# Kaiserreich (1871 - 1914)

# Sozialdemokratie

# Innenpolitik Bismarcks



# Wirtschaft und Finanzen

#### Inhaltsverzeichnis

1\. <span class="kicker">Deutsches Kaiserreich. </span>Die Gründung der Reichsbank am 1. Januar 1876.

##### <span class="kicker">1. Deutsches Kaiserreich. </span>Die Gründung der Reichsbank am 1. Januar 1876.

1876 ist die Einführung einer einheitlichen Währung mehr als ein technischer Akt – mit der Reichsbank entsteht parallel eine nationale Institution. Sie soll zur nationalen Identität beitragen. Die Geschichte der D-Mark verläuft keineswegs geradlinig.

Das Kaiserreich ist kaum fünf Jahre alt, als zum Jahreswechsel 1876 die Deutsche Reichsbank ihre Arbeit aufnimmt. Ihre Bedeutung reicht aber weit über das reine Geldgeschäft hinaus. Denn sie ist eine nationale Institution, die nicht nur über die gemeinsame Währung der Deutschen wacht, sondern auch zur Bildung einer nationalen Identität beiträgt.

Ihre Aufgabe besteht unter anderem darin, die Sicherung der Golddeckung zu gewährleisten. Dies kann sie zwischen 1876 bis 1914 erfolgreich tun. Mit dem Ausbruch des I. Weltkriegs muss die Deutsche Reichsbank die Aufgabe dauerhaft aufgeben, was zur Hyperinflation von 1923 führt. Ein zweiter Versuch der Golddeckung in der Weimarer Republik scheitert an der Weltwirtschaftskrise.

Weitere Aufgaben der Deutschen Reichsbank sind:

<div class="entryBlock entry--text" id="bkmrk-ausgabe-von-banknote">- Ausgabe von Banknoten,
- Vereinheitlichung des Zahlungsverkehrs,
- Kreditversorgung der Wirtschaft.

</div>**Ende Zweiter Weltkrieg: D-Mark löst Reichsmark ab**

Die Deutsche Reichsbank steht unter der Kontrolle der Reichsregierung, ihr Präsident wird vom Kaiser höchstpersönlich berufen. Die Reichsbanker wachen vor allem auch über die Umlaufmenge des Geldes, die der jeweiligen ökonomischen Lage angepasst war. Die Mark war eine Goldwährung und Teil des Goldstandards. Die Bank ist allerdings nicht verpflichtet, jede Banknote jederzeit vollständig in Gold einzutauschen, sondern musste eine Mindestdeckung gewährleisten. Pro Münze ist ein Feingoldanteil von 0,358 Gramm vorgeschrieben.

Rechnet man den Goldgehalt mit heutigen Goldpreisen um, ergäbe sich zwar ein hoher Materialwert. Solche Vergleiche sagen aber wenig über die tatsächliche Kaufkraft der Mark im Kaiserreich aus. Bevor sich die Mark als einheitliches Zahlungsmittel durchsetzen kann, müssen zahlreiche frühere Landes- und Regionalwährungen abgelöst werden.

Diese Umstellung erfolgt zu festgelegten Umtauschverhältnissen und ist organisatorisch wie politisch aufwendig. Föderale Interessen der Einzelstaaten, bestehende private Notenbanken und unterschiedliche Münzsysteme tragen dazu bei, dass zwischen Reichsgründung und der Aufnahme des Reichsbankbetriebs mehrere Jahre vergehen.

**Hyperinflation von 1923**

In den folgenden Jahrzehnten verläuft die Geschichte der Mark keineswegs geradlinig. Zwar trägt die Goldmark zunächst zu wirtschaftlicher Stabilität und Wachstum im Kaiserreich bei. Dies endet mit Beginn des I. Weltkriegs. Der Krieg wird vor allem durch Kriegsanleihen und die Ausgabe ungedeckten Papiergeldes finanziert – eine Entwicklung, die in der Weimarer Republik zur massiven Inflation führt und schließlich auch einer der Gründe für die Hyperinflation von 1923 ist. Erst mit der Einführung der Rentenmark und später der Reichsmark wird das Währungssystem wieder stabilisiert.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs endet auch die Geschichte der Reichsmark. In den westlichen Besatzungszonen wird sie am 21. Juni 1948 durch die Deutsche Mark (D-Mark) ersetzt. Die Währungsreform gilt als wirtschaftlicher Neuanfang: Gut gefüllte Geschäfte, steigender Konsum und das sogenannte "Wirtschaftswunder" prägen die folgenden Jahre. In dieser Zeit entsteht der Mythos der D-Mark als besonders stabile Währung – ein Symbol für wirtschaftlichen Erfolg und internationale Anerkennung, auch wenn sie keine globale Leit- oder Reservewährung im engeren Sinne ist.

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Deutsches Kaiserreich. Die Gründung der Reichsbank am 1. Januar 1876, in: Deutschlandfunk Nova, online verfügbar seit 02.01.2026 unter: [https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/deutsches-kaiserreich-die-gruendung-der-reichsbank-am-1-januar-1876](https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/deutsches-kaiserreich-die-gruendung-der-reichsbank-am-1-januar-1876), zuletzt geprüft am 19.01.2026.

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt;

-&gt;

-&gt;

# Kulturkampf

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Der ,,Kulturkampf''

##### 1. Der ,,Kulturkampf''

Viele europäische Mächte gerieten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Konflikt mit der katholischen Kirche, als sie nachdrücklich die Autonomie des Staates gegen geistliche Einflüsse und Ansprüche durchzusetzen versuchten. Im Kaiserreich forcierte Reichskanzler [Otto von Bismarck](https://www.dhm.de/lemo/biografie/otto-bismarck) die strikte Trennung von Kirche und Staat und hoffte, durch die Eindämmung der [Zentrumspartei ](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/zentrum)als Vertreter des politischen Katholizismus die weitgehende Verdrängung der katholischen Kirche aus politischen und staatlichen Entscheidungsprozessen zu erreichen. Das noch vor der [Reichsgründung](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/reich/reichsgruendung) gebildete Zentrum sah Bismarck als Speerspitze einer "schwarzen Internationale", die von Rom aus antinationalistisch regiert werde. In Allianz mit den katholisch geprägten Ländern Österreich und Frankreich sowie mit bayerischen Partikularisten warf er den "Reichsfeinden" des preußisch-protestantischen Kaisertums die Bekämpfung der nationalen Einheit vor. Zugleich erkannte der Pragmatiker Bismarck, dass die Zentrumspartei mit ihrer schichtenübergreifenden Massenbasis zu einer unangenehmen Opposition im Reichstag werden konnte.

Zur Charakterisierung der Politik Bismarcks gegenüber der katholischen Kirche verwendete der Berliner Anatom und Abgeordnete der linksliberalen Fortschrittspartei [Rudolf Virchow](https://www.dhm.de/lemo/biografie/rudolf-virchow) erstmals am 17. Januar 1873 im preußischen Abgeordnetenhaus den Begriff "Kulturkampf". Bismarck gedachte, seine Ziele hauptsächlich mit Gesetzen und bürokratischen Schikanen zu erreichen. Im Juli 1871 löste die preußische Regierung die dreißig Jahre zuvor errichtete Katholische Abteilung im Kultusministerium auf, die nun als römische Vorhut im Herzen des protestantischen Preußens galt. Mehrere antikatholische Gesetze folgten: Im Dezember 1871 wurde der "Kanzelparagraph" ins Strafgesetzbuch aufgenommen, der Geistlichen unter der Androhung von Haftstrafen verbot, von der Kanzel staatliche Angelegenheiten kritisch zu erörtern. Das preußisches Schulaufsichtsgesetz vom März 1872 schränke den Einfluss der beiden christlichen Konfessionen auf die Schulen ein.

<div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk-"></div>Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan unterwarfen die preußischen "Maigesetze" von 1873 die katholische Kirche fast vollständig der staatlichen Reglementierung: Für eine erfolgreich absolvierte Ausbildung mussten angehende Theologen ein staatliches Kulturexamen ablegen, und Bischöfe wurden verpflichtet, Neubesetzungen geistlicher Ämter dem zuständigen Oberpräsidenten zu melden. Ein eigens geschaffener "Königlicher Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten" erhielt weitgehende Vollmachten. Um das alleinige Eheschließungsrecht der Kirche aufzuheben, führte die Regierung 1875 durch ein Reichsgesetz die [Zivilehe](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/hochzeit) ein. Im selben Jahr verabschiedete der Reichstag auch das Reichsexpatriierungsgesetz, das die Freizügigkeits- und Staatsbürgerrechte für Geistliche beschränkte. Das "Brotkorbgesetz" verfügte die Einstellung sämtlicher staatlicher Zuwendungen an katholische Bistümer und Geistliche. Ferner wurde das katholische Vereins- und Pressewesen scharf überwacht und die staatliche Aufsicht über den Religionsunterricht deutlich ausgedehnt. Im Juni 1875 folgte schließlich die Aufhebung der Kirchenartikel in der Preußischen Verfassung, welche die kirchliche Autonomie und konfessionelle Parität gewährleistet hatten. Besonders der Zentrumsabgeordnete Ludwig Windthorst (1812-1891) protestierte gegen diese Bestimmungen.

<div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--1"></div>Solche Einwände blieben jedoch ebenso wirkungslos wie päpstliche Beschwerden und bischöfliche Missbilligungen. Bischöfe und Priester, die Ausnahmegesetze nicht beachteten, wurden zu Geld- oder Haftstrafen verurteilt. Bei Nichtbezahlen folgten demütigende Hausdurchsuchungen, Zwangsvollstreckungen und Zwangsversteigerungen. 1878 amtierten in den zwölf Bistümern Preußens nur noch drei Bischöfe. Ein Viertel aller katholischen Pfarreien in Preußen blieb unbesetzt. Insgesamt wurden 296 katholische Ordensniederlassungen mit knapp 4.000 Mitgliedern verboten.

<div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--2" style="text-align: justify;"></div>Trotz aller Schikanen verfehlte Bismarck sein Ziel. Der Kampf gegen Katholiken verstärkte eher die innerkirchliche Solidarität, die Bindung an den Papst und die Identifikation mit dem Papsttum. Bisherige Interessensgegensätze zwischen liberalen und konservativen Katholiken rückten in den Hintergrund. Das katholische Vereins- und Verbandswesens erlebte ebenso einen deutlichen Aufschwung wie die katholische Presse, die ungeachtet der repressiven Maßnahmen die Politik des Zentrums massiv unterstützte. Bei den [Reichstagswahlen 1877](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/reichstagswahl-10-januar-1877) und [1878](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/reichstagswahl-30-juli-1878) konnte sich die Zentrumspartei als zweitstärkste Fraktion im Parlament etablieren.

<div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--3" style="text-align: justify;"></div>Auch Aufgrund dieser kontinuierlichen Wahlerfolge erkannte Bismarck Ende der 1870er Jahre, dass er seine Ziele der Zerschlagung des politischen Katholizismus nicht erreichen konnte. Mittlerweile beklagten sich auch protestantische Vertreter über das mangelnde Rechtsbewusstsein, die Einschränkung individueller Rechte und Freiheiten sowie die fortschreitende Säkularisierung des öffentlichen Lebens. Daneben verlor Bismarck durch seine Abkehr von den Prinzipien des Freihandels die Unterstützung großer Teile der [Nationalliberalen](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/nationalliberale-partei). Zur Durchsetzung der konservativen [Schutzzollpolitik](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/industrie/zoll) brauchte der Reichskanzler eine neue parlamentarische Mehrheit, die er nur durch eine Annäherung an das Zentrum erreichen konnte. Darüber hinaus traten allmählich die [Sozialdemokraten](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/spd2) in den Mittelpunkt Bismarckscher Innenpolitik, die er als eine noch größere Gefahr für die Gesellschaft im Deutschen Reich erachtete.

<div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--4" style="text-align: justify;"></div>Bismarcks innenpolitischer Kurswechsel war zusätzlich durch einen Wechsel auf dem päpstlichen Stuhl am 20. Februar 1878 erleichtert worden. Der neue Papst, Leo XIII. (1810-1903), hatte in Rom Bereitschaft zur Verständigung signalisiert. Noch im gleichen Jahr nahmen beide Verhandlungen auf, wenn auch zunächst wenig erfolgreich. Die entscheidende Wende im "Kulturkampf" ermöglichte ein unerwarteter Schritt des Papstes, der im Februar 1880 die Anzeigepflicht für die Neubesetzung von Pfarrstellen billigte. Im Mai 1880 kündigte Bismarck im Reichstag eine Abmilderung der antiklerikalen Gesetze an. Schon im Juli verabschiedete das preußische Abgeordnetenhaus das "Erste Milderungsgesetz": Vier Bischofssitze, die seit dem Ableben ihrer Inhaber vakant waren, konnten dadurch neu besetzt werden. 1882 wurde die preußische Gesandtschaft beim Vatikan wieder errichtet, nicht jedoch eine solche des Reichs. Das im selben Jahr verabschiedete "Zweite Milderungsgesetz" hob das Kulturexamen auf, und das "Dritte Milderungsgesetz" von 1883 erklärte alle bischöflichen Weihe- und Amtshandlungen straffrei: 280 ausgewiesene Geistliche wurden daraufhin begnadigt.

<div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--5" style="text-align: justify;"></div>Im Herbst 1885 akzeptierte Bismarck einen Schiedsspruch von Papst Leo XIII. in einer nebensächlichen deutsch-spanischen Streitfrage um die Karolineninseln zugunsten Spaniens. Aufgrund dieser Anerkennung des Vatikans als Souverän verlieh das Kirchenoberhaupt dem Reichskanzler die höchste päpstliche Auszeichnung, den Christusorden - sehr zum Entsetzten der Katholiken in Deutschland, die in Bismarck immer noch den "Christenverfolger" sahen. In weiteren Verhandlungen wurde der "Kulturkampf" zusätzlich entschärft: Die beiden Friedensgesetze von 1886 und 1887 revidierten schließlich bis auf Schulaufsicht und Zivilehe nahezu alle Kulturkampfgesetze. Am 23. Mai 1887 erklärte Leo XIII., dass der Friedenszustand zwischen Heiligem Stuhl und Deutschem Reich wieder hergestellt sei. Anspielend auf die herbe Niederlage Bismarcks im "Kulturkampf" hieß es später im Volksmund, der Reichskanzler habe sich "am Weihwasser die Finger verbrannt".

<div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--6"></div>##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Leicht, Johannes: Der ,,Kulturkampf'', in: Lebendiges Museum online (lemo), online verfügbar seit 10.04.2025 unter: [https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/kulturkampf](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/kulturkampf), zuletzt geprüft am 12.04.2026.

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt;

-&gt;

-&gt;

# Antisemitismus

# Wilhelminische Ära



# Großmachtstreben

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Flottenpolitk. Mit Volldampf in den Untergang

##### 1. Flottenpolitk. Mit Volldampf in den Untergang

Im Jahr 1880 sind sowohl die Handels- als auch die Kriegsflotte des Deutschen Reichs unbedeutend. Doch schon um die Jahrhundertwende fahren mächtige Passagierdampfer und Schlachtschiffe unter seiner Flagge. Und 1914, als der Oceanliner »Bismarck« vom Stapel läuft, ist Hamburg Heimathafen der größten Schiffe der Welt. Deutschlands Sprung aufs Meer kündet von wirtschaftlichem Wagemut und politischem Wahn – und er endet im Desaster


Dies ist die Geschichte zweier atemraubender Karrieren und zweier grandioser Flotten. Eine Geschichte von technischen Höchstleistungen und kaufmännischem Wagemut, von militärischer Meisterschaft und byzantinischen Intrigen, von Allmacht und Ohnmacht, von einem Kaiser und seinem Wahntraum. Eine Geschichte vom rasanten Aufstieg und vollkommenen Scheitern einer Großmacht.

Es ist die Geschichte vom Kaiser des Deutschen Reiches, seinen Schiffen und den beiden Männern, die diese Schiffe auf die Ozeane gejagt haben. Deutsche Schiffe auf den Ozeanen? Das war seit dem Ende der Hanse ein seltener Anblick. Noch 1881 sind die Reedereien in Hamburg oder Bremen international zweitklassig. Und das Rückgrat der Kriegsflotte der stärksten Landmacht des Kontinents besteht aus wenigen alten Panzerkreuzern, die nur im Sommer zu Manövern ausfahren, während im Winter die Besatzungen in Kasernen einrücken und die Schiffe sicher vor Anker liegen.

Im ganzen Reich, immerhin eine der führenden Industrienationen der Welt, gibt es keine Werft, die große Schiffe bauen oder auch nur reparieren kann. Selbst die Kriegsschiffe Seiner Majestät laufen, von den Offizieren der übermächtigen Royal Navy milde belächelt, das englische Portsmouth an, wenn mal wieder ein Kessel zu flicken ist.

Nur 20 Jahre später ist Deutschland Sitz der größten sowie der drittgrößten Reederei der Welt. Seine Riesenwerften bauen die größten und schnellsten Dampfer auf den Meeren. Und seine Kriegsflotte wird so mächtig, dass sie selbst die Royal Navy herausfordert. Wie konnte das geschehen? Wie konnte ein ganzes Land binnen nur einer halben Generation in See stechen? Wie wird, historisch ziemlich einmalig, über Nacht aus einer Land- eine Seemacht?

**IN DER RÜCKSCHAU** scheint all dies das Werk eines Mannes gewesen zu sein: Wilhelms II. Tatsächlich ist der deutsche Kaiser, ein Enkel Queen Victorias, dem Inselreich Zeit seines Lebens in Hassliebe verbunden (siehe Seite 50). Bewundern muss er es, übertreffen erst recht. Und auf welchem Feld wäre die Herausforderung größer als auf den Ozeanen? Seit Francis Drake die spanische Armada zerschlug, hat die Royal Navy keinen Krieg zur See mehr verloren.

Wenn es eine Konstante im Leben des sprunghaften, in seinen Zielen und Wünschen so erratischen Herrschers gibt, dann Wilhelms Begeisterung für Schiffe. „Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser“, verkündet er 1901 – selbstverständlich an Bord eines Schiffes. Unermüdlich fordert er seine Offiziere, bedrängt Politiker, besucht Werften und Reedereien, tauft Schiffe, hält Reden – immer mit dem Ziel, Druck zu machen, Begeisterung zu wecken, seinen Untertanen die Sehnsucht nach dem Meer einzuimpfen.

Seine Majestät lassen es sich nicht einmal nehmen, auf einem Telegramm-Formular eigenhändig die detaillierten Entwurfspläne eines Kreuzers zu zeichnen.„ Sehr, sehr hübsch“, notiert ein deutscher Experte in einem Privatbrief, „nur könnte das Schiff nicht schwimmen.“ Doch man unterschätzt den Herrscher, würde man seine Schiffsbegeisterung für naiv, ja lächerlich halten. Der Monarch hat einen höher entwickelten Instinkt für die Stimmung im Volk als viele demokratische Politiker, und er spürt sehr früh, dass er sich hier an die Spitze einer Bewegung setzen und sie lenken kann – einer Bewegung, die weite Kreise der Gesellschaft erfasst. Denn die Lage im Land ist so, dass auch ohne einen enthusiastischen Kaiser zumindest eine der beiden gewaltigen Flotten geschaffen worden wäre: die der Luxusdampfer und Handelsschiffe.

**ZWEI ENTWICKLUNGEN** treiben die Deutschen hinaus auf die Ozeane. Da ist, zum einen, der wirtschaftliche Aufschwung, den das Land nach der Reichseinigung, unterbrochen nur durch wenige Krisenperioden, über vier Jahrzehnte lang genießt. Vor allem in der Elektrotechnik, der Großchemie, dem Maschinen- und Motorenbau, der optischen sowie der Stahlindustrie werden die Firmen des Kaiserreiches Weltspitze. So produziert im Jahr 1900 jedes Stahlwerk in Deutschland durchschnittlich 75 000 Tonnen (das größte Werk, Thyssen, sogar 839 300 Tonnen), die Konkurrenz in Großbritannien kommt nur auf 40 000 Tonnen. Zwischen 1895 und 1913 verdoppelt sich die deutsche Gewerbeproduktion, die Exporte steigen gar um 180 Prozent. Am Ende dieser Epoche entfallen 12,3 Prozent des Welthandels auf das Reich – Rang zwei zwischen Großbritannien (14,2 Prozent) und den USA (11 Prozent).

Geld und geschäftlicher Wagemut sind im Überfluss vorhanden: Allein zwischen 1895 und 1900 werden 1551 Aktiengesellschaften mit gut 2,2 Milliarden Mark Kapital gegründet. Deutschland wandelt sich vom agrarischen zum industrialisierten Land – einem Land, das nun weltweite Interessen hat. In China etwa wird die Deutsch-Asiatische Bank zur Finanzierung des Fernosthandels gegründet, die Dresdner Bank eröffnet Tochtergesellschaften in Lateinamerika.

Schon diese wirtschaftliche Lage verlangt nach immer mehr, nach immer größeren Schiffen, die von deutschen Häfen abgehen. Nach China etwa werden Maschinen für den Eisenbahnbau geliefert, auf dem Rückweg sind die Frachträume voller Reis, Tee, Gewürze, Seide, Erze und Holzteer.

Das Reich ist, zweitens, Ursprungs und Transitland für Auswanderer. In manchen Jahren verlassen mehr als 100 000 Deutsche ihre Heimat gen Übersee, zumeist in die USA. Wegen seiner zentralen Lage und des gut mit dem osteuropäischen Netz verbundenen Schienensystems wird Deutschland zudem zum Sprungbrett für jene Emigranten, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in den Dimensionen einer Völkerwanderung das Zarenreich verlassen, hinausgetrieben durch wirtschaftliche Not, politische Unterdrückung und, im Fall der Juden, durch mörderische Pogrome. Hamburg entwickelt sich zum Zentrum osteuropäischer Auswanderer; zwischen 1871 und 1914 ist es für über zwei Millionen von ihnen die letzte Station in Europa. Auch für diese Reisenden, arm, aber beileibe nicht mittellos, müssen Schiffe gebaut werden. Die 1847 gegründete Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (Hapag) ist die bedeutendste Reederei der Stadt – was zunächst nicht viel heißt. Relativ kleine, veraltete Schiffe gehen von der Elbe ab; das träge, konservative Direktorium wird von einem Zeitgenossen als „in den Angeln knarrendes Hanseatentum“ verspottet. Da tritt ein Mann an, das zu ändern: Albert Ballin.

**BALLIN WIRD 1857** als 13. Kind eines aus Dänemark stammenden Juden in Hamburg geboren, Stubbenhuk 17, direkt am Hafen. Der Vater betreibt am Baumwall eine Passage-Agentur. Männer wie er vermitteln unter oft dubiosen Geschäftspraktiken Auswanderern Plätze auf deutschen oder britischen Schiffen nach Amerika. Dafür bekommen sie von den Reedern ein Kopfgeld ausbezahlt – und offene Verachtung zu spüren. „Abschaum der Menschheit“, nennt ein Hanseat die Agenten einmal.

Als Albert Ballin 17 Jahre alt ist, stirbt der Vater, und Albert ist der Einzige, der die Agentur übernehmen kann. Nun sorgt er für die Firma, seine Mutter und mehrere Schwestern. Seine Ausbildung: einige Jahre auf einer jüdischen Volksschule und „beachtenswerte Leistungen“ im Cellospiel. „Ich bin nie jung gewesen“, wird er viel später klagen. Selbst ein Diplomat gibt zu, Ballin sei „nichts weniger als schön“, einem anderen erscheint sein Gesicht „wie aus Gummi gebildet“. Doch er ist intelligent, charmant, machtbewusst, fleißig, cholerisch und ungeheuer ehrgeizig. Seine Karriere ist die vielleicht spektakulärste in der wilhelminischen Epoche. Der junge Agent reist zu Reedern nach London, spricht schnell perfekt Englisch, knüpft wertvolle Kontakte. 1881 gründet er mit einem Partner eine eigene Auswanderer-Reederei, die bald Passagen nach Amerika für nur 60 Mark anbietet.

Die Direktoren der Hapag sind zunächst zu arrogant, dann zu träge, um auf den ruinösen Preiskampf zu reagieren. Der Neuling nimmt ihnen so viele Kunden ab, dass sie ihn schließlich in die Firma holen – zu seinen Bedingungen. 1886, da ist er 29 Jahre alt, wird Ballin Direktor der „Passageabteilung“ der Hapag, Jahresgehalt 10 000 Mark. Zwei Jahre darauf wird er, als jüngstes Mitglied, ins Direktorium berufen. 1899 wird er Generaldirektor.

Ballin lässt Schnelldampfer bauen, welche die strapaziöse Atlantikfahrt auf rund eine Woche verkürzen. Die Passage wird schneller und komfortabler: Die Zwischendecks sind nun größer, sauberer, heller als auf den älteren Schiffen; die Verpflegung wird besser. Das hat wenig mit Altruismus, dafür umso mehr mit Geschäftssinn zu tun. Zwar sind zwei Drittel des Volumens eines Dampfers für die wenigen Passagiere der 1. Klasse reserviert, doch zwei Drittel ihrer Gewinne im Passagierverkehr erwirtschaften die Reedereien mit den Emigranten. Die meisten der Auswanderer reisen zwar nur einmal in ihrem Leben mit dem Schiff – doch Ballin erkennt früher als viele Konkurrenten, dass Emigranten, einmal in der Neuen Welt angekommen, Verwandte, Freunde, ehemalige Nachbarn nachholen. Waren sie mit der Überfahrt zufrieden, dann werden sie denen, die ihnen folgen, die gleiche Reederei, oft sogar dasselbe Schiff empfehlen. Da lohnen sich die Investitionen in ein Minimum an Komfort und Sauberkeit.

Dank der Passagierfahrt und der von Ballin noch stärker geförderten Frachtschifffahrt expandiert die Hapag nach 1886 rasch. Durch diesen Aufschwung und den anderer Reedereien erst wird in Deutschland eine ganz neue Industrie geschaffen: die der großen Werften. Die Ingenieure Hermann Blohm und Ernst Voss etwa tun sich 1877 zusammen, um in Hamburg eine Werft zu gründen. Sie steigen gleich groß ins Geschäft ein: 800 Mann werden angeworben. Doch die ersten Jahre laufen schlecht. Erst ab 1881 wird es langsam besser. Am 21. Februar 1889 liefert Blohm &amp; Voss die „Croatia“ an die Hapag; es ist ihr erster Auftrag für Ballins Unternehmen. Mit diesen und mit anderen Reederei-Aufträgen beginnt eine ungestüme Expansion. Im Jahr 1900 wird Blohm &amp; Voss bereits 142 Schiffe abgeliefert haben; mehr als 4400 Männer arbeiten in den Docks am südlichen Elbufer. Und Blohm &amp; Voss hat Konkurrenz in Hamburg, Stettin, Danzig. In Deutschland, wo noch vor einer halben Generation nicht einmal ein großer Dampfer hätte geflickt werden können, arbeiten 1902 auf den Werften rund 40 000 Menschen an 421 Schiffen.

Ballin hat sich derweil längst nicht mehr nur um die Auswanderer, sondern auch um Allerhöchste Gunst bemüht. (Überhaupt ist sich Ballin nicht zu fein für die Reklame. Das kurz vor 1900 bei der Hapag eingerichtete „Literarische Bureau“ ist die erste PR-Abteilung einer deutschen Firma.) Denn des Kaisers Huld ist gut fürs Geschäft, weil sich damit überzeugend werben lässt. Also wird 1888 der neue Schnelldampfer der Hapag nach Seiner Majestät Gattin auf den Namen „Augusta Victoria“ getauft. Eine peinliche Entgleisung. Denn erstens heißen Ihre Majestät August*e* Victoria, zweitens werden Ihre Majestät leicht seekrank und, drittens, verabscheuen sie deswegen Schiffe.

Dennoch gelingt Ballin das schier Unglaubliche: Er, der Jude aus kleinen Verhältnissen, wird zum Vertrauten, gar Freund des Hohenzollernkaisers. Ballins maritimer Fanatismus – er arbeitet 16 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche –, sein Charme, seine unbedingte Loyalität, sein Patriotismus (seine „Religion der deutschen Flagge“, wie es ein Freund später nennen wird) und selbstverständlich auch seine Stellung als Chef der führenden deutschen Reederei begeistern nach und nach den nur anderthalb Jahre jüngeren Kaiser.

Im Sommer 1901 wird der Reeder erstmals zu einer Privataudienz nach Potsdam geladen, danach – eine selten gewährte Gnade – ist Wilhelm II. rund sechsmal im Jahr Gast im Hause Ballin. Mögen manche Wirtschaftsfunktionäre über die „Verballinisierung“ lästern und über „Fremdlinge aus Palästina“. Mag man bei Hofe über den „Krämer aus Hamburg“ und „jüdischen Parvenü“ flüstern – mit derselben Unbekümmertheit, mit der sich Wilhelm II. über diplomatische Etikette hinwegsetzt, ignoriert er hier die Junkerdünkel gegenüber Händlern und Juden. Ballins herausragende Stellung ist aber auch eine Folge der Tatsache, dass die Reedereien (darin Waffenschmieden wie Krupp vergleichbar) einige staatliche Funktionen übernommen haben. Manche sind profan, aber wichtig – wer etwa soll sonst deutsche Post nach Übersee transportieren, wenn nicht Dampfer der Reedereien?

Andere Rollen sind subtiler. Ballin etwa lädt jedes Jahr im Frühsommer zur Kieler Woche hochrangige Gäste auf eines seiner Schiffe ein, das während dieser Zeit als schwimmendes Hotel in der Förde ankert. Das Vergnügen am Segelsport bildet dort oft den Rahmen für diskrete diplomatische Treffen. So vermittelt der Reeder dem US-Bankier John Pierpont Morgan, dem wohl einflussreichsten Finanzier seiner Epoche, eine Audienz beim Kaiser, der auf dem Hapag-Dampfer weilt.

Regierung und Reichstag revanchieren sich. So hat der 1895 eingeweihte, vom Staat finanzierte Kaiser-Wilhelm-Kanal zwischen Nord- und Ostsee zwar vor allem militärische Bedeutung (da Flotten nun schnell vom einen ins andere Meer verlegt werden können), doch auch die Zivilschifffahrt profitiert von der Verkürzung des Seewegs von über 700 auf 99 Kilometer. Gut für die Reedereien, die Schiffe verlegen wollen, etwa für sommerliche Kreuzfahrten. Gut auch für die Werften in Danzig und Stettin, deren Dampfer schneller an internationale Kunden abgeliefert werden können. Mit dem 1885 verabschiedeten „Gesetz betreffend Postdampfschiffsverbindungen mit überseeischen Ländern“ werden Dampfer, die von Deutschland nach Ostasien und Australien abgehen, vom Staat subventioniert. Bedingungen: Die Schiffe müssen auf deutschen Werften erbaut worden sein und in Europa deutsche Kohle bunkern.

Der 1857 in Bremen gegründete Norddeutsche Lloyd (NDL), der größte Rivale der Hapag, erhält als erster Subventionen. Der NDL stellt nicht nur große Überseedampfer in Dienst, die um die halbe Welt fahren, sondern auch eine Flotte kleinerer Schiffe, die ausschließlich in Ostasien verkehren. Um 1900 fahren zwischen Sumatra, Shanghai und Bangkok bereits 45 Dampfer unter Bremer Flagge. Kein Reeder spannt den Staat schamloser für eigene Geschäftsinteressen ein als Adolph Woermann, Reeder, Präses der Hamburger Handelskammer und nationalliberaler Reichstagsabgeordneter. Dessen Firma hat 1868 in Kamerun eine Niederlassung gegründet und antichambriert in Berlin so lange, bis das afrikanische Land 1884 zum „deutschen Schutzgebiet“ und damit zu einer Art Proto-Kolonie erklärt wird. Mit dieser staatlichen Sicherheit im Rücken gründet Woermann 1885 die Afrika Dampfschiffs-AG und später die Deutsch-Ostafrika Linie AG, hat 1914 schließlich 78 Schiffe im Dienst und kassiert dafür hohe Subventionen.

Ballin ist subtiler und, wenn es gut ist fürs Geschäft, noch hinterhältiger. Den subventionierten Liniendienst nach Ostasien etwa, den sich Hapag und NDL einige Jahre lang vertraglich geteilt haben, kündigt er 1903. Dann handelt er mit den Bremern neue Bedingungen aus: Die Hapag soll fortan alle Fracht transportieren, der NDL alle Passagiere; den Hapag-Schiffen werden in dieser Absprache nur 40 Kabinenplätze zugestanden.

Doch sofort nach Unterzeichnung des Vertrags lässt Ballin Dampfer bauen mit 40 luxuriösen Kajüten – und bis zu 800 Zwischendeckplätzen (wovon im Vertrag nicht die Rede war). Diese Schiffe sind langsamer und sparsamer als die des NDL; Ballin bietet Passagen nach China fortan zum halben Preis des Konkurrenten an. Folge: Per Vertrag hat sich die Hapag alle Fracht gesichert, mit den neuen Schiffen nehmen die Hamburger den Bremern zusätzlich auch noch einen erheblichen Teil der Passagiere weg. Mit dem Anbruch des neuen Jahrhunderts hat sich Ballins Reederei endgültig in der Welt durchgesetzt – und sie feiert es mit einem Seesieg ganz besonderer Art.

**NEW YORK, SEPTEMBER 1900:** Der Dampfer „Kaiser Wilhelm der Große“ des NDL legt am Pier von Hoboken ab und gleitet in die Bucht von New York. Der schwimmende Riese ist der Stolz der Bremer, der bei seinem Stapellauf 1897 größte und schnellste Dampfer der Welt.

Mit dem Schiff hat die Ära der Superliner des Atlantiks begonnen. Der 197,7 Meter lange, 27 000 PS starke, mehr als 14 000 Bruttoregistertonnen große Dampfer ist der erste Liner mit vier Schornsteinen. (Die Ingenieure haben sie aus technischen Gründen vorgesehen: Schornsteine müssen Abgase und Ruß abführen und zugleich frische Luft zu den Kesseln leiten – eine Aufgabe, die bei diesem mächtigen Schiff nur vier Schlote erfüllen können. Schnell stellt sich zudem heraus, dass viele Auswanderer die Zuverlässigkeit der Schiffe anhand der Zahl ihrer Schornsteine beurteilen – je mehr Schornsteine, desto mehr Buchungen.)

Die Passagiere der 1. Klasse verbringen die Stunden an Bord im neobarocken Rauchsalon oder im stuckverzierten Damenzimmer. Langsam verschwindet die Silhouette des Dampfers am Horizont. Doch nur anderthalb Stunden später löst sich von einem anderen Kai New Yorks die „Deutschland“ der Hapag. Ballins Superschiff ist erst ein paar Monate alt und hat eigentlich nur eine Funktion: den Bremer Rivalen zu übertreffen. Die „Deutschland“ ist auf der Vulcan-Werft in Stettin gebaut worden, auf der auch die „Kaiser Wilhelm der Große“ entstand, mit der einzigen Vorgabe: Alles muss größer, stärker, mächtiger sein als beim Flaggschiff des NDL. Also wird der Riese 208,5 Meter lang, 16 500 Bruttoregistertonnen groß und 34 000 PS stark. 250 Mann Maschinenpersonal schaffen täglich 574 Tonnen Kohle in 16 Kessel; das reicht für 22,5 Knoten Geschwindigkeit, gut 40 km/h.

Die schmutzige Arbeit einige Decks unter ihnen ist für die Reisenden 1. Klasse unsichtbar. Johann G. Poppe, ein Bremer Architekt, der zum ersten professionellen Innendesigner von Dampfern geworden ist und für den NDL arbeitet, ist der Erfinder des „Dampferbarock“. Die „Kaiser Wilhelm der Große“ und ihre Schwesterschiffe tragen mit Schnitzwerk, Marmor, Spiegeln und riesigen Skulpturen überladene, von Glasdomen überwölbte Speisesäle. Die Salons, die Kabinen, selbst die Treppenhäuser wirken, als hätte man sie aus einem Rokokoschloss aufs Meer gesetzt. (Was den nicht unwesentlichen Nachteil hat, dass diese geschwungene und verspiegelte Pracht bei vielen Reisenden die Neigung zur Seekrankheit erheblich verstärkt.) Die Offiziere der „Deutschland“ und der „Kaiser Wilhelm der Große“ werden es später vehement leugnen, doch den Besatzungen und allen Passagieren an Bord beider Riesendampfer ist an diesem Septembertag klar: Ein Rennen hat begonnen. Nie zuvor haben sich vergleichbare Giganten auf dem Atlantik ein derartiges Duell geliefert. Beide Liner haben schon das „Blaue Band“ gewonnen, den inoffiziellen, aber prestigeträchtigen Titel für die schnellste Atlantiküberquerung von Europa in die USA. Und nun fahren die Rivalen zum ersten Mal direkt gegeneinander…

Am Tag nach dem Ablegen in New York entdecken Matrosen der „Kaiser Wilhelm der Große“ achterlich am Horizont eine Rauchfahne. Die Heizer schaufeln bis zur Erschöpfung Kohlen unter die Kessel. Der Liner läuft mit voller Kraft, das Stampfen der riesigen Dreifach-Expansionsmaschinen lässt das Schiff erzittern. Die Passagiere diskutieren erregt, viele schließen Wetten ab. Und die Rauchfahne wird größer und größer. Nach einigen Stunden ist klar, wer die Königin des Atlantiks ist: Die „Deutschland“ zieht langsam an der Rivalin vorbei.

Was für ein Triumph für Ballin und die Hapag! Sieben Jahre lang wird, mit einer kurzen Unterbrechung, der Liner das „Blaue Band“ halten, länger als jedes andere deutsche Schiff. Die Hapag-Flotte, gut zehn Jahre zuvor die Nummer 22 auf den Meeren, ist nun weit über 330 000 Bruttoregistertonnen groß und damit die mit Abstand größte der Welt. (Der NDL verfügt über die drittgrößte Kapazität.) Hapags Aktienkapital beträgt 80 Millionen Mark, das Unternehmen schüttet zehn Prozent Dividende aus. Die nächsten Riesendampfer sind schon bei den Werften geordert, weitere Kapitalerhöhungen nur noch eine Frage der Zeit. Nur ein Krieg könnte die weitere Expansion der Hapag jetzt noch stoppen. Und genau der ist Ziel und Zweck der zweiten, der grauen Flotte des Kaisers …

**DEUTSCHLANDS EINIGUNG** ist von Bismarck durch Kriege erzwungen worden, doch eine Flotte war dazu nicht nötig. Entsprechend zurückhaltend sind Generäle und Politiker, wenn es um den in ihren Augen ebenso kostspieligen wie unnützen Bau von Kriegsschiffen geht – und erst recht die Reichstagsabgeordneten, die über den Etat abstimmen. Der Kaiser fühlt sich in seinem Enthusiasmus, in seinem Streben nach einer mächtigen Flotte allein gelassen. Am 6. April 1891 lädt er einige höhere Seeoffiziere ins Kieler Schloss. Sie sollen ihm Vorschläge unterbreiten, denn „die Schweinerei muss aufhören“.

Einer nach dem anderen trägt dem Kaiser vor, doch was er an konfusen, widersprüchlichen, kleinmütigen Plänen hört, missfällt Wilhelm II. zutiefst. Da tritt, als Letzter, ein 42 Jahre alter Offizier auf, ein Mann mit kahlem Haupt und mächtigem Gabelbart, selbstbewusst bis zur Arroganz. Der Offizier schlägt Atemraubendes vor. Deutschland solle eine komplett neue Kriegsmarine aufbauen, von keiner Flotte dieser Welt überboten, mit einem einzigen Ziel: dem Angriff, der „offenen Seeschlacht“. Gegen wen so eine Flotte nur sinnvoll eingesetzt werden kann, ist jedem Anwesenden sofort klar: Großbritannien. Der Kaiser ist begeistert – und neun Monate darauf wird der Offizier zum Stabschef im Oberkommando der Marine ernannt, zum wichtigsten Planer der Flotte. Wieder, wie bei Ballin, protegiert der Kaiser einen bürgerlichen Niemand: Alfred Tirpitz.

**TIRPITZ IST DAS DRITTE KIND** eines Gerichtsassessors, eines kleinen preußischen Beamten in Küstrin. Alfred, ein schlechter Schüler, verlässt die Realschule mit 16 und bewirbt sich als Kadett bei der preußischen Marine, hauptsächlich deshalb, weil dies auch ein Freund tut. Er besteht die Aufnahmeprüfung und hat beste Karriereaussichten – einige Zeit zuvor ist das einzige Schulschiff der Marine untergegangen. Die Kadetten mehrerer Jahrgänge sind dabei umgekommen, sodass nun Nachwuchs fehlt.

Tirpitz – charmant, brillant, ehrgeizig – erlebt den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 als Unterleutnant auf dem Panzerschiff „König Wilhelm“, das gerade von einem Manöver bei den Azoren zurückkehrt, als die ersten Schüsse fallen. Der alte Koloss, mangels Werften seit Jahren nicht eingedockt, ist mit 60 Tonnen Muscheln bewachsen, was ihm nur noch eine Spitzengeschwindigkeit von zehn Knoten ermöglicht. Die einzige Munition an Bord: mit Erbsen gefüllte Übungsgranaten. Als sich das Schiff an der französischen Küste glücklich vorbeigemogelt hat und vor Wilhelmshaven ankert (*vor* Wilhelmshaven, nicht *im* Hafen, denn in der unfertigen Schleuse des Kriegshafens weiden noch die Hammel), geht fortan die größte Bedrohung von deutschen Minen aus, die sich durch Stürme in der Nordsee losgerissen haben und eigene Schiffe versenken könnten. Schließlich gelingt es der Besatzung, das Schiff im Winter, kurz vor der drohenden Vereisung, in den notdürftig fertig gestellten Hafen zu bringen. Der Krieg ist für Tirpitz vorbei.

Welche kolossale Demütigung – zumal in einer Zeit, in der die Kameraden des Heeres Triumphe feiern! Spätestens von diesem Zeitpunkt an träumt der junge Offizier von einer Flotte, die zur See ähnliche Siege zu erringen vermag wie das deutsche Heer an Land. Doch während dort Frankreich und Russland die potenziellen Gegner sind, kommt auf den Meeren vor allem Großbritannien als möglicher Feind in Frage – bis jetzt noch eine Nation, die Preußen und Deutschland freundlich gesinnt ist.

Tirpitz spricht mindestens ebenso gut Englisch wie Ballin, er kennt das Land von mehreren Reisen, seine beiden Töchter besuchen ein Mädchencollege auf der Insel. Und doch wird er nie vergessen, wie in Portsmouth die Offiziere der Royal Navy ihre deutschen Gegenüber „mit freundlicher Herablassung“ duldeten. Schon Jahre bevor er dem Kaiser endlich vortragen kann, konzentriert sich Tirpitz auf den Kampf mit der Seemacht Nummer eins: Großbritannien. Die deutsche Schlachtflotte müsse, wie er später in einer Denkschrift formuliert, „zwischen Helgoland und der Themse ihre höchste Kriegsleistung entfalten“ – eine private Kriegserklärung ohne Ursache, Provokation oder Notwendigkeit.

Von 1892 an wird Tirpitz (der „böse Geist der deutschen Außenpolitik“, wie ihn ein Historiker später nennt) zum Prototyp des geschickten und skrupellosen Lobbyisten. Der Offizier, der in seiner über 50-jährigen Karriere nie einen scharfen Schuss in einem Seegefecht hört, schlägt seine Schlachten im Dickicht von Berlin; sein Hauptquartier liegt am Leipziger Platz 13, dem Sitz des Marine-Oberkommandos.

Die ersten Auseinandersetzungen steht Tirpitz innerhalb der Marine durch – gegen Offiziere, die lieber Kreuzer als Schlachtschiffe haben wollen, denn die sind leichter bewaffnet, haben aber eine größere Reichweite als Schlachtschiffe und können deshalb bis zu überseeischen Kolonien dampfen. Der Kaiser persönlich hat Intrigen und Grabenkämpfe in „seiner“ Marine institutionalisiert, hat 1889 die Leitung dreigeteilt: in ein Marine-Kabinett, das ihn beraten soll; in das Reichsmarineamt, dem Verwaltung, Erhalt und Versorgung obliegen; und das Oberkommando, das für Ausbildung und Planung zuständig ist und die Flotte im Kriegsfall führen soll. Das zumindest ist die Theorie. Tatsächlich aber arbeiten die rivalisierenden Dienststellen oft aneinander vorbei, manchmal auch gegeneinander.

Tirpitz kennt sich im bürokratischen Dickicht gut aus. Er platziert vertraute Offiziere auf wichtigen Posten, lässt sich selbst, wenn er Konflikte mit Vorgesetzten nicht gewinnen kann, zeitweilig versetzen, zerstört die Karrieren von Männern, die andere Meinungen vertreten als er. Im Juni 1897, er wird zum Staatssekretär im Reichsmarineamt ernannt, hat er es geschafft: In der Marine gibt es niemanden mehr, der sich seinen Plänen in den Weg stellen könnte.

Gleichzeitig hat Tirpitz die Bedeutung der öffentlichen Meinung erkannt – auch darin, wie in so vielen Dingen, Ballin ähnlicher, als beiden wohl lieb ist. Wer irgendwann einmal Seeschlachten gewinnen will, der muss zunächst den Kampf ums Budget im Reichstag bestehen. Und wer im Reichstag siegen will, der muss zuvor das Volk auf seine Seite ziehen. Also installiert Tirpitz 1897 im Marineamt das „Nachrichtenbureau“, das Propaganda machen soll für Deutschlands schwimmende Wehr. In dieser Abteilung werden Broschüren, Flugblätter und fertige Artikel verfasst, die an Zeitungen und die offizielle Nachrichtenagentur des Reiches verschickt werden. Abgesandte des Marineamtes halten öffentliche Vorträge, jüngere Offiziere besuchen Schulen, hohe Offiziere Politiker. Tirpitz selbst sucht den alten Bismarck auf und kann ihn an einem langen Nachmittag 1897 zu einer wenigstens halbherzigen Unterstützung der Marinerüstung überreden. Andere Besuche gelten dem König von Sachsen, dem Prinzregenten von Bayern, den Großherzögen von Baden und Oldenburg, den Senaten der Hansestädte.

Als ein Lebertran-Fabrikant, vom Marine-Enthusiasmus ergriffen, 1898 den Deutschen Flottenverein gründet, um im Volk für die Hochrüstung zur See zu werben, verweigern ihm Berliner Banken die Finanzierung. Daraufhin interveniert Friedrich Alfred Krupp (dessen Unternehmen Stahl und Geschütze für die zukünftigen Schlachtschiffe liefern soll) und schießt das Geld zu. 1914 hat der Flottenverein mit den ihm angeschlossenen Verbänden über eine Million Mitglieder, vor allem Kleinbürger. Mit ihm gewinnt Tirpitz einen lärmenden, rabiaten Verbündeten. Als das Gesetz über die Größe der Kriegsflotte 1898 im Reichstag verhandelt wird, hat Tirpitz seine parlamentarischen Helfer geschickt in Stellung gebracht: Vor allem National- und manche Linksliberale, die auf die anschwellende Begeisterung im Bürgertum blicken und sich von Überseekolonien Profite erhoffen, stimmen für den von ihm vorgelegten Gesetzesentwurf. Auch das katholische Zentrum votiert als Zeichen seiner staatstragenden Rolle dafür.

Und so verabschiedet der Reichstag am 10. April 1898 das wohl erstaunlichste und monströseste Vorhaben des Kaiserreiches. Tirpitz, bis dahin Herr über einige altersschwache Panzerschiffe und ein paar leichte Kreuzer, will 17 Schlachtschiffe kommandieren, vier Küstenpanzerschiffe, sechs schwere und 16 leichte Kreuzer, dazu für die kolonialen Gewässer drei weitere schwere und zehn leichte Kreuzer. Und zwei Schlachtschiffe, drei schwere und vier leichte Kreuzer als „Reserve“. Insgesamt 65 Schiffe. Und das alles innerhalb der nächsten sechs Jahre. 409 Millionen Mark bewilligt der Reichstag dafür – und stimmt auch gleich seiner eigenen Entmachtung zu. Denn bis zu diesem Zeitpunkt ist jeder Etat, auch der des Militärs, Jahr für Jahr im Parlament neu festgelegt worden. Tirpitz hat seine Vorlage aber so formuliert, dass nach einer Dienstzeit zwischen 15 und 25 Jahren automatisch Ersatzschiffe gebaut werden.

Tirpitz nutzt die Gunst des Augenblicks: Nur zwei Jahre später präsentiert er dem Reichstag eine weitere Vorlage. Ziel: zwei zusätzliche Geschwader mit insgesamt 16 Schiffen zu bauen. Auch dieser Etat passiert das Parlament. Im Jahr 1900 bekommt Tirpitz endlich die Flotte, von der er träumt – eine Flotte, viel zu groß zum Schutz der deutschen Küsten und viel zu kohlefressend zur Verteidigung der Kolonien in Afrika, China oder im Pazifik. Ihr einziges Ziel: Großbritannien.

**BLOHM &amp; VOSS IST WIEDER DABEI.** Kurz nach Verabschiedung der ersten Flottenvorlage erhält die Hamburger Werft den Auftrag zum Bau eines der bis dahin mächtigsten Schlachtschiffe der Welt: Die „Kaiser Karl der Große“ läuft am 9. Januar 1902 aus. Ein grauer Koloss, über 125 Meter lang, 13 658 PS, 17,5 Knoten, vier 24-cm- und 42 kleinere Geschütze.

Dennoch ist die Marine nicht ganz zufrieden: „Für die nicht entschuldigte Lieferungsverspätung von 71/2 Wochen ist die Preisermäßigung gemäß § 21,1 des Bauvertrages mit 7 x 5000 M = 35 000 M fällig“, schreibt ein Offizier des Reichsmarineamtes. Und lässt die Summe „gelegentlich der Anweisung zur Zahlung der Schlussrate zur Einziehung gelangen“. Die Werft bemüht sich dennoch um weitere Flottenaufträge. Die Herren Blohm und Voss persönlich schreiben Gesuche ans Marineamt. Schließlich haben sie für das Schlachtschiff extra die Dockanlagen erweitert und die Kräne verstärkt. Die neuen Anlagen müssen ausgelastet werden. So entfaltet sich auch hier, ähnlich wie im Parlament, eine Dynamik, die hindrängt zu einer größeren und immer noch größeren Flotte.

Tirpitz und seine Mitstreiter haben längst die innenpolitische Bedeutung des Flottenbaus erkannt. Etwa mit Blick auf die Arbeiterschaft können die riesigen Schiffe, anders als etwa eine Kompanie Infanteristen, doch Stolz, Patriotismus, Loyalität auslösen, also alle Menschen gefühlsmäßig enger ans Kaiserreich binden. (Auch da ist er sich mit Ballin einig, der Arbeitskämpfe notfalls mit englischen Streikbrechern zerschlägt und Sozialdemokraten, Konservative und Klerikale gleichermaßen verachtet: „Die Republikaner sind mir widerlich.“)

Zudem müssen all die Schlachtschiffe gebaut, bemannt, gewartet werden: Das Tirpitzsche Flottenprogramm ist eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für mehrere 10 000 Mann. Davon profitiert auch das Bürgertum. Die Flottenbegeisterung birgt für die Söhne von Ladenbesitzern und Notaren, von Händlern und Lehrern zuvor unvorstellbare Karrierechancen. Das Heer ist notorisch dünkelhaft – fast alle höheren Offiziersstellen sind noch immer mit Adeligen besetzt. Die Marine aber, neu und ohne Traditionen, öffnet sich dem Mittelstand.

1910, als die Flotte langsam Realität wird, entstammen zwei Drittel aller Seeoffiziere dem Bürgertum. Ein Kapitän zur See verdient im letzten Friedensjahr 17 000 Mark im Jahr, mehr als das Anderthalbfache dessen, was Ballin anfangs bei der Hapag gezahlt worden ist. (Was nicht heißt, dass nicht auch die Handelsschifffahrt Karrieren für Bürgerliche und Arbeiter bietet: 1913 kann ein Kapitän der Hapag bis zu 8000 Mark per anno verdienen, ein Oberkoch auf einem Luxusdampfer 6000, ein Heizer noch 1200 – der Durchschnittslohn eines Arbeiters beträgt 1163 Mark.)

Auch Tirpitz erlebt das Ideal der bürgerlichen Karriere im wilhelminischen Reich: Der Assessorensohn wird Admiral, Berater des Kaisers und, am 1. Januar 1900, in den Adelsstand erhoben. Das ist die eigentliche Ursache dafür, dass der Tirpitzsche Traum der Riesenflotte in Erfüllung geht: Sie bietet Prestige und Karrieren fürs Bürgertum – jener Schicht, die das Kaiserreich wirtschaftlich trägt, politisch aber weitgehend ausgeschlossen bleibt. Hier kann der Bürger sogar dem Adel befehlen.

Als ein junger Adelsspross, im Vertrauen auf seinen guten Namen, Tirpitz einmal auf seine Karrieremöglichkeiten anspricht, blickt dieser ihn an und entgegnet: „Sie haben ziemlich weiße Hände für jemanden, der einen Kreuzer kommandieren will.“ Wo sonst hätte sich ein Beamtensohn so etwas gegenüber einem Adeligen herausnehmen können? Doch der Traum des Bürgertums wird zum Albtraum der Diplomaten.

**GROSSBRITANNIEN SIEHT** nicht tatenlos zu, wie seine Vormacht zur See herausgefordert wird – und das ist der fatale Irrtum der deutschen Marineleitung. Tirpitz unterschätzt die wirtschaftlichen, technischen und diplomatischen Möglichkeiten Londons.

Die Royal Navy rüstet ebenfalls auf. Die Kosten zahlt der britische Steuerzahler durch direkte Abgaben von seinem Lohn. Im Deutschen Reich dagegen sind die konservativen Junker vehement gegen die Einführung der Einkommensteuer. Deshalb muss die Flotte – wie auch das immer stärker hochgerüstete Heer – aus indirekten Abgaben, etwa auf Sekt und Tabak, finanziert werden. Das aber reicht nicht. Das Reich beginnt, sich zu verschulden. 1908 bereits beträgt das Haushaltsdefizit eine halbe Milliarde Mark.

Dann sticht 1906 in England die „Dreadnought“ in See, ein revolutionäres neues Schlachtschiff mit überlegener Panzerung und Bewaffnung. Mit einem Schlag sind alle bisherigen schwimmenden Festungen veraltet, selbst jene, die noch auf den Werften fertig gebaut werden. Die Hunderte von Millionen Mark teure Tirpitzsche Flotte ist – wertlos. Der deutsche Admiral reagiert sofort und peitscht 1906 eine dritte, 1908 eine vierte und 1912 eine fünfte Flottenvorlage durch das Parlament: Das Reich wird ebenfalls Schiffe der Dreadnought-Klasse bauen, um die Hälfte teurer als die bisherigen Typen. Das maritime Wettrüsten gerät gänzlich außer Kontrolle: Zeitweise investiert Deutschland, obwohl es ein riesiges Heer hat, mehr als die Hälfte seiner Militärausgaben in die Flotte. Und doch bleibt Großbritannien stets um ein paar Schiffe überlegen.

Zudem suchen sich die Briten neue Verbündete. Eine Entwicklung, die aber weder Tirpitz noch die höchsten Politiker in Berlin sonderlich ernst nehmen. 1903 verkündet Reichskanzler von Bülow, man könne Londons diplomatische Ouvertüren „gar nicht pomadig genug nehmen“. Umso größer der Schock, als sich London mit den alten Rivalen Frankreich und Russland verständigt. Für die Flotten bedeutet dies, dass die Royal Navy viele Einheiten aus dem Mittelmeer abziehen kann (das fortan von den Franzosen überwacht wird), um sie nahe der deutschen Hochseeflotte zu stationieren.

Spätestens um 1910 ist klar, dass der Tirpitzsche Plan einer den Briten gleichwertigen Flotte gescheitert ist. Doch niemand reißt das Steuer herum. In der Marine hat der Admiral längst alle Kritiker mundtot gemacht. Der Kaiser ist begeistert von „seinen“ Schiffen. Der Flottenverein agitiert. Die Bürger machen auf den Schiffen Karriere. Und die Werften, die Waffenschmieden, die Stahlkocher, die Kohlezechen: Alle profitieren von den schwimmenden Festungen.

**ZU DEN WENIGEN** Mahnern gehört Albert Ballin. Der ist zwar patriotisch und kaisertreu, aber er weiß, dass ein Seekrieg mit Großbritannien Deutschlands Handelsschifffahrt schlagartig beenden würde. Die unbewaffneten Dampfer würden von der überlegenen Royal Navy auf offener See gestellt, oder sie müssten sich in Häfen verstecken. Die Hapag, sein Lebenswerk, wäre ruiniert. Spätestens ab 1909 ist Ballin krank vor Sorgen. Magen- und Nervenprobleme plagen ihn, er schluckt in großen Mengen Bromwasser und Veronal. Immer wieder reist er nach London – mal im Auftrag des Kaisers, mal auf eigene Initiative – und konferiert dort mit dem Außenminister und einflussreichen Bankiers. Noch zwei Wochen vor Kriegsbeginn trifft er Winston Churchill, den Ersten Lord der Admiralität.

Die Briten zeigen sich durchaus bereit, das ruinöse Wettrüsten zu beenden. Doch in Berlin hintertreibt Tirpitz jeden möglichen Kompromiss. Er will seine Flotte haben, und sei es um den Preis eines Weltkrieges. Für den „Flaumacher“ Ballin hat er nur Verachtung. Und der Kaiser? Was Wilhelm II. von Ratgebern – ob Ballin oder anderen – hält, verrät eine Notiz aus seiner Hand neben einem diplomatischen Schriftstück: „In Meiner Praxis werde Ich Mich aber für später nur auf Gott und Mein scharfes Schwert verlassen und berufen! Und scheiße auf die ganzen Beschlüsse!“ Im August 1914, als Deutschland euphorisch in die Völkerschlacht taumelt (siehe Seite 168), gesteht Ballin resigniert: „Ein Verbrechen. Der dümmste und blutigste Krieg, den die Weltgeschichte gesehen hat.“

**20 MODERNE SCHLACHTSCHIFFE** und vier Schlachtkreuzer der Royal Navy liegen im Sommer 1914 in der Basis Scapa Flow auf den Orkney-Inseln. In Wilhelmshaven, kaum zwei Tagesfahrten entfernt, dümpeln 13 deutsche Schlachtschiffe und drei Schlachtkreuzer. Und nichts geschieht. Einmal, 1916, treffen sich die beiden Flotten zur unentschiedenen Seeschlacht vom Skagerrak, ansonsten liegt vor allem die Tirpitzsche Flotte die meiste Zeit untätig im Hafen. Zu groß ist die Sorge des Kaisers, seine teuren Schiffe könnten Schaden nehmen. Die einzige Aufgabe, für die diese Armada je gebaut worden ist – die große Entscheidungsschlacht –, wird nie in die Tat umgesetzt. Die Flotte ist völlig nutzlos.

Und im Oktober und November 1918 sind es dann ausgerechnet die Matrosen der Schlachtschiffe, die meutern, die rote Flagge hissen und die Revolution nach Deutschland tragen. Da ist Tirpitz schon entmachtet. 1916 wird der Admiral, der sich schon zu dieser Zeit energisch für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg einsetzt, vom Kaiser zum Rücktritt gezwungen. Nach Kriegsende schreibt er seine Memoiren, zieht für die rechtsextreme DNVP in den Reichstag ein und stirbt 1930 in Bayern, weitab vom Meer.

Albert Ballin aber will nicht mehr leben. Das Kaiserreich ist dahin, die Hapag ruiniert. Während sich der Herrscher und sein Hof, die Prinzen, die Herren Offiziere ins Exil oder Privatleben davonmachen, bleibt der von vielen von ihnen verachtete „Krämer“ und „jüdische Parvenü“ in seinem Büro, bis dort die roten Fahnen wehen. Am 9. November 1918, wenige Stunden, bevor sein Kaiser für immer in die Niederlande flieht, nimmt er Gift und stirbt.

Selbstverständlich sind später Schiffe nach den zwei größten Flottenbauern benannt worden. Die „Tirpitz“ wird 1939 eines der beiden mächtigsten Schlachtschiffe, die Nazi-Deutschland je vom Stapel lässt. Ein kongenialer Name – denn auch diese schwimmende Festung ist wie die wilhelminische Wunschflotte: gigantisch und nahezu wirkungslos. 1944 wird das Schlachtschiff von britischen Bombern versenkt, nachdem es sich die meiste Zeit in norwegischen Fjorden versteckt hat. 1923, nach mühsamem Nachkriegsaufbau, schickt die Hapag ihren ersten Luxusdampfer über den Atlantik und tauft ihn „Albert Ballin“. 1935 aber muss der Liner in „Hansa“ umbenannt werden – NS-Funktionäre hatten sich beim Direktor der Reederei über den „Passagierdampfer mit jüdischem Namen“ beschwert.

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt;

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt; Rademacher, Cay: Flottenpolitik. Mit Volldampf in den Untergang, in: Deutschland um 1900. Von Bismarck bis Wilhelm II. Aufstieg und Fall des Kaiserreichs (GEO Epoche Jg. 2004, Heft Nr. 12), Hamburg 2004.

-&gt;

-&gt;

# Außenpolitik Bismarcks



# Der Berliner Kongress 1878

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Der Berliner Kongress 1878

##### 1. Der Berliner Kongress 1878

<section class="container" id="bkmrk-der-balkan-war-in-de">Der Balkan war in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine kaum kalkulierbare Gefahrenquelle für den europäischen Frieden. Ein im Juni 1875 in Bosnien begonnener Aufstand gegen die türkische Herrschaft erfasste im Mai 1876 Bulgarien und bald darauf die gesamte Balkanhalbinsel. In den Konflikt gerieten auch die europäischen Mächte. Russland verstand sich als Schutzmacht der orthodoxen Christen im Machtgebiet des Osmanischen Reichs, zugleich drängte auch die nationalistische, panslawistische Bewegung das Zarenreich zu einem militärischen Vorgehen, um die türkische Herrschaft zurückzudrängen. Am 14. April 1877 erklärte Russland der Türkei den Krieg, Ende Januar 1878 standen russische Truppen vor Konstantinopel.

</section><section class="container" id="bkmrk-anfang-m%C3%A4rz-1878-mus">Anfang März 1878 musste das Osmanische Reich in San Stefano einen harten Frieden unterschreiben: Serbien, Montenegro und Rumänien wurden durch türkische Gebietsabtretungen vergrößert und unabhängig; Bulgarien, um Ostrumelien und Mazedonien zu einem großbulgarischen Fürstentum erweitert, erhielt Zugang zum Ägäischen Meer und geriet unter russischen Einfluss. Damit eröffnete sich für Russland der Zugang zum Mittelmeer.

Großbritannien, das um das Mächtegleichgewicht in Europa fürchtete, und Österreich-Ungarn, das den wachsenden russischen Einfluss an seiner südlichen Flanke mit Sorge betrachtete, protestierten scharf gegen die Machtausweitung Russlands. Als britische Flottenverbände ins Marmarameer einliefen und ein Zusammenstoß mit Russland unmittelbar bevorzustehen schien, schlug der österreichisch-ungarische Außenminister Gyula Andrássy (1823-1890) einen Kongress zur Regelung aller strittigen Fragen auf dem Balkan vor. Da das deutsche Kaiserreich auf dem Balkan keine Interessen hatte und Reichskanzler [Otto von Bismarck](https://www.dhm.de/lemo/biografie/otto-bismarck) sich im Februar 1878 vor dem Reichstag bereit erklärt hatte, als "ehrlicher Makler" einen Friedenskongress zu leiten, einigten sich die Großmächte auf Berlin als Tagungsort.

Am 13. Juni 1878 eröffnete Bismarck den Berliner Kongress. Jeweils zwei führende Politiker der europäischen Großmächte und aus der Türkei waren nach Berlin gereist: Andrássy und Heinrich von Haymerle (1828-1881) für Österreich-Ungarn, Benjamin Disraeli (1804-1881) und [Robert Arthur Salisbury](https://www.dhm.de/lemo/biografie/lord-robert-arthur-salisbury) für Großbritannien, Alexander Gortschakow (1798-1883) und Peter Schuwalow (1830-1903) für Russland, William Henry Waddington (1826-1894) und Paul Desprez für Frankreich, Alexander Carathéodory und Mehmed Ali für die Türkei. Die in Berlin akkreditierten Botschafter dieser Länder nahmen als weitere Bevollmächtigte an den Verhandlungen teil. Italien war mit nur zwei Bevollmächtigten vertreten: Luigi Corti (1823-1888) und Eduardo de Launay. Zur deutschen Delegation zählten neben Bismarck der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Bernhard Ernst von Bülow (1815-1879), und [Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst](https://www.dhm.de/lemo/biografie/chlodwig-fuerst-zu-hohenlohe-schillingsfuerst).

Der Kongress rückte die Reichshauptstadt in das Rampenlicht der internationalen Öffentlichkeit. Bis auf Disraeli sprachen die Kongressteilnehmer in den Hauptverhandlungen französisch. Diese Verhandlungen fanden im Reichskanzlerpalais statt, dem vormals Radziwillschen Palais. Zu kleineren Gesprächsrunden traf man sich auch in den Salons der Reichskanzlei, im Auswärtigen Amt, in den Botschaften der beteiligten Mächte und in namhaften Berliner Hotels. Ergebnis der Verhandlungen war der am 13. Juli 1878 unterzeichnete Berliner Vertrag, der den Frieden von San Stefano zu ungunsten Russlands revidierte. "Groß-Bulgarien" wurde aufgeteilt in das zwar autonome, formal aber unter osmanischer Herrschaft stehende Fürstentum Bulgarien, die Provinz Rumelien und das osmanische Mazedonien. Die Unabhängigkeit von Rumänien, Serbien und Montenegro wurde anerkannt. Österreich-Ungarn erhielt gegen den Protest der Türkei das Recht, Bosnien und die Herzegowina zu besetzen, um den russischen Machtzuwachs auf dem Balkan auszugleichen.

Weil Bismarck auf dem Kongress darauf verzichtete, für Deutschland Vorteile zu erzielen, erwarb er sich insbesondere die Hochschätzung der britischen Delegation. Bismarck und der in England populäre Premier Disraeli hatten sich zunächst skeptisch gegenüber gestanden. Die anfängliche Ablehnung schlug jedoch bald in Sympathie um: Die "Illustrated London News" sprachen von "Dizzy" (Disraeli) und "Bizzy" (Bismarck). Der deutsche Reichskanzler erwarb sich in London nachhaltig den Ruf eines vertrauenswürdigen Außenpolitikers. Anders urteilten der russische Staatskanzler und Außenminister Gortschakow und die russische Öffentlichkeit: Sie machten Bismarck für die Preisgabe ihres "Siegfriedens" von San Stefano verantwortlich. Schuwalow, russischer Botschafter in London und zweiter Bevollmächtigter Russlands in Berlin, dem Bismarck auf dem Gemälde von [Anton von Werner](https://www.dhm.de/lemo/biografie/anton-von-werner) über die Schlusssitzung freundschaftlich die Hand drückt, urteilte darüber weniger drastisch. Über die guten Beziehungen Bismarcks zu Schuwalow war Gortschakow, der die Ergebnisse des Berliner Kongresses später als seine größte diplomatische Niederlage bewertete, verärgert. Er torpedierte die weitere Karriere Schuwalows. Die deutsch-russischen Beziehungen verschlechterten sich nach Juli 1878 merklich.

<div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk-"></div></div></div></section>##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Asmuss, Burkhard: Der Berliner Kongress, in: lemo, online verfügbar seit 08.06.2011 unter: [https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/berliner-kongress-1878](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/berliner-kongress-1878), zuletzt geprüft am 12.01.2026.

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt;

-&gt;

-&gt;

# Gesellschaft der Wilhelminischen Ära



# Adel und gehobenes Bürgertum

#### Inhaltsverzeichnis

1. Kleine Geschichte der Kotze-Affäre, eines Sexskandals am Kaiserhof
2. Das Bürgertum. We immer strebend sich bemüht.

##### 1. Kleine Geschichte der Kotze-Affäre, eines Sexskandals am Kaiserhof

Adel, Sex und Schlittenfahrt – wie ein frivoler Ausflug das wilhelminische Berlin erschütterte und den ehrenwerten Namen eines Mannes befleckte, erzählen unsere Kolumnisten.

Es ist Januar im Jahr 1891. Einige Mitglieder des kaiserlichen Hofs begeben sich auf eine Schlittenfahrt in Berlin. Die illustre Gesellschaft, darunter der Schwager und der Zeremonienmeister von Kaiser Wilhelm II., vergnügt sich, bis die Dämmerung hereinbricht. Es wird beschlossen, die Nacht im pittoresken Jagdschloss Grunewald zu verbringen.

Die 15 Anwesenden speisen fürstlich zu Abend, der Champagner fließt in Strömen, bis zu fortgeschrittener Stunde die Stimmung so ausgelassen wird, dass nicht nur Hemmungen, sondern auch Kleidungsstücke fallen. Schnell kommt man sich näher, bis das Ganze schließlich in einer veritablen Orgie endet. Am nächsten Tag bricht die Runde wieder auf. Und ein jeder und eine jede gehen davon aus, dass die vergnüglichen Stunden des Vorabends im Dunkel der Vergangenheit verborgen bleiben. Doch weit gefehlt.

**Skandalbriefe machen die Runde**

Es entfaltet sich ein handfester Sexskandal um den Kaiserhof. [Die Ereignisse hat unter anderem der Historiker Wolfgang Wippermann in seinem Buch »Skandal im Jagdschloss Grunewald« dargelegt](https://books.google.nl/books/about/Skandal_im_Jagdschloss_Grunewald.html?id=EcTcSAAACAAJ). Denn schon einen Tag später erhalten nicht nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schlittenfahrt, sondern auch weitere Mitglieder des kaiserlichen Hofs Post. Es sind Briefe, in denen die Vorkommnisse jener Nacht nicht nur bis ins kleinste Detail geschildert werden, sie sind sogar teils mit pornografischen Zeichnungen versehen. Und wer bei dem ausschweifenden Stelldichein mitgemischt hat, ist mit Namen genannt.

Darunter Ernst Günther von Schleswig-Holstein (1863–1921), der Bruder der Kaiserin. Sein Spitzname »Herzog Rammler« bezeugt, dass er generell sexuellen Eskapaden nicht abgeneigt ist. Auch das Ehepaar von Hohenau steht auf der Liste – und Hohenau-Gattin Charlotte von der Decken (1863–1933) erhält in den Briefen die Bezeichnung »Lottchen von Preußen«. Lottchen galt damals als abwertender Ausdruck für eine Prostituierte.

Schnell findet der Inhalt der Briefe den Weg in die Öffentlichkeit. Nicht zuletzt, weil es am Hof üblich war, dass die Post, bevor sie an den Frühstückstisch kam, von Bediensteten geöffnet, gelesen und sortiert wurde.

Für die Betroffenen ist die Angelegenheit nicht nur peinlich, sondern auch brandgefährlich. Denn in den Briefen werden unter anderem homosexuelle Handlungen beschrieben, die zu jener Zeit noch mit bis zu zehn Jahren Haft unter Strafe standen. Und obwohl Mitglieder des Hofstaats eine Sonderstellung im Kaiserreich innehaben, sie also nicht mit denselben drakonischen Strafen wie der Rest der Bevölkerung rechnen müssen, sind die Briefe allemal ehrenrührig. Und die Ehre zu verlieren, das konnte in einer adeligen Stellung sehr reale und sehr drastische Folgen haben, wie die folgenden Jahre zeigen sollten.

**Erst ein Fall für die Polizei, dann einer für die Selbstjustiz**

Um der Schmach und den eventuellen Folgen zu entgehen, setzen die Beteiligten alles daran, die für die Briefe verantwortliche Person ausfindig zu machen. So wird Kommissar Eugen von Tausch auf den Fall angesetzt. Doch obwohl er sich selbst illegaler Methoden bedient, verlaufen seine Ermittlungen im Sand. Einer seiner Hauptverdächtigen, der oben erwähnte »Herzog Rammler«, verbündet sich daraufhin mit anderen Betroffenen, um auf eigene Faust den Schuldigen zu ermitteln. Schon bald haben sie einen Verdächtigen ausgemacht: den Zeremonienmeister des Kaisers, Leberecht von Kotze (1850–1920).

<div class="collapse row" id="bkmrk-%C2%A9-alamy-%2F-svintage-a" style="text-align: justify;"><div class="columns small-12"><figure class="image image__article"><div class="img-wrapper th__2000">![Leberecht von Kotze (1850–1920)](https://static.spektrum.de/fm/912/f2000/2E07GFF_Alamy.jpg "Leberecht von Kotze (1850–1920)")</div><figcaption><div class="row"><div class="columns small-12"><div class="image-copyright">© ALAMY / SVINTAGE ARCHIVE (AUSSCHNITT)</div><div class="collapse row"><div class="columns image-text small-12">Leberecht von Kotze (1850–1920) | ... war ein preußischer Zeremonienmeister am Hof des deutschen Kaisers. In der nach ihm benannten Kotze-Affäre wurde er zu Unrecht verdächtigt, skandalträchtige Briefe aufgesetzt und verbreitet zu haben.</div></div></div></div></figcaption></figure></div></div>Von Kotze war zwar bei Kaiser Wilhelm II. beliebt, doch innerhalb des Hofstaats hatte er einen schlechten Stand. Ihm wurde nachgesagt, ein Lästermaul zu sein, auch seine Vorliebe für elegante Kleidung sorgte für Missfallen.

Um von Kotze die Schuld zuzuschieben, entwendet man aus seinem Haus Löschblätter. Und auf einem zeichnet sich dann doch tatsächlich das Wort »Lottchen« ab. Ein Grafologe wird hinzugezogen, der zu dem Schluss kommt, dass die Abdrücke den »Eindruck der Absichtlichkeit« vermitteln. Höchstwahrscheinlich handelt es sich also um eine Fälschung. Dennoch schafft es die Gruppe, den Kaiser von der Schuld von Kotzes zu überzeugen. So wird der Zeremonienmeister am 17. Juni 1894 – mehr als zwei Jahre nach dem Auftauchen der ersten Briefe – vom Chef des Militärkabinetts verhaftet.

**Für eine Schuldzuweisung fehlen Beweise**

Doch die Anklage steht auf wackligen Beinen. Vor allem weil der Grund der Verhaftung – verleumderische Beleidigung und Verbreitung unzüchtiger Schriften – nach einer Anklage vor einem ordentlichen Gericht verlangt. Von Kotze soll allerdings vor einem Militärgericht angeklagt werden. Das ist aber nicht möglich, weil er Rittmeister außer Dienst ist. Kurzerhand wird er wieder aktiviert, vom Rittmeister a. D. zum Rittmeister z. D. (zur Disposition) gemacht.

Allerdings schwindet die Glaubwürdigkeit der Anklage, da weitere obszöne Briefe über die Schlittenfahrtgesellschaft auftauchen – obwohl von Kotze in Haft ist. Letztlich wird der beschuldigte Zeremonienmeister aus dem Gefängnis entlassen.

Doch für den Kaiser ist die Sache noch nicht vorbei. Er setzt eine Untersuchungskommission ein, die von Kotzes Schuld beweisen soll. Diesem reicht es nun aber. Er nimmt sich einen Anwalt und geht an die Öffentlichkeit. Der gesamte Skandal gelangt an die Presse. In Zeitungsberichten beschuldigt von Kotze diejenigen, die ihn verurteilt sehen wollten.

Das Bürgertum ist empört, der Kaiserhof bloßgestellt. Die Schmach ist derart verletzend, dass einer der Widersacher, Karl Freiherr von Schrader (1848–1896), von Kotze zum Duell fordert. Dieser nimmt an. Das Schießgefecht endet ohne Sieger und Verletzte. Nachdem von Kotze dann in einem weiteren Prozess vor dem Militärgericht freigesprochen wird, lenkt auch der Kaiser ein. Er akzeptiert von Kotzes Unschuld und verlangt eine Entschuldigung von jenen, die diesen zu Unrecht beschuldigt hatten. Die meisten Ankläger leisten Folge, doch drei weigern sich, darunter Freiherr von Schrader. Von Kotze, der nun wiederum seine Ehre verletzt sieht, fordert alle drei zum Duell.

**Wieder soll ein Duell die Ehre wiederherstellen**

Einer der drei tritt schließlich am 13. April 1895 gegen von Kotze an. Der wird am Bein verletzt, und obwohl Duelle damals verboten sind, schickt der Kaiser ihm Genesungswünsche ins Krankenhaus. Für Schrader ist die Sache aber noch nicht vorbei. Er fordert von Kotze einige Monate später wieder heraus. Am Ende ist Schrader tot und von Kotze im Gefängnis. Wegen Totschlags wird er zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Einige Monate später begnadigt ihn der Kaiser jedoch. Der Zeremonienmeister zieht sich auf sein Anwesen zurück, wo er den Rest seines Lebens verbringt.

Der Skandal schadet dem Ansehen des kaiserlichen Hofstaats. Nicht nur wegen der moralischen Verfehlungen, auch die Austragung von eigentlich verbotenen Duellen sorgt für Aufruhr in der Bevölkerung. Die Tatsache, dass der Kaiser die Duelle billigte, mündet schließlich in einen parlamentarischen Antrag durch die Sozialdemokraten. Sie fordern das Kaiserhaus auf, sich stärker gegen die illegale Praxis einzusetzen.

Was zwischen all den Versuchen, verlorene Ehre wiederherzustellen, in den Hintergrund rückt, ist die Frage, wer nun tatsächlich für die Briefe verantwortlich ist. Eine Theorie der Historiker besagt, dass vielleicht der Schwager des Kaisers selbst die Briefe verfasst hatte, mit der Hilfe von Komplizen. Doch obwohl heute noch mehr als 200 dieser Briefe im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz lagern, ließ sich bislang nicht sicher beantworten, wer tatsächlich hinter den skandalösen Schreiben steckt.

##### 2. Das Bürgertum. Wer immer strebend sich bemüht. 

Prunkvolle Inneneinrichtung, tadellose Körperhaltung, repräsentative Familie: Das Bürgertum müht sich stets um Status und Ansehen. So auch die Kaufmannsdynastie Mann aus Lübeck. Aber 1901 veröffentlicht Sohn Thomas Mann seinen Roman »Buddenbrooks« – und zeigt darin Abgründe hinter herrschaftlichen Fassaden Wenn nun doch alles vergeblich ist? Wenn der Abstieg jederzeit drohen kann. Wenn die Anstrengungen nichts mehr nützen. Die Selbstdisziplin. Die Tüchtigkeit. Wie schnell das gehen kann! Noch schneller als der Aufstieg.

Nehmen wir die Familie Mann aus Lübeck. Sie hatte es doch schon geschafft. Hatte etwas gewagt, das Schicksal in die eigene Hand genommen, der erste von ihnen war am Ende des 18. Jahrhunderts aus Rostock nach Lübeck gekommen und hatte hier ein Handelshaus gegründet: „Johann Siegmund Mann, Commissions- und Speditionsgeschäfte“, bald eine erste Adresse im internationalen Getreidehandel.

Übernimm die Verantwortung für dich selbst, mach etwas aus deinem Leben, entfalte deine Persönlichkeit und deine Individualität, hatten die Aufklärer gerade erst gerufen – und die Familie Mann und all die anderen selbstbewussten und fortschrittswilligen Bürger waren an die Arbeit gegangen. Manche hatten sich irgendwann kunstvoll bestickte Deckchen in die Wohnungen gehängt mit der Selbstverwirklichungsformel des angebrochenen bürgerlichen Zeitalters: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“

Fast jeder. Nicht dass die Verheißungen und Verpflichtungen der Aufklärung für alle gegolten hatten. Nicht dass die Ständegesellschaft plötzlich abgeschafft gewesen war. Noch immer regierten Fürsten und Könige, und der Rest des Adels saß fest auf seinen Schlössern und Gütern, eingemauert in die Geschichte und in die Herkunft, eingehüllt in die Gewissheit der ewigen Kontinuität der eigenen Genealogie. Es kämpften die Bauern in ihren Dörfern ums Überleben, um den Fortbestand dessen, was ihnen in der Vergangenheit gegeben worden war. Und in den toten Winkeln der Städte verharrte hungrig das allmählich entstehende Proletariat in der drückenden Gegenwart der Tagelöhnerei.

Für die Bürger jedoch, für die Händler, die Kaufleute, die Handwerker, die Beamten, die Gelehrten in den Städten, waren, trotz gewisser Beschränkungen durch die überlieferte Ordnung, in der ersten Hälfte dieses 19. Jahrhunderts das Leben und die Zeit in Fluss geraten, und die Zukunft hatte begonnen. Die Entdeckung der Dampfkraft hatte Produktion und Handel entscheidende Impulse gegeben, die Aufklärung dem Denken eine neue Richtung. In den erfolgreichen Stadtbürgern entwickelte sich das Bewusstsein der eigenen Stärke – so nannten sie sich selbst jetzt stolz: „Bürgertum“. Und dieses Bürgertum, das sich sozusagen selbst erschaffen hatte, sollte fortan Bildung, Wissenschaft, Sozialleben, Kultur durch seine Wertvorstellungen prägen – und, so weit nur irgend möglich, auch die Politik und die Rechtsordnung. Vor allem aber die Wirtschaft und die neuen industriellen Produktionsformen, kurz: den Kapitalismus. Karl Marx hat später die historische Modernisierungsmission des Bürgertums euphorisch gelobt.

> Viele halten Manns Buch für einen Schlüsselroman

Gleichzeitig wurden die Plätze innerhalb der Bürgergesellschaft nun immer wieder neu verteilt. Man musste sich nur immer strebend recht bemühen und frischen Mutes zugreifen. Dann konnte jeder Bürger etwas Besseres werden. Reicher. Mächtiger. Klüger. Oder womöglich eben auch etwas Schlechteres. Was Gott, falls es ihn trotz der Aufklärung noch gab, verhüten mochte.

Denn alles war möglich, Aufstieg, Abstieg, Familien, die wie die Manns in einer Generation noch fast mit nichts angefangen hatten, konnten in der nächsten schon Großhändler, Konsuln, Senatoren sein – und in der übernächsten alles verlieren. Glanzvolle Zeiten, unsichere Zeiten. „Wie gewonnen, so zerronnen“: Noch so ein beliebter Sinnspruch – den Zeitgenossen zur Mahnung auf dem abschüssigen Gelände einer allzu beweglich gewordenen sozialen Ordnung.

Noch gehörte die Familie Mann zu den Gewinnern. Sie wurde tatsächlich etwas Besseres. Erst reich. Dann mächtig. Dann klug. Und wie um dieses selbst geschmiedete Glück zu beschweren, damit es nicht wieder wegrutschen konnte, saßen ihre Mitglieder schließlich mitten in Lübeck in massigen Häusern und wuchtigen Möbeln und verzehrten mächtige Menüs, die tagelang im Magen lagen. Man war über die Jahre unaufhaltsam aufgestiegen. Inzwischen war die Familie, wie sie, der eigenen Position sicher, sagen durfte, „alteingesessen“. Jetzt konnte, durfte, sollte nicht mehr viel passieren – anhaltende Tüchtigkeit vorausgesetzt. Aber die Männer fingen an, über sich selbst nachzudenken – auch das hatten sie von den Aufklärern gelernt. Und so ist 1891 plötzlich alles vorbei.

**KURZ VOR DER** Jahrhundertwende sitzt Paul Thomas Mann, jener Sohn des Hauses, auf dem einmal die Zukunftserwartungen der Familie geruht haben, nicht im Kontor der Firma seiner Väter über Rechnungen und Aufträgen, sondern über einem Romanmanuskript mit dem Arbeitstitel „Abwärts“.

Dabei hätte doch auch er aufwärts streben und ebenfalls Kaufmann werden sollen. Großkaufmann wie der Vater, Senator Thomas Johann Heinrich Mann, wie der Vater des Vaters, Konsul Johann Siegmund Mann jun., und wie dessen Vater, Johann Siegmund Mann sen., Gründer des gleichnamigen Handelshauses: derAhnherr dieser bürgerlichen Kopie dynastischer Erbfolge, die wenigstens den Anschein der Kontinuität und Sicherheit der Adelshäuser versprach. So hatten sich die Vornamen fortgepflanzt, die Aufgaben, die Bestimmung, die Firma. Goldene Fesseln, unabweisbarer Schutz der über hundertjährigen Familientradition. Aber Paul Thomas Mann hat sie längst zerschnitten, zerstört, zerdacht, zerschrieben: aus. Er ist Schriftsteller geworden, wie zuvor schon sein älterer Bruder Luis Heinrich, die Firma hat aufgehört zu existieren und auch der strenge, rationale Patriziergeist, der sie getragen hatte.

Noch immer sieht Thomas Mann aus, als wäre nichts geschehen. Er ist kaum 25 Jahre alt, ein Foto wird gemacht, in München, wo er, in maximaler Entfernung zur Stadt seiner Väter, um die Jahrhundertwende lebt: ernster Blick, aufrechte Haltung, dunkler Anzug, eleganter Hut, steifer Kragen, sorgfältig getrimmter Schnurrbart. Äußerlich ist er ganz Bürger nach wie vor, kein Bohemien, kein Libertin, kein Salonrevolutionär wie mancher seiner schreibenden Kollegen. Aber einer wie seine Väter wird er dennoch nicht mehr werden.

Im Herbst 1901 erscheint der fertige Roman. „Buddenbrooks – Verfall einer Familie“ heißt er jetzt. Es ist *auch* die Geschichte des Verfalls der Familie Mann. So zeigt sich der hochgeschlossene Bürgersohn Thomas Mann als Entkleidungskünstler. Als Porträtist der nackten Seelen des Großbürgertums. Seiner eigenen, derer seiner Familie, derer der Mitbürger seiner Heimatstadt.

Eine beispiellose und ganz und gar unbürgerliche Indiskretion. So weit ist es gekommen mit dem Bürgertum, dem vor allem eines wichtig ist: „die Dehors zu wahren“, wie Thomas Mann selbst immer wieder schreibt, den äußerlichen Anschein. Nein, man ist nicht sehr amüsiert in diesem Herbst in Lübeck, wo selbst die kleinbürgerlichen Buchhändler noch so diskret sind, dass sie die dickleibige zweibändige Erstausgabe lieber unter dem Ladentisch verkaufen. Die „Buddenbrooks“ als Bückware – aber Schlüssellisten, wer von den weit über 400 Figuren wer ist im Roman und im wirklichen Leben, werden dennoch gleich mitgeliefert.

Allen voran und unschwer zu erkennen, Firmengründer Johann Siegmund Mann sen. als Firmengründer Johann Buddenbrook sen.; Konsul Johann Siegmund Mann jun. als Konsul Jean Buddenbrook; Senator Thomas Johann Heinrich Mann als Senator Thomas Buddenbrook, letzter Prinzipal der Firma; schließlich Thomas Paul Mann, jetzt Schriftsteller und für das Geschäftsleben bereits von Kindheit an verloren, als sensibler und künstlerisch begabter Hanno Buddenbrook, der halbwüchsig verstirbt.

Die Buddenbrooks. Die Manns. Ein paar zeitliche Verschiebungen, ein paar personelle Vertauschungen, ein paar Verdichtungen – die Unterschiede zwischen Dichtung und Wahrheit sind vor allem ästhetischer, kompositorischer Art. Aber Verfall bleibt Verfall. Und jetzt ist es ein Schiffbruch mit Zuschauern; das bürgerliche Lesepublikum mag sich daran ergötzen mit wohligem Schaudern.

Denn es ist auch *sein* möglicher Verfall, seine Gefährdung, sein innerer Widerspruch, der hier geschildert wird: Nun kann die Stadt und alle Welt die Geschichte einer Familie lesen, die von Gewandschneidern im Mecklenburgischen abstammt, zu höchsten Kaufmannsehren in Lübeck gelangt und schließlich dennoch liquidieren muss (1891 im wirklichen Leben, 1875 im Roman), nachdem der letzte der Kaufleute in der Familie gestorben und von der nächsten, der fünften Generation nichts mehr zu erwarten ist. Nennen wir diese Familie also nicht mehr die Manns, sondern die Buddenbrooks.

Und Thomas Mann beschreibt, wie dieser Verfall vor sich geht. Mitten in einer Epoche voll frenetischer Begeisterung für Technik und Fortschritt, hektischer wirtschaftlicher Aktivität und panisch ausgestellter Prosperität. Erfolg!, Erfolg!, Erfolg! – die Lust der frühen Jahre ist zum Zwang geworden, wie lange lässt sich so etwas durchhalten? Dunkle Ahnungen, Endzeitgefühle machen sich breit, kriechen in die Eingeweide der Empfindlicheren unter den Bürgern und in die Gehirne der Philosophen – und denen wird der Begriff „Décadence“ zum Schlüsselwort des sterbenden Jahrhunderts. Auf eine diffuse Weise ist nichts mehr wirklich. Echt. Verlässlich. Dauerhaft. Sinnig. Übrig ist nur das verzweifelte Bemühen, die „Hinfälligkeit mit allen Mitteln zu verstecken“, wie Thomas Mann schreibt.

Gewiss: die Familie! Die ist doch echt! Eine trotzige Behauptung, der Bürger letzte Wahrheit, Sinn des Lebens, Ersatz für die schwindenden Gewissheiten der Religion, ein „heiliges Naturverhältnis“, wie Meyers Lexikon von 1867 versichert. Die öffentliche Herabwürdigung der Ehe, etwa durch gewisse vorwitzige Frauenrechtlerinnen, kommt einer Gotteslästerung gleich und wird strafrechtlich verfolgt. Man liebt sich doch, man hält zusammen, beschützt einander gegen den Rest der Welt. Gefühle statt Zweckhaftigkeit, nichts Schöneres auf dieser Erde als dieser letzte, dieser unantastbare Rückzugsort:„ Trautes Heim, Glück allein.“ Hier ist der Mensch ganz Mensch, das aufgeklärte Individuum ganz es selbst – so soll es sein, Amen, die Bürger glauben fest daran.

Mag die Welt dort draußen noch so unübersichtlich geworden sein – die Politik!, die Wirtschaft!, die Klassengesellschaft! Die Familienwelt jedoch hat Festigkeit, Ordnung, Struktur, hier gibt es keine Plätze, die ständig neu verteilt werden, die Rollen sind von Anfang an auf Ewigkeit festgelegt.

Und wer nicht in seine Rolle passt, wird passend gemacht – für jene mehrfach lebenslängliche, Generationen übergreifende Inszenierung, die man bürgerliche Familie nennt.

Wer wollte es wagen, etwa Konsul Johann Buddenbrook, dem Familienoberhaupt und „alleinigen Inhaber der Firma“, auch nur zu widersprechen? Frauen etwa? Kinder gar? Der aufgeklärte Bürger geriert sich in seinem kleinen, privaten Reich zu Hause als absolutistischer Herrscher.

Er gibt, er nimmt. Schutz, sittliche Bildung, Erhaltung der Existenz, finanzielle Versorgung, Mitgifte, Abfindungen, Erbschaften im Tausch gegen freiwilligen Gehorsam und „mehr ängstliche Ehrfurcht als Zärtlichkeit“, wie Thomas Mann die Buddenbrooksche Tochter sagen lässt. Und der Wille des Vaters, der gleichzeitig die Firma ist, geschehe. Auch über die Kindheit hinaus. „Der ausgeprägte Familiensinn“, schreibt Thomas Mann in sein Notizbuch, „hebt den freien Willen und die Selbstbestimmung beinahe auf und macht fast fatalistisch.“

Später heiratet die Tochter praktisch widerstandslos ein reiches und vornehmes Ekel – eine scheinbar gute Partie zum Ruhm und Ansehen der Familie, des Vaters, der Firma. Der Sohn erobert immerhin eine Schönheit, die er liebt. Aber es macht sein Glück und seinen Stolz „desto größer, dass ich, indem sie mein eigen wird, gleichzeitig unserer Firma einen bedeutenden Kapitalzufluss erobere“.

**GEFÜHL UND GESCHÄFT** – das lässt sich nicht mehr auseinander halten. Das „heilige Naturverhältnis“ ist vor allem auch eine Wirtschaftsgemeinschaft, getarnt durch den Anschein häuslicher Eintracht und Geborgenheit. Die Liebe endet, wenn ein Familienmitglied seinen Beitrag zum häuslichen Bruttosozialprodukt aus Geld und Steigerung des Ansehens verweigert: Der müßiggängerische und liederliche Bruder desSenatorswirdausgestoßen; er muss den Schauplatz der zweckfreien Zuneigung verlassen. Weit weg von Lübeck mag er sein ungebührliches Verhalten pflegen, „in Hamburg oder wo auch immer“. Dort kann er dem Ruf des Hauses nicht mehr schaden.

Denn die Familie ist auch ein Verbund zur Selbstbehauptung in der Gesellschaft. Glücklich ist, wer in ihr besteht, etwas darstellt. Und etwas darstellen kann nur, wer einen glänzenden Namen und eine gut gehende Firma vorzuweisen hat. Schwierig genug – das Dasein ist ein dauernder Kampf nach diffizilen Regeln.

All die Dehors, die man unbedingt wahren muss, die Umgangsformen. Wer wann den Hut zuerst zieht. Taktgefühl, Haltung, Würde. Die großen Toiletten der Damen, die Schnüre, Knöpfe, Korsagen, die die Körper zusammenhalten. Die Sorgfalt, mit der sich Senator Thomas Buddenbrook kleidet, von Morgen zu Morgen braucht er länger. Allein die Bart-Enden immer wieder mit der Brennschere waagerecht zu ziehen ist ein Zweifrontenkrieg gegen die Bedrohungen der Außenwelt und gegen die Verödung im eigenen Innern.

„Während noch nie so volltönend von der ,freien Persönlichkeit‘ geredet worden ist“, schreibt Friedrich Nietzsche, der wichtigste Denker der Décadence, dessen Werke eifrig gelesen werden und die auch in Thomas Manns Arbeitszimmer stehen, „sieht man nicht einmal Persönlichkeiten, geschweige denn freie, sondern lauter ängstlich verhüllte Universalmenschen.“ Anstrengen sollen hatten sich die Bürger im Namen der Aufklärung, des Individualismus, des persönlichen Glücks. Jetzt sind sie nur noch angestrengt, Darsteller ihrer selbst, Schauspieler deren „ganzes Leben“, wie Thomas Mann beobachtet, „bis auf die geringste und alltäglichste Kleinigkeit zu einer einzigen Produktion geworden ist, einer Produktion, die mit Ausnahme einiger weniger und kurzer Stunden des Alleinseins und der Abspannung beständig alle Kräfte in Anspruch nimmt und verzehrt“.

> Jeder hat seine Rolle zu spielen – als Kind und als Erwachsener

Da stehen sie in künstlichen Kulissen, bereit zu täuschen, sich selbst und andere. Hier „lackierte Flügeltüren im Hintergrunde, die genau betrachtet gar keine Türen“ sind, sondern nur in Trompe-l’oeil-Technik gemalte Klinken haben. Dort der Buddenbrooksche Kamin, in dem falsche Kohlen „mit ihren Streifen von rotgoldenem Glanzpapier“ zu glühen vorgeben. Und überall unzählige, eigentlich praktische Gegenstände, die, wie das „prachtvolle Tintenfass aus Sèvres-Porzellan in Gestalt eines schwarzgefleckten Jagdhundes“, der ausgestopfte Bär als Träger einer Visitenkartenüberschale im Vestibül oder der „kleine silberne Hirsch“ auf dem Pfropfen der Weinflasche ihre profane Zweckdienlichkeit verschleiern.

Noch mögen diese Objekte sogar handwerklich gefertigt sein – aber schon lassen andere potente Bürger in ihren neu gegründeten Fabriken solche Artikel bürgerlichen Kunstgeschmacks massenweise produzieren. Bald wird daraus eine ganze Kulturindustrie entstehen. Deren fatale Macht werden die nachfolgenden Generationen zu spüren bekommen.

Das alles „putzt ganz ungemein“, wie ein in die Familie Buddenbrook eingeheirateter Hochstapler und Pleitier zu sagen pflegt, selbst ebenfalls eine Scheinexistenz. Aber die Wirklichkeit ist verschwunden, das Surrogat und das Schmuckbedürfnis triumphieren. Je mehr Plüsch, Kitsch, Theatralik, desto lieber – *horror vacui*.

Und eine aufwendig hergestellte Gegenwelt des Eklektizismus: Man isst im antikisierenden „Speisetempel“ zwischen schlanken Säulen und weißen Götterbildern; den Flur zieren „Reliefs nach Thorwaldsen“, also Kopien klassizistischer Kunstwerke, die ihrerseits die Antike kopieren – und alles zusammen stellt wiederum eine Kopie des adeligen Lebensstils dar.

Kein Wunder, dass der Zeitgenosse Friedrich Nietzsche schreibt, es gehöre „selbst zu meinem Glücke, kein Haubesitzer zu sein“. Aber Bürger wie die Buddenbrooks wollen so wohnen. Möchten zu Hause sein in ihren Gesamtkunstwerken der Statuspflege und der Eitelkeit. Falls man in diesem Zusammenhang überhaupt noch von einem „Zuhause“ sprechen kann.

„Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an“, schreibt ein 1903 in Frankfurt am Main geborener Großbürgersohn einige Jahrzehnte später: „Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit dem Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt.“

Der kurze Text des in seinen späten Jahren von Thomas Mann überaus geschätzten Philosophen Theodor W. Adorno mit dem Titel „Asyl für Obdachlose“ endet mit dem berühmt gewordenen Satz: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Aber schon den Bürgern des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist das Falsche, Künstliche, Aufgeblasene die einzige Rettung. Vor der Prosa der Arbeit, des Geldes, der Zeit. Und vor dem Verlust des eigenen Status.

Denn wenn jeder seines Glückes Schmied ist, dann wird der Mensch schnell des Menschen Wolf.

Zwar gehört die Freude am Wettbewerb, neben der an der Leistung, an Können, Fleiß, Risikobereitschaft, zur Grundausstattung der bürgerlichen Seele. Aber überall lauern existenzbedrohende Gefahren. Nicht nur wegen der Konkurrenz mit den anderen alteingesessenen Firmen oder mit Emporkömmlingen, die sich ebenfalls an die Arbeit gemacht und ihre Chance genutzt haben.

Sondern auch, weil die hochkapitalistische Gesellschaft völlig unübersichtlich geworden ist und sozial extrem differenziert. Die Anstrengungen der einzelnen Gruppen, sich voneinander abzugrenzen, die Eifersucht auf die besten Plätze und die Angst abzusteigen, sind fast unerträglich.

1859 formuliert Charles Darwin den „Kampf ums Dasein“, die Anpassung, den Selbstschutz und die Lehre von der Mimikry als Prinzipien der Evolution. Der Zeitgeist hat diese Theorie, wenn nicht hervorgebracht, so zumindest begünstigt. Und kurze Zeit später wird sie als Sozialdarwinismus auch auf die menschliche Gesellschaft übertragen.

**IM LÜBECK** der Buddenbrooks ist es jetzt schon so weit gekommen, dass ein Einzelhändler Senator werden soll. Einer aus der Mittelschicht, kaum besser als ein Handwerker oder einer dieser immer zahlreicher werdenden Angestellten, die in den Büros und Läden treue Dienste leisten. Wo doch Macht und Einfluss in der Stadt bislang dem Großbürgertum vorbehalten waren – denn ihm gehören Geld und Geist.

Das heißt, den *Wirtschafts*- oder *Besitz*bürgern gehört das Geld. Den Buddenbrooks oder den Manns, die durch Großhandel, den Krupps, die durch Industrieunternehmen, den Oppenheimers, die durch Bankgeschäfte zu Reichtum gelangt sind. Der Geist wiederum gehört den *Bildungs*bürgern, den Akademikern, Ärzten, Juristen, Architekten, Ingenieuren – gleichgültig, ob angestellt, beamtet oder freiberuflich.

Doch Wirtschafts- und Bildungsbürgertum sind nur eine verschwindend kleine Minderheit. Gerade 1,3 Millionen sind es 1907, etwa vier Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Die Kleinbürger sind weit in der Überzahl – aber auch sie machen nur 20 Prozent der Erwerbstätigen aus.

Und sie ahmen die Großbürger nach oder versuchen es zumindest. Imitieren deren ohnehin schon künstliche Lebensweise. Kleiden sich, so weit sie nicht gerade Handwerker sind, mit Stehkragen und weißen Manschetten, um jedem zu zeigen, dass sie sich die Hände nicht schmutzig machen. Feiern den Individualismus, obwohl sie abhängige Angestellte oder Beamte sind. Beschweren sich wie die Großbürger mit diesen auftrumpfenden Möbeln (auch wenn die jetzt aus der Massenproduktion kommen), damit auch sie nicht abrutschen – zu den Arbeitern, ins Proletariat, in die unkultivierte, in die schmutzige Klasse der absoluten Mehrheit.

„Stehkragenproletariat“ wird das Angestelltenheer von Sozialdemokraten spöttisch genannt, weil sich diese neue Schicht durch ihre Mimikry mit allen Mitteln nach unten abgrenzen und nach oben behaupten will.

> Konkurrenzdruck von unten: Die Kleinbürger proben den Aufstieg

Deshalb wird, wer aus der Mittelschicht auf sich hält, extremer Nationalist, um seinen Anspruch auf Bürgerlichkeit durch Anpassung und staatstragende Haltung kundzutun – denn trotz aller Ideale der Selbstbestimmung sind die deutschen Bürger, anders als etwa die französischen, schon eine ganze Weile gehorsame Untertanen.

Oder der gute Mittelständler wird Antisemit, um gegen den hemmungslosen Kapitalismus und das Großbürgertum zu rebellieren, weil auch Juden sich immer strebend recht bemüht haben, weil sie aufgestiegen und zu Geld und Einfluss in Wirtschaft und Kultur gekommen sind.

Gleichzeitig greift die Mittelschicht selbst, wenn irgend möglich, nach den Sternen. Die Tüchtigsten unter ihnen würden es schon schaffen. Zumindest ihre Söhne, die es einmal besser haben sollen, weshalb jede Anstrengung unternommen wird, sie zu bilden und womöglich gar auf die Universität zu schicken.

Auch Mittelklassekinder haben schließlich Talent, erbringen Leistung – und das ist doch wichtiger als die Geburt. So hat es sich seit der Aufklärung herumgesprochen, so hat es das Großbürgertum selbst verkündet, auch wenn es dann doch wieder den Dünkel der guten Familie pflegt – um sich seinerseits nach unten abzugrenzen.

Denn für das Großbürgertum wird es allmählich eng. Im letzten Drittel des Jahrhunderts kommt schon ein Drittel der Studenten aus der Mittelschicht. Die Bildungsbürger von morgen halten sich allerdings erst gar nicht mehr mit dem Versuch auf, den ganzen Horizont des Darüberlieferten Wissens zu überblicken. Sie werden lieber gleich Spezialisten, Pragmatiker in Sachen Krankheit, Recht oder Häuserbau.

Die generalistischen Ideale der alten Bildungsbürger schwinden dahin – während die neue Konkurrenz sich voranarbeitet, die akademischen Posten erobert und sich in die besten Kreise einschleicht. Selbst die Buddenbrooksche Tochter hatte sich schon in einen Medizinstudenten, der nur Sohn eines Lotsenwärters war, verliebt – um dann doch noch den Status zu wahren und das reiche Ekel zu heiraten.

Irgendwann nutzen womöglich auch die Dehors nichts mehr. Die Abgrenzung nach unten. Die klug kalkulierten Eheschließungen, die theatralischen Wohnungen, die wohl inszenierten Auftritte. Die Mühe. Die Arbeit, die fast zur Sucht geworden ist. Das ganze angehäufte Kapitel, das doch nur Mittel zum Zweck ist, immer noch mehr davon zusammenzuraffen. Nach noch nicht einmal einem Jahrhundert wird das Großbürgertum von den Geistern, die es einst selbst rief, allmählich aufgefressen. Von der Idee der Selbstverwirklichung, des Aufstiegs, der Rationalität, der Industrie, des Fortschritts.

Durchkommen werden die Härtesten und Skrupellosesten unter den Kapitalisten. Sie werden noch weiter aufsteigen, ihre Firmen vergrößern, reicher und reicher und reicher werden und irgendwann sogar am Tisch des Kaisers sitzen. Bürger heißen sie noch immer. Aber die Austreibung „des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches“, schreibt Nietzsche, hat längst stattgefunden. Jetzt zählen nicht mehr Liberalität und Redlichkeit, sondern Ellbogen und „allgemeine Wurstigkeit“,wie selbst Bismarck zu formulieren beliebt.

> Die Angst vor dem Abstieg verlässt den Bürger nie

Andere werden dafür untergehen. Sie werden pleite machen. Oder sie werden einfach zu müde sein für den Kampf ums Dasein.

**BEI DEN BUDDENBROOKS** stellt sich der Verfall schleichend ein. Er kommt weniger von außen, etwa durch geschäftliche Fehlschläge, als von innen. Thomas Mann lässt ihn an den Körpern fressen, ihn sich in die Gehirne setzen. Die Physis wird schwächlich, der Geist sensibel – ein klassisches Motiv der Décadence, die vom Darwinismus und den kursierenden Degenerationstheorien inspiriert ist.

Ganz langsam schwindet die Lebenskraft. Nervöse Krankheiten breiten sich aus in der Familie. Schwindelanfälle, Rheumatismus, Herzklopfen, Halluzinationen,Magenschwäche. Die Lebensdauer nimmt ab, ebenso wie die Zahl der Geburten. Von Generation zu Generation werden die Zähne schlechter. Biologisch sind die Buddenbrooks am Ende.

Ihre zunehmend verfeinerten Geister bewegen sich in gefährlichen Sphären. Die Selbstdisziplin lässt nach. Gefühlsausbrüche. Grübeln. Künstlerische Neigungen. Der Bruder des Senators dauernd im Theater, Frau und Sohn ständig an Geige und Klavier, Wagner spielen sie, ausgerechnet.

Und schließlich sogar Senator Buddenbrook persönlich, in Travemünde sinnend am Strand: „Auf der Weite des Meeres, das mit diesem mystischen und lähmenden Fatalismus seine Wogen heranwälzt“, sagt er, „träumt ein verschleierter, hoffnungsloser und wissender Blick, der irgendwo einstmals tief in traurige Wirrnisse sah.“ Das ist Schwärmerei, nicht bürgerlich, nicht rational – seine Schwester schämt sich dafür. Fremde Mächte haben diese selbstbestimmten Bürger ergriffen. Die Macht der Kunst – aus dem Jenseits des biederen Wohlgefallens. Die Macht des Nachdenkens – vor allem über sich selbst. Die Selbstreflexion haben die Bürger von den Aufklärern gelernt. Aber zu viel davon behindert das Geschäft. Und irgendwann fragt sich Senator Buddenbrook, nachdem er auch noch Schopenhauer gelesen hat, ob er ein Mann der Tat sei oder ein skrupulöser Nachdenker.

Inzwischen ist der Verfall nicht mehr aufzuhalten. Das Firmenvermögen ist dezimiert, der körperlich schwächliche Sohn Hanno lebt nur für die Musik – er wird die Firma nicht fortführen können, und auch der Senator steht vor seinem physischen und psychischen Ende. Der Tod kommt bald. Das Ende der Firma. Und noch ein Tod: der von Hanno, des letzten der Familie. Dies ist das Ende der Geschichte der Buddenbrooks, aufgeschrieben von Thomas Mann, der selbst Künstler geworden ist und sich hat bezwingen lassen von unbürgerlichen Mächten. Ein literarischer Bericht von der Krankheit zum Tode des alten, aufgeklärten Bürgertums.

**DOCH SCHON** als der Roman die „Buddenbrooks“ 1901 erscheint, regen sich Kräfte des Heils. Zunächst in der Sphäre der Kultur. So macht sich auch in der Literatur eine starke Heimatkunstbewegung breit. Sie erklärt die Décadence für undeutsch und krank und setzt eine Literatur der Scholle mit Bauernund Dorfgeschichten dagegen. Die Ideologie von Blut und Boden wird immer größeren Raum greifen.

Und bald wird der bürgerliche Geist der Rationalität, derTechnik,des Fortschritts in andere fahren. Von den kranken Bürgern geht er in gesunde, antibürgerliche Volksgenossen über. In Männer der Tat. In Spezialisten des Darwinismus. 1929 erhält Thomas Mann für die „Buddenbrooks“ den Literaturnobelpreis. Noch vier Jahre bis zur Bücherverbrennung und bis zum Exil von Thomas Mann. Noch 13 Jahre bis zur industriellen Vernichtung von Menschen im rationalen Geiste.

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Hemmer, Richard u. Meßner, Daniel: Kleine Geschichte der Kotze-Affäre, eines Sexskandals am Kaiserhof, in: spektrum.de, online verfügbar seit 01.12.2021 unter: [https://www.spektrum.de/kolumne/kleine-geschichte-der-kotze-affaere-ein-sexskandal-am-kaiserhof/1954927](https://www.spektrum.de/kolumne/kleine-geschichte-der-kotze-affaere-ein-sexskandal-am-kaiserhof/1954927), zuletzt geprüft am 10.11.2025.

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt; Riedle, Gabriele: Das Bürgertum. Wer immer strebend sich bemüht, in: Deutschland um 1900 (GEO Epoche Jg. 2004, Heft Nr. 12), Hamburg 2004.

-&gt;

-&gt;

# Leben in der Großstadt

#### Inhaltsverzeichnis

1. Lärmbelästigung um 1900. Quietschen, hupen, fauchen
2. Urbanisierung im Deutschen Reich
3. Warenhäuser
4. München um 1900. Die leuchtende Stadt
5. Heinrich Zille in Berlin. Gesichter der Großstadt
6. Industrialisierung und moderne Gesellschaft

##### 1. Lärmbelästigung um 1900. Quietschen, hupen, fauchen

"Wer gegen Lärm kämpft, muß Lärm schlagen": Der verzweifelte Versuch des Philosophen Theodor Lessing, dem modernen Großstadtgetöse den Garaus zu machen.

<header class="article-header" data-ct-area="articleheader" id="bkmrk-der-potsdamer-platz-"><div data-ct-row="headerimage"><figure class="article__media u-apart variant variant--wide" data-ct-block="image"><div class="article__media-container u-rimless"><picture>![Der Potsdamer Platz in Berlin um 1925 mit der bis heute erhaltenen Ampelanlage](https://img.zeit.de/wissen/geschichte/2013-06/s24-potsdamer-platz-berlin-2/wide__1000x562)</picture></div><figcaption class="figure__caption "><span class="figure__text">Der Potsdamer Platz in Berlin um 1925 mit der bis heute erhaltenen Ampelanlage</span> <span class="figure__copyright figure__copyright--long">© General Photographic Agency/​Hulton Archive/​Getty Images</span></figcaption></figure></div></header><div class="article-body article-body--article" id="bkmrk-wer-um-die-jahrhunde"><section class="article-page" data-page-number="1" id="bkmrk-wer-um-die-jahrhunde-1">Wer um die Jahrhundertwende zum ersten Mal nach <span class="rtr-schema-org">[Berlin](https://www.zeit.de/thema/berlin)</span> kam, der wurde durch die ungewohnte Dichte und Hektik des Verkehrs geradezu überwältigt. "Von vier Seiten elektrische Bahnen und Omnibusse, Wagen auf Wagen, ohne Pause; aus sechs, sieben Straßen Equipagen, Droschken, Automobile, Geschäftswagen, Fahrräder, kreuz und quer, in mühsam gemäßigter Hast; und dazwischen ein Gewimmel von Fußgängern, aus allen Richtungen kommend, in alle Richtungen strebend, reich und arm, alt und jung, Berlin in allen seinen Schichten", so beschrieb ein zeitgenössischer Beobachter das Treiben um den Potsdamer Platz.

Von einer Straßenseite zur anderen zu gelangen sei "ein Kunststück für den Großstädter, eine Pein für den Provinzler", bemerkte eine Neuberlinerin 1898, und sie empfand das unablässige Läuten, Klingeln und Tuten all dieser Vehikel als "ohrenzerreißend". Tatsächlich war das Anwachsen des großstädtischen Verkehrs mit einer erheblichen Zunahme des Lärmpegels verbunden. "Das ununterbrochene Rasseln der Fuhrwerke auf dem Pflaster in den Hauptverkehrsstraßen verursacht häufig ein solches Getöse", klagte ein Berliner Stadtbauinspektor 1903, "daß man sein eigenes Wort nicht mehr versteht." Da sei ihm doch "die ländliche Stille" lieber, schrieb der Dichter <span class="rtr-schema-org">[Wilhelm Busch](https://www.zeit.de/thema/wilhelm-busch)</span>, nachdem er 1902 in Frankfurt am Main den Verkehrstrubel erlebt hatte.

Schon früh äußerten sich Ärzte und Psychologen besorgt über die schädlichen Wirkungen des Straßenlärms. Häufig wurden sie mitverantwortlich gemacht für die nervösen Leiden, die um 1900 grassierten und unter dem Sammelbegriff "[Neurasthenie](http://de.wikipedia.org/wiki/Neurasthenie)" Eingang in die medizinische Diskussion fanden. Es formierte sich eine Bewegung gegen Lärmbelästigung; zu ihrem wichtigsten Vorkämpfer wurde der Kulturphilosoph [Theodor Lessing](https://www.zeit.de/schlagworte/personen/theodor-lessing/index).

Lessing, am 8. Februar 1872 als Sohn eines jüdischen Arztes in <span class="rtr-schema-org">[Hannover](https://www.zeit.de/thema/hannover)</span> geboren, hatte ursprünglich auf Wunsch des Vaters Mediziner werden sollen. Während seines Studiums in München, wo er Anschluss an die Schwabinger Boheme fand und mit kulturkritischen Feuilletons auf sich aufmerksam machte, hatte er in einer Straße gewohnt, in der es besonders laut zuging. 1901 und 1902 veröffentlichte er in der viel gelesenen Zeitschrift *Nord und Süd* zwei Aufsätze, in denen er zum ersten Mal vehement gegen die neuen Plagen des großstädtischen Verkehrs zu Felde zog.

Nachdem 1906 in New York eine Society for the Suppression of Unnecessary Noise unter der Schirmherrschaft der Millionärin Julia Barnett-Rice gegründet worden war und unter anderem in <span class="rtr-schema-org">[England](https://www.zeit.de/thema/england)</span>Nachahmer gefunden hatte, lag der Gedanke in der Luft, eine ähnliche Organisation auch im deutschen Kaiserreich ins Leben zu rufen.

Um den Schritt vorzubereiten, schrieb Theodor Lessing im März 1908 – inzwischen Privatdozent für Philosophie an der Technischen Hochschule seiner Geburtsstadt Hannover – unter dem Titel *Der Lärm*, eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens. Darin verwies er ausdrücklich auf das Beispiel Amerikas und Englands, wo "schon weit mehr auf die Hygiene des Ohrs geachtet" werde, als dies in Deutschland der Fall sei. Nichts sei für das "Nervensystem" schädlicher als der "lärmende Trubel", den die Großstädter erdulden müssten. "Vierhundertpfündige Kraftbolzen rülpsen roh daher im tiefsten Tone der Übersättigung. Schrille Pfeifentöne gellen darein. Riesenautos, Achthundertpfünder, die ›jeden Rekord nehmen‹, stöhnen, ächzen, quietschen, hippen und huppen. Motorräder fauchen und schnauben durch die stille Nacht."

Lessing beklagte jedoch nicht nur den Lärm, sondern auch die mit den neuen Verkehrsmitteln einhergehende Umweltverschmutzung: "Blaue Benzinwolken rollen mit grauenhaftem Gestank über die Dächer. Bleichen das Grün der wenigen Bäume, wandern über das kleine schmale Stückchen schmutziggrauen Himmel, das zwischen den kahlen Steinmauern irgendwo noch auftaucht. Grässliche Signale durchbrechen von Zeit zu Zeit die erstickende, bleierne Dunstschicht. Das ist die Morphologie der Stadt. Auf das stolze Zeitalter der stinkenden Steinkohlebahn und lärmenden Dampfmaschine ist die lautere und stinkendere Periode der Kraftaufspeicherungs- und Explosivmaschinen gefolgt. Der Zylindertyp weicht dem Turbinentyp, der Kohlengeruch dem Benzingestank. Niemals hat sich der Mensch mit mehr Gelärm, unter schrecklicherem Geruch über die Erde bewegt."

"Wer gegen Lärm kämpft, muß Lärm schlagen", so lautete das Motto. Am 1. November 1908 gründete Lessing den Deutschen Antilärm-Verein. Er machte sich zur Aufgabe, die deutsche Öffentlichkeit für die Risiken der Lärm- und Umweltbelastung zu sensibilisieren, um auf diese Weise Druck auf die staatlichen Behörden auszuüben. Wichtigstes Medium war das von Lessing herausgegebene und von ihm allein redigierte Mitteilungsorgan *[Der Anti-Rüpel](http://archive.org/details/DerAntirpel1.jg1908-09)* (Untertitel: "Monatsblätter zum Kampf gegen Lärm, Roheit und Unkultur im deutschen Wirtschafts-, Handels- und Verkehrsleben"). Die Zeitschrift informierte über alle Aktivitäten des Vereins, über konkrete Vorschläge zur Einrichtung von Ruhezonen ebenso wie über Fortschritte in der "Antilärm-Technik", aber auch über Beschwerden und Eingaben, Prozesse und Gerichtsurteile, Maßnahmen und Verordnungen von städtischen Verwaltungen und Polizeibehörden.

</section><section class="article-page" data-page-number="2" id="bkmrk-lessing-scheiterte-a">**Lessing scheiterte an seiner elitären Haltung**

<figure class="article__media article__item article__item--wide article__item--rimless u-apart scaled-image variant variant--wide" data-ct-block="image"><div class="article__media-container ">![Die Leipziger Strasse in Berlin Mitte der 1920er Jahre](https://img.zeit.de/wissen/geschichte/2013-06/s24-leipziger-strasse-berlin/s24-leipziger-strasse-berlin-540x304.jpg/imagegroup/wide__892x502__desktop__scale_2)</div><figcaption class="figure__caption "><span class="figure__text">Die Leipziger Strasse in Berlin Mitte der 1920er Jahre</span> <span class="figure__copyright">© Alexander Binder/​Hulton Archive/​Getty Images</span></figcaption></figure>Am Anfang erfreute sich der Verein einigen Zuspruchs, auch in den großen Blättern wie dem liberalen Berliner Tageblatt. Bekannte Persönlichkeiten wie der Dichter Hugo von Hofmannsthal, der Leipziger Historiker Karl Lamprecht oder der Leiter der Göttinger Universitätsklinik, August Kramer, traten ihm bei. Man werde wohl bald mit 6.000 Mitgliedern rechnen können, schätzte Lessing Ende November 1908 zuversichtlich. Doch zwei Jahre später waren es gerade einmal 1.085; außer in Hannover, wo der Vorsitzende Lessing ein eigenes Büro unterhielt, gab es größere Ortsgruppen nur in Berlin, München und <span class="rtr-schema-org">[Frankfurt am Main](https://www.zeit.de/thema/frankfurt-am-main)</span>.

Das Scheitern der hochfliegenden Pläne war zum einen zurückzuführen auf die elitäre Haltung Lessings und seiner Mitstreiter. Unter dem <span class="rtr-schema-org">[Lärm](https://www.zeit.de/thema/laerm)</span>, so verkündeten sie, litten vor allem Intellektuelle, weil sie ihre "Nervenkraft" im Kampf gegen die Alltagsgeräusche verbrauchten und daher zu keinen geistigen Höchstleistungen mehr imstande seien. "Eine nie endende Kette von Qual und Pein zieht sich durch das Leben aller mit dem Gehirne arbeitenden Menschen." An Lärm und anderen Belastungen in den Fabriken, unter denen Industriearbeiter im Kaiserreich litten, zeigte sich der Verein hingegen nicht interessiert. Kein Wunder, dass die Antilärm-Agitatoren unter Sozialdemokraten keine Verbündeten fanden.

Zum anderen hatte die schwache Resonanz auch etwas mit den Widerständen zu tun, die Lessings Initiative hervorrief. So hielt etwa Arthur Wilke, ein Vertreter der Elektro- und Automobillobby, Lessing vor, er wolle eine "Tyrannei der Nervösen" errichten. Nicht nur "in ihrer Empfindung, sondern auch in ihren Äußerungen und Forderungen" seien die Lärmgegner "ziemlich maßlose Menschen". Besonders besorgt zeigte sich Wilke, dass sie sich als "erste Kraftprobe" gerade am Automobil versuchten, da dadurch die Entwicklung des noch jungen Verkehrsmittels behindert werde und Deutschland gegenüber den Vereinigten Staaten hoffnungslos ins Hintertreffen geraten könne. So suchten Lessings Gegner den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei der Antilärm-Bewegung um den Spleen einiger Neurastheniker handele, deren einziges Ziel es sei, dem unaufhaltsamen technischen Fortschritt Steine in den Weg zu legen.

Im April 1911 legte Lessing den Vorsitz des Vereins nieder, und wenige Wochen später verabschiedete er sich von den Lesern des Anti-Rüpels: "Unsere Sache kam zu früh, wird sich aber wieder melden und wird siegen." Tatsächlich meldete sich "die Sache" wieder – allerdings erst siebzig Jahre später in der Bewegung der Grünen. "Gesiegt" haben diese trotz mancher Erfolge freilich nicht: Nach wie vor genießen im Konfliktfall die Interessen der Wirtschaft Vorrang.

</section></div>##### 2. Urbanisierung im Deutschen Reich

[![g0000006_2.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/g0000006-2.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/g0000006-2.jpg)

<section class="container" id="bkmrk-die-bev%C3%B6lkerungszahl">Die Bevölkerungszahl in Deutschland stieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark an. Von 1871 bis 1910 wuchs sie von 41 auf 65 Millionen Menschen. Hatten bei der Gründung des Deutschen Reichs 1871 lediglich acht Städte mehr als 100.000 Einwohner, waren es 1910 bereits 48 Städte. Der Anteil der Großstadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung betrug zu diesem Zeitpunkt 21,3 Prozent. Mit der Reichseinigung unter Preußen als Führungsmacht war Berlin 1871 Reichshauptstadt geworden. Berlin war schon im politisch zersplitterten deutschen Kulturraum Mitte des 19. Jahrhunderts mit 412.000 Einwohnern vor Hamburg mit 175.000 Einwohnern die größte Stadt in Deutschland und ein Zentrum der Aufklärung und der sozialen Bewegung gewesen.

</section><section class="container" id="bkmrk-seit-den-1870er-jahr">Seit den 1870er Jahren aber wandelte sich die Residenz- und Handelsstadt Berlin zum größten industriellen Ballungsraum im Reich, vergleichbar höchstens dem Ruhrgebiet. Doch während dort die Verstädterung dezentral verlief und in einem unvollkommenen Urbanisierungsprozess eine zersiedelte Industrielandschaft entstand, wuchs Berlin zur Metropole zusammen. Im Jahre 1907 waren von den rund zwei Millionen Berlinern nur 40,5 Prozent ortsgebürtig. Die Zuwanderer stammten zu 18 Prozent aus der Umgebung, 39,1 Prozent waren Fernwanderer, 2,4 Prozent kamen aus dem Ausland. Im Ruhrgebiet waren bei 43,3 Prozent Ortsansässigen von den Zuwanderern 31,7 Prozent Nahwanderer, 22 Prozent Fernwanderer, 3 Prozent Ausländer. Im Gegensatz zur Zuwanderung in das Ruhrgebiet, die hauptsächlich aus Arbeitern bestand, war der Zuzug nach Berlin vielschichtiger: Neben der größten Gruppe der Industriearbeiter drängten auch Angehörige der bürgerlichen Mittelschichten in die Hauptstadt, da sie sich hier bessere Berufschancen erhofften. Gesinde-Vermietungsbüros, wie sie der Maler Fritz Paulsen (1838-1898) in seinem Gemälde "Bei der Stellenvermittlung" darstellte, entstanden vielerorts.

Nicht immer hielt der Wohnungsbau in der Hauptstadt unter dem Druck der Zuwanderung Schritt mit dem Wohnungsbedarf. Verglichen mit den Städten des Ruhrgebiets war die Wohndichte in Berlin in der Regel mehr als doppelt so hoch, die Bebauung war höher und die Wohnungen waren im Durchschnitt kleiner und teurer. Durch den "Bebauungsplan für die Umgebungen Berlins" von 1862 waren die Voraussetzungen für ein geregeltes Wachstum Berlins über die historischen Grenzen hinaus geschaffen worden. Auf den tief zugeschnittenen Grundstücken bildete sich der Typus des [Berliner Mietshauses](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/mietskaserne) heraus. Zwar zielte die Intention des für den Bebauungsplan verantwortlich zeichnenden Baumeisters [James Hobrecht](https://www.dhm.de/lemo/biografie/james-hobrecht) darauf, die Hofinnenräume großzügig zu gestalten und zu begrünen, doch erlaubte die dem Bauboom nicht gewachsene Bauordnung eine vordringlich am Renditeinteresse ausgerichtete, zum Teil menschenunwürdig dichte Bebauung. Die schnell in wenigen Monaten hochgezogenen Häuser mussten von den ersten Bewohnern gegen Mietnachlass erst "trockengewohnt" werden, was die Gefahr von Krankheiten wie Tuberkulose erhöhte. Beständiger Mietpreisdruck zwang zu Überbelegung, Untervermietung und dem sogenannten Schlafgängerwesen. In den überbelegten Wohnungen der Mietshäuser wurden zur finanziellen Entlastung oftmals nur Schlafstellen an wechselnde alleinstehende Arbeiter vermietet. Die dauerhaften "Schlafgänger" hatten nicht selten engen Kontakt zu den Hauptmietern und ihren Familien.

<div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--1"></div><div id="bkmrk-elendsquartier-in-de"><div class="photo-with-caption">[![[Foto: Berliner Elendsquartier, um 1910]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/ba109764.jpg "[Foto: Berliner Elendsquartier, um 1910]")<span class="image-caption">Elendsquartier in der Berliner Spreestr. 6, um 1910</span>](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/berliner-elendsquartier-um-1910)</div></div><div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0">  
</div></div></div>Um 1900 hatte sich um die historischen Stadtkerne Berlins und der Nachbarstädte ein dichter Gürtel aus Mietshäusern gebildet, der mit seinem sozialen Gefälle vom Vorder- zum Hinterhaus soziale Mischung garantierte und die schlimmsten Auswüchse der Segregation weitgehend verhinderte. Trotzdem gab es eine stärkere Konzentration proletarischer Wohnquartiere im Osten und Norden der Stadt und eine innere Wohlstandsgliederung bzw. -wanderung. Lag im 19. Jahrhundert die Fabrikantenvilla noch oft auf dem Fabrikgelände, entstanden in Berlin Villenviertel zuerst am Tiergarten, später vor allem in Grunewald, Dahlem und am Wannsee.

Neue Stadttechnologien entstanden in den Großstädten vor allem im Bereich der Elektrizitäts- und Nahverkehrssysteme, von der Verbindung der verschiedenen Kopfbahnhöfe vermittels einer Ringbahn über Omnibus und Straßenbahn bis zu S- und U-Bahn. Sie trugen verstärkt ab 1870 zur Verwirklichung einer modernen großstädtischen Infrastruktur bei und führten zu Zentralisation und Automatisierung der Ver- und Entsorgungsleistungen sowie zur Beschleunigung, Intensivierung und Koordination in den Metropolen. Doch der Urbanisierungsprozess im Kaiserreich erfasste auch die Menschen: Die Assimilation der verschiedenen Herkünfte, Dialekte, Mentalitäten und die Synchronisation der unterschiedlichen Arbeits- und Lebensrhythmen zwang Zuwanderer, sich dem Prozess einer "inneren Urbanisierung" zu unterwerfen. Sie führte zu einer eigenen Großstadtidentität mit spezifischem Jargon sowie zu - gegenüber dem Land - schnelleren Bewegungsabläufen und rascherem Reaktionsbewusstsein.

<div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--2"></div></div><div class="sidebar hide-for-print large-5 small-15 end columns"><div id="bkmrk-fritz-paulsen%3A-%22bei-"><div class="photo-with-caption">[![[Gemälde: Fritz Paulsen: "Bei der Stellenvermittlung", 1881]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/k1000053.jpg "[Gemälde: Fritz Paulsen: "Bei der Stellenvermittlung", 1881]")<span class="image-caption">Fritz Paulsen: "Bei der Stellenvermittlung", 1881</span>](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/fritz-paulsen-bei-der-stellenvermittlung-gesinde-vermiethungsbureau-1881)</div></div><div id="bkmrk-berliner-mietskasern"><div class="photo-with-caption">[![[Photo: Berliner Mietskaserne, um 1910]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/ba009477.jpg "[Photo: Berliner Mietskaserne, um 1910]")<span class="image-caption">Berliner Mietskaserne, um 1910</span>](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/berliner-wohnungselend-19011920)</div></div></div></div><div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div id="bkmrk-klaus-strohmeyer">Klaus Strohmeyer</div><div id="bkmrk-%C2%A9-deutsches-historis">© Deutsches Historisches Museum, Berlin</div><div id="bkmrk-stand%3A-15.-juni-2022">Stand: 15. Juni 2022</div><div id="bkmrk-text%3A-cc-by-nc-sa-4.">[Text: CC BY NC SA 4.0](https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/deed.de)</div></div></div></section>##### 3. Warenhäuser

<section class="container" id="bkmrk-in-der-zweiten-h%C3%A4lft">[![pk005422.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/pk005422.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/pk005422.jpg)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich im Gefolge von Industrialisierung und Massenproduktion eine grundlegende Veränderung und Erweiterung der Konsumgewohnheiten. Die [Verstädterung](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/urbanisierung-im-deutschen-reich) wuchs, und immer mehr Menschen wurden von den Möglichkeiten der Selbstversorgung abgeschnitten. Handwerklich-manufakturelle Produktionsbedingungen wurden verdrängt und die Waren des alltäglichen Gebrauchs zunehmend maschinell hergestellt. Vor allem für die Bevölkerung der Großstädte wurden neue Einrichtungen für die Versorgung sowie für die Verteilung der Waren notwendig. In Europa wurden um 1860 die ersten Warenhäuser gegründet, wobei Paris zur "Hauptstadt der Warenhäuser" avancierte.

</section><section class="container" id="bkmrk-in-seinem-auf-dem-vo">In seinem auf dem Vorbild des ersten Pariser Warenhauses "Au Bon Marché" basierenden Roman "Au Bonheur des Dames" ("Das Paradies der Damen") schilderte der Schriftsteller [Emile Zola](https://www.dhm.de/lemo/biografie/emile-zola) eindrucksvoll die revolutionären Organisationsprinzipien des Warenhauses, aber auch das Elend der Angestellten und die Verdrängung der kleinen Ladenbesitzer im Einzugsgebiet der Warenhäuser, die mit den niedrigen Preisen der dort in großer Stückzahl verkauften Industrieprodukte nicht mehr Schritt zu halten vermochten. Eine Vielzahl von Großmärkten, Schlachthöfen und Warenhäusern entstanden in den europäischen Großstädten, da die traditionellen Märkte und Markthallen dem Massenbedarf immer weniger gewachsen war.

In Deutschland wurden um die Jahrhundertwende große luxuriöse Warenhauspaläste gebaut, die das Einkaufen zu einem Erlebnis machten. Das von dem Architekten Alfred Messel (1853-1909) am Leipziger Platz in Berlin entworfene und 1894 eröffnete Warenhaus Wertheim war das größte Europas, und ein Besuch galt nicht immer dem Einkauf, sondern nahm häufig Formen eines Familienausflugs an. Außer dem Warenhaus Wertheim entstanden in Berlin das ebenfalls sehr prachtvoll gestaltete Warenhaus Tietz am Alexanderplatz (1904), das "Kaufhaus des Westens" am Kurfürstendamm (1907) und das Warenhaus Karstadt am Hermannplatz (1929). Als Massenumschlagsplätze strukturierten diese "Flaggschiffe" der Warenhauskonzerne auch die Verkehrsflüsse in den Städten, wurden gleichermaßen zu notwendigen Versorgungseinrichtungen der Bevölkerung wie zu Attraktionen des Fremdenverkehrs.

Obwohl Warenhäuser im Kaiserreich noch eher einer bürgerlichen, bessergestellten Käuferschaft vorbehalten waren, vollzog sich zu Beginn der Weimarer Republik rasch eine "Demokratisierung des Konsums". Neben den großen Warenhäusern, die sich durch repräsentative Fassaden und Treppenhäuser, großzügige Lichthöfe, Glaskuppeln, Dachgärten und durch eine luxuriöse Ausstattung auszeichneten, wurden kleinere Warenhäuser in den Einkaufszentren der Stadtteile errichtet, die nahezu den gesamte Kosmos von Gebrauchsgütern unter einem Dach anboten und diese stärker an den häufig über wenig Einkommen verfügenden Käuferschichten des Einzugsgebiets ausrichteten. Industriell gefertigte Massenprodukte konnten für breitere Schichten hergestellt werden. Die vorher wenigen Wohlhabenden vorbehaltenen Luxusgüter wurden zu preiswerten Serienprodukten, und auch seltene Importgüter waren nun in großen Mengen für immer mehr Käufer erschwinglich.

In den zwanziger Jahren vergrößerte sich mit zunehmender Rationalisierung und Automatisierung in Produktion und Distribution der Preisvorteil der Warenhausprodukte zusehends. Gegen die Konzentration der Warenhausunternehmen mit zahlreichen Filialen - in Deutschland vor allem Karstadt, Leonhard Tietz (Kaufhof) und Hermann Tietz (Hertie) - konnten sich kleine Läden in den Stadtzentren oft nur mit einem sehr begrenzten und spezialisierten Angebot halten. Unter den neuen Produktions- und Distributionsbedingungen setzten sich auch neue Verkaufsprinzipien durch: Warenhäuser boten mehr Kulanz, offerierten Umtausch- oder Rückgaberecht und führten neue Formen der Werbung wie Lichtreklame, Zeitungsannoncen oder die sogenannten Weißen Wochen wie Sommer- und Winter-Schlußverkäufe ein. Das Verhältnis der traditionell oft noch im Haus der Ladenbesitzer wohnenden und deren Familie zugehörig fühlenden Gehilfen versachlichte sich: Die Verkäufer und Verkäuferinnen der Warenhäuser waren Angestellte mit festen Arbeitszeiten und "Sonntagsruhe", die unter Berücksichtigung von Wohnungs- und Verpflegungsgeld eine eigene Wohnung bewohnten.

<div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div class="frame frame-default frame-type-text frame-layout-0" id="bkmrk--3"></div></div><div class="sidebar hide-for-print large-5 small-15 end columns"><div id="bkmrk-erfrischungsraum-des"><div class="photo-with-caption">[![[Foto: Erfrischungsraum des Warenhauses Wertheim in Berlin, 1918]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/95005015.jpg "[Foto: Erfrischungsraum des Warenhauses Wertheim in Berlin, 1918]")<span class="image-caption">Erfrischungsraum des Warenhauses Wertheim in Berlin, 1918</span>](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/erfrischungsraum-des-warenhauses-wertheim-in-berlin-1918)</div></div><div id="bkmrk-werbeplakat-des-ware"><div class="photo-with-caption">[![[Werbeplakat des Warenhauses Hermann Tietz für die "Weisse Woche", 1912]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/XP990456.jpg "[Werbeplakat des Warenhauses Hermann Tietz für die "Weisse Woche", 1912]")<span class="image-caption">Werbeplakat des Warenhauses Hermann Tietz für die "Weisse Woche", 1912</span>](https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/werbeplakat-des-warenhauses-hermann-tietz-1912)</div></div></div></div><div class="row"><div class="small-15 large-10 columns  "><div id="bkmrk-text%3A-cc-by-nc-sa-4.-1"></div></div></div></section><section class="container" id="bkmrk--4"><div class="row" id="bkmrk--5"><div class="small-15 large-15 columns"><a id="bkmrk--6"></a><div class="hide-for-print" id="bkmrk--7"><div class="h3 epochenfarbe" id="bkmrk--8"></div></div></div></div></section>#### 4. München um 1900. Die leuchtende Stadt

Keine deutsche Metropole ist um 1900 so kunstversessen wie München: Das Publikum strömt in Theater und Ausstellungen, an der Akademie brillieren Traditionalisten – und in einem Viertel im Norden ersinnen radikale Neuerer die Zukunft

[![be03ac72-1321-47df-bc50-7e1a57ce17d2.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/be03ac72-1321-47df-bc50-7e1a57ce17d2.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/be03ac72-1321-47df-bc50-7e1a57ce17d2.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image photo" id="bkmrk-errungenschaften-der"><figcaption>ERRUNGENSCHAFTEN der Moderne wie die elektrische Tram – hier am Karlsplatz – machen das Leben in München angenehm. Freigeister von überall her aber schätzen auch etwas anderes: die Liberalität der Stadt</figcaption></figure>Ein nebeliger, ungemütlicher Novemberabend in München. Schnee liegt in den Gassen. Im Weinlokal „Eckel“ in der Theresienstraße drängen sich Studenten und Künstler, literaturinteressierte Beamte und Offiziere. Und als vorn im Saal ein junger Mann mit gepflegtem Schnurrbart zu lesen beginnt, hat er den düsteren Herbst schon nach den ersten Worten vertrieben:

„München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitages.“

Was für ein Idyll! Thomas Mann liest an diesem 18. November 1901 aus seiner Erzählung „Gladius Dei“ („Schwert Gottes“). Genauer: Er schwärmt, schwelgt, preist. Denn dieser 19 Seiten lange Text beginnt wie eine Hymne auf Bayerns Hauptstadt und ihre Liebe zu den Künsten.

Thomas Mann berichtet von offenen Fenstern, aus denen Klavierklänge und Geigentöne dringen. Von Reisenden aus allen Nationen, die die Freitreppen der Museen emporeilen. Er beschreibt Studenten, die auf den Straßen Richard-Wagner-Melodien pfeifen. Erzählt von Malern, die mit ihren Geliebten in offenen Wagen wie Fürsten umherfahren. Von Geschäften, deren Schaufenster voller Jugendstilvasen, Kopien von Renaissancestatuen und Reproduktionen unterschiedlichster Meisterwerke sind.

Nichts davon ist schriftstellerische Fantasie. Der Autor, 26 Jahre alt, kennt die Stadt genau. Geboren in Lübeck, lebt er seit sieben Jahren mit Unterbrechung in München, mitten im Künstlerviertel Schwabing (wo er auch seinen Lübeck-Roman „Buddenbrooks“ beendet hat, der seit wenigen Wochen in den Buchläden ausliegt).

**KUNSTZENTRUM**

Einheimische, Zugewanderte, Verweilende: In München leben um 1900 außergewöhnlich viele kreative Köpfe

Seine Beschreibungen des Münchner Alltags sind so präzise, dass die Zuhörer im Weinlokal oft auflachen. Etwa wenn er von Künstlern mit „runden Hütchen auf den Hinterköpfen“ erzählt, die ihre Miete mit schnell hingetupften Bildern bezahlen. Viele im Saal kennen einen dieser „unbesorgten Gesellen“, wie Mann sie nennt.

Und auch beim „Schönheitsgeschäft Blüthenzweig“ muss keiner im Publikum lange rätseln. Der Name spielt auf die Firma Hanfstaengl an, eines von vielen Unternehmen in der Stadt, die mit der Kunstliebe der Münchner gute Geschäfte machen: Mit neuester Technik stellt die Firma fotografische Reproduktionen berühmter Gemälde her; fast 20.000 Motive hat sie im Angebot, die sie bis in die USA verkauft.

Vor diesem Geschäft lässt Thomas Mann eine (nun allerdings rein fiktive) Gestalt auftreten, die den Frieden der kunstverliebten Stadt stört: Hieronymus, einen frommen Jüngling mit wulstigen Lippen, der – gekleidet wie ein Mönch in schwarzem Mantel mit Kapuze – an den Bußprediger Savonarola aus dem Florenz der Renaissance erinnert. Er betritt die Verkaufsräume von Blüthenzweig und verlangt, dass ein Madonnenbild aus dem Schaufenster entfernt wird – denn zu lustvoll, so findet er, entblößt die heilige Muttergottes ihre Brust für das Jesuskind. Doch der Geschäftsinhaber weigert sich und lässt den lächerlichen Frömmler am Schluss der Geschichte auf den Odeonsplatz hinauswerfen.

Schon bald nach diesem Abend im Weinlokal „Eckel“ wird „Gladius Dei“ zu einer der bekanntesten Schilderungen der Isarstadt. Vor allem die Münchner selbst lieben die Novelle, denn Manns elegischer Lobpreis bestärkt sie in dem Gefühl, in einer außergewöhnlichen Stadt zu leben, einem bayerischen Arkadien.

Der erste Satz – „München leuchtete“ – wird rasch bekannt. Kaum ein Reiseführer, der ihn nicht zitiert. Werbeleute setzen ihn als Slogan ein. Sogar eine Medaille, mit der der Oberbürgermeister der Stadt heute verdiente Bürger auszeichnet, trägt den Namen „München leuchtet“. Doch viele Freunde der Novelle übersehen die feine Ironie, mit der Thomas Mann seine Hymne geschrieben hat. Denn vieles am Münchner Kunstbetrieb kommt ihm – wie man aus anderen seiner Schriften weiß – oberflächlich und selbstgefällig vor.

Und sie vergessen, dass der frömmlerische Hieronymus, als er am Schluss gedemütigt auf dem Odeonsplatz steht, der Stadt zur Strafe für ihren Schönheitskult den Untergang vorhersagt – und das Schwert Gottes, das Gladius Dei, auf den kunstversessenen Ort herabfahren sieht. Um 1900 aber kann niemand bestreiten, dass München strahlt. Bayerns Hauptstadt ist in den Jahrzehnten zuvor zur Metropole gewachsen. Eine halbe Million Menschen wohnt hier – allein in den letzten fünf Jahren sind 100.000 hinzugekommen.

Wer hier lebt, genießt viele Annehmlichkeiten der Moderne: Millionen Liter Frischwasser schießen täglich durch eine neu angelegte Leitung aus einem Tal nahe den Alpen und machen München zu einer der gesündesten Großstädte Europas. In der Innenstadt beleuchten elektrische Bogenlampen nachts die meist kopfsteingepflasterten Straßen. Tagsüber verkehren hier stromgetriebene Trambahnen, drängen sich zwischen Pferdedroschken und Fußgängern hindurch.

60.000 Passagiere transportieren sie pro Tag, fahren bis in Vororte wie Giesing im Süden, wo Bauunternehmer Mietskasernen für Arbeiter errichten. Oder ins vornehmere, östlich gelegene Bogenhausen, wo gerade ein elegantes Wohnviertel mit Luxusapartments entsteht. Und im Herzen der Metropole, am Marienplatz, lassen die Stadtoberen schon zum zweiten Mal binnen zehn Jahren das Rathaus erweitern und nun mit einem 80 Meter hohen, kathedralenhaften Turm bekrönen – Symbol für Münchens neue Größe.

Regiert wird die Stadt von liberal gesinnten Beamten, Kaufleuten und Fabrikanten, die sich in politischen Wahlvereinen organisiert haben. Gemeinsam halten sie die Mehrheit im Kollegium der Gemeindebevollmächtigten wie auch im Magistrat. Stärkste Oppositionspartei ist das katholische Zentrum, das verbissen den Einfluss der Kirche auf die Schulen verteidigt.

Die Sozialdemokraten holen immer mehr auf, sie sind 1905 bereits mit elf Gemeindebevollmächtigten und drei Magistratsräten vertreten. Doch wählen darf nur, wer das Bürgerrecht erworben hat. Und die Kosten dafür entsprechen dem halben Monatslohn eines Arbeiters; viele Anhänger der SPD können ihre Stimme daher nicht abgeben. 400.000 Auswärtige reisen jedes Jahr an – mehr als Berlin besuchen. Am Hauptbahnhof gibt es nun ein Auskunftsbüro, in dem Touristen Broschüren und Informationen erhalten.

[![005fede6-8bec-4d0f-bfe2-f0d00b08007a.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/005fede6-8bec-4d0f-bfe2-f0d00b08007a.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/005fede6-8bec-4d0f-bfe2-f0d00b08007a.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image photo" id="bkmrk-m%C3%9Cnchen-profitiert-v"><figcaption>MÜNCHEN profitiert vom Kunstsinn des bayerischen Prinzregenten – und vom Geld seiner Bürger. Mondäne Flaniermeilen entstehen, etwa am Odeonsplatz (oben). Und ein paar Straßen weiter nördlich das Künstlerviertel Schwabing</figcaption></figure>Vor allem die Kunstsammlungen und Ausstellungen ziehen Besucher an, die prächtigen Theater und Konzertsäle – Orte, von denen gebildete Bürger im ganzen Land schwärmen. Schon seit der Zeit von König Ludwig I. gilt München als Kunststadt. Der ab 1825 regierende Monarch, ein großer Verehrer der Antike, hat Museen und Bühnenhäuser errichten lassen, die wie griechische Tempel oder Renaissancepaläste wirken – etwa die Glyptothek, in der der König seine antike Skulpturensammlung unterbrachte oder die Pinakothek mit ihrer Gemäldegalerie. So groß ist die Zahl dieser „antikisierenden Monumente“, wie Thomas Mann sie nennt, dass Reiseführer die Stadt als „Isar-Athen“ preisen.

**DOCH ALL DAS IST NICHTS** gegen die Kunstbegeisterung unter Ludwigs Sohn Luitpold. Der im Volk beliebte Prinz regiert seit 1886, zunächst kurz anstelle seines Neffen Ludwig II. (siehe Seite 50), dann für dessen geisteskranken Bruder Otto. Luitpold ist sehr an Malerei interessiert und mit vielen Künstlern befreundet. Zuweilen fährt er frühmorgens in seiner Kutsche durch die Straßen, um einen von ihnen im Atelier zu besuchen – ohne Ankündigung, was eines Tages dazu führt, dass ihm der junge, aufstrebende Maler Max Slevogt im Nachthemd die Tür öffnet.

Doch stärker noch als der freundliche Wittelsbacher treibt das Geld die Blüte der Kunst voran. So ist etwa an der Prinzregentenstraße, Münchens neuem Prachtboulevard, 1901 ein Festspielhaus für Richard Wagners Opern eröffnet worden – ein Theater, mit dem die Münchner Bayreuth Konkurrenz machen wollen. Die privaten Investoren versprechen sich von dem Theater eine Aufwertung des eleganten Wohnviertels, das sie hier gerade errichten. Der Kulturbau, so hoffen sie, wird die Immobilienpreise steigen lassen und ihre Profite erhöhen.

Es ist bereits der dritte Theaterneubau in der Stadt während Luitpolds Amtszeit. 1908 wird noch eine vierte Spielstätte hinzukommen, wodurch sich die Zahl der Münchner Bühnen innerhalb von nur zwölf Jahren verdoppelt. Auch die Zahl der Künstler nimmt zu: In München finden sie viele Galerien, die ihre Werke verkaufen. Und Firmen wie Hanfstaengl, die sie reproduzieren und in alle Welt verbreiten.

Bayerns Hauptstadt wird in diesen Jahren zu einem Zentrum des europäischen Kunsthandels. Tausende Besucher, darunter viele Galeristen, Kuratoren und Sammler schieben sich jeden Sommer durch die großen Kunstausstellungen im Glaspalast, einer kühnen Gusseisen-Konstruktion nahe dem Hauptbahnhof. Sie kaufen dort Werke etablierter Gegenwartskünstler wie etwa des gefeierten Porträtmalers Friedrich August von Kaulbach oder des bekannten Realisten Wilhelm Leibl.

[![c183c175-5d3d-49f8-b296-6f0752e86056.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/c183c175-5d3d-49f8-b296-6f0752e86056.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/c183c175-5d3d-49f8-b296-6f0752e86056.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image photo" id="bkmrk-so-rasant-w%C3%A4chst-m%C3%BCn"><figcaption>SO RASANT wächst München, dass die Stadtoberen für ihre Verwaltung um 1865 ein neues Rathaus errichten müssen. Dem ersten Teil im neugotischen Stil (oben) folgen bis 1905 noch zwei weitere große Bauabschnitte</figcaption></figure>Und nur zwei Kilometer nördlich des Glaspalasts lernen die Maler von morgen: an der Kunstakademie, die – so Thomas Mann in „Gladius Dei“ – „ihre weißen Arme zwischen der Türkenstraße und dem Siegestor ausbreitet“.

Studenten aus ganz Europa eilen jeden Morgen zwischen den kannelierten Säulen des Portals hindurch in den lang gestreckten Bau. Hochgelobte Künstler wie Franz von Stuck unterrichten hier die jungen Leute. Die Ausbildung ist auf handwerkliche Perfektion im Stil der alten Meister ausgerichtet und hat einen guten Ruf – selbst im fernen Spanien wird sie geschätzt: Pablo Picasso schreibt 1897 in einem Brief an einen Freund, hätte er einen Sohn, würde er ihn zum Kunststudium nach München schicken. Die Akademie ist eine streng geführte Anstalt, in der Studenten sich vor ihren Professoren verbeugen müssen. Doch nur ein paar Meter nördlich der Kunsthochschule und des nahe gelegenen Siegestors beginnt ein Ort anarchischer Freiheiten: Schwabing.

Erst seit 1890 gehört das frühere Bauerndorf zu München und wirkt vielerorts noch immer ländlich: Zwischen Neubauten liegen Nutzgärten, auf den Straßen gehen Frauen in Hauskitteln zum Einkauf. Doch dazwischen laufen viele Kunststudenten, sind mit Zeichenmappen oder gerollten Leinwänden in den Händen unterwegs zur Akademie. Wegen der günstigen Mieten haben sie sich in Schwabing angesiedelt, ebenso wie viele ausgebildete Maler und Bildhauer, Musiker, Literaten und Journalisten. Die Neuzugezogenen verändern das Viertel in den Jahren vor der Jahrhundertwende rasch. Kaufleute eröffnen Geschäfte für Pigmente, Farbtuben und andere Malutensilien. Hausbesitzer bauen ihre Dachgeschosse zu Ateliers aus.

Passanten können schon von der Straße die großen Mansardenfenster sehen, die meist nach Norden ausgerichtet sind – so fällt den Tag über ein gleichmäßig helles Licht in den Raum, die Wirkung der Farben verändert sich vom Morgen bis zum Abend kaum. In manchen Straßen lassen geschäftstüchtige Bauherren ganze Atelierhäuser hochziehen, mit Bildhauerwerkstätten im Erdgeschoss, damit sich Skulpturen einfacher hinein und hinaustransportieren lassen.

Wirte eröffnen neue Lokale, etwa das „Café Stefanie“ in der Amalienstraße, das bald einer der beliebtesten Treffpunkte des Viertels ist. Zu jeder Tageszeit hängt hier dichter Zigarettenqualm in der Luft und mischt sich mit dem leichten Muff aus den schweren Polstermöbeln. Studenten, Maler und Schriftsteller hocken auf den Bänken, lassen Dominosteine klackern oder debattieren über radikal neue Wege in der Kunst. Am Billardtisch stehen Frauen mit weit geschnittenen Reformkleidern, die es ihnen erlauben, sich freier zu bewegen – und die so gegen konventionelle Vorstellungen von Weiblichkeit und Korsettmode rebellieren.

Dazu versammeln sich hier Sinnsucher, Aussteiger und Möchtegerngenies aus Deutschland, Ungarn und dem Balkan. Angelockt von Schwabings Flair, sind sie an die Isar gezogen, schwadronieren nun bis um drei Uhr morgens über die Philosophie Friedrich Nietzsches oder erklären: Ein vollkommener Mensch sei nur, wer beide Geschlechter lieben kann.

Kaum ein anderer Ort in Europa, an dem so kühn gedacht, so fantastisch gesponnen, so frei gelebt wird wie in Schwabing. Und wohl nirgendwo sonst finden sich auf solch engem Platz so viele Männer und Frauen, die in den folgenden Jahren Kunst- und Literaturgeschichte schreiben werden: Maler wie Paul Klee, Alexej von Jawlensky und viele andere, Schriftsteller wie Thomas Mann, Frank Wedekind und Stefan George. Hohenzollernstraße Nr. 6, 1901: Im Hinterhaus ist das Arbeiten der Bildhauer zu hören. Im Treppenhaus ranken sich Blumengirlanden die Wände hinauf, gemalt in einem neuen, von Pflanzenornamenten geprägten Stil, den die in München erscheinende Zeitschrift „Jugend“ fördert und in ganz Deutschland bekannt macht.

Wer oben durch die Tür tritt, gelangt in eine kleine Stube, in der mehrere Frauen vor Staffeleien stehen. Durch ein übergroßes Fenster fällt helles Licht. Zwischen den Künstlerinnen läuft ein Mann mit Anzug und Zwicker hin und her, der seine Erläuterungen mit leichtem Akzent abgibt: Dr. Wassily Kandinsky.

Der 35-Jährige ist Mitbetreiber der Schwabinger Malschule „Phalanx“, zu der auch die Bildhauerklasse im Erdgeschoss gehört. Kandinsky wurde in Moskau geboren und hat dort Jura und Nationalökonomie studiert, ehe er nach der Promotion beschloss, ein neues Leben als Maler zu beginnen – und 1896 nach München zog. Wie ein Verliebter lief er in den ersten Monaten durch die Stadt. „Die blaue Trambahn zog durch die Straßen wie verkörperte Märchenluft, die das Atmen leicht und freudig machte“, schwärmt er Jahre später in einem Rückblick.

Ein Jahr lang studierte er an der staatlichen Akademie bei Franz von Stuck. Doch die Malweise dieses berühmten Mannes, der wie die meisten Professoren vor allem mit gedämpften Tönen arbeitete, passte nicht zu Kandinsky. Ihm schwebte – noch sehr undeutlich – eine Art der Malerei vor, die sich ganz auf die Leuchtkraft der Farben konzentriert, die für den Russen wie Wesen mit einem eigenen Charakter sind.

Gemeinsam mit anderen Unzufriedenen – darunter dem Jugendstilkünstler Hermann Obrist – gründet Kandinsky die Gruppe „Phalanx“, benannt nach einer als unbesiegbar geltenden, geschlossenen Gefechtsformation der griechischen Antike, und organisiert nun Ausstellungen. 1903 etwa zeigt die Gruppe Bilder des Impressionisten Claude Monet. Dessen Stil ist an der Akademie als handwerklich unsolide verpönt. Doch zur Vernissage fährt selbst Prinzregent Luitpold vor, ein gewaltiger Erfolg für die Gruppe.

Ihre Malschule in der Hohenzollernstraße unterhalten die Phalanx-Künstler, um Geld zu verdienen – aber auch, um gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern nach neuen Formen der Kunst zu suchen. Es gibt viele solcher privaten Lehranstalten in Schwabing. Die größte ist die des Slowenen Anton Ažbe, der an drei Standorten im Viertel fast 200 Klienten unterrichtet. An diesen Schulen schreiben sich junge Leute ein, die von der Kunstakademie abgelehnt wurden oder von der traditionell ausgerichteten Lehre dort enttäuscht sind – aber auch Frauen, die an der Akademie aus Prinzip nicht aufgenommen werden.

Kandinsky, als einfühlsamer Lehrer bekannt, zieht besonders viele weibliche Schüler an. 1902 meldet sich in seinem Institut eine gerade erst nach München gezogene junge Frau an: Gabriele Münter. Sie wird bald zu seiner Lebensgefährtin (und zu einer herausragenden Künstlerin).

Bis zu sieben Stunden am Tag unterrichtet Kandinsky, anschließend arbeitet er an eigenen Werken, bis er müde und erschöpft ist. Er experimentiert mit Jugendstil und Impressionismus, malt immer wieder Motive aus Schwabing wie den Nikolaiplatz oder den Nördlichen Friedhof – Bilder, bei denen sich Farben und Formen mehr und mehr von der Wirklichkeit lösen.

**WÄHREND SICH KANDINSKY** in eine Traumwelt aus Farben zurückzieht, setzen sich ein paar Hundert Meter weiter andere Schwabinger Künstler Woche für Woche mit der realen Welt auseinander, voller Biss und ohne Kompromisse.

Kaulbachstr. 91, nahe dem Englischen Garten. Hier residiert die Redaktion des „Simplicissimus“, einer Wochenzeitschrift für Satire, Politik und Literatur – das frechste und aggressivste Blatt des Deutschen Reichs. Seine Hauptgegner: Spießbürger, Geistliche und der Kaiser in Berlin. Der wohl wichtigste Mitarbeiter ist Thomas Theodor Heine, ein hochbegabter Zeichner und Karikaturist. Man kann ihn häufig von seinem nahe gelegenen Atelier in die Redaktion laufen sehen, in der Hand Zeichenblätter, darunter oft der Entwurf für das nächste Titelbild. Sein Stil ist beeinflusst von der Kunst des Franzosen Henri de Toulouse-Lautrec und äußerst provokant.

Als die Wiener Staatsanwaltschaft den „Simplicissimus“ im Frühling 1896 in Österreich verbieten lässt, fertigt er für die Ausgabe vom 23. Mai 1896 eine Titel-Illustration an: Sie zeigt österreichische Gendarmen, die mit gezückten Säbeln auf ein Werbeplakat des Magazins losgehen – sowie eine rote Bulldogge, die einem der Beamten ans Bein pinkelt. Dieser zähnefletschende Hund wird zum Wappentier der Zeitschrift: als Kampfansage an Obrigkeiten aller Art.

Der „Simplicissimus“ gibt vielen Schwabinger Literaten die Möglichkeit, Geld zu verdienen und Texte zu publizieren, etwa Joachim Ringelnatz, Jakob Wassermann oder Ludwig Thoma. Thomas Mann arbeitet ab 1898 für gut ein Jahr als Redakteur beim „Simplicissimus“, sitzt in einem elegant eingerichteten Büro und prüft für 100 Mark monatlich viele der eingehenden Manuskripte; zuvor hat er hier selbst einige Erzählungen veröffentlicht.

Zu den Mitarbeitern gehört auch Frank Wedekind, Deutschlands prominentester Skandalautor, seit er in seinem Drama „Frühlings Erwachen“ die erdrückende bürgerliche Sexualmoral angegriffen hat. Seine Spezialität beim „Simplicissimus“ sind Spottgedichte. 1898 reimt er eines auf Kaiser Wilhelm II., und das genügt für eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung.

Die Staatsanwaltschaft in Leipzig (wo der „Simplicissimus“ gedruckt wird) ermittelt gegen Wedekind und will ihn festnehmen lassen. Doch der Autor erhält von Münchner Polizisten eine Warnung und kann in die Schweiz fliehen. Offenbar halten die liberalen bayerischen Behörden Majestätsbeleidigung nur dann für gravierend, wenn sie die Wittelsbacher trifft – und nicht den ungeliebten Hohenzollern-Herrscher in Berlin.

Eine der ungewöhnlichsten Mitarbeiterinnen des „Simplicissimus“ ist eine lebenshungrige junge Adelige: Franziska Gräfin zu Reventlow. Bereits als Kind hat sie im Husumer Schloss ihrer Eltern gegen die strenge Erziehung der Mutter rebelliert und schon früh Werke des Norwegers Henrik Ibsen gelesen, der in Dramen wie „Nora“ die Emanzipation der Frauen feiert. Ähnlich wie Ibsens Heldin ging Franziska ihren eigenen Weg, verließ ihren Mann – und siedelte 1896 nach Schwabing über, um frei von erstickenden Konventionen zu leben.

Inzwischen wohnt sie dort in einer Art Kommune in einem alten Haus mit verwahrlostem Garten – gemeinsam mit ihrem aktuellen Liebhaber, einem polnischen Glasmaler, sowie dem Schriftsteller Franz Hessel und ihrem unehelichen Sohn Rolf (den Namen des Kindsvaters wird sie nie verraten, möglicherweise vermag sie ihn selber nicht zu benennen).

Als Malerin hat sie keinen Erfolg, daher arbeitet die Gräfin als Autorin und Übersetzerin, schreibt Satiren für den „Simplicissimus“ oder Witze, für drei Mark pro Stück. Zudem wirbt sie in Aufsätzen für die sexuelle Befreiung der Frau: „So geht mir doch mit der Behauptung, die Frau sei monogam! Weil Ihr sie dazu zwingt, ja! Weil Ihr sie Pflicht und Entsagung lehrt, wo Ihr sie Freude und Verlangen lehren solltet!“

**DAS IST FÜR DIE** meisten Bürger des Kaiserreichs eine verstörende Botschaft – doch hochwillkommen in dem wohl mythenschwersten aller Schwabinger Intellektuellenkreise: dem Zirkel um den Dichter Stefan George. Der ist in diesen Jahren ein Mann ohne festen Wohnsitz, hält sich aber meist in München oder Berlin auf. Er ist eine imposante, aber auch etwas unheimliche Erscheinung, mit seinem sehr flachen Gesicht, in dem nur die Stirnwülste stark vorspringen. „Kommt einem nicht recht wie ein wirklicher Mensch vor, wiewohl er lachen kann“, schreibt Franziska von Reventlow über ihn.

Wenn George in München ist, wohnt er bei dem Schriftsteller Karl Wolfskehl in der Leopoldstraße mitten in Schwabing. Dorthin bittet er mit durch Boten überbrachten Einladungskarten seine Getreuen: den Schriftsteller Ludwig Derleth, den Grafologen Ludwig Klages, dazu Universitätsdozenten, Maler und oft auch einen der Jünglinge, für die George schwärmt.

Die Mitglieder dieses Kreises sprechen einen sehr eigenen Jargon, unterteilen die Menschheit in „Enorme“, das sind sie selbst (und die, die sie dazu bestimmen) – und „Belanglose“. Sie sind fasziniert von der Religion der griechischen Antike, die sie für kraftvoller halten als das ermattete, verbürgerlichte Christentum der Gegenwart.

Viele von ihnen haben begeistert das populäre Buch „Das Mutterrecht“ des Schweizers Johann Jakob Bachofen gelesen. Dieser Gelehrte vertritt die (nicht belegte) These, dass die Frühzeit der Menschheit vom „Häterismus“ bestimmt war: einer Art Gruppenehe, in der Frauen Mutterschaft und freie Liebe ohne moralische Verdammung miteinander verbinden konnten. Georges Anhänger schätzen eine erotisch freizügig lebende Mutter wie Franziska zu Reventlow daher sehr – als Wiedergeburt eines vermeintlich uralten Ideals. Ihre Verehrung von Müttern geht so weit, dass Männer in Gehröcken bei einem Treffen ergriffen vor einer stillenden Frau niederknien.

Die Gräfin zu Reventlow nimmt all dies aufmerksam und meist amüsiert wahr. Ihre Erlebnisse im George-Kreis hält sie später in dem Roman „Herrn Dames Aufzeichnungen“ fest. Darin beschreibt sie auch eines der berühmten Kostümfeste, mit denen der Dichter die (vermeintlich) rauschhaften Feiern des Altertums wiederbeleben will. Stefan George hat sich an diesem Abend, dem 22. Februar 1903, als der Römer Gaius Iulius Caesar verkleidet. Mit einer weißen Toga und Goldkranz auf dem Kopf schreitet er zu Beginn der Feier durch Wolfskehls Wohnung.

Ihm folgen der Hausherr, der mit Weinlaub im Haar den Gott der Ausschweifungen und Fruchtbarkeit Dionysos darstellt, und ein Archäologe mit schwarzem Kleid und Schleier, der als römische Matrone erscheint. Vor und neben ihnen laufen Jünglinge mit Weinbechern sowie eine Bacchantin, die ein Becken schlägt. Die Gäste – mehrere Dutzend Schwabinger und Auswärtige – murmeln dazu eine Litanei. Nach dem Umzug beginnen die Besucher unter den dröhnenden Klängen eines Gongs zu tanzen. Später vergnügen sich einige in den Winkeln der Wohnung miteinander.

In der gesamten Stadt raunt man von diesen „Orgien“ (wobei die Vorstellungen, die die Münchner Bürger sich davon machen, wohl um ein Mehrfaches bunter sind als die Realität). Vieles, was Stefan George und seine Getreuen tun und denken, klingt nach infantilem Getue und esoterischem Unsinn. Aber harmlos ist es nicht. Zahlreiche Anhänger des George-Kreises verachten Vernunft und Individualität, Christentum und Judentum. All das sind in ihrem Jargon „molochitische“, das heißt: lebenszersetzende Elemente.

„Kosmisch“, also lebensbejahend, sind in ihrer kruden Logik dagegen römische und germanische „Ursubstanzen“, die in manchen Menschen angeblich fortleben. Manche Mitglieder des Zirkels, darunter der Grafologe Klages, denken offen antisemitisch. Thomas Mann, der mehrere George-Anhänger persönlich kennt, wird einen von ihnen – den Dichter Ludwig Derleth – später im Roman „Doktor Faustus“ porträtieren: als geistigen Vorläufer des Faschismus.

[![6676d34a-cbfd-4c3b-81f8-bf08142e0bfe.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/6676d34a-cbfd-4c3b-81f8-bf08142e0bfe.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/6676d34a-cbfd-4c3b-81f8-bf08142e0bfe.jpg)

So bunt, so aufregend und manchmal abgründig das Leben der Maler und Literaten in Schwabing auch ist: Sie machen nur einen kleinen Teil der Münchner Kunstszene aus. Und auch wenn manche von ihnen später weltbekannt werden – in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts kennt außerhalb des Viertels kaum jemand die Namen von Wassily Kandinsky oder Gabriele Münter.

Die Kunst der Stadt wird vielmehr von drei Männern beherrscht, die mit ihren Gemälden seit Jahren das Publikum begeistern und für ihre Verdienste um die Kunst von den Wittelsbachern in den Adelsstand erhoben wurden: Franz von Stuck, Friedrich August von Kaulbach sowie Franz von Lenbach. Lenbach, geboren als Sohn eines Maurermeisters, hat sich mit betörenden Porträts im Stile Tizians und Rembrandts ein Vermögen ermalt, lebt nahe der Glyptothek in einem Palais, das verschwenderisch ausgestattet ist mit Damasttapeten und Renaissancemöbeln.

Er sitzt der „Münchener Künstlergenossenschaft“ vor, die jedes Jahr die großen Ausstellungen im Glaspalast organisiert – und bestimmt mit, wessen Werke präsentiert werden. Es ist schwer, ohne seine Gunst im Münchner Kunstbetrieb Erfolg zu haben. Einer der wichtigsten Treffpunkte für einflussreiche Männer wie ihn ist ein Garten nahe dem Hauptbahnhof. Meist mittwochs lässt er sich mit seiner Kutsche hierhinbringen, läuft dann zwischen Nussbäumen und Kastanien hindurch bis zur Kegelbahn am Ende der Grünanlage.

Das Grundstück gehört der Familie Seidl, die in der Nähe eine Großbäckerei betreibt. Die Seidls sind ein kunstsinniger Clan und laden schon seit mehr als 20 Jahren Maler und Bildhauer zum Kegeln in ihren Garten; neben Lenbach auch den verehrten Akademiedirektor Friedrich August von Kaulbach. Dazu gesellen sich Verwandte der Seidls aus der Bierbrauer-Dynastie Sedlmayr, häufig schaut auch Prinz Rupprecht vorbei, der Enkel des Prinzregenten. Etwa 30 Männer sitzen an einem runden Tisch vor Maßkrügen oder stehen am Rand der Bahn und plaudern (Frauen sind beim Kegeln nicht erwünscht). Nützliche Kontakte werden hier geknüpft oder vertieft.

Es gibt viele solcher Zirkel, in denen sich Münchens reiche und mächtige Familien treffen. Da sind etwa die großen Gesellschaften, die der Brauereibesitzer Georg Theodor Pschorr regelmäßig in seinem Haus gibt. Dort verkehren unter anderem die Maffeis, eine der reichsten Familien Bayerns, der eine Lokomotivenfabrik gehört. Sowie der Architekt Jakob Heilmann, der das größte Bauunternehmen des Landes führt und zusammen mit seinem Schwiegersohn Max Littmann das Prinzregententheater errichtete. Münchens mächtige Unternehmerdynastien sind oft miteinander verwandt oder verschwägert. So hat eine Tochter des Bäcker-Clans Seidl in die Familie der Handschuhfabrikanten Roeckl eingeheiratet, die ihre Waren bis nach England und in die USA exportiert.

Münchner Großfamilien kontrollieren nicht nur ihre eigenen Unternehmen, sondern sitzen häufig auch in den Aufsichtsräten anderer Firmen und mischen gerne in der Politik mit: Die Bierbrauer Sedlmayr etwa, die Verwandten der Bäckerfamilie Seidl, stellen Abgeordnete im Bayerischen Landtag und im Berliner Reichstag, sind zudem im Aufsichtstrat der Bayerischen Vereinsbank tätig. Und die Brauerfamilie Pschorr hat Mitglieder im Gemeindekollegium, im Kommerzienrat und der Handelskammer. Wer diesen höchsten Kreisen Münchens angehört, der kann ein weitverzweigtes, vielfältiges Netz von Beziehungen nutzen. Von den Treffen auf der Kegelbahn profitieren besonders Männer wie der Architekt Gabriel von Seidl aus dem Großbäcker-Clan.

Er freundet sich mit Franz von Lenbach an, der den zwölf Jahre Jüngeren „mein Seidl“ oder „Gabi“ nennt und ihn an seine Kunden empfiehlt: Wen der Maler porträtiert, dem baut Seidl oft später ein Haus. Doch auch Lenbach profitiert von den Runden im Seidl’schen Garten – vor allem bei seinem Lieblingsprojekt: dem Bau eines Münchner Künstlerhauses mit Festsaal und Restaurant, in dem sich Maler, Bildhauer und Bürger bei Bällen und Konzerten begegnen können.

Seit Jahren wirbt Lenbach beim Magistrat der Stadt und beim Finanzminister für diese Idee. Als er endlich von der Kommune günstig ein Grundstück beim Karlsplatz erhält, fehlt ihm bald Geld für den Bau – bis seine Kegelbrüder, die Brauereibesitzer Sedlmayr, eine große Summe stiften. Als Architekten setzt der gut vernetzte Lenbach seinen Freund durch: Gabriel von Seidl.

Das im Jahr 1900 eröffnete Künstlerhaus wird ein Meisterwerk. Seidl hat sich der von einem österreichischen Architekten propagierten Auffassung angeschlossen, dass Städtebau „malerisch“ sein, also auf Betrachter anziehend und harmonisch wirken solle. Auf diese Weise wollen sich Seidl und andere Architekten von dem klotzigen, abweisenden Stil abgrenzen, in dem zu dieser Zeit etwa in Berlin ganze Viertel hochgezogen werden. Der mehrgeschossige Hauptbau des neuen Künstlerhauses liegt daher etwas zurückgesetzt von der Straßenfront und ist auf dem Grundstück leicht zur Seite geschoben – starre Symmetrie soll bei dieser Art der Architektur unbedingt vermieden werden. Bezüge zur heimatlichen Bautradition sind erwünscht. Und so bekrönt Seidl den Hauptbau mit geschwungenen Renaissancegiebeln, wie man sie etwa an Augsburger oder Nürnberger Bürgerhäusern findet.

Davor errichtet Seidl einen eingeschossigen Trakt, der sich mit Flachdach und Rundbogenfenstern deutlich vom Hauptbau unterscheidet und wie nachträglich hinzugefügt aussieht. Auch das ist Programm: Gebäude sollen wie organisch gewachsen erscheinen, nicht wie in einem Zug errichtet. Um die Passanten mit einer malerischen Silhouette zu erfreuen, verziert Seidl den Bau mit Säulen, Türmchen und Pavillons.

Ähnliche Ideen wie Seidl verfolgt der Münchner Stadtplaner Theodor Fischer. Auch er ist vom Gedanken eines „malerischen“ Stils begeistert. Straßen sollen nicht langweilig geradeaus laufen, meint Fischer, sondern den Bürgern Überraschungen und Abwechslung bieten. Vor Seidls Bayerischem Nationalmuseum lässt er – in Zusammenarbeit mit dem Architekten – daher eine Grünfläche anlegen, die sich auf die Prinzregentenstraße hinausschiebt und so die Achse unterbricht. Während Kutschen und Automobile hier einen Schlenker machen müssen, können Passanten in dem kleinen Park rasten.

Im weiteren Verlauf des neuen Boulevards, am rechteckigen Prinzregentenplatz, setzt Fischer seine Vorstellungen ebenfalls um. Sechs Straßen münden hier ein – aber nicht etwa sternförmig, das wäre zu monoton, sondern in unregelmäßigen Abständen und aus unterschiedlichen Winkeln. Fischer und Seidel erschaffen so eine Atmosphäre der Behaglichkeit, die München unverwechselbar macht (und die Thomas Mann in „Gladius Dei“ so eindrücklich beschreibt).

**AUCH IN DER MALEREI** werden in der Stadt nach wie vor Akzente gesetzt. Ab 1910 zeichnet sich in München eine der revolutionärsten Umwälzungen der Kunstgeschichte ab: der Weg in die Abstraktion. Wassily Kandinsky hat in den Jahren zuvor weiter nach einer neuen Sprache für seine Malerei gesucht. Mittlerweile kann man in seinen Bildern kaum noch Figuren oder Gegenstände erkennen. Nur mit Mühe lässt sich etwa auf seinem kürzlich geschaffenen Ölbild „St. Georg III“ der Drache ausmachen, dem der Ritter die Lanze ins Maul stößt. (Das genaue Datum seines ersten komplett abstrakten Bildes ist in der Forschung umstritten.)

Beifall bekommt Kandinsky für diese Arbeiten nicht. Selbst vielen Schwabinger Kollegen sind seine Bilder zu radikal. Im Dezember 1911 weigert sich die „Neue Künstlervereinigung München“ mit vorgeschobenen Gründen, ein weitgehend abstraktes Werk von ihm auf einer Gruppenausstellung zu zeigen. Ein Eklat, immerhin hat Kandinsky diesen Verein drei Jahre zuvor selbst gegründet. (Die Gruppe „Phalanx“ mit der Malschule hat sich 1904 wegen Geldproblemen aufgelöst.)

Kandinsky und Gabriele Münter treten aus der Künstlervereinigung aus, ebenso der Münchner Franz Marc, mit dem sich die beiden ein Jahr zuvor angefreundet haben. Marc malt zarte, abstrahierende Bilder von roten Pferden und gelben Kühen, die für ihn Symbole eines reinen, ursprünglichen Daseins sind. Wassily Kandinsky fühlt sich Marcs Kunstauffassung nahe. Und gründet mit ihm eine neue Gruppe, den „Blauen Reiter“. Später erklärt der Russe: „Beide liebten wir Blau, Marc Pferde, ich Reiter. So kam der Name von selbst.“ Rasch organisieren sie eine erste Ausstellung in einer Münchner Galerie. Zudem arbeiten sie, häufig in Kandinskys Wohnung in der Schwabinger Ainmillerstraße, an einem Almanach, der ebenfalls „Der Blaue Reiter“ heißen soll. Es ist keine Programmschrift für einen bestimmten Stil, sondern eine Sammlung von Denkanstößen und Anregungen für alle, die nach neuen Wegen in der Kunst suchen.

Unter den mehr als 100 Abbildungen sind auch Kinderzeichnungen zu sehen sowie Hinterglasmalereien bayerischer Dorfkünstler. Der Maler August Macke, der sich der Gruppe angeschlossen hat, verfasst einen Aufsatz über Masken indigener Völker und Puppenspiele bei Griechen, Japanern und Siamesen. Ein mit Kandinsky befreundeter russischer Komponist schreibt über „Anarchie in der Musik“. Und Kandinsky erläutert in seinem Beitrag, dem längsten des Bandes, sein Konzept des künstlerischen Schaffens: Unabdingbare Voraussetzung sei eine neue Innerlichkeit, der Verzicht auf Gegenständliches im Bild gleichbedeutend mit der Abwendung vom Materialismus der Zeit – ein Aufbruch in ein höheres Reich reiner Geistigkeit.

Ihm und seinem Ko-Redakteur Marc ist wohl bewusst, dass sie mit dem Almanach Großes geschaffen haben. Stolz posieren sie für ein Foto auf dem Terrassendach neben Kandinskys Wohnung mit dem Umschlag des Bandes. Und tatsächlich kann der Verleger in den folgenden Jahren immer neue Auflagen drucken. Der Almanach beeinflusst das ausdrucksstarke Schaffen der Expressionisten. Er wird in viele Sprachen übersetzt, macht Kandinskys Ideen über abstrakte Kunst weltweit bekannt und wird zur wohl wichtigsten Programmschrift für Künstler des Jahrhunderts. Einige Monate nach Erscheinen des „Blauen Reiters“ stirbt Prinzregent Luitpold. 26 Jahre lang hat der kunstsinnige Wittelsbacher München und Bayern geprägt. Sein Tod scheint wie ein Menetekel für den Anbruch einer anderen, einer unfreieren Zeit.

Schon seit Jahren wird das einst so liberale Klima in der Stadt bekämpft. Wie der besessene Hieronymus in Thomas Manns Novelle gehen fromme Eiferer gegen die Kunst vor. Unterstützt von der katholischen Kirche, hat sich ein „Münchner Männerverein zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit“ gegründet. Diese Gruppe flutet die Behörden mit Beschwerden – gegen den Verkauf von Aktbildern, gegen frivole Kabaretts oder angeblich unmoralische Theaterstücke. Der Sittlichkeitsverein stört sich besonders an den Dramen von Frank Wedekind. Mit seinen Protesten erreicht er, dass die Polizeibehörde, die für die Überwachung der Bühnen zuständig ist, die Aufführung fast aller dramatischen Werke des Autors verbietet. Die Zeit, da Beamte dem bedrängten Schriftsteller mit einem Tipp zur Flucht verhalfen, ist vorbei.

Wedekind verbittert insbesondere, dass einer seiner ehemaligen Kollegen vom „Simplicissismus“ die Feinde der Kunstfreiheit auch noch unterstützt: Im Jahr 1912 wird Thomas Mann Mitglied des Zensurbeirats, eines Gremiums aus Honoratioren, das die Polizei mit Empfehlungen unterstützen soll. Weshalb sich Thomas Mann darauf einlässt, ist nicht bekannt. Nach dem Erfolg mit den „Buddenbrooks“ und der Heirat mit der Millionärstochter Katia Pringsheim ist er aus Schwabing fortgezogen und lebt nun im neu angelegten, schicken Wohnviertel Bogenhausen. Möglicherweise schmeichelt es ihm, dass er in ein Gremium aus Professoren und Hofräten berufen wird.

[![ba06dd90-4919-45f8-93ab-275178b4c2e2.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/ba06dd90-4919-45f8-93ab-275178b4c2e2.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/ba06dd90-4919-45f8-93ab-275178b4c2e2.jpg)

**FRANZISKA VON REVENTLOW** hat München da bereits verlassen. Ihr Geliebter, der polnische Puppenspieler und Glasmaler, hat sich von ihr getrennt. Sie ist zermürbt von dauernden Geldsorgen und daher zeitweise gezwungen, sich zu prostituieren. Sie hofft auf einen Neuanfang im Tessin und zieht an den Monte Verità nahe dem Lago Maggiore, wo mehrere Aussteiger eine Kolonie gegründet haben.

Und im Frühjahr 1913, weniger als drei Jahre nach ihrem Fortgang, lässt sich ein gescheiterter Maler aus Wien, zerfressen von Kränkungen und Hass, am Rand des Künstlerviertels in der Schleißheimer Straße nieder: Adolf Hitler. Im August 1914 ist die Epoche der Kunststadt München endgültig beendet. Wie der fromme Fanatiker in Thomas Manns Erzählung prophezeit hat, erscheint ein Schwert über dem Ort: Der Erste Weltkrieg beginnt.

Ausländer wie Alexej von Jawlensky und Wassily Kandinsky müssen Deutschland umgehend verlassen. Gabriele Münter begleitet Kandinsky in die Schweiz (wo ihre Beziehung kurz darauf zerbricht). Zwei weitere Mitglieder des „Blauen Reiters“, Franz Marc und August Macke, melden sich freiwillig für den Kriegsdienst. Beide sterben bei den Kämpfen in Frankreich.

Daheim in München feiert währenddessen Thomas Mann – wie viele Intellektuelle – den Krieg, nennt ihn in einem Aufsatz „Reinigung“ und „Befreiung“. Und auch der „Simplicissimus“, der seit fast 20 Jahren die Stimme der Aufmüpfigen ist, der voller Witz die Obrigkeiten verspottet, lässt sich vom nationalistischen Taumel infizieren. Die Redaktion erklärt ihren Lesern, nun ganz ernst, in diesen Zeiten dürfe es eine Kritik an der Regierung „selbstverständlich“ nicht mehr geben.

##### 5. Heinrich Zille in Berlin. Gesichter der Großstadt

Heinrich Zille zieht als Kind mit seinen Eltern nach Berlin – wie Hunderttausende andere, die dort Arbeit suchen. Als 1908 sein erstes Buch mit Porträts der kleinen Leute und ihrer Lebensumstände erscheint, ist er als Zeichner längst berühmt. In der Reichshauptstadt säumen inzwischen prachtvolle Stadthäuser breite Boulevards, protzige Paläste die großen Plätze. Doch in den Hinterhöfen oder beim Kiesgrubenwärter, bei dem Zille seine Zigarre raucht, herrschen Armut und Kriminalität, Schmutz und Elend – die andere Seite der drittgrößten Metropole Europas

[![BA009470.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/ba009470.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/ba009470.jpg)


Vielleicht wird er einen Gang durch Berlins alten Stadtkern machen. Durch die schmalen Gassen des Krögel, in denen man Platzangst bekommt. Vorbei an den eng stehenden Häusern, von denen der Putz abblättert,vorbei an den Werkstätten und Remisen. Weiter in die dunklen Hinterhöfe, in denen die Mülleimer überquellen. Zu den finsteren Treppenaufgängen mit den ausgetretenen Stiegen.

Er wird ein paar Fotos machen. Oder ein paar schnelle Skizzen in den Block. Und dann in die Kneipe gehen, vielleicht in den „Lindengarten“ am Spree-Ufer. Oder in den „Nussbaum“ in der Fischerstraße, wo die entlassenen Häftlinge aus den Zuchthäusern Plötzensee und Sonnenburg ihre neue Freiheit feiern. Da wird das eine oder andere markante Profil zu finden sein. Eine Schlägervisage unter einer Ballonmütze. Ein zerschnittenes Gesicht. Oder er geht doch auf den Rummel im Charlottenburger Lietzenseepark. Ein paar schiefe Buden zeichnen, Frauen ohne Unterleib, mit großem Busen. Kinder, die sich vor der Bühne der Ringer drängeln. Die Zeitschriften mögen solche Bilder. Und Heinrich Zille braucht Geld. Ein Jahr zuvor, 1907, hat er seine Arbeit bei der „Photographischen Gesellschaft“ verloren. Nach 30 Jahren. Plötzlich war er kein Angestellter mehr, sondern freiberuflicher Presse- und Witzblattzeichner. Bekannt geworden ist der 49-Jährige durch seine Zeichnungen – nun müssen sie ihn und seine Familie auch ernähren.

Klagen kann er nicht. Soeben ist sein erstes Buch im Verlag der „Lustigen Blätter“ erschienen: „Kinder der Straße“, ein Album mit seinen Arbeiten. Auf dem Titel eine Hure, die von Polizisten weggeführt wird und wütend die Faust schüttelt. Das Buch ist ein gewaltiger Erfolg. Auch die Illustrierten und Witzblätter drucken seine Hinterhof- und Mietskasernengeschichten. Aber bitte nicht nur solche, die den Leser trübsinnig machen. Deftig, volkstümlich derb und heiter sollen sie schon sein. Die Zeitungen mögen eben am liebsten Erfolgsgeschichten, Aufsteigergeschichten – Berichte von kleinen Leuten, die sich als Kneipenwirte oder fliegende Händler selbstständig gemacht haben und erfolgreich sind. Geschichten, wie Zilles eigene: vom Armeleutekind zum bekannten Armeleutemaler. Denn die liefern den Beweis, dass man in Berlin etwas werden kann. Dass es in der Hauptstadt immer nur aufwärts geht.

**„BERLIN WIRD** Weltstadt“, hat rund 40 Jahre zuvor der Hausdiener Friedrich in der Lokalposse „Haussegen“ gespottet. „Schon wieder ein Haus eingestürzt, drei Menschen spurlos verschwunden und sechs neugeborene Kinderleichen an der Waisenbrücke gefunden. London und Paris können nicht mehr mit uns konkurrieren. Berlin wird immer größer.“ Um die Jahrhundertwende hat die Realität die Posse längst überholt. In nur drei Jahrzehnten ist die alte Residenz-, Beamten- und Garnisonsstadt nach der deutschen Reichsgründung 1871 zur modernsten und am raschesten wachsenden Metropole Europas geworden, zur Großstadt par excellence, zur Retorte der Modernität.

Vor den Augen der Zeitgenossen verändert sich Berlin in einer bisher nicht gekannten und für viele erschreckenden Geschwindigkeit. „Das Baufieber raste in den Adern der Stadt“, schreibt einer. Die Metropole wächst und wächst; sie erobert das Land ringsum und die innerstädtischen Grünflächen, wird unübersichtlicher, turbulenter, lauter. „Berlin ist Spekulation, ungesunde Tempobeschleunigung, die Stadt schießt hinein ins Auswärts, sie kommt nicht gütig oder werbend“, klagt später der Nationalökonom Alfons Goldschmidt. „Sie reißt Landstücke an sich, sie pfropft ihre Hässlichkeiten hinein.“

„Spree-Athen ist tot, und Spree-Chicago wächst heran“, meint der Großindustrielle und spätere Außenminister Walther Rathenau. Und Mark Twain hält Chicago im Vergleich mit Berlin für „geradezu ehrwürdig. Die Hauptmasse der Stadt macht den Eindruck, als wäre sie vorige Woche erbaut worden“. Rund um die Kapitale wachsen Schornsteine in die Höhe. Berlin ist das größte Industriezentrum Deutschlands, Standort von Borsig, der Agfa sowie der beiden Elektroriesen Siemens &amp; Halske und AEG – Unternehmen, die Berlin zur Welthauptstadt der Hochtechnologie gemacht haben. Die Produktionsanlagen werden so groß, dass sie ins Umland abwandern müssen.

Borsig verlegt die gesamte Produktion nach Tegel; hier sind fortan der Bau von Lokomotiven, von Dampfmaschinen, Kältemaschinen und Pumpwerken konzentriert. Neben dem Stahlwerk, der Gießerei, der Kesselschmiede, den Lokomotivwerkstätten entstehen ein eigenes Kraftwerk, ein eigener Hafen und eine eigene Wohnsiedlung für Angestellte und Facharbeiter: Borsigwalde. Siemens beginnt im Nordwesten Berlins mit dem Bau der „Siemensstadt“, einem Industrierevier mit Wohnstätten, Straßen, Brücken, Verkehrsverbindungen. Jahr für Jahr nimmt die Metropole Massen von Zuwanderern auf. Jeder Zweite in Berlin sieht aus, als wäre er eben erst aus dem Zug gestiegen – desorientiert und entschlossen zugleich. Der echte Berliner ist nicht in Berlin geboren. Der kommt aus Brandenburg, Ostpreußen und Schlesien. Viele Neuankömmlinge sind Juden aus den preußischen Provinzen oder aus den Ländern Osteuropas. Im Jahr der Reichsgründung hatte die neue Hauptstadt 826341 Einwohner; am 1. Dezember 1900 werden 1 888 848 Berliner gezählt. 1905 leben mehr als zwei Millionen Menschen in der Stadt.

Die viel zitierte Verdoppelung „Berlin! Berlin!“ steht für das Berliner Tempo. „Die elektrischen Wagen und die Trams bilden eine ununterbrochene Linie“, schreibt die Baronin Spitzemberg in ihr Tagebuch. „Wagen aller Art, Droschken, Drei- und Zweiräder zu Hunderten fahren neben-, vor-, hinterund oft aufeinander, das Läuten aller dieser Vehikel, das Rasseln der Räder ist ohrzerreißend, der Übergang der Straßen ein Kunststück für den Großstädter, eine Pein für den Provinzler.“ Die erste elektrische Straßenbahn der Welt startet 1881 in Lichterfelde. Der Fortschritt aber wird nicht von allen begrüßt: Biologen warnen vor magnetischen Feldern, die von der Oberleitung erzeugt würden und negativen Einfluss auf die menschlichen Körpersäfte nähmen. Tierschützer sagen ein Massensterben unter Vögeln voraus. Die neue, Zug um Zug eingeführte Stadtbahn ist Europas erste Hochbahn überhaupt. Unter ihren Ziegelarkaden richten sich Läden und Gastwirtschaften ein. Während oben die Züge rollen, bestellt man eine Etage tiefer die nächste Molle. 1896 ist mit dem Bau des U-Bahn-Netzes begonnen worden. Und trotz seiner hoch entwickelten Verkehrsmittel, trotz zehn Fernbahnhöfen ist Berlin eine der autoverrücktesten Städte Europas. 1902 muss der erste Polizist zur Verkehrsregelung auf den „Linden“ abgeordnet werden.

„Sähe ein Unbeteiligter, Ruhiger von irgendwoher hinein in dieses unablässige Rollen, Tuten, Drängen, Rufen, Scharren, Klingeln, in dieses Vorwärtsschieben und Umherwimmeln“, notiert ein Beobachter, „es müsste ihm vorkommen, als jage ein böser Dämon alle diese Menschen dort im Kreise umher.“ Nervosität und Übererregung sind die typischen Krankheiten der Großstadt. „Meyers Konversations-Lexikon“ attestiert den Berlinern ein „keckes, dreistes Auftreten“: Ein „ganz unangemessener Stolz auf B. und seine Herrlichkeit ist dem Berliner eigentümlich. Er glaubt steif und fest an das alte Anagramm des Namens B.“ Berolinum – lumen orbi. Berlin – Licht für die Welt. Berlin ist großspurig, bombastisch, prahlerisch und auf plumpe Weise protzig – geltungssüchtig wie sein Kaiser. „Der Parvenü der Großstädte und die Großstadt der Parvenüs“, spottet Walther Rathenau.

**ABER HIER IN BERLINS** Norden und Osten, auf der hässlichen Rückseite der lärmenden, aufstrebenden Stadt, in den heruntergekommenen Arbeitervierteln, wo geht es hier schon aufwärts? In den düsteren Stadtlandschaften von Zilles Kindheit hat sich nichts zum Guten geändert, seit er und seine Eltern nach Berlin gekommen sind. Neun Jahre alt ist Heinrich, als die Familie Zille im November 1867 aus Sachsen in Berlin eintrifft. Mit wenig Gepäck und wenig Geld. Aber der Hoffnung, in der schnell wachsenden Industriestadt eine Anstellung und eine gesicherte Existenz zu finden.

Wohnungen sind knapp, damals schon. Die Nachfrage übersteigt ständig das Angebot. Und eine skrupellose Grund- und Bauspekulation sorgt dafür, dass es auch so bleibt. Wer wie die Zilles kein Geld hat, der strandet in den Mietskasernenvierteln der ärmeren Vorstädte im Norden und Osten der Stadt, im Wedding oder in der Luisenstadt (im heutigen Kreuzberg), in Neukölln, in Friedrichshain. Oder es verschlägt ihn in das Gewirr schmaler und feuchter Gassen des Scheunenviertels nördlich des Alexanderplatzes, das als die verrufenste Gegend Berlins gilt. Hier ist die niederste Prostitution zu Hause, kleine Händler betreiben hier ein armseliges Gewerbe, und jüdische Einwanderer aus Russland oder Polen suchen hier eine erste Unterkunft. „Frauen mit bemalten Gesichtern, mit großen Schlüsseln in den Händen strichen herum wie in der Zosina-Wolja-Gasse in Stanislau oder in der Spitalna in Lemberg“, berichtet ein Besucher. „Juden gingen herum, gekleidet wie in Galizien, Rumänien und Russland.“

Die Familie Zille findet eine Unterkunft in der Andreasstraße, in unmittelbarer Nähe des Schlesischen Bahnhofs. Hier leben die ganz Armen, hier lebt das Lumpenproletariat. Eine Kellerwohnung, eine Stube, eine Küche. „Zerrissene Tapeten, dunkle Konturen, wo einst Bett und Schränke gestanden hatten. Blutflecke zerquetschter Wanzen und in der Ecke ein Packen Stroh, das sollte unser Bett sein“, erinnert sich Zille. Abweisend, zweckmäßig und eintönig, haben die Mietskasernen in der Tat viel gemein mit Soldatenunterkünften. Vier bis sechs Stockwerke sind sie hoch, quadratisch um einen Innenhof angelegt und sich in die Tiefe vervielfachend. Die Hinterhöfe sind düster und stickig, erfüllt vom Lärm der kleinen Handwerksbetriebe.

Das Klopfen, Hämmern und Sägen aus den Werkstätten übertönt den ganzen Tag hindurch Kindergeschrei und das Rufen und Schwatzen der Mütter. Hier stehen überquellende Mülleimer und oft auch der Abort. Nach der Berliner Bauordnung, die bis 1887 gilt, brauchen die Hinterhöfe nur eine Länge und Breite von je 5,30 Meter zu haben – so groß, dass der Spritzenwagen der Feuerwehr darin eben wenden kann. „Schmaler Hof, aber schön hoch“, lautet der Hinweis eines Hauswirts auf einer Zeichnung von Zille. „Kaum irgendwo in der Welt wohnt man so dicht; es ist, als ob nicht für Menschen Unterkunft geschaffen werden sollte, sondern für Maulwürfe“, ist in der Zeitschrift „Die Zukunft“ zu lesen. Die Wohnungszählungen von 1900 und 1905 bringen Zustände zutage, die den sozialdemokratischen Abgeordneten Albert Südekum zu dem Schluss kommen lassen: „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung geradeso gut töten wie mit einer Axt.“

Um 1895 leben in Berlin 43,7 Prozent der Bevölkerung in Wohnungen mit nur einem beheizbaren Zimmer, das in der Regel gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlafstube dient. Die Gemeinschaftstoilette auf dem Treppenpodest oder im Hof wird manchmal von mehr als 40 Personen benutzt. Licht und Luft kommen oft allein über Lichtschächte – wenn die Wohnung nicht gleich im lichtlosen Keller liegt. Drangvolle Enge herrscht überall. Kinder, Kranke, zwischendrin viel zu schnell gealterte Frauen, die als Heimarbeiterin etwas dazuverdienen versuchen. Für sieben Pfennig die Stunde, selten mehr, nähen sie für einen Zwischenhändler Kindermäntel mit Pelerinen oder Malerkittel. Bis zur Erschöpfung wird die auf Raten gekaufte Nähmaschine getreten. Oder sie fabrizieren Hüte, Kunstblumen, Knallbonbons oder – wie Zilles Mutter – Tintenwischer.

Um ihre Miete bezahlen zu können, sind viele gezwungen, in den ohnehin schon überfüllten Wohnungen „Schlafburschen“ aufzunehmen. Dann müssen die Kinder zusammenrücken, auf zusammengeschobenen Stühlen schlafen oder auf dem Fußboden, um Platz für den zahlenden Schlafgänger zu schaffen. Hier stinkt es nach Armut, nach verbranntem Kohl und billigem Schnaps, nach Schweiß und feuchten Wänden. Der Armenarzt behandelt Dirnen, die von Zuhältern geprügelt werden, und an Sommerdiarrhöe leidende Kinder – Folge verdorbener Milch und schlechter Luft in den überhitzten Mietskasernen. Er kümmert sich um Schwindsüchtige und Geschlechtskranke.

Die Mieten schießen, trotz dieser Zustände, ständig weiter in die Höhe. Als das Haus Hirschelstraße 14, in dem der Schriftsteller Theodor Fontane mit seiner Familie seit neun Jahren zur Miete lebt, an einen Bankier verkauft wird, erhöht dieser die Miete auf das Dreifache, obwohl das Gebäude eine abfallübersäte Ruine ist, mit einem Hof, der aussieht, „als könne er das ganze Geheimratsviertel mit Typhus versorgen“. Der empörte Autor übersiedelt in eine erschwinglichere Wohnung in der Potsdamer Straße, in ein Haus, das freilich ebenso heruntergekommen ist, bevölkert von Wanzen und „Schaben in kaum übersehbarer Heerschar“

Fontane ist nicht der Einzige, der aus Kostengründen die Wohnung wechselt. An den üblichen „Ziehtagen“, zum 1. April und 1. Oktober, herrscht stets ein reger Umzugsverkehr. Beladen mit ihren wenigen Habseligkeiten, ziehen die Berliner von einer trostlosen Wohnung in eine noch trostlosere – womöglich in einen Keller oder einen soeben fertig gestellten, noch feuchten Neubau. „Trockenwohner“ nennt man jene Mieter,die eine frisch verputzte Wohnung gerade so lange beziehen, bis sie ausgetrocknet genug ist und zahlungskräftigeren Mietern angeboten werden kann.

Viele fallen ganz durch die weiten Maschen des sozialen Netzes. Obdachlosen, die von einem der überfüllten Asyle abgewiesen werden, bleibt nur, bei „Mutter Grün“ zu nächtigen. An einem einzigen Tag, dem 30. Januar 1895, nimmt eine „Wärmehalle“, ein Tagesasyl für Obdachlose, 4000 Personen auf. In Zeiten verschärfter Wohnungsnot steigt die Zahl der Suizide. Wöchentlich veröffentlichen die Zeitungen die Liste der Selbsttötungen. In diesem Elend findet Heinrich Zille um die Jahrhundertwende seine Motive. Etwa die Heimarbeiterin, die für die Konfektion arbeitet. „Der Haussegen“ heißt eine Radierung, weil sich das Geschehen in der ärmlichen Stube genau unter dem an der Wand hängenden Bild „Haussegen“ ereignet. Das Ideal gesegneter Häuslichkeit will nur nicht passen zu dem hastigen Geschlechtsakt – der Hausverwalter treibt die Wochenmiete ein, die die Näherin nicht mit Geld bezahlen kann.

Auf einem anderen Bild der Schlafbursche, der genau in jenem Moment in die Wohnung tritt, als die halbwüchsige Tochter nackt im Waschbottich steht. Intimität gibt es hier nicht. Da ist die Mutter, die abends nebenbei als Prostituierte „klettern“ geht. Das kleine Mädchen, das prahlt, Blut in den Sand spucken zu können. Die junge Frau, die mit ihrem Kind ins Wasser gehen will – die billigste Methode des Selbstmords. „Mutter, isset ooch nich kalt?“, fragt das Kind. „Nee, lass man, die Fische leben ja ooch drin.“

**BERLIN IST EINE GETEILTE STADT.** Hier Zilles „Milljöh“, der triste, in seinem Elend verharrende Norden und Osten, das „dunkle Berlin“, dort der glänzende Westen, das Berlin der Aufsteiger.

Proper, blitzend und aufgeräumt präsentiert die junge Hauptstadt, die 1126 Straßenkehrer beschäftigt, ihre schmucke Seite. Und nirgendwo ist es so sauber, so blank wie Unter den Linden. Schaufenster prunken mit Luxusauslagen. Die Wände des Café Bauer hat der vom Kaiser so geschätzte Historienmaler Anton von Werner mit Szenen aus dem alten Rom bemalt. Zwischen Café Bauer und Pariser Platz machen sich „Palazzi prozzi“ breit: die Geschäftshäuser der Disconto- Gesellschaft, der Preußischen Central-Bodenkredit-AG, der Internationalen Eisenbahn-Schlafwagen-Gesellschaft. Und schließlich am Pariser Platz der Prunkbau des Hotel „Adlon“.

Bei seiner Eröffnung im Oktober 1907 schwärmen die Zeitungen von Suiten, die „halb Museum, halb Wohnzimmer“ seien, von der riesigen Hotelhalle mit der Büste Wilhelms II. Die moderne Sanitärtechnik wissen vor allem amerikanische Gäste zu schätzen. Zum Fünfuhrtee findet sich die Jeunesse dorée des wilhelminischen Berlin ein, um zu plauschen und zu flirten. „Laufstraße“ nennen die Berliner Unter den Linden, „Saufstraße“ die Friedrichstraße, „Kaufstraße“ die Leipziger Straße. In die Leipziger geht man zum „Shopping“ – „eine neue Sitte in Berlin“, wie das „Berliner Tageblatt“ berichtet, bei der die Damen „ohne die geringste Absicht des Kaufens sich die neuesten Kreationen vorlegen lassen“. Hier befindet sich das 1897 eröffnete Kaufhaus Wertheim mit seiner gotisch stilisierten Fassade, ein Tempel des Massenkonsums. Und schnell das populärste Bauwerk Berlins.

1907 ist über das Wertheim zu lesen: „Menschen zu fast jeder Tageszeit in ununterbrochenen Strömen; unabsehbare, immer neue Reihen von Verkaufsständen; ein Meer von Warenmassen, ausgebreitet; Treppen, Aufzüge, Etagen, sichtbar wie die Rippen eines Skeletts. Enge und Weite, Tiefe und Höhe; Farben, Glanz, Licht und Lärm.“ Die größte Sehenswürdigkeit aber ist der Kaiser: „Berlin jewesen – Kaiser jesehen.“ In der Lokalpresse und in Stadtführern wird angezeigt, wann und wo die Untertanen den Monarchen bestaunen können: an Festtagen bei Paraden und Denkmalsenthüllungen; alltags bei Ausritten Unter den Linden, meist zu fester Stunde. Oder er braust im Daimler- Wagen vom Schloss zum Brandenburger Tor. „Die kaiserlichen Automobile“, informiert der Baedeker, „sind elfenbeinfarbig und fallen durch ein melodisches Trompetensignal mit besonderem Zweiklang auf.“

Tausende von Berlinern stehen Spalier oder ziehen im Gleichschritt mit, wenn das Gardekorps zur Frühjahrsoder Herbstparade auf dem Tempelhofer Feld ausrückt. Und an der Spitze reitet Wilhelm II. Die Metropole trägt Gardeuniform. Walther Rathenau beschreibt den merkwürdigen Doppelcharakter Berlins als Stadt der Beharrung und des Wandels: „Ein überhitztes, tatsachenhungriges Großstadtleben, auf Technik und so genannte Errungenschaften gestellt, verlangte eine Repräsentation, die Rom und Byzanz, Versailles und Potsdam auf einer Platte vereinigt.“ „Militärtoll“ nennt eine französische Zeitung die Berliner. Reserveleutnant zu sein hebt die gesellschaftliche Reputation und fördert die Karriere. Der Herr pflegt seinen Schnurrbart à la Wilhelm II. Erste Adresse für den Schnurrbartträger mit den nach oben gezwirbelten Spitzen ist der Salon des Hofbarbiers François Haby in der Mittelstraße. Hier bringt man die stolze Manneszierde mit Pomade der Marke „Es ist erreicht!“ in Form. Wer im Glanz der Aristokratie stehen will, ersucht den König um ein Adelsprädikat – so mancher hilft mit einer Spende nach.

Im Königlichen Opernhaus wird zu gegebenen Anlässen die Macht des Reiches zur Schau gestellt. Im ersten Rang die hohe Generalität, das diplomatische Korps und die Hofchargen. In der Hofloge die Kaiserin in lilafarbener Samtrobe und der Kaiser in Galauniform. Die geladenen Damen mit vorgeschriebenem Dekolleté von 16 Zentimetern Tiefe. Die Kleiderordnung regelt die Garderobe bis hin zur Zahl der Knöpfe bei Uniformen und Hoftrachten. Der festlich gekleidete Herr trägt, à l’Ancien Régime, kurze Beinkleider, Seidenstrümpfe und leichte Schuhe. Die „besseren Kreise“ bauen jetzt im Grunewald, in Dahlem oder am Wannsee. Ein griechisch-italienisches Palais vielleicht, dessen Dekor-überladenes Mobiliar mehr zum Repräsentieren als zum Wohnen geeignet ist. „Hier ein assyrischer Tempelbau“, spottet Walther Rathenau, „daneben ein Patrizierhaus aus Nürnberg, weiter ein Stück Versailles, dann Reminiszenzen vom Broadway, von Italien, von Ägypten – entsetzliche Frühgeburten polytechnischer Bierfantasien.“ Wo zuvor ein Knüppeldamm durch sumpfiges Gelände führte, auf dem Kurfürsten, Könige und ihre Jagdgesellschaften zum Jagdschloss Grunewald ritten, ist nach dem Vorbild der Pariser Champs-Elysées eine Prachtstraße entstanden: der Kurfürstendamm. Die Protagonistin von Theodor Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“ konnte hier zu Beginn der 1870er Jahre noch kilometerlange Spaziergänge durch offenes Gelände machen.

Nun wohnen hinter pompösen Treppenaufgängen und Fassaden im „neuen Westen“ die Repräsentanten des alten wie des neuen Reichtums: Gutsbesitzer, Offiziere, Rittmeister, Generäle a. D., Bankiers, Fabrikanten, Kommerzienräte, Ärzte, Rentiers und Schauspieler. Hier hängen Schilder „Nur für Herrschaften!“, es gibt Nebeneingänge und Hintertreppen fürs Dienstpersonal, und man hat keinen „Hinterhof“, sondern einen „Gartenhof“. 1913 werden im „Jahrbuch der Millionäre“ allein 120 ganz Reiche am Kurfürstendamm registriert – und ungefähr noch einmal so viele in den umliegenden Straßen. Keine andere Einkommensgruppe wächst in diesen Jahren so rasch wie die der wirklich Vermögenden.

Aber auch für den Mittelstand werden neue Wohnviertel aus dem Boden gestampft – in Charlottenburg, Schöneberg, Wilmersdorf, Steglitz und Tempelhof, wo eben noch Rittergüter lagen. Der Bauwut weichen auch die Äcker der Schöneberger Kartoffelbauern, die der Verkauf zu Millionären macht. Der Mittelstand versucht zu zeigen, dass man „wer“ geworden ist – auch wenn er das Gold durch Talmi und den Marmor durch getünchtes Blech ersetzt. Und die angeklebten Gipsfiguren am Mietshaus mit Ölfarbe wasserfest machen lässt.

**EINE GERÄUMIGE** Dreizimmerwohnung im vierten Stock mit Küche und Balkon am nicht ganz so vornehmen Westrand von Charlottenburg: Sophie-Charlotten- Straße, Vorderhaus mit Blick bis zu den Ausläufern des Grunewalds. Vertiko, Sekretär, eine Kommode, überladen mit Krimskrams, Muscheln, Döschen, Nippes; Äffchen aus Gips neben Hühnchen aus Ton. Mozart- und Beethovenbüste; ein Vogelbauer für die Tigerfinken und Sittiche – mittelständischer Komfort, blitzsauber, Kleinbürgeridyll.

Hier wohnt, seit 1892, Heinrich Zille. „Meine erste eigene Wohnung war im Osten Berlins im Keller, nun sitze ich schon im Berliner Westen, vier Treppen hoch, bin also auch gestiegen“, schreibt er rückblickend. Zille, der Sozialaufsteiger. Vom Hinterhofkind zunächst zum Lithographenlehrling, der Fürsten, Generäle, Schlachten- und Heiligenbilder, Schutzengel und röhrende Hirsche kopiert: Kunst für arme Leute, die mit billigen Drucken den Geschmack der „besseren Kreise“ kopieren. Dann Aufstieg zum gut verdienenden Angestellten der Berliner „Photographischen Gesellschaft“, einer der führenden europäischen Kunstanstalten, die Reproduktionen alter Meister, aber auch zeitgenössischer Kunst vertreibt.

Vom Freizeitmaler, der in unbeholfenen Aquarellen seine Kinder und die Landschaft vor seiner Haustür festhält, zum Künstler, der Anfang der 1890er Jahre beginnt, Beobachtungen aus der Großstadt zu Papier zu bringen. Der sich angesprochen fühlt vom Naturalismus, einem Angriff auf die satte Borniertheit der Gründerjahre. Das ist etwas, was mit seiner Geschichte, mit seiner Herkunft zu tun hat. Gerhart Hauptmann, der die Not der schlesischen Weber schildert; Arno Holz, der bitteres Elend mit protzendem Reichtum kontrastiert; Max Kretzer, der drastisch die Elendsverhältnisse in Mietskasernen und Vorstadtdestillen schildert: All diese Autoren, die sich zum Naturalismus bekennen, entdecken nun die Hinterhöfe und Kaschemmen, die Krämerläden und Obdachlosenasyle, die Bordelle und Ganoventreffs.

Schaudernd und fasziniert zugleich, steigen sie „hinab“ zu den Pennern und Nutten, zu Zuhältern, Verbrechern und Alkoholikern. Einige leben – zumindest gelegentlich – in den Arbeitervierteln. Und kennt sich Zille in den lichtlosen Ecken Berlins nicht viel besser aus als diese Elendsausflügler? Hat er nicht selbst erlebt, was die milieusüchtigen Literaten nur beschreiben?

**NICHT HINABSTEIGEN** zu den Elenden, sondern die „unteren Stände“ aufrichten, sie emporheben: *Das* soll die Kunst nach dem Willen Wilhelms II. Der Kaiser fühlt sich zum obersten Kunstrichter berufen. Und Berlin ist die Bühne für sein ästhetisches Selbstverständnis und die Selbstdarstellung des Monarchen. Zur „schönsten Stadt der Welt“ soll die Hauptstadt werden. Er lässt Regierungsbauten und Kirchen errichten, Gefängnisse, Kasernen und Hospitäler. Allein 34 Gotteshäuser werden in den ersten 20 Regierungsjahren Wilhelms II. in Berlin gebaut. In der Hauptstadt geht die Scherzrede, es würden „jeden Mittwoch und Sonnabend Vormittag (von 10–12 Uhr) neue Kirchen eingeweiht oder, wenn zufällig keine neuen fertig seien, an ihrer Stelle Orgeln, Teppiche und dergleichen“.

Wilhelms besondere Liebe gilt Denkmälern. Und der „Denkmalssegen“ aus Marmor und Bronze, der sich über Berlin ergießt, ist beachtlich. Allein die Siegesallee, eine 1901 fertig gestellte Flaniermeile durch den Tiergarten, säumen 32 überlebensgroße Standbilder von Mitgliedern des Hauses Hohenzollern – in den Augen des Kaisers ein besonders gelungenes Beispiel seiner Bemühungen, das Berliner Stadtbild zu verschönern. Ein Stein gewordener Lehrpfad, ein Triumphweg aus des „Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse“ bis zum Deutschen Reich. Marmorbüste folgt auf Marmorbüste, vom Markgrafen Albrecht dem Bären zu den Königen Friedrich I. bis Wilhelm I. Ein persönliches Geschenk des Monarchen an die Stadt Berlin. Eine Denkmalsorgie, große Hohenzollernoper.

Was Wilhelm II. dagegen von der Armeleutekunst hält, verkündet er 1901 bei der Enthüllung der letzten Denkmäler der Siegesallee. Wenn diese Kunst, „wie es jetzt vielfach geschieht, nichts weiter tut, als das Elend noch scheußlicher hinzustellen, wie es schon ist, dann versündigt sie sich damit am deutschen Volke“ – indem sie „in den Rinnstein niedersteigt“. Rinnsteinkunst. Das zielt auf einen wie Zille. Vor allem aber auf die „Berliner Secession“ – jene Gruppe oppositioneller Künstler um Max Liebermann, die bald nach ihrer Gründung 1898 zur mächtigsten aller progressiven Kunstgruppierungen in der Hauptstadt aufgeblüht ist. In den jährlichen Präsentationen der Secession in der Kantstraße werden Werke von Künstlern gezeigt, die vom offiziellen Kunstbetrieb übergangen werden.

In ihrer Ausstellung „Zeichnende Künste“ im Winter 1901 ist auch Zille vertreten. Acht seiner Zeichnungen und zwei Radierungen hängen neben Arbeiten von Käthe Kollwitz oder Lyonel Feininger. Rückblickend berichtet Zille: „Und ich hörte, wie ein älterer Herr, wie es schien, Militär in Zivil oder Hauptmann an der Majorsecke, zu seiner Dame sagte: ,Der Kerl nimmt einem ja die ganze Lebensfreude!‘“ 1902 hat Zille seine erste Einzelausstellung. 1903 wird er in die Secession aufgenommen, auch wenn seine naturalistische Zeichenkunst nicht mehr den neuesten Moden entspricht: Der aus Frankreich herüberflirrende Impressionismus verkündet den Rückzug in eine private Genusswelt; und gegen die morbide Eleganz und ornamental stilisierte Kunst des Jugendstils wirken Zilles Werke hemdsärmelig robust.

Der aber bleibt bei seinem „Milljöh“. Er läuft Männern hinterher, die auf dem Weg in die Volksküche sind, und studiert Bewegungen und Gesichter. Er folgt Frauen über die Straße, beobachtet, wie sie die Röcke raffen, und zeichnet sie mit ausladenden Hinterteilen. Er schaut durch dunkle Torbögen, zu den Kindern mit ihren durchlöcherten Hosen und zerrissenen Strümpfen. Fotografiert übereinander gestapelte Kindersärge in einem Schaufenster. Mit immer sicherer werdendem Strich skizziert er Ladenfronten, Straßenecken, Schilderwände, dunkle Treppenhäuser, bröckelnden Putz und faulendes Holz – Bühnenbilder für künftige Zeichnungen. Vorlagen. Erinnerungsskizzen. Beweismaterial. Seine Themen sind Wohnen, Essen, Schlafen, Kinderkriegen, Altwerden, Sterben. Arbeitende Männer kommen in den Bildern selten vor. Die sind in der „Fabrikstadt, die im Westen niemand kennt und die vielleicht die größte der Welt ist“, wie Rathenau berichtet: „Nach Norden, Süden und Osten streckt die Arbeiterstadt ihre schwarzen Polypenarme, sie umklammert den schwächlichen Westen mit Eisenzähnen.“

Berlin hat Fabriken in allen Größen und einen nahezu unstillbaren Arbeitskräftebedarf. 321 800 Arbeiter, mehr als die Hälfte der Berufstätigen, sind 1907 in fast 17 000 Fabriken und Betrieben beschäftigt. Die „neuen“ Werktätigen sind auf Teilarbeiten spezialisiert, arbeiten als Bohrer, Fräser und Dreher. Akkord und Stempeluhr bestimmen häufig den Rhythmus. Die Fabriken werden wie Kasernen geführt. Nur wenige Konzerne wie Siemens oder AEG gewähren nach mehrjähriger Betriebszugehörigkeit und als besondere „Vergünstigung“ drei bis sechs Tage Urlaub. Dennoch: Die Situation hat sich, bei aller Reglementierung und Monotonie, für die Beschäftigten verbessert. Die Arbeitszeit verringert sich von zwölf Stunden täglich 1870 auf neun bis zehn im Jahr 1910. Auf dem Bau erkämpfen die Gewerkschaften Wochenlöhne bis zu 36 Mark. In bestimmten Branchen, etwa dem Druckereigewerbe, bildet sich eine „Oberschicht“ aus hoch spezialisierten Fachleuten, die über ein weit höheres Einkommen verfügt als ein normaler oder ungelernter Arbeiter, der selten mehr als 1000 Mark im Jahr erhält.

Für die Arbeiterbewegung interessiert sich Zille künstlerisch allerdings nicht – nicht für das „rote Berlin“, in dem die Sozialdemokraten seit 1903 fünf der sechs Berliner Reichstagswahlkreise halten. Er ist weder Mitglied einer Partei noch der Gewerkschaft. Zille ist ein Menschenfreund, kein Revolutionär. Seine Figuren haben fatalistische Neigungen und richten sich meist lebenstüchtig im Elend ein. Wenn gekegelt wird, dann hält es auch den Rollstuhlfahrer nicht mehr in seinem Gefährt. Und wer im Müll sein Auskommen suchen muss, bedient sich vom „Kempinskihaufen“.

**ES SIND DIESE** kleinen Fluchten aus dem Elend, die der Zeichner darstellt: ins Jrüne oder wenigstens in den Biergarten, in die Laubenkolonie, auf den Rummel, ins Freibad an der schmutzigen Spree oder an den Wannsee. Man macht Dampfer- und Kremserfahrten zu den vielen Garten- und Tanzlokalen an Berlins Seen. Der Berliner Zoo bietet an einem Sonntag im Monat verbilligte Eintrittskarten für 25 Pfennig an, sodass sich auch die Arbeiter und kleinen Angestellten in Massen durch das berühmte Elefantentor drängen. Vor allem aber die Kneipe ist Treffpunkt, Vereinslokal, Aufwärmmöglichkeit, Fluchtpunkt aus der häuslichen Enge und Rettungsinsel für die Alkoholiker. Nur in den Kneipen spielen die Männer bei Zille eine Hauptrolle.

Und nirgendwo gibt es wohl so viele Kneipen wie in der Friedrichstraße. „Neulich“, berichtet Mark Twain, „setzte ein Mann sein Geld darauf, dass es auf dieser Straße mehr Lokale gibt als Hausnummern – und er gewann. Es gibt 254 Nummern und 257 Lokale.“ Etwa den berühmten Pschorr-Palast, Ecke Behrensstraße. Schnell und billig essen kann man bei Aschinger, einem Filialunternehmen mit 40 Lokalen in der Stadt, vielleicht die erste Fast-Food-Kette. Hier hat man sich dem Tempo und der Zeitnot der Großstädter angepasst, gegessen wird im Stehen. Ein belegtes Brot für 10 Pfennig, ein Teller Erbsensuppe mit Speck für 30 Pfennig. In der Friedrichstraße konzentrieren sich auch die Nachtlokale, Tanzbars und Animierkneipen, die der Stadt den Ruf eines Sündenbabel eintragen, in das der brave Provinzler nur mit frommem Schauder (und heimlicher Sehnsucht) fährt.

„In der Nähe des Bahnhofs begann zur nächtlichen Stunde die Teufelsmagie“, berichtet ein Nachtschwärmer. Gruppen von Betrunkenen quellen aus den Lokalen. Auf dem Bürgersteig zieht ein „Strom von Frauenwaden, dicken und dünnen, und Männerbeinen, langen und kurzen, trippelnd, schlurfend, schiebend, stoßend, ständig auf und ab“. In der Friedrichstadt stehen die Huren. Sie tragen Federhüte, Federboas und hochgeschnürte Busen und schwenken ihre Taschen hin und her. 1900 gehen nach Schätzungen der Polizei in Berlin 20 000 Frauen der Prostitution nach. Ein großer Teil hat zuvor versucht, als Hausmädchen über die Runden zu kommen. Ihre Zuhälter gehören oft „Ringvereinen“ aus dem Halbweltmilieu an. Die organisieren kleinere Untergruppen, die sich auf Geschäftsfelder wie Drogenhandel, Prostitution oder Auftragsmord spezialisieren. Vereinsmitglied wird nur, wer mindestens zwei Jahre im Gefängnis verbracht hat. Und die Mitgliedschaft lohnt sich: Der Verein stellt nicht nur ausgezeichnete Rechtsanwälte. Wenn es sein muss, sorgt er dafür, dass wichtige Zeugen und Richter bestochen werden. Die Unterwelt trifft sich in der Kaffeeklappe in der Frankfurter Straße. Oder in der „Parochialritze“, auch so einem Gaunerladen.

**MITTEN UNTER** der zwielichtigen Kundschaft mit den bunten Krawatten sitzt einer, der nicht recht in die Kreise passen will. Es ist irgendwann mitten in den 1920er Jahren – Heinrich Zille ist, nach einem seiner langen Gänge durch die Stadt, wieder einmal in der „Parochialritze“ eingekehrt. Nicht nur geduldet wird Zille, oft sogar wird er eingeladen, wenn die Unterwelt feiert. Ein Außenseiter dennoch. Keiner, der dazugehört. Hier nicht. Aber schon lange auch nicht mehr zu den Armen und Absteigern, die er zeichnet.

Doch in den Künstlerkreisen, in der besseren Gesellschaft, ist er auch nicht richtig angekommen. Anfang 1924 wird Zille zwar zum Professor und Ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Künste gewählt, und alle Magazine und Zeitungen bringen Fotos von ihm. Aber noch immer verkauft er seine Zeichnungen, als wäre er ein Handwerker: Der Preis bemisst sich nach der Zeit, die er für ein Bild benötigt hat. Als Heinrich Zille am 9. August 1929 stirbt, sind ihm seine Figuren schon längst ein wenig abhanden gekommen. Weil es für die Zeitschriften schnell gehen musste, hat er immer häufiger bei sich selbst abgezeichnet. Und dass sich hinter den humorigen Bildern noch immer bitterer Ernst verbirgt, erkennen nur wenige.

Zille, das ist ein Markenname geworden für ein derbes, aber fröhliches, ursprüngliches Berlin. Nicht provokant, eher amüsant. Seit 1925 feiert Berlins feine Gesellschaft Zille-Bälle. Der Herr Bankdirektor gefällt sich als Ganove mit Ballonmütze und gemaltem Messerstich auf der Wange. Seine Frau spielt mit Netzstrümpfen und einem Ausschnitt, der alles verspricht, die Hure. Die Blaskapelle spielt eine Zille-Polonaise. Die Aufsteiger begeben sich Champagner trinkend für eine Nacht hinab in Zilles „Milljöh“. Nur Zilles Personal bleibt, wo es immer schon war, draußen, auf der dunklen Seite von Berlin.

##### 6. Industrialisierung und moderne Gesellschaft 

Im Kaiserreich erlebte Deutschland den Durchbruch zur modernen Industriegesellschaft. Die Industrialisierung ging einher mit massiven gesellschaftlichen Veränderungen. Wohnen, Bildung, Arbeit, Kultur: Vor allem Bürgertum und Arbeiterschaft lebten in sozial scharf voneinander getrennten Lebenssphären, es gab kaum Kontakt und Mobilität zwischen diesen Gruppen.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/sMKimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/sMKimage.jpeg)

<div class="spacer-horizontal__breakout" id="bkmrk-wohn--und-schlafraum"><figure class="detail-picture spacer-horizontal" style="text-align: justify;"><figcaption class="detail-picture__description">Wohn- und Schlafraum in der Manteuffelstraße 64 in Berlin, aufgenommen am 27.6.1910: Während die Mutter Knallbonbons fertigt, müssen die beiden Kinder helfen. Raummaße: 4,00m lang, 2,75m breit, 2,60m hoch. (© picture-alliance, ZB)</figcaption></figure></div>In der Zeit des Kaiserreichs erlebte Deutschland den Durchbruch zur modernen Industriegesellschaft. Industrie und Gewerbe, Handel und Verkehr drängten die Landwirtschaft immer stärker in den Hintergrund und wurden zur wesentlichen Triebkraft von wirtschaftlichem Wachstum und gesellschaftlichem Wandel.

<div class="detail-picture detail-picture--right text-content" id="bkmrk-in-lightbox-%C3%B6ffnen-."><figure class="detail-picture__figure"><div class="detail-picture__picture"><picture class="picture is-lazy is-active"><source media="(min-width: 900px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/7/163037_original.jpg?5CBD6"><source media="(min-width: 490px)" srcset="https://www.bpb.de/cache/images/7/163037_article_side.jpg?7B3C1">![Im Leihhause. Gemälde, 1876, von Christian Ludwig.](https://www.bpb.de/cache/images/7/163037_article_side.jpg?7B3C1)</source></source></picture><button class="lightbox-toggle"><span class="a-visually-hidden" lang="de">In Lightbox öffnen</span></button></div><figcaption class="detail-picture__description">...und hier eine Szene aus einem Pfandleihhaus ("Im Leihhause" - Gemälde von Christian Ludwig, 1876) (© picture-alliance/akg)

</figcaption></figure></div>Der industrielle Kapitalismus brachte zugleich eine Klassengesellschaft hervor, die von marktabhängigen Erwerbsklassen mit ausgeprägten Gegensätzen insbesondere zwischen besitzendem Bürgertum auf der einen und lohnabhängigem Proletariat auf der anderen Seite geprägt war. Im Zuge der Hochindustrialisierung bildeten Wirtschaft, Kapital, Arbeit und Staat hochgradig organisierte Organisationsstrukturen aus, die das individuelle Gesellschaftsideal des klassischen Liberalismus zunehmend veraltet erscheinen ließen. Zugleich verschob sich der Schwerpunkt des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens immer mehr vom Lande in die expandierenden Städte, begleitet von einer dynamischen Modernisierung der Infrastruktur und der alltäglichen Lebensverhältnisse.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/SLCimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/SLCimage.jpeg)

**Die Industrialisierung**

Nachdem sich in der Zeit zwischen 1850 und 1870 die Startphase der deutschen Industriellen Revolution vollzogen hatte, trat das Kaiserreich in die Phase der Hochindustrialisierung ein. Die Zentren der industriellen Produktion in Mittel- und Südwestdeutschland, um Berlin und vor allem im Ruhrgebiet wurden immer größer und ökonomisch dominanter. Hier fanden nicht nur die Überschüsse einer rasch wachsenden Bevölkerung Beschäftigung, die zwischen 1871 und 1910 von 41 auf 65 Millionen anstieg. Die Industrialisierung rief vielmehr auch eine enorme Mobilität hervor, denn viele Menschen zogen auf der Suche nach Arbeit – wenn sie nicht gleich nach Übersee auswanderten oder als „Flugsand“ der Industrialisierung (Rudolf Braun) nirgendwo mehr sesshaft wurden – vom Lande in die expandierenden industriellen Zentren. Ihre Beschäftigtenzahl zog Mitte der 1890er Jahre mit der Landwirtschaft gleich und begann sie im frühen 20. Jahrhundert immer deutlicher zu überflügeln.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/87Fimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/87Fimage.jpeg)

Vor allem aber übertraf die industrielle Wertschöpfung die des primären Wirtschaftssektors bald immer deutlicher. Auch wenn die Zeitgenossen noch engagiert darüber diskutierten, ob Deutschland von einem Agrar- zu einem Industriestaat werden sollte: Ökonomisch war die Entscheidung Ende des 19. Jahrhunderts längst gefallen. Auf Textil-, Eisen- und Stahlproduktion als Leitsektoren der industriellen Entwicklung folgten nun die Chemie- und Elektroindustrie, mit der Deutschland endgültig vom Nachzügler zum Vorreiter der Industrialisierung in Europa wurde. Die Landwirtschaft dagegen, die mit dem forcierten Einsatz moderner Maschinen und Düngemittel selbst einen Prozess der Industrialisierung durchlief, aber trotzdem auf dem Weltmarkt gegenüber den amerikanischen und russischen Agrarpreisen ihre Konkurrenzfähigkeit verlor, litt nicht nur unter der Massenabwanderung ihrer Arbeitskräfte, sondern auch unter einer strukturellen Agrarkrise und forderte immer vehementer staatliche Schutzzölle.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/GJkimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/GJkimage.jpeg)

Auch die industrielle Dynamik stellte sich allerdings keineswegs als eine kontinuierliche, gar harmonische Aufstiegsentwicklung dar. Sie war vielmehr selbst von gravierenden Krisen und Konflikten begleitet. Auf den ökonomischen Boom der Reichsgründungszeit folgte 1873 die sog. Gründerkrise. Dabei handelte es sich um eine schwere, in Deutschland besonders einschneidend erfahrene Weltwirtschaftskrise, die bis Ende der 1870er Jahre anhielt und der in den 80er und 90er Jahren weitere schwere konjunkturelle Einbrüche folgten. Wenn viele Historiker sogar von einer Großen Depression der Weltwirtschaft zwischen 1873 bis 1895 sprechen, so ist darunter allerdings keineswegs ein allgemeiner Produktionsrückgang zu verstehen. Die Wachstumsraten verlangsamten sich vielmehr zeitweise durch rasch aufeinander folgende, krisenhafte Konjunktureinbrüche in einer insgesamt weiterhin wachsenden Wirtschaft. Mitte der 1890er setzte dann auch in Deutschland wieder eine lange anhaltende Aufschwungsphase ein, die nur zwischen 1906 und 1908 von einem kurzen Produktionsrückgang unterbrochen wurde.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/5KNimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/5KNimage.jpeg)

Diese Phase der Hochindustrialisierung brachte zugleich einen weiteren einschneidenden Strukturwandel mit sich. Angesichts der notwendigen Investitionen in die Entwicklung moderner Großunternehmen gewann das Finanzkapital eine wachsende Bedeutung. Die traditionellen Familienbetriebe wurden zunehmend von Aktiengesellschaften abgelöst und immer mehr von Managern als von Besitzern geleitet. Fabriken und Betriebe wuchsen rasant, zugleich entstanden Konzerne, die mit der Bildung von Syndikaten und Kartellen weitreichende Konzentrationsprozesse einleiteten und monopolartige Stellungen entwickeln konnten. Diese Entwicklung zum „Organisierten Kapitalismus“ (Rudolf Hilferding) wurde begleitet von einer immer ausgeprägteren staatlichen Interventionspolitik, die in der Schutzzollpolitik nur ihren deutlichsten Ausdruck fand. Die Zentralisierungsprozesse des industriellen Kapitalismus prägten aber auch die Entwicklung der Gewerkschaften als Vertretung der Arbeiterschaft, die sich nach dem Auslaufen der Sozialistengesetze 1890 nicht nur in der Generalkommission der Freien Gewerkschaften zusammenschlossen. Auch die Einzelgewerkschaften entwickelten sich von anfangs oft lokal organisierten Berufsverbänden über Branchengewerkschaften zu umfassenden, national agierenden Industrieverbänden. Diese Industrieverbände organisierten alle Arbeiter von großen Industriesparten wie etwa der Metallindustrie oder der Textilindustrie.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/yYximage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/yYximage.jpeg)

**Die industrielle Klassengesellschaft**

Die Industrialisierung führte zur Ausbildung einer modernen Klassengesellschaft mit nicht nur in ökonomischer Hinsicht deutlich unterschiedenen Erwerbsklassen. Vor allem Bürgertum und Arbeiterschaft lebten auch in sozial scharf voneinander getrennten Lebenssphären mit höchst unterschiedlichen Wohnverhältnissen, Bildungsinstitutionen und kulturellen Lebensformen, zwischen denen im Kaiserreich vergleichsweise wenig Kontakt und Mobilität bestand. Stattdessen rückte der Klassenkonflikt zwischen Kapital und Arbeit mit der fortschreitenden Industrialisierung immer stärker ins Zentrum des gesellschaftlichen und politischen Lebens, bestärkt noch durch einen als parteiisch wahrgenommenen „Klassenstaat“. In der Arbeiterschaft bildete sich ein wachsendes Klassenbewusstsein aus, das nicht zuletzt von der Erfahrung getragen war, dass angesichts geringer Aufstiegschancen die Zugehörigkeit zu dieser Klasse über Generationen ‚vererbt’ wurde. Das „geborene Proletariat“ (Hartmut Zwahr) erkannte immer deutlicher seine gemeinsamen sozialen und politischen Interessen, organisierte sich in Gewerkschaften, eigenen Konsum- und Bildungsvereinen sowie in der sozialdemokratischen Partei, die gemeinsam eine starke sozialdemokratische Gegenkultur ausbildeten. Gewerkschaften bildeten sich zwar mit unterschiedlichen weltanschaulichen Ausrichtungen. Doch wie stark betont klassenkämpferische, streikorientierte Ausrichtungen in der Arbeiterschaft verbreitet waren, zeigt die unterschiedliche Mitgliederentwicklung an: Während die sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften am Vorabend des Ersten Weltkrieges 2,5 Millionen Mitglieder organisierten, kamen die wirtschaftsfriedlich orientierten christlichen und liberalen Gewerkvereine zusammen nicht einmal auf eine halbe Million.

Den Gewerkschaften standen Unternehmer und ihre Verbände gegenüber, die sie lange nicht als gleichberechtigte Kontrahenten akzeptieren wollten. Insbesondere in den schwerindustriellen Großbetrieben herrschte ein Herr-im-Haus Standpunkt vor, der jede gewerkschaftliche Betätigung ablehnte und aktiv zu verhindern suchte. Unternehmen wie Krupp etwa organisierten eigene „gelbe“ Betriebsgewerkschaften, die auf das Unternehmensinteresse verpflichtet waren. Und sie verfolgten sozialdemokratisch orientierte Arbeiter mit schwarzen Listen, auf denen alle diejenigen verzeichnet waren, die keine Beschäftigung mehr finden sollten. Trotz einer Vielzahl von Arbeitskämpfen mit Streiks und Aussperrungen, die teilweise zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führen konnten, kam so der von den Gewerkschaften angestrebte Abschluss von verbindlichen Tarifverträgen nur langsam voran: Am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren erst 1.4 Millionen Beschäftigungsverhältnisse tarifvertraglich geregelt, überwiegend in kleinen und mittelständischen Betrieben.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/r6Bimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/r6Bimage.jpeg)

Allerdings darf man sich trotz dieser Klassentrennung weder das Bürgertum noch die Arbeiterschaft als homogene, gar die ganze Gesellschaft beherrschende soziale Formationen vorstellen. In der Arbeiterschaft gab es eine ausgeprägte Hierarchie zwischen relativ gut verdienenden Facharbeitern auf der einen und wesentlich schlechter gestellten an- oder ungelernten Arbeitern auf der anderen Seite; hinzu kam ein beträchtlicher Anteil von schlechter gestellten und entlohnten Arbeiterinnen. Eine besondere Rolle spielten ferner die Hausangestellten und die Landarbeiter, die eigene Lebenszusammenhänge aufwiesen und sich zumeist nicht dem industriellen Proletariat zugehörig fühlten. Schließlich gab es auch eine ausgeprägte Migration insbesondere der unteren Bevölkerungsschichten, die auf Suche nach Arbeit und Lebensmöglichkeiten nicht nur in großer Zahl nach Übersee auswanderten, sondern auch aus den ländlichen Gebieten des Reiches in die industriellen Ballungsräume abwanderten.

![](https://wiki.pickablue.info/loading.gif)































Die Kerngruppen des Bürgertums waren ebenfalls in ihrer sozialen Lage keineswegs einheitlich gestellt. Hier handelte es sich zum einen um akademisch gebildete Bürger im gehobenen Staatsdienst, in der Wissenschaft und den freien Berufen, das sog. Bildungsbürgertum, und zum anderen um das sozial und auch politisch immer stärker in den Vordergrund tretende wirtschaftliche Großbürgertum, von dem die neuen industriellen Großunternehmen geleitet wurden. Sie machten zusammen allerdings nur wenige Prozent der Bevölkerung aus, und sie mussten ihren gesellschaftlichen Führungsanspruch mit einem Adel teilen, der noch immer einen privilegierten Zugang zu den Schalthebeln der staatlichen Macht besaß. Zum Bürgertum zählten sich ferner die selbständigen mittelständischen Gewerbetreibenden, der kleinbürgerliche, sog. alte Mittelstand, der allerdings an Prestige, Einfluss und Einkommen mit dem Großbürgertum nicht Schritt halten konnte. Hinzu kamen viele weitere Zwischengruppen mit gehobener, aber nicht universitärer Bildung und bald auch der sog. neue Mittelstand, die schnell expandierende Gruppe der Angestellten, die vor allem die Technisierung der Bürotätigkeiten und Kommunikationsformen trugen, aber auch als leitende Angestellte in die Leitung von Wirtschaftsunternehmen aufsteigen konnten.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/894image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/894image.jpeg)


**Technisierung, sozialer Wandel und gesellschaftliche Modernisierung**

Die moderne Wirtschaft spielte sich immer weniger nur im Produktionsbereich ab und war zunehmend auf Bürotätigkeiten in Verwaltung, Kommunikation und Dienstleistung angewiesen. Während es 1882 im Kaiserreich insgesamt nur 307.000 Angestellte gab, wuchs ihre Zahl in den folgenden 25 Jahren auf mehr als das Vierfache, auf etwa1,3 Millionen Beschäftigte an, wozu auch ein starker Anstieg von jungen Frauen beitrug, die in Büros und Telegrafenämtern als zumeist schlechter bezahlte weibliche Angestellte tätig wurden. Obwohl abhängig beschäftigt, unterschieden sich die Angestellten in ihrem sozialen Status deutlich von der Arbeiterschaft: Sie arbeiteten in Büros und erhielten ein festes Monatsgehalt anstelle des leistungsabhängigen Wochenlohns der Arbeiter, die Arbeitszeiten waren kürzer, die Arbeitsgestaltung selbständiger, die Verantwortung und auch die Aufstiegschancen größer. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Angestellten vielfach ihren Unterschied zur industriellen Arbeiterschaft betonten und sich sozial am Bürgertum orientierten, dessen Lebensstil sie zu imitieren versuchten. Dabei wurden sie auch vom Staat unterstützt, der 1911 eine eigene Angestelltenversicherung mit besseren Bedingungen als in den Sozialversicherungen der Arbeiter einrichtete. In sozialer und kultureller Hinsicht wurden die Angestellten zu Trägern einer Reihe von Modernisierungsprozessen. Sie orientierten ihre Familienplanung zunehmend an der Kleinfamilie mit zwei Kindern, sie bemühten sich um Bildung und sozialen Aufstieg, und sie wurden zugleich zur wichtigen Trägergruppe für eine wachsende Freizeitkultur.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/OGMimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/OGMimage.jpeg)

Um die Jahrhundertwende bildeten sich vor allem in den Industriegebieten und Städten generell neuartige, immer stärker von der Technisierung aller Lebensbereiche geprägte Verhältnisse aus. Sie brachten einerseits vielfältige Umweltprobleme wie die Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden mit sich, die erst einmal vor allem auf der Ebene eigentumsrechtlicher Konflikte ausgetragen wurden. Aber auch vielfältige zukunftsweisende technische Neuerungen prägten zunehmend das öffentliche Leben. Kommunale Wasser-, Gas- und Elektrizitätswerke sorgten nicht nur im öffentlichen Leben, sondern zunehmend auch im privaten Bereich für künstliches Licht und fließendes Wasser. Die Eisenbahnen, deren Bau die Schwerindustrie zum industriellen Leitsektor hatten werden lassen, ermöglichten eine bisher ungekannte regionale Mobilität. Elektrische Straßenbahnen beschleunigten den öffentlichen Nahverkehr, und in den Großstädten kamen Untergrundbahnen hinzu. Ihre aufeinander abgestimmten Fahrpläne bestimmten auch in wachsendem Maße die Taktung des öffentlichen Lebens, deren grenzüberschreitende Formen schon 1884 zur weltweiten Einführung standardisierter Zeitzonen führte. Auch die ersten Automobile begannen die Straßen zu beleben, und in der Kommunikation setzten Telegraf und Telefon zu ihrem Siegeszug an.

Die moderne, technisierte Großstadtkultur wurde zur Grundlage für vielfältige fortschrittsoptimistische Visionen, die „in unserer alles überholenden Zeit“, wie der Journalist Arthur Brauner 1910 formulierte, ein Bild „so großer Verheißungen voll“ entwarfen. Aber sie verband sich für viele auch mit kulturpessimistisch gedeuteten Verlusterfahrungen natürlicher Lebenszusammenhänge, die sich in einer verbreiteten Großstadtfeindschaft und Agrarromantik bündelten. Und das zeitgenössische Bild der Großstadt war auch mit einer Modernisierung der Kriminalität wie ihrer Bekämpfung verbunden. In Berlin etwa entstanden die sog. Ringvereine, die in modern organisierter Form Diebstahl, Hehlerei und Prostitution zu ihrem Geschäft machten, während die Polizei ihrerseits moderne Methoden der Überwachung zu entwickeln versuchte. Zugleich entstanden neue, moderne Krankheitsbilder. Das Nervenkostüm vieler Menschen schien der wachsenden Geschwindigkeit, dem Lärm und der Hektik der industrialisierten Gesellschaft oft nicht mehr gewachsen zu sein, die Nervenkrankheit „Neurasthenie“ griff um sich und wurde zum Kennzeichen eines „Zeitalters der Nervosität“ (Joachim Radcakau).

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/MDNimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/MDNimage.jpeg)





##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Ullrich, Volker: Lärmbelästigung um 1900. Quietschen, hupen, fauchen, in: Zeit online, online verfügbar seit 12.06.2013 unter: [https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/02/theodor-lessing-laerm-kaiserreich/komplettansicht](https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/02/theodor-lessing-laerm-kaiserreich/komplettansicht), zuletzt geprüft am 16.02.2026.

-&gt; Strohmeyer, Klaus: Urbanisierung im Deutschen Reich, in: LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 15.06.2022 unter: [https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/urbanisierung-im-deutschen-reich](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/urbanisierung-im-deutschen-reich), zuletzt geprüft am 16.03.2026.

-&gt; Strohmeyer, Klaus: Warenhäuser, in LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 14.09.2014 unter: [https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/warenhaeuser](https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/warenhaeuser), zuletzt geprüft am 16.03.2026.

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt; Fischer, Oliver: München um 1900. Die leuchtende Stadt, in: Bayern. Die Geschichte eines ganz besonderen deutschen Staates. (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 92), Hamburg 2018, S. 76-87.

-&gt; Moser, Ulrike: Heinrich Zille in Berlin. Gesichter der Großstadt, in: Deutschland um 1900. Von Bismarck bis Wilhelm II.: Aufstieg und Fall des Kaiserreichs (GEO Epoche Jg. 2004, Heft Nr. 12), Hamburg 2004.

-&gt; Kruse, Wolfgang: Industrialisierung und moderne Gesellschaft, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 02.02.2026 unter: [https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/139649/industrialisierung-und-moderne-gesellschaft/](https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/139649/industrialisierung-und-moderne-gesellschaft/), zuletzt geprüft am 22.08.2026.

# Die Frauenbewegung im Kaiserreich

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Frauenbewegung. Frauen an die Macht.

##### 1. Frauenbewegung. Frauen an die Macht. 

Jahrtausendelang bleiben Frauen von Herrschaft und Politik weitgehend ausgeschlossen. Auch als das Volk mehr Mitsprache gewinnt, erhalten zunächst nur Männer eine Stimme: Die Hälfte der Menschen wird in Unmündigkeit gehalten. Und so ist es vielleicht die größte Revolution von allen, die um 1900 auch im Deutschen Kaiserreich entbrennt: der Kampf der Frauen für ihr Wahlrecht

[![9f053394-57de-4122-9486-3e77bf0ca0b3-e1707134971308.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/9f053394-57de-4122-9486-3e77bf0ca0b3-e1707134971308.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/9f053394-57de-4122-9486-3e77bf0ca0b3-e1707134971308.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-k%C3%84mpferisch-schwingt"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">KÄMPFERISCH SCHWINGT die gezeichnete Vorstreiterin auf einem Plakat der Frauenbewegung von 1914 ihre Fahne. Die Aktivistinnen im Kaiserreich organisieren vereinzelt Demonstrationen (rechts) – vor allem aber setzen sie sich mit Zeitungsartikeln und in einer Vielzahl von Vereinen für ihre Forderungen ein</figcaption></figure>Es ist nur ein schmales Büchlein. Doch was der Leipziger Nervenarzt Paul Julius Möbius hier auf 23 Seiten über Frauen behauptet, liest sich so ungeheuerlich, dass es Hedwig Dohm in Rage bringt. „Wären Flüche nicht aus der Mode, und wäre ich Fanatikerin genug, mich ihrer zu bedienen, so wüsste ich einen Fluch, wie gemacht für den Entdecker des weiblichen Schwachsinns“, tippt die Schriftstellerin voller Wut in die Tastatur ihrer Schreibmaschine. Der Essay, der sie empört, heißt „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ und ist im Jahr 1900 ein Bestseller im Deutschen Kaiserreich.

Beim „Weib“ seien wichtige Gehirnteile schlechter entwickelt als beim männlichen Geschlecht, heißt es darin. Daher handele die Frau instinktgetrieben, unselbstständig, ja tierähnlich, könne Gut und Böse nicht unterscheiden. Das Lernen sei ihr zuwider, übermäßige Gehirntätigkeit mache sie krank. „Gelehrte und künstlerische Frauen sind Ergebnisse der Entartung“, schreibt der Mediziner. Ihre einzige Bestimmung sei die Mutterschaft. Dreimal wird das vermeintlich wissenschaftliche Pamphlet innerhalb eines Jahres aufgelegt. Doch Hedwig Dohm hat klar erkannt, dass die Nachfrage vor allem eines zeigt: Die „Antifeministen“, so nennt die Schriftstellerin Männer wie Möbius, haben Angst. Sie fürchten den Wandel, der in der Luft liegt.

Denn überall in Deutschland ist in den vergangenen Jahren die Frauenbewegung erstarkt. Aktivistinnen haben sich in Vereinen zusammengeschlossen, fordern in Zeitungsartikeln und auf Kongressen bessere Bildung und mehr Rechte. Seit Kurzem gibt es an einigen Universitäten die ersten Studentinnen. Und diese „Fraueninvasion in das Reich der Männer“, weiß Dohm, lässt viele Männer um den Verlust der Macht bangen. Die Schriftstellerin ist eine jener von Möbius Verdammten, die nicht mehr nur Ehepartnerin und Mutter sein wollen. Und setzt sich wortmächtig in Zeitungsartikeln gegen den Arzt zur Wehr, als den Inbegriff des Mannes, „der meine Entrechtung für alle Ewigkeit festhalten will, der das Weib nur als Durchgang zum eigentlichen Menschen – als Gebärerin des Mannes – gelten lässt“.

[![7eab2643-02ba-473b-b83f-23c4eb59d8b1.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/7eab2643-02ba-473b-b83f-23c4eb59d8b1.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/7eab2643-02ba-473b-b83f-23c4eb59d8b1.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-das-ziel-eines-lange"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">DAS ZIEL eines langen Ringens: Im Januar 1919 können Frauen das erste Mal für ein deutsches Parlament votieren (Bürgerinnen vor einem Berliner Wahllokal, rechts)</figcaption></figure>Seit Jahrzehnten ist die zierliche Intellektuelle mit den durchdringenden braun-grünen Augen eine der radikalsten Kämpferinnen für die Rechte ihres Geschlechts. Allen Anfeindungen zum Trotz hat sie bereits um 1875 verlangt, was damals niemand sonst öffentlich zu fordern wagte: das Wahlrecht für Frauen.

Mit der Zeit haben zwar in etlichen Ländern immer mehr Menschen politische Mitsprache erhalten – allerdings fast überall nur Männer. Nun aber scheint in Deutschland und anderswo eine Revolution so nah wie nie zuvor, die vielleicht gewaltigste Umwälzung in der Geschichte der Demokratie: Auf einen Schlag würde sie die Hälfte der Bevölkerung aus der politischen Unmündigkeit befreien, ihr eine Stimme geben. Es wäre eine Revolution ohne Anführerin, getragen von einer Bewegung Hunderttausender Aktivistinnen aus fast allen gesellschaftlichen Schichten. Eine Revolution, in der die Frauen nicht mit Kanonen oder Gewehren kämpfen – sondern mit jenen Geistesgaben, über die sie aus Sicht von Männern wie Möbius gar nicht verfügen: Beharrlichkeit, Verstand und Organisationsgabe. Nicht nur in Deutschland hat die Unterdrückung der Frauen eine jahrtausendealte Tradition. Seit jeher gilt in weiten Teilen der Welt das Gesetz des Mannes, haben sich Töchter dem Vater unterzuordnen, Ehefrauen ihrem Gatten. Mitunter gelangen dennoch Herrscherinnen an die Macht, etwa weil ein Sohn als Thronfolger fehlt – oder zunächst zu jung ist, um zu regieren. Doch an der Stellung ihres Geschlechts vermögen auch sie nichts zu ändern.

Zwar erheben im Lauf der Zeit einzelne Frauen ihre Stimmen gegen das Diktat des Patriarchats. Wie etwa die reichen Römerinnen, die im Jahr 42 v. Chr. gegen eine Sonderabgabe demonstrieren, die sie zur Finanzierung eines Krieges leisten müssen. „Warum sollten wir Steuern zahlen“, sagt die Wortführerin, „wenn wir nicht an den Ehren, der Macht und der Regierung beteiligt sind, für die ihr gegeneinander mit so verheerenden Folgen antretet?“ Oder die französische Schriftstellerin und Lyrikerin Christine de Pizan, die im Mittelalter auf die verkannten Fähigkeiten der Frauen hinweist: In ihren Schriften wehrt sie sich um 1400 gegen die Geringschätzung ihres Geschlechts und fordert den Zugang zu Bildung. Doch erst während der Französischen Revolution beginnen Frauen sich als Bewegung zu formieren. Etliche von ihnen gehören zu den Aufständischen, die 1789 gegen die Monarchie aufbegehren; dennoch sieht die zwei Jahre später eingeführte neue Verfassung für sie keine Mitbestimmung vor.

Viele Französinnen wollen das nicht hinnehmen: Sie gründen politische Klubs, um sich zu organisieren, tragen Hosen und wie männliche Revolutionäre die rote Jakobinermütze, fordern öffentlich das Wahlrecht. Besonders wortgewandt und entschlossen tut sich dabei die Schriftstellerin Olympe de Gouges hervor. Sie verfasst eine „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, in der es heißt: „Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Mann in allen Rechten gleich.“

**Hedwig Dohm**

[![6ffe1ced-2db9-4fb7-837f-6b8e9c969a80.jpg.webp](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/6ffe1ced-2db9-4fb7-837f-6b8e9c969a80-jpg.webp)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/6ffe1ced-2db9-4fb7-837f-6b8e9c969a80-jpg.webp)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-die-gelernte-lehreri"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">DIE GELERNTE LEHRERIN und Berliner Intellektuelle (1831–1919) zählt zu den radikalsten Stimmen der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung. 1875 fordert sie Unerhörtes: die kompromisslose Gleichberechtigung der Geschlechter</figcaption></figure>
[![9661a175-0fa8-4aa6-9af0-3e290bb583f9.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/9661a175-0fa8-4aa6-9af0-3e290bb583f9.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/9661a175-0fa8-4aa6-9af0-3e290bb583f9.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-mutterschaft-ist-f%C3%BCr"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">MUTTERSCHAFT ist für die Gegner der Gleichberechtigung lange ein Vorwand, um Frauen die Teilnahme an Politik zu verwehren. Das ändert sich nun (Wahlplakat von 1918)</figcaption></figure>Doch diese Haltung stößt bei vielen Revolutionären auf Ablehnung. Und als in Paris immer radikalere Kräfte an Einfluss gewinnen, stirbt die Vorkämpferin der Frauenrechte am 3. November 1793 wegen „Verrats an der Volksherrschaft“ unter der Guillotine. Die Idee der Gleichberechtigung aber lebt weiter. Vor allem in Frankreich und in Großbritannien erkennen Frauen im frühen 19. Jahrhundert Olympe de Gouges’ Erklärung als Pionierwerk an, treten auch erste männliche Denker in Büchern und Artikeln für die Emanzipation ein.

**Louise Otto-Peters**

[![9ae14377-2e66-4079-ae7f-b955b6cf7404.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/9ae14377-2e66-4079-ae7f-b955b6cf7404.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/9ae14377-2e66-4079-ae7f-b955b6cf7404.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-mit-der-gr%C3%9Cndung-des"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">MIT DER GRÜNDUNG des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 1865 in Leipzig legt die Tochter aus wohlhabendem Haus (1819–1895) das Fundament des Aktivismus</figcaption></figure>Dann kommt es auch in den deutschen Landen zu einem Umsturz, der den Frauen Hoffnung bringt – und sie dennoch bitter enttäuscht. Hunderte, vielleicht Tausende rebellieren in der Revolution von 1848 Seite an Seite mit den Männern gegen die Fürstenherrschaft (siehe Seite 96). Sie sind als Kurierinnen und Sanitäterinnen im Einsatz, schleppen Steine für den Barrikadenbau und kämpfen in manchen Fällen mit der Waffe in der Hand. Doch als im Mai 1848 das erste gesamtdeutsche Parlament zusammentritt, ist keine einzige weibliche Vertreterin unter den rund 600 Abgeordneten. Und die Verfassung, die sie formulieren, gesteht allein Männern das Wahlrecht zu. Frauen dürfen den Debatten lediglich auf den Tribünen beiwohnen.

Mit dieser Zuschauerinnenrolle will sich Louise Otto nicht begnügen. Ihre vermögenden Eltern sind früh gestorben, daher verfügt die 29-Jährige über Geld. Im April 1849 gründet sie im sächsischen Großenhain die „Frauen-Zeitung“ – die erste feministische Publikation Deutschlands. „Wohlauf denn, meine Schwestern“, schreibt sie in der ersten Ausgabe, „wir wollen unser Teil fordern: das Recht der Mündigkeit und Selbstständigkeit im Staat.“ Das Blatt ist ein großer Erfolg: Bald wird die „Frauen-Zeitung“ auch außerhalb Deutschlands gelesen, erreichen Louise Otto begeisterte Zuschriften aus der Schweiz, Frankreich und sogar den USA. Aber als die deutsche Revolution schon im Sommer 1849 scheitert, ersticken die Fürsten jede kritische Regung mit Zensur. Frauen ist es nun fast überall verboten, Vereinen mit politischen Zielen anzugehören oder Zeitungen herauszugeben.

Auch Louise Otto muss 1852 schließlich aufgeben. Statt politischer Schriften veröffentlicht sie in den folgenden Jahren historische Romane und Zeitungsartikel über Musik und Theater. Doch sie bleibt ein radikaler Freigeist – und wartet auf ihre nächste Chance. Zunächst aber scheint aller Aufbruchsgeist verschwunden. Im Gegenteil: Die Industrialisierung, die Mitte des 19. Jahrhunderts allmählich die deutschen Lande erfasst, trennt die Geschlechterrollen im Bürgertum sogar noch schärfer als je zuvor. Während Männer Fabriken führen, etwa in Kohlebergbau und Stahlproduktion investieren oder als Angestellte in Kontoren arbeiten, beschränkt sich die Lebenswelt der Frauen nun vor allem auf das eigene Heim. Während sie früher häufiger an den Geschäften ihrer Ehemänner beteiligt waren, gilt für Bürgerinnen Arbeit jetzt als unschicklich. Sie kümmern sich um ihre Kinder, wohlhabende Damen weisen das Dienstpersonal an. Laut Gesetz dürfen sie weder Eigentum besitzen noch einen Betrieb führen, sind ihrem Gatten zu Gehorsam verpflichtet.

Mädchen besuchen in der Regel lediglich bis zum Alter von 14 Jahren die Volksschule: Allein Töchter vermögender Familien können an einer Privatschule weiterlernen und sich zur Lehrerin ausbilden lassen – dem einzigen bürgerlichen Frauenberuf. Doch wenn eine Pädagogin heiratet, verliert sie automatisch ihre Anstellung, um ihrer vermeintlich wahren Berufung als Ehepartnerin und Mutter nachgehen zu können. Frauen der Unterschicht hingegen sind oft sogar zur Arbeit gezwungen, um den kargen Lohn ihrer Männer aufzubessern. Hunderttausende weibliche Werktätige schuften in Fabriken oder als Tagelöhnerinnen in der Landwirtschaft. Doch sie erhalten höchstens die Hälfte des Männerlohnes. Zudem gibt es keinen Mutterschutz; Schwangere müssen oft bis kurz vor der Niederkunft arbeiten. Nirgends in den deutschen Landen gibt es eine Organisation, die sich für die Rechte von Frauen einsetzt. Erst im Jahr 1865 eröffnet sich endlich eine Gelegenheit.

[![72b5f710-32df-4456-a45b-e3328479eb84.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/72b5f710-32df-4456-a45b-e3328479eb84.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/72b5f710-32df-4456-a45b-e3328479eb84.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-b%C3%9Crgerliche-und-sozi"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">BÜRGERLICHE und sozialistisch gesinnte Frauen kämpfen meist getrennt. Bereits 1891 hat die SPD das Wahlrecht für alle in ihr Programm aufgenommen</figcaption></figure>*Ein* neuer König hat wenige Jahre zuvor den Thron in Preußen bestiegen, dem größten deutschen Fürstentum: Unter Wilhelm I. beginnt eine Zeit vorsichtiger Liberalisierung, die auch auf andere Landesteile ausstrahlt, etwa auf Sachsen. Die Gründung von Frauenvereinen – auch zuvor nicht ausdrücklich verboten, solange ein Zusammenschluss keinen politischen Zwecken dient – erscheint nun als eine erfolgversprechende Option. Und so gründet Louise Otto-Peters (wie sie sich seit dem Tod ihres Mannes nennt) in Leipzig mit einigen Mitstreiterinnen den Allgemeinen Deutschen Frauenverein. An diesem Tag, dem 18. Oktober 1865, beginnt aus Sicht vieler Historiker die deutsche Frauenbewegung.

Die Ziele der Vereinigung sind alles andere als radikal: Frauen sollen bessere Bildung erhalten, in Handel und Wissenschaft beruflich tätig sein dürfen. Sonntags geben Aktivistinnen Unterricht in Französisch, Rechnen und Handarbeit, halten Vorträge, veranstalten Konzerte. Auch in anderen deutschen Staaten entstehen nach und nach weitere Ortsverbände. Würden sich die Mitglieder aber für politische Mitbestimmung engagieren, könnte ihre Organisation jederzeit aufgelöst werden.

Dieser Maulkorb gilt jedoch nicht für Privatpersonen. Und so ist es eine einzelne Schriftstellerin, die als Erste in Deutschland umfassende Gleichberechtigung einfordert: Hedwig Dohm. „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht“, begründet sie um 1875 in einer Reihe aufsehenerregender Artikel ihre Forderung.

Die gelernte Lehrerin ist keine Unbekannte in den Intellektuellenkreisen Berlins, der Kapitale des 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreichs: Mit ihrem Mann, dem leitenden Redakteur eines Satiremagazins, betreibt sie in ihrer Wohnung in der Potsdamer Straße einen Salon. Montags drängen sich hier Frauen und Männer, Unternehmer, Abgeordnete und Kreative, darunter die Autorin Fanny Lewald und der Literat Theodor Fontane, streiten über Politik und Kultur – und über die „Frauenfrage“, an der sich immer wieder hitzige Debatten entfachen.

[![4e3df00a-697c-4f88-914e-bf51b4ca7f0f.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/4e3df00a-697c-4f88-914e-bf51b4ca7f0f.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/4e3df00a-697c-4f88-914e-bf51b4ca7f0f.jpg)

Für die Arbeiterführerin (1857-1933) ist Gleichberechtigung ein Teil des Klassenkampfes. Zusammen mit anderen sozialistischen Aktivistinnen ersinnt sie 1910 den Internationalen Frauentag

[![f4ad9e85-531a-410f-a5d6-95c22a01ed63.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/f4ad9e85-531a-410f-a5d6-95c22a01ed63.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/f4ad9e85-531a-410f-a5d6-95c22a01ed63.jpg)

Selbst reaktionäre Parteien, die gegen Frauenrechte zuerst gewettert haben, müssen sich nun - wie hier 1919 - auf eine zur Hälfte weibliche Wählerschaft einstellen

Hedwig Dohm treibt dieses Thema seit ihrer Kindheit um. Sie ist in einer bürgerlichen Familie mit 17 Geschwistern aufgewachsen – und weiß, welche Erniedrigungen bereits junge Mädchen auf sich nehmen müssen. „Meine acht Brüder schlitterten auf dem zugefrorenen Rinnstein, schneeballten sich, keilten sich grässlich untereinander, waren faul in der Schule“, wird sie später spöttisch schreiben, „die Mädchen, die saßen möglichst still, sittsam, machten Handarbeiten in den Freistunden, von der mühsamen Perlen- und Petit-Point-Stickerei bis zum ekligen Strumpfstopfen herunter.“ Dass Dohm kompromisslose Gleichberechtigung und sogar das Wahlrecht für Frauen fordert, gilt zunächst als unerhört. Sie erhält anonyme Drohbriefe, bei ihrem Verleger treffen Beschwerden erboster Leserinnen und Leser ein, in den Zeitungen schmähen Kritiker die „Berliner Pamphletin“. Unbeirrt publiziert sie weiter, legt sich in Texten mit Medizinern, Kirchenvätern und Literaten an. Sogar den berühmten Friedrich Nietzsche, dessen Philosophie Dohm eigentlich verehrt, attackiert die Feministin für seine frauenfeindlichen Äußerungen.

„Weil die Frauen Kinder gebären, darum sollen sie keine politischen Rechte haben“, schreibt die Autorin. „Ich behaupte: Weil die Männer keine Kinder gebären, darum sollen sie keine politischen Rechte haben, und ich finde die eine Behauptung mindestens ebenso tiefsinnig wie die andere.“ *I*ndes gewinnt die Frauenbewegung im Kaiserreich an Stärke – und wird gegen Ende des Jahrhunderts zum Massenphänomen. Um 1900 gibt es keine größere Stadt mehr, in der sich nicht eine Organisation für die Belange des weiblichen Geschlechts einsetzt.

Mehr als 7000 Ortsgruppen von Frauenvereinen existieren nun im Land. Es gibt gemäßigte und radikale Aktivistinnen, bürgerliche und proletarische. Sie alle wollen die Gesellschaft verändern, im Kleinen oder im Großen. Unter ihnen sind Lehrerinnen wie Helene Lange und Minna Cauer, in deren Kursen sich junge Berlinerinnen weiterbilden und ab 1897 sogar das Abitur ablegen können. Aber auch die Schwäbin Clara Zetkin, eine Anführerin der Arbeiterbewegung – die Gleichberechtigung als Teil des Kampfes der unterdrückten Klassen gegen die Herrschenden versteht. An­ dere Gruppen treten etwa für die Rechte von Prostituierten ein oder gründen Rechtsschutzstel­len, die Frauen beispielsweise bei Scheidungen beraten. Eines aber ist den Organisationen gemeinsam: Sie veranstalten kaum Protestmärsche oder Demonstrationen, sondern äußern sich fast ausschließlich auf Papier. Nahezu jede Vereinigung veröffentlicht eine Zeitung, verteilt Flugblätter, verfasst Petitionen. „Es handelt sich bei der Frauenfrage um eine soziale Revolution“, wird Hedwig Dohm später schreiben, „eine gewaltige und wunderbare, wie die Welt keine zweite gesehen, eine Revolution, in der einzig und allein mit geistigen Waffen gekämpft wird.“

Dabei finden die Frauenrechtlerinnen auch immer mehr Unterstützung seitens der Männer: Die SPD fordert ab 1891 in ihrem Programm das Wahlrecht „ohne Unterschied des Geschlechts“. Führende Aktivistinnen stehen zudem im Austausch mit Gruppen im Ausland, besuchen etwa in England die ersten Hochschulen für Frauen, reisen zu Kongressen, schließen sich internationalen Verbänden an. Denn besonders in der Wahlrechtsfrage sind einige Staaten schon weiter als Deutschland. So dürfen US-Amerikanerinnen im späten 19. Jahrhundert zumindest in den Bundesstaaten Wyoming, Utah, Colorado und Idaho mitvotieren. Und Neuseeland führt 1893 auf nationaler Ebene das aktive Frauenwahlrecht ein – als erstes Land der Welt: Ein Drittel der erwachsenen weiblichen Bevölkerung hatte in einer Petition dafür plädiert.

**Anita Augspurg**

[![9496b3ba-4fd7-4b9d-80a3-93a150f65e5d.jpg.webp](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/9496b3ba-4fd7-4b9d-80a3-93a150f65e5d-jpg.webp)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/9496b3ba-4fd7-4b9d-80a3-93a150f65e5d-jpg.webp)

Die promovierte Juristin (1857-1943) erkennt eine Lücke in der rigiden Gesetzgebung des Kaiserreichs. Und ermöglicht so, dass sich Frauenvereine ab 1902 nach und nach auch offen politisch engagieren können.

[![d6365598-57fb-4b07-bac2-1f1ee4c4040d.jpg.webp](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/d6365598-57fb-4b07-bac2-1f1ee4c4040d-jpg.webp)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/d6365598-57fb-4b07-bac2-1f1ee4c4040d-jpg.webp)

Der Aufruf, das neue Wahlrecht fürs deutsche Parlament zu nutzen, verfängt: 1919 liegt die weibliche Beteiligung bei 90 Prozent (Plakat der DVP)

##### [![9f2028ba-e83c-48f7-b83f-9d6d83c550b8.jpg.webp](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/9f2028ba-e83c-48f7-b83f-9d6d83c550b8-jpg.webp)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/9f2028ba-e83c-48f7-b83f-9d6d83c550b8-jpg.webp)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-die-spd-abgeordnete-"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">DIE SPD-ABGEORDNETE Marie Juchacz – hier bei einer Kundgebung – ist 1919 die erste Frau, die eine Rede im deutschen Parlament hält</figcaption></figure>
**Minna Caur**

[![faddd51d-2618-49c0-8955-d641431c2c78.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/faddd51d-2618-49c0-8955-d641431c2c78.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/faddd51d-2618-49c0-8955-d641431c2c78.jpg)


<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-als-p%C3%84dagogin-k%C3%A4mpft"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">ALS PÄDAGOGIN kämpft die im Brandenburgischen Geborene (1841–1922) für einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung – und gibt selber Kurse für Mädchen und Frauen</figcaption></figure>In fast der gesamten westlichen Welt erhöhen Aktivistinnen in diesen Jahren mit friedlichen Mitteln den Druck auf den männerdominierten Staat. Allein die Britinnen greifen mitunter zu rabiateren Methoden: Sie liefern sich ab etwa 1910 Straßenschlachten mit der Polizei, stürmen das Parlament, schlagen die Fenster von Ministerien sowie Banken ein und sprengen Briefkästen in die Luft. Die deutsche Frauenbewegung lehnt Gewalt ab – und erzielt mit der Zeit Erfolge. In Baden werden 1899 erstmals Mädchen regulär zum Abitur zugelassen, ein Jahr später dürfen sich Frauen an den Universitäten in Freiburg und Heidelberg einschreiben (ab 1909 dann im ganzen Land). Dort sitzen nun Studentinnen in den Hörsälen – wenn auch begleitet von lautstarken Beleidigungen, Pfiffen und Trampeln ihrer männlichen Kommilitonen.

Überhaupt: Je entschiedener die Frauen auf ihre Rechte pochen, desto lauter wird der Widerstand der Männer. Es sind besonders Ärzte wie Paul Julius Möbius, die eine naturgegebene Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern beschwören. Tatsächlich fürchten viele von ihnen wohl die weibliche Konkurrenz – denn immer mehr bürgerliche Frauen nehmen nun ein Medizinstudium auf. Aber auch viele konservative Bürgerinnen halten nichts von den Feministinnen. In Büchern etwa predigen sie, der Mann sei der einzige Inhalt im Leben des „Weibes“. *D*er nächste Etappensieg ist der ersten deutschen Frau zu verdanken, die ein Jurastudium mit Promotion abgeschlossen hat (in der Schweiz, wo Frauen dies schon länger erlaubt ist). Auch sonst entspricht Anita Augspurg nicht dem klassischen Rollenbild: Die 45-Jährige trägt Kurzhaarschnitt und wallende Kleider, sie ist unverheiratet und wohnt zeitweilig mit ihrer Lebensgefährtin zusammen.

Vielleicht stößt sie wegen ihrer Rechtskenntnis auf die Gesetzeslücke, die andere übersehen haben. Die Lösung lautet: Hamburg! Denn die freie Hansestadt hat das Verbot politischer Frauenvereine niemals offiziell in ihre Gesetze aufgenommen. Am 1. Januar 1902 gründet Augspurg mit weiteren Aktivistinnen dort den Deutschen Verein für Frauenstimmrecht. Ganz legal kann der Verein politische Forderungen stellen, Kampagnen organisieren – und kein Gesetz kann etwa eine Frankfurterin oder Münchnerin daran hindern, Mitglied zu werden.

1908 schließlich wird das Verbot reichsweit aufgehoben. Frauen dürfen nun in Parteien eintreten – viele Arbeiterinnen strömen in die SPD, Bürgerinnen eher zu liberalen Gruppierungen. Im Sommer 1914 sind bereits 500 000 Frauenrechtlerinnen in Vereinen engagiert, von denen sich immer mehr für das Wahlrecht engagieren. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Mütter, Töchter und Ehefrauen müssen an der Heimatfront die kämpfenden Männer ersetzen. Plötzlich arbeiten im Land Schaffnerinnen, Postkutscherinnen und Lastenträgerinnen – auch wenn sie nicht mehr als Lückenbüßerinnen sind und manche gar vertraglich zusichern müssen, ihre Stelle aufzugeben, sobald der eigentliche Inhaber aus dem Schützengraben zurückkehrt.

Und wieder erschüttert eine Revolution das Land – diesmal bringt sie den Frauen unverhofften Erfolg. Als sich im Oktober 1918 Marinesoldaten weigern, in den faktisch verlorenen Krieg zu ziehen, beginnt ein Aufstand: Binnen Tagen fegt er das alte Regime hinweg, zwingt den Kaiser zur Abdankung und verwandelt Deutschland in eine Republik. Ein von der SPD dominierter „Rat der Volksbeauftragten“ hat nun die Macht inne. Er verkündet, dass sowohl Männer als auch Frauen die neue Nationalversammlung wählen sollen. Beinahe über Nacht sind die Geschlechter politisch gleichberechtigt.

Für die meisten Aktivistinnen kommt der Durchbruch überraschend: Sie erfahren aus der Zeitung oder durch Aushänge von dem Triumph. Als „Wunder“ oder „schönen Traum“ bejubeln einige Frauenvereine den Sieg, von dem sie wissen, dass ihr langer, zäher Kampf ihm den Weg bereitet hat. Unzählige Frauen stehen am 19. Januar 1919 in den Schlangen vor den Wahllokalen. 90 Prozent der weiblichen Stimmberechtigten machen ihr Kreuz, ein höherer Anteil als bei den Männern. Eine von ihnen ist Hedwig Dohm, die diesen Moment – inzwischen 87 Jahre alt – nur wenige Monate vor ihrem Tod noch erlebt.

37 Frauen ziehen ins Parlament ein: Fast neun Prozent der Abgeordneten sind weiblich, ein weltweiter Spitzenwert (den die Bundesrepublik erst in den 1980er Jahren erreichen wird). Etwa zeitgleich erhalten Frauen unter anderem in Polen, Österreich und den Niederlanden das Wahlrecht. Nach und nach werden die übrigen demokratischen Staaten folgen. Am 19. Februar 1919 ist es so weit: Zum ersten Mal spricht eine Frau in einem deutschen Parlament. Die mehr als 400 Mitglieder der Nationalversammlung sitzen auf ihren Plätzen, im großen Saal des Nationaltheaters in Weimar. Die SPD-Abgeordnete Marie Juchacz betritt die Rednertribüne. Bereits ihre Begrüßungsworte schreiben Geschichte: „Meine Herren und Damen.“



##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt;

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt; Diederichs, Katrin: Frauenbewegung. Frauen an die Macht, in: Die Geschichte der Demokratie. Wie Volksherrschaften entstehen und wie sie scheitern (GEO Epoche Jg. 2021, Heft Nr. 110), Hamburg 2021, S. 108-117.

-&gt;

-&gt;

# Jugendbewegungen

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Wandervogel

##### 1. Wandervogel

Um 1900 entstandene (Jugend-)Bewegung, in der sich v. a. Schüler höherer Schulen, aber auch Mädchen und Studenten bis hin zu Erwachsenen organisierten, um zusammen in Gruppen von Gleichaltrigen in der Freizeit zu wandern. Hier prägte sich ein intensives Gruppen- und Wanderfahrtenleben und erstmals eine eigene "Jugendkultur" aus. Diese wandte sich gegen Bevormundung, restriktive Autoritäten und Drill in der Erziehung und zielte auf Selbstverwaltung sowie Selbsterziehung. Die erste Vereinigung des Wandervogels entstand 1901 am Gymasium Steglitz bei Berlin. Von dort aus verbreitete sich die Bewegung im gesamten deutschen Sprachraum. Auf bayerischem Boden erfolgte die erste Gründung auf Initiative dreier Steglitzer Gymnasiasten 1906 in München. In Bayern weitete sich die Bewegung zunächst auf die Groß-, später auch auf die Mittel- und Kleinstädte aus. Unterschiedliche gesellschaftliche, ideologische und ideelle Strömungen sowie gegensätzliche Einstellungen zu Themen wie Führerfrage, Alkoholverbot und Umgang mit Mädchen führten in den örtlichen Niederlassungen immer wieder zu Auseinandersetzungen, Spaltungen und Neugründungen bzw. Wiedervereinigungsversuchen. Die Organisationsstruktur des Wandervogels änderte sich mit dem Ersten Weltkrieg. Nach Kriegsende formierte sich die Bündische Jugend als Jugendbewegung der Weimarer Republik, in die auch die Mitglieder des Wandervogels Eingang fanden.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/bcDimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/bcDimage.jpeg)

Wandervogel. Verein zur Förderung des Jugendwanderns in Bayern e. V., 1910, 1. Jg., Heft 2, Ausgabe Mai, Titelblatt. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, Z 100-2539)

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-der-wandervogel-als--1">Der Wandervogel als "deutscher Erinnerungsort"</span>**

Der Wandervogel war eine um 1900 aufkommende Bewegung, in der sich vorwiegend Schüler höherer Schulen, darüber hinaus aber auch Mädchen, Studenten, junge Leute anderer Schichten und Erwachsene organisierten, um gemeinsam in verbindlichen Gruppen von Gleichaltrigen in der Freizeit zu wandern. Neu war das Angebot eines intensiven Gruppen- und Wanderfahrtenlebens, in dem sich die altersgemäßen Bedürfnisse nach unbeobachteten Freiräumen, Gelegenheit zu körperlicher Betätigung und persönlichem Austausch unter Gleichaltrigen verbinden ließen. Nicht Lehrer oder Eltern, sondern nur wenig ältere, erfahrene Führer, häufig Studenten, leiteten die Schüler an und gingen der Gruppe voraus. Zur Wandervogelkultur gehörten ein einfacher, allem Luxus abholder Fahrtenstil, ein kameradschaftliches Miteinander der Geschlechter und ein Interesse an der "Volkskultur" als Lebensart der ländlichen Bevölkerung. Eine zweckmäßige Bekleidung für den Aufenthalt im Freien und spezifisches Fahrtengerät hielten Einzug in den Gruppen; im Heimatort wurden Behausungen für das Gemeinschaftsleben ("Wandervogelnester") eingerichtet. Das gemeinsame Singen und Musizieren, etwa auf der sog. Wandervogel-Laute, zur Gestaltung der sog. Nestabende oder "auf Fahrt" und am Feuer verstärkte die erstmalige Ausbildung einer eigenen "Jugendkultur".

Die erste Vereinigung dieser Art wurde 1901 am Gymnasium in Steglitz bei Berlin gegründet; davon ausgehend verbreitete sich der Wandervogel noch vor dem Ersten Weltkrieg überall im deutschen Sprachraum. Mit dem Wandervogel artikulierte sich erstmals in Kleidung, Musik und Freizeitgestaltung eine eigenständige Jugendkultur unter einem gemeinsamen Namen und Symbol, dem Zugvogel, die zum einflussreichen Vorbild für viele spätere Entwicklungen wurde. Sie wandte sich gegen Bevormundung, restriktive Autoritäten und Drill in Elternhaus und Schule und strebte nach Freiräumen der Selbstverwaltung und Selbsterziehung für die junge Generation.

Diese Bewegung gilt als genuin deutsche Erscheinung: Während das Wandern selbst zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits eine Massenerscheinung war, die [touristische](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fremdenverkehr_(Von_den_Anf%C3%A4ngen_bis_1945) "Fremdenverkehr (Von den Anfängen bis 1945)")Erschließung etwa der Mittelgebirge und der Alpen längst eingesetzt und auch die Jugend anderer europäischer Länder das Wandern entdeckt hatte, beispielsweise durch die Verbreitung des "Scouting" von England aus, blieb die selbstbestimmte, allein von jugendlichen Interessen geleitete Form der Jugendbewegung im Wandervogel im internationalen Vergleich einzigartig. Das zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Wandervogel entwickelte eigenständige Jugend-Gruppen-Leben bietet bis heute Impulse für Jugendbildung, Jugendarbeit und Jugendpolitik, Schulreformen sowie Freizeit- und Erlebnispädagogik.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/ygfimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/ygfimage.jpeg)

Das erste gemeinsame Liederbuch des Wandervogel: Der Zupfgeigenhansl, hg. von Hans Breuer, illustriert von [Hermann Pfeiffer](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118803301 "Person:118803301"), Darmstadt 1909, Titelblatt der Erstausgabe. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, B 931-001)

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/349image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/349image.jpeg)

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-die-wandervogel-bewe-1">Die Wandervogel-Bewegung in Bayern</span>**

In Bayern hielt die Wandervogel-Idee Einzug, als drei Steglitzer Gymnasiasten mit ihren Familien nach [München](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00008915 "Ort:ODB S00008915") zogen und dort seit 1904 den Aufbau einer Ortsgruppe betrieben. 1906 erfolgte die Vereinsgründung, und eine rege Wandertätigkeit setzte ein. Prägende Persönlichkeiten der Wandervogel-Bewegung wie [Hans Breuer](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118660004 "Person:118660004") (1883–1918), der Herausgeber der ersten Wandervogel-Liedersammlung "Zupfgeigenhansl", [Hans Lißner](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:1131638646 "Person:1131638646")(1886–1964) und [Knud Ahlborn](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:11627056X "Person:11627056X") (1888–1977) wirkten als Studenten in München an der Führung der dortigen Ortsgruppe mit. Eine Münchner Besonderheit waren die selbst zusammengestellten und publizierten Kochbücher, erstmals 1906 unter dem Titel "Der Schlemmer im Rucksack".

In den Folgejahren gab es weitere Gründungen in [Augsburg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00008854 "Ort:ODB S00008854"), [Bayreuth](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00038624 "Ort:ODB S00038624"), [Nürnberg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000094 "Ort:ODB S00000094"), [Regensburg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00033360 "Ort:ODB S00033360"), [Rothenburg ob der Tauber](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000799 "Ort:ODB S00000799") (Lkr. Ansbach) und [Würzburg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00002826 "Ort:ODB S00002826"); ein eigener Mädchenwandervogel gründete sich in München und Augsburg. Seit 1910 wurde die Gau-Zeitschrift "Wandervogel. Verein zur Förderung des Jugendwanderns in Bayern e. V." herausgegeben; 1911 fand der erste gemeinsame Gautag in Nürnberg statt. Danach setzte eine neue Gründungswelle, vorwiegend in Mittel- und Kleinstädten [Frankens](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Franken_(Begriff) "Franken (Begriff)"), ein: [Ansbach](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000001 "Ort:ODB S00000001"), [Aschaffenburg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00002820 "Ort:ODB S00002820"), [Erlangen](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000055 "Ort:ODB S00000055"), [Kitzingen](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00003771 "Ort:ODB S00003771"), [Lichtenfels](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00041763 "Ort:ODB S00041763"), [Lohr am Main](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00004149 "Ort:ODB S00004149") (Lkr. Main-Spessart), [Marktbreit](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00003788 "Ort:ODB S00003788") (Lkr. Kitzingen), [Schwabach](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000121 "Ort:ODB S00000121"), [Schweinfurt](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00002823 "Ort:ODB S00002823") und [Uffenheim](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00002129 "Ort:ODB S00002129") (Lkr. Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim), als Deutsche Wandervogel-Gemeinschaft e. V. auch in [Coburg](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00038698 "Ort:ODB S00038698"), über die Abspaltung des Alt-Wandervogel auch in [Hof](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00038724 "Ort:ODB S00038724") und [Fürth](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ort:ODB_S00000073 "Ort:ODB S00000073"). 1912 waren etwa 1.000 junge Menschen in Bayern im Wandervogel organisiert, die durchschnittlich 20 Tage pro Jahr wanderten; hinzu kamen etwa 600 erwachsene Mitglieder in den Freundes- und Fördervereinen.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-vom-wandervogel-zur--1">Vom Wandervogel zur Freideutschen Jugend</span>**

Bedingt durch den landesweit großen Erfolg musste sich der Wandervogel zunehmend organisatorischen und gesellschaftlichen Herausforderungen stellen. So mündeten Auseinandersetzungen über die Führerfrage, das Alkoholverbot, aber auch die Frage nach dem Umgang mit Mädchen in den eigenen Reihen immer wieder in Spaltungen und Neugründungen, auf die dann ebenso regelmäßig neue Einigungsversuche folgten. Umstritten waren insbesondere auch das Verhältnis zu Juden, die in vielen Bünden als Mitglieder abgelehnt wurden und zum Teil eigene Wandervogel-Vereinigungen gründeten, zum deutschen Volkstum und zu Militarismus bzw. Pazifismus. Diese Debatten wurden mehrheitlich von der Führerschaft der Bünde getragen, meist Studenten und jüngere Akademiker, die sich ihrerseits in akademischen Vereinigungen organisierten und ein differenziertes jugendbewegtes Zeitschriftenwesen betrieben. Darin wurden Impulse der Lebensreformbewegung, aber auch sozialistische und kommunistische Positionen aufgegriffen. Die von [Siegfried Bernfeld](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118509802 "Person:118509802") (1892–1953) und [Georges Barbizon](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:116832703 "Person:116832703") (1892–1943) in Zusammenarbeit mit [Gustav Wyneken](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118635743 "Person:118635743") (1875–1964) herausgegebene Zeitschrift "Der Anfang. Vereinigte Zeitschriften der Jugend" stellte 1911 erstmals ein Medium zur Artikulation von Jugendinteressen bereit.

Besonders nachdrücklich setzte sich die Freideutsche Jugend für eine gesellschaftliche Anerkennung der jugendlichen Bedürfnisse nach Freiheit und Autonomie ein, u. a. mit sogenannten Schülersprechsälen in verschiedenen Städten, so auch in München. Einen Höhepunkt der freideutschen Bewegung stellte das Treffen auf dem Hohen Meißner bei Kassel (Hessen) am 12. Oktober 1913 dar, zu dem mehr als 2.000 Teilnehmer, darunter auch Mitglieder der Münchner Freischar, kamen, um den patriotischen Feiern zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig (Sachsen) ein Naturfest entgegenzusetzen. Das Bekenntnis des Freideutschen Jugendtages lautete: "Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein." Als Bild-Ikone dieses Festes fand das "Lichtgebet" von [Hugo Höppener-Fidus](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118687077 "Person:118687077") (1868–1948) weite Verbreitung.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/lq0image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/lq0image.jpeg)

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-aufnahme-aus-dem-fot"><figcaption>Aufnahme aus dem Fotoalbum des Nürnberger Wandervogels aus dem Jahre 1913 von einem Ausflug nach Rothenburg. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, FA 351)</figcaption></figure>**<span class="mw-headline" id="bkmrk-wandervogel-und-refo-1">Wandervogel und Reformpädagogik</span>**

Wirkung entfalteten der Wandervogel und die Freideutsche Jugend nicht zuletzt in der deutschen [Reformpädagogik](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Reformp%C3%A4dagogik "Reformpädagogik") und insbesondere in den damit verbundenen [Landerziehungsheimen](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Landschulheime "Landschulheime"). Ausgehend von einem umfassenden Begriff von "Jugendkultur" sollte der Aufbruch der Jugend für weitergehende Bildungs- und Erziehungsansätze genutzt werden. So entwickelte Gustav Wyneken die von [Hermann Lietz](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:118728229 "Person:118728229")(1868-1919) ins Leben gerufenen Internatsschulen nach dem Modell einer koedukativen "Freien Schulgemeinde" weiter. Mit der Gründung der "Freien Schulgemeinde Wickersdorf" (1906) in Thüringen wurden Impulse aus dem Wandervogel auf den Schulalltag übertragen und erprobt, in der Verbindung von Gemeinschaft und Individualität, Naturerfahrung und Geistesbildung, aber auch Formung und Selbstbestimmung. Am Vorbild Wickersdorf orientierte Schulgründungen gab es u. a. in Württemberg, Baden und Hessen.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-die-kontroverse-um-d-1">Die Kontroverse um die freideutsche Jugendkultur im Bayerischen Landtag 1914</span>**

Im Zusammenhang mit den Aktivitäten von Freideutscher Jugend und Freistudenten verursachte das mehrfache Auftreten von Gustav Wyneken in München 1913 und 1914 eine öffentliche kulturpolitische Auseinandersetzung, die in einer kontroversen Sitzung des Bayerischen Landtags am 29. Januar 1914 kulminierte. Der Zentrums-Abgeordnete [Sebastian Schlittenbauer](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Person:117329193 "Person:117329193") (1874–1936) prangerte darin die freideutsche Jugendkultur an. Sie habe sich dem "Kampf gegen das Elternhaus, Kampf gegen die Schule, Kampf gegen jede positive Religion, Kampf gegen die christliche Moral, Kampf gegen einen gesunden Patriotismus" verschrieben. Diese Vorwürfe zogen Erwiderungen der Betroffenen nach sich, u. a. in einer "Aufklärungsversammlung" in der Münchner Tonhalle am 9. Februar 1914, aber auch Einschränkungen für die freien Jugendbünde in Bayern, deren Unterschiedlichkeit von der Politik kaum wahrgenommen wurde; so wurde der Gebrauch des Wandervogel-Liederbuches "Zupfgeigenhansl" verboten. In der Folge distanzierte sich die Freideutsche Jugend von Gustav Wyneken, während sich die Wandervogel-Bünde von den Freideutschen distanzierten, soweit sie das nicht schon früher getan hatten. Die Freideutschen selbst konnten sich kaum mehr auf gemeinsame Positionen verständigen und verloren lange vor ihrer endgültigen Auflösung 1923 erheblich an Bedeutung.

<figure class="mw-default-size" id="bkmrk-coburger-wanderv%C3%B6gel">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/9/96/Nachtfahrt_Coburger_Wandervoegel.jpg/300px-Nachtfahrt_Coburger_Wandervoegel.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Nachtfahrt_Coburger_Wandervoegel.jpg)<figcaption>Coburger Wandervögel auf Nachtfahrt an die Hoffmannsteiche, 1915. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, CH 1 Nr. 725)</figcaption></figure><figure class="mw-default-size" id="bkmrk-m%C3%A4dchengruppe-des-wa">[![](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/thumb/9/9d/Wandervogel_Maedchengruppe_Oberfranken_1915.jpg/300px-Wandervogel_Maedchengruppe_Oberfranken_1915.jpg)](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Wandervogel_Maedchengruppe_Oberfranken_1915.jpg)<figcaption>Mädchengruppe des Wandervogel e. V. auf Fahrt nach Oberfranken, 4.-10.8.1915. Fotograf: Julius Groß. (Archiv der deutschen Jugendbewegung, F 1\_05\_41)  
  
</figcaption></figure>**<span class="mw-headline" id="bkmrk-der-wandervogel-im-u-1">Der Wandervogel im und nach dem Ersten Weltkrieg</span>**

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs sahen sich der Wandervogel als Organisation aber auch die einzelnen Mitglieder vor neue Aufgaben gestellt. Viele junge Männer wurden eingezogen oder meldeten sich freiwillig. Um den Kontakt zur Front aufrecht zu halten, bildeten sich in der Heimat intensive Korrespondenz-Netzwerke, um den Feld-Wandervogel bei der Herausgabe eigener Zeitschriften und Gruppengründungen im Feld zu unterstützen. Parallel dazu wurden wie zuvor Nestabende, Wanderungen usw. abgehalten, nun häufig von Frauen und Mädchen in Organisations- und Führungsaufgaben mitgestaltet, beispielsweise ein größerer [Gautag](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Gau_(neuzeitliche_Begriffsgeschichte) "Gau (neuzeitliche Begriffsgeschichte)") in Nürnberg im Januar 1917.

Als organisatorische Konsequenz verschob sich im Wandervogel allmählich die generationelle Zuordnung: Zunehmend verblieben ältere Wandervögel innerhalb ihres Bundes statt ihn zu verlassen und verwässerten damit dessen Charakter als Jugendbund.

Erst nach dem Ende des Krieges setzte die von der Freideutschen Jugend angestoßene Debatte um Inhalt und Form der gemeinsamen Organisation wieder ein. Darin meldeten sich die aus dem Krieg zurückgekehrten, desillusionierten ehemaligen Frontsoldaten zu Wort und nahmen Einfluss auf die Trennung der politischen Richtungen im Wandervogel, aber auch auf die generationelle Neuordnung. Als [Bündische Jugend](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/B%C3%BCndische_Jugend "Bündische Jugend"), in der sich neben den Wandervögeln auch weite Teile der Pfadfinderbewegung wiederfanden, formierte sich die Nachkriegsjugend, weitgehend nach Geschlechtern getrennt, und trat als unabhängige Jugendbewegung in der Weimarer Republik auf.

**<span class="mw-headline" id="bkmrk-historisierung-des-w-1">Historisierung des Wandervogel</span>**

Das Bewusstsein dafür, dass mit dem Ersten Weltkrieg die "Wandervogel-Zeit" zu Ende ging, setzte unter den nunmehr erwachsenen Wandervögeln der ersten Stunde früh ein und begründete die Bemühungen um eine Sammlung der bis dahin erschienenen Literatur. 1922 wurde auf der Jugendburg Ludwigstein (bei Kassel) das "Reichsarchiv der deutschen Jugendbewegung" gegründet, das heute ebenda als "Archiv der deutschen Jugendbewegung" mit über 2.000 lfm Archivgut eine weltweit einzigartige Quellensammlung zur deutschen Jugendbewegung sowie zu Jugendverbänden und Jugendkulturen seit etwa 1890 bis zur Gegenwart bereithält. Unweit vom Schauplatz des Freideutschen Jugendtages 1913 gelegen, stellt die Jugendburg mit dem Archiv der deutschen Jugendbewegung und der zugehörigen Jugendbildungsstätte ein lebendiges Ensemble zur Erinnerung an den Wandervogel dar.

Das Archiv selbst, das vom Land Hessen und der privaten Ludwigstein-Stiftung getragen wird, dient der wissenschaftlich-kritischen Erforschung von Jugendbewegung und Jugendkulturen, was mit Tagungen, Ausstellungen und Veröffentlichungen gefördert wird.

#####  

#####  

#####  

#####  

#####  

#####  

#####  

#####  

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Susanne Rappe-Weber, Wandervogel, publiziert am 21.02.2017, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: &lt;[https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Wandervogel](https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Wandervogel)&gt; (12.05.2026)

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt;

-&gt;

# Judentum im Kaiserreich

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Jüdische Emanzipation und Antisemitismus

##### 1. Jüdische Emanzipation und Antisemitismus 

Die deutsch-jüdische Geschichte im ‚langen‘ 20. Jahrhundert war nicht nur von einem wachsenden Antisemitismus geprägt. Lange stand sie auch im Zeichen eines sehr erfolgreichen Emanzipationsprozesses.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/qxaimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/qxaimage.jpeg)

<div class="spacer-horizontal__breakout" id="bkmrk-berlin-mitte%2C-synago"><figure class="detail-picture spacer-horizontal"><figcaption class="detail-picture__description">Berlin-Mitte, Synagoge Oranienburger Straße (1859-66 erbaut von Eduard Knoblauch). Photographie, um 1870, von F. Albert Schwartz. (© picture-alliance/akg)</figcaption></figure></div>Die deutsch-jüdische Geschichte im ‚langen‘ 19. Jahrhundert ist oft vor allem als Geschichte eines wachsenden Antisemitismus betrachtet worden, der im Kaiserreich wesentliche Formierungen erfahren und unter dem Nationalsozialismus im Holocaust seinen schrecklichen Höhepunkt gefunden hat. So notwendig gerade angesichts dieses Menschheitsverbrechens die historische Ursachenanalyse ist: Blickt man auf die Vorgeschichte des Holocaust, so gibt es neben der zwingenden Perspektive auf die Kontinuität des Antisemitismus auch andere sinnvolle Perspektiven auf die deutsch-jüdische Geschichte im Kaiserreich, die zugleich weiterführende und vertiefende Erkenntnismöglichkeiten eröffnen. Das gilt zum einen für die großen und erfolgreichen Schritte, die von den deutschen Juden auf dem Weg aus der Abgeschiedenheit des „Schtetls“ in das Zentrum der modernen bürgerlichen Gesellschaft des Kaiserreichs vollzogen worden sind. Zum anderen lohnt es, die Entstehungsbedingungen, Formen, Bedeutungen und Funktionen antisemitischer Haltungen, Ideologien, Praktiken und Bewegungen zu untersuchen.

Trotz aller judenfeindlichen Orientierungen stand am Anfang die förmliche Gleichstellung der Juden, die am 3. Juli 1869 in Zusammenhang mit der Gleichstellung aller Konfessionen vom Reichstag des Norddeutschen Bundes verabschiedet und im April 1871 als Reichsgesetz übernommen wurde. Vorausgegangen war eine lange, politisch umstrittene, zwischen Emanzipationsschritten und Rücknahmen verlaufende Geschichte, die ihre Höhepunkte unter dem Einfluss der napoleonischen Herrschaft, in den Preußischen Reformen sowie in den Neuordnungsversuchen der Revolution 1848/49 sowie den jeweils folgenden Restaurationsregimen gefunden hatte. Begleitet und inspiriert wurde dieser Prozess von einer jüdischen Aufklärungsbewegung, der Haskala , die die Beteiligung der Juden an allgemeiner Bildung und öffentlicher Kultur förderte und für ihre gleichberechtigte Integration in die sich entwickelnde bürgerliche Gesellschaft eintrat. Die sich im Laufe dieses Prozesses eröffnenden Möglichkeiten wurden von den deutschen Juden in Wirtschaft, Kultur und Politik insgesamt höchst erfolgreich genutzt und bewirkten so kollektiv einen enormen sozialen Aufstieg, der mit starken Assimilationsbestrebungen, der Entwicklung eines Reformjudentums und teilweise auch mit dem Übertritt zum Christentum verbunden war: Während zu Beginn des Emanzipationsprozesses Ende des 18. Jahrhunderts die große Mehrheit der rund 250.000 deutschen Juden zur meist ländlichen Unterschicht gehörte, hatten sich ihre sozialen Verhältnisse schon bis zur Gründung des Kaiserreichs radikal verschoben: Nur noch ein kleiner Teil der deutlich überproportional auf etwa eine halbe Million Menschen angestiegenen jüdischen Bevölkerung, die bis ins frühe 20. Jahrhundert noch einmal um etwa 100.000 zulegte, zählte nun zur sozialen Unterschicht, während der selbständige Mittelstand auf etwa ein Drittel zugenommen hatte und weit über die Hälfte der deutschen Juden in die wirtschafts- und bildungsbürgerliche Oberschicht des Kaiserreichs aufgestiegen war.

In enger Verbindung mit diesem erfolgreichen Emanzipations- und Aufstiegsprozess , der sich teilweise mit der Übernahme traditioneller antijüdischer Ressentiments bis hin zu einem „jüdischen Selbsthass“ verbinden konnte, entwickelte sich auch ein intensives gesellschaftspolitisches Engagement der deutschen Juden, das weit über die Tätigkeit der teils traditionellen, teils reformorientierten jüdischen Kultusgemeinden und des 1893 als Interessenverband gegründeten „Central-Vereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ hinausging. Ähnlich wie bei den christlichen Konfessionen entstanden jüdische Vorfeldorganisationen wie etwa der Jüdische Frauenbund (1904) und vielfältige sozialpolitische wie kulturelle Initiativen. Deutsche Juden engagierten sich zum einen für die Integration jüdischer Migranten aus Osteuropa, darüber hinaus aber auch in vielen nicht-konfessionell gebundenen gesellschaftlichen Organisationen. Das galt nicht zuletzt für die liberalen politischen Parteien und die SPD, wo Politiker jüdischer Herkunft teilweise führende Positionen einnahmen. So standen in der Reichsgründungsphase etwa Eduard Lasker und Ludwig Bamberger an der Spitze der Nationalliberalen Partei, und in der SPD amtierten, nachdem bereits Ferdinand Lassalle 1863 den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ gegründet hatte, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nacheinander Paul Singer und Hugo Haase als Vorsitzende der Partei und ihrer Reichstagsfraktion.

Die tief verwurzelte Judenfeindschaft war mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs allerdings noch nicht überwunden, im Gegenteil. Sie schwelte weiter und brachte den modernen Antisemitismus hervor, dessen Entwicklung zumeist als Gegenbewegung zum Zeitalter der Emanzipation gesehen wird. In enger Verbindung mit dieser Periodisierung ist auch das Verhältnis zwischen traditioneller Judenfeindschaft und modernem Antisemitismus immer wieder und auf vielfältige Weise thematisiert worden. Die überkommene Judenfeindschaft wird dabei als christlich begründet angesehen und mit der traditionellen, aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossenen Sonderstellung der jüdischen Gemeinden verbunden; sie bezog sich inhaltlich vornehmlich auf ‚typisch‘ jüdische Verhaltensweisen und wies den Juden in Krisensituationen eine Sündenbockfunktion zu. Der spezifisch moderne Antisemitismus dagegen wurde rassistisch begründet, er bezog sich nicht auf die Sonderstellung der Juden, sondern auf ihre Rolle in der modernen Gesellschaft, und er entwickelte sich zu einer eigenständigen Weltanschauung, die in Konkurrenz zu den prägenden -Ismen des Modernisierungsprozesses, insbesondere zu Kapitalismus, Liberalismus und Sozialismus trat und in immer radikalerer Weise Lösungen für die mit ihnen verbundenen, zugleich mit den Juden identifizierten Probleme und Krisen der Moderne anbot.

Dieser moderne, politische Charakter des Antisemitismus trat gleich zu Beginn des Kaiserreichs in vehementer Form an die Öffentlichkeit, als sich in Reaktion auf die sogenannte Gründerkrise Ende der 1870er Jahre die christlich-soziale Bewegung des Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker bildete und die Hetze gegen die Juden als vermeintlichen Verursachern der um sich greifenden ökonomisch-soziale Verwerfungen in den Mittelpunkt ihrer Agitation stellte. Ähnlich argumentierten auch ehemals liberale und radikale Autoren wie Otto Glagau und Wilhelm Marr, die ihre Judenfeindlichkeit sowohl sozial und ökonomisch als auch rassistisch begründeten. Marr war es auch, der 1879 in seiner Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum – Vom nichtkonfessionellen Standpunkt aus betrachtet“, den rassistisch begründeten Begriff „Antisemitismus“ prägte und zugleich eine „Antisemiten-Liga“ gründete. Neben vielerlei Verbindungen mit den traditionellen Führungsschichten fand die antisemitische Agitation vor allem Zustimmung in den unter Druck geratenen mittelständischen Schichten, während die erhoffte Zustimmung von Seiten der Arbeiterschaft weitgehend ausblieb.

Als sich die ökonomische Situation wieder zu bessern begann, flaute die Bewegung erst einmal ab, und die folgenden Versuche zur Etablierung explizit antisemitischer Parteien konnten politisch nur eher geringe Erfolge erzielen. Ihren Höhepunkt erreichten sie 1893, als die sogenannte Böckel-Bewegung immerhin sieben Reichstagsmandate errang. Diese begrenzten Erfolge sollten allerdings nicht dazu verleiten, den modernen Antisemitismus des Kaiserreichs für einflusslos zu halten. Vielmehr hat die Forschung nicht nur aufgezeigt, dass antisemitische Vorstellungen und Praktiken in vielfältigen gesellschaftlichen Organisationen zunehmend an Bedeutung gewannen. Deutlich wurde auch, wie sich der Antisemitismus darüber hinaus in seinen weltanschaulichen Komponenten zu einem essentiellen Bestandteil des historisch-politischen Selbstverständnisses wesentlicher Teile der deutschen Gesellschaft entwickelt hat.

ies trat bereits im sogenannten Berliner Antisemitismusstreit zutage, der Ende der 1870er/Anfang der 1880er Jahre an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität ausbrach. Hauptprotagonisten waren mit Heinrich v. Treitschke und Theodor Mommsen zwei der berühmtesten und einflussreichsten Historiker ihrer Zeit. Nachdem der nationalliberale Neuzeithistoriker und Politiker Treitschke in einem Aufsatz, obwohl ursprünglich ein Befürworter der Judenemanzipation, nun die fehlende Bereitschaft des Judentums zur vollständigen Assimilation kritisiert hatte, reklamierte er als nationalen Wahlspruch die Parole: „Die Juden sind unser Unglück!“ Darauf reagierte der liberale Althistoriker Mommsen, der 1902 für seine Geschichte der römischen Republik den Literaturnobelpreis erhielt, mit einer entschiedenen Kritik, die zu dieser Zeit im gebildeten deutschen Bürgertum offensichtlich noch mehrheitsfähig war. Eindrucksvoll zum Ausdruck brachte das der bereits 1871 von 76 namhaften Persönlichkeiten unterzeichnete Protest, darunter neben Mommsen andere berühmte Professoren der Berliner Universität wie der Historiker Johann Gustav Droysen, der Mediziner Rudolf Virchow und der Jurist Gottfried v. Gneist. Er richtete sich gegen die von Stoecker und weiteren Antisemiten an Reichskanzler Bismarck adressierte „Antisemitenpetition“, in der eine Rücknahme der Emanzipationsgesetze – mit denen die rechtliche Gleichstellung aller Konfessionen festgeschrieben wurde – gefordert wurde. In der nachwachsenden akademischen Generation fiel der Antisemitismus aber auf deutlich fruchtbareren Boden. Nicht zuletzt unter dem Eindruck schwieriger Karrierebedingungen und vermeintlich jüdischer Konkurrenz, fanden hier antisemitische Orientierungen schnell großen Widerhall, wie nicht nur in der Zustimmung zu Treitschke, sondern auch im zunehmenden Ausschluss jüdischer Kommilitonen aus vielen studentischen Burschenschaften deutlich wurde. Zugleich gewann der ideologische Antisemitismus auch programmatisch immer ausgeprägtere Formen, besonders mit dem erstmals 1887 veröffentlichten, schnell viele Auflagen erlebenden „Antisemiten-Katechismus“ von Theodor Fritsch.

Judenfeindliche Einstellungen traten in fast allen gesellschaftlichen Bereichen und Organisationen immer wieder hervor, auch wenn sie den Antisemitismus, wie etwa die Sozialdemokratie, programmatisch ablehnten. Politisch waren es aber insbesondere die konservativen Parteien und bald auch die neuen nationalistischen Agitationsverbände wie der 1891 gegründete „Alldeutsche Verband“, die neben den explizit antisemitischen Organisationen, und teilweise auch in Verbindung mit ihnen, offen einen radikalen Antisemitismus vertraten. Eine besondere Rolle spielte dabei die Interessenvertretung der Agrarier, der 1893 gegründete „Bund der Landwirte“ (BdL), weil er seine antisemitische Agitation zugleich auch aktiv in die konservativen Parteien hineintrug, die selbst bereits traditionell unter dem Einfluss christlich begründeter Judenfeindlichkeit standen. Ebenfalls 1893 entstand der entschieden antisemitisch auftretende Interessenverband der Handlungsgehilfen, der sich drei Jahre später den programmatischen Namen „Deutschnationaler Handlungsgehilfenverband“ gab. Und auch die in der Folgezeit gegründeten nationalistischen Agitationsvereine vom Flottenverein über den Kolonialverein, den Wehrverein und den Ostmarkenverein bis zum Reichsverband gegen die Sozialdemokratie sowie die völkische Bewegung verbanden ihre öffentliche Agitation mit entschiedenem Antisemitismus. Der nun insbesondere in den gebildeten Schichten immer deutlicher hervortretende, von den ‚deutschen‘ Schriften Paul de Lagardes, Julius Langbehns und dem immer stärker um sich greifenden Kult um Friedrich Nietzsche und Richard Wagner geprägte Kulturpessimismus bot dafür eine besonders virulente ideologische Grundlage, wie sie etwa im sogenannten Bayreuther Kreis um Cosima Wagner und ihrem entschieden antisemitischen Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain wirkmächtig hervortrat.

In der wilhelminischen Phase des Kaiserreichs entwickelte sich der Antisemitismus so zu einem essentiellen Bestandteil der nationalen Orientierungen breiter Bevölkerungsschichten, die man auch als neue „deutsche Ideologie“ der Zeit charakterisieren kann. Ihre Vertreter nahmen zwar mit einem radikalen Nationalismus und Imperialismus wesentliche Konzepte der Moderne auf, im Innern der Nation aber standen sie dem gesellschaftlichen Modernisierungsprozess fundamental ablehnend gegenüber. Sie verwarfen den industriellen Kapitalismus ebenso wie die Demokratisierung, und sie lehnten die Emanzipationsbewegungen bislang entrechteter Gesellschaftsgruppen wie der proletarischen Unterschichten oder der Frauen vehement ab. Eine besondere Rolle in diesem Konglomerat fiel dem Antisemitismus zu, denn mit dem Kampf gegen die jüdische Emanzipation wurde der Kampf gegen die Emanzipationsbewegungen der Moderne insgesamt verbunden. Der Antisemitismus entwickelte sich so zu einem „kulturellen Code“ (Shulamit Volkov) für die Ablehnung der Moderne. Es schien als ob „die Juden in der Tat identisch mit dem ausbeuterischen Kapitalismus und dem Verfall der vorindustriellen Produktionswiesen und des Sittenkodex, mit Korruption und sozialer Auflösung“ gewesen wären, und der Kampf gegen Liberalismus, Kapitalismus und Sozialismus als Ideologien der Moderne verdichtete sich dementsprechend im Antisemitismus. Mehr noch, die Stellung zu den Juden und zum Antisemitismus beinhaltete, ja erzwang zunehmend nun nicht nur für die Antisemiten, sondern auch für ihre Gegner eine Stellungnahme zur gesellschaftspolitischen Moderne schlechthin – oder mit den Worten Volkovs: „Wie ein antisemitischer Standpunkt im Wilhelminischen Deutschland praktisch eine anti-emanzipatorische Position und Widerstand gegen die unterschiedlichen Bekundungen des modernen sozialen und politischen Freiheitsringens bedeutete, so bedeutete die Ablehnung des Antisemitismus das Eintreten für Emanzipation, und zwar nicht allein der Juden, sondern der Gesellschaft insgesamt .“

In mancher Hinsicht quer zu diesen auf die Stellung der Juden in der modernen bürgerlichen Gesellschaft bezogenen, politisch-kulturellen Kodierungen standen allerdings die Reaktionen auf die jüdische Zuwanderung aus Osteuropa, vor allem aus dem Herrschaftsbereich des Zarismus und der dort stattfindenden Pogrome. Die Menschen, die hier ins Deutsche Reich einwanderten, ähnelten oft mehr einem prä-emanzipatorischen Judentum als den erfolgreichen, emanzipierten und assimilierten Juden in der modernen deutschen Gesellschaft – weshalb sie gerade deshalb viel Ablehnung hervorriefen. Doch während sich jüdische Organisationen um ihre Integration bemühten, sahen Antisemiten in den Ostjuden das Schreckbild des „ewigen Juden“, der sich generell nur oberflächlich anpassen könne, auch hinter einer emanzipierten Fassade aber weiterhin die ebenso minderwertigen wie zersetzenden Züge seiner „Rasse“ in sich trage und deshalb aus dem deutschen „Volkskörper“ ausgemerzt werden müsse. Konkrete Vernichtungsprogramme waren damit allerdings noch nicht gemeint, und die große Mehrheit der deutschen Juden fühlte sich weiterhin so sehr als Bestandteil der deutschen Gesellschaft, dass der die Auswanderung nach Palästina propagierende Zionismus um die Jahrhundertwende nur kleine Minderheiten ansprach. Dies begann sich erst im Ersten Weltkrieg zu verändern, als anfangs mit dem aktiven Kriegsengagement großer Teile der deutschen Juden und ihrer Teilnahme am nationalen Einheitserlebnis des August 1914 zwar eine noch weitergehende jüdische Integration möglich schien, bald aber der Antisemitismus in den Krisen der Kriegsgesellschaft eine immer weitere Ausbreitung und Radikalisierung erfuhr.

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Kruse, Wolfgang: Jüdische Emanzipation und Antisemitismus, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 23.02.2026 unter: [https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/575107/juedische-emanzipation-und-antisemitismus/](https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/575107/juedische-emanzipation-und-antisemitismus/), zuletzt geprüft am 22.08.2026.

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt;

-&gt;

-&gt;

# Imperialismus



# Deutsche Kolonien

#### Inhaltsverzeichnis

1. Missionare im Pazifik. In Gottes Auftrag in die Südsee
2. Kolonial-Ausstellung. Ein Ort zum Gaffen.
3. Kolonialpolitik. Ein Platz an der Sonne

##### 1. Missionare im Pazifik. In Gottes Auftrag in die Südsee

Eine private Gesellschaft erhält 1885 die kaiserliche Erlaubnis, den Nordosten Neuguineas zu erschließen. Schon bald folgen den deutschen Kaufleuten christliche Missionare auf die zweitgrößte Insel der Erde – mit ganz eigenen Zielen

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image size-full is-resized" id="bkmrk-">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/10/Briefmarke-Neuguinea.jpg?webp=1&w=1200)</figure><figure class="no-tts no-tts wp-block-image size-full" id="bkmrk-inmitten-von-festlic">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/10/Aufmacher-Neuguinea.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">INMITTEN von festlich in Weiß gekleideten Täuflingen zeigt diese Fotografie einen lutherischen Geistlichen vom Neuendettelsauer Missionswerk bei den Bukaua in Deutsch-Neuguinea. Die Kolonie (oben eine Briefmarke aus dem Jahr 1914) umfasst mit dem Nordosten Neuguineas, Kaiser-Wilhelmsland genannt, dem vorgelagerten Archipel und weiteren Eilanden schließlich ein weit gespanntes Inselreich im Pazifik</figcaption></figure>SPIEGELGLATT LIEGT DIE BUCHT, als Johann Flierl im Juli 1886 den Ort, an dem er mehr als vier Jahrzehnte lang Gottes Wort verkünden wird, zum ersten Mal erblickt. Links vom Dampfer, auf dem Flierl reist, erheben sich Bergrücken über dem Ufer, dicht bewachsen mit tiefgrünem Dschungel. Auf der rechten Seite überragen mehr als 4000 Meter hohe Gipfel eine Halbinsel. „Und so“, wird Johann Flierl notieren, „sahen wir das herrliche tropische Neu-Guinea“. Doch weit wichtiger sind dem Geistlichen die unsichtbaren Dinge. Er ist durchglüht von dem Vorhaben, „einem noch ganz unberührten Heidenvolk“ das Evangelium zu bringen.

Der Protestant Flierl ist der erste Missionar, der das deutsche Kolonialgebiet auf der zweitgrößten Insel der Welt betritt. Erst ein Jahr zuvor hat die Regierung in Berlin die Region im Pazifik ihrer Einflusssphäre einverleibt und einer privaten Gesellschaft das Recht eingeräumt, Siedlungen zu errichten, Plantagen anzulegen. Dieser wirtschaftlich motivierten Landnahme folgt nun, so Flierls Absicht, die spirituelle Eroberung.

So werden in den kommenden Jahren zahlreiche Missionsgruppen versuchen, den christlichen Glauben und europäische Vorstellungen unter den Einheimischen zu verbreiten. Einerseits als Mitstreiter und rigorose Vorkämpfer des kolonialen Projekts, zuweilen aber auch als Quertreiber: Weil sie in den vor Ort lebenden Menschen vor allem zukünftige Christen sehen und weniger billige Arbeitskräfte, geraten manche dieser Glaubensboten mit anderen Kolonisten aneinander. Viele Indigene wiederum sind keinesfalls bereit, sich bekehren zu lassen. Das Ansinnen katholischer Missionare, die göttliche Botschaft unter Zwang zu vermitteln, wird einige Jahre nach Flierls Ankunft gar in einer Katastrophe enden.

Die Missionsgesellschaften, die in den Pazifik ausgreifen, haben teils jahrhundertealte Wurzeln. Schon als die Europäer am Ende des Mittelalters begannen, in andere Weltgegenden vorzudringen, stand neben der Jagd nach Beute und politischer Macht auch das Ringen um religiöse Dominanz. Nachdem Christoph Kolumbus 1492 Amerika erreicht hat, entstehen in Spanien und Portugal, bald auch in Frankreich und dem inzwischen protestantischen England, wachsende Bewegungen mit dem Ziel, Nichtchristen zu bekehren. Diese Kirchenleute sehen sich gemäß dem Neuen Testament in göttlichem Auftrag, wollen Seelen retten und die christliche Gefolgschaft vergrößern. Vom 18. Jahrhundert an reisen auch deutschsprachige Geistliche mit dieser missionarischen Absicht nach Übersee. Da selbst größere deutsche Staaten wie Preußen keine bedeutenden Kolonien unterhalten, verrichten sie ihre Arbeit aber meist in Gebieten, die von anderen europäischen Mächten kontrolliert werden.

Das ändert sich, als das Deutsche Reich nach eigenen Besitzungen greift. Kurz nach den ersten Vorstößen in Afrika wendet sich Berlin dem Pazifik zu, seit den Reisen von James Cook um 1775 als Sehnsuchtsort „Südsee“ Teil der europäischen Fantasie. Eine Einigung mit den anderen dort aktiven europäischen Mächten Großbritannien und Niederlanden reicht der Regierung, um im Mai 1885 der von Bankiers und Industriellen finanzierten „Neuguinea-Kompagnie“ einen Schutzbrief auszustellen. Das Papier macht die Firma faktisch zur Kolonialmacht im Nordosten Neuguineas, fortan „Kaiser-Wilhelmsland“, und auf einer Gruppe von mehr als 200 vorgelagerten Inseln, nun „Bismarck-Archipel“ genannt.

Während im Archipel bereits französische und britische Missionare wirken, ist der Oberpfälzer Johann Flierl, der im Sommer 1886 Kaiser-Wilhelmsland erreicht, ein Pionier. Doch folgen ihm bis 1899 mehr als 30 Männer und Frauen. Einige gehören, wie Flierl, der lutherischen Missionsgesellschaft aus dem fränkischen Neuendettelsau an, andere einer ebenfalls protestantischen Mission aus dem Rheinland oder der von Katholiken betriebenen Steyler Mission.

Vor Ort errichten die Neuankömmlinge meist zunächst einfache Gebäude aus Holz und Palmwedeln in der Nähe einheimischer Siedlungen, suchen Kontakt, lernen erste Bruchstücke der fremden Sprachen. Auch wenn sie die Indigenen für ihre Sache gewinnen wollen, blicken die Missionare oft mit Geringschätzung auf die Menschen, halten sie für primitive Heiden. Neben dem Glauben müsse man ihnen jene Werte vermitteln, die die Deutschen für Errungenschaften europäischer Zivilisation halten – Sittlichkeit, Sauberkeit, Ordnung, Pünktlichkeit –, sie damit, so sehen die Missionare das, auf eine höhere kulturelle Stufe heben. Mit der Frage, ob die Einheimischen diese vermeintliche Hebung überhaupt anstreben, halten sie sich nicht auf (und gehen nach den rassistischen Vorstellungen der Zeit davon aus, dass eine echte Gleichwertigkeit auch kaum erreicht werden kann).

In jedem Fall verstehen sie Erziehung und einfache Bildung als wichtigen Teil ihrer Missionsarbeit. Praktisch jede Station verfügt bald über ein Klassenzimmer, manche über ein eigenes Schulhaus. Einige Missionare zeigen sogar einen gewissen Respekt vor der Kultur der indigenen Gemeinschaften. So unterrichten die Steyler Katholiken die Inselbewohner in deren jeweiliger Muttersprache. Viele Einheimische schätzen zwar wohl, dass ihre Kinder kostenlos Rechnen, Lesen, Schreiben lernen können. Christen werden sie aber meist nicht: Die von Flierl gegründete Mission etwa feiert 1899, nach 13 Jahren, die erste Taufe von Inselbewohnern.

Unterdessen beschweren sich Mitarbeiter der Neuguinea-Kompagnie, die Missionare brächten den Indigenen zu viel Aufmerksamkeit entgegen. Letztere sollten auf den Plantagen arbeiten, statt ihre Zeit im Pfarr- oder Schulhaus zu verbringen. Dabei helfen die Geistlichen indirekt bei der Ausbeutung, indem sie eine strenge Arbeitsmoral propagieren. „Geregelte äußere Beschäftigung“, schreibt ein katholischer Missionar, solle bei den Einheimischen „die Flatterhaftigkeit und Untätigkeit des Geistes“, die „Lässigkeit und Trägheit“ zügeln.

Eine fromme Gemeinschaft verfolgt das Ziel, die Einheimischen kulturell und religiös zu formen, besonders radikal: die französischen Herz-Jesu-Missionare, die sich ab 1890 mit Priestern und Laienbrüdern aus Westfalen verstärken. In einem Brief nach Europa umreißt der Leiter der Gruppe, Bischof Louis Couppé, seinen Ansatz mit unmissverständlichen Worten: Es wolle die „menschenfressenden und niedrigstehenden Völker in ein vollständig neues Volk“ umwandeln (tatsächlich ist Kannibalismus in einigen indigenen Gemeinschaften der Region üblich).

Bischof Couppé kauft von der Gemeinschaft der Tolai bald Kindersklaven, die die Tolai zuvor den weiter im Landesinnern lebenden Taulil und Baining geraubt haben.

> Die Arbeit, so urteilt ein Missionar, solle bei den Einheimischen »Lässigkeit und Trägheit« zügeln

Die Verschleppten will er katholisch erziehen und später untereinander verheiraten, um eine indigene Gemeinde zu erschaffen, die keine Religion kennt außer das Christentum. In der eigens für dieses Menschenexperiment errichteten Siedlung St. Paul führt ein deutscher Pater mit einigen anderen Missionaren ein hartes Regime. Er verbietet den für die Baining bedeutsamen Ahnenkult, lässt seine Zöglinge karg ernähren, gewährt ihnen kaum genug Kleidung, untersagt zudem jeglichen außerehelichen Kontakt zwischen den jungen Männern und Frauen. Doch das harsche Gebaren schürt den Unmut unter den Baining.

Am Morgen des 13. August 1904 kommt To Maria, Hausdiener des deutschen Paters, von der Taubenjagd zurück. Mehrfach hatten die Geistlichen der Siedlung in der Zeit davor den jungen Einheimischen und dessen Freundin gefesselt und geschlagen – als Strafe dafür, dass sich das Liebespaar heimlich im Wald traf. Nun liefert To Maria nicht wie üblich seine Flinte wieder ab, sondern zielt auf den im Bett liegenden Pater und drückt ab. Unmittelbar darauf erschießt er eine Missionsschwester.

Weitere Baining schließen sich an diesem Tag To Maria an, gehen mit Messern und Äxten auf die Missionare los. Als sie ihre Waffen niederlegen, haben die Einheimischen zehn Menschen umgebracht. Die Leitung der Kolonie verurteilt sämtliche Beteiligten zum Tod.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-johann-flierl-%28in-st">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/931e9857-a38c-4228-b47b-039a832909a8.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">JOHANN FLIERL (in Stiefeln und weißer Jacke) ist 1886 der erste deutsche Missionar in Kaiser-Wilhelmsland. Zahlreiche weitere werden ihm folgen, darunter Protestanten wie er, aber auch Katholiken. Sie verkünden das Evangelium, gründen Schulen. Nicht wenige der Geistlichen sehen ihre Aufgabe zudem darin, die Kolonisierung der Einheimischen voranzutreiben, notfalls mit Zwang</figcaption></figure>Auch wenn das Massaker von St. Paul nicht der einzige Aufstand im Pazifik ist: Dass sich der Griff der Deutschen um ihr Land immer fester schließt, können die Menschen nicht verhindern. Bereits 1899 hat das Deutsche Reich der inzwischen hoch verschuldeten Neuguinea-Kompagnie die Kontrolle über Kaiser-Wilhelmsland und den Bismarck-Archipel entzogen. Seitdem regiert Berlin die Gebiete zusammen mit weiteren Inseln in Mikronesien als offizielle staatliche Kolonie. Auch die Missionen bauen ihre Arbeit aus; im Jahr 1913 haben allein die Katholiken in den deutschen Pazifikbesitzungen 42 000 Menschen bekehrt.

Noch bis 1930 verkündet Johann Flierl dort das Evangelium. Als er Neuguinea im Alter von 72 Jahren verlässt, ist die Kolonialherrschaft der Deutschen längst vorüber. Ergriffen notiert der Geistliche zur Abreise, wie durch seine Missionsarbeit aus einem „Senfkorn ein großer Baum erwachsen“ sei. Und er erinnert sich, wie er mit den Einheimischen stets gesungen habe. Zur Melodie von, so schreibt Flierl, „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“.

##### 2. Kolonial-Ausstellung. Ein Ort zum Gaffen.

1896 präsentiert das Auswärtige Amt auf einer Großveranstaltung vor den Toren Berlins Menschen aus den deutschen Kolonien – als lebende Exponate, die ein Millionenpublikum für das imperiale Projekt begeistern sollen

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image" id="bkmrk-die-%C2%BBdeutsche-koloni">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/115f8167-b65f-428d-b49e-f4488a4d10a4.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">DIE »DEUTSCHE KOLONIAL-AUSSTELLUNG«, die im Mai 1896 öffnet, ist Teil der Berliner Gewerbeschau im Treptower Park. Auf deren gewaltigem Gelände präsentieren 3700 Aussteller Produkte und Innovationen</figcaption></figure>Der Kaiser ist da! Die Sonne scheint, als Wilhelm II. an diesem 1. Mai 1896 Afrika besucht. Krieger, mit Speeren bewaffnet, wachen vor einem Torhaus, Menschenschädel stecken auf zwei Meter hohen Palisadenzäunen. Bewohner des Dorfes begrüßen Seine Majestät mit einem lauten Willkommensruf. Zwischen viereckigen Lehmhäusern und runden Grashütten versammeln sich Männer und Frauen in bunten Gewändern im Kreis um ihren Häuptling, einen würdevollen, kräftigen Mann Ende 30. Dann stimmen sie einen Gesang an, schlagen Trommeln und lassen Rasseln ertönen, während die Krieger ihre Körper im Rhythmus bewegen, Schwerter und Äxte in die Höhe recken. Es ist eine Reise in die Fremde – ein paar Hundert Meter von der Spree entfernt. Denn die Hütten, die Palisaden, die Palmen: alles Attrappe. Aufgebaut vor den Toren Berlins. Und John Calvert Nayo Bruce, der Mann Ende 30, ist kein wahrhaftiger Häuptling, er spielt eine Rolle. Genauso wie die anderen vermeintlichen Dorfbewohner.

Sie alle sind Teil der „Deutschen Kolonial-Ausstellung“, die Kaiser Wilhelm an diesem Tag im Treptower Park eröffnet, Hauptattraktion eines noch größeren Spektakels, einer deutschen Leistungsschau. Deren Ziel: die pompöse Weltausstellung in Paris wenige Jahre zuvor zu übertrumpfen und Berlin als Europas aufstrebende Industrie- und Handelsmetropole zu präsentieren. Auf einer gewaltigen Fläche von fast einem Quadratkilometer zeigen mehr als 3700 Aussteller in Pavillons und Hallen ihre neuesten Produkte, Innovationen, Errungenschaften. Passend dazu will das Auswärtige Amt Deutschlands Aufstieg zur Kolonialmacht zelebrieren – und hat auf einem Teil des Geländes ein aufwendiges Abbild der eroberten „Schutzgebiete“ errichten lassen, samt „Eingeborenendörfern“ und deren Bewohnern.

Mehr als 100 Menschen aus Deutsch-Ostafrika, Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika und Neuguinea sind von den Organisatoren Tausende Kilometer per Schiff und Bahn nach Berlin gebracht worden. Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche. Als lebende Exponate sollen sie den Besucherinnen und Besuchern nun knapp sechs Monate lang ihren angeblichen Alltag vorspielen – und damit die perfekte Rechtfertigung für Deutschlands Kolonialpolitik liefern, für Unterdrückung und Fremdbestimmung.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image" id="bkmrk-%C2%BBv%C3%96lkerschauen%C2%AB%2C-die">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/11adf1b7-c4fe-498a-a2bd-46e37f641b43.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">»VÖLKERSCHAUEN«, die Angehörige fremder Kulturen als Kuriositäten ausstellen, sind im späten Jahrhundert in ganz Europa beliebt. Dieses Plakat wirbt für eine Vorführung in Frankfurt am Main</figcaption></figure><div class="lSSlideOuter" id="bkmrk-schirmherr-der-ausst"><div class="lSSlideWrapper usingCss">- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/26fef071-7391-487e-a3c9-b907d9f0e49a.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>SCHIRMHERR der Ausstellung in Treptow ist Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg-Schwerin, dessen Büste dort inmitten von Objekten aus Übersee thront</figcaption></figure>
- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/3403b3c7-24e7-45cb-a7a5-b84c200aaf5c.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>DIE KOLONIALSCHAU (unten eine Werbepostkarte) soll »Eingeborenendörfer« erlebbar machen. Deren »Bewohner« wurden von Agenten in den Kolonien angeworben</figcaption></figure>

</div></div>Lebendige Menschen aus fernen Weltgegenden auszustellen wie Museumsobjekte oder Tiere im Zoo, ist im ausgehenden 19. Jahrhundert in Europa nichts Neues: 1875 bereits engagiert der Hamburger Unternehmer und Tierhändler Carl Hagenbeck für seine erste „Völkerschau“ in Deutschland drei Männer und eine Frau aus Lappland, die vor Publikum Zelte aufbauen, Rentiere pflegen und Babys stillen.

Schnell entwickeln sich solche Veranstaltungen zu Massenspektakeln: Organisatoren touren mit indigenen Gruppen aus Afrika, vom indischen Subkontinent, aus der Südsee oder Nordamerika monatelang durch Europa, lassen sie in zoologischen Gärten und in Vergnügungsparks auftreten. Die meisten Deutschen kennen Menschen aus derart weit entfernten Regionen allenfalls aus Büchern oder von Sammelbildchen, die Zigarettenpackungen oder Schokoladentafeln beigelegt werden.

Umso begeisterter sind viele, die Fremden leibhaftig vor sich zu sehen, ihren Gesängen zu lauschen, ihre Kleider oder Tätowierungen zu begutachten, gar mit ihnen eine Unterhaltung zu versuchen, und sei es in Zeichensprache. Auch deshalb locken manche „Völkerschauen“ Hunderttausende, mitunter gar Millionen Schaulustige an. Dabei mischen sich Neugier und Voyeurismus, Vergnügungslust und Rassismus. Das Ergötzen am Andersartigen, an Menschen, die als kaum gleichwertige, exotische Kuriosität gesehen werden, entwickelt sich zur florierenden Branche.

Ein Volksvergnügen, an das auch Mitarbeiter in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes anknüpfen wollen: In ihrem Auftrag bereitet ein 30-köpfiger Ausschuss die Berliner Ausstellung von 1896 monatelang vor, um – so schreiben die Organisatoren in einem Bericht – „dem deutschen Volke das Kolonialwesen in seinen mannigfachen Verzweigungen vorzuführen“.

<div class="lSSlideOuter" id="bkmrk-maschinenhalle-im-tr"><div class="lSSlideWrapper usingCss">- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/96f4e108-996f-4349-8ba6-0b3c57635caa.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>MASCHINENHALLE im Treptower Park. Die ausgestellte Technik steht in bewusstem Kontrast zu den gezeigten Kolonialdörfern. Ziel: die Überlegenheit deutscher Zivilisation zu suggerieren</figcaption></figure>
- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/d4c94307-9548-4de5-a72d-dd8df7282303.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>MIT DER BERLINER GROSSSCHAU (unten das Hauptgebäude) will das Kaiserreich die Weltausstellung sieben Jahre zuvor in Paris übertrumpfen</figcaption></figure>

</div></div><div class="lSSlideOuter" id="bkmrk-103-menschen-aus-%C3%9Cbe"><div class="lSSlideWrapper usingCss">- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/c82c0624-c316-4928-a293-64fab07729a8.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>103 MENSCHEN AUS ÜBERSEE holen die Veranstalter nach Treptow, verpflichten sie (wie links) zu klischeehaften und sorgsam inszenierten Vorführungen</figcaption></figure>
- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/f80eeae3-dbd0-4a37-836b-0ac95301e6ee.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>EXOTISCHES FLAIR verbreitet auf der von Wilhelm II. er öffneten Gewerbeschau auch eine »Kairo«-Sonderausstellung – inklusive verkleinertem Nachbau der Cheopspyramide</figcaption></figure>

</div></div>Grundsätzlich und in der Mehrheit stehen die Deutschen hinter dem imperialen Projekt. Doch bei den Anhängern der katholischen Zentrumspartei, im linksliberalen Milieu und bei der SPD werden immer wieder kritische Stimmen laut, die vor allem hartes und ausbeuterisches Vorgehen anprangern. Es kann also nicht schaden, der Akzeptanz in der Bevölkerung etwas nachzuhelfen.

Und so entsenden die Organisatoren Agenten in die deutschen Kolonien in Afrika und im Pazifik, um vor Ort passende Darsteller für die geplanten Attraktionen zu engagieren. Auch Einheimische sind an der Rekrutierung beteiligt. So wie J. C. Nayo Bruce aus dem von Deutschland beherrschten Togo. Bruce lässt sich in seiner Heimat taufen und reist im Alter von etwa 30 Jahren 1889 erstmals ins Kaiserreich, als Begleitung eines deutschen Schriftstellers, der Togo erkundet hatte.

Danach arbeitet Bruce für die deutsche Verwaltung in der Kolonie – und unterbreitet den Offiziellen dort schließlich ein Angebot für eine „Völkerschau“-Darbietung bei der Kolonial-Ausstellung 1896 in Berlin. Bruce bekommt den Zuschlag, verpflichtet in seiner Heimat 25 Landsleute, darunter zwei seiner Frauen und ein dreieinhalb Jahre alter Sohn, und schifft sich mit ihnen Richtung deutsche Hauptstadt ein. Insgesamt 103 Teilnehmer aus fast allen deutschen Kolonien schließen Verträge über ein Engagement in Berlin ab. Für etwa ein Drittel eines deutschen Arbeiterlohns, monatlich zwischen 15 und 20 Reichsmark, bei Kost und Logis, sollen sie sich schon bald darauf dem Publikum darbieten.

Nachdem der Kaiser am 1. Mai seinen Rundgang durch den Treptower Park beendet und die Ausstellung offiziell eröffnet hat, strömen die ersten Besucherinnen und Besucher auf das Gelände. Können in den Pavillons der Gewerbeschau technische Innovationen wie die erst im Jahr zuvor entwickelten Röntgenapparate bewundern, durch ein Riesenfernrohr ins All schauen oder mitverfolgen, wie sich Miniatur-Schlachtschiffe in einem eigens angelegten Wasserbassin Gefechte mit lauten Explosionen liefern.

> EINE GANZE BRANCHE NÄHRT DIE LUST AM GLOTZEN

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-vermeintlicher-allta">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/ce326bef-919c-4e7f-b4e1-55f285190632.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">VERMEINTLICHER ALLTAG: Vormittags werkeln und kochen die Koloniebewohner vor ihren Hütten – begafft von Millionen Besuchern</figcaption></figure><figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-im-kaiserreich-sind-">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/b8faf632-29dc-4cdf-a927-c7c68745070e.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">IM KAISERREICH sind »Völkerschauen« mit lebenden Exponaten ein verbreitetes Spektakel. Viele finden in Zoos statt – so auch die hier beworbene »Samoa«Ausstellung</figcaption></figure><figure class="no-tts no-tts wp-block-image" id="bkmrk-voyeurismus-in-einem">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/087a3a26-6353-42a5-99f4-0512ce897769.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">VOYEURISMUS in einem Hamburger Tierpark, 1910: Deutsche Schüler an einer Hütte, vor der sich Kinder aus Samoa präsentieren müssen</figcaption></figure><figure class="no-tts no-tts wp-block-image" id="bkmrk-hagenbeck-in-hamburg">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/a2741986-5010-42b9-9118-4a58f445c959.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">HAGENBECK in Hamburg wirbt 1903 mit einem »Lappendorf«. 28 Jahre zuvor hat Zoogründer Carl Hagenbeck die erste deutsche »Völkerschau« initiiert</figcaption></figure>Und etwas anderes, ebenfalls noch immer recht Neues können sie bestaunen: die globale Dimension und Weltläufigkeit des Kaiserreichs. In der „Wissenschaftlichen Halle“, einem prächtigen Kuppelbau, ragt eine griechische Titanen-Statue empor, die auf ihren Schultern eine gewaltige Erdkugel mit zwei Meter Durchmesser trägt. Darauf eingezeichnet: die deutschen Kolonien, alle 22 deutschen Dampferlinien im Weltpostverkehr, dazu die Botschaften, Gesandtschaften, Konsulate sowie die Zahl der außerhalb Europas lebenden Deutschen.

Die Köstlichkeiten, welche Deutschland aus diesem erdumspannenden Reich gewinnt, lassen sich in einem anderen Gebäude würdigen. Hier probieren Interessierte Kaffee, Zigarren, Erdnussöl aus deutschen Kolonien, haben Gelegenheit, „erstmals in breitem Maße Bekanntschaft mit der Banane“ zu machen, wie ein Besucher feststellt. Erst seit Kurzem steigt im Reich die Zahl der sogenannten Kolonialwarenläden, die ein ähnliches Sortiment von Gütern aus Übersee für die deutsche Kundschaft anbieten.

Mit der wohl größten Erwartung aber nähern sich die Besucher und Besucherinnen den „Eingeborenendörfern“: an einem kleinen See angeordnete hölzerne Hütten, Pfahlbauten und Baumhäuser, die deutsche Zimmerleute nach Reiseberichten aus Afrika und der Südsee errichtet haben. Darin und davor: Menschen, die Federschmuck herstellen, Netze knüpfen, Feuer schüren, Maiskörner mithilfe eines Stücks Holz zu Mehl mahlen, Hüte aus Palmenblättern flechten. Die auf dem Teich um die Wette rudern, Tänze aufführen, singen, sich im Speerwurf üben.

Mitten im Treptower Park erleben die Berliner authentische Szenen aus den Kolonien – das zumindest sollen sie glauben. Was sie tatsächlich sehen, sind kulturelle Versatzstücke, Stereotype, sorgsam zusammengefügt und inszeniert, um die Neugier der Deutschen zu befriedigen. Und um eines unter Beweis zu stellen: die vermeintliche eigene zivilisatorische Überlegenheit.

So berichten für einen Band zur Ausstellung befragte Schaulustige denn auch von „dunklen, halbentblößten Gestalten“, die mit „ihren primitiven Gebrauchsgegenständen beschäftigt“ seien. Der Kontrast zu den nahen, mit neuester Technik aus Deutschland angefüllten Ausstellungshallen könnte kaum größer sein. Und ist gewollt. Der angebliche Entwicklungsbedarf der in Übersee Unterworfenen soll jedem klar werden.

Fotoserien in Pavillons, die über die Arbeit von christlichen Missionaren informieren, unterfüttern diese Perspektive. Zu sehen sind Bilder von „bekehrten, anständig gekleideten Eingeborenen“, wie ein Zeitgenosse es beschreibt, und – ihnen gegenübergestellt – Aufnahmen von „noch heidnischen Landsleuten mit den abschreckenden, wilden und stumpfen Gesichtern“.

Die Botschaft ist klar: Die Kolonialherrschaft tut den Unterworfenen gut. Und: Man leistet ganze Arbeit, die Außereuropäer mit den Segnungen deutscher Kultur zu beglücken. Besser gesagt, sie großzuziehen. Denn viele Deutsche folgen der Auffassung von Wissenschaftlern jener Zeit, Menschen aus anderen Erdteilen, insbesondere Afrikaner, befänden sich im evolutionären Stadium der „Kindheit“ und müssten „erzogen“ werden.

<div class="lSSlideOuter" id="bkmrk-unter-den-augen-wilh"><div class="lSSlideWrapper usingCss">- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/e3be7d30-42c2-4b0b-845c-c04e965a1ea9.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>UNTER DEN AUGEN Wilhelms II. müssen sich diese Männer 1913 vor einer ihrer Heimat nachempfundenen Kulisse bei Hagenbeck einen Schaukampf liefern</figcaption></figure>
- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/1464deaf-d407-45c5-bdee-7775b13512d7.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>DAS »SOMALIDORF« im Tierpark Hagenbeck. Die »Völkerschauen« befriedigen Neugier und zementieren die koloniale Hierarchie, in der Europäer sich wie selbstverständlich oben sehen</figcaption></figure>

</div></div><div class="lSSlideOuter" id="bkmrk-der-anthropologe-fel"><div class="lSSlideWrapper usingCss">- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/cbccad9d-32f5-45a1-8e70-632d3d791860.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>DER ANTHROPOLOGE Felix von Luschan, der Schädel aus allen Zeiten und Weltgegenden sammelt, nimmt auf der Kolonial-Ausstellung 1896 die Maße von etlichen Zurschaugestellten</figcaption></figure>
- <figure>![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/3097b6c4-b8c3-4c5e-969c-34eee31ebeb2.jpg?w=800&webp=1&w=1200)<figcaption>DIE WISSENSCHAFT nutzt die »Völkerschauen« für zweifelhafte Theorien: Forscher klassifizieren die Fremden etwa mithilfe von Gesichtsmasken</figcaption></figure>

</div></div>Unterdessen folgt die Inszenierung in Treptow einem streng getakteten Ablaufplan. Die Darsteller schlafen in barackenähnlichen Unterkünften direkt auf dem Gelände. Ihr Tag beginnt um sechs Uhr morgens. Den Männern, Frauen und Kindern stehen eine Wanne, zwei Duschen und acht Toiletten zur Verfügung. Zum Frühstück gibt es Tee mit Zucker, zwei Schrippen und drei Eier.

Vormittags, so ist es vorgeschrieben, müssen sich die „Eingeborenen“ in ihren Dörfern handwerklichen Tätigkeiten widmen, vor aller Augen Kleidung waschen, ihr Mittagessen zubereiten. Nachmittags stehen Spiele und Aufführungen an.

Der Tag endet, jenseits der Kulissen, mit einer zugeteilten Flasche Bier – zumindest für die männlichen Teilnehmer. Wenn es kalt ist, wird Schnaps ausgegeben: ein Esslöffel für die Frauen, zwei für die Männer. Um 22 Uhr ist Bettruhe. Obwohl Ärzte permanent den Gesundheitszustand der Angereisten überprüfen, breiten sich mehrmals Erkältungskrankheiten und Lungenentzündungen aus. Drei der Darsteller sterben.

War den Beteiligten bei Vertragsunterzeichnung wirklich bewusst, worauf sie sich einlassen? Was es bedeutet, ein halbes Jahr lang in einem völlig fremden Land zu leben? Jeden Tag von Menschen begafft zu werden? Schwer vorstellbar. Zur Teilnahme gezwungen wurde aber wohl niemand.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image size-full" id="bkmrk-auch-fotos-verwenden">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/7544f9ee-8791-4a54-86dd-64a1ad916c2c.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">AUCH FOTOS verwenden Wissenschaftler, um Menschen aus den Kolonien zu kategorisieren. Diese zeigen einen Jungen aus Neuguinea (1893)</figcaption></figure><figure class="no-tts no-tts wp-block-image size-full" id="bkmrk-das-ergebnis-rassist">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/0daaf5f3-8af2-4c3c-a046-674a803800dd.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">DAS ERGEBNIS rassistisch geprägter Forschung: »Meyers Großes Konversations-Lexikon« präsentiert 1900 Tafeln afrikanischer »Völker«</figcaption></figure>Vielmehr sehen einige die Berlinreise sicher als Möglichkeit, Geld zu verdienen. Andere verfolgen weiterreichende Ziele. So wirbt Nayo Bruce aus Togo in einem Interview mit der „Kölnischen Zeitung“ während seines Aufenthalts dafür, dass das Kaiserreich die Bewohner seiner Kolonien ausbilden möge. Nebenbei verschafft er einigen seiner Landsleute sogar eine Art Studienreise nach Deutschland.

Aus Deutsch-Südwestafrika ist mit dem 21-jährigen Friedrich Maharero der Sohn eines Anführers der Herero nach Berlin gekommen. Auch er mimt bei der Ausstellung einen „Eingeborenen“ und will zugleich mit dem Kaiser über die Beziehung zwischen seiner Gemeinschaft und den Kolonialherren sprechen. Tatsächlich wird ihm eine Audienz bei Wilhelm II. gewährt, bei der er wohl auf eine friedliche Behandlung durch die Kolonialverwaltung in der Heimat pocht.

Viele der Darsteller verbringen die Monate in Deutschland nicht ausschließlich im Treptower Park. Die Veranstalter schaffen die Gäste in den Zoo, in Museen, zu Theatervorführungen, lassen sie sogar Truppen in Kasernen besuchen. Denn zurück in der Heimat sollen sie, wie es im amtlichen Bericht zur Kolonial-Ausstellung heißt, „ihren Stammesgenossen von den in Berlin gewonnenen Eindrücken erzählen und so Ehrfurcht und Unterwürfigkeit vor dem ‚klugen weißen Manne‘ verbreiten“.

Ein Ansinnen, das offenbar fehlschlägt: Das unaufhörlich glotzende, oft mit anzüglichen Bemerkungen um sich werfende Publikum schädige, beklagen Kritiker, das „Ansehen der Weißen“. Und zwar so sehr, dass ein Autoritätsverlust der Deutschen in den unterworfenen Gebieten zu befürchten sei. Manche Besucher flirten gar mit den Darstellern: Der Herero Friedrich Maharero wird noch lange nach seiner Abreise aus Berlin Liebesbriefe von deutschen Verehrerinnen erhalten.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-gesch%C3%84ftig%3A-j.-c.-na">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/9773a286-0a0e-4a7b-a98f-2515682ff100.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">GESCHÄFTIG: J. C. Nayo Bruce (M.) aus Togo nimmt an der Kolonial-Ausstellung in Treptow als Darsteller teil. Und tourt nach deren Ende selbst mit einer »Togo-Truppe« durch Europa</figcaption></figure>Auch die Wissenschaft interessiert sich für die Ausgestellten aus der Fremde. Der Anthropologe Felix von Luschan ergreift die Gelegenheit und vermisst ihre Körper. Luschan, Mitglied des Direktoriums im Berliner Völkerkundemuseum, ist wie andere Gelehrte jener Zeit geradezu besessen davon, Menschen nach Äußerlichkeiten zu klassifizieren und sie unterschiedlichen evolutionären Entwicklungsstufen zuzuordnen. Anders als zahlreiche Kollegen teilt Luschan zwar nicht die zutiefst rassistische Vorstellung von einer naturgegebenen Hierarchie der Völker. Berüchtigt aber ist der Anthropologe heute, weil er Tausende Schädel in Berlin sammelt und kategorisiert, darunter viele, die unter dunklen Umständen aus den Kolonien nach Deutschland geschafft worden sind.

Bei seinen Messungen und Untersuchungen in Treptow zieht Luschan mitunter absurde, herabwürdigende Schlüsse. Zum Kameruner Martin Dibobe etwa merkt er an, dessen „psychische Eigenschaften entsprechen vollkommen dem Bilde, das man sich nach seiner schlechten Stirne und seinen mächtig entwickelten Fresswerkzeugen von ihm machen kann“. Der Anthropologe fotografiert die Darsteller – allerdings nimmt nur knapp die Hälfte an diesem Prozedere teil. Der Rest weigert sich.

> MANCHE LASSEN SICH NICHT GÄNGELN UND GAFFEN ZURÜCK

Überhaupt zeigen sich die lebenden Exponate sehr viel eigenwilliger, als die deutschen Veranstalter das eingeplant haben. Manche sind nicht bereit, traditionelle Trachten anzuziehen, sondern tragen einen Anzug europäischer Machart. Andere äffen die Besucher nach, stolzieren – einen Spazierstock schwingend – durch ihr Attrappendorf. Der Kameruner Kwelle Ndumbe, genannt Bismarck Bell, ebenfalls der Spross einer Anführerfamilie, mustert die Besucher durch ein Opernglas, das er sich besorgt hat, wirft ihnen verächtliche Blicke zu und führt ihnen so ihr eigenes Verhalten vor Augen.

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image article-in-image" id="bkmrk-nach-1901-d%C3%BCrfen-in-">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2025/09/e044a734-cb48-4d93-8b04-759761cf37b0.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">NACH 1901 dürfen in den deutschen Kolonien keine »Eingeborenen« mehr für »Völkerschauen« angeworben werden. Nun touren vor allem Menschen aus Kolonien anderer europäischer Mächte durch Deutschland – etwa Frauen aus dem Kongo (Plakat von 1919)</figcaption></figure>Am 15. Oktober, nach einem knappen halben Jahr, endet die Ausstellung von Treptow. Mehr als sieben Millionen Besucher haben die Veranstalter gezählt – für sie ein voller Erfolg. Und doch untersagt die Reichsregierung es wenige Jahre später, Menschen aus deutschen Kolonien zu Schaustellungszwecken anzuwerben – wenn auch nicht aus Rücksicht. „Völkerschauen“: sehr wohl, aber lieber mit den „Eingeborenen“ anderer Kolonialmächte. Längst ja ist diese Art von Veranstaltung in vielen europäischen Ländern etabliert, in Frankreich, Großbritannien oder Belgien touren Gruppen aus deren Kolonialreichen über den Kontinent von Show zu Show.

Einen allzu engen Kontakt zwischen Deutschen und den Menschen aus den deutschen Überseegebieten halten viele Politiker und Wissenschaftler im Kaiserreich aber nun für heikel. Der „schwarze Untertan“, so erklärt der Tropenmediziner Hans Ziemann, könne nicht zum „schwarzen Bruder“ werden. Eindringlich warnen er und andere vor „Rassenvermischung“ – und davor, dass „Eingeborene“ aus den Kolonien in Deutschland bleiben könnten.

So wie Nayo Bruce aus Togo. Nach der Kolonial-Ausstellung von 1896 organisiert er selbst „Völkerschauen“, zieht mit seinen vier Frauen und einer „Togo-Truppe“ 22 Jahre lang durch Europa, teils mit mehr als 80 Darstellerinnen und Darstellern. Bei Auftritten im Kaiserreich präsentiert er sie als „unsere schwarzen Landsleute“ – und lässt sie am Schluss der Aufführung die Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“ singen.

##### 3. Kolonialpolitik. Ein Platz an der Sonne

Den Erwerb von Kolonien lehnt Bismarck lange ab. Zu groß erscheint ihm das Risiko eines Konflikts mit den anderen Mächten. Doch 1884 ändert der Kanzler seine Meinung Ein unwirtlicher, felsiger Ort, baumlos – aber eben auch der einzig gute Ankerplatz entlang der Westküste des südlichen Afrikas, den sich noch keine europäische Macht angeeignet hat. Am 9. April 1883 erreicht der Bremer Zwei- master „Tilly“ die Angra Pequena, „die kleine Bucht“, wie sie portugiesische Entdecker getauft haben.

Die Brigg hat Baumaterial, Zelte, Munition und 4000 Gewehre geladen. Das Kommando über den kleinen Trupp, der hier an Land gehen soll, führt ein erst 21-jähriger Abenteurer, Heinrich Vogelsang. Er kennt das südliche Afrika von einer früheren Reise und hat die Bucht ausgewählt. Vogelsangs Auftraggeber ist ein Bremer Kaufmann. Adolf Lüderitz will in Südwestafrika mit Waffen handeln, aber die Importzölle sparen, die die Engländer in ihren Kolonialhäfen verlangen. Deshalb plant der Hanseat, einen Handelsstützpunkt aufzubauen – und eine Privatkolonie. Vielleicht, so hofft Lüderitz, lässt sich hier Kupfer, Silber und Gold abbauen, geschützt durch das deutsche Kaiserreich.

Zwei Wochen nach der Landung in der Angra Pequena trifft Vogelsang in einer Missionarssiedlung am Rande der Namib-Wüste das Oberhaupt der! Aman Nama, des in der Region siedelnden Stammes, und erwirbt die Bucht und ihr Hinterland für 200 Gewehre und 100 englische Pfund.

**IN AFRIKA GIBT ES SCHON LÄNGER** einen erbitterten Wettlauf zwischen den Mächten um die Errichtung immer neuer Kolonien, vor allem zwischen Großbritannien und Frankreich. Angestachelt durch das Beispiel dieser Länder und fasziniert von Berichten, die Missionare und Kaufleute verfassen, fordern auch in Deutschland immer mehr Gelehrte, Schriftsteller und Beamte, Kolonien zu erwerben: Das Reich müsse sich Bodenschätze und Märkte erschließen; es könne zudem die revolutionäre Gefahr im Land verringern, wenn es den Armen Lebensperspektiven in den Kolonien schaffe. Darüber hinaus sei die Regierung auf diese Weise in der Lage, die Massenauswanderung in die USA zu stoppen.

Auch der Kaufmann Lüderitz wirbt mit solchen Argumenten im Auswärtigen Amt um Unterstützung für sein Projekt, schickt immer wieder Memoranden, die das milde Klima und die dort vermutlich zu fördernden Rohstoffe preisen. Aber Reichskanzler Otto von Bismarck lehnt jede territoriale Erwerbung strikt ab. Er fürchtet, in Konflikte mit den anderen europäischen Großmächten verwickelt zu werden, die sich schon lange Überseebesitzungen gesichert haben. So halten die Briten die nördlich von der Angra Pequena gelegene Walfischbucht besetzt, im Süden liegt ihre goldreiche Kapkolonie. Bismarck weiß, dass Deutschland ohne schlagkräftige Flotte keine Macht hat, im Kriegsfall seine Gebiete zu schützen. Noch 1881 stellt er kategorisch fest: „Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik.“ Doch im Frühjahr 1884 ändert er seine Haltung. Weshalb, ist bis heute umstritten. Vermutlich will er einen Konflikt mit England provozieren – aus innenpolitischen Gründen.

Denn Kaiser Wilhelm I., geboren 1797, altert rapide, seine Gesundheit ist schlecht. Ein Thronwechsel droht. Und für diesen Fall fürchtet der Reichskanzler seinen Rauswurf durch den neuen Herrscher, Kronprinz Friedrich Wilhelm. Der hegt offene Sympathien für die Liberalen. Zudem steht er unter dem Einfluss seiner englischen Gemahlin Victoria, der Bismarck misstraut. Der Plan des Kanzlers zur Sicherung der eigenen Position ist ebenso raffiniert wie komplex: Indem er Deutschland in den Wettstreit um die Kolonien mit dem britischen Empire führt, will er einerseits das Verhältnis zu England belasten und es dem Thronfolger so unmöglich machen, sich außenpolitisch der liberalen Heimat seiner Gattin anzunähern – was Friedrich Wilhelm offenbar plant. Und nach innen will er mit dem Erwerb von Überseebesitzungen den Reichstagswahlkampf bestreiten, der im Herbst ansteht: gegen die mehrheitlich antikolonial eingestellten Linksliberalen.

Einem engen Mitarbeiter sagt Bismarck zu jener Zeit offen: „Die ganze Kolonialgeschichte ist ja Schwindel, aber wir brauchen sie für die Wahlen.“ Die erste offizielle Kolonie des Deutschen Reichs wird das südwestafrikanische Territorium von Lüderitz, das im Verlauf von zwölf Monaten durch weitere Landkäufe erheblich erweitert worden ist – auf etwa 50 000 Quadratkilometer. Am 24. April 1884 erklärt Bismarck die Angra Pequena und andere von Lüderitz erworbene Ländereien zum deutschen „Schutzgebiet“: Damit wird Deutschland offiziell zur Kolonialmacht. Den Ausdruck „Kolonie“ aber meidet der Kanzler: Das Gebiet bleibt Lüderitz’ Privatbesitz – auch Verwaltung und anfallende Kosten soll er weiterhin übernehmen. So behält der Kaufmann zwar alle Rechte, aber die Pflichten für das Reich bleiben gering. Für Bismarck zählt vor allem das Signal an seine innenpolitischen Feinde und an Großbritannien.

Im Sommer schickt der Kaiser zwei deutsche Kriegsschiffe zur Angra Pequena: 300 Matrosen und Vogelsangs Männer singen „Heil dir im Siegerkranz“ und salutieren, als am 7. August 1884, begleitet von 21 Schuss Salut und einem dreifachen Hoch, über drei armseligen Schuppen die Reichskriegsflagge gehisst wird. Deutsch-Südwestafrika, wie es später heißen wird, ist begründet. Deutschlands Patrioten jubeln über diese Demonstration nationaler Stärke. In rascher Folge werden weitere Schutzgebiete ausgerufen: im Juli 1884 Kamerun und Togo, im Februar 1885 Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda), im Mai Neuguinea, im Oktober die Marschall- Inseln sowie gut ein Jahr darauf die Salomonen im Pazifik.

Binnen weniger Jahre hat Bismarck ein Kolonialreich geschaffen – ein Territorium von etwa 2,5 Millionen Quadratkilometern, fast fünfmal so groß wie Deutschland. Und: Er hat seine taktischen Ziele erreicht. Bereits die Reichstagswahlen Ende Oktober 1884 waren für ihn erfolgreich, die Linksliberalen verloren ein Drittel ihrer Mandate. Auch das Kronprinzenpaar kapituliert: Sich in der Kolonialeuphorie der deutschen Öffentlichkeit als Freunde des konkurrierenden British Empire zu zeigen, würde die Popularität Friedrich Wilhelms und Victorias erheblich beschädigen. Sie lassen dem Reichskanzler mitteilen, er werde auch nach einem Thronwechsel im Amt bleiben.

Weil sich damit die politischen Bedingungen grundlegend verändert haben, erlischt Bismarcks Interesse an den Kolonien. Einem Afrikaforscher, der ihn für eine Expedition zu gewinnen versucht, entgegnet der Kanzler schroff: „Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Hier liegt Russland, und hier liegt Frankreich, und wir sind in der Mitte; das ist meine Karte von Afrika.“ Doch Deutschlands Eintritt in die Kolonialpolitik kann er nicht rückgängig machen – und muss nun die Forderungen der deutschen Öffentlichkeit nach weiterer Expansion sowie private Eroberer zügeln. Als einer von ihnen, Carl Peters, 1885 auf eigene Faust in Ostafrika noch mehr Land annektieren will, fordert Bismarck die britische Regierung auf, dem notfalls mit Waffengewalt ein Ende zu bereiten: Gute Beziehungen zu Großbritannien stehen für den Kanzler jetzt wieder an erster Stelle – auch weil in London mittlerweile ein ihm genehmer Premier regiert.

Schließlich beginnt Bismarck mit der britischen Regierung Verhandlungen über die gegenseitigen Kolonialinteressen. An deren Ende im Sommer 1890 verzichtet Deutschland unter anderem auf jede Expansion in Ostafrika – etwa auf die Insel Sansibar. Im Gegenzug erhält das Kaiserreich das seit 1807 unter britischer Herrschaft stehende Helgoland. Die Kolonialenthusiasten empören sich, „Königreiche“ würden für eine „Badewanne“ gegeben. Aber da ist Bismarck bereits nicht mehr im Amt.

Denn nun bestimmt ein anderer die Politik des Reichs. Nur 99 Tage nach seiner Thronbesteigung im März 1888 ist Friedrich Wilhelm einer Krebserkrankung erlegen. Ihm folgt sein Sohn, ein unberechenbarer junger Monarch, der Kolonialbesitz als eine nationale Selbstverständlichkeit betrachtet: Wilhelm II., der Deutschland zu „Weltgeltung“ führen will und der durch seine rabiate Großmannssucht 1914 einen Krieg der imperialistischen Großmächte mit auslösen wird. Einen Krieg, an dessen Ende das Deutsche Reich all seine Kolonien wieder abgeben muss.

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt;

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt; Kretz, Sebastian: Missionare im Pazifik. In Gottes Auftrag in die Südsee, in: Die Deutschen Kolonien (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 135), Hamburg 2025, S. 44-47.

-&gt; Opitz, Manuel: Kolonial-Ausstellung. Ein Ort zum Gaffen, in: Die Deutschen Kolonien (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 135), Hamburg 2025, S. 80-93.

-&gt; Albrecht, Henning: Kolonialpolitik. Ein Platz an der Sonne, in: Otto von Bismarck 1815-1898. Diplomat, Kriegstreiber, Reichsgründer (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 52), Hamburg 2001.

# Imperialismus

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Außenpolitik und Imperialismus

##### 1. Außenpolitik und Imperialismus


Bismarcks Außenpolitik konzentrierte sich nach den Kriegen der Reichsgründungszeit auf die Erhaltung des europäischen Friedens als Existenzgrundlage des neuen Reiches „in der Mitte Europas“. Ein massiver Kurswechsel erfolgte erst nach seiner erzwungenen Abdankung am 18.3.1890. Nun begann ein „Neuer Kurs“: Bündnisse wurden auf ihre Kriegstauglichkeit hin geprüft. Und Deutschland forderte einen „Platz an der Sonne“.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/7kZimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/7kZimage.jpeg)

<div class="spacer-horizontal__breakout" id="bkmrk-parade-am-tempelhofe"><figure class="detail-picture spacer-horizontal"><figcaption class="detail-picture__description">Parade am Tempelhofer Feld, Berlin. Deutschland. Photographie. 1908. (© picture-alliance, brandstaetter images/Austrian Archives | Anonym)  
Zu Anfang war die Stellung des neuen Reiches „in der Mitte Europas“ noch durchaus ungewiss, und die Außenpolitik Bismarcks war vor allem darum bemüht, eine antideutsche Koalition der europäischen Mächte zu verhindern. Die Überlebensfähigkeit des neu gegründeten Nationalstaats hing jedoch nicht allein von den Möglichkeiten und Grenzen einer geschickten Außenpolitik ab. Ihre politische Bedeutung zeigte sich nicht zuletzt darin, dass Bismarck sie immer auch als einen Hebel begriff, um die innenpolitische Stabilisierung des Kaiserreichs zu betreiben. Nicht nur das in sich höchst widersprüchliche aristokratisch-bürgerliche "Bündnis zwischen Rittergut und Hochofen" (Bismarck) galt es durch außenpolitische Erfolge zu zementieren, sondern auch den Zusammenhalt eines neu zusammengefügten, von vielfältigen ökonomischen, sozialen, kulturellen, konfessionellen und politischen Widersprüchen geprägten Nationalstaats. Die Außenpolitik des Kaiserreichs ist so – zeitgenössisch wie in der Forschung – auch unter innenpolitischen Perspektiven, ja unter einem „Primat der Innenpolitik“ (Eckart Kehr) betrachtet worden, nach dem außenpolitische Feindbilder und machtpolitische Erfolge nicht zuletzt einer Konsolidierung der inneren Ordnung dienen sollten.

**Hegemoniale Konsolidierung unter Bismarck**

Ihren vorläufig sinnfälligsten Ausdruck gewannen Bismarcks Bemühungen um eine Integration in die europäische Mächteordnung im September 1872, als sich Zar Alexander II., Kaiser Franz Joseph von Österreich und Kaiser Wilhelm I. zusammenfanden, um sich ihrer monarchischen Verbundenheit für "die Aufrechterhaltung des europäischen Friedens gegen alle Erschütterungen" zu versichern. Das Treffen führte direkt zum so genannten Dreikaiserabkommen vom Juni bzw. Oktober 1873. Außenpolitisch diente es vor allem der Isolation Frankreichs, also jenes Landes, das nach der Niederlage gegen Preußen-Deutschland und der danach erzwungenen Abtretung Elsass-Lothringens sowie einer Reparationszahlung von 5 Milliarden Francs auf Revanche sann. Bereits im Sommer 1871 begannen französische Diplomaten mit der Annäherung an Russland. Vor allem dieser Entwicklung vermochte Bismarck mit dem Dreikaiserabkommen vorerst einen Riegel vorzuschieben. Überhaupt sollte die außenpolitische Isolation des als "Erbfeind" geltenden westlichen Nachbarn ein zentraler Eckpfeiler der deutschen Außenpolitik bleiben. Schon das Krisenjahr 1874 zeigte allerdings, dass sich das deutsch-russische Verhältnis wieder abzukühlen begann und Frankreich auch weiterhin den Schulterschluss mit dem östlichen Nachbarn Deutschlands suchte.

Vor diesem Hintergrund versuchte Bismarck, die im Umfeld der Einigungskriege so erfolgreiche Strategie der Kriegsdrohung wieder aufzunehmen, um Frankreich einerseits in seinen Revanchekriegsgelüsten zu disziplinieren und andererseits unter den europäischen Mächten zu isolieren. In der „Krieg-in-Sicht-Krise“ des Jahres 1875 kulminierten diese Versuche – und scheiterten: Nachdem im März 1875 in Frankreich ein Gesetz erlassen worden war, das eine militärische Verstärkung zur Folge hatte, erschien am 8. April in der regierungsnahen Zeitung „Die Post“ ¬und wahrscheinlich mit Billigung Bismarcks ein Artikel unter der Schlagzeile „Ist der Krieg in Sicht?“ Zwar hegte Bismarck – anders als viele führende Militärs – nicht die Absicht, einen Präventivkrieg gegen Frankreich zu führen. Aber der Fall eignete sich in seinen Augen vorzüglich, um vor allem die Reaktionen Englands und Russlands zu erproben und nebenbei auch Österreich-Ungarn die militärische Entschlossenheit des Reiches zu demonstrieren.

Doch die unmissverständlichen Reaktionen Russlands und Englands, einen ähnlichen Krieg wie den 1870 herbeigeführten keinesfalls zu dulden bzw. durch ihr Nichteingreifen überhaupt erst zu ermöglichen, führten dem Reichskanzler eines deutlich vor Augen: Die Option Krieg kam nicht in Frage, um die europäischen Machtverhältnisse zu beeinflussen und die Existenz des Deutschen Reiches zu sichern. Was folgte, war eine „Politik der relativen Selbstbescheidung“ (Jost Dülffer), ja, die Entdeckung eines „Bewegungsgesetz(es), nämlich durch kontrollierte Benutzung machtpolitischer Rivalitäten Ausgleich zu schaffen und durch gezügelte Pflege internationaler Spannungen Frieden zu stiften“ (Klaus Hildebrand). Das mag etwas zu idealistisch formuliert sein, charakterisiert aber den Grundcharakter der hegemonialen Sicherungsversuche in den 1870er und 1880er Jahre recht präzise.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/scaled-1680-/ctSimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-08/ctSimage.jpeg)

<div class="spacer-horizontal__breakout"><figure class="detail-picture spacer-horizontal"><figcaption class="detail-picture__description">Berliner Kongress (13. Juni 1878 bis 13. Juli 1878). Gemälde von Anton Werner von 1881. (© Public Domain)

</figcaption></figure></div>**Das Reich ist saturiert**

Die neu gewonnenen Erkenntnisse zu erproben, boten die offene orientalische Frage – womit nichts anderes gemeint ist als der allmähliche Verfall des Osmanischen Reiches und die daraus resultierenden Gebietsansprüche der europäischen Mächte – und eine der vielen Balkan-Krisen eine erste Gelegenheit. Seit dem Sommer 1875 hatten Aufstände gegen die türkische Herrschaft auf dem Balkan zugenommen. Direkt betroffen waren hier aber auch die Interessen Russlands und Österreich-Ungarns und – nachdem der Zar am 24. April 1877 einen Krieg gegen die Türkei begonnen und am 3. März 1878 mit einem Diktatfrieden beendet hatte – auch englische Ambitionen zu berücksichtigen. Seit dem Krimkrieg (1853-1856), der ebenfalls als russisch-türkischer Krieg begonnen hatte und in dem schließlich der religiös instrumentalisierte Eroberungswillen Russlands auf den entschiedenen Widerstand Englands und Frankreichs gestoßen war, drohte jeder Konflikt in dieser Region zum europäischen Krieg zu werden.

Auf dem Berliner Kongress (13. Juni bis 13. Juli 1878), der als Forum für die Beendigung der Krise einberufen worden war, gelang es Bismarck als „ehrlicher Makler“ aufzutreten und zwischen den beteiligten Mächten erfolgreich zu vermitteln. Dabei folgte er jenen Prinzipien, die er ein Jahr zuvor während einer Kur in Bad Kissingen als Aktennotiz diktiert hatte ( „Kissinger Diktat“, vgl. Dokumente). Nicht das Zukunftsbild „irgend eines Ländererwerbs“ schwebte ihm vor, "sondern das einer politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden." Die Grundlage dafür bildete ein komplexes Bündnissystem, das schließlich im Dreibundvertrag zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien (20.5.1882) gipfelte und später durch den Rückversicherungsvertrag mit Russland (18.6.1887) ergänzt werden konnte. Er enthielt eine beidseitige Neutralitätsverpflichtung im Verteidigungsfall und in geheimen Zusatzprotokollen Russland zugestandene territoriale Ansprüche im Mittelmeerraum und auf dem Balkan.

Die außenpolitischen Ambitionen Bismarcks konzentrierten sich deshalb auf die Erhaltung des europäischen Friedens, weil ein Krieg das Reich zerstören würde. „Wir haben“, so führte er in einer Reichstagsrede am 11. Januar 1887 aus, „keine kriegerischen Bedürfnisse, wir gehören zu den – was der alte Fürst Metternich nannte: saturierten Staaten, wir haben keine Bedürfnisse, die wir durch das Schwert erkämpfen könnten“. Das hieß allerdings nicht, dass das Schwert für einen möglicherweise doch kommenden Krieg und für die Abwehr innerer ,Feinde‘ nicht scharf gehalten werden sollte. Noch unter Bismarck und von ihm unterstützt wurden in den Jahren 1887 und 1890 zwei Wehrvorlagen verabschiedet, die zusammen mit der von 1893 fast zu einer Verdoppelung der personellen Heeresstärke führten.

**Die neue Außenpolitik**

Nach der erzwungenen Abdankung Bismarcks (18.3.1890) erfolgte eine scharfe Wende in der deutschen Außenpolitik. Der junge, nach dem Tod seines Vaters und Großvaters inthronisierte Kaiser Wilhelm II. (15. Juni 1888) berief am 23. März 1890 den General der Infanterie Leo von Caprivi (1831-1899) zum neuen Reichskanzler. Mit ihm sollte ein „Neuer Kurs“ in der Außenpolitik gefahren werden, der die als stagnierend wahrgenommene, zugleich immer undurchsichtiger und widersprüchlicher gewordene Diplomatie Bismarcks in Bewegung zu bringen hatte. Das vorhandene Bündnissystem wurde nun nach einem Wort des Historikers Klaus Hildebrand weniger auf seine Friedens- als auf seine Kriegstauglichkeit hin beurteilt. Da sich die neue deutsche Führung aber mittlerweile einen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland durchaus zutraute, Russland dagegen misstrauisch gegenüberstand und den zur Verlängerung anstehenden Rückversicherungsvertrag mit dem Zarenreich als unvereinbar mit den Prinzipien des Dreibunds interpretierte, ließ man ihn im März 1890 auslaufen. Die Wendung gegen Russland sollte durch eine Annäherung an England und durch den Ausbau und die Stabilisierung des Dreibundes – vor allem durch Handelsverträge – ausgeglichen werden. Sie führte jedoch in eine neue Form der Blockkonfrontation, in der das Kaiserreich schließlich allein im Zweibund mit Österreich-Ungarn der Entente aus England, Frankreich und Russland gegenüberstand.

<div class="detail-picture detail-picture--right text-content"><figure class="detail-picture__figure"><div class="detail-picture__picture"><picture class="picture is-lazy is-active">![Faktorei in Lomé, Togo, um 1895.](https://www.bpb.de/cache/images/8/144288_article_side.jpg?9ADF8)</picture><button class="lightbox-toggle"><span class="a-visually-hidden" lang="de">In Lightbox öffnen</span></button></div><figcaption class="detail-picture__description">Faktorei in Lomé, Togo, um 1895. (© picture-alliance/akg)

</figcaption></figure></div>Dies alles geschah in einer Zeit, als global der Übergang zu einem forciert betriebenen Imperialismus unübersehbar geworden war. Nachdem Bismarck anfangs eher zögerlich und aus sozialimperialistischen, der nationalen Integration verpflichteten Erwägungen die Einrichtung deutscher Schutzgebiete vor allem in Afrika (Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun) unterstützt hatte, trat das imperialistische Weltmachtstreben auch in Deutschland bald immer deutlicher in den Vordergrund. Es ging in der Politik nach Innen mit einer zunehmenden Zentralisierung und Kartellbildung der prosperierenden Wirtschaft einher, die ihr industrielles Produktionsvolumen binnen weniger Jahre bedeutend steigern konnte. Die Erschließung von Absatzmärkten, aber auch die Absicherung von Rohstoffquellen und damit die Zukunft der Wirtschaft und des Wohlstands hingen, so meinten viele Meinungsführer und Entscheidungsträger, von einer forcierten Expansion Deutschlands nach Übersee ab, die mit einem staatlichen geförderten Kolonialismus zugleich imperiale Weltmachtträume befeuern konnte. „Weltpolitik“ lautete die nicht zuletzt mit dem jungen Kaiser Wilhelm II. verbundene Parole der Zeit, unter der sich sowohl der monarchische Staat als auch die bürgerliche Gesellschaft zusammenfinden konnten. Da das Kaiserreich bei seinen weltpolitischen Aktivitäten jedoch fast überall auf bereits etablierte Kolonialreiche seiner europäischen Nachbarn traf, waren damit vielfältige außenpolitische Konflikte vorprogrammiert.

**Wilhelminismus und Weltpolitik**

Wilhelm II, dessen Anspruch auf ein "persönliches Regiment" der Epoche den Stempel aufdrückte, war nicht allein ein begeisterter Außenpolitiker, er engagierte sich auch von Anfang an für eine nach Expansion und Kolonialbesitz strebende Weltpolitik. Im Tagesgeschäft wurde er von den jeweiligen, für die Außenpolitik zuständigen Kanzlern und den Staatssekretären des Auswärtigen beraten und gelenkt. Zur unübertroffenen Meisterschaft darin brachte es Bernhard von Bülow (1849 – 1929), der 1897 zum Staatssekretär des Äußeren und drei Jahre später zum Reichskanzler berufen wurde. Namentlich in der Frage der Modernisierung und des Ausbaus der Kriegsmarine trafen von Bülow und der 1897 als Staatssekretär des Reichsmarineamts berufene Admiral Alfred von Tirpitz (1849 – 1930) beim marinebegeisterten Kaiser auf offene Ohren. Spätestens seit Mitte der 1890er Jahre blieb dessen außenpolitische Vorstellungswelt beherrscht vom Bau neuer Kriegsschiffe und einer offensiven Seestrategie.

</figcaption>Er reagierte damit auch auf eine öffentliche Meinung und deren wachsende Bedeutung: Vor allem in den bildungs- und wirtschaftsbürgerlichen Schichten des Kaiserreichs, den eigentlichen Trägern eines überschießenden Nationalismus, brach sich die ungehemmte Begeisterung für die neue Flottenpolitik Bahn, die gleichermaßen den Status einer Weltmacht gegen England sichern wie ein großes deutsches Kolonialreich errichten sollte. Außenpolitisch führte der vom Kaiser gebilligte, von Bülow vertretene und von Tirpitz nicht zuletzt mit dem Ziel einer innenpolitischen Integration der auseinandertreibenden gesellschaftlich-politischen Kräfte konzipierte Aufbau einer Schlachtflotte – die im Innern mit einer bis dahin unbekannten propagandistischen Mobilisierung der öffentlichen Meinung und Einschränkungen des parlamentarischen Budgetrechts verbunden war – in erster Linie zu einer massiven deutsch-britischen Rivalität. Darüber hinaus setzte sie einen schließlich alle Mächte erfassenden maritimen Rüstungswettlauf in Gang, die sich im Bau immer stärkerer Schlachtschiffe zu übertreffen versuchten.

**Der deutsche Kolonialismus**

Die Kolonialherrschaft des Kaiserreichs hat in der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft lange eine untergeordnete Rolle gespielt und ist erst im Zeichen „postkolonialer“ Perspektiven in den Mittelpunkt von Forschung und öffentlichen Debatten gerückt. Sein koloniales Reich bestand seit den 1880er Jahren aus verstreuten „Schutzgebieten“ in den afrikanischen Kolonien Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia), Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda), Togo und Kamerun sowie dem zur Musterkolonie erklärten nordchinesischen Marinestützpunkt Kiautschou und den pazifischen Inselgruppen Deutsch-Neuginea und Deutsch-Samoa. Zweifellos war der deutsche Kolonialismus für manche Unternehmen ertragreich, und er hat darüber hinaus die Phantasien vieler Menschen von Abenteuer, Macht und deutscher Größe beherrscht. Doch in der Realität war nur eine kleine Zahl von deutschen Siedlern beteiligt, und für das Reich wurde die Kolonialherrschaft zu einem Zuschussgeschäft, das viele Finanzmittel und Energien verschlang. Desaströs waren die Ergebnisse dagegen für die indigene Bevölkerung. Die zivilisatorischen Errungenschaften, die nach der Kolonialpropaganda die deutsche Kultur den „Eingeborenen“ bringen sollte, blieben, wenn überhaupt, bescheiden, während nicht nur die von rassistischen Überlegenheitsvorstellungen angeleitete Beherrschung und ökonomische Ausbeutung, sondern auch die Korrumpierung und Zerstörung der indigenen Lebensformen ebenso menschenverachtende wie destruktive Formen annahm.

<figcaption class="detail-picture__description">In Deutschland wurden die Kolonialverbrechen vor allem durch die Sozialdemokraten publik gemacht und angeprangert. Besonderes Aufsehen erregte 1894 die „Peitschenrede“ des SPD-Vorsitzenden August Bebel, der im Reichstag eine „Nilpferdpeitsche“ präsentierte, mit der deutsche Kolonialbeamte nackte Afrikanerinnen auspeitschen ließen. Die Verbindung von rassistischer Gewalt und Sexismus diente zweifellos der beabsichtigten Empörung, doch war sie durchaus real und durchzog auch die weiteren Debatten im Reichstag und der deutschen Öffentlichkeit über skandalöse koloniale Gewaltpraktiken und Strafmaßnahmen. Körperliche Bestrafungsformen wurden daraufhin offiziell beschränkt, doch im Zusammenhang der folgenden kolonialen Militäraktionen setzten sich auch in der deutschen Öffentlichkeit wieder rassistische Deutungsmuster durch. Am Anfang stand 1900 die Entsendung eines deutschen Marineverbandes nach China, als die vereinten europäisch-amerikanischen Kolonialmächte angesichts des sog. Boxer-Aufstands eine gemeinsame Strafexpedition beschlossen. In seiner berühmt-berüchtigten Hunnenrede forderte Wilhelm II. die deutschen Soldaten auf, mit Gewaltmaßnahmen wie der Hunnenkönig Etzel dafür zu sorgen, „dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen“. Zwar kam das deutsche Expeditionskorps zu spät, um noch in die bereits entschiedenen Kriegshandlungen eingreifen zu können. Doch trotzdem praktizierten sie unter der Zivilbevölkerung eine Gewaltherrschaft, der viele Chinesen zum Opfer fielen.

Der immer wieder aufflackernde Widerstand in den afrikanischen Kolonien kulminierte im frühen 20. Jahrhundert in zwei großen Aufstandsbewegungen, die von den deutschen Kolonialtruppen auf brutale Weise niedergeschlagen wurden. Wenig Aufmerksamkeit hat bis heute der „Maji Maji-Aufstand“ von 1905 bis 1907 in Deutsch-Ostafrika gefunden, bei dessen Niederschlagung nach Schätzungen etwa 300.000 Menschen umkamen. Immer nachdrücklicher in das heutige politische Bewusstsein ist dagegen der sog. Hererokrieg von 1904/5 getreten, dessen brutale militärische Unterdrückung inzwischen als erster Genozid des an Völkermorden reichen 20. Jahrhunderts angesehen wird. Die Völker der Herero und Nama hatten sich nach Vertreibungsmaßnahmen der deutschen Kolonialherren erhoben und wurden nach anfänglichen Erfolgen militärisch besiegt. Der zwischenzeitlich eingesetzte Kommandeur Lothar von Trotha ließ das ganze Volk der Herero in die anschließend abgeriegelte Omaheke-Wüste treiben, wo die meisten verdursteten oder verhungerten. Nach seinem Befehl vom 2. Oktober 1904 wurde „jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf und treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen“.

Zwar traf diese Rache- und Vernichtungspolitik im Reich zunehmend auf Kritik und Trotha wurde schließlich abberufen; doch als Ende 1906 SPD und Zentrum im Reichstag die Bewilligung weiterer Finanzmittel für die Kriegsführung in Deutsch-Südwest verhinderten, löste die Regierung den Reichstag auf und nutzte dies, um in den propagandistisch aufgehetzten „Hottentottenwahlen“ gegen die „inneren Feinde“ neue parlamentarischen Mehrheiten zu schaffen. In „Deutsch-Südwest“ waren große Teile der Herero bereits ums Leben gekommen, bevor die Überlebenden ähnlich wie die Nama in Zwangsarbeitslager gesperrt wurden. Von der neueren Forschung ist diese Vernichtungspolitik in eine Entwicklungslinie „von Windhoek nach Auschwitz“ (Jürgen Zimmerer) eingeordnet worden. Doch jenseits der Empörung über eine Politik des genozidalen Massenmordes sind bisher kaum eindeutige historische Verbindungen aufgezeigt worden, die vom kolonialen Genozid an den Herero und Nama zum Holocaust und anderen nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen geführt haben. Ob diese auf einen spezifisch kolonialistisch-genozidalen Rassismus zurückgeführt werden können, muss deshalb fragwürdig bleiben.

**Deutsche Machtpolitik zwischen „Politik der freien Hand“ und „Einkreisung“**

Die koloniale Expansion des Kaiserreichs traf in der Weltpolitik überall auf Widerstände und rief vielfältige Konflikte hervor. Denn die Suche nach einem „Platz an der Sonne“ begann zu einer Zeit intensiver zu werden, da die überseeische Welt unter den etablierten Kolonialmächten bereits weitgehend aufgeteilt war und das Deutsche Reich auch im „Wettlauf um Afrika“ von Anfang an keine guten Karten hatte. Daran konnte auch die von Bismarck einberufene Berliner Kongo-Konferenz der imperialistischen Mächte wenig ändern, die 1894/95 nur Einigungen über den zentralafrikanischen Kongo ohne deutsche Zugewinne erbrachte. In Nordafrika stießen die deutschen Ambitionen auf etablierte französische Interessen, die Orientpolitik des Reiches rief englische Befürchtungen und Widerstände vor allem gegen das Projekt einer von deutschen Unternehmen initiierten Bagdadbahn hervor. Die diplomatischen Konflikte, die dadurch ausgelöst wurden, wogen schwerer als der vermeintlich gestärkte Weltmacht-Status, zumal die von Berlin verfolgte „Politik der freien Hand“ nach Außen – die in der Forschung bereits früh als eine Art bindungsloses Torkeln, als „springende Unruhe“ zwischen den Großmächten Russland und England charakterisiert wurde (Hermann Oncken) – die bündnispolitische Position des Reiches deutlich schwächte. Als verlässlicher Bündnispartner blieb allein die schwächelnde Doppelmonarchie Österreich-Ungarn übrig.

Dennoch gab es 1898 nochmals eine Chance zur Verständigung mit England. Der britische Kolonialminister Joseph Chamberlain (1836 – 1914) unterbreitete dem deutschen Botschafter in London, Paul Graf von Hatzfeld (1831 – 1901), den „Wunsch“ nach einem Vertrag mit dem Dreibund. Überzeugt, dass England sich weltpolitisch zu überheben drohte und deshalb nach Bündnispartnern suchen müsse, war das Angebot durchaus ernst gemeint. Doch es wurde von der deutschen Regierung nicht einmal ernsthaft geprüft. In der Wilhelmstraße war man fest davon überzeugt, die durch den vermeintlich unüberbrückbaren Gegensatz zwischen England und Russland garantierte und durch die kolonialen Konflikte zwischen England und Frankreich noch verstärkte außenpolitische Handlungsfreiheit beibehalten zu können.

Doch anders als in Berlin erwartet, legten England und Frankreich am 8. April 1904 ihre kolonialen Konflikte bei und verbanden sich zur Entente cordiale. Diese konnte auch durch die von Deutschland provozierten zwei Marokko-Krisen der Jahre 1905/06 und 1911 nicht mehr aufgebrochen werden. Schließlich verständigten sich auch Russland und England: Am 31. August 1907 einigten sich beide Mächte über ihre Interessensgebiete in Asien und im Nahen Osten. Schnell war klar, dass sich damit die Entente cordiale zur Triple-Entente entwickelt hatte. Bis zum Amtsantritt von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1856 – 1921) im Jahre 1909 bestand die außenpolitische Reaktion Deutschlands auf diese als „Einkreisung“ verstandenen Bündnis-Entwicklungen vor allem darin, einen noch engeren Schulterschluss „in treuem Zusammenstehen“ (Bernhard von Bülow) mit Österreich-Ungarn zu suchen. Die schwächelnde Position der habsburgischen Doppelmonarchie auf dem Balkan sollte unter allen Umständen gesichert werden.

Am Ende der Amtszeit Bülows war man auf der Einbahnstraße der selbst verschuldeten außenpolitischen Isolierung weit vorangekommen. Das noch Bismarck wie einen Alp belastende Schreckensbild eines Zweifrontenkrieges konnte Wirklichkeit werden. Und über den „Erbfeind“ Frankreich und das zum Feindbild geronnene Zarenreich hinaus zählte nun auch die „Händlernation“ Großbritannien, provoziert durch den deutschen Schlachtflottenbau, als vermeintlicher Drahtzieher einer antideutschen „Einkreisung“ zu den deutschen Feindbildern und möglichen Gegnern in einem großen europäischen Krieg. Dem neuen, 1909 berufenen Reichskanzler Bethmann Hollweg gelang es zwar im gemeinsamen Krisenmanagement mit England, die Balkankriege von 1912/13 zu lokalisieren. Doch die Idee, die „Einkreisung“ durch eine Flucht nach vorn in einen vermeintlichen Präventivkrieg aufzubrechen und so zugleich eine innere Stabilisierung der zunehmend bedroht erscheinenden Herrschaftsordnung des Kaiserreichs bewirken zu können, gewann insbesondere in Militär- und Staatsführung, aber auch in der Öffentlichkeit immer mehr Befürworter.

  
  
  
  
  
</figcaption></figure></div>##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Ulrich Bernd u. Kruse, Wolfgang: Außenpolitik und Imperialismus, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung) online verfügbar seit 04.02.2026 unter: [https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/139653/aussenpolitik-und-imperialismus/](https://www.bpb.de/themen/kolonialismus-imperialismus/kaiserreich/139653/aussenpolitik-und-imperialismus/), zuletzt geprüft am 30.08.2026.

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt;

-&gt;

-&gt;

# Balkankriege

# Wirtschaft



# Die Gründerjahre

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Boom und Börsenkrach. Die Zeit der Gründer.

##### 1. Boom und Börsenkrach. Die Zeit der Gründer.

Nach dem Sieg über Frankreich 1871 erfasst Goldgräberstimmung das junge Deutsche Reich. Industrie und Handwerk expandieren. Nie war es so leicht, Kredite aufzunehmen, Aktiengesellschaften einzutragen. Doch die Euphorie währt nur 30 Monate. Denn manches Unternehmen, das mit hohen Renditen wirbt, ist gar nichts wert. Und so kommt es zum Absturz der Börse.

Zweieinhalb Jahre lang ist es gut gegangen: Wie im Rausch haben Berliner Bankiers, rheinische Fabrikanten und preußische Adelige an der Börse spekuliert, gewonnen. Um mehr als 60 Prozent ist der Aktienindex gestiegen. Zweieinhalb Jahre lang haben Unternehmer Kapitalgesellschaften gegründet und mit dem so eingesammelten Geld Chemiefabriken ins Land gesetzt oder Eisenbahnen finanziert. Haben Baufirmen in den Metropolen ganze Stadtviertel hochgezogen – ungestüm, gierig und oft ohne sich an Vorschriften zu halten. Alle gaben sich dem Traum vom unendlichen Wachstum hin.

Und sie glaubten nicht, dass es jemals vorbei sein könnte. Freilich hat es Mahner gegeben, die Betrug und Schwindel anprangerten. Es gab Vorzeichen, im Mai brachen die Kurse an Wiens Börse ein, im September in New York. Aber die Deutschen wollten davon nichts wissen, sie wollten weiter spekulieren und noch mehr Geld verdienen, taumelten immer näher an den Abgrund. Nun aber, am 10. Oktober 1873, stürzen sie hinab. Als Erstes ist die Berliner Quistorp’sche Vereinsbank, die den Boom mitfinanziert hat, zahlungsunfähig. Ihre Pleite löst eine Lawine aus, die die ganze Volkswirtschaft mit sich reißt.

Der Börsenindex fällt und fällt, Aktienkapital von mehreren Milliarden Mark geht binnen weniger Monate verloren. Dutzende Banken, Industrieunternehmen und Eisenbahngesellschaften brechen zusammen. Die Zeitungen führen eigene Rubriken für die Mitteilung von Firmenpleiten ein, Staatsanwaltschaften fahnden nach Betrügern, Schwindlern und Hochstaplern. Die Stimmung schlägt um im Deutschen Reich: Begeisterung und Optimismus weichen Angst und Misstrauen. Die Deutschen werden unruhig, unzufrieden, aggressiv, sie zweifeln am Liberalismus früherer Jahre. Es beginnt die längste wirtschaftliche Flaute des Jahrhunderts. An ihrem Ende wird das Bismarckreich ein anderer Staat sein.

**DER TAUMEL BEGINNT** in den ersten Monaten des Jahres 1871: mit dem Triumph der deutschen Staaten im Krieg gegen Frankreich. Bismarck trotzt dem französischen Verhandlungsführer in den Friedensverhandlungen eine Entschädigung von fünf Milliarden Francs ab: eine ungeheure Summe, mehr als anderthalb mal so viel, wie die preußische Regierung als Kosten für den Krieg errechnet hat. Und das wohlhabende Frankreich, bis dahin reichste Wirtschaftsmacht auf dem Kontinent, zahlt zu großen Teilen bar: In plombierten Zugwaggons werden die Silbermünzen über den Rhein transportiert, wo das französische Geld die Wirtschaft des jungen Staates entfesselt – und die Gier seiner Bürger.

Schon bald darauf beginnen die Börsenkurse stark zu steigen. Angetrieben wird der Aufschwung wie schon in den 1850er Jahren vom Eisenbahnbau: Denn der Transport von Soldaten und Kriegsgerät an die Front hat die Gleisanlagen und Züge stark beansprucht. Jetzt müssen sie erneuert werden. Für Hütten und Kohlenbergwerke, Gießereien, Maschinen- und Wagenfabriken bedeutet das enorme Aufträge. Auch ein anderer wichtiger Kunde der Metallindustrie rüstet auf: Die Militärverwaltung muss Gerät, das im Krieg zerstört wurde, sowie verschossene Munition und Granaten neu beschaffen.

Angesichts der steigenden Nachfrage wollen Bergwerksbesitzer und Schwerindustrielle ihre Unternehmen vergrößern. Um an das dafür notwendige Kapital zu kommen, geben sie Anteilsscheine aus und verkaufen die an der Börse. Ein neues Gesetz erleichtert die Gründung von Aktiengesellschaften: Seit 1870 ist dafür keine staatliche Konzession mehr nötig. Bereitwillig finanzieren Berliner Banken die Expansion. Ausreichend liquide Mittel sind ja vorhanden, denn die Reichsregierung zahlt mit den französischen Reparationen die Schulden zurück, die sie bei Banken und Privatleuten während des Kriegs gemacht hat. Sie gibt zudem Hunderte Millionen für den Ausbau von Festungen aus, legt einen Fonds zur Unterstützung der Kriegsinvaliden an, vergibt großzügige Dotationen an Generäle und Politiker – Geld, das die Empfänger zum großen Teil an der Börse anlegen, in Anleihen oder auf Sparkonten.

Zudem deponiert die Regierung große Mengen Edelmetall bei der Preußischen Bank (der Notenbank Preußens und späteren Reichsbank), die dafür Banknoten emittiert, damit den Geldumlauf weiter erhöht und an andere Banken Kredite vergibt. 279 Aktiengesellschaften gab es 1870 in Preußen; in den ersten beiden Jahren nach der Reichsgründung kommen 728 weitere dazu. Bald erhält der Boom einen gebührenden Namen: „Gründerzeit“.

Innerhalb von drei Jahren entstehen neue Firmen mit einem Grundkapital von 2,8 Milliarden Mark – so viel wie das aller Unternehmensgründungen zwischen 1830 und 1870 zusammen. Die Industrie baut binnen 30 Monaten mehr Stahlwerke, Hochöfen, Maschinenfabriken als in den 60 Jahren zuvor. Bald springt der Aufschwung auf andere Wirtschaftszweige über. Es ist, als sei eine Zeit unerschöpflichen Reichtums angebrochen. Die Deutschen sind im Spekulationsfieber. Einige der 103 neuen Aktienbanken schütten den Anteilseignern ein Fünftel ihrer Einlage als jährliche Dividende aus; die Rendite erwirtschaften sie vor allem mit der Gründung weiterer Aktiengesellschaften, deren Anteile sich zu hohen Kursen verkaufen lassen. Die Zeitungen werden immer dicker – wegen der verschwenderischen Prospekte, die darin abgedruckt werden und in gewaltigen Buchstaben die neuesten Börsengänge anpreisen. Jeder macht jetzt in Aktien, die Klavierlehrerin, der arme Poet, die Dame von Welt. Ein Industrieller berichtet von seinem Hausmeister, der die Börsenkurse eifriger verfolge als er selbst.

**DIE SCHEINBAR** unbegrenzten Möglichkeiten locken zahllose Glücksritter an. Einer erarbeitet sich den Ruf, die Chancen besonders geschickt für sich zu nutzen: Bethel Henry Strousberg, der seit 1862 in Osteuropa äußerst erfolgreich Eisenbahngesellschaften gründet. Sein Geschäftsmodell, das er im Laufe der Zeit immer weiter verfeinert hat, nennt sich „General-Enterprise“: Strousberg sucht sich Geldgeber, denen er die Genehmigung beschafft, eine Bahnlinie zu bauen. Die Gesellschafter wiederum beauftragen Strousberg mit dem Bau der Strecke.

Doch er wird nicht mit Geld, sondern mit den Aktien der zu gründenden Gesellschaft bezahlt, deren Nennwert den im Voraus berechneten Baukosten entspricht (die Kapitalgeber hingegen machen Gewinn durch Provisionen, Zuwendungen für Aufsichtsratsposten und später durch den Betrieb der fertigen Bahn). Strousbergs Profit ergibt sich aus dem Weiterverkauf der Aktien – und damit der möglichst hoch ist, muss er die tatsächlichen Kosten niedrig halten. In manchen Monaten verdient er auf diese Weise eine Million Taler.

Die Behörden entdecken zwar die Diskrepanz zwischen den von Strousberg offiziell veranschlagten Investitionen und den tatsächlichen Baukosten, doch schauen sie darüber hinweg, denn sie wollen, dass das Schienennetz rasch wächst. Schon vor 1871 ist Strousberg, ein untersetzter Mann mit krausen Locken und Schnurrbart, zum Großunternehmer aufgestiegen. Er baute Trassen von Berlin nach Görlitz und von Halle nach Sorau, kaufte eine Lokomotivfabrik bei Hannover und ein Schienenwalzwerk in Dortmund, wurde Großgrundbesitzer.

Jetzt reist der „Eisenbahnkönig“ im eigenen Salonwagen mit Teppich und Kassettendecke. In der Berliner Wilhelmstraße baut er eine Repräsentanz mit kuppelgekrönter Eingangshalle, darin ein Springbrunnen und eine Treppe aus weißem Marmor – das „Palais Strousberg“. Doch schließlich übernimmt er sich. Noch vor Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs hat er – auch durch großzügige Bestechung von Beamten und Abgeordneten – die Genehmigung erhalten, in Rumänien eine 942 Kilometer lange Eisenbahnlinie zu bauen. 60 Millionen Taler sammelte er dafür ein, einen Großteil davon bei Kleinanlegern.

Dann bricht der Krieg im Westen aus, Transportkapazitäten werden für Lieferungen an die Front gebraucht. Strousberg gelingt es nicht, das nötige Material termingerecht in das unterentwickelte Rumänien zu schaffen. Der Bau stockt. Die Streckenabschnitte, die er fertigstellt, sind voller Mängel; am neu errichteten Bukarester Bahnhof steht ein schäbiger Zweckbau statt der versprochenen prächtigen Halle. Irgendwann muss Strousberg bekannt geben, dass er den fälligen Zins nicht auszahlen könne. Der Kurs für seine Anleihen fällt stark, viele Anleger büßen einen Großteil ihres Kapitals ein. Der Eisenbahnkönig ist so zum Prototyp des neureichen, unseriösen Gründers geworden. Aber mit seinen Trassen, wenngleich zum Teil auf dubiose Weise finanziert und schlampig gebaut, schafft er immerhin bleibende Werte. Andere Gründer dagegen sind schlicht Gauner. Da verspricht ein Freiherr für seine „Vereinigte Oderwerke AG“ Ausschüttungen von 19 Prozent des angelegten Kapitals – doch das Unternehmen besteht aus nichts als einer Lehmgrube und einer Ziegelei.

Eine andere Gruppe preist einen nutzlosen Sandplatz als „Niederschönhausener Baugesellschaft“ an und verkauft die Wertpapiere für rund 700 000 Mark an gutgläubige Anleger. Die Firma erwirtschaftet keinerlei Gewinn, die Aktionäre verlieren ihr gesamtes Kapital. Der überhebliche Optimismus nach 1870 beschränkt sich nicht auf die Ökonomie. Auch die politisch-kulturelle Selbsteinschätzung der Deutschen wandelt sich: Sie sind nicht mehr nur stolz auf ihren Ruf als Dichter und Denker – sie sind jetzt ein gefürchtetes Kriegervolk. Sie haben die Dänen, Österreich und die Großmacht Frankreich bezwungen, eine der stärksten Militärnationen der Welt: Jetzt wollen sie sich an der eigenen Größe berauschen, mit Paraden, Mahnfeiern, Gemälden und Gedichten.

Patriotische Schriftsteller überhöhen die Reichsgründung ins Mythologische, setzen Wilhelm I. mit dem mittelalterlichen Kaiser Friedrich Barbarossa gleich, dessen jahrhundertelanges Warten im Kyffhäuser auf die Wiederkunft des Reiches, so eine Sage, nun ein Ende habe. In Berlin lässt der Kaiser die knapp 70 Meter hohe Siegessäule errichten, gekrönt von einer vergoldeten Viktoria, die Deutschlands Siege in den drei Einigungskriegen verherrlicht. Am Rhein entsteht das mächtige Niederwalddenkmal. Zunehmend deckt sich das neue Selbstverständnis mit jenen Zeilen, die der Dichter Emanuel Geibel schon 1861 verfasst hat: „Und es mag am deutschen Wesen/Einmal noch die Welt genesen.“

Besonders heftig ist der Gründerboom in der Kapitale des neuen Reichs zu spüren. Die Stadt zieht große Mengen von Zuwanderern an, vor allem aus dem brandenburgischen Umland, aus Schlesien, Ost- und Westpreußen. Zählte Berlin 1865 noch 658 000 Einwohner, sind es zehn Jahre später bereits 967 000. Die Zuzügler lösen einen gewaltigen Boom im Baugewerbe aus; binnen weniger Jahre müssen Zehntausende Wohnungen geschaffen werden. Der scheinbar stetig wachsende Markt macht die Immobilienspekulation noch attraktiver als das Geschäft mit Aktien. Unkontrolliert wächst Berlin über seine Grenzen hinaus. Nicht Stadtplaner und Architekten, sondern Erschließungsgesellschaften, Hypothekenbanken und Immobilienspekulanten bestimmen, wohin die Metropole sich ausdehnt. Westwärts wuchern nun die Villenviertel, über die rapide wachsenden Kleinstädte Schöneberg und Charlottenburg hinaus, bis vor Kurzem noch Dörfer im Grünen.

Angesichts stark steigender Grundstückspreise lässt sich dort der größte Gewinn machen. Hofbesitzer verkaufen Felder und Weiden und werden so zu „Millionenbauern“. Makler reichen Grundstücke für das Sechsfache des Kaufpreises weiter. Und als der Eisenbahnkönig Strousberg ein Berliner Bürogebäude für das Vierfache des ursprünglich geforderten Preises losschlägt, notiert er: „Alles war eben wahnsinnig, und die Schwindler glaubten zuletzt selbst an die Gesundheit ihrer Sache.“ Die Bauunternehmer bedienen sich freihändig in der Architekturgeschichte, imitieren etwa die Renaissance, verzieren Fassaden mit Spitz- und Rund- bögen, theatralischen Portalen, Statuen, Türmchen, Säulen, Balkonen.

Der Industrielle und Schriftsteller Walther Rathenau wird Jahrzehnte später das Stilgemisch der aufstrebenden Stadt mit beißendem Spott verhöhnen: „Hier ein assyrischer Tempelbau, daneben ein Patrizierhaus aus Nürnberg, weiter ein Stück Versailles, dann Reminiszenzen vom Broadway, von Italien, von Ägypten – entsetzliche Frühgeburten polytechnischer Bierfantasien.“ Wenige Kilometer entfernt vom reichen Stadtzentrum dagegen, im Wedding, in der Stralauer Vorstadt (in etwa das heutige Friedrichshain), in der Luisenstadt (Kreuzberg), dort wo Maschinen dröhnen, Schornsteine qualmen, Lagerarbeiter unter ihrer Last ächzen, lohnt sich die Spekulation auf explosionsartig steigende Mieten nicht: Die Arbeiter könnten sie nicht bezahlen.

Deshalb entwickeln die Bauunternehmer hier eine andere Strategie: Mit billigsten Mitteln schaffen sie möglichst viel Wohnraum, ziehen in aller Eile mächtige Blöcke von Mietshäusern hoch. Dass dabei Häuser einstürzen, gilt als unvermeidlicher Kollateralschaden. Hinterhof wird an Hinterhof gereiht, eng und grau und dunkel. Bald stehen in Berlin, bezogen auf die Einwohnerzahl, mehr Mietskasernen als in Paris. Doch wegen der schieren Masse der Zuzügler herrscht trotzdem noch immer bittere Wohnungsnot. Kinderreiche Familien leben in hoffnungslos überbelegten Räumen, ohne jede Privatsphäre. Meist bestehen die Unterkünfte nur aus Küche und Stube.

Zehntausende Menschen hausen in feuchten Kellerwohnungen, oft geplagt von Rheuma und Tuberkulose. Und viele müssen zusätzlich eine Ecke, einen Platz auf dem Flur an „Schlafburschen“ abgeben, an Untermieter. Wer die Miete schuldig bleibt, hat mit der Zwangsräumung durch die Polizei zu rechnen. Tausende Obdachlose leben in den Slums der deutschen Hauptstadt, in selbst gezimmerten Baracken jenseits der Stadtgrenze, in Zelten, Erdhöhlen, unter Brücken. Die Behausungen sind illegal, immer wieder rückt die Polizei an, um die Elendsquartiere zu räumen.

Als die Beamten allerdings im Juli 1872 einen Handwerker in der Blumenstraße hinauswerfen wollen, verstellen ihnen 5000 aufgebrachte Arbeiter den Weg: Sie wollen die Situation nicht länger hinnehmen, werfen Steine auf die Polizisten, es kommt zu einer Straßenschlacht; in den nächsten Tagen greifen die Unruhen auf benachbarte Straßenzüge über, die Arbeiter bauen Barrikaden und werfen Gaslaternen ein. Schließlich knüppeln Dragoner den Aufstand nieder. Änderungen bewirken die immer wieder aufflammenden Unruhen indes nicht. Die deutsche Bevölkerung wächst rasch an, in einer Generation um acht Millionen auf 43 Millionen Menschen 1875. Für jeden, der gegen seine Arbeits- oder Wohnbedingungen protestiert, stehen genug andere in Reserve, die bereit sind, alles zu ertragen.

Je mehr Kapital und Produktion sich in Berlin ballen, desto größer wird dessen Bedeutung als Metropole des neuen Reichs. War in den Jahrzehnten zuvor Frankfurt am Main das Finanzzentrum des deutschsprachigen Raums, übernehmen nun die Berliner Banken die Führung. Die Hauptstadt zieht Kapital aus dem ganzen Land an.

Auch die Berliner Börse, wichtigster Handelsplatz für Eisenbahnaktien, gewinnt mit dem rasanten Ausbau des Schienennetzes an Bedeutung. Als der Boom sich dem Höhepunkt nähert, wird sie zum Zentrum der Hysterie – und das Parkett zur Bühne, auf die ein spielsüchtiges Volk wie gebannt starrt. Berlin, das einstige Fischerdorf an der Spree, ist Metropole und Moloch geworden, voll von verschwenderischem Prunk und kläglichem Elend, der Emporkömmling unter den Hauptstädten, grell, laut, gierig. Walther Rathenau wird es „Spree-Chicago“ nennen, so profitsüchtig, so amerikanisch. Eine Stadt aber auch, in der nun Menschen in die Oberschicht aufsteigen können, die vorher keine Chance gehabt hätten. Etwa Juden wie Gerson Bleichröder. Der Bankier gilt wegen seines sagenhaften Reichtums als der „Berliner Rothschild“ und wird von der Satirezeitschrift „Kladderadatsch“ als Symbolfigur der Gründerzeit karikiert.

Bleichröder hat die Auszahlung der französischen Reparationsmilliarden mitorganisiert und genießt das Vertrauen der Führungsschicht – bis hinauf zum Kaiser. Mit hervorragenden Verbindungen versehen, pflegt er Kontakte zu Parlamentariern, Parteifunktionären und Journalisten, ein diskreter, berechnender Mann. Und darauf versessen, bekannt und bedeutend zu sein. Bleichröder lebt und arbeitet in der Behrenstraße, parallel zum Prachtboulevard Unter den Linden. Hinter der im Renaissancestil gehaltenen Fassade seines Bankhauses verbirgt sich eine prächtige, üppig verzierte „Große Halle“.

Bis zur Börse, wo für sein Unternehmen ein eigener Handelsplatz reserviert ist, sind es nur ein paar Schritte. Ebenfalls in Laufweite liegt Bismarcks Büro in der Wilhelmstraße. Der Reichskanzler ist auch privat Kunde des Bankiers; Bleichröder mehrt sein Vermögen und berät ihn zudem in finanzpolitischen Fragen. Der Aufstieg der Neureichen empört die Oberschicht des alten Preußen. Zwar bleiben die Junker – adelige Gutsbesitzer aus den Gebieten östlich der Elbe – die führende Klasse der Gesellschaft. Aus ihren Reihen stammt Reichskanzler Bismarck, kommen bejubelte Kriegshelden wie die Generäle Helmuth von Moltke und Albrecht von Roon, und ein Adelstitel gilt noch immer mehr als ökonomischer Erfolg. Wirtschaftlich aber sind viele Junker in Schwierigkeiten. Die Landgüter werfen oft nur geringe Profite ab, zugleich geben die Adeligen zu viel für ihre Lebenshaltung aus; manche Familien kämpfen gegen den Bankrott.

Gerson Bleichröder hilft während der Gründerjahre mehreren Adeligen, ihren Wunsch nach einem Lebensstil zu erfüllen, den sie sich eigentlich nicht leisten können. Er kennt ihre wirtschaftliche Lage und ihre familiären Verhältnisse, weiß um Skandale und Geheimnisse. Paul Graf von Hatzfeldt-Wildenburg etwa, ein Diplomat und Lebemann aus altem Adel, hat hohe materielle Ansprüche, die seinem Gehalt nicht entsprechen. Deshalb verschafft ihm Bleichröder 1871 einen Sitz im Aufsichtsrat der Vereinigten König- und Laurahütte, eines Stahl- und Bergbaukonzerns. Neben dem hohen Direktorengehalt streicht Hatzfeldt eine stattliche jährliche Dividende für Aktien ein, die er zum Vorzugspreis erhalten hat.

Freilich erwartet Bleichröder eine Gegenleistung von seinen derart bedachten Freunden: Denn trotz aller wirtschaftlichen Erfolge zeigt ihm der Adel immer wieder auf, wo die Grenzen der gesellschaftlichen Anerkennung für einen jüdischen Bankier liegen. So notiert etwa eine Dame aus höchsten Kreisen in ihren Erinnerungen an Bleichröders Empfänge: „Fast das gesamte aristokratisch-offizielle Berlin ging hin, entschuldigte sich aber nachher.“ Manche Kommandeure untersagen den ihnen unterstellten Offizieren gar den Besuch seiner Feste. Die preußische Armee ist besonders elitär, traditionsbewusst – und judenfeindlich.

Graf von Hatzfeldt aber tritt öffentlich mit seinem Förderer auf, besucht dessen Bankette und bringt Freunde von Stand mit. Er verschafft ihm etwas, das Bleichröder mit Geld nicht kaufen kann: soziale Aufwertung. 1872 erhebt der Kaiser den Bankier in den Adelsstand. Bleichröder als Freiherr – das ist eine Sensation. Nur einem einzigen Juden ist eine solche Ehre in Preußen zuvor zuerkannt worden. Nicht alle lassen sich von der Euphorie der Boom-Zeit überwältigen. Manche Skeptiker beginnen Fragen zu stellen über den scheinbar unerschütterlichen Erfolg der Gründer: Wie kommen eigentlich ihre sagenhaften Reichtümer zustande? Sind diese Geschäfte legal?

Einer, der darüber besonders gründlich nachdenkt, ist der nationalliberale Parlamentarier Eduard Lasker, ein schmaler Mann mit leiser Stimme, einer der profiliertesten Redner seiner Partei. Am 7. Februar 1873 betritt Lasker das Preußische Abgeordnetenhaus mit einem Manuskript, das politischen Sprengstoff birgt. Er will beweisen, dass der Gründerboom auf Betrug und Vetternwirtschaft beruht. Freilich hat er vor allem den politischen Gegner im Blick, konservative Beamte und Minister aus Bismarcks Regierung.

Gründlich hat der 43-Jährige sich vorbereitet, hat in Gerichtsarchiven recherchiert, Akten gewälzt, Belastendes gegen Spekulanten, Industrielle und Beamte zusammengetragen. Drei Stunden lang spricht Lasker. Er bezichtigt Strousberg, Bahnlinien betrügerisch finanziert, Anleger um ihr Kapital gebracht zu haben und den „deutschen Namen im Ausland“ beschädigt, kurz: „unendliches Unglück über zahlreiche Bürger des eigenen Landes“ gebracht zu haben.

Er wirft dem erzkonservativen Ministerialbeamten Hermann Wagener vor, er habe sein Amt missbraucht und sich am „System Strousberg“ bereichert – zu Recht, wie sich bald herausstellt: Der Rittergutsbesitzer hat den Bau einer Bahnlinie unterstützt, um seinen Hof fortan per Zug erreichen zu können. Er klagt Handelsminister Graf Heinrich von Itzenplitz an, die Manöver gedeckt, ja gefördert zu haben. Spricht von Steuerhinterziehung, Korruption, schlampig ausgeführten Bauten.

Das politische Berlin ist in Aufruhr. Einige Wochen nach der Brandrede legt Itzenplitz sein Amt nieder, auch Wagener tritt zurück. Strousbergs Name wird zum Inbegriff des Spekulanten. Lasker lenkt aber auch den Zorn des mächtigen Reichskanzlers auf sich. „Sie haben so nahe bei mir vorbeigeschossen, dass Sie auch mich um ein Haar getroffen hätten“, grollt Bismarck – Wagener war sein Schützling. Ein Verlag druckt Laskers Rede nach, verkauft innerhalb von zwei Wochen vier Auflagen.

Der Nationalliberale hat die dunkle Seite der Gründerzeit enthüllt. Und schon bald mehren sich die Anzeichen, dass die Blase bald platzen könnte. Anfang Mai rumort es an der Wiener Börse. Gerüchte über den Zusammenbruch der Franko-Ungarischen Bank lösen den Bankrott von 78 Unternehmen aus. Am Tag darauf herrscht Panik auf dem Wiener Parkett, Händler beschimpfen sich, es kommt zu Prügeleien, die Kurse brechen ein. Auch in Berlin geben die Kurse kurzzeitig spürbar nach, erholen sich jedoch wieder. Doch dies ist nur ein Wetterleuchten. Der große Krach bricht erst im Herbst über das Deutsche Reich herein.

Am 10. Oktober meldet die Berliner Quistorp’sche Vereinsbank Konkurs an – mit erheblichen Folgen. Denn an dem Kreditinstitut hängen zahlreiche fragwürdige Unternehmen, die besonders hohe Dividenden schon im ersten Jahr der Gründung versprochen hatten. Mehr als 20 dieser von der Bank finanzierten Firmen gehen ebenfalls pleite. Die nervösen Anleger reagieren sofort und verkaufen ihre Aktien; die Kurse brechen ein – der Index der deutschen Wertpapiere geht im Laufe der nächsten zwei Jahre von 102 auf knapp 67 Punkte zurück. Gut 4,5 Milliarden Mark Aktienkapital sind damit verloren, das entspricht rund einem Viertel des deutschen Sozialprodukts.

Die Preise für Kohle und Stahl fallen um mehr als die Hälfte. Banken fürchten weitere Bankrotte und drängen die Kreditnehmer, ihre Schulden zurückzuzahlen. Wer jetzt in Geldnöten ist, findet keinen, der bereit ist, ihm ein Darlehen zu gewähren – allenfalls noch gegen sehr hohe Zinsen. Auch solide Banken wie die Disconto- Gesellschaft und die Bleichröder- Bank geraten in Schwierigkeiten, bitten Gerüchten zufolge sogar die Regierung insgeheim um Darlehen in Millionenhöhe.

Eine Abwärtsspirale kommt in Gang: Überall in Deutschland werden nun Unternehmen zahlungsunfähig – die Pommersche Centraleisenbahn ebenso wie die Pirnaer Bank, die Süddeutsche Hagelversicherungsgesellschaft in München und Hunderte weitere Betriebe. Auch die Kurse jener Eisenbahngesellschaften, die noch zahlungsfähig sind, stürzen ab. Die Aktie der Linie Hannover–Altenbeken etwa hat nur noch ein Achtel ihres Vorkrisenwerts. Selbst das Essener Stahlimperium Alfred Krupps, das größte Industrieunternehmen Europas, überlebt nur dank der 30-Millionen-Mark-Anleihe eines Konsortiums unter der Führung der staatlichen Bank Preußische Seehandlung.

Der Eisenbahnkönig Strousberg muss für 2,4 Millionen Mark seine Gemäldesammlung verkaufen, manche vornehme Familie verarmt.Ein Kunde Bleichröders schreibt dem Bankier flehentliche Briefe. Der Professor hat für seine Cousine Aktien zum Kurs von 90 gekauft, nun liegen sie bei 13. Er appelliert an Bleichröders „humane und menschenfreundliche Natur“ und bittet ihn um Unterstützung für die bettelarme Frau (die Bleichröder ihm gewährt).

61 Banken, 116 Industrieunternehmen und vier Eisenbahngesellschaften brechen zusammen. Allein in Berlin müssen mehr als 40 der rund 50 neu gegründeten Baufirmen aufgeben. Etliche spekulierfreudige Kleinanleger verlieren ihr Erspartes, zahllose Arbeiter ihre Stellen; so sinkt bei der Nürnberger M.A.N., die unter anderem Eisenbahnwaggons baut, die Zahl der Beschäftigten von rund 3500 auf weniger als 800.

In Berlin geht etwa ein Viertel der Arbeitsplätze in Industrie und Handwerk verloren. Die Stadt Charlottenburg meldet im Oktober 1874, wegen des Krachs habe „die Zahl der Geisteskranken überhandgenommen“. Bislang unbescholtene Bürger müssen sich vor Gericht verantworten, weil sie als Bankbeamte Geld veruntreut haben oder als Buchhalter in Betrügereien verwickelt sind. Die Berliner Kaufmannschaft resümiert: „Die Buße für die Sünden der vorhergegangenen beiden Jahre hat sich wie ein Naturgesetz mit unerbittlicher Strenge vollzogen.“

Der Staat fühlt sich weder für die wirtschaftlichen noch für die sozialen Folgen der Krise verantwortlich; die Reichsregierung schaut der Katastrophe ungerührt zu. So verkündet ein enger Mitarbeiter Bismarcks: „Es liegt außerhalb der Macht der Gesetzgebung, Leute, die nun einmal ihr Geld los sein wollen, daran zu hindern.“ Und noch über Jahre wird sich die Krise hinziehen. Immer wieder kommen die Neuinvestitionen ganz zum Erliegen, mehrmals sinkt das deutsche Sozialprodukt.

Erst im Herbst 1880, sieben Jahre nach dem Platzen der Gründerblase, setzt wieder ein stetiges Wachstum ein. Nach dem Gründerkrach ist der allgegenwärtige Optimismus verflogen. Hauptdarsteller der Gründerzeit wie Strousberg stehen in den Augen der Öffentlichkeit als Schwindler da. Laskers Rede, hält Strousberg später fest, verfolge ihn „wie ein Gespenst in meinem Kredit, in meinem Streben nach neuen Geschäften, in meiner gesellschaftlichen Stellung, kurz überall lähmend, verderblich wirkend“.

Nach der Rumänien-Pleite kommt er wirtschaftlich nicht mehr auf die Beine. 1875 geht sein Imperium in Konkurs, Soldaten beschlagnahmen sein Anwesen im böhmischen Zbirow, damit die Gläubiger bedient werden können. Zunehmend interessiert sich auch die Presse für den Klüngel von Politik und Finanzbranche, veröffentlicht reihenweise Artikel über Schwindelgründungen. Selbst die konservative „Kreuzzeitung“ bringt Enthüllungen, freilich vor allem gegen Liberale aus dem Lager Laskers – darunter gegen auffallend viele Juden. Denn längst hat die Suche nach den Schuldigen an der Krise begonnen. Und immer häufiger verbinden sich die Vorwürfe gegen die Gründer mit einem neuen Unterton. Schuld am Krach, finden plötzlich viele, seien die Juden.

Bismarcks Reichsverfassung von 1871 hat den Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland die vollständige Gleichberechtigung gebracht – zumindest auf dem Papier. Weil ihnen de facto aber Karrieren im Militär und in der Verwaltung, den Bastionen der Konservativen, weiterhin beinahe unmöglich sind, wenden sich viele Juden den freien Berufen zu, werden Anwälte, Ärzte, Journalisten – häufig mit großem Erfolg. Männer wie Strousberg, Bleichröder, Lasker prägen ihre Zeit ebenso wie etwa der Mitbegründer der Deutschen Bank, Ludwig Bamberger. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind zehn der elf reichsten Einwohner Berlins Juden, von den 100 größten preußischen Vermögen ist beinahe ein Drittel jüdisch.

Gerade an diesem Erfolg entzündet sich die Verbitterung vieler von der Krise Betroffener. In den Jahren nach dem Gründerkrach wird aus alten, religiös geprägten Vorurteilen über die vermeintlichen „Jesus-Mörder“ der Verdacht, die ehemals Rechtlosen wollten heimlich die Macht im Deutschen Reich übernehmen. Die absurde Verschwörungstheorie findet Anhänger in beinahe allen Schichten der Gesellschaft. So schreibt Heinrich von Treitschke, ein hoch angesehener Geschichtsprofessor, in einem Artikel: „Die Juden sind unser Unglück.“

Die antisemitische Schmähschrift „Der Sieg des Judentums über das Germanentum“ hetzt gegen jüdische „Parasiten“, die Deutschlands Ausbeutung betreiben; binnen Kurzem werden zwölf Auflagen des Pamphlets gedruckt. Die „Kreuzzeitung“ verleumdet die Wirtschaftspolitik des Reiches als „Judenpolitik“, was ja auch kein Wunder sei, da Bleichröder, Bismarcks Bankier, ihr intellektueller Urheber sei. Und Ende der 1870er Jahre wird der Antisemitismus zur politischen Massenbewegung; in Berlin gründet der Hofprediger Adolf Stoecker die Christlich-Soziale Arbeiterpartei, die „gegen jüdische Vorherrschaft“ kämpft.

**DAS REICH VERÄNDERT SICH.** Und der zunehmende Antisemitismus ist nur ein Phänomen des Wandels nach der Krise. Denn es gibt keinerlei Anzeichen, dass sich die Wirtschaft rasch erholen wird. Der stetige Aufschwung, der bereits Jahre vor dem Boom begonnen hat, ist erlahmt. Die Preise fallen, in dieser Deflation fährt die Industrie ihre Produktion herunter. Der Krach mündet in die schwerste ökonomische Depression des Jahrhunderts.

Und der Reichskanzler laviert – jahrelang weiß Otto von Bismarck nicht, welche Richtung er in der Wirtschaftspolitik einschlagen soll. Die Liberalen wollen das Laissezfaire der Gründerjahre beibehalten, sie setzen sich für den Freihandel ein. Sie glauben, dass die Überproduktion schuld an der Krise ist und setzen auf steigende Nachfrage aus dem Ausland. Ganz anders die angeschlagene Schwerindustrie: Die ruft nach Schutzzöllen vor Konkurrenz aus dem Ausland – eine protektionistische Forderung, der sich weite Teile der Öffentlichkeit anschließen. Doch Bismarck zögert. Erst 1878 ringt er sich dazu durch, mit den Nationalliberalen zu brechen und der darbenden Schwerindustrie sowie seinen Junkerfreunden deren zentralen Wunsch zu erfüllen: Er beendet die Freihandelspolitik der Gründerjahre.

Fortan verhängt das Deutsche Reich Schutzzölle auf zahlreiche Einfuhren, darunter wichtige Rohstoffe wie Eisen oder Getreide. Davon verspricht sich Bismarck nicht nur eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation, sondern auch höhere Staatseinnahmen. Die Zeit des sogenannten Manchester-Kapitalismus, in dem der Staat sich aus der Wirtschaft vollkommen heraushält, ist in Deutschland vorbei. Der Schwenk hin zum Protektionismus und die Abwendung von den Liberalen sind wesentliche Teile einer grundlegenden politischen Wende, die Bismarck in diesen Jahren vollzieht. Manche Historiker werden diesen Neuanfang später als „zweite Reichsgründung“ bezeichnen. Als den Beginn der konservativen Vorherrschaft im Deutschen Reich.

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt;

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt; Kretz, Sebastian: Boom und Börsenkrach. Die Zeit der Gründer, in: Otto von Bismarck 1815-1898. Diplomat, Kriegstreiber, Reichsgründer (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 52), Hamburg 2011.

-&gt;

-&gt;

# Erfindungen und technischer Fortschritt

#### Inhaltsverzeichnis

1. Erster Fahrstuhl präsentiert 12. Juli 1880 in Mannheim. Werner von Siemens
2. Tödliche See. <span class="s1">Im</span> Jahr<span class="s1"> 1913</span> verschwand der<span class="s2"> berühmte </span>Erfinder Rudolf Diesel spurlos<span class="s2"> auf</span> dem<span class="s2"> Weg </span><span class="s3">nach</span> England.
3. Die Neuerfindung des Kaffees
4. Forschung. Im Rausch der Erkenntnis

##### 1. Erster Fahrstuhl präsentiert 12. Juli 1880 in Mannheim. Werner von Siemens

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/QVFimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/QVFimage.png)

**Werner von Siemens** wird am 13. Dezember 1816 als viertes von vierzehn Kindern geboren. Knapp 19 jährig tritt er in die preußische Armee ein und erhält so Zugang zu einer Ausbildung an der Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin. Hier erwirbt er die Kenntnisse für seine späteren elektrotechnischen Entwicklungen.

Für das Militär konstruiert Siemens 1847 einen präzise arbeitenden Zeigertelegraphen und gründet noch im gleichen Jahr zusammen mit dem Mechaniker Johann Georg Halske die „Telegraphen Bau-Anstalt Siemens &amp; Halske“. Bereits ein Jahr später richtet das junge Unternehmen die Telegraphenleitung von Berlin zur deutschen Nationalversammlung in Frankfurt ein. Damit wird die Firma so bekannt, dass auch internationale Aufträge folgen.

Als Werner von Siemens 1866 das „dynamoelektrische Prinzip“ entdeckt und seine erste Dynamomaschine baut, erkennt er sofort die Bedeutung der elektrischen Energie und sucht nach praktischen Anwendungsmöglichkeiten. Bei der Konstruktion seiner 1879 bei der Berliner Industrieausstellung vorgestellten elektrisch betriebenen Eisenbahn, kommt ihm der Gedanke, dass es auch möglich sein müsste, Aufzüge mit elektrischem Antrieb zu bauen. Bis dahin wurden die Aufzüge mit hydraulischem Antrieb bewegt, was aber sehr aufwändig und teuer war.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/ra4image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/ra4image.jpeg)

Im April 1880 erhält Werner von Siemens ein Schreiben des „Central-Comité“ der „Gewerbliche &amp; Landwirtschaftliche Ausstellung des Pfalzgaus zu Mannheim“ mit der Bitte, für die Dauer der Ausstellung einen elektrischen Aufzug zu überlassen. Siemens sagt zu und beginnt mit der Konstruktion.

Eine an drei Seiten mit Gittern umgebene Plattform wird mit einem darunter abgebrachten 3 PS starken Gleichstrommotor über ein Zahnradgetriebe mit einer Geschwindigkeit von einem halben Meter pro Sekunde emporgehoben. Der an den 20 Meter hohen Aussichtsturm des Hauptzollamtes montierte Aufzug wird zur Sensation der zwischen Schloss und Parkring angesiedelten Pfalzgau-Ausstellung. Mehr als 8.000 Besucher lassen sich für 20 Pfennig von dem elektrischen Aufzug transportieren und können einen Blick über Mannheim genießen.

Der inzwischen zum geheimen Regierungsrat ernannte Dr. Werner Siemens leitet seinen Vortrag vor dem „Elektrotechnischen Verein“ am 26. Oktober 1880 mit den Worten ein: „Die Kraftübertragung durch dynamoelektrische Maschinen hat in dem von der Firma Siemens &amp; Halske in Mannheim ausgestellten Aufzuge für Personen eine neue Anwendung gefunden, die von großer Bedeutung zu werden verspricht.“ Tatsächlich ermöglicht erst der elektrische Aufzug den Bau von Hochhäusern und den Siegeszug der Wolkenkratzer.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/rowimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/rowimage.jpeg)

##### 2. Tödliche See. <span class="s1">Im</span> Jahr<span class="s1"> 1913</span> verschwand der<span class="s2"> berühmte </span>Erfinder Rudolf Diesel spurlos<span class="s2"> auf</span> dem<span class="s2"> Weg </span><span class="s3">nach</span> England.

<span class="s1">Es</span> war wohl eine<span class="s2"> Tragödie,</span><span class="s3"> ganz</span> sicher war es eine Sensation <span class="s4">und</span> sogleich<span class="s5"> ein</span> Medienereignis.<span class="s5"> Und es</span> bleibt<span class="s5"> ein</span> Myste<span class="s6">rium.</span> Die *New*<span class="s7"> *York Times*</span><span class="s8"> vermeldete</span> im Spätsommer<span class="s4"> 1913. </span><span class="s5">»Der</span> Doktor und<span class="s5"> berühmte</span> Erfinder Rudolf<span class="s5"> Diesel«</span> sei<span class="s4"> spur</span>los verschwunden, und das<span class="s5"> »unter höchst ungeklärten</span> Um<span class="s5">ständen«. Wie</span> sensationell sein Verschwinden war, merkt <span class="s9">man</span> daran, dass<span class="s3"> diese</span> Nachricht<span class="s5"> nur</span> einen<span class="s5"> Tag benötigte, </span><span class="s9">um</span> es auf die Titelseite<span class="s5"> der *New*</span> *York Times* zu schaffen. Was <span class="s7">angesichts</span> der Kommunikationsmöglichkeiten<span class="s7"> damals</span><span class="s4"> auch </span>schon eine Sensation war.<span class="s5"> Die</span> Spur<span class="s5"> des über</span> alle Grenzen hinweg bekannten Ingenieurs verliert<span class="s6"> sich</span><span class="s5"> am</span><span class="s6"> 29.</span> Septem<span class="s7">ber</span> 1913.<span class="s5"> </span>

Rudolf Diesel, damals<span class="s9"> 55</span><span class="s6"> Jahre</span><span class="s4"> alt,</span> ist<span class="s5"> der</span> Erfinder des<span class="s9"> nach </span><span class="s9">ihm</span> benannten Dieselmotors,<span class="s5"> den er in</span> mehreren ihm gesprochenen Patenten beim Kaiserlichen<span class="s10"> Patentamt zu </span><span class="s6">Berlin</span><span class="s7"> etwas</span> umständlich<span class="s7"> eine</span> »rationelle Wärmekraftma<span class="s5">schine«</span> genannt hatte. Entwickelt wurde seine,<span class="s5"> wie Diesel sie auch nannte</span><span class="s7">,</span> »effiziente Kompressionszündun<span class="s7">gsmaschine<span class="s5">« </span></span><span class="s7">seit 1893</span> in<span class="s7"> Augsburg,</span> im Vorläuferwerk<span class="s11"> von MAN, unter finanzieller Beteiligung des Industriellen Friedrich Krupp - </span><span class="s1">ein</span><span class="s2"> früher</span> Risikokapitalgeber<span class="s2"> und</span> Investor. Trotz des potenten<span class="s2"> Unterstützers</span> entstand erst 1897 ein funktionstüchtiges Modell<span class="s4">,</span> dessen Innenleben und Technik dann allerdings <span class="s5">so</span><span class="s2"> gründlich von</span> Diesels Konzept abwich, dass<span class="s2"> der</span><span class="s6"> Erfinde</span><span class="s7">r</span> daran keine Patentrechte mehr hielt.<span class="s2"> Der</span><span class="s8"> Motor</span><span class="s2"> war wese</span>ntlich effizienter<span class="s2"> als herkömmliche</span> Dampfmaschi<span class="s9">nen</span> und trat<span class="s5"> sofort</span> seinen Siegeszug an. Bald schon wurde er in Kriegsschiffen, Generatoren,<span class="s2"> Zügen und</span> Anlagen<span class="s2"> zur </span>Kohle- und<span class="s2"> Ölförderung</span><span class="s4"> eingesetzt.</span> Bis 1912 tuckerten mehr <span class="s10">als</span> 70 000 Dieselmotoren<span class="s2"> in den</span> fortschrittlichsten<span class="s11"> Fabri</span><span class="s1">ken</span> und Fahrzeugen<span class="s2"> der</span><span class="s4"> Welt.</span> Durch seinen<span class="s2"> revolutionären </span>Antrieb wurde<span class="s2"> der</span> 1858 in Paris<span class="s8"> geborene</span> deutsche Ingenieur <span class="s9">zum</span><span class="s10"> Star:</span><span class="s9"> Er</span><span class="s5"> galt</span> als ein<span class="s9"> bis zur</span> völligen Erschöpfung<span class="s9"> arbei</span>tendes Genie,<span class="s2"> für den selbstzündenden</span> Verbrennungsmotor wurde Diesel 1900<span class="s2"> mit dem</span> Grand Prix<span class="s2"> der</span> Weltausstellung <span class="s9">von</span><span class="s10"> Paris</span> prämiert.

Diesels Vater war Buchbinder,<span class="s2"> er</span> war<span class="s2"> der</span> Liebe seines<span class="s2"> Le</span><span class="s9">bens</span> gefolgt und 1848 von<span class="s9"> Augsburg nach Paris</span> gezogen, <span class="s1">um</span> dort<span class="s2"> zu</span> heiraten<span class="s2"> und</span> fortan<span class="s2"> zu</span> leben. Beim Ausbruch des<span class="s2"> Deutsch-Französischen</span> Krieges 1870 musste<span class="s2"> die</span> Familie <span class="s10">Frankreich</span><span class="s5"> wieder</span> verlassen.<span class="s2"> Man zog</span> nach London.<span class="s2"> Ru</span><span class="s8">dolf,</span> der<span class="s8"> zweitgeborene</span> Sohn, wurde<span class="s2"> zu</span> seinem Onkel nach Augsburg geschickt. Der junge Diesel, immer einer der besten Schüler, wollte Ingenieur werden und schloss alles, was man dazu an Ausbildungen absolvieren konnte, stets als Primus ab. Sein Studium und die Promotion<span class="s8"> beendete</span><span class="s2"> er an der</span> Technischen Hochschule München (der<span class="s9"> heutigen</span> TU)<span class="s5"> sogar</span> als Bester seit Bestehen der Lehranstalt.

Nur geschäftlich war mir d<span class="s9">iesem</span><span class="s2"> Düsentrieb</span><span class="s9"> kaum etwas anzufangen. </span><span class="s2">Obwohl er</span> durch<span class="s2"> die</span> Lizenzzahlungen<span class="s2"> für</span> seinen Motor ein <span class="s2">üppiges, ja</span><span class="s4"> gehobenstes</span> Einkommen hatte und mit seiner Familie <span class="s2">in</span> einer prachtvoll<span class="s2"> für</span> ihn gebauten Nobelvilla<span class="s1"> in</span> Bogenhausen wohnte, wurde<span class="s1"> er von</span> seinen <span class="s2">Partnern</span> und<span class="s1"> von</span> Konkurrenten,<span class="s1"> die</span><span class="s3"> sich</span> als seine Partner ausgaben, nach<span class="s3"> Strich</span> und Faden<span class="s1"> übers</span> Ohr gehauen. Die<span class="s4"> un</span><span class="s1">zähligen</span> Prozesse<span class="s1"> um die</span> Patente wurden<span class="s1"> zu</span> einem<span class="s1"> großen </span>Problem<span class="s1"> für</span> ihn.<span class="s1"> Sie</span> belasteten ihn nicht nur finanziell,<span class="s1"> sie </span><span class="s1">zerrütteten schließlich</span> auch seine Gesundheit.

<span class="s5">Die</span> ständigen Kalamitäten<span class="s5"> zwangen Rudolf Diesel</span> am <span class="s3">29.</span> September<span class="s2"> 1913</span><span class="s1"> zu</span> einer Reise nach London zu einer Ver<span class="s5">ammlung</span><span class="s1"> der Vorstände der</span> Consolidated Diesel Manufac<span class="s2">turing</span> Ltd.<span class="s1"> Man</span> munkelte, seine<span class="s3"> Firma</span> wolle<span class="s1"> der</span> britischen Navy Diesels Maschinen andienen. In Antwerpen bestieg<span class="s1"> er </span><span class="s5">das</span> Dampf-Fährschiff<span class="s5"> *Dresden*</span> zu<span class="s5"> einer</span><span class="s3"> Fahrt</span> über den Är<span class="s2">melkanal,</span><span class="s1"> am nächsten Tag</span> sollte<span class="s1"> die</span> Sitzung stattfinden. <span class="s5">Diesel</span> hatte noch<span class="s1"> vor der</span> Abreise<span class="s1"> in</span> einem Brief<span class="s1"> an</span> seinen <span class="s2">Sohn</span><span class="s1"> über</span> Herzprobleme geklagt. Doch<span class="s1"> am</span> Reisetag<span class="s1"> sei er </span>bester Dinge und voller Zuversicht gewesen, berichten Zeugen,<span class="s1"> die mit</span> ihm an Bord waren. Die<span class="s1"> *New*</span> *York Times* spricht <span class="s6">in</span> ihrer Meldung vom Folgetag davon, Diesel sei sogar<span class="s1"> »in</span> the very best<span class="s1"> spirits«</span> gewesen.

<span class="s7">Er</span> hatte<span class="s1"> an</span> Bord ein Abendessen eingenommen und<span class="s3"> sich </span><span class="s8">zur</span> Nacht verabschiedet, bat noch<span class="s2"> darum,</span> am<span class="s1"> nächsten</span><span class="s9"> Mor</span>gen um<span class="s10"> 6.15</span> Uhr geweckt zu werden<span class="s1"> -</span> und ward danach nicht mehr lebend gesehen. Als das Boot<span class="s1"> am nächsten</span><span class="s9"> Morgen</span> in <span class="s2">England</span> anlegte, befand<span class="s3"> sich</span><span class="s1"> der berühmte</span> Erfinder nicht mehr an Bord der<span class="s1"> Fähre.</span> Man fand in seiner Kabine ein unbenutztes Bett, einen ordentlich ausgelegten Schlafanzug und seine auf den Nachttisch drapierte Armbanduhr. Im Schloss seines Koffers steckte noch<span class="s1"> der Schlüssel.</span> Sofort entstand<span class="s1">en </span>Verschwörungstheorien: Der Ingenieur, der seine Patente an die Marine einer feindlichen Macht verkaufen wollte, sei von deutschen oder amerikanischen Agenten über Board geworfen worden. Ein Selbstmord wurde ebenfalls erwogen. Er sei übernervös gewesen, habe vor Antritt der Reise seine Frau zu deren Mutter nach Remscheid geschickt, danach wie ein Wahnsinniger allein die Bogenhausener Villa am Isarhang durchstreift, bevor er selber seine Koffer packte. Doch hieß es nicht, er sei am Abend vor dem Verschwinden <span class="s1">»in</span> the very best spirits gewesen?<span class="s1"> So</span> ein Mann sagt doch nicht<span class="s1"> höflich ,,Gute Nacht'' und bittet darum pünktlich geweckt zu werden, legt seine Nachtwäsche aus, um wenig später über die Reling zu springen.</span>

##### <span class="s1">3. Die Neuerfidnung des Kaffees</span>

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/Sbfimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/Sbfimage.jpeg)

*Große Geschichten beginnen manchmal mit kleinen Einfällen. 1908 wurde beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin ein Gebrauchsmuster angemeldet, das in mehrfacher Hinsicht bedeutsam ist: Zum einen gehörte die Anmelderin zu den ersten Frauen, die ihre eigenen Erfindungen schützen ließen. Zum anderen war diese Erfindung so erfolgreich, dass sie bis heute praktisch in keinem Haushalt fehlt und ein Unternehmen begründete, das auch über ein Jahrhundert später noch floriert.*

Amalie Auguste Melitta Liebscher wurde am 31. Januar 1873 in Dresden als Tochter eines Buchhändlers geboren. Sie heiratete den Kaufmann Emil Hugo Bentz und bekam mit ihm zwei Söhne, Willy und Horst. Wie jede Hausfrau suchte Melitta Bentz ständig neue Lösungen für die diversen Herausforderungen des Alltags. Das ist in einem Unternehmen im Prinzip nicht anders - und Melittas Haushalt sollte schon sehr bald ein Unternehmen sein.

<a id="bkmrk--5"></a>

**Genial einfach**

<div id="bkmrk--6"><div class="article_img_rec_q">![Kaffeefilter "Original Melitta No 1"](https://www.dpma.de/images/bilder_intern/historische_bilder/ac_1108_melitta_kaffeefilter_klein.jpg)</div></div>Kaffeefilter "Original Melitta No 1"

Melitta Bentz suchte neue Wege, besseren Kaffee zu brauen. Bis dahin wurde das Getränk meist gebrüht, indem man heißes Wasser auf gemahlene Kaffeebohnen goss und wartete, bis sich das Pulver am Boden der Kanne einigermaßen abgesetzt hatte (deswegen haben Kaffeekannen – im Gegensatz zu Teekannen, in denen die Blätter oben schwimmen – die Tülle oben). Alternativ konnte man das Gemisch auch absieben. Aber das ergab selten einen sauberen Kaffee, denn die Löcher im Sieb waren meist entweder zu klein und verstopften oder aber zu groß und der Satz schwamm doch wieder größtenteils in der Tasse. Oft war der Kaffee nach dieser Prozedur nur noch lauwarm. Und der Kaffeesatz verursachte einen unangenehmen Nachgeschmack.

Die Erfinderin experimentierte in ihrer Küche mit einem grob durchlöcherten Messingbecher als Sieb. Dann hatte sie die Idee, zusätzlich einen Filter in den Becher einzulegen und suchte nach einem geeigneten Material. Fündig wurde sie im Schulheft ihres Sohnes: Sie nahm ein Blatt Löschpapier, schnitt es zu und legte es in den Becher. Diese ebenso einfache wie geniale Idee bedeutete eine Revolution in der Kaffeezubereitung und war die Geburtsstunde eines bis heute erfolgreichen Unternehmens.

<a id="bkmrk--8"></a>

<div id="bkmrk--9"><div class="article_img_rec_h">[![DE640946A](https://www.dpma.de/images/bilder_intern/schutzrechtsdokumente/patente/aj_0813_de640946a_filtertuete1937_klein_hoch.jpg)](https://www.dpma.de/images/bilder_intern/schutzrechtsdokumente/patente/aj_0813_de640946a_filtertuete1937_lupe.jpg "Klicken für größere Ansicht")</div></div>DE640946A

Melitta Bentz tüftelte weiter an der Optimierung ihrer Erfindung und meldete sie am 20. Juni 1908 beim Kaiserlichen Patentamt als Gebrauchsmuster an: "Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem und mit Vertiefung versehenem Boden sowie mit schräg gerichteten Durchflusslöchern". Das gewerbliche Schutzrecht wurde mit Registrierung vom 8. Juli 1908 auf Seite 1145 der Patentblätter des Kaiserlichen Patentamts zu Berlin eingetragen (diese und andere Gebrauchsmusterschriften von Melitta gingen leider im Zweiten Weltkrieg verloren).

<a id="bkmrk--11"></a>

**Ein Familienbetrieb entsteht**

<div id="bkmrk--12"><div class="article_img_lin_q">![Melitta Kaffeefilter: Zeichnung aus der Patentschrift DE 653796A (1937)](https://www.dpma.de/images/bilder_intern/schutzrechtsdokumente/aj_0608_de653796a_melittafilter_klein.jpg)</div></div>Melitta Kaffeefilter: Zeichnung aus der Patentschrift DE 653796A (1937)

Bentz erkannte früh das kommerzielle Potenzial ihrer Erfindung und unternahm erste Schritte zur Vermarktung des neuen Filters. Mit ihrem Mann, der seinen Job bald zugunsten der gemeinsamen Geschäftsidee an den Nagel hängte, gründete sie ein Unternehmen. Schon am 15. Dezember 1908 folgte die Eintragung der neuen Firma ins Handelsregister. Sitz dieses „Kaufmännischen Agentur- und Komissionsgeschäftes“ mit dem Titel „M. Bentz, Marschallstraße 31“ sowie einem eingetragenen Startkapital von 72 Reichspfennigen war zunächst ein Zimmer in der Dresdner Wohnung der Familie Bentz.

Die ersten 50 Filterkörper ließ Melitta in einer Metallwarenfabrik in Westfalen fertigen, das erste Filterpapier lieferte eine Papierfabrik in Sachsen. Das Ehepaar erwies sich auch bei der Vermarktung als höchst erfinderisch. Zunächst begann Hugo Bentz, die örtlichen Geschäfte abzuklappern und ihre Erfindung vorzustellen. Dann führte er den Filter in den Schaufenstern der Läden vor. So etwas hatte es bis dahin nicht gegeben, das sorgte für Aufsehen. Später übernahmen eigens engagierte „Vorführdamen“ diese Aufgabe. Melitta erfand derweil praktisch den Strukturvertrieb und demonstrierte ihren Filter bei privaten Kaffeekränzchen – ein Verkaufsmodell, das bis heute von manchen Unternehmen erfolgreich gepflegt wird.

<a id="bkmrk--14"></a>

<div id="bkmrk--15"><div class="article_img_rec_h">![Melitta Bentz](https://www.dpma.de/images/gemeinfrei_cc/a_portraits_personen/ba_0150_melittabentzviawikimediacommons_klein.jpg)</div></div>Melitta Bentz

Auch die beiden Söhne wurden in dem jungen Familienunternehmen eingesetzt – sie lieferten die Ware per Bollerwagen an die ersten Kunden aus. 1909 wurden die Filter auf der Leipziger Messe vorgestellt und mit über 1.200 verkauften Exemplaren ein großer Erfolg. 1910 erhielt der "Filtrierapparat" auf der internationalen Hygieneausstellung in Dresden Medaillen.

Das Ehepaar baute seine kleine Firma kontinuierlich aus und schützte sie durch Marken: Sie ließen 1911 die Wortmarke „Melitta“ für „Kaffeefilter“ (Az. 156 696/21, angemeldet 13. 09. 1911) und 1913 eine gleichlautende Wortmarke für „Haus- und Küchengeräte, Filtrierpapier, Koch- und Heizapparate“ (Az. 180 819/07, angemeldet 27. 03. 1913) eintragen. Beide sind noch heute gültig.

<a id="bkmrk--17"></a>

**Firmenchefin in schweren Zeiten**

Der Erste Weltkrieg warf Melitta aber sehr zurück: Der Kaffeeimport kam zum Erliegen, Papier wurde knapp, Melittas Mann und Sohn mussten an die Front. Quasi im Alleingang brachte sie das kleine Unternehmen durch die Kriegsjahre und die unruhige Zeit danach. 1923 wurde ihr ältester Sohn Willy Mitinhaber und beflügelte den Vertrieb. Der Aufschwung der Firma, die nun „Bentz &amp; Sohn OHG“, hieß, begann.  
Zum Schutz vor Nachahmern führte Melitta 1925 die heute noch übliche rot-grüne Farbkombination für ihre Filterpapierpackungen ein und schützte sie markenrechtlich. 1929 wurde der Raum in Dresden zu knapp; das Unternehmen übersiedelte nach Minden in Westfalen, wo es bis heute sitzt. Es wurde 1932 in „Melitta-Werke AG“ umbenannt.

<a id="bkmrk--19"></a>

**Der Filter erhält seine bis heute gültige Form**

<div id="bkmrk--20"><div class="article_img_rec_h">![DE652010](https://www.dpma.de/images/bilder_intern/schutzrechtsdokumente/aj_0813_de652010filtervon1936_klein_hoch.jpg)</div></div>DE652010, Melittas Filterpatent von 1936

Zwischen 1932 und 1937 entwickelte das Unternehmen der Familie Bentz den Metall-Rundfilter zum Schnellfilter aus Porzellan weiter. Dazu wurde anfangs planes Filterpapier benutzt, das durch einen Aluminium-Eindrücker in die richtige Form kam. 1936 erhielt der Porzellan-Filter eine neue Form: Der Boden war fortan oval und lief konisch zu, wie aus der Patentschrift [![pdf-Datei](https://www.dpma.de/images/icon_extension_pdf.gif) DE652010](https://www.dpma.de/docs/dpma/veroeffentlichungen/meilensteine/2025/de652010a_aufbruehhfiltter1937.pdf) ersichtlich. Dazu entwickelte die Firma passende Filtertüten, die sich der Form des Filtergefäßes besser anpassten, da das Filterpapier auf den Rippen der Innenwandung auflag. Diese Form des Filters und der Filtertüten behielt das Unternehmen praktisch bis heute bei. Die Filtertüte wurde unter der Nummer [![pdf-Datei](https://www.dpma.de/images/icon_extension_pdf.gif) DE640946](https://www.dpma.de/docs/dpma/veroeffentlichungen/meilensteine/2025/de640946a_filtertuete1937.pdf) patentiert.

In der NS-Zeit suchte das Unternehmen die Nähe zu den Machthabern, Horst Bentz trat Partei und SS bei. Während des Krieges beschäftigte Melitta Zwangsarbeiter und musste seine Produktion auf Pfannen und Töpfe umstellen.

<a id="bkmrk--22"></a>

**Hunderte von Anmeldungen folgten**

<div id="bkmrk--23"><div class="article_img_lin_h">[![DE102023123349A1 ](https://www.dpma.de/images/bilder_intern/schutzrechtsdokumente/patente/aj_0813_de102023123349a1_getraenkebereitungsmaschine_klein_hoch.jpg)](https://www.dpma.de/images/bilder_intern/schutzrechtsdokumente/patente/aj_0813_de102023123349a1_getraenkebereitungsmaschine_lupe.jpg "Klicken für größere Ansicht")</div></div>Melitta-Anmeldung DE102023123349A1 ("Getränkebereitungsmaschine")

Mit der Zeit entwickelte sich aus dem Familienunternehmen eine sehr erfolgreiche und entwicklungsfreudige Unternehmensgruppe, die weltweit hunderte von Patenten anmeldete. Melitta brachte beispielsweise 1962 als erster Anbieter gemahlenen Kaffee in einer Vakuumverpackung auf den deutschen Markt und präsentierte eine der ersten elektrischen Kaffeemaschinen (1965).

Melitta Bentz starb am 29. Juni 1950 in Holzhausen bei Minden. Das einstige Wohnzimmer-Unternehmen, das von ihr mit ein paar Pfennigen Kapital gegründet wurde, produziert heute nach eigenen Angaben jeden Tag rund 50 Millionen Kaffeefilter. Denn trotz Tabs und Kapseln erfreut sich der klassische Filterkaffee weiterhin größter Beliebtheit (Melitta bedient heute aber auch die Freunde von Vollautomaten und Pads). Das Unternehmen meldet weiterhin fleißig Gebrauchsmuster und Patente an, zuletzt u.a. [![pdf-Datei](https://www.dpma.de/images/icon_extension_pdf.gif) DE102023123349A1](https://www.dpma.de/docs/dpma/veroeffentlichungen/meilensteine/2025/de102023123349a1_getraenkebereitungsmaschine.pdf) ("Getränkebereitungsmaschine") und [![pdf-Datei](https://www.dpma.de/images/icon_extension_pdf.gif) DE102023127099A1](https://www.dpma.de/docs/dpma/veroeffentlichungen/meilensteine/2025/de102023127099a1_kolbenkaffeemaschine.pdf) (1,09 MB) ("Kolbenkaffeemaschine"). Der Konzern, der mittlerweile mehrere Dutzend Firmen und Tausende Mitarbeiter umfasst, wird derzeit in der vierten Generation von Melitta Bentz´ Familie geführt.

##### 4. Forschung. Im Rausch der Erkenntnis

Impfstoffe aus dem Reagenzglas, mysteriöse X-Strahlen und die unsichtbare Welt der Atome – fortschrittsgläubig wie nie zuvor machen sich Mediziner, Physiker und Chemiker daran, die Rätsel der Natur zu lösen. Großzügig subventioniert der Staat die Spitzenforschung. Mit Erfolg: Bis 1918 geht jeder dritte naturwissenschaftliche Nobelpreis an einen Deutschen. Und die Triumphe der Forscher fördern das Geltungsbewusstsein des jungen Staates

[![Rausch_der_Erkenntnis_Behring_7839427-scaled.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/rausch-der-erkenntnis-behring-7839427-scaled.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/rausch-der-erkenntnis-behring-7839427-scaled.jpg)

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image size-large" id="bkmrk-sieg-%C3%BCber-die-diphth"><figcaption class="no-tts no-tts wp-element-caption">Sieg über die Diphtherie: Emil von Behring – hier um 1900 am Schreibtisch – erhält 1901 den ersten Nobelpreis für Medizin (Foto: picture-alliance/ dpa | Fotoreport Chiron handout)</figcaption></figure>Stockholm liegt unter einer dichten Schneedecke, als drei in dicke Reisemäntel gehüllte Herren am 9. Dezember 1901 am Bahnhof dem Zug entsteigen. Kein Sonnenstrahl durchdringt die grauen Wolken, und die Hauptstadt der Schweden verschwimmt im Dämmerlicht nordischer Wintertage. Noch bevor die Reisenden ins hell erleuchtete Grand Hôtel chauffiert werden, verbreitet sich die Nachricht von ihrer Ankunft in der Stadt. Das müssen sie sein. Jene Männer, die mit ihren Experimenten und Studien in den Jahren zuvor die moderne Naturwissenschaft entscheidend vorangebracht haben: die ersten Forscher, die das Komitee der im Vorjahr gegründeten Nobelstiftung für ihre neue Ehrung auserkoren hat.

Alle drei Preisträger sind aus Deutschland angereist: Es sind der Münchener Physikprofessor Wilhelm Conrad Röntgen, der Entdecker der Serum-Therapie, Emil von Behring, sowie der Chemiker Jacobus Hendricus van’t Hoff, ein Niederländer, der seine Studien über osmotischen Druck und ozeanische Salzablagerungen seit 1896 an der Berliner Universität betreibt. Sie sind die Leitfiguren einer Nation im Erkenntnisrausch. Binnen weniger Jahrzehnte ist aus dem in wissenschaftlich-technischen Belangen eher rückständigen Volk der Dichter und Philosophen eines der Naturforscher und Entdecker geworden. Das junge Deutsche Reich hat die wissenschaftlichen Großmächte Frankreich und Großbritannien zumindest in der Grundlagenforschung überholt: ein dynamisches Zentrum der Innovation, wo Studenten aus der ganzen Welt ihre Auslandssemester verbringen, um bei den renommiertesten Vertretern ihres Fachs zu lernen.

In München und Bonn, Halle und Göttingen, Berlin, Breslau und Würzburg werden mit bislang ungekanntem Aufwand elektromagnetische Wellen vermessen und deren Geschwindigkeit als die des Lichts festgestellt. Wird die noch immer „geheimnisvolle Naturkraft“ des elektrischen Stroms gezähmt, um sie per Kabel von Lauffen am Neckar nach Frankfurt am Main zu senden. Werden natürliche Farbstoffe und Arzneien im Reagenzglas reproduziert und genau dosierte Stromspannungen an die Muskeln von Froschschenkeln angelegt, um endlich die lange verklärte Natur als arbeitende Maschine zu entmystifizieren. An mehr als 20 Universitäten und neun Technischen Hochschulen spüren die Deutschen um die Jahrhundertwende den großen Welträtseln nach – dank modernster Präzisionsmesstechnik, die in Berlin an der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt entwickelt wird, einer Institution, die es so weltweit nirgendwo gibt.

> Erstklassige Labors für die klügsten Köpfe im Reich

Im elsässischen Straßburg etwa ist sofort nach der Gründung des neuen deutschen Staatswesens für fast 14 Millionen Mark eine Reichsuniversität eingerichtet worden, in der die nationale Selbstverwirklichung nun auch ausdrücklich mithilfe der Freiheit der Wissenschaft befördert werden soll.

In Jena begründet der Philosoph und Zoologe Ernst Haeckel eine Bewegung von „Freidenkern“, die mit dem Glauben an die Allmacht der Naturgesetze am Ende gar die christliche Religion ersetzen wollen – seine Anhänger werden den Autor eines „Glaubensbekenntnisses der Reinen Vernunft“ später sogar zu einer Art Gegenpapst ausrufen.

In Berlin, einem Weltzentrum der Physik, stellt Max Planck in seiner Theorie über Wärmestrahlung die Behauptung auf, dass Energie nicht kontinuierlich fließt, sondern in winzigen „Paketen“, zu deren Berechnung er eine mysteriöse Größe namens „h“ erfindet – eine universelle Naturkonstante, wie sich später herausstellt: ein kaum fassbar kleines Wirkungsquantum, das beispielsweise von einer Fahrradglühbirne in einer einzigen Sekunde vier Quintilliarden Mal erreicht wird. Plancks Entdeckung stellt das bislang scheinbar so fest gefügte Weltbild der Physik vollständig auf den Kopf: weil sie den Forschern erstmals erschließt, dass in der unsichtbaren Welt der Atome das bislang als unumstößlich geltende Gesetz von Ursache und Wirkung aufgehoben ist.

So überschwänglich ist die Goldgräberstimmung in der deutschen Forscherschaft, dass der Berliner Physiologe Emil du Bois-Reymond den Sieg der „naturwissenschaftlichen Anschauung“ als geistige Befreiungsbewegung postuliert: als Triumph einer „Weltbesiegerin unserer Tage“ und als Einschnitt in die Geschichte der zivilisierten Menschheit – nicht minder bedeutsam als einst die Abkehr von der Vielgötterei. Und im Zirkus Renz, dem größten Versammlungsraum der Reichshauptstadt, beschwört der Dynamo-Erfinder Werner Siemens vor 2700 deutschen Naturforschern und Ärzten euphorisch seine Überzeugung, „dass das Licht der Wahrheit, die wir erforschen, nicht auf Irrwege führen, und dass die Machtfülle, die es der Menschheit zuführt, sie nicht erniedrigen kann, sondern sie auf eine höhere Stufe des Daseins erheben muss!“

Im selben Jahr, 1886, experimentiert Heinrich Hertz als Erster erfolgreich mit elektromagnetischen Wellen; erforscht Robert Koch den zuvor von ihm in Kalkutta entdeckten Cholera-Bazillus. Vier Jahre später entwickelt Emil von Behring das Diphtherie-Heilserum. Und weitere fünf Jahre danach, 1895, durchleuchtet Röntgen zum ersten Mal die Hand seiner Frau mit den von ihm entdeckten „X-Strahlen“ – jene Pioniertat, für die er 1901 als erster Physiker in Stockholm mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird.

**DORT IST AM** 10. Dezember jenes Jahres die Halle der Königlich-Schwedischen Musikakademie für die Feierlichkeiten hergerichtet: Unter einem mit blau-goldenen Bändern umwundenen Lorbeerkranz trägt ein Obelisk die Büste des Stifters Alfred Nobel. Kurz vor dem Einzug der Königsfamilie nehmen die Preisträger ihre Plätze ein. „Öffne deine Pforten, du strahlender Tempelgarten der Erinnerung!“, intoniert ein Männerquartett auf der Bühne, ehe Mitglieder des Nobel-Komitees die Forscher in kurzen Ansprachen würdigen.

Gelöster ist die Stimmung anschließend beim Festbankett im Grand Hôtel, wo die Preisträger ihr „Filet de Boeuf à l’Impériale“ mit einem 81er Margaux hinunterspülen und wo enthusiastische Studenten den Chemiker Jacobus van’t Hoff in den frühen Morgenstunden auf einem vergoldeten Stuhl durch den Saal tragen. Alles in allem, so erzählt der eher scheue Röntgen einem Freund, habe sich das Gefeiertwerden aber noch aushalten lassen: „Die Schweden verstehen es, in einfacher und deshalb würdiger Weise solche Aufgaben zu erledigen.“

Ein Wesenszug, den noch viele von Röntgens Landsleuten schätzen werden: Bis 1918 geht mehr als ein Drittel aller Nobelpreise für wissenschaftliche Arbeiten an Forscher aus dem deutschen Kaiserreich. Und während der Weimarer Republik werden in Berlin wohl mehr Nobelpreisträger leben und arbeiten als in jeder anderen Stadt der Welt.

**WESHALB KANN SICH DAS** naturwissenschaftliche Zeitalter ausgerechnet in einem autoritär geführten, militaristischen und eben erst aus zersplitterten Einzelstaaten zusammengefügten Reich so viel kraftvoller als anderswo Bahn brechen?

Wie schaffen es die gerade erst vereinten Deutschen,ernsthaft mit den Nachbarn Großbritannien und Frankreich zu konkurrieren, die in ihren Kolonialreichen über scheinbar unerschöpfliche Rohstoffvorkommen verfügen? Und wie können sie es vor allem mit dem aufstrebenden Riesen USA aufnehmen, wo um die Jahrhundertwende Großindustrielle die Arbeit der Gelehrten mit märchenhaften Schenkungen unterstützen? Wo allein die Stiftung des Stahlbarons Andrew Carnegie zur Förderung der Wissenschaft in einem einzigen Jahr mehr Zinsen abwirft, als die britische Royal Institution im gesamten 19. Jahrhundert für ihre Forschungsprojekte ausgegeben hat?

Es ist eine ungewöhnliche Kombination unterschiedlicher Interessen, durch die um die Jahrhundertwende nahezu alle gesellschaftlichen Kräfte des deutschen Kaiserreiches die Entwicklung der Wissenschaft begünstigen:

• Naturwissenschaftliche Forschung wird zu einem Prestigefaktor im Wettbewerb der Staaten – in dem das junge, noch um ein nationales Selbstbewusstsein ringende deutsche Kaiserreich besonders ehrgeizig ist.

• Auch die deutschen Bundesstaaten stehen untereinander in einem Wettbewerb, der den Forschern zugute kommt. Die Landesregierungen konkurrieren miteinander um die klügsten Köpfe – und umwerben die Wissenschaftler mit aufwendigen Laborausstattungen und der Befreiung von Lehrverpflichtungen.

• Das Militär, entscheidender Machtfaktor im wilhelminischen Deutschland, ist immer stärker an Erkenntnissen aus der Naturwissenschaft interessiert. Röntgenstrahlen etwa, so hoffen der Kaiser und seine Generäle, könnten sich für die Kriegschirurgie einsetzen lassen. Oder zur Materialprüfung beim Bau von Panzerschiffen.

• Die neue Arbeiterkrankenversicherung, von Bismarck 1883 eingeführt, befördert indirekt die medizinische Forschung. Innerhalb von zehn Jahren wächst die Zahl der Krankenhäuser um fast 50 Prozent; überall im Reich entstehen moderne Heilstätten, an denen Neuerungen in Diagnostik und Therapie studiert werden.

• Die Wissenschaft und die immer stärker verwissenschaftlichte Industrie beginnen, sich gegenseitig zu beflügeln. So können beispielsweise Mediziner durch die aus Steinkohlenteer gewonnenen Anilinfarben der Industrie nun Gewebezellen einfärben und auf diese Weise die Diagnostik revolutionieren. Die Erfindung des Kunstdüngers auf Stickstoffbasis durch Fritz Haber ist nur dank seiner Beziehung zur chemischen Industrie möglich. Und die revolutionäre Plancksche Idee der Quanten ist im wesentlichen das Nebenprodukt einer Auftragsforschung für den „Deutschen Verein für Gasund Wasserfachmänner“.

• Die industrienahen Technischen Hochschulen erhalten 1899 das Promotionsrecht und bringen so eine Elite naturwissenschaftlich gebildeter Absolventen hervor – Führungskräfte für die deutsche Wirtschaft, die den Nutzen der nur scheinbar praxisfernen Grundlagenforschung kennen und entsprechend in firmeneigene Forschungsabteilungen investieren.

• Auch von privater Seite fließen größere Mittel in die Wissenschaft, insbesondere durch jüdische Bankiers und Industrielle. Für sie ist dieses Mäzenatentum in Zeiten des wachsenden Antisemitismus ein Weg zu mehr gesellschaftlicher Anerkennung – und oft sogar in den exklusiven Kreis der kaiserlichen Günstlinge.

• Die Universitäten selbst beförderndieEntwicklungdurch eine innovative Organisation des Lehrbetriebs, die schon bald weltweit nachgeahmt wird: Konsequenter als anderswo wandeln sich die Hochschulen im Reich von reinen Vorlesungsstätten zu überschaubaren Seminarbetrieben – ein Umfeld, in dem sich die neuen und hoch spezialisierten Forschungsfelder rasch und eigenständig entwickeln können.

• „Haupttreibrad einer deutschen Universität“ (so ein französischer Beobachter) ist die hierarchische Organisation der Hochschullehrerschaft. Das gilt vor allem in der Physik, wo oft nur forschen kann, wer über ein Ordinariat und damit über teure Geräte verfügt – eine Konkurrenzsituation, welche die Wissenschaftler anspornt. Wer es nicht bis an die Spitze schafft, muss sich wohl oder übel mit der ungeliebten theoretischen Physik befassen – und auch das ist ein Glücksfall: Denn als dieses Fach dank Planck und Einstein zur Avantgarde aufrückt, stehen in der zweiten Reihe viele theoretisch gebildete Physiker zur raschen Ausarbeitung der neuen Erkenntnisse bereit.

• Nicht zuletzt ist es auch die euphorische Stimmung im Land, die den empirischen Wissenschaften zu ihrer Blüte verhilft. Sie wird angestachelt von einem wissenschaftsbegeisterten Kaiser, der ab 1913 ehrenhalber den Titel „Doktor-Ingenieur“ führt, der die Forschung bisweilen so „aufregend wie die Pirsch auf einen Zwanzigender“ findet und seine Untertanen immer wieder auf den Positivismus einschwört. „Wir stehen an der Schwelle der Entfaltung neuer Kräfte. Das neue Jahrhundert wird bestimmt durch die Wissenschaft, inbegriffen die Technik, und nicht wie das vorige durch die Philosophie. Dem müssen wir entsprechen.“

Dass die deutschen Forscher diesen Auftrag von höchster Stelle auch wirklich erfüllen können, ist keineswegs selbstverständlich. Noch um 1880 scheinen die deutschen Universitäten von der Menge der neuen Aufgaben überfordert zu sein. Die Professoren müssen, entsprechend dem Ideal Wilhelm von Humboldts, dem humanistischen Bildungsauftrag und der wissenschaftlichen Erkenntnissuche gleichermaßen gerecht werden – und kommen dabei zunehmend in Zeitnot. Während sich die Zahl der Studenten naturwissenschaftlicher Fächer binnen weniger Jahrzehnte verzehnfacht, wachsen gleichzeitig die Anfragen aus der Industrie – und die immer komplexeren Probleme lassen die Kosten für Großforschungsprojekte rapide steigen.

**SO STEHT ES** um die deutsche Wissenschaft, als 1882 ein Juraprofessor namens Friedrich Althoff in Berlin Universitätsreferent im preußischen Kultusministerium wird. Im Finanzministerium begrüßt man ihn mit den Worten: „Es kann nichts mehr für die Universitäten geschehen. Sie sind zu einer ungünstigen Zeit gekommen.“ Doch Friedrich Althoff wird Mittel und Wege finden, mehr als 140 neue Institute, Seminare und Kliniken durchzuboxen. Er wird seinen „Oberfinanztyrannen“ mit Hartnäckigkeit immer wieder mürbe machen und zu höheren Forschungsausgaben bewegen. Er wird sich nicht einmal scheuen, dem Minister in den Urlaub nachzureisen, um ihn von der Wichtigkeit dieses oder jenes Institutsneubaus zu überzeugen. Vor allem aber: Dieser 43-jährige Westfale wird den deutschen Wissenschaftsbetrieb mit etwas völlig Neuartigem reformieren: mit einer aktiv gestaltenden Wissenschaftspolitik, die als „System Althoff“ bekannt wird – ein Erfolgsmodell aus Preußen, das schon bald auch in den Kultusverwaltungen der kleineren deutschen Bundesstaaten Schule macht.

Unter fünf preußischen Kultusministern steht Althoff bis 1907 im Beamtendienst – und überragt jeden von ihnen an Bedeutung. Er ist ein pedantischer Autokrat. Ein Mann von vierschrötigem Auftreten, der Professoren und Institutsleiter wie Schuljungen behandelt. Der hochrangige Besucher oft stundenlang in seinem düsteren Wartezimmer hocken lässt. Und der seinen Mitarbeitern schon morgens am Bahnhof ihr Arbeitspensum für den Tag aufgibt: hastig hingekritzelte Stichworte auf kleinen gelben und großen weißen Zetteln, die er getrennt in seiner Rock und seiner Westentasche aufbewahrt. Althoff macht sich durch seine schroffe Art viele Feinde – doch im Ministerium gilt er bald als unverzichtbar. Denn mit einem weit verzweigten Netz von Vertrauensleuten an allen Universitäten verschafft sich der naturwissenschaftliche Laie einen einzigartigen Überblick über Strömungen in der Forschung und über die Talente und Schwächen der Forscher.

Vor der Berufung eines Wissenschaftlers schickt Althoff heimlich Hörer in dessen Vorlesungen, korrespondiert mit Kollegen, sucht den Kontakt zu Studenten. Vom Bibliothekar der Universität Halle lässt er sich einmal erklären, dass ein von der Berliner Universität favorisierter Hallenser Gelehrter „ein sehr nervöser Herr, und in Folge dessen recht reizbar u. grämlich“ sei. Welchen Einfluss das Talentgespür eines einzelnen weitsichtigen Beamten aus Preußen auf die Blüte der gesamten deutschen Wissenschaft hat, zeigt sich vor allem in der Bakteriologie, einem neuen Fach, in dem nicht nur Emil von Behring den nobelpreiswürdigen Erfolg seiner Studien Friedrich Althoff mitverdankt. Denn die Zukunft dieser neuen Forschungsrichtung entscheidet sich im Mai 1891 nicht etwa in einem Labor oder einer Klinik – sondern im Sitzungssaal des preußischen Abgeordnetenhauses.

**DORT IST DIE STIMMUNG** an diesem 9. Mai unter den Parlamentariern vor der entscheidenden Debatte gereizt. Wenige Monate zuvor erst haben sie dem Hygieneprofessor Robert Koch eine halbe Million Mark für ein neues „Institut für Infektionskrankheiten“ bewilligt – mitgerissen von dem weltweiten Enthusiasmus, den der Forscher mit seiner Ankündigung ausgelöst hatte, ihm sei die Herstellung eines Tuberkulose-Medikaments gelungen. Nun ist das Institut noch nicht einmal vollendet – und das Heilmittel hat sich bereits als unwirksam, das ganze Projekt anscheinend als peinlicher Reinfall erwiesen. Soll man diesem Scharlatan wirklich noch einmal einen hohen Etat bewilligen, den er für weitere Studien fordert? Ist er nicht offensichtlich im Irrtum mit der umstrittenen These, ansteckende Krankheiten würden durch lebendige Mikroorganismen ausgelöst – und seien am besten mit spezifischen Medikamenten zu bekämpfen, die sich aus dem jeweiligen Erreger selbst herstellen ließen?

Fast alle Abgeordneten sind medizinische Laien. Nur einer von ihnen, Rudolf Virchow, ist ein Arzt und Naturwissenschaftler von Rang – und Kochs erbittertster Gegner. Nach Virchows weit verbreiteter Theorie werden Krankheiten durch einen örtlichen Zerfall von Zellen ausgelöst. Diesen Prozess könne die Medizin eher mit Hygienemaßnahmen beeinflussen und nicht mit der Jagd auf mikroskopisch kleine Wesen mit mysteriösen Eigenschaften. Doch noch ehe Virchow seine Argumente in der Debatte vorbringen kann, stellt sich der Geheime Oberregierungsrat Friedrich Althoff ans Rednerpult. Nachdem er Koch und Virchow für deren Verdienste gelobt hat, beschwört er eine „neue therapeutische Ära“ – und erlaubt sich dann, die Herren Abgeordneten auf einen anderen Gesichtspunkt hinzuweisen: „Die Sache hat auch eine patriotische Seite.“

Es gehe um „einen Ehrenpunkt“ der deutschen Wissenschaft. Und um deren gutes Recht, „da zu ernten, wo sie gesät hat“. Denn längst bemühten sich Forscher am französischen Institut Pasteur, aber auch in Österreich, in Russland und der Türkei, die revolutionären Erkenntnisse der deutschen Mikrobiologen zu verwerten. Daher sei der von Koch geforderte Staatszuschuss nicht zu hoch, im Gegenteil: „Es muss eine vollständige wissenschaftliche Mobilmachung erfolgen, da darf es in nichts an der Rüstung fehlen.“ Der militärische Jargon leuchtet den Abgeordneten besser ein als jede medizinische Erläuterung. Die Verteidigung mühsam eroberter Stellungen, so die Botschaft, erfordert auch in der Wissenschaft preußische Ausdauer, Disziplin und unerschütterlichen Wagemut: den zur Innovation nämlich.

> Der Erfolg deutscher Spitzenforschung ist kein Zufall, sondern hat System

Kochs Etat wird mit großer Mehrheit beschlossen. Ein Sieg der Rhetorik – und ein Markstein der Medizingeschichte, gesetzt von einem preußischen Beamten. Denn in Robert Kochs durch Althoff gerettetem „Institut für Infektionskrankheiten“ werden jetzt nicht nur dessen eigene verfeinerte (und später mit dem Nobelpreis gewürdigte) Tuberkulosestudien möglich. Koch hat nun auch die Möglichkeit, eine ganze Generation junger Bakteriologen zu beschäftigen, die den Fortgang der Heilkunst auf Jahrzehnte hinaus prägen werden. Und unter Kochs ersten 14 Schülern erkennt Friedrich Althoff schon bald mit sicherem Gespür die Fähigsten. Zum Beispiel Emil von Behring.

**ALS BEHRING** seinem Gönner 1892 zum ersten Mal im Ministerium Unter den Linden begegnet, hat der junge Mediziner seinen bahnbrechenden Aufsatz über eine Therapie mit Blutserum zwar bereits geschrieben, aber er ist nach wie vor ein kaum bekannter Assistent des berühmten Robert Koch.

> Die Genies aus den Instituten und Labors sind die Stars der Gesellschaft

Erst später werden sich Legenden um den streitbaren Wissenschaftler bilden. Wird beispielsweise jene Geschichte erzählt, wie am Heiligen Abend 1891 ein hoch gewachsener Unbekannter eilig den Wachtposten am Portal der Klinik in der Friedrichstraße passiert, ein Glasröhrchen mit gelblicher Flüssigkeit im Arztkoffer; wie er die rätselhafte Substanz im Diphtheriesaal einem längst aufgegebenen kranken Kind injiziert – und wie dieses bereits am Weihnachtsmorgen munter ist und rasch gesundet. In Fachkreisen ist das Talent des jungen Behring längst bekannt. Robert Koch persönlich hat ihm für seine Studien einen algerischen Hammel zur Verfügung gestellt: ein Tier, dem Behring im Kochschen Institut nun Diphtherieund Tetanuserreger injiziert. Das Blutserum des Hammels, so Behrings Theorie, werde schon bald vom Körper des Tieres produzierte Gegengifte enthalten. Und mit deren Injektion könne man einem krankheitsgeschwächten Menschen die anstrengende Abwehrreaktion gegen die Erreger abnehmen.

Es geht um eine völlig neue Art von Heilmitteln, die den Körper „wie einen Schinken von innen räuchern“ und ihn so gegen Krankheitserreger immun machen sollen. Heilmittel, mit denen Behring und dessen japanischer Kollege Kitasato möglicherweise sogar die Diphtherie besiegen können, jene Infektion von Hals und Kehlkopf, an der in Deutschland allein 1892 etwa 50 000 Kinder sterben. Mit gewohnter Diskretion holt Althoff Erkundigungen über den Mediziner ein, informiert sich über dessen Charakter, dessen Thesen, dessen Vortragsstil. Dann beruft er Behring als Hygieneprofessor nach Halle – wo man sich aber schon nach einigen Wochen über das mangelnde pädagogische Vermögen des streitbaren Neuzugangs beschwert. Doch Althoff vertraut seinem Gespür, bietet Behring eine Honorarprofessur in Bonn an, gründet schließlich für seinen Günstling in Marburg ein „Institut für experimentelle Therapie“ – trotz wütender Proteste der dortigen Professoren.

Behring, der durch einen (von Althoff vermittelten) Vertrag mit den Farbwerken Hoechst bereits seit Ende 1894 sein Diphtherie-Heilserum weltweit vermarkten kann, ist begeistert von seiner neuen Unabhängigkeit. 1896 schreibt er nach Berlin: „Möge noch recht vielen, mit harten Widerständen kämpfenden Gelehrten die stützende Hand von Euer Hochwohlgeboren sich so wirksam erweisen wie mir.“ Besonders nötig hat die stützende Hand aus Preußens Kultusministerium Behrings Rivale Paul Ehrlich, ein jüdischer Immunologe, den Althoff ebenfalls im Kochschen Institut entdeckt hat und dem er einen ganz auf dessen Bedürfnisse und Fähigkeiten zugeschnittenen Karriereweg bahnt, vorbei an den mit antisemitischen Vorurteilen infizierten Berufungsinstanzen. Ein Brief Ehrlichs an seinen Fürsprecher vom Juli 1907 ist ein eindrucksvolles Zeugnis für Althoffs visionäre Wissenschaftspolitik – und ein beschämendes Dokument der Benachteiligung von Juden in Deutschland, die trotz ihrer von der Reichsverfassung garantierten Gleichberechtigung massivem Antisemitismus ausgesetzt sind.

„Ich persönlich danke Ihnen ja meine ganze Karriere“, schreibt Ehrlich. „Als Assistent herumgeschubst und von der Universität absolut ignoriert, kam ich mir ziemlich unnütz vor. Ich habe nie einen Ruf an die kleinste Stelle erhalten und galt als Mensch ohne Fach, das heißt vollkommen unverwertbar. Wenn Sie nicht mit starker Hand und genialer Initiative für mich eingetreten wären, wäre ich vollkommen brachgelegt gewesen.“ So aber wird Ehrlich 1908 für seine bahnbrechenden Erkenntnisse über die Immunität mit dem Nobelpreis ausgezeichnet – als dritter von Althoffs Protegés im Fach Medizin.

**NICHT ALLE FORSCHER** sind auf die Gunst der preußischen Kultusverwaltung so angewiesen wie die Bakteriologen. Vor allem in der Physik werden einige der spektakulärsten Entdeckungen in anderen Teilen des Reichs gemacht, wo sich die Landesregierungen von der Übermacht der preußischen Universitäten anspornen lassen: ein föderaler Wettbewerb zwischen den deutschen Ländern, der die Forschung zusätzlich beflügelt. Zwar kann Althoff Forscher wie Philipp Lenard (Nobelpreis 1905 für die Erforschung der Kathodenstrahlung) an die Universität Kiel und Max Planck (Nobelpreis 1918 für die Quantentheorie) nach Berlin locken – und den jungen Heinrich Hertz geschickt aus dem badischen Karlsruhe ins preußische Bonn lotsen (wobei er verspricht, das Ministerium werde, was die gesetzliche Lehrverpflichtung des neuen Professors angehe, großzügig „durch die Finger sehen“).

Den um die Jahrhundertwende wohl populärsten deutschen Physiker aber kann der Ruf aus Berlin nicht locken. Wilhelm Conrad Röntgen, bis 1900 Professor in Würzburg, ist bereits kurz nach seiner Pioniertat so berühmt, dass er bald überall zu seinen eigenen Bedingungen forschen kann. Innerhalb weniger Wochen hat das Röntgenfieber ganz Europa ergriffen. In Würzburg marschieren Tausende mit Fackeln und Musikzügen vor das Salonfenster des Physikalischen Instituts, nachdem der Forscherstar schon leutselig vor den Augen von Studenten, Offizieren und anderen Neugierigen die Hände eines Kollegen durchleuchtet hatte. Und während eines Urlaubs in Florenz wird Röntgens Hotel von italienischen Bewunderern förmlich belagert.

Alles, alles trauen die Menschen den unsichtbaren Strahlen zu. In London bietet ein Geschäftemacher verunsicherten Damen röntgenstrahlensichere Unterwäsche an. Das Parlament des US-Bundesstaats New Jersey diskutiert ein Gesetz, das den Einbau von Röntgenapparaten in Operngläser vorsorglich verbieten soll. Und an einem New Yorker College brüsten sich die Lehrer ihrer innovativen Methoden: Man habe den Medizinstudenten komplizierte anatomische Zeichnungen per Röntgenstrahl ins Gehirn projiziert – und zwar mit Erfolg. (Berichte über die ersten Fälle von Strahlenschäden hingegen gehen in der allgemeinen Wissenschafts-Euphorie unter; Röntgen und seine Entdeckung sind über jede Kritik erhaben.)

Alle Versuche, den Physiker der Nation nach Leipzig oder Berlin zu locken, sind für Röntgen nur aus taktischer Sicht interessant: Fast beiläufig lässt er die sächsische und preußische Wertschätzung seiner Person bei der bayerischen Staatsregierung durchblicken – die ihm sogleich sein Institut und seinen Hörsaal modernisiert und das Gehalt um ein Drittel erhöht. Sogar Friedrich Althoff muss sich diesmal geschlagen geben – und sein preußisches Röntgeninstitut ohne die Hilfe des Namensgebers der Strahlen einrichten. Aber der Wissenschaftsorganisator hat sich längst einem neuen, weit größeren Projekt verschrieben, das seine volle Aufmerksamkeit erfordert. Ein Zentrum „der reinen Wissenschaft“ hat er sich – trotz klammer Finanzlage des preußischen Staates – in den Kopf gesetzt. Eine Reihe hervorragender Laboratorien an vorderster Front der neuen Disziplinen. Und ein Forschungsumfeld neuen Typs: außerhalb der Universität; bar jeder Lehrverpflichtung; protegiert vom Kaiser.

Vor allem aber: bezahlt von der deutschen Industrie. Althoff wird bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1907 für diese Vision kämpfen, die er als „deutsches Oxford“ bezeichnet. Und die sein Vermächtnis werden soll. Es ist eine Interessenallianz von Wirtschaft, Staat und Wissenschaft, die der Beamte in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts schmiedet. Mithilfe seines Netzwerks an Informanten. Mithilfe von engagierten Vorträgen beim Kaiser. Und mithilfe strategischer Tricks: Nicht selten veranlasst Althoff Wissenschaftler seines Vertrauens zu offiziellen Eingaben mit konkreten Forderungen ans Ministerium – damit er selbst nicht als Initiator dieser Vorschläge in Erscheinung tritt, sondern als neutraler Befürworter einer fachlich fundierten Anfrage aus der Wissenschaft.

Auch die erstmals so massive Beteiligung der Wirtschaft an der Planung neuer Forschungsstätten fädelt Althoff auf eine Weise ein, deren Subtilität schon in seiner früheren Korrespondenz mit Vertrauensleuten deutlich wird. „Genau nach Verabredung“, so schreibt Emil Fischer, der Doyen der deutschen Chemie, 1896 in einem Brief an Althoff, habe er eine Anfrage um Unterstützung an den Verband der chemischen Industrie formuliert und den Brief wie besprochen auch dem Ministerium zur Kenntnis geschickt – wo ihn Althoff offiziell bearbeiten und gutheißen kann. Die erhofften Erfolge bringt die neue Allianz erst Jahre später. Zum 100. Geburtstag der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität im Oktober 1910 verkündet der Kaiser, dass nahe dem Botanischen Garten in Berlin-Dahlem die ersten Institute einer neuen Forschungseinrichtung gegründet werden, die den Namen „Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft“ (KWG) tragen und der deutschen Forschung ihre weltweite Spitzenposition erhalten soll.

Die klügsten Köpfe des Reiches werden für die Leitung der jeweiligen Institute gewonnen. Fritz Haber soll dem Institut für physikalische Chemie vorstehen. Auch Albert Einstein wird ein Arbeitszimmer in Dahlem beziehen. Und im Senat der Gesellschaft sollen die Nobelpreisträger Paul Ehrlich, Emil Fischer und Jacobus van’t Hoff die Naturwissenschaftler vertreten. Zehn Millionen Mark an Spenden haben die Beamten der preußischen Kultusverwaltung im ganzen Reich für die neue Institution eingeworben. Anhand von Steuerunterlagen haben sie die wohlhabendsten Bürger identifiziert, sie im Namen des Kaisers angeschrieben und zu besonderer Großzügigkeit aufgefordert – manchmal über geeignete Mittelsmänner. „Einkreisung des Edelwildes“ nennen das die Spendenwerber.

Dafür werden den Gönnern von Krupp bis Siemens Mitspracherechte bei den Forschungsinhalten eingeräumt: Von den 20 Senatoren der KWG stammen 15 aus Industrie oder Finanzwirtschaft. Oft aber gibt vor allem das Prestige, das die Mäzene durch ihre Spende gewinnen, den Ausschlag: Wer die deutsche Grundlagenforschung mit mehr als 100 000 Mark fördert, darf einen vom Generalintendanten der Königlichen Schauspiele entworfenen grünen Feiertagstalar mit rotem Kragen tragen – und sich ein handschriftliches Dankschreiben des Kaisers ins Arbeitszimmer hängen.

**FRIEDRICH ALTHOFF**, der Vater des „deutschen Oxford“, kann den Dank seines obersten Dienstherrn für den Erfolg der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft aber nicht mehr entgegennehmen. Er stirbt 1908, gut zwei Jahre vor Gründung der KWG.

> Die Industrie spendet Millionen für ein »deutsches Oxford«

Seine Taktik aber, der Forschung bei Bedarf auch mit militärischer Rhetorik den Weg zu bahnen, hat weiterhin Erfolg. „Wehrkraft und Wissenschaft“, so formuliert der spätere Gründungspräsident der KWG, Adolf von Harnack, in einer Denkschrift, die den Kaiser für das Projekt gewinnen soll, „sind die beiden starken Pfeiler der Größe Deutschlands.“ In den folgenden Jahren werden sich diese beiden Sphären näher kommen, als der Theologe Harnack ahnen kann.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 trifft die Forschergemeinde in Berlin-Dahlem unerwartet wie eine Naturkatastrophe. Die meisten Wissenschaftler sind unpolitisch oder zumindest schlecht informiert. Bereits wenige Wochen nach Kriegsbeginn unterzeichnen 93 namhafte Naturforscher, Geisteswissenschaftler und Künstler ein Manifest mit dem Titel „An die Kulturwelt!“, darunter Planck, Fischer, Nernst, Röntgen und Haber. Das Pamphlet wird in allen großen Zeitungen abgedruckt und in zehn Sprachen übersetzt. Damit stellen sich die Unterzeichner an die Seite des deutschen Militärs, nennen alles Reden vom Überfall der Deutschen auf das neutrale Belgien eine Lüge und werfen den Alliierten vor, gemeinsam mit „Negern, Mongolen und russischen Horden“ den Niedergang der weißen Rasse zu betreiben. Sich selbst stellen sie vorbehaltlos in den Dienst der kaiserlichen Kriegsmaschine. (Ein pazifistisches, von Albert Einstein unterstütztes Gegenpapier bringt es auf nur vier Unterschriften.)

Die Dahlemer Kaiser-Wilhelm-Institute müssen ihre bisherige Forschungsarbeit stark einschränken. Und in den modernen Laboratorien – einst im Glauben eingerichtet, die Wissenschaft könne die Menschheit auf eine höhere Daseinsstufe führen – wird nun der „Krieg der Chemiker“ vorbereitet, von dem nach Ansicht vieler Experten der Ausgang des Großen Krieges abhängen wird. Das Vertrauen in die Allmacht der Naturgesetze wird zum Instrument eines übersteigerten Nationalismus – und der über Generationen aufgebaute Glaube an den unbedingten Segen des naturwissenschaftlichen Fortschritts in nur vier Jahren ad absurdum geführt.

Fritz Haber, der Kunstdünger-Experte, befehligt bald 1500 Mitarbeiter. Beschleunigt in Zusammenarbeit mit der nationalen Kriegsrohstoffabteilung und der BASF die Herstellung künstlichen Salpeters, um den deutschen Truppen genügend Sprengstoff und Munition zu verschaffen. Rekrutiert Forscher wie Otto Hahn, James Franck und Hans Geiger für die Entwicklung von Senf- und Chlorgas – chemischen Waffen, die Haber „human“ nennt, da sie den Krieg angeblich verkürzen. Habers Kollege Richard Willstätter, bekannt für seine Arbeiten über die Photosynthese der Pflanzen und als Erforscher der Blütenfarben, lässt die Naturbetrachtung ruhen und arbeitet nun an einer Mehrschicht-Gasmaske für den Einsatz an der Front. Und längst fordern die Vertreter eines jungen, aufstrebenden Zweigs der Wissenschaft ein eigenes Kaiser-Wilhelm-Institut – ein Institut, das eine Generation später die deutsche Forschung auf Jahrzehnte diskreditieren wird. Mit mehr Ehrgeiz als anderswo in Europa und in den USA wird bald auch in Dahlem die Eugenik ergründet. Die Deutschen nennen es: „Rassenhygiene“.

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Erster Fahrstuhl präsentiert 12. Juli 1880 in Mannheim. Werner von Siemens, in: Kurpfälzer Meile der Innovationen, online verfügbar unter: [https://www.meile-der-innovationen.de/innovationen/1880-erster-fahrstuhl-praesentiert-in-mannheim-werner-von-siemens](https://www.meile-der-innovationen.de/innovationen/1880-erster-fahrstuhl-praesentiert-in-mannheim-werner-von-siemens), zuletzt geprüft am 09.04.2026.

-&gt; Potthast, Jan-Björn: Melitta Bentz. Die Neuerfindung des Kaffees, in: dpma.de, online verfügbar seit 02.03.2026 unter: https://www.dpma.de/dpma/veroeffentlichungen/patentefrauen/melittabentz/index.html#:~:text=Melitta%20Bentz%20tüftelte%20weiter%20an,sowie%20mit%20schräg%20gerichteten%20Durchflusslöchern%22., zuletzt geprüft am 07.05.2026.

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt; Graff, Bernd: Tödliche See. <span class="s1">Im</span> Jahr<span class="s1"> 1913</span> verschwand der<span class="s2"> berühmte </span>Erfinder Rudolf Diesel spurlos<span class="s2"> auf</span> dem<span class="s2"> Weg </span><span class="s3">nach</span> England, in: Süddeutsche Zeitung u. Harald Eggebrecht (Hrsg.): Geheimnisse aus der Geschichte. Erstaunlich, vergessen, sagenhaft: Auf der Spur von Mythen, Rätseln und Skandalen, 2. Auflage, München 2025, S. 148-152.

-&gt; Schröder, Jens: Forschung. Im Rausch der Erkenntnis, in: Deutschland um 1900. Von Bismarck bis Wilhelm II.: Aufstieg und Fall des Kaiserreichs (GEO Epoche Jg. 2004, Heft Nr. 12), Hamburg 2004.

-&gt;

# Persönlichkeiten



# Persönlichkeiten

#### Inhaltsverzeichnis

1. Otto von Bismarck
2. Bernhard von Bülow
3. Maximilian Prinz von Baden
4. Robert Julius Spies
5. August Bebel
6. Heinrich Mann
7. Thomas Mann
8. Karl May
9. Karl Liebknecht
10. Robert Koch
11. Gottlieb Daimler
12. Wilhelm Conrad Röntgen
13. Friedrich Nietzsche
14. Paula Modersohn-Becker
15. Bertha Benz
16. Lina Morgenstern
17. Max Planck
18. Robert Bosch
19. Carl Benz
20. Theodor Fontane
21. Hedwig Dohm
22. Clara Zetkin
23. Minna Cauer
24. Werner von Siemens
25. Alfred Krupp
26. Wilhelm I.
27. Wilhelm II.
28. Frank Wedekind
29. Ernst Ludwig Kirchner
30. Rudolf Diesel
31. Franz Marc
32. Richard Strauss
33. Anita Augspurg
34. Franzsika zu Reventlow
35. Alfred von Tirpitz
36. Melitta Bentz
37. Max Reger
38. Margarete Steiff
39. Heinrich Hertz
40. Emil von Behring
41. Friedrich III.
42. Stefan George

##### 1. Otto von Bismarck

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/oinimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/oinimage.jpeg)

Biographie (1815 - 1898)

<span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> verlebte seine Kindheit in Kniephof (Pommern), wohin seine Eltern übergesiedelt waren. 1823 kam er auf die Plamannsche Erziehungsanstalt in Berlin, 1827 auf das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, anschließend auf das Gymnasium zum Grauen Kloster. 1832 bezog er die Universität Göttingen und trat bei der Hannovera ein, die sich damals noch als Landsmannschaft bezeichnete. Das Korpsleben füllte ihn nicht aus, er hatte einen vielseitigen Verkehr und schloß eine lebenslange Freundschaft mit dem späteren amerikanischen Historiker und Diplomaten [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118785125.html)John Lothrop Motley, die sich noch in gemeinsamen Berliner Jahren vertiefte. 1834 ging er für drei Semester nach Berlin und trat 1835 als Auskultator am Berliner Stadtgericht, dann beim Kammergericht ein. 1836 wurde er Regierungsreferendar in Aachen und auf seine Bitte im November 1837 in Potsdam. 1839 schied er aus dem Staatsdienst aus, den er noch nicht ernst genommen hatte: er wollte Musik machen, wie er sie für gut erkenne, oder gar keine. <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> übernahm die Bewirtschaftung von Kniephof, später von Schönhausen. Seine angeborene Neigung zu einem unabhängigen Herrenleben, sein tiefes Naturempfinden zogen ihn zum Lande hin. Doch vermochte ihm diese Tätigkeit auf die Dauer nicht zu genügen. Sein überschäumender Lebensdrang trug ihm bei seinen Nachbarn den Ruf des „wilden <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>“ ein; er trieb ausgedehnte Lektüre historischer und staatswissenschaftlicher Werke; die Beschäftigung mit der Philosophie, schon bei der Vorbereitung zum Staatsexamen begonnen, darf dagegen nicht überschätzt werden. 1842 unternahm <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> Reisen nach England, Frankreich und der Schweiz. Der Versuch, 1844 nochmals als Regierungsreferendar in Potsdam tätig zu sein, scheiterte nach kurzer Zeit an seiner Abneigung gegen die bürokratische Routine.

<span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> wurde aus dem Zustand innerer Unruhe und Vereinsamung durch die entscheidenden Eindrücke befreit, die er seit 1843 von dem Kreis der pommerschen Pietisten, vor allem von den Familien Thadden und Blankenburg empfing. Im Verkehr mit diesen harmonischen, innerlich gefestigten Menschen überwand er seinen pantheistischen Skeptizismus und gelangte zu dem Glauben an einen persönlichen Gott, der seinem Denken und Handeln Richtung und Ziel gab. Aus diesem Kreise wählte er seine Lebensgefährtin, mit der er eine überaus glückliche Ehe geführt hat. Die Liebe zu ihr trug dazu bei, daß sein Glaube an eine persönliche göttliche Führung sich festigte. Bei ihrem streitbaren Temperament war freilich [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz4599.html)Johanna wenig geeignet, im versöhnlichen und ausgleichenden Sinn auf ihren Gatten einzuwirken.

Auf dem Weg über die ständische Selbstverwaltung (seit 1846 war er Deichhauptmann) gelangte <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> im folgenden Jahr in den Vereinigten Landtag, mit dem der absolutistische Staat dem Ende zuging, den auch er nicht wollte. Er fiel schon damals durch sein exzentrisches Wesen, durch den unerschütterlichen Mut auf, mit dem er die Rechte des Königtums verteidigte. Die Märzrevolution von 1848 überraschte ihn auf dem Lande; er wäre gemeinsam mit seinen Bauern zu einer sofortigen Gegenaktion bereit gewesen und zog sich die dauernde Abneigung der damaligen Prinzessin von Preußen, der späteren Kaiserin [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz39040.html)Augusta, dadurch zu, daß er sich offenbar darum bemüht hat, sie für eine Gegenrevolution im Namen ihres Sohnes zu gewinnen. Im Februar 1849 wurde <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> in die zweite Kammer des preußischen Landtages gewählt, nachdem er sich schon vorher mit unbestreitbarer journalistischer Begabung an der Pressepolemik, hauptsächlich in der Kreuzzeitung, beteiligt hatte. In der Abgeordnetenkammer - 1850 gehörte er auch dem Erfurter Parlament an - war er bestrebt, bei realistischer Anerkennung der veränderten Lage für die Monarchie und die ständischen Interessen das noch Mögliche zu retten. Obwohl er noch die Anschauungen seiner christlich-konservativen Freunde teilte, wurde doch bald in seinen Reden ein abweichender Ton vernehmbar: weniger Prinzipien als die Interessen des preußischen Staates standen für ihn im Vordergrund. Von der mächtigen Kamarilla, insbesondere von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz20643.html)Leopold von Gerlach unterstützt, erfolgte am 15.5.1851 seine Ernennung zum Gesandten am Bundestag. In Frankfurt hat <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> vielleicht seine glücklichsten Jahre verlebt. Erst jetzt konnte er sich mit seiner Familie dauernd vereinigen; er befand sich in seinen besten Mannesjahren, bewegte sich in einer anregenden Gesellschaft und war in eine Verantwortlichkeit hineingestellt, die seiner Befähigung entsprach, ohne daß die Last der Arbeit an ihm zehrte. In Frankfurt ist er durch die diplomatische Schule gegangen, die ihm noch fehlte; er kam mit den großen Fragen der Politik in unmittelbare Berührung und sah seine Hauptaufgabe darin, die volle Gleichberechtigung Preußens mit Österreich durchzusetzen, schon damals davon überzeugt, daß für zwei Großmächte in Deutschland kein Platz sei. Während des Krimkrieges (1854–56) mehrfach von seinen Freunden nach Berlin gerufen, befürwortete er nachdrücklich die Neutralität Preußens, für die sich dann auch die Regierung [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz57925.html)Manteuffel schließlich entschied. In diesen Jahren löste er sich allmählich von der konservativen Parteiideologie und bekannte sich zu einer Interessenpolitik (Briefwechsel mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz20643.html)Leopold von Gerlach).

Der Beginn der „Neuen Ära“, die der Prinz von Preußen als Regent für seinen erkrankten Bruder einleitete, hatte <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>s Abberufung von Frankfurt und seine Ernennung zum Gesandten in Petersburg (23.1.1859) zur Folge. Noch galt er irrtümlich als ultra-konservativ und hatte durch zwei Unterredungen mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz67919.html)Napoleon III. (1854 und 1857) das Mißtrauen des Prinzen erregt. Die Tätigkeit in Petersburg wurde durch eine zweimalige schwere Erkrankung, die hart am Tode vorbeiführte, für längere Zeit unterbrochen. Immerhin gelang es <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>, die traditionelle Freundschaft zwischen der russischen und preußischen Herrscherfamilie zu festigen; er lernte einen seiner wichtigsten Gegenspieler auf der politischen Bühne, den Fürsten Gortschakoff, richtig einschätzen und schrieb Berichte über die damalige innere Lage Rußlands, die zu dem Besten gehören, was darüber gesagt worden ist. Den französisch-österreichischen Krieg von 1859 verfolgte <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> mit angespannter Aufmerksamkeit. In seinen verwegensten Träumen beschäftigte er sich mit der Möglichkeit, unter skrupelloser Ausnützung der österreichischen Bedrängnis die Verhältnisse in Deutschland zugunsten Preußens von Grund aus umzugestalten. Der Verfassungskonflikt in Preußen wegen der Militärreform machte ihm den Weg zur höchsten Verantwortung frei. Die Ernennung zum Gesandten in Paris am 22.5.1862 war schon als eine Übergangslösung gedacht. Ende Juli nahm er Urlaub. In Biarritz traf er mit dem russischen Diplomaten Fürst Orloff und dessen Gattin [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn117742171.html)Katharina zusammen; <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> fühlte sich von der jungen und temperamentvollen Frau stark angezogen; er erlebte unvergeßliche Tage voller Romantik, unmittelbar bevor die Sorge um den Staat seine Kräfte voll in Anspruch nahm. Von dem preußischen Kriegsminister [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz76891.html)Albrecht von Roon nach Berlin gerufen, fand er den [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz17316.html)König zum Thronverzicht bereit, weil es ihm nicht gelungen war, die ihm am Herzen liegende Heeresreform gegen den Willen des Abgeordnetenhauses durchzusetzen. Da sich alle Minister verbraucht hatten, war <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> die letzte Reserve. Der König mußte bei seinem Pflichtgefühl den Versuch wagen, obgleich ihm <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>s dynamisches Wesen unheimlich war. In den Unterredungen vom 22. und 23.9. in Babelsberg hat er den König mit taktischem Geschick dahin gebracht, ihn nicht an ein festes Programm zu binden; er stellte sich unter Preisgabe konstitutioneller Sicherheiten wie ein Vasall dem Landesherrn zur Verfügung. Es war ein ungeschriebener Vertrag auf gegenseitige Treue, der Preußen <span class="abbr" title="beziehungsweise">bzw.</span> Deutschland für fast drei Jahrzehnte eine überlegene politische Führung gab; aber in dieser Situation lag etwas Problematisches: alles war auf dieses einmalige Verhältnis zwischen König und Minister abgestellt, für eine freie konstitutionelle Entwicklung war kein Raum. Am 24.9. wurde <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> interimistisch, am 8.10. endgültig zum Ministerpräsidenten und gleichzeitig zum Minister des Auswärtigen ernannt.

<span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>s Politik bis 1866 steht unter dem beherrschenden Gedanken, dem preußischen Staat diejenige Stellung zu gewinnen, die [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz56983.html)Friedrich der Große angestrebt, aber noch nicht voll erreicht hatte: den Rang einer Großmacht, die hinter Österreich in keiner Hinsicht zurückstand. Hierzu bedurfte es eines in sich geschlossenen Staatskörpers; der preußische Staat mußte nach <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>s Überzeugung über die Kräfte Norddeutschlands frei verfügen können. Der Verfassungskonflikt, dessen Verschärfung er anfänglich nicht wünschte, zwang ihm eine bestimmte Taktik auf. Er führte den kompromißlosen Kampf für die Rechte der Krone, für die Integrität der historischen Institutionen, er durfte daher dem preußischen <span class="abbr" title="beziehungsweise">bzw.</span> dem deutschen Liberalismus auch auf außenpolitischem Felde keine Vorteile einräumen. Hinzu kam noch das Bestreben, die persönliche Macht zu behaupten, die in den ersten Jahren nicht so sehr vom Abgeordnetenhaus wie von einer Gruppe bedroht war, die, aus Mitgliedern der königlichen Familie mit ihrer internationalen Koburger Verwandtschaft, aus Beamten und Diplomaten bestehend, seine Politik mit Entschiedenheit bekämpfte. Die Bedeutung des Militärkonfliktes für die künftige Entwicklung läßt sich kaum überschätzen. Wieviele Fehler auch immer von der liberalen Opposition gemacht worden sind, wie sehr das Parlament seine Ansprüche übersteigerte, und betont werden muß, daß die Reform der preußischen Armee aus sachlichen Gründen notwendig war; hier stieß der autoritäre Militär- und Beamtenstaat mit den konstitutionellen Anschauungen einer neuen Zeit in erschreckender Deutlichkeit zusammen; das Mißtrauen der Fortschrittspartei, daß die Errungenschaften der Märzrevolution rückgängig gemacht werden sollten, war bei den in der Umgebung des Königs herrschenden Tendenzen durchaus nicht unbegründet. Der Ausgang war nur scheinbar ein Kompromiß, in Wahrheit eine Niederlage der zur Mitverantwortung drängenden bürgerlichen Kräfte, die nicht wieder gutgemacht werden konnte. Es gelang <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>, der Staatskrise durch seine außenpolitischen Erfolge die Spitze abzubrechen. Ein dämonischer Grundzug in <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>s Handeln vor der Reichsgründung ist nicht zu übersehen. Es war eine revolutionäre Politik, die gelegentlich die Grenze überschritt, die dem Staatsmann in einer konservativen Monarchie gesetzt ist. Das wachsende Mißtrauen der auf dem Boden der christlichen Rechtsordnung stehenden Parteifreunde war nicht unberechtigt. Den Zeitgenossen erschien <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>s Außenpolitik zunächst wie ein frivoles Spiel. Aber trotz des Risikos, das sie in sich schloß, war sie keinen Augenblick abenteuerlich, die Aussichten wurden von <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> sorgfältig abgewogen, er war stets bereit, vor allzu starken Widerständen einen Schritt zurückzugehen. Er wußte, daß er angesichts der vielfachen europäischen Spannungen verhältnismäßig viel wagen konnte, daß er sich zur Durchsetzung preußischer Ziele auf die Krone, die Zuverlässigkeit der Armee und des Beamtentums, auch auf die Treue des flachen Landes zu verlassen vermochte. Bei dem ungestümen Tempo, in dem sich die Ereignisse vollzogen, konnte die Besorgnis des Auslandes gegen Preußen, das man ohnehin durch seinen inneren Konflikt als geschwächt ansah, nicht so rasch ansteigen, um automatisch eine allgemeine Intervention auszulösen.

Die so genannte Konvention Alvensleben vom 8.2.1863, in der <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> Rußland unter bestimmten Umständen aktive Unterstützung bei der Niederwerfung des polnischen Aufstandes zusagte, verursachte allerdings erhebliche Beunruhigung in den westeuropäischen Hauptstädten; aber <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> lavierte so geschickt, daß sich keine gefährlichen Konsequenzen ergaben, vielmehr ein preußisch-russisches Einverständnis begründet wurde, das sich in der kommenden Zeit noch als sehr nutzbringend erwies. Bei der Lösung der schleswig-holsteinischen Frage (1863–65) bewies <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> vielleicht die größte diplomatische Meisterschaft seiner Regierungszeit. Er mußte im wahrsten Sinne des Wortes allein gegen den Strom schwimmen. Nicht nur liberalen, sondern auch konservativen Kreisen mußte es unbegreiflich erscheinen, daß er nicht die einzigartige Gelegenheit ergriff, Preußen an die Spitze der nationalen Bewegung zu stellen, um das tief gesunkene Ansehen dieses Staates wieder zu heben. Unberührt von den komplizierten Rechtsverhältnissen hat er von Anfang an die Angliederung der Herzogtümer an Preußen für das erwünschte Ziel gehalten, dieses aber nur von Etappe zu Etappe durchzusetzen versucht. Er mußte darauf bedacht sein, Preußen nicht wieder in die gefährliche internationale Isolierung hineinzumanövrieren, die 1848-50 bestanden hatte; er wünschte gleichzeitig zu verhindern, daß der deutsche Liberalismus und die deutschen Mittelstaaten einen außenpolitischen Gewinn zu verbuchen hatten. So hielt er zunächst am Londoner Protokoll von 1852 fest, in welchem die Großmächte zwar die Integrität des dänischen Staates garantiert, diesem aber auch gleichzeitig Verpflichtungen den Herzogtümern gegenüber auferlegt hatten. Nur so gelang es ihm, Österreich zum Mitgehen zu bewegen, so daß ihm dieses nicht in den Rücken fallen konnte; nur so war es möglich, den Deutschen Bund <span class="abbr" title="beziehungsweise">bzw.</span> die deutschen Mittelstaaten lahmzulegen. Nachdem am 18.4.1864 preußische Truppen die Düppeler Schanzen erstürmt hatten, ging auf der Londoner Konferenz (Eröffnung 25.4.) <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>s Rechnung auf; der dänische Nationalismus trieb ihm Wasser auf die Mühle, <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> hatte wenigstens einen Vorwand, das Londoner Protokoll als erledigt zu betrachten, England unter [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118739069.html)Palmerston erlitt eine schwere diplomatische Niederlage. Die Feindseligkeiten wurden wieder aufgenommen, der [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz31689.html)Augustenburger Herzog schied als Thronkandidat aus, der Wiener Friedensschluß vom 1.8.1864 stellte die Herzogtümer Schleswig und Holstein unter die gemeinsame Verwaltung Preußens und Österreichs. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Besatzungsmächten konnten nur vorläufig im Vertrag von Gastein (14.8.1865) überbrückt werden.

Gleichzeitig drängte die deutsche Frage gebieterisch zu einer Lösung. <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> steuerte nicht von vornherein planmäßig auf die bewaffnete Auseinandersetzung hin. Verhandlungen über einen friedlichen Dualismus waren ernst gemeint, ein Zusammengehen zwischen den konservativen deutschen Vormächten mußte ihm zu diesem Punkt erwünscht sein. Jedoch läßt sich die Frage aufwerfen, ob bei dem historisch gegebenen Antagonismus, bei der extremen Verfechtung des preußischen Machtegoismus ein anderer Ausgang wahrscheinlich war. Auf beiden Seiten wären zur endgültigen Befriedung große Zugeständnisse notwendig gewesen. Es standen sich ja nicht nur zwei Großmächte gegenüber; die beiden Wege, die die deutsche Geschichte in der Neuzeit eingeschlagen hatte, die übernationale und die nationale Konzeption, der<span class="pb" title="Seite im Original 272">|</span>mitteleuropäische und der staatliche Gedanke durchkreuzten sich. Auch in der deutschen Angelegenheit hat <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> von Anfang an ausschließlich das preußische Interesse vertreten, alle Bundesreformpläne, die von Österreich oder von den Mittelstaaten ausgingen, zu Fall gebracht; mit dem Abschied drohend verhinderte er es, daß König [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz56450.html)Wilhelm dem Fürstentag in Frankfurt im August 1863 beiwohnte, so daß dieser zum Scheitern verurteilt war. Am 9.4.1866 legte <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> am Bundestag ein Reformprogramm vor, das den liberalen und demokratischen Forderungen der Zeit weit entgegenkam: die künftige Volksvertretung sollte aus dem gleichen und allgemeinen Wahlrecht hervorgehen, eine Forderung, der Österreich als Nationalitätenstaat nicht zustimmen konnte. Am 14.6.1866 wurde der Bundeskrieg gegen Preußen erklärt. Die internationale Lage war soweit geklärt, daß von Rußland nichts zu befürchten war, Frankreich durch vage Versprechungen hingehalten wurde (Biarritzer Unterredungen mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz67919.html)Napoleon III., Oktober 1865) und im April 1866 das Bündnis mit Italien zustande gekommen war. Bereits die Schlacht bei Königgrätz (3.7.) brachte die Entscheidung, die meisten deutschen Staaten waren trotz der Abneigung gegen Preußen nur zögernd in den Kampf gegangen. Bei den Friedensschlüssen mußte <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> starke Widerstände überwinden. Der von Paris sofort einsetzende Druck und die Rücksicht auf die künftige Gestaltung der Beziehungen zu Österreich und Süddeutschland veranlaßten ihn, die vom König und den Militärs ausgehenden Annexionsforderungen abzulehnen. Nur diejenigen Staaten und Gebiete, die in der preußischen Interessensphäre lagen, wurden angegliedert: Hannover, Hessen-Kassel, Nassau, Schleswig-Holstein und Frankfurt. Hierbei zeigten sich allerdings gefährliche Konsequenzen der revolutionären Außenpolitik <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>s. Die Beseitigung der alten Welfendynastie war vom monarchischen Standpunkt aus kaum tragbar, der russische Zar empfand das Bedenkliche dieses Schrittes lebhaft. Österreich schied ohne Gebietsverluste aus dem Bund aus, auch Sachsen und die süddeutschen Staaten wurden bewußt geschont. Mit den Friedensschlüssen war gewissermaßen der Höhepunkt, aber auch gleichzeitig der Abschluß der preußischen Geschichte erreicht. Der Weg Preußens hatte zur Vorherrschaft in Norddeutschland hingeführt. Die gesamtdeutsche Einigung ließ dagegen verschiedene Möglichkeiten offen. Hier erst begann die eigentliche Problematik.

Ob die Voraussetzungen, unter denen <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> das Reich begründete, den dauernden Interessen Deutschlands und Europas entsprachen, ist daher heute mehr als je umstritten. Es wird die Frage gestellt, ob er den eigentlichen Auftrag der Geschichte begriffen habe. Der Raum, der dem deutschen Volk zum Leben zugeteilt war, schloß die Möglichkeit aus, alle Deutschen in einen Nationalstaat zu vereinigen; der übernationale Charakter des alten Reiches und auch des Deutschen Bundes war kein Zufall, eine föderalistische mitteleuropäische Lösung wäre den komplizierten Verhältnissen im Osten besser angepaßt gewesen. Es wird jedoch zu sagen sein, daß die Tendenzen der Zeit politisch, wirtschaftlich und ideologisch nach einer Konzentration der Kräfte hindeuteten, der nationalstaatliche Gedanke hatte in sich eine Selbstverständlichkeit und Folgerichtigkeit, der den mitteleuropäischen und großdeutschen Bestrebungen abging. Auch ein föderalistisches Gebilde konnte angesichts der liberalen und nationalen Zeitströmung, der industriellen und bevölkerungspolitischen Dynamik unter Umständen eine Kraft entwickeln, die von Deutschlands Nachbarn als eine noch größere Bedrohung emplunden worden wäre. Es war doch wohl so, wie es ein französischer Historiker formuliert hat, daß das kleindeutsche Reich noch gerade für das übrige Europa tragbar war. Eine andere Frage ist es freilich, ob nicht die durch <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> angestrebte Überhöhung der preußischen Großmachtstellung bereits ein Anachronismus war und ob sich nicht bei elastischeren Methoden in irgend einer Form der Gedanke Gagerns vom engeren und weiteren Bund hätte entwickeln lassen.

Die Verfassung des Norddeutschen Bundes, an deren Vorbereitung <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> starken persönlichen Anteil nahm, führte das allgemeine und gleiche Wahlrecht in einem Bund beschränkt souveräner Staaten ein, war aber deswegen zentralistischer als die Reichsverfassung von 1871, weil die norddeutschen Staaten, die ihm angehörten, keine Möglichkeit hatten, sich gegen das preußische Übergewicht durch Sonderrechte zu schützen. <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>, seit 14.7.1867 Bundeskanzler, hat den Prozeß der Weiterentwicklung der deutschen Einheit nicht künstlich beschleunigt; die vorwiegend preußischen Interessen waren zunächst befriedigt, Rücksichten auf das Ausland mahnten zur Vorsicht, Süddeutschland sollte Zeit gelassen werden, sich an die vollendeten Tatsachen zu gewöhnen. Aber durch die Aussöhnung mit einem großen Teil der Liberalen (Indemnitätsvorlage, 3.9.1866) sicherte er sich die Unterstützung der zur Einheit drängenden Kräfte. Das deutsch-französische Verhältnis trat in diesen Jahren in sein entscheidendes Stadium. Die preußischen Erfolge hatten das französische Sicherheitsbedürfnis sehr gesteigert. Eine<span class="pb" title="Seite im Original 273">|</span>grundsätzliche Bereinigung der herrschenden Spannungen konnte nur auf dem Weg über große Konzessionen an Frankreich erreicht werden. Eine Zeitlang schien es so, als ob [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz67919.html)Napoleon III. und seine Regierung die Verständigung einem für die Dynastie gefährlichen Kriege vorzögen. Auch der Botschafter des Norddeutschen Bundes Graf [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz21668.html)Robert von der Goltz trat für den Ausgleich auf das entschiedenste ein. Es läßt sich schwer entscheiden, ob <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> jemals ernstlich eine solche Lösung erwogen hat. Kompensierungen durch Belgien und Luxemburg standen zur Debatte. Das Endergebnis war schließlich, daß Frankreich nichts erhielt (Luxemburg-Krise, April 1867).

Spätestens seit 1868 hat <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> eine bewaffnete Auseinandersetzung für unvermeidlich gehalten und im Geheimen die Kandidatur eines Hohenzollernprinzen für den spanischen Thron betrieben, die zwar kaum vorsätzlich den Krieg herbeiführen sollte, aber doch auf eine weitere Einengung der französischen Bewegungsfreiheit hinauslief. Die Entwicklung war eine andere als sich <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> gedacht hatte. Das vorzeitige Bekanntwerden der Kandidatur, die Abneigung Wilhelms I., es über eine Familienangelegenheit zum Kriege kommen zu lassen, ließen einen diplomatischen Mißerfolg voraussehen. Erst durch weitergehende Forderungen der französischen Regierung kam <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> in die Lage, zur Offensive überzugehen und durch die Redigierung der „Emser Depesche“, die nicht als eine Fälschung bezeichnet werden kann, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz67919.html)Napoleon III. unter dem Druck der öffentlichen Meinung zu zwingen, Preußen und damit Deutschland den Krieg zu erklären. <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> beherrschte die ständige Sorge vor der Einmischung des Auslandes, als der Krieg gegen die französische Republik sich in die Länge zog. Am 10.5.1871 kam nach dramatischen Verhandlungen der Frankfurter Friede zustande, in dem Frankreich eine Kriegsentschädigung zahlen und auf Elsaß-Lothringen verzichten mußte. Es mag fraglich erscheinen, ob eine solche Forderung ohne die Zustimmung der Bevölkerung zweckmäßig war. Für <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> bestimmend war die militärische Sicherheit, die, wie sich bald zeigen sollte, durch Bevölkerungszuwachs weit besser als durch Festungen garantiert wurde; vor allem hat sich der Besitz von Französisch Lothringen als Belastung erwiesen. Jedenfalls wurde ein hoher Preis für den Friedensschluß gezahlt. Niemals wieder sollte die deutsche Politik die volle Handlungsfreiheit zurückgewinnen, die noch Preußen besessen hatte; mit Frankreichs Zugehörigkeit zu einer feindlichen Gruppierung mußte fortan trotz vorübergehender scheinbarer Entspannungen als mit einer feststehenden Tatsache gerechnet werden.

Das Reich, das nach schwierigen Verhandlungen mit Süddeutschland, vor allem mit König [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz57482.html)Ludwig II. von Bayern, dem wie Württemberg erhebliche Sonderrechte eingeräumt wurden, durch die Kaiserproklamation vom 18.1.1871 ins Leben trat, verzichtete von Anfang an bewußt auf universale Überlieferungen; die tausendjährige Gemeinschaft mit großen Teilen Österreichs war zerrissen. Als Hauptziel seiner Politik hat <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> fortan die Behauptung und Sicherung des Gewonnenen angesehen. Mit Alterserscheinungen hatte das nichts zu tun. Diese Friedenspolitik beruhte vielmehr auf der Erkenntnis des Staatsmannes, daß die äußere wie die innere Situation des Reiches große Vorsicht gebot. Er hatte mit dem tiefen Mißtrauen des Auslandes zu rechnen, das in der Entstehung eines starken Nationalstaates in der Mitte Europas eine Störung des Gleichgewichts erblickte. Mit der Bildung von Koalitionen gegen Deutschland mußte fortan gerechnet werden. Auch aus innenpolitischen Gründen hielt <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> eine möglichst lange Dauer des Friedens für unerläßlich. Das deutsche Nationalbewußtsein schien ihm angesichts der partikularistischen und zentrifugalen Strömungen noch nicht genug gesichert zu sein, um einen großen Krieg wagen zu können. Er war auch überzeugt, daß das Reich auch aus einem siegreichen Kampf keinen wirklichen Gewinn davontragen werde, daß es vielmehr nur die Zahl seiner Feinde vermehren und durch die notwendig werdende Übernahme fremdvölkischer Elemente sich selbst schwächen werde. Auch ahnte er den revolutionären Charakter jedes künftigen Krieges voraus. Seine Friedenspolitik war somit grundsätzlicher Natur, sie war keineswegs nur als taktischer Aufstieg gemeint, wenn <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> die Möglichkeit eines Konfliktes auch im Auge behielt und sich diplomatisch und militärisch darauf vorbereitete. Der Gedanke eines Präventivkrieges lag ihm fern, da man der Vorsehung nicht in die Karten sehen könne. Nach dem Kissinger Diktat vom 15.7.1877 schwebte ihm eine Gesamtsituation vor, „in welcher alle Mächte außer Frankreich unserer bedürfen und vor Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden“; in den „Gedanken und Erinnerungen“ empfahl er eine Politik, nach der die anderen Staaten allmählich davon überzeugt werden sollten, daß die deutsche Hegemonie erträglicher sein werde, als etwa eine russische oder französische. <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> legte daher bewußt dem jungen Reich das Gesetz der Selbstbeschränkung auf, erklärte es für territorial<span class="pb" title="Seite im Original 274">|</span>saturiert, bekämpfte alle irredentistischen Bestrebungen der außerhalb des Staatsverbandes wohnenden deutschen Volksgruppen, vermied jede bloße Prestigepolitik und war bemüht, fremde Interessen so weit wie möglich zu achten. Er hatte kein starres System, er richtete sich nach den Verhältnissen. Auch wer der Meinung ist, daß der Staatsmann sich nicht über Recht und Sittlichkeit erheben darf, wird kaum finden können, daß <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>, wenigstens in der späteren Epoche, etwas anderes angestrebt hat als die Selbstbehauptung seines Staates, und wird zugeben müssen, daß die Ziele, die er verfolgte, dem Frieden Europas dienten.

Der negative Pol seiner Politik war die Isolierung Frankreichs, die er aber, als es sich im „Krieg in Sicht“-Jahr 1875 zeigte, daß die anderen Mächte keine weitere Schwächung Frankreichs dulden wollten, nur mit politischen Mitteln zu erreichen suchte. In kolonialen Fragen leitete er sogar in den achtziger Jahren unter Ausnützung der englisch-französischen Spannungen ein Zusammengehen ein, ohne daß er sich Illusionen über eine endgültige Befriedung hingab. Ein gutes Verhältnis zu Österreich und Rußland lag ihm in erster Linie am Herzen; es fehlte dabei nicht die Erkenntnis, daß die großen Monarchien ein Bollwerk gegen Umsturzgefahren darstellten. Vor allem war es ihm wichtig, das glimmende Feuer auf dem Balkan unter Kontrolle zu halten (Dreikaiserbündnis 1872). Die orientalische Krise (seit 1876) stellte allerdings die deutsch-russischen Beziehungen auf eine schwere Belastungsprobe; der Berliner Kongreß von 1878, auf dem <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> als „ehrlicher Makler“ im Interesse des Friedens zwischen England und Rußland vermittelte, trug ihm keinen Dank ein. Das Bündnis mit Österreich, eine Antwort auf den bedenklichen russischen Stimmungsumschwung, war keine einseitige Option für Österreich, wohl aber die Anerkennung der natürlichen mitteleuropäischen Schicksalsgemeinschaft (1879). Das traditionelle Einvernehmen mit Rußland ließ sich jedoch nicht wieder herstellen. Als eine Erneuerung des Dreikaiserabkommens von 1884 nicht mehr möglich war, schloß <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> 1887 mit Rußland den Rückversicherungsvertrag, der kaum die Annäherung des Landes an Frankreich auf die Dauer verhindert hätte, der aber notwendig war, um dem Reich die Abhängigkeit von Österreich zu ersparen und das gespannte österreichisch-russische Verhältnis zu überwachen. Die Kündigung dieses Vertrages im Jahre 1890, kurz nach <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>s Abgang, erfolgte ohne zwingende Not und leitete die verhängnisvolle Isolierung nach allen Seiten ein.

Auch auf freundschaftliche Beziehungen zu England war <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> stets bedacht, obgleich er für Geist und Wesen der britischen Politik nie ein rechtes Verständnis aufzubringen vermochte. Die Kolonialpolitik, die er nur ungern einleitete (Erwerbungen 1884/85), wurde von ihm unter dem Gesichtspunkt geführt, daraus keine dauernde Belastung für das deutsch-englische Verhältnis entstehen zu lassen. Die Annäherungsversuche an England 1879 und vornehmlich 1889 waren von der Überzeugung getragen, daß das Reich und Großbritannien in erster Linie an der Erhaltung des Friedens interessiert seien; gleichzeitig wollte er wohl damit den Wert der deutschen Freundschaft in den russischen Augen erhöhen. Wie weit <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> damit eine grundsätzliche Neuorientierung anbahnte, läßt sich nicht eindeutig feststellen. Weitere Sicherungen wurden ständig eingebaut; 1882 Erweiterung des Zweibundes zum Dreibund mit Italien; 1883 deutsch-österreichisch-rumänischer Vertrag; 1887 Balkandreibund zwischen Österreich, Italien und England mit späterem Anschluß Spaniens; im gleichen Jahr Orient-Dreibund Österreich, Italien und England. Diese Abkommen hatten den ausschließlichen Zweck, durch die Schaffung von Querverbindungen nach Möglichkeit Konflikte auf dem Balkan und am Mittelmeer vorläufig, wenn nicht dauernd zu verhindern. Die Bedenklichkeit des aufsteigenden Nationalismus in allen Ländern hat <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> rechtzeitig erkannt. Als er 1890 aus dem Amt schied, hatte das Reich seine Gefahrenzone noch nicht durchschritten; auch wären die auf die Erhaltung des europäischen Gleichgewichts berechneten Methoden <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>s im Zeitalter der weltstaatlichen Entwicklung allein nicht mehr ausreichend gewesen. Jedoch hat der Kanzler die Gesamtlage stets überschaut und keine Möglichkeiten für die Zukunft verschüttet. Es war eine im besten Sinne europäische Politik. Er hatte sich in der internationalen Welt ein großes Kapital an Vertrauen erworben, bei seinem Abgang wurde ihm dies in überraschender Einmütigkeit bescheinigt. Grundsätzliche Bedenken lassen sich gegen seine innere Politik geltend machen. Es war doch nicht so, daß diese sich zwangsläufig von der Staatsraison her ergab, aus der gefährlichen Mittellage des Reiches, so daß die Notwendigkeit zur Zusammenfassung aller Kräfte <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>s Abneigung gegen durchgreifende Reformen erklärt. Gerade die neuen Aufgaben, in die Deutschland hineinwuchs, verlangten, daß der auf kleinere und engere Verhältnisse berechnete Zuschnitt des innenpolitischen Lebens, vor allem in Preußen, sich der veränderten Welt anpaßte. Weil es<span class="pb" title="Seite im Original 275">|</span>in Deutschland noch vielfach an Staatsgesinnung fehlte, mußte das Gefühl für Mitverantwortung gestärkt werden. In der Innenpolitik traten die Begrenzungen der <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>schen Natur deutlicher in Erscheinung als in der Außenpolitik. Sein Machtwille ließ ihn gegen wirkliche und vermeintliche Gegner mit fragwürdigen Mitteln vorgehen. Bei der Behandlung seiner Mitbürger und der politischen Parteien hatte er keine glückliche Hand, da er für ihre Handlungen nur trübe Motive voraussetzte; für Prinzipien- und Überzeugungstreue besaß er kein Organ. In den Anschauungen der patriarchalischen Gutsherrschaft aufgewachsen, waren ihm die anders gearteten Lebensbedingungen in den großen Städten des Westens mit ihrer aufsteigenden Industriearbeiterschaft nicht recht vertraut.

Die Reichsverfassung (<span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> seit März 1871 Reichskanzler) unterschied sich von derjenigen des Norddeutschen Bundes hauptsächlich durch die Sonderrechte, die Bayern und Württemberg gewährt worden waren. Von einer völligen Gleichberechtigung der Bundesstaaten konnte bei dem Übergewicht Preußens nicht die Rede sein, obwohl <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> großes Verständnis für die geschichtlich bedingte Verschiedenheit der Länder besaß. Mit feinem Takt hat er stets vermieden, im Bundesrat die preußische Hegemonie fühlbar werden zu lassen. Das allgemeine gleiche Wahlrecht war ein kühnes Experiment für die damalige Zeit, als Gegengewicht gegen den fürstlichen Partikularismus gedacht. Überdies war <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> vom konservativen Grundcharakter der Landbevölkerung überzeugt; die Umwälzung, die sich im Zeitalter der Technik vollzog, stellte er nicht genügend in Rechnung. Die Verfassung war auf die überragende Stellung des Reichskanzlers zugeschnitten, in Personalunion mit dem preußischen Ministerpräsidenten verbunden. Im parlamentarischen Sinne war der Kanzler dem Reichstag nicht verantwortlich, für dessen positive Mitarbeit blieb nicht genügend Raum. Im ersten Jahrzehnt stützte sich <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> auf die nationalliberale Partei. Seit 1878 erfolgte indes der große innen- und außenpolitische Umschwung. <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> ging zum Schutzzoll über und zog wieder stärker die konservativen Kräfte heran, die bis dahin in grollender Opposition gestanden hatten. Die nationalliberale Partei spaltete sich; unbedenklich trug <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> durch seine Taktik dazu bei, das liberale Gedankengut zu diskreditieren. Nach dem Ausscheiden Rudolfs von Delbrück übernahm <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> von 1880-90 selbst das preußische Handelsministerium. Seine Leistungen auf diesem Gebiete waren bedeutend, seine persönlichen Erfahrungen als Leiter eines landwirtschaftlichen Großbetriebes kamen ihm dabei sehr zustatten. In der preußischen Verwaltung kam es zu Reformen (Kreisordnung 1871, Provinzialordnung 1875), eine Angleichung an die allgemeinen deutschen Verhältnisse erfolgte nicht, viele ungelöste Probleme blieben der Zukunft aufgespart.

Sobald es <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> mit ihm unbekannten Tiefenkräften zu tun hatte, versagten seine Methoden. Die ihm gesetzten Grenzen zeigten sich vor allem im so genannten Kulturkampf (1873–87). <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> hat diese Auseinandersetzung nicht mutwillig heraufbeschworen. Das Bedürfnis nach einer Abgrenzung zwischen der staatlichen und kirchlichen Sphäre entsprach dem Zeitgeist. Der Liberalismus hatte den Kampf ideologisch bereits längst begonnen. Den Staatsmann konnte die schwierige Situation in den Grenzgebieten mit Sorge erfüllen. Von konfessionellem Fanatismus war <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> durchaus frei; das Staatsinteresse war für ihn allein bestimmend. Die Wege, die er mit der Maigesetzgebung von 1873 einschlug, für die er später nicht mehr verantwortlich zu sein wünschte, zeigten jedoch, daß er sich in Unkenntnis über das innerste Wesen der katholischen Kirche befand, wie er auch ebenso wenig die Eigengesetzlichkeit der evangelischen Kirche zu würdigen wußte, von der er in diesem Konflikt bedingungslose Unterstützung erwartete. Der große Realist brach dann allerdings sofort den Kampf ab, als er die Ausweglosigkeit einsah. Nach dem Tode [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118594729.html)Pius' IX., der 1878 durch den friedlich gesinnten [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz125826.html)Papst Leo XIII. abgelöst wurde, leitete er die Aussöhnung ein mit dem Ergebnis, daß bis 1887 so gut wie die ganze Kampfgesetzgebung abgebaut wurde. Es war keine Niederlage des Staates, die Grenzen waren genauer abgesteckt worden. Der angerichtete Schaden für den konfessionellen Frieden ließ sich aber sobald nicht wieder gutmachen.

Ebensowenig vermochte <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> die soziale Bewegung in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken. Das Sozialistengesetz vom 19.10.1879, die Antwort auf zwei Attentate gegen den alten Kaiser, traf die sozialdemokratische Partei zwar schwer, konnte aber ihren kämpferischen Geist nicht brechen. Die seit 1881 eingeleitete Sozialgesetzgebung (Krankenversicherungsgesetz 1883, Unfallversicherung 1884), aus christlichem Verantwortungsgefühl und aus dem Erbe des aufgeklärten Absolutismus erwachsen, war in vieler Hinsicht vorbildlich. Das tiefer liegende Problem, die Einordnung des vierten Standes in den Staat, war damals bei dessen herrschaftlicher Struktur kaum zu lösen. Jedenfalls trat der von <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> zunächst erhoffte staatspolitische Nutzen nicht ein, so daß er nicht geneigt war, den Arbeiterschutz noch weiter zu treiben. Hierüber ist es zum Konflikt mit Wilhelm II. und dessen Beratern gekommen. Im großen und ganzen hatte er sich am Ende seiner Regierung innenpolitisch ziemlich festgefahren. Es war ihm nicht geglückt, sich eine tragfähige Parlamentsmehrheit zu sichern, so daß er sich mit dem Gedanken eines legalen Staatsstreiches trug, der das Schwergewicht der Gesetzgebungsarbeit in die Landtage verlegt hätte. Der Aufbau einer berufsständischen Vertretung war in den Anfängen stecken geblieben.

<span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> hatte die Monarchie so sehr gestärkt, daß der junge Kaiser [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz3235.html)Wilhelm II., nach der Tragödie [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz17316.html)Friedrichs III. im Juni 1888 unerwartet auf den Thron berufen, nicht mehr willens war, den ihm unbequem gewordenen Minister weiter zu dulden. So mannigfach auch die Gründe waren, die <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span>s Sturz herbeiführten, die tiefere Ursache lag in einem persönlichen Machtkampf (Entlassung 20.3.1890). Er verlebte seine letzten Jahre in Friedrichsruh in persönlicher Verbitterung gegen den Kaiser (den ihm verliehenen Titel eines Herzogs von Lauenburg hat er nie geführt), in Sorge um den Bestand seines Werkes. Die Kritik am neuen Kurs brachte er in Reden, Gesprächen, vornehmlich aber durch die von ihm inspirierten Artikel in den „Hamburger Nachrichten“ nicht immer mit der notwendigen Zurückhaltung zum Ausdruck. 1894 kam es wenigstens äußerlich in Berlin zwischen dem Kaiser und <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> zu einer Aussöhnung.

Es wird schwerlich je gelingen, eine so vielschichtige Persönlichkeit wie <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> eindeutig zu erfassen. Vor einer künstlichen Harmonisierung der großen Gegensätze sollte man sich tunlichst hüten. Nichts jedoch ist falscher, als in ihm nur den skrupellosen Machtpolitiker zu sehen, den Mann von „Blut und Eisen“. Der Breite und Tiefe seines Menschentums wird eine so einseitige Beurteilung nicht gerecht. Seine „Briefe an Braut und Gattin“ gehören mit ihrer bildlichen Ausdrucksfähigkeit differenzierter Seelenvorgänge zu den schönsten Selbstzeugnissen, die wir besitzen. Freilich werden auch das dämonische Element, der Machtwille, der Zynismus und die sich immer mehr steigernde Menschenverachtung nicht zu übersehen sein. <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> war historisch gründlich gebildet, ein Sprachkünstler von hohem Rang, als Redner und im Gespräch von sprühendem Geist und souveränem Humor; doch war für seine Entwicklung Deutschlands große literarische und philosophische Epoche, die noch in seine Jugend hineinreichte, von keinem bestimmenden Einfluß gewesen. Wenn seine Persönlichkeit trotz aller in seinem Wesen liegenden Widersprüche den Eindruck einer schöpferischen Einheit vermittelt, liegt es nahe, die ausgleichende Mitte in seiner Religion zu suchen. An der Aufrichtigkeit seines Glaubens ist nicht zu zweifeln, wenn dieser auch in den verschiedenen Lebensabschnitten manche Abwandlung erfahren hat. Für sein Selbstbewußtsein, sein Verantwortungsgefühl vor einer höheren Instanz, für sein kämpferisches Ethos war die Religion Voraussetzung und Rechtfertigung; für das volle Begreifen der christlichen Ethik, für Selbstüberwindung, Nächstenliebe und die Anerkennung objektiver Rechtsnormen war allerdings sein subjektiver Wille zu übermächtig. <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> lebte jedoch ganz in der abendländischen Überlieferung; als Mitglied der preußischen Großgrundbesitzerschicht blieb er an ihre ideellen und materiellen Interessen gebunden. Seine Liebe zur Landwirtschaft und vor allem zum Walde lehrte ihn die Bedeutung des organischen Wachstums erkennen. Bei seinem angeborenen Herrengefühl wußte er zu viel von der Unbeständigkeit und Eitelkeit aller Dinge, um sich auch auf der Höhe seiner Macht zu Maßlosigkeit und gar Hybris verleiten zu lassen. Nimmt man hinzu, daß der preußische Staatsgedanke ihn in Zucht hielt und er noch überwiegend zur Diplomatie älteren Stiles gehörte, die ungeschriebenen Spielregeln beachtete und gegen alles Irrationale, Unberechenbare in der Politik ein instinktives Mißtrauen hatte, so erklärt sich jene erstaunliche Selbstbeschränkung, deren <span class="abbr" title="Bismarck">B.</span> fähig war und die den Staatsmann vom Abenteurer unterscheidet. Obwohl in mancher Hinsicht zeitgebunden, in späteren Jahren sogar rückwärts gewandt, enthielt doch seine Staatskunst allgemein gültige Maximen, die er in großartiger Verdichtung in seinem Vermächtnis an die Nachwelt, in den „Gedanken und Erinnerungen“, niedergelegt hat.

##### 2. Bernhard von Bülow

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/jqZimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/jqZimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Bülow">B.</span> studierte in Berlin, Göttingen und Kiel. Er trat in dänischen Staatsdienst, war Legationsrat (1842) und Geschäftsträger in den Hansestädten (1847) und 1850 Bundestagsgesandter für Holstein und Lauenburg. 1862 wurde er Staatsminister in Mecklenburg-Strelitz, 1867 Bundesratsbevollmächtigter für beide Mecklenburg, 1873 Staatssekretär des Auswärtigen Amts und 1876 preußischer Staatsminister ohne Geschäftsbereich. Dreimal während seines Berufslebens „Kollege“ [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarcks - am Bundestage, im Bundesrat und im Preußischen Staatsministerium -, hat <span class="abbr" title="Bülow">B.</span> ihm auch innerlich nahe gestanden. Als Staatssekretär des Auswärtigen Amts verwirklichte er die Arbeitsgemeinschaft mit dem Kanzler wie sonst nur noch der Sohn Graf Herbert; als er vorzeitig starb, war man wegen der Nachfolge lange in Verlegenheit. Sachlich handelt es sich um die schicksalsvollen Jahre, da es galt, die Stellung der neuen Großmacht im europäischen Konzert zu festigen, vom kürzlich abgeschlossenen Dreikaiserbündnis über die „Kriegsgefahr“ von 1875 und den Berliner Kongreß bis zur Option zwischen Rußland und Österreich-Ungarn. Auf dieser diplomatischen Wegstrecke begegnen wir <span class="abbr" title="Bülow">B.</span> als Stellvertreter des Kanzlers in einer selbständigeren Tätigkeit als dieser sie sonst seinen Mitarbeitern vergönnt hat; besonders während des großen Urlaubs des „Chefs“ 1877 trat <span class="abbr" title="Bülow">B.</span> auch im Immediatverkehr mit Wilhelm I. hervor. 1878 war er zweiter Vertreter des Reichs auf dem Kongreß; das Gemälde A. von Werners zeigt ihn in einer vielleicht zu selbstgefälligen Haltung, jedoch ganz in der ihm eigenen Würde. In dem schweren Ringen um die Ratifikation des Zweibundvortrages durch den aufs äußerste widerstrebenden Monarchen hat auch <span class="abbr" title="Bülow">B.</span> im Sinne [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarcks trotz innerer Zweifel einen Beitrag geleistet. Seine Wirksamkeit reichte jedoch weit über das Ressortmäßige hinaus. [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarcks Vertrauen beschäftigte und belastete ihn mit einer Fülle von Aufgaben auch der inneren Politik. <span class="abbr" title="Bülow">B.</span>s vermittelnde und ausgleichende Art in Verbindung mit seinem konservativen, streng höfischen Wesen machte ihn geeignet zum Gesandten des Kanzlers bei Wilhelm I., um dessen „Ideen“ zu erkunden und ihm Bismarcksche Ansichten beizubringen. Mehr diplomatischer Techniker als Staatsmann im höheren Sinne, war er doch von großer Einsicht und Klarheit. Keine Kämpfernatur, allem Extremen abgeneigt und, wie der ihn schätzende J. M. von Radowitz bemerkt, nie mit unabänderlichen Überzeugungen beschwert, vielmehr wandlungs- und anpassungsfähig, schritt der durch seine Heirat mit der Hamburger Patriziertochter sehr wohlhabend Gewordene - eine wohlequilibrierte Seele (Bismarck) - in ruhiger Stetigkeit die goldene Mittelstraße. Die Kaiserin Augusta achtete sein politisches und persönliches Treueverhältnis zu [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarck, für sie gehörte aber <span class="abbr" title="Bülow">B.</span> mit seiner feinen Art sich zu geben, seiner Kultur, im Grunde auch<span class="pb" title="Seite im Original 729">|</span>seiner Weltanschauung in „ihre“, die Goethezeit. Das Verhältnis zu den Untergebenen war weniger harmonisch. Der Staatssekretär drängte die Vortragenden Räte von der Spitze ab, indem er alle Vortragssachen an sich nahm; besonders eine Persönlichkeit wie L. Bucher hat das schmerzlich empfunden.

##### 3. Maximilian Prinz von Baden

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/zDvimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/zDvimage.jpeg)

Nach humanistischer Ausbildung wurde <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Offizier; 1911 nahm er als Generalmajor seinen Abschied. Nach dem Tode des <span class="abbr" title="Großherzog">Ghzg.</span> Friedrich von Baden (1907) wurde er designierter Nachfolger seines kinderlosen Vetters Friedrich II. und Präsident der Ersten Bad. Kammer. <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> entwickelte lebhaftes Interesse an geistigen wie künstlerischen Strömungen seiner Zeit. Zu dem religiösen Schriftsteller und Erzieher [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz66611.html)Johannes Müller, der später auf Schloß Elmau wirkte, trat er in freundschaftliche Beziehung. Nach dem Kriegsausbruch 1914 gehörte <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> als Vertreter des Großherzogs dem Stab des Generalkommandos des XIV. Armeekorps an, dem die <span class="abbr" title="badisch">bad.</span> Truppen unterstanden (zuletzt General d. <span class="abbr" title="Kavallerie">Kav.</span> à la suite). Die Unzufriedenheit mit seiner Stellung und seine schwache Gesundheit veranlaßten seine baldige Rückkehr in die Heimat. Im Oktober 1914 übernahm er den Ehrenvorsitz des Gesamtvorstandes des Bad. Landesvereins vom Roten Kreuz. Damit begann eine rege Fürsorgetätigkeit zugunsten der Kriegsgefangenen außerhalb wie innerhalb Deutschlands, wobei <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> seine engen verwandtschaftlichen Beziehungen zum <span class="abbr" title="russisch">russ.</span> wie zum <span class="abbr" title="schwedisch">schwed.</span> Hof sowie Schweizer Verbindungen zu nutzen wußte und die Bemühungen des Weltbundes der <span class="abbr" title="Christlich">Christl.</span> Vereine Junger Männer (Y M C A) unterstützte, dessen <span class="abbr" title="amerikanisch">amerikan.</span>-deutscher Kriegsgefangenenhilfe er seit 1916 als Ehrenpräsident vorstand.

Seine Tätigkeit in der Gefangenenfürsorge, die ihn auch mehrmals in das neutrale Schweden führte, sowie sein liebenswürdiges, tolerantes Wesen verschafften <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> das Ansehen einer weltgewandten, dem engen Nationalismus und der amtlichen Kriegspolitik distanziert gegenüberstehenden Persönlichkeit von geistigem und moralischem Rang. Dennoch einer breiteren Öffentlichkeit unbekannt, verdankte er seine spätere Ernennung zum Reichskanzler vor allem Kurt Hahn (1886–1974), der seit Frühjahr 1917 in der Militärischen Stelle des Auswärtigen Amtes tätig war. Hahn unterhielt auch Verbindungen zu Staatssekretär <span class="abbr" title="Wilhelm">Wilh.</span> Solf und einigen Reichstagsabgeordneten, wie dem Sozialdemokraten Eduard David und dem innerhalb der Fortschrittlichen Volkspartei einflußreichen Conrad Haußmann. David wirkte bereits Anfang Juli 1917 zugunsten einer Ernennung <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span>s zum Reichskanzler. Dieser bot sich – erfolglos – Anfang September 1918 Kaiser Wilhelm II. selbst an und verwies hierbei auf seine Verbindung zur Sozialdemokratie. Als sich Georg Graf <span class="abbr" title="von">v.</span> Hertling zum Rücktritt veranlaßt sah, empfahl er, nach Rücksprache mit Vizekanzler Friedrich <span class="abbr" title="von">v.</span> Payer (Fortschrittliche Volkspartei), <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> dem Kaiser gegenüber als seinen Nachfolger. Doch erst auf dringendes Verlangen Haußmanns und auf Drängen des Verbindungsmannes der Obersten Heeresleitung zum Auswärtigen Amt, Oberst <span class="abbr" title="von">v.</span> Haeften, vor allem Ludendorffs, kam die Berufung zum Reichskanzler am 3.10.1918 zustande. <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> hatte seinen Parteigängern gegenüber bekannt, daß er eigentlich kein Politiker sei, daß er zwar für die Mitarbeit der Sozialdemokratie eintrete, aber eine fortschreitende Demokratisierung und Parlamentarisierung während des Krieges nicht befürworte. Eine Reform der Reichsverfassung und eine Beseitigung der Monarchie im Deutschen Reich schwebten ihm nicht vor.

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und die Oberste Heeresleitung hatten inzwischen die Absendung eines Waffenstillstands- und Friedensersuchens an den Präsidenten der Vereinigten Staaten verlangt und beim Kaiser wie im Reichskabinett durchgesetzt. <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> bemühte sich um eine die deutschen Interessen wahrende Interpretation der „Vierzehn Punkte“ Präsident Wilsons. Der deutschen Friedensnote an den <span class="abbr" title="amerikanisch">amerikan.</span> Präsidenten folgten in den nächsten Wochen in den Antwortnoten Bedingungen, die vor Beginn der Waffenstillstandsverhandlungen, die erst am 7. November aufgenommen wurden, erfüllt werden mußten. In diesen 32 Tagen hat <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> als Reichskanzler, ständig beraten von Kurt Hahn, dem <span class="abbr" title="Geheime(r)">Geh.</span> Legationsrat Simons und Haußmann, mit den Vertretern der Mehrheitsparteien im Kreise des Kriegskabinetts, dem außer Vizekanzler Payer die aus den Parteien kommenden Staatssekretäre Gröber, Trimborn, Erzberger, Haußmann, Scheidemann und Bauer sowie der Staatssekretär des Auswärtigen, Solf, angehörten, folgenreiche Entscheidungen getroffen, die zu einem Teil durch die <span class="abbr" title="amerikanisch">amerikan.</span> Noten provoziert wurden, aber auch dem Programm der Mehrheitsparteien entsprachen. Hierzu gehörten die Einführung der parlamentarischen Verantwortlichkeit des Reichskanzlers und der Reichsregierung sowie des <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span>Kriegsministers, die letzte Entscheidung für das allgemeine, gleiche Wahlrecht in Preußen, die Ersetzung des Statthalters von Elsaß-Lothringen durch den aus dem Reichslande kommenden Straßburger Oberbürgermeister Schwander, die Ernennung eines <span class="abbr" title="elsässisch">elsäss.</span> Zentrumsabgeordneten zum Staatssekretär für Elsaß-Lothringen und eine Reihe weiterer personeller Veränderungen. Bei der Verabschiedung des <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Kriegsministers General Hermann <span class="abbr" title="von">v.</span> Stein und des Chefs des geheimen Zivilkabinetts <span class="abbr" title="Friedrich">Frdr.</span> <span class="abbr" title="von">v.</span> Berg am 7. Oktober wie bei der Entlassung des Generalquartiermeisters Ludendorff am 26. Oktober hat <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span>Zielbewußtsein und klare Einsicht in die Situation bewiesen. Er konnte sich auf die Hilfe Hahns stützen, der auch an der Ausarbeitung der Reden des Reichskanzlers Anteil nahm sowie an der Propagierung einer moralisch fundierten Politik, die als „ethischer Imperialismus“ eine schlagwortartige Bezeichnung fand. Eine umfangreiche Amnestie politisch Verurteilter, die <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz51205.html)Karl Liebknecht die Freiheit wiedergab, wurde auf Verlangen sozialdemokratischer Politiker herbeigeführt. Die Zusammenarbeit von bürokratischen, militärischen und politischen Spitzen des Reiches mit den führenden Männern der größten Parteien und mit den Bundesstaaten war zwar nicht in jedem Punkte reibungslos, funktionierte jedoch, was keine unbedeutende Voraussetzung für den späteren Verlauf der revolutionären Umwälzung bildete.

Das feindliche Ausland hegte Mißtrauen gegenüber <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span>, dem Angehörigen eines deutschen Herrscherhauses, was durch die Veröffentlichung eines Privatbriefes an den in der Schweiz lebenden Prinzen Alexander zu Hohenlohe-Schillingsfürst von Anfang 1918 verstärkt wurde: <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> hatte sich kritisch zu einer Parlamentarisierung und ablehnend zur Friedensresolution des Reichstags geäußert. Als durch die dritte <span class="abbr" title="amerikanisch">amerikan.</span> Note die Abdankung des Kaisers zur Friedensvorbedingung gemacht zu werden schien, wandte sich <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> am 1. November an die herrschenden Fürsten mit einer Anfrage, ob sie mit der Abdankung des Kaisers einverstanden seien; der Umsturz in den deutschen Staaten eine Woche später machte eine Antwort überflüssig. <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span>, der auf eine Entscheidung des Kaisers drängte, hat schließlich in später Stunde dessen Abdankung am 8. November bekanntgegeben und gleichzeitig seinen eigenen Rücktritt dergestalt vollzogen, daß er am 9.11. die Obliegenheiten des Reichskanzlers dem Führer der stärksten Reichstagspartei, dem Sozialdemokraten [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz12329.html)Friedrich Ebert, übergab, um den Übergang in eine neue Staatsordnung einzuleiten, die auch von den Kriegsgegnern respektiert wurde.

<span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> ist nicht als starker und entscheidungsmächtiger Reichskanzler in die Geschichte eingegangen. Doch seine verständnisvolle und tolerante Haltung gegenüber den treibenden Kräften hat ihn für einige Wochen, als die Bedeutung des Kaisers zu schwinden begann, zur unentbehrlichen Persönlichkeit an der Spitze der politischen Führung des Reiches werden lassen. Durch ein engeres Zusammenwirken der künftigen tragenden Mehrheit des Reichstags und ihren Parteien mit den militärischen und administrativen Organisationen und Institutionen der Monarchie konnte der Übergang zu einer neuen politischen Ordnung eingeleitet werden.

Nach seinem Rücktritt vom Reichskanzleramt zog sich <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> aus der Politik zurück. Auf Schloß Salem widmete er sich nun seinen erzieherischen Idealen.

Zusammen mit Kurt Hahn gründete er die bald weltweit berühmte Schloßschule Salem, die zur Heranbildung einer neuen Elite in Deutschland beitragen sollte. Die Salemer Grundsätze, die auf der Erziehung zur Selbstkontrolle und zur Gemeinschaft basierten, fanden später auch außerhalb Deutschlands Nachahmung. Wie Hahn sah <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span> eine wichtige Aufgabe der Pädagogik im Bemühen, Fähigkeiten der Kindheit – wie Vitalität, Bewegungsfreude, Neugier und Mitgefühl – über die Pubertät hinaus zu erhalten. Auch an den schriftstellerischen Arbeiten <span class="abbr" title="Maximilian">M.</span>s, die schließlich in einem Erinnerungswerk ihren Abschluß fanden, hatte Hahn großen Anteil.


##### 4. Robert Julius Spies

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-09/scaled-1680-/image.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-09/image.png)

1819 – 1897

Großkaufmann, Fabrikant

Robert Spies gründete 1847 das Handelshaus Robert Spies, das bis 1914 existierte. Um 1845 hatte er in St. Petersburg den Importhandel mit Indigo und anderen Waren aufgenommen und gehörte von 1857 bis 1863, möglicherweise noch bis Anfang der 1870er Jahre, zu den zehn größten Importeuren in Russland. Nach der Verlegung des Firmensitzes nach Moskau investierte er in großem Stil in die Kiewer Zuckerindustrie, ab 1869 in die Zigaretten- und Textilfarbenindustrie. 1881 liquidierte er seine Firmen und zog sich nach Dresden zurück.

Spies absolvierte nach einer einfachen Schulausbildung seit ca. 1835 eine Lehre bei dem Textilkaufmann Julius Möller in Elberfeld (heute Wuppertal-Elberfeld), dann in der Webschule in Lyon. Seit 1840 war er bei der Seidenweberei Andreae in Mülheim an der Ruhr tätig, für die er durch Europa reiste, und wechselte bald nach Verviers (Provinz Lüttich, Belgien) in das Indigohandelsgeschäft Hermann Peltzer &amp; Söhne, für das er 1845 nach St. Petersburg ging, um Indigo nach Russland zu importieren. 1847 wurde er russischer Staatsbürger und gründete das Handelsunternehmen Robert Spies in Moskau, 1856 mit [Wilhelm Stucken (1820–1895)](https://www.deutsche-biographie.de/117353779.html)die Firma Stucken &amp; Spies, die auch andere Farbstoffe sowie Baumwolle und Rohzucker nach Russland importierte. 1856 wurde er Mitglied der 1. Gilde, der höchsten der drei Moskauer Kaufmannsgilden. Mitte der 1850er Jahre integrierte sich Spies geschäftlich, gesellschaftlich und familiär in den Kreis der führenden deutschen Kaufleute in Moskau, aus dem u. a. die Familien, Knoop, Wogau, Mark und Rabeneck herausragten. 1866 wurde er Erblicher Ehrenbürger, d. h. Mitglied der noch über der 1. Gilde stehenden höchsten kaufmännischen Steuerklasse. In Moskau und St. Petersburg engagierte er sich für Angelegenheiten der evangelisch-reformierten Kirche, den Deutschen Wohltätigkeits-Verein, den Evangelischen Hilfsverein und den Verein zur Unterstützung mittelloser Deutscher Reichsangehöriger. Er leistete 1868 und 1874/76 drei große Spenden für den Bau des Armenhauses und den Wiederaufbau der Lutherischen Kirche in Moskau.

Spies‘ Firma war im Import- und Exporthandel aktiv und gehörte seit 1855 zu den fünf größten Außenhandelsfirmen Russlands. 1856 betrug der Umsatz 130 000 Rubel, stieg auf 3,2 Millionen Rubel und erreichte 1858 mit 4,3 Millionen Rubel einen Höhepunkt, womit das Unternehmen führender Importeur nach Russland wurde. Bis 1863 lagen die Umsätze konstant zwischen 2 und 4 Millionen Rubel, Hauptimportwaren waren Farbgrundstoffe wie Cochenille, Indigo und Krapp, ferner Rohbaumwolle, Textilien, Rohseide, Tabak und Tee. Im Export überwogen Rohstoffe wie Leinen, Wolle, Pottasche und Hanf, außerdem Nahrungsmittel wie Butter und Getreide; zusätzlich betrieb das Unternehmen russischen Binnenhandel.

Ab Mitte der 1870er Jahre ging der Handelsumsatz zurück, seit Ende der 1860er Jahre wandte Spies sich zunehmend der Industrieproduktion zu: Er errichtete eine Krappmühle in Derbent (Dagestan, Russland) und investierte in die zuckerverarbeitende Industrie in der Ukraine. Bis Ende der 1870er Jahre waren Stucken &amp; Spies dort führend und betrieben fünf große Zuckerraffinerien mit einem jährlichen Umsatz von 2,5 Millionen Rubel. In der zweiten Hälfte der 1870er Jahre verkaufte Spies wegen der sinkenden Konjunktur der Branche seine Anteile. 1868 erwarb er die Gesellschaft der Rotfärbereifabrik Franz Rabeneck in Bolschewo (bei Moskau), 1869 die 1852 von [Joseph von Huppmann del Valbella (1814–1897)](https://www.deutsche-biographie.de/136215823.html) gegründete Zigarettenfabrik Laferme in St. Petersburg, die er 1870 in eine Aktiengesellschaft umwandelte und die sich zügig zur größten Tabakfabrik Russlands entwickelte. Das Unternehmen hatte Filialen in Warschau, Odessa und Dresden, die Gewinne daraus vergrößerten das Vermögen der Familie beträchtlich. 1870 war Stucken &amp; Spies Mitgründer der Moskauer Diskonto Bank und der Russischen Bank für Auswärtigen Handel. Spies wurde 1870 Vorstandsmitglied des Moskauer Börsenkomitees, gewählter Vertreter der Kaufmannsgesellschaft und Mitglied des Staatsbankkomitees. 1878 schätzte die Londoner Handelsbank Kleinwort &amp; Co. das Unternehmen Stucken &amp; Spies auf 1 Million Rubel Kapital.

1872 wurde Spies deutscher Staatsbürger und deutscher Konsul in Moskau. 1873 nahm er seinen Neffen Ernst Spies (1849–1917) in die Firma auf, der zusammen mit Spies’ ältestem Sohn Leon (1858–1921) das Geschäft mit wenig Erfolg führte. 1881 liquidierten Spies und Stucken ihr Unternehmen, Spies übernahm Stuckens Anteile an den Gesellschaften Laferme und Franz Rabeneck. Er übersiedelte im selben Jahr nach Dresden, wo er sich um die dortige Filiale der Tabakfabrik Laferme kümmerte. Seine Unternehmen wurden von Ernst Spies und ab 1890 zunehmend von seinen Söhnen Albert Spies (1859–1929), Leon und Georg Spies (1861–1926) fortgeführt und ausgebaut. Ernst Spies blieb noch bis 1914 in Moskau, im Ural und in Odessa tätig.

##### 5. August Bebel

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-10/scaled-1680-/hPeimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-10/hPeimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Bebel">B.</span>, als Soldatenkind in einer Festungskasematte geboren, nach dem frühen Tod des Vaters in sehr bedrängten Verhältnissen zu Wetzlar aufgewachsen, erlernte nach dem Besuch der Armen- und Bürgerschule das Drechslerhandwerk. Von schwächlicher Konstitution, aber geistig ungeheuer regsam und lernbegierig, kam <span class="abbr" title="Bebel">B.</span> nach seinen Wanderjahren als Handwerksgeselle, die ihn durch Süddeutschland führten, 1860 fast zufällig nach Leipzig. Das wurde für ihn entscheidend. Diese Stadt war damals eine Mitte der<span class="pb" title="Seite im Original 684">|</span>sich regenden Arbeiterbewegung mit liberalen Vorzeichen und ausgesprochenen Bildungstendenzen: Der junge <span class="abbr" title="Bebel">B.</span> nahm daran lebhaftesten Anteil, ab 1865 als Vorsitzender des Arbeiterbildungsvereins. Der preußische Verfassungskonflikt und Ferdinand Lassalles Auftreten politisierten die Atmosphäre: <span class="abbr" title="Bebel">B.</span>s politischer Beginn steht in der Gegnerschaft zu Lassalle - er vollzieht sich im Rahmen des Verbandes der deutschen Arbeitervereine, einer Schöpfung linksbürgerlicher Politiker, aber er führt dann, in der mit sozialistischer Theoretik und erster sozialpolitischer Praxis erfüllten Zeitspanne (Anfang der gewerkschaftlichen Organisation) zur Verselbständigung. 1867 wird der junge <span class="abbr" title="Bebel">B.</span> in den Norddeutschen Reichstag gewählt, als Vertreter der „Sächsischen Volkspartei“, neben ihm [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz51210.html)Wilhelm Liebknecht; diese improvisierte Parteibildung mochte als sächsischer Demokratismus gegen [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarcks Militärpolitik erscheinen. Sie war nur kurzer Durchgang. Unter Liebknechts Einfluß vollzog sich <span class="abbr" title="Bebel">B.</span>s Entscheidung für die Marxschen Thesen, die das geistige Fundament der 1869 von <span class="abbr" title="Bebel">B.</span> in Eisenach mitbegründeten Sozialdemokratischen Partei wurden. Er blieb, dem „Intellektuellen“ Liebknecht rednerisch und in der geistigen Elastizität überlegen, bis zu seinem Ende ihr trotz mannigfacher interner Spannungen unbestrittener Führer, zumal im Reichstag, dem er ununterbrochen angehörte: bis 1877 für Glauchau-Meerane, bis 1883 für Dresden, dann für Hamburg. Als Drechslermeister führte er ein mühsames berufliches Leben - jene Zeit kannte noch nicht die Aufwandsentschädigung für Parlamentarier - erst seine späteren schriftstellerischen Arbeiten verhalfen ihm allmählich zu einiger Unabhängigkeit. An politischen Verfolgungen, zumal in der Frühzeit, fehlte es nicht; neben mehrfachen Gefängnisstrafen (Majestätsbeleidigung) steht der berühmt gewordene Hochverratsprozeß aus dem Jahre 1872, der <span class="abbr" title="Bebel">B.</span> und Liebknecht für zwei Jahre in die Festung brachte - er war angestrengt worden wegen des irgendwie greifbaren sozialistischen Broschürenmaterials und brachte <span class="abbr" title="Bebel">B.</span> wegen seiner dürftigen Begründung über seine Anhänger hinaus die Volkstümlichkeit des Märtyrers und zugleich die Muße von einem verhetzten Leben, die er zur ernsthaften Weiterbildung nutzte. Es hat etwas Großartiges und zugleich Rührendes, wie er das Gelernte weiterzugeben und zu gestalten bemüht war, so in den Schriften über den „Bauernkrieg“, über die „Frau und der Sozialismus“. Dieses Buch vor allem, 1883 erschienen, in Zehntausenden aufgelegt, in viele Sprachen übertragen, ist wichtig geworden, weil es, die Gesetze des „historischen Materialismus“ als gegeben nehmend, mit einer im Einzelstück rationalistisch argumentierenden Phantasie doch wieder zur Utopie kommt, die Marx verlassen zu haben glaubte.

<span class="abbr" title="Bebel">B.</span> war mit dem gesprochenen Wort stärker als mit dem geschriebenen, mit seiner metallenen Stimme, die zu dem fast zierlichen kleinen Körper seltsam kontrastierte, eine rednerische Naturbegabung von höchstem Rang. In seinen Schriften steckt die gelegentlich pedantische Heftigkeit des Überredens, doch weicht sie in seinem Erinnerungsbuch einer ruhig gewordenen, manchmal schier behaglichen Gelassenheit. Die Bedeutung des Mannes mit seiner Typen und Gesinnungen bildenden Kraft für die sozialistische deutsche Arbeiterbewegung kann kaum überschätzt werden, im Positiven und im Negativen. Was ihm fehlte, war das Organ für die Kraft des Religiösen oder Metaphysischen, das ihm eben nur, im vereinfachten Schema, als gesellschaftliche Spiegelung erschien, bemerkenswert aber daneben der gegen alle theoretische Ansage wachsende Sinn für realistische Staatlichkeit: Der Soldatensohn lehnte den Militäretat ab, kämpfte aber für verständige Kriegsmonturen. Der Utopist erwartete mit Ungeduld den großen sozusagen gesetzlichen Wandel der Gesellschaft, arbeitete sich aber zugleich mit Geduld in die sozialpolitischen Spezialfragen ein, durch deren legislative Beantwortung die Lebenslage einer Arbeitergruppe gebessert werden könne. Er stellte sich wütend gegen den „Revisionismus“, der, von wichtigen Gewerkschaftsführern sachlich unterstützt, dem „Erfurter Programm“ seine Buchstabengültigkeit rauben wollte, er tat dies, um die Einheit der Partei zu sichern, zugleich aber begegnete er den theoretischen Gegnern in den gemeinsamen Einzelentscheidungen, und seine letzten Jahre waren, aus außenpolitischen Sorgen, gegen den doktrinären Radikalismus gewandt, den die eigene Lebenserfahrung hinter sich gelassen hatte. Persönlich liebenswürdig, uneitel und um seines reinen Menschentums willen auch bei den nicht böswilligen Gegnern geachtet, konnte er in seinen Kampfjahren leidenschaftlich wie ein Vulkan ausbrechen, wo er Unrecht und Gewalt witterte. Darin versank das Dogmatische, das er erlernt und geglaubt hatte.

##### 6. Heinrich Mann

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/image.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/image.png)

<span class="abbr" title="Mann">M.</span>s literarische Begabung zeigte sich auf einer Reise des Dreizehnjährigen nach <span class="abbr" title="Sankt">St.</span> Petersburg 1884, über die er ein Tagebuch führte. 1885 begann er mit erzählerischen, 1887 mit poetischen Versuchen. 1889 verließ er das Lübecker humanistische Gymnasium Katharineum mit dem Zeugnis der Unterprima. Er trat im selben Jahr eine Buchhandelslehre in Dresden an, die er bald abbrach. 1890/91 volontierte er im S. Fischer Verlag, Berlin, und hörte Vorlesungen an der Universität. Prägend wurde für sein Schaffen die Auseinandersetzung mit den literarischen Schulen des Naturalismus und Impressionismus.

Nach dem Tod des Vaters und der von diesem testamentarisch verfügten Liquidierung der Firma Johann Siegmund Mann 1891 begann <span class="abbr" title="Mann">M.</span> – finanziell unabhängig – seine Laufbahn als freier Schriftsteller. Er veröffentlichte erste Rezensionen in den Zeitschriften „Die Gesellschaft“ und „Die Gegenwart“. Damit war er zu eine Zeit lebhaftester weltanschaulicher Debatten ins literarische Leben eingetreten. Er öffnete sich Hermann Bahrs Kritik am Naturalismus sowie dem Psychologismus Paul Bourgets. Bestimmend für ihn wurden auch erkenntnistheoretische Erörterungen Emil Du Bois-Reymonds, die sich gegen das kausalmechanische Weltbild des Positivismus richteten. 1893 erfolgte die Übersiedlung mit der Mutter und den Geschwistern nach München; <span class="abbr" title="Mann">M.</span> hat seither seine Vaterstadt nicht wieder besucht. 1892-98 hielt er sich allerdings meist in Italien (vor allem in Rom) auf – 1896-98 mit seinem Bruder [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz57778.html)Thomas – und begann seinen ersten, psychologisierenden Roman „In einer Familie“, dessen Druck 1894 die Mutter finanzierte. Die Figurenkonstellation orientiert sich im wesentlichen an der von Goethes „Wahlverwandtschaften“. 1895/96 war <span class="abbr" title="Mann">M.</span> als Nachfolger [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz51317.html)Friedrich Lienhards Herausgeber der konservativen Monatsschrift „Das Zwanzigste Jahrhundert, Blätter für deutsche Art und Wohlfahrt“. Seine eigenen Beiträge darin boten einen Querschnitt offiziöser, ja offizieller Meinungen des <span class="abbr" title="kaiserlichen">kaiserl.</span> Deutschlands. Die Mittelstandspolitik des <span class="abbr" title="preußischen">preuß.</span> Finanzministers [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz63552.html)<span class="abbr" title="Johannes">Johs.</span> <span class="abbr" title="von">v.</span> Miquel, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz71984.html)Nietzsches Antisozialismus, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69209.html)<span class="abbr" title="Friedrich">Frdr.</span>Naumanns Rechtfertigung des Krieges durch die christliche Religion, der Antisemitismus des Berliner Hofpredigers [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69037.html)Adolf Stoecker, die völkische Überhebung der „Alldeutschen“ waren in ihr ebenso zu finden wie die Vorstellungen [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74978.html)Heinrich <span class="abbr" title="von">v.</span> Treitschkes, der mit seinem<span class="pb" title="Seite im Original 40">|</span>Eintreten für Hohenzollernverehrung, Militarismus und Antiparlamentarismus, seinem Rassendünkel und seinem irrationalen Schicksalsglauben eine Summe des Ganzen gab. Alle diese Themen hat <span class="abbr" title="Mann">M.</span> bald als Material der Satire in seinen gesellschaftskritischen Romanen verwandt.

<span class="abbr" title="Mann">M.</span>s erster Roman war – nach der von Bourget aufgestellten Romantypologie – als „roman de caractère“, der Analyse des Innenlebens, der Moral, der „Décadence“ ausgeführt. Diese Analysen führte <span class="abbr" title="Mann">M.</span> nicht, wie ursprünglich geplant, weiter. Er richtete vielmehr seine Aufmerksamkeit auf die klassischen Traditionen des <span class="abbr" title="französischen">franz.</span> Romans: die plastischen Darstellungen Daudets und Maupassants erschienen ihm zuerst als Gegenbeispiele einer nicht durch Reflexion und psychologische Analyse aufgelösten Erzählweise. Flaubert trat hinzu, seit 1896 Balzac und gegen 1900 Anatole France: sie alle sind Vertreter des in der Romantypologie von Bourget sogenannten „roman de moeurs“, des Abbilds der „vie extérieure et sociale“. Diesen Vorbildern schloß sich <span class="abbr" title="Mann">M.</span> nun an. Nahm er im „Zwanzigsten Jahrhundert“ den <span class="abbr" title="französischen">franz.</span> „Preßroman“ noch als Beleg für die Machtstellung der „jüdischen Zeitungsbesitzer“ mit dem Bedauern, „daß sich in Deutschland die höhere Erzählkunst noch kaum der Judenfrage angenommen“ habe, so wirkte nun seine Lektüre von Maupassants „Bel Ami“ besonders auf den Entwurf seines zweiten Romans „Im Schlaraffenland, Ein Roman unter feinen Leuten“ (1900) und mag dazu beigetragen haben, daß der Entwurf dieses deutschen „Preßromans“ der älteren Konzeption der „Göttinnen“ (1903) vorgezogen wurde. „Im Schlaraffenland“ ist formal ein Gegenstück zu „In einer Familie“. Mit seiner Fülle von Figuren aus unterschiedlichsten sozialen Milieus ist in ihm zum erstenmal im Werk <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s eine mächtige Gesellschaftspyramide aufgeschichtet. Auch andere Mittel, die seither <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s Erzählkunst bestimmen, sind hier ausgebildet: ein unter den Figuren anwesender Erzähler des Romans, dramatische Szenenführung, scharfe Schnitte zwischen den Szenen, weite Dialogpartien. Inhaltlich wird die „Kritik von rechts“, die <span class="abbr" title="Mann">M.</span> im „Zwanzigsten Jahrhundert“ an der Gesellschaft geübt hatte, mit den ideologischen Mitteln eines romantischen Antikapitalismus, der sich vornehmlich gegen die <span class="abbr" title="jüdische">jüd.</span> Großbourgeoisie richtet, fortgesetzt. Dabei werden sämtliche Konventionen und Einrichtungen der Gesellschaft satirisch entwertet und verneint; Positionen sind im „Schlaraffenland“ nicht erkennbar. Die Satire umgreift auch Kunst und Literatur und unterzieht sie als Objekte der „feinen Leute“ der Abwertung.

Wesentlich für <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s Entwicklung wurde in diesen Jahren die Lektüre der Schriften von Nietzsche und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz114717.html)Georg Brandes. Nietzsches europäisch gesinnte und speziell anti-preußische, anti-reichsdeutsche Kulturkritik, auf deren politische Akzente er durch Brandes' Vorlesungen und den auf sie folgenden Aufsatz über Nietzsche hingewiesen worden war, bestimmte <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s Kritik am deutschen Bürgertum bald nach Abschluß seines ersten Romans. Diese Kritik umschließt Themen, die er bis in sein Spätwerk in vielen Variationen bearbeitete: die Künstler und Komödianten sowie besonders – vermutlich angeregt durch [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz3235.html)Wilhelm II. – die wesenlosen, leeren Nachahmer in Gesellschaft und Geschichte, die „Bösen“ (als solche figurieren im Spätwerk auch Hitler, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz52508.html)Wagner und [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118719432.html)Sacha Guitry in „Ein Zeitalter wird besichtigt“, ebenso [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz56983.html)Friedrich II. in „Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen“). Auch Nietzsches aus der Ablehnung des Historismus erwachsener Geschichtsrelativismus hat vorübergehend auf <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s Geschichtsbild eingewirkt. Folgenreicher war allerdings für <span class="abbr" title="Mann">M.</span> die ihm durch Brandes und die Franzosen Bourget und Taine vermittelte Kenntnis von Hegels Geschichtsphilosophie, die, um ihren Idealismus verkürzt und auf ein Triadenschema historischer Entwicklung beschränkt, von Anfang an Nietzsches Einflüssen relativierend entgegentrat und sich auf die Gliederung der Kaiserreich-Romane ausgewirkt hat. <span class="abbr" title="Mann">M.</span> hatte sich die Bausteine seines Welt- und Menschenbildes vor der Jahrhundertwende angeeignet. Der Entwurf eines radikal demokratisch-republikanischen Gesellschaftsbildes, Grundlage seines späteren literarischen Schaffens und politischen Engagements, stand noch aus. Zunächst arbeitete er die gewonnenen negativen Einsichten in die Gesellschaft mit äußerster Konsequenz durch.

„Vorerst habe ich, wie Sie verstehen werden, die landläufigen Bürger satt“, schrieb <span class="abbr" title="Mann">M.</span> nach Abschluß des „Schlaraffenlandes“ an seinen Münchner Verleger [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz47984.html)Albert Langen (2.12.1900). In der Romantrilogie „Die Göttinnen“ (1903) flüchtete er sich in den Gestus des enttäuschten Romantikers, der der negativ erlebten Gesellschaft sein Ideal als unerfüllbaren Traum entgegenstellt. Angeregt von Bourget, d'Annunzio und Flaubert („Salammbô“) und durch gewisse damals lebendige Vorstellungen des „Renaissancismus“ – einer fragwürdigen gründerzeitlichen<span class="pb" title="Seite im Original 41">|</span>Renovatio aus Sage, Mythos und dekorierter Antike – steigerte <span class="abbr" title="Mann">M.</span> seine Gesellschaftsfeindlichkeit und Antibürgerlichkeit zum Affekt, der seine Begründung im Ästhetischen suchte. „Bürger“, so bekennt die Hauptfigur der „Göttinnen“, die Herzogin von Assy, „so nenne ich alle, die häßlich empfinden und ihre häßlichen Empfindungen obendrein lügenhaft ausdrücken“. Der in sechs Monaten niedergeschriebene, im selben Jahr erschienene Roman „Die Jagd nach Liebe“ (1903) transponierte den Ästhetizismus in das München der Jahrhundertwende mit seinen Boden- und Bauspekulationen, mit seinen Malerzirkeln der „Schlawiner“ und „Sezessionisten“, mit seinen höfischen Schaustellungen. Allein, das gesamte zeit- und kulturkritisch verwertete Material vermochte dem kärglichen Gehalt einer folgenlosen Liebesgeschichte, die zudem kolportagehaft Erfahrungen der Schwester Carla benutzte, nicht aufzuhelfen. Sein Bruder Thomas war von „dieser Fratzenwelt der krassen Effekte“ abgestoßen und mutmaßte, „die Begierde nach Wirkung“ habe <span class="abbr" title="Mann">M.</span> „korrumpiert“ (5.12.1903). Der erste große, zu dieser Zeit noch ästhetisch-literarisch begrenzte Konflikt der Brüder war damit ausgebrochen.

Das formstrengste Werk dieser Jahre war <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s Novelle „Pippo Spano“, die Geschichte vom Versagen eines „steckengebliebenen Komödianten“: Die Umwertung von Nietzsches Renaissance-Ideal zum Requisit der Maskerade eines Literaten, der sich als Condottiere empfinden möchte, war ein Ausdruck für <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s einsetzenden Anschauungswandel. Er begann, die Ausweglosigkeit affektiver Negationen zu begreifen. Eine autobiographische Notiz spricht von der völligen Isolation, in der er sich befand und in der er dahin gelangte, „sein Wirkungsbedürfnis einzuengen, es an einem Einzigen auszulassen; wodurch es gewinnt an Heftigkeit“ (1904).

Im Herbst 1904 verfaßte <span class="abbr" title="Mann">M.</span> den Roman „Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen“ (1905), dessen Filmversion „Der blaue Engel“ ihm 25 Jahre später Weltruhm brachte (Drehbuch [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz120789.html)Carl Zuckmayer, Regie [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz123840.html)Josef <span class="abbr" title="von">v.</span> Sternberg, mit Marlene Dietrich, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz36963.html)Emil Jannings <span class="abbr" title="und andere">u. a.</span>). Mit der Schulgeschichte dieses Romans, in der er Schlußpartien der „Buddenbrooks“ über Hanno nutzt, übt <span class="abbr" title="Mann">M.</span>, wie auch [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz41756.html)Wedekind, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz67509.html)Musil, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz120801.html)Robert Walser und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70139.html)Hesse, Kritik am bürgerlichen Schuldrill. Wenn Professor Rat schließlich seine Stimme der <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr> gibt, um „den Widerstand einiger in allgemeiner Anarchie zu begraben“, so ist dies eine negative politische Motivation. Dieser Aspekt der „Macht“, den <span class="abbr" title="Mann">M.</span> später in ausgeschiedenen Passagen seiner Memoiren „Ein Zeitalter wird besichtigt“ (1945) dem Werk als wesentlich zuschreibt und der auch den Untertitel des Romans bestimmt, wird im Film allerdings zugunsten der Liebesgeschichte vernachlässigt. Während <span class="abbr" title="Mann">M.</span> noch an diesem Roman arbeitete, legte er in einer Zuschrift an [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70007.html)Maximilian Harden, den Herausgeber der Zeitschrift „Die Zukunft“, sein frühestes Bekenntnis zur parlamentarischen Republik ab; gleichzeitig verurteilte er den deutschen Machtstaat: Dieser werde als „geschickte Tyrannei“ zwar „fette Untertanen“, aber „immer nur Untertanen“ hervorbringen. Zwei Jahre später begann er Materialien zu seinem berühmtesten Roman „Der Untertan“ zu sammeln. Mit diesem Begriff der anarchisch zu stürzenden „Macht“ hatte <span class="abbr" title="Mann">M.</span> sich die eine, die negative Seite seines gegensätzlichen Begriffspaares „Macht/Geist“ geschaffen. Seinem „Geist“-Begriff versuchte er im folgenden Roman „Zwischen den Rassen“ (1907) Gestalt zu geben: Während die „Macht“ stets „das Bestehende“ vertritt, ist ihr Gegensatz, der „Geist“, stets auf die Revolutionierung der bestehenden Verhältnisse gerichtet. „Zwischen den Rassen“ enthält ein glühendes Bekenntnis zu Rousseau und zur „ungeheuren Güte der Demokratie, ihrer Kraft, Würde zu wecken, Menschlichkeit zu zeigen, Frieden zu verbreiten.“ Aber das blieben Absichtserklärungen; die erzählerische Gestaltung der zugrundeliegenden Fabel, einer italienischen Ehetragödie, die 1906 als „Der Fall Murri“ die europäische Presse beschäftigte, ist nicht gelungen. <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s intellektuelle Entwicklung bewegte sich jedoch immer stärker auf die aus dem Gegensatz „Macht/Geist“ zu entwickelnde Synthese zu, die in dem Grundsatz enthalten ist: „So sei der Politiker Geist und der Geistige handle“ (Geist und Tat, 1910).

1909 erschien der Roman „Die kleine Stadt“, ein nicht nur seines demokratischen Gehalts, sondern auch seiner Form wegen in der deutschen Literatur einzig darstehendes Werk. Ein Personal von mehr als hundert Figuren, jede psychologisch und gestisch durch charakteristische Details plastisch gezeichnet, wird im Italien nach dem Risorgimento auf dem engen Raum des Marktes, der Cafés, des Domes und eines alten Palastes der „kleinen Stadt“ – zu der Palestrina südlich von Rom, der Aufenthaltsort von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz57766.html)Heinrich und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz57778.html)Thomas Mann 1896–98, das Modell gab – mit müheloser Sicherheit bewegt. Der<span class="pb" title="Seite im Original 42">|</span>Ablauf der Ereignisse wird nach den klassischen Regeln des Dramas in fünf Kapiteln dem Ausgang zugeführt: Die Stadt erlebt ein Operngastspiel, die Bürger erleben die Kunst. „Die singenden Gestalten waren stärker und reiner als sie, und doch sie selbst. Da waren sie glücklich, Menschen zu sein. Sie liebten einander.“ Die Künstler erfahren die lebendige Wirksamkeit ihres Tuns: „Ich wußte es, wir seien nicht allein; ein Volk höre uns!“ Die Synthese von Kunst und Leben ist hier in der Kunst erreicht. Der folgende Roman „Der Untertan“ (Vorabdruck einzelner Kapitel 1911/12 im „Simplizissimus“, 1914 in „Zeit im Bild“ in Fortsetzungen erschienen, die im August des Jahres abgebrochen wurden, Buchausgabe 1918) stellt ein Gegenbild zum Wilhelminischen Deutschland dar. In einem Brief an seinen <span class="abbr" title="französischen">franz.</span> Freund, den Literaturprofessor [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn119156083.html)Félix Bertaux, hat <span class="abbr" title="Mann">M.</span> 1922 seinen „Untertan“ mit Stendhals „Rot und Schwarz“ verglichen – in dem berechtigten Selbstbewußtsein, den bedeutendsten gesellschaftskritischen Bildungsroman seiner Zeit vorgelegt zu haben. Die Geschichte des Diederich Heßling kann auch als Illustration der Deutung seiner Epoche verstanden werden, die <span class="abbr" title="Mann">M.</span> bei Erscheinen des Romans, in seinem großen Essay „Kaiserreich und Republik“ (1918), gab: als „Nachahmung“, „Wiederholung“, „Nachäffung“ des „Ludwig Philippschen Königtums der bereicherten Bürger“, des „Kaisertums [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz67917.html)Napoleons des Dritten mit seiner blendenden Fassade, inneren Mürbheit, seiner Theaterregie“. <span class="abbr" title="Mann">M.</span> vereinigte im „Untertan“ den „roman de moeurs“ mit dem „roman de caractère“, den Psychologismus von Bourget und Nietzsche mit der Gesellschaftsdarstellung Balzacs und Zolas.

Seit dem Erscheinen dieser Romane und der politisch-kulturpolitischen Essays „Voltaire – Goethe“, „Geist und Tat“ im Jahr 1910 galt <span class="abbr" title="Mann">M.</span> der jungen expressionistisch-literarischen Generation als Wortführer des „Aktivismus“. Er gehörte bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu den sehr wenigen europäischen Intellektuellen, die sich gegen die chauvinistische Kriegsbegeisterung wandten. Insbesondere gegen die Haltung seines Bruders Thomas protestierte <span class="abbr" title="Mann">M.</span> mit seinem Essay „Zola“ (1915). Der weltanschauliche Konflikt der Brüder währte als stillschweigende Trennung bis 1922. Der große Verkaufserfolg des „Untertan“ nach Kriegsende wie auch die zahlreichen Aufführungen seiner im Jahrzehnt bis 1920 geschriebenen Schauspiele befestigten <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s Ansehen in Deutschland. In den ersten Jahren der Weimarer Republik versuchte er den Erfolg des „Untertan“ fortzusetzen. Dem negativen Bildungsroman des imperalistischen Bourgeois fügte er die Darstellungen des Proletariats („Die Armen“, 1917) sowie der Großindustrie, der leitenden Bürokratie und der Diplomatie („Der Kopf“, 1925) an; er begriff diese drei Werke als „die Romane der deutschen Gesellschaft im Zeitalter Wilhelms II.“ und faßte sie unter dem Titel „Das Kaiserreich“ zusammen. Die literarische Wirkung der Fortsetzungen blieb allerdings gering. Bedeutsamer als sein belletristisches war sein publizistisches und essayistisches Werk der 20er Jahre. In ihm setzte er sich für die deutsch-französische Verständigung sowie für eine paneuropäische Bewegung ein.

Nach der Trennung von seiner ersten Frau, mit der er seit 1914 in München gewohnt hatte, übersiedelte <span class="abbr" title="Mann">M.</span> 1928 nach Berlin. Nach seiner Wahl in das Gründungskapitel der Sektion Dichtkunst der <span class="abbr" title="Preußischen">Preuß.</span> Akademie der Künste zu Berlin wurde er 1931 als deren Präsident berufen, doch schon 2 Jahre später unter politischem Druck zum Austritt gezwungen. Unmittelbarer Anlaß war seine mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz44256.html)Käthe Kollwitz unternommene Unterzeichnung eines Aufrufs des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes zur Einigung von <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr> und <abbr title="Kommunistische Partei Deutschlands">KPD</abbr> im Februar 1933. Noch im selben Monat emigrierte <span class="abbr" title="Mann">M.</span> nach Frankreich, wo er zusammen mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfzW4783-5.html)Nelly Kröger – die er 1939 heiratete – bis 1940 in Nizza lebte. Er war seit der Pariser Gründung der Deutschen Volksfront 1935 deren Präsident. 1936 wurde ihm, dem 1933 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, die tschechische Staatsbürgerschaft gewährt. – In der <span class="abbr" title="französischen">franz.</span>Emigration schrieb <span class="abbr" title="Mann">M.</span> die großangelegten Romane „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ (1935) und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“ (1938). Er stellte mit diesem Volkskönig des Toleranzedikts von Nantes einen vorbildlichen humanistischen Politiker dar, der die von ihm selbst propagierte Synthese von „Macht“ und „Geist“ praktizierte. Dieser historische Roman sollte, <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s pragmatischem Geschichtsdenken gemäß, ein „wahres Gleichnis“ für die Gegenwart sein und wurde als solches von Kollegen und Kritikern wie [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz57778.html)Thomas Mann, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz120788.html)Arnold Zweig, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz15924.html)Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, Hermann Kesten und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55121.html)Georg Lukács sogleich erkannt und gerühmt.

1940 floh <span class="abbr" title="Mann">M.</span> zusammen mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz15924.html)Lion Feuchtwanger, Golo Mann und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz64829.html)Franz Werfel über Spanien und Portugal in die USA. Dort lebte er in Hollywood, dann in einem anderen Stadtteil<span class="pb" title="Seite im Original 43">|</span>von Los Angeles und zuletzt in Santa Monica in äußerst eingeschränkten Verhältnissen. Im <span class="abbr" title="amerikanischen">amerikan.</span> Exil entstand – in Dialogformen und Struktur <span class="abbr" title="zum Teil">z. T.</span> angeregt durch <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s Tätigkeit als Scriptwriter für die Filmgesellschaft Warner Brothers – das bisher weitgehend unbeachtet und unverstanden gebliebene Alterswerk. Mit der Antinazi-Satire „Lidice“ (1943) reagierte <span class="abbr" title="Mann">M.</span> auf die „Ausmerzung“ des <span class="abbr" title="böhmischen">böhm.</span> Dorfes Lidice durch die <abbr title="Schutzstaffel der NSDAP">SS</abbr>am 9.6.1942. Formal teilte er den Roman in 101 <span class="abbr" title="zum Teil">z. T.</span> sehr kurze Szenen mit Perspektiven nach Art des klassischen Films wie „Totale“, „Halbnah“, „Nah“ ein und übernahm auch das Doppelgängermotiv, das gerade in zwei großen Hollywoodfilmen verwandt worden war (Chaplins „The Great Dictator“, 1941, und Ernst Lubitschs „To Be or Not To Be“, 1942). Dieser Dialogroman wurde, nachdem <span class="abbr" title="Mann">M.</span> befürchtet hatte, „Fehler begangen zu haben, in der Sache oder im Ton und Takt“ (6.12.1943 an C. F. Weiskopf), erst 1984 wiederaufgelegt.

Im Alterswerk <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s verweisen Memoiren sowie Essayistisches und das erzählerische Werk wechselseitig aufeinander: Die Romane „Empfang bei der Welt“ (postum 1956) und „Der Atem“ (1949) sowie das Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“ (1945) und die Fragment gebliebene „Traurige Geschichte von Friedrich dem Großen“ (postum 1960). Insbesondere die beiden letzten großen Romane reflektieren verschlüsselt autobiographische Erlebnisse: In „Empfang bei der Welt“, einer internationalen Gesellschaftssatire, ersteht das großelterliche Lübecker „Buddenbrook“-Haus noch einmal und beherbergt eine Figur, den Geheimen Rat Balthasar, in dem sich Facetten Goethes, des Senators Mann und <span class="abbr" title="Mann">M.</span>s selber widerspiegeln; über die Hauptfigur von „Der Atem“, die der <span class="abbr" title="österreichischen">österr.</span> Hocharistokratie angehörige Baronin Kovalsky, geborene Gräfin Traun, „de la maison Traun-Montéformoso“, hat <span class="abbr" title="Mann">M.</span> bekannt, sie sei „eine Übertragung meines eigenen Erlebens“ (14.8.48 an Karl Lemke). Während in den Romanen die Erinnerung an das alte Europa vorherrscht, kommentieren seine programmatische Essayistik und seine Autobiographie den sozialistischen Aufbau im neuen Europa.

1947 wurde <span class="abbr" title="Mann">M.</span> der philosophische Ehrendoktorgrad der Humboldt-Universität, Berlin, und 1949 der Nationalpreis 1. Klasse für Kunst und Literatur der <abbr title="Deutsche Demokratische Republik">DDR</abbr>verliehen. Im selben Jahr nahm er auch die Berufung als Präsident der neu zu gründenden Deutschen Akademie der Künste zu Berlin (Ost) an.

##### 7. Thomas Mann 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/jgcimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/jgcimage.jpeg)

**Thomas Mann – ein Jahrhundert-Schriftsteller**

2025 jähren sich der 150. Geburtstag und 70. Todestag von Thomas Mann – Anlass dafür, das Werk des Literaturnobelpreisträgers neu zu entdecken.

<div class="component component--container-small" id="bkmrk-thomas-mann-1916-in-" style="text-align: justify;"><div class="component__inner"><div class="image-container"><figure class="figure"><div class="image-container__img-wrapper"><picture>![Thomas Mann 1916](https://www.deutschland.de/sites/default/files/styles/image_carousel_mobile/public/media/image/sonder_05022025_thomas-mann-1.jpg?itok=rGlqZUrk "Thomas Mann 1916")</picture></div><figcaption class="figure__caption "><span class="figure__caption-text">Thomas Mann 1916 in seinem Arbeitszimmer</span><span class="figure__copyright-text">© picture alliance/ullstein bild</span></figcaption></figure></div></div></div>Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Romanen, Novellen und Essays prägte Thomas Mann nicht nur die deutsche [Literatur](https://www.deutschland.de/de/topic/kultur/helon-habila-literaturfestival-berlin) nachhaltig, er wurde zu einer Stimme von Weltrang. Seine Werke, darunter „Buddenbrooks“, „Der Zauberberg“, „Joseph und seine Brüder“ und „Doktor Faustus“, wurden in fast 40 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Sie verbinden präzise Gesellschaftsanalyse mit philosophischer Tiefe, feiner Ironie und einem komplexen Sprachstil.

**Privilegierte Herkunft**

Geboren am 6. Juni 1875 in [Lübeck](https://www.deutschland.de/de/topic/kultur/stadt-land/entdecke-de-die-hansestadt-luebeck), wuchs Thomas Mann in einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie auf. Nach dem Tod des Vaters 1891 und der Liquidation der Firma zog die Familie nach [München](https://www.deutschland.de/de/topic/leben/muenchen-tipps-fuer-die-reise), wo er in die Literaturszene eintauchte. Schon früh zeigte sich sein außergewöhnliches Talent, etwa durch die Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ (1898). 1905 heiratete er Katia Pringsheim, die aus einer reichen jüdischen Familie stammte. Mit sechs Kindern, darunter Klaus und Erika Mann, die selbst erfolgreiche Autoren wurden, entwickelte sich die Familie Mann über die Jahrzehnte zu einer Art intellektuellen Dynastie. Dies allerdings nicht ohne menschliche Dramen: [Klaus Mann](https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Mann) kämpfte mit Depressionen und nahm sich 1949 das Leben. Auch der jüngste Sohn, der Komponist Michael Mann, tötete sich 1977 selbst. Mehrere weitere Familienmitglieder litten unter psychischen Problemen.

<div class="component component--container-small" id="bkmrk-1931-mit-seiner-frau" style="text-align: justify;"><div class="component__inner"><div class="image-container"><figure class="figure"><div class="image-container__img-wrapper"><picture>![Thomas Mann 1931 mit Frau Katia und den Kindern Klaus und Erika](https://www.deutschland.de/sites/default/files/styles/image_carousel_mobile/public/media/image/sonder_05022025_thomas-mann-2.jpg?itok=9YowkGF3 "Thomas Mann 1931 mit Frau Katia und den Kindern Klaus und Erika")</picture></div><figcaption class="figure__caption "><span class="figure__caption-text">1931 mit seiner Frau Katia und den Kindern Klaus und Erika</span><span class="figure__copyright-text">© picture alliance/akg-images</span></figcaption></figure></div></div></div>**Ruhm und Widerstand**

Den Höhepunkt seines Ruhms erreichte Thomas Mann in den 1920er Jahren. 1929 erhielt er den Literaturnobelpreis, vor allem für seinen frühen Roman „Buddenbrooks“ (siehe unten). Obwohl er sich politisch lange als konservativ betrachtete, avancierte Thomas Mann in der [Weimarer Republik](https://www.deutschland.de/de/topic/politik/die-weimarer-republik) zu einem Verfechter der Demokratie. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 sah er sich gezwungen, Deutschland zu verlassen. Seine erste Station war die Schweiz, später zog er in die USA, wo er die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm und sich aktiv gegen das NS-Regime engagierte. Seine Radioansprachen, unter dem Titel „Deutsche Hörer!“, richteten sich an die deutsche Bevölkerung und forderten sie offen zum [Widerstand](https://www.deutschland.de/de/topic/politik/widerstand-im-dritten-reich-nicht-nur-stauffenberg) gegen Hitler auf. „Wo ich bin, ist Deutschland“, sagte er über seine Rolle im Exil. Nach dem Krieg kehrte er nach Europa zurück, lebte überwiegend in der Schweiz und starb dort am 12. August 1955.

<div class="component component--container-small" id="bkmrk-thomas-mann-1943-im-" style="text-align: justify;"><div class="component__inner"><div class="image-container"><figure class="figure"><div class="image-container__img-wrapper"><picture>![Thomas Mann 1943 im US-amerikanischen Exil](https://www.deutschland.de/sites/default/files/styles/image_carousel_mobile/public/media/image/sonder_05022025_thomas-mann-3.jpg?itok=cpxzED0- "Thomas Mann 1943 im US-amerikanischen Exil")</picture></div><figcaption class="figure__caption "><span class="figure__caption-text">Thomas Mann 1943 im US-amerikanischen Exil</span><span class="figure__copyright-text">© picture alliance/Fred Stein</span></figcaption></figure></div></div></div>##### 8. Karl May

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/LIqimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/LIqimage.jpeg)


Die abenteuerlichen Reiseerzählungen <span class="abbr" title="May">M.</span>s sind im Laufe ihrer hundertjährigen Wirkungsgeschichte in den Kreis der anerkannten literarischen Werke aufgenommen worden. Schriftsteller, Philosophen und Politiker haben den ebenso bekannten wie wegen der hemmungslosen Idealisierung seiner eigenen Person und der mangelhaften literarischen Qualität seiner Werke umstrittenen Erfolgsschriftsteller zitierfähig gemacht.

Aufschlußreichstes und zuweilen unkritisch übernommenes Zeugnis der Persönlichkeit <span class="abbr" title="May">M.</span>s ist die Autobiographie „Mein Leben und<span class="pb" title="Seite im Original 520">|</span>Streben“ (I, 1910, ein 2. <span class="abbr" title="Band">Bd.</span> ist nie erschienen), die unter dem Eindruck schwindender öffentlicher Anerkennung – Kulturreformer wie H. Wolgast warfen <span class="abbr" title="May">M.</span> vor, mit (unsittlichem) Schund die deutsche Jugend zu verderben – verfaßt worden ist. Seit 1896, auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, hatte sich der Autor als authentischer Held seiner Romane ausgegeben und auf Kostümphotos als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi posiert. Da sich dieser Schein wegen gerichtlicher Auseinandersetzungen und Pressekampagnen nicht aufrechterhalten ließ, verteidigte sich <span class="abbr" title="May">M.</span> autobiographisch, indem er seinen Lebenslauf als Bedingung für sein Werk setzte und Anspruch auf psychologisches Verständnis erhob. In der Autobiographie erklärt er, eine zeitweilige Erblindung in früher Kindheit sowie die ausführlichen Märchenerzählungen seiner Großmutter seien bestimmend gewesen für die spätere Fabulierlust. Beide Inspirationsquellen sind allerdings nur durch den Autobiographen bezeugt. Als Determinante der Entwicklung seiner Phantasie hatte er bereits 1899 die abenteuerlichen Erzählungen eines Paten, des Ernstthaler Schmiedemeisters Christian Weißpflog (1819–94) genannt. Daneben gibt <span class="abbr" title="May">M.</span> in der Rückschau die Bekanntschaft mit der zeitgenössischen Unterhaltungs- und Trivialliteratur in der Leihbibliothek als den Grund für seine zeitlebens mehr oder minder offenkundige Verwechslung von Leben und Roman an und bezeichnet es als das entscheidende Versäumnis seiner Eltern, diese Schundlektüre nicht verhindert zu haben. Auch mit dem Hinweis auf die herrschende Armut und Arbeitslosigkeit im erzgebirgischen Webermilieu sucht er seine Entwicklung verständlich zu machen. Daß es <span class="abbr" title="May">M.</span> dennoch möglich wurde, seit 1856 ein Lehrerseminar in Waldenburg zu besuchen, verdankte er vor allem einer kleinen Erbschaft, mit der die Mutter eine Hebammenausbildung finanzieren und so seit 1846 die wirtschaftliche Situation verbessern konnte.

Die Zeit zwischen 1862 und 1874 charakterisiert <span class="abbr" title="May">M.</span> als abgründige, für seine Entwicklung notwendige Periode eines Kampfes mit sich <span class="abbr" title="selbständig">selbst.</span> Wegen Veruntreuung 1860 der Lehranstalt verwiesen, hatte <span class="abbr" title="May">M.</span> 1861 am Lehrerseminar in Plauen die Befähigung zum Hilfslehrer erhalten. Seine erste Anstellung an einer Armenschule in Glauchau im <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 1861 verlor er nach 14 Tagen, nachdem sein Hauswirt ihn unsittlichen Verhaltens gegenüber seiner Frau bezichtigt hatte. Seine schon im folgenden November angetretene Tätigkeit an zwei Fabrikschulen in Altchemnitz schloß noch im Dezember mit einer Verhaftung wegen angeblichen Diebstahls; er wurde ohne wirkliche Beweise verurteilt und verbüßte im Herbst 1862 eine sechswöchige Haftstrafe. Es folgte der endgültige Entzug der Lehrerlaubnis im Juni 1863. <span class="abbr" title="May">M.</span> geriet nun bald tatsächlich auf Abwege. Wegen Diebstahls, Betrugsdelikten und Widersetzung verbrachte er bis 1874 insgesamt siebeneinhalb Jahre im Zuchthaus und in Gefängnissen. In den folgenden 30 Jahren konnte er diese Erlebnisse vor der Öffentlichkeit vertuschen. Die nach der Entlassung aus dem Zuchthaus Waldheim 1874 einsetzende Schreibarbeit greift die kriminellen Akte allerdings immer wieder auf, wandelt und stilisiert sie, bis das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, der Selbstgerechtigkeit des alternden „Edelmenschen“ gewichen ist. „Die Miasmen einer vergifteten Kinder- und Jugendzeit“ abgelegt und nur mehr nach dem Edelmenschentum gestrebt zu haben, so interpretierte er sich 1910.

<span class="abbr" title="May">M.</span>s Dichtung ist mit Recht nach Freud als „Wunscherfüllung“ gedeutet worden. Das kompensatorische Moment zeigt sich vor allem an dem stereotypen, märchengleichen Sieg des guten Deutschen über die böse Welt. Schauplatz dieses phantasievoll variierten moralischen Kampfs war zunächst das heimische Erzgebirge. „Die Rose von Ernstthal“ (1875, in: Deutsche Novellenflora) war die erste unter <span class="abbr" title="May">M.</span>s Namen veröffentlichte Erzählung. Redakteursverträge bei den Verlagen Münchmeyer (seit 1875) und Radelli (1878), die Trivial- und Unterhaltungszeitschriften verlegten, bestätigten <span class="abbr" title="May">M.</span> in seinen Vorstellungen. Auch beim Pustet-Verlag in Regensburg, der seit 1874 den „Deutschen Hausschatz“ als <span class="abbr" title="katholisch">kath.</span> Gegenstück zur „Gartenlaube“ herausgab, traf <span class="abbr" title="May">M.</span> auf Interesse. Er erhielt Ende 1879 einen festen Mitarbeitervertrag für das Familienblatt und schrieb die umfangreichen „Reiseerinnerungen aus dem Türkenreiche“ „Giölgeda Padishanün“ (1881) samt Fortsetzungen (aus denen später der Roman „Durch die Wüste“ hervorging). Kurz darauf schloß <span class="abbr" title="May">M.</span>, ohne die bestehenden Vertragsverpflichtungen lösen zu wollen, einen Lieferungsvertrag mit seinem Hausfreund, dem Kolportagehersteller H. G. Münchmeyer in Dresden ab. Fünf Romane, <span class="abbr" title="das heißt">d. h.</span> insgesamt 513 Hefte mit 12 390 Seiten, erschienen zwischen 1882 und 1886. Zu ihnen zählen „Das Waldröschen“ (veröffentlicht unter dem Pseudonym „Capitain Ramon Diaz de la Escosura“), „Die Liebe des Ulanen“ (als einziger unter <span class="abbr" title="May">M.</span>s Namen erschienen), „Der verlorene Sohn“, „Deutsche<span class="pb" title="Seite im Original 521">|</span>Herzen - Deutsche Helden“ sowie „Der Weg zum Glück“. Gerade diese Romane waren es, die <span class="abbr" title="May">M.</span> um die Jahrhundertwende den Vorwurf eines unsittlichen Schundschriftstellers einbrachten. Zwar wurde dem Autor 1909 gerichtlich bestätigt, fünf Prozent seiner Texte seien durch Verlegerhand geändert worden, doch sein grundsätzlicher Versuch, die Urheberschaft zu dementieren, mißlang.

Die wachsende Resonanz auf die in Zeitschriften veröffentlichten Abenteuergeschichten mit Seriencharakter und exotischem Flair veranlaßte den Freiburger Verleger Fehsenfeld zu einer Buchausgabe der Reiseromane und -erzählungen (Ausgabe letzter Hand, 1892–1910). Die 33 Bände in gediegener grün-goldener Aufmachung erreichten bis zu <span class="abbr" title="May">M.</span>s Tod eine Gesamtauflage von <span class="abbr" title="circa">ca.</span> 1,5 Millionen; sie greifen zum Teil Gestalten, Motive, Episoden und Formulierungen aus früheren Werken auf, zum Teil wurden sie eigens für diese Ausgabe verfaßt. Zu den Reiseerzählungen, die <span class="abbr" title="May">M.</span>s Popularität noch heute bestimmen, gehören „Giölgeda Padishanün“ (Im Schatten des Großherrn, in der Ausgabe letzter Hand als <span class="abbr" title="Band">Bd.</span> 1-6, 1892 f., <span class="abbr" title="unter dem Titel">u. d. T.</span>„Durch Wüste und Harem“, seit ⁵1896 „Durch die Wüste“ <span class="abbr" title="und so weiter">usw.</span>) und „Winnetou“ (<span class="abbr" title="Band">Bd.</span> 1-3, 1893, <span class="abbr" title="Band">Bd.</span> 4, 1910). Als „Kara Ben Nemsi“ für den orientalischen, als „Old Shatterhand“ für den <span class="abbr" title="amerikanisch">amerikan.</span> Bereich inszenierte <span class="abbr" title="May">M.</span> sich ausgiebig als welterfahrenen Helden.

Was die sogenannten Kolportageprodukte von den exotischen Reiseerzählungen unterscheidet, ist weder die Verwendung der Welt als Schauplatz moralischer Siege noch ein „Verzicht auf das weibliche Element“ (Arno Schmidt). Der wesentliche Unterschied liegt vielmehr in drei Faktoren: 1. wechselt der Erzähler von der dritten zur ersten Person; dieser Wechsel steigert die Glaubwürdigkeit des Erzählten und ermöglicht ihre Inanspruchnahme durch den Erzähler (1896 wurde die Fehsenfeld-Ausgabe von „Reiseromane“ in „Reiseerzählungen“ umbenannt). 2. werden die stets deutschen Helden von den Motiven der Rache und der persönlichen Betroffenheit befreit, das Gute als ein fragloses, auf eine Person konzentriertes Prinzip dargestellt; 3. wird zur Beglaubigung des Helden und seiner abstrakten Absicht, Recht und Ordnung im Land der Skipetaren oder im Wilden Westen durchzusetzen, von <span class="abbr" title="May">M.</span> das Grundmotiv Tourismus in seine Erzählungen eingeführt; als durchschnittlicher Reisender vorgestellt, kann Kara Ben Nemsi Land und Leute kennenlernen (Namen, Stadtbeschreibungen und Landschaftsschilderungen sind <span class="abbr" title="zum Teil">z. T.</span> wörtlich aus Lexika und Reiseberichten entnommen), ohne daß die erzählte moralische Mission den Charakter eines subjektiven Einfalls erhält und dadurch willkürlich erscheint.

Das durch eine „Villa Shatterhand“ in Radebeul bei Dresden, durch einen falschen Doktortitel und durch Werbeprospekte inszenierte Image <span class="abbr" title="May">M.</span>s wurde ironischerweise zu einem Zeitpunkt zerstört, als er seine Phantasiereisen realiter nachzuholen suchte: Am 26.3.1899 reiste <span class="abbr" title="May">M.</span> für 16 Monate in den Orient (<span class="abbr" title="amerikanisch">amerikan.</span> Boden betrat er zum ersten Mal 1908). Unter dem Eindruck der Prozesse und des öffentlichen Vorwurfs der Hochstapelei bekannte sich der alternde <span class="abbr" title="May">M.</span> in seiner Autobiographie zu seinen Werken als Märchen und Symbolromanen. Um das so erfolgsträchtige moralische Prinzip in ein symbolisch gemeintes Menschheitsbild umzudeuten und sich des Anspruchs auf wahrhaftige Mitteilungen eines Weltreisenden zu begeben, bedurfte es keiner grundsätzlichen Änderung in der literarischen Arbeitsweise: Das bewährte Personal, das allwissende und allmächtige „Ich“ und seine Dienerschaft, paßt sich als Weltanschauungsträger ebensogut in eine geographisch bestimmbare wie in eine weltentlegene Wunderwelt ein.

Die Symbolromane erfreuen sich unter den Forschern besonderer Schätzung, seit Arno Schmidt „Ardistan und Dschinnistan“ (1909) und <span class="abbr" title="Band">Bd.</span> III u. IV des vierbändigen Werks „Im Reiche des silbernen Löwen“ (1902-03) der Beachtung wert fand. <span class="abbr" title="May">M.</span>s Versuch, in diesen Werken durch in Phantasieländern angesiedelte, verklärte Frauenfiguren und gnomen- oder riesenhafte Wundergestalten sowie mit Hilfe moralisierender Vorträge eine Zweiseelentheorie vorzustellen, nach der eine niedere Sphäre der Gewalt der Erlösung durch eine höhere edlen Menschentums bedarf, bietet sich aufgrund des Fortfalls der realitätsbetonenden touristischen Momente zur Deutung an. Der Autor selbst allerdings verstand seine nunmehr als Seelenlandschaften aufzufassenden Reiseromane als leicht verständliche Bilder, an deren moralischer Botschaft nichts Mystisches sei. Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen die Interpretationen von Arno Schmidt und Hans Jürgen Syberberg (biographische Verfilmung, 1974) als übersteigerte Varianten. Große Beachtung fand die 1982 in der <abbr title="Deutsche Demokratische Republik">DDR</abbr> eingeleitete Wende in der Beurteilung <span class="abbr" title="May">M.</span>s. Der bis dahin ungedruckte und wegen seines Nationalismus und kriminellen Lebenswandels verfemte Autor erfuhr mit Dokumentationen, der Einrichtung eines Museums in Radebeul<span class="pb" title="Seite im Original 522">|</span>(1985) sowie der Drucklegung von zwei Bänden „Winnetou“ eine offizielle Anerkennung.

##### 9. Karl Liebknecht 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/i1Nimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/i1Nimage.jpeg)

Als Sohn des Begründers der deutschen Sozialdemokratie, Wilhelm Liebknecht (\* 1826 – &#134;1900), wurde Karl am 13. August 1871 in Leipzig geboren. Er studierte von 1890 bis 1893 Rechtswissenschaften und Nationalökonomie in Leipzig und Berlin, leistete 1893/94 seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger bei den Garde-Pionieren in Berlin und war anschließend bis 1898 Referendar in Arnsberg und Paderborn. Die Promotion zum Dr. jur. et rer. pol. erfolgte 1897 in Würzburg mit der Dissertation »Compensationsvollzug und Compensationsvorbringen nach gemeinem Rechte«.  
Karl Liebknecht eröffnete 1899 in Berlin gemeinsam mit seinem älteren Bruder Theodor eine Rechtsanwaltspraxis. Obwohl erst im August 1900 der SPD beigetreten, wurde er bereits im November 1901 in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, der er bis 1913 angehörte. Als Kandidat für den Reichtagswahlkreis Potsdam-Spandau-Osthavelland 1903 und 1907 unterlegen, konnte er diesen Wahlkreis dann 1912 für die SPD erobern. Er war Delegierter auf den sozialdemokratischen Parteitagen und ist bereits 1908 ins Preußische Abgeordnetenhaus gewählt worden.  
Bekannt wurde Liebknecht als politischer Anwalt, vor allem bei der Verteidigung von Funktionären der russischen Arbeiterbewegung.  
Seit Erscheinen seines Buches »Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung« (1907) trat er als Gegner des Militarismus und als einer der Führer der sozialistischen Jugendbewegung hervor. Von 1907 bis 1910 Präsident der Sozialistischen Jugendinternationale, mußte Liebknecht wegen seines Anti-Militarismus-Buches von Oktober 1907 bis Juni 1909 eine Festungshaft in Glatz absitzen. 1911 unternahm er eine Agitationsreise durch die USA. Im Reichstag wandte er sich gegen die Geschäftspraktiken der Rüstungsfirmen und versuchte bei Ausbruch des Weltkriegs vergeblich, die sozialdemokratischen Abgeordneten für eine Ablehnung der Kriegskredite zu gewinnen. Nachdem Liebknecht in der Fraktion noch gegen die Kredite gestimmt hatte, unterwarf er sich der Parteidisziplin und votierte am 4. August 1914 im Reichstag wie die gesamte Fraktion für die Bewilligung. Liebknecht, der vor dem Krieg als radikaler Einzelgänger noch nicht zum Kern der Linken in der SPD um [Rosa Luxemburg](https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/rosa-luxemburg), [Franz Mehring](https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/franz-mehring) und [Julian Marchlewski](https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/julian-marchlewski) gezählt hatte, lehnte sich nun eng an diese Gruppe an.  
Weil er am 2. Dezember 1914 dann als einziger Abgeordneter im Reichstag gegen die Bewilligung der Kriegskredite stimmte, wurde Karl Liebknecht zur Symbolfigur der Kriegsgegner. Die Begründung seiner Ablehnung wurde Fanal: »Dieser Krieg, den keines der beteiligten Völker selbst gewollt hat, ist nicht für die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes entbrannt. Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg ... Der Krieg ist kein deutscher Verteidigungskrieg ... Ein schleuniger, für keinen Teil demütigender Friede, ein Friede ohne Eroberungen ist zu fordern; alle Bemühungen dafür sind zu begrüßen ...« Seine konsequente Politik gegen den Krieg und die Burgfriedenspolitik der SPD-Führung störten die herrschenden Kreise. Da Liebknecht im Februar 1915 als Armierungssoldat zum Militärdienst eingezogen wurde, war ihm damit – bis auf sein Auftreten im Reichstag und Preußischen Abgeordnetenhaus – jede politische Betätigung untersagt. Dennoch beteiligte er sich aktiv an der Bildung der Gruppe Internationale, die seit 1916 als Spartakusgruppe bekannt wurde.  
Im Mai 1915 verfaßte Karl Liebknecht das Flugblatt mit der Losung: »Der Hauptfeind steht im eigenen Land!« Er nahm im April 1916 an einer illegalen Tagung der Arbeiterjugend in Jena teil und organisierte zum 1. Mai 1916 eine Friedensdemonstration auf dem Potsdamer Platz in Berlin, dort wurde er verhaftet. Während das Kommandanturgericht Berlin Liebknecht am 28. Juni 1916 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilte, erhöhte das Oberkriegsgericht die Strafe in der Berufungsinstanz auf vier Jahre und einen Monat Zuchthaus. Ab November 1916 ins Zuchthaus Luckau eingesperrt, verfaßte er dort mehrere Schriften, darunter seine philosophischen »Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung«.  
Karl Liebknecht, der die marxistische Theorie zwar als Grundidee des Sozialismus erhalten wollte, kritisierte aber sowohl die ökonomischen Kategorien von Marx als auch den historischen Materialismus. Marx&#146; These vom Wirken »historischer Gesetze« lehnte er ebenso ab wie dessen Schema von ökonomischer Basis und ideologischem Überbau. Philosophisch verstand sich Liebknecht als Agnostiker und Universalist, seine Sozialismus-Vorstellungen beruhten auf der Grundthese von der »Tendenz zur Steigerung der natürlichen und sozialen Solidarität«.  
Am 23. Oktober 1918 vorzeitig aus dem Zuchthaus entlassen, wurde Karl Liebknecht von seinen Anhängern begeistert in Berlin begrüßt. In der Novemberrevolution führte er gemeinsam mit [Rosa Luxemburg](https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/rosa-luxemburg) den Spartakusbund und war Herausgeber der »Roten Fahne«. Am 9.November hat er vom Balkon des Schlosses in Berlin die »Freie Sozialistische Republik« ausgerufen. In die Revolutionsregierung einzutreten, lehnte er ab und versuchte statt dessen, die Massen gegen die sozialdemokratischen Volksbeauftragten und für eine Räteherrschaft zu mobilisieren. Auf dem Gründungsparteitag der KPD forderte Liebknecht in einem Grundsatzreferat die Trennung von der USPD und die Bildung der neuen Partei, deren Führer er neben [Rosa Luxemburg](https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/rosa-luxemburg) wurde. Liebknecht neigte einem radikalen, revolutionären Kommunismus zu. Mit Beginn der Januarkämpfe 1919 in Berlin erklärte er die Regierung Ebert für »abgesetzt«. Während der Unruhen wurde Karl Liebknecht zusammen mit [Rosa Luxemburg](https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/rosa-luxemburg) von Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützendivision festgenommen und beide am 15. Januar 1919 brutal ermordet.  
Seine (zweite) Frau, Sophie Ryss (\* 18. 1. 1884 – &#134; 11. 11. 1964), Kunsthistorikerin, kam 1934 aus London nach Moskau, sie durfte als Stalin-Gegnerin die UdSSR nicht verlassen. Ihr Bruder Adolph wurde 1938 vom NKWD verhaftet, auch ihre Schwester Sylvia kam mit ihrem Mann, dem Physiker Jakow Spielrein, in den Gulag. Karl Liebknechts Sohn – aus erster Ehe mit Julia Paradies (\* 20. 7. 1873 – &#134; 22. 8. 1911) – Wilhelm (Helmi) (\* 6. 3. 1901 – &#134; 30. 4. 1975) studierte nach dem Abitur Rechts- und Staatswissenschaften in Berlin, Frankfurt/M. und Wien. Seit 1928 in der Sowjetunion, war er Mitarbeiter am Marx-Engels-Institut. Im August 1940 hatte Nazideutschland ihn ausgebürgert. Weil er Opfern der Säuberungen geholfen hatte, wurde Wilhelm Liebknecht aus der KPdSU ausgeschlossen und im Oktober 1941 nach Usbekistan verbannt. Später freischaffender Übersetzer und Redakteur. Annelies Laschitza veröffentliche 2007 eine neue Biographie über Karl und Sophie Liebknecht.

##### 10. Robert Koch

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/giSimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/giSimage.jpeg)

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Clausthal begann K. 1862 in Göttingen mit dem Studium der Naturwissenschaften, wechselte aber im 3. Semester zur Medizin über. Rückblickend erschienen ihm unter seinen Göttinger Lehrern der Anatom [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz61084.html)J. Henle, der Kliniker [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz28070.html)K. E. Hasse und der Physiologe [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60091.html)G. Meißner als diejenigen, die „den Sinn für wissenschaftliche Forschung“ in ihm weckten. Im 6. Semester (1865) erhielt K. zusammen mit einem anderen Bewerber den Preis für die Bearbeitung einer von der medizinischen Fakultät gestellten Preisaufgabe über das Vorkommen von Ganglienzellen an den Nerven des Uterus. Eine weitere Untersuchung über das Entstehen der Bernsteinsäure im menschlichen Organismus veröffentlichte der Student K. noch im gleichen Jahr. Nachdem er Anfang 1866 in Göttingen mit dem Prädikat „eximia cum laude“ promoviert hatte (eine Dissertation wurde ihm im Hinblick auf die Preisarbeit erlassen), besuchte K. einige Wochen lang Berliner Kliniken und einen Kurs bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz75022.html)Virchow, legte im März das Staatsexamen in Hannover ab und war von Juni bis September am Allgemeinen Krankenhaus in Hamburg tätig. Im Oktober desselben Jahres erhielt K. die Arztstelle an der „Erziehungs- und Pflege-Anstalt für geistesschwache Kinder“ in Langenhagen bei Hannover, wo ihm auch Privatpraxis gestattet war. Im Juni 1868 übernahm er eine Arztpraxis in Niemegk (Kreis Zauch-Belzig, Bezirk Potsdam), im Juli des folgenden Jahres eine andere in Rakwitz (Kreis Bomst, Provinz Posen). Am Krieg von 1870/71 nahm K. als freiwilliger Arzt teil. Im März 1872 bestand er das Physikatsexamen, wurde im April zum Kreisphysikus des Kreises Bomst ernannt und siedelte in die Kreisstadt Wollstein über. Dort begann er Anfang 1873 mit gründlichen mikroskopischen und experimentellen Studien über die Ätiologie des Milzbrandes, die er in den folgenden Jahren durch den Nachweis des spezifischen Erregers der Krankheit erstmals vollständig aufklären konnte. Als er vom 30.4. bis 2.5.1876 in Breslau dem Botaniker [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz8562.html)F. Cohn und dem Pathologen [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz48939.html)J. Cohnheim seine Untersuchungen vorführte, fand er ihre uneingeschränkte Zustimmung; beide waren von K.s Ergebnissen und seiner Methodik auf das stärkste beeindruckt und erkannten deren Tragweite sogleich. (Allerdings gab es noch in den 1880er Jahren eine lange Kontroverse über den Milzbrand zwischen K. und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz127692.html)L. Pasteur.) Nach dem Milzbrand wandte sich K. der Ätiologie der Wundinfektionskrankheiten zu. Aufgrund von Tierversuchen konnte er 1878 wahrscheinlich machen, daß auch|beim Menschen verschiedene Wundinfektionen von spezifischen Erregern ausgehen. August-Oktober 1879 war er Stadtphysikus in Breslau, kehrte danach in seine Wollsteiner Stelle zurück.

Im Juli 1880 wurde K. als Regierungsrat und ordentliches Mitglied des Kaiserlichen Gesundheitsamtes nach Berlin berufen, wo er ein eigenes Laboratorium erhielt. Er entwickelte nun systematisch geeignete Verfahren für die Erforschung von Krankheitserregern und für deren Vernichtung mittels Desinfektion in strömendem Wasserdampf, worin er die wichtigste prophylaktische Maßnahme sah. Am 24.3.1882 gab er in einem Vortrag vor der Berliner Physiologischen Gesellschaft im damaligen Physiologischen (dem späteren Hygienischen) Institut der Universität die Entdeckung des Tuberkelbazillus bekannt, die ihn mit einem Schlage berühmt machte. Im August 1883 ging K. als Leiter der deutschen Cholera-Expedition für neun Monate nach Ägypten und Indien. Es gelang ihm nicht nur, den mutmaßlichen Erreger der Cholera zu finden, sondern auch die epidemiologischen Bedingungen für die Ausbreitung der Seuche zu ermitteln. Die Entdeckung des von K. „Kommabazillus“ genannten Cholera-Vibrio begegnete zwar manchen Vorbehalten (zum Beispiel bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74498.html)Pettenkofer, der noch 1892 während der Hamburger Cholera-Epidemie glaubte, K. durch einen Selbstversuch widerlegen zu können), doch bewährten sich die von K.vorgeschlagenen Maßnahmen zur Cholerabekämpfung hervorragend, und K.s Annahme, daß nicht das bloße Vorhandensein von Cholera-Erregern im Körper, sondern ein von diesen ausgeschiedenes spezifisches Gift die Krankheit hervorrufe, erwies sich als richtig und als fruchtbar für die weitere Forschung.

1884 wurde K. Mitglied des Preußischen Staatsrats. Einen Ruf auf den Leipziger Lehrstuhl der pathologischen Anatomie lehnte er ab, übernahm aber im April 1885 die neugeschaffene ordentliche Professur für Hygiene an der Berliner Universität und die Leitung des neuen Hygiene-Instituts. Im selben Jahre begründete er mit C. Flügge die „Zeitschrift für Hygiene“, die beide gemeinsam herausgaben. Die vorsichtigen Mitteilungen, die K. im August 1890 auf dem 10. internationalen medizinischen Kongreß in Berlin über seine noch nicht abgeschlossenen Versuche mit einem Heilmittel gegen Tuberkulose machte, erregten weltweites Aufsehen. Die hochgespannten Erwartungen, welche die Öffentlichkeit in das (erst seit 1891 so genannte) „Tuberkulin“ setzte und die zahlreiche Ärzte und Patienten nach Berlin führten, erfüllten sich jedoch nicht; die Erfahrungen reichten noch nicht aus, die Dosierung wurde oft übertrieben und die Indikationsstellung nicht beachtet. Als Heilmittel blieb das Tuberkulin umstritten, war aber als diagnostisches Mittel von Anfang an anerkannt. Die Tuberkulin-Begeisterung beschleunigte die geplante Gründung eines „Instituts für Infektionskrankheiten“ in Berlin, zu dessen Direktor K. am 8.7.1891 ernannt wurde. Er gab nun die Professur für Hygiene und die Leitung des Hygiene-Instituts auf, blieb aber als ordentlicher Honorarprofessor der Universität verbunden.

In den ersten Jahren des neuen Instituts, zu dem auch eine in speziellen Baracken untergebrachte Krankenstation auf dem nahen Gelände der Charite gehörte, widmete sich K. vor allem der Tuberkulose, insbesondere der weiteren Erprobung und Verbesserung des Tuberkulins sowie dem schwierigen Problem einer dauerhaften Immunisierung, die bei anderen Infektionskrankheiten durch grundlegende Arbeiten einiger seiner Schüler ([→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz3577.html)E. von Behring, S. Kitasato, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz95314.html)R. Pfeiffer) bereits gelungen war. 1892/93 leitete K. die Maßnahmen gegen die Cholera in Hamburg. Mit seiner 2. Frau, die ihn auch bei den folgenden Expeditionen begleitete, ging er im November 1896 im Auftrag der englischen Regierung nach Südafrika, um die Rinderpest zu erforschen und zu bekämpfen; einen bakteriellen Erreger konnte K. nicht finden, aber es gelang, der Seuche durch aktive Immunisierung der Tiere Einhalt zu gebieten. Anschließend reiste K. im März 1897 an der Spitze der deutschen Pest-Expedition nach Bombay; er erkannte als erster, welche Rolle die Ratte bei der Ausbreitung der Seuche spielte, übersah dabei aber noch den Rattenfloh als Oberträger. Juli 1897-Mai 1898 studierte K. weitere Seuchen in Deutsch-Ostafrika. Im August und September 1898 sowie von April bis August 1899 hielt er sich in Italien, danach bis September 1900 in Java und Neu-Guinea auf, um Methoden der Malariabekämpfung zu entwickeln. 1900 bezog K. eine neues Institutsgebäude im Norden Berlins nahe bei dem im Bau befindlichen Rudolf-Virchow-Krankenhaus; zu der seit 1898 bestehenden Tollwut-Abteilung des Instituts traten 1901 eine chemische und eine Seuchen-Abteilung, 1902 eine serologische, 1905 eine Tropen-Abteilung und später weitere neue Abteilungen. Im Juli 1901 teilte K. auf dem britischen Tuberkulose-Kongreß in London mit, daß entgegen der bisherigen und seiner eigenen früheren Auffassung der Erreger der Menschentuberkulose von dem der Rindertuberkulose verschieden sei; die menschliche Tuberkulose lasse sich nicht auf|das Rind, wohl aber die Rindertuberkulose auf den Menschen übertragen; da diese jedoch selten zu schweren Erkrankungen führe, müsse sich die Bekämpfung der menschlichen Tuberkulose hauptsächlich gegen deren Erreger richten. K.s These fand manchen Widerspruch (zum Beispiel bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz3577.html)E. von Behring), und später bestätigte sich, daß K. die Rindertuberkulose unterschätzt hatte.

Nachdem K. 1902 maßgeblich an der Abwehr des Typhus im Südwesten des Deutschen Reiches mitgewirkt hatte, reiste er Anfang 1903 im Auftrag der englischen Regierung nach Rhodesien, um eine neu aufgetretene Rinderseuche (das „afrikanische Küstenfieber“) und die „Pferdesterbe“ zu erforschen und einzudämmen. Im selben Jahre wählte ihn die französische Akademie der Wissenschaften als Nachfolger [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz75022.html)Virchows zum auswärtigen Mitglied. Nach seiner Rückkehr aus Afrika (Juni 1904) trat K. von der Leitung des Instituts für Infektionskrankheiten zurück, die der von ihm vorgeschlagene G. Gaffky, sein Lieblingsschüler, übernahm. Ende des Jahres reiste er wieder nach Ostafrika, wo er bis zum Herbst 1905 das Studium des Küstenfiebers der Rinder fortsetzte, sich aber auch mit dem Rückfallfieber und den Trypanosomenkrankheiten befaßte. Dabei konnte er (wie gleichzeitig 2 englische Ärzte) eine Zeckenart als Überträgerin des Rückfallfiebers nachweisen. Am 12.12.1905 erhielt K. für seine Tuberkulosearbeiten den Nobel-Preis für Medizin. Im April 1906 ging er als Leiter der deutschen Schlafkrankheitsexpedition erneut nach Ostafrika (bis Sommer 1907); er widmete sich hauptsächlich der Diagnostik und Behandlung der Krankheit, konnte aber mit dem Mittel Atoxyl noch keine so weitgehenden Heilerfolge erreichen, wie sie später mit Germanin möglich wurden. Nach einer mehrmonatigen Reise in die USA und nach Japan 1908 setzte er seine Tuberkuloseforschungen fort. Er starb während eines Erholungsaufenthaltes in Baden-Baden.

K. ist der Begründer der modernen medizinischen Mikrobiologie. Als er mit seinen Untersuchungen über den Milzbrand begann, hatten andere vor ihm zwar schon stabförmige Körperchen im Blut milzbrandkranker Tiere gesehen, durch Übertragung solchen Blutes auf gesunde Tiere Milzbrand hervorgerufen und die Stäbchen für Krankheitserreger gehalten, doch war ein eindeutiger Beweis noch nicht geführt. Eine ganze Reihe von grundsätzlichen Fragen, welche die Infektionskrankheiten insgesamt betrafen, war noch nicht endgültig entschieden: Waren die Mikroorganismen, die man seit längerem in wachsender Zahl bei Infektionskrankheiten fand, die eigentlichen Krankheitserreger oder nur harmlose „sekundäre Parasiten“ auf erkrankten Körperstellen? Entstanden die bei Infektionskrankheiten festgestellten Gifte, die oft mit Bakterien zusammenzuhängen schienen, ohne deren Beteiligung allein durch chemische Vorgänge, waren sie somit lediglich die Voraussetzung für das Auftreten der Mikroorganismen, oder waren sie vielmehr deren Produkte? Wohl war in den 1870er Jahren die alte Lehre von der „Urzeugung“ (generatio spontanea) der niederen Organismen durch die Arbeiten Pasteurs und anderer schon weitgehend überwunden, dagegen aber die damit meist verknüpfte Auffassung, daß die verschiedenartigen Spalt- und Schimmelpilze überall vorhanden seien und sich in andere Arten verwandeln könnten (Pleomorphismus), noch nicht allgemein aufgegeben worden. Darüber hinaus war auch die Diskussion über das Thema „Miasma und (oder) Kontagium“ noch keineswegs abgeschlossen. Zwar sprach immer mehr für die neuere Annahme, daß ein durch direkte Berührung übertragener, vermutlich sogar belebter Ansteckungsstoff (Kontagium) die Hauptursache der Infektionskrankheiten sei, doch hatte auch die alte Vorstellung vom „Miasma“ noch Anhänger, wonach Seuchen aus einer allgemeineren, indirekten Ursache, nämlich aus krankmachenden Substanzen (Miasma) in der Luft und im Boden herrührten, ohne daß es einer unmittelbaren Ansteckung durch Kranke bedurfte. K. konnte demgegenüber für den Milzbrand erstmals eindeutig einen Mikroorganismus als spezifischen Erreger nachweisen, der im Körper von Tier und Mensch die unmittelbare Krankheitsursache ist, nur bei dieser Krankheit vorkommt und seine Art nicht verändert. Er züchtete ihn außerhalb des Körpers in „Reinkultur“, um seine Lebensbedingungen möglichst genau kennen zu lernen, und erzeugte mit der Reinkultur wieder dieselbe Krankheit. Die Bildung sehr widerstandsfähiger Sporen, die K. bei den Milzbrandbakterien entdeckte, machte auch das scheinbar zufällige Auftreten und Verschwinden der Krankheit erklärlich, das sich bisher kaum hatte beeinflussen lassen.

Ebenso planvoll und sorgfältig ging K. bei seinen anschließenden Arbeiten über andere Infektionskrankheiten und über die Vernichtung der Mikroorganismen durch Desinfektion vor. Die Entdeckung der Erreger der Tuberkulose und der Cholera verhalf dem bis dahin noch umstrittenen „bakteriologischen Gedanken“ in der Medizin weithin zum Sieg und fand auch einen ungewöhnlichen Widerhall in der Öffentlichkeit. Noch|stärker war das öffentliche Interesse an K.s Suche nach einem Heilmittel gegen die Tuberkulose. Grundlage der für die Bakteriologie wegweisenden Forschungen K.s war die von ihm wesentlich verbesserte und erweiterte Untersuchungsmethodik: Er benutzte neuentwickelte Färbeverfahren für die Bakterienpräparate, legte einwandfreie Reinkulturen der Erreger an, verwendete dabei feste statt wie bisher flüssige Nährböden, bediente sich spezialisierter Tierexperimente und vervollkommnete die photographische Wiedergabe. Die praktischen Folgerungen aus seinen Ergebnissen zog K. selbst mit seinen Richtlinien für die Seuchenbekämpfung in Europa und Afrika, die neue Maßstäbe setzten.

Im Anschluß an K.s erste Veröffentlichungen wurden in rascher Folge weitere Krankheitserreger gefunden. K. schuf jedoch nicht nur das methodische Fundament der Bakteriologie, sondern wies ihr auch den „Weg vom Bazillus zum Toxin“ (P. Diepgen), den [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz41301.html)E. Klebs mit einigen Schülern schon 1871 betreten hatte. Das war die Voraussetzung für die Entdeckung der Antitoxine, für die Erforschung der Immunisierung, für die Entwicklung der Serumtherapie und schließlich auch für die Begründung der Chemotherapie. Entscheidenden Anteil an diesen über K. hinausführenden Arbeiten hatten seine Schüler [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz3577.html)E. von Behring, [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn117520926.html)S. Kitasato und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69700.html)P. Ehrlich. Zu seinen bedeutenden Schülern zählten ferner [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz19767.html)G. Gaffky, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz53714.html)F. Loeffler und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz95314.html)R. Pfeiffer.|

K.s Name lebt fort in der 1907 gegründeten R. K.-Stiftung zur Bekämpfung der Tuberkulose, die 1929 aufgehoben, 1935 aber als e. V. wieder erneuert wurde; sie verleiht an Personen, die sich um die Bekämpfung von Infektionskrankheiten, vor allem der Tuberkulose, verdient gemacht haben, die R. K.-Medaille und den hochdotierten R. K.-Preis. Ebenso lebt K.s Name weiter in dem für ihn errichteten, seit 1912 nach ihm benannten Berliner Forschungsinstitut, das seit 1952 zum Bundesgesundheitsamt gehört. Die Tätigkeit des R. K.-Instituts erstreckt sich längst nicht mehr nur auf die einstigen Arbeitsgebiete K.s, sondern auch auf Virologie, Immunologie, Biochemie, Zytologie, Hämatologie und andere Fächer. Zu einem Teil zeigt sich darin neben dem allgemeinen Wissenschaftsprozeß auch die Entfaltung und Fortentwicklung von K.s Werk.

##### 11. Gottlieb Daimler

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/qF2image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/qF2image.jpeg)

Als 1848 nach dem Besuch der Realschule die Wahl des künftigen Berufes erörtert wurde, hat der Vater angesichts der Revolutionswirren von seinem Plan abgesehen, seinen Sohn als Beamten ausbilden zu lassen, und so kam <span class="abbr" title="Daimler">D.</span> noch im gleichen Jahr zu dem Büchsenmacher Raithel in die Lehre. 1852 machte <span class="abbr" title="Daimler">D.</span> die Gesellenprüfung mit einer kunstvoll gefertigten Taschenpistole. Es ist bemerkenswert, daß im Gegensatz zur ungefesselten Explosion des Pulvers mit Hilfe<span class="pb" title="Seite im Original 486">|</span>der Pistole die gefesselte Explosion des Kraftstoffgemisches im Motor und dessen Anwendung <span class="abbr" title="Daimler">D.</span>s Lebensaufgabe werden sollte. Nach seiner Prüfung ging der Büchsenmachergeselle <span class="abbr" title="Daimler">D.</span> auf die königliche Landesgewerbeschule, wo der als Förderer des württembergischen Wirtschaftslebens bekannte Ferdinand Steinbeis (1807–1893) auf ihn aufmerksam wurde. Auf Empfehlungen von Steinbeis erhielt <span class="abbr" title="Daimler">D.</span> einen Reise- und Ausbildungszuschuß, um sich eine gründliche Kenntnis technologischer Herstellungsverfahren im Maschinenbau anzueignen. Zu diesem Zweck trat er 1853 in die Fabrik in Grafenstaden (Elsaß), die später als Lokomotiv-Fabrik bekannt wurde, als einfacher Werkstättenarbeiter ein. 1857 gab <span class="abbr" title="Daimler">D.</span> die Tätigkeit in Grafenstaden auf, um sich noch im gleichen Jahr an der Polytechnischen Schule in Stuttgart dem Studium zu widmen. 1859 schloß er sein Hochschulstudium ab und trat dann wieder in Grafenstaden ein, verblieb allerdings dann nur noch bis zum Sommer 1860.

Auf Grund der Veröffentlichungen über den 1860 gebauten Lenoir-Motor machten <span class="abbr" title="Daimler">D.</span> und der in der Kuhn’schen Maschinenfabrik tätige Ingenieur Max Eyth eine Studienreise nach Paris, um den Motor zu studieren, der sich noch als recht unvollkommen erwies. Daran schloß sich eine kurze Tätigkeit in einer Pariser Fabrik; weitere Etappen waren von 1861-62 Leeds, Manchester und Coventry. Im Anschluß daran trat er in die Metallwarenfabrik Straub in Geislingen, die spätere Württembergische Metallwarenfabrik Geislingen, ein, konnte aber dort verschiedene seiner Absichten nicht verwirklichen und trat daher 1865 wieder aus. Noch im gleichen Jahr übernahm er die Leitung der Maschinenfabrik des „Bruderhauses“ in Reutlingen. Diese Tätigkeit war insofern für sein künftiges Lebenswerk von großer Bedeutung, weil in dieser Zeit die Zusammenarbeit mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70664.html)Wilhelm Maybach beginnt, mit dem er bis zu seinem Lebensende verbunden blieb.

1869 legte <span class="abbr" title="Daimler">D.</span> die Tätigkeit in Reutlingen nieder und trat in die Maschinenbaugesellschaft Karlsruhe als Vorstand sämtlicher Werkstätten ein; ihm folgte bald darauf Maybach. Als von Steinbeis empfohlener Beauftragter der königlich württembergischen Regierung 1867 nach Paris entsandt, konnte <span class="abbr" title="Daimler">D.</span> sich dort vom Stand der damals stark aufstrebenden Motortechnik überzeugen, und dies bestärkte ihn in seinen Absichten, sich ganz dem Motorenbau zuzuwenden. Er lernte dort auch den Otto’schen atmosphärischen Motor der Gasmotorenfabrik Deutz kennen, der sich als überlegene Spitzenleistung repräsentierte. <span class="abbr" title="Daimler">D.</span>s große Erfahrungen wurden dann als so wertvoll angesehen, daß ihm am 10.3.1872 von der Gasmotorenfabrik Deutz die Oberleitung der Werkstätten und des Zeichenbüros sowie die Disposition über das zugehörige Personal und Material übertragen wurde. Maybach folgte am 1.1.1873 seinem Landsmann als Chef des Konstruktionsbüros. Diese Tätigkeit gehörte zu den entscheidendsten vor Inangriffnahme seines Lebenswerkes, mit dem er nach seinem Austritt im Jahr 1882 begann.

Die Grundidee im Schaffen <span class="abbr" title="Daimler">D.</span>s war, im Gegensatz zu den damals üblichen langsamlaufenden, großen und schweren, ortsfesten, vorwiegend mit Leuchtgas betriebenen Motoren einen schnellaufenden, kleinen leichten und auch für den Antrieb von Fahrzeugen aller Art geeigneten Benzinmotor zu schaffen. Auf der Grundlage der von 1883 an erteilten zahlreichen Patente, darunter desjenigen, welches die ungesteuerte Glührohrzündung betraf, wurde 1883 der erste schnellaufende und 1885 der erste geschlossene, stehende Motor geschaffen, der in dieser Form eine Grundlage für die Entwicklung des Kraftwagenmotors wurde. In dieser und der folgenden Zeit entstand das erste Motorrad der Welt (1885). 1885/86 erfolgte der Einbau des Motors in eine Motorkutsche - neben dem zur gleichen Zeit geschaffenen Benz-Wagen der Beginn des Automobilbaues - sowie Einbauten in Motorboote, in Schienenfahrzeuge und in das erste Luftschiff von Dr. Wölfert. Damit wurde erstmals ein Weg beschritten, der auch über die Schaffung des Automobils hinaus eine große Bedeutung in der Technik erlangt hat.

Die Arbeiten von <span class="abbr" title="Daimler">D.</span>, dem in seinen konstruktiven Entwicklungen Maybach in kongenialer Weise zur Seite stand, fanden auch bald im Ausland aufrichtige Würdigung. Die Herstellung von <span class="abbr" title="Daimler">D.</span>-Motoren führte um 1890 in Frankreich zur Entstehung einer Auto-Industrie. Auch auf die Schaffung der Automobilindustrie in England und in den Vereinigten Staaten hat <span class="abbr" title="Daimler">D.</span> stark anregend gewirkt.

Aus der 1882 geschaffenen Versuchswerkstätte und der 1887 gegründeten Fabrik in Cannstatt entstand am 28.11.1890 die <span class="abbr" title="Daimler">D.</span>-Motoren-Gesellschaft, deren Produktions-Schwerpunkt bis etwa 1895 der Motor gebildet hatte, da die Nachfrage nach Kraftwagen noch verhältnismäßig gering war. Durch die mit Daimler-Motoren errungenen großen Erfolge in der ersten automobilen Wettfahrt der Welt von Paris nach Rouen 1894 wurde das öffentliche Interesse stark geweckt; sie<span class="pb" title="Seite im Original 487">|</span>bewiesen die Richtigkeit des <span class="abbr" title="Daimler">D.</span>schen Konstruktionsprinzips.

Durch zahlreiche Verbesserungen des Motors, vor allem der Kühlung und des Vergasers, gelang es, den <span class="abbr" title="Daimler">D.</span>-Motor so auszubilden, daß er allen Wettbewerbern überlegen war. Vor allem war es dadurch möglich, den Kraftwagen zum Hochleistungsfahrzeug auszubilden. Die sich 1896 abzeichnende Entwicklung führt so zum Bau der 1900/01 geschaffenen Mercedes-Motoren und -Wagen. Damit wurde eine völlig neue Grundlage für den Bau und die Weiterentwicklung von Motor und Fahrzeug geschaffen. Die überwältigenden Erfolge des Jahres 1901, die in einer großen Zahl überlegener Siege zum Ausdruck kommen und die sich in den folgenden Jahren noch häuften, hat <span class="abbr" title="Daimler">D.</span> nicht mehr erleben dürfen.

Mit der Schaffung des schnellaufenden Motors und seines ersten Kraftwagens und deren beharrlicher methodischer Weiterentwicklung hat <span class="abbr" title="Daimler">D.</span> in ähnlicher Weise wie Karl Benz, der als erster das als Einheit entwickelte Motorfahrzeug schuf, einen entscheidenden Beitrag für die Verkehrsmotorisierung geleistet. Die Werke der von diesen beiden Männern begründeten Unternehmen wurden 1926 in der <span class="abbr" title="Daimler">D.</span>-Benz <abbr title="Aktiengesellschaft">AG</abbr> zusammengefaßt. Über den Rahmen der eigenen unternehmerischen Leistung, die aus der Erfindung <span class="abbr" title="Daimler">D.</span>s entstanden ist, hat seine Arbeit eine große Bedeutung in der Automobil- und Motortechnik der ganzen Welt erlangt.

##### 12. Wilhelm Conrad Röntgen

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/Tj8image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/Tj8image.jpeg)

<span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> wuchs in Apeldoorn (Holland) auf, wohin die Familie wohl aus geschäftlichen Gründen 1848 übergesiedelt war. Er besuchte die dortige Schule und seit 1862 die Technische Schule in Utrecht, von der er 1864, vermutlich wegen eines Schülerstreichs, ohne Reifezeugnis verwiesen wurde. Da er auch die in Holland ersatzweise mögliche Zulassungsprüfung für eine Universität nicht bestand, nahm er Ende 1865 am <span class="abbr" title="Eidgenössischen">Eidgenöss.</span> Polytechnikum in Zürich, wo dies ohne Prüfung möglich war, ein Ingenieurstudium auf, das er 1868 mit dem Diplom in Maschinenbau abschloß. <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> hatte während des Studiums Vorlesungen <span class="abbr" title="unter anderem">u. a.</span> bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz8419.html)Rudolf Clausius (1822–88) und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz31245.html)Gustav Zeuner (1828–1907) gehört. Er wandte sich nun vollends der Physik zu und hörte auch bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz47023.html)August Kundt (1839–94). 1870 an der <span class="abbr" title="Universität">Univ.</span> Zürich mit einer Arbeit zur Gastheorie promoviert, folgte er Kundt im selben Jahr als Assistent nach Würzburg und 1872 an die neugegründete <span class="abbr" title="Reichsuniversität">Reichsuniv.</span> Straßburg, wo er sich 1873 habilitierte. 1875 wurde <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> <span class="abbr" title="ordentlicher">o.</span> Professor für Mathematik und Physik an der Landwirtschaftlichen Akademie Hohenheim, 1876 erhielt er an der Straßburger <span class="abbr" title="Universität">Univ.</span> das Extraordinariat für Physik neben Kundt. Mit diesem entstanden <span class="abbr" title="unter anderem">u. a.</span> mehrere Arbeiten zur elektromagnetischen Drehung der Polarisationsebene des Lichtes in Gasen; auch<span class="pb" title="Seite im Original 733">|</span>befaßte sich <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> mit der Wärmeleitung in Kristallen.

1879 wurde <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> Ordinarius an der <span class="abbr" title="Universität">Univ.</span> Gießen, 1888 an der <span class="abbr" title="Universität">Univ.</span> Würzburg als Nachfolger von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz44119.html)Friedrich Kohlrausch (1840–1910). In Gießen gelang <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span>1888 der Nachweis, daß in einem zwischen elektrisch geladenen Kondensatorplatten bewegten Dielektrikum eine magnetische Wirkung („Röntgenstrom“) hervorgerufen wird. In Würzburg wandte sich <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> der Untersuchung der Elektrizitätsleitung in Gasen und <span class="abbr" title="insbesondere">insbes.</span> den Kathodenstrahlen zu. 1895 entdeckte er dabei die X-Strahlen (im <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Sprachraum Röntgen-Strahlen genannt) und erhielt dafür 1901 den erstmals verliehenen Nobelpreis für Physik.

Zum Sommersemester 1900 wurde <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> an die <span class="abbr" title="Universität">Univ.</span> München berufen, wo <span class="abbr" title="unter anderem">u. a.</span> [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107007.html)Walter Friedrich (1883–1968), [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107008.html)Abram F. Joffe (1880–1960), [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107009.html)Paul Knipping (1883–1935), Peter Paul Koch (1879–1945), [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz47344.html)Rudolph Ladenburg (1882–1952) und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz97422.html)Peter Pringsheim (1881–1963) seine Schüler wurden. <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span>s Münchner Hauptarbeitsgebiet waren die elektrischen Eigenschaften der Kristalle, während mehrere seiner Schüler sich auch spezifischen Untersuchungen der Röntgenstrahlen widmeten. Hervorzuheben sind die 1912 durchgeführten Interferenzversuche von Röntgenstrahlen an Kristallen durch Friedrich, Knipping und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz48441.html)Max <span class="abbr" title="von">v.</span> Laue (1879–1960), wofür letzterer den Physik-Nobelpreis 1914 erhielt. Eine mögliche Berufung als Präsident der Phvsikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin (zu deren Kuratoren er seit 1897 zählte) lehnte <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> 1904 ab, ebenso 1912 eine Forschungsprofessur der <span class="abbr" title="Preußischen">Preuß.</span>Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Eine wichtige organisatorische Leistung <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span>s für München war die Wiederbelebung des seit zehn Jahren verwaisten theoretischen Ordinariats, auf das 1905 [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74837.html)Arnold Sommerfeld (1868–1951) berufen wurde. 1920 emeritiert, verbrachte <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> seine letzten Jahre einsam; sein bescheidenes Vermögen verlor er durch die Inflation.

Bei seiner Beschäftigung mit Kathodenstrahlen, deren Eigenschaften noch weitgehend unbekannt waren, stieß <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> 1894 auf eine Arbeit von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz50192.html)Philipp Lenard (1862–1947), der gefunden hatte, daß man die Strahlen durch ein Aluminium-Fenster aus der Entladungsröhre austreten lassen und außerhalb der Röhre untersuchen könne. <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> wiederholte Lenards Experimente, zunächst offenbar ohne dabei ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, doch er war ein besonders gründlicher Beobachter. Dabei stellte <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> am 8.11.1895 eher zufällig fest, daß ein in der Nähe der verhüllten Entladungsröhre stehender Fluoreszenzschirm im verdunkelten Raum hell aufleuchtete. Bei näherer Untersuchung zeigte sich, daß diese Erscheinung von einer bisher unbekannten Art von Strahlen herrührte, die <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> „X-Strahlung“ nannte. Noch in den Weihnachtstagen 1895 schrieb er eine erste Abhandlung hierüber und verschickte sie am Neujahrstag; sie wurde sofort mit Begeisterung aufgenommen. Insbesondere die als Beleg beigefügten Fotos, darunter eine „Röntgen-Aufnahme“ der Hand seiner Frau, regten sofort eine praktische Nutzung in Medizin und Technik an. Sein langsamer, pedantischer Arbeitsstil erwies sich für die weitere Erforschung der Röntgenstrahlung als nicht sehr förderlich, und so verlor <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> trotz seiner Pionierrolle schnell den Anschluß an die internationale Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet. Nach seiner dritten Publikation hierzu (1897) erlosch sein Interesse an dieser Thematik und er wandte sich erneut der Kristallphysik zu. Indirekt wurde die schnelle technische Weiterentwicklung auch dadurch gefördert, daß <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> keinerlei Patentansprüche anmeldete. Er hielt über seine Entdeckung nur einen öffentlichen Vortrag, und zwar am 23.1.1896 vor der Physikalisch-Medicinischen Gesellschaft zu Würzburg, am 12.1.1896 hatte er vor <span class="abbr" title="Kaiser">Ks.</span> Wilhelm II. in Berlin eine Privatdemonstration vorzuführen, doch hielt <span class="abbr" title="Roentgen">R.</span> nicht einmal anläßlich der Nobelpreisverleihung den erwünschten Vortrag. Die Röntgenstrahlen gehören nicht nur zu den grundlegenden Entdeckungen, die die moderne Physik des 20. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> einleiteten, da sie sich mit den Mitteln der Klassischen Physik letztlich nicht erklären ließen, sondern auch zu den wenigen wissenschaftlichen Grundlagenentdeckungen, die unmittelbar zu einer (aus heutiger Sicht vielleicht etwas übereilten) technischen Nutzung führten.<abbr title="gestrichen:  – [d. Red.]">|</abbr>

##### 13. Friedrich Nietzsche 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/JCNimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/JCNimage.jpeg)

Nach dem Tod des Vaters und der Übersiedlung der Familie nach Naumburg besuchte <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> seit 1854 das Domgymnasium. 1858 erhielt er eine Freistelle in der Landesschule Pforta (Schulpforta), an der er die für seinen späteren Berufsweg entscheidende strenge, altphilologisch akzentuierte Ausbildung erhielt. Zwei damals entstandene Abhandlungen, „Fatum und Geschichte“ und „Willensfreiheit und Fatum“, berühren bereits wesentliche Themen seiner nach 1876 entwickelten Philosophie. Nach dem Abitur 1864 immatrikulierte sich <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> in Bonn an der <span class="abbr" title="theologischen">theol.</span> Fakultät und wechselte im folgenden Semester zur klassischen Philologie. Im Herbst 1865 setzte er das Studium in Leipzig fort, <span class="abbr" title="unter anderem">u. a.</span> weil sein Lehrer [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74632.html)Friedrich Ritschl (1806–76) dorthin berufen worden war. Zu dieser Zeit entdeckte <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> Schopenhauers Schrift „Die Welt als Wille und Vorstellung“, die auf seine Entwicklung wesentlichen Einfluß hatte. Getragen von der Leidenschaft Schopenhauers, widmete er sich dem Studium der Philologie. Nach einem Militärdienst bis März 1868 plante <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> zunächst eine Dissertation über Kant und ein naturwissenschaftliches Studium in Paris. Auf Empfehlung Ritschls wurde <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> im Februar 1869 als <span class="abbr" title="außerordentlicher">ao.</span> Professor auf den altphilologischen Lehrstuhl in Basel berufen (<span class="abbr" title="ordentlicher">o.</span> <span class="abbr" title="Professor">Prof.</span> April 1870), im März aufgrund seiner bisherigen Arbeiten in Leipzig promoviert. Einem Besuch bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz52508.html)Richard Wagner, den er im Herbst 1868 kennengelernt hatte, in Tribschen bei Luzern im Mai 1869 folgten viele weitere. Im August 1870 ließ <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> sich für eine freiwillige Teilnahme als Sanitäter im Krieg gegen Frankreich beurlauben. – <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> verfolgte in Basel ein kulturpädagogisches Programm in kosmopolitischer Absicht, das den kulturfeindlichen Tendenzen der modernen „Civilisation“ entgegenwirken sollte. Er sah sich dabei einig mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69541.html)Jacob Burckhardt, vor allem aber mit Wagner, der <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> für die öffentliche Durchsetzung seines Kunstideals zu gewinnen hoffte. Dieser Erwartung entsprach <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>zunächst mit seiner Schrift „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ (Anfang 1872). Ausgelöst durch innere Spannungen angesichts einer zunehmenden Distanz zu Wagners künstlerischen Bestrebungen und der Unvereinbarkeit seiner Lehrverpflichtungen mit der Entwicklung seiner philosophischen Interessen, verschlechterte sich <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>s Gesundheitszustand seit 1873 so gravierend (<span class="abbr" title="unter anderem">u. a.</span> migräneähnliche Kopfschmerzen, Augenschwäche), daß ihm die Basler Erziehungsbehörde 1876 einen einjährigen Urlaub gewährte. Die Zeit bis Mai 1877 verbrachte er größtenteils in Sorrent mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70713.html)Malwida <span class="abbr" title="von">v.</span> Meysenbug (1816–1903) und dem Moralpsychologen [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74596.html)Paul Rée (1849–1901). Hier traf <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> auch ein letztes Mal Ende <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 1876 mit Wagner zusammen. 1877 entstand der größte Teil des Aphorismenwerks „Menschliches, Allzumenschliches, Ein Buch für freie Geister“ (1878), das eine deutliche Absage an Wagners nationalistisches Kunstideal enthielt. Den grundsätzlichen Unterschied ihrer Kunst- und Kulturauffassungen hat <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> später in der Polemik „Der Fall Wagner, Ein Musikantenproblem“ (1888) deutlich gemacht. Im Mai 1879 bat <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>, dessen Gesundheitszustand sich rapide verschlechterte, um Entlassung aus dem Basler Amt, die ihm unter Zusicherung einer jährlichen Pension für sechs Jahre (verlängert 1885) gewährt wurde.

Die folgenden Jahre verbrachte <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> als „fugitivus errans“ mit beschränkten Mitteln an wechselnden Orten – den Winter über bevorzugt in Italien (<span class="abbr" title="vor allem">v. a.</span> Genua, Rapallo, Nizza, Turin, zeitweise Venedig, aber auch Riva, Recoaro, Messina), im Sommer seit 1881 in Sils-Maria (Oberengadin). Eine einschneidende Zäsur in diesen Jahren bildete die Begegnung mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74690.html)Lou <span class="abbr" title="von">v.</span> Salomé (1861–1937). In ihrem Gedicht „Gebet an das Leben“, das er im Sommer desselben Jahres als „Hymnus an das Leben“ vertonte, meinte er, seine dionysische Weltsicht wiederzuerkennen, und hoffte vergeblich, eine seelenverwandte Partnerin gefunden zu haben. Mit Freunden wie [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69633.html)Paul Deussen (1845–1919), [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69902.html)Carl <span class="abbr" title="von">v.</span> Gersdorff (1844–1904), [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69880.html)Heinrich Köselitz (1854–1918), [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74302.html)Franz Overbeck (1837–1905) und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74646.html)Erwin Rohde (1845–98) hielt er überwiegend brieflich Kontakt.

Am 3.1.1889 wurde bei <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> in Turin eine organische Gehirnerkrankung manifest, die<span class="pb" title="Seite im Original 250">|</span>eine fortschreitende Zerstörung des Bewußtseins zur Folge hatte. Nachdem er Anfang Januar <span class="abbr" title="sogenannter">sog.</span> „Wahnsinnszettel“ an Burckhardt und Overbeck geschickt hatte, holte letzterer ihn von Turin nach Basel zur Untersuchung in der Nervenklinik. Von hier brachte ihn die Mutter nach Jena, wo er bis Februar 1890 in der psychiatrischen Universitätsklinik beobachtet, danach von ihr bis Mai betreut und dann nach Naumburg zurückgebracht wurde. 1894 gründete die Schwester im Haus der Mutter ohne deren Zustimmung ein Nietzsche-Archiv. Sie übersiedelte, nachdem sie sich 1895 die Rechte am Nachlaß hatte übertragen lassen, 1896 nach Weimar. Nach dem Tod der Mutter 1897 übernahm sie <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> ins Archiv, wo er, als Kultobjekt aufbewahrt, weiterlebte. Die Ursachen von <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>s Erkrankung sind ungeklärt geblieben; sie ist möglicherweise durch eine Syphilis bedingt.

<span class="italics">Hauptwerke.</span> – In seiner ersten kulturphilosophischen Veröffentlichung, der „Geburt der Tragödie“ (1872), entwickelt <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> anhand einer Darstellung der attischen Tragödie und einer Unterscheidung der Phänomene des Apollinischen und des Dionysischen eine Metaphysik der Kunst, die beide Phänomene vereint und sich in der Aussage verdichtet: „daß nur als ästhetisches Phänomen das Dasein und die Welt gerechtfertigt erscheint“. Bereits hierin drückt sich ein Abstand <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>s zu Schopenhauers Negation des Willens in der ästhetischen Betrachtung aus. Der starken öffentlichen Beachtung, die diese Schrift fand, stand die seiner ersten „Unzeitgemäßen Betrachtung“: „David Strauß, der Bekenner und Schriftsteller“ (1873) nicht nach. In polemischem Stil beschreibt <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>hier am Beispiel eines „Bildungsphilisters“ den Zustand der deutschen Bildung. Mit der zweiten Betrachtung, „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ (1874), wendet sich <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> mittels der Unterscheidung einer „monumentalischen“, einer „antiquarischen“ und einer „kritischen Historie“ gegen die „Hypertrophie“ der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft und macht zugleich deutlich, daß eine Rückkehr zum Mythos keinen Ausweg aus dieser Situation bietet. Die dritte dieser Schriften, „Schopenhauer als Erzieher“ (1874), sucht zu zeigen, wie ein an unbedingter Wahrhaftigkeit orientierter Denker „unzeitgemäß“ und dadurch zum Muster eines echten Philosophen wird, der seine Wahrheit <span class="spaced">l e b t</span>. In „[→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz52508.html)Richard Wagner in Bayreuth“ (Anfang 1874 begonnen, beendet Juli 1876) konfrontiert er Wagners ursprünglich revolutionäre, kosmopolitische Ideale indirekt mit der das zeitgenössische Kulturverständnis sanktionierenden Realität der Festspiele in Bayreuth.

Das Werk „Menschliches, Allzumenschliches, Ein Buch für freie Geister“ (1878-79; MA) ist die Fortsetzung der Arbeit an einer zunächst noch als „Unzeitgemäße Betrachtung“ unter dem Titel „Die Pflugschar“ geplanten Aphorismenschrift, die er im Juni 1876 begonnen hatte. Es handelt sich um eine Sammlung von in der Form durch die <span class="abbr" title="französischen">franz.</span> Moralisten angeregten Aphorismen, die ihren besonderen Inhalt jeweils am Anfang benennen. Sie folgen dem Prinzip des „prodesse et delectare“ und greifen, um neun „Hauptstücke“ gruppiert, in loser Folge alle bisherigen kulturphilosophischen Themen auf. Ihre innere Einheit besteht in dem zugrundegelegten Bewußtsein eines fiktiven Subjekts, des „freien Geistes“, der allem „Idealismus“ abgesagt hat. Auf der Grundlage der Einsicht, daß „Überzeugungen … gefährlichere Feinde der Wahrheit, als Lügen“ sind (MA 483), unterzieht <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> tradierte metaphysische Vorstellungen und Ideale einer psychologischen Analyse, die im Versuch der „Umkehrung gewohnter Wertschätzungen und geschätzter Gewohnheiten“ (Vorrede I, 1) ihren methodischen Ausgangspunkt hat. Ihrer Erscheinungsform und Intention nach schließen die beiden folgenden Werke unmittelbar an. Während die in fünf „Bücher“ gegliederte „Morgenröte“ (1881; M) unter dem Titel „passio nova“ konzipiert und mit dem Titel „Die Pflugschar“ als Manuskript abgeschlossen wurde, war „Die fröhliche Wissenschaft“ (1882, erweitert ²1887; FW) zunächst als Fortsetzung der „Morgenröte“ geplant. Die aphoristische Form war nicht nur das adäquate Mittel für einen Autor, der seine Gedanken auf Wanderungen faßte und auf einen ökonomischen Umgang mit seinem Augenlicht angewiesen war, sie war vor allem der angemessene Ausdruck einer Philosophie, die sich aller systematisierenden Ableitung aus dem Begriff versagt, weil sie die Grenzenlosigkeit der Erkenntnis unterstellt und davon ausgeht, „daß das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe“ (FW 324). Ging es <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> zunächst um die Rückführung metaphysischer Vorurteile auf „allzumenschliche“ Gründe, so hier überwiegend um eine Kritik der Moral im Blick auf ihre historische Entstehung. Das Denken soll nun, statt im Dienst der Moral deren Abkunft aus der Vernunft glaubhaft zu machen, deren Herkommen aus der „Unvernunft“ deutlich werden lassen. In „Jenseits von Gut und Böse“ (1886; JGB) und den Abhandlungen „Zur Genealogie der Moral“ (1887; GM)<span class="pb" title="Seite im Original 251">|</span>hat <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> die historische Kritik der Moral weiter ausgeführt. Die Besonderheit der „Fröhlichen Wissenschaft“ im Zusammenhang seiner Werke liegt darin, daß bei der Darstellung traditioneller Metaphysik und Moral der polemische Ton fehlt, und darin, daß sie mit ihrem fünften Buch der Entstehungszeit nach das Werk „Also sprach Zarathustra“ (T. 1-4, 1883-1887) umgreift. Vor allem aber steht sie in inhaltlichem Bezug zu diesem Werk: Durch die Figur des „tollen Menschen“ (FW 125), der die Tötung Gottes durch den Menschen als epochales Ereignis begreift, durch den letzten Aphorismus des 4. Buchs, der mit der 1. Vorrede Zarathustras fast gleichlautet, und vor allem durch die Darstellung des zentralen, aus aktuellen wissenschaftlichen Quellen gespeisten Gedankens des „Zarathustra“, der „ewigen Wiederkunft des Gleichen“ (FW 341), den <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> im August 1881 als für ihn entscheidende Erfahrung festgehalten hat. Für <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> erlangt dieser hypothetische Gedanke außerordentliches Gewicht als Gegensatz zu theistischen Vorstellungen, die einen willkürlichen Gott unterstellen. In „Also sprach Zarathustra“ rückt ein weiterer Gedanke in den Mittelpunkt: Zarathustras Lehre vom „Übermenschen“; dieser ist keineswegs gedacht als „ästhetisierender Athlet“ oder gar „Prototyp einer, Herrenrasse'“, er bezeichnet vielmehr, wie sein Gegenpol, der „letzte Mensch“, eine Grenze „am Horizont einer antimetaphysischen, antipessimistischen Vision der Welt“ (Montinari). Daneben tritt im „Zarathustra“ ein dritter Gedanke, der in den Überlegungen zu JGB und zur GM, vor allem aber in den Vorarbeiten zu den <span class="abbr" title="sogenannte(r)">sog.</span> Spätwerken des Herbstes 1888 „Götzendämmerung“ (1889) und „Der Antichrist“ (1895) eine beherrschende Stellung gewinnt und mit den beiden anderen den „konstruktiven Teil seiner Philosophie“ (Montinari) darstellt: die „Theorie eines in allem Geschehen sich abspielenden <span class="italics">Macht-Willens</span> “ (GM II, 12). <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> bestimmt diesen Willen als das Wesen des Lebens selbst, als „das, was sich immer selbst überwinden muß“ (II, Von der Selbstüberwindung). Er ist nicht als metaphysisches Prinzip neben und hinter aller Erscheinung mißzuverstehen, auch nicht als die zweifelhafte Eigenschaft erfolgshungriger Politiker. Er tritt immer nur als eine „Vielheit von. Willen zur Macht'“ (Nachlaß-Fragmente 40 \[53\] 1885) auf und betrifft die anorganische Welt ebenso wie den Kosmos möglicher Zwecke des Menschen, die zueinander in ein ständig variierendes Verhältnis der Nach- und Überordnung treten. Er ist nach <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> auch wirksam in dem seit 1881 immer wieder abgehandelten, in sich widersprüchlichen Phänomen eines <span class="abbr" title="europäisch">europ.</span> „Nihilismus“, den er vor allem durch das Christentum initiiert sieht: „lieber will noch der Mensch <span class="italics">das Nichts</span>wollen, als <span class="italics">nicht</span> wollen“, ist <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>s Formel dafür. Daß der „Wille zur Macht“ als Projekt eines Hauptwerks unvollendet geblieben wäre, wurde von Montinari zweifelsfrei widerlegt.

<span class="italics">Die „Umkehrung gewohnter Wertschätzungen“ und die „Umwertung aller Werte“.</span> - Obwohl <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> antrat, die seit Plato nicht nur in der Geschichte des Denkens etablierte Vorstellung der Dualität zweier Welten, den Widerspruch von wahrer und scheinbarer Welt, aufzuheben, und diesen Vorsatz bis zuletzt festhielt, sah er sich im Übergang vom idealismuskritischen, negativen Teil seines Werks zu den konstruktiven Entwürfen, die in den letzten sechs Jahren seines Schaffens damit einhergingen, „in einen unlösbaren Widerspruch zwischen seinem radikalen Skeptizismus … und der Notwendigkeit einer ‚Gesetzgebung' verwickelt“ (Montinari). Daß dieser Widerspruch auch das durchgehend negative, zeit-, kultur- und geschichtskritische Denken bestimmt und zuletzt zweideutig erscheinen läßt, zeigt sich <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> in <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>s Kritik des moralischen Selbstbewußtseins <span class="abbr" title="beziehungsweise">bzw.</span> „Selbstbetrugs“ (<abbr title="Mittelalter">MA</abbr> I Vorr. 1). Zunächst folgt er seiner Methodik der „Umkehrung gewohnter Wertschätzungen“ zur Destruktion des Idealismus, der einen Gegensatz von Ideal und Wirklichkeit, von Vernunft und Interesse unterstellt. So erklärt er anhand von Praktiken des moralischen Bewußtseins, einen erlittenen Schaden als selbstlose Tat (FW 21), Ohnmacht als Güte, Niedrigkeit als Demut oder Unterwerfung als Gehorsam zu deuten (GM I, 14), daß diese nicht auf einem Mißverständnis der Moral beruhen, sondern in deren Wesen begründet sind. Nach <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> besteht etwa der Grundwiderspruch des Ideals der „Selbstlosigkeit“ (FW 21) darin, daß es dem Prinzip nach den Schaden des Selbstlosen und das Akzeptieren dieses Schadens unterstellt. Dieser Doppelheit entsprechend kritisiert er auch ein religiöses Bewußtsein, das, statt ein Übel durch das Beheben seiner Ursache verschwinden zu machen, durch ein „Umdeuten des Uebels in ein Gut“, das späteren Nutzen verheißt (<abbr title="Mittelalter">MA</abbr> I 108), die Wirkung des Übels auf die Empfindung vermindern soll („Narkotisirung“). Vor allem in den Werken der letzten drei Schaffensjahre tritt aber an die Stelle einer experimentellen <span class="italics">Umkehrung</span> von Wertschätzungen eine „<span class="italics">Umwertung</span> aller Werte“. Statt mit der Aufhebung der Differenz von wahrer und scheinbarer Welt den Bereich moralischer Vorstellungen zu verlassen und auch den außermoralischen und außerpsychologischen Gründen nachzuforschen, die den Gang der Geschichte bestimmen, entwirft er eine <span class="italics">Gegenmoral</span>, die die Welt bewegen soll. Das Urteil: das Gute ist nicht gut, sondern schlecht (GM I: „Gut und Böse“, „Gut und Schlecht“), findet eine Fortsetzung, die das bisher als böse Geltende für gut erklärt, und ist als Ganzes keineswegs „jenseits von Gut und Böse“ angesiedelt. Gestützt auf seine erkenntnistheoretische Prämisse, die am Beispiel der Sprache die Falschheit aller synthetischen Urteile a priori konstatiert (JGB 4), erklärt er falsche Urteile a posteriori für zweckmäßig, sofern sie dem abstrakt allgemeinen Kriterium „lebensfördernd“ genügen, also der Willkür Platz einräumen. Nicht mögliches Wissen und die auf Wissen gegründete Praxis, sondern die bloße Setzung konträrer Werte gilt nun als realitätsmächtig. Der Widerspruch bleibt auch auf dem Gebiet der Religionskritik, auf dem er zwar dem Rückgang hinter historisches Wissen, dem Mythos, die Berechtigung bestreitet: „Hüten wir uns, eine solche Lehre \[<span class="abbr" title="das ist">d. i.</span> die ewige Wiederkehr des Gleichen\] wie eine Religion zu lehren“ (Nachlaß 1881), sich aber doch „in steter Nachbarschaft zur Religion“ (Montinari) befindet. Vor allem den letzten Werken <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>s eignet eine Zweideutigkeit, die auch durch den bis zuletzt immer hervorgehobenen Versuchscharakter seines Denkens nicht relativiert wird. Wendungen wie „die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende <span class="italics">blonde Bestie</span> “ (GM I, 11), von <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> provokatorisch als Symbol seiner Gegenmoral aufgebaut, die „vornehmen Rassen“ zu eigen sein soll, sind aus der „Umwertung“ resultierende Entgleisungen seines Denkens, nicht etwa Ausdruck eines sich ankündigenden organischen Zusammenbruchs; dieser deutet sich möglicherweise im forciert euphorischen Gestus der späten Äußerungen an.

Die <span class="italics">Wirkungen</span> der Schriften <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>s entsprachen weder seinen Phantasien der letzten Zeit, unmittelbar normsetzende Gewalt zu erlangen, noch seiner Vorstellung einer langfristigen latenten Wirksamkeit der konstruktiven Ideen. Dagegen unternahm <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>s Schwester, <span class="abbr" title="unter anderem">u. a.</span> durch die Kompilation eines aus nachgelassenen Notizen bestehenden Hauptwerks „Der Wille zur Macht“ (1901, 483 Nummern; 1906, 1067 Nummern) alles ihr Mögliche, den Gehalt des Werks in einen am Wilhelminismus orientierten, eine germanische Rasse idealisierenden nationalistischen Mythos zu verwandeln. Seine Schriften erreichten in Gestalt der nun veranstalteten Gesamtausgaben hohe Auflagen. In der Folge haben <span class="abbr" title="unter anderem">u. a.</span> [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz011_00482_1.html)Ernst Bertram durch seine Mythologisierung <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>s (1918), vor allem aber [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz114416.html)Alfred Bäumler (1931), mit seiner am germanischen Rassenideal orientierten Umdeutung, der Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten Vorschub geleistet. Eine ernsthafte philosophische Auseinandersetzung haben die Schriften <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>s in der ersten Jahrhunderthälfte vor allem durch [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70249.html)Karl Jaspers und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz54023.html)Karl Löwith erfahren, später auch durch [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107876.html)Martin Heidegger. – Es ist die Ironie der Wirkung <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>s, daß mit der geglückten Verwandlung des Außenseiters <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span> in eine vom Wilhelminischen Deutschland anerkannte Kultfigur gerade die Voraussetzung geschaffen war für die gesellschaftliche Anerkennung von kritischen Künstlern, deren für sie bisher meist ruinöse Außenseiterstellung nun ebenso aufgewertet wurde wie sie unangetastet blieb. Eine Quelle der Anregung wurde das Werk <span class="abbr" title="Nietzsche">N.</span>s für die moderne Psychologie, besonders die Psychoanalyse. Mit seiner zusammen mit Giorgio Colli 1961 begonnenen und seit 1967 erscheinenden kritischen Ausgabe der Texte hat Mazzino Montinari (1928–68) erstmals die Möglichkeit einer unverzerrten Aufnahme von Sinn und Absicht der Werke durch die Forschung eröffnet.

##### 14. Paula Modersohn-Becker

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/scaled-1680-/2xcimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-12/2xcimage.jpeg)

Nach Schulbesuch und Ablegung des Lehrerinnenexamens studierte <span class="abbr" title="Becker-Modersohn">B.</span> Malerei in Berlin, in Worpswede bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55464.html)F. Mackensen (1898/99) und schließlich in Paris in der Academie Colarossi und an der Ecole des Beaux-Arts. Obwohl auch angezogen von der Kunst A. Böcklins, hat vor allem die neue französische Malerei <span class="abbr" title="Becker-Modersohn">B.</span> nachhaltig beeindruckt: P. Cézanne und P. Gauguin. 1905 und 1906 kehrte sie für einige Zeit nach Paris zurück. Bedeutsam für sie wurden die Freundschaften mit den Bildhauern Clara Westhoff, der Frau Rilkes, und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz32974.html)Bernhard Hoetger. Sie, die immer wieder Mütter und Kinder gemalt hat, starb an der Geburt des ersehnten Kindes.

Meist in kräftigen dunklen Farben hat <span class="abbr" title="Becker-Modersohn">B.</span> Bildnisse, Figurenbilder, Stilleben und Landschaften geschaffen. Der Kunst der Worpsweder Malerschule (Mackensen, O. Modersohn <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span>) gab sie in ihren Werken europäisches Format und wurde damit gleichzeitig zur Vorläuferin des deutschen Expressionismus. Auf einfachste Formen und Konturen zurückgeführt, zeichnet ihre Gestalten eine gewisse Primitivität aus, die in ihrer eindringlichen und zugleich verhaltenen Schlichtheit um so direkter auf den Betrachter wirken. Überall ist das liebevolle, warmherzige Erfassen und Darstellen der Frau zu spüren, die das Wunder des Werdens und Seins im Großen wie im Kleinen geschaut hat, um es in seiner Ursprünglichkeit zu gestalten.

##### 15. Bertha Benz 

Als Cäcilie Bertha Ringer am 3. Mai 1849 in Pforzheim zur Welt kommt, ist die Enttäuschung groß. Das dritte Kind von Auguste Friederike Ringer und ihrem Mann, dem wohlhabenden Zimmermeister Karl Friedrich Ringer, ist »leider wieder ein Mädchen«, wie die enttäuschte Mutter in die Familienbibel einträgt. Jahre später, als längst auch der erwünschte Stammhalter plus weitere Söhne und Töchter geboren sind, entdeckt Bertha diesen Eintrag und nimmt sich vor, »der Mutter zu beweisen, dass auch ein Mädchen etwas leisten und tun konnte, das außergewöhnlich war, nicht nur ein Junge.«

Als Schülerin der Höheren Töchterschule in Pforzheim genießt Bertha eine für die damalige Zeit recht gründliche Bildung, die freilich mit der Konfirmation ihr Ende findet. Mit zwanzig begegnet sie Carl Benz. Er ist fünf Jahre älter, sieht gut aus und tanzt gern. Vor allem aber ist er fleißig und strebsam und kommt deshalb als Heiratskandidat in Betracht. In seiner Heimatstadt Karlsruhe hat er das Polytechnikum besucht, musste die Hochschule aber nach vier Jahren Studium ohne Abschluss verlassen, um Geld zu verdienen. In verschiedenen Anstellungen, bei denen er immer schnell aufstieg, hat er den Maschinenbau von der Pike auf gelernt. Seit Anfang 1869 ist er nun in Pforzheim tätig, wo er Konstruktionsentwürfe für Eisenbahnbrücken zeichnet. Carl fährt auf alles ab, was Räder hat, und er träumt von einem motorgetriebenen Straßenwagen. Von Anfang an teilt er diesen Traum mit seiner Verlobten, die – ungewöhnlich für eine Frau – ihr Interesse für technische Zusammenhänge nicht verhehlt. »Ich bin wohl überhaupt der erste Mensch, der gewusst hat, ein Auto soll gebaut werden«, erzählt Bertha Benz später in einem Interview.

![Bertha Benz](https://www.fembio.org/images/uploads/1600/benz_2.jpg "Bertha Benz")

Im Juli 1872 wird geheiratet. Im Aufgebot firmiert der Bräutigam als Maschinenfabrikant. Denn Carl Benz hat sich inzwischen in der aufstrebenden Industriestadt Mannheim mit einer mechanischen Werkstätte zur Herstellung technischer Geräte selbständig gemacht. Das hat Bertha ihm ermöglicht, indem sich das väterliche Erbteil auszahlen ließ und es mitsamt ihrer Mitgift in die Firma investierte. Die 22-jährige Braut ist selbst dabei, als der Ehevertrag aufgesetzt wird, der ihr Vermögen absichert. Ihre Biografin Barbara Leisner vermutet, dass sie von Anfang an in finanziellen Dingen das Heft in die Hand genommen habe. Carl Benz ist zwar ein genialer Erfinder, hat aber wenig Geschick fürs Geschäftliche. Als eheliche Wohnung dient ein schlichter Anbau an die Werkstatt: zwei Zimmer für Bertha, Karl und die vier Kinder, die zwischen 1873 und 1882 geboren werden. Viele Jahre sieht es so aus, als bliebe Carl Benz ein glückloser Unternehmer. Mit wechselnden Teilhabern und Geldgebern gerät er mehrmals an den Rand des Ruins und muss immer wieder von vorn anfangen. Bertha, die von zu Hause an behaglichen Wohlstand gewöhnt ist, führt den Haushalt ohne Dienstboten und mit eiserner Sparsamkeit. Und wenn Carl das Geld zum Kauf von Metall und Werkzeug ausgeht, muss Bertha mit dem Haushaltsgeld einspringen. Resolut trotzt sie den Zweifeln, die sie manchmal überkommen, wenn Freunde ihre gut gemeinten Bedenken äußern.

Trotz der Sorge ums finanzielle Überleben lässt der Traum vom selbstfahrenden Kraftwagen den Erfinder nicht los. Eine Fülle von Problemen muss er lösen, ehe der Wagen in die Gänge kommt: Motor, Zündung, Kühlung, Kraftübertragung, Fahrgestell, Lenkung. Und Bertha ist immer auf dem Laufenden, was Carl plant und erwägt. Sie kann mitreden und steuert eigene Ideen bei. Ende der 1870er Jahre tüftelt Carl an einem neuen Gasmotor.

Am Silvesterabend 1879 gelingt der Durchbruch. Die langwierigen Versuche an einem Zweitaktmotor haben die letzten Groschen aufgezehrt, doch der Motor will und will nicht anspringen. Nach dem Abendessen meint Bertha, irgend etwas lasse ihr keine Ruhe, sie habe so ein Gefühl, dass es jetzt klappen würde. Sie gehen in die Werkstatt hinüber. »Und wieder stehen wir vor dem Motor wie vor einem großen, schwer enträtselbaren Geheimnis. Mit starken Schlägen pocht das Herz. Ich drehe an«, erzählt Carl Benz in seiner Autobiografie *Lebensfahrt eines deutschen Erfinders:* »Tät, tät, tät! antwortet die Maschine. In schönem, regelmäßigem Rhythmus lösen die Takte der Zukunftsmusik einander ab. Über eine Stunde schon lauschen wir tiefergriffen dem einförmigen Gesang. Was keine Zauberflöte der Welt zuwege gebracht hätte, das vermag jetzt der Zweitakter. Je länger er singt, desto mehr zaubert er die drückend harten Sorgen vom Herzen. In der Tat! War auf dem Herweg die Sorge neben uns hergegangen, so ging auf dem Rückweg die Freude neben uns her. Auf die Glückwünsche der Welt konnten wir an diesem Neujahrsabend verzichten. Denn wir hatten ja das leibhaftige Glück an der Arbeit gesehen in unserer ärmlich-kleinen Werkstätte, die an diesem Abend zur Geburtsstätte eines neuen Motors wurde.« Und dann fangen die Neujahrsglocken zu läuten an. Schöner könnte es auch ein Hollywoodfilm nicht inszenieren.

1883 gründet Carl Benz mit zwei neuen Teilhabern die Firma »Benz &amp; Cie, Rheinische Gasmotorenfabrik in Mannheim«. Ums Kapital und den Vertrieb kümmern sich die beiden Kompagnons. Finanziell geht es der Familie endlich besser. Geld verdient wird mit den Gasmotoren, aber sonntags, nach Feierabend und vor Arbeitsbeginn widmet Carl sich seiner Erfindung. Bertha weiß über alles Bescheid, denn »jeden Abend hat er mir dann, so nach dem Abendbrot, wenn die Kinder schlafen gegangen waren, von dem erzählt, was ihm in der vergangenen Nacht gelungen ist und was er weiter machen wollte.« 1885 kann der Motorwagen Probe gefahren werden. »Die allererste Fahrt machten wir auf dem Hof der Werkstatt. Frau Benz schloss rasch die Tore, damit keine Neugierigen zusehen sollten. Es war noch alles nicht recht fertig, aber wir alle konnten es nicht mehr abwarten. So war z. B. noch kein Tank montiert. Die erste Autofahrt der Welt war die Durchquerung unseres Hofes von 25 m Länge. Dann drehten wir den Wagen, der ja keinen Rückwärtsgang hatte, und der Meister fuhr die gleiche Strecke zurück«, erinnert sich ein Mitarbeiter.

Von da an wird der Wagen auf der Ringstraße, dem alten Mannheimer Wall, ausprobiert, in aller Herrgottsfrühe, wenn noch niemand unterwegs ist. Meist ist Bertha dabei, denn man muss zu zweit sein, um den Wagen in Gang zu bringen. Carl schiebt das Gefährt an, Bertha sitzt oben am Steuer und lenkt. So lernt sie Auto fahren. Am 29. Januar 1886 wird das Patent auf den Motorwagen zugelassen: Das Automobil ist geboren. Die Firma wächst und muss vergrößert werden. Auf dem neuen Fabrikgelände entsteht auch eine Fabrikantenvilla mit allem modernen Komfort. Und am Familientisch dreht sich das Gespräch um den Patent-Motorwagen. Seit die Söhne Eugen und Richard gelegentlich mitfahren dürfen, haben sie nur noch den Wagen im Sinn, und manchmal bringen sie ihre halbe Schulklasse mit in den Fabrikhof. Inzwischen wird der Wagen nicht mehr versteckt, sondern in aller Öffentlichkeit im Straßenverkehr ausprobiert. Anfangs geht vieles schief, und wenn der Defekt nicht an Ort und Stelle behoben werden kann, muss »die Benzine« unter dem Spott schadenfroher Passanten heimgeschoben werden. Der Motorwagen wird laufend verbessert, bald kann man Touren von zehn, zwanzig Kilometern unternehmen. Auf dem Land versetzt der Anblick der pferdelos vorankommenden »Hexenkutsche« die Leute in Angst und Schrecken.

![Bertha Benz](https://www.fembio.org/images/uploads/1600/benz_1.jpg "Bertha Benz")

Erste Zeitungsberichte finden wenig Resonanz. Bertha meint, man müsse der Welt vor Augen führen, was dieser Wagen alles kann. Die legendäre Testfahrt geschieht heimlich, ohne Wissen des Erfinders, der den »Ausflug« sonst verboten hätte. Ein Komplott zwischen Mutter und Söhnen. Eugen (15) und Richard (13) haben Ferien, Bertha will einen Verwandtenbesuch in Pforzheim mit der Langstrecken-Probefahrt des Kraftwagens verbinden. Heimlich, still und leise stehlen sich die Drei an einem Tag Anfang August in aller Frühe aus dem Haus, schieben den Wagen aus der Remise und dem Fabrikhof, damit der schlafende Erfinder nicht geweckt werde. Und dann geht’s los.

Den Weg nach Pforzheim kennen sie nur von der Eisenbahn, deshalb folgen sie der Bahnlinie. Nach einer Stunde erreichen sie Heidelberg, alles läuft wie am Schnürchen. In Wiesloch wird aufgetankt. In Bruchsal telegrafieren sie nach Hause, um »den Papa« zu informieren. Der hat noch gar nichts gemerkt und ist erst einmal tief beunruhigt – »aber holen konnte er uns nicht wieder«. Eine Vergnügungsfahrt ist das Unternehmen schon bald nicht mehr, denn die Strecke wird bergig, und die Kraftübertragung reicht für große Steigungen nicht aus. Da heißt es nun schieben, und bergab können die Drei nur hoffen, dass die Bremsen den Strapazen gewachsen sind. Alle 20 Kilometer muss Kühlwasser nachgefüllt werden, aus Dorfbrunnen, Bahnwärterhäusern, Wirtshäusern, einmal sogar aus dem Straßengraben. Die Ketten leiern aus, springen aus den Zahnrädern und müssen nachgezogen werden, ein Dorfschmied hilft. Einige Pannen können mit Hilfe weiblicher Accessoires behoben werden. Als der Benzinzufluss verstopft, hilft eine Hutnadel »und als die Zündung versagte, musste mein – es sei ausgesprochen – mein Strumpfband als Isoliermaterial dienen.«

Es ist ein langer heißer Tag und noch immer haben sie Pforzheim nicht erreicht. In Wilferdingen kehren sie ein und fragen nach dem Weg. Wie überall, wo die Drei anhalten, strömen die Leute zusammen. Vor Pforzheim heißt es dann noch einmal: schieben. Und dann geht es in rasanter Fahrt ins Tal hinunter. Mittlerweile ist es dunkel geworden, der Wagen hat keine Beleuchtung, noch nicht einmal eine Laterne haben die Testfahrer dabei. Doch glücklich, unfallfrei und unbändig stolz auf ihre Leistung gelangen sie ans Ziel, wo es trotz der späten Abendstunde einen Volksauflauf gibt. Triumphierend telegrafiert Bertha die glückliche Ankunft an ihren Mann.

In Pforzheim macht der Wagen gewaltig Furore. Wo man das Geknatter des Motors hört, springen die Leute herbei. Für die Rückfahrt wählt Bertha eine kürzere Strecke, über Bretten. Die Steige nach Bauschlott hinauf müssen sie schieben. Richard, der leichteste, steuert. Abwärts trottet Vieh, das nach Pforzheim zum Viehmarkt getrieben wird. Nun wird es brenzlig. »Die Ochsen waren noch schlimmer als die Menschen«, erinnert sich Bertha, »mitten in den Weg stellten sie sich hin und glotzten den Wagen an. Richard wusste nicht, wohin er steuern sollte, und wir beide hinten hatten Sorge, dass der Wagen ins Rutschen käme, wenn er nicht mehr fahren könne – wir zwei hätten ihn doch nicht halten können.« Und, sagt sie: »Ich habe in meinem Leben nie wieder so grässlich fluchen hören wie an diesem Morgen.« In Bauschlott lässt sie vom Schuster Lederkappen auf die Bremsklötze nageln. Und wieder gibt es Probleme mit den Ketten. Aber sie kommen heil nach Mannheim zurück. Der Wagen mit seinem 3 PS-Motor hat den Stresstest bestanden. »So hab ich als erste gezeigt, dass dem ‚Papa Benz’ sein Automobil auch für weite Fahrten gut ist. Und auf meinen Vorschlag hat er dann noch einen dritten Gang eingebaut für Bergfahrten. Und den haben heute alle Autos auf der Welt. Da bin ich sehr stolz drauf«, erzählt Bertha Benz Jahrzehnte später in einem Interview mit der Zeitschrift »Berliner Hausfrau«.

Werbewirksam ist diese Fahrt trotz allem Aufsehen nicht gewesen. Denn den Zeitgenossen sei diese spektakuläre, gewissermaßen »männliche« Pioniertat einer Frau so wenig geheuer gewesen, dass sie die – vorwiegend männlichen – Käufer vom Nutzen des Motorwagens nicht hätte überzeugen können, meint Biografin Barbara Leisner. Aber dem Erfinder selbst hat Bertha die Tauglichkeit seiner Erfindung demonstriert. Im September nimmt der »Selbstfahrende« an einer großen Industrie- und Gewerbeausstellung in München teil und gewinnt die Große Goldene Medaille. Stolz und glücklich kehrt Carl nach Mannheim zurück, wo die Leute immer noch den Kopf schütteln über diesen Verrückten mit seinem Wagen, »der wo ohne Gail laaft«.

1890 gibt es einen Wechsel an der Firmenspitze, die beiden neuen Teilhaber sind nicht nur Feuer und Flamme für den Motorwagen, sondern auch versierte Kaufleute, und bald kommen so viele Aufträge, dass man die Fabrik erweitern und neue Arbeitskräfte einstellen muss. Im selben Jahr wird Bertha mit beinahe vierzig noch einmal Mutter einer Tochter. Klara, die älteste, darf mit 14 Jahren selbständig Fahrten in die nähere Umgebung unternehmen. In den 1920er Jahren empfängt Carl Benz eine Ehrung nach der anderen, und vergisst nie, den Anteil seiner Frau am Erfolg zu würdigen – keine Selbstverständlichkeit für einen berühmten Mann. So bekommt auch »Mutter Benz« einen Teil des Ruhmes ab. Erst jetzt wird Berthas gewagte Fernfahrt der breiten Öffentlichkeit bekannt. Das Steuer hat sie inzwischen allerdings längst ihren erwachsenen Kindern überlassen. Bertha und Carl Benz ist ein hohes Alter und eine lange, glückliche Ehe vergönnt. Carl stirbt am 4. April 1929 im Alter von 84 Jahren, Bertha am 5. Mai 1944, nur wenige Tage nach ihrem 95. Geburtstag.

##### 16. Lina Morgenstern

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/scaled-1680-/UJ5image.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/UJ5image.png)

<div aria-labelledby="actor-content-about-headline" class="actor__container--text" id="bkmrk-lina-morgenstern-war" style="text-align: justify;"><div class="actor__content--text"><div class="actor__teaser-text field field--name-field-teaser-text field--type-string-long field--label-hidden field__item">Lina Morgenstern war Gründerin des Hausfrauenvereins und radikale Frauenrechtlerin, Truppenversorgerin und Pazifistin, Schriftstellerin und Herausgeberin. Die begnadete Managerin bürgerschaftlichen Engagements initiierte unter anderem die Berliner Volksküchen, was ihr den Beinamen ‚Suppenlina‘ einbrachte.</div><div class="field--tags field field--name-field-topics field--label-above"><div class="field__label">Themen</div><div class="field__label">  
</div></div></div></div>**Familiärer Hintergrund**

Lina Morgenstern wurde als Lina Bauer am 25. November 1830 in eine jüdische Familie in Breslau geboren. Ihre Mutter, Fanny Adler, war eine geborene Goldschmidt aus Potsdam, ihr Vater, Albert Bauer, handelte mit Möbeln und Antiquitäten. Lina besuchte eine Höhere Töchterschule und erhielt zusätzlich Unterricht in Sprachen, Musik, Literatur und Kunstgeschichte. Geprägt durch das soziale Verständnis des Judentums gründete sie zu ihrem 18. Geburtstag einen „Pfennigverein zur Unterstützung armer Schulkinder“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[1](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote1_qGInEdSdyX-3Iq7XVEGeL4vZ1QKOg1vB6JIMNeOilMQ_rhCltroDcVJg)</span></span>.

1854 heiratete sie mit nur zögerlicher Zustimmung der Eltern den aus Polen emigrierten armen Kaufmann Theodor Morgenstern und siedelte mit ihm nach Berlin über. Zwischen 1855 und 1865 bekam das Ehepaar fünf Kinder.

<div class="outer-wrapper actor__spacer-bottom" id="bkmrk-medienbetrachter-%C3%B6ff" style="text-align: justify;"><div class="clearfix text-formatted text-formatted--format-layout-text actor__text field field--name-field-text field--type-text-long field--label-hidden field__item"><div><div class="text-layout__row"><div class="text-layout__col text-layout__col--2-of-3">  
</div><div class="text-layout__col text-layout__col--1-of-3"><figure class="caption caption-drupal-entity" role="group"><div class="embedded-entity" data-embed-button="media_entity_embed" data-entity-embed-display="view_mode:media.embed" data-entity-embed-display-settings="[]" data-entity-type="media" data-entity-uuid="38846413-c21f-433d-a323-eb2b4aece54b" data-langcode="de"><div class="iiif-resource iiif-resource--display-embed media media--type-iiif-resource media--view-mode-embed"><div class="media">[<div class="iiif-resource__media-iiif-record-id field field--name-field-media-iiif-record-id field--type-iiif-record-id field--label-hidden field__item">![Lebensbilder M / Seite 6](https://iiif.meta-katalog.eu/iiif/2/hla_x_B_REP_235-20_x_B_REP_235-20_132_x_B_Rep_235-20_132_0006.jpg/full/680,/0/default.jpg)</div>](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/universal-viewer/BRep235203232LebensbilderMhla_1?canvas=5 "Medienbetrachter öffnen")[Medienbetrachter öffnen](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/universal-viewer/BRep235203232LebensbilderMhla_1?canvas=5 "Medienbetrachter öffnen")</div><div class="media__licence-info">[Weitere Informationen](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/meta-objekt/lebensbilder-m--seite-6-0615/BRep235203232LebensbilderMhla#BRep235203232LebensbilderMhla_1)</div></div></div><figcaption>Zeitungsausschnitt zu Lina Morgensterns 100. Geburtstag 1930</figcaption></figure></div></div></div></div></div>**Bücherschreiben als Einkommensquelle**

Als ihr Ehemann in finanzielle Schwierigkeiten geriet, weil er für Freunde gebürgt hatte und deren Verpflichtungen übernehmen musste, begann Lina Morgenstern, Kinderbücher zu schreiben, um zum Familieneinkommen beizutragen. Sie lernte zu dieser Zeit die Pädagogik Friedrich Fröbels kennen und schätzen. Von 1860 bis 1866 war sie Vorsitzende des Frauenvereins zur Förderung der Fröbelschen Kindergärten und verfasste ein erstes Lehrbuch für Kindergärtnerinnen: [*Das Paradies der Kindheit*](https://reader.digitale-sammlungen.de//resolve/display/bsb11377816.html "Digitalisat eine einem neuen Tab anzeigen") erschien 1861 und wurde ein Bestseller. Das Schreiben behielt Lina Morgenstern lebenslang bei, daneben erschloss sie sich aber schon bald weitere Tätigkeitsfelder.

<div class="outer-wrapper actor__spacer-bottom" id="bkmrk-medienbetrachter-%C3%B6ff-1" style="text-align: justify;"><div class="clearfix text-formatted text-formatted--format-layout-text actor__text field field--name-field-text field--type-text-long field--label-hidden field__item"><figure class="caption caption-drupal-entity" role="group"><div class="embedded-entity" data-embed-button="media_entity_embed" data-entity-embed-display="view_mode:media.embed" data-entity-embed-display-settings="[]" data-entity-type="media" data-entity-uuid="37b31a01-691e-4d4e-b07d-86c5f7f2e0aa" data-langcode="de"><div class="iiif-resource iiif-resource--display-embed media media--type-iiif-resource media--view-mode-embed"><div class="media">[<div class="iiif-resource__media-iiif-record-id field field--name-field-media-iiif-record-id field--type-iiif-record-id field--label-hidden field__item">![Gedichtmanuskript von Lina Morgenstern: Gruß aus Berlin an Frau Julie Rettich, hs. / Seite 1](https://iiif.meta-katalog.eu/iiif/3/addf_x_Archivgut_x_AddF_SP017_05_JPG_x_AddF_SP017_05_0001.jpg/full/680,/0/default.jpg)</div>](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/universal-viewer/40259addf_1?canvas=0 "Medienbetrachter öffnen")[Medienbetrachter öffnen](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/universal-viewer/40259addf_1?canvas=0 "Medienbetrachter öffnen")</div><div class="media__licence-info">[Weitere Informationen](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/meta-objekt/gedichtmanuskript-von-lina-morgenstern-gruss-aus-berlin-an-frau-julie-rettich-hs.--seite-1-15/40259addf#40259addf_1)</div></div></div><figcaption>Gedicht von Lina Morgenstern für die österreichische Schauspielerin Julie Rettich, 1860</figcaption></figure></div></div>**Die Berliner Volksküchen**

1866 initiierte sie die erste Berliner Volksküche, um die in Folge des deutsch-österreichischen Krieges verarmte Bevölkerung mit guter Ernährung für wenig Geld zu unterstützen. Die Einrichtung war durch Spenden ermöglicht worden, im Großeinkauf konnten Lebensmittel günstig erworben werden, die Zubereitung wurde von angestellten Köchinnen und ehrenamtlichen Helferinnen organisiert. Die Mahlzeiten konnten zum Selbstkostenpreis erstanden werden, damit wollte man sich bewusst vom Almosenverteilen abgrenzen, zog allerdings zugleich den Unmut der Gastronomiebetreibenden auf sich. „Bis Ende 1868 hatte Lina Morgenstern zehn Volksküchen eingerichtet. In jenem Jahr verkauften diese 699.701 Portionen zu 25 Pf und 1 399 091 halbe Portionen zu 15 Pf.“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[2](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote2_nDhDjYtwOoP07SSMDvuW5bHNfZXsGn8T3-0aFhZp5s_yhPFxoytpcpE)</span></span> Kurze Zeit später schrieb sie auch über die Organisation dieser Küchen ein Buch<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[3](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote3_PiiphsoW1OkDgFW54nv3EgN9qR4RJDsAAkymMZE0U9g_lNjcYIOJL7H9)</span></span> sowie mehrere Kochbücher<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[4](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote4_hN0eAkm6qc-8HBpVc7RQ8of4RGycuVhT3oJ9KH7b4M_iDkGYHd5XecC)</span></span>.

Bis in die 1890er-Jahre waren in Berlin 15 Volksküchen entstanden und Lina Morgenstern war als ‚Suppenlina‘ stadtbekannt geworden. In den Volksküchen aßen „Handwerker, kleine Beamte, Soldaten, Commis, Dienstmänner, selbst einige Studenten, Frauen und Mädchen aus dem Arbeiterstande, aus Geschäften und Fabriken, Lehrerinnen, ganze Familien mit Kindern und Kinder allein, welche die in anderen Stadtteilen arbeitenden Eltern hier abonniert hatten“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[5](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote5_8KYP2M28pnKd2oTjWNZyEsyzbZBvSjJBFLssH1UWa0_h3YUU8fdkS0m)</span></span>. Das Ziel, in großem Umfang die Fabrikarbeiter\*innen zu erreichen, gelang allerdings nicht. Das Proletariat blieb misstrauisch gegenüber der Bürgerlichen, die zudem auch immer wieder öffentlichkeitswirksam von Kaiserin Augusta unterstützt wurde.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[6](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote6_O4HtXgzIMJum5IrCtZvzCO3uzC0vpe78qY6Ejfluaxc_mcmBx2AyuEef)</span></span>

**Kriegshilfsdienst und Friedensbewegung**

Während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 bewerkstelligte Lina Morgenstern an zwei Berliner Bahnhöfen die medizinische Versorgung und die Beköstigung der Truppen. Es gab dazu weder einen öffentlichen Auftrag, noch Geld von irgendeiner Stelle. Während im Kaiserreich mobil gemacht und in der Presse die Hoffnung ausgedrückt wurde, „recht bald von den Siegen unserer tapferen Armeen berichten zu können“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[7](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote7_8a-86irSWITfnvOmZUebiAboCsguh7lFVh5PkdaQys_nsLaUP45ZyNj)</span></span>, gab es keinerlei Pläne für die Versorgung der durchziehenden Truppen. „Und denkt jemand daran, dass in Kürze Züge mit Verwundeten eintreffen können \[…\]. Unsereiner fragt sich in aller Unbedarftheit, warum der Staat sich nicht um die Verpflegung der Männer kümmert, die für ihn ihr Leben riskieren sollen.“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[8](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote8_LpwdzbvsEA5S08x1q-0AWzDaApO3zTHAGb6uH-LibWU_c30NTPFl8YtK)</span></span> Allein, er tat es nicht. Aber wie immer sah Lina Morgenstern die Notwendigkeit, organisierte Helfer\*innen und Material und tat, was sie für nötig hielt. Das mag den Schluss nahelegen, sie sei eine begeisterte Patriotin gewesen. Das Gegenteil ist der Fall. Mit Volksküchen und Truppenversorgung wollte sie dazu beitragen, die schlimmsten Auswirkungen der Kriege abzumildern, zugleich unterstützte sie vehement pazifistische Bestrebungen. 1893 wurde sie in den Vorstand der Deutschen Friedensgesellschaft gewählt.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[9](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote9_0hQ-hGISksXN2EW08dNGrgLRuzLu6Xms8S5FaOMUaXM_bkeIxnJQpQuI)</span></span>

**Das Prinzip Zedaka**

Für Lina Morgenstern war die soziale Frage eine „Brot- und Magenfrage“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[10](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote10_asPImesQ6ZQMtzi6cPXFm7rLvktdlYsyFmQZIGe7g_azgZ6vm7ToGf)</span></span>. Der Hintergrund und die Motivation für ihr Tun sind in ihrer festen Verankerung im jüdischen Glauben und dessen Verständnis von Wohltätigkeit zu sehen. Den zehnten Teil des Einkommens für soziale Zwecke zu geben, galt als selbstverständlich, ein weiterer Schritt bestand im persönlichen Engagement, um in Not geratenen Glaubensgenoss\*innen die Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Dieses Prinzip der Zedaka<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[11](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote11_TECToKhafE9ZKdInj4RHRDwCwC-o8IykdJE2YVwc4_cGKtPy0XazXs)</span></span> hat Lina Morgenstern befolgt, sich dabei aber nie auf die jüdischen Gemeinden beschränkt; all ihre Bestrebungen waren immer konfessions- und glaubensunabhängig. Dass sie Jüdin war und als solche handelte, hat sie aber auch nie in Abrede gestellt. Sie sah sich deshalb, wie alle in der Sozialreform tätigen Jüd\*innen, dem aufkommenden Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts ausgesetzt und positionierte sich dazu: „Wir Juden haben wohl zur Genüge bewiesen, daß wir nicht nur genießen, sondern arbeiten, und zwar nicht nur, um Kapital zusammenzuscharren, sondern ohne Unterschied der Religion das Gute zu fördern, unseren Mitbürgern beizustehen und barmherzige Liebe zu üben … Wir fühlen uns als gleichberechtigte Staatsbürger, da wir alle Pflichten gegen Thron und Vaterland gewissenhaft erfüllen.“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[12](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote12_cqoYqdV4qSwXbJ1Cm0IM6Yv43nVkft5lksO9LYrokI_xtlg99WRyphQ)</span></span>

**Outside the box: Hausfrau und Frauenrechtlerin**

Lina Morgenstern hatte ein durchaus traditionelles Frauenbild, sie sah die Familie als das eigentliche Feld der Frau, ergänzt durch soziales Engagement. Folgerichtig wurde sie 1873 zur Gründerin des Berliner Hausfrauenvereins, gab ab 1874 die *Deutsche Hausfrauen-Zeitung* heraus und in den Jahren 1885 bis 1887 deren Kalender *Die Frauenbestrebungen unserer Zeit*. „Dem Hausfrauenverein angegliedert waren unter anderem eine permanente Lebensmittelausstellung, ein Laboratorium zur Untersuchung von Lebensmitteln, eine Kochschule, ein Stellennachweis, eine Unterstützungskasse für Dienstmädchen sowie eine Verkaufsstelle auf konsumgenossenschaftlicher Grundlage.“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[13](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote13_CCs1xvKnGYY5NTuEyXHUNQCyUdXtHdh6C0LiaT02O8k_fqqB0GGAP3Eu)</span></span> Ungeachtet dieses hauswirtschaftsorientierten Engagements und ihrer Tätigkeit im Vorstand des [ADF](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/allgemeiner-deutscher-frauenverein-adf "weitere Informationen zum ADF im Digitalen Deutschen Frauenarchiv") von 1871 bis 1885 finden wir Lina Morgenstern wenig später im radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung wieder, der rechtliche Gleichstellung und ein sehr viel breiteres Spektrum an Frauenleben propagierte. Schon 1888 hatte sie sich im Kreis um die erste deutsche Ärztin Franziska Tiburtius für das [Medizinstudium](http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/morgenstern_studium_1888 "Webseite in einem neuen Tab öffnen") der Frauen starkgemacht<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[14](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote14_EudBklm6Plx7U2TQAZMYzviFjmlFALIczNk5zsnr8s_sFluVdkQqGC6)</span></span>. Ihr Denken und Handeln jenseits von Schubladen zeigte sich auch 1894, als sie gemeinsam mit [Minna Cauer](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/minna-cauer "weitere Informationen zu Minna Cauer im Digitalen Deutschen Frauenarchiv"), [Lily Braun](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lily-braun "weitere Informationen zu Lily Braun im Digitalen Deutschen Frauenarchiv") und Jeannette Schwerin vergeblich versuchte, bei der Gründung des [Bundes Deutscher Frauenvereine](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/bund-deutscher-frauenvereine-bdf "weitere Informationen zum Bund Deutscher Frauenvereine im Digitalen Deutschen Frauenarchiv") die proletarischen Frauenvereine mit einzubeziehen. Zwei Jahre später war sie die Initiatorin des [Internationalen Kongresses für Frauenwerke und Frauenbestrebungen](https://archive.org/details/bub_gb_GrDcpnFoYbQC/page/n13/mode/2up "Webseite in einem neuen Tab öffnen") in Berlin, der auf großer Bühne die Vielfältigkeit und den Aufbruch von Frauen aus dem Althergebrachten zeigte. 1.700 Frauen nahmen an diesem Kongress teil, der der „Orientierung über die Ziele und den Stand der Frauenbewegung in den zivilisierten Ländern und Austausch der Ansichten über einzelne wichtige Punkte derselben“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[15](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote15_WPsfsO76Y44EGdaV1nKZgfbSYs90Xe4A0hpMmiXRDY_e8puto8cuApD)</span></span> diente. Lina Morgenstern konnte namhafte Frauen des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung und viele weitere Helferinnen für das Berliner Lokalkomitee gewinnen, aus vielen Ländern reisten Referentinnen an.

Zwar hatte der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) erklärt, dass er „sich nicht durch Sendung von Delegierten beteiligen könne, da der Kongress nicht von ihm ausgehe“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[16](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote16_SS29SiGbZCGNrezllDmt0poPtPvgztbmM14watNO1g_eqnSFUVLlLDD)</span></span>, doch war nach einem Bericht des Berliner Tageblattes die Crème de la Crème der Frauenbewegung vertreten: „… die bekannte frische Greisengestalt der Frau [Henriette Goldschmidt](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/henriette-goldschmidt "weitere Informationen zu Henriette Goldschmidt im Digitalen Deutschen Frauenarchiv") zeigte sich neben der allzeit fröhlichen Frau Stritt, die solide Frau [Helene Lange](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/helene-lange "weitere Informationen zu Helene Lange im Digitalen Deutschen Frauenarchiv") neben der klugen Frau Schulrath [Cauer](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/minna-cauer "weitere Informationen zu Minna Cauer im Digitalen Deutschen Frauenarchiv"), die strenge Studentin Fräulein [Augspurg](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/anita-augspurg "weitere Informationen zu Anita Augspurg im Digitalen Deutschen Frauenarchiv") neben der ernsten Frau Dr. Kempin usw. usw. Frau Lina Morgenstern, die bekannteste ‚Berliner Hausfrau‘, begrüßte die stattliche Versammlung mit herzlichen Segenswünschen in gebundener Rede.“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[17](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote17_pR7PYtN-wmI-oUpzhN-qT1OwWy57XA11MvloZAZs5oc_kJLcQaWB3lox)</span></span>

**Die unterschätzte Vorkämpferin**

Lina Morgenstern starb 1909 mit 79 Jahren. Im Alter hatte sie noch erste Erfolge der Frauenbewegung wie die Zulassung zu den Universitäten und den Fall des Preußischen Vereinsgesetzes erlebt. Sie hatte fünf Kinder großgezogen, zahllose Vereine und Aktionen organisiert und neben den bereits genannten Büchern, Zeitschriften und Kalendern drei Bände über [Frauen im 19. Jahrhundert](https://hdl.handle.net/2027/hvd.32044088994074 "Webseite in einem neuen Tab öffnen")<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[18](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote18_txfGWUCzPMoadXYX0b3nenCt7tfcmlun8h5XTCc7V0_qK8TDOiVATsx)</span></span>, ein zweiteiliges Werk über [Frauenarbeit in Deutschland](https://hdl.handle.net/2027/hvd.32044020180543 "Webseite in einem neuen Tab öffnen")<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[19](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote19_yeGbtOZuDX40G5QRVoDN9Qx1DuQcgEg40sCHxmwzfA_rVL2b89Kiigc)</span></span> und noch einiges mehr geschrieben. Sie war ein „regsamer Gegenwartsmensch“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[20](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote20_cPeGfpfWJ5-OsAJDje8mXfZlDME174XEgRVbO3dt5U_crJIomKuoNdj)</span></span>, eine vielseitige, unglaublich umtriebige Frau, die für vieles gekämpft und vieles beeinflusst hat. Geblieben ist davon in der heutigen historischen Wahrnehmung nur ‚die Suppenlina‘. Eine angemessene Würdigung durch eine kritische Biografie ist ihr die Geschichtsschreibung – auch und gerade die feministische! – bis heute schuldig geblieben.

<div class="outer-wrapper actor__spacer-bottom" id="bkmrk-medienbetrachter-%C3%B6ff-2" style="text-align: justify;"><div class="clearfix text-formatted text-formatted--format-layout-text actor__text field field--name-field-text field--type-text-long field--label-hidden field__item"><div class="text-layout__row"><div class="text-layout__col text-layout__col--1-of-2"><figure class="caption caption-drupal-entity" role="group"><div class="embedded-entity" data-embed-button="media_entity_embed" data-entity-embed-display="view_mode:media.embed" data-entity-embed-display-settings="[]" data-entity-type="media" data-entity-uuid="8ba3b36a-3efb-4bfc-94f1-01a414010396" data-langcode="de"><div class="iiif-resource iiif-resource--display-embed media media--type-iiif-resource media--view-mode-embed"><div class="media">[<div class="iiif-resource__media-iiif-record-id field field--name-field-media-iiif-record-id field--type-iiif-record-id field--label-hidden field__item">![Briefkarte von Lina Morgenstern an unbekannt, hs. / Seite 1](https://iiif.meta-katalog.eu/iiif/3/addf_x_Archivgut_x_AddF_ST036_01-04-04_JPG_x_AddF_ST036_01-04-04_0001.jpg/full/680,/0/default.jpg)</div>](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/universal-viewer/65074addf_1?canvas=0 "Medienbetrachter öffnen")[Medienbetrachter öffnen](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/universal-viewer/65074addf_1?canvas=0 "Medienbetrachter öffnen")</div><div class="media__licence-info">[Weitere Informationen](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/meta-objekt/briefkarte-von-lina-morgenstern-an-unbekannt-hs.--seite-1-13/65074addf#65074addf_1)</div></div></div><figcaption>Dankeskarte von Lina Morgenstern für Glückwünsche zu ihrem 70. Geburtstag</figcaption></figure></div><div class="text-layout__col text-layout__col--1-of-2"><figure class="caption caption-drupal-entity" role="group"><div class="iiif-resource iiif-resource--display-embed media media--type-iiif-resource media--view-mode-embed"><div class="media">[<div class="iiif-resource__media-iiif-record-id field field--name-field-media-iiif-record-id field--type-iiif-record-id field--label-hidden field__item">![Lebenbilder einzelner Persönlichkeiten der Frauenbewegung, Geburtstagsgratulationen, Jubiläumsgratulationen, Todesanzeigen, Nachrufe, Zeitschriftenaufsätze, Briefe, Zeitungsartikel folgender Frauen / Seite 7](https://iiif.meta-katalog.eu/iiif/2/hla_x_B_REP_235-01_x_B_REP_235-01_018_x_B_Rep_235-01_018_0007.jpg/full/680,/0/default.jpg)</div>](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/universal-viewer/BRep235018MFNr20742075Lebenbildereinzehla_1?canvas=6 "Medienbetrachter öffnen")  
</div></div><figcaption>##### 17. Max Planck 

</figcaption></figure></div></div></div></div><div class="actor__network" id="bkmrk--22" style="text-align: justify;"><div class="actor-network block block-ddf-actor-network block-actor-network-block" data-once="init-actor-network" id="bkmrk--23"></div></div>[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/scaled-1680-/nJbimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/nJbimage.jpeg)

Nach dem Abitur am Münchener Maximilians-Gymnasium studierte <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> 1875-79 in München und Berlin Physik und Mathematik. 1879 bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz37793.html)Philipp <span class="abbr" title="von">v.</span> Jolly (1809–84) in München mit einer Arbeit „Über den 2. Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie“ promoviert, habilitierte er sich dort bereits im folgenden Jahr mit der Schrift „Über Gleichgewichtszustände isotroper Körper in verschiedenen Temperaturen“. 1880-85 wirkte <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> als Privatdozent für Physik in München, anschließend bis 1889 als <span class="abbr" title="außerordentlich">ao.</span> Professor für theoretische Physik in Kiel. 1889 wurde er als Nachfolger [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70359.html)Gustav Kirchhoffs (1824–87) an die <span class="abbr" title="Universität">Univ.</span>Berlin berufen (Rektor 1913/14), an der er über seine Emeritierung (1927) hinaus wirkte.

Der Schwerpunkt seiner Arbeiten lag zunächst auf dem Gebiet der Thermodynamik, wo er die Untersuchungen zum Entropiebegriff weiter ausbaute. Seine Publikationen in den 1880er Jahren lagen größtenteils im Bereich der physikalischen Chemie und behandelten <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> die thermodynamische Theorie des Schmelzens, Verdampfens und Sublimierens, die Bestimmung der Entropiefunktion für zahlreiche wichtige physikochemische Systeme sowie die thermodynamische Deutung thermischer Phänomene. Die wichtigsten und scharfsinnigsten Ergebnisse dieser frühen Schaffensperiode gelangen ihm in der Theorie der verdünnten Lösungen, wo er die Gesetze über Gefrierpunktserniedrigung und Siedepunktserhöhung sowie das chemische Gleichgewicht in solchen Lösungen bestimmen konnte.

Mitte der 1890er Jahre wurde <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> auf das damals aktuelle Forschungsgebiet der Wärmestrahlungstheorie geführt, das er unter dem Gesichtspunkt des Entropieverhaltens untersuchte. Dabei ging es ihm nicht nur darum, ein über das gesamte Spektrum exakt gültiges Strahlungsgesetz zu finden, sondern er wollte zugleich den inneren Zusammenhang der beiden bislang nicht miteinander verknüpften Gebiete von Thermo- und Elektrodynamik aufspüren und die klassische Physik mit dieser Vereinheitlichung krönen und abschließen. Nach mehrjähriger intensiver Arbeit gelang ihm die Aufstellung einer Zustandsfunktion für ein Strahlungssystem, die sich analog der Entropiefunktion verhielt und mit deren Hilfe man das damals als empirisch gesichert geltende „Wien’sche Strahlungsgesetz“ theoretisch ableiten konnte. Bereits 1899 führte <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> die später als „elementares Wirkungsquantum“ oder „Planck’sches Wirkungsquantum“ bezeichnete Naturkonstante „h“ ein, wobei er zeigen konnte, daß diese in Kombination mit Lichtgeschwindigkeit und Gravitationskonstante die Möglichkeit eröffnete, „Einheiten für Länge, Masse, Zeit und Temperatur aufzustellen, welche \[…\] ihre Bedeutung für alle Zeiten und für alle, auch außerirdische und außermenschliche Culturen nothwendig behalten“. Daß die Bedeutung dieser neuen Konstante sich indes nicht auf das Gebiet der Metrologie und der Begründung natürlicher Maßeinheiten beschränkt, bemerkte <span class="abbr" title="Planck.">P.</span>, als Präzisionsmessungen der Berliner Physikalisch-Technischen Reichsanstalt Differenzen zum Wien’schen Strahlungsgesetz im langwelligen Teil des Spektrums offenbarten und ihn zur Prüfung seiner theoretischen Ableitung des Gesetzes veranlaßten. Nachdem [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz47150.html)Ferdinand Kurlbaum (1857–1927) am 19.10.1900 vor der Deutschen Physikalischen Gesellschaft über diese Messungen berichtet hatte, präsentierte <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> am selben Abend – in einem vorbereiteten Diskussionsbeitrag – eine Strahlungsformel, die mit den Meßergebnissen in Überstimmung stand und als Grenzfall das Wien’sche Strahlungsgesetz enthielt. Acht Wochen später konnte <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> dann auch eine physikalische Begründung für soine „glücklich erratene Interpolationsformel“ liefern. Entscheidend dafür war, daß er seine bisherige Skepsis gegenüber der wahrscheinlichkeitstheoretisch-atomistischen „Methode Boltzmann“ (von <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> so genannt nach [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz7362.html)Ludwig Boltzmann, 1844–1906) für die Bestimmung der Entropiefunktion der Strahlungsoszillatoren aufgegeben hatte. Diese Revision führte ihn zu der grundlegenden Erkenntnis, daß eine Ableitung seiner neuen Strahlungsformel nur möglich sei, wenn man sich die Energie „aus einer ganz bestimmten Anzahl endlicher Teile“ zusammengesetzt denke. Nachdem <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> auch berücksichtigt hatte, daß die Energie proportional der Frequenz v sein muß, weshalb er E = hv setzte, ließ sich das<span class="pb" title="Seite im Original 499">|</span>neue Strahlungsgesetz, das heute seinen Namen trägt, ableiten.

Weder <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> noch seine Zeitgenossen waren sich zunächst der Tragweite dieser Entdeckung und der fundamentalen Bedeutung der neuen Naturkonstante „h“ bewußt. Erst [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68290.html)Albert Einstein erkannte in seinem „annus mirabilis“ (1905), daß nicht nur die Energie der Oszillatoren, sondern das Licht <span class="abbr" title="beziehungsweise">bzw.</span> das Strahlungsfeld selbst und somit alle energetischen Prozesse quantenhaften Charakter besitzen. Einsteins Lichtquantenhypothese stieß dabei auf fast noch größere Akzeptanzprobleme bei den Physikern als <span class="abbr" title="Planck.">P.</span>s Quantentheorie, die nach dem ersten Solvay-Kongreß (1911) schließlich allgemein anerkannt wurde und nun zunehmend ins Zentrum der physikalischen Forschung rückte. An der weiteren Ausgestaltung des Quantenkonzepts nahm <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> allerdings keinen entscheidenden Anteil, wenngleich er die Diskussion um dessen Grundprobleme immer wieder anregte und kritisch begleitete.

<span class="abbr" title="Planck.">P.</span>s weitere physikalischen Arbeiten waren der Speziellen Relativitätstheorie gewidmet, auf deren Bedeutung er schon 1906 in einem Vortrag vor der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (Das Prinzip d. Relativität u. die Grundgleichungen d. Mechanik) hinwies. Er trug maßgeblich dazu bei, daß Einstein 1914 nach Berlin berufen wurde und an der Berliner Akademie exzellente Forschungsbedingungen erhielt. In seiner zweiten Lebenshälfte beschäftigte sich <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> zunehmend mit allgemein philosophischen, erkenntnistheoretischen und weltanschaulichen Fragen der Physik. In Abgrenzung zum Positivismus Mach’scher Prägung vertrat er einen betont erkenntnistheoretischen Realismus, der am Determinismus der klassischen Physik und ihrem Erkenntnisideal, einer vom Menschen unabhängigen, aber durch ihn prinzipiell erkennbaren Außenwelt festhielt und deshalb <span class="abbr" title="zum Beispiel">z. B.</span> gegenüber der „Kopenhagener Deutung“ der Quantentheorie eine höchst kritische Position bezog. Im Bereich von Ethik und Moral orientierte er sich an idealistischen und pantheistischen Vorstellungen, wobei er sich zwar zum Glauben an einen allmächtigen und allgütigen Gott bekannte, „aber nicht an einen persönlichen Gott, geschweige denn an einen <span class="abbr" title="christlich">christl.</span> Gott“ glaubte (Brief an W. Klick <span class="abbr" title="von">v.</span> 18.6.1947). Ging es <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> in der Physik stets um die Aufdeckung fundamentaler Zusammenhänge, so wollte er mit seinem philosophisch-weltanschaulichen Wirken nicht weniger als ein einheitliches physikalisches Weltbild begründen helfen. <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> s gesellschaftspolitisches Denken wurzelte im deutschen Kaiserreich und war nachhaltig von national-konservativen Anschauungen, <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Pflichtgefühl und Obrigkeitsgläubigkeit sowie den Idealen von Ordnung und Gerechtigkeit geprägt. Der Revolution von 1918 und der Weimarer Republik stand er verständnislos gegenüber, wenngleich er mit seinem wissenschaftsorganisatorischen Wirken praktisch zur (wissenschafts)politischen Stabilisierung der ungeliebten Republik beitrug. Gegenüber dem „Dritten Reich“ verhielt sich <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> zunächst weitgehend kompromißbereit, wodurch nicht zuletzt die Selbstgleichschaltung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (<abbr title="Kaiser
Wilhelm-Gesellschaft">KWG</abbr>) gefördert wurde. Mit der Festigung der <abbr title="Nationalsozialismus">NS</abbr>-Terrorherrschaft entwickelte <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> jedoch zunehmend eine elitäre innere Distanz zum Nazi-Regime, die gelegentliches Aufbegehren und Zivilcourage einschloß – so als er 1935 eine Gedenkfeier für den im Exil verstorbenen [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz24974.html)Fritz Haber (1868–1934) organisierte. Nach 1945 stellte er seine Reputation und Autorität noch einmal für den wissenschaftlichen Wiederaufbau in Deutschland zur Verfügung und half damit <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> die drohende Auflösung der <abbr title="Kaiser
Wilhelm-Gesellschaft">KWG</abbr> zu verhindern und ihr Fortbestehen als „Max-Planck-Gesellschaft“ zu sichern.

<span class="abbr" title="Planck.">P.</span>s privates Leben war von großer Tragik umschattet; 1909 verlor er seine erste Frau und auch die vier Kinder aus dieser Ehe starben vor dem Vater. Sein Sohn und engster Vertrauter Erwin wurde als Mitverschwörer des 20. Juli im Januar 1945 hingerichtet. Bei einem Bombenangriff verlor <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> 1944 sein Haus und fast die gesamte Habe. Die letzten Lebensjahre lebte er als Gast bei Freunden und Verwandten in Rogätz bei Magdeburg und Göttingen.

<span class="abbr" title="Planck.">P.</span>s Wirken blieb bis unmittelbar vor Kriegsende mit Berlin verbunden. Er führte nicht nur die große Tradition der theoretischen Physik in Berlin auf einen Höhepunkt, sondern prägte nach [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70096.html)Hermann <span class="abbr" title="von">v.</span> Helmholtz (1821–94) die Entwicklung der Physik auch insgesamt. Mit seiner Quantenhypothese legte er den Grundstein für eine revolutionäre Umgestaltung der Grundlagen der Physik, die von Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg und anderen Forschern im ersten Viertel des 20. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> in wesentlichen Teilen vollzogen wurde und die moderne Physik prägte. <span class="abbr" title="Planck.">P.</span> war nicht nur als Physiker, sondern auch als Repräsentant der Physik und der Naturwissenschaften insgesamt von herausragender Bedeutung.<abbr title="gestrichen:  – [d. Red.]">|</abbr>

##### 18. Robert Bosch

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/scaled-1680-/8p0image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/8p0image.jpeg)

Der Sinn des Knaben war auf Botanik und Zoologie gestellt. Aber auf Anregung des Vaters, der sich, ein wohlhabender Mann, 1869 in Ulm zur Ruhe gesetzt hatte, verließ er nach der „Einjährigen“-Prüfung die dortige Realschule und trat bei einem Feinmechaniker in die Lehre. Die Lehre hat er selber als schlecht bezeichnet. Aber in der Gehilfenzeit, die durch das Militärdienstjahr und ein Semester als außerordentlicher Hörer an der Stuttgarter Hochschule unterbrochen war, holte <span class="abbr" title="Bosch">B.</span> die Mängel seiner Schulung nach. Er arbeitete an verschiedenen Plätzen; wichtig wurden vor allem die Tätigkeit bei S. Schuckert in Nürnberg (1881) und der Aufenthalt in Amerika (1883/84), wo er bei S. Bergmann und Edison Beschäftigung fand. Seinen Auslandsaufenthalt beschloß er mit einer halbjährigen Arbeit bei Siemens Brothers in London. Die Reihung dieser Namen hat schier etwas Programmatisches, denn an sie schließt sich die Entfaltung der modernen Elektrotechnik, die gerade in jenen Jahrzehnten mit Telegraph, Telephon und jetzt auch der Beleuchtung das Gemeinschaftsleben revolutionierte. <span class="abbr" title="Bosch">B.</span> glaubte eine Zeitlang, Beleuchtungsfachmann zu werden; als er 1886 in Stuttgart mit einem Arbeiter und einem Lehrling eine Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik eröffnete, war er aber gehalten, Aufträge, wie sie eben kamen, auszuführen, ein handwerklicher Beginn wie viele; die Kundschaft wuchs und hielt sich, weil gute Arbeit geleistet wurde.

Die sonderliche Lebensaufgabe wuchs <span class="abbr" title="Bosch">B.</span> aber zu von einer anderen Seite: Otto hatte den zuverlässigen Verbrennungsmotor für Gas erdacht, Daimler ihn für Benzinverbrauch und Fahrzeuge entwickelt. Eine noch ungesicherte Frage blieb dabei die regelmäßige Zündung für das Gasgemisch. Bei den Deutzer Gasmotoren hatte man, einer Anregung von W. Siemens folgend, einen Apparat mit Magnetzündung gebraucht. Einen solchen - er war nicht geschützt - baute auf Grund einer zufälligen Bestellung auch <span class="abbr" title="Bosch">B.</span>; weitere folgten. Es handelte sich in den ersten zehn Jahren nur um Zündungen für standortfeste Motoren mit begrenzter Umlaufzahl, seit 1896 aber auch um Fahrzeugmotoren, die bislang mit dem Daimlerschen „Glührohr“ oder mit Batteriezündung versehen waren. Bei <span class="abbr" title="Bosch">B.</span> wurden nun auch für diesen Zweck Magnetzünder entwickelt, zunächst für Niederspannung, seit 1905 durch G. Honold für Hochspannung. <span class="abbr" title="Bosch">B.</span> hatte immer auch sein Installationsgeschäft weiterbetrieben, anfangs zurückhaltend in der Spezialisierung - mochte das nicht, nach seinem mißtrauischen Wort, eine „Eintagsfliege“ sein? Jetzt trieb ihn die Entwicklung fabrikatorisch voran, zumal auch der französische und englische, seit 1906 der amerikanische Markt nach seiner Ware rief. In wenigen Jahren hatte er eine Weltstellung gewonnen, überall Vertretungen, und dies ohne Patentschutz, allein durch die ausgezeichnete Arbeit. Gewiß trug ihn der mächtig einsetzende Automobilismus mit voran, aber er gab ihm mehr, als er ihm dankte: in seinen Werkstätten wurden bald neben den Zündern die übrigen „Zubehörteile“, Öler, Anlasser, Lichtmaschinen, die verschiedensten Arten der Scheinwerfer, später auch Signale („<span class="abbr" title="Bosch">B.</span>horn“), Winker, Wischer, Bremsen <span class="abbr" title="und so weiter">usw.</span> hergestellt; seine Arbeiten dienten der Zuverlässigkeit und Sicherheit des Fahrens. Nach 1926 wurde auch die Einspritzpumpe für Schwerölmotoren in seiner Fabrik entwickelt. <span class="abbr" title="Bosch">B.</span> ist selber kein „Erfinder“ gewesen, aber, mit einem untrüglichen Gefühl für das technisch Rationelle begabt, wurde er zu einem überlegenen Organisator der Fertigung, immer für die besten Werkzeugmaschinen, die beste Form, die solideste Arbeit besorgt. „Lieber Geld verlieren als Vertrauen“. - „Ich verdanke meine Erfolge weniger meinen Kenntnissen als meinem Charakter.“ Der Name <span class="abbr" title="Bosch">B.</span> sollte schlechthin eine Qualitätsbezeichnung werden und wurde es. Mit kühner Entschlußkraft ging <span class="abbr" title="Bosch">B.</span>schon 1908 daran, sich im Halbzeug unabhängig zu machen durch Pressen und Gießerei; daran schloß sich die Entwicklung neuer Werkstoffe. Vom Ende der 20er Jahre ab erweiterte sich das Stuttgarter Geschäft zum Konzern: <span class="abbr" title="Bosch">B.</span> übernahm die Junkersschen Gasöfen in Dessau, die Radiowerke „Blaupunkt“, die Fernseh-<abbr title="Aktiengesellschaft">AG</abbr>, er ging in die Herstellung von Elektro-Werkzeugen, von Film-Vorführapparaten <span class="abbr" title="und so weiter">usw.</span> - die Mitte der Erzeugung blieb aber die den Motoren zugehörige Apparatur, vor allem bedeutsam für und durch die rasche Zunahme des Flugwesens.

Im deutschen Unternehmertum seiner Zeit war er bei seinem Beginn nur mit E. Abbe und H. Freese vergleichbar - er hieß „der rote <span class="abbr" title="Bosch">B.</span>“. 1906 führte er den Achtstundentag ein, 1908 den freien Samstag-Nachmittag, den bezahlten Urlaub, lehnte werkseigene Wohlfahrtsunternehmungen ab und zahlte überdurchschnittliche Löhne, bis 1913, da ein sinnloser Streik sein bisher gutes Einvernehmen mit den Gewerkschaften für einige Zeit störte, auch die Sozialversicherungsanteile der Gefolgschaft. Nach dem Kriege errichtete er für die Werksangehörigen durch große Stiftungen Hilfskassen für Erziehungsbeiträge, für Altersversorgung - schon 1913 hatte er eine vorbildliche Lehrlingswerkstätte ins Leben gerufen. Der bedeutsamste Zug seines Wesens war die souveräne Stellung zum Besitz. Er war nach zwei Jahrzehnten mühsamer Entwicklung ein vermögender, dann ein sehr reicher Mann geworden - in seinem Betrieb ein unerbittlicher Erzieher zur Sparsamkeit, gab er Millionen um Millionen für öffentliche Zwecke. In seinem humanitären Grundgefühl Pazifist, wollte er am Krieg kein Geld verdienen: 1916 setzte er 13 Millionen für den Neckarkanal aus, weitere Millionen für Gesundheitspflege, Erwachsenenbildung, unterstützte mit großen Beiträgen F. Naumanns „Staatsbürgerschule“, den „Deutschen Werkbund“, die Völkerbundsliga, die Vereinigung „Paneuropa“ usf. Der Förderung der technischen Bildung hatte schon 1910 eine Millionenstiftung an die Technische Hochschule Stuttgart gegolten; zahllose wissenschaftliche Unternehmungen - doch keineswegs wahllos - erfreuten sich seiner Unterstützung, vor allem auch auf dem Gebiete der Heilkunde. Er war Anhänger einer „naturgemäßen Lebensweise“ und der Homöopathie; dieser zu ermöglichen, ihre Ebenbürtigkeit in Forschung und klinischen Verfahren zu erweisen, war ein Hauptanliegen seiner späteren Jahre; das großartige, hervorragend ausgestattete „[→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz52737.html)Robert <span class="abbr" title="Bosch">B.</span>-Krankenhaus“ in Stuttgart (eröffnet 1940)<span class="pb" title="Seite im Original 481">|</span>wurde die Krönung dieses Strebens. Er ermöglichte auch die Begründung des „Paracelsus-Museums für die Geschichte der Heilkunde“.

<span class="abbr" title="Bosch">B.</span> selber hat es dem bäuerlichen Erbe seines Blutes zugeschrieben, daß er auch in der Landwirtschaft Pionierversuche unternahm. Sein Ausgangspunkt war freilich gewerblicher Natur gewesen, als er im oberbayerischen Moos weite Gründe erwarb, um in einem neuen Verfahren mittels elektrischen Stromes Torf zu gewinnen. Das war technischökonomisch mißlungen. Er entschloß sich nun zu einer umfassenden Melioration und schuf damit eine vielseitige Modellwirtschaft („<span class="abbr" title="Bosch">B.</span>hof“ bei Beuerberg) - es entstand dort die größte europäische Siloanlage in einem einheitlichen Betrieb. Neben den landwirtschaftlichen Interessen, die seine ökonomisch-rationale wie seine naturheilkundliche Teilnahme lebendig hielt, war in ihm, erst verhältnismäßig spät, die Jagdleidenschaft erwacht; seine Jagden, zumal im Allgäu und auf der Alb, waren berühmt, auch durch die Wildpflege.

Beim Kriegsausbruch 1914 gingen 88% von <span class="abbr" title="Bosch">B.</span>s Erzeugnissen ins Ausland. Die Niederlassungen im feindlichen Ausland wurden beschlagnahmt, ja, in Amerika wurde der Versuch gemacht, den Namen <span class="abbr" title="Bosch">B.</span> den Erwerbern der dortigen Fabrik zu sichern, so daß <span class="abbr" title="Bosch">B.</span> einen Prozeß um seinen eigenen Namen führen mußte! Es war eine glänzende Leistung, daß er, trotzdem inzwischen fast überall Konkurrenzfirmen gegründet waren, seine Stellung auf dem Weltmarkt wiedergewinnen konnte, ohne Preisschleuderei, allein durch die Erhaltung der Qualität. Als er starb, beschäftigten seine Werke - dies freilich <span class="abbr" title="zum Teil">z. T.</span>unter dem Einfluß des Kriegsbedarfs - an 40 000 Menschen. Die ganze Entwicklung war, mit Ausnahme einer amerikanischen Anleihe nach der Inflation, ohne Inanspruchnahme fremden Geldes erreicht worden; auch dies eine Sonderstellung des Mannes in der neueren Geschichte der Industrie. <span class="abbr" title="Bosch">B.</span> hatte sich einen überdurchschnittlichen technischen und kaufmännischen Mitarbeiterstab herangeholt, dem er seine Grundgesinnung einzuprägen verstand, mit der Verantwortung aber auch Freiheit und Chance gab.

Seine persönlichen Züge waren sehr schwäbisch-heimatlich bestimmt. Neben der Weltläufigkeit seines Denkens stand eine gewisse Scheu im Gesellschaftlichen, eine Ablehnung alles bloß Konventionellen, eine ihn selber peinigende Unsicherheit bei allem öffentlichen Auftreten. Ein sehr scharfer kritischer Verstand, ein ungewöhnliches Gedächtnis, die konkrete, allem Spekulativ-Abstrakten fremde Art des Denkens waren ihm eigentümlich - eine rasche Erregbarkeit, vor allem, wo er Unrecht sah oder witterte, ließ ihn manchmal schroff und herb auftreten; aber dahinter verbargen sich Züge einer verhaltenen Mitleidensfähigkeit. Parteipolitisch ungebunden, einer demokratischen Familie entstammend, hatte er seine Stellung auf der deutschen Linken bezogen; bei aller inneren Bewegtheit durch die vaterländischen Dinge blieb er dem laufenden politischen Betriebe fern, um dann in großen Fragen - etwa der Sozialreform, der Arbeitszeitverkürzung, der Weltwirtschaft, auch der Verständigung mit Frankreich - seine Stimme zu erheben. - <span class="abbr" title="Bosch">B.</span> hat Titel und Orden abgelehnt. Wider seinen Einspruch war ihm 1910 der Dr.-<span class="abbr" title="Ingenieur">Ing.</span> <span class="abbr" title="ehren halber">e.h.</span> verliehen worden; bei seinem 80. Geburtstag wurde er von Tübingen zum <span class="abbr" title="doctor medicinae">Dr. med.</span> <span class="abbr" title="honoris causa">h. c.</span>promoviert; der gleichzeitigen Ernennung zum „Pionier der Arbeit“ war beim 70. Geburtstag die Auszeichnung mit dem Adlerschild vorangegangen.

##### 19. Carl Benz

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/KwFimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/KwFimage.jpeg)

Von 1853 an besuchte <span class="abbr" title="Benz">B.</span> das Lyzeum der Stadt Karlsruhe, wo die Naturwissenschaften ganz besonders gepflegt wurden. Mit seinen ausgezeichneten Leistungen erwarb er sich das Verständnis und die Förderung seiner Lehrer, die ihn gern mit der Assistenz bei physikalischen und chemischen Experimenten betrauten. Im Versuchsstübchen zu Hause verbrachte er einen großen Teil seiner Freizeit mit selbständigen Versuchen. In ihrer grenzenlosen Opferbereitschaft ermöglichte die Mutter ihm den Besuch der Polytechnischen Schule in Karlsruhe. Ab 1860 studierte er vier Jahre Maschinenbau unter der Leitung [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz75827.html)Ferdinand Redtenbachers, der seinen Schülern sowohl praktisch als theoretisch die wertvollsten Kenntnisse und Anregungen verschaffte, und nach dessen Tod bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69933.html)Franz Grashof, einem genialen Theoretiker.

Nach Abschluß seiner Studien verdingte sich <span class="abbr" title="Benz">B.</span> als Schlosser bei der Karlsruher Maschinenbau-Gesellschaft. Hier lernte er das Wesentliche des Lokomotivbaues, einige Jahre später als Konstrukteur der Firma Schweitzer <span class="abbr" title="senior">sen.</span>, Mannheim, den Fahrzeugbau und schließlich in Pforzheim bei Gebrüder Benckiser den Brückenbau kennen. Immer war er daneben noch bestrebt, in den Abendstunden nach harter Arbeit sein theoretisches Wissen zu vervollkommnen.

1871 kehrte er nach Mannheim zurück, wo Handel und Industrie sich mächtig zu entfalten begannen. Nach Jahren mühevollen Lernens suchte er sich nun seine Erfahrungen in selbständiger Arbeit nutzbar zu machen und gründete eine bescheidene Eisengießerei und mechanische Werkstätte. Hier sollte die Idee seiner Studienzeit, „ein Fahrzeug herzustellen, das ohne Pferde, ähnlich wie die Züge auf den Schienen, sich auf der Landstraße schienenlos bewegte“, Gestalt gewinnen. 1877 begann er mit der Konstruktion eines 1-PS-Gasmotors im 2-Takt-System, angeregt durch die zu jener Zeit alle Fachblätter füllenden Berichte über neuartige Kraftmaschinen für gewerbliche Zwecke. 1880 war der erste Motor betriebsbereit. Nachdem seine finanziellen Schwierigkeiten durch die Gründung einer Aktien-Gesellschaft vorübergehend gebannt waren, konnte <span class="abbr" title="Benz">B.</span> die Produktion stationärer 1-PS-Gasmotoren zum Antrieb der verschiedensten Maschinen in großem Umfang betreiben. Einmal bekannt geworden, fanden diese verhältnismäßig guten Absatz, so daß bald stärkere Motoren bis zu 4 PS in das Produktionsprogramm einbezogen werden konnten. Mißstimmigkeiten mit den Kapitalgebern, die seinen Einfluß in der Firma auf ein nicht mehr erträgliches Maß beschränkten, bewogen ihn jedoch wenig später, seinen Anteil zu liquidieren. Mit neuen Gesellschaftern gründete er 1883 die „<span class="abbr" title="Benz">B.</span> &amp; <abbr title="Compagnie">Cie.</abbr> Gasmotorenfabrik in Mannheim“. Neue Verbesserungen sicherten den Motoren den Markt, so daß sich <span class="abbr" title="Benz">B.</span> mehr und mehr der Entwicklung des Kraftwagens widmen konnte. Die ersten Entwürfe konstruierte er 1884, und schon im Herbst 1885 konnten die ersten Fahrversuche mit einem dreirädrigen Motorwagen im Hof der <span class="abbr" title="Benz">B.</span>-Werkstätte unternommen werden. Am 26.1.1886 erhielt der Erfinder für seinen Wagen das deutsche Reichspatent <span class="abbr" title="Nummer">Nr.</span> 37 435, dem französische, englische und amerikanische Patente in kurzen Abständen folgten.

Der große Wurf war gelungen; doch die Öffentlichkeit blieb uninteressiert und ablehnend. Selbst behördliche Verbote und Schikanen blieben nicht aus. 1888 brachte <span class="abbr" title="Benz">B.</span> sein inzwischen weiterentwickeltes Modell 3 zur Kraft- und Arbeitsmaschinenausstellung nach München. Es gelang ihm hier, von einem skeptischen Polizeihauptmann die inoffizielle Erlaubnis zu erwirken, seinen „Selbstbeweglichen“ zwei Stunden täglich in der Öffentlichkeit vorzuführen, und der Erfolg schien sicher. Die Zeitungen schrieben begeistert über die neue Erfindung, und das Preisgericht der Ausstellung anerkannte die geniale Leistung mit der höchsten Auszeichnung, der Großen Goldenen Medaille. Kauflustige aber fanden sich nicht. Auch die Ausstellung des Wagens auf der Pariser Weltausstellung 1889 erwies sich in dieser Hinsicht als ein Fehlschlag. <span class="abbr" title="Benz">B.</span> selbst sah den Grund dafür darin, daß der Wagen mit seinen drei Rädern bei den damaligen Wegeverhältnissen allzu große Unbequemlichkeiten für die Insassen hatte. Er befaßte sich daher erneut mit der Konstruktion eines vierrädrigen Fahrzeuges, wie es ihm ursprünglich vorgeschwebt hatte. Problematisch gestaltete sich hier die Entwicklung einer geeigneten Lenkung. Nach zähem Bemühen konnte er im Winter 1892/93 eine „Wagenlenkvorrichtung mit tangential zu den Rädern zu stellenden Lenkkreisen“ (Achsschenkellenkung) zum Patent anmelden. Er führte außerdem weitere Verbesserungen der elektrischen Zündanlage, der Motorenleistung, des Vergasers, der Kühlvorrichtung und anderer technischer Einzelprobleme des Wagenbaues durch und rationalisierte die kaufmännische Organisation. Dies verhalf ihm zu steigenden Erfolgen. Die Typenskala umfaßte um die Jahrhundertwende vom Volksautomobil bis zum Rennwagen, vom Lastwagen bis zum Luxusmodell Spezialfahrzeuge mannigfaltigster <span class="abbr" title="Artikel, Artillerie">Art.</span> - Der Kapitalbedarf der <span class="abbr" title="Benz">B.</span>-Werke stieg mit der Produktion. Neue innerbetriebliche Krisen verleideten <span class="abbr" title="Benz">B.</span> die aktive Mitarbeit in seinem Unternehmen, so daß er 1903 seinen Austritt aus der Aktien-Gesellschaft erklärte. Er zog sich nach Ladenburg zurück und gründete hier mit seinen beiden Söhnen Eugen und Richard die Firma „<span class="abbr" title="Benz">B.</span> Söhne“.

Kriegs- und Nachkriegszeit verlebte <span class="abbr" title="Benz">B.</span>, bis ins hohe Alter rastlos und unermüdlich schaffend, in der stillen Zurückgezogenheit der kleinen Stadt. Seine Erfindung aber eroberte die Welt, und höchste Ehrungen wurden dem Altmeister zuteil. Es war ihm vergönnt, die Fusion der „<span class="abbr" title="Benz">B.</span> &amp; <abbr title="Compagnie">Cie.</abbr> <abbr title="Aktiengesellschaft">AG</abbr>“ mit der „Daimler-Motoren-Gesellschaft“ zu erleben. Daimler und <span class="abbr" title="Benz">B.</span> hatten sich, ohne voneinander zu wissen, gleichzeitig mit dem Problem des Automobilbaues beschäftigt und es jeder in genialer Weise gelöst. Während Daimler der Entwicklung des Motors den Hauptwert beilegte, schuf <span class="abbr" title="Benz">B.</span> einen Fahrzeugtyp, bei dem Motor und Fahrgestell erstmals zu einer organischen Ganzheit verbunden waren. Früher hatten sich beide Unternehmen im Konkurrenzkampf zeitweilig gegenseitig stark beeinträchtigt, nun vereinigte die Fusion das Lebenswerk beider Pioniere zu einer starken, richtungweisenden Kraft im Zeitalter der Motorisierung.

##### 20. Theodor Fontane

[![Theodor_Fontane_Breitbach.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/theodor-fontane-breitbach.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/theodor-fontane-breitbach.jpg)

Die Verschmelzung deutscher und französischer Züge im Wesensbild <span class="abbr" title="Fontane">F.</span>s hat ihre Entsprechung auch im Klang seines Namens, den er zweisilbig mit französischem Nasallaut, aber mit deutscher Akzentuierung auf der ersten Silbe aussprach. Im Vater war das südfranzösische Erbe lebendig, in seiner phantasievollen Weltbetrachtung, in seiner Plauderkunst und in seinen geselligen Gaben. Die Mutter war mehr auf das Rationale hin angelegt: ein märkisch nüchterner Tatsachensinn verband sich mit einem unbestechlichen Gefühl für das Echte und für das Maß, und Ordnungsliebe und Pflichterfüllung waren ihr Selbstverständlichkeiten. Viele dieser elterlichen Eigenschaften sind auf den Sohn übergegangen. Wie <span class="abbr" title="Fontane">F.</span>s Kindheit verlief, das hat er selbst in seinem schönen Erinnerungsbuch „Meine Kinderjahre“ (1894) geschildert. Darin dankt er dem Vater für die ebenso unmethodische wie unterhaltsame Einführung in die Geschichte auf dem Wege über die Anekdote und die historischen Romane Scotts; hier wurde der Sinn für die Geschichte in ihm geweckt, die einen der Grundpfeiler seiner geistigen Persönlichkeit bildete. Gleichzeitig trat die Zeitgeschichte, vor allem in der polnischen Aufstandsbewegung von 1830/31, in seinen Gesichtskreis – <span class="abbr" title="Fontane">F.</span> ist stets ein aufmerksamer Beobachter und Analytiker seines Zeitgeschehens gewesen. Der Hauslehrerunterricht in Swinemünde, das Gymnasium in Neuruppin (1832/33), die Berliner Gewerbeschule (1833–36) hinterließen keine tieferen Eindrücke; <span class="abbr" title="Fontane">F.</span> hat sich seine Bildung mehr als Autodidakt erworben. Am 1.4.1836 trat er als Lehrling in eine Berliner Apotheke ein; nach Beendigung der Lehrzeit (1840) war er als Gehilfe in Burg bei Magdeburg, in Leipzig und Dresden und in der väterlichen Offizin in Letschin tätig.

Inzwischen hatte er seinen wahren Beruf als Dichter erkannt. Im Winter 1839/40 waren bereits einige kleinere Dichtungen von ihm in einer Berliner Tageszeitung erschienen, und er war verschiedenen literarischen Vereinigungen beigetreten. Besonders wichtig wurde sein Eintritt in die Berliner literarische Sonntagsgesellschaft „Der Tunnel über der Spree“ während der Ableistung seines einjährig-freiwilligen Militärdienstes in einem Berliner Garderegiment. Er fand hier die Anerkennung seines Dichtertums, und dies bestärkte ihn, nach 5 weiteren Berliner Apothekerjahren, seinen Beruf aufzugeben und am 1.10.1849 sein „Leben auf den Vers“ zu stellen. Er, der seit längerer Zeit ein lebhaftes politisches Interesse im Sinn eines anfangs gemäßigten, dann aber in den Sturmtagen von 1848 sich radikalisierenden Liberalismus gezeigt und sich an der Berliner Märzrevolution beteiligt hatte, wurde politischer Journalist, der für „Freiheit um jeden Preis“ eintrat, der im Preußen seiner Tage das „Schreckensregiment polizeilicher Willkür“ an der Macht sah und der einen deutschen Volksstaat ohne Fürsten herbeiwünschte. Zugleich aber hielt er an den großen preußischen Traditionen fest und wies darauf hin, daß der friderizianische Militärstaat den Rechtsstaat nicht ausgeschlossen habe. So ist es nicht verwunderlich, daß der Verfasser aufsehenerregender radikaler Artikel, die zur Preisgabe des preußischen Staates zugunsten der Einheit Deutschlands aufrufen, Weihnachten 1849 mit einer Sammlung von 8 Preußenliedern, „Männer und Helden“, hervortrat, die die brandenburgisch-preußische Geschichte in einzelnen Feldherren mythisierte. Die Ziellosigkeit der demokratischen Politiker, die Gefahr einer Pöbelherrschaft machte ihn aber unsicher; er sah, daß die Stunde weder Männer noch Helden hervorgebracht hatte, daß die Erfüllung seiner politischen Hoffnungen ferner als je gerückt war, dazu kam die Not des freien Schriftstellers, und so übernahm er, resigniert und verbittert, im August 1850 eine Lektorenstelle in dem von einem Tunnel-Freund geleiteten „Literarischen Kabinett“ des reaktionären Innenministeriums, dessen Aufgabe in der Einflußnahme auf die Presse im regierungsfreundlichen Sinn bestand. In seinem zweiten Erinnerungsband „Von Zwanzig bis Dreißig“ (1898) geht <span class="abbr" title="Fontane">F.</span> über diese Dinge hin, wie er auch seine Teilnahme an der Revolution des 18. März ironisch bagatellisierte. Schon Ende des Jahres verlor er mit der Auflösung des „Kabinetts“ seine Stellung und mußte nun sich und seine Frau – er hatte im Oktober nach 5jähriger Verlobungszeit geheiratet – notdürftigst über Wasser halten. Sein Gesuch um Gewährung einer Dichterpension wurde abgelehnt, da man seine politische Zuverlässigkeit bezweifelte. Immerhin wurde er im November 1851 bei der staatlichen „Zentralstelle für Preßangelegenheiten“ eingestellt und ging im April 1852 als ministerieller Journalist nach London, wohin ihn schon 1844 eine Spritztour geführt und wo ihn damals vorwiegend die historischen Erinnerungsstätten angezogen hatten; jetzt galt sein Interesse vor allem dem modernen England. Aus seinen Korrespondenzberichten ging 1854 das Buch „Ein Sommer in London“ hervor. Im August 1855 reiste er wiederum in ministeriellem Auftrag nach England, um dort eine deutsch-englische Korrespondenz ins Leben zu rufen. Das Unternehmen scheiterte schon nach wenigen Monaten, und er wurde nunmehr als Londoner Presseagent der preußischen Regierung angestellt. Er wurde Mitarbeiter angesehener englischer Zeitungen und veröffentlichte in deutschen Blättern zahlreiche Aufsätze über englische Geschichte, Politik und Kultur, die er 1860 zu dem Band „Aus England“ zusammenfaßte. Gleichzeitig erschien ein Buch mit seinen schottischen Reiseeindrücken, „Jenseit des Tweed“, das, wie das England-Buch, schon impressionistische Stilzüge aufweist, wie sie sich bei dem späteren Romanautor finden. Das England-Erlebnis hat nicht nur <span class="abbr" title="Fontane">F.</span>s Blickfeld ungeheuer erweitert, es wurde auch ein entscheidender Faktor in seiner Entwicklung: er sah in Dickens und Thackeray seine Forderung an die moderne Dichtung nach Wiedergabe der Wirklichkeit bestätigt, und auch sein journalistischer Beruf verwies ihn durch die Pflicht zu geschärfter Beobachtung an die Realität. Ein Drittes kam hinzu. In England erfuhr er, wie stark er mit der Heimat verbunden war, und nahm sich im August 1856 vor, ein Buch über die Mark Brandenburg, ihre Männer und ihre Geschichte zu schreiben; seine Schottland-Reise 2 Jahre später festigte den Plan weiter, aus dem dann die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ (1862-82) und die „Fünf Schlösser“ (1889) hervorgegangen sind.

Als <span class="abbr" title="Fontane">F.</span> im Januar 1859 endgültig nach Berlin zurückkehrte, stand er wieder an einem Anfang. Im Juni wurde er Vertrauenskorrespondent des amtlichen „Literarischen Büros“, verscherzte sich aber diese offiziöse Stellung bereits nach einem Vierteljahr durch eine journalistische Indiskretion, die die Empörung des Prinzregenten Wilhelm und <span class="abbr" title="Fontane">F.</span>s Ausschluß von diesem Vertrauensposten zur Folge hatte. Auch sonst hatte das Jahr nur Fehlschläge gebracht, bis es schließlich gelang, ihm vom 1. Juni 1860 ab bei der konservativen Kreuz-Zeitung als Redakteur des englischen Artikels unterzubringen, ein Posten, den er, nunmehr auch aus politischer Überzeugung, bis zu seiner eigenen Kündigung (April 1870) innehatte. Im August 1870 wurde er Theaterreferent der liberalen Vossischen Zeitung und hatte damit mehr Freizeit für seine eigenen Arbeiten gewonnen; er hat dem Redaktionsstab der Zeitung bis zu seinem 70. Geburtstag angehört. In dem Jahrzwölft 1864-76 entstanden im Auftrag des Deckerschen Verlages seine umfangreichen Bücher über die Kriege von 1864, 1866 und 1870/71, die er auf Grund seiner Reisen auf die Kriegsschauplätze verfaßte. Auf einer von ihnen ereilte ihn Anfang Oktober 1870, als er das Geburtshaus der Jungfrau von Orléans besuchte, das Mißgeschick, in die Hand der Franzosen zu fallen, die ihn als mutmaßlichen Spion mit Erschießung bedrohten; daß er seine Freilassung aus der französischen Internierung Ende November 1870 dem persönlichen Eingreifen [Bismarcks](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html) verdankte, hat <span class="abbr" title="Fontane">F.</span> nie erfahren. Eine Darstellung der Ereignisse hat er in seinem Buch „Kriegsgefangen“ (1871) gegeben, das sich durch Objektivität gegenüber den Franzosen ebenso auszeichnet wie seine Erinnerungen „Aus den Tagen der Okkupation“ (1872). Im Februar 1876 nahm er das Amt eines Ersten Sekretärs der Berliner Kunstakademie an, legte es aber bereits im Mai nieder, da er sich von dem Akademiepräsidenten als Subalternbeamter behandelt fühlte, ein Schritt, der eine schwere Ehekrise heraufbeschwor. Eine weitere Erschütterung traf die Familie, als <span class="abbr" title="Fontane">F.</span>, der zeitlebens viel kränkelte, im Sommer 1892 einen Nervenzusammenbruch erlebte, der geistige Umnachtung befürchten ließ. Dem Wiederhergestellten blieben noch 6 Jahre unermüdeten Schaffens beschieden. – In seinen Spätjahren hatte sich in ihm erneut eine politische Wandlung vollzogen. Er ist, auf einer höheren Ebene, zu den demokratischen Anschauungen seiner Jünglingsjahre zurückgekehrt und hat sich, wiewohl in wesentlichen Punkten dem Nationalliberalismus folgend, zu einem sehr entschiedenen Ultraliberalen entwickelt, der, vornehmlich in seinen Briefen, besonders an den jüngeren Freund Georg Friedlaender, eine grimmige Kritik übte an den gesellschaftlichen Kasten und politischen Stützen des wilhelminischen Reiches, an der Bourgeoisie, der Orthodoxie und der Aristokratie (vornehmlich der großagrarischen), der er nur eine novellistische Bedeutung, keine politische mehr zubilligte. Er sah den Bestand des Bismarckreiches schwer gefährdet und war davon überzeugt, daß die Gefahr nur abgewendet werden könne durch eine radikale „Umwertung“, die unter Beiseiteschiebung der privilegierten Kasten das Volk an den Entscheidungen beteiligt. Dieser Wandel war nicht unvorbereitet: schon 1865, also noch während seiner konservativen Zeit, äußerte er einmal zu einer Freundin, die Macht des Adels sei gebrochen und an seine Stelle sei die „Herrschaft des Geldes“ getreten; was danach komme, sei „vielleicht das Gute“.

Schon 1853 spricht sich <span class="abbr" title="Fontane">F.</span> in einem längeren Aufsatz über den Realismus als das verbindliche künstlerische Gebot der Zeit aus, und dem „schönheitlichen“ Realismus ist er stets treu geblieben. Auch wo er sich in einigen seiner späteren Romane der Sozialsphäre des Naturalismus nähert, da hält er sich an die ästhetische Verpflichtung des Maßes, indem er die Extreme mildert, sie ins Menschliche erhöht oder im Tiegel des Humors läutert. Er ist mit dem Naturalismus ein Stück<span class="pb" title="Seite im Original 292">|</span>Weges gegangen, soweit er „stilvoll“ war, und hat dem jungen [Gerhart Hauptmann](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68448.html) in den Sattel geholfen. Später hat er allerdings die „Tristheit“ des Naturalismus beklagt und Hauptmann aufgerufen, „lichtere Wege zu gehen“.

<span class="abbr" title="Fontane">F.</span> hat einmal gemeint, daß von seinem Gesamtwerk – und es ist sehr umfangreich – allenfalls einige Gedichte die Jahrhundertwende überdauern würden, und er hat sich gründlich geirrt. Seine Gedichte sind gegenüber seinen Romanen mehr und mehr in den Hintergrund getreten. Er war eine epische Natur, die zwar sehr wohl die Unwägbarkeiten des Atmosphärischen ins Werk zu bannen wußte, aber er war kein ausgesprochener Lyriker; so lag ihm die Ballade näher. Eine unmittelbare lyrische Aussage im Erlebnis- und Stimmungsgedicht war ihm im großen Ganzen versagt. Seine Lyrik ist vorwiegend reflektierend und zielt gern ins Gnomische. Dagegen enthält sich seine Balladendichtung der Reflektion, die nur stören würde. Mit der Balladendichtung eröffnet er seinen literarischen Weg und führt sie von der anekdotischen Ballade, den preußischen „Männern und Helden“, und dem Romanzenkranz „Von der schönen Rosamunde“ aus der englischen Vergangenheit (beide Weihnachten 1849 erschienen) über die Naturballade und die historische Ballade, deren Meister er wurde und die seinen ersten Ruhm begründete, zur modernen Ballade des schlichten Helden der Gegenwart. In seinen Balladen dominiert das Preußische, das Englische und das Skandinavische – Percys und Scotts Sammlungen schottischer und englischer Volksballaden und die altnordische Vergangenheit waren ihm Offenbarungen. Sein Herz zog ihn nach Norden, nicht – trotz seiner Abstammung – zu der Dichtung der romanischen Völker.

Während in <span class="abbr" title="Fontane">F.</span>s Balladen oft der heldische Mensch im Mittelpunkt steht, gehen seine Romane und Erzählungen mehr auf den unheldischen Menschen und zeigen ihn in seinen menschlichen Verstrickungen und im Widerstreit des Menschlichen mit den gesellschaftlichen Konventionen. Vor allem seine Zeitromane aus der berlinisch-preußischen Gegenwart beschäftigen sich mit Problemen der Gesellschaft, wie sie sich aus der damaligen Sozialstruktur ergaben, und sie haben, dank der Genauigkeit der Beobachtung, den Wert von historischen Dokumenten. Daß sie uns darüber hinaus wert sind, das verdanken sie nicht nur der geprägten Form, der Kunst der treffsicheren Darstellung, der Schilderung des bezeichnenden Details, dem Zauber des Plaudertons, der aufschließenden Gesprächsführung und der Wahrheit der Psychologie, sondern auch ihrer zeitlos gültigen Menschlichkeit. Denn so unbestechlich objektiv <span class="abbr" title="Fontane">F.</span> auch gestaltet, so kühl er auch zu konstatieren scheint, man spürt doch allenthalben sein inneres Beteiligtsein. Seine Figuren- und Stoffwelt ist begrenzt: adlige Offiziere, höhere Beamte, Kaufleute und ihre Damen, aber auch die „kleinen Leute“ bilden das Personal, die Hauptmotive wiederholen sich und sind meist Transponierungen tatsächlicher Geschehnisse. <span class="abbr" title="Fontane">F.</span> hielt es mit Spielhagens Satz: „Finden, nicht erfinden“ und sah die Aufgabe des Dichters im poetischen Redigieren der Wirklichkeit. Er mißtraute der Ergiebigkeit seines „Phantasiebrunnens“ und bedurfte genauester sachlicher Ausgangspunkte; er fand sie in mündlichen und brieflichen Mitteilungen, Chroniken oder Kirchenbuchnorizen. Auch auf zutreffende Darstellung der Schauplätze legte er besonderes Gewicht; meist beruhte sie auf eigener Anschauung, und wo diese fehlte, wurden die Literatur und Karten befragt. Jede Pfuscharbeit war ihm zuwider, und er hat den größten sachlichen und künstlerischen Fleiß an seine Werke gewendet; die Kunst war ihm ein strenger Dienst.

<span class="abbr" title="Fontane">F.</span> hat 17 größere Erzählungen und Romane geschrieben. Das grenzt ans Erstaunliche, besonders wenn man bedenkt, daß er erst spät zur Epik gekommen ist, von einigen früheren Federproben abgesehen. Als sein erster Roman „Vor dem Sturm“ (1878) nach 18jähriger, freilich oft unterbrochener Arbeit erschien, da näherte er sich dem 59. Lebensjahr. Es ist ein großer historischer Roman aus dem Oderbruch im Schicksalswinter 1812/13. Es folgten 2 balladesk komponierte Erzählungen aus der älteren Vergangenheit, „Grete Minde“ (1880) und „Ellernklipp“ (1881), die, auf geschichtlichen beziehungsweise urkundlichen Grundlagen beruhend, den epischen Akzent auf die Rätselgründe der menschlichen Seele legen. Das nächste Werk, „Schach von Wuthenow“ (1883) ist historisch stärker verankert und schildert an einem Modellfall die inneren Gründe, die zur preußischen Katastrophe von 1806 führten. Noch einmal hat <span class="abbr" title="Fontane">F.</span> einen historischen Stoff in Angriff genommen, „Die Likedeeler“, der in der Geschichte Störtebeckers und seiner Vitalienbrüder sozialhistorische Probleme im Hinblick auf die Zukunft behandeln sollte; über ihm ist er gestorben. Zwei Romane bringen kriminalistische Stoffe, „Unterm Birnbaum“ (1885) und „Quitt“ (1891); in ihnen wird eine höhere Macht wirksam, die das Gesetz der Vergeltung vollstreckt.

In der Endphase der Arbeit an „Vor dem Sturm“ setzte <span class="abbr" title="Fontane">F.</span> zu seinem ersten Berliner Zeitroman an, „Allerlei Glück“, der die verschiedenen menschlichen Glücksvorstellungen schildern sollte, aber nicht vollendet wurde und dann den späteren Berlin-Romanen <span class="abbr" title="Fontane">F.</span>s als Steinbruch diente. Zwei Drittel des epischen Gesamtwerks <span class="abbr" title="Fontane">F.</span>s sind Zeitromane, von denen nur 2 ihren Stoff nicht aus der berlinisch-märkischen Gegenwart nahmen, beides Eheromane mit tragischem Ausgang: „Graf Petöfy“ (1884) aus der österreichisch-ungarischen Aristokratie und „Unwiederbringlich“ (1892) aus der aristokratischen Welt Schleswigs und Dänemarks. Von den 9 Romanen aus dem berlinisch-preußischen Bereich behandeln 3 wiederum Eheprobleme: „L'Adultera“ (1882), der in die Berliner Finanzwelt führt, „Cécile“ (1887) und „Effi Briest“ (1895), das Meisterwerk <span class="abbr" title="Fontane">F.</span>s, das in manchem an Flauberts „Madame Bovary“ erinnert, aber völlig unabhängig davon entstanden ist. Zwei der Romane, Liebesromane, befassen sich mit einem gesellschaftlich Tabu der Zeit, mit dem „Verhältnis“ eines Aristokraten mit einem Mädchen aus dem Volk; der eine, „Irrungen, Wirrungen“ (1888), klingt mit der einsichtigen, wehmütigen Entsagung der Liebenden aus, der andere, „Stine“ (1890), endet tragisch. In dem Roman aus der Berliner Industriewelt, „Frau Jenny Treibel“ (1892), ist die Bourgeoisie das Zielblatt der <span class="abbr" title="Fontane">F.</span>schen Ironie; sein Seitenstück ist der Roman „Mathilde Möhring“ (1891, aber erst aus dem Nachlaß veröffentlicht), der den Aufstieg einer zielbewußten Kleinbürgerin auf die nächste soziale Stufe zum Gegenstand hat. In der Erzählung „Die Poggenpuhls“ (1896) werden in schlichter Handlung Augenblicksbilder aus dem Leben einer armen Offizierswitwe und ihrer Kinder entrollt; Seitenlichter fallen auf die sich umbildende Berliner Gesellschaft. Am Schluß des <span class="abbr" title="Fontane">F.</span>schen Schaffens steht der große Roman „Der Stechlin“ (1898), in dem alles ins Gespräch gelegt ist und die bevorstehenden sozialen Umschichtungen im gesprochenen Wort und im Symbol entwickelt und gedeutet werden; er zeugt von der ungebrochenen Kraft des Dichters, der in der Gestalt des Dubslav von Stechlin ein Selbstporträt gegeben hat.

##### 21. Hedwig Dohm 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/k6kimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/k6kimage.jpeg)

Die Geschichte der Frauenbewegungen kennt so manche Persönlichkeit, die bereits zu ihren Lebzeiten mit ihren Ansichten und Forderungen polarisierte und bei ihren Zeitgenoss/innen Missgunst und gar heftige Ablehnung hervorrief, bevor die Nachwelt ihre Brillanz und Originalität zu schätzen wusste. Zu diesen außergewöhnlichen Charakteren zählt Hedwig Dohm.

Hedwig Dohm gilt als brillanteste und radikalste Feder der historischen Frauenbewegung und als bedeutendste Vordenkerin des radikalen Flügels. Bereits 1873 forderte sie das Stimmrecht für Frauen und kämpfte für deren rechtliche, soziale und ökonomische Gleichstellung. Als feministische Theoretikerin und Autorin zahlreicher Essays, Romane und Novellen gehört sie zu den wichtigsten Autorinnen der Wende zum 20. Jahrhundert.

**„Ein leidenschaftlich unglückliches Kind“<span data-reader-unique-id="5">[1](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote1_OMkiE4mAIBc8a8cPCag-CUj37Z3DO1ZgXE8S-GdbRA_f1N13o5yJbsL)</span>**

Hedwig Dohm wurde am 20. September 1831 in Berlin geboren. Sie war das vierte Kind – und die erste Tochter von Gustav Adolph Schlesinger und Henriette Wilhelmine Jülich. Sie erfuhr eine für das 19. Jahrhundert typische geschlechtsspezifische Erziehung: Während die Eltern bei Hedwigs Brüdern Wert auf eine gute Ausbildung legten, durfte die hochintelligente Tochter nur die Mädchenschule besuchen. Mit 15 Jahren musste Hedwig ihre Schulausbildung gezwungenermaßen beenden. In der Hoffnung auf mehr Bildung rang sie ihren Eltern ein Lehrerinnenseminar ab, das sie aber ebenfalls als „stumpfsinnig“<span data-reader-unique-id="8">[2](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote2_7ZUloqC6Ty9sUp7-3Nz2k7JoAWL6Bl7XOTSx4hv8_s9kM550oIJoy)</span> empfand.  
Erst als sie im Alter von 22 Jahren den Autor Ernst Dohm heiratete, der als Redakteur beim Satiremagazin *Kladderadatsch* arbeitete, bekam sie Zugang zu intellektuellen Kreisen. Hedwig Dohm betrieb in Berlin einen Salon, in dem einflussreiche Frauen ihrer Zeit wie [Helene Lange](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/helene-lange) oder Adele Schreiber sowie berühmte Männer wie etwa Franz Liszt und Fritz Reuter verkehrten. Im Alter von 40 Jahren – zu diesem Zeitpunkt hatte Dohm bereits fünf Kinder großgezogen – begann sie, über die Frauenfrage zu schreiben.

 **„Ich schwärme für Freiheit“ <span data-reader-unique-id="14">[3](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote3_T7YU0EPh1VFETfn8ey-FBIZ8ueFByL46TNYd4cmZjg_fq8IOA1ce9vD)</span>– Radikal und furchtlos für die Frauenfrage**

Innerhalb von fünf Jahren publizierte Hedwig Dohm vier Bücher, die in der Radikalität ihrer Forderungen und der furchtlosen satirischen Analyse ein absolutes Novum darstellten und die sie mit einem Schlag zu einer der bekanntesten wie auch gefürchtetsten intellektuellen Stimmen ihrer Zeit machten: 1872 erschien *Was die Pastoren von den Frauen denken*, ein Jahr später folgte *Der Jesuitismus im Hausstande*, 1874 veröffentlichte die Berlinerin Dohm *Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau* und schließlich 1876 *Der Frauen Natur und Recht*.<span data-reader-unique-id="24">[4](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote4_9jHVlwhOq6zTz3EN0tcu4J-hLTyYdQom-jZalQeXbZE_yZlrZL85zwwZ)</span>

In ihren Schriften attackierte sie mit Humor und Scharfsinn die Unterdrückung der Frauen auf allen Gebieten: Hedwig Dohm widerlegte die unterstellte ‚Natur der Frau‘ und hielt der Idee eines biologistischen Geschlechterdualismus – hier das Gefühlswesen Frau, dort der rationale Mann – ihre Idee von Frauen und Männern als sogenannte Ganzmenschen entgegen. Sie plädierte für die gleichberechtigte [Bildung und Ausbildung von Mädchen](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/maedchen-und-frauenbildung) sowie für die freie Wahl eines Berufs, der Frauen die ökonomische Selbstständigkeit sicherte. Sie forderte das Recht auf selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch, kritisierte das Eherecht, die Mystifizierung der Mutterschaft und die Doppelmoral und sah in Prostitution eine „abstoßende Karikatur von Erotik“, sie kämpfte gegen die unzureichende sexuelle Aufklärung junger Mädchen sowie den Jugendwahn, der „das Weib entmenscht“.<span data-reader-unique-id="44">[5](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote5_4277IOBQRLU1ihAFxVw3SmGcVy5dG-vC-AazmHxg8U_gUyJLgEEU3re)</span>

In ihren Essays und Feuilletons prangerte die Autorin nicht nur die gesellschaftlichen Missstände bezüglich der Stellung der Frauen an. Hedwig Dohm – Absolventin einer Mädchenschule – zeigte keinerlei Respekt gegenüber den zeitgenössischen anerkannten Intellektuellen. Friedrich Nietzsche fiel ihrem bissigen Spott ebenso zum Opfer wie Paul Möbius, Autor des damaligen antifeministischen Bestsellers *Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes*. Auch gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen sparte Hedwig Dohm nicht mit Kritik. Sie beklagte das Verhalten der Frauen, die offensichtlich an ihrer Situation nichts ändern wollten, und forderte sie auf: „Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn!“<span data-reader-unique-id="48">[6](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote6_QoH502m45IrcO0VYi9jVj9dLYJxx9BJHdgW2rENT30_jU4pz6xIYVuz)</span>

Dem gemäßigten Flügel der Frauenbewegung, der den Geschlechterdualismus und die angebliche natürliche Bestimmung der Frau zur Hausfrau und Mutter nicht infrage stellte, waren Dohms Ideen schlicht zu radikal. „Radikal heißt wurzelhaft“, erklärte Dohm, „und bezeichnet am besten das Wollen und Handeln jener streitbaren Frauen, die die Axt an die Wurzel der Übel legen.“<span data-reader-unique-id="51">[7](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote7_GuvMpQqITKctH-sl6cIw9vaUy95HMIQGc42bVEKFpmg_mDwYOrYbe5Jq)</span> Erst als der radikale Flügel um 1890 erstarkte, fand Hedwig Dohm mit [Minna Cauer](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/minna-cauer), [Anita Augspurg](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/anita-augspurg) und [Lida Gustava Heymann](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/Lida) Schwestern im Geiste, denen sie sich anschloss und mit denen sie sich organisierte.

Sie wurde Gründungsmitglied des Frauenvereins Reform, der eine umfassende Bildungsreform und den Zugang von Frauen zu den Universitäten forderte, und trat auch [Helene Stöckers](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/helene-stoecker) Bund für Mutterschutz und Sexualreform bei, der sich unter anderem für das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper, das Recht auf Abtreibung und gegen die Stigmatisierung lediger Mütter einsetzte. Auch im von [Minna Cauer](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/minna-cauer) gegründeten Verein Frauenwohl für das Recht von Frauen auf Bildung und Berufstätigkeit engagierte sich Dohm.<span data-reader-unique-id="59">[8](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote8_hbHtnMn5uaDxCcAAp2BhoJB6x1z55o6PHIeF2T8PHo_hXIEtOPD2AFC)</span>

**Publizistin und Pazifistin**

Die neu gegründeten Zeitschriften des radikalen Flügels der Frauenbewegung boten der scharfsinnigen Autorin neue Möglichkeiten: Zwischen 1895 und ihrem Tod 1919 veröffentlichte Hedwig Dohm mehr als 80 Artikel. Außerdem veröffentlichte sie zahlreiche Feuilletons vornehmlich in linken und liberalen Zeitungen und Zeitschriften wie zum Beispiel in *Die Zukunft* oder in der auflagenstarken *Vossischen Zeitung*. Zugleich suchte Dohm nach anderen literarischen Formen, um ein größeres Publikum zu erreichen. Sie begann, Romane und Novellen zu schreiben, in denen sie anhand individueller Frauenschicksale deren Unterdrückung sowie Wege der Befreiung aufzeigte. Innerhalb von sechs Jahren veröffentlichte Hedwig Dohm ihre Romantrilogie: *Schicksale einer Seele* (1899), *Sibilla Dalmar* (1896) und *Christa Ruland* (1902). In diesen drei Büchern schilderte sie das Leben dreier Frauengenerationen des 19. Jahrhunderts und thematisierte zugleich die Veränderungen der weiblichen Lebenswelt an der Schwelle zum 20. Jahrhundert.

Hedwig Dohm war nicht nur radikale Feministin, sondern auch Pazifistin. Im Ersten Weltkrieg war sie eine der wenigen öffentlichen Stimmen im deutschen Kaiserreich, die mit Texten wie *Der Missbrauch des Todes* oder *Wäre ich ein glühender Patriot* dem allgemeinen nationalen Kriegswahn widerstand. Nach Ende des Ersten Weltkriegs erlebte die Frauenstimmrechts-Pionierin als 87-Jährige, wie der Rat der Volksbeauftragten im November 1918 das Wahlrecht für Frauen verkündete. Hedwig Dohm starb am 1. Juni 1919 in Berlin.

##### 22. Clara Zetkin 

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/image.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/image.png)

<span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> besuchte die Dorfschule, an der ihr [Vater](https://www.deutsche-biographie.de/sfz146801.html) unterrichtete, und anschließend ein Gymnasium; ihr politisches Engagement wurde bereits von der Mutter geprägt. 1874–78 studierte sie in dem von der Frauenrechtlerin [Auguste Schmidt (1833–1902)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz113734.html) geleiteten Lehrerinnenseminar am Steyberschen Institut in Leipzig, knüpfte hier Kontakte zur <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Sozialdemokratie und lernte den <span class="abbr" title="russisch">russ.</span> Revolutionär [Ossip Zetkin](https://www.deutsche-biographie.de/sfz146808.html) kennen. Nach erfolgreicher Prüfung als Fachlehrerin für moderne Sprachen<span class="pb" title="Seite im Original 665">|</span>trat sie in die „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“ (SAPD) ein, was zum Bruch mit ihrer Familie führte. In der Zeit des „Sozialistengesetzes“ arbeitete sie bis 1882 als Hauslehrerin und Erzieherin in Sachsen und Österreich, dann folgte sie, nachdem sie 1882 bei [Julius Motteler (1838–1907)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz146822.html) in Zürich am Vertrieb des Parteiorgans „Der Sozialdemokrat“ mitgearbeitet hatte, im selben Jahr Zetkin ins politische Exil nach Paris, mit dem sie unverheiratet eine Familie gründete; die beiden Söhne erhielten den Nachnamen des Vaters. <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> trug Ossips Nachnamen als Pseudonym für ihre journalistische Tätigkeit. 1889 war sie als Delegierte der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Sozialdemokratie Teilnehmerin des Gründungskongresses der II. Internationale in Paris, wo sie dem Kongreßbüro angehörte, und referierte über die internationale proletarische Frauenbewegung, deren Begründerin und Führerin sie wurde. <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> nahm an fast allen internationalen Sozialistenkongressen und Parteitagen der <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr> teil und wurde eine der führenden Sozialdemokratinnen Europas. Nach dem Fall des „Sozialistengesetzes“ kehrte sie, alleinerziehend mit zwei Kindern, 1891 nach Deutschland zurück und ließ sich als Schriftstellerin und Übersetzerin in Stuttgart nieder. 1892 übernahm <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> von [Emma Ihrer (1857–1911)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz36295.html) die Redaktion der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift „Die Arbeiterin“ im <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr>-Parteiverlag von [Johann Heinrich Wilhelm Dietz (1843–1922)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz10080.html), redigierte sie als Agitations- und Bildungszeitschrift und gab ihr den Namen „Die Gleichheit“. In der <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr> war sie seit 1895 Mitglied der Kontrollkommission, gehörte dem Parteivorstand sowie ab 1906 seinem Zentralen Bildungsausschuß an und verfaßte mit [Heinrich Schulz (1872–1932)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74766.html) die Leitsätze „Sozialdemokratie und Volkserziehung <span class="italics">“</span> für den Mannheimer <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr>-Parteitag 1906. 1904 zog <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> mit Friedrich Zundel nach Stuttgart-Sillenbuch, wo sie in ihrem Haus internationale Sozialisten und Freunde wie [August (1840–1913)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz2440.html) und [Julie Bebel (1843–1910)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz146823.html), [Franz (1846–1919)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68711.html) und [Eva Mehring (1858–1928)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz146824.html), [Karl (1854–1938)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz40261.html) und [Luise Kautsky (1864–1944)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz40263.html) oder [Karl (1871–1919)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz51205.html) und [Sophie Liebknecht (1884–1964)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz51207.html) zu politischen Diskussionen, Musik- und Literaturabenden empfing. Mit [Rosa Luxemburg](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55316.html) verband <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> eine lebenslange Freundschaft, beide waren Literatur- und Kunstliebhaberinnen.

Mit der Gründung der Sozialistischen Fraueninternationale 1907 auf dem Kongreß der Zweiten Sozialistischen Internationale in Stuttgart wurde <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> zur Vorsitzenden des Internationalen Frauensekretariats gewählt. „Die Gleichheit“ wurde ihr internationales Organ (<span class="abbr" title="Auflage">Aufl.</span> 1914: 124 000): Hier forderte sie gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau, nahm während des 1. Weltkriegs eine konsequente Antikriegshaltung ein und förderte die Vernetzung nationaler Frauenvereine und -organisationen. Auf der 2. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen reichte <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> mit [Käte Duncker (1871–1953)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz126079.html) eine Resolution für einen jährlichen internationalen Kampftag für das Frauenwahlrecht ein, der 1911 erstmals als Internationaler Frauentag in einigen <span class="abbr" title="mitteleuropäisch">mitteleurop.</span> Staaten gefeiert wurde. 1912 trat <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> auf dem Außerordentlichen Friedenskongreß der II. Internationale in Basel mit der Überzeugung an, daß nur durch eine große Mehrheit der Frauen und ihr Bekenntnis „Krieg dem Kriege!“ den Völkern der Friede gesichert werden könne.

Zu Beginn des 1. Weltkriegs lehnte <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> mit Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Franz Mehring die Politik des „Burgfriedens“ der <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr> ab und war 1916 Mitbegründerin der Gruppe Internationale, später Spartakusgruppe und -bund. Im März 1915 organisierte sie mit dem Schweizer Sozialisten [Robert Grimm (1881–1958)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz146825.html) gegen den Protest der <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr>-Führung eine illegale Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Bern. Im Berner Friedensmanifest forderten die 26 teilnehmenden Sozialistinnen einen Frieden, der das Recht aller Völker und Nationalitäten auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit anerkennt. Im selben Jahr wurde <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> in Deutschland denunziert und wegen versuchten Landesverrats verhaftet; nationale und internationale Proteste sowie eine Kaution führten nach vier Monaten zu ihrer Freilassung. 1917 war <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> Mitbegründerin der <abbr title="Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands">USPD</abbr>, daraufhin entzog [Friedrich Ebert (1871–1925)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz12329.html) ihr die Redaktion der „Gleichheit“ und übertrug sie an [Marie Juchacz (1879–1956)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz37901.html) und Heinrich Schulz. <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> begrüßte die Oktoberrevolution in Rußland und verteidigte die Politik der Bolschewiki als den Beginn der proletarischen Weltrevolution „nicht unter frei gewählten, sondern unter vorgefundenen Umständen“. 1919 auf der Liste der <abbr title="Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands">USPD</abbr> an den Wahlen zur Nationalversammlung, zog <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> in den Landtag des Freien <span class="abbr" title="Württemberg">Württ.</span> Volksstaats ein und stimmte am 25.9.1919 gegen die neue bürgerliche Verfassung. Nach der Ermordung Liebknechts, Luxemburgs und [Leo Jogiches’(1867–1919)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz146826.html) trat sie im März 1919 der <abbr title="Kommunistische Partei Deutschlands">KPD</abbr> bei, wurde in deren Zentrale gewählt und übernahm die Redaktion der Zeitschrift „Die<span class="pb" title="Seite im Original 666">|</span>Kommunistin“. 1920 erhielt sie, neben [Paul Levi (1883–1930)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz50834.html), ein Mandat für die <abbr title="Kommunistische Partei Deutschlands">KPD</abbr> im <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Reichstag, dessen Mitglied sie bis 1933 war. In ihrer ersten Rede im Reichstag forderte sie Solidarität mit Sowjet-Rußland und reiste 1920 erstmals dorthin. Sie schloß Freundschaft mit [Lenin](https://www.deutsche-biographie.de/sfz108599.html) und dessen Frau [Nadeshda Krupskaja](https://www.deutsche-biographie.de/sfz146827.html). Mit [Alexandra Kollontai](https://www.deutsche-biographie.de/sfz146828.html), der Vorsitzenden der Frauenabteilung beim <abbr title="Zentralkomitee">ZK</abbr>der <span class="abbr" title="Russisch">Russ.</span> Komunistischen Partei, gründete sie 1921 die Kommunistische Fraueninternationale bei der Komintern, der III. Internationale, zu deren Exekutivkomitee sie 1922–33 gehörte. Sie entwarf die „Richtlinien der kommunistischen Frauenbewegung“, leitete ab 1921 das Westeurop. Internationale Frauensekretariat mit Sitz in Berlin und redigierte die Zeitschrift „Die Kommunistische Fraueninternationale“. Im Juli 1922 hielt <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> im Auftrag der Komintern in Moskau die Anklagerede im Prozeß gegen 47 Sozialrevolutionäre.

Seit 1921 führte <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> die Internationale Arbeiterhilfe, war 1925–33 Präsidentin der Internationalen Roten Hilfe und 1. Bundesvorsitzende des Roten Frauen- und Mädchenbundes. 1923 hielt sie auf dem Erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Komintern ihr Referat „Kampf gegen den Faschismus“ und brandmarkte dessen „scheinrevolutionäres Programm“ und dessen Terror.

In den innerparteilichen Auseinandersetzungen der <abbr title="Kommunistische Partei Deutschlands">KPD</abbr> hielt <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span>, bis 1923 in der Zentrale, zunächst zu Paul Levi, dann, ebenfalls 1923, zu [Heinrich Brandler (1881–1967)](https://www.deutsche-biographie.de/dbo017251-5.html) und [August Thalheimer (1884–1948)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz108784.html) gegen den radikalisierenden Kurs [Ruth Fischers (1895–1961)](https://www.deutsche-biographie.de/dbo044487.html). Erst 1927 wieder in die Zentrale gewählt, kritisierte <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> intern die ultralinke Wende in der Politik der <abbr title="Kommunistische Partei Deutschlands">KPD</abbr>-Zentrale und die Führung [Ernst Thälmanns (1886–1944)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74940.html). Intern wandte sie sich grundsätzlich gegen den Stalinisierungsprozeß in der Komintern und deren Sektionen, blieb aber in deren Reihen.

Nach der Reichstagswahl vom 31.7.1932 eröffnete <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span> am 30.8.1932 als Alterspräsidentin den Reichstag und warb in ihrer Rede eindringlich für die Einheitsfront aller Werktätigen, um den Faschismus zurückzuwerfen. Im selben Jahr ging sie ins Exil nach Moskau. <span class="abbr" title="Zetkin">Z.</span>s politische Arbeit insbesondere als Frauenrechtlerin wurde <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> in der <abbr title="Deutsche Demokratische Republik">DDR</abbr> erinnert und mit zahlreichen Ehrungen gewürdigt.

##### 23. Minna Cauer

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/pppimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/pppimage.jpeg)

<div aria-labelledby="actor-content-about-headline" class="actor__container--text" id="bkmrk-sie-leitete-frauenve"><div class="actor__content--text"><div class="actor__teaser-text field field--name-field-teaser-text field--type-string-long field--label-hidden field__item" style="text-align: justify;">Sie leitete Frauenvereine, war eine mitreißende Rednerin und mischte sich mit ihrer Zeitschrift ‚Die Frauenbewegung‘ in die öffentliche Debatte im Kaiserreich ein. Ihr Ziel: die allumfassende Gleichberechtigung der Frau im Staat. Ihr größter Erfolg: 1918 erhalten die Frauen das Wahlrecht.</div><div class="actor__teaser-text field field--name-field-teaser-text field--type-string-long field--label-hidden field__item" style="text-align: justify;">  
</div></div></div>**Jugend, Ehe- und Witwenjahre**

Minna Cauer, geb. am 01.11.1841 in Freyenstein, wuchs als Tochter des Pfarrers Alexander Schelle (1804-1874) und seiner Ehefrau Juliane geb. Wolfschmidt (gest. 1887) mit mehreren Geschwistern auf. Sie wollte Lehrerin werden, konnte dies jedoch zunächst wegen familiärer Probleme nicht. Ihr erster Ehemann, der Arzt Doktor August Latzel, und ihr Sohn starben innerhalb weniger Jahre. Sie musste sich neu orientieren und legte 1867 das Lehrerinnenexamen ab, um dann für ein Jahr als Hauslehrerin nach Paris zu gehen. Ab 1869 war sie Lehrerin an einer Mädchenschule in Hamm. Dort lernte sie ihren zweiten Mann kennen, den späteren Berliner Schulrat Eduard Cauer (1823–1881). Nach dem Umzug in die Hauptstadt knüpfte sie erste Kontakte zu liberalen Politikern und Frauen aus der bürgerlichen Frauenbewegung. Nach dem Tod Eduard Cauers 1881 lebte sie einige Jahre in Dresden und fand in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Geschichte der Frauen eine neue Lebensaufgabe. Ihre ersten Publikationen wurden 1883 und 1884 in der Vossischen Zeitung veröffentlicht. Sie kehrte nach Berlin zurück und unterrichtete Geschichte in einem Pensionat für Amerikanerinnen.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[1](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote1_XxQ9gb0GE1dRLwhSFj4WjsI8yEIUjzpti8tmlJ5YI_r4kMvK7gWe9P)</span></span>

**Die Frauenpolitikerin**

1888 gründete Minna Cauer zusammen mit anderen Frauen in Berlin den Verein Frauenwohl, der das Sprachrohr des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung wurde. 1889 war sie Mitbegründerin des Kaufmännischen Hilfsvereins für weibliche Angestellte. 1896 arbeitete sie beim Internationalen Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin mit. 1899 wurde ein Gegenverband zum [Bund Deutscher Frauenvereine](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/bund-deutscher-frauenvereine-bdf "Bund Deutscher Frauenvereine (BDF)") gegründet, der Verband Fortschrittlicher Frauenvereine, dessen Vorsitzende Cauer wurde. In diesem neuen Verband schlossen sich die Vereine zusammen, denen die Politik des [Bundes Deutscher Frauenvereine](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/bund-deutscher-frauenvereine-bdf "Bund Deutscher Frauenvereine (BDF)") zu defensiv erschien. Der Bund Deutscher Frauenvereine setzte auf Petitionen und die Unterstützung liberaler Kreise, um eine Verbesserung der Situation von Frauen auf zahlreichen Gebieten zu erreichen. Die radikalen Frauenrechtlerinnen kämpften öffentlich und offensiv und forderten unter anderem das Wahlrecht für Frauen.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[2](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote2_yDMBx8t1Vsor4dMAjUuN2PhmvaaHv5H9TjVFaSloics_vLGmxQfF4nsF)</span></span> Sie kritisierten die fehlende Gleichberechtigung der Frauen im Entwurf zum neuen Bürgerlichen Gesetzbuch, sie bekämpften sexuelle Belästigung und Gewalt, den § 218 sowie Prostitution und Frauenhandel und sie befassten sich mit der Dienstboten- und Arbeiterinnenfrage<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[3](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote3_8lLfAEcGJ6qOzxSgP2G6SjQT7bjlWFCCWa9dIh8U6jE_l6EmWJQLRBux)</span></span> Im Ersten Weltkrieg wurde Minna Cauer bald zur Pazifistin. 1918 trat sie der Deutschen Demokratischen Partei bei.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[4](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote4_frUALTE-7En3CqkDkZ3wklgwgQ-99WwCWL91sYEjjNI_gYHGdjjI0tTC)</span></span>

**Die Rednerin**

Minna Cauer war eine mitreißende Rednerin und eine humorvoll-energische Versammlungsleiterin, die stets ohne Manuskript sprach und viele Menschen durch die Klarheit ihrer Gedanken überzeugte.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[5](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote5_Ban092JPU6U4MITJSxrppc8lSDz8uTIYImt7vBJnyE_oY31ZKpfxlvL)</span></span> Else Lüders, ihre langjährige Mitarbeiterin, fühlte sich bei ihren Vorträgen durch „das lebhafte Mienenspiel, die anmutigen Bewegungen des schlanken Körpers, die Duse-Bewegung der schönen Hände“ an die Schauspielerin Eleonore Duse (1858–1924) erinnert.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[6](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote6_36N15mQpzgdK11ghQjRms97oDgCXD8ByLJf42dfwp6M_iZWvpeevXBjI)</span></span> Ein Kölner Journalist verglich Cauer mit einer „Priesterin und Prophetin“.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[7](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote7_9c6PqnAeIsLA9bTF2eFxowQmL9r6j0txvsfdi7Hjaw_yVLAkZLlcbAN)</span></span> Sie hielt unermüdlich Vorträge bei Kongressen von Frauenvereinen im Deutschen Reich, in Großbritannien, Belgien, Dänemark, Schweden, den Niederlanden und Italien sowie bei SPD-Frauenkonferenzen.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[8](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote8_DbTxFDtVTk9FdWVqTXxgSROhU1Xcp-3CeEA4ZLAT9k_uduDT1Q3Vwic)</span></span> Der direkte Kontakt mit dem Publikum löste bei ihr oft eine persönliche Weiterentwicklung aus. So notierte sie, nachdem sie 1912 in der Jugendgruppe des Vereins Frauenwohl in Berlin die Sozialdemokratin [Clara Zetkin](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/clara-zetkin "Clara Zetkin") (1857–1933) vorgestellt hatte, in ihrem Tagebuch: „Ich versenkte mich in die Ideenwelt dieser Frau, ich vertiefte mich in den Sozialismus \[…\] Ich will jetzt den wissenschaftlichen Sozialismus studieren, ich muß klar werden, klar sehen.“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[9](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote9_dsbmCytI7uOL0LasnLT8BfiF0Kgu5KD8JW8XPeq8tL8_zkPBm9sTxpEF)</span></span>

**Die Publizistin**

Minna Cauer war Herausgeberin und Redakteurin der von ihr 1895 gegründeten Zeitschrift *Die Frauenbewegung*, die bis zur Einstellung 1919 das Publikationsorgan der radikalen bürgerlichen Frauenbewegung war.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[10](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote10_q7Xy5ws4QwLBFlK9Tpq0vo683LpOKKheYq0hmt7Y2M8_lusP5xn45WxI)</span></span> Sie verfasste an die 400 Beiträge, Leitartikel, Kongressberichte und Rezensionen und prägte damit das Profil der Zeitschrift.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[11](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote11_wccQJbRo823YXeZsjaYNxy8UB5lJYsttoMnKBiVF60_n2rt05tWDiDK)</span></span> *Die Frauenbewegung* unterschied sich in ihrem Ansatz und Stil stark von anderen Frauenzeitschriften, die Cauer ironisch kritisierte: „Eine kleine Besserung ist hie und da zu merken. Man stickt nicht mehr so viele Morgenschuhe für den geliebten Ehegatten und ist nicht mehr so entzückt über irgend ein neues Häkelmuster \[…\] Aber etwas Trostloses liegt doch in diesen Blättern, – und von einer neuen Lebensauffassung, von neuen Lebensaufgaben der Frau ist selten oder nie die Rede“.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[12](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote12_5c57tcTE8HC-oGNrlLu1-4l24yNPgyMSypYGMrSk_tQhsUipic5iN)</span></span>   
1893 erschien ihr Buch *Die Frauen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika*, in dem sie die These aufstellte, dass die amerikanischen Frauen „zum Wohl des Ganzen“ arbeiten wollten, wohingegen „Deutschlands Frauen selig zu den Füßen Goethes und Schillers träumten“.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[13](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote13_0Vm3rG8hgpJmt6nnm6X-1--D7JRbAyjwL4dWNZYxETU_uBtT6pGNcMSZ)</span></span> 1898 publizierte sie ihr zweites Buch Die Frau im 19. Jahrhundert. Der Zusammenhang zwischen „Pflichtlosigkeit dem Allgemeinen gegenüber“ und der Rechtlosigkeit der Frauen ist für sie eindeutig: „\[…\] so pflegen Deutschlands Frauen ihr Gretchen- und Hausfrauenideal fast bis zur Vernichtung des eigenen Ichs. Dieses Ideal glauben sie durch die Verherrlichung und Anbetung des Mannes und nur durch den Mann erreichen zu können“.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[14](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote14_mSxeno5Wq9SxoeBKIZNyn-Mg0KqBGZ0iazRo8CWtYjE_ia9eDTdjYzGc)</span></span> 1913 legte sie eine Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Berliner Vereins Frauenwohl vor.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[15](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote15_jxF7phqKcq54U82p9njN5hW5gr3B1gGi4r5iJNUvH5A_oi54BfltT7mJ)</span></span> Bis ins hohe Alter schrieb Cauer für diverse Zeitungen Artikel zur politischen Situation.

**Die Bildungsbürgerin**

Minna Cauer war eine Intellektuelle.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[16](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote16_xDJNmOenvn1m2tgZ2d4V4SvPmqAwcP-2CytikG2lQ_sVHLgKnsleav)</span></span> Sie las viel – sowohl Belletristik als auch Bücher über historische und politische Themen – und nutzte regelmäßig die Bibliothek des Abgeordnetenhauses und des Reichstages.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[17](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote17_TLhlWrdXmCI4JKhliLr3IXnE9HLU67xwa3r1iqTUz4A_jZB3bfnPuJ0H)</span></span> In ihren Tagebüchern finden sich zahlreiche Hinweise auf Autoren, von deren Werken sie beeinflusst wurde: Lew Tolstoi, Arthur Schopenhauer, Friedrich Schleiermacher und Romain Rolland.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[18](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote18_OKHIt5kgr1pVsGAurvG6M-Cw5OZPlIY4lfPCYd9tw_jk8vwWdI66aQ)</span></span> Karl Marx‘ Thesen reizten sie zum Widerspruch. Sie fand bei ihm „nicht nur viele Widersprüche, sondern auch eine große Einseitigkeit und Engherzigkeit, weil alles und alles aus ökonomischen Gründen allein abgeleitet werden soll“.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[19](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote19_rzA761d59oblSYDqUPpd0lDiMnPe0aBt8yAnns1zefk_jSAHlCGeGXGJ)</span></span> Die Biografie von Albert Bielschowsky über Goethes Leben und Werk (erschienen 1896 und 1904) beeindruckte sie tief: „Bielschowskys Goethe ist der größte Genuß, den ich seit langer Zeit gehabt habe. So vieles wird wieder lebendig in mir, nicht nur Goethe selbst mit all seinen Schwächen, seiner Größe, seiner Liebenswürdigkeit, seiner Schroffheit und seinem Talent, sich selbst und ach, so viele andere so unsäglich zu quälen“.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[20](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote20_TqdmEuTCcKtG6XNGahIYgfAUBviw12lORD8-UL2HEE_bSADJYsMORs0)</span></span> Ihre Frauenideale waren Antigone und Iphigenie, denn sie „lieben das Weitschauende, das fern von Tagesideen steht“.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[21](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote21_uPmnt7FAbJ-8JacBn4kBk0zeIdWHHyEMbbtqITzeCk_oC7fFLpIf6nx)</span></span> Neben intensiver Lektüre spielten Theater- und Konzertbesuche sowie der Besuch von politischen Vorträgen eine große Rolle in ihrem Leben.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[22](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote22_JP56YNJjbf0Yrb8KouQ84GfflZRuVz7L0SjcFkgd9w_yinwl1Uk8Nod)</span></span>

**Beziehungen**

Minna Cauer arbeitete mit vielen Frauen und Männern zusammen. Sie war eine stark polarisierende Persönlichkeit. Entweder man schätzte sie und war begeistert von ihrer charismatischen und kompromisslosen Art und ihren Ideen, oder man stand ihr, der als eitel und selbstverliebt etikettierten Frau, und ihrer politischen Ausrichtung ablehnend gegenüber.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[23](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote23_pE3Ct1ngDEm4CDAge6DNyhyPmQXYsqE7Zn7MmnXM_vPGW7WNFWxCC)</span></span>

Mehrere Arbeitsbeziehungen scheiterten im Laufe der Jahre, beispielsweise die zur Frauenrechtlerin [Anita Augspurg](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/anita-augspurg "Anita Augspurg") (1857–1943).<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[24](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote24_-PaYmsQZ20w6HnpCO0tuqLcvVmZTPR5EswRnbJd6ME_zHN9aCBSTcgM)</span></span> Cauer war bis zu ihrem Tod befreundet mit Emma Muschka von Witt (1863–1949) und der Bremer Frauenrechtlerin Auguste Kirchhoff (1867–1940).<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[25](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote25_30P5tvb6MsACYSxHTGeeQxE97ZCaI-kPHzfFbeMWd8_sYqJ1ybv8d3p)</span></span> Sie schätzte – trotz mancher politischen Differenz – die Sozialdemokratin [Clara Zetkin](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/clara-zetkin "Clara Zetkin"). Eine besonders enge Verbindung hatte Cauer zu ihrer Großnichte Lilly Somerhausen, geborene von Stoffregen. Das Verhältnis zu Else Lüders zerbrach im Ersten Weltkrieg, als diese sich dem nationalen Lager zuwandte, das den Krieg unterstützte.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[26](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote26_W0UDLIqM0PVTtnBrChEWgX0UCzAUPknKRLni5om67QA_cX1UN3LqVBJl)</span></span>

**Lebensbilanz**

Im hohen Alter schien sich Cauers Traum erfüllt zu haben: „Ich sterbe als Republikanerin“ schrieb sie begeistert am 9. November 1918 in ihr Tagebuch.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[27](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote27_2caqGeYMr8QayZtSVJgZUDLI94xPvLXzujBple8DuqE_rszqczXaqN5b)</span></span> Die Frauenbewegung stellte sie 1919 mit den Worten ein: „Meine Aufgabe innerhalb der Frauenbewegung halte ich für erfüllt, da das Bürgerrecht der Frau den Frauen gegeben worden ist“.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[28](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote28_5qx6t7o7cU-03gOTM9aW4dwVguUP4Ayljs5jVrSKJjU_eueelUVs5Ogd)</span></span> Am Ende ihres Lebens stand dennoch die bittere Erkenntnis, „daß die Frauen nur im Kleinen ihr Dasein leben wollen, und daß ich wohl die letzte sein würde, der sie gern folgen würden. Einzelne wohl, aber viele?“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[29](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote29_vJux9Bz911vRwbzcKagFn0UrUbuYe5j3r5ZaB3JeE2U_lmFSG8BX3VSG)</span></span> Ihre Memoiren schrieb sie bewusst nicht mehr. „Wenn ich alles offen, wahr und ehrlich darstellen will, dann wird es das Bild einer ewig suchenden Frau, die sich Ideale aufbaute für sich, für die Freunde, für das Vaterland, für die Menschheit und alles ging in Trümmer“.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[30](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote30_B98d5Bh8y7k40ubD3hkRzaHspvhi1pZ3aOnoBCek_aJpBF29kc8mO)</span></span>

Minna Cauer starb am 3. August 1922 und wurde auf dem Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg begraben. Seit 1952 ist ihr Grab ein Ehrengrab des Landes Berlin. In vielen Nachrufen wurde ihr Lebenswerk gewürdigt.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[31](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote31_sf-29rn7eq6GNwcwcXq1WL5ZiE7eAFE8OXNsKN1n2E_uRVIUzsthN1f)</span></span> Der Politiker und Publizist Hellmut von Gerlach (1866–1935) schrieb rückblickend: „Meine pariser (!) Erfahrungen veranlaßten mich zu intensiverer Beteiligung an der deutschen Frauenbewegung. Hand in Hand arbeitete ich dabei mit Minna Cauer, in der ich den stärksten politischen Kopf der deutschen Frauenbewegung schätzen lernte. Sie war dank langer Tätigkeit in England international gesinnt, dazu historisch, literarisch und politisch gleichmäßig gebildet. Vor allem war sie eine Taktikerin ersten Ranges“.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[32](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote32_x4Tje8BQaxapYBs1L1Fpmr3DVvbcIqX8Egg6R2R-d90_lxGoWU1rkosF)</span></span>

<div class="outer-wrapper actor__spacer-bottom" id="bkmrk--32" style="text-align: justify;"><div class="clearfix text-formatted text-formatted--format-layout-text actor__text field field--name-field-text field--type-text-long field--label-hidden field__item"><div class="text-layout__row"><div class="text-layout__col text-layout__col--full">  
</div></div></div></div>Die neuere Forschung sieht in Cauer und ihren Mitstreiterinnen Intellektuelle und Idealistinnen, denen allerdings ein Gesamtkonzept für ihre politische Arbeit fehlte.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[33](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote33_Fu5CWENACsUi0i4D8IhudJaqnrlODx50EzMzWhi6vSA_i5J2xb1wLgJ6)</span></span>Cauer gilt als eine der wichtigsten Führungspersönlichkeiten, die „sowohl Programmatik und Strategien, als auch Mobilisierung und Organisation des Vereins Frauenwohl und des gesamten radikalen Flügels entscheidend geprägt haben“.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[34](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote34_DY2BSP7Rwpj5HXbkdBc5ZLNF0WhzUOwtigt5a9EHaRM_hsBrTxAxRZ43)</span></span>

##### 24. Werner von Siemens 

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/JkOimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/JkOimage.png)

Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Situation seiner Eltern zunächst von seiner Großmutter und seinem Vater unterrichtet, besuchte <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> seit 1827 die Bürgerschule in Schönberg (<span class="abbr" title="Mecklenburg">Meckl.</span>), erhielt 1829 erneut Privatunterricht und wechselte 1832 in die Obertertia des Lübecker Katharineums, das er 1834 ohne Abschluß verließ. <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> bewarb sich bei der <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Armee, um über den Militärdienst Zugang zu einer ingenieurwissenschaftlichen Ausbildung zu erlangen. Nach der Aufnahme in das Magdeburger Artilleriekorps wurde er 1835 an die Berliner Artillerie- und Ingenieurschule abkommandiert, wo er eine dreijährige Ausbildung absolvierte. Nach dem Tod der Eltern übernahm <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> die Erziehung und Ausbildung seiner minderjährigen Geschwister. Er setzte sich intensiv mit technischen Fragen auseinander und erhielt 1842 sein erstes <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Patent für ein Verfahren zur galvanoplastischen Vergoldung, das er mit Hilfe seines Bruders William 1843 in England erfolgreich vermarktete.

Überzeugt vom technischen und wirtschaftlichen Potential der elektrischen Telegraphie konzentrierte sich <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> auf die Verbesserung des Wheatstoneschen Zeigertelegraphen. 1847 konstruierte er ein allen bisher gebräuchlichen Apparaten überlegenes Modell. Mit dieser Erfindung war der Grundstein für die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens &amp; Halske“ (S &amp; H) gelegt, die <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> im <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 1847 mit dem Universitätsmechaniker Johann Georg Halske (1814–90) in Berlin gründete. Dieser brachte seine praktische Erfahrung in der Leitung und Organisation eines Handwerksbetriebs, <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> seine Patente (Verfahren, Gold behufs d. Vergoldung auf nassem Weg vermittelst d. galvan. Stromes aufzulösen, <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Patent 1842; Eine neue Art elektr. Telegraphen u. damit verbundene Vorrichtung <span class="abbr" title="zum">z.</span> Drucken d. Depeschen, <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Patent 1847) in die Firma ein. Das Startkapital stammte von Werners Vetter, dem Justizrat Johann Georg Siemens (1805–79). In kurzer Zeit entwickelte sich S &amp; H von einer kleinen feinmechanischen Werkstätte für Eisenbahn-Läutewerke, Wassermesser, Guttapercha-Drahtisolierungen und <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> für Telegraphen zu einem international führenden Elektrounternehmen. Den ersten, mit hohem Prestigewert verbundenen staatlichen Großauftrag erhielt S &amp; H 1848 für den Bau einer Telegraphenlinie zwischen Berlin und Frankfurt/Main. Da die Zusammenarbeit mit der <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Telegraphenverwaltung 1851 endete, geriet das junge Unternehmen in eine Krise, die es durch die konsequente Erschließung ausländischer Märkte überwand. S &amp; H erhielt 1851 den Auftrag zur Errichtung des <span class="abbr" title="russisch">russ.</span> Telegraphennetzes, das unter der Leitung von <span class="abbr" title="Siemens">S.</span>s jüngerem Bruder Carl von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer gebaut wurde. Daneben entwickelte sich das Engagement in England zur zweiten wichtigen Stütze. Hier gelang <span class="abbr" title="Siemens">S.</span>s Bruder William mit der Herstellung und Verlegung telegraphischer Seekabel der Durchbruch.

Parallel zur unternehmerischen Tätigkeit widmete sich <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> intensiv physikalischer Forschung. 1866 entdeckte er aufbauend auf den Arbeiten Michael Faradays (1791–1867) das dynamoelektrische Prinzip und schuf so die entscheidende Voraussetzung zur Ausnutzung der Elektrizität für Antriebs- und Beleuchtungszwecke. Von den Arbeiten Sören Hjorths (1801–70), der 1854 ein <span class="abbr" title="dänisch">dän.</span> Patent auf eine Dynamomaschine erhalten hatte, wußte <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> vermutlich nichts. <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> erkannte, daß die Dynamomaschine zur Elektrifizierung <span class="abbr" title="unter anderem">u. a.</span> des Transport- und des Beleuchtungswesens führen würde. Die Starkstromtechnik entwickelte sich rasch und <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> erschloß neue Anwendungsgebiete, so eine elektrische Eisenbahn (Berliner Gewerbeausstellung, 1879), eine Straßenbeleuchtung mit Bogenlampen (Berliner Ks.gal., 1879), einen Fahrstuhl (Mannheim, 1880), eine Straßenbahn (Berlin-Lichterfelde, 1881) oder einen Oberleitungsomnibus (Berlin, 1882). Der Name „Siemens“ entwickelte sich zu einem zentralen Markennamen für die „Elektrotechnik“, ein Begriff, der 1879 von <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> geprägt wurde.

Seit 1866 wurden Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter mit einer „Inventurprämie“ belohnt. Mehr als ein Jahrzehnt vor der gesetzlichen Alters- und Hinterbliebenenversorgung rief <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> 1872 eine Pensions-, Witwen- und Waisenkasse für die betriebliche Altersversorgung ins Leben. 1890 schied er offiziell aus dem Unternehmen aus, übte jedoch bis zu seinem Tod 1892 bestimmenden Einfluß aus. Als Abgeordneter der <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Fortschrittspartei gehörte <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> 1862–66 dem <span class="abbr" title="Preußisch">Preuß.</span> Landtag an. 1877 wurde er Mitglied des Reichspatentamts, 1879 beteiligte er sich an der Gründung des „Elektrotechnischen Vereins“ zur Förderung von elektrotechnischen Lehrstühlen an Technischen Hochschulen. Als Mäzen betätigte sich <span class="abbr" title="Siemens">S.</span> 1887 auch an der Gründung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt.

##### 25. Alfred Krupp

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/ycPimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/ycPimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Krupp">K.</span> wurde zunächst gemeinsam mit den Kindern von [Franz Dinnendahl](https://www.deutsche-biographie.de/sfz10173.html) von deren Privatlehrer unterrichtet und besuchte dann das Gymnasium. Krankheit und Tod des Vaters zwangen ihn, nach drei Jahren den Schulbesuch abzubrechen und den Plan einer Lehre in der Düsseldorfer Münze aufzugeben.[Friedrich Krupp](https://www.deutsche-biographie.de/sfz46420.html) hatte die Gußstahlfabrik testamentarisch seiner Frau und seinen Kindern hinterlassen. Wegen der hohen<span class="pb" title="Seite im Original 131">|</span>Schulden nahm die Witwe das Erbe jedoch nur für ihre Person an. Sie führte die Fabrik weiter, unterstützt von ihren Verwandten und dem damals 13jährigen <span class="abbr" title="Krupp">K.</span>, den der Vater noch in die Grundlagen der Gußstahlherstellung eingeführt hatte. Mit zunächst nur sieben Arbeitern wurde die Fabrikation von Werkzeugstahl, Feilen, Lohgerbergeräten und später Walzen aufgenommen. Langwierige Versuche waren nötig, um Sicherheit in der Herstellung von qualitativ hochwertigem Stahl zu gewinnen. Umsatz und Belegschaft stiegen nur langsam. 1830 entschloß sich <span class="abbr" title="Krupp">K.</span>, bei der Herstellung von Walzen zur Endfabrikation überzugehen, da die gelieferten Walzenrohlinge bei dem unsachgemäßen Drehen, Polieren und Härten durch die Kunden häufig gesprungen waren. Für Fertigfabrikate konnte dagegen – und dies hatte <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> bei den Gerbergeräten bereits Ende der 1820er Jahre getan – eine Qualitätsgarantie übernommen werden. Zugleich ermöglichte die Fertigfabrikation eine rationellere Ausnutzung des Materials und der Arbeitskräfte. Bahnbrechend wurde bei der Gußstahlerzeugung vor allem der Übergang zu Güssen aus mehreren Tiegeln: 1832 gelang ein Guß von 75 kg aus vier Tiegeln, 1834 ein Guß von 200 kg aus acht Tiegeln. Die Verfeinerung der Technik des Drehens, Polierens und Härtens (hier erwarb sich <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> selbst umfassende Kenntnisse) ermöglichte die Herstellung von glasharten, hochpräzisen und praktisch unzerstörbaren Walzen, die vor allem in Münzen, Gold- und Silberschmieden benötigt wurden.

Die Aufhebung der Zollschranken 1834 nutzte <span class="abbr" title="Krupp">K.</span>, um durch ausgedehnte Reisen den süddeutschen Kundenkreis zu erweitern. Der so erhöhte Auftragsbestand verschärfte jedoch ein altes Problem: die Abhängigkeit des Schmiedehammerbetriebes von der ungleichmäßig verfügbaren und auch häufig zu schwachen Wasserkraft. Um dem abzuhelfen, wurde 1834/35 eine Dampfmaschine erworben. <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> versuchte vergeblich, die Mittel dafür als Darlehen von der <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Regierung zu erhalten. Den Ankauf ermöglichte sein Vetter Carl Friedrich <span class="abbr" title="von">v.</span> Müller, der sich zugleich mit einem Drittel an der Gußstahlfabrik beteiligte. Mit dem Einsatz der Dampfmaschine konnten sämtliche Arbeitsgänge, das Schmelzen und Gießen, das Ausschmieden und die abschließende Bearbeitung an einem Ort vereinigt werden. Das Unternehmen expandierte daraufhin deutlich: Die Zahl der Beschäftigten stieg von 30 (1824) auf 67 (1835), der Umsatz in denselben Jahren von 6 244 auf 11 049 Taler. In der Leitung wurde <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> durch seinen 1831 eingetretenen jüngeren Bruder Hermann, im maschinentechnischen Bereich seit 1834 von einem Ingenieur unterstützt. In der Fabrik führte Arbeitsteilung zur Heranbildung von Spezialisten für die einzelnen Arbeitsvorgänge. Hauptproblem war, die Beschäftigung für die erweiterten Betriebseinrichtungen auch langfristig zu sichern. Dies erreichte <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> zum einen durch Fortentwicklung und Ausweitung im Produktionsbereich: Die seit 1835 hergestellten Spezialwalzen für das Auswalzen hochfeiner, in der Brokat- und Tressenindustrie benötigter Gold- und Silberfäden erreichten einen bis dahin ungekannten Grad von Präzision, verbunden mit großer Haltbarkeit. Zum anderen wurde mit der planmäßigen Erschließung von Auslandsmärkten begonnen; die Reisen unternahmen <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> und sein Bruder sowie ein 1836 eingestellter „Reisender“. Der Auslandsumsatz stieg von 6 303 Talern 1836 auf 18 439 Taler 1837. 1838/39 bereiste <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> 15 Monate lang Frankreich und England; er gewann neue Abnehmer in Frankreich und erweiterte in England seine Kenntnisse über Stahlherstellung und Arbeitsorganisation.

1839 wurde in der Gußstahlfabrik ein deutlicher Auftragsrückgang spürbar. Die Ursachen lagen in der von Frankreich ausgehenden Wirtschaftskrise sowie in der fortschreitenden Mechanisierung des Edelmetallgewerbes: Zahlreiche kleine Handwerksbetriebe, bisher Hauptabnehmer der <span class="abbr" title="Krupp">K.</span>schen Walzen und Walzmaschinen, gingen allmählich dazu über, ihre Halbfabrikate vorgefertigt von großen Edelmetallwerken zu beziehen. Schließlich führte die nahezu unbegrenzte Haltbarkeit der Walzen langfristig dazu, daß die Zahl der Aufträge zurückging, weil kaum Ersatzkäufe notwendig wurden. <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> versuchte, diese Schwierigkeiten dadurch zu beheben, daß er 1840 mit der Herstellung von kompletten Walzwerken, Justierwerken und Vorstreckanlagen begann. Die 1841 in Paris eingerichtete erste Krupp-Auslandsvertretung dehnte das Absatzgebiet für Walzen nach Südfrankreich aus. Bis 1843 entwickelten die drei Krupp-Brüder – seit 1839 war der technisch sehr begabte Friedrich mit in der Fabrik tätig – gemeinsam die Besteckwalze, mit der Löffel und Gabeln gleichzeitig gewalzt und geprägt werden konnten. Die Anregung dazu hatten sie von einem Münchener Graveur erhalten. Aber für Besteckwalzwerke gab es, ebenso wie für die übrigen Walzwerke, Justier- und Vorstreckanlagen, nur einen relativ kleinen Kundenkreis. Die Aufträge waren nicht zahlreich, dann aber von großem Volumen. Dadurch konnten sie schwer einkalkuliert werden. Es fehlten als tragfähige Grundlage Produkte, für die eine stetige Nachfrage bestand.

Deshalb bemühte sich <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> in den 1840er Jahren um die Gründung von Besteckfabriken, um selbst die kontinuierliche Besteckfabrikation aufzunehmen. Weder in Deutschland, noch später in England und Rußland, gelang ihm das. Dagegen gründete er 1843 in Österreich (Berndorf) mit Alexander Schoeller als Kapitalgeber eine Metallwarenfabrik für die Herstellung von Eßbestecken. Diese Fabrik wurde seit 1844 von [Hermann Krupp](https://www.deutsche-biographie.de/sfz46426.html) geleitet. Ihre Ausstattung mit Besteckmaschinen und Prägewalzen brachte der Essener Gußstahlfabrik lohnende Aufträge.

Gleichzeitig bemühten sich <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> und vor allem [Friedrich Krupp](https://www.deutsche-biographie.de/sfz46420.html) darum, neue Anwendungsbereiche für den Gußstahl zu finden. Es mußten stark beanspruchte Stücke sein, damit die Verwendung von qualitativ hochwertigem und strapazierfähigem, aber auch teurem Gußstahl sich lohnte. Produkte dieser Art waren: Klavierdraht, Werkzeug, Maschinenteile, Brustpanzer, hohlgeschmiedete Gewehrläufe und ein Probegeschützrohr. Es blieb jedoch bei Versuchen und Einzellieferungen. Die zu diesen Aktivitäten notwendige finanzielle Bewegungsfreiheit gewann <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> 1844 durch die Kapitaleinlagen des neuen Teilhabers Fritz Sölling; der bisherige Teilhaber <span class="abbr" title="von">v.</span> Müller war 1844 ausgeschieden. Insgesamt folgte nun ein kurzer geschäftlicher Aufschwung. Der Umsatz stieg von 48 160 Talern 1844 auf 79 601 Taler 1846.

Die 1846/47 einsetzende allgemeine Wirtschaftskrise führte zu einem drastischen Auftragsrückgang. Dieser Rückgang sowie Belastungen durch die Anfangsverluste der Berndorfer Fabrik und durch betriebliche Schwierigkeiten infolge der häufigen Abwesenheit <span class="abbr" title="Krupp">K.</span>s führten zu Verlusten des Essener Unternehmens, zu deren Deckung keine Rücklagen zur Verfügung standen. Im Frühjahr 1848 übertrug Therese Krupp ihrem Sohn das Unternehmen, um eine einheitliche Leitung zu gewährleisten. Die Situation verschärfte sich jedoch und führte im April 1848 zur Zahlungsunfähigkeit. Um eine, wenn auch reduzierte Arbeiterschaft halten und ihr die Löhne zahlen zu können, griff <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> auf seinen Privatbesitz zurück. Durch einen großen Besteckmaschinenauftrag aus Rußland konnte dieser Tiefpunkt überwunden werden. Der allmählich einsetzende Konjunkturaufschwung brachte weitere Aufträge. 1849 wurde die damals noch selbst um ihren Fortbestand ringende Berndorfer Metallwarenfabrik von dem Essener Unternehmen gelöst. Zugleich verschaffte sich <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> durch die Aufnahme von Verbindungen zum Bankhaus Oppenheim und später zum Schaaffhausenschen Bankverein finanziellen Bewegungsspielraum.

Eine Phase der Expansion setzte ein, die etwa bis zum Ausbruch der Wirtschaftskrise 1857 währte und durch die Entwicklung neuer Produkte für den Verkehrsbereich sowie neue Verfahren bei der Erzeugung von Tiegelgußstahl geprägt war. Mit dem weiteren Ausbau der Eisenbahnen wuchs der Bedarf an Achsen und Federn. Darüber hinaus erschloß die stetig fortentwickelte Fähigkeit, größere Güsse herzustellen, neue Anwendungsbereiche, <span class="abbr" title="zum Beispiel">z. B.</span> große Kurbelwellen für Dampfschiffe sowie besonders strapazierte Großteile für den Maschinenbau. Hinzu kamen seit 1853 die nahtlos geschmiedeten, später gewalzten Eisenbahnradreifen (Bandagen). <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> hatte sie in jahrelangen Versuchen aus den kleinen, ebenfalls nahtlos gefertigten Walzenringen entwickelt und hielt sie für seine bedeutendste Erfindung. In Anlehnung daran wurden 1875 die drei aufeinandergelegten Ringe zum Firmenzeichen bestimmt. <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> ging auch zur Fertigung von Rädern und Radsätzen über. Für den erhöhten Bedarf erwies sich das bisher praktizierte Verfahren, Tiegelgußstahl aus selbst hergestelltem Zementstahl zu erschmelzen, als zu kostspielig. Deshalb begann <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> 1853, Puddelstahl als Tiegeleinsatz zu verwenden. Er bezog ihn zunächst von verschiedenen kleinen Hütten, seit 1855 aus dem neu errichteten eigenen Puddelstahlwerk. Das Verfahren, nicht nur Eisen, sondern auch Stahl im Puddelofen herzustellen, war in den 1840er Jahren in Deutschland entwickelt worden. Die Belegschaft stieg von 109 (1849) auf 365 (1854); der Umsatz betrug 1849 68 300 Taler, 1854 303 308 Taler.

Die Wirtschaftskrise von 1857 traf <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> nicht so schwer wie seine Konkurrenz, da er die Beschäftigung durch Staatsbahnaufträge, Vorratsproduktion und eigene Bauvorhaben aufrechterhalten und die dazu notwendigen Finanzmittel durch die Aufnahme stiller Teilhaber sichern konnte. 1859 gelang ihm mit dem Auftrag der preußischen Militärbehörden über 300 vorgearbeitete Rohrblöcke für Geschützrohre der Durchbruch in einen neuen Anwendungsbereich für Qualitätsgußstahl. Diesem ersten Großauftrag waren langwierige Versuche und eine Reihe von kleineren, im Verhältnis zum Aufwand<span class="pb" title="Seite im Original 133">|</span>jedoch letztlich erfolglosen Aufträgen vorausgegangen. Erst die Entscheidung der preußischen Militärbehörden für die Einführung des Hinterladesystems und für Geschütze aus Gußstahl anstelle von Gußeisen oder Bronze brachte die Wende. Dazu kam das persönliche Mitwirken des damaligen Prinzregenten Wilhelm am Zustandekommen dieses Auftrags. <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> begann bald mit der Herstellung vollständiger Geschütze und baute neue Werkstätten, um die gewünschte Zahl liefern zu können.

Die sprunghafte Expansion des Unternehmens in den 1860er Jahren ist daneben auch der Aufnahme der Stahlproduktion nach dem Bessemerverfahren zuzuschreiben. Mit diesem Verfahren konnte man in derselben Zeit die siebzigfache Stahlmenge herstellen. <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> hatte bereits 1855 Kontakte zu Bessemer aufgenommen und erwarb als erster das Patent für Deutschland. 1862 nahm das Krupp-Bessemerwerk als erstes dauerbetriebenes auf dem <span class="abbr" title="europäisch">europ.</span>Festland die Produktion auf: Das war der Schritt zur Massenproduktion. Es zeigte sich allerdings, daß der Bessemerstahl die Qualität des Tiegelgußstahls nicht erreichte. Er eignete sich jedoch für andersartig beanspruchte Erzeugnisse wie Schienen und Stahlbleche, die in den folgenden Jahren einen umfangreichen Teil der Gesamtproduktion darstellten. Parallel dazu gelangen beim Tiegelgußstahl immer größere Güsse (<span class="abbr" title="zum Beispiel">z. B.</span> 1865 ein Guß von 35 000 kg aus 1184 Tiegeln), die mit Hilfe des 1861 erbauten, als technisches Wunderwerk bestaunten, von <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> selbst entworfenen 50-t-Dampfhammers „Fritz“ geschmiedet werden konnten. Um 1865 wurde zudem die Herstellung von Eisenbahnrädern im Stahlformguß aufgenommen. Die Belegschaft war von 2 108 (1861) auf 8 248 (1865), der Bruttoumsatz in den gleichen Jahren von umgerechnet 4,1 <span class="abbr" title="Million(en)">Mill.</span> auf 15,7 <span class="abbr" title="Million(en)">Mill.</span> Mark angewachsen. In diesen Jahren der Belegschaftserweiterung baute <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> die ersten – damals noch verhältnismäßig kleinen – Arbeiterfamiliensiedlungen. Für unverheiratete Arbeiter hatte er seit 1856 Wohnheime errichtet, die Kost und Unterkunft boten. Die bereits 1836 eingerichtete freiwillige Hilfskasse für Krankheits- und Todesfälle war 1853 in eine Kranken- und Sterbekasse mit Beitrittspflicht umgewandelt worden, zu deren Kostendeckung das Unternehmen seit 1855 einen jährlichen Zuschuß in Höhe von 50 % der Mitgliederbeiträge zur Verfügung stellte. 1855 hatte <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> eine Pensionskasse und 1858 eine werkseigene Bäckerei errichtet, aus der später die Konsumanstalt hervorging.

Die Jahre bis 1873 brachten eine weitere starke Expansion, die durch die Wirtschaftskrise von 1867/68 nur geringfügig unterbrochen, dagegen stark gefördert wurde durch den allgemeinen Aufschwung der Gründerjahre nach dem deutsch-<span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Krieg: Die Belegschaft des Gesamtkonzerns stieg allein von 1871 bis 1873 von 10 400 auf 16 000, der Bruttoumsatz von etwa 29 <span class="abbr" title="Million(en)">Mill.</span> auf 40,8 <span class="abbr" title="Million(en)">Mill.</span> Mark. Neue Lösungen gab es in dieser Zeit vor allem in den Bereichen der Rohstoffsicherung und der Stahlerzeugung. 1865 erwarb <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> vom <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Fiskus die Saynerhütte mit der Mülhofener Hütte, in den folgenden Jahren weitere Hütten sowie Hunderte von Erzgruben an der Lahn und im Westerwald. Er pachtete oder kaufte Kohlenzechen und gewann mit der Beteiligung an einer spanischen Erzgrube den Zugang zu phosphorarmen und damit für das Bessemerverfahren geeigneten Erzen. Für deren Transport gründete er eine eigene Reederei in Rotterdam. Damit war der Schritt zum vertikalen Konzern getan. Im metallurgischen Bereich wurde bereits 1869 bei Krupp das Siemens-Martin-Verfahren eingeführt, bei dem mit Einsätzen von Schrott und Roheisen Stahl hergestellt werden konnte, der dem Bessemerstahl qualitativ überlegen war. Er eignete sich für Eisenbahnräder, Achsen, schwere Kurbelwellen u. ä. und ersetzte damit den teuren Tiegelgußstahl in einigen Anwendungsbereichen.

Relativ schwächstes Glied dieser gesamten Expansion, die neben den genannten Investitionen im Rohstoff- und Produktionsbereich auch den Bau von Arbeiterkolonien umfaßte, war die Finanzierung: <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> hatte in hohem Maße Bankkredite aufgenommen, ohne dabei für ausreichende Sicherheiten zu sorgen. So kam es in der Wirtschaftskrise 1874 fast zum finanziellen Zusammenbruch des Unternehmens. <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> mußte der Verpfändung der Gußstahlfabrik an ein Bankenkonsortium unter Führung der preußischen Seehandlung zustimmen. Der Berliner Krupp-Vertreter Carl Meyer wurde als Vertrauensmann der Banken in die „Procura“ eingesetzt. Meyer gelang es in den folgenden Jahren, die Finanzen des Unternehmens neu zu ordnen und dabei vor allem Kostensenkungen zu erreichen. Wichtiges Instrument hierfür wurde das 1874 als interne Prüfungsinstanz eingerichtete Rechnungsrevisionsbüro. <span class="abbr" title="Krupp">K.</span>, dem das Ausmaß der Gefahr wohl erst nachträglich ganz bewußt wurde, zog sich seitdem noch stärker vom Unternehmen zurück. Dieser Trennungsprozeß war schon in den 1860er Jahren eingeleitet worden, räumlich durch den Umzug der Familie aus dem Fabrikgelände auf den südlich von Essen liegenden „Hügel“, organisatorisch durch das Einsetzen der „Kollektiv-Procura“ als einer von der Person des Inhabers losgelösten Werksleitung. 1872 erließ <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> das von ihm selbst entworfene „Generalregulativ“, das umfassende Richtlinien für die Unternehmensführung und -verwaltung enthielt und gewährleisten sollte, daß das Unternehmen auch ohne ihn in seinem Sinn fortgeführt würde.

Die weitere Entwicklung des Unternehmens bis 1887 verlief ruhiger. Es erholte sich nur langsam von den Folgen der schweren Wirtschaftskrise. Erst 1886 wurde die Belegschaftsstärke von 1874 wieder erreicht. Im Geschützbereich arbeiteten Artilleriefachleute an der Weiterentwicklung von Feld-, Belagerungs- und Schiffsgeschützen. Die Einrichtung firmeneigener Schießplätze ermöglichte ihre von Militärbehörden unabhängige Erprobung. Die Bereiche Maschinenteile, Schiffs- und Eisenbahnmaterial wurden ausgebaut, 1886 das Asthöwersche Stahlwerk in Annen bei Witten angegliedert. Damit war auch der Schritt zum horizontal gegliederten Konzern getan. Im Todesjahr <span class="abbr" title="Krupp">K.</span>s (1887) umfaßte die Belegschaft des Gesamtkonzerns 20 200 Mitarbeiter, davon etwa 13 000 in der Gußstahlfabrik, der Bruttoumsatz betrug im Geschäftsjahr 1887/88 47,5 <span class="abbr" title="Million(en)">Mill.</span> Mark. <span class="abbr" title="Krupp">K.</span>s Führungsverhalten hatte mit zunehmendem Alter an Klarheit verloren. So wies er auf der einen Seite unter Berufung auf das Generalregulativ die „Procura“ an, selbständig zu handeln, auf der anderen Seite aber schrieb er ungezählte Notizen an seine leitenden Mitarbeiter, um ihnen seine Gedanken und Anweisungen zur weiteren Entwicklung des Unternehmens, oft auch nur zu Detailfragen, mitzuteilen. Zwar sind die wichtigsten Entscheidungen dieser Jahre nicht ohne seine Zustimmung getroffen worden, zu anderen dringend anstehenden Entscheidungen konnte er sich jedoch nicht mehr durchringen. Das gilt <span class="abbr" title="zum Beispiel">z. B.</span> für die Einführung des Thomasverfahrens, nachdem das von Kruppschen Metallurgen entwickelte Verfahren zur Stahlgewinnung aus phosphorhaltigen Erzen sich als nicht wirtschaftlich erwies. Das gilt auch für die aus wirtschaftlichen Gründen dringend notwendig gewordene standortmäßige Verbindung von Verhüttung und Stahlerzeugung. <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> hat persönlich die Gewinnung fähiger Staatsbeamter wie Wilhelm Gußmann (1839–1906), Ludwig Klüpfel (1843–1910) und [Hanns Jencke](https://www.deutsche-biographie.de/sfz37155.html) für das Unternehmen angeregt. Auf der anderen Seite aber hat er sich in zunehmendem Maße bei seinen Aktivitäten innerhalb des Werkes und nach außen des Verhandlungs- und Vermittlungsgeschicks seines Sohnes Friedrich Alfred bedient. In seinem Testament wirkte er mit der Festlegung des ungeteilten Übergangs des Unternehmens an jeweils einen Erben über drei Generationen (Fideikommiß) und mit der Verpflichtung, die Erträgnisse nicht zur persönlichen Bereicherung, sondern „zur Erweiterung des Werkes und zum Wohle des Ganzen“ zu nutzen, bestimmend auf die Zukunft des Unternehmens ein.

Insgesamt gesehen hat <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> ein in hohem Maße wettbewerbsfähiges Unternehmen geschaffen. Dieser Erfolg wurde zum einen durch die für die industrielle Entwicklung günstigen allgemeinen Bedingungen im 19. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> ermöglicht. Eine weitere Erfolgsbedingung war die unternehmerische Leistung, die die Marktsituation zu nutzen verstand und die Einflußfaktoren der Wettbewerbsfähigkeit in den Bereichen Produktion, Beschaffung von Produktionsfaktoren und Absatz erfolgreich zu gestalten vermochte. Im Produktionsbereich hat <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> entscheidendes Gewicht auf Verfahrens- und Produktinnovation gelegt. Insbesondere bei der Stahlerzeugung hat er überwiegend die jeweils neueste Entwicklung aufgegriffen. Er fand differenzierte Anwendungsmöglichkeiten für die unterschiedlichen Stahlqualitäten. Es gelang ihm, immer neue Erzeugnisse in sein Fertigungsprogramm aufzunehmen und dabei häufig bis zu den in der Regel ertragreicheren Endprodukten vorzustoßen. Damit verfügte er letztlich über eine Produktpalette, die – abgesehen von konjunkturbedingten Schwankungen – eine relativ gleichmäßige Beschäftigung erlaubte. Die Wirtschaftlichkeit des Produktionsprozesses wurde erreicht durch die Verwendung moderner Technologien und durch den systematischen Ausbau der Arbeitsorganisation.

<span class="abbr" title="Krupp">K.</span> hat die Beziehung zwischen wirtschaftlicher Großfertigung und einem – auch aufgrund der intensiven Konkurrenz notwendigen – weiträumigen Absatzgebiet frühzeitig erkannt. Unter den Kunden gewannen dabei seit Ende der 1840er Jahre die Eisenbahngesellschaften im In- und Ausland besondere Bedeutung. Mit den ersten größeren militärischen Lieferungen an Preußen begann eine Entwicklung, die einen Teil der Produktion des Unternehmens für viele Jahrzehnte prägen sollte. Zu diesen militärischen Aufträgen Preußens und später des Deutschen Reichs<span class="pb" title="Seite im Original 135">|</span>kamen – mit Wissen der deutschen Behörden – Lieferungen auch an ausländische Staaten. – Die Erfolge im Absatzbereich sind auf verschiedene Faktoren zurückzuführen: Eine bereits früh garantierte hohe Produktqualität, werbewirksame Repräsentation auf den Industrieausstellungen im In- und Ausland sowie bewußt gepflegte Beziehungen insbesondere zum preußisch-deutschen Herrscherhaus.

Bei der Sicherung und optimalen Gestaltung der Produktionsfaktoren Rohstoffe und Energie, Arbeitskraft und Kapital ist <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> nicht immer gleichermaßen erfolgreich gewesen. Gelungen sind ihm seine Bemühungen im Rohstoff- und Energiebereich, vor allem durch die Übernahme von Kohle- und Erzgruben. Gelungen ist ihm auch die Sicherung der Arbeitskräfte. <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> hat sich von Anfang an um die Schaffung und Erhaltung einer festen und hochqualifizierten Stammarbeiterschaft bemüht, ohne die er die angestrebte hohe Produktqualität nicht garantieren konnte. Er hat – mit Erfolg – versucht, die Arbeiter in den Betrieb zu integrieren, um so eine „Gemeinschaft der Kruppianer“ mit beiderseitiger Verpflichtung zu schaffen. Die Maßnahmen im sozialen und im Arbeitsbereich sind – hauptsächlich ihrer Motive wegen – oft kritisiert worden; <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> bezweckte mit ihnen in erster Linie die Sicherung des Unternehmenserfolgs. Wichtiger als die Motive sind für die Beurteilung der sozialen Maßnahmen aber deren Wirkungen. <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> hat seine Arbeiter durch das Verbot gewerkschaftlicher und sozialdemokratischer Betätigung sowie – in den Krupp-Siedlungen – der Lektüre sozialdemokratischer Zeitungen auch außerbetrieblich reglementiert und dadurch ihren politischen und privaten Bewegungsspielraum eingeengt. Auf der anderen Seite hat er den Arbeitern ein nur durch den Unternehmenserfolg ermöglichtes überdurchschnittliches Maß an materieller Sicherheit gegeben und dadurch auch ihre Integration in die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung erleichtert. Die Zahl der Streiks blieb daher bei Krupp auch verhältnismäßig niedrig. Die hauptsächlichen Maßnahmen zur materiellen Sicherung der Belegschaft waren: Die Zahlung überdurchschnittlicher Löhne; die Beschäftigung der Stammarbeiterschaft auch in Krisenzeiten und selbst dann, wenn dies sehr große – zuweilen auch private – finanzielle Anstrengungen erforderte; ein umfassendes, für die betriebliche und <span class="abbr" title="zum Teil">z. T.</span> auch die staatliche Sozialpolitik beispielgebendes System betrieblicher Sozialeinrichtungen.

Die Beschaffung von Kapital war wohl das schwächste Glied innerhalb der unternehmerischen Leistung <span class="abbr" title="Krupp">K.</span>s. Die Finanzierungsprobleme bei Krupp waren <span class="abbr" title="zum Teil">z. T.</span> deshalb so groß, weil sich im 19. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> erst allmählich ein Kapitalmarkt entwickelte, der den Bedürfnissen einer stark expandierenden Wirtschaft auch in Krisenzeiten gewachsen war. Hinzu kam aber bei <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> in besonderem Maße ein Hang zu sehr risikoreichen Finanzierungen ohne Rücksicht darauf, ob Teilhaber und Banken diese Politik in Krisenzeiten stützen würden. Zur Finanzierung der umfangreichen Investitionen in Produktionsanlagen und in soziale Einrichtungen sowie für den Erwerb anderer Unternehmungen standen in der Regel nur verhältnismäßig geringe Eigenmittel zur Verfügung. Die restliche Finanzierung sicherte <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> teils durch die Aufnahme stiller Teilhaber, teils durch kurzfristige Bankkredite. In Krisenzeiten erwiesen sich diese Quellen häufig als nicht erweiterungsfähig. Da auch größere Rücklagen fehlten, kam es mehrfach zu Engpässen, die den Bestand des Unternehmens ernsthaft gefährdeten.

Seinen Erfolg verdankt <span class="abbr" title="Krupp">K.</span> seiner Risikobereitschaft und Zähigkeit, dem Blick für erfolgversprechende technische Entwicklungen und Märkte sowie für qualifizierte Mitarbeiter. Er hat sich nahezu ausschließlich seinem Unternehmen gewidmet und niemals Funktionen im öffentlichen oder Verbandsbereich übernommen. Er lehnte die ihm von den nationalen Parteien angetragene Kandidatur für den Reichstag mit den Argumenten ab, daß er kein Politiker sei, sondern durch „Wort, Tat und Beispiel der Wohlfahrt des Landes“ dienen wolle.<abbr title="gestrichen:  – [d. Red.]">|</abbr>

##### 26. Wilhelm I. 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/RnGimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/RnGimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> erhielt 1801–09 mit seinen Geschwistern eine sorgfältige Erziehung im Geist der philanthropischen Spätaufklärung durch den <span class="abbr" title="evangelisch">ev.</span> Theologen und Pädagogen [Friedrich Delbrück (1768–1830)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz9578.html), der die Erziehungsfortschritte seiner Zöglinge für deren Mutter dokumentierte. Anschließend wurde der nicht zum Thronfolger bestimmte <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> von dem späteren General [Oldwig <span class="abbr" title="von">v.</span> Natzmer (1782–1861)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68088.html) zum Offizier ausgebildet. Prägende Erlebnisse waren die Niederlage Preußens gegen Frankreich, die anschließende Flucht der Königsfamilie nach Königsberg und Memel 1806/07 sowie der Tod der Mutter 1810. 1813/14 nahm <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> an den Befreiungskriegen teil und erhielt seine „Feuertaufe“ Ende <span class="abbr" title="Februar">Febr.</span> 1814 in der Schlacht bei Bar-sur-Aube. Einen Monat später zog er mit der alliierten Armee in Paris ein; im Sommer 1814 hielt sich <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> mit seinem Vater und Zar [Alexander I.](https://www.deutsche-biographie.de/sfz56568.html) in Großbritannien auf. Der zweite Feldzug gegen [Napoléon](https://www.deutsche-biographie.de/sfz67917.html) führte ihn als Offizier im Som-<span class="pb" title="Seite im Original 138">|</span>mer 1815 noch einmal nach Paris; von Juli 1817 bis <span class="abbr" title="Januar">Jan.</span> 1818 besuchte er Rußland. Nach dem Krieg setzte er seine Offizierslaufbahn fort und erlangte 1818 den Rang eines Generalmajors und Inspekteurs des VII. und VIII. <span class="abbr" title="Preußisch">Preuß.</span> Armeekorps; 1825 wurde <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span>, dessen militärische Fähigkeiten anerkannt waren, als Generalleutnant zum Kommandierenden General des III. Armeekorps befördert. Seine militärische Karriere schloß er 1854 mit der Ernennung zum Generalobersten der Infanterie im Rang eines Feldmarschalls ab. Seit 1857 stand er an der Spitze der <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Armee.

Nachdem <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> 1820–26 vergeblich darum gekämpft hatte, die als nicht standesgemäß geltende <span class="abbr" title="Prinzessin">Prn.</span> [Elisa Radziwill (1803–1834)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz143157.html) heiraten zu dürfen, führte er seit 1829 eine Vernunftehe mit <span class="abbr" title="Prinzessin">Prn.</span> [Augusta von Sachsen-Weimar](https://www.deutsche-biographie.de/sfz39040.html). Als Wohnsitz diente der Familie neben dem für sie 1835–37 erbauten Kronprinzenpalais Unter den Linden in Berlin <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> das nach den Wünschen Augustas 1834/35 errichtete Schloß Babelsberg bei Potsdam. Seit den frühen 1840er Jahren lebte das Ehepaar zwar weiterhin in einem Haushalt, hielt jedoch persönliche Distanz; das eheliche Verhältnis wurde immer wieder durch politische Differenzen und Konflikte in familiär-dynastischen Angelegenheiten getrübt.

<span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> verstand sich in erster Linie als Offizier und entwickelte lange Zeit nur geringe politische Interessen. Im Jahr des <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Thronwechsels 1840 wurde er von seinem kinderlosen Bruder, <span class="abbr" title="König">Kg.</span> [Friedrich Wilhelm IV.](https://www.deutsche-biographie.de/sfz56985.html), mit dem Titel eines „Prinzen von Preußen“ zum Thronfolger ernannt. In den folgenden Jahren kritisierte <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> die ihm zu liberal erscheinende Verfassungspolitik seines Bruders, <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> die als Beginn einer Verfassungsreform gedachte Berufung des „Vereinigten Landtags“ (1847), was <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> den Ruf eines Reaktionärs einbrachte.

Von der Märzrevolution 1848 überrascht, mußte er sich wenige Tage nach Ausbruch der Unruhen ins Exil nach London begeben, wo sich seine politischen Auffassungen rasch wandelten. Unter dem Einfluß des gemäßigt liberal gesinnten <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Gesandten [Christian Carl Josias <span class="abbr" title="von">v.</span> Bunsen (1791–1860)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz7401.html) gab <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span>seine Bedenken gegen die konstitutionelle Monarchie auf und freundete sich mit der – vorher von ihm ebenfalls abgelehnten–Idee eines politisch geeinten Deutschlands an. Nach seiner Rückkehr nach Preußen erklärte er Anfang Juni 1848 öffentlich, er schließe sich als gehorsamer Diener seines Bruders den neuen politischen Verhältnissen „mit vollem Herzen“ an.

Die gegenrevolutionären Maßnahmen der Regierung im Nov./Dez. 1848, die Vertagung und Verlegung der <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Nationalversammlung, die Verhängung des Belagerungszustands über Berlin und der Erlaß einer vergleichsweise freiheitlichen Verfassungsurkunde durch den König am 5.12.1848 wurden von <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span>begrüßt und mitgetragen. Ebenso befürwortete er die Entscheidung seines Bruders, die diesem im April 1849 angetragene <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Kaiserkrone abzulehnen. Inzwischen zum Kommandeur einer Operationsarmee in Südwestdeutschland ernannt, wirkte <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> wesentlich daran mit, den letzten revolutionären Aufstand in Baden und in der Pfalz (Mai-Juli 1849) militärisch niederzuschlagen, was ihm einerseits hohe Auszeichnungen seitens <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> und ausländischer Regenten, andererseits den Schimpfnamen eines „Kartätschenprinzen“ einbrachte.

<span class="abbr" title="Wilhelm I,">W.</span>, der lange nicht damit rechnete, seinem Bruder als König nachfolgen zu müssen, gedachte, seine militärische Laufbahn als Militärgouverneur der strategisch wichtigen <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Westprovinzen 1850–57 mit Sitz in Koblenz abzuschließen. Von der Rheinprovinz aus nahm er intensiven Anteil an der Berliner Politik und hielt engen Kontakt zu den führenden Akteuren der liberal-konservativen „Wochenblattpartei“. Mit seinem Bruder kam es 1853/54 zu heftigen Auseinandersetzungen, <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> wegen des vom frommen König mißbilligten Eintritts des nachmaligen Thronfolgers Friedrich Wilhelm in eine Freimaurerloge und wegen der von <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> abgelehnten Entlassung des „westlich“ orientierten <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Kriegsministers [Eduard <span class="abbr" title="von">v.</span> Bonin (1793–1865](https://www.deutsche-biographie.de/sfz5247.html)[)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz5247.html) während des Krimkriegs 1854 durch den König, der in dieser Zeit streng auf Neutralität zwischen den Kriegsparteien bedacht war.

[Friedrich Wilhelm IV.](https://www.deutsche-biographie.de/sfz56985.html) beauftragte <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> 1857 krankheitsbedingt mit der Stellvertretung in der Leitung der Staatsgeschäfte. Die im Januar, April und Juni 1858 verlängerte Stellvertretung endete am 7.10.1858 mit der offiziellen Übernahme der Regentschaft infolge dauernder Regierungsunfähigkeit des Königs.

Am 26.10.1858 legte <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> den Eid auf die <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Verfassung ab und berief umgehend eine neue, gemäßigt liberale Regierung unter Ministerpräsident [Karl-Anton von Hohenzollern-Sigmaringen (1811–85)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz39918.html) und dessen Stellvertreter[ Rudolf <span class="abbr" title="von">v.</span> Auerswald (1795–1866)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz1550.html). Doch die mit der anbrechenden „Neuen Ära“ der <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Politik verbundenen Hoffnungen des liberal und national gesinnten Bürgertums erfüllten sich nicht. Zum einen griffen die von <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> befehligten <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span>Bundestruppen nicht in den von Frankreich und<span class="pb" title="Seite im Original 139">|</span>Piemont-Sardinien im Sommer 1859 gegen Österreich geführten Krieg ein, weil sich die Wiener Regierung den von <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> eingeforderten Konzessionen versagte, die auf eine Gleichberechtigung beider <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Großmächte im <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Bund abzielten; zum anderen leitete <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span>als Prinzregent seit 1859 eine grundlegende Heeresreform in Preußen ein, die ihn bald in einen eskalierenden Konflikt mit der liberalen Mehrheit des Berliner Abgeordnetenhauses führte.

Mit dem Ende <span class="abbr" title="Dezember">Dez.</span> 1859 zum Kriegsminister ernannten General [Albrecht <span class="abbr" title="von">v.</span> Roon (1803–79)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz76891.html) plante <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> eine personelle Aufstockung der Armee entsprechend der gestiegenen Bevölkerungszahl des Landes und eine Eingliederung der bis dahin separat geführten, vom Bürgertum dominierten Landwehr in die reguläre Heeresorganisation. Die in Preußen höchst umstrittene dreijährige militärische Dienstzeit sollte nach <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span>s Vorstellungen gegen alle Widerstände beibehalten werden.

Hierüber kam es zu einem Konflikt zwischen Regierung und Volksvertretung, der sich nach dem Tod Friedrich Wilhelms IV. und <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span>s Thronbesteigung am 2.1.1861 weiter verschärfte. <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span>s Selbstkrönung am 18.10.1861 in Königsberg – seit der ersten Königskrönung 1701 die zweite (und letzte) in der <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span>Geschichte – wurde als „Demonstration des Gottesgnadentums im preußischen Verfassungsstaat“ (W. Bußmann) interpretiert. Da sich <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> einem von der Landtagsmehrheit mehrfach angebotenen Kompromiß verweigerte, spitzte sich die innere Lage im Frühjahr und Sommer 1862 nach Auflösung und Neuwahl des Landtags und dem Rücktritt mehrerer Minister zu. Ob <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> im <span class="abbr" title="September">Sept.</span> 1862 ernsthaft seine Abdankung plante oder zeitweilig mit diesem Gedanken spielte, ist umstritten; jedenfalls lehnte Kronprinz Friedrich einen solchen Schritt – und damit auch eine eigene Thronbesteigung – strikt ab. Auf Empfehlung <span class="abbr" title="von">v.</span> Roons ernannte <span class="abbr" title="Wilhelm I,">W.</span> am 23.9.1862 den <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Gesandten in Paris, [Otto <span class="abbr" title="von">v.</span> Bismarck (1815–98)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html), zum Ministerpräsidenten. Diesem gelang es in den folgenden Jahren, den harten Kurs des Königs bis zu einer einvernehmlichen Beilegung des Konflikts nach dem Krieg 1866 durchzuhalten.

Dazwischen lagen jedoch die ersten <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Einigungskriege 1864 mit dem Habsburgerreich gegen Dänemark um Schleswig-Holstein und 1866 mit den norddt. Verbündeten gegen Österreich und dessen <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Kriegspartner. Allerdings setzte [Bismarck](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html) in diesen Jahren wesentliche Entscheidungen gegen <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span>s zumeist anfänglichen Widerstand durch: Im Sommer 1863 verzichtete <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> nach heftiger Auseinandersetzung mit Bismarck auf die Teilnahme am von <span class="abbr" title="Kaiser">Ks.</span> [Franz Joseph (1830–1916)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz56938.html) einberufenen Frankfurter Fürstentag, 1864 verhinderte [Bismarck](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html) die anfangs von <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> gewünschte Regierungsübernahme in Schleswig-Holstein durch das Fürstenhaus Augustenburg, und 1866 erreichte [Bismarck](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html) – wiederum nach einem Konflikt mit <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> und der <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> militärischen Führung–, daß die besiegte Habsburgermonarchie aus politischen Gründen von Gebietsabtretungen verschont blieb.

Nach dem siegreichen Krieg gegen Frankreich 1870 wurde <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> am 18.1.1871 in Versailles zum ersten „Deutschen Kaiser“ proklamiert. Er akzeptierte diesen Titel und die mit der Reichsgründung verbundene Aufgabe der Selbständigkeit des <span class="abbr" title="Königreich">Kgr.</span> Preußen nur widerwillig, fügte sich jedoch dem Willen seiner <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span>Mitregenten und <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> [Bismarcks](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html). Während seiner Regentschaft als Kaiser harmonierte <span class="abbr" title="Wilhelm I">W.</span> keineswegs immer mit dem als <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Ministerpräsidenten und nun auch als Reichskanzler dominierenden [Bismarck](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html). Nur mit starker Reserve trug er dessen Kulturkampf gegen die <span class="abbr" title="katholisch">kath.</span> Kirche mit und verhinderte <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span>die Aufhebung der Orden für die Krankenpflege. Der strenggläubige <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> verstand sich im wörtlichen Sinne als Monarch „von Gottes Gnaden“ und nahm besonders seine Aufgaben als Oberhaupt (Summus episcopus) der <span class="abbr" title="evangelisch">ev.</span> Kirche in Preußen ernst. Immer wieder griff er in die Zusammensetzung des <span class="abbr" title="Evangelisch">Ev.</span>Oberkirchenrats in Berlin ein und widersetzte sich, soweit es ihm möglich war, den Säkularisierungstendenzen der Epoche.

Am 11. 5. und am 2.6.1878 wurden auf <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> zwei Attentate verübt, bei dessen zweitem er schwer verletzt wurde und die Regierungsgeschäfte für mehrere Monate seinem Sohn übertragen mußte. Die überraschend hohe Anteilnahme der Bevölkerung zeigte die große Popularität, die <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> als Kaiser inzwischen genoß.

Nach dem Berliner Kongreß im Juli 1878 verschlechterten sich die <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span>-<span class="abbr" title="russisch">russ.</span> Beziehungen drastisch, da der Zar [Bismarck](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html) zu Unrecht unterstellte, während der von ihm geleiteten Kongreßverhandlungen den <span class="abbr" title="british">brit.</span> Gegner begünstigt zu haben. [Bismarck](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html) entschloß sich aus diesem Grund zu einem festen Bündnis mit Österreich-Ungarn, dem im <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 1879 abgeschlossenen Zweibund. <span class="abbr" title="Wilhelm I">W.</span> sperrte sich aus alter Anhänglichkeit an Rußland und die den Hohenzollern eng verwandte Zarenfamilie während seines letzten Konflikts mit Bismarck monatelang gegen den Abschluß dieses Bündnisvertrags, mußte jedoch dem Wil-<span class="pb" title="Seite im Original 140">|</span>len des wieder einmal mit Rücktritt drohenden Kanzlers nachgeben.

In seinen letzten Lebensjahren überließ <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> die aktive Politik weitgehend Bismarck. 1887 traf er noch einmal eine politisch-militärische Grundsatzentscheidung, indem er sich in einem von den führenden Militärs, darunter [Helmuth <span class="abbr" title="von">v.</span> Moltke (1800–91)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz64976.html) und [Alfred <span class="abbr" title="Graf">Gf.</span> <span class="abbr" title="von">v.</span> Waldersee (1832–1904)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz138494.html), einberufenen Kriegsrat gegen deren Forderung nach einem baldigen Präventivkrieg gegen Rußland wandte – hierin später ausdrücklich auch von Bismarck unterstützt. <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span>s letzte Lebensmonate waren überschattet von der Sorge um den in San Remo (Italien) weilenden schwer erkrankten Kronprinzen, der nur drei Monate nach seinem Vater starb. Als <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> Anfang März 1888 erkrankte, wurde deshalb der älteste Sohn des Kronprinzen, Prinz [Wilhelm (1859–1941)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz3235.html), mit der Stellvertretung des Kaisers beauftragt.

Die <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> von seinem Enkel und nachmaligem <span class="abbr" title="Kaiser">Ks.</span> [Wilhelm II.](https://www.deutsche-biographie.de/sfz3235.html) später verliehene Bezeichnung „Wilhelm der Große“ setzte sich nicht durch; <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> blieb den Zeitgenossen und Nachgeborenen eher als „königlicher General mit konservativem Weltbild“ (H. Seier) in Erinnerung. Hierzu trug auch eine extensive (National-) Denkmalskultur bei, die um die Wende zum 20. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> zur Errichtung zahlreicher <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span>-Denkmale – meist als Reiterstandbild – in <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Städten führte. Prägend für das <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span>-Bild in der Öffentlichkeit wurde auch dessen Darstellung auf [Anton <span class="abbr" title="von">v.</span> Werners (1843–1915)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz111222.html) Ölgemälde „Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches“, von dessen drei Fassungen (1877, 1882, 1885) <span class="abbr" title="Wilhelm I.">W.</span> die zweite selbst in Auftrag gab.

##### 27. Wilhelm II.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/wwMimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/wwMimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> kam mit einer schweren körperlichen Behinderung zur Welt. Bedingt durch eine Unachtsamkeit der Geburtshelfer war sein linker Arm geschädigt und blieb dauerhaft verkürzt, gelähmt und mißgeformt. Während einer weithin unglücklich verlebten Kindheit wurde <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> von seiner Mutter mit offener Geringschätzung behandelt und von seinem Hauslehrer, dem calvinistischen Pädagogen [Georg Hinzpeter (1827–1907)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz32471.html), streng, spartanisch und lieblos erzogen. Nachdem er 1877 das altsprachliche Abitur am Friedrichsgymnasium in Kassel abgelegt hatte, studierte er 1877–79 <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> Rechts- und Staatswissenschaften an der <span class="abbr" title="Universität">Univ.</span> Bonn (<span class="abbr" title="Mitglied">Mitgl.</span> d. Corps Borussia 1878), absolvierte in Potsdam seinen Militärdienst und sammelte in Berlin in verschiedenen <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Ministerien und im Auswärtigen Amt Erfahrungen auf fast allen Gebieten der Staatsverwaltung und Außenpolitik.

Nach dem Tod seines Vaters <span class="abbr" title="Kaiser">Ks.</span> [Friedrichs III.](https://www.deutsche-biographie.de/sfz17316.html) folgte ihm <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> 1888 als <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Kaiser und König von Preußen. Der Beginn seiner Regierungstätigkeit war durch ein entschieden sozialpolitisches Engagement geprägt, das von karitativen und wohlfahrtspflegerischen Aktivitäten seiner Ehefrau begleitet wurde. Im Arbeitskampf an der Ruhr ergriff er 1889 offen Partei für die streikenden Bergleute und legte 1890 umfangreiche Pläne für einen sozialpolitischen Neubeginn vor, in dessen Mittelpunkt eine großzügige Regelung des Arbeiterschutzes stehen sollte. All das brachte ihn in Konflikte mit Reichskanzler [Otto <span class="abbr" title="von">v.</span> Bismarck (1815–98)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html), den er 1890 entließ. Zu einer Aussöhnung <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span>s mit der Sozialdemokratie als parteipolitischer Vertretung der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Arbeiterschaft kam es trotz zahlreicher Schritte zur Ausgestaltung der reichsweiten Sozialgesetzgebung in der Folgezeit dennoch nicht. <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span>s Interesse an einer Rolle als sozialer Kaiser erlahmte rasch. <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> entfernte sich zunehmend von der Pflege eines, für einen konstitutionellen Monarchen angemessenen, überparteilichen Verhältnisses zur politischen Vertretung der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Arbeiterschaft, wovon viele rhetorische Entgleisungen gegen die Sozialdemokraten zeugen, die er <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> als „eine Rotte von Menschen“ bezeichnete, die es nicht wert sei, „den Namen Deutscher zu tragen“.

Die von <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> mitverantwortete Außenpolitik des <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Reichs führte nach Bismarcks Entlassung zu manchen Irritationen. Die Nichterneuerung des <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span>-<span class="abbr" title="russisch">russ.</span>Rückversicherungsvertrags 1890 wurde <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> auf Veranlassung des neuen Reichskanzlers [Leo <span class="abbr" title="von">v.</span> Caprivi (1831–99)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz42058.html) und des Auswärtigen Amts vollzogen. Die „Krüger-Depesche“, jenes 1896 während des 1. Burenkriegs an den Burenführer Oom Krüger gerichtete Glückwunschtelegramm, das die <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span>-<span class="abbr" title="englisch">engl.</span>Beziehungen erheblich belastete, folgte einem gemeinschaftlich eingebrachten Vorschlag des Reichskanzlers [Chlodwig <span class="abbr" title="von">v.</span> Hohenlohe-Schillingsfürst (1819–1901)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz33329.html), des Staatssekretärs des Auswärtigen Amts [Adolf Marschall <span class="abbr" title="von">v.</span> Bieberstein (1842–1912)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz58540.html) und des Leiters der Kolonialabteilung [Paul Kayser (1845–1898)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz143170.html). Mit seinem demonstrativ inszenierten Besuch in Tanger (Marokko) 1905 folgte <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> Anregungen aus Kreisen des Auswärtigen Amts, des diplomatischen Dienstes und des Reichskanzlers [Bernhard <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow (1849–1929)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz6334.html). <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> ließ sich nur widerstrebend auf die für ihn auch physisch nicht ungefährliche Aktion ein. Zur aufsehenerregenden Entsendung des Kanonenboots SMS Panther nach Agadir (Marokko) zwecks Herausstellung weltmachtpolitischer Ansprüche überredete ihn <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> der Staatssekretär des Auswärtigen Amts [Alfred <span class="abbr" title="von">v.</span> Kiderlen-Waechter (1852–1912)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz40825.html).

Auch die schwerste Krise in seiner Herrschaft, die „Daily Telegraph-Affäre“ 1908, ging auf die fahrlässige Handhabung der Staatsgeschäfte seitens der von <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> ernannten<span class="pb" title="Seite im Original 142">|</span>Regierung zurück. In einem Interview mit der Londoner Tageszeitung „Daily Telegraph“ unterstellte <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> den Deutschen eine mehrheitlich anti-<span class="abbr" title="british">brit.</span> Gesinnung und betonte dagegen seine eigene englandfreundliche Haltung; ein von ihm während des Burenkriegs nach England versandter Feldzugsplan habe zum Sieg der <span class="abbr" title="british">brit.</span> Truppen beigetragen. Solche törichten Äußerungen wurden in England als Anmaßung empfunden, in Deutschland entfachten sie einen Entrüstungssturm in Presse und Parlament. <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> hatte jedoch strikt verfassungskonform und konstitutionell korrekt gehandelt, indem er den Interviewtext vor der Veröffentlichung zur Prüfung an <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow übergeben hatte, der ihn ungelesen freigab.

Das Schlagwort vom „persönlichen Regiment“, das zur Kennzeichnung von <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span>s Regierungsstil immer wieder herangezogen worden ist und ihm unterstellt, er habe seine ihm konstitutionell zugewiesenen Grenzen durch selbstherrliche Einmischungen in die laufenden Staatsgeschäfte überschritten und die verfassungsmäßig verantwortlichen Entscheidungsgremien – also Reichsregierung und Reichstag – auszuschalten versucht, erweist sich bei näherem Hinsehen als Fiktion. Denn hinter der Fassade des selbstherrlichen und kraftstrotzenden Imperators, wie sie sich durch effektvolle Inszenierungen und theatralisch zur Schau gestelltes Machtbewußtsein in Reden, Paraden, Reisen und Manövern darbot, verbarg sich eine unsichere und durchsetzungsschwache Existenz.

Allerdings verwiesen gerade die vielen „Kaiserreden“ mit ihrer demonstrativen Hervorhebung absolutistischer Neigungen und ihrer weitstrahlenden Resonanz im öffentlichen Raum auf das machtsymbolisch-repräsentative Gewicht, das dem Kaiseramt in seiner Handhabung durch <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> zuwuchs. Den Bedarf nach performativer Darstellung der Monarchie bediente er dabei in äußerst medienwirksamer Form. Hier agierte er in vollem Bewusstsein als „Reichsmonarch“, mithin als eine Instanz, welche die Nation nicht nur symbolisierte, sondern sie zugleich auch sehr vernehmlich repräsentierte. So konnte das Kaisertum bis zum Kriegsausbruch 1914 mit einigem Recht für sich beanspruchen, als agile, moderne und in hohen Maße populäre Institution auf der Höhe der Zeit wahrgenommen zu werden.

Dazu trug auch <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span>s Aufgeschlossenheit gegenüber allen Fragen der Technik bei, seine Begeisterung für die Errungenschaften des industriellen Systems und sein facettenreiches Engagement zugunsten einer fortschrittlichen Wissenschafts-, Bildungs- und um konfessionellen Ausgleich bemühten Kirchenpolitik. Schon 1889 hatte er in einem seiner ersten Erlasse den Anhängern eines streng humanistischen Bildungsideals zugunsten der Vertreter einer stärkeren Berücksichtigung angewandter Bildungsinhalte eine deutliche Absage erteilt und sich anlässlich zweier großer Schulkonferenzen 1890 und 1900 für eine praxisnahere Lehrplangestaltung in den <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Gymnasien ausgesprochen. In eine vergleichbare Richtung zielten seine Bemühungen um die Hebung des Ansehens der Technischen Hochschulen gegenüber dem traditionellen Bildungsmonopol der Universitäten (Neugründung <abbr title="Technische Universität">TU</abbr> Danzig 1904, <abbr title="Technische Universität">TU</abbr>Breslau 1910). 1899 verlieh er allen <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Technischen Hochschulen das Promotionsrecht (Dr. <span class="abbr" title="Ingenieur">Ing.</span>), bewirkte damit deren Gleichstellung mit den Universitäten und verschaffte den Absolventen der Natur- und Technikwissenschaften ein höheres gesellschaftliches Ansehen.

Auch die Gründung der „Kaiser-Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften“ 1911 (seit 1948: Max-Planck-<span class="abbr" title="Gesellschaft(en)">Ges.</span>) verdankte <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span>s persönlichem Einsatz wesentliche Impulse. Sie fördert bis heute durch privatwirtschaftliche und staatliche Finanzierung den Unterhalt zahlreicher eigenständiger Forschungsinstitute und diente damit in <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span>s Sicht nicht zuletzt den Interessen <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Weltgeltung. Berücksichtigt man zudem <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span>s Interesse für ethnologische und archäologische Feldforschung (Korfu) sowie an den Kulturen des Alten Orients (<span class="abbr" title="Vorsitzender">Vors.</span> d. <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Orient-<span class="abbr" title="Gesellschaft(en)">Ges.</span>) und seine persönlich gepflegten Kontakte zu führenden Gelehrten aus unterschiedlichen Fachdisziplinen – etwa zu dem Historiker [Karl Lamprecht (1856–1915)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz53494.html), dem <span class="abbr" title="evangelisch">ev.</span> Theologen [Adolf <span class="abbr" title="von">v.</span> Harnack (1851–1930)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz49285.html) und dem Archäologen [Wilhelm Dörpfeld (1853–1940)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69664.html)–, so zeigt sich ein wissenschaftspolitisches Engagement, dessen Spannweite von keinem anderen zeitgenössischen Monarchen erreicht wurde.

Weder beförderte <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> den Beginn des 1. Weltkriegs noch verhinderte er ihn. Hatte er durch Staatsbesuche, Familienfeiern und Korrespondenzen seine Verwandtschaftsbeziehungen zum <span class="abbr" title="british">brit.</span> und <span class="abbr" title="russisch">russ.</span> Herrscherhaus intensiv gepflegt und war vor der Entfesselung eines großen <span class="abbr" title="europäisch">europ.</span> Kriegs bis zuletzt zurückgeschreckt, so unterwarf er sich im Juli 1914 schließlich dem Druck seiner militärischen Ratgeber, allen voran des Chefs des Großen Generalstabs [Helmuth <span class="abbr" title="von">v.</span> Moltke (1848–1916)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz64976.html).

Während des Kriegs 1914–18 verblaßten <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span>s<span class="pb" title="Seite im Original 143">|</span>Bild und Ansehen vor dem Hintergrund der durchsetzungsstärkeren militärischen Führungsfiguren [Erich Ludendorffs (1865–1937)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz54616.html) und [Paul <span class="abbr" title="von">v.</span> Hindenburgs (1847–1934)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz57166.html). Als Oberstem Befehlshaber von Heer und Marine gelang es <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> nicht, strategische und diplomatische Aktionen miteinander zu koordinieren und Interessenkonflikte zwischen militärischer und ziviler Führung zu harmonisieren.

Vielmehr trat er hinter den Entscheidungen der Generale zurück, verzichtete auf die Ausübung seiner Prärogativen und wurde von weiten Teilen der Bevölkerung zunehmend als „Schattenkaiser“ empfunden. Nach dem Beginn der Revolution in Berlin legte ihm Hindenburg die Flucht in die Niederlande nahe, womit der Idee der Monarchie, zumindest in Preußen, der Boden entzogen wurde.

Am 28.11.1918 dankte <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> offiziell ab, am 1. <span class="abbr" title="Dezember">Dez.</span> verzichtete Kronprinz [Wilhelm](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60656.html) auf die Nachfolge.

<span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span> verbrachte 21 Exiljahre – auf Schloß Amerongen, seit 1920 in Haus Doorn bei Utrecht – in weitgehender Einförmigkeit, aufgelockert durch Besuche früherer Vertrauter und Wissenschaftler (Doorner Arbeitskreis, <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> [Leo Frobenius, 1873–1938](https://www.deutsche-biographie.de/sfz17728.html), [Friedrich Sarre, 1865–1945](https://www.deutsche-biographie.de/sfz38632.html), [Walter Friedrich Otto, 1874–1958)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74268.html) und die Arbeit an rund einem Dutzend eigenständiger Publikationen zu kunst- und kulturgeschichtlichen Themen zwischen 1922 und 1939. Seinen Herrschaftsanspruch gab er niemals auf und hielt – getragen von illusionären Restaurationshoffnungen – dafür zeitweise auch eine partielle Kooperation mit Repräsentanten des „Dritten Reichs“ für geboten.

Seine in den 1920er Jahren tendenziell aufkeimende Judenfeindlichkeit wich spätestens nach den Novemberpogromen 1938, die er als Verbrechen empfand, wachsender Wut und Empörung über die Schandtaten des NS-Regimes. Von 1940 bis zu seinem Tod waren Angehörige der SS im Doorner Park stationiert, um jeden näheren Kontakt zwischen ihm sowie <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Soldaten und Offizieren ebenso zu unterbinden wie eventuelle Sympathiebekundungen zugunsten der alten Dynastie.

In der Rückschau erscheint der letzte <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Kaiser und <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> König als repräsentativer Exponent <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Befindlichkeiten im Zeitalter des Hochimperialismus. Die historische Einschätzung <span class="abbr" title="Wilhelm II">W.</span>s schwankt zwischen Apologetik ([N. Sombart](https://www.deutsche-biographie.de/sfz122830.html)), Verdammung (J. Röhl) und ausgewogeneren Sichtweisen ([M. Balfour](https://www.deutsche-biographie.de/sfz143172.html), [Ch. Clark](https://www.deutsche-biographie.de/sfz143173.html)). Daß es <span class="abbr" title="Wilhelm II.">W.</span> in seiner 30jährigen Regierungszeit nicht gelang, das <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Königtum und <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Kaisertum zu neuen, zukunftweisenden Formen zeitgenössischer Akzeptanz zu führen, gehört zum Schicksal einer zeitlebens überforderten, letztlich viel zu kleinen Gestalt in einem viel zu großen Raum.

##### 28. Frank Wedekind

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/uOlimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/uOlimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> wuchs in Hannover auf. Nach dem Umzug der Familie auf das Schloß Lenzburg (<span class="abbr" title="Kanton">Kt.</span> Aargau) 1872 besuchte er seit 1875 die dortige Bezirksschule und 1879–84 die Kantonsschule in Aarau. Während dieser Zeit entstand ein beträchtlicher Teil seiner an [Goethes](https://www.deutsche-biographie.de/sfz53095.html) und [Heines](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68461.html) Lyrik orientierten Gedichte. In seine Kindertragödie „Frühlings Erwachen“ (1891) flocht er viele Reminiszenzen an seine Schulzeit ein. 1884 begann <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> in München ein Jurastudium, das er 1886 abbrach, um als Werbetexter für den Lebensmittelfabrikanten [Julius Maggi (1846–1912)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55605.html) in Kempttal bei Zürich und als freier Journalist für die NZZ zu arbeiten. In Zürich schloß er sich dem literarischen Zirkel „Das junge Deutschland“ um [Karl Henckell (1864–1929)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz29669.html), [John Henry Mackay (1864–1933)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55451.html), [Carl (1858–1921)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68449.html) und [Gerhart Hauptmann (1862–1946)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68448.html) an und nahm 1888 sein Studium wieder auf. Dieses brach er nach dem Tod seines Vaters erneut ab, zog 1889 nach Berlin und hoffte, Anschluß an die Berliner Literaturszene und den Kreis um [Gerhart Hauptmann](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68448.html) zu finden. Noch im selben Jahr mangels eines <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Passes aus Berlin ausgewiesen, ließ sich <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> als freier Schriftsteller in München nieder, wo er 1891 der „Gesellschaft für modernes Leben“ beitrat, deren führende Köpfe, [Michael Georg Conrad (1846–1927)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz27618.html), [Otto Julius Bierbaum (1865–1910)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz4447.html) und [Oskar Panizza (1853–1921)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz93732.html), die naturalistische Zeitschrift „Die Gesellschaft“ herausgaben.

Nach vergeblichen Versuchen, für seine frühen Dramen (Der Schnellmaler, 1889; Kinder u. Narren, 1891; Frühlings Erwachen, 1891) einen Verleger oder eine Bühne zu gewinnen, ging <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> Ende 1891 nach Paris. Seinen bis Ende 1894 dauernden Aufenthalt, der von einer mehrwöchigen Zwischenstation in London 1894 unterbrochen war, dokumentierte er in seinen Pariser Tagebüchern (Die Tagebücher, Ein erot. Leben, <span class="abbr" title="herausgegeben">hg.</span> <span class="abbr" title="von">v.</span> [G. Hay](https://www.deutsche-biographie.de/ppn106773801.html), 1986, Internetversion in d. Präsenz der F.-<span class="abbr" title="Wedekind">W.</span>-<span class="abbr" title="Gesellschaft(en)">Ges.</span>). In Paris entstanden „Die Büchse der Pandora, Eine Monstretragödie“ (geteilt in die Doppeltragödie „Lulu“: „Der Erdgeist“, 1895, u. „Die Büchse der Pandora“, 1903) und die erste Fassung des Fragment gebliebenen Romans „Mine-Haha“ (1903).

1898 wagte Carl Heine (1861–1927) in Leipzig die Uraufführung des „Erdgeists“, die erste Inszenierung überhaupt eines seiner antinaturalistischen Werke. Dieser Anfangserfolg wurde zunichte, als <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> nach der Veröffentlichung des Gedichts „Im heiligen Land“ in der Zeitschrift „Simplicissimus“ wegen Majestätsbeleidung angeklagt wurde. Um sich der Verhaftung zu entziehen, floh er nach Zürich und Paris, entwarf während des Exils das Schauspiel „Der Marquis von Keith“, stellte<span class="pb" title="Seite im Original 534">|</span>sich 1899 der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Polizei und wurde zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt, die er auf der Feste Königstein bei Leipzig verbrachte.

Nach seiner Freilassung war <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> Mitarbeiter der Zeitschrift „Die Insel“ und schloß sich 1901 dem neugegründeten Münchener Kabarett „Die Elf Scharfrichter“ an. Dort trug er <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> die Balladen „Der Tantenmörder“, „Brigitte B.“ und „Der Zoologe von Berlin“ zur Laute vor. Ein erster großer Theatererfolg war die Inszenierung von „Erdgeist“ am Berliner „Kleinen Theater“ 1902 durch [Richard Vallentin (1874–1908)](https://www.deutsche-biographie.de/sfzV0121.html). Zu weiteren bedeutenden Publikumserfolgen verhalf 1905 die Münchner Uraufführung von „Hidalla“ („Karl Hetmann, der Zwergriese“, 1904 / 11) durch [Georg Stollberg (1853–1926)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz127767.html) mit <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> in der Hauptrolle.

Seit 1904 war <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> eng mit [Maximilian Harden (1861–1927)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70007.html) und [Walter Rathenau (1867–1922)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz52310.html) befreundet. Ein Gerichtsverfahren gegen <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> und seinen Verleger [Bruno Cassirer (1872–1941)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz19466.html) in Berlin wegen Verbreitung der als unzüchtig geltenden Schrift „Die Büchse der Pandora“ endete 1906 mit Freispruch. [Karl Kraus (1874–1936)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz44927.html) führte „Die Büchse der Pandora“ 1905 in Wien in geschlossener Gesellschaft auf, nachdem die Uraufführung bereits 1904 im Nürnberger „Intimen Theater“ von Direktor [Emil Meßthaler (1869–1927)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz127785.html) gewagt worden war.

Seit <span class="abbr" title="September">Sept.</span> 1905 wohnte <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> in Berlin, wo sich der Kontakt zu [Max Reinhardt (1873–1943)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz105095.html) intensivierte. Mit ihm schloß <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> 1905 / 06 einen Schauspieler- und Autorenvertrag. [Reinhardts](https://www.deutsche-biographie.de/sfz105095.html) Uraufführung von „Frühlings Erwachen“ verschaffte <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> den endgültigen Durchbruch zu einem der meistgespielten Dramatiker der Vorkriegszeit. 1908 zog die Familie nach München, wo <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> „Musik, Sittengemälde in vier Bildern“ (1908) schrieb, ein Stück gegen den Abtreibungsparagraphen 218 und zugleich eine Satire auf den Richard Wagner-Kult. Zudem verfaßte er mehrere Einakter, das Ehe- und Familiendrama „Schloß Wetterstein“ (1910 / 12, Aufführung verboten), das Emanzipations-Drama „Franziska, Ein modernes Mysterium“ (1912), das Beziehungsdrama „Simson oder Scham und Eifersucht“ (1914) und das Kriegsdrama „Herakles“ (1917). Nach Kriegsausbruch entstand <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span>s historisches Schauspiel „Bismarck“ (1915, Aufführung verboten), das erste <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Dokumentarstück. Elemente epischen Stils zeichneten seine Dramen seit „Frühlings Erwachen“ aus: durch Prolog, Monolog, Gedicht- und Liedeinlagen, Tänze, Spiel im Spiel und Zitatmontage (<span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> in „Bismarck“). Wegen der gesellschaftskritischen und tagespolitischen Sujets über Geschlechterrollen, Erziehung, Ehe, Familie, Macht und Zensur war der politisch liberal eingestellte, pazifistische <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> seinerzeit der von der Zensur am meisten verfolgte Theaterautor.

<span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> war Avantgardist einer neuen Theaterkultur, die stark auf das entstehende expressionistische und politische Theater des frühen 20. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> einwirkte ([Georg Kaiser](https://www.deutsche-biographie.de/sfz39533.html), [Carl Sternheim](https://www.deutsche-biographie.de/sfz106524.html), [Walter Hasenclever](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70021.html), [Franz Werfel](https://www.deutsche-biographie.de/sfz64829.html), Bertolt Brecht). Auch der Stummfilm nahm sich <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span>s Dramen an ([L. Jessner](https://www.deutsche-biographie.de/sfz37245.html), Erdgeist, 1923; [<span class="abbr" title="Wedekind">W.</span>Pabst](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74387.html), Die Büchse d. Pandora, 1929). Nach der durch den Nationalsozialismus unterbrochenen Rezeption seiner Werke wurden <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span>s Dramen wieder gespielt und seine Werke in Auswahl neu aufgelegt. Eine (auch literaturwissenschaftliche) <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span>-Renaissance setzte, unterstützt durch Filmadaptionen ([R. Thiele](https://www.deutsche-biographie.de/sfz131751.html), Lulu, 1962), seit 1960 ein. Aufführungen von Alban Bergs Oper „Lulu“ (1937) erreichten verspätet hohe Aufmerksamkeit (1979 [P. Boulez](https://www.deutsche-biographie.de/sfz115268.html) u. [P. Chereau](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118520342.html)) und erhöhten die Beachtung von <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span>s Werk. Inszenierungen von „Frühlings Erwachen“ (Bundesrep.: [P. Zadek](https://www.deutsche-biographie.de/sfz110888.html) u. [<span class="abbr" title="Wedekind">W.</span> Minks](https://www.deutsche-biographie.de/sfz135523.html), 1965; <span class="abbr" title="Deutsche Demokratische Republik">DDR</span>: [B. K. Tragelehn](https://www.deutsche-biographie.de/sfz112639.html) u. [E. Schleef](https://www.deutsche-biographie.de/sfz112635.html), 1974) und <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> [Zadeks](https://www.deutsche-biographie.de/sfz110888.html) Inszenierung der „Büchse der Pandora“ nach der Urfassung 1988 wirkten als Auslöser für ein starkes multi- und intermediales Interesse an <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span>s Stücken auf der Bühne, in der Musik (Lulu-Album: L. Reed u. Metallica, 2011), im Film ([U. Janson](https://www.deutsche-biographie.de/ppn136905609.html), Lulu, 2006) und im Comic ([N. Mahler](https://www.deutsche-biographie.de/ppn129012424.html), Lulu u. d. schwarze Quadrat, 2014). Der Geschlechterdiskurs bestimmte von Anfang an die Auseinandersetzung um <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span>s Werk. Erst spät wurde dessen politische Dimension, <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> in <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span>s kritischen Liedern gegen das wilhelminische Kaiserreich („Simplicissimus“-Gedichte), erkannt. Die Verstrickung von Kunst, Politik und Kommerz, dargestellt <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> in „Der Kammersänger“, „Marquis von Keith“ und „Oaha“, war eines von <span class="abbr" title="Wedekind">W.</span>s Generalthemen.

##### 29. Ernst Ludwig Kirchner

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/9T2image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/9T2image.jpeg)

<span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> besucht seit 1890 das Realgymnasium in Chemnitz und macht die ersten Holzschnittversuche unter Anleitung seines Vaters. Er erhält privaten Unterricht im Aquarellmalen. Auf einer Schulreise nach Nürnberg sieht er 1898 im Germanischen Nationalmuseum die Druckstödke der frühen Holzschnitte und Wiegendrucke und wird von der Kunst Albrecht Dürers angeregt, selbst Maler zu werden. Später schreibt er, daß dieses Erlebnis bestimmend für sein Ziel war, die deutsche Kunst zu erneuern.

Nach dem Abitur 1901 beginnt <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> das Studium der Architektur an der <abbr title="Technischen Hochschule">TH</abbr> Dresden. Zusammen mit seinem Studienfreund Fritz Bleyl setzt er seine malerischen Versuche fort. Im April 1903 legt er das Vordiplom ab und geht für 2 Semester nach München an die Kunstschule von W. von Debschitz und H. Obrist. 1904 kehrt er nach Dresden zurück, trifft Bleyl wieder und begegnet Erich Heckel. 1905 schließt <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> sein Studium mit der Diplomprüfung ab und wendet sich ausschließlich der Malerei zu. Durch Heckel wird der Architekturstudent Karl Schmidt aus Rottluff in den Freundeskreis eingeführt. Man schließt sich zur „Künstlergruppe Brücke“ zusammen, deren Programm <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> verfaßt. 1906 treten [Max Pechstein](https://www.deutsche-biographie.de/sfz94380.html) und [Emil Nolde](https://www.deutsche-biographie.de/sfz72321.html) hinzu. Gustav Schiefler aus Hamburg, der spätere Freund und Verfasser des ersten Graphik-Oeuvrekataloges, besucht die „Brücke“. Die Freunde arbeiten gemeinsam in Heckels und <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span>s Ateliers in der Berliner Straße. Die ersten Ausstellungen der Gruppe werden in der Lampenfabrik Seifert (1906, 1907), im Kunstsalon Richter (1907, 1908, 1910) und in der Galerie Arnold (1910) in Dresden gezeigt. In den Sommermonaten trennt man sich, um in der freien Natur zu arbeiten. 1906 malt <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> mit Pechstein in Goppeln bei Dresden, 1908 zum ersten Male auf Fehmarn, 1909 zusammen mit Heckel an den Moritzburger Seen bei Dresden, wo er auch den Sommer 1910 verbringt. 1911 wird abermals an den Moritzburger Seen gemalt, dann folgt eine Reise mit [Otto Mueller](https://www.deutsche-biographie.de/sfz66759.html), „Brücke“-Mitglied seit 1911, nach Böhmen. 1912-14 arbeitet <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> wieder auf Fehmarn.

Der Kontakt zum Kunstzentrum Berlin wird über die „Secession“ gesucht. Die Zurückweisung führt 1910 zur Gründung der „Neuen Sezession“, die vor allem durch die „Brücke“ für kurze Zeit in Berlin die neue expressionistische Kunst repräsentiert. Im Oktober 1911 übersiedelt <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> nach Berlin, wo er ein Atelier in der Durlacher Straße bezieht und zusammen mit Pechstein das „MUIM Institut“ (Moderner Unterricht in Malerei) gründet, dem kein Erfolg beschieden ist. Damals begegnet er seiner Lebensgefährtin Erna Schilling. 1912 werden zum letzten Male umfangreiche Ausstellungen der „Brücke“ in Berlin und Hamburg gezeigt; sie beteiligt sich an der 2. Ausstellung des „Blauen Reiter“ in München und wird zur Sonderbund-Ausstellung in Köln eingeladen, wo <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> und Heckel eine Kapelle ausmalen. 1913 verfaßt <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> die Chronik der „Brücke“, in der die Gemeinsamkeiten betont werden sollen. Doch statt den Zerfall der Gemeinschaft aufzuhalten, wird die subjektive Darstellung zum Anlaß der Auflösung.

Während einer Ausstellung in Jena gewinnt <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> die Freundschaft des Archäologen Botho Graf und des Philosophen [Eberhard Grisebach](https://www.deutsche-biographie.de/sfz23822.html); jene mit letzterem wird für sein späteres Leben entscheidend. Den Kriegsausbruch erlebt <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> auf Fehmarn. Er meldet sich<span class="pb" title="Seite im Original 659">|</span>freiwillig zur Artillerie, zeigt sich jedoch den Anforderungen des harten Dienstes nicht gewachsen und erleidet schon während der Ausbildung in Halle einen körperlichen und nervlichen Zusammenbruch. 1915 vom Dienst befreit, sucht er Heilung im Sanatorium Kohnstamm in Königstein im Taunus. Hier bleibt er bis zum Juli 1916 und knüpft Kontakte zu dem Sammler Dr. Hagemann und dem Kunsthändler Ludwig Schames in Frankfurt, der 1916 die erste von zahlreichen <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span>-Ausstellungen veranstaltet. Im Dezember 1916 muß <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> wegen einer Nervenkrise das Sanatorium Dr. Edel in Berlin aufsuchen. Da hier weder Heilung noch Eindämmung des Tablettenmißbrauchs zu erzielen sind, übersiedelt er im Mai 1917 auf Drängen seines Freundes Grisebach nach Davos, um sich dort in Behandlung von dessen Schwiegervater Dr. Lucius Spengler zu begeben, der <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> bis 1923 über die ärztliche Betreuung hinaus verständnisvoll zur Seite steht. Wegen starker Lähmungserscheinungen sucht <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> im September 1917 auf Anraten Henry van de Veldes das Sanatorium Dr. Binswanger in Kreuzungen auf, aus dem er nur halb geheilt im Juli 1918 endgültig nach Davos zurückkehrt. Er richtet sich das Bauernhaus „In den Lärchen“ auf der Längmatte bei Frauenkirch ein.

Im selben Jahr zeigt das Kunsthaus Zürich eine <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span>-Ausstellung, und in Deutschland vertritt die Galerie Schames weiter sein Werk. 1922 beginnt die Zusammenarbeit mit Lise Gujer, die Teppiche nach seinen Entwürfen webt. Er gewinnt die Freundschaft Frederic Bauers, der ihm bis zum Ende als Sammler und Arzt beisteht. 1923 wechselt <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> ein letztes Mal die Wohnung und bezieht ein Haus auf dem Wildboden. Seine Stellung in der Schweiz wird gefestigt durch umfangreiche Ausstellungen in Basel 1923 und Winterthur 1924, die einen starken Einfluß auf junge Schweizer Künstler ausüben, von denen in den folgenden Jahren einige zu seinen Schülern werden. Um die Jahreswende 1925/26 bereist <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> erstmals wieder Deutschland, wo seine Arbeiten auf zahlreichen Ausstellungen zu sehen sind. 1927 erhält er den Auftrag, den großen Festraum des Museums Folkwang in Essen auszumalen, doch bleibt es bei einem jahrelangen vergeblichen Kampf um die Realisierung. 1931 wird <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> Mitglied der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Die Kunsthalle Bern richtet 1933 eine große Retrospektive ein. Er begegnet [Paul Klee](https://www.deutsche-biographie.de/sfz41314.html); [Oskar Schlemmer](https://www.deutsche-biographie.de/sfz106739.html) und Fritz Winter besuchen ihn. Dennoch wächst durch die politische Entwicklung in Deutschland die menschliche und künstlerische Isolierung. In dieser Situation bedeutet 1937 die Aktion „Entartete Kunst“, durch die 639 seiner Arbeiten beschlagnahmt werden, für <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> nicht nur die Zerstörung seines Werkes, sondern zugleich die seines Lebens. Durch lange Krankheit geschwächt, hat er nicht mehr die Kraft, der Angst vor Verfolgung und der Verzweiflung zu widerstehen und wählt den Tod.

Malerei und Graphik stehen von Anfang an im Werk <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span>s gleichrangig nebeneinander. 990 Holzschnitte seit 1904, 673 Radierungen seit 1906 und 478 Lithographien seit 1907 verhelfen durch die technisch notwendige Vereinfachung zu einem klaren Stil und bilden damit die Formensprache der 1165 Gemälde vor. Die Zahl der Skizzen, Zeichnungen und Aquarelle geht hoch in die Tausende, Plastiken, vornehmlich in Holz, und Bildteppiche runden das Werk ab. <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> ist ein vorzüglicher Interpret seiner Kunst und begleitet mit erläuternden Texten, häufig unter dem Pseudonym Louis de Marsalle, sein bildnerisches Schaffen.

Das Werk <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span>s läßt sich in fünf Phasen gliedern, deren Folge wenigstens zu Beginn durch Ortswechsel mitbestimmt wird. Die frühen Arbeiten der Münchner und Dresdner Zeit zeigen Anregungen des Jugendstils, von van Gogh, Seurat, Toulouse-Lautrec, Matisse und Munch. Von den alten Meistern werden vornehmlich Cranach, Dürer und Rembrandt studiert. Die Motive sind der erlebten Umwelt entnommen: Stadtansichten, Landschaften, das eigene Bildnis und das der Freunde, später Zirkus und Varieté, vor allem aber der nackte menschliche Körper. Der Dresdner Stil beginnt mit einer hellen leuchtenden Farbigkeit und kurzen, mit der Form gehenden Strichen („Parksee“, 1906, G. 13 \[= Zählung nach Gordon, siehe Literatur \], London, Sammlung Teltsch). Der Farbauftrag wird bald züngelnder und breiter („Herrenbildnis“, 1907, G. 33, San Antonio, Kogler McNay Art Institute) und steigert sich pastos und wild, ganz aus kräftiger Farbe geschaffen („Frauenbildnis in weißem Kleid“, 1908, G. 39, Mönchengladbach, Sammlung Otten). Bereits 1909 beruhigt sich der Vortrag, wobei der breite Duktus oft die Form bildet und den Malgrund durchscheinen läßt („Straßenbahn in Dresden“, G. 99, Stuttgart, Sammlung Fischer). Der Stil von 1910 bringt größere Farbflächen und straffe Konturen, er ist spröder, eckiger und härter („Marcella“, G. 113, Stockholm, Moderna Museet). <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> findet die „Hieroglyphe“, das heißt Naturformen werden im Sinne von Abkürzungen in jeweils wechselnde Linien- und Flächenformen gebracht.<span class="pb" title="Seite im Original 660">|</span>Die Berliner Jahre 1911-16 bilden den zweiten Abschnitt in <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span>s Werk, sie sind zugleich die produktivsten seines Lebens. In der Steigerung der Form findet er neue Bildmittel und gestaltet das Erlebnis der modernen Großstadt, während er in den Sommermonaten die natürliche Einheit von Mensch und Landschaft erlebt. Von afrikanischen Skulpturen beeindruckt, beginnt er mit dem Schnitzen eigener Plastiken, was seinem Stil auch in den übrigen Arbeiten Plastizität gibt. Bilder von 1912 wie die „Ins Meer Schreitenden“ (G. 262, Stuttgart, Staatsgallerie) gleichen grandiosen Skizzen. Die Komposition verzahnt sich zu einem Netz, die Proportionen strecken sich und eine rasche Zeichenschrift überträgt die Bewegung ins Bild. Die Beschränkung auf Grün, Ocker und zartes Violett ist typisch für <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span>s farbliche Sparsamkeit und Vorliebe für ungewöhnliche Klänge. Das Strahlenornament, schräg zur Form gesetzte Pinselstriche, taucht auf und wird zum Merkmal der frühen Berliner Jahre. Die Betonung der Diagonalen und Senkrechten wird 1913 verstärkt, Staffelung und Reihung lassen Vorder- und Hintergrund in ein spannungsreiches Verhältnis treten („Drei Badende“, G. 356, New York, Sammlung Zimmermann). In den berühmten Straßenbildern, wie den „Fünf Frauen auf der Straße“ (G. 362, Köln, Wallraf-Richartz-Museum) und „Die Straße“ (G. 364, New York, Museum of Modern Art), wird die Form noch strenger, und die Zeichen stoßen in scharfen Dreiecken aufeinander. Aus Schwarz, Gelb und Grün oder aus Mischungen von Blau und Rot zu Schwarz und Weiß entstehen Zwischentöne und Klänge, die nur <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> eigen sind. 1914/15 verstärken raumhaltige Elemente den bedrängenden Eindruck, so der „Potsdamer Platz“ (1914, G. 370, Krefeld, Privatsammlung), der einer aufgeklappten Bühne mit gespenstisch bewegten Marionetten gleicht, und das Selbstbildnis als „Der Trinker“ (1915, G. 428, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum), das die selbstzerstörerische Krise des Künstlers zeigt. Die Graphik dieser Jahre zeitigt Höhepunkte in der europäischen Kunst, so die Farbholzschnittfolge „Peter Schlemihl“ (1915, D. H. 262-68), in der <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> seine Erlebnisse in der Militärzeit gestaltet.

Die Übersiedlung in die Schweiz bringt die große Zäsur in <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span>s Werk und zugleich den Beginn der dritten Periode (1917–27). Da die körperlichen Kräfte zum Malen noch fehlen, antwortet er der neuen Umwelt zunächst in Zeichnungen und Holzschnitten, wie in den großen Porträtschnitten „Kopf van de Velde“ (1917, D. H. 311, 312 \[Zählung nach Dube, 1967, <span class="italics">siehe Literatur</span>\]) und „Kopf Ludwig Schames“ (1918, D. H. 330) oder den Folgen „Triumph der Liebe“ (D. H. 342-50) und „Absalom“ (D. H. 358-66), beide 1918. Der splittrige Schnitt zeigt die gleiche Handschriftlichkeit wie die ersten Gemälde der Schweizer Bergwelt, etwa „Ziegenhirt am Morgen“ (1918, G. 525, Campione d'Italia, Sammlung Ketterer) in warmen Klängen Gelb, Rot, Grün oder „Wintermondlandschaft“ (1919, G. 558, Detroit, Institute of Art) in gestuftem Blau mit Orange, Rot und Violett. Mit der Gesundung des Künstlers geht die Festigung seines Stils einher („Frau mit Knaben“, 1920, G. 633, Zürich, Privatsammlung; „Der blaue Baum“, 1920/22, G. 651, Düsseldorf, Sammlung von der Goltz). Die 1922 begonnene Weberei fördert den flächigen Stil der folgenden Jahre, der vornehmlich in monumentalen Bauernbildern („Alpsonntag“, 1923/25, G. 734, Bern, Kunstmus.; „Handorgler“, 1924, G. 762, Frankfurt, Städelsches Kunstinst.) seinen Ausdruck findet.

Seit 1925 wandelt sich die Form zu der bis zur Arabeske vereinfachten Linien- und Flächengestalt der vierten Periode von 1927-35. Seit Beginn des Jahres 1927 beschäftigt sich <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> intensiv mit der künstlerischen Ausgestaltung des Festsaales im Museum Folkwang in Essen, dessen Thema „Die Farben sind die Freude des Lebens“ er selbst wählt. Als Vorarbeiten für Decken- und Wandgemälde entstehen großformatige Skizzen und Gemälde (1930, G. 948, Campione d'Italia, Sammlung Ketterer) und nehmen Einfluß auf das übrige Schaffen. Er betont seine bereits früher geübte, aus der Phantasie geborene Arbeit und seine künstlerische Verwandtschaft zu Kandinsky, Klee und Picasso, deren Anregungen er in seinen Bildern verarbeitet. Er gewinnt die freie Linie ohne Bindung an konkrete Körperlichkeit, welche allein der Phantasie und dem Spiel rhythmischer Vorstellungen gehorcht („Tanzender Frauenakt“, 1929/30, G. 939, <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span>-Nachlaß; „Liebespaar“, 1930, G. 947, Campione d'Italia, Sammlung Ketterer). Natur-, Licht- und Schattenformen verbinden sich mit Mitteln der Linie und Fläche zu einer neuen umfassenden Gesamtform. Es entstehen großartige Farbflächendrucke mit 4 bis 9 Platten, die <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span> zersägt und in immer neuen Farbvariationen abzieht („Kopf Dr. Bauer“, 1933, D. H. 633; „Drei Akte im Walde“, 1933, D. H. 637).

In den Stadtansichten von 1935, wie „Bern mit Zeitglockenturm“ (G. 977, Minneapolis (Minnesota), Institute of Arts) und „Bern mit Münster“ (G. 979, Riehen bei Basel, Sammlung Boßhart), ist der Höhepunkt der abstrahierenden Strenge bereits überschritten; sie leiten<span class="pb" title="Seite im Original 661">|</span>die letzte gleichsam klassische Phase in <span class="abbr" title="Kirchner">K.</span>s Werk ein (1936-38). Tiefer Erlebnisgehalt verbindet sich mit geklärter Form. Eine neue Hingabe an die Natur belebt die zumeist aus Phantasie und Vorstellung geschaffenen Arbeiten. In Gemälden wie dem „Sertigweg“ (1937, G. 1015, New York, Sammlung Adler) und „Hirten am Abend“ (1937, G. 1008, Campione d'Italia, Sammlung Ketterer) verbinden sich Kraft der Farbe und monumentale Form zu echter und inniger Intensität des Ausdrucks.

##### 30. Rudolf Diesel

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/r8Ximage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/r8Ximage.jpeg)

<span class="abbr" title="Diesel">D.</span>s Vater betätigte sich seit den 50er Jahren mit geringem wirtschaftlichen Erfolg in Paris als Fabrikant von feinen Lederwaren. Der Sohn mußte früh im väterlichen Geschäft helfen. Dabei erhielt er tiefe Einblicke in die sozialen Mißstände der Weltstadt, aber er begeisterte sich auch an ihren glänzenden technischen und wissenschaftlichen Leistungen (Weltausstellung 1867). In dem berühmten Technischen Museum zeichnete er schon als Elfjähriger Maschinen ab. Nach der Schlacht von Sedan mußte die deutsche Familie nach London flüchten und lebte dort in Not. Ende 1870 reiste der 12jährige <span class="abbr" title="Diesel">D.</span>allein zu Verwandten nach Augsburg, um dort die Gewerbe-, später die Industrieschule zu besuchen. Nach zwei Jahren teilte er seinen Eltern mit, er wisse, daß er niemals etwas anderes werden könne als Ingenieur. Von Stipendien und Stundengeben lebend, studierte er 1875-79 Maschinenbau an der <abbr title="Technischen Hochschule">TH</abbr>München, wo er das beste Examen seit Gründung der Anstalt ablegte. <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> war schon als ganz junger Mensch fest entschlossen, etwas Außergewöhnliches zu leisten. Sein erfinderisches Ziel wurde ihm 1878 deutlich, als er in der Vorlesung Carl Lindes über Thermodynamik von dem überaus schlechten Wirkungsgrad der Dampfmaschine hörte, die in bester und größter Ausführung nur 10-12% der in der Kohle enthaltenen Wärme in nutzbare Arbeit verwandelte, während die kleineren Dampfmaschinen einen noch drei- bis viermal schlechteren Wirkungsgrad aufwiesen. Dadurch kam dem kleinen Handwerker und Unternehmer motorische Kraft viel teurer zu stehen als dem großen Kapital, welcher Umstand bei der Entwicklung der unglückseligen sozialen Zustände des 19. Jahrhunderts eine Rolle spielte. In der gleichen Vorlesung wies Linde darauf hin, daß Sadi Carnot 1824 die Theorie eines idealen thermodynamischen Kreisprozesses aufgestellt habe, der eine denkbar vollkommene Ausnutzung des Brennstoffes ermöglichte. Es sei aber noch nicht gelungen, die Konstruktion einer diesem Kreisprozeß folgenden Wärmekraftmaschine anzugeben. <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> nahm sich vor, eine solche Wärmekraftmaschine mit höchstem Nutzeffekt zu erfinden, und von nun an war sein Leben von diesem Entschluß geprägt.

1880 ging <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> in die Lindesche Eisfabrik nach Paris, deren Direktor er bald wurde. Der praktische Umgang mit Eismaschinen machte <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> vertraut mit dem Verhalten des Ammoniakdampfes bei verschiedensten Drücken und Temperaturen. 1883-89 wollte er sein Ziel einer Wärmekraftmaschine von hohem Wirkungsgrad durch Anwendung hochgespannten Ammoniakdampfes verwirklichen, mußte aber 1890 seine Arbeiten als gescheitert ansehen. Fast im gleichen Augenblick stand plötzlich das Prinzip der neuen Maschine etwa wie folgt vor seinem geistigen Auge: anstatt eines Dampfes sollte nur Luft das den Kolben bewegende arbeitende Medium sein. Die Luft war zum Zwecke der Gewinnung großen Wärmegefälles überaus hoch zu komprimieren. Aber in den Zylinder durfte nicht, wie beim Ottomotor, ein Gemisch aus Brennstoff und Luft eingesaugt werden, weil die äußerst starke, mit hoher Temperatursteigerung verknüpfte Verdichtung das brennbare Gemisch vorzeitig zur Explosion gebracht hätte. Die nachträgliche Einführung des Brennstoffes in die hocherhitzte reine Luft war auch nötig, um die<span class="pb" title="Seite im Original 661">|</span>Einspritzung des Brennstoffs über einen Teil des Kolbenweges so zu verteilen, daß keine plötzliche Drucksteigerung stattfand (Gleichdruckmaschine) und das Arbeitsdiagramm des Motors nach Möglichkeit, wie von Carnot vorgeschlagen, „die Isotherme verwirklichte“. Doch erkannte <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> sehr bald, daß er in der Praxis von der Verwirklichung der Isotherme werde abweichen und vom theoretisch erwünschten Höchstdruck von 200 beziehungsweise 90 atm auf etwa 30 atm würde herabgehen müsssen.

Zwischen 1893 und 1897 verwirklichte <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> in der Maschinenfabrik Augsburg den Dieselmotor. Der Direktor dieses Werkes, H. Buz, war von <span class="abbr" title="Diesel">D.</span>s Erfindung und Persönlichkeit überzeugt und gewährte ihm jegliche Hilfe. Krupp beteiligte sich an der Finanzierung. Nach unsäglichem Arbeitsaufwand und vielen Fehlschlägen war um die Wende 1896/97 ein Motor entstanden, der sich sofort als die weitaus beste Wärmekraftmaschine erwies. Sie lief mit Petroleum und bald mit Rohöl, das in rasch zunehmendem Maße in der ganzen Welt gefördert wurde, so daß die neue Maschine durchaus der Zeitlage entsprach. Die Welt begriff, daß es sich um ein technisches Ereignis von epochemachender Bedeutung handelte; <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> wurde mit einem Schlage berühmt und reich.

Aber im Augenblick von <span class="abbr" title="Diesel">D.</span>s höchsten Triumphen kündete sich auch die tragische Wendung in seinem Schicksal an. Die Jahrzehnte dauernden Anstrengungen, Aufregungen, Kämpfe, gefährliche Patentprozesse, Angriffe auf seine Erfinderehre bewirkten bei <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> einen schweren Nervenzusammenbruch. Er glaubte sterben zu müssen. Um seine Familie zu sichern, verkaufte er alle seine Rechte am Dieselmotor, wodurch er sich nach seiner unerhofften Gesundung zunächst um die Möglichkeit gebracht sah, an der Fortentwicklung des Dieselmotors mitzuwirken. Während seiner Krankheit hatten ihn zudem gewissenlose Männer zu spekulativen Geldanlagen bewogen, was früh zu Verlusten führte. Diese waren umso verhängnisvoller, als ein großer Vermögensteil aus Beteiligungen an Motorfirmen bestand, die nach bald eintretenden Rückschlägen im Bau von Dieselmotoren jahrelang keine Gewinne brachten.

Seit 1900 suchte <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> nach einer Lösung der sozialen Frage und schrieb das Buch „Solidarismus, natürliche wirtschaftliche Erlösung der Menschen“ (1903). Das Ausbleiben jeglicher Resonanz enttäuschte ihn schwer. Nach Ablauf der Dieselpatente 1908 schaltete er sich wieder unter Aufwendung bedeutender Mittel in die Fortentwicklung des Motors ein, baute den ersten Kleindieselmotor, den ersten Lastwagenmotor, die erste Motorlokomotive. Alle diese Konstruktionen wiesen in die Zukunft, aber die Technik war noch nicht weit genug fortgeschritten, um zum Beispiel die luftlose Einspritzung des Brennstoffes zu ermöglichen und dadurch den praktischen Erfolg schnellaufender Motoren zu gewährleisten. Während <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> schwer unter diesen Enttäuschungen litt, feierte sein Motor als ortsfeste Maschine und als Antrieb selbst großer Seeschiffe Triumphe. Auf einer Reise durch die Vereinigten Staaten 1912 wurde der Erfinder auf beispiellose Weise umjubelt und geehrt, während in Deutschland seine Erfinderehre hämisch angegriffen wurde und sein Vermögen schon zerrüttet war. Im Frühjahr 1913 schien die Lage hoffnungslos zu sein, obwohl sie durch eine Aussprache mit Freunden hätte wiederhergestellt werden können. Aber <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> war verschlossen und stolz. In der Nacht vom 29. auf 30. September 1913 befand er sich auf der Überfahrt von Antwerpen nach Harwich und sagte den ihn begleitenden Freunden mit Sicherheit die unaufhaltsame Fortentwicklung und Verbreitung des Dieselmotors für alle Anwendungsmöglichkeiten voraus, so wie sie dann tatsächlich eingetreten ist. Bei der Ankunft des Schiffes in England war <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> nicht an Bord aufzufinden. Ein holländisches Lotsenboot stieß später auf seine Leiche, barg sie aber nicht. Es ist kein Zweifel, daß <span class="abbr" title="Diesel">D.</span> über Bord gesprungen ist.

<span class="abbr" title="Diesel">D.</span> war wohl einer der letzten großen vorwiegend individuellen Erfinder kurz vor Einsetzen der kollektiv-industriellen Erfindungsarbeit. Zwar fühlte er damals schon, daß ein einzelner in den komplizierter werdenden technisch-industriellen Prozessen nicht mehr über alle Hilfsmittel verfügen konnte, die zur Realisierung grundsätzlich neuer und sehr schwieriger Probleme immer notwendiger wurden. Durch großes psychologisches Geschick und Überzeugungskraft wußte er Männer und Mächte in den Dienst seiner Idee zu stellen und doch der ganz individuelle Schöpfer des Motors zu werden. Das verschaffte ihm seinen Ruhm, aber die Anforderungen an ihn waren so ungeheuer, daß sich dadurch auch die tragische Wendung in seinem Schicksal vollzog.

##### 31. Franz Marc

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/C6Gimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/C6Gimage.jpeg)

Nach anfänglichen Überlegungen, Philosophie und Theologie zu studieren, entschloß sich <span class="abbr" title="Marc">M.</span>, nach Absolvierung seines Militärdienstes im Herbst 1900, Maler zu werden. Als Schüler von [Gabriel Hackl](https://www.deutsche-biographie.de/sfz106702.html) und Wilhelm von Diez an der Münchener Akademie arbeitete er zunächst ganz im Sül der dortigen Tradition, obwohl sich wenig Kontakte zu Lehrern und Kollegen ergaben. Das Bildnis der Mutter des Künstlers (1902, München, Lenbachhaus) zeigt in Form und Aufbau, daß <span class="abbr" title="Marc">M.</span> bereits nach kurzer Lehrzeit traditionelle künstlerische Mittel erstaunlich gut beherrschte. Seit dem Sommer 1902 arbeitete er zunehmend autodidaktisch und hielt sich zu Studien vor der Natur häufig auf der Staffelalm oberhalb von Kochel auf. Im Mai 1903 begleitete <span class="abbr" title="Marc">M.</span> dank seiner hervorragenden Kenntnis der <span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Sprache einen vermögenden Freund zu einem mehrmonatigen Studienaufenthalt nach Paris. Danach brach er das Studium an der Akademie ab und widmete sich in seinem Atelier in der Kaulbachstraße in München vornehmlich Illustrationen zu Gedichten von [Richard Dehmel](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69629.html), Carmen Sylva, Hans Bethge und anderen. Diese 1904/05 entstandenen Arbeiten wurden erst postum 1917 von Anette <span class="abbr" title="von">v.</span> Eckhardt unter dem Titel „Stella Peregrina“ herausgegeben. Im Frühjahr 1906 begleitete <span class="abbr" title="Marc">M.</span> seinen Bruder Paul, der in den Klöstern auf dem Berge Athos <span class="abbr" title="byzantinisch">byzantin.</span> Handschriften studierte, nach Griechenland. Die zeichnerischen und malerischen Ergebnisse dieser Jahre sind gering und beschränken sich auf realistische Tier- und Landschaftsstudien. Auf einer neuerlichen kurzen Paris-Reise im Frühjahr 1907 wurde <span class="abbr" title="Marc">M.</span> nachhaltig durch van Gogh,<span class="pb" title="Seite im Original 107">|</span>Gauguin und Rodin sowie durch ägypt. und mittelalterliche Plastik beeindruckt. Er erhielt neuen Auftrieb für seine Malerei, war aus finanziellen Gründen aber gezwungen, Unterricht im anatomischen Zeichnen zu geben, wozu er sich durch eingehende Tierstudien befähigt fühlte.

Den Sommer 1908 verbrachte <span class="abbr" title="Marc">M.</span> mit seiner späteren Frau Maria Frank zum Naturstudium in Lenggries. In dem dort entstandenen Bild „Lärchenbäumchen“ (1908, Köln, Museum Ludwig) wird erstmalig der Einfluß van Goghs im Werk von <span class="abbr" title="Marc">M.</span> spürbar. In Lenggries begann er auch, sich immer ausschließlicher mit dem Wesen der Tiere, ihren Bewegungen und Gepflogenheiten auseinanderzusetzen. Sie erschienen ihm als animalische Wesen weniger verbildet als der Mensch. Wochenlang studierte er Pferde auf der Koppel, Kühe und Rehe vor der Natur in ihren Haltungen und Gruppierungen zueinander, oder er modellierte sie in Ton. In den Arbeiten dieser Zeit bleibt der naturalistische Charakter vorherrschend, wenn auch die Detailtreue in der Oberflächenbehandlung bereits einer Strukturierung im Sinne van Goghs gewichen ist. Auch die Werke des folgenden, in Sindelsdorf verbrachten Jahres wie <span class="abbr" title="zum Beispiel">z. B.</span> „Eichbäumchen“ (1909, München, Lenbachhaus) oder „Schilfhocken“ (1909, Münster, Landesmus. f. Kunst- u. <span class="abbr" title="Kulturgeschichte">Kulturgesch.</span>) bezeugen immer noch den nachhaltigen Einfluß dieses Künstlers. Er verstärkt sich nach der ersten van Gogh-Ausstellung in München im Winter 1909, die zu installieren <span class="abbr" title="Marc">M.</span> den Galeristen Brakl und Thannhauser geholfen hatte, und fand in dem Bild „Katzen auf rotem Tuch“ (1909/10, München, <span class="abbr" title="Privatbesitz">Privatbes.</span>), in dem erstmals ganz intensiv Farbe eingesetzt wurde, seinen Höhepunkt.

Im Januar 1910 wurde <span class="abbr" title="Marc">M.</span> in seinem Atelier von dem jungen Maler [August Macke](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55453.html) und dessen Onkel Bernhard Koehler, dem späteren Mäzen beider, aufgesucht, woraus sich eine enge Freundschaft zwischen den Malern ergab. <span class="abbr" title="Marc">M.</span> konnte im Februar erstmalig in Brakls moderner Kunsthandlung in München seine Arbeiten ausstellen. Ein anschließender Besuch bei Koehler in Berlin sicherte ihm mit einem monatlichen Salär zunächst die Existenz. Er übersiedelte nach Sindelsdorf, das Münchner Atelier wurde aufgegeben. Im September 1910 lernte <span class="abbr" title="Marc">M.</span>, fasziniert durch die 2. Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung München, Wassily Kandinsky, Alexej Jawlensky, Gabriele Münter, Marianne <span class="abbr" title="von">v.</span> Werefkin und die übrigen Maler der Vereinigung kennen. Er löste sich damit aus seiner künstlerischen Isolation. Das Bild „Akt mit Katze“ (1910, München, Lenbachhaus) zeigt für <span class="abbr" title="Marc">M.</span> erstmalig, durch Macke angeregt, die Farbintensität der Fauves; es beginnt damit ein vollkommen neues Stadium seiner Malerei. Die zunächst noch auf naturalistischer Farbigkeit beruhenden Bilder wie „Weidende Pferde I“ (1910, München, Lenbachhaus) werden jedoch fortgesetzt und finden immer neue Ausprägungen, bis schließlich in der berühmt gewordenen Komposition „Weidende Pferde IV“ (Die roten Pferde, 1911, ehemals Hagen, Folkwang-<span class="abbr" title="Museum">Mus.</span>) – als entartet beschlagnahmt und 1939 in der Galerie Fischer (Luzern) versteigert – eine vollkommen neue Form gefunden wurde. Im Februar 1911 wurde <span class="abbr" title="Marc">M.</span> Mitglied der Neuen Künstlervereinigung München. Im Mai fand seine zweite Ausstellung in der Galerie Thannhauser statt.

<span class="abbr" title="Marc">M.</span>s künstlerische Intentionen deckten sich mit denjenigen Kandinskys insofern, als beide sich aufgerufen fühlten, mit den Mitteln der Malerei zu einer als notwendig erkannten geistigen Erneuerung der abendländischen Kultur beizutragen. Sie knüpften an die formale Einfachheit oberbayer. Volkskunst, speziell der Hinterglasmalerei an, wobei sie nach Aussageformen suchten, die, durchaus in der Tradition religiöser abendländischer Kunst, geistige Botschaften vermitteln sollten. <span class="abbr" title="Marc">M.</span> benutzte hierfür das Tier als Symbolfigur. Er rief die Assoziationskraft des Betrachters auf, um die Aussage zu entschlüsseln. Das hier verankerte Problem führte allerdings zu Unstimmigkeiten innerhalb der Neuen Künstlervereinigung und schließlich zum Austritt ihrer bedeutendsten Mitglieder Kandinsky und <span class="abbr" title="Marc">M.</span>, die daraufhin im Dezember 1911 eine eigene Ausstellung mit dem berühmt gewordenen Titel „Der blaue Reiter“ veranstalteten, in der <span class="abbr" title="Marc">M.</span> mit vier Bildern vertreten war. Beide zeichneten auch als Herausgeber des im Mai 1912 erschienenen Almanachs „Der blaue Reiter“, der bedeutendsten Programmschrift der Kunst des 20. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> Anlaß für diesen Almanach war die Erkenntnis der Notwendigkeit, dem Unverständnis des Publikums durch Darlegung der inneren Beweggründe dieser modernen Kunst abzuhelfen. Zeitgenössische Künstler artikulierten sich in Aufsätzen, Reproduktionen ihrer Werke erschienen im Kontext von Abbildungen religiöser abendländischer und auch <span class="abbr" title="außereuropäisch">außereurop.</span> Kunst. <span class="abbr" title="Marc">M.</span> war mit den Aufsätzen „Geistige Güter“, „Die Wilden Deutschlands“ und „Zwei Bilder“ vertreten sowie mit der Reproduktion seines Bildes „Der Stier“ (1911, New York, Guggenheim <span class="abbr" title="Museum">Mus.</span>) und mit zwei Holzschnitten.

Die ständigen künstlerischen Auseinandersetzungen während der Zeit der Vorbereitung von Almanach und Ausstellung „Der blaue Reiter“ bewirkten in <span class="abbr" title="Marc">M.</span>s Malerei eine gesteigerte Komprimierung und Intensivierung von Form und Farbe zugunsten der Aussagekraft. Es wurde eine Reduzierung der Formenvielfalt zu nahezu geometrischer Einfachheit angestrebt, die ihren Niederschlag in Bildern wie „Die gelbe Kuh“ (1911, New York, Guggenheim <span class="abbr" title="Museum">Mus.</span>), „Die kleinen blauen Pferde“ (1911) und „Die kleinen gelben Pferde“ (1912, beide Stuttgart. Staatsgal.) fand.

Im Herbst 1912 besuchte <span class="abbr" title="Marc">M.</span> zusammen mit August Macke Robert Delaunay in Paris. Diese Begegnung und die Auseinandersetzung mit dem Gedankengut des <span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Kubismus erwies sich für beide als von eminenter Bedeutung. Sie bestimmte das Schaffen <span class="abbr" title="Marc">M.</span>s und Mackes von nun an tiefgreifend. Das Prinzip der wechselseitigen Bedingung und Durchdringung alles Lebendigen, der Simultaneität und der Untrennbarkeit von Geist und Materie spiegelt sich in Bildern wie „Der Tiger“ (1912), „Im Regen“ (1912) oder „Reh im Klostergarten“ (1912, alle München, Lenbachhaus).

Im Sommer 1913 entstanden in Sindelsdorf die großen und wichtigen Kompositionen „Das arme Land Tirol“ (1913, New York, Guggenheim <span class="abbr" title="Museum">Mus.</span>), „Der Turm der blauen Pferde“ (1913, ehemals Berlin, <span class="abbr" title="Nationalgalerie">Nat.gal.</span>, seit Ende des 2. Weltkriegs verschollen), „Tierschicksale“ (1913, Basel, Kunstmus.) wie auch „Mandrill“ (1913, München, <span class="abbr" title="Bayerisch">Bayer.</span> <span class="abbr" title="Staatsgemäldesammlung">Staatsgem.slg.</span>) und „Bild mit Rindern“ (1913, ebenda), in denen der namengebende Gegenstand nahezu gänzlich in prismatische Strukturen unterschiedlicher Färbung zerlegt erscheint und somit Realität von einer anderen Dimension her begriffen wird. Darüber hinaus entstanden erste Entwürfe für eine geplante Bibel-Illustration, bei der <span class="abbr" title="Marc">M.</span> die Genesis übernommen hatte.

In kunstpolitischer Hinsicht beteiligte sich <span class="abbr" title="Marc">M.</span> an der Organisation des Ersten Deutschen Herbstsalons beiHerwarth Walden in Berlin im September 1913. Im Frühjahr 1914 übersiedelte er von Sindelsdorf in ein eigenes Haus in Ried bei Benediktbeuern und beschäftigte sich kurze Zeit, aufgefordert durch Hugo Ball, mit Ideen zu einer Inszenierung von Shakespeares „Sturm“, die jedoch nicht zustande kam. In den wenigen Monaten bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs entstanden die letzten großen, nahezu vollständig ungegenständlichen Kompositionen wie „Vögel“ (1914, München, Lenbachhaus), „Spielende Formen“ (1914, Essen, Folkwang-<span class="abbr" title="Museum">Mus.</span>), oder „Kämpfende Formen“ (1914, München, <span class="abbr" title="Bayerisch">Bayer.</span> Staatsgem.slgg.) als Spiegel einer Suche nach methaphysischer Gesetzmäßigkeit. Bei Kriegsausbruch am 1. August 1914 meldete sich <span class="abbr" title="Marc">M.</span> als Kriegsfreiwilliger. Seine Briefe aus dem Felde und sein Skizzenbuch, die einzige bildliche Äußerung dieser Zeit, wurden unter dem Titel „[Franz Marc](https://www.deutsche-biographie.de/sfz58014.html), Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen“ 1920 bei Paul Cassirer in Berlin herausgegeben. <span class="abbr" title="Marc">M.</span> fiel im März 1916 vor Verdun.

##### 32. Richard Strauss

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/7YVimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/7YVimage.jpeg)

Schon während seiner Schulzeit am Ludwigsgymnasium in München machte sich <span class="abbr" title="Strauss">S.</span>, gefördert <span class="abbr" title="vor allem">v. a.</span> durch den Vater, einen Namen als komponierendes Talent. Nach dem Abitur 1882 und einem kurzen Studium der Philosophie und Kulturgeschichte 1882/83 an der <span class="abbr" title="Universität">Univ.</span> München begegnete <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> in Berlin dem Dirigenten [Hans <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow (1830–94](https://www.deutsche-biographie.de/sfz49093.html)), der ihm 1885/86 die Stelle eines <span class="abbr" title="herzoglich">hzgl.</span> Musikdirektors in Meiningen verschaffte. Hier formte der Wagnerianer [Alexander Ritter (1833–96)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz30925.html) <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> zu einem lebenslangen Anhänger der Musik sowie wesentlicher historisch-ästhetischer Überzeugungen [Richard Wagners](https://www.deutsche-biographie.de/sfz52508.html) und ermunterte ihn, zur Vorbereitung auf die Produktion von Musikdramen in der Nachfolge Wagners orchestrale Programmstücke zu komponieren. 1886–89, während<span class="pb" title="Seite im Original 517">|</span><span class="abbr" title="Strauss">S.</span> als 3. Kapellmeister in München wirkte, entstanden die drei ersten Tondichtungen, von denen „Don Juan“ und <span class="abbr" title="vor allem">v. a.</span> „Tod und Verklärung“ <span class="abbr" title="Strauss">S.</span>schlagartig bekannt machten. 1889 wechselte er auf die Stelle eines 2. <span class="abbr" title="großherzoglich">ghzgl.</span> Kapellmeisters nach Weimar und ging 1894 zurück nach München, wo er 1896 zum Hofkapellmeister aufstieg und vielbeachtete Aufführungen von Opern [Wagners](https://www.deutsche-biographie.de/sfz52508.html) und [Mozarts](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70756.html), seiner wichtigsten musikalischen Leitbilder, dirigierte. Zudem unternahm er, wie schon in den Jahren zuvor, zahlreiche Gastspielreisen (häufig zusammen mit seiner Frau, der Sängerin [Pauline de Ahna](https://www.deutsche-biographie.de/ppn117312355.html)), die ihn in alle wichtigen <span class="abbr" title="europäisch">europ.</span> Länder führten. Weil seine erste Oper „Guntram“ (<abbr title="Uraufführung">UA</abbr> 1894) ein Mißerfolg war, kehrte <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> zunächst wieder zur Tondichtung zurück und schuf in rascher Folge Werke wie „Till Eulenspiegel“ (1895), „Also sprach Zarathustra“ (1896), „Don Quixote“ (1897) und „Ein Heldenleben“ (1898), mit denen er sich an die Spitze der Avantgarde in Deutschland setzte.

<span class="abbr" title="Strauss">S.</span> knüpfte an die orchestrale Programmusik eines [Berlioz](https://www.deutsche-biographie.de/sfz136539.html) und [Liszt](https://www.deutsche-biographie.de/sfz51941.html) an, begriff sich aber auch als legitimer Nachfahre des Symphonikers [Beethoven](https://www.deutsche-biographie.de/sfz2643.html). Sonatenform, Rondo und Variation stehen für klassische Formprinzipien, die <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> auf vielfältige Weise miteinander verband, ohne tragende Kategorien zu vernachlässigen. Seine Sujets schöpfte er teils aus Literatur und Sage, teils aus der symphonischen Tradition und der eigenen Künstlerbiographie; auch Naturbilder spielen eine wichtige Rolle. Klingt in den drei ersten Stücken – „Macbeth“ (1888–91) bis „Tod und Verklärung“ – noch das Erbe der Romantik an, so fand <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> in den folgenden Werken – von „Till Eulenspiegel“ bis „Ein Heldenleben“ – mit dem neuen Ton ironischer Distanz, gepaart mit teils drastischer Tonmalerei, größter orchestraler Virtuosität und kühner Formbehandlung eine unverwechselbare eigene Sprache.

1898 übernahm <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> das Amt des Kapellmeisters am Berliner Hof. Zusätzlich zu seinen künstlerischen Aktivitäten engagierte er sich mit Erfolg für ein besseres musikalisches Urheberrecht. 1901–09 amtierte er als Präsident des Allgemeinen Deutschen Musikvereins. Nach dem spektakulären Erfolg der Oper „Salome“ (1905) schrieb <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> die nächsten musikdramatischen Stücke zusammen mit dem Dichter [Hugo <span class="abbr" title="von">v.</span> Hofmannsthal](https://www.deutsche-biographie.de/sfz45826.html): „Elektra“ (1906–08), „Der Rosenkavalier“ (1909–10), „Ariadne auf Naxos“ (1911/12, umgearb. 1916) und „Die Frau ohne Schatten“ (1914–17). Seit 1908 lebte <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> in Garmisch (seit 1924 außerdem in seiner Villa in Wien). 1919 übernahm <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> die künstlerische Oberleitung der Wiener Staatsoper zusammen mit dem Direktor [Franz Schalk (1863–1931](https://www.deutsche-biographie.de/sfz34559.html)) – eine wenig erfolgreiche administrative Doppelspitze, die 1924 mit <span class="abbr" title="Strauss">S.</span>s Rücktritt endete. Zur finanziellen Krise des Hauses kam die eigene stagnierende Arbeit hinzu: Erst 1924 wurde die Oper „Intermezzo“ (<span class="abbr" title="Strauss">S.</span> selbst hatte den Text geschrieben) uraufgeführt; ihr folgten, neuerlich zusammen mit[Hofmannsthal](https://www.deutsche-biographie.de/sfz45826.html), die Opern „Die Ägyptische Helena“ (1923–27) und „Arabella“ (1928–32). Nach [Hofmannsthals](https://www.deutsche-biographie.de/sfz45826.html) Tod 1929 lieferte der Schriftsteller [Stefan Zweig](https://www.deutsche-biographie.de/sfz108406.html) das Libretto für die nächste Oper „Die schweigsame Frau“ (1933–34). Allerdings konnte die Zusammenarbeit – [Zweig](https://www.deutsche-biographie.de/sfz120788.html) war Jude – nach der „Machtergreifung“ Hitlers nicht fortgesetzt werden. <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> ließ sich, in einer Mischung aus naivem Optimismus und unverhohlenem Opportunismus, bereitwillig mit dem neuen Regime ein und wurde Ende 1933 zum Präsidenten der neu gegründeten Reichsmusikkammer ernannt. Jedoch mußte er bereits 1935 sein Amt aufgeben, als seine kunstpolitischen Ziele zusehends mit denen der Reichsführung kollidierten. Eher widerwillig arbeitete <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> in den folgenden Jahren mit dem Theaterwissenschaftler [Joseph Gregor (1888–1960)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz23588.html) als Librettisten zusammen. Immerhin entstanden noch die Opern „Friedenstag“ (1935/36), „Daphne“ (1937), „Die Liebe der Danae“ (1938–40) und zum Abschluß, auf einen von <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> und seinem Lieblingsdirigenten [Clemens Krauss (1893–1954)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz44976.html)verfaßten Text, „Capriccio“ (1939–41). In den Konzeptionen der nach [Hofmannsthals](https://www.deutsche-biographie.de/sfz45826.html) Tod geschriebenen Opern kommen verschiedene Motive eines dezidiert endzeitlichen Denkens zusammen: die Neigung des Komponisten, seine Werke als Dokumente einer in ihm sich vollendenden Kulturgeschichte im Allgemeinen und Musik- <span class="abbr" title="beziehungsweise">bzw.</span> Operngeschichte im Besonderen zu verstehen, sein eigenes Œuvre durch zuvor vernachlässigte Gattungstypen abzurunden und, nicht ohne Sentimentalität, auf Früheres zurückzublicken.

Untätig blieb <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> auch nach der letzten Oper nicht, schuf vielmehr eine Anzahl eindrucksvoller später Instrumental- und Vokalwerke, die sich keineswegs auf den Status bloßer „Handgelenksübungen“ (so <span class="abbr" title="Strauss">S.</span>s eigene Formulierung) reduzieren lassen. Bis heute genießen <span class="abbr" title="vor allem">v. a.</span> die „Metamorphosen“ für 23 Solostreicher (1944–45) sowie die „Vier letzten Lieder“ (1948) besondere Wertschätzung. Nach dem Krieg, zwischen <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 1945 und Mai 1949, lebte <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> mit seiner Frau in Schweizer Hotels im „Asyl“; ein halbes Jahr nach seiner Rückkehr nach Garmisch starb er.<span class="pb" title="Seite im Original 518">|</span>Wie die Komponisten schon des frühen 19. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span>, aber auch noch wie Wagner und [Liszt](https://www.deutsche-biographie.de/sfz51941.html) war <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> davon überzeugt, Musik habe etwas mitzuteilen. Ihr „Reich“, so noch der 80jährige, beginne, „wo das Incommensurable dem Verstande unerreichbar ist“. Doch hielt er nichts von der romantischen Vorstellung der Musik als Medium einer Kunstreligion. Seine Skepsis reflektiert sein Lob Mozarts als „Inkarnat des reinen Künstlers“ (1909), der in seinen Melodien unübertroffene Abbildungen der menschlichen Seele geschaffen habe. Der überkommenen Kunstmetaphysik setzte <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> sein eigenes Credo, das um Begriffe wie Familie, Arbeit und Natur kreiste, entgegen. Damit zusammen hängt der wohl wichtigste Gegenstand musikalischer Mitteilung in seinen Werken: die eigene Biographie (unübersehbar <span class="abbr" title="vor allem">v. a.</span> in der Tondichtung „Symphonia Domestica“ ebenso wie in der Oper „Intermezzo“). Allerdings wird das Biographische nie unverstellt, sondern stets distanziert, wenn nicht sogar ironisch gebrochen behandelt (in seinen Tondichtungen war <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> ein Meister des spöttischen Tons); es wird zum ästhetischen Spiel und damit zum Garanten für eigenwillige, moderne Werkkonzeptionen und Stoffe, deren psychologischem Gehalt, so <span class="abbr" title="Strauss">S.</span>s Überzeugung, allein die Musik mit ihrer Sprachgewalt gerecht werden konnte.

Trotz eines unverwechselbaren, durch einen „nervösen“ Kontrapunkt ebenso wie orchestrale Brillanz geprägten Tons eignet <span class="abbr" title="Strauss">S.</span>s Musik eine bemerkenswerte stilistische Vielfalt. Souverän bediente er sich aller Schreibarten, die er in der Musikgeschichte fand. Äußeres Merkmal für seinen eigenwilligen Umgang mit der Musikhistorie ist seine Neigung zu Zitaten, deren Spannweite vom Frühbarock bis zu ihm selbst reicht. Besondere Wertschätzung hegte er gegenüber <span class="abbr" title="griechisch">griech.</span>-antiken Stoffen.

Unstrittig ist die Gliederung von <span class="abbr" title="Strauss">S.</span>s Œuvre in drei Perioden (Frühwerke 1870–87, Tondichtungen und Opern als Hauptwerke 1886–1941, Spätwerke 1942–48), schwieriger eine interne Gliederung der Hauptperiode. Von einem Bruch zwischen „Elektra“ als Meilenstein der Avantgarde und „Rosenkavalier“ als Rückzug von der Moderne zu sprechen, ist zwar noch immer verbreitet, aber unhaltbar. Harmonisch jedenfalls steht „Elektra“ ebenso wenig für den Schritt zur Atonalität wie „Rosenkavalier“ für die tonale Restauration. Vielmehr befreit sich <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> nach „Elektra“ demonstrativ von der Übersteigerung des Wagnerschen Musikdramas durch die produktive Anverwandlung älterer musikalischer wie dramaturgischer Mittel und geht gerade in puncto Textbehandlung und stilistischer Vielfalt unbeirrt neue Wege. Denkbar wäre, erst nach „Intermezzo“ als moderner „Zeitoper“ eine Zäsur anzunehmen, nach der <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> mit der „Ägyptischen Helena“ auf das gesicherte Terrain der Spätromantik zurückkehrte. Das hatte er zuvor schon in der „Frau ohne Schatten“ berührt, während „Ariadne auf Naxos“, zumal in der ersten Version einer Verbindung von Oper, Tanz und Schauspiel, ganz der modernen Restauration eines barocken <span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Comédie-Ballets diente.

Von der Musikforschung wurde <span class="abbr" title="Strauss">S.</span> als vermeintlicher Verräter der Moderne sowie als <abbr title="Nationalsozialismus">NS</abbr>-Musikfunktionär lange Zeit weitgehend ignoriert, zudem stilisierte man ihn nach 1960 zur negativen Gegenfigur zu einem Komponisten wie [Gustav Mahler](https://www.deutsche-biographie.de/sfz61301.html). Diesem Bild gab <span class="abbr" title="vor allem">v. a.</span> [Theodor W. Adorno](https://www.deutsche-biographie.de/sfz121960.html) kräftige Konturen, als er <span class="abbr" title="Strauss">S.</span>s Musik auf kaum mehr als eine effektvolle Fassade reduzierte und in ihr die Regression in den Faschismus modellhaft vorgezeichnet fand. In den letzten Jahren zeichnet sich jedoch mit dem Verzicht auf die Vorstellung, der „Stand des Materials“ müsse ein notwendiges Kriterium für musikalischen Fortschritt sein, eine Neubewertung der Musikgeschichte des 20. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> und damit auch der Rolle <span class="abbr" title="Strauss">S.</span>s ab.

##### 33. Anita Augspurg

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/image.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/image.png)

<div class="actor__teaser-text field field--name-field-teaser-text field--type-string-long field--label-hidden field__item" id="bkmrk-kaum-eine-frauenrech" style="text-align: justify;">Kaum eine Frauenrechtlerin aus der Zeit des deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik hat so polarisiert wie Anita Augspurg. Deutschlands erste Juristin fiel nicht nur durch luzide Analysen von Politik und Recht auf, sondern vor allem auch deshalb, weil sie öffentliche Konflikte rund um ihre Themen – rechtliche Gleichstellung von Frauen und eine friedliche internationale Ordnung – nicht scheute, ja geradezu provozierte.</div><div class="actor__teaser-text field field--name-field-teaser-text field--type-string-long field--label-hidden field__item" id="bkmrk--45" style="text-align: justify;"></div>**Aus der Kleinstadt Verden in die Künstlerstadt München**

Anita Augspurg wurde im norddeutschen Verden an der Aller als fünftes und letztes Kind der gut situierten Familie Augspurg geboren. Ihr Vater war Anwalt. Von Bildungshunger und Freiheitsdrang getrieben, verließ sie als Volljährige ihre Familie, um eine Lehrerinnenausbildung in Berlin zu absolvieren.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[1](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote1_SUQITHI6314YB6Qkupv0iI3txesMYrtAOmTSmJDGwNw_jVvO5r74Czsg)</span></span> Tatsächlich übte sie den Lehrerinnenberuf aber nie aus, sondern ging zunächst ihren künstlerischen Neigungen nach. Sie nahm in Berlin Schauspielunterricht, arbeitete anschließend an verschiedenen europäischen Theatern (unter anderem am angesehenen Meininger Hoftheater), bevor sie sich 1886 als Fotografin in München niederließ. Dort gründete sie mit ihrer Geschäftspartnerin und Lebensgefährtin Sophia Goudstikker das Fotoatelier Elvira, das sich schnell zu einem profitablen Geschäft entwickelte und Augspurg finanziellen Spielraum für ihr künftiges frauenpolitisches Engagement gab. In der Isarmetropole gehörten Augspurg und Goudstikker zudem zum Kreis rund um die literarische Moderne. Allerdings war es weniger ihre konventionell gehaltene Porträtfotografie als ihr unkonventionelles Leben, das Literaten und Literatinnen wie beispielsweise Frank Wedekind, Erich von Wolzogen und Frieda von Bülow inspirierte. Augspurgs finanzielle und geistige Unabhängigkeit, ihr zu dieser Zeit frauenuntypisches Verhalten – zum Beispiel rauchte sie, fuhr Fahrrad und trug einen Kurzhaarschnitt –, die Etablierung von reinen Frauenzirkeln und schließlich ihre unerschrockenen feministischen Reden wurden in zahlreichen Novellen der Zeit verarbeitet.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[2](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote2_5ZjQB-FStbcqPB26UQtwB1r9MlVOoZ8T-nI-mTOvOZw_saDpekasC0pX)</span></span>

**Erstes feministisches Engagement: von Bildungs- zu Rechtsfragen**

In Augspurgs Münchner Zeit fällt auch ihr erstes Engagement für die Frauenbewegung. Dabei strebte sie damals – wie viele bürgerliche Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit – zunächst die Verbesserung der Mädchenbildung an.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[3](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote3_W37tExeeVWgasZ7RvNGxbvPYFQdP5vPqL9wjTsIWwdY_aFualTY97qwW)</span></span> Eine Radikalisierung ihres feministischen Engagements trat allerdings in Zusammenhang mit ihrem Studium ein. Parallel zu ihrer Tätigkeit als Fotografin in München begann Augspurg 1893, in Zürich Jura zu studieren, und schloss – in¬zwischen 40-jährig – das Studium mit einer Promotion über den englischen Parlamentarismus ab. Sie gilt damit als erste Juristin Deutschlands, obgleich sie diesen Beruf niemals ausübte.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[4](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote4_sDVBVf9fyrN9wUsrAr0472zRh4pDi241alX3N7FxQmk_gzMKNxtC9o3s)</span></span> Vielmehr waren die darauffolgenden Jahre geprägt von einem weitreichenden Engagement für die bürgerliche Frauenbewegung, die sie zu politisieren suchte. Noch während des Studiums war Augspurg ins Zentrum der Macht, in die deutsche Hauptstadt Berlin, gezogen.

**Eine „juristische Mißgeburt“<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[5](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote5_21bglM1zJYmaPCpYb7FTeMRuEIwbgv4jD1gRGXA2t5I_srgCtcTMJIAJ)</span></span>: Kampf gegen das geplante BGB 1896**

In Berlin stand 1896 die Verabschiedung des Bürgerlichen Gesetzbuches an, das auch die Grundlage unseres heutigen BGBs darstellt. Dank ihrer juristischen Kenntnisse, aber auch ihrer herausragenden Fähigkeiten als Rednerin – schließlich war sie eine ausgebildete Schauspielerin –, wurde Anita Augspurg zur Protagonistin einer breit angelegten Kampagne gegen das BGB. Im Zentrum der Kritik stand das geplante Eherecht, denn dieses sah unter anderem vor, Ehefrauen das Recht an dem von ihnen in die Ehe eingebrachten Vermögen zu nehmen ebenso wie die Entscheidungsbefugnis bei Fragen der Kindererziehung.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[6](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote6_BjRYWhpxbVWDxC9-S60IzQb5dqH-I0J8MUuy0q461zQ_dNbWO1WoLcSE)</span></span> Die damalige Presse nahm irritiert einen ‚Frauenlandsturm’ wahr. Und auch wenn sich am Eherecht substanziell nichts mehr änderte, so war der bürgerlichen Frauenbewegung doch ihre erste große politische Kampagne gelungen – und das in einer Zeit, in der Frauen die politische Betätigung in großen Teilen Deutschlands noch verboten war.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[7](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote7_VkhXogObLaZ4D0tnWNssLv48oUfC6sBRwy2nXjeTdM_mivgtJXOFUGg)</span></span>

**Frontfrau bei den Rechtskämpfen der Frauenbewegung**

Auch in ihren weiteren Berliner Jahren führte Anita Augspurg die Rechtskämpfe der bürgerlichen Frauenbewegung an und profilierte damit den sogenannten radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung in der Öffentlichkeit.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[8](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote8_cclT7s8WyXe4sheyyplAgAbBinQHf3DzFGg-MmX8XJ8_h3KXqtIgpD09)</span></span> Ihr publizistisches Forum, die Beilage *Parlamentarische Angelegenheiten und Gesetzgebung*, stellt dabei ein Novum in der deutschen Pressegeschichte dar. Von 1899 bis 1906 brachte Augspurg dieses hochpolitische Heft als Beilage zu [Minna Cauers](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/minna-cauer) Zeitschrift *Die Frauenbewegung* heraus und analysierte darin Reichstagsdebatten, Gesetze und Gerichtsurteile daraufhin, wie sie sich auf Frauen auswirken würden. Das heißt Augspurg betrieb in diesem Blatt eine frühe Form des ‚Gender Mainstreaming’. Weiterhin begleiteten die Parlamentarischen Angelegenheiten und Gesetzgebung zahlreiche öffentlichkeitswirksame Kampagnen, die Augspurg vor allem gegen das Sexualstrafrecht und das Eherecht initiierte. Augspurg scheute in diesen Konflikten auch nicht davor zurück, sich selbst öffentlich zu exponieren, zum Beispiel indem sie 1902 ihre Verhaftung als Prostituierte inszenierte oder 1905 zum Eheboykott aufrief.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[9](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote9_-YjLqZ3Dh8bvcNqFywfwazZuOOunUQUDFM3Koy5MYoo_akzJ9h5j0OgK)</span></span> Bezeichnend ist, dass Augspurg in all ihren Kampagnen stets die juristische Seite der Frauenfrage akzentuierte, wobei die liberalen Ideale der 1848er-Revolution für sie wegweisend waren: Freiheit und Gleichheit, die sie durch einen funktionierenden Rechtsstaat abgesichert und vor allem auch Frauen zugesprochen wissen wollte.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[10](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote10_NVDiHTu0fHRBbZNL4MPOZZoZSGyqEmUnKGiWrBtbPxs_kj7yqJMmcuM6)</span></span> Um ihren politischen Forderungen mehr Druck zu verleihen, gründete Augspurg 1902 nicht nur den Deutschen Verein für Frauenstimmrecht, sondern versuchte darüber hinaus, außerhalb der Frauenbewegung für ihre Ideen zu werben, indem sie 1903 in die linksliberale Freisinnige Volkspartei eintrat und die Redaktion der Frauenseite der konservativen Berliner Tageszeitung *Der Tag* von 1901 bis 1907 übernahm.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[11](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote11_8aH2HD0hI7mYs4q6EyWRkL3i7hnvfMOM13JsN5a6io_uaPh9noFsl3N)</span></span>

Doch blieben Augspurgs Versuche, die liberalen Parteien und breitere Bevölkerungskreise frauenpolitisch zu aktivieren, weitgehend erfolglos. Für das damalige Bürgertum scheinen ihre Ideen zu fortschrittlich gewesen zu sein. Dies gilt auch für die bürgerliche Stimmrechtsbewegung, die sich nicht dazu durchringen konnte, das demokratische Wahlrecht für alle zu fordern, wie die SPD, und 1913 schließlich auseinanderbrach.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[12](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote12_xUukyZq6FmcFPAFXvvhokO06nMW-g1U95DujOVcPf-g_dzlcPClYK40g)</span></span>

**Rückzug und Übergabe an Lida Gustava Heymann**

Entmutigt von diesen Misserfolgen, zog sich Augspurg sukzessive aus der journalistischen, politischen und frauenrechtlerischen Arbeit zurück. Ihre Aufgaben übernahm zunehmend die Hamburger Frauenrechtlerin [Lida Gustava Heymann](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lida-gustava-heymann), mit der Augspurg seit 1902 eine Lebensgemeinschaft verband. So war auch Heymann die eigentliche Chefredakteurin der *Zeitschrift für Frauenstimmrecht* (1907–1912) und des Monatsblatts *Frauenstimmrecht!* (1912–1913), obgleich formal Augspurg die Redaktion oblag.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[13](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote13_MZ2qalMPmTkgUF0xygRfZ7hOrrt4PdQ5D-kzMyIFOyg_oEToDdcQtQ1H)</span></span>

**Friedenspolitisches Engagement**

Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges intensivierte Augspurg ihr pazifistisches Engagement. Sie war eine der Initiatorinnen des Haager Frauenfriedenskongresses von 1915, einer Zusammenkunft internationaler Stimmrechtlerinnen, die Frauenrechte und Rechtsstaatlichkeit nicht nur innerhalb nationaler Grenzen verwirklichen wollten, sondern auch auf internationaler Ebene. Die Frauen von Haag plädierten nicht nur für einen sofortigen Frieden ohne Bedingungen, sondern auch für nachhaltigen Friedenserhalt mithilfe von internationalen Organisationen und Schiedsgerichten. Das, was nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Uno verwirklicht werden sollte, war in Den Haag bereits angedacht worden.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[14](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote14_P9PjZK9WlPRzau1Ex397TaWadVmn8JBMzHs0mM010U_d9nFIwiKsZNT)</span></span>

Öffentliche Resonanz konnte Augspurg mit diesen pazifistischen Forderungen jedoch kaum erzielen – zumindest nicht in Deutschland. Sie erhielt kurz nach dem Haager Frauenfriedenskongress ein Publikations- und Betätigungsverbot, das bis zum Ende des Ersten Weltkrieges in Kraft blieb.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[15](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote15_WAlrTp2Yuv96tZWsU5repUNIApkxAK256MBo4ZEWOyA_zvGFGHJYOFue)</span></span>

**Revolutionärin in Bayern**

Deshalb trat Augspurg letztlich erst wieder im Anschluss an die Novemberrevolution von 1918 öffentlich in Erscheinung: als Abgeordnete des Provisorischen Nationalrats in Bayern, als (erfolglose) Kandidatin für den Bayerischen Landtag auf der Liste der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei und schließlich als Mitglied des Bayerischen Kongresses der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte. In der Revolutionszeit hatte sich Augspurg gewandelt von einer Anhängerin des repräsentativen Parlamentarismus hin zu einer Verfechterin des Rätesystems.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[16](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote16_T8ev6hQXsUoJdTBALqnXQ1pi7UZDKdmHuGSbzx0dA_qm03rbhaCYtQ)</span></span>

**Radikale Pazifistin und Kritikerin der Weimarer Republik**

<div id="bkmrk-in-der-folge-unterzo"><div class="text-layout__row"><div class="text-layout__col text-layout__col--1-of-2"><figure class="caption caption-drupal-entity" role="group"><div class="embedded-entity" data-embed-button="media_entity_embed" data-entity-embed-display="view_mode:media.embed" data-entity-embed-display-settings="[]" data-entity-type="media" data-entity-uuid="f62d149f-5407-4fc2-85ab-0d752b570b73" data-langcode="de" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink"><div class="iiif-resource iiif-resource--display-embed media media--type-iiif-resource media--view-mode-embed"><div class="media" style="text-align: justify;">In der Folge unterzog Augspurg die Verfassung und Politikpraxis der Weimarer Republik einer scharfen Kritik. Als Forum diente ihr die Monatsschrift *Die Frau im Staat* (1919–1933), die sie gemeinschaftlich mit [Heymann ](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lida-gustava-heymann)herausgab. Dort veröffentlichte sie teilweise weltfremde Utopien, aber eben auch sehr luzide Analysen des Weimarer Rechtssystems. Beispielsweise erkannte sie die Problematik des Notstandsparagrafen der Weimarer Reichsverfassung lange, bevor das Hitlerregime ihn für den Ausbau seiner totalitären Herrschaft nutzte.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[17](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote17_V4DnsMYDNIeLa3uZhUTYG2a-hf07qgv3EHpzhJEdYE_jbnVZwYWZBP3)</span></span> Und auch Hitlers Gefährlichkeit war ihr bewusst, als sie Anfang 1923, das heißt Monate vor dem Hitler-Putsch im November 1923, seine Ausweisung nach Österreich forderte.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[18](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote18_KsbY1I5dIhwqnMtj8r5-dh1vhwpAz0BI9c2kOUybpBI_wiXrWhOqPfaa)</span></span> Bekanntlich kam der bayerische Innenminister Franz Schweyer diesem Gesuch, das Anita Augspurg zusammen mit einer Frauendelegation vorgetragen hatte, nicht nach.</div><div class="media" style="text-align: justify;">  
</div><div class="media" style="text-align: justify;">Weiterhin war sie 1919 Mitbegründerin der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, einer Organisation, die im Haager Frauenfriedenskongress ihre Wurzeln hatte. Sie sah ihre Aufgabe darin, die Frauenliga auf radikalpazifistischem Kurs zu halten, und fungierte in der Öffentlichkeit als deren Grande Dame.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[19](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote19_RvGgqehcvyY9LBz7KxS1pzC8zEOPo2D2QQQ-p8OMkA_weaAgLzdiGBk)</span></span></div></div></div></figure></div></div></div>1933 war Deutschland für Augspurg als dezidierte Gegnerin des Nationalsozialismus kein sicheres Land mehr. Sie emigrierte 76-jährig mit ihrer Lebensgefährtin[ Lida Gustava Heymann](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lida-gustava-heymann). In Zürich lebten die beiden Freundinnen äußerst bescheiden, nachdem man ihre Vermögen in Deutschland eingezogen hatte und sie auf Zuwendungen von Freunden und Freundinnen angewiesen waren. Augspurg starb 1943 ein paar Monate nach ihrer Lebensgefährtin im Schweizer Exil – verarmt, einsam und dement.<span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">[20](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/footnote20_MBxGX73lEV8UQWyszMncy8HUmtkQfuNQwTGeXnSlsY_lIgFFjiPIIm1)</span></span>

##### <span class="fn"><span class="footnote__citations-wrapper">34. Franziska zu Reventlow</span></span>

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/2Slimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/2Slimage.jpeg)

Nach dem Besuch eines Pensionats in Altenburg und des Lehrerinnenseminars in Lübeck wurde <span class="abbr" title="Reventlow">R.</span> früh Anhängerin der emanzipatorischen und sozialkritischen Vorstellungen Henrik Ibsens, der auf die opponierende Jugend in Norddeutschland in den 1890er Jahren starken Einfluß ausübte. Um Streitigkeiten mit der nach Lübeck übergesiedelten Familie zu entkommen, floh <span class="abbr" title="Reventlow">R.</span> 1892 nach Hamburg, wo sie ihren Mann kennenlernte. Mit dessen finanzieller Hilfe ging sie 1893 nach München-Schwabing, um sich als Malerin ausbilden zu lassen. Vor allem aber arbeitete sie hier als Übersetzerin aus dem Französischen, veröffentlichte erste eigene Texte und stand in Verbindung mit Künstlern und Philosophen, insbesondere dem <span class="abbr" title="sogenannte(r)">sog.</span> „kosmischen Zirkel“ um [Stefan George](https://www.deutsche-biographie.de/sfz20459.html) mit [Ludwig Klages](https://www.deutsche-biographie.de/sfz41239.html), Alfred Schuler und Karl Wolfskehl. Zu [Rainer Maria Rilke](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118601024.html), Frank Wedekind und seinem Kabarett „Die Elf Scharfrichter“, [Erich Mühsam](https://www.deutsche-biographie.de/sfz66121.html), [Oskar Panizza](https://www.deutsche-biographie.de/sfz93732.html), [Franz Blei](https://www.deutsche-biographie.de/sfz4689.html), [Maximilian Harden](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70007.html) <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> gab es Verbindungen, die <span class="abbr" title="Reventlow">R.</span> als kulturelles, durchaus aber auch erotisches Netzwerk knüpfte. Im Zeichen des um 1900 religionsartig überhöhten Lebensbegriffs und eines nietzscheanischen Vitalismus suchte sie den Verbund von Kunst und Leben, um das bohèmehafte Dasein als Gesamtkunstwerk zu inszenieren. Sie verfolgte dabei das Projekt eines modernen Hetärentums, das – anders als im Gleichberechtigungsbestreben der Frauenbewegung – nach antikem Vorbild die freie Liebe und vorurteilslose Verfügung über den eigenen Körper verfolgte, um gleichzeitig die eigene Bildung in der Teilnahme am geistigen Leben unter Beweis zu stellen. In diesem Sinne ist <span class="abbr" title="Reventlow">R.</span>s literarisches Œuvre als Komplement zu ihrem Lebenswandel zu lesen; Es handelt sich um Milieustudien, <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> aber um pointierte Kommentare zum kulturellen Leben Schwabings mit zahlreichen <span class="abbr" title="philosophisch">phil.</span> Auseinandersetzungen. Diese sind 1903/04 im von ihr mitherausgegebenen „Schwabinger Beobachter“ dokumentiert, wo sich etliche Verballhornungen der <span class="abbr" title="philosophisch">phil.</span> Richtung der Mystosophie finden, sowie in den Zeitschriften „Die Jugend“ und „Simplicissimus“.

Im Herbst 1909 übersiedelte <span class="abbr" title="Reventlow">R.</span> nach Ascona, wo 1912 ihr wohl bekanntester Text, „Herrn Dame's Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil“ (1913, <span class="abbr" title="Neudruck">Neudr.</span> 1969), entstand. Wiederum werden die Künstler- und Philosophenzirkel in Schwabing persifliert, das unter dem fiktiven Namen „Wahnmoching“ zum Fixpunkt der Auseinandersetzungen um das „Molochitische“, Technische, Lebensfeindlich-Dekadente und Lebensbejahende wird. Die Rückschau ist ein weiterer Beleg für <span class="abbr" title="Reventlow">R.</span>s Lebenshaltung, ihre dauernde Selbsthistorisierung und Selbstreflexion. Auch darin war <span class="abbr" title="Reventlow">R.</span> konsequent Bereits 1903 hatte sie mit „Ellen Olestjerne, Eine Lebensgeschichte“ eine Autobiographie ihrer Jugend vorgelegt. In den Amouresken „Von Paul zu Pedro“ (1912, <span class="abbr" title="Neudruck">Neudr.</span> 1969) lieferte sie Variationen des Liebesthemas in Form von zwanglosen Erzählbriefen; andere Novellen- und Erzählbände handeln vom Bohèmeleben und von fehlgeschlagenen Geldgeschäften (Der Geldkomplex, 1916, <span class="abbr" title="Neudruck">Neudr.</span> 2001). Nicht nur im Schwabinger Künstlermilieu spielte <span class="abbr" title="Reventlow">R.</span> eine wichtige Rolle, sondern übte auch Einfluß auf überregional bekannte Maler und Autoren aus. Wegen ihrer Milieubeschreibungen werden <span class="abbr" title="Reventlow">R.</span>s Lebenserzählungen und Werke – ungeachtet ihrer künstlerischen Dimension – als Material für kulturwissenschaftliche Studien zum fin de siècle benutzt.

##### 35. Alfred von Tirpitz

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/U2gimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/U2gimage.png)

<span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> trat nach dem Besuch des Realgymnasiums in Frankfurt/O. 1865 als Einjährig-Freiwilliger in die <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Marine ein und durchlief die übliche Ausbildung. Sie führte ihn innerhalb weniger Jahre in Spitzenstellungen dieser Waffengattung (1877/78 Erster <span class="abbr" title="Offizier">Offz.</span>, 1878/79 <span class="abbr" title="Kommandant">Kdt.</span> Torpedoboot „Zieten“, 1879–86 Dezernent f. Torpedoangelegenheiten <span class="abbr" title="bei">b.</span> d. Admiralität). 1888 war er 38jährig der jüngste Kapitän zur See. Dazu qualifizierte ihn <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> sein methodisches Vorgehen bei der Entwicklung der neuen Torpedowaffe und seine Fähigkeit, komplexe technisch-taktisch-strategische Zusammenhänge überzeugend darzustellen.

1891 wurde <span class="abbr" title="Kaiser">Ks.</span> [Wilhelm II.](https://www.deutsche-biographie.de/sfz3235.html) bei einem Besuch der Marinestation in Kiel auf <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> aufmerksam, dessen Ziele sich weitgehend mit seinen eigenen Vorstellungen von der zukünftigen Rolle des <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Reichs in der Welt deckten. Im Gegensatz zu dem sprunghaften Kaiser analysierte <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> jedoch die Bedeutung von Seemacht präzise und formulierte, seit 1892 Stabschef beim Oberkommando, 1894 in der „Dienstschrift IX“ die Grundgedanken zukünftiger Flottenpolitik und Seestrategie. Darin bezeichnete er als „natürliche Bestimmung einer Flotte (…) die strategische Offensive“ und plädierte für eine Flotte aus Schlachtschiffen anstelle von Kreuzern, die, in Geschwadern zu jeweils acht Schiffen organisiert und in der Linie operierend, die Seeherrschaft erringen könnten. Nur Seemacht garantierte seiner Meinung nach die politische und wirtschaftliche Zukunft des Reichs.

Mit großer Energie arbeitete <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> an der Umsetzung dieses Programms, dem er auch eine innenpolitisch stabilisierende und integrierende Funktion zuschrieb und die er mit deutlich antiparlamentarischer Tendenz verfolgte: So forderte er in Immediatberichten und Audienzen beim Kaiser eine gesetzliche Festlegung des Geschwaderprinzips und des regelmäßigen Ersatzes veralteter Schiffe, was zwar technischen Sachzwängen des Kriegsschiffbaus Rechnung trug, zugleich aber das Budgetrecht des Reichstags auf Dauer aushöhlen und die Marine zu einem nur der Krone unterstehenden Machtinstrument formen sollte.

Zunächst drang <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> nicht durch: Als zu ehrgeizig und nicht berechenbar wurde er Anfang Mai 1896 als Chef des Kreuzergeschwaders in den Fernen Osten versetzt. Nach dem erneuten Scheitern <span class="abbr" title="kaiserlich">ksl.</span> Flottenpläne im Reichstag im Frühjahr 1897 wurde <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> jedoch zurückgerufen, um im Juni 1897 die Nachfolge des Vizeadmirals [Friedrich <span class="abbr" title="von">v.</span> Hollmann (1842–1913)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz132929.html) als Staatssekretär des Reichsmarineamts anzutreten; 1898 wurde er <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Staatsminister. In diesen Positionen versuchte <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> (1899 Vizeadmiral, 1903 Admiral, 1911 Großadmiral) zusammen mit dem neuen Staatssekretär des Auswärtigen und designierten Reichskanzler [Bernhard <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow (1849–1929)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz6334.html), offensiv Deutschlands „Platz an der Sonne“ anzustreben. Im Ergebnis bedeutete dies, sich von der Bismarckschen Ausgleichspolitik ab- und einer expansiveren Außenpolitik zuzuwenden und mit England, der führenden Welt- und Seemacht, in Konkurrenz zu treten. Den Hebel dazu bildete die Flotte, die mit ihren von <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> vorgesehenen, in den Flottengesetzen und -novellen von 1898, 1900, 1906, 1908 und 1912 schrittweise geforderten und in Bau gegebenen 61 Großkampfschiffen, 40 Kleinen Kreuzern, 144 Torpedo- und 72 U-Booten mehr als nur ein „Risiko“ für England sein sollte.

Die Folgen dieses mit Verabschiedung des Ersten Flottengesetzes im April 1898 in Angriff genommenen Programms waren beträchtlich: Die Außenpolitik wurde, bis England gegenüber eine sichere Position durch eine entsprechende Flottengröße erreicht war, in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt und auf Friedenspolitik festgelegt, die Kosten der gesetzlich vorgesehenen Schiffe mußten in unbeschränkter Höhe aus den Reichsfinanzen bezahlt werden.

<span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> konnte die Auswirkungen dieser Politik jedoch nicht beherrschen. Die <span class="abbr" title="englisch">engl.</span> Ententen mit Frankreich (1904) und Rußland (1907) isolierten das <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Reich in Europa. <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span>s Versuch, dem Übergang der Royal Navy zum Bau kampfkräftiger Schiffe 1905/06 (Bau d. „Dreadnought“) zu folgen und 1908 mit dem Bau von vier anstelle von drei Großkampfschiffen pro Jahr den Abstand zwischen beiden Marinen zu verringern, lösten ein offenes Wettrüsten aus. Auch im Innern mehrten sich die Probleme. Die stetig steigenden Kosten des Flottenbaus belasteten den Reichshaushalt zusehends. Die zur Finanzierung notwendigen Steuererhöhungen verschärften die Bruchlinien zwischen den Parteien und zwischen Reichstag und Reichsleitung. Bis 1914 hoffte <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> gleichwohl, England durch ein Wettrüsten zu Konzessionen zwingen zu können. Trotz wachsenden Widerstands innerhalb der Reichsleitung und der Marine gelang es ihm, durch geschicktes Taktieren 1906, 1908 und 1912 weitere Novellen durch den Reichstag zu bringen. Alternative Konzepte wie die defensive Kleinkriegstrategie von Vizeadmiral [Karl Galster (1851–1931)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz132930.html) wies er scharf zurück.<span class="pb" title="Seite im Original 299">|</span>

Nach Kriegsausbruch 1914 war das Scheitern von <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span>s Politik unübersehbar. Anstatt sich einer Schlacht zu stellen, verhängte die Royal Navy eine Fernblockade, die die Hochseeflotte nicht brechen konnte. <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> drängte zwar auf ein aktiveres Vorgehen der Flotte, ein klares Konzept hatte er jedoch nicht. Seine Forderung nach dem uneingeschränkten U-Bootkrieg lehnte Reichskanzler Bethmann Hollweg 1915/16 aus Rücksicht auf die <span class="abbr" title="amerikanisch">amerik.</span> Neutralität ab. <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span>s Kriegszielforderungen, allen voran die Annexion Belgiens, offenbarten zudem, wie sehr er im Rausch des Kriegs jedes Augenmaß verlor. Im Frühjahr 1916 manövrierte der Reichskanzler <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> endgültig aus, am 16. 3. wurde er in Ungnaden aus allen Ämtern entlassen.

Zutiefst verbittert, agitierte <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span>, der 1908–18 Mitglied des <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Herrenhauses war, nun hinter den Kulissen. Mit dem <span class="abbr" title="ostpreußisch">ostpreuß.</span> Generallandschaftsdirektor [Wolfgang Kapp (1858–1922)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz49414.html) gründete er 1917 die „Deutsche Vaterlandspartei“. Nach Ausbruch der Revolution versteckte sich <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> zunächst im Jagdhaus Zabelsberg in Pommern und vollendete zugleich seine „Erinnerungen“. Danach beteiligte er sich an zahlreichen Putschversuchen. 1924–28 vertrat er die <abbr title="Deutschnationale Volkspartei">DNVP</abbr> im Reichstag. Versuche, Reichskanzler oder gar Reichspräsident zu werden, scheiterten. Um der von ihm ungeliebten Weimarer Republik einen konservativ-autoritären Charakter zu geben, unterstützte er die Kandidatur Hindenburgs 1925.

Eine von ihm geprägte Generation von Marineoffizieren knüpfte an viele seiner Ideen an. Bau und Untergang des Schlachtschiffs „Tirpitz“ symbolisierten insofern die fatale Kontinuität marinepolitischer Hybris und weltpolitischen Herrschaftsstrebens. Als Persönlichkeit war <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span> eine Ausnahmeerscheinung in der militärischen Führung des Kaiserreichs. Sein durchdacht klingender „Plan“ entsprach dem Kraftgefühl einer Generation, die das Bismarckreich für zu eng hielt und nach Weltmacht strebte. Die außen- und innenpolitischen, selbst die seestrategischen Prämissen waren jedoch falsch. Mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik, Halsstarrigkeit und Wunschdenken trübten zunehmend <span class="abbr" title="Tirpitz">T.</span>s Blick für die wirkliche Lage. Sein Einfluß in der Marine blieb davon dennoch lange Zeit unberührt.

##### 36. Melitta Bentz

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/6Goimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/6Goimage.jpeg)

1873 – 1950

Erfinderin, Unternehmerin

Melitta Bentz erfand 1908 den Einweg-Kaffeefilter und revolutionierte damit die Kaffeezubereitung. Das von ihr im selben Jahr gegründete Kaufmännische Agentur- und Kommissionsgeschäft zum Vertrieb des Filters war der Grundstein für das nach ihr benannte und bis heute tätige internationale Familienunternehmen.

Bentz wuchs in Dresden auf und arbeitete hier als Verkäuferin. Ihr Ehemann besaß eine Haus- und Küchengerätehandlung in Dresden. 1908 erfand Bentz den Einweg-Kaffeefilter, indem sie Löcher in eine Messingbüchse stieß und diese mit einem Löschpapier auslegte. Auf diese Weise wurde beim Aufbrühen das Kaffeepulver vom fertigen Getränk getrennt, was die Kaffeezubereitung revolutionierte.

Bentz meldete ihre Erfindung am 11. Juni 1908 beim Patentamt in Berlin an. Am 8. Juli 1908 wurde ihr Gebrauchsmusterschutz für einen „Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem und mit Vertiefung versehenem Boden, sowie mit schräg gerichteten Durchflußlöchern“ im Patentblatt veröffentlicht. Um den Melitta-Kaffeefilter vertreiben zu können, erfolgte noch 1908 die Gewerbeanmeldung des Agentur- und Kommissionsgeschäfts M. Bentz, untergebracht in der Wohnung der Familie; Inhaberin war Bentz. Ihr Ehemann unterstützte sie v. a. bei dem Vertrieb des 1911 markenrechtlich mit dem Namen „Melitta“ geschützten Filters.

Die Produktion der stetig expandierenden Firma geriet während des Ersten Weltkriegs ins Stocken durch Materialmangel und Einfuhrsperren für Kaffee. Bentz stellte die Produktion auf Kartons und Verpackungen um, was der Firma auch in den Nachkriegsjahren die Existenz sicherte. Mit der Wiederaufnahme des Kerngeschäfts und dem Einstieg ihres Sohns [Willy Bentz (1899–1966)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd1392447461.html) als Gesellschafter wurde 1923 das Unternehmen umbenannt in Bentz &amp; Sohn OHG, Dresden, Bentz zog sich 1923 aus der aktiven Firmenleitung zurück und war fortan stille Gesellschafterin.

1929 erfolgte der Umzug der Familie und des stark wachsenden Unternehmens von Dresden nach Minden in Westfalen unter der nunmehrigen Leitung ihrer Söhne Willy und [Horst Bentz (1904–1984)](https://www.deutsche-biographie.de/gnd1392447526.html) als Mitinhaber, Bentz blieb Seniorchefin. Das Unternehmen, das in den Folgejahren unter der Wirtschaftskrise und verschärftem Wettbewerb litt, wurde 1932 mit 232 Beschäftigten in eine Familienaktiengesellschaft unter dem Namen Melitta-Werke AG umgewandelt. Nach kurzfristigem Aufschwung in den 1930er Jahren verzeichnete die Firma erneut Einbußen durch Kriegswirtschaft, Rohstoffkürzungen und Kaffeemangel und stellte die reguläre Produktion unter Beschäftigung von Zwangsarbeitern um auf die Herstellung von Munitionsgurten, Pfannen und Töpfen; das Unternehmen war ein „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs half Bentz ihrem Sohn Willy bei dem Wiederaufbau des Unternehmens, da ihr Sohn Horst wegen seiner NSDAP- und SS-Mitgliedschaft sowie Unterstützung des NS-Regimes zwei Jahre interniert war und sich einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen musste. Seit Frühjahr 1949 wurde die reguläre Produktion der Firma wieder aufgenommen, die sich unter den Söhnen und Enkeln Bentzʼ zu einer international tätigen Unternehmensgruppe mit verschiedenen Produktmarken und ca. 6000 Mitarbeitern entwickelte.

##### 37. Max Reger

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/2CFimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/2CFimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Reger">R.</span> wuchs in Weiden (Oberpfalz) auf und erhielt dort Klavier- und Orgelunterricht. In beschränkten finanziellen Verhältnissen mußte er sich sein Kompositions- und Klavierstudium selbst verdienen; 1890 folgte er Hugo Riemann (1849–1919) vom Sondershauser zum Wiesbadener Konservatorium, wo er selbst als Lehrer Anstellung fand. <span class="abbr" title="Reger">R.</span>, der seine Begabung als Verpflichtung begriff, eignete sich in knapp drei Jahren eine überragende Kompositionstechnik und umfassende Kenntnisse der musikalischen Tradition an, die durch Bearbeitungen Bach’scher Werke zeitlebens vertieft wurden. Schon 1891 wurden erste Kammermusikwerke gedruckt, die trotz Anklängen an Brahms unverkennbaren Eigenstil zeigen; sie wurden als überkompliziert und unspielbar abgelehnt. Auch die Lieder, Chöre, Orgel- und Klavierstücke der frühen Jahre blieben unbeachtet, so daß <span class="abbr" title="Reger">R.</span> zu Gelegenheitsarbeiten gezwungen war. Kompromißlos verfolgte er dennoch seinen Weg und verarbeitete seine Enttäuschung in Musik; skurrile, vor-dadaistische Scherzi und Charakterstücke zeugen davon ebenso wie die melancholischen Monologe der langsamen Sätze. Das selbst zu finanzierende Einjährig-freiwillige Militärjahr 1896/97 leitete die persönliche Katastrophe ein, die nach wiederholten Ablehnungen seiner Werke (Klavierquintett c-moll ohne Opuszahl, Klavierstücke, Bach-Bearbeitungen <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span>) durch seinen Verleger eskalierte; hochverschuldet, alkoholabhängig und krank mußte <span class="abbr" title="Reger">R.</span> 1898 ins Elternhaus zurückkehren.

In Weiden entlud sich <span class="abbr" title="Reger">R.</span>s Produktivität in expressiven Orgelwerken (Choralfantasien, Fantasie u. Fuge <span class="abbr" title="über">üb.</span> B-A-C-H op. 46; Inferno-Fantasie op. 57), die Tonalität sprengende Harmonik und komplizierte Variationstechnik mit monumentaler Gestaltung und rhetorischer Eindeutigkeit verbanden und trotz extremer Anforderungen an die Organisten – nicht zuletzt dank der Pionierleistung [Karl Straubes (1873–1950)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz106765.html) – zu einer Renaissance der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Orgelmusik führten. 1901 übersiedelte <span class="abbr" title="Reger">R.</span> nach München. Hier bezog er als „absoluter“ Musiker eine Gegenposition zur vorherrschenden „Neudt. Schule“ mit avancierter Kammermusik (<span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> Klavierquintett op. 64, Violinsonate op. 72, Streichquartett op. 74), deren ungestüme Emotionalität in spannungsreichem Kontrast zur Statik des überlieferten Formmodells steht; in ihnen führte er die Tonalität an ihre Grenzen, löste die Melodie in musikalische Prosa auf und differenzierte die Vortragsparameter (Dynamik, Tempo, Metrum, Agogik) auf kleinstem Raum. Mit hochsensiblen und modulationsreichen Liedern auf Texte zeitgenössischer Dichter ([Otto Julius Bierbaum](https://www.deutsche-biographie.de/sfz4447.html), [Richard Dehmel](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69629.html), [Gustav Falke](https://www.deutsche-biographie.de/sfz27725.html), Ludwig Jakobowski, Stefan Zweig <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span>), zu denen teilweise persönliche Kontakte bestanden, begab er sich in bewußte Konkurrenz zu Richard Strauss. Meisterwerke gelangen ihm 1904 mit den Bach- und Beethoven-Variationen für ein <span class="abbr" title="beziehungsweise">bzw.</span> zwei Klaviere op. 81 und 86, deren komplexe Technik weit ins 20. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> weist.

Obwohl als Interpret eigener Werke zunehmend gefragt und auch im Ausland gefeiert, blieb <span class="abbr" title="Reger">R.</span> in München, wo er seit der Aufführung seines sinfonischen Erstlings Sinfonietta op. 90 unter [Felix Mottl](https://www.deutsche-biographie.de/sfz65829.html) im <span class="abbr" title="Februar">Febr.</span> 1906 heftig umstritten war; die Berufung an die Akademie der Tonkunst als Nachfolger Joseph Rheinbergers (1839–1901) schuf nur kurze Zeit dafür Kompension (Mai 1905 - Juli 1906). 1907 folgte er einem Ruf ans Konservatorium in Leipzig, wo seine legendäre Kompositionstechnik und seine unangepaßte Persönlichkeit eine große Schülerschar anzogen. Zu dieser zählten neben den Deutschen [Joseph Haas](https://www.deutsche-biographie.de/sfz24923.html), Fritz Lubrich, Johanna Senfter und Hermann Grabner auch der Spanier Oscar Esplá, der Finne Aarre Merikanto, der Pole Witold Friemann und der Schweizer [Othmar Schoeck](https://www.deutsche-biographie.de/sfz114906.html). Die Leipziger Jahre brachten <span class="abbr" title="Reger">R.</span> den Durchbruch zum neben <span class="abbr" title="Reger">R.</span> Strauss wichtigsten Repräsentanten der <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Musik. Arbeitsbesessen, schuf er hier die von ihm so genannten „Herzblutwerke“ – Orchesterwerke (Hiller-Variationen, Violin- u. Klavierkonzert, Symphon. Prolog zu e. Tragödie), Chormusik (100. Psalm, Motetten) und Kammermusik (Klavierquartett, Streichsextett, Cellosonate, Streichquartett) symphonischer Dimension. Für seine Künstlerfreundschaften (<span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> mit [Max Klinger](https://www.deutsche-biographie.de/sfz42897.html), Fritz Steinbach, [Julius Klengel](https://www.deutsche-biographie.de/sfz42735.html), Henri Marteau, Fritz u. [Adolf Busch](https://www.deutsche-biographie.de/sfz7588.html)) blieb wenig Zeit, da <span class="abbr" title="Reger">R.</span>s Denken fast ausschließlich seinen Werken und ihrer Durchsetzunggalt.

1911 wurde <span class="abbr" title="Reger">R.</span> Leiter der berühmten Meininger Hofkapelle, die ihn zu klangvollen, gegenüber den Großbesetzungen der Zeitgenossen jedoch äußerst ökonomisch instrumentierten Orchesterwerken (Romant. Suite, Böcklin-Suite, Ballett-Suite, Mozart-Variationen) und gekonnten Orchestrierungen eigener und romantischer Lieder inspirierte. Eine exzessive Konzerttätigkeit, die Komponieren nur noch in der Sommerpause zuließ, führte Anfang 1914 zum Zusammenbruch und zur Aufgabe des Meininger Amts. Vom Kriegsdienst dispensiert, erwies er Deutschland im <span class="abbr" title="September">Sept.</span> 1914 mit der kontrapunktischen Akrobatik der „Vaterländischen Ouvertüre“ op. 140 seine Reverenz, begann aber noch im selben Monat ein \[Lateinisches\] Requiem für die Gefallenen, dessen apokalyptische Visionen die musikalische Struktur in zukunftweisende Klangflächen auflösen. Der Abbruch des Monumentalwerks auf Grund des Unverständnisses seines Freundes und Beraters Straube löste eine Krise aus, die <span class="abbr" title="Reger">R.</span> erst mit der Übersiedlung nach Jena im Frühjahr 1915 überwand. Aus dem Jenaer Spätwerk (Der Einsiedler op. 144 a, Hebbel-Requiem op. 144 b, Klarinettenquintett op. 146) sprechen Resignation und Weltabkehr.

Nach einem gehetzten Leben hinterließ <span class="abbr" title="Reger">R.</span> ein ebenso umfangreiches wie heterogenes OEuvre, welches emphatische Hauptwerke neben gebrauchsorientierte Haus- und Kirchenmusik beider Konfessionen stellt und in seiner Komplexität zwischen Avantgarde und Tradition der Interpretation breiten Spielraum läßt. Obwohl [Arnold Schönberg](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107544.html) und [Paul Hindemith](https://www.deutsche-biographie.de/sfz35834.html) <span class="abbr" title="Reger">R.</span> als Wegbereiter der Moderne schätzten, geriet er für lange Zeit in Vergessenheit. Erst die Aufgabe des Dogmas vom linearen Fortschritt führte zu einer Neueinschätzung der Umbruchszeit zwischen Spätromantik und Neuer Musik und öffnete damit den Blick für originelle Einzelgänger wie <span class="abbr" title="Reger">R.</span> – Das von seiner Witwe in Bonn gegründete und seit 1996 in Karlsruhe beheimatete Max-Reger-Institut (MRI) sammelt seine Autographen, erforscht sein Werk und macht es in Publikationen und Veranstaltungen Wissenschaft und Praxis zugänglich.

##### 38. Margarete Steiff

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/jHIimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/jHIimage.jpeg)

**Spielzeugerfinderin und Kämpferin für ein selbstbestimmtes Leben**

*Der "Knopf im Ohr" ist eine der traditionsreichsten deutschen Marken. Ihre Begründerin Margarete Steiff musste noch mehr Hürden überwinden als andere Frauen ihrer Zeit (vor allem gesundheitliche), bis sie zur erfolgreichen Unternehmerin werden konnte.*

<a id="bkmrk--52"></a>

Margarete Steiff, geboren am 24. Juli 1847 im württembergischen Giengen an der Brenz, erkrankt im Alter von eineinhalb Jahren an Kinderlähmung. Fortan sind ihre Beine gelähmt und sie kann die rechte Hand nur unter Schmerzen bewegen. Zeit ihres Lebens ist sie an den Rollstuhl gebunden, mehrere Kuren zur Heilung der Krankheit verlaufen erfolglos. Damit kommt für sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weder eine Heirat infrage, noch hat sie eine Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben.

Doch trotz ihres Handicaps erkämpft sich die junge Margarete ihren Platz im Leben. So setzt sie durch, die Schule besuchen zu dürfen. Margarete lernt leicht, dennoch kann sie keine höhere Schule besuchen, denn das ist nur Jungen vorbehalten.

So besucht sie, wie ihre beiden älteren Schwestern, die Nähschule. Das Nähen von Hand fiel ihr schwer, weil ihre rechte Hand aufgrund ihrer Behinderung nur eingeschränkt belastbar war. Auch hier kämpft sie sich mit ihrem starken Willen und ihrer großen Disziplin durch und schließt im Alter von 17 Jahren die Schneiderlehre erfolgreich ab. Zeitweise arbeitet Margarete in der Damenschneiderei ihrer Schwestern Pauline und Marie mit.

<div id="bkmrk--53" style="text-align: justify;"><div class="article_img_rec_q">![Elefant aus Filz](https://www.dpma.de/images/pr_bilder/d_logos_marken/cd_0650_steiff_elefentle_klein.jpg)</div></div>Der Elefant war als Nadelkissen gedacht – bis Kinder ihn für sich als Spielzeug entdeckten (Elefäntle vor 1892)

Zu ihrem 27. Geburtstag richtet Margaretes Vater ihr ein eigenes Arbeitszimmer, eine kleine Nähstube, im Elternhaus ein. Von ihrem ersten selbstverdienten Geld kauft sie sich eine eigene Nähmaschine. Drei Jahre später, 1877, wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit: Steiff gründet ein Filzkonfektionsgeschäft, in dem sie selbst produzierte Kleidungsstücke und Haushaltsartikel verkauft. Die Waren finden regen Absatz und schon bald kann sie mehrere Näherinnen einstellen.

<a id="bkmrk--55"></a>

**Das "Elefäntle": vom Nadelkissen zum beliebten Kinderspielzeug**

<div id="bkmrk--56" style="text-align: justify;"><div class="article_img_lin_q">![Wort-Bildmarke "Steiff - Knopf im Ohr"](https://www.dpma.de/images/pr_bilder/d_logos_marken/cd_0650_steiff_knopf_klein.jpg)</div></div>Wort-Bildmarke "Steiff - Knopf im Ohr", Reg.Nr. 30548560

Ende 1879 entdeckt Margarete in einem Modejournal das Schnittmuster für einen kleinen Stoffelefanten. Nach dieser Vorlage näht sie das „Elefäntle“ als Nadelkissen, den ersten Verkaufsschlager der Manufaktur Steiff. In den folgenden Jahren steigt die Nachfrage nach den kleinen Filzelefanten, so dass die Werkstatt bald auch andere Tiere aus Filz wie Pferde, Affen oder Schweine produziert.

Steiff richtet ihren Betrieb nun neu als Spielwarengeschäft aus, das am 3. März 1893 als „Margarete Steiff, Filzspielwarenfabrik Giengen/Brenz“ ins Handelsregister eingetragen wird. Im selben Jahr werden die Spielwaren erstmals auf der Leipziger Spielwarenmesse präsentiert. Steiff beschäftigt nun vier Näherinnen und zehn Heimarbeiterinnen.

<a id="bkmrk--58"></a>

**Die Sache mit dem Teddy**

1897 tritt Richard Steiff, kreativer Lieblingsneffe von Margarete Steiff und Schöpfer zahlreicher Steiff-Kreationen, in die florierende Spielwaren-Fabrik der Tante ein. Er ist es auch, der 1902 den „Bären 55 PB“, den weltweit ersten Plüschbären mit beweglichen Armen und Beinen, entwirft. Margarete Steiff selbst stand dem Erfolgswert des Bären skeptisch gegenüber. 1903 präsentiert das Unternehmen den Stoffbären auf der Leipziger Spielwarenmesse und gegen Ende der Messe kauft ein amerikanischer Händler die gesamte Kollektion (3.000 Exemplare) auf - der Siegeszug des „Teddybären“ in den USA beginnt.

<a id="bkmrk--60"></a>

Es gibt aber noch eine abweichende, amerikanische Version der Entstehungsgeschichte des Teddybären. Beide haben gemeinsam, dass der Teddy nach dem Spitznamen des damaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt benannt ist, der gerne auf Bärenjagd ging. Der deutschen Version zufolge soll der Steiff-Bär über verschlungene Pfade bei Roosevelts Tochter gelandet sein, die ihn nach ihrem Papa benannte. Der amerikanischen Version zufolge kursierte ein Bärchen als Symbol für den Präsidenten schon länger in den Medien. Ein findiger russischer Einwanderer habe dann mit Roosevelts Erlaubnis einen Spielzeugbären als „Teddy´s bear“ auf den Markt gebracht.

<a id="bkmrk--62"></a>

**"Knopf im Ohr" – ein Markenzeichen entsteht**

<div id="bkmrk--63" style="text-align: justify;"><div class="article_img_rec_q">![Wortmarke "Steiff", Foto aus dem Warenzeichenblatt von 1907 ](https://www.dpma.de/images/pr_bilder/d_logos_marken/cd_0650_steiff_klein.jpg)</div></div>Wortmarke "Steiff", Foto aus dem Warenzeichenblatt von 1907

Um die eigenen hochwertigen Produkte gegenüber billigen Konkurrenzprodukten abzugrenzen, entwirft Margaretes Neffe Franz Steiff 1904 den "Knopf im Ohr" als Markenzeichen für die Steiff-Waren. Die Marke wird beim Patentamt angemeldet und 1905 eingetragen. Am 27. April 1907 wird schließlich die Wortmarke "Steiff" registriert (DE97027). Im Jahr 1907 produziert das Unternehmen mit 400 Mitarbeitern und 1.800 Heimarbeitern bereits 973.999 Teddybären und insgesamt etwa 1,7 Millionen Spielwaren.

Margarete Steiff stirbt am 9. Mai 1909 in ihrem Heimatort an den Folgen einer Lungenentzündung. Steiffs Neffen führen das Unternehmen weiter. Die Kreationen von Margarete Steiff erlangen über ihren Tod hinaus Weltruhm.

##### 39. Heinrich Hertz

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/aH3image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/aH3image.jpeg)

<span class="abbr" title="Hertz">H.</span> zeigte schon während der Schulzeit außergewöhnliche sprachliche, mathematische und technisch-handwerkliche Begabung. Nach dem Absolutorium 1875 am Hamburger Johanneum ging er als Praktikant für ein Jahr nach Frankfurt und begann 1876 am Polytechnikum Dresden das Studium des Bauingenieurwesens, widmete sich aber fast ausschließlich der Mathematik und den exakten Naturwissenschaften. 1876/77 leistete er seine Militärdienstpflicht beim Eisenbahnregiment in Berlin ab und setzte im Wintersemester 1877/78 am Polytechnikum München sein Studium der exakten Naturwissenschaften fort. 1878 ging er nach Berlin, wo Helmholtz mit seiner Schule das Gebiet der Elektrodynamik, noch Jahrzehnte nach den Arbeiten von Maxwell „eine unwegsame Wüste“, zu klären versuchte. Den Maxwellschen Gleichungen, kompliziert und keineswegs eine widerspruchsfreie Theorie bildend, standen die älteren Hypothesen von Weber, Neumann und andere gegenüber. Schon in seinem 1. Berliner Semester erwarb <span class="abbr" title="Hertz">H.</span> für eine Preisarbeit zu diesem Thema eine Goldmedaille der Universität. 1880 promovierte er mit der (theor.) Arbeit „Über die Induktion in rotierenden Kugeln“, wurde Assistent von Helmholtz und arbeitete über Verdunstung und Kondensation von Flüssigkeiten, über Elastizität (wobei er unter anderem eine klare Definition des Begriffes „Härte“ gab) und über die Glimmentladung; dabei untersuchte er auch die damals rätselhafte physikalische Natur der Kathodenstrahlen. Er konnte weder die elektrostatische Ablenkung noch den reziproken Effekt der schon bekannten magnetischen Ablenkung, die Rückwirkung des Kathodenstrahles auf Magnetnadeln, auffinden. Die Ergebnisse von <span class="abbr" title="Hertz">H.</span> führten Helmholtz und viele andere, besonders in Deutschland, zu falschen Deutungsversuchen („longitudinale Ätherwellen“). <span class="abbr" title="Hertz">H.</span>s letzte Experimentaluntersuchung, 1891, ist nochmals diesem Gebiet gewidmet. Die <span class="abbr" title="Hertz">H.</span>sche Beobachtung, daß dünne Metallschichten für Kathodenstrahlen durchlässig sind, gab seinem Schüler Ph. Lenard (Lenardfenster) unter anderem den Schlüssel für die endgültige Lösung.

1883 habilitierte sich <span class="abbr" title="Hertz">H.</span> in Kiel mit seinen schon in Berlin ausgeführten „Versuchen über die Glimmentladung“. Nun beschäftigte er sich wieder intensiv mit Problemen der Elektrodynamik. Er wies nach, daß das auf Fernwirkungskräfte gegründete Gleichungssystem „in seinem gegenwärtigen Zustand sicherlich unvollständig“ ist, daß vielmehr dieses System, konsequent ergänzt, die Maxwellsche Theorie ergeben muß. 1886 wurde <span class="abbr" title="Hertz">H.</span> als Nachfolger von F. Braun zum ordentlichen Professor am Polytechnikum Karlsruhe berufen. Hier begannen seine Beobachtungen, die zur Entdeckung der Hertzschen Wellen führten. Die Absicht der <span class="abbr" title="Hertz">H.</span>schen Versuche „war die Prüfung der Fundamentalhypothesen der Faraday-Maxwellschen Theorie“. Die Elektrodynamik alten Stils kannte nur ein (durch die zeitliche Änderung eines magnetischen Feldes) induziertes elektrisches Feld; Maxwell hatte die symmetrische Gleichung, das (durch die zeitliche Änderung eines elektrischen Feldes) induzierte magnetische Feld, hinzugefügt. Die Größe des induzierten magnetischen Feldes ist dabei der Geschwindigkeit der Änderung des elektrischen Feldes proportional, was dazu führt, daß das induzierte magnetische Feld nur dann einen nennenswerten Betrag erreicht, wenn die Frequenz des sich ändernden elektrischen Feldes sehr hoch ist. Bisher hatte man elektrische Schwingungen von so hoher Frequenz nicht gekannt, deshalb hatten auch die Vor-Maxwellschen Theorien die Beobachtungen befriedigend wiedergegeben. Nach der Erzeugung der „sehr schnellen elektrischen Schwingungen“ entdeckte <span class="abbr" title="Hertz">H.</span>, daß sich diese vom Schwingkreis lösen; am 13.11.1886 fand er die Übertragung seiner Wellen über einen Abstand von 1,5 m von einem primären auf einen sekundären „Stromkreis“. Damit hatte er Sender und Empfänger elektrischer Wellen konstruiert. Am 2.12.1886 gelang ihm<span class="pb" title="Seite im Original 714">|</span>die Resonanzabstimmung der beiden Kreise. Als Nachweis für die elektromagnetischen Schwingungen diente <span class="abbr" title="Hertz">H.</span> meistens die optische Beobachtung von Funkenstrecken. Das führte ihn 1887 zur Entdeckung des lichtelektrischen Effekts, der später von Hallwachs, Lenard und anderen genauer untersucht wurde. – In der Folge untersuchte <span class="abbr" title="Hertz">H.</span> die physikalische Natur der „Hertzschen Wellen“ und zeigte ihre Reflexion (durch metallische Oberflächen), ihre Brechung (durch Prismen von Pech), ihre Transversalität und ihre Polarisation. Damit war erwiesen, daß die elektromagnetischen Wellen physikalisch den Lichtwellen entsprechen und sich von diesen nur durch die Wellenlänge unterscheiden.

Die Bedeutung seiner Entdeckung sah <span class="abbr" title="Hertz">H.</span> im Beweis der Maxwellschen Theorie: „Durch die Gesamtheit der geschilderten Versuche ist zum ersten Male der Beweis geliefert worden für die zeitliche Ausbreitung einer vermeintlichen Fernkraft. Diese Tatsache bildet den philosophischen, in gewissem Sinne zugleich den wichtigsten Gewinn der Versuche“. Die Möglichkeit einer technischen Anwendung, das heißt die heraufkommende Rundfunktechnik, hat <span class="abbr" title="Hertz">H.</span> nicht gesehen.

<span class="abbr" title="Hertz">H.</span> wurde 1889 als Nachfolger von R. Clausius ordentlicher Professor für Physik in Bonn. Hier widmete er sich mehr theoretischen Problemen. 1890 gab er eine knappe und klare Darstellung der Elektrodynamik in der Arbeit „Über die Grundgleichungen der Elektrodynamik für ruhende Körper“, die für den endgültigen Sieg der Maxwellschen Theorie, jedenfalls in Deutschland, entscheidend war. Fortan war die „Maxwellsche Theorie“ das System der von <span class="abbr" title="Hertz">H.</span>angegebenen Gleichungen. Das Problem der „Elektrodynamik für bewegte Körper“ konnte <span class="abbr" title="Hertz">H.</span> (1890) noch nicht lösen. Die <span class="abbr" title="Hertz">H.</span>sche „Mechanik“, unter vollständigem Verzicht auf den Kraftbegriff aufgebaut, faszinierte als logisches System, zu irgendwelcher fruchtbarer Anwendung ist sie aber nicht gekommen. Die „außerordentlich schöne und schön geschriebene“ (Sommerfeld) „Einleitung“ zu seinen „Prinzipien der Mechanik“ behandelt die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Physik und wird noch heute viel zitiert.

##### 40. Emil von Behring

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/5P6image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/5P6image.jpeg)

<span class="abbr" title="Behring">B.</span> wurde auf dem Gymnasium in Hohenstein (Ostpreußen) humanistisch vorgebildet. Das Universitätsstudium ermöglichte ein Freund der Familie; er erwirkte ihm die Aufnahme an der Pepinière in Berlin. Dort legte er das Staatsexamen ab und wurde promoviert (1880). Er durchlief dann die Stufen der militärärztlichen Laufbahn. Truppenärztliche Aufgaben gaben den Anlaß, daß er sich mit der Bekämpfung der Infektionskrankheiten befaßte und der im Aufstieg begriffenen Bakteriologie zuwandte. Von 1889 an war er Assistent bei [Robert Koch](https://www.deutsche-biographie.de/sfz43565.html) in Berlin, 1893 wurde er Professor der Hygiene in Halle, 1894 nahm er den Abschied vom Militärdienst, 1895 erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen Professor und Direktor des Hygienischen Instituts in Marburg/Lahn.

<span class="abbr" title="Behring">B.</span> ist der Begründer der Serumheilkunde; er trug daher einen Hauptanteil am Fortschritt der Medizin um die Jahrhundertwende. - „Ich bin von dem Gedanken geleitet gewesen, meine Lebensaufgabe auf ein wichtiges und würdiges Ziel zu richten.“ Die Worte <span class="abbr" title="Behring">B.</span>s decken das Leitmotiv seines Forschens auf. Ein kämpferischer, aber auch pflichtbewußter Mann, verfolgte er sein Ziel mit eiserner Tatkraft, in voller Klarheit wohl seit 1887, als er bei [Karl Binz](https://www.deutsche-biographie.de/sfz15144.html) am pharmakologischen Institut der Universität Bonn arbeitete. Er wurde dort in eine Forschungsrichtung eingeführt, deren Hauptziel die Bekämpfung der Infektionskrankheiten mit chemischen Mitteln war. Jedoch schon damals begann ihn die Idee zu beherrschen, die Infektionserreger nicht mit körperfremden Chemikalien, sondern mit den vom Körper selbst in der Abwehr gegen die Bakterien gebildeten Gegengiften zu bekämpfen. Die Idee bildete den Ausgangspunkt der „ätiologischen oder Blutserumtherapie“ <span class="abbr" title="Behring">B.</span>s, die für die gesamte Heilkunde von Bedeutung war. Sie brachte<span class="pb" title="Seite im Original 15">|</span>die vernachlässigte Humoralpathologie neu zur Geltung und führte so die Medizin aus dem einseitig gewordenen Verständnis der Virchowschen Zellularpathologie wieder heraus. In den Berliner Laboratorien von [Robert Koch](https://www.deutsche-biographie.de/sfz43565.html) setzte <span class="abbr" title="Behring">B.</span> seinen Gedanken in die Tat um; hier erzielte er in Zusammenarbeit mit Shibasaburo Kitasato und Erich Wernicke die ersten wirksamen Heilseren gegen zwei gefürchtete Infektionskrankheiten, die Diphtherie und den Wundstarrkrampf. Mit [Paul Ehrlich](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69700.html) arbeitete er die erforderlichen Meß- und Prüfungsmethoden für die Herstellung im großen aus, die er in Verbindung mit den Farbwerken Meister, Lucius und Brüning in Höchst/Main durchsetzte. Die Höchster Farbwerke errichteten ihm ein eigenes Werk, das „<span class="abbr" title="Behring">B.</span>-Werk“, dem die nach seinem Tod errichteten größeren Werke (1920, 1940) folgten. Forscher und Unternehmer in einer Person - er gründete industrielle Anlagen und landwirtschaftliche Versuchsstationen - gelang es <span class="abbr" title="Behring">B.</span>, sich wirtschaftlich unabhängig zu machen, so daß er seine kostspieligen Forschungen zum großen Teil aus eigenen Mitteln bestreiten konnte.

Auch ein Heilserum gegen die Tuberkulose wollte er entwickeln. Aber wie schon [Robert Koch](https://www.deutsche-biographie.de/sfz43565.html), so blieb auch ihm der Erfolg im Kampf gegen die Tuberkulose versagt; das von ihm hergestellte „Tuberkulin“ ergab kein brauchbares Resultat. Ebensowenig erfüllten groß angelegte Versuchsreihen zur Immunisierung der Rinder gegen die Tuberkulose, zum Teil von seinem Assistenten Paul Heinrich Römer in Argentinien durchgeführt, die erhofften Erwartungen. Immerhin brachten diese Forschungen die wichtige Erkenntnis, daß die tuberkulöse Erstinfektion einen Prozeß der Immunisierung auslöst, der für den Verlauf der Erkrankung bei wiederholter Infektion entscheidend ist. - Im letzten Jahrzehnt seines Lebens stellte <span class="abbr" title="Behring">B.</span> neue, besser gereinigte und wirksamere Präparate des Diphtherie-Serums her. Neben der Diphtherie-Serumtherapie entwickelte er die vorbeugende Diphtherie-Schutzimpfung, durch die der Körper selbst zur Bildung der Immunstoffe angeregt wird, zum Unterschied von der bloßen Zufuhr der Antitoxine bei der Serum-Therapie.

Der Retter der Kinder - er ist auch Retter der Soldaten zu nennen - erhielt 1901 als erster Arzt den Nobelpreis; im gleichen Jahr wurde er in den erblichen Adelsstand erhoben; Frankreich verlieh ihm das Offizierskreuz der Ehrenlegion; zahlreiche in- und ausländische Universitäten und gelehrte Gesellschaften ernannten ihn zum Ehrendoktor <span class="abbr" title="beziehungsweise">bzw.</span> zum Ehrenmitglied. Zur 25. Wiederkehr der Entdeckung des Diphtherie-Serums (1915) wurde eine Gedenkmünze mit seinem Bilde geprägt. - Schüler von <span class="abbr" title="Behring">B.</span> sind (außer dem schon genannten Römer): [Hans Much](https://www.deutsche-biographie.de/sfz65892.html), [Hans Schloßberger](https://www.deutsche-biographie.de/sfzS04992.html) und [J. Zeißler](https://www.deutsche-biographie.de/ppn143614908.html).

##### 41. Friedrich III.

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/T3zimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/T3zimage.png)

<span class="abbr" title="Friedrich">F.</span> genoß eine sorgfältige Erziehung sowohl in betont bürgerlicher wie in militärischer Hinsicht. [Ernst Curtius](https://www.deutsche-biographie.de/sfz9084.html) blieb er sein Leben lang dankbar verbunden, und Moltke zählte zu seinen Mentoren. Auf der Universität Bonn sprach ihn C. Th. Perthes besonders an. Politisch trieb ihn der zwiespältige Eindruck von Revolution und Reaktion in das liberale Fahrwasser, dessen Strömung mit verschiedener Stärke durch Vater und Mutter, die Schwiegereltern, am unmittelbarsten und nachhaltigsten schließlich durch die Frau bestimmt wurde. Natürlich war der Kronprinz von 1858 kein Parteimann, aber seine parteipolitischen Beziehungen sind offenkundig, zunächst zu den Altliberalen, später<span class="pb" title="Seite im Original 488">|</span>zum linken Flügel der Nationalliberalen und zur Deutschen Freisinnigen Partei. Männer wie G. von Bunsen, M. Duncker, Forckenbeck, G. Freytag, F. von Roggenbach, Twesten genossen sein besonderes Vertrauen. Wenn die Worte „freisinnig“ und „wahrhaft konstitutionell“ in seinem politischen Credo immer wiederkehren, so verstand er darunter die Liberalisierung des politischen, kommunalen, wirtschaftlich-sozialen und evangelisch-kirchlichen Lebens, in Wiederaufnahme des gescheiterten Neuära-Programms der „moralischen Eroberungen“. Das persönliche Regiment in Preußen, die Exponierung der Krone, hielt er für nicht mehr „zeitgemäß“ und der dynastischen Zukunft gefährlich; andererseits war das autoritäre Erbteil des Vaters in ihm zu lebendig, als daß er – bei aller Bewunderung englischer Einrichtungen – ein Parlamentsheer und die parlamentarische Regierungsweise bejaht hätte. Seine Mittler-Natur glaubte an die Möglichkeit eines „Dualismus“ von Krone und Volksvertretung. Die harte Realität des innerpolitischen Machtkampfes ist ihm schwerlich zum Bewußtsein gekommen, er litt von vornherein am „mißverstandenen Bismarck“. Der „Konflikt im Konflikte“, den seine Danziger Ansprache (3.6.1863) wegen der Presseordonnanz entzündete, war keine „Episode“ (Gedanken und Erinnerungen), von ihm erhielt der Regierungschef niemals volle Indemnität, obwohl <span class="abbr" title="Friedrich">F.</span> sich dem Eindruck der Größe des Gegners nicht entziehen konnte und seine Animosität keine so persönlich-verunglimpfenden Formen annahm wie bei Victoria. Wohl hat der Thronfolger den Minister des Königs unterstützt, wenn er ihm „zeitgemäß“ zu handeln schien, so in Nikolsburg und in Versailles, auch später noch bei der Option für Österreich, stets gegen den Vater, aber das blieben Zweckbündnisse, die an dem beiderseitigen Mißtrauen nichts änderten. Denn seit der berüchtigten „Briefindiskretion“, deren Ursprung, wie wir heute mit Sicherheit sagen können, auf die Kronprinzessin zurückgeht (das hieß auf <span class="abbr" title="Friedrich">F.</span>s „besseres Ich“), war auch [Bismarck](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html) auf der Hut, und neuerdings bekanntgewordene Zeugnisse der englischen Korrespondenz bestätigen seinen Argwohn. Während der Kronprinz sich von dem preußischen Ministerrat geflissentlich fernhielt, war er regelmäßiger Gast im Sitzungssaale des Norddeutschen Reichstages, als dieser ganz nach seinem Wunschbilde gemeinsam mit den Regierungen der Einzelstaaten die Verfassung des Gesamtstaates „vereinbarte“.

Zu einer geschichtlichen Figur wurde <span class="abbr" title="Friedrich">F.</span> in den Kriegen um die deutsche Einheit. War es ihm schon vergönnt, mit seiner Armee entscheidend zum Siege von Königgrätz beizutragen, so ist unter seinem Oberbefehl im Feuer von Weißenburg und Wörth die Waffenbrüderschaft der deutschen Stämme geschmiedet worden. Gegenüber der werbenden Kraft, die gerade im Felde von seiner Person ausging, bleibt die Frage nach der militärischen Qualität im technischen Sinne zweitrangig. Das Ingenium seines Generalstabschefs L. Graf Blumenthal hat der Kronprinz anerkannt, aber auch verstanden, in entscheidenden Momenten die Verantwortung des Feldherrn zu tragen (H. Delbrück). Unbestritten ist seine Leistung für „Kaiser und Reich“, die „Das Kriegstagebuch von 1870/71“ (herausgegeben von H. O. Meisner, 1926) am ursprünglichsten erkennen läßt, mag dabei unitarischer Enthusiasmus anfänglich die von der Staatsraison gezogenen Grenzen überschritten haben, wie er auch die liberale Forderung nach verantwortlichen Reichsministern sich zu eigen machte, ohne die verfassungspolitischen Konsequenzen zu überschauen. Als das nationale Hochziel erreicht war, sah der Anwärter auf den Kaiserthron dessen sicherste Gewähr wieder in einer nunmehr „<span class="spaced">deutsch</span> - freisinnigen“ Politik. „Ein freier deutscher Kaiserstaat, der an der Spitze der Zivilisation schritte“, galt dem Idealisten als das beste Bollwerk gegen den „Sozialismus“. Hier wie im Kulturkampf war er gegen „Ausnahmegesetze“, so sehr der Freimaurer unduldsame Orthodoxie und militanten Klerikalismus ablehnte. Das Verlassen der in Preußen bewährten freihändlerischen Prinzipien verstieß nach seiner Ansicht gegen die Ergebnisse der Wissenschaft und Praxis politischer Ökonomie. Außenpolitisch richtete er natürlich das Augenmerk auf die Verbindung mit „dear old England“. Als der von Mörderhand verletzte Monarch regierungsunfähig wurde (1878), schien für den Sohn der Augenblick gekommen, seine Prinzipien in die Tat umzusetzen. Aber er erhielt nicht die Regentschaft, sondern nur die Stellvertretung, „unter Verzicht auf jede Selbständigkeit“, und es ist verständlich, daß er sich der Enttäuschung über das schnelle Wiedergesunden des Vaters nicht ganz erwehren konnte. Zudem hatte die bittere Ironie des Schicksals gerade von dem Stellvertreter die erste Reichstagsauflösung, die Vollziehung eines Ausnahmegesetzes und die Bestätigung eines Todesurteils gefordert. Und dann trat der 56jährige wieder in den Schatten der Exspektanz zurück – endgültig. Wohl<span class="pb" title="Seite im Original 489">|</span>konnte er nach wie vor dem Vaterlande Dienste leisten bei Auslandsaufenthalten mit höfisch-diplomatischen Zielen, aber das vermochte die bedrückende Leere seines Daseins nicht auszufüllen, noch weniger die Pflichten sonstiger Repräsentation mit ihren Empfängen, Protektoraten, Paraden und Inspektionsreisen; auch die Beziehungen zu Kunst, Kunstgewerbe und Wissenschaft boten kein genügendes Gegengewicht. So liegt eine Tragik über dem Leben des Mannes, lange bevor die furchtbare Krankheit es frühzeitig beendete und die Lücke der übersprungenen Generation mit ihrem Wenn und Aber aufriß.

Ein Mensch mit seinem Widerspruch: Für hohe Ziele begeistert und begeisternd, beobachtete man doch schon früh an ihm ein schnelles Absinken der lodernden Kraft. Der schwungvoll gesteilten „gotischen“ Schrift stand eine Unbeholfenheit im sprachlichen Ausdruck gegenüber. Empfänglich und mit geschultem Blick für Form und Farbe, für die zeremonielle Szene – ein Erbteil Augustas, der <span class="italics">„empress even in death“</span> – blieb er im Grunde schlicht und einfach. Furchtlos im Augenblick der Gefahr, war er nach dem Zeugnis Victorias <span class="italics">„despondant by nature“</span> und bisweilen in hohem Maße von der Gattin abhängig. Dem Recken schlug unter dem Küraß ein fast weiches Herz, das den Kontrast zwischen der Attitüde des Feldherrn und dem Grauen des Schlachtfeldes tief empfand. Trotz jenes „olympischen Hoheitsgefühls“, das [Bismarck](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html) unvergeßlich blieb, fiel dem Kronprinzen das ungekünstelte Verhältnis zum „gemeinen Manne“ nicht schwer, ja er suchte es geradezu; die Popularität war echt auf beiden Seiten. Am wohlsten fühlte er sich im Familienkreise, als Gutsherr von Bornstädt. Das Niedrige hatte keine Gewalt über ihn. Sein Heiligtum aber blieb die Ehe, sie war der ständige Quell reinsten Glücks; nie hätte er sich eingestanden, daß die über alles geliebte Frau und ihr Milieu vieles von dem verschuldeten, was seine Stellung in der Öffentlichkeit erschwerte. Mit stärkeren Kräften des Gemüts als des Verstandes kein Großer dieser Erde, aber ein Held im Leid, kein Mann der Tat, aber ein edel Wollender, keine machtvolle und doch eine gewinnende Persönlichkeit, so lebt er in der Geschichte fort.

##### 42. Stefan George

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-06/scaled-1680-/thkimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-06/thkimage.jpeg)

<span class="abbr" title="George">G.</span>s Geburtsort war auch die Stätte seiner frühen Kindheit. Milieu und Atmosphäre des alten Winzerdorfes Büdesheim schildert die kleine Prosaskizze „Sonntage auf meinem Land IV“ (Gesamtausgabe \[GA\] XVII, 10). Von der katholischen Erziehung berichtet des Dichters „Kindlicher Kalender“ (GA XVII, 13), der das Jahr nach den Festen der Kirche gliedert. 1882-88 besuchte <span class="abbr" title="George">G.</span> das Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt. Versuche einer eigenen Sprachfindung stehen im Zusammenhang mit dem wachsenden Interesse für fremde Sprachen und Dichtung. Der Gymnasiast lernte Italienisch, um Petrarca und Tasso lesen zu können, und Norwegisch, um Ibsens Drama „Catilina“ zu übersetzen. Mit Schulfreunden veröffentlichte er die Zeitschrift „Rosen und Disteln“ (1887). Hier erschienen die ersten Gedichte unter dem Pseudonym Edmond Delorme, später abgewandelt in Edmond Lorm. - Reisen nach London, in die Schweiz, nach Oberitalien und nach Paris wurden für die Entwicklung des jungen <span class="abbr" title="George">G.</span> wesentlich. Briefe aus London zeigen erstmals die Kleinschreibung. In Paris lernte er 1889 durch Albert Saint-Paul den Dichter Stéphane Mallarmé kennen und die jungen Symbolisten, die Mallarmé als ihren „maître“ verehrten. <span class="abbr" title="George">G.</span> nahm eine Zeitlang an den berühmten Dienstagabenden im Haus Mallarmés in der rue de Rome teil. Gleichzeitig begann er ein intensives Studium der französischen Literatur, das von den symbolistischen Freunden gelenkt wurde. Folgenreich war die Beschäftigung mit Baudelaire und den Dichtern des Parnasse. Die Bedeutung des 1. Pariser Aufenthaltes hat <span class="abbr" title="George">G.</span> noch spät im Gedicht „Franken“ (GA VI/VII, 18) bezeugt.

Im Wintersemester 1889/90 ließ er sich an der Berliner Universität immatrikulieren und belegte 3 Semester lang Vorlesungen und Übungen in den Fächern Romanistik, Anglistik, Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Nach dem Abbruch des Studiums begab er sich wieder auf Reisen. In Wien lernte er [Hugo von Hofmannsthal](https://www.deutsche-biographie.de/sfz45826.html) kennen. Eine kurze stürmische Freundschaft mit hochgreifenden Plänen beendete [Hofmannsthal](https://www.deutsche-biographie.de/sfz45826.html) gewaltsam, aber er blieb <span class="abbr" title="George">G.</span> noch einige Zeit innerlich verbunden und übertrug ihm die Publikation der 1. Sammlung seiner Gedichte (Ausgewählte Gedichte, 1903). Der Briefwechsel der beiden Dichter gehört zu den bedeutendsten persönlichen Dokumenten der Zeit um die letzte Jahrhundertwende.

Zusammen mit C. A. Klein begründete <span class="abbr" title="George">G.</span> 1892 die „Blätter für die Kunst“, eine Zeitschrift für Dichtung mit bewußt begrenzter Auflage, die in 12 Folgen bis 1919 in unregelmäßigen Abständen erschien. Zum frühen Kreis der Mitarbeiter gehörten außer Hofmannsthal vor allem [L. Andrian](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60717.html), P. Gérardy, [M. Dauthendey](https://www.deutsche-biographie.de/sfz9385.html), [K. Wolfskehl](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107285.html), [L. Klages](https://www.deutsche-biographie.de/sfz41239.html), [K. G. Vollmöller](https://www.deutsche-biographie.de/sfz106593.html). Dazu kamen bald: [Friedrich](https://www.deutsche-biographie.de/sfz24703.html) und [Ernst Gundolf](https://www.deutsche-biographie.de/sfz24702.html), [L. Derleth](https://www.deutsche-biographie.de/sfz9686.html), [H. von Heiseler](https://www.deutsche-biographie.de/sfz29411.html), [L. Treuge](https://www.deutsche-biographie.de/sfzT3071.html), [A. Schuler](https://www.deutsche-biographie.de/sfz3161.html), [W. Wenghöfer](https://www.deutsche-biographie.de/sfzW3987.html) und [Saladin Schmitt](https://www.deutsche-biographie.de/sfz110890.html). Außer den Dichtern wurden im Anfang auch andere Künstler einbezogen, die Bildbeigaben oder Tonstücke lieferten. Seit 1897 übernahm der Maler [Melchior Lechter](https://www.deutsche-biographie.de/sfz49629.html) die künstlerische Ausstattung der Bücher <span class="abbr" title="George">G.</span>s. Eine geeignete Antiqua und die Handschrift des Dichters bildeten das Vorbild für die Stefan-George-Schrift, die seit der 3. Auflage des Gedichtbuches „Das Jahr der Seele“ verwendet wurde (1904). Ihre endgültige Form zeigt die „Gesamt-Ausgabe der Werke“ (GA). Auf einer Romreise im Jahre 1898 begegnete <span class="abbr" title="George">G.</span> dem Verleger [G. Bondi](https://www.deutsche-biographie.de/sfz45634.html), der von diesem Zeitpunkt an alle Werke des Dichters und viele Bücher der Freunde verlegte.

Lebenshaltung und dichterisches Schaffen bilden bei <span class="abbr" title="George">G.</span> eine echte Einheit. Jedes Gedicht hat einen Bezug zum dichterisch verwirklichten Leben. Bezeichnend für die stete Wanderschaft ist das 2. Gedichtbuch „Pilgerfahrten“ (GA I), das <span class="abbr" title="George">G.</span> später [H. von Hofmannsthal](https://www.deutsche-biographie.de/sfz45826.html) widmete. Länger als einige Monate verweilte der Dichter nie an einem Ort. Oft wohnte er bei Freunden. Die bedeutungsvollen Fixpunkte seiner Reisen waren Bingen, Berlin, München, Heidelberg, Darmstadt, Marburg, Kiel und Basel. In Bingen lernte er Ida Coblenz kennen, die spätere Frau [Richard Dehmels](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69629.html). Mit ihr verband ihn bis 1896 eine leidenschaftliche Freundschaft. Gedichte aus dem „Buch der Hängenden Gärten“ (GA III) und aus dem „Jahr der Seele“ (GA IV) geben in überpersönlich gültiger Umformung Zeugnis von dieser wohl einzigen Liebesbindung mit einer Frau.

In München trat <span class="abbr" title="George">G.</span> einige Zeit in nähere Beziehung zu der Gruppe der Kosmiker (Schuler, Klages, Wolfskehl). Zur gleichen Zeit lernte er dort Maximilian Kronberger kennen. Nach dem frühen Tode des geliebten Jünglings ehrte er ihn durch das „Gedenkbuch“ (1908) und durch den „Maximin“-Zyklus des „Siebenten Rings“ (GA VI/VII).

Ein formendes Ereignis war die Wiederentdeckung [Hölderlins](https://www.deutsche-biographie.de/sfz32834.html) durch <span class="abbr" title="George">G.</span> und seine Schüler. An der 1. historisch-kritischen Hölderlin-Ausgabe, die [Norbert von Hellingrath](https://www.deutsche-biographie.de/sfz29530.html) veranstaltete, nahm <span class="abbr" title="George">G.</span> aktiven Anteil. Der „Hyperion“-Zyklus (GA IX, 13 ff.) feiert und deutet den vergessenen Dichter in einer Form, die sich bewußt von [Hölderlins](https://www.deutsche-biographie.de/sfz32834.html) hymnischer Rede mitprägen läßt. Sichtbarer als in der Frühzeit erfüllte <span class="abbr" title="George">G.</span> nun sein Dichtertum als einen pädagogischen und prophetischen Auftrag. Zu den bedrängenden Ereignissen des 1. Weltkrieges ergriff er das Wort in den Gedichten „Der Krieg“ (GA IX, 27) und „Der Dichter in Zeiten der Wirren“ (GA IX, 35). Der Kreis der Menschen, die auf die Stimme des Dichters hörten, wurde jetzt immer größer. Um äußeren Erfolg oder Anerkennung kümmerte sich <span class="abbr" title="George">G.</span> jedoch nicht. Den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main, der ihm 1927 als erstem verliehen wurde, lehnte er ab. Einer dringlichen Bitte folgend, nahm er die Ehrung nachträglich an, aber ohne öffentliches Auftreten und ohne Dank. Den Geldbetrag verwendete er zur Förderung seines jungen Freundes [Max Kommerell](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70404.html), der sich an der Universität Frankfurt habilitierte.

Die erwählten jungen Menschen und Schüler - nur sie bilden den „George-Kreis“ - formte er zu einer selbstbewußten geistigen Gemeinschaft. Zu diesem Kreis des Dichters gehörten außer [Wolfskehl](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107285.html) und den Brüdern Gundolf vor allem: [F. Wolters](https://www.deutsche-biographie.de/sfz126185.html), [B. Vallentin](https://www.deutsche-biographie.de/sfzV0117-5.html), [K. Hildebrandt](https://www.deutsche-biographie.de/sfz103481.html), [R. Boehringer](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69495.html), [E. Morwitz](https://www.deutsche-biographie.de/sfz65612.html), [L. Thormaehlen](https://www.deutsche-biographie.de/ppn117353469.html), [E. Boehringer](https://www.deutsche-biographie.de/sfz015_00014_1.html), [W. Stein](https://www.deutsche-biographie.de/sfz111253.html), J. Anton, [M. Kommerell](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70404.html), [E. Kantorowicz](https://www.deutsche-biographie.de/sfz39758.html), [Bernhard](https://www.deutsche-biographie.de/ppn107737922.html) und [Woldemar Graf von Uxkull-Gyllenband](https://www.deutsche-biographie.de/sfzU1025.html), die Brüder [Alexander](https://www.deutsche-biographie.de/sfz111655.html), Berthold und [Claus Schenk Graf von Stauffenberg](https://www.deutsche-biographie.de/sfz111653.html), [F. Mehnert](https://www.deutsche-biographie.de/ppn136172644.html). [K. J. Partsch](https://www.deutsche-biographie.de/sfz93980.html) und [M. Stettler](https://www.deutsche-biographie.de/sfzS19766.html).

Die politischen Ereignisse verfolgte <span class="abbr" title="George">G.</span> auch nach dem Weltkrieg mit kritischer Aufmerksamkeit. Vor der pseudovölkischen Ideologie des Nationalsozialismus, vor dessen Chauvinismus und Demagogie warnte er seine Freunde frühzeitig, ohne freilich jeden einzelnen von einem zeitweiligen politischen Engagement in solcher Richtung abhalten zu können. Als man ihn 1933 zum Präsidenten einer neuen deutschen Akademie für Dichtung machen wollte, ließ er durch seinen Freund [E. Morwitz](https://www.deutsche-biographie.de/sfz65612.html) die Absage überbringen. Ehrungen zum 65. Geburtstag wich er aus. Ende August begab er sich in die Schweiz. Dort starb er einige Monate später im Krankenhaus von Locarno. Freunde bestatteten ihn auf dem Friedhof in Minusio. [R. Boehringer](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69495.html) ist der Verwalter seines Nachlasses.

<span class="abbr" title="George">G.</span> besaß eine ungewöhnliche personale Ausstrahlung. Die überzeugende Einheit von Erscheinung und Wesen, der Zauber seines Wortes im Gespräch wie im Werk und die besondere Art, Gedichte zu lesen, haben immer von neuem Menschen in seinen Bann<span class="pb" title="Seite im Original 238">|</span>gezogen, die ihn bewunderten, verehrten oder liebten und an seine dichterische Sendung glaubten. Noch ehe er sich durch bedeutende Werke ausgewiesen hatte, nahmen ihn die französischen Lyriker als Dichter in ihren Kreis auf. Hofmannsthal hat die erweckende Kraft <span class="abbr" title="George">G.</span>s bezeugt, aber zugleich auch die gebieterische Gebärde und die oft unheimliche Gewalt: „Von seinen Worten, den unscheinbar leisen/Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen/Er macht die leere Luft beengend kreisen/Und er kann töten, ohne zu berühren.“ In Zuneigung und Abwehr war <span class="abbr" title="George">G.</span> gleichermaßen entschieden. Er wirkte durch Gedicht und Gespräch. Einige Gespräche sind aufgezeichnet und überliefert.

Das dichterische Werk <span class="abbr" title="George">G.</span>s erfüllt sich in der lyrischen Form. Seine Prosa ist indem schmalen Band „Tage und Taten“ (GA XVII) zusammengefaßt. Sie wird in ihrer Eigenart bestimmt durch den Willen des Lyrikers zur Kürze: Es sind impressionistische Skizzen, Briefe, Betrachtungen, Aphorismen und Lobreden. Auch Novelle und Roman hielt <span class="abbr" title="George">G.</span> für zeitgemäße und bedeutende Kunstformen, aber er übte heftige Kritik an der modernen Neigung zur Reportage: „Man verwechselt heute kunst (literatur) mit berichterstatterei (reportage) zu welch letzter gattung die meisten unsrer erzählungen (sogenannte romane) gehören.“

Die wenigen Versuche, ein Drama oder Spielszenen zu schreiben, sind Fragment geblieben („Manuel“ GA XVIII, 7 ff.). Ein Weihespiel („Die Aufnahme in den Orden“ GA XVIII, 61 ff.), ein Szenenbild mit Dialogtext („Die Herrin betet“ GA XVIII, 53 ff.) und einige späte Gesprächgedichte („Der Gehenkte“, „Der Mensch und der Drud“, „Gespräch des Herrn mit dem römischen Hauptmann“, „Der Brand des Tempels“ GA IX, 67 ff.) fügen sich ohne Zwang in das lyrische Gesamtwerk ein, da die Dialoge keine dramatische Struktur haben und weder eine Handlung noch ein Problem entfalten. Alle Stücke sind erweiterte Rollengedichte mit spruchhaften Pointen. Dabei gewinnt die Darstellung gegenbildlicher Daseinsformen eine besondere Bedeutung. Auch der frühe Plan einer „Bühne der Blätter für die Kunst“ wurde begrenzt, da <span class="abbr" title="George">G.</span> das Theater seiner Zeit ganz ablehnte. Er forderte das Sprechen der Rollentexte mit nur sparsamen Gesten. Ort für Aufführungen und Lesungen dieser Art war das Zimmer oder das Atelier. Wenn auch der „Bühne“ <span class="abbr" title="George">G.</span>s wenig Erfolg beschieden war, so ist doch seine Kritik des zeitgenössischen Theaters, vor allem der naturalistischen Illusionsbühne, gehört und zumal bei Hofmannsthal und im Expressionismus wirksam geworden.

Das lyrische Werk beginnt mit den 3 Zyklen „Hymnen“ (1890), „Pilgerfahrten“ (1891), „Algabal“ (1892), die in der Gesamtausgabe zusammengefaßt wurden. In allen Gedichten ist die Begegnung mit den französischen Lyrikern bemerkbar. Im „Algabal“ kommt die eigene Art <span class="abbr" title="George">G.</span>s klar und bestimmt zum Ausdruck. Gestalt und Reich des antiken Priesterkaisers Heliogabalus (218–22) werden zum Symbol für den exklusiven Künstler, der seinen eigenen Lebensbezirk gegen die Natur entwirft: „Mein garten bedarf nicht luft und nicht wärme./Der garten den ich mir selber erbaut“ (GA II, 96). Die „Bücher der Hirten und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der Hängenden Gärten“ (1895) prägen Stoffe und Motive der abendländischen und morgenländischen Literatur um und zeigen <span class="abbr" title="George">G.</span> bereits als Meister symbolistischer Technik. Widmungsgedichte an Freunde fügen sich den Zyklen ein. Diese Gattung kehrt in allen folgenden Gedichtbüchern wieder und bildet einen beachtlichen Teil des Gesamtwerks. Es bezeugt sich darin die fundierende Bedeutung des „Kreises“ für <span class="abbr" title="George">G.</span>s Künstlertum und Schaffen. Breitere Anerkennung und ersten Ruhm errang der Dichter mit dem Buch „Das Jahr der Seele“ (1897), in dem er die Gestalt des traditionellen Naturgedichts in Deutschland entscheidend umformte. Seine Natur wurde hier real und sinnbildlich der Park, die vom Gartenkünstler kunstvoll organisierte und erstellte Landschaft. Bezeichnend, daß im Zyklus des Jahreslaufes der Herbst den Eingang bildet („Komm in den totgesagten park und schau“), jene Jahreszeit also, in der die Natur beim Absterben des Lebens eine künstlerisch erregende Farbenfülle gewinnt, während der Frühling fehlt. Der Bezug zu den Dingen und Vorgängen der Natur ist durch die Optik des Künstlers gebrochen. Auch später erscheint bei <span class="abbr" title="George">G.</span> elementare Natur als Gegenwelt des Menschen. Vertraut und schön wird sie, wenn sie gehegt und beherrscht ist („Der Freund der Fluren“ GA V, 42). Wortprägungen und Bildtechnik der Gedichte im „Jahr der Seele“ lassen in der Neigung zur schmuckreichen Konstruktion bisweilen eine Beziehung zu Intentionen und Motiven des Jugendstils erkennen (An einer hohen blume welkem stiel - bronzebraunen laubes inselgruppen - Vom tore dessen eisen-lilien rosten/Entfliegen vögel zum verdeckten rasen). Doch zielt der Bildaufbau nicht auf Abstraktion. Zumal durch Farbigkeit und ruhige Bewegung gewinnen alle Metaphern und Symbolzeichen sinnliche Intensität, die anschauliche Vorstellungen schafft („Im freien viereck mit den gelben steinen/In dessen mitte sich die brunnen regen“ GA IV, 22). -<span class="pb" title="Seite im Original 239">|</span>Die strenge Form mit einer einheitlich symmetrischen Gliederung kennzeichnet den „Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel“ (1899). Jeder zyklische Abschnitt, den der Titel nennt, besteht aus der gleichen Anzahl von Gedichten (24), die in Zweiergruppen geordnet sind, und jedes Gedicht hat 4 Strophen mit je 4 Versen, in denen als Maß der auftaktige Fünfheber vorherrscht. Ruhig und gemessen ist der Ton, und im Gleichmaß der Bewegung erhält jedes Wort volles Gewicht. Bedachtheit, Dichte und sentenzhafte Pointierung ordnen den Gedichttypus der lyrischen Grundform des Spruches zu. Die Metapher „Teppich des Lebens“ deutet hin auf eine kunstvolle und rätselhafte Ordnung des Seins. Im Gedicht erwachen die abstrakten Chiffren des Teppichs zum „schönen Leben“, das der Engel des „Vorspiels“ ankündigt. Den prächtigen Schmuck des Buches schuf [Melchior Lechter](https://www.deutsche-biographie.de/sfz49629.html). In seiner reichen Ausstattung mit Bildern, Umrahmungen und Zierbuchstaben, eingebunden in grünes, auf Holzdeckel gespanntes Leinen mit blauem Titelaufdruck, ist die 1. Ausgabe ein seltenes und bezeichnendes Musterstück für die Buchkunst des Jugendstils. Der über Wolken thronende Engel [Lechters](https://www.deutsche-biographie.de/sfz49629.html) hat freilich mit der gedichteten Gestalt des „Vorspiels“ wenig gemein. <span class="abbr" title="George">G.</span> objektiviert im Bild des nackten Engels sein dichterisches Ich, erhebt es zum gültigen Formgesetz und entwirft es sich selbst als „Führer und Ferge“ voraus.

Mit dem Anspruch auf Verbindlichkeit seines Dichterworts trat <span class="abbr" title="George">G.</span> aus dem exklusiven Bezirk des Nur-Ästhetischen hinaus. Die Zeitgedichte, die den großen Zyklus „Der siebente Ring“ (1907) einleiten, bezeichnen diesen Standort. Durch Kritik und Hinweis auf große Vorbilder ([Dante](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118523708.html), [Goethe](https://www.deutsche-biographie.de/sfz53095.html), [Nietzsche](https://www.deutsche-biographie.de/sfz71984.html), [Leo XIII.](https://www.deutsche-biographie.de/sfz125826.html)) gibt <span class="abbr" title="George">G.</span> seinen Zeitgenossen Weisung. Dieses leitende und richtende Amt des Dichters bestimmt den Ton und Gehalt des ganzen Spätwerks, noch nicht freilich aller Gedichte des „Siebenten Rings“, in dem Bilder des kosmischen Treibens in München und die Vergottung „Maximins“ ([Maximilian Kronberger](https://www.deutsche-biographie.de/ppn132276364.html)) einen breiten Raum einnehmen. - „Der Stern des Bundes“ (1914) ist der formstrengste Zyklus <span class="abbr" title="George">G.</span>s. Er enthält 100 spruchhafte Gedichte, die sich verteilen auf 3 Bücher mit je 30 Stücken, den Eingang (9) und den „Schlusschor“. Gereimt sind nur das letzte Gedicht des „Eingangs“, das 10. Gedicht eines jeden „Buches“ und die 4 letzten Verse des „Schlusschores“. Die durch den Reim hervorgehobenen Stücke bezeichnen das Ende einer gedanklichen und strukturellen Einheit. In den einzelnen Gedichten schwankt die Zahl der Verse zwischen 7 und 14, im ganzen Werk beträgt sie 1000. Die Sprüche geben Grundsätze des neuen Lebens, das <span class="abbr" title="George">G.</span> erwecken möchte. Oft ist die Bauform des Gedichts durch Rede und Gegenrede oder durch Frage und Antwort bestimmt. Die Sprache ist spruchhaft knapp. Sie verzichtet auf reichen Bilderschmuck. Metaphern und Gleichnisse sind wie in biblischer Rede unmittelbar treffende Aussage: „Ich bin der Eine und bin Beide/Ich bin der zeuger bin der schooss/Ich bin der degen und die scheide/Ich bin das opfer bin der stoss/Ich bin die sicht und bin der seher …“ (GA VIII, 27). An die Stelle des Engels aus dem „Vorspiel“ ist die Gottgestalt Maximins getreten. Sie ist Symbol für die Ermächtigung zum lebenspendenden und gebietenden Wort: „Wir schaun nicht mehr auf landes starre/Den wald von giftigem wind ergraut/Den grund geborsten durch die darre/Das fahl-gebrannte gras und kraut./Auf höhen ward ein quell entspündet/Und frische inseln blühn versteckt:/Das neue wort von dir verkündet/Das neue volk von dir erweckt.“ (GA VIII, 91).

Alle Gedichte, die nach 1913 entstanden sind, faßte <span class="abbr" title="George">G.</span> in seinem letzten Buch „Das neue Reich“ (1928) zusammen; freilich fügte er auch einzelne ältere Stücke ein und bekräftigte damit noch einmal, daß nicht die zufällige Chronologie, sondern das künstlerische Baugesetz und das Sinngefüge die Gestalt der Gedichtbücher bestimmen. Zeitgedichte bilden den Hauptteil des Buches: die Dichtungen in den Wirren des 1. Weltkrieges, die Versgespräche, die „Sprüche an die Lebenden“ und die „Sprüche an die Toten“. Am Anfang aber stehen Oden mit zeitübergreifenden Themen: „Goethes letzte Nacht in Italien“, „Hyperion“, „An die Kinder des Meeres“. Auch die 12 „Lieder“ am Ende formen Begebenheiten oder Begegnungen zum zeitlosen Ereignis. Es sind Stücke letzter Meisterschaft. Motiv, Bild und Sprache sind einfach wie im Volkslied, aber jedes „Lied“ ist ein Gebilde hoher Kunst. Eines unter ihnen - „Das Wort“ - gibt ein gültiges Gleichnis für <span class="abbr" title="George">G.</span>s Dichtertum und spricht aus, welches Wissen ihn zum Werk gedrängt hat: „Kein ding sei wo das wort gebricht“.

Neben das eigene dichterische Werk tritt eine Fülle von Übertragungen und Umdichtungen. „Les Fleurs du Mal“ von Baudelaire, große Teile der „Divina Commedia“ von [Dante](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118523708.html) und die Sonette Shakespeares sind zwar eigenwillig, aber meisterhaft in die deutsche Sprache übertragen. Hinzu kommen zahlreiche Gedichte der französischen Lehrer und Freunde<span class="pb" title="Seite im Original 240">|</span>- [Verlaine](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118804219.html), [Mallarmé](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118576771.html), [Rimbaud](https://www.deutsche-biographie.de/sfz133383.html), [De Régnier](https://www.deutsche-biographie.de/ppn11859902X.html), [F. Vielé-Griffin](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118804456.html) - und anderer europäischer Lyriker, deren Gedichte <span class="abbr" title="George">G.</span> für wertvoll hielt: [D'Annunzio](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118503243.html), [Rolicz-Lieder](https://www.deutsche-biographie.de/ppn124863558.html), [D. G. Rossetti](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118749900.html), [Swinburne](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118620207.html), [Dowson](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118672398.html), [J. P. Jacobsen](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118711172.html), [Kloos](https://www.deutsche-biographie.de/sfz42980.html), [Verwey](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118768174.html), [Verhaeren](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118768085.html). Zusammen mit den Auswahlbänden deutscher Dichtung ([Jean Paul](https://www.deutsche-biographie.de/sfz53304.html). Ein Stundenbuch für seine Verehrer. - Goethe. - Das Jahrhundert Goethes. - Alle herausgegeben mit [K. Wolfskehl](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107285.html)) lassen die Umdichtungen seine Absicht erkennen, die große dichterische Tradition Europas im Bewußtsein zu halten und sie zu verknüpfen mit bedeutenden Werken seiner Zeit.

Das zyklische Schaffensprinzip, die Kunstgesinnung und die Selbstermächtigung zum weltformenden Wort rücken <span class="abbr" title="George">G.</span>s Gestalt in den Zusammenhang der großen europäischen Lyrik der letzten Jahrhundertwende. Die Orientierung an einzelnen großen Vorbildern und deren immer neue Wirkung auf sein eigenes Werk verbindet dieses freilich noch fest mit den überkommenen Formen dichterischen Sprechens. In dieser Mitte zwischen Überlieferung und Neuanfang liegt auch seine Kritik an der die Zeit beherrschenden Idee des „Fortschritts“. Richtmaß für die Wertung politischer, gesellschaftlicher oder technischer Errungenschaften ist ihm der geistige Rang des handelnden oder betroffenen Menschen. Sein Gedicht, so glaubte <span class="abbr" title="George">G.</span>, werde in einer Zeit der Krise des menschlichen Geistes Weisung zu einer rechten Ordnung der Wirklichkeit geben.

Die Wirkung <span class="abbr" title="George">G.</span>s auf das geistige und kulturelle Leben in Deutschland war bedeutend. Sie ging nicht nur aus von seiner Dichtung, sondern auch von der Arbeit und den Werken der erwählten Freunde und Schüler, die ihrerseits junge Menschen in den Umkreis des Dichters führten. <span class="abbr" title="George">G.</span> selbst ist niemals öffentlich aufgetreten und hat auch nicht in irgendeiner Form öffentlich Stellung genommen zu Fragen des Tages. Hofmannsthals Bitte, einen offenen Brief zur Vermeidung eines deutsch-englischen Krieges zu unterzeichnen, lehnte <span class="abbr" title="George">G.</span> schroff ab. Auch das Zeitgedicht „Der Krieg“ war zunächst für Freunde im Felde bestimmt und erschien in einer begrenzten Anzahl von Exemplaren. Erst die 2. Auflage wurde in einigen Zeitungen und Zeitschriften angezeigt.

Schon vor dem 1. Weltkrieg hatten F. Gundolf und F. Wolters das „Jahrbuch für die geistige Bewegung“ (3 Jahrgänge, 1910–12) herausgegeben, das wegweisende und kritische Aufsätze zu Fragen der Literatur und Kunst, der Philosophie und Geschichte enthielt. Bezeichnend für die Eigenart des „Jahrbuchs“ sind die Themen wichtiger Abhandlungen: „Die Blätter für die Kunst und die neuste Literatur“ (Wolfskehl), „Das Bild <span class="abbr" title="George">G.</span>s“ (F. Gundolf), „Über Stil“, „Die Philosophie H. Bergsons“ (E. Gundolf), „Gestalt“ (Wolters), „Zur Kritik des Fortschritts“ (Vallentin), „Hellas und Wilamowitz, Zum Ethos der Tragödie“ (K. Hildebrandt), „Theater und Zeitgeist“ (Kahler), „Form und Kultus“ (Thiersch), „Über Hersagen von Gedichten“ (R. Boehringer).

Im Kreis und Umkreis <span class="abbr" title="George">G.</span>s ist der Beruf des Hochschullehrers vorherrschend. Der Dichter selbst soll manche seiner Schüler auf dieses Amt des Forschers, Lehrers und Erziehers hingewiesen haben. So ergab sich bald eine weitreichende Wirkung unter der akademischen Jugend. In den Geisteswissenschaften bildete die Georgeschule eine neue Methode der wissenschaftlichen Darstellung und Deutung aus. Große Gestalten der politischen Geschichte, der Philosophie, der Dichtung und Kunst bestimmen nach dieser Auffassung nicht nur Wesen und Geist einer Epoche, sondern den Gang der Menschheitsgeschichte und die Höhe der Kultur überhaupt. Richtungweisend sind Gundolfs literarhistorische Darstellungen. Die Werke der anderen berühmten <span class="abbr" title="George">G.</span>-Schüler bestätigen die Einheit der Blickrichtung und zeigen das Maß der Wirkung: M. Kommerell: „Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik“ (1928). „[Jean Paul](https://www.deutsche-biographie.de/sfz53304.html)“ (1933). H. Friedemann: „Platon. Seine Gestalt“ (1914). A. von Blumenthal: „Griechische Vorbilder“ (1921). „Aischylos“ (1924). E. Salin: „Platon und die griechische Utopie“ (1921). „Civitas Dei“ (1926). K. Hildebrandt: „Wagner und Nietzsche. Ihr Kampf gegen das 19. Jahrhundert“ (1924). „Platon. Der Kampf des Geistes um die Macht“ (1933). W. Stein: „Raffael“ (1923). „Holbein“ (1929). B. Vallentin: „Napoleon“ (1923). E. Kantorowicz: „Kaiser Friedrich II.“ (1927). In diese Reihe rückt auch die Nietzsche-Deutung von E. Bertram: „Nietzsche. Versuch einer Mythologie“ (1918). - Gegen die mit diesen Werken begründete Methode der Geschichtswissenschaften erhob sich freilich bald heftige Kritik. Man tadelte die Stilisierung, Monumentalisierung und Heroisierung, die der historischen Wahrheit nicht entspreche. Es bleibt aber als Verdienst die oft geniale Schau, die eine bedeutende Gestalt der Geschichte im Bewußtsein der Zeit zu neuem Leben erweckte.

<span class="abbr" title="George">G.</span>s Sicht eines „Neuen Reiches“ ist oft mißdeutet worden. Er hatte nicht die Absicht, im politischen Raum mit politischen Mitteln zu wirken, und hat nicht selten seine Freunde vor unbedachter politischer Aktion und nationalem Hochmut gewarnt. Als Wolters zu Beginn des 1. Weltkrieges die Stunde gekommen glaubte, unter der Fahne <span class="abbr" title="George">G.</span>s den Krieg zu einem heiligen Krieg zu erklären, um durch ihn das „Reich“ zu verwirklichen, wäre es beinahe zum Bruch zwischen dem Dichter und seinem Gefolgsmann gekommen. <span class="abbr" title="George">G.</span> verwahrte sich gegen die Verwechslung seines geistigen Kampfes mit dem politischen Kampf des nationalen deutschen Machtstaates. Im Blick auf den Krieg schrieb er im März 1917 an Wolters: „In <span class="spaced">dem</span> rast ein altes jahrhundert sich zu end. Ein neues wird vielleicht durch ihn vorgestossen: aber das ist <span class="spaced">nicht</span> durch das innere wesen des krieges wie heut alle ,geister von draussen‘ noch meinen. Man vergesse nie: der krieg so beendet wie man vorigen dezember wollte wäre eine grausige komödie gewesen und die anständigen Deutschen (mit ganz wenigen ausnahmen) hätten sich hängen müssen.“ Und etwa 1 Jahr später ließ er Wolters durch Gundolf schreiben: „Das geistige Reich hatte und hat mit und ohne sieg die ganze welt zum feind.“ Streng genommen schließt der späte <span class="abbr" title="George">G.</span> genau wie der junge alles <span class="spaced">nur</span> Gesellschaftliche und Politische aus seinem Bezirk aus. Ihm geht es allein um einen Staat des Geistes: um das geistige Reich des schönen Lebens. Nur mittelbar kann von diesem „Staat“ auch das politische Geschehen gelenkt werden. Wenn jedoch [Claus von Stauffenberg](https://www.deutsche-biographie.de/sfz111653.html) 1944 gegen den Wahn und Ungeist Hitlers zur Tat schritt, um Deutschland vor völliger Vernichtung zu bewahren, so durfte er der Zustimmung seines toten Meisters gewiß sein, der gegen solchen Feind den Schutz der Waffe gefordert hatte: „Ihr sollt den dolch im lorbeerstrausse tragen“ (GA VIII, 92).








##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Stolberg-Wernigerode, Otto Graf zu, "Bismarck, Otto Fürst von" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 268-277 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd11851136X.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd11851136X.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 01.09.2025.

-&gt; Meisner, Heinrich Otto, "Bülow, Bernhard von" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 728-729 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd117065013.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd117065013.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 01.09.2025.

-&gt; Schulz, Gerhard, "Maximilian" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 475-477 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118732137.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118732137.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 01.09.2025.

-&gt; Sartor, Wolfgang, „Spies, Robert Julius“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.03.2024, URL: [https://www.deutsche-biographie.de/1160043175.html#dbocontent](https://www.deutsche-biographie.de/1160043175.html#dbocontent), zuletzt geprüft am 02.09.2025.

-&gt; Heuss, Theodor, "Bebel, August" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 683-685 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118507893.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118507893.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 16.10.2025.

-&gt; Schröter, Klaus, "Mann, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 39-43 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118577131.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118577131.html#ndbcontent), zuletzt abgerufen am 12.11.2025.

-&gt; Zinn, Wolf: Thomas Mann - ein Jahrhundert-Schriftsteller, in: Deutschland.de, online verfügbar seit 31.01.2025 unter: [https://www.deutschland.de/de/topic/kultur/thomas-mann-literatur-nobelpreis-nazi-gegner](https://www.deutschland.de/de/topic/kultur/thomas-mann-literatur-nobelpreis-nazi-gegner), zuletzt geprüft am 06.12.2025.

-&gt; Deeken, Annette, "May, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 519-522 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118818651.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118818651.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 06.12.2025.

-&gt; [https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/karl-liebknecht](https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/karl-liebknecht), zuletzt geprüft am 12.12.2025.

-&gt; Kümmel, Werner Friedrich, "Koch, Robert" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1980), S. 251-255 \[Online-Version\]; URL: <span class="inlineCardView-content-wrap inlineNodeView" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-inline="true" data-prosemirror-node-name="inlineCard"><span aria-busy="true" class="card">[https://www.deutsche-biographie.de/pnd118564064.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118564064.html#ndbcontent)</span></span> , zuletzt geprüft am 15.12.2025.

-&gt; Schildberger, Friedrich, "Daimler, Gottlieb Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 485-487 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118523422.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118523422.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 18.12.2025.

-&gt; Kant, Horst, "Roentgen, Wilhelm Conrad" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 732-34 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118745743.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118745743.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 23.12.2025.

-&gt; Nemec, Friedrich, "Nietzsche, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 249-253 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118587943.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118587943.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 23.12.2025.

-&gt; Wilkens, Leonie von, "Becker-Modersohn, Minna Hermine Paula" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 722 f. \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118582933.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118582933.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 24.12.2025.

-&gt; Keuler, Dorothe: ,Bertha Benz', in: fembio.org, online verfügbar seit 09.09.2011 unter: [https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/bertha-benz/](https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/bertha-benz/), zuletzt geprüft am 24.12.2025.

-&gt; Cornelia Wenzel (2024): Lina Morgenstern, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv URL: [https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lina-morgenstern](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lina-morgenstern) Zuletzt besucht am: 06.01.2026

-&gt; Hoffmann, Dieter, "Planck, Max Karl Ernst Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 497-500 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118594818.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118594818.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 18.01.2026.

-&gt; Heuss, Theodor, "Bosch, Robert" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 479-481 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118513818.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118513818.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 18.01.2026.

-&gt; Broecker, Marie-Louise, "Benz, Carl Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 57-59 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118509225.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118509225.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 09.03.2026.

-&gt; Schreinert, Kurt, "Fontane, Henri Théodore (Theodor)" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 289-293 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118534262.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118534262.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 16.03.2026.

-&gt; FrauenMediaTurm, bearbeitet von Dr. Jessica Bock (2017): Hedwig Dohm, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, URL: [https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/hedwig-dohm](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/hedwig-dohm), zuletzt besucht am: 07.04.2026.

-&gt; Voigt, Marga, "Zetkin, Clara Josephine, eigentlich Eißner, geschiedene Zundel" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 664-667 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118636618.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118636618.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 07.04.2026.

-&gt; Dr. Dagmar Jank (2017): Minna Cauer, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, URL: [https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/minna-cauer](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/minna-cauer), zuletzt besucht am: 07.04.2026.

-&gt; Feldenkirchen, Wilfried, "Siemens, Ernst Werner von (preußischer Adel 1888)" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 370-372 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118614088.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118614088.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 09.04.2026.

-&gt; Köhne-Lindenlaub, Renate, "Krupp, Alfred (Alfried)" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 130-35 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118567241.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118567241.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 12.04.2026.

-&gt; Kraus, Hans-Christof, "Wilhelm I. (Friedrich Wilhelm Ludwig)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 137-140 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118632884.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118632884.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 12.04.2026.

-&gt; Kroll, Frank-Lothar, "Wilhelm II. (Friedrich Wilhelm Viktor Albert)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 140-144 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118632892.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118632892.html#ndbcontent), zuletztgeprüft am 12.04.2026.

-&gt; Vinçon, Hartmut, "Wedekind, Frank (eigentlich Benjamin Franklin, Pseudonym Hugo Freiherr von Trenck, Frank Querilinth, Cornelius Mine-Haha, Ahasver, Benjamin, Hermann, Hieronymus Jobs, Kaspar Hauser, Müller von Bückeburg, Simplizissimus, Tschingiskhan)" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 533-535 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118629867.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118629867.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 20.04.2026.

-&gt; Dube-Heynig, Annemarie, "Kirchner, Ernst Ludwig (Pseudonym Louis do Marsalle)" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 658-661 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118562398.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118562398.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 20.04.2026.

-&gt; Diesel, Eugen, "Diesel, Rudolf Christian Karl" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 660-662 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118525476.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118525476.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 21.04.2026.

-&gt; Gollek, Rosel, "Marc, Franz" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 106-108 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd11857745X.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd11857745X.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 27.04.2026.

-&gt; Werbeck, Walter, "Strauss, Richard Georg" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 516-519 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd11861911X.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd11861911X.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 27.04.2026.

-&gt; Kinnebrock, Susanne: : Anita Augspurg, in: Digitales Deutsches FrauenarchivURL: [https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/anita-augspurg](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/anita-augspurg), zuletzt besucht am 04.05.2026.

-&gt; Köhnen, Ralph M., "Reventlow, Franziska (eigentlich Fanny) Sophie Liane Auguste Adrienne Gräfin von" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 477-478 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118600044.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118600044.html#ndbcontent), zuletzt geprüft 1m 05.05.2026.

-&gt; Epkenhans, Michael, "Tirpitz, Alfred Peter Friedrich von " in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 297-299 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118622870.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118622870.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 07.05.2026.

-&gt; Bodden, Nancy, „Bentz, Melitta“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.04.2026, URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd133288153.html#dbocontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd133288153.html#dbocontent), zuletzt geprüft am 07.05.2026.

-&gt; Popp, Susanne, "Reger, Johannes Joseph Max (eigentlich Maximilianus)" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 261-263 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118598988.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118598988.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 12.05.2026.

-&gt; Margarete Steiff, in: dpma.de, online verfügbar unter: [https://www.dpma.de/dpma/veroeffentlichungen/patentefrauen/margaretesteiff/index.html](https://www.dpma.de/dpma/veroeffentlichungen/patentefrauen/margaretesteiff/index.html), zuletzt geprüft am 12.05.2026.

-&gt; Hermann, Armin, "Hertz, Heinrich Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 713-714 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd11855008X.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd11855008X.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 13.05.2026.

-&gt; Bauereisen, Erich, "Behring, Emil Adolf von (seit 1901)" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 14-15 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118654918.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118654918.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 13.05.2026.

-&gt; Meisner, Heinrich Otto, "Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 487-489 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118535668.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118535668.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 16.05.2026.

-&gt; Klussmann, Paul Gerhard, "George, Stefan Anton" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 236-241 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd11853856X.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd11853856X.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 14.06.2026.

Sekundärliteratur

-&gt;

-&gt;

-&gt;

# Otto von Bismarck

#### Inhaltsverzeichnis

1. Bismarcks Weg in die Politik. Der Junker aus der Altmark
2. Bismarcks letzte Jahre. Das Gespenst vom Sachsenwald
3. Preussens Ministerpräsident. Der Triumph des Kriegstreibers

##### 1. Bismarcks Weg in die Politik. Der Junker aus der Altmark

Er ist ein schwieriger Kerl. Er verachtet den Vater, hasst die Mutter. Er tobt, trinkt, randaliert, verspielt ein Vermögen und seine Beamtenkarriere. Lange deutet nichts darauf hin, dass der Jurist Otto von Bismarck in höchste Staatsämter gelangen wird. Doch als sich die Berliner Bürger 1848 für Freiheit, Einheit und Demokratie erheben, findet der konservative Adelige aus der Provinz seine Berufung – als Kämpfer gegen die Revolution

[![Bismarck3.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/bismarck3.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/bismarck3.jpg)

Schönhausen, Montag, 20. März 1848. Ein Dorf in der Altmark an den Ufern der Elbe; Felder, Wäldchen, eine Kirche, Bauernhäuser – und ein Rittergut, auf dem ein 33-jähriger preußischer Junker lebt. Sein Name: Otto von Bismarck. Seit zwei Tagen fliegen Gerüchte durchs Dorf. Einige Damen sind aus dem etwa 100 Kilometer entfernten Berlin geflohen und erzählen Schockierendes: Revolution! Barrikaden! Kämpfe! Tote Soldaten! Aufständische Bürger, die schwarz-rot-goldene Flaggen schwingen, Freiheit und ein Parlament fordern! Truppen auf dem Rückzug!

Und: König Friedrich Wilhelm IV. weile noch in Berlin, doch sein Schicksal sei ungewiss! Möglicherweise sei er von Revolutionären eingeschlossen. Nun eilen einige Bürger der nahen Stadt Tangermünde zum Dorf und fordern: Flaggt Schwarz-Rot-Gold an eurem Kirchturm! Die Revolution ist auch bei euch angekommen! Aufgeregt laufen die Dörfler zum Schloss. Dort treffen sie den Gutsherrn an: 1,92 Meter groß, breitschultrig, vollbärtig, streitlustig. Nur die Fistelstimme passt so gar nicht zum gebieterischen Auftreten des Otto von Bismarck.

Den Bauern ist er als Gutsherr Arbeitgeber und Richter zugleich. Und so gehorchen die Landwirte, als er sie anweist, die Revolutionäre aus Tangermünde wieder davonzujagen. Dann lässt Bismarck aus der Kirche eine weiße Fahne mit dem Eisernen Kreuz holen und auf die Turmspitze pflanzen. „Ich ermittelte“, wird er sich Jahrzehnte später erinnern, „was an Gewehren und Schießbedarf im Dorfe vorhanden war, wobei etwa fünfzig bäuerliche Jagdgewehre zum Vorschein kamen. Ich selbst besaß mit Einrechnung der altertümlichen einige zwanzig.“

Mit seinen paar Bauern und den Flinten will Bismarck nun nach Berlin marschieren, um den König zu befreien. Ein benachbarter Gutsherr erfährt entsetzt von dem Vorhaben, wirft ihm vor, er würde eine Brandfackel ins Land werfen – und versucht, den Abmarsch der bunten Truppe zu verhindern. „Sie kennen mich als einen ruhigen Mann, aber wenn Sie das tun, so schieße ich Sie nieder!“, ruft Bismarck. „Das werden Sie nicht.“ „Ich gebe mein Ehrenwort darauf.“ Am Ende aber lässt Bismarck die bewaffneten Bauern doch erst einmal in Schönhausen. Dann fährt er allein mit dem Zug in Richtung Berlin. Der Revolution entgegen.

**DIESER OTTO VON BISMARCK** ist ein politischer Außenseiter. Sein ererbtes Gut verwaltet er zwar mit Energie, hat etwa Deiche ausbessern lassen, um sich und seine Nachbarn vor Überflutungen zu schützen – aber reich ist er nicht und wird es mit seinen Ländereien auch niemals werden. Berüchtigt ist er in den Kreisen von Preußens Adel: als Trinker, als Rabauke, der anderen Leuten mit der Flinte ins Schlafzimmer schießt, um sie zu wecken. Als frecher, gescheiterter Beamter, der seine Karriere einst selbst zerstörte. Als Militär hat er nur eine glanzlose einjährige Dienstzeit vorzuweisen; und ein Diplomat ist er schon gar nicht.

Und doch poltert Otto von Bismarck im März 1848 mit seinem wahnwitzigen Bürgerkriegsplan auf die Bühne der preußischen, der deutschen, der europäischen Politik – eine Bühne, auf der er bald ein Hauptakteur werden und die er fast ein halbes Jahrhundert lang nicht mehr verlassen wird. Ohne dieses halb brutale, halb lächerliche Vorhaben eines streitlüsternen Junkers wäre die Geschichte des weiteren 19. und des 20. Jahrhunderts vermutlich anders verlaufen. 500 Jahre zählen die Bismarcks da schon zum Adel. Ihr Name leitet sich wohl von einer vor dem Jahr 1200 durch den Bischof von Halberstadt errichteten Burg her: „Bischofsmark“. Doch noch nie hat einer der ihren Außergewöhnliches geleistet.

Im Gegenteil: 1722 erwähnt König Friedrich Wilhelm I. in seinem Politischen Testament die Bismarcks ausdrücklich als eine jener illoyalen Adelsfamilien, denen ein König „den Daumen auf die Augen halten und mit ihnen nicht gut umgehen“ dürfe. Noch der Vater Ferdinand von Bismarck ist ein Junker, der mit 23 den Armeedienst quittiert und fortan, dem Wein und der Jagd zugetan, auf seinem langsam verkommenden Landgut lebt.

Es ist ein Rätsel, was den gemütvollen, trägen 34-Jährigen an der erst 16 Jahre jungen, bürgerlichen Wilhelmine Mencken reizt. Die ist intelligent, energisch, doch gefühlsarm, ehrgeizig, hin- und hergerissen zwischen Kalkül und mystischen Anwallungen. Eine Frau, die an Hellseherei glaubt, aber auch daran, dass man durch Bildung und harte Arbeit Karriere machen muss. Und die entschlossen ist, ihre Söhne in Karrieren zu pressen.

Sechs Kinder werden ihr geboren. Zwei sterben früh, das dritte, der Sohn Bernhard, überlebt, doch bleibt er, wie alle seine Vorfahren, historisch bedeutungslos. Am 1. April 1815 kommt das vierte Kind zur Welt: Otto Eduard Leopold von Bismarck.

**1815 IST EIN JAHR,** in dem eine Ära endet: die von Napoleon Bonaparte. Der Kaiser der Franzosen hat in den zwei Jahrzehnten zuvor fast ganz Europa unterworfen. Auch Preußen hat er gedemütigt. 1806 zerschmetterte er die Armee der Hohenzollern in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, besetzte sogar die Hauptstadt Berlin. Preußen verlor mehr als die Hälfte seines Territoriums und wurde zu einem zweitrangigen Mittelstaat degradiert. Und doch war die Niederlage heilsam. Denn einige Adelige waren nun zu Reformen bereit, um ihr Land (das weiterhin von Preußens König regiert wurde) wieder zu stärken – Reformen, die zuvor undenkbar gewesen wären.

Generäle unter Gerhard von Scharnhorst etwa verbesserten die Ausbildung der Offiziere und führten die allgemeine Wehrpflicht ein. Staatsmänner wie Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein sowie Karl August Freiherr von Hardenberg schafften unter anderem das alte Zunftrecht ab sowie wie die Leibeigenschaft der Bauern, was die Wirtschaft stärken sollte. Und Gelehrte wie Wilhelm von Humboldt gründeten die Berliner Universität und reformierten Schulen, um Stätten der Wissenschaft zu formen und zukünftige Rechts- und Verwaltungsspezialisten als Staatsdiener auszubilden.

Vielleicht noch wichtiger als die Reformen von oben wurde für Preußens Wiederaufstieg eine Bewegung aus dem Volk: Napoleons Herrschaft provozierte erstmals in der deutschen Geschichte nationalen Widerstand. Intellektuelle wie der Dichter Theodor Körner riefen zum Kampf auf; Freikorps- Einheiten um Offiziere wie Adolf von Lützow fochten als Partisanen gegen die Besatzer.

Kaum einer kämpfte dabei für das alte, erstarrte Preußen. Im Gegenteil: Je weiter der Widerstand gegen Napoleon zunahm, desto größer wurde zugleich die Hoffnung – vor allem bei Studenten und Akademikern, bei den Bürgern der Städte, den Kaufleuten – auf ein freies, geeintes Deutschland. Denn vor den Umwälzungen durch den Franzosenkaiser war das Heilige Römische Reich deutscher Nation ein mittelalterlicher Anachronismus gewesen, ein Gebilde aus mehr als 300 größeren und kleineren Fürstentümern, aus Freien Städten und winzigsten Territorien, nominell beherrscht von einem Kaiser aus dem Hause Habsburg.

Unter dem Einfluss Napoleons wurden aber fast alle geistlichen Fürstentümer abgeschafft, viele kleine Herrschaften und die meisten Freien Städte größeren Staaten zugeschlagen und das Reich schließlich aufgelöst. Sei Napoleon erst einmal vertrieben, so die Hoffnung etlicher Kämpfer, werde sich Deutschland vereinen – und zwar als Verfassungsstaat. Denn eine Konstitution, die ihnen Bürgerrechte gegenüber dem Monarchen garantierte, hatten sich die Franzosen in der Revolution von 1789 erkämpft; und diesem Vorbild, Patriotismus hin oder her, wollten auch viele deutsche Freiheitskämpfer nacheifern.

> Die Bismarcks gehören schon seit fast 500 Jahren zum Adel

1812 war Napoleon in Russland eingefallen. Doch am Widerstand der Verteidiger, an Hunger, Krankheiten und Kälte war seine Armee zugrunde gegangen. Gegen den geschwächten Franzosenherrscher bildete sich eine Koalition aus dem Zarenreich, Österreich, Großbritannien – und Preußen. König Friedrich Wilhelm III. rief sein Volk zum Kampf auf. Bereits 1810 hatte er versprochen, Preußen eine Verfassung zu geben. Und tatsächlich: 1813 schlugen die Alliierten Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig, zwei Jahre später endgültig bei Waterloo in Belgien – da war Otto von Bismarck seit 78 Tagen auf der Welt.

Doch alle, die mit Hoffnungen auf ein geeintes Deutschland gegen den Eroberer gekämpft haben, werden nun enttäuscht. Die Sieger (und auch Frankreich, das nach Napoleons Sturz wieder von einem König regiert wird, also eine traditionelle Monarchie ist wie die anderen Großmächte) ordnen auf einem Kongress, der bis 1815 in Wien tagt, Europa neu. Für Preußen bedeutet das unter anderem, dass es einige Territorien im Osten an Russland abtreten muss, dafür aber weite Teile des Rheinlands und Westfalens gewinnt: bevölkerungsreiche, aufstrebende Provinzen, wohlhabend, allerdings Hunderte Kilometer von Berlin entfernt.

Preußen reicht nun von Aachen bis Königsberg, von der Memel im Nordosten bis zum Moseltal im Südwesten. 10,4 Millionen Menschen leben in dem Staat, der im Wesentlichen aus den traditionellen Gebieten um Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien im Osten sowie den neuen Westprovinzen an Rhein und Ruhr besteht. Zwischen diesen beiden Reichsteilen liegen mittelgroße Fürstentümer, die von den Diplomaten des Wiener Kongresses aus kleineren Herrschaften zusammengefasst worden sind, etwa das Königreich Hannover. Im Norden Deutschlands sind Staaten wie Mecklenburg-Schwerin bestehen geblieben. Und im Süden sind Baden, Württemberg und Bayern nach dem Wiener Kongress ebenfalls gewachsen. Aus den mehr als 300 Einzelstaaten der vornapoleonischen Epoche sind 34 Länder entstanden und vier Freie Städte übrig geblieben, alle vereint im 1815 gegründeten „Deutschen Bund“. Aber was heißt schon vereint? Der Bund ist ein loses Gebilde souveräner Nationen. Keine gemeinsame Regierung, kein gemeinsames stehendes Heer, keine gemeinsamen Zollgrenzen.

Zwar wird ein Bundestag in Frankfurt am Main installiert, in den alle Länder Abgesandte schicken – doch das sind Männer, die sich nie einer Wahl gestellt haben. Der Bundestag ist vielmehr eine Art Diplomatenversammlung mit geringen Kompetenzen. Stets führt Österreich den Vorsitz. Jeder noch so kleine Staat kann mit einem Veto Änderungen an der Vertragsgrundlage verhindern. So bleibt die Kleinstaaterei erhalten. Das also ist das Land, in dem Otto von Bismarck als Kind aufwächst: ein lockerer Bund deutschsprachiger Staaten, dominiert von Österreich. Berlin ist dabei stets bemüht, den starken Einfluss Wiens zurückzudrängen. Und die Verfassung, die der preußische Monarch seinen Untertanen versprochen hatte?

Der König bricht sein Wort. Es gibt keine Verfassung in Preußen und erst recht kein Parlament, das mitbestimmt. Der Hohenzoller herrscht von Gottes Gnaden wie eh und je. In jeder der zehn (ab 1829 acht) Provinzen kann er etwa nach Gutdünken Landtage einberufen, doch das sind Notablenversammlungen, in die Adelige, Stadtbürger und Bauern mit Grundbesitz Vertreter entsenden, die aber wenig zu sagen haben. Allein der König mit seinen Ministern und Beamten regiert das Land. Es kommt – außer im Zoll- und Münzwesen – zu keinen weiteren Reformen. Die großen Gestalter der Krisenzeit sterben, wie Stein, oder werden kaltgestellt, wie Hardenberg.

Dieses Preußen, rückwärtsgewandt, adelig-konservativ, müsste für einen Junker wie Otto von Bismarck der ideale Staat sein, um Karriere zu machen. Doch er wird dort scheitern. Nicht an dem Staat. Sondern an sich selbst. Viele Junkersöhne werden von Hauslehrern unterrichtet – Bismarcks ehrgeiziger Mutter ist dies jedoch nicht gut genug. Sie schickt den sechsjährigen Otto auf ein Internat in Berlin: karge Kost, Kasernenhofdisziplin, Fechtunterricht. Der Junge leidet an Heimweh, sehnt sich nach Wäldern und freiem Land. Als „Zuchthaus“ wird er die Schule später schmähen. Dann das Gymnasium in Berlin. Er ist ein unauffälliger Schüler, interessiert sich wenig für Naturwissenschaften oder alte Sprachen. Die modernen liegen ihm eher. Englisch, Französisch, Russisch, Italienisch und Polnisch wird er später zum Teil gut, zum Teil passabel sprechen. Das Abitur erlangt er zwei Tage nach seinem 17. Geburtstag. Wer will, kann dort einen ersten Hinweis auf künftige Größe herauslesen: „Im Deutschen besitzt er eine sehr erfreuliche Gewandtheit.“

Denn seine Muttersprache wird ihm zur Waffe werden – schreiben kann Bismarck von Anfang an: In einem Zeitalter, in dem Menschen, sofern sie sich nicht persönlich begegnen, ausschließlich über Briefe Kontakt halten, sind Hunderte Schreiben von ihm erhalten; sie sind in ihrer Wortwahl drastisch, plastisch, rührend, arrogant, selbstironisch, höhnisch – aber niemals langweilig. Einen Vetter etwa, der ihm gegenüber das Wort „geschmackvoll“ benutzt, kanzelt der Primaner ab: „Ein Gentleman hat keinen Geschmack und keine Hämorrhoiden.“ Das Talent des Polemikers, der später Gegner zur Weißglut reizen wird – es zeigt sich schon beim unglücklichen Gymnasiasten. Denn unglücklich bleibt Bismarck. „Ich bin in meinem elterlichen Hause in frühester Kindheit fremd und nie wieder völlig darin heimisch geworden“, gesteht er später. Den Vater liebt er zwar, doch verachtet er wohl, vielleicht ohne dass es ihm selbst bewusst ist, dessen Schwäche. Und über die Mutter schreibt er: „Als kleines Kind hasste ich sie, später hinterging ich sie mit Falschheit und Erfolg.“

Doch es ist Bismarcks Tragik und Größe zugleich, dass er genau das, was er an seiner Mutter hasst, von ihr geerbt hat: den gnadenlosen Ehrgeiz. Gnadenlos gegen andere, gnadenlos gegen sich selbst. Zwar liebt er das Junkerleben, sehnt sich immer wieder nach dem Land, der Jagd, dem einfachen Dasein. Die andere Hälfte seiner Persönlichkeit aber wird von gerade diesem beschaulichen Wirken erstickt. Die sehnt sich nach Taten, nach Macht, nach Gestaltung, nach Ruhm – nach jenen Erfolgen, die der Mutter als Höchstes gelten. Der junge Mann beginnt denn auch an der angesehenen Göttinger Universität das Studium der Rechte, die Voraussetzung für die von der Mutter erhoffte Karriere im Staatsdienst.

> Preußens König verspricht seinen Untertanen eine Verfassung – und bricht sein Wort

Und doch geht er die Sache seltsam zwiespältig an. Er paukt zwar den Stoff, so weit es nötig ist. Aber für die Jurisprudenz interessiert er sich nicht wirklich, besucht lieber eine Vorlesung über Geschichte. Auf dem Fechtboden seiner Studentenverbindung schlägt er gut zwei Dutzend Mensuren – und ist dabei so geschickt, dass er bei diesen Kämpfen fast niemals verletzt wird. Er trinkt Unmengen und benimmt sich unziemlich, indem er etwa auf der Straße raucht. Bald wechselt er an die Berliner Universität, hält es aber kaum für nötig, das Gebäude je zu betreten. Was er lernen muss, bringen ihm Repetitoren bei. 1835 macht er seinen juristischen Abschluss. Da ist er 20 Jahre jung.

Er tritt in den Staatsdienst, wird Referendar beim Stadtgericht Berlin. Eine „geistige Holzhacker-Arbeit“, schmäht er. Routine, Hierarchien, Starre. Bismarck will Diplomat werden, lässt sich nach Aachen versetzen, ans andere Ende Preußens. Die Stadt ist ein Kurbad und ganz und gar unpreußisch, untersteht der Ort doch erst seit dem Wiener Kongress den Hohenzollern. Eleganz, Lebensart, Luxus, illustre Gäste aus England und Frankreich. Die Bürokratie aber ist auch hier schon berlinerisch. Der Regierungsreferendar verachtet die geistlosen Tätigkeiten in der Staatsverwaltung: Anhörungen zerstrittener Ehepaare etwa, denn eine Scheidung muss noch beantragt und von der Obrigkeit genehmigt werden. Eine Plage ist er auch seinen Dienstälteren. „Ich habe nie Vorgesetzte vertragen können“, wird er später gestehen – und lässt sie besserwisserisch spüren, wie wenig er von ihnen hält.

Oft stürzt er sich ins Spiel, häuft beim Roulette Schulden an. Summen, die ein Referendar kaum zurückzahlen könnte. Aber da ist ja noch der gutmütige Vater. Dann eine Amour fou: Bismarck verliebt sich in Isabella Loraine-Smith, eine schöne, junge Engländerin, die mit ihren Eltern durch Europa reist. 14 Tage Urlaub beantragt er bei seinem Vorgesetzten (der sie ihm auch bewilligt) – und ward nicht mehr gesehen. Bismarck reist mit der englischen Familie nach Wiesbaden und weiter Richtung Schweiz. Liebe? „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz“, urteilt Bismarck selbst über diese Zeit – das klingt nicht gerade nach tiefen, das Leben erschütternden Gefühlen. Eher nach einer Art tolldreister Flucht aus dem erstickenden Beamtenwirken.

Nach wenigen Monaten schon überwirft sich das Paar. Die Ursachen dafür, wie überhaupt die Einzelheiten der ganzen Romanze, bleiben unklar. Bismarck wird sich kaum je über Isabella Loraine- Smith äußern – und wenn, dann in spöttischem Ton. Der Referendar verlässt die englische Familie, als die gerade durch die Schweiz reist, und fährt auf ein Familiengut, da sein Vorgesetzter ihn nicht wieder aufnehmen will. Ende der Laufbahn in Aachen.

Das ist mehr als jugendliche Rebellion – es ist die Zertrümmerung der mütterlichen Autorität. Jahrelang hat er sich in Wilhelmine von Bismarcks strenge Bahnen gefügt, vom Internat bis zum Referendariat. Nun bricht er dort aus, so radikal, dass die Mutter wohl kaum hoffen kann, ihr Sohn würde die erträumte Karriere durchlaufen. Am 1. Januar 1839 stirbt Wilhelmine mit 49 Jahren, vom Krebs zermürbt. Für Bismarck ist dieser Tod eine Erlösung – aber, wie er nur zu bald feststellt, noch längst keine Befreiung.

Der junge Mann wird zum Junker und lässt sich auf dem Familiengut in Hinterpommern nieder (kurz nach dem Tod des Vaters 1845 zieht er auf Gut Schönhausen). Er ist nun in den Zwanzigern, kräftig, energisch. Ein Patriarch der Bauern, ein kleiner König in seinen Ländereien. Es könnte das perfekte Leben sein. Und doch…

> Der 17-Jährige genießt das Studentenleben. Später bereut er die verlorene Zeit

Einem Freund schreibt er schon bald: „Ich sitze hier, sehr einsam, 29 Jahre alt, körperlich wieder gesund, aber geistig ziemlich unempfänglich, treibe meine Geschäfte mit Pünktlichkeit, aber ohne besondere Teilnahme, suche meinen Untergebenen das Leben in ihrer Art behaglich zu machen und sehe ohne Ärger an, wie sie mich betrügen. Des Vormittags bin ich verdrießlich, nach Tische allen milden Gefühlen zugänglich. Mein Umgang besteht in Hunden, Pferden und Landjunkern, und bei Letzteren erfreue ich mich einigen Ansehens, weil ich Geschriebenes mit Leichtigkeit lesen kann, ruhig und dreist reite und meine Gäste mit freundlicher Kaltblütigkeit unter den Tisch trinke. Denn leider Gottes kann ich nicht mehr betrunken werden. So vegetiere ich fast wie ein Uhrwerk; ein sehr harmonischer und sehr langweiliger Zustand.“ Überdruss und ziellose Kraft. Der „tolle Bismarck“, wie ihn die adeligen Nachbarn nennen, reitet auf der Jagd wie ein Verrückter und durchzecht die Nächte. Das Junkerdaseins seines Vaters, dem er als Kind entrissen worden ist, nach dem er sich immer sehnte: Nun lebt er es. Und ist doch rast- und haltlos. Um 1840 ist Bismarck ein Mann ohne Ziel. Vielleicht hätte er sich früher oder später bei einer Hatz den Hals gebrochen, wäre in eine Schießerei geraten, hätte sich zu Tode getrunken. Drei Dinge retten ihn: der Glaube, die Liebe und die Politik.

**SEIT DEN** Befreiungskriegen gegen Napoleon hängen viele pommersche Gutsherren dem Pietismus an, einer protestantischen Reformbewegung, die persönliche Frömmigkeit fordert: Der Einzelne soll moralisch gut handeln und seinen Weg zu Gott selbst finden. Die Bewegung hält nicht viel von Kirchenordnung, Hierarchien, Dogmen oder äußerem Glanz – aber auch nichts von philosophischer und politischer Aufklärung. Vielmehr suchen die Pietisten in Pommern eine Art religiöse Romantik und Weltflucht; sie sind durch und durch fortschrittsfeindlich. „Tief widerwärtig“, schmäht der Dichter Heinrich Heine den erzkonservativen Pietismus der Junker, „dieses philosophisch-christliche Soldatentum, dieses Gemengsel von Weißbier, Lüge und Sand“.

Bismarck ist zwar kein Pietist – er ist lutherisch getauft und konfirmiert, allerdings ist ihm der Glaube schon als Jugendlicher gleichgültig geworden –, doch 1843 lernt er Marie von Thadden kennen, die 21-jährige Verlobte eines Jugendfreundes. Marie ist die Tochter eines bekannten Pietisten, fromm, klug, lebensfroh, strahlend. Der Junker ist von ihr tief beeindruckt – mag sein, dass es sogar Liebe ist. Eine Affäre wird daraus nicht, wohl aber eine Freundschaft. Marie und ihr ebenfalls frommer Verlobter wollen den verlorenen Christen zurückholen, ihn zu ihrem Glauben bekehren. Lange Gespräche, Briefe, Diskussionen. Bismarck reagiert, ganz gegen seine Art, nicht spöttisch oder schroff, sondern ernsthaft. Allein, der Glaube kommt ihm nicht – bis der Tod diese Runde zerreißt.

Marie erkrankt im Herbst 1846 an epidemischem Fieber. Bismarck, überwältigt von Sorge, betet um sie, zum ersten Mal seit Jahren und vielleicht erstmals überhaupt aus echter Überzeugung. Er fleht Gott an, die Freundin zu verschonen. Vergebens. Marie erliegt am 10. November dem Fieber. Doch seltsam: Obwohl jenes erste echte Gebet nicht erhört wurde, hat der erschütterte Bismarck ausgerechnet durch ihren Tod zur Religion gefunden. Fortan glaubt er wieder an Gott, betet, versucht, in dieser Welt die höhere Ordnung zu erkennen.

> Schon bald merkt er, dass ihn das Leben auf seinem Gut zu Tode langweilt

Allerdings ist es ein sehr eigener Gott, dem er sich nun verpflichtet. Kein Kirchengott, denn die Amtskirche schätzt er Zeit seines Lebens gering. Auch über die christlichen Ideale von Demut und Nächstenliebe findet sich bei ihm kaum ein Wort. Bismarcks Gott ist eher der des Alten Testaments, ein, wie ein Biograf schreiben wird, „kriegstauglicher Gott“. Ihm unterwirft er sich, und fortan wird der Glaube seine maßlose Kraft bändigen, aus ihm einen Mann machen, der sich selbst bezähmt. Einem Vertrauten wird er gestehen, dass ihn manchmal eine „brutale Sinnlichkeit nahe an die größten Sünden führt“ – aber eben nur noch nahe: Er bezwingt sich. Doch dieser persönliche Bismarcksche Gott gestaltet zugleich das weite Erdenrund. „Man soll nur immer darauf achten, ob man den Herrgott durch die Weltgeschichte schreiten sieht, dann zuspringen und sich an seines Mantels Zipfel klammern, dass man mit fortgerissen wird, so weit es gehen soll.“

Das hat er zwar später gesagt, es ist aber sicher schon zu jener Zeit der Kern seines Charakters. Gott schafft die Gelegenheiten – der Mensch muss sie nutzen, energisch und rücksichtslos. Es ist, als habe der Kraftmensch nach dem Tod der Freundin 1846 plötzlich gelernt, seine Energien auf ein Ziel zu richten. Denn der haltlose Junker, der Jahre vertändelte, hat auf einmal Pläne, die er nun rasch umsetzt. Einige Monate vor seinem 32. Geburtstag verlobt er sich mit Johanna von Puttkamer, die er über Marie von Thadden kennengelernt hat. Johanna ist biederer, herber als die Verstorbene. Ihre Eltern, ebenfalls Pietisten, sind entsetzt über den Mann mit dem schauderhaften Ruf; der Wolf hole immer die besten Schafe weg, klagt die Mutter. Bismarck jedoch wirbt in einem langen Brief erfolgreich für sich, appelliert an das Gottvertrauen der Eltern.

Im Sommer 1847 heiraten die beiden. Johanna, die ihm bedingungslos folgt, gibt ihm Halt: „Du bist mein Anker an der guten Seite des Ufers; reißt der, so sei Gott meiner Seele gnädig“, gesteht er ihr im Januar 1851. Und fast ein halbes Jahrhundert später wird das letzte Gebet des sterbenden Bismarck lauten: „Gib, dass ich meine Johanna wiedersehe.“ Ebenso rasch wie das private Leben des tolldreisten Junkers verändert sich auch dessen politisches Leben. Denn in Bismarcks Verlobungszeit 1847 fällt die Eröffnung des „Vereinigten Landtages“ in Berlin.

Acht Landtage gibt es in den preußischen Provinzen, doch die sind nichts als bedeutungslose Ständeversammlungen. Nun aber lädt König Friedrich Wilhelm IV., der inzwischen regiert, alle Abgeordneten der einzelnen Landtage in den Weißen Saal seines Berliner Schlosses; zum Vereinigten Landtag. Denn ein Gesetz aus der Reformzeit, dem der damalige König zugestimmt hatte, sieht vor, dass Vertreter des Volkes der Aufnahme von Staatskrediten zustimmen müssen. Bis zu diesem Zeitpunkt haben es der Monarch und sein Vorgänger allerdings durch extrem sparsame Haushaltsführung vermeiden können, dass das Gesetz wirksam wurde. Jetzt aber braucht Friedrich Wilhelm IV. – ein schwacher, launischer Charakter, beeinflussbar, romantisch, erzkonservativ – Geld für die Erweiterung des Eisenbahnnetzes nach Osten.

Durch Zufall dabei: Otto von Bismarck. Der Junker aus Schönhausen rückt erst als Stellvertreter nach, als ein Abgeordneter schwer erkrankt. Er ist ein politischer Neuling. Im Vereinigten Landtag dominieren die Liberalen die Opposition gegen den König – wie überall in Deutschland, wo Debatten toben. Es sind Geschäftsleute aus den Provinzen im Westen, Anhänger eines Verfassungsstaates sowie Erben jener Patrioten, die einst gegen Napoleon agitierten.

Sie fordern eine Verfassung für Preußen, und ein Abgeordneter verkündet, dass dies ja schon das eigentliche Ziel des heroischen Kampfes gegen Napoleon gewesen sei. Da tritt Bismarck zu seiner ersten Rede auf die Tribüne. Niemand weiß, was ihn an diesem 17. Mai 1847 treibt. Politisch ist er bis dahin kaum hervorgetreten, er hat kein bedeutendes öffentliches Amt inne. Vielleicht ist es der von ihm später so genannte „Mantel Gottes“, den er plötzlich in der Geschichte erblickt. Vielleicht spürt Bismarck, dass – 30 Jahre nach Napoleon – die Ordnung des Wiener Kongresses zerfällt. Dass die Liberalen immer vehementer Forderungen stellen und dass die Monarchen darauf irgendwie reagieren müssen. Kurz: dass sich etwas verändern wird in Deutschland und in Preußen. Die Frage ist nur, welche Seite aus dieser Veränderung als Sieger hervortritt. Oder mit Bismarckschen Gedanken: auf welcher Seite Gott steht. Der Mann aus der Altmark gibt nun in seiner Rede (wie er später in seinen Erinnerungen schreibt) seiner „naturwüchsigen Entrüstung darüber Ausdruck, dass die Fremdherrschaft an sich kein genügender Grund zum Kampfe gewesen sein solle. Mir schien es unwürdig, dass die Nation dafür, dass sie sich selbst befreit habe, dem Könige eine in Verfassungsparagrafen zahlbare Rechnung überreichen wolle. Meine Ausführung rief einen Sturm hervor.“

Empörung. Aus Sicht der Liberalen hat das Volk Preußen und seinen König vor Napoleon gerettet und sich dadurch das Recht auf eine Verfassung erkämpft. Und nun stellt sich da ein junger Landedelmann auf die Tribüne und macht aus den Befreiungshelden von 1813 so etwas wie gedungene Söldner, die eine Verfassung als Bezahlung fordern.

An diesem einen Tag wird Bismarck in Preußen bekannt: als Erzreaktionär. Er schlägt sich bedingungslos auf die Seite des Königs und schafft sich in den regierungskritischen Liberalen buchstäblich Feinde fürs Leben. Er findet aber auch mächtige Freunde: Friedrich Wilhelm IV. und dessen Höflinge. Sie erkennen in Bismarck den scharfen, packenden Redner, der ihrem Kreis bislang fehlte. (Allerdings nicht für den Vereinigten Landtag, den der König kurzerhand auflöst, als er ihm die gewünschten Kredite nicht bewilligt.) Bei einem privaten Treffen äußert sich Seine Majestät lobend gegenüber dem Junker aus Schönhausen. Jedoch wagt es der König nicht, sich öffentlich zusammen mit Bismarck zu zeigen. So radikal sind dessen Aussagen, dass es selbst der Monarch für opportun hält, Distanz zu dem jungen Mann zu wahren. Noch.

**DAS NÄCHSTE JAHR** ändert alles: 1848. Revolutionen erschüttern Kontinentaleuropa. Im Februar erheben sich die Pariser Bürger gegen Louis Philippe, der Monarch muss ins englische Exil fliehen, Frankreich wird zum zweiten Mal Republik. Das ist ein Fanal für alle radikalen Liberalen, auch in den deutschen Staaten. Es kommt zu Aufruhr in Wien, in Süddeutschland. Im März erreichen die Unruhen auch Preußen. Überall kollabiert die alte Ordnung. Der greise Fürst von Metternich, der Architekt des Wiener Kongresses, muss vor dem wütenden Volk fliehen. In vielen Residenzen geben verängstigte Fürsten den Demonstranten schnell nach, gewähren Presse- und Versammlungsfreiheit.

Und stimmen bald auch Wahlen zu – für jeweils eigene Parlamente in den einzelnen Bundesstaaten sowie für eine Nationalversammlung aller deutschen Fürstentümer und Freien Städte in der alten Reichsstadt Frankfurt am Main, die die Grundlagen für ein geeintes, freies Deutschland ausarbeiten soll. In Berlin herrscht nun Chaos: König Friedrich Wilhelm IV. lässt Mitte März 1848 seine Soldaten in der Hauptstadt gegen Demonstranten aufmarschieren. Doch der Monarch, ein beleibter, labiler Mann, entscheidungsschwach, wankelmütig, macht den Protestierenden mal Zugeständnisse, dann wieder befiehlt er seinen Truppen Härte.

Als am 18. März beim Auseinandertreiben einer Menge auf dem Schlossplatz durch Soldaten zwei Schüsse fallen, errichten die Bürger Barrikaden, wehren sich mit eilig herbeigeschafften Waffen, mit Steinen und Flaschen gegen die Uniformierten. Gut 20 Stunden wogt der Straßenkampf, Hunderte Aufständische und Soldaten kommen ums Leben. Schließlich befiehlt der König seinen Einheiten, aus der Stadt abzuziehen, und beordert sie in die Kasernen nach Potsdam und Spandau.

Er gibt sich geschlagen, erweist den gefallenen Aufständischen seine Ehrerbietung, verspricht sogar eine Verfassung, eine verantwortliche Regierung – und vor allem die Einigung Deutschlands. Der Monarch – der sich gegen eine Flucht aus Berlin entschieden hat – sitzt in seinem Stadtschloss fest, de facto eine Geisel seiner Berliner Untertanen. Die alte Macht ist geschwächt, aber eine neue hat sich noch nicht gefunden. Genau in diesen Tagen der Verwirrung und des Machtvakuums reist nun Bismarck von Schönhausen nach Potsdam, im Kopf nicht viel mehr als sein kühner Plan, mit ein paar Bauern den König aus der Hauptstadt herauszuhauen.

Es ist, als habe der Junker sein Leben lang auf diese Revolution gewartet – um sie zu bekämpfen. Um seiner gewaltigen und gewalttätigen Energie endlich ein festes Ziel zu geben, um eine Mission zu finden im Leben: Bismarck will Preußens Königtum retten, um jeden Preis.

Als er das Königsschloss in Potsdam erreicht, blickt man dort jedoch bloß indigniert auf den kriegslüsternen Provinzler. Er brauche dessen Bauern nicht, gibt der kommandierende General dem Angereisten zu verstehen, er habe durchaus genügend Soldaten, um Berlin zu stürmen, doch ohne Befehl Seiner Majestät könne er nicht angreifen. Bismarck schneidet sich daraufhin seinen Vollbart ab – in jenen Jahren ein seltener Kopfschmuck, der, wie er befürchtet, ihn bei den Revolutionären als den Reaktionär aus dem Vereinigten Landtag erkennbar machen würde. Zur weiteren Tarnung setzt er sich gar einen breiten Hut mit der verhassten schwarzrot- goldenen Kokarde auf. Dann besteigt er inkognito einen Zug nach Berlin.

Er will mit dem König sprechen, ihn womöglich überzeugen, sich persönlich an die Spitze seiner Truppen zu stellen. Doch im Königsschloss, von Bürgern bewacht, lässt man ihn nicht einmal vor. Enttäuscht macht er sich nach wenigen Stunden wieder davon. Und dann verrät Bismarck den Herrscher, den er eben noch retten wollte.

> Im Frühjahr 1848 verjagen die Franzosen ihren König, im März brennt Berlin

**DENN WENN** Friedrich Wilhelm IV. nicht für die Monarchie kämpfen will, soll eben ein anderer für die Krone streiten. Das ist die Haltung einer Gruppe von Verschwörern um den königlichen Berater Ludwig von Gerlach, mit denen Bismarck nun konspiriert. Da der Junker den Herrscher für zu schwach hält („Wenn man bei ihm zupackte, blieb nur Schleim“), muss ein anderer aus der Hohenzollern- Dynastie in die Pflicht. Doch die beiden in Potsdam weilenden Prinzen weigern sich, an Stelle des Königs eine Attacke anzuordnen. Dann eben ohne Befehl. Bismarck fühlt bei mehreren Generälen in Potsdam vor: Ob sie bereit seien, trotz fehlender Anweisung nach Berlin zu marschieren? Die Antwort: Nur, wenn alle Generäle der umliegenden Truppenverbände gemeinsam vorgehen.

Bismarck eilt nach Magdeburg, wo eine große Garnison lagert. Doch bevor er mit dem dortigen Kommandanten sprechen kann, warnt ihn dessen Adjutant, er solle sofort wieder abreisen – sonst werde ihn der General als Hochverräter festnehmen lassen. Wieder nichts. Da erfahren die Verschwörer von einem Angriffsbefehl, den Kronprinz Wilhelm, des Königs Bruder, angeblich unterschrieben zurückgelassen haben soll.

Wilhelm ist auf dem Weg nach London. Halb ist das eine Flucht vor dem Volkszorn, der dem „Kartätschenprinz“ gilt, der die Revolution brutal mit Kanonen niederschießen lassen wollte. Halb eine Anweisung des Königs, der seine Untertanen besänftigen will, indem er Wilhelm aus Preußen hinausschickt. Und so beginnt Bismarck sein viertes Hazardspiel innerhalb weniger Tage. Er soll im Auftrag der Verschwörer diesen Befehl auftreiben, der sich wahrscheinlich bei Wilhelms Gemahlin in Potsdam befindet. So steht der hünenhafte Junker kurz darauf vor Prinzessin Augusta, adelsstolz, doch durchaus liberal gesinnt. Die ist fassungslos, als sie hört, dass dieser dahergelaufene Landedelmann fordert, ihr Gatte solle für einen Verrat gegen seinen Bruder, den König von Preußen, herhalten.

Was wirklich zwischen der Prinzessin und Bismarck besprochen wurde, wird sich nie klären lassen. Erst viele Jahre später haben beide gegenteilige Berichte verfasst. Sicher ist, dass sie von diesem Moment an erbitterte Feinde sind. Dann, am Nachmittag des 25. März, erscheint – auch zur Überraschung Bismarcks – der König in Potsdam. Vor seinen versammelten Offizieren verkündet der Monarch, niemals freier und sicherer gewesen zu sein als unter dem Schutz seiner Bürger. Alle Zugeständnisse habe er aus Überzeugung gegeben. An einen Angriff auf Berlin ist nun nicht mehr zu denken.

Enttäuscht, erschöpft kehrt Bismarck auf sein Gut zurück. Er ist nun nicht mehr als ein erfolgloser Wirrkopf, schießwütig, doch politisch kurzsichtig, energisch, aber taktlos, scheinbar ohne Gespür für die Realität der Situation. Depressionen quälen ihn. Der Mantel Gottes mag im Frühjahr 1848 durch die Weltgeschichte wehen, aber sicher nicht in Schönhausen. In Berlin beruft der König eine liberale preußische Regierung. Und lässt eine verfassunggebende Versammlung wählen. Die dort dominierenden Demokraten fordern prompt eine Konstitution, die die Macht des Monarchen dem Willen des Parlaments unterwerfen würde.

Im Mai versammeln sich in Frankfurt die ersten in freien Wahlen gekürten Abgeordneten Gesamtdeutschlands in der Paulskirche zur Nationalversammlung, wo sie Fragen der zukünftigen Nation debattieren: Republik oder konstitutionelle Monarchie? Ein geeinter Staat ohne Österreich – oder mit Österreich, aber ohne dessen nicht deutschsprachige Reichsteile? Oder einschließlich aller Teile des Habsburger-Imperiums? Hätten die Liberalen und Demokraten in Berlin sowie die Abgeordneten zu Frankfurt mit ihren Anliegen nun Erfolg gehabt: Bismarck wäre wohl bald vergessen gewesen.

Tatsächlich aber verpassen die Liberalen ihre historische Chance. Schon die Zeitgenossen verhöhnen die Versammlung in der Paulskirche als „Professorenparlament“, als Ort, an dem Gelehrte langatmig redeten, aber keine Entscheidungen träfen. Ein perfider Vorwurf, denn wie sonst soll ein freiheitlicher Verfassungsstaat geschaffen werden, wenn nicht in Debatten und Abstimmungen? Aber doch mit einem Kern an Wahrheit: In den langen Sommerwochen 1848, in denen die Nationalversammlung tagt, gründet sie keine nationale Armee, Polizei oder Beamtenschaft – die alten Ordnungsmächte bleiben einfach bestehen, bewaffnet und besoldet wie seit eh und je von den Fürsten der Einzelstaaten.

Nach einiger Zeit verblasst bei denen aber der Schock der Revolution. Selbst Friedrich Wilhelm IV. fasst nun wieder Mut – und holt sich Rat und Ermunterung bei ausgewiesenen Anhängern der Monarchie. Schließlich beordert er sogar den Hitzkopf Bismarck, als Monarchist bekannt seit seiner Rede im Vereinigten Landtag im Vorjahr, an seine Tafel (Friedrich Wilhelm weiß nichts von Bismarcks Intrigen während der Märztage, auch Augusta hat ihren Schwager nicht über die Begegnung mit dem Verschwörer aufgeklärt). Der ist geehrt und gibt sich zugleich kämpferisch: Seine Majestät hätten den Demonstranten in Berlin niemals nachgeben dürfen!

> Noch misslingt die deutsche Einigung. Erst Bismarck wird sie erreichen

„Man ist immer klüger, wenn man vom Rathause kommt“, versetzt der Monarch und gibt zu erkennen, dass er diesen Fehler längst bereut. Als Bismarck an diesem Tag den König verlässt, ist er „vollständig entwaffnet und gewonnen“, wie er später schreibt.

Tatsächlich hingegen hält er wohl noch immer wenig von seinem Herrscher. Aber er erkennt, dass Friedrich Wilhelm IV. endlich gegen die Revolution kämpfen will – und so ergreift Bismarck die Chance, die sich ihm nun, da er schon alles verloren glaubte, doch noch bietet. Im Sommer 1848 nimmt er den politischen Kampf auf. Er schreibt Polemiken in der von Konservativen gegründeten „Neuen Preußischen Zeitung“, höhnt etwa über die Rede eines liberalen Abgeordneten: „Wir gähnten, die schönen Damen gähnten, selbst die mit schlechten Zähnen, der Hof gähnte und der General Wrangel, Herr Simson gähnte verstohlen, und wenn wir in das Parterre hinabblickten, so gähnten uns hundert dunkelrote schwindelerregende Abgründe an.“

In privaten Briefen schmäht er eines der häufig wechselnden liberalen preußischen Kabinette als „Verräter- und Kastratenregierung“, beschimpft Minister als „lügenhafteste Schurken zwischen Tilsit und Trier“. Und selbst auf dem Friedhof in Friedrichshain, nördlich der Hauptstadt, wo er die Gräber der im März 1848 im Kampf gegen die Soldaten getöteten Berliner Barrikadenkämpfer sieht, „schwillt mein Herz von Gift, wenn ich sehe, was sie aus meinem Vaterland gemacht haben, diese Mörder.“ Bismarck ist derart rabiat und rücksichtslos, dass sein Vorgehen auch viele Konservative abstößt: „Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schrankenlos waltet“, notiert selbst Friedrich Wilhelm IV. neben den Namen des Junkers.

Um den schwachen König haben sich inzwischen einige antiliberale Höflinge und Militärs geschart, die sich „Kamarilla“ nennen, nach dem spanischen Wort für Kämmerchen. Es sind hochrangige Offiziere und Beamte, die nun unbedingt gegen die Revolution losschlagen wollen – und denen der hemmungslos wütende Gutsherr imponiert. Als „sehr tätigen und intelligenten Adjutanten unseres Kamarilla-Hauptquartiers“ lobt ihn einer der Königsberater.

Am 10. November 1848 glaubt sich selbst der zögerliche Monarch wieder mächtig genug, um einen General mit 15 000 preußischen Soldaten nach Berlin zu schicken. Und tatsächlich: Die Revolutionäre wollen sich nicht durch gewaltsamen Widerstand ins Unrecht setzen. Die Mitglieder der verfassunggebenden Versammlung rufen nur dazu auf, Steuern zu verweigern und beschließen, die Regierung des Hochverrats anzuklagen. Keine Barrikaden diesmal, kein Aufstand. Das Militär treibt die Abgeordneten auseinander. Preußen gehört wieder dem König. Als ein Zugeständnis an die Liberalen – und um künftige Unruhen zu verhindern – erlässt Friedrich Wilhelm IV. im Dezember 1848 eine preußische Verfassung, die ein Parlament mit zwei Kammern vorsieht. Kurz darauf finden die Wahlen statt.

Bismarck stürzt sich in den Wahlkampf um den Sitz für einen Bezirk in Brandenburg. Dank seiner Reden und Artikel ist er zu einem geschickten Wahlkämpfer geworden und wird, wenn auch mit knapper Mehrheit, zum Abgeordneten gewählt. Es ist sein erster echter politischer Triumph. Bald darauf holt er seine Familie (inzwischen ist das erste Kind geboren, eine Tochter) in die Hauptstadt und verpachtet Gut Schönhausen. Er hat seine Bestimmung gefunden.

Einige Wochen später tragen Abgesandte des gesamtdeutschen Frankfurter Paulskirchen- Parlaments Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone eines neu zu gründenden Deutschen Reiches an. Doch der Monarch glaubt an das Gottesgnadentum, sieht seine preußische Krone als vom Herrn verliehen und schätzt die ihm von den Parlamentariern angebotene Kaiserkrone gering. Höhnisch lehnt er ab – und gibt anschließend den Befehl zur Konterrevolution: Er schickt Tausende Soldaten nach Dresden und Süddeutschland, um dort Aufständische brutal niederzuschlagen, die die von der Paulskirche erarbeitete Reichsverfassung nicht aufgeben wollen.

Damit ist die Revolution von 1848 endgültig gescheitert. Formal scheint bald darauf fast alles zum Alten zurückgekehrt zu sein: Die nun 37 souveränen deutschen Staaten schließen sich erneut lose zum Deutschen Bund zusammen; im Bundestag treffen sich wie früher die Abgesandten der Fürsten und Freien Städte und verhandeln über gemeinsame Angelegenheiten; wer liberal und national denkt, der flieht, schweigt, schreibt bestenfalls in einigen Zeitungen gegen die eigene Ohnmacht an. Und doch: Selbst das konservative Preußen hat nun eine Verfassung. Es hat ein Parlament. Zwar dürfen nur Männer ab 24 Jahren die Vertreter für das Abgeordnetenhaus wählen – und das gestaffelt nach drei Steuerklassen, was den Reichsten die meisten Sitze sichert. Zudem kann das Parlament nicht die Regierung bestimmen oder zum Rücktritt zwingen. Doch Gesetze beschließt es fortan gemeinsam mit dem König – er, aber auch die beiden Kammern müssen jedem Gesetz zustimmen. Vor allem aber muss der Herrscher nun den Staatshaushalt von den Abgeordneten genehmigen lassen. Mit diesen Konzessionen will Friedrich Wilhelm IV. die liberalen bürgerlichen Schichten an die Hohenzollern-Monarchie binden. Dieses halb im Gestern verharrende Preußen wird zur Bühne Bismarcks: ein straff organisierter, aufstrebender Staat. Mit einem König und von diesem ernannten Ministern, mit Höflingen und Prunkschlössern fast noch wie im 18. Jahrhundert. Andererseits mit einem Parlament und Parteien.

Im 18. Jahrhundert hätte ein Monarch einen derart undisziplinierbaren Geist wie Bismarck wohl früher oder später des Hofes verwiesen. In der neuen Welt jedoch, in der es ein Parlament gibt und eine breit diskutierende Öffentlichkeit, ist der König bald auf diesen politischen Kettenhund angewiesen: auf einen Mann, der in Debatten und bei Wahlen bedingungslos die Sache der Regierung durchsetzt und den politischen Gegner einschüchtert.

Denn auch als Parlamentarier bleibt Bismarck sich derart treu, dass in einer liberalen Zeitung zu lesen ist, man werde in die Wand im Abgeordnetenhaus wohl eine Nische schneiden, damit der Herr Bismarck so weit rechts sitze, wie er es wünsche. Und deshalb dauert es nicht lange, bis ihn der König, alle Bedenken beiseite schiebend, zu Höherem beruft: 1851 wird der Mann aus Schönhausen zum Gesandten am Bundestag in Frankfurt ernannt. Fortan soll er dort die Interessen Preußens vertreten. Da ist Otto von Bismarck 36 Jahre alt und hat sich in nur vier Jahren vom bedeutungslosen Provinzadeligen zu einem der aufstrebenden Politiker des Landes entwickelt.

Seine Frau Johanna weint drei Tage lang, als sie von der Berufung erfährt, weil sie glaubt, sie werde ihren Mann nun länger nicht sehen, da der in Frankfurt weile. Doch Bismarck holt sie nach – der Weg in die Politik ist ihm längst unumkehrbar, da wird es nicht bei der begrenzten Zeit in Frankfurt bleiben. „Mach dich mit dem Gedanken vertraut“, schreibt Bismarck ihr, „dass du mit musst in den Winter der großen Welt.“

##### 2. Bismarcks letzte Jahre. Das Gespenst vom Sachsenwald

Als Kaiser Wilhelm I. am 9. März 1888 stirbt, verliert Otto von Bismarck seinen wichtigsten Vertrauten im Haus Hohenzollern. Kurz darauf übernimmt Wilhelm II. die Herrschaft in Berlin. 1890 zwingt der junge Monarch Bismarck zum Rücktritt von allen Ämtern. Doch der Entlassene mischt sich fortwährend in die Politik ein und kritisiert seine Nachfolger

Dies ist mehr als ein Abschied: Es ist ein Totenamt. Ein Kondolenzzug – mit Zehntausenden Trauernden, mit weinenden Hinterbliebenen, mit gezückten Taschentüchern; mit gelüfteten Hüten und stummem Händedrücken. Selbst die wackeren Kürassiere an der Spitze des Zugs haben Tränen in den Augen. Blütenschauer regnen auf den Wagen herab, und vielstimmig steigt am Lehrter Bahnhof der Trostgesang empor: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein.“ Otto von Bismarck ist, wie eine Diplomatengattin feststellt, „totenbleich“. Er selbst wird diesen 29. März 1890, an dem er auf sein Altenteil auf Gut Friedrichsruh bei Hamburg zurückkehrt, später ein „Begräbnis“ nennen – ein „Leichenbegängnis erster Klasse“.

Doch in Wahrheit ist seine Abreise aus Berlin ein *rite de passage* ; der Übergang eines Lebenden ins Geisterreich; die Verwandlung eines Menschen in ein Denkmal. Sie macht den Unbeirrbaren zum Untoten, der fortan zwischen den Eichen, Buchen und Tannen des Sachsenwaldes acht Jahre lang jene Lebenden heimsuchen wird, die ihn in sein komfortables Grab gebracht haben. Der politische Tod, der den Kanzler kurz vor seinem 75. Geburtstag ereilt hat, kam plötzlich, aber nicht unerwartet. Er begann mit der Thronbesteigung des 44 Jahre jüngeren Kaisers Wilhelm II. im Juni 1888 – jenes unberechenbaren, manischen Hitzkopfs, der sein Sohn sein könnte, aber alles Zeug zum Vatermörder hat. Gelang es Bismarck jahrzehntelang, seinen Herrscher zu beherrschen („Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein“, soll Wilhelm I. einmal geklagt haben), beharrt dieser Monarch auf seinem „persönlichen Regiment“. Der Starrsinn, mit dem Bismarck im Oktober 1889 das auch unter Konservativen umstrittene „Sozialistengesetz“ auf unbestimmte Zeit verlängern und sogar verschärfen wollte, war dann nur noch der Anlass: Am 17. März überbrachte der Chef des Militärkabinetts dem Kanzler die Aufforderung, sein Entlassungsgesuch zu verfassen. Am 20. März nahm der Kaiser es an. Dann feierte er mit Generälen bei Bier und Champagner.

Er ahnte nicht, dass der vermeintlich zur Ruhe Gelegte zum Wiedergänger werden würde. Zum „Weißen Mann“, wie ihn schon bald sein wortmächtigster Verkünder, der Essayist Maximilian Harden, mit ehrfürchtigem Schauer rühmt – in Anspielung auf jene sagenhafte „Weiße Frau“, die seit dem 15. Jahrhundert durch Hohenzollernschlösser spuken und Unheil ankündigen soll. Bismarck sei nun, so Harden, ein „gewaltiges, alles überragendes Gespenst, dessen Erscheinen und Schwinden den für das deutsche Land wichtigsten Vorgang bedeutet und dessen Lebensregung der Kluge nie aus dem Auge verlieren darf: Ruht es, dann stockt auch der Zeiger der Schicksalsuhr auf seinem Stundenweg; schlürft es aus der düsteren Waldestiefe hervor, dann kündigt ein neues Wollen und Werden sich an.“

**HARDENS SPIRITISTISCHE** Metaphorik trifft den Nerv der Zeit. Denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat eine Welle des Geisterglaubens die industrialisierte Welt überrollt: Seit im März 1848 eine Farmersfamilie im US-Bundesstaat New York angeblich per Klopfzeichen Kontakt mit dem Geist eines ermordeten Krämers aufgenommen hat („Wir Toten leben und können wieder mit euch in Verbindung treten“, lautete die Botschaft), treffen sich nicht nur in den USA, sondern auch in Europa ehrbare Bürger zum Tischerücken. Längst sind es nicht mehr nur die Armen im Geiste, die auf die Stimmen von drüben achten. Aus dem Aberglauben der einfachen Leute ist eine Bewegung mit wissenschaftlichem Anspruch geworden, die sogar bei den Physikern Pierre und Marie Curie – den späteren Nobelpreisträgern – oder dem Evolutionsforscher Alfred Russel Wallace auf Interesse stößt.

Auch in Deutschland öffnen sich die intellektuellen und adeligen Eliten dem Dialog mit der Geisterwelt: Selbst Kaiser Wilhelm II. nimmt bisweilen – vom Medium unerkannt – an Séancen teil, um etwa Geheiminformationen über den russischen Zaren zu erlangen. Die Ratschläge seines entlassenen Kanzlers aber verschmäht er. Der marschiert derweil verdrossen durch die ewigen Jagdgründe seiner Güter, die sich über drei preußische Provinzen erstrecken – darunter Varzin in Pommern und Schönhausen in der Altmark, seit 1562 in Familienbesitz.

Seine Bastion aber ist die Herrschaft Schwarzenbek mit dem Sachsenwald und dem Gutshaus Friedrichsruh, die ihm Kaiser Wilhelm I. 1871 zum Geschenk gemacht hat – mit direktem Eisenbahnanschluss von Berlin. Dort west er, umsorgt von der schlichten Gattin Johanna, inmitten einer Kargheit, die manchem Gast Unbehagen über den Rücken jagt. Das Gutshaus ist ein ehemaliges Hotel, dessen Türen zum Teil noch Zimmernummern tragen, dekoriert mit den Porträts von Staatsmännern vergangener Zeiten. Der einzige Luxus im Schlafzimmer ist ein Turnapparat für Bismarcks gymnastische Übungen. Im Arbeitszimmer lagern zwei Deutsche Doggen, die „Reichshunde“, auf floral gemusterten Sesseln.

> Ein kalter Krieg mit dem Kaiser

Durch diese Kulisse tappt Bismarck mit fahlem, bisweilen vom Wein gerötetem Gesicht, in seinen gewohnten schweren Stiefeln, seinem altmodischen, zugeknöpften Tuchrock und seiner weißleinenen Halsbinde, wie sie im 18. Jahrhundert modern gewesen ist – ein wandelndes Museumsstück, das seine Steifheit noch unterstreicht, indem es den Stock hinter dem Rücken unter die Arme klemmt. Dort verkriecht sich Bismarck in seinem Sessel mit einer meterlangen Pfeife, die er bisweilen von anwesenden Damen anrauchen lässt, und einem halben Dutzend Zeitungen, die er auf Stil- und Syntaxfehler durchkämmt, mit seinem langen Bleistift korrigiert und nach der Lektüre achtlos auf den Boden wirft.

In diesen Räumen schaufelt er unter langen Monologen Mengen an Nahrung in sich hinein, vertilgt schon zum Frühstück Hummer, Gänsebrust, Sprotten, Rauchfleisch, Beefsteaks und Eierkuchen, dazu Wein, Sekt, Kaffee und Korn. Dennoch schwinden ihm allmählich die Kräfte. Chronisch plagen ihn Ischias und Gürtelrose, Atemnot und Nervenschmerzen. Immer höhere Morphium- Dosen braucht der gequälte Leib – bis der Leibarzt nur noch jene Tage notiert, an denen der Fürst kein Betäubungsmittel bekommt. So verflüchtigt sich der kränkelnde Greis zunehmend zu einem Schemen – der aber real genug ist, das Leben des Kaisers zu verdunkeln: „Ich bin der dicke Schatten“, sagt er, „der zwischen ihm und der Ruhmessonne steht.“

Wahrhaftig materialisiert sich der Mann, der in den letzten Jahren seiner Kanzlerschaft bisweilen monatelang unsichtbar war, nach seiner Entlassung zu umso spürbarerer Präsenz. Er, der für lange Zeit in den Parlamenten selten gesprochen und zehn Monate vor der Entlassung seine letzte Rede gehalten hat, meldet sich jetzt unablässig zu Wort. Zwei Wochen nach seinem Abschied spricht er vor einer Abordnung deutscher Industrieller, um seine Version der Entlassung zu verbreiten. Er, der seit dem Berliner Kongress 1878 ausländischen Journalisten keine Interviews gegeben hat, beeilt sich jetzt, Korrespondenten zu empfangen, erläutert einen Monat nach dem Bruch dem Vertreter des „New York Herald“ seine Sicht des politischen Geschehens; kurz darauf folgt der Pariser „Matin“, dann die russische „Nowoje Wremja“.

In Deutschland ist es ein Zirkel höriger Journalisten und Schriftsteller, der regelmäßig in Friedrichsruh Marschbefehle entgegennimmt. Bismarcks Privatsekretär hat die Aufgabe, die Verbreiter der Botschaften zu überprüfen und deren Protokolle und Artikel zu redigieren, bis sie zur Veröffentlichung taugen. Das getreueste Medium des Ex- Kanzlers ist Hermann Hofmann, politischer Redakteur der „Hamburger Nachrichten“, deren Besitzer Bismarck ausdrücklich „das gesamte weiße Papier“ seiner Zeitung zur Verfügung gestellt hat. Den von chronischen Schulden geplagten Hofmann hat sich der Herrscher des Sachsenwaldes durch großzügige Kredite verpflichtet. Dabei ist Diskretion Ehrensache: Wie bei spiritistischen Séancen müssen die Wege der Offenbarung verborgen bleiben.

Doch so innig hat sich Hofmann in Gedanken und Diktion des Fürsten eingefühlt, dass es selbst für Bismarcks Sohn Herbert manchmal unmöglich ist, zu entscheiden, ob ein Text, der unter dem Namen des Redakteurs erscheint, von seinem Vater oder dem Journalisten stammt. Immerhin verfasst der Altkanzler persönlich fast 1000 Artikel, die nach seiner Entlassung in dem Blatt veröffentlicht werden. Eine Verbindung, die im Interesse beider Seiten liegt: Als sich die „Hamburger Nachrichten“ zum Sprachrohr Bismarcks machen, finden sie verstärkte Beachtung in Reich und Welt. Denn alles, was an Interviews und Reden aus Friedrichsruh nach außen dringt, erregt fast ebenso viel Interesse wie die offiziellen Verlautbarungen aus Berlin. Auch der schillernde Publizist und ehemalige Schauspieler Maximilian Harden ist mit von der Partie: 1892 gründet er die Zeitschrift „Die Zukunft“ – eigens, so beteuert er, um „die Größe, die Bedeutung des Fürsten, das Unrecht, das ihm geschehen ist und seinem Werk noch stündlich geschieht, in helles Licht zu rücken“. In seinem Blatt verklärt er den Altkanzler zur „Vollendung germanischen Geistes“ und zur „größten und reizvollsten Erscheinung der germanischen Welt“.

Eine Erscheinung: Das Wort trifft es genau. Bismarck ist ein Poltergeist geworden, der stets verneint. Um konstruktive Politik geht es ihm längst nicht mehr; Vorschläge für die Zukunft sind von ihm nicht zu erwarten. Stattdessen grollt er und grantelt, schwelgt in der Vergangenheit. Beklagt den Tag, an dem ihn der Kaiser „wie einen Bedienten weggejagt“ habe. Murrt, dass er sich „im deutschen Volke offenbar getäuscht habe“. Er wettert gegen alles, was aus Berlin kommt: gegen Handelsverträge, Ostasienpolitik und die neue Landgemeindeordnung, gegen Steuer- und Heeresreform. Warnt vor Minderheiten – „Der Pole ist Intrigant, Heuchler, unwahrhaftig und unzuverlässig, zur Erhaltung eines Staatswesens gänzlich unfähig“ – und Sozialdemokraten: „Sie sind die Ratten im Lande und sollten vertilgt werden.“ Sein Rezept: „Zuweilen besteht das echte Wohlwollen darin, Blut zu vergießen: das Blut einer aufrührerischen Minorität, und zwar zur Verteidigung der ruheliebenden Majorität.“ Die Vorausschau seiner aktiven Jahre opfert er jetzt dem Ressentiment; nur seine Ablehnung der neuen Großmachtpolitik, mit der Wilhelm II. Deutschlands „Platz an der Sonne“ sichern will, wird sich im Nachhinein als hellsichtig herausstellen.

Jeder, der im nachbismarckschen Deutschland etwas zu sagen hat, kann Ziel seiner Heimsuchungen werden. Der Altkanzler schießt gegen Karl Heinrich von Boetticher, einst sein treuester und vertrautester Gehilfe und jetzt Stellvertreter des neuen Reichskanzlers, und gegen Adolf Freiherr Marschall von Bieberstein, den Nachfolger seines Sohnes Herbert als Staatssekretär im Auswärtigen Amt: Dem Ersten wirft er vor, zu seinem Sturz konspiriert zu haben, dem Zweiten, sein Amt ohne jede Sachkenntnis auszuüben. Vor allem aber nimmt er – nach kurzer Schonfrist – Leo von Caprivi aufs Korn, jenen tüchtigen, aber unerfahrenen Mann, der den fatalen Fehler hat, Bismarcks Nachfolger im Kanzleramt zu sein. Der General ist dem Irrtum erlegen, die Arbeiter mit Reformen gewinnen zu wollen. Zudem hat Caprivi den Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht verlängert: Deshalb setzt ihm Bismarck auch noch das (in Wirklichkeit schon während seiner eigenen Amtszeit) abgekühlte Verhältnis zum Zaren auf die Rechnung.

Als „Capriviolen“ beschimpft Bismarck den „Neuen Kurs“, der jetzt das Reich regiert – und seine publizistischen Vasallen rechnen sich jeden Prozess wegen Kanzlerbeleidigung zur persönlichen Ehre an: „Gott sei Dank“ sei auch er endlich angeklagt, meldet stolz der Berlin-Korrespondent der „Leipziger Neuesten Nachrichten“ nach Friedrichsruh, als ihm wegen seiner Behauptung, „dass Se. Exc. ein Esel sei“, drei Monate Gefängnis drohen. Dabei vermeidet der Altkanzler es, Wilhelm II. direkt anzugreifen. Seine Sprachrohre weist er sogar an, „den Kaiser etwas mehr zu schonen“: Bismarcks eingefleischter preußischer Royalismus verbietet es ihm, einem Herrscher offen den Respekt zu versagen.

Lieber verschiebt er die Abrechnung auf das Leben nach dem Tod. Seine Memoiren, posthum zu veröffentlichen, soll der langjährige Sekretär und Gehilfe des Kanzlers, Lothar Bucher, in lesbare Form bringen. Doch bald muss der Lektor feststellen, dass nicht nur Bismarcks „Gedächtnis mangelhaft“ ist – „er fängt an, auch absichtlich zu entstellen, und zwar selbst bei klaren, ausgemachten Tatsachen und Vorgängen. Bei nichts, was misslungen ist, will er beteiligt gewesen sein“. Spätere Historiker lassen kaum ein Faktum in den „Gedanken und Erinnerungen“ ungeschoren. Dennoch wird das Werk zur „deutschen Bibel“, die auch ungelesen in jedem Regal steht – und auf lange Zeit das Bild Bismarcks in der Öffentlichkeit bestimmt.

Und der Verlag Cotta in Stuttgart, der für vergleichsweise bescheidene 100 000 Mark pro Band die Rechte an den Memoiren erwirbt, wird nach Bismarcks Tod von den ersten beiden Bänden (der dritte erscheint erst 1921) binnen weniger Tage über 300 000 Exemplare verkaufen und einen Millionengewinn einfahren – kein Wunder, dass der Verleger das unverfrorene Angebot der Regierung ablehnt, ihm das Veröffentlichungsrecht für eine halbe Million Mark abzukaufen, um gegebenenfalls vor dem Druck die „nötigen Änderungen“ an dem Manuskript vorzunehmen. Das Gespenst Bismarck scheint mehr daran interessiert zu sein, Berlin in Angst und Schrecken zu versetzen, als wirklich noch einmal ins politische Geschehen einzugreifen.

Auch seine Kandidatur für die Nationalliberalen bei einer Reichstagsnachwahl im Frühjahr 1891 scheint nur dazu bestimmt, den Widersachern Gänsehaut über den Rücken zu jagen – das errungene Mandat übt er nicht ein einziges Mal aus. „Ich würde erscheinen wie Banquos Geist an Macbeths Tisch“, orakelt er süffisant, „und mancher alte Freund hat ohnehin schon ein böses Gewissen mir gegenüber.“ Kein Zweifel: Er spürt, dass seine Klopfzeichen aus der Ferne mächtiger sind als aus der Nähe. Und als er 1892 ankündigt, zur Hochzeit seines Sohnes Herbert mit der ungarischen Gräfin Marguerite Hoyos nach Wien zu reisen, verlieren Hof und Regierung schließlich die Nerven.

Plant der Alte etwa einen politischen Coup? Vorsorglich befiehlt Kanzler Caprivi seinem Botschafter in Wien, keinesfalls eine Einladung zur Hochzeit anzunehmen. Und Wilhelm II. beschwört Österreichs Kaiser Franz Joseph, dem „ungehorsamen Untertan“ jede Audienz zu verweigern, „ehe er nicht sich mir genähert und *peccavi* gesagt hat“ (was „ich habe gesündigt“ bedeutet). Auch der König von Sachsen und Bayerns Prinzregent erhalten diese Bitte. Doch der Schrecken aus dem Sachsenwald lässt sich so nicht verscheuchen. Im Gegenteil: Er bläht sich ins Monströse. Während Amtsträger weisungsgemäß den Kontakt vermeiden, stehen allerorten jubelnde Massen bereit, um ihm zu huldigen, trotzen Regen und Polizeisperren.

In Wien begleiten ihn die Ovationen ins Theater, in den Prater, ins Konzert. Deutschnationale prügeln sich mit Polizisten, fahren mit 60 Kutschen vor, um den Fürst zu ehren, schmettern bei seiner Abreise auf dem Bahnhof die „Wacht am Rhein“. In München paradieren 1600 Korpsstudenten mit Fackeln und in vollem Wichs. Begeisterte Massen blockieren noch lange nach dem letzten Hurra- Ruf die Straßen, bis der Oberbürgermeister ihnen mitteilt, dass der Fürst sich zur Nachtruhe zurückgezogen habe.

> Überall empfangen ihn Ovationen

In Augsburg wartet ein Chor von 700 Sängern, in Würzburg huldigen Rektor und Senat der Universität, flankiert von einer 8000-köpfigen Menge. In Bad Kissingen regnen Blumen auf ihn herab; eins der Buketts verletzt ihn leicht am Auge. In Jena erwarten ihn rund 25 000 Menschen im strömenden Regen; weiß gekleidete Mädchen eskortieren ihn, Blumen streuend, zum „Bären“, wo er jene Zimmer bezieht, in denen einst Luther gewohnt hat.

Am nächsten Tag spricht er auf dem Marktplatz vor über 20 000 Zuhörern – die einen pfeifenden Gegner, wie Bismarcks Diener berichtet, so „energisch zur Ruhe“ bringen, dass der „dabei seine Vorderzähne eingebüßt“ haben soll. So wird der schlichte Besuch einer Familienfeier zur „großdeutschen Rundfahrt“, die Hunderttausende Menschen und die Diplomatie zweier Kaiserreiche in Bewegung setzt. Sie wird zum Propaganda- Marathon mit 25 Ansprachen auf Bahnhöfen, in Rathäusern und auf öffentlichen Plätzen. Selbst in Berlin, der Bastion des Kaisers, fordert die Menge: „Reden! Reden!“

Und Bismarck redet. Auch in den spiritistischen Salons sprechen die Geister ja nicht aus eigenem Antrieb – sie werden gerufen. Die Heilssehnsucht aber, die jetzt nach dem Erscheinen des großen Mannes lechzt, hat der Reichsgründer, wie kritische Zeitgenossen anmerken, selbst erzeugt – „eine Nation ohne allen und jeden politischen Willen“ habe er geprägt, befindet 1918 der Soziologe Max Weber, „gewohnt, dass der große Staatsmann an der Spitze für sie die Politik schon besorgen werde“.

Auch der Diplomat und Weltmann Harry Graf Kessler, der sich fragt, wie es zum Niedergang des „freien und aufrechten“ Charaktertypus der Goethezeit und der Revolution von 1848 kommen konnte, findet „keine andere Antwort als: Bismarck“. Die Deutschen, viele durch 28 Jahre Bismarck-Herrschaft in kindlicher Unmündigkeit gehalten, klammern sich an einen idealen Vater. Eben noch umstritten, als Starrkopf und Ewiggestriger verschrien, wird er jetzt zum Ahnen, der die Existenz der Deutschen mit magischen Kräften erhalten soll. Dabei jubeln sie, so der Historiker Otto Pflanze, „der sich ausbildenden Legende zu, nicht der Wirklichkeit“. Bismarck ist der mythische Erlöser, nach dem sie verlangen; ein Auferstandener, ein neuer Barbarossa.

Und es ist vielleicht kein Zufall, dass in Bismarcks Jubeljahr 1892 auch der Bau des großen Denkmals für Wilhelm I. auf dem Kyffhäuser beginnt, wo der Stauferkaiser seit 700 Jahren auf seine Erweckung warten soll. Gut 100 Jahre später wird der Münchner Historiker Ulrich Linse in seinem Buch über die „Heilssuche im Industriezeitalter“ darauf hinweisen, dass die deutschen Geisterseher der Jahrhundertwende meist national gesinnt gewesen seien – und auch das Irrlicht vom Sachsenwald dient vor allem den Rechten zur Fackel.

In dem Raunen aus Friedrichsruh finden sich Deutsch-Konservative, Freikonservative und Nationalliberale in seltener Einheit. Erkennen sich die Schlotbarone des Westens, die Wilhelms sozialpolitische Experimente missbilligen, ebenso wie die Grundbesitzer und Landwirte, die Caprivis Herabsetzung der Getreidezölle verdammen. Lauschen Kolonialschwärmer und Alldeutsche ihrem Echo, die wie Bismarck das Helgoland- Sansibar- Abkommen ablehnen, in dem Deutschland Gebiete in Afrika an England abtritt und Helgoland erhält (obwohl Bismarck, als er noch im Amt war, das Abkommen vorbereitet hatte). Dabei wird er nicht zum Anführer dieser Opposition – „nicht einmal“, so sein Biograf Manfred Hank, „ihr gemeinsamer Nenner“. Er ist ihr Schutzschild, ihr Alibi, ihre Galionsfigur für die Kritik an einem unberührbaren Kaiser.

Friedrichsruh wird zum Wallfahrtsort aller Unzufriedenen im Land: Aus dem gesamten Reich strömen Abordnungen an sein Gutstor; dazu Deutschstämmige aus Russland oder den USA. Sie bringen Ehrenbürgerschaften und -doktorwürden dar, Prunkpokale und Gedenktafeln, marschieren mit Fackeln, Gesang oder klingendem Spiel. Binnen knapp sechs Jahren finden sich rund 150 solcher Pilgergruppen bei ihm ein – manche mehrere Tausend Köpfe stark. Oft belohnt sie Bismarck mit einem knappen Wort des Dankes, bisweilen auch mit einer Rede vom Balkon. Er spricht meist leise, mühsam, stockend, mit seiner, wie Besucher berichten, „dünnen, fast schüchtern klingenden Stimme“, die mit einer „eigentümlichen, suchenden, pausierenden Langsamkeit“ seinem Mund entweicht – und seine Worte umso jenseitiger macht.

Seine Rede hat „etwas Gespenstisches“, wird der Bismarck-Besucher Graf Kessler befinden, „als ob wir ihn von seinen verstorbenen Zeitgenossen fort aus dem Grabe geholt hätten“. Bismarcks Nimbus kann das nur noch steigern. Es gibt Schulklassen, die tagelang bei Wind und Regen das Parktor belagern und ihn bei jedem Erscheinen mit Liedern, Hochrufen und geschwenkten Tüchern begrüßen. Es gibt Fanatiker, die Rosen auf seinen Weg streuen und die Erde, die seine Füße berührt hat, in Taschentücher wickeln. Es gibt Fetischisten, die Bismarcks abgebrannte Streichhölzer sammeln oder Haare seiner Doggen zum Andenken aufheben. Und fast allen schlottern die Knie, wenn ER vor ihnen steht. Sogar die Gesellschafterin seiner Ehefrau durchfährt ein heiliger Schrecken, sobald „der Gewaltige“ sie anredet. Selbst ein Dauergast wie Bismarcks Leibmaler Franz von Lenbach verlässt das Gutshaus regelmäßig „fast mit einem Gefühl der Erleichterung“.

**IN BERLIN KNIRSCHT** der Kaiser ohnmächtig mit den Zähnen, pocht trotzig auf sein Machtmonopol: „Einer nur ist Herr im Reiche, und das bin Ich, keinen anderen dulde Ich.“ Immer wieder erwägt er die Verhaftung des Ex-Kanzlers. Doch er weiß, dass solches Märtyrertum Bismarcks Aura nur noch heller erstrahlen lassen und den Spuk, der Wilhelms „persönliches Regiment“ vernebelt, ins Unbeherrschbare steigern würde.

Und als sich der Verhasste im August 1893 auch noch eine Lungenentzündung einfängt, fällt der Hof in Torschlusspanik: Was wären die politischen Folgen, sollte der Alte vom Sachsenwald sterben, ohne zuvor vom Kaiser die Absolution erbeten zu haben? Wahrscheinlich ist es Philipp zu Eulenburg, nicht nur Wilhelms engster Vertrauter, sondern auch heimlicher Spiritist, der dem Kaiser die Besänftigung des bösen Geistes im Sachsenwald ans Herz legt. Schon unmittelbar nach Wilhelms Thronbesteigung hatte sich Eulenburg als Experte für übersinnliche Kontakte angedient und den Monarchen gedrängt, „sich in diesen heiklen und aufregenden Dingen nur meiner Vermittlung zu bedienen“. Und so tief seine Abneigung gegen den „moralisch und physisch ungewaschenen Herkules“ von Friedrichsruh auch ist – so dringend erscheint ihm angesichts Bismarcks wachsender Popularität die Notwendigkeit, die Monarchie zu schützen und mit diplomatischen Mitteln die Staatsseele von der „dämonischen Natur“ ihres Inkubus zu befreien.

Ohnehin ist der Kaiser in der sozialen Frage, über die der Konflikt zwischen den beiden Männern einst ausgebrochen war, längst auf Bismarcks Linie eingeschwenkt: Schon im März 1890, als in Gelsenkirchen Arbeiter streikten, hat er seinen Generälen befohlen, „bei der ersten Gelegenheit die Repetiergewehre spielen zu lassen“. Und als die Sozialdemokraten bei der Reichstagswahl im Juni 1893 mit 23,3 Prozent die meisten Stimmen erhalten, fordert er selbst schärfere Gesetze gegen Revolutionäre. Doch schließlich ist es vor allem die Last des Friedrichsruher Albdrucks, dieser schaurig wachsende Kult um den Reichsgründer, der den Monarchen zwingt, der ideellen Annäherung auch die physische folgen zu lassen.

Im Januar 1894 schickt er einen Adjutanten nach Friedrichsruh: mit einem Handschreiben und einer Flasche 1862er „Steinberger Cabinet“, die der Fürst mit unbewegter Miene entgegennimmt. Unverbindlich stellt der Adjutant die Möglichkeit eines Besuchs Bismarcks in Berlin in den Raum – die der Beschenkte tatsächlich akzeptiert: So hat der Kaiser den Eröffnungszug getan, ohne den Gegner ausdrücklich einzuladen, keine der beiden Parteien verliert ihr Gesicht. Am 26. Januar 1894 legt Bismarck seine Generalsuniform an und macht sich auf die Reise.

In der Hauptstadt haben sich schon mehr als 300 000 Berliner zu seinem Empfang versammelt, dazu eine Delegation von Offizieren unter Leitung Prinz Heinrichs, des Kaiserbruders, als Bismarck im geschlossenen Wagen durch flaggengeschmückte Straßen rollt, eskortiert von einer Schwadron Gardekürassiere. Am Stadtschloss schreitet der Gast unter Jubel und Marschmusik die Ehrenwache ab. In Begleitung Prinz Heinrichs betritt er das Schloss; der Kaiser, sichtlich nervös, greift die Hand des Alten, küsst ihn auf beide Wangen. Was die beiden Männer dann hinter geschlossenen Flügeltüren austauschen, wird ihr Geheimnis bleiben.

Eine Epiphanie, eine Erscheinung – die, so der Soziologe Max Weber, vielen vorkommt, „als öffne der Sachsenwald wie ein moderner Kyffhäuser seine Tiefen“. Und Weber selber ist es, „als ob ein Geist herniederstiege aus einer großen Vergangenheit und wandelte unter einer neuen Generation durch eine ihm fremd gewordene Welt“. Nach außen wenigstens herrscht nun Harmonie. Der Störenfried hält vorerst still, tauscht artig mit Wilhelm Geburtstagsgrüße und Geschenke, empfängt ihn zum Gegenbesuch in Friedrichsruh – und erträgt sogar die Respektlosigkeit, mit der Majestät das politische Gespräch verweigert und stattdessen wie mit einem alten Soldaten die Vorzüge einer neuen Felduniform bespricht. Ein Zeuge spürt die Spannung zwischen den beiden Männern: „Mühsam bändigten sie ihren hitzigen Wunsch, einander die Wahrheit zu sagen. Noch eine Minute, und sie wären explodiert.“

Die „Versöhnung“, wird Eulenburg bald versichern, sei für den Hof keine Kapitulation gewesen, „sondern ein Sieg über den Gegner“. Doch dem kaiserlichen Gefolge ist bewusst, wie ein Höfling notiert, dass der „alte Wallenstein im Sachsenwald“ seine „Waffen noch nicht niedergelegt“ hat. Und so verlegt sich der Kaiser darauf, den Alten zu bestechen. Im Oktober 1894 entlässt er Bismarcks Lieblingsgegner Caprivi – ausgerechnet wegen dessen Widerstand gegen ein neues Sozialistengesetz. Der Monarch überschüttet den Ungerührten mit Grußbotschaften, lädt ihn ein zur Eröffnung des „Kaiser-Wilhelm-Kanals“ zwischen Nord- und Ostsee, beschenkt ihn mit selbst gemalten Marinebildern, verleiht ihm den neuen Wilhelm-Orden und den „Pour le Mérite“ der Friedensklasse. Er übernimmt die Patenschaft für des Altkanzlers ersten Enkel in männlicher Linie und schickt ihm die Einladung zum Stapellauf eines nach Bismarck benannten Schlachtschiffs – wohl wissend, dass der schwächelnde Fürst solchen Einladungen nicht mehr folgen kann. Bisweilen wendet er die okkulte Macht aus dem Sachsenwald sogar gegen seine eigenen Minister: Sollten sie nicht spuren – dann müsse er Bismarcks Sohn Wilhelm nach Berlin holen und so die Macht des ehemaligen Kanzlers wieder stärken.

> Ihr Zwist schwelt bis zum Ende

Doch auch wenn der Streit weiterschwelt: Für das offizielle Deutschland ist der Fürst wieder zugelassene Repräsentationsfigur. Und ein gutes Jahr nach der „Versöhnung“, zu Bismarcks 80. Geburtstag am 1. April 1895, nimmt der Kult um seine Person nie gesehene Ausmaße an. Von März bis Juni halten 35 Sonderzüge am Bahnhof Friedrichsruh, an Bord mehr als 50 Delegationen – deutsche und ausländische Regierungsvertreter, der Reichskanzler, dazu mehr als 400 Land- und Reichstagsabgeordnete, 4000 Korpsstudenten in Uniform, die Rektoren aller deutschen Universitäten in Barett und Talar.

Am 26. März erscheint der Kaiser, mit Pickelhaube und Brustpanzer zu Pferde, begleitet von Kronprinz, Kriegsminister und einem Aufgebot von Infanterie, Artillerie, Husaren und Halberstädter Kürassieren. Im offenen Wagen inspiziert der Alte die aufgestellten Truppen, genießt das Feuerwerk aus Fahnen, Kapellen und Kanonendonner – doch so jovial die Avancen des Kaisers, so kühl bleibt Bismarcks Verachtung. Das Volk aber belagert tagelang die Ziegelmauern des Anwesens, kauft fliegenden Souvenirhändlern Bismarck- Devotionalien ab: Medaillen, Festblätter, Fotografien auf Eichenholz. Postboten bringen fast 10 000 Telegramme und 450 000 Kartengrüße, Briefe und Drucksachen, dazu mehrere Tausend Päckchen.

Bismarcks Bedienstete listen 1109 Geschenke auf – von der „Runentafel aus Eichenholz“, verehrt vom Männergesangverein Germania aus München, bis zur „Kugel, gefunden auf dem Schlachtfelde bei Leipzig in unmittelbarer Nähe Napoleons“ als Gabe des Deutschen Patriotenbunds. Rund 450 Städte, von Altona bis Zwickau, verleihen ihm die Ehrenbürgerschaft. Erdbeeren, Heringe und Zigarren tragen fortan seinen Namen. Städte und Dörfer schmücken sich mit Bismarckstraßen, -plätzen und -schulen.

500 Denkmäler wachsen aus dem Boden, Dutzende davon noch zu Lebzeiten. Meist stellen sie den Fürsten als martialischen Hünen mit Pickelhaube, Stulpenstiefeln, Säbel dar und jenem „tiefen, geisterhaften Fernblick des vorausschauenden Weisen“, der schon manchen Besucher in Friedrichsruh schaudern ließ. Erst der Leninkult der Sowjetunion wird diese Ehrungswut übertreffen. Und während er so zum Monument wird, scheint sein irdischer Leib sich weiter aufzulösen: Er fühlt sich jetzt so matt, dass er fürchtet, das Jahr nicht zu überleben. Seine schlecht durchbluteten Beine machen ihm das Aufsatteln unmöglich. Auch sein Sohn erkennt an „Gang und Haltung“ des Alten eine „langsame, aber stetige“ Abnahme der Kräfte. Und wenn sein Leibarzt ihn mahnt, weniger Alkohol und Medizin zu schlucken, knurrt er: „Lassen Sie mich doch ruhig sterben, ich habe genug.“

Schon als im Sommer zuvor auf Bismarcks Gut Varzin eine alte Kastanie umstürzte, deutete der Fürst das Unglück als „böses Omen“. Und wahrhaftig: Im November starb seine Frau Johanna. „Das Leben ist ein dauernder Verbrennungsprozess“, notierte er düster, „und mein Material zur Unterhaltung der Flamme ist bald aufgebraucht.“ Doch als müsse er auf seine letzten Tage noch einmal für Grauen sorgen, rafft er sich im Oktober 1896 zum ultimativen Spukangriff auf: Ohne sichtbaren Grund lässt er in den „Hamburger Nachrichten“ den Inhalt des geheimen Rückversicherungsvertrages mit Russland veröffentlichen.

Darin hatten Berlin und Sankt Petersburg 1887 eine gegen Wien gerichtete Defensivallianz vereinbart, obwohl Deutschland zuvor mit der Habsburger- Monarchie ein ähnliches Bündnis gegen das Zarenreich eingegangen war. Diese „politische Bigamie“, wie ein führender Diplomat schrieb, drohte die Glaubwürdigkeit des Deutschen Reiches zu beschädigen, weshalb Bismarcks Nachfolger Caprivi den Vertrag mit den Russen 1890 nicht verlängerte. Nun, nach der Veröffentlichung, hat das Auswärtige Amt alle Hände voll zu tun, um in Wien und Sankt Petersburg die Wogen zu glätten. Erneut droht der Kaiser, den Widersacher wegen Hochverrats einsperren zu lassen, doch sein Gefolge rät ihm ab – angesichts „der fieberhaften Erregung im Lande und bei dem bornierten Fanatismus der Menge, welche den Alten anbetet wie Baal“.

Doch Bismarck spürt, dass der Kampf vorbei ist. Seine drei ärgsten Feinde sind aus der Arena verschwunden: Nach Caprivi entlässt der Kaiser auch dessen Stellvertreter Karl Heinrich von Boetticher sowie den Staatssekretär Freiherr von Marschall. Der neue Kanzler Chlodwig zu Hohenlohe ist ein alter Weggefährte des Fürsten, der seinen Respekt durch zwei Pilgerfahrten nach Friedrichsruh unterstreicht; später wird Wilhelm beteuern, er habe Hohenlohe eigens ernannt, um Bismarck zur Ruhe zu bringen.

1897, als die zweite seiner Deutschen Doggen stirbt, verliert Bismarck den letzten Mut: „Nun sind meine Hunde weg“, klagt er, „nun komme ich an die Reihe.“ Kaum jemand ist geblieben, der dem Alten zuhört; nur sein Sohn Herbert ist ihm noch ebenbürtiger Gesprächspartner – und die Eichen und Buchen in seinem Forst. „Ich liebe die großen Bäume“, hat er einmal gesagt, „das sind Ahnen.“ Den Anblick vom Sturm geknickter Wipfel kann der „Baumnarr“, wie er sich nennt, nicht ertragen, und noch immer verübelt er es seiner Mutter, dass sie einst ein paar alte Eichen hat fällen lassen. Im Wald sieht er das „Idealbild“ eines „wohldisziplinierten Volkes“ ohne Parlament und Zeitungen. Und bisweilen träumt er davon, sich in einer Hängematte zwischen Tannenwipfeln bestatten zu lassen.

Ende 1897 diagnostiziert sein Hausarzt Brand in Bismarcks linkem Fuß. Die Schmerzen steigern sich zum „Höllensabbath“, verschärft durch einen der unwillkommenen Besuche des Kaisers – der, wie er hinterher im kleinen Kreis verrät, nur nachsehen wollte, „wie weit der Altersbrand beim Fürsten fortgeschritten und wann dessen Tod zu erwarten ist“. Bismarck muss seinen Abscheu darauf beschränken, Fünfmarkstücke mit dem Kaiserporträt nach unten auf den Tisch zu legen, um „das falsche Gesicht“ nicht zu sehen. Bald kann er nur noch im Rollstuhl seinen Park inspizieren. Im Juli 1898 ist er so schwach, dass er das Schlafzimmer kaum mehr verlässt. Am 28. Juli rafft er sich noch einmal auf, stärkt sich mit einem Glas Champagner, isst mit der Familie, raucht drei Pfeifen und liest die Zeitung – doch kurz darauf ereilt ihn ein Lungenödem. Er fiebert, verliert häufig das Bewusstsein.

Am 30. Juli, eine Stunde vor Mitternacht, stirbt Otto von Bismarck mit 83 Jahren. Seine Begräbnisstätte im Sachsenwald hat er noch selbst bestimmt, auf einem grasbewachsenen Hügel, zwischen Eichen, Buchen und Ahornbäumen. In einem Mausoleum aus mächtigen Steinquadern wird er am 16. März 1899 zur Ruhe gelegt. Der Kaiser folgt dem Sarg in Uniformmantel und Helm.

**„JETZT BEGINNT** ein neuer Akt, in dem Mir die erste Rolle zufällt“, frohlockt Wilhelm nach der Totenfeier. Doch noch bis zum Zusammenbruch von Reich und Kaisertum im November 1918 wird der Geist des Alten den Monarchen verfolgen: Denn „sein schwerer Schatten, die ewige Frage, was würde Bismarck tun und sagen“, liegt, so Biograf Hank, „wie eine dunkle Wolke über Volk und Staat, dem Kaiser die Freude am Regieren vergällend.“

Derweil wird der Tote, der schon zu Lebzeiten den Retter aus dem Jenseits geben musste, vollends zum Heiland. Der Staatswissenschaftler Ludwig Bernhard schwört 1913 bei einem Festakt in Berlin sein Publikum auf das „dunkle Bewusstsein“ ein, „dass wir von dem toten Bismarck noch viel zu erwarten haben“. 1915, zum 100. Geburtstag des Idols, versammeln sich Deutschlands Universitätsrektoren in seinem Mausoleum zum Gebet: „Von dir, Bismarck, erflehen wir: Sei auch ferner im Geiste mit uns.“

Und so ist es wie ein verspäteter Exorzismus, eine nachgeholte spiritistische Rache, dass Wilhelm nach dem Niedergang des Kaiserreichs im holländischen Exil bei Utrecht seine Wut an jenen Geschöpfen auslässt, in denen sein toter Feind seine „Ahnen“ sah: Im Schlosspark fällt er einen Baum nach dem anderen. Im Winter 1919 schlägt er den zwölftausendsten Stamm.

##### 3. Preussens Ministerpräsident. Der Triumph des Kriegstreibers

Eine Staatskrise in Preußen führt Otto von Bismarck im September 1862 an die Spitze der Macht. Als Ministerpräsident kämpft er rücksichtslos gegen das liberal dominierte Parlament, das dem König die Gefolgschaft verweigert, bricht die Verfassung, regiert wie ein Diktator und treibt sein wichtigstes Ziel voran: die Einigung Deutschlands unter preußischer Herrschaft. Sogar die Konservativen macht er sich so zum Feind – doch am Ende bringen militärische Siege seine Gegner zum Schweigen

Die Schüsse fallen am späten Nachmittag des 7. Mai 1866. Dreimal knallt ein Revolver, hallen Echos über die Berliner Prachtallee Unter den Linden. Spaziergänger und vorbeimarschierende Soldaten schrecken auf. Sie sehen zwei Kontrahenten miteinander ringen: Einer von ihnen ist ein vornehmer Herr mit markantem Bart – der preußische Regierungschef Otto Graf von Bismarck. Der andere, ein gut gekleideter junger Mann, hält einen Taschenrevolver in der Hand, versucht ihn auf den Leib des Politikers zu richten.

Der Schütze hat Bismarck, der von einer Besprechung mit dem König im Berliner Stadtschloss kam, auf dem Heimweg abgepasst. Zweimal hat er von hinten auf ihn gefeuert und ein drittes Mal, während der Attackierte dem Schützen entgegenstürmt. Doch die Kugeln haben Bismarck verfehlt oder seine Kleidung gestreift. Nun versucht er, dem Angreifer die Waffe zu entwinden. Doch dem gelingt es, den Revolver gegen die Brust des Grafen zu pressen – und abzudrücken. Noch zweimal knallt es, dann überwältigt der Getroffene seinen Gegner, herbeieilende Passanten und Soldaten kommen ihm zu Hilfe.

Der Attentäter, der 22-jährige Ferdinand Cohen- Blind, bis vor Kurzem Student, hält Bismarck für einen „Verräter an Deutschland“, der Preußen in einen Bruderkrieg gegen Österreich treibt. Nur durch dessen Tod, so glaubt er, lässt sich ein blutiger Streit der zwei deutschen Staaten noch aufhalten. Und er ist mit dieser Ansicht nicht allein: In seinen Schüssen entlädt sich der Zorn eines ganzen Volkes. Deutschland ist in diesen Tagen im Hass gegen Bismarck vereint. Wenn der Ministerpräsident durch die Straßen Berlins geht, spucken Bürger vor ihm aus oder werfen Knallerbsen nach ihm.

Überall hat er Feinde: Untergebene arbeiten gegen ihn, selbst Kabinettsmitglieder verurteilen seine Politik als „gottlos“. Seit Wochen empört sich vor allem die liberale Presse über den Ministerpräsidenten. Eine süddeutsche Zeitung will den „Reichsverräter“ gar am Galgen hängen sehen. Es gibt im Mai 1866 viele, die Bismarcks Ende herbeisehnen. Doch auch die zwei letzten Schüsse auf ihn zeigen nicht die erwünschte Wirkung: Der dicke Mantelstoff und etliche Lagen Kleidung haben die Kugeln abgebremst, nicht einmal bis zur Haut sind sie durchgedrungen und verursachen nur eine Rippenprellung. Der Mann, den so viele tot sehen wollen, überlebt das Attentat nahezu unbeschadet.

In weniger als vier Jahren hat es Bismarck geschafft, sich in ganz Deutschland verhasst zu machen. 1862 ist er Ministerpräsident geworden; seinen Aufstieg verdankte er einer Krise, die das Königreich Preußen zu zerreißen drohte. 1858 hat Prinz Wilhelm die Regentschaft für seinen Bruder Friedrich Wilhelm IV. übernommen, der wegen Durchblutungsstörungen im Gehirn körperlich und geistig behindert ist (nach dem Tod des Monarchen wird ihm Wilhelm Anfang 1861 auf den Thron folgen). Der neue Herrscher hat eine gemäßigt liberale Regierung eingesetzt, einen Eid auf die Verfassung geleistet und Hoffnungen auf Reformen aufkommen lassen. Von einer „Neuen Ära“ schreiben manche Publizisten, die die dumpfe Zeit der Reaktion nach der gescheiterten Revolution von 1848 ablösen soll. Doch der streng militärisch erzogene König, geboren 1797, ist vor allem eines: Soldat. Er will unbedingt das Heer erneuern – die einzige Reform, die ihm wirklich wichtig ist. Obwohl die Bevölkerung des Landes seit 1815 von etwa zehn auf 18 Millionen Menschen angewachsen ist, hat sich die Truppenstärke in dieser Zeit kaum verändert. Nur ein Teil der Wehrpflichtigen wird überhaupt eingezogen, und die dienen oft kürzer als die vorgesehenen drei Jahre.

Zudem muss das stehende Heer im Kriegsfall nicht nur durch Reservisten, sondern auch durch schlecht ausgerüstete Kämpfer der Landwehr ergänzt werden, deren aktive Dienstzeit schon länger zurückliegt und deren Offiziere oft nur mangelhaft ausgebildet sind. In einem Krieg gegen eine andere europäische Großmacht könnte Preußen so kaum bestehen.

Der Prinzregent und seine Berater haben deshalb einen Reformvorschlag ausgearbeitet: Mehr Rekruten sollen eingezogen, die Dienstzeit von drei Jahren eingehalten werden, sodass das stehende Heer in Friedenszeiten von 150 000 auf 220 000 Mann anwächst. Gleichzeitig wird die Bedeutung der Landwehr zugunsten einer vergrößerten regulären Armeereserve erheblich eingeschränkt. Im Februar 1860 legt die Regierung den Entwurf für diese Neuordnung dem Abgeordnetenhaus vor: der gewählten Kammer des preußischen Landtags, die seit der Revolution von 1848 allen Gesetzen zustimmen muss. Doch das Haus lehnt die Vorlage ab. Nur vorläufig billigen die Abgeordneten eine Erhöhung der Militärausgaben – Gelder, mit denen Wilhelms neuer Kriegsminister, General Albrecht von Roon, gleichwohl beginnt, das Heer nach dem Plan des Regenten umzugestalten. Bei der Wahl im Dezember 1861 aber verlieren die gemäßigten Liberalen, denen die meisten Angehörigen des Kabinetts nahestehen, ihre dominierende Stellung in der zweiten Kammer des Parlaments (in der ersten Kammer, deren Mitglieder vom König ernannt werden, sitzen vor allem adelige Grundbesitzer sowie einige Repräsentanten der großen Städte, der evangelischen Kirche und der Universitäten – auch sie müssen Gesetzen ihre Zustimmung geben).

> BISMARCK IST DIE LETZTE HOFFNUNG DER KONSERVATIVEN

Stärkste Kraft im Parlament ist nun die erst wenige Monate zuvor gegründete Deutsche Fortschrittspartei. In ihr vereinen sich Demokraten, die sich als Anwälte des unteren Mittelstands verstehen, sowie entschieden liberale Vertreter der Kaufleute, Industriellen und der Akademiker. Diese beiden Parteifraktionen sind häufig zerstritten, aber in einem sich einig: Die mit der Heeresreform verbundene Schwächung der Landwehr, die zukünftig nur noch in der Etappe Dienst tun soll, wollen sie nicht hinnehmen. Roon hatte in einem Memorandum die Landwehr als Truppe aus „Zivilisten in Uniform“ beschrieben, ohne den Korpsgeist der aktiven Armee. Doch ebendies, die Prägung des Soldaten durch sein ziviles Leben und der fehlende Kadavergehorsam, macht die Landwehr für viele preußische Liberale zu einer der wichtigsten Institutionen des Königreichs, vergleichbar mit der Verfassung und dem Rechtsstaat. Auch deshalb versagen sie 1862 der Regierung weitere Finanzmittel für die längst begonnene Heeresreform.

Zwischen dem Monarchen und den Liberalen entbrennt daraufhin ein erbitterter Machtkampf, in dem es schon bald um weit mehr geht als nur die Heeresreform: darum nämlich, ob das Land autoritär geführt wird – oder ob sich das vom Parlament vertretene Bürgertum (die aufstrebende gesellschaftliche Schicht) als politische Kraft etablieren kann. In diesem Ringen will Wilhelm auf keinen Fall nachgeben. Als ihm das Abgeordnetenhaus die Unterstützung verweigert, löst er die Kammer kurzerhand auf und ordnet Neuwahlen an. Bei diesem Votum im Jahr 1862 aber gehen die gemäßigten Liberalen vollends unter, Fortschrittspartei und Linksliberale hingegen gewinnen eine klare Mehrheit. Der Generaladjutant des Königs, der ultrakonservative Edwin von Manteuffel, rechnet daraufhin mit einer Volkserhebung gegen den Monarchen und bereitet schon die blutige Rückeroberung Berlins durch die Armee vor; wenn das erledigt sei, könne man Verfassung und Parlament abschaffen.

Revolution und Staatsstreich bleiben zwar aus, doch im September scheitert auch der letzte Kompromissversuch über die Heeresreform am Widerstand des Königs. Nun will die liberale Kammermehrheit ihre Zustimmung zum gesamten Budget verweigern. Und das Kabinett – in dem Wilhelm längst alle liberalen Minister durch Konservative ersetzt hat – sieht keine Möglichkeit, dann noch das Land zu regieren. Wilhelm denkt an Rücktritt, hat bereits seine Abdankungserklärung aufgesetzt. Kriegsminister Roon aber sieht noch einen letzten Ausweg. Der Monarch solle einen neuen Ministerpräsidenten berufen: Otto von Bismarck, den preußischen Gesandten in Paris. Dass er über die nötigen Fähigkeiten verfügt, hat der Diplomat bereits bewiesen: Er ist gewandt im Umgang mit Gesprächspartnern, aber hart in der Sache. Er scheut die Konfrontation nicht, kann unbequeme Positionen verteidigen.

So einer, spekuliert Roon schon seit Längerem, könnte die Politik des Königs vielleicht doch noch durchsetzen, könnte womöglich sogar gegen die liberale Mehrheit im Parlament regieren. Noch als Prinzregent, zu Beginn der „Neuen Ära“, hatte Wilhelm den erzkonservativen Bismarck auf den Posten als Gesandter in Sankt Petersburg abgeschoben. Im Mai 1862 aber, nach der dramatischen Zuspitzung des Konfliktes mit dem Parlament, ruft der Monarch ihn nach Berlin. Er sieht in Bismarck offenbar einen ernsthaften Kandidaten für den Posten des Ministerpräsidenten – trotz der Warnung seiner Gemahlin, Königin Augusta: „Nur um Gottes Willen den nicht zum Minister. Es ist eine ganze falsche Rechnung, zu glauben, dass ein Mann wie Bismarck unserem Land dienen kann, der gewiss alles wagt und der Schrecken aller ist, weil er keine Grundsätze hat.“ Im Revolutionsjahr 1848 etwa habe Bismarck einen Militärschlag gegen die Aufständischen geplant – und die Aktion im Namen Wilhelms ausführen wollen, obwohl der auf dem Weg nach England war und nichts davon wusste (siehe Seite 24).

Auch der jetzige Kronprinz Friedrich Wilhelm, der gewisse Sympathien für die Liberalen hegt, hält Bismarck für einen „unwahren Charakter“. Und seine Gattin Victoria, die Tochter der englischen Queen, verabscheut den „Schurken“ und „Bösewicht“ aus tiefstem Herzen. So zögert Wilhelm im Frühjahr 1862, den Ungeliebten zum Minister zu machen, schickt ihn stattdessen als Botschafter nach Paris. Dort soll Bismarck auf eine endgültige Entscheidung warten. Die Ungewissheit zehrt an ihm, er klagt über seine „provisorische Existenz“. Doch nun, vier Monate später, scheint seine Stunde gekommen. Wilhelm lässt ihn nach Berlin rufen. Albrecht von Roon schickt noch ein Telegramm nach Paris: „Periculum in mora. Dépêchezvous.“ („Verzug bringt Gefahr. Beeilen Sie sich.“) Bismarck steigt sofort in den Zug. Am 22. September 1862 empfängt der König den aus Paris Angereisten auf Schloss Babelsberg bei Potsdam. „Ich finde keine Minister mehr, die bereit wären, meine Regierung zu führen, ohne sich und mich der parlamentarischen Mehrheit zu unterwerfen“, eröffnet Wilhelm seinem Besucher – so „ungefähr“ berichtet es Bismarck zumindest fast 30 Jahre später in seinen Memoiren. Er habe sich deshalb zum Rücktritt entschlossen, erklärt der König – und zeigt die vorbereitete Abdankungsurkunde.

Bismarck versichert ihm, er stehe als Premier zur Verfügung. Ob er bereit sei, für die Heeresreform einzutreten, fragt Wilhelm. Bismarck bejaht. Auch gegen die Majorität des Landtages? Erneutes Ja. Dann, so Wilhelm, „ist es meine Pflicht, mit Ihnen die Weiterführung des Kampfes zu versuchen.“ Doch noch immer traut der König seinem Gegenüber nicht ganz: Bei einem gemeinsamen Spaziergang will er ihn auf ein Regierungsprogramm festlegen, das er mit eigener Hand auf acht Seiten niedergeschrieben hat. Daraufhin erklärt Bismarck dem Herrscher beschwörend, es gehe um die Frage „königliches Regiment oder Parlamentsherrschaft“ und dass die Mitbestimmung der Abgeordneten um jeden Preis abzuwenden sei – „auch durch eine Periode der Diktatur“. Wilhelm lässt sich schließlich überzeugen. Er zerreißt das eigene Regierungsprogramm und gibt Bismarck freie Hand. Noch am gleichen Tag ernennt er ihn zum Ministerpräsidenten und wenig später auch zum Außenminister. So markiert der 22. September 1862 eine tiefe Zäsur des 19. Jahrhunderts. Denn Bismarcks Handeln als Regierungschef einer Großmacht wird erst die Geschichte Preußens, dann die Deutschlands und schließlich die ganz Europas entscheidend verändern.

> DER PREMIER VERÄNDERT PREUSSEN, DEUTSCHLAND – UND EUROPA

Acht Tage später hat der neue Ministerpräsident seinen ersten großen Auftritt. In einer Ansprache wendet er sich an die Budgetkommission des Parlaments. Mit beschwörenden Worten versucht er die Abgeordneten von der Notwendigkeit der Heeresreform zu überzeugen: „Nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden“, verkündet er, „sondern durch Eisen und Blut.“ Seine Zuhörer fürchten daraufhin ein „Säbelregiment im Innern“ und „Krieg nach außen“. Der neue Ministerpräsident gilt ihnen nun erst recht als Reaktionär und Kriegstreiber.

„Höre ich einen so flachen Junker wie diesen Bismarck von dem ‚Eisen und Blut‘ prahlen, womit er Deutschland unterjochen will“, notiert der Staatswissenschaftler Heinrich von Treitschke, „so scheint mir die Gemeinheit nur noch durch die Lächerlichkeit überboten.“ Und der badische Außenminister schreibt über den neuen preußischen Regierungschef: „Der Mann und das System müssen schonungslos angegriffen werden.“ Selbst Kriegsminister Roon, Bismarcks wichtigster Verbündeter, erklärt nach dem Auftritt, solche „geistreichen Exkurse“ seien der gemeinsamen Sache nicht förderlich.

Der Premier muss einsehen: Die Rede war ein Fehler. Er habe seine Tätigkeit „verkehrt angefangen“, gesteht er in einem Brief an seine Frau Johanna. Bismarck fürchtet, schon jetzt allen Rückhalt beim König verspielt zu haben. Wenige Tage nach der Rede fährt er dem von einer Reise zurückkehrenden Monarchen entgegen, „um dem vermutlichen Eindruck der Presse auf ihn beizeiten entgegenzuwirken“. Die beiden treffen in einem Zugabteil zu einer vertraulichen Unterredung zusammen, die Bismarck in seinen Memoiren wiedergeben wird. Als sich der Regierungschef erklären will, schneidet ihm der missgelaunte Monarch das Wort ab: „Ich sehe voraus, wie das alles endigen wird. Da vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas später mir.“ Worauf Bismarck antwortet: „Können wir anständiger umkommen? Ich selbst im Kampfe für die Sache meines Königs – und Eure Majestät, indem Sie Ihre königlichen Rechte von Gottes Gnaden mit dem eignen Blut besiegeln.“

Er appelliert an Wilhelms Offiziersehre: Der Herrscher dürfe gegen die Liberalen nicht aufgeben. „Sie können nicht kapitulieren, Sie müssen, und wenn es mit körperlicher Gefahr wäre, der Vergewaltigung entgegentreten.“ Am Ende der Zugfahrt hat er ihn überzeugt. Wilhelm will weiterkämpfen. Und Bismarck führt sein innenpolitisches Gefecht mit den Liberalen weiter. Er ignoriert die Beschlüsse und Proteste des Abgeordnetenhauses, lässt die zweite Kammer immer wieder vertagen. Das dort verworfene Budget genehmigt stattdessen die königstreue erste Kammer – ein verfassungswidriger Akt, dessen einziger Zweck darin liegt, einen Streit zwischen den Kammern auszulösen und das Abgeordnetenhaus weiter unter Druck zu setzen. Trotz der fehlenden Legitimierung verwaltet Bismarcks Kabinett auch weiterhin die Einnahmen und Ausgaben. Das Staatsleben dürfe ja nicht stillstehen, nur weil sich König und Parlament nicht auf einen Haushalt einigen könnten, argumentiert der Regierungschef – er weiß, dass Preußens Verfassung für eine solche Situation keine Regelung vorsieht.

Die Liberalen werfen ihm Verfassungsbruch vor. Der Ministerpräsident stelle Macht vor Recht und missachte damit die Grundlagen des Staates. Und kaum jemand bestreitet ernsthaft, dass Bismarcks Handeln wenn nicht dem Wortlaut, so doch dem Sinn der Verfassung zuwiderläuft. „Das gegenwärtige Ministerium ist in einer Art missliebig, wie es selten eines in Preußen war“, notiert der Bankier Gerson Bleichröder, immerhin Bismarcks wichtigster Vertrauter in der Finanzwelt. Weiter und weiter spitzt sich der Konflikt zu. Im Mai 1863 lehnt das Parlament fast geschlossen eine Vorlage der Regierung ab. Kurz darauf beschließt es mit großer Mehrheit eine Erklärung an den König: „Das Haus der Abgeordneten hat kein Mittel der Verständigung mehr mit diesem Ministerium; es lehnt seine Mitwirkung zu der gegenwärtigen Politik der Regierung ab.“ Der Monarch ist empört. „Meine Minister besitzen mein volles Vertrauen“, erklärt er – und schickt die Abgeordneten heim. Wenig später unterzeichnet er eine von Bismarck vorbereitete Notverordnung: Mit ihrer Hilfe kann die Regierung kritische Publikationen schon wegen ihrer „allgemeinen Haltung“ verbieten (fünf Sechstel der Presse unterstützen die Opposition). Damit ist die Pressefreiheit de facto aufgehoben.

Rücksichtslos geht Bismarck auch gegen Beamte vor, die Sympathien für die Oppositionellen zeigen, will sie „um jeden Preis“ zur „Disziplin“ zwingen. Richter und Staatsanwälte, die als Liberale im Abgeordnetenhaus sitzen, lässt er schikanieren, einige in besonders konservative Gegenden versetzen oder sogar entlassen. Und bei Beförderungen soll fortan politische Zuverlässigkeit mehr zählen als das Dienstalter – ein klarer Verstoß gegen althergebrachte Traditionen. Der Ministerpräsident ist bald ein einsamer Mann. In der königlichen Familie ist er inzwischen zutiefst verhasst: „Dieser elende Bismarck, er wird in seiner verrückten Karriere nicht innehalten, bis er seinen König ruiniert und sein Land in die gefährlichsten Schwierigkeiten gestürzt hat“, schreibt Kronprinzessin Victoria in einem Brief an ihre Mutter, die Königin von England. (Welche Vorstellungen Victoria von der weiteren Entwicklung der preußischen Monarchie hat, bleibt allerdings unklar.)

Und auch von der Öffentlichkeit wird Bismarck ständig angegriffen: Mehrere Hundert Beleidigungsprozesse führt er, die entsprechenden Formulare hat er griffbereit in seinem Schreibtisch liegen. Doch die Gerichte verhängen nur geringe Geldstrafen gegen die Beklagten. Ihre milden Urteile begründen die Richter damit, die Empörung über die Regierung sei ja berechtigt. Die ständigen Attacken zehren an den Nerven des Ministerpräsidenten. Nach zwölf Monaten in der Regierung klagt er: „Es kommt mir vor, als wäre ich in diesem einen Jahr um 15 Jahre älter geworden. Die Leute sind doch noch viel dümmer, als ich sie mir gedacht habe.“

Verzweifelt sucht Bismarck einen Ausweg aus der Misere. Er weiß: Eine Zeit lang kann er unter Missachtung der Verfassung ohne gesetzlich legitimierten Haushalt regieren, kann mit Unterstützung des Königs das Parlament immer wieder vertagen oder auflösen lassen. Auf die Dauer aber gefährdet der Stillstand im Inneren jene Ziele, die ihm weit wichtiger sind als der Kampf gegen die Liberalen und das Parlament: die Großmachtstellung Preußens in Europa und vor allem dessen führende Rolle in Deutschland. Im Herbst 1863 kommt dem Premier eine Krise außerhalb der preußischen Grenzen zu Hilfe: In Dänemark beschließt das Parlament ein neues Grundgesetz, das auch für das von Kopenhagen regierte Schleswig gelten soll – und entfacht damit einen alten, hochkomplizierten Streit aufs Neue.

> »DIE LEUTE SIND DOCH NOCH VIEL DÜMMER, ALS ICH GEDACHT HABE«

Denn Schleswig und das benachbarte Holstein haben seit Jahrhunderten einen Sonderstatus: Zwar regiert dort der dänische Monarch, jedoch nur als Herzog der beiden Gebiete. Anders aber als Holstein, das einst zum Römisch-Deutschen Reich gehörte und nun zum Deutschen Bund, gilt Schleswig als dänisches Lehensgebiet, und vor allem im Norden fühlen sich die Menschen überwiegend als Dänen. Die deutschen Bewohner hingegen halten an der historischen Gemeinschaft mit Holstein fest und sehen sich als Teil des deutschen Volkes. Im Revolutionsjahr 1848 wagten Holsteiner und deutsche Schleswiger dann den Aufstand gegen die dänische Herrschaft, zunächst sogar mit Unterstützung preußischer Truppen. In einem Abkommen der europäischen Großmächte, darunter auch Preußen und Österreich, wurde der König von Dänemark 1852 jedoch wieder als Herzog von Schleswig und Holstein bestätigt – gegen seine Zusicherung, den Sonderstatus der beiden Gebiete zu wahren.

Das neue dänische Grundgesetz bricht diesen Vertrag und löst überall in den deutschen Staaten Empörung aus. Patriotische Publizisten rufen zum Krieg gegen Dänemark auf: Es gelte, den „deutschen Bruderstamm“ im Norden von der Fremdherrschaft zu befreien. Anschließend sollen die beiden Herzogtümer gemeinsam einen eigenständigen Bundesstaat bilden. Vor allem die Liberalen, die sich der Einheit verschrieben haben, treten für diese Lösung ein. Bismarck jedoch denkt anders: Er hat vor allem Preußens Vorteil im Sinn. Wenn er schon Krieg gegen Dänemark führt, dann nicht etwa für die deutsche Sache oder die Unabhängigkeit von Schleswig und Holstein. Er will einen „praktischen Gewinn“ für sein Land herausschlagen: Über kurz oder lang sollen die beiden Herzogtümer an Preußen fallen. Doch er weiß, dass fast ganz Deutschland – auch der König – einen solchen Plan entschieden ablehnt. Zudem ist die politische Lage in Europa heikel. Das kleine Dänemark, das mit 2,5 Millionen Menschen nicht einmal ein Sechstel der preußischen Einwohnerzahl aufweist, ist Bismarcks geringste Sorge. Viel wichtiger sind die anderen Großmächte.

England und Russland etwa würden wahrscheinlich nicht akzeptieren, dass fortan statt des schwachen Dänemarks das aufstrebende Preußen den Zugang zur Ostsee kontrolliert. Österreich hingegen, mit dem Preußen um die Führungsrolle im Deutschen Bund konkurriert, verfolgt eifersüchtig jeden Schritt seines Rivalen: Sollte Berlin versuchen, sich Schleswig-Holstein anzueignen, würde Wien womöglich mit verbündeten deutschen Staaten gegen die Preußen ins Feld ziehen. Einzig der Kaiser der Franzosen fände vielleicht Gefallen an einem Machtzuwachs Preußens – zumindest dann, wenn der auf Kosten Englands und Österreichs ginge. Doch in seiner Bündnispolitik ist Napoleon III. wankelmütig und schwer zu durchschauen. In einer so brisanten Situation könnte ein Feldzug gegen Dänemark leicht einen europäischen Krieg entfachen – und gegen ein Bündnis aus mehreren Großmächten wäre Preußen chancenlos. Deshalb gibt Bismarck dem Drängen der Nationalbewegung nicht nach: Statt vom dänischen König die Abtretung der Herzogtümer zu fordern, ermahnt er das Land lediglich, wieder die gemeinsamen Verträge zu respektieren.

Wütend protestieren die deutschnational gesinnten Liberalen gegen den scheinbar untätigen preußischen Regierungschef. Heinrich von Treitschke bezeichnet Bismarcks Politik gar als „nackten Verrat“. Auch die Konservativen distanzieren sich von ihm – sie denken bereits über Kandidaten nach, die ihn als Ministerpräsident und Außenminister ersetzen sollen. Und selbst der König, der sich von der patriotischen Stimmung mitreißen lässt, verzweifelt an der vorsichtigen Haltung seiner Regierung. „Sind Sie denn nicht auch ein Deutscher?“, fragt er seinen Ministerpräsidenten. Der greift zum letzten Mittel, um Wilhelm auf Linie zu bringen: Er bietet seinen Rücktritt an – doch wie von ihm erwartet, lehnt der Monarch ab und lässt ihn stattdessen gewähren.

Bismarck darf seine behutsame Politik fortführen, für die er einen unwahrscheinlichen Verbündeten gewonnen hat: Österreich. Obwohl das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Großmächten wegen ihrer Konkurrenz seit Langem angespannt ist und Bismarck gegenüber Vertrauten nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er früher oder später einen Krieg mit der Habsburgermonarchie für unvermeidbar hält, ist er als Politiker viel zu geschickt, um überhastet eine Konfrontation mit ungewissem Ausgang zu wagen. Stattdessen schließt er in der Schleswig-Holstein- Frage einen Pakt mit dem Kaiserstaat.

Denn auch Wien sieht sich dem Druck der Öffentlichkeit ausgesetzt, gegenüber Dänemark die deutsche Sache zu vertreten, obwohl es der Führung des Habsburgerreiches zutiefst widerstrebt, dass nach dem Willen der Liberalen in Schleswig- Holstein das Nationalgefühl über die dynastischen Rechte eines legitimen Monarchen gestellt werden soll. Da kommt ihr Bismarcks Politik, von Dänemark zunächst nur die Einhaltung der bestehenden Verträge einzufordern, gerade recht. Nachdem Österreich eingewilligt hat, zur Not gemeinsam mit Preußen gegen Dänemark zu ziehen, wagt sich Bismarck an ein diplomatisches Meisterstück: Geschickt nutzt er die Allianz mit Wien, um sich der Neutralität der anderen Großmächte zu versichern. Dem Zaren, der gerade einen Aufstand im russisch beherrschten Polen niedergeschlagen hat, präsentiert er das Vorgehen gegen Dänemark als einzige Chance, eine vom Volk getragene revolutionäre Entwicklung in Deutschland zu verhindern.

Großbritannien gegenüber dient ihm das Bündnis mit Österreich, um die Furcht vor einem preußischen Alleingang einzudämmen. Zwar hegen englische Diplomaten Zweifel über Bismarcks wahre Absichten, doch solange die deutschen Großmächte das Recht auf ihrer Seite haben, die dänische Seite aber gegen internationale Abkommen verstößt, wird London nicht eingreifen. Und selbst wenn die Stimmung in England kippen sollte, weiß Bismarck: Ohne einen starken Partner werden die Briten kaum einen Krieg auf dem Kontinent wagen. Hierfür käme jedoch nur Frankreich infrage – und tatsächlich ist Napoleon III. über Berlins Zusammengehen mit Wien keineswegs erfreut. Bismarck aber lässt durchblicken, dass dieses Bündnis nicht von Dauer sein werde, und lockt den Kaiser mit unverbindlichen Zusagen, er werde sich in mögliche zukünftige Konflikte zwischen Paris und den Habsburgern oder anderen deutschen Fürsten nicht einmischen – selbst bei einer französischen Expansion an der Rheingrenze.

Ebenso kunstvoll wie skrupellos balanciert Bismarck so die Interessen der Großmächte gegeneinander aus. Doch die Stimmung im eigenen Land steht seinen Plänen noch immer entgegen. Erklärtes Ziel der Partner Preußen und Österreich ist es lediglich, Dänemark zur Einhaltung der gemeinsamen Verträge zu zwingen. Die Liberalen, deren Ziel ja die Errichtung eines vom dänischen König unabhängigen deutschen Staates in Schleswig und Holstein ist, argwöhnen deshalb, Bismarck wolle die Herzogtümer in fremden Händen belassen. „Ohne leitendes Prinzip stürmt er auf das Meer auswärtiger Verwicklungen hinaus, ohne Ahnung von nationaler Politik, ohne Verständnis für nationales Wesen“, schimpft der Mediziner Rudolf Virchow, der für die Fortschrittspartei im Parlament sitzt.

„Die Dinge verstehe ich besser“, ätzt Bismarck zurück. Das Abgeordnetenhaus verweigert ihm weiterhin jede Unterstützung, bewilligt auch keine Geldmittel für den bevorstehenden Krieg. Die Regierung muss den Feldzug deshalb aus den im Vorjahr erwirtschafteten Überschüssen und aus dem Staatsschatz finanzieren. Im Januar 1864 marschieren die Truppen der beiden Großmächte in Holstein ein und rücken am 1. Februar auch nach Schleswig vor. Österreich entsendet mehr als 20 000 Soldaten, Preußen stellt knapp 40 000 Mann. Am 18. April kommt es zur entscheidenden Schlacht. Etwa 12 000 Dänen haben sich bei Düppel auf der Nordseite der Flensburger Förde hinter einem Bollwerk verschanzt. Seit Wochen steht ihnen eine dreifach überlegene preußische Belagerungsarmee gegenüber.

Die Dänen haben keine Chance gegen die Angreifer. Nach stundenlangem Artilleriebeschuss erobern die Preußen schließlich die Düppeler Schanzen. In London debattieren anschließend die Großmächte über das Schicksal Schleswig-Holsteins. Die dänische Seite will noch immer nicht nachgeben, Preußen und Österreich erklären daraufhin die früheren Verträge, für deren Verteidigung sie eigentlich in den Krieg gezogen sind, jetzt ihrerseits für ungültig und fordern die vollständige Ablösung der Herzogtümer von Dänemark – und keiner der anderen Staaten stellt sich ihnen entgegen.

Als die Konferenz ohne Ergebnis endet, nehmen preußische Truppen die Insel Alsen ein und besetzen schließlich gemeinsam mit den Österreichern das gesamte dänische Festland. Nun muss das nordische Königreich Frieden schließen und auf Schleswig und Holstein verzichten. Der Sieg gegen einen militärisch klar unterlegenen Gegner, der ohne die diplomatische Vorbereitung aber nicht denkbar gewesen wäre, ist Bismarcks erster großer Erfolg in der Außenpolitik (für seine „Leistungen um das Vaterland“ erhebt Wilhelm 1865 ihn in den Grafenstand). Doch der Triumph über die Dänen soll dem Premier auch im innenpolitischen Kampf nutzen. Denn angesichts siegreicher preußischer Truppen räumt nun hinter vorgehaltener Hand so mancher Liberale ein, dass sich die Heeresreform – von Bismarck gegen den Willen des Parlaments weiter vorangetrieben – bewährt habe.

Nicht wenige Abgeordnete sind der ständigen Streitereien müde und hoffen, die Kammer werde den Konflikt mit der Regierung beilegen: „In vielen herrscht die Überzeugung“, schreibt ein Parlamentarier, „dass die große Bevölkerung dieses Zwiespaltes überdrüssig sei, ja dass es nicht klug sei, ihn noch länger dauern zu lassen.“ Bismarck sucht nun selbst einen Ausgleich mit der Opposition, bietet Zugeständnisse bei anderen Fragen an, um sich endlich auf die Heeresreform zu einigen. „Lassen Sie die Militärfrage vom Schauplatze verschwinden“, fordert sein Innenminister das preußische Abgeordnetenhaus auf. Doch die Mehrheit der Volksvertreter lässt sich weder durch den „Siegesschwindel“ noch durch solche Beschwörungen von ihrer kompromisslosen Haltung abbringen – und sieht sich sogleich in ihrer Position bestätigt. Denn als eine Gruppe gemäßigter Abgeordneter der Regierung entgegenkommt und ihr einen Kompromiss vorschlägt, legt Wilhelm sein Veto ein: Er empfindet jegliches Mitspracherecht des Parlaments bei der Heeresgröße als Schmälerung seiner „königlichen Macht“. Die Regierung muss den Vorschlag ablehnen.

Der Vermittlungsversuch ist gescheitert, die Atmosphäre im Abgeordnetenhaus vergiftet wie vor dem Sieg über Dänemark. Den Antrag der Regierung, die Kriegskosten von 25 Millionen Talern nachträglich zu bewilligen, weist die liberale Mehrheit zurück. Sie lehnt es sogar ab, Geld für die preußische Kriegsflotte zur Verfügung zu stellen, die künftig in Kiel stationiert werden soll – obwohl gerade viele Liberale seit Langem für eine Vergrößerung der Marine plädieren. Je länger im Jahr 1865 die Sitzungsperiode dauert, desto heftiger werden die Wortgefechte zwischen Bismarck und seinen Gegnern.

Als ihn Rudolf Virchow wieder einmal attackiert und sogar die „Wahrhaftigkeit“ des Ministerpräsidenten infrage stellt, zeigt dieser Nerven – und fordert den Liberalen zum Duell. Der Medizinprofessor entgegnet daraufhin spöttisch, er würde sich höchstens mit dem Operationsmesser schlagen. Der Ehrenhandel kommt nicht zustande. Die Schleswig-Holstein-Frage ist derweil noch keineswegs geklärt: Preußen und Österreich, die beiden Sieger über Dänemark, können sich nicht darauf verständigen, was mit den Herzogtümern geschehen soll. Wien hat eigentlich gar kein Interesse an den beiden Gebieten, wäre prinzipiell sogar bereit, sie Preußen zu überlassen; allerdings nur gegen eine entsprechende Entschädigung. Auch ein unabhängiges Fürstentum Schleswig-Holstein innerhalb des Deutschen Bundes – wie es die nationale Bewegung von Beginn an gefordert hat – können sich die Österreicher inzwischen vorstellen.

Doch genau das will Bismarck verhindern: Ohne dem Plan eine definitive Absage zu erteilen, stellt er immer neue, unerfüllbare Bedingungen. Und während er die Vertreter der Habsburger mit vagen Zusagen hinhält, provoziert er sie auch noch: Demonstrativ lässt er die Basis der preußischen Kriegsflotte von Danzig nach Kiel verlegen – so als sei Schleswig-Holstein bereits preußisches Territorium. Als Wien daraufhin protestiert, entgegnet er, nur eine in Berlin einrückende Armee könne ihn davon abhalten. Erst im August 1865, ein Jahr nach dem Ende des Krieges in Dänemark, einigen sich die beiden deutschen Großmächte: Sie wollen beide Herzogtümer fortan gemeinsam beherrschen, jedoch getrennt verwalten: Preußen Schleswig, Österreich Holstein. Doch auch diese Regelung ist nicht mehr als ein Provisorium, und das Vertragswerk birgt politischen Sprengstoff: Denn es enthält eine Reihe von preußischen Sonderrechten, die es Berlin erlauben, sich jederzeit in die Holstein-Politik des Rivalen einzumischen. Zudem liegt der Landstrich weitab vom Habsburgerreich; das macht ein österreichisches Eingreifen dort schwierig.

Damit hat Bismarck Österreich in eine Falle manövriert: Er kann den Kontrahenten nun nach Belieben provozieren und so vielleicht zu einem Rückzug aus dem Norden zwingen, der Preußen freie Hand in Schleswig-Holstein ließe – oder aber, wenn die Zeit reif ist, in einen Krieg treiben, der über die Führungsrolle in Deutschland entscheiden könnte. Im Januar 1866 bietet sich ihm eine Gelegenheit, den Konflikt weiter anzuheizen: Im österreichisch verwalteten Altona demonstriert die Bevölkerung für ein selbstbestimmtes Schleswig- Holstein. Prompt weist Bismarck seinen Gesandten in Wien an, sich beim Kabinett des Habsburgerreiches zu beschweren und zu fordern, solche Umtriebe zu unterdrücken – andernfalls werde Berlin dies als bewussten Verstoß gegen preußische Interessen werten.

Die preußische Protestnote liest sich bereits wie eine Kriegserklärung: „Wir müssen, wenn die aufrichtig angestrebte intime Gemeinsamkeit der Gesamtpolitik beider Mächte sich nicht verwirklichen lässt, für unsere ganze Politik volle Freiheit gewinnen und von derselben den Gebrauch machen, welchen wir dem Interesse Preußens entsprechend halten.“ Schon wieder steht Preußen an der Schwelle zu einem Krieg. Doch diesmal wäre der Gegner nicht ein fremdes Land wie Dänemark, sondern ein Mitglied des Deutschen Bundes.

Ein Großteil der Deutschen will diesen „Bruderkrieg“ nicht. Dem Mann, der die beiden Staaten immer weiter in den Konflikt hineintreibt, schlägt nun erst recht blanker Hass entgegen. Selbst viele Konservative wenden sich von Bismarck ab – für sie ist die Einigkeit der monarchischen Großmächte Preußen und Österreich ein Glaubensgrundsatz, ein Angriff auf das Habsburgerreich erscheint ihnen als Frevel. Auch Wilhelms königliche Verwandtschaft macht gegen Bismarck Stimmung. Kronprinzessin Victoria nutzt ihre Adelsverbindungen, um deutsche und europäische Herrscherfamilien gegen den Premier aufzubringen. „Dass unser liebes, blühendes Vaterland mit dem Blute deutscher Brüder getränkt werden soll, kann ich nicht fassen, es wäre zu sündhaft“, schreibt sie an ihre Schwiegermutter, Königin Augusta. „Mich empört die Unsittlichkeit der jetzigen Politik so sehr!“

Am 7. Mai 1866 schließlich entlädt sich die angestaute Wut: Ferdinand Cohen-Blind feuert auf den Ministerpräsidenten, der wie durch ein Wunder unverletzt bleibt. In Polizeigewahrsam schneidet sich der Attentäter die Halsschlagader auf, er stirbt noch in der Nacht nach dem Anschlag. Die Gewalttat erregt ganz Deutschland – doch statt den Attentäter zu verdammen, feiern ihn viele Menschen. In Süddeutschland bekunden Ladenbesitzer ihre Sympathie, indem sie mit Blumen umkränzte Fotos von Cohen- Blind in ihre Schaufenster stellen. Zeitungen veröffentlichen Gedichte, in denen der „Opfermut“ des „Heldenjünglings“ gerühmt wird. Der Stuttgarter „Beobachter“ sieht im „dämonischen Junker“ Bismarck den eigentlichen, „von einem ganzen Volke einmütig verdammten Attentäter“ – und nimmt Cohen-Blind in Schutz: „Es wird sich niemand getrauen, den jungen Mann für einen schlechten Menschen zu erklären, der sein Leben daran gegeben hat, um das Vaterland von einem solchen Unhold zu befreien.“

> ATTENTAT: AM 7. MAI 1866 ENTLÄDT SICH DIE WUT AUF BISMARCK

Selbst Mitglieder der Königsfamilie zeigen Verständnis für den Täter. „Der arme, gutmeinende, aber verfehlende und kurzsichtige Unglückswurm, der auf Bismarck schoss, ist tot“, notiert die Kronprinzessin Victoria. „Es ist besser so – besser Bismarck bleibt am Leben, um die Konsequenzen seiner unverantwortlichen Verrücktheit zu erleben, denn als Märtyrer zu sterben.“ Doch der wichtigste Unterstützer des Ministerpräsidenten hält weiter zu ihm: der König. Am Abend nach dem Attentat kommt Wilhelm persönlich in die Wohnung seines Regierungschefs, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen. „Des Königs Bewunderung für B. wächst jeden Tag“, notiert Victoria enttäuscht. In Wien forcieren viele in der Zwischenzeit den offenbar nicht mehr zu umgehenden Krieg gegen Preußen – als Chance, den unverschämten Rivalen zu demütigen. Ein österreichischer Sieg gilt ihnen als sicher: „Nur kein milder Friede“, mahnen die Zeitungen. Am 1. Juni wendet sich der Gesandte Kaiser Franz Josephs an den Bundestag in Frankfurt: Das oberste Organ des Deutschen Bundes soll über die Zukunft von Schleswig-Holstein entscheiden.

Damit brechen die Österreicher das gemeinsame Abkommen mit Preußen – die beiden Großmächte hatten darin vereinbart, nur gemeinsam über die Herzogtümer zu verfügen. Acht Tage später marschieren preußische Truppen in Holstein ein; die kaiserlichen Kräfte haben das Herzogtum vorher geräumt und sind ins verbündete Königreich Hannover gezogen.

Österreich sichert sich nun, kurz vor dem erwarteten Waffengang, die Unterstützung durch die deutschen Kleinund Mittelstaaten. In Frankfurt beantragt es, das Bundesheer gegen Preußen zu mobilisieren – jene in der Verfassung des Bundes vorgesehene Armee, zu der alle Mitglieder entsprechend ihrer Größe Soldaten und Geld beisteuern. Die Mehrheit der in der Versammlung vertretenen Staaten stimmt zu. Daraufhin erklärt der preußische Gesandte den Bundesvertrag für erloschen. Preußen hat damit nicht nur Österreich zum Gegner, sondern auch die meisten deutschen Mittel- und Kleinstaaten, darunter Bayern, Württemberg, Sachsen, Hannover und Hessen, die alle ein übermächtiges Preußen fürchten. „Der Kampf wird hart sein“, räumt Bismarck gegenüber Diplomaten ein.

Er macht sich auf das Schlimmste gefasst: „Wenn wir geschlagen werden, kehre ich nicht hierher zurück. Ich falle dann in dem letzten Angriff.“ Am 16. Juni erklärt Preußen den Königreichen Sachsen und Hannover sowie dem Kurfürstentum Hessen den Krieg. Truppen überschreiten die Grenzen – damit treten formal auch alle anderen Staaten des Bundes in die bewaffnete Auseinandersetzung ein. Einige kleinere Länder in Norddeutschland und Thüringen stehen an Preußens Seite, sämtliche deutschen Mittelmächte aber wollen mit Österreich kämpfen. Berlin schickt rund 50 000 Mann nach Hannover, Hessen und Süddeutschland, um dort dem mehr als doppelt so starken Bundesheer entgegenzutreten. Das sind nicht einmal ein Sechstel der gesamten preußischen Truppen – doch die genügen bereits. Die Kontingente der einzelnen Staaten sind meist schlecht ausgerüstet und kaum auf einen echten Kriegseinsatz vorbereitet. Viele Soldaten seien nicht mehr als „Bauernkerle in Uniform“, klagt der bayerische Oberbefehlshaber.

Vor allem aber mangelt es an kompetenter Führung und an Koordination zwischen den Einzelarmeen. Die Hannoveraner kapitulieren schon zwei Wochen nach Kriegsbeginn. Ein Bundesverband nach dem anderen muss sich den gut organisierten Preußen geschlagen geben.

Deren Hauptkräfte rücken unterdessen gegen die Österreicher vor. Generalstabschef Helmuth von Moltke, ein hochgelehrter Mann, der wegen seiner Wortkargheit den Beinamen „der große Schweiger“ trägt, hat den Feldzug präzise geplant: Er nutzt die sechs Eisenbahnlinien Preußens für den Aufmarsch – so kann er seine Truppen schneller zusammenziehen als der Gegner, der nur über eine Linie verfügt. Von drei Seiten lässt Moltke preußische Armeen in das habsburgische Böhmen einrücken, wo sich Österreicher und Sachsen versammelt haben. Am 3. Juli prallen die beiden etwa gleich starken Heere aufeinander. Bei Königgrätz in Nordostböhmen kämpfen an jenem Tag fast eine halbe Million Soldaten um die Zukunft Deutschlands.

Die preußischen Soldaten sind mit Hinterladergewehren ausgerüstet, die sie im Liegen nachladen können. So vermögen sie wesentlich schneller zu feuern als die Österreicher, die ihre veralteten Vorderlader ungedeckt im Stehen laden müssen. Auch durch ihre taktische Disziplin sind die Angreifer ihren Gegnern überlegen. Dennoch droht Moltkes Strategie zunächst zu scheitern, da eine der drei preußischen Armeen mehrere Stunden zu spät das Schlachtfeld erreicht. Erst als die Truppen unter dem Kommando des Kronprinzen endlich eintreffen, wendet sich das Blatt zugunsten der Preußen: Nur mit Mühe können die Österreicher einer drohenden Umfassung entkommen. Am Ende des Tages sind mehr als 20 000 Kaiserliche und Sachsen gefallen, verwundet oder vermisst, noch einmal so viele geraten in Gefangenschaft; die Angreifer haben 9000 Mann verloren.

Der preußische Sieg ist auch ein Triumph Bismarcks – zu deutlich zeigt der gesamte Feldzug den Nutzen der Heeresreform, die er gegen den Willen des Abgeordnetenhauses durchgesetzt hat (zudem hat seine Diplomatie Österreich überhaupt erst in den Kampf gelockt). Zum Dank ernennt ihn Wilhelm noch auf dem Schlachtfeld zum Generalmajor – stolz wird Bismarck diese Uniform künftig bei jeder Gelegenheit tragen. Doch nur wenige Tage später kommt es zwischen den beiden Männern wieder zum Streit. Als Österreichs Führung um Friedensverhandlungen bittet, verlangt der Preußenkönig – der sich ja lange gegen den Bruderkrieg gesträubt hat –, was er nun als das Recht des Siegers ansieht: Er will in Wien einmarschieren und das Donaureich demütigen; zudem fordert er Gebietsabtretungen an Preußen.

Das aber widerspricht Bismarcks Kalkül: Eine Erniedrigung der Regierung in Wien erscheint ihm unklug, er will sie künftig wieder als Verbündeten gewinnen. Die Habsburgermonarchie soll nur ihre Ansprüche auf die Führung Deutschlands aufgeben und dessen Neuordnung Preußen überlassen. Doch diesmal scheint Wilhelm unnachgiebig: Über mehrere Tage hinweg streiten sich der König und sein Regierungschef heftig. In seinen Memoiren erzählt Bismarck, wie einmal – weil er selbst an einer „schmerzhaften Krankheit“ leidet – der Monarch in Begleitung einiger Generäle zu ihm ins Zimmer kommt. Der Ministerpräsident trägt seinen Standpunkt vor und stößt auf völliges Unverständnis der Besucher. „Meine Nerven widerstanden den mich Tag und Nacht ergreifenden Eindrücken nicht, ich stand schweigend auf, ging in mein anstoßendes Schlafzimmer und wurde dort von einem heftigen Weinkrampf befallen.“ Nach einer weiteren Auseinandersetzung am Tag darauf ist Bismarck zum Rücktritt entschlossen – und verzweifelt: „In mein Zimmer zurückgekehrt, war ich in der Stimmung, dass mir der Gedanke nahe trat, ob es nicht besser sei, aus dem offenstehenden, vier Stock hohen Fenster zu fallen.“ Doch bevor es dazu kommen kann, so erinnert er sich später, betritt jemand den Raum.

Es ist der Kronprinz, eigentlich ein erklärter Gegner Bismarcks. Nun aber bietet er dem Ministerpräsidenten an, ihn gegen seinen Vater zu unterstützen. Und tatsächlich: Von seinem Sohn lässt sich Wilhelm schließlich umstimmen. Zu seinem Schmerz sehe er sich gezwungen, „nach so glänzenden Siegen der Armee in diesen sauren Apfel zu beißen und einen so schmachvollen Frieden anzunehmen“.

Emneut hat Bismarck sein Ziel erreicht: Wien wird in den Friedensverhandlungen geschont, der Deutsche Bund hingegen aufgelöst. Die Idee, ein zukünftiges geeintes Deutschland werde unter Führung der Habsburger die Nachfolge des Heiligen Römisches Reiches antreten, ist damit endlich verworfen. Das Königreich Sachsen, Österreichs wichtigster Kriegspartner, bleibt als Puffer zwischen den Großmächten bestehen. Dafür bedient sich Preußen großzügig unter den anderen Verbündeten des Donaureiches. Es annektiert neben Schleswig-Holstein auch Hannover, Kurhessen, Nassau und die Freie Stadt Frankfurt – und schafft so eine breite Landbrücke zu seinen Gebieten am Rhein. Zudem müssen alle geschlagenen Staaten Entschädigungen leisten.

Die eigenen Territorien vereint Preußen mit Sachsen und 20 kleineren Ländern zum „Norddeutschen Bund“: einem engen Staatenbündnis mit Parlament, einer Ländervertretung und einer gemeinsamen Exekutive, dessen wesentlich von Bismarck ausgearbeitete Verfassung die des späteren Deutschen Reiches schon vorwegnimmt. Das Wahlrecht etwa erlaubt es allen Männern ab 25 Jahren, die Abgeordneten des Reichstags zu bestimmen. So hat der von Bismarck erzwungene Krieg nicht nur Preußens Macht vergrößert: Ein vereinigtes Deutschland hat Gestalt angenommen. Kein Zweifel besteht mehr daran, dass Österreich ihm nicht angehören wird – und dass Preußen darin die unbestrittene Führungsrolle zukommt. Offen ist vorerst nur das Schicksal der Mittelstaaten im Süden: Bayern, Württemberg, Baden und das Großherzogtum Hessen bleiben unabhängig, noch unbestimmt ist ihr zukünftiges Verhältnis zu Preußen, Österreich – und Frankreich, das seinen Einfluss auf Süddeutschland ausweiten will.

Auch in Preußen hat der Krieg das politische Mächteverhältnis verändert. Am 3. Juli, noch während die Soldaten bei Königgrätz kämpften, haben dort Wahlen zum Abgeordnetenhaus stattgefunden. Von einer Welle des Patriotismus getragen, konnten die Konserva- tiven einen massiven Mandatszuwachs erzielen. Vor allem aber findet Bismarck nun auch bei vielen Liberalen Unterstützung für seine Politik. Bereits nach wenigen Wochen zeichnet sich ein Stimmungswandel ab. Bismarck macht einen neuen Versuch, das Abgeordnetenhaus für sich zu gewinnen: In einer vom Ministerpräsidenten redigierten Rede vor dem Parlament räumt der König offen ein, seine Regierung habe in den Jahren zuvor ohne „gesetzliche Grundlage“ gehandelt – und erbittet die nachträgliche Bewilligung der Staatsausgaben. Der alte Streit soll endlich begraben werden.

„Wir suchen den Frieden ehrlich, wir haben Ihnen die Hand dazu geboten, und Sie werden in diese Hand einschlagen“, erklärt Bismarck im Parlament; er erntet Beifall von allen Seiten. Mit einer Dreiviertelmehrheit entscheiden die Abgeordneten: Der Haushalt wird nachträglich gebilligt, die Regierung nicht weiter angeklagt. Der Verfassungskonflikt ist damit beendet. Jene Liberalen aber, die auch jetzt noch die Opposition gegen Bismarck fortsetzen wollen, sind die eigentlichen Verlierer. Denn national gesinnte Mitglieder der Fortschrittspartei und ihr nahestehender Gruppierungen schlagen sich nun endgültig auf Bismarcks Seite und gründen die Nationalliberale Partei. Sie wird in den nächsten Jahren die wichtigste parlamentarische Unterstützung seiner Einigungspolitik sein.

Der einst so verhasste preußische Regierungschef hat plötzlich viele neue Freunde. „Ich beuge mich vor dem Genie eines Bismarck, der ein Meisterstück der politischen Kombination und Tatkraft geliefert hat, wie die Geschichte wenige kennt“, schreibt etwa der Jurist Rudolf Jhering, der den Ministerpräsidenten vor dem Österreich-Feldzug noch scharf attackiert hatte.

Jahrelang hat Bismarck mit dem Abgeordnetenhaus gestritten, hat Attacken von allen Seiten über sich ergehen lassen: Er ist von den Liberalen beschimpft worden, war Hetzkampagnen der Presse und Intrigen aus der Königsfamilie ausgesetzt. Er hat mit aller Härte zurückgeschlagen, hat Zeitungen verbieten und seine politischen Gegner verfolgen lassen – und sich, wann immer es ihm notwendig erschien, über die Verfassung hinweggesetzt. Gegen allen Widerstand, auch den seines eigenen Königs, hat er zwei Kriege geführt – und die Siege haben Preußen zur Führungsmacht in Deutschland gemacht. Das Abgeordnetenhaus, das so lange erbittert gegen die Regierung gekämpft hat, gewährt Bismarck aber nicht nur die Absolution für jahrelangen Verfassungsbruch: Es bewilligt ihm ein gewaltiges Geldgeschenk für seine Verdienste um das Vaterland von 400 000 Talern.

Anfangs ziert sich der Premier: „Ich wollte kein Geld nehmen von Leuten, mit denen ich mich jahrelang so bitter herumgezankt hatte“, schreibt er später. Aber dann nimmt er die Prämie doch an – die Summe bildet den Grundstock seines später enormen Vermögens. Bismarck triumphiert: „Aber besiegt habe ich alle! Alle!“, soll er ausgerufen haben. Doch sein größter Sieg steht ihm noch bevor. Denn nach 1864 gegen Dänemark und 1866 gegen Österreich wird Bismarck nur vier Jahre später Preußen in einen weiteren Krieg stürzen. Diesmal wird Frankreich der Gegner sein.

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt;

-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt; Radermacher, Cay: Bismarcks Weg in die Politik. Der Junker aus der Altmark, in: Otto von Bismarck 1815-1898 (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 52), Hamburg 2011.

-&gt; Albig, Jörg-Uwe: Bismarcks letzte Jahre. Das Gespenst vom Sachsenwald, in: Otto von Bismarck 1815-1898 (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 52), Hamburg 2011.

-&gt; Paetsch, Martin: Preussens Ministerpräsident. Der Triumph des Kriegstreibers, in: Otto von Bismarck 1815-1898 (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 52), Hamburg 2011.

# Wilhelm II.

#### Inhaltsverzeichnis

1. Wilhelm II. Als Kaiser der Letzte.
2. Kaisertage am Rhein. Besuche Wilhelms II. in Bonn zwischen 1891 und 1913

##### 1. Wilhelm II. Als Kaiser der Letzte

Es herrscht Frieden, als der junge Hohenzoller 1888 die Herrschaft über das Deutsche Reich antritt. Glanzvoll scheint er sein Erbe zu führen, selbstbewusst und ideenreich. Doch Wilhelm II. strebt nach Größerem: Er träumt von deutscher Weltmacht. Rücksichtslos, sprunghaft und unberechenbar für Freund und Feind regiert er sein Land in den Weltkrieg – und die deutsche Monarchie in den Untergang

Auf die Stimmung Seiner Majestät ist kein Verlass. Montags fordert der Kaiser die Welt in die Schranken – dienstags verkriecht er sich vor ihr ins Bett. Heute legt er sich für die Arbeiter ins Zeug – morgen droht er, sie zusammenschießen zu lassen. Bald fuchtelt er mit dem Säbel gegen den allgegenwärtigen Feind – bald ist er „Friedenskaiser“. „Ein typischer Fall periodischen Gestörtseins“, diagnostiziert, ganz unter Kollegen, der Psychiater Emil Kraepelin. Kraepelin ist eine Koryphäe, ein führender Seelenarzt seiner Zeit. Das „periodische“ oder „circuläre Irresein“, bei dem manische und depressive Phasen sich abwechseln, hat er als Erster benannt. Bald teilen auch Zunftgenossen in München, in der Schweiz den Verdacht: Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen, hat eine „maniaco-depressive Psychose“.

Er allein? Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt; zwanghaft getrieben, dann wieder starr und antriebslos – ist das nicht auch die Gemütsverfassung der Zeit, die man die wilhelminische nennt? Um die Jahrhundertwende liegt über Deutschland ein explosives Gemisch aus Endzeitstimmung und Fortschrittsglauben, aus technischem Schub und gesellschaftlichem Stillstand, aus Aufbruch und Niedergang. Das junge Reich strebt zu neuen Ufern und igelt sich dabei in Traditionen ein, greift nach den Sternen und erstarrt unter der Pickelhaube. „Höchste Reizbarkeit und Stumpfheit“ sind, so der Kulturhistoriker Egon Friedell, „die Generalzustände des Zeitalters“. Und selten hat sich eine Epoche so restlos in ihrem Monarchen dargestellt. „Wilhelm der Zweite hat jedes Mal ungehemmt nur herausgesagt, was im Hintergrunde jedes Bewusstseins war“, schreibt ein Zeitgenosse, der Schriftsteller Heinrich Mann. 1908, als die Liebe zwischen Volk und Kaiser in ernsthafte Turbulenzen gerät, ruft der Liberale Friedrich Naumann den murrenden Deutschen zu: „Dieser Kaiser, über den ihr euch aufregt, ist euer Spiegelbild!“ Ein verzerrtes, aber getreues Spiegelbild: der Kaiser, mit seinem optimistisch aufwärts gedrehten Schnurrbart und seinen traurigen blauen Augen.

Den Herrschern dieser euphorischen Jahre liegt die Trauer knapp unter der Haut. Zwar walten in ganz Europa, abgesehen von Frankreich, der Schweiz und ab 1910 auch Portugal, noch immer gekrönte Häupter, durch Familienbande eng vernetzt: Zar Nikolaus II. etwa ist Wilhelms Vetter; und Wilhelms Großmutter die legendäre Queen Victoria, deren Kinder, Enkel und Enkelinnen in fast allen Fürstenhäusern sitzen. Doch am Horizont flammen schon die Menetekel. 1867 stirbt Kaiser Maximilian in Mexiko im Feuer eines Erschießungskommandos; Bayerns König Ludwig II. und sein Bruder enden unter psychiatrischer Aufsicht. Kronprinz Rudolf von Österreich erschießt 1889 seine Geliebte, dann sich selbst; neun Jahre später erliegt seine Mutter, Kaiserin Elisabeth („Sisi“), einem Attentat. Rund um Wilhelm II. fallen Monarchen Anschlägen zum Opfer: ein Zar in Russland, ein König in Italien, einer in Serbien.

**DURCH DEUTSCHLAND** aber geht um die Jahrhundertwende der Ruck der Mobilität. Die Jugend zieht, aus Protest gegen bürgerliche Erstarrung, mit dem „Wandervogel“ ins Grüne, und die Arbeitskräfte wandern vom Land in die Städte, von den Feldern im Osten zu den Fabriken des Westens. Kurz nach 1900 wohnt nur noch die Hälfte der Deutschen am Ort ihrer Geburt.

1886 hat Carl Benz mit 15 Kilometern pro Stunde öffentlich das Auto-Zeitalter eingedröhnt, und zwischen 1907 und 1914 wächst im Reich die Zahl der Kraftwagen von 10 000 auf 65 000. 1891 wagt Otto Lilienthal mit seinem Fluggleiter die ersten Sprünge, 1900 steigt Graf Zeppelins Luftschiff am Bodensee auf, 1906 baut Hamburg die größte Bahnhofshalle des Planeten. Nervosität („Neurasthenie“) ist die Modekrankheit der Zeit; die „BZ am Mittag“ feiert sich als „schnellste Zeitung der Welt“. Handwerk wie Industrie bersten vor Tatendrang: Zwischen 1895 und 1913 verdoppeln sie ihre Produktion. Die Wertschöpfung der Volkswirtschaft wächst um 75 Prozent. Auch das Volk bläht sich auf, jährlich um fast eine Million.

Der Manisch-Depressive braucht ein vergöttertes Liebesobjekt, sagt die Psychoanalyse, an dessen Allmacht er teilhaben kann: Mit seinen Hoffnungen und Erwartungen formt sich das Volk einen Kaiser, in dem es seine aufgeblasene Existenz erkennt. „Dies Volk in dieser Zeit, bewusst und unbewusst“, wird der spätere Außenminister Walther Rathenau feststellen, „hat ihn so gewollt und nicht anders gewollt.“

Wie sein Reich ist ja auch der Kaiser ein Körper, der nicht still sitzen kann – laut Kraepelin „das wichtige Krankheitszeichen“ der Manie. Nicht mal die Hälfte des Jahres hält es den Monarchen in Berlin oder der Potsdamer Residenz. 51 Stationen umfasst sein Reiseplan für das Jahr 1889, nicht gerechnet die jährliche „Nordlandreise“ auf der Yacht „Hohenzollern“ in die norwegischen Fjorde, bei der er sich mit Männerfreunden umgibt und flotten Matrosen, die auch noch musikalisch sein müssen; wo er altgediente Militärs unter Rippenstößen an Deck vorturnen lässt und ihnen die Hosenträger durchschneidet; wo er mit gellenden Schreien Exzellenzen ins Nachtlager und mit Salutschüssen Weidevieh ins Wasser treibt. Mit seiner schamhaften Frau Auguste Victoria, die den Namen „Paris“ nicht aussprechen kann, ohne zu erröten, zeugt er sechs Prinzen beinahe im Jahrestakt, schließlich noch eine Prinzessin dazu.

Er spricht ohne Pause mit seiner stochernden, ruckenden Stimme, suchend und entschlossen zugleich – ein Hang zur Selbstdarstellung, den er mit seiner Generation teilt: Eine nie gesehene Welle von Autobiografien und Selbstbekenntnissen überrollt nach der Jahrhundertwende den Buchmarkt. Ohne Unterlass hält Wilhelm Paraden ab, Feste, Besichtigungen, unterschreibt fast täglich mehr als 100 Ernennungsurkunden für Offiziere und Beamte, isst wegen seiner Behinderungen am linken Arm mit einer seitlich zum Messer geschliffenen Gabel, um Zeit zu sparen. „Es ist immer was los“, staunt man im Auswärtigen Amt, „und nichts geschieht.“ Undüber alldem herrscht die Pflicht zur guten Laune: Wo Wilhelm auftritt, hat „Kaiserwetter“ zu sein. „Majestät brauchen Sonne“, heißt die Maxime, und das gilt auch für die Stimmung: „Schwarzseher dulde ich nicht!“

Das Reich gehorcht und strahlt. Es strahlt vor Sehnsucht nach Befehlen, nach Maßstäben, nach Hierarchie – jener Ordnungswahn, der nach Ansicht von Psychiatern meist dem Ausbruch der manischen Depression vorausgeht. An Deutschlands Schulen stehen die Kinder auf Kommando auf, marschieren und richten die Augen geradeaus. Diederich Heßling, in Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ der prototypische Held dieser Zeit, ist so beschaffen, „dass die Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend, teilhatte, sein Stolz war“ – und dabei doch „ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt“. Auch der Kaiser ist ja ein Fantast, der als Kind gern Märchen hörte und als Erwachsener daran glaubt. Auch er hat von Geburt her oft Schmerzen im linken Ohr, dazu Gleichgewichtsstörungen und diesen verwünschten lahmen linken Arm, der 15 Zentimeter kürzer ist als der rechte. Und auch er steckt wie ganz Deutschland seit seiner frühen Kindheit in der Zwangsjacke soldatischen Drills.

Der Hang zu Uniformen und militärischem Pomp ist, sagen Ärzte, ein Merkmal der Manie – und das Kaiserreich treibt diese Vorliebe zum Exzess. Das deutsche Parlament sei die einzige Volksvertretung der Welt, mutmaßt ein Abgeordneter, in der Minister ihre Reden mit der Hand am Degen halten, und sogar die pazifistischen Sozialdemokraten pochen auf soldatische Disziplin. Der Bürger trinkt aus Tassen mit Waffenbildern, isst von Tellern mit Schlachtenszenen, schenkt zu Weihnachten den Kindern Zinnsoldaten. Der 2. September, der Gedenktag der siegreichen Schlacht gegen die Franzosen bei Sedan 1870, ist eine kollektive Orgie aus Fahnen, Paraden, Jubelgefühlen. Der Kyffhäuserbund, der Dachverband der Kriegervereine, zählt 1913 mehr als 2,8 Millionen Mitglieder – keine andere Massenbewegung kann da mithalten.

Auch der Kaiser umgibt sich mit Soldaten, vorzugsweise mit „langen Kerls“. Schon mit sechs Jahren hat „Fritzchen“, wie der kleine Wilhelm genannt wurde, das Exerzieren gelernt, ist am zehnten Geburtstag, wie jeder Preußenprinz, Leutnant geworden. Drei Monate später paradiert er zum ersten Mal vor seinem Großvater – „ein unvergesslicher Tag“. Lange zehrt er von „Kindheitserinnerungen militärischer Art“, die ihn geprägt haben: 1864 die Parade der österreichischen Truppen auf dem Weg zum Dänenkrieg; 1866 der Einzug des preußischen Heeres nach dem Sieg über Österreich; 1871, nach dem Triumph über Frankreich, der Zug seines Großvaters, des neuen Kaisers, durchs Brandenburger Tor. Wilhelm begleitete den Vater auf einem Pony.

Der Stolz mag die Qualen seiner Kindheit für einen Moment gelindert haben; die Operationen, die „Fixierungs-Gestelle“, die Kopf- und Armstreckmaschinen, mit denen sein missratener Körper in leidliche Form gebracht wurde, die Fesselung des rechten Arms, um den linken zur Aktivität zu ermuntern, die „animalischen Bäder“ der lahmen Extremität im Blut frisch geschlachteter Hasen. Mit sieben ist der kleine Wilhelm in die Obhut des calvinistischen Erziehers Georg Hinzpeter gelangt, der ihm trockenes Brot zum Frühstück verabreichte und dann zwölf Stunden Caesar und peloponnesische Kriegszüge. Der den behinderten Prinzen, blind gegen dessen Tränen, wieder und wieder aufs Pferd zwang, ohne Zaumzeug und Sattel, um ihn zur kaiserlichen Pose abzurichten. „Freudlos wie das Wesen dieses pedantischen und herben Mannes“, erinnert sich später der Kaiser, so „freudlos die Jugendzeit“.

Die Eltern haben nicht viel getan, sie ihm zu versüßen. Der Vater, Kronprinz Friedrich, mit Mitte 50 noch immer im Schatten Wilhelms I., hat seine Unzufriedenheit am Sohn ausgelassen, hat ihn missachtet, ihn vor Zeugen „unreif“ geschimpft und „urteilslos“. Wilhelms Mutter Victoria, Tochter der britischen Königin, war bei seiner schweren Geburt 18 Jahre alt und von Schmerzen zerrissen; sie schlug um sich, schrie, zerbiss ihre Finger und das Schnupftuch, das man ihr in den Mund steckte. Schließlich beendeten die Geburtshelfer ihr Toben mit Chloroform.

> Uniformen und Drill geben ihm Sicherheit

Aus Anstand hantierte der Arzt unter ihrem langen Flanellrock und förderte endlich einen Säugling zutage, der „im hohen Grade scheintot“ war. Den unbrauchbaren Arm hat sie dem Sohn zeitlebens übel genommen. „Sie entzog dem Kind ihre Liebe wegen seines Gebrechens“, befindet später Sigmund Freud. „Als aus dem Kinde ein großmächtiger Mann geworden war, bewies dieser durch seine Handlungen unzweideutig, dass er der Mutter nie verziehen hatte.“

Die Mutter und ihr Mann, der britisch-liberal gesinnte Friedrich, haben ja versucht, den Sohn nicht zum Eisenfresser heranwachsen zu lassen, sondern „ihm unser britisches Unabhängigkeitsgefühl einzuflößen“, wie Victoria ihrer Mutter schrieb, dazu ein bisschen „gesunden Menschenverstand, der auf dieser Seite des Wassers so selten ist“. Wilhelm bekam Shakespeare und Dickens zu lesen, Lord Byron und Sir Walter Scott, sprach Englisch bald so mühelos wie Deutsch. Victoria bemühte sich, Wilhelm vom Hof fern zu halten, schickte ihn nach Kassel ins Internat, wollte ihn ins Ausland reisen lassen. Doch ihr Schwiegervater, der Kaiser, erhob Einspruch: Der zukünftige Herrscher sollte ein richtiger Preuße werden.

**BEIM 1. GARDEREGIMENT IN POTSDAM** fand der Prinz nicht nur endlich jene „Familie“, die „ich bis dahin hatte entbehren müssen“, sondern lernte auch Haltung, Härte und Hass gegen England – einen Hass, den nicht nur seine Frau teilte, die in den geistigen Grenzen des schleswig-holsteinischen Landadels aufgewachsen war, sondern mehr und mehr auch das politische Preußen.

Reichskanzler Otto von Bismarck, Gegner der „Anglo-Coburg-Partei“ der Eltern des Prinzen, die der junge Wilhelm inzwischen verächtlich „die englische Kolonie“ nannte, nahm ihn unter seine Fittiche. Er vermittelte dem Prinzen diplomatische Missionen, auf denen Wilhelm sich beim Zaren Nikolaus II. über den „falschen und intriganten“ Prince of Wales beschwerte, und ein Büro im Außenministerium, wo er „unsere Abhängigkeit von England“ beklagen lernte: War nicht Großbritannien, Welt- und Seemacht Nummer eins, deren Empire ein Viertel der Erdbevölkerung und der Landfläche des Planeten umfasste, immer schon da, wohin sich die verspätete Nation Deutschland nun auch wenden wollte?

**1888 STIRBT SEIN GROSSVATER WILHELM I.** mit fast 91 Jahren, bald darauf auch sein Vater: Friedrich III. hat, den Krebs im Kehlkopf, nur 99 Tage regiert. Jetzt besteigt der 29-jährige Sohn den Thron. Vor der Feier spricht Hofprediger Kögel auf Wilhelms Weisung zum Thema „Von Gottes Gnaden bin ich, was ich bin“, und der neue Kaiser hält seine Thronrede in der abzeichenbestirnten Generalsuniform des Garde-du-Corps und dem selbst entworfenen roten Samtumhang des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler.

„Ich bin gesonnen, Frieden zu halten mit jedermann, so weit es an *mir* liegt“, sagt er. Und das Wort „mir“ betont er „so laut und schön“, wie sich ein Zeuge erinnert, „dass es wie ein elektrischer Funke durch alle Hörer fuhr“. In seinem allumarmenden Überschwang will Wilhelm die alte Zeit überwinden mit ihren Verfassungskonflikten, Kulturkämpfen, Sozialistenverfolgungen. Will ein zerrissenes Reich einen, in dem 25 Bundesstaaten, mit eigener Regierungsgewalt und sogar eigenen Außenministern versehen, auf ihre Interessen pochen, Katholiken und Protestanten einander beargwöhnen, Besitzende gegen Besitzlose stehen, die Junker im Osten gegen die Schlotbarone im Westen, der gewählte Reichstag gegen den Bundesrat mit den Vertretern der regierenden Fürsten.

> Vor allem das Bürgertum teilt seine Liebe zum Militär

In Berliner Fabriken hat er als Kind erschüttert das Elend der Beschäftigten, die „zwölfstündige Arbeitszeit mit ihrem kärglichen Lohn“ und „die traurigen Wohnverhältnisse“ in den Mietskasernen registriert. „Den Schwachen und Bedrängten im Kampfe ums Dasein“ wolle er beistehen, verspricht er jetzt, zur „Ausgleichung ungesunder gesellschaftlicher Gegensätze“. Beim Streik der Ruhrmalocher 1889 schlägt er sich sogar auf deren Seite: „Die Arbeiter sind meine Untertanen, für die ich zu sorgen habe.“

Sein höchster Untertan aber, der „Eiserne Kanzler“ Otto von Bismarck, 44 Jahre älter als Wilhelm, ist ein Mann der Konfrontation. Genossen, findet er, kann man nicht „totreformieren“, sondern nur „totschießen“. Die Arbeiterschutzprojekte des Kaisers – Sonntagsruhe, Verbot der Kinderarbeit – sabotiert Bismarck, wo er kann. Er will seine „Kanzlerdiktatur“ fortsetzen, den Kaiser in Vormundschaft nehmen, wie es ihm bei Wilhelm I. oft gelungen ist. Als der Reichstag Bismarcks „Sozialistengesetz“ von 1878, das sozialdemokratische Vereine und Propaganda verbietet und die Ausweisung von SPD-Anhängern erlaubt, nicht mehr verlängern will, erwägt der Kanzler den Staatsstreich und bekommt das letzte Gefecht mit seinem Monarchen. Am 20. März 1890 entlässt der Kaiser den Kanzler. Dann kommandiert er: „Volldampf voraus!“

Voraus heißt: im Kreis. Das „Kaiserliche Jahr“ mit seinen immer wiederkehrenden Paroleausgaben und Defiliercours, seinen Geburtstagen, Krönungs- und Ordensfesten, seinen Militärparaden und Herbstmanövern, Wiesbadener Festspielen und Kieler Wochen, seinen Nordland- und Mittelmeerreisen, Ball- und Jagdsaisons hat in seiner geheiligten, rituellen Abfolge magische Züge.

Im Zeitalter von Elektrizität und Relativitätstheorie zelebriert Wilhelm das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – mit einem 62 Rangstufen umfassenden „Hof-Rang-Reglement“, mit höfischen Zeremonien, die Geisterbeschwörungen ähneln. „Der Kaiser bringt immer so ein Stück Mittelalter hinter sich her“, gruselt sich 1905 sein späterer Generalstabschef Helmuth von Moltke (der Jüngere) bei einem Hofball: „Es ist, als ob die Toten auferstehen mit Zopf und Puder.“ Und von der Magie zur Manie, vom Zyklus zur Zyklothymie, wie Emil Kraepelin die milde Form der manischdepressiven Krankheit nennt, ist es vielleicht nur ein Schritt.

Eine Macht neben sich will Wilhelm II. jedenfalls nach Bismarcks Abgang nicht mehr dulden. Der Eiserne Kanzler brauchte den Monarchen nur als romantische Fiktion, um demokratische Appetite zu zügeln – der Kaiser nimmt sich jetzt wörtlich. Zwar lässt ihm die Verfassung nur begrenzten Spielraum im politischen Tagesgeschäft: Er ernennt und entlässt die Reichsbeamten, auch den Kanzler, verkündet die Reichsgesetze und überwacht deren Ausführung, beruft Bundesrat und Bundestag ein und entscheidet über Krieg und Frieden (siehe Seite 177). Trotzdem will er jetzt mehr: Er will sein „persönliches Regiment“.

Ob er es erreicht, wird umstritten bleiben: Ist er ein Autokrat oder ein „Schattenkaiser“, ein Spielball der Machteliten? Ist er der Treibriemen eines „Königsmechanismus“, der seine Umgebung zwingt, dauernd um die Gunst der „Allerhöchsten Person“ zu buhlen – oder ist er, wie seine Feinde giften, ein Haustier der „Camarilla“, jener Herrenrunde um seinen engsten Vertrauten, Philipp Graf zu Eulenburg, der 1907 über den gerade in einer männerbündischen Welt wie dem Kaiserreich unverzeihlichen Makel der Homosexualität stürzt (und von seinem kaiserlichen Freund fallen gelassen wird)?

Fest steht: Der Monarch will Liebe. Notfalls ist er bereit, sie zu erzwingen. Als die Arbeiter seine Gefühle enttäuschen, die Sozialdemokraten 1893 von 19,7 auf 23,3 Prozent hochwählen und binnen acht Jahren mehr als 3000-mal streiken, ziehen Majestät andere Saiten auf. 1894 ist er es, der jetzt – im Einklang mit seiner hochkonservativen Umgebung – schärfere Gesetze gegen Revolutionäre fordert. Leo Graf von Caprivi, sein Kanzler nach Bismarck, lehnt, ebenso wie der Reichstag, die „Umsturzvorlage“ ab – und wird entlassen. Gegnern droht Wilhelm mit „Feuerspritzen“ und „Kartätschen“. Sozialisten will er nun „abschießen, köpfen und unschädlich machen“. Der Historiker Ludwig Quidde, dessen „Studie über römischen Cäsarenwahnsinn“ am Beispiel des Kaisers Caligula – „sprunghaft und oft widerspruchsvoll, und dazu eine höchst gefährliche Sucht, alles selbst auszuführen“ – die Deutschen allzu sehr an den eigenen Herrscher erinnert, muss für drei Monate ins Gefängnis. Noch 1934, im Exil, wird sich Wilhelms Verdruss in Gewaltfantasien entladen: „Blut muss fließen, viel Blut, bei den Offizieren und den Beamten, vor allem beim Adel, bei allen, die mich verlassen haben.“

Den Wankelmut seines Gönners hat Graf zu Eulenburg noch vor Wilhelms Thronbesteigung erahnt. „Alles im Leben trägt den Charakter von Perioden“, hat er gesagt, „auch meine Periode wird vorübergehen.“ In Perioden, so wie sie auch der Psychiater Kraepelin beschreibt, kämpft sich das Ego des Kaisers über seine Grenzen hinaus, und das Reich folgt ihm mit auf die seelische Reise: Ist nicht auch Deutschland gewaltsam und blutig geboren in drei Kriegen, reich von Geburt, doch ungeliebt von der Welt?

> Weltgeltung des Reiches ist Wilhelms Ziel – dazu lässt er rüsten

Vor Wilhelm II. war Deutschland ein halbwegs genügsamer Bund aus Groß-, Mittel- und Kleinstaaten mit heimeligen Namen wie Schwarzburg-Rudolstadt, Schaumburg-Lippe, Reuß älterer und jüngerer Linie: das „Bleigewicht am Stehaufmännchen Europa“, wie Bismarck es schuf. In der Mitte des Kontinents stand ab 1882 wie ein Klotz sein „Dreibund“ aus Deutschland, Italien und Österreich-Ungarn. Dieser Bund wurde flankiert von Großbritannien (das sich 1887 durch ein Mittelmeerabkommen dem Dreibund angenähert hatte), von Russland (das sich kurz danach in einem geheimen Rückversicherungsvertrag zu „wohlwollender Neutralität“ im Kriegsfall verpflichtet hatte) und der Republik Frankreich (deren außenpolitische Isolation nach dem verlorenen Krieg durchaus im deutschen Interesse lag). Es war ein mühsam austariertes Gleichgewicht, das auch durch Bismarcks anfänglichen Verzicht auf koloniale Expansion in der Schwebe blieb.

**UNTER DEM JUNGEN KAISER** aber wirft Deutschland den Ballast ab und will Weltgeltung – lieber heute als morgen. Hatte noch Bismarck das Reich für „saturiert“ erklärt, meldet sich jetzt der Hunger der Ungeliebten. Zwar ist, auch dank Bismarcks Zurückhaltung, beim Verteilen der Kolonien für Deutschland nur gerade mal ein Stückchen Südsee abgefallen, dazu Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwest. Dafür drängen jetzt Stinnes, Krupp, Siemens und AEG gewaltig auf die Weltmärkte, kurbeln die Exporte an – und rufen nach dem Imperium. „Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überließ, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront – diese Zeiten sind vorüber“, schmettert Wilhelms späterer Reichskanzler Bernhard von Bülow 1897 im Reichstag: „Wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“

Hastig klaubt das Reich die letzten kolonialen Krümel auf: Kiautschou in China, in der Südsee die Karolinen, Palau und die Marianen, den Großteil Samoas. Die Kolonien sind Zuschussgeschäfte, die gerade den Bedarf an Hanf und Phosphat decken und Deutschland 1912 etwa 104 Millionen Mark Handelsvolumen einbringen, dafür aber 87 Millionen Mark Verwaltungs- und Infrastrukturkosten im Jahr – sowie das Misstrauen Großbritanniens, Russlands und der USA.

Doch die Aktivität des Reichs richtet sich nicht auf ein Ziel, sondern auf die Tat selbst – wie die Manie, in der „die motorischen Äußerungen überhaupt keine bestimmte Richtung erkennen“ lassen, wie Professor Kraepelin weiß: „Der Kranke schwelgt gewissermaßen in Bewegungen.“ Deutschland will nur dabei sein, Flagge zeigen, auch wenn es nichts zu holen gibt.

Wie ein Kreuzritter zieht Wilhelm 1898 in selbst entworfener Tropenuniform in Jerusalem ein, tappst mitten durch die politischen Vorgärten Großbritanniens und Russlands, um eine evangelische Kirche einzuweihen: Türkische Militärkapellen spielen die „Wacht am Rhein“ und „Tochter Zion, freue Dich“. Der Alldeutsche Verband, eine militant-völkische Lobby mit wenigen, dafür um so einflussreicheren Mitgliedern, posaunt mit Gloria die vage Maxime: „Weltpolitik als Aufgabe, Weltmacht als Ziel, Flotte als Instrument!“ Die Flotte ist ein Spielzeug des Kaisers. Das Festland ist zu eng für ein Ego, das ins Unbegrenzte strebt. Bei Flottenmanövern verbringt Majestät Tage an Deck, schießt „zu seinem nicht geringen Jubel“ mit Kanonen auf schwimmende Tonnen. Selbst sein Generalstabschef Alfred Graf von Waldersee fürchtet die kaiserliche „Marine Passion“: Sie sei „stärker, als für uns gut ist“.

Als Kind hat Wilhelm Seefahrerbücher verschlungen; nun entwirft er Idealschiffe, die nie gebaut werden. „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“, sagt er 1898 bei der Eröffnung des Stettiner Hafens – und im Überschwang spürt er nicht, dass die bis dato unangefochtene Seemacht Großbritannien empfindlich zusammenzuckt. Mit dem Tausch kolonialer Gebiete in Ostafrika gegen das seit 1807 britische Helgoland glaubt Wilhelm, sich „à l’amiable“ mit London arrangiert zu haben: „England kommt uns nicht trotz, sondern wegen meiner kaiserlichen Marine.“

Im Konteradmiral Alfred Tirpitz findet der Kaiser einen eifrigen Partner (siehe Seite 90). Dem schwebt die aufgerüstete Flotte nicht nur „als politischer Machtfaktor“ vor, sondern auch als „starkes Palliativ gegen gebildete und ungebildete Sozialdemokraten“ – als nationale Gemeinschaftsaufgabe, die innere Risse kitten kann. Die noch junge Seestreitkraft bietet, im Gegensatz zur vom Adel beherrschten Kavallerie, auch Bürgersöhnen die Aussicht auf militärischen Aufstieg. Industriekapitäne, Journalisten, Pastoren und Turnlehrer beten die schwimmende Macht an – und zahlen auch gern die neue Sektsteuer, die den Bau der Schiffe finanzieren helfen soll. Selbst Friedrich Naumann, der Liberale, bekennt sich in zeittypischem Mix als „Christ, Darwinist und Flottenschwärmer“. Der Flottenverein, gegründet 1898, wird zum mitgliederstärksten nationalistischen Verband, der Matrosenanzug zum beliebtesten Kleidungsstück des deutschen Knaben.

**DER HANG ZUR VERKLEIDUNG** ist ein Zeichen der Zeit: Nicht von ungefähr vergleicht Sigmund Freud den manischen Gemütszustand mit dem Karneval. Auch der Kaiser wechselt bis zu sechsmal am Tag die Uniform, posiert für Fotos als Großer Kurfürst und Lord Nelson, als Johanniter und russischer Infanterist; selbst sein Schreibstuhl ist von einem Pferdesattel gekrönt. „Alle Tage Maskenball“, staunt Graf zu Eulenburg, der Vertraute des Kaisers.

Auch das Volk liebt ja den Mummenschanz. Das Wort „Nachahmung“ fasst für Heinrich Mann „die ganze Leere der vierzig Jahre“ des Zweiten Reichs zusammen: „Der Bürger äffte den Ritter, beide zusammen äfften England.“ Die neuen High-Tech-Bahnhöfe verstecken sich hinter historisierenden Fassaden, die Villen der Neureichen hinter Oberflächen im barocken, romanischen, byzantinischen und Empire-Stil, der neue Reichstag, ein monumentaler Klotz, borgt sich die Pracht der heiteren Renaissance – und bleibt doch klobig und schwer. In den Opernhäusern hüllt der Komponist Richard Wagner, der „markige gewaltige Schöpfer unserer neuen germanischen Tonwelt“ (Wilhelm II.), die deutsche Seele in Nibelungengewänder. Und am 16. Oktober 1906 schlüpft der entlassene Schusterei-Arbeiter Wilhelm Voigt in eine Hauptmannsuniform vom Trödler, rekrutiert zehn preußische Gardisten, lässt den Bürgermeister von Köpenick ver-haften und beschlagnahmt die Stadtkasse mit etwas über 4000 Mark. „Famose Chose“, applaudiert sogar der Kaiser, und: „Das macht uns keiner nach!“

> Sozialdemokraten sind für den Kaiser »vaterlandslose Gesellen«

„Der Bourgeois im Stechschritt, der Händler als Held, der Geschäftsreisende im Feldwebelton, der Jobber und Schnorrer mit den Gebärden Wotans“, wie der Schriftsteller Hermann Bahr seine Zeitgenossen beschreibt, wünschen sich auch ihren Kaiser als Siegfried in schimmernder Wehr. Der „Wille zur Macht“, wie eine zur Kaiserzeit erscheinende Textsammlung des 1900 gestorbenen Friedrich Nietzsche heißt, ist der Gradmesser jeden Erfolges. Das Recht des Stärkeren, kühn abgeleitet von der populären Theorie Charles Darwins, ist einer Generation, die ihre Schwächen nicht kennen will, zur Natur geworden – und Wilhelm nimmt es sich heraus, wie es ihm passt: Dem König von Bulgarien haut er öffentlich auf den Hintern, schlägt einem russischen Großfürsten den Marschallstab auf den Rücken, zwingt den Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha zu Boden und setzt sich auf dessen Bauch.

Die Sorgen der Welt dürfen Wilhelm nicht bekümmern. Bismarcks Rückversicherungsvertrag mit Russland hat sein Kanzler Caprivi nicht verlängert – beleidigt rückt jetzt der Zar endgültig an Frankreich heran. Als die deutschfreundliche Burenrepublik Transvaal im goldreichen Südafrika 1895 einen englischen Umsturzversuch niederschlägt, gratuliert der Kaiser dem Burenpräsidenten Paul „Ohm“ Krüger in einem Telegramm – und stößt damit die Briten vor den Kopf. Und 1898 beschließt er gemeinsam mit dem türkischen Sultan Abdul Hamid, die anatolische Eisenbahn über Bagdad bis zum Persischen Golf zu verlängern – und erschreckt Russland wie Großbritannien, die um ihre strategischen Interessen im Orient bangen. Immer wieder schwankt Wilhelm zwischen der Liebe zum hochgemuten England, dem Stolz auf die Admiralsuniform, die ihm die Queen 1889 verlieh, den seligen Jugenderinnerungen an Schloss Windsor, wo „ich als kleiner Junge oft gespielt“ und „infolge des vielen Puddingessens mich kolossal übergeben habe“ – und dem Hass auf die englische Mutter, auf das „perfide Albion“, dessen Medizinern er vorwirft, nicht nur seine Geburt verpfuscht, sondern durch falsche Diagnosen auch den Tod Friedrichs III. beschleunigt zu haben: „Ein englischer Doktor tötete meinen Vater und ein ebensolcher verkrüppelte meinen Arm!“

Er will doch Frieden mit Oma Victoria, Onkel Edward, Vetter George – aber er hat seinen Stolz. Vorschläge zur Aufgabe der Flottenaufrüstung weist er als „Unverschämtheit“ zurück. Das Wort „Angst“, sagt er, komme im Wörterbuch des deutschen Offiziers nicht vor – und das Gefühl schlägt er tot. Er schimpft auch auf die „faulen, lügenhaften Russen“, bereit, „mit dem Ordensschwert in der nervigen Faust“ auf sie einzuhauen. Und gegen Frankreich: „Ich glaube“, sinnt er vor einer Statue des römischen Diktators in Neapel, „dass ich die Mission habe, Gallien zu zerschlagen wie Julius Caesar.“ Als Kind, erinnert er sich, habe er begeistert die Trommel gespielt, „nicht harmonisch vollendet“, doch „sehr geräuschvoll“. Nun haut er im Konzert der europäischen Eitelund Begehrlichkeiten auf die Pauke – nur leider nie im Takt. Im Sommer 1900, als chinesische Rebellen („Boxer“) ausländische Vertretungen angreifen und den deutschen Gesandten ermorden, will der Kaiser gleich ganz Peking „dem Erdboden gleichgemacht“ sehen.

In seiner „Hunnenrede“, mit der er in Bremerhaven das deutsche Expeditionskorps verabschiedet, ruft er sich zum neuen Attila aus: „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht“, dröhnt er. „Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“

Es ist nicht nackte Brutalität, die aus den kaiserlichen Tiraden spricht. Es sind Schlachtengemälde aus Worten, heroische Bilder wie jene Seestücke mit Titeln wie „Der Raddampfer ‚Hohenzollern‘ in schwerer See“, die der junge Wilhelm unter Anleitung des Marinemalers Carl Saltzmann angefertigt hat. Es ist ein Rittertraum, die edle Welt des Parzival, des Ideals seiner Jugend. Es ist der Traum einer unbefriedigten Generation, der Söhne der Sieger von 1866 und 1870, welche die Schlachten ihrer Väter nicht mehr schlagen können und die „innere Leere“, wie der zeitgenössische Publizist Bernhard Guttmann schreibt, „in romantischer Selbstvergötterung“ füllen. Es ist der Traum des Manikers, der sich als Tat tarnt. In einem Reich, in dem die königlichen Theater ein Fünftel des Hofbudgets verschlingen – „Das Theater ist auch eine meiner Waffen“, sagt der Kaiser – und auf den neuen Kinematografen gerade die Bilder laufen lernen, siegt die Illusion über die Realität. Und wo Bismarck Geschichte machte, hat Wilhelm II. Gesichte.

**ES IST EIN TRAUM,** aus dem der Kaiser nicht aufwachen darf. Sobald er die Rüstung für einen Moment ablegt, verhöhnen ihn die Meinungsmacher als „Wilhelm den Friedlichen“. Die Öffentlichkeit drängt den Reichstag, mehr Kriegsschiffe als geplant zu bewilligen, die Marinelobby sabotiert die Abrüstungsverhandlungen, und der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Alfred von Kiderlen-Wächter findet, „dass das Volk einen Krieg nötig hat“.

Das Militär, das als Folge der Einigungskriege von 1864, 1866 und 1871 zum Leitbild des jungen Reichs aufgestiegen ist, hat nicht nur an Masse zugelegt – von 1875 bis 1914 verdoppelt das Heer seine Mannschaftsstärke fast –, sondern auch an Einfluss. Die Kriegervereine mobilisieren den Alltag mit Umzügen, Paraden, Fahnenappellen und Bällen, und die nationalen Verbände geben den Ton dazu an, der nicht markig genug sein kann.

Die „Deutsche Kolonialgesellschaft“ giert nach Neuland in Übersee. Der Flottenverein trägt die Sehnsucht nach Seemacht, wie er sich rühmt, „bis in die kleinsten Hütten“. Der „Ostmarkenverein“ organisiert den „Volkstumskampf“ gegen die Polen in den Grenzgebieten. Und die Alldeutschen, jene hoch organisierte Meinungselite aus Oberlehrern, Professoren und Journalisten, fordern für die „germanische Rasse Ellenbogenraum“ im Osten und Südosten – „selbst wenn darüber solch minderwertige Völklein wie Tschechen, Slowenen und Slowaken“ ihr „für die Zivilisation nutzloses Dasein einbüßen sollten“. Den radikalen Nationalisten ist die Machtpolitik des Kaisers noch immer viel zu schlapp. Auch Maximilian Harden, der Herausgeber der Zeitschrift „Die Zukunft“, der den Skandal um Eulenburg auslöst, will mit dem Vorwurf der Homosexualität nicht nur den Grafen und seinen Kaiser treffen, sondern auch deren „süßliche und weibliche Politik“, die feigerweise „nicht von Weltbränden“ träumt, weil sie es auch so „schon warm genug“ hat.

Also träumt der Kaiser weiter, beschwört im Fernen Osten, als der „Boxeraufstand“ so gut wie beendet ist, „ein heißes blutiges Ringen“. Im Sommer 1903 stellt sein Freund Eulenburg fest, des Kaisers „Objektivität“ sei endgültig dahin – „die Subjektivität reitet auf einem beißenden und stampfenden Rosse“. Und die Weltmächte halten das für Politik. Das diplomatische Jonglieren mit fünf Kugeln, das Bismarck zur Meisterschaft geführt hat, ist dem Kaiser fremd: Ein Ritter schachert nicht. Nicht Geschick, sondern Stärke will er beweisen. Jetzt muss er feststellen, wie ihm ein Ball nach dem anderen entgleitet.

> Wilhelms Außenpolitik ist unberechenbar

Im April 1904, drei Jahre nach dem Scheitern der letzten deutsch-englischen Koalitionsgespräche, schließen Großbritannien und Frankreich eine „Entente Cordiale“, ein „herzliches Einvernehmen“ über die Zukunft ihrer Kolonien: Großbritannien bekommt freie Hand in Ägypten, Frankreich in Marokko. Im Auswärtigen Amt zu Berlin herrscht „tiefe Niedergeschlagenheit“: Man sieht sich umzingelt. Reichskanzler von Bülow und Friedrich von Holstein, die Graue Eminenz im Außenministerium, überreden den Kaiser, auf seiner jährlichen Mittelmeerreise einen Landgang in der marokkanischen Hafenstadt Tanger zu unternehmen, um, wie Bülow drängelt, „die Gegenwart Deutschlands im Weltkonzert“ zu unterstreichen.

Wilhelm sträubt sich. Er fürchtet den „Zündstoff“, den eine solche Demonstration birgt, das offene Boot, in dem er bei bewegter See in den Hafen einschaukeln soll, „spanische Anarchisten“ und den Ritt auf einem unbekannten Araberpferd, das ihn „um ein Haar ums Leben“ bringt. Sein Opfer ist wertlos. Als im April 1906 auf deutsches Drängen im spanischen Algeciras die Welt über das Schicksal Marokkos berät, stellen sich Russland, Großbritannien, die USA und selbst das mit Berlin verbündete Italien hinter Frankreich: Deutschland und nicht der Erbfeind findet sich isoliert.

Es ist zu einem Prestigeverlust gekommen, den das Reich auch später nicht wettmachen wird, als es 1911 nach Frankreichs Besetzung der Königsstadt Fes das Kanonenboot „Panther“ vor Marokkos Küste kreuzen und in den Hafen von Agadir einlaufen lässt: Großbritannien stärkt den Franzosen auch diesmal den Rücken und lenkt die deutsche Drohgeste ins Leere. Die Alldeutschen, die, sekundiert von der Schwerindustrie, schon Südmarokko zur Kolonie erklärt haben, sehen „Schandflecke auf dem germanischen Ehrenschild“.

Den demonstrativen Landgang in Tanger hat der Kaiser nicht gewollt. Er möchte ja ein „Friedenskaiser“ sein. Schon 1905 ließ er auf eigene Faust während der Nordlandreise die „Hohenzollern“ in russische Gewässer driften, wo sie vor der Insel Björkö auf die Privatyacht von Zar Nikolaus II. traf. Aus heiterem Himmel holte Wilhelm einen Bündnisvertrag aus der Tasche, den der verdutzte Vetter unterschrieb. „Ein Wendepunkt in der Geschichte Europas“, brüstete sich Seine Majestät hinterher. Doch die Berater des Zaren erklärten das Papier für nichtig: Es verstoße gegen Russlands Verträge mit Frankreich. Und auch bei Bülow erntete der Kaiser nur Undank und ein Abschiedsgesuch: Der Vertrag, nur auf Europa beschränkt, sei nutzlos und schädlich. Wilhelm verspürte einen „fürchterlichen Stoß“. Er drohte damit, „einer schweren Nervenkrankheit anheim zu fallen“.

Jetzt scheint sich Deutschland vollends zu isolieren – zumal sich das Zarenreich im August 1907 mit Großbritannien über die Aufteilung der Interessen in Asien und Nahost verständigt. Dass der „russische Bär“ und der „englische Löwe“ je ihr historisches Misstrauen gegeneinander vergessen und Front gegen Berlin machen könnten, hat die deutsche Diplomatie stets ausgeschlossen – jetzt wittert sie „Einkreisung“. Nur noch die morsche, gleichfalls isolierte Donaumonarchie scheint es an Deutschlands Seite auszuhalten. Vor dem Reichstag bekräftigt Kanzler Fürst von Bülow die „Nibelungentreue“ zum Kaiser Franz Joseph, die das Reich schon unter Beweis gestellt hat, als die k.u.k. Monarchie Bosnien und die Herzegowina annektierte – und damit Europa an den Rand des Krieges führte. 1907 reist Kaiser Wilhelm nach London zu seinem Onkel Edward VII. (der ihn für „den glänzendsten Versager der Geschichte“ hält) und versichert, die deutsche Flotte sei nicht gegen England gerichtet. Die Universität Oxford verleiht ihm die Ehrendoktorwürde.

Ein Jahr später druckt der Londoner „Daily Telegraph“ ein Gespräch mit dem Kaiser. Die Briten lesen nicht gern, dass Wilhelm behauptet, nur dank seiner guten Ratschläge habe Großbritannien 1902 den Burenkrieg gewonnen. Russen und Franzosen lesen nicht gern, ohne Wilhelms Fürsprache hätten Paris und Petersburg sich zur Front gegen Großbritannien zusammengeschlossen. Und seine Untertanen lesen nicht gern, dass er beteuert, er halte zu Großbritannien – im Gegensatz zur Mehrheit der Deutschen. Einen „Sturm des Volksempfindens“ konstatiert der Liberale Friedrich Naumann im Reich: Ein Desaster des „persönlichen Regiments“, moniert der Reichstag. Ein Weichling, heißt es an Stammtischen, ein Halbengländer, der sich beim Feind lieb Kind macht, statt ihm das Schwert zu zeigen! Vergebens redet sich Wilhelm heraus, sein Kanzler habe versäumt, den Text vor Abdruck zu prüfen. Er versinkt in „einer großen Depression“, wie seine Entourage bemerkt, verkriecht sich im Bett, isst allein, will niemanden sehen.

Selbst die Fuchsjagd beim Spaßvogel Max Egon zu Fürstenberg macht den Kaiser nicht froh. Immer war die Jagd für den gehetzten Monarchen der größte Trost – auch wenn Leibjäger dem behinderten Waidmann als Stütze für die „geliebte Büchse“ dienen und Gehilfen ihm das Wild zutreiben mussten. 78 330 Stück Wild bringt er im Lauf seines Lebens zur Strecke – jetzt lässt der Schwarzwald ihn kalt; die Kabarettgruppe, die den Monarchen zerstreuen soll, zieht unbelacht ab.

> Im Krieg verliert Wilhelm II. Heimat und Thron

Schließlich führt Fürstenberg die bewährte Tanzeinlage des Generals Graf Dietrich von Hülsen-Haeseler, Chef des Militärkabinetts, ins Feld: Im Ballkleid der Hausherrin, einen Hut mit Straußenfedern auf dem Kopf und einen Fächer in der Hand, pirouettiert der Krieger zum Klang des Orchesters – und bricht plötzlich tot zusammen, vom Herzschlag gefällt. Zerrüttet kehrt Wilhelm nach Potsdam zurück, wo ihn der Kronprinz „gealtert“ im Bett findet, „verlassen“ und „zusammengebrochen unter der Katastrophe“. Wilhelm verstummt. Je schärfer der Chauvinismus jetzt aus dem Reichstag schrillt, umso leiser wird der Monarch. Die Militärs, die ihn in Berlin umgeben, nutzen die Schwäche, ziehen die Zügel straff: Das „persönliche Regiment“ ist endlich vorbei.

„Das ganze Volk steht hinter mir“, sagt der Kaiser trotzig. Im Frühjahr 1913 verheiratet er die Prinzessin Victoria Luise mit dem Herzog Ernst August von Braunschweig, während im Balkan Kämpfe um die Reste des zerfallenden Osmanischen Reichs toben, die Großmächte Kriegsszenarien durchspielen und ihre Rüstungsausgaben in schwindelnde Höhen jagen. Wilhelm trägt auf dem Fest eine englische Paradeuniform, sein Vetter, der britische König George V., die Uniform eines deutschen Generals. Auch Russlands Zar Nikolaus II. bringt seine Glückwünsche. Es ist das letzte Mal, dass die drei Monarchen sich treffen.

Im Sommer, zu Wilhelms 25-jährigem Regierungsjubiläum, ziehen Vereine, Innungen, Studenten mit Musikkorps und Fahnen durch die Straßen. Die Lichtmasten tragen Kronen aus gestanztem und vergoldetem Zinkblech. Über den Magistralen Berlins schweben Girlanden und Baldachine mit Goldbuchstaben: „W II“. Und während Wilhelm in seinem blumengeschmückten Automobil durch Berlin fährt, bangt und fiebert Europa der Explosion entgegen. Krieg liegt in der Luft, die Paranoia und der Zwang zur Selbstbehauptung, die Angst und die Lust zur Aggression: Bevor der Gegner losschlägt, will man es lieber selber tun. Europas Kinos zeigen Martialisches, und auf die Frage nach seinen Reiseplänen für das Jahr 1914 – so hat Wilhelm erfahren – antwortet der Zar seinem Hofmarschall: „Ich werde in diesem Jahr zu Haus bleiben, weil wir Krieg bekommen.“

**VOM TOD DES** österreichischen Thronfolgers und seiner Frau in Sarajevo durch die Kugeln des bosnisch-serbischen Studenten Gavrilo Princip erfährt Wilhelm am 28. Juni 1914 auf der Kieler Woche. Er schwankt zwischen Friedenssehnsucht und Verlangen nach Sühne, gibt aber dem Wiener Sonderbeauftragten Graf Hoyos die Blankovollmacht: Es wäre schade, „wenn Österreich-Ungarn den jetzigen für sich so günstigen Moment ungenutzt ließe“, sagt er und hofft wohl, der Konflikt werde sich auf den Balkan beschränken.

Auf seiner Nordlandfahrt steht er dann an der Reling und starrt auf das Meer, in die weite, endlose Welt, die einig ist gegen Deutschland. Die Flotte, die ihm den Respekt der Welt bringen sollte, hat nur deren Hass erzeugt. „Die Hämmer, die auf den Werften von Kiel und Wilhelmshaven erklangen“, wird Winston Churchill sagen, „schmiedeten die Koalition, der Deutschland erlag“ – und die rund 14 Millionen, die durch Gas und Feuer, Hunger und Vertreibung sterben werden.

Von dem Ultimatum, das Wien den Serben am 23. Juli stellt, erfährt Wilhelm zwei Tage später – und von der Bereitschaft Russlands, den slawischen Brüdern bei einem Angriff zu Hilfe zu kommen. Bleich und verstört, von neuem am Boden, kehrt er am 27. Juli zurück nach Berlin. Die Antwort der Serben auf das Ultimatum, ein weitgehendes Entgegenkommen, gibt man ihm erst am 28. Juli, drei Tage zu spät: „Damit fällt jeder Kriegsgrund fort“, sagt der Kaiser erleichtert – doch da machen Wien und Belgrad bereits mobil. Am selben Tag erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Zar Nikolaus und Wilhelm wechseln Depeschen. „Unsere lange währende Freundschaft muss mit Gottes Hilfe dazu führen, dass ein Blutbad verhindert wird“, kabelt der Kaiser. Doch „Willys“ letztes Telegramm vom 1. August kann „Nicky“ nur noch mit der Anmerkung versehen: „Empfangen nach der Kriegserklärung.“

Vom Balkon des Berliner Schlosses aus sieht Wilhelm sein Volk wieder. „Ich kenne keine Parteien mehr“, sagt er vor dem Reichstag, „ich kenne nur noch Deutsche.“ Die Abgeordneten jubeln ihm zu wie noch nie, doch der Kaiser fällt in ein Loch. „Mein Amt ist aus“, raunt er, und Exkanzler Bülow starrt in sein „bleiches, erschrockenes“, ja, „verstörtes Antlitz“. In den Städten steigert sich derweil das Bürgertum in den Rausch. Täglich fluten 50 000 Kriegsgedichte in die Redaktionen, Männer stürmen die Rekrutierungsbüros, Soldaten tragen Blumen im Gewehrlauf – ein „gewaltiges, berauschendes Abenteuer“, wie der Dichter Carl Zuckmayer schreibt. Die Stimmung nähert sich der von Kraepelin beschriebenen „delirösen Form“ der Manie mit „Sinnestäuschungen und abenteuerlichen Wahnideen“.

„Die Einwohnerschaft fängt an, verrückt zu werden“, berichtet der Stuttgarter Polizeidirektor in einem Anruf an seine Schutzleute: „Jeder sieht in seinem Nebenmenschen einen russischen oder französischen Spion. Wolken werden für Flieger, Sterne für Luftschiffe, Fahrradlenkstangen für Bomben gehalten, Telefon- und Telegrafendrähte mitten in Stuttgart sollen zerschnitten, Spione standrechtlich erschossen und die Wasserleitungen vergiftet worden sein. Es ist nicht abzusehen, wie sich das alles gestalten soll, wenn die Zeiten wirklich einmal schwieriger werden.“ Vor dem 1. Garderegiment gibt Wilhelm, Oberster Kriegsherr, die Parole aus: „Und jetzt wollen wir sie dreschen!“ Doch es ist nicht mehr seine Armee. Seine Generäle bauen längst an einer Militärdiktatur; der Kaiser kann wenig mehr tun, als einen Kanzler nach dem anderen zu feuern.

Als das Kriegsglück sich wendet, fordert das Volk seinen Abschied; auch seine Entourage rät ihm zu. Er sträubt sich, geht „langsam zugrunde“, spielt verbissen Skat. Seit Ende Oktober 1918 meutert ausgerechnet die Flotte, und am 9. November schickt sein letzter Reichskanzler Max von Baden die Nachricht von Wilhelms Abdankung in die Welt. Der Monarch weiß von nichts. „Verrat!“, ruft er, füllt Telegrammformulare aus, wirft sie in den Papierkorb. Dann sitzt er starr in seinem Lehnstuhl am Kamin, raucht schweigend eine Zigarette nach der anderen und brütet über der Flucht. Erst im holländischen Exil, im teuer renovierten Schloss Doorn, holt ihn die Manie wieder ein. Wie besessen fällt er die Bäume im Park und sägt sie in Stücke; am 12. November 1919 erlegt er den zwölftausendsten Stamm. Auf dem Holzplatz bricht er im März 1941 ohnmächtig zusammen und erholt sich nicht mehr. Am 4. Juni stirbt er, 82 Jahre alt. Noch einmal zieht man ihn um. Aufgebahrt wird er in Generalsuniform; beim Begräbnis ist „Kaiserwetter“.

##### 2. Kaisertage am Rhein. Besuche Wilhelms II. in Bonn zwischen 1891 und 1913

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/L0Limage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/L0Limage.jpeg)

<div class="information-object__top" id="bkmrk-prinz-wilhelm-von-pr"><div class="outer-wrapper"><div class="information-object-mood
                    "><div class="information-object-mood__mood-image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Prinz Wilhelm von Preußen (1859-1941) mit dem weißen Stürmer des Corps Borussia auf dem Kopf auf einer Mauer über dem Rhein, Fotografie des Bonner Ateliers Theo Schafgans. (Universitätsarchiv Bonn)

</figcaption></figure></div></div></div></div></div>**1. Einleitung**

Der letz­te deut­sche Kai­ser Wil­helm II. (Re­gent­schaft 1888-1918) hielt sich vor dem Ers­ten Welt­krieg sie­ben­mal zu Be­such in [Bonn](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11f467f2030.53547864 "Stadt Bonn") auf.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="23"><sup data-reader-unique-id="24">\[1\]</sup></span> Seit sei­nem Stu­di­um an der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät von 1877 bis 1879 fühl­te sich der spä­te­re Mon­arch der Stadt am Rhein be­son­ders zu­ge­tan. Noch in sei­nen im hol­län­di­schen Exil ver­fass­ten Ju­gend­er­in­ne­run­gen brach­te er das fol­gen­der­ma­ßen zum Aus­druck: *Ein gol­de­ner Schein um­strahlt in mei­ner Er­in­ne­rung das vom lieb­li­chen Rhein­land ein­ge­fa­ß­te Bild von Bonn. Bonn und sei­ner Al­ma Ma­ter ein Dan­kes­gruß! Bon­na soll le­ben!*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="26"><sup data-reader-unique-id="27">\[2\]</sup></span>

Das Stu­di­um an der rhei­ni­schen Uni­ver­si­tät und die – zu­min­dest sym­bo­li­sche Mit­glied­schaft im vor­neh­men Korps Bo­rus­sia wa­ren für den da­ma­li­gen Prin­zen ein *idyl­li­sches In­ter­mez­zo*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="33"><sup data-reader-unique-id="34">\[3\]</sup></span> ei­ner an­sons­ten als freud­los be­schrie­be­nen Kind­heit und Ju­gend­zeit. In der Früh­pha­se sei­ner Herr­schaft bis An­fang des 20. Jahr­hun­derts bil­de­ten Fei­er­lich­kei­ten im Zu­sam­men­hang mit der Uni­ver­si­tät und dem stu­den­ti­schen Ver­bin­dungs­we­sen des­halb meist den Haupt­grund der Be­su­che Wil­helms II. in Bonn. Hier­zu trug bei, dass der Kai­ser auch sei­ne Söh­ne an der „Prin­zen­uni­ver­si­tät“ am Rhein stu­die­ren ließ. Be­son­de­re Auf­merk­sam­keit rich­te­te sich da­bei auf den Kron­prin­zen Wil­helm, den Thron­fol­ger, der von 1901 bis 1903 zum Stu­di­um in Bonn weil­te. Die Im­ma­tri­ku­la­ti­ons­fei­er am 24.4.1901 fand in An­we­sen­heit des kai­ser­li­chen Va­ters statt.

Die spä­te­ren Be­su­che des Mon­ar­chen seit Mit­te der 1900er Jah­re hat­ten meist pri­va­ten Cha­rak­ter und las­sen sich eher als Ver­wand­ten­be­su­che be­zeich­nen. Der zwei­te Grund für die Bonn-Ver­bun­den­heit des Mon­ar­chen be­stand dar­in, dass die Schwes­ter Wil­helms II., Vik­to­ria von Preu­ßen (1866-1929), mit ih­rem Ehe­mann, dem Fürs­ten Adolf zu Schaum­burg-Lip­pe (1859-1916), in Bonn im Pa­lais Schaum­burg leb­te.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="36"><sup data-reader-unique-id="37">\[4\]</sup></span> Die spä­te­ren Auf­ent­hal­te ent­hiel­ten kaum noch öf­fent­li­che Ter­mi­ne des Mon­ar­chen und be­stan­den we­sent­lich aus Aus­flü­gen in das Bon­ner Um­land.

Als Grund­la­ge die­ser Un­ter­su­chung die­nen vor al­lem Pres­se­ar­ti­kel aus der „Bon­ner Zei­tun­g“. Für die Re­kon­struk­ti­on der Be­suchs­ab­läu­fe bie­ten sie häu­fig die ein­zi­ge de­tail­lier­te Quel­le. Kri­tisch in Rech­nung zu stel­len ist je­doch de­ren sub­jek­ti­ve Fär­bung, denn es han­del­te sich zu­meist im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes um Hof­be­richt­er­stat­tung.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/xZ2image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/xZ2image.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-kronprinz-wilhelm-al"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Kronprinz Wilhelm als Mitglied des Bonner Corps Borussia, 1901. (public domain)

</figcaption></figure></div>**2. Die Rückkehr des ehemaligen Studenten an die Universität**

Be­reits vor sei­ner Thron­be­stei­gung hielt sich Wil­helm 1886 und 1887 in Bonn auf. Ein gu­tes Jahr­zehnt nach Be­ginn sei­nes Stu­di­ums kehr­te der Prinz so­mit an den Ort zu­rück, mit dem er per­sön­li­che [Frei­heit](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/F#term-166) und Un­be­schwert­heit ver­band. So äu­ßer­te er rück­bli­ckend in den be­sag­ten Er­in­ne­run­gen, *nichts Schö­ne­res wü­ß­te ich als ei­ni­ge Se­mes­ter an der rhei­ni­schen Al­ma ma­ter! Es liegt wie ein son­ni­ger Glanz über der Er­in­ne­rung an je­ne Ju­gend­jah­re.*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="45"><sup data-reader-unique-id="46">\[5\]</sup></span> Nach­dem er be­reits im Fe­bru­ar 1886 beim Alt­her­ren-Fest­mahl der Bon­ner Bo­rus­sen teil­ge­nom­men hat­te, war er auch beim 60. Stif­tungs­fest der Ver­bin­dung am 1. Ju­li des Jah­res zu­ge­gen. In sei­ner An­spra­che ver­glich er das Korps mit dem ers­ten Gar­de­re­gi­ment der preu­ßi­schen Ar­mee, wel­ches tra­di­tio­nell der mi­li­tä­ri­schen Aus­bil­dung der Ho­hen­zol­lern­prin­zen dien­te. Ei­ne ähn­li­che Rol­le, so Wil­helm, er­füll­ten mit Blick auf das Uni­ver­si­täts­stu­di­um heu­te auch die Bon­ner Preu­ßen.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="47"><sup data-reader-unique-id="48">\[6\]</sup></span> Am nach­fol­gen­den Fest­mahl der al­ten Her­ren des Korps am 8.3.1887 nahm der Prinz eben­falls teil.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="49"><sup data-reader-unique-id="50">\[7\]</sup></span>

Der ers­te Be­such Wil­helms als Mon­arch in Bonn fand vom 5.-8.5.1891 statt. Wie die „Bon­ner Zei­tun­g“ in ih­rem Leit­ar­ti­kel „Heil dem Kai­ser“ her­vor­hob, wün­sche der neue Herr­scher kei­nen gro­ßen Ein­zug, son­dern wol­le in An­knüp­fung an sei­ne Stu­den­ten­zeit die Ta­ge in Bonn in „pri­va­ter Ein­fach­heit“ zu ver­brin­gen. Die­se Be­schei­den­heit sah prak­tisch so aus, dass Wil­helm II. aus Köln kom­mend, am 5. Mai ge­gen sie­ben Uhr abends auf dem [Schiff](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/S#term-740) „Deut­scher Kai­ser“ am Bon­ner Rhein­ufer an­leg­te, wo er von ei­ner gro­ßen Men­schen­men­ge be­geis­tert emp­fan­gen und vom Prin­zen zu Schaum­burg so­wie des­sen Gat­tin Vik­to­ria be­grü­ßt wur­de. Am Rhein­ufer war ei­gens ein Pa­vil­lon er­rich­tet wor­den, der an drei Sei­ten of­fen war, und an des­sen ge­schlos­se­nen Rück­sei­te ein Thron­ses­sel stand, wor­über das Reichs­wap­pen thron­te.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="53"><sup data-reader-unique-id="54">\[8\]</sup></span> Wil­helm II. wur­de an­schlie­ßend zum Pa­lais Schaum­burg ge­fah­ren, wo nach Ein­bruch der Dun­kel­heit ein Fa­ckel­zug der Bon­ner Stu­den­ten die Ko­blen­zer Stra­ße (heu­te Ade­nau­er­al­lee) ent­lang statt­fand, dem Wil­helm II. in Be­glei­tung des Rek­tors der Uni­ver­si­tät Her­mann Hüf­fer (1830-1905) und des Uni­ver­si­täts­ku­ra­tors Franz von Rot­ten­burg (1845-1907, [Ku­ra­tor](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/K#term-311)1896-1907) bei­wohn­te.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="56"><sup data-reader-unique-id="57">\[9\]</sup></span> Um zehn Uhr abends ging es wei­ter zur [Knei­pe](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/K#term-269) des Korps Bo­rus­sia in der Kai­ser­stra­ße. Der Kai­ser über­nahm, als Korps­stu­dent ge­klei­det, selbst das Prä­si­di­um über die Ver­an­stal­tung und such­te die zu sin­gen­den Lie­der aus.

Am 6. Mai fand be­reits um acht Uhr früh am Tan­nen­busch ei­ne mi­li­tä­ri­sche Übung der Bon­ner Gar­ni­son mit an­schlie­ßen­dem Pa­ra­de­marsch vor Wil­helm II. statt. Nach der ge­mein­sa­men Ma­nö­ver­kri­tik ritt der Kai­ser an der Spit­ze der Sol­da­ten an ei­ner ju­beln­den Men­ge am Stra­ßen­rand vor­bei Rich­tung In­nen­stadt.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="60"><sup data-reader-unique-id="61">\[10\]</sup></span> Spä­ter folg­ten Pri­vat­be­su­che des Mon­ar­chen bei ver­schie­de­nen Fa­mi­li­en so­wie ein Kon­zert der Ka­pel­le des Bon­ner Hu­sa­ren­re­gi­ments im Gar­ten des Pa­lais Schaum­burg. Am Abend nahm Wil­helm II. an ei­nem wei­te­ren [Kom­mers](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/K#term-278) in den „Köl­ner Hö­fen“ teil, die­ses Mal ver­an­stal­tet von der Ge­samt­heit der im Kö­se­ner SC zu­sam­men­ge­fass­ten Korps in Bonn. Nach meh­re­ren Sa­la­man­dern – ei­ner be­son­de­ren stu­den­ti­schen Form des Zu­pros­tens - und ge­mein­sa­mem Ge­sang rühm­te ein Al­ter Herr in sei­ner Be­grü­ßung den Kai­ser als den *höchs­ten Schüt­zer und För­de­rer un­se­res deut­schen Corps­le­bens.*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="64"><sup data-reader-unique-id="65">\[11\]</sup></span> An­schlie­ßend er­griff der Mon­arch selbst das Wort und hielt ei­ne sei­ner be­rüch­tigt-for­schen An­spra­chen. Zu­nächst hob er die an­geb­li­che päd­ago­gi­sche Be­deu­tung der Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen her­vor. Für die Er­zie­hung ei­nes jun­gen Man­nes sei nichts bes­ser als der Ein­tritt in ein Korps. An­schlie­ßend ver­tei­dig­te der Kai­ser die in der Öf­fent­lich­keit häu­fig kri­ti­sier­te Pra­xis der Men­sur, al­so des stu­den­ti­schen Fech­tens, mit ei­nem ge­wag­ten his­to­ri­schen Ver­gleich: *Un­se­re Men­su­ren wer­den im Pu­bli­kum viel­fach nicht ver­stan­den. \[…\] Wir, die wir Corps­stu­den­ten ge­we­sen sind, wie ich, wir wis­sen das bes­ser. Wie im Mit­tel­al­ter durch die Tur­nie­re der Mut und die Kraft des Man­nes ge­stählt wur­den, so wird auch durch den Geist und das Le­ben im [Corps](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/C#term-69) der Grad von Fes­tig­keit er­wor­ben, der spä­ter im gro­ßen Le­ben nö­tig ist.*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="68"><sup data-reader-unique-id="69">\[12\]</sup></span> Au­ßer­dem kün­dig­te Wil­helm II. an, sein äl­tes­ter Sohn wer­de der­einst auch zu den Bon­ner Korps­stu­den­ten ge­hö­ren, sprich: an der Uni­ver­si­tät Bonn stu­die­ren<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="70"><sup data-reader-unique-id="71">\[13\]</sup></span> – der Kron­prinz Wil­helm war zu die­sem Zeit­punkt frei­lich erst neun Jah­re alt (1882-1951). Ab­schlie­ßend brach­te der Mon­arch sei­ne Hoff­nung zum Aus­druck, dass aus dem Kreis der ver­sam­mel­ten jun­gen Stu­den­ten spä­ter vie­le tüch­ti­ge Be­am­te oder Of­fi­zie­re her­vor­ge­hen möch­ten. Hier zeigt sich ex­em­pla­risch die Be­deu­tung der Korps zur kon­ser­va­ti­ven Eli­ten­re­kru­tie­rung, die sie in den Au­gen man­cher Be­ob­ach­ter ge­ra­de­zu zum „Ide­al­bild ei­ner Epo­che“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="72"><sup data-reader-unique-id="73">\[14\]</sup></span> wer­den lie­ßen.

Das kai­ser­li­che Pro­gramm am 7. Mai (Chris­ti Him­mel­fahrt) be­gann mit ei­nem Got­tes­dienst in der erst 1871 ein­ge­weih­ten Evan­ge­li­schen Kir­che am Kai­ser­platz (heu­te Kreuz­kir­che); an­schlie­ßend emp­fing der Kai­ser den Gro­ßher­zog von Lu­xem­burg zu ei­nem Be­such. Nach ei­nem Ar­beits­früh­stück fand am Nach­mit­tag ei­ne ge­mein­sa­me Schiff­fahrt der bei­den Mon­ar­chen mit dem Damp­fer „Lo­hen­grin“ auf dem Rhein statt. Nach der Rück­kehr nach Bonn be­glei­te­te Wil­helm II. den Gro­ßher­zog zum Bahn­hof, um ihn per­sön­lich zu ver­ab­schie­den. Abends gab er für lo­ka­le Wür­den­trä­ger ein Di­ner.

Die Ab­fahrt des Kai­sers am 8.5.1891 er­folg­te mor­gens vom Bahn­hof des da­mals noch ei­gen­stän­di­gen Go­des­berg (heu­te Stadt Bonn) aus. In der „Bon­ner Zei­tun­g“ wur­de bi­lan­zie­rend das Auf­tre­ten des Mon­ar­chen als ehe­ma­li­ger Stu­dent *in den alt­ehr­wür­di­gen For­men des Bur­schen­th­ums*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="77"><sup data-reader-unique-id="78">\[15\]</sup></span> und sei­ne Nä­he zur jun­gen Ge­ne­ra­ti­on be­tont. In die­sem Zu­sam­men­hang wur­de auch *das Ver­spre­chen des Kai­sers, der­einst auch sei­nen Er­ben \[…\] nach Bonn auf die rhei­ni­sche Hoch­schu­le zu sen­den,* be­son­ders her­vor­ge­ho­ben.

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/Wdhimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/Wdhimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-kaiser-wilhelm-ii.-a"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Kaiser Wilhelm II. als Alter Herr der Bonner Preußen, Gemälde von Ludwig Noster, 1897. (public domain)

</figcaption></figure></div>**3. Der Kaiser auf Korpsbesuch**

Der zwei­te Auf­ent­halt des Kai­sers in Bonn am 18.6.1897 dau­er­te nur we­ni­ge Stun­den und trug in­of­fi­zi­el­len Cha­rak­ter. Zu­vor hat­te er in Köln ein Denk­mal zu Eh­ren sei­nes Gro­ßva­ters, Wil­helms I. (Re­gent­schaft 1858/61-1888, ab 1871 als Deut­scher Kai­ser), ein­ge­weiht. Wie be­reits im Vor­feld der Bon­ner Rei­se be­rich­tet wur­de, galt der Auf­ent­halt des Mon­ar­chen *aus­schlie­ß­lich dem Be­such sei­nes al­ten Corps.*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="83"><sup data-reader-unique-id="84">\[16\]</sup></span> Auf Emp­fän­ge oder öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen wur­de da­her ver­zich­tet, gleich­wohl wur­den die Be­woh­ner der In­nen­stadt auf­ge­for­dert, ih­re Häu­ser vor­sorg­lich fest­lich zu schmü­cken für den Fall, dass das Staats­ober­haupt bei sei­nem Auf­ent­halt durch ih­re Stra­ßen kä­me.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="85"><sup data-reader-unique-id="86">\[17\]</sup></span> Wie­der­um wur­de in der Lo­kal­pres­se auf die be­son­de­re Nä­he der Stadt zum Mon­ar­chen ver­wie­sen, denn *\[a\]ls Stu­dent war der Prinz Bon­ner.*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="88"><sup data-reader-unique-id="89">\[18\]</sup></span> Kurz vor sie­ben Uhr abends er­reich­te Wil­helm II. wie­der­um per Schiff das Rhein­ufer. Die­ses Mal be­fand er sich in Be­glei­tung der Kai­se­rin Au­gus­te Vic­to­ria (1858-1921). Nach ei­nem kur­zen Er­fri­schungs­auf­ent­halt im Hau­se des Land­rats Max von Sandt (1861-1918, Land­rat 1888-1903) ver­ließ die Kai­se­rin Bonn wie­der mit dem Zug, wäh­rend Wil­helm II. zum Bo­rus­sen­haus in der Kai­ser­stra­ße ge­bracht wur­de und an der Knei­pe des Korps teil­nahm. Kurz nach zehn Uhr wur­de der Mon­arch zum Bahn­hof ge­fah­ren und reis­te ab.

**4. Die Immatrikulation des Kronprinzen**

Zehn Jah­re nach der beim Be­such in Bonn ge­mach­ten An­kün­di­gung des Kai­sers kam es zum Som­mer­se­mes­ter 1901 zur Im­ma­tri­ku­la­ti­on des Kron­prin­zen Wil­helm an der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät. Da­für hielt sich Wil­helm II. vom 24.-27.4.1901 in Bonn auf. Wie im Vor­feld der lo­ka­len Pres­se zu ent­neh­men war, sei mit ei­nem An­sturm aus­wär­ti­ger Be­su­cher zu rech­nen, Wir­te und Ho­te­liers hät­ten die Prei­se be­reits er­höht, aus Mün­chen sei ein Zug mit Bier­wa­gen un­ter­wegs an den Rhein, da al­lein für den ge­plan­ten Kai­ser­kom­mers 70 Hek­to­li­ter Bür­ger­bräu be­nö­tigt wür­den.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="94"><sup data-reader-unique-id="95">\[19\]</sup></span> Die Bon­ner Bür­ger­schaft wur­de von Ober­bür­ger­meis­ter [Wil­helm Spi­ri­tus](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c953e153b050.07376452 "Wilhelm Spiritus") auf­ge­for­dert, ih­re Häu­ser fest­lich zu be­flag­gen. Der Kai­ser und sein äl­tes­ter Sohn tra­fen am 24. April ge­gen zehn Uhr mit ei­nem Son­der­zug auf dem Bon­ner Bahn­hof an und wur­den durch ei­ne ju­beln­de Men­ge di­rekt zum Haupt­ge­bäu­de der Uni­ver­si­tät ge­fah­ren. Die Im­ma­tri­ku­la­ti­ons­ze­re­mo­nie des Kron­prin­zen in der Au­la be­gann um zwölf Uhr, in der Mit­te des Rau­mes be­fand sich ei­ne gro­ße, pal­men­ge­schmück­te Büs­te des Uni­ver­si­täts­grün­ders, Fried­rich Wil­helms III. (Re­gent­schaft 1797-1840), da­vor ein mit grü­nem Tuch be­häng­ter Tisch, auf dem sich das Al­bum der Uni­ver­si­tät und die wei­te­ren Uten­si­li­en der Ein­schrei­bung be­fan­den.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="97"><sup data-reader-unique-id="98">\[20\]</sup></span> Der [Rek­tor](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/R#term-607) der Uni­ver­si­tät, Adolph Frei­herr von La Va­let­te St. Ge­or­ge (1831-1910) hielt zu­nächst ei­ne kur­ze An­spra­che, in der er her­vor­hob, dass auch der ver­stor­be­ne Kai­ser Fried­rich III. (Re­gent­schaft 1888) und der an­we­sen­de Wil­helm II. der­einst die Uni­ver­si­tät Bonn be­sucht hät­ten. Un­ter der Füh­rung un­se­res ge­nia­len Kai­sers ste­he Deutsch­land heu­te stark und blü­hend dar. An­schlie­ßend fand die ei­gent­li­che Ein­schrei­bung durch den Kron­prin­zen statt, der aus den Hän­den des Rek­tors die in la­tei­ni­scher Spra­che ge­hal­te­ne Ma­tri­kel über­reicht be­kam. Der Rek­tor be­grü­ß­te den Kron­prin­zen so­dann als den *jüngs­ten Kom­mi­li­to­nen* an der Uni­ver­si­tät, die Ver­an­stal­tung en­de­te mit dem Ab­sin­gen der Kai­ser­hym­ne „Heil Dir im Sie­ger­kran­z“.

Die Kai­ser­be­su­che und die Rol­le als „Prin­zen­uni­ver­si­tät“ wa­ren für die Stadt Bonn mit er­heb­li­chem or­ga­ni­sa­to­ri­schem Auf­wand und Mehr­aus­ga­ben ver­bun­den. Beim Auf­ent­halt Wil­helms II. 1901 et­wa wur­den von der Po­li­zei Per­so­nen­grup­pen wie Vor­be­straf­te, Ir­re und An­ar­chis­ten über­wacht. Wäh­rend des Prin­zen­stu­di­ums stell­te die Po­li­zei per­ma­nent zwei Wa­chen vor der Vil­la der Ho­hen­zol­lern­söh­ne ab und un­ter­zog die in Bonn gas­tie­ren­den Frem­den ei­ner be­son­de­ren Über­prü­fung. Dar­über hin­aus trug die Stadt auch die Kos­ten für das Jah­res­abon­ne­ment der Thea­ter­lo­ge des Kron­prin­zen in Hö­he von 1.000 Mark.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="102"><sup data-reader-unique-id="103">\[21\]</sup></span>

Am Abend des 24. April wur­de ein Kai­ser­kom­mers al­ler Bon­ner stu­den­ti­schen Ver­bin­dun­gen in der Beet­ho­ven­hal­le mit et­wa 1.200 Teil­neh­mern ver­an­stal­tet.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="105"><sup data-reader-unique-id="106">\[22\]</sup></span> Bei die­ser Ge­le­gen­heit hielt Wil­helm II. wie­der ei­ne sei­ner for­schen Re­den, in wel­cher er aus­führ­te: *War­um sank das Deut­sche Reich da­hin? Weil das al­te Reich nicht auf streng na­tio­na­ler Ba­sis be­grün­det war. Der Uni­ver­sal­ge­dan­ke des al­ten rö­mi­schen Reichs deut­scher Na­ti­on ließ ei­ne Ent­wick­lung im deutsch­na­tio­na­len Sin­ne nicht zu. Das We­sen der Na­ti­on ist die Ab­gren­zung nach au­ßen, die Per­sön­lich­keit ei­nes Vol­kes, sei­ner Ras­sen­ei­gen­tüm­lich­keit ent­spre­chend.*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="108"><sup data-reader-unique-id="109">\[23\]</sup></span> Die an­we­sen­den Stu­den­ten be­ju­bel­ten die­se mar­ki­gen Sprü­che eben­so wie den an­schlie­ßen­den Trink­spruch des Kron­prin­zen an sei­ne neu­en Kom­mi­li­to­nen.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="110"><sup data-reader-unique-id="111">\[24\]</sup></span>

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/ypIimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/ypIimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-der-kronprinz-wilhel"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Der Kronprinz Wilhelm verabschiedet sich von Rektor Adolph Frei­herr von La Va­let­te nach seiner Immatrikulation, 24. April 1901. (public domain)

</figcaption></figure></div>Das kai­ser­li­che Be­suchs­pro­gramm vom 25. April be­gann mit ei­ner Be­sich­ti­gungs­fahrt zur Ab­tei Ma­ria Laach, de­ren Haus­herr er als Kö­nig von Preu­ßen war. Hier ließ sich Wil­helm II. die Se­hens­wür­dig­kei­ten und die Re­stau­rie­rungs­ar­bei­ten zei­gen, ins­be­son­de­re den von ihm ge­stif­te­ten und von dem Ber­li­ner Ar­chi­tek­ten Max Spit­ta (1842-1902) ge­schaf­fe­nen neo­ro­ma­ni­schen Hoch­al­tar in der Ab­tei­kir­che. An­schlie­ßend ging es von An­der­nach aus auf dem Rhein­damp­fer „Kai­ser Fried­rich“ zu­rück nach Bonn. Der Abend stand wie­der­um im Zei­chen des stu­den­ti­schen Kor­po­ra­ti­ons­we­sens. Die Ver­an­stal­tung fand er­neut in der Beet­ho­ven­hal­le statt, der Teil­neh­mer­kreis je­doch war ein an­de­rer. Es han­del­te sich nun spe­zi­ell um den Kom­mers der Bon­ner Korps. Die Fest­an­spra­che hielt Ge­ne­ral­oberst Wal­ter Frei­herr von Loë (1828-1908), Kom­man­deur der Bon­ner Kö­nigs­hu­sa­ren im Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg von 1870/1871 und ein frü­he­rer Ver­trau­ter Wil­helms I. Er er­in­ner­te dar­an, wie die Bon­ner Stu­den­ten 1870 mas­sen­wei­se und be­geis­tert dem Auf­ruf des Kö­nigs zu den Waf­fen ge­folgt sei­en. In An­we­sen­heit Wil­helms II. leg­te er im Na­men der ver­sam­mel­ten Stu­den­ten die Bürg­schaft da­für ab, dass die aka­de­mi­sche Ju­gend, sol­le es ein­mal not­wen­dig sein, wie einst in der ers­ten Rei­he der Sol­da­ten zu fin­den sein wür­den.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="113"><sup data-reader-unique-id="114">\[25\]</sup></span> In sei­ner kur­zen Er­wi­de­rung nahm der Kai­ser den Te­nor der Fest­an­spra­che auf. Er hof­fe fest auf die Un­ter­stüt­zung der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on bei sei­ner Auf­ga­be, das Deut­sche Reich nach in­nen und au­ßen zu fes­ti­gen. Ins­be­son­de­re im Fal­le ei­ner Be­dro­hung aber *wer­de ich an Sie ap­pel­lie­ren und ich er­war­te, daß Sie Mich nicht sit­zen las­sen wer­den*.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="116"><sup data-reader-unique-id="117">\[26\]</sup></span> In ähn­li­cher Wei­se soll­te das Ge­sag­te 13 Jah­re spä­ter zur blu­ti­gen Rea­li­tät wer­den.

Am Mor­gen des 26. Ju­li gab der Bon­ner Ge­sang­ver­ein dem Kai­ser ein Ständ­chen aus rhei­ni­schen Volks­lie­dern. Wil­helm II. schritt - wie in der „Bon­ner Zei­tun­g“ zu le­sen war - wäh­rend­des­sen die Ve­ran­da des Pa­lais Schaum­burg auf und ab und deu­te­te mit der Zi­ga­ret­te als Takt­stock bis­wei­len das Di­ri­gie­ren des Chors an.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="119"><sup data-reader-unique-id="120">\[27\]</sup></span> Die fol­gen­den Stun­den wur­den mit Re­gie­rungs­ge­schäf­ten ver­bracht, wo­zu ei­ni­ge Mi­nis­ter und Be­am­te ex­tra aus Ber­lin an­ge­reist wa­ren. Wäh­rend­des­sen wur­de der Kron­prinz Frei­tag­vor­mit­tag in fei­er­li­cher Wei­se als Kon­knei­pant in das Korps Bo­rus­sia auf­ge­nom­men und be­sich­tig­te an­schlie­ßend den Fecht­saal der Uni­ver­si­tät. Der Abend stand wie­der­um im Zei­chen des stu­den­ti­schen Ver­gnü­gens, denn der Kai­ser und der Kron­prinz nah­men ge­mein­sam an der Knei­pe auf dem Ver­bin­dungs­haus der Bo­rus­sen teil.

Im Rück­blick äu­ßer­te sich Kron­prinz Wil­helm über­ra­schend zu­rück­hal­tend zu ei­ni­gen zen­tra­len As­pek­ten des Ver­bin­dungs­we­sens. So kri­ti­sier­te er in sei­nen An­fang der 1920er Jah­re er­schie­ne­nen Er­in­ne­run­gen et­wa ei­ne *Über­schät­zung der Men­sur* so­wie Über­trei­bun­gen beim Trink­kom­ment, *für den ich selbst nie­mals viel Sinn be­ses­sen und dem ich mich als Stu­dent auch un­gern un­ter­wor­fen ha­be*.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="124"><sup data-reader-unique-id="125">\[28\]</sup></span>

Be­reits ge­gen acht Uhr mor­gens am 27.4.1901 ver­ließ der Kai­ser Bonn. Auf dem Weg zum Bahn­hof hat­ten ne­ben ei­ner gro­ßen Men­schen­men­ge auch das Bon­ner Hu­sa­ren­re­gi­ment und das Bon­ner In­fan­te­rie­re­gi­ment am Kai­ser­platz be­zie­hungs­wei­se am Bahn­hofs­platz Auf­stel­lung ge­nom­men. Beim Vor­bei­fah­ren der Wa­gen­ko­lon­ne stimm­ten sie den preu­ßi­schen Prä­sen­tier­marsch an.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="127"><sup data-reader-unique-id="128">\[29\]</sup></span> Für Bonn war die Im­ma­tri­ku­la­ti­on des Kron­prin­zen ein be­son­de­res Er­eig­nis, stan­den Stadt und Uni­ver­si­tät doch wie ei­ni­ge Jahr­zehn­te zu­vor an­läss­lich der Im­ma­tri­ku­la­ti­on der spä­te­ren Kai­ser Fried­rich III. und Wil­helm II. wie­der­um im Fo­kus der in­ter­es­sier­ten Öf­fent­lich­keit.

**5. Das akademisch-militärische Doppeljubiläum**

Zwei re­nom­mier­te Bon­ner In­sti­tu­tio­nen stan­den ex­em­pla­risch als Stüt­zen der Ho­hen­zol­lern-Herr­schaft, das Mi­li­tär und der Adel. Die in der Bon­ner Stern­tor­ka­ser­ne sta­tio­nier­ten Kö­nigs­hu­sa­ren be­gin­gen im Jahr 1902 ihr 50. Ju­bi­lä­um am Gar­ni­sons­stand­ort Bonn und das Korps Bo­rus­sia Bonn fei­er­te sein 75. Stif­tungs­fest. An­läss­lich die­ses Dop­pel­ju­bi­lä­ums hielt sich Wil­helm II. vom 17.-19.6.1902 er­neut am Rhein auf.

Das Kö­nigs-Hu­sa­ren Re­gi­ment Kö­nig Wil­helm I. Nr. 7 (1. Rhei­ni­sches) war be­reits 1815 ge­grün­det wor­den und hat­te seit 1852 sei­nen Sitz in Bonn. Wie der Na­me an­deu­tet, hat­te der da­ma­li­ge Kron­prinz Wil­helm, der spä­te­re Kai­ser Wil­helm I., im Rah­men sei­ner mi­li­tä­ri­schen Aus­bil­dung einst dem Hu­sa­ren­re­gi­ment vor­ge­stan­den, wel­ches dem Herr­scher­haus seit­dem be­son­ders ver­bun­den war. Die Fei­er­lich­kei­ten zum Gar­ni­sons­ju­bi­lä­um er­streck­ten sich über ei­ne gan­ze Wo­che und hat­ten be­reits am 14. Ju­ni mit ei­nem Fest­es­sen im Of­fi­ziers­ka­si­no be­gon­nen, bei dem noch ei­ni­ge „Ve­te­ra­nen“ des Ein­zugs in die neue Gar­ni­son von 1852 an­we­send wa­ren. In ei­ner An­spra­che hob Re­gi­ments­kom­man­deur Oberst­leut­nant Fried­rich von Hertz­berg (1853-1928) die be­son­de­re Be­deu­tung der Ar­mee als ei­ne der *Haupt­stüt­zen des Thro­nes* her­vor.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="133"><sup data-reader-unique-id="134">\[30\]</sup></span> In der lo­ka­len Pres­se wur­de in Er­war­tung des ho­hen Be­suchs wie­der das be­son­de­re Ver­hält­nis des Mon­ar­chen zu Bonn be­tont, das über die Jah­re hin­weg Be­stand ha­be. Sicht­ba­rer Be­leg hier­für sei, dass mo­men­tan, wie einst sein Va­ter, auch der Kron­prinz als Stu­dent an der Uni­ver­si­tät wei­le.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="135"><sup data-reader-unique-id="136">\[31\]</sup></span> Die­ses Mal be­glei­te­te die Kai­se­rin Au­gus­te Vic­to­ria ih­ren Mann auf der Rei­se, denn es bot sich ihr so die Ge­le­gen­heit, ei­nen nä­he­ren Ein­druck vom Stu­di­en­ort ih­res äl­tes­ten Soh­nes zu er­hal­ten. Zum kai­ser­li­chen Rei­se­tross ge­hör­te au­ßer­dem [Reichs­kanz­ler](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/R#term-465) Bern­hard von Bü­low (1849-1929, Reichs­kanz­ler 1900-1909). Be­reits am frü­hen Mor­gen des 17.6.1902 traf das Kai­ser­paar am Bon­ner Bahn­hof ein und wur­de so­gleich zum Pa­lais Schaum­burg ge­fah­ren. Ei­nen sub­jek­tiv ge­färb­ten Ein­druck von der Stim­mung in der Stadt an die­sen „Kai­ser­ta­gen“ ver­mit­telt ex­em­pla­risch ein Be­richt der „Bon­ner Zei­tun­g“: *Al­lent­hal­ben herrsch­te das regs­te Le­ben und Trei­ben. Hier zog ein Krie­ger­ver­ein mit ent­fal­te­ter Fah­ne durch die Stra­ßen, dort stand ein klei­ner Trupp wei­ß­ge­klei­de­ter Schul­mäd­chen mit Schär­pen um die Schul­tern. \[…\] Selbst­ver­ständ­lich fehl­ten in die­sem ewig wech­seln­den Bil­de auch die ‚flie­gen­den Händ­ler’ nicht. Ei­ni­ge von ih­nen bo­ten Post­kar­ten mit den Bil­dern der Ma­jes­tä­ten und des Kron­prin­zen aus, an­de­re ver­kauf­ten ‚Kai­ser­zei­chen’, d. h. das in Wachs ge­präg­te Re­li­ef­bild des Kai­sers auf ei­ner Un­ter­la­ge von Ei­chen­blät­tern. \[…\] Von aus­wärts brach­ten die Vor­mit­tags­zü­ge Tau­sen­de von Neu­gie­ri­gen her­an, die der Wunsch, das Kai­ser­paar zu se­hen, nach Bonn ge­trie­ben hat­te, und un­ter klin­gen­dem Spiel zo­gen von den be­nach­bar­ten Ort­schaf­ten un­ab­läs­sig neue Mi­li­tär- und Krie­ger­ver­ei­ne in die Stadt.*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="139"><sup data-reader-unique-id="140">\[32\]</sup></span>

Am spä­ten Vor­mit­tag nahm Wil­helm II. zu Pferd vor ei­ner gro­ßen Zu­schau­er­men­ge ei­ne Mi­li­tär­pa­ra­de der Bon­ner Kö­nigs­hu­sa­ren auf der Hof­gar­ten­wie­se vor der Uni­ver­si­tät ab. Im An­schluss an die Kai­ser­pa­ra­de setz­te sich der Mon­arch selbst an die Spit­ze des Re­gi­ments und führ­te die Hu­sa­ren durch die Bon­ner In­nen­stadt hin­durch zu­rück in die Stern­tor­ka­ser­ne. Dort fand ein ge­mein­sa­mes Früh­stück im Of­fi­ziers­ka­si­no statt. Über die Mit­tags­stun­den wid­me­ten sich der Kai­ser und der Reichs­kanz­ler den Re­gie­rungs­ge­schäf­ten, be­vor am Nach­mit­tag ei­ne Aus­flugs­fahrt per Schiff nach Ro­lands­eck un­ter­nom­men wur­de, zu der un­ter an­de­rem auch der Völ­ker­rechts­pro­fes­sor Phil­ipp Zorn (1850-1928) und der Bon­ner Ober­bür­ger­meis­ter Spi­ri­tus ein­ge­la­den wa­ren. Der Abend stand dann ganz im Zei­chen ei­ner „aka­de­mi­schen Hul­di­gun­g“ durch die stu­den­ti­schen Kor­po­ra­tio­nen, die die of­fi­zi­el­le Re­prä­sen­tanz der Bon­ner Stu­den­ten­schaft bil­de­ten. Zu Eh­ren des Mon­ar­chen wur­de ein Fa­ckel­zug ver­an­stal­tet, der am Ko­blen­zer Tor be­gin­nend den Rhein ent­lang an der Fest­ge­sell­schaft auf der Rück­sei­te des Pa­lais Schaum­burg vor­bei­zog.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="144"><sup data-reader-unique-id="145">\[33\]</sup></span>

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/Q6gimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/Q6gimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-kaiserman%C3%B6ver-im-hof"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Kaisermanöver im Hofgarten des kurfürstlichen Schlosses Bonn, 1902. (Universitätsarchiv Bonn)

</figcaption></figure></div>Die Fei­er­lich­kei­ten zum Gar­ni­sons­ju­bi­lä­um der Kö­nigs­hu­sa­ren wa­ren mit der Kai­ser­pa­ra­de ab­ge­schlos­sen, der zwei­te Be­suchs­tag am 18.6.1902 stand nun ganz im Zei­chen der an­de­ren Hälf­te des Bon­ner Dop­pel­ju­bi­lä­ums, dem 75. Stif­tungs­fest des Korps Bo­rus­sia. Be­reits am Mor­gen be­gab sich der Kai­ser auf das Ver­bin­dungs­haus, wo er ei­nem Fest­kon­vent prä­si­dier­te. An­schlie­ßend fand der Um­zug des Korps Bo­rus­sia durch die Bon­ner In­nen­stadt statt, der aus 60 Wa­gen mit Ak­ti­ven und Al­ten Her­ren be­stand, an der der Kai­ser selbst je­doch nicht teil­nahm. Im An­schluss gab es im be­kann­ten Re­stau­rant „Zur Le­se“ ein Fest­mahl, bei dem auch Wil­helm II. wie­der zu­ge­gen war. In sei­ner eher nach­denk­li­chen Tisch­an­spra­che er­mahn­te er die an­we­sen­de Ju­gend, ne­ben der Freu­de den not­wen­di­gen Ernst des Le­bens nicht zu ver­ges­sen und sich im Fal­le ei­ner Ge­fahr für das Va­ter­land, sei es von in­nen oder von au­ßen, hin­ter ihm als Kö­nig zu ver­sam­meln.

Hö­he­punkt des Stif­tungs­fes­tes war am Abend der Kom­mers in der Beet­ho­ven­hal­le. Für die weib­li­chen Gäs­te, die dem Ge­sche­hen nur als Zu­schaue­rin­nen bei­woh­nen durf­ten, war auf der lin­ken Ga­le­rie ei­ne Lo­ge er­rich­tet wor­den, in der die Kai­se­rin, ih­re Be­glei­te­rin­nen und die Hof­da­men das Ge­sche­hen ver­fol­gen konn­ten. In sei­ner Re­de stell­te Wil­helm II. die bei die­ser Art Ver­an­stal­tung ei­gent­lich un­ge­wöhn­li­che An­we­sen­heit der Da­men in den Mit­tel­punkt: *Von un­se­ren Ur­ah­nen und Vor­fah­ren weiß die Chro­nik zu ver­mel­den, daß, wenn sie im Waf­fen­gang zu­sam­men­ka­men und im Tur­nier die Lan­ze mit ein­an­der bra­chen, es sich von selbst ver­stand, daß ein schö­ner Kreis von Da­men um sie ver­sam­melt war und auf sie her­ab­blick­te. Mit Stolz emp­fing der Sie­ger ei­nen Kranz aus schö­ner Hand. \[…\] Noch nie, so­lan­ge die Ge­schich­te deut­scher Uni­ver­si­tät ge­schrie­ben ist, ist ei­ner Uni­ver­si­tät ei­ne sol­che Eh­re zu­teil ge­wor­den, wie am heu­ti­gen Ta­ge. Im Krei­se der Schö­nen Bonns, um­ge­ben von fürst­li­chen Da­men, ist Ih­re Ma­jes­tät die Kai­se­rin er­schie­nen, die ers­te Lan­des­fürs­tin, die ei­nem Kom­mers der Stu­den­ten­schaft bei­wohnt. Die­se bei­spiel­lo­se Eh­re wird der Stadt Bonn zu teil und in der Stadt Bonn dem Korps Bo­rus­sia. Ich hof­fe und er­war­te, daß al­le jun­gen Bo­rus­sen, auf de­nen heu­te das Au­ge Ih­rer Ma­jes­tät ruht, da­durch ei­ne Wei­he für ihr gan­zes Le­ben emp­fan­gen wer­den.*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="149"><sup data-reader-unique-id="150">\[34\]</sup></span> Ge­gen Mit­ter­nacht ver­ließ das Kai­ser­paar die Ver­an­stal­tung.

Für den 19. Ju­ni stan­den kei­ne öf­fent­li­chen Ter­mi­ne mehr auf dem Be­suchs­pro­gramm; im Pa­lais Schaum­burg emp­fing der Kai­ser die Chefs des Zi­vil- und des Mi­li­tär­ka­bi­netts zum Vor­trag.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="152"><sup data-reader-unique-id="153">\[35\]</sup></span> Ge­gen Mit­tag reis­ten Wil­helm II. und Gat­tin mit dem Zug in Rich­tung Aa­chen ab.

**6. Die Erinnerung an „Wilhelm den Großen“**

Beim Kai­ser­be­such des Jah­res 1906 stand die preu­ßisch-deut­sche Ge­schich­te im Mit­tel­punkt. Den An­lass bot die Ent­hül­lung des Denk­mals für den Gro­ßva­ter des Mon­ar­chen, Wil­helm I., dem Wil­helm II. be­son­ders na­he ge­stan­den hat­te, auf dem Kai­ser­platz.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="158"><sup data-reader-unique-id="159">\[36\]</sup></span> Der Mon­arch hielt sich vom 15.-20.10.1906 in Bonn auf, be­glei­tet wäh­rend sei­ner Ter­mi­ne zu­meist von sei­nem Sohn Au­gust Wil­helm (1887-1949), dem spä­te­ren glü­hen­den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="160"><sup data-reader-unique-id="161">\[37\]</sup></span> -, der in Bonn stu­dier­te und so­mit die Tra­di­ti­on der Ho­hen­zol­lern an der „Prin­zen­uni­ver­si­tät“ fort­setz­te.

Dass die Kai­ser­be­su­che auch im­mer wich­ti­ge lo­ka­le Wirt­schafts­fak­to­ren wa­ren und von der Bon­ner Ge­schäfts­welt für ih­re Ver­kaufs­in­ter­es­sen zu nut­zen ver­sucht wur­den, zeigt ex­em­pla­risch ei­ne Schil­de­rung der „Bon­ner Zei­tun­g“: *Mit gro­ßer Sorg­falt ha­ben fast al­le Ge­schäfts­zwei­ge ih­ren Schau­fens­ter­schmuck so ge­wählt, daß er in ir­gend ei­ner, wenn oft auch lo­cke­rer Be­zie­hung zu der Denk­mal­sent­hül­lung steht. Viel­fach bil­det ei­ne Büs­te des Kai­sers den Mit­tel­punkt der De­ko­ra­tio­nen. \[…\] In Kon­di­tor­lä­den sieht man Sta­tu­en des Kai­sers oder gar das gan­ze Denk­mal in Scho­ko­la­de und Zu­cker ge­gos­sen. Die gro­ßen Buch­hand­lun­gen am Hof brin­gen den Kai­*

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/RfZimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/RfZimage.jpeg)

<div class="content-images" id="bkmrk-blick-auf-das-neutor"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Blick auf das Neutor und Kaiserplatz, rechts die Universität mit dem davor platzierten Kaiserdenkmal, Ansichtskarte. (public domain)

</figcaption></figure></div>*ser in al­len Le­bens­al­tern und Uni­for­men.*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="164"><sup data-reader-unique-id="165">\[38\]</sup></span>

Der 16. Ok­to­ber war der Tag der Denk­mals­ein­wei­hung. Vor der Evan­ge­li­schen Kir­che (Kreuz­kir­che) und ihr ge­gen­über wa­ren zwei Tri­bü­nen für die ge­la­de­nen Gäs­te auf­ge­baut wor­den, die Zu­tritt zum Kai­ser­platz hat­ten. Für den Kai­ser und die an­de­ren Eh­ren­gäs­te war zu­dem ein wei­ßer Pa­vil­lon er­rich­tet wor­den. Zu den Eh­ren­gäs­ten ge­hör­ten der Her­zog von Sach­sen-Co­burg und Go­tha, der preu­ßi­sche Kul­tus­mi­nis­ter Kon­rad von Studt (1838-1921, Kul­tus­mi­nis­ter 1899-1907) so­wie die Ober­bür­ger­meis­ter von [Köln](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd5d2f2acc68.36305193 "Stadt Köln") und [Düs­sel­dorf](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd5d070b7153.05336683 "Stadt Düsseldorf").<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="169"><sup data-reader-unique-id="170">\[39\]</sup></span> Der Stand­ort des Denk­mals war mar­kant di­rekt vor der Uni­ver­si­tät ge­wählt, al­so an der Schmal­sei­te des Kai­ser­plat­zes, in Sicht­ach­se zum Pop­pels­dor­fer Schloss. Pünkt­lich zum Glo­cken­ge­läut um zwölf Uhr traf die Wa­gen­ko­lon­ne mit Wil­helm II. am Kai­ser­platz ein, wo er von den Bon­ner Re­gi­men­tern mit dem Preu­ßi­schen Prä­sen­tier­marsch emp­fan­gen wur­de. Nach ei­ner Be­grü­ßungs­run­de der Eh­ren­gäs­te im Fest­zelt stimm­te der Män­ner-Ge­sang­ver­ein das Lied „Heil Kai­ser und Reich“ an. In sei­ner Funk­ti­on als Vor­sit­zen­der des Denk­mal­aus­schus­ses hielt der Bon­ner Ober­bür­ger­meis­ter Wil­helm Spi­ri­tus die Fest­an­spra­che. Er ver­wies dar­auf, dass ehe­ma­li­ge Bon­ner Stu­den­ten aus al­len Tei­len des Deut­schen Rei­ches mit ih­rer In­itia­ti­ve zur Er­rich­tung des Denk­mals und ih­rer gro­ßzü­gi­gen Spen­den­be­reit­schaft we­sent­lich zur Rea­li­sie­rung des Pro­jekts bei­ge­tra­gen hät­ten. Für die Ju­gend sol­le das Denk­mal ein An­sporn sein, dem al­ten Kai­ser nach­zu­ei­fern *in Got­tes­furcht, Pflicht­treue und Va­ter­lands­lie­be*. Spi­ri­tus ver­wies auf die be­son­de­re Rol­le Bonns als Uni­ver­si­tät der Ho­hen­zol­lern­fürs­ten und dank­te dem Kai­ser ab­schlie­ßend für sei­ne An­we­sen­heit als ei­nem *er­neu­te\[n\] Gna­den­be­weis für Uni­ver­si­tät und Stadt*.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="173"><sup data-reader-unique-id="174">\[40\]</sup></span> Wäh­rend die Kai­ser­hym­ne „Heil Dir im Sie­ger­kran­z“ ge­spielt wur­de, trat Wil­helm II. an das Denk­mal her­an. Nach dem Ver­klin­gen der letz­ten Tö­ne fiel das Tuch und gab den Blick auf das Stand­bild Wil­helms I. frei, wel­ches von dem Ber­li­ner Bild­hau­er Har­ro Ma­gnus­sen (1861-1908) ge­schaf­fen wor­den war. Da die In­itia­ti­ve von Schü­lern und Leh­rern der rhei­ni­schen Al­ma Ma­ter aus­ge­gan­gen war und das Denk­mal auf dem Grund der Uni­ver­si­tät er­rich­tet wor­den war, er­griff auch der Rek­tor der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät des Aka­de­mi­schen Jah­res 1905/1906, Ge­heim­rat Her­mann Ge­org Ja­co­bi (1850-1937), das Wort. Er nahm das Denk­mal, das mit der Ein­wei­hung of­fi­zi­ell an die Uni­ver­si­tät über­ging, sym­bo­lisch in Emp­fang, es sol­le *ein hei­li­ges Be­sitz­tum, ein Pal­la­di­um im an­ti­ken Sin­ne sein, das wir in gu­ten und bö­sen Ta­gen treu zu hü­ten und zu eh­ren wis­sen wer­den.*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="176"><sup data-reader-unique-id="177">\[41\]</sup></span> Die Ein­wei­hungs­ze­re­mo­nie schloss mit dem Ab­sin­gen des Lie­des der Deut­schen „Deutsch­land, Deutsch­land über al­les“. Der Kai­ser und die Eh­ren­gäs­te be­sich­tig­ten ge­mein­sam mit dem Bild­hau­er Ma­gnus­sen im An­schluss das Denk­mal. Hier­mit war das Ge­sche­hen auf dem Kai­ser­platz je­doch noch nicht be­en­det. Ge­gen halb eins be­gann ei­ne Mi­li­tär­pa­ra­de, die Wil­helm II. auf den Stu­fen des neu­en Mo­nu­ments ab­nahm. An­schlie­ßend kehr­ten die Eh­ren­gäs­te im Re­stau­rant „Zur Le­se“ zu ei­nem ge­mein­sa­men Fest­es­sen ein, das von et­wa 13 bis 17 Uhr dau­er­te, wohl in Ab­we­sen­heit des Kai­sers. Am Nach­mit­tag be­sich­tig­te er statt­des­sen die Kir­chen in Schwarz­rhein­dorf und in Sieg­burg und führ­te vor Ort Ge­sprä­che mit lo­ka­len Wür­den­trä­gern.

War in der Pres­se ur­sprüng­lich nur von ei­nem nur zwei- bis drei­tä­gi­gen Be­such des Mon­ar­chen in Bonn die Re­de ge­we­sen, so ver­län­ger­te Wil­helm II. an­schei­nend sei­nen Auf­ent­halt, um als be­geis­ter­ter Au­to­mo­bi­list wei­te­re Aus­flü­ge in das Bon­ner Um­land zu un­ter­neh­men.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="179"><sup data-reader-unique-id="180">\[42\]</sup></span> So gab es am 17. Ok­to­ber ei­nen Ta­ges­aus­flug in die Ei­fel. Auf dem kai­ser­li­chen Be­suchs­pro­gramm stan­den die Burg Elz so­wie wie­der­um die Ab­tei Ma­ria Laach. Am Abend such­te Wil­helm II. das Korp­shaus der Bo­rus­sia in der Kai­ser­stra­ße auf und aß ge­mein­sam mit den Ak­ti­ven und ei­ni­gen Al­ten Her­ren zu Abend.

Die aus vier mo­to­ri­sier­ten Wa­gen be­ste­hen­de Ko­lon­ne des Kai­sers brach am 18. Ok­to­ber zu ei­nem wei­te­ren Aus­flug auf, in ähn­li­cher per­so­nel­ler Zu­sam­men­set­zung wie am Vor­tag. Teil­neh­mer wa­ren un­ter an­de­ren der Prinz und die Prin­zes­sin zu Schaum­burg-Lip­pe, der Kai­ser­sohn Au­gust Wil­helm so­wie [Paul Cle­men](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c68cb2960da0.62165405 "Paul Clemen") Pro­fes­sor für Kunst­ge­schich­te und [Pro­vin­zi­al­kon­ser­va­tor](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/P#term-602) der Rhein­pro­vinz, der als Ex­per­te für fach­li­che Fra­gen fun­gier­te. Nach ei­nem kur­zen Zwi­schen­stopp in Sieg­burg bil­de­te die Be­sich­ti­gung des Al­ten­ber­ger Doms den Hö­he­punkt der Tour. An­schlie­ßend be­such­te der Kai­ser die Ka­det­ten­an­stalt von Bens­berg (heu­te Stadt Ber­gisch Glad­bach) in­klu­si­ve ei­nes kurz­fris­tig an­ge­setz­ten Pa­ra­de­marschs, der den ein­fa­chen Re­kru­ten an­schei­nend nicht an­ge­kün­digt wor­den war. Am Abend emp­fing er in klei­ner Run­de ei­ni­ge Gäs­te zum Abend­es­sen im Pa­lais Schaum­burg, dar­un­ter die Kom­man­deu­re des Bon­ner Hu­sa­ren- und des Bon­ner In­fan­te­rie­re­gi­ments so­wie den Ku­ra­tor der Uni­ver­si­tät, Franz von Rot­ten­burg. Der pri­va­te Cha­rak­ter der Ak­ti­vi­tä­ten an die­sem Tag wur­de da­mit be­grün­det, dass es sich um den 75. Ge­burts­tag des ver­stor­be­nen Kai­sers Fried­rich III. han­del­te.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="184"><sup data-reader-unique-id="185">\[43\]</sup></span> In der Öf­fent­lich­keit und an der Uni­ver­si­tät scheint es die Er­war­tung ge­ge­ben zu ha­ben, dass der Kai­ser wie einst 1902 beim Kron­prin­zen per­sön­lich an der an­ste­hen­den Im­ma­tri­ku­la­ti­ons­fei­er für sei­nen Sohn teil­neh­men wür­de. So be­rich­te­te der „Ge­ne­ral-An­zei­ger“ in sei­ner Aus­ga­be vom 16. Ok­to­ber, an der Uni­ver­si­tät *ist man eif­rig mit den letz­ten Vor­be­rei­tun­gen be­schäf­tigt für den er­war­te­ten Be­such des Kai­sers bei der Im­ma­tri­ku­la­ti­on des Prin­zen Au­gust Wil­helm, für die der Ter­min aber noch nicht be­stimmt ist*.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="187"><sup data-reader-unique-id="188">\[44\]</sup></span> Doch der Prinz kehr­te mit sei­nem Va­ter erst ein­mal wie­der nach Pots­dam zu­rück. Die Im­ma­tri­ku­la­ti­ons­fei­er fand da­her erst weit nach Se­mes­ter­be­ginn am 30. Ok­to­ber statt.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="189"><sup data-reader-unique-id="190">\[45\]</sup></span> An­ders als bei vor­an­ge­gan­ge­nen Be­su­chen nahm Wil­helm II. wäh­rend sei­nes Auf­ent­halts auch nicht am Kom­mers der Bon­ner Korps teil, son­dern über­ließ dies sei­nem Sohn.

In be­son­de­rer Er­in­ne­rung blei­ben soll­te den Bon­ner Schü­le­rin­nen und Schü­lern der 19.10.1902. Nach­dem ei­ni­ge Ju­gend­li­che ei­ne ent­spre­chen­de Bit­te an den Mon­ar­chen ge­rich­tet hat­ten, ver­füg­te der Kai­ser für die­sen Tag un­ter­richts­frei an al­len Bon­ner Schu­len. Die kai­ser­li­chen Be­sich­ti­gungs­fahr­ten fan­den an die­sem Tag ih­re Fort­set­zung.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="192"><sup data-reader-unique-id="193">\[46\]</sup></span> Ers­te Sta­ti­on war Eus­kir­chen, wo die Be­völ­ke­rung Wil­helm II. ei­nen be­geis­ter­ten Emp­fang be­rei­tet ha­ben soll. An­schlie­ßend ging es wei­ter nach Ge­münd zur Be­sich­ti­gung der Urft­tal­sper­re, die erst im Vor­jahr fer­tig ge­stellt wor­den war. Hö­he­punkt war ei­ne Mo­tor­boot­fahrt auf dem Stau­see. Auf der Rück­fahrt wur­de in Burg Nideg­gen, einst­mals Sitz der Gra­fen von Jü­lich, Sta­ti­on ge­macht. Wil­helm II. hat­te Maß­nah­men zum Er­halt der Rui­ne an­schei­nend fi­nan­zi­ell un­ter­stützt, und ließ sich nun über den Stand der Re­stau­rie­rungs­ar­bei­ten in­for­mie­ren. Nach der Rück­kehr nach Bonn war er am Abend bei ei­nem Es­sen im neu­en Of­fi­ziers­ka­si­no des Hu­sa­ren­re­gi­ments zu­ge­gen.

Am Mor­gen des 20. Ok­to­ber stand wie­der­um ei­ne Au­to­tour an. Die Ab­fahrt be­deu­te­te zu­gleich die Ab­rei­se des Kai­sers aus Bonn, da an­schlie­ßend so­fort wei­ter­ge­fah­ren wur­de. Um vier­tel vor zehn brach die kai­ser­li­che Wa­gen­ko­lon­ne in Bonn auf, die Fahrt führ­te über Müns­ter­ei­fel, wo Wil­helm II. den Orts­kern und die al­te Stadt­mau­er be­sich­tig­te, an die Mo­sel nach Schloss Lie­ser, das sich im Be­sitz des Ober­prä­si­den­ten der Rhein­pro­vinz, [Cler­mens Frei­herr von Schor­le­mer-Lie­ser](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c9498a4a42a2.64224221 "Clemens Freiherr von Schorlemer") (1856-1922, [Ober­prä­si­dent](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/O#term-825) der Rhein­pro­vinz 1905-1910) be­fand, und wo die kai­ser­li­che En­tou­ra­ge über­nach­te­te, be­vor es am fol­gen­den Tag zu­rück nach Pots­dam ging.

Der fünf­te Kai­ser­be­such hat­te ei­nen öf­fent­li­chen Teil, in des­sen Mit­tel­punkt die Denk­mals­ein­wei­hung stand, und ei­nen pri­va­ten Teil, der ins­be­son­de­re den Aus­flü­gen in das Um­land ge­wid­met war. An­ders als bei vor­an­ge­gan­ge­nen An­läs­sen hielt Wil­helm II. kei­ne grö­ße­ren An­spra­chen und nahm auch nicht an Ver­an­stal­tun­gen der Uni­ver­si­tät und des Korps Bo­rus­sia teil. Ein neu­es Ri­tu­al des Kai­sers, über das auch die lo­ka­le Pres­se be­rich­te­te, wa­ren die all­mor­gend­li­chen Spa­zier­gän­ge am Rhein, bei de­nen er auch mit Pas­san­ten ins Ge­spräch kam, die über­rascht wa­ren, ih­rem Mon­ar­chen per­sön­lich zu be­geg­nen.

**7. Die neue Eintracht der Studentenschaft**

Fast auf den Tag ge­nau fünf Jah­re nach sei­nem letz­ten Auf­ent­halt kam der Kai­ser im Herbst 1911 wie­der nach Bonn. Die Rei­se vom 18.-20.10.1911 soll­te ein *rein pri­va­te\[r\] Be­such bei sei­nen hie­si­gen Ver­wand­ten* sein, wie die „Bon­ner Zei­tun­g“ be­reits am 10. Ok­to­ber be­tont hat­te.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="201"><sup data-reader-unique-id="202">\[47\]</sup></span> Doch da­bei soll­te es nicht blei­ben. Der Kai­ser ha­be, wie die Lo­kal­pres­se vom 15. Ok­to­ber be­rich­te­te, das An­ge­bot der Bon­ner Stu­den­ten­schaft an­ge­nom­men, die ei­nen Fa­ckel­zug zu sei­nen Eh­ren or­ga­ni­sie­ren wol­le.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="203"><sup data-reader-unique-id="204">\[48\]</sup></span> Ei­ne sol­che Art der Hul­di­gung hat­te zwar frü­her be­reits statt­ge­fun­den, be­saß aber die­ses Mal ei­ne be­son­de­re sym­bo­li­sche Be­deu­tung. Be­reits seit Jah­ren wa­ren die Bon­ner Stu­den­ten un­ter­ein­an­der zer­strit­ten. Die Mehr­heit der Stu­den­ten war kor­po­riert, die wich­tigs­ten Grup­pie­run­gen wa­ren die Bur­schen­schaf­ten, die Korps und die so­ge­nann­ten kon­fes­sio­nel­len Ver­bin­dun­gen, das hei­ßt die ka­tho­li­schen Ver­bin­dun­gen. Zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts gab es an meh­re­ren deut­schen Uni­ver­si­tä­ten und Tech­ni­schen Hoch­schu­len ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung dar­über, ob die ka­tho­li­schen Ver­bin­dun­gen über­haupt ei­ne Exis­tenz­be­rech­ti­gung be­sä­ßen, ih­nen wur­de ins­be­son­de­re ei­ne zu star­ke An­leh­nung an die ka­tho­li­sche Kir­che und na­tio­na­le Un­zu­ver­läs­sig­keit vor­ge­wor­fen. Im *aka­de­mi­schen [Kul­tur­kampf](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/K#term-794)*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="207"><sup data-reader-unique-id="208">\[49\]</sup></span> voll­zog sich in­ner­halb der Stu­den­ten­schaft zeit­ver­setzt die Aus­ein­an­der­set­zung, die auf po­li­ti­scher Ebe­ne be­reits in den 1870er Jah­ren statt­ge­fun­den hat­te. In Bonn kam noch ei­ne Be­son­der­heit hin­zu. Hier hat­te der Streit der Stu­den­ten schon An­fang der 1890er Jah­re be­gon­nen und sich sei­ner­zeit an der Per­son Ot­to von Bis­marcks (1815-1898) ent­zün­det.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="209"><sup data-reader-unique-id="210">\[50\]</sup></span> Wäh­rend die Bon­ner [Bur­schen­schaft](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/B#term-56) Ale­man­nia reichs­weit ei­ne füh­ren­de Rol­le beim ein­set­zen­den „Bis­marck­kul­t“ spiel­te, et­wa die Be­we­gung für die Er­bau­ung von Bis­marck­tür­men in­iti­ier­te und die „Hul­di­gungs­fahr­t“ zum 80. Ge­burts­tag des Reichs­grün­ders nach Fried­richs­ruh 1895 mit­or­ga­ni­sier­te<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="212"><sup data-reader-unique-id="213">\[51\]</sup></span>, nah­men die ka­tho­li­sche Ver­bin­dun­gen auf­grund der Er­fah­rung des Kul­tur­kampfs ei­ne kri­ti­sche Hal­tung zu Bis­marck ein. Da Wil­helm II. ein per­sön­li­ches In­ter­es­se an der Ent­wick­lung „sei­ner“ Al­ma Ma­ter hat­te, war der Dis­put der Bon­ner Stu­den­ten nicht nur uni­ver­si­täts­in­tern von Be­deu­tung. Die ver­schie­de­nen Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen hat­ten sich in der Ver­tre­ter­ver­samm­lung zu­sam­men­ge­schlos­sen, die qua­si die of­fi­zi­el­le Ver­tre­tung der Stu­den­ten­schaft ge­gen­über der Uni­ver­si­täts­lei­tung bil­de­te. In­fol­ge der Strei­tig­kei­ten zer­brach die Ver­samm­lung in zwei kon­kur­rie­ren­de Gre­mi­en, so dass ei­ne ein­heit­li­che In­ter­es­sen­ver­tre­tung nicht mehr exis­tier­te. Zwar gab es in den fol­gen­den Jah­ren Pha­sen der Wie­der­an­nä­he­rung, meh­re­re Ver­mitt­lungs­ver­su­che der Uni­ver­si­täts­lei­tung schei­ter­ten je­doch. Erst im Jahr 1911 kam es un­ter der Füh­rung des re­nom­mier­ten Völ­ker­recht­lers Phil­ipp Zorn als Rek­tor zum Durch­bruch. Es ge­lang ihm nicht nur, die Bur­schen­schaf­ten, Korps und kon­fes­sio­nel­len Ver­bin­dun­gen in ei­ner ge­mein­sa­men Ver­tre­ter­ver­samm­lung wie­der zu ver­ei­nen, dem Gre­mi­um ge­hör­ten nun auch wich­ti­ge stu­den­ti­sche Min­der­hei­ten wie die Frei­stu­den­ten­schaft (Fin­ken­schaft), die Frau­en­ver­bin­dun­gen und die jü­di­schen Kor­po­ra­tio­nen an. In sei­nem münd­li­chen Re­chen­schafts­be­richt an­läss­lich des Rek­to­rats­wech­sels hob der schei­den­de Rek­tor Zorn am 18.10.1911 – we­ni­ge Stun­den vor dem Ein­tref­fen Wil­helms II. in Bonn - die be­son­de­re Be­deu­tung der Ei­ni­gung her­vor, wo­durch ein *lan­ge\[r\] un­frucht­ba­re\[r\] Streit*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="215"><sup data-reader-unique-id="216">\[52\]</sup></span> über­wun­den wor­den sei. Nach ei­nem erst­mals wie­der ge­mein­sam be­gan­ge­nen Kai­ser­kom­mers zu Jah­res­be­ginn wur­de der Fa­ckel­zug zu Eh­ren des Kai­sers nun zum sicht­ba­ren Zei­chen die­ser stu­den­ti­schen Ei­ni­gung.

Wil­helm II. traf am Abend des 18. Ok­to­ber aus Aa­chen kom­mend, wo er an der Ein­wei­hung ei­nes Denk­mals für sei­nen ver­stor­be­nen Va­ter, Fried­rich III., teil­ge­nom­men hat­te, in ei­ner Wa­gen­ko­lon­ne aus sechs Kraft­wa­gen in Bonn ein, Sein Quar­tier war er­neut das Pa­lais Schaum­burg, der Abend fand oh­ne Ter­mi­ne im engs­ten Fa­mi­li­en­kreis statt. Im Ge­gen­satz zu frü­he­ren Be­su­chen wur­de we­nig Wert auf Pomp ge­legt. Das zeig­te sich auch dar­an, dass das Bon­ner Hu­sa­ren- und das In­fan­te­rie­re­gi­ment wie bei frü­he­ren Kai­ser­be­su­chen üb­lich ur­sprüng­lich ei­ne Eh­ren­wa­che vor dem Pa­lais Schaum­burg auf­stel­len und ih­re Re­gi­ments­fah­nen auf­zie­hen woll­ten. Mit dem Hin­weis, der Kai­ser ha­be für die­sen Be­such kei­ner­lei mi­li­tä­ri­sche Eh­ren­be­zeu­gung be­foh­len, wur­den die ent­spre­chen­den Vor­be­rei­tun­gen ge­stoppt.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="218"><sup data-reader-unique-id="219">\[53\]</sup></span>

Nach­dem der Mon­arch früh den neu er­nann­ten Kom­man­deur der Bon­ner Kö­nigs­hu­sa­ren, Jobst-Her­mann Graf und Ed­ler Herr zur Lip­pe-Bies­ter­feld-Weis­sen­feld (1865-1945), zu ei­ner Vor­stel­lung im Pa­lais Schaum­burg emp­fan­gen hat­te, brach der kai­ser­li­che Rei­se­tross am Mor­gen des 19. Ok­to­ber zur ge­plan­ten Rund­fahrt durch die Ei­fel auf. In den be­trof­fe­nen Klein­städ­ten und Dör­fern wur­de dem Kai­ser und sei­ner En­tou­ra­ge bei der Durch­fahrt der Wa­gen­ko­lon­ne laut Pres­se­be­richt­er­stat­tung zu­ge­ju­belt. Kur­ze Auf­ent­hal­te gab es et­wa zur Be­sich­ti­gung der Burg in Le­che­nich (heu­te Erft­stadt) und der Pfarr­kir­che von Zül­pich. Das Mit­tag­es­sen wur­de in ei­nem Gast­hof in Al­te­n­ahr ein­ge­nom­men. Die Wei­ter­fahrt führ­te am Nach­mit­tag nach May­en, wo Wil­helm II. das Schloss Bür­res­heim be­sich­tig­te. An­schlie­ßend be­such­te er zum wie­der­hol­ten Ma­le die Ab­tei Ma­ria Laach. Vom Abt des Klos­ters ließ er sich un­ter an­de­rem das neue Chris­tus-Pan­to­kra­tor-Mo­sa­ik über dem „Kai­ser­al­tar“ - der Kai­ser hat­te die Plat­zie­rung in der Haupt­ap­sis so­wie die Ge­stal­tung nach dem Vor­bild in der Ka­the­dra­le von Mon­rea­le per­sön­lich vor­ge­ge­ben - so­wie die neue Or­gel zei­gen. Die Rück­fahrt führ­te über An­der­nach und Go­des­berg di­rekt nach Bonn.

Ge­gen neun Uhr abends setz­te sich am Hof­gar­ten der Fa­ckel­zug der ge­ein­ten Bon­ner Stu­den­ten über die Ko­blen­zer Stra­ße in Rich­tung Pa­lais Schaum­burg in Be­we­gung. Wil­helm II., sein Ge­fol­ge und das Prin­zen­paar zu Schaum­burg-Lip­pe be­ob­ach­te­ten das Ge­sche­hen von ei­nem vor dem Pa­lais er­rich­te­ten Zelt aus. Ein Ver­tre­ter der ka­tho­li­schen Stu­den­ten­ver­bin­dung „Ar­mi­ni­a“ hielt ei­ne kur­ze An­spra­che, in der er be­ton­te, dass heu­te die Bon­ner Stu­den­ten­schaft *\[i\]n vol­ler Ein­heit*<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="223"><sup data-reader-unique-id="224">\[54\]</sup></span> ver­tre­ten sei. Im An­schluss zo­gen die Stu­den­ten am Kai­ser vor­bei und kehr­ten am Rhein ent­lang zum Markt­platz zu­rück, wo un­ter dem Ge­sang des Stu­den­ten­lie­des „Gau­dea­mus igi­tur“ die Fa­ckeln zu ei­nem Feu­er zu­sam­men­ge­wor­fen wur­den. Pro­fes­sor Zorn be­schrieb die Be­deu­tung des Er­eig­nis­ses in sei­nen Me­moi­ren fol­gen­der­ma­ßen: *\[I\]n ei­nem dem Kai­ser bei Ge­le­gen­heit ei­nes Be­su­ches in Bonn dar­ge­brach­ten gro­ßar­ti­gen Fa­ckel­zu­ges fei­er­te die Bon­ner Stu­den­ten­schaft ih­re wie­der­her­ge­stell­te fried­li­che Ein­heit und der Kai­ser er­wi­der­te die­se Hul­di­gung durch war­me Wor­te der Freu­de über die­se in der Bon­ner Stu­den­ten­schaft wie­der­her­ge­stell­te deut­sche Ein­heit*.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="226"><sup data-reader-unique-id="227">\[55\]</sup></span>

Be­reits ge­gen neun Uhr mor­gens am 20. Ok­to­ber reis­ten der Mon­arch und sei­ne En­tou­ra­ge wie­der ab. Zur Ver­ab­schie­dung hat­te sich Ober­bür­ger­meis­ter Spi­ri­tus ein­ge­fun­den. Ei­ne Be­son­der­heit be­stand wohl dar­in, dass ei­ne Film­fir­ma aus Metz die Ab­fahrt vom Pa­lais Schaum­burg auf­nahm<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="229"><sup data-reader-unique-id="230">\[56\]</sup></span>, was zur da­ma­li­gen Zeit noch al­les An­de­re als all­täg­lich war. Die Wa­gen­ko­lon­ne ver­ließ Bonn nach Sü­den über Lengs­dorf und Rött­gen in Rich­tung Me­cken­heim. Auf der Fahrt nach Schloss Lie­ser wur­de ein Zwi­schen­halt in Müns­ter­ei­fel ein­ge­legt, bei dem Wil­helm II. die Pfarr­kir­che und das Rat­haus be­sich­tig­te. Spä­ter in Daun nahm er an der Ein­wei­hung ei­nes so­ge­nann­ten Kai­ser­brun­nens mit sei­nem Bild­nis teil. Ins­ge­samt han­del­te es sich um ei­nen der kür­zes­ten Auf­ent­hal­te am Rhein. Ab­ge­se­hen vom Fa­ckel­zug der Stu­den­ten wur­de der pri­va­te Cha­rak­ter weit­ge­hend ein­ge­hal­ten. Wil­helm II. nahm an kei­ner Ver­an­stal­tung des Korps Bo­rus­sia teil, al­ler­dings wa­ren die Bon­ner Preu­ßen am Fa­ckel­zug be­tei­ligt.

**8. Das Thronjubiläum des Kaisers**

Im Jahr 1913 jähr­te sich die Thron­be­stei­gung Wil­helms II. zum 25. Mal. Die­ses Er­eig­nis wur­de so­wohl in der Haupt­stadt Ber­lin als auch im ge­sam­ten Reich fei­er­lich be­gan­gen. Im Vor­feld des neu­er­li­chen Kai­ser­be­suchs vom 15.-17.10.1913 be­ton­te die „Bon­ner Zei­tun­g“, es sei ei­ne be­son­de­re Freu­de, den Kai­ser in sei­nem Ju­bi­lä­ums­jahr zu Be­such zu ha­ben. Wie­der­um wur­de das be­son­de­re Ver­hält­nis von Stadt und Uni­ver­si­tät zu ih­rem ehe­ma­li­gen Stu­den­ten be­schwo­ren. Es sei das *Ge­fühl treu­er An­häng­lich­keit, das uns mit dem Kai­ser ver­bin­det. Auch heu­te wer­den in die­sem Ge­fühl dem Kai­ser die Her­zen sei­ner Bon­ner wie­der ent­ge­gen­schla­gen*. Her­vor­ge­ho­ben wur­de au­ßer­dem die be­son­de­re Be­deu­tung der Uni­ver­si­tät als der *geis­ti­ge\[n\] Haupt­stadt der Rhein­lan­de*.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="235"><sup data-reader-unique-id="236">\[57\]</sup></span>

Wil­helm II. traf am Nach­mit­tag des 15. Ok­to­ber un­ter dem Ge­läut der Glo­cken der Kreuz­kir­che an der Spit­ze ei­ner aus fünf Kraft­wa­gen be­ste­hen­den Ko­lon­ne in Bonn ein. Zu­vor hat­te er von der Mo­sel kom­mend am Wei­he­got­tes­dienst für die neue evan­ge­li­sche Kir­che in Ge­rol­stein in der Ei­fel teil­ge­nom­men, für de­ren Bau Kai­se­rin Au­gus­te Vic­to­ria die Schirm­herr­schaft über­nom­men hat­te. Auf dem Pa­lais Schaum­burg wur­de die Kai­ser­stan­dar­te auf­ge­zo­gen und so­wohl vor dem Ein­gang als auch im In­nern vor den Ge­mä­chern des Mon­ar­chen Eh­ren­pos­ten aus den Rei­hen der bei­den Bon­ner Re­gi­men­ter – der Kö­nigs­hu­sa­ren und der In­fan­te­ris­ten – auf­ge­stellt.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="238"><sup data-reader-unique-id="239">\[58\]</sup></span> Den Abend ver­brach­te Wil­helm II. im Krei­se der Ver­wand­ten, sei­ner Schwes­ter und de­ren Ehe­mann.

Das Be­suchs­pro­gramm am 16. Ok­to­ber be­gann mit ei­nem län­ge­ren Spa­zier­gang des Kai­sers und sei­nes Ge­fol­ges an der Rhein­pro­me­na­de. An­schlie­ßend emp­fing er den Abt des Klos­ters Ma­ria Laach, [Il­de­fons Her­we­gen](safari-reader://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c82e8ea97441.95455986 "Ildefons Herwegen"), zu­dem war für den Fol­ge­tag ein wei­te­rer Be­such des Kai­sers im Klos­ter ge­plant. Am Nach­mit­tag ging es zur Rund­fahrt in das Ber­gi­sche Land, die un­ter an­de­rem durch Wip­per­fürth, Wald­bröl und Ei­torf führ­te, je­doch kei­nen Auf­ent­halt in ei­nem der Or­te vor­sah.

Auch der 17. Ok­to­ber be­gann mit dem üb­li­chen Rhein­spa­zier­gang. Da sich das kai­ser­li­che Ri­tu­al mitt­ler­wei­le her­um­ge­spro­chen hat­te, war ei­ne grö­ße­re Zahl an Bür­gern an der Rhein­pro­me­na­de un­ter­wegs, um aus un­mit­tel­ba­rer Nä­he ei­nen Blick auf die ho­hen Herr­schaf­ten zu wer­fen. Die We­ge wa­ren öf­fent­lich zu­gäng­lich, Ab­sper­run­gen oder Ein­schrän­kun­gen exis­tier­ten of­fen­sicht­lich nicht.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="243"><sup data-reader-unique-id="244">\[59\]</sup></span> Spä­ter führ­te den Kai­ser ei­ne Be­sich­ti­gungs­tour über Re­ma­gen und durch das Brohl­tal mit Ziel Ma­ria Laach. Nach ei­nem Rund­gang und ei­nem Es­sen im Krei­se der Pa­tres ging es zu­rück nach Bonn. Neu war, dass auf dem Rück­weg die kai­ser­li­che Wa­gen­ko­lon­ne von Brohl aus von ei­nem Was­ser­flug­zeug, ei­nem neu kon­stru­ier­ten Flug­zeug­typ, in der Luft „es­kor­tier­t“ wur­de. Vor sei­ner Ab­rei­se emp­fing Wil­helm II. im Pa­lais Schaum­burg noch ei­ne Ab­ord­nung von Schü­le­rin­nen des Her­se­ler Ur­su­li­nen­klos­ters. Am spä­ten Abend ver­lie­ßen Wil­helm II. und sein Ge­fol­ge Bonn mit dem Hof­zug, der wäh­rend des ge­sam­ten Auf­ent­halts auf ei­nem Ne­ben­gleis des Bahn­hofs ge­stan­den hat­te. Ei­ne Ver­län­ge­rung des Auf­ent­halts war die­ses Mal nicht mög­lich, weil am 18.10.1913 in Leip­zig die gro­ße Ein­wei­hungs­fei­er für das Völ­ker­schlacht­denk­mal statt­fin­den soll­te. Da vie­le stu­den­ti­sche Ver­bin­dun­gen be­reits Ab­ord­nun­gen nach Leip­zig ge­schickt hat­ten, fan­den bei die­sem Bon­ner Auf­ent­halt des Kai­sers kei­ne ent­spre­chen­den Ak­ti­vi­tä­ten statt. Was die­sem Zeit­punkt nie­mand ahn­te: Es soll­te der letz­te Be­such Kai­ser Wil­helms II. zu Frie­dens­zei­ten in sei­ner *ge­treu­en Stadt Bonn* ge­we­sen sein.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="246"><sup data-reader-unique-id="247">\[60\]</sup></span>

**9. Schlussbetrachtung**

Ins­ge­samt auf­fäl­lig ist der Wan­del der Kai­ser­be­su­che über die zwei Jahr­zehn­te hin­weg, wo­bei bei den ers­ten Auf­ent­hal­ten des Mon­ar­chen die Uni­ver­si­tät und stär­ker noch das Korps Bo­rus­sia ein­deu­tig im Mit­tel­punkt stan­den. Der Kai­ser ab­sol­vier­te bei die­sen frü­hen Be­su­chen ei­ne Viel­zahl öf­fent­li­cher Auf­trit­te und Re­den. Die spä­te­ren Be­su­che ent­hal­ten hin­ge­gen kaum noch öf­fent­li­che Ter­mi­ne und über­haupt kei­ne grö­ße­ren An­spra­chen mehr. Auch nahm er kei­ne Mög­lich­kei­ten zur Teil­nah­me an Ver­an­stal­tun­gen der Uni­ver­si­tät und der Kor­po­ra­tio­nen mehr wahr, Wil­helm II. zog sich wäh­rend sei­ner spä­te­ren Auf­ent­hal­te in Bonn weit­ge­hend ins Pri­va­te zu­rück. Der Kai­ser ver­hielt sich nun eher wie ein Tou­rist denn wie ein Staats­ober­haupt und un­ter­nahm ver­schie­de­ne Aus­flü­ge in die Ei­fel. Fol­gen­de Grün­de mag es für die­se Ent­wick­lung viel­leicht ge­ge­ben ha­ben:

<div data-reader-unique-id="154" id="bkmrk-mit-zu%C2%ADneh%C2%ADmen%C2%ADdem-a" style="text-align: justify;"><div data-reader-unique-id="155">1. Mit zu­neh­men­dem Al­ter brach­te Wil­helm II. den An­ge­le­gen­hei­ten der Bon­ner Uni­ver­si­tät und dem stu­den­ti­schen Trei­ben „sei­ner“ Bo­rus­sia mög­li­cher­wei­se we­ni­ger In­ter­es­se ent­ge­gen als in den frü­hen Jah­ren sei­ner Herr­schaft.
2. Die Rol­le als Au­to­mo­bi­list wur­de für den tech­nik­be­geis­ter­ten Mon­ar­chen zu ei­nem neu­en Hob­by, dem er sich ab 1902/1903 mit zu­neh­men­der Be­geis­te­rung wid­me­te; die Nut­zung des Kraft­fahr­zeugs „ver­än­der­te das Frei­zeit- und Rei­se­ver­hal­ten des Kai­ser­s“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="253"><sup data-reader-unique-id="254">\[61\]</sup></span>, wo­für der Wan­del der Be­su­che Wil­helms II. in Bonn ein Be­leg sein könn­te.
3. In­fol­ge zu­neh­men­der in­nen­po­li­ti­scher Kri­tik an sei­nem Re­gie­rungs­stil, die sich an um­strit­te­nen Re­den so­wie an Skan­da­len des Kai­sers und sei­nes Hof­staats ent­zün­de­te<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="256"><sup data-reader-unique-id="257">\[62\]</sup></span>, mag in spä­te­ren Jah­ren viel­leicht ei­ne et­was grö­ße­re Zu­rück­hal­tung und ei­ne Re­duk­ti­on öf­fent­li­cher Auf­trit­te – so auch bei den Auf­ent­hal­ten in Bonn - zur Fol­ge ge­habt ha­ben. Al­ler­dings zeig­te sich das ver­än­der­te Be­suchs­ver­hal­ten des Mon­ar­chen be­reits im Herbst 1906, wäh­rend die an­hal­ten­de Kri­tik am Auf­tre­ten Wil­helms II. erst ei­ne Fol­ge des Eu­len­burg-Skan­dals 1907 und ins­be­son­de­re der Dai­ly-Te­le­graph-Af­fä­re 1908 war; und selbst nach die­sen Af­fä­ren war die grö­ße­re Zu­rück­hal­tung in den öf­fent­li­chen Auf­trit­ten und Re­den Wil­helms II. nur vor­über­ge­hen­der Na­tur.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="258"><sup data-reader-unique-id="259">\[63\]</sup></span>

</div></div>In Bonn je­den­falls hiel­ten die al­ten mon­ar­chi­schen Eli­ten dem Kai­ser bis in den Ers­ten Welt­krieg hin­ein und noch dar­über hin­aus die Treue. Bei der ver­spä­te­ten Fei­er zum 100-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät am 3.8.1919 scheu­te sich der Uni­ver­si­täts­rek­tor Ernst Zi­tel­mann (1852-1923) in An­we­sen­heit des neu­en preu­ßi­schen Kul­tus­mi­nis­ters, des So­zi­al­de­mo­kra­ten Kon­rad Hae­nisch (1876-1925, Kul­tus­mi­nis­ter 1919-1921), nicht, an das be­son­de­re Ver­hält­nis von Stadt und Uni­ver­si­tät zu Wil­helm II. zu er­in­nern: *In Ehr­furcht und tiefs­tem Mit­ge­fühl ge­den­ke ich dar­um heu­te vor al­lem des er­lauch­tes­ten Zög­lings die­ser Uni­ver­si­tät, des er­ha­be­nen ehe­ma­li­gen deut­schen Kai­sers. Ihm, der so oft in Bonn um­ju­belt wor­den ist, ihm sen­den wir in sei­ne tra­gi­sche Ein­sam­keit un­se­re ehr­furcht­volls­ten Grü­ße und zu­gleich die hei­ßes­ten Wün­sche für sein Wohl und das sei­nes Hau­ses*.<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="262"><sup data-reader-unique-id="263">\[64\]</sup></span>

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Rosin, Philip, Kaisertage am Rhein. Besuche Wilhelms II. in Bonn zwischen 1891 und 1913, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/kaisertage-am-rhein.-besuche-wilhelms-ii.-in-bonn-zwischen-1891-und-1913/DE-2086/lido/5d89fb171dc5f6.17456174 (abgerufen am 18.05.2026)

<div class="information-object__body" id="bkmrk--7"><div class="information-object-paragraph"><div class="information-object-paragraph__content"><div class="footnotes" id="bkmrk--8"></div></div></div></div><div class="information-object__body" id="bkmrk--9"><div class="information-object-paragraph"><div class="information-object-paragraph__content"><div class="footnotes">  
</div></div></div></div>-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt; Albig, Jörg-Uwe: Wilhelm II. Als Kaiser der Letzte, in: Deutschland um 1900. Von Bismarck bis Wilhelm II. Aufstieg und Fall des Kaiserreichs (GEO Epoche Jg. 2004, Heft Nr. 12), Hamburg 2004.

-&gt;

-&gt;

# Thomas Mann

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Thomas Mann und die Rheinlade

##### 1. Thomas Mann und die Rheinlande

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/N6Jimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/N6Jimage.png)

<div class="information-object__top" id="bkmrk-thomas-mann%2C-1937%2C-f"><div class="outer-wrapper"><div class="information-object-mood
                    "><div class="information-object-mood__mood-image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Thomas Mann, 1937, Foto: Carl van Vechten. (Library of Congress, Van Vechten Collection)

</figcaption></figure></div></div></div></div></div>**1. Einleitung**

Die Rhein­lan­de sind nicht die Re­gi­on, die in Tho­mas Manns (1875-1955) Le­ben und Werk ei­nen be­son­de­ren Platz ein­ge­nom­men hat, kein Ver­gleich mit Lü­beck, Mün­chen, der Schweiz oder den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Auch sei­ne Ro­ma­ne und Er­zäh­lun­gen spie­len über­wie­gend an an­de­ren Or­ten; die Rhein­lan­de fal­len, wie es Hans R. Va­get tref­fend for­mu­liert, „völ­lig aus dem Rah­men des Tho­mas Mann­schen Œu­vres“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="22"><sup data-reader-unique-id="23">\[1\]</sup></span>. Den­noch gibt es ne­ben zahl­rei­chen Be­suchs- und Vor­trags­rei­sen zwi­schen 1903 und 1932 so­wie 1954 ei­ni­ge be­mer­kens­wer­te bio­gra­phi­sche Be­zie­hun­gen des Schrift­stel­lers zum Rhein­land, na­ment­lich sei­ne Freund­schaft mit dem Ger­ma­nis­ten und Schrift­stel­ler Ernst Ber­tram (1884-1957) so­wie das phi­lo­so­phi­sche Eh­ren­dok­to­rat der Uni­ver­si­tät [Bonn](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11f467f2030.53547864 "Stadt Bonn"). Auch in sei­nem Spät­werk fin­den sich rhei­ni­sche Be­zü­ge: So spielt sei­ne letz­te Er­zäh­lung „Die Be­tro­ge­ne“ (1953) in [Düs­sel­dorf](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd5d070b7153.05336683 "Stadt Düsseldorf"), und „Fe­lix Krul­l“ (1954) ver­bringt sei­ne Kind­heit im Rhein­gau. Ei­ni­ge As­pek­te die­ser fa­cet­ten­rei­chen Be­zie­hun­gen sei­en im Fol­gen­den skiz­ziert.

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/HiYimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/HiYimage.png)

<div class="content-images" id="bkmrk-ernst-bertram%2C-undat"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Ernst Bertram, undatiert.

</figcaption></figure></div>**2. Die Besuche Thomas Manns im Rheinland**

Tho­mas Manns ers­ter Be­such im Rhein­land da­tiert in das Jahr 1903. Am 1. Ok­to­ber be­such­te er im Düs­sel­dor­fer Stadt­thea­ter die Pre­mie­re von Schil­lers „Ka­ba­le und Lie­be“, in der sei­ne Schwes­ter Car­la (1881–1910) mit­wirk­te. Er wohn­te im Park-Ho­tel, ei­ni­ge sei­ner Ein­drü­cke die­ses Ho­tels flos­sen spä­ter in den Ro­man „Kö­nig­li­che Ho­heit“ ein. Im Ja­nu­ar 1911 weil­te er er­neut im Rhein­land, vor al­lem zu Vor­le­sun­gen, in [Ko­blenz](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11fd00472a0.61506310 "Stadt Koblenz"), Bonn, Düs­sel­dorf und [Mül­heim an der Ruhr](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d120a82c8f16.57464155 "Stadt Mülheim an der Ruhr"). In Bonn kam er in Kon­takt zur dor­ti­gen Li­terar­his­to­ri­schen Ge­sell­schaft und zu dem Ger­ma­nis­ten Bert­hold Litz­mann (1857–1926) und des­sen Kreis, in Mül­heim an der Ruhr ver­mut­lich mit Ade­li­ne Stin­nes (1844–1925), Wit­we von Hu­go Stin­nes (1842–1887). Die Rei­se „war an­stren­gend, bot aber viel An­re­gen­des und Lehr­rei­ches“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="33"><sup data-reader-unique-id="34">\[2\]</sup></span>. Im Rah­men ei­ner 17-tä­gi­gen Vor­trags­rei­se quer durch Deutsch­land und in das be­setz­te Bel­gi­en las er am 8.1.1918 in [Es­sen](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11f99629534.85466161 "Stadt Essen") im Kunst­ver­ein. Ei­ne mehr­wö­chi­ge Vor­trags­rei­se durch West­deutsch­land vom 3.-21.11.1920 führ­te ihn un­ter an­de­rem nach Bar­men (heu­te Stadt Wup­per­tal), El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal), Düs­sel­dorf, Es­sen, Bonn, Köln und Ko­blenz. Eben­falls über­wie­gend zu Vor­trä­gen und Le­sun­gen be­such­te er im Ok­to­ber 1922 Mül­heim an der Ruhr, [Duis­burg](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57a1bb8b86e3d8.75533467 "Stadt Duisburg") und Kle­ve. Frag­lich ist ei­ne für En­de Ja­nu­ar 1924 kol­por­tier­te Le­sung in [Aa­chen](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11ee6c78f89.85456777 "Stadt Aachen"). Be­legt ist erst wie­der ein Be­such bei Ernst Ber­tram in Köln-Ma­ri­en­burg Mit­te Ja­nu­ar 1926 und ei­ne Le­sung in Bonn. 1927 weil­te Tho­mas Mann zwei­mal im Rhein­land: im Mai in Köln mit ei­nem Ab­ste­cher zu ei­ner Le­sung in Es­sen und ei­ner Be­sich­ti­gung der Krupp­wer­ke so­wie ei­ne Vor­trags­rei­se im No­vem­ber, im De­zem­ber mit Ter­mi­nen in Aa­chen, [Glad­bach](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d1207d150105.15349746 "Stadt Mönchengladbach") (heu­te Mön­chen­glad­bach), [Kre­feld](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d120098edaa9.85225473 "Stadt Krefeld"), Düs­sel­dorf, [Trier](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5b1a5fedc03351.26864357 "Trier") und Ko­blenz. 1928 be­such­te er im Mai Ernst Ber­tram in Köln, las in Düs­sel­dorf, hielt im No­vem­ber ei­nen Vor­trag in Duis­burg und mög­li­cher­wei­se auch in wei­te­ren Or­ten. Im No­vem­ber 1929 reis­te Tho­mas Mann, dem kurz zu­vor der No­bel­preis für Li­te­ra­tur zu­er­kannt wor­den war, er­neut in das Rhein­land, las in Düs­sel­dorf und Köln, nahm an der ihm zu Eh­ren ver­an­stal­te­ten Tho­mas-Mann-Fei­er der Uni­ver­si­tät Bonn teil und be­tei­lig­te sich an ei­nem Auf­ruf für ein Hein­rich-Hei­ne-Denk­mal in Düs­sel­dorf. Erst im No­vem­ber 1932 kehr­te Tho­mas Mann in das Rhein­land zu­rück, zu ei­nem Be­such von Ernst Ber­tram in Köln, zu Vor­trä­gen in Wup­per­tal-El­ber­feld und Es­sen so­wie zu ei­ner Le­sung im Köl­ner Rund­funk über die Ent­ste­hung der Bud­den­brooks. Sein letz­ter Be­such fand erst 22 Jah­re spä­ter statt, im Au­gust 1954, mit Be­su­chen und Le­sun­gen in Köln und Düs­sel­dorf und ei­nem letz­ten Be­such von Ernst Ber­tram.

Im Ein­zel­nen be­such­te Tho­mas Mann fol­gen­de rhei­ni­schen Städ­te:

Aa­chen  
31.1.1924 (Le­sung; frag­lich)  
3.12.1927 (Le­sung)

Bar­men (heu­te Stadt Wup­per­tal)  
9.11.1920 (Be­such/Le­sung)

Bonn   
14./17.1.1911 (Le­sung)  
Herbst 1918 (Be­such, frag­lich)  
14.–19.11.1920 (Be­such/Le­sung)  
14.1.1926 (Le­sung)  
28.11.1929 (Tho­mas-Mann-Fei­er)

Düs­sel­dorf  
1.10.1903 (Be­such)  
18.1.1911 (Le­sung)  
11.11.1920  
16.11.1922  
7.12.1927 (Auf­ent­halt/Le­sung)  
24.5.1928 (Le­sung)  
27.11.1928 (Le­sung)  
25.–27.8.1954 (Be­such/Le­sung)

Duis­burg  
5.11.1920 (Le­sung/Be­such)  
25.11.1928 (Le­sung)

El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal)  
10.11.1920 (Le­sung)  
8.11.1932 (Le­sung)

Es­sen  
8.1.1918 (Le­sung)  
13.11.1920 (Be­such/Le­sung)  
4.5.1927 (Le­sung)  
9.11.1932 (Le­sung)

Glad­bach (heu­te Mön­chen­glad­bach)  
4.11.1927 (Le­sung)

Kle­ve  
18./19.11.1922 (Le­sung)

Ko­blenz  
12.1.1911 (Le­sung)  
9.12.1927 (Le­sung)

Köln  
16.11.1920 (Le­sung)  
13.–16.1.1926 (Be­such Ernst Bertam)  
3.–6.5.1927 (Be­such)  
22.–24.5.1928 (Be­such Ernst Ber­tram)  
29.11.1929 (Le­sung)  
8.–11.11.1932 (Be­such Ernst Ber­tram/Le­sung)  
24.–25.8.1954 (Be­such Ernst Ber­tram/Le­sung)

Kre­feld  
6.12.1927 (Le­sung)

Mön­chen­glad­bach – s. Glad­bach

Mül­heim a.d. Ruhr  
15.1.1911 (Be­such)  
4.–6.11.1920 (Be­such/4.11. Le­sung)  
15.–17.11.1922 (Be­such)

Trier  
8.12.1927 (Le­sung)

Wup­per­tal – s. Bar­men und El­ber­feld

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/YZQimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/YZQimage.png)

<div class="content-images" id="bkmrk-thomas-mann-w%C3%A4hrend-"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Thomas Mann während seines letzten Besuches des Rheinlandes bei der Besichtigung von Schloss Benrath in Düsseldorf am 27.8.1954. Zu sehen sind v.l.n.r.: Dr. Renate Adriani, Katia Mann, Dr. Gert Adriani, Prof. Gustav Lindemann, Thomas Mann und der nordrhein-westfälische Kultusminister Werner Schütz, Foto: Wilhelm Margulies. (Theatermuseum Düsseldorf)

</figcaption></figure></div>**3. Die Beziehung zu dem Germanisten Ernst Bertram**

Der Ger­ma­nist und Schrift­stel­ler Ernst Ber­tram, ge­bo­ren am 27.7.1884 in El­ber­feld, leb­te nach sei­ner [Pro­mo­ti­on](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/P#term-444) 1907 als Pri­vat­ge­lehr­ter in Mün­chen und El­ber­feld. 1910 kam es zu ei­nem per­sön­li­chen Kon­takt zwi­schen ihm und Tho­mas Mann, der sich „sehr bald von ei­nem bloß sach­lich-li­te­ra­ri­schen Ge­spräch zu ei­ner Freund­schaft mit dem Hau­se Mann, den Kin­dern und der Fa­mi­lie, ent­wi­ckel­te“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="103"><sup data-reader-unique-id="104">\[3\]</sup></span> und häu­fi­ge­re Be­su­che Tho­mas Manns im Rhein­land be­ding­te, wo Ber­tram, seit 1919 [Pri­vat­do­zent](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/P#term-442) in Bonn und seit 1922 Pro­fes­sor in Köln, leb­te. Ber­tram hat­te durch sei­nen Le­bens­ge­fähr­ten Ernst Glöck­ner Kon­tak­te zum Kreis um Ste­fan Ge­or­ge (1868-1933), oh­ne selbst als Geor­gia­ner zu gel­ten. Für das Werk Tho­mas Manns be­deut­sam ist der en­ge Kon­takt mit Ber­tram wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges und des­sen Ein­flüs­se auf Manns Werk „Be­trach­tun­gen ei­nes Un­po­li­ti­schen“ (1918), das fast zeit­gleich mit Ernst Ber­trams „Nietz­sche. Ver­such ei­ner My­tho­lo­gie“ er­schien. Bei­de sa­hen sich als „ty­pi­sche Ver­tre­ter der künst­le­ri­schen und aka­de­mi­schen In­tel­li­genz, wa­ren sich in ih­rer deutsch-na­tio­na­len, an­ti-fran­zö­si­schen Ge­sin­nung ei­nig, bei­de sa­hen sich durch die Be­dro­hung von au­ßen zur Aus­ein­an­der­set­zung mit den Wer­ten der ei­ge­nen Ver­gan­gen­heit ver­an­la­ßt“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="106"><sup data-reader-unique-id="107">\[4\]</sup></span>. Das mit Ber­trams Un­ter­stüt­zung ge­schaf­fe­ne Werk be­zeich­ne­te Tho­mas Mann in ei­nem 1930 ge­schrie­be­nen Rück­blick als „Ge­dan­ken­dienst mit der Waf­fe, zu wel­chem \[…\] nicht Staat und Wehr­macht, son­dern die Zeit selbst mich ‚ein­ge­zo­gen‘ hat­te. \[…\] Ernst Ber­tram war der Ver­trau­te mei­ner ufer­lo­sen po­li­tisch-an­ti­po­li­ti­schen Grü­be­lei­en“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="108"><sup data-reader-unique-id="109">\[5\]</sup></span>. In der Zeit der per­sön­li­chen und welt­an­schau­lich en­gen Ver­traut­heit über­nahm Ber­tram auch die Pa­ten­schaft für Manns Toch­ter Eli­sa­beth (Mann-Bor­ge­se, 1918–2002). Den Pa­ten be­schreibt Mann im „Ge­sang vom Kind­chen“ (1919) durch­aus mit Sym­pa­thie:   
„Der an­häng­li­che Freund, im wohl­ge­schnit­te­nen Geh­rock,   
Bür­ger­lich vor­nehm, ein we­nig alt­frän­kisch, der deut­sche Ge­lehr­te  
Und Po­et, voll kind­lich ar­ti­gen Frohmuts, je­doch dem  
Lei­den ver­traut, dem Geis­te en­ger ver­bun­den durch Krank­heit,  
Die ihm dem Le­ben ver­mählt und pe­ri­odisch ihn mar­tert.“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="115"><sup data-reader-unique-id="116">\[6\]</sup></span>   
Die „Be­trach­tun­gen ei­nes Un­po­li­ti­schen“ mit ih­ren „oft wahr­haft frag­wür­di­gen Mei­nun­gen“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="118"><sup data-reader-unique-id="119">\[7\]</sup></span> wa­ren aber mit ih­rem Er­schei­nen kurz vor Kriegs­en­de für Tho­mas Mann fast schon über­holt, für ihn war der Kom­plex sei­nes „geis­ti­gen Bei­trags zum Krie­ge“ ab­ge­schlos­sen<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="120"><sup data-reader-unique-id="121">\[8\]</sup></span>. Für Tho­mas Mann war in der Fol­ge­zeit „Nutz­bar­ma­chen der ge­won­ne­nen Ein­sicht, for­men­de Ver­wand­lung der ein­mal ge­ge­be­nen Rea­li­tät \[…\] das Ge­bot der Stun­de“. Die­ser Weg hat die Mei­len­stei­ne sei­ner Re­den be­zie­hungs­wei­se Auf­sät­ze „Von deut­scher Re­pu­bli­k“ (1922), „Pa­ri­ser Re­chen­schaf­t“ (1926) und „Deut­sche An­spra­che (1930). Tho­mas Mann stand fort­an auf dem Bo­den des de­mo­kra­tisch ver­fass­ten Ge­mein­we­sens, re­prä­sen­tier­te ei­nen „hu­ma­nen Kos­mo­po­li­tis­mus, der sich gro­ßzü­gig über al­le Gren­zen der Na­tio­na­li­tät, des Glau­bens und der Ras­sen­zu­ge­hö­rig­keit hin­weg­setz­te“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="122"><sup data-reader-unique-id="123">\[9\]</sup></span>. Ber­tram in­des ver­harr­te auf ei­nem stu­ren Na­tio­na­lis­mus, der mög­li­cher­wei­se durch Er­fah­run­gen in dem von den Kriegs­geg­nern be­setz­ten Rhein­land noch ver­stärkt wur­den. Die zu­neh­men­de po­li­ti­sche Ent­frem­dung hin­der­te Tho­mas Mann und Ernst Ber­tram nicht, ih­re Be­zie­hung auf mensch­li­cher und li­te­ra­ri­scher Ba­sis fort­zu­set­zen und sich wech­sel­sei­tig in Köln und Mün­chen zu be­su­chen, auch wenn es hin und wie­der zu po­li­ti­schen Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten kam. Zu ei­ner erns­te­ren per­sön­li­chen Ver­stim­mung kam es 1927, als Ernst Ber­tram ei­nen Ruf als [Or­di­na­ri­us](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/O#term-392) für Li­te­ra­tur­ge­schich­te nach Mün­chen, der mut­ma­ß­lich von Tho­mas Mann un­ter­stützt wor­den war, aus per­sön­li­chen Grün­den (Freund­schaft zu Ernst Glöck­ner) ab­lehn­te.

Das Jahr 1933, nach­dem Tho­mas Mann ins Schwei­zer Exil ge­gan­gen war, brach­te ein auf gro­ßer mensch­li­cher Ent­täu­schung be­ru­hen­des tief­ge­hen­des Zer­würf­nis. In ei­nem Brief an Ber­tram aus Küs­nacht bei Zü­rich stell­te Tho­mas Mann am 19.11.1933 fest: „Zu vie­les steht zwi­schen uns, des­sen brief­li­che Er­ör­te­rung ufer­los, pein­lich und nicht ein­mal un­ge­fähr­lich wä­re.“ Er be­klag­te, Ber­tram ha­be „in all den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten, den schwers­ten mei­nes Le­bens, da der Choc des Ver­lus­tes von Heim, Ha­be und Va­ter­land mir in al­len Glie­dern saß, \[…\] nicht ein Wort des Zu­spruchs und der An­teil­nah­me ge­fun­den für ei­nen Men­schen und Geist, dem Ih­re Ju­gend ei­ni­ges zu dan­ken hat­te, und als Sie im Tes­sin ei­ne Ei­sen­bahn-Stun­de von mir ent­fernt wa­ren, ha­ben Sie sich nicht über­wun­den, mich zu be­su­chen.“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="126"><sup data-reader-unique-id="127">\[10\]</sup></span> Der Brief en­de­te: „Lie­ber Ber­tram, le­ben Sie wohl in Ih­rem völ­ki­schen Glas­hau­se, ge­schützt vor der Wahr­heit durch ei­ne Bru­ta­li­tät, die so we­nig die Ih­re ist. Sie woll­ten sich, sag­ten Sie des Rechts­ha­bens nicht über­he­ben. Nun, das wä­re ja auch ver­früht. Das Le­ben geht wei­ter, und wir wer­den se­hen, – Sie nach mensch­li­chem Er­mes­sen mehr als ich.“ Bei­ge­fügt sind die bei­den letz­ten Ver­se aus dem Ge­dicht „Es sehnt sich ewig die­ser Geist ins Wei­te“ des von bei­den hoch­ge­schätz­ten Au­gust von Pla­ten (1796–1835):  
„Doch wer aus vol­ler See­le ha­ßt das Schlech­te,  
Auch aus der Hei­mat wird es ihn ver­ja­gen,  
Wenn dort ver­ehrt es wird vom Volk der Knech­te.  
Weit klü­ger ist’s, dem Va­ter­land ent­sa­gen,  
Als un­ter ei­nem kin­di­schen Ge­schlech­te  
Das Joch des blin­den Pö­bel­has­ses tra­gen.“

In den fol­gen­den Jah­ren bis 1935 gab es den­noch ei­ne ge­le­gent­li­che Kor­re­spon­denz zwi­schen Mann und Ber­tram, auch ließ man sich ge­gen­sei­tig Ver­öf­fent­li­chun­gen zu­kom­men. Der brief­li­che Kon­trakt leb­te nach dem Krieg wie­der auf, als Tho­mas Mann 1949 zum ers­ten Mal wie­der in Deutsch­land weil­te, auch setz­te sich Mann in dis­kre­ter Form zu­guns­ten Ber­trams in des­sen Ent­na­zi­fi­zie­rungs­an­ge­le­gen­heit ein. Ei­ne letz­te per­sön­li­che Be­geg­nung in Ber­trams Heim in Köln-Ma­ri­en­burg er­gab sich bei Tho­mas Manns Be­such im Rhein­land am 25.8.1954, über die Mann in sei­nem Ta­ge­buch no­tier­te<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="135"><sup data-reader-unique-id="136">\[11\]</sup></span>: „Freund­li­cher Auf­ent­halt in sei­ner sin­nig-schö­nen Woh­nung, vol­ler per­sön­li­cher und künst­le­ri­scher An­denken. Sein Ge­sicht ge­al­ter­te Ver­gan­gen­heit. Sei­ne ge­sprä­chi­ge, sym­pa­thisch-alt­mo­di­sche Art un­ver­än­dert. Herz­li­ches Ver­hält­nis, herz­li­che Ver­ab­schie­dung.“

**4. Die Bonner Ehrenpromotion**

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/xAhimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/xAhimage.png)

<div class="content-images" id="bkmrk-urkunde-%C3%BCber-die-ehr"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Urkunde über die Ehrendoktorwürde für Thomas Mann, verliehen von der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Jahr 1919. (Archiv der Universität Bonn)

</figcaption></figure></div>Der Dok­tor phil. h.c., den die Phi­lo­so­phi­sche [Fa­kul­tät](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/F#term-150) der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn aus An­lass der Jahr­hun­dert­fei­er der Uni­ver­si­tät im Au­gust 1919 Tho­mas Mann ver­lieh, war die ers­te von spä­ter zahl­rei­chen wei­te­ren aka­de­mi­schen Wür­den und wä­re als sol­cher kaum mehr als ei­ne bio­gra­phi­sche Mar­gi­na­lie. Her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung be­kam die­ser [Eh­ren­dok­tor](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/E#term-121) durch sei­ne Ab­er­ken­nung 1936, die Tho­mas Mann zum An­lass nahm, ern­reut in al­ler Deut­lich­keit mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ab­zu­rech­nen.

Zwi­schen Tho­mas Mann und der Uni­ver­si­tät Bonn be­stan­den in der Per­son des dort leh­ren­den Ger­ma­nis­ten Bert­hold Litz­mann seit 1906 Kon­tak­te. An­fang des Jah­res trat Tho­mas Mann der von Litz­mann ge­lei­te­ten Li­terar­his­to­ri­schen Ge­sell­schaft Bonn bei. Ernst Ber­tram re­fe­rier­te dort 1909 über Tho­mas Manns neu­en Ro­man „Kö­nig­li­che Ho­heit“. Im Ja­nu­ar 1911 nahm Mann an ei­ner Sit­zung der Ge­sell­schaft teil und lern­te Litz­mann und sei­nen Kreis ken­nen. Die In­itia­ti­ve zur Bon­ner Eh­ren­pro­mo­ti­on ging von Litz­mann aus. Ob im Vor­feld des Ver­fah­rens Tho­mas Mann im Herbst 1918 mit dem [De­kan](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/D#term-74) der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät zu­sam­men­ge­trof­fen ist, lässt sich nicht be­le­gen, es gibt aber ent­spre­chen­de Hin­wei­se. Das Eh­ren­dok­tor­di­plom vom 3.8.1919 nennt Tho­mas Mann „ei­ne\[n\] Dich­ter von gro­ßen Ga­ben\[,\] der in stren­ger Selbst­zucht und be­seelt von ei­nem star­ken Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl aus in­ners­tem Er­le­ben das Bild un­se­rer Zeit für Mit- und Nach­welt zum Kunst­werk ge­stal­te­t“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="145"><sup data-reader-unique-id="146">\[12\]</sup></span>. Die tat­säch­li­chen Hin­ter­grün­de der Eh­ren­pro­mo­ti­on lässt die ver­le­se­ne Lau­da­tio ge­nau­er er­ken­nen, die vor­der­grün­dig die „Bud­den­brooks“ nennt, tat­säch­lich aber auf den „Dich­ter und Schrift­stel­ler“ zielt, der „aus in­ners­tem Er­le­ben Er­schei­nungs­for­men und Kräf­te deut­schen We­sens un­se­rer Zeit zum Kunst­werk ge­stal­te­t“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="147"><sup data-reader-unique-id="148">\[13\]</sup></span> und nur die be­reits er­wähn­ten „Be­trach­tun­gen ei­nes Un­po­li­ti­schen“ mei­nen kann. Zur Fei­er der Eh­ren­pro­mo­ti­on konn­te Tho­mas Mann nicht nach Bonn rei­sen, er schrieb aber dem De­kan am 27. Sep­tem­ber, dass er „den mir ver­lie­he­nen Ti­tel mit Stolz und dem Be­mü­hen füh­ren \[wer­de\]. der Fa­kul­tät, der ich nun ver­bun­den bin, durch das Tag­werk mei­ner Hän­de Eh­re zu ma­chen“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="149"><sup data-reader-unique-id="150">\[14\]</sup></span>. Zehn Jah­re spä­ter, am 28.11.1929, ver­an­stal­te­te die Uni­ver­si­tät Bonn ei­ne Tho­mas-Mann-Fei­er, an der der Ge­ehr­te be­zie­hungs­wei­se zu Eh­ren­de teil­nahm. In sei­nem „Le­bens­ab­ri­ß“ (1930) er­in­ner­te sich Mann: „Das Stock­hol­mer Vor­komm­nis \[Li­te­ra­tur­no­bel­preis\] ver­lieh ei­ner von län­ge­rer Hand her ver­ab­re­de­ten Vor­trags­rei­se ins Rhein­land ei­nen be­son­de­ren, fest­li­chen Ak­zent. Die Fei­er in der Au­la der Uni­ver­si­tät Bonn, de­ren phi­lo­so­phi­sche Fa­kul­tät mich kurz nach dem Krie­ge zum Dok­tor h.c. pro­mo­viert hat­te, bleibt mir un­ver­gess­lich durch ei­nen ju­gend­li­chen Zu­drang, der nach Aus­sa­ge be­sorg­ter Pro­fes­so­ren den Fuß­bo­den des al­ten Saa­les auf ei­ne be­denk­li­che Be­las­tungs­pro­be stell­te.“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="151"><sup data-reader-unique-id="152">\[15\]</sup></span>

Der nächs­te un­mit­tel­ba­re Kon­takt zwi­schen der Uni­ver­si­tät Bonn und ih­rem Eh­ren­dok­tor war ei­ne dür­re Mit­tei­lung des De­kans der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn vom 19.12.1936 an „Herrn Schrift­stel­ler Tho­mas Man­n“: „Im Ein­ver­ständ­nis mit dem Herrn [Rek­tor](safari-reader://rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/R#term-607) der Uni­ver­si­tät Bonn muß ich Ih­nen mit­tei­len, daß die Phi­lo­so­phi­sche Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn sich nach Ih­rer \[am 2.12.1936 er­folg­ten\] Aus­bür­ge­rung ge­nö­tigt ge­se­hen hat, Sie aus der Lis­te der Eh­ren­dok­to­ren zu strei­chen. Ihr Recht, die­sen Ti­tel zu füh­ren, ist ge­mäß § 8 un­se­rer Pro­mo­ti­ons­ord­nung er­lo­schen.“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="157"><sup data-reader-unique-id="158">\[16\]</sup></span>

Tho­mas Mann nahm die­se Mit­tei­lung zum An­lass ei­ner aus­führ­li­chen Ant­wort an den De­kan der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät, den er aber „nur als Zu­falls­adres­sa­ten die­ser Ih­nen kaum zu­ge­dach­ten Äu­ße­run­g“ be­zeich­ne­te<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="160"><sup data-reader-unique-id="161">\[17\]</sup></span>, um mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus gründ­lich ab­zu­rech­nen. Die­se als „Brief­wech­sel mit Bon­n“ au­ßer­halb Deutsch­lands rasch ver­brei­te­te Stel­lung­nah­me, die bis heu­te ei­ner der Hö­he­punk­te in sei­ner schrift­stel­le­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem „Drit­ten Reich“ ist, nann­te Mann in sei­nem Ta­ge­buch am 1.1.1937 als „wich­ti­ge\[n\] und mich be­glü­cken­de\[n\] Schritt, von de\[m\] ich mir weit­rei­chen­de in­ne­re Wir­kun­gen ver­spre­che“. Ei­ne die­ser weit­rei­chen­den in­ne­ren Wir­kun­gen war ge­wiss, dass Tho­mas Mann sich spä­tes­tens 1940 ent­schloss, auf Dau­er nicht mehr nach Deutsch­land zu­rück­zu­keh­ren.

Die Ab­er­ken­nung des Eh­ren­dok­to­rats von Tho­mas Mann er­wies sich nach Kriegs­en­de als ein gro­ßer Image­scha­den für die Uni­ver­si­tät Bonn. So ver­wun­dert es nicht, dass die Phi­lo­so­phi­sche Fa­kul­tät sich be­reits im Jah­re 1945 be­eil­te, die­sen Schritt rück­gän­gig zu ma­chen. Al­ler­dings brauch­te es dann über ein Jahr, bis man es für ge­bo­ten an­sah, Tho­mas Mann da­von zu un­ter­rich­ten, weil es die „Wür­de der Fa­kul­tät ver­bo­ten“ ha­be, „den Ein­druck ei­ner bil­li­gen Ges­te zu er­we­cken oder gar ei­ne Ab­leh­nung zu er­fah­ren“, wie es im Schrei­ben der Fa­kul­tät vom 5.12.1946 an Tho­mas Mann hieß<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="163"><sup data-reader-unique-id="164">\[18\]</sup></span>. Es war die Re­de von den „pein­li­chen Um­stän­de\[n\], un­ter de­nen Ih­nen im De­zem­ber 1936 das Eh­ren­dok­to­rat \[…\] ent­zo­gen wur­de“, den die Fa­kul­tät voll­mun­dig als „kul­tur­feind­li­chen Akt der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Zeit“ be­zeich­ne­te, der ihr „auf­ge­zwun­gen wor­den war“, was ei­ne ge­lin­de Über­trei­bung ist. Der frisch er­neu­er­te Bon­ner Eh­ren­dok­tor Tho­mas Mann dank­te am 28.1.1947<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="165"><sup data-reader-unique-id="166">\[19\]</sup></span> aus dem ka­li­for­ni­schen Pa­ci­fic Pa­li­sa­des „herz­lich und fei­er­lich \[…\] für die Er­neue­rung des Eh­ren-Dok­tor-Di­ploms und für die schö­nen, al­les sa­gen­den Brie­fe“, was er ge­wiss mehr­deu­tig mein­te, und fuhr fort: „Wenn et­was mei­ne Freu­de und Ge­nug­tu­ung dämp­fen kann, so ist dies der Ge­dan­ke an den ent­setz­li­chen Preis, der ge­zahlt wer­den mu­ß­te, ehe Ih­re be­rühm­te Hoch­schu­le in die La­ge kam, den er­zwun­ge­nen Schritt von da­mals zu wi­der­ru­fen. Das ar­me Deutsch­land! Ein so wil­des Auf und Ab sei­ner Ge­schich­te ist wohl kei­nem an­de­ren Land und Volk be­schie­den ge­we­sen.“ Zu nä­he­ren Be­zie­hun­gen zwi­schen Tho­mas Mann und der Uni­ver­si­tät Bonn ist es in den Fol­ge­jah­ren nicht mehr ge­kom­men, ab­ge­se­hen von Glück­wün­schen zu Tho­mas Manns 80. Ge­burts­tag 1955. Die Teil­nah­me an ei­ner von der Uni­ver­si­tät an­ge­reg­ten be­son­de­ren Tho­mas-Mann-Fei­er aus die­sem An­lass lehn­te Mann letzt­lich aus ter­min­li­chen Grün­den ab<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="167"><sup data-reader-unique-id="168">\[20\]</sup></span>.

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/9eYimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/9eYimage.png)

<figure class="content-images__image" id="bkmrk-mitteilung-%C3%BCber-den-"><figcaption class="content-images__caption">Mitteilung über den Entzug der Ehrendoktorwürde Thomas Manns durch die Philosophische Fakultät der Universität Bonn, unterzeichnet vom Dekan und adressiert an Thomas Mann, verfasst am 19. Dezember 1936. (Archiv der Universität Bonn)

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/Vj9image.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/Vj9image.png)

<div class="content-images"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Antwortschreiben Thomas Manns an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn anlässlich des Entzugs seiner Ehrendoktorwürde, verfasst an Neujahr 1936/37, S. 1. (Archiv der Universität Bonn)

</figcaption></figure></div></figcaption></figure>**5. „Die Betrogene“**

Tho­mas Manns letz­te, 1953 er­schie­ne­ne Er­zäh­lung ist sei­ne ein­zi­ge Dich­tung, de­ren Hand­lung aus­schlie­ß­lich im Rhein­land spielt, ge­nau­er ge­sagt in Düs­sel­dorf. Die Er­zäh­lung han­delt von ei­ner Ro­sa­lie von Tümm­ler, ei­ner et­wa 50-jäh­ri­gen, vom Kli­mak­te­ri­um ge­plag­ten Wit­we, die mit ih­ren zwei Kin­dern (Sohn und Toch­ter) in den 1920er Jah­ren in Düs­sel­dorf lebt. Sie ver­liebt sich in den ame­ri­ka­ni­schen Sprach­leh­rer ih­res Soh­nes, Ken Kea­ton. Sie ge­steht ihm ih­re Lie­be ge­le­gent­lich ei­nes Be­su­ches im Schloss Hol­ter­hof, für das als Vor­bild Schloss Ben­rath ge­dient hat. Be­vor es je­doch zur für den­sel­ben Abend ver­ab­re­de­ten kör­per­li­chen Ver­ei­ni­gung kommt, er­lei­det Re­na­te von Tümm­ler ei­ne star­ke Blu­tung, die sie zu­nächst für ei­ne Mens­trua­ti­on hält, die tat­säch­lich aber von ei­ner fort­ge­schrit­te­nen Krebs­er­kran­kung stammt, an der sie we­nig spä­ter stirbt.

Der Sach­ver­halt stützt sich auf ei­ne Tho­mas Mann von sei­ner Frau Ka­tia (1883–1980) im April 1952 er­zähl­ten tat­säch­li­che Be­ge­ben­heit aus der gu­ten Münch­ner Ge­sell­schaft. Die Ad­ap­ti­on des The­mas durch Tho­mas Mann er­folgt in der für ihn cha­rak­te­ris­ti­schen Art der Ver­men­gung des ei­gent­li­chen Ge­scheh­nis­ses mit auch au­to­bio­gra­phi­schen Ele­men­ten (auf die viel­fäl­ti­gen an­de­ren As­pek­te, die zu­dem in die Er­zäh­lung ein­ge­flos­sen sind, wird im Rah­men die­ses Bei­trags nicht nä­her ein­zu­ge­hen sein). Das Ele­ment ei­ner töd­li­chen oder zu­min­dest po­ten­ti­ell töd­lich ver­lau­fen­den Krebs­er­kran­kung war Manns ei­ge­ne Krank­heits­er­fah­rung 1946, als bei ihm ein Lun­gen­krebs er­kannt und ope­ra­tiv ent­fernt wer­den konn­te, ob­wohl er von der Art sei­ner Krank­heit nie et­was wis­sen soll­te (oder woll­te). Der Be­zug hier­zu liegt auf der Hand, denn Mann, 1952 noch in Ka­li­for­ni­en le­bend, ließ sich über den Ge­bär­mut­ter­krebs von dem Arzt in­for­mie­ren, der sei­ner­zeit bei ihm den Lun­gen­krebs dia­gnos­ti­ziert hat­te, dem aus Ber­lin stam­men­den In­ter­nis­ten Fred­rick Ro­sen­thal (ge­bo­ren 1902). In tie­fe­re (ho­mo­ero­ti­sche oder bi­se­xu­el­le) Schich­ten der ei­ge­nen Bio­gra­phie greift die Wahl Düs­sel­dorfs als Ort der Hand­lung. Aus Düs­sel­dorf stamm­te Klaus Heu­ser (1910–1994), Sohn ei­nes Pro­fes­sors an der Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie, den Tho­mas Mann 1927 in Sylt ken­nen­lern­te, sich in ihn ver­lieb­te und spä­ter mehr­fach zu sich nach Mün­chen ein­lud. Das Er­leb­nis Klaus Heu­ser ver­wob sich mit Manns „letz­te\[r\] Lie­be“ zu ei­nem aus Bay­ern stam­men­den Kell­ner in ei­nem Schwei­zer Ho­tel 1950, in de­ren Zu­sam­men­hang er nicht oh­ne Grund auch auf Heu­ser – „der mir am meis­ten Ge­wäh­rung ent­ge­gen­brach­te“<span class="converted-anchor" data-reader-unique-id="174"><sup data-reader-unique-id="175">\[21\]</sup></span> – zu spre­chen kam. Nach­dem so­mit Hand­lung, Ort und Leit­mo­tiv der Er­zäh­lung fest­stan­den, ori­en­tier­te sich Mann nä­her über De­tails des Or­tes, den er mög­lichst au­then­tisch schil­dern woll­te. Sei­ne aus dem Rhein­land stam­men­de Be­kann­te, die Sän­ge­rin Gre­te Ni­kisch (1887–1950), ori­en­tier­te ihn auf Be­fra­gen über nä­he­re Ein­zel­hei­ten, schick­te ihm un­ter an­de­rem das ge­ra­de er­schie­ne­ne Me­ri­an-Heft über Düs­sel­dorf, das ei­ne Fül­le von wert­vol­len his­to­ri­schen und to­po­gra­phi­schen De­tails ent­hielt. Er­gän­zen­de Hin­wei­se gab Ni­kischs Nef­fe, der Düs­sel­dor­fer Rechts­an­walt Dr. Ru­dolf Ober­los­kamp (ge­stor­ben 1996), un­ter an­de­rem zur Düs­sel­dor­fer Pe­gel­uhr und zu ei­ner Schiff­fahrt von Düs­sel­dorf nach Ben­rath. Ei­ne wei­te­re von Mann aus­gie­big ge­nutz­te Quel­le war der 1939 er­schie­ne­ne Ro­man „Der Wan­del­stern“ von Emil Barth (1900–1958). In dem Zu­sam­men­hang sei noch er­wähnt, dass nicht nur Schloss Ben­rath als Ort der er­wähn­ten Be­geg­nung hät­te in Fra­ge kom­men kön­nen: Tho­mas Mann er­kun­dig­te sich bei Gre­te Ni­kisch auch nach links­rhei­ni­schen Ge­ge­ben­hei­ten, et­wa nach Haus Meer und der dort­hin be­ste­hen­den Stra­ßen­bahn­ver­bin­dung.

Das The­ma Düs­sel­dorf, Tho­mas Mann und Klaus Heu­ser, wie er­wähnt ei­ner der au­to­bio­gra­phi­schen Hin­ter­grün­de der „Be­tro­ge­nen“, hat im Jah­re 2013 ei­ne hier zu­min­dest an­zu­mer­ken­de wei­te­re li­te­ra­ri­sche Ad­ap­ti­on ge­fun­den. In sei­nem Ro­man „Kö­nigs­al­lee“ schil­dert Hans Ple­schin­ski (ge­bo­ren 1956) recht phan­ta­sie­voll den Be­such Tho­mas Manns in Düs­sel­dorf im Au­gust 1954 und ein fik­ti­ves Wie­der­se­hen mit Klaus Heu­ser.

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/x3zimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/x3zimage.png)

<div class="content-images" id="bkmrk-cover-der-novelle-%27d"><figure class="content-images__image"><figcaption class="content-images__caption">Cover der Novelle 'Die Betrogene' von Thomas Mann, erschienen im S. Fischer-Verlag, 1953. (Sammlung Hans-Peter Haack / CC BY-SA 3.0)

</figcaption></figure></div>##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Lilla, Joachim, Thomas Mann und die Rheinlande, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/thomas-mann-und-die-rheinlande/DE-2086/lido/5d0ca47a2ac694.83774961 (abgerufen am 18.05.2026)

<div class="information-object__body" id="bkmrk--6"><div class="information-object-paragraph"><div class="information-object-paragraph__content"><div class="footnotes" id="bkmrk--7"></div></div></div></div><div class="information-object__body" id="bkmrk--8"><div class="information-object-paragraph"><div class="information-object-paragraph__content"><div class="footnotes">  
</div></div></div></div>-&gt;

-&gt;

**Sekundärliteratur**

-&gt;

-&gt;

-&gt;