Die Gründerjahre

Inhaltsverzeichnis

1. Boom und Börsenkrach. Die Zeit der Gründer. 

1. Boom und Börsenkrach. Die Zeit der Gründer.

Nach dem Sieg über Frankreich 1871 erfasst Goldgräberstimmung das junge Deutsche Reich. Industrie und Handwerk expandieren. Nie war es so leicht, Kredite aufzunehmen, Aktiengesellschaften einzutragen. Doch die Euphorie währt nur 30 Monate. Denn manches Unternehmen, das mit hohen Renditen wirbt, ist gar nichts wert. Und so kommt es zum Absturz der Börse.

Zweieinhalb Jahre lang ist es gut gegangen: Wie im Rausch haben Berliner Bankiers, rheinische Fabrikanten und preußische Adelige an der Börse spekuliert, gewonnen. Um mehr als 60 Prozent ist der Aktienindex gestiegen. Zweieinhalb Jahre lang haben Unternehmer Kapitalgesellschaften gegründet und mit dem so eingesammelten Geld Chemiefabriken ins Land gesetzt oder Eisenbahnen finanziert. Haben Baufirmen in den Metropolen ganze Stadtviertel hochgezogen – ungestüm, gierig und oft ohne sich an Vorschriften zu halten. Alle gaben sich dem Traum vom unendlichen Wachstum hin.

Und sie glaubten nicht, dass es jemals vorbei sein könnte. Freilich hat es Mahner gegeben, die Betrug und Schwindel anprangerten. Es gab Vorzeichen, im Mai brachen die Kurse an Wiens Börse ein, im September in New York. Aber die Deutschen wollten davon nichts wissen, sie wollten weiter spekulieren und noch mehr Geld verdienen, taumelten immer näher an den Abgrund. Nun aber, am 10. Oktober 1873, stürzen sie hinab. Als Erstes ist die Berliner Quistorp’sche Vereinsbank, die den Boom mitfinanziert hat, zahlungsunfähig. Ihre Pleite löst eine Lawine aus, die die ganze Volkswirtschaft mit sich reißt.

Der Börsenindex fällt und fällt, Aktienkapital von mehreren Milliarden Mark geht binnen weniger Monate verloren. Dutzende Banken, Industrieunternehmen und Eisenbahngesellschaften brechen zusammen. Die Zeitungen führen eigene Rubriken für die Mitteilung von Firmenpleiten ein, Staatsanwaltschaften fahnden nach Betrügern, Schwindlern und Hochstaplern. Die Stimmung schlägt um im Deutschen Reich: Begeisterung und Optimismus weichen Angst und Misstrauen. Die Deutschen werden unruhig, unzufrieden, aggressiv, sie zweifeln am Liberalismus früherer Jahre. Es beginnt die längste wirtschaftliche Flaute des Jahrhunderts. An ihrem Ende wird das Bismarckreich ein anderer Staat sein.

DER TAUMEL BEGINNT in den ersten Monaten des Jahres 1871: mit dem Triumph der deutschen Staaten im Krieg gegen Frankreich. Bismarck trotzt dem französischen Verhandlungsführer in den Friedensverhandlungen eine Entschädigung von fünf Milliarden Francs ab: eine ungeheure Summe, mehr als anderthalb mal so viel, wie die preußische Regierung als Kosten für den Krieg errechnet hat. Und das wohlhabende Frankreich, bis dahin reichste Wirtschaftsmacht auf dem Kontinent, zahlt zu großen Teilen bar: In plombierten Zugwaggons werden die Silbermünzen über den Rhein transportiert, wo das französische Geld die Wirtschaft des jungen Staates entfesselt – und die Gier seiner Bürger.

Schon bald darauf beginnen die Börsenkurse stark zu steigen. Angetrieben wird der Aufschwung wie schon in den 1850er Jahren vom Eisenbahnbau: Denn der Transport von Soldaten und Kriegsgerät an die Front hat die Gleisanlagen und Züge stark beansprucht. Jetzt müssen sie erneuert werden. Für Hütten und Kohlenbergwerke, Gießereien, Maschinen- und Wagenfabriken bedeutet das enorme Aufträge. Auch ein anderer wichtiger Kunde der Metallindustrie rüstet auf: Die Militärverwaltung muss Gerät, das im Krieg zerstört wurde, sowie verschossene Munition und Granaten neu beschaffen.

Angesichts der steigenden Nachfrage wollen Bergwerksbesitzer und Schwerindustrielle ihre Unternehmen vergrößern. Um an das dafür notwendige Kapital zu kommen, geben sie Anteilsscheine aus und verkaufen die an der Börse. Ein neues Gesetz erleichtert die Gründung von Aktiengesellschaften: Seit 1870 ist dafür keine staatliche Konzession mehr nötig. Bereitwillig finanzieren Berliner Banken die Expansion. Ausreichend liquide Mittel sind ja vorhanden, denn die Reichsregierung zahlt mit den französischen Reparationen die Schulden zurück, die sie bei Banken und Privatleuten während des Kriegs gemacht hat. Sie gibt zudem Hunderte Millionen für den Ausbau von Festungen aus, legt einen Fonds zur Unterstützung der Kriegsinvaliden an, vergibt großzügige Dotationen an Generäle und Politiker – Geld, das die Empfänger zum großen Teil an der Börse anlegen, in Anleihen oder auf Sparkonten.

Zudem deponiert die Regierung große Mengen Edelmetall bei der Preußischen Bank (der Notenbank Preußens und späteren Reichsbank), die dafür Banknoten emittiert, damit den Geldumlauf weiter erhöht und an andere Banken Kredite vergibt. 279 Aktiengesellschaften gab es 1870 in Preußen; in den ersten beiden Jahren nach der Reichsgründung kommen 728 weitere dazu. Bald erhält der Boom einen gebührenden Namen: „Gründerzeit“.

Innerhalb von drei Jahren entstehen neue Firmen mit einem Grundkapital von 2,8 Milliarden Mark – so viel wie das aller Unternehmensgründungen zwischen 1830 und 1870 zusammen. Die Industrie baut binnen 30 Monaten mehr Stahlwerke, Hochöfen, Maschinenfabriken als in den 60 Jahren zuvor. Bald springt der Aufschwung auf andere Wirtschaftszweige über. Es ist, als sei eine Zeit unerschöpflichen Reichtums angebrochen. Die Deutschen sind im Spekulationsfieber. Einige der 103 neuen Aktienbanken schütten den Anteilseignern ein Fünftel ihrer Einlage als jährliche Dividende aus; die Rendite erwirtschaften sie vor allem mit der Gründung weiterer Aktiengesellschaften, deren Anteile sich zu hohen Kursen verkaufen lassen. Die Zeitungen werden immer dicker – wegen der verschwenderischen Prospekte, die darin abgedruckt werden und in gewaltigen Buchstaben die neuesten Börsengänge anpreisen. Jeder macht jetzt in Aktien, die Klavierlehrerin, der arme Poet, die Dame von Welt. Ein Industrieller berichtet von seinem Hausmeister, der die Börsenkurse eifriger verfolge als er selbst.

DIE SCHEINBAR unbegrenzten Möglichkeiten locken zahllose Glücksritter an. Einer erarbeitet sich den Ruf, die Chancen besonders geschickt für sich zu nutzen: Bethel Henry Strousberg, der seit 1862 in Osteuropa äußerst erfolgreich Eisenbahngesellschaften gründet. Sein Geschäftsmodell, das er im Laufe der Zeit immer weiter verfeinert hat, nennt sich „General-Enterprise“: Strousberg sucht sich Geldgeber, denen er die Genehmigung beschafft, eine Bahnlinie zu bauen. Die Gesellschafter wiederum beauftragen Strousberg mit dem Bau der Strecke.

Doch er wird nicht mit Geld, sondern mit den Aktien der zu gründenden Gesellschaft bezahlt, deren Nennwert den im Voraus berechneten Baukosten entspricht (die Kapitalgeber hingegen machen Gewinn durch Provisionen, Zuwendungen für Aufsichtsratsposten und später durch den Betrieb der fertigen Bahn). Strousbergs Profit ergibt sich aus dem Weiterverkauf der Aktien – und damit der möglichst hoch ist, muss er die tatsächlichen Kosten niedrig halten. In manchen Monaten verdient er auf diese Weise eine Million Taler.

Die Behörden entdecken zwar die Diskrepanz zwischen den von Strousberg offiziell veranschlagten Investitionen und den tatsächlichen Baukosten, doch schauen sie darüber hinweg, denn sie wollen, dass das Schienennetz rasch wächst. Schon vor 1871 ist Strousberg, ein untersetzter Mann mit krausen Locken und Schnurrbart, zum Großunternehmer aufgestiegen. Er baute Trassen von Berlin nach Görlitz und von Halle nach Sorau, kaufte eine Lokomotivfabrik bei Hannover und ein Schienenwalzwerk in Dortmund, wurde Großgrundbesitzer.

Jetzt reist der „Eisenbahnkönig“ im eigenen Salonwagen mit Teppich und Kassettendecke. In der Berliner Wilhelmstraße baut er eine Repräsentanz mit kuppelgekrönter Eingangshalle, darin ein Springbrunnen und eine Treppe aus weißem Marmor – das „Palais Strousberg“. Doch schließlich übernimmt er sich. Noch vor Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs hat er – auch durch großzügige Bestechung von Beamten und Abgeordneten – die Genehmigung erhalten, in Rumänien eine 942 Kilometer lange Eisenbahnlinie zu bauen. 60 Millionen Taler sammelte er dafür ein, einen Großteil davon bei Kleinanlegern.

Dann bricht der Krieg im Westen aus, Transportkapazitäten werden für Lieferungen an die Front gebraucht. Strousberg gelingt es nicht, das nötige Material termingerecht in das unterentwickelte Rumänien zu schaffen. Der Bau stockt. Die Streckenabschnitte, die er fertigstellt, sind voller Mängel; am neu errichteten Bukarester Bahnhof steht ein schäbiger Zweckbau statt der versprochenen prächtigen Halle. Irgendwann muss Strousberg bekannt geben, dass er den fälligen Zins nicht auszahlen könne. Der Kurs für seine Anleihen fällt stark, viele Anleger büßen einen Großteil ihres Kapitals ein. Der Eisenbahnkönig ist so zum Prototyp des neureichen, unseriösen Gründers geworden. Aber mit seinen Trassen, wenngleich zum Teil auf dubiose Weise finanziert und schlampig gebaut, schafft er immerhin bleibende Werte. Andere Gründer dagegen sind schlicht Gauner. Da verspricht ein Freiherr für seine „Vereinigte Oderwerke AG“ Ausschüttungen von 19 Prozent des angelegten Kapitals – doch das Unternehmen besteht aus nichts als einer Lehmgrube und einer Ziegelei.

Eine andere Gruppe preist einen nutzlosen Sandplatz als „Niederschönhausener Baugesellschaft“ an und verkauft die Wertpapiere für rund 700 000 Mark an gutgläubige Anleger. Die Firma erwirtschaftet keinerlei Gewinn, die Aktionäre verlieren ihr gesamtes Kapital. Der überhebliche Optimismus nach 1870 beschränkt sich nicht auf die Ökonomie. Auch die politisch-kulturelle Selbsteinschätzung der Deutschen wandelt sich: Sie sind nicht mehr nur stolz auf ihren Ruf als Dichter und Denker – sie sind jetzt ein gefürchtetes Kriegervolk. Sie haben die Dänen, Österreich und die Großmacht Frankreich bezwungen, eine der stärksten Militärnationen der Welt: Jetzt wollen sie sich an der eigenen Größe berauschen, mit Paraden, Mahnfeiern, Gemälden und Gedichten.

Patriotische Schriftsteller überhöhen die Reichsgründung ins Mythologische, setzen Wilhelm I. mit dem mittelalterlichen Kaiser Friedrich Barbarossa gleich, dessen jahrhundertelanges Warten im Kyffhäuser auf die Wiederkunft des Reiches, so eine Sage, nun ein Ende habe. In Berlin lässt der Kaiser die knapp 70 Meter hohe Siegessäule errichten, gekrönt von einer vergoldeten Viktoria, die Deutschlands Siege in den drei Einigungskriegen verherrlicht. Am Rhein entsteht das mächtige Niederwalddenkmal. Zunehmend deckt sich das neue Selbstverständnis mit jenen Zeilen, die der Dichter Emanuel Geibel schon 1861 verfasst hat: „Und es mag am deutschen Wesen/Einmal noch die Welt genesen.“

Besonders heftig ist der Gründerboom in der Kapitale des neuen Reichs zu spüren. Die Stadt zieht große Mengen von Zuwanderern an, vor allem aus dem brandenburgischen Umland, aus Schlesien, Ost- und Westpreußen. Zählte Berlin 1865 noch 658 000 Einwohner, sind es zehn Jahre später bereits 967 000. Die Zuzügler lösen einen gewaltigen Boom im Baugewerbe aus; binnen weniger Jahre müssen Zehntausende Wohnungen geschaffen werden. Der scheinbar stetig wachsende Markt macht die Immobilienspekulation noch attraktiver als das Geschäft mit Aktien. Unkontrolliert wächst Berlin über seine Grenzen hinaus. Nicht Stadtplaner und Architekten, sondern Erschließungsgesellschaften, Hypothekenbanken und Immobilienspekulanten bestimmen, wohin die Metropole sich ausdehnt. Westwärts wuchern nun die Villenviertel, über die rapide wachsenden Kleinstädte Schöneberg und Charlottenburg hinaus, bis vor Kurzem noch Dörfer im Grünen.

Angesichts stark steigender Grundstückspreise lässt sich dort der größte Gewinn machen. Hofbesitzer verkaufen Felder und Weiden und werden so zu „Millionenbauern“. Makler reichen Grundstücke für das Sechsfache des Kaufpreises weiter. Und als der Eisenbahnkönig Strousberg ein Berliner Bürogebäude für das Vierfache des ursprünglich geforderten Preises losschlägt, notiert er: „Alles war eben wahnsinnig, und die Schwindler glaubten zuletzt selbst an die Gesundheit ihrer Sache.“ Die Bauunternehmer bedienen sich freihändig in der Architekturgeschichte, imitieren etwa die Renaissance, verzieren Fassaden mit Spitz- und Rund- bögen, theatralischen Portalen, Statuen, Türmchen, Säulen, Balkonen.

Der Industrielle und Schriftsteller Walther Rathenau wird Jahrzehnte später das Stilgemisch der aufstrebenden Stadt mit beißendem Spott verhöhnen: „Hier ein assyrischer Tempelbau, daneben ein Patrizierhaus aus Nürnberg, weiter ein Stück Versailles, dann Reminiszenzen vom Broadway, von Italien, von Ägypten – entsetzliche Frühgeburten polytechnischer Bierfantasien.“ Wenige Kilometer entfernt vom reichen Stadtzentrum dagegen, im Wedding, in der Stralauer Vorstadt (in etwa das heutige Friedrichshain), in der Luisenstadt (Kreuzberg), dort wo Maschinen dröhnen, Schornsteine qualmen, Lagerarbeiter unter ihrer Last ächzen, lohnt sich die Spekulation auf explosionsartig steigende Mieten nicht: Die Arbeiter könnten sie nicht bezahlen.

Deshalb entwickeln die Bauunternehmer hier eine andere Strategie: Mit billigsten Mitteln schaffen sie möglichst viel Wohnraum, ziehen in aller Eile mächtige Blöcke von Mietshäusern hoch. Dass dabei Häuser einstürzen, gilt als unvermeidlicher Kollateralschaden. Hinterhof wird an Hinterhof gereiht, eng und grau und dunkel. Bald stehen in Berlin, bezogen auf die Einwohnerzahl, mehr Mietskasernen als in Paris. Doch wegen der schieren Masse der Zuzügler herrscht trotzdem noch immer bittere Wohnungsnot. Kinderreiche Familien leben in hoffnungslos überbelegten Räumen, ohne jede Privatsphäre. Meist bestehen die Unterkünfte nur aus Küche und Stube.

Zehntausende Menschen hausen in feuchten Kellerwohnungen, oft geplagt von Rheuma und Tuberkulose. Und viele müssen zusätzlich eine Ecke, einen Platz auf dem Flur an „Schlafburschen“ abgeben, an Untermieter. Wer die Miete schuldig bleibt, hat mit der Zwangsräumung durch die Polizei zu rechnen. Tausende Obdachlose leben in den Slums der deutschen Hauptstadt, in selbst gezimmerten Baracken jenseits der Stadtgrenze, in Zelten, Erdhöhlen, unter Brücken. Die Behausungen sind illegal, immer wieder rückt die Polizei an, um die Elendsquartiere zu räumen.

Als die Beamten allerdings im Juli 1872 einen Handwerker in der Blumenstraße hinauswerfen wollen, verstellen ihnen 5000 aufgebrachte Arbeiter den Weg: Sie wollen die Situation nicht länger hinnehmen, werfen Steine auf die Polizisten, es kommt zu einer Straßenschlacht; in den nächsten Tagen greifen die Unruhen auf benachbarte Straßenzüge über, die Arbeiter bauen Barrikaden und werfen Gaslaternen ein. Schließlich knüppeln Dragoner den Aufstand nieder. Änderungen bewirken die immer wieder aufflammenden Unruhen indes nicht. Die deutsche Bevölkerung wächst rasch an, in einer Generation um acht Millionen auf 43 Millionen Menschen 1875. Für jeden, der gegen seine Arbeits- oder Wohnbedingungen protestiert, stehen genug andere in Reserve, die bereit sind, alles zu ertragen.

Je mehr Kapital und Produktion sich in Berlin ballen, desto größer wird dessen Bedeutung als Metropole des neuen Reichs. War in den Jahrzehnten zuvor Frankfurt am Main das Finanzzentrum des deutschsprachigen Raums, übernehmen nun die Berliner Banken die Führung. Die Hauptstadt zieht Kapital aus dem ganzen Land an.

Auch die Berliner Börse, wichtigster Handelsplatz für Eisenbahnaktien, gewinnt mit dem rasanten Ausbau des Schienennetzes an Bedeutung. Als der Boom sich dem Höhepunkt nähert, wird sie zum Zentrum der Hysterie – und das Parkett zur Bühne, auf die ein spielsüchtiges Volk wie gebannt starrt. Berlin, das einstige Fischerdorf an der Spree, ist Metropole und Moloch geworden, voll von verschwenderischem Prunk und kläglichem Elend, der Emporkömmling unter den Hauptstädten, grell, laut, gierig. Walther Rathenau wird es „Spree-Chicago“ nennen, so profitsüchtig, so amerikanisch. Eine Stadt aber auch, in der nun Menschen in die Oberschicht aufsteigen können, die vorher keine Chance gehabt hätten. Etwa Juden wie Gerson Bleichröder. Der Bankier gilt wegen seines sagenhaften Reichtums als der „Berliner Rothschild“ und wird von der Satirezeitschrift „Kladderadatsch“ als Symbolfigur der Gründerzeit karikiert.

Bleichröder hat die Auszahlung der französischen Reparationsmilliarden mitorganisiert und genießt das Vertrauen der Führungsschicht – bis hinauf zum Kaiser. Mit hervorragenden Verbindungen versehen, pflegt er Kontakte zu Parlamentariern, Parteifunktionären und Journalisten, ein diskreter, berechnender Mann. Und darauf versessen, bekannt und bedeutend zu sein. Bleichröder lebt und arbeitet in der Behrenstraße, parallel zum Prachtboulevard Unter den Linden. Hinter der im Renaissancestil gehaltenen Fassade seines Bankhauses verbirgt sich eine prächtige, üppig verzierte „Große Halle“.

Bis zur Börse, wo für sein Unternehmen ein eigener Handelsplatz reserviert ist, sind es nur ein paar Schritte. Ebenfalls in Laufweite liegt Bismarcks Büro in der Wilhelmstraße. Der Reichskanzler ist auch privat Kunde des Bankiers; Bleichröder mehrt sein Vermögen und berät ihn zudem in finanzpolitischen Fragen. Der Aufstieg der Neureichen empört die Oberschicht des alten Preußen. Zwar bleiben die Junker – adelige Gutsbesitzer aus den Gebieten östlich der Elbe – die führende Klasse der Gesellschaft. Aus ihren Reihen stammt Reichskanzler Bismarck, kommen bejubelte Kriegshelden wie die Generäle Helmuth von Moltke und Albrecht von Roon, und ein Adelstitel gilt noch immer mehr als ökonomischer Erfolg. Wirtschaftlich aber sind viele Junker in Schwierigkeiten. Die Landgüter werfen oft nur geringe Profite ab, zugleich geben die Adeligen zu viel für ihre Lebenshaltung aus; manche Familien kämpfen gegen den Bankrott.

Gerson Bleichröder hilft während der Gründerjahre mehreren Adeligen, ihren Wunsch nach einem Lebensstil zu erfüllen, den sie sich eigentlich nicht leisten können. Er kennt ihre wirtschaftliche Lage und ihre familiären Verhältnisse, weiß um Skandale und Geheimnisse. Paul Graf von Hatzfeldt-Wildenburg etwa, ein Diplomat und Lebemann aus altem Adel, hat hohe materielle Ansprüche, die seinem Gehalt nicht entsprechen. Deshalb verschafft ihm Bleichröder 1871 einen Sitz im Aufsichtsrat der Vereinigten König- und Laurahütte, eines Stahl- und Bergbaukonzerns. Neben dem hohen Direktorengehalt streicht Hatzfeldt eine stattliche jährliche Dividende für Aktien ein, die er zum Vorzugspreis erhalten hat.

Freilich erwartet Bleichröder eine Gegenleistung von seinen derart bedachten Freunden: Denn trotz aller wirtschaftlichen Erfolge zeigt ihm der Adel immer wieder auf, wo die Grenzen der gesellschaftlichen Anerkennung für einen jüdischen Bankier liegen. So notiert etwa eine Dame aus höchsten Kreisen in ihren Erinnerungen an Bleichröders Empfänge: „Fast das gesamte aristokratisch-offizielle Berlin ging hin, entschuldigte sich aber nachher.“ Manche Kommandeure untersagen den ihnen unterstellten Offizieren gar den Besuch seiner Feste. Die preußische Armee ist besonders elitär, traditionsbewusst – und judenfeindlich.

Graf von Hatzfeldt aber tritt öffentlich mit seinem Förderer auf, besucht dessen Bankette und bringt Freunde von Stand mit. Er verschafft ihm etwas, das Bleichröder mit Geld nicht kaufen kann: soziale Aufwertung. 1872 erhebt der Kaiser den Bankier in den Adelsstand. Bleichröder als Freiherr – das ist eine Sensation. Nur einem einzigen Juden ist eine solche Ehre in Preußen zuvor zuerkannt worden. Nicht alle lassen sich von der Euphorie der Boom-Zeit überwältigen. Manche Skeptiker beginnen Fragen zu stellen über den scheinbar unerschütterlichen Erfolg der Gründer: Wie kommen eigentlich ihre sagenhaften Reichtümer zustande? Sind diese Geschäfte legal?

Einer, der darüber besonders gründlich nachdenkt, ist der nationalliberale Parlamentarier Eduard Lasker, ein schmaler Mann mit leiser Stimme, einer der profiliertesten Redner seiner Partei. Am 7. Februar 1873 betritt Lasker das Preußische Abgeordnetenhaus mit einem Manuskript, das politischen Sprengstoff birgt. Er will beweisen, dass der Gründerboom auf Betrug und Vetternwirtschaft beruht. Freilich hat er vor allem den politischen Gegner im Blick, konservative Beamte und Minister aus Bismarcks Regierung.

Gründlich hat der 43-Jährige sich vorbereitet, hat in Gerichtsarchiven recherchiert, Akten gewälzt, Belastendes gegen Spekulanten, Industrielle und Beamte zusammengetragen. Drei Stunden lang spricht Lasker. Er bezichtigt Strousberg, Bahnlinien betrügerisch finanziert, Anleger um ihr Kapital gebracht zu haben und den „deutschen Namen im Ausland“ beschädigt, kurz: „unendliches Unglück über zahlreiche Bürger des eigenen Landes“ gebracht zu haben.

Er wirft dem erzkonservativen Ministerialbeamten Hermann Wagener vor, er habe sein Amt missbraucht und sich am „System Strousberg“ bereichert – zu Recht, wie sich bald herausstellt: Der Rittergutsbesitzer hat den Bau einer Bahnlinie unterstützt, um seinen Hof fortan per Zug erreichen zu können. Er klagt Handelsminister Graf Heinrich von Itzenplitz an, die Manöver gedeckt, ja gefördert zu haben. Spricht von Steuerhinterziehung, Korruption, schlampig ausgeführten Bauten.

Das politische Berlin ist in Aufruhr. Einige Wochen nach der Brandrede legt Itzenplitz sein Amt nieder, auch Wagener tritt zurück. Strousbergs Name wird zum Inbegriff des Spekulanten. Lasker lenkt aber auch den Zorn des mächtigen Reichskanzlers auf sich. „Sie haben so nahe bei mir vorbeigeschossen, dass Sie auch mich um ein Haar getroffen hätten“, grollt Bismarck – Wagener war sein Schützling. Ein Verlag druckt Laskers Rede nach, verkauft innerhalb von zwei Wochen vier Auflagen.

Der Nationalliberale hat die dunkle Seite der Gründerzeit enthüllt. Und schon bald mehren sich die Anzeichen, dass die Blase bald platzen könnte. Anfang Mai rumort es an der Wiener Börse. Gerüchte über den Zusammenbruch der Franko-Ungarischen Bank lösen den Bankrott von 78 Unternehmen aus. Am Tag darauf herrscht Panik auf dem Wiener Parkett, Händler beschimpfen sich, es kommt zu Prügeleien, die Kurse brechen ein. Auch in Berlin geben die Kurse kurzzeitig spürbar nach, erholen sich jedoch wieder. Doch dies ist nur ein Wetterleuchten. Der große Krach bricht erst im Herbst über das Deutsche Reich herein.

Am 10. Oktober meldet die Berliner Quistorp’sche Vereinsbank Konkurs an – mit erheblichen Folgen. Denn an dem Kreditinstitut hängen zahlreiche fragwürdige Unternehmen, die besonders hohe Dividenden schon im ersten Jahr der Gründung versprochen hatten. Mehr als 20 dieser von der Bank finanzierten Firmen gehen ebenfalls pleite. Die nervösen Anleger reagieren sofort und verkaufen ihre Aktien; die Kurse brechen ein – der Index der deutschen Wertpapiere geht im Laufe der nächsten zwei Jahre von 102 auf knapp 67 Punkte zurück. Gut 4,5 Milliarden Mark Aktienkapital sind damit verloren, das entspricht rund einem Viertel des deutschen Sozialprodukts.

Die Preise für Kohle und Stahl fallen um mehr als die Hälfte. Banken fürchten weitere Bankrotte und drängen die Kreditnehmer, ihre Schulden zurückzuzahlen. Wer jetzt in Geldnöten ist, findet keinen, der bereit ist, ihm ein Darlehen zu gewähren – allenfalls noch gegen sehr hohe Zinsen. Auch solide Banken wie die Disconto- Gesellschaft und die Bleichröder- Bank geraten in Schwierigkeiten, bitten Gerüchten zufolge sogar die Regierung insgeheim um Darlehen in Millionenhöhe.

Eine Abwärtsspirale kommt in Gang: Überall in Deutschland werden nun Unternehmen zahlungsunfähig – die Pommersche Centraleisenbahn ebenso wie die Pirnaer Bank, die Süddeutsche Hagelversicherungsgesellschaft in München und Hunderte weitere Betriebe. Auch die Kurse jener Eisenbahngesellschaften, die noch zahlungsfähig sind, stürzen ab. Die Aktie der Linie Hannover–Altenbeken etwa hat nur noch ein Achtel ihres Vorkrisenwerts. Selbst das Essener Stahlimperium Alfred Krupps, das größte Industrieunternehmen Europas, überlebt nur dank der 30-Millionen-Mark-Anleihe eines Konsortiums unter der Führung der staatlichen Bank Preußische Seehandlung.

Der Eisenbahnkönig Strousberg muss für 2,4 Millionen Mark seine Gemäldesammlung verkaufen, manche vornehme Familie verarmt.Ein Kunde Bleichröders schreibt dem Bankier flehentliche Briefe. Der Professor hat für seine Cousine Aktien zum Kurs von 90 gekauft, nun liegen sie bei 13. Er appelliert an Bleichröders „humane und menschenfreundliche Natur“ und bittet ihn um Unterstützung für die bettelarme Frau (die Bleichröder ihm gewährt).

61 Banken, 116 Industrieunternehmen und vier Eisenbahngesellschaften brechen zusammen. Allein in Berlin müssen mehr als 40 der rund 50 neu gegründeten Baufirmen aufgeben. Etliche spekulierfreudige Kleinanleger verlieren ihr Erspartes, zahllose Arbeiter ihre Stellen; so sinkt bei der Nürnberger M.A.N., die unter anderem Eisenbahnwaggons baut, die Zahl der Beschäftigten von rund 3500 auf weniger als 800.

In Berlin geht etwa ein Viertel der Arbeitsplätze in Industrie und Handwerk verloren. Die Stadt Charlottenburg meldet im Oktober 1874, wegen des Krachs habe „die Zahl der Geisteskranken überhandgenommen“. Bislang unbescholtene Bürger müssen sich vor Gericht verantworten, weil sie als Bankbeamte Geld veruntreut haben oder als Buchhalter in Betrügereien verwickelt sind. Die Berliner Kaufmannschaft resümiert: „Die Buße für die Sünden der vorhergegangenen beiden Jahre hat sich wie ein Naturgesetz mit unerbittlicher Strenge vollzogen.“

Der Staat fühlt sich weder für die wirtschaftlichen noch für die sozialen Folgen der Krise verantwortlich; die Reichsregierung schaut der Katastrophe ungerührt zu. So verkündet ein enger Mitarbeiter Bismarcks: „Es liegt außerhalb der Macht der Gesetzgebung, Leute, die nun einmal ihr Geld los sein wollen, daran zu hindern.“ Und noch über Jahre wird sich die Krise hinziehen. Immer wieder kommen die Neuinvestitionen ganz zum Erliegen, mehrmals sinkt das deutsche Sozialprodukt.

Erst im Herbst 1880, sieben Jahre nach dem Platzen der Gründerblase, setzt wieder ein stetiges Wachstum ein. Nach dem Gründerkrach ist der allgegenwärtige Optimismus verflogen. Hauptdarsteller der Gründerzeit wie Strousberg stehen in den Augen der Öffentlichkeit als Schwindler da. Laskers Rede, hält Strousberg später fest, verfolge ihn „wie ein Gespenst in meinem Kredit, in meinem Streben nach neuen Geschäften, in meiner gesellschaftlichen Stellung, kurz überall lähmend, verderblich wirkend“.

Nach der Rumänien-Pleite kommt er wirtschaftlich nicht mehr auf die Beine. 1875 geht sein Imperium in Konkurs, Soldaten beschlagnahmen sein Anwesen im böhmischen Zbirow, damit die Gläubiger bedient werden können. Zunehmend interessiert sich auch die Presse für den Klüngel von Politik und Finanzbranche, veröffentlicht reihenweise Artikel über Schwindelgründungen. Selbst die konservative „Kreuzzeitung“ bringt Enthüllungen, freilich vor allem gegen Liberale aus dem Lager Laskers – darunter gegen auffallend viele Juden. Denn längst hat die Suche nach den Schuldigen an der Krise begonnen. Und immer häufiger verbinden sich die Vorwürfe gegen die Gründer mit einem neuen Unterton. Schuld am Krach, finden plötzlich viele, seien die Juden.

Bismarcks Reichsverfassung von 1871 hat den Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland die vollständige Gleichberechtigung gebracht – zumindest auf dem Papier. Weil ihnen de facto aber Karrieren im Militär und in der Verwaltung, den Bastionen der Konservativen, weiterhin beinahe unmöglich sind, wenden sich viele Juden den freien Berufen zu, werden Anwälte, Ärzte, Journalisten – häufig mit großem Erfolg. Männer wie Strousberg, Bleichröder, Lasker prägen ihre Zeit ebenso wie etwa der Mitbegründer der Deutschen Bank, Ludwig Bamberger. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind zehn der elf reichsten Einwohner Berlins Juden, von den 100 größten preußischen Vermögen ist beinahe ein Drittel jüdisch.

Gerade an diesem Erfolg entzündet sich die Verbitterung vieler von der Krise Betroffener. In den Jahren nach dem Gründerkrach wird aus alten, religiös geprägten Vorurteilen über die vermeintlichen „Jesus-Mörder“ der Verdacht, die ehemals Rechtlosen wollten heimlich die Macht im Deutschen Reich übernehmen. Die absurde Verschwörungstheorie findet Anhänger in beinahe allen Schichten der Gesellschaft. So schreibt Heinrich von Treitschke, ein hoch angesehener Geschichtsprofessor, in einem Artikel: „Die Juden sind unser Unglück.“

Die antisemitische Schmähschrift „Der Sieg des Judentums über das Germanentum“ hetzt gegen jüdische „Parasiten“, die Deutschlands Ausbeutung betreiben; binnen Kurzem werden zwölf Auflagen des Pamphlets gedruckt. Die „Kreuzzeitung“ verleumdet die Wirtschaftspolitik des Reiches als „Judenpolitik“, was ja auch kein Wunder sei, da Bleichröder, Bismarcks Bankier, ihr intellektueller Urheber sei. Und Ende der 1870er Jahre wird der Antisemitismus zur politischen Massenbewegung; in Berlin gründet der Hofprediger Adolf Stoecker die Christlich-Soziale Arbeiterpartei, die „gegen jüdische Vorherrschaft“ kämpft.

DAS REICH VERÄNDERT SICH. Und der zunehmende Antisemitismus ist nur ein Phänomen des Wandels nach der Krise. Denn es gibt keinerlei Anzeichen, dass sich die Wirtschaft rasch erholen wird. Der stetige Aufschwung, der bereits Jahre vor dem Boom begonnen hat, ist erlahmt. Die Preise fallen, in dieser Deflation fährt die Industrie ihre Produktion herunter. Der Krach mündet in die schwerste ökonomische Depression des Jahrhunderts.

Und der Reichskanzler laviert – jahrelang weiß Otto von Bismarck nicht, welche Richtung er in der Wirtschaftspolitik einschlagen soll. Die Liberalen wollen das Laissezfaire der Gründerjahre beibehalten, sie setzen sich für den Freihandel ein. Sie glauben, dass die Überproduktion schuld an der Krise ist und setzen auf steigende Nachfrage aus dem Ausland. Ganz anders die angeschlagene Schwerindustrie: Die ruft nach Schutzzöllen vor Konkurrenz aus dem Ausland – eine protektionistische Forderung, der sich weite Teile der Öffentlichkeit anschließen. Doch Bismarck zögert. Erst 1878 ringt er sich dazu durch, mit den Nationalliberalen zu brechen und der darbenden Schwerindustrie sowie seinen Junkerfreunden deren zentralen Wunsch zu erfüllen: Er beendet die Freihandelspolitik der Gründerjahre.

Fortan verhängt das Deutsche Reich Schutzzölle auf zahlreiche Einfuhren, darunter wichtige Rohstoffe wie Eisen oder Getreide. Davon verspricht sich Bismarck nicht nur eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation, sondern auch höhere Staatseinnahmen. Die Zeit des sogenannten Manchester-Kapitalismus, in dem der Staat sich aus der Wirtschaft vollkommen heraushält, ist in Deutschland vorbei. Der Schwenk hin zum Protektionismus und die Abwendung von den Liberalen sind wesentliche Teile einer grundlegenden politischen Wende, die Bismarck in diesen Jahren vollzieht. Manche Historiker werden diesen Neuanfang später als „zweite Reichsgründung“ bezeichnen. Als den Beginn der konservativen Vorherrschaft im Deutschen Reich.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Kretz, Sebastian: Boom und Börsenkrach. Die Zeit der Gründer, in: Otto von Bismarck 1815-1898. Diplomat, Kriegstreiber, Reichsgründer (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 52), Hamburg 2011.

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Revision #2
Created 12 April 2026 06:08:12 by Marlon Zimmermann
Updated 12 April 2026 06:23:53 by Marlon Zimmermann