
Im Herbst 1904 verfaßte M. den Roman „Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen“ (1905), dessen Filmversion „Der blaue Engel“ ihm 25 Jahre später Weltruhm brachte (Drehbuch →Carl Zuckmayer, Regie →Josef v. Sternberg, mit Marlene Dietrich, →Emil Jannings u. a.). Mit der Schulgeschichte dieses Romans, in der er Schlußpartien der „Buddenbrooks“ über Hanno nutzt, übt M., wie auch →Wedekind, →Musil, →Robert Walser und →Hesse, Kritik am bürgerlichen Schuldrill. Wenn Professor Rat schließlich seine Stimme der SPD gibt, um „den Widerstand einiger in allgemeiner Anarchie zu begraben“, so ist dies eine negative politische Motivation. Dieser Aspekt der „Macht“, den M. später in ausgeschiedenen Passagen seiner Memoiren „Ein Zeitalter wird besichtigt“ (1945) dem Werk als wesentlich zuschreibt und der auch den Untertitel des Romans bestimmt, wird im Film allerdings zugunsten der Liebesgeschichte vernachlässigt. Während M. noch an diesem Roman arbeitete, legte er in einer Zuschrift an →Maximilian Harden, den Herausgeber der Zeitschrift „Die Zukunft“, sein frühestes Bekenntnis zur parlamentarischen Republik ab; gleichzeitig verurteilte er den deutschen Machtstaat: Dieser werde als „geschickte Tyrannei“ zwar „fette Untertanen“, aber „immer nur Untertanen“ hervorbringen. Zwei Jahre später begann er Materialien zu seinem berühmtesten Roman „Der Untertan“ zu sammeln. Mit diesem Begriff der anarchisch zu stürzenden „Macht“ hatte M. sich die eine, die negative Seite seines gegensätzlichen Begriffspaares „Macht/Geist“ geschaffen. Seinem „Geist“-Begriff versuchte er im folgenden Roman „Zwischen den Rassen“ (1907) Gestalt zu geben: Während die „Macht“ stets „das Bestehende“ vertritt, ist ihr Gegensatz, der „Geist“, stets auf die Revolutionierung der bestehenden Verhältnisse gerichtet. „Zwischen den Rassen“ enthält ein glühendes Bekenntnis zu Rousseau und zur „ungeheuren Güte der Demokratie, ihrer Kraft, Würde zu wecken, Menschlichkeit zu zeigen, Frieden zu verbreiten.“ Aber das blieben Absichtserklärungen; die erzählerische Gestaltung der zugrundeliegenden Fabel, einer italienischen Ehetragödie, die 1906 als „Der Fall Murri“ die europäische Presse beschäftigte, ist nicht gelungen. M.s intellektuelle Entwicklung bewegte sich jedoch immer stärker auf die aus dem Gegensatz „Macht/Geist“ zu entwickelnde Synthese zu, die in dem Grundsatz enthalten ist: „So sei der Politiker Geist und der Geistige handle“ (Geist und Tat, 1910).
1909 erschien der Roman „Die kleine Stadt“, ein nicht nur seines demokratischen Gehalts, sondern auch seiner Form wegen in der deutschen Literatur einzig darstehendes Werk. Ein Personal von mehr als hundert Figuren, jede psychologisch und gestisch durch charakteristische Details plastisch gezeichnet, wird im Italien nach dem Risorgimento auf dem engen Raum des Marktes, der Cafés, des Domes und eines alten Palastes der „kleinen Stadt“ – zu der Palestrina südlich von Rom, der Aufenthaltsort von →Heinrich und →Thomas Mann 1896–98, das Modell gab – mit müheloser Sicherheit bewegt. Der|Ablauf der Ereignisse wird nach den klassischen Regeln des Dramas in fünf Kapiteln dem Ausgang zugeführt: Die Stadt erlebt ein Operngastspiel, die Bürger erleben die Kunst. „Die singenden Gestalten waren stärker und reiner als sie, und doch sie selbst. Da waren sie glücklich, Menschen zu sein. Sie liebten einander.“ Die Künstler erfahren die lebendige Wirksamkeit ihres Tuns: „Ich wußte es, wir seien nicht allein; ein Volk höre uns!“ Die Synthese von Kunst und Leben ist hier in der Kunst erreicht. Der folgende Roman „Der Untertan“ (Vorabdruck einzelner Kapitel 1911/12 im „Simplizissimus“, 1914 in „Zeit im Bild“ in Fortsetzungen erschienen, die im August des Jahres abgebrochen wurden, Buchausgabe 1918) stellt ein Gegenbild zum Wilhelminischen Deutschland dar. In einem Brief an seinen franz. Freund, den Literaturprofessor →Félix Bertaux, hat M. 1922 seinen „Untertan“ mit Stendhals „Rot und Schwarz“ verglichen – in dem berechtigten Selbstbewußtsein, den bedeutendsten gesellschaftskritischen Bildungsroman seiner Zeit vorgelegt zu haben. Die Geschichte des Diederich Heßling kann auch als Illustration der Deutung seiner Epoche verstanden werden, die M. bei Erscheinen des Romans, in seinem großen Essay „Kaiserreich und Republik“ (1918), gab: als „Nachahmung“, „Wiederholung“, „Nachäffung“ des „Ludwig Philippschen Königtums der bereicherten Bürger“, des „Kaisertums →Napoleons des Dritten mit seiner blendenden Fassade, inneren Mürbheit, seiner Theaterregie“. M. vereinigte im „Untertan“ den „roman de moeurs“ mit dem „roman de caractère“, den Psychologismus von Bourget und Nietzsche mit der Gesellschaftsdarstellung Balzacs und Zolas.
Seit dem Erscheinen dieser Romane und der politisch-kulturpolitischen Essays „Voltaire – Goethe“, „Geist und Tat“ im Jahr 1910 galt M. der jungen expressionistisch-literarischen Generation als Wortführer des „Aktivismus“. Er gehörte bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu den sehr wenigen europäischen Intellektuellen, die sich gegen die chauvinistische Kriegsbegeisterung wandten. Insbesondere gegen die Haltung seines Bruders Thomas protestierte M. mit seinem Essay „Zola“ (1915). Der weltanschauliche Konflikt der Brüder währte als stillschweigende Trennung bis 1922. Der große Verkaufserfolg des „Untertan“ nach Kriegsende wie auch die zahlreichen Aufführungen seiner im Jahrzehnt bis 1920 geschriebenen Schauspiele befestigten M.s Ansehen in Deutschland. In den ersten Jahren der Weimarer Republik versuchte er den Erfolg des „Untertan“ fortzusetzen. Dem negativen Bildungsroman des imperalistischen Bourgeois fügte er die Darstellungen des Proletariats („Die Armen“, 1917) sowie der Großindustrie, der leitenden Bürokratie und der Diplomatie („Der Kopf“, 1925) an; er begriff diese drei Werke als „die Romane der deutschen Gesellschaft im Zeitalter Wilhelms II.“ und faßte sie unter dem Titel „Das Kaiserreich“ zusammen. Die literarische Wirkung der Fortsetzungen blieb allerdings gering. Bedeutsamer als sein belletristisches war sein publizistisches und essayistisches Werk der 20er Jahre. In ihm setzte er sich für die deutsch-französische Verständigung sowie für eine paneuropäische Bewegung ein.
Nach der Trennung von seiner ersten Frau, mit der er seit 1914 in München gewohnt hatte, übersiedelte M. 1928 nach Berlin. Nach seiner Wahl in das Gründungskapitel der Sektion Dichtkunst der Preuß. Akademie der Künste zu Berlin wurde er 1931 als deren Präsident berufen, doch schon 2 Jahre später unter politischem Druck zum Austritt gezwungen. Unmittelbarer Anlaß war seine mit →Käthe Kollwitz unternommene Unterzeichnung eines Aufrufs des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes zur Einigung von SPD und KPD im Februar 1933. Noch im selben Monat emigrierte M. nach Frankreich, wo er zusammen mit →Nelly Kröger – die er 1939 heiratete – bis 1940 in Nizza lebte. Er war seit der Pariser Gründung der Deutschen Volksfront 1935 deren Präsident. 1936 wurde ihm, dem 1933 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, die tschechische Staatsbürgerschaft gewährt. – In der franz.Emigration schrieb M. die großangelegten Romane „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ (1935) und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“ (1938). Er stellte mit diesem Volkskönig des Toleranzedikts von Nantes einen vorbildlichen humanistischen Politiker dar, der die von ihm selbst propagierte Synthese von „Macht“ und „Geist“ praktizierte. Dieser historische Roman sollte, M.s pragmatischem Geschichtsdenken gemäß, ein „wahres Gleichnis“ für die Gegenwart sein und wurde als solches von Kollegen und Kritikern wie →Thomas Mann, →Arnold Zweig, →Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, Hermann Kesten und →Georg Lukács sogleich erkannt und gerühmt.
1940 floh M. zusammen mit →Lion Feuchtwanger, Golo Mann und →Franz Werfel über Spanien und Portugal in die USA. Dort lebte er in Hollywood, dann in einem anderen Stadtteil|von Los Angeles und zuletzt in Santa Monica in äußerst eingeschränkten Verhältnissen. Im amerikan. Exil entstand – in Dialogformen und Struktur z. T. angeregt durch M.s Tätigkeit als Scriptwriter für die Filmgesellschaft Warner Brothers – das bisher weitgehend unbeachtet und unverstanden gebliebene Alterswerk. Mit der Antinazi-Satire „Lidice“ (1943) reagierte M. auf die „Ausmerzung“ des böhm. Dorfes Lidice durch die SSam 9.6.1942. Formal teilte er den Roman in 101 z. T. sehr kurze Szenen mit Perspektiven nach Art des klassischen Films wie „Totale“, „Halbnah“, „Nah“ ein und übernahm auch das Doppelgängermotiv, das gerade in zwei großen Hollywoodfilmen verwandt worden war (Chaplins „The Great Dictator“, 1941, und Ernst Lubitschs „To Be or Not To Be“, 1942). Dieser Dialogroman wurde, nachdem M. befürchtet hatte, „Fehler begangen zu haben, in der Sache oder im Ton und Takt“ (6.12.1943 an C. F. Weiskopf), erst 1984 wiederaufgelegt.
Im Alterswerk M.s verweisen Memoiren sowie Essayistisches und das erzählerische Werk wechselseitig aufeinander: Die Romane „Empfang bei der Welt“ (postum 1956) und „Der Atem“ (1949) sowie das Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“ (1945) und die Fragment gebliebene „Traurige Geschichte von Friedrich dem Großen“ (postum 1960). Insbesondere die beiden letzten großen Romane reflektieren verschlüsselt autobiographische Erlebnisse: In „Empfang bei der Welt“, einer internationalen Gesellschaftssatire, ersteht das großelterliche Lübecker „Buddenbrook“-Haus noch einmal und beherbergt eine Figur, den Geheimen Rat Balthasar, in dem sich Facetten Goethes, des Senators Mann und M.s selber widerspiegeln; über die Hauptfigur von „Der Atem“, die der österr. Hocharistokratie angehörige Baronin Kovalsky, geborene Gräfin Traun, „de la maison Traun-Montéformoso“, hat M. bekannt, sie sei „eine Übertragung meines eigenen Erlebens“ (14.8.48 an Karl Lemke). Während in den Romanen die Erinnerung an das alte Europa vorherrscht, kommentieren seine programmatische Essayistik und seine Autobiographie den sozialistischen Aufbau im neuen Europa.
1947 wurde M. der philosophische Ehrendoktorgrad der Humboldt-Universität, Berlin, und 1949 der Nationalpreis 1. Klasse für Kunst und Literatur der DDRverliehen. Im selben Jahr nahm er auch die Berufung als Präsident der neu zu gründenden Deutschen Akademie der Künste zu Berlin (Ost) an.
7. Thomas Mann
Thomas Mann – ein Jahrhundert-Schriftsteller
2025 jähren sich der 150. Geburtstag und 70. Todestag von Thomas Mann – Anlass dafür, das Werk des Literaturnobelpreisträgers neu zu entdecken.

Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Romanen, Novellen und Essays prägte Thomas Mann nicht nur die deutsche Literatur nachhaltig, er wurde zu einer Stimme von Weltrang. Seine Werke, darunter „Buddenbrooks“, „Der Zauberberg“, „Joseph und seine Brüder“ und „Doktor Faustus“, wurden in fast 40 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Sie verbinden präzise Gesellschaftsanalyse mit philosophischer Tiefe, feiner Ironie und einem komplexen Sprachstil.
Privilegierte Herkunft
Geboren am 6. Juni 1875 in Lübeck, wuchs Thomas Mann in einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie auf. Nach dem Tod des Vaters 1891 und der Liquidation der Firma zog die Familie nach München, wo er in die Literaturszene eintauchte. Schon früh zeigte sich sein außergewöhnliches Talent, etwa durch die Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ (1898). 1905 heiratete er Katia Pringsheim, die aus einer reichen jüdischen Familie stammte. Mit sechs Kindern, darunter Klaus und Erika Mann, die selbst erfolgreiche Autoren wurden, entwickelte sich die Familie Mann über die Jahrzehnte zu einer Art intellektuellen Dynastie. Dies allerdings nicht ohne menschliche Dramen: Klaus Mann kämpfte mit Depressionen und nahm sich 1949 das Leben. Auch der jüngste Sohn, der Komponist Michael Mann, tötete sich 1977 selbst. Mehrere weitere Familienmitglieder litten unter psychischen Problemen.

Ruhm und Widerstand
Den Höhepunkt seines Ruhms erreichte Thomas Mann in den 1920er Jahren. 1929 erhielt er den Literaturnobelpreis, vor allem für seinen frühen Roman „Buddenbrooks“ (siehe unten). Obwohl er sich politisch lange als konservativ betrachtete, avancierte Thomas Mann in der Weimarer Republik zu einem Verfechter der Demokratie. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 sah er sich gezwungen, Deutschland zu verlassen. Seine erste Station war die Schweiz, später zog er in die USA, wo er die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm und sich aktiv gegen das NS-Regime engagierte. Seine Radioansprachen, unter dem Titel „Deutsche Hörer!“, richteten sich an die deutsche Bevölkerung und forderten sie offen zum Widerstand gegen Hitler auf. „Wo ich bin, ist Deutschland“, sagte er über seine Rolle im Exil. Nach dem Krieg kehrte er nach Europa zurück, lebte überwiegend in der Schweiz und starb dort am 12. August 1955.

8. Karl May
Die abenteuerlichen Reiseerzählungen M.s sind im Laufe ihrer hundertjährigen Wirkungsgeschichte in den Kreis der anerkannten literarischen Werke aufgenommen worden. Schriftsteller, Philosophen und Politiker haben den ebenso bekannten wie wegen der hemmungslosen Idealisierung seiner eigenen Person und der mangelhaften literarischen Qualität seiner Werke umstrittenen Erfolgsschriftsteller zitierfähig gemacht.
Aufschlußreichstes und zuweilen unkritisch übernommenes Zeugnis der Persönlichkeit M.s ist die Autobiographie „Mein Leben und|Streben“ (I, 1910, ein 2. Bd. ist nie erschienen), die unter dem Eindruck schwindender öffentlicher Anerkennung – Kulturreformer wie H. Wolgast warfen M. vor, mit (unsittlichem) Schund die deutsche Jugend zu verderben – verfaßt worden ist. Seit 1896, auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, hatte sich der Autor als authentischer Held seiner Romane ausgegeben und auf Kostümphotos als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi posiert. Da sich dieser Schein wegen gerichtlicher Auseinandersetzungen und Pressekampagnen nicht aufrechterhalten ließ, verteidigte sich M. autobiographisch, indem er seinen Lebenslauf als Bedingung für sein Werk setzte und Anspruch auf psychologisches Verständnis erhob. In der Autobiographie erklärt er, eine zeitweilige Erblindung in früher Kindheit sowie die ausführlichen Märchenerzählungen seiner Großmutter seien bestimmend gewesen für die spätere Fabulierlust. Beide Inspirationsquellen sind allerdings nur durch den Autobiographen bezeugt. Als Determinante der Entwicklung seiner Phantasie hatte er bereits 1899 die abenteuerlichen Erzählungen eines Paten, des Ernstthaler Schmiedemeisters Christian Weißpflog (1819–94) genannt. Daneben gibt M. in der Rückschau die Bekanntschaft mit der zeitgenössischen Unterhaltungs- und Trivialliteratur in der Leihbibliothek als den Grund für seine zeitlebens mehr oder minder offenkundige Verwechslung von Leben und Roman an und bezeichnet es als das entscheidende Versäumnis seiner Eltern, diese Schundlektüre nicht verhindert zu haben. Auch mit dem Hinweis auf die herrschende Armut und Arbeitslosigkeit im erzgebirgischen Webermilieu sucht er seine Entwicklung verständlich zu machen. Daß es M. dennoch möglich wurde, seit 1856 ein Lehrerseminar in Waldenburg zu besuchen, verdankte er vor allem einer kleinen Erbschaft, mit der die Mutter eine Hebammenausbildung finanzieren und so seit 1846 die wirtschaftliche Situation verbessern konnte.
Die Zeit zwischen 1862 und 1874 charakterisiert M. als abgründige, für seine Entwicklung notwendige Periode eines Kampfes mit sich selbst. Wegen Veruntreuung 1860 der Lehranstalt verwiesen, hatte M. 1861 am Lehrerseminar in Plauen die Befähigung zum Hilfslehrer erhalten. Seine erste Anstellung an einer Armenschule in Glauchau im Okt. 1861 verlor er nach 14 Tagen, nachdem sein Hauswirt ihn unsittlichen Verhaltens gegenüber seiner Frau bezichtigt hatte. Seine schon im folgenden November angetretene Tätigkeit an zwei Fabrikschulen in Altchemnitz schloß noch im Dezember mit einer Verhaftung wegen angeblichen Diebstahls; er wurde ohne wirkliche Beweise verurteilt und verbüßte im Herbst 1862 eine sechswöchige Haftstrafe. Es folgte der endgültige Entzug der Lehrerlaubnis im Juni 1863. M. geriet nun bald tatsächlich auf Abwege. Wegen Diebstahls, Betrugsdelikten und Widersetzung verbrachte er bis 1874 insgesamt siebeneinhalb Jahre im Zuchthaus und in Gefängnissen. In den folgenden 30 Jahren konnte er diese Erlebnisse vor der Öffentlichkeit vertuschen. Die nach der Entlassung aus dem Zuchthaus Waldheim 1874 einsetzende Schreibarbeit greift die kriminellen Akte allerdings immer wieder auf, wandelt und stilisiert sie, bis das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, der Selbstgerechtigkeit des alternden „Edelmenschen“ gewichen ist. „Die Miasmen einer vergifteten Kinder- und Jugendzeit“ abgelegt und nur mehr nach dem Edelmenschentum gestrebt zu haben, so interpretierte er sich 1910.
M.s Dichtung ist mit Recht nach Freud als „Wunscherfüllung“ gedeutet worden. Das kompensatorische Moment zeigt sich vor allem an dem stereotypen, märchengleichen Sieg des guten Deutschen über die böse Welt. Schauplatz dieses phantasievoll variierten moralischen Kampfs war zunächst das heimische Erzgebirge. „Die Rose von Ernstthal“ (1875, in: Deutsche Novellenflora) war die erste unter M.s Namen veröffentlichte Erzählung. Redakteursverträge bei den Verlagen Münchmeyer (seit 1875) und Radelli (1878), die Trivial- und Unterhaltungszeitschriften verlegten, bestätigten M. in seinen Vorstellungen. Auch beim Pustet-Verlag in Regensburg, der seit 1874 den „Deutschen Hausschatz“ als kath. Gegenstück zur „Gartenlaube“ herausgab, traf M. auf Interesse. Er erhielt Ende 1879 einen festen Mitarbeitervertrag für das Familienblatt und schrieb die umfangreichen „Reiseerinnerungen aus dem Türkenreiche“ „Giölgeda Padishanün“ (1881) samt Fortsetzungen (aus denen später der Roman „Durch die Wüste“ hervorging). Kurz darauf schloß M., ohne die bestehenden Vertragsverpflichtungen lösen zu wollen, einen Lieferungsvertrag mit seinem Hausfreund, dem Kolportagehersteller H. G. Münchmeyer in Dresden ab. Fünf Romane, d. h. insgesamt 513 Hefte mit 12 390 Seiten, erschienen zwischen 1882 und 1886. Zu ihnen zählen „Das Waldröschen“ (veröffentlicht unter dem Pseudonym „Capitain Ramon Diaz de la Escosura“), „Die Liebe des Ulanen“ (als einziger unter M.s Namen erschienen), „Der verlorene Sohn“, „Deutsche|Herzen - Deutsche Helden“ sowie „Der Weg zum Glück“. Gerade diese Romane waren es, die M. um die Jahrhundertwende den Vorwurf eines unsittlichen Schundschriftstellers einbrachten. Zwar wurde dem Autor 1909 gerichtlich bestätigt, fünf Prozent seiner Texte seien durch Verlegerhand geändert worden, doch sein grundsätzlicher Versuch, die Urheberschaft zu dementieren, mißlang.
Die wachsende Resonanz auf die in Zeitschriften veröffentlichten Abenteuergeschichten mit Seriencharakter und exotischem Flair veranlaßte den Freiburger Verleger Fehsenfeld zu einer Buchausgabe der Reiseromane und -erzählungen (Ausgabe letzter Hand, 1892–1910). Die 33 Bände in gediegener grün-goldener Aufmachung erreichten bis zu M.s Tod eine Gesamtauflage von ca. 1,5 Millionen; sie greifen zum Teil Gestalten, Motive, Episoden und Formulierungen aus früheren Werken auf, zum Teil wurden sie eigens für diese Ausgabe verfaßt. Zu den Reiseerzählungen, die M.s Popularität noch heute bestimmen, gehören „Giölgeda Padishanün“ (Im Schatten des Großherrn, in der Ausgabe letzter Hand als Bd. 1-6, 1892 f., u. d. T.„Durch Wüste und Harem“, seit ⁵1896 „Durch die Wüste“ usw.) und „Winnetou“ (Bd. 1-3, 1893, Bd. 4, 1910). Als „Kara Ben Nemsi“ für den orientalischen, als „Old Shatterhand“ für den amerikan. Bereich inszenierte M. sich ausgiebig als welterfahrenen Helden.
Was die sogenannten Kolportageprodukte von den exotischen Reiseerzählungen unterscheidet, ist weder die Verwendung der Welt als Schauplatz moralischer Siege noch ein „Verzicht auf das weibliche Element“ (Arno Schmidt). Der wesentliche Unterschied liegt vielmehr in drei Faktoren: 1. wechselt der Erzähler von der dritten zur ersten Person; dieser Wechsel steigert die Glaubwürdigkeit des Erzählten und ermöglicht ihre Inanspruchnahme durch den Erzähler (1896 wurde die Fehsenfeld-Ausgabe von „Reiseromane“ in „Reiseerzählungen“ umbenannt). 2. werden die stets deutschen Helden von den Motiven der Rache und der persönlichen Betroffenheit befreit, das Gute als ein fragloses, auf eine Person konzentriertes Prinzip dargestellt; 3. wird zur Beglaubigung des Helden und seiner abstrakten Absicht, Recht und Ordnung im Land der Skipetaren oder im Wilden Westen durchzusetzen, von M. das Grundmotiv Tourismus in seine Erzählungen eingeführt; als durchschnittlicher Reisender vorgestellt, kann Kara Ben Nemsi Land und Leute kennenlernen (Namen, Stadtbeschreibungen und Landschaftsschilderungen sind z. T. wörtlich aus Lexika und Reiseberichten entnommen), ohne daß die erzählte moralische Mission den Charakter eines subjektiven Einfalls erhält und dadurch willkürlich erscheint.
Das durch eine „Villa Shatterhand“ in Radebeul bei Dresden, durch einen falschen Doktortitel und durch Werbeprospekte inszenierte Image M.s wurde ironischerweise zu einem Zeitpunkt zerstört, als er seine Phantasiereisen realiter nachzuholen suchte: Am 26.3.1899 reiste M. für 16 Monate in den Orient (amerikan. Boden betrat er zum ersten Mal 1908). Unter dem Eindruck der Prozesse und des öffentlichen Vorwurfs der Hochstapelei bekannte sich der alternde M. in seiner Autobiographie zu seinen Werken als Märchen und Symbolromanen. Um das so erfolgsträchtige moralische Prinzip in ein symbolisch gemeintes Menschheitsbild umzudeuten und sich des Anspruchs auf wahrhaftige Mitteilungen eines Weltreisenden zu begeben, bedurfte es keiner grundsätzlichen Änderung in der literarischen Arbeitsweise: Das bewährte Personal, das allwissende und allmächtige „Ich“ und seine Dienerschaft, paßt sich als Weltanschauungsträger ebensogut in eine geographisch bestimmbare wie in eine weltentlegene Wunderwelt ein.
Die Symbolromane erfreuen sich unter den Forschern besonderer Schätzung, seit Arno Schmidt „Ardistan und Dschinnistan“ (1909) und Bd. III u. IV des vierbändigen Werks „Im Reiche des silbernen Löwen“ (1902-03) der Beachtung wert fand. M.s Versuch, in diesen Werken durch in Phantasieländern angesiedelte, verklärte Frauenfiguren und gnomen- oder riesenhafte Wundergestalten sowie mit Hilfe moralisierender Vorträge eine Zweiseelentheorie vorzustellen, nach der eine niedere Sphäre der Gewalt der Erlösung durch eine höhere edlen Menschentums bedarf, bietet sich aufgrund des Fortfalls der realitätsbetonenden touristischen Momente zur Deutung an. Der Autor selbst allerdings verstand seine nunmehr als Seelenlandschaften aufzufassenden Reiseromane als leicht verständliche Bilder, an deren moralischer Botschaft nichts Mystisches sei. Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen die Interpretationen von Arno Schmidt und Hans Jürgen Syberberg (biographische Verfilmung, 1974) als übersteigerte Varianten. Große Beachtung fand die 1982 in der DDR eingeleitete Wende in der Beurteilung M.s. Der bis dahin ungedruckte und wegen seines Nationalismus und kriminellen Lebenswandels verfemte Autor erfuhr mit Dokumentationen, der Einrichtung eines Museums in Radebeul|(1985) sowie der Drucklegung von zwei Bänden „Winnetou“ eine offizielle Anerkennung.
9. Karl Liebknecht
Als Sohn des Begründers der deutschen Sozialdemokratie, Wilhelm Liebknecht (* 1826 – 1900), wurde Karl am 13. August 1871 in Leipzig geboren. Er studierte von 1890 bis 1893 Rechtswissenschaften und Nationalökonomie in Leipzig und Berlin, leistete 1893/94 seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger bei den Garde-Pionieren in Berlin und war anschließend bis 1898 Referendar in Arnsberg und Paderborn. Die Promotion zum Dr. jur. et rer. pol. erfolgte 1897 in Würzburg mit der Dissertation »Compensationsvollzug und Compensationsvorbringen nach gemeinem Rechte«.
Karl Liebknecht eröffnete 1899 in Berlin gemeinsam mit seinem älteren Bruder Theodor eine Rechtsanwaltspraxis. Obwohl erst im August 1900 der SPD beigetreten, wurde er bereits im November 1901 in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, der er bis 1913 angehörte. Als Kandidat für den Reichtagswahlkreis Potsdam-Spandau-Osthavelland 1903 und 1907 unterlegen, konnte er diesen Wahlkreis dann 1912 für die SPD erobern. Er war Delegierter auf den sozialdemokratischen Parteitagen und ist bereits 1908 ins Preußische Abgeordnetenhaus gewählt worden.
Bekannt wurde Liebknecht als politischer Anwalt, vor allem bei der Verteidigung von Funktionären der russischen Arbeiterbewegung.
Seit Erscheinen seines Buches »Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung« (1907) trat er als Gegner des Militarismus und als einer der Führer der sozialistischen Jugendbewegung hervor. Von 1907 bis 1910 Präsident der Sozialistischen Jugendinternationale, mußte Liebknecht wegen seines Anti-Militarismus-Buches von Oktober 1907 bis Juni 1909 eine Festungshaft in Glatz absitzen. 1911 unternahm er eine Agitationsreise durch die USA. Im Reichstag wandte er sich gegen die Geschäftspraktiken der Rüstungsfirmen und versuchte bei Ausbruch des Weltkriegs vergeblich, die sozialdemokratischen Abgeordneten für eine Ablehnung der Kriegskredite zu gewinnen. Nachdem Liebknecht in der Fraktion noch gegen die Kredite gestimmt hatte, unterwarf er sich der Parteidisziplin und votierte am 4. August 1914 im Reichstag wie die gesamte Fraktion für die Bewilligung. Liebknecht, der vor dem Krieg als radikaler Einzelgänger noch nicht zum Kern der Linken in der SPD um Rosa Luxemburg, Franz Mehring und Julian Marchlewski gezählt hatte, lehnte sich nun eng an diese Gruppe an.
Weil er am 2. Dezember 1914 dann als einziger Abgeordneter im Reichstag gegen die Bewilligung der Kriegskredite stimmte, wurde Karl Liebknecht zur Symbolfigur der Kriegsgegner. Die Begründung seiner Ablehnung wurde Fanal: »Dieser Krieg, den keines der beteiligten Völker selbst gewollt hat, ist nicht für die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes entbrannt. Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg ... Der Krieg ist kein deutscher Verteidigungskrieg ... Ein schleuniger, für keinen Teil demütigender Friede, ein Friede ohne Eroberungen ist zu fordern; alle Bemühungen dafür sind zu begrüßen ...« Seine konsequente Politik gegen den Krieg und die Burgfriedenspolitik der SPD-Führung störten die herrschenden Kreise. Da Liebknecht im Februar 1915 als Armierungssoldat zum Militärdienst eingezogen wurde, war ihm damit – bis auf sein Auftreten im Reichstag und Preußischen Abgeordnetenhaus – jede politische Betätigung untersagt. Dennoch beteiligte er sich aktiv an der Bildung der Gruppe Internationale, die seit 1916 als Spartakusgruppe bekannt wurde.
Im Mai 1915 verfaßte Karl Liebknecht das Flugblatt mit der Losung: »Der Hauptfeind steht im eigenen Land!« Er nahm im April 1916 an einer illegalen Tagung der Arbeiterjugend in Jena teil und organisierte zum 1. Mai 1916 eine Friedensdemonstration auf dem Potsdamer Platz in Berlin, dort wurde er verhaftet. Während das Kommandanturgericht Berlin Liebknecht am 28. Juni 1916 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilte, erhöhte das Oberkriegsgericht die Strafe in der Berufungsinstanz auf vier Jahre und einen Monat Zuchthaus. Ab November 1916 ins Zuchthaus Luckau eingesperrt, verfaßte er dort mehrere Schriften, darunter seine philosophischen »Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung«.
Karl Liebknecht, der die marxistische Theorie zwar als Grundidee des Sozialismus erhalten wollte, kritisierte aber sowohl die ökonomischen Kategorien von Marx als auch den historischen Materialismus. Marx These vom Wirken »historischer Gesetze« lehnte er ebenso ab wie dessen Schema von ökonomischer Basis und ideologischem Überbau. Philosophisch verstand sich Liebknecht als Agnostiker und Universalist, seine Sozialismus-Vorstellungen beruhten auf der Grundthese von der »Tendenz zur Steigerung der natürlichen und sozialen Solidarität«.
Am 23. Oktober 1918 vorzeitig aus dem Zuchthaus entlassen, wurde Karl Liebknecht von seinen Anhängern begeistert in Berlin begrüßt. In der Novemberrevolution führte er gemeinsam mit Rosa Luxemburg den Spartakusbund und war Herausgeber der »Roten Fahne«. Am 9.November hat er vom Balkon des Schlosses in Berlin die »Freie Sozialistische Republik« ausgerufen. In die Revolutionsregierung einzutreten, lehnte er ab und versuchte statt dessen, die Massen gegen die sozialdemokratischen Volksbeauftragten und für eine Räteherrschaft zu mobilisieren. Auf dem Gründungsparteitag der KPD forderte Liebknecht in einem Grundsatzreferat die Trennung von der USPD und die Bildung der neuen Partei, deren Führer er neben Rosa Luxemburg wurde. Liebknecht neigte einem radikalen, revolutionären Kommunismus zu. Mit Beginn der Januarkämpfe 1919 in Berlin erklärte er die Regierung Ebert für »abgesetzt«. Während der Unruhen wurde Karl Liebknecht zusammen mit Rosa Luxemburg von Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützendivision festgenommen und beide am 15. Januar 1919 brutal ermordet.
Seine (zweite) Frau, Sophie Ryss (* 18. 1. 1884 – 11. 11. 1964), Kunsthistorikerin, kam 1934 aus London nach Moskau, sie durfte als Stalin-Gegnerin die UdSSR nicht verlassen. Ihr Bruder Adolph wurde 1938 vom NKWD verhaftet, auch ihre Schwester Sylvia kam mit ihrem Mann, dem Physiker Jakow Spielrein, in den Gulag. Karl Liebknechts Sohn – aus erster Ehe mit Julia Paradies (* 20. 7. 1873 – 22. 8. 1911) – Wilhelm (Helmi) (* 6. 3. 1901 – 30. 4. 1975) studierte nach dem Abitur Rechts- und Staatswissenschaften in Berlin, Frankfurt/M. und Wien. Seit 1928 in der Sowjetunion, war er Mitarbeiter am Marx-Engels-Institut. Im August 1940 hatte Nazideutschland ihn ausgebürgert. Weil er Opfern der Säuberungen geholfen hatte, wurde Wilhelm Liebknecht aus der KPdSU ausgeschlossen und im Oktober 1941 nach Usbekistan verbannt. Später freischaffender Übersetzer und Redakteur. Annelies Laschitza veröffentliche 2007 eine neue Biographie über Karl und Sophie Liebknecht.
10. Robert Koch
Nach dem Besuch des Gymnasiums in Clausthal begann K. 1862 in Göttingen mit dem Studium der Naturwissenschaften, wechselte aber im 3. Semester zur Medizin über. Rückblickend erschienen ihm unter seinen Göttinger Lehrern der Anatom →J. Henle, der Kliniker →K. E. Hasse und der Physiologe →G. Meißner als diejenigen, die „den Sinn für wissenschaftliche Forschung“ in ihm weckten. Im 6. Semester (1865) erhielt K. zusammen mit einem anderen Bewerber den Preis für die Bearbeitung einer von der medizinischen Fakultät gestellten Preisaufgabe über das Vorkommen von Ganglienzellen an den Nerven des Uterus. Eine weitere Untersuchung über das Entstehen der Bernsteinsäure im menschlichen Organismus veröffentlichte der Student K. noch im gleichen Jahr. Nachdem er Anfang 1866 in Göttingen mit dem Prädikat „eximia cum laude“ promoviert hatte (eine Dissertation wurde ihm im Hinblick auf die Preisarbeit erlassen), besuchte K. einige Wochen lang Berliner Kliniken und einen Kurs bei →Virchow, legte im März das Staatsexamen in Hannover ab und war von Juni bis September am Allgemeinen Krankenhaus in Hamburg tätig. Im Oktober desselben Jahres erhielt K. die Arztstelle an der „Erziehungs- und Pflege-Anstalt für geistesschwache Kinder“ in Langenhagen bei Hannover, wo ihm auch Privatpraxis gestattet war. Im Juni 1868 übernahm er eine Arztpraxis in Niemegk (Kreis Zauch-Belzig, Bezirk Potsdam), im Juli des folgenden Jahres eine andere in Rakwitz (Kreis Bomst, Provinz Posen). Am Krieg von 1870/71 nahm K. als freiwilliger Arzt teil. Im März 1872 bestand er das Physikatsexamen, wurde im April zum Kreisphysikus des Kreises Bomst ernannt und siedelte in die Kreisstadt Wollstein über. Dort begann er Anfang 1873 mit gründlichen mikroskopischen und experimentellen Studien über die Ätiologie des Milzbrandes, die er in den folgenden Jahren durch den Nachweis des spezifischen Erregers der Krankheit erstmals vollständig aufklären konnte. Als er vom 30.4. bis 2.5.1876 in Breslau dem Botaniker →F. Cohn und dem Pathologen →J. Cohnheim seine Untersuchungen vorführte, fand er ihre uneingeschränkte Zustimmung; beide waren von K.s Ergebnissen und seiner Methodik auf das stärkste beeindruckt und erkannten deren Tragweite sogleich. (Allerdings gab es noch in den 1880er Jahren eine lange Kontroverse über den Milzbrand zwischen K. und →L. Pasteur.) Nach dem Milzbrand wandte sich K. der Ätiologie der Wundinfektionskrankheiten zu. Aufgrund von Tierversuchen konnte er 1878 wahrscheinlich machen, daß auch|beim Menschen verschiedene Wundinfektionen von spezifischen Erregern ausgehen. August-Oktober 1879 war er Stadtphysikus in Breslau, kehrte danach in seine Wollsteiner Stelle zurück.
Im Juli 1880 wurde K. als Regierungsrat und ordentliches Mitglied des Kaiserlichen Gesundheitsamtes nach Berlin berufen, wo er ein eigenes Laboratorium erhielt. Er entwickelte nun systematisch geeignete Verfahren für die Erforschung von Krankheitserregern und für deren Vernichtung mittels Desinfektion in strömendem Wasserdampf, worin er die wichtigste prophylaktische Maßnahme sah. Am 24.3.1882 gab er in einem Vortrag vor der Berliner Physiologischen Gesellschaft im damaligen Physiologischen (dem späteren Hygienischen) Institut der Universität die Entdeckung des Tuberkelbazillus bekannt, die ihn mit einem Schlage berühmt machte. Im August 1883 ging K. als Leiter der deutschen Cholera-Expedition für neun Monate nach Ägypten und Indien. Es gelang ihm nicht nur, den mutmaßlichen Erreger der Cholera zu finden, sondern auch die epidemiologischen Bedingungen für die Ausbreitung der Seuche zu ermitteln. Die Entdeckung des von K. „Kommabazillus“ genannten Cholera-Vibrio begegnete zwar manchen Vorbehalten (zum Beispiel bei →Pettenkofer, der noch 1892 während der Hamburger Cholera-Epidemie glaubte, K. durch einen Selbstversuch widerlegen zu können), doch bewährten sich die von K.vorgeschlagenen Maßnahmen zur Cholerabekämpfung hervorragend, und K.s Annahme, daß nicht das bloße Vorhandensein von Cholera-Erregern im Körper, sondern ein von diesen ausgeschiedenes spezifisches Gift die Krankheit hervorrufe, erwies sich als richtig und als fruchtbar für die weitere Forschung.
1884 wurde K. Mitglied des Preußischen Staatsrats. Einen Ruf auf den Leipziger Lehrstuhl der pathologischen Anatomie lehnte er ab, übernahm aber im April 1885 die neugeschaffene ordentliche Professur für Hygiene an der Berliner Universität und die Leitung des neuen Hygiene-Instituts. Im selben Jahre begründete er mit C. Flügge die „Zeitschrift für Hygiene“, die beide gemeinsam herausgaben. Die vorsichtigen Mitteilungen, die K. im August 1890 auf dem 10. internationalen medizinischen Kongreß in Berlin über seine noch nicht abgeschlossenen Versuche mit einem Heilmittel gegen Tuberkulose machte, erregten weltweites Aufsehen. Die hochgespannten Erwartungen, welche die Öffentlichkeit in das (erst seit 1891 so genannte) „Tuberkulin“ setzte und die zahlreiche Ärzte und Patienten nach Berlin führten, erfüllten sich jedoch nicht; die Erfahrungen reichten noch nicht aus, die Dosierung wurde oft übertrieben und die Indikationsstellung nicht beachtet. Als Heilmittel blieb das Tuberkulin umstritten, war aber als diagnostisches Mittel von Anfang an anerkannt. Die Tuberkulin-Begeisterung beschleunigte die geplante Gründung eines „Instituts für Infektionskrankheiten“ in Berlin, zu dessen Direktor K. am 8.7.1891 ernannt wurde. Er gab nun die Professur für Hygiene und die Leitung des Hygiene-Instituts auf, blieb aber als ordentlicher Honorarprofessor der Universität verbunden.
In den ersten Jahren des neuen Instituts, zu dem auch eine in speziellen Baracken untergebrachte Krankenstation auf dem nahen Gelände der Charite gehörte, widmete sich K. vor allem der Tuberkulose, insbesondere der weiteren Erprobung und Verbesserung des Tuberkulins sowie dem schwierigen Problem einer dauerhaften Immunisierung, die bei anderen Infektionskrankheiten durch grundlegende Arbeiten einiger seiner Schüler (→E. von Behring, S. Kitasato, →R. Pfeiffer) bereits gelungen war. 1892/93 leitete K. die Maßnahmen gegen die Cholera in Hamburg. Mit seiner 2. Frau, die ihn auch bei den folgenden Expeditionen begleitete, ging er im November 1896 im Auftrag der englischen Regierung nach Südafrika, um die Rinderpest zu erforschen und zu bekämpfen; einen bakteriellen Erreger konnte K. nicht finden, aber es gelang, der Seuche durch aktive Immunisierung der Tiere Einhalt zu gebieten. Anschließend reiste K. im März 1897 an der Spitze der deutschen Pest-Expedition nach Bombay; er erkannte als erster, welche Rolle die Ratte bei der Ausbreitung der Seuche spielte, übersah dabei aber noch den Rattenfloh als Oberträger. Juli 1897-Mai 1898 studierte K. weitere Seuchen in Deutsch-Ostafrika. Im August und September 1898 sowie von April bis August 1899 hielt er sich in Italien, danach bis September 1900 in Java und Neu-Guinea auf, um Methoden der Malariabekämpfung zu entwickeln. 1900 bezog K. eine neues Institutsgebäude im Norden Berlins nahe bei dem im Bau befindlichen Rudolf-Virchow-Krankenhaus; zu der seit 1898 bestehenden Tollwut-Abteilung des Instituts traten 1901 eine chemische und eine Seuchen-Abteilung, 1902 eine serologische, 1905 eine Tropen-Abteilung und später weitere neue Abteilungen. Im Juli 1901 teilte K. auf dem britischen Tuberkulose-Kongreß in London mit, daß entgegen der bisherigen und seiner eigenen früheren Auffassung der Erreger der Menschentuberkulose von dem der Rindertuberkulose verschieden sei; die menschliche Tuberkulose lasse sich nicht auf|das Rind, wohl aber die Rindertuberkulose auf den Menschen übertragen; da diese jedoch selten zu schweren Erkrankungen führe, müsse sich die Bekämpfung der menschlichen Tuberkulose hauptsächlich gegen deren Erreger richten. K.s These fand manchen Widerspruch (zum Beispiel bei →E. von Behring), und später bestätigte sich, daß K. die Rindertuberkulose unterschätzt hatte.
Nachdem K. 1902 maßgeblich an der Abwehr des Typhus im Südwesten des Deutschen Reiches mitgewirkt hatte, reiste er Anfang 1903 im Auftrag der englischen Regierung nach Rhodesien, um eine neu aufgetretene Rinderseuche (das „afrikanische Küstenfieber“) und die „Pferdesterbe“ zu erforschen und einzudämmen. Im selben Jahre wählte ihn die französische Akademie der Wissenschaften als Nachfolger →Virchows zum auswärtigen Mitglied. Nach seiner Rückkehr aus Afrika (Juni 1904) trat K. von der Leitung des Instituts für Infektionskrankheiten zurück, die der von ihm vorgeschlagene G. Gaffky, sein Lieblingsschüler, übernahm. Ende des Jahres reiste er wieder nach Ostafrika, wo er bis zum Herbst 1905 das Studium des Küstenfiebers der Rinder fortsetzte, sich aber auch mit dem Rückfallfieber und den Trypanosomenkrankheiten befaßte. Dabei konnte er (wie gleichzeitig 2 englische Ärzte) eine Zeckenart als Überträgerin des Rückfallfiebers nachweisen. Am 12.12.1905 erhielt K. für seine Tuberkulosearbeiten den Nobel-Preis für Medizin. Im April 1906 ging er als Leiter der deutschen Schlafkrankheitsexpedition erneut nach Ostafrika (bis Sommer 1907); er widmete sich hauptsächlich der Diagnostik und Behandlung der Krankheit, konnte aber mit dem Mittel Atoxyl noch keine so weitgehenden Heilerfolge erreichen, wie sie später mit Germanin möglich wurden. Nach einer mehrmonatigen Reise in die USA und nach Japan 1908 setzte er seine Tuberkuloseforschungen fort. Er starb während eines Erholungsaufenthaltes in Baden-Baden.
K. ist der Begründer der modernen medizinischen Mikrobiologie. Als er mit seinen Untersuchungen über den Milzbrand begann, hatten andere vor ihm zwar schon stabförmige Körperchen im Blut milzbrandkranker Tiere gesehen, durch Übertragung solchen Blutes auf gesunde Tiere Milzbrand hervorgerufen und die Stäbchen für Krankheitserreger gehalten, doch war ein eindeutiger Beweis noch nicht geführt. Eine ganze Reihe von grundsätzlichen Fragen, welche die Infektionskrankheiten insgesamt betrafen, war noch nicht endgültig entschieden: Waren die Mikroorganismen, die man seit längerem in wachsender Zahl bei Infektionskrankheiten fand, die eigentlichen Krankheitserreger oder nur harmlose „sekundäre Parasiten“ auf erkrankten Körperstellen? Entstanden die bei Infektionskrankheiten festgestellten Gifte, die oft mit Bakterien zusammenzuhängen schienen, ohne deren Beteiligung allein durch chemische Vorgänge, waren sie somit lediglich die Voraussetzung für das Auftreten der Mikroorganismen, oder waren sie vielmehr deren Produkte? Wohl war in den 1870er Jahren die alte Lehre von der „Urzeugung“ (generatio spontanea) der niederen Organismen durch die Arbeiten Pasteurs und anderer schon weitgehend überwunden, dagegen aber die damit meist verknüpfte Auffassung, daß die verschiedenartigen Spalt- und Schimmelpilze überall vorhanden seien und sich in andere Arten verwandeln könnten (Pleomorphismus), noch nicht allgemein aufgegeben worden. Darüber hinaus war auch die Diskussion über das Thema „Miasma und (oder) Kontagium“ noch keineswegs abgeschlossen. Zwar sprach immer mehr für die neuere Annahme, daß ein durch direkte Berührung übertragener, vermutlich sogar belebter Ansteckungsstoff (Kontagium) die Hauptursache der Infektionskrankheiten sei, doch hatte auch die alte Vorstellung vom „Miasma“ noch Anhänger, wonach Seuchen aus einer allgemeineren, indirekten Ursache, nämlich aus krankmachenden Substanzen (Miasma) in der Luft und im Boden herrührten, ohne daß es einer unmittelbaren Ansteckung durch Kranke bedurfte. K. konnte demgegenüber für den Milzbrand erstmals eindeutig einen Mikroorganismus als spezifischen Erreger nachweisen, der im Körper von Tier und Mensch die unmittelbare Krankheitsursache ist, nur bei dieser Krankheit vorkommt und seine Art nicht verändert. Er züchtete ihn außerhalb des Körpers in „Reinkultur“, um seine Lebensbedingungen möglichst genau kennen zu lernen, und erzeugte mit der Reinkultur wieder dieselbe Krankheit. Die Bildung sehr widerstandsfähiger Sporen, die K. bei den Milzbrandbakterien entdeckte, machte auch das scheinbar zufällige Auftreten und Verschwinden der Krankheit erklärlich, das sich bisher kaum hatte beeinflussen lassen.
Ebenso planvoll und sorgfältig ging K. bei seinen anschließenden Arbeiten über andere Infektionskrankheiten und über die Vernichtung der Mikroorganismen durch Desinfektion vor. Die Entdeckung der Erreger der Tuberkulose und der Cholera verhalf dem bis dahin noch umstrittenen „bakteriologischen Gedanken“ in der Medizin weithin zum Sieg und fand auch einen ungewöhnlichen Widerhall in der Öffentlichkeit. Noch|stärker war das öffentliche Interesse an K.s Suche nach einem Heilmittel gegen die Tuberkulose. Grundlage der für die Bakteriologie wegweisenden Forschungen K.s war die von ihm wesentlich verbesserte und erweiterte Untersuchungsmethodik: Er benutzte neuentwickelte Färbeverfahren für die Bakterienpräparate, legte einwandfreie Reinkulturen der Erreger an, verwendete dabei feste statt wie bisher flüssige Nährböden, bediente sich spezialisierter Tierexperimente und vervollkommnete die photographische Wiedergabe. Die praktischen Folgerungen aus seinen Ergebnissen zog K. selbst mit seinen Richtlinien für die Seuchenbekämpfung in Europa und Afrika, die neue Maßstäbe setzten.
Im Anschluß an K.s erste Veröffentlichungen wurden in rascher Folge weitere Krankheitserreger gefunden. K. schuf jedoch nicht nur das methodische Fundament der Bakteriologie, sondern wies ihr auch den „Weg vom Bazillus zum Toxin“ (P. Diepgen), den →E. Klebs mit einigen Schülern schon 1871 betreten hatte. Das war die Voraussetzung für die Entdeckung der Antitoxine, für die Erforschung der Immunisierung, für die Entwicklung der Serumtherapie und schließlich auch für die Begründung der Chemotherapie. Entscheidenden Anteil an diesen über K. hinausführenden Arbeiten hatten seine Schüler →E. von Behring, →S. Kitasato und →P. Ehrlich. Zu seinen bedeutenden Schülern zählten ferner →G. Gaffky, →F. Loeffler und →R. Pfeiffer.|
K.s Name lebt fort in der 1907 gegründeten R. K.-Stiftung zur Bekämpfung der Tuberkulose, die 1929 aufgehoben, 1935 aber als e. V. wieder erneuert wurde; sie verleiht an Personen, die sich um die Bekämpfung von Infektionskrankheiten, vor allem der Tuberkulose, verdient gemacht haben, die R. K.-Medaille und den hochdotierten R. K.-Preis. Ebenso lebt K.s Name weiter in dem für ihn errichteten, seit 1912 nach ihm benannten Berliner Forschungsinstitut, das seit 1952 zum Bundesgesundheitsamt gehört. Die Tätigkeit des R. K.-Instituts erstreckt sich längst nicht mehr nur auf die einstigen Arbeitsgebiete K.s, sondern auch auf Virologie, Immunologie, Biochemie, Zytologie, Hämatologie und andere Fächer. Zu einem Teil zeigt sich darin neben dem allgemeinen Wissenschaftsprozeß auch die Entfaltung und Fortentwicklung von K.s Werk.
11. Gottlieb Daimler
Als 1848 nach dem Besuch der Realschule die Wahl des künftigen Berufes erörtert wurde, hat der Vater angesichts der Revolutionswirren von seinem Plan abgesehen, seinen Sohn als Beamten ausbilden zu lassen, und so kam D. noch im gleichen Jahr zu dem Büchsenmacher Raithel in die Lehre. 1852 machte D. die Gesellenprüfung mit einer kunstvoll gefertigten Taschenpistole. Es ist bemerkenswert, daß im Gegensatz zur ungefesselten Explosion des Pulvers mit Hilfe|der Pistole die gefesselte Explosion des Kraftstoffgemisches im Motor und dessen Anwendung D.s Lebensaufgabe werden sollte. Nach seiner Prüfung ging der Büchsenmachergeselle D. auf die königliche Landesgewerbeschule, wo der als Förderer des württembergischen Wirtschaftslebens bekannte Ferdinand Steinbeis (1807–1893) auf ihn aufmerksam wurde. Auf Empfehlungen von Steinbeis erhielt D. einen Reise- und Ausbildungszuschuß, um sich eine gründliche Kenntnis technologischer Herstellungsverfahren im Maschinenbau anzueignen. Zu diesem Zweck trat er 1853 in die Fabrik in Grafenstaden (Elsaß), die später als Lokomotiv-Fabrik bekannt wurde, als einfacher Werkstättenarbeiter ein. 1857 gab D. die Tätigkeit in Grafenstaden auf, um sich noch im gleichen Jahr an der Polytechnischen Schule in Stuttgart dem Studium zu widmen. 1859 schloß er sein Hochschulstudium ab und trat dann wieder in Grafenstaden ein, verblieb allerdings dann nur noch bis zum Sommer 1860.
Auf Grund der Veröffentlichungen über den 1860 gebauten Lenoir-Motor machten D. und der in der Kuhn’schen Maschinenfabrik tätige Ingenieur Max Eyth eine Studienreise nach Paris, um den Motor zu studieren, der sich noch als recht unvollkommen erwies. Daran schloß sich eine kurze Tätigkeit in einer Pariser Fabrik; weitere Etappen waren von 1861-62 Leeds, Manchester und Coventry. Im Anschluß daran trat er in die Metallwarenfabrik Straub in Geislingen, die spätere Württembergische Metallwarenfabrik Geislingen, ein, konnte aber dort verschiedene seiner Absichten nicht verwirklichen und trat daher 1865 wieder aus. Noch im gleichen Jahr übernahm er die Leitung der Maschinenfabrik des „Bruderhauses“ in Reutlingen. Diese Tätigkeit war insofern für sein künftiges Lebenswerk von großer Bedeutung, weil in dieser Zeit die Zusammenarbeit mit →Wilhelm Maybach beginnt, mit dem er bis zu seinem Lebensende verbunden blieb.
1869 legte D. die Tätigkeit in Reutlingen nieder und trat in die Maschinenbaugesellschaft Karlsruhe als Vorstand sämtlicher Werkstätten ein; ihm folgte bald darauf Maybach. Als von Steinbeis empfohlener Beauftragter der königlich württembergischen Regierung 1867 nach Paris entsandt, konnte D. sich dort vom Stand der damals stark aufstrebenden Motortechnik überzeugen, und dies bestärkte ihn in seinen Absichten, sich ganz dem Motorenbau zuzuwenden. Er lernte dort auch den Otto’schen atmosphärischen Motor der Gasmotorenfabrik Deutz kennen, der sich als überlegene Spitzenleistung repräsentierte. D.s große Erfahrungen wurden dann als so wertvoll angesehen, daß ihm am 10.3.1872 von der Gasmotorenfabrik Deutz die Oberleitung der Werkstätten und des Zeichenbüros sowie die Disposition über das zugehörige Personal und Material übertragen wurde. Maybach folgte am 1.1.1873 seinem Landsmann als Chef des Konstruktionsbüros. Diese Tätigkeit gehörte zu den entscheidendsten vor Inangriffnahme seines Lebenswerkes, mit dem er nach seinem Austritt im Jahr 1882 begann.
Die Grundidee im Schaffen D.s war, im Gegensatz zu den damals üblichen langsamlaufenden, großen und schweren, ortsfesten, vorwiegend mit Leuchtgas betriebenen Motoren einen schnellaufenden, kleinen leichten und auch für den Antrieb von Fahrzeugen aller Art geeigneten Benzinmotor zu schaffen. Auf der Grundlage der von 1883 an erteilten zahlreichen Patente, darunter desjenigen, welches die ungesteuerte Glührohrzündung betraf, wurde 1883 der erste schnellaufende und 1885 der erste geschlossene, stehende Motor geschaffen, der in dieser Form eine Grundlage für die Entwicklung des Kraftwagenmotors wurde. In dieser und der folgenden Zeit entstand das erste Motorrad der Welt (1885). 1885/86 erfolgte der Einbau des Motors in eine Motorkutsche - neben dem zur gleichen Zeit geschaffenen Benz-Wagen der Beginn des Automobilbaues - sowie Einbauten in Motorboote, in Schienenfahrzeuge und in das erste Luftschiff von Dr. Wölfert. Damit wurde erstmals ein Weg beschritten, der auch über die Schaffung des Automobils hinaus eine große Bedeutung in der Technik erlangt hat.
Die Arbeiten von D., dem in seinen konstruktiven Entwicklungen Maybach in kongenialer Weise zur Seite stand, fanden auch bald im Ausland aufrichtige Würdigung. Die Herstellung von D.-Motoren führte um 1890 in Frankreich zur Entstehung einer Auto-Industrie. Auch auf die Schaffung der Automobilindustrie in England und in den Vereinigten Staaten hat D. stark anregend gewirkt.
Aus der 1882 geschaffenen Versuchswerkstätte und der 1887 gegründeten Fabrik in Cannstatt entstand am 28.11.1890 die D.-Motoren-Gesellschaft, deren Produktions-Schwerpunkt bis etwa 1895 der Motor gebildet hatte, da die Nachfrage nach Kraftwagen noch verhältnismäßig gering war. Durch die mit Daimler-Motoren errungenen großen Erfolge in der ersten automobilen Wettfahrt der Welt von Paris nach Rouen 1894 wurde das öffentliche Interesse stark geweckt; sie|bewiesen die Richtigkeit des D.schen Konstruktionsprinzips.
Durch zahlreiche Verbesserungen des Motors, vor allem der Kühlung und des Vergasers, gelang es, den D.-Motor so auszubilden, daß er allen Wettbewerbern überlegen war. Vor allem war es dadurch möglich, den Kraftwagen zum Hochleistungsfahrzeug auszubilden. Die sich 1896 abzeichnende Entwicklung führt so zum Bau der 1900/01 geschaffenen Mercedes-Motoren und -Wagen. Damit wurde eine völlig neue Grundlage für den Bau und die Weiterentwicklung von Motor und Fahrzeug geschaffen. Die überwältigenden Erfolge des Jahres 1901, die in einer großen Zahl überlegener Siege zum Ausdruck kommen und die sich in den folgenden Jahren noch häuften, hat D. nicht mehr erleben dürfen.
Mit der Schaffung des schnellaufenden Motors und seines ersten Kraftwagens und deren beharrlicher methodischer Weiterentwicklung hat D. in ähnlicher Weise wie Karl Benz, der als erster das als Einheit entwickelte Motorfahrzeug schuf, einen entscheidenden Beitrag für die Verkehrsmotorisierung geleistet. Die Werke der von diesen beiden Männern begründeten Unternehmen wurden 1926 in der D.-Benz AG zusammengefaßt. Über den Rahmen der eigenen unternehmerischen Leistung, die aus der Erfindung D.s entstanden ist, hat seine Arbeit eine große Bedeutung in der Automobil- und Motortechnik der ganzen Welt erlangt.
12. Wilhelm Conrad Röntgen
R. wuchs in Apeldoorn (Holland) auf, wohin die Familie wohl aus geschäftlichen Gründen 1848 übergesiedelt war. Er besuchte die dortige Schule und seit 1862 die Technische Schule in Utrecht, von der er 1864, vermutlich wegen eines Schülerstreichs, ohne Reifezeugnis verwiesen wurde. Da er auch die in Holland ersatzweise mögliche Zulassungsprüfung für eine Universität nicht bestand, nahm er Ende 1865 am Eidgenöss. Polytechnikum in Zürich, wo dies ohne Prüfung möglich war, ein Ingenieurstudium auf, das er 1868 mit dem Diplom in Maschinenbau abschloß. R. hatte während des Studiums Vorlesungen u. a. bei →Rudolf Clausius (1822–88) und →Gustav Zeuner (1828–1907) gehört. Er wandte sich nun vollends der Physik zu und hörte auch bei →August Kundt (1839–94). 1870 an der Univ. Zürich mit einer Arbeit zur Gastheorie promoviert, folgte er Kundt im selben Jahr als Assistent nach Würzburg und 1872 an die neugegründete Reichsuniv. Straßburg, wo er sich 1873 habilitierte. 1875 wurde R. o. Professor für Mathematik und Physik an der Landwirtschaftlichen Akademie Hohenheim, 1876 erhielt er an der Straßburger Univ. das Extraordinariat für Physik neben Kundt. Mit diesem entstanden u. a. mehrere Arbeiten zur elektromagnetischen Drehung der Polarisationsebene des Lichtes in Gasen; auch|befaßte sich R. mit der Wärmeleitung in Kristallen.
1879 wurde R. Ordinarius an der Univ. Gießen, 1888 an der Univ. Würzburg als Nachfolger von →Friedrich Kohlrausch (1840–1910). In Gießen gelang R.1888 der Nachweis, daß in einem zwischen elektrisch geladenen Kondensatorplatten bewegten Dielektrikum eine magnetische Wirkung („Röntgenstrom“) hervorgerufen wird. In Würzburg wandte sich R. der Untersuchung der Elektrizitätsleitung in Gasen und insbes. den Kathodenstrahlen zu. 1895 entdeckte er dabei die X-Strahlen (im dt. Sprachraum Röntgen-Strahlen genannt) und erhielt dafür 1901 den erstmals verliehenen Nobelpreis für Physik.
Zum Sommersemester 1900 wurde R. an die Univ. München berufen, wo u. a. →Walter Friedrich (1883–1968), →Abram F. Joffe (1880–1960), →Paul Knipping (1883–1935), Peter Paul Koch (1879–1945), →Rudolph Ladenburg (1882–1952) und →Peter Pringsheim (1881–1963) seine Schüler wurden. R.s Münchner Hauptarbeitsgebiet waren die elektrischen Eigenschaften der Kristalle, während mehrere seiner Schüler sich auch spezifischen Untersuchungen der Röntgenstrahlen widmeten. Hervorzuheben sind die 1912 durchgeführten Interferenzversuche von Röntgenstrahlen an Kristallen durch Friedrich, Knipping und →Max v. Laue (1879–1960), wofür letzterer den Physik-Nobelpreis 1914 erhielt. Eine mögliche Berufung als Präsident der Phvsikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin (zu deren Kuratoren er seit 1897 zählte) lehnte R. 1904 ab, ebenso 1912 eine Forschungsprofessur der Preuß.Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Eine wichtige organisatorische Leistung R.s für München war die Wiederbelebung des seit zehn Jahren verwaisten theoretischen Ordinariats, auf das 1905 →Arnold Sommerfeld (1868–1951) berufen wurde. 1920 emeritiert, verbrachte R. seine letzten Jahre einsam; sein bescheidenes Vermögen verlor er durch die Inflation.
Bei seiner Beschäftigung mit Kathodenstrahlen, deren Eigenschaften noch weitgehend unbekannt waren, stieß R. 1894 auf eine Arbeit von →Philipp Lenard (1862–1947), der gefunden hatte, daß man die Strahlen durch ein Aluminium-Fenster aus der Entladungsröhre austreten lassen und außerhalb der Röhre untersuchen könne. R. wiederholte Lenards Experimente, zunächst offenbar ohne dabei ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, doch er war ein besonders gründlicher Beobachter. Dabei stellte R. am 8.11.1895 eher zufällig fest, daß ein in der Nähe der verhüllten Entladungsröhre stehender Fluoreszenzschirm im verdunkelten Raum hell aufleuchtete. Bei näherer Untersuchung zeigte sich, daß diese Erscheinung von einer bisher unbekannten Art von Strahlen herrührte, die R. „X-Strahlung“ nannte. Noch in den Weihnachtstagen 1895 schrieb er eine erste Abhandlung hierüber und verschickte sie am Neujahrstag; sie wurde sofort mit Begeisterung aufgenommen. Insbesondere die als Beleg beigefügten Fotos, darunter eine „Röntgen-Aufnahme“ der Hand seiner Frau, regten sofort eine praktische Nutzung in Medizin und Technik an. Sein langsamer, pedantischer Arbeitsstil erwies sich für die weitere Erforschung der Röntgenstrahlung als nicht sehr förderlich, und so verlor R. trotz seiner Pionierrolle schnell den Anschluß an die internationale Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet. Nach seiner dritten Publikation hierzu (1897) erlosch sein Interesse an dieser Thematik und er wandte sich erneut der Kristallphysik zu. Indirekt wurde die schnelle technische Weiterentwicklung auch dadurch gefördert, daß R. keinerlei Patentansprüche anmeldete. Er hielt über seine Entdeckung nur einen öffentlichen Vortrag, und zwar am 23.1.1896 vor der Physikalisch-Medicinischen Gesellschaft zu Würzburg, am 12.1.1896 hatte er vor Ks. Wilhelm II. in Berlin eine Privatdemonstration vorzuführen, doch hielt R. nicht einmal anläßlich der Nobelpreisverleihung den erwünschten Vortrag. Die Röntgenstrahlen gehören nicht nur zu den grundlegenden Entdeckungen, die die moderne Physik des 20. Jh. einleiteten, da sie sich mit den Mitteln der Klassischen Physik letztlich nicht erklären ließen, sondern auch zu den wenigen wissenschaftlichen Grundlagenentdeckungen, die unmittelbar zu einer (aus heutiger Sicht vielleicht etwas übereilten) technischen Nutzung führten.|
13. Friedrich Nietzsche
Nach dem Tod des Vaters und der Übersiedlung der Familie nach Naumburg besuchte N. seit 1854 das Domgymnasium. 1858 erhielt er eine Freistelle in der Landesschule Pforta (Schulpforta), an der er die für seinen späteren Berufsweg entscheidende strenge, altphilologisch akzentuierte Ausbildung erhielt. Zwei damals entstandene Abhandlungen, „Fatum und Geschichte“ und „Willensfreiheit und Fatum“, berühren bereits wesentliche Themen seiner nach 1876 entwickelten Philosophie. Nach dem Abitur 1864 immatrikulierte sich N. in Bonn an der theol. Fakultät und wechselte im folgenden Semester zur klassischen Philologie. Im Herbst 1865 setzte er das Studium in Leipzig fort, u. a. weil sein Lehrer →Friedrich Ritschl (1806–76) dorthin berufen worden war. Zu dieser Zeit entdeckte N. Schopenhauers Schrift „Die Welt als Wille und Vorstellung“, die auf seine Entwicklung wesentlichen Einfluß hatte. Getragen von der Leidenschaft Schopenhauers, widmete er sich dem Studium der Philologie. Nach einem Militärdienst bis März 1868 plante N. zunächst eine Dissertation über Kant und ein naturwissenschaftliches Studium in Paris. Auf Empfehlung Ritschls wurde N. im Februar 1869 als ao. Professor auf den altphilologischen Lehrstuhl in Basel berufen (o. Prof. April 1870), im März aufgrund seiner bisherigen Arbeiten in Leipzig promoviert. Einem Besuch bei →Richard Wagner, den er im Herbst 1868 kennengelernt hatte, in Tribschen bei Luzern im Mai 1869 folgten viele weitere. Im August 1870 ließ N. sich für eine freiwillige Teilnahme als Sanitäter im Krieg gegen Frankreich beurlauben. – N. verfolgte in Basel ein kulturpädagogisches Programm in kosmopolitischer Absicht, das den kulturfeindlichen Tendenzen der modernen „Civilisation“ entgegenwirken sollte. Er sah sich dabei einig mit →Jacob Burckhardt, vor allem aber mit Wagner, der N. für die öffentliche Durchsetzung seines Kunstideals zu gewinnen hoffte. Dieser Erwartung entsprach N.zunächst mit seiner Schrift „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ (Anfang 1872). Ausgelöst durch innere Spannungen angesichts einer zunehmenden Distanz zu Wagners künstlerischen Bestrebungen und der Unvereinbarkeit seiner Lehrverpflichtungen mit der Entwicklung seiner philosophischen Interessen, verschlechterte sich N.s Gesundheitszustand seit 1873 so gravierend (u. a. migräneähnliche Kopfschmerzen, Augenschwäche), daß ihm die Basler Erziehungsbehörde 1876 einen einjährigen Urlaub gewährte. Die Zeit bis Mai 1877 verbrachte er größtenteils in Sorrent mit →Malwida v. Meysenbug (1816–1903) und dem Moralpsychologen →Paul Rée (1849–1901). Hier traf N. auch ein letztes Mal Ende Okt. 1876 mit Wagner zusammen. 1877 entstand der größte Teil des Aphorismenwerks „Menschliches, Allzumenschliches, Ein Buch für freie Geister“ (1878), das eine deutliche Absage an Wagners nationalistisches Kunstideal enthielt. Den grundsätzlichen Unterschied ihrer Kunst- und Kulturauffassungen hat N. später in der Polemik „Der Fall Wagner, Ein Musikantenproblem“ (1888) deutlich gemacht. Im Mai 1879 bat N., dessen Gesundheitszustand sich rapide verschlechterte, um Entlassung aus dem Basler Amt, die ihm unter Zusicherung einer jährlichen Pension für sechs Jahre (verlängert 1885) gewährt wurde.
Die folgenden Jahre verbrachte N. als „fugitivus errans“ mit beschränkten Mitteln an wechselnden Orten – den Winter über bevorzugt in Italien (v. a. Genua, Rapallo, Nizza, Turin, zeitweise Venedig, aber auch Riva, Recoaro, Messina), im Sommer seit 1881 in Sils-Maria (Oberengadin). Eine einschneidende Zäsur in diesen Jahren bildete die Begegnung mit →Lou v. Salomé (1861–1937). In ihrem Gedicht „Gebet an das Leben“, das er im Sommer desselben Jahres als „Hymnus an das Leben“ vertonte, meinte er, seine dionysische Weltsicht wiederzuerkennen, und hoffte vergeblich, eine seelenverwandte Partnerin gefunden zu haben. Mit Freunden wie →Paul Deussen (1845–1919), →Carl v. Gersdorff (1844–1904), →Heinrich Köselitz (1854–1918), →Franz Overbeck (1837–1905) und →Erwin Rohde (1845–98) hielt er überwiegend brieflich Kontakt.
Am 3.1.1889 wurde bei N. in Turin eine organische Gehirnerkrankung manifest, die|eine fortschreitende Zerstörung des Bewußtseins zur Folge hatte. Nachdem er Anfang Januar sog. „Wahnsinnszettel“ an Burckhardt und Overbeck geschickt hatte, holte letzterer ihn von Turin nach Basel zur Untersuchung in der Nervenklinik. Von hier brachte ihn die Mutter nach Jena, wo er bis Februar 1890 in der psychiatrischen Universitätsklinik beobachtet, danach von ihr bis Mai betreut und dann nach Naumburg zurückgebracht wurde. 1894 gründete die Schwester im Haus der Mutter ohne deren Zustimmung ein Nietzsche-Archiv. Sie übersiedelte, nachdem sie sich 1895 die Rechte am Nachlaß hatte übertragen lassen, 1896 nach Weimar. Nach dem Tod der Mutter 1897 übernahm sie N. ins Archiv, wo er, als Kultobjekt aufbewahrt, weiterlebte. Die Ursachen von N.s Erkrankung sind ungeklärt geblieben; sie ist möglicherweise durch eine Syphilis bedingt.
Hauptwerke. – In seiner ersten kulturphilosophischen Veröffentlichung, der „Geburt der Tragödie“ (1872), entwickelt N. anhand einer Darstellung der attischen Tragödie und einer Unterscheidung der Phänomene des Apollinischen und des Dionysischen eine Metaphysik der Kunst, die beide Phänomene vereint und sich in der Aussage verdichtet: „daß nur als ästhetisches Phänomen das Dasein und die Welt gerechtfertigt erscheint“. Bereits hierin drückt sich ein Abstand N.s zu Schopenhauers Negation des Willens in der ästhetischen Betrachtung aus. Der starken öffentlichen Beachtung, die diese Schrift fand, stand die seiner ersten „Unzeitgemäßen Betrachtung“: „David Strauß, der Bekenner und Schriftsteller“ (1873) nicht nach. In polemischem Stil beschreibt N.hier am Beispiel eines „Bildungsphilisters“ den Zustand der deutschen Bildung. Mit der zweiten Betrachtung, „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ (1874), wendet sich N. mittels der Unterscheidung einer „monumentalischen“, einer „antiquarischen“ und einer „kritischen Historie“ gegen die „Hypertrophie“ der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft und macht zugleich deutlich, daß eine Rückkehr zum Mythos keinen Ausweg aus dieser Situation bietet. Die dritte dieser Schriften, „Schopenhauer als Erzieher“ (1874), sucht zu zeigen, wie ein an unbedingter Wahrhaftigkeit orientierter Denker „unzeitgemäß“ und dadurch zum Muster eines echten Philosophen wird, der seine Wahrheit l e b t. In „→Richard Wagner in Bayreuth“ (Anfang 1874 begonnen, beendet Juli 1876) konfrontiert er Wagners ursprünglich revolutionäre, kosmopolitische Ideale indirekt mit der das zeitgenössische Kulturverständnis sanktionierenden Realität der Festspiele in Bayreuth.
Das Werk „Menschliches, Allzumenschliches, Ein Buch für freie Geister“ (1878-79; MA) ist die Fortsetzung der Arbeit an einer zunächst noch als „Unzeitgemäße Betrachtung“ unter dem Titel „Die Pflugschar“ geplanten Aphorismenschrift, die er im Juni 1876 begonnen hatte. Es handelt sich um eine Sammlung von in der Form durch die franz. Moralisten angeregten Aphorismen, die ihren besonderen Inhalt jeweils am Anfang benennen. Sie folgen dem Prinzip des „prodesse et delectare“ und greifen, um neun „Hauptstücke“ gruppiert, in loser Folge alle bisherigen kulturphilosophischen Themen auf. Ihre innere Einheit besteht in dem zugrundegelegten Bewußtsein eines fiktiven Subjekts, des „freien Geistes“, der allem „Idealismus“ abgesagt hat. Auf der Grundlage der Einsicht, daß „Überzeugungen … gefährlichere Feinde der Wahrheit, als Lügen“ sind (MA 483), unterzieht N. tradierte metaphysische Vorstellungen und Ideale einer psychologischen Analyse, die im Versuch der „Umkehrung gewohnter Wertschätzungen und geschätzter Gewohnheiten“ (Vorrede I, 1) ihren methodischen Ausgangspunkt hat. Ihrer Erscheinungsform und Intention nach schließen die beiden folgenden Werke unmittelbar an. Während die in fünf „Bücher“ gegliederte „Morgenröte“ (1881; M) unter dem Titel „passio nova“ konzipiert und mit dem Titel „Die Pflugschar“ als Manuskript abgeschlossen wurde, war „Die fröhliche Wissenschaft“ (1882, erweitert ²1887; FW) zunächst als Fortsetzung der „Morgenröte“ geplant. Die aphoristische Form war nicht nur das adäquate Mittel für einen Autor, der seine Gedanken auf Wanderungen faßte und auf einen ökonomischen Umgang mit seinem Augenlicht angewiesen war, sie war vor allem der angemessene Ausdruck einer Philosophie, die sich aller systematisierenden Ableitung aus dem Begriff versagt, weil sie die Grenzenlosigkeit der Erkenntnis unterstellt und davon ausgeht, „daß das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe“ (FW 324). Ging es N. zunächst um die Rückführung metaphysischer Vorurteile auf „allzumenschliche“ Gründe, so hier überwiegend um eine Kritik der Moral im Blick auf ihre historische Entstehung. Das Denken soll nun, statt im Dienst der Moral deren Abkunft aus der Vernunft glaubhaft zu machen, deren Herkommen aus der „Unvernunft“ deutlich werden lassen. In „Jenseits von Gut und Böse“ (1886; JGB) und den Abhandlungen „Zur Genealogie der Moral“ (1887; GM)|hat N. die historische Kritik der Moral weiter ausgeführt. Die Besonderheit der „Fröhlichen Wissenschaft“ im Zusammenhang seiner Werke liegt darin, daß bei der Darstellung traditioneller Metaphysik und Moral der polemische Ton fehlt, und darin, daß sie mit ihrem fünften Buch der Entstehungszeit nach das Werk „Also sprach Zarathustra“ (T. 1-4, 1883-1887) umgreift. Vor allem aber steht sie in inhaltlichem Bezug zu diesem Werk: Durch die Figur des „tollen Menschen“ (FW 125), der die Tötung Gottes durch den Menschen als epochales Ereignis begreift, durch den letzten Aphorismus des 4. Buchs, der mit der 1. Vorrede Zarathustras fast gleichlautet, und vor allem durch die Darstellung des zentralen, aus aktuellen wissenschaftlichen Quellen gespeisten Gedankens des „Zarathustra“, der „ewigen Wiederkunft des Gleichen“ (FW 341), den N. im August 1881 als für ihn entscheidende Erfahrung festgehalten hat. Für N. erlangt dieser hypothetische Gedanke außerordentliches Gewicht als Gegensatz zu theistischen Vorstellungen, die einen willkürlichen Gott unterstellen. In „Also sprach Zarathustra“ rückt ein weiterer Gedanke in den Mittelpunkt: Zarathustras Lehre vom „Übermenschen“; dieser ist keineswegs gedacht als „ästhetisierender Athlet“ oder gar „Prototyp einer, Herrenrasse'“, er bezeichnet vielmehr, wie sein Gegenpol, der „letzte Mensch“, eine Grenze „am Horizont einer antimetaphysischen, antipessimistischen Vision der Welt“ (Montinari). Daneben tritt im „Zarathustra“ ein dritter Gedanke, der in den Überlegungen zu JGB und zur GM, vor allem aber in den Vorarbeiten zu den sog. Spätwerken des Herbstes 1888 „Götzendämmerung“ (1889) und „Der Antichrist“ (1895) eine beherrschende Stellung gewinnt und mit den beiden anderen den „konstruktiven Teil seiner Philosophie“ (Montinari) darstellt: die „Theorie eines in allem Geschehen sich abspielenden Macht-Willens “ (GM II, 12). N. bestimmt diesen Willen als das Wesen des Lebens selbst, als „das, was sich immer selbst überwinden muß“ (II, Von der Selbstüberwindung). Er ist nicht als metaphysisches Prinzip neben und hinter aller Erscheinung mißzuverstehen, auch nicht als die zweifelhafte Eigenschaft erfolgshungriger Politiker. Er tritt immer nur als eine „Vielheit von. Willen zur Macht'“ (Nachlaß-Fragmente 40 [53] 1885) auf und betrifft die anorganische Welt ebenso wie den Kosmos möglicher Zwecke des Menschen, die zueinander in ein ständig variierendes Verhältnis der Nach- und Überordnung treten. Er ist nach N. auch wirksam in dem seit 1881 immer wieder abgehandelten, in sich widersprüchlichen Phänomen eines europ. „Nihilismus“, den er vor allem durch das Christentum initiiert sieht: „lieber will noch der Mensch das Nichtswollen, als nicht wollen“, ist N.s Formel dafür. Daß der „Wille zur Macht“ als Projekt eines Hauptwerks unvollendet geblieben wäre, wurde von Montinari zweifelsfrei widerlegt.
Die „Umkehrung gewohnter Wertschätzungen“ und die „Umwertung aller Werte“. - Obwohl N. antrat, die seit Plato nicht nur in der Geschichte des Denkens etablierte Vorstellung der Dualität zweier Welten, den Widerspruch von wahrer und scheinbarer Welt, aufzuheben, und diesen Vorsatz bis zuletzt festhielt, sah er sich im Übergang vom idealismuskritischen, negativen Teil seines Werks zu den konstruktiven Entwürfen, die in den letzten sechs Jahren seines Schaffens damit einhergingen, „in einen unlösbaren Widerspruch zwischen seinem radikalen Skeptizismus … und der Notwendigkeit einer ‚Gesetzgebung' verwickelt“ (Montinari). Daß dieser Widerspruch auch das durchgehend negative, zeit-, kultur- und geschichtskritische Denken bestimmt und zuletzt zweideutig erscheinen läßt, zeigt sich u. a. in N.s Kritik des moralischen Selbstbewußtseins bzw. „Selbstbetrugs“ (MA I Vorr. 1). Zunächst folgt er seiner Methodik der „Umkehrung gewohnter Wertschätzungen“ zur Destruktion des Idealismus, der einen Gegensatz von Ideal und Wirklichkeit, von Vernunft und Interesse unterstellt. So erklärt er anhand von Praktiken des moralischen Bewußtseins, einen erlittenen Schaden als selbstlose Tat (FW 21), Ohnmacht als Güte, Niedrigkeit als Demut oder Unterwerfung als Gehorsam zu deuten (GM I, 14), daß diese nicht auf einem Mißverständnis der Moral beruhen, sondern in deren Wesen begründet sind. Nach N. besteht etwa der Grundwiderspruch des Ideals der „Selbstlosigkeit“ (FW 21) darin, daß es dem Prinzip nach den Schaden des Selbstlosen und das Akzeptieren dieses Schadens unterstellt. Dieser Doppelheit entsprechend kritisiert er auch ein religiöses Bewußtsein, das, statt ein Übel durch das Beheben seiner Ursache verschwinden zu machen, durch ein „Umdeuten des Uebels in ein Gut“, das späteren Nutzen verheißt (MA I 108), die Wirkung des Übels auf die Empfindung vermindern soll („Narkotisirung“). Vor allem in den Werken der letzten drei Schaffensjahre tritt aber an die Stelle einer experimentellen Umkehrung von Wertschätzungen eine „Umwertung aller Werte“. Statt mit der Aufhebung der Differenz von wahrer und scheinbarer Welt den Bereich moralischer Vorstellungen zu verlassen und auch den außermoralischen und außerpsychologischen Gründen nachzuforschen, die den Gang der Geschichte bestimmen, entwirft er eine Gegenmoral, die die Welt bewegen soll. Das Urteil: das Gute ist nicht gut, sondern schlecht (GM I: „Gut und Böse“, „Gut und Schlecht“), findet eine Fortsetzung, die das bisher als böse Geltende für gut erklärt, und ist als Ganzes keineswegs „jenseits von Gut und Böse“ angesiedelt. Gestützt auf seine erkenntnistheoretische Prämisse, die am Beispiel der Sprache die Falschheit aller synthetischen Urteile a priori konstatiert (JGB 4), erklärt er falsche Urteile a posteriori für zweckmäßig, sofern sie dem abstrakt allgemeinen Kriterium „lebensfördernd“ genügen, also der Willkür Platz einräumen. Nicht mögliches Wissen und die auf Wissen gegründete Praxis, sondern die bloße Setzung konträrer Werte gilt nun als realitätsmächtig. Der Widerspruch bleibt auch auf dem Gebiet der Religionskritik, auf dem er zwar dem Rückgang hinter historisches Wissen, dem Mythos, die Berechtigung bestreitet: „Hüten wir uns, eine solche Lehre [d. i. die ewige Wiederkehr des Gleichen] wie eine Religion zu lehren“ (Nachlaß 1881), sich aber doch „in steter Nachbarschaft zur Religion“ (Montinari) befindet. Vor allem den letzten Werken N.s eignet eine Zweideutigkeit, die auch durch den bis zuletzt immer hervorgehobenen Versuchscharakter seines Denkens nicht relativiert wird. Wendungen wie „die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie “ (GM I, 11), von N. provokatorisch als Symbol seiner Gegenmoral aufgebaut, die „vornehmen Rassen“ zu eigen sein soll, sind aus der „Umwertung“ resultierende Entgleisungen seines Denkens, nicht etwa Ausdruck eines sich ankündigenden organischen Zusammenbruchs; dieser deutet sich möglicherweise im forciert euphorischen Gestus der späten Äußerungen an.
Die Wirkungen der Schriften N.s entsprachen weder seinen Phantasien der letzten Zeit, unmittelbar normsetzende Gewalt zu erlangen, noch seiner Vorstellung einer langfristigen latenten Wirksamkeit der konstruktiven Ideen. Dagegen unternahm N.s Schwester, u. a. durch die Kompilation eines aus nachgelassenen Notizen bestehenden Hauptwerks „Der Wille zur Macht“ (1901, 483 Nummern; 1906, 1067 Nummern) alles ihr Mögliche, den Gehalt des Werks in einen am Wilhelminismus orientierten, eine germanische Rasse idealisierenden nationalistischen Mythos zu verwandeln. Seine Schriften erreichten in Gestalt der nun veranstalteten Gesamtausgaben hohe Auflagen. In der Folge haben u. a. →Ernst Bertram durch seine Mythologisierung N.s (1918), vor allem aber →Alfred Bäumler (1931), mit seiner am germanischen Rassenideal orientierten Umdeutung, der Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten Vorschub geleistet. Eine ernsthafte philosophische Auseinandersetzung haben die Schriften N.s in der ersten Jahrhunderthälfte vor allem durch →Karl Jaspers und →Karl Löwith erfahren, später auch durch →Martin Heidegger. – Es ist die Ironie der Wirkung N.s, daß mit der geglückten Verwandlung des Außenseiters N. in eine vom Wilhelminischen Deutschland anerkannte Kultfigur gerade die Voraussetzung geschaffen war für die gesellschaftliche Anerkennung von kritischen Künstlern, deren für sie bisher meist ruinöse Außenseiterstellung nun ebenso aufgewertet wurde wie sie unangetastet blieb. Eine Quelle der Anregung wurde das Werk N.s für die moderne Psychologie, besonders die Psychoanalyse. Mit seiner zusammen mit Giorgio Colli 1961 begonnenen und seit 1967 erscheinenden kritischen Ausgabe der Texte hat Mazzino Montinari (1928–68) erstmals die Möglichkeit einer unverzerrten Aufnahme von Sinn und Absicht der Werke durch die Forschung eröffnet.
14. Paula Modersohn-Becker
Nach Schulbesuch und Ablegung des Lehrerinnenexamens studierte B. Malerei in Berlin, in Worpswede bei →F. Mackensen (1898/99) und schließlich in Paris in der Academie Colarossi und an der Ecole des Beaux-Arts. Obwohl auch angezogen von der Kunst A. Böcklins, hat vor allem die neue französische Malerei B. nachhaltig beeindruckt: P. Cézanne und P. Gauguin. 1905 und 1906 kehrte sie für einige Zeit nach Paris zurück. Bedeutsam für sie wurden die Freundschaften mit den Bildhauern Clara Westhoff, der Frau Rilkes, und →Bernhard Hoetger. Sie, die immer wieder Mütter und Kinder gemalt hat, starb an der Geburt des ersehnten Kindes.
Meist in kräftigen dunklen Farben hat B. Bildnisse, Figurenbilder, Stilleben und Landschaften geschaffen. Der Kunst der Worpsweder Malerschule (Mackensen, O. Modersohn u. a.) gab sie in ihren Werken europäisches Format und wurde damit gleichzeitig zur Vorläuferin des deutschen Expressionismus. Auf einfachste Formen und Konturen zurückgeführt, zeichnet ihre Gestalten eine gewisse Primitivität aus, die in ihrer eindringlichen und zugleich verhaltenen Schlichtheit um so direkter auf den Betrachter wirken. Überall ist das liebevolle, warmherzige Erfassen und Darstellen der Frau zu spüren, die das Wunder des Werdens und Seins im Großen wie im Kleinen geschaut hat, um es in seiner Ursprünglichkeit zu gestalten.
15. Bertha Benz
Als Cäcilie Bertha Ringer am 3. Mai 1849 in Pforzheim zur Welt kommt, ist die Enttäuschung groß. Das dritte Kind von Auguste Friederike Ringer und ihrem Mann, dem wohlhabenden Zimmermeister Karl Friedrich Ringer, ist »leider wieder ein Mädchen«, wie die enttäuschte Mutter in die Familienbibel einträgt. Jahre später, als längst auch der erwünschte Stammhalter plus weitere Söhne und Töchter geboren sind, entdeckt Bertha diesen Eintrag und nimmt sich vor, »der Mutter zu beweisen, dass auch ein Mädchen etwas leisten und tun konnte, das außergewöhnlich war, nicht nur ein Junge.«
Als Schülerin der Höheren Töchterschule in Pforzheim genießt Bertha eine für die damalige Zeit recht gründliche Bildung, die freilich mit der Konfirmation ihr Ende findet. Mit zwanzig begegnet sie Carl Benz. Er ist fünf Jahre älter, sieht gut aus und tanzt gern. Vor allem aber ist er fleißig und strebsam und kommt deshalb als Heiratskandidat in Betracht. In seiner Heimatstadt Karlsruhe hat er das Polytechnikum besucht, musste die Hochschule aber nach vier Jahren Studium ohne Abschluss verlassen, um Geld zu verdienen. In verschiedenen Anstellungen, bei denen er immer schnell aufstieg, hat er den Maschinenbau von der Pike auf gelernt. Seit Anfang 1869 ist er nun in Pforzheim tätig, wo er Konstruktionsentwürfe für Eisenbahnbrücken zeichnet. Carl fährt auf alles ab, was Räder hat, und er träumt von einem motorgetriebenen Straßenwagen. Von Anfang an teilt er diesen Traum mit seiner Verlobten, die – ungewöhnlich für eine Frau – ihr Interesse für technische Zusammenhänge nicht verhehlt. »Ich bin wohl überhaupt der erste Mensch, der gewusst hat, ein Auto soll gebaut werden«, erzählt Bertha Benz später in einem Interview.

Im Juli 1872 wird geheiratet. Im Aufgebot firmiert der Bräutigam als Maschinenfabrikant. Denn Carl Benz hat sich inzwischen in der aufstrebenden Industriestadt Mannheim mit einer mechanischen Werkstätte zur Herstellung technischer Geräte selbständig gemacht. Das hat Bertha ihm ermöglicht, indem sich das väterliche Erbteil auszahlen ließ und es mitsamt ihrer Mitgift in die Firma investierte. Die 22-jährige Braut ist selbst dabei, als der Ehevertrag aufgesetzt wird, der ihr Vermögen absichert. Ihre Biografin Barbara Leisner vermutet, dass sie von Anfang an in finanziellen Dingen das Heft in die Hand genommen habe. Carl Benz ist zwar ein genialer Erfinder, hat aber wenig Geschick fürs Geschäftliche. Als eheliche Wohnung dient ein schlichter Anbau an die Werkstatt: zwei Zimmer für Bertha, Karl und die vier Kinder, die zwischen 1873 und 1882 geboren werden. Viele Jahre sieht es so aus, als bliebe Carl Benz ein glückloser Unternehmer. Mit wechselnden Teilhabern und Geldgebern gerät er mehrmals an den Rand des Ruins und muss immer wieder von vorn anfangen. Bertha, die von zu Hause an behaglichen Wohlstand gewöhnt ist, führt den Haushalt ohne Dienstboten und mit eiserner Sparsamkeit. Und wenn Carl das Geld zum Kauf von Metall und Werkzeug ausgeht, muss Bertha mit dem Haushaltsgeld einspringen. Resolut trotzt sie den Zweifeln, die sie manchmal überkommen, wenn Freunde ihre gut gemeinten Bedenken äußern.
Trotz der Sorge ums finanzielle Überleben lässt der Traum vom selbstfahrenden Kraftwagen den Erfinder nicht los. Eine Fülle von Problemen muss er lösen, ehe der Wagen in die Gänge kommt: Motor, Zündung, Kühlung, Kraftübertragung, Fahrgestell, Lenkung. Und Bertha ist immer auf dem Laufenden, was Carl plant und erwägt. Sie kann mitreden und steuert eigene Ideen bei. Ende der 1870er Jahre tüftelt Carl an einem neuen Gasmotor.
Am Silvesterabend 1879 gelingt der Durchbruch. Die langwierigen Versuche an einem Zweitaktmotor haben die letzten Groschen aufgezehrt, doch der Motor will und will nicht anspringen. Nach dem Abendessen meint Bertha, irgend etwas lasse ihr keine Ruhe, sie habe so ein Gefühl, dass es jetzt klappen würde. Sie gehen in die Werkstatt hinüber. »Und wieder stehen wir vor dem Motor wie vor einem großen, schwer enträtselbaren Geheimnis. Mit starken Schlägen pocht das Herz. Ich drehe an«, erzählt Carl Benz in seiner Autobiografie Lebensfahrt eines deutschen Erfinders: »Tät, tät, tät! antwortet die Maschine. In schönem, regelmäßigem Rhythmus lösen die Takte der Zukunftsmusik einander ab. Über eine Stunde schon lauschen wir tiefergriffen dem einförmigen Gesang. Was keine Zauberflöte der Welt zuwege gebracht hätte, das vermag jetzt der Zweitakter. Je länger er singt, desto mehr zaubert er die drückend harten Sorgen vom Herzen. In der Tat! War auf dem Herweg die Sorge neben uns hergegangen, so ging auf dem Rückweg die Freude neben uns her. Auf die Glückwünsche der Welt konnten wir an diesem Neujahrsabend verzichten. Denn wir hatten ja das leibhaftige Glück an der Arbeit gesehen in unserer ärmlich-kleinen Werkstätte, die an diesem Abend zur Geburtsstätte eines neuen Motors wurde.« Und dann fangen die Neujahrsglocken zu läuten an. Schöner könnte es auch ein Hollywoodfilm nicht inszenieren.
1883 gründet Carl Benz mit zwei neuen Teilhabern die Firma »Benz & Cie, Rheinische Gasmotorenfabrik in Mannheim«. Ums Kapital und den Vertrieb kümmern sich die beiden Kompagnons. Finanziell geht es der Familie endlich besser. Geld verdient wird mit den Gasmotoren, aber sonntags, nach Feierabend und vor Arbeitsbeginn widmet Carl sich seiner Erfindung. Bertha weiß über alles Bescheid, denn »jeden Abend hat er mir dann, so nach dem Abendbrot, wenn die Kinder schlafen gegangen waren, von dem erzählt, was ihm in der vergangenen Nacht gelungen ist und was er weiter machen wollte.« 1885 kann der Motorwagen Probe gefahren werden. »Die allererste Fahrt machten wir auf dem Hof der Werkstatt. Frau Benz schloss rasch die Tore, damit keine Neugierigen zusehen sollten. Es war noch alles nicht recht fertig, aber wir alle konnten es nicht mehr abwarten. So war z. B. noch kein Tank montiert. Die erste Autofahrt der Welt war die Durchquerung unseres Hofes von 25 m Länge. Dann drehten wir den Wagen, der ja keinen Rückwärtsgang hatte, und der Meister fuhr die gleiche Strecke zurück«, erinnert sich ein Mitarbeiter.
Von da an wird der Wagen auf der Ringstraße, dem alten Mannheimer Wall, ausprobiert, in aller Herrgottsfrühe, wenn noch niemand unterwegs ist. Meist ist Bertha dabei, denn man muss zu zweit sein, um den Wagen in Gang zu bringen. Carl schiebt das Gefährt an, Bertha sitzt oben am Steuer und lenkt. So lernt sie Auto fahren. Am 29. Januar 1886 wird das Patent auf den Motorwagen zugelassen: Das Automobil ist geboren. Die Firma wächst und muss vergrößert werden. Auf dem neuen Fabrikgelände entsteht auch eine Fabrikantenvilla mit allem modernen Komfort. Und am Familientisch dreht sich das Gespräch um den Patent-Motorwagen. Seit die Söhne Eugen und Richard gelegentlich mitfahren dürfen, haben sie nur noch den Wagen im Sinn, und manchmal bringen sie ihre halbe Schulklasse mit in den Fabrikhof. Inzwischen wird der Wagen nicht mehr versteckt, sondern in aller Öffentlichkeit im Straßenverkehr ausprobiert. Anfangs geht vieles schief, und wenn der Defekt nicht an Ort und Stelle behoben werden kann, muss »die Benzine« unter dem Spott schadenfroher Passanten heimgeschoben werden. Der Motorwagen wird laufend verbessert, bald kann man Touren von zehn, zwanzig Kilometern unternehmen. Auf dem Land versetzt der Anblick der pferdelos vorankommenden »Hexenkutsche« die Leute in Angst und Schrecken.

Erste Zeitungsberichte finden wenig Resonanz. Bertha meint, man müsse der Welt vor Augen führen, was dieser Wagen alles kann. Die legendäre Testfahrt geschieht heimlich, ohne Wissen des Erfinders, der den »Ausflug« sonst verboten hätte. Ein Komplott zwischen Mutter und Söhnen. Eugen (15) und Richard (13) haben Ferien, Bertha will einen Verwandtenbesuch in Pforzheim mit der Langstrecken-Probefahrt des Kraftwagens verbinden. Heimlich, still und leise stehlen sich die Drei an einem Tag Anfang August in aller Frühe aus dem Haus, schieben den Wagen aus der Remise und dem Fabrikhof, damit der schlafende Erfinder nicht geweckt werde. Und dann geht’s los.
Den Weg nach Pforzheim kennen sie nur von der Eisenbahn, deshalb folgen sie der Bahnlinie. Nach einer Stunde erreichen sie Heidelberg, alles läuft wie am Schnürchen. In Wiesloch wird aufgetankt. In Bruchsal telegrafieren sie nach Hause, um »den Papa« zu informieren. Der hat noch gar nichts gemerkt und ist erst einmal tief beunruhigt – »aber holen konnte er uns nicht wieder«. Eine Vergnügungsfahrt ist das Unternehmen schon bald nicht mehr, denn die Strecke wird bergig, und die Kraftübertragung reicht für große Steigungen nicht aus. Da heißt es nun schieben, und bergab können die Drei nur hoffen, dass die Bremsen den Strapazen gewachsen sind. Alle 20 Kilometer muss Kühlwasser nachgefüllt werden, aus Dorfbrunnen, Bahnwärterhäusern, Wirtshäusern, einmal sogar aus dem Straßengraben. Die Ketten leiern aus, springen aus den Zahnrädern und müssen nachgezogen werden, ein Dorfschmied hilft. Einige Pannen können mit Hilfe weiblicher Accessoires behoben werden. Als der Benzinzufluss verstopft, hilft eine Hutnadel »und als die Zündung versagte, musste mein – es sei ausgesprochen – mein Strumpfband als Isoliermaterial dienen.«
Es ist ein langer heißer Tag und noch immer haben sie Pforzheim nicht erreicht. In Wilferdingen kehren sie ein und fragen nach dem Weg. Wie überall, wo die Drei anhalten, strömen die Leute zusammen. Vor Pforzheim heißt es dann noch einmal: schieben. Und dann geht es in rasanter Fahrt ins Tal hinunter. Mittlerweile ist es dunkel geworden, der Wagen hat keine Beleuchtung, noch nicht einmal eine Laterne haben die Testfahrer dabei. Doch glücklich, unfallfrei und unbändig stolz auf ihre Leistung gelangen sie ans Ziel, wo es trotz der späten Abendstunde einen Volksauflauf gibt. Triumphierend telegrafiert Bertha die glückliche Ankunft an ihren Mann.
In Pforzheim macht der Wagen gewaltig Furore. Wo man das Geknatter des Motors hört, springen die Leute herbei. Für die Rückfahrt wählt Bertha eine kürzere Strecke, über Bretten. Die Steige nach Bauschlott hinauf müssen sie schieben. Richard, der leichteste, steuert. Abwärts trottet Vieh, das nach Pforzheim zum Viehmarkt getrieben wird. Nun wird es brenzlig. »Die Ochsen waren noch schlimmer als die Menschen«, erinnert sich Bertha, »mitten in den Weg stellten sie sich hin und glotzten den Wagen an. Richard wusste nicht, wohin er steuern sollte, und wir beide hinten hatten Sorge, dass der Wagen ins Rutschen käme, wenn er nicht mehr fahren könne – wir zwei hätten ihn doch nicht halten können.« Und, sagt sie: »Ich habe in meinem Leben nie wieder so grässlich fluchen hören wie an diesem Morgen.« In Bauschlott lässt sie vom Schuster Lederkappen auf die Bremsklötze nageln. Und wieder gibt es Probleme mit den Ketten. Aber sie kommen heil nach Mannheim zurück. Der Wagen mit seinem 3 PS-Motor hat den Stresstest bestanden. »So hab ich als erste gezeigt, dass dem ‚Papa Benz’ sein Automobil auch für weite Fahrten gut ist. Und auf meinen Vorschlag hat er dann noch einen dritten Gang eingebaut für Bergfahrten. Und den haben heute alle Autos auf der Welt. Da bin ich sehr stolz drauf«, erzählt Bertha Benz Jahrzehnte später in einem Interview mit der Zeitschrift »Berliner Hausfrau«.
Werbewirksam ist diese Fahrt trotz allem Aufsehen nicht gewesen. Denn den Zeitgenossen sei diese spektakuläre, gewissermaßen »männliche« Pioniertat einer Frau so wenig geheuer gewesen, dass sie die – vorwiegend männlichen – Käufer vom Nutzen des Motorwagens nicht hätte überzeugen können, meint Biografin Barbara Leisner. Aber dem Erfinder selbst hat Bertha die Tauglichkeit seiner Erfindung demonstriert. Im September nimmt der »Selbstfahrende« an einer großen Industrie- und Gewerbeausstellung in München teil und gewinnt die Große Goldene Medaille. Stolz und glücklich kehrt Carl nach Mannheim zurück, wo die Leute immer noch den Kopf schütteln über diesen Verrückten mit seinem Wagen, »der wo ohne Gail laaft«.
1890 gibt es einen Wechsel an der Firmenspitze, die beiden neuen Teilhaber sind nicht nur Feuer und Flamme für den Motorwagen, sondern auch versierte Kaufleute, und bald kommen so viele Aufträge, dass man die Fabrik erweitern und neue Arbeitskräfte einstellen muss. Im selben Jahr wird Bertha mit beinahe vierzig noch einmal Mutter einer Tochter. Klara, die älteste, darf mit 14 Jahren selbständig Fahrten in die nähere Umgebung unternehmen. In den 1920er Jahren empfängt Carl Benz eine Ehrung nach der anderen, und vergisst nie, den Anteil seiner Frau am Erfolg zu würdigen – keine Selbstverständlichkeit für einen berühmten Mann. So bekommt auch »Mutter Benz« einen Teil des Ruhmes ab. Erst jetzt wird Berthas gewagte Fernfahrt der breiten Öffentlichkeit bekannt. Das Steuer hat sie inzwischen allerdings längst ihren erwachsenen Kindern überlassen. Bertha und Carl Benz ist ein hohes Alter und eine lange, glückliche Ehe vergönnt. Carl stirbt am 4. April 1929 im Alter von 84 Jahren, Bertha am 5. Mai 1944, nur wenige Tage nach ihrem 95. Geburtstag.
16. Lina Morgenstern
Familiärer Hintergrund
Lina Morgenstern wurde als Lina Bauer am 25. November 1830 in eine jüdische Familie in Breslau geboren. Ihre Mutter, Fanny Adler, war eine geborene Goldschmidt aus Potsdam, ihr Vater, Albert Bauer, handelte mit Möbeln und Antiquitäten. Lina besuchte eine Höhere Töchterschule und erhielt zusätzlich Unterricht in Sprachen, Musik, Literatur und Kunstgeschichte. Geprägt durch das soziale Verständnis des Judentums gründete sie zu ihrem 18. Geburtstag einen „Pfennigverein zur Unterstützung armer Schulkinder“1.
1854 heiratete sie mit nur zögerlicher Zustimmung der Eltern den aus Polen emigrierten armen Kaufmann Theodor Morgenstern und siedelte mit ihm nach Berlin über. Zwischen 1855 und 1865 bekam das Ehepaar fünf Kinder.
Bücherschreiben als Einkommensquelle
Als ihr Ehemann in finanzielle Schwierigkeiten geriet, weil er für Freunde gebürgt hatte und deren Verpflichtungen übernehmen musste, begann Lina Morgenstern, Kinderbücher zu schreiben, um zum Familieneinkommen beizutragen. Sie lernte zu dieser Zeit die Pädagogik Friedrich Fröbels kennen und schätzen. Von 1860 bis 1866 war sie Vorsitzende des Frauenvereins zur Förderung der Fröbelschen Kindergärten und verfasste ein erstes Lehrbuch für Kindergärtnerinnen: Das Paradies der Kindheit erschien 1861 und wurde ein Bestseller. Das Schreiben behielt Lina Morgenstern lebenslang bei, daneben erschloss sie sich aber schon bald weitere Tätigkeitsfelder.
Die Berliner Volksküchen
1866 initiierte sie die erste Berliner Volksküche, um die in Folge des deutsch-österreichischen Krieges verarmte Bevölkerung mit guter Ernährung für wenig Geld zu unterstützen. Die Einrichtung war durch Spenden ermöglicht worden, im Großeinkauf konnten Lebensmittel günstig erworben werden, die Zubereitung wurde von angestellten Köchinnen und ehrenamtlichen Helferinnen organisiert. Die Mahlzeiten konnten zum Selbstkostenpreis erstanden werden, damit wollte man sich bewusst vom Almosenverteilen abgrenzen, zog allerdings zugleich den Unmut der Gastronomiebetreibenden auf sich. „Bis Ende 1868 hatte Lina Morgenstern zehn Volksküchen eingerichtet. In jenem Jahr verkauften diese 699.701 Portionen zu 25 Pf und 1 399 091 halbe Portionen zu 15 Pf.“2 Kurze Zeit später schrieb sie auch über die Organisation dieser Küchen ein Buch3 sowie mehrere Kochbücher4.
Bis in die 1890er-Jahre waren in Berlin 15 Volksküchen entstanden und Lina Morgenstern war als ‚Suppenlina‘ stadtbekannt geworden. In den Volksküchen aßen „Handwerker, kleine Beamte, Soldaten, Commis, Dienstmänner, selbst einige Studenten, Frauen und Mädchen aus dem Arbeiterstande, aus Geschäften und Fabriken, Lehrerinnen, ganze Familien mit Kindern und Kinder allein, welche die in anderen Stadtteilen arbeitenden Eltern hier abonniert hatten“5. Das Ziel, in großem Umfang die Fabrikarbeiter*innen zu erreichen, gelang allerdings nicht. Das Proletariat blieb misstrauisch gegenüber der Bürgerlichen, die zudem auch immer wieder öffentlichkeitswirksam von Kaiserin Augusta unterstützt wurde.6
Kriegshilfsdienst und Friedensbewegung
Während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 bewerkstelligte Lina Morgenstern an zwei Berliner Bahnhöfen die medizinische Versorgung und die Beköstigung der Truppen. Es gab dazu weder einen öffentlichen Auftrag, noch Geld von irgendeiner Stelle. Während im Kaiserreich mobil gemacht und in der Presse die Hoffnung ausgedrückt wurde, „recht bald von den Siegen unserer tapferen Armeen berichten zu können“7, gab es keinerlei Pläne für die Versorgung der durchziehenden Truppen. „Und denkt jemand daran, dass in Kürze Züge mit Verwundeten eintreffen können […]. Unsereiner fragt sich in aller Unbedarftheit, warum der Staat sich nicht um die Verpflegung der Männer kümmert, die für ihn ihr Leben riskieren sollen.“8 Allein, er tat es nicht. Aber wie immer sah Lina Morgenstern die Notwendigkeit, organisierte Helfer*innen und Material und tat, was sie für nötig hielt. Das mag den Schluss nahelegen, sie sei eine begeisterte Patriotin gewesen. Das Gegenteil ist der Fall. Mit Volksküchen und Truppenversorgung wollte sie dazu beitragen, die schlimmsten Auswirkungen der Kriege abzumildern, zugleich unterstützte sie vehement pazifistische Bestrebungen. 1893 wurde sie in den Vorstand der Deutschen Friedensgesellschaft gewählt.9
Das Prinzip Zedaka
Für Lina Morgenstern war die soziale Frage eine „Brot- und Magenfrage“10. Der Hintergrund und die Motivation für ihr Tun sind in ihrer festen Verankerung im jüdischen Glauben und dessen Verständnis von Wohltätigkeit zu sehen. Den zehnten Teil des Einkommens für soziale Zwecke zu geben, galt als selbstverständlich, ein weiterer Schritt bestand im persönlichen Engagement, um in Not geratenen Glaubensgenoss*innen die Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Dieses Prinzip der Zedaka11 hat Lina Morgenstern befolgt, sich dabei aber nie auf die jüdischen Gemeinden beschränkt; all ihre Bestrebungen waren immer konfessions- und glaubensunabhängig. Dass sie Jüdin war und als solche handelte, hat sie aber auch nie in Abrede gestellt. Sie sah sich deshalb, wie alle in der Sozialreform tätigen Jüd*innen, dem aufkommenden Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts ausgesetzt und positionierte sich dazu: „Wir Juden haben wohl zur Genüge bewiesen, daß wir nicht nur genießen, sondern arbeiten, und zwar nicht nur, um Kapital zusammenzuscharren, sondern ohne Unterschied der Religion das Gute zu fördern, unseren Mitbürgern beizustehen und barmherzige Liebe zu üben … Wir fühlen uns als gleichberechtigte Staatsbürger, da wir alle Pflichten gegen Thron und Vaterland gewissenhaft erfüllen.“12
Outside the box: Hausfrau und Frauenrechtlerin
Lina Morgenstern hatte ein durchaus traditionelles Frauenbild, sie sah die Familie als das eigentliche Feld der Frau, ergänzt durch soziales Engagement. Folgerichtig wurde sie 1873 zur Gründerin des Berliner Hausfrauenvereins, gab ab 1874 die Deutsche Hausfrauen-Zeitung heraus und in den Jahren 1885 bis 1887 deren Kalender Die Frauenbestrebungen unserer Zeit. „Dem Hausfrauenverein angegliedert waren unter anderem eine permanente Lebensmittelausstellung, ein Laboratorium zur Untersuchung von Lebensmitteln, eine Kochschule, ein Stellennachweis, eine Unterstützungskasse für Dienstmädchen sowie eine Verkaufsstelle auf konsumgenossenschaftlicher Grundlage.“13 Ungeachtet dieses hauswirtschaftsorientierten Engagements und ihrer Tätigkeit im Vorstand des ADF von 1871 bis 1885 finden wir Lina Morgenstern wenig später im radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung wieder, der rechtliche Gleichstellung und ein sehr viel breiteres Spektrum an Frauenleben propagierte. Schon 1888 hatte sie sich im Kreis um die erste deutsche Ärztin Franziska Tiburtius für das Medizinstudium der Frauen starkgemacht14. Ihr Denken und Handeln jenseits von Schubladen zeigte sich auch 1894, als sie gemeinsam mit Minna Cauer, Lily Braun und Jeannette Schwerin vergeblich versuchte, bei der Gründung des Bundes Deutscher Frauenvereine die proletarischen Frauenvereine mit einzubeziehen. Zwei Jahre später war sie die Initiatorin des Internationalen Kongresses für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin, der auf großer Bühne die Vielfältigkeit und den Aufbruch von Frauen aus dem Althergebrachten zeigte. 1.700 Frauen nahmen an diesem Kongress teil, der der „Orientierung über die Ziele und den Stand der Frauenbewegung in den zivilisierten Ländern und Austausch der Ansichten über einzelne wichtige Punkte derselben“15 diente. Lina Morgenstern konnte namhafte Frauen des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung und viele weitere Helferinnen für das Berliner Lokalkomitee gewinnen, aus vielen Ländern reisten Referentinnen an.
Zwar hatte der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) erklärt, dass er „sich nicht durch Sendung von Delegierten beteiligen könne, da der Kongress nicht von ihm ausgehe“16, doch war nach einem Bericht des Berliner Tageblattes die Crème de la Crème der Frauenbewegung vertreten: „… die bekannte frische Greisengestalt der Frau Henriette Goldschmidt zeigte sich neben der allzeit fröhlichen Frau Stritt, die solide Frau Helene Lange neben der klugen Frau Schulrath Cauer, die strenge Studentin Fräulein Augspurg neben der ernsten Frau Dr. Kempin usw. usw. Frau Lina Morgenstern, die bekannteste ‚Berliner Hausfrau‘, begrüßte die stattliche Versammlung mit herzlichen Segenswünschen in gebundener Rede.“17
Die unterschätzte Vorkämpferin
Lina Morgenstern starb 1909 mit 79 Jahren. Im Alter hatte sie noch erste Erfolge der Frauenbewegung wie die Zulassung zu den Universitäten und den Fall des Preußischen Vereinsgesetzes erlebt. Sie hatte fünf Kinder großgezogen, zahllose Vereine und Aktionen organisiert und neben den bereits genannten Büchern, Zeitschriften und Kalendern drei Bände über Frauen im 19. Jahrhundert18, ein zweiteiliges Werk über Frauenarbeit in Deutschland19 und noch einiges mehr geschrieben. Sie war ein „regsamer Gegenwartsmensch“20, eine vielseitige, unglaublich umtriebige Frau, die für vieles gekämpft und vieles beeinflusst hat. Geblieben ist davon in der heutigen historischen Wahrnehmung nur ‚die Suppenlina‘. Eine angemessene Würdigung durch eine kritische Biografie ist ihr die Geschichtsschreibung – auch und gerade die feministische! – bis heute schuldig geblieben.
17. Max Planck
Nach dem Abitur am Münchener Maximilians-Gymnasium studierte P. 1875-79 in München und Berlin Physik und Mathematik. 1879 bei →Philipp v. Jolly (1809–84) in München mit einer Arbeit „Über den 2. Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie“ promoviert, habilitierte er sich dort bereits im folgenden Jahr mit der Schrift „Über Gleichgewichtszustände isotroper Körper in verschiedenen Temperaturen“. 1880-85 wirkte P. als Privatdozent für Physik in München, anschließend bis 1889 als ao. Professor für theoretische Physik in Kiel. 1889 wurde er als Nachfolger →Gustav Kirchhoffs (1824–87) an die Univ.Berlin berufen (Rektor 1913/14), an der er über seine Emeritierung (1927) hinaus wirkte.
Der Schwerpunkt seiner Arbeiten lag zunächst auf dem Gebiet der Thermodynamik, wo er die Untersuchungen zum Entropiebegriff weiter ausbaute. Seine Publikationen in den 1880er Jahren lagen größtenteils im Bereich der physikalischen Chemie und behandelten u. a. die thermodynamische Theorie des Schmelzens, Verdampfens und Sublimierens, die Bestimmung der Entropiefunktion für zahlreiche wichtige physikochemische Systeme sowie die thermodynamische Deutung thermischer Phänomene. Die wichtigsten und scharfsinnigsten Ergebnisse dieser frühen Schaffensperiode gelangen ihm in der Theorie der verdünnten Lösungen, wo er die Gesetze über Gefrierpunktserniedrigung und Siedepunktserhöhung sowie das chemische Gleichgewicht in solchen Lösungen bestimmen konnte.
Mitte der 1890er Jahre wurde P. auf das damals aktuelle Forschungsgebiet der Wärmestrahlungstheorie geführt, das er unter dem Gesichtspunkt des Entropieverhaltens untersuchte. Dabei ging es ihm nicht nur darum, ein über das gesamte Spektrum exakt gültiges Strahlungsgesetz zu finden, sondern er wollte zugleich den inneren Zusammenhang der beiden bislang nicht miteinander verknüpften Gebiete von Thermo- und Elektrodynamik aufspüren und die klassische Physik mit dieser Vereinheitlichung krönen und abschließen. Nach mehrjähriger intensiver Arbeit gelang ihm die Aufstellung einer Zustandsfunktion für ein Strahlungssystem, die sich analog der Entropiefunktion verhielt und mit deren Hilfe man das damals als empirisch gesichert geltende „Wien’sche Strahlungsgesetz“ theoretisch ableiten konnte. Bereits 1899 führte P. die später als „elementares Wirkungsquantum“ oder „Planck’sches Wirkungsquantum“ bezeichnete Naturkonstante „h“ ein, wobei er zeigen konnte, daß diese in Kombination mit Lichtgeschwindigkeit und Gravitationskonstante die Möglichkeit eröffnete, „Einheiten für Länge, Masse, Zeit und Temperatur aufzustellen, welche […] ihre Bedeutung für alle Zeiten und für alle, auch außerirdische und außermenschliche Culturen nothwendig behalten“. Daß die Bedeutung dieser neuen Konstante sich indes nicht auf das Gebiet der Metrologie und der Begründung natürlicher Maßeinheiten beschränkt, bemerkte P., als Präzisionsmessungen der Berliner Physikalisch-Technischen Reichsanstalt Differenzen zum Wien’schen Strahlungsgesetz im langwelligen Teil des Spektrums offenbarten und ihn zur Prüfung seiner theoretischen Ableitung des Gesetzes veranlaßten. Nachdem →Ferdinand Kurlbaum (1857–1927) am 19.10.1900 vor der Deutschen Physikalischen Gesellschaft über diese Messungen berichtet hatte, präsentierte P. am selben Abend – in einem vorbereiteten Diskussionsbeitrag – eine Strahlungsformel, die mit den Meßergebnissen in Überstimmung stand und als Grenzfall das Wien’sche Strahlungsgesetz enthielt. Acht Wochen später konnte P. dann auch eine physikalische Begründung für soine „glücklich erratene Interpolationsformel“ liefern. Entscheidend dafür war, daß er seine bisherige Skepsis gegenüber der wahrscheinlichkeitstheoretisch-atomistischen „Methode Boltzmann“ (von P. so genannt nach →Ludwig Boltzmann, 1844–1906) für die Bestimmung der Entropiefunktion der Strahlungsoszillatoren aufgegeben hatte. Diese Revision führte ihn zu der grundlegenden Erkenntnis, daß eine Ableitung seiner neuen Strahlungsformel nur möglich sei, wenn man sich die Energie „aus einer ganz bestimmten Anzahl endlicher Teile“ zusammengesetzt denke. Nachdem P. auch berücksichtigt hatte, daß die Energie proportional der Frequenz v sein muß, weshalb er E = hv setzte, ließ sich das|neue Strahlungsgesetz, das heute seinen Namen trägt, ableiten.
Weder P. noch seine Zeitgenossen waren sich zunächst der Tragweite dieser Entdeckung und der fundamentalen Bedeutung der neuen Naturkonstante „h“ bewußt. Erst →Albert Einstein erkannte in seinem „annus mirabilis“ (1905), daß nicht nur die Energie der Oszillatoren, sondern das Licht bzw. das Strahlungsfeld selbst und somit alle energetischen Prozesse quantenhaften Charakter besitzen. Einsteins Lichtquantenhypothese stieß dabei auf fast noch größere Akzeptanzprobleme bei den Physikern als P.s Quantentheorie, die nach dem ersten Solvay-Kongreß (1911) schließlich allgemein anerkannt wurde und nun zunehmend ins Zentrum der physikalischen Forschung rückte. An der weiteren Ausgestaltung des Quantenkonzepts nahm P. allerdings keinen entscheidenden Anteil, wenngleich er die Diskussion um dessen Grundprobleme immer wieder anregte und kritisch begleitete.
P.s weitere physikalischen Arbeiten waren der Speziellen Relativitätstheorie gewidmet, auf deren Bedeutung er schon 1906 in einem Vortrag vor der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (Das Prinzip d. Relativität u. die Grundgleichungen d. Mechanik) hinwies. Er trug maßgeblich dazu bei, daß Einstein 1914 nach Berlin berufen wurde und an der Berliner Akademie exzellente Forschungsbedingungen erhielt. In seiner zweiten Lebenshälfte beschäftigte sich P. zunehmend mit allgemein philosophischen, erkenntnistheoretischen und weltanschaulichen Fragen der Physik. In Abgrenzung zum Positivismus Mach’scher Prägung vertrat er einen betont erkenntnistheoretischen Realismus, der am Determinismus der klassischen Physik und ihrem Erkenntnisideal, einer vom Menschen unabhängigen, aber durch ihn prinzipiell erkennbaren Außenwelt festhielt und deshalb z. B. gegenüber der „Kopenhagener Deutung“ der Quantentheorie eine höchst kritische Position bezog. Im Bereich von Ethik und Moral orientierte er sich an idealistischen und pantheistischen Vorstellungen, wobei er sich zwar zum Glauben an einen allmächtigen und allgütigen Gott bekannte, „aber nicht an einen persönlichen Gott, geschweige denn an einen christl. Gott“ glaubte (Brief an W. Klick v. 18.6.1947). Ging es P. in der Physik stets um die Aufdeckung fundamentaler Zusammenhänge, so wollte er mit seinem philosophisch-weltanschaulichen Wirken nicht weniger als ein einheitliches physikalisches Weltbild begründen helfen. P. s gesellschaftspolitisches Denken wurzelte im deutschen Kaiserreich und war nachhaltig von national-konservativen Anschauungen, preuß. Pflichtgefühl und Obrigkeitsgläubigkeit sowie den Idealen von Ordnung und Gerechtigkeit geprägt. Der Revolution von 1918 und der Weimarer Republik stand er verständnislos gegenüber, wenngleich er mit seinem wissenschaftsorganisatorischen Wirken praktisch zur (wissenschafts)politischen Stabilisierung der ungeliebten Republik beitrug. Gegenüber dem „Dritten Reich“ verhielt sich P. zunächst weitgehend kompromißbereit, wodurch nicht zuletzt die Selbstgleichschaltung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) gefördert wurde. Mit der Festigung der NS-Terrorherrschaft entwickelte P. jedoch zunehmend eine elitäre innere Distanz zum Nazi-Regime, die gelegentliches Aufbegehren und Zivilcourage einschloß – so als er 1935 eine Gedenkfeier für den im Exil verstorbenen →Fritz Haber (1868–1934) organisierte. Nach 1945 stellte er seine Reputation und Autorität noch einmal für den wissenschaftlichen Wiederaufbau in Deutschland zur Verfügung und half damit u. a. die drohende Auflösung der KWG zu verhindern und ihr Fortbestehen als „Max-Planck-Gesellschaft“ zu sichern.
P.s privates Leben war von großer Tragik umschattet; 1909 verlor er seine erste Frau und auch die vier Kinder aus dieser Ehe starben vor dem Vater. Sein Sohn und engster Vertrauter Erwin wurde als Mitverschwörer des 20. Juli im Januar 1945 hingerichtet. Bei einem Bombenangriff verlor P. 1944 sein Haus und fast die gesamte Habe. Die letzten Lebensjahre lebte er als Gast bei Freunden und Verwandten in Rogätz bei Magdeburg und Göttingen.
P.s Wirken blieb bis unmittelbar vor Kriegsende mit Berlin verbunden. Er führte nicht nur die große Tradition der theoretischen Physik in Berlin auf einen Höhepunkt, sondern prägte nach →Hermann v. Helmholtz (1821–94) die Entwicklung der Physik auch insgesamt. Mit seiner Quantenhypothese legte er den Grundstein für eine revolutionäre Umgestaltung der Grundlagen der Physik, die von Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg und anderen Forschern im ersten Viertel des 20. Jh. in wesentlichen Teilen vollzogen wurde und die moderne Physik prägte. P. war nicht nur als Physiker, sondern auch als Repräsentant der Physik und der Naturwissenschaften insgesamt von herausragender Bedeutung.|
18. Robert Bosch
Der Sinn des Knaben war auf Botanik und Zoologie gestellt. Aber auf Anregung des Vaters, der sich, ein wohlhabender Mann, 1869 in Ulm zur Ruhe gesetzt hatte, verließ er nach der „Einjährigen“-Prüfung die dortige Realschule und trat bei einem Feinmechaniker in die Lehre. Die Lehre hat er selber als schlecht bezeichnet. Aber in der Gehilfenzeit, die durch das Militärdienstjahr und ein Semester als außerordentlicher Hörer an der Stuttgarter Hochschule unterbrochen war, holte B. die Mängel seiner Schulung nach. Er arbeitete an verschiedenen Plätzen; wichtig wurden vor allem die Tätigkeit bei S. Schuckert in Nürnberg (1881) und der Aufenthalt in Amerika (1883/84), wo er bei S. Bergmann und Edison Beschäftigung fand. Seinen Auslandsaufenthalt beschloß er mit einer halbjährigen Arbeit bei Siemens Brothers in London. Die Reihung dieser Namen hat schier etwas Programmatisches, denn an sie schließt sich die Entfaltung der modernen Elektrotechnik, die gerade in jenen Jahrzehnten mit Telegraph, Telephon und jetzt auch der Beleuchtung das Gemeinschaftsleben revolutionierte. B. glaubte eine Zeitlang, Beleuchtungsfachmann zu werden; als er 1886 in Stuttgart mit einem Arbeiter und einem Lehrling eine Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik eröffnete, war er aber gehalten, Aufträge, wie sie eben kamen, auszuführen, ein handwerklicher Beginn wie viele; die Kundschaft wuchs und hielt sich, weil gute Arbeit geleistet wurde.
Die sonderliche Lebensaufgabe wuchs B. aber zu von einer anderen Seite: Otto hatte den zuverlässigen Verbrennungsmotor für Gas erdacht, Daimler ihn für Benzinverbrauch und Fahrzeuge entwickelt. Eine noch ungesicherte Frage blieb dabei die regelmäßige Zündung für das Gasgemisch. Bei den Deutzer Gasmotoren hatte man, einer Anregung von W. Siemens folgend, einen Apparat mit Magnetzündung gebraucht. Einen solchen - er war nicht geschützt - baute auf Grund einer zufälligen Bestellung auch B.; weitere folgten. Es handelte sich in den ersten zehn Jahren nur um Zündungen für standortfeste Motoren mit begrenzter Umlaufzahl, seit 1896 aber auch um Fahrzeugmotoren, die bislang mit dem Daimlerschen „Glührohr“ oder mit Batteriezündung versehen waren. Bei B. wurden nun auch für diesen Zweck Magnetzünder entwickelt, zunächst für Niederspannung, seit 1905 durch G. Honold für Hochspannung. B. hatte immer auch sein Installationsgeschäft weiterbetrieben, anfangs zurückhaltend in der Spezialisierung - mochte das nicht, nach seinem mißtrauischen Wort, eine „Eintagsfliege“ sein? Jetzt trieb ihn die Entwicklung fabrikatorisch voran, zumal auch der französische und englische, seit 1906 der amerikanische Markt nach seiner Ware rief. In wenigen Jahren hatte er eine Weltstellung gewonnen, überall Vertretungen, und dies ohne Patentschutz, allein durch die ausgezeichnete Arbeit. Gewiß trug ihn der mächtig einsetzende Automobilismus mit voran, aber er gab ihm mehr, als er ihm dankte: in seinen Werkstätten wurden bald neben den Zündern die übrigen „Zubehörteile“, Öler, Anlasser, Lichtmaschinen, die verschiedensten Arten der Scheinwerfer, später auch Signale („B.horn“), Winker, Wischer, Bremsen usw. hergestellt; seine Arbeiten dienten der Zuverlässigkeit und Sicherheit des Fahrens. Nach 1926 wurde auch die Einspritzpumpe für Schwerölmotoren in seiner Fabrik entwickelt. B. ist selber kein „Erfinder“ gewesen, aber, mit einem untrüglichen Gefühl für das technisch Rationelle begabt, wurde er zu einem überlegenen Organisator der Fertigung, immer für die besten Werkzeugmaschinen, die beste Form, die solideste Arbeit besorgt. „Lieber Geld verlieren als Vertrauen“. - „Ich verdanke meine Erfolge weniger meinen Kenntnissen als meinem Charakter.“ Der Name B. sollte schlechthin eine Qualitätsbezeichnung werden und wurde es. Mit kühner Entschlußkraft ging B.schon 1908 daran, sich im Halbzeug unabhängig zu machen durch Pressen und Gießerei; daran schloß sich die Entwicklung neuer Werkstoffe. Vom Ende der 20er Jahre ab erweiterte sich das Stuttgarter Geschäft zum Konzern: B. übernahm die Junkersschen Gasöfen in Dessau, die Radiowerke „Blaupunkt“, die Fernseh-AG, er ging in die Herstellung von Elektro-Werkzeugen, von Film-Vorführapparaten usw. - die Mitte der Erzeugung blieb aber die den Motoren zugehörige Apparatur, vor allem bedeutsam für und durch die rasche Zunahme des Flugwesens.
Im deutschen Unternehmertum seiner Zeit war er bei seinem Beginn nur mit E. Abbe und H. Freese vergleichbar - er hieß „der rote B.“. 1906 führte er den Achtstundentag ein, 1908 den freien Samstag-Nachmittag, den bezahlten Urlaub, lehnte werkseigene Wohlfahrtsunternehmungen ab und zahlte überdurchschnittliche Löhne, bis 1913, da ein sinnloser Streik sein bisher gutes Einvernehmen mit den Gewerkschaften für einige Zeit störte, auch die Sozialversicherungsanteile der Gefolgschaft. Nach dem Kriege errichtete er für die Werksangehörigen durch große Stiftungen Hilfskassen für Erziehungsbeiträge, für Altersversorgung - schon 1913 hatte er eine vorbildliche Lehrlingswerkstätte ins Leben gerufen. Der bedeutsamste Zug seines Wesens war die souveräne Stellung zum Besitz. Er war nach zwei Jahrzehnten mühsamer Entwicklung ein vermögender, dann ein sehr reicher Mann geworden - in seinem Betrieb ein unerbittlicher Erzieher zur Sparsamkeit, gab er Millionen um Millionen für öffentliche Zwecke. In seinem humanitären Grundgefühl Pazifist, wollte er am Krieg kein Geld verdienen: 1916 setzte er 13 Millionen für den Neckarkanal aus, weitere Millionen für Gesundheitspflege, Erwachsenenbildung, unterstützte mit großen Beiträgen F. Naumanns „Staatsbürgerschule“, den „Deutschen Werkbund“, die Völkerbundsliga, die Vereinigung „Paneuropa“ usf. Der Förderung der technischen Bildung hatte schon 1910 eine Millionenstiftung an die Technische Hochschule Stuttgart gegolten; zahllose wissenschaftliche Unternehmungen - doch keineswegs wahllos - erfreuten sich seiner Unterstützung, vor allem auch auf dem Gebiete der Heilkunde. Er war Anhänger einer „naturgemäßen Lebensweise“ und der Homöopathie; dieser zu ermöglichen, ihre Ebenbürtigkeit in Forschung und klinischen Verfahren zu erweisen, war ein Hauptanliegen seiner späteren Jahre; das großartige, hervorragend ausgestattete „→Robert B.-Krankenhaus“ in Stuttgart (eröffnet 1940)|wurde die Krönung dieses Strebens. Er ermöglichte auch die Begründung des „Paracelsus-Museums für die Geschichte der Heilkunde“.
B. selber hat es dem bäuerlichen Erbe seines Blutes zugeschrieben, daß er auch in der Landwirtschaft Pionierversuche unternahm. Sein Ausgangspunkt war freilich gewerblicher Natur gewesen, als er im oberbayerischen Moos weite Gründe erwarb, um in einem neuen Verfahren mittels elektrischen Stromes Torf zu gewinnen. Das war technischökonomisch mißlungen. Er entschloß sich nun zu einer umfassenden Melioration und schuf damit eine vielseitige Modellwirtschaft („B.hof“ bei Beuerberg) - es entstand dort die größte europäische Siloanlage in einem einheitlichen Betrieb. Neben den landwirtschaftlichen Interessen, die seine ökonomisch-rationale wie seine naturheilkundliche Teilnahme lebendig hielt, war in ihm, erst verhältnismäßig spät, die Jagdleidenschaft erwacht; seine Jagden, zumal im Allgäu und auf der Alb, waren berühmt, auch durch die Wildpflege.
Beim Kriegsausbruch 1914 gingen 88% von B.s Erzeugnissen ins Ausland. Die Niederlassungen im feindlichen Ausland wurden beschlagnahmt, ja, in Amerika wurde der Versuch gemacht, den Namen B. den Erwerbern der dortigen Fabrik zu sichern, so daß B. einen Prozeß um seinen eigenen Namen führen mußte! Es war eine glänzende Leistung, daß er, trotzdem inzwischen fast überall Konkurrenzfirmen gegründet waren, seine Stellung auf dem Weltmarkt wiedergewinnen konnte, ohne Preisschleuderei, allein durch die Erhaltung der Qualität. Als er starb, beschäftigten seine Werke - dies freilich z. T.unter dem Einfluß des Kriegsbedarfs - an 40 000 Menschen. Die ganze Entwicklung war, mit Ausnahme einer amerikanischen Anleihe nach der Inflation, ohne Inanspruchnahme fremden Geldes erreicht worden; auch dies eine Sonderstellung des Mannes in der neueren Geschichte der Industrie. B. hatte sich einen überdurchschnittlichen technischen und kaufmännischen Mitarbeiterstab herangeholt, dem er seine Grundgesinnung einzuprägen verstand, mit der Verantwortung aber auch Freiheit und Chance gab.
Seine persönlichen Züge waren sehr schwäbisch-heimatlich bestimmt. Neben der Weltläufigkeit seines Denkens stand eine gewisse Scheu im Gesellschaftlichen, eine Ablehnung alles bloß Konventionellen, eine ihn selber peinigende Unsicherheit bei allem öffentlichen Auftreten. Ein sehr scharfer kritischer Verstand, ein ungewöhnliches Gedächtnis, die konkrete, allem Spekulativ-Abstrakten fremde Art des Denkens waren ihm eigentümlich - eine rasche Erregbarkeit, vor allem, wo er Unrecht sah oder witterte, ließ ihn manchmal schroff und herb auftreten; aber dahinter verbargen sich Züge einer verhaltenen Mitleidensfähigkeit. Parteipolitisch ungebunden, einer demokratischen Familie entstammend, hatte er seine Stellung auf der deutschen Linken bezogen; bei aller inneren Bewegtheit durch die vaterländischen Dinge blieb er dem laufenden politischen Betriebe fern, um dann in großen Fragen - etwa der Sozialreform, der Arbeitszeitverkürzung, der Weltwirtschaft, auch der Verständigung mit Frankreich - seine Stimme zu erheben. - B. hat Titel und Orden abgelehnt. Wider seinen Einspruch war ihm 1910 der Dr.-Ing. e.h. verliehen worden; bei seinem 80. Geburtstag wurde er von Tübingen zum Dr. med. h. c.promoviert; der gleichzeitigen Ernennung zum „Pionier der Arbeit“ war beim 70. Geburtstag die Auszeichnung mit dem Adlerschild vorangegangen.
19. Carl Benz
Von 1853 an besuchte B. das Lyzeum der Stadt Karlsruhe, wo die Naturwissenschaften ganz besonders gepflegt wurden. Mit seinen ausgezeichneten Leistungen erwarb er sich das Verständnis und die Förderung seiner Lehrer, die ihn gern mit der Assistenz bei physikalischen und chemischen Experimenten betrauten. Im Versuchsstübchen zu Hause verbrachte er einen großen Teil seiner Freizeit mit selbständigen Versuchen. In ihrer grenzenlosen Opferbereitschaft ermöglichte die Mutter ihm den Besuch der Polytechnischen Schule in Karlsruhe. Ab 1860 studierte er vier Jahre Maschinenbau unter der Leitung →Ferdinand Redtenbachers, der seinen Schülern sowohl praktisch als theoretisch die wertvollsten Kenntnisse und Anregungen verschaffte, und nach dessen Tod bei →Franz Grashof, einem genialen Theoretiker.
Nach Abschluß seiner Studien verdingte sich B. als Schlosser bei der Karlsruher Maschinenbau-Gesellschaft. Hier lernte er das Wesentliche des Lokomotivbaues, einige Jahre später als Konstrukteur der Firma Schweitzer sen., Mannheim, den Fahrzeugbau und schließlich in Pforzheim bei Gebrüder Benckiser den Brückenbau kennen. Immer war er daneben noch bestrebt, in den Abendstunden nach harter Arbeit sein theoretisches Wissen zu vervollkommnen.
1871 kehrte er nach Mannheim zurück, wo Handel und Industrie sich mächtig zu entfalten begannen. Nach Jahren mühevollen Lernens suchte er sich nun seine Erfahrungen in selbständiger Arbeit nutzbar zu machen und gründete eine bescheidene Eisengießerei und mechanische Werkstätte. Hier sollte die Idee seiner Studienzeit, „ein Fahrzeug herzustellen, das ohne Pferde, ähnlich wie die Züge auf den Schienen, sich auf der Landstraße schienenlos bewegte“, Gestalt gewinnen. 1877 begann er mit der Konstruktion eines 1-PS-Gasmotors im 2-Takt-System, angeregt durch die zu jener Zeit alle Fachblätter füllenden Berichte über neuartige Kraftmaschinen für gewerbliche Zwecke. 1880 war der erste Motor betriebsbereit. Nachdem seine finanziellen Schwierigkeiten durch die Gründung einer Aktien-Gesellschaft vorübergehend gebannt waren, konnte B. die Produktion stationärer 1-PS-Gasmotoren zum Antrieb der verschiedensten Maschinen in großem Umfang betreiben. Einmal bekannt geworden, fanden diese verhältnismäßig guten Absatz, so daß bald stärkere Motoren bis zu 4 PS in das Produktionsprogramm einbezogen werden konnten. Mißstimmigkeiten mit den Kapitalgebern, die seinen Einfluß in der Firma auf ein nicht mehr erträgliches Maß beschränkten, bewogen ihn jedoch wenig später, seinen Anteil zu liquidieren. Mit neuen Gesellschaftern gründete er 1883 die „B. & Cie. Gasmotorenfabrik in Mannheim“. Neue Verbesserungen sicherten den Motoren den Markt, so daß sich B. mehr und mehr der Entwicklung des Kraftwagens widmen konnte. Die ersten Entwürfe konstruierte er 1884, und schon im Herbst 1885 konnten die ersten Fahrversuche mit einem dreirädrigen Motorwagen im Hof der B.-Werkstätte unternommen werden. Am 26.1.1886 erhielt der Erfinder für seinen Wagen das deutsche Reichspatent Nr. 37 435, dem französische, englische und amerikanische Patente in kurzen Abständen folgten.
Der große Wurf war gelungen; doch die Öffentlichkeit blieb uninteressiert und ablehnend. Selbst behördliche Verbote und Schikanen blieben nicht aus. 1888 brachte B. sein inzwischen weiterentwickeltes Modell 3 zur Kraft- und Arbeitsmaschinenausstellung nach München. Es gelang ihm hier, von einem skeptischen Polizeihauptmann die inoffizielle Erlaubnis zu erwirken, seinen „Selbstbeweglichen“ zwei Stunden täglich in der Öffentlichkeit vorzuführen, und der Erfolg schien sicher. Die Zeitungen schrieben begeistert über die neue Erfindung, und das Preisgericht der Ausstellung anerkannte die geniale Leistung mit der höchsten Auszeichnung, der Großen Goldenen Medaille. Kauflustige aber fanden sich nicht. Auch die Ausstellung des Wagens auf der Pariser Weltausstellung 1889 erwies sich in dieser Hinsicht als ein Fehlschlag. B. selbst sah den Grund dafür darin, daß der Wagen mit seinen drei Rädern bei den damaligen Wegeverhältnissen allzu große Unbequemlichkeiten für die Insassen hatte. Er befaßte sich daher erneut mit der Konstruktion eines vierrädrigen Fahrzeuges, wie es ihm ursprünglich vorgeschwebt hatte. Problematisch gestaltete sich hier die Entwicklung einer geeigneten Lenkung. Nach zähem Bemühen konnte er im Winter 1892/93 eine „Wagenlenkvorrichtung mit tangential zu den Rädern zu stellenden Lenkkreisen“ (Achsschenkellenkung) zum Patent anmelden. Er führte außerdem weitere Verbesserungen der elektrischen Zündanlage, der Motorenleistung, des Vergasers, der Kühlvorrichtung und anderer technischer Einzelprobleme des Wagenbaues durch und rationalisierte die kaufmännische Organisation. Dies verhalf ihm zu steigenden Erfolgen. Die Typenskala umfaßte um die Jahrhundertwende vom Volksautomobil bis zum Rennwagen, vom Lastwagen bis zum Luxusmodell Spezialfahrzeuge mannigfaltigster Art. - Der Kapitalbedarf der B.-Werke stieg mit der Produktion. Neue innerbetriebliche Krisen verleideten B. die aktive Mitarbeit in seinem Unternehmen, so daß er 1903 seinen Austritt aus der Aktien-Gesellschaft erklärte. Er zog sich nach Ladenburg zurück und gründete hier mit seinen beiden Söhnen Eugen und Richard die Firma „B. Söhne“.
Kriegs- und Nachkriegszeit verlebte B., bis ins hohe Alter rastlos und unermüdlich schaffend, in der stillen Zurückgezogenheit der kleinen Stadt. Seine Erfindung aber eroberte die Welt, und höchste Ehrungen wurden dem Altmeister zuteil. Es war ihm vergönnt, die Fusion der „B. & Cie. AG“ mit der „Daimler-Motoren-Gesellschaft“ zu erleben. Daimler und B. hatten sich, ohne voneinander zu wissen, gleichzeitig mit dem Problem des Automobilbaues beschäftigt und es jeder in genialer Weise gelöst. Während Daimler der Entwicklung des Motors den Hauptwert beilegte, schuf B. einen Fahrzeugtyp, bei dem Motor und Fahrgestell erstmals zu einer organischen Ganzheit verbunden waren. Früher hatten sich beide Unternehmen im Konkurrenzkampf zeitweilig gegenseitig stark beeinträchtigt, nun vereinigte die Fusion das Lebenswerk beider Pioniere zu einer starken, richtungweisenden Kraft im Zeitalter der Motorisierung.
20. Theodor Fontane
Die Verschmelzung deutscher und französischer Züge im Wesensbild F.s hat ihre Entsprechung auch im Klang seines Namens, den er zweisilbig mit französischem Nasallaut, aber mit deutscher Akzentuierung auf der ersten Silbe aussprach. Im Vater war das südfranzösische Erbe lebendig, in seiner phantasievollen Weltbetrachtung, in seiner Plauderkunst und in seinen geselligen Gaben. Die Mutter war mehr auf das Rationale hin angelegt: ein märkisch nüchterner Tatsachensinn verband sich mit einem unbestechlichen Gefühl für das Echte und für das Maß, und Ordnungsliebe und Pflichterfüllung waren ihr Selbstverständlichkeiten. Viele dieser elterlichen Eigenschaften sind auf den Sohn übergegangen. Wie F.s Kindheit verlief, das hat er selbst in seinem schönen Erinnerungsbuch „Meine Kinderjahre“ (1894) geschildert. Darin dankt er dem Vater für die ebenso unmethodische wie unterhaltsame Einführung in die Geschichte auf dem Wege über die Anekdote und die historischen Romane Scotts; hier wurde der Sinn für die Geschichte in ihm geweckt, die einen der Grundpfeiler seiner geistigen Persönlichkeit bildete. Gleichzeitig trat die Zeitgeschichte, vor allem in der polnischen Aufstandsbewegung von 1830/31, in seinen Gesichtskreis – F. ist stets ein aufmerksamer Beobachter und Analytiker seines Zeitgeschehens gewesen. Der Hauslehrerunterricht in Swinemünde, das Gymnasium in Neuruppin (1832/33), die Berliner Gewerbeschule (1833–36) hinterließen keine tieferen Eindrücke; F. hat sich seine Bildung mehr als Autodidakt erworben. Am 1.4.1836 trat er als Lehrling in eine Berliner Apotheke ein; nach Beendigung der Lehrzeit (1840) war er als Gehilfe in Burg bei Magdeburg, in Leipzig und Dresden und in der väterlichen Offizin in Letschin tätig.
Inzwischen hatte er seinen wahren Beruf als Dichter erkannt. Im Winter 1839/40 waren bereits einige kleinere Dichtungen von ihm in einer Berliner Tageszeitung erschienen, und er war verschiedenen literarischen Vereinigungen beigetreten. Besonders wichtig wurde sein Eintritt in die Berliner literarische Sonntagsgesellschaft „Der Tunnel über der Spree“ während der Ableistung seines einjährig-freiwilligen Militärdienstes in einem Berliner Garderegiment. Er fand hier die Anerkennung seines Dichtertums, und dies bestärkte ihn, nach 5 weiteren Berliner Apothekerjahren, seinen Beruf aufzugeben und am 1.10.1849 sein „Leben auf den Vers“ zu stellen. Er, der seit längerer Zeit ein lebhaftes politisches Interesse im Sinn eines anfangs gemäßigten, dann aber in den Sturmtagen von 1848 sich radikalisierenden Liberalismus gezeigt und sich an der Berliner Märzrevolution beteiligt hatte, wurde politischer Journalist, der für „Freiheit um jeden Preis“ eintrat, der im Preußen seiner Tage das „Schreckensregiment polizeilicher Willkür“ an der Macht sah und der einen deutschen Volksstaat ohne Fürsten herbeiwünschte. Zugleich aber hielt er an den großen preußischen Traditionen fest und wies darauf hin, daß der friderizianische Militärstaat den Rechtsstaat nicht ausgeschlossen habe. So ist es nicht verwunderlich, daß der Verfasser aufsehenerregender radikaler Artikel, die zur Preisgabe des preußischen Staates zugunsten der Einheit Deutschlands aufrufen, Weihnachten 1849 mit einer Sammlung von 8 Preußenliedern, „Männer und Helden“, hervortrat, die die brandenburgisch-preußische Geschichte in einzelnen Feldherren mythisierte. Die Ziellosigkeit der demokratischen Politiker, die Gefahr einer Pöbelherrschaft machte ihn aber unsicher; er sah, daß die Stunde weder Männer noch Helden hervorgebracht hatte, daß die Erfüllung seiner politischen Hoffnungen ferner als je gerückt war, dazu kam die Not des freien Schriftstellers, und so übernahm er, resigniert und verbittert, im August 1850 eine Lektorenstelle in dem von einem Tunnel-Freund geleiteten „Literarischen Kabinett“ des reaktionären Innenministeriums, dessen Aufgabe in der Einflußnahme auf die Presse im regierungsfreundlichen Sinn bestand. In seinem zweiten Erinnerungsband „Von Zwanzig bis Dreißig“ (1898) geht F. über diese Dinge hin, wie er auch seine Teilnahme an der Revolution des 18. März ironisch bagatellisierte. Schon Ende des Jahres verlor er mit der Auflösung des „Kabinetts“ seine Stellung und mußte nun sich und seine Frau – er hatte im Oktober nach 5jähriger Verlobungszeit geheiratet – notdürftigst über Wasser halten. Sein Gesuch um Gewährung einer Dichterpension wurde abgelehnt, da man seine politische Zuverlässigkeit bezweifelte. Immerhin wurde er im November 1851 bei der staatlichen „Zentralstelle für Preßangelegenheiten“ eingestellt und ging im April 1852 als ministerieller Journalist nach London, wohin ihn schon 1844 eine Spritztour geführt und wo ihn damals vorwiegend die historischen Erinnerungsstätten angezogen hatten; jetzt galt sein Interesse vor allem dem modernen England. Aus seinen Korrespondenzberichten ging 1854 das Buch „Ein Sommer in London“ hervor. Im August 1855 reiste er wiederum in ministeriellem Auftrag nach England, um dort eine deutsch-englische Korrespondenz ins Leben zu rufen. Das Unternehmen scheiterte schon nach wenigen Monaten, und er wurde nunmehr als Londoner Presseagent der preußischen Regierung angestellt. Er wurde Mitarbeiter angesehener englischer Zeitungen und veröffentlichte in deutschen Blättern zahlreiche Aufsätze über englische Geschichte, Politik und Kultur, die er 1860 zu dem Band „Aus England“ zusammenfaßte. Gleichzeitig erschien ein Buch mit seinen schottischen Reiseeindrücken, „Jenseit des Tweed“, das, wie das England-Buch, schon impressionistische Stilzüge aufweist, wie sie sich bei dem späteren Romanautor finden. Das England-Erlebnis hat nicht nur F.s Blickfeld ungeheuer erweitert, es wurde auch ein entscheidender Faktor in seiner Entwicklung: er sah in Dickens und Thackeray seine Forderung an die moderne Dichtung nach Wiedergabe der Wirklichkeit bestätigt, und auch sein journalistischer Beruf verwies ihn durch die Pflicht zu geschärfter Beobachtung an die Realität. Ein Drittes kam hinzu. In England erfuhr er, wie stark er mit der Heimat verbunden war, und nahm sich im August 1856 vor, ein Buch über die Mark Brandenburg, ihre Männer und ihre Geschichte zu schreiben; seine Schottland-Reise 2 Jahre später festigte den Plan weiter, aus dem dann die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ (1862-82) und die „Fünf Schlösser“ (1889) hervorgegangen sind.
Als F. im Januar 1859 endgültig nach Berlin zurückkehrte, stand er wieder an einem Anfang. Im Juni wurde er Vertrauenskorrespondent des amtlichen „Literarischen Büros“, verscherzte sich aber diese offiziöse Stellung bereits nach einem Vierteljahr durch eine journalistische Indiskretion, die die Empörung des Prinzregenten Wilhelm und F.s Ausschluß von diesem Vertrauensposten zur Folge hatte. Auch sonst hatte das Jahr nur Fehlschläge gebracht, bis es schließlich gelang, ihm vom 1. Juni 1860 ab bei der konservativen Kreuz-Zeitung als Redakteur des englischen Artikels unterzubringen, ein Posten, den er, nunmehr auch aus politischer Überzeugung, bis zu seiner eigenen Kündigung (April 1870) innehatte. Im August 1870 wurde er Theaterreferent der liberalen Vossischen Zeitung und hatte damit mehr Freizeit für seine eigenen Arbeiten gewonnen; er hat dem Redaktionsstab der Zeitung bis zu seinem 70. Geburtstag angehört. In dem Jahrzwölft 1864-76 entstanden im Auftrag des Deckerschen Verlages seine umfangreichen Bücher über die Kriege von 1864, 1866 und 1870/71, die er auf Grund seiner Reisen auf die Kriegsschauplätze verfaßte. Auf einer von ihnen ereilte ihn Anfang Oktober 1870, als er das Geburtshaus der Jungfrau von Orléans besuchte, das Mißgeschick, in die Hand der Franzosen zu fallen, die ihn als mutmaßlichen Spion mit Erschießung bedrohten; daß er seine Freilassung aus der französischen Internierung Ende November 1870 dem persönlichen Eingreifen Bismarcks verdankte, hat F. nie erfahren. Eine Darstellung der Ereignisse hat er in seinem Buch „Kriegsgefangen“ (1871) gegeben, das sich durch Objektivität gegenüber den Franzosen ebenso auszeichnet wie seine Erinnerungen „Aus den Tagen der Okkupation“ (1872). Im Februar 1876 nahm er das Amt eines Ersten Sekretärs der Berliner Kunstakademie an, legte es aber bereits im Mai nieder, da er sich von dem Akademiepräsidenten als Subalternbeamter behandelt fühlte, ein Schritt, der eine schwere Ehekrise heraufbeschwor. Eine weitere Erschütterung traf die Familie, als F., der zeitlebens viel kränkelte, im Sommer 1892 einen Nervenzusammenbruch erlebte, der geistige Umnachtung befürchten ließ. Dem Wiederhergestellten blieben noch 6 Jahre unermüdeten Schaffens beschieden. – In seinen Spätjahren hatte sich in ihm erneut eine politische Wandlung vollzogen. Er ist, auf einer höheren Ebene, zu den demokratischen Anschauungen seiner Jünglingsjahre zurückgekehrt und hat sich, wiewohl in wesentlichen Punkten dem Nationalliberalismus folgend, zu einem sehr entschiedenen Ultraliberalen entwickelt, der, vornehmlich in seinen Briefen, besonders an den jüngeren Freund Georg Friedlaender, eine grimmige Kritik übte an den gesellschaftlichen Kasten und politischen Stützen des wilhelminischen Reiches, an der Bourgeoisie, der Orthodoxie und der Aristokratie (vornehmlich der großagrarischen), der er nur eine novellistische Bedeutung, keine politische mehr zubilligte. Er sah den Bestand des Bismarckreiches schwer gefährdet und war davon überzeugt, daß die Gefahr nur abgewendet werden könne durch eine radikale „Umwertung“, die unter Beiseiteschiebung der privilegierten Kasten das Volk an den Entscheidungen beteiligt. Dieser Wandel war nicht unvorbereitet: schon 1865, also noch während seiner konservativen Zeit, äußerte er einmal zu einer Freundin, die Macht des Adels sei gebrochen und an seine Stelle sei die „Herrschaft des Geldes“ getreten; was danach komme, sei „vielleicht das Gute“.
Schon 1853 spricht sich F. in einem längeren Aufsatz über den Realismus als das verbindliche künstlerische Gebot der Zeit aus, und dem „schönheitlichen“ Realismus ist er stets treu geblieben. Auch wo er sich in einigen seiner späteren Romane der Sozialsphäre des Naturalismus nähert, da hält er sich an die ästhetische Verpflichtung des Maßes, indem er die Extreme mildert, sie ins Menschliche erhöht oder im Tiegel des Humors läutert. Er ist mit dem Naturalismus ein Stück|Weges gegangen, soweit er „stilvoll“ war, und hat dem jungen Gerhart Hauptmann in den Sattel geholfen. Später hat er allerdings die „Tristheit“ des Naturalismus beklagt und Hauptmann aufgerufen, „lichtere Wege zu gehen“.
F. hat einmal gemeint, daß von seinem Gesamtwerk – und es ist sehr umfangreich – allenfalls einige Gedichte die Jahrhundertwende überdauern würden, und er hat sich gründlich geirrt. Seine Gedichte sind gegenüber seinen Romanen mehr und mehr in den Hintergrund getreten. Er war eine epische Natur, die zwar sehr wohl die Unwägbarkeiten des Atmosphärischen ins Werk zu bannen wußte, aber er war kein ausgesprochener Lyriker; so lag ihm die Ballade näher. Eine unmittelbare lyrische Aussage im Erlebnis- und Stimmungsgedicht war ihm im großen Ganzen versagt. Seine Lyrik ist vorwiegend reflektierend und zielt gern ins Gnomische. Dagegen enthält sich seine Balladendichtung der Reflektion, die nur stören würde. Mit der Balladendichtung eröffnet er seinen literarischen Weg und führt sie von der anekdotischen Ballade, den preußischen „Männern und Helden“, und dem Romanzenkranz „Von der schönen Rosamunde“ aus der englischen Vergangenheit (beide Weihnachten 1849 erschienen) über die Naturballade und die historische Ballade, deren Meister er wurde und die seinen ersten Ruhm begründete, zur modernen Ballade des schlichten Helden der Gegenwart. In seinen Balladen dominiert das Preußische, das Englische und das Skandinavische – Percys und Scotts Sammlungen schottischer und englischer Volksballaden und die altnordische Vergangenheit waren ihm Offenbarungen. Sein Herz zog ihn nach Norden, nicht – trotz seiner Abstammung – zu der Dichtung der romanischen Völker.
Während in F.s Balladen oft der heldische Mensch im Mittelpunkt steht, gehen seine Romane und Erzählungen mehr auf den unheldischen Menschen und zeigen ihn in seinen menschlichen Verstrickungen und im Widerstreit des Menschlichen mit den gesellschaftlichen Konventionen. Vor allem seine Zeitromane aus der berlinisch-preußischen Gegenwart beschäftigen sich mit Problemen der Gesellschaft, wie sie sich aus der damaligen Sozialstruktur ergaben, und sie haben, dank der Genauigkeit der Beobachtung, den Wert von historischen Dokumenten. Daß sie uns darüber hinaus wert sind, das verdanken sie nicht nur der geprägten Form, der Kunst der treffsicheren Darstellung, der Schilderung des bezeichnenden Details, dem Zauber des Plaudertons, der aufschließenden Gesprächsführung und der Wahrheit der Psychologie, sondern auch ihrer zeitlos gültigen Menschlichkeit. Denn so unbestechlich objektiv F. auch gestaltet, so kühl er auch zu konstatieren scheint, man spürt doch allenthalben sein inneres Beteiligtsein. Seine Figuren- und Stoffwelt ist begrenzt: adlige Offiziere, höhere Beamte, Kaufleute und ihre Damen, aber auch die „kleinen Leute“ bilden das Personal, die Hauptmotive wiederholen sich und sind meist Transponierungen tatsächlicher Geschehnisse. F. hielt es mit Spielhagens Satz: „Finden, nicht erfinden“ und sah die Aufgabe des Dichters im poetischen Redigieren der Wirklichkeit. Er mißtraute der Ergiebigkeit seines „Phantasiebrunnens“ und bedurfte genauester sachlicher Ausgangspunkte; er fand sie in mündlichen und brieflichen Mitteilungen, Chroniken oder Kirchenbuchnorizen. Auch auf zutreffende Darstellung der Schauplätze legte er besonderes Gewicht; meist beruhte sie auf eigener Anschauung, und wo diese fehlte, wurden die Literatur und Karten befragt. Jede Pfuscharbeit war ihm zuwider, und er hat den größten sachlichen und künstlerischen Fleiß an seine Werke gewendet; die Kunst war ihm ein strenger Dienst.
F. hat 17 größere Erzählungen und Romane geschrieben. Das grenzt ans Erstaunliche, besonders wenn man bedenkt, daß er erst spät zur Epik gekommen ist, von einigen früheren Federproben abgesehen. Als sein erster Roman „Vor dem Sturm“ (1878) nach 18jähriger, freilich oft unterbrochener Arbeit erschien, da näherte er sich dem 59. Lebensjahr. Es ist ein großer historischer Roman aus dem Oderbruch im Schicksalswinter 1812/13. Es folgten 2 balladesk komponierte Erzählungen aus der älteren Vergangenheit, „Grete Minde“ (1880) und „Ellernklipp“ (1881), die, auf geschichtlichen beziehungsweise urkundlichen Grundlagen beruhend, den epischen Akzent auf die Rätselgründe der menschlichen Seele legen. Das nächste Werk, „Schach von Wuthenow“ (1883) ist historisch stärker verankert und schildert an einem Modellfall die inneren Gründe, die zur preußischen Katastrophe von 1806 führten. Noch einmal hat F. einen historischen Stoff in Angriff genommen, „Die Likedeeler“, der in der Geschichte Störtebeckers und seiner Vitalienbrüder sozialhistorische Probleme im Hinblick auf die Zukunft behandeln sollte; über ihm ist er gestorben. Zwei Romane bringen kriminalistische Stoffe, „Unterm Birnbaum“ (1885) und „Quitt“ (1891); in ihnen wird eine höhere Macht wirksam, die das Gesetz der Vergeltung vollstreckt.
In der Endphase der Arbeit an „Vor dem Sturm“ setzte F. zu seinem ersten Berliner Zeitroman an, „Allerlei Glück“, der die verschiedenen menschlichen Glücksvorstellungen schildern sollte, aber nicht vollendet wurde und dann den späteren Berlin-Romanen F.s als Steinbruch diente. Zwei Drittel des epischen Gesamtwerks F.s sind Zeitromane, von denen nur 2 ihren Stoff nicht aus der berlinisch-märkischen Gegenwart nahmen, beides Eheromane mit tragischem Ausgang: „Graf Petöfy“ (1884) aus der österreichisch-ungarischen Aristokratie und „Unwiederbringlich“ (1892) aus der aristokratischen Welt Schleswigs und Dänemarks. Von den 9 Romanen aus dem berlinisch-preußischen Bereich behandeln 3 wiederum Eheprobleme: „L'Adultera“ (1882), der in die Berliner Finanzwelt führt, „Cécile“ (1887) und „Effi Briest“ (1895), das Meisterwerk F.s, das in manchem an Flauberts „Madame Bovary“ erinnert, aber völlig unabhängig davon entstanden ist. Zwei der Romane, Liebesromane, befassen sich mit einem gesellschaftlich Tabu der Zeit, mit dem „Verhältnis“ eines Aristokraten mit einem Mädchen aus dem Volk; der eine, „Irrungen, Wirrungen“ (1888), klingt mit der einsichtigen, wehmütigen Entsagung der Liebenden aus, der andere, „Stine“ (1890), endet tragisch. In dem Roman aus der Berliner Industriewelt, „Frau Jenny Treibel“ (1892), ist die Bourgeoisie das Zielblatt der F.schen Ironie; sein Seitenstück ist der Roman „Mathilde Möhring“ (1891, aber erst aus dem Nachlaß veröffentlicht), der den Aufstieg einer zielbewußten Kleinbürgerin auf die nächste soziale Stufe zum Gegenstand hat. In der Erzählung „Die Poggenpuhls“ (1896) werden in schlichter Handlung Augenblicksbilder aus dem Leben einer armen Offizierswitwe und ihrer Kinder entrollt; Seitenlichter fallen auf die sich umbildende Berliner Gesellschaft. Am Schluß des F.schen Schaffens steht der große Roman „Der Stechlin“ (1898), in dem alles ins Gespräch gelegt ist und die bevorstehenden sozialen Umschichtungen im gesprochenen Wort und im Symbol entwickelt und gedeutet werden; er zeugt von der ungebrochenen Kraft des Dichters, der in der Gestalt des Dubslav von Stechlin ein Selbstporträt gegeben hat.
21. Hedwig Dohm
Die Geschichte der Frauenbewegungen kennt so manche Persönlichkeit, die bereits zu ihren Lebzeiten mit ihren Ansichten und Forderungen polarisierte und bei ihren Zeitgenoss/innen Missgunst und gar heftige Ablehnung hervorrief, bevor die Nachwelt ihre Brillanz und Originalität zu schätzen wusste. Zu diesen außergewöhnlichen Charakteren zählt Hedwig Dohm.
Hedwig Dohm gilt als brillanteste und radikalste Feder der historischen Frauenbewegung und als bedeutendste Vordenkerin des radikalen Flügels. Bereits 1873 forderte sie das Stimmrecht für Frauen und kämpfte für deren rechtliche, soziale und ökonomische Gleichstellung. Als feministische Theoretikerin und Autorin zahlreicher Essays, Romane und Novellen gehört sie zu den wichtigsten Autorinnen der Wende zum 20. Jahrhundert.
„Ein leidenschaftlich unglückliches Kind“1
Hedwig Dohm wurde am 20. September 1831 in Berlin geboren. Sie war das vierte Kind – und die erste Tochter von Gustav Adolph Schlesinger und Henriette Wilhelmine Jülich. Sie erfuhr eine für das 19. Jahrhundert typische geschlechtsspezifische Erziehung: Während die Eltern bei Hedwigs Brüdern Wert auf eine gute Ausbildung legten, durfte die hochintelligente Tochter nur die Mädchenschule besuchen. Mit 15 Jahren musste Hedwig ihre Schulausbildung gezwungenermaßen beenden. In der Hoffnung auf mehr Bildung rang sie ihren Eltern ein Lehrerinnenseminar ab, das sie aber ebenfalls als „stumpfsinnig“2 empfand.
Erst als sie im Alter von 22 Jahren den Autor Ernst Dohm heiratete, der als Redakteur beim Satiremagazin Kladderadatsch arbeitete, bekam sie Zugang zu intellektuellen Kreisen. Hedwig Dohm betrieb in Berlin einen Salon, in dem einflussreiche Frauen ihrer Zeit wie Helene Lange oder Adele Schreiber sowie berühmte Männer wie etwa Franz Liszt und Fritz Reuter verkehrten. Im Alter von 40 Jahren – zu diesem Zeitpunkt hatte Dohm bereits fünf Kinder großgezogen – begann sie, über die Frauenfrage zu schreiben.
„Ich schwärme für Freiheit“ 3– Radikal und furchtlos für die Frauenfrage
Innerhalb von fünf Jahren publizierte Hedwig Dohm vier Bücher, die in der Radikalität ihrer Forderungen und der furchtlosen satirischen Analyse ein absolutes Novum darstellten und die sie mit einem Schlag zu einer der bekanntesten wie auch gefürchtetsten intellektuellen Stimmen ihrer Zeit machten: 1872 erschien Was die Pastoren von den Frauen denken, ein Jahr später folgte Der Jesuitismus im Hausstande, 1874 veröffentlichte die Berlinerin Dohm Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau und schließlich 1876 Der Frauen Natur und Recht.4
In ihren Schriften attackierte sie mit Humor und Scharfsinn die Unterdrückung der Frauen auf allen Gebieten: Hedwig Dohm widerlegte die unterstellte ‚Natur der Frau‘ und hielt der Idee eines biologistischen Geschlechterdualismus – hier das Gefühlswesen Frau, dort der rationale Mann – ihre Idee von Frauen und Männern als sogenannte Ganzmenschen entgegen. Sie plädierte für die gleichberechtigte Bildung und Ausbildung von Mädchen sowie für die freie Wahl eines Berufs, der Frauen die ökonomische Selbstständigkeit sicherte. Sie forderte das Recht auf selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch, kritisierte das Eherecht, die Mystifizierung der Mutterschaft und die Doppelmoral und sah in Prostitution eine „abstoßende Karikatur von Erotik“, sie kämpfte gegen die unzureichende sexuelle Aufklärung junger Mädchen sowie den Jugendwahn, der „das Weib entmenscht“.5
In ihren Essays und Feuilletons prangerte die Autorin nicht nur die gesellschaftlichen Missstände bezüglich der Stellung der Frauen an. Hedwig Dohm – Absolventin einer Mädchenschule – zeigte keinerlei Respekt gegenüber den zeitgenössischen anerkannten Intellektuellen. Friedrich Nietzsche fiel ihrem bissigen Spott ebenso zum Opfer wie Paul Möbius, Autor des damaligen antifeministischen Bestsellers Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes. Auch gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen sparte Hedwig Dohm nicht mit Kritik. Sie beklagte das Verhalten der Frauen, die offensichtlich an ihrer Situation nichts ändern wollten, und forderte sie auf: „Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn!“6
Dem gemäßigten Flügel der Frauenbewegung, der den Geschlechterdualismus und die angebliche natürliche Bestimmung der Frau zur Hausfrau und Mutter nicht infrage stellte, waren Dohms Ideen schlicht zu radikal. „Radikal heißt wurzelhaft“, erklärte Dohm, „und bezeichnet am besten das Wollen und Handeln jener streitbaren Frauen, die die Axt an die Wurzel der Übel legen.“7 Erst als der radikale Flügel um 1890 erstarkte, fand Hedwig Dohm mit Minna Cauer, Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann Schwestern im Geiste, denen sie sich anschloss und mit denen sie sich organisierte.
Sie wurde Gründungsmitglied des Frauenvereins Reform, der eine umfassende Bildungsreform und den Zugang von Frauen zu den Universitäten forderte, und trat auch Helene Stöckers Bund für Mutterschutz und Sexualreform bei, der sich unter anderem für das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper, das Recht auf Abtreibung und gegen die Stigmatisierung lediger Mütter einsetzte. Auch im von Minna Cauer gegründeten Verein Frauenwohl für das Recht von Frauen auf Bildung und Berufstätigkeit engagierte sich Dohm.8
Publizistin und Pazifistin
Die neu gegründeten Zeitschriften des radikalen Flügels der Frauenbewegung boten der scharfsinnigen Autorin neue Möglichkeiten: Zwischen 1895 und ihrem Tod 1919 veröffentlichte Hedwig Dohm mehr als 80 Artikel. Außerdem veröffentlichte sie zahlreiche Feuilletons vornehmlich in linken und liberalen Zeitungen und Zeitschriften wie zum Beispiel in Die Zukunft oder in der auflagenstarken Vossischen Zeitung. Zugleich suchte Dohm nach anderen literarischen Formen, um ein größeres Publikum zu erreichen. Sie begann, Romane und Novellen zu schreiben, in denen sie anhand individueller Frauenschicksale deren Unterdrückung sowie Wege der Befreiung aufzeigte. Innerhalb von sechs Jahren veröffentlichte Hedwig Dohm ihre Romantrilogie: Schicksale einer Seele (1899), Sibilla Dalmar (1896) und Christa Ruland (1902). In diesen drei Büchern schilderte sie das Leben dreier Frauengenerationen des 19. Jahrhunderts und thematisierte zugleich die Veränderungen der weiblichen Lebenswelt an der Schwelle zum 20. Jahrhundert.
Hedwig Dohm war nicht nur radikale Feministin, sondern auch Pazifistin. Im Ersten Weltkrieg war sie eine der wenigen öffentlichen Stimmen im deutschen Kaiserreich, die mit Texten wie Der Missbrauch des Todes oder Wäre ich ein glühender Patriot dem allgemeinen nationalen Kriegswahn widerstand. Nach Ende des Ersten Weltkriegs erlebte die Frauenstimmrechts-Pionierin als 87-Jährige, wie der Rat der Volksbeauftragten im November 1918 das Wahlrecht für Frauen verkündete. Hedwig Dohm starb am 1. Juni 1919 in Berlin.
22. Clara Zetkin
Z. besuchte die Dorfschule, an der ihr Vater unterrichtete, und anschließend ein Gymnasium; ihr politisches Engagement wurde bereits von der Mutter geprägt. 1874–78 studierte sie in dem von der Frauenrechtlerin Auguste Schmidt (1833–1902) geleiteten Lehrerinnenseminar am Steyberschen Institut in Leipzig, knüpfte hier Kontakte zur dt. Sozialdemokratie und lernte den russ. Revolutionär Ossip Zetkin kennen. Nach erfolgreicher Prüfung als Fachlehrerin für moderne Sprachen|trat sie in die „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“ (SAPD) ein, was zum Bruch mit ihrer Familie führte. In der Zeit des „Sozialistengesetzes“ arbeitete sie bis 1882 als Hauslehrerin und Erzieherin in Sachsen und Österreich, dann folgte sie, nachdem sie 1882 bei Julius Motteler (1838–1907) in Zürich am Vertrieb des Parteiorgans „Der Sozialdemokrat“ mitgearbeitet hatte, im selben Jahr Zetkin ins politische Exil nach Paris, mit dem sie unverheiratet eine Familie gründete; die beiden Söhne erhielten den Nachnamen des Vaters. Z. trug Ossips Nachnamen als Pseudonym für ihre journalistische Tätigkeit. 1889 war sie als Delegierte der dt. Sozialdemokratie Teilnehmerin des Gründungskongresses der II. Internationale in Paris, wo sie dem Kongreßbüro angehörte, und referierte über die internationale proletarische Frauenbewegung, deren Begründerin und Führerin sie wurde. Z. nahm an fast allen internationalen Sozialistenkongressen und Parteitagen der SPD teil und wurde eine der führenden Sozialdemokratinnen Europas. Nach dem Fall des „Sozialistengesetzes“ kehrte sie, alleinerziehend mit zwei Kindern, 1891 nach Deutschland zurück und ließ sich als Schriftstellerin und Übersetzerin in Stuttgart nieder. 1892 übernahm Z. von Emma Ihrer (1857–1911) die Redaktion der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift „Die Arbeiterin“ im SPD-Parteiverlag von Johann Heinrich Wilhelm Dietz (1843–1922), redigierte sie als Agitations- und Bildungszeitschrift und gab ihr den Namen „Die Gleichheit“. In der SPD war sie seit 1895 Mitglied der Kontrollkommission, gehörte dem Parteivorstand sowie ab 1906 seinem Zentralen Bildungsausschuß an und verfaßte mit Heinrich Schulz (1872–1932) die Leitsätze „Sozialdemokratie und Volkserziehung “ für den Mannheimer SPD-Parteitag 1906. 1904 zog Z. mit Friedrich Zundel nach Stuttgart-Sillenbuch, wo sie in ihrem Haus internationale Sozialisten und Freunde wie August (1840–1913) und Julie Bebel (1843–1910), Franz (1846–1919) und Eva Mehring (1858–1928), Karl (1854–1938) und Luise Kautsky (1864–1944) oder Karl (1871–1919) und Sophie Liebknecht (1884–1964) zu politischen Diskussionen, Musik- und Literaturabenden empfing. Mit Rosa Luxemburg verband Z. eine lebenslange Freundschaft, beide waren Literatur- und Kunstliebhaberinnen.
Mit der Gründung der Sozialistischen Fraueninternationale 1907 auf dem Kongreß der Zweiten Sozialistischen Internationale in Stuttgart wurde Z. zur Vorsitzenden des Internationalen Frauensekretariats gewählt. „Die Gleichheit“ wurde ihr internationales Organ (Aufl. 1914: 124 000): Hier forderte sie gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau, nahm während des 1. Weltkriegs eine konsequente Antikriegshaltung ein und förderte die Vernetzung nationaler Frauenvereine und -organisationen. Auf der 2. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen reichte Z. mit Käte Duncker (1871–1953) eine Resolution für einen jährlichen internationalen Kampftag für das Frauenwahlrecht ein, der 1911 erstmals als Internationaler Frauentag in einigen mitteleurop. Staaten gefeiert wurde. 1912 trat Z. auf dem Außerordentlichen Friedenskongreß der II. Internationale in Basel mit der Überzeugung an, daß nur durch eine große Mehrheit der Frauen und ihr Bekenntnis „Krieg dem Kriege!“ den Völkern der Friede gesichert werden könne.
Zu Beginn des 1. Weltkriegs lehnte Z. mit Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Franz Mehring die Politik des „Burgfriedens“ der SPD ab und war 1916 Mitbegründerin der Gruppe Internationale, später Spartakusgruppe und -bund. Im März 1915 organisierte sie mit dem Schweizer Sozialisten Robert Grimm (1881–1958) gegen den Protest der SPD-Führung eine illegale Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Bern. Im Berner Friedensmanifest forderten die 26 teilnehmenden Sozialistinnen einen Frieden, der das Recht aller Völker und Nationalitäten auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit anerkennt. Im selben Jahr wurde Z. in Deutschland denunziert und wegen versuchten Landesverrats verhaftet; nationale und internationale Proteste sowie eine Kaution führten nach vier Monaten zu ihrer Freilassung. 1917 war Z. Mitbegründerin der USPD, daraufhin entzog Friedrich Ebert (1871–1925) ihr die Redaktion der „Gleichheit“ und übertrug sie an Marie Juchacz (1879–1956) und Heinrich Schulz. Z. begrüßte die Oktoberrevolution in Rußland und verteidigte die Politik der Bolschewiki als den Beginn der proletarischen Weltrevolution „nicht unter frei gewählten, sondern unter vorgefundenen Umständen“. 1919 auf der Liste der USPD an den Wahlen zur Nationalversammlung, zog Z. in den Landtag des Freien Württ. Volksstaats ein und stimmte am 25.9.1919 gegen die neue bürgerliche Verfassung. Nach der Ermordung Liebknechts, Luxemburgs und Leo Jogiches’(1867–1919) trat sie im März 1919 der KPD bei, wurde in deren Zentrale gewählt und übernahm die Redaktion der Zeitschrift „Die|Kommunistin“. 1920 erhielt sie, neben Paul Levi (1883–1930), ein Mandat für die KPD im Dt. Reichstag, dessen Mitglied sie bis 1933 war. In ihrer ersten Rede im Reichstag forderte sie Solidarität mit Sowjet-Rußland und reiste 1920 erstmals dorthin. Sie schloß Freundschaft mit Lenin und dessen Frau Nadeshda Krupskaja. Mit Alexandra Kollontai, der Vorsitzenden der Frauenabteilung beim ZKder Russ. Komunistischen Partei, gründete sie 1921 die Kommunistische Fraueninternationale bei der Komintern, der III. Internationale, zu deren Exekutivkomitee sie 1922–33 gehörte. Sie entwarf die „Richtlinien der kommunistischen Frauenbewegung“, leitete ab 1921 das Westeurop. Internationale Frauensekretariat mit Sitz in Berlin und redigierte die Zeitschrift „Die Kommunistische Fraueninternationale“. Im Juli 1922 hielt Z. im Auftrag der Komintern in Moskau die Anklagerede im Prozeß gegen 47 Sozialrevolutionäre.
Seit 1921 führte Z. die Internationale Arbeiterhilfe, war 1925–33 Präsidentin der Internationalen Roten Hilfe und 1. Bundesvorsitzende des Roten Frauen- und Mädchenbundes. 1923 hielt sie auf dem Erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Komintern ihr Referat „Kampf gegen den Faschismus“ und brandmarkte dessen „scheinrevolutionäres Programm“ und dessen Terror.
In den innerparteilichen Auseinandersetzungen der KPD hielt Z., bis 1923 in der Zentrale, zunächst zu Paul Levi, dann, ebenfalls 1923, zu Heinrich Brandler (1881–1967) und August Thalheimer (1884–1948) gegen den radikalisierenden Kurs Ruth Fischers (1895–1961). Erst 1927 wieder in die Zentrale gewählt, kritisierte Z. intern die ultralinke Wende in der Politik der KPD-Zentrale und die Führung Ernst Thälmanns (1886–1944). Intern wandte sie sich grundsätzlich gegen den Stalinisierungsprozeß in der Komintern und deren Sektionen, blieb aber in deren Reihen.
23. Minna Cauer
Jugend, Ehe- und Witwenjahre
Minna Cauer, geb. am 01.11.1841 in Freyenstein, wuchs als Tochter des Pfarrers Alexander Schelle (1804-1874) und seiner Ehefrau Juliane geb. Wolfschmidt (gest. 1887) mit mehreren Geschwistern auf. Sie wollte Lehrerin werden, konnte dies jedoch zunächst wegen familiärer Probleme nicht. Ihr erster Ehemann, der Arzt Doktor August Latzel, und ihr Sohn starben innerhalb weniger Jahre. Sie musste sich neu orientieren und legte 1867 das Lehrerinnenexamen ab, um dann für ein Jahr als Hauslehrerin nach Paris zu gehen. Ab 1869 war sie Lehrerin an einer Mädchenschule in Hamm. Dort lernte sie ihren zweiten Mann kennen, den späteren Berliner Schulrat Eduard Cauer (1823–1881). Nach dem Umzug in die Hauptstadt knüpfte sie erste Kontakte zu liberalen Politikern und Frauen aus der bürgerlichen Frauenbewegung. Nach dem Tod Eduard Cauers 1881 lebte sie einige Jahre in Dresden und fand in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Geschichte der Frauen eine neue Lebensaufgabe. Ihre ersten Publikationen wurden 1883 und 1884 in der Vossischen Zeitung veröffentlicht. Sie kehrte nach Berlin zurück und unterrichtete Geschichte in einem Pensionat für Amerikanerinnen.1
Die Frauenpolitikerin
1888 gründete Minna Cauer zusammen mit anderen Frauen in Berlin den Verein Frauenwohl, der das Sprachrohr des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung wurde. 1889 war sie Mitbegründerin des Kaufmännischen Hilfsvereins für weibliche Angestellte. 1896 arbeitete sie beim Internationalen Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin mit. 1899 wurde ein Gegenverband zum Bund Deutscher Frauenvereine gegründet, der Verband Fortschrittlicher Frauenvereine, dessen Vorsitzende Cauer wurde. In diesem neuen Verband schlossen sich die Vereine zusammen, denen die Politik des Bundes Deutscher Frauenvereine zu defensiv erschien. Der Bund Deutscher Frauenvereine setzte auf Petitionen und die Unterstützung liberaler Kreise, um eine Verbesserung der Situation von Frauen auf zahlreichen Gebieten zu erreichen. Die radikalen Frauenrechtlerinnen kämpften öffentlich und offensiv und forderten unter anderem das Wahlrecht für Frauen.2 Sie kritisierten die fehlende Gleichberechtigung der Frauen im Entwurf zum neuen Bürgerlichen Gesetzbuch, sie bekämpften sexuelle Belästigung und Gewalt, den § 218 sowie Prostitution und Frauenhandel und sie befassten sich mit der Dienstboten- und Arbeiterinnenfrage3 Im Ersten Weltkrieg wurde Minna Cauer bald zur Pazifistin. 1918 trat sie der Deutschen Demokratischen Partei bei.4
Die Rednerin
Minna Cauer war eine mitreißende Rednerin und eine humorvoll-energische Versammlungsleiterin, die stets ohne Manuskript sprach und viele Menschen durch die Klarheit ihrer Gedanken überzeugte.5 Else Lüders, ihre langjährige Mitarbeiterin, fühlte sich bei ihren Vorträgen durch „das lebhafte Mienenspiel, die anmutigen Bewegungen des schlanken Körpers, die Duse-Bewegung der schönen Hände“ an die Schauspielerin Eleonore Duse (1858–1924) erinnert.6 Ein Kölner Journalist verglich Cauer mit einer „Priesterin und Prophetin“.7 Sie hielt unermüdlich Vorträge bei Kongressen von Frauenvereinen im Deutschen Reich, in Großbritannien, Belgien, Dänemark, Schweden, den Niederlanden und Italien sowie bei SPD-Frauenkonferenzen.8 Der direkte Kontakt mit dem Publikum löste bei ihr oft eine persönliche Weiterentwicklung aus. So notierte sie, nachdem sie 1912 in der Jugendgruppe des Vereins Frauenwohl in Berlin die Sozialdemokratin Clara Zetkin (1857–1933) vorgestellt hatte, in ihrem Tagebuch: „Ich versenkte mich in die Ideenwelt dieser Frau, ich vertiefte mich in den Sozialismus […] Ich will jetzt den wissenschaftlichen Sozialismus studieren, ich muß klar werden, klar sehen.“9
Die Publizistin
Minna Cauer war Herausgeberin und Redakteurin der von ihr 1895 gegründeten Zeitschrift Die Frauenbewegung, die bis zur Einstellung 1919 das Publikationsorgan der radikalen bürgerlichen Frauenbewegung war.10 Sie verfasste an die 400 Beiträge, Leitartikel, Kongressberichte und Rezensionen und prägte damit das Profil der Zeitschrift.11 Die Frauenbewegung unterschied sich in ihrem Ansatz und Stil stark von anderen Frauenzeitschriften, die Cauer ironisch kritisierte: „Eine kleine Besserung ist hie und da zu merken. Man stickt nicht mehr so viele Morgenschuhe für den geliebten Ehegatten und ist nicht mehr so entzückt über irgend ein neues Häkelmuster […] Aber etwas Trostloses liegt doch in diesen Blättern, – und von einer neuen Lebensauffassung, von neuen Lebensaufgaben der Frau ist selten oder nie die Rede“.12
1893 erschien ihr Buch Die Frauen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in dem sie die These aufstellte, dass die amerikanischen Frauen „zum Wohl des Ganzen“ arbeiten wollten, wohingegen „Deutschlands Frauen selig zu den Füßen Goethes und Schillers träumten“.13 1898 publizierte sie ihr zweites Buch Die Frau im 19. Jahrhundert. Der Zusammenhang zwischen „Pflichtlosigkeit dem Allgemeinen gegenüber“ und der Rechtlosigkeit der Frauen ist für sie eindeutig: „[…] so pflegen Deutschlands Frauen ihr Gretchen- und Hausfrauenideal fast bis zur Vernichtung des eigenen Ichs. Dieses Ideal glauben sie durch die Verherrlichung und Anbetung des Mannes und nur durch den Mann erreichen zu können“.14 1913 legte sie eine Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Berliner Vereins Frauenwohl vor.15 Bis ins hohe Alter schrieb Cauer für diverse Zeitungen Artikel zur politischen Situation.
Die Bildungsbürgerin
Minna Cauer war eine Intellektuelle.16 Sie las viel – sowohl Belletristik als auch Bücher über historische und politische Themen – und nutzte regelmäßig die Bibliothek des Abgeordnetenhauses und des Reichstages.17 In ihren Tagebüchern finden sich zahlreiche Hinweise auf Autoren, von deren Werken sie beeinflusst wurde: Lew Tolstoi, Arthur Schopenhauer, Friedrich Schleiermacher und Romain Rolland.18 Karl Marx‘ Thesen reizten sie zum Widerspruch. Sie fand bei ihm „nicht nur viele Widersprüche, sondern auch eine große Einseitigkeit und Engherzigkeit, weil alles und alles aus ökonomischen Gründen allein abgeleitet werden soll“.19 Die Biografie von Albert Bielschowsky über Goethes Leben und Werk (erschienen 1896 und 1904) beeindruckte sie tief: „Bielschowskys Goethe ist der größte Genuß, den ich seit langer Zeit gehabt habe. So vieles wird wieder lebendig in mir, nicht nur Goethe selbst mit all seinen Schwächen, seiner Größe, seiner Liebenswürdigkeit, seiner Schroffheit und seinem Talent, sich selbst und ach, so viele andere so unsäglich zu quälen“.20 Ihre Frauenideale waren Antigone und Iphigenie, denn sie „lieben das Weitschauende, das fern von Tagesideen steht“.21 Neben intensiver Lektüre spielten Theater- und Konzertbesuche sowie der Besuch von politischen Vorträgen eine große Rolle in ihrem Leben.22
Beziehungen
Minna Cauer arbeitete mit vielen Frauen und Männern zusammen. Sie war eine stark polarisierende Persönlichkeit. Entweder man schätzte sie und war begeistert von ihrer charismatischen und kompromisslosen Art und ihren Ideen, oder man stand ihr, der als eitel und selbstverliebt etikettierten Frau, und ihrer politischen Ausrichtung ablehnend gegenüber.23
Mehrere Arbeitsbeziehungen scheiterten im Laufe der Jahre, beispielsweise die zur Frauenrechtlerin Anita Augspurg (1857–1943).24 Cauer war bis zu ihrem Tod befreundet mit Emma Muschka von Witt (1863–1949) und der Bremer Frauenrechtlerin Auguste Kirchhoff (1867–1940).25 Sie schätzte – trotz mancher politischen Differenz – die Sozialdemokratin Clara Zetkin. Eine besonders enge Verbindung hatte Cauer zu ihrer Großnichte Lilly Somerhausen, geborene von Stoffregen. Das Verhältnis zu Else Lüders zerbrach im Ersten Weltkrieg, als diese sich dem nationalen Lager zuwandte, das den Krieg unterstützte.26
Lebensbilanz
Im hohen Alter schien sich Cauers Traum erfüllt zu haben: „Ich sterbe als Republikanerin“ schrieb sie begeistert am 9. November 1918 in ihr Tagebuch.27 Die Frauenbewegung stellte sie 1919 mit den Worten ein: „Meine Aufgabe innerhalb der Frauenbewegung halte ich für erfüllt, da das Bürgerrecht der Frau den Frauen gegeben worden ist“.28 Am Ende ihres Lebens stand dennoch die bittere Erkenntnis, „daß die Frauen nur im Kleinen ihr Dasein leben wollen, und daß ich wohl die letzte sein würde, der sie gern folgen würden. Einzelne wohl, aber viele?“29 Ihre Memoiren schrieb sie bewusst nicht mehr. „Wenn ich alles offen, wahr und ehrlich darstellen will, dann wird es das Bild einer ewig suchenden Frau, die sich Ideale aufbaute für sich, für die Freunde, für das Vaterland, für die Menschheit und alles ging in Trümmer“.30
Minna Cauer starb am 3. August 1922 und wurde auf dem Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg begraben. Seit 1952 ist ihr Grab ein Ehrengrab des Landes Berlin. In vielen Nachrufen wurde ihr Lebenswerk gewürdigt.31 Der Politiker und Publizist Hellmut von Gerlach (1866–1935) schrieb rückblickend: „Meine pariser (!) Erfahrungen veranlaßten mich zu intensiverer Beteiligung an der deutschen Frauenbewegung. Hand in Hand arbeitete ich dabei mit Minna Cauer, in der ich den stärksten politischen Kopf der deutschen Frauenbewegung schätzen lernte. Sie war dank langer Tätigkeit in England international gesinnt, dazu historisch, literarisch und politisch gleichmäßig gebildet. Vor allem war sie eine Taktikerin ersten Ranges“.32
Die neuere Forschung sieht in Cauer und ihren Mitstreiterinnen Intellektuelle und Idealistinnen, denen allerdings ein Gesamtkonzept für ihre politische Arbeit fehlte.33Cauer gilt als eine der wichtigsten Führungspersönlichkeiten, die „sowohl Programmatik und Strategien, als auch Mobilisierung und Organisation des Vereins Frauenwohl und des gesamten radikalen Flügels entscheidend geprägt haben“.34
24. Werner von Siemens
Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Situation seiner Eltern zunächst von seiner Großmutter und seinem Vater unterrichtet, besuchte S. seit 1827 die Bürgerschule in Schönberg (Meckl.), erhielt 1829 erneut Privatunterricht und wechselte 1832 in die Obertertia des Lübecker Katharineums, das er 1834 ohne Abschluß verließ. S. bewarb sich bei der preuß. Armee, um über den Militärdienst Zugang zu einer ingenieurwissenschaftlichen Ausbildung zu erlangen. Nach der Aufnahme in das Magdeburger Artilleriekorps wurde er 1835 an die Berliner Artillerie- und Ingenieurschule abkommandiert, wo er eine dreijährige Ausbildung absolvierte. Nach dem Tod der Eltern übernahm S. die Erziehung und Ausbildung seiner minderjährigen Geschwister. Er setzte sich intensiv mit technischen Fragen auseinander und erhielt 1842 sein erstes preuß. Patent für ein Verfahren zur galvanoplastischen Vergoldung, das er mit Hilfe seines Bruders William 1843 in England erfolgreich vermarktete.
Überzeugt vom technischen und wirtschaftlichen Potential der elektrischen Telegraphie konzentrierte sich S. auf die Verbesserung des Wheatstoneschen Zeigertelegraphen. 1847 konstruierte er ein allen bisher gebräuchlichen Apparaten überlegenes Modell. Mit dieser Erfindung war der Grundstein für die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ (S & H) gelegt, die S. im Okt. 1847 mit dem Universitätsmechaniker Johann Georg Halske (1814–90) in Berlin gründete. Dieser brachte seine praktische Erfahrung in der Leitung und Organisation eines Handwerksbetriebs, S. seine Patente (Verfahren, Gold behufs d. Vergoldung auf nassem Weg vermittelst d. galvan. Stromes aufzulösen, preuß. Patent 1842; Eine neue Art elektr. Telegraphen u. damit verbundene Vorrichtung z. Drucken d. Depeschen, preuß. Patent 1847) in die Firma ein. Das Startkapital stammte von Werners Vetter, dem Justizrat Johann Georg Siemens (1805–79). In kurzer Zeit entwickelte sich S & H von einer kleinen feinmechanischen Werkstätte für Eisenbahn-Läutewerke, Wassermesser, Guttapercha-Drahtisolierungen und v. a. für Telegraphen zu einem international führenden Elektrounternehmen. Den ersten, mit hohem Prestigewert verbundenen staatlichen Großauftrag erhielt S & H 1848 für den Bau einer Telegraphenlinie zwischen Berlin und Frankfurt/Main. Da die Zusammenarbeit mit der preuß. Telegraphenverwaltung 1851 endete, geriet das junge Unternehmen in eine Krise, die es durch die konsequente Erschließung ausländischer Märkte überwand. S & H erhielt 1851 den Auftrag zur Errichtung des russ. Telegraphennetzes, das unter der Leitung von S.s jüngerem Bruder Carl von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer gebaut wurde. Daneben entwickelte sich das Engagement in England zur zweiten wichtigen Stütze. Hier gelang S.s Bruder William mit der Herstellung und Verlegung telegraphischer Seekabel der Durchbruch.
Parallel zur unternehmerischen Tätigkeit widmete sich S. intensiv physikalischer Forschung. 1866 entdeckte er aufbauend auf den Arbeiten Michael Faradays (1791–1867) das dynamoelektrische Prinzip und schuf so die entscheidende Voraussetzung zur Ausnutzung der Elektrizität für Antriebs- und Beleuchtungszwecke. Von den Arbeiten Sören Hjorths (1801–70), der 1854 ein dän. Patent auf eine Dynamomaschine erhalten hatte, wußte S. vermutlich nichts. S. erkannte, daß die Dynamomaschine zur Elektrifizierung u. a. des Transport- und des Beleuchtungswesens führen würde. Die Starkstromtechnik entwickelte sich rasch und S. erschloß neue Anwendungsgebiete, so eine elektrische Eisenbahn (Berliner Gewerbeausstellung, 1879), eine Straßenbeleuchtung mit Bogenlampen (Berliner Ks.gal., 1879), einen Fahrstuhl (Mannheim, 1880), eine Straßenbahn (Berlin-Lichterfelde, 1881) oder einen Oberleitungsomnibus (Berlin, 1882). Der Name „Siemens“ entwickelte sich zu einem zentralen Markennamen für die „Elektrotechnik“, ein Begriff, der 1879 von S. geprägt wurde.
Seit 1866 wurden Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter mit einer „Inventurprämie“ belohnt. Mehr als ein Jahrzehnt vor der gesetzlichen Alters- und Hinterbliebenenversorgung rief S. 1872 eine Pensions-, Witwen- und Waisenkasse für die betriebliche Altersversorgung ins Leben. 1890 schied er offiziell aus dem Unternehmen aus, übte jedoch bis zu seinem Tod 1892 bestimmenden Einfluß aus. Als Abgeordneter der Dt. Fortschrittspartei gehörte S. 1862–66 dem Preuß. Landtag an. 1877 wurde er Mitglied des Reichspatentamts, 1879 beteiligte er sich an der Gründung des „Elektrotechnischen Vereins“ zur Förderung von elektrotechnischen Lehrstühlen an Technischen Hochschulen. Als Mäzen betätigte sich S. 1887 auch an der Gründung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt.
25. Alfred Krupp
K. wurde zunächst gemeinsam mit den Kindern von Franz Dinnendahl von deren Privatlehrer unterrichtet und besuchte dann das Gymnasium. Krankheit und Tod des Vaters zwangen ihn, nach drei Jahren den Schulbesuch abzubrechen und den Plan einer Lehre in der Düsseldorfer Münze aufzugeben.Friedrich Krupp hatte die Gußstahlfabrik testamentarisch seiner Frau und seinen Kindern hinterlassen. Wegen der hohen|Schulden nahm die Witwe das Erbe jedoch nur für ihre Person an. Sie führte die Fabrik weiter, unterstützt von ihren Verwandten und dem damals 13jährigen K., den der Vater noch in die Grundlagen der Gußstahlherstellung eingeführt hatte. Mit zunächst nur sieben Arbeitern wurde die Fabrikation von Werkzeugstahl, Feilen, Lohgerbergeräten und später Walzen aufgenommen. Langwierige Versuche waren nötig, um Sicherheit in der Herstellung von qualitativ hochwertigem Stahl zu gewinnen. Umsatz und Belegschaft stiegen nur langsam. 1830 entschloß sich K., bei der Herstellung von Walzen zur Endfabrikation überzugehen, da die gelieferten Walzenrohlinge bei dem unsachgemäßen Drehen, Polieren und Härten durch die Kunden häufig gesprungen waren. Für Fertigfabrikate konnte dagegen – und dies hatte K. bei den Gerbergeräten bereits Ende der 1820er Jahre getan – eine Qualitätsgarantie übernommen werden. Zugleich ermöglichte die Fertigfabrikation eine rationellere Ausnutzung des Materials und der Arbeitskräfte. Bahnbrechend wurde bei der Gußstahlerzeugung vor allem der Übergang zu Güssen aus mehreren Tiegeln: 1832 gelang ein Guß von 75 kg aus vier Tiegeln, 1834 ein Guß von 200 kg aus acht Tiegeln. Die Verfeinerung der Technik des Drehens, Polierens und Härtens (hier erwarb sich K. selbst umfassende Kenntnisse) ermöglichte die Herstellung von glasharten, hochpräzisen und praktisch unzerstörbaren Walzen, die vor allem in Münzen, Gold- und Silberschmieden benötigt wurden.
Die Aufhebung der Zollschranken 1834 nutzte K., um durch ausgedehnte Reisen den süddeutschen Kundenkreis zu erweitern. Der so erhöhte Auftragsbestand verschärfte jedoch ein altes Problem: die Abhängigkeit des Schmiedehammerbetriebes von der ungleichmäßig verfügbaren und auch häufig zu schwachen Wasserkraft. Um dem abzuhelfen, wurde 1834/35 eine Dampfmaschine erworben. K. versuchte vergeblich, die Mittel dafür als Darlehen von der preuß. Regierung zu erhalten. Den Ankauf ermöglichte sein Vetter Carl Friedrich v. Müller, der sich zugleich mit einem Drittel an der Gußstahlfabrik beteiligte. Mit dem Einsatz der Dampfmaschine konnten sämtliche Arbeitsgänge, das Schmelzen und Gießen, das Ausschmieden und die abschließende Bearbeitung an einem Ort vereinigt werden. Das Unternehmen expandierte daraufhin deutlich: Die Zahl der Beschäftigten stieg von 30 (1824) auf 67 (1835), der Umsatz in denselben Jahren von 6 244 auf 11 049 Taler. In der Leitung wurde K. durch seinen 1831 eingetretenen jüngeren Bruder Hermann, im maschinentechnischen Bereich seit 1834 von einem Ingenieur unterstützt. In der Fabrik führte Arbeitsteilung zur Heranbildung von Spezialisten für die einzelnen Arbeitsvorgänge. Hauptproblem war, die Beschäftigung für die erweiterten Betriebseinrichtungen auch langfristig zu sichern. Dies erreichte K. zum einen durch Fortentwicklung und Ausweitung im Produktionsbereich: Die seit 1835 hergestellten Spezialwalzen für das Auswalzen hochfeiner, in der Brokat- und Tressenindustrie benötigter Gold- und Silberfäden erreichten einen bis dahin ungekannten Grad von Präzision, verbunden mit großer Haltbarkeit. Zum anderen wurde mit der planmäßigen Erschließung von Auslandsmärkten begonnen; die Reisen unternahmen K. und sein Bruder sowie ein 1836 eingestellter „Reisender“. Der Auslandsumsatz stieg von 6 303 Talern 1836 auf 18 439 Taler 1837. 1838/39 bereiste K. 15 Monate lang Frankreich und England; er gewann neue Abnehmer in Frankreich und erweiterte in England seine Kenntnisse über Stahlherstellung und Arbeitsorganisation.
1839 wurde in der Gußstahlfabrik ein deutlicher Auftragsrückgang spürbar. Die Ursachen lagen in der von Frankreich ausgehenden Wirtschaftskrise sowie in der fortschreitenden Mechanisierung des Edelmetallgewerbes: Zahlreiche kleine Handwerksbetriebe, bisher Hauptabnehmer der K.schen Walzen und Walzmaschinen, gingen allmählich dazu über, ihre Halbfabrikate vorgefertigt von großen Edelmetallwerken zu beziehen. Schließlich führte die nahezu unbegrenzte Haltbarkeit der Walzen langfristig dazu, daß die Zahl der Aufträge zurückging, weil kaum Ersatzkäufe notwendig wurden. K. versuchte, diese Schwierigkeiten dadurch zu beheben, daß er 1840 mit der Herstellung von kompletten Walzwerken, Justierwerken und Vorstreckanlagen begann. Die 1841 in Paris eingerichtete erste Krupp-Auslandsvertretung dehnte das Absatzgebiet für Walzen nach Südfrankreich aus. Bis 1843 entwickelten die drei Krupp-Brüder – seit 1839 war der technisch sehr begabte Friedrich mit in der Fabrik tätig – gemeinsam die Besteckwalze, mit der Löffel und Gabeln gleichzeitig gewalzt und geprägt werden konnten. Die Anregung dazu hatten sie von einem Münchener Graveur erhalten. Aber für Besteckwalzwerke gab es, ebenso wie für die übrigen Walzwerke, Justier- und Vorstreckanlagen, nur einen relativ kleinen Kundenkreis. Die Aufträge waren nicht zahlreich, dann aber von großem Volumen. Dadurch konnten sie schwer einkalkuliert werden. Es fehlten als tragfähige Grundlage Produkte, für die eine stetige Nachfrage bestand.
Deshalb bemühte sich K. in den 1840er Jahren um die Gründung von Besteckfabriken, um selbst die kontinuierliche Besteckfabrikation aufzunehmen. Weder in Deutschland, noch später in England und Rußland, gelang ihm das. Dagegen gründete er 1843 in Österreich (Berndorf) mit Alexander Schoeller als Kapitalgeber eine Metallwarenfabrik für die Herstellung von Eßbestecken. Diese Fabrik wurde seit 1844 von Hermann Krupp geleitet. Ihre Ausstattung mit Besteckmaschinen und Prägewalzen brachte der Essener Gußstahlfabrik lohnende Aufträge.
Gleichzeitig bemühten sich K. und vor allem Friedrich Krupp darum, neue Anwendungsbereiche für den Gußstahl zu finden. Es mußten stark beanspruchte Stücke sein, damit die Verwendung von qualitativ hochwertigem und strapazierfähigem, aber auch teurem Gußstahl sich lohnte. Produkte dieser Art waren: Klavierdraht, Werkzeug, Maschinenteile, Brustpanzer, hohlgeschmiedete Gewehrläufe und ein Probegeschützrohr. Es blieb jedoch bei Versuchen und Einzellieferungen. Die zu diesen Aktivitäten notwendige finanzielle Bewegungsfreiheit gewann K. 1844 durch die Kapitaleinlagen des neuen Teilhabers Fritz Sölling; der bisherige Teilhaber v. Müller war 1844 ausgeschieden. Insgesamt folgte nun ein kurzer geschäftlicher Aufschwung. Der Umsatz stieg von 48 160 Talern 1844 auf 79 601 Taler 1846.
Die 1846/47 einsetzende allgemeine Wirtschaftskrise führte zu einem drastischen Auftragsrückgang. Dieser Rückgang sowie Belastungen durch die Anfangsverluste der Berndorfer Fabrik und durch betriebliche Schwierigkeiten infolge der häufigen Abwesenheit K.s führten zu Verlusten des Essener Unternehmens, zu deren Deckung keine Rücklagen zur Verfügung standen. Im Frühjahr 1848 übertrug Therese Krupp ihrem Sohn das Unternehmen, um eine einheitliche Leitung zu gewährleisten. Die Situation verschärfte sich jedoch und führte im April 1848 zur Zahlungsunfähigkeit. Um eine, wenn auch reduzierte Arbeiterschaft halten und ihr die Löhne zahlen zu können, griff K. auf seinen Privatbesitz zurück. Durch einen großen Besteckmaschinenauftrag aus Rußland konnte dieser Tiefpunkt überwunden werden. Der allmählich einsetzende Konjunkturaufschwung brachte weitere Aufträge. 1849 wurde die damals noch selbst um ihren Fortbestand ringende Berndorfer Metallwarenfabrik von dem Essener Unternehmen gelöst. Zugleich verschaffte sich K. durch die Aufnahme von Verbindungen zum Bankhaus Oppenheim und später zum Schaaffhausenschen Bankverein finanziellen Bewegungsspielraum.
Eine Phase der Expansion setzte ein, die etwa bis zum Ausbruch der Wirtschaftskrise 1857 währte und durch die Entwicklung neuer Produkte für den Verkehrsbereich sowie neue Verfahren bei der Erzeugung von Tiegelgußstahl geprägt war. Mit dem weiteren Ausbau der Eisenbahnen wuchs der Bedarf an Achsen und Federn. Darüber hinaus erschloß die stetig fortentwickelte Fähigkeit, größere Güsse herzustellen, neue Anwendungsbereiche, z. B. große Kurbelwellen für Dampfschiffe sowie besonders strapazierte Großteile für den Maschinenbau. Hinzu kamen seit 1853 die nahtlos geschmiedeten, später gewalzten Eisenbahnradreifen (Bandagen). K. hatte sie in jahrelangen Versuchen aus den kleinen, ebenfalls nahtlos gefertigten Walzenringen entwickelt und hielt sie für seine bedeutendste Erfindung. In Anlehnung daran wurden 1875 die drei aufeinandergelegten Ringe zum Firmenzeichen bestimmt. K. ging auch zur Fertigung von Rädern und Radsätzen über. Für den erhöhten Bedarf erwies sich das bisher praktizierte Verfahren, Tiegelgußstahl aus selbst hergestelltem Zementstahl zu erschmelzen, als zu kostspielig. Deshalb begann K. 1853, Puddelstahl als Tiegeleinsatz zu verwenden. Er bezog ihn zunächst von verschiedenen kleinen Hütten, seit 1855 aus dem neu errichteten eigenen Puddelstahlwerk. Das Verfahren, nicht nur Eisen, sondern auch Stahl im Puddelofen herzustellen, war in den 1840er Jahren in Deutschland entwickelt worden. Die Belegschaft stieg von 109 (1849) auf 365 (1854); der Umsatz betrug 1849 68 300 Taler, 1854 303 308 Taler.
Die Wirtschaftskrise von 1857 traf K. nicht so schwer wie seine Konkurrenz, da er die Beschäftigung durch Staatsbahnaufträge, Vorratsproduktion und eigene Bauvorhaben aufrechterhalten und die dazu notwendigen Finanzmittel durch die Aufnahme stiller Teilhaber sichern konnte. 1859 gelang ihm mit dem Auftrag der preußischen Militärbehörden über 300 vorgearbeitete Rohrblöcke für Geschützrohre der Durchbruch in einen neuen Anwendungsbereich für Qualitätsgußstahl. Diesem ersten Großauftrag waren langwierige Versuche und eine Reihe von kleineren, im Verhältnis zum Aufwand|jedoch letztlich erfolglosen Aufträgen vorausgegangen. Erst die Entscheidung der preußischen Militärbehörden für die Einführung des Hinterladesystems und für Geschütze aus Gußstahl anstelle von Gußeisen oder Bronze brachte die Wende. Dazu kam das persönliche Mitwirken des damaligen Prinzregenten Wilhelm am Zustandekommen dieses Auftrags. K. begann bald mit der Herstellung vollständiger Geschütze und baute neue Werkstätten, um die gewünschte Zahl liefern zu können.
Die sprunghafte Expansion des Unternehmens in den 1860er Jahren ist daneben auch der Aufnahme der Stahlproduktion nach dem Bessemerverfahren zuzuschreiben. Mit diesem Verfahren konnte man in derselben Zeit die siebzigfache Stahlmenge herstellen. K. hatte bereits 1855 Kontakte zu Bessemer aufgenommen und erwarb als erster das Patent für Deutschland. 1862 nahm das Krupp-Bessemerwerk als erstes dauerbetriebenes auf dem europ.Festland die Produktion auf: Das war der Schritt zur Massenproduktion. Es zeigte sich allerdings, daß der Bessemerstahl die Qualität des Tiegelgußstahls nicht erreichte. Er eignete sich jedoch für andersartig beanspruchte Erzeugnisse wie Schienen und Stahlbleche, die in den folgenden Jahren einen umfangreichen Teil der Gesamtproduktion darstellten. Parallel dazu gelangen beim Tiegelgußstahl immer größere Güsse (z. B. 1865 ein Guß von 35 000 kg aus 1184 Tiegeln), die mit Hilfe des 1861 erbauten, als technisches Wunderwerk bestaunten, von K. selbst entworfenen 50-t-Dampfhammers „Fritz“ geschmiedet werden konnten. Um 1865 wurde zudem die Herstellung von Eisenbahnrädern im Stahlformguß aufgenommen. Die Belegschaft war von 2 108 (1861) auf 8 248 (1865), der Bruttoumsatz in den gleichen Jahren von umgerechnet 4,1 Mill. auf 15,7 Mill. Mark angewachsen. In diesen Jahren der Belegschaftserweiterung baute K. die ersten – damals noch verhältnismäßig kleinen – Arbeiterfamiliensiedlungen. Für unverheiratete Arbeiter hatte er seit 1856 Wohnheime errichtet, die Kost und Unterkunft boten. Die bereits 1836 eingerichtete freiwillige Hilfskasse für Krankheits- und Todesfälle war 1853 in eine Kranken- und Sterbekasse mit Beitrittspflicht umgewandelt worden, zu deren Kostendeckung das Unternehmen seit 1855 einen jährlichen Zuschuß in Höhe von 50 % der Mitgliederbeiträge zur Verfügung stellte. 1855 hatte K. eine Pensionskasse und 1858 eine werkseigene Bäckerei errichtet, aus der später die Konsumanstalt hervorging.
Die Jahre bis 1873 brachten eine weitere starke Expansion, die durch die Wirtschaftskrise von 1867/68 nur geringfügig unterbrochen, dagegen stark gefördert wurde durch den allgemeinen Aufschwung der Gründerjahre nach dem deutsch-franz. Krieg: Die Belegschaft des Gesamtkonzerns stieg allein von 1871 bis 1873 von 10 400 auf 16 000, der Bruttoumsatz von etwa 29 Mill. auf 40,8 Mill. Mark. Neue Lösungen gab es in dieser Zeit vor allem in den Bereichen der Rohstoffsicherung und der Stahlerzeugung. 1865 erwarb K. vom preuß. Fiskus die Saynerhütte mit der Mülhofener Hütte, in den folgenden Jahren weitere Hütten sowie Hunderte von Erzgruben an der Lahn und im Westerwald. Er pachtete oder kaufte Kohlenzechen und gewann mit der Beteiligung an einer spanischen Erzgrube den Zugang zu phosphorarmen und damit für das Bessemerverfahren geeigneten Erzen. Für deren Transport gründete er eine eigene Reederei in Rotterdam. Damit war der Schritt zum vertikalen Konzern getan. Im metallurgischen Bereich wurde bereits 1869 bei Krupp das Siemens-Martin-Verfahren eingeführt, bei dem mit Einsätzen von Schrott und Roheisen Stahl hergestellt werden konnte, der dem Bessemerstahl qualitativ überlegen war. Er eignete sich für Eisenbahnräder, Achsen, schwere Kurbelwellen u. ä. und ersetzte damit den teuren Tiegelgußstahl in einigen Anwendungsbereichen.
Relativ schwächstes Glied dieser gesamten Expansion, die neben den genannten Investitionen im Rohstoff- und Produktionsbereich auch den Bau von Arbeiterkolonien umfaßte, war die Finanzierung: K. hatte in hohem Maße Bankkredite aufgenommen, ohne dabei für ausreichende Sicherheiten zu sorgen. So kam es in der Wirtschaftskrise 1874 fast zum finanziellen Zusammenbruch des Unternehmens. K. mußte der Verpfändung der Gußstahlfabrik an ein Bankenkonsortium unter Führung der preußischen Seehandlung zustimmen. Der Berliner Krupp-Vertreter Carl Meyer wurde als Vertrauensmann der Banken in die „Procura“ eingesetzt. Meyer gelang es in den folgenden Jahren, die Finanzen des Unternehmens neu zu ordnen und dabei vor allem Kostensenkungen zu erreichen. Wichtiges Instrument hierfür wurde das 1874 als interne Prüfungsinstanz eingerichtete Rechnungsrevisionsbüro. K., dem das Ausmaß der Gefahr wohl erst nachträglich ganz bewußt wurde, zog sich seitdem noch stärker vom Unternehmen zurück. Dieser Trennungsprozeß war schon in den 1860er Jahren eingeleitet worden, räumlich durch den Umzug der Familie aus dem Fabrikgelände auf den südlich von Essen liegenden „Hügel“, organisatorisch durch das Einsetzen der „Kollektiv-Procura“ als einer von der Person des Inhabers losgelösten Werksleitung. 1872 erließ K. das von ihm selbst entworfene „Generalregulativ“, das umfassende Richtlinien für die Unternehmensführung und -verwaltung enthielt und gewährleisten sollte, daß das Unternehmen auch ohne ihn in seinem Sinn fortgeführt würde.
Die weitere Entwicklung des Unternehmens bis 1887 verlief ruhiger. Es erholte sich nur langsam von den Folgen der schweren Wirtschaftskrise. Erst 1886 wurde die Belegschaftsstärke von 1874 wieder erreicht. Im Geschützbereich arbeiteten Artilleriefachleute an der Weiterentwicklung von Feld-, Belagerungs- und Schiffsgeschützen. Die Einrichtung firmeneigener Schießplätze ermöglichte ihre von Militärbehörden unabhängige Erprobung. Die Bereiche Maschinenteile, Schiffs- und Eisenbahnmaterial wurden ausgebaut, 1886 das Asthöwersche Stahlwerk in Annen bei Witten angegliedert. Damit war auch der Schritt zum horizontal gegliederten Konzern getan. Im Todesjahr K.s (1887) umfaßte die Belegschaft des Gesamtkonzerns 20 200 Mitarbeiter, davon etwa 13 000 in der Gußstahlfabrik, der Bruttoumsatz betrug im Geschäftsjahr 1887/88 47,5 Mill. Mark. K.s Führungsverhalten hatte mit zunehmendem Alter an Klarheit verloren. So wies er auf der einen Seite unter Berufung auf das Generalregulativ die „Procura“ an, selbständig zu handeln, auf der anderen Seite aber schrieb er ungezählte Notizen an seine leitenden Mitarbeiter, um ihnen seine Gedanken und Anweisungen zur weiteren Entwicklung des Unternehmens, oft auch nur zu Detailfragen, mitzuteilen. Zwar sind die wichtigsten Entscheidungen dieser Jahre nicht ohne seine Zustimmung getroffen worden, zu anderen dringend anstehenden Entscheidungen konnte er sich jedoch nicht mehr durchringen. Das gilt z. B. für die Einführung des Thomasverfahrens, nachdem das von Kruppschen Metallurgen entwickelte Verfahren zur Stahlgewinnung aus phosphorhaltigen Erzen sich als nicht wirtschaftlich erwies. Das gilt auch für die aus wirtschaftlichen Gründen dringend notwendig gewordene standortmäßige Verbindung von Verhüttung und Stahlerzeugung. K. hat persönlich die Gewinnung fähiger Staatsbeamter wie Wilhelm Gußmann (1839–1906), Ludwig Klüpfel (1843–1910) und Hanns Jencke für das Unternehmen angeregt. Auf der anderen Seite aber hat er sich in zunehmendem Maße bei seinen Aktivitäten innerhalb des Werkes und nach außen des Verhandlungs- und Vermittlungsgeschicks seines Sohnes Friedrich Alfred bedient. In seinem Testament wirkte er mit der Festlegung des ungeteilten Übergangs des Unternehmens an jeweils einen Erben über drei Generationen (Fideikommiß) und mit der Verpflichtung, die Erträgnisse nicht zur persönlichen Bereicherung, sondern „zur Erweiterung des Werkes und zum Wohle des Ganzen“ zu nutzen, bestimmend auf die Zukunft des Unternehmens ein.
Insgesamt gesehen hat K. ein in hohem Maße wettbewerbsfähiges Unternehmen geschaffen. Dieser Erfolg wurde zum einen durch die für die industrielle Entwicklung günstigen allgemeinen Bedingungen im 19. Jh. ermöglicht. Eine weitere Erfolgsbedingung war die unternehmerische Leistung, die die Marktsituation zu nutzen verstand und die Einflußfaktoren der Wettbewerbsfähigkeit in den Bereichen Produktion, Beschaffung von Produktionsfaktoren und Absatz erfolgreich zu gestalten vermochte. Im Produktionsbereich hat K. entscheidendes Gewicht auf Verfahrens- und Produktinnovation gelegt. Insbesondere bei der Stahlerzeugung hat er überwiegend die jeweils neueste Entwicklung aufgegriffen. Er fand differenzierte Anwendungsmöglichkeiten für die unterschiedlichen Stahlqualitäten. Es gelang ihm, immer neue Erzeugnisse in sein Fertigungsprogramm aufzunehmen und dabei häufig bis zu den in der Regel ertragreicheren Endprodukten vorzustoßen. Damit verfügte er letztlich über eine Produktpalette, die – abgesehen von konjunkturbedingten Schwankungen – eine relativ gleichmäßige Beschäftigung erlaubte. Die Wirtschaftlichkeit des Produktionsprozesses wurde erreicht durch die Verwendung moderner Technologien und durch den systematischen Ausbau der Arbeitsorganisation.
K. hat die Beziehung zwischen wirtschaftlicher Großfertigung und einem – auch aufgrund der intensiven Konkurrenz notwendigen – weiträumigen Absatzgebiet frühzeitig erkannt. Unter den Kunden gewannen dabei seit Ende der 1840er Jahre die Eisenbahngesellschaften im In- und Ausland besondere Bedeutung. Mit den ersten größeren militärischen Lieferungen an Preußen begann eine Entwicklung, die einen Teil der Produktion des Unternehmens für viele Jahrzehnte prägen sollte. Zu diesen militärischen Aufträgen Preußens und später des Deutschen Reichs|kamen – mit Wissen der deutschen Behörden – Lieferungen auch an ausländische Staaten. – Die Erfolge im Absatzbereich sind auf verschiedene Faktoren zurückzuführen: Eine bereits früh garantierte hohe Produktqualität, werbewirksame Repräsentation auf den Industrieausstellungen im In- und Ausland sowie bewußt gepflegte Beziehungen insbesondere zum preußisch-deutschen Herrscherhaus.
Bei der Sicherung und optimalen Gestaltung der Produktionsfaktoren Rohstoffe und Energie, Arbeitskraft und Kapital ist K. nicht immer gleichermaßen erfolgreich gewesen. Gelungen sind ihm seine Bemühungen im Rohstoff- und Energiebereich, vor allem durch die Übernahme von Kohle- und Erzgruben. Gelungen ist ihm auch die Sicherung der Arbeitskräfte. K. hat sich von Anfang an um die Schaffung und Erhaltung einer festen und hochqualifizierten Stammarbeiterschaft bemüht, ohne die er die angestrebte hohe Produktqualität nicht garantieren konnte. Er hat – mit Erfolg – versucht, die Arbeiter in den Betrieb zu integrieren, um so eine „Gemeinschaft der Kruppianer“ mit beiderseitiger Verpflichtung zu schaffen. Die Maßnahmen im sozialen und im Arbeitsbereich sind – hauptsächlich ihrer Motive wegen – oft kritisiert worden; K. bezweckte mit ihnen in erster Linie die Sicherung des Unternehmenserfolgs. Wichtiger als die Motive sind für die Beurteilung der sozialen Maßnahmen aber deren Wirkungen. K. hat seine Arbeiter durch das Verbot gewerkschaftlicher und sozialdemokratischer Betätigung sowie – in den Krupp-Siedlungen – der Lektüre sozialdemokratischer Zeitungen auch außerbetrieblich reglementiert und dadurch ihren politischen und privaten Bewegungsspielraum eingeengt. Auf der anderen Seite hat er den Arbeitern ein nur durch den Unternehmenserfolg ermöglichtes überdurchschnittliches Maß an materieller Sicherheit gegeben und dadurch auch ihre Integration in die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung erleichtert. Die Zahl der Streiks blieb daher bei Krupp auch verhältnismäßig niedrig. Die hauptsächlichen Maßnahmen zur materiellen Sicherung der Belegschaft waren: Die Zahlung überdurchschnittlicher Löhne; die Beschäftigung der Stammarbeiterschaft auch in Krisenzeiten und selbst dann, wenn dies sehr große – zuweilen auch private – finanzielle Anstrengungen erforderte; ein umfassendes, für die betriebliche und z. T. auch die staatliche Sozialpolitik beispielgebendes System betrieblicher Sozialeinrichtungen.
Die Beschaffung von Kapital war wohl das schwächste Glied innerhalb der unternehmerischen Leistung K.s. Die Finanzierungsprobleme bei Krupp waren z. T. deshalb so groß, weil sich im 19. Jh. erst allmählich ein Kapitalmarkt entwickelte, der den Bedürfnissen einer stark expandierenden Wirtschaft auch in Krisenzeiten gewachsen war. Hinzu kam aber bei K. in besonderem Maße ein Hang zu sehr risikoreichen Finanzierungen ohne Rücksicht darauf, ob Teilhaber und Banken diese Politik in Krisenzeiten stützen würden. Zur Finanzierung der umfangreichen Investitionen in Produktionsanlagen und in soziale Einrichtungen sowie für den Erwerb anderer Unternehmungen standen in der Regel nur verhältnismäßig geringe Eigenmittel zur Verfügung. Die restliche Finanzierung sicherte K. teils durch die Aufnahme stiller Teilhaber, teils durch kurzfristige Bankkredite. In Krisenzeiten erwiesen sich diese Quellen häufig als nicht erweiterungsfähig. Da auch größere Rücklagen fehlten, kam es mehrfach zu Engpässen, die den Bestand des Unternehmens ernsthaft gefährdeten.
Seinen Erfolg verdankt K. seiner Risikobereitschaft und Zähigkeit, dem Blick für erfolgversprechende technische Entwicklungen und Märkte sowie für qualifizierte Mitarbeiter. Er hat sich nahezu ausschließlich seinem Unternehmen gewidmet und niemals Funktionen im öffentlichen oder Verbandsbereich übernommen. Er lehnte die ihm von den nationalen Parteien angetragene Kandidatur für den Reichstag mit den Argumenten ab, daß er kein Politiker sei, sondern durch „Wort, Tat und Beispiel der Wohlfahrt des Landes“ dienen wolle.|
26. Wilhelm I.
W. erhielt 1801–09 mit seinen Geschwistern eine sorgfältige Erziehung im Geist der philanthropischen Spätaufklärung durch den ev. Theologen und Pädagogen Friedrich Delbrück (1768–1830), der die Erziehungsfortschritte seiner Zöglinge für deren Mutter dokumentierte. Anschließend wurde der nicht zum Thronfolger bestimmte W. von dem späteren General Oldwig v. Natzmer (1782–1861) zum Offizier ausgebildet. Prägende Erlebnisse waren die Niederlage Preußens gegen Frankreich, die anschließende Flucht der Königsfamilie nach Königsberg und Memel 1806/07 sowie der Tod der Mutter 1810. 1813/14 nahm W. an den Befreiungskriegen teil und erhielt seine „Feuertaufe“ Ende Febr. 1814 in der Schlacht bei Bar-sur-Aube. Einen Monat später zog er mit der alliierten Armee in Paris ein; im Sommer 1814 hielt sich W. mit seinem Vater und Zar Alexander I. in Großbritannien auf. Der zweite Feldzug gegen Napoléon führte ihn als Offizier im Som-|mer 1815 noch einmal nach Paris; von Juli 1817 bis Jan. 1818 besuchte er Rußland. Nach dem Krieg setzte er seine Offizierslaufbahn fort und erlangte 1818 den Rang eines Generalmajors und Inspekteurs des VII. und VIII. Preuß. Armeekorps; 1825 wurde W., dessen militärische Fähigkeiten anerkannt waren, als Generalleutnant zum Kommandierenden General des III. Armeekorps befördert. Seine militärische Karriere schloß er 1854 mit der Ernennung zum Generalobersten der Infanterie im Rang eines Feldmarschalls ab. Seit 1857 stand er an der Spitze der preuß. Armee.
Nachdem W. 1820–26 vergeblich darum gekämpft hatte, die als nicht standesgemäß geltende Prn. Elisa Radziwill (1803–1834) heiraten zu dürfen, führte er seit 1829 eine Vernunftehe mit Prn. Augusta von Sachsen-Weimar. Als Wohnsitz diente der Familie neben dem für sie 1835–37 erbauten Kronprinzenpalais Unter den Linden in Berlin v. a. das nach den Wünschen Augustas 1834/35 errichtete Schloß Babelsberg bei Potsdam. Seit den frühen 1840er Jahren lebte das Ehepaar zwar weiterhin in einem Haushalt, hielt jedoch persönliche Distanz; das eheliche Verhältnis wurde immer wieder durch politische Differenzen und Konflikte in familiär-dynastischen Angelegenheiten getrübt.
W. verstand sich in erster Linie als Offizier und entwickelte lange Zeit nur geringe politische Interessen. Im Jahr des preuß. Thronwechsels 1840 wurde er von seinem kinderlosen Bruder, Kg. Friedrich Wilhelm IV., mit dem Titel eines „Prinzen von Preußen“ zum Thronfolger ernannt. In den folgenden Jahren kritisierte W. die ihm zu liberal erscheinende Verfassungspolitik seines Bruders, v. a. die als Beginn einer Verfassungsreform gedachte Berufung des „Vereinigten Landtags“ (1847), was W. den Ruf eines Reaktionärs einbrachte.
Von der Märzrevolution 1848 überrascht, mußte er sich wenige Tage nach Ausbruch der Unruhen ins Exil nach London begeben, wo sich seine politischen Auffassungen rasch wandelten. Unter dem Einfluß des gemäßigt liberal gesinnten preuß. Gesandten Christian Carl Josias v. Bunsen (1791–1860) gab W.seine Bedenken gegen die konstitutionelle Monarchie auf und freundete sich mit der – vorher von ihm ebenfalls abgelehnten–Idee eines politisch geeinten Deutschlands an. Nach seiner Rückkehr nach Preußen erklärte er Anfang Juni 1848 öffentlich, er schließe sich als gehorsamer Diener seines Bruders den neuen politischen Verhältnissen „mit vollem Herzen“ an.
Die gegenrevolutionären Maßnahmen der Regierung im Nov./Dez. 1848, die Vertagung und Verlegung der preuß. Nationalversammlung, die Verhängung des Belagerungszustands über Berlin und der Erlaß einer vergleichsweise freiheitlichen Verfassungsurkunde durch den König am 5.12.1848 wurden von W.begrüßt und mitgetragen. Ebenso befürwortete er die Entscheidung seines Bruders, die diesem im April 1849 angetragene dt. Kaiserkrone abzulehnen. Inzwischen zum Kommandeur einer Operationsarmee in Südwestdeutschland ernannt, wirkte W. wesentlich daran mit, den letzten revolutionären Aufstand in Baden und in der Pfalz (Mai-Juli 1849) militärisch niederzuschlagen, was ihm einerseits hohe Auszeichnungen seitens dt. und ausländischer Regenten, andererseits den Schimpfnamen eines „Kartätschenprinzen“ einbrachte.
W., der lange nicht damit rechnete, seinem Bruder als König nachfolgen zu müssen, gedachte, seine militärische Laufbahn als Militärgouverneur der strategisch wichtigen preuß. Westprovinzen 1850–57 mit Sitz in Koblenz abzuschließen. Von der Rheinprovinz aus nahm er intensiven Anteil an der Berliner Politik und hielt engen Kontakt zu den führenden Akteuren der liberal-konservativen „Wochenblattpartei“. Mit seinem Bruder kam es 1853/54 zu heftigen Auseinandersetzungen, u. a. wegen des vom frommen König mißbilligten Eintritts des nachmaligen Thronfolgers Friedrich Wilhelm in eine Freimaurerloge und wegen der von W. abgelehnten Entlassung des „westlich“ orientierten preuß. Kriegsministers Eduard v. Bonin (1793–1865) während des Krimkriegs 1854 durch den König, der in dieser Zeit streng auf Neutralität zwischen den Kriegsparteien bedacht war.
Friedrich Wilhelm IV. beauftragte W. 1857 krankheitsbedingt mit der Stellvertretung in der Leitung der Staatsgeschäfte. Die im Januar, April und Juni 1858 verlängerte Stellvertretung endete am 7.10.1858 mit der offiziellen Übernahme der Regentschaft infolge dauernder Regierungsunfähigkeit des Königs.
Am 26.10.1858 legte W. den Eid auf die preuß. Verfassung ab und berief umgehend eine neue, gemäßigt liberale Regierung unter Ministerpräsident Karl-Anton von Hohenzollern-Sigmaringen (1811–85) und dessen Stellvertreter Rudolf v. Auerswald (1795–1866). Doch die mit der anbrechenden „Neuen Ära“ der preuß. Politik verbundenen Hoffnungen des liberal und national gesinnten Bürgertums erfüllten sich nicht. Zum einen griffen die von W. befehligten dt.Bundestruppen nicht in den von Frankreich und|Piemont-Sardinien im Sommer 1859 gegen Österreich geführten Krieg ein, weil sich die Wiener Regierung den von W. eingeforderten Konzessionen versagte, die auf eine Gleichberechtigung beider dt. Großmächte im Dt. Bund abzielten; zum anderen leitete W.als Prinzregent seit 1859 eine grundlegende Heeresreform in Preußen ein, die ihn bald in einen eskalierenden Konflikt mit der liberalen Mehrheit des Berliner Abgeordnetenhauses führte.
Mit dem Ende Dez. 1859 zum Kriegsminister ernannten General Albrecht v. Roon (1803–79) plante W. eine personelle Aufstockung der Armee entsprechend der gestiegenen Bevölkerungszahl des Landes und eine Eingliederung der bis dahin separat geführten, vom Bürgertum dominierten Landwehr in die reguläre Heeresorganisation. Die in Preußen höchst umstrittene dreijährige militärische Dienstzeit sollte nach W.s Vorstellungen gegen alle Widerstände beibehalten werden.
Hierüber kam es zu einem Konflikt zwischen Regierung und Volksvertretung, der sich nach dem Tod Friedrich Wilhelms IV. und W.s Thronbesteigung am 2.1.1861 weiter verschärfte. W.s Selbstkrönung am 18.10.1861 in Königsberg – seit der ersten Königskrönung 1701 die zweite (und letzte) in der preuß.Geschichte – wurde als „Demonstration des Gottesgnadentums im preußischen Verfassungsstaat“ (W. Bußmann) interpretiert. Da sich W. einem von der Landtagsmehrheit mehrfach angebotenen Kompromiß verweigerte, spitzte sich die innere Lage im Frühjahr und Sommer 1862 nach Auflösung und Neuwahl des Landtags und dem Rücktritt mehrerer Minister zu. Ob W. im Sept. 1862 ernsthaft seine Abdankung plante oder zeitweilig mit diesem Gedanken spielte, ist umstritten; jedenfalls lehnte Kronprinz Friedrich einen solchen Schritt – und damit auch eine eigene Thronbesteigung – strikt ab. Auf Empfehlung v. Roons ernannte W. am 23.9.1862 den preuß. Gesandten in Paris, Otto v. Bismarck (1815–98), zum Ministerpräsidenten. Diesem gelang es in den folgenden Jahren, den harten Kurs des Königs bis zu einer einvernehmlichen Beilegung des Konflikts nach dem Krieg 1866 durchzuhalten.
Dazwischen lagen jedoch die ersten dt. Einigungskriege 1864 mit dem Habsburgerreich gegen Dänemark um Schleswig-Holstein und 1866 mit den norddt. Verbündeten gegen Österreich und dessen dt. Kriegspartner. Allerdings setzte Bismarck in diesen Jahren wesentliche Entscheidungen gegen W.s zumeist anfänglichen Widerstand durch: Im Sommer 1863 verzichtete W. nach heftiger Auseinandersetzung mit Bismarck auf die Teilnahme am von Ks. Franz Joseph (1830–1916) einberufenen Frankfurter Fürstentag, 1864 verhinderte Bismarck die anfangs von W. gewünschte Regierungsübernahme in Schleswig-Holstein durch das Fürstenhaus Augustenburg, und 1866 erreichte Bismarck – wiederum nach einem Konflikt mit W. und der preuß. militärischen Führung–, daß die besiegte Habsburgermonarchie aus politischen Gründen von Gebietsabtretungen verschont blieb.
Nach dem siegreichen Krieg gegen Frankreich 1870 wurde W. am 18.1.1871 in Versailles zum ersten „Deutschen Kaiser“ proklamiert. Er akzeptierte diesen Titel und die mit der Reichsgründung verbundene Aufgabe der Selbständigkeit des Kgr. Preußen nur widerwillig, fügte sich jedoch dem Willen seiner dt.Mitregenten und v. a. Bismarcks. Während seiner Regentschaft als Kaiser harmonierte W. keineswegs immer mit dem als preuß. Ministerpräsidenten und nun auch als Reichskanzler dominierenden Bismarck. Nur mit starker Reserve trug er dessen Kulturkampf gegen die kath. Kirche mit und verhinderte u. a.die Aufhebung der Orden für die Krankenpflege. Der strenggläubige W. verstand sich im wörtlichen Sinne als Monarch „von Gottes Gnaden“ und nahm besonders seine Aufgaben als Oberhaupt (Summus episcopus) der ev. Kirche in Preußen ernst. Immer wieder griff er in die Zusammensetzung des Ev.Oberkirchenrats in Berlin ein und widersetzte sich, soweit es ihm möglich war, den Säkularisierungstendenzen der Epoche.
Am 11. 5. und am 2.6.1878 wurden auf W. zwei Attentate verübt, bei dessen zweitem er schwer verletzt wurde und die Regierungsgeschäfte für mehrere Monate seinem Sohn übertragen mußte. Die überraschend hohe Anteilnahme der Bevölkerung zeigte die große Popularität, die W. als Kaiser inzwischen genoß.
Nach dem Berliner Kongreß im Juli 1878 verschlechterten sich die dt.-russ. Beziehungen drastisch, da der Zar Bismarck zu Unrecht unterstellte, während der von ihm geleiteten Kongreßverhandlungen den brit. Gegner begünstigt zu haben. Bismarck entschloß sich aus diesem Grund zu einem festen Bündnis mit Österreich-Ungarn, dem im Okt. 1879 abgeschlossenen Zweibund. W. sperrte sich aus alter Anhänglichkeit an Rußland und die den Hohenzollern eng verwandte Zarenfamilie während seines letzten Konflikts mit Bismarck monatelang gegen den Abschluß dieses Bündnisvertrags, mußte jedoch dem Wil-|len des wieder einmal mit Rücktritt drohenden Kanzlers nachgeben.
In seinen letzten Lebensjahren überließ W. die aktive Politik weitgehend Bismarck. 1887 traf er noch einmal eine politisch-militärische Grundsatzentscheidung, indem er sich in einem von den führenden Militärs, darunter Helmuth v. Moltke (1800–91) und Alfred Gf. v. Waldersee (1832–1904), einberufenen Kriegsrat gegen deren Forderung nach einem baldigen Präventivkrieg gegen Rußland wandte – hierin später ausdrücklich auch von Bismarck unterstützt. W.s letzte Lebensmonate waren überschattet von der Sorge um den in San Remo (Italien) weilenden schwer erkrankten Kronprinzen, der nur drei Monate nach seinem Vater starb. Als W. Anfang März 1888 erkrankte, wurde deshalb der älteste Sohn des Kronprinzen, Prinz Wilhelm (1859–1941), mit der Stellvertretung des Kaisers beauftragt.
Die W. von seinem Enkel und nachmaligem Ks. Wilhelm II. später verliehene Bezeichnung „Wilhelm der Große“ setzte sich nicht durch; W. blieb den Zeitgenossen und Nachgeborenen eher als „königlicher General mit konservativem Weltbild“ (H. Seier) in Erinnerung. Hierzu trug auch eine extensive (National-) Denkmalskultur bei, die um die Wende zum 20. Jh. zur Errichtung zahlreicher W.-Denkmale – meist als Reiterstandbild – in dt. Städten führte. Prägend für das W.-Bild in der Öffentlichkeit wurde auch dessen Darstellung auf Anton v. Werners (1843–1915) Ölgemälde „Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches“, von dessen drei Fassungen (1877, 1882, 1885) W. die zweite selbst in Auftrag gab.
27. Wilhelm II.
W. kam mit einer schweren körperlichen Behinderung zur Welt. Bedingt durch eine Unachtsamkeit der Geburtshelfer war sein linker Arm geschädigt und blieb dauerhaft verkürzt, gelähmt und mißgeformt. Während einer weithin unglücklich verlebten Kindheit wurde W. v. a. von seiner Mutter mit offener Geringschätzung behandelt und von seinem Hauslehrer, dem calvinistischen Pädagogen Georg Hinzpeter (1827–1907), streng, spartanisch und lieblos erzogen. Nachdem er 1877 das altsprachliche Abitur am Friedrichsgymnasium in Kassel abgelegt hatte, studierte er 1877–79 u. a. Rechts- und Staatswissenschaften an der Univ. Bonn (Mitgl. d. Corps Borussia 1878), absolvierte in Potsdam seinen Militärdienst und sammelte in Berlin in verschiedenen preuß. Ministerien und im Auswärtigen Amt Erfahrungen auf fast allen Gebieten der Staatsverwaltung und Außenpolitik.
Nach dem Tod seines Vaters Ks. Friedrichs III. folgte ihm W. 1888 als Dt. Kaiser und König von Preußen. Der Beginn seiner Regierungstätigkeit war durch ein entschieden sozialpolitisches Engagement geprägt, das von karitativen und wohlfahrtspflegerischen Aktivitäten seiner Ehefrau begleitet wurde. Im Arbeitskampf an der Ruhr ergriff er 1889 offen Partei für die streikenden Bergleute und legte 1890 umfangreiche Pläne für einen sozialpolitischen Neubeginn vor, in dessen Mittelpunkt eine großzügige Regelung des Arbeiterschutzes stehen sollte. All das brachte ihn in Konflikte mit Reichskanzler Otto v. Bismarck (1815–98), den er 1890 entließ. Zu einer Aussöhnung W.s mit der Sozialdemokratie als parteipolitischer Vertretung der dt. Arbeiterschaft kam es trotz zahlreicher Schritte zur Ausgestaltung der reichsweiten Sozialgesetzgebung in der Folgezeit dennoch nicht. W.s Interesse an einer Rolle als sozialer Kaiser erlahmte rasch. W. entfernte sich zunehmend von der Pflege eines, für einen konstitutionellen Monarchen angemessenen, überparteilichen Verhältnisses zur politischen Vertretung der dt. Arbeiterschaft, wovon viele rhetorische Entgleisungen gegen die Sozialdemokraten zeugen, die er u. a. als „eine Rotte von Menschen“ bezeichnete, die es nicht wert sei, „den Namen Deutscher zu tragen“.
Die von W. mitverantwortete Außenpolitik des Dt. Reichs führte nach Bismarcks Entlassung zu manchen Irritationen. Die Nichterneuerung des dt.-russ.Rückversicherungsvertrags 1890 wurde v. a. auf Veranlassung des neuen Reichskanzlers Leo v. Caprivi (1831–99) und des Auswärtigen Amts vollzogen. Die „Krüger-Depesche“, jenes 1896 während des 1. Burenkriegs an den Burenführer Oom Krüger gerichtete Glückwunschtelegramm, das die dt.-engl.Beziehungen erheblich belastete, folgte einem gemeinschaftlich eingebrachten Vorschlag des Reichskanzlers Chlodwig v. Hohenlohe-Schillingsfürst (1819–1901), des Staatssekretärs des Auswärtigen Amts Adolf Marschall v. Bieberstein (1842–1912) und des Leiters der Kolonialabteilung Paul Kayser (1845–1898). Mit seinem demonstrativ inszenierten Besuch in Tanger (Marokko) 1905 folgte W. Anregungen aus Kreisen des Auswärtigen Amts, des diplomatischen Dienstes und des Reichskanzlers Bernhard v. Bülow (1849–1929). W. ließ sich nur widerstrebend auf die für ihn auch physisch nicht ungefährliche Aktion ein. Zur aufsehenerregenden Entsendung des Kanonenboots SMS Panther nach Agadir (Marokko) zwecks Herausstellung weltmachtpolitischer Ansprüche überredete ihn v. a. der Staatssekretär des Auswärtigen Amts Alfred v. Kiderlen-Waechter (1852–1912).
Auch die schwerste Krise in seiner Herrschaft, die „Daily Telegraph-Affäre“ 1908, ging auf die fahrlässige Handhabung der Staatsgeschäfte seitens der von W. ernannten|Regierung zurück. In einem Interview mit der Londoner Tageszeitung „Daily Telegraph“ unterstellte W. den Deutschen eine mehrheitlich anti-brit. Gesinnung und betonte dagegen seine eigene englandfreundliche Haltung; ein von ihm während des Burenkriegs nach England versandter Feldzugsplan habe zum Sieg der brit. Truppen beigetragen. Solche törichten Äußerungen wurden in England als Anmaßung empfunden, in Deutschland entfachten sie einen Entrüstungssturm in Presse und Parlament. W. hatte jedoch strikt verfassungskonform und konstitutionell korrekt gehandelt, indem er den Interviewtext vor der Veröffentlichung zur Prüfung an v. Bülow übergeben hatte, der ihn ungelesen freigab.
Das Schlagwort vom „persönlichen Regiment“, das zur Kennzeichnung von W.s Regierungsstil immer wieder herangezogen worden ist und ihm unterstellt, er habe seine ihm konstitutionell zugewiesenen Grenzen durch selbstherrliche Einmischungen in die laufenden Staatsgeschäfte überschritten und die verfassungsmäßig verantwortlichen Entscheidungsgremien – also Reichsregierung und Reichstag – auszuschalten versucht, erweist sich bei näherem Hinsehen als Fiktion. Denn hinter der Fassade des selbstherrlichen und kraftstrotzenden Imperators, wie sie sich durch effektvolle Inszenierungen und theatralisch zur Schau gestelltes Machtbewußtsein in Reden, Paraden, Reisen und Manövern darbot, verbarg sich eine unsichere und durchsetzungsschwache Existenz.
Allerdings verwiesen gerade die vielen „Kaiserreden“ mit ihrer demonstrativen Hervorhebung absolutistischer Neigungen und ihrer weitstrahlenden Resonanz im öffentlichen Raum auf das machtsymbolisch-repräsentative Gewicht, das dem Kaiseramt in seiner Handhabung durch W. zuwuchs. Den Bedarf nach performativer Darstellung der Monarchie bediente er dabei in äußerst medienwirksamer Form. Hier agierte er in vollem Bewusstsein als „Reichsmonarch“, mithin als eine Instanz, welche die Nation nicht nur symbolisierte, sondern sie zugleich auch sehr vernehmlich repräsentierte. So konnte das Kaisertum bis zum Kriegsausbruch 1914 mit einigem Recht für sich beanspruchen, als agile, moderne und in hohen Maße populäre Institution auf der Höhe der Zeit wahrgenommen zu werden.
Dazu trug auch W.s Aufgeschlossenheit gegenüber allen Fragen der Technik bei, seine Begeisterung für die Errungenschaften des industriellen Systems und sein facettenreiches Engagement zugunsten einer fortschrittlichen Wissenschafts-, Bildungs- und um konfessionellen Ausgleich bemühten Kirchenpolitik. Schon 1889 hatte er in einem seiner ersten Erlasse den Anhängern eines streng humanistischen Bildungsideals zugunsten der Vertreter einer stärkeren Berücksichtigung angewandter Bildungsinhalte eine deutliche Absage erteilt und sich anlässlich zweier großer Schulkonferenzen 1890 und 1900 für eine praxisnahere Lehrplangestaltung in den dt. Gymnasien ausgesprochen. In eine vergleichbare Richtung zielten seine Bemühungen um die Hebung des Ansehens der Technischen Hochschulen gegenüber dem traditionellen Bildungsmonopol der Universitäten (Neugründung TU Danzig 1904, TUBreslau 1910). 1899 verlieh er allen preuß. Technischen Hochschulen das Promotionsrecht (Dr. Ing.), bewirkte damit deren Gleichstellung mit den Universitäten und verschaffte den Absolventen der Natur- und Technikwissenschaften ein höheres gesellschaftliches Ansehen.
Auch die Gründung der „Kaiser-Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften“ 1911 (seit 1948: Max-Planck-Ges.) verdankte W.s persönlichem Einsatz wesentliche Impulse. Sie fördert bis heute durch privatwirtschaftliche und staatliche Finanzierung den Unterhalt zahlreicher eigenständiger Forschungsinstitute und diente damit in W.s Sicht nicht zuletzt den Interessen dt. Weltgeltung. Berücksichtigt man zudem W.s Interesse für ethnologische und archäologische Feldforschung (Korfu) sowie an den Kulturen des Alten Orients (Vors. d. Dt. Orient-Ges.) und seine persönlich gepflegten Kontakte zu führenden Gelehrten aus unterschiedlichen Fachdisziplinen – etwa zu dem Historiker Karl Lamprecht (1856–1915), dem ev. Theologen Adolf v. Harnack (1851–1930) und dem Archäologen Wilhelm Dörpfeld (1853–1940)–, so zeigt sich ein wissenschaftspolitisches Engagement, dessen Spannweite von keinem anderen zeitgenössischen Monarchen erreicht wurde.
Weder beförderte W. den Beginn des 1. Weltkriegs noch verhinderte er ihn. Hatte er durch Staatsbesuche, Familienfeiern und Korrespondenzen seine Verwandtschaftsbeziehungen zum brit. und russ. Herrscherhaus intensiv gepflegt und war vor der Entfesselung eines großen europ. Kriegs bis zuletzt zurückgeschreckt, so unterwarf er sich im Juli 1914 schließlich dem Druck seiner militärischen Ratgeber, allen voran des Chefs des Großen Generalstabs Helmuth v. Moltke (1848–1916).
Während des Kriegs 1914–18 verblaßten W.s|Bild und Ansehen vor dem Hintergrund der durchsetzungsstärkeren militärischen Führungsfiguren Erich Ludendorffs (1865–1937) und Paul v. Hindenburgs (1847–1934). Als Oberstem Befehlshaber von Heer und Marine gelang es W. nicht, strategische und diplomatische Aktionen miteinander zu koordinieren und Interessenkonflikte zwischen militärischer und ziviler Führung zu harmonisieren.
Vielmehr trat er hinter den Entscheidungen der Generale zurück, verzichtete auf die Ausübung seiner Prärogativen und wurde von weiten Teilen der Bevölkerung zunehmend als „Schattenkaiser“ empfunden. Nach dem Beginn der Revolution in Berlin legte ihm Hindenburg die Flucht in die Niederlande nahe, womit der Idee der Monarchie, zumindest in Preußen, der Boden entzogen wurde.
Am 28.11.1918 dankte W. offiziell ab, am 1. Dez. verzichtete Kronprinz Wilhelm auf die Nachfolge.
W. verbrachte 21 Exiljahre – auf Schloß Amerongen, seit 1920 in Haus Doorn bei Utrecht – in weitgehender Einförmigkeit, aufgelockert durch Besuche früherer Vertrauter und Wissenschaftler (Doorner Arbeitskreis, u. a. Leo Frobenius, 1873–1938, Friedrich Sarre, 1865–1945, Walter Friedrich Otto, 1874–1958) und die Arbeit an rund einem Dutzend eigenständiger Publikationen zu kunst- und kulturgeschichtlichen Themen zwischen 1922 und 1939. Seinen Herrschaftsanspruch gab er niemals auf und hielt – getragen von illusionären Restaurationshoffnungen – dafür zeitweise auch eine partielle Kooperation mit Repräsentanten des „Dritten Reichs“ für geboten.
Seine in den 1920er Jahren tendenziell aufkeimende Judenfeindlichkeit wich spätestens nach den Novemberpogromen 1938, die er als Verbrechen empfand, wachsender Wut und Empörung über die Schandtaten des NS-Regimes. Von 1940 bis zu seinem Tod waren Angehörige der SS im Doorner Park stationiert, um jeden näheren Kontakt zwischen ihm sowie dt. Soldaten und Offizieren ebenso zu unterbinden wie eventuelle Sympathiebekundungen zugunsten der alten Dynastie.
In der Rückschau erscheint der letzte dt. Kaiser und preuß. König als repräsentativer Exponent dt. Befindlichkeiten im Zeitalter des Hochimperialismus. Die historische Einschätzung W.s schwankt zwischen Apologetik (N. Sombart), Verdammung (J. Röhl) und ausgewogeneren Sichtweisen (M. Balfour, Ch. Clark). Daß es W. in seiner 30jährigen Regierungszeit nicht gelang, das preuß. Königtum und dt. Kaisertum zu neuen, zukunftweisenden Formen zeitgenössischer Akzeptanz zu führen, gehört zum Schicksal einer zeitlebens überforderten, letztlich viel zu kleinen Gestalt in einem viel zu großen Raum.
28. Frank Wedekind
W. wuchs in Hannover auf. Nach dem Umzug der Familie auf das Schloß Lenzburg (Kt. Aargau) 1872 besuchte er seit 1875 die dortige Bezirksschule und 1879–84 die Kantonsschule in Aarau. Während dieser Zeit entstand ein beträchtlicher Teil seiner an Goethes und Heines Lyrik orientierten Gedichte. In seine Kindertragödie „Frühlings Erwachen“ (1891) flocht er viele Reminiszenzen an seine Schulzeit ein. 1884 begann W. in München ein Jurastudium, das er 1886 abbrach, um als Werbetexter für den Lebensmittelfabrikanten Julius Maggi (1846–1912) in Kempttal bei Zürich und als freier Journalist für die NZZ zu arbeiten. In Zürich schloß er sich dem literarischen Zirkel „Das junge Deutschland“ um Karl Henckell (1864–1929), John Henry Mackay (1864–1933), Carl (1858–1921) und Gerhart Hauptmann (1862–1946) an und nahm 1888 sein Studium wieder auf. Dieses brach er nach dem Tod seines Vaters erneut ab, zog 1889 nach Berlin und hoffte, Anschluß an die Berliner Literaturszene und den Kreis um Gerhart Hauptmann zu finden. Noch im selben Jahr mangels eines dt. Passes aus Berlin ausgewiesen, ließ sich W. als freier Schriftsteller in München nieder, wo er 1891 der „Gesellschaft für modernes Leben“ beitrat, deren führende Köpfe, Michael Georg Conrad (1846–1927), Otto Julius Bierbaum (1865–1910) und Oskar Panizza (1853–1921), die naturalistische Zeitschrift „Die Gesellschaft“ herausgaben.
Nach vergeblichen Versuchen, für seine frühen Dramen (Der Schnellmaler, 1889; Kinder u. Narren, 1891; Frühlings Erwachen, 1891) einen Verleger oder eine Bühne zu gewinnen, ging W. Ende 1891 nach Paris. Seinen bis Ende 1894 dauernden Aufenthalt, der von einer mehrwöchigen Zwischenstation in London 1894 unterbrochen war, dokumentierte er in seinen Pariser Tagebüchern (Die Tagebücher, Ein erot. Leben, hg. v. G. Hay, 1986, Internetversion in d. Präsenz der F.-W.-Ges.). In Paris entstanden „Die Büchse der Pandora, Eine Monstretragödie“ (geteilt in die Doppeltragödie „Lulu“: „Der Erdgeist“, 1895, u. „Die Büchse der Pandora“, 1903) und die erste Fassung des Fragment gebliebenen Romans „Mine-Haha“ (1903).
1898 wagte Carl Heine (1861–1927) in Leipzig die Uraufführung des „Erdgeists“, die erste Inszenierung überhaupt eines seiner antinaturalistischen Werke. Dieser Anfangserfolg wurde zunichte, als W. nach der Veröffentlichung des Gedichts „Im heiligen Land“ in der Zeitschrift „Simplicissimus“ wegen Majestätsbeleidung angeklagt wurde. Um sich der Verhaftung zu entziehen, floh er nach Zürich und Paris, entwarf während des Exils das Schauspiel „Der Marquis von Keith“, stellte|sich 1899 der dt. Polizei und wurde zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt, die er auf der Feste Königstein bei Leipzig verbrachte.
Nach seiner Freilassung war W. Mitarbeiter der Zeitschrift „Die Insel“ und schloß sich 1901 dem neugegründeten Münchener Kabarett „Die Elf Scharfrichter“ an. Dort trug er u. a. die Balladen „Der Tantenmörder“, „Brigitte B.“ und „Der Zoologe von Berlin“ zur Laute vor. Ein erster großer Theatererfolg war die Inszenierung von „Erdgeist“ am Berliner „Kleinen Theater“ 1902 durch Richard Vallentin (1874–1908). Zu weiteren bedeutenden Publikumserfolgen verhalf 1905 die Münchner Uraufführung von „Hidalla“ („Karl Hetmann, der Zwergriese“, 1904 / 11) durch Georg Stollberg (1853–1926) mit W. in der Hauptrolle.
Seit 1904 war W. eng mit Maximilian Harden (1861–1927) und Walter Rathenau (1867–1922) befreundet. Ein Gerichtsverfahren gegen W. und seinen Verleger Bruno Cassirer (1872–1941) in Berlin wegen Verbreitung der als unzüchtig geltenden Schrift „Die Büchse der Pandora“ endete 1906 mit Freispruch. Karl Kraus (1874–1936) führte „Die Büchse der Pandora“ 1905 in Wien in geschlossener Gesellschaft auf, nachdem die Uraufführung bereits 1904 im Nürnberger „Intimen Theater“ von Direktor Emil Meßthaler (1869–1927) gewagt worden war.
Seit Sept. 1905 wohnte W. in Berlin, wo sich der Kontakt zu Max Reinhardt (1873–1943) intensivierte. Mit ihm schloß W. 1905 / 06 einen Schauspieler- und Autorenvertrag. Reinhardts Uraufführung von „Frühlings Erwachen“ verschaffte W. den endgültigen Durchbruch zu einem der meistgespielten Dramatiker der Vorkriegszeit. 1908 zog die Familie nach München, wo W. „Musik, Sittengemälde in vier Bildern“ (1908) schrieb, ein Stück gegen den Abtreibungsparagraphen 218 und zugleich eine Satire auf den Richard Wagner-Kult. Zudem verfaßte er mehrere Einakter, das Ehe- und Familiendrama „Schloß Wetterstein“ (1910 / 12, Aufführung verboten), das Emanzipations-Drama „Franziska, Ein modernes Mysterium“ (1912), das Beziehungsdrama „Simson oder Scham und Eifersucht“ (1914) und das Kriegsdrama „Herakles“ (1917). Nach Kriegsausbruch entstand W.s historisches Schauspiel „Bismarck“ (1915, Aufführung verboten), das erste dt. Dokumentarstück. Elemente epischen Stils zeichneten seine Dramen seit „Frühlings Erwachen“ aus: durch Prolog, Monolog, Gedicht- und Liedeinlagen, Tänze, Spiel im Spiel und Zitatmontage (v. a. in „Bismarck“). Wegen der gesellschaftskritischen und tagespolitischen Sujets über Geschlechterrollen, Erziehung, Ehe, Familie, Macht und Zensur war der politisch liberal eingestellte, pazifistische W. seinerzeit der von der Zensur am meisten verfolgte Theaterautor.
W. war Avantgardist einer neuen Theaterkultur, die stark auf das entstehende expressionistische und politische Theater des frühen 20. Jh. einwirkte (Georg Kaiser, Carl Sternheim, Walter Hasenclever, Franz Werfel, Bertolt Brecht). Auch der Stummfilm nahm sich W.s Dramen an (L. Jessner, Erdgeist, 1923; W.Pabst, Die Büchse d. Pandora, 1929). Nach der durch den Nationalsozialismus unterbrochenen Rezeption seiner Werke wurden W.s Dramen wieder gespielt und seine Werke in Auswahl neu aufgelegt. Eine (auch literaturwissenschaftliche) W.-Renaissance setzte, unterstützt durch Filmadaptionen (R. Thiele, Lulu, 1962), seit 1960 ein. Aufführungen von Alban Bergs Oper „Lulu“ (1937) erreichten verspätet hohe Aufmerksamkeit (1979 P. Boulez u. P. Chereau) und erhöhten die Beachtung von W.s Werk. Inszenierungen von „Frühlings Erwachen“ (Bundesrep.: P. Zadek u. W. Minks, 1965; DDR: B. K. Tragelehn u. E. Schleef, 1974) und v. a. Zadeks Inszenierung der „Büchse der Pandora“ nach der Urfassung 1988 wirkten als Auslöser für ein starkes multi- und intermediales Interesse an W.s Stücken auf der Bühne, in der Musik (Lulu-Album: L. Reed u. Metallica, 2011), im Film (U. Janson, Lulu, 2006) und im Comic (N. Mahler, Lulu u. d. schwarze Quadrat, 2014). Der Geschlechterdiskurs bestimmte von Anfang an die Auseinandersetzung um W.s Werk. Erst spät wurde dessen politische Dimension, u. a. in W.s kritischen Liedern gegen das wilhelminische Kaiserreich („Simplicissimus“-Gedichte), erkannt. Die Verstrickung von Kunst, Politik und Kommerz, dargestellt u. a. in „Der Kammersänger“, „Marquis von Keith“ und „Oaha“, war eines von W.s Generalthemen.
29. Ernst Ludwig Kirchner
K. besucht seit 1890 das Realgymnasium in Chemnitz und macht die ersten Holzschnittversuche unter Anleitung seines Vaters. Er erhält privaten Unterricht im Aquarellmalen. Auf einer Schulreise nach Nürnberg sieht er 1898 im Germanischen Nationalmuseum die Druckstödke der frühen Holzschnitte und Wiegendrucke und wird von der Kunst Albrecht Dürers angeregt, selbst Maler zu werden. Später schreibt er, daß dieses Erlebnis bestimmend für sein Ziel war, die deutsche Kunst zu erneuern.
Nach dem Abitur 1901 beginnt K. das Studium der Architektur an der TH Dresden. Zusammen mit seinem Studienfreund Fritz Bleyl setzt er seine malerischen Versuche fort. Im April 1903 legt er das Vordiplom ab und geht für 2 Semester nach München an die Kunstschule von W. von Debschitz und H. Obrist. 1904 kehrt er nach Dresden zurück, trifft Bleyl wieder und begegnet Erich Heckel. 1905 schließt K. sein Studium mit der Diplomprüfung ab und wendet sich ausschließlich der Malerei zu. Durch Heckel wird der Architekturstudent Karl Schmidt aus Rottluff in den Freundeskreis eingeführt. Man schließt sich zur „Künstlergruppe Brücke“ zusammen, deren Programm K. verfaßt. 1906 treten Max Pechstein und Emil Nolde hinzu. Gustav Schiefler aus Hamburg, der spätere Freund und Verfasser des ersten Graphik-Oeuvrekataloges, besucht die „Brücke“. Die Freunde arbeiten gemeinsam in Heckels und K.s Ateliers in der Berliner Straße. Die ersten Ausstellungen der Gruppe werden in der Lampenfabrik Seifert (1906, 1907), im Kunstsalon Richter (1907, 1908, 1910) und in der Galerie Arnold (1910) in Dresden gezeigt. In den Sommermonaten trennt man sich, um in der freien Natur zu arbeiten. 1906 malt K. mit Pechstein in Goppeln bei Dresden, 1908 zum ersten Male auf Fehmarn, 1909 zusammen mit Heckel an den Moritzburger Seen bei Dresden, wo er auch den Sommer 1910 verbringt. 1911 wird abermals an den Moritzburger Seen gemalt, dann folgt eine Reise mit Otto Mueller, „Brücke“-Mitglied seit 1911, nach Böhmen. 1912-14 arbeitet K. wieder auf Fehmarn.
Der Kontakt zum Kunstzentrum Berlin wird über die „Secession“ gesucht. Die Zurückweisung führt 1910 zur Gründung der „Neuen Sezession“, die vor allem durch die „Brücke“ für kurze Zeit in Berlin die neue expressionistische Kunst repräsentiert. Im Oktober 1911 übersiedelt K. nach Berlin, wo er ein Atelier in der Durlacher Straße bezieht und zusammen mit Pechstein das „MUIM Institut“ (Moderner Unterricht in Malerei) gründet, dem kein Erfolg beschieden ist. Damals begegnet er seiner Lebensgefährtin Erna Schilling. 1912 werden zum letzten Male umfangreiche Ausstellungen der „Brücke“ in Berlin und Hamburg gezeigt; sie beteiligt sich an der 2. Ausstellung des „Blauen Reiter“ in München und wird zur Sonderbund-Ausstellung in Köln eingeladen, wo K. und Heckel eine Kapelle ausmalen. 1913 verfaßt K. die Chronik der „Brücke“, in der die Gemeinsamkeiten betont werden sollen. Doch statt den Zerfall der Gemeinschaft aufzuhalten, wird die subjektive Darstellung zum Anlaß der Auflösung.
Während einer Ausstellung in Jena gewinnt K. die Freundschaft des Archäologen Botho Graf und des Philosophen Eberhard Grisebach; jene mit letzterem wird für sein späteres Leben entscheidend. Den Kriegsausbruch erlebt K. auf Fehmarn. Er meldet sich|freiwillig zur Artillerie, zeigt sich jedoch den Anforderungen des harten Dienstes nicht gewachsen und erleidet schon während der Ausbildung in Halle einen körperlichen und nervlichen Zusammenbruch. 1915 vom Dienst befreit, sucht er Heilung im Sanatorium Kohnstamm in Königstein im Taunus. Hier bleibt er bis zum Juli 1916 und knüpft Kontakte zu dem Sammler Dr. Hagemann und dem Kunsthändler Ludwig Schames in Frankfurt, der 1916 die erste von zahlreichen K.-Ausstellungen veranstaltet. Im Dezember 1916 muß K. wegen einer Nervenkrise das Sanatorium Dr. Edel in Berlin aufsuchen. Da hier weder Heilung noch Eindämmung des Tablettenmißbrauchs zu erzielen sind, übersiedelt er im Mai 1917 auf Drängen seines Freundes Grisebach nach Davos, um sich dort in Behandlung von dessen Schwiegervater Dr. Lucius Spengler zu begeben, der K. bis 1923 über die ärztliche Betreuung hinaus verständnisvoll zur Seite steht. Wegen starker Lähmungserscheinungen sucht K. im September 1917 auf Anraten Henry van de Veldes das Sanatorium Dr. Binswanger in Kreuzungen auf, aus dem er nur halb geheilt im Juli 1918 endgültig nach Davos zurückkehrt. Er richtet sich das Bauernhaus „In den Lärchen“ auf der Längmatte bei Frauenkirch ein.
Im selben Jahr zeigt das Kunsthaus Zürich eine K.-Ausstellung, und in Deutschland vertritt die Galerie Schames weiter sein Werk. 1922 beginnt die Zusammenarbeit mit Lise Gujer, die Teppiche nach seinen Entwürfen webt. Er gewinnt die Freundschaft Frederic Bauers, der ihm bis zum Ende als Sammler und Arzt beisteht. 1923 wechselt K. ein letztes Mal die Wohnung und bezieht ein Haus auf dem Wildboden. Seine Stellung in der Schweiz wird gefestigt durch umfangreiche Ausstellungen in Basel 1923 und Winterthur 1924, die einen starken Einfluß auf junge Schweizer Künstler ausüben, von denen in den folgenden Jahren einige zu seinen Schülern werden. Um die Jahreswende 1925/26 bereist K. erstmals wieder Deutschland, wo seine Arbeiten auf zahlreichen Ausstellungen zu sehen sind. 1927 erhält er den Auftrag, den großen Festraum des Museums Folkwang in Essen auszumalen, doch bleibt es bei einem jahrelangen vergeblichen Kampf um die Realisierung. 1931 wird K. Mitglied der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Die Kunsthalle Bern richtet 1933 eine große Retrospektive ein. Er begegnet Paul Klee; Oskar Schlemmer und Fritz Winter besuchen ihn. Dennoch wächst durch die politische Entwicklung in Deutschland die menschliche und künstlerische Isolierung. In dieser Situation bedeutet 1937 die Aktion „Entartete Kunst“, durch die 639 seiner Arbeiten beschlagnahmt werden, für K. nicht nur die Zerstörung seines Werkes, sondern zugleich die seines Lebens. Durch lange Krankheit geschwächt, hat er nicht mehr die Kraft, der Angst vor Verfolgung und der Verzweiflung zu widerstehen und wählt den Tod.
Malerei und Graphik stehen von Anfang an im Werk K.s gleichrangig nebeneinander. 990 Holzschnitte seit 1904, 673 Radierungen seit 1906 und 478 Lithographien seit 1907 verhelfen durch die technisch notwendige Vereinfachung zu einem klaren Stil und bilden damit die Formensprache der 1165 Gemälde vor. Die Zahl der Skizzen, Zeichnungen und Aquarelle geht hoch in die Tausende, Plastiken, vornehmlich in Holz, und Bildteppiche runden das Werk ab. K. ist ein vorzüglicher Interpret seiner Kunst und begleitet mit erläuternden Texten, häufig unter dem Pseudonym Louis de Marsalle, sein bildnerisches Schaffen.
Das Werk K.s läßt sich in fünf Phasen gliedern, deren Folge wenigstens zu Beginn durch Ortswechsel mitbestimmt wird. Die frühen Arbeiten der Münchner und Dresdner Zeit zeigen Anregungen des Jugendstils, von van Gogh, Seurat, Toulouse-Lautrec, Matisse und Munch. Von den alten Meistern werden vornehmlich Cranach, Dürer und Rembrandt studiert. Die Motive sind der erlebten Umwelt entnommen: Stadtansichten, Landschaften, das eigene Bildnis und das der Freunde, später Zirkus und Varieté, vor allem aber der nackte menschliche Körper. Der Dresdner Stil beginnt mit einer hellen leuchtenden Farbigkeit und kurzen, mit der Form gehenden Strichen („Parksee“, 1906, G. 13 [= Zählung nach Gordon, siehe Literatur ], London, Sammlung Teltsch). Der Farbauftrag wird bald züngelnder und breiter („Herrenbildnis“, 1907, G. 33, San Antonio, Kogler McNay Art Institute) und steigert sich pastos und wild, ganz aus kräftiger Farbe geschaffen („Frauenbildnis in weißem Kleid“, 1908, G. 39, Mönchengladbach, Sammlung Otten). Bereits 1909 beruhigt sich der Vortrag, wobei der breite Duktus oft die Form bildet und den Malgrund durchscheinen läßt („Straßenbahn in Dresden“, G. 99, Stuttgart, Sammlung Fischer). Der Stil von 1910 bringt größere Farbflächen und straffe Konturen, er ist spröder, eckiger und härter („Marcella“, G. 113, Stockholm, Moderna Museet). K. findet die „Hieroglyphe“, das heißt Naturformen werden im Sinne von Abkürzungen in jeweils wechselnde Linien- und Flächenformen gebracht.|Die Berliner Jahre 1911-16 bilden den zweiten Abschnitt in K.s Werk, sie sind zugleich die produktivsten seines Lebens. In der Steigerung der Form findet er neue Bildmittel und gestaltet das Erlebnis der modernen Großstadt, während er in den Sommermonaten die natürliche Einheit von Mensch und Landschaft erlebt. Von afrikanischen Skulpturen beeindruckt, beginnt er mit dem Schnitzen eigener Plastiken, was seinem Stil auch in den übrigen Arbeiten Plastizität gibt. Bilder von 1912 wie die „Ins Meer Schreitenden“ (G. 262, Stuttgart, Staatsgallerie) gleichen grandiosen Skizzen. Die Komposition verzahnt sich zu einem Netz, die Proportionen strecken sich und eine rasche Zeichenschrift überträgt die Bewegung ins Bild. Die Beschränkung auf Grün, Ocker und zartes Violett ist typisch für K.s farbliche Sparsamkeit und Vorliebe für ungewöhnliche Klänge. Das Strahlenornament, schräg zur Form gesetzte Pinselstriche, taucht auf und wird zum Merkmal der frühen Berliner Jahre. Die Betonung der Diagonalen und Senkrechten wird 1913 verstärkt, Staffelung und Reihung lassen Vorder- und Hintergrund in ein spannungsreiches Verhältnis treten („Drei Badende“, G. 356, New York, Sammlung Zimmermann). In den berühmten Straßenbildern, wie den „Fünf Frauen auf der Straße“ (G. 362, Köln, Wallraf-Richartz-Museum) und „Die Straße“ (G. 364, New York, Museum of Modern Art), wird die Form noch strenger, und die Zeichen stoßen in scharfen Dreiecken aufeinander. Aus Schwarz, Gelb und Grün oder aus Mischungen von Blau und Rot zu Schwarz und Weiß entstehen Zwischentöne und Klänge, die nur K. eigen sind. 1914/15 verstärken raumhaltige Elemente den bedrängenden Eindruck, so der „Potsdamer Platz“ (1914, G. 370, Krefeld, Privatsammlung), der einer aufgeklappten Bühne mit gespenstisch bewegten Marionetten gleicht, und das Selbstbildnis als „Der Trinker“ (1915, G. 428, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum), das die selbstzerstörerische Krise des Künstlers zeigt. Die Graphik dieser Jahre zeitigt Höhepunkte in der europäischen Kunst, so die Farbholzschnittfolge „Peter Schlemihl“ (1915, D. H. 262-68), in der K. seine Erlebnisse in der Militärzeit gestaltet.
Die Übersiedlung in die Schweiz bringt die große Zäsur in K.s Werk und zugleich den Beginn der dritten Periode (1917–27). Da die körperlichen Kräfte zum Malen noch fehlen, antwortet er der neuen Umwelt zunächst in Zeichnungen und Holzschnitten, wie in den großen Porträtschnitten „Kopf van de Velde“ (1917, D. H. 311, 312 [Zählung nach Dube, 1967, siehe Literatur]) und „Kopf Ludwig Schames“ (1918, D. H. 330) oder den Folgen „Triumph der Liebe“ (D. H. 342-50) und „Absalom“ (D. H. 358-66), beide 1918. Der splittrige Schnitt zeigt die gleiche Handschriftlichkeit wie die ersten Gemälde der Schweizer Bergwelt, etwa „Ziegenhirt am Morgen“ (1918, G. 525, Campione d'Italia, Sammlung Ketterer) in warmen Klängen Gelb, Rot, Grün oder „Wintermondlandschaft“ (1919, G. 558, Detroit, Institute of Art) in gestuftem Blau mit Orange, Rot und Violett. Mit der Gesundung des Künstlers geht die Festigung seines Stils einher („Frau mit Knaben“, 1920, G. 633, Zürich, Privatsammlung; „Der blaue Baum“, 1920/22, G. 651, Düsseldorf, Sammlung von der Goltz). Die 1922 begonnene Weberei fördert den flächigen Stil der folgenden Jahre, der vornehmlich in monumentalen Bauernbildern („Alpsonntag“, 1923/25, G. 734, Bern, Kunstmus.; „Handorgler“, 1924, G. 762, Frankfurt, Städelsches Kunstinst.) seinen Ausdruck findet.
Seit 1925 wandelt sich die Form zu der bis zur Arabeske vereinfachten Linien- und Flächengestalt der vierten Periode von 1927-35. Seit Beginn des Jahres 1927 beschäftigt sich K. intensiv mit der künstlerischen Ausgestaltung des Festsaales im Museum Folkwang in Essen, dessen Thema „Die Farben sind die Freude des Lebens“ er selbst wählt. Als Vorarbeiten für Decken- und Wandgemälde entstehen großformatige Skizzen und Gemälde (1930, G. 948, Campione d'Italia, Sammlung Ketterer) und nehmen Einfluß auf das übrige Schaffen. Er betont seine bereits früher geübte, aus der Phantasie geborene Arbeit und seine künstlerische Verwandtschaft zu Kandinsky, Klee und Picasso, deren Anregungen er in seinen Bildern verarbeitet. Er gewinnt die freie Linie ohne Bindung an konkrete Körperlichkeit, welche allein der Phantasie und dem Spiel rhythmischer Vorstellungen gehorcht („Tanzender Frauenakt“, 1929/30, G. 939, K.-Nachlaß; „Liebespaar“, 1930, G. 947, Campione d'Italia, Sammlung Ketterer). Natur-, Licht- und Schattenformen verbinden sich mit Mitteln der Linie und Fläche zu einer neuen umfassenden Gesamtform. Es entstehen großartige Farbflächendrucke mit 4 bis 9 Platten, die K. zersägt und in immer neuen Farbvariationen abzieht („Kopf Dr. Bauer“, 1933, D. H. 633; „Drei Akte im Walde“, 1933, D. H. 637).
In den Stadtansichten von 1935, wie „Bern mit Zeitglockenturm“ (G. 977, Minneapolis (Minnesota), Institute of Arts) und „Bern mit Münster“ (G. 979, Riehen bei Basel, Sammlung Boßhart), ist der Höhepunkt der abstrahierenden Strenge bereits überschritten; sie leiten|die letzte gleichsam klassische Phase in K.s Werk ein (1936-38). Tiefer Erlebnisgehalt verbindet sich mit geklärter Form. Eine neue Hingabe an die Natur belebt die zumeist aus Phantasie und Vorstellung geschaffenen Arbeiten. In Gemälden wie dem „Sertigweg“ (1937, G. 1015, New York, Sammlung Adler) und „Hirten am Abend“ (1937, G. 1008, Campione d'Italia, Sammlung Ketterer) verbinden sich Kraft der Farbe und monumentale Form zu echter und inniger Intensität des Ausdrucks.
30. Rudolf Diesel
D.s Vater betätigte sich seit den 50er Jahren mit geringem wirtschaftlichen Erfolg in Paris als Fabrikant von feinen Lederwaren. Der Sohn mußte früh im väterlichen Geschäft helfen. Dabei erhielt er tiefe Einblicke in die sozialen Mißstände der Weltstadt, aber er begeisterte sich auch an ihren glänzenden technischen und wissenschaftlichen Leistungen (Weltausstellung 1867). In dem berühmten Technischen Museum zeichnete er schon als Elfjähriger Maschinen ab. Nach der Schlacht von Sedan mußte die deutsche Familie nach London flüchten und lebte dort in Not. Ende 1870 reiste der 12jährige D.allein zu Verwandten nach Augsburg, um dort die Gewerbe-, später die Industrieschule zu besuchen. Nach zwei Jahren teilte er seinen Eltern mit, er wisse, daß er niemals etwas anderes werden könne als Ingenieur. Von Stipendien und Stundengeben lebend, studierte er 1875-79 Maschinenbau an der THMünchen, wo er das beste Examen seit Gründung der Anstalt ablegte. D. war schon als ganz junger Mensch fest entschlossen, etwas Außergewöhnliches zu leisten. Sein erfinderisches Ziel wurde ihm 1878 deutlich, als er in der Vorlesung Carl Lindes über Thermodynamik von dem überaus schlechten Wirkungsgrad der Dampfmaschine hörte, die in bester und größter Ausführung nur 10-12% der in der Kohle enthaltenen Wärme in nutzbare Arbeit verwandelte, während die kleineren Dampfmaschinen einen noch drei- bis viermal schlechteren Wirkungsgrad aufwiesen. Dadurch kam dem kleinen Handwerker und Unternehmer motorische Kraft viel teurer zu stehen als dem großen Kapital, welcher Umstand bei der Entwicklung der unglückseligen sozialen Zustände des 19. Jahrhunderts eine Rolle spielte. In der gleichen Vorlesung wies Linde darauf hin, daß Sadi Carnot 1824 die Theorie eines idealen thermodynamischen Kreisprozesses aufgestellt habe, der eine denkbar vollkommene Ausnutzung des Brennstoffes ermöglichte. Es sei aber noch nicht gelungen, die Konstruktion einer diesem Kreisprozeß folgenden Wärmekraftmaschine anzugeben. D. nahm sich vor, eine solche Wärmekraftmaschine mit höchstem Nutzeffekt zu erfinden, und von nun an war sein Leben von diesem Entschluß geprägt.
1880 ging D. in die Lindesche Eisfabrik nach Paris, deren Direktor er bald wurde. Der praktische Umgang mit Eismaschinen machte D. vertraut mit dem Verhalten des Ammoniakdampfes bei verschiedensten Drücken und Temperaturen. 1883-89 wollte er sein Ziel einer Wärmekraftmaschine von hohem Wirkungsgrad durch Anwendung hochgespannten Ammoniakdampfes verwirklichen, mußte aber 1890 seine Arbeiten als gescheitert ansehen. Fast im gleichen Augenblick stand plötzlich das Prinzip der neuen Maschine etwa wie folgt vor seinem geistigen Auge: anstatt eines Dampfes sollte nur Luft das den Kolben bewegende arbeitende Medium sein. Die Luft war zum Zwecke der Gewinnung großen Wärmegefälles überaus hoch zu komprimieren. Aber in den Zylinder durfte nicht, wie beim Ottomotor, ein Gemisch aus Brennstoff und Luft eingesaugt werden, weil die äußerst starke, mit hoher Temperatursteigerung verknüpfte Verdichtung das brennbare Gemisch vorzeitig zur Explosion gebracht hätte. Die nachträgliche Einführung des Brennstoffes in die hocherhitzte reine Luft war auch nötig, um die|Einspritzung des Brennstoffs über einen Teil des Kolbenweges so zu verteilen, daß keine plötzliche Drucksteigerung stattfand (Gleichdruckmaschine) und das Arbeitsdiagramm des Motors nach Möglichkeit, wie von Carnot vorgeschlagen, „die Isotherme verwirklichte“. Doch erkannte D. sehr bald, daß er in der Praxis von der Verwirklichung der Isotherme werde abweichen und vom theoretisch erwünschten Höchstdruck von 200 beziehungsweise 90 atm auf etwa 30 atm würde herabgehen müsssen.
Zwischen 1893 und 1897 verwirklichte D. in der Maschinenfabrik Augsburg den Dieselmotor. Der Direktor dieses Werkes, H. Buz, war von D.s Erfindung und Persönlichkeit überzeugt und gewährte ihm jegliche Hilfe. Krupp beteiligte sich an der Finanzierung. Nach unsäglichem Arbeitsaufwand und vielen Fehlschlägen war um die Wende 1896/97 ein Motor entstanden, der sich sofort als die weitaus beste Wärmekraftmaschine erwies. Sie lief mit Petroleum und bald mit Rohöl, das in rasch zunehmendem Maße in der ganzen Welt gefördert wurde, so daß die neue Maschine durchaus der Zeitlage entsprach. Die Welt begriff, daß es sich um ein technisches Ereignis von epochemachender Bedeutung handelte; D. wurde mit einem Schlage berühmt und reich.
Aber im Augenblick von D.s höchsten Triumphen kündete sich auch die tragische Wendung in seinem Schicksal an. Die Jahrzehnte dauernden Anstrengungen, Aufregungen, Kämpfe, gefährliche Patentprozesse, Angriffe auf seine Erfinderehre bewirkten bei D. einen schweren Nervenzusammenbruch. Er glaubte sterben zu müssen. Um seine Familie zu sichern, verkaufte er alle seine Rechte am Dieselmotor, wodurch er sich nach seiner unerhofften Gesundung zunächst um die Möglichkeit gebracht sah, an der Fortentwicklung des Dieselmotors mitzuwirken. Während seiner Krankheit hatten ihn zudem gewissenlose Männer zu spekulativen Geldanlagen bewogen, was früh zu Verlusten führte. Diese waren umso verhängnisvoller, als ein großer Vermögensteil aus Beteiligungen an Motorfirmen bestand, die nach bald eintretenden Rückschlägen im Bau von Dieselmotoren jahrelang keine Gewinne brachten.
Seit 1900 suchte D. nach einer Lösung der sozialen Frage und schrieb das Buch „Solidarismus, natürliche wirtschaftliche Erlösung der Menschen“ (1903). Das Ausbleiben jeglicher Resonanz enttäuschte ihn schwer. Nach Ablauf der Dieselpatente 1908 schaltete er sich wieder unter Aufwendung bedeutender Mittel in die Fortentwicklung des Motors ein, baute den ersten Kleindieselmotor, den ersten Lastwagenmotor, die erste Motorlokomotive. Alle diese Konstruktionen wiesen in die Zukunft, aber die Technik war noch nicht weit genug fortgeschritten, um zum Beispiel die luftlose Einspritzung des Brennstoffes zu ermöglichen und dadurch den praktischen Erfolg schnellaufender Motoren zu gewährleisten. Während D. schwer unter diesen Enttäuschungen litt, feierte sein Motor als ortsfeste Maschine und als Antrieb selbst großer Seeschiffe Triumphe. Auf einer Reise durch die Vereinigten Staaten 1912 wurde der Erfinder auf beispiellose Weise umjubelt und geehrt, während in Deutschland seine Erfinderehre hämisch angegriffen wurde und sein Vermögen schon zerrüttet war. Im Frühjahr 1913 schien die Lage hoffnungslos zu sein, obwohl sie durch eine Aussprache mit Freunden hätte wiederhergestellt werden können. Aber D. war verschlossen und stolz. In der Nacht vom 29. auf 30. September 1913 befand er sich auf der Überfahrt von Antwerpen nach Harwich und sagte den ihn begleitenden Freunden mit Sicherheit die unaufhaltsame Fortentwicklung und Verbreitung des Dieselmotors für alle Anwendungsmöglichkeiten voraus, so wie sie dann tatsächlich eingetreten ist. Bei der Ankunft des Schiffes in England war D. nicht an Bord aufzufinden. Ein holländisches Lotsenboot stieß später auf seine Leiche, barg sie aber nicht. Es ist kein Zweifel, daß D. über Bord gesprungen ist.
D. war wohl einer der letzten großen vorwiegend individuellen Erfinder kurz vor Einsetzen der kollektiv-industriellen Erfindungsarbeit. Zwar fühlte er damals schon, daß ein einzelner in den komplizierter werdenden technisch-industriellen Prozessen nicht mehr über alle Hilfsmittel verfügen konnte, die zur Realisierung grundsätzlich neuer und sehr schwieriger Probleme immer notwendiger wurden. Durch großes psychologisches Geschick und Überzeugungskraft wußte er Männer und Mächte in den Dienst seiner Idee zu stellen und doch der ganz individuelle Schöpfer des Motors zu werden. Das verschaffte ihm seinen Ruhm, aber die Anforderungen an ihn waren so ungeheuer, daß sich dadurch auch die tragische Wendung in seinem Schicksal vollzog.
31. Franz Marc
Nach anfänglichen Überlegungen, Philosophie und Theologie zu studieren, entschloß sich M., nach Absolvierung seines Militärdienstes im Herbst 1900, Maler zu werden. Als Schüler von Gabriel Hackl und Wilhelm von Diez an der Münchener Akademie arbeitete er zunächst ganz im Sül der dortigen Tradition, obwohl sich wenig Kontakte zu Lehrern und Kollegen ergaben. Das Bildnis der Mutter des Künstlers (1902, München, Lenbachhaus) zeigt in Form und Aufbau, daß M. bereits nach kurzer Lehrzeit traditionelle künstlerische Mittel erstaunlich gut beherrschte. Seit dem Sommer 1902 arbeitete er zunehmend autodidaktisch und hielt sich zu Studien vor der Natur häufig auf der Staffelalm oberhalb von Kochel auf. Im Mai 1903 begleitete M. dank seiner hervorragenden Kenntnis der franz. Sprache einen vermögenden Freund zu einem mehrmonatigen Studienaufenthalt nach Paris. Danach brach er das Studium an der Akademie ab und widmete sich in seinem Atelier in der Kaulbachstraße in München vornehmlich Illustrationen zu Gedichten von Richard Dehmel, Carmen Sylva, Hans Bethge und anderen. Diese 1904/05 entstandenen Arbeiten wurden erst postum 1917 von Anette v. Eckhardt unter dem Titel „Stella Peregrina“ herausgegeben. Im Frühjahr 1906 begleitete M. seinen Bruder Paul, der in den Klöstern auf dem Berge Athos byzantin. Handschriften studierte, nach Griechenland. Die zeichnerischen und malerischen Ergebnisse dieser Jahre sind gering und beschränken sich auf realistische Tier- und Landschaftsstudien. Auf einer neuerlichen kurzen Paris-Reise im Frühjahr 1907 wurde M. nachhaltig durch van Gogh,|Gauguin und Rodin sowie durch ägypt. und mittelalterliche Plastik beeindruckt. Er erhielt neuen Auftrieb für seine Malerei, war aus finanziellen Gründen aber gezwungen, Unterricht im anatomischen Zeichnen zu geben, wozu er sich durch eingehende Tierstudien befähigt fühlte.
Den Sommer 1908 verbrachte M. mit seiner späteren Frau Maria Frank zum Naturstudium in Lenggries. In dem dort entstandenen Bild „Lärchenbäumchen“ (1908, Köln, Museum Ludwig) wird erstmalig der Einfluß van Goghs im Werk von M. spürbar. In Lenggries begann er auch, sich immer ausschließlicher mit dem Wesen der Tiere, ihren Bewegungen und Gepflogenheiten auseinanderzusetzen. Sie erschienen ihm als animalische Wesen weniger verbildet als der Mensch. Wochenlang studierte er Pferde auf der Koppel, Kühe und Rehe vor der Natur in ihren Haltungen und Gruppierungen zueinander, oder er modellierte sie in Ton. In den Arbeiten dieser Zeit bleibt der naturalistische Charakter vorherrschend, wenn auch die Detailtreue in der Oberflächenbehandlung bereits einer Strukturierung im Sinne van Goghs gewichen ist. Auch die Werke des folgenden, in Sindelsdorf verbrachten Jahres wie z. B. „Eichbäumchen“ (1909, München, Lenbachhaus) oder „Schilfhocken“ (1909, Münster, Landesmus. f. Kunst- u. Kulturgesch.) bezeugen immer noch den nachhaltigen Einfluß dieses Künstlers. Er verstärkt sich nach der ersten van Gogh-Ausstellung in München im Winter 1909, die zu installieren M. den Galeristen Brakl und Thannhauser geholfen hatte, und fand in dem Bild „Katzen auf rotem Tuch“ (1909/10, München, Privatbes.), in dem erstmals ganz intensiv Farbe eingesetzt wurde, seinen Höhepunkt.
Im Januar 1910 wurde M. in seinem Atelier von dem jungen Maler August Macke und dessen Onkel Bernhard Koehler, dem späteren Mäzen beider, aufgesucht, woraus sich eine enge Freundschaft zwischen den Malern ergab. M. konnte im Februar erstmalig in Brakls moderner Kunsthandlung in München seine Arbeiten ausstellen. Ein anschließender Besuch bei Koehler in Berlin sicherte ihm mit einem monatlichen Salär zunächst die Existenz. Er übersiedelte nach Sindelsdorf, das Münchner Atelier wurde aufgegeben. Im September 1910 lernte M., fasziniert durch die 2. Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung München, Wassily Kandinsky, Alexej Jawlensky, Gabriele Münter, Marianne v. Werefkin und die übrigen Maler der Vereinigung kennen. Er löste sich damit aus seiner künstlerischen Isolation. Das Bild „Akt mit Katze“ (1910, München, Lenbachhaus) zeigt für M. erstmalig, durch Macke angeregt, die Farbintensität der Fauves; es beginnt damit ein vollkommen neues Stadium seiner Malerei. Die zunächst noch auf naturalistischer Farbigkeit beruhenden Bilder wie „Weidende Pferde I“ (1910, München, Lenbachhaus) werden jedoch fortgesetzt und finden immer neue Ausprägungen, bis schließlich in der berühmt gewordenen Komposition „Weidende Pferde IV“ (Die roten Pferde, 1911, ehemals Hagen, Folkwang-Mus.) – als entartet beschlagnahmt und 1939 in der Galerie Fischer (Luzern) versteigert – eine vollkommen neue Form gefunden wurde. Im Februar 1911 wurde M. Mitglied der Neuen Künstlervereinigung München. Im Mai fand seine zweite Ausstellung in der Galerie Thannhauser statt.
M.s künstlerische Intentionen deckten sich mit denjenigen Kandinskys insofern, als beide sich aufgerufen fühlten, mit den Mitteln der Malerei zu einer als notwendig erkannten geistigen Erneuerung der abendländischen Kultur beizutragen. Sie knüpften an die formale Einfachheit oberbayer. Volkskunst, speziell der Hinterglasmalerei an, wobei sie nach Aussageformen suchten, die, durchaus in der Tradition religiöser abendländischer Kunst, geistige Botschaften vermitteln sollten. M. benutzte hierfür das Tier als Symbolfigur. Er rief die Assoziationskraft des Betrachters auf, um die Aussage zu entschlüsseln. Das hier verankerte Problem führte allerdings zu Unstimmigkeiten innerhalb der Neuen Künstlervereinigung und schließlich zum Austritt ihrer bedeutendsten Mitglieder Kandinsky und M., die daraufhin im Dezember 1911 eine eigene Ausstellung mit dem berühmt gewordenen Titel „Der blaue Reiter“ veranstalteten, in der M. mit vier Bildern vertreten war. Beide zeichneten auch als Herausgeber des im Mai 1912 erschienenen Almanachs „Der blaue Reiter“, der bedeutendsten Programmschrift der Kunst des 20. Jh. Anlaß für diesen Almanach war die Erkenntnis der Notwendigkeit, dem Unverständnis des Publikums durch Darlegung der inneren Beweggründe dieser modernen Kunst abzuhelfen. Zeitgenössische Künstler artikulierten sich in Aufsätzen, Reproduktionen ihrer Werke erschienen im Kontext von Abbildungen religiöser abendländischer und auch außereurop. Kunst. M. war mit den Aufsätzen „Geistige Güter“, „Die Wilden Deutschlands“ und „Zwei Bilder“ vertreten sowie mit der Reproduktion seines Bildes „Der Stier“ (1911, New York, Guggenheim Mus.) und mit zwei Holzschnitten.
Die ständigen künstlerischen Auseinandersetzungen während der Zeit der Vorbereitung von Almanach und Ausstellung „Der blaue Reiter“ bewirkten in M.s Malerei eine gesteigerte Komprimierung und Intensivierung von Form und Farbe zugunsten der Aussagekraft. Es wurde eine Reduzierung der Formenvielfalt zu nahezu geometrischer Einfachheit angestrebt, die ihren Niederschlag in Bildern wie „Die gelbe Kuh“ (1911, New York, Guggenheim Mus.), „Die kleinen blauen Pferde“ (1911) und „Die kleinen gelben Pferde“ (1912, beide Stuttgart. Staatsgal.) fand.
Im Herbst 1912 besuchte M. zusammen mit August Macke Robert Delaunay in Paris. Diese Begegnung und die Auseinandersetzung mit dem Gedankengut des franz. Kubismus erwies sich für beide als von eminenter Bedeutung. Sie bestimmte das Schaffen M.s und Mackes von nun an tiefgreifend. Das Prinzip der wechselseitigen Bedingung und Durchdringung alles Lebendigen, der Simultaneität und der Untrennbarkeit von Geist und Materie spiegelt sich in Bildern wie „Der Tiger“ (1912), „Im Regen“ (1912) oder „Reh im Klostergarten“ (1912, alle München, Lenbachhaus).
Im Sommer 1913 entstanden in Sindelsdorf die großen und wichtigen Kompositionen „Das arme Land Tirol“ (1913, New York, Guggenheim Mus.), „Der Turm der blauen Pferde“ (1913, ehemals Berlin, Nat.gal., seit Ende des 2. Weltkriegs verschollen), „Tierschicksale“ (1913, Basel, Kunstmus.) wie auch „Mandrill“ (1913, München, Bayer. Staatsgem.slg.) und „Bild mit Rindern“ (1913, ebenda), in denen der namengebende Gegenstand nahezu gänzlich in prismatische Strukturen unterschiedlicher Färbung zerlegt erscheint und somit Realität von einer anderen Dimension her begriffen wird. Darüber hinaus entstanden erste Entwürfe für eine geplante Bibel-Illustration, bei der M. die Genesis übernommen hatte.
In kunstpolitischer Hinsicht beteiligte sich M. an der Organisation des Ersten Deutschen Herbstsalons beiHerwarth Walden in Berlin im September 1913. Im Frühjahr 1914 übersiedelte er von Sindelsdorf in ein eigenes Haus in Ried bei Benediktbeuern und beschäftigte sich kurze Zeit, aufgefordert durch Hugo Ball, mit Ideen zu einer Inszenierung von Shakespeares „Sturm“, die jedoch nicht zustande kam. In den wenigen Monaten bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs entstanden die letzten großen, nahezu vollständig ungegenständlichen Kompositionen wie „Vögel“ (1914, München, Lenbachhaus), „Spielende Formen“ (1914, Essen, Folkwang-Mus.), oder „Kämpfende Formen“ (1914, München, Bayer. Staatsgem.slgg.) als Spiegel einer Suche nach methaphysischer Gesetzmäßigkeit. Bei Kriegsausbruch am 1. August 1914 meldete sich M. als Kriegsfreiwilliger. Seine Briefe aus dem Felde und sein Skizzenbuch, die einzige bildliche Äußerung dieser Zeit, wurden unter dem Titel „Franz Marc, Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen“ 1920 bei Paul Cassirer in Berlin herausgegeben. M. fiel im März 1916 vor Verdun.
32. Richard Strauss
Schon während seiner Schulzeit am Ludwigsgymnasium in München machte sich S., gefördert v. a. durch den Vater, einen Namen als komponierendes Talent. Nach dem Abitur 1882 und einem kurzen Studium der Philosophie und Kulturgeschichte 1882/83 an der Univ. München begegnete S. in Berlin dem Dirigenten Hans v. Bülow (1830–94), der ihm 1885/86 die Stelle eines hzgl. Musikdirektors in Meiningen verschaffte. Hier formte der Wagnerianer Alexander Ritter (1833–96) S. zu einem lebenslangen Anhänger der Musik sowie wesentlicher historisch-ästhetischer Überzeugungen Richard Wagners und ermunterte ihn, zur Vorbereitung auf die Produktion von Musikdramen in der Nachfolge Wagners orchestrale Programmstücke zu komponieren. 1886–89, während|S. als 3. Kapellmeister in München wirkte, entstanden die drei ersten Tondichtungen, von denen „Don Juan“ und v. a. „Tod und Verklärung“ S.schlagartig bekannt machten. 1889 wechselte er auf die Stelle eines 2. ghzgl. Kapellmeisters nach Weimar und ging 1894 zurück nach München, wo er 1896 zum Hofkapellmeister aufstieg und vielbeachtete Aufführungen von Opern Wagners und Mozarts, seiner wichtigsten musikalischen Leitbilder, dirigierte. Zudem unternahm er, wie schon in den Jahren zuvor, zahlreiche Gastspielreisen (häufig zusammen mit seiner Frau, der Sängerin Pauline de Ahna), die ihn in alle wichtigen europ. Länder führten. Weil seine erste Oper „Guntram“ (UA 1894) ein Mißerfolg war, kehrte S. zunächst wieder zur Tondichtung zurück und schuf in rascher Folge Werke wie „Till Eulenspiegel“ (1895), „Also sprach Zarathustra“ (1896), „Don Quixote“ (1897) und „Ein Heldenleben“ (1898), mit denen er sich an die Spitze der Avantgarde in Deutschland setzte.
S. knüpfte an die orchestrale Programmusik eines Berlioz und Liszt an, begriff sich aber auch als legitimer Nachfahre des Symphonikers Beethoven. Sonatenform, Rondo und Variation stehen für klassische Formprinzipien, die S. auf vielfältige Weise miteinander verband, ohne tragende Kategorien zu vernachlässigen. Seine Sujets schöpfte er teils aus Literatur und Sage, teils aus der symphonischen Tradition und der eigenen Künstlerbiographie; auch Naturbilder spielen eine wichtige Rolle. Klingt in den drei ersten Stücken – „Macbeth“ (1888–91) bis „Tod und Verklärung“ – noch das Erbe der Romantik an, so fand S. in den folgenden Werken – von „Till Eulenspiegel“ bis „Ein Heldenleben“ – mit dem neuen Ton ironischer Distanz, gepaart mit teils drastischer Tonmalerei, größter orchestraler Virtuosität und kühner Formbehandlung eine unverwechselbare eigene Sprache.
1898 übernahm S. das Amt des Kapellmeisters am Berliner Hof. Zusätzlich zu seinen künstlerischen Aktivitäten engagierte er sich mit Erfolg für ein besseres musikalisches Urheberrecht. 1901–09 amtierte er als Präsident des Allgemeinen Deutschen Musikvereins. Nach dem spektakulären Erfolg der Oper „Salome“ (1905) schrieb S. die nächsten musikdramatischen Stücke zusammen mit dem Dichter Hugo v. Hofmannsthal: „Elektra“ (1906–08), „Der Rosenkavalier“ (1909–10), „Ariadne auf Naxos“ (1911/12, umgearb. 1916) und „Die Frau ohne Schatten“ (1914–17). Seit 1908 lebte S. in Garmisch (seit 1924 außerdem in seiner Villa in Wien). 1919 übernahm S. die künstlerische Oberleitung der Wiener Staatsoper zusammen mit dem Direktor Franz Schalk (1863–1931) – eine wenig erfolgreiche administrative Doppelspitze, die 1924 mit S.s Rücktritt endete. Zur finanziellen Krise des Hauses kam die eigene stagnierende Arbeit hinzu: Erst 1924 wurde die Oper „Intermezzo“ (S. selbst hatte den Text geschrieben) uraufgeführt; ihr folgten, neuerlich zusammen mitHofmannsthal, die Opern „Die Ägyptische Helena“ (1923–27) und „Arabella“ (1928–32). Nach Hofmannsthals Tod 1929 lieferte der Schriftsteller Stefan Zweig das Libretto für die nächste Oper „Die schweigsame Frau“ (1933–34). Allerdings konnte die Zusammenarbeit – Zweig war Jude – nach der „Machtergreifung“ Hitlers nicht fortgesetzt werden. S. ließ sich, in einer Mischung aus naivem Optimismus und unverhohlenem Opportunismus, bereitwillig mit dem neuen Regime ein und wurde Ende 1933 zum Präsidenten der neu gegründeten Reichsmusikkammer ernannt. Jedoch mußte er bereits 1935 sein Amt aufgeben, als seine kunstpolitischen Ziele zusehends mit denen der Reichsführung kollidierten. Eher widerwillig arbeitete S. in den folgenden Jahren mit dem Theaterwissenschaftler Joseph Gregor (1888–1960) als Librettisten zusammen. Immerhin entstanden noch die Opern „Friedenstag“ (1935/36), „Daphne“ (1937), „Die Liebe der Danae“ (1938–40) und zum Abschluß, auf einen von S. und seinem Lieblingsdirigenten Clemens Krauss (1893–1954)verfaßten Text, „Capriccio“ (1939–41). In den Konzeptionen der nach Hofmannsthals Tod geschriebenen Opern kommen verschiedene Motive eines dezidiert endzeitlichen Denkens zusammen: die Neigung des Komponisten, seine Werke als Dokumente einer in ihm sich vollendenden Kulturgeschichte im Allgemeinen und Musik- bzw. Operngeschichte im Besonderen zu verstehen, sein eigenes Œuvre durch zuvor vernachlässigte Gattungstypen abzurunden und, nicht ohne Sentimentalität, auf Früheres zurückzublicken.
Untätig blieb S. auch nach der letzten Oper nicht, schuf vielmehr eine Anzahl eindrucksvoller später Instrumental- und Vokalwerke, die sich keineswegs auf den Status bloßer „Handgelenksübungen“ (so S.s eigene Formulierung) reduzieren lassen. Bis heute genießen v. a. die „Metamorphosen“ für 23 Solostreicher (1944–45) sowie die „Vier letzten Lieder“ (1948) besondere Wertschätzung. Nach dem Krieg, zwischen Okt. 1945 und Mai 1949, lebte S. mit seiner Frau in Schweizer Hotels im „Asyl“; ein halbes Jahr nach seiner Rückkehr nach Garmisch starb er.|Wie die Komponisten schon des frühen 19. Jh., aber auch noch wie Wagner und Liszt war S. davon überzeugt, Musik habe etwas mitzuteilen. Ihr „Reich“, so noch der 80jährige, beginne, „wo das Incommensurable dem Verstande unerreichbar ist“. Doch hielt er nichts von der romantischen Vorstellung der Musik als Medium einer Kunstreligion. Seine Skepsis reflektiert sein Lob Mozarts als „Inkarnat des reinen Künstlers“ (1909), der in seinen Melodien unübertroffene Abbildungen der menschlichen Seele geschaffen habe. Der überkommenen Kunstmetaphysik setzte S. sein eigenes Credo, das um Begriffe wie Familie, Arbeit und Natur kreiste, entgegen. Damit zusammen hängt der wohl wichtigste Gegenstand musikalischer Mitteilung in seinen Werken: die eigene Biographie (unübersehbar v. a. in der Tondichtung „Symphonia Domestica“ ebenso wie in der Oper „Intermezzo“). Allerdings wird das Biographische nie unverstellt, sondern stets distanziert, wenn nicht sogar ironisch gebrochen behandelt (in seinen Tondichtungen war S. ein Meister des spöttischen Tons); es wird zum ästhetischen Spiel und damit zum Garanten für eigenwillige, moderne Werkkonzeptionen und Stoffe, deren psychologischem Gehalt, so S.s Überzeugung, allein die Musik mit ihrer Sprachgewalt gerecht werden konnte.
Trotz eines unverwechselbaren, durch einen „nervösen“ Kontrapunkt ebenso wie orchestrale Brillanz geprägten Tons eignet S.s Musik eine bemerkenswerte stilistische Vielfalt. Souverän bediente er sich aller Schreibarten, die er in der Musikgeschichte fand. Äußeres Merkmal für seinen eigenwilligen Umgang mit der Musikhistorie ist seine Neigung zu Zitaten, deren Spannweite vom Frühbarock bis zu ihm selbst reicht. Besondere Wertschätzung hegte er gegenüber griech.-antiken Stoffen.
Unstrittig ist die Gliederung von S.s Œuvre in drei Perioden (Frühwerke 1870–87, Tondichtungen und Opern als Hauptwerke 1886–1941, Spätwerke 1942–48), schwieriger eine interne Gliederung der Hauptperiode. Von einem Bruch zwischen „Elektra“ als Meilenstein der Avantgarde und „Rosenkavalier“ als Rückzug von der Moderne zu sprechen, ist zwar noch immer verbreitet, aber unhaltbar. Harmonisch jedenfalls steht „Elektra“ ebenso wenig für den Schritt zur Atonalität wie „Rosenkavalier“ für die tonale Restauration. Vielmehr befreit sich S. nach „Elektra“ demonstrativ von der Übersteigerung des Wagnerschen Musikdramas durch die produktive Anverwandlung älterer musikalischer wie dramaturgischer Mittel und geht gerade in puncto Textbehandlung und stilistischer Vielfalt unbeirrt neue Wege. Denkbar wäre, erst nach „Intermezzo“ als moderner „Zeitoper“ eine Zäsur anzunehmen, nach der S. mit der „Ägyptischen Helena“ auf das gesicherte Terrain der Spätromantik zurückkehrte. Das hatte er zuvor schon in der „Frau ohne Schatten“ berührt, während „Ariadne auf Naxos“, zumal in der ersten Version einer Verbindung von Oper, Tanz und Schauspiel, ganz der modernen Restauration eines barocken franz. Comédie-Ballets diente.
Von der Musikforschung wurde S. als vermeintlicher Verräter der Moderne sowie als NS-Musikfunktionär lange Zeit weitgehend ignoriert, zudem stilisierte man ihn nach 1960 zur negativen Gegenfigur zu einem Komponisten wie Gustav Mahler. Diesem Bild gab v. a. Theodor W. Adorno kräftige Konturen, als er S.s Musik auf kaum mehr als eine effektvolle Fassade reduzierte und in ihr die Regression in den Faschismus modellhaft vorgezeichnet fand. In den letzten Jahren zeichnet sich jedoch mit dem Verzicht auf die Vorstellung, der „Stand des Materials“ müsse ein notwendiges Kriterium für musikalischen Fortschritt sein, eine Neubewertung der Musikgeschichte des 20. Jh. und damit auch der Rolle S.s ab.
33. Anita Augspurg
Aus der Kleinstadt Verden in die Künstlerstadt München
Anita Augspurg wurde im norddeutschen Verden an der Aller als fünftes und letztes Kind der gut situierten Familie Augspurg geboren. Ihr Vater war Anwalt. Von Bildungshunger und Freiheitsdrang getrieben, verließ sie als Volljährige ihre Familie, um eine Lehrerinnenausbildung in Berlin zu absolvieren.1 Tatsächlich übte sie den Lehrerinnenberuf aber nie aus, sondern ging zunächst ihren künstlerischen Neigungen nach. Sie nahm in Berlin Schauspielunterricht, arbeitete anschließend an verschiedenen europäischen Theatern (unter anderem am angesehenen Meininger Hoftheater), bevor sie sich 1886 als Fotografin in München niederließ. Dort gründete sie mit ihrer Geschäftspartnerin und Lebensgefährtin Sophia Goudstikker das Fotoatelier Elvira, das sich schnell zu einem profitablen Geschäft entwickelte und Augspurg finanziellen Spielraum für ihr künftiges frauenpolitisches Engagement gab. In der Isarmetropole gehörten Augspurg und Goudstikker zudem zum Kreis rund um die literarische Moderne. Allerdings war es weniger ihre konventionell gehaltene Porträtfotografie als ihr unkonventionelles Leben, das Literaten und Literatinnen wie beispielsweise Frank Wedekind, Erich von Wolzogen und Frieda von Bülow inspirierte. Augspurgs finanzielle und geistige Unabhängigkeit, ihr zu dieser Zeit frauenuntypisches Verhalten – zum Beispiel rauchte sie, fuhr Fahrrad und trug einen Kurzhaarschnitt –, die Etablierung von reinen Frauenzirkeln und schließlich ihre unerschrockenen feministischen Reden wurden in zahlreichen Novellen der Zeit verarbeitet.2
Erstes feministisches Engagement: von Bildungs- zu Rechtsfragen
In Augspurgs Münchner Zeit fällt auch ihr erstes Engagement für die Frauenbewegung. Dabei strebte sie damals – wie viele bürgerliche Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit – zunächst die Verbesserung der Mädchenbildung an.3 Eine Radikalisierung ihres feministischen Engagements trat allerdings in Zusammenhang mit ihrem Studium ein. Parallel zu ihrer Tätigkeit als Fotografin in München begann Augspurg 1893, in Zürich Jura zu studieren, und schloss – in¬zwischen 40-jährig – das Studium mit einer Promotion über den englischen Parlamentarismus ab. Sie gilt damit als erste Juristin Deutschlands, obgleich sie diesen Beruf niemals ausübte.4 Vielmehr waren die darauffolgenden Jahre geprägt von einem weitreichenden Engagement für die bürgerliche Frauenbewegung, die sie zu politisieren suchte. Noch während des Studiums war Augspurg ins Zentrum der Macht, in die deutsche Hauptstadt Berlin, gezogen.
Eine „juristische Mißgeburt“5: Kampf gegen das geplante BGB 1896
In Berlin stand 1896 die Verabschiedung des Bürgerlichen Gesetzbuches an, das auch die Grundlage unseres heutigen BGBs darstellt. Dank ihrer juristischen Kenntnisse, aber auch ihrer herausragenden Fähigkeiten als Rednerin – schließlich war sie eine ausgebildete Schauspielerin –, wurde Anita Augspurg zur Protagonistin einer breit angelegten Kampagne gegen das BGB. Im Zentrum der Kritik stand das geplante Eherecht, denn dieses sah unter anderem vor, Ehefrauen das Recht an dem von ihnen in die Ehe eingebrachten Vermögen zu nehmen ebenso wie die Entscheidungsbefugnis bei Fragen der Kindererziehung.6 Die damalige Presse nahm irritiert einen ‚Frauenlandsturm’ wahr. Und auch wenn sich am Eherecht substanziell nichts mehr änderte, so war der bürgerlichen Frauenbewegung doch ihre erste große politische Kampagne gelungen – und das in einer Zeit, in der Frauen die politische Betätigung in großen Teilen Deutschlands noch verboten war.7
Frontfrau bei den Rechtskämpfen der Frauenbewegung
Auch in ihren weiteren Berliner Jahren führte Anita Augspurg die Rechtskämpfe der bürgerlichen Frauenbewegung an und profilierte damit den sogenannten radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung in der Öffentlichkeit.8 Ihr publizistisches Forum, die Beilage Parlamentarische Angelegenheiten und Gesetzgebung, stellt dabei ein Novum in der deutschen Pressegeschichte dar. Von 1899 bis 1906 brachte Augspurg dieses hochpolitische Heft als Beilage zu Minna Cauers Zeitschrift Die Frauenbewegung heraus und analysierte darin Reichstagsdebatten, Gesetze und Gerichtsurteile daraufhin, wie sie sich auf Frauen auswirken würden. Das heißt Augspurg betrieb in diesem Blatt eine frühe Form des ‚Gender Mainstreaming’. Weiterhin begleiteten die Parlamentarischen Angelegenheiten und Gesetzgebung zahlreiche öffentlichkeitswirksame Kampagnen, die Augspurg vor allem gegen das Sexualstrafrecht und das Eherecht initiierte. Augspurg scheute in diesen Konflikten auch nicht davor zurück, sich selbst öffentlich zu exponieren, zum Beispiel indem sie 1902 ihre Verhaftung als Prostituierte inszenierte oder 1905 zum Eheboykott aufrief.9 Bezeichnend ist, dass Augspurg in all ihren Kampagnen stets die juristische Seite der Frauenfrage akzentuierte, wobei die liberalen Ideale der 1848er-Revolution für sie wegweisend waren: Freiheit und Gleichheit, die sie durch einen funktionierenden Rechtsstaat abgesichert und vor allem auch Frauen zugesprochen wissen wollte.10 Um ihren politischen Forderungen mehr Druck zu verleihen, gründete Augspurg 1902 nicht nur den Deutschen Verein für Frauenstimmrecht, sondern versuchte darüber hinaus, außerhalb der Frauenbewegung für ihre Ideen zu werben, indem sie 1903 in die linksliberale Freisinnige Volkspartei eintrat und die Redaktion der Frauenseite der konservativen Berliner Tageszeitung Der Tag von 1901 bis 1907 übernahm.11
Doch blieben Augspurgs Versuche, die liberalen Parteien und breitere Bevölkerungskreise frauenpolitisch zu aktivieren, weitgehend erfolglos. Für das damalige Bürgertum scheinen ihre Ideen zu fortschrittlich gewesen zu sein. Dies gilt auch für die bürgerliche Stimmrechtsbewegung, die sich nicht dazu durchringen konnte, das demokratische Wahlrecht für alle zu fordern, wie die SPD, und 1913 schließlich auseinanderbrach.12
Rückzug und Übergabe an Lida Gustava Heymann
Entmutigt von diesen Misserfolgen, zog sich Augspurg sukzessive aus der journalistischen, politischen und frauenrechtlerischen Arbeit zurück. Ihre Aufgaben übernahm zunehmend die Hamburger Frauenrechtlerin Lida Gustava Heymann, mit der Augspurg seit 1902 eine Lebensgemeinschaft verband. So war auch Heymann die eigentliche Chefredakteurin der Zeitschrift für Frauenstimmrecht (1907–1912) und des Monatsblatts Frauenstimmrecht! (1912–1913), obgleich formal Augspurg die Redaktion oblag.13
Friedenspolitisches Engagement
Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges intensivierte Augspurg ihr pazifistisches Engagement. Sie war eine der Initiatorinnen des Haager Frauenfriedenskongresses von 1915, einer Zusammenkunft internationaler Stimmrechtlerinnen, die Frauenrechte und Rechtsstaatlichkeit nicht nur innerhalb nationaler Grenzen verwirklichen wollten, sondern auch auf internationaler Ebene. Die Frauen von Haag plädierten nicht nur für einen sofortigen Frieden ohne Bedingungen, sondern auch für nachhaltigen Friedenserhalt mithilfe von internationalen Organisationen und Schiedsgerichten. Das, was nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Uno verwirklicht werden sollte, war in Den Haag bereits angedacht worden.14
Öffentliche Resonanz konnte Augspurg mit diesen pazifistischen Forderungen jedoch kaum erzielen – zumindest nicht in Deutschland. Sie erhielt kurz nach dem Haager Frauenfriedenskongress ein Publikations- und Betätigungsverbot, das bis zum Ende des Ersten Weltkrieges in Kraft blieb.15
Revolutionärin in Bayern
Deshalb trat Augspurg letztlich erst wieder im Anschluss an die Novemberrevolution von 1918 öffentlich in Erscheinung: als Abgeordnete des Provisorischen Nationalrats in Bayern, als (erfolglose) Kandidatin für den Bayerischen Landtag auf der Liste der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei und schließlich als Mitglied des Bayerischen Kongresses der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte. In der Revolutionszeit hatte sich Augspurg gewandelt von einer Anhängerin des repräsentativen Parlamentarismus hin zu einer Verfechterin des Rätesystems.16
Radikale Pazifistin und Kritikerin der Weimarer Republik
1933 war Deutschland für Augspurg als dezidierte Gegnerin des Nationalsozialismus kein sicheres Land mehr. Sie emigrierte 76-jährig mit ihrer Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann. In Zürich lebten die beiden Freundinnen äußerst bescheiden, nachdem man ihre Vermögen in Deutschland eingezogen hatte und sie auf Zuwendungen von Freunden und Freundinnen angewiesen waren. Augspurg starb 1943 ein paar Monate nach ihrer Lebensgefährtin im Schweizer Exil – verarmt, einsam und dement.20
34. Franziska zu Reventlow
Nach dem Besuch eines Pensionats in Altenburg und des Lehrerinnenseminars in Lübeck wurde R. früh Anhängerin der emanzipatorischen und sozialkritischen Vorstellungen Henrik Ibsens, der auf die opponierende Jugend in Norddeutschland in den 1890er Jahren starken Einfluß ausübte. Um Streitigkeiten mit der nach Lübeck übergesiedelten Familie zu entkommen, floh R. 1892 nach Hamburg, wo sie ihren Mann kennenlernte. Mit dessen finanzieller Hilfe ging sie 1893 nach München-Schwabing, um sich als Malerin ausbilden zu lassen. Vor allem aber arbeitete sie hier als Übersetzerin aus dem Französischen, veröffentlichte erste eigene Texte und stand in Verbindung mit Künstlern und Philosophen, insbesondere dem sog. „kosmischen Zirkel“ um Stefan George mit Ludwig Klages, Alfred Schuler und Karl Wolfskehl. Zu Rainer Maria Rilke, Frank Wedekind und seinem Kabarett „Die Elf Scharfrichter“, Erich Mühsam, Oskar Panizza, Franz Blei, Maximilian Harden u. a. gab es Verbindungen, die R. als kulturelles, durchaus aber auch erotisches Netzwerk knüpfte. Im Zeichen des um 1900 religionsartig überhöhten Lebensbegriffs und eines nietzscheanischen Vitalismus suchte sie den Verbund von Kunst und Leben, um das bohèmehafte Dasein als Gesamtkunstwerk zu inszenieren. Sie verfolgte dabei das Projekt eines modernen Hetärentums, das – anders als im Gleichberechtigungsbestreben der Frauenbewegung – nach antikem Vorbild die freie Liebe und vorurteilslose Verfügung über den eigenen Körper verfolgte, um gleichzeitig die eigene Bildung in der Teilnahme am geistigen Leben unter Beweis zu stellen. In diesem Sinne ist R.s literarisches Œuvre als Komplement zu ihrem Lebenswandel zu lesen; Es handelt sich um Milieustudien, v. a. aber um pointierte Kommentare zum kulturellen Leben Schwabings mit zahlreichen phil. Auseinandersetzungen. Diese sind 1903/04 im von ihr mitherausgegebenen „Schwabinger Beobachter“ dokumentiert, wo sich etliche Verballhornungen der phil. Richtung der Mystosophie finden, sowie in den Zeitschriften „Die Jugend“ und „Simplicissimus“.
Im Herbst 1909 übersiedelte R. nach Ascona, wo 1912 ihr wohl bekanntester Text, „Herrn Dame's Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil“ (1913, Neudr. 1969), entstand. Wiederum werden die Künstler- und Philosophenzirkel in Schwabing persifliert, das unter dem fiktiven Namen „Wahnmoching“ zum Fixpunkt der Auseinandersetzungen um das „Molochitische“, Technische, Lebensfeindlich-Dekadente und Lebensbejahende wird. Die Rückschau ist ein weiterer Beleg für R.s Lebenshaltung, ihre dauernde Selbsthistorisierung und Selbstreflexion. Auch darin war R. konsequent Bereits 1903 hatte sie mit „Ellen Olestjerne, Eine Lebensgeschichte“ eine Autobiographie ihrer Jugend vorgelegt. In den Amouresken „Von Paul zu Pedro“ (1912, Neudr. 1969) lieferte sie Variationen des Liebesthemas in Form von zwanglosen Erzählbriefen; andere Novellen- und Erzählbände handeln vom Bohèmeleben und von fehlgeschlagenen Geldgeschäften (Der Geldkomplex, 1916, Neudr. 2001). Nicht nur im Schwabinger Künstlermilieu spielte R. eine wichtige Rolle, sondern übte auch Einfluß auf überregional bekannte Maler und Autoren aus. Wegen ihrer Milieubeschreibungen werden R.s Lebenserzählungen und Werke – ungeachtet ihrer künstlerischen Dimension – als Material für kulturwissenschaftliche Studien zum fin de siècle benutzt.
35. Alfred von Tirpitz
T. trat nach dem Besuch des Realgymnasiums in Frankfurt/O. 1865 als Einjährig-Freiwilliger in die preuß. Marine ein und durchlief die übliche Ausbildung. Sie führte ihn innerhalb weniger Jahre in Spitzenstellungen dieser Waffengattung (1877/78 Erster Offz., 1878/79 Kdt. Torpedoboot „Zieten“, 1879–86 Dezernent f. Torpedoangelegenheiten b. d. Admiralität). 1888 war er 38jährig der jüngste Kapitän zur See. Dazu qualifizierte ihn u. a. sein methodisches Vorgehen bei der Entwicklung der neuen Torpedowaffe und seine Fähigkeit, komplexe technisch-taktisch-strategische Zusammenhänge überzeugend darzustellen.
1891 wurde Ks. Wilhelm II. bei einem Besuch der Marinestation in Kiel auf T. aufmerksam, dessen Ziele sich weitgehend mit seinen eigenen Vorstellungen von der zukünftigen Rolle des Dt. Reichs in der Welt deckten. Im Gegensatz zu dem sprunghaften Kaiser analysierte T. jedoch die Bedeutung von Seemacht präzise und formulierte, seit 1892 Stabschef beim Oberkommando, 1894 in der „Dienstschrift IX“ die Grundgedanken zukünftiger Flottenpolitik und Seestrategie. Darin bezeichnete er als „natürliche Bestimmung einer Flotte (…) die strategische Offensive“ und plädierte für eine Flotte aus Schlachtschiffen anstelle von Kreuzern, die, in Geschwadern zu jeweils acht Schiffen organisiert und in der Linie operierend, die Seeherrschaft erringen könnten. Nur Seemacht garantierte seiner Meinung nach die politische und wirtschaftliche Zukunft des Reichs.
Mit großer Energie arbeitete T. an der Umsetzung dieses Programms, dem er auch eine innenpolitisch stabilisierende und integrierende Funktion zuschrieb und die er mit deutlich antiparlamentarischer Tendenz verfolgte: So forderte er in Immediatberichten und Audienzen beim Kaiser eine gesetzliche Festlegung des Geschwaderprinzips und des regelmäßigen Ersatzes veralteter Schiffe, was zwar technischen Sachzwängen des Kriegsschiffbaus Rechnung trug, zugleich aber das Budgetrecht des Reichstags auf Dauer aushöhlen und die Marine zu einem nur der Krone unterstehenden Machtinstrument formen sollte.
Zunächst drang T. nicht durch: Als zu ehrgeizig und nicht berechenbar wurde er Anfang Mai 1896 als Chef des Kreuzergeschwaders in den Fernen Osten versetzt. Nach dem erneuten Scheitern ksl. Flottenpläne im Reichstag im Frühjahr 1897 wurde T. jedoch zurückgerufen, um im Juni 1897 die Nachfolge des Vizeadmirals Friedrich v. Hollmann (1842–1913) als Staatssekretär des Reichsmarineamts anzutreten; 1898 wurde er preuß. Staatsminister. In diesen Positionen versuchte T. (1899 Vizeadmiral, 1903 Admiral, 1911 Großadmiral) zusammen mit dem neuen Staatssekretär des Auswärtigen und designierten Reichskanzler Bernhard v. Bülow (1849–1929), offensiv Deutschlands „Platz an der Sonne“ anzustreben. Im Ergebnis bedeutete dies, sich von der Bismarckschen Ausgleichspolitik ab- und einer expansiveren Außenpolitik zuzuwenden und mit England, der führenden Welt- und Seemacht, in Konkurrenz zu treten. Den Hebel dazu bildete die Flotte, die mit ihren von T. vorgesehenen, in den Flottengesetzen und -novellen von 1898, 1900, 1906, 1908 und 1912 schrittweise geforderten und in Bau gegebenen 61 Großkampfschiffen, 40 Kleinen Kreuzern, 144 Torpedo- und 72 U-Booten mehr als nur ein „Risiko“ für England sein sollte.
Die Folgen dieses mit Verabschiedung des Ersten Flottengesetzes im April 1898 in Angriff genommenen Programms waren beträchtlich: Die Außenpolitik wurde, bis England gegenüber eine sichere Position durch eine entsprechende Flottengröße erreicht war, in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt und auf Friedenspolitik festgelegt, die Kosten der gesetzlich vorgesehenen Schiffe mußten in unbeschränkter Höhe aus den Reichsfinanzen bezahlt werden.
T. konnte die Auswirkungen dieser Politik jedoch nicht beherrschen. Die engl. Ententen mit Frankreich (1904) und Rußland (1907) isolierten das Dt. Reich in Europa. T.s Versuch, dem Übergang der Royal Navy zum Bau kampfkräftiger Schiffe 1905/06 (Bau d. „Dreadnought“) zu folgen und 1908 mit dem Bau von vier anstelle von drei Großkampfschiffen pro Jahr den Abstand zwischen beiden Marinen zu verringern, lösten ein offenes Wettrüsten aus. Auch im Innern mehrten sich die Probleme. Die stetig steigenden Kosten des Flottenbaus belasteten den Reichshaushalt zusehends. Die zur Finanzierung notwendigen Steuererhöhungen verschärften die Bruchlinien zwischen den Parteien und zwischen Reichstag und Reichsleitung. Bis 1914 hoffte T. gleichwohl, England durch ein Wettrüsten zu Konzessionen zwingen zu können. Trotz wachsenden Widerstands innerhalb der Reichsleitung und der Marine gelang es ihm, durch geschicktes Taktieren 1906, 1908 und 1912 weitere Novellen durch den Reichstag zu bringen. Alternative Konzepte wie die defensive Kleinkriegstrategie von Vizeadmiral Karl Galster (1851–1931) wies er scharf zurück.|
Nach Kriegsausbruch 1914 war das Scheitern von T.s Politik unübersehbar. Anstatt sich einer Schlacht zu stellen, verhängte die Royal Navy eine Fernblockade, die die Hochseeflotte nicht brechen konnte. T. drängte zwar auf ein aktiveres Vorgehen der Flotte, ein klares Konzept hatte er jedoch nicht. Seine Forderung nach dem uneingeschränkten U-Bootkrieg lehnte Reichskanzler Bethmann Hollweg 1915/16 aus Rücksicht auf die amerik. Neutralität ab. T.s Kriegszielforderungen, allen voran die Annexion Belgiens, offenbarten zudem, wie sehr er im Rausch des Kriegs jedes Augenmaß verlor. Im Frühjahr 1916 manövrierte der Reichskanzler T. endgültig aus, am 16. 3. wurde er in Ungnaden aus allen Ämtern entlassen.
Zutiefst verbittert, agitierte T., der 1908–18 Mitglied des preuß. Herrenhauses war, nun hinter den Kulissen. Mit dem ostpreuß. Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp (1858–1922) gründete er 1917 die „Deutsche Vaterlandspartei“. Nach Ausbruch der Revolution versteckte sich T. zunächst im Jagdhaus Zabelsberg in Pommern und vollendete zugleich seine „Erinnerungen“. Danach beteiligte er sich an zahlreichen Putschversuchen. 1924–28 vertrat er die DNVP im Reichstag. Versuche, Reichskanzler oder gar Reichspräsident zu werden, scheiterten. Um der von ihm ungeliebten Weimarer Republik einen konservativ-autoritären Charakter zu geben, unterstützte er die Kandidatur Hindenburgs 1925.
Eine von ihm geprägte Generation von Marineoffizieren knüpfte an viele seiner Ideen an. Bau und Untergang des Schlachtschiffs „Tirpitz“ symbolisierten insofern die fatale Kontinuität marinepolitischer Hybris und weltpolitischen Herrschaftsstrebens. Als Persönlichkeit war T. eine Ausnahmeerscheinung in der militärischen Führung des Kaiserreichs. Sein durchdacht klingender „Plan“ entsprach dem Kraftgefühl einer Generation, die das Bismarckreich für zu eng hielt und nach Weltmacht strebte. Die außen- und innenpolitischen, selbst die seestrategischen Prämissen waren jedoch falsch. Mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik, Halsstarrigkeit und Wunschdenken trübten zunehmend T.s Blick für die wirkliche Lage. Sein Einfluß in der Marine blieb davon dennoch lange Zeit unberührt.
36. Melitta Bentz
1873 – 1950
Erfinderin, Unternehmerin
Melitta Bentz erfand 1908 den Einweg-Kaffeefilter und revolutionierte damit die Kaffeezubereitung. Das von ihr im selben Jahr gegründete Kaufmännische Agentur- und Kommissionsgeschäft zum Vertrieb des Filters war der Grundstein für das nach ihr benannte und bis heute tätige internationale Familienunternehmen.
Bentz wuchs in Dresden auf und arbeitete hier als Verkäuferin. Ihr Ehemann besaß eine Haus- und Küchengerätehandlung in Dresden. 1908 erfand Bentz den Einweg-Kaffeefilter, indem sie Löcher in eine Messingbüchse stieß und diese mit einem Löschpapier auslegte. Auf diese Weise wurde beim Aufbrühen das Kaffeepulver vom fertigen Getränk getrennt, was die Kaffeezubereitung revolutionierte.
Bentz meldete ihre Erfindung am 11. Juni 1908 beim Patentamt in Berlin an. Am 8. Juli 1908 wurde ihr Gebrauchsmusterschutz für einen „Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem und mit Vertiefung versehenem Boden, sowie mit schräg gerichteten Durchflußlöchern“ im Patentblatt veröffentlicht. Um den Melitta-Kaffeefilter vertreiben zu können, erfolgte noch 1908 die Gewerbeanmeldung des Agentur- und Kommissionsgeschäfts M. Bentz, untergebracht in der Wohnung der Familie; Inhaberin war Bentz. Ihr Ehemann unterstützte sie v. a. bei dem Vertrieb des 1911 markenrechtlich mit dem Namen „Melitta“ geschützten Filters.
Die Produktion der stetig expandierenden Firma geriet während des Ersten Weltkriegs ins Stocken durch Materialmangel und Einfuhrsperren für Kaffee. Bentz stellte die Produktion auf Kartons und Verpackungen um, was der Firma auch in den Nachkriegsjahren die Existenz sicherte. Mit der Wiederaufnahme des Kerngeschäfts und dem Einstieg ihres Sohns Willy Bentz (1899–1966) als Gesellschafter wurde 1923 das Unternehmen umbenannt in Bentz & Sohn OHG, Dresden, Bentz zog sich 1923 aus der aktiven Firmenleitung zurück und war fortan stille Gesellschafterin.
1929 erfolgte der Umzug der Familie und des stark wachsenden Unternehmens von Dresden nach Minden in Westfalen unter der nunmehrigen Leitung ihrer Söhne Willy und Horst Bentz (1904–1984) als Mitinhaber, Bentz blieb Seniorchefin. Das Unternehmen, das in den Folgejahren unter der Wirtschaftskrise und verschärftem Wettbewerb litt, wurde 1932 mit 232 Beschäftigten in eine Familienaktiengesellschaft unter dem Namen Melitta-Werke AG umgewandelt. Nach kurzfristigem Aufschwung in den 1930er Jahren verzeichnete die Firma erneut Einbußen durch Kriegswirtschaft, Rohstoffkürzungen und Kaffeemangel und stellte die reguläre Produktion unter Beschäftigung von Zwangsarbeitern um auf die Herstellung von Munitionsgurten, Pfannen und Töpfen; das Unternehmen war ein „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs half Bentz ihrem Sohn Willy bei dem Wiederaufbau des Unternehmens, da ihr Sohn Horst wegen seiner NSDAP- und SS-Mitgliedschaft sowie Unterstützung des NS-Regimes zwei Jahre interniert war und sich einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen musste. Seit Frühjahr 1949 wurde die reguläre Produktion der Firma wieder aufgenommen, die sich unter den Söhnen und Enkeln Bentzʼ zu einer international tätigen Unternehmensgruppe mit verschiedenen Produktmarken und ca. 6000 Mitarbeitern entwickelte.
37. Max Reger
R. wuchs in Weiden (Oberpfalz) auf und erhielt dort Klavier- und Orgelunterricht. In beschränkten finanziellen Verhältnissen mußte er sich sein Kompositions- und Klavierstudium selbst verdienen; 1890 folgte er Hugo Riemann (1849–1919) vom Sondershauser zum Wiesbadener Konservatorium, wo er selbst als Lehrer Anstellung fand. R., der seine Begabung als Verpflichtung begriff, eignete sich in knapp drei Jahren eine überragende Kompositionstechnik und umfassende Kenntnisse der musikalischen Tradition an, die durch Bearbeitungen Bach’scher Werke zeitlebens vertieft wurden. Schon 1891 wurden erste Kammermusikwerke gedruckt, die trotz Anklängen an Brahms unverkennbaren Eigenstil zeigen; sie wurden als überkompliziert und unspielbar abgelehnt. Auch die Lieder, Chöre, Orgel- und Klavierstücke der frühen Jahre blieben unbeachtet, so daß R. zu Gelegenheitsarbeiten gezwungen war. Kompromißlos verfolgte er dennoch seinen Weg und verarbeitete seine Enttäuschung in Musik; skurrile, vor-dadaistische Scherzi und Charakterstücke zeugen davon ebenso wie die melancholischen Monologe der langsamen Sätze. Das selbst zu finanzierende Einjährig-freiwillige Militärjahr 1896/97 leitete die persönliche Katastrophe ein, die nach wiederholten Ablehnungen seiner Werke (Klavierquintett c-moll ohne Opuszahl, Klavierstücke, Bach-Bearbeitungen u. a.) durch seinen Verleger eskalierte; hochverschuldet, alkoholabhängig und krank mußte R. 1898 ins Elternhaus zurückkehren.
In Weiden entlud sich R.s Produktivität in expressiven Orgelwerken (Choralfantasien, Fantasie u. Fuge üb. B-A-C-H op. 46; Inferno-Fantasie op. 57), die Tonalität sprengende Harmonik und komplizierte Variationstechnik mit monumentaler Gestaltung und rhetorischer Eindeutigkeit verbanden und trotz extremer Anforderungen an die Organisten – nicht zuletzt dank der Pionierleistung Karl Straubes (1873–1950) – zu einer Renaissance der dt. Orgelmusik führten. 1901 übersiedelte R. nach München. Hier bezog er als „absoluter“ Musiker eine Gegenposition zur vorherrschenden „Neudt. Schule“ mit avancierter Kammermusik (u. a. Klavierquintett op. 64, Violinsonate op. 72, Streichquartett op. 74), deren ungestüme Emotionalität in spannungsreichem Kontrast zur Statik des überlieferten Formmodells steht; in ihnen führte er die Tonalität an ihre Grenzen, löste die Melodie in musikalische Prosa auf und differenzierte die Vortragsparameter (Dynamik, Tempo, Metrum, Agogik) auf kleinstem Raum. Mit hochsensiblen und modulationsreichen Liedern auf Texte zeitgenössischer Dichter (Otto Julius Bierbaum, Richard Dehmel, Gustav Falke, Ludwig Jakobowski, Stefan Zweig u. a.), zu denen teilweise persönliche Kontakte bestanden, begab er sich in bewußte Konkurrenz zu Richard Strauss. Meisterwerke gelangen ihm 1904 mit den Bach- und Beethoven-Variationen für ein bzw. zwei Klaviere op. 81 und 86, deren komplexe Technik weit ins 20. Jh. weist.
Obwohl als Interpret eigener Werke zunehmend gefragt und auch im Ausland gefeiert, blieb R. in München, wo er seit der Aufführung seines sinfonischen Erstlings Sinfonietta op. 90 unter Felix Mottl im Febr. 1906 heftig umstritten war; die Berufung an die Akademie der Tonkunst als Nachfolger Joseph Rheinbergers (1839–1901) schuf nur kurze Zeit dafür Kompension (Mai 1905 - Juli 1906). 1907 folgte er einem Ruf ans Konservatorium in Leipzig, wo seine legendäre Kompositionstechnik und seine unangepaßte Persönlichkeit eine große Schülerschar anzogen. Zu dieser zählten neben den Deutschen Joseph Haas, Fritz Lubrich, Johanna Senfter und Hermann Grabner auch der Spanier Oscar Esplá, der Finne Aarre Merikanto, der Pole Witold Friemann und der Schweizer Othmar Schoeck. Die Leipziger Jahre brachten R. den Durchbruch zum neben R. Strauss wichtigsten Repräsentanten der dt. Musik. Arbeitsbesessen, schuf er hier die von ihm so genannten „Herzblutwerke“ – Orchesterwerke (Hiller-Variationen, Violin- u. Klavierkonzert, Symphon. Prolog zu e. Tragödie), Chormusik (100. Psalm, Motetten) und Kammermusik (Klavierquartett, Streichsextett, Cellosonate, Streichquartett) symphonischer Dimension. Für seine Künstlerfreundschaften (u. a. mit Max Klinger, Fritz Steinbach, Julius Klengel, Henri Marteau, Fritz u. Adolf Busch) blieb wenig Zeit, da R.s Denken fast ausschließlich seinen Werken und ihrer Durchsetzunggalt.
1911 wurde R. Leiter der berühmten Meininger Hofkapelle, die ihn zu klangvollen, gegenüber den Großbesetzungen der Zeitgenossen jedoch äußerst ökonomisch instrumentierten Orchesterwerken (Romant. Suite, Böcklin-Suite, Ballett-Suite, Mozart-Variationen) und gekonnten Orchestrierungen eigener und romantischer Lieder inspirierte. Eine exzessive Konzerttätigkeit, die Komponieren nur noch in der Sommerpause zuließ, führte Anfang 1914 zum Zusammenbruch und zur Aufgabe des Meininger Amts. Vom Kriegsdienst dispensiert, erwies er Deutschland im Sept. 1914 mit der kontrapunktischen Akrobatik der „Vaterländischen Ouvertüre“ op. 140 seine Reverenz, begann aber noch im selben Monat ein [Lateinisches] Requiem für die Gefallenen, dessen apokalyptische Visionen die musikalische Struktur in zukunftweisende Klangflächen auflösen. Der Abbruch des Monumentalwerks auf Grund des Unverständnisses seines Freundes und Beraters Straube löste eine Krise aus, die R. erst mit der Übersiedlung nach Jena im Frühjahr 1915 überwand. Aus dem Jenaer Spätwerk (Der Einsiedler op. 144 a, Hebbel-Requiem op. 144 b, Klarinettenquintett op. 146) sprechen Resignation und Weltabkehr.
Nach einem gehetzten Leben hinterließ R. ein ebenso umfangreiches wie heterogenes OEuvre, welches emphatische Hauptwerke neben gebrauchsorientierte Haus- und Kirchenmusik beider Konfessionen stellt und in seiner Komplexität zwischen Avantgarde und Tradition der Interpretation breiten Spielraum läßt. Obwohl Arnold Schönberg und Paul Hindemith R. als Wegbereiter der Moderne schätzten, geriet er für lange Zeit in Vergessenheit. Erst die Aufgabe des Dogmas vom linearen Fortschritt führte zu einer Neueinschätzung der Umbruchszeit zwischen Spätromantik und Neuer Musik und öffnete damit den Blick für originelle Einzelgänger wie R. – Das von seiner Witwe in Bonn gegründete und seit 1996 in Karlsruhe beheimatete Max-Reger-Institut (MRI) sammelt seine Autographen, erforscht sein Werk und macht es in Publikationen und Veranstaltungen Wissenschaft und Praxis zugänglich.
38. Margarete Steiff
Spielzeugerfinderin und Kämpferin für ein selbstbestimmtes Leben
Der "Knopf im Ohr" ist eine der traditionsreichsten deutschen Marken. Ihre Begründerin Margarete Steiff musste noch mehr Hürden überwinden als andere Frauen ihrer Zeit (vor allem gesundheitliche), bis sie zur erfolgreichen Unternehmerin werden konnte.
Margarete Steiff, geboren am 24. Juli 1847 im württembergischen Giengen an der Brenz, erkrankt im Alter von eineinhalb Jahren an Kinderlähmung. Fortan sind ihre Beine gelähmt und sie kann die rechte Hand nur unter Schmerzen bewegen. Zeit ihres Lebens ist sie an den Rollstuhl gebunden, mehrere Kuren zur Heilung der Krankheit verlaufen erfolglos. Damit kommt für sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weder eine Heirat infrage, noch hat sie eine Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben.
Doch trotz ihres Handicaps erkämpft sich die junge Margarete ihren Platz im Leben. So setzt sie durch, die Schule besuchen zu dürfen. Margarete lernt leicht, dennoch kann sie keine höhere Schule besuchen, denn das ist nur Jungen vorbehalten.
So besucht sie, wie ihre beiden älteren Schwestern, die Nähschule. Das Nähen von Hand fiel ihr schwer, weil ihre rechte Hand aufgrund ihrer Behinderung nur eingeschränkt belastbar war. Auch hier kämpft sie sich mit ihrem starken Willen und ihrer großen Disziplin durch und schließt im Alter von 17 Jahren die Schneiderlehre erfolgreich ab. Zeitweise arbeitet Margarete in der Damenschneiderei ihrer Schwestern Pauline und Marie mit.

Der Elefant war als Nadelkissen gedacht – bis Kinder ihn für sich als Spielzeug entdeckten (Elefäntle vor 1892)
Zu ihrem 27. Geburtstag richtet Margaretes Vater ihr ein eigenes Arbeitszimmer, eine kleine Nähstube, im Elternhaus ein. Von ihrem ersten selbstverdienten Geld kauft sie sich eine eigene Nähmaschine. Drei Jahre später, 1877, wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit: Steiff gründet ein Filzkonfektionsgeschäft, in dem sie selbst produzierte Kleidungsstücke und Haushaltsartikel verkauft. Die Waren finden regen Absatz und schon bald kann sie mehrere Näherinnen einstellen.
Das "Elefäntle": vom Nadelkissen zum beliebten Kinderspielzeug

Wort-Bildmarke "Steiff - Knopf im Ohr", Reg.Nr. 30548560
Ende 1879 entdeckt Margarete in einem Modejournal das Schnittmuster für einen kleinen Stoffelefanten. Nach dieser Vorlage näht sie das „Elefäntle“ als Nadelkissen, den ersten Verkaufsschlager der Manufaktur Steiff. In den folgenden Jahren steigt die Nachfrage nach den kleinen Filzelefanten, so dass die Werkstatt bald auch andere Tiere aus Filz wie Pferde, Affen oder Schweine produziert.
Steiff richtet ihren Betrieb nun neu als Spielwarengeschäft aus, das am 3. März 1893 als „Margarete Steiff, Filzspielwarenfabrik Giengen/Brenz“ ins Handelsregister eingetragen wird. Im selben Jahr werden die Spielwaren erstmals auf der Leipziger Spielwarenmesse präsentiert. Steiff beschäftigt nun vier Näherinnen und zehn Heimarbeiterinnen.
Die Sache mit dem Teddy
1897 tritt Richard Steiff, kreativer Lieblingsneffe von Margarete Steiff und Schöpfer zahlreicher Steiff-Kreationen, in die florierende Spielwaren-Fabrik der Tante ein. Er ist es auch, der 1902 den „Bären 55 PB“, den weltweit ersten Plüschbären mit beweglichen Armen und Beinen, entwirft. Margarete Steiff selbst stand dem Erfolgswert des Bären skeptisch gegenüber. 1903 präsentiert das Unternehmen den Stoffbären auf der Leipziger Spielwarenmesse und gegen Ende der Messe kauft ein amerikanischer Händler die gesamte Kollektion (3.000 Exemplare) auf - der Siegeszug des „Teddybären“ in den USA beginnt.
Es gibt aber noch eine abweichende, amerikanische Version der Entstehungsgeschichte des Teddybären. Beide haben gemeinsam, dass der Teddy nach dem Spitznamen des damaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt benannt ist, der gerne auf Bärenjagd ging. Der deutschen Version zufolge soll der Steiff-Bär über verschlungene Pfade bei Roosevelts Tochter gelandet sein, die ihn nach ihrem Papa benannte. Der amerikanischen Version zufolge kursierte ein Bärchen als Symbol für den Präsidenten schon länger in den Medien. Ein findiger russischer Einwanderer habe dann mit Roosevelts Erlaubnis einen Spielzeugbären als „Teddy´s bear“ auf den Markt gebracht.
"Knopf im Ohr" – ein Markenzeichen entsteht

Wortmarke "Steiff", Foto aus dem Warenzeichenblatt von 1907
Um die eigenen hochwertigen Produkte gegenüber billigen Konkurrenzprodukten abzugrenzen, entwirft Margaretes Neffe Franz Steiff 1904 den "Knopf im Ohr" als Markenzeichen für die Steiff-Waren. Die Marke wird beim Patentamt angemeldet und 1905 eingetragen. Am 27. April 1907 wird schließlich die Wortmarke "Steiff" registriert (DE97027). Im Jahr 1907 produziert das Unternehmen mit 400 Mitarbeitern und 1.800 Heimarbeitern bereits 973.999 Teddybären und insgesamt etwa 1,7 Millionen Spielwaren.
Margarete Steiff stirbt am 9. Mai 1909 in ihrem Heimatort an den Folgen einer Lungenentzündung. Steiffs Neffen führen das Unternehmen weiter. Die Kreationen von Margarete Steiff erlangen über ihren Tod hinaus Weltruhm.
39. Heinrich Hertz
H. zeigte schon während der Schulzeit außergewöhnliche sprachliche, mathematische und technisch-handwerkliche Begabung. Nach dem Absolutorium 1875 am Hamburger Johanneum ging er als Praktikant für ein Jahr nach Frankfurt und begann 1876 am Polytechnikum Dresden das Studium des Bauingenieurwesens, widmete sich aber fast ausschließlich der Mathematik und den exakten Naturwissenschaften. 1876/77 leistete er seine Militärdienstpflicht beim Eisenbahnregiment in Berlin ab und setzte im Wintersemester 1877/78 am Polytechnikum München sein Studium der exakten Naturwissenschaften fort. 1878 ging er nach Berlin, wo Helmholtz mit seiner Schule das Gebiet der Elektrodynamik, noch Jahrzehnte nach den Arbeiten von Maxwell „eine unwegsame Wüste“, zu klären versuchte. Den Maxwellschen Gleichungen, kompliziert und keineswegs eine widerspruchsfreie Theorie bildend, standen die älteren Hypothesen von Weber, Neumann und andere gegenüber. Schon in seinem 1. Berliner Semester erwarb H. für eine Preisarbeit zu diesem Thema eine Goldmedaille der Universität. 1880 promovierte er mit der (theor.) Arbeit „Über die Induktion in rotierenden Kugeln“, wurde Assistent von Helmholtz und arbeitete über Verdunstung und Kondensation von Flüssigkeiten, über Elastizität (wobei er unter anderem eine klare Definition des Begriffes „Härte“ gab) und über die Glimmentladung; dabei untersuchte er auch die damals rätselhafte physikalische Natur der Kathodenstrahlen. Er konnte weder die elektrostatische Ablenkung noch den reziproken Effekt der schon bekannten magnetischen Ablenkung, die Rückwirkung des Kathodenstrahles auf Magnetnadeln, auffinden. Die Ergebnisse von H. führten Helmholtz und viele andere, besonders in Deutschland, zu falschen Deutungsversuchen („longitudinale Ätherwellen“). H.s letzte Experimentaluntersuchung, 1891, ist nochmals diesem Gebiet gewidmet. Die H.sche Beobachtung, daß dünne Metallschichten für Kathodenstrahlen durchlässig sind, gab seinem Schüler Ph. Lenard (Lenardfenster) unter anderem den Schlüssel für die endgültige Lösung.
1883 habilitierte sich H. in Kiel mit seinen schon in Berlin ausgeführten „Versuchen über die Glimmentladung“. Nun beschäftigte er sich wieder intensiv mit Problemen der Elektrodynamik. Er wies nach, daß das auf Fernwirkungskräfte gegründete Gleichungssystem „in seinem gegenwärtigen Zustand sicherlich unvollständig“ ist, daß vielmehr dieses System, konsequent ergänzt, die Maxwellsche Theorie ergeben muß. 1886 wurde H. als Nachfolger von F. Braun zum ordentlichen Professor am Polytechnikum Karlsruhe berufen. Hier begannen seine Beobachtungen, die zur Entdeckung der Hertzschen Wellen führten. Die Absicht der H.schen Versuche „war die Prüfung der Fundamentalhypothesen der Faraday-Maxwellschen Theorie“. Die Elektrodynamik alten Stils kannte nur ein (durch die zeitliche Änderung eines magnetischen Feldes) induziertes elektrisches Feld; Maxwell hatte die symmetrische Gleichung, das (durch die zeitliche Änderung eines elektrischen Feldes) induzierte magnetische Feld, hinzugefügt. Die Größe des induzierten magnetischen Feldes ist dabei der Geschwindigkeit der Änderung des elektrischen Feldes proportional, was dazu führt, daß das induzierte magnetische Feld nur dann einen nennenswerten Betrag erreicht, wenn die Frequenz des sich ändernden elektrischen Feldes sehr hoch ist. Bisher hatte man elektrische Schwingungen von so hoher Frequenz nicht gekannt, deshalb hatten auch die Vor-Maxwellschen Theorien die Beobachtungen befriedigend wiedergegeben. Nach der Erzeugung der „sehr schnellen elektrischen Schwingungen“ entdeckte H., daß sich diese vom Schwingkreis lösen; am 13.11.1886 fand er die Übertragung seiner Wellen über einen Abstand von 1,5 m von einem primären auf einen sekundären „Stromkreis“. Damit hatte er Sender und Empfänger elektrischer Wellen konstruiert. Am 2.12.1886 gelang ihm|die Resonanzabstimmung der beiden Kreise. Als Nachweis für die elektromagnetischen Schwingungen diente H. meistens die optische Beobachtung von Funkenstrecken. Das führte ihn 1887 zur Entdeckung des lichtelektrischen Effekts, der später von Hallwachs, Lenard und anderen genauer untersucht wurde. – In der Folge untersuchte H. die physikalische Natur der „Hertzschen Wellen“ und zeigte ihre Reflexion (durch metallische Oberflächen), ihre Brechung (durch Prismen von Pech), ihre Transversalität und ihre Polarisation. Damit war erwiesen, daß die elektromagnetischen Wellen physikalisch den Lichtwellen entsprechen und sich von diesen nur durch die Wellenlänge unterscheiden.
Die Bedeutung seiner Entdeckung sah H. im Beweis der Maxwellschen Theorie: „Durch die Gesamtheit der geschilderten Versuche ist zum ersten Male der Beweis geliefert worden für die zeitliche Ausbreitung einer vermeintlichen Fernkraft. Diese Tatsache bildet den philosophischen, in gewissem Sinne zugleich den wichtigsten Gewinn der Versuche“. Die Möglichkeit einer technischen Anwendung, das heißt die heraufkommende Rundfunktechnik, hat H. nicht gesehen.
H. wurde 1889 als Nachfolger von R. Clausius ordentlicher Professor für Physik in Bonn. Hier widmete er sich mehr theoretischen Problemen. 1890 gab er eine knappe und klare Darstellung der Elektrodynamik in der Arbeit „Über die Grundgleichungen der Elektrodynamik für ruhende Körper“, die für den endgültigen Sieg der Maxwellschen Theorie, jedenfalls in Deutschland, entscheidend war. Fortan war die „Maxwellsche Theorie“ das System der von H.angegebenen Gleichungen. Das Problem der „Elektrodynamik für bewegte Körper“ konnte H. (1890) noch nicht lösen. Die H.sche „Mechanik“, unter vollständigem Verzicht auf den Kraftbegriff aufgebaut, faszinierte als logisches System, zu irgendwelcher fruchtbarer Anwendung ist sie aber nicht gekommen. Die „außerordentlich schöne und schön geschriebene“ (Sommerfeld) „Einleitung“ zu seinen „Prinzipien der Mechanik“ behandelt die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Physik und wird noch heute viel zitiert.
40. Emil von Behring
B. wurde auf dem Gymnasium in Hohenstein (Ostpreußen) humanistisch vorgebildet. Das Universitätsstudium ermöglichte ein Freund der Familie; er erwirkte ihm die Aufnahme an der Pepinière in Berlin. Dort legte er das Staatsexamen ab und wurde promoviert (1880). Er durchlief dann die Stufen der militärärztlichen Laufbahn. Truppenärztliche Aufgaben gaben den Anlaß, daß er sich mit der Bekämpfung der Infektionskrankheiten befaßte und der im Aufstieg begriffenen Bakteriologie zuwandte. Von 1889 an war er Assistent bei Robert Koch in Berlin, 1893 wurde er Professor der Hygiene in Halle, 1894 nahm er den Abschied vom Militärdienst, 1895 erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen Professor und Direktor des Hygienischen Instituts in Marburg/Lahn.
B. ist der Begründer der Serumheilkunde; er trug daher einen Hauptanteil am Fortschritt der Medizin um die Jahrhundertwende. - „Ich bin von dem Gedanken geleitet gewesen, meine Lebensaufgabe auf ein wichtiges und würdiges Ziel zu richten.“ Die Worte B.s decken das Leitmotiv seines Forschens auf. Ein kämpferischer, aber auch pflichtbewußter Mann, verfolgte er sein Ziel mit eiserner Tatkraft, in voller Klarheit wohl seit 1887, als er bei Karl Binz am pharmakologischen Institut der Universität Bonn arbeitete. Er wurde dort in eine Forschungsrichtung eingeführt, deren Hauptziel die Bekämpfung der Infektionskrankheiten mit chemischen Mitteln war. Jedoch schon damals begann ihn die Idee zu beherrschen, die Infektionserreger nicht mit körperfremden Chemikalien, sondern mit den vom Körper selbst in der Abwehr gegen die Bakterien gebildeten Gegengiften zu bekämpfen. Die Idee bildete den Ausgangspunkt der „ätiologischen oder Blutserumtherapie“ B.s, die für die gesamte Heilkunde von Bedeutung war. Sie brachte|die vernachlässigte Humoralpathologie neu zur Geltung und führte so die Medizin aus dem einseitig gewordenen Verständnis der Virchowschen Zellularpathologie wieder heraus. In den Berliner Laboratorien von Robert Koch setzte B. seinen Gedanken in die Tat um; hier erzielte er in Zusammenarbeit mit Shibasaburo Kitasato und Erich Wernicke die ersten wirksamen Heilseren gegen zwei gefürchtete Infektionskrankheiten, die Diphtherie und den Wundstarrkrampf. Mit Paul Ehrlich arbeitete er die erforderlichen Meß- und Prüfungsmethoden für die Herstellung im großen aus, die er in Verbindung mit den Farbwerken Meister, Lucius und Brüning in Höchst/Main durchsetzte. Die Höchster Farbwerke errichteten ihm ein eigenes Werk, das „B.-Werk“, dem die nach seinem Tod errichteten größeren Werke (1920, 1940) folgten. Forscher und Unternehmer in einer Person - er gründete industrielle Anlagen und landwirtschaftliche Versuchsstationen - gelang es B., sich wirtschaftlich unabhängig zu machen, so daß er seine kostspieligen Forschungen zum großen Teil aus eigenen Mitteln bestreiten konnte.
Auch ein Heilserum gegen die Tuberkulose wollte er entwickeln. Aber wie schon Robert Koch, so blieb auch ihm der Erfolg im Kampf gegen die Tuberkulose versagt; das von ihm hergestellte „Tuberkulin“ ergab kein brauchbares Resultat. Ebensowenig erfüllten groß angelegte Versuchsreihen zur Immunisierung der Rinder gegen die Tuberkulose, zum Teil von seinem Assistenten Paul Heinrich Römer in Argentinien durchgeführt, die erhofften Erwartungen. Immerhin brachten diese Forschungen die wichtige Erkenntnis, daß die tuberkulöse Erstinfektion einen Prozeß der Immunisierung auslöst, der für den Verlauf der Erkrankung bei wiederholter Infektion entscheidend ist. - Im letzten Jahrzehnt seines Lebens stellte B. neue, besser gereinigte und wirksamere Präparate des Diphtherie-Serums her. Neben der Diphtherie-Serumtherapie entwickelte er die vorbeugende Diphtherie-Schutzimpfung, durch die der Körper selbst zur Bildung der Immunstoffe angeregt wird, zum Unterschied von der bloßen Zufuhr der Antitoxine bei der Serum-Therapie.
Der Retter der Kinder - er ist auch Retter der Soldaten zu nennen - erhielt 1901 als erster Arzt den Nobelpreis; im gleichen Jahr wurde er in den erblichen Adelsstand erhoben; Frankreich verlieh ihm das Offizierskreuz der Ehrenlegion; zahlreiche in- und ausländische Universitäten und gelehrte Gesellschaften ernannten ihn zum Ehrendoktor bzw. zum Ehrenmitglied. Zur 25. Wiederkehr der Entdeckung des Diphtherie-Serums (1915) wurde eine Gedenkmünze mit seinem Bilde geprägt. - Schüler von B. sind (außer dem schon genannten Römer): Hans Much, Hans Schloßberger und J. Zeißler.
41. Friedrich III.
F. genoß eine sorgfältige Erziehung sowohl in betont bürgerlicher wie in militärischer Hinsicht. Ernst Curtius blieb er sein Leben lang dankbar verbunden, und Moltke zählte zu seinen Mentoren. Auf der Universität Bonn sprach ihn C. Th. Perthes besonders an. Politisch trieb ihn der zwiespältige Eindruck von Revolution und Reaktion in das liberale Fahrwasser, dessen Strömung mit verschiedener Stärke durch Vater und Mutter, die Schwiegereltern, am unmittelbarsten und nachhaltigsten schließlich durch die Frau bestimmt wurde. Natürlich war der Kronprinz von 1858 kein Parteimann, aber seine parteipolitischen Beziehungen sind offenkundig, zunächst zu den Altliberalen, später|zum linken Flügel der Nationalliberalen und zur Deutschen Freisinnigen Partei. Männer wie G. von Bunsen, M. Duncker, Forckenbeck, G. Freytag, F. von Roggenbach, Twesten genossen sein besonderes Vertrauen. Wenn die Worte „freisinnig“ und „wahrhaft konstitutionell“ in seinem politischen Credo immer wiederkehren, so verstand er darunter die Liberalisierung des politischen, kommunalen, wirtschaftlich-sozialen und evangelisch-kirchlichen Lebens, in Wiederaufnahme des gescheiterten Neuära-Programms der „moralischen Eroberungen“. Das persönliche Regiment in Preußen, die Exponierung der Krone, hielt er für nicht mehr „zeitgemäß“ und der dynastischen Zukunft gefährlich; andererseits war das autoritäre Erbteil des Vaters in ihm zu lebendig, als daß er – bei aller Bewunderung englischer Einrichtungen – ein Parlamentsheer und die parlamentarische Regierungsweise bejaht hätte. Seine Mittler-Natur glaubte an die Möglichkeit eines „Dualismus“ von Krone und Volksvertretung. Die harte Realität des innerpolitischen Machtkampfes ist ihm schwerlich zum Bewußtsein gekommen, er litt von vornherein am „mißverstandenen Bismarck“. Der „Konflikt im Konflikte“, den seine Danziger Ansprache (3.6.1863) wegen der Presseordonnanz entzündete, war keine „Episode“ (Gedanken und Erinnerungen), von ihm erhielt der Regierungschef niemals volle Indemnität, obwohl F. sich dem Eindruck der Größe des Gegners nicht entziehen konnte und seine Animosität keine so persönlich-verunglimpfenden Formen annahm wie bei Victoria. Wohl hat der Thronfolger den Minister des Königs unterstützt, wenn er ihm „zeitgemäß“ zu handeln schien, so in Nikolsburg und in Versailles, auch später noch bei der Option für Österreich, stets gegen den Vater, aber das blieben Zweckbündnisse, die an dem beiderseitigen Mißtrauen nichts änderten. Denn seit der berüchtigten „Briefindiskretion“, deren Ursprung, wie wir heute mit Sicherheit sagen können, auf die Kronprinzessin zurückgeht (das hieß auf F.s „besseres Ich“), war auch Bismarck auf der Hut, und neuerdings bekanntgewordene Zeugnisse der englischen Korrespondenz bestätigen seinen Argwohn. Während der Kronprinz sich von dem preußischen Ministerrat geflissentlich fernhielt, war er regelmäßiger Gast im Sitzungssaale des Norddeutschen Reichstages, als dieser ganz nach seinem Wunschbilde gemeinsam mit den Regierungen der Einzelstaaten die Verfassung des Gesamtstaates „vereinbarte“.
Zu einer geschichtlichen Figur wurde F. in den Kriegen um die deutsche Einheit. War es ihm schon vergönnt, mit seiner Armee entscheidend zum Siege von Königgrätz beizutragen, so ist unter seinem Oberbefehl im Feuer von Weißenburg und Wörth die Waffenbrüderschaft der deutschen Stämme geschmiedet worden. Gegenüber der werbenden Kraft, die gerade im Felde von seiner Person ausging, bleibt die Frage nach der militärischen Qualität im technischen Sinne zweitrangig. Das Ingenium seines Generalstabschefs L. Graf Blumenthal hat der Kronprinz anerkannt, aber auch verstanden, in entscheidenden Momenten die Verantwortung des Feldherrn zu tragen (H. Delbrück). Unbestritten ist seine Leistung für „Kaiser und Reich“, die „Das Kriegstagebuch von 1870/71“ (herausgegeben von H. O. Meisner, 1926) am ursprünglichsten erkennen läßt, mag dabei unitarischer Enthusiasmus anfänglich die von der Staatsraison gezogenen Grenzen überschritten haben, wie er auch die liberale Forderung nach verantwortlichen Reichsministern sich zu eigen machte, ohne die verfassungspolitischen Konsequenzen zu überschauen. Als das nationale Hochziel erreicht war, sah der Anwärter auf den Kaiserthron dessen sicherste Gewähr wieder in einer nunmehr „deutsch - freisinnigen“ Politik. „Ein freier deutscher Kaiserstaat, der an der Spitze der Zivilisation schritte“, galt dem Idealisten als das beste Bollwerk gegen den „Sozialismus“. Hier wie im Kulturkampf war er gegen „Ausnahmegesetze“, so sehr der Freimaurer unduldsame Orthodoxie und militanten Klerikalismus ablehnte. Das Verlassen der in Preußen bewährten freihändlerischen Prinzipien verstieß nach seiner Ansicht gegen die Ergebnisse der Wissenschaft und Praxis politischer Ökonomie. Außenpolitisch richtete er natürlich das Augenmerk auf die Verbindung mit „dear old England“. Als der von Mörderhand verletzte Monarch regierungsunfähig wurde (1878), schien für den Sohn der Augenblick gekommen, seine Prinzipien in die Tat umzusetzen. Aber er erhielt nicht die Regentschaft, sondern nur die Stellvertretung, „unter Verzicht auf jede Selbständigkeit“, und es ist verständlich, daß er sich der Enttäuschung über das schnelle Wiedergesunden des Vaters nicht ganz erwehren konnte. Zudem hatte die bittere Ironie des Schicksals gerade von dem Stellvertreter die erste Reichstagsauflösung, die Vollziehung eines Ausnahmegesetzes und die Bestätigung eines Todesurteils gefordert. Und dann trat der 56jährige wieder in den Schatten der Exspektanz zurück – endgültig. Wohl|konnte er nach wie vor dem Vaterlande Dienste leisten bei Auslandsaufenthalten mit höfisch-diplomatischen Zielen, aber das vermochte die bedrückende Leere seines Daseins nicht auszufüllen, noch weniger die Pflichten sonstiger Repräsentation mit ihren Empfängen, Protektoraten, Paraden und Inspektionsreisen; auch die Beziehungen zu Kunst, Kunstgewerbe und Wissenschaft boten kein genügendes Gegengewicht. So liegt eine Tragik über dem Leben des Mannes, lange bevor die furchtbare Krankheit es frühzeitig beendete und die Lücke der übersprungenen Generation mit ihrem Wenn und Aber aufriß.
Ein Mensch mit seinem Widerspruch: Für hohe Ziele begeistert und begeisternd, beobachtete man doch schon früh an ihm ein schnelles Absinken der lodernden Kraft. Der schwungvoll gesteilten „gotischen“ Schrift stand eine Unbeholfenheit im sprachlichen Ausdruck gegenüber. Empfänglich und mit geschultem Blick für Form und Farbe, für die zeremonielle Szene – ein Erbteil Augustas, der „empress even in death“ – blieb er im Grunde schlicht und einfach. Furchtlos im Augenblick der Gefahr, war er nach dem Zeugnis Victorias „despondant by nature“ und bisweilen in hohem Maße von der Gattin abhängig. Dem Recken schlug unter dem Küraß ein fast weiches Herz, das den Kontrast zwischen der Attitüde des Feldherrn und dem Grauen des Schlachtfeldes tief empfand. Trotz jenes „olympischen Hoheitsgefühls“, das Bismarck unvergeßlich blieb, fiel dem Kronprinzen das ungekünstelte Verhältnis zum „gemeinen Manne“ nicht schwer, ja er suchte es geradezu; die Popularität war echt auf beiden Seiten. Am wohlsten fühlte er sich im Familienkreise, als Gutsherr von Bornstädt. Das Niedrige hatte keine Gewalt über ihn. Sein Heiligtum aber blieb die Ehe, sie war der ständige Quell reinsten Glücks; nie hätte er sich eingestanden, daß die über alles geliebte Frau und ihr Milieu vieles von dem verschuldeten, was seine Stellung in der Öffentlichkeit erschwerte. Mit stärkeren Kräften des Gemüts als des Verstandes kein Großer dieser Erde, aber ein Held im Leid, kein Mann der Tat, aber ein edel Wollender, keine machtvolle und doch eine gewinnende Persönlichkeit, so lebt er in der Geschichte fort.
42. Stefan George
G.s Geburtsort war auch die Stätte seiner frühen Kindheit. Milieu und Atmosphäre des alten Winzerdorfes Büdesheim schildert die kleine Prosaskizze „Sonntage auf meinem Land IV“ (Gesamtausgabe [GA] XVII, 10). Von der katholischen Erziehung berichtet des Dichters „Kindlicher Kalender“ (GA XVII, 13), der das Jahr nach den Festen der Kirche gliedert. 1882-88 besuchte G. das Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt. Versuche einer eigenen Sprachfindung stehen im Zusammenhang mit dem wachsenden Interesse für fremde Sprachen und Dichtung. Der Gymnasiast lernte Italienisch, um Petrarca und Tasso lesen zu können, und Norwegisch, um Ibsens Drama „Catilina“ zu übersetzen. Mit Schulfreunden veröffentlichte er die Zeitschrift „Rosen und Disteln“ (1887). Hier erschienen die ersten Gedichte unter dem Pseudonym Edmond Delorme, später abgewandelt in Edmond Lorm. - Reisen nach London, in die Schweiz, nach Oberitalien und nach Paris wurden für die Entwicklung des jungen G. wesentlich. Briefe aus London zeigen erstmals die Kleinschreibung. In Paris lernte er 1889 durch Albert Saint-Paul den Dichter Stéphane Mallarmé kennen und die jungen Symbolisten, die Mallarmé als ihren „maître“ verehrten. G. nahm eine Zeitlang an den berühmten Dienstagabenden im Haus Mallarmés in der rue de Rome teil. Gleichzeitig begann er ein intensives Studium der französischen Literatur, das von den symbolistischen Freunden gelenkt wurde. Folgenreich war die Beschäftigung mit Baudelaire und den Dichtern des Parnasse. Die Bedeutung des 1. Pariser Aufenthaltes hat G. noch spät im Gedicht „Franken“ (GA VI/VII, 18) bezeugt.
Im Wintersemester 1889/90 ließ er sich an der Berliner Universität immatrikulieren und belegte 3 Semester lang Vorlesungen und Übungen in den Fächern Romanistik, Anglistik, Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Nach dem Abbruch des Studiums begab er sich wieder auf Reisen. In Wien lernte er Hugo von Hofmannsthal kennen. Eine kurze stürmische Freundschaft mit hochgreifenden Plänen beendete Hofmannsthal gewaltsam, aber er blieb G. noch einige Zeit innerlich verbunden und übertrug ihm die Publikation der 1. Sammlung seiner Gedichte (Ausgewählte Gedichte, 1903). Der Briefwechsel der beiden Dichter gehört zu den bedeutendsten persönlichen Dokumenten der Zeit um die letzte Jahrhundertwende.
Zusammen mit C. A. Klein begründete G. 1892 die „Blätter für die Kunst“, eine Zeitschrift für Dichtung mit bewußt begrenzter Auflage, die in 12 Folgen bis 1919 in unregelmäßigen Abständen erschien. Zum frühen Kreis der Mitarbeiter gehörten außer Hofmannsthal vor allem L. Andrian, P. Gérardy, M. Dauthendey, K. Wolfskehl, L. Klages, K. G. Vollmöller. Dazu kamen bald: Friedrich und Ernst Gundolf, L. Derleth, H. von Heiseler, L. Treuge, A. Schuler, W. Wenghöfer und Saladin Schmitt. Außer den Dichtern wurden im Anfang auch andere Künstler einbezogen, die Bildbeigaben oder Tonstücke lieferten. Seit 1897 übernahm der Maler Melchior Lechter die künstlerische Ausstattung der Bücher G.s. Eine geeignete Antiqua und die Handschrift des Dichters bildeten das Vorbild für die Stefan-George-Schrift, die seit der 3. Auflage des Gedichtbuches „Das Jahr der Seele“ verwendet wurde (1904). Ihre endgültige Form zeigt die „Gesamt-Ausgabe der Werke“ (GA). Auf einer Romreise im Jahre 1898 begegnete G. dem Verleger G. Bondi, der von diesem Zeitpunkt an alle Werke des Dichters und viele Bücher der Freunde verlegte.
Lebenshaltung und dichterisches Schaffen bilden bei G. eine echte Einheit. Jedes Gedicht hat einen Bezug zum dichterisch verwirklichten Leben. Bezeichnend für die stete Wanderschaft ist das 2. Gedichtbuch „Pilgerfahrten“ (GA I), das G. später H. von Hofmannsthal widmete. Länger als einige Monate verweilte der Dichter nie an einem Ort. Oft wohnte er bei Freunden. Die bedeutungsvollen Fixpunkte seiner Reisen waren Bingen, Berlin, München, Heidelberg, Darmstadt, Marburg, Kiel und Basel. In Bingen lernte er Ida Coblenz kennen, die spätere Frau Richard Dehmels. Mit ihr verband ihn bis 1896 eine leidenschaftliche Freundschaft. Gedichte aus dem „Buch der Hängenden Gärten“ (GA III) und aus dem „Jahr der Seele“ (GA IV) geben in überpersönlich gültiger Umformung Zeugnis von dieser wohl einzigen Liebesbindung mit einer Frau.
In München trat G. einige Zeit in nähere Beziehung zu der Gruppe der Kosmiker (Schuler, Klages, Wolfskehl). Zur gleichen Zeit lernte er dort Maximilian Kronberger kennen. Nach dem frühen Tode des geliebten Jünglings ehrte er ihn durch das „Gedenkbuch“ (1908) und durch den „Maximin“-Zyklus des „Siebenten Rings“ (GA VI/VII).
Ein formendes Ereignis war die Wiederentdeckung Hölderlins durch G. und seine Schüler. An der 1. historisch-kritischen Hölderlin-Ausgabe, die Norbert von Hellingrath veranstaltete, nahm G. aktiven Anteil. Der „Hyperion“-Zyklus (GA IX, 13 ff.) feiert und deutet den vergessenen Dichter in einer Form, die sich bewußt von Hölderlins hymnischer Rede mitprägen läßt. Sichtbarer als in der Frühzeit erfüllte G. nun sein Dichtertum als einen pädagogischen und prophetischen Auftrag. Zu den bedrängenden Ereignissen des 1. Weltkrieges ergriff er das Wort in den Gedichten „Der Krieg“ (GA IX, 27) und „Der Dichter in Zeiten der Wirren“ (GA IX, 35). Der Kreis der Menschen, die auf die Stimme des Dichters hörten, wurde jetzt immer größer. Um äußeren Erfolg oder Anerkennung kümmerte sich G. jedoch nicht. Den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main, der ihm 1927 als erstem verliehen wurde, lehnte er ab. Einer dringlichen Bitte folgend, nahm er die Ehrung nachträglich an, aber ohne öffentliches Auftreten und ohne Dank. Den Geldbetrag verwendete er zur Förderung seines jungen Freundes Max Kommerell, der sich an der Universität Frankfurt habilitierte.
Die erwählten jungen Menschen und Schüler - nur sie bilden den „George-Kreis“ - formte er zu einer selbstbewußten geistigen Gemeinschaft. Zu diesem Kreis des Dichters gehörten außer Wolfskehl und den Brüdern Gundolf vor allem: F. Wolters, B. Vallentin, K. Hildebrandt, R. Boehringer, E. Morwitz, L. Thormaehlen, E. Boehringer, W. Stein, J. Anton, M. Kommerell, E. Kantorowicz, Bernhard und Woldemar Graf von Uxkull-Gyllenband, die Brüder Alexander, Berthold und Claus Schenk Graf von Stauffenberg, F. Mehnert. K. J. Partsch und M. Stettler.
Die politischen Ereignisse verfolgte G. auch nach dem Weltkrieg mit kritischer Aufmerksamkeit. Vor der pseudovölkischen Ideologie des Nationalsozialismus, vor dessen Chauvinismus und Demagogie warnte er seine Freunde frühzeitig, ohne freilich jeden einzelnen von einem zeitweiligen politischen Engagement in solcher Richtung abhalten zu können. Als man ihn 1933 zum Präsidenten einer neuen deutschen Akademie für Dichtung machen wollte, ließ er durch seinen Freund E. Morwitz die Absage überbringen. Ehrungen zum 65. Geburtstag wich er aus. Ende August begab er sich in die Schweiz. Dort starb er einige Monate später im Krankenhaus von Locarno. Freunde bestatteten ihn auf dem Friedhof in Minusio. R. Boehringer ist der Verwalter seines Nachlasses.
G. besaß eine ungewöhnliche personale Ausstrahlung. Die überzeugende Einheit von Erscheinung und Wesen, der Zauber seines Wortes im Gespräch wie im Werk und die besondere Art, Gedichte zu lesen, haben immer von neuem Menschen in seinen Bann|gezogen, die ihn bewunderten, verehrten oder liebten und an seine dichterische Sendung glaubten. Noch ehe er sich durch bedeutende Werke ausgewiesen hatte, nahmen ihn die französischen Lyriker als Dichter in ihren Kreis auf. Hofmannsthal hat die erweckende Kraft G.s bezeugt, aber zugleich auch die gebieterische Gebärde und die oft unheimliche Gewalt: „Von seinen Worten, den unscheinbar leisen/Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen/Er macht die leere Luft beengend kreisen/Und er kann töten, ohne zu berühren.“ In Zuneigung und Abwehr war G. gleichermaßen entschieden. Er wirkte durch Gedicht und Gespräch. Einige Gespräche sind aufgezeichnet und überliefert.
Das dichterische Werk G.s erfüllt sich in der lyrischen Form. Seine Prosa ist indem schmalen Band „Tage und Taten“ (GA XVII) zusammengefaßt. Sie wird in ihrer Eigenart bestimmt durch den Willen des Lyrikers zur Kürze: Es sind impressionistische Skizzen, Briefe, Betrachtungen, Aphorismen und Lobreden. Auch Novelle und Roman hielt G. für zeitgemäße und bedeutende Kunstformen, aber er übte heftige Kritik an der modernen Neigung zur Reportage: „Man verwechselt heute kunst (literatur) mit berichterstatterei (reportage) zu welch letzter gattung die meisten unsrer erzählungen (sogenannte romane) gehören.“
Die wenigen Versuche, ein Drama oder Spielszenen zu schreiben, sind Fragment geblieben („Manuel“ GA XVIII, 7 ff.). Ein Weihespiel („Die Aufnahme in den Orden“ GA XVIII, 61 ff.), ein Szenenbild mit Dialogtext („Die Herrin betet“ GA XVIII, 53 ff.) und einige späte Gesprächgedichte („Der Gehenkte“, „Der Mensch und der Drud“, „Gespräch des Herrn mit dem römischen Hauptmann“, „Der Brand des Tempels“ GA IX, 67 ff.) fügen sich ohne Zwang in das lyrische Gesamtwerk ein, da die Dialoge keine dramatische Struktur haben und weder eine Handlung noch ein Problem entfalten. Alle Stücke sind erweiterte Rollengedichte mit spruchhaften Pointen. Dabei gewinnt die Darstellung gegenbildlicher Daseinsformen eine besondere Bedeutung. Auch der frühe Plan einer „Bühne der Blätter für die Kunst“ wurde begrenzt, da G. das Theater seiner Zeit ganz ablehnte. Er forderte das Sprechen der Rollentexte mit nur sparsamen Gesten. Ort für Aufführungen und Lesungen dieser Art war das Zimmer oder das Atelier. Wenn auch der „Bühne“ G.s wenig Erfolg beschieden war, so ist doch seine Kritik des zeitgenössischen Theaters, vor allem der naturalistischen Illusionsbühne, gehört und zumal bei Hofmannsthal und im Expressionismus wirksam geworden.
Das lyrische Werk beginnt mit den 3 Zyklen „Hymnen“ (1890), „Pilgerfahrten“ (1891), „Algabal“ (1892), die in der Gesamtausgabe zusammengefaßt wurden. In allen Gedichten ist die Begegnung mit den französischen Lyrikern bemerkbar. Im „Algabal“ kommt die eigene Art G.s klar und bestimmt zum Ausdruck. Gestalt und Reich des antiken Priesterkaisers Heliogabalus (218–22) werden zum Symbol für den exklusiven Künstler, der seinen eigenen Lebensbezirk gegen die Natur entwirft: „Mein garten bedarf nicht luft und nicht wärme./Der garten den ich mir selber erbaut“ (GA II, 96). Die „Bücher der Hirten und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der Hängenden Gärten“ (1895) prägen Stoffe und Motive der abendländischen und morgenländischen Literatur um und zeigen G. bereits als Meister symbolistischer Technik. Widmungsgedichte an Freunde fügen sich den Zyklen ein. Diese Gattung kehrt in allen folgenden Gedichtbüchern wieder und bildet einen beachtlichen Teil des Gesamtwerks. Es bezeugt sich darin die fundierende Bedeutung des „Kreises“ für G.s Künstlertum und Schaffen. Breitere Anerkennung und ersten Ruhm errang der Dichter mit dem Buch „Das Jahr der Seele“ (1897), in dem er die Gestalt des traditionellen Naturgedichts in Deutschland entscheidend umformte. Seine Natur wurde hier real und sinnbildlich der Park, die vom Gartenkünstler kunstvoll organisierte und erstellte Landschaft. Bezeichnend, daß im Zyklus des Jahreslaufes der Herbst den Eingang bildet („Komm in den totgesagten park und schau“), jene Jahreszeit also, in der die Natur beim Absterben des Lebens eine künstlerisch erregende Farbenfülle gewinnt, während der Frühling fehlt. Der Bezug zu den Dingen und Vorgängen der Natur ist durch die Optik des Künstlers gebrochen. Auch später erscheint bei G. elementare Natur als Gegenwelt des Menschen. Vertraut und schön wird sie, wenn sie gehegt und beherrscht ist („Der Freund der Fluren“ GA V, 42). Wortprägungen und Bildtechnik der Gedichte im „Jahr der Seele“ lassen in der Neigung zur schmuckreichen Konstruktion bisweilen eine Beziehung zu Intentionen und Motiven des Jugendstils erkennen (An einer hohen blume welkem stiel - bronzebraunen laubes inselgruppen - Vom tore dessen eisen-lilien rosten/Entfliegen vögel zum verdeckten rasen). Doch zielt der Bildaufbau nicht auf Abstraktion. Zumal durch Farbigkeit und ruhige Bewegung gewinnen alle Metaphern und Symbolzeichen sinnliche Intensität, die anschauliche Vorstellungen schafft („Im freien viereck mit den gelben steinen/In dessen mitte sich die brunnen regen“ GA IV, 22). -|Die strenge Form mit einer einheitlich symmetrischen Gliederung kennzeichnet den „Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel“ (1899). Jeder zyklische Abschnitt, den der Titel nennt, besteht aus der gleichen Anzahl von Gedichten (24), die in Zweiergruppen geordnet sind, und jedes Gedicht hat 4 Strophen mit je 4 Versen, in denen als Maß der auftaktige Fünfheber vorherrscht. Ruhig und gemessen ist der Ton, und im Gleichmaß der Bewegung erhält jedes Wort volles Gewicht. Bedachtheit, Dichte und sentenzhafte Pointierung ordnen den Gedichttypus der lyrischen Grundform des Spruches zu. Die Metapher „Teppich des Lebens“ deutet hin auf eine kunstvolle und rätselhafte Ordnung des Seins. Im Gedicht erwachen die abstrakten Chiffren des Teppichs zum „schönen Leben“, das der Engel des „Vorspiels“ ankündigt. Den prächtigen Schmuck des Buches schuf Melchior Lechter. In seiner reichen Ausstattung mit Bildern, Umrahmungen und Zierbuchstaben, eingebunden in grünes, auf Holzdeckel gespanntes Leinen mit blauem Titelaufdruck, ist die 1. Ausgabe ein seltenes und bezeichnendes Musterstück für die Buchkunst des Jugendstils. Der über Wolken thronende Engel Lechters hat freilich mit der gedichteten Gestalt des „Vorspiels“ wenig gemein. G. objektiviert im Bild des nackten Engels sein dichterisches Ich, erhebt es zum gültigen Formgesetz und entwirft es sich selbst als „Führer und Ferge“ voraus.
Mit dem Anspruch auf Verbindlichkeit seines Dichterworts trat G. aus dem exklusiven Bezirk des Nur-Ästhetischen hinaus. Die Zeitgedichte, die den großen Zyklus „Der siebente Ring“ (1907) einleiten, bezeichnen diesen Standort. Durch Kritik und Hinweis auf große Vorbilder (Dante, Goethe, Nietzsche, Leo XIII.) gibt G. seinen Zeitgenossen Weisung. Dieses leitende und richtende Amt des Dichters bestimmt den Ton und Gehalt des ganzen Spätwerks, noch nicht freilich aller Gedichte des „Siebenten Rings“, in dem Bilder des kosmischen Treibens in München und die Vergottung „Maximins“ (Maximilian Kronberger) einen breiten Raum einnehmen. - „Der Stern des Bundes“ (1914) ist der formstrengste Zyklus G.s. Er enthält 100 spruchhafte Gedichte, die sich verteilen auf 3 Bücher mit je 30 Stücken, den Eingang (9) und den „Schlusschor“. Gereimt sind nur das letzte Gedicht des „Eingangs“, das 10. Gedicht eines jeden „Buches“ und die 4 letzten Verse des „Schlusschores“. Die durch den Reim hervorgehobenen Stücke bezeichnen das Ende einer gedanklichen und strukturellen Einheit. In den einzelnen Gedichten schwankt die Zahl der Verse zwischen 7 und 14, im ganzen Werk beträgt sie 1000. Die Sprüche geben Grundsätze des neuen Lebens, das G. erwecken möchte. Oft ist die Bauform des Gedichts durch Rede und Gegenrede oder durch Frage und Antwort bestimmt. Die Sprache ist spruchhaft knapp. Sie verzichtet auf reichen Bilderschmuck. Metaphern und Gleichnisse sind wie in biblischer Rede unmittelbar treffende Aussage: „Ich bin der Eine und bin Beide/Ich bin der zeuger bin der schooss/Ich bin der degen und die scheide/Ich bin das opfer bin der stoss/Ich bin die sicht und bin der seher …“ (GA VIII, 27). An die Stelle des Engels aus dem „Vorspiel“ ist die Gottgestalt Maximins getreten. Sie ist Symbol für die Ermächtigung zum lebenspendenden und gebietenden Wort: „Wir schaun nicht mehr auf landes starre/Den wald von giftigem wind ergraut/Den grund geborsten durch die darre/Das fahl-gebrannte gras und kraut./Auf höhen ward ein quell entspündet/Und frische inseln blühn versteckt:/Das neue wort von dir verkündet/Das neue volk von dir erweckt.“ (GA VIII, 91).
Alle Gedichte, die nach 1913 entstanden sind, faßte G. in seinem letzten Buch „Das neue Reich“ (1928) zusammen; freilich fügte er auch einzelne ältere Stücke ein und bekräftigte damit noch einmal, daß nicht die zufällige Chronologie, sondern das künstlerische Baugesetz und das Sinngefüge die Gestalt der Gedichtbücher bestimmen. Zeitgedichte bilden den Hauptteil des Buches: die Dichtungen in den Wirren des 1. Weltkrieges, die Versgespräche, die „Sprüche an die Lebenden“ und die „Sprüche an die Toten“. Am Anfang aber stehen Oden mit zeitübergreifenden Themen: „Goethes letzte Nacht in Italien“, „Hyperion“, „An die Kinder des Meeres“. Auch die 12 „Lieder“ am Ende formen Begebenheiten oder Begegnungen zum zeitlosen Ereignis. Es sind Stücke letzter Meisterschaft. Motiv, Bild und Sprache sind einfach wie im Volkslied, aber jedes „Lied“ ist ein Gebilde hoher Kunst. Eines unter ihnen - „Das Wort“ - gibt ein gültiges Gleichnis für G.s Dichtertum und spricht aus, welches Wissen ihn zum Werk gedrängt hat: „Kein ding sei wo das wort gebricht“.
Neben das eigene dichterische Werk tritt eine Fülle von Übertragungen und Umdichtungen. „Les Fleurs du Mal“ von Baudelaire, große Teile der „Divina Commedia“ von Dante und die Sonette Shakespeares sind zwar eigenwillig, aber meisterhaft in die deutsche Sprache übertragen. Hinzu kommen zahlreiche Gedichte der französischen Lehrer und Freunde|- Verlaine, Mallarmé, Rimbaud, De Régnier, F. Vielé-Griffin - und anderer europäischer Lyriker, deren Gedichte G. für wertvoll hielt: D'Annunzio, Rolicz-Lieder, D. G. Rossetti, Swinburne, Dowson, J. P. Jacobsen, Kloos, Verwey, Verhaeren. Zusammen mit den Auswahlbänden deutscher Dichtung (Jean Paul. Ein Stundenbuch für seine Verehrer. - Goethe. - Das Jahrhundert Goethes. - Alle herausgegeben mit K. Wolfskehl) lassen die Umdichtungen seine Absicht erkennen, die große dichterische Tradition Europas im Bewußtsein zu halten und sie zu verknüpfen mit bedeutenden Werken seiner Zeit.
Das zyklische Schaffensprinzip, die Kunstgesinnung und die Selbstermächtigung zum weltformenden Wort rücken G.s Gestalt in den Zusammenhang der großen europäischen Lyrik der letzten Jahrhundertwende. Die Orientierung an einzelnen großen Vorbildern und deren immer neue Wirkung auf sein eigenes Werk verbindet dieses freilich noch fest mit den überkommenen Formen dichterischen Sprechens. In dieser Mitte zwischen Überlieferung und Neuanfang liegt auch seine Kritik an der die Zeit beherrschenden Idee des „Fortschritts“. Richtmaß für die Wertung politischer, gesellschaftlicher oder technischer Errungenschaften ist ihm der geistige Rang des handelnden oder betroffenen Menschen. Sein Gedicht, so glaubte G., werde in einer Zeit der Krise des menschlichen Geistes Weisung zu einer rechten Ordnung der Wirklichkeit geben.
Die Wirkung G.s auf das geistige und kulturelle Leben in Deutschland war bedeutend. Sie ging nicht nur aus von seiner Dichtung, sondern auch von der Arbeit und den Werken der erwählten Freunde und Schüler, die ihrerseits junge Menschen in den Umkreis des Dichters führten. G. selbst ist niemals öffentlich aufgetreten und hat auch nicht in irgendeiner Form öffentlich Stellung genommen zu Fragen des Tages. Hofmannsthals Bitte, einen offenen Brief zur Vermeidung eines deutsch-englischen Krieges zu unterzeichnen, lehnte G. schroff ab. Auch das Zeitgedicht „Der Krieg“ war zunächst für Freunde im Felde bestimmt und erschien in einer begrenzten Anzahl von Exemplaren. Erst die 2. Auflage wurde in einigen Zeitungen und Zeitschriften angezeigt.
Schon vor dem 1. Weltkrieg hatten F. Gundolf und F. Wolters das „Jahrbuch für die geistige Bewegung“ (3 Jahrgänge, 1910–12) herausgegeben, das wegweisende und kritische Aufsätze zu Fragen der Literatur und Kunst, der Philosophie und Geschichte enthielt. Bezeichnend für die Eigenart des „Jahrbuchs“ sind die Themen wichtiger Abhandlungen: „Die Blätter für die Kunst und die neuste Literatur“ (Wolfskehl), „Das Bild G.s“ (F. Gundolf), „Über Stil“, „Die Philosophie H. Bergsons“ (E. Gundolf), „Gestalt“ (Wolters), „Zur Kritik des Fortschritts“ (Vallentin), „Hellas und Wilamowitz, Zum Ethos der Tragödie“ (K. Hildebrandt), „Theater und Zeitgeist“ (Kahler), „Form und Kultus“ (Thiersch), „Über Hersagen von Gedichten“ (R. Boehringer).
Im Kreis und Umkreis G.s ist der Beruf des Hochschullehrers vorherrschend. Der Dichter selbst soll manche seiner Schüler auf dieses Amt des Forschers, Lehrers und Erziehers hingewiesen haben. So ergab sich bald eine weitreichende Wirkung unter der akademischen Jugend. In den Geisteswissenschaften bildete die Georgeschule eine neue Methode der wissenschaftlichen Darstellung und Deutung aus. Große Gestalten der politischen Geschichte, der Philosophie, der Dichtung und Kunst bestimmen nach dieser Auffassung nicht nur Wesen und Geist einer Epoche, sondern den Gang der Menschheitsgeschichte und die Höhe der Kultur überhaupt. Richtungweisend sind Gundolfs literarhistorische Darstellungen. Die Werke der anderen berühmten G.-Schüler bestätigen die Einheit der Blickrichtung und zeigen das Maß der Wirkung: M. Kommerell: „Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik“ (1928). „Jean Paul“ (1933). H. Friedemann: „Platon. Seine Gestalt“ (1914). A. von Blumenthal: „Griechische Vorbilder“ (1921). „Aischylos“ (1924). E. Salin: „Platon und die griechische Utopie“ (1921). „Civitas Dei“ (1926). K. Hildebrandt: „Wagner und Nietzsche. Ihr Kampf gegen das 19. Jahrhundert“ (1924). „Platon. Der Kampf des Geistes um die Macht“ (1933). W. Stein: „Raffael“ (1923). „Holbein“ (1929). B. Vallentin: „Napoleon“ (1923). E. Kantorowicz: „Kaiser Friedrich II.“ (1927). In diese Reihe rückt auch die Nietzsche-Deutung von E. Bertram: „Nietzsche. Versuch einer Mythologie“ (1918). - Gegen die mit diesen Werken begründete Methode der Geschichtswissenschaften erhob sich freilich bald heftige Kritik. Man tadelte die Stilisierung, Monumentalisierung und Heroisierung, die der historischen Wahrheit nicht entspreche. Es bleibt aber als Verdienst die oft geniale Schau, die eine bedeutende Gestalt der Geschichte im Bewußtsein der Zeit zu neuem Leben erweckte.
G.s Sicht eines „Neuen Reiches“ ist oft mißdeutet worden. Er hatte nicht die Absicht, im politischen Raum mit politischen Mitteln zu wirken, und hat nicht selten seine Freunde vor unbedachter politischer Aktion und nationalem Hochmut gewarnt. Als Wolters zu Beginn des 1. Weltkrieges die Stunde gekommen glaubte, unter der Fahne G.s den Krieg zu einem heiligen Krieg zu erklären, um durch ihn das „Reich“ zu verwirklichen, wäre es beinahe zum Bruch zwischen dem Dichter und seinem Gefolgsmann gekommen. G. verwahrte sich gegen die Verwechslung seines geistigen Kampfes mit dem politischen Kampf des nationalen deutschen Machtstaates. Im Blick auf den Krieg schrieb er im März 1917 an Wolters: „In dem rast ein altes jahrhundert sich zu end. Ein neues wird vielleicht durch ihn vorgestossen: aber das ist nicht durch das innere wesen des krieges wie heut alle ,geister von draussen‘ noch meinen. Man vergesse nie: der krieg so beendet wie man vorigen dezember wollte wäre eine grausige komödie gewesen und die anständigen Deutschen (mit ganz wenigen ausnahmen) hätten sich hängen müssen.“ Und etwa 1 Jahr später ließ er Wolters durch Gundolf schreiben: „Das geistige Reich hatte und hat mit und ohne sieg die ganze welt zum feind.“ Streng genommen schließt der späte G. genau wie der junge alles nur Gesellschaftliche und Politische aus seinem Bezirk aus. Ihm geht es allein um einen Staat des Geistes: um das geistige Reich des schönen Lebens. Nur mittelbar kann von diesem „Staat“ auch das politische Geschehen gelenkt werden. Wenn jedoch Claus von Stauffenberg 1944 gegen den Wahn und Ungeist Hitlers zur Tat schritt, um Deutschland vor völliger Vernichtung zu bewahren, so durfte er der Zustimmung seines toten Meisters gewiß sein, der gegen solchen Feind den Schutz der Waffe gefordert hatte: „Ihr sollt den dolch im lorbeerstrausse tragen“ (GA VIII, 92).
Verlinkungen:
->
Quellen:
Internetquellen
-> Stolberg-Wernigerode, Otto Graf zu, "Bismarck, Otto Fürst von" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 268-277 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11851136X.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 01.09.2025.
-> Meisner, Heinrich Otto, "Bülow, Bernhard von" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 728-729 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117065013.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 01.09.2025.
-> Schulz, Gerhard, "Maximilian" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 475-477 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118732137.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 01.09.2025.
-> Sartor, Wolfgang, „Spies, Robert Julius“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.03.2024, URL: https://www.deutsche-biographie.de/1160043175.html#dbocontent, zuletzt geprüft am 02.09.2025.
-> Heuss, Theodor, "Bebel, August" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 683-685 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118507893.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 16.10.2025.
-> Schröter, Klaus, "Mann, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 39-43 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118577131.html#ndbcontent, zuletzt abgerufen am 12.11.2025.
-> Zinn, Wolf: Thomas Mann - ein Jahrhundert-Schriftsteller, in: Deutschland.de, online verfügbar seit 31.01.2025 unter: https://www.deutschland.de/de/topic/kultur/thomas-mann-literatur-nobelpreis-nazi-gegner, zuletzt geprüft am 06.12.2025.
-> Deeken, Annette, "May, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 519-522 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118818651.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 06.12.2025.
-> https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/karl-liebknecht, zuletzt geprüft am 12.12.2025.
-> Kümmel, Werner Friedrich, "Koch, Robert" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1980), S. 251-255 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118564064.html#ndbcontent , zuletzt geprüft am 15.12.2025.
-> Schildberger, Friedrich, "Daimler, Gottlieb Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 485-487 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118523422.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 18.12.2025.
-> Kant, Horst, "Roentgen, Wilhelm Conrad" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 732-34 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118745743.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 23.12.2025.
-> Nemec, Friedrich, "Nietzsche, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 249-253 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118587943.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 23.12.2025.
-> Wilkens, Leonie von, "Becker-Modersohn, Minna Hermine Paula" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 722 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118582933.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 24.12.2025.
-> Keuler, Dorothe: ,Bertha Benz', in: fembio.org, online verfügbar seit 09.09.2011 unter: https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/bertha-benz/, zuletzt geprüft am 24.12.2025.
-> Cornelia Wenzel (2024): Lina Morgenstern, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lina-morgenstern Zuletzt besucht am: 06.01.2026
-> Hoffmann, Dieter, "Planck, Max Karl Ernst Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 497-500 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118594818.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 18.01.2026.
-> Heuss, Theodor, "Bosch, Robert" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 479-481 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118513818.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 18.01.2026.
-> Broecker, Marie-Louise, "Benz, Carl Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 57-59 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118509225.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 09.03.2026.
-> Schreinert, Kurt, "Fontane, Henri Théodore (Theodor)" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 289-293 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118534262.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 16.03.2026.
-> FrauenMediaTurm, bearbeitet von Dr. Jessica Bock (2017): Hedwig Dohm, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/hedwig-dohm, zuletzt besucht am: 07.04.2026.
-> Voigt, Marga, "Zetkin, Clara Josephine, eigentlich Eißner, geschiedene Zundel" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 664-667 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118636618.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 07.04.2026.
-> Dr. Dagmar Jank (2017): Minna Cauer, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/minna-cauer, zuletzt besucht am: 07.04.2026.
-> Feldenkirchen, Wilfried, "Siemens, Ernst Werner von (preußischer Adel 1888)" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 370-372 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118614088.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 09.04.2026.
-> Köhne-Lindenlaub, Renate, "Krupp, Alfred (Alfried)" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 130-35 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118567241.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.04.2026.
-> Kraus, Hans-Christof, "Wilhelm I. (Friedrich Wilhelm Ludwig)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 137-140 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118632884.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.04.2026.
-> Kroll, Frank-Lothar, "Wilhelm II. (Friedrich Wilhelm Viktor Albert)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 140-144 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118632892.html#ndbcontent, zuletztgeprüft am 12.04.2026.
-> Vinçon, Hartmut, "Wedekind, Frank (eigentlich Benjamin Franklin, Pseudonym Hugo Freiherr von Trenck, Frank Querilinth, Cornelius Mine-Haha, Ahasver, Benjamin, Hermann, Hieronymus Jobs, Kaspar Hauser, Müller von Bückeburg, Simplizissimus, Tschingiskhan)" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 533-535 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118629867.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 20.04.2026.
-> Dube-Heynig, Annemarie, "Kirchner, Ernst Ludwig (Pseudonym Louis do Marsalle)" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 658-661 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118562398.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 20.04.2026.
-> Diesel, Eugen, "Diesel, Rudolf Christian Karl" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 660-662 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118525476.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 21.04.2026.
-> Gollek, Rosel, "Marc, Franz" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 106-108 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd11857745X.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 27.04.2026.
-> Werbeck, Walter, "Strauss, Richard Georg" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 516-519 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd11861911X.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 27.04.2026.
-> Kinnebrock, Susanne: : Anita Augspurg, in: Digitales Deutsches FrauenarchivURL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/anita-augspurg, zuletzt besucht am 04.05.2026.
-> Köhnen, Ralph M., "Reventlow, Franziska (eigentlich Fanny) Sophie Liane Auguste Adrienne Gräfin von" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 477-478 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118600044.html#ndbcontent, zuletzt geprüft 1m 05.05.2026.
-> Epkenhans, Michael, "Tirpitz, Alfred Peter Friedrich von " in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 297-299 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118622870.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 07.05.2026.
-> Bodden, Nancy, „Bentz, Melitta“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.04.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd133288153.html#dbocontent, zuletzt geprüft am 07.05.2026.
-> Popp, Susanne, "Reger, Johannes Joseph Max (eigentlich Maximilianus)" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 261-263 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118598988.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 12.05.2026.
-> Margarete Steiff, in: dpma.de, online verfügbar unter: https://www.dpma.de/dpma/veroeffentlichungen/patentefrauen/margaretesteiff/index.html, zuletzt geprüft am 12.05.2026.
-> Hermann, Armin, "Hertz, Heinrich Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 713-714 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd11855008X.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 13.05.2026.
-> Bauereisen, Erich, "Behring, Emil Adolf von (seit 1901)" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 14-15 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118654918.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 13.05.2026.
-> Meisner, Heinrich Otto, "Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 487-489 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118535668.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 16.05.2026.
-> Klussmann, Paul Gerhard, "George, Stefan Anton" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 236-241 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd11853856X.html#ndbcontent, zuletzt geprüft am 14.06.2026.
Sekundärliteratur
->
->
->
Otto von Bismarck
Inhaltsverzeichnis
- Bismarcks Weg in die Politik. Der Junker aus der Altmark
- Bismarcks letzte Jahre. Das Gespenst vom Sachsenwald
- Preussens Ministerpräsident. Der Triumph des Kriegstreibers
1. Bismarcks Weg in die Politik. Der Junker aus der Altmark
Er ist ein schwieriger Kerl. Er verachtet den Vater, hasst die Mutter. Er tobt, trinkt, randaliert, verspielt ein Vermögen und seine Beamtenkarriere. Lange deutet nichts darauf hin, dass der Jurist Otto von Bismarck in höchste Staatsämter gelangen wird. Doch als sich die Berliner Bürger 1848 für Freiheit, Einheit und Demokratie erheben, findet der konservative Adelige aus der Provinz seine Berufung – als Kämpfer gegen die Revolution
Schönhausen, Montag, 20. März 1848. Ein Dorf in der Altmark an den Ufern der Elbe; Felder, Wäldchen, eine Kirche, Bauernhäuser – und ein Rittergut, auf dem ein 33-jähriger preußischer Junker lebt. Sein Name: Otto von Bismarck. Seit zwei Tagen fliegen Gerüchte durchs Dorf. Einige Damen sind aus dem etwa 100 Kilometer entfernten Berlin geflohen und erzählen Schockierendes: Revolution! Barrikaden! Kämpfe! Tote Soldaten! Aufständische Bürger, die schwarz-rot-goldene Flaggen schwingen, Freiheit und ein Parlament fordern! Truppen auf dem Rückzug!
Und: König Friedrich Wilhelm IV. weile noch in Berlin, doch sein Schicksal sei ungewiss! Möglicherweise sei er von Revolutionären eingeschlossen. Nun eilen einige Bürger der nahen Stadt Tangermünde zum Dorf und fordern: Flaggt Schwarz-Rot-Gold an eurem Kirchturm! Die Revolution ist auch bei euch angekommen! Aufgeregt laufen die Dörfler zum Schloss. Dort treffen sie den Gutsherrn an: 1,92 Meter groß, breitschultrig, vollbärtig, streitlustig. Nur die Fistelstimme passt so gar nicht zum gebieterischen Auftreten des Otto von Bismarck.
Den Bauern ist er als Gutsherr Arbeitgeber und Richter zugleich. Und so gehorchen die Landwirte, als er sie anweist, die Revolutionäre aus Tangermünde wieder davonzujagen. Dann lässt Bismarck aus der Kirche eine weiße Fahne mit dem Eisernen Kreuz holen und auf die Turmspitze pflanzen. „Ich ermittelte“, wird er sich Jahrzehnte später erinnern, „was an Gewehren und Schießbedarf im Dorfe vorhanden war, wobei etwa fünfzig bäuerliche Jagdgewehre zum Vorschein kamen. Ich selbst besaß mit Einrechnung der altertümlichen einige zwanzig.“
Mit seinen paar Bauern und den Flinten will Bismarck nun nach Berlin marschieren, um den König zu befreien. Ein benachbarter Gutsherr erfährt entsetzt von dem Vorhaben, wirft ihm vor, er würde eine Brandfackel ins Land werfen – und versucht, den Abmarsch der bunten Truppe zu verhindern. „Sie kennen mich als einen ruhigen Mann, aber wenn Sie das tun, so schieße ich Sie nieder!“, ruft Bismarck. „Das werden Sie nicht.“ „Ich gebe mein Ehrenwort darauf.“ Am Ende aber lässt Bismarck die bewaffneten Bauern doch erst einmal in Schönhausen. Dann fährt er allein mit dem Zug in Richtung Berlin. Der Revolution entgegen.
DIESER OTTO VON BISMARCK ist ein politischer Außenseiter. Sein ererbtes Gut verwaltet er zwar mit Energie, hat etwa Deiche ausbessern lassen, um sich und seine Nachbarn vor Überflutungen zu schützen – aber reich ist er nicht und wird es mit seinen Ländereien auch niemals werden. Berüchtigt ist er in den Kreisen von Preußens Adel: als Trinker, als Rabauke, der anderen Leuten mit der Flinte ins Schlafzimmer schießt, um sie zu wecken. Als frecher, gescheiterter Beamter, der seine Karriere einst selbst zerstörte. Als Militär hat er nur eine glanzlose einjährige Dienstzeit vorzuweisen; und ein Diplomat ist er schon gar nicht.
Und doch poltert Otto von Bismarck im März 1848 mit seinem wahnwitzigen Bürgerkriegsplan auf die Bühne der preußischen, der deutschen, der europäischen Politik – eine Bühne, auf der er bald ein Hauptakteur werden und die er fast ein halbes Jahrhundert lang nicht mehr verlassen wird. Ohne dieses halb brutale, halb lächerliche Vorhaben eines streitlüsternen Junkers wäre die Geschichte des weiteren 19. und des 20. Jahrhunderts vermutlich anders verlaufen. 500 Jahre zählen die Bismarcks da schon zum Adel. Ihr Name leitet sich wohl von einer vor dem Jahr 1200 durch den Bischof von Halberstadt errichteten Burg her: „Bischofsmark“. Doch noch nie hat einer der ihren Außergewöhnliches geleistet.
Im Gegenteil: 1722 erwähnt König Friedrich Wilhelm I. in seinem Politischen Testament die Bismarcks ausdrücklich als eine jener illoyalen Adelsfamilien, denen ein König „den Daumen auf die Augen halten und mit ihnen nicht gut umgehen“ dürfe. Noch der Vater Ferdinand von Bismarck ist ein Junker, der mit 23 den Armeedienst quittiert und fortan, dem Wein und der Jagd zugetan, auf seinem langsam verkommenden Landgut lebt.
Es ist ein Rätsel, was den gemütvollen, trägen 34-Jährigen an der erst 16 Jahre jungen, bürgerlichen Wilhelmine Mencken reizt. Die ist intelligent, energisch, doch gefühlsarm, ehrgeizig, hin- und hergerissen zwischen Kalkül und mystischen Anwallungen. Eine Frau, die an Hellseherei glaubt, aber auch daran, dass man durch Bildung und harte Arbeit Karriere machen muss. Und die entschlossen ist, ihre Söhne in Karrieren zu pressen.
Sechs Kinder werden ihr geboren. Zwei sterben früh, das dritte, der Sohn Bernhard, überlebt, doch bleibt er, wie alle seine Vorfahren, historisch bedeutungslos. Am 1. April 1815 kommt das vierte Kind zur Welt: Otto Eduard Leopold von Bismarck.
1815 IST EIN JAHR, in dem eine Ära endet: die von Napoleon Bonaparte. Der Kaiser der Franzosen hat in den zwei Jahrzehnten zuvor fast ganz Europa unterworfen. Auch Preußen hat er gedemütigt. 1806 zerschmetterte er die Armee der Hohenzollern in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, besetzte sogar die Hauptstadt Berlin. Preußen verlor mehr als die Hälfte seines Territoriums und wurde zu einem zweitrangigen Mittelstaat degradiert. Und doch war die Niederlage heilsam. Denn einige Adelige waren nun zu Reformen bereit, um ihr Land (das weiterhin von Preußens König regiert wurde) wieder zu stärken – Reformen, die zuvor undenkbar gewesen wären.
Generäle unter Gerhard von Scharnhorst etwa verbesserten die Ausbildung der Offiziere und führten die allgemeine Wehrpflicht ein. Staatsmänner wie Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein sowie Karl August Freiherr von Hardenberg schafften unter anderem das alte Zunftrecht ab sowie wie die Leibeigenschaft der Bauern, was die Wirtschaft stärken sollte. Und Gelehrte wie Wilhelm von Humboldt gründeten die Berliner Universität und reformierten Schulen, um Stätten der Wissenschaft zu formen und zukünftige Rechts- und Verwaltungsspezialisten als Staatsdiener auszubilden.
Vielleicht noch wichtiger als die Reformen von oben wurde für Preußens Wiederaufstieg eine Bewegung aus dem Volk: Napoleons Herrschaft provozierte erstmals in der deutschen Geschichte nationalen Widerstand. Intellektuelle wie der Dichter Theodor Körner riefen zum Kampf auf; Freikorps- Einheiten um Offiziere wie Adolf von Lützow fochten als Partisanen gegen die Besatzer.
Kaum einer kämpfte dabei für das alte, erstarrte Preußen. Im Gegenteil: Je weiter der Widerstand gegen Napoleon zunahm, desto größer wurde zugleich die Hoffnung – vor allem bei Studenten und Akademikern, bei den Bürgern der Städte, den Kaufleuten – auf ein freies, geeintes Deutschland. Denn vor den Umwälzungen durch den Franzosenkaiser war das Heilige Römische Reich deutscher Nation ein mittelalterlicher Anachronismus gewesen, ein Gebilde aus mehr als 300 größeren und kleineren Fürstentümern, aus Freien Städten und winzigsten Territorien, nominell beherrscht von einem Kaiser aus dem Hause Habsburg.
Unter dem Einfluss Napoleons wurden aber fast alle geistlichen Fürstentümer abgeschafft, viele kleine Herrschaften und die meisten Freien Städte größeren Staaten zugeschlagen und das Reich schließlich aufgelöst. Sei Napoleon erst einmal vertrieben, so die Hoffnung etlicher Kämpfer, werde sich Deutschland vereinen – und zwar als Verfassungsstaat. Denn eine Konstitution, die ihnen Bürgerrechte gegenüber dem Monarchen garantierte, hatten sich die Franzosen in der Revolution von 1789 erkämpft; und diesem Vorbild, Patriotismus hin oder her, wollten auch viele deutsche Freiheitskämpfer nacheifern.
Die Bismarcks gehören schon seit fast 500 Jahren zum Adel
1812 war Napoleon in Russland eingefallen. Doch am Widerstand der Verteidiger, an Hunger, Krankheiten und Kälte war seine Armee zugrunde gegangen. Gegen den geschwächten Franzosenherrscher bildete sich eine Koalition aus dem Zarenreich, Österreich, Großbritannien – und Preußen. König Friedrich Wilhelm III. rief sein Volk zum Kampf auf. Bereits 1810 hatte er versprochen, Preußen eine Verfassung zu geben. Und tatsächlich: 1813 schlugen die Alliierten Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig, zwei Jahre später endgültig bei Waterloo in Belgien – da war Otto von Bismarck seit 78 Tagen auf der Welt.
Doch alle, die mit Hoffnungen auf ein geeintes Deutschland gegen den Eroberer gekämpft haben, werden nun enttäuscht. Die Sieger (und auch Frankreich, das nach Napoleons Sturz wieder von einem König regiert wird, also eine traditionelle Monarchie ist wie die anderen Großmächte) ordnen auf einem Kongress, der bis 1815 in Wien tagt, Europa neu. Für Preußen bedeutet das unter anderem, dass es einige Territorien im Osten an Russland abtreten muss, dafür aber weite Teile des Rheinlands und Westfalens gewinnt: bevölkerungsreiche, aufstrebende Provinzen, wohlhabend, allerdings Hunderte Kilometer von Berlin entfernt.
Preußen reicht nun von Aachen bis Königsberg, von der Memel im Nordosten bis zum Moseltal im Südwesten. 10,4 Millionen Menschen leben in dem Staat, der im Wesentlichen aus den traditionellen Gebieten um Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien im Osten sowie den neuen Westprovinzen an Rhein und Ruhr besteht. Zwischen diesen beiden Reichsteilen liegen mittelgroße Fürstentümer, die von den Diplomaten des Wiener Kongresses aus kleineren Herrschaften zusammengefasst worden sind, etwa das Königreich Hannover. Im Norden Deutschlands sind Staaten wie Mecklenburg-Schwerin bestehen geblieben. Und im Süden sind Baden, Württemberg und Bayern nach dem Wiener Kongress ebenfalls gewachsen. Aus den mehr als 300 Einzelstaaten der vornapoleonischen Epoche sind 34 Länder entstanden und vier Freie Städte übrig geblieben, alle vereint im 1815 gegründeten „Deutschen Bund“. Aber was heißt schon vereint? Der Bund ist ein loses Gebilde souveräner Nationen. Keine gemeinsame Regierung, kein gemeinsames stehendes Heer, keine gemeinsamen Zollgrenzen.
Zwar wird ein Bundestag in Frankfurt am Main installiert, in den alle Länder Abgesandte schicken – doch das sind Männer, die sich nie einer Wahl gestellt haben. Der Bundestag ist vielmehr eine Art Diplomatenversammlung mit geringen Kompetenzen. Stets führt Österreich den Vorsitz. Jeder noch so kleine Staat kann mit einem Veto Änderungen an der Vertragsgrundlage verhindern. So bleibt die Kleinstaaterei erhalten. Das also ist das Land, in dem Otto von Bismarck als Kind aufwächst: ein lockerer Bund deutschsprachiger Staaten, dominiert von Österreich. Berlin ist dabei stets bemüht, den starken Einfluss Wiens zurückzudrängen. Und die Verfassung, die der preußische Monarch seinen Untertanen versprochen hatte?
Der König bricht sein Wort. Es gibt keine Verfassung in Preußen und erst recht kein Parlament, das mitbestimmt. Der Hohenzoller herrscht von Gottes Gnaden wie eh und je. In jeder der zehn (ab 1829 acht) Provinzen kann er etwa nach Gutdünken Landtage einberufen, doch das sind Notablenversammlungen, in die Adelige, Stadtbürger und Bauern mit Grundbesitz Vertreter entsenden, die aber wenig zu sagen haben. Allein der König mit seinen Ministern und Beamten regiert das Land. Es kommt – außer im Zoll- und Münzwesen – zu keinen weiteren Reformen. Die großen Gestalter der Krisenzeit sterben, wie Stein, oder werden kaltgestellt, wie Hardenberg.
Dieses Preußen, rückwärtsgewandt, adelig-konservativ, müsste für einen Junker wie Otto von Bismarck der ideale Staat sein, um Karriere zu machen. Doch er wird dort scheitern. Nicht an dem Staat. Sondern an sich selbst. Viele Junkersöhne werden von Hauslehrern unterrichtet – Bismarcks ehrgeiziger Mutter ist dies jedoch nicht gut genug. Sie schickt den sechsjährigen Otto auf ein Internat in Berlin: karge Kost, Kasernenhofdisziplin, Fechtunterricht. Der Junge leidet an Heimweh, sehnt sich nach Wäldern und freiem Land. Als „Zuchthaus“ wird er die Schule später schmähen. Dann das Gymnasium in Berlin. Er ist ein unauffälliger Schüler, interessiert sich wenig für Naturwissenschaften oder alte Sprachen. Die modernen liegen ihm eher. Englisch, Französisch, Russisch, Italienisch und Polnisch wird er später zum Teil gut, zum Teil passabel sprechen. Das Abitur erlangt er zwei Tage nach seinem 17. Geburtstag. Wer will, kann dort einen ersten Hinweis auf künftige Größe herauslesen: „Im Deutschen besitzt er eine sehr erfreuliche Gewandtheit.“
Denn seine Muttersprache wird ihm zur Waffe werden – schreiben kann Bismarck von Anfang an: In einem Zeitalter, in dem Menschen, sofern sie sich nicht persönlich begegnen, ausschließlich über Briefe Kontakt halten, sind Hunderte Schreiben von ihm erhalten; sie sind in ihrer Wortwahl drastisch, plastisch, rührend, arrogant, selbstironisch, höhnisch – aber niemals langweilig. Einen Vetter etwa, der ihm gegenüber das Wort „geschmackvoll“ benutzt, kanzelt der Primaner ab: „Ein Gentleman hat keinen Geschmack und keine Hämorrhoiden.“ Das Talent des Polemikers, der später Gegner zur Weißglut reizen wird – es zeigt sich schon beim unglücklichen Gymnasiasten. Denn unglücklich bleibt Bismarck. „Ich bin in meinem elterlichen Hause in frühester Kindheit fremd und nie wieder völlig darin heimisch geworden“, gesteht er später. Den Vater liebt er zwar, doch verachtet er wohl, vielleicht ohne dass es ihm selbst bewusst ist, dessen Schwäche. Und über die Mutter schreibt er: „Als kleines Kind hasste ich sie, später hinterging ich sie mit Falschheit und Erfolg.“
Doch es ist Bismarcks Tragik und Größe zugleich, dass er genau das, was er an seiner Mutter hasst, von ihr geerbt hat: den gnadenlosen Ehrgeiz. Gnadenlos gegen andere, gnadenlos gegen sich selbst. Zwar liebt er das Junkerleben, sehnt sich immer wieder nach dem Land, der Jagd, dem einfachen Dasein. Die andere Hälfte seiner Persönlichkeit aber wird von gerade diesem beschaulichen Wirken erstickt. Die sehnt sich nach Taten, nach Macht, nach Gestaltung, nach Ruhm – nach jenen Erfolgen, die der Mutter als Höchstes gelten. Der junge Mann beginnt denn auch an der angesehenen Göttinger Universität das Studium der Rechte, die Voraussetzung für die von der Mutter erhoffte Karriere im Staatsdienst.
Preußens König verspricht seinen Untertanen eine Verfassung – und bricht sein Wort
Und doch geht er die Sache seltsam zwiespältig an. Er paukt zwar den Stoff, so weit es nötig ist. Aber für die Jurisprudenz interessiert er sich nicht wirklich, besucht lieber eine Vorlesung über Geschichte. Auf dem Fechtboden seiner Studentenverbindung schlägt er gut zwei Dutzend Mensuren – und ist dabei so geschickt, dass er bei diesen Kämpfen fast niemals verletzt wird. Er trinkt Unmengen und benimmt sich unziemlich, indem er etwa auf der Straße raucht. Bald wechselt er an die Berliner Universität, hält es aber kaum für nötig, das Gebäude je zu betreten. Was er lernen muss, bringen ihm Repetitoren bei. 1835 macht er seinen juristischen Abschluss. Da ist er 20 Jahre jung.
Er tritt in den Staatsdienst, wird Referendar beim Stadtgericht Berlin. Eine „geistige Holzhacker-Arbeit“, schmäht er. Routine, Hierarchien, Starre. Bismarck will Diplomat werden, lässt sich nach Aachen versetzen, ans andere Ende Preußens. Die Stadt ist ein Kurbad und ganz und gar unpreußisch, untersteht der Ort doch erst seit dem Wiener Kongress den Hohenzollern. Eleganz, Lebensart, Luxus, illustre Gäste aus England und Frankreich. Die Bürokratie aber ist auch hier schon berlinerisch. Der Regierungsreferendar verachtet die geistlosen Tätigkeiten in der Staatsverwaltung: Anhörungen zerstrittener Ehepaare etwa, denn eine Scheidung muss noch beantragt und von der Obrigkeit genehmigt werden. Eine Plage ist er auch seinen Dienstälteren. „Ich habe nie Vorgesetzte vertragen können“, wird er später gestehen – und lässt sie besserwisserisch spüren, wie wenig er von ihnen hält.
Oft stürzt er sich ins Spiel, häuft beim Roulette Schulden an. Summen, die ein Referendar kaum zurückzahlen könnte. Aber da ist ja noch der gutmütige Vater. Dann eine Amour fou: Bismarck verliebt sich in Isabella Loraine-Smith, eine schöne, junge Engländerin, die mit ihren Eltern durch Europa reist. 14 Tage Urlaub beantragt er bei seinem Vorgesetzten (der sie ihm auch bewilligt) – und ward nicht mehr gesehen. Bismarck reist mit der englischen Familie nach Wiesbaden und weiter Richtung Schweiz. Liebe? „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz“, urteilt Bismarck selbst über diese Zeit – das klingt nicht gerade nach tiefen, das Leben erschütternden Gefühlen. Eher nach einer Art tolldreister Flucht aus dem erstickenden Beamtenwirken.
Nach wenigen Monaten schon überwirft sich das Paar. Die Ursachen dafür, wie überhaupt die Einzelheiten der ganzen Romanze, bleiben unklar. Bismarck wird sich kaum je über Isabella Loraine- Smith äußern – und wenn, dann in spöttischem Ton. Der Referendar verlässt die englische Familie, als die gerade durch die Schweiz reist, und fährt auf ein Familiengut, da sein Vorgesetzter ihn nicht wieder aufnehmen will. Ende der Laufbahn in Aachen.
Das ist mehr als jugendliche Rebellion – es ist die Zertrümmerung der mütterlichen Autorität. Jahrelang hat er sich in Wilhelmine von Bismarcks strenge Bahnen gefügt, vom Internat bis zum Referendariat. Nun bricht er dort aus, so radikal, dass die Mutter wohl kaum hoffen kann, ihr Sohn würde die erträumte Karriere durchlaufen. Am 1. Januar 1839 stirbt Wilhelmine mit 49 Jahren, vom Krebs zermürbt. Für Bismarck ist dieser Tod eine Erlösung – aber, wie er nur zu bald feststellt, noch längst keine Befreiung.
Der junge Mann wird zum Junker und lässt sich auf dem Familiengut in Hinterpommern nieder (kurz nach dem Tod des Vaters 1845 zieht er auf Gut Schönhausen). Er ist nun in den Zwanzigern, kräftig, energisch. Ein Patriarch der Bauern, ein kleiner König in seinen Ländereien. Es könnte das perfekte Leben sein. Und doch…
Der 17-Jährige genießt das Studentenleben. Später bereut er die verlorene Zeit
Einem Freund schreibt er schon bald: „Ich sitze hier, sehr einsam, 29 Jahre alt, körperlich wieder gesund, aber geistig ziemlich unempfänglich, treibe meine Geschäfte mit Pünktlichkeit, aber ohne besondere Teilnahme, suche meinen Untergebenen das Leben in ihrer Art behaglich zu machen und sehe ohne Ärger an, wie sie mich betrügen. Des Vormittags bin ich verdrießlich, nach Tische allen milden Gefühlen zugänglich. Mein Umgang besteht in Hunden, Pferden und Landjunkern, und bei Letzteren erfreue ich mich einigen Ansehens, weil ich Geschriebenes mit Leichtigkeit lesen kann, ruhig und dreist reite und meine Gäste mit freundlicher Kaltblütigkeit unter den Tisch trinke. Denn leider Gottes kann ich nicht mehr betrunken werden. So vegetiere ich fast wie ein Uhrwerk; ein sehr harmonischer und sehr langweiliger Zustand.“ Überdruss und ziellose Kraft. Der „tolle Bismarck“, wie ihn die adeligen Nachbarn nennen, reitet auf der Jagd wie ein Verrückter und durchzecht die Nächte. Das Junkerdaseins seines Vaters, dem er als Kind entrissen worden ist, nach dem er sich immer sehnte: Nun lebt er es. Und ist doch rast- und haltlos. Um 1840 ist Bismarck ein Mann ohne Ziel. Vielleicht hätte er sich früher oder später bei einer Hatz den Hals gebrochen, wäre in eine Schießerei geraten, hätte sich zu Tode getrunken. Drei Dinge retten ihn: der Glaube, die Liebe und die Politik.
SEIT DEN Befreiungskriegen gegen Napoleon hängen viele pommersche Gutsherren dem Pietismus an, einer protestantischen Reformbewegung, die persönliche Frömmigkeit fordert: Der Einzelne soll moralisch gut handeln und seinen Weg zu Gott selbst finden. Die Bewegung hält nicht viel von Kirchenordnung, Hierarchien, Dogmen oder äußerem Glanz – aber auch nichts von philosophischer und politischer Aufklärung. Vielmehr suchen die Pietisten in Pommern eine Art religiöse Romantik und Weltflucht; sie sind durch und durch fortschrittsfeindlich. „Tief widerwärtig“, schmäht der Dichter Heinrich Heine den erzkonservativen Pietismus der Junker, „dieses philosophisch-christliche Soldatentum, dieses Gemengsel von Weißbier, Lüge und Sand“.
Bismarck ist zwar kein Pietist – er ist lutherisch getauft und konfirmiert, allerdings ist ihm der Glaube schon als Jugendlicher gleichgültig geworden –, doch 1843 lernt er Marie von Thadden kennen, die 21-jährige Verlobte eines Jugendfreundes. Marie ist die Tochter eines bekannten Pietisten, fromm, klug, lebensfroh, strahlend. Der Junker ist von ihr tief beeindruckt – mag sein, dass es sogar Liebe ist. Eine Affäre wird daraus nicht, wohl aber eine Freundschaft. Marie und ihr ebenfalls frommer Verlobter wollen den verlorenen Christen zurückholen, ihn zu ihrem Glauben bekehren. Lange Gespräche, Briefe, Diskussionen. Bismarck reagiert, ganz gegen seine Art, nicht spöttisch oder schroff, sondern ernsthaft. Allein, der Glaube kommt ihm nicht – bis der Tod diese Runde zerreißt.
Marie erkrankt im Herbst 1846 an epidemischem Fieber. Bismarck, überwältigt von Sorge, betet um sie, zum ersten Mal seit Jahren und vielleicht erstmals überhaupt aus echter Überzeugung. Er fleht Gott an, die Freundin zu verschonen. Vergebens. Marie erliegt am 10. November dem Fieber. Doch seltsam: Obwohl jenes erste echte Gebet nicht erhört wurde, hat der erschütterte Bismarck ausgerechnet durch ihren Tod zur Religion gefunden. Fortan glaubt er wieder an Gott, betet, versucht, in dieser Welt die höhere Ordnung zu erkennen.
Schon bald merkt er, dass ihn das Leben auf seinem Gut zu Tode langweilt
Allerdings ist es ein sehr eigener Gott, dem er sich nun verpflichtet. Kein Kirchengott, denn die Amtskirche schätzt er Zeit seines Lebens gering. Auch über die christlichen Ideale von Demut und Nächstenliebe findet sich bei ihm kaum ein Wort. Bismarcks Gott ist eher der des Alten Testaments, ein, wie ein Biograf schreiben wird, „kriegstauglicher Gott“. Ihm unterwirft er sich, und fortan wird der Glaube seine maßlose Kraft bändigen, aus ihm einen Mann machen, der sich selbst bezähmt. Einem Vertrauten wird er gestehen, dass ihn manchmal eine „brutale Sinnlichkeit nahe an die größten Sünden führt“ – aber eben nur noch nahe: Er bezwingt sich. Doch dieser persönliche Bismarcksche Gott gestaltet zugleich das weite Erdenrund. „Man soll nur immer darauf achten, ob man den Herrgott durch die Weltgeschichte schreiten sieht, dann zuspringen und sich an seines Mantels Zipfel klammern, dass man mit fortgerissen wird, so weit es gehen soll.“
Das hat er zwar später gesagt, es ist aber sicher schon zu jener Zeit der Kern seines Charakters. Gott schafft die Gelegenheiten – der Mensch muss sie nutzen, energisch und rücksichtslos. Es ist, als habe der Kraftmensch nach dem Tod der Freundin 1846 plötzlich gelernt, seine Energien auf ein Ziel zu richten. Denn der haltlose Junker, der Jahre vertändelte, hat auf einmal Pläne, die er nun rasch umsetzt. Einige Monate vor seinem 32. Geburtstag verlobt er sich mit Johanna von Puttkamer, die er über Marie von Thadden kennengelernt hat. Johanna ist biederer, herber als die Verstorbene. Ihre Eltern, ebenfalls Pietisten, sind entsetzt über den Mann mit dem schauderhaften Ruf; der Wolf hole immer die besten Schafe weg, klagt die Mutter. Bismarck jedoch wirbt in einem langen Brief erfolgreich für sich, appelliert an das Gottvertrauen der Eltern.
Im Sommer 1847 heiraten die beiden. Johanna, die ihm bedingungslos folgt, gibt ihm Halt: „Du bist mein Anker an der guten Seite des Ufers; reißt der, so sei Gott meiner Seele gnädig“, gesteht er ihr im Januar 1851. Und fast ein halbes Jahrhundert später wird das letzte Gebet des sterbenden Bismarck lauten: „Gib, dass ich meine Johanna wiedersehe.“ Ebenso rasch wie das private Leben des tolldreisten Junkers verändert sich auch dessen politisches Leben. Denn in Bismarcks Verlobungszeit 1847 fällt die Eröffnung des „Vereinigten Landtages“ in Berlin.
Acht Landtage gibt es in den preußischen Provinzen, doch die sind nichts als bedeutungslose Ständeversammlungen. Nun aber lädt König Friedrich Wilhelm IV., der inzwischen regiert, alle Abgeordneten der einzelnen Landtage in den Weißen Saal seines Berliner Schlosses; zum Vereinigten Landtag. Denn ein Gesetz aus der Reformzeit, dem der damalige König zugestimmt hatte, sieht vor, dass Vertreter des Volkes der Aufnahme von Staatskrediten zustimmen müssen. Bis zu diesem Zeitpunkt haben es der Monarch und sein Vorgänger allerdings durch extrem sparsame Haushaltsführung vermeiden können, dass das Gesetz wirksam wurde. Jetzt aber braucht Friedrich Wilhelm IV. – ein schwacher, launischer Charakter, beeinflussbar, romantisch, erzkonservativ – Geld für die Erweiterung des Eisenbahnnetzes nach Osten.
Durch Zufall dabei: Otto von Bismarck. Der Junker aus Schönhausen rückt erst als Stellvertreter nach, als ein Abgeordneter schwer erkrankt. Er ist ein politischer Neuling. Im Vereinigten Landtag dominieren die Liberalen die Opposition gegen den König – wie überall in Deutschland, wo Debatten toben. Es sind Geschäftsleute aus den Provinzen im Westen, Anhänger eines Verfassungsstaates sowie Erben jener Patrioten, die einst gegen Napoleon agitierten.
Sie fordern eine Verfassung für Preußen, und ein Abgeordneter verkündet, dass dies ja schon das eigentliche Ziel des heroischen Kampfes gegen Napoleon gewesen sei. Da tritt Bismarck zu seiner ersten Rede auf die Tribüne. Niemand weiß, was ihn an diesem 17. Mai 1847 treibt. Politisch ist er bis dahin kaum hervorgetreten, er hat kein bedeutendes öffentliches Amt inne. Vielleicht ist es der von ihm später so genannte „Mantel Gottes“, den er plötzlich in der Geschichte erblickt. Vielleicht spürt Bismarck, dass – 30 Jahre nach Napoleon – die Ordnung des Wiener Kongresses zerfällt. Dass die Liberalen immer vehementer Forderungen stellen und dass die Monarchen darauf irgendwie reagieren müssen. Kurz: dass sich etwas verändern wird in Deutschland und in Preußen. Die Frage ist nur, welche Seite aus dieser Veränderung als Sieger hervortritt. Oder mit Bismarckschen Gedanken: auf welcher Seite Gott steht. Der Mann aus der Altmark gibt nun in seiner Rede (wie er später in seinen Erinnerungen schreibt) seiner „naturwüchsigen Entrüstung darüber Ausdruck, dass die Fremdherrschaft an sich kein genügender Grund zum Kampfe gewesen sein solle. Mir schien es unwürdig, dass die Nation dafür, dass sie sich selbst befreit habe, dem Könige eine in Verfassungsparagrafen zahlbare Rechnung überreichen wolle. Meine Ausführung rief einen Sturm hervor.“
Empörung. Aus Sicht der Liberalen hat das Volk Preußen und seinen König vor Napoleon gerettet und sich dadurch das Recht auf eine Verfassung erkämpft. Und nun stellt sich da ein junger Landedelmann auf die Tribüne und macht aus den Befreiungshelden von 1813 so etwas wie gedungene Söldner, die eine Verfassung als Bezahlung fordern.
An diesem einen Tag wird Bismarck in Preußen bekannt: als Erzreaktionär. Er schlägt sich bedingungslos auf die Seite des Königs und schafft sich in den regierungskritischen Liberalen buchstäblich Feinde fürs Leben. Er findet aber auch mächtige Freunde: Friedrich Wilhelm IV. und dessen Höflinge. Sie erkennen in Bismarck den scharfen, packenden Redner, der ihrem Kreis bislang fehlte. (Allerdings nicht für den Vereinigten Landtag, den der König kurzerhand auflöst, als er ihm die gewünschten Kredite nicht bewilligt.) Bei einem privaten Treffen äußert sich Seine Majestät lobend gegenüber dem Junker aus Schönhausen. Jedoch wagt es der König nicht, sich öffentlich zusammen mit Bismarck zu zeigen. So radikal sind dessen Aussagen, dass es selbst der Monarch für opportun hält, Distanz zu dem jungen Mann zu wahren. Noch.
DAS NÄCHSTE JAHR ändert alles: 1848. Revolutionen erschüttern Kontinentaleuropa. Im Februar erheben sich die Pariser Bürger gegen Louis Philippe, der Monarch muss ins englische Exil fliehen, Frankreich wird zum zweiten Mal Republik. Das ist ein Fanal für alle radikalen Liberalen, auch in den deutschen Staaten. Es kommt zu Aufruhr in Wien, in Süddeutschland. Im März erreichen die Unruhen auch Preußen. Überall kollabiert die alte Ordnung. Der greise Fürst von Metternich, der Architekt des Wiener Kongresses, muss vor dem wütenden Volk fliehen. In vielen Residenzen geben verängstigte Fürsten den Demonstranten schnell nach, gewähren Presse- und Versammlungsfreiheit.
Und stimmen bald auch Wahlen zu – für jeweils eigene Parlamente in den einzelnen Bundesstaaten sowie für eine Nationalversammlung aller deutschen Fürstentümer und Freien Städte in der alten Reichsstadt Frankfurt am Main, die die Grundlagen für ein geeintes, freies Deutschland ausarbeiten soll. In Berlin herrscht nun Chaos: König Friedrich Wilhelm IV. lässt Mitte März 1848 seine Soldaten in der Hauptstadt gegen Demonstranten aufmarschieren. Doch der Monarch, ein beleibter, labiler Mann, entscheidungsschwach, wankelmütig, macht den Protestierenden mal Zugeständnisse, dann wieder befiehlt er seinen Truppen Härte.
Als am 18. März beim Auseinandertreiben einer Menge auf dem Schlossplatz durch Soldaten zwei Schüsse fallen, errichten die Bürger Barrikaden, wehren sich mit eilig herbeigeschafften Waffen, mit Steinen und Flaschen gegen die Uniformierten. Gut 20 Stunden wogt der Straßenkampf, Hunderte Aufständische und Soldaten kommen ums Leben. Schließlich befiehlt der König seinen Einheiten, aus der Stadt abzuziehen, und beordert sie in die Kasernen nach Potsdam und Spandau.
Er gibt sich geschlagen, erweist den gefallenen Aufständischen seine Ehrerbietung, verspricht sogar eine Verfassung, eine verantwortliche Regierung – und vor allem die Einigung Deutschlands. Der Monarch – der sich gegen eine Flucht aus Berlin entschieden hat – sitzt in seinem Stadtschloss fest, de facto eine Geisel seiner Berliner Untertanen. Die alte Macht ist geschwächt, aber eine neue hat sich noch nicht gefunden. Genau in diesen Tagen der Verwirrung und des Machtvakuums reist nun Bismarck von Schönhausen nach Potsdam, im Kopf nicht viel mehr als sein kühner Plan, mit ein paar Bauern den König aus der Hauptstadt herauszuhauen.
Es ist, als habe der Junker sein Leben lang auf diese Revolution gewartet – um sie zu bekämpfen. Um seiner gewaltigen und gewalttätigen Energie endlich ein festes Ziel zu geben, um eine Mission zu finden im Leben: Bismarck will Preußens Königtum retten, um jeden Preis.
Als er das Königsschloss in Potsdam erreicht, blickt man dort jedoch bloß indigniert auf den kriegslüsternen Provinzler. Er brauche dessen Bauern nicht, gibt der kommandierende General dem Angereisten zu verstehen, er habe durchaus genügend Soldaten, um Berlin zu stürmen, doch ohne Befehl Seiner Majestät könne er nicht angreifen. Bismarck schneidet sich daraufhin seinen Vollbart ab – in jenen Jahren ein seltener Kopfschmuck, der, wie er befürchtet, ihn bei den Revolutionären als den Reaktionär aus dem Vereinigten Landtag erkennbar machen würde. Zur weiteren Tarnung setzt er sich gar einen breiten Hut mit der verhassten schwarzrot- goldenen Kokarde auf. Dann besteigt er inkognito einen Zug nach Berlin.
Er will mit dem König sprechen, ihn womöglich überzeugen, sich persönlich an die Spitze seiner Truppen zu stellen. Doch im Königsschloss, von Bürgern bewacht, lässt man ihn nicht einmal vor. Enttäuscht macht er sich nach wenigen Stunden wieder davon. Und dann verrät Bismarck den Herrscher, den er eben noch retten wollte.
Im Frühjahr 1848 verjagen die Franzosen ihren König, im März brennt Berlin
DENN WENN Friedrich Wilhelm IV. nicht für die Monarchie kämpfen will, soll eben ein anderer für die Krone streiten. Das ist die Haltung einer Gruppe von Verschwörern um den königlichen Berater Ludwig von Gerlach, mit denen Bismarck nun konspiriert. Da der Junker den Herrscher für zu schwach hält („Wenn man bei ihm zupackte, blieb nur Schleim“), muss ein anderer aus der Hohenzollern- Dynastie in die Pflicht. Doch die beiden in Potsdam weilenden Prinzen weigern sich, an Stelle des Königs eine Attacke anzuordnen. Dann eben ohne Befehl. Bismarck fühlt bei mehreren Generälen in Potsdam vor: Ob sie bereit seien, trotz fehlender Anweisung nach Berlin zu marschieren? Die Antwort: Nur, wenn alle Generäle der umliegenden Truppenverbände gemeinsam vorgehen.
Bismarck eilt nach Magdeburg, wo eine große Garnison lagert. Doch bevor er mit dem dortigen Kommandanten sprechen kann, warnt ihn dessen Adjutant, er solle sofort wieder abreisen – sonst werde ihn der General als Hochverräter festnehmen lassen. Wieder nichts. Da erfahren die Verschwörer von einem Angriffsbefehl, den Kronprinz Wilhelm, des Königs Bruder, angeblich unterschrieben zurückgelassen haben soll.
Wilhelm ist auf dem Weg nach London. Halb ist das eine Flucht vor dem Volkszorn, der dem „Kartätschenprinz“ gilt, der die Revolution brutal mit Kanonen niederschießen lassen wollte. Halb eine Anweisung des Königs, der seine Untertanen besänftigen will, indem er Wilhelm aus Preußen hinausschickt. Und so beginnt Bismarck sein viertes Hazardspiel innerhalb weniger Tage. Er soll im Auftrag der Verschwörer diesen Befehl auftreiben, der sich wahrscheinlich bei Wilhelms Gemahlin in Potsdam befindet. So steht der hünenhafte Junker kurz darauf vor Prinzessin Augusta, adelsstolz, doch durchaus liberal gesinnt. Die ist fassungslos, als sie hört, dass dieser dahergelaufene Landedelmann fordert, ihr Gatte solle für einen Verrat gegen seinen Bruder, den König von Preußen, herhalten.
Was wirklich zwischen der Prinzessin und Bismarck besprochen wurde, wird sich nie klären lassen. Erst viele Jahre später haben beide gegenteilige Berichte verfasst. Sicher ist, dass sie von diesem Moment an erbitterte Feinde sind. Dann, am Nachmittag des 25. März, erscheint – auch zur Überraschung Bismarcks – der König in Potsdam. Vor seinen versammelten Offizieren verkündet der Monarch, niemals freier und sicherer gewesen zu sein als unter dem Schutz seiner Bürger. Alle Zugeständnisse habe er aus Überzeugung gegeben. An einen Angriff auf Berlin ist nun nicht mehr zu denken.
Enttäuscht, erschöpft kehrt Bismarck auf sein Gut zurück. Er ist nun nicht mehr als ein erfolgloser Wirrkopf, schießwütig, doch politisch kurzsichtig, energisch, aber taktlos, scheinbar ohne Gespür für die Realität der Situation. Depressionen quälen ihn. Der Mantel Gottes mag im Frühjahr 1848 durch die Weltgeschichte wehen, aber sicher nicht in Schönhausen. In Berlin beruft der König eine liberale preußische Regierung. Und lässt eine verfassunggebende Versammlung wählen. Die dort dominierenden Demokraten fordern prompt eine Konstitution, die die Macht des Monarchen dem Willen des Parlaments unterwerfen würde.
Im Mai versammeln sich in Frankfurt die ersten in freien Wahlen gekürten Abgeordneten Gesamtdeutschlands in der Paulskirche zur Nationalversammlung, wo sie Fragen der zukünftigen Nation debattieren: Republik oder konstitutionelle Monarchie? Ein geeinter Staat ohne Österreich – oder mit Österreich, aber ohne dessen nicht deutschsprachige Reichsteile? Oder einschließlich aller Teile des Habsburger-Imperiums? Hätten die Liberalen und Demokraten in Berlin sowie die Abgeordneten zu Frankfurt mit ihren Anliegen nun Erfolg gehabt: Bismarck wäre wohl bald vergessen gewesen.
Tatsächlich aber verpassen die Liberalen ihre historische Chance. Schon die Zeitgenossen verhöhnen die Versammlung in der Paulskirche als „Professorenparlament“, als Ort, an dem Gelehrte langatmig redeten, aber keine Entscheidungen träfen. Ein perfider Vorwurf, denn wie sonst soll ein freiheitlicher Verfassungsstaat geschaffen werden, wenn nicht in Debatten und Abstimmungen? Aber doch mit einem Kern an Wahrheit: In den langen Sommerwochen 1848, in denen die Nationalversammlung tagt, gründet sie keine nationale Armee, Polizei oder Beamtenschaft – die alten Ordnungsmächte bleiben einfach bestehen, bewaffnet und besoldet wie seit eh und je von den Fürsten der Einzelstaaten.
Nach einiger Zeit verblasst bei denen aber der Schock der Revolution. Selbst Friedrich Wilhelm IV. fasst nun wieder Mut – und holt sich Rat und Ermunterung bei ausgewiesenen Anhängern der Monarchie. Schließlich beordert er sogar den Hitzkopf Bismarck, als Monarchist bekannt seit seiner Rede im Vereinigten Landtag im Vorjahr, an seine Tafel (Friedrich Wilhelm weiß nichts von Bismarcks Intrigen während der Märztage, auch Augusta hat ihren Schwager nicht über die Begegnung mit dem Verschwörer aufgeklärt). Der ist geehrt und gibt sich zugleich kämpferisch: Seine Majestät hätten den Demonstranten in Berlin niemals nachgeben dürfen!
Noch misslingt die deutsche Einigung. Erst Bismarck wird sie erreichen
„Man ist immer klüger, wenn man vom Rathause kommt“, versetzt der Monarch und gibt zu erkennen, dass er diesen Fehler längst bereut. Als Bismarck an diesem Tag den König verlässt, ist er „vollständig entwaffnet und gewonnen“, wie er später schreibt.
Tatsächlich hingegen hält er wohl noch immer wenig von seinem Herrscher. Aber er erkennt, dass Friedrich Wilhelm IV. endlich gegen die Revolution kämpfen will – und so ergreift Bismarck die Chance, die sich ihm nun, da er schon alles verloren glaubte, doch noch bietet. Im Sommer 1848 nimmt er den politischen Kampf auf. Er schreibt Polemiken in der von Konservativen gegründeten „Neuen Preußischen Zeitung“, höhnt etwa über die Rede eines liberalen Abgeordneten: „Wir gähnten, die schönen Damen gähnten, selbst die mit schlechten Zähnen, der Hof gähnte und der General Wrangel, Herr Simson gähnte verstohlen, und wenn wir in das Parterre hinabblickten, so gähnten uns hundert dunkelrote schwindelerregende Abgründe an.“
In privaten Briefen schmäht er eines der häufig wechselnden liberalen preußischen Kabinette als „Verräter- und Kastratenregierung“, beschimpft Minister als „lügenhafteste Schurken zwischen Tilsit und Trier“. Und selbst auf dem Friedhof in Friedrichshain, nördlich der Hauptstadt, wo er die Gräber der im März 1848 im Kampf gegen die Soldaten getöteten Berliner Barrikadenkämpfer sieht, „schwillt mein Herz von Gift, wenn ich sehe, was sie aus meinem Vaterland gemacht haben, diese Mörder.“ Bismarck ist derart rabiat und rücksichtslos, dass sein Vorgehen auch viele Konservative abstößt: „Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schrankenlos waltet“, notiert selbst Friedrich Wilhelm IV. neben den Namen des Junkers.
Um den schwachen König haben sich inzwischen einige antiliberale Höflinge und Militärs geschart, die sich „Kamarilla“ nennen, nach dem spanischen Wort für Kämmerchen. Es sind hochrangige Offiziere und Beamte, die nun unbedingt gegen die Revolution losschlagen wollen – und denen der hemmungslos wütende Gutsherr imponiert. Als „sehr tätigen und intelligenten Adjutanten unseres Kamarilla-Hauptquartiers“ lobt ihn einer der Königsberater.
Am 10. November 1848 glaubt sich selbst der zögerliche Monarch wieder mächtig genug, um einen General mit 15 000 preußischen Soldaten nach Berlin zu schicken. Und tatsächlich: Die Revolutionäre wollen sich nicht durch gewaltsamen Widerstand ins Unrecht setzen. Die Mitglieder der verfassunggebenden Versammlung rufen nur dazu auf, Steuern zu verweigern und beschließen, die Regierung des Hochverrats anzuklagen. Keine Barrikaden diesmal, kein Aufstand. Das Militär treibt die Abgeordneten auseinander. Preußen gehört wieder dem König. Als ein Zugeständnis an die Liberalen – und um künftige Unruhen zu verhindern – erlässt Friedrich Wilhelm IV. im Dezember 1848 eine preußische Verfassung, die ein Parlament mit zwei Kammern vorsieht. Kurz darauf finden die Wahlen statt.
Bismarck stürzt sich in den Wahlkampf um den Sitz für einen Bezirk in Brandenburg. Dank seiner Reden und Artikel ist er zu einem geschickten Wahlkämpfer geworden und wird, wenn auch mit knapper Mehrheit, zum Abgeordneten gewählt. Es ist sein erster echter politischer Triumph. Bald darauf holt er seine Familie (inzwischen ist das erste Kind geboren, eine Tochter) in die Hauptstadt und verpachtet Gut Schönhausen. Er hat seine Bestimmung gefunden.
Einige Wochen später tragen Abgesandte des gesamtdeutschen Frankfurter Paulskirchen- Parlaments Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone eines neu zu gründenden Deutschen Reiches an. Doch der Monarch glaubt an das Gottesgnadentum, sieht seine preußische Krone als vom Herrn verliehen und schätzt die ihm von den Parlamentariern angebotene Kaiserkrone gering. Höhnisch lehnt er ab – und gibt anschließend den Befehl zur Konterrevolution: Er schickt Tausende Soldaten nach Dresden und Süddeutschland, um dort Aufständische brutal niederzuschlagen, die die von der Paulskirche erarbeitete Reichsverfassung nicht aufgeben wollen.
Damit ist die Revolution von 1848 endgültig gescheitert. Formal scheint bald darauf fast alles zum Alten zurückgekehrt zu sein: Die nun 37 souveränen deutschen Staaten schließen sich erneut lose zum Deutschen Bund zusammen; im Bundestag treffen sich wie früher die Abgesandten der Fürsten und Freien Städte und verhandeln über gemeinsame Angelegenheiten; wer liberal und national denkt, der flieht, schweigt, schreibt bestenfalls in einigen Zeitungen gegen die eigene Ohnmacht an. Und doch: Selbst das konservative Preußen hat nun eine Verfassung. Es hat ein Parlament. Zwar dürfen nur Männer ab 24 Jahren die Vertreter für das Abgeordnetenhaus wählen – und das gestaffelt nach drei Steuerklassen, was den Reichsten die meisten Sitze sichert. Zudem kann das Parlament nicht die Regierung bestimmen oder zum Rücktritt zwingen. Doch Gesetze beschließt es fortan gemeinsam mit dem König – er, aber auch die beiden Kammern müssen jedem Gesetz zustimmen. Vor allem aber muss der Herrscher nun den Staatshaushalt von den Abgeordneten genehmigen lassen. Mit diesen Konzessionen will Friedrich Wilhelm IV. die liberalen bürgerlichen Schichten an die Hohenzollern-Monarchie binden. Dieses halb im Gestern verharrende Preußen wird zur Bühne Bismarcks: ein straff organisierter, aufstrebender Staat. Mit einem König und von diesem ernannten Ministern, mit Höflingen und Prunkschlössern fast noch wie im 18. Jahrhundert. Andererseits mit einem Parlament und Parteien.
Im 18. Jahrhundert hätte ein Monarch einen derart undisziplinierbaren Geist wie Bismarck wohl früher oder später des Hofes verwiesen. In der neuen Welt jedoch, in der es ein Parlament gibt und eine breit diskutierende Öffentlichkeit, ist der König bald auf diesen politischen Kettenhund angewiesen: auf einen Mann, der in Debatten und bei Wahlen bedingungslos die Sache der Regierung durchsetzt und den politischen Gegner einschüchtert.
Denn auch als Parlamentarier bleibt Bismarck sich derart treu, dass in einer liberalen Zeitung zu lesen ist, man werde in die Wand im Abgeordnetenhaus wohl eine Nische schneiden, damit der Herr Bismarck so weit rechts sitze, wie er es wünsche. Und deshalb dauert es nicht lange, bis ihn der König, alle Bedenken beiseite schiebend, zu Höherem beruft: 1851 wird der Mann aus Schönhausen zum Gesandten am Bundestag in Frankfurt ernannt. Fortan soll er dort die Interessen Preußens vertreten. Da ist Otto von Bismarck 36 Jahre alt und hat sich in nur vier Jahren vom bedeutungslosen Provinzadeligen zu einem der aufstrebenden Politiker des Landes entwickelt.
Seine Frau Johanna weint drei Tage lang, als sie von der Berufung erfährt, weil sie glaubt, sie werde ihren Mann nun länger nicht sehen, da der in Frankfurt weile. Doch Bismarck holt sie nach – der Weg in die Politik ist ihm längst unumkehrbar, da wird es nicht bei der begrenzten Zeit in Frankfurt bleiben. „Mach dich mit dem Gedanken vertraut“, schreibt Bismarck ihr, „dass du mit musst in den Winter der großen Welt.“
2. Bismarcks letzte Jahre. Das Gespenst vom Sachsenwald
Als Kaiser Wilhelm I. am 9. März 1888 stirbt, verliert Otto von Bismarck seinen wichtigsten Vertrauten im Haus Hohenzollern. Kurz darauf übernimmt Wilhelm II. die Herrschaft in Berlin. 1890 zwingt der junge Monarch Bismarck zum Rücktritt von allen Ämtern. Doch der Entlassene mischt sich fortwährend in die Politik ein und kritisiert seine Nachfolger
Dies ist mehr als ein Abschied: Es ist ein Totenamt. Ein Kondolenzzug – mit Zehntausenden Trauernden, mit weinenden Hinterbliebenen, mit gezückten Taschentüchern; mit gelüfteten Hüten und stummem Händedrücken. Selbst die wackeren Kürassiere an der Spitze des Zugs haben Tränen in den Augen. Blütenschauer regnen auf den Wagen herab, und vielstimmig steigt am Lehrter Bahnhof der Trostgesang empor: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein.“ Otto von Bismarck ist, wie eine Diplomatengattin feststellt, „totenbleich“. Er selbst wird diesen 29. März 1890, an dem er auf sein Altenteil auf Gut Friedrichsruh bei Hamburg zurückkehrt, später ein „Begräbnis“ nennen – ein „Leichenbegängnis erster Klasse“.
Doch in Wahrheit ist seine Abreise aus Berlin ein rite de passage ; der Übergang eines Lebenden ins Geisterreich; die Verwandlung eines Menschen in ein Denkmal. Sie macht den Unbeirrbaren zum Untoten, der fortan zwischen den Eichen, Buchen und Tannen des Sachsenwaldes acht Jahre lang jene Lebenden heimsuchen wird, die ihn in sein komfortables Grab gebracht haben. Der politische Tod, der den Kanzler kurz vor seinem 75. Geburtstag ereilt hat, kam plötzlich, aber nicht unerwartet. Er begann mit der Thronbesteigung des 44 Jahre jüngeren Kaisers Wilhelm II. im Juni 1888 – jenes unberechenbaren, manischen Hitzkopfs, der sein Sohn sein könnte, aber alles Zeug zum Vatermörder hat. Gelang es Bismarck jahrzehntelang, seinen Herrscher zu beherrschen („Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein“, soll Wilhelm I. einmal geklagt haben), beharrt dieser Monarch auf seinem „persönlichen Regiment“. Der Starrsinn, mit dem Bismarck im Oktober 1889 das auch unter Konservativen umstrittene „Sozialistengesetz“ auf unbestimmte Zeit verlängern und sogar verschärfen wollte, war dann nur noch der Anlass: Am 17. März überbrachte der Chef des Militärkabinetts dem Kanzler die Aufforderung, sein Entlassungsgesuch zu verfassen. Am 20. März nahm der Kaiser es an. Dann feierte er mit Generälen bei Bier und Champagner.
Er ahnte nicht, dass der vermeintlich zur Ruhe Gelegte zum Wiedergänger werden würde. Zum „Weißen Mann“, wie ihn schon bald sein wortmächtigster Verkünder, der Essayist Maximilian Harden, mit ehrfürchtigem Schauer rühmt – in Anspielung auf jene sagenhafte „Weiße Frau“, die seit dem 15. Jahrhundert durch Hohenzollernschlösser spuken und Unheil ankündigen soll. Bismarck sei nun, so Harden, ein „gewaltiges, alles überragendes Gespenst, dessen Erscheinen und Schwinden den für das deutsche Land wichtigsten Vorgang bedeutet und dessen Lebensregung der Kluge nie aus dem Auge verlieren darf: Ruht es, dann stockt auch der Zeiger der Schicksalsuhr auf seinem Stundenweg; schlürft es aus der düsteren Waldestiefe hervor, dann kündigt ein neues Wollen und Werden sich an.“
HARDENS SPIRITISTISCHE Metaphorik trifft den Nerv der Zeit. Denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat eine Welle des Geisterglaubens die industrialisierte Welt überrollt: Seit im März 1848 eine Farmersfamilie im US-Bundesstaat New York angeblich per Klopfzeichen Kontakt mit dem Geist eines ermordeten Krämers aufgenommen hat („Wir Toten leben und können wieder mit euch in Verbindung treten“, lautete die Botschaft), treffen sich nicht nur in den USA, sondern auch in Europa ehrbare Bürger zum Tischerücken. Längst sind es nicht mehr nur die Armen im Geiste, die auf die Stimmen von drüben achten. Aus dem Aberglauben der einfachen Leute ist eine Bewegung mit wissenschaftlichem Anspruch geworden, die sogar bei den Physikern Pierre und Marie Curie – den späteren Nobelpreisträgern – oder dem Evolutionsforscher Alfred Russel Wallace auf Interesse stößt.
Auch in Deutschland öffnen sich die intellektuellen und adeligen Eliten dem Dialog mit der Geisterwelt: Selbst Kaiser Wilhelm II. nimmt bisweilen – vom Medium unerkannt – an Séancen teil, um etwa Geheiminformationen über den russischen Zaren zu erlangen. Die Ratschläge seines entlassenen Kanzlers aber verschmäht er. Der marschiert derweil verdrossen durch die ewigen Jagdgründe seiner Güter, die sich über drei preußische Provinzen erstrecken – darunter Varzin in Pommern und Schönhausen in der Altmark, seit 1562 in Familienbesitz.
Seine Bastion aber ist die Herrschaft Schwarzenbek mit dem Sachsenwald und dem Gutshaus Friedrichsruh, die ihm Kaiser Wilhelm I. 1871 zum Geschenk gemacht hat – mit direktem Eisenbahnanschluss von Berlin. Dort west er, umsorgt von der schlichten Gattin Johanna, inmitten einer Kargheit, die manchem Gast Unbehagen über den Rücken jagt. Das Gutshaus ist ein ehemaliges Hotel, dessen Türen zum Teil noch Zimmernummern tragen, dekoriert mit den Porträts von Staatsmännern vergangener Zeiten. Der einzige Luxus im Schlafzimmer ist ein Turnapparat für Bismarcks gymnastische Übungen. Im Arbeitszimmer lagern zwei Deutsche Doggen, die „Reichshunde“, auf floral gemusterten Sesseln.
Ein kalter Krieg mit dem Kaiser
Durch diese Kulisse tappt Bismarck mit fahlem, bisweilen vom Wein gerötetem Gesicht, in seinen gewohnten schweren Stiefeln, seinem altmodischen, zugeknöpften Tuchrock und seiner weißleinenen Halsbinde, wie sie im 18. Jahrhundert modern gewesen ist – ein wandelndes Museumsstück, das seine Steifheit noch unterstreicht, indem es den Stock hinter dem Rücken unter die Arme klemmt. Dort verkriecht sich Bismarck in seinem Sessel mit einer meterlangen Pfeife, die er bisweilen von anwesenden Damen anrauchen lässt, und einem halben Dutzend Zeitungen, die er auf Stil- und Syntaxfehler durchkämmt, mit seinem langen Bleistift korrigiert und nach der Lektüre achtlos auf den Boden wirft.
In diesen Räumen schaufelt er unter langen Monologen Mengen an Nahrung in sich hinein, vertilgt schon zum Frühstück Hummer, Gänsebrust, Sprotten, Rauchfleisch, Beefsteaks und Eierkuchen, dazu Wein, Sekt, Kaffee und Korn. Dennoch schwinden ihm allmählich die Kräfte. Chronisch plagen ihn Ischias und Gürtelrose, Atemnot und Nervenschmerzen. Immer höhere Morphium- Dosen braucht der gequälte Leib – bis der Leibarzt nur noch jene Tage notiert, an denen der Fürst kein Betäubungsmittel bekommt. So verflüchtigt sich der kränkelnde Greis zunehmend zu einem Schemen – der aber real genug ist, das Leben des Kaisers zu verdunkeln: „Ich bin der dicke Schatten“, sagt er, „der zwischen ihm und der Ruhmessonne steht.“
Wahrhaftig materialisiert sich der Mann, der in den letzten Jahren seiner Kanzlerschaft bisweilen monatelang unsichtbar war, nach seiner Entlassung zu umso spürbarerer Präsenz. Er, der für lange Zeit in den Parlamenten selten gesprochen und zehn Monate vor der Entlassung seine letzte Rede gehalten hat, meldet sich jetzt unablässig zu Wort. Zwei Wochen nach seinem Abschied spricht er vor einer Abordnung deutscher Industrieller, um seine Version der Entlassung zu verbreiten. Er, der seit dem Berliner Kongress 1878 ausländischen Journalisten keine Interviews gegeben hat, beeilt sich jetzt, Korrespondenten zu empfangen, erläutert einen Monat nach dem Bruch dem Vertreter des „New York Herald“ seine Sicht des politischen Geschehens; kurz darauf folgt der Pariser „Matin“, dann die russische „Nowoje Wremja“.
In Deutschland ist es ein Zirkel höriger Journalisten und Schriftsteller, der regelmäßig in Friedrichsruh Marschbefehle entgegennimmt. Bismarcks Privatsekretär hat die Aufgabe, die Verbreiter der Botschaften zu überprüfen und deren Protokolle und Artikel zu redigieren, bis sie zur Veröffentlichung taugen. Das getreueste Medium des Ex- Kanzlers ist Hermann Hofmann, politischer Redakteur der „Hamburger Nachrichten“, deren Besitzer Bismarck ausdrücklich „das gesamte weiße Papier“ seiner Zeitung zur Verfügung gestellt hat. Den von chronischen Schulden geplagten Hofmann hat sich der Herrscher des Sachsenwaldes durch großzügige Kredite verpflichtet. Dabei ist Diskretion Ehrensache: Wie bei spiritistischen Séancen müssen die Wege der Offenbarung verborgen bleiben.
Doch so innig hat sich Hofmann in Gedanken und Diktion des Fürsten eingefühlt, dass es selbst für Bismarcks Sohn Herbert manchmal unmöglich ist, zu entscheiden, ob ein Text, der unter dem Namen des Redakteurs erscheint, von seinem Vater oder dem Journalisten stammt. Immerhin verfasst der Altkanzler persönlich fast 1000 Artikel, die nach seiner Entlassung in dem Blatt veröffentlicht werden. Eine Verbindung, die im Interesse beider Seiten liegt: Als sich die „Hamburger Nachrichten“ zum Sprachrohr Bismarcks machen, finden sie verstärkte Beachtung in Reich und Welt. Denn alles, was an Interviews und Reden aus Friedrichsruh nach außen dringt, erregt fast ebenso viel Interesse wie die offiziellen Verlautbarungen aus Berlin. Auch der schillernde Publizist und ehemalige Schauspieler Maximilian Harden ist mit von der Partie: 1892 gründet er die Zeitschrift „Die Zukunft“ – eigens, so beteuert er, um „die Größe, die Bedeutung des Fürsten, das Unrecht, das ihm geschehen ist und seinem Werk noch stündlich geschieht, in helles Licht zu rücken“. In seinem Blatt verklärt er den Altkanzler zur „Vollendung germanischen Geistes“ und zur „größten und reizvollsten Erscheinung der germanischen Welt“.
Eine Erscheinung: Das Wort trifft es genau. Bismarck ist ein Poltergeist geworden, der stets verneint. Um konstruktive Politik geht es ihm längst nicht mehr; Vorschläge für die Zukunft sind von ihm nicht zu erwarten. Stattdessen grollt er und grantelt, schwelgt in der Vergangenheit. Beklagt den Tag, an dem ihn der Kaiser „wie einen Bedienten weggejagt“ habe. Murrt, dass er sich „im deutschen Volke offenbar getäuscht habe“. Er wettert gegen alles, was aus Berlin kommt: gegen Handelsverträge, Ostasienpolitik und die neue Landgemeindeordnung, gegen Steuer- und Heeresreform. Warnt vor Minderheiten – „Der Pole ist Intrigant, Heuchler, unwahrhaftig und unzuverlässig, zur Erhaltung eines Staatswesens gänzlich unfähig“ – und Sozialdemokraten: „Sie sind die Ratten im Lande und sollten vertilgt werden.“ Sein Rezept: „Zuweilen besteht das echte Wohlwollen darin, Blut zu vergießen: das Blut einer aufrührerischen Minorität, und zwar zur Verteidigung der ruheliebenden Majorität.“ Die Vorausschau seiner aktiven Jahre opfert er jetzt dem Ressentiment; nur seine Ablehnung der neuen Großmachtpolitik, mit der Wilhelm II. Deutschlands „Platz an der Sonne“ sichern will, wird sich im Nachhinein als hellsichtig herausstellen.
Jeder, der im nachbismarckschen Deutschland etwas zu sagen hat, kann Ziel seiner Heimsuchungen werden. Der Altkanzler schießt gegen Karl Heinrich von Boetticher, einst sein treuester und vertrautester Gehilfe und jetzt Stellvertreter des neuen Reichskanzlers, und gegen Adolf Freiherr Marschall von Bieberstein, den Nachfolger seines Sohnes Herbert als Staatssekretär im Auswärtigen Amt: Dem Ersten wirft er vor, zu seinem Sturz konspiriert zu haben, dem Zweiten, sein Amt ohne jede Sachkenntnis auszuüben. Vor allem aber nimmt er – nach kurzer Schonfrist – Leo von Caprivi aufs Korn, jenen tüchtigen, aber unerfahrenen Mann, der den fatalen Fehler hat, Bismarcks Nachfolger im Kanzleramt zu sein. Der General ist dem Irrtum erlegen, die Arbeiter mit Reformen gewinnen zu wollen. Zudem hat Caprivi den Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht verlängert: Deshalb setzt ihm Bismarck auch noch das (in Wirklichkeit schon während seiner eigenen Amtszeit) abgekühlte Verhältnis zum Zaren auf die Rechnung.
Als „Capriviolen“ beschimpft Bismarck den „Neuen Kurs“, der jetzt das Reich regiert – und seine publizistischen Vasallen rechnen sich jeden Prozess wegen Kanzlerbeleidigung zur persönlichen Ehre an: „Gott sei Dank“ sei auch er endlich angeklagt, meldet stolz der Berlin-Korrespondent der „Leipziger Neuesten Nachrichten“ nach Friedrichsruh, als ihm wegen seiner Behauptung, „dass Se. Exc. ein Esel sei“, drei Monate Gefängnis drohen. Dabei vermeidet der Altkanzler es, Wilhelm II. direkt anzugreifen. Seine Sprachrohre weist er sogar an, „den Kaiser etwas mehr zu schonen“: Bismarcks eingefleischter preußischer Royalismus verbietet es ihm, einem Herrscher offen den Respekt zu versagen.
Lieber verschiebt er die Abrechnung auf das Leben nach dem Tod. Seine Memoiren, posthum zu veröffentlichen, soll der langjährige Sekretär und Gehilfe des Kanzlers, Lothar Bucher, in lesbare Form bringen. Doch bald muss der Lektor feststellen, dass nicht nur Bismarcks „Gedächtnis mangelhaft“ ist – „er fängt an, auch absichtlich zu entstellen, und zwar selbst bei klaren, ausgemachten Tatsachen und Vorgängen. Bei nichts, was misslungen ist, will er beteiligt gewesen sein“. Spätere Historiker lassen kaum ein Faktum in den „Gedanken und Erinnerungen“ ungeschoren. Dennoch wird das Werk zur „deutschen Bibel“, die auch ungelesen in jedem Regal steht – und auf lange Zeit das Bild Bismarcks in der Öffentlichkeit bestimmt.
Und der Verlag Cotta in Stuttgart, der für vergleichsweise bescheidene 100 000 Mark pro Band die Rechte an den Memoiren erwirbt, wird nach Bismarcks Tod von den ersten beiden Bänden (der dritte erscheint erst 1921) binnen weniger Tage über 300 000 Exemplare verkaufen und einen Millionengewinn einfahren – kein Wunder, dass der Verleger das unverfrorene Angebot der Regierung ablehnt, ihm das Veröffentlichungsrecht für eine halbe Million Mark abzukaufen, um gegebenenfalls vor dem Druck die „nötigen Änderungen“ an dem Manuskript vorzunehmen. Das Gespenst Bismarck scheint mehr daran interessiert zu sein, Berlin in Angst und Schrecken zu versetzen, als wirklich noch einmal ins politische Geschehen einzugreifen.
Auch seine Kandidatur für die Nationalliberalen bei einer Reichstagsnachwahl im Frühjahr 1891 scheint nur dazu bestimmt, den Widersachern Gänsehaut über den Rücken zu jagen – das errungene Mandat übt er nicht ein einziges Mal aus. „Ich würde erscheinen wie Banquos Geist an Macbeths Tisch“, orakelt er süffisant, „und mancher alte Freund hat ohnehin schon ein böses Gewissen mir gegenüber.“ Kein Zweifel: Er spürt, dass seine Klopfzeichen aus der Ferne mächtiger sind als aus der Nähe. Und als er 1892 ankündigt, zur Hochzeit seines Sohnes Herbert mit der ungarischen Gräfin Marguerite Hoyos nach Wien zu reisen, verlieren Hof und Regierung schließlich die Nerven.
Plant der Alte etwa einen politischen Coup? Vorsorglich befiehlt Kanzler Caprivi seinem Botschafter in Wien, keinesfalls eine Einladung zur Hochzeit anzunehmen. Und Wilhelm II. beschwört Österreichs Kaiser Franz Joseph, dem „ungehorsamen Untertan“ jede Audienz zu verweigern, „ehe er nicht sich mir genähert und peccavi gesagt hat“ (was „ich habe gesündigt“ bedeutet). Auch der König von Sachsen und Bayerns Prinzregent erhalten diese Bitte. Doch der Schrecken aus dem Sachsenwald lässt sich so nicht verscheuchen. Im Gegenteil: Er bläht sich ins Monströse. Während Amtsträger weisungsgemäß den Kontakt vermeiden, stehen allerorten jubelnde Massen bereit, um ihm zu huldigen, trotzen Regen und Polizeisperren.
In Wien begleiten ihn die Ovationen ins Theater, in den Prater, ins Konzert. Deutschnationale prügeln sich mit Polizisten, fahren mit 60 Kutschen vor, um den Fürst zu ehren, schmettern bei seiner Abreise auf dem Bahnhof die „Wacht am Rhein“. In München paradieren 1600 Korpsstudenten mit Fackeln und in vollem Wichs. Begeisterte Massen blockieren noch lange nach dem letzten Hurra- Ruf die Straßen, bis der Oberbürgermeister ihnen mitteilt, dass der Fürst sich zur Nachtruhe zurückgezogen habe.
Überall empfangen ihn Ovationen
In Augsburg wartet ein Chor von 700 Sängern, in Würzburg huldigen Rektor und Senat der Universität, flankiert von einer 8000-köpfigen Menge. In Bad Kissingen regnen Blumen auf ihn herab; eins der Buketts verletzt ihn leicht am Auge. In Jena erwarten ihn rund 25 000 Menschen im strömenden Regen; weiß gekleidete Mädchen eskortieren ihn, Blumen streuend, zum „Bären“, wo er jene Zimmer bezieht, in denen einst Luther gewohnt hat.
Am nächsten Tag spricht er auf dem Marktplatz vor über 20 000 Zuhörern – die einen pfeifenden Gegner, wie Bismarcks Diener berichtet, so „energisch zur Ruhe“ bringen, dass der „dabei seine Vorderzähne eingebüßt“ haben soll. So wird der schlichte Besuch einer Familienfeier zur „großdeutschen Rundfahrt“, die Hunderttausende Menschen und die Diplomatie zweier Kaiserreiche in Bewegung setzt. Sie wird zum Propaganda- Marathon mit 25 Ansprachen auf Bahnhöfen, in Rathäusern und auf öffentlichen Plätzen. Selbst in Berlin, der Bastion des Kaisers, fordert die Menge: „Reden! Reden!“
Und Bismarck redet. Auch in den spiritistischen Salons sprechen die Geister ja nicht aus eigenem Antrieb – sie werden gerufen. Die Heilssehnsucht aber, die jetzt nach dem Erscheinen des großen Mannes lechzt, hat der Reichsgründer, wie kritische Zeitgenossen anmerken, selbst erzeugt – „eine Nation ohne allen und jeden politischen Willen“ habe er geprägt, befindet 1918 der Soziologe Max Weber, „gewohnt, dass der große Staatsmann an der Spitze für sie die Politik schon besorgen werde“.
Auch der Diplomat und Weltmann Harry Graf Kessler, der sich fragt, wie es zum Niedergang des „freien und aufrechten“ Charaktertypus der Goethezeit und der Revolution von 1848 kommen konnte, findet „keine andere Antwort als: Bismarck“. Die Deutschen, viele durch 28 Jahre Bismarck-Herrschaft in kindlicher Unmündigkeit gehalten, klammern sich an einen idealen Vater. Eben noch umstritten, als Starrkopf und Ewiggestriger verschrien, wird er jetzt zum Ahnen, der die Existenz der Deutschen mit magischen Kräften erhalten soll. Dabei jubeln sie, so der Historiker Otto Pflanze, „der sich ausbildenden Legende zu, nicht der Wirklichkeit“. Bismarck ist der mythische Erlöser, nach dem sie verlangen; ein Auferstandener, ein neuer Barbarossa.
Und es ist vielleicht kein Zufall, dass in Bismarcks Jubeljahr 1892 auch der Bau des großen Denkmals für Wilhelm I. auf dem Kyffhäuser beginnt, wo der Stauferkaiser seit 700 Jahren auf seine Erweckung warten soll. Gut 100 Jahre später wird der Münchner Historiker Ulrich Linse in seinem Buch über die „Heilssuche im Industriezeitalter“ darauf hinweisen, dass die deutschen Geisterseher der Jahrhundertwende meist national gesinnt gewesen seien – und auch das Irrlicht vom Sachsenwald dient vor allem den Rechten zur Fackel.
In dem Raunen aus Friedrichsruh finden sich Deutsch-Konservative, Freikonservative und Nationalliberale in seltener Einheit. Erkennen sich die Schlotbarone des Westens, die Wilhelms sozialpolitische Experimente missbilligen, ebenso wie die Grundbesitzer und Landwirte, die Caprivis Herabsetzung der Getreidezölle verdammen. Lauschen Kolonialschwärmer und Alldeutsche ihrem Echo, die wie Bismarck das Helgoland- Sansibar- Abkommen ablehnen, in dem Deutschland Gebiete in Afrika an England abtritt und Helgoland erhält (obwohl Bismarck, als er noch im Amt war, das Abkommen vorbereitet hatte). Dabei wird er nicht zum Anführer dieser Opposition – „nicht einmal“, so sein Biograf Manfred Hank, „ihr gemeinsamer Nenner“. Er ist ihr Schutzschild, ihr Alibi, ihre Galionsfigur für die Kritik an einem unberührbaren Kaiser.
Friedrichsruh wird zum Wallfahrtsort aller Unzufriedenen im Land: Aus dem gesamten Reich strömen Abordnungen an sein Gutstor; dazu Deutschstämmige aus Russland oder den USA. Sie bringen Ehrenbürgerschaften und -doktorwürden dar, Prunkpokale und Gedenktafeln, marschieren mit Fackeln, Gesang oder klingendem Spiel. Binnen knapp sechs Jahren finden sich rund 150 solcher Pilgergruppen bei ihm ein – manche mehrere Tausend Köpfe stark. Oft belohnt sie Bismarck mit einem knappen Wort des Dankes, bisweilen auch mit einer Rede vom Balkon. Er spricht meist leise, mühsam, stockend, mit seiner, wie Besucher berichten, „dünnen, fast schüchtern klingenden Stimme“, die mit einer „eigentümlichen, suchenden, pausierenden Langsamkeit“ seinem Mund entweicht – und seine Worte umso jenseitiger macht.
Seine Rede hat „etwas Gespenstisches“, wird der Bismarck-Besucher Graf Kessler befinden, „als ob wir ihn von seinen verstorbenen Zeitgenossen fort aus dem Grabe geholt hätten“. Bismarcks Nimbus kann das nur noch steigern. Es gibt Schulklassen, die tagelang bei Wind und Regen das Parktor belagern und ihn bei jedem Erscheinen mit Liedern, Hochrufen und geschwenkten Tüchern begrüßen. Es gibt Fanatiker, die Rosen auf seinen Weg streuen und die Erde, die seine Füße berührt hat, in Taschentücher wickeln. Es gibt Fetischisten, die Bismarcks abgebrannte Streichhölzer sammeln oder Haare seiner Doggen zum Andenken aufheben. Und fast allen schlottern die Knie, wenn ER vor ihnen steht. Sogar die Gesellschafterin seiner Ehefrau durchfährt ein heiliger Schrecken, sobald „der Gewaltige“ sie anredet. Selbst ein Dauergast wie Bismarcks Leibmaler Franz von Lenbach verlässt das Gutshaus regelmäßig „fast mit einem Gefühl der Erleichterung“.
IN BERLIN KNIRSCHT der Kaiser ohnmächtig mit den Zähnen, pocht trotzig auf sein Machtmonopol: „Einer nur ist Herr im Reiche, und das bin Ich, keinen anderen dulde Ich.“ Immer wieder erwägt er die Verhaftung des Ex-Kanzlers. Doch er weiß, dass solches Märtyrertum Bismarcks Aura nur noch heller erstrahlen lassen und den Spuk, der Wilhelms „persönliches Regiment“ vernebelt, ins Unbeherrschbare steigern würde.
Und als sich der Verhasste im August 1893 auch noch eine Lungenentzündung einfängt, fällt der Hof in Torschlusspanik: Was wären die politischen Folgen, sollte der Alte vom Sachsenwald sterben, ohne zuvor vom Kaiser die Absolution erbeten zu haben? Wahrscheinlich ist es Philipp zu Eulenburg, nicht nur Wilhelms engster Vertrauter, sondern auch heimlicher Spiritist, der dem Kaiser die Besänftigung des bösen Geistes im Sachsenwald ans Herz legt. Schon unmittelbar nach Wilhelms Thronbesteigung hatte sich Eulenburg als Experte für übersinnliche Kontakte angedient und den Monarchen gedrängt, „sich in diesen heiklen und aufregenden Dingen nur meiner Vermittlung zu bedienen“. Und so tief seine Abneigung gegen den „moralisch und physisch ungewaschenen Herkules“ von Friedrichsruh auch ist – so dringend erscheint ihm angesichts Bismarcks wachsender Popularität die Notwendigkeit, die Monarchie zu schützen und mit diplomatischen Mitteln die Staatsseele von der „dämonischen Natur“ ihres Inkubus zu befreien.
Ohnehin ist der Kaiser in der sozialen Frage, über die der Konflikt zwischen den beiden Männern einst ausgebrochen war, längst auf Bismarcks Linie eingeschwenkt: Schon im März 1890, als in Gelsenkirchen Arbeiter streikten, hat er seinen Generälen befohlen, „bei der ersten Gelegenheit die Repetiergewehre spielen zu lassen“. Und als die Sozialdemokraten bei der Reichstagswahl im Juni 1893 mit 23,3 Prozent die meisten Stimmen erhalten, fordert er selbst schärfere Gesetze gegen Revolutionäre. Doch schließlich ist es vor allem die Last des Friedrichsruher Albdrucks, dieser schaurig wachsende Kult um den Reichsgründer, der den Monarchen zwingt, der ideellen Annäherung auch die physische folgen zu lassen.
Im Januar 1894 schickt er einen Adjutanten nach Friedrichsruh: mit einem Handschreiben und einer Flasche 1862er „Steinberger Cabinet“, die der Fürst mit unbewegter Miene entgegennimmt. Unverbindlich stellt der Adjutant die Möglichkeit eines Besuchs Bismarcks in Berlin in den Raum – die der Beschenkte tatsächlich akzeptiert: So hat der Kaiser den Eröffnungszug getan, ohne den Gegner ausdrücklich einzuladen, keine der beiden Parteien verliert ihr Gesicht. Am 26. Januar 1894 legt Bismarck seine Generalsuniform an und macht sich auf die Reise.
In der Hauptstadt haben sich schon mehr als 300 000 Berliner zu seinem Empfang versammelt, dazu eine Delegation von Offizieren unter Leitung Prinz Heinrichs, des Kaiserbruders, als Bismarck im geschlossenen Wagen durch flaggengeschmückte Straßen rollt, eskortiert von einer Schwadron Gardekürassiere. Am Stadtschloss schreitet der Gast unter Jubel und Marschmusik die Ehrenwache ab. In Begleitung Prinz Heinrichs betritt er das Schloss; der Kaiser, sichtlich nervös, greift die Hand des Alten, küsst ihn auf beide Wangen. Was die beiden Männer dann hinter geschlossenen Flügeltüren austauschen, wird ihr Geheimnis bleiben.
Eine Epiphanie, eine Erscheinung – die, so der Soziologe Max Weber, vielen vorkommt, „als öffne der Sachsenwald wie ein moderner Kyffhäuser seine Tiefen“. Und Weber selber ist es, „als ob ein Geist herniederstiege aus einer großen Vergangenheit und wandelte unter einer neuen Generation durch eine ihm fremd gewordene Welt“. Nach außen wenigstens herrscht nun Harmonie. Der Störenfried hält vorerst still, tauscht artig mit Wilhelm Geburtstagsgrüße und Geschenke, empfängt ihn zum Gegenbesuch in Friedrichsruh – und erträgt sogar die Respektlosigkeit, mit der Majestät das politische Gespräch verweigert und stattdessen wie mit einem alten Soldaten die Vorzüge einer neuen Felduniform bespricht. Ein Zeuge spürt die Spannung zwischen den beiden Männern: „Mühsam bändigten sie ihren hitzigen Wunsch, einander die Wahrheit zu sagen. Noch eine Minute, und sie wären explodiert.“
Die „Versöhnung“, wird Eulenburg bald versichern, sei für den Hof keine Kapitulation gewesen, „sondern ein Sieg über den Gegner“. Doch dem kaiserlichen Gefolge ist bewusst, wie ein Höfling notiert, dass der „alte Wallenstein im Sachsenwald“ seine „Waffen noch nicht niedergelegt“ hat. Und so verlegt sich der Kaiser darauf, den Alten zu bestechen. Im Oktober 1894 entlässt er Bismarcks Lieblingsgegner Caprivi – ausgerechnet wegen dessen Widerstand gegen ein neues Sozialistengesetz. Der Monarch überschüttet den Ungerührten mit Grußbotschaften, lädt ihn ein zur Eröffnung des „Kaiser-Wilhelm-Kanals“ zwischen Nord- und Ostsee, beschenkt ihn mit selbst gemalten Marinebildern, verleiht ihm den neuen Wilhelm-Orden und den „Pour le Mérite“ der Friedensklasse. Er übernimmt die Patenschaft für des Altkanzlers ersten Enkel in männlicher Linie und schickt ihm die Einladung zum Stapellauf eines nach Bismarck benannten Schlachtschiffs – wohl wissend, dass der schwächelnde Fürst solchen Einladungen nicht mehr folgen kann. Bisweilen wendet er die okkulte Macht aus dem Sachsenwald sogar gegen seine eigenen Minister: Sollten sie nicht spuren – dann müsse er Bismarcks Sohn Wilhelm nach Berlin holen und so die Macht des ehemaligen Kanzlers wieder stärken.
Ihr Zwist schwelt bis zum Ende
Doch auch wenn der Streit weiterschwelt: Für das offizielle Deutschland ist der Fürst wieder zugelassene Repräsentationsfigur. Und ein gutes Jahr nach der „Versöhnung“, zu Bismarcks 80. Geburtstag am 1. April 1895, nimmt der Kult um seine Person nie gesehene Ausmaße an. Von März bis Juni halten 35 Sonderzüge am Bahnhof Friedrichsruh, an Bord mehr als 50 Delegationen – deutsche und ausländische Regierungsvertreter, der Reichskanzler, dazu mehr als 400 Land- und Reichstagsabgeordnete, 4000 Korpsstudenten in Uniform, die Rektoren aller deutschen Universitäten in Barett und Talar.
Am 26. März erscheint der Kaiser, mit Pickelhaube und Brustpanzer zu Pferde, begleitet von Kronprinz, Kriegsminister und einem Aufgebot von Infanterie, Artillerie, Husaren und Halberstädter Kürassieren. Im offenen Wagen inspiziert der Alte die aufgestellten Truppen, genießt das Feuerwerk aus Fahnen, Kapellen und Kanonendonner – doch so jovial die Avancen des Kaisers, so kühl bleibt Bismarcks Verachtung. Das Volk aber belagert tagelang die Ziegelmauern des Anwesens, kauft fliegenden Souvenirhändlern Bismarck- Devotionalien ab: Medaillen, Festblätter, Fotografien auf Eichenholz. Postboten bringen fast 10 000 Telegramme und 450 000 Kartengrüße, Briefe und Drucksachen, dazu mehrere Tausend Päckchen.
Bismarcks Bedienstete listen 1109 Geschenke auf – von der „Runentafel aus Eichenholz“, verehrt vom Männergesangverein Germania aus München, bis zur „Kugel, gefunden auf dem Schlachtfelde bei Leipzig in unmittelbarer Nähe Napoleons“ als Gabe des Deutschen Patriotenbunds. Rund 450 Städte, von Altona bis Zwickau, verleihen ihm die Ehrenbürgerschaft. Erdbeeren, Heringe und Zigarren tragen fortan seinen Namen. Städte und Dörfer schmücken sich mit Bismarckstraßen, -plätzen und -schulen.
500 Denkmäler wachsen aus dem Boden, Dutzende davon noch zu Lebzeiten. Meist stellen sie den Fürsten als martialischen Hünen mit Pickelhaube, Stulpenstiefeln, Säbel dar und jenem „tiefen, geisterhaften Fernblick des vorausschauenden Weisen“, der schon manchen Besucher in Friedrichsruh schaudern ließ. Erst der Leninkult der Sowjetunion wird diese Ehrungswut übertreffen. Und während er so zum Monument wird, scheint sein irdischer Leib sich weiter aufzulösen: Er fühlt sich jetzt so matt, dass er fürchtet, das Jahr nicht zu überleben. Seine schlecht durchbluteten Beine machen ihm das Aufsatteln unmöglich. Auch sein Sohn erkennt an „Gang und Haltung“ des Alten eine „langsame, aber stetige“ Abnahme der Kräfte. Und wenn sein Leibarzt ihn mahnt, weniger Alkohol und Medizin zu schlucken, knurrt er: „Lassen Sie mich doch ruhig sterben, ich habe genug.“
Schon als im Sommer zuvor auf Bismarcks Gut Varzin eine alte Kastanie umstürzte, deutete der Fürst das Unglück als „böses Omen“. Und wahrhaftig: Im November starb seine Frau Johanna. „Das Leben ist ein dauernder Verbrennungsprozess“, notierte er düster, „und mein Material zur Unterhaltung der Flamme ist bald aufgebraucht.“ Doch als müsse er auf seine letzten Tage noch einmal für Grauen sorgen, rafft er sich im Oktober 1896 zum ultimativen Spukangriff auf: Ohne sichtbaren Grund lässt er in den „Hamburger Nachrichten“ den Inhalt des geheimen Rückversicherungsvertrages mit Russland veröffentlichen.
Darin hatten Berlin und Sankt Petersburg 1887 eine gegen Wien gerichtete Defensivallianz vereinbart, obwohl Deutschland zuvor mit der Habsburger- Monarchie ein ähnliches Bündnis gegen das Zarenreich eingegangen war. Diese „politische Bigamie“, wie ein führender Diplomat schrieb, drohte die Glaubwürdigkeit des Deutschen Reiches zu beschädigen, weshalb Bismarcks Nachfolger Caprivi den Vertrag mit den Russen 1890 nicht verlängerte. Nun, nach der Veröffentlichung, hat das Auswärtige Amt alle Hände voll zu tun, um in Wien und Sankt Petersburg die Wogen zu glätten. Erneut droht der Kaiser, den Widersacher wegen Hochverrats einsperren zu lassen, doch sein Gefolge rät ihm ab – angesichts „der fieberhaften Erregung im Lande und bei dem bornierten Fanatismus der Menge, welche den Alten anbetet wie Baal“.
Doch Bismarck spürt, dass der Kampf vorbei ist. Seine drei ärgsten Feinde sind aus der Arena verschwunden: Nach Caprivi entlässt der Kaiser auch dessen Stellvertreter Karl Heinrich von Boetticher sowie den Staatssekretär Freiherr von Marschall. Der neue Kanzler Chlodwig zu Hohenlohe ist ein alter Weggefährte des Fürsten, der seinen Respekt durch zwei Pilgerfahrten nach Friedrichsruh unterstreicht; später wird Wilhelm beteuern, er habe Hohenlohe eigens ernannt, um Bismarck zur Ruhe zu bringen.
1897, als die zweite seiner Deutschen Doggen stirbt, verliert Bismarck den letzten Mut: „Nun sind meine Hunde weg“, klagt er, „nun komme ich an die Reihe.“ Kaum jemand ist geblieben, der dem Alten zuhört; nur sein Sohn Herbert ist ihm noch ebenbürtiger Gesprächspartner – und die Eichen und Buchen in seinem Forst. „Ich liebe die großen Bäume“, hat er einmal gesagt, „das sind Ahnen.“ Den Anblick vom Sturm geknickter Wipfel kann der „Baumnarr“, wie er sich nennt, nicht ertragen, und noch immer verübelt er es seiner Mutter, dass sie einst ein paar alte Eichen hat fällen lassen. Im Wald sieht er das „Idealbild“ eines „wohldisziplinierten Volkes“ ohne Parlament und Zeitungen. Und bisweilen träumt er davon, sich in einer Hängematte zwischen Tannenwipfeln bestatten zu lassen.
Ende 1897 diagnostiziert sein Hausarzt Brand in Bismarcks linkem Fuß. Die Schmerzen steigern sich zum „Höllensabbath“, verschärft durch einen der unwillkommenen Besuche des Kaisers – der, wie er hinterher im kleinen Kreis verrät, nur nachsehen wollte, „wie weit der Altersbrand beim Fürsten fortgeschritten und wann dessen Tod zu erwarten ist“. Bismarck muss seinen Abscheu darauf beschränken, Fünfmarkstücke mit dem Kaiserporträt nach unten auf den Tisch zu legen, um „das falsche Gesicht“ nicht zu sehen. Bald kann er nur noch im Rollstuhl seinen Park inspizieren. Im Juli 1898 ist er so schwach, dass er das Schlafzimmer kaum mehr verlässt. Am 28. Juli rafft er sich noch einmal auf, stärkt sich mit einem Glas Champagner, isst mit der Familie, raucht drei Pfeifen und liest die Zeitung – doch kurz darauf ereilt ihn ein Lungenödem. Er fiebert, verliert häufig das Bewusstsein.
Am 30. Juli, eine Stunde vor Mitternacht, stirbt Otto von Bismarck mit 83 Jahren. Seine Begräbnisstätte im Sachsenwald hat er noch selbst bestimmt, auf einem grasbewachsenen Hügel, zwischen Eichen, Buchen und Ahornbäumen. In einem Mausoleum aus mächtigen Steinquadern wird er am 16. März 1899 zur Ruhe gelegt. Der Kaiser folgt dem Sarg in Uniformmantel und Helm.
„JETZT BEGINNT ein neuer Akt, in dem Mir die erste Rolle zufällt“, frohlockt Wilhelm nach der Totenfeier. Doch noch bis zum Zusammenbruch von Reich und Kaisertum im November 1918 wird der Geist des Alten den Monarchen verfolgen: Denn „sein schwerer Schatten, die ewige Frage, was würde Bismarck tun und sagen“, liegt, so Biograf Hank, „wie eine dunkle Wolke über Volk und Staat, dem Kaiser die Freude am Regieren vergällend.“
Derweil wird der Tote, der schon zu Lebzeiten den Retter aus dem Jenseits geben musste, vollends zum Heiland. Der Staatswissenschaftler Ludwig Bernhard schwört 1913 bei einem Festakt in Berlin sein Publikum auf das „dunkle Bewusstsein“ ein, „dass wir von dem toten Bismarck noch viel zu erwarten haben“. 1915, zum 100. Geburtstag des Idols, versammeln sich Deutschlands Universitätsrektoren in seinem Mausoleum zum Gebet: „Von dir, Bismarck, erflehen wir: Sei auch ferner im Geiste mit uns.“
Und so ist es wie ein verspäteter Exorzismus, eine nachgeholte spiritistische Rache, dass Wilhelm nach dem Niedergang des Kaiserreichs im holländischen Exil bei Utrecht seine Wut an jenen Geschöpfen auslässt, in denen sein toter Feind seine „Ahnen“ sah: Im Schlosspark fällt er einen Baum nach dem anderen. Im Winter 1919 schlägt er den zwölftausendsten Stamm.
3. Preussens Ministerpräsident. Der Triumph des Kriegstreibers
Eine Staatskrise in Preußen führt Otto von Bismarck im September 1862 an die Spitze der Macht. Als Ministerpräsident kämpft er rücksichtslos gegen das liberal dominierte Parlament, das dem König die Gefolgschaft verweigert, bricht die Verfassung, regiert wie ein Diktator und treibt sein wichtigstes Ziel voran: die Einigung Deutschlands unter preußischer Herrschaft. Sogar die Konservativen macht er sich so zum Feind – doch am Ende bringen militärische Siege seine Gegner zum Schweigen
Die Schüsse fallen am späten Nachmittag des 7. Mai 1866. Dreimal knallt ein Revolver, hallen Echos über die Berliner Prachtallee Unter den Linden. Spaziergänger und vorbeimarschierende Soldaten schrecken auf. Sie sehen zwei Kontrahenten miteinander ringen: Einer von ihnen ist ein vornehmer Herr mit markantem Bart – der preußische Regierungschef Otto Graf von Bismarck. Der andere, ein gut gekleideter junger Mann, hält einen Taschenrevolver in der Hand, versucht ihn auf den Leib des Politikers zu richten.
Der Schütze hat Bismarck, der von einer Besprechung mit dem König im Berliner Stadtschloss kam, auf dem Heimweg abgepasst. Zweimal hat er von hinten auf ihn gefeuert und ein drittes Mal, während der Attackierte dem Schützen entgegenstürmt. Doch die Kugeln haben Bismarck verfehlt oder seine Kleidung gestreift. Nun versucht er, dem Angreifer die Waffe zu entwinden. Doch dem gelingt es, den Revolver gegen die Brust des Grafen zu pressen – und abzudrücken. Noch zweimal knallt es, dann überwältigt der Getroffene seinen Gegner, herbeieilende Passanten und Soldaten kommen ihm zu Hilfe.
Der Attentäter, der 22-jährige Ferdinand Cohen- Blind, bis vor Kurzem Student, hält Bismarck für einen „Verräter an Deutschland“, der Preußen in einen Bruderkrieg gegen Österreich treibt. Nur durch dessen Tod, so glaubt er, lässt sich ein blutiger Streit der zwei deutschen Staaten noch aufhalten. Und er ist mit dieser Ansicht nicht allein: In seinen Schüssen entlädt sich der Zorn eines ganzen Volkes. Deutschland ist in diesen Tagen im Hass gegen Bismarck vereint. Wenn der Ministerpräsident durch die Straßen Berlins geht, spucken Bürger vor ihm aus oder werfen Knallerbsen nach ihm.
Überall hat er Feinde: Untergebene arbeiten gegen ihn, selbst Kabinettsmitglieder verurteilen seine Politik als „gottlos“. Seit Wochen empört sich vor allem die liberale Presse über den Ministerpräsidenten. Eine süddeutsche Zeitung will den „Reichsverräter“ gar am Galgen hängen sehen. Es gibt im Mai 1866 viele, die Bismarcks Ende herbeisehnen. Doch auch die zwei letzten Schüsse auf ihn zeigen nicht die erwünschte Wirkung: Der dicke Mantelstoff und etliche Lagen Kleidung haben die Kugeln abgebremst, nicht einmal bis zur Haut sind sie durchgedrungen und verursachen nur eine Rippenprellung. Der Mann, den so viele tot sehen wollen, überlebt das Attentat nahezu unbeschadet.
In weniger als vier Jahren hat es Bismarck geschafft, sich in ganz Deutschland verhasst zu machen. 1862 ist er Ministerpräsident geworden; seinen Aufstieg verdankte er einer Krise, die das Königreich Preußen zu zerreißen drohte. 1858 hat Prinz Wilhelm die Regentschaft für seinen Bruder Friedrich Wilhelm IV. übernommen, der wegen Durchblutungsstörungen im Gehirn körperlich und geistig behindert ist (nach dem Tod des Monarchen wird ihm Wilhelm Anfang 1861 auf den Thron folgen). Der neue Herrscher hat eine gemäßigt liberale Regierung eingesetzt, einen Eid auf die Verfassung geleistet und Hoffnungen auf Reformen aufkommen lassen. Von einer „Neuen Ära“ schreiben manche Publizisten, die die dumpfe Zeit der Reaktion nach der gescheiterten Revolution von 1848 ablösen soll. Doch der streng militärisch erzogene König, geboren 1797, ist vor allem eines: Soldat. Er will unbedingt das Heer erneuern – die einzige Reform, die ihm wirklich wichtig ist. Obwohl die Bevölkerung des Landes seit 1815 von etwa zehn auf 18 Millionen Menschen angewachsen ist, hat sich die Truppenstärke in dieser Zeit kaum verändert. Nur ein Teil der Wehrpflichtigen wird überhaupt eingezogen, und die dienen oft kürzer als die vorgesehenen drei Jahre.
Zudem muss das stehende Heer im Kriegsfall nicht nur durch Reservisten, sondern auch durch schlecht ausgerüstete Kämpfer der Landwehr ergänzt werden, deren aktive Dienstzeit schon länger zurückliegt und deren Offiziere oft nur mangelhaft ausgebildet sind. In einem Krieg gegen eine andere europäische Großmacht könnte Preußen so kaum bestehen.
Der Prinzregent und seine Berater haben deshalb einen Reformvorschlag ausgearbeitet: Mehr Rekruten sollen eingezogen, die Dienstzeit von drei Jahren eingehalten werden, sodass das stehende Heer in Friedenszeiten von 150 000 auf 220 000 Mann anwächst. Gleichzeitig wird die Bedeutung der Landwehr zugunsten einer vergrößerten regulären Armeereserve erheblich eingeschränkt. Im Februar 1860 legt die Regierung den Entwurf für diese Neuordnung dem Abgeordnetenhaus vor: der gewählten Kammer des preußischen Landtags, die seit der Revolution von 1848 allen Gesetzen zustimmen muss. Doch das Haus lehnt die Vorlage ab. Nur vorläufig billigen die Abgeordneten eine Erhöhung der Militärausgaben – Gelder, mit denen Wilhelms neuer Kriegsminister, General Albrecht von Roon, gleichwohl beginnt, das Heer nach dem Plan des Regenten umzugestalten. Bei der Wahl im Dezember 1861 aber verlieren die gemäßigten Liberalen, denen die meisten Angehörigen des Kabinetts nahestehen, ihre dominierende Stellung in der zweiten Kammer des Parlaments (in der ersten Kammer, deren Mitglieder vom König ernannt werden, sitzen vor allem adelige Grundbesitzer sowie einige Repräsentanten der großen Städte, der evangelischen Kirche und der Universitäten – auch sie müssen Gesetzen ihre Zustimmung geben).
BISMARCK IST DIE LETZTE HOFFNUNG DER KONSERVATIVEN
Stärkste Kraft im Parlament ist nun die erst wenige Monate zuvor gegründete Deutsche Fortschrittspartei. In ihr vereinen sich Demokraten, die sich als Anwälte des unteren Mittelstands verstehen, sowie entschieden liberale Vertreter der Kaufleute, Industriellen und der Akademiker. Diese beiden Parteifraktionen sind häufig zerstritten, aber in einem sich einig: Die mit der Heeresreform verbundene Schwächung der Landwehr, die zukünftig nur noch in der Etappe Dienst tun soll, wollen sie nicht hinnehmen. Roon hatte in einem Memorandum die Landwehr als Truppe aus „Zivilisten in Uniform“ beschrieben, ohne den Korpsgeist der aktiven Armee. Doch ebendies, die Prägung des Soldaten durch sein ziviles Leben und der fehlende Kadavergehorsam, macht die Landwehr für viele preußische Liberale zu einer der wichtigsten Institutionen des Königreichs, vergleichbar mit der Verfassung und dem Rechtsstaat. Auch deshalb versagen sie 1862 der Regierung weitere Finanzmittel für die längst begonnene Heeresreform.
Zwischen dem Monarchen und den Liberalen entbrennt daraufhin ein erbitterter Machtkampf, in dem es schon bald um weit mehr geht als nur die Heeresreform: darum nämlich, ob das Land autoritär geführt wird – oder ob sich das vom Parlament vertretene Bürgertum (die aufstrebende gesellschaftliche Schicht) als politische Kraft etablieren kann. In diesem Ringen will Wilhelm auf keinen Fall nachgeben. Als ihm das Abgeordnetenhaus die Unterstützung verweigert, löst er die Kammer kurzerhand auf und ordnet Neuwahlen an. Bei diesem Votum im Jahr 1862 aber gehen die gemäßigten Liberalen vollends unter, Fortschrittspartei und Linksliberale hingegen gewinnen eine klare Mehrheit. Der Generaladjutant des Königs, der ultrakonservative Edwin von Manteuffel, rechnet daraufhin mit einer Volkserhebung gegen den Monarchen und bereitet schon die blutige Rückeroberung Berlins durch die Armee vor; wenn das erledigt sei, könne man Verfassung und Parlament abschaffen.
Revolution und Staatsstreich bleiben zwar aus, doch im September scheitert auch der letzte Kompromissversuch über die Heeresreform am Widerstand des Königs. Nun will die liberale Kammermehrheit ihre Zustimmung zum gesamten Budget verweigern. Und das Kabinett – in dem Wilhelm längst alle liberalen Minister durch Konservative ersetzt hat – sieht keine Möglichkeit, dann noch das Land zu regieren. Wilhelm denkt an Rücktritt, hat bereits seine Abdankungserklärung aufgesetzt. Kriegsminister Roon aber sieht noch einen letzten Ausweg. Der Monarch solle einen neuen Ministerpräsidenten berufen: Otto von Bismarck, den preußischen Gesandten in Paris. Dass er über die nötigen Fähigkeiten verfügt, hat der Diplomat bereits bewiesen: Er ist gewandt im Umgang mit Gesprächspartnern, aber hart in der Sache. Er scheut die Konfrontation nicht, kann unbequeme Positionen verteidigen.
So einer, spekuliert Roon schon seit Längerem, könnte die Politik des Königs vielleicht doch noch durchsetzen, könnte womöglich sogar gegen die liberale Mehrheit im Parlament regieren. Noch als Prinzregent, zu Beginn der „Neuen Ära“, hatte Wilhelm den erzkonservativen Bismarck auf den Posten als Gesandter in Sankt Petersburg abgeschoben. Im Mai 1862 aber, nach der dramatischen Zuspitzung des Konfliktes mit dem Parlament, ruft der Monarch ihn nach Berlin. Er sieht in Bismarck offenbar einen ernsthaften Kandidaten für den Posten des Ministerpräsidenten – trotz der Warnung seiner Gemahlin, Königin Augusta: „Nur um Gottes Willen den nicht zum Minister. Es ist eine ganze falsche Rechnung, zu glauben, dass ein Mann wie Bismarck unserem Land dienen kann, der gewiss alles wagt und der Schrecken aller ist, weil er keine Grundsätze hat.“ Im Revolutionsjahr 1848 etwa habe Bismarck einen Militärschlag gegen die Aufständischen geplant – und die Aktion im Namen Wilhelms ausführen wollen, obwohl der auf dem Weg nach England war und nichts davon wusste (siehe Seite 24).
Auch der jetzige Kronprinz Friedrich Wilhelm, der gewisse Sympathien für die Liberalen hegt, hält Bismarck für einen „unwahren Charakter“. Und seine Gattin Victoria, die Tochter der englischen Queen, verabscheut den „Schurken“ und „Bösewicht“ aus tiefstem Herzen. So zögert Wilhelm im Frühjahr 1862, den Ungeliebten zum Minister zu machen, schickt ihn stattdessen als Botschafter nach Paris. Dort soll Bismarck auf eine endgültige Entscheidung warten. Die Ungewissheit zehrt an ihm, er klagt über seine „provisorische Existenz“. Doch nun, vier Monate später, scheint seine Stunde gekommen. Wilhelm lässt ihn nach Berlin rufen. Albrecht von Roon schickt noch ein Telegramm nach Paris: „Periculum in mora. Dépêchezvous.“ („Verzug bringt Gefahr. Beeilen Sie sich.“) Bismarck steigt sofort in den Zug. Am 22. September 1862 empfängt der König den aus Paris Angereisten auf Schloss Babelsberg bei Potsdam. „Ich finde keine Minister mehr, die bereit wären, meine Regierung zu führen, ohne sich und mich der parlamentarischen Mehrheit zu unterwerfen“, eröffnet Wilhelm seinem Besucher – so „ungefähr“ berichtet es Bismarck zumindest fast 30 Jahre später in seinen Memoiren. Er habe sich deshalb zum Rücktritt entschlossen, erklärt der König – und zeigt die vorbereitete Abdankungsurkunde.
Bismarck versichert ihm, er stehe als Premier zur Verfügung. Ob er bereit sei, für die Heeresreform einzutreten, fragt Wilhelm. Bismarck bejaht. Auch gegen die Majorität des Landtages? Erneutes Ja. Dann, so Wilhelm, „ist es meine Pflicht, mit Ihnen die Weiterführung des Kampfes zu versuchen.“ Doch noch immer traut der König seinem Gegenüber nicht ganz: Bei einem gemeinsamen Spaziergang will er ihn auf ein Regierungsprogramm festlegen, das er mit eigener Hand auf acht Seiten niedergeschrieben hat. Daraufhin erklärt Bismarck dem Herrscher beschwörend, es gehe um die Frage „königliches Regiment oder Parlamentsherrschaft“ und dass die Mitbestimmung der Abgeordneten um jeden Preis abzuwenden sei – „auch durch eine Periode der Diktatur“. Wilhelm lässt sich schließlich überzeugen. Er zerreißt das eigene Regierungsprogramm und gibt Bismarck freie Hand. Noch am gleichen Tag ernennt er ihn zum Ministerpräsidenten und wenig später auch zum Außenminister. So markiert der 22. September 1862 eine tiefe Zäsur des 19. Jahrhunderts. Denn Bismarcks Handeln als Regierungschef einer Großmacht wird erst die Geschichte Preußens, dann die Deutschlands und schließlich die ganz Europas entscheidend verändern.
DER PREMIER VERÄNDERT PREUSSEN, DEUTSCHLAND – UND EUROPA
Acht Tage später hat der neue Ministerpräsident seinen ersten großen Auftritt. In einer Ansprache wendet er sich an die Budgetkommission des Parlaments. Mit beschwörenden Worten versucht er die Abgeordneten von der Notwendigkeit der Heeresreform zu überzeugen: „Nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden“, verkündet er, „sondern durch Eisen und Blut.“ Seine Zuhörer fürchten daraufhin ein „Säbelregiment im Innern“ und „Krieg nach außen“. Der neue Ministerpräsident gilt ihnen nun erst recht als Reaktionär und Kriegstreiber.
„Höre ich einen so flachen Junker wie diesen Bismarck von dem ‚Eisen und Blut‘ prahlen, womit er Deutschland unterjochen will“, notiert der Staatswissenschaftler Heinrich von Treitschke, „so scheint mir die Gemeinheit nur noch durch die Lächerlichkeit überboten.“ Und der badische Außenminister schreibt über den neuen preußischen Regierungschef: „Der Mann und das System müssen schonungslos angegriffen werden.“ Selbst Kriegsminister Roon, Bismarcks wichtigster Verbündeter, erklärt nach dem Auftritt, solche „geistreichen Exkurse“ seien der gemeinsamen Sache nicht förderlich.
Der Premier muss einsehen: Die Rede war ein Fehler. Er habe seine Tätigkeit „verkehrt angefangen“, gesteht er in einem Brief an seine Frau Johanna. Bismarck fürchtet, schon jetzt allen Rückhalt beim König verspielt zu haben. Wenige Tage nach der Rede fährt er dem von einer Reise zurückkehrenden Monarchen entgegen, „um dem vermutlichen Eindruck der Presse auf ihn beizeiten entgegenzuwirken“. Die beiden treffen in einem Zugabteil zu einer vertraulichen Unterredung zusammen, die Bismarck in seinen Memoiren wiedergeben wird. Als sich der Regierungschef erklären will, schneidet ihm der missgelaunte Monarch das Wort ab: „Ich sehe voraus, wie das alles endigen wird. Da vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas später mir.“ Worauf Bismarck antwortet: „Können wir anständiger umkommen? Ich selbst im Kampfe für die Sache meines Königs – und Eure Majestät, indem Sie Ihre königlichen Rechte von Gottes Gnaden mit dem eignen Blut besiegeln.“
Er appelliert an Wilhelms Offiziersehre: Der Herrscher dürfe gegen die Liberalen nicht aufgeben. „Sie können nicht kapitulieren, Sie müssen, und wenn es mit körperlicher Gefahr wäre, der Vergewaltigung entgegentreten.“ Am Ende der Zugfahrt hat er ihn überzeugt. Wilhelm will weiterkämpfen. Und Bismarck führt sein innenpolitisches Gefecht mit den Liberalen weiter. Er ignoriert die Beschlüsse und Proteste des Abgeordnetenhauses, lässt die zweite Kammer immer wieder vertagen. Das dort verworfene Budget genehmigt stattdessen die königstreue erste Kammer – ein verfassungswidriger Akt, dessen einziger Zweck darin liegt, einen Streit zwischen den Kammern auszulösen und das Abgeordnetenhaus weiter unter Druck zu setzen. Trotz der fehlenden Legitimierung verwaltet Bismarcks Kabinett auch weiterhin die Einnahmen und Ausgaben. Das Staatsleben dürfe ja nicht stillstehen, nur weil sich König und Parlament nicht auf einen Haushalt einigen könnten, argumentiert der Regierungschef – er weiß, dass Preußens Verfassung für eine solche Situation keine Regelung vorsieht.
Die Liberalen werfen ihm Verfassungsbruch vor. Der Ministerpräsident stelle Macht vor Recht und missachte damit die Grundlagen des Staates. Und kaum jemand bestreitet ernsthaft, dass Bismarcks Handeln wenn nicht dem Wortlaut, so doch dem Sinn der Verfassung zuwiderläuft. „Das gegenwärtige Ministerium ist in einer Art missliebig, wie es selten eines in Preußen war“, notiert der Bankier Gerson Bleichröder, immerhin Bismarcks wichtigster Vertrauter in der Finanzwelt. Weiter und weiter spitzt sich der Konflikt zu. Im Mai 1863 lehnt das Parlament fast geschlossen eine Vorlage der Regierung ab. Kurz darauf beschließt es mit großer Mehrheit eine Erklärung an den König: „Das Haus der Abgeordneten hat kein Mittel der Verständigung mehr mit diesem Ministerium; es lehnt seine Mitwirkung zu der gegenwärtigen Politik der Regierung ab.“ Der Monarch ist empört. „Meine Minister besitzen mein volles Vertrauen“, erklärt er – und schickt die Abgeordneten heim. Wenig später unterzeichnet er eine von Bismarck vorbereitete Notverordnung: Mit ihrer Hilfe kann die Regierung kritische Publikationen schon wegen ihrer „allgemeinen Haltung“ verbieten (fünf Sechstel der Presse unterstützen die Opposition). Damit ist die Pressefreiheit de facto aufgehoben.
Rücksichtslos geht Bismarck auch gegen Beamte vor, die Sympathien für die Oppositionellen zeigen, will sie „um jeden Preis“ zur „Disziplin“ zwingen. Richter und Staatsanwälte, die als Liberale im Abgeordnetenhaus sitzen, lässt er schikanieren, einige in besonders konservative Gegenden versetzen oder sogar entlassen. Und bei Beförderungen soll fortan politische Zuverlässigkeit mehr zählen als das Dienstalter – ein klarer Verstoß gegen althergebrachte Traditionen. Der Ministerpräsident ist bald ein einsamer Mann. In der königlichen Familie ist er inzwischen zutiefst verhasst: „Dieser elende Bismarck, er wird in seiner verrückten Karriere nicht innehalten, bis er seinen König ruiniert und sein Land in die gefährlichsten Schwierigkeiten gestürzt hat“, schreibt Kronprinzessin Victoria in einem Brief an ihre Mutter, die Königin von England. (Welche Vorstellungen Victoria von der weiteren Entwicklung der preußischen Monarchie hat, bleibt allerdings unklar.)
Und auch von der Öffentlichkeit wird Bismarck ständig angegriffen: Mehrere Hundert Beleidigungsprozesse führt er, die entsprechenden Formulare hat er griffbereit in seinem Schreibtisch liegen. Doch die Gerichte verhängen nur geringe Geldstrafen gegen die Beklagten. Ihre milden Urteile begründen die Richter damit, die Empörung über die Regierung sei ja berechtigt. Die ständigen Attacken zehren an den Nerven des Ministerpräsidenten. Nach zwölf Monaten in der Regierung klagt er: „Es kommt mir vor, als wäre ich in diesem einen Jahr um 15 Jahre älter geworden. Die Leute sind doch noch viel dümmer, als ich sie mir gedacht habe.“
Verzweifelt sucht Bismarck einen Ausweg aus der Misere. Er weiß: Eine Zeit lang kann er unter Missachtung der Verfassung ohne gesetzlich legitimierten Haushalt regieren, kann mit Unterstützung des Königs das Parlament immer wieder vertagen oder auflösen lassen. Auf die Dauer aber gefährdet der Stillstand im Inneren jene Ziele, die ihm weit wichtiger sind als der Kampf gegen die Liberalen und das Parlament: die Großmachtstellung Preußens in Europa und vor allem dessen führende Rolle in Deutschland. Im Herbst 1863 kommt dem Premier eine Krise außerhalb der preußischen Grenzen zu Hilfe: In Dänemark beschließt das Parlament ein neues Grundgesetz, das auch für das von Kopenhagen regierte Schleswig gelten soll – und entfacht damit einen alten, hochkomplizierten Streit aufs Neue.
»DIE LEUTE SIND DOCH NOCH VIEL DÜMMER, ALS ICH GEDACHT HABE«
Denn Schleswig und das benachbarte Holstein haben seit Jahrhunderten einen Sonderstatus: Zwar regiert dort der dänische Monarch, jedoch nur als Herzog der beiden Gebiete. Anders aber als Holstein, das einst zum Römisch-Deutschen Reich gehörte und nun zum Deutschen Bund, gilt Schleswig als dänisches Lehensgebiet, und vor allem im Norden fühlen sich die Menschen überwiegend als Dänen. Die deutschen Bewohner hingegen halten an der historischen Gemeinschaft mit Holstein fest und sehen sich als Teil des deutschen Volkes. Im Revolutionsjahr 1848 wagten Holsteiner und deutsche Schleswiger dann den Aufstand gegen die dänische Herrschaft, zunächst sogar mit Unterstützung preußischer Truppen. In einem Abkommen der europäischen Großmächte, darunter auch Preußen und Österreich, wurde der König von Dänemark 1852 jedoch wieder als Herzog von Schleswig und Holstein bestätigt – gegen seine Zusicherung, den Sonderstatus der beiden Gebiete zu wahren.
Das neue dänische Grundgesetz bricht diesen Vertrag und löst überall in den deutschen Staaten Empörung aus. Patriotische Publizisten rufen zum Krieg gegen Dänemark auf: Es gelte, den „deutschen Bruderstamm“ im Norden von der Fremdherrschaft zu befreien. Anschließend sollen die beiden Herzogtümer gemeinsam einen eigenständigen Bundesstaat bilden. Vor allem die Liberalen, die sich der Einheit verschrieben haben, treten für diese Lösung ein. Bismarck jedoch denkt anders: Er hat vor allem Preußens Vorteil im Sinn. Wenn er schon Krieg gegen Dänemark führt, dann nicht etwa für die deutsche Sache oder die Unabhängigkeit von Schleswig und Holstein. Er will einen „praktischen Gewinn“ für sein Land herausschlagen: Über kurz oder lang sollen die beiden Herzogtümer an Preußen fallen. Doch er weiß, dass fast ganz Deutschland – auch der König – einen solchen Plan entschieden ablehnt. Zudem ist die politische Lage in Europa heikel. Das kleine Dänemark, das mit 2,5 Millionen Menschen nicht einmal ein Sechstel der preußischen Einwohnerzahl aufweist, ist Bismarcks geringste Sorge. Viel wichtiger sind die anderen Großmächte.
England und Russland etwa würden wahrscheinlich nicht akzeptieren, dass fortan statt des schwachen Dänemarks das aufstrebende Preußen den Zugang zur Ostsee kontrolliert. Österreich hingegen, mit dem Preußen um die Führungsrolle im Deutschen Bund konkurriert, verfolgt eifersüchtig jeden Schritt seines Rivalen: Sollte Berlin versuchen, sich Schleswig-Holstein anzueignen, würde Wien womöglich mit verbündeten deutschen Staaten gegen die Preußen ins Feld ziehen. Einzig der Kaiser der Franzosen fände vielleicht Gefallen an einem Machtzuwachs Preußens – zumindest dann, wenn der auf Kosten Englands und Österreichs ginge. Doch in seiner Bündnispolitik ist Napoleon III. wankelmütig und schwer zu durchschauen. In einer so brisanten Situation könnte ein Feldzug gegen Dänemark leicht einen europäischen Krieg entfachen – und gegen ein Bündnis aus mehreren Großmächten wäre Preußen chancenlos. Deshalb gibt Bismarck dem Drängen der Nationalbewegung nicht nach: Statt vom dänischen König die Abtretung der Herzogtümer zu fordern, ermahnt er das Land lediglich, wieder die gemeinsamen Verträge zu respektieren.
Wütend protestieren die deutschnational gesinnten Liberalen gegen den scheinbar untätigen preußischen Regierungschef. Heinrich von Treitschke bezeichnet Bismarcks Politik gar als „nackten Verrat“. Auch die Konservativen distanzieren sich von ihm – sie denken bereits über Kandidaten nach, die ihn als Ministerpräsident und Außenminister ersetzen sollen. Und selbst der König, der sich von der patriotischen Stimmung mitreißen lässt, verzweifelt an der vorsichtigen Haltung seiner Regierung. „Sind Sie denn nicht auch ein Deutscher?“, fragt er seinen Ministerpräsidenten. Der greift zum letzten Mittel, um Wilhelm auf Linie zu bringen: Er bietet seinen Rücktritt an – doch wie von ihm erwartet, lehnt der Monarch ab und lässt ihn stattdessen gewähren.
Bismarck darf seine behutsame Politik fortführen, für die er einen unwahrscheinlichen Verbündeten gewonnen hat: Österreich. Obwohl das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Großmächten wegen ihrer Konkurrenz seit Langem angespannt ist und Bismarck gegenüber Vertrauten nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er früher oder später einen Krieg mit der Habsburgermonarchie für unvermeidbar hält, ist er als Politiker viel zu geschickt, um überhastet eine Konfrontation mit ungewissem Ausgang zu wagen. Stattdessen schließt er in der Schleswig-Holstein- Frage einen Pakt mit dem Kaiserstaat.
Denn auch Wien sieht sich dem Druck der Öffentlichkeit ausgesetzt, gegenüber Dänemark die deutsche Sache zu vertreten, obwohl es der Führung des Habsburgerreiches zutiefst widerstrebt, dass nach dem Willen der Liberalen in Schleswig- Holstein das Nationalgefühl über die dynastischen Rechte eines legitimen Monarchen gestellt werden soll. Da kommt ihr Bismarcks Politik, von Dänemark zunächst nur die Einhaltung der bestehenden Verträge einzufordern, gerade recht. Nachdem Österreich eingewilligt hat, zur Not gemeinsam mit Preußen gegen Dänemark zu ziehen, wagt sich Bismarck an ein diplomatisches Meisterstück: Geschickt nutzt er die Allianz mit Wien, um sich der Neutralität der anderen Großmächte zu versichern. Dem Zaren, der gerade einen Aufstand im russisch beherrschten Polen niedergeschlagen hat, präsentiert er das Vorgehen gegen Dänemark als einzige Chance, eine vom Volk getragene revolutionäre Entwicklung in Deutschland zu verhindern.
Großbritannien gegenüber dient ihm das Bündnis mit Österreich, um die Furcht vor einem preußischen Alleingang einzudämmen. Zwar hegen englische Diplomaten Zweifel über Bismarcks wahre Absichten, doch solange die deutschen Großmächte das Recht auf ihrer Seite haben, die dänische Seite aber gegen internationale Abkommen verstößt, wird London nicht eingreifen. Und selbst wenn die Stimmung in England kippen sollte, weiß Bismarck: Ohne einen starken Partner werden die Briten kaum einen Krieg auf dem Kontinent wagen. Hierfür käme jedoch nur Frankreich infrage – und tatsächlich ist Napoleon III. über Berlins Zusammengehen mit Wien keineswegs erfreut. Bismarck aber lässt durchblicken, dass dieses Bündnis nicht von Dauer sein werde, und lockt den Kaiser mit unverbindlichen Zusagen, er werde sich in mögliche zukünftige Konflikte zwischen Paris und den Habsburgern oder anderen deutschen Fürsten nicht einmischen – selbst bei einer französischen Expansion an der Rheingrenze.
Ebenso kunstvoll wie skrupellos balanciert Bismarck so die Interessen der Großmächte gegeneinander aus. Doch die Stimmung im eigenen Land steht seinen Plänen noch immer entgegen. Erklärtes Ziel der Partner Preußen und Österreich ist es lediglich, Dänemark zur Einhaltung der gemeinsamen Verträge zu zwingen. Die Liberalen, deren Ziel ja die Errichtung eines vom dänischen König unabhängigen deutschen Staates in Schleswig und Holstein ist, argwöhnen deshalb, Bismarck wolle die Herzogtümer in fremden Händen belassen. „Ohne leitendes Prinzip stürmt er auf das Meer auswärtiger Verwicklungen hinaus, ohne Ahnung von nationaler Politik, ohne Verständnis für nationales Wesen“, schimpft der Mediziner Rudolf Virchow, der für die Fortschrittspartei im Parlament sitzt.
„Die Dinge verstehe ich besser“, ätzt Bismarck zurück. Das Abgeordnetenhaus verweigert ihm weiterhin jede Unterstützung, bewilligt auch keine Geldmittel für den bevorstehenden Krieg. Die Regierung muss den Feldzug deshalb aus den im Vorjahr erwirtschafteten Überschüssen und aus dem Staatsschatz finanzieren. Im Januar 1864 marschieren die Truppen der beiden Großmächte in Holstein ein und rücken am 1. Februar auch nach Schleswig vor. Österreich entsendet mehr als 20 000 Soldaten, Preußen stellt knapp 40 000 Mann. Am 18. April kommt es zur entscheidenden Schlacht. Etwa 12 000 Dänen haben sich bei Düppel auf der Nordseite der Flensburger Förde hinter einem Bollwerk verschanzt. Seit Wochen steht ihnen eine dreifach überlegene preußische Belagerungsarmee gegenüber.
Die Dänen haben keine Chance gegen die Angreifer. Nach stundenlangem Artilleriebeschuss erobern die Preußen schließlich die Düppeler Schanzen. In London debattieren anschließend die Großmächte über das Schicksal Schleswig-Holsteins. Die dänische Seite will noch immer nicht nachgeben, Preußen und Österreich erklären daraufhin die früheren Verträge, für deren Verteidigung sie eigentlich in den Krieg gezogen sind, jetzt ihrerseits für ungültig und fordern die vollständige Ablösung der Herzogtümer von Dänemark – und keiner der anderen Staaten stellt sich ihnen entgegen.
Als die Konferenz ohne Ergebnis endet, nehmen preußische Truppen die Insel Alsen ein und besetzen schließlich gemeinsam mit den Österreichern das gesamte dänische Festland. Nun muss das nordische Königreich Frieden schließen und auf Schleswig und Holstein verzichten. Der Sieg gegen einen militärisch klar unterlegenen Gegner, der ohne die diplomatische Vorbereitung aber nicht denkbar gewesen wäre, ist Bismarcks erster großer Erfolg in der Außenpolitik (für seine „Leistungen um das Vaterland“ erhebt Wilhelm 1865 ihn in den Grafenstand). Doch der Triumph über die Dänen soll dem Premier auch im innenpolitischen Kampf nutzen. Denn angesichts siegreicher preußischer Truppen räumt nun hinter vorgehaltener Hand so mancher Liberale ein, dass sich die Heeresreform – von Bismarck gegen den Willen des Parlaments weiter vorangetrieben – bewährt habe.
Nicht wenige Abgeordnete sind der ständigen Streitereien müde und hoffen, die Kammer werde den Konflikt mit der Regierung beilegen: „In vielen herrscht die Überzeugung“, schreibt ein Parlamentarier, „dass die große Bevölkerung dieses Zwiespaltes überdrüssig sei, ja dass es nicht klug sei, ihn noch länger dauern zu lassen.“ Bismarck sucht nun selbst einen Ausgleich mit der Opposition, bietet Zugeständnisse bei anderen Fragen an, um sich endlich auf die Heeresreform zu einigen. „Lassen Sie die Militärfrage vom Schauplatze verschwinden“, fordert sein Innenminister das preußische Abgeordnetenhaus auf. Doch die Mehrheit der Volksvertreter lässt sich weder durch den „Siegesschwindel“ noch durch solche Beschwörungen von ihrer kompromisslosen Haltung abbringen – und sieht sich sogleich in ihrer Position bestätigt. Denn als eine Gruppe gemäßigter Abgeordneter der Regierung entgegenkommt und ihr einen Kompromiss vorschlägt, legt Wilhelm sein Veto ein: Er empfindet jegliches Mitspracherecht des Parlaments bei der Heeresgröße als Schmälerung seiner „königlichen Macht“. Die Regierung muss den Vorschlag ablehnen.
Der Vermittlungsversuch ist gescheitert, die Atmosphäre im Abgeordnetenhaus vergiftet wie vor dem Sieg über Dänemark. Den Antrag der Regierung, die Kriegskosten von 25 Millionen Talern nachträglich zu bewilligen, weist die liberale Mehrheit zurück. Sie lehnt es sogar ab, Geld für die preußische Kriegsflotte zur Verfügung zu stellen, die künftig in Kiel stationiert werden soll – obwohl gerade viele Liberale seit Langem für eine Vergrößerung der Marine plädieren. Je länger im Jahr 1865 die Sitzungsperiode dauert, desto heftiger werden die Wortgefechte zwischen Bismarck und seinen Gegnern.
Als ihn Rudolf Virchow wieder einmal attackiert und sogar die „Wahrhaftigkeit“ des Ministerpräsidenten infrage stellt, zeigt dieser Nerven – und fordert den Liberalen zum Duell. Der Medizinprofessor entgegnet daraufhin spöttisch, er würde sich höchstens mit dem Operationsmesser schlagen. Der Ehrenhandel kommt nicht zustande. Die Schleswig-Holstein-Frage ist derweil noch keineswegs geklärt: Preußen und Österreich, die beiden Sieger über Dänemark, können sich nicht darauf verständigen, was mit den Herzogtümern geschehen soll. Wien hat eigentlich gar kein Interesse an den beiden Gebieten, wäre prinzipiell sogar bereit, sie Preußen zu überlassen; allerdings nur gegen eine entsprechende Entschädigung. Auch ein unabhängiges Fürstentum Schleswig-Holstein innerhalb des Deutschen Bundes – wie es die nationale Bewegung von Beginn an gefordert hat – können sich die Österreicher inzwischen vorstellen.
Doch genau das will Bismarck verhindern: Ohne dem Plan eine definitive Absage zu erteilen, stellt er immer neue, unerfüllbare Bedingungen. Und während er die Vertreter der Habsburger mit vagen Zusagen hinhält, provoziert er sie auch noch: Demonstrativ lässt er die Basis der preußischen Kriegsflotte von Danzig nach Kiel verlegen – so als sei Schleswig-Holstein bereits preußisches Territorium. Als Wien daraufhin protestiert, entgegnet er, nur eine in Berlin einrückende Armee könne ihn davon abhalten. Erst im August 1865, ein Jahr nach dem Ende des Krieges in Dänemark, einigen sich die beiden deutschen Großmächte: Sie wollen beide Herzogtümer fortan gemeinsam beherrschen, jedoch getrennt verwalten: Preußen Schleswig, Österreich Holstein. Doch auch diese Regelung ist nicht mehr als ein Provisorium, und das Vertragswerk birgt politischen Sprengstoff: Denn es enthält eine Reihe von preußischen Sonderrechten, die es Berlin erlauben, sich jederzeit in die Holstein-Politik des Rivalen einzumischen. Zudem liegt der Landstrich weitab vom Habsburgerreich; das macht ein österreichisches Eingreifen dort schwierig.
Damit hat Bismarck Österreich in eine Falle manövriert: Er kann den Kontrahenten nun nach Belieben provozieren und so vielleicht zu einem Rückzug aus dem Norden zwingen, der Preußen freie Hand in Schleswig-Holstein ließe – oder aber, wenn die Zeit reif ist, in einen Krieg treiben, der über die Führungsrolle in Deutschland entscheiden könnte. Im Januar 1866 bietet sich ihm eine Gelegenheit, den Konflikt weiter anzuheizen: Im österreichisch verwalteten Altona demonstriert die Bevölkerung für ein selbstbestimmtes Schleswig- Holstein. Prompt weist Bismarck seinen Gesandten in Wien an, sich beim Kabinett des Habsburgerreiches zu beschweren und zu fordern, solche Umtriebe zu unterdrücken – andernfalls werde Berlin dies als bewussten Verstoß gegen preußische Interessen werten.
Die preußische Protestnote liest sich bereits wie eine Kriegserklärung: „Wir müssen, wenn die aufrichtig angestrebte intime Gemeinsamkeit der Gesamtpolitik beider Mächte sich nicht verwirklichen lässt, für unsere ganze Politik volle Freiheit gewinnen und von derselben den Gebrauch machen, welchen wir dem Interesse Preußens entsprechend halten.“ Schon wieder steht Preußen an der Schwelle zu einem Krieg. Doch diesmal wäre der Gegner nicht ein fremdes Land wie Dänemark, sondern ein Mitglied des Deutschen Bundes.
Ein Großteil der Deutschen will diesen „Bruderkrieg“ nicht. Dem Mann, der die beiden Staaten immer weiter in den Konflikt hineintreibt, schlägt nun erst recht blanker Hass entgegen. Selbst viele Konservative wenden sich von Bismarck ab – für sie ist die Einigkeit der monarchischen Großmächte Preußen und Österreich ein Glaubensgrundsatz, ein Angriff auf das Habsburgerreich erscheint ihnen als Frevel. Auch Wilhelms königliche Verwandtschaft macht gegen Bismarck Stimmung. Kronprinzessin Victoria nutzt ihre Adelsverbindungen, um deutsche und europäische Herrscherfamilien gegen den Premier aufzubringen. „Dass unser liebes, blühendes Vaterland mit dem Blute deutscher Brüder getränkt werden soll, kann ich nicht fassen, es wäre zu sündhaft“, schreibt sie an ihre Schwiegermutter, Königin Augusta. „Mich empört die Unsittlichkeit der jetzigen Politik so sehr!“
Am 7. Mai 1866 schließlich entlädt sich die angestaute Wut: Ferdinand Cohen-Blind feuert auf den Ministerpräsidenten, der wie durch ein Wunder unverletzt bleibt. In Polizeigewahrsam schneidet sich der Attentäter die Halsschlagader auf, er stirbt noch in der Nacht nach dem Anschlag. Die Gewalttat erregt ganz Deutschland – doch statt den Attentäter zu verdammen, feiern ihn viele Menschen. In Süddeutschland bekunden Ladenbesitzer ihre Sympathie, indem sie mit Blumen umkränzte Fotos von Cohen- Blind in ihre Schaufenster stellen. Zeitungen veröffentlichen Gedichte, in denen der „Opfermut“ des „Heldenjünglings“ gerühmt wird. Der Stuttgarter „Beobachter“ sieht im „dämonischen Junker“ Bismarck den eigentlichen, „von einem ganzen Volke einmütig verdammten Attentäter“ – und nimmt Cohen-Blind in Schutz: „Es wird sich niemand getrauen, den jungen Mann für einen schlechten Menschen zu erklären, der sein Leben daran gegeben hat, um das Vaterland von einem solchen Unhold zu befreien.“
ATTENTAT: AM 7. MAI 1866 ENTLÄDT SICH DIE WUT AUF BISMARCK
Selbst Mitglieder der Königsfamilie zeigen Verständnis für den Täter. „Der arme, gutmeinende, aber verfehlende und kurzsichtige Unglückswurm, der auf Bismarck schoss, ist tot“, notiert die Kronprinzessin Victoria. „Es ist besser so – besser Bismarck bleibt am Leben, um die Konsequenzen seiner unverantwortlichen Verrücktheit zu erleben, denn als Märtyrer zu sterben.“ Doch der wichtigste Unterstützer des Ministerpräsidenten hält weiter zu ihm: der König. Am Abend nach dem Attentat kommt Wilhelm persönlich in die Wohnung seines Regierungschefs, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen. „Des Königs Bewunderung für B. wächst jeden Tag“, notiert Victoria enttäuscht. In Wien forcieren viele in der Zwischenzeit den offenbar nicht mehr zu umgehenden Krieg gegen Preußen – als Chance, den unverschämten Rivalen zu demütigen. Ein österreichischer Sieg gilt ihnen als sicher: „Nur kein milder Friede“, mahnen die Zeitungen. Am 1. Juni wendet sich der Gesandte Kaiser Franz Josephs an den Bundestag in Frankfurt: Das oberste Organ des Deutschen Bundes soll über die Zukunft von Schleswig-Holstein entscheiden.
Damit brechen die Österreicher das gemeinsame Abkommen mit Preußen – die beiden Großmächte hatten darin vereinbart, nur gemeinsam über die Herzogtümer zu verfügen. Acht Tage später marschieren preußische Truppen in Holstein ein; die kaiserlichen Kräfte haben das Herzogtum vorher geräumt und sind ins verbündete Königreich Hannover gezogen.
Österreich sichert sich nun, kurz vor dem erwarteten Waffengang, die Unterstützung durch die deutschen Kleinund Mittelstaaten. In Frankfurt beantragt es, das Bundesheer gegen Preußen zu mobilisieren – jene in der Verfassung des Bundes vorgesehene Armee, zu der alle Mitglieder entsprechend ihrer Größe Soldaten und Geld beisteuern. Die Mehrheit der in der Versammlung vertretenen Staaten stimmt zu. Daraufhin erklärt der preußische Gesandte den Bundesvertrag für erloschen. Preußen hat damit nicht nur Österreich zum Gegner, sondern auch die meisten deutschen Mittel- und Kleinstaaten, darunter Bayern, Württemberg, Sachsen, Hannover und Hessen, die alle ein übermächtiges Preußen fürchten. „Der Kampf wird hart sein“, räumt Bismarck gegenüber Diplomaten ein.
Er macht sich auf das Schlimmste gefasst: „Wenn wir geschlagen werden, kehre ich nicht hierher zurück. Ich falle dann in dem letzten Angriff.“ Am 16. Juni erklärt Preußen den Königreichen Sachsen und Hannover sowie dem Kurfürstentum Hessen den Krieg. Truppen überschreiten die Grenzen – damit treten formal auch alle anderen Staaten des Bundes in die bewaffnete Auseinandersetzung ein. Einige kleinere Länder in Norddeutschland und Thüringen stehen an Preußens Seite, sämtliche deutschen Mittelmächte aber wollen mit Österreich kämpfen. Berlin schickt rund 50 000 Mann nach Hannover, Hessen und Süddeutschland, um dort dem mehr als doppelt so starken Bundesheer entgegenzutreten. Das sind nicht einmal ein Sechstel der gesamten preußischen Truppen – doch die genügen bereits. Die Kontingente der einzelnen Staaten sind meist schlecht ausgerüstet und kaum auf einen echten Kriegseinsatz vorbereitet. Viele Soldaten seien nicht mehr als „Bauernkerle in Uniform“, klagt der bayerische Oberbefehlshaber.
Vor allem aber mangelt es an kompetenter Führung und an Koordination zwischen den Einzelarmeen. Die Hannoveraner kapitulieren schon zwei Wochen nach Kriegsbeginn. Ein Bundesverband nach dem anderen muss sich den gut organisierten Preußen geschlagen geben.
Deren Hauptkräfte rücken unterdessen gegen die Österreicher vor. Generalstabschef Helmuth von Moltke, ein hochgelehrter Mann, der wegen seiner Wortkargheit den Beinamen „der große Schweiger“ trägt, hat den Feldzug präzise geplant: Er nutzt die sechs Eisenbahnlinien Preußens für den Aufmarsch – so kann er seine Truppen schneller zusammenziehen als der Gegner, der nur über eine Linie verfügt. Von drei Seiten lässt Moltke preußische Armeen in das habsburgische Böhmen einrücken, wo sich Österreicher und Sachsen versammelt haben. Am 3. Juli prallen die beiden etwa gleich starken Heere aufeinander. Bei Königgrätz in Nordostböhmen kämpfen an jenem Tag fast eine halbe Million Soldaten um die Zukunft Deutschlands.
Die preußischen Soldaten sind mit Hinterladergewehren ausgerüstet, die sie im Liegen nachladen können. So vermögen sie wesentlich schneller zu feuern als die Österreicher, die ihre veralteten Vorderlader ungedeckt im Stehen laden müssen. Auch durch ihre taktische Disziplin sind die Angreifer ihren Gegnern überlegen. Dennoch droht Moltkes Strategie zunächst zu scheitern, da eine der drei preußischen Armeen mehrere Stunden zu spät das Schlachtfeld erreicht. Erst als die Truppen unter dem Kommando des Kronprinzen endlich eintreffen, wendet sich das Blatt zugunsten der Preußen: Nur mit Mühe können die Österreicher einer drohenden Umfassung entkommen. Am Ende des Tages sind mehr als 20 000 Kaiserliche und Sachsen gefallen, verwundet oder vermisst, noch einmal so viele geraten in Gefangenschaft; die Angreifer haben 9000 Mann verloren.
Der preußische Sieg ist auch ein Triumph Bismarcks – zu deutlich zeigt der gesamte Feldzug den Nutzen der Heeresreform, die er gegen den Willen des Abgeordnetenhauses durchgesetzt hat (zudem hat seine Diplomatie Österreich überhaupt erst in den Kampf gelockt). Zum Dank ernennt ihn Wilhelm noch auf dem Schlachtfeld zum Generalmajor – stolz wird Bismarck diese Uniform künftig bei jeder Gelegenheit tragen. Doch nur wenige Tage später kommt es zwischen den beiden Männern wieder zum Streit. Als Österreichs Führung um Friedensverhandlungen bittet, verlangt der Preußenkönig – der sich ja lange gegen den Bruderkrieg gesträubt hat –, was er nun als das Recht des Siegers ansieht: Er will in Wien einmarschieren und das Donaureich demütigen; zudem fordert er Gebietsabtretungen an Preußen.
Das aber widerspricht Bismarcks Kalkül: Eine Erniedrigung der Regierung in Wien erscheint ihm unklug, er will sie künftig wieder als Verbündeten gewinnen. Die Habsburgermonarchie soll nur ihre Ansprüche auf die Führung Deutschlands aufgeben und dessen Neuordnung Preußen überlassen. Doch diesmal scheint Wilhelm unnachgiebig: Über mehrere Tage hinweg streiten sich der König und sein Regierungschef heftig. In seinen Memoiren erzählt Bismarck, wie einmal – weil er selbst an einer „schmerzhaften Krankheit“ leidet – der Monarch in Begleitung einiger Generäle zu ihm ins Zimmer kommt. Der Ministerpräsident trägt seinen Standpunkt vor und stößt auf völliges Unverständnis der Besucher. „Meine Nerven widerstanden den mich Tag und Nacht ergreifenden Eindrücken nicht, ich stand schweigend auf, ging in mein anstoßendes Schlafzimmer und wurde dort von einem heftigen Weinkrampf befallen.“ Nach einer weiteren Auseinandersetzung am Tag darauf ist Bismarck zum Rücktritt entschlossen – und verzweifelt: „In mein Zimmer zurückgekehrt, war ich in der Stimmung, dass mir der Gedanke nahe trat, ob es nicht besser sei, aus dem offenstehenden, vier Stock hohen Fenster zu fallen.“ Doch bevor es dazu kommen kann, so erinnert er sich später, betritt jemand den Raum.
Es ist der Kronprinz, eigentlich ein erklärter Gegner Bismarcks. Nun aber bietet er dem Ministerpräsidenten an, ihn gegen seinen Vater zu unterstützen. Und tatsächlich: Von seinem Sohn lässt sich Wilhelm schließlich umstimmen. Zu seinem Schmerz sehe er sich gezwungen, „nach so glänzenden Siegen der Armee in diesen sauren Apfel zu beißen und einen so schmachvollen Frieden anzunehmen“.
Emneut hat Bismarck sein Ziel erreicht: Wien wird in den Friedensverhandlungen geschont, der Deutsche Bund hingegen aufgelöst. Die Idee, ein zukünftiges geeintes Deutschland werde unter Führung der Habsburger die Nachfolge des Heiligen Römisches Reiches antreten, ist damit endlich verworfen. Das Königreich Sachsen, Österreichs wichtigster Kriegspartner, bleibt als Puffer zwischen den Großmächten bestehen. Dafür bedient sich Preußen großzügig unter den anderen Verbündeten des Donaureiches. Es annektiert neben Schleswig-Holstein auch Hannover, Kurhessen, Nassau und die Freie Stadt Frankfurt – und schafft so eine breite Landbrücke zu seinen Gebieten am Rhein. Zudem müssen alle geschlagenen Staaten Entschädigungen leisten.
Die eigenen Territorien vereint Preußen mit Sachsen und 20 kleineren Ländern zum „Norddeutschen Bund“: einem engen Staatenbündnis mit Parlament, einer Ländervertretung und einer gemeinsamen Exekutive, dessen wesentlich von Bismarck ausgearbeitete Verfassung die des späteren Deutschen Reiches schon vorwegnimmt. Das Wahlrecht etwa erlaubt es allen Männern ab 25 Jahren, die Abgeordneten des Reichstags zu bestimmen. So hat der von Bismarck erzwungene Krieg nicht nur Preußens Macht vergrößert: Ein vereinigtes Deutschland hat Gestalt angenommen. Kein Zweifel besteht mehr daran, dass Österreich ihm nicht angehören wird – und dass Preußen darin die unbestrittene Führungsrolle zukommt. Offen ist vorerst nur das Schicksal der Mittelstaaten im Süden: Bayern, Württemberg, Baden und das Großherzogtum Hessen bleiben unabhängig, noch unbestimmt ist ihr zukünftiges Verhältnis zu Preußen, Österreich – und Frankreich, das seinen Einfluss auf Süddeutschland ausweiten will.
Auch in Preußen hat der Krieg das politische Mächteverhältnis verändert. Am 3. Juli, noch während die Soldaten bei Königgrätz kämpften, haben dort Wahlen zum Abgeordnetenhaus stattgefunden. Von einer Welle des Patriotismus getragen, konnten die Konserva- tiven einen massiven Mandatszuwachs erzielen. Vor allem aber findet Bismarck nun auch bei vielen Liberalen Unterstützung für seine Politik. Bereits nach wenigen Wochen zeichnet sich ein Stimmungswandel ab. Bismarck macht einen neuen Versuch, das Abgeordnetenhaus für sich zu gewinnen: In einer vom Ministerpräsidenten redigierten Rede vor dem Parlament räumt der König offen ein, seine Regierung habe in den Jahren zuvor ohne „gesetzliche Grundlage“ gehandelt – und erbittet die nachträgliche Bewilligung der Staatsausgaben. Der alte Streit soll endlich begraben werden.
„Wir suchen den Frieden ehrlich, wir haben Ihnen die Hand dazu geboten, und Sie werden in diese Hand einschlagen“, erklärt Bismarck im Parlament; er erntet Beifall von allen Seiten. Mit einer Dreiviertelmehrheit entscheiden die Abgeordneten: Der Haushalt wird nachträglich gebilligt, die Regierung nicht weiter angeklagt. Der Verfassungskonflikt ist damit beendet. Jene Liberalen aber, die auch jetzt noch die Opposition gegen Bismarck fortsetzen wollen, sind die eigentlichen Verlierer. Denn national gesinnte Mitglieder der Fortschrittspartei und ihr nahestehender Gruppierungen schlagen sich nun endgültig auf Bismarcks Seite und gründen die Nationalliberale Partei. Sie wird in den nächsten Jahren die wichtigste parlamentarische Unterstützung seiner Einigungspolitik sein.
Der einst so verhasste preußische Regierungschef hat plötzlich viele neue Freunde. „Ich beuge mich vor dem Genie eines Bismarck, der ein Meisterstück der politischen Kombination und Tatkraft geliefert hat, wie die Geschichte wenige kennt“, schreibt etwa der Jurist Rudolf Jhering, der den Ministerpräsidenten vor dem Österreich-Feldzug noch scharf attackiert hatte.
Jahrelang hat Bismarck mit dem Abgeordnetenhaus gestritten, hat Attacken von allen Seiten über sich ergehen lassen: Er ist von den Liberalen beschimpft worden, war Hetzkampagnen der Presse und Intrigen aus der Königsfamilie ausgesetzt. Er hat mit aller Härte zurückgeschlagen, hat Zeitungen verbieten und seine politischen Gegner verfolgen lassen – und sich, wann immer es ihm notwendig erschien, über die Verfassung hinweggesetzt. Gegen allen Widerstand, auch den seines eigenen Königs, hat er zwei Kriege geführt – und die Siege haben Preußen zur Führungsmacht in Deutschland gemacht. Das Abgeordnetenhaus, das so lange erbittert gegen die Regierung gekämpft hat, gewährt Bismarck aber nicht nur die Absolution für jahrelangen Verfassungsbruch: Es bewilligt ihm ein gewaltiges Geldgeschenk für seine Verdienste um das Vaterland von 400 000 Talern.
Anfangs ziert sich der Premier: „Ich wollte kein Geld nehmen von Leuten, mit denen ich mich jahrelang so bitter herumgezankt hatte“, schreibt er später. Aber dann nimmt er die Prämie doch an – die Summe bildet den Grundstock seines später enormen Vermögens. Bismarck triumphiert: „Aber besiegt habe ich alle! Alle!“, soll er ausgerufen haben. Doch sein größter Sieg steht ihm noch bevor. Denn nach 1864 gegen Dänemark und 1866 gegen Österreich wird Bismarck nur vier Jahre später Preußen in einen weiteren Krieg stürzen. Diesmal wird Frankreich der Gegner sein.
Verlinkungen:
->
Quellen:
Internetquellen
->
->
->
Sekundärliteratur
-> Radermacher, Cay: Bismarcks Weg in die Politik. Der Junker aus der Altmark, in: Otto von Bismarck 1815-1898 (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 52), Hamburg 2011.
-> Albig, Jörg-Uwe: Bismarcks letzte Jahre. Das Gespenst vom Sachsenwald, in: Otto von Bismarck 1815-1898 (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 52), Hamburg 2011.
-> Paetsch, Martin: Preussens Ministerpräsident. Der Triumph des Kriegstreibers, in: Otto von Bismarck 1815-1898 (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 52), Hamburg 2011.
Wilhelm II.
Inhaltsverzeichnis
- Wilhelm II. Als Kaiser der Letzte.
- Kaisertage am Rhein. Besuche Wilhelms II. in Bonn zwischen 1891 und 1913
1. Wilhelm II. Als Kaiser der Letzte
Es herrscht Frieden, als der junge Hohenzoller 1888 die Herrschaft über das Deutsche Reich antritt. Glanzvoll scheint er sein Erbe zu führen, selbstbewusst und ideenreich. Doch Wilhelm II. strebt nach Größerem: Er träumt von deutscher Weltmacht. Rücksichtslos, sprunghaft und unberechenbar für Freund und Feind regiert er sein Land in den Weltkrieg – und die deutsche Monarchie in den Untergang
Auf die Stimmung Seiner Majestät ist kein Verlass. Montags fordert der Kaiser die Welt in die Schranken – dienstags verkriecht er sich vor ihr ins Bett. Heute legt er sich für die Arbeiter ins Zeug – morgen droht er, sie zusammenschießen zu lassen. Bald fuchtelt er mit dem Säbel gegen den allgegenwärtigen Feind – bald ist er „Friedenskaiser“. „Ein typischer Fall periodischen Gestörtseins“, diagnostiziert, ganz unter Kollegen, der Psychiater Emil Kraepelin. Kraepelin ist eine Koryphäe, ein führender Seelenarzt seiner Zeit. Das „periodische“ oder „circuläre Irresein“, bei dem manische und depressive Phasen sich abwechseln, hat er als Erster benannt. Bald teilen auch Zunftgenossen in München, in der Schweiz den Verdacht: Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen, hat eine „maniaco-depressive Psychose“.
Er allein? Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt; zwanghaft getrieben, dann wieder starr und antriebslos – ist das nicht auch die Gemütsverfassung der Zeit, die man die wilhelminische nennt? Um die Jahrhundertwende liegt über Deutschland ein explosives Gemisch aus Endzeitstimmung und Fortschrittsglauben, aus technischem Schub und gesellschaftlichem Stillstand, aus Aufbruch und Niedergang. Das junge Reich strebt zu neuen Ufern und igelt sich dabei in Traditionen ein, greift nach den Sternen und erstarrt unter der Pickelhaube. „Höchste Reizbarkeit und Stumpfheit“ sind, so der Kulturhistoriker Egon Friedell, „die Generalzustände des Zeitalters“. Und selten hat sich eine Epoche so restlos in ihrem Monarchen dargestellt. „Wilhelm der Zweite hat jedes Mal ungehemmt nur herausgesagt, was im Hintergrunde jedes Bewusstseins war“, schreibt ein Zeitgenosse, der Schriftsteller Heinrich Mann. 1908, als die Liebe zwischen Volk und Kaiser in ernsthafte Turbulenzen gerät, ruft der Liberale Friedrich Naumann den murrenden Deutschen zu: „Dieser Kaiser, über den ihr euch aufregt, ist euer Spiegelbild!“ Ein verzerrtes, aber getreues Spiegelbild: der Kaiser, mit seinem optimistisch aufwärts gedrehten Schnurrbart und seinen traurigen blauen Augen.
Den Herrschern dieser euphorischen Jahre liegt die Trauer knapp unter der Haut. Zwar walten in ganz Europa, abgesehen von Frankreich, der Schweiz und ab 1910 auch Portugal, noch immer gekrönte Häupter, durch Familienbande eng vernetzt: Zar Nikolaus II. etwa ist Wilhelms Vetter; und Wilhelms Großmutter die legendäre Queen Victoria, deren Kinder, Enkel und Enkelinnen in fast allen Fürstenhäusern sitzen. Doch am Horizont flammen schon die Menetekel. 1867 stirbt Kaiser Maximilian in Mexiko im Feuer eines Erschießungskommandos; Bayerns König Ludwig II. und sein Bruder enden unter psychiatrischer Aufsicht. Kronprinz Rudolf von Österreich erschießt 1889 seine Geliebte, dann sich selbst; neun Jahre später erliegt seine Mutter, Kaiserin Elisabeth („Sisi“), einem Attentat. Rund um Wilhelm II. fallen Monarchen Anschlägen zum Opfer: ein Zar in Russland, ein König in Italien, einer in Serbien.
DURCH DEUTSCHLAND aber geht um die Jahrhundertwende der Ruck der Mobilität. Die Jugend zieht, aus Protest gegen bürgerliche Erstarrung, mit dem „Wandervogel“ ins Grüne, und die Arbeitskräfte wandern vom Land in die Städte, von den Feldern im Osten zu den Fabriken des Westens. Kurz nach 1900 wohnt nur noch die Hälfte der Deutschen am Ort ihrer Geburt.
1886 hat Carl Benz mit 15 Kilometern pro Stunde öffentlich das Auto-Zeitalter eingedröhnt, und zwischen 1907 und 1914 wächst im Reich die Zahl der Kraftwagen von 10 000 auf 65 000. 1891 wagt Otto Lilienthal mit seinem Fluggleiter die ersten Sprünge, 1900 steigt Graf Zeppelins Luftschiff am Bodensee auf, 1906 baut Hamburg die größte Bahnhofshalle des Planeten. Nervosität („Neurasthenie“) ist die Modekrankheit der Zeit; die „BZ am Mittag“ feiert sich als „schnellste Zeitung der Welt“. Handwerk wie Industrie bersten vor Tatendrang: Zwischen 1895 und 1913 verdoppeln sie ihre Produktion. Die Wertschöpfung der Volkswirtschaft wächst um 75 Prozent. Auch das Volk bläht sich auf, jährlich um fast eine Million.
Der Manisch-Depressive braucht ein vergöttertes Liebesobjekt, sagt die Psychoanalyse, an dessen Allmacht er teilhaben kann: Mit seinen Hoffnungen und Erwartungen formt sich das Volk einen Kaiser, in dem es seine aufgeblasene Existenz erkennt. „Dies Volk in dieser Zeit, bewusst und unbewusst“, wird der spätere Außenminister Walther Rathenau feststellen, „hat ihn so gewollt und nicht anders gewollt.“
Wie sein Reich ist ja auch der Kaiser ein Körper, der nicht still sitzen kann – laut Kraepelin „das wichtige Krankheitszeichen“ der Manie. Nicht mal die Hälfte des Jahres hält es den Monarchen in Berlin oder der Potsdamer Residenz. 51 Stationen umfasst sein Reiseplan für das Jahr 1889, nicht gerechnet die jährliche „Nordlandreise“ auf der Yacht „Hohenzollern“ in die norwegischen Fjorde, bei der er sich mit Männerfreunden umgibt und flotten Matrosen, die auch noch musikalisch sein müssen; wo er altgediente Militärs unter Rippenstößen an Deck vorturnen lässt und ihnen die Hosenträger durchschneidet; wo er mit gellenden Schreien Exzellenzen ins Nachtlager und mit Salutschüssen Weidevieh ins Wasser treibt. Mit seiner schamhaften Frau Auguste Victoria, die den Namen „Paris“ nicht aussprechen kann, ohne zu erröten, zeugt er sechs Prinzen beinahe im Jahrestakt, schließlich noch eine Prinzessin dazu.
Er spricht ohne Pause mit seiner stochernden, ruckenden Stimme, suchend und entschlossen zugleich – ein Hang zur Selbstdarstellung, den er mit seiner Generation teilt: Eine nie gesehene Welle von Autobiografien und Selbstbekenntnissen überrollt nach der Jahrhundertwende den Buchmarkt. Ohne Unterlass hält Wilhelm Paraden ab, Feste, Besichtigungen, unterschreibt fast täglich mehr als 100 Ernennungsurkunden für Offiziere und Beamte, isst wegen seiner Behinderungen am linken Arm mit einer seitlich zum Messer geschliffenen Gabel, um Zeit zu sparen. „Es ist immer was los“, staunt man im Auswärtigen Amt, „und nichts geschieht.“ Undüber alldem herrscht die Pflicht zur guten Laune: Wo Wilhelm auftritt, hat „Kaiserwetter“ zu sein. „Majestät brauchen Sonne“, heißt die Maxime, und das gilt auch für die Stimmung: „Schwarzseher dulde ich nicht!“
Das Reich gehorcht und strahlt. Es strahlt vor Sehnsucht nach Befehlen, nach Maßstäben, nach Hierarchie – jener Ordnungswahn, der nach Ansicht von Psychiatern meist dem Ausbruch der manischen Depression vorausgeht. An Deutschlands Schulen stehen die Kinder auf Kommando auf, marschieren und richten die Augen geradeaus. Diederich Heßling, in Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ der prototypische Held dieser Zeit, ist so beschaffen, „dass die Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend, teilhatte, sein Stolz war“ – und dabei doch „ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt“. Auch der Kaiser ist ja ein Fantast, der als Kind gern Märchen hörte und als Erwachsener daran glaubt. Auch er hat von Geburt her oft Schmerzen im linken Ohr, dazu Gleichgewichtsstörungen und diesen verwünschten lahmen linken Arm, der 15 Zentimeter kürzer ist als der rechte. Und auch er steckt wie ganz Deutschland seit seiner frühen Kindheit in der Zwangsjacke soldatischen Drills.
Der Hang zu Uniformen und militärischem Pomp ist, sagen Ärzte, ein Merkmal der Manie – und das Kaiserreich treibt diese Vorliebe zum Exzess. Das deutsche Parlament sei die einzige Volksvertretung der Welt, mutmaßt ein Abgeordneter, in der Minister ihre Reden mit der Hand am Degen halten, und sogar die pazifistischen Sozialdemokraten pochen auf soldatische Disziplin. Der Bürger trinkt aus Tassen mit Waffenbildern, isst von Tellern mit Schlachtenszenen, schenkt zu Weihnachten den Kindern Zinnsoldaten. Der 2. September, der Gedenktag der siegreichen Schlacht gegen die Franzosen bei Sedan 1870, ist eine kollektive Orgie aus Fahnen, Paraden, Jubelgefühlen. Der Kyffhäuserbund, der Dachverband der Kriegervereine, zählt 1913 mehr als 2,8 Millionen Mitglieder – keine andere Massenbewegung kann da mithalten.
Auch der Kaiser umgibt sich mit Soldaten, vorzugsweise mit „langen Kerls“. Schon mit sechs Jahren hat „Fritzchen“, wie der kleine Wilhelm genannt wurde, das Exerzieren gelernt, ist am zehnten Geburtstag, wie jeder Preußenprinz, Leutnant geworden. Drei Monate später paradiert er zum ersten Mal vor seinem Großvater – „ein unvergesslicher Tag“. Lange zehrt er von „Kindheitserinnerungen militärischer Art“, die ihn geprägt haben: 1864 die Parade der österreichischen Truppen auf dem Weg zum Dänenkrieg; 1866 der Einzug des preußischen Heeres nach dem Sieg über Österreich; 1871, nach dem Triumph über Frankreich, der Zug seines Großvaters, des neuen Kaisers, durchs Brandenburger Tor. Wilhelm begleitete den Vater auf einem Pony.
Der Stolz mag die Qualen seiner Kindheit für einen Moment gelindert haben; die Operationen, die „Fixierungs-Gestelle“, die Kopf- und Armstreckmaschinen, mit denen sein missratener Körper in leidliche Form gebracht wurde, die Fesselung des rechten Arms, um den linken zur Aktivität zu ermuntern, die „animalischen Bäder“ der lahmen Extremität im Blut frisch geschlachteter Hasen. Mit sieben ist der kleine Wilhelm in die Obhut des calvinistischen Erziehers Georg Hinzpeter gelangt, der ihm trockenes Brot zum Frühstück verabreichte und dann zwölf Stunden Caesar und peloponnesische Kriegszüge. Der den behinderten Prinzen, blind gegen dessen Tränen, wieder und wieder aufs Pferd zwang, ohne Zaumzeug und Sattel, um ihn zur kaiserlichen Pose abzurichten. „Freudlos wie das Wesen dieses pedantischen und herben Mannes“, erinnert sich später der Kaiser, so „freudlos die Jugendzeit“.
Die Eltern haben nicht viel getan, sie ihm zu versüßen. Der Vater, Kronprinz Friedrich, mit Mitte 50 noch immer im Schatten Wilhelms I., hat seine Unzufriedenheit am Sohn ausgelassen, hat ihn missachtet, ihn vor Zeugen „unreif“ geschimpft und „urteilslos“. Wilhelms Mutter Victoria, Tochter der britischen Königin, war bei seiner schweren Geburt 18 Jahre alt und von Schmerzen zerrissen; sie schlug um sich, schrie, zerbiss ihre Finger und das Schnupftuch, das man ihr in den Mund steckte. Schließlich beendeten die Geburtshelfer ihr Toben mit Chloroform.
Uniformen und Drill geben ihm Sicherheit
Aus Anstand hantierte der Arzt unter ihrem langen Flanellrock und förderte endlich einen Säugling zutage, der „im hohen Grade scheintot“ war. Den unbrauchbaren Arm hat sie dem Sohn zeitlebens übel genommen. „Sie entzog dem Kind ihre Liebe wegen seines Gebrechens“, befindet später Sigmund Freud. „Als aus dem Kinde ein großmächtiger Mann geworden war, bewies dieser durch seine Handlungen unzweideutig, dass er der Mutter nie verziehen hatte.“
Die Mutter und ihr Mann, der britisch-liberal gesinnte Friedrich, haben ja versucht, den Sohn nicht zum Eisenfresser heranwachsen zu lassen, sondern „ihm unser britisches Unabhängigkeitsgefühl einzuflößen“, wie Victoria ihrer Mutter schrieb, dazu ein bisschen „gesunden Menschenverstand, der auf dieser Seite des Wassers so selten ist“. Wilhelm bekam Shakespeare und Dickens zu lesen, Lord Byron und Sir Walter Scott, sprach Englisch bald so mühelos wie Deutsch. Victoria bemühte sich, Wilhelm vom Hof fern zu halten, schickte ihn nach Kassel ins Internat, wollte ihn ins Ausland reisen lassen. Doch ihr Schwiegervater, der Kaiser, erhob Einspruch: Der zukünftige Herrscher sollte ein richtiger Preuße werden.
BEIM 1. GARDEREGIMENT IN POTSDAM fand der Prinz nicht nur endlich jene „Familie“, die „ich bis dahin hatte entbehren müssen“, sondern lernte auch Haltung, Härte und Hass gegen England – einen Hass, den nicht nur seine Frau teilte, die in den geistigen Grenzen des schleswig-holsteinischen Landadels aufgewachsen war, sondern mehr und mehr auch das politische Preußen.
Reichskanzler Otto von Bismarck, Gegner der „Anglo-Coburg-Partei“ der Eltern des Prinzen, die der junge Wilhelm inzwischen verächtlich „die englische Kolonie“ nannte, nahm ihn unter seine Fittiche. Er vermittelte dem Prinzen diplomatische Missionen, auf denen Wilhelm sich beim Zaren Nikolaus II. über den „falschen und intriganten“ Prince of Wales beschwerte, und ein Büro im Außenministerium, wo er „unsere Abhängigkeit von England“ beklagen lernte: War nicht Großbritannien, Welt- und Seemacht Nummer eins, deren Empire ein Viertel der Erdbevölkerung und der Landfläche des Planeten umfasste, immer schon da, wohin sich die verspätete Nation Deutschland nun auch wenden wollte?
1888 STIRBT SEIN GROSSVATER WILHELM I. mit fast 91 Jahren, bald darauf auch sein Vater: Friedrich III. hat, den Krebs im Kehlkopf, nur 99 Tage regiert. Jetzt besteigt der 29-jährige Sohn den Thron. Vor der Feier spricht Hofprediger Kögel auf Wilhelms Weisung zum Thema „Von Gottes Gnaden bin ich, was ich bin“, und der neue Kaiser hält seine Thronrede in der abzeichenbestirnten Generalsuniform des Garde-du-Corps und dem selbst entworfenen roten Samtumhang des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler.
„Ich bin gesonnen, Frieden zu halten mit jedermann, so weit es an mir liegt“, sagt er. Und das Wort „mir“ betont er „so laut und schön“, wie sich ein Zeuge erinnert, „dass es wie ein elektrischer Funke durch alle Hörer fuhr“. In seinem allumarmenden Überschwang will Wilhelm die alte Zeit überwinden mit ihren Verfassungskonflikten, Kulturkämpfen, Sozialistenverfolgungen. Will ein zerrissenes Reich einen, in dem 25 Bundesstaaten, mit eigener Regierungsgewalt und sogar eigenen Außenministern versehen, auf ihre Interessen pochen, Katholiken und Protestanten einander beargwöhnen, Besitzende gegen Besitzlose stehen, die Junker im Osten gegen die Schlotbarone im Westen, der gewählte Reichstag gegen den Bundesrat mit den Vertretern der regierenden Fürsten.
Vor allem das Bürgertum teilt seine Liebe zum Militär
In Berliner Fabriken hat er als Kind erschüttert das Elend der Beschäftigten, die „zwölfstündige Arbeitszeit mit ihrem kärglichen Lohn“ und „die traurigen Wohnverhältnisse“ in den Mietskasernen registriert. „Den Schwachen und Bedrängten im Kampfe ums Dasein“ wolle er beistehen, verspricht er jetzt, zur „Ausgleichung ungesunder gesellschaftlicher Gegensätze“. Beim Streik der Ruhrmalocher 1889 schlägt er sich sogar auf deren Seite: „Die Arbeiter sind meine Untertanen, für die ich zu sorgen habe.“
Sein höchster Untertan aber, der „Eiserne Kanzler“ Otto von Bismarck, 44 Jahre älter als Wilhelm, ist ein Mann der Konfrontation. Genossen, findet er, kann man nicht „totreformieren“, sondern nur „totschießen“. Die Arbeiterschutzprojekte des Kaisers – Sonntagsruhe, Verbot der Kinderarbeit – sabotiert Bismarck, wo er kann. Er will seine „Kanzlerdiktatur“ fortsetzen, den Kaiser in Vormundschaft nehmen, wie es ihm bei Wilhelm I. oft gelungen ist. Als der Reichstag Bismarcks „Sozialistengesetz“ von 1878, das sozialdemokratische Vereine und Propaganda verbietet und die Ausweisung von SPD-Anhängern erlaubt, nicht mehr verlängern will, erwägt der Kanzler den Staatsstreich und bekommt das letzte Gefecht mit seinem Monarchen. Am 20. März 1890 entlässt der Kaiser den Kanzler. Dann kommandiert er: „Volldampf voraus!“
Voraus heißt: im Kreis. Das „Kaiserliche Jahr“ mit seinen immer wiederkehrenden Paroleausgaben und Defiliercours, seinen Geburtstagen, Krönungs- und Ordensfesten, seinen Militärparaden und Herbstmanövern, Wiesbadener Festspielen und Kieler Wochen, seinen Nordland- und Mittelmeerreisen, Ball- und Jagdsaisons hat in seiner geheiligten, rituellen Abfolge magische Züge.
Im Zeitalter von Elektrizität und Relativitätstheorie zelebriert Wilhelm das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – mit einem 62 Rangstufen umfassenden „Hof-Rang-Reglement“, mit höfischen Zeremonien, die Geisterbeschwörungen ähneln. „Der Kaiser bringt immer so ein Stück Mittelalter hinter sich her“, gruselt sich 1905 sein späterer Generalstabschef Helmuth von Moltke (der Jüngere) bei einem Hofball: „Es ist, als ob die Toten auferstehen mit Zopf und Puder.“ Und von der Magie zur Manie, vom Zyklus zur Zyklothymie, wie Emil Kraepelin die milde Form der manischdepressiven Krankheit nennt, ist es vielleicht nur ein Schritt.
Eine Macht neben sich will Wilhelm II. jedenfalls nach Bismarcks Abgang nicht mehr dulden. Der Eiserne Kanzler brauchte den Monarchen nur als romantische Fiktion, um demokratische Appetite zu zügeln – der Kaiser nimmt sich jetzt wörtlich. Zwar lässt ihm die Verfassung nur begrenzten Spielraum im politischen Tagesgeschäft: Er ernennt und entlässt die Reichsbeamten, auch den Kanzler, verkündet die Reichsgesetze und überwacht deren Ausführung, beruft Bundesrat und Bundestag ein und entscheidet über Krieg und Frieden (siehe Seite 177). Trotzdem will er jetzt mehr: Er will sein „persönliches Regiment“.
Ob er es erreicht, wird umstritten bleiben: Ist er ein Autokrat oder ein „Schattenkaiser“, ein Spielball der Machteliten? Ist er der Treibriemen eines „Königsmechanismus“, der seine Umgebung zwingt, dauernd um die Gunst der „Allerhöchsten Person“ zu buhlen – oder ist er, wie seine Feinde giften, ein Haustier der „Camarilla“, jener Herrenrunde um seinen engsten Vertrauten, Philipp Graf zu Eulenburg, der 1907 über den gerade in einer männerbündischen Welt wie dem Kaiserreich unverzeihlichen Makel der Homosexualität stürzt (und von seinem kaiserlichen Freund fallen gelassen wird)?
Fest steht: Der Monarch will Liebe. Notfalls ist er bereit, sie zu erzwingen. Als die Arbeiter seine Gefühle enttäuschen, die Sozialdemokraten 1893 von 19,7 auf 23,3 Prozent hochwählen und binnen acht Jahren mehr als 3000-mal streiken, ziehen Majestät andere Saiten auf. 1894 ist er es, der jetzt – im Einklang mit seiner hochkonservativen Umgebung – schärfere Gesetze gegen Revolutionäre fordert. Leo Graf von Caprivi, sein Kanzler nach Bismarck, lehnt, ebenso wie der Reichstag, die „Umsturzvorlage“ ab – und wird entlassen. Gegnern droht Wilhelm mit „Feuerspritzen“ und „Kartätschen“. Sozialisten will er nun „abschießen, köpfen und unschädlich machen“. Der Historiker Ludwig Quidde, dessen „Studie über römischen Cäsarenwahnsinn“ am Beispiel des Kaisers Caligula – „sprunghaft und oft widerspruchsvoll, und dazu eine höchst gefährliche Sucht, alles selbst auszuführen“ – die Deutschen allzu sehr an den eigenen Herrscher erinnert, muss für drei Monate ins Gefängnis. Noch 1934, im Exil, wird sich Wilhelms Verdruss in Gewaltfantasien entladen: „Blut muss fließen, viel Blut, bei den Offizieren und den Beamten, vor allem beim Adel, bei allen, die mich verlassen haben.“
Den Wankelmut seines Gönners hat Graf zu Eulenburg noch vor Wilhelms Thronbesteigung erahnt. „Alles im Leben trägt den Charakter von Perioden“, hat er gesagt, „auch meine Periode wird vorübergehen.“ In Perioden, so wie sie auch der Psychiater Kraepelin beschreibt, kämpft sich das Ego des Kaisers über seine Grenzen hinaus, und das Reich folgt ihm mit auf die seelische Reise: Ist nicht auch Deutschland gewaltsam und blutig geboren in drei Kriegen, reich von Geburt, doch ungeliebt von der Welt?
Weltgeltung des Reiches ist Wilhelms Ziel – dazu lässt er rüsten
Vor Wilhelm II. war Deutschland ein halbwegs genügsamer Bund aus Groß-, Mittel- und Kleinstaaten mit heimeligen Namen wie Schwarzburg-Rudolstadt, Schaumburg-Lippe, Reuß älterer und jüngerer Linie: das „Bleigewicht am Stehaufmännchen Europa“, wie Bismarck es schuf. In der Mitte des Kontinents stand ab 1882 wie ein Klotz sein „Dreibund“ aus Deutschland, Italien und Österreich-Ungarn. Dieser Bund wurde flankiert von Großbritannien (das sich 1887 durch ein Mittelmeerabkommen dem Dreibund angenähert hatte), von Russland (das sich kurz danach in einem geheimen Rückversicherungsvertrag zu „wohlwollender Neutralität“ im Kriegsfall verpflichtet hatte) und der Republik Frankreich (deren außenpolitische Isolation nach dem verlorenen Krieg durchaus im deutschen Interesse lag). Es war ein mühsam austariertes Gleichgewicht, das auch durch Bismarcks anfänglichen Verzicht auf koloniale Expansion in der Schwebe blieb.
UNTER DEM JUNGEN KAISER aber wirft Deutschland den Ballast ab und will Weltgeltung – lieber heute als morgen. Hatte noch Bismarck das Reich für „saturiert“ erklärt, meldet sich jetzt der Hunger der Ungeliebten. Zwar ist, auch dank Bismarcks Zurückhaltung, beim Verteilen der Kolonien für Deutschland nur gerade mal ein Stückchen Südsee abgefallen, dazu Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwest. Dafür drängen jetzt Stinnes, Krupp, Siemens und AEG gewaltig auf die Weltmärkte, kurbeln die Exporte an – und rufen nach dem Imperium. „Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überließ, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront – diese Zeiten sind vorüber“, schmettert Wilhelms späterer Reichskanzler Bernhard von Bülow 1897 im Reichstag: „Wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“
Hastig klaubt das Reich die letzten kolonialen Krümel auf: Kiautschou in China, in der Südsee die Karolinen, Palau und die Marianen, den Großteil Samoas. Die Kolonien sind Zuschussgeschäfte, die gerade den Bedarf an Hanf und Phosphat decken und Deutschland 1912 etwa 104 Millionen Mark Handelsvolumen einbringen, dafür aber 87 Millionen Mark Verwaltungs- und Infrastrukturkosten im Jahr – sowie das Misstrauen Großbritanniens, Russlands und der USA.
Doch die Aktivität des Reichs richtet sich nicht auf ein Ziel, sondern auf die Tat selbst – wie die Manie, in der „die motorischen Äußerungen überhaupt keine bestimmte Richtung erkennen“ lassen, wie Professor Kraepelin weiß: „Der Kranke schwelgt gewissermaßen in Bewegungen.“ Deutschland will nur dabei sein, Flagge zeigen, auch wenn es nichts zu holen gibt.
Wie ein Kreuzritter zieht Wilhelm 1898 in selbst entworfener Tropenuniform in Jerusalem ein, tappst mitten durch die politischen Vorgärten Großbritanniens und Russlands, um eine evangelische Kirche einzuweihen: Türkische Militärkapellen spielen die „Wacht am Rhein“ und „Tochter Zion, freue Dich“. Der Alldeutsche Verband, eine militant-völkische Lobby mit wenigen, dafür um so einflussreicheren Mitgliedern, posaunt mit Gloria die vage Maxime: „Weltpolitik als Aufgabe, Weltmacht als Ziel, Flotte als Instrument!“ Die Flotte ist ein Spielzeug des Kaisers. Das Festland ist zu eng für ein Ego, das ins Unbegrenzte strebt. Bei Flottenmanövern verbringt Majestät Tage an Deck, schießt „zu seinem nicht geringen Jubel“ mit Kanonen auf schwimmende Tonnen. Selbst sein Generalstabschef Alfred Graf von Waldersee fürchtet die kaiserliche „Marine Passion“: Sie sei „stärker, als für uns gut ist“.
Als Kind hat Wilhelm Seefahrerbücher verschlungen; nun entwirft er Idealschiffe, die nie gebaut werden. „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“, sagt er 1898 bei der Eröffnung des Stettiner Hafens – und im Überschwang spürt er nicht, dass die bis dato unangefochtene Seemacht Großbritannien empfindlich zusammenzuckt. Mit dem Tausch kolonialer Gebiete in Ostafrika gegen das seit 1807 britische Helgoland glaubt Wilhelm, sich „à l’amiable“ mit London arrangiert zu haben: „England kommt uns nicht trotz, sondern wegen meiner kaiserlichen Marine.“
Im Konteradmiral Alfred Tirpitz findet der Kaiser einen eifrigen Partner (siehe Seite 90). Dem schwebt die aufgerüstete Flotte nicht nur „als politischer Machtfaktor“ vor, sondern auch als „starkes Palliativ gegen gebildete und ungebildete Sozialdemokraten“ – als nationale Gemeinschaftsaufgabe, die innere Risse kitten kann. Die noch junge Seestreitkraft bietet, im Gegensatz zur vom Adel beherrschten Kavallerie, auch Bürgersöhnen die Aussicht auf militärischen Aufstieg. Industriekapitäne, Journalisten, Pastoren und Turnlehrer beten die schwimmende Macht an – und zahlen auch gern die neue Sektsteuer, die den Bau der Schiffe finanzieren helfen soll. Selbst Friedrich Naumann, der Liberale, bekennt sich in zeittypischem Mix als „Christ, Darwinist und Flottenschwärmer“. Der Flottenverein, gegründet 1898, wird zum mitgliederstärksten nationalistischen Verband, der Matrosenanzug zum beliebtesten Kleidungsstück des deutschen Knaben.
DER HANG ZUR VERKLEIDUNG ist ein Zeichen der Zeit: Nicht von ungefähr vergleicht Sigmund Freud den manischen Gemütszustand mit dem Karneval. Auch der Kaiser wechselt bis zu sechsmal am Tag die Uniform, posiert für Fotos als Großer Kurfürst und Lord Nelson, als Johanniter und russischer Infanterist; selbst sein Schreibstuhl ist von einem Pferdesattel gekrönt. „Alle Tage Maskenball“, staunt Graf zu Eulenburg, der Vertraute des Kaisers.
Auch das Volk liebt ja den Mummenschanz. Das Wort „Nachahmung“ fasst für Heinrich Mann „die ganze Leere der vierzig Jahre“ des Zweiten Reichs zusammen: „Der Bürger äffte den Ritter, beide zusammen äfften England.“ Die neuen High-Tech-Bahnhöfe verstecken sich hinter historisierenden Fassaden, die Villen der Neureichen hinter Oberflächen im barocken, romanischen, byzantinischen und Empire-Stil, der neue Reichstag, ein monumentaler Klotz, borgt sich die Pracht der heiteren Renaissance – und bleibt doch klobig und schwer. In den Opernhäusern hüllt der Komponist Richard Wagner, der „markige gewaltige Schöpfer unserer neuen germanischen Tonwelt“ (Wilhelm II.), die deutsche Seele in Nibelungengewänder. Und am 16. Oktober 1906 schlüpft der entlassene Schusterei-Arbeiter Wilhelm Voigt in eine Hauptmannsuniform vom Trödler, rekrutiert zehn preußische Gardisten, lässt den Bürgermeister von Köpenick ver-haften und beschlagnahmt die Stadtkasse mit etwas über 4000 Mark. „Famose Chose“, applaudiert sogar der Kaiser, und: „Das macht uns keiner nach!“
Sozialdemokraten sind für den Kaiser »vaterlandslose Gesellen«
„Der Bourgeois im Stechschritt, der Händler als Held, der Geschäftsreisende im Feldwebelton, der Jobber und Schnorrer mit den Gebärden Wotans“, wie der Schriftsteller Hermann Bahr seine Zeitgenossen beschreibt, wünschen sich auch ihren Kaiser als Siegfried in schimmernder Wehr. Der „Wille zur Macht“, wie eine zur Kaiserzeit erscheinende Textsammlung des 1900 gestorbenen Friedrich Nietzsche heißt, ist der Gradmesser jeden Erfolges. Das Recht des Stärkeren, kühn abgeleitet von der populären Theorie Charles Darwins, ist einer Generation, die ihre Schwächen nicht kennen will, zur Natur geworden – und Wilhelm nimmt es sich heraus, wie es ihm passt: Dem König von Bulgarien haut er öffentlich auf den Hintern, schlägt einem russischen Großfürsten den Marschallstab auf den Rücken, zwingt den Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha zu Boden und setzt sich auf dessen Bauch.
Die Sorgen der Welt dürfen Wilhelm nicht bekümmern. Bismarcks Rückversicherungsvertrag mit Russland hat sein Kanzler Caprivi nicht verlängert – beleidigt rückt jetzt der Zar endgültig an Frankreich heran. Als die deutschfreundliche Burenrepublik Transvaal im goldreichen Südafrika 1895 einen englischen Umsturzversuch niederschlägt, gratuliert der Kaiser dem Burenpräsidenten Paul „Ohm“ Krüger in einem Telegramm – und stößt damit die Briten vor den Kopf. Und 1898 beschließt er gemeinsam mit dem türkischen Sultan Abdul Hamid, die anatolische Eisenbahn über Bagdad bis zum Persischen Golf zu verlängern – und erschreckt Russland wie Großbritannien, die um ihre strategischen Interessen im Orient bangen. Immer wieder schwankt Wilhelm zwischen der Liebe zum hochgemuten England, dem Stolz auf die Admiralsuniform, die ihm die Queen 1889 verlieh, den seligen Jugenderinnerungen an Schloss Windsor, wo „ich als kleiner Junge oft gespielt“ und „infolge des vielen Puddingessens mich kolossal übergeben habe“ – und dem Hass auf die englische Mutter, auf das „perfide Albion“, dessen Medizinern er vorwirft, nicht nur seine Geburt verpfuscht, sondern durch falsche Diagnosen auch den Tod Friedrichs III. beschleunigt zu haben: „Ein englischer Doktor tötete meinen Vater und ein ebensolcher verkrüppelte meinen Arm!“
Er will doch Frieden mit Oma Victoria, Onkel Edward, Vetter George – aber er hat seinen Stolz. Vorschläge zur Aufgabe der Flottenaufrüstung weist er als „Unverschämtheit“ zurück. Das Wort „Angst“, sagt er, komme im Wörterbuch des deutschen Offiziers nicht vor – und das Gefühl schlägt er tot. Er schimpft auch auf die „faulen, lügenhaften Russen“, bereit, „mit dem Ordensschwert in der nervigen Faust“ auf sie einzuhauen. Und gegen Frankreich: „Ich glaube“, sinnt er vor einer Statue des römischen Diktators in Neapel, „dass ich die Mission habe, Gallien zu zerschlagen wie Julius Caesar.“ Als Kind, erinnert er sich, habe er begeistert die Trommel gespielt, „nicht harmonisch vollendet“, doch „sehr geräuschvoll“. Nun haut er im Konzert der europäischen Eitelund Begehrlichkeiten auf die Pauke – nur leider nie im Takt. Im Sommer 1900, als chinesische Rebellen („Boxer“) ausländische Vertretungen angreifen und den deutschen Gesandten ermorden, will der Kaiser gleich ganz Peking „dem Erdboden gleichgemacht“ sehen.
In seiner „Hunnenrede“, mit der er in Bremerhaven das deutsche Expeditionskorps verabschiedet, ruft er sich zum neuen Attila aus: „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht“, dröhnt er. „Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“
Es ist nicht nackte Brutalität, die aus den kaiserlichen Tiraden spricht. Es sind Schlachtengemälde aus Worten, heroische Bilder wie jene Seestücke mit Titeln wie „Der Raddampfer ‚Hohenzollern‘ in schwerer See“, die der junge Wilhelm unter Anleitung des Marinemalers Carl Saltzmann angefertigt hat. Es ist ein Rittertraum, die edle Welt des Parzival, des Ideals seiner Jugend. Es ist der Traum einer unbefriedigten Generation, der Söhne der Sieger von 1866 und 1870, welche die Schlachten ihrer Väter nicht mehr schlagen können und die „innere Leere“, wie der zeitgenössische Publizist Bernhard Guttmann schreibt, „in romantischer Selbstvergötterung“ füllen. Es ist der Traum des Manikers, der sich als Tat tarnt. In einem Reich, in dem die königlichen Theater ein Fünftel des Hofbudgets verschlingen – „Das Theater ist auch eine meiner Waffen“, sagt der Kaiser – und auf den neuen Kinematografen gerade die Bilder laufen lernen, siegt die Illusion über die Realität. Und wo Bismarck Geschichte machte, hat Wilhelm II. Gesichte.
ES IST EIN TRAUM, aus dem der Kaiser nicht aufwachen darf. Sobald er die Rüstung für einen Moment ablegt, verhöhnen ihn die Meinungsmacher als „Wilhelm den Friedlichen“. Die Öffentlichkeit drängt den Reichstag, mehr Kriegsschiffe als geplant zu bewilligen, die Marinelobby sabotiert die Abrüstungsverhandlungen, und der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Alfred von Kiderlen-Wächter findet, „dass das Volk einen Krieg nötig hat“.
Das Militär, das als Folge der Einigungskriege von 1864, 1866 und 1871 zum Leitbild des jungen Reichs aufgestiegen ist, hat nicht nur an Masse zugelegt – von 1875 bis 1914 verdoppelt das Heer seine Mannschaftsstärke fast –, sondern auch an Einfluss. Die Kriegervereine mobilisieren den Alltag mit Umzügen, Paraden, Fahnenappellen und Bällen, und die nationalen Verbände geben den Ton dazu an, der nicht markig genug sein kann.
Die „Deutsche Kolonialgesellschaft“ giert nach Neuland in Übersee. Der Flottenverein trägt die Sehnsucht nach Seemacht, wie er sich rühmt, „bis in die kleinsten Hütten“. Der „Ostmarkenverein“ organisiert den „Volkstumskampf“ gegen die Polen in den Grenzgebieten. Und die Alldeutschen, jene hoch organisierte Meinungselite aus Oberlehrern, Professoren und Journalisten, fordern für die „germanische Rasse Ellenbogenraum“ im Osten und Südosten – „selbst wenn darüber solch minderwertige Völklein wie Tschechen, Slowenen und Slowaken“ ihr „für die Zivilisation nutzloses Dasein einbüßen sollten“. Den radikalen Nationalisten ist die Machtpolitik des Kaisers noch immer viel zu schlapp. Auch Maximilian Harden, der Herausgeber der Zeitschrift „Die Zukunft“, der den Skandal um Eulenburg auslöst, will mit dem Vorwurf der Homosexualität nicht nur den Grafen und seinen Kaiser treffen, sondern auch deren „süßliche und weibliche Politik“, die feigerweise „nicht von Weltbränden“ träumt, weil sie es auch so „schon warm genug“ hat.
Also träumt der Kaiser weiter, beschwört im Fernen Osten, als der „Boxeraufstand“ so gut wie beendet ist, „ein heißes blutiges Ringen“. Im Sommer 1903 stellt sein Freund Eulenburg fest, des Kaisers „Objektivität“ sei endgültig dahin – „die Subjektivität reitet auf einem beißenden und stampfenden Rosse“. Und die Weltmächte halten das für Politik. Das diplomatische Jonglieren mit fünf Kugeln, das Bismarck zur Meisterschaft geführt hat, ist dem Kaiser fremd: Ein Ritter schachert nicht. Nicht Geschick, sondern Stärke will er beweisen. Jetzt muss er feststellen, wie ihm ein Ball nach dem anderen entgleitet.
Wilhelms Außenpolitik ist unberechenbar
Im April 1904, drei Jahre nach dem Scheitern der letzten deutsch-englischen Koalitionsgespräche, schließen Großbritannien und Frankreich eine „Entente Cordiale“, ein „herzliches Einvernehmen“ über die Zukunft ihrer Kolonien: Großbritannien bekommt freie Hand in Ägypten, Frankreich in Marokko. Im Auswärtigen Amt zu Berlin herrscht „tiefe Niedergeschlagenheit“: Man sieht sich umzingelt. Reichskanzler von Bülow und Friedrich von Holstein, die Graue Eminenz im Außenministerium, überreden den Kaiser, auf seiner jährlichen Mittelmeerreise einen Landgang in der marokkanischen Hafenstadt Tanger zu unternehmen, um, wie Bülow drängelt, „die Gegenwart Deutschlands im Weltkonzert“ zu unterstreichen.
Wilhelm sträubt sich. Er fürchtet den „Zündstoff“, den eine solche Demonstration birgt, das offene Boot, in dem er bei bewegter See in den Hafen einschaukeln soll, „spanische Anarchisten“ und den Ritt auf einem unbekannten Araberpferd, das ihn „um ein Haar ums Leben“ bringt. Sein Opfer ist wertlos. Als im April 1906 auf deutsches Drängen im spanischen Algeciras die Welt über das Schicksal Marokkos berät, stellen sich Russland, Großbritannien, die USA und selbst das mit Berlin verbündete Italien hinter Frankreich: Deutschland und nicht der Erbfeind findet sich isoliert.
Es ist zu einem Prestigeverlust gekommen, den das Reich auch später nicht wettmachen wird, als es 1911 nach Frankreichs Besetzung der Königsstadt Fes das Kanonenboot „Panther“ vor Marokkos Küste kreuzen und in den Hafen von Agadir einlaufen lässt: Großbritannien stärkt den Franzosen auch diesmal den Rücken und lenkt die deutsche Drohgeste ins Leere. Die Alldeutschen, die, sekundiert von der Schwerindustrie, schon Südmarokko zur Kolonie erklärt haben, sehen „Schandflecke auf dem germanischen Ehrenschild“.
Den demonstrativen Landgang in Tanger hat der Kaiser nicht gewollt. Er möchte ja ein „Friedenskaiser“ sein. Schon 1905 ließ er auf eigene Faust während der Nordlandreise die „Hohenzollern“ in russische Gewässer driften, wo sie vor der Insel Björkö auf die Privatyacht von Zar Nikolaus II. traf. Aus heiterem Himmel holte Wilhelm einen Bündnisvertrag aus der Tasche, den der verdutzte Vetter unterschrieb. „Ein Wendepunkt in der Geschichte Europas“, brüstete sich Seine Majestät hinterher. Doch die Berater des Zaren erklärten das Papier für nichtig: Es verstoße gegen Russlands Verträge mit Frankreich. Und auch bei Bülow erntete der Kaiser nur Undank und ein Abschiedsgesuch: Der Vertrag, nur auf Europa beschränkt, sei nutzlos und schädlich. Wilhelm verspürte einen „fürchterlichen Stoß“. Er drohte damit, „einer schweren Nervenkrankheit anheim zu fallen“.
Jetzt scheint sich Deutschland vollends zu isolieren – zumal sich das Zarenreich im August 1907 mit Großbritannien über die Aufteilung der Interessen in Asien und Nahost verständigt. Dass der „russische Bär“ und der „englische Löwe“ je ihr historisches Misstrauen gegeneinander vergessen und Front gegen Berlin machen könnten, hat die deutsche Diplomatie stets ausgeschlossen – jetzt wittert sie „Einkreisung“. Nur noch die morsche, gleichfalls isolierte Donaumonarchie scheint es an Deutschlands Seite auszuhalten. Vor dem Reichstag bekräftigt Kanzler Fürst von Bülow die „Nibelungentreue“ zum Kaiser Franz Joseph, die das Reich schon unter Beweis gestellt hat, als die k.u.k. Monarchie Bosnien und die Herzegowina annektierte – und damit Europa an den Rand des Krieges führte. 1907 reist Kaiser Wilhelm nach London zu seinem Onkel Edward VII. (der ihn für „den glänzendsten Versager der Geschichte“ hält) und versichert, die deutsche Flotte sei nicht gegen England gerichtet. Die Universität Oxford verleiht ihm die Ehrendoktorwürde.
Ein Jahr später druckt der Londoner „Daily Telegraph“ ein Gespräch mit dem Kaiser. Die Briten lesen nicht gern, dass Wilhelm behauptet, nur dank seiner guten Ratschläge habe Großbritannien 1902 den Burenkrieg gewonnen. Russen und Franzosen lesen nicht gern, ohne Wilhelms Fürsprache hätten Paris und Petersburg sich zur Front gegen Großbritannien zusammengeschlossen. Und seine Untertanen lesen nicht gern, dass er beteuert, er halte zu Großbritannien – im Gegensatz zur Mehrheit der Deutschen. Einen „Sturm des Volksempfindens“ konstatiert der Liberale Friedrich Naumann im Reich: Ein Desaster des „persönlichen Regiments“, moniert der Reichstag. Ein Weichling, heißt es an Stammtischen, ein Halbengländer, der sich beim Feind lieb Kind macht, statt ihm das Schwert zu zeigen! Vergebens redet sich Wilhelm heraus, sein Kanzler habe versäumt, den Text vor Abdruck zu prüfen. Er versinkt in „einer großen Depression“, wie seine Entourage bemerkt, verkriecht sich im Bett, isst allein, will niemanden sehen.
Selbst die Fuchsjagd beim Spaßvogel Max Egon zu Fürstenberg macht den Kaiser nicht froh. Immer war die Jagd für den gehetzten Monarchen der größte Trost – auch wenn Leibjäger dem behinderten Waidmann als Stütze für die „geliebte Büchse“ dienen und Gehilfen ihm das Wild zutreiben mussten. 78 330 Stück Wild bringt er im Lauf seines Lebens zur Strecke – jetzt lässt der Schwarzwald ihn kalt; die Kabarettgruppe, die den Monarchen zerstreuen soll, zieht unbelacht ab.
Im Krieg verliert Wilhelm II. Heimat und Thron
Schließlich führt Fürstenberg die bewährte Tanzeinlage des Generals Graf Dietrich von Hülsen-Haeseler, Chef des Militärkabinetts, ins Feld: Im Ballkleid der Hausherrin, einen Hut mit Straußenfedern auf dem Kopf und einen Fächer in der Hand, pirouettiert der Krieger zum Klang des Orchesters – und bricht plötzlich tot zusammen, vom Herzschlag gefällt. Zerrüttet kehrt Wilhelm nach Potsdam zurück, wo ihn der Kronprinz „gealtert“ im Bett findet, „verlassen“ und „zusammengebrochen unter der Katastrophe“. Wilhelm verstummt. Je schärfer der Chauvinismus jetzt aus dem Reichstag schrillt, umso leiser wird der Monarch. Die Militärs, die ihn in Berlin umgeben, nutzen die Schwäche, ziehen die Zügel straff: Das „persönliche Regiment“ ist endlich vorbei.
„Das ganze Volk steht hinter mir“, sagt der Kaiser trotzig. Im Frühjahr 1913 verheiratet er die Prinzessin Victoria Luise mit dem Herzog Ernst August von Braunschweig, während im Balkan Kämpfe um die Reste des zerfallenden Osmanischen Reichs toben, die Großmächte Kriegsszenarien durchspielen und ihre Rüstungsausgaben in schwindelnde Höhen jagen. Wilhelm trägt auf dem Fest eine englische Paradeuniform, sein Vetter, der britische König George V., die Uniform eines deutschen Generals. Auch Russlands Zar Nikolaus II. bringt seine Glückwünsche. Es ist das letzte Mal, dass die drei Monarchen sich treffen.
Im Sommer, zu Wilhelms 25-jährigem Regierungsjubiläum, ziehen Vereine, Innungen, Studenten mit Musikkorps und Fahnen durch die Straßen. Die Lichtmasten tragen Kronen aus gestanztem und vergoldetem Zinkblech. Über den Magistralen Berlins schweben Girlanden und Baldachine mit Goldbuchstaben: „W II“. Und während Wilhelm in seinem blumengeschmückten Automobil durch Berlin fährt, bangt und fiebert Europa der Explosion entgegen. Krieg liegt in der Luft, die Paranoia und der Zwang zur Selbstbehauptung, die Angst und die Lust zur Aggression: Bevor der Gegner losschlägt, will man es lieber selber tun. Europas Kinos zeigen Martialisches, und auf die Frage nach seinen Reiseplänen für das Jahr 1914 – so hat Wilhelm erfahren – antwortet der Zar seinem Hofmarschall: „Ich werde in diesem Jahr zu Haus bleiben, weil wir Krieg bekommen.“
VOM TOD DES österreichischen Thronfolgers und seiner Frau in Sarajevo durch die Kugeln des bosnisch-serbischen Studenten Gavrilo Princip erfährt Wilhelm am 28. Juni 1914 auf der Kieler Woche. Er schwankt zwischen Friedenssehnsucht und Verlangen nach Sühne, gibt aber dem Wiener Sonderbeauftragten Graf Hoyos die Blankovollmacht: Es wäre schade, „wenn Österreich-Ungarn den jetzigen für sich so günstigen Moment ungenutzt ließe“, sagt er und hofft wohl, der Konflikt werde sich auf den Balkan beschränken.
Auf seiner Nordlandfahrt steht er dann an der Reling und starrt auf das Meer, in die weite, endlose Welt, die einig ist gegen Deutschland. Die Flotte, die ihm den Respekt der Welt bringen sollte, hat nur deren Hass erzeugt. „Die Hämmer, die auf den Werften von Kiel und Wilhelmshaven erklangen“, wird Winston Churchill sagen, „schmiedeten die Koalition, der Deutschland erlag“ – und die rund 14 Millionen, die durch Gas und Feuer, Hunger und Vertreibung sterben werden.
Von dem Ultimatum, das Wien den Serben am 23. Juli stellt, erfährt Wilhelm zwei Tage später – und von der Bereitschaft Russlands, den slawischen Brüdern bei einem Angriff zu Hilfe zu kommen. Bleich und verstört, von neuem am Boden, kehrt er am 27. Juli zurück nach Berlin. Die Antwort der Serben auf das Ultimatum, ein weitgehendes Entgegenkommen, gibt man ihm erst am 28. Juli, drei Tage zu spät: „Damit fällt jeder Kriegsgrund fort“, sagt der Kaiser erleichtert – doch da machen Wien und Belgrad bereits mobil. Am selben Tag erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Zar Nikolaus und Wilhelm wechseln Depeschen. „Unsere lange währende Freundschaft muss mit Gottes Hilfe dazu führen, dass ein Blutbad verhindert wird“, kabelt der Kaiser. Doch „Willys“ letztes Telegramm vom 1. August kann „Nicky“ nur noch mit der Anmerkung versehen: „Empfangen nach der Kriegserklärung.“
Vom Balkon des Berliner Schlosses aus sieht Wilhelm sein Volk wieder. „Ich kenne keine Parteien mehr“, sagt er vor dem Reichstag, „ich kenne nur noch Deutsche.“ Die Abgeordneten jubeln ihm zu wie noch nie, doch der Kaiser fällt in ein Loch. „Mein Amt ist aus“, raunt er, und Exkanzler Bülow starrt in sein „bleiches, erschrockenes“, ja, „verstörtes Antlitz“. In den Städten steigert sich derweil das Bürgertum in den Rausch. Täglich fluten 50 000 Kriegsgedichte in die Redaktionen, Männer stürmen die Rekrutierungsbüros, Soldaten tragen Blumen im Gewehrlauf – ein „gewaltiges, berauschendes Abenteuer“, wie der Dichter Carl Zuckmayer schreibt. Die Stimmung nähert sich der von Kraepelin beschriebenen „delirösen Form“ der Manie mit „Sinnestäuschungen und abenteuerlichen Wahnideen“.
„Die Einwohnerschaft fängt an, verrückt zu werden“, berichtet der Stuttgarter Polizeidirektor in einem Anruf an seine Schutzleute: „Jeder sieht in seinem Nebenmenschen einen russischen oder französischen Spion. Wolken werden für Flieger, Sterne für Luftschiffe, Fahrradlenkstangen für Bomben gehalten, Telefon- und Telegrafendrähte mitten in Stuttgart sollen zerschnitten, Spione standrechtlich erschossen und die Wasserleitungen vergiftet worden sein. Es ist nicht abzusehen, wie sich das alles gestalten soll, wenn die Zeiten wirklich einmal schwieriger werden.“ Vor dem 1. Garderegiment gibt Wilhelm, Oberster Kriegsherr, die Parole aus: „Und jetzt wollen wir sie dreschen!“ Doch es ist nicht mehr seine Armee. Seine Generäle bauen längst an einer Militärdiktatur; der Kaiser kann wenig mehr tun, als einen Kanzler nach dem anderen zu feuern.
Als das Kriegsglück sich wendet, fordert das Volk seinen Abschied; auch seine Entourage rät ihm zu. Er sträubt sich, geht „langsam zugrunde“, spielt verbissen Skat. Seit Ende Oktober 1918 meutert ausgerechnet die Flotte, und am 9. November schickt sein letzter Reichskanzler Max von Baden die Nachricht von Wilhelms Abdankung in die Welt. Der Monarch weiß von nichts. „Verrat!“, ruft er, füllt Telegrammformulare aus, wirft sie in den Papierkorb. Dann sitzt er starr in seinem Lehnstuhl am Kamin, raucht schweigend eine Zigarette nach der anderen und brütet über der Flucht. Erst im holländischen Exil, im teuer renovierten Schloss Doorn, holt ihn die Manie wieder ein. Wie besessen fällt er die Bäume im Park und sägt sie in Stücke; am 12. November 1919 erlegt er den zwölftausendsten Stamm. Auf dem Holzplatz bricht er im März 1941 ohnmächtig zusammen und erholt sich nicht mehr. Am 4. Juni stirbt er, 82 Jahre alt. Noch einmal zieht man ihn um. Aufgebahrt wird er in Generalsuniform; beim Begräbnis ist „Kaiserwetter“.
2. Kaisertage am Rhein. Besuche Wilhelms II. in Bonn zwischen 1891 und 1913
Prinz Wilhelm von Preußen (1859-1941) mit dem weißen Stürmer des Corps Borussia auf dem Kopf auf einer Mauer über dem Rhein, Fotografie des Bonner Ateliers Theo Schafgans. (Universitätsarchiv Bonn)
1. Einleitung
Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. (Regentschaft 1888-1918) hielt sich vor dem Ersten Weltkrieg siebenmal zu Besuch in Bonn auf.[1] Seit seinem Studium an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität von 1877 bis 1879 fühlte sich der spätere Monarch der Stadt am Rhein besonders zugetan. Noch in seinen im holländischen Exil verfassten Jugenderinnerungen brachte er das folgendermaßen zum Ausdruck: Ein goldener Schein umstrahlt in meiner Erinnerung das vom lieblichen Rheinland eingefaßte Bild von Bonn. Bonn und seiner Alma Mater ein Dankesgruß! Bonna soll leben![2]
Das Studium an der rheinischen Universität und die – zumindest symbolische Mitgliedschaft im vornehmen Korps Borussia waren für den damaligen Prinzen ein idyllisches Intermezzo[3] einer ansonsten als freudlos beschriebenen Kindheit und Jugendzeit. In der Frühphase seiner Herrschaft bis Anfang des 20. Jahrhunderts bildeten Feierlichkeiten im Zusammenhang mit der Universität und dem studentischen Verbindungswesen deshalb meist den Hauptgrund der Besuche Wilhelms II. in Bonn. Hierzu trug bei, dass der Kaiser auch seine Söhne an der „Prinzenuniversität“ am Rhein studieren ließ. Besondere Aufmerksamkeit richtete sich dabei auf den Kronprinzen Wilhelm, den Thronfolger, der von 1901 bis 1903 zum Studium in Bonn weilte. Die Immatrikulationsfeier am 24.4.1901 fand in Anwesenheit des kaiserlichen Vaters statt.
Die späteren Besuche des Monarchen seit Mitte der 1900er Jahre hatten meist privaten Charakter und lassen sich eher als Verwandtenbesuche bezeichnen. Der zweite Grund für die Bonn-Verbundenheit des Monarchen bestand darin, dass die Schwester Wilhelms II., Viktoria von Preußen (1866-1929), mit ihrem Ehemann, dem Fürsten Adolf zu Schaumburg-Lippe (1859-1916), in Bonn im Palais Schaumburg lebte.[4] Die späteren Aufenthalte enthielten kaum noch öffentliche Termine des Monarchen und bestanden wesentlich aus Ausflügen in das Bonner Umland.
Als Grundlage dieser Untersuchung dienen vor allem Presseartikel aus der „Bonner Zeitung“. Für die Rekonstruktion der Besuchsabläufe bieten sie häufig die einzige detaillierte Quelle. Kritisch in Rechnung zu stellen ist jedoch deren subjektive Färbung, denn es handelte sich zumeist im wahrsten Sinne des Wortes um Hofberichterstattung.
Kronprinz Wilhelm als Mitglied des Bonner Corps Borussia, 1901. (public domain)
2. Die Rückkehr des ehemaligen Studenten an die Universität
Bereits vor seiner Thronbesteigung hielt sich Wilhelm 1886 und 1887 in Bonn auf. Ein gutes Jahrzehnt nach Beginn seines Studiums kehrte der Prinz somit an den Ort zurück, mit dem er persönliche Freiheit und Unbeschwertheit verband. So äußerte er rückblickend in den besagten Erinnerungen, nichts Schöneres wüßte ich als einige Semester an der rheinischen Alma mater! Es liegt wie ein sonniger Glanz über der Erinnerung an jene Jugendjahre.[5] Nachdem er bereits im Februar 1886 beim Altherren-Festmahl der Bonner Borussen teilgenommen hatte, war er auch beim 60. Stiftungsfest der Verbindung am 1. Juli des Jahres zugegen. In seiner Ansprache verglich er das Korps mit dem ersten Garderegiment der preußischen Armee, welches traditionell der militärischen Ausbildung der Hohenzollernprinzen diente. Eine ähnliche Rolle, so Wilhelm, erfüllten mit Blick auf das Universitätsstudium heute auch die Bonner Preußen.[6] Am nachfolgenden Festmahl der alten Herren des Korps am 8.3.1887 nahm der Prinz ebenfalls teil.[7]
Der erste Besuch Wilhelms als Monarch in Bonn fand vom 5.-8.5.1891 statt. Wie die „Bonner Zeitung“ in ihrem Leitartikel „Heil dem Kaiser“ hervorhob, wünsche der neue Herrscher keinen großen Einzug, sondern wolle in Anknüpfung an seine Studentenzeit die Tage in Bonn in „privater Einfachheit“ zu verbringen. Diese Bescheidenheit sah praktisch so aus, dass Wilhelm II. aus Köln kommend, am 5. Mai gegen sieben Uhr abends auf dem Schiff „Deutscher Kaiser“ am Bonner Rheinufer anlegte, wo er von einer großen Menschenmenge begeistert empfangen und vom Prinzen zu Schaumburg sowie dessen Gattin Viktoria begrüßt wurde. Am Rheinufer war eigens ein Pavillon errichtet worden, der an drei Seiten offen war, und an dessen geschlossenen Rückseite ein Thronsessel stand, worüber das Reichswappen thronte.[8] Wilhelm II. wurde anschließend zum Palais Schaumburg gefahren, wo nach Einbruch der Dunkelheit ein Fackelzug der Bonner Studenten die Koblenzer Straße (heute Adenauerallee) entlang stattfand, dem Wilhelm II. in Begleitung des Rektors der Universität Hermann Hüffer (1830-1905) und des Universitätskurators Franz von Rottenburg (1845-1907, Kurator1896-1907) beiwohnte.[9] Um zehn Uhr abends ging es weiter zur Kneipe des Korps Borussia in der Kaiserstraße. Der Kaiser übernahm, als Korpsstudent gekleidet, selbst das Präsidium über die Veranstaltung und suchte die zu singenden Lieder aus.
Am 6. Mai fand bereits um acht Uhr früh am Tannenbusch eine militärische Übung der Bonner Garnison mit anschließendem Parademarsch vor Wilhelm II. statt. Nach der gemeinsamen Manöverkritik ritt der Kaiser an der Spitze der Soldaten an einer jubelnden Menge am Straßenrand vorbei Richtung Innenstadt.[10] Später folgten Privatbesuche des Monarchen bei verschiedenen Familien sowie ein Konzert der Kapelle des Bonner Husarenregiments im Garten des Palais Schaumburg. Am Abend nahm Wilhelm II. an einem weiteren Kommers in den „Kölner Höfen“ teil, dieses Mal veranstaltet von der Gesamtheit der im Kösener SC zusammengefassten Korps in Bonn. Nach mehreren Salamandern – einer besonderen studentischen Form des Zuprostens - und gemeinsamem Gesang rühmte ein Alter Herr in seiner Begrüßung den Kaiser als den höchsten Schützer und Förderer unseres deutschen Corpslebens.[11] Anschließend ergriff der Monarch selbst das Wort und hielt eine seiner berüchtigt-forschen Ansprachen. Zunächst hob er die angebliche pädagogische Bedeutung der Studentenverbindungen hervor. Für die Erziehung eines jungen Mannes sei nichts besser als der Eintritt in ein Korps. Anschließend verteidigte der Kaiser die in der Öffentlichkeit häufig kritisierte Praxis der Mensur, also des studentischen Fechtens, mit einem gewagten historischen Vergleich: Unsere Mensuren werden im Publikum vielfach nicht verstanden. […] Wir, die wir Corpsstudenten gewesen sind, wie ich, wir wissen das besser. Wie im Mittelalter durch die Turniere der Mut und die Kraft des Mannes gestählt wurden, so wird auch durch den Geist und das Leben im Corps der Grad von Festigkeit erworben, der später im großen Leben nötig ist.[12] Außerdem kündigte Wilhelm II. an, sein ältester Sohn werde dereinst auch zu den Bonner Korpsstudenten gehören, sprich: an der Universität Bonn studieren[13] – der Kronprinz Wilhelm war zu diesem Zeitpunkt freilich erst neun Jahre alt (1882-1951). Abschließend brachte der Monarch seine Hoffnung zum Ausdruck, dass aus dem Kreis der versammelten jungen Studenten später viele tüchtige Beamte oder Offiziere hervorgehen möchten. Hier zeigt sich exemplarisch die Bedeutung der Korps zur konservativen Elitenrekrutierung, die sie in den Augen mancher Beobachter geradezu zum „Idealbild einer Epoche“[14] werden ließen.
Das kaiserliche Programm am 7. Mai (Christi Himmelfahrt) begann mit einem Gottesdienst in der erst 1871 eingeweihten Evangelischen Kirche am Kaiserplatz (heute Kreuzkirche); anschließend empfing der Kaiser den Großherzog von Luxemburg zu einem Besuch. Nach einem Arbeitsfrühstück fand am Nachmittag eine gemeinsame Schifffahrt der beiden Monarchen mit dem Dampfer „Lohengrin“ auf dem Rhein statt. Nach der Rückkehr nach Bonn begleitete Wilhelm II. den Großherzog zum Bahnhof, um ihn persönlich zu verabschieden. Abends gab er für lokale Würdenträger ein Diner.
Die Abfahrt des Kaisers am 8.5.1891 erfolgte morgens vom Bahnhof des damals noch eigenständigen Godesberg (heute Stadt Bonn) aus. In der „Bonner Zeitung“ wurde bilanzierend das Auftreten des Monarchen als ehemaliger Student in den altehrwürdigen Formen des Burschenthums[15] und seine Nähe zur jungen Generation betont. In diesem Zusammenhang wurde auch das Versprechen des Kaisers, dereinst auch seinen Erben […] nach Bonn auf die rheinische Hochschule zu senden, besonders hervorgehoben.
Kaiser Wilhelm II. als Alter Herr der Bonner Preußen, Gemälde von Ludwig Noster, 1897. (public domain)
3. Der Kaiser auf Korpsbesuch
Der zweite Aufenthalt des Kaisers in Bonn am 18.6.1897 dauerte nur wenige Stunden und trug inoffiziellen Charakter. Zuvor hatte er in Köln ein Denkmal zu Ehren seines Großvaters, Wilhelms I. (Regentschaft 1858/61-1888, ab 1871 als Deutscher Kaiser), eingeweiht. Wie bereits im Vorfeld der Bonner Reise berichtet wurde, galt der Aufenthalt des Monarchen ausschließlich dem Besuch seines alten Corps.[16] Auf Empfänge oder öffentliche Veranstaltungen wurde daher verzichtet, gleichwohl wurden die Bewohner der Innenstadt aufgefordert, ihre Häuser vorsorglich festlich zu schmücken für den Fall, dass das Staatsoberhaupt bei seinem Aufenthalt durch ihre Straßen käme.[17] Wiederum wurde in der Lokalpresse auf die besondere Nähe der Stadt zum Monarchen verwiesen, denn [a]ls Student war der Prinz Bonner.[18] Kurz vor sieben Uhr abends erreichte Wilhelm II. wiederum per Schiff das Rheinufer. Dieses Mal befand er sich in Begleitung der Kaiserin Auguste Victoria (1858-1921). Nach einem kurzen Erfrischungsaufenthalt im Hause des Landrats Max von Sandt (1861-1918, Landrat 1888-1903) verließ die Kaiserin Bonn wieder mit dem Zug, während Wilhelm II. zum Borussenhaus in der Kaiserstraße gebracht wurde und an der Kneipe des Korps teilnahm. Kurz nach zehn Uhr wurde der Monarch zum Bahnhof gefahren und reiste ab.
4. Die Immatrikulation des Kronprinzen
Zehn Jahre nach der beim Besuch in Bonn gemachten Ankündigung des Kaisers kam es zum Sommersemester 1901 zur Immatrikulation des Kronprinzen Wilhelm an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Dafür hielt sich Wilhelm II. vom 24.-27.4.1901 in Bonn auf. Wie im Vorfeld der lokalen Presse zu entnehmen war, sei mit einem Ansturm auswärtiger Besucher zu rechnen, Wirte und Hoteliers hätten die Preise bereits erhöht, aus München sei ein Zug mit Bierwagen unterwegs an den Rhein, da allein für den geplanten Kaiserkommers 70 Hektoliter Bürgerbräu benötigt würden.[19] Die Bonner Bürgerschaft wurde von Oberbürgermeister Wilhelm Spiritus aufgefordert, ihre Häuser festlich zu beflaggen. Der Kaiser und sein ältester Sohn trafen am 24. April gegen zehn Uhr mit einem Sonderzug auf dem Bonner Bahnhof an und wurden durch eine jubelnde Menge direkt zum Hauptgebäude der Universität gefahren. Die Immatrikulationszeremonie des Kronprinzen in der Aula begann um zwölf Uhr, in der Mitte des Raumes befand sich eine große, palmengeschmückte Büste des Universitätsgründers, Friedrich Wilhelms III. (Regentschaft 1797-1840), davor ein mit grünem Tuch behängter Tisch, auf dem sich das Album der Universität und die weiteren Utensilien der Einschreibung befanden.[20] Der Rektor der Universität, Adolph Freiherr von La Valette St. George (1831-1910) hielt zunächst eine kurze Ansprache, in der er hervorhob, dass auch der verstorbene Kaiser Friedrich III. (Regentschaft 1888) und der anwesende Wilhelm II. dereinst die Universität Bonn besucht hätten. Unter der Führung unseres genialen Kaisers stehe Deutschland heute stark und blühend dar. Anschließend fand die eigentliche Einschreibung durch den Kronprinzen statt, der aus den Händen des Rektors die in lateinischer Sprache gehaltene Matrikel überreicht bekam. Der Rektor begrüßte den Kronprinzen sodann als den jüngsten Kommilitonen an der Universität, die Veranstaltung endete mit dem Absingen der Kaiserhymne „Heil Dir im Siegerkranz“.
Die Kaiserbesuche und die Rolle als „Prinzenuniversität“ waren für die Stadt Bonn mit erheblichem organisatorischem Aufwand und Mehrausgaben verbunden. Beim Aufenthalt Wilhelms II. 1901 etwa wurden von der Polizei Personengruppen wie Vorbestrafte, Irre und Anarchisten überwacht. Während des Prinzenstudiums stellte die Polizei permanent zwei Wachen vor der Villa der Hohenzollernsöhne ab und unterzog die in Bonn gastierenden Fremden einer besonderen Überprüfung. Darüber hinaus trug die Stadt auch die Kosten für das Jahresabonnement der Theaterloge des Kronprinzen in Höhe von 1.000 Mark.[21]
Am Abend des 24. April wurde ein Kaiserkommers aller Bonner studentischen Verbindungen in der Beethovenhalle mit etwa 1.200 Teilnehmern veranstaltet.[22] Bei dieser Gelegenheit hielt Wilhelm II. wieder eine seiner forschen Reden, in welcher er ausführte: Warum sank das Deutsche Reich dahin? Weil das alte Reich nicht auf streng nationaler Basis begründet war. Der Universalgedanke des alten römischen Reichs deutscher Nation ließ eine Entwicklung im deutschnationalen Sinne nicht zu. Das Wesen der Nation ist die Abgrenzung nach außen, die Persönlichkeit eines Volkes, seiner Rasseneigentümlichkeit entsprechend.[23] Die anwesenden Studenten bejubelten diese markigen Sprüche ebenso wie den anschließenden Trinkspruch des Kronprinzen an seine neuen Kommilitonen.[24]
Der Kronprinz Wilhelm verabschiedet sich von Rektor Adolph Freiherr von La Valette nach seiner Immatrikulation, 24. April 1901. (public domain)
Das kaiserliche Besuchsprogramm vom 25. April begann mit einer Besichtigungsfahrt zur Abtei Maria Laach, deren Hausherr er als König von Preußen war. Hier ließ sich Wilhelm II. die Sehenswürdigkeiten und die Restaurierungsarbeiten zeigen, insbesondere den von ihm gestifteten und von dem Berliner Architekten Max Spitta (1842-1902) geschaffenen neoromanischen Hochaltar in der Abteikirche. Anschließend ging es von Andernach aus auf dem Rheindampfer „Kaiser Friedrich“ zurück nach Bonn. Der Abend stand wiederum im Zeichen des studentischen Korporationswesens. Die Veranstaltung fand erneut in der Beethovenhalle statt, der Teilnehmerkreis jedoch war ein anderer. Es handelte sich nun speziell um den Kommers der Bonner Korps. Die Festansprache hielt Generaloberst Walter Freiherr von Loë (1828-1908), Kommandeur der Bonner Königshusaren im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 und ein früherer Vertrauter Wilhelms I. Er erinnerte daran, wie die Bonner Studenten 1870 massenweise und begeistert dem Aufruf des Königs zu den Waffen gefolgt seien. In Anwesenheit Wilhelms II. legte er im Namen der versammelten Studenten die Bürgschaft dafür ab, dass die akademische Jugend, solle es einmal notwendig sein, wie einst in der ersten Reihe der Soldaten zu finden sein würden.[25] In seiner kurzen Erwiderung nahm der Kaiser den Tenor der Festansprache auf. Er hoffe fest auf die Unterstützung der jungen Generation bei seiner Aufgabe, das Deutsche Reich nach innen und außen zu festigen. Insbesondere im Falle einer Bedrohung aber werde ich an Sie appellieren und ich erwarte, daß Sie Mich nicht sitzen lassen werden.[26] In ähnlicher Weise sollte das Gesagte 13 Jahre später zur blutigen Realität werden.
Am Morgen des 26. Juli gab der Bonner Gesangverein dem Kaiser ein Ständchen aus rheinischen Volksliedern. Wilhelm II. schritt - wie in der „Bonner Zeitung“ zu lesen war - währenddessen die Veranda des Palais Schaumburg auf und ab und deutete mit der Zigarette als Taktstock bisweilen das Dirigieren des Chors an.[27] Die folgenden Stunden wurden mit Regierungsgeschäften verbracht, wozu einige Minister und Beamte extra aus Berlin angereist waren. Währenddessen wurde der Kronprinz Freitagvormittag in feierlicher Weise als Konkneipant in das Korps Borussia aufgenommen und besichtigte anschließend den Fechtsaal der Universität. Der Abend stand wiederum im Zeichen des studentischen Vergnügens, denn der Kaiser und der Kronprinz nahmen gemeinsam an der Kneipe auf dem Verbindungshaus der Borussen teil.
Im Rückblick äußerte sich Kronprinz Wilhelm überraschend zurückhaltend zu einigen zentralen Aspekten des Verbindungswesens. So kritisierte er in seinen Anfang der 1920er Jahre erschienenen Erinnerungen etwa eine Überschätzung der Mensur sowie Übertreibungen beim Trinkkomment, für den ich selbst niemals viel Sinn besessen und dem ich mich als Student auch ungern unterworfen habe.[28]
Bereits gegen acht Uhr morgens am 27.4.1901 verließ der Kaiser Bonn. Auf dem Weg zum Bahnhof hatten neben einer großen Menschenmenge auch das Bonner Husarenregiment und das Bonner Infanterieregiment am Kaiserplatz beziehungsweise am Bahnhofsplatz Aufstellung genommen. Beim Vorbeifahren der Wagenkolonne stimmten sie den preußischen Präsentiermarsch an.[29] Für Bonn war die Immatrikulation des Kronprinzen ein besonderes Ereignis, standen Stadt und Universität doch wie einige Jahrzehnte zuvor anlässlich der Immatrikulation der späteren Kaiser Friedrich III. und Wilhelm II. wiederum im Fokus der interessierten Öffentlichkeit.
5. Das akademisch-militärische Doppeljubiläum
Zwei renommierte Bonner Institutionen standen exemplarisch als Stützen der Hohenzollern-Herrschaft, das Militär und der Adel. Die in der Bonner Sterntorkaserne stationierten Königshusaren begingen im Jahr 1902 ihr 50. Jubiläum am Garnisonsstandort Bonn und das Korps Borussia Bonn feierte sein 75. Stiftungsfest. Anlässlich dieses Doppeljubiläums hielt sich Wilhelm II. vom 17.-19.6.1902 erneut am Rhein auf.
Das Königs-Husaren Regiment König Wilhelm I. Nr. 7 (1. Rheinisches) war bereits 1815 gegründet worden und hatte seit 1852 seinen Sitz in Bonn. Wie der Name andeutet, hatte der damalige Kronprinz Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm I., im Rahmen seiner militärischen Ausbildung einst dem Husarenregiment vorgestanden, welches dem Herrscherhaus seitdem besonders verbunden war. Die Feierlichkeiten zum Garnisonsjubiläum erstreckten sich über eine ganze Woche und hatten bereits am 14. Juni mit einem Festessen im Offizierskasino begonnen, bei dem noch einige „Veteranen“ des Einzugs in die neue Garnison von 1852 anwesend waren. In einer Ansprache hob Regimentskommandeur Oberstleutnant Friedrich von Hertzberg (1853-1928) die besondere Bedeutung der Armee als eine der Hauptstützen des Thrones hervor.[30] In der lokalen Presse wurde in Erwartung des hohen Besuchs wieder das besondere Verhältnis des Monarchen zu Bonn betont, das über die Jahre hinweg Bestand habe. Sichtbarer Beleg hierfür sei, dass momentan, wie einst sein Vater, auch der Kronprinz als Student an der Universität weile.[31] Dieses Mal begleitete die Kaiserin Auguste Victoria ihren Mann auf der Reise, denn es bot sich ihr so die Gelegenheit, einen näheren Eindruck vom Studienort ihres ältesten Sohnes zu erhalten. Zum kaiserlichen Reisetross gehörte außerdem Reichskanzler Bernhard von Bülow (1849-1929, Reichskanzler 1900-1909). Bereits am frühen Morgen des 17.6.1902 traf das Kaiserpaar am Bonner Bahnhof ein und wurde sogleich zum Palais Schaumburg gefahren. Einen subjektiv gefärbten Eindruck von der Stimmung in der Stadt an diesen „Kaisertagen“ vermittelt exemplarisch ein Bericht der „Bonner Zeitung“: Allenthalben herrschte das regste Leben und Treiben. Hier zog ein Kriegerverein mit entfalteter Fahne durch die Straßen, dort stand ein kleiner Trupp weißgekleideter Schulmädchen mit Schärpen um die Schultern. […] Selbstverständlich fehlten in diesem ewig wechselnden Bilde auch die ‚fliegenden Händler’ nicht. Einige von ihnen boten Postkarten mit den Bildern der Majestäten und des Kronprinzen aus, andere verkauften ‚Kaiserzeichen’, d. h. das in Wachs geprägte Reliefbild des Kaisers auf einer Unterlage von Eichenblättern. […] Von auswärts brachten die Vormittagszüge Tausende von Neugierigen heran, die der Wunsch, das Kaiserpaar zu sehen, nach Bonn getrieben hatte, und unter klingendem Spiel zogen von den benachbarten Ortschaften unablässig neue Militär- und Kriegervereine in die Stadt.[32]
Am späten Vormittag nahm Wilhelm II. zu Pferd vor einer großen Zuschauermenge eine Militärparade der Bonner Königshusaren auf der Hofgartenwiese vor der Universität ab. Im Anschluss an die Kaiserparade setzte sich der Monarch selbst an die Spitze des Regiments und führte die Husaren durch die Bonner Innenstadt hindurch zurück in die Sterntorkaserne. Dort fand ein gemeinsames Frühstück im Offizierskasino statt. Über die Mittagsstunden widmeten sich der Kaiser und der Reichskanzler den Regierungsgeschäften, bevor am Nachmittag eine Ausflugsfahrt per Schiff nach Rolandseck unternommen wurde, zu der unter anderem auch der Völkerrechtsprofessor Philipp Zorn (1850-1928) und der Bonner Oberbürgermeister Spiritus eingeladen waren. Der Abend stand dann ganz im Zeichen einer „akademischen Huldigung“ durch die studentischen Korporationen, die die offizielle Repräsentanz der Bonner Studentenschaft bildeten. Zu Ehren des Monarchen wurde ein Fackelzug veranstaltet, der am Koblenzer Tor beginnend den Rhein entlang an der Festgesellschaft auf der Rückseite des Palais Schaumburg vorbeizog.[33]
Kaisermanöver im Hofgarten des kurfürstlichen Schlosses Bonn, 1902. (Universitätsarchiv Bonn)
Die Feierlichkeiten zum Garnisonsjubiläum der Königshusaren waren mit der Kaiserparade abgeschlossen, der zweite Besuchstag am 18.6.1902 stand nun ganz im Zeichen der anderen Hälfte des Bonner Doppeljubiläums, dem 75. Stiftungsfest des Korps Borussia. Bereits am Morgen begab sich der Kaiser auf das Verbindungshaus, wo er einem Festkonvent präsidierte. Anschließend fand der Umzug des Korps Borussia durch die Bonner Innenstadt statt, der aus 60 Wagen mit Aktiven und Alten Herren bestand, an der der Kaiser selbst jedoch nicht teilnahm. Im Anschluss gab es im bekannten Restaurant „Zur Lese“ ein Festmahl, bei dem auch Wilhelm II. wieder zugegen war. In seiner eher nachdenklichen Tischansprache ermahnte er die anwesende Jugend, neben der Freude den notwendigen Ernst des Lebens nicht zu vergessen und sich im Falle einer Gefahr für das Vaterland, sei es von innen oder von außen, hinter ihm als König zu versammeln.
Höhepunkt des Stiftungsfestes war am Abend der Kommers in der Beethovenhalle. Für die weiblichen Gäste, die dem Geschehen nur als Zuschauerinnen beiwohnen durften, war auf der linken Galerie eine Loge errichtet worden, in der die Kaiserin, ihre Begleiterinnen und die Hofdamen das Geschehen verfolgen konnten. In seiner Rede stellte Wilhelm II. die bei dieser Art Veranstaltung eigentlich ungewöhnliche Anwesenheit der Damen in den Mittelpunkt: Von unseren Urahnen und Vorfahren weiß die Chronik zu vermelden, daß, wenn sie im Waffengang zusammenkamen und im Turnier die Lanze mit einander brachen, es sich von selbst verstand, daß ein schöner Kreis von Damen um sie versammelt war und auf sie herabblickte. Mit Stolz empfing der Sieger einen Kranz aus schöner Hand. […] Noch nie, solange die Geschichte deutscher Universität geschrieben ist, ist einer Universität eine solche Ehre zuteil geworden, wie am heutigen Tage. Im Kreise der Schönen Bonns, umgeben von fürstlichen Damen, ist Ihre Majestät die Kaiserin erschienen, die erste Landesfürstin, die einem Kommers der Studentenschaft beiwohnt. Diese beispiellose Ehre wird der Stadt Bonn zu teil und in der Stadt Bonn dem Korps Borussia. Ich hoffe und erwarte, daß alle jungen Borussen, auf denen heute das Auge Ihrer Majestät ruht, dadurch eine Weihe für ihr ganzes Leben empfangen werden.[34] Gegen Mitternacht verließ das Kaiserpaar die Veranstaltung.
Für den 19. Juni standen keine öffentlichen Termine mehr auf dem Besuchsprogramm; im Palais Schaumburg empfing der Kaiser die Chefs des Zivil- und des Militärkabinetts zum Vortrag.[35] Gegen Mittag reisten Wilhelm II. und Gattin mit dem Zug in Richtung Aachen ab.
6. Die Erinnerung an „Wilhelm den Großen“
Beim Kaiserbesuch des Jahres 1906 stand die preußisch-deutsche Geschichte im Mittelpunkt. Den Anlass bot die Enthüllung des Denkmals für den Großvater des Monarchen, Wilhelm I., dem Wilhelm II. besonders nahe gestanden hatte, auf dem Kaiserplatz.[36] Der Monarch hielt sich vom 15.-20.10.1906 in Bonn auf, begleitet während seiner Termine zumeist von seinem Sohn August Wilhelm (1887-1949), dem späteren glühenden Nationalsozialisten[37] -, der in Bonn studierte und somit die Tradition der Hohenzollern an der „Prinzenuniversität“ fortsetzte.
Dass die Kaiserbesuche auch immer wichtige lokale Wirtschaftsfaktoren waren und von der Bonner Geschäftswelt für ihre Verkaufsinteressen zu nutzen versucht wurden, zeigt exemplarisch eine Schilderung der „Bonner Zeitung“: Mit großer Sorgfalt haben fast alle Geschäftszweige ihren Schaufensterschmuck so gewählt, daß er in irgend einer, wenn oft auch lockerer Beziehung zu der Denkmalsenthüllung steht. Vielfach bildet eine Büste des Kaisers den Mittelpunkt der Dekorationen. […] In Konditorläden sieht man Statuen des Kaisers oder gar das ganze Denkmal in Schokolade und Zucker gegossen. Die großen Buchhandlungen am Hof bringen den Kai
Blick auf das Neutor und Kaiserplatz, rechts die Universität mit dem davor platzierten Kaiserdenkmal, Ansichtskarte. (public domain)
ser in allen Lebensaltern und Uniformen.[38]
Der 16. Oktober war der Tag der Denkmalseinweihung. Vor der Evangelischen Kirche (Kreuzkirche) und ihr gegenüber waren zwei Tribünen für die geladenen Gäste aufgebaut worden, die Zutritt zum Kaiserplatz hatten. Für den Kaiser und die anderen Ehrengäste war zudem ein weißer Pavillon errichtet worden. Zu den Ehrengästen gehörten der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha, der preußische Kultusminister Konrad von Studt (1838-1921, Kultusminister 1899-1907) sowie die Oberbürgermeister von Köln und Düsseldorf.[39] Der Standort des Denkmals war markant direkt vor der Universität gewählt, also an der Schmalseite des Kaiserplatzes, in Sichtachse zum Poppelsdorfer Schloss. Pünktlich zum Glockengeläut um zwölf Uhr traf die Wagenkolonne mit Wilhelm II. am Kaiserplatz ein, wo er von den Bonner Regimentern mit dem Preußischen Präsentiermarsch empfangen wurde. Nach einer Begrüßungsrunde der Ehrengäste im Festzelt stimmte der Männer-Gesangverein das Lied „Heil Kaiser und Reich“ an. In seiner Funktion als Vorsitzender des Denkmalausschusses hielt der Bonner Oberbürgermeister Wilhelm Spiritus die Festansprache. Er verwies darauf, dass ehemalige Bonner Studenten aus allen Teilen des Deutschen Reiches mit ihrer Initiative zur Errichtung des Denkmals und ihrer großzügigen Spendenbereitschaft wesentlich zur Realisierung des Projekts beigetragen hätten. Für die Jugend solle das Denkmal ein Ansporn sein, dem alten Kaiser nachzueifern in Gottesfurcht, Pflichttreue und Vaterlandsliebe. Spiritus verwies auf die besondere Rolle Bonns als Universität der Hohenzollernfürsten und dankte dem Kaiser abschließend für seine Anwesenheit als einem erneute[n] Gnadenbeweis für Universität und Stadt.[40] Während die Kaiserhymne „Heil Dir im Siegerkranz“ gespielt wurde, trat Wilhelm II. an das Denkmal heran. Nach dem Verklingen der letzten Töne fiel das Tuch und gab den Blick auf das Standbild Wilhelms I. frei, welches von dem Berliner Bildhauer Harro Magnussen (1861-1908) geschaffen worden war. Da die Initiative von Schülern und Lehrern der rheinischen Alma Mater ausgegangen war und das Denkmal auf dem Grund der Universität errichtet worden war, ergriff auch der Rektor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität des Akademischen Jahres 1905/1906, Geheimrat Hermann Georg Jacobi (1850-1937), das Wort. Er nahm das Denkmal, das mit der Einweihung offiziell an die Universität überging, symbolisch in Empfang, es solle ein heiliges Besitztum, ein Palladium im antiken Sinne sein, das wir in guten und bösen Tagen treu zu hüten und zu ehren wissen werden.[41] Die Einweihungszeremonie schloss mit dem Absingen des Liedes der Deutschen „Deutschland, Deutschland über alles“. Der Kaiser und die Ehrengäste besichtigten gemeinsam mit dem Bildhauer Magnussen im Anschluss das Denkmal. Hiermit war das Geschehen auf dem Kaiserplatz jedoch noch nicht beendet. Gegen halb eins begann eine Militärparade, die Wilhelm II. auf den Stufen des neuen Monuments abnahm. Anschließend kehrten die Ehrengäste im Restaurant „Zur Lese“ zu einem gemeinsamen Festessen ein, das von etwa 13 bis 17 Uhr dauerte, wohl in Abwesenheit des Kaisers. Am Nachmittag besichtigte er stattdessen die Kirchen in Schwarzrheindorf und in Siegburg und führte vor Ort Gespräche mit lokalen Würdenträgern.
War in der Presse ursprünglich nur von einem nur zwei- bis dreitägigen Besuch des Monarchen in Bonn die Rede gewesen, so verlängerte Wilhelm II. anscheinend seinen Aufenthalt, um als begeisterter Automobilist weitere Ausflüge in das Bonner Umland zu unternehmen.[42] So gab es am 17. Oktober einen Tagesausflug in die Eifel. Auf dem kaiserlichen Besuchsprogramm standen die Burg Elz sowie wiederum die Abtei Maria Laach. Am Abend suchte Wilhelm II. das Korpshaus der Borussia in der Kaiserstraße auf und aß gemeinsam mit den Aktiven und einigen Alten Herren zu Abend.
Die aus vier motorisierten Wagen bestehende Kolonne des Kaisers brach am 18. Oktober zu einem weiteren Ausflug auf, in ähnlicher personeller Zusammensetzung wie am Vortag. Teilnehmer waren unter anderen der Prinz und die Prinzessin zu Schaumburg-Lippe, der Kaisersohn August Wilhelm sowie Paul Clemen Professor für Kunstgeschichte und Provinzialkonservator der Rheinprovinz, der als Experte für fachliche Fragen fungierte. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Siegburg bildete die Besichtigung des Altenberger Doms den Höhepunkt der Tour. Anschließend besuchte der Kaiser die Kadettenanstalt von Bensberg (heute Stadt Bergisch Gladbach) inklusive eines kurzfristig angesetzten Parademarschs, der den einfachen Rekruten anscheinend nicht angekündigt worden war. Am Abend empfing er in kleiner Runde einige Gäste zum Abendessen im Palais Schaumburg, darunter die Kommandeure des Bonner Husaren- und des Bonner Infanterieregiments sowie den Kurator der Universität, Franz von Rottenburg. Der private Charakter der Aktivitäten an diesem Tag wurde damit begründet, dass es sich um den 75. Geburtstag des verstorbenen Kaisers Friedrich III. handelte.[43] In der Öffentlichkeit und an der Universität scheint es die Erwartung gegeben zu haben, dass der Kaiser wie einst 1902 beim Kronprinzen persönlich an der anstehenden Immatrikulationsfeier für seinen Sohn teilnehmen würde. So berichtete der „General-Anzeiger“ in seiner Ausgabe vom 16. Oktober, an der Universität ist man eifrig mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt für den erwarteten Besuch des Kaisers bei der Immatrikulation des Prinzen August Wilhelm, für die der Termin aber noch nicht bestimmt ist.[44] Doch der Prinz kehrte mit seinem Vater erst einmal wieder nach Potsdam zurück. Die Immatrikulationsfeier fand daher erst weit nach Semesterbeginn am 30. Oktober statt.[45] Anders als bei vorangegangenen Besuchen nahm Wilhelm II. während seines Aufenthalts auch nicht am Kommers der Bonner Korps teil, sondern überließ dies seinem Sohn.
In besonderer Erinnerung bleiben sollte den Bonner Schülerinnen und Schülern der 19.10.1902. Nachdem einige Jugendliche eine entsprechende Bitte an den Monarchen gerichtet hatten, verfügte der Kaiser für diesen Tag unterrichtsfrei an allen Bonner Schulen. Die kaiserlichen Besichtigungsfahrten fanden an diesem Tag ihre Fortsetzung.[46] Erste Station war Euskirchen, wo die Bevölkerung Wilhelm II. einen begeisterten Empfang bereitet haben soll. Anschließend ging es weiter nach Gemünd zur Besichtigung der Urfttalsperre, die erst im Vorjahr fertig gestellt worden war. Höhepunkt war eine Motorbootfahrt auf dem Stausee. Auf der Rückfahrt wurde in Burg Nideggen, einstmals Sitz der Grafen von Jülich, Station gemacht. Wilhelm II. hatte Maßnahmen zum Erhalt der Ruine anscheinend finanziell unterstützt, und ließ sich nun über den Stand der Restaurierungsarbeiten informieren. Nach der Rückkehr nach Bonn war er am Abend bei einem Essen im neuen Offizierskasino des Husarenregiments zugegen.
Am Morgen des 20. Oktober stand wiederum eine Autotour an. Die Abfahrt bedeutete zugleich die Abreise des Kaisers aus Bonn, da anschließend sofort weitergefahren wurde. Um viertel vor zehn brach die kaiserliche Wagenkolonne in Bonn auf, die Fahrt führte über Münstereifel, wo Wilhelm II. den Ortskern und die alte Stadtmauer besichtigte, an die Mosel nach Schloss Lieser, das sich im Besitz des Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Clermens Freiherr von Schorlemer-Lieser (1856-1922, Oberpräsident der Rheinprovinz 1905-1910) befand, und wo die kaiserliche Entourage übernachtete, bevor es am folgenden Tag zurück nach Potsdam ging.
Der fünfte Kaiserbesuch hatte einen öffentlichen Teil, in dessen Mittelpunkt die Denkmalseinweihung stand, und einen privaten Teil, der insbesondere den Ausflügen in das Umland gewidmet war. Anders als bei vorangegangenen Anlässen hielt Wilhelm II. keine größeren Ansprachen und nahm auch nicht an Veranstaltungen der Universität und des Korps Borussia teil. Ein neues Ritual des Kaisers, über das auch die lokale Presse berichtete, waren die allmorgendlichen Spaziergänge am Rhein, bei denen er auch mit Passanten ins Gespräch kam, die überrascht waren, ihrem Monarchen persönlich zu begegnen.
7. Die neue Eintracht der Studentenschaft
Fast auf den Tag genau fünf Jahre nach seinem letzten Aufenthalt kam der Kaiser im Herbst 1911 wieder nach Bonn. Die Reise vom 18.-20.10.1911 sollte ein rein private[r] Besuch bei seinen hiesigen Verwandten sein, wie die „Bonner Zeitung“ bereits am 10. Oktober betont hatte.[47] Doch dabei sollte es nicht bleiben. Der Kaiser habe, wie die Lokalpresse vom 15. Oktober berichtete, das Angebot der Bonner Studentenschaft angenommen, die einen Fackelzug zu seinen Ehren organisieren wolle.[48] Eine solche Art der Huldigung hatte zwar früher bereits stattgefunden, besaß aber dieses Mal eine besondere symbolische Bedeutung. Bereits seit Jahren waren die Bonner Studenten untereinander zerstritten. Die Mehrheit der Studenten war korporiert, die wichtigsten Gruppierungen waren die Burschenschaften, die Korps und die sogenannten konfessionellen Verbindungen, das heißt die katholischen Verbindungen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es an mehreren deutschen Universitäten und Technischen Hochschulen eine Auseinandersetzung darüber, ob die katholischen Verbindungen überhaupt eine Existenzberechtigung besäßen, ihnen wurde insbesondere eine zu starke Anlehnung an die katholische Kirche und nationale Unzuverlässigkeit vorgeworfen. Im akademischen Kulturkampf[49] vollzog sich innerhalb der Studentenschaft zeitversetzt die Auseinandersetzung, die auf politischer Ebene bereits in den 1870er Jahren stattgefunden hatte. In Bonn kam noch eine Besonderheit hinzu. Hier hatte der Streit der Studenten schon Anfang der 1890er Jahre begonnen und sich seinerzeit an der Person Otto von Bismarcks (1815-1898) entzündet.[50] Während die Bonner Burschenschaft Alemannia reichsweit eine führende Rolle beim einsetzenden „Bismarckkult“ spielte, etwa die Bewegung für die Erbauung von Bismarcktürmen initiierte und die „Huldigungsfahrt“ zum 80. Geburtstag des Reichsgründers nach Friedrichsruh 1895 mitorganisierte[51], nahmen die katholische Verbindungen aufgrund der Erfahrung des Kulturkampfs eine kritische Haltung zu Bismarck ein. Da Wilhelm II. ein persönliches Interesse an der Entwicklung „seiner“ Alma Mater hatte, war der Disput der Bonner Studenten nicht nur universitätsintern von Bedeutung. Die verschiedenen Studentenverbindungen hatten sich in der Vertreterversammlung zusammengeschlossen, die quasi die offizielle Vertretung der Studentenschaft gegenüber der Universitätsleitung bildete. Infolge der Streitigkeiten zerbrach die Versammlung in zwei konkurrierende Gremien, so dass eine einheitliche Interessenvertretung nicht mehr existierte. Zwar gab es in den folgenden Jahren Phasen der Wiederannäherung, mehrere Vermittlungsversuche der Universitätsleitung scheiterten jedoch. Erst im Jahr 1911 kam es unter der Führung des renommierten Völkerrechtlers Philipp Zorn als Rektor zum Durchbruch. Es gelang ihm nicht nur, die Burschenschaften, Korps und konfessionellen Verbindungen in einer gemeinsamen Vertreterversammlung wieder zu vereinen, dem Gremium gehörten nun auch wichtige studentische Minderheiten wie die Freistudentenschaft (Finkenschaft), die Frauenverbindungen und die jüdischen Korporationen an. In seinem mündlichen Rechenschaftsbericht anlässlich des Rektoratswechsels hob der scheidende Rektor Zorn am 18.10.1911 – wenige Stunden vor dem Eintreffen Wilhelms II. in Bonn - die besondere Bedeutung der Einigung hervor, wodurch ein lange[r] unfruchtbare[r] Streit[52] überwunden worden sei. Nach einem erstmals wieder gemeinsam begangenen Kaiserkommers zu Jahresbeginn wurde der Fackelzug zu Ehren des Kaisers nun zum sichtbaren Zeichen dieser studentischen Einigung.
Wilhelm II. traf am Abend des 18. Oktober aus Aachen kommend, wo er an der Einweihung eines Denkmals für seinen verstorbenen Vater, Friedrich III., teilgenommen hatte, in einer Wagenkolonne aus sechs Kraftwagen in Bonn ein, Sein Quartier war erneut das Palais Schaumburg, der Abend fand ohne Termine im engsten Familienkreis statt. Im Gegensatz zu früheren Besuchen wurde wenig Wert auf Pomp gelegt. Das zeigte sich auch daran, dass das Bonner Husaren- und das Infanterieregiment wie bei früheren Kaiserbesuchen üblich ursprünglich eine Ehrenwache vor dem Palais Schaumburg aufstellen und ihre Regimentsfahnen aufziehen wollten. Mit dem Hinweis, der Kaiser habe für diesen Besuch keinerlei militärische Ehrenbezeugung befohlen, wurden die entsprechenden Vorbereitungen gestoppt.[53]
Nachdem der Monarch früh den neu ernannten Kommandeur der Bonner Königshusaren, Jobst-Hermann Graf und Edler Herr zur Lippe-Biesterfeld-Weissenfeld (1865-1945), zu einer Vorstellung im Palais Schaumburg empfangen hatte, brach der kaiserliche Reisetross am Morgen des 19. Oktober zur geplanten Rundfahrt durch die Eifel auf. In den betroffenen Kleinstädten und Dörfern wurde dem Kaiser und seiner Entourage bei der Durchfahrt der Wagenkolonne laut Presseberichterstattung zugejubelt. Kurze Aufenthalte gab es etwa zur Besichtigung der Burg in Lechenich (heute Erftstadt) und der Pfarrkirche von Zülpich. Das Mittagessen wurde in einem Gasthof in Altenahr eingenommen. Die Weiterfahrt führte am Nachmittag nach Mayen, wo Wilhelm II. das Schloss Bürresheim besichtigte. Anschließend besuchte er zum wiederholten Male die Abtei Maria Laach. Vom Abt des Klosters ließ er sich unter anderem das neue Christus-Pantokrator-Mosaik über dem „Kaiseraltar“ - der Kaiser hatte die Platzierung in der Hauptapsis sowie die Gestaltung nach dem Vorbild in der Kathedrale von Monreale persönlich vorgegeben - sowie die neue Orgel zeigen. Die Rückfahrt führte über Andernach und Godesberg direkt nach Bonn.
Gegen neun Uhr abends setzte sich am Hofgarten der Fackelzug der geeinten Bonner Studenten über die Koblenzer Straße in Richtung Palais Schaumburg in Bewegung. Wilhelm II., sein Gefolge und das Prinzenpaar zu Schaumburg-Lippe beobachteten das Geschehen von einem vor dem Palais errichteten Zelt aus. Ein Vertreter der katholischen Studentenverbindung „Arminia“ hielt eine kurze Ansprache, in der er betonte, dass heute die Bonner Studentenschaft [i]n voller Einheit[54] vertreten sei. Im Anschluss zogen die Studenten am Kaiser vorbei und kehrten am Rhein entlang zum Marktplatz zurück, wo unter dem Gesang des Studentenliedes „Gaudeamus igitur“ die Fackeln zu einem Feuer zusammengeworfen wurden. Professor Zorn beschrieb die Bedeutung des Ereignisses in seinen Memoiren folgendermaßen: [I]n einem dem Kaiser bei Gelegenheit eines Besuches in Bonn dargebrachten großartigen Fackelzuges feierte die Bonner Studentenschaft ihre wiederhergestellte friedliche Einheit und der Kaiser erwiderte diese Huldigung durch warme Worte der Freude über diese in der Bonner Studentenschaft wiederhergestellte deutsche Einheit.[55]
Bereits gegen neun Uhr morgens am 20. Oktober reisten der Monarch und seine Entourage wieder ab. Zur Verabschiedung hatte sich Oberbürgermeister Spiritus eingefunden. Eine Besonderheit bestand wohl darin, dass eine Filmfirma aus Metz die Abfahrt vom Palais Schaumburg aufnahm[56], was zur damaligen Zeit noch alles Andere als alltäglich war. Die Wagenkolonne verließ Bonn nach Süden über Lengsdorf und Röttgen in Richtung Meckenheim. Auf der Fahrt nach Schloss Lieser wurde ein Zwischenhalt in Münstereifel eingelegt, bei dem Wilhelm II. die Pfarrkirche und das Rathaus besichtigte. Später in Daun nahm er an der Einweihung eines sogenannten Kaiserbrunnens mit seinem Bildnis teil. Insgesamt handelte es sich um einen der kürzesten Aufenthalte am Rhein. Abgesehen vom Fackelzug der Studenten wurde der private Charakter weitgehend eingehalten. Wilhelm II. nahm an keiner Veranstaltung des Korps Borussia teil, allerdings waren die Bonner Preußen am Fackelzug beteiligt.
8. Das Thronjubiläum des Kaisers
Im Jahr 1913 jährte sich die Thronbesteigung Wilhelms II. zum 25. Mal. Dieses Ereignis wurde sowohl in der Hauptstadt Berlin als auch im gesamten Reich feierlich begangen. Im Vorfeld des neuerlichen Kaiserbesuchs vom 15.-17.10.1913 betonte die „Bonner Zeitung“, es sei eine besondere Freude, den Kaiser in seinem Jubiläumsjahr zu Besuch zu haben. Wiederum wurde das besondere Verhältnis von Stadt und Universität zu ihrem ehemaligen Studenten beschworen. Es sei das Gefühl treuer Anhänglichkeit, das uns mit dem Kaiser verbindet. Auch heute werden in diesem Gefühl dem Kaiser die Herzen seiner Bonner wieder entgegenschlagen. Hervorgehoben wurde außerdem die besondere Bedeutung der Universität als der geistige[n] Hauptstadt der Rheinlande.[57]
Wilhelm II. traf am Nachmittag des 15. Oktober unter dem Geläut der Glocken der Kreuzkirche an der Spitze einer aus fünf Kraftwagen bestehenden Kolonne in Bonn ein. Zuvor hatte er von der Mosel kommend am Weihegottesdienst für die neue evangelische Kirche in Gerolstein in der Eifel teilgenommen, für deren Bau Kaiserin Auguste Victoria die Schirmherrschaft übernommen hatte. Auf dem Palais Schaumburg wurde die Kaiserstandarte aufgezogen und sowohl vor dem Eingang als auch im Innern vor den Gemächern des Monarchen Ehrenposten aus den Reihen der beiden Bonner Regimenter – der Königshusaren und der Infanteristen – aufgestellt.[58] Den Abend verbrachte Wilhelm II. im Kreise der Verwandten, seiner Schwester und deren Ehemann.
Das Besuchsprogramm am 16. Oktober begann mit einem längeren Spaziergang des Kaisers und seines Gefolges an der Rheinpromenade. Anschließend empfing er den Abt des Klosters Maria Laach, Ildefons Herwegen, zudem war für den Folgetag ein weiterer Besuch des Kaisers im Kloster geplant. Am Nachmittag ging es zur Rundfahrt in das Bergische Land, die unter anderem durch Wipperfürth, Waldbröl und Eitorf führte, jedoch keinen Aufenthalt in einem der Orte vorsah.
Auch der 17. Oktober begann mit dem üblichen Rheinspaziergang. Da sich das kaiserliche Ritual mittlerweile herumgesprochen hatte, war eine größere Zahl an Bürgern an der Rheinpromenade unterwegs, um aus unmittelbarer Nähe einen Blick auf die hohen Herrschaften zu werfen. Die Wege waren öffentlich zugänglich, Absperrungen oder Einschränkungen existierten offensichtlich nicht.[59] Später führte den Kaiser eine Besichtigungstour über Remagen und durch das Brohltal mit Ziel Maria Laach. Nach einem Rundgang und einem Essen im Kreise der Patres ging es zurück nach Bonn. Neu war, dass auf dem Rückweg die kaiserliche Wagenkolonne von Brohl aus von einem Wasserflugzeug, einem neu konstruierten Flugzeugtyp, in der Luft „eskortiert“ wurde. Vor seiner Abreise empfing Wilhelm II. im Palais Schaumburg noch eine Abordnung von Schülerinnen des Herseler Ursulinenklosters. Am späten Abend verließen Wilhelm II. und sein Gefolge Bonn mit dem Hofzug, der während des gesamten Aufenthalts auf einem Nebengleis des Bahnhofs gestanden hatte. Eine Verlängerung des Aufenthalts war dieses Mal nicht möglich, weil am 18.10.1913 in Leipzig die große Einweihungsfeier für das Völkerschlachtdenkmal stattfinden sollte. Da viele studentische Verbindungen bereits Abordnungen nach Leipzig geschickt hatten, fanden bei diesem Bonner Aufenthalt des Kaisers keine entsprechenden Aktivitäten statt. Was diesem Zeitpunkt niemand ahnte: Es sollte der letzte Besuch Kaiser Wilhelms II. zu Friedenszeiten in seiner getreuen Stadt Bonn gewesen sein.[60]
9. Schlussbetrachtung
Insgesamt auffällig ist der Wandel der Kaiserbesuche über die zwei Jahrzehnte hinweg, wobei bei den ersten Aufenthalten des Monarchen die Universität und stärker noch das Korps Borussia eindeutig im Mittelpunkt standen. Der Kaiser absolvierte bei diesen frühen Besuchen eine Vielzahl öffentlicher Auftritte und Reden. Die späteren Besuche enthalten hingegen kaum noch öffentliche Termine und überhaupt keine größeren Ansprachen mehr. Auch nahm er keine Möglichkeiten zur Teilnahme an Veranstaltungen der Universität und der Korporationen mehr wahr, Wilhelm II. zog sich während seiner späteren Aufenthalte in Bonn weitgehend ins Private zurück. Der Kaiser verhielt sich nun eher wie ein Tourist denn wie ein Staatsoberhaupt und unternahm verschiedene Ausflüge in die Eifel. Folgende Gründe mag es für diese Entwicklung vielleicht gegeben haben:
- Mit zunehmendem Alter brachte Wilhelm II. den Angelegenheiten der Bonner Universität und dem studentischen Treiben „seiner“ Borussia möglicherweise weniger Interesse entgegen als in den frühen Jahren seiner Herrschaft.
- Die Rolle als Automobilist wurde für den technikbegeisterten Monarchen zu einem neuen Hobby, dem er sich ab 1902/1903 mit zunehmender Begeisterung widmete; die Nutzung des Kraftfahrzeugs „veränderte das Freizeit- und Reiseverhalten des Kaisers“[61], wofür der Wandel der Besuche Wilhelms II. in Bonn ein Beleg sein könnte.
- Infolge zunehmender innenpolitischer Kritik an seinem Regierungsstil, die sich an umstrittenen Reden sowie an Skandalen des Kaisers und seines Hofstaats entzündete[62], mag in späteren Jahren vielleicht eine etwas größere Zurückhaltung und eine Reduktion öffentlicher Auftritte – so auch bei den Aufenthalten in Bonn - zur Folge gehabt haben. Allerdings zeigte sich das veränderte Besuchsverhalten des Monarchen bereits im Herbst 1906, während die anhaltende Kritik am Auftreten Wilhelms II. erst eine Folge des Eulenburg-Skandals 1907 und insbesondere der Daily-Telegraph-Affäre 1908 war; und selbst nach diesen Affären war die größere Zurückhaltung in den öffentlichen Auftritten und Reden Wilhelms II. nur vorübergehender Natur.[63]
In Bonn jedenfalls hielten die alten monarchischen Eliten dem Kaiser bis in den Ersten Weltkrieg hinein und noch darüber hinaus die Treue. Bei der verspäteten Feier zum 100-jährigen Jubiläum der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität am 3.8.1919 scheute sich der Universitätsrektor Ernst Zitelmann (1852-1923) in Anwesenheit des neuen preußischen Kultusministers, des Sozialdemokraten Konrad Haenisch (1876-1925, Kultusminister 1919-1921), nicht, an das besondere Verhältnis von Stadt und Universität zu Wilhelm II. zu erinnern: In Ehrfurcht und tiefstem Mitgefühl gedenke ich darum heute vor allem des erlauchtesten Zöglings dieser Universität, des erhabenen ehemaligen deutschen Kaisers. Ihm, der so oft in Bonn umjubelt worden ist, ihm senden wir in seine tragische Einsamkeit unsere ehrfurchtvollsten Grüße und zugleich die heißesten Wünsche für sein Wohl und das seines Hauses.[64]
Verlinkungen:
->
Quellen:
Internetquellen
-> Rosin, Philip, Kaisertage am Rhein. Besuche Wilhelms II. in Bonn zwischen 1891 und 1913, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/kaisertage-am-rhein.-besuche-wilhelms-ii.-in-bonn-zwischen-1891-und-1913/DE-2086/lido/5d89fb171dc5f6.17456174 (abgerufen am 18.05.2026)
->
->
Sekundärliteratur
-> Albig, Jörg-Uwe: Wilhelm II. Als Kaiser der Letzte, in: Deutschland um 1900. Von Bismarck bis Wilhelm II. Aufstieg und Fall des Kaiserreichs (GEO Epoche Jg. 2004, Heft Nr. 12), Hamburg 2004.
->
->
Thomas Mann
Inhaltsverzeichnis
1. Thomas Mann und die Rheinlade
1. Thomas Mann und die Rheinlande
Thomas Mann, 1937, Foto: Carl van Vechten. (Library of Congress, Van Vechten Collection)
1. Einleitung
Die Rheinlande sind nicht die Region, die in Thomas Manns (1875-1955) Leben und Werk einen besonderen Platz eingenommen hat, kein Vergleich mit Lübeck, München, der Schweiz oder den Vereinigten Staaten. Auch seine Romane und Erzählungen spielen überwiegend an anderen Orten; die Rheinlande fallen, wie es Hans R. Vaget treffend formuliert, „völlig aus dem Rahmen des Thomas Mannschen Œuvres“[1]. Dennoch gibt es neben zahlreichen Besuchs- und Vortragsreisen zwischen 1903 und 1932 sowie 1954 einige bemerkenswerte biographische Beziehungen des Schriftstellers zum Rheinland, namentlich seine Freundschaft mit dem Germanisten und Schriftsteller Ernst Bertram (1884-1957) sowie das philosophische Ehrendoktorat der Universität Bonn. Auch in seinem Spätwerk finden sich rheinische Bezüge: So spielt seine letzte Erzählung „Die Betrogene“ (1953) in Düsseldorf, und „Felix Krull“ (1954) verbringt seine Kindheit im Rheingau. Einige Aspekte dieser facettenreichen Beziehungen seien im Folgenden skizziert.
Ernst Bertram, undatiert.
2. Die Besuche Thomas Manns im Rheinland
Thomas Manns erster Besuch im Rheinland datiert in das Jahr 1903. Am 1. Oktober besuchte er im Düsseldorfer Stadttheater die Premiere von Schillers „Kabale und Liebe“, in der seine Schwester Carla (1881–1910) mitwirkte. Er wohnte im Park-Hotel, einige seiner Eindrücke dieses Hotels flossen später in den Roman „Königliche Hoheit“ ein. Im Januar 1911 weilte er erneut im Rheinland, vor allem zu Vorlesungen, in Koblenz, Bonn, Düsseldorf und Mülheim an der Ruhr. In Bonn kam er in Kontakt zur dortigen Literarhistorischen Gesellschaft und zu dem Germanisten Berthold Litzmann (1857–1926) und dessen Kreis, in Mülheim an der Ruhr vermutlich mit Adeline Stinnes (1844–1925), Witwe von Hugo Stinnes (1842–1887). Die Reise „war anstrengend, bot aber viel Anregendes und Lehrreiches“[2]. Im Rahmen einer 17-tägigen Vortragsreise quer durch Deutschland und in das besetzte Belgien las er am 8.1.1918 in Essen im Kunstverein. Eine mehrwöchige Vortragsreise durch Westdeutschland vom 3.-21.11.1920 führte ihn unter anderem nach Barmen (heute Stadt Wuppertal), Elberfeld (heute Stadt Wuppertal), Düsseldorf, Essen, Bonn, Köln und Koblenz. Ebenfalls überwiegend zu Vorträgen und Lesungen besuchte er im Oktober 1922 Mülheim an der Ruhr, Duisburg und Kleve. Fraglich ist eine für Ende Januar 1924 kolportierte Lesung in Aachen. Belegt ist erst wieder ein Besuch bei Ernst Bertram in Köln-Marienburg Mitte Januar 1926 und eine Lesung in Bonn. 1927 weilte Thomas Mann zweimal im Rheinland: im Mai in Köln mit einem Abstecher zu einer Lesung in Essen und einer Besichtigung der Kruppwerke sowie eine Vortragsreise im November, im Dezember mit Terminen in Aachen, Gladbach (heute Mönchengladbach), Krefeld, Düsseldorf, Trier und Koblenz. 1928 besuchte er im Mai Ernst Bertram in Köln, las in Düsseldorf, hielt im November einen Vortrag in Duisburg und möglicherweise auch in weiteren Orten. Im November 1929 reiste Thomas Mann, dem kurz zuvor der Nobelpreis für Literatur zuerkannt worden war, erneut in das Rheinland, las in Düsseldorf und Köln, nahm an der ihm zu Ehren veranstalteten Thomas-Mann-Feier der Universität Bonn teil und beteiligte sich an einem Aufruf für ein Heinrich-Heine-Denkmal in Düsseldorf. Erst im November 1932 kehrte Thomas Mann in das Rheinland zurück, zu einem Besuch von Ernst Bertram in Köln, zu Vorträgen in Wuppertal-Elberfeld und Essen sowie zu einer Lesung im Kölner Rundfunk über die Entstehung der Buddenbrooks. Sein letzter Besuch fand erst 22 Jahre später statt, im August 1954, mit Besuchen und Lesungen in Köln und Düsseldorf und einem letzten Besuch von Ernst Bertram.
Im Einzelnen besuchte Thomas Mann folgende rheinischen Städte:
Aachen
31.1.1924 (Lesung; fraglich)
3.12.1927 (Lesung)
Barmen (heute Stadt Wuppertal)
9.11.1920 (Besuch/Lesung)
Bonn
14./17.1.1911 (Lesung)
Herbst 1918 (Besuch, fraglich)
14.–19.11.1920 (Besuch/Lesung)
14.1.1926 (Lesung)
28.11.1929 (Thomas-Mann-Feier)
Düsseldorf
1.10.1903 (Besuch)
18.1.1911 (Lesung)
11.11.1920
16.11.1922
7.12.1927 (Aufenthalt/Lesung)
24.5.1928 (Lesung)
27.11.1928 (Lesung)
25.–27.8.1954 (Besuch/Lesung)
Duisburg
5.11.1920 (Lesung/Besuch)
25.11.1928 (Lesung)
Elberfeld (heute Stadt Wuppertal)
10.11.1920 (Lesung)
8.11.1932 (Lesung)
Essen
8.1.1918 (Lesung)
13.11.1920 (Besuch/Lesung)
4.5.1927 (Lesung)
9.11.1932 (Lesung)
Gladbach (heute Mönchengladbach)
4.11.1927 (Lesung)
Kleve
18./19.11.1922 (Lesung)
Koblenz
12.1.1911 (Lesung)
9.12.1927 (Lesung)
Köln
16.11.1920 (Lesung)
13.–16.1.1926 (Besuch Ernst Bertam)
3.–6.5.1927 (Besuch)
22.–24.5.1928 (Besuch Ernst Bertram)
29.11.1929 (Lesung)
8.–11.11.1932 (Besuch Ernst Bertram/Lesung)
24.–25.8.1954 (Besuch Ernst Bertram/Lesung)
Krefeld
6.12.1927 (Lesung)
Mönchengladbach – s. Gladbach
Mülheim a.d. Ruhr
15.1.1911 (Besuch)
4.–6.11.1920 (Besuch/4.11. Lesung)
15.–17.11.1922 (Besuch)
Trier
8.12.1927 (Lesung)
Wuppertal – s. Barmen und Elberfeld
Thomas Mann während seines letzten Besuches des Rheinlandes bei der Besichtigung von Schloss Benrath in Düsseldorf am 27.8.1954. Zu sehen sind v.l.n.r.: Dr. Renate Adriani, Katia Mann, Dr. Gert Adriani, Prof. Gustav Lindemann, Thomas Mann und der nordrhein-westfälische Kultusminister Werner Schütz, Foto: Wilhelm Margulies. (Theatermuseum Düsseldorf)
3. Die Beziehung zu dem Germanisten Ernst Bertram
Der Germanist und Schriftsteller Ernst Bertram, geboren am 27.7.1884 in Elberfeld, lebte nach seiner Promotion 1907 als Privatgelehrter in München und Elberfeld. 1910 kam es zu einem persönlichen Kontakt zwischen ihm und Thomas Mann, der sich „sehr bald von einem bloß sachlich-literarischen Gespräch zu einer Freundschaft mit dem Hause Mann, den Kindern und der Familie, entwickelte“[3] und häufigere Besuche Thomas Manns im Rheinland bedingte, wo Bertram, seit 1919 Privatdozent in Bonn und seit 1922 Professor in Köln, lebte. Bertram hatte durch seinen Lebensgefährten Ernst Glöckner Kontakte zum Kreis um Stefan George (1868-1933), ohne selbst als Georgianer zu gelten. Für das Werk Thomas Manns bedeutsam ist der enge Kontakt mit Bertram während des Ersten Weltkrieges und dessen Einflüsse auf Manns Werk „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918), das fast zeitgleich mit Ernst Bertrams „Nietzsche. Versuch einer Mythologie“ erschien. Beide sahen sich als „typische Vertreter der künstlerischen und akademischen Intelligenz, waren sich in ihrer deutsch-nationalen, anti-französischen Gesinnung einig, beide sahen sich durch die Bedrohung von außen zur Auseinandersetzung mit den Werten der eigenen Vergangenheit veranlaßt“[4]. Das mit Bertrams Unterstützung geschaffene Werk bezeichnete Thomas Mann in einem 1930 geschriebenen Rückblick als „Gedankendienst mit der Waffe, zu welchem […] nicht Staat und Wehrmacht, sondern die Zeit selbst mich ‚eingezogen‘ hatte. […] Ernst Bertram war der Vertraute meiner uferlosen politisch-antipolitischen Grübeleien“[5]. In der Zeit der persönlichen und weltanschaulich engen Vertrautheit übernahm Bertram auch die Patenschaft für Manns Tochter Elisabeth (Mann-Borgese, 1918–2002). Den Paten beschreibt Mann im „Gesang vom Kindchen“ (1919) durchaus mit Sympathie:
„Der anhängliche Freund, im wohlgeschnittenen Gehrock,
Bürgerlich vornehm, ein wenig altfränkisch, der deutsche Gelehrte
Und Poet, voll kindlich artigen Frohmuts, jedoch dem
Leiden vertraut, dem Geiste enger verbunden durch Krankheit,
Die ihm dem Leben vermählt und periodisch ihn martert.“[6]
Die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ mit ihren „oft wahrhaft fragwürdigen Meinungen“[7] waren aber mit ihrem Erscheinen kurz vor Kriegsende für Thomas Mann fast schon überholt, für ihn war der Komplex seines „geistigen Beitrags zum Kriege“ abgeschlossen[8]. Für Thomas Mann war in der Folgezeit „Nutzbarmachen der gewonnenen Einsicht, formende Verwandlung der einmal gegebenen Realität […] das Gebot der Stunde“. Dieser Weg hat die Meilensteine seiner Reden beziehungsweise Aufsätze „Von deutscher Republik“ (1922), „Pariser Rechenschaft“ (1926) und „Deutsche Ansprache (1930). Thomas Mann stand fortan auf dem Boden des demokratisch verfassten Gemeinwesens, repräsentierte einen „humanen Kosmopolitismus, der sich großzügig über alle Grenzen der Nationalität, des Glaubens und der Rassenzugehörigkeit hinwegsetzte“[9]. Bertram indes verharrte auf einem sturen Nationalismus, der möglicherweise durch Erfahrungen in dem von den Kriegsgegnern besetzten Rheinland noch verstärkt wurden. Die zunehmende politische Entfremdung hinderte Thomas Mann und Ernst Bertram nicht, ihre Beziehung auf menschlicher und literarischer Basis fortzusetzen und sich wechselseitig in Köln und München zu besuchen, auch wenn es hin und wieder zu politischen Meinungsverschiedenheiten kam. Zu einer ernsteren persönlichen Verstimmung kam es 1927, als Ernst Bertram einen Ruf als Ordinarius für Literaturgeschichte nach München, der mutmaßlich von Thomas Mann unterstützt worden war, aus persönlichen Gründen (Freundschaft zu Ernst Glöckner) ablehnte.
Das Jahr 1933, nachdem Thomas Mann ins Schweizer Exil gegangen war, brachte ein auf großer menschlicher Enttäuschung beruhendes tiefgehendes Zerwürfnis. In einem Brief an Bertram aus Küsnacht bei Zürich stellte Thomas Mann am 19.11.1933 fest: „Zu vieles steht zwischen uns, dessen briefliche Erörterung uferlos, peinlich und nicht einmal ungefährlich wäre.“ Er beklagte, Bertram habe „in all den vergangenen Monaten, den schwersten meines Lebens, da der Choc des Verlustes von Heim, Habe und Vaterland mir in allen Gliedern saß, […] nicht ein Wort des Zuspruchs und der Anteilnahme gefunden für einen Menschen und Geist, dem Ihre Jugend einiges zu danken hatte, und als Sie im Tessin eine Eisenbahn-Stunde von mir entfernt waren, haben Sie sich nicht überwunden, mich zu besuchen.“[10] Der Brief endete: „Lieber Bertram, leben Sie wohl in Ihrem völkischen Glashause, geschützt vor der Wahrheit durch eine Brutalität, die so wenig die Ihre ist. Sie wollten sich, sagten Sie des Rechtshabens nicht überheben. Nun, das wäre ja auch verfrüht. Das Leben geht weiter, und wir werden sehen, – Sie nach menschlichem Ermessen mehr als ich.“ Beigefügt sind die beiden letzten Verse aus dem Gedicht „Es sehnt sich ewig dieser Geist ins Weite“ des von beiden hochgeschätzten August von Platen (1796–1835):
„Doch wer aus voller Seele haßt das Schlechte,
Auch aus der Heimat wird es ihn verjagen,
Wenn dort verehrt es wird vom Volk der Knechte.
Weit klüger ist’s, dem Vaterland entsagen,
Als unter einem kindischen Geschlechte
Das Joch des blinden Pöbelhasses tragen.“
In den folgenden Jahren bis 1935 gab es dennoch eine gelegentliche Korrespondenz zwischen Mann und Bertram, auch ließ man sich gegenseitig Veröffentlichungen zukommen. Der briefliche Kontrakt lebte nach dem Krieg wieder auf, als Thomas Mann 1949 zum ersten Mal wieder in Deutschland weilte, auch setzte sich Mann in diskreter Form zugunsten Bertrams in dessen Entnazifizierungsangelegenheit ein. Eine letzte persönliche Begegnung in Bertrams Heim in Köln-Marienburg ergab sich bei Thomas Manns Besuch im Rheinland am 25.8.1954, über die Mann in seinem Tagebuch notierte[11]: „Freundlicher Aufenthalt in seiner sinnig-schönen Wohnung, voller persönlicher und künstlerischer Andenken. Sein Gesicht gealterte Vergangenheit. Seine gesprächige, sympathisch-altmodische Art unverändert. Herzliches Verhältnis, herzliche Verabschiedung.“
4. Die Bonner Ehrenpromotion
Urkunde über die Ehrendoktorwürde für Thomas Mann, verliehen von der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Jahr 1919. (Archiv der Universität Bonn)
Der Doktor phil. h.c., den die Philosophische Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn aus Anlass der Jahrhundertfeier der Universität im August 1919 Thomas Mann verlieh, war die erste von später zahlreichen weiteren akademischen Würden und wäre als solcher kaum mehr als eine biographische Marginalie. Herausragende Bedeutung bekam dieser Ehrendoktor durch seine Aberkennung 1936, die Thomas Mann zum Anlass nahm, ernreut in aller Deutlichkeit mit dem Nationalsozialismus abzurechnen.
Zwischen Thomas Mann und der Universität Bonn bestanden in der Person des dort lehrenden Germanisten Berthold Litzmann seit 1906 Kontakte. Anfang des Jahres trat Thomas Mann der von Litzmann geleiteten Literarhistorischen Gesellschaft Bonn bei. Ernst Bertram referierte dort 1909 über Thomas Manns neuen Roman „Königliche Hoheit“. Im Januar 1911 nahm Mann an einer Sitzung der Gesellschaft teil und lernte Litzmann und seinen Kreis kennen. Die Initiative zur Bonner Ehrenpromotion ging von Litzmann aus. Ob im Vorfeld des Verfahrens Thomas Mann im Herbst 1918 mit dem Dekan der Philosophischen Fakultät zusammengetroffen ist, lässt sich nicht belegen, es gibt aber entsprechende Hinweise. Das Ehrendoktordiplom vom 3.8.1919 nennt Thomas Mann „eine[n] Dichter von großen Gaben[,] der in strenger Selbstzucht und beseelt von einem starken Verantwortungsgefühl aus innerstem Erleben das Bild unserer Zeit für Mit- und Nachwelt zum Kunstwerk gestaltet“[12]. Die tatsächlichen Hintergründe der Ehrenpromotion lässt die verlesene Laudatio genauer erkennen, die vordergründig die „Buddenbrooks“ nennt, tatsächlich aber auf den „Dichter und Schriftsteller“ zielt, der „aus innerstem Erleben Erscheinungsformen und Kräfte deutschen Wesens unserer Zeit zum Kunstwerk gestaltet“[13] und nur die bereits erwähnten „Betrachtungen eines Unpolitischen“ meinen kann. Zur Feier der Ehrenpromotion konnte Thomas Mann nicht nach Bonn reisen, er schrieb aber dem Dekan am 27. September, dass er „den mir verliehenen Titel mit Stolz und dem Bemühen führen [werde]. der Fakultät, der ich nun verbunden bin, durch das Tagwerk meiner Hände Ehre zu machen“[14]. Zehn Jahre später, am 28.11.1929, veranstaltete die Universität Bonn eine Thomas-Mann-Feier, an der der Geehrte beziehungsweise zu Ehrende teilnahm. In seinem „Lebensabriß“ (1930) erinnerte sich Mann: „Das Stockholmer Vorkommnis [Literaturnobelpreis] verlieh einer von längerer Hand her verabredeten Vortragsreise ins Rheinland einen besonderen, festlichen Akzent. Die Feier in der Aula der Universität Bonn, deren philosophische Fakultät mich kurz nach dem Kriege zum Doktor h.c. promoviert hatte, bleibt mir unvergesslich durch einen jugendlichen Zudrang, der nach Aussage besorgter Professoren den Fußboden des alten Saales auf eine bedenkliche Belastungsprobe stellte.“[15]
Der nächste unmittelbare Kontakt zwischen der Universität Bonn und ihrem Ehrendoktor war eine dürre Mitteilung des Dekans der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn vom 19.12.1936 an „Herrn Schriftsteller Thomas Mann“: „Im Einverständnis mit dem Herrn Rektor der Universität Bonn muß ich Ihnen mitteilen, daß die Philosophische Fakultät der Universität Bonn sich nach Ihrer [am 2.12.1936 erfolgten] Ausbürgerung genötigt gesehen hat, Sie aus der Liste der Ehrendoktoren zu streichen. Ihr Recht, diesen Titel zu führen, ist gemäß § 8 unserer Promotionsordnung erloschen.“[16]
Thomas Mann nahm diese Mitteilung zum Anlass einer ausführlichen Antwort an den Dekan der Philosophischen Fakultät, den er aber „nur als Zufallsadressaten dieser Ihnen kaum zugedachten Äußerung“ bezeichnete[17], um mit dem Nationalsozialismus gründlich abzurechnen. Diese als „Briefwechsel mit Bonn“ außerhalb Deutschlands rasch verbreitete Stellungnahme, die bis heute einer der Höhepunkte in seiner schriftstellerischen Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“ ist, nannte Mann in seinem Tagebuch am 1.1.1937 als „wichtige[n] und mich beglückende[n] Schritt, von de[m] ich mir weitreichende innere Wirkungen verspreche“. Eine dieser weitreichenden inneren Wirkungen war gewiss, dass Thomas Mann sich spätestens 1940 entschloss, auf Dauer nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren.
Die Aberkennung des Ehrendoktorats von Thomas Mann erwies sich nach Kriegsende als ein großer Imageschaden für die Universität Bonn. So verwundert es nicht, dass die Philosophische Fakultät sich bereits im Jahre 1945 beeilte, diesen Schritt rückgängig zu machen. Allerdings brauchte es dann über ein Jahr, bis man es für geboten ansah, Thomas Mann davon zu unterrichten, weil es die „Würde der Fakultät verboten“ habe, „den Eindruck einer billigen Geste zu erwecken oder gar eine Ablehnung zu erfahren“, wie es im Schreiben der Fakultät vom 5.12.1946 an Thomas Mann hieß[18]. Es war die Rede von den „peinlichen Umstände[n], unter denen Ihnen im Dezember 1936 das Ehrendoktorat […] entzogen wurde“, den die Fakultät vollmundig als „kulturfeindlichen Akt der nationalsozialistischen Zeit“ bezeichnete, der ihr „aufgezwungen worden war“, was eine gelinde Übertreibung ist. Der frisch erneuerte Bonner Ehrendoktor Thomas Mann dankte am 28.1.1947[19] aus dem kalifornischen Pacific Palisades „herzlich und feierlich […] für die Erneuerung des Ehren-Doktor-Diploms und für die schönen, alles sagenden Briefe“, was er gewiss mehrdeutig meinte, und fuhr fort: „Wenn etwas meine Freude und Genugtuung dämpfen kann, so ist dies der Gedanke an den entsetzlichen Preis, der gezahlt werden mußte, ehe Ihre berühmte Hochschule in die Lage kam, den erzwungenen Schritt von damals zu widerrufen. Das arme Deutschland! Ein so wildes Auf und Ab seiner Geschichte ist wohl keinem anderen Land und Volk beschieden gewesen.“ Zu näheren Beziehungen zwischen Thomas Mann und der Universität Bonn ist es in den Folgejahren nicht mehr gekommen, abgesehen von Glückwünschen zu Thomas Manns 80. Geburtstag 1955. Die Teilnahme an einer von der Universität angeregten besonderen Thomas-Mann-Feier aus diesem Anlass lehnte Mann letztlich aus terminlichen Gründen ab[20].
Mitteilung über den Entzug der Ehrendoktorwürde Thomas Manns durch die Philosophische Fakultät der Universität Bonn, unterzeichnet vom Dekan und adressiert an Thomas Mann, verfasst am 19. Dezember 1936. (Archiv der Universität Bonn)
Antwortschreiben Thomas Manns an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn anlässlich des Entzugs seiner Ehrendoktorwürde, verfasst an Neujahr 1936/37, S. 1. (Archiv der Universität Bonn)
5. „Die Betrogene“
Thomas Manns letzte, 1953 erschienene Erzählung ist seine einzige Dichtung, deren Handlung ausschließlich im Rheinland spielt, genauer gesagt in Düsseldorf. Die Erzählung handelt von einer Rosalie von Tümmler, einer etwa 50-jährigen, vom Klimakterium geplagten Witwe, die mit ihren zwei Kindern (Sohn und Tochter) in den 1920er Jahren in Düsseldorf lebt. Sie verliebt sich in den amerikanischen Sprachlehrer ihres Sohnes, Ken Keaton. Sie gesteht ihm ihre Liebe gelegentlich eines Besuches im Schloss Holterhof, für das als Vorbild Schloss Benrath gedient hat. Bevor es jedoch zur für denselben Abend verabredeten körperlichen Vereinigung kommt, erleidet Renate von Tümmler eine starke Blutung, die sie zunächst für eine Menstruation hält, die tatsächlich aber von einer fortgeschrittenen Krebserkrankung stammt, an der sie wenig später stirbt.
Der Sachverhalt stützt sich auf eine Thomas Mann von seiner Frau Katia (1883–1980) im April 1952 erzählten tatsächliche Begebenheit aus der guten Münchner Gesellschaft. Die Adaption des Themas durch Thomas Mann erfolgt in der für ihn charakteristischen Art der Vermengung des eigentlichen Geschehnisses mit auch autobiographischen Elementen (auf die vielfältigen anderen Aspekte, die zudem in die Erzählung eingeflossen sind, wird im Rahmen dieses Beitrags nicht näher einzugehen sein). Das Element einer tödlichen oder zumindest potentiell tödlich verlaufenden Krebserkrankung war Manns eigene Krankheitserfahrung 1946, als bei ihm ein Lungenkrebs erkannt und operativ entfernt werden konnte, obwohl er von der Art seiner Krankheit nie etwas wissen sollte (oder wollte). Der Bezug hierzu liegt auf der Hand, denn Mann, 1952 noch in Kalifornien lebend, ließ sich über den Gebärmutterkrebs von dem Arzt informieren, der seinerzeit bei ihm den Lungenkrebs diagnostiziert hatte, dem aus Berlin stammenden Internisten Fredrick Rosenthal (geboren 1902). In tiefere (homoerotische oder bisexuelle) Schichten der eigenen Biographie greift die Wahl Düsseldorfs als Ort der Handlung. Aus Düsseldorf stammte Klaus Heuser (1910–1994), Sohn eines Professors an der Düsseldorfer Kunstakademie, den Thomas Mann 1927 in Sylt kennenlernte, sich in ihn verliebte und später mehrfach zu sich nach München einlud. Das Erlebnis Klaus Heuser verwob sich mit Manns „letzte[r] Liebe“ zu einem aus Bayern stammenden Kellner in einem Schweizer Hotel 1950, in deren Zusammenhang er nicht ohne Grund auch auf Heuser – „der mir am meisten Gewährung entgegenbrachte“[21] – zu sprechen kam. Nachdem somit Handlung, Ort und Leitmotiv der Erzählung feststanden, orientierte sich Mann näher über Details des Ortes, den er möglichst authentisch schildern wollte. Seine aus dem Rheinland stammende Bekannte, die Sängerin Grete Nikisch (1887–1950), orientierte ihn auf Befragen über nähere Einzelheiten, schickte ihm unter anderem das gerade erschienene Merian-Heft über Düsseldorf, das eine Fülle von wertvollen historischen und topographischen Details enthielt. Ergänzende Hinweise gab Nikischs Neffe, der Düsseldorfer Rechtsanwalt Dr. Rudolf Oberloskamp (gestorben 1996), unter anderem zur Düsseldorfer Pegeluhr und zu einer Schifffahrt von Düsseldorf nach Benrath. Eine weitere von Mann ausgiebig genutzte Quelle war der 1939 erschienene Roman „Der Wandelstern“ von Emil Barth (1900–1958). In dem Zusammenhang sei noch erwähnt, dass nicht nur Schloss Benrath als Ort der erwähnten Begegnung hätte in Frage kommen können: Thomas Mann erkundigte sich bei Grete Nikisch auch nach linksrheinischen Gegebenheiten, etwa nach Haus Meer und der dorthin bestehenden Straßenbahnverbindung.
Das Thema Düsseldorf, Thomas Mann und Klaus Heuser, wie erwähnt einer der autobiographischen Hintergründe der „Betrogenen“, hat im Jahre 2013 eine hier zumindest anzumerkende weitere literarische Adaption gefunden. In seinem Roman „Königsallee“ schildert Hans Pleschinski (geboren 1956) recht phantasievoll den Besuch Thomas Manns in Düsseldorf im August 1954 und ein fiktives Wiedersehen mit Klaus Heuser.
Cover der Novelle 'Die Betrogene' von Thomas Mann, erschienen im S. Fischer-Verlag, 1953. (Sammlung Hans-Peter Haack / CC BY-SA 3.0)
Verlinkungen:
->
Quellen:
Internetquellen
-> Lilla, Joachim, Thomas Mann und die Rheinlande, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/thomas-mann-und-die-rheinlande/DE-2086/lido/5d0ca47a2ac694.83774961 (abgerufen am 18.05.2026)
->
->
Sekundärliteratur
->
->
->



