Die mittelalterliche Gesellschaft

Adel

Inhaltsverzeichnis

  1. Minnesang
  2. Jagd
  3. Am Hofe der Burgunder. Leben in Pracht und Tugend

1. Minnesang

Deutschsprachige höfische Liebesdichtung, entstanden zwischen 1150 und 1350. Zentrale Quelle sind fünf Liederhandschriften. Am Anfang stand der frühe Minnesang. Ab 1170 wurden vor allem im Westen des Römisch-Deutschen Reichs die Troubadour- und Trouvère-Dichtungen rezipiert (Rheinischer Minnesang, Friedrich von Hausen), bis sich um 1190 der klassische Minnesang wieder von den französischen Vorbildern löste. Bedeutende Vertreter dieser Phase waren Reinmar der Alte, Walther von der Vogelweide oder Neidhart. Der späte Minnesang datiert in die Zeit zwischen ca. 1250 und 1350.

Begriffsbestimmung

Als Minnesang bezeichnet man die deutschsprachige höfische Liebeslieddichtung von etwa 1150 bis 1350. Der mittelhochdeutsche Begriff 'minne' ist zwar grundsätzlich sehr weit zu fassen und reicht vom 'freundlichen Gedenken' über 'Zuneigung, Freundschaft, Verehrung' bis hin zur 'Gottesliebe' und schließt auch 'Verlangen' und 'Sehnsucht' mit ein; im Zusammenhang mit der literarischen Form ist Minnesang jedoch durchaus mit Liebeslyrik gleichzusetzen.

Diese im deutschen Sprachraum neue Kunstform war adlige Standesdichtung und Gesellschaftskunst, das heißt, dass Minnesang eng an die Ideale der ritterlichen Standeskultur und des höfischen Lebens gebunden war und geradezu als ritualisierte Vollzugsform höfisch-ritterlichen Lebens gelten kann. Ebenso wie die höfische Epik war Minnesang einem elitären adligen Publikum vorbehalten und repräsentierte (mit der Ausnahme Neidharts [Schaffenszeit etwa 1210-1240]) fast ausschließlich adlige Lebensentwürfe.

Als Vortrags- und Formkunst war Minnesang ein Medium, mit dem sich die Adelswelt über Modelle zwischengeschlechtlicher Liebe zu verständigen versuchte. Entscheidend für das Verständnis dieser literarischen Kunstform ist der Rollencharakter des Minnesangs: Ein repräsentatives lyrisches Ich formuliert vor der Hofgesellschaft allgemeingültige Erfahrungen zum Thema Liebe. Thematisch unterscheidet sich Minnesang damit von der Sangspruchdichtung, die vorwiegend ethische, religiöse und politische Themen gestaltete. Formal unterscheidet sich Minnesang vom dritten mittelalterlichen Lyrik-Genre, der Leichdichtung, dadurch, dass alle Strophen eines Minnelieds eine identische Bauform aufweisen. Allen drei Subgenres gemeinsam ist eine durch ein Metrum strukturierte rhythmisierte Sprache, die einem durchdachten Schema von betonten und unbetonten Silben folgt. Die häufigste Strophenform im Minnesang ist vom Ende des 12. bis ins 14. Jahrhundert die Kanzone, eine äußerst artifizielle Form. Eine Kanzonenstrophe (oder auch Stollenstrophe genannt) setzt sich aus einem Auf- und einem Abgesang zusammen. Der Aufgesang ist in (meist zwei) metrisch identische Stollen unterteilt (Hebungszahl, Kadenz, Reim müssen übereinstimmen). Der Abgesang unterscheidet sich metrisch und vor allem in der Reimgestaltung vom Aufgesang.

Minnesang war Aufführungskunst und keine Leselyrik. Die Lieder wurden (halb-)öffentlich im Rahmen höfischer Geselligkeit vorgetragen oder vorgesungen. Zahlreiche Abbildungen in der handschriftlichen Überlieferung lassen darauf schließen, dass eine instrumentale Begleitung beispielsweise durch Handharfe, Tamburin, Posaune, Trommel oder Fiedel stattgefunden hat. Die Jenaer Liederhandschrift (Mitte 14. Jahrhundert) enthält als einzige mittelalterliche Liederhandschrift zahlreiche Melodiennotationen.

Überlieferung

Überliefert sind rund 1.200 Minnelieder von etwa 110 Autoren. Überlieferungsträger sind vor allem die großen Sammelhandschriften der Zeit um 1300:

Traditionen und Kontexte

Der mittelhochdeutsche Minnesang steht in einer langen nahöstlichen und mitteleuropäischen Tradition von Liebeslyrik. In der arabischen Liebeslyrik finden sich bereits ab dem 6. Jahrhundert sog. qassîden (= längere Gedichte mit Endreim und Metrum), die Ähnlichkeiten mit dem mittelhochdeutschen Minnesang aufweisen. Darüber hinaus sind Anklänge an die antike Liebesdichtung und ihre Liebestheorien (z. B. Ovid [43 v. Chr. - 17 n. Chr.]) nicht von der Hand zu weisen. Auch viele mittellateinische Liebesgedichte gestalten Stoffe und Motive, die im mittelhochdeutschen Minnesang wiederbegegnen. Das berühmteste Beispiel ist die Textsammlung der Carmina Burana, die neben moralisch-satirischen Dichtungen auch viele Liebeslieder sowie Trink- und Spielerlieder enthält. Von besonderer Bedeutung für den mittelhochdeutschen Minnesang ist die romanische Lyrik. Sowohl formal als auch in stofflich-motivischer Hinsicht liefern die provenzalischen Trobadors und die nordfranzösichen Trouvères den deutschsprachigen Lyrikern zahlreiche Anregungen. Die Vorstellung von der unerreichbaren domna (= mhd. vrouwe, also 'Herrin, Minneherrin'), deren Unnahbarkeit den Mann zu Klageliedern animiert, findet in der mittelhochdeutschen Subgattung des Hohen Minnesangs rege Aufnahme.

Anfänge: Der frühe Minnesang

Die Geschichte des deutschen Minnesangs beginnt in der Mitte des 12. Jahrhunderts. In dieser Frühphase (1150-1170/80) ist der romanische Einfluss noch von untergeordneter Bedeutung. In der Nachfolge des stilgeschichtlich ältesten deutschen Lyrikers, des Kürenbergers (ca. 12. Jh.), prägen Dichter wie der Burggraf von Regensburg (12. Jh.), der Burggraf von Rietenburg, Meinloh von Sevelingen und Dietmar von Aist den frühen Minnesang, der in der älteren Forschung etwas missverständlich oft "donauländischer Minnesang" genannt wird (nicht alle Minnesang-Dichter dieser Phase stammen aus dem Donauraum).

Themen sind Werbung, Liebeserfüllung, Liebessehnsucht von Mann und Frau, Trennung, eine neidische, missgünstige Umwelt. Die meisten Lieder sind einstrophig und in Langzeilen verfasst. Der Anteil an Frauenrollen ist im Gegensatz zum späteren Minnesang relativ hoch. Die Reimtechnik ist noch schlicht (vorwiegend Paarreime), mit vielen Assonanzen (vokalische Halbreime).

Rheinischer Minnesang

In einer zweiten Phase des Minnesangs ab etwa 1170 wurde vor allem im Westen des Reichs die französische Trobador- und Trouvère-Dichtung rezipiert. Dieser sog. Rheinische Minnesang entwickelte sich im Umkreis des staufischen Hofes. Einer seiner Hauptvertreter, Friedrich von Hausen (gest. 1190), war ein angesehener Ministeriale des Stauferhofes, der nach dem "Chronicon Hanoniense" zu den familiares et secretarii des Kaisers zählte. Seine Kreuzlieder zählen zu den ältesten der deutschen Lyrik. Als namengebender Stammsitz gilt das am Zusammenfluss von Rhein und Neckar gelegene Rheinhausen (Stadt Mannheim, Baden-Württemberg). Zu Friedrich von Hausens Dichterkreis ("Hausenschule") zählten neben Kaiser Heinrich VI. (reg. 1190-1197), dem Sohn Friedrichs I. Barbarossas (reg. 1152-1190, als Kaiser ab 1155), auch Bernger von Horheim (12. Jahrhundert), Bligger von Steinach (1135-1196), Ulrich von Gutenburg (gest. ca. 1220) sowie der aus dem Fränkischen stammende Graf Otto von Botenlauben (1175-1254). Weiter südlich gilt Graf Rudolf II. von Neuenburg, bekannt als Rudolf von Fenis (erw. 1158-1192), als weiterer wichtiger Vertreter des Rheinischen Minnesangs.

Formal hat der Rheinische Minnesang an Komplexität gewonnen: Es dominieren mehrstrophige Lieder in Kanzonenform; die Reimschemata werden differenzierter, der reine Reim wird zur Norm. Inhaltlich wird die Dienst-Minne zur Hohen Minne stilisiert. In Anlehnung an die Terminologie des Lehnswesens wird die Frau zur abstrakten Minneherrin erhoben, die über dem Mann steht. Die prinzipiell unerfüllte Minne des Mannes vollzieht sich im von Beständigkeit getragenen Frauendienst. Im Mittelpunkt stehen die Kontrolle der Affekte und die Sublimierung der Erotik. Ebenfalls bedeutsam ist die Verbindung von Minne- und Kreuzzugsthematik, die im Kontext des Dritten Kreuzzuges (1187-92) zu sehen ist. In zahlreichen Kreuzliedern geht es um den Konflikt zwischen Minne und Kreuzzugsteilnahme. Die weltliche Liebe zu einer adligen Dame muss sich an der Gottesminne messen lassen. Nicht selten wird der Heilserwartung durch den Kreuzzug der Vorrang gegeben und damit der weltlichen Liebe eine Absage erteilt.

Klassischer Minnesang

In der dritten Phase des Minnesangs ab etwa 1190, dem sog. Klassischen Minnesang, waren erneut Dichter aus dem schwäbischen und bayerischen und nunmehr auch verstärkt aus dem fränkischen Raum tonangebend. Der deutsche Minnesang löste sich nun wieder von romanischen Vorbildern und baute auf eigenen Traditionen auf. Der Passauer Ministeriale Albrecht von Johansdorf (erw. 1180-1206) ist vor allem für seine Kreuzlieder bekannt, in denen er nach der Vereinbarkeit von Kreuznahme und Frauenminne sucht. Der als Epiker bekannte Hartmann von Aue (Schaffenszeit etwa 1185-1205), der in der Nähe von Freiburg im Breisgau lebte und vermutlich im Dienste der Zähringer stand, erteilt in seinen Kreuzliedern der Hohen Minne eine Absage, ähnlich wie bereits Friedrich von Hausen. Darüber hinaus problematisiert Hartmann in seinen Minneliedern das Konzept der Hohen Minne und fordert - ähnlich dem frühen Minnesang - gegenseitige Liebe.

Als einer der bedeutendsten Minnesänger der Zeit um 1200 gilt Reinmar der Alte, der zeitweise am Wiener Herzogshof tätig war. Seine genaue Herkunft ist ungeklärt. Reinmar führt die Tradition des Rheinischen Minnesangs fort, variiert allerdings das Konzept der Hohen Minne. Das aus der Aussichtslosigkeit des Minnedienstes resultierende Leid wird in kunstvoll gestalteten Minneklagen ästhetisiert.

Ebenfalls dem Klassischen Minnesang zugeordnet wird der bedeutende Epiker Wolfram von Eschenbach (Schaffenszeit etwa 1200-1220). Wenngleich er sich selbst in seinem "Parzival" einen Bayern nennt (wir Beiern, Pz. 121,7), gilt seine Herkunft aus dem fränkischen Eschenbach (seit 1917 Wolframs-Eschenbach) als gesichert. Auch sein erster Gönnerkreis stammte vermutlich aus Franken (Graf Poppo von Wertheim [gest. 1279], die Freiherrn von Dürn), bevor Wolfram an den großen Höfen bekannt wurde (z. B. am Hof des Landgrafen Hermann von Thüringen [reg. 1190-1217]). Von Wolfram sind neun Lieder überliefert; fünf davon sind Tagelieder, in denen er das Motiv des Wächters, der die Liebenden nach gemeinsam verbrachter Nacht zur Trennung mahnt, in die deutsche Literatur einführt.

Der bekannteste mittelhochdeutsche Lieddichter war Walther von der Vogelweide (ca. 1170-1230). Er war fahrender Berufs-Minnesänger, der sich immer wieder an den wohlhabenden staufischen und staufernahen Höfen aufhielt. Seine Herkunft ist nicht gesichert. Sowohl Franken und Bayern als auch Österreich kommen in Betracht. Beeindruckend ist nicht nur der Umfang, sondern auch die Vielfalt seines Œuvres, das sich vor allem auf die Gattungen Minnesang und Sangspruchdichtung erstreckt. Unter seinen Minneliedern finden sich konventionelle Lieder in der Nachfolge Reinmars, Lieder, in denen er sich kritisch mit der Hohen Minne auseinandersetzt, sog. Mädchenlieder, in denen die Liebeserfüllung mit nicht-adligen Mädchen thematisiert wird, sowie "Lieder der neuen hohen Minne", in denen er eine neue Geschlechterkultur fordert. Die Lieder Walthers gelten als Höhepunkt und Überwindung des Hohen Minnesangs. Seine Sangsprüche gingen über die gattungsübliche religiöse, moralische und ständische Belehrung hinaus und erschlossen den Themenbereich Politik für die Lieddichtung.

Der Minnesänger Neidhart, ein Zeitgenosse Walthers, wurde in Bayern geboren und wanderte später nach Österreich ab, wo er von Herzog Friedrich II. dem Streitbaren (reg. als Herzog von Österreich und Steiermark 1230–46) unterstützt wurde. Neidhart begründete Anfang des 13. Jahrhunderts den sog. Gegensang, in dem er die höfischen Elemente der Hohen Minne in ein fiktives Bauernmilieu transponierte. In seinen Sommerliedern setzt ein höfischer Ritter (der Riuwentaler) es sich zum Ziel, einfache Mädchen vom Land zu erobern. Immer wieder gestaltet Neidhart dabei äußerst unterhaltsame Auseinandersetzungen zwischen (liebestollen) Müttern und (mahnenden) Töchtern. In seinen Winterliedern, die häufig in bäuerlichen Gaststuben spielen, rücken Streitereien mit den männlichen Vertretern des Bauernstandes in den Vordergrund. Es wird deutlich, dass Neidhart in seiner Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition ganz eigene Akzente setzt.

Der späte Minnesang

Um die Mitte des 13. Jahrhunderts setzt der späte Minnesang ein, der sich bis etwa 1350 erstreckt. Rund zwei Drittel der vorwiegend in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (C) überlieferten Minnelieder gehören in diese Phase. Hier wurden neben der Nachahmung Neidharts vor allem konventionelle Ansätze höfischen Minnesangs auf hohem Formniveau variiert und konkretisiert. Es entwickelte sich eine Tendenz zur Lehrhaftigkeit.

Viele der um diese Zeit produktiven Minnesänger stammen aus dem alemannischen Raum. Die neuere Forschung zweifelt indes an der Existenz des lange Zeit als prominent angesehenen sog. spätstaufischen Dichterkreises um Gottfried von Neifen (erw. 1234/55), Burkhard von Hohenfels (erw. 1226) und den aus einem einflussreichen schwäbischen Ministerialengeschlecht stammenden Ulrich von Winterstetten (1225-1280) am Königshof Heinrichs VII. (reg. 1222/28-1235) und Konrads IV. in Schwaben (reg. als Herzog von Schwaben 1235–1254, als römisch-deutscher König 1237-1254). Wo und wann genau diese Dichter ihre Lieder vortrugen, gilt als unsicher. Weitere bedeutsame Minnesänger des 13. Jahrhunderts waren Ulrich von Singenberg, Steinmar (beide 13. Jahrhundert), Johannes Hadlaub (gest. 1340), Konrad von Würzburg (gest. 1287), der fahrende Berufsdichter Tannhäuser (gest. nach 1266), dessen Wurzeln in Thannhausen vermutet werden, sowie der schwäbische Lied- und Spruchdichter der Wilde Alexander (Mitte/Ende 13. Jh.).

Nachwirkung

In den folgenden Jahrhunderten wurde vor allem in Bayern immer wieder an die Tradition des Minnesangs und der Sangspruchdichtung angeknüpft. Im 14. Jahrhundert versuchte Hadamar III. von Laber (14. Jahrhundert) mit seiner Minneallegorie "Die Jagd", den hochmittelalterlichen Liebesdiskurs zu aktualisieren. Auch die Meistersinger des 15.-17. Jahrhunderts, deren Meistergesang vor allem in den süddeutschen Reichsstädten wie Nürnberg und Augsburg verbreitet war, sahen die mittelhochdeutschen Sangspruchdichter als Begründer ihrer Kunst an.

2. Jagd

von Gerhard Immler

Die Jagd auf wilde Tiere, die mit den damaligen Wurf- und Stichwaffen nicht ungefährlich war, hat dem Adel das ganze Mittelalter hindurch zur körperlichen Ertüchtigung und als Mutprobe gedient. Dies gilt sowohl für Niederadelige wie für Könige und hochadelige Landesherren, die mit ihrem Gefolge große Jagden veranstalteten, um den Untertanen einen Beweis ihrer persönlichen Tüchtigkeit wie ihrer Macht vor Augen zu führen.

Voraussetzungen in der antiken Kultur

Sowohl in den antiken Hochkulturen des Orients wie in den aristokratisch verfassten Stadtstaaten in der frühen Phase des antiken Griechenland vom Einsetzen der mykenischen Kultur (um 1680/1600 v. Chr.) bis ins 6. Jahrhundert vor Christus inszenierten sich die Könige bzw. die adelige Oberschicht gerne als Jäger, um sich der Masse der Bevölkerung als Beschützer vor den durch wilde Tiere drohenden Gefahren zu präsentieren. Im Römischen Reich dagegen spielte die Jagd für die Selbstdarstellung der Führungsschicht der Republik wie anschließend der Kaiser kaum eine Rolle; in der bildenden Kunst wurden sie in der Regel als Redner oder Heerführer, nicht als Jäger abgebildet. Nach römischem Recht war die Jagd kein Privileg der gesellschaftlichen Oberschicht, sondern jedermann erlaubt, der die erforderliche Ausrüstung besaß. Ähnlich waren die rechtlichen Voraussetzungen bei den germanischen Völkerschaften, doch stand bei diesen die Jagd in hohem Ansehen. Sie wurde darum mit Vorliebe vom Adel ausgeübt, der durch diese körperlich anstrengende und gefährliche Betätigung seine Tüchtigkeit unter Beweis stellen konnte.

Die Jagd im Frühmittelalter

Die Herrscher der Dynastien, die am Ende der Völkerwanderungszeit allmählich aus lockeren Stammesverbänden Königreiche und Herzogtümer formten, benötigten, wenn sie mit ihrem zahlreichen Gefolge von Ort zu Ort zogen, große Mengen an Fleisch. Diese wurden neben der hierfür vorrangigen Viehhaltung auf Königs- und Herzogshöfen auch durch die Jagd beschafft. Gleichzeitig bot diese den Herrschern eine Gelegenheit, ihren Völkern die eigene körperliche Leistungsfähigkeit zu demonstrieren, die als wesentlicher Teil der Regierungsfähigkeit galt. Schon die merowingischen und karolingischen Könige der Franken wie auch die bayerischen Herzöge aus dem Hause der Agilolfinger wiesen daher seit dem 7. Jahrhundert Wälder in der Nähe ihrer Pfalzen als "Forste" aus und behielten sich darin neben dem Holzschlag auch das Jagdrecht selbst vor. Unter den ostfränkischen Karolingern begegnen in Bayern Amtsträger mit Titeln wie "princeps super omnes forestes" (erster unter allen Forstleuten) oder "regis summus venator" (Oberster Jäger des Königs) als Verwalter dieser Königsforste.

Der vom König oder Herzog gebannte Forst unterschied sich damit vom Wald, in dem gemäß den germanischen Volksrechten jeder Freie zur Jagd gehen durfte. Ihre Ausübung war jedoch wegen der Pferde- und Hundehaltung kostspielig und setzte bei den damaligen Jagdwaffen (Spieße, Lanzen, Armbrust, Pfeil und Bogen) ein erhebliches Maß an Geschicklichkeit und somit Übung voraus. Daher dürfte der Bevölkerungsanteil, der sich mit der Hetzjagd abgab, schon damals klein gewesen sein. Bauern werden sich in der Regel mit der gelegentlichen Fallen- und Schlingenjagd auf Kleinwild begnügt haben. Der Anteil von Wildbret an ihrer Ernährung war anders als beim Adel marginal.

Die Entwicklung der Jagd zum Adelsprivileg im Hoch- und Spätmittelalter

Seit Beginn des Hochmittelalters, in Bayern nachweisbar seit Beginn des 11. Jahrhunderts, erteilten die Kaiser und Könige zunächst vor allem Bischöfen und Klöstern Privilegien, durch die denselben in bestimmten Bezirken der Wildbann zuerkannt wurde. Dieser beinhaltete das Recht, selbst zu jagen und die Jagdausübung durch andere zu regeln. Um Schmälerungen dieses Rechts fernzuhalten, konnte damit die Befugnis verbunden sein, Rodungen durch andere Herrschaftsträger zu untersagen. Wildbannprivilegien definierten notwendigerweise Bezirke, innerhalb derer sie gelten sollten, und enthielten damit Grenzbeschreibungen. Nicht wie sonst im Früh- und Hochmittelalter vage definierte Grenzsäume, sondern fixierte Linien umfingen das Gebiet, in dem ein Herrschaftsträger die "Forstliche Obrigkeit" ausübte. Dabei musste man mit einer gewissen Großzügigkeit verfahren, denn für die Abgrenzung von Jagdrevieren sind in der Landschaft leicht erkennbare Merkmale notwendig, da bei der Verfolgung des Wildes keine Zeit bleibt, Grenzsteine aufzusuchen. Kleinteiligkeit verbot sich damit von selbst. Wildbanngrenzen waren darum bestens geeignet, entlang leicht erkennbarer und weithin sichtbarer Landmarken (Flußläufe, Gebirgskämme und Höhenzüge, von Weitem sichtbare natürliche Erhebungen und Gebäude) den Raum abzustecken, innerhalb dessen einer der geistlichen und weltlichen Großen des Reiches nach territorialer Herrschaft strebte und diesen Anspruch durch Jagdausübung augenfällig machen konnte. Diese fand stets mit zahlreichem Gefolge, darunter Berufsjäger und Hundemeute, statt und war somit für jedermann leicht wahrnehmbar. So entwickelte sich die 1059 in einem Privileg Heinrichs IV. (reg. 1053/56-1105, Kaiser ab 1084) festgelegte Grenze des Wildbanns der Augsburger Bischöfe bis zum Ende des Spätmittelalters auf weiten Strecken zur Außengrenze von deren Territorium. Bezeichnenderweise mussten die Bischöfe lediglich im Osten und Südosten gegen konkurrierende Ansprüche der mächtigeren Fürsten von Bayern und Tirol Abstriche an der beanspruchten Grenze entlang des Lechs hinnehmen.

Als in der Zeit von der Mitte des 12. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts die Herrschaftskomplexe des hohen Adels und der Institutionen der Reichskirche zu Territorialfürstentümern wurden, entwickelte sich der Wildbann zu einem landesherrlichen Regal. Als Ausfluss des fürstlichen Ranges wurde dieses auch dort in Anspruch genommen, wo, wie meist bei den weltlichen Fürsten, eine königliche Privilegierung nicht nachweisbar ist. In Franken sicherten sich seit dem Ende des 13. Jahrhunderts Grafenhäuser in Konkurrenz zu den großen Territorialherren kleinere Wildbannbezirke als Reichslehen. Herzog Ludwig VII. von Bayern-Ingolstadt (reg. 1413-1447) beanspruchte 1435 in einem Streit mit dem Bischof von Passau um Wildbannrechte erstmals das Jagdrecht in seinem ganzen Territorium für sich als Ausfluss seiner Landeshoheit ("wie der wildpann ein solche herlichkeit wer, die in als einem lanndfürsten billich zugehört in seinem lannd", Monumenta Boica 31/2, 280).

Die Hauptkonfliktlinie verlief jedoch nicht zwischen benachbarten Territorialherren, sondern zwischen den jeweiligen Landesherren und den ihnen unterworfenen kleineren adeligen und kirchlichen Grundherren, die das Jagdrecht als Ausfluss ihres Geburtsstandes oder ihres Eigentums an Wäldern ansahen. Diese Streitigkeiten fanden ihre Lösung vereinzelt durch fürstliche Wildbannbelehnungen oder Einräumungen eines "Mitjagens", d. h. der Befugnis zur Ausübung der Jagd mit und neben dem Wildbanninhaber, hauptsächlich aber durch die einsetzende Differenzierung nach jagdbaren Tieren. Dabei wurde die Jagd auf Rot- und Schwarzwild als "hohe Jagd" für den Wildbanninhaber reserviert, während die Grundherren sich mit der "niederen Jagd" auf Füchse, Hasen, Federwild und andere Kleintiere begnügen mussten. In landesherrlichen Einzelprivilegien und allgemeinen Vereinbarungen der Fürsten mit ihren Landständen fanden solche Regeln ihre rechtliche Fixierung.

Die Bauern dagegen gingen mit wenigen Ausnahmen im Zuge dieser Einpassung des Jagdwesens in die Ständegesellschaft des Rechts auf Jagdausübung gänzlich verlustig. Eingesetzt hatte dies schon in der Zeit der späten Karolinger, als immer mehr freie Bauern sich unter dem Druck der auf ihnen lastenden Kriegsdienstpflicht davon freikauften, indem sie ihren eigenen Status minderten und sich als Halbfreie in den Schutz eines adeligen oder kirchlichen Großen begaben. Mehr noch als diese Minderung des persönlichen Standes wirkte sich die immer weiter getriebene Ausweisung ehedem herrenloser Wälder als königliche und insbesondere fürstliche Bannforste aus. Als dritter Faktor kam gegen Ende des Mittelalters die einsetzende landesherrliche Polizeigesetzgebung dazu, die das Recht, in der Öffentlichkeit Waffen zu führen - oft in ständisch abgestufter Weise - beschränkte.

Zu einer Belastung entwickelten sich zudem für die Bauern die Verpflichtung zur Beherbergung der Jäger sowie die Jagdfronen (d. h. die unentgeltliche Unterstützung der Herrschaft bei der Jagd). Besonders stark scheint dies, wie Beschwerdeartikel im Umkreis des Bauernkriegs von 1525 zeigen, in Franken und Schwaben mit ihren vielen kleinen Territorialherrschaften der Fall gewesen zu sein. Klösterliche Grundherren, bei denen das Jagdrecht meist auf den Vogt übergegangen war, suchten mitunter ihre Bauern durch königliche oder landesherrliche Privilegien gegen eine übermäßige Beanspruchung dieser Rechte durch die adeligen Vögte zu schützen.

Die Formen der Jagdausübung

Die im Mittelalter vorherrschende Jagdform war die Pirschjagd, besonders bei geistlichen Jagdrechtsinhabern, denen die persönliche Teilnahme an Treib- oder Hetzjagden vom Kirchenrecht verboten war. Auch die Pirsch wurde jedoch in der Regel nicht von einem einzelnen Jäger, sondern in Gruppen ausgeübt. Als Waffen wurden auf Hirsche die Armbrust sowie Pfeil und Bogen, bei Wildschweinen der Sauspieß eingesetzt, wobei die Hunde das Wild zu hetzen und zu stellen hatten. Vögel wurden mit Netzen und Röhren gefangen. Die Jagd auf Bären oder Wölfe wird in Franken niemals als Bestandteil der Hofjagd erwähnt. Im dünner besiedelten Herzogtum Bayern scheint sie eine gewisse Rolle gespielt zu haben: Ludwig der Bayer (reg. 1314-1347, Kaiser ab 1328) verstarb 1347 während der Bärenjagd bei Fürstenfeld (Stadt Fürstenfeldbruck). Der Starnberger See, dessen Umkreis neben den Forsten nahe München (Ebersberger Forst, Perlacher Forst, Forstenrieder Forst) das bevorzugte Jagdgebiet der Münchner Herzöge war, wurde auch zur Jagd auf Wasservögel genutzt. Eine Sonderform war die Beizjagd mit Hilfe von Greifvögeln. An ihr beteiligten sich auch Frauen.

Die landesherrliche Jagdverwaltung in Bayern

Das fürstliche Jagdpersonal war dem Hofstaat zugeordnet. So sind in der niederbayerischen Hofordnung von 1294 ein Jägermeister mit acht Jägern und einem Falkner erwähnt (Rosenthal, Geschichte, 356f.; Störmer, Hofjagd, 307).

Erstmals führte Herzog Georg der Reiche von Bayern-Landshut (reg. 1479-1503) 1490 in Bayern eine regional gegliederte Jagd- und Forstverwaltung ein: Das Jägermeisteramt in Landshut benannte er in "Forstmeisteramt" um, wobei der bisherige Jägermeister den Titel "Oberster Forstmeister" erhielt und mit der Oberaufsicht über alle herzoglichen Forste im Viztumamt Landshut betraut wurde. In Burghausen fasste er die beiden dort ansässigen Forstmeisterämter für den Öttinger Forst und den Weilhartforst (Österreich) ebenfalls zum Amtsbereich eines "Obersten Forstmeisters" zusammen. In Ingolstadt blieb es zwar bei der Bezeichnung "Jägermeister", doch scheint auch mit diesem Amt nunmehr die Oberaufsicht über das gesamte Forstwesen im Viztumamt Ingolstadt verbunden worden zu sein. (Ziegler, Staatshaushalt, 97, 128, 195).

Quellenlage

Schon antike Autoren verfassten Lehrbücher zur Jagdausübung. In den frühmittelalterlichen Stammesrechten wird sie mitunter erwähnt; so enthält die Lex Baiuvariorum rechtliche Regelungen über die Jagd mit Hunden und Habichten sowie über den Wert von Jagdhunden. Zwar erst im Hochmittelalter entstanden, aber sicher die frühmittelalterlichen Verhältnisse einigermaßen richtig wiedergebend sind Schilderungen der Jagdausübung durch die agilolfingischen Herzöge von Bayern in den Gründungslegenden der Klöster Kremsmünster (Österreich), Polling und Wessobrunn. Auch Chroniken und Lebensbeschreibunegn von Herrschern erzählen mitunter von großen, von diesen veranstalteten Jagden. Die wittelsbachischen Herzogurbare seit dem 13. Jahrhundert - das älteste stammt von 1230 - lassen zwar die Jagdgerechtigkeiten unerwähnt - was darauf hindeutet, dass ihr wirtschaftlich-finanzieller Ertrag für die fürstliche Kammer bedeutungslos war -, doch wird man davon ausgehen dürfen, dass die darin genannten Forste auch als Jagdgebiete dienten.

Seit dem 13. Jahrhundert entstanden auch wieder, besonders im französischen Sprachraum, hand- und lehrbuchartige Darstellungen der Jagdausübung. Berühmt ist das von Friedrich II. (reg. 1212-1250, Kaiser seit 1220) verfasste Werk über die Falknerei "De arte venandi cum avibus".

3. Am Hofe der Burgunder. Leben in Pracht und Tugend. 

Zwar dominieren Ritter um 1450 nicht mehr die Schlachtfelder Europas. Doch sie sind die kulturelle Elite des Kontinents: Ihre Ideale und Regeln bestimmen das Leben an den Fürstenhöfen. Und der prunkvollste von allen befindet sich im Herzogtum Burgund – dessen Herrscher seine Standesgenossen zu einem neuen Kreuzzug aufruft

KAMPFESLUSTIG, gelehrt, fromm und kultiviert: Philipp der Gute (oben links, in schwarzem Gewand) gebietet ab 1419 über das Herzogtum Burgund im Osten Frankreichs und verkörpert Chronisten zufolge den idealen Ritter (zeitgenössische Darstellung)

Welche Stunden des Rausches, prunkvoll, maßlos! Aus einem Brunnen in Frauengestalt strömt gewürzter Wein, feines Orangenwasser rinnt aus den Türmen eines kunstvoll modellierten Schlosses samt Umgebung mit Gräben, Hügeln und Windmühle. Nicht weit davon ragt auf einer Tafel eine meterhohe Pastete empor – so gewaltig, dass in einer Aussparung im Inneren der Speise 28 Musiker Platz finden. Auf ihren Instrumenten spielen sie Kompositionen, die eigens für dieses Fest in Auftrag gegeben worden sind.

Philipp der Gute, Herzog von Burgund, hat an diesem 17. Februar 1454 im großen Saal seiner Residenz in Lille zum Bankett geladen. In seiner bacchantischen Üppigkeit ist dieses Festmahl aber mehr als ein bloßes Essen: Es ist eine Feier seiner Herrschaft, seiner Herrlichkeit – und seines Rittertums. Mit der Organisation der Gala hat der Herrscher seine besten Männer betraut.

Philipp thront an diesem Abend an einer von drei Tafeln, beschirmt von einem Baldachin aus golddurchwirktem Tuch. Um ihn sitzen, nach strenger Ordnung, die Edlen und Wichtigen des burgundischen Reiches. Viele von ihnen sind Ritter, gehüllt in grauen und schwarzen Damast, darunter die gut 30 Mitglieder des Ordens vom Goldenen Vlies, den Philipp vor einigen Jahren gegründet hat.

AB 1419 herrscht Philipp (hier bei der Entgegennahme eines kostbaren Buches) über Burgund – und versucht, aus dem Herzogtum ein Großreich zu schmieden

Zu erkennen sind diese hohen Adeligen am Ordenszeichen, einer Kette mit goldenem Anhänger in Form eines Widderfells. Es soll ein Vlies darstellen, das die Griechen der Sage nach einst erbeuteten. Diener tragen das Mahl auf: mehrere Gänge mit jeweils 48 Speisen, darunter Fisch in Aspik, Dutzende Fleischgerichte, Wild – und viel Geflügel. Denn Tiere, die sich in die Luft erheben, gelten als sehr edel. Daher gibt es gebratene Tauben, Rebhühner, Rohrdommeln, Reiher. Zudem Fasan, bestäubt mit Goldpuder.

Auch die Saucen schimmern golden, sie sind mit Safran gefärbt, von dem ein Pfund so viel kostet wie ein ganzes Pferd. Zum Dessert lässt Philipp Kuchen und eingemachtes Obst kredenzen – vor allem Pflaumen und Kirschen, denn die wachsen so hoch, wie die Vögel fliegen, weit entfernt von den Früchten des Bodens, die dem Volk genügen müssen.

Zwischendurch werden die Anwesenden immer wieder durch spektakuläre Einlagen unterhalten. Ein singender Knabe reitet auf dem Rücken eines weißen Hirsches mit vergoldeten Hörnern durch den Raum. Die Figur eines feuerspeienden Drachens gleitet (vermutlich an einer eigens angebrachten Seilkonstruktion) über die Köpfe der Gäste hinweg. Darsteller führen Szenen aus den Sagen um Jason auf – jenen antiken Helden, der sich einst auf die abenteuerliche Suche nach dem Goldenen Vlies gemacht hat: In Begleitung seiner Getreuen, allein dem guten Ziel verpflichtet, brach er ins sagenhafte Schwarzmeerland Kolchis auf. Die Ritter versuchen solchen Vorbildern nachzueifern; brüderlich, tapfer, von absoluter Moral.

Und wie kaum ein Zweiter hat sich Philipp der Gute diesen Idealen verschrieben. Leben und Streben nach dem Geist des Ritters: Das ist sein Leitbild, der Kern seiner Herrschaft. Am burgundischen Hof, der im späten Mittelalter als Europas prächtigster gilt, folgen die Edlen den traditionellen Umgangsformen der Gepanzerten daher mit besonderer Hingabe.

Sie pflegen ritterliche Tugenden wie Disziplin und Tapferkeit, Gemeinschaft und Gelehrtheit, organisieren wie ihre großen Vorbilder früherer Jahrhunderte regelmäßige Turnierkämpfe. Und setzen auf largesse, Großzügigkeit: Nirgendwo auf dem Kontinent sind die Bankette ausladender, die Inszenierungen üppiger, die Geschenke wertvoller als in Burgund.

DOCH DIESE NACHT in Lille dient einem noch höheren Ziel als der festlichen Freigebigkeit: Plötzlich sind Laute des Erstaunens zu hören, als ein Hüne, als Türke verkleidet, einen Elefanten hereinführt. Auf dessen Rücken steht in Frauenkleidern Philipps Hofmeister als personifizierte Heilige Kirche. Mit einstudierten Worten fleht er eindringlich den Herzog an, der Kirche zu Hilfe zu eilen. Sogleich verstummen alle im Saal.

Jeder der Anwesenden weiß um den Hintergrund des Schauspiels: Kein Jahr zuvor ist Konstantinopel, letzte Bastion der Christenheit im Osten, in die Hände des osmanischen Sultans gefallen. Daraufhin hat der Papst die europäischen Herrscher zum Kampf gegen die Türken aufgerufen.

Tief sitzt in den Köpfen von Fürsten und Rittern die Erinnerung an früheres Versagen: Die meisten Kreuzzüge gegen die Muslime sind gescheitert. Noch die letzte bewaffnete Wallfahrt, an der 1396 auch der burgundische Herzog Johann teilnahm, endete desaströs. Johann wurde gefangen genommen und kam erst nach der Zahlung eines hohen Lösegeldes frei.

Philipp, sein Sohn, kann trotzdem (oder gerade deshalb) nicht von diesem höchsten aller Ritterideale lassen: Jerusalem zu befreien. Denn haben nicht erst die Kreuzzüge aus den berittenen Kriegern edle Ritter gemacht, deren Ideal und ihren Geist geprägt? Der Herzog ist fest entschlossen, diese ritterliche Tradition wiederaufzunehmen und seine Gefolgschaft für diese Idee zu begeistern. Und jetzt sieht er die Zeit dafür gekommen. Daher trägt nun einer der Ordensritter einen Fasan herbei, der an Kolchis erinnern soll, jenen Ort, von dem das Goldene Vlies einst geraubt worden sein soll.

Behutsam legt Philipp seine Hand auf das glänzende Gefieder des Vogels – und schwört mit fester Stimme, einen Kreuzzug gegen die Türken nach Kräften zu unterstützen. Jubel brandet auf.

DIE BÜRGER DER STADT GENT unterwerfen sich nach einer Rebellion: Herzog Philipp (auf dem Pferd vorn) inszeniert sich zwar als ritterlichster aller Ritter, ist jedoch ein pragmatischer Politiker und Kriegsherr. In der Schlacht setzt er nicht nur auf Panzerreiter, sondern auch auf moderne Geschütze

Gut 100 weitere Ritter legen noch an diesem Abend ihr Gelübde auf den Fasan ab. In den Tagen danach, als Herolde und Boten überall die Kunde eines neuen Kreuzzugs verbreiten, sind es fast noch einmal so viele, die den Eid schwören – als wollten sie sich ihrer Bedeutung vergewissern in einer Zeit, da ihr Stand auf den Schlachtfeldern bedroht ist.

Denn zu Philipps Zeiten gelten die Panzerreiter längst nicht mehr als unumschränkte militärische Elite des Kontinents – wohl aber als kulturelle Führungsschicht: Werte und Regeln ritterlichen Lebens sind über die Jahrhunderte hinweg zum Maßstab der Mächtigen geworden. Vor allem an den großen Herrscherhöfen huldigen und folgen sie ihnen. Und niemand übertrifft darin Philipp den Guten, der den schönsten aller Ritterhöfe führt. So alt die Rittertraditionen auch sind, auf die sich der 57-jährige Herzog von Burgund beruft, seine Dynastie ist noch ziemlich jung – und deren Aufstieg geradezu rasant.

Gut 90 Jahre zuvor hat Frankreichs König seinem vierten Sohn Philipp das Herzogtum Burgund zum Lehen gegeben. Das Land umfasst da, 1363, neben dem Kerngebiet um die Hauptstadt Dijon nur ein spärlich besiedeltes, bäuerliches Gebiet an der Loire.

Doch schon diesem Philipp, genannt der „Kühne“, gelingt es, sein Reich rasch auszuweiten, vor allem durch geschickte Hochzeitspolitik. Er heiratet Margarete, die Erbtochter des Grafen von Flandern, und gewinnt so bedeutende flämische Gebiete hinzu – das europäische Zentrum des Tuchgewerbes, aus dem bald schon üppige Zoll- und Steuereinnahmen an den burgundischen Hof fließen. Das Erbe seiner Frau verschafft Philipp zudem weitere Territorien in den heutigen Niederlanden sowie französische Gebiete und die zum römisch- deutschen Reich gehörende Freigrafschaft Burgund (siehe Karte Seite 144). Durch die neuen Territorien steigt der Herzog zu einem der bedeutendsten europäischen Fürsten auf; er ist nun fast ebenso mächtig wie der französische König, sein durch Kriege geschwächter Lehnsherr.

Die Tuchindustrie verbindet Burgund mit England, das die Wolle für die Produktion liefert. London jedoch steht mit Frankreich im schon lange währenden „Hundertjährigen Krieg“ – und die burgundischen Herzöge nutzen diesen Konflikt für ihre Zwecke. Mehrmals werden sie in den folgenden Jahrzehnten die Seiten wechseln und erlangen so immer größere Eigenständigkeit. Als Philipp der Gute 1419 an die Macht kommt, übernimmt er ein politisch und finanziell starkes Herzogtum. Er wird es in nie gekannte Höhen führen.

BEI SEINEM AMTSANTRITT ist Philipp gerade erst 22 Jahre alt, ein Jüngling noch, groß gewachsen, dichte Brauen. Maler seiner Zeit porträtieren ihn mit Ehrgeiz und Entschlossenheit im Blick. Die Aufgabe ist plötzlich über ihn gekommen: Handlanger des französischen Kronprinzen haben seinen Vater ermordet. Der Prinz fürchtete die Macht und den Einfluss, den der ebenfalls aus der Königsfamilie stammende Burgunder am Hof in Paris ausübte.

DAS SCHWERT IM KAMPF, DIE HARFE AM HOF

Dennoch ist Philipp gut vorbereitet. Er hat eine ritterlichadelige Ausbildung genossen, wie sie mittlerweile Standard ist in den hohen Fürstenhäusern Europas: Sie umfasst den Kampf mit Schwert und Lanze, aber auch den Tanz und das Spiel auf der Harfe. Der Jüngling ist mit antiker und mittelalterlicher Literatur vertraut, beherrscht neben Französisch, der feinen Sprache des Hofes, auch Flämisch und natürlich sämtliche Regeln der höfischen Etikette.

In dieser Zeit gehört das Rittersein längst zum Wesen eines adeligen Herrschers. Romane und Epen feiern die Reiterkämpfer als einzig verbliebene Helden in einer Welt voll Gier, Furcht und Rachsucht. Sie verkörpern alles Geschätzte, das Harte und das Moralische: Sie sind Gewaltund Ehrenmänner, eigensinnig und brüderlich, wissen in der Schlacht ebenso zu glänzen wie in der Philosophie. Um sich selbst noch einmal zu erhöhen, mit dem Nimbus von Stärke und moralischem Glanz zu versehen, richten viele europäische Fürsten ihr Leben am Ideal des vollkommenen Kämpfers aus.

Nach und nach sind Aristokratie und Rittertum so immer weiter verschmolzen. Fürsten lassen ihre Söhne zu Rittern erziehen, schmücken sich mit ritterlichen Titeln, zeichnen Verwandte und Verbündete damit aus. Zugleich aber nimmt die militärische Bedeutung der Panzerreiter ab – auch weil es immer weniger Schlachten gibt, in denen sie gebraucht werden.An den Fürstenhöfen gelten jedoch weiterhin ritterliche Ideale: außerordentliche Großzügigkeit, präzise Benimmregeln, besondere Kleider, eigene Tänze.

Philipp der Gute entspricht perfekt dem Bild des fürstlichen Ritters, da sind sich die Chronisten einig. Kampfeslustig sei er, fast täglich trainiere er. Zugleich beherrsche er aber auch das Duell mit Worten, sei respektvoll, großmütig und loyal. Und wie er tanze, unübertroffen!

Dazu dieser Sinn für alles Schöne, ja Extravagante. Sein Hut, den er bei öffentlichen Auftritten trägt, ist dicht mit Rubinen, Diamanten und Perlen besetzt. Seine Gewänder sind zuweilen so lang und weit, dass sie beim Reiten vom Ross bis auf den Boden reichen. Beim Regieren ist Philipp allerdings weitaus weniger stilvoll, agiert durchtrieben und skrupellos. Sein Ziel: Burgund noch größer und mächtiger zu machen.

Im Jahr 1421 erwirbt der Herzog die Grafschaft Namur. Deren Herrscher ist hoch verschuldet, und Philipp ergreift die Gelegenheit: Für 132.000 Goldkronen (25.000 in bar, den Rest in drei Jahresraten) erhält er das Erbrecht an der Grafschaft. Später fällt ihm unter anderem auch das Herzogtum Brabant mit der wichtigen Stadt Brüssel als eine glückliche Erbschaft zu.

Zuvor schon hat ein Ringen um weitere Gebiete in den heutigen Niederlanden, Belgien sowie Frankreich begonnen: um die Erbschaft der Gräfin Jacqueline von Holland, Seeland und Hennegau, eine Verwandte des Hauses Burgund. Geschickt nutzt Philipp einen familiären Zwist, um zu versuchen, seine Cousine Jacqueline unter seinen Einfluss zu bringen.

DIE RITTER GELTEN ALS DIE LETZTEN HELDEN

Als die Gräfin ihre Unabhängigkeit mit englischer Unterstützung verteidigt, nimmt sich Philipp schließlich mit Gewalt, was er anders nicht erringen kann. Am 13. Januar 1426 greift sein Heer die Hafenstadt Brouwershaven an, in der seeländische und englische Krieger Stellung bezogen haben. Philipps 4000 Mann starke Armee besteht vor allem aus holländischen Einheiten, die sich auf das Kämpfen mit Armbrüsten und schwerer Artillerie verstehen – und nur zum geringen Teil aus gepanzerten Reitern.

Denn so groß seine Ritterbegeisterung auch sein mag: Philipp weiß, dass sich mit Rittern allein kaum mehr eine Schlacht gewinnen lässt. Die zum Teil schwer gepanzerten Kämpfer sind oft zu behäbig – und zu eigensinnig. Daher setzt er neben den Rittern auch Infanteristen und Kanoniere ein. Bald schon gibt es in Burgund die modernste Artillerie des Kontinents mit fahrbaren Lafetten, gar ein stehendes Heer aus regelmäßig übenden Infanteristen – die beweglicher, flexibler, disziplinierter sind als ein Trupp individualistischer Panzerreiter.

Die Macht seines Militärs bekommen nun, in Seeland, auch Philipps frühere englische Verbündete zu spüren. Zwar gelingt es deren Langbogenschützen, die burgundischen Kämpfer nach deren Landung im Hafen in die Defensive zu drängen. Dann aber schlagen Philipp und seine Mannen zurück, geordnet und bestens gerüstet, angetrieben von markerschütternden Tönen aus Hörnern und Trompeten.

Sie treiben die Gegner auf einen Deich hinauf und metzeln sie nieder. Einige der Zurückweichenden ertrinken in einem Graben hinter dem Damm. Der Ausgang der Schlacht ist verheerend für Jacqueline. Zwar leistet sie noch einige Zeit Widerstand. Doch gut zwei Jahre später erkennt sie Philipp als Mitregenten an und setzt ihn als ihren Erben ein, sodass ihm ihre Gebiete nach ihrem Tod 1436 zufallen.

Binnen nicht einmal zwei Jahrzehnten hat der Burgunder sein Reich um mehr als ein Drittel anwachsen lassen. Es ist jetzt eine europäische Mittelmacht von Gewicht, die strategisch exponiert zwischen Frankreich und dem römisch-deutschen Reich liegt.

Philipp aber hegt noch größere Ambitionen. Und dafür benötigt er das Rittertum auf andere Weise wieder umso mehr. Im Jahr 1430 begründet er eine neue Gemeinschaft von Rittern, den Orden vom Goldenen Vlies. Feierlich überreicht er am 10. Januar während der Feier zu seiner dritten Hochzeit (mit der Tochter des portugiesischen Königs) den 24 Gründungsmitgliedern seines Ordens, alles hohe Adelige aus seinem Herrschaftsgebiet, das Zeichen ihres Zusammenschlusses: eine schwere Halskette, an der das goldene Widdervlies prangt.

Das Collier ist ein Werk vollkommener Goldschmiedekunst, voller dunkler Edelsteine – und tiefer Symbolik; so sind die Glieder der Kette derart ineinander verhakt, dass sie nur bei Zug zusammenhalten. Fehlt diese Kraft – fehlt, so das Sinnbild, die Solidarität –, fällt alles auseinander.

Philipp gebietet seinen Ordensbrüdern, das Collier täglich zu tragen, zum Beweis ihres steten Ringens um Zusammengehörigkeit, diesem ritterlichen Ideal. Den Statuten des Ordens nach verpflichten sich die Mitglieder, den christlichen Glauben zu fördern und zu verteidigen. Doch für Philipp selbst ist die Gründung nicht nur Dienst an Gott. Sie ist Politik. Denn der Herzog, der dem Orden vorsitzt, stützt damit seine Autorität, feiert sich als ritterlicher Herrscher und würdiger Nachfolger antiker Helden. Zugleich schmeichelt er den Adeligen und bindet die hohen Herren enger an sich – indem er sie heraushebt, schmückt, auf vielfache Weise verwöhnt.

EINMAL IM JAHR treffen sich die Vliesritter zu einer vornehmen Versammlung, dem Ordenskapitel. Das Treffen ist ein oft wochenlanger Reigen aus Gottesdiensten, Unterredungen und Banketten, der stets mit Gebeten zu Ehren des burgundischen Schutzpatrons beginnt.

In vollem Ordensornat schreiten die Ritter dafür zur Kirche. Gehüllt in lange rote Umhänge, auf ihren Häuptern rote Mützen, an ihren Füßen lederne Schnabelschuhe, deren lange Spitzen das Gehen erschweren (dies ist das typische Schuhwerk des Adels jener Zeit, das auch bei den anderen Ständen immer beliebter wird).

WEITE TEILE BURGUNDS unterstehen formal zwar dem König von Frankreich (hier Karl VI., mit Speer), doch im 15. Jahrhundert werden die beiden Mächte immer mehr zu Rivalen

Die Klänge der Hofkapelle flirren durch die Luft, ergreifend verbinden sich die Lauten und Flöten mit den Gesängen der Musiker. Sie intonieren mehrstimmig. Philipp holt immer wieder bedeutende Musiker und Komponisten an seinen Hof, um die Kirchenmusik zu verfeinern – zu Gottes Ehren. Zwischen den diversen Messen tritt der Orden beim Kapitel zu Gesprächen zusammen, ehrt verstorbene Mitglieder, benennt neue, schließt allzu widerspenstige aus.

Die Runde versucht, mögliche Streitfälle zwischen dem Herzog und den anderen Adeligen beizulegen, rügt einzelne Ritter wegen ihrer Lebensführung. Denn die Mitglieder verpflichten sich zu einer gottgefälligen Existenz, das bedeutet auch, die herrscherliche und eheliche Treue zu wahren. Für Philipp selbst allerdings scheinen andere Regeln zu gelten: Er hat, wie viele Herrscher seiner Zeit, bald etliche uneheliche Kinder. Immerhin lässt er täglich Messen lesen und Weihwasser sprenkeln, um sich von dieser Sünde reinzuwaschen.

WÄHREND DER Kapiteltreffen bewirtet der Herzog die Ordensbrüder fürstlich. Philipp weiß, wie wichtig es ist, um die Loyalität seines Adels zu buhlen. Denn so groß sein Reich auf der Landkarte erscheint: Es bleibt ein Flickenteppich einander fremder, oft miteinander konkurrie render großer und kleiner Unterherrschaften und stolzer Städte.

Zwar gelingt es dem Fürsten 1435 auf einer Konferenz, den lange schwelenden Konflikt mit dem französischen König vorerst beizulegen: Er muss dem Monarchen, der einst als Kronprinz den Mord an seinem Vater in Auftrag gegeben hatte und sich nun für die Tat entschuldigt, fortan nicht mehr persönlich einen Lehnseid für die französischen Territorien seines Herrschaftsgebietes leisten.

Doch Ende der 1430er Jahre schaffen Kämpfe und Revolten in weiten Landesteilen ernsthafte Probleme. Im Norden kommt es zu Auseinandersetzungen mit den Engländern, Städte leiden unter den wirtschaftlichen Folgen und begehren gegen den Herzog auf. Und im Süden marodieren arbeitslose Soldaten, die nach dem Friedensschluss zwischen Burgund und Frankreich nicht mehr gebraucht werden. Hat sie der französische König, der in Philipp noch immer einen Gegenspieler sieht, nach Burgund geschickt?

Die Bewohner der betroffenen Regionen jedenfalls geben dem Herzog und seiner Politik die Schuld an diesem Plünderzug. Ständig ist Philipp im Land unterwegs, pendelt zwischen seinen fünf Hauptresidenzen in Dijon, Lille, Brüssel, Brügge und Hesdin im Artois hin und her, um Vertrauen zurückzugewinnen und sich als mächtiger Herrscher zu inszenieren. Als jemand, zu dem man ehrfurchtsvoll aufblickt. Schon der reisende Hof ist ja ein Spektakel: eine Kolonne von 72 Wagen, jeder von fünf oder sechs Pferden gezogen. Zwei Zimmerleute begleiten den Konvoi, um unterwegs gebrochene Wagenräder auszubessern oder mit Holzkonstruktionen allzu holprige oder verschlammte Wege zu überbrücken.

Die Pferdegespanne, deren Anmietung große Summen verschlingt, bergen alles, was die ansonsten beinahe verwaisten Residenzen mit Glanz und Pracht erfüllt. Fünf Wagen allein transportieren die Juwelen und Schätze des Herzogs. Vier weitere Gefährte sind gefüllt mit kunstvollen Wandteppichen, um die angesteuerte Residenz neu zu verzieren. Tapissiers haben antike Heldengeschichten und religiöse Szenen auf die Wandbehänge gebannt. Für jede Residenz, jedes Fest fertigen sie immer neue Sujets an.

Ein weiteres Gefährt transportiert die Instrumente der Hofkapelle. Die Küchenutensilien füllen fünf Karren, der Wein drei weitere Gespanne. Hinzu kommen noch einmal mindestens 15 Karren, in denen Herzogin Isabella Kleider, Schmuck und edle Gewürze verstaut hat. Sogar für Karl, den jungen Sohn des Herrscherpaares, gibt es zwei eigene Wagen, für Kleider und Spielzeug.

Sind der Transportkonvoi und der Herrscher am Ziel angekommen, nehmen rund 300 Höflinge meist adeliger Herkunft sowie ungezählte weitere Bedienstete ihre Arbeit auf – vom Almosenmeister, der während der herzoglichen Reisen den Armen am Wegesrand Geld spendet, bis zum Zeremonialtrompeter.

Nachdem sich der Hof in der neuen Residenz eingerichtet hat – für einige Wochen oder gar Monate –, beginnt ein eindrucksvolles Schauspiel, wie man es im Europa des ausgehenden Mittelalters sonst nirgendwo so erlebt: das höfische Zeremoniell des Alltags. Denn so gut wie nichts am burgundischen Hofe erfolgt zufällig oder aus eigenem Antrieb. Jedes Mitglied, jeder Beteiligte hat sich teils absurd strengen Regeln und Ritualen zu unterwerfen.

Die Idee dahinter: Ritterliche Tugenden wie Disziplin, Respekt und Demut, kombiniert mit Extravaganz und Exklusivität, sollen nicht nur während der großen und prächtigen Feste gepflegt werden, sondern auch im Alltäglichen.

Zugleich aber dient die ritterliche Lebensart bei Hofe noch einem anderen, praktischen Zweck: Sie zähmt das Verhalten mehrerer Hundert Menschen unterschiedlicher Herkunft und mitunter rivalisierender Absichten, die hier auf engem Raum zusammenkommen. Das ritterliche, respektvolle, im Wortsinne „höfliche“ Benehmen mindert das Risiko für Zank oder sogar Handgreiflichkeiten.

Und so durchwaltet in Burgund ein minutiöses Regelwerk das Hofleben bis in die Schlafkammern. Jeden Morgen lässt sich Philipp von zwölf Trompetern vor seinem Fenster wecken. Nur die Träger höchster Ämter (etwa die Kammerherren, die ihn stets begleiten und bewachen) schlafen in jenem Trakt, in dem auch die Gemächer des Herzogs liegen.

Der Herrscher hat alle ranghohen Positionen unter den Höflingen ausschließlich mit Rittern besetzt. Sie sind ihm nahe wie niemand sonst – so darf ihm etwa abends der Erste Kammerherr gar seine Schlafmütze zur Nacht richten, ein großes Privileg. Denn die Nähe zum Herzog drückt dessen Wertschätzung aus, symbolisiert Einfluss und Macht.

DER HERZOG WILL DIE KRONE DES KÖNIGS

Zugleich würden die Amtsträger aber niemals in Erwägung ziehen, etwa Philipps Bett auszuschütteln, wenn er es verlassen hat; es wäre unter ihrer Würde. Solche einfachen Aufgaben haben einfache Bedienstete zu erledigen.

Eine strenge Hierarchie bestimmt das höfische Leben überall: So speisen die meisten Höflinge stets in Gruppen mit ranggleichen Kollegen. Der Erste Kammerherr hat dagegen das Recht, allein zu essen und sich zudem zweimal am Tag mit warmen Mahlzeiten bedienen zu lassen, je einem Teller Fleisch, zwei Vierteln Wein sowie weißem und braunem Brot. Philipps Mahlzeiten gleichen liturgischen Handlungen. Mit fest vorgeschriebenen Handgriffen reichen ihm Mundschenke polierte Krüge und Becher mit Wein und Wasser an, tragen Diener Salz, Brot und delikate Speisen herbei.

Alles ist so geplant, dass die rangniederen Höflinge stets als Erste mit dem Essen fertig sind, um anschließend vor den Herzog treten zu können, der noch an seiner Tafel sitzt, dort niederzufallen und ihm die Ehre zu erweisen. Das Hinknien vor einem Rangoberen ist bei Hof unerlässlich, dies zu missachten eine unverzeihliche Sünde. Treffen in einem Raum mehrere Adelige hohen Ranges aufeinander, führt das mitunter zu hochkomplizierten Kaskaden von Verbeugungen und Ehrerbietungen – ein langwieriges, umständliches Ritual, das aber unter allen Beteiligten als Ausweis von höchster Verfeinerung und Ritterlichkeit gilt.

Doch nicht nur im Alltag, auch bei besonderen Gelegenheiten zelebriert Philipp die ritterliche Kultur, um sich mit der Aura des Erhabenen zu umgeben: Er fördert Turniere. Was in Frankreich vier Jahrhunderte zuvor als blutige Schlacht zweier ritterlicher Mannschaften begonnen hat (siehe Seite 56), ist längst zu einem sorgsam reglementierten Kräftemessen geworden. Mehr noch: Philipps Turniere gleichen bisweilen glanzvollen Theateraufführungen. Im Sommer 1443 etwa lädt Pierre de Bauffremont, ein enger Vertrauter Philipps, zu einem Turnier am Rand von Dijon, das einem bekannten Ritterepos gewidmet ist: dem Rolandslied.

Es erzählt vom tapferen Kampf eines Reiterkriegers gegen Heiden zur Zeit Karls des Großen: wie er mit Gefährten in einen Hinterhalt gerät, in dem er sich letztlich allein behaupten muss; wie er stirbt und für seinen gottgefälligen Heldenmut sogleich in den Himmel aufgenommen wird. Ein gutes Dutzend burgundischer Ritter mimen bei dem Turnier Roland und dessen Getreue, die sich – kühn wie ihr legendäres Vorbild – immer neuen Angreifern stellen (die von angereisten Kriegern aus Italien, Frankreich und Spanien verkörpert werden).

Gekämpft wird wohl, wie inzwischen üblich, mit stumpfen Waffen und prunkvollen Rüstungen, fein geschmiedet, mitunter 30 Kilogramm schwer, in die die Reiterkrieger von ihren Bediensteten beinahe hineingeschraubt werden. Wahrscheinlich studieren manche der Ritter auch Texte ein, die sie während der Wettbewerbe aufsagen, streifen sich besondere, schillernde Kostüme über, greifen zu Requisiten – alles, um der Rahmenhandlung Genüge zu tun.

Insgesamt fünf Wochen dauert das Schauspiel. Immer montags, dienstags und mittwochs treten die Männer hoch zu Ross gegeneinander an, donnerstags, freitags und samstags finden Bodenkämpfe mit Streitaxt und Schwert statt: Auf ein Zeichen hin begeben sich die Ritter in ihre Gefechte, die durchaus als ernster Wettbewerb ausgeführt werden.

Enden die Duelle für den Tag, strömen die Zuschauer – Adelige wie auch einfache Untertanen – zu einem nahe gelegenen Anwesen des Veranstalters, um sich auf dessen Kosten zu stärken. Philipp finanziert den Wettbewerb mit und wohnt ihm zweimal als Kampfrichter bei. Er kann zufrieden sein: Das Turnier zelebriert abermals die Macht und Herrlichkeit der Ritter seines Reiches. Und da Kämpfer und Zuschauer aus vielen Regionen anreisen, eint die Veranstaltung – zumindest eine Zeit lang – seine sonst oft zerstrittenen Untertanen.

DAS VERSEPOS um den tapferen Roland wird den meisten Adeligen schon vor dem Turnier wohlbekannt gewesen sein. Sich in der antiken Sagenwelt auszukennen, mittelalterliche Verse und Lieder rezitieren zu können, ist längst gute ritterliche Pflicht. Nur ein gebildeter Ritter gilt im 15. Jahrhundert als ein vollkommener Ritter. Er muss die Schrift ebenso wertschätzen wie das Schwert.

Dass auch dies am burgundischen Hofe ernst genommen wird, zeigt die herzogliche Bibliothek. Philipp hat bereits in jungen Jahren Schreiber und Buchmaler beschäftigt, die den Bestand der höfischen Büchersammlung über die Jahre um das Doppelte auf rund 850 schwere Folianten haben anwachsen lassen.

PHILIPPS SOHN Karl, hier von Höflingen umgeben (o. r.), wird nach dem Tod des Vaters 1467 zum neuen Herzog. Doch unter anderem weil er keinen männlichen Erben hinterlässt, beginnt der Niedergang Burgunds

Der Herzog zählt zu Europas ersten Herrschern, die einen Hofchronisten beschäftigen, schätzt aber auch Unterhaltungsliteratur: In einem Buch lässt er heitere und erotische Geschichten bündeln, die man sich bei Geselligkeiten erzählt.

Auch andere Künstler und Kunsthandwerker wirbt sein Hof an. Sticker verzieren über Monate hinweg die Prachtkleider und Messgewänder der herzoglichen Familie, der Höflinge und der Mitglieder des Ritterordens mit Gold- und Silberfäden, Perlen und Glassteinen. Bildhauer schaffen detailreiche steinerne Statuen von Heiligen und Herrschern, die Residenzen und Kapellen im Reich zieren. Goldschmiede fertigen Geschirr, Pokale, verziert mit persischen Rubinen, Broschen, Schachspiele mit Figuren aus Bergkristall. Der Maler Jan van Eyck, der bereits seit 1425 als Hofkünstler angestellt ist, bannt biblische Szenen auf hölzerne Leinwände, porträtiert Höflinge und Herrscher.

Van Eyck beherrscht die Ölmalerei, wie sie die Welt bis dahin noch nicht gesehen hat: detailreich, präzise, vielschichtig und von einer Lebendigkeit, die Staunen erzeugt. (Später gilt der Groß-Stanmeister als Begründer der altniederländischen Malerei.)

Künstler wie van Eyck erhalten ein stattliches Gehalt – und zudem viele Aufträge anderer burgundischer Adeliger, Kleriker, Bürgermeister und Kaufleute aus den Städten. Die Kunden wollen dem Herzog nacheifern und ordern daher von den gleichen Malern Kunst für ihre eigenen Gemächer und Kapellen.

Da Philipp 1443 auch Luxemburg erobert hat, ist das Herrschaftsgebiet des Herzogs von Burgund nun so groß und mächtig wie nie zuvor. Und nach einem Sieg über die Stadt Gent in Flandern, die sich jahrelang geweigert hat, bestimmte Steuern zu zahlen, ist die Macht des Herrschers auch im Inneren vorerst unangefochten.

Doch Philipp denkt wohl schon weiter, sehnt sich nach dem Titel eines Königs von Burgund. Der Lehnsherr seiner im römisch-deutschen Reich liegenden Gebiete aber, Kaiser Friedrich III., zögert, das Ansinnen zu unterstützen (ohnehin würden die anderen hohen Fürsten des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation Philipps höchst selbstbewusstem Ansinnen niemals zustimmen).

Bald darauf erreicht den Hof in Dijon die Nachricht vom Fall Konstantinopels. Der Hilferuf des Papstes, der die europäischen Fürsten bittet, erneut Kreuzritter gen Osten zu schicken, um die Stadt von den Türken zu befreien, findet bei Philipp volle Zustimmung: Er, der fromme Christ, der wahre Ritter, ist fest entschlossen, mit seinen Brüdern vom Goldenen Vlies und anderen Adeligen seines Reiches aufzubrechen.

Die Kunde vom pompösen Fasanenfest in Lille, vom Kreuzzugsschwur Philipps und seiner Getreuen, dringt durch ganz Europa – voll im Sinne Philipps: Auf diese Weise will er auf dem Kontinent breite Euphorie für sein Vorhaben entfachen. Und so reist er nur wenig später, im April 1454, nach Regensburg, um dort während eines Reichstages den römisch- deutschen Kaiser und dessen Fürsten für das Vorhaben zu gewinnen. Auch dort spricht er laut das Kreuzzugsgelübde, auch dort gibt es Applaus und das vielfache Versprechen, sich ihm anzuschließen.

Philipp plant, im kommenden Frühjahr aufzubrechen. Kriegsstrategien werden geschmiedet, Standarten und Banner gefertigt, die das burgundische Heer kenntlich machen sollen. Doch es bleibt bei kühnen Plänen und ersten Vorbereitungen. Der Herzog wird nie in den Kampf gegen die Ungläubigen ziehen.

Hat er sich vom türkischen Herrscher einschüchtern lassen, der ihm einen Brief geschickt und ihn darin mit dem Tode gedroht hat, sollte der Burgunder gen Osten ziehen? Verunsichert ihn der Tod des Papstes, der zu dem Kreuzzug aufgefordert hat? Oder will er sein Land nicht allein zurücklassen?

Dafür gäbe es gute Gründe, denn der französische König ist ihm offenbar nach wie vor nicht wohlgesonnen. Womöglich fürchtet Philipp, der Franzose könne seine lange Abwesenheit nutzen, um Burgund anzugreifen.

Zudem gibt es bald innerhalb der fürstlichen Familie Zank. Als Phillips Sohn Karl, mittlerweile 24 Jahre alt, bei der Besetzung eines wichtigen Amtes für seinen eigenen Hofstaat vom Vater übergangen wird, kommt es zum heftigen Streit, der auf beiden Seiten tiefes Misstrauen zurücklässt. Zunehmend begehrt der Thronfolger gegen den Vater auf, kritisiert dessen beschwichtigende Politik gegenüber Frankreich. Karl, der schon als Kind niemals Zweiter sein wollte, nimmt sich schließlich kurzerhand, was ihm der Vater nicht gibt.

Als Philipp im Jahr 1465 schwer erkrankt (woran, ist heute nicht mehr bekannt), hintergeht Karl ihn, ersetzt Getreue seines Vaters am Hof durch eigene Gefolgsleute und lässt sich als Generalstatthalter bevollmächtigen. Damit ist Philipp entmachtet. Jener Herrscher, der seit mehr als vier Jahrzehnten mit Stärke und Strenge Burgund gelenkt, es zu nie da gewesener Macht und Größe gebracht hat, wird in einem seiner wenigen schwachen Momente von der Spitze seines Staates verdrängt – und dann auch noch von dem eigenen Sohn. Philipp zieht sich in den letzten Lebensjahren nach Brüssel zurück. Gelegentlich reist er zu seinem Schloss nach Brügge. Dort stirbt er unerwartet in den Abendstunden des 15. Juni 1467, im Alter von 71 Jahren.

DIE TRAUERFEIERLICHKEITEN, die sechs Tage später beginnen, sind wie alle anderen Feste bei Hofe überbordend, pompös – und minutiös geplant. Als der Leichnam in die Sankt-Donatus-Kirche von Brügge überführt wird, folgt der gesamte Hofstaat, in streng hierarchischer Ordnung, dem Sarg. 1600 Fackelträger säumen den Zug.

Weitere 350 Fackelträger sorgen im Innenraum des Gotteshauses für ein wogendes Lichtermeer. Mehr als 6000 Pfund des teuren Rohstoffs Wachs verbrennen zu Ehren des Verstorbenen. Auch das Volk trauert um den strengen, aber beliebten Herrscher. Viele Menschen weinten, so berichten es Chronisten, als ob die Welt unterginge. Bereits zu Philipps Lebzeiten haben manche am Hof befürchtet, dass nach dem Tode des Herrschers eine andere Zeit anbrechen werde. Und so kommt es nun auch. Denn Philipps Sohn Karl, genannt der „Kühne“, ist von Ehrgeiz und Ungeduld getrieben. Er will den Vater überflügeln, will noch fleißiger, disziplinierter, ritterlicher sein als der.

Auch er fördert die ritterlich-höfische Kultur, auch er versucht die Macht Burgunds weiter zu mehren. Doch anders als seinem Vater fehlt ihm dafür das diplomatische und kriegerische Geschick. Mitte der 1470er Jahre erleidet Karl mehrere militärische Niederlagen und kommt schließlich, nach nur zehnjähriger Regierungszeit, am 5. Januar 1477 in einer Schlacht in Lothringen um. Bald darauf zerfällt das eben noch blühende Burgund: Frankreichs König nimmt sich Territorien zurück, sichert sich auch das Kernland des Herzogtums. Um die niederländischen Regionen entbrennt ein langer, zäher Kampf zwischen Frankreich und den Habsburgern, in deren Königsgeschlecht Karls Tochter Maria eingeheiratet hat.

Zwar kann sich ihr Mann Maximilian zunächst behaupten. Doch vom 16. Jahrhundert an wird sich aus den nördlichen niederländischen Grafschaften ein neuer Staat entwickeln, die späteren Niederlande. Und Burgund wird endgültig untergehen. Etwas aber überdauert: die Hofkultur und jener prächtige Ritterorden, den Philipp gegründet hat. Als Ehemann von Herzogin Maria wird Maximilian zum neuen Großmeister des elitären Zirkels berufen. Und die Habsburger führen dessen Tradition gern weiter.

Auch in anderen europäischen Reichen haben Herrscher Ritterorden gegründet, etwa den Hosenbandorden in England sowie den Drachenorden in Ungarn, dem legendären Drachentöter Sankt Georg gewidmet. Der Ritterorden vom Goldenen Vlies aber überstrahlt sie alle – durch seinen Reichtum, durch die herausragende Stellung der Habsburger in der europäischen Adelswelt und die besonders prachtvolle Aura.

In ihm und in den anderen Zirkeln konservieren sich über viele Generationen hinweg die Ideale des vollkommenen Ritters, jenes großmütigen, glanzvollen Kämpfers und Ehrenmannes. Und so existieren selbstständige Zweige des Ordens vom Goldenen Vlies noch heute in den ehemals habsburgischen Ländern Österreich und Spanien. Als Großmeister der iberischen Ritterschaft nimmt Spaniens König hochrangige Persönlichkeiten für „Verdienste um die Krone“ in den Orden auf. Und im Jahr 2015 die Thronfolgerin Leonor als erstes weibliches Mitglied.

In Österreich führt Karl Habsburg-Lothringen, Enkel des letzten Wiener Kaisers, die 46 ausnahmslos männlichen Ritter des dortigen Zweigs weitgehend gemäß jener Statuten, die Philipp der Gute vor rund 600 Jahren in Burgund hat formulieren lassen. Jedes Jahr um den 30. November, den Tag des Ordenspatrons St. Andreas, treten sie weiterhin zum Kapitel zusammen, darunter der belgische König Philipp, und bestärken ihre Bruderschaft. Das schwere Collier, Zeichen ihres Zusammenhalts, prangt dabei wie damals um ihre Hälse. Manche Ordensritter tragen sogar darüber hinaus ein Vlies an einer Kette. Und zwar täglich.


DAS REICH DER BURGUNDER, 1467

BURGUNDS KERNLAND liegt im Osten von Frankreich. Seine Herzöge vergrößern das Herrschaftsgebiet zwischen 1363 und 1467 durch Heirat, Erbschaft und Krieg. Doch sie schaffen es nicht, alles zu einem zusammenhängenden Territorium zu vereinen

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Sonja Emmerling, Minnesang, publiziert am 19.04.2017, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Minnesang (18.01.2026)

-> Gerhard Immler, Jagd, Jagdwesen (Mittelalter), publiziert am 20.02.2017; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Jagd,_Jagdwesen_(Mittelalter)> (18.01.2026)

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Sekundärliteratur

-> Ruschkowski, Katharina von: Am Hofe der Burgunder. Leben in Pracht und Tugend, in: GEO Epoche (Jg. 2018, Heft Nr. 94).

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Bauern

Bürger und Kaufleute

Frauen

Inhaltsverzeichnis

  1. Frauen im Mittelalter. Dem Manne Untertan.
  2. Von Pilgerinnen und Königinnen: Die wahre Macht der Frauen im Mittelalter
  3. Hildegard von Bingen. Die mächtige Äbtissin

1. Frauen im Mittelalter. Dem Manne Untertan.

Verlogen, treulos, gierig und schwach: Frauen gelten im Mittelalter als minderwertige Wesen, die sich den Männern zu unterwerfen haben. Doch um 1400 begehrt die Französin Christine de Pizan gegen diese vermeintlich gottgegebene Ordnung auf. Sie wagt es sogar, Rittern Ratschläge zu erteilen. Ihre Waffe ist die Schreibfeder – und ihr Ziel eine gerechtere Welt

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CHRISTINE DE PIZAN belehrt eine Gruppe von Männern: Die Autorin schreibt in ihren Texten Ungeheuerliches – etwa, dass Mädchen nicht dümmer seien als Jungen (Buchmalerei, 1405)

Was, wenn eine andere Welt möglich wäre? Eine Welt, in der nicht eine Hälfte der Menschheit als schwach, minderwertig, ja gefährlich gebrandmarkt wäre. In der diese Hälfte nicht verleumdet würde, misshandelt, wieder und wieder mit geringeren Rechten abgespeist. Was, wenn Mann und Frau gleich viel zählten? Dies ist ein revolutionärer Gedanke im Paris der Jahre um 1400. Man muss kühn sein und selbstbewusst, um so zu denken. Und genau diese Eigenschaften besitzt Christine de Pizan, Dichterin in einer Männerwelt – und eine außergewöhnliche Frau.

Im schlichten dunkelblauen Kleid sitzt sie da, das lockige Haar versteckt unter dem weißen Tuch einer Hörnerhaube, die das Gesicht umschließt. Über den Schreibtisch gebeugt, die Schreibfeder in der rechten, das Radiermesser in der linken Hand, versunken in ihrer Arbeit, ihrer Kunst, in der Einsamkeit ihres Studierzimmers. So sieht man sie auf einer Illustration ihrer Zeit in einem ihrer Werke. Im Jahr 1405 vollendet sie ihren bedeutendsten Text: „Das Buch von der Stadt der Frauen“. Rund 250 Seiten, die einen großen Wurf enthalten. Die Vision von einem Ort, an dem die Frauen genauso klug, genauso stark, genauso anerkannt sind wie die Männer.

Christines Kühnheit ist umso bemerkenswerter, weil sie allein steht. Und sie weiß, wie sehr sie Ausnahme ist in einer Epoche, die kaum schreibende Frauen kennt und keine wie sie: eine Dichterin, für die das Schreiben nicht Fingerübung, Zeitvertreib ist, sondern Beruf. Sie ist eine gelehrte Frau, die sich ihr Wissen und Handwerk selbst beigebracht hat. Eine Mahnerin und Moralistin, die erfahren hat, was es heißt, am Rande der Gesellschaft zu leben, als Witwe, machtund mittellos, und die sich als Dichterin zur Wehr setzt gegen die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen niedergehalten werden, in der Literatur und im Leben.

Ihr BUCH ist eine Unverschämtheit

„Ich, Christine“: So schreibt sie. Selbstsicher, sendungsbewusst. Überzeugt, dass jeder ihrer Gedanken es verdient, gelesen zu werden. Dass ihre Ideen sich mit denen eines Mannes messen können. In fast jedem ihrer Werke tritt sie in Erscheinung, schreibt sich in den Text, zeigt sich auf den Miniaturen, die ihre Buchmanuskripte schmücken.

PARIS, UM 1400. Christine ist Mitte dreißig und hat erst wenige Jahre zuvor mit dem Schreiben begonnen, als sie jenes Werk veröffentlicht, das ihr den Durchbruch bringen wird: „Der Sendbrief der Othea“, eine Unterweisung für Ritter und andere hochgestellte Personen, Ratschläge für ein rechtschaffenes Leben.

Keines ihrer Bücher wird zu Christines Lebzeiten mehr gelesen werden als die Lektionen der fiktiven Göttin Othea an den Königssohn Hektor von Troja. Dieses Werk ist anders als alle Bücher, die zuvor erschienen sind – und eigentlich eine Unverschämtheit. Die Autorin nimmt sich heraus, Männer zu belehren, mehr noch: Ritter zu belehren. Jenen Stand, auf den sich ein ganzer Staat stützt. Zudem treten in vielen der mythologischen Geschichten, in die sie ihre Lektionen für die Ritter kleidet, Frauen als Vorbilder auf. Auch das unerhört.

Zwar erklären Ritter edle Frauen stets zum Ziel ihrer Sehnsüchte, begehren und verehren sie, schmachten sie in Minneliedern an. Zwar heben die Gläubigen eine Frauenfigur, die Muttergottes, im Marienkult aufs höchste Podest. Zugleich aber werden Frauen als sündhafte Kreaturen verachtet, nicht würdig, eine eigene Meinung zu haben, einen eigenen Beitrag zu leisten.

Daher sei es Aufgabe der Männer, festzulegen, welchen Platz weibliche Geschöpfe in Kirche, Wirtschaft und Familie einzunehmen hätten. Predigten, Moralschriften und Volksweisheiten geben ihnen unmissverständlich vor, wie sie zu sein haben: mäßig und keusch, gehorsam, schweigsam und den Blick stets gesenkt. Mit einem Wort: unterwürfig.

Doch genau das ist Christine de Pizan nicht. Sie setzt sich zur Wehr gegen die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen verleumdet werden. Und geht am Ende noch viel weiter. Denn sie besitzt – weit vor der Zeit – die Kühnheit, eine ganz neue Welt zu entwerfen: eine der gleichberechtigten Geschlechter. Schicksalsschläge haben die Autorin geformt. 1365 wird sie in Norditalien geboren. Ihr Vater Tommaso, der dem Landadel der Hügelstadt Pizzano südöstlich von Bologna entstammt, hat an der Universität Bologna Medizin und Recht studiert, dann als Professor für Astrologie gelehrt. Kurz nach Christines Geburt geht er als Leibarzt und Astrologe an den Hof des französischen Königs.

Christine verehrt ihren gelehrten Vater, der sie so wie ihre beiden älteren Brüder unterrichtet. Üblich ist das nicht: Lesen, Schreiben, Rechnen lernen manche Mädchen aus bessergestellten Familien vielleicht noch – der Zugang zu höherer Bildung aber ist für sie nicht vorgesehen. Auf die Universitäten, die gerade in immer größerer Zahl gegründet werden, dürfen nur Männer gehen. Tommaso gehört nicht zu jenen, die glauben, zu viel Wissen schade einer Frau, aber die Mutter stellt sich dem Lernwillen der Tochter entgegen und will sie mit Handarbeiten beschäftigen, mit Nähen und Spinnen. Zusammenklauben muss Christine sich ihr Wissen, in kleinsten Bruchstücken, erinnert sich die Autorin später, muss mühsam sammeln, was für sie abfällt von der Weltkenntnis des Vaters. Als 15-Jährige wird sie mit Étienne du Castel verheiratet, einem Notar am französischen Königshof. Nach einigen Jahren des Glücks stürzt der Tod dramatisch in ihr Leben: In kurzer Folge sterben der alternde Vater und, wohl an der Pest, ihr Ehemann.

Christine bleibt, 25-jährig, allein zurück mit der Verantwortung für drei Kinder und ihre Mutter – und das in einer Zeit, in der von Witwen schnelle Wiederheirat erwartet wird oder ein Leben in völliger Zurückgezogenheit. „Nun musste ich auf einmal selbst Hand anlegen, die Verwöhnte und Behütete, die dies alles nicht gelernt hatte“, schreibt sie später über diese Jahre. Ihr Vater, am Ende seiner Karriere verarmt, hat ihr kaum etwas vererbt. Und nichts wusste sie über die Geldgeschäfte ihres Mannes. Jetzt muss sie streiten und Prozesse führen um sein Vermögen, um Darlehen und Grundbesitz. Die Familie hungert, Geldeintreiber tragen ihr bei Zwangsvollstreckungen die Habe fort aus dem Haus. Angst treibt sie um, die Scham, wenn sie sich Geld leihen muss, die schlaflosen Nächte, die ungezählten Tage im königlichen Gericht. Jahre später wird sie in einem Gedicht beschreiben, was sie schließlich rettet: Wie sie wie aus einem langen Schlaf erwacht, verwandelt. Der Moment, in dem sie lernt, sich auf sich selbst zu verlassen, unabhängig zu leben und zu denken. Der Körper nun kräftiger, die Stimme lauter, der Kopf ohne Angst: „Ich spürte mein starkes und kühnes Herz, staunte darüber und merkte, dass ich wahrhaftig ein Mann geworden war.“

Die KIRCHE prägt das Frauenbild

DIE FRAU: EIN FEHLER DER NATUR. Ein Mängelwesen, im Leben nur dazu bestimmt, Kinder zu gebären. Schwach an Körper, Geist, Moral, dem Mann untertan, seiner Führung anvertraut, dabei eine ständige Gefahr für sein Seelenheil.

So sehen es viele Kleriker des Mittelalters. „Dieses Geschlecht“, schreibt ein Abt eines Benediktinerklosters in Frankreich, hat Adam „unseren Stammvater vergiftet, hat Johannes den Täufer zugrunde gerichtet, den überaus mutigen Samson dem Tode ausgeliefert. In gewisser Weise hat es auch den Heiland getötet, denn wenn seine Sünde es nicht heraufbeschworen hätte, hätte unser Heiland nicht sterben müssen. Wehe diesem Geschlecht, das weder Furcht noch Güte noch Freundschaft kennt, und das mehr zu fürchten ist, wenn es geliebt als wenn es gehasst wird.“ Die Kirche prägt das Frauenbild. Seit sie im 12. Jahrhundert den Zölibat für Priester zur Pflicht gemacht und Klerikern Ehe und Sex verboten hat, sind die Geistlichen ständig bemüht, die ihnen auferlegte Enthaltsamkeit zu rechtfertigen. Sie stützen ihre Lehren auf Denker der Antike, die den Mann zum Maß aller Dinge erklärt haben. Schwach und dem Mann unterworfen, so sieht die Kirche die Frau – aber auch als Verführerin, sündhaft und verdorben, ein Hindernis auf dem Pfad der Tugend. Als Werkzeug des Teufels beschreiben Kleriker sie in ihren Traktaten, und die Laien machen es ihnen nach. In Gedichten und Erzählungen finden sich Aufzählungen jener Laster, die Frauen vorzuwerfen sind: Eifersucht, Heuchelei, Habgier, Doppelzüngigkeit, Treulosigkeit, Verschwendungssucht – all das angeblich belegt durch die Bibel, durch Sagen und die Geschichte.

Diese Sicht bleibt nicht ohne Folgen für die Wirklichkeit: Während Männer sich Geliebte halten und Prostituierte besuchen, während Adelige sich mit Frauen aus niederen Ständen so gut wie alles erlauben, können Frauen für Ehebruch verstoßen werden, mit schweren Bußen belegt, mit dem Tode bestraft. Tagelöhnerin, Bäuerin, Bürgersfrau, Aristokratin: So unterschiedlich diese Frauen sein mögen, so sehr ähneln sie sich im Verhältnis zum anderen Geschlecht. Denn auch die Frauen des Adels sind Männern untergeordnet, rechtlich und sozial. Sie können nicht entscheiden, ob sie einen Mann erhören. Sie haben keine Wahl. Ihre Heirat arrangieren andere. Liebe spielt dabei keine Rolle.

Gewöhnlich haben sich die Mädchen, kaum dass sie die Pubertät erreichen, in die Heiratspolitik ihrer Familien zu fügen. Die geben ihre Töchter vorzugsweise in die Hände derer, die Vermögen und Einfluss der Sippe sichern. Nie sind die Frauen selbstbestimmt, immer unter Vormundschaft: von Vater, Bruder, Ehemann. Wichtige Rechtsgeschäfte der Frau müssen in der Regel vom Gatten ausgeführt oder gestattet werden. In höchsten Sphären, immerhin, sind den Frauen weniger enge Grenzen gesetzt. In vielen Reichen dürfen die Gattinnen von Herrschern bei Abwesenheit oder nach dem Tod des Mannes regieren – wenn auch meist nur so lange, bis der eigentliche Thronfolger mündig ist.

Ganz ohne Autorität sind die Frauen nicht: In Haushalt und Familie, haben sie das Sagen, etwa bei der Erziehung der Kinder. Oder auf der Burg, wenn der Herr abwesend ist, im Krieg oder auf Reisen; bei einem Angriff beaufsichtigen sie nicht selten sogar die Verteidigung. Doch die Macht endet an den Mauern, außen bleibt davon wenig. Auch in den Städten haben Frauen politisch nur geringen Einfluss, haben bei der Besetzung von Ämtern keine Mitsprache, dürfen nicht selbst kandidieren.

Wenigstens können sie in den Metropolen erfolgreich werden: In Paris und Köln beherrschen Frauen im 14. und 15. Jahrhundert das Seidenmachergewerbe. Weberinnen und Stickerinnen kommen zu Meisterehren und bilden Lehrlinge aus. In Köln reüssiert die Kauffrau Cathringen Broelmann im Eisenimport. In Lübeck sind Frauen an Schiffen beteiligt und befrachten sie, andere treiben Handel bis nach Schweden.

Christine de Pizan muss nach ihrer Lebenswende ihr neues Gewerbe erst finden. Wahrscheinlich arbeitet sie anfangs als Kopistin von Texten anderer. Daneben liest und lernt sie, gründlich und selbstvergessen. Beginnt mit der Frühgeschichte der Menschheit wie ein Kind mit dem Abc. Und schließlich fängt sie an zu schreiben, Liebesgedichte zunächst, Balladen. Auch die Lyrik setzt viel Lernen und Wissen voraus, über Formen, über Regeln für Reime und Versmaß. Christine macht das Dichten zu ihrem Handwerk, in einer Zeit, in der Frauen Leserinnen sind, auch Mäzeninnen, aber fast nie Verfasserinnen von Literatur.

Ihre Texte kreisen vor allem um Trauer, Verlust, Einsamkeit. Sie hat großes Talent, das merkt sie wohl. Und Chancen, die anderen Frauen versagt bleiben: Über ihren toten Gatten verfügt sie über Verbindungen zu Höflingen und königlichen Beamten, deren Fürsprache und Unterstützung ihr den Weg ebnen. Christine verlässt sich nicht allein auf ihre Verse, um adelige Gönner zu überzeugen. Stets achtet sie darauf, ihre Werke besonders kostbar zu gestalten, sie aufwendiger illustrieren zu lassen als die Bücher vieler männlicher Autoren.

Wahrscheinlich ist sie sich bewusst, dass sie auch Aufmerksamkeit findet, weil sie anders ist, eine Exotin – endlich ein Vorteil in der Welt der Ungleichheit. Aber immer wieder gibt es auch harsche Kritik an ihrer Arbeit, verdammen Männer ihre Werke als einer Frau nicht im Geringsten schickliche Gelehrsamkeit.

IM JAHR 1399 gelingt es Christine, ihre erste Gedichtsammlung, „Hundert Balladen“, Frankreichs Königin Isabella zukommen zu lassen; und sie findet in der Monarchin wohl eine Unterstützerin. Wenig später jedenfalls schreibt sie den „Sendbrief der Othea“, jene Unterweisung für Ritter, die zu ihren Lebzeiten beliebter sein wird als jedes andere ihrer mehr als 40 Bücher.

Für das Werk über das sittliche Verhalten von Rittern und anderen Adeligen hat sie lange und gründlich recherchiert, zeigt nun, dass sie nicht nur Lyrik, sondern auch Prosa beherrscht. Die Ritter, denen sie hier Ratschläge erteilt, sind es, die den Frauen im Mittelalter etwas Hoffnung zu verschaffen scheinen. Denn an Fürstenhöfen ist eine lyrische Gegenwelt entstanden, die Frauen geradezu überschwänglich feiert: die ritterliche Minne, eine Kombination aus Gesten, Wort und Gesang, mit der Dichter Frauen anbeten, ihre Schönheit, Tugendhaftigkeit und Verehrungswürdigkeit zelebrieren, um sie werben.


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CHRISTINE DE PIZAN hat gute Kontakte zum französischen Hof: Hier überreicht sie der Königin (im Bild links) persönlich einen Band mit ihrer Lyrik

Der Blick der Minnesänger auf die Frauen ist durchaus positiv – aber viel mehr als Schmuck und idealisiertes Objekt sind sie dennoch meist nicht. Und mit der Wirklichkeit der Liebe an den Höfen haben die Gedichte ohnehin wenig zu tun: Auch bei Rittern herrschen Grobheit und Unterwerfung vor.

Weitaus lebensnaher ist da schon eine andere, offen frauenverachtende Art von literarischen Werken. Für viele dieser Autoren ist Verleumdung des weiblichen Geschlechts längst zur literarischen Mode geworden, zum satirischen Stilmittel, zum komischen Element. Breit gelesen etwa wird der „Rosenroman“, in dem der Verfasser Frauen wortreich und offen allen Verstand abspricht und alle Ehre, in Sätzen wie: „Ihr seid, werdet oder wart alle Huren, durch die Tat oder durch den bloßen Willen.“ Christine de Pizan, inzwischen erfolgreich und selbstbewusst, kann solche Texte kaum ertragen. Begreifen die Menschen nicht, was sie da lesen?

„Dieses Werk ist ein sehr gefährliches Buch“, schreibt sie an einen Gelehrten in Paris. Zum Beleg berichtet sie von einem Mann, der den Rosenroman als eine Art Evangelium betrachte: „Dieser Ehemann ist nun über alle Maßen eifersüchtig, und wenn diese Krankheit ihm besonders stark zusetzt, dann greift er zu jenem Buch, liest seiner Frau daraus vor, schlägt auf sie ein und sagt: ‚Du Drecksweib, du bist genauso, wie er es sagt, und du legst mich genau so rein, wie er es beschreibt.‘ Und bei jedem Wort, das diesen Mann in seiner Meinung zu bestätigen scheint, versetzt er ihr einen oder zwei Fußtritte oder Hiebe.“

Doch Christine belässt es nicht bei der Kritik des Machwerks. Vielleicht braucht die Welt keine gelehrte Debatte, um ihre Sicht der Dinge zu begreifen – vielleicht braucht sie eine andere Vision. Eine Heldinnenerzählung. Und so beginnt sie, die Geschichte der Frauen neu zu schreiben. 1405 legt sie ihr „Buch von der Stadt der Frauen“ vor.

Zu Beginn des Textes sitzt sie selbst als Hauptfigur des Buches in einem Studierzimmer. Dort erscheinen ihr die Traumbilder dreier Frauenfiguren, die Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit verkörpern und die jedes männliche Vorurteil über Frauen mit Beispielen außergewöhnlicher weiblicher Gestalten aus Geschichte und Mythologie widerlegen.

Mit all diesen vorbildlichen Frauen – den Gelehrten, Märtyrerinnen, Heiligen, deren Geschichten die Welt so leicht vergesse – soll die Protagonistin eine Stadt bauen und bevölkern, so tragen es ihr die drei traumähnlichen Besucherinnen auf, und verkünden: „Dies ist der Beginn eines neuen Reiches der Frauen.“ Eine Stadt als Zufluchtsort, als Gegenentwurf zur wirklichen Welt, in der Männer herrschen, allein und selbstherrlich. Jede zu dieser Zeit verbreitete böse Nachrede über Frauen können die drei Traumfiguren entkräften. Etwa den Vorwurf, verheiratete Frauen machten ihren Ehemännern das Leben mit ihrer Verschwendungssucht, ihrer ständigen Nörgelei zur Hölle: Ist es nicht viel eher umgekehrt?

Sind es nicht Männer, die ihre Frauen schlagen, beschimpfen, erniedrigen, sich in Wirtshäusern und Bordellen herumtreiben, während ihre Familien in Hunger und Armut leben? Zu der Meinung, Männer seien klüger als Frauen, sagen sie: „Wenn man Mädchen in die Schule schicken, sie studieren lassen würde, dann würden sie genauso gut lernen und die letzten Feinheiten aller Künste und Wissenschaften ebenso mühelos begreifen.“ Und wie viel mehr könnten Frauen wissen und leisten, wenn ihre Welt nicht so eng wäre, beschränkt auf ihren Haushalt mit seinen Pflichten.

Christine de Pizan fordert in diesem Buch Respekt. Aber sie nimmt Frauen auch in die Pflicht, sich die Anerkennung der Männer zu verdienen: Im Anschluss an die „Stadt der Frauen“ veröffentlicht sie 1405 das „Buch von den drei Tugenden“. Auf die Utopie folgt hier die praktische Lebenshilfe: In einem Erziehungsratgeber (wie ihn zuvor nur Männer, meist Kleriker, für Frauen verfasst haben) schreibt sie Lebensregeln fest für Bäuerinnen, Bürgerinnen, Dienstmägde, Adelige, Frauen aller sozialen Schichten, am Hof, auf dem Land, in der Stadt.

Die Autorin misst Frauen nicht an ihrer Beziehung zu einem Mann, teilt sie nicht wie alle anderen nur in Jungfrauen, Ehefrauen, Witwen: Christine sieht Frauen als Teil der Gesellschaft, und die wichtigste Tugend, die sie ihnen für ihr Leben mitgibt, ist nicht Glaube, Geduld, Gehorsam, sondern prudentia, Weltklugheit.

NIEMAND KANN HEUTE sagen, welche Wirkung diese so ungewöhnlichen Texte in der Zeit ihrer Entstehung gehabt haben – zu wenig ist dazu überliefert. Entzünden sie das Bewusstsein ihrer Geschlechtsgenossinnen? Wühlen sie die Menschen auf? Oder tut man sie als die abseitigen Äußerungen einer Einzelkämpferin ab? In jedem Fall ist die Autorin ihrer Zeit weit voraus, nimmt Inhalte und Argumente der modernen Frauenbewegung vorweg.

Im Juli 1429 veröffentlicht Christine de Pizan ihr wahrscheinlich letztes Werk: ein Gedicht auf Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orléans. Jene Bauerntochter aus Lothringen, der himmlische Stimmen angeblich aufgetragen haben, die englischen Besatzer aus Frankreich zu vertreiben. Eine 17-Jährige in ritterlicher Rüstung an der Spitze der Armee, die im Mai 1429 das belagerte Orléans von der englischen Herrschaft befreit und dem französischen König Karl VII. zu seiner Krönung in Reims verhilft.

Eine Frau wie eine Figur aus dem „Buch von der Stadt der Frauen“, zum Leben erwacht. Nur Monate nach diesem Erfolg aber wird Jeanne d’Arc bei dem Versuch, Paris einzunehmen, verwundet und gefangen genommen, an die Engländer verkauft, verurteilt und am 29. Mai 1431 als Hexe und Ketzerin verbrannt.

Es ist nicht klar, ob Christine das Ende der Kämpferin noch erlebt. Ihr Gedicht über Jeanne ist das letzte Lebenszeichen der Autorin, über ihr weiteres Schicksal ist kaum etwas bekannt. Doch noch ehe das Jahrhundert endet, gehören ihre Bücher zu den ersten, die in Frankreich nicht mehr handgeschrieben, sondern – nach der gerade erst erfundenen Vervielfältigungstechnik – gedruckt erscheinen. Zahlreiche ihrer Schriften verbreiten sich in Europa, werden übersetzt ins Deutsche, Englische, Portugiesische.

Aber es wird lange dauern, bis man in Christine de Pizan nicht nur eine begabte Schriftstellerin und bestaunte Ausnahme erkennt, sondern eine Frau, die ihrem Jahrhundert enteilt war und sich nicht damit abfinden wollte, nur im Blick der Männer zu existieren: mal ritterlich verehrt, mal als schwach und minderwertig verdammt und verurteilt. Die Autorin jedenfalls hat sich diesen Nachruhm – darin kaum weniger kühn als in ihren Visionen – schon früh selbst prophezeit. In einem ihrer Texte heißt es: „Künftig wird mehr von dir die Rede sein als zu deinen Lebzeiten.“

2. Von Pilgerinnen und Königinnen: Die wahre Macht der Frauen im Mittelalter

Die Wissenschaft erkennt immer deutlicher, wieviel Einfluss Frauen im Mittelalter besaßen. Männer haben sie bloß systematisch aus der Geschichte herausgeschrieben.

Die Roben um ihre Schultern scheinen das Mädchen fast zu verschlingen. Ein Schleier schmückt ihren Kopf, darauf ein zartes Krönchen. Mit gesenktem Haupt kniet sie vor dem Bischof, der seinen Stab über sie hält. Er weiht das Mädchen feierlich zur Äbtissin: Mathilde von Quedlinburg wird das 11-jährige Kind von nun an heißen. Eigentlich müsste nur ein einziges Kirchenoberhaupt für die Zeremonie anwesend sein. Aber Mathildes Eltern, Kaiser Otto und Kaiserin Adelheid, haben die wichtigsten Größen des Landes eingeladen. Aufmerksam beobachten sie jedes Wort, jede Bewegung, jede Geste. Denn eines zeigt das Gemälde, das den Augenblick im Jahr 966 festhält und heute im Quedlinburger Rathaus hängt, ganz deutlich: Hier wird nicht einfach ein Mädchen ins Klosterstift abgeschoben. Die Weihe ist der Beginn von Mathildes Karriere, während der sie es bis zur Reichsverweserin bringen wird. Dieser Eintritt in die Welt der Kirche ist der Grundstein ihrer Macht.

Bis heute gilt das Mittelalter vielen als "dunkles Zeitalter", in dem das Leben schmutzig, brutal und kurz war – vor allem für Frauen. Lange ging man davon aus, dass Frauen damals vor allem eine Rolle hatten: als Gehilfin und Besitz des Mannes, früh verheiratet oder eben im Kloster geparkt.

Aber vieles, was wir über diese Epoche zu wissen glaubten, wird heute von der Geschichtswissenschaft völlig neu bewertet. Weil sie Quellen aufarbeitet, neue Technologien benutzt und ihre eigenen Annahmen hinterfragt. Und plötzlich ergibt sich ein ganz anderes Bild von der Macht der Frauen im Mittelalter.

Da ist die Kriegerin von Birka, die seit der Entdeckung ihres Grabes 1870 von der Wissenschaft stur für einen Mann gehalten wurde – bis fast 150 Jahre später eine DNA-Analyse ihr eigentliches Geschlecht bewies. Da sind die Pilgerinnen, die sich in den wilden Zeiten nach dem Auseinanderbrechen des weströmischen Reiches auf den Weg machten, das Christentum nördlich der Alpen zu verbreiten. Und während Otto der Große heute für fast jeden in Deutschland ein Begriff ist, wissen die wenigsten: Nach seinem Tod kümmerte sich das Dreiergespann aus Mathilde, ihrer Mutter Adelheid und Schwägerin Theophanu jahrelang um die Geschäfte des Kaiserreiches.

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In ihrem Haus wimmelte es von starken Frauen: Mathilde, die Ältere, auf ihrem Sterbebett in Quedlinburg 968. Sie war die Mutter Ottos des Großen; ihre Schwiegertochter Adelheid und Schwiegerenkelin Theophanu wurden später Kaiserin. Ihre Enkelin Mathilde, die sie am Anfang in deren Amt als Äbtissin von Quedlinburg unterstützte, wurde zur Reichsverweserin ernannt

Mächtige Frauen im Mittelalter – so sieht sie die Wissenschaft

Darin ist sich die Geschichtsforschung heute einig: Frauen im Mittelalter besaßen mehr Macht, als wir es lange glaubten. Und sie hatten damals wohl deutlich mehr Einfluss als später in Reformation und Renaissance. Für die deutsche Historikerin Amalie Fößel begann die Diskriminierung von Frauen erst flächendeckend, als Universitäten und Staatsapparate entstanden – von deren Besuch beziehungsweise Ämtern sie ausgeschlossen wurden. Kein Wunder also, dass die Suffragetten – die britischen Frauenrechtlerinnen am Anfang des 20. Jahrhunderts –, für mittelalterliche Frauen schwärmten.

Der Weg zur Gleichberechtigung ist dann eben kein linearer, von Unfreiheit zu immer mehr Freiheit. Diese Vorstellung passte nur sehr gut in das Weltbild, das Europa seit der Aufklärung prägt: von einem vermeintlichen Barbarentum hin zu Vernunft und Zivilisation.

Janina Ramirez, eine bekannte Historikerin und Autorin aus Großbritannien, geht sogar noch weiter: Frauen seien systematisch aus der Geschichte herausgeschrieben worden. "Femina" heißt eines ihrer Bücher, und der Titel ist ein Beispiel für genau solches Unsichtbarmachen. Als Ramirez in den Tiefen der Archive recherchierte, begegnete ihr das Wort immer wieder auf Dokumenten aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, mitunter waren auch die Worte "Häresie", "Hexenwerk" oder "Unorthodox" daneben gekritzelt. Die Bibliothekare sortierten mit diesen Vermerken jene Werke aus, die ihnen der Bewahrung nicht wert schienen. Denn "Femina" bedeutete schlicht: von einer Frau geschrieben.

"Ich bin immer wieder erschrocken, auf wie viel Lüge und Manipulation unser Geschichtsverständnis basiert", sagt Ramirez im Gespräch mit der Unizeitung der Universität Oxford. Natürlich interpretiere jede Gegenwart ihre eigene Vergangenheit, das sei ein normaler, gesellschaftlicher Prozess. "Aber die Gelehrten des 19. Jahrhunderts haben sich schuldig gemacht." Denn sie hätten die Historie zu einer Geschichte weniger großer Männer umgeschrieben – und die Macht der Frauen verschwinden lassen.

Dabei waren die Frauen des Mittelalters alles andere als wehr- und mittellos. Sie waren Königinnen und Königmacherinnen und bekleideten hohe Ämter in der Kirche. Und auch das Leben nichtadeliger Frauen war nicht nur auf Haus und Herd beschränkt: Sie pflegten und verteidigten den Hof, leiteten Werkstätten und handelten mit Waren. Und: Sie lasen und schrieben. Denn derlei intellektuelle Fertigkeiten behrrschten lange Zeit vor allem Frauen.

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Ihrer Zeit voraus: Hildegard von Bingen (hier auf einem Bildnis um 1230) war eine Universalgelehrte. "Ein Leonardo da Vinci, 400 Jahre bevor Leonardo da Vinci überhaupt geboren wurde", nennt sie die britische Historikerin Janina Ramirez © akg-images / picture alliance

Die Hofherrin: Die Macht der Schrift

Der Gürtel ist über tausend Jahre alt und schimmert trotzdem noch leuchtend rot. Einst wurde er als kostbares Geschenk an die Kirche gestiftet, heute liegt er im Diözesanmuseum St. Afra in Augsburg. Seine Schöpferin beherrschte die damalige Technik des Brettchenwebens perfekt. Das bezeugt auch die gut lesbare Inschrift in schlanken, hohen Lettern, mit der sie sich selbst verewigt hat: "Albecunde" prangt auf der Seide.

Der Gürtel stammt aus dem 9. oder 10. Jahrhundert, als es in unseren Breiten nur wenige Städte gab. Das Leben in Mitteleuropa war damals oft um einen Herrenhof organisiert. Und der wurde meist von Mann und Frau gemeinsam geleitet. Auch die Gürtel-Weberin war wahrscheinlich eine solche Hofherrin. Zu ihren Aufgaben gehörte die Beaufsichtigung der Textilproduktion – und das Lesen und Schreiben. Handwerke und Schrift lernten Mädchen aus der Oberschicht in den Klosterschulen, während die Jungen an Waffen und in Kampftechniken ausgebildet wurden. So waren es dann auch meist die Ehefrauen, die sich um alles kümmerten, was mit Papier- (oder besser Pergament-)kram zu tun hatte. Das bezeugt auch der Sachsenspiegel aus dem 13. Jahrhundert: Im ersten Rechtsbuch in deutscher Sprache ist klar geregelt, wer etwas erben oder bei einer Scheidung behalten durfte. Schriften und Bücher gingen an die Frau – die Männer konnten sowieso nicht viel damit anfangen. Sogar Otto der Große soll lesen und schreiben erst in höherem Alter gelernt haben, und das nie besonders gut.

Im Alltag waren es also wohl meistens Frauen, die Mitteilungen aufzeichneten, Notizen machten und wichtige Dokumente verwahrten. Eine Studie von Anfang 2025 zeigt, dass auch unter den professionellen Schreibern mehr Frauen waren als lange angenommen. Jede hundertste mittelalterliche Schrift konnte eindeutig einer weiblichen Person zugeordnet werden, über Namen oder eine Selbstbezeichnung, die wahre Zahl liegt sicher noch höher. 2019 fanden Forschende Lapislazuli-Pigment im Zahn einer Frau, die vor etwa 1000 Jahren gelebt hatte. Dieses Pigment wurde für besonders wertvolle Manuskripte verwendet, womöglich war die Frau eine Illustratorin.

Christine de Pizan und Hildegard von Bingen

Gleichzeitig erinnern wir uns heute nur an wenige Schriftstellerinnen aus dieser Zeit. Eine der bekanntesten ist Christine de Pizan (1364–1430), die im ausgehenden Mittelalter sogar von ihrer Autorentätigkeit leben konnte. "Der Sendbrief der Othea", eine Anleitung für Ritter, wurde zum Bestseller. Noch bemerkenswerter ist "Das Buch von der Stadt der Frauen": Pizan entwirft darin eine Utopie, den Beginn "eines neuen Reiches der Frauen". Pizan schreibt damit explizit gegen männliche Kollegen an, die das weibliche Geschlecht als minderwertig und den Ursprung allen Übels brandmarkten. Sie schreibt sich auch selbst in das Werk hinein und verkündet selbstbewusst: "Wenn man Mädchen in die Schule schicken, sie studieren lassen würde, dann würden sie genauso gut lernen und die letzten Feinheiten aller Künste und Wissenschaften ebenso mühelos begreifen." Heute sieht man in Pizan eine der ersten Feministinnen.

In intellektuellen Kreisen waren Frauen im Mittelalter ebenfalls vertreten. Hildegard von Bingen (1098-1179) etwa war schon zu Lebzeiten hoch angesehen. "Sie war Wissenschaftlerin, betrieb Astrologie, erfand eine komplette Sprache, war Linguistin", sagt Historikerin Janina Ramirez im Onlinemagazin Culturall über von Bingen. "Sie war außergewöhnlich in allem. Ein Leonardo da Vinci, 400 Jahre bevor Leonardo da Vinci überhaupt geboren wurde."

Noch früher, um etwa 800 n.Chr., entstand unter Karl dem Großen eine Art erster geistiger Elite. Ein Thinktank aus Gelehrten, Adeligen und Kirchenvertretern, in dem auch gestritten werden durfte. Zum Beispiel darüber, ob die Erde eine Kugel sei oder nicht. Sie trafen sich am Hof und schrieben sich Briefe in endlosen Versen. Sie duzten sich und rissen sogar derbe Witze übereinander: "Eine Ära, in der Denken ausdrücklich erlaubt war", nennt es Hermann Schefers, Historiker und Leiter des Welterbes Kloster Lorsch. Und auch Frauen mischten mit, unter anderem die Tochter Karls.

Größer als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern waren damals eher die zwischen den Schichten: Das Leben von Bauern und Bäuerinnen, abhängig und gebunden in Herrschaftsverhältnissen, war von andere Einflüssen bestimmt als das hochgeborener Menschen.

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Ob sie jemals tatsächlich existiert hat, ist nicht überliefert. Aber Ursula von Köln ging in die Legende ein, als tapfere Pilgerin und Märtyrerin. Tatsächlich waren auch Frauen am Anfang des Christentums unterwegs, den rechten Glauben zu verbreiten, genau wie Wandermönche
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Ursula von Köln: Als Pilgerin zu Fuß in die Freiheit

Als die Pilgerin im späten 4. Jahrhundert aufbricht, haben sich die Grenzen des weströmischen Reiches gerade aufgelöst. Es ist eine Zeit des Umbruchs und der Bewegung: von Waffentrupps, Familien, Tieren, ganzen Dörfern. Die Reise und die Pilgerin werden zu Legenden, als Ursula von Köln und das Martyrium der 11.000 Jungfrauen.

Die Geschichte wird so erzählt: Eigentlich sollte Ursula heiraten, willigte aber nur unter einer Bedingung ein. Die Edelfrau wollte vorher eine Pilgerreise unternehmen, von der Bretagne nach Rom und zurück, begleitet von mehreren Gefährtinnen. Was mag ihnen auf ihrem Zug widerfahren, wer ihnen begegnet sein? Ihre Prozession, sämtlich Frauen, unbegleitet und selbstbestimmt, muss auf die Menschen eine schockierende Wirkung gehabt haben: eine Provokation für die heidnische Bevölkerung – und für Männer.

Im Frühmittelalter fanden mehrere Missionsbewegungen statt, die das Christentum über den europäischen Kontinent verbreiteten. Die Forschung hat etwa die Routen der keltisch-irischen und der angelsächsischen Mission gut nachgezeichnet. Wir kennen bis heute das Bild des Wandermönchs: Männer mit Tonsur und nicht mehr Besitz als die Kutte am Leib. Klöster tragen ihre Namen, ihre Geschichten werden immer noch erzählt. Etwa die von Bonifatius, der angeblich die Chatten bekehrte, indem er ihre heilige Donar-Eiche fällen ließ.

Derart ausführliche Lebensschilderungen fehlen für die Pilgerinnen. Ihre Namen finden sich zwar in schriftlichen Quellen: Eangyth und Lioba, Hugeburc von Heidenheim und Hildegund von Schönau, Egeria und Gerberga. Doch Bücher und Aufsätze über die Fürsprecherinnen des Christentums sind rar, obwohl es offensichtlich einige gab. Im Fall von Ursula ist die Geschichtswissenschaft nicht mal sicher, ob eine reale Person dieses Namens jemals existierte.

In der Legende findet Ursula einen gewaltsamen Tod. Auf dem Rückweg der Pilgerreise halten Hunnen das Schiff der Pilgerinnen auf dem Rhein bei Köln auf und stellen sie vor die Wahl: Entweder geben sie ihren Glauben auf und heiraten die Männer – womöglich eine Chiffre für Sex –, oder sie müssen sterben. Die Frauen wählen den Tod. Und wurden so unsterblich: Aus der Pilgerreise einer Frauengruppe wird die Legende der 11.000 Jungfrauen, die sich lieber dem Martyrium aussetzen, als ihren Gott aufzugeben.

Genau solche Erzählungen inspirierten die Menschen, den christlichen Glauben anzunehmen – und waren effektiver als das Schwert, argumentieren einige Historiker. Gerade Pilgerinnen müssen eine große Faszination ausgeübt haben, mit ihrer starken Überzeugung und dem Mut, die Gefahren der heiligen Reise auf sich zu nehmen. Ohne sie hätte das Christentum wohl viel länger gebraucht, um sich gegen die heidnischen Religionen durchzusetzen. Und im Pilgerwesen fanden diese Frauen eine Möglichkeit, ihr Leben und die Welt zu gestalten.

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Disziplin, Stärke, Wachsamkeit, Tatkraft und Klugheit: Viele scheinbar männliche Tugenden sagte man Theophanu aus dem Geschlecht der Byzantiner nach. Sie heiratete den Kaiser Otto II. – und als ihr Mann früh verstarb, hielt sie gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter Adelheid und ihrer Schwägerin Mathilde von Quedlinburg das Reich zusammen

Königin und Power Couples: Zeichen der Herrschaft 

Den Thron sichern und einen Nachfolger gebären, möglichst männlich: Das gehörte auf jeden Fall zur Aufgabe von Herrscherinnen im Mittelalter. Schaut man aber genauer hin, hört ihr Einflussbereich dort bei weitem nicht auf. Im Gegenteil: Damals führten Adelshäuser mitunter regelrechte "Power Couples" an, wie es der Historiker Tobias Daniels von der Universität Heidelberg nennt. Das zeigt sich auch auf Bildnissen dieser Zeit, "die den Eindruck erwecken, dass man gemeinsam an der ‚Spitze des Reiches‘ stand", schreibt die Historikerin Amalie Fößel: Königin und König werden nebeneinander und gleich groß dargestellt.

Waren Frauen schon vorher wichtig, wurde die Doppelherrschaft unter den Ottonen geradezu zur Regel. Schon zu Lebzeiten ihrer Männer wurden Adelheid und ihre Schwiegertochter zu Kaiserinnen gekrönt. Sie fungierten als Beraterinnen, Bittstellerinnen und Fürsprecherinnen, unentbehrliche Funktionen einer Herrschaft. In einem Viertel aller Urkunden unter Otto dem Großen finden sich Interventionen durch die Herrscherin, bei Theophanu sind es sogar fast ein Drittel.

Theophanu, Adelheid und Mathilde 

Nach Ottos Tod 973 und, nur kurze Zeit später, dem seines Sohns und Nachfolgers Otto II., hielten sogar drei Frauen gemeinsam die Macht im Reich: Theophanu und Adelheid auf Reisen als eine Art Außenministerinnen, Mathilde auf dem Stammsitz in Quedlinburg.

Als Mathilde mit nur elf Jahren zur Äbtissin von Quedlinburg ernannt wurde, war das sicher kein Posten, um eine Königstochter auf dem Abstellgleis zu parken. Eher ein weiterer Schritt auf einer steilen Karriereleiter, die sie schon kurz nach ihrer Geburt bestieg. Während der Reisekönig und Kaiser den Großteil seiner Amtszeit in Italien auf Schlachtfeldern und in Verhandlungsrunden verbrachte, repräsentierte Mathilde den Willen der kaiserlichen Familie nördlich der Alpen. Einen Hinweis darauf bietet eine päpstliche Urkunde von 967, das dem Quedlinburger Stift die Exemtion erteilte: Dessen Rechtsprechung unterstand damit nicht länger dem Halberstädter Bischof, sondern der Äbtissin. In der Urkunde wird Mathilde sogar als "Augusta", als Kaiserin bezeichnet. Später ernannte man sie als einzige kirchliche Frau jemals zur Reichsverweserin. "Domina imperialis", kaiserliche Herrin, hieß sie nun in den Quellen.

20 regierende Königinnen qua Geburtsrecht zählt die Geschichtswissenschaft zwischen 1100 und 1600 in Europa, mehr als in späteren Jahrhunderten. Wieso aber verloren die Frauen ihre Macht? Dafür gibt es mehrere Gründe. Während ihnen die Kirche in ihren Anfängen Freiheit und Einfluss gewährte, belebte sie später die aristotelische Vorstellung vom "Mängelwesen Frau" wieder, allen voran durch Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert. Historikerin Fößel verweist außerdem auf "Staatswerdungsprozesse und den Ausbau von Ämter- und Verwaltungseinheiten": Staaten und Institutionen, von Männern für Männer geschaffen, übernahmen nun die Herrschaftsaufgaben. Und von den damals neuen Universitäten waren Frauen ohnehin von Anfang an ausgeschlossen.

Die Idee, dass Frauen sich aus dem öffentlichen Leben ganz herauszuhalten hätten, ist sogar noch jünger: Erst die bürgerliche Gesellschaft der Neuzeit dachte sich Heim und Herd als natürlichen Wirkungsbereich der Frau aus. Dabei lässt sich das Mittelalter auch anders imaginieren, wie das International Journal of Historical Researches schreibt: als "eine Welt, in der außergewöhnliche Frauen sich als verdiente Anführerinnen, Diplomatinnen, religiöse Entscheiderinnen, Abenteurerinnen, Unternehmerinnen, Künstlerinnen, Fördererinnen, Mystikerinnen, Bewegerinnen und Rüttlerinnen, Kriegerinnen, Universalgelehrte und Forscherinnen bewiesen".

3. Hildegard von Bingen. Die mächtige Äbtissin

Nur wenige Frauen haben im Mittelalter so viel Einfluss wie Hildegard von Bingen. Verehrt als Prophetin, die den Willen des Höchsten empfängt, möchte die Äbtissin die Welt von Schuld und Sünde befreien und den Menschen den Weg zu Gott weisen. Selbst Kaiser und Könige können sich ihren Worten nicht entziehen

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Die Äbtissin Hildegard (Mitte) hält ihre Visionen für göttliche Eingebungen und lässt sie von ihrem Sekretär Volmer aufschreiben (Bild: Dommuseum Mainz)

Das Rupertsberger Kloster bei Bingen, um 1168. Die alte Äbtissin zürnt. Hat sie den Herrscher nicht gewarnt? Hat sie, Hildegard, Friedrich I. nicht bereits in mehreren Briefen geschrieben, dass der Höchste ihn „zu Boden strecken“ könne, falls er seine Regierung weiterhin so wie bisher führe? Ihm klar zu verstehen gegeben, dass auch er ein Diener Gottes ist? Aber trotz ihrer Briefe setzt der Kaiser seinen seit Jahren andauernden Machtkampf mit dem Papst fort.

Friedrich I. Barbarossa, 1155 zum Kaiser des Römischen Reiches gekrönt, versteht sich nicht nur als oberste weltliche Gewalt – er will auch über die Kirche herrschen. Um seine Ansprüche durchzusetzen, hat er den von der Mehrheit der Kardinäle gewählten Papst Alexander III. nicht anerkannt, sondern nach und nach drei ihm ergebene Gegenpäpste unterstützt, zuletzt Kalixt III. Seit 1159 währt nun schon das Schisma. Krone gegen Tiara. Die Kirche, ja das Abendland: gespalten. In einem weiteren Brief schleudert Hildegard dem Kaiser erneut schneidend scharfe Worte entgegen: „Der da IST, spricht: Die Widerspenstigkeit zerstöre Ich, und den Widerstand derer, die Mir trotzen, zermalme Ich durch Mich selbst. Wehe, wehe, diesem bösen Tun der Frevler, die Mich verachten! Das höre, König, wenn du leben willst! Sonst wird Mein Schwert dich durchbohren!“

Wohl keine andere Frau würde es wagen, den Herrscher des Römischen Reiches derart anzugreifen. Doch Hildegard von Bingen ist keine Frau wie andere: Sie versteht sich als Seherin, die Gottes Wort und Gottes Willen offenbart. Als eine Prophetin, die der Welt die Absichten des Höchsten selbst kundgibt. Die Äbtissin vom Rupertsberg pflegt einen intensiven Briefwechsel mit Königen und Herzögen, Päpsten und Bischöfen. Sie verfasst gewaltige prophetische Schriften, sie predigt in aller Öffentlichkeit. Keine Frau nimmt in diesen Tagen größeren Einfluss auf die Mächtigen in Politik und Kirche als sie.Dabei hat sie lange Zeit ihres Lebens geschwiegen – aus Angst.

HILDEGARD WIRD 1098 als zehntes Kind einer adeligen Familie in Bermersheim im heutigen Rheinland-Pfalz geboren. Das kleine Mädchen ist ständig krank, bald sieht es unerklärliche Bilder. Im Alter von fünf Jahren hat Hildegard, so wird später erzählt, eine Vision: Sie beschreibt das Aussehen eines – erst wenige Tage später geborenen – Kälbchens. Doch als sie merkt, dass außer ihr niemand solche Erscheinungen hat, ängstigt sie sich: „Aus Furcht vor den Menschen wagte ich niemandem zu sagen, was ich schaute“, notiert sie später. Auch ihre Eltern sorgen sich: Eine Vermählung der Tochter im Alter von 13 oder 14 Jahren, wie es Brauch ist, scheint schon wegen der schwachen Konstitution des Mädchens kaum möglich. Sie beschließen, ihr Kind Gott zu weihen und in ein Kloster zu geben – so wie viele Adelige, welche die meist erwartete „Mitgift“ an eine Abtei aufbringen können.

Denn Mönche und Nonnen genießen hohes Ansehen, da sie als vollkommene Christen gelten; mit ihren Gebeten und Gesängen vermitteln sie, so der Glaube, zwischen Himmel und Erde. Besonders für Frauen hat das Leben im Kloster viele Vorteile: Als Nonnen sind sie materiell versorgt, müssen sich nicht den Ansprüchen der Ehemänner unterwerfen und gefährden ihre Gesundheit nicht durch Schwangerschaften und Geburten. Und wie nirgendwo sonst können sie sich intellektuell betätigen.

Viele Klöster des 12. Jahrhunderts sind, neben den bischöflichen Domschulen, auch Zentren der Wissenschaften. Universitäten gibt es in Deutschland noch nicht. In den Klosterschulen lernen Schüler Psalmen auswendig, lesen die Bibel und werden von hochgebildeten Ordensleuten in Disziplinen der artes liberales, der sieben freien Künsten der Antike, unterrichtet: Grammatik und Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Astronomie, Geometrie und Musik. In den Klosterbibliotheken finden sich neben religiösen Schriften auch historische Werke; hier stehen Enzyklopädien, Gedichtbände und medizinische Literatur. Nicht überall aber füllen die Schriftrollen und gebundenen Codices gleich ganze Räume. Die in mühsamer, oft jahrelanger Handarbeit angefertigten Abschriften und Bücher sind teuer, in manch ärmerem Kloster birgt eine einzige Holztruhe die gesamte Bibliothek.

Ob die Schüler, zumeist Kinder adeliger Familien, außer den für den Unterricht notwendigen Werken noch andere, kostbare Bücher in die Hand bekommen, ist ungewiss. Vielleicht aber zeigt der Bibliothekar ihnen zuweilen ein Manuskript, preist die präzise Handschrift des Kopisten oder erläutert eine kunstvoll gemalte Szene einer illustrierten Bibel. Doch die Regeln in der Klosterschule sind streng: Während des Unterrichts und der Pausen etwa dürfen die Schüler ausschließlich Latein sprechen. Auch Hildegard wird die Sprache der Gelehrten bald verstehen.

WAHRSCHEINLICH IM ALTER von 14 Jahren zieht sie in Begleitung ihrer Erzieherin Jutta von Sponheim und eines anderen Mädchens in eine steinerne Klause, die an das Kloster der Benediktinermönche auf dem Disibodenberg unweit von Bingen grenzt. Obwohl sich die Zahl der Klöster zwischen 1050 und 1150 verzehnfacht, mangelt es an reinen Frauenklöstern. Viele Nonnen leben bei Männerkonventen.

Nur ein einziges Fenster verbindet die rasch wachsende Gemeinschaft der Nonnen am Disibodenberg mit der Außenwelt. Die Mönche versorgen die Frauen mit dem Lebensnotwendigen, ein vom Abt bestimmter Priester ist Beichtvater der Nonnen und übernimmt die religiöse Unterweisung. Eine Schulausbildung erhalten die Novizinnen der Klause jedoch nicht.

Hildegard liest die Bibel, studiert Schriften der Kirchenväter – und lernt die Klosterregel des Benedikt von Nursia. Die „Regula Benedicti“ des Klostergründers aus dem 6. Jahrhundert hat sich in ganz Europa als Richtschnur für monastisches Leben durchgesetzt und bestimmt den gesamten Klosteralltag: Gebetszeiten und -formen, Ämter und Hierarchien, Arbeit, Kleidung, Speisen, Schlaf. Ora et labora – „bete und arbeite“.

Benedikt fordert von den Mönchen ein einfaches und tugendhaftes Leben: „Nicht stolz sein. Nicht trunksüchtig. Nicht essgierig. Nicht schlafsüchtig. Nicht träge.“ In vielen Punkten jedoch bleibt seine Regula sehr vage. Über deren richtige Interpretation entbrennt deshalb unter Ordensleuten immer wieder heftiger Streit, in den sich später auch Hildegard einmischen wird.

Noch vor ihrem 18. Geburtstag legt sie gemäß den Regeln Benedikts die ewigen Gelübde ab. Und empfängt ihre neue Kleidung: ein weißes Untergewand, die Tunika, und eine dunkle, weitärmelige Kukulle, die einem Engelsgewand gleichen soll. Ihr Gesicht ist von einem weißen Gebände umgeben, unter dem Schleier versteckt die Nonne ihre Haare. Zur Ausstattung der Benediktinerinnen gehören unter anderem auch Strümpfe, Schuhe, Sandalen und ein Gürtel. Persönlicher Besitz jedoch ist ihnen verboten. Über Hildegard berichten die Quellen dieser Jahre nur wenig; sie ist oft krank, fastet häufig, spricht kaum – so viel ist bekannt. Im Jahr 1136 wird sie, nach Juttas Tod, die Leiterin des Frauenkonvents. Und sie hat weiterhin Visionen.

Ein Licht, so schildert es Hildegard später, dringe aus offenem Himmel in ihr Innerstes und lasse sie plötzlich den Sinn der biblischen Schriften begreifen. „Ich habe sie (die Visionen; die Red.) bei vollem Bewusstsein erhalten, im vollkommenen Wachzustand meines Körpers. Die inneren Augen meines Geistes und die inneren Ohren haben mir meine Visionen übermittelt.“ Kein Rausch, kein Wahn, keine Ekstase. Und doch hält Hildegard ihre „Schauen“ geheim. Bis sie mit 42 Jahren einen inneren Befehl vernimmt: „Schreibe sie, wohlbelehrt, nieder und sprich davon.“

Hildegard jedoch fühlt sich überfordert, erkrankt. Erst danach beginnt sie zu schreiben. „Ich sah etwas wie einen großen eisenfarbenen Berg. Darauf thronte eine Gestalt von solchem Glanz, dass ihre Herrlichkeit meine Augen blendete“, beginnt ihre erste theologische Schrift. Insgesamt 26 Visionen ritzt Hildegard in den folgenden zehn Jahren in Wachstafeln: Ihr Werk „Scivias“ – „Wisse die Wege“ – wird ein gewaltiges Welt- und Heilsdrama voller Zahlensymbolik und apokalyptischer Bilder, in dessen Mittelpunkt der Kampf zwischen dem Himmlischen Vater und dem Leibhaftigen steht.

Hildegard lebt in einer Zeit des Umbruchs und der Widersprüche. Einerseits wächst die Bevölkerungszahl, lassen Stadtbürger prächtige Gotteshäuser errichten, stiften Adelige zahlreiche neue Klöster. Andererseits beklagen Gläubige, dass Priester die Seelsorge vernachlässigen, missachten Ordensleute vielerorts ihr Gelübde, indem sie ein bequemes Leben in Wohlstand führen. Strenggläubige Christen fordern vom Klerus den Verzicht auf irdische Güter und weltliche Macht – manche von ihnen wenden sich sogar enttäuscht von der Kirche ab und schließen sich ketzerischen Sekten an.

Gegen heftigen Widerstand ihres Abtes gründet Hildegard ein eigenes Kloster

Ihre Visionen aber, davon ist Hildegard überzeugt, können den Menschen Wege aus der Sünde zu Gott zeigen – sie wird im Laufe ihres Lebens noch zwei weitere Werke mit göttlichen Eingebungen füllen, in denen sie Ketzerei, Hochmut, Stolz und Heuchelei anprangert und die Christenheit zur Umkehr auffordert.

Hildegards Beichtvater, der Mönch Volmar, überträgt die Texte auf Pergament und glättet dabei das ungelenke Latein der Nonne. Wer aber wird den Worten einer unbekannten Nonne Glauben schenken? Und hat der Apostel Paulus die Frauen nicht geheißen, in der Kirche zu schweigen?

Doch ihre Sorgen sind offenbar unbegründet. Auf Bitten des Mainzer Erzbischofs, der für das Disibodenberger Kloster zuständig ist, lässt Papst Eugen III. im Jahr 1147 Hildegards Visionen von einer Kommission untersuchen – so berichtet es jedenfalls ihr Biograf, der Mönch Theoderich von Echternach, um 1185. Als die Kommission die göttliche Inspiration der Glaubensbilder bestätigt, erteilt der Papst Hildegard „im Namen Christi die Erlaubnis, alles zu veröffentlichen, was sie vom heiligen Geist erfahren habe“, so Theoderich.

Bald kursiert Hildegards Name auf den Marktplätzen des Reiches, in Klöstern, Domkapiteln und Burgen. Und wenig später bricht sie aus der Frauenklause auf dem Disibodenberg aus und beschließt, etwa 30 Kilometer entfernt auf dem Rupertsberg bei Bingen ein Kloster zu gründen. Für eine Äbtissin, die sich auserkoren fühlt, der Welt Gottes Willen zu verkünden, ein perfekter Standort: Nur durch einen Fluss von Bingen getrennt, liegt die Anhöhe an den wichtigsten Fernrouten des Reiches. Die alte Römerstraße von Mainz nach Köln führt mitten durch die Stadt und geradewegs auf den Rupertsberg zu. In und um Bingen verzweigen sich die Wege nach Trier, Koblenz, Metz und Worms. Vor allem aber per Schiff strömen Menschen und Waren herbei. Die Stadt liegt direkt am Rhein und an der Nahe.

DIE TRENNUNG vom Disibodenberg gerät zum Machtkampf. Der Abt und seine Mönche wollen die berühmte Frau nicht ziehen lassen. Sie weigern sich, jene Güter herauszugeben, welche die Nonnen einst als Mitgift in die Gemeinschaft eingebracht haben. Hildegard aber wendet sich über eine adelige Bekannte an den Mainzer Erzbischof: Und der bricht nun den Widerstand des Abts. Um 1150 siedelt Hildegard mit 20 Nonnen auf den Rupertsberg über, wo bereits eine Kapelle steht. Den notwendigen Grundbesitz stiften oder finanzieren Hildegards Verwandte sowie weitere Gönner. Denn ihre Mitgift müssen die Frauen zum größten Teil dem Männerkloster überlassen – der Preis für die Unabhängigkeit, die der Mainzer Erzbischof den Frauen 1158 endgültig zusichert. Ganz aber kann die Äbtissin auch danach nicht auf die Mönche verzichten: Sie sind für liturgische Handlungen zuständig und stellen den Propst, den wirtschaftlichen Leiter des Stifts.

Kern der Klosteranlage wird eine dreischiffige Basilika. Über den Kreuzgang auf der Südseite gelangen die Nonnen in den Wohntrakt: Schlafsaal, Speisesaal und Latrinen, Küche und Vorratskammern sind nach außen streng verschlossen. An die Klausur schließen sich wahrscheinlich Schreibstuben und Krankenzimmer an. Im Laufe der Zeit entstehen um die Kirche mehrere hohe und niedrige Gebäude – darunter vermutlich das Wohnhaus des Propstes, ein Gästehaus sowie Unterkünfte für das Gesinde, ferner Wirtschaftsgebäude und eine Schule. Zum Kloster gehören außerdem ein Garten, ein Friedhof mit Kapelle, Gehöfte und Mühlen, Weinberge, Ackerland und Wiesen. Reisende, die an Bingen vorbeikommen, verbreiten Hildegards Ruf als Seherin in ganz Europa. Aus allen Himmelsrichtungen eilen Boten mit Nachrichten herbei, Geistliche und Laien bitten um Gebete und tragen persönliche Anliegen vor. Die frommen Menschen hören auf ihre Worte – auch, weil sie im Namen des Herrn spricht.

Obwohl die Äbtissin niemals das Schicksal einzelner Menschen voraussagt, gilt sie ihren Zeitgenossen als Prophetin. Sie spendet Rat und Trost, und wo sie Ungerechtigkeiten, Unglauben oder Machtmissbrauch ausmacht, reagiert sie mit mahnenden und warnenden Briefen. Gleichgültig, ob es sich um den König von England, den Bischof von Prag, den Papst oder den deutschen Kaiser Friedrich I. handelt, den sie in der nahe gelegenen Ingelheimer Kaiserpfalz persönlich trifft. Im Jahr 1163 stellt Friedrich I. ihr Kloster unter seinen Schutz. Gleichwohl scheut sie vor Kritik an seiner Politik nicht zurück. Friedrich indes schlägt alle Mahnungen in den Wind: 1167 nimmt er Rom ein. Doch als es papsttreuen Truppen gelingt, die heilige Stadt zurückzuerobern, muss der Unterlegene Papst Alexander III. die Ehre des Fußkusses erweisen und ihm den Steigbügel halten. Damit geht das Schisma zu Ende.

MIT DEN IDEALEN des Klosterlebens ist Hildegards öffentliches Wirken nur schwer in Einklang zu bringen: „Sich dem Treiben der Welt entfremden“, fordert die Regel des Mönchsvaters Benedikt. Ein immergleicher Rhythmus aus Beten, Singen und Arbeiten bestimmt das Leben in der benediktinischen Gemeinschaft, gleich ob Frauen- oder Männerkloster. Inmitten der Nacht, zwischen null und zwei Uhr, erheben sich die Nonnen und Mönche von ihren Strohsäcken im Schlafsaal. Von dort aus begeben sie sich direkt in die Klosterkirche, wo sie mit der Morgenfeier im Chorraum den Tag beginnen. Bis zum Abend folgt etwa alle drei Stunden eine weitere Andacht mit Gebeten, Lesungen aus der Heiligen Schrift und gregorianischen Gesängen – in kleinen Intervallen dahinfließende, einstimmige Choräle, die nach Papst Gregor I. (590–604) benannt sind. Wie neuartig und kühn klingt dagegen der Gesang auf dem Rupertsberg! Hildegard komponiert für die Messe ebenfalls einstimmige, aber variantenreichere Melodien mit größerem Tonumfang und weiteren Intervallen als bis dahin in der Kirchenmusik üblich. Mehr als 70 Lieder verfasst die Äbtissin, für die Musik mehr ist als bloße Wortvertonung: ein Spiegel der himmlischen Harmonie.

Sie erlernt die Kunst des Heilens – und führt die Klostermedizin zu ihrer letzten Blüte

Die Zeit zwischen den Chorgebeten verbringen die Konventsangehörigen mit Arbeit. „Sie sticken, spinnen, weben und nähen vom Morgengrauen bis zum Abendbrot. Müßiggang wird nicht geduldet. Kein ungeziemendes Wort fällt“, beschreibt Hildegards Sekretär Wibert den Alltag der Nonnen. Gesinde und Handwerker aus der Umgebung übernehmen oft die körperlich anstrengenden Tätigkeiten. Etwa das Anfertigen des Pergaments: Für eine Evangelienhandschrift müssen „Buchfeller“ genannte Spezialisten die Häute von 400 Schafen mehrere Wochen einweichen, anschließend mit einem halbmondförmigen Schabeisen die oberste Schicht sowie das Untergewebe entfernen, sodann die Lederhaut in einer Kalklösung entfetten und sie über einen Rahmen spannen. Erst nach dem Trocknen übergeben die Handwerker das reißfeste Material an Nonnen oder Mönche.

Die schneiden die Bögen zu, falten sie im Skriptorium des Klosters jeweils zu Lagen aus mehreren Blättern und ziehen gleichmäßige Linien über die Seiten. Ihre Federn tauchen die Kopisten in Tinte, die etwa aus einem Sud von Weißdorn- oder Schlehenzweigen unter Zusatz von Wein oder Eisensulfat hergestellt wird. Gekrümmt sitzen die Schreiber an ihren Pulten, kopieren liturgische Gebetsund Liedtexte, schreiben Klosterannalen und Heiligenviten ab oder „Miracula“, Wundergeschichten. Im Gegensatz zu den Klosterschülern müssen die Kopisten für ihr Werk nicht unbedingt Latein verstehen – einige Schreiber malen die Texte einfach ab, Buchstabe für Buchstabe. Von Zeit zu Zeit schärfen die Ordensleute dabei den Kiel ihrer Feder mit einem Messer, schaben falsch geschriebene Passagen sorgfältig vom kostbaren Pergament.

Je nach Inhalt der Texte schmücken Maler die Seiten mit kunstvollen Ornamenten, szenischen Bildern, Pflanzenoder Tiermotiven. Die meisten ihrer Farben werden aus Mineralien gewonnen, das leuchtend blaue Ultramarin etwa aus dem sehr teuren Halbedelstein Lapislazuli. Erst wenn alle Schreib- und Malarbeit vollendet ist, näht der Buchbinder die einzelnen Pergamentlagen zusammen, versieht sie mit einem schützenden Einband aus Leder oder Holz, schlicht oder mit Gold und Edelsteinen verziert. Ohne Unterlass arbeiten die Mönche, sommers wie winters. In der kalten Jahreszeit fällt es ihnen schwer, oft frieren den Schreibern die Finger steif: Das Kloster hat nur einen beheizbaren Raum, die Wärmestube.

Während die Kopisten und Maler dem Kloster im Skriptorium dienen, kümmern sich andere Mönche und Nonnen um den Garten, versorgen neu eingetroffene Pilger – oder pflegen die Kranken. Denn Benedikt von Nursia hatte die Krankenpflege zur Pflicht der Stifte erhoben. Manche Klöster sind für lange Zeit Horte der Heilkunde: Dort wird medizinisches Wissen systematisch vermittelt und angewendet; kennen Brüder und Schwestern die pharmakologische Wirkung von Kräutern und Pflanzen; werden Gebrechliche im Spital betreut und in speziellen Räumen zur Ader gelassen. Und dort, in den Kräutergärten der Klöster, wachsen die notwendigen Heilmittel.

AUCH HILDEGARD tut sich als Heilkundige hervor. Zwischen 1150 und 1160 verfasst die Autodidaktin natur- und heilkundliche Schriften, die als „Physica“ und „Causa et curae“ überliefert sind. Doch längst haben mehrere Konzilien den Ordensleuten jede ärztliche Tätigkeit verboten. Weil die Behandlung von Kranken, mittlerweile ein lukratives Geschäft, sie allzu oft von ihren theologischen Studien ablenke. Und schon bald wird aus der Heilkunst eine universitäre Wissenschaft. So gehören die Arbeiten Hildegards zu den letzten großen Werken der Klostermedizin.

Die Äbtissin schreibt in der „Physica“ über Pflanzen, Metalle und Mineralien, verzeichnet deren medizinische Wirkung, erläutert die Herstellung von Pillen, Pulvern, Spülungen und Räucherungen. Einem Menschen mit „übermäßig viel Schleim im Kopf, in der Brust oder im Magen“ empfiehlt sie einen Sud aus gekochten Ameisen: „Er atme den Dampf zehn- oder fünfmal durch die Nase und den Mund ein.“ In der Schrift „Causa et curae“ widmet sich Hildegard unter anderem dem Grund der Krankheiten: Sie glaubt, dass der Mensch durch den Sündenfall zu Unheil und Siechtum neigt. Freimütig schreibt die Äbtissin auch über Sexualität, den weiblichen Fruchtbarkeitszyklus und Geburtenkontrolle. Und sie beschäftigt sich mit Ernährung: „Speisen mit zu viel Fett“ seien ungesund, Wein und Bier besser als Wasser.

Zur Mittagszeit werden im Kloster in der Regel gekochte Hülsenfrüchte, Gemüse, Fisch oder Eiergerichte serviert. Die Benediktregel erlaubt für das Hauptmahl zwei warme Speisen, dazu werden Wein, Brot und zuweilen Obst gereicht. Fleisch, zumindest das von Vierfüßern, sollen die Ordensleute nach Benedikt nicht verzehren. Dennoch bereiten die Klosterköche nicht selten auch Gerichte aus Hammel- oder Schweinefleisch zu. Wie im Schlafraum und in der Kirche gilt an der langen Tafel im Speisesaal ein striktes Sprechverbot, während an anderen Orten des Klosters zumindest über das Notwendigste gesprochen werden darf, wenn auch oft nur zu bestimmten Tageszeiten. Die Mönche und Nonnen verständigen sich mithilfe einer Zeichensprache. Beim Verteilen der Speisen etwa bedeutet Hand an die Gurgel „Essig“, eine Schwimmbewegung „Fisch“.

Nach einem kalten Abendimbiss und dem letzten Chorgebet des Tages, der Komplet, zwischen 18 und 20 Uhr, beginnt im Benediktinerkloster die Nachtruhe. Obwohl die Mönche und Nonnen auch eine Mittagspause haben, reicht der Schlaf kaum: Immer wieder nickt beim Chorgebet jemand ein. Laut Benedikt ein schweres Vergehen. Hildegard jedoch sorgt sich um das körperliche und seelische Wohlbefinden der Ordensleute. Im Streit um die richtige monastische Lebensweise legt sie die Klosterregel deshalb milde aus und lehnt eine allzu asketische Lebensweise ab: Alles, was Benedikt nicht ausdrücklich verboten habe, sei erlaubt; etwa der Genuss von Geflügel. Die Äbtissin wendet sich gegen übermäßiges Fasten, setzt sich für kürzere Gebetszeiten und ausreichend Schlaf ein.

SIE SELBST ABER kommt nicht zur Ruhe. Ab ihrem 60. Lebensjahr macht sich Hildegard zu mehreren Predigtfahrten durch die deutschen Lande auf. Das Reisen ist eine Qual. Zu Pferd, zu Fuß, in schwankenden Booten und rumpelnden Kutschen legt sie 25 bis 30 Kilometer am Tag zurück. In Mainz, Trier, Köln, Bamberg und anderen Städten sucht sie die großen Plätze und Kirchen auf. Dort ermahnt sie die Menschen zu Umkehr und Buße, „gemäß dem, was Gott ihr offenbart hatte“, schreibt ihr Biograf Theoderich. Hildegard predigt vor allem gegen die Ketzerei der Katharer. Die angeblich „wahren Christen“ leben in strengster Armut und sind mit ihrer weltfeindlichen, antikirchlichen Lehre inzwischen von Südfrankreich aus über Mainz bis nach Köln vorgedrungen. Auch der weltliche Lebenswandel des Klerus ist ihr zuwider: „Ihr seid Nacht, die Finsternis aushaucht, und wie ein Volk, das nicht arbeitet und aus Trägheit nicht im Lichte wandelt“, geißelt sie etwa die Kölner Priester.

Der Klerus ist erschüttert, das Volk erstaunt. Wohl nie zuvor hat eine Nonne in aller Öffentlichkeit das Wort ergriffen. Dennoch sind die Zuhörer von Hildegard fasziniert: „Als ihr von uns gegangen wart“, schreibt ihr der Domdekan von Köln, „waren wir von großer Bewunderung ergriffen, dass Gott in ein so zerbrechliches Gefäß solche Wunder Seiner Geheimnisse wirkt.“ In Scharen strömen die Menschen zum Rupertsberg. Wohl schon zu Lebzeiten werden der alten Äbtissin in den Dörfern und Städten Wundertaten nachgesagt – Spontanheilungen etwa, nur durch das bloße Auflegen ihrer Hände.

Hildegard rühmt sich solcher Wunder freilich nicht; sie spendet Rat und gibt den Kranken Heilmittel für ihre Gebrechen. Selbst hat sie oft solche Schmerzen, „dass sie mich zu Tode zu bringen drohen“. Nicht nur auf dem Rupertsberg ist Hildegard jetzt gefordert: In Eibingen bei Rüdesheim hat sie, weil ihr Kloster so beliebt ist, eine Dependance gegründet. Die letzte Kraft aber raubt ihr ein Kampf mit der Mainzer Kirche. 1179 verhängt das Erzbistum ein Interdikt über das Rupertsberger Kloster. Hildegard hat einen exkommunizierten Adeligen auf ihrem Friedhof beisetzen lassen und sich später geweigert, dessen Leiche wieder zu entfernen.

Selbst nach ihrem Tod provoziert sie noch mit ihren Schriften

Mit der Kirchenstrafe nehmen ihr die Mainzer Geistlichen das Liebste: Hildegard und ihre Nonnen dürfen das Gotteslob nicht mehr singen. Auch die Kommunion und das Glockengeläut fallen unter das Interdikt. Die 81-jährige Äbtissin reist nach Mainz; erklärt, dass sich der Gebannte vor seinem Tod mit der Kirche ausgesöhnt habe, protestiert, weint, fleht. Vergebens. Erst der Erzbischof, der beim Papst in Rom weilt, hebt auf Bitten Hildegards das Interdikt auf.

Ausgezehrt von Kampf und Krankheit, stirbt die von ihren Zeitgenossen als prophetissa teutonica, als „deutsche Prophetin“ verehrte Äbtissin wenige Monate später am 17. September 1179 im Kloster auf dem Rupertsberg. Bei ihrer Beerdigung läuten wieder die Kirchenglocken. Hildegards Grab wird schnell zu einer Pilgerstätte. 1228 beantragt der Rupertsberger Konvent in Rom die Heiligsprechung der Äbtissin. Obwohl der Versuch scheitert, wird sie später in das „Martyrologium Romanum“, den vatikanischen Heiligenkalender, aufgenommen. Hildegard bleibt einstweilen inoffizielle Heilige.

Aber auch als solche provoziert die Äbtissin noch. Um 1270 meldet sich der künftige Erzbischof von Canterbury zu Wort, John Pecham. Hildegards Prophetie entspringe „unmittelbar aus der List des Teufels“, erbost er sich. Und ihre Schriften bezeichnet der englische Theologe als „Geschreibsel einer Vermessenen“. Denn Hildegard von Bingen hatte das Unerhörte getan: als Frau ihre Stimme erhoben.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Göring, Marlene: Von Pilgerinnen und Königinnen. Die wahre Macht der Frauen im Mittelalter, in: Geo.de, online verfügbar seit 08.12.2025 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/frauen-im-mittelalter--einblick-in-die-geschichtsforschung-36933752.html, zuletzt geprüft am 05.03.2026.

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Sekundärliteratur

-> Martins, Thea: Frauen im Mittelalter. Dem Manne Untertan, in: Die Welt der Ritter (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 94), Hamburg 2018, S. 84-88.

-> Holst, Insa: Hildegard von Bingen. Die mächtige Äbtissin, in: Kaiser, Ritter, Hanse. Deutschland im Mittelalter (GEO Epoche, Jg. 2007, Heft Nr. 25), Hamburg 2007.

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Juden im Mittelalter

Inhaltsverzeichnis

  1. 10. bis 14. Jahrhundert: bedrohte Blütezeit
  2. Juden im Mittelalter. Taufe oder Tod.

1. 10. bis 14. Jahrhundert: bedrohte Blütezeit

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Jüdische Siedlungen im mittelalterlichen Kaiserreich

Im Zentrum des Karolingerreiches und am Hofe Karls des Großen (Reg.: 768-814) tauchten Juden nach Angabe der Quellen nur sporadisch als Händler auf. Sie bildeten keine festen Gemeinden. Vereinzelt übernahmen sie diplomatische Dienste für den Kaiser, wie der in den Fränkischen Reichsannalen genannte "Jude Isaac", der 797 von Karl dem Großen mit einer dreiköpfigen Delegation zum Kalifen Harun al-Raschid nach Bagdad entsandt wurde. In der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts ließen sich Juden dann im Süden des Karolingerreiches, in der Kathedralstadt Lyon, nieder, wo sie 825 Kaiser Ludwig der Fromme unter seinen Schutz stellte. Wie im muslimischen Südspanien bevorzugten die Juden auch im Karolingerreich die Ansiedlung in den Städten.

Nach der Völkerwanderung hatten von den einst blühenden römischen Städten nördlich der Alpen nur die Kathedralstädte, also die Bischofssitze, einen (quasi) urbanen Charakter bewahrt. Hier entstanden auch die ersten Niederlassungen der Aschkenasim, wie die im deutschen Raum siedelnden Juden im Mittelalter auf Hebräisch genannt wurden. Nach der Aufteilung des Karolingerreiches und der Herausbildung des Ostfränkischen Reiches finden sich seit dem 10. Jahrhundert jüdische Kaufmannssiedlungen in den Kathedralstädten am Rhein. Ob die im Osten des Reiches in Magdeburg (965) und Halle (973) nachgewiesenen jüdischen Kaufleute bereits Gemeinden gebildet haben, bleibt fraglich. Im ausgehenden 10. Jahrhundert gab es nach vorsichtigen Schätzungen ca. 4000 bis 5000 jüdische Einwohner im mittelalterlichen Kaiserreich, die aus Frankreich und aus Italien eingewandert waren. Es handelte sich dabei um Sippenverbände, wie die Kalonymos-Sippe, welche der Chronist Thietmar von Merseburg (975-1018) erwähnt. Nach seiner Schilderung soll sie aus Lucca nach Mainz gekommen sein, nachdem sie angeblich 982 Kaiser Otto II. (Reg.: 973-983) in der Schlacht bei Cotrone gegen die Araber das Leben gerettet hatte. Einen Zuzug jüdischer Familien aus der Romana (Frankreich, Italien: Lucca) belegen für die Jahrtausendwende auch hebräische Quellen.

Die älteste jüdische Gemeinde siedelte in Mainz (erste Hälfte 10. Jahrhundert). Von dieser Zentralgemeinde aus bildeten sich weitere Gemeinden in Trier (1066), Worms (1084) und Speyer (1090). Ein weiteres jüdisches Zentrum war im frühen 11. Jahrhundert wiederum Köln. Auch in Regensburg, das für den Osthandel bedeutend war, sind bereits 981 Juden als Einwohner bezeugt. Könige und Bischöfe forcierten die jüdischen Niederlassungen und verliehen den dort ansässigen Juden Handelsprivilegien, um die wirtschaftliche Bedeutung ihrer Städte zu fördern. Die Juden erwiesen sich somit als Schrittmacher dieses frühen Urbanisierungsprozesses in Deutschland.

Nach 1100 weiteten sich die jüdischen Siedlungen entlang des Rhein-Flussnetzes aus und entstanden nun auch in Orten, die sich allmählich zu Städten entwickelten wie Bingen, Boppard oder Bacharach. In den hebräischen Quellen werden diese Orte als Kfarim, als Dörfer, bezeichnet. Da die Juden aufgrund ihrer Speisegesetze ihren eigenen (koscheren) Wein produzieren mussten, gab es bereits im 12. Jahrhundert im Rheingebiet Dörfer mit jüdischen Einwohnern. Doch bildeten diese hier keine eigenen Gemeinden, sondern gehörten zu den Stadtgemeinden. Entlang des Mains entstanden im 12. Jahrhundert jüdische Gemeinden in Frankfurt, Aschaffenburg, in den Kathedralstädten Würzburg und Bamberg sowie südlich davon in den königlichen Städten Nürnberg und Rothenburg ob der Tauber. Die jüdischen Siedlungen im 11. und 12. Jahrhundert entstanden ausschließlich in bischöflichen bzw. königlichen Besitzungen und in Besitzungen der so genannten Ministerialen, der kaiserlichen Beamten, die die unterste Gruppe in der Adelshierarchie bildeten.

War bis zum 10. Jahrhundert der Fernhandel für jüdische Kaufleute typisch, so wurden sie im 11. Jahrhundert zu ortsansässigen Kaufleuten und trieben ab jetzt vorwiegend Handel mit der in den frühen Städten lebenden Bevölkerung. Zu den Handelsprodukten zählten Waren des täglichen Gebrauchs: Wein, Getreide, gesalzene Fische, Metallwaren, Viehzeug, Felle und Textilien. Ein wichtiger Erwerbszweig für jüdische Kaufleute bildete auch der Geldwechsel fremder Währungen sowie die Beschaffung von Edelmetall. Die Pfandleihe spielte für Juden zu dieser Zeit noch keine Rolle, wie den Rechtsauskünften der Rabbiner, den so genannten Responsen, zu entnehmen ist.

Gemeindeleben, Sitten und Gesetze

In Mainz, Worms und Speyer (nach den hebräischen Anfangsbuchstaben wurden die drei Städte auch unter dem Begriff ShUM zusammengefasst) entstanden im 11. Jahrhundert bedeutende Gelehrtenschulen, so genannte Jeschiwen. Neben den großen jüdischen Zentren im Orient und in Spanien entwickelten sie ein eigenes geistliches und geistiges Profil und erreichten im ausgehenden 11. Jahrhundert ihre Blütezeit.

In Mainz lehrte der große Gelehrte Rabbi Gerschom ben Jehuda, das "Licht des Exils" (um 960 - 1028), der das jüdische Recht mit dem allgemein gültigen Recht in Einklang zu bringen versuchte. Nach dem Talmud, der Sammlung und Auslegung gesetzlicher Vorschriften, galt beispielsweise der Satz: Gesetze des Staates sind für Juden verbindlich. In Anpassung an das allgemeine Recht verzichteten die Juden deshalb auf Verordnung Gershom ben Jehudas hin auf die ihnen nach ihrem traditionellen Recht eigentlich zugestandene, wenn auch nicht übliche Polygamie. Da die jüdischen Zentren in Deutschland ohne Tradition waren, spielte die Festigung eigener Sitten (Minhagin) eine wichtige Rolle.

Die jüdische Gemeinde verstand sich als "heilige Gemeinde", was einen hohen moralischen Anspruch bedeutete. Da das mittelalterliche Stammesrecht, so das der Franken, die so genannte Lex Salica, sowohl für Einzelpersonen als auch für Gruppen gelten konnte, waren bei internen Rechtsfällen die jüdischen Gemeinden in ihrer Rechtsprechung autonom. Diese oblag den Rabbinern, die, im Unterschied zu den christlichen Geistlichen, als Rechtslehrer, nicht aber im liturgischen Dienst tätig waren, wenngleich sie gelegentlich als Verfasser liturgischer Dichtungen hervortraten. Die Rabbiner saßen den lokalen Gerichtshöfen vor und bestimmten in Eheangelegenheiten, über Sanktionen bei Regelverletzungen und internen Streitigkeiten, was Geld- und Körperstrafen und sogar die Konfiszierung des Eigentums beinhalten konnte. Sie bestimmten ferner über den Cherem, den Bann, also den Ausschluss von Einzelnen aus der Gemeinschaft. Mit dem Bann konnten auch Zuzügler ausgeschlossen werden, die der jüdischen Gemeinde bzw. ihrer Führungsschicht unerwünscht waren.

Die Gelehrten kamen im 10. und 11. Jahrhundert aus der Oberschicht der Großhändler, die miteinander eng versippt waren. Diese Oberschicht stellte in dieser Zeit auch die Parnassim, die Gemeindevorsteher, und deren Vertrauensmänner. Doch kam es mit Anwachsen der Gemeinden zu einer sozialen Differenzierung, infolge derer die aristokratische Gemeindeführung gegen Ende des 11. Jahrhunderts problematisch wurde.

Das Kreuzzugspogrom von 1096

Die Blütezeit jüdischen Lebens am Rhein, das durch die Kaiser und Bischöfe gefördert und geschützt worden war, wurde erstmals durch ein Pogrom gefährdet, das so genannte Kreuzzugspogrom von 1096. Im Jahr zuvor hatte Papst Urban II. (Amtszeit: 1088 - 1099) im französischen Clermont die Christenheit zu einem Kreuzzug aufgerufen, der die Stadt Jerusalem von den muslimischen Seldschuken befreien sollte. Sein Aufruf löste eine große Begeisterung auch unter dem einfachen Volk, den städtischen und ländlichen Unterschichten, aus, die in Fanatismus umschlug. Im Vorgriff auf die erwartete Auseinandersetzung mit den muslimischen Andersgläubigen richtete sich ihre Aggression gegen die Juden als Andersgläubige im eigenen Land. Wirtschaftliche Motive spielten dabei eine Rolle. Christliche Chronisten begründeten die bald einsetzenden Pogrome mit dem Satz: "Gott hat die Juden reich werden lassen, damit die Armen sich ihren Reichtum aneignen können." Trotz der Warnschreiben französischer jüdischer Gemeinden, die bereits unter den Kreuzfahrerheeren gelitten hatten, vertrauten die jüdischen Gemeinden am Rhein auf den Schutz, den sie bisher durch die Kaiser und Bischöfe erfahren hatten. Doch Kaiser Heinrich IV. (Reg.: 1056 - 1106), der den Juden noch 1090 ausdrücklich seinen Schutz zugesichert hatte, befand sich auf Italienfahrt, und auch die Bischöfe, die vielfach selbst bedroht wurden, weil sie die Juden zu schützen versuchten, vermochten trotz vorausgegangener Garantien und Geldgeschenke weitgehend keinen Schutz zu leisten. Der Ermordung durch die Kreuzfahrer bzw. der Zwangstaufe zogen zahlreiche Juden den Freitod vor. Viele von ihnen, die sich der Taufe verweigerten, wurden erschlagen.

Obwohl die menschlichen Verluste sehr hoch waren, konnten sich die Gemeinden bald nach 1100 wieder bilden. In Köln bestätigen die so genannten Schreinsurkunden, die die Besitzverhältnisse festhielten, für das zweite Viertel des 12. Jahrhunderts vielfach den Erwerb von Haus- und Grundbesitz durch jüdische Zuwanderer. Es handelte sich dabei teils um Neuzuzüge, teils um Juden, die mangels Alternativen in ihre alten Gemeinden zurückkehren mussten. Kaiser Heinrich IV. gestattete nach seiner Rückkehr aus Italien gegen die Entscheidung des Papstes den Zwangsgetauften die Rückkehr zum Judentum.

Mystische Deutung der religiösen Gewalt

Die Erinnerung an das Pogrom von 1096 wirkte in den Gemeinden nach. In Memorbüchern und geistlichen Gesängen wurde der Ermordeten gedacht. Mit den "Frommen von Aschkenas" (Chassidej Aschkenas) entwickelte sich eine mystische Bewegung, die Elemente volkstümlicher Religiosität aufnahm, welche dem gelehrten Judentum der rheinischen Jeschiwen fremd gewesen waren. Zu diesen Elementen gehörte auch die Vorstellung, die Bewahrung der jüdischen Religion, auch durch den Freitod mitsamt der Kinder, geschähe zur Heiligung des Namens Gottes (Kiddusch-Ha-Schem). Diese Auslegung gab dem Martyrium der Ermordeten und derjenigen, die sich selbst getötet hatten, einen tieferen Sinn und fand einen biblischen Bezug in der Bereitschaft des Patriarchen Abraham, auf Aufforderung Gottes hin seinen Sohn Isaac zu töten. Nach dem jüdischen Moralgesetz der Halacha war der Freitod allerdings verboten. Während das sefardische, also das spanische, Judentum, eine "Erlösung durch Konversion" (Übertritt in eine andere Glaubensgemeinschaft) als möglich ansah, da sich nach seiner Vorstellung am Ende der Tage alle Menschen zum Judentum bekehren würden, entwickelte die aschkenasische synagogale Liturgie die Vorstellung von der "Erlösung durch Rache" für das Blut der Märtyrer. Gemäß dieser Auffassung wird Gott am Ende der Tage "Edom", also das mittelalterliche Christenreich, vernichten. Die Verinnerlichung dieser Deutung bestimmte noch 250 Jahre später bei den so genannten Pestpogromen von 1350 das Verhalten zum Beispiel der Mindener Juden, als diese in den Tod getrieben wurden. So berichtet der Chronist Heinrich von Herford, ein Dominikaner: "Zum Tode eilten sie jedoch fröhlich und Tänze aufführend, wobei sie zuerst die Kinder, dann die Frauen, hernach sich selbst den Flammen übergaben, damit nicht durch menschliche Schwachheit etwas gegen das Judentum vorgebracht werden könnte."

Strukturwandel in den Gemeinden

In den wieder neu erstehenden jüdischen Gemeinden des 12. Jahrhunderts vollzog sich ein Strukturwandel, der unter anderem auch eine Folge der vom Kloster Cluny angestoßenen innerkirchlichen Reformbestrebungen war. Neben das christliche Armutsideal und die Befreiung der Kirche von weltlicher Abhängigkeit trat 1179 das allgemeine Verbot für Christen, gegen Zinsen Geld zu verleihen. Für jüdische Händler, die diesem Verbot nicht unterlagen, bot sich dadurch eine neue Chance, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, denn sonstige städtische Berufe durften nur Mitglieder christlicher Handwerkszünfte oder Kaufmannsgilden ausüben, und der Aufstieg in den niederen Ministerialadel blieb Juden verwehrt, weil ihnen das Tragen von Waffen verboten war. Auch die Nutzung von ländlichem Grundbesitz war für Juden sehr eingeschränkt, da sie keine Arbeitskräfte beschäftigen durften, und beschränkte sich deshalb weitgehend auf die Eigenproduktion von koscherem Wein.

Die Geldleihe ermöglichte bei geringem Arbeitseinsatz Gewinne, die zur Existenz ausreichten. Diese materiellen Voraussetzungen hatten Einfluss auf die Gestaltung des Familienlebens und die Beziehung der Geschlechter. Obgleich Frauen in der jüdischen Kultusgemeinde einen nachrangigen Platz hatten - zur Bildung einer Gemeinde und für den Gottesdienst waren ausschließlich (zehn) Männer vonnöten - kam ihnen im Familien- und Geschäftsleben ein hoher Rang zu. Zwar bestimmten die Brautwahl in der Regel die Eltern, zumal das Brautpaar in sehr jungen Jahren verheiratet wurde. Doch die Geldleihgeschäfte erforderten eine Konzentration des Familienbesitzes in einer Hand, was beim Todesfall des Mannes den Witwen zugute kam, die das Geschäft weiterführen mussten. In den zeitgenössischen Quellen treten häufig jüdische Frauen als Gläubigerinnen auf. So befanden sich 1338 in der Stadt Oberwesel unter den 29 jüdischen Kreditgebern zehn Frauen.

Mit dem Übergang des Geldhandels auf die Juden bildete sich in den Gemeinden eine neue Mittelschicht heraus, die den Führungsanspruch der alten Sippen in Frage stellte und durch Häusererwerb in zentraler Lage der Städte auch in der Öffentlichkeit stärker in Erscheinung trat. Sie forderte nachdrücklich ein Mitspracherecht in den Gemeinden, so dass nun die Wahl der Rabbiner und der "Judenbischöfe" nicht mehr nur bei den alten Familien lag. Während die Rabbiner als Lehrer, Prediger und Fachleute für religiöse Fragen die Gemeinden leiteten, fungierte der Judenbischof als Vorsteher und Sprecher seiner Gemeinde gegenüber der weltlichen, christlichen Obrigkeit. Er musste deshalb von den Bischöfen oder Kaisern im Amt bestätigt werden und war für die regelmäßige Zahlung der Gemeindesteuern an den Stadtherren verantwortlich. Dabei konnte der Beitrag der einzelnen Gemeindemitglieder zur gemeinschaftlichen Steuerleistung bis ins 18. Jahrhundert entweder durch eidlich beschworene Selbsteinschätzung oder durch einen gewählten Schätzer bestimmt werden.

Das Gemeindeleben erforderte zahlreiche Einrichtungen, die entweder ehrenamtlich oder durch besoldete Funktionsträger verwaltet wurden. So musste eine Synagoge ebenso zur Verfügung stehen wie die so genannte Mikwe, ein Bad für kultische Reinigungen, dazu eine Schlachterei und eine Bäckerei, Brunnen und Backöfen, die koscher waren, also die jüdischen Speisevorschriften beachteten. Erforderlich waren außerdem ein Hospital für die Armen sowie ein Haus für Gemeindeversammlungen und für Feiern. Besonders wichtig war ein eigener Friedhof, wo den Toten nach jüdischem Recht ein Begräbnisplatz für "ewige Zeiten" garantiert wurde. Gemeinden, die so einen Friedhof besaßen, hatten eine Vorrangstellung inne, Zu ihnen wurden die Verstorbenen teils aus weiten Entfernungen gebracht.

Vor 1350 gab es im Reich nur circa 30 Gemeinden mit derart umfassender Infrastruktur. Sie erstreckten sich im Osten bis nach Breslau, wo ein Grabstein von 1203 beweist, dass um 1200 dort schon eine Gemeinde mit Synagoge und Friedhof existiert haben muss, und im Norden bis nach Dortmund und Magdeburg. Im Süden reichten sie bis Basel und Villach, im Westen bis Brüssel und Mecheln. Das geografische Zentrum jüdischen Lebens im Reich bildete jedoch nach wie vor das Gebiet des Rheins und seiner Nebenflüsse, die wichtige Verkehrs- und Handelsstraßen waren.

Seit dem 13. Jahrhundert stieg die Zahl der jüdischen Niederlassungen im Reichsgebiet an, um Mitte des 14. Jahrhunderts einen Höchststand zu erreichen. Gefördert wurden die Ansiedlungen nun auch durch die Landesherren, die zur Stärkung ihrer Territorien vermehrt Städte gründeten und dazu die Juden als Kapitalgeber benötigten. Zum Anstieg der Niederlassungen trug wohl auch bei, dass die Juden 1290 aus England und 1306 aus den französischen Kronlanden vertrieben wurden. Hinter diesen Maßnahmen stand eine Vermischung religiöser und wirtschaftlicher Motive (Bereicherung, Entschuldung). Das Vertreibungsedikt des englischen Königs Edward I. begründet sie mit dem Verstoß der Juden gegen das Zinsverbot. Im Reichsgebiet waren Judenverfolgungen und -vertreibungen zu diesem Zeitpunkt noch relativ selten. Doch ließ sich aus den Vorgängen in den Nachbarländern schließen, dass der Erwerbszweig der Geldleihe für die Juden neben Chancen auch Risiken bot.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Juden in den neu entstehenden Städten des ausgehenden 12. und des 13. Jahrhunderts, sei es als Händler, Geldleiher oder Verwalter von Münzstätten, dokumentiert sich in der marktnahen Lage des Judenviertels. So lag zum Beispiel das Judenviertel in Münster/Westfalen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts hinter dem Rathaus, ebenso in Köln und Nürnberg, wogegen der Friedhof sich, anders als die christlichen Friedhöfe, die um die Kirche herum angelegt wurden, vor der Stadtmauer befand.

Bis zum Basler Konzil (1431-1449) gab es keine Verpflichtung zur Ghettobildung. Die Infrastruktur der jüdischen Gemeinde erforderte allerdings ein enges Zusammenwohnen, und so schlossen sich schon im 11. Jahrhundert die Juden häufig in eigenen Vierteln zusammen und umgaben sie vielfach mit einer Mauer, um ihre Waren und ihr Kapital zu schützen.

Verhältnis zur christlichen Obrigkeit

Im 13. und beginnenden 14. Jahrhundert besaßen die Juden in der städtischen Bürgerschaft eine "weitreichende rechtliche Gleichstellung" - so der Historiker Alfred Haverkamp -, auch wenn sie keine ausgesprochen hoheitlichen Ämter ausüben durften. Doch sind Juden auch als Leiter von Münzstätten oder Zolleinnehmer bezeugt.

Seit den ersten jüdischen Niederlassungen in Deutschland standen die Juden unter dem Schutz des Kaisers bzw. der Bischöfe. Die "Königsnähe" spielte im Hochmittelalter eine wichtige Rolle. Kaiser Friedrich Barbarossa (Reg.: 1152 - 1190) bezeichnete in mehreren Urkunden die Juden als "der kaiserlichen Kammer zugehörig", womit er an alte römische Vorstellungen anknüpfte. Sein Enkel, Kaiser Friedrich II. (Reg.: 1212 - 1250), bezeichnete sie als "servi camere nostre", als Kammerknechte, was unter anderem ihre Verpflichtung zur Steuerzahlung an den kaiserlichen Fiskus beschrieb. Diese Formulierung diente auch dazu, Ansprüche des mit dem Kaiser um die Vormachtstellung konkurrierenden Papstes abzuwenden.

Die Auseinandersetzungen zwischen Papsttum und Kaisertum beeinträchtigten jedoch im laufenden 13. Jahrhundert die kaiserliche Schutzgewalt. Bischöfe und weltliche Fürsten beanspruchten mit Erfolg das "Judenregal" (Regal = mittelalterliches königliches Hoheitsrecht) für sich und erließen in der Folgezeit eigene Judenverordnungen. Den Kaisern verblieb nur noch das Verfügungsrecht über die Juden in den Reichsstädten, wobei sie zunehmend von ihrem Steuerrecht gegenüber den Juden Gebrauch machten, während sie ihre Schutzverpflichtung immer mehr aufgaben. Schon 1241 wurden erste Steuerlisten für Juden angelegt, in den Reichsstädten brachten diese 13 Prozent der königlichen Einnahmen auf. In der Folgezeit wurden die Hebesätze immer stärker heraufgesetzt, so dass zum Beispiel in Rothenburg o. T. die Juden im 14. Jahrhundert achtmal mehr Steuern abführen mussten als die übrigen Bürger.

Ab 1342 musste zudem jeder Jude, egal ob Mann oder Frau, ab dem zwölften Lebensjahr jährlich den "goldenen Opferpfennig" zahlen. Dies betraf alle Juden, auch wenn sie inzwischen den Landesfürsten unterstellt waren. Die Juden gerieten so in eine "Schwammfunktion". Sie mussten durch möglichst hohe Zinsen hohe Einnahmen erzielen, die dann an den Fiskus des Kaisers bzw. des Landesherren wanderten. Beliebt machte sie das nicht. Mit kaiserlichem Schutz konnten sie dagegen kaum noch rechnen, eher mit dem der meist vom städtischen Patriziat dominierten Stadtobrigkeiten. Dies bedeutete neue Verpflichtungen, so einen Beitrag zu den Verteidigungsanlagen der Stadt, auch zum Wach- und so genannten Kriegsdienst, obgleich Juden nach dem Gesetz keine Waffen tragen durften. In den Städten bildete sich an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert ein so genanntes Judenbürgerrecht heraus, das offiziell "verbrieft", also den Juden urkundlich zugesprochen wurde. Wenn diese auch von den offiziellen Versammlungen der Stadtbürger oder der Zünfte ausgeschlossen blieben, so durften sie doch an den allgemeinen Festen - außer den religiösen - teilnehmen. Trotz vieler positiver Entwicklungen mehrten sich jedoch im Laufe des 13. Jahrhunderts Anzeichen für eine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen den Juden und den übrigen Stadtbürgern.

Christliche Judenfeindschaft

Diese Verschlechterung war auch eine Folgewirkung offizieller Verlautbarungen und Beschlüsse der Kirche. Papst Innozenz III. hatte bereits 1205 die "ewige Knechtschaft" der Juden erklärt, die sie den Christen sozial und rechtlich unterstellte. Auch die Beschlüsse der römischen Laterankonzile von 1179 und 1215 zielten darauf ab, die Lebensbedingungen der Juden zu verschärfen. So sollte ihnen der Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt, und sie sollten durch ihre Kleidung als Juden erkennbar sein. Sie durften keine "unangemessen hohen Zinsen" verlangen und mussten sie den Kreuzfahrern erlassen. Diese Bestimmungen wurden in Deutschland jedoch lange Zeit nicht streng beachtet.

Daneben sorgten auch theologische Entwicklungen in der Kirche für eine wachsende Judenfeindschaft. Die drastischen Darstellungen des Gekreuzigten, die in der Gotik aufkamen, erinnerten die einfachen Menschen an die "Schuld" der Juden, die mit der Verurteilung Jesu sein Blut auf sich und ihre Kinder herabgerufen hätten (Mt. 27,25). Sie galten deshalb als die Mörder Christi. 1215 erhob das IV. Laterankonzil die so genannte Transsubstantiationslehre zum Dogma, also zu einem festen Glaubenssatz. Sie besagt, dass durch die Wandlung in der Messe Brot und Wein real in Christi Leib und Blut verwandelt werde.

In diesem Zusammenhang konnte der Vorwurf des so genannten Hostienfrevels Exzesse und Pogrome auslösen. Danach besorgten sich die Juden geweihte Hostien, um sie zu schänden. Die Juden würden - so der Vorwurf - durch fünf Nadelstiche in die geweihte Hostie - analog zu den fünf Wunden Christi - den Martertod Christi wiederholen. Möglicherweise diente hierbei den Christen ein jüdischer Brauch als Vorwand: In manchen jüdischen Gemeinden wurde zur Bestimmung des Eruv, des Bezirks, in dem sich ein Jude am Sabbat frei bewegen durfte, eine Mazza, ein ungesäuertes Brot, an die Wand der Synagoge genagelt.

Noch gravierender war die Anschuldigung des Ritualmordes. Sie unterstellte den Juden, Christen ermordet zu haben, um deren Blut für rituelle Zwecke zu nutzen. Dieser Vorwurf tauchte erstmals 1144 im englischen Norwich auf; in Deutschland dann verstärkt im 13. Jahrhundert. Nachdem 1234/35 im fränkischen Lauda und Tauberbischofsheim sowie in Fulda angeblich dergleichen Morde vorgekommen sein sollten, setzte Kaiser Friedrich II. 1236 eine Untersuchungskommission ein, welche die Juden von diesen Vorwürfen freisprach. Auch Papst Innozenz IV. (Amtszeit: 1243-1254) erließ 1247 auf Bitten der Juden eine Bulle, die diesen Irrglauben verurteilte. In seinem Schreiben an die deutschen Bischöfe legt er ihm vielmehr unter anderem wirtschaftliche Motive zugrunde: "[...] um ungerechterweise ihre Güter zu plündern und sich anzueignen". Auch setzte sich Papst Innozenz IV. 1246 in einer Urkunde zugunsten der Kölner Juden für den Schutz des jüdischen Kultus ein. Demnach durften den Juden die Synagogen nicht weggenommen, ihre Feste nicht gestört und ihre Friedhöfe nicht geschändet werden.

Mochte Papst Innozenz IV. in diesem Fall die Juden in Schutz nehmen, so war die generelle Politik der Päpste allerdings eher auf eine starke Eingrenzung des Judentums bedacht. So befahl der Vorgänger Papst Innozenz' IV. Gregor IX. (Amtszeit: 1227-41) 1239 in einem Brief an die Könige von Aragon, England, Frankreich, Kastilien und Portugal die Talmudtexte einzuziehen. Vorausgegangen war eine Denunziation des jüdischen Konvertiten Nikolaus Donin, der Talmud und die damit verbundene Legendensammlung Haggada enthielten Lästerungen Christi. Gegen die Herabsetzung der jüdischen Religion durch christliche Theologen sowie deren Missionierungsversuche wehrten sich jüdische Gelehrte mit polemischen Schriften wie dem Toldot Jeshu (Leben Jesu), einer Evangelienparodie, die nach dem Kreuzzugspogrom entstanden war.

Auf anderen Gebieten grenzte sich das Judentum jedoch keineswegs von seiner Umwelt ab. So hatten christliche Vorstellungen und Praktiken durchaus Einfluss auf die jüdische Religion bis in die Sprache hinein, wie im Sefer Chassidim, dem Buch der Frommen. Dass sich die Juden in ihre soziale und kulturelle Umwelt integrierten, beweist auch der jüdische Minnesänger Süßkind von Trimberg in der staufischen Epoche. Juden verpflichteten christliche Künstler zur Illustrierung ihrer Handschriften und christliche Handwerker zum Bau der Synagogen, die im 13. Jahrhundert zum Beispiel in Worms und Regensburg entstanden. Auch in ihrer Sprache grenzten sich die Juden zunächst nicht von den Christen ab. Erst im 14. Jahrhundert bildete sich im fränkisch-schwäbischen Raum eine spezifisch deutsch-jüdische Sprache heraus, die sich zum Jiddischen weiter entwickelte und auch von den Juden gesprochen wurde, die infolge der Pestpogrome nach Polen auswanderten. Unter dem Einfluss ihrer slawischen Nachbarn erhielt in Polen und Litauen das Ostjiddische eine eigene Prägung.

1242 kam es in Frankreich auf Befehl König Ludwigs des Heiligen, der unter dem Einfluss der judenfeindlichen Bettelmönche stand, zur Einziehung aller talmudischen Schriften, die nach einer Disputation zwischen christlichen und jüdischen Gelehrten öffentlich verbrannt wurden. Die Juden in Deutschland blieben vor dergleichen Autodafés verschont, obgleich auch hier Bettelmönche, Minoriten wie Dominikaner, gegen den Talmud polemisierten. Da die Bettelmönche ihre Seelsorge vor allem in den Städten betrieben, war ihr dortiger Einfluss groß. Auch in den Rechtsbüchern, die in Deutschland im 13. Jahrhundert entstanden, sind die judenfeindlichen Vorstellungen der Bettelmönche nachzuweisen, so im Schwabenspiegel von 1275, der auf einen Minoriten zurückgeht und die Trennungsbestimmungen zwischen Juden und Christen betont. Die von den Bettelmönchen geförderten Kulte des leidenden Christus wiesen den Juden eine negative Rolle im christlichen Heilsgeschehen zu. Die Synagoga, das Symbol für das Judentum, hatte nach Auffassung der christlichen Theologen ihre Heilsträgerschaft verloren. Die Erlösung, die Gott einst seinem auserwählten Volk verheißen hatte, war auf die Christen übergegangen. Dies wurde nun auch den einfachen, nicht lesekundigen Menschen durch die Bilddarstellungen der neu entstehenden Kathedralen vermittelt. Die Figur der Ecclesia, Symbol der christlichen Kirche, blickt siegreich in die Welt, wogegen der Figur der Synagoga die Augen verbunden sind und ihr Stab zerbrochen ist. Ihren Händen entgleiten die Gesetzestafeln.

Während es im Rhônetal bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts anlässlich der Vorbereitung eines neuen Kreuzzuges zur Beschlagnahme jüdischen Besitzes und zu Zwangstaufen kam, sind für Deutschland in der Zeit von 1251 bis 1280 nur lokale Pogrome bezeugt. Trotz des Verbots Kaiser Friedrichs II., die Juden des Ritualmords zu bezichtigen, kam es 1267 in Pforzheim zu einem entsprechenden Prozess, in dessen Folge vermutlich alle Juden des Ortes ermordet wurden. 1270 ereignete sich ein ähnlicher Exzess in Weißenburg/Elsass.

Pogromwellen im Reichsgebiet

Im Reichsgebiet setzten die ersten regionsübergreifenden Pogrome seit 200 Jahren 1281 im Mittelrheingebiet ein. Auslöser war ein Ritualmordvorwurf im mittelrheinischen Oberwesel. Angeblich sollte hier ein Junge, Werner von Womrath, von einem Juden und seinen Glaubensgenossen gemartert worden sein. Dem Opfer wurde in christlichen Kreisen anschließend kultische Verehrung zuteil. Die Pogromwelle verlief den Mittelrhein hinauf bis zur Ruhr und erfasste circa 20 jüdische Gemeinden.

Den Pogromen im Reich an der Wende zum 14. Jahrhundert lagen vor allem wirtschaftliche Motive zugrunde: Sie ereigneten sich weitgehend in Weinbaugebieten (Rhein, Mosel, Main, Tauber), wo Missernten zu existenzgefährdenden Verschuldungen bei jüdischen Geldverleihern führen konnten. Mit ihrer physischen Vernichtung, die als gottgefällige Rache für die Untaten der Juden ausgegeben wurde, entledigte man sich gleichzeitig auch der Gläubiger.

Mit angeblichem Hostienfrevel, der die ökonomischen Motive verarmter Handwerker verdeckte, wurden auch die so genannten Rintfleisch-Pogrome begründet, die im Frühjahr 1298 in dem fränkischen Ort Röttingen ihren Ausgang nahmen und in fast allen Städten Frankens über 1500 jüdische Opfer forderten; darunter allein in Nürnberg 628 und in Würzburg 900 Ermordete. Die Pogrome reichten bis nach Schwaben, Hessen und in die Oberpfalz. Beteiligt waren daran ländliche und städtische Unter- und Mittelschichten, aber auch Adlige, wenngleich der Anführer Rintfleisch, ein Metzger aus Röttingen, nicht - wie häufig angegeben - zu deren Gruppe zählte. Erst der neugewählte König Albrecht von Habsburg machte im Herbst des Jahres mit seinen Truppen dem Schrecken ein Ende, wobei er allerdings nicht vergaß, die Hinterlassenschaft seiner ermordeten "Kammerknechte" für sich zu reklamieren.

Unter der antijüdischen Stimmung des ausgehenden 13. Jahrhunderts litt vor allem das blühende geistige Leben der jüdischen Gemeinden. Vom Mittelrhein aus, wo im 11. und 12. Jahrhundert die bedeutendsten Schulen existierten, hatte es sich inzwischen stärker nach Osten verlagert. In Regensburg, Würzburg und Wien gab es vielbesuchte jüdische Lehrhäuser. Der bedeutendste Rabbiner der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts war Meir ben Baruch in Rothenburg (um 1215 - 1293), der, wie seine mehr als 1000 geistlichen Auskünfte (die so genannten Responsen) beweisen, von allen jüdischen Gemeinden im Reich als Autorität anerkannt wurde. Sein Schicksal dokumentiert aufschlussreich die kritische Situation der Juden im Deutschland und Westeuropa des ausgehenden 13. Jahrhunderts: Meir beschloss Mitte der 1280er Jahre Europa zu verlassen und nach Palästina auszuwandern. Doch zuvor hatte der Kaiser ein Auswanderungsverbot für Juden erlassen. Meir wurde ergriffen und eingekerkert. Da er seiner Gemeinde verbot, für seine Freilassung ein hohes Lösegeld zu zahlen, musste er bis zu seinem Tod 1293 in Kerkerhaft bleiben. Erst 1307 wurde sein Leichnam gegen eine hohe Geldzahlung freigegeben und konnte auf dem Wormser Judenfriedhof beigesetzt werden.

1336 kam es zu einer erneuten Pogromwelle, die ihren Ausgang wiederum in Franken nahm und bis ins Elsass 65 jüdische Gemeinden traf. Dass sich diesmal - so in Kitzingen und Würzburg - die städtischen Oberschichten dem so genannten König Armleder und seinen Horden entgegenstellten, ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass die Oberschichten ihre eigene Herrschaft gefährdet sahen. Denn König Armleder, der Desperado Arnold von Uissigheim, ein verarmter fränkischer Adliger, destabilisierte mit seinen Anhängern, in der Mehrzahl aufrührerischen Bauern, das gewohnte gesellschaftliche Kräfteverhältnis. Auch dieses Pogrom berief sich auf einen angeblichen Hostienfrevel und ereignete sich in den Weinanbaugebieten. Der Würzburger Bischof Otto von Wolfskehl ließ Arnold von Uissigheim in Kitzingen hinrichten. Sein Grabstein zeigt das Schwert an seiner Kehle. Die ehrlose Art seines Todes hinderte die Bewohner von Uissigheim jedoch nicht, dem Hingerichteten in der Kirche ein Hochgrab zu errichten und ihn als "beatus Arnoldus", als seligen Arnoldus zu verehren. Die Schwertspitze an seinem Hals verlieh ihm die Gloriole eines Märtyrers.

Die Pogrome des ausgehenden 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts gipfelten in den so genannten Pestpogromen von 1348 bis 1350, die ganz West- und Mitteleuropa erfassten und zwei Drittel der jüdischen Gemeinden und ihre Bewohner vernichteten.

Die Pestpogrome

Seit der Antike war Europa von der Pest verschont geblieben. 1348 wurden die Menschen daher mit einer Seuche konfrontiert, für die sie keine Erklärung hatten. Von der Hafenstadt Marseille aus hatte sie um die Jahreswende 1347/48 die Provence und Katalonien befallen, wo sich von der Karwoche 1348 an bis in den Juni die ersten Pogrome ereigneten. Die Seuche breitete sich schnell nach Norden aus. Parallel dazu setzte sich im Herbst 1348 die Welle der Ausschreitungen gegen die Juden über Burgund fort. Hier gelang es den Territorialgewalten allerdings noch, durch Prozesse und Ausweisungen der Juden die Verfolgungen einzudämmen. In einer weiteren Welle erreichten diese von November 1348 bis März 1349 über Savoyen, die Schweiz und das Elsass Deutschland, wo es in Schwaben, aber auch in Thüringen und Sachsen sowie im Rheingebiet zu Ausschreitungen kam. Neu und typisch für diese Pogrome war das Zusammengehen breiter, gewaltbereiter Bevölkerungskreise mit den weltlichen Territorial- oder Stadtherrschaften, die die Juden vor Gericht zu erpressen und sich ihrer anschließend zu entledigen versuchten. So wurden die meisten thüringischen Judenschaften auf Veranlassung des Markgrafen von Meißen im Februar 1349 verfolgt und vernichtet. Nach einem vorübergehenden Abflauen gingen die Verfolgungen von Juni bis Dezember 1349 an Rhein und Mosel, in den Niederlanden, Lothringen und Franken weiter.

Für die Morde führen die zeitgenössischen Quellen unterschiedliche Motive an. Im Zentrum stand der Vorwurf der Brunnenvergiftung als Auslöser der Seuche. Religiöse Motive, so der Vorwurf der Schuld der Juden am Tod Jesu, wurden den Ausschreitungen während der Karwoche zugeschrieben, während die Beteiligung der Stadtherrschaften an den Pogromen vielfach mit Herrschaftssicherung und materiellem Gewinnstreben begründet wird. Auch auf der Ebene der Reichspolitik fand sich ein Motiv. In der Auseinandersetzung zwischen König Karl IV. (Reg.: 1347-1378) und seinem Konkurrenten Günther von Schwarzburg, die bis zum April 1349 dauerte, versuchten beide Seiten sich Parteigänger zu verschaffen, indem sie Anhänger mit Gütern der verfolgten Juden bedachten. Die Quellenzeugnisse dokumentieren trotz der Angst vor der Seuche eine immense Gier nach materiellen Gütern, die sich vor allem auf den Besitz der wohlhabenden Juden richtete, denn die Mehrheit von ihnen lebte relativ bescheiden. Die Stadtobrigkeiten gingen dabei sehr durchdacht vor. Auf der einen Seite sorgten sie dafür, dass die "sammelinge", die Pöbelexzesse, ihre Herrschaft nicht gefährdeten, um auf der anderen Seite aber von der Einziehung der Güter zu profitieren. In zahlreichen Städten wie in Basel, Straßburg, Schlettstadt und Konstanz kam es bereits zu Exzessen, bevor die Pest auftrat, in Nürnberg sogar unabhängig von ihr. Hier hatte Karl IV. die städtische Obrigkeit ausdrücklich zu Übergriffen ermächtigt. Nachdenkliche Chronisten wie der Mindener Dominikaner Heinrich von Herford hielten die Behauptung, die Juden hätten "überall auf Erden" verbrecherisch und bösartig die Brunnen vergiftet, daher eher für unglaubwürdig. Als eigentliches Motiv sieht er die Gier nach dem Besitz der Juden und vergleicht ihre Vernichtung mit der der Templer, die 1291 in Frankreich der Ketzerei beschuldigt und vielfach hingerichtet worden waren, wonach ihr Besitz an die französische Krone fiel. Auch Papst Klemens VI. (Amtszeit: 1342-1352) wandte sich von seinen Amtssitz Avignon aus gegen den Vorwurf der Brunnenvergiftung und des Ritualmords und verwies sie ins Reich der Legende.

An die 300 Gemeinden im Reich wurden während der Pestpogrome vernichtet, lediglich 58 Orte blieben verschont. Diese lagen nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie des Reichs, so in Böhmen, Mähren und Österreich. Viele der Überlebenden wanderten nach Norditalien oder nach Polen aus. Die Pestpogrome bedeuteten eine wichtige Zäsur in der Geschichte der Juden in Deutschland, sie waren - wie Alfred Haverkamp zu Recht feststellt - der "tiefgreifendste Einschnitt in der Geschichte des deutschen Judentums von den Anfängen der Ansiedlung bis zur nationalsozialistischen "Endlösung"."

2. Juden im Mittelalter. Taufe oder Tod.

Im 11. Jahrhundert sind die Städte Speyer, Worms und Mainz wirtschaftliche und geistige Zentren der mitteleuropäischen Juden, der Aschkenasim. Schon seit langem siedeln sie hier: häufig als Händler, die kostbare Waren aus dem Orient importieren, und als Gelehrte. Am Rhein entstehen die bedeutendsten Talmudschulen des Abendlandes. Doch in Sicherheit leben die Gemeinden nicht, im Gegenteil. Als der Papst zum Kreuzzug gen Jerusalem aufruft, ziehen 1096 nicht alle christlichen Streiter direkt in das Heilige Land, um gegen die Muslime zu kämpfen. Vielmehr belagert schon bald ein aufgehetzter Mob die rheinischen Metropolen – und stellt die Juden vor die Wahl: Taufe oder Tod

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Speyer ist Heimat einer großen aschkenasischen Gemeinde. Deren Verbindungen zu Worms und Mainz sind so eng, dass die drei Städte von vielen Juden mit einem einzigen Namen belegt werden: »Schum«. Die Bezeichnung ist aus den Anfangsbuchstaben der hebräischen Namen dieser drei Metropolen zusammengesetzt

Ihr Gott ist der Schöpfer der Welt und der Herr der Geschichte. Er ist transzendent und unfassbar. Aber sie besitzen Gottes Wort: die Tora. Und Sein Wort, Sein Gesetz beherrscht auch das Leben der Juden am Rhein. Der Juden, die sich „Aschkenasim“ nennen. Nach Aschkenas, der hebräischen Bezeichnung für das Gebiet nördlich der Alpen. Die ältesten Zeugnisse jüdischer Ansiedlungen am Rhein reichen zurück in die Zeit der Römer. So belegen zwei Dekrete des Kaisers Konstantin aus den Jahren 321 und 331 die Anwesenheit von Juden in Köln. In dieser Zeit gibt es wohl auch jüdische Gemeinden in anderen römischen Städten an Mosel und Rhein. In Trier, Straßburg, Bonn und Xanten, in Speyer, Worms und in Mainz. Doch für eine dauerhafte jüdische Präsenz in diesen Orten über das 5. Jahrhundert hinaus gibt es keine Quellen. Wahrscheinlich sind die jüdischen Gemeinden weggezogen oder untergegangen, als das Imperium Romanum von Germanenvölkern zerstört wurde. Erst im 9. und 10. Jahrhundert lassen sich dann wieder Juden in der Region nieder – zunächst wohl Kaufleute im Fernhandel. Einige dieser jüdischen Händler stammen aus Spanien, die meisten sind Einwanderer aus Frankreich und Italien.

Die wahrscheinlich älteste und bedeutendste mittelalterliche Ansiedlung von Aschkenasim am Rhein ist Mainz. Die erste sichere Nachricht über dort ansässige Juden datiert aus dem frühen 10. Jahrhundert. Und aus der Zeit um 938 ist eine Anfrage des Mainzer Erzbischofs Friedrich bekannt, in der er den Papst um Rat bei der Judenmission bittet. Die Bekehrung der Juden, so die Weisung von Leo VII., sei wünschenswert. Doch Zwangstaufen verbietet der Heilige Vater. Das heißt: Der Papst will seine Herde zwar vergrößern. Aber zum Christentum Konvertierte, die aus nackter Angst vor dem Schwert ihrem alten Glauben abschwören, die will er nicht. „Magenza“ nennen die Juden ihr Mainz. Dessen Blütezeit beginnt im späten 10. Jahrhundert. Mit der Familie Kalonymos, die aus dem italienischen Lucca zugewandert ist. Moses ben Kalonymos der Ältere bringt die reiche und in Palästina wurzelnde Tradition der liturgischen Dichtung nach Mainz. Und um diese Zeit wird in der Stadt auch die erste Jeschiwa gegründet. Mit dieser religiösen Hochschule nimmt in der Welt der Aschkenasim das systematische Studium des Talmuds seinen Anfang.

Rasch verbreitet sich der Ruf der Jeschiwa zu Mainz. Ihr Ansehen wächst, und der Mainzer Rabbi Gerschom ben Jehuda, der den Ehrentitel „Leuchte des Exils“ trägt, wird erst am Rhein und dann in ganz Aschkenas zum einflussreichsten Lehrer des Talmuds. Der Rabbi entscheidet, wie das jüdische Recht im Alltag der Gemeinden anzuwenden ist. Er erlässt Verordnungen zu den Religionsgesetzen; so untersagt er etwa die Polygamie und die Ehescheidung gegen den Willen der Frau. Unermüdlich kommentiert er die heiligen Schriften, verfasst liturgische Werke, und die Idee seines Gottes, der nah ist und fern zugleich und kein Abbild seiner selbst duldet, muss in ihm brennen wie ein loderndes Feuer Unter Gerschom ben Jehuda entwickelt sich das jüdische Mainz zu einem Zentrum der rabbinischen Gelehrsamkeit, der Freude am Studium der heiligen Schrift und der Lust am Streit um ihre Anwendung. Damit machen sich die Aschkenasim unabhängig von der Auslegung des Talmuds durch Gelehrte in Babylonien, dem bis dahin wichtigsten Zentrum jüdischer Lehre. Der Rabbi stirbt vermutlich 1028, vielleicht auch erst 1040. Ein grob behauener Gedenkstein auf dem „Judensand“ in Mainz, dem ältesten bekannten jüdischen Friedhof in Europa, erinnert an ihn.

SCHÜLER DES GERSCHOM BEN JEHUDA gründen in Speyer und Worms weitere religiöse Hochschulen. An der Wormser Schule beendet etwa Salomo ben Isaak aus dem französischen Troyes sein in Mainz begonnenes Studium. Er wird später unter dem Namen „Raschi“ (Rabbi Schelomo ben Iizchaki) berühmt – als einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten überhaupt und als richtungsweisender Kommentator der Tora und des Babylonischen Talmuds. Schritt für Schritt treten die Juden am Rhein so aus dem Schatten der alten jüdischen Zentren im Orient und in Italien und begründen ihre eigene, die aschkenasische Kultur.

Wenigstens 5000 Juden leben Anfang des 11. Jahrhunderts im Deutschen Reich, gegen Ende des Jahrhunderts sind es etwa 20 000. Die meisten von ihnen haben sich in den Städten entlang der bedeutenden Wasserstraßen Rhein, Main, Donau, Saale oder Elbe niedergelassen. Denn diese Städte sind wirtschaftliche Zentren, und vor allem jüdische Kaufleute sind auf urbane Strukturen angewiesen, auf Märkte und auf Flüsse als Handelswege. Nach Schätzungen heutiger Forscher hat Mainz im frühen 11. Jahrhundert mindestens 6000 bis 7000 Einwohner, darunter etwa 600 oder 700 Juden. Als Fernkaufleute haben die Mainzer Juden über ihre Glaubensbrüder im islamischen Teil Spaniens, in Sizilien, in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten Zugang zu den großen Handelsrouten des Orients – zur Seidenstraße nach Indien und China und zur Weihrauchstraße, die vom Mittelmeer nach Südarabien führt. Also in den Jemen und nach Oman, wo jene Bäume wachsen, deren kostbares Harz die Christen in ihren Kirchen als Weihrauch verbrennen.

So versorgen die jüdischen Kaufleute das Rheinland mit den Luxuswaren des Orients. Mit Perlen, Seide und Brokat, mit Weihrauch und exotischen Gewürzen. Sie dominieren den Fernhandel so sehr, dass sich in christlichen Dokumenten der Zeit oftmals die Wendung findet: judaei et ceteri mercatores: „Juden und andere Kaufleute.“ Doch längst nicht alle Juden sind Händler; manche stehen etwa als Lehrer oder Schreiber im Dienste ihrer Gemeinde, andere arbeiten als Arzt oder Viehdoktor. Wieder andere sind Gehilfen reicher Kaufleute, koschere Schlachter, Winzer oder Bäcker – oder sie üben in Städten, wo sie nicht durch Verbote gehindert werden, ein anderes Handwerk aus.

Viele der jüdischen Händler zu Mainz sind wohlhabend. Manche sogar so reich, dass sie in der Art von Bankiers Geld gegen Zinsen zur Finanzierung aufwendiger kirchlicher und weltlicher Bauten zur Verfügung stellen. Im Gegensatz zur überwältigenden Mehrheit der christlichen Bevölkerung können fast alle Juden, Männer wie Frauen, lesen und schreiben. Einige beherrschen überdies mehrere Sprachen.

Vom Mainzer Erzbischof, dem Herrn ihrer Stadt, sind die Juden als Gemeinde anerkannt. Ihr Viertel liegt im Herzen der Ortschaft, mitten zwischen Kirchen, Klöstern und Märkten. Es trägt den Namen „Unter den Juden“. An den rechten Türpfosten der jüdischen Häuser sind kleine Kapseln mit winzigen Pergamentrollen angebracht – beschrieben mit Versen aus dem fünften Buch des Moses. „Und du sollst sie auf deines Hauses Pfosten schreiben und an die Tore.“ Im Judenviertel mit seinen kleinen Häusern stehen die Synagoge, die Jeschiwa des Rabbi Gerschom ben Jehuda und das Wohnheim für Talmudstudenten. Es gibt ein kaltes Tauchbad zur rituellen Reinigung und ein Warmbad für die körperliche Hygiene. Dazu ein Hospital, das Schlachthaus zum Schächten der Tiere, die Bäckerei und das Tanzhaus für Familienfeiern und Feste der Gemeinde.

Das jüdische Viertel zu Mainz ist praktisch eine Stadt in der Stadt. Selbstverwaltet von einem Ratsgremium, das meist aus zwölf Mitgliedern besteht und in der Regel von allen jüdischen Männern gewählt wird. Den Vorsitzenden der Gemeinde bestimmen die zwölf Ratsvertreter aus ihrer Mitte – ebenso die Richter, welche über die innerjüdischen Rechtsfälle zu entscheiden haben. Darüber hinaus ist das Gremium verantwortlich für das Entrichten der Steuern an die christliche Obrigkeit von Mainz.

Jüdische Männer und Frauen können lesen und schreiben – anders als die meisten Christen

Anders als bei den Christen leben in den jüdischen Häusern selten mehr als zwei Generationen unter einem Dach. Land gibt es wenig zu vererben unter den Juden, und eine frühe Ehe wird unterstützt. Jungen heiraten mit 15 oder 16 Jahren, Mädchen oft schon im Alter von 13 oder 14.

Direkt an das Mainzer Judenviertel schließt ein Stadtteil an, der überwiegend von christlichen Händlern bevölkert wird und bis ans Rheinufer reicht. Doch auch im Judenviertel wohnen Christen. Denn im 11. Jahrhundert gibt es keine Ghettos, deren Mauern die Juden hermetisch ab-schließen von den Christen. Erst im Jahr 1310 wird ein Mainzer Konzil festsetzen: „Christen dürfen nicht bei Juden wohnen.“  Im 11. Jahrhundert müssen Juden auch keine diskriminierende Kleidung tragen. Sie sind weder besonderen Handelsbeschränkungen unterworfen, noch ist es ihnen verboten, Grund und Boden zu erwerben. Und zwischen Juden und Christen gibt es über viele Jahre zahllose Kontakte.

Christen kaufen die Waren des Orients bei Juden. Juden Dinge des täglichen Bedarfs bei Christen. In jüdischen Haushalten arbeiten christliche Diener, jüdische Ärzte kurieren Christen, und auf den Straßen gehören Juden zum alltäglichen Bild – zumindest in den drei Bischofsstädten Mainz, Speyer und Worms. Doch sind sie praktisch rechtlos jeder fürstlichen Willkür ausgesetzt. So ordnet König Heinrich II. im Jahre 1012 an, diejenigen Mainzer Aschkenasim zu vertreiben, die sich nicht taufen lassen wollen. Heinrichs Gründe sind nicht überliefert – möglicherweise aber bestraft er die ganze jüdische Gemeinde, weil ein Priester namens Wezelin zum Judentum konvertiert ist.

Den Vertriebenen wird zwar bald die Rückkehr gestattet. Aber manche Mitglieder der jüdischen Gemeinde haben sich dem massiven Druck des Monarchen gefügt und die Taufe auf sich genommen. Darunter sogar ein Sohn von Rabbi Gerschom ben Jehuda. Solche Akte der Willkür führen den Juden eindringlich vor Augen, dass sie einer kleinen und nur geduldeten Minderheit angehören, der gelegentlich offener Hass entgegenschlägt. Woher rührt dieser Hass? Und was befeuert ihn? Ist es die christliche Vulgärpropaganda, die behauptet, die Juden – alle Juden – seien die Mörder Gottes? Oder mehr die beharrliche Weigerung der Juden, Jesus Christus als Messias und Gottes Sohn anzuerkennen? Ist es ihre unerschütterliche Gewissheit, das von Gott auserwählte Volk zu sein? Die Tatsache, dass sie in manchen ihrer polemischen Schriften Christus als „gehängten Bastard“ bezeichnen, die Kirche als „Haus der Unreinheit“ und die Taufe als „Beschmutzung“? Oder einfach der Umstand, dass viele von ihnen reicher sind als die meisten der Christen und auch gebildeter? All dies mag den Hass mancher Christen zwar entzünden – doch wie ein Sturm das Feuer facht den Hass vermutlich vor allem die Tatsache an, dass die Juden in der geschlossenen Welt der Christen das Fremde schlechthin verkörpern. Das Unbekannte. Das Bedrohliche.

DIE JUDEN BETEN angeblich zu einem anderen Gott als die Christen, einem älteren Gott, dessen Namen sie niemals aussprechen. Sie haben eine andere Zeitrechnung und leben bereits am Ende ihres fünften Jahrtausends. Ihr Jahr, das im Herbst beginnt, berechnen sie nach den Mondphasen und dem Lauf der Sonne zugleich. Und ihre Monate tragen archaische babylonische Namen wie Tischri, Siwan, Kislew oder Tammuz.

Sie feiern auch andere Feste als die Christen. Jom Kippur, Sukkot, Chanukka, Passa. Unbeirrbar heiligen sie den Sabbat und nicht den Sonntag. Sie meiden vielerlei Nahrung der Christen, schächten ihr Schlachtvieh und trennen ihre Küche nach Milch und Fleisch. Sie schreiben auch in einer anderen Schrift – und das von rechts nach links. Wahrscheinlich empfinden im 11. Jahrhundert selbst gebildete Christen die Juden nicht zuletzt deshalb als fremd und als bedrohlich, weil sich deren Religion, ihr Geist und ihre Ideen in Zeichen äußern, welche die Christen nicht zu entziffern vermögen. Die Juden werden zunächst wohl gelegentlich verspottet, verlästert und verleumdet: Sie stinken angeblich, sind, so erzählt man, falsch, treulos, hässlich, verschlagen, hinterhältig oder geldgierig. Vielleicht raunen sich manche Christen im 11. Jahrhundert auch schon zu, dass die Juden ihre Brunnen vergiften würden. (Andere Schauerfabeln, dass etwa die Juden Christenkinder schächten würden, um ihr Blut für barbarische Riten zu verwenden, und dass sie Hostien schänden, werden dagegen erst in den folgenden Jahrhunderten erfunden.)

So leben die Juden von Mainz als Fremde im Rhythmus ihrer religiösen Feste. An Rosch ha-Schana, dem ersten Tag des neuen Jahres, blasen sie das Schofar, das aus dem Horn eines Widders gefertigt wird. Am Abend vor Jom Kippur, dem heiligsten aller Feiertage, stimmen sie das aramäische Gebet „Kol Nidre“ an, mit dem der Tag der Sühne und der Versöhnung beginnt; an Jom Kippur selbst fasten sie. An Sukkot, dem jüdischen Fest der Laubhütten, schütteln sie im Gottesdienst Zitrusfrüchte, Palmwedel und Zweige von Myrthen und Weiden. An Chanukka, den acht Tagen der Tempellichter, zünden sie Kerzen an: eine am ersten, zwei am zweiten – acht am letzten Tag. Und an Passa, das an den Auszug der Kinder Israels aus Ägypten erinnern soll und an das Ende der Knechtschaft unter Pharao, verzehren sie ungesäuertes Brot.

Ausdauernd und an allen Tagen beten sie. Sie beten am Morgen. Sie beten am Nachmittag. Sie beten am Abend. Und die „Amida“, die aus 18 Lobpreisungen und Bitten besteht, sprechen sie stehend und in Richtung Jerusalem. Denn dort erhebt sich mitten in der Stadt Har ha-Bajit. Der Berg des Gotteshauses. Der Tempelberg ist der zentrale Ort der jüdischen Erinnerung. Deshalb sehnen sich auch die Juden von Mainz nach Jerusalem, dem Symbol ihrer heilvollen Vergangenheit und zukünftigen Erlösung. Ausgerechnet im fernen Jerusalem spielen sich im 11. Jahrhundert dramatische Ereignisse ab. Mit katastrophalen Folgen für die Juden von Aschkenas. Aber was wissen zum Beispiel die Juden in Mainz von den Vorgängen im Orient? Von den Kämpfen? Den Ketzereien?

Die jüdischen Kaufleute im Fernhandel sind angewiesen auf zuverlässige Nachrichten aus aller Welt. Auf aktuelle Botschaften über bedeutsame Vorfälle und neue Entwicklungen. Und auf politische Analysen, überbracht von Boten, ankommenden Reisenden, Verwandten, Geschäftspartnern. Er muss wissen: Welche Pfade, Bergpässe, Furten, Seewege sind sicher? Wo lauern Diebe, Wegelagerer, Marodeure oder Piraten? Wo toben Kriege? Und welcher König, welcher Stammesfürst ist den Juden gewogen? All das muss ein Händler auf den Routen der Seiden- und der Weihrauchstraße berücksichtigen. Denn nur so kann er die Risiken für sein Leben und für seine Unternehmungen abwägen. Und Großkaufleute sowie deren Gehilfen haben den Mainzer Juden mit Sicherheit von den politischen Verhältnissen und brisanten Vorfällen im Orient berichtet.

DENN IM SEPTEMBER des Jahres 1009 ereignet sich in Jerusalem Ungeheuerliches: Die Grabeskirche wird auf Befehl des Kalifen al-Hakim geplündert und mitsamt dem Felsengrab Christi zerstört. Al-Hakim, ein strenggläubiger Muslim, residiert in Kairo und stammt aus der schiitischen Dynastie der Fatimiden, die nicht nur am Nil herrschen, sondern auch in Palästina und in Syrien.

Die Juden leben seit Generationen am Rhein und bleiben in Deutschland doch Fremde

Der Kalif hat den Christen in seinem Reich alle öffentlichen Prozessionen und das öffentliche Begehen ihrer religiösen Feste untersagt und ihnen das Läuten von Glocken und das Zeigen von Kreuzen verboten. Darüber hinaus sollen die Christen von nun an besondere Gürtel tragen und schwarze Turbane oder Kopftücher, damit man sie jederzeit erkenne unter den Muslimen. Und bereits im Jahr zuvor hat der Kalif damit begonnen, Kirchen, Klöster und auch Synagogen zu zerstören und zu plündern (denn er benötigt Geld – vor allem, um seine Armee zu bezahlen, aber auch um zerfallene Moscheen wiederaufzubauen). Schon damit beging al-Hakim Unrecht. Weshalb provoziert der Kalif jetzt auf diese unerhörte Weise die Christen? Die lateinischen in Rom ebenso wie die griechischen zu Byzanz und die koptischen in seinem eigenen Reich.

Historiker haben auf diese Frage bis heute keine befriedigende Antwort gefunden. Lange Zeit galt ihnen al-Hakim als „verrückter Kalif“. Für muslimische Chronisten ist er ein Ketzer. Denn in Kairo entsteht eine Sekte, die in al-Hakim eine Inkarnation Gottes sieht (sie existiert noch heute, vor allem im Libanon: Es sind die Drusen). Christliche Autoren beschreiben ihn als fürchterlichen Tyrannen und bösartigen Verfolger. Andererseits sind unter den höchsten Beamten seines Hofstaates manche Christen – etwa sein Kanzleichef (der das Dekret zur Zerstörung der Grabeskirche ausgefertigt hat). Zudem stellt der Kalif die Plünderung von Gotteshäusern bald wieder ein und gibt geraubtes Kirchengut an die Gemeinden zurück. Aber die Demütigung durch die Muslime sitzt tief im Bewusstsein der Christen. Und die Nachricht über die Zerstörung ihrer heiligsten Kirche gelangt mit heimkehrenden Pilgern aus Jerusalem und durch jüdische Fernkaufleute zu den Christen am Rhein. Zweifellos ausgeschmückt mit Gräuelgeschichten.

Zudem stoßen um diese Zeit arabische Stämme entlang der Südküste des Mittelmeers vehement nach Westen vor. Dabei arabisieren sie Nordafrika. Das Kreuz muss dem Halbmond weichen, die lateinischen Dialekte der Christen der Sprache des Propheten. Von den um das Jahr 1000 bezeugten 47 nordafrikanischen Bistümern sind um die Mitte des 11. Jahrhunderts nur noch fünf geblieben. Etwa gleichzeitig mit der arabischen Expansion am Südrand des Mittelmeers erhebt sich auch im Osten ein gewaltiger Sturm. Kriegerische Nomaden stürmen in Richtung Kleinasien heran: Türken, angeführt von der Sippe der Seldschuken. Die Turkvölker haben bereits ganz Zentralasien erobert und in den 30er Jahren des 11. Jahrhunderts auch den Osten Persiens.

Unaufhaltsam drängen die Türken nach Westen vor. Im August 1071 besiegt das Heer der Türken die Truppen des byzantinischen Kaisers. Nun ist das christlich-orthodoxe Kleinasien offen für die türkische Eroberung. Und 1077 erobern die Seldschuken Jerusalem. Die lateinischen Christen sind nicht unmittelbar gefährdet durch die Kriege und Machtkämpfe im Orient. Aber die Gerüchte und Nachrichten über die niedergerissene Grabeskirche, über drangsalierte Glaubensbrüder und den Ansturm von Türken und Arabern erzeugen in Europa ein Gefühl der kollektiven Bedrohung. Der Ohnmacht und der Verwundbarkeit.

DIE PSYCHOLOGISCHE WIRKUNG dieser Empfindung muss gewaltig sein. Und das veränderte Christusbild, das im Verlauf des 11. Jahrhunderts in Europa entsteht, spiegelt dies eindringlich. Denn jetzt rückt unter den römischen Christen der Mensch gewordene Gottessohn in den Vordergrund. Der von den Heiden Verfolgte, der Gemarterte, der Gekreuzigte. Für das Martyrium und den Tod Christi aber werden nun radikaler als jemals zuvor die Juden verantwortlich gemacht. So entsteht – aus Angst vor den Muslimen und aus Hass auf die Juden – die Idee der Kreuzzüge. Urban II., dessen Pontifikat 1088 beginnt, ist ihr Mentor. Für den Papst, der aus dem französischen Châtillon-sur-Marne stammt, ist der Kreuzzug nach Jerusalem und zur Befreiung der heiligsten Stätten des Christentums ein Heiliger Krieg. Und diese Vorstellung trägt er unter die lateinischen Christen. In den Gottesdiensten werden nun verstärkt Ritter, die das Christentum gegen die Ungläubigen verteidigen sollen, einbezogen in die Gebete. Schwerter werden geweiht.

Doch wie nehmen die Juden im Reich die Ereignisse im Orient wahr? Spüren sie den zunehmenden Judenhass der Christen, die religiösen Spannungen, die Kriegsstimmung? Fühlen sie sich besonders bedroht? Den wachsenden Hass ihrer Nachbarn bemerken sie wohl. Viel bedrückender für sie sind wahrscheinlich aber die Nachrichten aus Orléans und anderen französischen Städten, die sich jetzt mehren: Dort werden Glaubensbrüder, welche die Taufe verweigerten, vom christlichen Pöbel bedrängt, vertrieben oder ermordet. Aber in akuter Gefahr wähnen sich die Juden am Rhein offenbar nicht. Jedenfalls ist nichts bekannt darüber. Die jüdischen Kaufleute von Mainz gehen zwischen den Gebeten des Morgens und denen des Abends weiterhin ihrem Handel und ihren Kreditgeschäften nach. Die Studenten der Jeschiwa vertiefen sich in die Lehren der alten rabbinischen Schule Palästinas – und in den Babylonischen Talmud, diesen gewaltigen Korpus aus Lehren und Kontroversen, der die Tora erklärt und kommentiert.

Die Gelehrten verfassen ihre „Takkanot“ – Anweisungen, welche die Gemeinden als Gesetze anerkennen – und widmen sich alltäglichen Problemen: der Stellung kinderloser Witwen etwa, dem Scheidungsrecht, der Synagogenordnung, der Zulässigkeit bestimmter Haar und Bartmoden oder den Geboten der rituellen Reinheit. Häufig fallen ihre Takkanot wohl sehr streng aus. Denn die rabbinische Hochschule von Mainz ist eine der konservativsten Europas. Am Sabbat jedoch ruhen die Juden. Und das von ihrem Gott bestimmte Verbot der Arbeit legen sie so umfassend aus, dass sie am Sabbat noch nicht einmal kochen oder ein Feuer entzünden. In der Synagoge, wo Männer und Frauen in getrennten Räumen sitzen, psalmodieren sie Verse der Tora und danken Gott für seine Gnade. So leben die Juden zu Mainz ihr alltägliches Leben. Bis 1084. In diesem Jahr schlägt der Hass der getauften Mainzer wohl erstmals in offene Gewalt gegen ihre jüdischen Nachbarn um: Nach einer Feuersbrunst im Wohnviertel der Aschkenasim werden viele Opfer des Brandes bedrängt und geschlagen, sodass sie aus ihrer Vaterstadt fliehen müssen.

IM MÄRZ 1095 wird im italienischen Piacenza ein Kirchenkonzil einberufen. Es geht unter anderem um die Priesterehe und den Handel mit kirchlichen Ämtern. Doch ganz im Vordergrund steht ein anderes, ein politisches Ereignis: Eine Gesandtschaft aus Byzanz ist eingetroffen, um im Namen des Kaisers Alexios I. Komnenos um Waffenhilfe gegen die Türken zu bitten. Urban II. nutzt die Gelegenheit. Denn dieser Ruf nach Hilfe ist der ideale Anlass, um seinen Heiligen Krieg zu beginnen, den Kreuzzug gegen den Islam. So hofft er, die heiligen Stätten in Jerusalem und Palästina zu erobern. Und dabei vielleicht sogar das geschwächte byzantinische Christentum, das sich im Schisma vom lateinischen getrennt hat, zur Unterwerfung unter Rom zu zwingen. Um der westlichen Christenheit die heilige Notwendigkeit des Kreuzzugs begreiflich zu machen, lädt Urban für den 18. November 1095 zu einem weiteren Konzil ein. Nach Clermont. Am 27. November 1095 ruft der Papst dort am Ende des Konzils auf freiem Feld vor Bischöfen, Äbten und Adeligen sowie einer großen Menge einfachen Volkes zum Heidenkrieg auf. „Mit höchlichst beredtem Munde“, wie ein zeitgenössischer Chronist vermerkt. Und um „das göttliche Geheiß zu enthüllen“. Denn in Wahrheit, so behauptet der Papst, „ist es Christus, der befiehlt“. Den Heiligen Krieg. Den Kreuzzug. Gott will es!

Als Belohnung stellt der Papst jenen, die im Krieg gegen die Muslime ihr Leben lassen sollten, die Vergebung ihrer Sünden in Aussicht. Außerdem verspricht er reiche Beute. Und auch das Gesindel vergisst er nicht einzuladen zu dem Kreuzzug. „Mögen denn alle, die früher nur Räuber waren, nun Christi Soldaten werden.“ Der Beginn des Kreuzzugs wird auf den 15. August 1096 festgesetzt. Den Tag von Mariä Himmelfahrt. Urbans Rede löst einen beispiellosen Massenwahn aus. Nach dem Konzil durchziehen vor allem in Frankreich Hetzprediger die Lande – Missionare des Hasses. Der erfolgreichste von ihnen ist Peter von Amiens, genannt der Eremit, der auf einem Esel reitet und von Marktplatz zu Marktplatz zieht, um die Christen aufzuwiegeln zum Kampf gegen die Heiden. Ihm zur Seite stehen bald wilde Heerführer wie etwa Walter „Sans-Avoir“ („der Habenichts“).

Im Dezember 1095 treffen am Rhein abermals beunruhigende Nachrichten aus den jüdischen Gemeinden in Frankreich ein. Riesige Volkshorden, heißt es, hätten sich im Land versammelt, um gen Jerusalem zu ziehen. Und diese würden Juden bedrängen und berauben. Das beutegierige Gesindel wolle sich bald auf den Weg an den Rhein machen. Man werde fasten für die gefährdeten Gemeinden, antworten die Mainzer Juden auf die Warnungen ihrer französischen Glaubensbrüder. „Aber für uns selbst“, ergänzen sie, „gibt es keinen Anlass zu irgendeiner Befürchtung.“

Sorglos bleiben die Juden zu Mainz bis Anfang des Jahres 1096. Erst die Drohungen hoher Herren, so des Herzogs von Niederlothringen und Grafen der Boulogne, Gottfried von Bouillon, der an den Juden das Blut Christi rächen und sie alle erschlagen will, rütteln auch die Mainzer wach. Jetzt schickt Kalonymos bar Meschullam, der Vorsteher der Mainzer Gemeinde, einen Boten zu Heinrich IV. nach Italien und verweist auf das Schutzversprechen des Kaisers für die Juden. Und der Regent enttäuscht den Rabbiner nicht. Er fordert alle Fürsten schriftlich auf, die Juden zu schonen und zu schützen. Doch gegen die Horden aus Räubern, Verhetzten, Plünderern und Judenhassern, die nun auch in Deutschland allerorts zusammenlaufen, nutzt ein Dekret des Königs wenig. Und diese Streiter Christi warten auch nicht bis zum allgemeinen Aufbruch der Kreuzritter am 15. August 1096. Sie machen sich bereits im April auf den Weg.

AM 15. NISAN 4856 , dem 10. April 1096, feiern die Mainzer Juden das Passafest. Nach den Vorschriften der Tora haben sie jegliches chamez – alle gesäuerten Lebensmittel – aus ihren Häusern zu entfernen und sie am Tag vor Passa zu einem symbolischen Preis an ihre nichtjüdischen Nachbarn zu verkaufen oder zu verbrennen. Acht Tage dauert das Fest in der Diaspora. Kurz vor dieser Zeit, in die auch das Osterfest der Christen fällt, brechen die ersten Kreuzfahrerhaufen in Frankreich auf. Bewaffnet mit Stöcken und Sicheln.

Am 10. April, dem Beginn des Passafests, zieht Peter von Amiens mit großem Gefolge in Trier ein. Wie schon zuvor in Metz und anderen Orten erpressen die Christen Geld und Lebensmittel von der jüdischen Gemeinde. Und wie überall auf ihrem Weg schließen sich ihnen wohl auch hier Bettler, Tagelöhner und vielleicht sogar Handwerksgesellen an. Es sind schon weit mehr als 10 000: arm, ungebildet, abergläubisch die meisten, verhetzt, brutal und blindwütig viele. Und dann, am 3. Mai 1096, steht ein Heer dieser selbst ernannten Kreuzfahrer vor Speyer. Ihr Anführer ist wahrscheinlich Vicomte Wilhelm von Mélun. Sie wollen zwar nach Jerusalem. Aber Palästina ist weit. Und der Weg in die Heilige Stadt, wo sie den Muslimen das Grab Jesu entreißen wollen, noch lang und beschwerlich. „Als sie nun auf ihrem Zug durch die Städte kamen, in denen Juden wohnten“, schreibt Salomo bar Simeon aus Mainz über diese Kreuzfahrer, „sprachen sie:, Sehet, wir ziehen den weiten Weg, um die Grabstätte aufzusuchen und uns an den Ismaeliten zu rächen. Und siehe, hier wohnen unter uns die Juden, deren Väter Christus unverschuldet umgebracht und gekreuzigt haben! So lasset zuerst an ihnen uns Rache nehmen und sie austilgen unter den Völkern, dass der Name Israel nicht mehr erwähnt werde. Oder sie sollen unseresgleichen werden und zu unserem Glauben sich bekennen.‘“

Salomo bar Simeon, ein jüdischer Chronist, verfasst seinen Bericht im Jahr 1140. Wahrscheinlich hat er mehrere schriftliche Quellen von Zeitzeugen, die er chronologisch ordnet und durch mündliche Überlieferungen ergänzt. „Am Sabbat, den 8. Ijjar“, fährt Salomo bar Simeon fort in seiner Chronik, „überfielen die Feinde die Gemeinde Speyer und erschlugen elf heilige Personen. Diese waren die Ersten, die ihren Schöpfer heiligten, da sie sich nicht taufen lassen wollten. Die Übrigen wurden, ohne ihren Glauben wechseln zu müssen, von dem Bischof gerettet.“ Tatsächlich ordnet Bischof Johann I. von Speyer am 3. Mai die Verteidigung der jüdischen Gemeinde seiner Stadt an. Wohl deshalb sind nur elf Opfer zu beklagen. Doch der Bischof will für seine Hilfe bezahlt werden: mit jüdischem Geld. Die Kreuzfahrer ziehen weiter den Rhein entlang. Nach Norden – obwohl der Weg nach Jerusalem in die entgegengesetzte Richtung führt.

Unter den Toten von Speyer, berichtet Salomo bar Simeon, sei auch eine Frau gewesen, „die sich zur Heiligung des göttlichen Namens selbst schlachtete“. „Kiddusch ha-Schem“ nennen die Juden die Heiligung des göttlichen Namens. Und nach ihrer Tradition muss sich ein strenggläubiger Jude, der vor die Wahl Tod oder Taufe gestellt ist, von seinen Bedrängern töten lassen. Die Selbsttötung dieser Frau aber ist weit mehr, als der Glaube vorschreibt. Doch viele werden ihrem Vorbild folgen. So sterben unzählige Juden des Mittelalters ganz ähnlich wie die frühen Märtyrer der Christen. Es gibt aber auch andere als religiöse Gründe, weshalb sich so viele Juden der Taufe verweigern. Denn was ist ein getaufter Jude? Doch nichts anderes als ein von allen verachteter Christ ohne Gemeinde, ohne Broterwerb und auch ohne Familie. Und für die Christen bleibt er immer ein halber, beargwöhnter Jude.

Am Sonntag, dem 18. Mai, stürmen die Kreuzfahrerhorden das jüdische Viertel zu Worms. Es ist der 23. Ijjar des jüdischen Kalenders, und die Gemeinde hat sich in zwei Lager geteilt. „Die einen waren in ihren Häusern geblieben“, schreibt Salomo bar Simeon. „Die anderen waren zum Bischof geflüchtet.“ Bischof Albrand von Worms gewährt jenen Juden, die ihn um Hilfe bitten, Asyl in seinem Palast. Die Gemeinde außerhalb der Mauern aber wird sogleich von den Kreuzfahrern angegriffen. Denn die meisten der Juden verweigern die Taufe. Kiddusch ha-Schem. Sie werden erstochen, zerhackt, zu Tode geprügelt oder sterben durch eigene Hand. Danach rauft sich der Mob der Kreuzfahrer vermutlich mit dem Pöbel von Worms um die Beute: die Häuser der Juden, in denen sie wohl nichts als gewaltige Schatullen sehen. Schatztruhen, angefüllt mit Handelsware.

Im Kreuzzug überschreiten viele Christen die Grenze vom heimlichen Hass zur offenen Gewalt

Eine Woche währt das Asyl der Kirche. Dann stürmt der Pöbel den Palast. Taufe oder Tod heißt jetzt auch für die Schützlinge des Bischofs die Alternative. Und wieder wählen die meisten Kiddusch ha-Schem. „Die Feinde zogen sie aus und schleiften und warfen sie umher“, schreibt Salomo bar Simeon. „Sie ließen keinen von ihnen übrig, außer einigen, die sie zur Taufe gezwungen hatten. Bei 800 betrug die Zahl der Erschlagenen. Sie alle wurden nackt zu Grabe gebracht.“

NUR EIN KURZES STÜCK Fluss und kaum 50 Kilometer trennen Worms von Mainz. Die Kunde vom Blutbad unter den Wormser Juden gelangt vermutlich rasch nach Norden, wo bereits seit Tagen die judenfeindliche Stimmung wächst. Erzbischof Ruthard II. herrscht über die Stadt, in deren Mitte die größte, angesehenste und reichste Judengemeinde des Rheinlandes und möglicherweise der gesamten aschkenasischen Welt liegt. Mehr als 1000 jüdische Männer, Frauen, Kinder leben in Mainz. Schockiert von der Nachricht über den Massenmord und gewiss auch erfüllt mit Todesangst, versammelt sich der Rat der Gemeinde zu einer Krisensitzung.

Was ist nun zu tun? Welchen Wert hat der Schutzbrief des Königs, der in Italien weilt? Schließlich treffen die Männer des Rates eine Entscheidung. Und hoffen möglicherweise auf ein Wunder. So wie es sich in Speyer ereignet hat. „Diese kamen nun überein“, berichtet Salomo bar Simeon, „ein Lösegeld für ihr Leben zu zahlen. Ihr Vermögen hinzugeben, um damit die Fürsten, Statthalter, Bischöfe, Grafen zu bestechen.“ Eine große Summe bezahlen die Mainzer Juden dem Bischof. Dafür nimmt er sie und ihre bewegliche Habe in seine Residenz beim Dom auf. Die jüdischen Männer haben sich bewaffnet. Denn die Truppe des Bischofs ist klein und das Vertrauen, das die Juden in die christlichen Soldaten setzen, vermutlich auch. „Es war am Neumondstag des Monats Siwan“, fährt Salomo bar Simeon fort, „da kam der Graf Emicho, der Feind aller Juden – mögen seine Gebeine in einer eisernen Mühle zermalt werden –, mit einem großen Heere und lagerte nebst dem Pöbel außerhalb der Stadt in Zelten. Denn die Tore der Stadt waren vor ihm verschlossen.“

Am 25. Mai 1096 vereinigen sich vor Mainz die Horden des Vicomte Wilhelm von Mélun mit den Leuten des Grafen Emicho – eines Adeligen, der wahrscheinlich in der Nähe der Bischofsstadt ansässig ist. Und sie sind im Fieber des Massenwahns, erregt von der Aussicht auf den freigegebenen Mord und auf die Beute. Zwei Tage lagern sie vor Mainz. „Es war am dritten Tag im Siwan. Um die Mittagszeit, da kam Emicho, der Bösewicht und Judenfeind, mit seinem ganzen Heer vor das Tor. Und die Städter öffneten ihm das Tor. Da sprachen die Feinde des Ewigen:, Sehet, sie haben uns das Tor geöffnet. Jetzt lasset uns das Blut des Gekreuzigten rächen!‘“ Der 3. Siwan fällt in diesem Jahr auf den 27. Mai. Wer den Befehl gibt, die Stadttore schließlich zu öffnen, ist nicht bekannt. Aber mutmaßlich wird er gegen den Willen des Erzbischofs erteilt. Männer mit Stöcken, Sicheln, Spießen und Schwertern stürmen die Stadt.

Die jüdische Gemeinde von Mainz sitzt in der Falle. Mehr als 1000 Männer, Frauen, Kinder. „Als die Söhne des heiligen Bundes jenes Heer so unzählig wie der Sand am Ufer des Meeres sahen, blieben sie dennoch ihrem Schöpfer getreu. Sie legten Panzer an und umgürteten sich mit Kriegswaffen. Rabbi Kalonymos bar Meschullam stand an der Spitze.“ Und so verteidigen die Mainzer Juden die Eingangstore der Bischofsresidenz. „Aber unsere Sünden verursachten, dass die Feinde siegten und die Tore einnahmen. Die Leute des Bischofs flohen zuerst. Auch der Bischof selbst floh aus seiner Kirche, denn auch ihn wollten sie töten. Die Feinde drangen in den Hof. Und es war ein Tag der Dunkelheit. Mögen Finsternis und Todesschatten ihn ablösen. Möge Gott in der Höhe nicht nach ihm fragen.“

Nicht einmal die geistlichen Würdenträger der Christenheit können die Juden schützen

Die jüdischen Männer kämpfen, ihre Frauen und Kinder im Rücken. Doch angesichts der erdrückenden Übermacht ist ihre Lage aussichtslos. Die einen werden niedergemetzelt, und die anderen töten sich selbst. „Der Vater wurde geschlachtet von seinem Sohne, der Bruder von seiner Schwester, die Frau von ihrer Tochter, der Nachbar von seinem Nachbarn, der Bräutigam von seiner Braut. Einer schlachtete, der andere wurde geschlachtet, bis Blut zu Blut zusammenfloss und sich vermischte das Blut der Männer mit dem der Frauen.“

Am 3. Siwan 4856 wird die jüdische Gemeinde zu Mainz nahezu vollständig ausgelöscht. Zwei Tage später zündet ein zwangsgetaufter Überlebender des Mainzer Blutbades erst sein Haus, dann die Synagoge und schließlich sich selbst an. Kiddusch ha-Schem. Bald brennt es überall im jüdischen Viertel. In diesem Jahr morden die Streiter Christi die Juden in vielen weiteren Städten – so in Köln, Neuss und Xanten, in Regensburg und Prag. Und auch in Trier. Dort stellen aus Lothringen nachrückende Kreuzfahrer Juden vor die Wahl: Taufe oder Tod.

WÄHRENDDESSEN IST Walter, der Habenichts, bereits in Byzanz eingetroffen. Ende Juli stößt Peter von Amiens mit seiner Schar hinzu. Allein auf Emicho warten die beiden Anführer vergeblich. Dessen plündernder Haufen ist schon an der Donau von Truppen des ungarischen Königs aufgerieben worden. Aber auch Peters und Walters Gefolgsleute werden Jerusalem nicht sehen: Ein türkisches Heer schlägt sie am 21. Oktober 1096 in Kleinasien, nahe der Stadt Civetot. Damit ist der Kreuzzug des Pöbels beendet – zwei Monate nachdem die Kreuzritter des Papstes in Frankreich aufgebrochen sind. Wahrscheinlich hat der Pöbel auf seinem Zug 5000 Juden ermordet, 3000 allein im Rheinland.

Drei Jahre später, im Sommer des Jahres 1099, erobern christliche Ritter Jerusalem und richten dort das wohl schwerste Massaker des Mittelalters an: 70 000 Menschen metzeln sie nieder – Juden wie Muslime, Männer, Frauen und Kinder. Dann proklamiert sich Gottfried von Bouillon zum Advocatus Sancti Sepulchri, zum „Beschützer des heiligen Grabes“. Er ist nun Herrscher über das Königreich Jerusalem und einige Lehenterritorien wie etwa die Herrschaft Tiberias am See Genezareth. Doch immer wieder trotzen muslimische Kämpfer den Eindringlingen Teile der Ländereien ab. Und immer wieder schicken Päpste neue Kreuzzüge – der siebte und letzte scheitert 1282, nachdem Sultan Saladin schon 1187 Jerusalem zurückerobert hat.

DER AUFRUF von Papst Urban II. zum Überfall auf Jerusalem ist der Auftakt zu den antijüdischen Exzessen der folgenden Jahrhunderte. Zu wüsten Beschimpfungen in Pamphleten und Predigten. Zu Gesetzen, die den Juden etwa bestimmte Wohnorte und diskriminierende Kleidung aufzwingen. Zu den Massenmorden, die in deutschen und anderen Städten hysterische Mobs verüben, als ab 1348 die Pest durch Europa zieht und viele Menschen verzweifelt nach einem Sündenbock suchen. Und für die vollständige Vertreibung der Juden aus zwei Königreichen, 1290 aus England, 1492 aus Spanien.

Noch heute wird in der jüdischen Liturgie der Opfer dieser Bluttaten von Speyer, Worms und Mainz gedacht, die in die jüdischen Annalen als „Gezerot Tatnu“ („die Verfolgungen des Jahres 4856“) eingegangen sind. Als die Massaker des Jahres 1096. Kaiser Heinrich IV., der im Jahr nach den Massakern aus Italien nach Deutschland heimreist, gestattet 1197 den zwangsgetauften Aschkenasim von Mainz und Worms immerhin die Rückkehr zum Glauben ihrer Väter. Und auch an anderen Orten – etwa in Regensburg – dürfen getaufte Juden unter dem Schutz des Kaisers nun wieder Gott den Herrn ehren. Auf ihre Weise.

 

 

 

 

 

 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Herzig, Arno: 10. bis 14. Jahrhundert: bedrohte Blütezeit, in: Jüdisches Leben in Deutschland (Informationen zur politischen Bildung Nr. 307), Bonn 2012, online verfügbar unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/juedisches-leben-in-deutschland-304/, zuletzt geprüft am 16.05.2026.

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Sekundärliteratur

-> Saller, Walter: Juden im Mittelalter. Taufe oder Tod, in: Die Geschichte des Judentums (GEO Epoche Jg. 2005, Heft Nr. 20), Hamburg 2005.

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