Herrscherdynastien
Die Salier
Inhaltsverzeichnis
- Die Sachsenkriege der Salier
1. Die Sachsenkriege der Salier
Ab dem frühen 8. Jahrhundert wurden die Sachsen immer häufiger von den Franken bedrängt, die seit 718 zahlreiche Heerzüge gegen das sächsische Gebiet führten (Wulf, 1991; Becher, 1999). Christliche Missionierungsversuche bei den Sachsen blieben in dieser Zeit erfolglos. In den Sachsenkriegen Karls des Großen (772 bis 804) wurde Sachsen schließlich gewaltsam erobert, christianisiert und in das Frankenreich eingegliedert. Eingeleitet wurden die Sachsenkriege durch die Eroberung der Eresburg im Süden Engerns und die Zerstörung eines Hauptheiligtums der Sachsen, der heidnischen Weltsäule "Irminsul", im Jahre 772. Auf dem fränkischen Reichstag im Jahre 775 wurde als Ziel des Krieges die allgemeine Missionierung oder - bei Nichterfolg - die Ausrottung der Sachsen beschlossen (Diwald, 1987; Lampen, 1999). Vor allem der sächsische Widerstand unter Widukind ist in die Geschichte eingegangen. Auch in zeitgenössischen Quellen wurden die Sachsenkriege als besonders langwierig, grausam und für die Franken anstrengend dargestellt (Lampen, 1999). Symbol für die Grausamkeit des 33 Jahre dauernden Krieges ist das "Blutbad von Verden an der Aller" im Jahre 782, wo Karl der Große 4500 aufständische Sachsen, die sich der Taufe verweigerten, hinrichten ließ. Die genaue Zahl ist allerdings umstritten, die Existenz dieses sogenannten "Blutgerichtes" gilt aber als sicher (Seltmann, 1999). In dem von Karl dem Großen erlassenen Kriegsrecht der "Capitulatio de partibus Saxoniae" aus dem gleichen Jahr wurde die fränkische Herrschaft festgeschrieben und die Ausübung heidnischer Bräuche bei Todesstrafe verboten (Wulf, 1991). Auch die sächsischen Thingversammlungen wurden verboten, die Teilhabe der unteren Stände am politischen Leben damit beendet (Last, 1978). Die Sachsenkriege endeten mit der Eroberung Wigmodiens und Nordalbingiens (= Nordelbien) im Jahre 804. Unter sächsischer Beteiligung wurde nun das neue sächsische Stammesrecht "Lex Saxonum" aufgezeichnet. Dieses schrieb eine führende Stellung des zum Teil auf fränkischer Seite stehenden sächsischen Adels, der in das neu eingeführte Grafschaftssystem eingebunden wurde, fest (Lampen, 1999). Zwischen 841 und 843 erhoben sich die unteren Stände im sogenannten Stellinga-Aufstand gegen den Adel um die vorfränkischen Verhältnisse wiederherzustellen. Der Aufstand wurde jedoch blutig niedergeschlagen (Wulf, 1991).
Die sächsische Tradition fand durch die gewaltsame Eingliederung in das Frankenreich kein abruptes Ende (Capelle, 1999). Der gesamte sächsische Raum blieb auch nach dem Verlust der politischen Selbständigkeit "sächsischer Kulturraum" (Capelle, 1998). Noch im 12. Jahrhundert waren mancherorts heidnische Bräuche verbreitet (v. Padberg, 2000). Nach dem Zerfall des Frankenreiches unter den Erben Karls des Großen bildete sich im 9. Jahrhundert das Stammesherzogtum Sachsen heraus. Dieses war ein "geschichtliches Schwergewicht" (Diwald, 1987) und konnte im neu entstehenden Deutschen Reich eine führende Position einnehmen: Das aus Gandersheim im Süden des heutigen Niedersachsen stammende sächsische Adelsgeschlecht der Liudolfinger stellte mit Heinrich dem Ersten und den Ottonen ab 919 für über 100 Jahre die ersten deutschen Könige und Kaiser ("Sachsenkönige" und "Sachsenkaiser"). "Der Aufstieg und Erfolg der Sachsen von einem unterworfenen und zwangsmissionierten Volk hin zum führenden Reichsvolk innerhalb eines Jahrhunderts nach der Unterwerfung gehört zu den bemerkenswertesten historischen Entwicklungen des Mittelalters" (Lampen, 1999). Unter den Ottonen wanderte der politische Schwerpunkt Sachsens in das nördliche Harzvorland. Otto der Große gründete das Erzbistum Magdeburg und wurde auch im Magdeburger Dom beigesetzt. Er machte sich unter anderem durch seinen Sieg über die Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahre 955 einen Namen. Als seinen Vertreter in Sachsen setzte Otto der Große 966 den Markgrafen Hermann Billung ein, dieser war nun "Herzog von Sachsen". Fortan wurde die sächsische Herzogswürde vom König bzw. Kaiser verliehen, für die nächsten 140 Jahre an die Billunger.
Auf die sächsischen Liudolfinger folgten 1024 die fränkischen Salier auf dem deutschen Königsthron. Diese mußten jedoch mit einer permanenten Opposition sowohl durch den sächsischen Adel (vor allem der mächtigen Billunger und Northeimer) als auch durch das sächsische Volk rechnen (Scheuch, 1997; Kurowski, 1996). Die folgenden militärisch ausgetragenen Konflikte zwischen Sachsen und der königlich-salischen Zentralmacht werden zuweilen auch als "Sachsenkriege" bezeichnet - nicht zu verwechseln mit den "ersten" Sachsenkriegen Karls des Großen rund 250 Jahre zuvor. Als Gegner der Sachsen ist vor allem König Heinrich IV. zu nennen, der (in anderem Zusammenhang) durch den legendären "Gang nach Canossa" berühmt wurde. Nach dem Aussterben der Billunger in männlicher Linie im Jahr 1106 erhält der bislang unbedeutende Lothar von Süpplingenburg die sächsische Herzogswürde. Dieser konnte seine Macht jedoch soweit ausbauen, daß er zum Sieger in den Auseinandersetzungen zwischen Sachsen und fränkischen Saliern wurde. "Die königliche Gewalt der Salier war in Sachsen fortan ausgeschaltet" (Jordan, 1979). 1125 wurde Lothar von Süpplingenburg selbst zum deutschen König erhoben, 1133 auch zum Kaiser. Noch einmal, wie zur Zeit der liudolfingischen Ottonen, wurde Sachsen die wichtigste Kernlandschaft im Deutschen Reich (Jordan, 1979). Kurz vor seinem Tod belehnte Lothar seinen Schwiegersohn, den Welfen Heinrich den Stolzen, mit dem gesamten Herzogtum Sachsen, nachdem dieser von seiner billungischen Mutter umfangreiche Hausgüter in Sachsen geerbt hatte. Der nachfolgende König Konrad III. aus dem Geschlecht der schwäbischen Staufer wollte den Machtzuwachs des Welfen jedoch nicht dulden: Heinrich der Stolze wurde 1138 geächtet und verlor Sachsen. Dieses wurde dem brandenburgischen Markrafen Albrecht dem Bären aus dem Hause der Askanier übertragen. Die Sachsen verwehrten dem Askanier jedoch den Zugang zu ihrem Land, und Albrecht gab es 1142 an den Sohn Heinrich des Stolzen, Heinrich dem Löwen, heraus.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Sachsenkriege, in: https://www.sachsengeschichte.de/sachsenkriege.html, zuletzt geprüft am 22.10.2025.
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Sekundärliteratur
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Die Staufer
Inhaltsverzeichnis
- Wie Barbarossa in den Kyffhäuser kam
- Stupor mundi. Das Staunen der Welt und das Ende der Staufer
1. Wie Barbarossa in den Kyffhäuser kam
Was hat der in Schwaben geborene Herrscher, der sich offiziell Friedrich I. nannte, mit Mitteldeutschland und dem Kyffhäuser gemein? Und warum bietet sein Leben Stoff für Legenden? Eine Spurensuche.
Der Kyffhäuser in Thüringen: Hier soll der Sage nach Kaiser Barbarossa seiner und seines Reiches Wiederkehr harren. Seit 1896 kann man ihn auf den Berg auch sehen, schlafend mit Zottelbart in Stein gehauen. Doch was hat dieser rotbärtige, in Schwaben geborene Herrscher, der sich offiziell Friedrich I. nannte, mit Mitteldeutschland und dem Kyffhäuser gemein?
1152 wird Friedrich von den deutschen Fürsten zum König gewählt. Zu dieser Zeit krönte den Kyffhäuser eine mächtige Burg. Es ist die wichtigste Bastion Barbarossas im Osten seines Reiches. Friedrich ist, wie alle Herrscher des Mittelalters ein Reisekönig. Nur dort, wo er präsent ist, kann er sich auch behaupten. Auch deshalb führt ihn seine erste Reise zum Kyffhäuser und in die von Dauerfehden zerrüttete Reichsprovinz Sachsen, die damals von der Nordsee bis zum Erzgebirge reicht.
,,In dieser Provinz sitzen unheimlich viele Fürsten, gemessen an den andren Gebieten des Reiches: Erzbischöfe, Bischöfe, Herzöge, Markgrafen, Landgrafen, Pfalzgrafen, Grafen usw. Allein schon von dieser Machtzusammenballung her ist es für den König wichtig, in Sachsen geordnete Verhältnisse herzustellen.''Michael Lindner, Historiker (In: "Barbarossa - Die Legende im Kyffhäuser)
Ein Reich - ebenso groß wie zerrissen
Auf dem Hoftag in Merseburg versucht Barbarossa Pfingsten 1152, zwischen den verfeindeten sächsischen Fürsten zu vermitteln. Dabei setzt er vor allem auf Herzog Heinrich den Löwen, den bislang größten Unruhestifter in Sachsen, ohne den mächtigen Welfen wäre seine Wahl zum König kaum zustande gekommen. Mit Gebietsversprechungen kann er Heinrich, der darüber hinaus sein Vetter ist, für seine Politik gewinnen. Auch für die Gegner des Löwen hat Barbarossa ein Angebot: Er macht Wichmann - einen Wettiner - zum Erzbischof von Magdeburg und damit zum mächtigsten geistlichen Fürsten in Mitteldeutschland. So strebt Barbarossa eine Befriedung des zerissenen Reiches an.
,,Seine hauptsächliche Herrscheraufgabe war die Wahrung von Frieden und Recht. Das muss man sehr ernst nehmen, darin bewährte sich ein mittelalterlicher Herrscher. Sofern das gelang, konnte er damit rechnen, dass er im Jenseits dafür auch seinen Lohn dafür erholen würde. Dafür wurde gebetet, das konnte er erhoffen, das war sein Ziel.''Knut Görich, Historiker (In: "Barbarossa - Die Legende im Kyffhäuser
Eine Herkulesaufgabe, denn Friedrichs Reich ist ebenso groß wie politisch zerissen. Neben den Gebieten nördlich der Alpen, wo sich mächtige Fürstengeschlechter heftige Fehden liefern, gehört Oberitalien dazu, wo sich die reichen Städte gegen Barbarossas Herrschaft auflehnen. Sie sind es leid, Jahr für Jahr Unsummen an Steuern und Abgaben an deutschen König abführen zu müssen. Und schließlich gibt es da noch Rom und den Papst. Nachdem Barbarossa 1155 vom Papst die Kaiserkrone aufs Haupt gesetzt wurde, beginnt ein heftiger Streit darüber, wer denn nun von beiden, wem Gehorsam schuldig sei. Denn Barbarossa sieht sich als neuen Herrn der Christenheit.
..Es ging ihm um eine völlig neue Stellung des Kaisers als eine von Gott gegebene Ordnungsmacht, die neben die kirchliche Ordnungsmacht gestellt würde. Und dies findet auch sehr bald Ausdruck, in dem z.B. von der Reichskanzlei verwendeten Begriff des "Sacrum Imperium" - des Heiligen Reiches.''Camilla Kaul, Historikerin (In: "Barbarossa - Die Legende im Kyffhäuser
Wie das Reichsland Pleißen rund um Altenburg entsteht
Lange Zeit glaubten die Historiker, Friedrich Barbarossa hätte sich allein mit dem Schwert an die Lösung all dieser Probleme gemacht. Bis heute hat das Bild des kämpferischen Rotbarts, der mit Gewalt das Reich zusammenschmiedet, überdauert. Dabei war und blieb der König militärisch schwach, ohne Verbündete und diplomatisches Geschick lief nichts. Das zeigen seine wechselvollen Italienzüge.
Bei seiner ersten Heerfahrt muss er sich vor allem auf Heinrich den Löwen stützen. Er dankt es seinem Vetter mit dem Herzogtum Bayern. Die ostsächsischen Fürsten um Wichmann verweigerten die Teilnahme, hatte sich Barbarossa in Merseburg doch als Verbündeter Heinrichs des Löwen gezeigt. Nach dem Italienzug bestraft Barbarossa einzelne Fürsten nun mit Lehenentzug, lässt aber Wichmann gegenüber Milde walten. Er lässt Wichmann und den anderen Fürsten freie Hand, als sie östlich der Elbe zu blutigen Eroberungszügen in die Slawengebiete aufbrechen. 1157 sichert sich Wichmann in Zusammenspiel mit seinem Nachbarn, dem Askanier Albrecht der Bär, die Mark Brandenburg. 1160 erobert Heinrich der Löwe Mecklenburg, vier Jahre später Westpommern. Während seine Fürsten das Reich nach Norden und Osten ausdehnen, zieht es Barbarossa wieder über die Alpen.
Barbarossa und der Italienfeldzug
Diesmal sind alle Großen des Reiches an seiner Seite. Mailand wird beim Italienzug 1162 komplett niedergebrannt. Der "Furor teutonicus" wird in Italien bald sprichwörtlich. Fünf Jahre später zieht Barbarossa wieder los, um Aufstände in Verona und Rom niederzuschlagen. Er triumphiert, lässt nun auch seine Gattin zur Kaiserin krönen - von seinem Papst. Auf dem Gipfel der Macht angekommen, wendet sich das Blatt, als unter den in Rom kampierenden Rittern die Ruhr ausbricht. Barbarossa muss aus Italien flüchten. Auch zuhause sind in seiner Abwesenheit die alten Fehden wieder ausgebrochen. Unter Wichmann zieht eine mächtige Allianz gegen Heinrich den Löwen. Es kommt zum "sächsischen Krieg". Barbarossa beginnt, seine bisherige Politik zu überdenken. Er muss seine Stellung in Sachsen festigen, ehe er wieder nach Italien aufbrechen kann. Urkunden belegen, wie er durch Landkauf oder Tausch versucht, seine übers Land verstreuten Besitzungen zur "terra imperii" zu vereinen. So entsteht um Altenburg herum das Reichsland Pleißen.
,,Er baut dieses mitteldeutsche Reichsterritorium aus, bestückt es mit Burgen, lässt Städte anlegen und setzt in diese Burgen Ritter, die für ihn ein unheimliches militärisches Potenzial sind. Und das ermöglicht ihm eine unabhängigere Politik in dem Raum. Mit der Bildung des Reichsterritoriums Pleißenland hat Barbarossa einen wichtigen Anfang zur Kultivierung dieses Raumes gemacht. Der gesamte Erzgebirgsraum ist erst in dieser Zeit zwischen 1150 und 1200 kultiviert worden. Städte wie Chemnitz, Zwickau, Altenburg beginnen da aufzublühen.''Michael Lindner,
Historiker (In: "Barbarossa - Die Legende im Kyffhäuser")
Barbarossa barmt um Getreue
Mitteldeutschland und auch die Reichsburg Kyffhausen rücken ins Zentrum europäischer Politik. Im Sommer 1174 wird die Festung und die zu ihren Füßen gelegene Kaiserpfalz Tilleda zum Sammelpunkt deutscher Ritter. Von der Reichsburg Kyffhausen zieht Barbarossas Heer über das Elsass und die Alpen erneut nach Italien. Allerdings fällt es Friedrich schwer, überhaupt noch deutsche Fürsten für die Teilnahme an seiner Heerfahrt zu gewinnen. Von den großen sächsischen Fürsten begleitet einzig Erzbischof Wichmann den Zug des Kaisers. Besonders schmerzlich trifft Barbarossa die Absage seines bislang treuesten Waffengefährten, Heinrichs des Löwen. Sogar mit einem Kniefall soll Barbarossa versucht haben, seinen Vetter doch noch zur Teilnahme zu bewegen. Die Absage wird sich für Heinrich später bitter rächen ...
Der untreue Heinrich wird verbannt
Barbarossa erkennt die Zeichen der Zeit, auf Dauer sind die Italiener nicht mit Waffengewalt im Reichsverband zu halten. Eine neue Strategie muss her. Jetzt schlägt Wichmanns große Stunde, der Papst Alexander III. 1177 zur Aussöhnung mit Barbarossa bewegt. Nun akzeptiert auch der von Mailand geführte Städtebund die kaiserliche Autorität und erhält im Gegenzug weitgehende Autonomie. Mit diplomatischem Geschick hat Barbarossa das Reich vor dem Zerfall gerettet und seinen Ruf als Friedensfürst gemehrt. Danach rechnet Barbarossa 1181 auf dem Reichstag in Erfurt mit Heinrich dem Löwen ab. Seine Besitztümer werden aufgeteilt, er muss in die Verbannung.
Legenden umwobenes Ende auf dem Kreuzzug
Sechs Jahre später wird im fernen Jerusalem das Schlusskapitel der Barbarossavita eingeleitet. Am 2. Oktober 1187 erobert Sultan Saladin die Heilige Stadt. Vier Wochen später ruft der Papst mit der Bulle "Audita tremendi" zum Dritten Kreuzzug auf. Barbarossa schwört, sich am großen Rachefeldzug der Christenheit zu beteiligen. In Altenburg, im Herzen seines neugeschaffenen Reichslandes, bereitet sich der nun bald 70-jährige Kaiser auf den Waffengang vor. 1189 reitet er das letzte Mal am Kyffhäuser vorbei. Am 10. Juni 1190 stirbt er auf dem Weg nach Jerusalem, beim Bad in einem kalten Gebirgsfluss südöstlich von Antalya. Mit dem toten Barbarossa ziehen die Ritter weiter. Die Spur seines Leichnams verliert sich im Wüstensand Palästinas.
,,Die Ungewissheit, was mit seinen leiblichen Überresten passiert ist, war ein ganz wichtiger Punkt, dass sich die Legendenbildung überhaupt an ihn knüpfen konnte. Schon sehr früh ging die Sage um, er wäre gar nicht gestorben, ... , sondern er wäre nur entrückt und würde an unbekannter Stelle darauf warten, wiederzukommen und sein Reich wiederzuerrichten.'' Camilla Kaul, Historikerin (In: "Barbarossa - Die Legende im Kyffhäuser) Barbarossa hatte alles daran gesetzt, als Friedensfürst und gottgefälliger Kaiser in die Geschichte einzugehen. Und er gab dem mitteldeutschen Raum entscheidende Impulse, als er die verstreuten königlichen Besitzungen zu einem Krongebiet vereinte. Kaum verwunderlich also, dass er ausgerechnet hier zur Sagengestalt aufstieg.
2. Stupor mundi. Das Staunen der Welt und das Ende der Staufer
Geschichte fasziniert viele Menschen aus unterschiedlichen Schichten. Im Fernsehprogramm haben historische Dokumentationen einen festen Platz, in manchen Ländern gibt es sogar spezielle TV-Programme wie den History Channel.
In Buchhandlungen finden sich spezielle Tische mit Neuerscheinungen (bei Waterstone auf der Piccadilly in London wartet fast eine ganze Etage auf den an Geschichte Interessierten) sowohl an Sachbüchern als auch an historischen Romanen. Dank der erzählerischen Brillanz von Autoren wie Ken Follet und Rebecca Gablé ist dieses Genre wahrhaft lukrativ geworden. Das auffallendste Zeichen für das große Interesse an der Geschichte und das Vertrauen in einen profitablen Geschäftszweig sind die sich der Historie widmenden Tochterpublikationen von angesehenen Medien wie der Zeit, dem Spiegel oder Geo, um nur einige zu nennen; das renommierte Magazin Damals ist die älteste existierende Zeitschrift dieser Art und erreicht schon seit fünfzig Jahren seine Leserschaft. Und da Sie dieses Buch in Händen halten, gehören Sie zu den Menschen mit einer besonderen Neigung zu Klio, der griechischen Muse der Geschichtsschreibung.
Nicht immer war Geschichte so populär. Ein Ereignis, das eine Trendwende andeutete, wird möglicherweise jeder Zeithistoriker spontan nennen. Es war die baden-württembergische Landesausstellung »Die Staufer« im Jahr 1977. Sie dauerte nur etwas mehr als zwei Monate, zog aber das Mehrfache der vermuteten Besucher an, mehr als 650000 - es war ein Andrang, der zu langen Schlangen vor dem alten Schloss in Stuttgart führte. Eigentlich, so hat man später nachgerechnet, hätte sich während der Öffnungszeiten auf jedem Quadratmeter begehbarer Fläche stets ein Besucher befinden müssen. Die Staufer-Ausstellung war ein Ereignis, das zahlreiche andere vergleichbare Projekte nach sich zog, wie die inzwischen ebenfalls legendäre Preußen-Ausstellung 1981 direkt an der Mauer im damals noch geteilten Berlin.
Zahlreiche Museen bieten heute reiche historische Exponate und wechselnde Ausstellungen, darunter vor allem das Haus der Geschichte in Bonn und Leipzig sowie das Deutsche Historische Museum in Berlin.
Würdigen wir an dieser Stelle die Staufer als Wegbereiter moderner Geschichtsbegeisterung kurz unter pathobiografischen Gesichtspunkten. Das besondere Interesse an diesem aus dem Schwäbischen stammenden Herrschergeschlecht rührt möglicherweise daher, dass es nicht nur für eine uns ferne und dabei faszinierende Epoche steht, sondern dass es auch eine der glanzvolleren Seiten des in der Laienwahrnehmung lange als »finster« geltenden Mittelalters repräsentiert - nachdem exzellente populärwissenschaftliche Bücher dieses Image korrigierten.' Dieses Attribut kann man mit einigem Recht dem frühen Mittelalter, der Zeit nach der Völkerwanderung zubilligen. Das Spätmittelalter andererseits wird mit zahlreichen Krisen assoziiert wie dem Klimawandel ab etwa 1315, vor allem aber dem Schwarzen Tod ab 1348, den wir im vorausgegangenen Kapitel kennengelernt haben. Die Stauferzeit des 12, und 13. Jahrhunderts ist hingegen eine Epoche, die uns zahlreiche Kulturschätze wie die Dichtkunst Walters von der Vogelweide und prächtige Bauwerke hinterlassen hat - wenngleich eines der berühmtesten, der Kölner Dom, erst 600 Jahre später fertiggestellt wurde. Um nicht missverstanden zu werden: Glanz und kulturelle Blüte sind nur ein Teil der Realität gewesen. Auch in der Stauferzeit gab es Kriege, Gewalt, Mord und Folter; auch in dieser von Wirtschaftswachstum und sich ausbreitender Prosperität geprägten Zeit hungerten Menschen, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie in den Epochen zuvor und in manchen der nachfolgenden. Und es starben Menschen an Krankheiten, gegen welche die Heilkundigen der Epoche keine Mittel hatten.
Das galt auch für den vielleicht berühmtesten Staufer, Friedrich II., und für zwei seiner Vorfahren. Der Großvater, Friedrich L., genannt Barbarossa, starb eines für einen König ungewöhnlichen Todes, um den sich zahlreiche Legenden ranken. Einer dieser Legenden zufolge soll er im Berg Kyffhäuser schlafen und irgendwann wieder erwachen, um die Deutschen aus ihrem Elend zu befreien (welcher Art auch immer dies sein mag). Friedrich führte ein Heer von Kreuzfahrern ins Morgenland, als er am 10. Juni 1190 das Lager seiner Streitmacht am Fluss Saleph in der heutigen Türkei dazu nutzen wollte, sich in diesem ein wenig zu erfrischen.
Es war ein brütend heißer Sommertag und das Wasser des aus den Bergen kommenden Flusses verlockend kühl. Der wahrscheinlich 68 Jahre alte Kaiser (das genaue Geburtsdatum ist nicht bekannt) war nach den Vorstellungen seiner Zeit ein Greis, fast ein Methusalem. Den Bitten seiner Gefahrten, nichts ins Wasser zu steigen, folgte er nicht - im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen konnte er schwimmen. Der ausgeprägte Temperaturunterschied zwischen dem kalten Wasser und der flimmernd-heißen Luft indes war zu viel: Friedrich dürfte nicht, wie es vielfach heißt, ertrunken sein, sondern er erlitt mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Herzinfarkt. Der Umgang mit seiner sterbliche Hülle mag den heutigen Leser erschüttern: Um die schnelle Verwesung in der Hitze zu vermeiden, löste man seine Muskeln und Gewebe durch Kochen vom Skelett.
Wo die derart präparierten Überreste des Herrschers eine letzte Ruhestätte fanden, ist unbekannt. Den Kreuzzug (es war der dritte) führten nach seinem Tod Philipp II. von Frankreich und Richard Löwenherz von England weiter. Während Barbarossa als älterer Herr das Zeitliche segnete, wurde sein Sohn Heinrich VI. unzeitig, im 31. Lebensjahr, abberufen. Der Herrscher verstarb in Messina an einer Geißel, die über Jahrhunderte vor allem im Mittelmeerraum ihre Opfer fand, in Zeiten warmen Klimas aber vorübergehend auch in England und am Rhein grassierte: die Malaria. Wie beinahe bei jedem plötzlichen Herrschertod kamen auch Gerüchte über einen Giftmord auf, an dem Gattin Konstanze beteiligt gewesen sein soll.
Der frühe Tod Heinrichs VI. war nicht ohne Konsequenzen, über deren Auswirkungen man spekulieren kann. Der römisch-deutsche König und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war bestrebt, dieses Reich zu einer Erbmonarchie zu machen, und damit unabhängig von den Wahl- und Einflussmöglichkeiten der Fürstenhäuser. Ein erster derartiger Versuch kurz vor seinem Tod scheiterte an deren Widerstand. Wenn ihm, der das Staufergeschlecht auf die Höhe seiner Macht geführt hatte, mehr Zeit verblieben wäre, hätte die deutsche Geschichte möglicherweise einen gänzlich anderen Verlauf genommen: mit einer zentralisierten Macht, ohne die kleinstaatliche Zersplitterung, die bis 1870 vorherrschte. Das Reich wäre dann denselben Weg wie Frankreich, England, Spanien und Schweden gegangen - mithin den der europäischen Normalität.
Friedrich Il schließlich galt als ein so vielfältig begabter Herrscher, als eine ungemein faszinierende und schillernde Persönlichkeit, dass man ihn bald stupor mundi, das Staunen der Welt, nannte. Das überaus positive Image des Kaisers ist vor allem späteren Hagiografien zu verdanken; eine 1927 erschienene Biografie des Historikers Ernst Kantorowicz stilisiert ihn zur idealen Herrscherpersönlichkeit. In der Gegenwart - und vielleicht typisch für diese - versucht man ihn zu entmythologisieren, »nüchterner« zu betrachten. Was ihn heute als beeindruckende Person erscheinen lässt, sind - ebenfalls relativierte und strittig diskutierte - Ansätze einer modern wirkenden Toleranz. An seinem Hof verkehrten jüdische und islamische Gelehrte, in seiner Leibwache dienten Muslime und Soldaten aus Äthiopien. Dass mehrere Päpste seine erbittertsten Gegner waren, ihn mehrfach exkommunizierten und der Vatikan die Nachricht seines Todes mit - überhaupt nicht der christlichen Nächstenliebe entsprechender - Häme und Freudenausbrüchen kommentierte, scheint nicht unbedingt gegen den Charakter des Mannes zu sprechen. Unzweifelhaft ist, dass sein Hof - der Kaiser hielt sich den größten Teil seiner Regierungszeit (1220-1250) in Sizilien auf - ein Mittelpunkt von Kunst, Kultur und einer von Reglementierung weitgehend freien Wissenschaft war.
Dass er in seinem Wissenshunger Kinder in Isolation heranwachsen ließ, um einer vermeintlichen Ursprache des Menschen auf die Spur zu kommen, oder Personen die Bäuche aufschneiden ließ, um Erkenntnisse über den Verdauungsprozess zu gewinnen, sind nur böswillige, von seinen zahlreichen Gegnern in die Welt gesetzte Verleumdungen.Unbestritten ist jedoch seine bedeutende literarische Hinterlassenschaft. Der begeisterte Jäger und Falkner verfasste das Buch De arte venandi cum avibus, Uber die Kunst mit Vögeln zu jagen. Der bibliografische und künstlerische Klassiker hat zahlreiche Auflagen und Übersetzungen erlebt und ist heute in Antiquariaten und im Versandbuchhandel erhältlich - ein über 750 Jahre alter Bestseller.
Die letzte Stunde des vielseitigen Herrschers schlug am
13. Dezember 1250 in seinem Schloss Castel Fiorentino in Apulien. Auch er dürfte einer der damals grassierenden Infektionskrankheiten erlegen sein, die den Verdauungstrakt befallen - wahrscheinlich Typhus oder Paratyphus. Es ist das Jahr, in dem Historiker später die Epochengrenze vom Hochmittelalter zum Spätmittelalter ziehen werden. Die päpstliche Propaganda ließ umgehend wenig appetitliche Details ausstreuen, um Friedrich in seinem Todeskampf unter Brechdurchfällen als Sünder und vom wahren Glauben Abtrünnigen zu zeichnen. Fairer war ein Nachruf des Chronisten Matthäus von Paris, der ungeachtet seines Namens Engländer war und in St. Albans nördlich von London lebte.
Er war es, der den Kaiser 1251 als größten unter den Herrschern der Welt und als ihr Staunen bezeichnete: stupor mundi.
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Quellen:
Internetquellen
-> Wie Barbarossa in den Kyffhäuser kam, in: mdr.de, online verfügbar seit 15.06.2021 unter: https://www.mdr.de/geschichte/weitere-epochen/mittelalter/kyffhaeuser-thueringen-friedrich-barbarossa-100.html, zuletzt geprüft am 07.12.2025.
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Sekundärliteratur
-> Ronald D. Gerste: Wie Krankheiten Geschichte machen. Von der Antike bis heute, dritte Auflage, Stuttgart 2021, S. 99-106.
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Habsburger und das Haus Nassau
Inhaltsverzeichnis
1. Die Schlacht von Worringen 1288
1. Die Schlacht von Worringen 1288
Schlüsselwagen in der Schlacht von Worringen, von Arnold Colyns, Öl auf Leinwand, 1582, Original im Rheinischen Bildarchiv/ rba_d035260_01 . (gemeinfrei)
Am 5.6.1288 kam es auf der Fühlinger Heide nördlich von Köln zu einem Aufeinandertreffen, das als eine der größten Schlachten des deutschen Mittelalters gilt. Hier traf sich nahezu die gesamte fürstliche Elite aus dem Nordwesten des Heiligen Römischen Reichs auf dem Schlachtfeld. Aufgrund des ihr früh attestierten Charakters als eine der wenigen großen Entscheidungsschlachten in dieser Epoche sind die Ereignisse um Worringen häufig und gründlich untersucht worden.[1]
Dabei war die Schlacht nur ein – wenngleich ungemein spektakulärer – Teil des Limburger Erbfolgestreit, ausgelöst durch den Tod Herzog Walrams V. von Limburg (gestorben 1279, Herzog ab 1247) im Oktober 1279.[2] Sowohl Walrams Schwiegersohn Rainald I. von Geldern (um 1255–1326) als auch Walrams Bruder Adolf V. von Berg (1220–1259) erhoben Ansprüche auf die Nachfolge. Letzterer verkaufte jedoch seine Ansprüche 1283 an Johann I. von Brabant (1252/53–1294). Gegen den sich dadurch abzeichnenden brabantischen Machtzuwachs opponierte wiederum der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg (gestorben 1297, Erzbischof ab 1275), der sich auf die Seite Rainalds stellte und auch die Grafen von Luxemburg, Nassau und Altena-Isenberg für sich gewinnen konnte. Auf die Brabanter Seite schlugen sich neben Adolf von Berg zudem die Grafen von der Mark und Jülich und nicht zuletzt die Stadt Köln. Der Ausgang der Schlacht beendete die Vormacht der Kölner Erzbischöfe im Nordwesten des Reichs, ebnete den Weg für den Aufstieg der rheinischen Grafschaften und wird üblicherweise mit der faktischen Unabhängigkeit der Stadt Köln von den Erzbischöfen gleichgesetzt. Deutlich zeigt dies etwa der Titel des großen Sammelbandes und Katalogs ‚Der Name der Freiheit‘, der 1988 anlässlich des tausendjährigen Jubiläums der Schlacht – und unter erkennbarem Einfluss von Umberto Ecos (1932–2016) 1982 in deutscher Übersetzung erschienenen und 1986 verfilmten Klassikers ‚Der Name der Rose‘ – veröffentlicht wurde.[3]
Siegel Walrams V. von Limburg, aus: Geschichte der Siegel von Gustav Adelbert Seyler, 1894. (gemeinfrei)
1. Die Quellen zur Schlacht
Unter den zeitgenössischen und ausführlichen Berichten über die Schlacht sticht besonders die Reimchronik des Brabanters Jan van Heelu hervor.[4] Er gilt aufgrund des Detailreichtums seines Textes und auch seiner Selbstaussagen als Augenzeuge der Ereignisse. Die Entstehung der Reimchronik dürfte in die unmittelbaren Folgejahre der Schlacht datieren.[5] Jedoch behandele van Heelu seine Erzählung, wie Richard Jahn es formuliert, „wie es seine Pflicht als Dichter ist, mit poetischer Freiheit.“[6] Die, auch in ihrer hochdeutschen Übersetzung[7], meist nur als ‚Schlacht von Worringen‘ bezeichnete Chronik stellt eigentlich den gesamten Limburgischen Erbfolgekrieg aus brabantischer Perspektive dar und handelt erst im zweiten Teil von Worringen. Die zweite umfangreichere zeitgenössische Darstellung der Schlacht findet sich in der um 1314 verfassten sog. Steirischen Reimchronik des Ottokar aus der Gaal (um 1265–zwischen 1318 und 1322), die sich Worringen in über 500 Versen widmet.[8] Ottokar stützte sich dabei nach eigener Aussage auf Hörensagen, schloss sich aber in weiten Teilen Jan van Heelu an. Gemein haben beide Reimchroniken ihr adeliges Publikum. Zudem ist gerade Jan van Heelu stark auf seinen brabantischen Helden fokussiert und daher für die Bewertung der Handlungen der weiteren Kriegsparteien nur dann ansatzweise verlässlich, wenn er sie mit den Aktionen der Brabanter in Verbindung setzt.
2. Das Vorspiel der Schlacht
Die verlässlichste Rekonstruktion der Ereignisse von 1288 lieferten Ulrich Lehnart und Christel Maria von Graevenitz, wobei letztere neben dem Erbfolgestreit auch die Landfriedenspolitik König Rudolfs von Habsburg (1218–1291, König ab 1273) als wesentlichen Rahmen für die Schlacht hervorhob. Bereits 1279 und 1282 war der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg nur durch militärische Drohkulissen zur Teilnahme an einem Landfriedensbund gezwungen worden. Auch der Marsch des Brabanter Heeres ins Rheinland 1288 kann zunächst als ein solcher Drohgestus gedeutet werden, der diesmal aber erfolglos blieb. Denn im Frühjahr kam ein königlicher Landfrieden Rudolfs von Habsburg ohne den Kölner Erzbischof zustande. Er beruhte auf dem Mainzer Reichslandfrieden von 1235 und dem Rheinischen Bund von 1254. In Absprache oder sogar in Auftrag König Rudolfs begannen der Herzog von Brabant und der Graf von der Mark als Vögte dieses Friedensbundes im Februar 1288 gemeinsam dessen Errichtung im kölnischen Machtbereich.
Reimchronik von Jan van Heelu und Heinricus van den Damme über die Schlacht von Wöringen 1288, um 1440, Original in der Nationalbibliothke der Niederlande, KW 76 E 23, fol. 100r. (gemeinfrei)
Die Kämpfe des Jahres 1288 wurden durch den Erzbischof eröffnet, der im Februar die Grafschaft Berg überfiel. Verhandlungen des Landfriedensbundes mit der Stadt Köln begannen im April 1288 und wurden wohl zum Ende dieses Monats abgeschlossen. Nun griff Graf Eberhard von der Mark (gestorben 1308, Graf ab 1277), der die Verhandlungen geführt hatte, in die Kämpfe ein und eroberte die kölnischen Burgen Raffenberg und Limburg. Zugleich rückte Herzog Johann aus Brabant mit einem großen Heer nach Osten vor. Ende Mai trafen sich die Mitglieder des Landfriedens im Tiergarten zu Brühl. Nach Jan van Heelu empfing Johann von Brabant hier auch die beste[n] van den Coelneren.[9] Seine Reimchronik stellt die Kölner als Bittsteller bei dem Herzog von Brabant dar. Hugo Stehkämper vermutet aber, dass die Realität andersherum ausgesehen habe.[10] So oder so wurde in Brühl der Beschluss gefasst, gemeinsam die erzbischöfliche Burg Worringen zu belagern. Der Chronist Ottokar verbindet dies mit dem Hinweis, dass die Kölner grôzen ungemach[11] vom Erzbischof zu erleiden hatten. In der Tat erfüllten dessen in Worringen eigenmächtig erhobenen Zölle den Tatbestand des Landfriedensbruchs, weshalb das Vorgehen gegen die Burg rechtlich abgesichert war. Die Belagerung der Burg dürfte zudem den (erfolgreichen) Nebeneffekt gehabt haben, den Erzbischof zu einem Kampf zu bewegen. Zwischen dem 29.5. und dem 5.6.1288 wurde die Burg Worringen von den Verbündeten eingeschlossen. Das notwendige Belagerungsgerät kam vor allem aus der Stadt Köln.[12]
Bald nach dem formellen Bündnis zogen Johann von Brabant und die Grafen von Berg, Mark und Jülich in die Stadt Köln ein. Auf dem Gelände der direkt neben dem Dom gelegenen Kirche St. Maria ad Gradus beschworen sie gemeinsam mit der Bürgerschaft den Landfrieden. Dem darauffolgenden Marsch nach Worringen schloss sich ein großes Aufgebot Kölner Bürger unter ihrer Standarte an.
3. Die Stadt Köln und der Erzbischof vor der Schlacht
Für die Stadt Köln war die Schlacht einerseits (retrospektiv) enorm bedeutend, da der Sieg von Worringen mit der Erringung einer faktischen Reichsunmittelbarkeit gleichgesetzt wird. Andererseits nahm sie aber auch in den Ereignissen von 1288 eine wichtige Rolle ein. Neben den Truppen, die sie in die Schlacht führte, lag der Wert der Stadt Köln für den Landfriedensbund vor allem in ihrer Rolle als Versorgungszentrum.
Wenngleich die Beziehungen zwischen der Stadt Köln und ihrem Erzbischof Siegfried von Westerburg vor allem unter dem Eindruck der Eskalation 1288 stehen, waren sie anfänglich durchaus positiv. In der Tat beendete Siegfried zunächst den heftig ausgefochtenen Konflikt, der unter seinem Vorgänger Engelbert II. von Valkenburg (um 1220–1274; Erzbischof ab 1261) ausgebrochen war und den Erzbischof wichtige Machtpositionen in seiner Stadt gekostet hatte. Franz-Reiner Erkens skizzierte dies in seiner Biographie Siegfrieds wie folgt: „Indem er [d.h. Siegfried] die Privilegien der Stadt und die unter seinen Vorgängern erfolgten Rechtsentscheidungen akzeptierte und aufnahm, der Stadt also ihre verbrieften Rechte zuerkannte, gab er die feindliche Haltung besonders seines direkten Vorgängers auf, verzichtete damit weitgehend auf stadtherrliche Ansprüche, gewann aber Frieden und sogar Rückhalt bei seinen Bürgern, was besonders in Hinsicht auf seine Territorialpolitik von Bedeutung war.“[13]
Dies zeigt sich auch dadurch, dass die Kölner Bürger als Partner des Erzbischofs in seinem Konflikt mit Jülich auftraten. So begann Siegfried am 25.11.1276 mit ihrer Hilfe den Bau einer Burg beim nördlich der Stadt gelegenen Ort Worringen auf allodialem Grund der Kirche – eben jener Burg, die 1288 den Anstoß zur Schlacht geben sollte. Diese Befestigung richtete sich gegen eine in der Nähe befindliche Burg des Grafen von Jülich. Siegfried versprach den Bürgern, dass sie beide Worringer Burgen abbrechen durften, alsbald die Jülicher Burg erobert sei.[14] Letzteres geschah am 12.10.1277, ersteres blieb aber aus. Auch im weiteren Verlauf des Krieges unterstützen die Kölner den Erzbischof gegen Jülich.
Bemerkenswert ist allerdings, dass die cives Colonienses in dem Friedensschluss, der am 14.10.1279 beurkundet wurde,[15] unter den adiutores (Helfer/Unterstützer) der Gräfin Ricardis von Jülich (gestorben 1293) aufgeführt wurden. Sie scheinen also die Seiten gewechselt haben, wann und wieso ist jedoch nicht bekannt. Dieser plötzliche Parteiwechsel der Stadt scheint im Gegensatz zur Wiederholung dieses Manövers neun Jahre später keine weitreichenden Konsequenzen gehabt zu haben. Vielmehr gab es bis in die 1280er Jahre keine Anzeichen auf eine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Stadt und Erzbischof.[16]
Die Kölner Bürger standen also lange auf der Seite Erzbischof Siegfrieds. Die zweifelsohne in der Stadt vorhandene antierzbischöfliche Partei konnte noch nicht die politische Oberhand gewinnen. Am 12.7.1287 befreite Siegfried sie von neuen, kriegsbedingten Zöllen und gelobte deren Aufhebung nach Kriegsende. Ferner versprach er, keinerlei Bündnis gegen die Stadt einzugehen. Nach diesen Zusicherungen schworen ihm Rat, Schöffen und Bürger der Stadt wiederum ihre Treue.[17] Besonders Hugo Stehkämper hat sich um eine Rechtfertigung der städtischen Haltung bemüht. So führt er an, dass die Zollpolitik des Erzbischofs am Niederrhein der Stadt Köln seit längerem ein Ärger und Beschwernis gewesen sei. Er erklärt Burg und Zoll von Worringen zu „Mahnzeichen der gebrochenen erzbischöflichen Versprechen“[18]. So hätten die Bürger einsehen müssen, dass ein Krieg bald wohl oder übel nahe ihrer Stadt ausgefochten werden würde und daher ihren dem Erzbischof geleisteten Eid gebrochen: „Haben die Bürger den Vertrag und Eid gebrochen, so lieferte Siegfried ihnen dazu alle Ursache.“[19]
Diese Thesen sind exemplarisch für die klassische Haltung der kölnischen Geschichtsforschung, die stets ein Vergehen des Erzbischofs als Grund für die politische Entwicklung ausmachte. Es ließe sich gleichfalls von einem berechnenden Opportunismus der Kölner sprechen, die die Gunst der Stunde rechtzeitig erkannten und ihrem rechtmäßigen Herrn in den Rücken fielen. Nützlich waren dabei wohl gerade jene neuerhobenen Zölle, bei denen Siegfried der Stadt eigentlich bereits entgegengekommen war, die ihr aber dennoch als Landfriedensbruch den nötigen Handlungsspielraum verschafften und so ihren Treuebruch legitimieren halfen. Dabei dürfte die Belastung der Stadt und ihrer Wirtschaft durch den Krieg gerade aufgrund der Zollbefreiungen nicht so gravierend gewesen sein. Vielmehr dürfte der städtischen Führungsschicht klar gewesen sein, dass ein Sieg des Erzbischofs über seine Feinde dessen Hegemonie am Niederrhein bedeutet hätte und dies letztlich nicht im politischen Interesse der Stadt sein konnte.[20]
König Rudolf von Habsburg verkündet den Landfrieden, aus der Chronik der Bischöfe von Würzburg aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. (gemeinfrei)
4. Die Schlacht
Die eigentliche Schlacht lässt sich in Anlehnung an die Forschungen Lehnarts und von Graevenitz‘ wie folgt rekonstruieren: nachdem die Heere auf der Fühlinger Heide unweit der Worringer Burg aufgezogen waren, stellten sie sich in je drei Blöcken gegeneinander auf. Dabei nahm die brabantische Reiterei den zahlenmäßig weit überlegenen rechten Flügel ein, kreuzte aber zu Beginn der Schlacht diagonal vor das Heer und zog so alle Feinde auf sich. Van Heelu berichtet, dass sich der Graf von Berg und die Kölner dem Erzbischof gegenüber positionierten.[21] Nach van Heelus Angaben standen 3.500 erzbischöflichen Rittern nur 2.400 auf der Seite des Landfriedensbunds gegenüber, von denen allein 1.500 aus Brabant kamen. Die rheinischen und westfälischen Herren sowie die Stadt Köln stellten demnach die verbleibenden 900 Ritter.[22] Lehnart stellt Überlegungen zur theoretischen Stärke der jeweiligen Kontingente der Verbündeten im brabantischen Heer an und kommt auf 2.324 Panzerreiter. Die Mitte der Schlachtreihe des Landfriedensbundes, die von Brabant und Limburg gebildet wurde, bestand vermutlich aus 1.500 Panzerreitern. Der rechte Flügel der Kontingente aus Loon, Jülich, Kaster, Weilnau, Virneburg, Reifferscheid, Wildenberg, Greifenstein, Dollendorf und Tomburg aus 454 Panzerreitern und der linke Flügel aus Berg, Windeck, Mark, der Stadt Köln, Waldeck, Ziegenhain, Tecklenburg und Lippe aus 370 Panzerreitern. Neben der städtischen Reiterei, deren Größe Lehnart auf nur 60 Mann schätzt, nahm auch zahlreiches Fußvolk an der Schlacht teil – Ottokar nennt sie die comûn von Köln.[23] Die Größe des Kontingents der stadtkölnischen Miliz könnte 1.500 Mann betragen haben, zu denen noch 500 bergische Bauern kamen. Die Größe dieser Aufgebote ist allerdings mit einigen Fragezeichen versehen.
Johann von Brabant kämpft in der Schlacht von Worringen (1288), Ausschnitt aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), enstanden in Zürich, 1305-1340, folio 18r, Original in der Universitätsbibliothek Heidelberg. (gemeinfrei)
Den vermutlich entscheidenden Kampf der Schlacht stellte der Sieg der brabantischen Ritter über die luxemburgische Reiterei dar. Das kölnische und bergische Fußvolk soll hingegen ebenso wie die bergische Reiterei bereits in den ersten Zügen der Schlacht von der erzbischöflichen Reiterei überrannt worden und aus der Schlacht geflohen sein. Erst in der Endphase kehrten die bergischen Reiter zurück und attackierten die Flanke der erzbischöflichen Truppen. Auch die Fußtruppen griffen wieder ein, wobei sich die kölnischen und bergischen Fußtruppen mit den brabantischen Knechten zusammentaten, den erzbischöflichen Fahnenwagen eroberten und dessen Banner niederrissen. Der – wohlgemerkt eine dezidiert adlige Perspektive wiedergebende – van Heelu beschreibt ihren Kampf so, dass sie wahllos auf Freund und Feind einschlugen, da sie keine Kenntnis von den jeweiligen Parteien hatten. Erst als ein Brabanter Ritter sich ihnen anschloss, ließen sie von ihrer Raserei ab und folgten seiner Führung. Gemeinsam mit dem Kölner Fußvolk kesselten sie ihre Feinde ein. Rasch hätten die Bauern wie die Städter dem adeligen Vorbild nachgeeifert und begonnen, ihre Gegner gefangen zu nehmen. Die erzbischöflichen Truppen hatten sich um einen Wagen mit einer großen erzbischöflichen Fahne geschart, der nach der Schlacht nach Köln gebracht wurde. Es gibt zudem Indizien dafür, dass es in Worringen auch einen stadtkölnischen Fahnenwagen gegeben hat.[24] Im Kölner Zeughaus wurde lange Zeit ein ‚Worringer Heerwagen‘ aufbewahrt, bis er 1794 von den Franzosen verbrannt wurde.
Reitersiegel (Bleiabguß) des Grafen Adolf V. von Berg, Fotografie, 2017, Foto: Jörg Graff. (CC BY-SA 4.0)
Gefallenenzahlen von 600 bis 800 Mann – darunter Mitglieder der Häuser Geldern, Luxemburg und Loon – auf brabantischer und 1.000 bis 1.200 Mann auf erzbischöflicher Seite könnten durchaus realistisch sein. Jan van Heelus Bericht über die Gefangennahme zahlreicher Adeliger durch die Kölner kann durch 33 überlieferte sogenannte Urfehden, also beeidete Fehdeverzichtserklärungen, verifiziert werden, die ebenjene Männer bei ihrer Entlassung schwören mussten.[25]
5. Das Nachspiel der Schlacht
Bemerkenswerterweise traf das größte juristische Nachspiel der Schlacht die eidbrüchige Stadt Köln. 1290 beauftragte Papst Nikolaus IV. (1227–1292; Papst ab 1288) einen Prozess, der eigentlich gegen alle Landfriedensmitglieder gerichtet war. Die von ihm als Richter bestimmten Erzbischöfe von Trier und Mainz luden jedoch nur die Stadt Köln vor Gericht. Die Grundlage dieses Prozesses war eben jener Bruch des städtisch-erzbischöflichen Vertrags von 1287. Der Grundtenor der Aussagen der geladenen Zeugen lässt sich mit der Stellungnahme des späteren Erzbischofs Wigbold von Holte (gestorben 1304, Erzbischof ab 1297) wiedergeben, der erklärte, dass die Kölner Bürger der eigentliche Grund und Anlass der Zerstörung der kölnischen Kirche und allen Schadens seien, der in dem Krieg entstand.[26] Alle anderen Aussagen gruppieren sich um diesen Hauptvorwurf, der das Ziel verfolgte, der Stadt eine schwere Geldstrafe abzuringen. Auch den Kölnern scheint relativ rasch klar gewesen zu sein, dass in diesem Prozess allein die Schuld der Stadt an dem Ungemach Siegfrieds von Westerburg festgestellt werden sollte. Daher entsandte man zwar einen eigenen Sachverwalter, der vor Gericht aber nur schwieg und kurz darauf wieder demonstrativ abreiste. Letztlich verurteilte die päpstliche Kommission die Stadt Köln auf die – alle bisherigen Maße sprengende – Bußsumme von 200.000 Mark, bei deren Nichtzahlung die Stadt dem Kirchenbann unterliegen sollte. Dieser wurde dann wenig überraschend auch verhängt und erst acht Jahre später just von Siegfrieds Nachfolger Wigbold von Holte aufgehoben.[27]
Weder der Limburger Erbfolgekrieg noch die Landfriedensexekution gegen Siegfried von Westerburg endeten jedoch in Worringen. Die Verbündeten eroberten in der Nachfolge des Sieges nicht nur die Burg Worringen, sondern noch 1288 fielen mit den erzbischöflichen Burgen Zons und Neuenberg bei Neuss sowie den Städten Zülpich und Werl auch andere erzbischöfliche Stützpunkte. Der Limburger Erbstreit wurde durch die Friedensverträge Erzbischof Siegfrieds mit den fürstlichen Siegern von Worringen vom 19.5.1289 beendet, die Sühne mit der Stadt datierte hingegen erst vom 18.6.[28] Dass der Erzbischof, der nach der Schlacht für dreizehn Monate in Gefangenschaft gesessen hatte, gleich nach seiner Freilassung 1289 mit dem Bau der Burg Brühl begann, zeigt, dass in den Konflikten im Rheinland längst nicht das letzte Wort gesprochen war. In diesen Kontext fällt auch Siegfrieds Förderung Adolfs von Nassau (vor 1250–1298, König ab 1292) als Kandidat auf den römisch-deutschen Thron, von dem er Hilfe bei der Unterwerfung Kölns verlangte – die dieser ihm aber nach seiner Wahl versagte.
Schlacht bei Worringen, 1288, in der Rechten unteren Ecke ist die Gefangennahme Siegfrieds von Westerburg dargestellt, Illustration um 1440 aus der Chronik „Brabantsche Yeesten“ (ca. 1316–1350) von Jan Van Boendaele, genannt de Clerc (gestorben 1365), Original in der Königlichen Bibliothek Brüssel, KBR mss. IV 684. (gemeinfrei)
6. Das Nachleben der Schlacht in der Stadt Köln
Angesichts der überragenden Bedeutung, die der Schlacht von Worringen gerade für die Entwicklung der Stadt Köln oftmals beigemessen wird, überrascht der Blick auf ihre innerstädtische Resonanz. Während alle anderen zentralen Stationen der Stadtgeschichte einen entsprechenden historiographischen Niederschlag erfuhren, ist kein auch nur ansatzweise zeitgenössischer Kölner Bericht über Worringen bekannt. Allerdings lässt sich konstatieren, dass die langfristige Bedeutung des Sieges in den Jahren unmittelbar nach 1288 noch nicht absehbar war, da Worringen eben keineswegs die Auseinandersetzungen zwischen der Stadt und den Erzbischöfen beendete. Eine wirkliche Wende brachte erst das Episkopat Walrams von Jülich (um 1304–1349; Erzbischof ab 1332).
Spuren einer innerstädtischen Erinnerung an Worringen lassen sich erst durch die Stiftung einer Memorialkapelle für den Tagesheiligen der Schlacht, den heiligen Bonifatius (um 673–754/755), festmachen – ein für Köln singulärer Vorgang. Erstmals ist 1315 von einer ‚neuerbauten Kapelle‘ die Rede, sie dürfte also nicht lange vor diesem Jahr errichtet worden sein. Zum Jahrtag der Schlacht wurden hier eine Prozession und Dankesmessen abgehalten, die Ratsherren richteten zudem ein Festmahl aus.[29] Knapp 30 Jahre nach Worringen war das ganze Ausmaß und die langfristige Bedeutung des Sieges also zutage getreten. Denn die Erzbischöfe hatten ihre Macht über die Stadt Köln nicht wiedererlangen können. Ebenso wenig hatten sich die Reichsoberhäupter von Rudolf I. bis zu Ludwig IV. (1282/1286–1347, König ab 1314) gegen die neuen Machtverhältnisse gewandt, sondern die Stadt sogar mehrfach gegen die Erzbischöfe unterstützt. Um 1315 hatte sich Worringen also als der symbolhafte Triumph herausgestellt, als der er noch heute gilt.
Denkmal für die Schlacht von Worringen in der Ortsmitte von Köln-Worringen, Inschrift: 5. Juni 1288 Schlacht bei Worringen Historische Entschiedung im kontinentalen Nordwesteuropa Markstein im Kampf der Kölner Bürger um ihre Unabhängigkeit, Fotografie, 2005. (gemeinfrei)
Das Fehlen zeitgenössischer stadtkölnischer Berichte über das Ereignis nimmt sich daher umso eklatanter aus. Diese Lücke führte angesichts der Bedeutung des Ereignisses zusehends zu mythisierten Rückblicken, die ihre ersten Verschriftlichungen im 15. Jahrhundert fanden. Diese hatten zur Folge, dass die Schlacht und ihre Bedeutung zwar bekannt waren und einen zentralen Baustein der städtischen Vergangenheit darstellten, die kölnischen Erzählungen von Worringen jedoch nur noch bedingt mit jenen Ereignissen zusammenhingen, die sich 1288 zugetragen hatten.
Die Schlacht taucht erstmals in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in den sogenannten Kölner Jahrbüchern auf. Deren unbekannter Verfasser berichtet, dass die Stadt Köln einst für eine lange Zeit aufgrund der Feindseligkeiten der Erzbischöfe unter Kirchenbann und Reichsacht gelegen habe. Die Kölner hätten letztlich vor der Wahl gestanden, entweder ihre Stadt dem Erzbischof auszuhändigen oder um diese zu kämpfen. Daher hätten sie den Schlüssel zu ihrer Stadt auf einen Karren geladen und seien mit diesem ausgezogen. Es sei zu einem großen Kampf gekommen, in dem die Stadt und ihre Verbündeten obsiegten.[30] Diese vergleichsweise knappe Schilderung begründete eine lange Tradition und wurde mehrfach wiederholt und ausgebaut. Zudem taucht hier erstmals ein Objekt auf, das zu einem klassischen Motiv stadtkölnischer Ikonographie werden sollte: der bzw. die Stadtschlüssel. Der Stadtschlüssel steht hier symbolisch für den Inbegriff der Stadtherrschaft.
Aufgegriffen wurde die Geschichte von Schlacht und Schlüsseln in der um 1470 entstandenen Chronik Agrippina des Heinrich van Beeck und der 1499 gedruckten Koelhoffschen Chronik.[31] Letztere überliefert zudem die älteste bekannte Kölner Darstellung der Schlacht von Worringen.
Der Schlüsselwagen in der Schlacht von Worringen, aus der Koelhoffschen Chronik, 1499, fol. 240a, Original in der Universitätsbibliothek Köln, MEVI8114. (gemeinfrei)
Eine bemerkenswerte Ausgestaltung findet diese mehrfach bildlich dargestellte Szene in einem in Köln produzierten und verlegten Kupferstich Franz Hogenbergs von 1571. Er zeigt im Vordergrund des rechten Bildteils den Schlüsselwagen, der begleitet von Hellebardenträgern ins Feld von Worringen gezogen wird. In der Mitte des rechten Bildteils tobt ein Reiterkampf. Die rechte Partei führt das stadtkölnische Dreikronenbanner, während die linke unter der erzbischöflichen Kreuzfahne reitet. Ähnlich ragen aus dem Meer der Lanzen der hinter den Reitern kämpfenden Fußkämpfer schematisierte Fahnen, auf deren vorderster drei Kronen zu erkennen sind, während sich zwischen den Lanzen ihrer Gegner ein Kreuz zeigt. Hinter den Lanzenträgern deuten fliehende Personen in der linken Bildhälfte den Ausgang der Schlacht an. Im Bildhintergrund ist das idealisiert als ummauertes Städtchen dargestellte Worringen zu sehen, aus dem Rauch aufsteigt. Die Darstellung begleitet ein Text, der sich an die Chroniken anlehnt, aber eigenständig ausgestaltet ist.
Den Höhepunkt dieser retrospektiven Geschichtsaneignung, die die Schlacht zu einem allein stadtkölnischen Triumph machte, stellt eine Serie von sechs Schlachtengemälden dar, die die Gaffel der Buntwörter um 1582 in Auftrag gab. Die heute erhaltenen Bilder zeigen Szenen der Schlacht von Worringen und des Neusser Krieges. Zugleich wird hier eine Teilnahme der Kölner Gaffeln, also der politischen Vertretung der Zünfte und Kaufleute, an dem Kampf ins Bild gesetzt. Während im Schlachtgetümmel im Hintergrund die Fahnen der Stadt und des Erzbischofs wehen, steht der Bannerträger der Buntwörter in vorderster Front und blickt die Betrachtenden direkt an. Das Bild markiert den Endpunkt einer Entwicklung, in der die Schlacht von Worringen zu einer rein kölnisch-kölnischen Angelegenheit geworden war, in die sich nun sogar Gaffeln einschrieben, die es 1288 noch gar nicht gegeben hatte. Dass anstelle des Kölner Erzbischofs nunmehr der Herzog von Brabant aus der Schlacht von Worringen als der mächtigste Mann im Nordwesten des Reiches hervorgegangen war, interessierte die Kölner Perspektive nicht.
Es lassen sich aber auch andere Sieger der Schlacht ausmachen. So war auch die Stadt Bonn eine Profiteurin, da der Erzbischof seine Verwaltung langfristig aus Köln verlegen musste. Dafür erkor er letztendlich die rheinische Nachbarstadt aus, die so ihre Blüte als fürstliche Residenz erlebte.[32] Und auch eine weitere rheinische ‚Konkurrentin‘ Kölns verdankt der Schlacht – oder zumindest deren weiterer Konsequenzen – ihren Bedeutungszuwachs. Graf Adolf V. von Berg nutzte seine in Worringen errungene Autonomie als Landesherr und verlieh schon am 14.8.1288 einem Dorf an dem Flüsschen Düssel die Stadtrechte, das heute die Hauptstadt des Landes Nordrhein-Westfalen geworden ist. Die Gewinner waren zahlreich – und der große Verlierer war ebenso klar: Siegfried von Westerburg und seine Nachfolger als Kölner Erzbischöfe. Sie hatten ihren Vorrang über die rheinischen Grafen und Herren verloren, ihre Großmachtpolitik der letzten Jahrhunderte war zusammengebrochen. Zudem verloren sie die Verfügung über ihr geistliches und zeremonielles Zentrum und ihren namensgebenden Sitz.[33]
Schlacht von Worringen von Franz Hogenberg, Kupferstich 1571, Rijksmuseum Amsterdam, Objektnummer RP-P-1952-301. (gemeinfrei)
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Jansen, Markus, Die Schlacht von Worringen 1288, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-schlacht-von-worringen-1288/DE-2086/lido/6835a25e446702.92497663 (abgerufen am 06.01.2026)
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Sekundärliteratur
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