Kunst, Kultur und Medien des Mittelalters
Der Buchdruck
Inhaltsverzeichnis
1. Buchdruck (15./16. Jahrhundert)
1. Buchdruck (15./16. Jahrhundert)
Der um 1450 erfundene Buchdruck erlebte eine Verbreitung vor allem in den Städten. Im heutigen Bayern entstanden erste Druckereien 1460 in Bamberg, 1467 in Augsburg und 1469 in Nürnberg. Der altbayerische Raum folgte erst ab 1480. Erste Buchhändler sind seit 1480 nachweisbar. Als Druck- und Buchhandelszentren etablierten sich Nürnberg und Augsburg. Der Buchdruck übernahm die im Handschriftenbereich verbreiteten Inhalte und damit zunächst lateinische und kirchliche Texte sowie Klein- und Gebrauchsschriften. Nachdrucke spielten eine große Rolle. Der Buchdruck war für die Verbreitung des Humanismus und der Reformation von großer Bedeutung. Seit den 1520er Jahren wurden Zensurmaßnahmen eingeführt.
Definition
Buchdruck bezeichnet im 15. und 16. Jahrhundert im engeren Sinne das Drucken von Büchern, im weiteren Sinne jegliche Druckprodukte, die mit der von Johannes Gutenberg(um 1397-1468) um 1450 in Mainz entwickelten Technologie hergestellt wurden.
Titelzahl
Für das 15. Jahrhundert lassen sich bisher fast 30.000 verschiedene Titel (inklusive über 2.300 Einblattdrucke) europaweit nachweisen, davon über 21.000 lateinischsprachige und über 3.200 deutschsprachige Werke (Incunabula Short Title Catalogue). Fast 71 % aller Inkunabeln (Bücher, die vor dem 31. Dezember 1500 hergestellt wurden) waren damit in lateinischer Sprache verfasst, nur etwa 11 % in deutscher. Der überwiegende Teil der deutschsprachigen Drucke entstand im süddeutschen Raum. Mit dem "VE15" (siehe Lit.: Eisermann) liegt ein detailliertes Verzeichnis der typographischen Einblattdrucke im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation vor.
Für das 16. Jahrhundert können bisher im deutschen Sprachraum über 100.000 verschiedene Titel belegt werden (Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts, VD 16). Eine Auswertung nach Sprache lässt diese Datenbank nicht zu. Leider sind auch die wichtigen Einblattdrucke nicht berücksichtigt. Hilfsmittel sind hier das Verzeichnis von Harms (siehe Literaturliste) und die Datenbank zu den Einblattdrucken der Frühen Neuzeit in der Bayerischen Staatsbibliothek.
Ausbreitung
Für die Ausbreitung und weitere Entwicklung des Buchdrucks waren Städte von großer Bedeutung. Hier gab es Druckvorlagen aus den Bibliotheken; hier lebten Gebildete, die als Setzer oder Korrektoren arbeiten konnten; hier waren die Kapitalgeber; hier existierten Handelswege, was für den Absatz der Bücher wichtig war, und hier befand sich das Lesepublikum (Schmitz).
Der süddeutsche Raum mit seiner ausgeprägten Städtestruktur bot ideale Bedingungen für die neue Technik. Die ersten beiden Städte mit einer Druckerei nach Mainz waren um 1460 die elsässische Reichsstadt Straßburg sowie das fränkische Bamberg. Ab 1465 wurde auch in Italien gedruckt. 1466 folgte als nächste deutsche Metropole Köln, ein Jahr später Eltville (Rheingau-Taunus-Kreis, Hessen) und 1467 schließlich die schwäbische Reichsstadt Augsburg. Alle genannten Städte waren auch Sitz eines Bistums (in Eltville residierten bis 1480 die Mainzer Erzbischöfe) - ein Umstand, der auf viele der frühen Druckorte zutrifft. Die Bischöfe hatten anfänglich großes Interesse daran, mit der neuen Technik sorgfältig redigierte, einheitliche Texte für ihre Geistlichkeit produzieren zu lassen (Schmitz). Um 1469 folgte mit der fränkischen Reichsstadt Nürnberg eine bedeutende Handelsmetropole. In Altbayern begann man erst 1480 im Bistumssitz Passauzu drucken, im Herzogtum Bayern erst 1482 in München und 1484 in Ingolstadt.
| Druckorte | Druckort seit | Erstdrucker/in | Anzahl der Drucker/eien im 15. und 16. Jahrhundert |
|---|---|---|---|
| Altdorf b. Nürnberg | 1579 | Katharina Gerlach(gest. 1591) | vier Drucker |
| Bamberg | um 1460 | Albrecht Pfister (gest. 1466) | elf Drucker |
| Coburg | 1530 | Hans Bär | sechs Drucker |
| Eichstätt | 1484 | Michael Reyser (erw. 1479-1494/1505) | ein Drucker |
| Forchheim | 1525 | Hans Bär | ein Drucker |
| Hof | 1559 | Matthäus Pfeilschmidt(1528-1604) | ein Drucker |
| Burg Hohenlandsberg (heute Ruine, Gde. Weigenheim, Lkr. Neustadt a. d. Aisch-Bad Windsheim) | 1554 | Thomas Biber (1539-1561/73) | ein Drucker |
| Kirchehrenbach (Lkr. Forchheim) | 1523 | Johann Schöner (gest. 1547) | ein Drucker |
| Kulmbach | 1551 | Thomas Retsch (gest. 1572) | zwei Drucker |
| Nürnberg | um 1469 | Johann Sensenschmidt(gest. 1491) | 97 Drucker |
| Rothenburg ob der Tauber | 1557 | Albrecht Gros (erw. 1529-1567) | zwei Drucker |
| Schweinfurt | 1561 | Valentin Kröner (erw. 1561-1598) | ein Drucker |
| Würzburg | 1479 | Georg Reyser (gest. vermutlich 1504) | elf Drucker |
| Druckorte | Druckort seit | Erstdrucker | Anzahl der Drucker/eien im 15. und 16. Jahrhundert | Bemerkungen |
|---|---|---|---|---|
| Augsburg | 1468 | Günther Zainer (gest. 1478) | 58 Drucker | |
| Dillingen a. d. Donau | 1488 | Johann Sensenschmidt(gest. 1491) | zwei Drucker | kontinuierliche Drucktätigkeit erst mit Sebald Mayer (gest. 1576) ab 1550 |
| Ichenhausen (Lkr. Günzburg) | 1544 | Chajjim Schwarz (gest. um 1548) | ein Drucker | |
| Lauingen (Lkr. Dillingen a. d. Donau) | 1472 | Notname: Drucker des Hl. Augustinus | 7 Drucker | |
| Lindau | 1592 | Hans Ludwig Brem | ein Drucker | |
| Memmingen | 1480 | Albrecht Kunne (erw. 1474-1519) | ein Drucker | |
| Nördlingen | 1538 | Erasmus Scharpf (gest. um 1579) | ein Drucker | |
| Ottobeuren | 1509 | ? | eine Klosterdruckerei | |
| Thannhausen (Lkr. Günzburg) | 1592 | Isaac Masia mit Simon Levi Günzburg | eine Druckerei | |
| Ulm | 1472 | Johann Zainer (gest. um 1523 oder ca. 1493) | 15 Drucker |
| Druckorte | Druckort seit | Erstdrucker | Anzahl der Drucker/eien im 15. und 16. Jahrhundert |
|---|---|---|---|
| Adlersberg (Gde. Pettendorf, Lkr. Regensburg) | 1556 | Hans Kohl (gest. vermutlich 1559) | ein Drucker |
| Amberg | 1552 | Wolf Guldenmund (gest. 1580) | drei Drucker |
| Freising | 1487 | Johann Sensenschmidt (gest. 1491) mit Heinrich Petzensteiner | zwei Druckereien |
| Ingolstadt | 1484 | Notname: Drucker des Lescherius (= Bartholomaeus Golsch ?) | 18 Drucker |
| Landshut | 1513 | Johann Weissenburger (gest. 1535/36) | drei Drucker |
| München | 1482 | Johann Schaur (gest. 1504) | acht Drucker |
| Neuburg a. d. Donau | 1544 | Hans Kilian (gest. 1595) | ein Drucker |
| Passau | 1480 | Hans Kilian (gest. 1595) | vier Drucker |
| Regensburg | 1485 | Johann Sensenschmidt (gest. 1491) mit Johann Beckenhub (gest. nach 1491) | neun Drucker |
| Salzburg | 1485 | Hans Baumann (gest. 1570) | vier Drucker |
| Straubing | um 1560 | Johann Burger (gest. vermutlich 1596) | zwei Drucker |
| Tegernsee | 1573 | ? | eine Klosterdruckerei |
| Weihenstephan (Stadt Freising, Lkr. Freising) | 1558 | ? | eine Klosterdruckerei |
| Wessobrunn (Lkr. Weilheim-Schongau) | 1503 | Lukas Zeissenmair (gest. nach 1508) | eine Klosterdruckerei |
Von der Handschrift zum Druck
Bereits Gutenberg produzierte neben seiner berühmten lateinischsprachigen 42-zeiligen Bibel (B42) auch Klein- und Gebrauchsdrucke, so Schulschriften - wie die schon in der Handschriftenzeit äußerst beliebte lateinische Kurzgrammatik von Aelius Donatus (ca. 310-380) - und politisches Schrifttum im Zeichen der "Türkengefahr". Zu nennen sind lateinischsprachige Ablassbriefe und der deutschsprachige Kalender "Eine Mahnung der Christenheit wider die Türken". Es handelt sich hierbei um einen als Kalender für das Jahr 1455 aufbereiteten Aufruf an die Fürsten und Stände für den Kampf gegen die Türken (das einzige erhaltene Exemplar stammt aus dem Besitz des Augsburger Humanisten Konrad Peutinger [1465-1547]). Kalender waren beliebte Druckprodukte und sprachen alle Volksschichten an. In Form von Almanachen und den umfangreicheren Praktiken, die auch Hinweise zum Wetter, zur Gesundheit bzw. astrologische Prophezeiungen enthielten, waren sie für die Drucker eine sichere Einnahmequelle und wurden gerne aufgelegt. Auch Einblattdrucke - in Form von Lieddrucken oder Flugblättern mit religiösem, erzählendem oder sachlichem Inhalt - waren äußerst beliebt. Sie haben sich häufig aber nur in Form von Buchbindermakulatur erhalten.
Ein kurzzeitiges paralleles Phänomen zum Buchdruck stellten die Blockbücher dar. Bei ihnen wurden die Abbildungen meist gemeinsam mit den Texten in einen Holzstock geschnitten und von diesem gedruckt. Die von etwa 1450 bis insbesondere in den 1480er Jahren entstandenen Blockbücher haben meist religiös-erbauliche oder profan-belehrende Inhalte (Stevenson).
Auch stellte die Einführung des Buchdrucks keine sofortige Ablösung der Handschriften dar, die im 15. Jahrhundert selbst einen Produktionsanstieg erlebten, sondern es herrschte noch einige Jahrzehnte eine Koexistenz. Viele aus den Handschriften gewohnte Inhalte wurden in den Druck übernommen, in erster Linie natürlich religiöse Werke wie Bibeln, Psalter, Evangelien und Episteln. Neun der 18 deutschsprachigen vorlutherischen gedruckten Bibeln erschienen in Augsburg (zwei in Nürnberg). Die um 1475 bei Günther Zainer (gest. 1478) in Augsburg gedruckte deutsche Bibel zeigte nicht nur eine sprachliche Modernisierung, sondern - erstmals bei dieser Gattung - Holzschnittillustrationen in Form von bewohnten Initialen. Von den Handschriften übernommen wurden auch Heiligengeschichten wie die "Legenda aurea" von Jacobus de Voragine (wohl 1226-1298), Naturkundewerke wie das "Buch der Natur" von Konrad von Megenberg (1309-1374) und juristische Werke wie der "Schwabenspiegel", die allesamt erstmals Mitte der 1470er Jahre in Augsburg gedruckt wurden.
Eine Besonderheit war dagegen der Druck der Chronik von Jakob Twinger von Königshofen(1346-1420) und deutscher Epen wie der "Parzival" von Wolfram von Eschenbach (um 1170/1180-ca. 1220). Denn Chroniken und vor allem die großen epischen Werke entstammten der Kulturwelt des Adels und fanden daher oftmals nicht den Weg in den Druck. Dies war sowohl bei der Weltchronik des Rudolf von Ems (um 1200-1250/1254) als auch bei der Chronik des Martin von Troppau (vor 1230-1278) der Fall, die als Handschriften beliebt waren (Schmitt). Das Zielpublikum der Druckereien war nicht mehr der Adel, sondern das bürgerliche Publikum in den Städten.
War ein Text in den Druck überführt, konzentrierte sich dieser auf wenige Fassungen, meist in Form von sprachlicher Modernisierung; "die thematische Vielfalt der im 15. Jahrhundert handschriftlich überlieferten Texte" erreichten die Drucker nicht (Schmitt). Die anspruchsvollen Romane produzierte man vor allem in den süddeutschen Druckzentren mit vielen Auflagen. Insbesondere Augsburg bot ideale Bedingungen, da sich hier viele handschriftliche Exemplare befanden, die als Vorlage herangezogen werden konnten (Schmitt). In Augsburg entstand auch der erste bürgerliche Roman: Der "Fortunatus" wurde 1509 im Auftrag des Apothekers Johann Heybler bei Johann Otmar (gest. 1516) gedruckt.
Unternehmertypen und Handel
Die meisten Drucker stiegen als Nachdrucker in das neue Gewerbe ein. Lediglich ein Drittel wagte es, neue Titel zu verlegen (Schmitt). Nur wenige verfügten über genügend Kapital, um auch als Verleger zu agieren. Als Verleger hatte man auf seine Kosten die Herstellung eines Buches zu finanzieren, ließ also im Voraus bei Lohndruckern produzieren, weshalb das richtige Einschätzen von Titel und Auflagenhöhe über Erfolg oder Misserfolg entschied. Vereinzelt finden sich auch Drucker, die ihre Presse nur betrieben, um eigene Werke zu produzieren. Meist handelt es sich bei diesen um Gelehrte (z. B. in Nürnberg der bedeutende Astronom und Mathematiker Johannes Regiomontanus [1436-1476]). In Nürnberg gehörte hierzu aber auch der Barbier Hans Folz (um 1435/1440-1513), der seine eigenen Werke für die untere Mittelschicht des Stadtbürgertums auf seiner eigenen Presse druckte. Seine einfachen Drucke waren für den regionalen Nürnberger Raum gedacht und wurden dort auch vertrieben (Rautenberg). Das Gegenteil stellte der Nürnberger Drucker Anton Koberger (um 1440-1513) dar. Er agierte im Bereich der Großkaufleute und war der bedeutendste Druckerverleger und Buchhändler der Inkunabelzeit. Seine Produkte wurden über das Fernhandelsnetz abgesetzt, deren wichtigste süddeutsche Knotenpunkte Augsburg und Nürnberg waren. Diese beiden Städte versorgten auch Ober- und Mittelitalien, Nürnberg zusätzlich Osteuropa.
Viele der Druckerverleger verschoben ihre Aktivitäten im 16. Jahrhundert zum Verlag und ließen ihre Werke bei Lohndruckern produzieren. Schon ab etwa 1480 können auch auf eigene Rechnung tätige reine Buchführer (Buchhändler mit Platz- und/oder Wanderhandel) nachgewiesen werden. Einige von ihnen entwickelten sich im 16. Jahrhundert zu großen Sortimentern (Buchhändler mit festem Ladengeschäft). Der bedeutendste Buchhändler der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde der Augsburger Georg Willer (tätig 1548-1593; Rautenberg). Ihm ist die Einführung von Messkatalogen zu verdanken, in denen die Verleger ab 1564 ihre Novitäten ankündigten.
Humanismus und Buchdruck
Humanistische Drucke hatten in Italien, dem Ursprungsland des Humanismus, den größten Anteil. Von den antiken Texten dominierten insbesondere die Schriften von Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.). Die Druckzentren des Humanismus nördlich der Alpen waren Basel und Straßburg. Hier wurden vor allem lateinischsprachige Werke produziert. Franken, Schwaben und Altbayern spielten insbesondere bei den deutschsprachigen humanistischen Drucken eine wesentliche Rolle.
Frühestes Beispiel ist der um 1463 bei Albrecht Pfister (gest. 1466) im fränkischen Bamberg gedruckte "Ackermann aus Böhmen" von Johannes von Tepl (auch Johannes von Saaz, ca. 1350-1414/1415). Pfister war bis 1460 Sekretär des Bamberger Bischofs und hatte im Ackermann wie auch in der 1461 fertiggestellten Fabelsammlung "Der Edelstein" von Ulrich Boner (gest. 1340) Holzschnitte zur Illustration verwendet – die ersten in der Buchdruckgeschichte.
Die Humanisten belebten auch die Gattung der Chroniken. Die sogenannte Schedelsche Weltchronik wurde vom Nürnberger Humanisten Hartmann Schedel (1440-1514) kompiliert und 1493 in Nürnberg bei Anton Koberger auf Kosten von Nürnberger Kaufleuten gedruckt. Den humanistischen Ansprüchen wurde sie jedoch nicht gerecht, so dass man für eine, allerdings nie erschienene zweite Auflage den berühmten Humanisten Conrad Celtis (1459-1508) heranziehen wollte. Er - wie auch der bayerische Geschichtsschreiber Johannes Aventinus (1477-1534) - reisten zu Klosterbibliotheken, um griechische, lateinische und deutsche Handschriften zu entdecken. Ihr Bestreben war, diese durch den Druck nicht nur zu verbreiten, sondern auch für die Nachwelt zu erhalten (Füssel, Buchkultur).
Eine wichtige Aufgabe der deutschen Humanisten lag in ihrer Übersetzertätigkeit. So sorgten sie dafür, dass italienische Novellen in Deutschland rezipiert wurden. Am beliebtesten wurde "Griseldis", die zehnte Novelle aus Giovanni Boccaccios (1313-1375) "Decameron", die in der lateinischen Fassung des italienischen Humanisten Francesco Petrarca (1304-1374) im Umlauf war. Der Ulmer Humanist Heinrich Steinhöwel (1411-1479) nutzte diese für seine Übersetzung ins Deutsche und ließ sie 1471 bei Günther Zainer in Augsburg erscheinen. Sie erlebte zahlreiche Nachdrucke bis ins 16. Jahrhundert hinein. Äußerst beliebt war auch Steinhöwels deutsche Übersetzung der Fabeln des Aesop, die erstmals um 1476/1477 bei Johann Zainer (gest. um 1523) in Ulm mit zahlreichen Holzschnitten erschienen und dann in verschiedenen oberdeutschen Städten nachgedruckt wurden.
Ein sehr aktiver Nachdrucker war Johann Schönsperger d. Ä. (um 1455-1521), der zum Hofbuchdrucker Kaiser Maximilians I. (reg. 1486-1519, Kaiser ab 1508) aufstieg. Der Kaiser war ein Förderer von Kunst und Wissenschaft und war bestrebt, historische Ereignisse für die Nachwelt durch Drucke zu sichern. Schönsperger druckte für ihn 1514 sein "Gebetbuch", versehen mit Federzeichnungen, u. a. von Albrecht Dürer (1471-1528), und 1517 sein Heldenepos "Theuerdanck", das mit Holzschnitten u. a. von Hans Burgkmaier d. Ä. (1473-1531) ausgestattet wurde und das zu den schönsten Büchern des 16. Jahrhunderts gehört.
Reformation und Buchdruck
Als 1517 die Reformation in Deutschland begann, war der Buchdruck bereits etabliert. Martin Luther (1483-1546) sah im Buchdruck ein Gottesgeschenk, welches das Wort Gottes im Sinne der Reformation zu verbreiten half (Schmitz). Erreichten die Auflagen zuvor durchschnittlich etwa 300 Exemplare (pragmatisches Schrifttum wie Ablassbriefe sind deutlich höher anzusetzen), betrugen die Auflagen nun 1.000 Exemplare und mehr (Rautenberg). Das Zentrum der reformatorischen Druckproduktion war zwar Wittenberg, doch bedurften die äußerst begehrten Lutherschriften in Form von Sammelausgaben wegen ihres größeren Umfangs höhere Investitionen und wurden daher vorrangig im süddeutschen Raum, insbesondere in Augsburg, produziert (Schmitz). Ein Drittel der gesamten deutschsprachigen Buchproduktion in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entfiel auf Lutherschriften. Bis zu Luthers Tod erschienen über 300 seiner Bibelausgaben (Füssel, Gutenberg).
Die charakteristischen Publikationsformen der Reformation waren jedoch Flugschriften und Flugblätter. Die nur aus einem Blatt bestehenden, häufig mit Illustrationen versehenen Flugblätter dienten vor allem der Meinungssteuerung (Moeller). Sie waren schnell und kostengünstig zu produzieren, ebenso wie die oft nur acht Blätter umfassenden Flugschriften. Sie wurden meist ambulant vertrieben und erreichten 1523/1524 ihren quantitativen Höhepunkt. In deren Produktion dominierte neben Straßburg und Basel insbesondere Augsburg. Die anfänglich noch lateinischsprachigen Flugschriften waren zu diesem Zeitpunkt bereits zu über 90 % deutschsprachig (Schmitz).
Bereits 1521 hatte der katholische Kaiser Karl V. (reg. 1519-1556, als Kaiser ab 1530) alle Lutherschriften verboten. Viele der ihm direkt unterstellten Reichsstädte hinderte dies jedoch nicht daran, sich dem lutherischen Glauben zuzuwenden - so auch Nürnberg und Augsburg. Einige ihrer Drucker produzierten sogar vorrangig reformatorisches Schrifttum, wie etwa Hans Guldenmund (gest. 1560) in Nürnberg oder Philipp Ulhart d. Ä. (um 1500-1567/68) in Augsburg. Wegen dortiger antikatholischer Ressentiments siedelte Alexander Weissenhorn I.(gest. 1549) 1540 nach Ingolstadt über und druckte ausschließlich katholische Werke. Hingegen lassen sich bei Hans Schobser (gest. 1530) in München sowohl katholische als auch reformatorische Werke finden. Welche Bedeutung Druckorten wie Nürnberg zukam, zeigt die Bitte Luthers 1525 an den Nürnberger Rat, doch wegen der Nähe zu Wittenberg mit Nachdrucken seiner Werke etwa zwei Monate zu warten, damit die Wittenberger Drucker auch von ihrer Arbeit leben könnten (Schmitz).
Die Obrigkeiten versuchten stets, die Kontrolle über die Druckprodukte zu behalten. 1529 wurde im Reichsabschied von Speyer eine Vorzensur eingeführt und ein Jahr später im Reichsabschied von Augsburg im Impressum die Nennung von Druckort und Drucker vorgeschrieben. 1548 schrieb die Reichspolizeiordnung noch vor, den Namen des Autors zu nennen. Um die seit der Reformation entstandenen konfessionellen Konflikte beizulegen, wurde 1555 im Augsburger Religionsfrieden den Reichsständen Religionsfreiheit gewährt und auferlegt, dass keine der zugelassenen Religionen durch Druckschriften geschmäht werden dürfe. 1559 ließ der Papst mit dem "Index librorum prohibitorum" eine Liste mit für Katholiken verbotenen Büchern erscheinen; 1564 folgte der tridentinische Index. Mit dem Konzil von Trient (1545-1563) leitete die katholische Kirche die Gegenreformation ein. In deren Dienst stellten sich die Druckereien in Köln, Dillingen und Ingolstadt. Dem Ingolstädter Professor für Mathematik und Medizin Philipp Apian (1531-1589) wurde dies jedoch zum Verhängnis. Er weigerte sich 1569, den Eid auf das Tridentinum zu leisten, und musste deshalb Bayern verlassen. Nur ein Jahr zuvor waren in seiner Ingolstädter Druckerei die "Bairischen Landtaflen. XXIII." erschienen, die auf seiner topographischen Aufnahme von Bayern beruhen.
1570 erleichterte schließlich der Reichsabschied von Speyer die Überwachung der Druckereien, deren Betrieb man nur noch in Reichs-, Residenz- und Universitätsstädten erlaubte (in der Reichspolizeiordnung von 1577 bestätigt).
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Christoph Reske, Buchdruck (15./16. Jahrhundert), publiziert am 11.04.2011; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Buchdruck_(15./16._Jahrhundert) (23.01.2026)
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Sekundärliteratur
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Das Münzwesen
Inhaltsverzeichnis
1. Die königlichen Münzstätten im Rheinland
1. Die königlichen Münzstätten im Rheinland
Abbildung einer mittelalterlichen Werkstatt von Hans Burgkmair, rechts ist die Verwendung eines Münzstempels zu erkennen. (Gemeinfrei)
1. Münzwesen im Hochmittelalter
Münzprägung war im Mittelalter grundsätzlich ein königliches Recht. Karl der Große (König 768-814, ab 800 Kaiser) ordnete Ende des 8. Jahrhunderts das Münzwesen des Reiches. Dabei ging es im Wesentlichen um zwei Punkte: die Festsetzung des Münzbildes und des Münzgewichts. So heißt es im Kapitular der Frankfurter Synode von 794: „Bezüglich der Pfennige sollt ihr ganz gewiß unsere Verordnung kennen, daß an jedem Ort, in jeder Stadt und an jedem Markt jene neuen Pfennige in gleicher Weise umlaufen und von allen angenommen werden sollen, sofern sie nämlich unseren Namen tragen, von reinem Silber sind und das volle Gewicht haben.“[1] Der Herrscher brachte mit der Ausgabe der Münzen nicht nur Geld in Umlauf, sondern garantierte mittels Münzbild und Münzgewicht auch für den Gegenwert und die Zahlkraft der Stücke.
Münzen wurden seinerzeit al marco (auf die Mark) geschlagen, was bedeutet, dass eine bestimmte Anzahl Münzen ein Gesamtgewicht – ein Pfund oder eine Mark im Sinn einer Gewichtseinheit – ergeben. Daran ist zu sehen, dass es bei den Stücken auf den Edelmetallgehalt ankam. Im Gebiet nördlich der Alpen bestanden im Hochmittelalter die Münzen nur aus Silber. Eine Goldprägung gab es zu dieser Zeit nicht, was auch am Mangel an Material gelegen haben dürfte. Das genaue Gewicht des sogenannten pondus Caroli(Karlspfund), das auf Karl den Großen und die Münzreform zurückgeht, konnte bisher nicht eindeutig ermittelt werden. Das Karlspfund ist ein Gewichtspfund. Es wurde in 20 solidi (Schillinge) zu wiederum je 12 denarii(Pfennige/Denare) geschlagen. Die 20 mal 12, also 240 Pfennige, die aus einem Pfund geschlagen wurden, konnten bei Bedarf in den größeren Rechen- und Gewichtseinheiten Schilling oder Pfund gerechnet werden. Es gab keine Pfund- oder Schillingsmünze. Das Durchschnittsgewicht der einzelnen Pfennige lag bei etwa 1,70 Gramm, woraus sich ein Pfundgewicht von etwa 408 Gramm ergibt. In der Literatur finden sich aber auch abweichende Größen zwischen 367 Gramm und 490 Gramm pro Pfund. Die Gewichtsangabe kann daher nur einer groben Einschätzung dienen.
Münze mit der Büste Karls des Großen, Nachbildung des silbernen Originals. (Münzkabinett, Staatliche Museen zu Berlin / Christian Stoess/ CC BY-NC-SA)
Die Einhaltung des Münzgewichts und der Münzbilder wollte Karl der Große kontrollieren, indem er die Münzproduktion in seinen engsten Einflussbereich zog. Dazu verfügte er im Kapitular von Diedenhofen gegen Ende des Jahres 805: „Wegen der falschen Münzen, die an vielen Orten gegen die Gerechtigkeit und entgegen unserer Verordnung entstehen, wollen wir, daß an keinem anderen Ort als an unserer Pfalz eine Prägestätte sei, wenn es nicht vielleicht von uns anders bestimmt ist. Jene Pfennige jedoch, die neulich gemünzt worden sind, sollen gelten, wenn sie voll[ge]wichtig und rein sind.“[2]
Die „Münzreform“ Karls des Großen ist insgesamt nur als Abschluss einer Gewichts- und Maßreform unter den frühen Karolingern zu verstehen, die bereits unter Pippin dem Jüngeren (König 751-768) begann. Pippin setzte etwa um 753-756 das Pfund zu 22 Schillingen à 12 Pfennige fest. Dass Karl der Große relativ kurze Zeit später das von Pippin eingeführte Pfund noch einmal neu festlegte, ist auf einen Wert- und damit einen Edelmetallgehaltabfall der Münzen zurückzuführen, was auch aus den beiden vorgestellten Quellen heraus zu deuten ist. Diese Beobachtung, dass nämlich Münzen im Laufe der Zeit an Edelmetallgehalt verloren, lässt sich nahezu im ganzen Mittelalter beobachten.
Vorderseite einer Goldmünze Karls des Großen. (© Stadt Ingelheim, Fotograf: Benjamin May)
Karl der Großen schaffte mit seiner Verordnung eine Struktur, die für das gesamte Mittelalter von Bedeutung blieb. An einer Urkunde Friedrichs I. (römisch-deutscher König 1152-1190, ab 1155 Kaiser) für den Ort Aachen aus dem Jahr 1166 ist beispielhaft zu sehen, dass viele Bestimmungen aus einer ähnlichen Grundlage erwuchsen: „Außerdem haben wir aufgrund des Rates unseres Hofes dort eine Münze schlagen lassen, [die] fortwährend gleiche Reinheit, Schwere, Aussehen und Zahl haben soll, damit nicht eine häufige Veränderung der Münze, die mal schwerer, mal leichter zu sein pflegte, zum Schaden des berühmten Ortes in Zukunft überhandnimmt. Aus der Mark sollen 24 Schilling geprägt werden, 12 Schillingen Kölner (Pfennige) immer gleichwertig, und zwar so, daß man aus diesen 24 Schillingen 12 Kölner Schillinge erhalten kann und die 12 Schillinge Kölner (Pfennige) gegen 24 Schillinge Aachener (Pfennige) ungehindert gewechselt werden können. Das Aussehen aber der Pfennige soll derartig sein, daß auf der einen Seite das Bild des hl. Karl und sein Name, auf der anderen Seite unser Bild mit der Aufschrift unseres Namens steht.“[3]
Barbarossa reagierte auf Missstände, da bisher in Aachen scheinbar zu schwere oder aber zu leichte Münzen geschlagen wurden. Die Kölner Münze wurde dabei als Referenz angeführt, da in Köln offensichtlich kontinuierlich Münzen gleichwertiger Qualität produziert wurden, die weder an Edelmetallgehalt noch an Gewicht abnahmen. Barbarossa legte zudem fest, wie viele Schillinge aus einer Mark geschlagen werden sollten und verfügte auch, wie das Münzbild auszusehen habe.
Karl der Große und Friedrich I. Barbarossa legten in den angeführten Quellen ähnliche Grundlagen zum Schlagen von Münzen fest. Allerdings handelte es sich bei Karls Erlass um eine wesentlich generellere Festsetzung und bei Barbarossa um eine ortsspezifische Bestimmung. Außerdem liegt zwischen beiden Herrschern ein Zeitraum von etwa 300 Jahren, wodurch gänzlich verschiedene Ausgangssituationen für die Erlasse angenommen werden müssen. Die beiden Quellen sollen einen groben zeitlichen Rahmen vom frühen 9. bis ins späte 12. Jahrhundert bilden, um die königlichen Münzstätten des Rheinlandes und ihre Entwicklung im Überblick vorzustellen.
2. Münzstätten – Aufbau, Arbeitsweise und Funktion
Erst für das Spätmittelalter und für die Frühe Neuzeit sind schriftliche und bildliche Quellen zum Ablauf der Münzherstellung überliefert. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Münzstätten und ihre Produktion im Hochmittelalter nicht wesentlich anders funktionierten. Der Herstellungsprozess umfasste drei Komponenten: die Herstellung der Schrötlinge, die Herstellung der Stempel und die Prägung.
Für die Herstellung der Schrötlinge wurde aus Edelmetall (Silber) und unedlem Metall eine Legierung gemischt. Das Gesamtgewicht eines Pfennigs aus edlem und unedlem Metall ist das Raugewicht der Münze. Das Feingewicht bezeichnet den Anteil an Edelmetall. Der Silbergehalt spiegelt den Wert der Münze. Der Münzfuß legt fest, wie viele Pfennige aus einer Gewichtseinheit Edelmetall (Pfund oder Mark) geschlagen werden sollen. Die hergestellte Legierung wird in Barren oder Formen gegossen, danach auf die gewünschte Dicke gehämmert und schließlich in den sogenannten Zain geschnitten. Für das Spätmittelalter sind auch Walzen belegt, die den mühevollen Hammervorgang vereinfachten. Aus dem Zain werden die Münzrohlinge, die Schrötlinge, gestanzt oder geschnitten. Anschließend müssen die Schrötlinge noch justiert werden, damit die vorgegebene Stückzahl das Mark- oder Pfundgewicht ergibt. Dieser Vorgang fand in der Münzstätte statt.
Schwieriger ist es, Genaues zur Stempelherstellung zu sagen. Wahrscheinlich waren die Stempelschneider nicht in der Münzstätte selbst beschäftigt, sondern stammten eher aus Goldschmiedewerkstätten oder deren Umfeld. Dafür sprächen auch Parallelen und Ähnlichkeiten im Münzbild nahe beieinanderliegender Münzstätten, wenn diese die Stempel aus derselben Werkstatt bezogen. Ebenso schwer ist zu sagen, wie der Einfluss des direkten königlichen Umfeldes auf die Münzmotive aussah. Das Fehlen von zeitgenössischen Quellen spricht im Zweifelsfall dafür, dass eine Regelung nicht notwendig war. Auch Motive, die über Jahrzehnte verwendet werden, setzen eine königliche Einflussnahme bei der Motivgestaltung nicht zwingend voraus. Geht man aber davon aus, dass hinter der Motivwahl auch politische Interessen standen, darf eine Kommunikation zwischen Stempelschneidern und königlichem Hof durchaus angenommen werden, was natürlich noch nichts über die Einflussnahme des Königs selbst und deren Häufigkeit sagt.
Für den eigentlichen Prägevorgang werden die Prägestempel, der Ober- und Unterstempel sowie der Schrötling benötigt. Der Unterstempel ist in einem Holzblock oder Ähnlichem fixiert. Auf ihn wird der Schrötling gelegt und der Oberstempel wiederum per Hand gegen die Oberseite des Schrötlings gehalten. Der Oberstempel wird durch Hammerschlag auf den Schrötling gepresst, der sich dann in den Ober- und Unterstempel einprägt. Deren negativ geschnittene Bilder kommen auf diese Weise positiv im Schrötling zum Vorschein.
Über die Frage, wie viele Münzen mit einem Stempel geprägt werden können, ist keine verlässliche Aussage treffen. Die Haltbarkeit des Stempels hängt zunächst vom Material beziehungsweise seiner Herstellungsqualität ab. Dazu kann man annehmen, dass die Unterstempel langlebiger sind, müssen sie doch im Gegensatz zu den Oberstempeln nicht die Hammerschläge beim Prägevorgang aushalten. Auch der Durchmesser und die Größe der Münze spielen dabei eine Rolle, wird für breitere und dickere Münzen doch mehr Kraft bei der Prägung aufgewendet. Von einer Stückzahl von über 1.000 Münzen pro Stempel ist auszugehen. Ein genauer Durchschnittswert ist aber nicht zu ermitteln und kann bei vielen tausenden Stücken liegen. Heute sind nur verhältnismäßig wenige Stempel, vornehmlich aus dem Spätmittelalter, erhalten. Es ist wahrscheinlich, dass die defekten metallenen Stempel eingeschmolzen und aus ihnen neue hergestellt wurden.
Die Münzwerkstatt des Mittelalters war ein Handwerksbetrieb. Die Aufsicht und Verantwortung einer Münzstätte lag beim Münzmeister. Er beaufsichtigte die Arbeitsschritte und musste am Ende für die Produktion einstehen. Man darf davon ausgehen, dass im Spätmittelalter, als die Münzproduktion in der Stückzahl erheblich umfangreicher wurde, die einzelnen Arbeitsschritte von spezialisiertem Personal vorgenommen wurden: die Herstellung des Zain, das Schneiden der Schrötlinge, bei dem der Aufzieher das (Rau-)Gewicht prüfte, das Münzen durch den Münzer sowie die Qualitätsprüfung der Münzen durch den Probierer.
3. Münzprägung im Rheinland – Die königlichen Münzstätten
Karl der Große und sein Nachfolger Ludwig der Fromme (König 814-840, ab 814 Kaiser) waren die alleinigen Münzherren in ihrem Reich. Die Karolinger prägten nur an wenigen Orten, was auch für die Zeit nach der Reichsteilung durch den Vertrag von Verdun 843 für das Ostreich und dessen Herrscher gilt. Ab dem späten 9. Jahrhundert wurden erste Münzen auch von (Stammes-)Herzögen oder Bischöfen geprägt. Für das Rheinland sind aus dieser Zeit nur kölnische Stücke belegt.
Das Fehlen von Münzstätten im Rheinland erklärt sich vornehmlich daraus, dass es am Rand der merowingerzeitlichen (481-751) und karolingerzeitlichen (751-911) Kerngebiete lag. Bis zum Tod Ludwigs des Frommen war das Herrschaftszentrum der Karolinger im Gebiet des heutigen Nordfrankreich, Belgiens und Luxemburgs zu verorten. In diesem Gebiet zwischen Loire und Rhein finden sich auch die meisten der Münzstätten nach der Reform Karls des Großen. Das Rheinland bildete den östlichen Rand dieses Bereichs, wenn auch Aachen mit zahlreichen Herrscherbesuchen besonders Karls des Großen ein wichtiger Ort war. Dennoch dauerte es, bis Münzstätten in diesen Regionen eingerichtet waren. Mainz und Trier prägten im Osten des Reiches am kontinuierlichsten. Östlich des Rheins befanden sich in dieser Zeit noch keine Münzstätten.
Mit der Übernahme der Königsherrschaft durch die Ottonen (936-1024) gab es im Hinblick auf die Münzproduktion einige Veränderungen. Die Könige traten nicht mehr in allen Fällen als alleinige Münzherren auf, sondern prägten teilweise mit den Bischöfen gemeinsam. Auch erhielten auf lange Sicht sowohl die geistlichen als auch die weltlichen Fürsten das Recht zur Münzproduktion vom König, ohne dass die Könige es gänzlich aufgaben.
Das immer noch grundsätzlich königliche Prägerecht wurde unter den Ottonen vermehrt durch Urkunden an einzelne, vornehmlich geistliche Orte verliehen. Für die Einrichtung der königlichen Münzstätten selbst gab es daher auch keine schriftlichen Quellen, lag das Prägerecht doch beim König. Nur im Hinblick auf die Verleihung des Münzrechts an geistliche oder weltlich-adelige Empfänger haben sich Dokumente erhalten. Doch zumindest für das 10. Jahrhundert weicht die rechtlich überlieferte Lage stark vom Fundmaterial ab.
Die Münzstätten prägten nicht notwendigerweise ihre eigenen Bilder, sondern orientierten sich vielmehr an Vorbildern, wenn sie die Prägestempel nicht ohnehin aus Stempelwerkstätten erhielten, die für mehrere Orte arbeiteten. Der Kölner Münztyp, der im 10. und mindestens im frühen 11. Jahrhundert von anderen Münzstätten rund um das Rheinland und auch in entfernteren Regionen nachgeahmt wurde, ist ein hervorragendes Beispiel. Charakteristisch für ihn ist der auf der Rückseite der Münze aufgeprägte dreizeilige Schriftzug S/COLONIA/A für SANCTA COLONIA AGRIPPINENSIS. Einige Prägestätten, darunter Bremen, Tiel und Lüttich, ahmten das Kölner Vorbild nach und prägten ihren eigenen Stadtnamen dreizeilig. Andere Stätten wie Soest prägten den Kölner Namen plus den eigenen in teilweise entstellter Form, wieder andere wie die Münzstätte Remagen nur den Kölner Stadtnamen. Wegen der Übernahme der Kölner Münzbilder – vielleicht stammten die Stempel aus derselben Werkstatt – bezeichnet man Orte wie Remagen als sogenannte Nebenmünzstätte. Auch Namen, wie beispielsweise der des Kölner Erzbischofs Brun (Episkopat 953-965), werden nach dem Vorbild des Stadtnamens geschrieben, wenn das genannte Beispiel BRVNO/ARCHIEPS für BRUNO ARCHIEPISCOPUS auch zweizeilig statt dreizeilig ist.
Weitet man den Blick, zeigt sich, dass die meisten Münzstätten direkt an großen Flüssen lagen. Das ist zum einen auf die Lage der Städte zurückzuführen und zum anderen stellte es auch die Teilnahme der Orte am Handel, vor allem mit Nordeuropa, sicher, der insbesondere im 10. und 11. Jahrhundert von großer Bedeutung war. Diese Zeit wird auch die Zeit des Fernhandelsdenars genannt, die im Mittelpunkt der folgenden Ausführung stehen soll. Allein am Rhein sind von der Quelle bis zur Mündung knapp 30 Münzstätten belegt. Zu den bedeutendsten gehören neben Köln Straßburg, Duisburg, Speyer, Worms, Mainz und Tiel. Weitere wichtige Prägestätten, abseits des Rheins, sind beispielsweise Dortmund, Trier, Regensburg und Huy.
Rückseite einer Goldmünze Karls des Großen. (© Stadt Ingelheim, Fotograf: Benjamin May)
3.1 Die Münzstätte Köln
In Köln war die wohl bedeutendste Münzstätte im Rheinland. Vom 9. bis ins 13. Jahrhundert und darüber hinaus prägte sie verschiedene Münzen aus, wenn sie auch bis in die Mitte des 10. Jahrhunderts nicht regelmäßig in Betrieb war. Sowohl der König als auch der Erzbischof traten als Münzherren auf, teilweise sogar gemeinsam, wie etwa bei der oben erwähnten Münze Erzbischof Bruns, auf deren Vorderseite der Name Ottos I. (König 936-973, ab 962 Kaiser) steht. Für Köln ist im Gegensatz zu den kleineren Münzstätten ab dieser Zeit eine einigermaßen kontinuierliche Prägung anzunehmen, vor allem da Köln als Handelsplatz von zentraler Bedeutung war. Die rheinischen Münzstätten Bonn, Remagen und Andernach können als Kölner Nebenmünzstätten in Betracht gezogen werden. Allein Duisburg als zweite große königliche Münzstätte im Rheinland ist unabhängig von Köln zu nennen.
Die Ursprünge Kölns als Prägeort liegen im 3. Jahrhundert. Zwar unterscheiden sich die Kölner Stücke nicht von denen anderer römischer Münzstätten, auch lag Köln in dieser Zeit und in dieser Hinsicht an Bedeutung weit hinter anderen Orten wie Lyon. Dennoch zeigt die Einrichtung der Prägestätte die Stellung des Ortes als römische Colonia Agrippinensis. Eine römische Colonia (Kolonie) besaß im Verhältnis zu einfachen Ansiedlungen oder befestigten Orten weitergehende Rechte und Privilegien, insbesondere hatten ihre Bewohner das römische Bürgerrecht. Agrippinensis verweist auf Agrippina die Jüngere, Frau des Kaisers Claudius (Regierungszeit 41-54), die ihrer Geburtsstadt zu diesem Recht verhalf.
Weder unter den Merowingern noch unter den Karolingern wuchs die Bedeutung der Kölner Münzstätte beträchtlich. In dieser Zeit orientierte man sich an den anderen, größeren Prägestätten des Reiches und übernahm deren Münzbilder. Unter Lothar I. (König 840-855, ab 840 Kaiser) etwa gaben die Münzstätten Aachen und Dorestad die Vorbilder für die Kölner Münzen. Mit dem Anfang des 10. Jahrhunderts begann der Ausstoß der Kölner Münzstätte zu steigen. Gleichzeitig nahm der Einfluss anderer Prägeorte auf die Kölner Münze ab und ein eigenes Münzbild wurde etabliert. Zwar scheint unter den Königen Konrad I. (König 911-918) und Heinrich I. (König 919-936) nicht in rheinischen Münzstätten geprägt worden zu sein, doch ist ab dem Herrschaftsantritt König Ottos I. eine dauerhafte Prägung anzunehmen.
Zwischen 936 und 1288 war die Münzstätte Köln fast durchgehend von hoher Bedeutung. Wenn von kontinuierlicher Prägung die Rede ist, schließt das nicht aus, dass der Betrieb auch für einige Wochen oder sogar einige Jahre nicht stattfand. Grund dafür kann sowohl die politische Lage, das Fehlen von Silbervorräten als auch später unter erzbischöflicher Hoheit die Kürze eines Episkopats oder die Abwesenheit des Bischofs selbst gewesen sein.
Als Münzherren in Köln treten in dieser Zeit die deutschen Könige Otto I., Otto II. (Mitkönig 961-983, ab 967 Mitkaiser), Otto III. (König 983-1002, ab 996 Kaiser), Heinrich II. (König 1002-1024, ab 1012 Kaiser) und Konrad II. (König 1024-1039, ab 1027 Kaiser) auf. Neben beziehungsweise mit ihnen prägten der bereits genannte Erzbischof Brun I., später Erzbischof Pilgrim ab 1027 und Erzbischof Hermann II. (Episkopat 1036-1056), bevor nach dem Tod Kaiser Konrads II. der Herrschername und das Herrscherbild nicht mehr auf den Kölner Münzen auftauchen. Zwar gibt es noch einige Gepräge mit dem Namen Heinrichs IV. (König 1056-1105, ab 1084 Kaiser) unter Erzbischof Anno II., doch verschwanden sie bald nach seinem Amtsantritt. Nach Kölner Schlag wurden außerdem weitere Stücke Heinrichs III. (König 1039-1056, ab 1046 Kaiser) und Heinrichs IV. geprägt, doch stammten diese wohl nicht aus Köln, sondern aus anderen Münzstätten.
Erzbischof Brun I., Bruder Ottos I., dürfte wohl aufgrund seiner Nähe zum König die Möglichkeit erhalten haben, sowohl mit dem König als auch in eigenem Namen Münzen auszuprägen. Es ist jedoch anzunehmen, dass Brun das Münzregal, also das Recht, Münzen zu prägen, als Herzog von Lothringen ausübte, ein Amt, das er in Personalunion innehatte, und nicht als Kölner Erzbischof, da nach seinem Episkopat zunächst die Könige wieder allein in Köln prägten. Es fällt allerdings auf, dass Bruno sich auf den Münzen als ARCHIEPISCOPUS und nicht als Herzog bezeichnet. Erst unter Erzbischof Pilgrim änderte sich dies. Pilgrim prägte gemeinsam mit Konrad II. Münzen, die auf einer Seite das königliche Bild, auf der anderen Seite ein Kirchengebäude mit dem Namen des Erzbischofs zeigen. Nach Pilgrims Tod prägte Konrad II. allein in Köln, bevor er mit Pilgrims Nachfolger Hermann II. gemeinsam als Münzherr auftrat. Unter Anno II. ging das Münzregal gänzlich auf die Kölner Erzbischöfe über, das sie bis zum Niedergang der Kölner Münzstätte ausübten.
Nachahmung der Kölner Pfennige, welche durch Friedrich I. beauftragt wurde, die Aufschrift beträgt auf der Vorderseite "FRIDE[R-I]CV[S..]?", auf der Rückseite heißt es "[SANCT]A COLONIA". (Raithel, Robert/CC BY-NC-SA)
3.2 Die Münzstätte Andernach
Die ältesten Stücke aus Andernach stammen aus dem 10. Jahrhundert, als hier wahrscheinlich eine Münzstätte eingerichtet wurde. Die Könige Otto I., Otto III. und Konrad II. sind als königliche Münzherren für Andernach belegt. Während der Herrschaft Heinrichs II. ließ Herzog Dietrich von Lothringen (984-1026) in Andernach prägen. Womöglich hatte Heinrich II. ihm die Münzstätte überlassen. Es sind einige Münzen aus Andernach erhalten, wenngleich es sich um eine deutlich geringere Anzahl als bei den Stücken aus Köln handelt. In Andernach traten Otto I. und Otto III. als alleinige Münzherren auf, Konrad II. dagegen wieder gemeinsam mit Erzbischof Pilgrim vom Köln. Inwieweit zwischen der Andernacher und Kölner Münzstätte Abhängigkeiten bestanden, lässt sich wie folgt beschreiben: Es fällt auf, dass die Kölner Münzherren auch in Andernach das Münzrecht ausübten, zumal auch Pilgrims Nachfolger hier prägten. Daran kann man aber zunächst nur feststellen, dass Andernach im Einflussbereich des Königs und des Kölner Erzstiftes lag. Auf den Stücken aus der Zeit Ottos I. findet sich das sogenannte Coloniagramm, also der dreizeilige Stadtname Köln wie auf den Kölner Münzen. Der Andernacher Stadtname fehlt. Diese Stücke können über den Bildvergleich nach Andernach verordnet werden, wenn auch eine exakte Zuweisung schwierig ist. Sieht man sich allgemein Andernacher Stücke aus der Zeit 936-1039 an, findet man weitere Anlehnungen an den Kölner Schlag. Darunter sind etwa die Darstellung des Kreuzes auf der Vorderseite, das manchmal auch den Namen des Münzherrn wiedergibt, oder aber das Bild eines Kirchengebäudes auf der Rückseite. Das alles spricht für eine gegenseitige Abhängigkeit der beiden Münzstätten.
Gleichzeitig geben andere Stücke aber auch mit ANDRNA oder ähnlich den Andernacher Stadtnamen wieder. Bei genauerem Vergleich lässt sich zudem noch feststellen, dass vor allem der kreuzförmig angeordnete Name Pilgrims eine Andernacher Eigenart ist, die so nicht auf Kölner Stücken vorkommt. Es spricht also durchaus einiges dafür, dass die Andernacher Münzstätte eigene Münzen prägte und nicht nur als Kölner Nebenmünzstätte diente. Als weiteres Indiz dafür kann ein Dreispitz im Andernacher Münzbild gelten, der eine Art Erkennungszeichen für diese Prägestätte ist und als Symbol der Heiligen Dreifaltigkeit gedeutet werden kann. Er tritt aber bei Weitem nicht auf allen Stücken auf. Insgesamt darf man die Andernacher Stücke so einordnen, dass die Kölner Prägung Einfluss auf die Münzprägung hatte, wenn auch ein gewisses Maß an Eigenständigkeit bestand. Nach dem Tod Konrads II. traten keine Könige mehr als Andernacher Münzherren auf und auch die Kölner Erzbischöfe prägten nicht mehr kontinuierlich. Friedrich I. Barbarossa schenkte schließlich 1167 den Ort Andernach mit der Münzstätte und den Silbergruben zu Eckenhagen (heute Gemeinde Reichshof) an die Kölner Erzbischöfe, woraus deutlich wird, dass der König bis zu diesem Zeitpunkt nominell Herr des Ortes und der Münze war.
3.3 Die Münzstätte Bonn
Früher als in Andernach gab es in Bonn eine Münzstätte. Wenn auch merowingerzeitliche Ursprünge vermutet werden, lässt sich eine Prägestätte sicher erst ab der Karolingerzeit unter Karl dem Großen feststellen, die allerdings nicht durchgehend prägte. Später traten Otto III. und Heinrich II. als Münzherren in Bonn auf. Es gibt Münzen, für deren Prägung ein Stempel aus der Zeit Ottos und ein Stempel aus der Zeit Heinrichs genutzt wurden, wodurch eine kontinuierliche Prägung für diese Zeit angenommen werden kann. Es werden zunächst der Kölner und später der Bonner Stadtnamen auf den Münzen genannt, wobei Bonn meist als VERONA oder FERONA geschrieben wird. Konrad II. gab die Bonner Münzstätte schließlich an das Kölner Erzstift unter Erzbischof Pilgrim, nachdem beide auch hier eine Zeit lang gemeinsam prägten. Diesen Stücken liegt als Vorbild das Kölner Münzbild zugrunde, wenngleich auch Einflüsse der Andernacher Münzbilder zu bemerken sind. Hieraus wird eine Abhängigkeit zur Kölner Prägestätte wahrscheinlich. Die Bonner Münzen hatten in dieser Zeit den gleichen Münzfuß wie die Kölner. Auch ist es vorstellbar, dass die Stempel von der gleichen Stempelwerkstatt hergestellt wurden. Letztlich sind sowohl Andernach als auch Bonn als Kölner Nebenmünzstätten einzuordnen, die zunächst königliche und später erzbischöfliche Stücke prägten, wobei jeweils eigene Details den Münzstandort deutlich machen.
3.4 Die Münzstätte Remagen
Die Einordnung der Münzen aus Remagen fällt schwerer. Zwar gab es wohl seit dem Beginn des 11. Jahrhunderts dort eine Prägung, jedoch werden die Münzherren nicht auf der Münze genannt. Sowohl der König als auch der Kölner Erzbischof kommen hierfür in Frage und womöglich setzte die Prägung in Remagen unter Heinrich II. ein. Die Rückseite der Remagener Pfennige zeigt den Kölner Stadtnamen. Auf der Vorderseite sieht man entweder ein Kreuz mit Kugeln in den vier Winkeln, das Brustbild des Herrschers oder aber die Brustbilder zweier Heiliger, die in Anlehnung an die Münzen Heinrichs III. zu deuten sind. Diese Simon-Judas-Darstellungen wurden in Goslar geschlagen. Dies lässt vermuten, dass die Münzstätte bis in die Regierungszeit Heinrichs III. oder Heinrichs IV. von königlicher Seite betrieben wurde. Ebenso wäre es möglich, ähnlich wie für Köln, Andernach und Bonn, zu überlegen, ob eine ehemals königliche Münzstätte ab den 1030er Jahren in eine königlich-erzbischöfliche Gemeinschaft überging, doch fehlen hierfür konkrete Anhaltspunkte.
Münze mit der Aufschrift "+OTTO REX" auf der Vorder- und "+ANDERNAKA" auf der Rückseite, hergestellt ca. 1024-1050. (Raithel, Robert/CC BY-NC-SA)
3.5 Die Münzstätte Duisburg
Die Münzstätte Duisburg münzte zum ersten Mal unter König Konrad II. und war während der ganzen Salierzeit (1024-1125) aktiv. Alle salischen Könige bis Heinrich V. (König 1105-1125, ab 1111 Kaiser) prägten in Duisburg. Im Gegensatz zu den bisher vorgestellten Münzstätten gab es aus Duisburg lediglich Stücke eines einzelnen Münzherrn. Wie am Kölner und Andernacher Beispiel gut ersichtlich ist, wurden im 11. Jahrhundert nach und nach geistliche und weltliche Fürsten in der Münzprägung tätig, eine Tendenz, die sich gut auf das Reich übertragen lässt. In Duisburg dagegen ließen die Könige allein prägen, wie auch in Dortmund oder Goslar. Unter Heinrich III. setzten sich dabei neue Münzbilder und Münzstile durch, die unter anderem in den letztgenannten Städten geprägt wurden. Das ist insofern von Bedeutung, als die Könige durch das Medium Münze in reichspolitische Auseinandersetzungen mit anderen Münzherren treten konnten. Vereinfacht gesagt konkurrierten die einzelnen Münzherren auch um die Nutzung und Akzeptanz ihrer Münzen und Herrschaften. Während die Karolinger und Ottonen nahezu allein als Münzherren tätig waren, wurde es also ab der Mitte des 11. Jahrhunderts zunehmend wichtig, die eigene Münze gegen andere durchzusetzen.
3.6 Die Münzstätte Aachen
Von großer Bedeutung für die königliche Münzprägung war auch die Münzstätte in Aachen. Die Stadt, bis heute eng verbunden mit der Person Karls des Großen, könnte schon während seiner Regierungszeit Prägestätte königlicher Denare gewesen sein. Sicher lassen sich Aachener Münzen erst ab Karls Sohn, Ludwig dem Frommen, nachweisen. Eine Besonderheit der Münzen Ludwigs sind die in Gold geprägten solidi, die eine Ausnahmeerscheinung für das frühe und hohe Mittelalter sind. Unter den Saliern gab es ab Konrad II. eine kontinuierliche, wenn auch nur geringe Prägung königlicher Münzen in Aachen, die sich aber nicht am Kölner, sondern am Lütticher Schlag – auch im Münzfuß – orientierte. Unter Friedrich I. Barbarossa stieg die Produktion schließlich deutlich an. Die Urkunde Friedrichs I. von 1166 für Aachen, die bereits vorgestellt wurde, ist nun insofern von Bedeutung, als hier zum ersten Mal die Gewichtsmark in einer schriftlichen Quelle der Münzherstellung zugrunde gelegt wurde: Aus einer Mark sollten 24 Schillinge geprägt werden, die so viel wert sind wie 12 Kölner Schillinge, die wiederum 288 Aachener Pfennigen entsprechen.
Friedrich I. setzte die Aachener und Kölner Münze in ein Wertverhältnis. Dieser Bezug regionaler Münzen aufeinander war charakteristisch für die Zeit ab dem 12. Jahrhundert, die auch die Zeit des regionalen Pfennigs genannt wird. Die Münzen hatten jetzt kürzere Umlaufzeiten, bevor sie teils systematisch zurückgerufen und wieder eingeschmolzen wurden. Zudem waren sie nur regional gültig. Die Stückzahlen bei der Herstellung stiegen im Vergleich zu den Verhältnissen, die mit Karl dem Großen ihren Anfang nahmen. Natürlich handelte es sich sowohl um 800 als auch im 12. Jahrhundert um fließende Entwicklungsprozesse. Das Recht, Münzen zu prägen, verliehen die Könige nicht nur im Rheinland an Bischöfe und Adelige, was auch an der Zahl ihrer Münzstätten zu beobachten ist. Nach einer Dezimierung bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts blieb ihre Anzahl dann nahezu gleich. Die Möglichkeit, politische Ziele auch mit dem Medium Münze zu erreichen, ist beispielhaft an Aachen sehen. Friedrich I. Barbarossa ließ das Bild des auf seine Veranlassung heiliggesprochenen Karls auf die Münze setzen. Dadurch wurde nicht nur die christliche Symbolik, sondern auch der heilige Kaiser als Vorgänger des aktuellen instrumentalisiert.
4. Emissionen königlicher Münzstätten
Nach der Vorstellung der rheinländischen Münzstätten und einem kleinen Einblick in die Münzproduktion, sollen noch einige Münzen aus Köln und Duisburg genauer vorgestellt werden. Ein Stück, das die wesentlichen Merkmale der Kölner Münzbildkomponenten vereint, stammt aus der Zeit Ottos I. Auf der Vorderseite ist ein Kreuz mit je einem Punkt in den Winkeln zu sehen. Die Umschrift nennt ODDOIMPAVGS (aufgelöst: ODDO IMPERATOR AVGVSTVS), also den erhabenen Kaiser Otto. Auf der Rückseite steht der Kölnische Stadtname dreizeilig S/COLONIA/A (aufgelöst: SANCTA COLONIA AGRIPPINENSIS) geschrieben. Die Parallele zur Münze Erzbischof Bruns ist deutlich sichtbar.
Abbildung einer Münze Konrad II. mit der Aufschrift "+CHV[ONRADV]S" auf der Vorder- und "+DIVS-BVRG" auf der Rückseite, ca. 1027-1039. (Raithel, Robert/CC BY-NC-SA)
Bis in die Regierungszeit Konrads II. bleibt der Denar in Köln mit diesem Bild weitgehend in Gebrauch. Dann wird ein neuer Typ geprägt. Auf der Vorderseite bleibt das Kreuz als Münzbild erhalten, die Kugeln in den Winkeln werden jedoch durch den erzbischöflichen Namen PI-LI-GR-IM in den Winkeln ersetzt, was die Mitwirkung des Erzbischofs an der Prägung deutlich zum Ausdruck bringt. An der Namensnennung des Herrschers in der Umschrift ändert sich nichts. Hier steht +CHVONRADVSIMP (aufgelöst: CHVONRADVS IMPERATOR), also Kaiser Konrad. Die Rückseite hingegen zeigt anstatt des dreizeiligen Stadtnamens eine Säulenkirche, die das Kreuz der Umschrift gleichzeitig als Giebelkreuz nutzt. Der Stadtname +SANCTACOLONIA ist nun in der Umschrift zu lesen.
Kurz danach, ebenfalls Kaiser Konrad und Bischof Pilgrim nennend, kommt es nochmals zu einer Neukonzeption des Bildes. Auf der Vorderseite sieht man den Kopf des Kaisers nach rechts gewendet. Er ist mit einem Diadem bekrönt und trägt einen Vollbart. Am Hals sieht man die Ansätze eines Mantels, der auf den römischen Feldherrenmantel zurückgeht und mit dem sich die Könige schon seit karolingischer Zeit darstellen lassen. An der Umschrift +CHVONRADVSIMP ändert sich nichts. Auf der Rückseite ist in das Kirchengebäude nun zweizeilig der Name PILI/GRIM geschrieben, der nur noch von den Säulen flankiert wird. Damit erscheint der Kölner Erzbischof erstmals seit Brun wieder alleine auf einer Münzseite. Die Umschrift +SANCTACOLONIA bleibt ebenfalls gleich. Beide Münztypen werden nach den Amtszeiten des Kaisers (Kaiserkrönung März 1027) und des Erzbischofs (starb 1036) in die Zeit 1027-1036 datiert. Genauere Angaben sind auch bei anderen Münzen mangels exakterer Hinweise nur selten möglich.
An diesen drei Stücken kann man die Fortentwicklung eines Münzbildes gut nachvollziehen. Während sich das Kölner Münzbild in der Ottonenzeit kaum verändert, kommt es mit dem ersten Salierkönig zu Modifizierungen. Zunächst wird das Kreuz noch beibehalten, später durch das königliche Bild ersetzt. Der Stadtname wechselt aus der Bildmitte in die Umschrift und ein Kirchengebäude wird dort platziert. Mit Bischof Hermann II. wird schließlich der Königsname von der Münze verdrängt, wobei er zunächst analog zum Namen Pilgrims den Kreuztyp mit HE-RIM-AN-VS in den Winkeln prägte und auf der Rückseite die Säulenkirche beibehielt. Später zeigten die Münzen den Erzbischof im Brustbild mit Krummstab und Buch in den Händen sowie dessen Namen als Umschrift. Die Rückseite zeigt ein mauerumringtes Gebäude mit einem Torzugang. Die Umschrift nennt die COLONIA URBS, die Stadt Köln.
Unter Konrad II. nimmt außerdem die Duisburger Münzstätte ihre Arbeit auf. Die Duisburger Münzen zeigen den Herrscherkopf frontal mit einer Krone sowie mit Vollbart. Der Feldherrenmantel ist ebenfalls sichtbar. Die Ähnlichkeiten der Motive zu den Kölner Stücken liegen zwar auf der Hand, durch die Wahl des Profilbildes heben sich die Duisburger Münzen aber deutlich ab. Die Umschrift +CHVONRADVSIMP dagegen ist gleich. Die Rückseite zeigt den Duisburger Stadtnamen in kreuzförmiger Schreibweise DIVS/BVRG, der in den Kreuzwinkeln jeweils einen Punkt mit Ringel hat. Die freien Ecken werden durch Viertelkreise gefüllt. Die Anlehnung an die Kreuze mit den Kugeln in den Winkeln ist nicht von der Hand zu weisen.
Unter Konrads Nachfolgern ändert sich an den Duisburger Münzen beispielsweise die Darstellung des Herrscherkopfes, der ins Profil gedreht wird. Auf der Rückseite erscheinen der thronende Herrscher, eine Gebäudedarstellung (nicht unähnlich der Kölnischen unter Herrmann II.) oder der Stadtname aufgeteilt in vier kreuzförmig angeordneten Kreisen mit DI-VS-BV-RG. Auch die anderen Rückseiten tragen den Stadtnamen in der Umschrift. An diesen wenigen Beispielen lässt sich gut zeigen, welche Kontinuitäten und auch Veränderungen die Münzbilder der königlich-rheinischen Münzstätten erfuhren. Die bekannten Bilder der Ottonenzeit wurden langsam und unter Beibehaltung der grundlegenden Symbolik verändert. Die Umschrift mit dem Herrschernamen und Titel änderte sich nicht, ebenso wie die Nennung des Ortsnamens der Münzstätte.
Münze König Konrad II. und Erzbischof Pilgrims, auf der Vorderseite ist deutlich die Aufschrift "+CHVONRADVS IMP" sowie "PILGRIM" in der Mitte der Münze. Die Aufschrift auf der Rückseite lautet "+SANCTA COLONIA". (Raithel, Robert/CC BY-NC-SA)
5. Zusammenfassung
Im 9. Jahrhundert waren im Rheinland kaum Münzstätten in Betrieb. Nur vereinzelt ließen Herrscher in Aachen oder Köln prägen. Mit dem Herrschaftsantritt König Ottos I. wurde der Münzbetrieb der Kölner Prägestätte regelmäßiger. Die karolingischen und ottonischen Könige übten das Münzrecht nahezu vollständig alleine aus, ganz wie es Karl der Große kurz vor 800 verfügte. Während des 10. Jahrhunderts wurden nach und nach vereinzelt Prägerechte an vornehmlich geistliche, aber auch weltliche Empfänger verliehen. In Köln prägte neben Otto I. für eine kurze Zeit Erzbischof Brun, Ottos Bruder, wahrscheinlich in seiner Stellung als Herzog von Lothringen. Das königliche Münzregal für Köln ging mit der Regierungszeit Konrads II. langsam auf die Kölner Erzbischöfe über. Konrad prägte in Köln gemeinsam mit Erzbischof Pilgrim und später mit Hermann II.
Die Münzen der Könige zeigen lange Zeit ein Kreuz mit Kugeln in den Winkeln. Auf der Rückseite wird dreizeilig der Kölner Stadtname genannt. Dieses Motiv fand inner- und außerhalb des Rheinlandes zahlreiche Nachahmer. Sowohl von den Kölner Münzherren abhängige Münzstätten wie Andernach, Bonn und Remagen als auch weiter entfernte Orte ließen das Kölner Motiv prägen. Etwas später kamen mit dem Kirchengebäude und der Nennung der Bischofsnamen auf den Kölner Münzen leichte Veränderungen in das Münzbild, die aber bis zur salischen Herrschaft marginal blieben. Diese Kontinuität dürfte auch mit einem notwendigen Wiedererkennungswert zusammenhängen, waren diese Münzen doch überregional im Umlauf. Ab der Regierungszeit Konrads II. zeigten sich für die Münzstätten Köln und Duisburg Abweichungen des Münzbildes, ohne dass sie die grundlegende Motivik verließen. Während die Kölner Münzstätte an die Erzbischöfe überging, blieb die Duisburger in königlicher Hand.
Für Aachen legte Friedrich I. Barbarossa 1167 die Münze fest und instrumentalisierte mit dem Münzbild die Prägung für seine Herrschaft. Damit nahm er auf die Bedeutung Aachens als Kaiserpfalz Karls des Großen Bezug. Die Münzprivilegien, die die ottonischen und salischen Herrscher an geistliche und weltliche Adelige vergaben, führten auch dazu, dass sich ab der Mitte des 12. Jahrhunderts die Anzahl königlicher Münzstätten im Rheinland kaum mehr veränderte.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Stimpert, Maximilian, Die königlichen Münzstätten im Rheinland, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-koeniglichen-muenzstaetten-im-rheinland/DE-2086/lido/6038bd1091d1a7.64382697 (abgerufen am 17.05.2026)
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Sekundärliteratur
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