Kirche und Klerus

Das große Abendländische Schisma (1378-1418)

Inhaltsverzeichnis

1. Das Konstanzer Konzil 1414-1418

1. Das Konstanzer Konzil 1414-1418

Von 1414 bis 1418 war die Stadt Konstanz am Bodensee der Mittelpunkt der christlichen Welt. Internationale Vertreter diskutierten vier Jahre lang um die Lösung innerkirchlicher Konflikte und damit auch um eine stabile politische Ordnung.

Von Ana Rios

Was ist ein Konzil?

Ein Konzil ist eine Versammlung, in der sich Kirchenvertreter der römisch-katholischen Kirche über Fragen der Kirche und des Glaubens austauschen und Beschlüsse fassen. Das Konstanzer Konzil wurde vor mehr als 600 Jahren auf Initiative des damaligen römisch-deutschen Königs Sigismund einberufen.

Der Kirche drohte die Spaltung

Drei Päpste beanspruchten damals für sich, Oberhaupt der Christenheit zu sein: Papst Gregor XII. in Rom, Papst Benedikt XIII. in Avignon und Papst Johannes XXIII. in Bologna. Ursache waren Machtkämpfe innerhalb der katholischen Kirche, vor allem zwischen Frankreich und Italien.

Es drohte die Spaltung der Kirche. Der Konflikt, der sich von 1378 bis 1417 hinzog, ging als das "Abendländische Schisma" (Schisma = Spaltung) in die Geschichte ein.

Schwarz-weiß Zeichnung von Papst Johannes XXIII.

Gegenpapst Johannes XXIII.

Der römisch-deutsche König ruft nach Konstanz

Außer der drohenden Spaltung standen während des Konzils die Reformierung der Kirche und die beginnende Reformation auf der Tagesordnung. Das Konstanzer Konzil wurde vom römisch-deutschen König Sigismund einberufen.

Sein Ziel: Er wollte durch Verhandlungen die Einheit der Christen erreichen. Kardinäle, Patriarchen, Erzbischöfe und Bischöfe sowie weltliche Doktoren kamen mit ihren Delegationen aus der gesamten christlichen Welt nach Konstanz.

Da der Glaube im Mittelalter in der Gesellschaft sehr verankert war, galt eine stabile Kirche als Voraussetzung für eine stabile staatliche Ordnung. Zudem hatte Sigismund den Plan, sich zum römischen Kaiser krönen zu lassen. Die Krönung durfte damals nur der Papst vornehmen.

Die Legitimität dieses Aktes setzte voraus, dass es nur einen Papst gab. Die Stadt Konstanz war wegen der guten geografischen Lage in Europa und ihrer Funktion als Reichsstadt und Bistumssitz von Sigismund zur Konzilsstadt gewählt worden.

Papst Johannes (Bildmitte) und der deutsche König Sigismund (links), der 1433 zum Kaiser gekrönt wurde

Nur der Papst durfte den Kaiser krönen

Was war das Ergebnis des Konzils?

Während des Konstanzer Konzils wurde die Papstfrage gelöst. Es wurde in den Verhandlungen sehr bald deutlich, dass sich die Kirchenvertreter nicht auf einen der amtierenden Päpste einigen konnten. Deshalb wurden die drei Päpste vom Konzil aufgefordert zurückzutreten. Am Ende langwieriger Verhandlungen dankten die Päpste ab und der Weg war frei für die Wahl von nur einem Papst.

Am 17. November trat im Konstanzer Kaufhaus das Konklave zusammen und einigte sich nach nur vier Tagen auf Papst Martin V.. Es war das einzige Mal, dass ein Papst auf deutschem Boden gewählt wurde.

Doch viele innerkirchliche Probleme blieben ungelöst. Ein Zeichen dafür war die Verurteilung des Theologen und Reformators Jan Hus während des Konzils. Er wurde nach einem Schauprozess vor den Toren der Stadt Konstanz verbrannt und gilt heute als der erste Märtyrer der Reformation.



Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Rios, Ana: Das Konstanzer Konzil 1414-1418, in: planetwissen online, verfügbar seit 26.06.2029, unter: https://www.planet-wissen.de/geschichte/mittelalter/leben_im_mittelalter/pwiedaskonstanzerkonzileinweltereignis100.html, zuletzt geprüft am 07.11.2025.

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Sekundärliteratur

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Der Ablasshandel

Inhaltsverzeichnis

1. Ablass (Mittelalter)

1. Ablass (Mittelalter)

Das im Spätmittelalter praktizierte Ablasswesen wurde grundlegend auf dem Vierten Laterankonzil 1215 reglementiert. Ein reumütiger und zur Beichte gewillter Gläubiger konnte durch Verrichtung eines Ablasswerkes den Erlass zeitlicher Sündenstrafen erlangen. Gewährt werden konnten partielle oder vollkommene Ablässe. Während es sich bei den Ablassgebern um Päpste, Erzbischöfe, Bischöfe und andere kirchliche Würdenträger handelte, waren die Ablassanbieter Pfarrkirchen, Hospitäler, Klöster, Stifte und dergleichen. Seit dem 13. Jahrhundert oft wegen seiner Fiskalisierung kritisiert, bestand die Praxis des Ablasses als wichtiger Bestandteil des religiösen Lebens im lateinischen Europa fort.

Begriffsklärung

Der Ablass (lat. indulgentia; vor dem 13. Jahrhundert auch absolutio, remissio oder relaxatio; gelegentlich venia) bezeichnet einen Nachlass zeitlicher Sündenstrafen, der durch einen dazu berechtigten kirchlichen Amtsträger gewährt wird. Er entwickelte sich während des 11. Jahrhunderts in der römisch-katholischen Kirche aus den altkirchlichen Absolutionen und der Praxis der Redemption (ersatzweise Ablösung) und Kommutation (Umwandlung) von Bußstrafen. Bei der Ablassgewährung werden kirchliche Bußstrafen erlassen, die dem Gläubigen in der Beichte auferlegt wurden; zugleich wird die Wirksamkeit des Nachlasses vor Gott angenommen, so dass dem Gläubigen jenseitige Sündenstrafen (Fegefeuer) erspart bleiben. Voraussetzung für den gültigen Erwerb des Ablasses waren Reue, Beichte und die Verrichtung eines Ablasswerks. Das konnte eine Spende für einen als wohltätig anerkannten Zweck sein, aber auch ein Gebet, das Anhören einer Predigt, die Begleitung beim Versehgang (häusliche Krankensalbung für Sterbende) oder ein anderes frommes Werk ohne zwingende materielle Implikation. Der Ablass prägte das religiöse Leben im lateinischen (= katholischen) Europa vom 13. Jahrhundert bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts in umfassender Weise.

Grundlegende kanonistische und theologische Begründung

Die grundlegende kirchenrechtliche Regelung des Ablasswesens erfolgte auf dem Vierten Laterankonzil (1215), das die Vollmachten der Ablassverleiher festlegte und bestehende Missstände bei ablassbezogenen Almosensammlungen einzudämmen versuchte. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts setzte sich die Lehre vom "Kirchenschatz" (thesaurus ecclesiae) für die theologische Begründung des Ablasses durch (lehramtlich sanktioniert 1343, Bulle "Unigenitus Dei filius"). Demnach wurde der Strafnachlass durch die "überschüssigen Verdienste" Christi und seiner Heiligen kompensiert, was den Ablass endgültig zu einer kirchlich vermittelten Gnade machte. Die Leistung des Ablassnehmers verlor an Bedeutung. Immer größere Ablässe wurden für vergleichsweise geringe Gegenleistungen verliehen. Das rief mehrfach Kritik hervor, die bis zur Reformation für die kirchliche Praxis jedoch weitgehend folgenlos blieb.

 

Partielle Ablässe

Die Maße des durch den Ablass gewährten Strafnachlasses entstammten der frühmittelalterlichen Tarifbuße (zum Beispiel 40, 80 oder 100 Tage, eine Karene, ein Jahr Buße). Die Bußtarife kamen zwar bald nach dem Aufkommen des Ablasses im 11. und 12. Jahrhundert außer Gebrauch, die Zeitmaße blieben aber maßgeblich für die Ablassformulierung; ob sie im späten Mittelalter immer hinreichend verstanden wurden, ist zweifelhaft. In frühen Ablässen wurden oft auch bestimmte Anteile der Bußstrafe erlassen (etwa ein Drittel, ein Siebtel) und zwischen der Strafe für schwere (criminalia) und lässliche (venialia) Sünden unterschieden. Ablässe, die einen Teil der Bußstrafe nachlassen, werden als partielle Ablässe bezeichnet.

Vollkommene Ablässe

Mit den Kreuzzügen entstand Ende des 11. Jahrhunderts der vollkommene Ablass (Plenarablass; voll ausgebildet 1198 unter Papst Innozenz III. , reg. 1198-1216), der zunächst nur den Kreuzfahrern gewährt wurde. Mit einem vollkommenen Ablass konnte man auf einen Schlag alle zeitlichen Sündenstrafen tilgen, sofern man die notwendigen Voraussetzungen erfüllte (Reue, Beichte, Ablasswerk). Im 13. Jahrhundert erhielten diese Gnade auch Unterstützer eines Kreuzzuges, wobei die Züge ins Heilige Land zunehmend mit anderen Kriegen gleichgestellt wurden (z. B. gegen die Mauren, die Prußen oder gegen Ketzer).

Darüber hinaus gewährten die Päpste seit dem späten 13. Jahrhundert personalisierte Beichtbriefe. Unter dem Pontifikat Johannes' XXII.(reg. 1316–1334) nahm ihre Zahl stark zu. Aufgrund eines Beichtbriefes (Confessionale) konnte der Beichtvater des Ablass-Empfängers diesem in der Todesstunde einen vollkommenen Ablass gewähren. Oft waren Kreuzfahrer direkte Adressaten, aber auch anderen Empfängern wurde das Privileg zuteil. Die Bedingungen wechselten, häufig wurde jedoch kein konkretes Ablasswerk bestimmt. Zuweilen galt der Ablass auch einmal im Leben und einmal in der Todesstunde. Diese Bestimmung kehrte später in vielen Beichtbriefen wieder, die im Rahmen der großen Ablasskampagnen ausgegeben wurden (Abb. 10).

Seit dem 14. Jahrhundert konnten Gläubige einen Plenarblass zudem in Form des römischen Jubiläums gewinnen. Das erste "Jubeljahr" (oder Heilige Jahr) wurde 1300 in Rom gefeiert, weitere Jubiläen beging man 1350, 1390, 1423, 1450, 1475 und 1500. Das Jubiläum von 1390 war erstmals auch außerhalb Roms zu gewinnen, 1392 beispielsweise in München. Für das Jubiläum 1450 erhielt die Diözese Augsburg ein ähnliches Privileg. Nikolaus von Kues (1401-1464) verkündigte zudem in den Jahren 1451/52 als päpstlicher Legat den Jubiläumsablass reichsweit und verband damit seine Bemühungen um eine umfassende Reform des kirchlichen Lebens. Zugleich ließ er – wie die meisten Kardinallegaten – während seiner Legation zahlreiche partielle Ablässe ausfertigen (Abb. 5). Papst Sixtus IV. (reg. 1471–1484) weitete die Vergabe des Jubiläums stark aus. Das Jubiläum von 1475 erlebte Nachfeiern auch in zahlreichen deutschen Städten, unter anderem in München, Eichstätt, Memmingen und Nördlingen. Für den Neubau der Münchener Frauenkirche wurde 1479 ein vollkommener Ablass nach Art des Jubiläums gewährt, der von 1480 bis 1482 jeweils vom Sonntag Laetare bis zum Sonntag Judica zu gewinnen war.

Aus den Kreuzzugsablässen und den Indulgenzen der Jubiläen entwickelten sich die Ablasskampagnen des Spätmittelalters, bei denen Plenarablässe zur Finanzierung von Kriegen gegen Häretiker, die Osmanen oder die Russen sowie für Bauvorhaben überregional und losgelöst von den Jubiläen verbreitet wurden. Seit 1476 wurde ferner die Möglichkeit propagiert, vollkommene Ablässe den Verstorbenen im Fegefeuer zuzuwenden, was auf großen Zuspruch, aber auch auf heftige theologische Kritik stieß und die Ablasspraxis vor der Reformation nachhaltig prägte. Insbesondere der französische Theologe und spätere Kardinal Raimund Peraudi (1435–1505) popularisierte dieses umfassende Gnadenangbot in den von ihm organisierten Ablasskampagnen.

Die großen Predigtkampagnen für Plenarablässe berührten das Gebiet des heutigen Bayern je nach päpstlicher Ausschreibung und lokaler Zulassung in unterschiedlichem Maße. Der Nürnberger Rat verweigerte beispielsweise 1516 die Verkündigung des Ablasses für den Heiliggeistorden. Seit 1486 waren die folgenden Ablasskampagnen für das bayerische Gebiet relevant. Kampagnen, die Bayern nicht berührten, sind nicht angegeben:

Zweck Zeitraum Verbreitungsgebiet
1. Türkenkrieg 1486-88 reichsweit
2. Türkenkrieg 1489-90 reichsweit
3. Türkenkrieg 1501-03 reichsweit
Deutscher Orden in Livland 1507-10 Diözesen Würzburg/Eichstätt/Augsburg/Bistum Bamberg
Wiederaufbau des Münsters zu Konstanz 1513-14 Diözese Augsburg
Heiliggeistorden 1514-18 reichsweit, besonders in Süddeutschland
Dominikanerkirche Augsburg 1514-19 Kirchenprovinzen Mainz und Salzburg
Petersablass 1515-18 Kirchenprovinzen Mainz und Salzburg
Abb. 7: Ablassinschrift an der 1475 erbauten Schäferkapelle in Rothenburg ob der Tauber: Romisch · Ablas · vf · den · cristag · ostertag · pfingstag [.] dinstag · nach · bar/tholomei · S · wolfgāg · allerheiligen ·vnser · frauuē · cōcepoīs · / anvnciaciacoīs [lies: annvnciacionis] · iglichs · fest · xii · c [= carene] · xl · tag ·vf · dē · tag · der · / kirwei · xxiii · c [= carene] · lxxx · tag · du’ch · dz [= daz] · gātz · ior · all · tag · xl ·tag · (Quelle: Wikimedia Commons)
Abb. 8: Epitaph der Subpriorin des Nürnberger Dominikanerinnenklosters St. Katharinen, Dorothea Schürstab (gest.1475) mit Darstellung der Messe des hl. Gregor, Nürnberg um 1475; Ablassinschrift: "Wer dise figur kniennd ert mit einem pater noster und ave Maria, der hat von der erscheinung, die sant Gregorius erschain in ainer kirchhen, dy heist portacrucis [= Santa Croce in Gerusalemme], den selben ablas der selben kirchen, des ist xxx m [= 30.000] iar ablas, und von ij pebsten von idem xx [= 20] iar ablas und von xliij [= 43] pischofen von ydem xl [= 40] tag ablas und von xxx [= 30] pebsten von ydem cc [= 200] tag ablas. Den ablas allen hat pestetigt pabst Clementzeus und allen den, di den ablas fürbas kunden, dise haben mcc [= 1200] tag ablas." (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Gm 521)

Ad-instar-Ablässe

Eine besondere Form der Ablassverleihung, die unter dem Pontifikat Bonifaz' IX. (reg. 1389–1404) gebräuchlich wurde, waren die so genannten Ad-instar-Ablässe (ad instar = nach Art von). Diese Indulgenzen übertrugen den Ablass eines Ortes auf einen anderen. Vielfach wurden auf diese Weise legendarische Ablässe verbreitet. So erhielt das Klarissenkloster St. Jakob am Anger in München 1401 einen Ablass "ad instar" der Kapelle S. Maria degli Angeli in Portiuncula zu Assisi (Abb. 4). Unter dem letztlich fiktiven Portiuncula-Ablass verstand man einen vollkommenen Ablass. Schon 1399 hatte das Nürnberger Augustinerkloster St. Veit sich einen Ablass ad instar San Marco zu Venedig beschafft, der ebenfalls als Plenarablass galt. Obwohl im Dezember 1402 alle Ad-instar-Ablässe widerrufen worden waren, haben die Empfänger sie oft weiter genutzt (z. B. in Würzburg für die Heiltumsweisung am Kilianstag); auch wurden weiterhin neue Ad-instar-Ablässe verliehen. Für die römischen Päpste während des Schismas stellten die Gebühren für die Vergaben von Ad-instar-Ablässen überdies eine wichtige Einnahmequelle dar. Diese Praxis leistete der oft beschworenen Inflationierung des Ablasswesens erheblichen Vorschub.

Legendarische Devotionsablässe

Seit dem 14. Jahrhundert verbreiteten sich in Gebetbüchern legendarische päpstliche Ablässe für Gebete und Bildbetrachtungen, denen keine Ablassgewährung zugrunde lag. Das zeigt sich oft schon an den Ablassmaßen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Gregorsmesse (Darstellung einer eucharistischen Vision Papst Gregors I., reg. 590-604). Für Gebete vor Bildern der Messe wurden oft zehntausende Jahre Ablass in Aussicht gestellt (Abb. 8). In Pilgerführern versahen die Autoren heilige Stätten ebenfalls gerne mit exorbitant hohen Ablasszahlen. So wurde der geistliche Stellenwert von Orten und Reliquien hervorgehoben. Eine Erklärung für diese Praxis könnte sein, dass man sich "Ablass von Gott" erhoffte; die ordnungsgemäße Gewährung des Ablasses war dafür sekundär oder sogar gleichgültig.

Ablasspraxis

Je nach Art kann der praktische Gebrauch eines Ablasses unterschiedlich ausfallen. Ein ortsgebundener partieller Ablass etwa wurde nicht in der gleichen Weise publiziert wie ein überregional verkündeter Plenarablass. Grundsätzlich soll hier in Anlehnung an die diplomatische Forschung (Thalmann) zwischen dem Ablassgeber, dem Ablassanbieter und dem Ablassnehmer unterschieden werden. Der Ablassanbieter als Zwischeninstanz entfällt bei Beichtbriefen, die vom Papst direkt an individuelle Petenten ausgegeben werden.

Ablassgeber

Ablässe konnten verliehen werden von Päpsten (Abb. 1), Erzbischöfen, Bischöfen, Patriarchen, Weihbischöfen, päpstlichen Legaten und Kardinälen (Abb. 5 und 6), nicht jedoch von Äbten oder Pfarrern. Nur Päpste durften Plenarablässe ausschreiben. Bischöfe gaben in der Regel Ablässe von 40 Tagen, in besonderen Fällen auch bis zu einem Jahr (Kirchweih). Ablässe ortsfremder Bischöfe mussten vom Diözesanbischof genehmigt werden (Abb. 2). Die kanonischen Bestimmungen wurden oft dadurch unterlaufen, dass die begünstigten Institutionen als Ablassanbieter Ablässe unterschiedlicher Aussteller für denselben Zweck addierten, wodurch potentiellen Wohltätern größere Ablasssummen angeboten werden konnten.

Das führte zum Aufkommen der Sammelindulgenzen, in denen mehrere bischöfliche Aussteller in einer Urkunde Ablass gewährten (Abb. 2). Zusammenkünfte wie das Würzburger Konzil von 1287 oder ein Aufenthalt an der Kurie waren bevorzugte Gelegenheiten für die Beschaffung solcher Urkunden. Seit dem frühen 15. Jahrhundert wurden Sammelindulgenzen ausschließlich von Kurienkardinälen gewährt (Abb. 6). Oftmals wurden kuriale Sammelindulgenzen aufwändig verziert (Abb. 3).

Im deutschsprachigen Raum sind partielle päpstliche und bischöfliche Ablassverleihungen nicht vor dem frühen 13. Jahrhundert festzustellen. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts scheinen besonders viele solcher Indulgenzen ausgefertigt worden zu sein, bevor es im 14. Jahrhundert zu einem Rückgang der Einzelablässe kam. Dafür wurden kuriale Sammelindulgenzen stärker nachgefragt und vorhandene Ablässe summiert. Unter Bonifaz IX. kam es zu einem erneuten Aufschwung der päpstlichen Ablassverleihungen, die sich qualitativ deutlich veränderten und zu einer stärkeren Verbreitung von Plenarablässen führten.

Grundsätzlich erhält der Ablassgeber für die Vergabe des Ablasses etwas vom Empfänger. In der Regel handelt es sich dabei um eine Geldzahlung (Kanzleigebühr, Gewinnbeteiligung bei Plenarablässen). Die Vergabe von Ablässen weist daher nicht unbedingt auf einen bewussten "kirchlichen Förderungswillen" hin, als vielmehr auf das Bemühen von Institutionen oder Einzelnen, Ablässe für bestimmte Zwecke zu bekommen und diese dementsprechend anzubieten. Ablässe wurden von den Ablassgebern nicht "verschenkt", wie in der älteren Literatur zuweilen suggeriert wird.

Ablassanbieter

Die primären Empfänger von Ablassprivilegien mussten diese bekannt machen, um daraus Vorteile ziehen zu können. Sie boten daher den gewährten Ablass werbend an. Ablassanbieter in diesem Sinne waren Pfarrkirchen (Abb. 2, 5, 6), Kapellen (Abb. 3, 7), Hospitäler (Abb. 1), Klöster (Abb. 4, 9), Stifte, Orden, Bruderschaften (Abb. 11) und andere Personenverbände sowie Kathedralen. Zudem konnten bestimmte kommunale Vorhaben, wie der Deich- oder Brückenbau, durch Ablässe begünstigt werden, weil sie als Werke christlicher Nächstenliebe galten. Auch die Weisung der Reichskleinodien in Nürnberg war, wie die meisten Heiltumsweisungen in Klöstern oder Kathedralen, mit Ablässen verbunden. Einzelne Stifter beschafften auf eigene Kosten Ablassurkunden für eine Pfarrkirche, einen Altar oder ein Hospital und versprachen sich davon geistlichen Gewinn (Fürbitten, Memoria).

Ablässe dienten erklärtermaßen oft dem Zweck, Almosen einzuwerben. Vielfach wurden sie bei überörtlichen Almosensammlungen eingesetzt. Welche tatsächlichen Einnahmen ein Ablass generierte, ist jedoch bei partiellen Ablässen in der Regel unbekannt. Für ihre Beschaffung fielen andererseits auf jeden Fall Kosten in Form von Gebühren und Spesen an. Die Einnahmen aus Plenarablässen sind in einigen Fällen dokumentiert. Plenarablässe waren deutlich ertragreicher als andere Ablassangebote, sie boten aber keine Garantie für hohe Einnahmen. Seit etwa 1514 zeigte sich im Reichsgebiet, dass die immer häufiger verkündeten Plenarablässe auf wachsende Ablehnung stießen, was den Boden für Martin Luthers (1483-1546) fundamentale Ablasskritik bereitete.

Fälschungen

Ablassanbieter hatten ein Interesse, möglichst attraktive Ablässe anbieten zu können. Viele Ablassanbieter gingen spätestens seit dem 14. Jahrhundert dazu über, Ablässe zu ihren Gunsten in umfassenden Summarien und Ablasskalendern zusammenzufassen. Insbesondere die Bettel- und Hospitalorden sowie die Ritterorden beförderten diese Praxis. Durch die Summierung wurde oftmals der Umfang und die Gültigkeit der Ablässe verschleiert und vergrößert. Auch fanden legendarische Ablässe Eingang in die Verzeichnisse. Bei Almosensammlungen konnten die Ablässe der Orden und Kommunitäten so zu einer starken Konkurrenz stationärer Ablässe werden, wie sie beispielsweise in Pfarrkirchen angeboten wurden. Für die Zeitgenossen ließ sich die Glaubwürdigkeit solcher Zusammenstellungen kaum überprüfen. Weitaus seltener wurden einzelne Ablassurkunden gefälscht. Während überführten Urkundenfälschern im Allgemeinen harte Strafen drohten, wurden die Kompilatoren von Ablassverzeichnissen, so sie denn namentlich bekannt waren, kaum für Fälschungsvergehen belangt. Nur gelegentlich versuchten Vertreter der Hierarchie der Verbreitung zweifelhafter Ablässe Einhalt zu gebieten, jedoch meist ohne längerfristigen Erfolg.

Ablassnehmer

Soweit sich sagen lässt, waren Menschen aller Stände am Ablass interessiert. Auch Angehörige von Institutionen, die selbst als Ablassanbieter auftraten, haben sich darum bemüht, Ablässe für ihr eigenes Seelenheil zu gewinnen. Oft bestand das Ablasswerk im Besuch eines geistlichen Ortes, einer Kirche oder Kapelle an bestimmten Tagen oder Festen, verbunden mit einer in ihrer Höhe häufig nicht näher bestimmten Spende. Seltener sind Sachspenden wie Baumaterial oder Kerzenwachs. Auch Gebete für den Bischof oder andere Personen konnten als Ablasswerk zählen. Für den Plenarablass waren je nach Art die Teilnahme an einem Kreuzzug oder andere näher spezifizierte materielle und geistliche Werke erforderlich (z. B. Ausrüstung eines Kreuzfahrers, Geldspenden, Wallfahrten). Mit dem Erwerb von Ablässen war die Hoffnung verbunden, dass sie zum Seelenheil helfen mögen, wie die wenigen Selbstzeugnisse von Ablassnehmern zeigen. Gefälschte Ablässe konnten diesem Ansinnen zuwiderlaufen. Manche Theologen warnten daher vor dem Bemühen um Ablässe, deren Rechtmäßigkeit nicht klar war. Doch schon das fromme Bemühen um einen Ablass – echt oder falsch – sei geistlich verdienstvoll, relativierten andere. Von Seiten der Ablassnehmer selbst konnte Kritik laut werden, wenn Ablassgelder erkennbar nicht dem ausgewiesenen Zweck zugute kamen.

Ablassmedien

Das primäre Ablassmedium waren die Ablassverleihungen selbst, also Urkunden. Ablassurkunden wurden zum Teil als Werbemittel ausgestellt, vorzugsweise durch Aushang. Vor allem für Sammelindulgenzen ist diese Praxis vielfach bezeugt, sie muss aber auch für viele Einzelablässe angenommen werden (Abb. 2, 5, 6). Zum Teil wurden mehrere Einzelablässe in einem Kollekturbrief zusammengefasst und von einem Abt oder dem Ortsbischof beglaubigt, um damit Almosensammlungen durchzuführen. Im Rahmen der Liturgie konnten Ablassurkunden verlesen und auch gesungen werden. Die künstlerische Verzierung kurialer Sammelindulgenzen trug zu einer plakatartigen Wirkung bei, die auch illiterate Betrachter beeindruckt haben dürfte (Abb. 3); im Ganzen spielte aber wohl die mündliche Bekanntmachung von Ablässen die größte Rolle bei ihrer Nutzung.

Für eine dauerhafte Präsentation wurden Ablässe auf Tafeln übertragen (Abb. 9). Auch Inschriften an der Außenseite von Gebäuden (Abb. 7), auf Tafelbildern (Abb. 8) und in seltenen Fällen in Kirchenfenstern (für Bayern nicht belegt) sollten über Ablässe informieren. Volkssprachliche Übertragungen insbesondere von Ablassverzeichnissen und -kalendern dienten ebenso der Vermittlung und wohl auch als Predigtgrundlage. In Bruderschafts-, Heiltums- und Mirakelbüchern sowie in Pilgerführen wurden häufig Ablassverzeichnisse angelegt.

Seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts spielten Einblattdrucke eine wachsende Rolle für die Präsentation von Ablässen (Abb. 10, 11). Die Ablasskampagnen des 15. und frühen 16. Jahrhunderts lassen sich als "multimediale Inszenierungen" (Eisermann, 99) charakterisieren, bei denen neben den materiellen Medien auch eine besondere liturgische Ausgestaltung zur Propagierung des Ablasses beitrug.

Ablasskritik

Kritik an der Ablasspraxis begegnet in Mitteleuropa vom 13. bis zum 16. Jahrhundert immer wieder. Im heutigen bayerischen Raum kommt sie wie andernorts sowohl von Theologen als auch aus dem städtischen Laienmilieu sowie aus humanistischen Kreisen. Berthold von Regensburg (ca. 1210–1272) tadelte das verhalten professioneller Almosensammler und Ablassprediger ebenso wie der RegensburgerDomherr Konrad von Megenberg (1309–1374). Für grundsätzliche Kritik am Plenarablass, den das Basler Konzil ausgeschrieben hatte, musste sich Siegfried Wanner aus Nördlingen um 1443 vor der Inquisition verantworten. Über das Münchener Jubiläum von 1392 ätzte rückblickend der Augsburger Chronist Burkhard Zink (1396–ca. 1475), es sei dabei nur um das Geld gegangen. Der BambergerGeneralvikar Johann von Aurbach (15. Jh.) kritisierte die missverständliche Benennung von Plenarablässen als "Ablass von Schuld und Strafe" (a poena et culpa). Besondere Kritik zog die Verkündigung des Plenarablasses von 1514–19 für die Augsburger Dominikanerkirche auf sich, gegen die unter anderem der Würzburger Domprediger Johann Reyss (ca. 1457–1517), der Generalvikar der deutschen Augustinereremiten Johann Staupitz (1465–1524) in seinen Nürnberger Adventspredigten und der Augsburger Domkanoniker Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden (1459–1523) ihre Stimmen erhoben. Der Ingolstädter Theologe Johannes Eck (1486–1543) befand später, diese Kampagne habe das Ansehen des Ablasses nachhaltig beschädigt. Solche Kritik griff meist die Fiskalisierung des Ablasses und die Art der Ablasswerbung an, bedeutete jedoch in der Regel keine grundsätzliche Ablehnung von Ablässen.

Fundamental in Frage gestellt wurde der Ablass nur von Theologen und Gruppen, die von der Kirche als häretisch eingestuft wurden (vor allem John Wyclif [1320-1384] und die Lollarden, Jan Hus [1369-1415] und die Hussiten), denn sie griffen die Autorität des Papstes an. Erst die reformatorische Bewegung zu Beginn des 16. Jahrhunderts fand mit ihrer grundsätzlichen Ablasskritik nachhaltige Resonanz und führte auch in Bayern zu einem Zusammenbruch des mittelalterlichen Ablassmarktes.

Forschungslage

Die Theologie des Ablasses kann als gut erforscht und dokumentiert gelten, wenn auch die entsprechenden theologischen Schriften aus dem Spätmittelalter längst nicht alle ediert sind. Diplomatische Aspekte von Ablassurkunden wurden in jüngerer Zeit eingehend untersucht, ebenso der Ablassgebrauch einzelner Orden, wie etwa der Franziskaner, des Heiliggeist-Ordens und des Deutschen Ordens. Landes- und ortsgeschichtlich ausgerichtete Arbeiten haben sich unter verschiedenen Fragestellungen mit dem Ablass befasst (etwa für Schlesien, Niedersachsen, Westfalen, die Innerschweiz, Köln).

Speziell für das Ablasswesen in Bayern fehlen umfassende Studien. Romuald Bauerreiss (1893-1971) behandelte Ablässe nur oberflächlich im vierten Band seiner Kirchengeschichte Bayerns (1953, 171–174). Im Handbuch der Bayerischen Kirchengeschichte (1998) finden sich einige verstreute Angaben ohne systematischen Überblick (Bd. I,1 und I,2, siehe Register). Ortsgeschichtliche Studien und Miszellen untersuchen meist einzelne Ablassverleihungen. Punktuell wird der Einsatz von Ablässen durch Almosensammler dokumentiert.

Nach derzeitigem Kenntnisstand lassen sich keine nennenswerten Abweichungen der Ablasspraxis in Bayern von anderen Regionen benennen. Ablässe waren in Bayern ähnlich präsent wie andernorts, sie bildeten einen integralen Bestandteil des kirchlichen Lebens. Mögliche Unterschiede zwischen Bischofsstädten, Reichsstädten, Residenzen und dem ländlichen Raum wären noch herauszuarbeiten. Wie die vielfältigen und oft gleichzeitigen Erscheinungsformen des Ablasses von den Gläubigen angenommen wurden, wäre im Sinne einer vergleichenden regionalen Ablasstopographie untersuchungswürdig.

Quellen und Überlieferung

Spätmittelalterliche Quellen zum Ablasswesen sind oftmals nur handschriftlich überliefert. Viele Urkunden- und Regesteneditionen reichen nicht über das 14. Jahrhundert hinaus. Pfarrarchive, Klosterarchive, Spitalarchive, Ordensüberlieferung, päpstliche Register und städtische Archive kommen als Orte ablassbezogenen Schriftguts in Betracht. Chroniken, insbesondere Städtechroniken, berichten punktuell über einzelne Ablässe, vor allem aber über die großen Ablasskampagnen des 15. und frühen 16. Jahrhunderts. Die Einblattdrucke stellen eine wichtige Quellengruppe für das 15. und frühe 16. Jahrhundert dar. Alle Staatsarchive und großen Bibliotheken weisen entsprechende Bestände auf.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Axel Ehlers, Ablass (Mittelalter), publiziert am 01.12.2015; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ablass_(Mittelalter) (18.01.2026)

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Sekundärliteratur

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Der Investiturstreit (11. und 12. Jh.)

Die Kreuzzüge

Inhaltsverzeichnis

  1. Gottfried von Bouillon. Der Kreuzfahrer.
  2. Erster Kreuzzug. Blutige Pilgerfahrt.
  3. Christen gegen Muslime. Krieg im Namen Gottes.

1. Gottfried von Bouillon. Der Kreuzfahrer

Als der Papst zum Krieg im Heiligen Land aufruft, verkauft ein tiefgläubiger Aristokrat einen großen Teil seines Besitzes: Herzog Gottfried von Bouillon erobert mit den Kreuzfahrern Jerusalem – und wird von den Zeitgenossen zur Idealfigur des Ritters verklärt

Dieser Mann ist der scheinbar ideale Ritter: tapfer und fromm, hochgewachsen und schön, mit flachsblondem Haar und Bart. Keiner würde sich besser als Symbolfigur für den gottgewollten Kampf der Christen gegen die Ungläubigen eignen als Gottfried von Bouillon. Und genau so einen Mann braucht der Heilige Vater. Denn als Papst Urban II. die Gläubigen 1095 zur Befreiung Jerusalems von den Muslimen aufruft, nimmt er ein großes Risiko auf sich: Geht sein Appell unter, ist seine Autorität dahin; wird der Krieg aber ausgefochten, steigt sein Ansehen enorm – auch unter Europas Mächtigen.

Die (oft militärisch schwachen) Monarchen leiden unter den endlosen Fehden der Ritter, die in ihrer Streitlust mitunter ganze Regionen verheeren. Daher sehen viele Herrscher in dem Kreuzzug eine Chance, die unkontrollierbaren Krieger loszuwerden. Urban II. muss also auf Ritter hoffen, die seinem Aufruf folgen und so andere adelige Kämpfer mit sich ziehen. Auf Ritter wie Gottfried von Bouillon. Der tiefgläubige Herzog von Niederlothringen ist wohl ehrlich entflammt vom Appell des Papstes. Er verkauft oder verpfändet die meisten seiner Burgen und Ländereien und zieht im August 1096 gen Osten. Tausende Männer schließen sich ihm an, darunter viele Ritter; manche mag Gottfrieds Hingabe inspiriert haben, andere hoffen vermutlich eher auf reiche Beute.

In Konstantinopel schließt sich Gottfrieds Tross mit denen weiterer Kreuzfahrer zusammen. Als die Armeen im Mai 1097 über den Bosporus auf muslimisches Gebiet setzen, zählen sie 50.000 Fußsoldaten und 7000 Ritter. Der Kampfkraft dieser Reiterkrieger vor allem ist es zu verdanken, dass die Christen mehrere Schlachten gegen feindliche Heere gewinnen. Denn die mit Schwert und Lanze bewaffneten und gepanzerten Reiter sind den nur leicht geschützten muslimischen Soldaten weit überlegen.

Im Juni des Jahres 1099 erreicht das Kreuzfahrerheer (aufgehalten unter anderem durch die Belagerung der Stadt Antiochia) endlich Jerusalem. Die Verteidiger haben alle Brunnen und Zisternen im Umkreis von zehn Kilometern zugeschüttet oder vergiftet. Entweder gelingt es den Europäern, die Stadt schnell einzunehmen – oder sie werden verdursten.

Gottfried führt einen Großangriff auf die Nordmauer. Die Muslime wehren sich mit Pfeilen und Steinen, einem Ritter direkt neben ihm zerschmettert ein Brocken das Genick. Doch dann lodern Flammen auf der Nordmauer, ausgelöst durch Brandpfeile der lothringischen Bogenschützen. Die Muslime weichen zurück. Über die herabgelassene Außenwand eines Belagerungsturms, die nun als Brücke dient, stürmen die Kreuzfahrer die Stadt, plündern sie und töten Tausende. Manche schlitzen ihren Opfern auf der Suche nach verschluckten Münzen die Bäuche auf. Besonders in den Gotteshäusern machen die Angreifer Beute, reißen allein im reich geschmückten Felsendom tonnenweise Gold, Silber und Diamanten an sich.

Dem Rausch der Eroberung folgt Ratlosigkeit: Urban II. hat nie gesagt, wie es nach der Eroberung Jerusalems weitergehen soll. Nach langen Beratungen versuchen die Anführer des Kreuzfahrerheeres, Gottfried zum König von Jerusalem zu erheben. Der sagt zu, weigert sich aber, die Würde eines Königs anzunehmen, sondern begnügt sich mit dem ungleich demütigeren Titel „Fürst und Verteidiger“ Jerusalems. Am 22. Juli 1099 wird ihm dieser neue Rang offiziell verliehen.

Mit ihm bleiben viele andere Ritter im Nahen Osten, einige als Herrscher von eigens gegründeten Fürstentümern: den neuen Außenposten der Christenheit. Gottfried gebietet nur ein Jahr im Heiligen Land, dann stirbt er, wohl an Typhus. Doch seine Eroberung Jerusalems lebt weiter in Liedern und Chroniken, zugespitzt und überhöht vor allem auf Betreiben der Kirche. Denn sein Triumph ist auch ihr Triumph. Das Volk ist nach dem Sieg gegen die Muslime im christlichen Glauben bestärkt. Und die Mächtigen sind dem Pontifex dankbar, dass Hunderte der unruhestiftenden Ritter auf lange Zeit aus Europa verschwunden sind.

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NACH DER ERSTÜRMUNG Jerusalems im Jahr 1099 erwählen die Kreuzfahrer Gottfried von Bouillon zum Herrscher der eroberten Stadt. Und Europas Chronisten stellen ihn fortan auf eine Stufe mit König Artus und Karl dem Großen

2. Erster Kreuzzug. Blutige Pilgerfahrt

Im Jahr 1095 ruft Papst Urban II. die Christen zu einem Glaubenskampf auf: Sie sollen in einen gottgewollten Krieg gegen die Muslime bis ins Heilige Land ziehen und Jerusalem befreien. Groß ist die Begeisterung, die Urban entgegenschlägt – so stark, dass selbst das Kirchenoberhaupt sie nicht mehr kontrollieren kann. Bald machen sich Ritter und Habenichtse, Bischöfe und entlaufene Nonnen auf einen fast 4000 Kilometer langen Marsch. Doch vier Fünftel von ihnen werden die Stadt Jesu nie erreichen

Mehrfach stellen Muslime die Fremden zum Kampf. Oft sind ihre Armeen größer, doch die Ritter sind gepanzert und kämpfen fanatisch (Bild: Alamy)

Es ist Freitag, der 15. Juli 1099. Vor Jerusalem steht Gottfried von Bouillon auf einem 20 Meter hohen hölzernen Belagerungsturm und gibt seinen Männern Befehle. Ein rotes Kreuz ziert den Umhang des Herzogs aus Lothringen, neben seinem Banner ragt ein goldenes Kruzifix in den Himmel. Pfeile und Steine prasseln gegen die Schutzschilde des Turms, einem Ritter neben Gottfried bricht ein Brocken das Genick.

In den ausgedörrten Hügeln Judäas kämpft unter der Führung Gottfrieds und anderer europäischer Adeliger ein Heer, wie es noch keines gegeben hat: Mehrere Tausend Fußsoldaten, manche gepanzert, andere nur in Lumpen gehüllt, in den Fäusten Spieße, Hämmer und erbeutete Schwerter, stehen neben ein paar Hundert Kriegern in Kettenhemd und Helm, auf den Umhängen aufgenähte rote Kreuze, die Gesichter hager, bärtig, sonnenverbrannt. Hinter ihnen recken Priester in zerschlissenen Kutten Kreuze in den Himmel und singen fromme Lieder. Nahebei liegt ein Lager mit Frauen, Kindern und Kranken, mit Schlachtrössern, die zu Kleppern abgemagert sind, mit räudigen Hunden und schmutzigen Schweinen. Gott allein mag wissen, wie dieser Haufen bis nach Jerusalem gelangt ist.

Al-Quds nennen die muslimischen Verteidiger ihre Stadt, „Heiliger Ort“. Heilig den Juden, denn hier stand ihr Tempel. Heilig den Christen als Ort der Kreuzigung und Auferstehung Jesu. Und heilig den Muslimen, denn hier, so überliefert es der Koran, ist Mohammed einst gen Himmel aufgestiegen. Die Stadt der Religionen ist seit 462 Jahren in der Hand der Muslime: seit ein Nachfolger Mohammeds die Metropole einnehmen konnte. Bislang hat die lateinische Christenheit nie einen Versuch unternommen, den Ort der Passion ihres Heilands zu erobern. Nicht bis zu diesem heißen Sommer des Jahres 1099. Seit fast sechs Wochen belagert das Heer schon die Heilige Stadt. Und seit den Morgenstunden des Vortags bestürmen die Kämpfer deren Mauer.

Zwei hölzerne Türme haben sie über die Hügel gezogen. Einen bewegen sie nun auf den südlichen Wall der Stadt zu, der andere wird von Kriegern Zentimeter für Zentimeter an die nördliche Befestigung geschoben – es ist jener Turm, auf dem der Herzog aus Lothringen seine Männer anfeuert. „Deus lo volt!“, rufen die Angreifer in verschliffenem Latein: „Gott will es!“ Die Verteidiger legen Brandgeschosse auf ihre Katapulte: wachsgetränkte Reisigbündel, mit Lumpen zusammengebunden, mit Nägeln gespickt. Brennend werden sie hochgeschleudert, um die Türme zu entzünden. Dazu lodernde Strohballen, die Gras und Gebüsch treffen. Die Christen gehen durch Flammen.

MITTAG . Hitze, Rauch, am Himmel Geier und Raben. Der Gestank von Feuer und Pech, Schweiß und Blut. Staub im Mund. Schreie, Kommandos, Gebete. Unter den Schutzschilden die glühende Luft. Das Dröhnen abprallender Steine, das Zittern der hölzernen Konstruktion, das Knistern der Flammen.

Wie lange noch? „Wir hatten große Angst“, notiert später ein christlicher Chronist. Da sirrt ein Brandpfeil in einen der Säcke, mit denen die Muslime ihre Mauer gegen Steine gepolstert haben, und entzündet das Häcksel darin. Schwarzer Qualm zieht über die Zinnen. Die Verteidiger ringen nach Atem. Dann weichen die ersten zurück. Auf der mittleren Etage von Herzog Gottfrieds Belagerungsturm spähen Ritter auf die Mauer: Sie wirkt verlassen. Rauch überall, man kann nur wenige Schritte weit sehen. Eine Falle?

Vorsichtig senken die Kreuzfahrer eine der Außenwände des Belagerungsturms als Fallbrücke hinab. Ein flämischer Ritter wagt den Weg auf die andere Seite, gefolgt von mehreren Mann. Mit dem Schwert in der Faust, keuchend, durstig und erschöpft, sichern sie die kostbaren Zentimeter Mauer. Plötzlich Schemen im Qualm: die Verteidiger. Einer stürzt den Männern entgegen – und wird mit einem Schwerthieb enthauptet. Sein Schädel fliegt vom Zinnenkranz in die Gassen. Gottfried von Bouillon, der nun erst erkennt, dass bereits auf der Mauer gekämpft wird, eilt über die Fallbrücke. Er ist endlich in Jerusalem!

Und so wird der Herzog aus den Ardennen zum Helden eines Krieges, der als Erster Kreuzzug in die Annalen eingeht. Zu einem Idol der Trouba-doure. Zur eisernen Faust des Papstes. Zum Symbol eines epischen Kampfes zwischen Abend- und Morgenland, zwischen Christen und Muslimen: eines mörderischen Zeitalters, das zwei Jahrhunderte währen und das Verhältnis der beiden Weltreligionen noch fast ein Jahrtausend später zerrütten wird. Des Zeitalters der Kreuzzüge.

Die Geschichte des Ersten Kreuzzugs handelt von Rittern und Habenichtsen, von Bischöfen und Eremiten, Männern und Frauen, die auf eine bewaffnete Pilgerfahrt in die Fremde ziehen, Einöden durchqueren und Burgen belagern, mit dem einen großen Ziel: Jerusalem wieder zu einer christlichen Stadt zu machen. Drei Kulturen sind in dieses historische Drama verwickelt: das christliche Abendland, Byzanz sowie die islamischen Mächte des Orients. Sie verkämpfen sich in einem Ringen, in dem es vor allem um den Glauben geht, aber auch um Macht und Land, um Häfen und Handelsrouten.

Das lateinische Christentum dominiert den größten Teil Europas. Im Zentrum des Kontinents erstreckt sich das Heilige Römische Reich von der dänischen Grenze bis nach Italien, von Lothringen bis an den Oberlauf der Donau. Nominell herrscht in diesem Reich der römisch-deutsche Kaiser, de facto aber fechten Herzöge und Ritter, Bischöfe und Äbte in jeder Region um die eigentliche Macht. Nur wenige Städte zählen mehr als 10 000 Einwohner, die Adeligen leben auf Burgen aus Holz und Stein, die Mehrheit des Volkes bilden die Bauern, die in Dörfern hausen – winzigen Inseln der Zivilisation in einem Ozean aus Wald.

Etwas straffer hat der englische Monarch sein Reich organisiert, während der König von Frankreich nur über einen kleinen Teil seines Landes tatsächliche Kontrolle ausübt. Skandinavien und Ungarn sind erst seit einigen Generationen christianisiert, weite Regionen Nordosteuropas gar noch heidnisch. In Konstantinopel regiert seit Jahrhunderten der Kaiser von Byzanz. Der Herrscher, dessen Reich sich von der Ostküste der Adria und der Mündung der Donau bis nach Kleinasien erstreckt, sieht sich in der Tradition der römischen Imperatoren.

Legendär der Wohlstand dieser Monarchie, in der Handelsrouten aus Europa und Asien zusammenlaufen. Legendär die Raffinesse des Hofes mit seinem jahrhundertealten Zeremoniell. Legendär Geschick und Verschlagenheit der byzantinischen Diplomaten. Noch um die Mitte des 11. Jahrhunderts scheint das Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht zu stehen. Doch hinter der stolzen Fassade antiker Größe verfault das Reich langsam. Stets sind die Kaiser durch Hofintrigen bedroht, angezettelt von Adelscliquen. Landstriche sind entvölkert, die Steuereinnahmen gehen zurück, während die Armee sich vor allem aus Söldnern rekrutiert, die immer kostspieliger werden.

Im Jahr 1071 leitet eine verheerende Niederlage gegen die muslimischen Seldschuken den allmählichen Niedergang des Byzantinischen Reiches ein. In den Jahren darauf geht durch die Einwanderung türkisch-muslimischer Nomadenstämme fast ganz Anatolien verloren, sodass sich das Herrschaftsgebiet des Kaisers bald nur noch auf einige kleinasiatische Küstenregionen sowie die Balkanhalbinsel erstreckt.

Die Seldschuken, Angehörige eines nomadischen Turkvolks aus dem Gebiet des Aralsees, sind in diesen Jahrzehnten die aufstrebende Macht innerhalb der islamischen Welt – und die ist riesig. In einem beispiellosen Siegeszug haben sich Mohammeds Erben im 7. und 8. Jahrhundert die Welt von Nordindien bis zu Afrikas Atlantikküste unterworfen und dem Abendland sogar einen Großteil der Iberischen Halbinsel entrissen.

Die Muslime sind selbstbewusst, denn sie sehen sich als Krieger Gottes, ihre Triumphe sind ihnen Beweise für die Gunst ihres Herrn. Sie sind reich, denn in ihrer Welt werden Gewürze, Gold, Elfenbein und Sklaven gehandelt. Sie sind kultiviert, denn sie pflegen das Erbe antiker Wissenschaftler sowie persischer und indischer Gelehrter. Geeint jedoch sind die Muslime am Ende des 11. Jahrhunderts schon lange nicht mehr: Der Kalif in Bagdad, nach seinem eigenen Anspruch noch immer der Herrscher über die gesamte islamische Welt, verfügt kaum noch über tatsächliche Macht.

Dafür gibt es im Mittelmeerraum neben dem Seldschukenreich zwei weitere islamische Imperien: In Spanien und einem Teil Nordafrikas regiert die Dynastie der Almoraviden, in Ägypten herrscht ein fatimidischer Kalif. Syrien und Palästina mit der Heiligen Stadt Jerusalem, die fast ein Jahrhundert lang unter Kontrolle der Fatimiden waren, werden seit 1076 von den Seldschuken beherrscht. Die Jahre unmittelbar vor dem Aufruf Papst Urbans zum Kreuzzug sind eine unruhige Zeit für die islamischen Reiche des Orients: Durch einen historischen Zufall kommen im Jahr 1092 sowohl der seldschukische Sultan als auch dessen wichtigster Beamter ums Leben, zwei Jahre später wiederholt sich dieser Vorgang im Fatimidenreich. Thronstreitigkeiten und Unruhen sind die Folge.

Vielleicht ist es gerade dieser historische Moment der Schwäche – Byzanz in der Krise, die Machtverhältnisse bei Seldschuken wie Fatimiden unklar –, in dem unbekannte Strategen irgendwo im Abendland eine einmalige Gelegenheit erkennen: Befreien wir das Heilige Land von der Herrschaft der Muslime! Pilger wagen sich seit jeher aus Europa zu den biblischen Stätten. Italienische Seefahrer erkunden das östliche Mittelmeer. Gesandte reisen nach Konstantinopel. Es kann also durchaus so sein, dass zumindest an manchen christlichen Höfen eine recht genaue Vorstellung von den Wirrnissen im Morgenland herrscht. Sicher ist: Spätestens 1095 kommt ein neuer Gedanke auf an einem der bestorganisierten und ehrgeizigsten Höfe Europas – der Kurie zu Rom.

IM 9. UND 10. JAHRHUNDERT ist der Papst kaum mehr als der Bischof der heruntergekommenen einstigen Weltmetropole Rom gewesen: nominell zwar das Haupt der Christenheit, doch politisch und spirituell jenseits der Stadtmauern fast machtlos. Erst im 11. Jahrhundert besteigen ehrgeizige Kleriker den Stuhl Petri, die gewillt sind, die Kirche gründlich zu reformieren und das Papsttum an die Spitze des Abendlandes zu stellen. Es sind Oberhirten, die unter anderem versuchen, in der Kirche den Zölibat durchzusetzen und den Handel mit kirchlichen Ämtern zu unterbinden. Und die ab etwa 1070 dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches dessen hergebrachtes Recht entreißen wollen, die Bischöfe und Äbte zu ernennen.

Viele einflussreiche Kleriker dieser Zeit entstammen der französischen Abtei Cluny – so auch ein Mönch, der von diesem Kloster aus als kirchlicher Diplomat zu den Höfen Europas reist: Odo von Châtillon. Dieser französische Prior, der 1088 zum Papst gewählt wird und den Namen Urban II. annimmt, fasst einen kühnen Plan. Er will die Christenheit zu einer bewaffneten Pilgerfahrt aufrufen, um das Heilige Land aus der Hand der Ungläubigen zu befreien.

Urbans Entscheidung gibt Forschern noch fast ein Jahrtausend danach viele Rätsel auf. Wann hat der Papst erstmals diese Idee gefasst: schon vor seiner Wahl zum Oberhirten – oder irgendwann danach? Welche Motive treiben ihn? Und welche Rolle spielt das Verhältnis des Papstes zum Kaiser in Konstantinopel? Byzanz hat im Abendland schon oft Söldner angeworben. Auch Anfang 1095 bat eine Delegation aus Konstantinopel den Papst um Unterstützung, denn Byzanz brauchte dringend Ritter für den Kampf gegen die Seldschuken.

Auch wenn keine direkte Reaktion auf dieses Hilfegesuch überliefert ist, war der Besuch jener byzantinischen Gesandtschaft sicherlich ein Auslöser des Kreuzzuges.* Doch er war vermutlich nur der letzte Anstoß zum Abenteuer. Denn die Idee eines Kreuzzuges – einer bewaffneten Pilgerfahrt ins Heilige Land gegen die Muslime – muss Urban II. schon vorher gekommen sein. Zwar sind keine Einzelheiten überliefert, aber es spricht viel für die These, dass der Papst nach dem Besuch der byzantinischen Delegation Anfang 1095 geglaubt hat, nun endlich könne er jenen Traum wahr werden lassen, den er schon lange gehegt hat. Einen Traum allerdings, der in vielen Details noch höchst unkonkret ist.

Wie groß etwa soll das Territorium sein, das im Heiligen Land erobert wird: nur ein Streifen um Jerusalem – oder der gesamte Nahe Osten? Wie soll es regiert werden: als eine Art Provinz des Heiligen Stuhls, als unabhängiges Fürstentum? Wer soll die Macht ausüben? Niemand kann heute mehr sagen, welche Pläne Urban II. wann schmiedet; Zeugnisse aus der Kurie fehlen. Es bleiben bloß Spekulationen.

Sicher ist, dass gerade die Cluniazenser, zu denen Urban II. zählt, das Pilgerwesen fördern. Die Mönche von Cluny kennen den Weg ins Heilige Land, sie organisieren seit Jahrzehnten Fahrten in die Ferne, ihnen ist Jerusalem nicht bloß ein mythischer Ort, der in der Bibel genannt wird, sondern auch eine konkrete Stadt. Zudem sind die Cluniazenser gebildet und selbstbewusst. Ihre Klöster werden von bedeutenden Fürsten gefördert, sodass die Mönche mit dem Adelsstand und dessen Idealen vertraut sind. Sie bilden einen Orden des Geistes und der Macht, mit guten Verbindungen zur Elite.

Gut möglich also, dass der Plan, Jerusalem zu befreien, in Cluny und den anderen Abteien erstmals Gestalt annimmt: die Idee, jene Stadt zurückzugewinnen, die man als heiligen Ort verehrt und deren Befreiung mit Hilfe der fördernden Ritterfamilien nun möglich erscheint. Papst Urban verfolgt mit seinem Aufruf aber noch ein weiteres Ziel: Er will innere Konflikte nach außen kehren. Denn er ruft mit diesen Worten zum Kampf auf: „Jene, die leichtfertig einen persönlichen Krieg gegen die Gläubigen zu führen pflegen, mögen nun gegen die Ungläubigen in den Krieg ziehen.“

In Europa sind Kaiser und Könige meist schwach; sie verfügen nicht über die Macht, um die Adeligen zu zähmen, die in endlosen Fehden übereinander herfallen. Urban will diese mörderische Energie nun auf ein neues Ziel lenken: Nicht gegeneinander sollen die Ritter fechten, sondern gemeinsam gegen den ungläubigen Feind. Da dieser Feldzug zudem auf Wunsch des Papstes stattfindet, wird er dessen Autorität gegenüber den Monarchen Europas noch weiter erhöhen. Doch widersprechen Kriege und die Tötung von Menschen nicht dem christlichen Gebot der Nächstenliebe?

Tatsächlich ist das Christentum ursprünglich ein Glaube radikaler GewaltPredilosigkeit – doch wandelt sich dies bereits in der Antike: Schon Augustinus, einer der „Kirchenväter“ des lateinischen Christentums, schreibt im 5. Jahrhundert, dass ein Christ auf Befehl Gottes sehr wohl in die Schlacht ziehen mag. Einige Historiker, etwa Prof. Nikolas Jaspert (siehe Interview Seite 156), sind anderer Ansicht: Demnach will Urban II. mit seinem Aufruf anfangs nur ein Kontingent von Rittern zusammentrommeln, das er als Hilfe nach Byzanz senden will. Die Begeisterung im Volk ist jedoch so unerwartet groß, dass erst daraus spontan die Kreuzzugsbewegung entsteht – an deren Spitze sich der Papst dann stellt. Die Redaktion GEOEPOCHE hat sich aber für die andere Lesart entschieden, da sie ihr insgesamt plausibler erscheint.

Papst Leo IV. dekretiert um 850, dass jeder Gläubige, der bei der Verteidigung der Kirche sterbe, himmlische Belohnung erhalte. Einige seiner Nachfolger stellen die Gefallenen solcher Kämpfe gar Märtyrern gleich. Damit ist die Idee eines „heiligen Krieges“ spätestens im 11. Jahrhundert in der abendländischen Welt bekannt – und etabliert eine neue Art der Kriegsrechtfertigung: Wenn Menschen zuvor einander Gewalt antaten, ging es meist um Land und Beute. Nun wird die Religion zum Hauptmotiv von Kriegen.

AM 27. NOVEMBER 1095 predigt Urban II. in Clermont – wo er sich bei einem Konzil mit französischen Geistlichen trifft – vor einer großen Menge über einen heiligen Krieg gegen die Muslime. Einen Krieg, der die Menschen des Abendlandes einen und sie bis zur Befreiung Jerusalems führen soll. Maßlos übertreibend schildert Urban, wie die Muslime die Christen im Osten verfolgen und die heiligen Stätten schänden. Das Volk, so überliefern es Chronisten, reagiert ekstatisch. „Deus lo volt!“ erschallt es zum ersten Mal – ein Schlachtruf, der bald zwei Kontinente erbeben lässt.

Doch Urban verliert die Kontrolle über die Geister, die er rief. Er träumt von einem Kriegszug unter seiner spirituellen Führung, ausgefochten von den Edlen des Abendlandes. Nun aber stellen sich Männer auf die Marktplätze und in die Kirchen, die kein Bischof autorisiert hat. Sie verkünden, was ihnen gefällt – und das entspricht oft nicht dem, was Urban angeordnet hat. Der einflussreichste dieser Agitatoren wird Peter der Einsiedler: ein Wanderprediger aus Amiens und feuriger Redner, umglänzt von einem Charisma, das ihn im Volk zum Heiligen macht. Ende 1095 taucht er zum ersten Mal in der Grafschaft Berry in Zentralfrankreich auf, wo er eine Rede hält. Von dort zieht er weiter ostwärts.

Steckt dahinter Absicht – oder lässt sich Peter vom Zufall treiben? Niemand weiß es. Ostern 1096 erreicht er den Rhein. Und inzwischen ist er längst kein Einsiedler mehr. Überall folgen ihm Anhänger, vor allem Arme, darunter auffallend viele Frauen. Etliche haben alles aufgegeben: Beruf, Familie, Haus. Menschen, die niemals zuvor ihr Dorf verlassen haben, machen sich auf einen Weg, der sie auf einen anderen Kontinent führen soll. Für diese Kreuzfahrer bedeutet der Zug ins Heilige Land ein zweifaches Glücksversprechen.

Papst Urban hat ihnen wie allen bewaffneten Pilgern ein ungeheures spirituelles Glück in Aussicht gestellt: Befreit die heiligen Stätten der Christen, und euch werden die Sünden vergeben! Doch viele verstehen die Worte des Heiligen Vaters sicherlich auch in einem anderen Sinn: Erobert die christlichen Stätten – und bleibt im Heiligen Land! Als Siedler, Handwerker, Beutemacher. Sie erhoffen sich materielles Glück. Denn in Kontinentaleuropa wüten Hungersnöte und Überschwemmungen. In den Jahren 1094 und 1095 sind die Ernten schlecht ausgefallen. Vielerorts essen die Armen Wurzeln aus den Wäldern, um zu überleben. Seuchen und andere Krankheiten plagen die Menschen, etwa das Antoniusfeuer, das durch einen Pilzbefall von Getreide ausgelöst wird. Manche der Erkrankten leiden unter Wahnvorstellungen. Und da erscheint dieser arme Prediger und kündet vom Heiligen Land.

Dies ist die erste der vielen Wundergeschichten, die sich um den Kreuzzug ranken werden: Ein abgerissener Prediger stellt aus dem Nichts eines der größten Heere der Christenheit auf. Denn als Peter der Einsiedler zu Ostern vor Köln eintrifft, folgen ihm, so berichten Chronisten, bereits 15 000 Männer und Frauen – fast so viele, wie die größte deutsche Stadt Einwohner zählt. Inzwischen haben auch die ersten Adeligen das Kreuz genommen, darunter Gottfried von Bouillon, der Herzog von Niederlothringen. Er ist etwa 35 Jahre alt, groß, wohlgestaltet, mit flachsblondem Haupthaar und ebensolchem Bart, fromm und gottesfürchtig, tapfer und kriegserfahren: das Idealbild eines Ritters.

Gottfried ist ein mächtiger Edler im römisch-deutschen Reich und ein treuer Gefolgsmann des Kaisers – der meist gegen den Papst agiert, nicht mit ihm. Doch der Herzog ist sehr gläubig, durchglüht von den Ideen der Cluniazenser, deren Förderer er ist. Und so stellt er sich in den Dienst des Heiligen Vaters. Er verkauft oder verpfändet Burgen und Ländereien aus seinem Besitz an benachbarte Bischöfe. Das bringt ihm ein Vermögen ein. Viele wallonische und lothringische Ritter schließen sich ihm an: sicherlich aus religiöser Begeisterung, vielleicht aber auch, weil sie das Geld Gottfrieds und die Aussicht auf militärischen Ruhm locken.

Ende August 1096 zieht Gottfried mit einigen Tausend Streitern von Lothringen aus los. Ihre Route führt sie zum Rhein, dann die Donau entlang, quer durch Ungarn. Die meisten Kreuzfahrer legen den fast 4000 Kilometer langen Weg bis nach Jerusalem zu Fuß zurück, bepackt mit bis zu 30 Kilogramm Ausrüstung. Die Hälfte des Gewichts machen Rüstung, Waffen und Kleidung aus. Bleiben 15 Kilo für Brot, Getreide und andere Vorräte. Da ein Mann gut 1,5 Kilo Nahrung am Tag braucht, kommt ein Heer aus Fußsoldaten also höchstens zehn Tage voran, dann muss neuer Proviant her.

Einen noch größeren Bedarf verursachen die Reiter – ein Pferd benötigt pro Tag fünfmal so viel Getreide wie ein Mensch. Dieses Futter wird auf Karren transportiert, die mindestens 500 Kilogramm fassen. Die Gefährte werden meistens von Ochsen gezogen, gelegentlich aber auch von Pferden; von Tieren also, die selber einen erheblichen Teil ebenjenes Futters verbrauchen. Unter optimalen Bedingungen – wenn die Straßen trocken sind, das Wetter angenehm ist, wenn keine Feinde drohen – schaffen Fußsoldaten auf Dauer 20 Kilometer am Tag, unter ungünstigen Umständen viel weniger.

Also ist das Kreuzzugsheer zu ewiger, doch quälend langsamer Bewegung verdammt: Niemals kann man irgendwo länger verweilen, denn Pferde und Ochsen fressen binnen weniger Tage alle Weiden leer, die Menschen und wiederum die Pferde verbrauchen die Vorräte. Weiter, nur weiter! Spätestens alle 200 Kilometer muss das Heer alles Lebensnotwendige frisch einkaufen – oder plündern. Und das gilt nun für jeden Tag des langen Marsches bis Jerusalem. Weiter, nur weiter!

Der Zug durch das christliche Königreich Ungarn verläuft ohne größere Probleme. Vorsorglich hat Gottfried mit dem Herrscher verhandelt und die Zusage erhalten, dass die Kreuzfahrer zu günstigen Preisen versorgt werden. Ende November 1096 sind die Kreuzfahrer an der Save, gelangen bei Belgrad auf byzantinisches Gebiet. Vor Niš erreichen Boten des dortigen Statthalters von Byzanz das Heer: Er lässt freundliche Worte des Kaisers in Konstantinopel ausrichten, der sich ja Beistand gegen die Seldschuken erhofft, und bietet Geleitschutz. Weiter! Durch den Balkan. Wälder, Berge, Dörfer.

Mit den byzantinischen Begleittruppen erreichen Gerüchte Gottfrieds Männer: Andere Kreuzfahrer seien bereits in Konstantinopel – doch sie seien vom Kaiser gefangen genommen worden. Nein, ganz im Gegenteil: Sie seien vom Herrscher reich beschenkt worden! Unruhe beim Herzog: Was soll er davon glauben? Unruhe auch im Heer, Goldgier, Ungeduld. Ein paar Ritter setzen sich ab, reiten voraus, wollen die sagenhafte Stadt zwischen den Kontinenten vor den anderen erreichen und dort kaiserliche Geschenke empfangen.

Anfang Dezember quält sich der Heerzug bei der Stadt Selymbria das Marmarameer entlang. Da plötzlich plündern die Soldaten: Sie rauben, marodieren, verwüsten das Umland der Hafenstadt. Wie es dazu kommt, ist bis heute ein Rätsel. Erst nach acht Tagen hört das Plündern auf. Entschuldigungen gegenüber den entsetzten byzantinischen Gesandten, dann marschiert man voran. Weiter, nur weiter! Am 23. Dezember 1096 erreicht Gottfried von Bouillon mit seiner Armee endlich Konstantinopel. Was er dort sieht, wird ihm nicht unbedingt gefallen: verarmte Ritter, entlaufene Nonnen, elende Bauern und Tagelöhner aus Frankreich, Deutschland, Italien. Es ist der letzte Rest jener Massen, die Peter dem Einsiedler gefolgt sind. Den Rhein entlang sind sie gewandert. Sie raubten in Ungarn, sie plünderten im byzantinischen Balkangebiet.

Andere Gruppen dieses „Volkskreuzzuges“, die nicht unter Peters Führung standen, begannen schon in Deutschland damit, vermeintliche Gegner der Christenheit zu bekämpfen. In ihrem religiösen Wahn, euphorisiert durch die Reden Peters und anderer Prediger, sahen sie in den Juden, die seit Jahrhunderten in Gemeinden entlang des Rheins lebten, „Gottesmörder“, die ebenso den Tod verdienten wie die Muslime. Und so töteten sie Hunderte Juden in Köln, Speyer, Mainz und anderen Städten; es waren die ersten Pogrome des christlichen Mittelalters. Bald darauf jedoch ereilte diese mörderischen Glaubenskämpfer ihr Schicksal: In Ungarn ließ der König sie nach Plünderungen bis auf den letzten Mann niedermachen.

Das Heer Peters des Einsiedlers jedoch erreichte Konstantinopel und setzte mit Hilfe des Kaisers auf das jenseitige Ufer des Bosporus über. Dort trafen sie schon bald in heilloser Unordnung auf ein seldschukisches Heer – und wurden bis auf wenige allesamt erschlagen (Peter aber überlebt). Die fliehen konnten, verstärken nun das Heer Gottfrieds: entwurzelte Gestalten, gedemütigt, doch glaubensglühend. In den folgenden Monaten immerhin ziehen weitere gut bewaffnete Heere gen Konstantinopel. Sie kommen über den Donauraum oder durch Italien und über die Adria, und sie werden von Fürsten angeführt: von Normannen sowie Kriegern aus Frankreich und Flandern.

Am 21. April 1097 trifft Raimund von Toulouse in Konstantinopel ein: ein Graf von Mitte fünfzig, mit Narben unter dem grauen Bart und einem ausgeschlagenen Auge. Höflich und zivilisiert, doch auch eitel und starrsinnig. Raimund beherrscht große Teile Südwestfrankreichs. Über seine Gattin ist er mit iberischen Königshäusern verwandt. In Spanien hat er bei der Reconquista mitgekämpft. Und er war schon einmal in Jerusalem, als Pilger. Raimund von Toulouse hat nach der Predigt des Papstes als erster weltlicher Fürst das Kreuz genommen – ist nun aber fast als letzter am Bosporus angelangt, weil seine Vorbereitungen so lange gedauert haben.

Als ältester und mächtigster der Kreuzfahrerfürsten sieht er sich als Anführer des gesamten Unternehmens. Doch Urban II. hat niemals einen Oberbefehlshaber ernannt; jeder Herr befehligt sein eigenes Heer. Mit Raimund von Toulouse marschieren wohl mehr als 10 000 Mann. Niemand kann sich in Geld und Heeresgröße mit ihm messen – nicht einmal Gottfried von Bouillon mit seinen Lothringern. Der Graf aus dem Süden und der Herzog aus dem Norden: Sie werden zu den herausragenden Gestalten des Krieges. Ohne den jeweils anderen kann keiner siegen. Am Ende aber wird nur einer über Jerusalem herrschen können.

ANFANG MAI 1097 setzen die letzten Kreuzfahrer über den Bosporus. Endlich sind sie im Gebiet der Muslime – 18 Monate nach dem Aufruf des Papstes. Ihre Zahl kennt niemand; es sind vermutlich rund 60 000 Kämpfer, darunter wohl 7000 Ritter. Im Tross: Tausende Geistliche, Marketender, Gattinnen der Ritter Belaund Prostituierte, Nonnen und Abenteurerinnen, die der heimischen Enge entflohen sind und durch den Zug gen Osten ihr Seelenheil sichern wollen. Kinder, manche Sprösslinge der Krieger, andere Waisen, schließen sich zu Banden zusammen. Eine gemeinsame Sprache gibt es nicht, mit Ausnahme des Lateins, das die Kleriker sprechen.

Das Land, das sie durchqueren, ist von Kriegen gezeichnet. Die Sultane und Emire der Region – Fürsten im Reich der Seldschuken – befehden einander und verbünden sich nicht gegen die Eindringlinge. Zwar stellen sich den Christen mehrmals muslimische Heere entgegen, zwingen ihnen große Schlachten auf, aber sie sind nie stark genug, um den Fremden standzuhalten. Die Ritter sind im Gefecht den nur leicht geschützten Seldschuken überlegen.

Seine Rüstung macht den Ritter zu einer höchst effektiven Kampfmaschine. Das Haupt verschwindet unter dem aus einem einzigen Eisenstück getriebenen Helm. Eine Nasenschiene schützt oft das Gesicht, Eisenplatten liegen an den Ohren, Kettenringe am Nacken. Die Rüstung am Leib besteht aus ineinandergeflochtenen Eisenringen, über die ein Umhang aus Stoff geworfen wird, auf dessen rechten Schulterbereich die Kämpfer ein rotes Kreuz haben nähen lassen, wie vom Papst gefordert. Eisenschienen schützen Arme und Beine.

Das Schwert des Ritters ist etwa einen Meter lang und 1,5 Kilogramm schwer. Die Lanze ragt in der Schlacht zunächst in den Himmel. Nur zum Angriff wird die drei Meter lange Stoßwaffe gesenkt. Die Schlachtrösser – Hengste oder Wallache, die kräftiger und aggressiver sind als Stuten – werden von Überhängen aus Weidengeflecht oder Leder geschützt. Sie sind so trainiert, dass sie im Galopp mit den rechten Beinen etwas weiter ausgreifen, um bei einem Angriff die ungleichmäßigen Bewegungen des Ritters auszugleichen. Der nämlich muss die rechte Schulter, unter die er die Lanze geklemmt hält, starr halten; die linke Schulter mit dem Schildarm schwingt hingegen vor und zurück. Auf jeden Ritter kommen mehrere Fußsoldaten in Helm und Brustschutz, die mit Spießen, Schwertern, Streitäxten bewaffnet sind.

SCHLIMMER als die Seldschuken setzen den Wallfahrern Hitze und Durst zu. Zerstörte Zisternen am Wegesrand. Kein Baum, keine Wiese, bloß Dornbüsche. Die Europäer kauen deren bittere, harte Blätter in der Hoffnung auf etwas Flüssigkeit. Flirrende Luft. Unerträglich für die Ritter in den Kettenhemden. Irgendwann kollabieren die ersten Pferde – und ihre Reiter müssen nun auf Ochsen oder Maultieren weiterkommen. Sie schnallen ihre Vorräte und Waffen Hammeln, Ziegen, Schweinen und sogar Hunden auf. Vielen Tieren wird der Rücken wund gescheuert. Schwangere Frauen im Tross, dehydriert und erschöpft, gebären ihre Kinder zu früh. Weiter! Mit jedem Kilometer nimmt das Misstrauen im Heer zu: Lothringer und Normannen auf der einen Seite, die Provenzalen auf der anderen. Vorwürfe von Feigheit und Gier, Hohnworte.

Nicht einmal das Ziel Jerusalem bindet noch alle Kämpfer: So schlägt sich der jüngere Bruder Gottfrieds von Bouillon mit einigen lothringischen Abenteurern bis an den Euphrat durch, bringt dort die Stadt Edessa in seinen Besitz – und gründet im syrisch-anatolischen Grenzbereich eine eigene Grafschaft. Es wird das erste jener vier Kreuzfahrerreiche, die Chronisten später „Outremer“ nennen: „Jenseits des Meeres“. Das Hauptkontingent der Kreuzfahrer durchquert Kleinasien, hält sich dann aber acht Monate mit der BelaKilogerung und Eroberung der von den Seldschuken beherrschten Metropole Antiochia im Nordwesten Syriens auf.

Ein weiteres halbes Jahr vergeht, bis die Fürsten sich darauf einigen können, was mit der unterworfenen Stadt und deren Umland geschehen soll. Unter dem Druck des Fußvolkes, das endlich gen Jerusalem ziehen will, entscheiden sie sich dafür, das Territorium fürs Erste in der Hand des Normannenführers Bohemund zu belassen. Im Januar 1099 machen sie sich auf in Richtung Süden. Mai: Endlich erreicht das Heer Palästina, das seit Kurzem zum Reich der von Kairo aus herrschenden Fatimiden gehört. Wie geht es nun weiter? Diskussionen unter den Anführern. Einige halten es für einen Fehler, Jerusalem im Sommer zu belagern: zu heiß, zu trocken. Besser erst nach Ägypten marschieren, die Fatimiden schlagen und im Herbst die Heilige Stadt berennen. Doch die Befürworter eines baldigen Angriffs auf Jerusalem setzen sich durch – vielleicht auch, weil das Fußvolk für den Umweg über Ägypten viel zu ungeduldig ist. Niemand wird diese Glaubenskämpfer mehr aufhalten.

DIENSTAG, 7. JUNI 1099 . Graf Raimund von Toulouse steigt vom Pferd, streift sich die Stiefel ab und geht barfuß die letzten Meter hügelan im Staub. Vor ihm liegt, eingebettet zwischen Bergen, eine mit Zinnen bekrönte Mauer, darüber Dächer und eine große Kuppel: Jerusalem. Die Verteidiger zeigen sich nicht; sie vertrauen auf die Stadtmauern, die sie verstärkt haben, indem sie Kirchen und andere Gebäude niederrissen und deren Steine auf die Wälle schafften. Der fatimidische Statthalter Jerusalems kommandiert große Einheiten sudanesischer Bogenschützen und arabischer Kämpfer. Außerdem unterstehen ihm mehrere Zehntausend Menschen, die in der Stadt ausharren: muslimische Bürger, geflohene Bauern der umliegenden Dörfer sowie einige Tausend Juden in ihrem Viertel im Nordosten (die meisten christlichen Einwohner hat er kurz zuvor vertrieben).

Der Statthalter weiß, dass er zwei Verbündete hat: Hitze und Durst. Alle Brunnen und Zisternen in zehn Kilometer Umkreis haben seine Soldaten zugeschüttet oder vergiftet. Bis auf 40 Grad Celsius werden Sonne und Wüstenwinde die Bergrücken schon bald aufheizen. Ein Ritter in Helm und Kettenhemd braucht pro Tag mindestens fünf Liter Wasser – und ein Schlachtross säuft das Zehnfache. Wo sollen die Christen derartige Mengen hernehmen? Die einzige ergiebige Wasserstelle, die die Kreuzfahrer schnell erreichen können, ist der Schiloach-Teich unterhalb der Mauern Jerusalems, in den sich das Wasser einer nahebei gelegenen Quelle ergießt.

Doch aufgrund der besonderen Beschaffenheit der Quelle füllt sich der Tümpel in der Sommerzeit nur etwa alle drei Tage. Zudem können ihn Pfeile der besten Bogenschützen erreichen. Den Christen wird wohl schnell deutlich, dass die Heilige Stadt für sie zur tödlichen Falle werden könnte. Wie viele mögen es jetzt noch sein? Die Chronisten machen vage Angaben. Höchstens 1300 Ritter, dazu etwa 12 000 Fußsoldaten sowie wohl 8000 Priester, Marketender, Frauen und Kinder.

Die verbliebenen Kreuzfahrer konzentrieren ihre Angriffsbemühungen auf zwei Abschnitte: Gottfried von Bouillon sowie die Normannen und Flamen lagern vor der Nordmauer, Raimund von Toulouse führt seine Provenzalen und die Armen auf den Berg Zion im Südwesten. Dazwischen: Hügel, Schluchten – und Hass. Die Normannen verhöhnen die Provenzalen; die seien gut beim Plündern, aber wann hätte man sie je kämpfen sehen? Die Südfranzosen schmähen die Lothringer als „Dreck“. Es kann nur einen Plan geben: ein Sturmangriff. Dafür aber müssen sie Belagerungstürme errichten. Es wird Wochen dauern, zwei dieser Ungetüme in der Einöde zu zimmern.

Die Gluthitze zerrüttet die Nerven der Europäer. Wer noch kräftig genug ist, kämpft sich zum Rand des Schiloach-Teiches vor, sobald für kurze Zeit klares Wasser aus dem Felsen sprudelt. Den Schwächeren bleibt das verschlammte Restwasser, den Schwächsten nur Betteln. Tote Tiere liegen im Wasser. Blutegel treiben im Tümpel, die sich bei Trinkenden am Hals festsaugen. Die Körper reagieren mit Schwellungen, die die Kehle zudrücken, bis das Opfer erstickt.

Die ersten Abendländler geben auf: Haben sie nicht Jerusalem erblickt? Sie ziehen zum Jordan, lassen sich ein zweites Mal taufen und wandern zur Küstenstadt Jaffa, in der Hoffnung auf ein Schiff nach Europa. Andere sind so verzweifelt, dass sie auf die Mauern Jerusalems zurennen. Mit letzter Kraft erreichen viele ihr Ziel, küssen die Steine des Walls – und werden von herabgeschleuderten Brocken erschlagen. Ihre Leichen verwesen vor den Mauern der Heiligen Stadt.

Erst Mitte Juli vollenden Zimmerleute die zwei Belagerungstürme. Am 14. Juli 1099 lässt Gottfried von Bouillon seinen Turm erstmals gegen die Nordmauer schleppen. Graf Raimund von Toulouse befiehlt die Attacke vom Berg Zion im Südwesten aus. Doch beide Angriffe werden von den Verteidigern mit Pfeilen, Steinen und Brandgeschossen zurückgeworfen. Mit knapper Not können die Christen ihre beschädigten Türme retten und sie außerhalb der Reichweite der muslimischen Schleudern und Bögen zerren. In der Nacht flicken sie die Ungetüme wieder zusammen. Nun soll die Entscheidung am nächsten Morgen fallen.

FREITAG, 15. JULI 1099 . Die Christen sind auf den Mauern Jerusalems! Der fatimidische Statthalter befiehlt seinen Reitern, quer durch Jerusalems Gassen zu galoppieren. Doch die arabischen Krieger kommen zu spät. Chaos an der Nordmauer: tote Verteidiger, erschlagene Einwohner, dazwischen Gottfrieds lothringische Ritter, die Schwerter schwingen. Panisch wendet die Kavallerie des Statthalters, reitet zur einzigen Festung, die den Männern noch sicher zu sein scheint: der Davidsburg. Die Zitadelle im Westen der Stadt ist vom Rest Jerusalems durch Mauer und Graben getrennt. Alles verloren! Der Statthalter befiehlt nun auch den Bogenschützen und Steinschleuderern auf der Mauer den Rückzug. Die Soldaten erreichen ihr Ziel mit knapper Not, nur wenige Augenblicke, ehe die ersten normannischen und lothringischen Ritter nachdrängen.

Die johlenden Christen greifen nach den Araberpferden, die die Reiter vor der Festung haben zurücklassen müssen. Es gibt niemanden mehr, der Jerusalem jetzt noch verteidigt. Die Angreifer fluten in die Gassen, gierig nach Schätzen, nach Rache. Und so wird die Eroberung der Heiligen Stadt an jenem Nachmittag des 15. Juli 1099 durch das entfesselte Kreuzfahrerheer zu einer der brutalsten Plünderungen einer an Brutalitäten reichen Zeit. „Es gab keinen Platz, wo sie unseren Schwertern entgehen konnten“, berichtet ein Augenzeuge.

„Einige unserer Männer – und das war noch gnädig – schlugen den Feinden die Köpfe ab“, überliefert ein weiterer Chronist. „Andere erschossen sie mit Pfeilen, sodass sie von den Türmen stürzten; andere folterten sie länger, indem sie sie lebenden Leibes in die Flammen stießen. Haufen von abgeschlagenen Köpfen, Händen und Füßen waren in den Straßen der Stadt zu sehen.“

Für viele Kreuzfahrer ist die Plünderung die letzte Gelegenheit, zu Reichtum zu kommen. Denn diese Ordnung bleibt erhalten in all der grausigen Unordnung: Wer ein Haus als erster Kämpfer betritt, rammt als Zeichen seines Anspruchs eine Waffe in die Tür und darf hier alles an sich nehmen, niemand wird es ihm streitig machen.Nur einige Hundert reiche Muslime und Juden haben das Glück, an einen Ritter zu geraten, der sie nicht tötet, sondern gefangen nimmt: in der Erwartung, seine Geiseln später gegen Lösegeld freilassen zu können.

Raimund von Toulouse lässt zudem den muslimischen Statthalter abziehen, als der ihm kampflos die schwer befestigte Davidsburg übergibt. Der Statthalter, seine Soldaten und deren Familien dürfen unbeschadet zur Küste ziehen. Viele Juden erreichen noch ihre Synagoge. Doch die Ritter verriegeln deren Pforte, schichten Holz um das Gebäude und brennen das Gotteshaus nieder. Gebete hört man noch aus dem Inneren, dann schreckliche Schreie. In der al-Aqsa-Moschee halten Bewaffnete mehrere Stunden aus, bis gepanzerte Christen die Türen aufhacken. Bald darauf sind die Wände der Moschee rot verschmiert, und auf dem Boden steht das Blut angeblich so hoch, dass es den rasenden Rittern bis zu den Knien schwappt.

JERUSALEM wird zu einer Stadt der Toten

Mancher Angreifer versinkt, kaum hat er endlich die Heilige Stadt betreten, in einen Weinrausch. Andere klammern Kerzenständer aus Messing an sich – im Glauben, sie hätten ein Objekt aus Gold ergattert. Die gierigsten Plünderer schlagen ihren Opfern Finger und Ohren ab, um Ringe und Ohrgehänge zu erbeuten; und sie schlitzen die Eingeweide der Toten aus den Bäuchen auf der Suche nach verschluckten Münzen. (Später werden sie noch die Asche der verbrannten Leichen auf der Suche nach Gold zerwühlen.)

Mit Schwertern in den eisengepanzerten Fäusten stürmen 70 Kämpfer über den Tempelberg. Fürchterlich wüten sie unter den Muslimen, die es bis vor die Kuppel des Felsendoms geschafft haben. Und dann: Gold, Silber, Seide, Brokat, Diamanten, Rubine! Eine 50 Kilogramm schwere Schale aus Gold hängt an silbernen Ketten von der Decke; 40 silberne Lampen erhellen das Innere; silberne Beschläge schmücken die Innenmauern. Edelsteine sind in die Ornamente eingesetzt, kostbare Stoffe flattern im Wind. Allein das Silber, das sie von den Wänden reißen, wiegt etwa 25 Tonnen. Später werden die Plünderer Gottfried von Bouillon einen Anteil geben und einen weiteren den Armen des Heeres spenden, um sich durch diese frommen Almosen das Wohlwollen Gottes zu erkaufen.

SONNTAG, 17. JULI 1099 . Dreieinhalb Jahre sind vergangen, seit Urban II. zum Kreuzzug gerufen hat. Aber so unglaublich das auch klingen mag: Nie hat der Papst erklärt, was eigentlich geschehen soll, wenn Jerusalem erst einmal zurückerobert ist. Deshalb entscheidet sich die Zukunft der Heiligen Stadt nun in der Konkurrenz zwischen den beiden mächtigsten Männern des Kreuzzugs: Raimund von Toulouse und Gottfried von Bouillon. Die zwei erschöpften Fürsten verhandeln an diesem Sonntag in der eroberten Stadt darüber, wie es weitergehen soll mit Jerusalem. Die Diskussionen wogen danach noch mehrere Tage hin und her, ehe die Kämpfer schließlich Graf Raimund die Würde eines Königs von Jerusalem anbieten. Doch der – lehnt ab.

Warum? Verweigert sich Graf Raimund aus Frömmigkeit nicht der Macht , sondern bloß dem Titel ? Weil ein Christ keine Krone tragen soll in jener Stadt, in der Jesus die Dornenkrone trug? Ist es ein taktisches Manöver? Der Provenzale weiß, dass er nicht sonderlich beliebt ist. Lehnt Graf Raimund die Königswürde ab, weil ihn das fromm erscheinen lässt und populärer machen soll? Und weil er glaubt, dass er bloß abwarten muss, bis er noch einmal gefragt wird und er sich doch noch zum König aufschwingen kann?

Ein LOTHRINGER herrscht nun über das Heilige Land

Wenn es so ist, dann unterläuft ihm ein verhängnisvoller Fehler. Denn nun wenden sich die Fürsten an Gottfried von Bouillon, fragen ihn, ob er der Herrscher Jerusalems sein will. Und der Herzog sagt zu. Zwar lehnt auch er die Königswürde in christlicher Demut ab, doch offenbar hat er Helfer, Kleriker wahrscheinlich, die ihm in seiner Antwort einen eleganten Ausweg anbieten: Er wolle als Princeps et Defensor in Jerusalem herrschen, als Fürst und Verteidiger.

Das ist ein Titel, wie es ihn nie zuvor im Abendland gegeben hat, ein Titel zudem, von dem während all der Jahre des Kreuzzuges nie die Rede gewesen ist. Ist dieser Princeps nun ein weltlicher Herrscher? Oder eher eine Art Verwalter im Namen des Papstes? Verschiedene Interpretationen sind möglich. Aber im Moment ist das nur Theorie. Realität ist, dass jener Princeps et Defensor fortan de facto der Herrscher von Jerusalem ist. Graf Raimund fühlt sich überrumpelt, doch fehlen ihm Ritter, die jetzt noch für ihn kämpfen würden – er hat ja die Würde zuvor selbst abgelehnt. Zornbebend zieht er einige Monate später ab in Richtung Konstantinopel (und stirbt 1105 auf einem Kriegszug im Libanon).

„Am achten Tag, nachdem die Stadt gefallen war, wählten sie Herzog Gottfried als ihren Regenten, damit er gegen die Heiden kämpfen und die Christen beschützen könnte“, berichtet später ein anonymer Augenzeuge. Und so geht die Heilige Stadt am 22. Juli 1099 an den Herzog aus Niederlothringen.

DIENSTAG, 18. JULI 1100 . Gut ein Jahr nach der Eroberung Jerusalems stirbt Gottfried von Bouillon, wohl an Typhus. Sein jüngerer Bruder Balduin wird zu seinem Nachfolger. Der herrscht nur noch über etwa 300 Ritter und 2000 Fußsoldaten; alle anderen sind tot, in die Heimat zurückgekehrt oder in die anderen Fürstentümer von Outremer gezogen: nach Edessa oder Antiochia. Zu Balduins Reich gehören Jerusalem und ein Teil des Berglandes, zudem ein Streifen Küste – mehr nicht.

Gegen alle Wahrscheinlichkeit ist die Eroberung Jerusalems gelungen. Die Christen haben über Tausende Kilometer ein Heer entsandt, das nicht einmal geeint und seinen Gegnern zahlenmäßig oft unterlegen war. Doch mit der Kraft ihres Glaubens sowie einer Brutalität und Entschlossenheit, die Seldschuken und Fatimiden – für die die Christen nichts als Barbaren waren – sträflich unterschätzten, kämpften sich die Kreuzfahrer bis in die Mauern Jerusalems vor.

Es ist ein Triumph des Papsttums: Die Eroberung der Heiligen Stadt stärkt das Prestige des Heiligen Stuhles – auch wenn Urban II. davon nichts mehr erfährt; er ist zwei Wochen nach der Eroberung Jerusalems gestorben. Die Heldentat befeuert zum einen die religiöse Begeisterung im Volk. Zum anderen sind nun Tausende kampfdürstende Ritter aus Europa verschwunden. Und manche der Adeligen, die im Abendland sonst vielleicht Fehden oder gar verheerende Eroberungskriege angezettelt hätten, sitzen nun als Fürsten im Nahen Osten.

Fast zwei Jahrhunderte lang werden die Christen Teile des Heiligen Landes beherrschen, zeitweilig gar das gesamte Gebiet kontrollieren. Dennoch bleibt Outremer ein schwacher Außenposten der Christenheit – und eine offene Wunde in der muslimischen Welt. Zwar erschließt sich die volle Bedeutung der Katastrophe zunächst nur wenigen Muslimen. Doch einige Jahrzehnte später werden Herrscher von Kairo bis Bagdad zum Gegenschlag rüsten. Und nur auf eine Gelegenheit warten, um Rache zu nehmen.

 

3. Christen gegen Muslime. Krieg im Namen Gottes.

Im Kampf um Lissabon verknüpfen sich im Jahr 1147 zwei gewaltige Konflikte des Mittelalters: die Kreuzzüge und die Reconquista – der Krieg der Christen gegen die Muslime in der Levante und die Rückeroberung der von Mauren beherrschten Iberischen Halbinsel Dies ist die Zeit eines epischen Ringens zwischen dem Christentum und dem Islam um Glauben und Macht, das über Jahrhunderte auf drei Kontinenten ausgefochten wird. In Europa, Asien und Afrika.

Seit dem 7. Jahrhundert haben muslimische Herrscher ihre christlichen Rivalen mehr und mehr zurückgedrängt, haben zunächst die Stätten der Bibel im Heiligen Land erobert, sind dann über Afrika bis auf die Iberische Halbinsel und zeitweilig sogar ins Frankenreich vorgedrungen. Um das Jahr 1080 erstreckt sich das Herrschaftsgebiet des Islam von der portugiesischen Atlantikküste über Nordafrika, Arabien, die Levante mit Jerusalem und das Zweistromland bis weit über den Indus im Osten. Und immer wieder fallen muslimische Reiterkrieger in das zu Byzanz gehörende Kleinasien ein und preschen sogar gegen Konstantinopel vor, die größte Stadt der christlichen Welt.

Doch jetzt holt die vereinte Christenheit zum Gegenschlag aus: Im Jahr 1095 bittet der byzantinische Kaiser seine Glaubensbrüder im Westen um militärischen Beistand gegen die islamische Bedrohung. Und trotz der sich immer weiter vertiefenden Spaltung von griechisch-orthodoxer und römisch-katholischer Kirche (siehe Seite 82) entschließt sich Papst Urban II., der Bitte nachzukommen. Am 27. November 1095 appelliert Urban II. bei einer Versammlung im französischen Clermont an die abendländischen Fürsten, Ritter und Männer jeden Standes, den Christen im Osten beizustehen. Der genaue Wortlaut seiner Rede ist nicht überliefert. Nur eines ist gewiss: Die Anwesenden verstehen sie als Aufruf zur Befreiung Jerusalems von den Muslimen.

Damit beginnt ein Jahrhunderte währender Kampf der Christen gegen die Muslime, ein Kampf anders als alle früheren, die die Christenheit bisher geschlagen hat. An seinem Beginn haben die Christen nur ein verschwommenes Bild von ihren Gegnern. In seinem Verlauf aber werden sie den Muslimen immer unversöhnlicher gegenüberstehen. Mit weitreichenden Folgen.

Dabei hat Urban II. anfangs wohl nur einen begrenzten Feldzug im Sinn. Wer sich auf die gefährliche Pilgerreise begebe, predigt er, dem würden alle gebeichteten Sünden vergeben. Spätere Prediger werden die Verheißungen für all jene, die im Zeichen des Kreuzes kämpfen, noch konkreter formulieren: Der französische Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux wird sogar „Totschlägern, Räubern, Ehebrechern, Meineidigen und Verbrechern aller Art“ göttliche Rettung zusagen, wenn sie nur aus reinen Motiven ins Heilige Land ziehen.

Das Versprechen auf den Erlass ihrer Sünden lockt Tausende fromme Christen an – darunter Bauern, Handwerker, Städter. Mindestens 130 000 Männer, Frauen und Kinder schließen sich ab dem Frühjahr 1096 dem Ersten Kreuzzug an. Viele lassen ihre Familien und Besitzungen zurück, ziehen zu Pferd und zu Fuß über den Balkan oder per Schiff übers Mittelmeer. Schon auf dem Weg sterben Tausende. Dennoch können die Kämpfer Jerusalem von den Muslimen erobern. Mehr noch: Sie lassen sich in der Region nieder und gründen dort bis 1102 vier Kreuzfahrerstaaten; die gesamte Küste der Levante ist bald in europäischer Hand.

Gott, so muss es den Siegern erscheinen, ist mit den Christen. Und er werde den frommen Kämpfern auch im Westen helfen, hoffen die christlichen Fürsten in Nordspanien und Portugal: beim heiligen Krieg um die Iberische Halbinsel.

„Reconquista“ werden Historiker später die Auseinandersetzung zwischen den Muslimen und Christen in Spanien nennen: Rückeroberung. Im Verlauf des 8. Jahrhunderts haben die Muslime große Teile der Iberischen Halbinsel erobert und als Provinz al-Andalus dem Reich der Kalifen einverleibt, der Nachfolger des Religionsgründers Mohammed. Erst nach der Schlacht bei Tours und Poitiers 732 konnte ihr Vormarsch gestoppt werden. Die Muslime zogen sich südlich der Pyrenäen zurück.

Doch im 11. Jahrhundert beginnt der Zusammenhalt innerhalb der muslimischen Welt zu bröckeln, auch in al-Andalus regieren nun mehrere Herrscher, erschüttern Kämpfe zwischen Rivalen die einstige Provinz der Kalifen. Zugleich erstarken im Norden Spaniens einige christliche Königreiche, die zwar ebenfalls miteinander um Macht und Einfluss konkurrieren, sich aber nun in wechselnden Bündnissen gegen ihre muslimischen Nachbarn wenden.

Die Könige von León, Navarra, Aragón und Kastilien drängen die von inneren Konflikten geschwächten Muslime nach und nach immer weiter zurück nach Süden jenseits des Rio Douro, der bei Porto in den Atlantik mündet. Auch Alfons I. nimmt im Frühjahr 1147 mit Santarém eine wichtige gegnerische Festung ein. Erst acht Jahre zuvor hat er sich zum ersten König Portugals aufgeschwungen und krönen lassen. Doch für die Eroberung des immer noch muslimisch beherrschten Lissabon, der bedeutendsten Hafenstadt der Region, reichen seine militärischen Mittel nicht aus. Die Bastion an der Mündung des Tejo in den Atlantik ist von massiven Mauern und von einer starken Garnison geschützt.

Da kommt der Papst dem Monarchen zu Hilfe. Denn seit er keine zwei Jahre zuvor abermals zum Kreuzzug gegen die Heiden aufgerufen hat, ist fast ganz Europa von Kriegseuphorie erfasst. Den Anstoß gibt diesmal die Eroberung der christlichen Festung Edessa in der heutigen Türkei durch Muslime. Die Verteidigung der Kreuzfahrerstaaten gilt in Europa als heiliger Auftrag. Selbst viele der mächtigsten weltlichen Herrscher können sich dem nicht entziehen. Sowohl der französische König als auch der römisch-deutsche Herrscher führen jeweils ein eigenes Heer über den Balkan Richtung Osten. Und in der englischen Hafenstadt Dartmouth schiffen sich Einheimische, Schotten, Rheinländer, Friesen, Flamen und Normannen auf 164 Schiffen ein, um ins Heilige Land zu segeln.

Am 16. Juni 1147 legt die Flotte einen Zwischenhalt im Hafen Portos auf der Iberischen Halbinsel ein. Um die Kämpfer für seine Eroberungspläne zu gewinnen, ersinnt Alfons I. einen Plan: Er schickt den Bischof von Porto an den Hafen, wo der Geistliche den Fremden erklärt, der Monarch sei mit seiner Armee zum rund 300 Kilometer entfernten Lissabon geeilt. Dort erwarte er die Kreuzfahrer, um die Stadt mit ihnen zu erobern. „Denn die lobenswerte Sache ist es nicht, in Jerusalem gewesen zu sein“, ruft der Bischof den Männern zu, „sondern ein gutes Leben geführt zu haben auf dem Weg dorthin.“

Wen der Gewissensappell allein nicht überzeugt, den lässt der Kleriker wissen: Der König werde den Kreuzfahrern so viel Geld schenken, wie sein Staatsschatz hergebe. Zudem dürften sie die gesamte Beute aus der Plünderung Lissabons für sich behalten. Davon lassen sich die Krieger überzeugen. Und so vereinigen sich Kreuzzug und Reconquista in diesem Sommer zu einer Bewegung von unwiderstehlicher Wucht.

Hunger soll die Muslime zur AUFGABE zwingen

Der Kampf um Lissabon beginnt am Nachmittag des 1. Juli 1147, und er wird zu einer der entscheidenden Schlachten der Reconquista. Gut 13 000 Mann der vereinten christlichen Truppen stehen vor der Metropole, die an einer Anhöhe liegt, gekrönt von einem gut gesicherten Festungsbau. Mit Schleudern schießen sie Steinbrocken über die Mauern, um die Verteidiger herauszulocken.

Ein Trupp von 3000 Mann berennt die ungeschützte Vorstadt. Aber immer wieder müssen die Angreifer Deckung suchen. Denn von den Dächern werfen die Verteidiger Steine auf sie hinab. Auch von der höher gelegenen Stadtmauer aus prasseln Pfeile auf sie nieder. Plötzlich wagen die Muslime einen Ausfall, stürmen durch ein Tor in Lissabons Vorstadt. In den Gassen kämpfen die Kontrahenten Mann gegen Mann. Kreuzritter gehen verwundet zu Boden, ihre Kameraden aber hasten weiter bergauf, suchen nach einem offenen Zugang zur Stadtmauer. Vergebens. Bis zum Abend wogt die Schlacht hin und her, ohne dass einer Seite ein entscheidender Schlag gelingt. Als die Sonne untergeht, haben die Ritter nur die Vorstadt besetzt, die Verteidiger ziehen sich hinter die sicheren Mauern zurück.

Die Einnahme Lissabons im Handstreich ist gescheitert: Ganz so leicht wie erhofft wird der Sieg für die Kreuzfahrer wohl nicht sein. Sie beginnen mit der Vorbereitung einer Belagerung. Die christlichen Krieger zimmern eine Ramme sowie zwei hölzerne, knapp 30 Meter hohe Belagerungstürme. Sie lassen Boote an der Küste patrouillieren; nachts stehen Hunderte vor den Mauern Wache: Lissabon ist abgeriegelt.

Vermutlich hoffen die Angreifer darauf, dass in der belagerten Stadt eine Hungersnot ausbrechen und die Verteidiger zur Übergabe zwingen wird. Denn viele Bewohner der umliegenden Orte sind vor den herannahenden Kriegern nach Lissabon geflüchtet. Die Versorgung ist knapp, die außerhalb der Mauern gelegenen Proviantdepots sind für die Verteidiger nicht mehr zu erreichen. Trotzdem halten die Muslime durch. Sie setzen Belagerungstürme in Brand und halten die Christen durch ständigen Beschuss davon ab, einen Tunnel in Richtung Stadtmauer zu graben.

Sechs Wochen vergehen im täglichen Kleinkrieg mit Attacken auf die Bastion, die zurückgeworfen werden, mit vergeblichen Rammstößen an die Tore und missglückten Vorstößen der Belagerungstürme. Die Kreuzfahrer werden ungeduldig: Wieso riskieren sie überhaupt Gesundheit und Leben hier am Rande Europas? Sie könnten ihre Kraft doch besser im Heiligen Land einsetzen. Für die Eingeschlossenen wird die Lage immer dramatischer. Leichengeruch erfüllt mittlerweile die Straßen, weil es keinen Platz gibt, um die Toten zu begraben.

Im September gelingt es den Belagerern, trotz aller Widrigkeiten einen Tunnel bis unter die Stadtmauer zu treiben. An dessen Ende schichten sie brennbares Material auf und zünden es an. Als die Flammen die hölzernen Stützbalken des Stollens aufgezehrt haben, geht der Plan auf: Bei Sonnenaufgang des 16. Oktober 1147 stürzt die Mauer auf mehr als 60 Metern ein. Lissabon steht den Angreifern offen. Wie entfesselt rennen sie über die Trümmer der Stadtmauer. Doch sie kommen nicht weit. Entschlossen versperren die Verteidiger den Zugang. Sie weichen nicht zurück. Selbst dann nicht, als sie mit Pfeilen beschossen werden. Die Getroffenen „sahen aus wie Igel“, berichtet ein Augenzeuge, und „harrten unbeweglich aus, als wären sie unverletzt“. Gegen diesen Todesmut kommen die Angreifer unten an der Mauer nicht an.

Erst als es ihnen gelingt, einen Belagerungsturm bis an den Wall zu schieben (vor Brandpfeilen schützen sie Matten aus Rindsleder) und so die Zinnen zu überwinden, ist der Fall der Stadt besiegelt. Die Verteidiger sind zu geschwächt, um die Angreifer zugleich oben auf der Mauer und unten an der Bresche abzuwehren. Am Abend des 21. Oktober legen sie ihre Schwerter nieder und bitten um Waffenstillstand. Nach 15 Wochen Belagerung sind die Christen am Ziel. Wieder einmal haben sie die Gewissheit: Sie kämpfen mit dem Segen Gottes.

Doch ausgerechnet im Moment des Triumphs droht die Einheit der Angreifer zu zerbrechen. Drei Tage lang streiten sich Kreuzfahrer und Portugiesen über die Bedingungen der Kapitulation: Wie viel Beute dürfen die verschiedenen Landsmannschaften der bewaffneten Pilger mitnehmen? Und wer darf wann wie viele Männer in die Stadt schicken? Schließlich stürmen am 24. Oktober 1147 mehrere Hundert Rheinländer und Flamen in die Stadt, um zu plündern. Die Engländer und der portugiesische König ziehen dagegen feierlich hinter den Bischöfen und einer Fahne mit einem Kreuz in Lissabon ein. Dabei singen sie das Te Deum laudamus: „Dich, Gott, loben wir“. Der Dankgesang begleitet ein Gemetzel: Die Kreuzfahrer brechen in Häuser ein, zerren die Bewohner unter Beschimpfungen heraus, rauben, morden, quälen.

In der Moschee finden die Eroberer fast 200 Leichen, die während der Belagerung nicht beerdigt werden konnten. Daneben liegen mehr als 800 Kranke in ihrem eigenen Unrat. Unter den Muslimen grassieren Seuchen. In der Stadt und in den Nachbarorten sterben in den kommenden Tagen und Wochen noch Tausende Menschen. Ihre leblosen Körper liegen in Weinbergen, Dörfern und auf öffentlichen Plätzen, werden von wilden Tieren gefressen. Die Christen haben einen wichtigen Sieg errungen. Denn mit Lissabon fallen auch die umgebenden Festungen der Muslime: Cintra ergibt sich, die Bewohner von Palmela sind bereits geflohen. Der gesamte Norden der Iberischen Halbinsel ist nun in christlicher Hand.

Und es geht weiter mit der Rückeroberung, wenn auch in langsamen Schritten: Im Jahr 1212 fechten portugiesische Truppen in der Entscheidungsschlacht der Reconquista an der Seite von Kämpfern aus den nordspanischen Königreichen und vernichten bei Las Navas de Tolosa eine Armee des Kalifen. Damit ist der Weg in den äußersten Süden frei.

Zum Ende des 13. Jahrhunderts gibt es kaum noch muslimisch beherrschte Gebiete auf der Iberischen Halbinsel. Die Reconquista ist fast beendet. Nur das Emirat Granada wird noch bis 1492 den Christen widerstehen (siehe Karte); im gleichen Jahr erreicht die Flotte des Christoph Kolumbus im Auftrag der katholischen Majestäten Spaniens die Neue Welt. Der Kampf um die Iberische Halbinsel hat die christlichen Herrscher gestärkt, hat sie in ihrem Glauben gefestigt – und in ihrer Zuversicht. Beim Aufbau ihrer Kolonialreiche in Amerika werden sich die Sieger der Reconquista immer auch als Missionare verstehen, die den Menschen jenseits des Ozeans einen Heil versprechenden Glauben und eine überlegene Kultur bringen.

Damit aber verlängern sie nur den Riss, der durch die Welt geht. Denn im Nahen Osten wendet sich das Blatt in dem epischen Ringen mit den Muslimen gegen die Christenheit. Die Kreuzfahrer von Lissabon setzen erst im Februar 1148 ihre Reise ins Heilige Land fort. Als sie in der Levante auf die anderen Teilnehmer des Zweiten Kreuzzuges treffen, muss deren Anblick ein schwerer Schlag für sie sein: Von den Armeen der zwei Könige aus Deutschland und Frankreich sind nur noch erschöpfte Reste übrig.

Auf dem Weg durch Kleinasien haben sich die beiden Heere in Gefechten mit Muslimen aufgerieben. Und ihr Ziel Edessa liegt nach zwischenzeitlichen Kämpfen längst in Trümmern. Damit existiert das ursprüngliche Motiv für den Zweiten Kreuzzug nicht mehr, außerdem haben es viele Kreuzfahrer gar nicht bis ins Heilige Land geschafft. Dennoch wollen die Überlebenden nicht mit leeren Händen heimkehren. Und so beginnen sie am 24. Juli 1148 mit der Belagerung des muslimisch beherrschten Damaskus.

Aber sie unterschätzen die Stärke des Gegners. Nach nur vier Tagen müssen die Christen aufgeben. Gedemütigt und geschlagen ziehen sie aus dem Heiligen Land ab. So endet der Zweite Kreuzzug trotz der Eroberung Lissabons als Katastrophe. Und die Kreuzfahrer haben ihre Gewissheit verloren, mit Gottes Segen zu kämpfen. Das christliche Abendland steht unter Schock. Zeitgenossen beschuldigen die Byzantiner sowie die christlichen Einwohner des Heiligen Landes, sie hätten die Kreuzfahrer im Stich gelassen. Ein Kleriker erklärt den Zweiten Kreuzzug im Nachhinein gar zu einem Werk des Antichristen. Der Teufel habe damit die wahren Motive der Kämpfer offengelegt: Habgier und die Furcht vor Bestrafung ihrer Sünden.

Die Christen aber verlieren das HEILIGE LAND

Dennoch wird es noch zahlreiche Appelle Roms zu weiteren Kreuzzügen geben. Der Papst erklärt den Kampf ums Heilige Land zur Sache der gesamten Christenheit – auch, um seinen Führungsanspruch zu untermauern und gegen die weltlichen Herrscher durchzusetzen. Neben dem Ziel, die heiligen Stätten der Bibel zu verteidigen, gewinnt der Kampf um päpstliche Vorherrschaft immer mehr an Bedeutung. Denn manche Stellvertreter Christi rufen nun auch zum heiligen Krieg gegen ihre politischen Gegner und christliche Häretiker auf, und so kommt es nicht nur im Nahen Osten zu Kreuzzügen, sondern auch mitten in Europa.

Als 1204 bewaffnete Pilger sogar Konstantinopel erobern und plündern – die Metropole der östlichen Christenheit –, ist die Kreuzzugsidee für viele endgültig diskreditiert. Zugleich verfestigt sich mit dieser Attacke die Entfremdung des päpstlichen Abendlandes von den griechisch-orthodoxen Glaubensbrüdern im Osten.

Das Zeitalter der Kreuzzüge endet mit dem Fall Akkons im Jahr 1291, der letzten bedeutenden Kreuzfahrerbastion in der Levante. Nach fast zwei Jahrhunderten gibt es kein christliches Königreich im Heiligen Land mehr zu verteidigen. Das Erbe der Kriege im Zeichen des Kreuzes wird das Christentum dauerhaft prägen – wie auch den Islam. Die Erfahrung des gemeinsamen Kampfes trägt entscheidend dazu bei, dass die lateinische Christenheit sich als kulturelle und religiöse Einheit begreift. Aufseiten der Muslime etabliert sich der Gedanke eines Heiligen Krieges, auch wenn sich ihre Führer nie so eng zusammenschließen werden wie die Länder Europas, die geeint sind durch das römisch-katholische Papsttum.

Das Ringen zwischen Herrschern der beiden Glaubensrichtungen aber geht weiter: 1354 erobern erstmals Truppen des osmanischen Sultans europäisches Gebiet und stehen bald an der Donau. Erst vor den Mauern Wiens endet diese Welle der muslimischen Ausdehnung. Und wie einst auf der Iberischen Halbinsel wird auch auf dem Balkan der Expansion des Islam eine jahrhundertelange Wiedereroberung durch christliche Mächte folgen. Sie wird erst 1918 enden.

 
 
 
 
Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Teschner, Johannes: Gottfried von Bouillon. Der Kreuzfahrer, in: Die Welt der Ritter (GEO Epoche Jg. 2018, Heft Nr. 94), Hamburg 2018.

-> Radermacher, Cay: Erster Kreuzzug. Blutige Pilgerfahrt, in: Die Zeit der Kreuzritter. 1096-1291. Der Kampf um das Heilige Land (GEO Epoche, Jg. 2013, Heft Nr. 59), Hamburg 2013.

-> Lohre, Matthias: Christen gegen Muslime. Krieg im Namen Gottes, in: Das Christentum (GEO Epoche Jg, 2016, Heft Nr. 81), Hamburg 2016, S. 76-81.

Die Inquisition

Inhaltsverzeichnis

  1. Kampf gegen die Katharer. Krieg gegen die Ketzer.
  2. Heinrich Kramer. Der Wahn des Eiferers.

1. Kampf gegen die Katharer. Krieg gegen die Ketzer.

Die Katharer sind eine der mächtigsten aller mittelalterlichen Häretikergruppen. Vor allem in Südfrankreich hat die Sekte viele Anhänger, auch unter Adeligen. In deren Burgen verschanzt sich die Gemeinschaft vor den Häschern der Kirche. Weder Missionierungsversuche noch ein Kreuzzug bringen die Ketzer unter Kontrolle des Papstes. Und so setzt der Heilige Stuhl beim Kampf gegen die Abweichler schließlich auf die Inquisition

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KASTELL DER KETZER. Die Burg Quéribus im Grenzland zwischen Frankreich und Spanien ist eine von vielen Festungen, die adeligen Sympathisanten der Katharer gehören. Wann immer die katholische Obrigkeit Truppen gegen die Abweichler entsendet, finden Häretiker hier Schutz

Die Wohnstatt des Satans ist eine überaus liebliche Landschaft. Eine weite, sanft gewellte Ebene, auf deren fruchtbaren Böden Weizen wächst und Wein, an deren Horizont die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen schimmern. Im Frühling des Jahres 1242 reisen durch dieses Idyll zwei Ordensmönche, zu Pferd und mit einem kleinen Gefolge aus Geistlichen und Schreibern. Ihre Mission: Irrgläubige jagen.

Ketzer, Häretiker, vom Teufel Verführte – in kaum einer anderen Region des Abendlands gibt es so viele radikale Abweichler von den Glaubensdogmen der römischen Kirche wie im Lauragais, einem Landstrich im Süden Frankreichs. In Städten und Dörfern, in den Burgen der Ritter und den Gütern des Landadels verkehren Männer und Frauen in schwarzen Talaren, die bleich sind und hager vom beständigen Fasten und die sich „Vollkommene“ nennen. Heimlich reisen sie von Ort zu Ort, um Unaussprechliches zu predigen: dass nicht Gott die sichtbare Welt geschaffen habe, sondern Satan. Dass die Seelen nach dem Tod eines Menschen in andere Körper wanderten, sogar in die von Tieren. Dass Jesus Christus möglicherweise ein Engel gewesen sei, keinesfalls aber der fleischgewordene Gott, wie die Amtskirche es lehrt.

Viele Einheimische im Lauragais verehren die Schwarzgekleideten, bieten ihnen Unterkunft, suchen sie vor den Nachforschungen der Kirche zu beschützen: Erst im Jahr zuvor haben Bewohner eines Dorfes einen Pfarrer, der zu neugierig nach den Glaubensfeinden fragte, in einen Hinterhalt gelockt. Er selbst konnte zwar fliehen, doch seinen Begleiter haben die Dörfler ermordet und den Leichnam in einen Brunnen geworfen. Seit Monaten sind nun schon die beiden Mönche Guillaume Arnaud und Étienne de Saint-Thibéry, zwei Ketzerjäger des Heiligen Stuhls, im Lauragais unterwegs – und bislang ist ihnen nichts geschehen. Am 28. Mai jedoch, dem Tag vor Christi Himmelfahrt, sind sie Gäste auf einer Burg bei Avignonet – und dies ist eine Falle.

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Während die zwei Mönche und ihre Begleiter zu Abend essen und sich dann schlafen legen, sammeln sich in einem nahen Wäldchen gut 50 schwer bewaffnete Ritter und Kriegsknechte. Auf ihrem Weg zur Festung schließen sich den Männern noch einige Bewohner der Umgebung an, der Burgvogt gewährt ihnen bereitwillig Einlass. In der Festung reißt einer der Angreifer mit der Axt die Pforte zum Grafensaal ein, in dem die Gäste schlafen, dann stürzen sich die Männer auf die wehrlosen Gottesleute. Die stimmen im Angesicht des Todes das Gebet „Salve Regina“ („Sei gegrüßt, o Königin“) an.

Die Attentäter verschonen niemanden – weder die Mönche noch deren Schreiber, den Notar, die zwei Amtsdiener oder den Prior des Ortes, der den Besuchern an diesem Abend nur etwas Gesellschaft leisten wollte. Besonders grausam richten die Mörder die beiden Anführer der Gruppe zu – ein Ritter wird später erklären, Guillaume Arnaud die Zunge herausgerissen zu haben. Und mit fast ebenso großer Wut zerfetzen und verbrennen die Angreifer die unzähligen Papiere, welche die Mönche in ihrem Gepäck mit sich führen – Namenslisten, Berichte, Protokolle, Geständnisse.

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WIDERSTAND. 1208 ruft Papst Innozenz III. zum Kreuzzug gegen die Katharer auf. Als sich der mit den Häretikern verbundene Burgherr von Peyrepertuse (hier der Aufgang zum Kastell) weigert zu kapitulieren, wird der Adelige exkommuniziert; seine Festung fällt an die französische Krone

Als sich die Nachricht von dem Anschlag verbreitet, feiern die Menschen überall im Lauragais, ja bald in ganz Südfrankreich. „Wir sind frei, wir sind erlöst“, jubeln sie in einem Dorf. „Bruder Arnaud ist verreckt, die verdammten Register sind zerrissen“, heißt es in einem anderen. Doch nach Jahrzehnten des Zögerns ist die katholische Kirche jetzt entschlossen, jene Häretikersekte zu besiegen, die weite Teile Südfrankreichs im Griff hat. Die mächtigste Ketzerbewegung ihrer Zeit: die Katharer.

Aus diesem Namen, wohl vom griechischen katharoi („die Reinen“) abgeleitet, hat sich überhaupt erst das deutsche Wort „Ketzer“ geformt, das zu Beginn des 13. Jahrhunderts aufkommt. Ketzer (oder Häretiker) sind nach Kirchensicht all jene, die sich eine eigene Version des Christentums erschaffen – und auch noch daran festhalten, wenn eine kirchliche Autorität sie dazu ermahnt, die Irrlehre aufzugeben.

In der Antike waren es vor allem die Arianer, die sich mit ihrer Leugnung der Dreifaltigkeit (der Einheit von Gottvater, Jesus Christus und Heiligem Geist) gegen das Dogma der jungen christlichen Kirche stellten. Nach ihrer Auffassung war Jesus nur wesensähnlich mit dem Vater, aber nicht „wesensgleich“. Auf einem Bischofskonzil im Jahr 325 wurde die Bewegung daher als häretisch verurteilt. Andere Bewegungen wie etwa die der Manichäer predigten ein dualistisches Weltbild mit einem guten und einem bösen Schöpfergott. Nach dem Untergang des Römischen Reichs aber verschwanden die antiken Häresien in Westeuropa allmählich. Streitfragen wurden jetzt nicht mehr in Predigten angesprochen, sondern in theologischen Schriften behandelt oder von Mönchen hinter den Mauern ihres Klosters diskutiert.

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ÜBERRESTE. 20 Jahre lang verwüsten die Kreuzritter ab 1209 Südfrankreich. Sie zerstören zahlreiche Burgen – etwa Peyrepertuse (o.) –, zünden Städte an, ermorden Zehntausende vermeintliche Ketzer. Doch die Bewegung der Katharer übersteht die Verfolgung

Erst im 11. Jahrhundert berichteten geistliche Chronisten wieder von vereinzelten ketzerischen Bewegungen. Denn viele Gläubige waren von Endzeiterwartungen erfüllt und fürchteten das Gottesgericht am Jüngsten Tag. Im französischen Orléans etwa trat eine Sekte auf, die Jungfrauengeburt sowie Auferstehung leugnete und sich vom Heiligen Geist erfüllt sah. 1022 wurden mehrere Glaubensabweichler von einer Bischofsversammlung verurteilt und auf Befehl des französischen Königs hingerichtet: die erste belegte Ketzerverbrennung Europas, angeordnet jedoch nicht von der Kirche, sondern von einem weltlichen Herrscher. Ein festes Strafmaß für Häresie gab es noch nicht – außer der Exkommunikation. Eine mitunter scharfe Waffe: In Arras etwa disputierten Geistliche im Jahr 1025 mit einer Gruppe von Häretikern, doch erst als die Sünder aus der Gemeinschaft Christi verstoßen wurden, schworen sie ihrem Glauben ab. Aber weshalb reagiert die Kirche so empfindlich auf jede unorthodoxe Auslegung der Heiligen Schrift? Warum kann sie Andersgläubige nicht einfach gewähren lassen?

Das ist vor allem mit der Vorstellungswelt der Menschen im Mittelalter zu erklären, in der die Gesellschaft in drei Stände aufgeteilt ist: Priester, Bauern, Krieger – eine göttliche Ordnung, davon sind fast alle Theologen überzeugt. Denn jede dieser Gruppen kann nur durch das Werk der anderen beiden bestehen, jede hat ihren Platz und ihre Aufgabe: eben für die Gemeinschaft zu beten, zu arbeiten oder sie zu schützen. Ketzer aber zersetzen dieses Gefüge. Denn jeder, der anderes als die „heilsamen Worte unseres Herrn Jesus Christus“ lehre, sei nur „süchtig nach Wortgefechten“, hat um 50 n. Chr. schon der Apostel Paulus geschrieben, einer der ersten christlichen Theologen: „Daraus entspringen Neid, Hader, Lästerung, böser Argwohn.“

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GRENZGEBIET. Die Kernregion der Katharer im Languedoc ist zwischen Frankreich, England und Aragón umkämpft. Daher kann sich dort lange keine starke Zentralmacht entwickeln – und damit auch keine koordinierte Verfolgung der Abweichler. Zudem gibt es in dem Gebiet zahlreiche Wehrbauten wie die Burg Peyrepertuse auf ihrem 800 Meter hohen Kalkfelsen

Zudem glauben viele Geistliche, Häresie würde sich wie eine Seuche verbreiten und Leichtgläubige der Amtskirche entfremden. Daher müsse jede abweichende Lehre rasch und konsequent bekämpft werden.

DIE KETZERBEWEGUNGEN, die im 11. Jahrhundert aufkommen, sind vor allem enttäuscht von der Amtskirche. Viel zu reich sei sie, viel zu sehr in weltliche Angelegenheiten verstrickt, der Gottesdienst zu pompös, das Gros der Priester lasterhaft. Das Volk sehnt sich nach glaubwürdigen Klerikern, die demütig und bescheiden wie einst die Apostel leben – und vor allem nicht den Zehnt erheben, einen Anteil an den Ernteerträgen.

In weiten Teilen Europas folgen Menschen nun Wanderpredigern, die oft selbst dem Klerus entstammen und für Armut, Enthaltsamkeit und Buße eintreten – Männern wie Tanchelm von Antwerpen in den Niederlanden, Peter von Bruis in Frankreich, Arnold von Brescia in Italien. Dabei hat der Heilige Stuhl doch Besserung gelobt! Gregor VII., Papst von 1073 bis 1085, hat versprochen, dass die Kirche, „die Braut Christi, zu ihrer wahren Pracht und Herrlichkeit zurückkehren und unbefleckt dastehen“ werde.

Tatsächlich geht es bei den Reformen, die nach ihm benannt werden, aber vor allem darum, das westliche Papsttum nach dem Bruch mit der Ostkirche von Byzanz 1054 zu einer zentral organisierten Institution zu machen, hierarchisch von Rom regiert, mit einer einheitlichen Dogmatik und Lehre. Der Heilige Stuhl soll nun zur unangefochtenen Autorität der westlichen Kirche werden – oberster Gesetzgeber, Richter und Lehrer. Für Andersdenkende ist kaum mehr Platz in der Christenheit, Ungehorsam ist Häresie. Andererseits bedeuten die Bewegungen keine wirkliche Gefahr – meist zerstreuen sie sich mit dem Tod ihres Gründers in alle Winde. Noch sieht der Papst keine Notwendigkeit zu handeln.

Im Jahr 1143 schreibt ein Propst aus der Eifel dem französischen Mönch Bernhard von Clairvaux – der größten theologischen Autorität der Zeit. In seinem Brief berichtet der Deutsche von einem neuen Irrglauben, direkt „aus dem Schlund der Hölle“. Es handele sich um Häretiker, denen man in Köln den Prozess machte und die sich weigerten zu widerrufen – woraufhin sie vom Volk ergriffen und verbrannt wurden. Ein Schicksal, dem die vermeintlich Irrgläubigen „mit Freude entgegengingen“, wie der Propst hinzufügt. „Darauf, ehrwürdiger Vater, möchte ich gern eine Antwort von dir haben, woher diese Häretiker eine solche Stärke in ihrem Glauben finden.“

Alles, was der Propst über die Abweichler zu erzählen weiß, ist zutiefst beunruhigend: Offenbar halten sich die Mitglieder dieser Gemeinschaft für die „wahre Kirche“ und für Nachfolger der Apostel. Ähnlich wie der katholische Klerus haben sich die Häretiker eine hierarchische Struktur gegeben, mit Bistümern, Bischöfen und Diakonen. Vor allem aber behaupten sie, dass ihre Bewegung „überall auf der Welt verbreitet“ sei. Das klingt nicht mehr nach der kleinen Sekte eines Wanderpredigers.

Der Propst nennt die Ketzergruppe zwar nur unbestimmt „Apostel des Satans“, aber seine Beschreibung ihrer Riten und Dogmen lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem Schreiben aus Köln um einen der ersten überlieferten Berichte über das Treiben jener Gemeinschaft handelt, die später Katharer genannt wird. So schreibt der Propst etwa, dass die Sekte Glaubensbrüder im Byzantinischen Reich habe.

Tatsächlich hat etwa 200 Jahre zuvor ein bulgarischer Dorfpriester namens Bogomil auf dem Balkan eine Gemeinschaft gegründet, die in manchen ihrer theologischen Vorstellungen der katharischen Glaubenswelt ähnelt. In Varianten und unter verschiedenen Namen verbreitet sie sich rasch im Byzantinischen Reich. Über Konstantinopel könnten Katharer durch Kreuzfahrer, Fernhändler und Pilger von ihren Brüdern im Osten erfahren haben.

Zur Zeit des Briefes aus Köln hat die Bewegung der Katharer längst nicht nur im Rheinland Fuß gefasst, sondern auch in Italien und Südfrankreich, in Flandern, dem Burgund und der Champagne. Ihr wesentlicher Glaubensgrundsatz ist der Dualismus: Satan – nach mancher Lehre ein Sohn Gottes, nach anderer ein ebenso mächtiger, zweiter Gott – hat einen Teil der Engel im Himmel verführt und mit sich in den Abgrund gerissen, dann die Welt und die menschlichen Körper erschaffen und die Seelen der gefallenen Engel in die Körper der Menschen gesperrt. Durch ein reines, asketisches Leben streben die Gläubigen danach, mit dem Tod wieder ins himmlische Reich des Herrn aufgenommen zu werden.

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GEHEIMER GLAUBE. Auf die Kreuzritter folgen die Inquisitoren. Vor dem zunehmenden Verfolgungsdruck flüchten sich Katharer in die Einsamkeit der Bergfestungen. Und die Gläubigen in den Städten tarnen sich, indem sie nach außen katholische Riten praktizieren (Burg Peyrepertuse)

Besonders die Version des Dualismus mit dem zweiten, bösen Schöpfergott ist eine ganz andere Religion als die römisch-katholische – schon weil sie im Widerspruch zur biblischen Schöpfungsgeschichte steht und nicht von der Göttlichkeit Jesu Christi ausgeht. Doch da die Worte Jesu, die Evangelien sowie das Vaterunser im Zentrum ihres Glaubens stehen, sehen sich die Katharer selbst auch als Christen.

Alles in der dualistischen Lehre bewegt sich zwischen Gut und Böse: Gut sind die Seelen und der Himmel, böse sind die Schöpfung, die Welt und die Menschen, weil Satan sie erschaffen hat. Alles Weltliche lehnen die Katharer daher radikal ab: etwa die Ehe und den Geschlechtsverkehr, Eigentum und festen Wohnsitz – sowie Speisen wie Käse, Milch und Fleisch, die allesamt aus einem sündigen Zeugungsvorgang entstanden sind. Allerdings muss sich nur eine kleine Elite den strengen Lebensregeln unterwerfen: die perfecti, die „Vollkommenen“, die ihr Dasein ganz dem katharischen Dogma geweiht haben und schwarz gekleidet als Prediger durchs Land ziehen.

Um zu einem Vollkommenen zu werden, muss ein Anhänger ein Jahr Probezeit mit strengen Fastenregeln hinter sich bringen und erhält dann in einem besonderen Ritual die Seelentaufe, bei der er ein Leben in Enthaltsamkeit gelobt. Auch die gewöhnlichen katharischen Gläubigen, die credentes, empfangen von den Vollkommenen die Seelentaufe – jedoch erst auf dem Sterbebett. Der Lohn aber ist der gleiche, nämlich die Errettung vor dem Satan. Diese Sündentilgung ohne Gegenleistung ist eines der Motive, weshalb der katharische Glaube auf viele Menschen so anziehend wirkt.

Auch der Dualismus sowie die Idee, dass die Welt von einem bösen Gott erschaffen wurde, erscheint den Menschen des Mittelalters – die von Elend, Unterdrückung, Krankheit und frühem Tod gepeinigt werden – ausgesprochen einleuchtend. Und nicht zuletzt passt die massive Kritik der Katharer an der verweltlichten und maßlosen Amtskirche in die Zeit. Die asketischen Vollkommenen erscheinen dem Volk wie eine bessere Version des sündhaften Klerus. So nennen sich die Anhänger der Bewegung selbst auch boni christiani, gute Christen. Ihre Gegner aber meinen, sie seien mit dem Teufel im Bunde.

EINE ANTWORT von Bernhard von Clairvaux auf den Brief des Propstes ist nicht überliefert. Zwei Jahre später jedoch wird der berühmte Geistliche auf einer Reise durch Südfrankreich selber Zeuge der neuen Häresie: Als er in dem Dorf Verfeil die Kanzel besteigt, verlassen alle Bürger die Kirche. Daraufhin spricht er im Freien weiter, doch die Bewohner schließen die Läden der Fenster – und einige anwesende Ritter lassen vernehmlich ihre Waffen klirren, um seine Worte zu übertönen. „Sitz des Satans“ nennt Bernhard den Ort später.

Verfeil liegt im Lauragais zwischen den drei Städten Toulouse, Albi und Carcassonne – in einer Region, die schon bald „Ketzerdreieck“ genannt wird. Der Glaube der Katharer findet hier mit der Zeit so viele Anhänger, dass er schon fast die katholische Kirche verdrängt. Ein Pfarrer klagt, er müsse alle Bewohner seiner Gemeinde bis auf vier zu den Katharern zählen. Weil die Katharer keine Kirchengebäude nutzen, sondern sich in wechselnden Häusern von Anhängern versammeln, sind ihre Amtsträger fortwährend auf Reisen. Die Vollkommenen leben und predigen ganz offen in den Dörfern, hochverehrt von den Bewohnern. In den großen Städten wie Toulouse gehören ihre Anhänger zu den obersten Schichten des Bürgertums.

Weshalb können die Katharer ausgerechnet in Südfrankreich so unbehelligt ihre Lehre verbreiten? Zum einen gibt es hier kaum Autoritäten, die sich ihnen entgegenstellen könnten. Über weite Teile herrscht der Graf von Toulouse, aber weil auch die Könige von Frankreich, England und Aragón Ansprüche auf Teile seines Territoriums erheben, zählt sein Wort nur wenig: Und so sind die Landadeligen vielfach unabhängig von der Kontrolle ihres Lehnsherrn. Da sie sich oft den der Kirche zustehenden Zehnt aneignen, ist der katholische Klerus zu arm, um sich um Bedürftige zu kümmern. Zudem fehlt ihm die Unterstützung der adeligen Kämpfer, die sich stattdessen häufig als Schutzherren der Häretiker verstehen – und sogar Fehden gegen die Kirchenmänner führen.

Bernhard von Clairvaux erkennt, dass der Klerus im Lauragais den Kampf gegen die Häretiker verloren hat, und fordert den Papst daher auf, selbst tätig zu werden. „Es ist deine Aufgabe, für diese Wunde ein Heilmittel zu finden“, schreibt er nach Rom. Aber was ist überhaupt ein Ketzer? Wie findet und erkennt man ihn? Und welche Strafe soll ihn treffen? Es existieren zu diesen Fragen zwar einige private Textsammlungen einzelner Gelehrter, aber was fehlt, ist eine einheitliche und verbindliche Rechtspraxis. Und die einzige Strafe, die das Kirchenrecht kennt, ist die Exkommunikation – eine eher stumpfe Waffe gegen überzeugte Häretiker, die die Amtskirche ohnehin nicht anerkennen.

So sind viele Bischöfe ratlos, was gegen die Häresie in ihrem Amtsbereich zu tun ist – und bleiben tatenlos. Erst 1184, als immer mehr Menschen den Katharern folgen, handelt der Vatikan und verpflichtet die Bischöfe mit einer Urkunde, zwei- bis dreimal im Jahr verdächtige Gemeinden aufzusuchen und nach Ketzern zu fahnden. Zwar liefert das päpstliche Dokument noch immer wenig Hinweise darauf, wie ein Ketzer zu erkennen sei, doch nennt es zum ersten Mal Namen häretischer Bewegungen: neben den Katharern auch die Waldenser und die Humiliaten.

Die einen haben sich nach ihrem Gründer, dem Kaufmann Valdès aus Lyon, benannt und ziehen als Wanderprediger durchs Land. Außerdem lässt Valdès eine volkssprachliche Übersetzung der Bibel erstellen. Die Humiliaten, die „Demütigen“, sind eine Büßergemeinschaft in Norditalien, die sich in Gewänder aus ungefärbter Wolle kleidet und keinen persönlichen Besitz kennt. Beide Gruppen geraten mit der Kirche vor allem deshalb in Konflikt, weil sie sich als Laien das Recht zur Predigt herausnehmen. Eine weitere päpstliche Urkunde, „Vergentis in senium“, 1199 ausgestellt, behandelt die Frage der Bestrafung. Dabei bedient sich der Verfasser eines juristischen Tricks, indem er die Häresie mit dem Majestätsverbrechen gleichsetzt, einem weltlichen Delikt noch aus der Zeit des Römischen Reichs. Denn ist Gotteslästerung nicht genau das – die Majestätsbeleidigung Christi?

„Vergentis in senium“ stammt von einem neuen Papst, im Vorjahr erst gewählt, der in Paris und Bologna studiert hat und als großer Kenner des Kirchenrechts gilt: Innozenz III. Er ist der erste Kirchenobere, der die Auseinandersetzung mit der Häresie zu einem Hauptanliegen macht. Dabei setzt er anfangs auf Überzeugungskraft und wechselt erst später zu härtester Gewalt. Schon kurz nach seiner Ernennung beauftragt Innozenz südfranzösische Mönche, die Häretiker für die Amtskirche zurückzugewinnen. Bis zu 30 Geistliche reisen bald in Zweiergruppen durchs Land, predigen den rechten Glauben und führen theologische Disputationen mit den Ketzern, die zuweilen 15 Tage lang andauern.  Außerdem lässt er zehn Bischöfe Südfrankreichs wegen Unfähigkeit oder Begünstigung der Häresie absetzen und verbessert die Ausbildung der Priester, die lernen sollen, in klarer Sprache und eingängigen Bildern zum Volk zu sprechen.

Aber es hilft alles nicht. Von den vielen Tausend Menschen, vor denen die Geistlichen predigen, sei kaum eine Handvoll zum katholischen Glauben zurückgekehrt, so ein Chronist. Dennoch: Die Kirche kann gerade die Katharer unmöglich gewähren lassen. Mit ihrer Lehre des Dualismus stellt die Gemeinschaft die fundamentalsten Dogmen überhaupt infrage.

Denn wenn die katharischen Prediger behaupten, ein teuflischer Schöpfergott habe die Welt erschaffen – machen sie damit nicht auch die katholische Kirche, die diesen Gott der Genesis anbetet, zu einer Kirche des Teufels? Der Papst besäße seine Autorität dann zu Unrecht, seine Kleriker wären im Irrtum, die Sakramente null und nichtig. Wenn sich die Ketzer also nicht zur Umkehr bewegen oder zum Schweigen bringen lassen, müssen sie vernichtet werden. Schon bald findet sich ein Anlass zur Gewalt.

Im Januar 1208 wird ein Legat des Papstes in Südfrankreich ermordet. Ein spanischer Gesandter in Rom beobachtet, wie Innozenz III., als er davon erfährt, den Kopf zwischen die Hände sinken lässt, um anschließend am Grab des Heiligen Petrus zu beten. Ein Legat ist ein Botschafter des Heiligen Stuhls – seine Ermordung eine Ungeheuerlichkeit! Obwohl die Umstände des Verbrechens unklar bleiben, sieht Innozenz die Katharer am Werk und tut etwas Unerhörtes: Er ruft zum Kreuzzug auf, doch nicht gegen irgendein Heidenreich, sondern zum ersten Mal gegen eine Region des christlichen Europa.

Im Jahr darauf ziehen mehr als 20.000 Kreuzfahrer nach Südfrankreich und greifen die Stadt Béziers an. Als die Krieger den Legaten des Papstes fragen, wie sie unter den Einwohnern denn Häretiker von guten Christen unterscheiden könnten, antwortet der: „Tötet sie alle, der Herr wird die Seinen schon erkennen.“

Gewiss handelt es sich bei dem Zitat um die spätere Ausschmückung eines Chronisten. Aber es verbildlicht den Verlauf dieses Krieges: Ausgerufen als Feldzug gegen die Häresie, entgleist der Konflikt schon bald zu einem reinen Eroberungskrieg, an dem neben dem Papst auch England, Frankreich und Aragón diplomatisch oder militärisch beteiligt sind. 20 schreckliche Jahre lang verwüsten die Heere Südfrankreich – und festigen damit nur den katharischen Glauben, den Hass vieler Einheimischer auf die Kirche. Im Jahr 1226, noch mitten im Krieg, halten die Katharer sogar ein Konzil ab und gründen ein neues Bistum. Zwar sind viele Gläubige und viele der Vollkommenen in den Exzessen des Kreuzzugs getötet worden, doch die Strukturen ihrer Bewegung halten stand.

Weder Milde noch Härte haben also etwas ausrichten können gegen die teuflische Irrlehre in Südfrankreich. Als die beiden weltlichen Hauptkontrahenten des Krieges, der französische König und der Graf von Toulouse, 1229 in Paris einen Friedensvertrag unterzeichnen, ist Innozenz III. schon 13 Jahre tot. Gregor IX., der neue Papst, erbt die Bürde der Ketzerbekämpfung von seinen Vorgängern – und er wird die Lösung finden. Die päpstlichen Verfügungen von 1184 und 1199 haben den Kampf kirchenrechtlich vorbereitet, die häretischen Gruppen benannt, einen Strafkatalog ermöglicht. Wie geht es jetzt weiter?

Gregor und die Kurie in Rom kommen zu dem Schluss, dass eine neue Institution ins Leben gerufen werden muss, deren einzige Aufgabe in der Ketzerjagd bestehen soll: eine Gruppe von Sonderbefugten, mit allen Vollmachten ausgestattet, unabhängig von weltlichen und kirchlichen Autoritäten, verpflichtet nur dem Papst. Zugleich Spezialisten der Häresie mit umfangreichen Kenntnissen über jede Art des Irrglaubens. Es ist die Erfindung des „Heiligen Amts der Inquisition“. Inquisitio bedeutet zunächst einfach nur: „Untersuchung“. Der verstorbene Papst Innozenz hat das neuartige Verfahren als innerkirchlichen Gerichtsprozess bei Verfehlungen von Priestern entwickelt und eine Reihe von Regeln für den Umgang mit Ketzern eingeführt, die Gregor IX. nun verfeinert und ergänzt.

Zuvor ist vor kirchlichen wie weltlichen Gerichten vor allem das Akkusationsverfahren üblich gewesen, das aus dem römischen Recht stammt: Ein Gericht trat nur dann zusammen, wenn es einen privaten Kläger gab. Die einzigen Beweismittel waren Eide von Bürgen, die beispielsweise für den Leumund des Angeklagten einstanden, sowie archaische Gottesurteile wie etwa die Wasserprobe, bei der als schuldig galt, wer im Wasser nicht unterging.

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DAS ENDE. Im März 1244 nehmen Truppen des französischen Königs Montségur nach zehnmonatiger Belagerung ein und überwältigen die sich dort verschanzenden Katharer. Unterhalb der Burg errichten die Sieger einen Scheiterhaufen, auf dem 224 Ketzer verbrannt werden

Der Inquisitionsprozess ist da weitaus rationaler und moderner. Ein kirchlicher Richter (der zugleich Ankläger ist) kann von sich aus ein Verfahren eröffnen. Er kann Verdächtige vorladen und sie zur Aussage zwingen, Nachforschungen anordnen, Indizien sammeln. Und nur wenn die Beweislast es erlaubt, darf er einen Schuldspruch verhängen und gegebenenfalls den Delinquenten zur Bestrafung der weltlichen Macht überstellen.

DOCH WELCHE MÄNNER sind die Richtigen für das neu geschaffene Amt des Inquisitors?

Im April 1233 schreibt Papst Gregor an die Vorsteher einiger Dominikanerklöster und fordert sie auf, unter ihren Mönchen geeignete Männer für die Aufgabe auszuwählen. Seit Gründung der Bruderschaft um 1215 durch den spanischen Geistlichen Dominikus de Guzmán, der den Orden ins Leben gerufen hat, um den christlichen Glauben mit besonderem Eifer zu verkünden, ist die Bruderschaft rasant gewachsen, mit Klosterstiftungen in ganz Mitteleuropa. Die „Predigerbrüder“ zeichnen sich durch ein hohes Sendungsbewusstsein aus, tiefen Glaubenseifer und unbedingte Treue zum Papst. Vor allem aber gelten sie als die Intellektuellen in der Welt der Kirche: häufig ausgebildet an den besten Klosterschulen und Universitäten der Zeit, bewandert in Theologie und Jura. Bald treffen die ersten Inquisitoren in der Region um Toulouse ein. Einer von ihnen ist Guillaume Arnaud aus Montpellier – jener Mann, dem sein Mörder gut neun Jahre später in Avignonet die Zunge herausreißen wird.

Der erste offizielle Prozess der Inquisition wird Ende 1233 in Toulouse gegen einen Bürger namens Johannes Textor eröffnet, den die Inquisitoren als Katharer ansehen. Er esse Fleisch, widerspricht der Angeklagte, schlafe mit seiner Frau und lüge regelmäßig – mit anderen Worten: Er sei ein guter Katholik. Textor, der Überlieferung nach wohl unschuldig, wird zum Tode verurteilt, in den Kerker geworfen, lernt dort eine Gruppe Vollkommener kennen, lässt sich tief beeindruckt die Seelentaufe spenden und wird mit ihnen wenig später auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

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GEDENKEN. Am Fuß der Festung Montségur erinnert ein Mahnmal an den massenhaften Feuertod der Katharer am 16. März 1244. Doch trotz der brutalen Repression durch die Inquisition wird ihre Bewegung im Verborgenen noch jahrzehntelang weiterbestehen

Es dauert nicht lange, bis sich die Inquisitoren erbitterte Feinde machen. Schon lange ist bekannt, dass es in den angesehensten Familien von Toulouse Anhänger der Katharer gibt. 1235 lässt es Guillaume Arnaud auf eine Kraftprobe ankommen und lädt zwölf Patrizier zum Verhör. Sie weigern sich zu erscheinen und lassen den Inquisitor aus der Stadt werfen.

Arnaud beauftragt nun die Mönche des Dominikanerkonvents in Toulouse, die Untersuchung fortzusetzen. Einige Ordensbrüder werden daraufhin verprügelt, ihr Kloster wird von einer aufgebrachten Menge belagert; schließlich müssen alle Dominikaner für Monate die Stadt verlassen. Besonders viel Abscheu ruft bei der Bevölkerung hervor, dass die Inquisitoren auch Tote verurteilen. Denn überführte Häretiker dürfen nicht in geweihter Erde begraben liegen. Wenn sich bei den Ermittlungen also belegen lässt, dass ein Verstorbener Katharer war, lassen ihn die Inquisitoren exhumieren und in einer schaurigen Prozession durch die Stadt tragen. Vorneweg ein Ausrufer, der psalmodiert: „Wer so handelt, wird so enden.“ Dann werden die Gebeine auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Wenig verbreitet wohl mehr Schrecken bei der Bevölkerung als diese Schändung der Totenruhe. Und wenig mehr Wut: In der Stadt Albi schlagen die Einheimischen einen Glaubenswächter, der einen Verstorbenen exhumieren will, fast tot und versuchen ihn in einem Fluss zu ertränken. Wenn die Inquisitoren durchs Land reisen, treffen sie meist auf Schweigen. Viele Vorgeladene verstecken sich oder fliehen. Denunzianten werden eingeschüchtert und ermordet. Längst leben die Katharer ihren Glauben nicht mehr offen wie in den Jahrzehnten vor dem Kreuzzug. Doch im Verborgenen wächst der Widerstand.

Und zum Zentrum der katharischen Bewegung wird die Burg Montségur. Die Feste, in 1200 Meter Höhe auf einem Berggipfel gelegen, zugänglich nur über einen schmalen Grat, gilt mit ihrer Ringmauer als uneinnehmbar. Die adelige Familie, der die Burg gehört, steht den örtlichen Katharern nahe und hat ihnen 1204 erlaubt, dort eine klosterähnliche Gemeinschaft einzurichten.

Nun, unter dem Druck der Verfolgung, wird die Zitadelle zum Zufluchtsort der Abweichler. Reiche Anhänger der Katharer finanzieren den Ausbau der Verteidigungsanlagen sowie eine Söldnertruppe. Katharer aus ganz Südfrankreich zieht es zur Burg, zeitweilig halten sich bis zu 1000 Menschen in Montségur auf. Im Mai 1242 erreicht ein Bote die Burg. Der Vogt einer Festung in Avignonet, selbst ein heimlicher Anhänger der Katharer, lässt in einem Brief mitteilen, dass zwei Inquisitoren bei ihm Quartier genommen hätten. Der Kommandant der Garnison von Montségur lässt sofort 50 seiner Ritter und Kriegsknechte zusammenkommen und bricht noch am selben Tage auf. Die Ketzerjäger sollen ihm auf keinen Fall entkommen …

DIE MORDE an Guillaume Arnaud und Étienne de Saint-Thibéry sowie ihrem Gefolge sorgen für Empörung in Rom. Als sich herumspricht, dass die Attentäter aus Montségur gekommen sind, lässt der französische König, der sich zur Bekämpfung der Ketzerei verpflichtet hat, die Katharerburg belagern. Im Mai 1243 blockiert das ausgesandte Heer den Zugang zur Festung. Da Montségur kaum einzunehmen ist, sollen die Bewohner ausgehungert werden.

Mehr als 360 Männer, Frauen und Kinder harren in der Burg aus, darunter 95 Kämpfer. Weil die Eingeschlossenen über reichlich Vorräte verfügen, geschieht sieben Monate lang nichts. Erst im Dezember steigen Soldaten der Franzosen mit ortskundigen Führern im Schutz der Nacht über Felswände hinauf und erobern einen Wachturm am anderen Ende des Bergkamms, 800 Meter von der Burg entfernt.

Jetzt verfügen die Belagerer über einen Vorposten auf dem Berg und können Katapulte und Armbrüste auf den Bergkamm schaffen. In den folgenden Wochen nehmen sie die Burg unter Dauerfeuer. Im Frühjahr müssen die Belagerten erkennen, dass ihre Lage aussichtslos geworden ist, und verhandeln eine Übergabe. Der Garnisonsbesatzung und den Zivilisten versprechen die Franzosen friedliches Geleit – nur die Perfecti unter den Eingeschlossenen müssen sich den Inquisitoren stellen.

Die Vollkommenen wissen, dass sie der Feuertod erwartet, wenn sie ihrem Glauben nicht abschwören. Am 16. März 1244 errichten Arbeiter unterhalb der Burg ein Rund aus Palisaden und stecken darin Holz in Brand. Jeder der Perfecti bekennt sich erneut zu seinem Glauben. Daraufhin schicken die Soldaten sie in die Flammen. 224 Männer und Frauen finden an diesem Tag den Tod. Was für ein Schlag für die Katharer! Rom ist nun noch entschlossener, die Ketzer zu vernichten. Neue Inquisitoren nehmen die Arbeit auf: Zwischen Mai 1245 und August 1246 wird die gesamte erwachsene Bevölkerung des Lauragais zum Verhör nach Toulouse geladen. 5400 Protokolle sind erhalten, sicher nur ein Bruchteil.

Ein großer Stab von Schreibern und Notaren arbeitet den Inquisitoren nun zu, die Zeugen werden in Gruppen von 20 oder 30 gleichzeitig vernommen, nach einem standardisierten Fragenkatalog. Der Kirche geht es jetzt nicht mehr darum, ein paar Vollkommene auf den Scheiterhaufen zu bringen: Sie will auch die Helfer aufspüren. Das Volk erkennt, dass die Inquisition keine vorübergehende Prüfung ist, sondern ein neu geschaffener Apparat, der nicht wieder verschwinden wird.

Die Katharer erholen sich in Südfrankreich kaum mehr von der Katastrophe von Montségur. Der größte Teil ihrer geistlichen Elite ist vernichtet: Neben den 224 bereits hingerichteten Perfecti enden gut 70 weitere nach der Verhörwelle auf dem Scheiterhaufen. Noch einmal so viele werden eingekerkert, fast 30 schwören ihrem Glauben ab, 60 fliehen nach Norditalien, wo es noch katharische Gruppen gibt.

Die Glaubensgemeinschaft kann diesen Aderlass und den weiteren Verfolgungsdruck der Inquisition langfristig nicht überstehen. Die letzten ihrer Bischöfe in Südfrankreich fliehen 1275 in die Lombardei. Doch der Katharismus lässt sich nicht so einfach auslöschen und bleibt im Verborgenen bestehen. An der Wende zum 14. Jahrhundert gelingt es einem Brüderpaar aus einem Dorf der Pyrenäen sogar noch einmal für kurze Zeit, den Glauben gegen erneute Anstürme der Inquisition zu behaupten (siehe Seite 62). Dennoch: Eine der mächtigsten Häretikerbewegungen des Mittelalters schrumpft im Laufe des 14. Jahrhunderts weiter und verschwindet schließlich völlig. Jene Institution aber, die einzig deshalb gegründet wurde, um sie zu schlagen, wird sich von Südfrankreich über ganz Europa und eines Tages sogar in die Neue Welt ausbreiten: die Inquisition.

2. Heinrich Kramer. Der Wahn des Eiferers.

Wie besessen ist Inquisitor Heinrich Kramer von den vermeintlichen Gefahren durch böse Zauberinnen. Der Geistliche verfasst den »Hexenhammer«, einen Ratgeber, in dem er all sein Wissen über Schwarze Magie sammelt – und befeuert so eine Menschenjagd, der Zehntausende Frauen zum Opfer fallen

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DER PAPST ernennt den Dominikaner Heinrich Kramer (hier das zeitgenössische Porträt eines Dominikanermönchs) zum Inquisitor gegen Ketzer, Zauberer und Teufelsbuhlen

Was für eine Niederlage! Heinrich Kramer, Inquisitor und vom Papst beauftragter Hexenjäger, muss 1485 in Innsbruck erleben, wie sieben von ihm der Schwarzen Magie beschuldigte Frauen einfach in die Freiheit entlassen werden. Mehr noch: Auf einmal ist er es, gegen den Anschuldigungen erhoben werden. Doch Kramer wird sich wehren. Mit einem Buch, das die Hexenverfolgung schon bald zu einem Instrument vieltausendfachen Mordes macht.

Jahrhundertelang haben sich die Häscher der Inquisition vor allem auf Glaubensabtrünnige konzentriert. Gegen vermeintliche Hexen, nach Ansicht der Kirche mit dem Teufel verbündet, gab es dagegen kaum Verfahren. Doch ab etwa 1430 schüren Priester und Theologen die Angst vor Hexengemeinschaften (siehe Seite 90). In jener Zeit erhält Heinrich Kramer, um 1430 im elsässischen Schlettstadt geboren, seine Ausbildung. Er studiert vermutlich im örtlichen Dominikanerkloster und wird Inquisitor. Ab etwa 1474 klagt er als reisender Ermittler Hexen an. Doch häufig gibt es mit Bürgermeistern und Fürsten Streitereien um die Zuständigkeit.

Kramer geht nach Rom, sucht die Unterstützung des Papstes. Und tatsächlich lässt sich Innozenz VIII. von ihm einen Erlass soufflieren. Darin erklärt der Pontifex die Hexenverfolgung für notwendig und ernennt den Dominikaner in dieser Sache zu seinem Abgesandten in zahlreichen deutschen Bistümern. Doch 1485 erlebt Kramer in Innsbruck, wie schwach seine Autorität ist. Als der dortige Landesfürst erfährt, wie der Inquisitor bei einem Hexenprozess die Angeklagten foltert, deren Aussagen verdreht und ihnen rechtlichen Beistand verweigert, interveniert er und ordnet an, der Prozess solle fortan von einem Kollegium unter Vorsitz eines bischöflichen Gesandten geleitet werden.

Die Gerichtsherren sorgen dafür, dass die Frauen einen Verteidiger erhalten, der den Verlauf des Verfahrens bald umkehrt, Kramer formale Mängel vorwirft und anmahnt, die Angeklagten freizulassen und stattdessen den Inquisitor festzunehmen. Der vorsitzende Richter teilt die Auffassung des Advokaten und entlässt die Frauen. Kramer wird zwar nicht verhaftet, doch der Bischof fordert ihn auf, aus seiner Diözese zu verschwinden. Der Inquisitor geht – und schreibt nun ein Buch, das den Zeitgenossen die Hexengefahr vor Augen führen soll. Wenige Monate später ist „Der Hexenhammer“ vollendet (der Titel des 1487 erscheinenden Werkes spielt auf die Ehrbezeichnung „Ketzerhammer“ für besonders erfolgreiche Inquisitoren an).

Hexen, heißt es darin, könnten dank des Teufels Hilfe durch die Luft fliegen und sich in Tiere verwandeln. Rund 250 Schadensfälle nennt der Autor, berichtet von Blitzeinschlägen durch Hexen, von Männern, „die an der Zeugungskraft behext“ werden, von Krankheit und „Liebestollheit“ – und von Hebammen, die Kinder töten und den Dämonen opfern. Am Schluss des Buches stellt er Strategien für das Vorgehen der Anklage in Hexenprozessen vor, gibt Ratschläge zu Ermittlung, Zeugenbefragung, Folter. In den theologischen Abschnitten verdreht Kramer Schriften kirchlicher Autoritäten, damit sie zu seiner Argumentation passen. In den Beispielen aus seiner Praxis gibt er Niederlagen als Erfolge aus. Er führt auch einen Mitautor an, den Kölner Ordensoberen Jakob Sprenger – wohl um seinem Werk mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Doch das ist gelogen.

Trotzdem wird das Buch ein großer Erfolg. Kramer hat so effektvoll und alarmierend formuliert, dass seine Ideen nach und nach immer mehr Einfluss gewinnen. Der päpstliche Erlass, der Schrift prominent vorangestellt, gibt dem Werk zudem scheinbar offiziellen Charakter. In weiten Teilen Europas ist Kramers Buch schon bald eine Art Leitfaden für die Verurteilung vermeintlicher Hexen. Wie nichts zuvor befeuert der Dominikaner die Furcht vor Magie, lässt die Zahl verfolgter Frauen deutlich steigen. Zugleich werden bildliche Darstellungen von Magierinnen populär, die auch auf den Ausführungen des Inquisitors fußen. Unter anderem verfestigt sich ein Klischeebild, das noch heute bekannt ist: von der Frau, die auf ihrem Besen des Nachts durch die Luft reitet.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Strempel, Johannes: Kampf gegen die Katharer. Krieg gegen die Ketzer, in: Die Inquisition (GEO Epoche Jg. 2016, Heft Nr. 89), Hamburg 2016, S. 25-41.

-> Kuhla, Karoline: Heinrich Kramer. Der Wahn des Eiferers, in: Die Inquisition (GEO Epoche Jg. 2016, Heft Nr. 89), Hamburg 2016, S. 104ff.

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