Herrschaft und Rechtswesen

Lehnswesen

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1. Lehnswesen

1. Lehnswesen

Unter dem historischen Fachterminus Lehnswesen versteht man das durch Lehnsrecht geregelte personale Verhältnis zwischen Lehnsherrn und adligen Vasallen mit seinen Auswirkungen auf die politischen, militärischen und wirtschaftlichen Strukturen des europäischen Mittelalters (Feudalgesellschaft). Der oft synonym verwendete Begriff Feudalismus wird in der wissenschaftlichen Terminologie als universalhistorische Kategorie aufgefasst und ist vom Lehnswesen klar zu unterscheiden. Die mittelalterliche Wortbedeutung von lêhen (lateinisch beneficium) umfasst nicht nur das vasallitische Lehen, sondern auch das grundherrliche und das durch städtischen Besitz begründete Abhängigkeitsverhältnis. In der wissenschaftlichen Diskussion wird dagegen zwischen dem vasallitischen Lehnsverhältnis (Lehen) und dem bürgerlichen bzw. bäuerlichen Leiheverhältnis (Leihe) unterschieden. Der lateinische Quellenbegriff feudumleitet sich vom germanischen Ausdruck fihu, d.h. Vieh, ab. Erst in der karolingischen Periode schränkte sich der Begriff auf den lehnsweisen Grundbesitz ein.

Der Belehnungsakt, ein formeller Rechtsakt, umfasste die Mannschaftsleistung (lateinisch homagium), d.h. die vom Vasallen zeremoniell bekundete Verpflichtung zu Dienst und Gehorsam, den Lehnseid (Eid) und im französisch-savoyischen Gebiet zudem den Lehnskuss des Vasallen, schliesslich die Investitur bzw. Übergabe des Lehnsobjekts. Nach einem Heimfall des Lehens beim Tode des Herrn (in der rechtshistorischen Literatur als Herrenfall bezeichnet) oder des Vasallen (Mannfall) fand eine Lehnserneuerung für die Erbberechtigten statt. Die Lehnspflichten umfassten Ehrendienste und Rat am Hof, Kriegsdienst und Burghut (Burglehen) von Seiten des Lehnsmannes sowie die Garantie des Lehnsbesitzes und des Beistands von Seiten des Herrn. Der Bruch der Lehnstreue (Felonie) zog den Lehnsentzug nach sich. Lehnsfähig waren im frühen Mittelalter nur Hochadlige (Adel), ab dem Hochmittelalter wurden Lehen auch an Ministeriale und Bürger vergeben. Die Heerschildordnung, ein Begriff der mittelalterlichen Lehnrechtstheorie (Sachsenspiegel, Schwabenspiegel), regelte die standesgemässe Lehnsverbindung (sogenannte siebenstufige Lehnspyramide). Im Spätmittelalter kam es zu einer Kommerzialisierung des Lehnswesens (Geldrenten, Rentenlehen).

Entstehung

Das fränkische Lehnswesen, das bereits im 6. und 7. Jahrhundert aus einem persönlichen und einem dinglichen Element bestand, entwickelte sich aus zwei unterschiedlichen Wurzeln. Eine Wurzel ist die königliche Schutzherrschaft über Personen freien Standes, die sich dem Dienst des Königs unterworfen hatten; Hinweis auf die ursprüngliche Unfreiheit der Lehnsmänner sind die lateinischen Quellenbegriffe vassus und vassallus, die vom gallorömischen Ausdruck gwas (Knecht) abgeleitet sind, ferner die Zeremonie des sogenannten Handgangs (homagium), des Einlegens in die Hände des Herrn, sowie die Hervorhebung der Gehorsamspflicht. Die zweite Wurzel ist das germanische Gefolgschaftswesen, das die gegenseitige Treue von Vasall und Herrn betont. Dieser Einfluss wertete im 8. Jahrhundert die Vasallität sozial auf.

Neben der persönlichen Rechtsbeziehung spielte schon früh das Benefizium, das Lehnsobjekt, eine wichtige Rolle. Das Benefizium geht zurück auf die merowingischen Landschenkungen aus dem Hausgut, die Vasallen für die Leistung von Kriegsdiensten zur Nutzung übertragen wurden. Durch die Heeresreform Karls des Grossen wuchs die militärische Bedeutung der Vasallen: Die allgemeine Dienstpflicht aller Freien wurde ersetzt durch die Dienstpflicht der Vasallen; der Reiterkrieger wurde zum Krieger schlechthin (Rittertum). Die Vasallität, ein heterogenes Sozialgebilde, umfasste sowohl die Kronvasallen als auch die Vasallen der geistlichen und weltlichen Herren. In die gleiche Zeit fällt auch die Feudalisierung des Ämterwesens: Inhaber königlicher Ämter (z.B. Markgrafen, Grafen) wurden dabei durch vasallitische Bindung der Krone verpflichtet, und die Ämter wurden neben dem damit verliehenen Lehnsgut mehr und mehr selbst als Lehen betrachtet. Schon zu diesem Zeitpunkt bahnte sich durch das Eindringen allodialrechtlicher Vorstellungen (Allod) die Erbfolge im Lehen (Erbrecht) und durch die Gewohnheit der Mehrfachvasallität eine zunehmende Verselbstständigung der Lehnsobjekte an. Durch die Vererbbarkeit verlor die Lehnsbindung ihren ursprünglich personalen Charakter. Das Lehen wurde Grundlage für ein Dienstverhältnis, das eingegangen wurde, eben weil der Lehnsmann ein Lehen empfangen hatte. Mit dem Lehnswesen wurde auch der kirchliche Bereich für den Staatsaufbau nutzbar gemacht, indem Bischöfe und Äbte in lehnsrechtlicher Form eingesetzt wurden.

Hoch- und Spätmittelalter

Nach dem Auseinanderbrechen des fränkischen Reiches entwickelte sich das Lehnswesen in den Nachfolgereichen unterschiedlich. Eine bewusste Lehnspolitik setzte im deutschen Reich in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts wieder ein. Das Lehnsrecht wurde zur Grundlage bei der Vergabe von Ämtern und in Bezug auf die Reichskirche; dem Wormser Konkordat von 1122 gemäss wurden geistliche Reichsfürsten königliche Lehnsträger. Der Investiturstreit beseitigte das ottonische Reichskirchensystem, der König verlieh nur noch die weltlichen Herrschaftsrechte an geistliche Würdenträger. Dadurch wurden die geistlichen Reichsfürsten in das lehnsrechtliche System eingebunden. Da in Schwaben vom 11. Jahrhundert an eine starke herzogliche Gewalt fehlte, kam es zu einer zunehmenden Feudalisierung der Gesellschaft. Bis um 1200 bildete sich der jüngere weltliche Reichsfürstenstand, die Herzogtümer wurden zu rein territorial definierten Lehnsfürstentümern, die ihre Lehen unmittelbar vom König erhielten. Anders als den Königen von Frankreich und England gelang es den Staufern jedoch nicht, einen voll ausgebildeten Lehnsstaat zu errichten. Verstärkt durch den staufisch-welfischen Thronstreit kam es zum Niedergang der Königsmacht.

Dies schuf im Spätmittelalter eine der Voraussetzungen für den Aufbau von Territorialherrschaften: Das Lehnswesen spaltete sich in das Reichslehnswesen und das Lehnswesen in den sich bildenden fürstlichen Territorien auf. Die Verpflichtung der Vasallen auf das Territorium ist Ausdruck einer Lehnspolitik, welche die innere Festigung der Landesherrschaft sowie die Vergrösserung und Abrundung des Territoriums mit dem Mittel der lehnsrechtlichen Bindung zu erreichen suchte. Ein wichtiges Instrument war dabei die Lehnsauftragung (feudum oblatum), durch die aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen bisheriger Allodialbesitz durch Übergabe an Mächtigere in Lehen umgewandelt wurde. Die Unterwerfung unter die sich bildende Landesherrschaft wurde durch die neu geschaffenen Lehnsbindungen unterstützt. Im Übergang zum Spätmittelalter setzte sich die Tendenz zur Territorialisierung des Lehnswesens durch. Die persönliche Bindung zwischen Herrn und Lehnsträger rückte in den Hintergrund, dagegen entstand eine engere Beziehung zwischen dem Territorium und den darin begüterten Vasallen. Die Inhaber der landesherrlichen Oberhoheit versuchten, die lehnsrechtlichen Ansprüche anderer Herren innerhalb ihres Territoriums auszuschalten. Der Charakter des Lehnswesens hatte sich so bis um 1300 verändert; in der Verwaltungs- und Gerichtsorganisation kam es zu neuen, amtsrechtlichen Formen, die militärische Bedeutsamkeit hatte abgenommen. Seine herrschaftsfunktionale Bedeutung hatte das Lehnswesen aber noch nicht völlig verloren, wie in der älteren Forschung behauptet wird. Die in Lehnsurkunden oft erwähnten Vorkaufsklauseln, das Festlegen des Rückkaufrechts durch den Lehnsherrn, die fortgesetzte Wiederverleihung nach Heimfall und Ausgabe in Form von Rentenlehen zeigen deutlich, dass die Lehnsherren auch im 14. und 15. Jahrhundert von der Lehnsbindung noch etwas erwarteten. Hinderlich wurde das Lehnswesen erst im 17. Jahrhundert bei der Schaffung eines einheitlichen Untertanenverbandes (Absolutismus).

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Franziska Hälg-Steffen: "Lehnswesen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 25.11.2009. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/009923/2009-11-25/, konsultiert am 12.11.2025.

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Sekundärliteratur

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Burgen

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1. Burgen am Mittelrhein

1. Burgen am Mittelrhein

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Burgruine Deuernburg („Maus“), Lithographie von [ ] Villeneuve nach Zeichnung von [Otto] Howen, vor 1824.

Einleitung

Die un­ter dem Sam­mel­be­griff „Mit­tel­rhein“ zu­sam­men­ge­fass­te Bur­gen­land­schaft um­fasst ei­ne Viel­zahl von An­la­gen un­ter­schied­lichs­ter Pro­ve­ni­enz, Eig­ner­schaft und bau­li­cher Aus­prä­gung. Im Sin­ne der De­fi­ni­ti­on ei­ner „Bur­g“ als mehr­teils (hoch- und spät-) mit­tel­al­ter­li­cher Wehr-, aber auch Wohn­an­la­ge zeigt das Mit­tel­rhein­ge­biet ei­ne Bur­gen­bau­tä­tig­keit vom frü­hen 11. bis in das 15. Jahr­hun­dert hin­ein.

Un­ge­ach­tet des ho­hen Be­kannt­heits­gra­des der rhei­ni­schen Bur­gen muss fest­ge­stellt wer­den, dass der Stand ih­rer Er­for­schung in wei­ten Be­rei­chen und sämt­li­chen be­tei­lig­ten Wis­sen­schafts­dis­zi­pli­nen noch un­zu­rei­chend ist. Selbst von der neu­es­ten Über­blicks­li­te­ra­tur wird auf die fast gänz­lich vor 1945 er­schie­ne­nen Kunst­denk­mä­ler­in­ven­ta­re zu­rück­ge­grif­fen. Fun­dier­te Ein­zel­stu­di­en von his­to­ri­scher, kunst­his­to­ri­scher oder mit­tel­al­ter­ar­chäo­lo­gi­scher Sei­te sind die Aus­nah­me.

Von ganz ent­schei­den­der Be­deu­tung ist dar­über hin­aus auch die Tat­sa­che, dass we­gen oft­mals ekla­tan­ten Schrift­quel­len­man­gels ei­ne ein­deu­ti­ge Zu­ord­nung ei­ner Burg zu ei­nem Grün­der oder Ei­gen­tü­mer nur mit gro­ßen Vor­be­hal­ten mög­lich ist. Auch kann nicht sel­ten an Hand der kei­nes­wegs ein­deu­ti­gen zeit­ge­nös­si­schen Ter­mi­no­lo­gie ins­be­son­de­re bei ab­ge­gan­ge­nen Ob­jek­ten nicht mehr ent­schie­den wer­den, ob es sich um ei­ne Burg han­del­te oder le­dig­lich um ein Burg­haus oder ei­nen Hof mit nur min­de­rer Be­fes­ti­gung oder gar um ei­nen Stadt­mau­er­turm (Nol­lig über Lorch). Schlie­ß­lich lässt sich der Zeit­punkt der Er­bau­ung meis­tens nicht ge­nau fest­stel­len, son­dern nur der Zeit­punkt der ers­ten Er­wäh­nung, der na­tür­lich kei­ner­lei Aus­kunft dar­über gibt, wie lan­ge zu­vor die je­wei­li­ge Burg schon be­stan­den hat. In Ein­zel­fäl­len kann nicht ein­mal der ge­naue Stand­ort lo­ka­li­siert wer­den (Fürs­ten­eck).

Be­trach­tet man un­ge­ach­tet die­ser Im­pon­de­ra­bi­li­en zu­nächst die Grün­dungs­ge­schich­te der ein­zel­nen An­la­gen, so er­schlie­ßt sich schnell die gro­ße Zahl be­tei­lig­ter geist­li­cher und welt­li­cher Herr­schafts­trä­ger, die sich ins­be­son­de­re im Spät­mit­tel­al­ter um den Auf­bau ei­nes ge­schlos­se­nen Ter­ri­to­ri­ums be­müh­ten. Rück­bli­ckend be­trach­tet war da­bei das Erz­stift Trier am er­folg­reichs­ten. Die Erz­bi­schö­fe grif­fen von ih­rer zwei­ten Re­si­denz (ne­ben Trier) auf dem Eh­ren­breit­stein aus über An­la­gen wie Wer­ner­s­eck und Ku­nostein (heu­te En­gers) nach Nor­den und über Ko­blenz, Stol­zen­fels und Deu­ern­burg (heu­te Maus) nach Sü­den aus. Ver­hält­nis­mä­ßig we­ni­ge Bur­gen wa­ren da­bei Ei­gen­grün­dun­gen, viel­mehr wur­den weit­aus öf­ter be­ste­hen­de Be­fes­ti­gungs­an­la­gen lehns­recht­lich in­te­griert und da­mit als po­ten­zi­el­le geg­ne­ri­sche Stütz­punk­te eli­mi­niert.

In mehr­fa­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Trie­rer Erz­bi­schö­fen ge­lang es den bei­den an­de­ren Erz­stif­ten Köln und Mainz, sich am nörd­li­chen und süd­li­chen En­de des Mit­tel­rheins zu be­haup­ten. Wäh­rend die Erz­bi­schö­fe von Köln ih­re durch ei­ge­ne Burg­grün­dun­gen wie Stahl­berg und Fürs­ten­berg ge­si­cher­ten Be­sit­zun­gen am obe­ren Mit­tel­rhein um Ba­cha­rach im spä­te­ren 13. Jahr­hun­dert an die Pfalz­gra­fen bei Rhein ver­lo­ren, konn­ten sie am un­te­ren Mit­tel­rhein ih­ren ei­ni­ger­ma­ßen ge­schlos­se­nen Be­sitz­kom­plex um die Bur­gen Dra­chen­fels, Go­des­burg und Ro­lands­eck nach Sü­den hin durch An­la­gen in An­der­nach und Linz so­wie den Neu­bau von Rheineck er­wei­tern. Das Erz­stift Mainz hin­ge­gen setz­te sich ins­be­son­de­re ge­gen die rhei­ni­schen Pfalz­gra­fen im Sü­den auf den Bur­gen Klopp, Eh­ren­fels, Fautsberg (heu­te Rhein­stein), Rei­chen­stein, So­oneck und Heim­burg fest und er­hielt sich dar­über hin­aus sei­ne nörd­li­che Ex­kla­ve (Ober-)Lahn­stein mit den bei­den An­la­gen Lahneck und Lahn­stein (heu­te Mar­tins­burg).

Dem­ge­gen­über war das rö­misch-deut­sche Kö­nig­tum seit dem Hoch­mit­tel­al­ter im Mit­tel­rhein­tal le­dig­lich mit den – al­ler­dings mehr­teils sehr be­deu­ten­den – An­la­gen Ham­mer­stein, Lands­kron, Ster­ren­berg, Schön­burg, Bop­pard, Ah­ren­thal (zur Hälf­te), wohl auch Kaub (heu­te Gu­ten­fels) so­wie dem noch im 14. Jahr­hun­dert er­rich­te­ten Sin­zig ver­tre­ten. Von die­sen Bur­gen ver­blie­ben bis in das 15. Jahr­hun­dert hin­ein je­doch al­lein Sin­zig und Lands­kron in un­mit­tel­ba­rem Reichs­ei­gen­tum, wäh­rend die an­de­ren über­wie­gend in die Hän­de der Trie­rer Erz­bi­schö­fe fie­len.

Un­ter den Grün­dun­gen gräf­li­cher und edel­frei­er Fa­mi­li­en ra­gen vor al­lem die An­la­gen der Pfalz­gra­fen bei Rhein und der Gra­fen von Kat­zeneln­bo­gen her­vor. Er­staun­li­cher­wei­se tra­ten die Pfalz­gra­fen über­haupt erst im 13. Jahr­hun­dert mit der Über­nah­me von Stahl­berg, Stah­leck und Fürs­ten­berg aus köl­ni­schem und Kaub aus Reichs­be­sitz als Burg­be­sit­zer in Er­schei­nung. In mehr­fa­chen, durch­aus nicht er­folg­lo­sen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Erz­bi­schö­fen von Mainz und Trier ent­stan­den im 14. Jahr­hun­dert als Ei­gen­grün­dun­gen der Pfalz­gra­fen­stein, die Sau­er­burg und der (un­voll­endet ge­blie­be­ne) Her­zo­gen­stein. In ganz ähn­li­cher Wei­se wa­ren auch die Gra­fen von Kat­zeneln­bo­gen seit dem 13. Jahr­hun­dert be­strebt, aus­ge­hend von dem noch in die­ser Zeit ge­grün­de­ten Rhein­fels ein ei­ge­nes Ter­ri­to­ri­um zu be­grün­den. Dies ge­lang in be­schei­de­nem Aus­maß mit den spä­ter er­rich­te­ten Bur­gen Rei­chen­berg und Neu­kat­zeneln­bo­gen (heu­te Katz), be­vor die Gra­fen 1479 aus­star­ben und ih­re Be­sit­zun­gen an die Land­gra­fen von Hes­sen fie­len.

Am un­te­ren Mit­tel­rhein tre­ten die Bur­gen Wied (heu­te Alt­wied) und Sayn als Stamm­sit­ze der gleich­na­mi­gen Gra­fen­fa­mi­li­en her­vor, die bei­de spä­tes­tens schon im 12. Jahr­hun­dert ent­stan­den. Eben­falls in die­ser Zeit lässt sich erst­mals die Isen­burg im Sayn­tal mit der dor­ti­gen edel­frei­en Fa­mi­lie nach­wei­sen, de­ren An­ge­hö­ri­ge im 13. Jahr­hun­dert Aren­fels und Grenzau er­bau­ten und ei­ge­ne Sei­ten­li­ni­en ins Le­ben rie­fen. Al­lein dem Gra­fen­ge­schlecht von Wied soll­te es je­doch ge­lin­gen, sei­ne Stamm­burg von frem­den Zu­grif­fen frei­hal­ten zu kön­nen, wäh­rend die An­la­gen der Say­ner Gra­fen und der Her­ren von Isen­burg und ih­rer Sei­ten­li­ni­en fast voll­stän­dig durch Lehn­s­auf­tra­gung, Ver­pfän­dung oder sel­ten auch durch Ge­walt an die Erz­bi­schö­fe von Trier fie­len.

Die Zahl der nicht von den be­reits ge­nann­ten Bur­gen­grün­dern er­rich­te­ten mit­tel­rhei­ni­schen An­la­gen, zu de­nen die Obe­re und Un­te­re Burg in Rhein­breit­bach, Dat­ten­berg, Brau­bach (heu­te Marksburg) so­wie Lie­ben­stein ge­hö­ren, ist ins­ge­samt ver­gleichs­wei­se klein und dem­entspre­chend in ih­rer Be­deu­tung zu re­la­ti­vie­ren.

Be­trach­tet man den über­kom­me­nen Bau­be­stand, dann reicht der Al­ters­quer­schnitt von der nach Schrift­quel­len äl­tes­ten be­leg­ten Burg am Mit­tel­rhein, dem Ham­mer­stein (vor 1020), bis hin zum klei­nen, voll­stän­dig ein­ge­bau­ten Wohn­turmder Obe­ren Burg in Rhein­breit­bach aus dem spä­ten 15. Jahr­hun­dert. Da­bei lässt sich vom 12.-14. Jahr­hun­dert ei­ne an­nä­hernd kon­stan­te Bur­gen­bau­tä­tig­keit nach­wei­sen. Erst im 15. Jahr­hun­dert bricht die­se Ent­wick­lung mit nur noch drei An­la­gen (Obe­re Burg Rhein­breit­bach, Fels­eck/Vils­zelt, Wer­ner­s­eck) und dem eher als Turm ein­zu­ord­nen­den Trutz-Bin­gen ab.

Aus­ge­hend von po­ly­go­na­len, dem Ge­län­de an­ge­pass­ten Grund­ris­sen mit ei­nem Stre­ben zum Oval im 12. Jahr­hun­dert, wird die Grund­form im 13. Jahr­hun­dert zu­se­hends gleich­mä­ßi­ger, bis sich im 14./15. Jahr­hun­dert über­wie­gend re­gel­mä­ßi­ge For­men fin­den. Bei äl­te­ren An­la­gen wird das vor al­lem durch das Vor­le­gen von Zwin­gern be­zie­hungs­wei­se Vor­bur­gen er­reicht, wo­bei Zwin­ger in der Re­gi­on schon im 14. Jahr­hun­dert kei­ne Aus­nah­me mehr sind (Wied, Go­des­burg, Lands­kron). Auch im Mit­tel­rhein­tal be­sa­ßen fast al­le Bur­gen ei­nen Berg­fried – im 12. Jahr­hun­dert vier­eckig, im 13. über­wie­gend rund. Der fünf­ecki­ge, heu­te voll­stän­dig ver­schwun­de­ne Turm des Eh­ren­breit­stein aus den 1150er Jah­ren war viel­leicht der frü­hes­te Turm mit fünf­ecki­gem Grund­riss auf deut­schem Bo­den. Aus die­sem Sche­ma fällt die un­ge­wöhn­li­che Burg Wied (heu­te Alt­wied) her­aus, de­ren Grün­dungs­bau des 12. Jahr­hun­derts wohl ein längs­recht­ecki­ger Wohn­bau/Wohn­turm war, der spä­ter auf­wän­dig um­ge­stal­tet wur­de. Ähn­li­ches gilt für Grün­dun­gen des 14. Jahr­hun­derts wie Rei­chen­berg und Fautsberg, die eben­falls oh­ne Berg­fried aus­kom­men. Wohn­tür­me sind im be­tref­fen­den Raum im Hoch­mit­tel­al­ter grund­sätz­lich die Aus­nah­me und kom­men erst wie­der im Spät­mit­tel­al­ter in Mo­de (Wer­ner­s­eck, Obe­re Burg Rhein­breit­bach). Ei­nen ge­son­der­ten Hin­weis ver­die­nen die Res­te der Burg­ka­pel­len auf Sayn, Lands­kron, Stahl­berg (jüngst er­gra­ben) und Rheineck. Letz­te­re ist zwar ein Neu­bau des 19. Jahr­hun­derts, hält sich je­doch deut­lich an das zu­vor ab­ge­ris­se­ne Ori­gi­nal. Die Bu­ckel­qua­der am ver­läss­lich da­tier­ten Turm des Dra­chen­fels (kurz vor 1149) zäh­len zu den frü­hes­ten am Mit­tel­rhein und in Deutsch­land.

2. Burgenbau am Mittelrhein im 11. Jahrhundert

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Burgen am Mittelrhein, 11. Jahrhundert. (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte)

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Burg Hammerstein, Kupferstich von Matthäus Merian dem Älteren (1593-1650) nach einer unbekannten Vorlage, vor 1646.

Im 11. Jahr­hun­dert lässt sich am ge­sam­ten Mit­tel­rhein mit dem Ham­mer­stein le­dig­lich ei­ne Wehr­an­la­ge ge­si­chert nach­wei­sen, die da­mit als äl­tes­te Burg in die­ser Re­gi­on zu gel­ten hat.

Burg Ham­mer­stein wur­de be­reits 1020 im be­kann­ten „Ham­mer­stei­ner Ehe­streit“ von Kai­ser Hein­rich II. (Re­gie­rungs­zeit 1002-1024) be­la­gert und nach drei Mo­na­ten er­obert. Nach Er­lö­schen des gleich­na­mi­gen Gra­fen­ge­schlechts 1034/1036 als Reichs­gut ein­ge­zo­gen und so­mit Reichs­burg, ließ Kö­nig Hein­rich IV. (Re­gie­rungs­zeit 1056-1106) 1071 die An­la­ge „mit höchs­tem Auf­wan­d“ wie­der­auf­bau­en. Spä­tes­tens seit 1074 exis­tier­te bei Ham­mer­stein ei­ne Zoll­stät­te, seit 1215 ei­ne Münz­stät­te. 1105 hielt sich Kai­ser Hein­rich IV. für kur­ze Zeit auf dem Ham­mer­stein auf, dem im 12. Jahr­hun­dert als La­ger­ort der Reichs­in­si­gni­en und Haft­stät­te hoch­ran­gi­ger Ge­fan­ge­ner reichs­wei­te Be­deu­tung zu­kam. Das den reichs­mi­nis­te­ria­li­schen Burg­man­nen seit dem Be­ginn des 13. Jahr­hun­derts vor­ge­setz­te Burg­gra­fen­ge­schlecht be­stand bis zum 15. Jahr­hun­dert und ge­lang­te über die Erb­lich­keit des Amts rasch zu ei­ner be­grenz­ten Selbst­stän­dig­keit. 1255 weil­te mit Kö­nig Wil­helm (von Hol­land) (Re­gie­rungs­zeit 1247-1256) letzt­mals ein rö­misch-deut­scher Kö­nig auf der An­la­ge. Mit der Über­tra­gung der Burg durch Kai­ser Karl IV. (Re­gie­rungs­zeit 1346-1378) auf das Erz­stift Trier 1374 war ih­re Zeit als Reichs­burg fak­tisch be­en­det. 1576 letzt­mals aus­ge­bes­sert, be­setz­ten 1633 schwe­di­sche und 1646 loth­rin­gi­sche Trup­pen den Ham­mer­stein, der 1654 nach dem Rück­fall an das Erz­stift Trier auf Be­fehl des Erz­bi­schofs um­ge­hend ge­schleift wur­de, um wei­te­ren Fremd­be­sat­zun­gen vor­zu­beu­gen.

Die heu­te kaum auf­fal­len­de Rui­ne liegt über nie­ren­ähn­li­chem Grund­riss mit ei­ner Län­ge von et­wa 120 Me­tern und ei­ner Brei­te von 35 Me­tern auf ei­nem schroff zum Rhein und zur an­de­ren Sei­te hin sanft ab­fal­len­den Berg­rü­cken. Be­deu­tends­ter Bau­rest der Burg ist der nord­öst­li­che Ring­mau­er­be­reich (fälsch­lich „Bar­ba­ros­sa­mau­er“ ge­nannt) mit bis zu 4,2 Me­tern Mau­er­stär­ke und zwei in­nen­lie­gen­den Gän­gen, de­ren Bu­ckel­qua­der zu den äl­tes­ten be­kann­ten im deut­schen Sprach­raum ge­hö­ren.

3. Burgenbau am Mittelrhein im 12. Jahrhundert

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Burgen am Mittelrhein, 12. Jahrhundert. (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte)

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Burg Drachenfels (im Vordergrund) und Wolkenburg (im Hintergrund), Kupferstich von [Johann Ph.] W[aldmann] nach unbekannter Vorlage, vor 1630.

Das 12. Jahr­hun­dert lässt be­reits ei­ne ver­mehr­te Bur­gen­bau­tä­tig­keit er­ken­nen. Mit Aus­nah­me des Erz­stifts Mainz tra­ten mit den Erz­stif­ten Trier und Köln so­wie den Pfalz­gra­fen bei Rhein erst­mals je­ne geist­li­chen und welt­li­chen Fürs­ten als Bur­gen­grün­der und -ei­gen­tü­mer ne­ben dem rö­misch-deut­schen Kö­nig­tum in Er­schei­nung, die ent­schei­den­den An­teil an der ter­ri­to­ria­len Auf­glie­de­rung des Mit­tel­rheins ha­ben soll­ten.

Da­bei dräng­ten die Köl­ner Erz­bi­schö­fe als Bau­her­ren in den Vor­der­grund: Ne­ben den köl­ni­schen Grün­dun­gen Dra­chen­fels (vor 1149) und Wol­ken­burg (zwi­schen 1099 und 1118) so­wie – nicht ganz ge­si­chert – Ro­lands­eck (wohl zwi­schen 1099 und 1131) im Nor­den dürf­ten auch die über und na­he Ba­cha­rach ge­le­ge­nen An­la­gen Stah­leck (vor 1135) und Stahl­berg (um 1156/1164) auf ihr Be­trei­ben ent­stan­den sein. Zu­dem ge­lang es nach Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Pfalz­graf Kon­rad (von Stau­fen) (1156-1195), das vor 1129 als pfalz­gräf­li­che Grün­dung ent­stan­de­ne Rheineck zu er­obern.

Un­ter den köl­ni­schen An­la­gen ver­dient Burg Dra­chen­fels die grö­ß­te Auf­merk­sam­keit. Vor 1149 un­ter Erz­bi­schof Ar­nold I. von Köln be­gon­nen, voll­ende­te der Propst des Bon­ner Cas­si­us­stifts, Ger­hard von Are (Propst 1124-1169), den Burg­bau. Im 13. Jahr­hun­dert wur­de die Burg von ur­sprüng­lich mi­nis­te­ria­li­schen köl­ni­schen Burg­gra­fen ver­wal­tet, de­nen durch die be­nach­bar­ten Stein­brü­che ei­ne be­acht­li­che Herr­schafts­bil­dung ge­lang. Ein­drucks­voll ver­an­schau­li­chen die von 1395-1398 über­lie­fer­ten Rech­nun­gen der Burg­gra­fen die Haus­halts­füh­rung auf ei­ner spät­mit­tel­al­ter­li­chen Burg. Nach Er­lö­schen des Ge­schlechts 1530 wur­de die An­la­ge 1632 von schwe­di­schen Sol­da­ten be­setzt und war schon zwei Jah­re spä­ter Rui­ne. Von fort­dau­ern­der Stein­bruch­tä­tig­keit im Bau­be­stand de­zi­miert, kam die Rui­ne 1836 an den preu­ßi­schen Fis­kus. Mehr­fach ge­si­chert und sa­niert, zeigt die aus äl­te­rer Ober­burg und erst­mals 1345 ge­nann­ter Nie­der­burg be­ste­hen­de An­la­ge be­deu­ten­de Bau­tei­le, dar­un­ter den 1149 er­wähn­ten Berg­fried mit den frü­hes­ten si­cher da­tier­ten Trachyt­bu­ckel­qua­dern im deut­schen Sprach­raum.

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Burg/Festung Ehrenbreitstein, Aquarellierte Federzeichnung von Wenzel Hollar (1607-1677), 1636.

Im Ge­gen­satz zum Dra­chen­fels ha­ben sich von der zwi­schen 1099 und 1118 ge­grün­de­ten Wol­ken­burg und dem heu­te als Ro­lands­bo­gen be­kann­ten Ro­lands­eck nur noch mar­gi­na­le Bau­res­te er­hal­ten. Ähn­li­ches gilt auch für die ge­mäß Bau­be­fund nach 1167 er­rich­te­te Was­ser­burg in An­der­nach, die un­ge­ach­tet ih­rer als Rui­ne äu­ßerst be­ein­dru­cken­den Bau­ge­stalt nur mehr ge­rin­ge Mau­er­sub­stanz des 12. Jahr­hun­derts auf­weist. Burg Stah­leck (ge­grün­det vor 1135) gibt nach ei­nem fast voll­stän­di­gen Wie­der­auf­bau le­dig­lich den aus Ab­bil­dun­gen des 17. Jahr­hun­derts über­lie­fer­ten Bau­zu­stand wie­der. Da­ge­gen konn­te die land­ein­wärts ge­le­ge­ne Nach­bar­burg Stahl­berg mit noch be­deu­ten­den Rui­nen von zwei Tür­men, der Tor­an­la­ge und der kürz­lich er­gra­be­nen Ka­pel­le nach Er­geb­nis­sen von den­d­ro­chro­no­lo­gi­schen Un­ter­su­chun­gen im­mer­hin auf den Zeit­raum um 1156/1164 rück­da­tiert wer­den. Be­ach­tung ver­dient eben­falls der im­po­san­te, teil­wei­se aus gro­ßen Bu­ckel­qua­dern er­rich­te­te Berg­fried von Burg Rheineck, der im Ge­gen­satz zum Rest der von 1832-1836 er­rich­te­ten Ge­bäu­de noch dem köl­ni­schen Wie­der­auf­bau der Zeit nach 1164 an­ge­hört.

Zwi­schen den köl­ni­schen Be­sit­zun­gen im Nor­den und Sü­den ver­such­te das Erz­stift Trier zu ex­pan­die­ren. Im Mit­tel­punkt stand da­bei die vor 1137 und je­den­falls un­ter Erz­bi­schof Hil­lin er­rich­te­te Burg Eh­ren­breit­stein. Heu­te voll­stän­dig von der 1816-1832 er­rich­te­ten preu­ßi­schen Fes­tung über­la­gert, ha­ben sich kei­ner­lei ober­ir­di­sche Res­te der mit­tel­al­ter­li­chen An­la­ge er­hal­ten, die im 12. Jahr­hun­dert ei­nen mäch­ti­gen, wohl fünf­ecki­gen Berg­fried, ei­nen – bei Um­bau­ten vor kur­zem an­ge­schnit­te­nen – Gra­ben und ei­ne Zis­ter­ne be­saß. In un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft be­fand sich zu­dem die von dem gleich­na­mi­gen trie­ri­schen Mi­nis­te­rialen­ge­schlecht be­wohn­te und vor 1161 an­zu­neh­men­de Burg Hel­fen­stein, von der eben­falls nichts mehr zu se­hen ist. Von grö­ße­rer Be­deu­tung für die Ex­pan­si­ons­be­stre­bun­gen der Trie­rer Erz­bi­schö­fe war die Lehns­bin­dung der Gra­fen von Sayn de­ren ers­te gleich­na­mi­ge Burg 1152 von Erz­bi­schof Ar­nold II. von Köln zer­stört wor­den war. Der Nach­fol­ge­bau an der Stel­le der heu­ti­gen Burg Sayn ent­stand erst zu Be­ginn des 13. Jahr­hun­derts und war wohl von An­fang an trie­ri­sches Le­hen.

Ge­gen­über den bei­den Erz­stif­ten Köln und Trier las­sen sich im 12. Jahr­hun­dert ne­ben dem Ham­mer­stein le­dig­lich zwei wei­te­re Bur­gen nach­wei­sen, die dem rö­misch-deut­schen Kö­nig­tum di­rekt un­ter­stan­den: Burg Ster­ren­berg dürf­te ori­gi­när ei­ne Reichs­burg ge­we­sen sein, die sich nach Aus­sa­ge des Lehns­buchs des pfäl­zi­schen Reichs­mi­nis­te­ria­len Wer­ners II. von Bo­lan­den (vor 1134 - um 1190) von 1189/1193 als Reichs­le­hen in des­sen Hän­den be­fand. Von den heu­te vor­han­de­nen um­fang­rei­chen Bau­res­ten mit (mo­dern er­höh­tem) qua­dra­ti­schem Berg­fried und zwei Schild­mau­ern kann al­ler­dings nichts mit Si­cher­heit in das 12. Jahr­hun­dert da­tiert wer­den. Die ur­sprüng­lich als Le­hen des Erz­bis­tums Mag­de­burg nach­weis­ba­re Schön­burg über dem heu­ti­gen Ober­we­sel war spä­tes­tens 1166 Reichs­burg und wur­de von Reichs­mi­nis­te­ria­len ver­wal­tet. Im 14. Jahr­hun­dert dürf­te die An­la­ge von den ver­schie­de­nen Fa­mi­li­en­zwei­gen der Schön­bur­ger er­wei­tert und zu ei­ner Gan­er­ben­burg ge­wor­den sein. Wie den­d­ro­chro­no­lo­gi­sche Un­ter­su­chun­gen er­ge­ben ha­ben, stammt we­nigs­tens noch der Tor­turm der Kern­an­la­ge aus der Zeit zwi­schen 1141 und 1161.

Ne­ben den Reichs­bur­gen und An­la­gen der Erz­stif­te Köln und Trier exis­tier­ten im 12. Jahr­hun­dert le­dig­lich Rheineck, Wied, Sayn und Schön­burg als Grün­dun­gen an­de­rer Pro­ve­ni­enz. Da­von ge­lang es le­dig­lich den Gra­fen von Wied im Fall von Wied (heu­te Alt­wied), ih­re Ei­gen­grün­dung über die Jahr­hun­der­te hin­weg bis heu­te in Fa­mi­li­en­be­sitz zu hal­ten. Je­den­falls die Kern­burg mit ih­rem mo­nu­men­ta­len Wohn­turm geht in Tei­len bis in das 12. Jahr­hun­dert zu­rück.

4. Burgenbau am Mittelrhein im 13. Jahrhundert

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Burgen am Mittelrhein, 13. Jahrhundert. (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte)

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Burg Ehrenfels, Kupferstich nach einer unbekannten Vorlage, vor 1629.

Nach heu­ti­gem For­schungs­stand lässt sich fest­stel­len, dass der Hö­he­punkt der Bur­gen­bau­tä­tig­keit am Mit­tel­rhein zwei­fel­los im 13. und ab­ge­schwächt auch noch im 14. Jahr­hun­dert an­zu­set­zen ist. Be­dingt durch die ins­be­son­de­re zu Zei­ten des In­ter­regn­ums un­si­che­ren po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se kam es zu zahl­rei­chen Neu­bau­ten, die gleich­sam die di­ver­si­fi­zier­ten Zu­stän­de des 14. und 15. Jahr­hun­derts be­grün­den soll­ten. Be­son­ders ins Au­ge fal­len im Sü­den die mas­si­ven Am­bi­tio­nen des nun erst­mals auch hier mit Bur­gen ope­rie­ren­den Erz­stifts Mainz und der rhei­ni­schen Pfalz­gra­fen, die aber zu die­ser Zeit le­dig­lich be­ste­hen­de An­la­gen über­nah­men. 

Die Erz­bi­schö­fe von Mainz grif­fen da­bei seit Be­ginn des 13. Jahr­hun­derts vom Süd­ende des Mit­tel­rheins nach Nor­den aus. Aus­gangs­punkt wa­ren da­bei Bin­gen mit der nicht vor 1276/1282 nach­weis­ba­ren Burg Klopp und die auf der an­de­ren Rhein­sei­te auf na­he­zu glei­cher Hö­he ge­le­ge­ne Burg Eh­ren­fels (er­rich­tet zwi­schen 1208 und 1220). Hin­zu ka­men nach 1270 die von der Ab­tei Kor­ne­li­müns­ter ge­grün­de­ten An­la­gen Rei­chen­stein (vor 1213) und So­oneck (vor 1271), die sich als ab­tei­li­che be­zie­hungs­wei­se main­zi­sche Le­hen in der Hand des pfäl­zi­schen Reichs­mi­nis­te­ria­len Phil­ipps I. von (Bo­lan­den-)Ho­hen­fels (cir­ca 1225/1227-1277) be­fan­den. Gleich­sam wie ei­ne Ex­kla­ve zwi­schen Reichs­gut und trie­ri­schen Be­sit­zun­gen ge­le­gen, wur­de das main­zi­sche Ober­lahn­stein mit dem 1220 von Kö­nig Fried­rich II. (Re­gie­rungs­zeit 1211-1250) über­tra­ge­nen Sil­ber­berg­werk Tief­en­tal durch die bei­den An­la­gen Lahneck (um 1231/1244 er­rich­tet) und Lahn­stein (heu­te Mar­tins­burg, nach 1298) ge­si­chert.

Von die­sen Wehr­an­la­gen be­ein­druckt noch heu­te die Rui­ne der auf hal­ber Berg­hö­he ge­le­ge­nen Burg Eh­ren­fels, die im Na­men Erz­bi­schof Sieg­frieds II. von Mainz (Epis­ko­pat 1200-1230) durch den dem schon ge­nann­ten Ge­schlecht der pfäl­zi­schen Reichs­mi­nis­te­ria­len von Bo­lan­den ent­stam­men­den Phil­ipp III. (1199-1220) zwi­schen 1208 und 1220 er­rich­tet wor­den ist. Seit spä­tes­tens 1308 Zoll­stel­le für die Rhein­schiff­fahrt, be­zeu­gen zahl­rei­che Auf­ent­hal­te der Main­zer Erz­bi­schö­fe im 14. Jahr­hun­dert die Be­deu­tung von Eh­ren­fels, das um 1350 aus­ge­baut wur­de. Die im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg mehr­fach und auch er­folg­reich be­la­ger­te An­la­ge be­fand sich in der Mit­te des 17. Jahr­hun­derts im Ge­gen­satz zu den dar­un­ter lie­gen­den um­fang­rei­chen Zoll­ge­bäu­den am Rhein­ufer noch in fast un­ver­sehr­tem Zu­stand. 1689 von fran­zö­si­schen Trup­pen zer­stört, wur­den die Rui­nen nicht mehr auf­ge­baut und ver­fie­len. Noch heu­te sind in der ge­gen den Berg­hang ge­rich­te­ten, in zwei tur­mar­ti­gen En­den aus­lau­fen­den Schild­mau­er hoch­mit­tel­al­ter­li­che Bau­tei­le er­kenn­bar.

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Burg Lahneck, Gesamtansicht von Nordosten, 2011, Foto: Alexander Thon.

Da­ge­gen zei­gen die be­nach­bar­ten Bur­gen Rei­chen­stein, So­oneck und Klopp nach durch­grei­fen­den Wie­der­auf­bau­maß­nah­men des 19. Jahr­hun­derts nur noch we­nig mit­tel­al­ter­li­che Mau­er­sub­stanz und spie­geln le­dig­lich die ur­sprüng­li­chen Grund­riss­plä­ne wi­der. Dies gilt auch für die nörd­li­cher ge­le­ge­nen Lahneck und Lahn­stein: Wäh­rend Lahneck mit sei­nem be­mer­kens­wer­ten fünf­ecki­gen Berg­fried nach Zer­stö­rung durch schwe­di­sche Trup­pen 1636 nach 1852 eben­falls, wenn auch ver­gleichs­wei­se scho­nend, wie­der­er­rich­tet wur­de, fin­den sich auf der heu­te Mar­tins­burg ge­nann­ten Burg Lahn­stein ne­ben dem aus dem 14. Jahr­hun­dert stam­men­den prä­gen­den sechs­ecki­gen Haupt­turm mit vier Ge­schos­sen vor­dring­lich jün­ge­re schloss­ähn­li­che Ge­bäu­de.

Ein ge­spal­te­nes Bild hin­ter­las­sen die Be­mü­hun­gen der Köl­ner Erz­bi­schö­fe um die Si­che­rung ih­rer Be­sit­zun­gen im 13. Jahr­hun­dert. Am obe­ren Mit­tel­rhein schlu­gen die Ver­su­che ei­ner Kon­so­li­die­rung fehl, ob­wohl noch 1219 Burg Fürs­ten­berg als völ­li­ger Neu­bau er­rich­tet wor­den war. Ein 1243 zwi­schen dem Köl­ner Erz­bi­schof Kon­rad von Hoch­sta­den und Pfalz­graf Ot­to II. (1228-1253) ge­schlos­se­ner Ver­gleich be­stimm­te, dass ne­ben Stah­leck nun auch Fürs­ten­berg und Stahl­berg als köl­ni­sche Le­hen an die Pfalz­gra­fen aus­ge­ge­ben wur­den – ei­ne Lehns­ver­ga­be, die sehr schnell da­für sorg­te, dass al­le drei An­la­gen der köl­ni­schen Kir­che völ­lig ent­frem­det wur­den. An­ders stell­te sich die Si­tua­ti­on am un­te­ren Mit­tel­rhein dar, wo sämt­li­che be­ste­hen­den Bur­gen ge­hal­ten wer­den konn­ten und mit der Neu­grün­dung Go­des­burg (zwi­schen 1208 und 1212) so­wie der Ein­glie­de­rung des ur­sprüng­lich sayn­schen Ren­nen­berg (1250) noch zwei wei­te­re An­la­gen hin­zu­ka­men.

Von die­sen ge­nann­ten Wehr­bau­ten er­lau­ben Fürs­ten­berg und in Tei­len auch die Go­des­burg noch be­mer­kens­wer­te Rück­schlüs­se auf ih­re ur­sprüng­li­che Ge­stalt. Die Rui­ne von Fürs­ten­berg zeigt mit ih­rem 25 Me­ter ho­hen run­den Berg­fried hin­ter Hals­gra­ben und Schild­mau­er und deut­li­chen Spu­ren des ori­gi­na­len Put­zes noch zu gro­ßen Tei­len mit­tel­al­ter­li­ches Mau­er­werk. Auf der Go­des­burg geht der eben­falls run­de Berg­fried mit Aus­nah­me des letz­ten, im 14. Jahr­hun­dert auf­ge­sat­tel­ten Ge­schos­ses auf den 1249 be­zeug­ten Turm­bau zu­rück.

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Marksburg, Gesamtansicht von Nordwesten, 2011, Foto: Alexander Thon.

Den Am­bi­tio­nen der Erz­stif­te Mainz und Köln hat­ten die Erz­bi­schö­fe von Trier we­ni­ge er­folg­rei­che Be­mü­hun­gen ent­ge­gen­zu­set­zen. Zwar ver­blie­ben mit dem Eh­ren­breit­stein und dem Hel­fen­stein so­wie dem an die gleich­na­mi­gen Gra­fen ver­lehn­ten Sayn al­le bis­her schon vor­han­de­nen Bur­gen wei­ter­hin in trie­ri­schem Be­sitz, doch ka­men mit der nach 1277 in Ko­blenz er­rich­te­ten Burg (heu­te Al­te Burg) und dem un­weit ent­fern­ten Stol­zen­fels (zwi­schen 1242 und 1248/1259) nur zwei wei­te­re Be­fes­ti­gungs­an­la­gen hin­zu.

So­wohl Stol­zen­fels als auch Ko­blenz ge­stat­ten in ih­rem ge­gen­wär­ti­gen Zu­stand kei­nen di­rek­ten Ein­blick in die Bau­sub­stanz des 13. Jahr­hun­derts. Das nach sei­nem Wie­der­auf­bau von 1835-1842/1845 rich­tig als Schloss be­ti­tel­te Stol­zen­fels prä­sen­tiert sich im­mer­hin als ein Wohn­bau, des­sen fünf­ecki­ger Berg­fried und den Schloss­hof um­la­gern­de Wohn­ge­bäu­de hin­ter dem Hals­gra­ben dem al­ten Burg­plan fol­gen. Von Ko­blenz (heu­te Al­te Burg Ko­blenz) hat sich das ei­gent­li­che Burg­haus mit zwei zur Mo­sel ge­wand­ten Rund­tür­men und ei­nem Trep­pen­turm (16. Jahr­hun­dert) er­hal­ten, des­sen run­der Ost­turm mit acht­ecki­gem Ka­pel­len­auf­satz eben­so aus der ers­ten Hälf­te des 15. Jahr­hun­derts stammt wie der ur­sprüng­lich frei ste­hen­de West­turm.

Auch das rö­misch-deut­sche Kö­nig­tum konn­te sich im 13. Jahr­hun­dert mit der Zahl sei­ner Wehr­an­la­gen am Mit­tel­rhein kaum mehr als be­haup­ten. Wäh­rend Ham­mer­stein, Ster­ren­berg und Schön­burg wei­ter­hin dem Reichs­gut ver­blie­ben, ging Kaub 1277 in pfalz­gräf­li­ches Ei­gen­tum über. Ge­gen die Erz­bi­schö­fe von Köln ließ Kö­nig Phil­ipp (von Schwa­ben) (Re­gie­rungs­zeit 1198-1208) 1206 am En­de des Ahr­tals Burg Lands­kron er­rich­ten und von den Reichs­mi­nis­te­ria­len von Sin­zig be­treu­en, die bald als Burg­gra­fen am­tier­ten. Grö­ße­re Be­deu­tung kam auch der je­den­falls noch vor 1257 er­bau­ten Burg in Bop­pard zu, die sich in den Wir­ren des In­ter­regn­ums als Rück­halt des Kö­nig­tums be­wäh­ren soll­te.

Von bei­den An­la­gen sind aus un­ter­schied­li­chen Grün­den nur ge­rin­ge Res­te der Ge­bäu­de des 13. Jahr­hun­derts er­hal­ten. Das im­po­san­te, 100 Me­ter lan­ge und 40 Me­ter brei­te Lands­kron glie­dert sich in Ober- und Nie­der­burg, weist je­doch nach gründ­li­cher Zer­stö­rung 1682 kaum noch auf­ge­hen­des Mau­er­werk auf. Mög­li­cher­wei­se han­delt es sich bei dem knapp un­ter­halb der Burg ge­le­ge­nen klei­nen Kir­chen­ge­bäu­de noch um die 1212 von Kai­ser Ot­to IV. (Re­gie­rungs­zeit 1198-1218) ge­stif­te­te Burg­ka­pel­le. Aus den Ge­bäu­den der mit Was­ser­grä­ben ge­gen Stadt und Um­land ge­si­cher­ten An­la­ge von Bop­pard ragt der den­d­ro­chro­no­lo­gisch auf 1265 da­tier­te Haupt­turm her­vor, in des­sen vier­tem Ge­schoss in neue­rer Zeit ei­ne Ka­pel­le mit Al­tar­ni­sche und sehr be­mer­kens­wer­ten Wand­fres­ken aus der zwei­ten Hälf­te des 14. Jahr­hun­derts frei­ge­legt wer­den konn­ten.

Aus den Rei­hen der Gra­fen und Edel­frei­en un­ter­nah­men im 13. Jahr­hun­dert meh­re­re Ge­schlech­ter Ver­su­che, ih­re Be­sit­zun­gen durch den Bau von Bur­gen zu si­chern und zu er­wei­tern. Da­zu ge­hö­ren die Gra­fen von Sayn (Lö­wen­burg, er­rich­tet vor 1247), die Her­ren von Breit­bach (Un­te­re Burg Rhein­breit­bach, er­rich­tet wohl noch im 13. Jahr­hun­dert), die Her­ren von Ren­nen­berg (Ren­nen­berg, er­rich­tet vor 1217), die Her­ren von Isen­burg (Aren­fels, er­rich­tet kurz vor 1259), die Her­ren von Eppstein (Brau­bach, heu­te Marksburg, vor 1231/1239), die Gra­fen von Spon­heim (Lie­ben­stein, er­rich­tet vor 1294) und die Her­ren von Wal­deck (Wal­deck, vor 1206). Grö­ße­re Be­deu­tung für die Fol­ge­zeit soll­ten aber al­lein die Be­mü­hun­gen der rhei­ni­schen Pfalz­gra­fen und der Gra­fen von Kat­zeneln­bo­gen ha­ben. Wäh­rend die Pfalz­gra­fen ih­re Bur­gen Stah­leck, Stahl­berg und Fürs­ten­berg 1243 von den Erz­bi­schö­fen von Köln lehns­wei­se über­nah­men und Kaub 1277 käuf­lich er­war­ben, ge­lang den Gra­fen von Kat­zeneln­bo­gen ne­ben dem Zu­ge­winn von Brau­bach 1245/1246 mit Rhein­fels im­mer­hin die Grün­dung ei­ner völ­lig neu­en Wehr­an­la­ge.

Eben die­se bei­den letzt­ge­nann­ten kat­zeneln­bo­gi­schen An­la­gen be­ein­dru­cken auf ganz un­ter­schied­li­che Wei­se. Rhein­fels lässt in den gro­ßräu­mi­gen Rui­nen­fel­dern sei­nes 1796/1797 ge­spreng­ten Fes­tungs­kom­ple­xes im­mer­hin noch deut­lich das Ter­rain der ur­sprüng­li­chen mit­tel­al­ter­li­chen Kern­burg er­ken­nen. Brau­bach (heu­te Marksburg), in­zwi­schen ge­ra­de­zu das Ide­al­bild ei­ner Rit­ter­burg am Rhein, be­wahrt im un­te­ren Teil des Berg­frieds und im ro­ma­ni­schen Pa­las der Kern­burg Bau­be­stand der Zeit um 1239. 

5. Burgenbau am Mittelrhein im 14. Jahrhundert

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Burgen am Mittelrhein, 14. Jahrhundert. (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte)

Die ver­stärk­te Bur­gen­bau­tä­tig­keit des 13. Jahr­hun­derts fand in den nach­fol­gen­den 100 Jah­ren ei­ne fast eben­so star­ke Fort­set­zung. Gro­ße Ver­än­de­run­gen blie­ben al­ler­dings aus, viel­mehr zei­gen so­wohl welt­li­che als auch geist­li­che Fürs­ten das Be­stre­ben, die er­wor­be­nen ter­ri­to­ria­len Po­si­tio­nen durch ei­ne Mehr­zahl von Wehr­an­la­gen zu ver­stär­ken und nach Mög­lich­keit aus­zu­bau­en. Zwei­fel­los am er­folg­reichs­ten wa­ren die Erz­bi­schö­fe von Trier, wäh­rend die rö­misch-deut­schen Kö­ni­ge ins­be­son­de­re am obe­ren Mit­tel­rhein die letz­ten Reichs­bur­gen ein­bü­ß­ten.

Die Zu­ge­win­ne des Trie­rer Erz­stifts, das kei­ne ein­zi­ge Burg ver­lor, re­sul­tier­ten da­bei zu­nächst auf ei­ner be­acht­li­chen Zahl an An­la­gen, die durch Lehn­s­auf­tra­gung oder auf an­de­ren, zu­meist fried­li­chen We­gen er­wor­ben wer­den konn­ten (Spor­ken­burg 1310, Bop­pard 1312, Broh­leck 1325, ei­ne Hälf­te von Ster­ren­berg 1316/20, Aren­fels 1371, Ham­mer­stein und Schön­burg 1374). Hin­zu ka­men mit der Deu­ern­burg (er­rich­tet 1356) und Ku­nostein (er­rich­tet vor 1371) zwei völ­li­ge Neu­bau­ten, so dass sich der all­mäh­lich zu ei­nem Ter­ri­to­ri­um aus­for­men­de trie­ri­sche Ein­fluss­be­reich am Mit­tel­rhein nun von Aren­fels über Hön­nin­gen bis zur Schön­burg über (Ober-)We­sel er­streck­te.

Un­ter den ge­nann­ten An­la­gen muss die Deu­ern­burg als ori­gi­när trie­ri­sches Bau­pro­jekt her­vor­ge­ho­ben wer­den. Im Som­mer 1356 un­ter Erz­bi­schof Bo­e­mund II. be­gon­nen und zu­nächst als „Pe­ter­s­eck“ be­zeich­net, rich­te­te sie sich ge­gen die be­nach­bar­ten kat­zeneln­bo­gi­schen An­la­gen Neu­kat­zeneln­bo­gen und Rhein­fels, was ihr spä­ter den Spitz­na­men „Maus“ ein­brach­te. Pri­mär als Wohn­sitz ge­nutzt, wur­de die klei­ne An­la­ge nie zer­stört, ver­fiel je­doch schon seit dem 16. Jahr­hun­dert. Mit Aus­nah­me der berg­sei­tig auf­ge­führ­ten, je­doch we­nig ein­drucks­vol­len Schild­mau­er und des run­den, dar­in ein­ge­stell­ten Turms fin­den sich kaum Bau­ele­men­te, die auf ei­ne wehr­tech­ni­sche Nut­zung schlie­ßen las­sen. Von der zwei­ten, kurz vor 1371 in En­gers (heu­te Neu­wied-En­gers) un­ter Erz­bi­schof Ku­no II. be­gon­ne­nen und ge­gen die Gra­fen von Wied ge­rich­te­ten An­la­ge Ku­nostein (heu­te En­gers), die ei­nen mäch­ti­gen run­den Berg­fried auf­wies, ha­ben sich nach dem 1759-1762 dar­über auf­ge­führ­ten Schloss­bau von En­gers kei­ner­lei Spu­ren er­hal­ten. Er­wäh­nung ver­dient au­ßer­dem noch das aus­ge­fal­le­ne Bau­en­sem­ble der kurz vor 1310 er­rich­te­ten Spor­ken­burg, das mög­li­cher­wei­se schon un­ter Mit­wir­kung Erz­bi­schof Bal­du­ins ent­stan­den ist.

Wie sich be­reits im 13. Jahr­hun­dert an­ge­kün­digt hat­te, kon­zen­trier­ten sich die Bur­gen und Be­sit­zun­gen des Erz­stifts Köln im 14. Jahr­hun­dert auf das Ge­biet zwi­schen Bonn und An­der­nach, oh­ne dass Ver­lus­te zu ver­zeich­nen ge­we­sen wä­ren. Mit der Über­nah­me der je­weils wohl nur kurz zu­vor er­rich­te­ten An­la­gen Dat­ten­berg durch Kauf (zwi­schen 1306 und 1331) und zur Ley­en (heu­te Ocken­fels) durch Lehn­s­auf­tra­gung (1341) so­wie die Neu­grün­dun­gen Ah­ren­thal (Kern­burg, vor 1331), Schwep­pen­burg (vor 1364) und der Stadt­burg in Linz (1365) konn­ten im an­ge­spro­che­nen Ge­biet die köl­ni­schen Am­bi­tio­nen ins­be­son­de­re ge­gen die trie­ri­schen Ex­pan­si­ons­be­stre­bun­gen un­ter­mau­ert wer­den.

Die klei­ne An­la­ge der Schwep­pen­burg be­sitzt eben­so wie das 1722/1890 zum Schloss um­ge­bau­te Ah­ren­thal (zu­nächst Bo­ven­berg/Bo­ven­dorf ge­nannt) heu­te nur noch sehr ge­rin­ge spät­mit­tel­al­ter­li­che Bau­res­te. Da­ge­gen stam­men der fünf­ge­schos­si­ge, von ei­nem Zelt­dach ab­ge­schlos­se­ne Turm und der süd­sei­ti­ge Haupt­ein­gang der Burg Linz noch aus ih­rer Er­bau­ungs­zeit nach 1365. Von den in der Mit­te des 15. Jahr­hun­derts vor der An­la­ge noch vor­han­de­nen Grä­ben, Gär­ten und ei­nem Kel­ter­haus hat sich nichts mehr er­hal­ten.

Ge­ring­fü­gi­ge Ver­bes­se­run­gen zei­gen die Be­mü­hun­gen des Erz­stifts Mainz um Er­werb und Er­rich­tung neu­er Bur­gen. In lang­jäh­ri­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den be­nach­bar­ten Pfalz­gra­fen konn­ten die Erz­bi­schö­fe zwar, nach­dem auch das kurz­zei­tig ver­lo­re­ne Rei­chen­stein 1344 zu­rück­ge­won­nen wor­den war, ih­re Wehr­an­la­gen oh­ne Ein­bu­ßen be­hal­ten, doch glück­te mit Aus­nah­me des nun lehns­ab­hän­gi­gen Wal­deck kein we­sent­li­cher ter­ri­to­ria­ler Zu­er­werb. Die Neu­grün­dun­gen Fautsberg (heu­te Rhein­stein, 1316/1317) und Heim­burg (um 1320), die nach um­fas­sen­den Wie­der­auf­bau­maß­nah­men kaum noch Auf­schluss über ih­ren mit­tel­al­ter­li­chen Bau­zu­stand ge­ben, ge­hö­ren in die­sen Zu­sam­men­hang.

Das rö­misch-deut­sche Kö­nig­tum soll­te im 14. Jahr­hun­dert am obe­ren Mit­tel­rhein sei­ne letz­ten Reichs­bur­gen ver­lie­ren. Bop­pard fiel be­reits 1312 an Erz­bi­schof Bal­du­in von Trier, der 1316/1320 auch ei­ne Hälf­te von Ster­ren­berg als Ei­gen­tum be­saß und die an­de­re Hälf­te als Le­hen er­hielt. Le­dig­lich am un­te­ren Mit­tel­rhein ver­blieb Lands­kron mit sei­ner Burg­gra­fen­fa­mi­lie in un­ge­stör­tem Reichs­be­sitz. Das vor 1331 er­rich­te­te Ah­ren­thal, des­sen Kern­burg köl­ni­sches Ei­gen­tum war, er­hielt nach 1336 mit Er­laub­nis Kai­ser Lud­wigs IV. (des Bay­ern) (Re­gie­rungs­zeit 1314-1347) ei­ne reichs­lehn­ba­re Vor­burg und hat­te da­mit zwei klar von­ein­an­der ge­schie­de­ne Ei­gen­tü­mer. Ei­nen in­ter­es­san­ten und sonst kaum be­kann­ten Son­der­fall stellt Burg Sin­zig dar, die nach 1337 mit Er­laub­nis des­sel­ben Kai­sers von Mark­graf Wil­helm I. von Jü­lich er­rich­tet wor­den ist. Wie spä­te­re Be­leh­nungs­vor­gän­ge ver­deut­li­chen, be­saß das Reich die Lehns­ho­heit und war al­so Ei­gen­tü­mer – Sin­zig ist da­mit die zu­letzt er­rich­te­te Reichs­burg am Mit­tel­rhein. Um­so be­dau­er­li­cher bleibt es, dass von der wohl ur­sprüng­lich als Was­ser­burg an­zu­spre­chen­den An­la­ge nach ei­nem grund­le­gen­den Um­bau zu ei­ner schloss­ar­ti­gen Vil­la (1854-1858) kei­ner­lei mit­tel­al­ter­li­che Res­te über­kom­men sind.

Nicht un­be­deu­ten­de, je­doch ter­ri­to­ri­al kaum ins Ge­wicht fal­len­de Zu­wäch­se ge­lan­gen so­wohl den Pfalz­gra­fen bei Rhein als auch den Gra­fen von Kat­zeneln­bo­gen. Zu den pfalz­gräf­lich ge­blie­be­nen An­la­gen Stah­leck, Stahl­berg, Fürs­ten­berg und Kaub ka­men als Neu­bau­ten der Pfalz­gra­fen­stein (1327), die ge­gen das main­zi­sche Wal­deck ge­rich­te­te Sau­er­burg (1355) und der be­wusst na­he (Ober-)We­sel be­gon­ne­ne, je­doch nicht voll­ende­te Her­zo­gen­stein (1360). Die Gra­fen von Kat­zeneln­bo­gen, wei­ter­hin im Be­sitz von Rhein­fels und Brau­bach, lie­ßen auf der rech­ten Rhein­sei­te ab 1319 das gro­ßar­ti­ge Rei­chen­berg und vor 1371 Neu­kat­zeneln­bo­gen (heu­te Katz) er­rich­ten.

Aus dem Kreis die­ser Neu­bau­ten ist vor al­lem auf den Pfalz­gra­fen­stein und Rei­chen­berg als mar­kan­te Zeu­gen der Bur­gen­bau­kunst des 14. Jahr­hun­derts hin­zu­wei­sen. Pfalz­gra­fen­stein wur­de 1327 von Kö­nig Lud­wig dem Bay­ern auf ei­ner schma­len Rhein­in­sel zur Zol­ler­he­bung als frei ste­hen­der Turm er­rich­tet, je­doch schon we­nig spä­ter mit ei­ner schüt­zen­den Ring­mau­er um­ge­ben. In der Fol­ge­zeit aus­ge­baut und ver­stärkt, wur­de die schlie­ß­lich ei­nem Schiff äh­neln­de An­la­ge nie zer­stört und erst 1803 von ih­rer letz­ten Be­sat­zung ver­las­sen. Bei Burg Rei­chen­berg han­delt es sich trotz we­sent­li­chen Bau­ver­lus­ten um die zwei­fel­los ein­drucks­volls­te Burg­an­la­ge am gan­zen Rhein. Be­gon­nen 1319 mit Er­laub­nis Erz­bi­schof Bal­du­ins von Trier von Graf Wil­helm I. von Kat­zeneln­bo­gen (1276-1331), er­fuh­ren die Pla­nun­gen 1352 ei­ne ent­schei­den­de Än­de­rung, wor­auf­hin die ei­gent­li­che „Vor­bur­g“ aus­ge­baut wur­de; zu ei­ner Voll­endung ist es nicht ge­kom­men. 1647 be­schä­digt und wie­der­her­ge­rich­tet, stürz­ten 1813 der süd­li­che und 1971 der nörd­li­che Schild­mau­er­turm zu­sam­men. Heu­te be­ein­druckt ins­be­son­de­re der drei­ge­schos­si­ge Saal­bau mit sei­nen über­ein­an­der ge­stell­ten Säu­len­kon­struk­tio­nen.

Durch den Ver­kauf von Aren­fels an das Erz­stift Trier 1372 wur­de die oh­ne­hin ver­gleichs­wei­se ge­rin­ge An­zahl von Bur­gen an­de­rer edel­frei­er und gräf­li­cher Fa­mi­li­en noch­mals re­du­ziert. Die Neu­grün­dun­gen Dat­ten­berg (vor 1306/1331, Her­ren von Dat­ten­berg), Spor­ken­burg (vor 1310, Her­ren von Hel­fen­stein), Broh­leck (vor 1325, Burg­gra­fen von Rheineck) und zur Ley­en (heu­te Ocken­fels, vor 1341, Her­ren von der Ley­en) wur­den be­zeich­nen­der­wei­se je­weils be­reits bei ih­ren Erst­erwäh­nun­gen den Erz­bi­schö­fen von Köln be­zie­hungs­wei­se Trier zu Le­hen auf­ge­tra­gen oder wa­ren be­reits Lehns­be­sitz. Von Fremd­zu­grif­fen un­be­las­tet blie­ben da­mit nur die Lö­wen­burg (Gra­fen von Spon­heim), Rhein­breit­bach (Her­ren von Breit­bach), Wied (Gra­fen von Wied) und das ge­mäß Bau­be­fund wohl erst um 1350 von den Gra­fen von Spon­heim neu ge­grün­de­te Os­ter­spai.

6. Burgenbau am Mittelrhein im 15. Jahrhundert

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Burgen am Mittelrhein, 15. Jahrhundert. (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte)

Mit dem 15. Jahr­hun­dert bricht der Bau von Wehr­an­la­gen am Mit­tel­rhein aus ver­schie­de­nen Grün­den ge­ra­de­zu ein. Ins­be­son­de­re die Fort­schrit­te in Bau­kunst und Tech­nik be­ding­ten es, dass bei Not­wen­dig­keit ver­stärkt die be­reits vor­han­de­nen An­la­gen um- und aus­ge­baut wur­den, um den sich rasch fort­ent­wi­ckeln­den Feu­er­waf­fen stand­hal­ten zu kön­nen. An Neu­bau­ten sind le­dig­lich die An­la­gen Wer­ner­s­eck (1401/1402), Fels­eck/Vils­zelt (vor 1438), Obe­re Burg Rhein­breit­bach (um 1450) und Trutz-Bin­gen (1493) nach­zu­wei­sen.

Bei re­la­tiv schlech­tem For­schungs­stand scheint es der­zeit, dass kei­ner­lei Ver­än­de­run­gen in den Be­sitz­stän­den der ein­zel­nen Bur­gei­gen­tü­mer mehr ein­ge­tre­ten sind. Be­zeich­nen­der­wei­se han­del­te es sich bei der grö­ß­ten Ver­än­de­rung um den – letzt­lich von äu­ße­ren Ein­flüs­sen re­la­tiv un­ge­stör­ten – Über­gang der Be­sit­zun­gen und Bur­gen der 1479 aus­ge­stor­be­nen Gra­fen von Kat­zeneln­bo­gen auf die Land­gra­fen von Hes­sen.

Das ein­drucks­volls­te Bei­spiel für den aus­klin­gen­den Bur­gen­bau im 15. Jahr­hun­dert bie­tet das un­weit des Mit­tel­rheins in der Ei­fel ge­le­ge­ne, lei­der zu we­nig be­ach­te­te Wer­ner­s­eck, das zu gro­ßen Tei­len noch die un­ver­fälsch­te Bau­sub­stanz sei­ner Ur­sprungs­ge­bäu­de prä­sen­tiert. Be­gon­nen im letz­ten Vier­tel des Jah­res 1401 un­ter Erz­bi­schof Wer­ner von Trier als völ­li­ger Neu­bau und schlie­ß­lich ge­gen die wohl nicht ganz un­be­rech­tig­ten Ei­gen­tums­an­sprü­che Erz­bi­schof Fried­richs III. von Köln und Graf Ru­prechts/Ro­berts IV. von Vir­ne­burg (1383-1444) durch­ge­setzt, wur­de die Burg nach 1409 Sitz des kur­trie­ri­schen Amts Och­ten­dung (spä­ter Wer­ner­s­eck). 1632/1636 be­reits ver­fal­len, un­ter­blie­ben un­ge­ach­tet da­für vor­ge­se­he­ner Fi­nanz­mit­tel ge­plan­te Wie­der­her­stel­lungs­maß­nah­men. Die ver­gleichs­wei­se gut er­hal­te­nen Ge­bäu­de las­sen den ur­sprüng­li­chen, an­nä­hernd recht­ecki­gen Grund­riss der durch drei Eck­tür­me und Wohn­turm im Zen­trum ge­bil­de­ten Kern­burg deut­lich er­ken­nen, der west­lich ei­ne kaum noch er­kenn­ba­re Vor­burg vor­ge­la­gert war. Der im­po­san­te, 2004-2007 sa­nier­te Bruch­stein­bau des Wohn­turms mit sei­nen drei Ge­schos­sen wird von vier po­ly­go­na­len Eck­tou­rel­len auf ei­ner aus­kra­gen­den Wehr­plat­te be­krönt und be­sitzt auf der Ost­sei­te ei­nen leicht vor­tre­ten­den Ka­pel­len­er­ker mit frag­men­ta­ri­schem Drei­pass­fens­ter.

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Burgruine Wernerseck, Gesamtansicht von Süden, 2010, Foto: Alexander Thon.

Im Ver­gleich zu Wer­ner­s­eck zei­gen die drei in ih­ren Ur­sprün­gen eben­falls dem 15. Jahr­hun­dert zu­zu­wei­sen­den An­la­gen Fels­eck/Vils­zelt, Trutz-Bin­gen und Obe­re Burg Rhein­breit­bach nur noch we­nig Bau­sub­stanz die­ser Zeit. Wäh­rend das mög­li­cher­wei­se äl­te­re, aber erst da­mals si­cher be­leg­te Fels­eck/Vils­zelt 1713-1716 völ­lig um­ge­stal­tet wur­de, ha­ben im Fall der Obe­ren Burg Rhein­breit­bach neue Bau­for­schun­gen er­ge­ben, dass hier ein Wohn­turm aus der Zeit um 1450 mehr­fach und zu­letzt noch zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts aus­ge­baut und mit an­schlie­ßen­den Ge­bäu­den um­ge­ben wor­den ist. Das mehr als Ge­schütz­turm denn als Burg an­zu­spre­chen­de Trutz-Bin­gen (er­rich­tet 1493) zeigt als Rui­ne im­mer­hin noch na­he­zu die Hälf­te des ur­sprüng­li­chen Rund­turms mit lie­gen­den Ge­schütz­schar­ten.

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Obere Burg Rheinbreitbach, Gesamtansicht von Südosten, 2010, Foto: Alexander Thon.

7. Zerstörungen und Nachleben

Als von ih­ren Bau­her­ren zwar nicht nur, aber eben auch für mi­li­tä­ri­sche Zwe­cke an­ge­leg­te Wehr­bau­ten sa­hen sich die Bur­gen am Mit­tel­rhein oft­mals und zahl­rei­chen Er­obe­rungs­ver­su­chen aus­ge­setzt. Die­ser mi­li­tä­ri­sche As­pekt – in­zwi­schen in der For­schung im Ver­gleich zu wirt­schaft­li­chen und/ oder sym­bo­li­schen Be­lan­gen über Ge­bühr mar­gi­na­li­siert – sorg­te da­für, dass es zu zahl­rei­chen, schon seit dem 11. Jahr­hun­dert nach­weis­ba­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen kam, die mit ei­ner Zer­stö­rung en­den konn­ten, aber nicht nö­ti­ger­wei­se muss­ten. Grob zu un­ter­schei­den sind Kon­flik­te zu Zei­ten des Mit­tel­al­ters, in de­nen Bur­gen als zeit­ge­mä­ße Macht­mit­tel ver­wen­det wur­den, von den nach­ma­li­gen neu­zeit­li­chen Zer­stö­rungs­wel­len, in de­nen die ver­al­te­ten, meh­ren­teils nicht mehr den mo­der­nen wehr­tech­ni­schen Er­for­der­nis­sen an­ge­pass­ten An­la­gen sich über­holt hat­ten.

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Burg Pfalzgrafenstein, Gesamtansicht von Norden, 2011, Foto: Alexander Thon.

Die Span­ne der in den Schrift­quel­len ge­nann­ten mit­tel­al­ter­li­chen Be­la­ge­run­gen, Er­obe­run­gen und Zer­stö­run­gen von Bur­gen um­fasst die ge­sam­te Zeit vom 11. bis zum 15. Jahr­hun­dert, wo­bei es sich schon bei der Erst­erwäh­nung der äl­tes­ten mit­tel­rhei­ni­schen An­la­ge Ham­mer­stein für das Jahr 1020 um die Nach­richt über ei­ne letzt­lich er­folg­rei­che Be­la­ge­rung han­delt. Die oft­mals be­dau­er­li­cher­wei­se sehr spär­li­che Quel­len­la­ge und ein ge­gen­wär­tig recht un­be­frie­di­gen­der, da sel­ten wis­sen­schaft­li­cher Quel­len­kri­tik ge­nü­gen­der For­schungs­stand las­sen al­ler­dings kaum mehr als all­ge­mei­ne und nur punk­tu­ell ver­bind­li­che Aus­sa­gen zu. Dem­nach be­leg­bar sind bei­spiels­wei­se Kon­flik­te um die Bur­gen Rei­chen­stein (1253 er­obert, De­tails un­be­kannt), Rhein­fels (1256 durch den Rhei­ni­schen Bund er­folg­los be­la­gert), So­oneck und er­neut Rei­chen­stein (1282 durch Kö­nig Ru­dolf I. be­la­gert und zer­stört), Klopp (1301 durch Kö­nig Al­brecht I. er­folg­reich be­la­gert), Ro­lands­eck (1469 durch Pfalz­graf Fried­rich I. er­obert) und Linz (1475 von Kur­fürst Al­brecht III. Achil­les von Bran­den­burg er­folg­reich be­la­gert). Be­mer­kens­wer­ter­wei­se exis­tiert kei­ne Nach­richt über ei­ne An­la­ge, die nach Er­obe­rung und Zer­stö­rung of­fen ge­las­sen wur­de, tat­säch­lich er­folg­te stets ein Wie­der­auf­bau.

In nach­mit­tel­al­ter­li­cher Zeit sorg­ten ne­ben dem tech­ni­schem Fort­schritt oder Um­bau­maß­nah­men, die den Cha­rak­ter der Wehr­an­la­ge hin zur Fes­tung (Rhein­fels, Eh­ren­breit­stein) oder zum Schloss ver­än­der­ten (Schwep­pen­burg, Linz, Fels­eck/Vils­zelt) meh­re­re krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen für den Nie­der­gang der mit­tel­rhei­ni­schen Bur­gen. Dem so ge­nann­ten Truch­ses­si­schen Krieg fiel 1583 die Go­des­burg zum Op­fer, dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg Burg Lahneck (1636). Von den Ei­gen­tü­mern be­zie­hungs­wei­se Be­sit­zern ge­schleift wur­den Ham­mer­stein (1654), Lands­kron (1682) und Klopp (1713 nach Zer­stö­rung 1689). Die bei fast je­der An­la­ge an­zu­tref­fen­de An­nah­me ei­ner Zer­stö­rung durch fran­zö­si­sche Trup­pen im Ver­lauf des Pfäl­zi­schen Erb­fol­ge­kriegs (vor al­lem 1688/1689) be­darf oft­mals noch der Ve­ri­fi­zie­rung. Un­zer­stört blie­ben we­gen ih­rer ge­rin­gen Be­deu­tung al­lein die Marksburg und der Pfalz­gra­fen­stein.

Das 19. Jahr­hun­dert und die da­mit ver­bun­de­ne Rhein­ro­man­tik als Ur­sa­che auch für die Ent­de­ckung des ver­meint­lich schö­nen Mit­tel­al­ters und sei­ner Bur­gen hat­ten über­aus zahl­rei­che Wie­der­auf­bau­maß­nah­men zur Fol­ge, an de­nen ma­ß­geb­lich ver­schie­de­ne An­ge­hö­ri­ge des preu­ßi­schen Kö­nigs­hau­ses be­tei­ligt wa­ren. Be­gin­nend mit der Neu­er­rich­tung von Fautsberg (1825-1829, 1842, seit­dem als „Rhein­stein“ be­ti­telt) er­stan­den un­ter un­ter­schied­lichs­ter Trä­ger­schaft und In­ten­ti­on die An­la­gen Rheineck (Ka­pel­le, 1832-1836), Stol­zen­fels (1835-1842/1845), So­oneck (1843-1861), Lahneck (ab 1852), Klopp (1853, 1875-1879), Heim­burg (1866-1868), Broh­leck (nach 1888), Kaub/Gu­ten­fels (1889-1892), Go­des­burg (1895/1896, 1960), Neu­kat­zeneln­bo­gen (1896-1899), Name­dy (nach 1896), Rei­chen­stein (1899-1902), Deu­ern­burg (1900-1906, heu­te Maus), zur Ley­en (heu­te Ocken­fels, 1924-1927), Stah­leck (1925-1931, 1965-1967) mit mehr oder min­der gro­ßen Re­mi­nis­zen­zen an die ur­sprüng­li­che Burg neu. Wei­te­re Wie­der­auf­bau­vor­ha­ben (Fürs­ten­berg, Rhein­fels, Ham­mer­stein) un­ter­blie­ben.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Thon, Alexander, Burgen am Mittelrhein, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/burgen-am-mittelrhein/DE-2086/lido/57d11eca54e538.70270242 (abgerufen am 18.05.2026)


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Sekundärliteratur

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Geistliche Herrschaft: Äbte und Klöster

Inhaltsverzeichnis

  1. Vermittlung zwischen einem Abt und dessen Untertanen. Weingarten 1432 (Quelle)
  2. Die Beschwerden der bäuerlichen Untertanen. Kempten 1492 (Quelle)

1. Vermittlung zwischen einem Abt und dessen Untertanen. Weingarten 1432 (Quelle)

Kurzbeschreibung

Die Reichsabtei Weingarten, ein Benediktinerkloster, gehörte zu den reichsten Klöstern der süddeutschen Territorien. Ihr Abt, der zugleich ein Reichsfürst war, herrschte über Ländereien, die sich über ca. 306 Quadratkilometer vom Allgäu bis zum nördlichen Ufer des Bodensees erstreckten und sowohl Ackerland als auch Wälder und Weinberge einschlossen. Die Geschichte der Abtei war von Machtkämpfen zwischen dem Abt und seinen ländlichen Untertanen gezeichnet, deren Ergebnis ein parlamentarischer Staat war, an dessen Verwaltung die Untertanen ein hohes Maß an Mitsprache hatten. Dieses Dokument vom 9. Dezember 1432 stellt eine Stufe in dieser politischen Entwicklung dar. Es gibt die Ergebnisse einer Zusammenkunft im Rathaus der Reichsstadt Ravensburg wieder, bei der königliche Gesandte zwischen dem Abt und seinen Untertanen vermittelten. Die Verhandlungen betrafen die Regulierung wesentlicher Belange des täglichen Lebens: Erbschaftssteuer, Pachtverträge, sowie die Rechtssituation der Untertanen.

Quelle

Wir, dis nachgeschriben Marquart von Kungsegk, landcomnitur in Elsässe tutsches ordens, Jacob Truchsess zů Walpurg und Houpt zů Bappenhaim, des hailigen römischen richs erbmarschalck, verienhen offenlich und tügen [kund] allen den, die disen brieff yemmer ansienhend oder hörend lesen, als umb sölich zwaiung, stosse und spenn, so gewesen und ufferstanden sind, zwuschen den erwirdigen gaistlichen herren, hern Johannsen Plaurer, apt des gotzhus zů Wingarten, und sinen conventherren desselben gotzhus uff ain und iren armen luten uff die andern sÿte. Darumb uns der allerdurchluchtigost furst und herre, hern Sigmund, romischer kunig, zů allen zÿten merer des richs und zů Ungern, Beheim, Dalmatien, Croatien etc. kunig, unser allergnädigoster herre, under sinem kunglichen insigel geschriben, befolhen, gebotten und gantze volle maht gegeben hat, baid obgenannt parthie fur uns zů vordern, tag zů setzen und sÿ mit der minne oder mit dem rechten zů verrichten und entschaiden etc., alsdenn das derselb brieff clärlicher inhalt.

Und uff das so haben wir baid obgenannt parthÿe umb die berürten ir spenne fur uns gevordert und in darumb ainen tag her gen Ravenspurg verkundet und gesetzt, uff den tag als diser brieff geben ist.

Und als nu baid tail fur uns kommen sind, so sigen wir hie zů Ravenspurg uff dem rathus nÿder gesessen und haben baid tail durch ir fursprechen umb alle ir spenne mit statten luter gehört und darzů ir brieff, der sÿ begerten, vor uns zů verlesen. Und als das beschach, so haben wir sovil darin gerett und zwuschen in getädingt, das baid tail mit irem gůten willen, gunst und unbezwungenlich derselben ir spenne gantz hinder uns und uff uns kommen und gegangen sind und uns daruff die egenannten apt Johanns und sin conventherren in gegenwirtikait der erwirdigen gaistlichen herren, hern Martins, apt zů Rot, und hern Johannsen, apt in der Mindern Ow bÿ Ravenspurg gelegen Premonstrater ordens, und suss vil ander erber, biderber lute, die och dabÿ waren, mit iren truwen in min, deß egenannten Jacoben Truchsessen, hannd zů Gott und den hailigen gelopt und verhaissen haund. So haben die egenannten armen lut, die dem bedauhten gotzhus zů Wingarten zů gehören, och in min, Jacob Truchsessen, hannd mit iren truwen geloupt und daruff allesampt liplich aide mit uffgebotten vingern zů Gott und zů den hailigen geschworn, also wie wir sy umb ir spenn ußrichten, entschaiden und zwuschen in ußsprechen, es sÿ gütlich oder rechtlich, das sÿ das baider syte fur sich selbe, alle ir nachkommen und erben ymmer, öwenglich, getruwlich, war, stet, vest und unzerbrochenlich halten und dabÿ beliben söllen und wöllen und dawider nymmer mer getůn noch von yeman anders schaffen getan werden weder haimlich noch offenlich noch in kainen wege alles an alle gevärde.

[1.] Und uff das so haben wir alle drÿ zům ersten ainmütiglich zwuschen in ußgesprochen, das aller unwille, zwaÿunge und stösse und was sich bis uff hut disen tag, als diß brieff geben ist, unfruntlichß zwuschen baiden obgenannten parthÿen, und wer von iren wegen darzů gewant und verdauht ist, ain schlehte, gesünte gerichte sach haissen und sin sol fur sÿ und menglichs von iren wegen, und söllen die egenannten unser herren, der apt und sin conventherren, die berürten irs gotzhus armen lute dehainer vergangen sache noch handels nit engelten laussen, sunder ir gnädig herren sin. Es söllen och dieselben armen lute hinfur der egenannten unser herren und irs gotzhus getruw und gehorsam lute haissen und sin und inen von dehainer vergange sache wegen och nit dest unwilliger sin, alles ane alle gevärd und argliste.

[2.] Furo haben wir zwuschen in ainhellenglich ußgesprochen, das der egenannten unser herren, des aptes und sins convents, und irs gotzhus stifftebrieff, alle ander frÿhait und begnadbrieff, so sÿ haben von römischen kaisern und kungen und der urtailbrieff, so herrüret von des flegken Hagnowen wegen, den der von Swartzenburg selig, wÿland des benannten unsers gnädigosten herren des römischen etc. kungs hofrichter und ander mit im gesprochen hand, die och vor uns gewesen und in gůter maß all verlesen sind, das dieselben brieff alle gantz bÿ iren krefften beliben söllen an all gevärde.

[3.] Und umb des willen, das die egenannten unser herren, der apt und sin convent des gotzhus zů Wingarten, und irs gotzhus armelut dest furderlicher unn baß in růw, frid, gemach unn an zwaÿunge hinfur öwenklich in kunftigen zÿten gegen ainander bestan und beliben mögen, so lutern und sprechen wir alle drÿ ainhellenglich in der gütliche, wenn ain mensch bÿ sinem genoß verfert und von tod abgaut und dehain kind laut oder laut es kind, die gesundersausset sind, das dem egenannten gotzhus voruß werden sol ain vale mit nammen das bestgewand, als es am stoltzen mentag zů kirchen und zů strausse gieng an gevärde, und das best hopt vichs fur das hoptrecht und darzů ain drittail alles sins gůts, das es nach tod verlaussen hat, ußgenomen alles ysengeschiere mit namen wagen, karren und pflüg, das zů dem buw gehört, won das billich uff dem gůt beliben sol ungeverlich.

[4.] Stirbt aber ains und laut kind, die nit ußgesturt sind, so sol dem gotzhus werden ain vale und ain hoptrecht in der maß, als hie oben von der välle und hoptrecht wegen och begriffen ist ungeverlich, das ander gůt alles den erben beliben sol och an all geverde.

[5.] Mer haben wir alle drÿ ainhellenglich in der gütliche gesprochen, stirbt ains, es sÿ frow oder mann, und hat uff die zÿt dehain elich wib oder mann, das von demselben dem egenannten gotzhus werden sol ain val und ain hoptrecht und ain drittail des gůts, so es nach tod verlaut, och in der mauß als hie oben berürt ist von välle, hoptrecht und tails wegen, das ubrig gůt den erben beliben sol ungeverlich.

[6.] Furo haben wir in der gütliche ainmütiglich gesprochen, stirbt ain mann, der sin ungenössinen hat, und das nit hat abgetragen mit der egenannten unser herren des apts und des convents willen, das dem gotzhus von demselben werden sol ain vale mit namen das bestgewand und ain hoptrecht mit namen das besthopt vichs und darzů ain halbtail alles gůts, so er gelaussen hat, es sÿ ligend oder varend gůt, nihts ußgenomen ungeverlich.

[7.] Stirbt aber ain frow, die des gotzhus ist und laut ainen elichen mann, der nit hat nach ir gehört, so sol dem gotzhus von ir werden ain vale mit namen das bestgewand, als sÿ am stoltzen mentag zů kilchen unn zů strausse gieng, unn ain drittail alles des gůts, so sÿ nach tod verlaussen hat, ußgenommen alles ysengeschire, wägen, karren und pflüg, won das billich uff dem gůt beliben sol, das uberig gůt sol den erben werden ungeverlich.

[8.] Och so haben wir alle drÿ aber ainhelliglich in der gütliche gesprochen, wer der were, ir wer ainer oder mer, der sich durch sinen gůten willen an das egenannt gotzhus erkoufft oder sich daran ergeben und des brieffe hetten[!], das die egenannten unser herren, der apt und convente zů Wingarten, dieselben personen nach sölicher ir brieff sag halten und sÿ dabÿ beliben laussen söllen ungeverlich.

[9.] Mer haben wir all drÿ ainhellenglich in der gütliche gesprochen, wer, ob ain person oder mer, die uff des gotzhus zů Wingarten gůten sässen, wider dis unser richtung und spruche täten und diser obgeschriben stugk und artigkel ainen oder mer nit hielten nach dis brieffs sag und das sich das kuntlich erfunde, das dieselben gůt und lehen, daruff sÿ sässen, dem egenannten gotzhus zů Wingarten uff stund ledig sin söllen, das ain apt und convent daselbs furo damit schaffen und tůn mag nach irs gotzhus nutze unn frommen, dabÿ sÿ och denn ain yeglich landvogt des richs in Swaben getruwlich hanthaben und beschirmen sol ungeverlich.

[10.] Were aber ob ain person oder mer, die uff des gotzhus gůten nit sässen, wider dis richtung täten und der berürten stugk und artigkel ainen oder mer nit hielten nach dis brieffs sag und das sich das kuntlichen funde, dieselben personen, ir wer aine oder mer, söllen denn uff stund [einem] yeglichen landvogt des richs in Swaben uff stund zů rechter pen verfallen sin zů geben zwaintzig malter habern Ravenspurger messes, die sÿ im och alsdenn unlässlich raichen und betzalen söllen und darzů so sol dannenhin den egeschriben unsern herren dem apt und convent zů Wingarten zů denselben, die also wider dis richtung getan hetten, als vor stat, alle ire recht behalten sin nach ußwisunge irs gotzhus stifftbrieff und sins alten herkommens, dabÿ och sÿ und das gotzhus ain yeglich landvogt des richs in Swaben och getruwlich hanthaben und beschirmen sol alles an all gevärde.

[11.] Furo und zůletst, so haben wir aber alle drÿ in der gütliche ainhellenglich gesprochen, ob das were, dz des egeschriben gotzhus lute, ir were ainer oder mer, denselben unsern herren, dem apt und convente des gotzhus zů Wingarten, ungehorsam weren oder wurden und sich in irem willen nit hielten, es were uber kurtz oder uber lang, und das sich das kuntlich fünde, dieselben söllen denn diser unser gütlichen richtung, entschidung und spruche niht geniessen, sunder es sol den egenannten unsern heren, dem apt, convent und irem gotzhus zů inen alle ire recht behalten sin nach ußwisunge irs berürten gotzhus stifftbrieff und sins alten herkomens, dabÿ och sy und ir gotzhus ain yeglich landvogt des richs in Swaben getruwlich hanthaben und beschirmen sol, alle böß fund arglist und gevärde in disen sachen allen gantz ußgeschaiden.

Und wann der sachen, die nit beschriben und mit brieffen gevestnet werden, schier vergessen wirt, darumb und des alles so an disem brieff gesch[rieben] staut zů waurem gůtem urkunde und vester, öwiger sicherhait, so haben wir obgenannten Marquart von Kungsegk, landcomintur in Elsässe tutsches ordens, Jacob Truchsesse zů Walpurg und Hopt zů Bappenhaim, des hailigen römischen richs erbmarschalk, unsere aigne insigel mit wissen laussen hengken an disen brieff, doch uns und unsern erben ane allen schaden, der zwen von wort ze wort glich gemaht sind, derer yeglicher parthÿe ainer gegeben ist und ist dis beschienhen und diser brieff geben uff den nehsten zinstag vor sant Lucien tag der hailigen junkfrowen nach Cristi geburt als man zalt tusendvierhundert und in den zwainunddrÿssigosten jaren.

Quelle: Peter Blickle und André Holenstein, Hrsg., Agrarverfassungsverträge. Eine Dokumentation zum Wandel in den Beziehungen zwischen Herrschaften und Bauern am Ende des Mittelalters. Stuttgart, 1996, S. 34–37.

 

2. Die Beschwerden der bäuerlichen Untertanen. Kempten 1492

Kurzbeschreibung

Die drei bestimmenden Faktoren des Kleinbauerntums waren Land, Heirat und Freizügigkeit. Die Fürstabtei Kempten, eine der wohlhabendsten des Heiligen Römischen Reiches, war in eine ungewöhnliche hohe Zahl von Konflikten mit ihren Untertanen verstrickt. Die Situation wurde durch die angespannten Beziehungen des Fürstabts zur reichsfreien Stadt Kempten sowie durch die Zuständigkeit dreier verschiedener Gerichtsbarkeiten für verschiedene Teile der Bauernbevölkerung zusätzlich erschwert. Der Schlussparagraph dieses Dokuments veranschaulicht die fundamentale Ungleichheit der beteiligten Parteien, hinter der die für diese Epoche durchaus übliche Gewaltandrohung des Fürsten gegenüber seinen Untertanen steht. Das in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts einsetzende Bevölkerungswachstum verursachte eine Vielzahl sozioökonomischer Probleme für die Landbevölkerung. In Oberschwaben reagierten die Fürsten darauf, indem sie frühere Formen der Abhängigkeit wiedereinzuführen versuchten—Historiker sprechen in diesem Zusammenhang von der „zweiten Leibeigenschaft“. Die Bauern wiederum versuchten, ihre Freiheiten zu schützen und erweitern. Dieses Dokument gewährt einen ungewöhnlich guten Einblick in die verschärften Lebensbedingungen, welche zum Deutschen Bauernkrieg von 1525 führten.

Quelle

Item die nachgeschriben Clagstuck und Artikel hand des Gotzhus Kempten Armlut zu irem g. H. von Kempten zu elagen und zu sprechen, darumb si sich dann zusamen versamelt haben gehapt.

[1] Des ersten vermainten wir uns beschwert ze sin der Stur und des Raisgelts halben. Nachdem der Gestiftbrief inhalt und ausweist, das ain Herr und Abt von Kempten uns bi demselben Gestiftbrief beliben lassen sol und nit weiter staigen noch tringen, uber das alles so laßt der Abt, u. g. H., uns bi solicher Stur und unsern Gelupten, so wir tun mussen, nit beliben und tut uns weiter und mer uflegen on unser Wissen.

2. der frien Zinser halb, die je und allwegen irn freien Zug gehapt haben und noch hinfur haben sollen nach Lut irer Frihait. Bi solicher irer Frihait will si ir g. H., der Abt von Kempten, nit beliben lassen und tut si fahen, turnen, stoken und blöcken und si zu unbillichen Beschribungen nöten, zwingen und tringen, das si sich verschriben mussen, von dem Gotzhus nit ze weichen und ze stellen, auch kainen andern Schirmherren an sich ze nemen, dann allein hinder im und dem Gotzhus zu beleiben, das doch wider ir Frihait ist und wider die Frihaitsbrief und die Gestift; und strauft den Zinser an sinem Lib und benugt in nit, so straft er si an irem Gut, auch etlichen umb 40 fl. oder umb 60 fl., nach dem und er hat.

3. der aignen Lut halben vermainen si sich beschwert ze sin also. Nachdem ir g. H. von Kempten, wann ainer oder aine mit Tod abgat, der oder die eliche Kind hinder in verlassent, so tut ir g. H. des abgegangnen und erstorbnen Gut glich halb zu sinen Handen nemen. Wann ir ains oder si baide mit Tod abgangen sind, so tut er das Gut zn sinen Handen nemen. Wann auch ainer oder aine mit Tod abgat, der oder die kain Libserben hinder in verlassent, so niempt er ir verlassen Gut gar zu sinen Handen und die Geschwistergit enterbt er und die andern Erben auch, das doch frömbd und unbillich, auch wider ir alts Herkomen ist und in aller Landschaft nit erhort ist worden.

4. so erclagen si sich und vermainen sich beschwart ze sin ab dem, das vor nie gewesen und erhart worden ist, wann ain frier Zinser ain aigne Tochter oder ain frie Tochter ain eigen Mann zu der Ee nimpt, das er oder si sich dem Aigen nach auch zu Aigen ergeben mussen, auch kain Strauf darauf nie gesetzt noch gestanden ist.

5. so tut er sinen Aigen, auch den frien Zinsern verbieten, das si ire aigne Guter, die si hand, aus der Herrschaft nit verkaufen, noch auch kain Zins und Gulten darus nit verkaufen noch darein nit schlahen sollen, dann allain den Sinen das zu kaufen geben; und mussen also bi solichen iren gelegenen Guten verderben und grosse Nott laiden.

6. so verbut er sinen aigen Luten und auch den Zinsern, das ir kainer Vich an kain Gemaind oder Alb annem noch zu im stellen sol ausserhalb der Herrschaft.

(6a) Item wann ainem ain Gut verlihen wird, so vermainen si, man sol si das bruchen lassen, si und ire Sun, si haben Weiber oder nit, alle die Weile der Vater lebt.

7. der von Guntzburg halb. Nachdem zwischen irem g. H. und ir durch Herr Marquarten von Schellenberg ain Bericht beschehen ist, also das die von Guntzburg irem g. H. dem Abt 30 Pfund H. geben sollen, als si auch getan hand und er si auch dargegen bi irem altem Herkomen beleiben lassen sol hinfur in allen Stucken und Artikeln, dem derselbig ir g. H. in vil Stucken und Artikeln, die si muntlich, wann es ir Notturft erhaischen wird, wol erzellen kunden, nit nachkomen ist.

8. von der Fravel wegen, so vermainen si, si sollen kainen Urtailen und Gerichten nit weiter noch höher gedrungen werden umb die Fräflinen, dann wie von alter Herkommen ist.

Von der obgeschriben und ander artikel halb, die nit beschrieben sind, ist die Landschaft versamelt zusamen komen, und hand von irer Beschwarnus wegen zu einem Convent des Gotzhus Kempten ir Leut und Botschaften darzu verordnet geschickt, Red mit in ankert und ain solich Bett tan, das man si beliben laussen soll bi iren Frihaiten, auch bi irem altem Herkomen, auch ir Gerechtigkaiten und bi dem Gestift- und Frihaitsbriefen, was die mit irer Inhaltung begreifung, so wöllent si herwiderumb im und dem Gotzhus zu allen zimlichen und gepurlichen Sachen mit Laib und Gut verhelfen, warzu er Recht hat.

Uf solich ir Zusamentun sien si etlich Tag versamelt bi ainander beliben. Da si zu in komen

[ . . . ] Herr Marquart von Schellenberg und Herr Hanns von Fruntsperg, baid Ritter etc., und Ott Zwicker, Burger zu Memingen, und hat Her Hans von Fruntsperg ain soliche Red mit in ankert, als si das Recht darboten und furgeschlagen hand, er si nit da von Rechtens wegen und wöll in auch kains Rechten gestatnen, in auch kain Recht lassen gan, sonder er wöl si zu Gehorsam bringen und sein Schwert uber si bruchen und ire Weiber und Kinder zu Witwen und Waisen machen, auch ir Spies mussen ir Kierhof und Freythof sein. […]

Quelle: Quellen zur Geschichte des Bauernkrieges, gesammelt und herausgegeben von Günther Franz. Darmstadt: WBG, 1963, S. 25–28.


Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Vermittlungen zwischen einem Abt und dessen Untertanen—Weingarten (Oberschwaben) (1432), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-3967> [25.09.2026].

-> Die Beschwerden der bäuerlichen Untertanen—Kempten (Oberschwaben) (1492), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-3968> [25.09.2026].

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Sekundärliteratur

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