Orden und Klöster
Die Zisterzienser
Inhaltsverzeichnis
1. Die Zisterzienserabtei Marienstatt
1. Die Zisterzienserabtei Marienstatt
1. Einleitung
Die Abtei Marienstatt wurde 1212 von Heisterbacher Mönchen in der Nähe von Neunkhausen im Westerwald gegründet. Schon bald musste der Standort verlegt werden. Graf Heinrich III. von Sayn und seine Frau Mechthild statteten sie großzügig mit Besitzungen im Nistertal aus. Dorthin übersiedelten die Mönche und errichteten eine der frühesten gotischen Kirchen rechts des Rheins. Die Grafen von Sayn empfanden sich seitdem als Schutzherren der Abtei, was deren Geschichte über Jahrhunderte prägen sollte. Die teilweise heftigen Auseinandersetzungen, vor allem nachdem die Grafen zum Protestantismus konvertiert waren, zogen sich bis zur Aufhebung Marienstatts 1803 hin. 1888 wurde Marienstatt als erstes Zisterzienserkloster nach den Verboten des „Kirchenkampfs“ von Wettingen-Mehrerau aus wiedergegründet. Die Abtei besteht noch heute und betreibt das einzige humanistische Gymnasium der Region.
2. Die Gründung
Das genaue Gründungsjahr Marienstatts ist umstritten. Wahrscheinlich muss man von Vorbereitungen im Jahr 1212 ausgehen, die dann 1215 in die Tat umgesetzt wurden. Dies ist nicht ungewöhnlich bei mittelalterlichen Klostergründungen, die sich oft über Jahre erstreckten und einen erheblichen organisatorischen und nicht zuletzt auch logistischen Aufwand verursachten. Ebenfalls nicht selten war die Verlegung eines Klosters an einen anderen als den ursprünglichen Gründungsort. Auch die Abtei Heisterbach wurde kurz nach ihrer Errichtung vom Berg ins Tal verlegt und ähnlich geschah auch mit Marienstatt.
Immerhin war der Vorgang für die Beteiligten doch so ungewöhnlich, dass sie ihn ausführlich in Bild und Schrift festhielten. Die sogenannten Marienstatter Tafeln sind daher die wichtigste Quelle für die Gründung der Abtei. Das Leben in der Neugründung, so berichten die Tafeln in sagenhafter Ausschmückung der Begebenheit, sei so beschwerlich und entbehrungsreich gewesen, dass die Mönche die Rückkehr in ihre Mutterabtei geplant hätten. Doch der Abt gab noch nicht auf. Er bat, da er zu allem Überfluss auch noch krank wurde, um drei Tage Bedenkzeit, die alle Mönche in gemeinsamem Gebet verharren und die Barmherzigkeit Gottes erflehen sollten. Der sich anbahnende Konflikt zwischen Abt und Konvent über die Frage der Rückkehr ins Mutterkloster wurde dann tatsächlich durch eine Vision des Abtes gelöst. In ihr versprach die Muttergottes Hilfe und Trost und bezeichnete dem Abt eine Stelle im Tal der Nister, an der ein blühender Weißdornzweig zu finden sei. Dort solle er das neue Kloster errichten. Im tiefsten Winter machten sich Abt und Konvent auf die Suche und fanden tatsächlich an der vorhergesagten Stelle den besagten Weißdornzweig. Somit wurde die Verlegung Marienstatts beschlossen.
Teil 1: Die Marienstatter Tafeln (entstanden um 1324/25) enthalten die Gründungslegende der Abtei. Sie sind damit das einzige historiografische Zeugnis für die frühe Geschichte Marienstatts. Sie waren ursprünglich an einer Säule in der Abteikirche angebracht und befinden sich heute im Rheinischen Landesmuseum in Bonn. (LVR Landesmuseum Bonn)
So einfach wie es die Gründungslegende uns glauben machen will, war die Verlegung aber nicht. Das ursprünglich von dem Kölner Burggrafen Eberhard von Aremberg und seiner Frau Adelheid von Molsberg gegründete und dotierte Kloster hatte im Nistertal keinen Besitz. Außerdem lag es in der Erzdiözese Trier, der neue Standort hingegen – obwohl nur wenige Kilometer vom alten entfernt – in der Erzdiözese Köln. Es ist daher wahrscheinlicher anzunehmen, Graf Heinrich III. von Sayn und seine Frau Mechthild hätten die Verlegung aus territorialpolitischen Gründen betrieben und zugleich für die Zustimmung des Trierer Erzbischofs zu diesem Schritt geworben. Heinrich von Sayn stiftete zu diesem Zweck am 27.2.1222 seine Besitzungen an der Nister. Der Kölner Erzbischof stimmte der Verlegung noch am selben Tag zu, der Trierer nur wenig später.
Der saynische Graf konnte sich von der Verlegung einige Vorteile für seine Landesherrschaft in diesem Teil des Westerwaldes versprechen. Marienstatt diente ihm im Zusammenspiel mit dem gegen Ende des 12. Jahrhunderts gegründeten Hachenburg, das auf dem besten Wege war, sich zu einer regelrechten Stadt zu entwickeln, der Festigung seiner Herrschaft im Osten seines Herrschaftsgebietes. Zusammen mit dem weltlichen Zentrum Hachenburg sollte Marienstatt auch dem weiteren Ausbau und der Erschließung des Landes dienen. Mit der Niederlegung der Burg Nister, die in unmittelbarer Nähe des neuen Marienstatter Standortes gelegen war, schuf er ein machtpolitisches Vakuum, das er mithilfe des Klosters zu seinen Gunsten gleich wieder schloss.
Zwar starb die Linie der älteren Grafen von Sayn im männlichen Stamm mit Heinrich III. 1247 aus und das Erbe zerstreute sich in den folgenden Jahrzehnten rasch zwischen nachfolgenden Linien, deren Geschichte im Spätmittelalter sehr unübersichtlich wird, aber dennoch gab es immer ein enge Verbindung zwischen den gerade regierenden Grafen von Sayn zu Marienstatt. Nach einem anfänglich guten Verhältnis entstanden ab dem 15. Jahrhundert immer wieder Konflikte, die sich ab dem 16. Jahrhundert zu einem Dauerstreit über die Frage der Stellung Marienstatts zum Grafenhaus entwickeln sollte, und der erst mit dem Aussterben aller Neben- und Seitenlinien beziehungsweise der Aufhebung der Abtei im Jahre 1803 enden sollte.
Teil 2: Die Marienstatter Tafeln (entstanden um 1324/25) enthalten die Gründungslegende der Abtei. Sie sind damit das einzige historiografische Zeugnis für die frühe Geschichte Marienstatts. Sie waren ursprünglich an einer Säule in der Abteikirche angebracht und befinden sich heute im Rheinischen Landesmuseum in Bonn. (LVR Landesmuseum Bonn)
Doch zunächst übersiedelten die Mönche 1227 an die Nister, nachdem man dort einigermaßen geeignete – wahrscheinlich zunächst noch provisorische – Gebäude errichtet hatte. Um 1246 begann man mit dem Bau einer steinernen Kirche, für deren Errichtung der Graf von Sayn erneut großzügig spendete. Sie wurde in mehreren Bauphasen bis Anfang des 15. Jahrhunderts fertiggestellt, konnte aber bereits seit dem 14. Jahrhundert in voller Länge genutzt werden. Architekturgeschichtlich orientierte sie sich besonders im Bereich des Chors an der Kirche der Mutterklosters Heisterbach. Das einheitliche äußere Erscheinungsbild könnte darauf schließen lassen, dass man sich im Verlauf der etwa 200-jährigen Bauzeit nach den ursprünglichen Plänen gerichtet hat. Nach dem Abschluss der aufwändigen Restaurierungs- und Sicherungsarbeiten im Jahre 2008 kann eine der bedeutendsten frühgotischen Kirchen östlich des Rheins wieder angemessen bewundert werden.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Standortwahl und Auseinandersetzungen mit den Verwandten der Stifterin Adelheid von Molsberg gedieh die Abtei aber gut. Zahlreiche Große der Region fügten der ursprünglichen Ausstattung weitere Besitzungen durch Schenkung hinzu. Die Abtei betrieb aber auch selbst eine aktive Erwerbspolitik, die durch gezielten Kauf oder Tausch darum bemüht war, den eigenen Besitz zu arrondieren.
Das Wappen der Abtei zeigt den Weißdornzweig, der bei der Verlegung der Abtei in Nistertal eine wichtige Rolle gespielt haben soll. (Fr. Maur Cocheril: La Documentation Cistercienne)
3. Die Ausstattung: Äcker, Wiesen, Wälder, Stadthöfe
Wenngleich die Marienstatter Besitzungen in einem geographisch vergleichsweise engumrissenen Umkreis, mit Schwerpunkten um die Abtei selbst, Koblenz und das Mittelrheintal bis Leutesdorf und nördlich der Lahn um Dorchheim (heute Gemeinde Elbtal) im Mittelhessischen lagen, so kann man jedoch keinesfalls von einem arrondierten Besitzkomplex ausgehen. Der Streubesitz machte die Einhaltung der zisterziensischen Idealvorstellung von der vollständigen Eigenwirtschaft bei gleichzeitiger Beachtung der Gebets- und Gottesdienstzeiten unmöglich und so richtete auch Marienstatt Grangien oder Eigenbauhöfe ein. Diese waren zunächst mit einem Mönch oder einem Konversen (einem Laienbruder) als Leiter besetzt. Später wurden sie auch häufig an einen Verwalter verpachtet. Diese Grangien dienten nicht nur als Eigenwirtschaftsbetrieb, sondern oft auch als Zentrum, von dem aus die in der Umgebung liegenden Höfe verwaltet und betreut wurden. Grangien beziehungsweise deren funktionale Äquivalente besaß Marienstatt in Gehlert (südlich Hachenburg), Metternich (heute Stadt Koblenz), Hönningen (heute Bad Hönningen), Altenklosterhof (ursprünglicher Standort der Abtei bei Neunkhausen), Hohensayn (Gemeinde Lautzenbrücken), Idelberg, Arienheller (Gemeinde Rheinbrohl) und Dorchheim. Einige dieser Höfe waren nicht nur mit den für die Landwirtschaft nötigen Gebäuden ausgestattet, sondern boten auch Unterkünfte für eine größere Zahl von Mönchen. Sie wurden als Herberge und Ausweichquartier im Falle der Bedrohung der Abtei genutzt.
Neben Besitzungen in Form von Äckern, Wiesen oder Wäldern, suchte Marienstatt auch gezielt in den Städten der Region Fuß zu fassen. Zu den bedeutendsten Stadthöfen Marienstatts zählten die in Koblenz, Andernach und Köln. Weitere gab es in Sinzig, Limburg und Wetzlar. Sie dienten nicht nur dem Absatz der erzeugten Produkte auf den Marktplätzen der Städte oder der Nutzung der Häfen für den Fernhandel, sondern im Falle von Andernach und besonders von Koblenz als Refugium im Falle von Gefahr. Innerhalb der schützenden Stadtmauern fühlte man sich nicht nur vor den schwedischen Besetzern im Dreißigjährigen Krieg sicher, sondern auch vor dem Grafen von Sayn flüchtete der Konvent mehrfach in die Stadthöfe. Der Kölner Stadthof hatte zusätzlich die Funktion, den Kontakt zum Erzbischöflichen Hof nicht abreißen zu lassen, wichtiger war aber mit Sicherheit die Bedeutung Kölns als Handelsplatz. Bezeichnend ist, dass Marienstatt keinen Stadthof in Trier unterhielt.
4. Schulden, Krisen und Konflikte
Verliefen die ersten beiden Jahrhunderte der Marienstatter Geschichte in einigermaßen ruhigen Bahnen, so traten im 15. Jahrhundert erstmals ernstere Probleme auf. Bereits 1436 gab es Anzeichen finanzieller Schwierigkeiten. Man saldierte eine Gesamtschuld von etwa 9.000 Mark. Das Kloster begann, Besitzungen zu verkaufen oder zu verpachten. 1490 konstatierte der Graf von Sayn eine erhebliche Schuldenlast des Klosters. Die Krise vertiefte sich im 16. und 17. Jahrhundert. Die steigende Anzahl der Verlehnungen und Verpachtungen von Gütern deutet darauf hin, dass sich Marienstatt in einer Phase des Strukturumbruchs befand: weg von der Eigenwirtschaft, hin zur Rentenwirtschaft. Der Dreißigjährige Krieg tat sein Übriges, um die wirtschaftliche Situation zu verschärfen. Erst danach ging es wieder aufwärts. Bei ihrer Auflösung im Zuge der Säkularisation stand die Abtei wirtschaftlich gesund da.
Die Grafen von Sayn wussten jedenfalls die Situation Marienstatts zu ihren Gunsten auszunutzen, denn zu den schwieriger werdenden wirtschaftlichen Verhältnissen der Abtei kamen gravierenden Probleme mit der Klosterdisziplin hinzu. So hatten die ersten beiden bezeugten Visitationen durch die Mutterabtei Heisterbach in den Jahren 1436 und 1452 neben Versäumnissen bei der Bewirtschaftung solcherlei Mängel festgestellt. Da entsprechende Ermahnungen seitens Heisterbachs und des Erzbischofs nicht fruchteten, wurde der Graf von Sayn 1457 mit der Durchführung der Reformen beziehungsweise deren Überwachung beauftragt. Die Chance, sich in die Angelegenheiten Marienstatts einzumischen und die seit jeher beanspruchten Herrschaftsrechte durchzusetzen, ließ sich das Grafenhaus nicht entgehen. Doch auch ihm gelang es nicht, den Konvent zu einer grundlegenden Erneuerung von Klosterdisziplin und Wirtschaftsführung anzuhalten. Nachdem er bereits den Ordensobersten um Unterstützung gebeten hatte, wandte sich der Graf sogar an den Papst und bat ihn, Nikolaus von Kues mit einem Reformauftrag für Marienstatt auszustatten. Da dieser zu beschäftigt war, um die Reformen selbst durchzuführen, beauftragte er seinerseits eine Kommission mit der Durchführung von Maßnahmen. Doch diese spielten den Ball wieder zurück an den Grafen, dem sie nun die Gewalt des weltlichen Arms gegen die ungehorsamen Mitbrüder verliehen.
Die Situation war ziemlich verfahren, zumal nun das zisterziensische Generalkapitel den Konvent aufforderte, gegen die Einmischung des Grafen Widerstand zu leisten. Unter dem neuen Abt Friedrich Scharnekell entspannte sich das Verhältnis zwischen Graf und Konvent wieder etwas, Marienstatt schien die Herrschaftsansprüche des Grafen zu akzeptieren. Doch der Streit ruhte lediglich. 1476 wurden abermals gravierende Disziplinprobleme festgestellt und dem Grafen erneut ein Eingreifen in die Angelegenheiten des Konvents gestattet. Dieses Mal scheinen dauerhaftere Lösungen gefunden worden zu sein, denn es sollte längere Zeit einigermaßen ruhig bleiben, jedoch auf Kosten der Eigenständigkeit Marienstatts, die nun nicht mehr unangetastet war.
Doch Mitte des 16. Jahrhunderts flammten die Konflikte zwischen Grafenhaus und Konvent wieder auf. Wie schon zuvor ging es neben dem ernstgemeinten Bemühen, den disziplinarischen und wirtschaftlichen Zustand des Konvents zu verbessern, auch dieses Mal um die Fragen der Landeshoheit über die Abtei. In der Zwischenzeit hatte die Abtei ihren Kurs gegenüber den Einmischungen der saynischen Grafen insofern geändert, als sie Eingriffe und Einflussnahme zumindest de facto gestattete. So fungierten die Grafen als Vermittler in Rechtsstreitigkeiten mit Dritten oder sie beziehungsweise ihre Vertreter nahmen sogar an Abtswahlen teil. Durch die Reformation änderten sich jedoch die Vorzeichen für Marienstatt. Denn das Grafenhaus war zum Protestantismus konvertiert und hatte 1560/1561 diesen auch in der Grafschaft eingeführt. Nun wurde der Konflikt zwischen Marienstatt und den Grafen von Sayn auch noch durch die konfessionelle Differenz angeheizt. Die Konfessionshoheit des Landesherrn gab den Grafen ganz neue Mittel in die Hand, die Abtei zusätzlich unter Druck zu setzen.
Marienstatt versuchte sich dagegen durch Schutzurkunden beziehungsweise Schutzersuchen des Kaisers und der Erzbischöfe von Köln und Trier zu wappnen, die jedoch ohne unmittelbaren Effekt blieben. Graf Adolph setzte das Kloster immer wieder mit neuen Abgaben und Diensten unter Druck. 1568 ließ er in einem Handstreich sogar das Klosterarchiv nach Hachenburg überführen. Als er aber 1573 versuchte, die Entscheidung über die Vorwürfe gegen die Abtei, den 13-jährigen Michael Bierbaum misshandelt zu haben, an sein Gericht zu ziehen, wehrte sich der Konvent und reichte Klage beim Reichskammergericht ein.
Damit war das Tischtuch zwischen der Abtei und dem saynischen Grafenhaus bis zum Ende des Alten Reiches endgültig zerschnitten. Zwar wurde auf Druck des Kaisers 1582 eine Einigung erzielt, die zugunsten Marienstatts und seiner Eigenständigkeit ausfiel und die Grafen von Sayn in ihre Schranken wies. Doch diese Regelung wurde von den Grafen immer wieder übertreten oder ignoriert, sodass Marienstatt dagegen Klage vor dem Reichskammergericht oder dem Reichshofrat erheben musste. Zwar sicherte dieser Rückgriff auf die höchsten Reichsgerichte auf Dauer die Unabhängigkeit der Abtei, weil sich die Grafen letztlich doch nicht trauten oder in der Lage sahen, offen gegen deren Anordnungen zu verstoßen, er band aber auch für diese Zeit die Kräfte der Abtei. Von der Komplexität der juristischen Auseinandersetzungen zeugen die erhaltenen umfangreichen Streitschriften, die zur öffentlichen Rechtfertigung der eigenen Position verfasst wurden. Der letzte Prozess war seit 1786 vor dem Reichskammergericht anhängig, wurde dort aber nicht mehr entschieden, denn 1806 wurde das Gericht aufgelöst.
5. Marienstatt im Dreißigjährigen Krieg
Die wirtschaftliche Situation Marienstatts hatte sich noch nicht dauerhaft verbessert, als der Dreißigjährige Krieg ausbrach. Marienstatt war praktisch von Anfang an davon betroffen. Zwar hatte sich 1619 eine Schwadron niederländischer Kavallerie auf dem Weg nach Böhmen für kurze Zeit dort einquartiert. Sie zog jedoch ohne viel Aufheben weiter. Die kaiserlichen Truppen hingegen, die 1621 und 1622 den Gegenfeldzug führten und Marienstatt als Quartier nutzten, richteten erheblichen Schaden an und zwangen den Konvent zur Flucht. Die Verwüstung der Besitzungen und Behinderung der Bauern bei den Feldarbeiten durch die Kriegsparteien trugen nicht zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Abtei in dieser Zeit bei. 1625 wurde Marienstatt ein weiteres Mal überfallen und geplündert. Die Lage spitzte sich aber erst mit der Besetzung durch den schwedischen Bevollmächtigten Goswin Grimme richtig zu. Der Konvent hatte sich nach Koblenz und Andernach zurückgezogen und musste hilflos mitansehen, wie Grimme das kurkölnische Wappen gegen das schwedische austauschen ließ. Der Spuk dauerte jedoch nicht langen, denn nach dem Zusammenbruch der schwedischen Position am Mittelrhein mit der Schlacht von Nördlingen 1634 konnte sich Grimme nicht mehr lang halten.
6. Vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zur Säkularisation
Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges brauchte Marienstatt einige Jahrzehnte, bis es sich von den Folgen erholt hatte, befand sich aber schon Ende des 17. Jahrhunderts wieder in einer so guten Verfassung, dass man größere Instandsetzungs- und Umbauarbeiten an den Konventsgebäuden durchführen konnte. Zwischen 1734 und 1751 wurden die Konvents- und Wirtschaftsgebäude vollständig niedergelegt und im barocken Stil neu errichtet. Den Abschluss bildete 1754 das Pfortenhaus. Damit erhielt Marienstatt die äußere Gestalt, die es – abgesehen von den Schulan- und Umbauten – heute noch hat. Vom mittelalterlichen Erscheinungsbild ist lediglich die Abteikirche erhalten geblieben.
Sieht man einmal von den verschiedenen Prozessen vor dem Reichskammergericht und dem Reichshofrat ab, die Marienstatt nicht nur mit den Grafen von Sayn, sondern auch mit den umliegenden Gemeinden führte, verlief das 18. Jahrhundert ruhig und war von einer deutlichen wirtschaftlichen Erholung gekennzeichnet. Erst die Französische Revolution sollte wieder für Aufregung sorgen. Der Beschuss Limburgs durch französische Revolutionstruppen im November 1792 veranlasste den Abt, das Kloster räumen zu lassen und den Konvent nach Arienheller zu evakuieren. Ein österreichisch-kaiserliches Husarenregiment nahm die Abtei auch prompt in Beschlag, sodass man erst im Februar 1793 zurückkehren konnte. In den folgenden Jahren wechselten sich kaiserliche und französische Truppen in der Belegung der Abtei ab, die dadurch und durch gezielte Plünderungen im Oktober 1795 großen Schaden nahm.
Der Konvent hatte keine Zeit mehr, die Schäden zu beheben, denn am 19.10.1802 ergriff der Fürst von Nassau-Weilburg von Marienstatt Besitz und löste auf der Grundlage der Vereinbarungen des Reichs mit Frankreich die Abtei am 3.1.1803 auf. Am 13.4.1803 wurde in Marienstatt der letzte Gottesdienst gehalten.
7. Die Wiedergründung
In den über 80 Jahren, die bis zur Wiedergründung Marienstatts als Abtei vergehen sollten, wurden die Klostergebäude in vielfältiger Weise genutzt. Nachdem sich die neuen Landesherren zunächst um die Ansiedlung von Wirtschaftsbetrieben auf dem Abteigelände bemüht hatten, was von wenig Erfolg gekrönt war, standen die Gebäude längere Zeit leer, bevor das zum Herzogtum aufgestiegene Nassau die Abtei zurückkaufte, um dort ein Alten- und Armenheim einzurichten. In der Zwischenzeit war Marienstatt dem 1827 gegründeten Bistum Limburg zugeschlagen und 1831 die Pfarrei Marienstatt gegründet worden.
Das geplante Heim wurde nie verwirklicht, die Abtei stattdessen 1864 erneut verkauft, und zwar an das neue Limburger Bistum, das dort nach einigen Schwierigkeiten eine Erziehungsanstalt für verwahrloste Kinder einrichtete. Diese wurde von den Vätern der Kongregation vom Heiligen Geist (Spiritaner) geleitet. Der Wechsel Nassaus unter preußische Herrschaft im Jahre 1868 und die Gesetzgebung des sogenannten Kulturkampfs, die insbesondere gegen katholische Orden gerichtet war, veranlassten die Spiritaner jedoch schon 1873, die Abtei wieder zu verlassen. Erst die schrittweise Zurücknahme der Maßnahmen des Kulturkampfs eröffnete die Gelegenheit, in Marienstatt wieder Zisterzienser anzusiedeln.
1887 entstand bei einem Kuraufenthalt in Bad Wörishofen bei Abt Maurus von Wettingen-Mehrerau (Abbatiat 1878-1893) der Plan, in Deutschland wieder eine Zisterzienserabtei einzurichten. Aus Koblenz stammend, konnte er sich schnell für den Standort Marienstatt begeistern und traf auch beim nunmehr zuständigen Limburger Bischof auf großes Interesse. Ganz so schnell, wie sich Abt Maurus die Wiederbesiedlung gewünscht hatte, ging diese doch nicht vonstatten, denn zuvor waren noch finanzielle und administrative Probleme zu klären. Besonders schwierig entwickelte sich die Frage der Staatsangehörigkeit der Mitglieder des Gründungskonvents, denn immerhin lag Wettingen-Mehrerau in Österreich und hatte zahlreiche schweizerische Mönche. Nachdem diese Probleme gelöst waren, konnten zwölf Mönche unter Leitung des Priors Dominikus Willi (1844-1913) am 20.8.1888 wieder in die Abtei einziehen.
Das Wappen der Abtei Marienstatt, es kombiniert den Weißdornzweig mit dem Wappen des heiligen Bernhard von Clairvaux. (Abtei Marienstatt)
Nach zunächst bescheidenen Anfängen entwickelte sich Marienstatt aber in der Folge sehr gut. Willi, bereits 1889 zum Abt erhoben, 1898 dann zum Bischof von Limburg, hatte eine stabile Grundlage für die weitere Entwicklung gelegt. Schon unter seinem Abbatiat gab es zahlreiche Pläne zur Erweiterung der Kongregation, des Klosterverbandes, der heute als Mehrerauer Kongregation bezeichnet wird. Kaum einer ließ sich jedoch verwirklichen. Willi spielte auch eine Rolle bei den Auseinandersetzungen zwischen den beiden Observanzen des Zisterzienserordens, die schließlich zur Abspaltung der Trappisten im Jahre 1892 führen sollten.
Bereits im neuen Jahrhundert stand Marienstatt wieder auf so sicheren Füßen, dass man die Abtei baulich erweitern konnte. 1908 wurde der Bibliotheksflügel errichtet, 1911 nahm die Oblatenschule ihren Betrieb auf. Aus ihr ging nach vielen weiteren Um- und Anbauten sowie organisatorischen Veränderungen das heutige Gymnasium hervor. Unter Dominikus Willis Nachfolger Konrad Kolb (1852-1918) wurde die Frage der Korporationsrechte immer dingender, denn deren Fehlen machte es Marienstatt unmöglich, selbständig Grundbesitz zu erwerben oder zu veräußern und andere Rechtsgeschäfte zu tätigen. Stets war man abhängig von der Mutterabtei Wettingen-Mehrerau, die beispielsweise als Eigentümerin im Grundbuch eingetragen war. Streit war dadurch vorprogrammiert, der noch dadurch befeuert wurde, dass Abt Konrad ohnehin mit wachsendem Selbstbewusstsein mehr Unabhängigkeit von der Mutterabtei forderte. Die rechtlichen Fragen wurden 1939 dadurch gelöst, dass man die Vermögensverwaltungsgesellschaft Abtei Marienstatt mbH (VVG) gründete, der 1949 endlich die Grundstücke übertragen wurden. Die VVG verwaltet bis heute die Betriebe und das bewegliche Vermögen der Abtei. Sie ist die Holding für alle anderen klösterlichen Betriebe.
8. Marienstatt in zwei Weltkriegen
Der Erste Weltkrieg berührte die Abtei lediglich indirekt, indem Rohstoffe und Lebensmittel knapp wurden. Auch die Mönche litten Hunger und sahen sich – wie später im Zweiten Weltkrieg – gezwungen, zur Aufrechterhaltung der Landwirtschaft auf kriegsgefangene Zwangsarbeiter zurückzugreifen. Wieder wurde die Abtei zum Lazarett umfunktioniert. Nachdem man auch dies und die revolutionären Nachkriegswirren unbeschadet überstanden hatte, gelang es 1927, die Abtei Hardehausen (Stadt Warburg) zu erwerben und mit einem Marienstatter Gründungskonvent wiederzubesiedeln. Damit hatte Marienstatt sein erstes vollgültiges Tochterkloster. Da Hardehausen aber von Anfang an mit Schulden belastet war, sahen die Nationalsozialisten einen guten Ansatz, die Entwicklung der Abtei zu behindern, was schließlich 1938 zu deren erneuter Aufhebung führte.
Auch Marienstatt selbst hatte unter den Nationalsozialisten zu leiden, die nichts unversucht ließen, um die Abtei zu behindern und die Mönche zur Aufgabe zu bewegen. Marienstatt musste Devisen- und Sittlichkeitsprozesse über sich ergehen lassen, die Schule wurde 1939 geschlossen und die Gestapo stand des Öfteren vor der Tür. Der Konvent verfolgte – bewusst oder unbewusst – eine Strategie der geschmeidigen Anpassung an die Vorgaben des Regimes, ohne die eigenen Überzeugungen aufzugeben. Der Rückhalt in der katholischen Bevölkerung erleichterte es der Abtei, den Nationalsozialisten gelegentlich auch entgegenzutreten.
Anders als im Ersten Weltkrieg blieb Marienstatt diesmal nicht von direkten Auswirkungen des Kriegs verschont. Man beherbergte Ausgebombte aus einem Altersheim, war Hilfs- und Ausweichkrankenhaus sowie Ausweichdepot für die Stadtbibliotheken Trier und Düsseldorf sowie das Rheinische Landesmuseum Bonn. Von Bomben- und Tieffliegerangriffen blieb man weitgehend verschont. Der größte Schaden wurde durch eine abgestürzte V2-Rakete verursacht, die lediglich 600 Meter von der Abtei entfernt beim Stall niederging und die Scheiben zu Bruch gehen ließ.
Eines der frühesten Fotos von Marienstatt zeigt Kirche und Konventsgebäude von der Ostseite im Zustand von vor 1896. (Abtei Marienstatt)
9. Marienstatt seit 1945
Unmittelbar nach Kriegsende konnte die Schule ihren Betrieb wieder aufnehmen. Bereits am 18.10.1945 erhielt man die Genehmigung zur Wiedereröffnung. Sie wurde in den 1950er und 1960er Jahren für die Abtei zur wichtigsten Aufgabe, besonders nachdem 1971 die Landwirtschaft nach annähernd 800 Jahren aufgegeben worden war. Die Schule, die bis 1982 noch ein angegliedertes Internat hatte, hat heute etwa 900 Schüler. Aus einer reinen Oblatenschule für katholische Jungen entwickelte sich ein vollgültiges Gymnasium für Jungen und Mädchen aller Konfessionen.
Zu den großen Kraftanstrengungen der letzten Jahre gehörte die Renovierung und Restaurierung der Abteikirche. Sie erstreckte sich über mehr als 20 Jahre und wurde erst 2008 vollendet. In Rheinland-Pfalz gilt die Renovierung auch wegen der Methodik der Instandsetzung und der Verwendung nachgestellter historischer Materialien als Jahrhundertprojekt.
Verlinkungen:
-> Hillen, Christian, Die Zisterzienserabtei Marienstatt, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-zisterzienserabtei-marienstatt/DE-2086/lido/5df297991633f3.51637963 (abgerufen am 19.10.2025)
Quellen:
Internetquellen
->
->
->
Sekundärliteratur
->
->
->
Ritterorden
Inhaltsverzeichnis
- Deutscher Orden: Politische Geschichte (Mittelalter)
- Ritterorden
- Deutscher Orden. Im Reich der Ordensritter.
- Kampf gegen die Templer. Das Ende der Ritter Gottes.
1. Deutscher Orden: Politische Geschichte (Mittelalter)
Seit 1190 im Heiligen Land entstandener Ritterorden, der den Schwerpunkt seiner Tätigkeit ab dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts über Siebenbürgen nach Preußen und ins Baltikum verlagerte. Dort baute er einen eigenen Staat unter der Leitung des Hochmeisters auf. Der Deutsche Orden verfügte im römisch-deutschen Reich, wo er dem Deutschmeister unterstand, über eine breite Besitzbasis und spielte auch in der Reichspolitik eine bedeutende Rolle. Ein besonderes Zentrum des Ordens bildete Franken, wo sich die territoriale Machtbasis des 1494 in den Reichsfürstenstand erhobenen Deutschmeisters konzentrierte. 1525 verlor der Deutsche Orden nicht nur Preußen, sondern war in Franken massiv vom Bauernkrieg betroffen, bei dem auch die Residenz des Deutschmeisters Horneck zerstört wurde.
Die Gründung
Im Verlauf des dritten Kreuzzuges richteten 1190 Kaufleute aus Bremen und Lübeck vor Akkon ein Feldspital ein, aus dem der Deutsche Orden hervorging. Die Brüder mit Mönchsgelübden widmeten sich der Betreuung erkrankter Pilger und verwundeter Kreuzfahrer. 1199 verlieh Papst Innozenz III. (reg. 1198-1216) dem Orden die Johanniterregel für die Kleriker. Für die Ritter und Brüder, die ihre Aufgabe im Kampf gegen die Feinde des Glaubens sahen, bestimmte er die Templerregel.
Noch vor dem Verlust der christlichen Bastionen im Heiligen Land übernahm der Deutsche Orden nicht nur Stützpunkte zur Rekrutierung von Geld und Mannschaften, sondern auch neue Aufgaben fern des Heiligen Landes. Dabei konnte er sich der Unterstützung Kaiser Friedrichs II. (reg. 1212-1250) und der ihm besonders verbundenen Dynasten- und Ministerialengeschlechter erfreuen. Der Gesamtorden stand unter der Leitung des Hochmeisters, der bis 1291 im Heiligen Land, kurzfristig in Venedig und ab 1309 (bis 1457) auf der Marienburg (heute Polen) residierte. Dort baute er den Staat des Deutschen Ordens, ein wirtschaftlich starkes und wohlorganisiertes Staatswesen, in Preußen aus.
Der Deutsche Orden im Reich während des 13. Jahrhunderts
Territorien und Besitz im römisch-deutschen Reich waren aus einer Vielzahl von Schenkungen der staufischen Herrscher, des Adels und der Reichsministerialität durch die Übertragung geistlicher Institute sowie durch Zukäufe erwachsen. Sie stellten sich entsprechend disparat dar. Die Stifter sprach die Verbindung des ritterlichen Elements mit dem Gedanken christlicher Nächstenliebe besonders an. Die meisten Gründungen erfolgten auf altem Reichsgut in königsnahen Landschaften. Das Stiftungsgut konnte aus Spitälern, Pfarreien, aufgelassenen Klöstern, Reichsgut, adeligen Lehen und Allodien bestehen.
Der Zweig des Deutschen Ordens im römisch-deutschen Reich stand unter der Leitung des erstmals 1235 genannten Deutschmeisters. 13 Balleien (Ordensprovinzen) entstanden im Laufe des 13. Jahrhunderts: Thüringen, Sachsen, Lothringen, Marburg, Westfalen, Utrecht, Biesen und Franken; die Balleien Koblenz, Böhmen, Österreich, Bozen (Land an der Etsch und im Gebirg) und Elsaß-Burgund entwickelten sich zu Kammerballeien des Hochmeisters.
Verbindung zu Kaiser Ludwig dem Bayern
Auf die Aufbauphase des 13. Jahrhunderts folgte eine Zeit der Konsolidierung, der Sicherung des Besitzes, der gezielten Gütererweiterung und der Versuche, Herrschaftsrechte zu erwerben. Der fränkische Landkomtur (Leiter einer Ballei) und spätere Deutschmeister Konrad von Gundelfingen (reg. 1311-1324; 1324-1328/29) führte den Orden in enge Gefolgschaft des Herrschers. Begleitete er schon Heinrich VII. (reg. 1308-1313) auf dessen Romzug, so wurde er unter Ludwig dem Bayern (reg. 1314-1347) zu einem einflussreichen Ratgeber des Königs. Er unterstützte dessen Politik auch noch, als sie zur schroffen Frontstellung der Kurie geführt hatte. Auch Deutschmeister Wolfram von Nellenburg (reg. 1331-1361) ist im Rat Kaiser Ludwigs nachweisbar. Der Komtur von Donauwörth und Ulm Heinrich von Zipplingen (reg. 1329-1346) engagierte sich ebenfalls im Reichsdienst und vertrat den König auf mehreren Auslandsgesandtschaften.
Dem Einfluss dieser Ordensritter sind der Ausbau Mergentheims und (Wolframs-)Eschenbachs zu Ordensstädten sowie die Begabung Ellingens und Virnsbergs mit dem Hochgericht zu verdanken. Die Kumulation von Stadt-, Markt- und Gerichtsrechten legte die Basis für die Territorialisierung des Ordensbesitzes in Franken.
Die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts
Auch wenn der Orden im Reich die Politik Ludwigs des Bayern unterstützt hatte, fand er nach dessen Tode sofort Zugang zu Karl IV. (reg. 1346-1378). Noch im November 1347 erreichten Wolfram von Nellenburg und der fränkische Landkomtur Burggraf Berthold von Nürnberg(reg. 1345-1349; 1351-1365 Bischof von Eichstätt) die Bestätigung der Ordensprivilegien.
In der Mitte des 14. Jahrhunderts traten auch im Deutschen Orden krisenhafte Symptome auf. Nur undeutlich zeigt dies der Versuch des ehemaligen Ellinger und nunmehrigen Aichacher Komturs Albrecht von Paulsdorf (1350/51), im Jahr 1351 die Häuser der wittelsbachischen Herzogtümer in einer eigenständigen Ballei Bayern zu organisieren. In der anschließenden Konsolidierungsphase wurde der Mergentheimer Komtur Philipp von Bickenbach (reg. 1352-1357), der Karl IV. auf dessen Romzug begleitet hatte, zur führenden Persönlichkeit in der Ballei Franken, ab 1358 als Landkomtur und von 1361 bis 1375 als Deutschmeister. Dabei stützte er sich besonders auf Mergentheim, das sich zum Zentrum des Einflussbereichs des Deutschmeisters entwickelte.
Belastungen brachte der aus vielen Einzelaktionen bestehende Städtekrieg. In Mergentheim musste der Orden 1380 seine Position als Stadtherr gegen die aufbegehrende Bürgerschaft verteidigen. Die Reichsstädte Nördlingen und Windsheim gingen mit Gewalt gegen Ordensbesitzungen vor, Rothenburger Bürger zerstörten die Burg Archshofen. Die daraus resultierenden finanziellen Belastungen konnten 1388 nur durch einen Kredit des Hochmeisters, dem dafür durch den Deutschmeister die Ballei Elsaß-Burgund verpfändet wurde, aufgefangen werden. Die Regierungszeit König Wenzels (reg. 1376-1400, gest. 1419) bedeutete eine Phase der Stagnation, geprägt vom raschen Wechsel der Deutschmeister und Landkomture.
Das Verhältnis zwischen Hochmeister, Deutschmeister und Ballei Franken
Der Ellinger Komtur und Landkomtur Konrad von Egloffstein (reg. 1392-1396, gest. 1416) wurde von 1396 bis 1416 Deutschmeister und Vertrauter König Ruprechts von der Pfalz (reg. 1400-1410). Während sich die Deutschmeister auf Franken als ihre reale Machtgrundlage zurückzogen, gewannen die Belange des Gesamtordens an Bedeutung für diese Ballei. Da die Ordensoberen an die Territorialisierung ihrer jeweiligen Besitzungen gingen, führte dies angesichts der Auflösung der ursprünglichen Ordensidee zu Konflikten.
Die Niederlage des Ordensaufgebots 1410 bei Tannenberg (heute Stębark in Masuren, Polen) gegenüber der polnisch-litauischen Übermacht bedeutete eine Zäsur, auch wenn im Ersten Frieden von Thorn (1411) der Besitzstand des Ordens gewahrt werden konnte. Der Hochmeister forderte Hilfe für sein bedrohtes Staatswesen vom Orden im Reich. Trotz anfänglichen Widerstands finanzierte die Ballei Franken 1419 neuerliche Kriegsvorbereitungen gegen Polen mit über 4.000 Gulden, die das Haus Nürnberg für den Verkauf seiner Rechte innerhalb der Stadtmauern erhalten hatte.
Unter Hochmeister Paul von Rusdorf (reg. 1422-1441) verschärfte sich der Konflikt mit dem deutschen Zweig, der sich nur gegen Erstattung seiner Unkosten zur Besiegelung des Friedens vom Melno-See (1422) mit Polen bereit fand. 1437 brachte Deutschmeister Eberhard von Seinsheim (reg. 1420-1443) angeblich vom Hochmeister Werner von Orseln (reg. 1324-1330) erlassene Statuten ins Spiel, die dem Deutschmeister ein Aufsichtsrecht über den Hochmeister zubilligten. Hochmeister Konrad von Erlichshausen (reg. 1441-1449) erkannte zwar die umstrittenen Gesetze an, verhinderte aber ihre Aufnahme in die reformierten Statuten. Diese Auseinandersetzung bedeutete einen weiteren Schritt der Entfremdung zwischen dem Hochmeister, den man im Reich nur noch als Repräsentanten des Staates Preußen sah, und dem deutschen Ordenszweig.
Die fränkischen Komture dominierten auf Grund ihrer Wirtschaftskraft den Ordenszweig im Reich und die Wahl der Deutschmeister. Das Mergentheimer Kapitel von 1444 band den Deutschmeister verfassungsmäßig an die aus dem Landkomtur und den Komturen der Ballei Franken gebildete Korporation der Ratsgebietiger (Beratungsgremium der genannten Komture). Der Deutschmeister hatte sich damit auf seine reale Machtgrundlage zurückgezogen.
Mit dem Ausbruch des Dreizehnjährigen Krieges (1454-1466) zwischen dem Orden in Preußen und Polen mit dem preußischen Bund wurde die Ballei Franken herangezogen, um die Politik des Hochmeisters zu unterstützen. Ordensritter leisteten Heerfolge; die Kommenden Archshofen und Obermässing wurden verkauft, um die Schulden zu vermindern. Im Zweiten Frieden von Thorn (1466) musste der Hochmeister den König von Polen als sein Oberhaupt anerkennen.
Reformanstrengungen
In der Mitte des 15. Jahrhunderts erlebte der Deutsche Orden Reformbestrebungen, die auf den wirtschaftlichen Aspekt konzentriert blieben. Mit der Christianisierung Litauens und damit dem Ende des Heidenkampfes am Ende des 14. Jahrhunderts und dem Zurücktreten des Spitalwesens hatte er sich von seiner ursprünglichen Bestimmung entfernt. Seine geistliche Dimension beschränkte sich weitgehend auf die Betreuung von Pfarreien durch den Priesterzweig des Ordens. Der Orden im Reich machte als "Spital des deutschen Adels" den Versorgungsgedanken zu seiner Existenzrechtfertigung.
Im Auftrag des Hochmeisters wurde 1451/1452 in den Balleien des deutschen Gebiets eine Visitation durchgeführt. Die Visitatoren sollten die Einhaltung der Ordensregel und die Abhaltung der Gottesdienste überprüfen. Erhalten ist nur eine Namensliste der Ritter- und Priesterbrüder.
Der Prager Friede von 1463, der den Fürstenkrieg beendete, ermöglichte eine ungestörte Entwicklung der Deutschen Häuser in Franken. Unter Landkomtur Melchior von Neuneck (reg. 1463-1491) nahmen Ellingen und Nürnberg großen Aufschwung. Der Besitz des Ordensamtes Nördlingen im Ries konnte durch Ankäufe erweitert werden. Dahinter stand das Bemühen, den Kernbesitz zu arrondieren. Im Jahr 1494 belehnte König Maximilian I. (reg. 1486/93-1519) den Deutschmeister mit den Reichsregalien und erkannte ihn als Reichsfürstan.
Existenzkrise 1525: Der Verlust Preußens und der Bauernkrieg
1510 wurde Markgraf Albrecht von Brandenburg (reg. 1510-1525, Herzog von Preußen 1525-1568), Sohn des Markgrafen Friedrich IV. von Ansbach-Kulmbach (reg. 1486-1515, gest. 1536), zum Hochmeister berufen. Der Krieg von 1519 bis 1521 gegen Polen brachte für den Orden zusätzliche Belastungen. Die Situation wurde verschärft durch die Reformation und das Sendschreiben Martin Luthers (1483-1546) von 1523 "An die Herrn deutschs Ordens, daß sie falsche Keuscheit meiden, und zur rechten ehelichen Keuscheit greifen". Darin forderte er sie zum Bruch der Ordensgelübde und zur Eheschließung auf. Für ihren Unterhalt schlug er vor, den Ordensbesitz zu säkularisieren.
Zum Jahresende 1524 erkannte Hochmeister Albrecht die reichsrechtlich seit 1494 fundierte Selbständigkeit des Deutschmeisters an. Schließlich glaubte Albrecht von Brandenburg, seine Stellung als Landesherr nur durch den Bruch der Ordensgelübde und die Übertragung Preußens als Lehen an die Krone Polens retten zu können. Am 8. April 1525 verließ er den Orden, unterschrieb den Friedensvertrag mit König Sigismund von Polen (reg. 1506-1548) und ließ sich mit dem nunmehrigen Herzogtum Preußen belehnen. Der im Reich wie in Livland (bis 1561) fortbestehende Deutsche Orden erkannte diesen Akt nie an. In dieser Frage verlor er den Sinn für die politischen Realitäten, die markiert wurden durch die Einwurzelung des Protestantismus in Preußen, den Willen der Stände und die schwache Position des Kaisers. Noch gegen die preußische Königskrönung 1701 legte der Deutsche Orden Protest ein.
Auch der Bauernkrieg brach in diesem Schicksalsjahr 1525 aus. Die Aufständischen überrannten den Ordensbesitz an Tauber und Neckar. Die Residenz des Deutschmeisters, Horneck, und dessen Archiv gingen in Flammen auf. Die Landkommende Ellingen konnte dank der Besatzung des Ansbacher Schirmherren gehalten werden; die Ordenshäuser in den Reichsstädten mussten meist deren Bürgerrecht annehmen. Schließlich unterdrückte der Schwäbische Bund den Bauernaufstand.
Die Sicherung des Fortbestandes
Der Orden war als geistliche Korporation wie als feudale Institution von den Sprengkräften der Reformation, der Territorialisierungspolitik der Reichsfürsten und dem Bauernaufstand besonderen Gefahren ausgesetzt. Der Verlust Preußens raubte ihm einen wesentlichen Teil seiner Existenzberechtigung. Die Leitung des Gesamtordens übernahm 1527 der Deutschmeister als Administrator des Hochmeisters, der seine Residenz von der Horneck nach Mergentheim verlegte. Der Orden konnte seine Position nur durch enge Anlehnung an den Kaiser behaupten. Die Ritter hielten am Fortbestand des Ordens als adelig-ständischer Korporation fest.
Archivsituation und Forschungsstand
Die Archivalien sind zwischen dem Deutschordenszentralarchiv Wien (Zentralüberlieferung) und den Nachfolgestaaten, dem Staatsarchiv Ludwigsburg für Württemberg und dem Staatsarchiv Nürnberg für Bayern aufgeteilt. Während für die Ordensgeschichte des Mittelalters in Preußen wie in der Ballei Franken neuere Darstellungen vorliegen, bilden das Amt des Deutschmeisters und die Entwicklung der einzelnen Kommenden wie Nürnberg oder Ellingen Forschungsdesiderate.
2. Ritterorden
Ritterorden, deren Ideal der "monachus et miles" (Mönch und Ritter) war, entstanden erstmals im Hochmittelalter im Rahmen der Kreuzzüge im Heiligen Land, auf der Iberischen Halbinsel und im Baltikum (u. a. Templer, Johanniterorden, Deutscher Orden). Die Orden errichteten bald auch Stützpunkte in den Herkunftsländern der Kreuzfahrer und schufen sich so eine Basis für die Zeit, als ihr ursprüngliches Ziel, der Kampf gegen die Heiden, zunehmend zurücktrat und sie zu Versorgungseinrichtungen für den Adel wurden. Gleichwohl blieb das Ideal lebendig und inspirierte immer wieder dazu, Orden neu zu gründen. So entstanden im Spätmittelalter auf fürstliche Initiative hin höfische Ritterorden, die mit Dynastien verbunden waren und einen Kern des sich entwickelnden Hofadels bildeten (z. B. Orden vom Goldenen Vlies in Burgund, Schwanenorden der Hohenzollern). Auch im 18. und 19. Jahrhundert wurden Ritterorden gegründet oder wieder belebt, wie die bayerischen Hausritterorden St. Georg und St. Hubertus oder der Ritterorden vom Hl. Grab. Die alten Orden überstanden sowohl die Reformation als auch die Säkularisation. Während sie in der Frühen Neuzeit teilweise noch im Kampf gegen die Türken die alten Aufgaben wahrnahmen, entwickelten sie sich im 19. und 20. Jahrhundert zu Trägern sozialer Einrichtungen.
Die Entstehung
Die Kreuzzüge, die nach dem Aufruf Papst Urbans II. (reg. 1088-1099) im Jahr 1095 zur Befreiung des Heiligen Grabes in Jerusalem geführt wurden, gehören zu den innovativen Ereignissen der abendländischen Geschichte. In ihrem Zuge kam es mit der Entstehung der Ritterorden zu einer Umprägung des klassischen, von Askese und Kontemplation bestimmten Mönchsideals. Romanische Ritter scharten sich 1119 zur Regierungszeit König Balduins II. von Jerusalem (reg. 1118-1131) um Hugo von Payns (gest. 1137/38) zu gemeinsamem Leben nach Art der Regularkleriker. Gleichzeitig widmeten sie sich dem bewaffneten Schutz der Jerusalempilger. Den Namen Templer empfingen sie vom sog. Tempel Salomons ("templum Salomonis") in Jerusalem. Die Verbindung von geistlichem Leben nach den evangelischen Räten und Kampf sprengte die mittelalterliche Ständeordnung. Der hl. Bernhard von Clairvaux (gest. 1153) errang für sie mit seiner Rechtfertigungsschrift "De laude novae militiae" (1128) allgemeine Anerkennung und entwickelte das Ideal vom "monachus et miles" (Mönch und Ritter). Damit war das Fundament eines Ritterordens entstanden.
Als der Gemeinschaft, welche das Spital des Heiligen Johannes von Jerusalem betreute, herrschaftliche Rechte und militärische Aufgaben zugewachsen waren, bildete sich ab etwa 1113 mit den Johannitern ein weiterer Ritterorden. Auch der Dritte der großen Ritterorden entstand im caritativen Bereich. Aus einem Feldspital vor Akkon ging 1190 der Deutsche Orden hervor. 1199 verlieh ihm Papst Innozenz III. (reg. 1198-1216) die Johanniterregel für die Kleriker; für die Ritter und Brüder, die ihre Aufgabe im Kampf gegen die Feinde des Glaubens sahen, bestimmte er die Templerregel.
Neben Aufgaben im sozialen Bereich beteiligten sich die Mitglieder der Ritterorden bald an Kämpfen und bauten umfangreiche weltliche Herrschaften im Heiligen Land auf. Päpstliche Privilegien sicherten ihren Status als Orden. Noch zu Zeiten der Kreuzzüge übernahmen sie aber in Europa nicht nur Stützpunkte zur Rekrutierung von Geld und Mannschaften, sondern auch neue Aufgaben. Besonders heimgekehrte Kreuzfahrer stifteten reiche Besitzungen. Entscheidend dafür dürfte der Wunsch gewesen sein, von den umfangreichen geistlichen Privilegien der Ritterorden, Ablässen und der Erlaubnis der Sakramentenspendung bei allgemeinem Interdikt profitieren zu können.
Die Ritterorden im Abendland
Ritterorden hatten sich ebenfalls auf der Iberischen Halbinsel gebildet, wo sie sich bei der Rückdrängung der moslemischen Herrschaft (Reconquista) engagierten: Calatrava (1157/87), Évora (Avis) (1166/76), Santiago (1170), Alcántara (1176). In Portugal übernahm der 1319 päpstlich bestätigte Christusorden die Nachfolge der Templer, in Aragón der Orden von Montesa.
Mit dem Ende der christlichen Herrschaft im Heiligen Land (1291) verloren die Ritterorden einen wesentlichen Teil ihrer ursprünglichen Aufgabenstellung. Der Reichtum des Templerordens weckte die Begehrlichkeit König Philipps IV. von Frankreich (reg. 1285-1314) und führte zur Auflösung des Ordens durch Papst Clemens V. (reg. 1305-1314) am 3. April 1312.
Der Johanniterorden kämpfte von seinem neuen Sitz auf Rhodos (1309-1522) aus noch an der Türkenfront, doch gelang es ihm im ausgehenden Mittelalter zumindest im römisch-deutschen Reich nicht mehr, daraus ausreichende Unterstützung für seine Niederlassungen zu ziehen. Der Deutsche Orden hatte seinen Sitz 1208 nach Preußen verlegt, doch verlor er nach der Christianisierung der benachbarten Völker im 14. Jahrhundert seine Aufgabenstellung im Heidenkampf. In ihm gingen der Schwertbrüderorden (1202) und der Orden von Dobrin (1228) auf.
Wirtschaftlicher Verfall und weitgehender Rückzug aus dem Spitalwesen waren Johannitern und Deutschem Orden seit dem 14. Jahrhundert gemeinsam - ebenso wie das Bemühen, durch meist zaghafte Reformversuche dagegen anzugehen. Die Ritterorden entwickelten sich zum "Spital des Adels", wie der Blick auf die Mitgliederstruktur verdeutlicht: Die führenden Ordensmitglieder rekrutierten sich aus Adelsfamilien. Die Ritterorden boten ihnen eine Möglichkeit standesgemäßen Lebens im geistlichen Gewande. Es gab unterschiedliche Arten der Mitgliedschaft: Ritterbrüder, dienende Brüder, Priester und Schwestern. Für das 13. und 14. Jahrhundert scheint nur die Fähigkeit zu ritterlicher Lebensführung für die volle Mitgliedschaft erforderlich gewesen zu sein. Erst im Laufe des 15. Jahrhunderts verdichtete sich die ständische Abschließung. Das Spätmittelalter bedeutete für die verbliebenen Ritterorden eine Zeit der Besitzstandwahrung, des Zurücktretens des Spitalwesens und einer Betonung des Versorgungsgedankens für den Adel.
Deutscher Orden und Johanniter im heutigen Bayern
Die größte Dynamik in Franken, Schwaben und Bayern entfaltete der Deutsche Orden. Obwohl er erst nach den Templern und Johannitern Besitzungen im römisch-deutschen Reich erhalten hatte, überflügelte er diese bald. Auffällig ist dies in den Städten, wo Johanniter und Deutscher Orden über Niederlassungen verfügten, wie in Regensburg, Würzburg, Mergentheim und Rothenburg.
Deutscher Orden und Johanniter hatten ihre Besitzschwerpunkte in der alten terra imperii (Reichsland) am Main und seinen Zuflüssen, wo die Hochstifte und die Reichsministerialität Macht und Einfluss hatten behaupten können. Dagegen konnten die Ritterorden in den weltlichen Fürstentümern wie im Herzogtum Bayern kaum Fuß fassen.
Strukturelle Gründe für die höhere Attraktivität des Deutschen Ordens lassen sich nicht nachweisen. So verfügten die Johanniter durch Schenkung Alberts von Hohenlohe in Mergentheim seit 1208 über die Pfarrei und wurden trotzdem vom Deutschen Orden überflügelt. Auch in Rothenburg übertraf der Deutsche Orden als Inhaber der Pfarrei die über ein halbes Jahrhundert ältere Johanniterkommende an Bedeutung. Mit dem Eintritt mehrerer Angehöriger des Hauses Hohenlohe in den Deutschen Orden 1219 wandte sich die Unterstützung dieses Geschlechtes ganz dem Deutschen Orden zu. Sicher war es die Förderung, die dieser Orden durch Kaiser Friedrich II. (reg. 1212-1250) erfuhr, eventuell auch das deutsche Übergewicht (anders als bei den Templern und Johannitern), die ihn attraktiver als seine älteren Konkurrenten erscheinen ließ. Seine führenden Mitglieder blieben bis ins 15. Jahrhundert in steter Nähe zum Kaiser. Nur dem Deutschen Orden gelang es, in Franken die Reichsunmittelbarkeit durchzusetzen und im Spätmittelalter die Reichsfürstenwürde zu erwerben.
Die Spiritualität
Aussagen über die besondere Spiritualität der Ritterorden sind schwer zu treffen. Das Frömmigkeitsleben vollzog sich im Rahmen des in der Zeit Üblichen, war geprägt vom Bemühen um das Heil der eigenen Seele, wie es sich besonders in der Teilnahme am hl. Messopfer, in der Stiftung von Seelenmessen und im Erwerb von an das Bußsakrament gebundenen Ablässen manifestierte. Die Jungfrau und Gottesmutter Maria ist die Schutzpatronin des Deutschen Ordens, Ordenskirchen und Kapellen waren der Himmelskönigin geweiht. Zweite Ordenspatronin ist die hl. Elisabeth von Thüringen (1207-1231), die sich bei der Pflege der Armen und Kranken in dem bei ihrem Marburger Witwensitz errichteten Spital aufgezehrt hatte. Wenige Jahre nach ihrem Tode übernahm der Deutsche Orden mit diesem Spital die Pflege ihrer Grabstätte und erreichte 1235 ihre Heiligsprechung. Ihre hochadelige Geburt qualifizierte sie zur Standesheiligen, ihr Wirken zum Vorbild für tätige Nächstenliebe. Außerdem begegnen in Franken Ritterheilige wie St. Georg und St. Pankratius als Patrone von Kirchen des Deutschen Ordens, die gemeinsam mit der Gottesmutter Maria und Elisabeth die in den Ordensregeln festgelegte Verbindung von ritterlichem und geistlichem Leben widerspiegeln.
Patron der Johanniter ist Johannes der Täufer, dem die meisten Ordenskirchen geweiht waren. Übernahm der Orden eine bestehende Kirche mit einem älteren Patrozinium wie in Würzburg die St. Oswalds-Kapelle, so wurde dieses bei einem Neubau durch St. Johannes verdrängt. In Altmühlmünster (Lkr. Kelheim) blieb St. Achatius zwar Patron der vom Orden übernommenen älteren Pfarrkirche, der Hauptaltar wurde aber dem hl. Johannes geweiht. Laien konnten sich in Form von Bruderschaften an die Orden anschließen.
Fürstliche Neugründungen im Spätmittelalter
Während die klassischen Ritterorden mit der Verschiebung ihrer ursprünglichen Aufgabenstellung einen Bedeutungsverlust erlitten, entstand neues adeliges Gesellschaftsleben nach ihrem Vorbild. Eine Übergangsform bildete das kurzlebige Kollegium von zwölf Rittern mit Ehefrauen unter einem Meister, das Kaiser Ludwig der Bayer (reg. 1314-1347) 1332 neben einem Konvent von 20 Benediktinermönchenan der von ihm gestifteten Abtei Ettal (Lkr. Garmisch-Partenkirchen) einrichtete.
Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts riefen Fürsten eigene Orden ins Leben, um das Ansehen ihrer Dynastien zu erhöhen und den Adel ihrer Territorien an sich zu binden, aber auch aus Kreuzzugsbegeisterung. Dazu gehören der englische Hosenbandorden (1348) und der savoyische Annunziatenorden (1355). Wichtig wurde auch der 1431 durch Herzog Philipp den Guten von Burgund (reg. 1419-1467) gestiftete Orden vom Goldenen Vlies. Diese Orden hatten allerdings keine kämpferische Aufgabe mehr, sondern waren Ausdruck romantischer Rittersehnsucht, fürstlicher Reputation und zugleich ein Bildungsinstrument für den Adel. Die Ordensritter unterliegen weder dem Zölibat noch führen sie ein Gemeinschaftsleben.
Das bekannteste Beispiel aus Franken bildet der erst im 19. Jahrhundert so bezeichnete Schwanenorden, dessen Name vom Kleinod der Ordenskette herrührt. Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg (reg. 1440-1470) stiftete 1440 die "Gesellschaft Unserer Lieben Frau" in der Marienkirche auf dem Harlunger Berg (bei Brandenburg). Markgraf Albrecht Achilles (reg. 1437-1486, Kurfürst 1470) richtete 1459 eine oberdeutsche Zunge des Schwanenordens mit Sitz in der Georgs-Kapelle bei St. Gumbertus in Ansbach ein. Wie in anderen europäischen Staaten sollte sich der Ritterorden zum Kern des in Entstehung begriffenen Hofadels entwickeln.
Die geistlichen Ritterorden in der Neuzeit
Die Reformation traf die geistlichen Ritterorden in mehrfacher Hinsicht. Gegen Säkularisationsbestrebungen protestantischer Landesfürsten und Reichsstädte bot besonders dem Deutschen Orden seine reichsrechtliche Stellung einen Rückhalt. Hier hielt das ritterliche Element am Fortbestand des Ordens als adelig-ständische Korporation fest und stützte sich dabei auf die Nähe zum Kaiser. Nach Übergangsformen verblieben innerhalb des Deutschen Ordens die evangelisch-lutherischen Balleien Sachsen und Thüringen sowie die trikonfessionelle (ab 1680/81) Ballei Hessen. Die calvinistische Ballei Utrecht löste sich 1637 aus dem Gesamtverband. Die Ballei Brandenburg des Johanniterordens ging ab 1538 zum Protestantismus über, blieb aber in lockerer Form Bestandteil des Gesamtordens. Trotzdem gingen bei den Ritterorden durch Säkularisationen zahlreiche Besitzungen verloren.
Der Priesterzweig des Deutschen Ordens starb während des 16. Jahrhunderts fast völlig aus; ähnlich verlief die Entwicklung bei den Johannitern. Für ausreichenden Priesternachwuchs im Deutschen Orden sorgte erst 1606/07 die Errichtung des Priesterseminars in Mergentheim durch Hochmeister Erzherzog Maximilian von Österreich (reg. 1590/95-1618). Für das ritterliche Ordenselement bot sich eine neue Aufgabe im Türkenkampf. Seit 1696 unterhielt der Deutsche Orden ein eigenes Regiment, dessen Offiziersstellen meist von Ordensangehörigen versehen wurden. Für den katholisch gebliebenen Johanniterorden bürgerte sich seit der Verlegung seines Hauptsitzes nach Malta 1530 die Bezeichnung Malteser ein. Der Orden engagierte sich von hier im Seekrieg gegen die Osmanen, wobei sich auch deutsche Ordensritter beteiligten. Kurfürst Karl Theodor von Bayern (reg. 1778-1799) gründete zur Versorgung seines natürlichen Sohnes Karl August Graf zu Bretzenheim (1768-1823) eine bayerische Zunge (Ordensprovinz) des Malteserordens, die 1808 säkularisiert wurde.
Trotz aller Verfallserscheinungen im ausgehenden Mittelalter und in der Reformationszeit erwiesen sich die Strukturen der Ritterorden als tragfähig genug, um als geistliche wie weltliche Korporationen auch in der Neuzeit bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches zu bestehen.
Königliche Hausritterorden in Bayern
Auf Bitten Kurfürst Karl Albrechts von Bayern (reg. 1726-1745, Kaiser 1742-1745) bestätigte Papst Benedikt XIII. (reg. 1724-1730) 1728 den Ritterorden vom Hl. Georg und verlieh ihm alle Privilegien des Deutschen Ordens. Die Stiftung erfolgte am 28. März 1729; die Ritter mussten sich in ihrem Gelöbnis zur Verteidigung der Unbefleckten Empfängnis Mariens verpflichten. König Ludwig II. (reg. 1864-1886) erneuerte die Statuten und betonte die karitative Aufgabenstellung. Der Orden dient neben seiner geistlichen Zielsetzung auch nach der Revolution von 1918 der Bindung des bayerischen Adels an das Königliche Haus, dessen Chef als Großmeister fungiert. Prinzen des Königlichen Hauses werden im Rang von Großprioren aufgenommen.
Mit dem Regierungsantritt Kurfürst Karl Theodors von der Pfalz (reg. 1777-1799) in München gelangte der Ritterorden vom Hl. Hubertusnach Bayern. Dieser 1444 von Herzog Gerhard von Jülich-Berg (reg. 1437-1475) gestiftete und verschiedentlich erneuerte Orden bildete nach einer Verordnung vom 18. Mai 1808 den höchsten des Königreiches Bayern. Der Hubertus-Orden wird bis heute durch den Chef des Königlichen Hauses an Angehörige des Hochadels verliehen.
Ritterorden in der Gegenwart
Der im Kaiserreich Österreich fortbestehende Deutsche Orden wurde unter der Bezeichnung Deutscher Ritterorden 1839 grundlegend reformiert. Ein Priesterzweig wurde eingerichtet und ein Schwesterninstitut geschaffen. Der letzte habsburgische Hochmeister Erzherzog Eugen von Österreich (reg. 1894-1923, gest. 1955) resignierte 1923 zugunsten eines priesterlichen Nachfolgers, der ab 1929 einem Priesterorden vorstand. Heute blüht der Deutsche Orden in einem Priester- und Schwesternzweig; für dem Orden verbundene Laien besteht das Familiareninstitut (in Bayern existieren die Komtureien "An der Donau" und Franken). Das Priorat der Deutschen Brüderprovinz des Deutschen Ordens hat seit 1998 seinen Sitz in Weyarn (Lkr. Miesbach). Der Orden betreut Krankenhäuser und Heime. Der katholische Malteserorden wie der evangelische Johanniterorden unterhalten eigene Hilfsdienste. Das Adelsprinzip gilt weiterhin für den Orden vom Goldenen Vlies (Österreichischer Zweig), die Königlichen Hausritterorden und den Malteserorden, wobei teilweise gestufte Mitgliedschaften existieren.
Einer anderen Tradition ist der Ritterorden vom Heiligen Grab zuzuordnen. Nach dem Zusammenbruch des christlichen Königreichs Jerusalem erbaten adelige Pilger - belegt seit 1332/36 - den Ritterschlag beim Heiligen Grab. Seit dem Ausgang des 15. Jahrhunderts wurde seine Erteilung ein Vorrecht der Franziskaner auf dem Berg Sion. Erst 1868 organisierte Papst Pius IX. (reg. 1846-1878) alle Ritter vom Hl. Grab als päpstlichen Ritterorden (also einem in direkter Beziehung zum Heiligen Stuhl stehenden Orden), der sich besonders der Unterstützung der Christen im Heiligen Land widmet.
3. Deutscher Orden. Im Reich der Ordensritter
Jedes Jahr reisen einige von Europas angesehensten Kämpfern mit ihrem Gefolge in das Gebiet des Deutschen Ordens an der Ostsee. Von dort ziehen die christlichen Ritter gegen die heidnischen Litauer, brandschatzen deren Dörfer, töten Männer, Frauen und Kinder. Im Jahr 1368 macht sich Graf Johann von Blois aus Holland auf zur Jagd auf die Ungläubigen
Am 20. November 1368 geht Johann von Blois auf Reisen. Er nimmt mit: einen Bäcker, einen Mundschenk, mehrere Köche, einen Stallmeister, fünf Pagen und einen Arzt; dazu seinen Schatzmeister, einen Priester für regelmäßige Gottesdienste sowie drei Pfeifer, die unterwegs für Musik und Zerstreuung sorgen werden. Gewaltiges Gepäck ist auf zwei Wagen verstaut, die von Johanns holländischem Adelssitz aus über die Landstraßen rumpeln, darunter ein transportables Bett mit wärmender Schafsfelldecke, ein großes Zelt mit Ankleideseparee und ein faltbarer Altar, vom Papst abgesegnet.
An nichts soll es der Reisegesellschaft fehlen. Geplant sind sogar Bankette entlang des Wegs. Die Lastgespanne sind schwer beladen mit Bier, Wein und Met. Und mit Waffen. Johann ist zu Pferde unterwegs, wie es einem adeligen Ritter geziemt. Ihn begleiten mehrere Dutzend weiterer Panzerreiter. Vor ihnen liegen mehr als 1000 Kilometer. Es geht ins Baltikum.
Und sie sind nicht die einzigen Ritter, die in diesem Herbst Richtung Ostsee aufbrechen. Aus Holland, Frankreich und England, dem Rheinland, Schottland und Polen streben jedes Jahr zu dieser Zeit Kämpfer in die Gegend zwischen Weichsel und Memel: in das Territorium des Deutschen Ordens. Denn die dort herrschenden Deutschritter laden ihre europäischen Standesgenossen seit 1304 regelmäßig zu Kriegszügen gegen ihre heidnischen Nachbarn ein, die Litauer.
Diese sogenannten Preußenfahrten sind für die Ritter gesellschaftliche Großereignisse: Sie treffen sich in Königsberg zu Banketten, Festen und Gelagen. Feiern ihre Verbundenheit, stählen sich im Kampf mit den Ungläubigen. Viele Knappen erwerben den Ritterschlag. Der 25-jährige Johann von Blois entstammt einer französisch-niederländischen Adelsfamilie und gebietet über die von der Mutter geerbten Besitzungen in Holland und Seeland. Dies ist seine zweite Preußenfahrt.
Nach der Abreise aus Gouda Ende November reitet er über Aachen, Köln und Lübeck nach Königsberg, eine beliebte Route unter Preußenfahrern. Gut 60 Tage benötigt er für die knapp 1500 Kilometer; immer wieder halten Schnee, Eis und Unwetter den Tross auf. Die Preußenfahrer lockt die Aussicht auf Ruhm und Ehre. Zudem hat der Papst ihnen den Ablass ihrer Sündenstrafen versprochen, wenn sie gegen die Heiden in den Kampf ziehen. Nichts ist ehrenhafter als der Waffengang gegen ungläubige Krieger. Herolde sind auf diesen Reisen stets dabei und preisen – bei Festen, in Reden und Gedichten – die Heldentaten ihres Brotgebers. Johann von Blois hat gleich zwei mitgenommen.
Am 27. Dezember erreicht Johanns Reisegruppe, die mit unterwegs angeheuerten Kriegern aus dem niederen Adel auf mehr als 100 Reiter angewachsen ist, sicher Danzig, ihre erste Anlaufstation im Land des Deutschen Ordens. Pferde und Menschen müssen erst einmal ruhen, Untergebene kaufen Proviant ein. Johann füllt seine Reisekasse und leiht sich gegen Schuldbriefe Geld. Wie andere Preußenfahrer auch finanziert er den Großteil seiner Ausgaben auf Kredit: bei Kaufleuten oder Städten, bei reichen Fürsten oder direkt beim Deutschen Orden. Später wird er in der Heimat das geliehene Geld samt Vermittlungsgebühren an Vertreter der Gläubiger zurückzahlen.
Lange halten sich die Preußenfahrer nicht auf in Danzig. Das Gesinde zieht von hier aus meist direkt zum Sammelpunkt Königsberg; viele Herren reiten dagegen zunächst mit wenigen Getreuen gen Süden: zur Marienburg. Die Festung, fast vollständig gefügt aus rot schimmernden Backsteinen, ist eine der größten Burgen des Mittelalters. Hier residiert der Hochmeister des Deutschen Ordens. Die Ritterbrüder wählen ihn auf Lebenszeit, er ist geistliches Oberhaupt des Ordens – und zugleich ein weltlicher Herrscher mit eigenem Hofstaat.
1368 hat Winrich von Kniprode das Amt inne. Seit fast 20 Jahren treibt er die Besiedlung des Ordensgebiets mit deutschen Einwanderern voran, lässt neue Dörfer gründen. Und dank erfolgreichen Getreideexports sowie der Monopole auf den Bernstein- und Salzhandel, die die Deutschritter halten, gehört ihr Gemeinwesen zu den wenigen Staaten in Europa, die Überschüsse erwirtschaften.
DIE URSPRÜNGE des Deutschen Ordens liegen an einer ganz anderen, weit entfernten Küste am Rande des Mittelmeeres: im Heiligen Land. Während der Kreuzzüge haben Lübecker und Bremer Kaufleute dort im Jahr 1190 ein Feldlazarett für christliche Kämpfer gegründet. Aus der Laiengemeinschaft, die das Hospital führte, entstand 1199 mit Genehmigung des Papstes ein Ritterorden.
Fortan nahm die Bruderschaft der Krankenpfleger auch adelige Krieger auf, die Armut, Gehorsam und Keuschheit gelobten – und die Burgen der Europäer gegen die Muslime verteidigten.
Als die Lage im Heiligen Land für die Christen immer schwieriger wurde und viele ihrer Stützpunkte in die Hände muslimischer Truppen fielen, fand der Orden in Europa eine neue Aufgabe. Der Papst und einige Fürsten versprachen den Rittern eigene Territorien an der Ostsee, falls es ihnen gelänge, die dort lebenden heidnischen Prußen zu unterwerfen.
Tatsächlich eroberten die Ordenskrieger dort ab 1230 große Gebiete, gründeten einen Staat und annektierten binnen weniger Jahrzehnte die gesamte Küste von Danzig bis ins heutige Estland. Das neue Gemeinwesen war ein Solitär in Europa, geführt nicht von einem fürstlichen Herrscher, sondern einem Ritterkollektiv, dem ein Hochmeister vorstand. Einige Hundert Ordensleute kontrollierten ihr Territorium mithilfe eines dichten Netzes von weit über 100 Festungen.
Die Verwaltung gehörte zu den modernsten ihrer Zeit. So konnten die Ordensritter dank eines komplexen Postsystems (mit Ein- und Ausgangsvermerk und der Möglichkeit für Eilbriefe) Informationen schnell verbreiten. Das half, Handel und Wirtschaft zu organisieren: Als größter Grundbesitzer der Region führte der Orden bedeutende Agrarbetriebe, verdiente viel Geld durch die Kooperation mit den Kaufleuten der Hanse. Die unterworfenen Einheimischen wurden zwangsgetauft und zur Arbeit herangezogen. Wer sich anpasste, konnte im Staat durchaus Karriere machen.
Um das Jahr 1300 begann der Hochmeister des Ordens, Adelige aus ganz Europa zu Feldzügen gegen die benachbarten heidnischen Litauer einzuladen. Wer sich diesen begrenzten Militäraktionen von wenigen Wochen Dauer anschloss, dem verhieß der Papst den Ablass von Sündenstrafen. Schon bald war die Preußenfahrt ein fester Termin im Kalender vieler europäischer Ritter, die zum Teil sogar aus Spanien anreisten.
AM 31. DEZEMBER 1368 empfängt Winrich von Kniprode, Hochmeister des Ordens, Johann von Blois in der Marienburg. Die beiden tauschen Gefälligkeiten aus. Der Angereiste nimmt drei Verwandte Winrichs als Ritter in seinen Dienst auf. Der Hochmeister verteilt Präsente, wie sie von einem Manne seines Ranges erwartet werden, darunter vier Falken.
Von der Marienburg geht Johanns Reise weiter nach Königsberg. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Völker. Neben einheimischen Prußen (die die Unterschicht bilden) leben hier wohlhabende Kaufleute, etwa aus den deutschen Landen, aber auch Polen und Litauer. In der Königsberger Burg residiert der Oberste Marschall des Ordens. Er koordiniert die alljährlichen Militärexpeditionen und ist einer der wichtigsten Ansprechpartner für die Gäste.
Wahrscheinlich kommen in diesem Herbst rund 200 adelige Ritter in den Ordensstaat; mit den untergebenen Kämpfern sind es insgesamt etwa 700 Kombattanten, eine übliche Teilnehmerzahl. Und eine wesentliche Verstärkung für die Deutschritter. Johann von Blois befehligt als vornehmster Herr der Saison wohl ein Fünftel des Gästekontingents. Sobald sich alle Kämpfer in Königsberg versammelt haben, geben die Ordensoberen in der Regel die Marschbefehle für die diesjährige Expedition bekannt.
Aber in diesem Winter geschieht erst einmal: nichts. Denn die Witterung ist viel zu mild. Da die Sümpfe östlich von Königsberg nicht zugefroren sind oder von Schnee bedeckt, würden die Pferde mitsamt den schwer gerüsteten Kriegern kaum vorankommen. Die Ritter sind zum Ausharren gezwungen. Johann mietet einige Räume im Haus eines reichen Kaufmanns.
In den folgenden Wochen laden sich die Adeligen gegenseitig zu Gastmählern und Festen ein. Sie kennen sich von früher, knüpfen Kontakte, halten sich auf dem neuesten Stand, betreiben Politik. Dabei benehmen sich die Edelleute oft wenig ritterlich: Sie trinken viel Alkohol, würfeln um Geld, tändeln mit Prostituierten. Ein Graf zahlt einem Knecht Geld, damit der sich zur Belustigung anderer hoher Herren wieder und wieder auf den Kopf schlagen lässt.
Auch Johann von Blois genießt das Gesellschaftsleben. Sein mitreisender Buchhalter notiert penibel die Ausgaben für Bankette, Trinkgelder, Souvenirs, Spielschulden. Immer wieder versäumt Johann die tägliche Messe und übergibt seinem Kaplan deshalb insgesamt sechs Gulden für Almosen. Und nicht alle Ritter kommen gut miteinander aus. Politische Ereignisse wie der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich werfen ihre Schatten. So empfängt Johann von Blois Franzosen und Italiener bei Tisch, aber keine Engländer.
Die wiederum reißen im Königsberger Dom einige Wappentafeln nieder, die der aus französischer Familie stammende Johann bei seiner früheren Reise hat aufhängen lassen. Zuweilen muss der Oberste Marschall als Schiedsrichter auftreten – etwa als sich Engländer und Schotten prügeln. Zum „Ehrentisch“ aber kommen alle höhergestellten Ritter einträchtig zusammen. Es ist der gesellschaftliche Gipfel der Königsberger Saison, das letzte und größte Fest vor dem Aufbruch zu den Expeditionen. In diesem Jahr ist Winrich von Kniprode der Gastgeber. Im Speisesaal der Burg bewirtet er alle angereisten Gäste.
Während des Festmahls preisen Herolde die Taten der Teilnehmer. Am Ehrentisch sitzen die tapfersten der fremden Ritter – wohl eine Anspielung auf die Sage von König Artus und dessen Tafelrunde, die sich die Menschen gern erzählen und der viele Ritter nacheifern. Nach dem Mahl mit Dankgebet tragen Ordensbrüder die Satzung und Geschichte der Ehrentafel vor, dann heftet einer von ihnen den am Tisch sitzenden Rittern eine Devise in goldenen Lettern an die Schulter: „Ehre besiegt alles.“
Der Ehrentisch von Königsberg ist in ganz Europa bekannt und erhöht die Anziehungskraft der Preußenfahrten. Einige Jahre lang scheint er sogar eine Art Rangfolge vorzugeben: Wer am Kopfende des Tisches sitzt – eine nur einmal im Leben gewährte Ehre –, hat die Spitze der internationalen Ritterschaft erklommen. Auch der Königsberger Dom, in dem alle Preußenfahrer ihre Wappen an die Wände malen lassen, wird zu einer Ruhmeshalle des Rittertums.
LANGE MUSS JOHANN VON BLOIS in Königsberg warten, ehe es schließlich losgeht. In der Regel durchqueren die Ritter zunächst die „Große Wildnis“, das Grenzgebiet zu Litauen im Osten. Gut sieben Tage lang reiten sie durch eine fast menschenleere, morastige Gegend, in der sich selbst Ortskundige gelegentlich verirren. Oft müssen sich die Kämpfer ihre Wege erst mühsam selber bahnen. Die Gegner am anderen Ende dieser Wildnis sind ein ebenbürtiger Feind. Die Litauer ringen im Osten mit dem Großherzogtum Moskau um Einfluss; im Süden erstreckt sich ihre Herrschaft bis nach Kiew.
Die angereisten Ritter erzählen sich grausame Geschichten über ihre Feinde: Gefangene, heißt es, verbrennen die Litauer lebendig, samt Ross und Rüstung. Mit dem Deutschen Orden liegen die Einheimischen seit Jahren in einem unruhigen Patt. Immer wieder kommt es im Grenzgebiet zu gegenseitigen Raubzügen, ist diese Region heftig umkämpft.
Brutal ist die Kriegführung auf beiden Seiten. Denn es geht weniger darum, Gebiete zu erobern, sondern um die Demoralisierung und Schwächung des Gegners: Man verwüstet sein Land, dezimiert die Bevölkerung, raubt seinen Besitz. Und das mit schnellen, überraschenden, überaus harten Attacken. Diese Art des Kampfes hat im Baltikum Tradition, und die christlichen Ritter übernehmen sie mit grausamer Präzision. Ihr Vorgehen nennen sie vastacio, „Verheerung“. Sobald die Preußenfahrer das feindliche Gebiet erreicht haben, schlagen sie ein Basislager auf, von dem aus kleinere Trupps in die Umgebung aufbrechen. Die plündern, brandschatzen, zerstören Häuser, Gehöfte, Dörfer, jagen Menschen. Sie ergreifen Männer, Frauen und Kinder, töten oder entführen sie. Rauben Rinder und Pferde, vernichten die Ernte, Getreide, brennen Felder nieder.
Ehe die angegriffenen Litauer ernsthaft zum militärischen Gegenschlag ausholen können, ziehen die Ritter weiter und wiederholen ihr tödliches Werk an anderer Stelle. Nur etwa zwei Wochen dauert ein solcher Verheerungszug, kaum länger als einen Tag und eine Nacht bleiben die Angreifer an einem Ort. Geraten die Trupps beim Rückzug in Bedrängnis, töten sie meist alle Gefangenen, alle erbeuteten Tiere. Lebend Entführte verkaufen sie als Sklaven oder siedeln sie unter Zwang auf Ordensgebiet an. Rund 200.000 Litauer werden auf diese Weise insgesamt von den Rittern verschleppt, wohl um ein Vielfaches mehr Menschen bei den Attacken getötet. Im Laufe der Jahre kommt es vom Gebiet des Deutschen Ordens aus zu mehr als 120 Verheerungszügen der christlichen Krieger, 16 allein in den zehn Jahren vor Johanns Zug 1369. Und stets meiden die Ritter – wie auch die Litauer – große Konfrontationen mit den feindlichen Kämpfern. Denn wenn es dazu kommt, kann vieles schiefgehen.
Zwei Jahre vor Johanns Reise haben Preußenfahrer versucht, eine Festung der Litauer auf der Höhe des späteren Kaunas an der Memel zu erobern. Aber die Einheimischen waren stärker. Sie schlugen die Ritter zurück, verfolgten sie ein Stück den Fluss hinunter, versperrten ihnen den Weg zu den Schiffen und griffen mit einer Übermacht an: Lanzenreiter, Krieger, bewaffnet mit Doppeläxten, Knüppeln und Steinen. Nur mit letzter Not gelang es den christlichen Kämpfern schließlich doch noch, per Schiff zu fliehen.
MANCHE HISTORIKER werden später bezweifeln, ob die winterlichen Feldzüge der schweren Panzerreiter durch die Sümpfe Litauens militärisch wirklich sinnvoll waren. Oder eher ein gewalttätiger Sport für gelangweilte Adelige, die Heiden jagen und Feste feiern wollten.
Doch richtig ist: Für einen bloßen Zeitvertreib waren die Reisen der Ritter zu entbehrungsreich und gefährlich. Immer ging es auch um wertvolles Prestige im Kampf für die Sache des Christentums. Zudem übten die Litauer von Osten her beständig Druck aus. Ohne die alljährliche Verstärkung der Truppen durch die Preußenfahrer hätten die Ordensbrüder dem wohl nicht dauerhaft standhalten können.
Die ritterlichen Gäste halfen, das Gebiet und damit das Überleben des Deutschordensstaates zu sichern. Johann von Blois bekommt im Frühjahr 1369 einen besonderen Auftrag. Er soll mit seinen Kriegern diesmal keinen Verheerungszug unternehmen, sondern einen dauerhaften militärischen Stützpunkt an strategisch wichtiger Stelle aufbauen, mitten im Grenzland.
Auf Anweisung des Hochmeisters reist er, begleitet von 50 Rittern und Knechten, mit Booten auf der Memel nach Osten, um einen Vorposten zu errichten. Eine wehrhafte Holzbastion, umgeben von Erdwällen, die den Namen „Gotteswerder“ erhalten soll. Während die Knechte an der Burg arbeiten, schützen Ritter den Bauplatz, kundschaften die Umgebung aus und sichern die mit Material und Proviant beladenen Schiffe. Vermutlich kommt es auch zu Scharmützeln mit dem Feind. In der neu entstehenden Festung kleidet Johann einen hölzernen Saal mit seinem Wappenschmuck aus. Wahrscheinlich lässt sich Johanns Bruder Guido hier im Feindesland feierlich in den Ritterstand erheben. Im Einsatz gegen Heiden zum Ritter geschlagen zu werden gilt als besonders ehrenvoll.
Im Mai 1369 reist Johann zurück. Und am 29. Juni kehrt er schließlich heim in sein Schloss Schoonhoven bei Gouda, nach 222 Tagen Reise. Als einer von wenigen Rittern hat er es sich geleistet, bis zum Frühling im Deutschordensstaat zu bleiben.
Das gut siebenmonatige Abenteuer hat ihn etwa 17.000 preußische Mark gekostet – die teuerste bekannte Preußenfahrt. Gut 1000 Menschen hätten davon ein Jahr lang leben können. Die Kredite, die er für die Reise aufgenommen hat, zahlt er pünktlich zurück, zum Teil allerdings, indem er sich neue Darlehen verschafft. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er sich nach seiner Rückkehr von Untertanen und auf Banketten mit anderen Adeligen für seine Heldentaten preisen lässt. Gut möglich auch, dass er dem Deutschorden weiter durch regelmäßige Geldspenden verbunden bleibt.
Noch einmal wird der Ritter die lange Reise aber nicht auf sich nehmen. 1381 stirbt Johann, mit knapp 40 Jahren, ohne eheliche Nachkommen, sein Erbe fällt an den jüngeren Bruder Guido. Der Deutsche Orden lädt auch danach noch zu Preußenfahrten ein. Doch schon bald folgen immer weniger Ritter dem Ruf. Das liegt unter anderem daran, dass sich der litauische Großfürst Jogaila 1386 taufen lässt und nach seiner Hochzeit mit der Königin von Polen den dortigen Thron besteigt. Ein Kampf gegen ihn ist für die Edlen nun kein ehrbarer Kreuzzug gegen Heiden mehr.
Den Deutschrittern ist die neue Union aus Polen und Litauern allerdings ein umso mächtigerer Gegner. Nur wenige Freiwillige kommen dem Orden zu Hilfe, als dessen Truppen im Jahr 1410 nahe Tannenberg einem polnisch-litauischen Heer gegenüberstehen. Bei dieser Feldschlacht – mit 50.000 Kämpfern eine der größten des Mittelalters – fallen am Ende der Hochmeister und nahezu der gesamte Führungszirkel des Deutschen Ordens, dazu 200 seiner Ritter.
Von der Niederlage wird sich die Rittergemeinschaft nicht mehr erholen. Der Orden muss dem siegreichen Gegner hohe Kontributionen leisten und später die Oberhoheit des Königs von Polen anerkennen. 1525 wandelt der Hochmeister den Ordensstaat schließlich in ein weltliches Herzogtum um. 176 Jahre später wird diese Herrschaft einem neuen, militärisch und politisch überaus erfolgreichen Königreich seinen Namen geben: Preußen.
4. Kampf gegen die Templer. Das Ende der Ritter Gottes.
Sie sind Kämpfer, Bankiers und Besitzer großer Ländereien: Die Bruderschaft der Tempelritter – einst gegründet, um Pilger zu schützen – ist ungemein einflussreich und derart wohlhabend, dass sie sogar an Europas mächtigste Herrscher Geld verleiht. Doch 1307 macht sich König Philipp IV. von Frankreich daran, den christlichen Orden zu zerschlagen, um dessen Vermögen an sich zu bringen. Für seine Intrige nutzt der Monarch eine Waffe der Kirche
Die Männer des Königs schlagen im Morgengrauen zu. Überall in Frankreich dringen Trupps in den frühen Stunden des 13. Oktober 1307 in Anwesen und Güter ein, hämmern an Türen und Tore, überwältigen Wachen, verhaften Menschen. Das Ziel der Aktion ist eine mächtige Organisation von Rittern und Geistlichen, eine der berühmtesten Gemeinschaften der Christenheit, wohlhabend, mit Besitzungen in ganz Europa, von Gerüchten umweht: der Templerorden. In Toulouse im Süden Frankreichs nehmen die königlichen Häscher Tempelritter im Stadtpalais gefangen. Sie setzen Mitglieder des Ordens auch im mittelfranzösischen Burgund fest sowie weit im Norden des Landes, in der Normandie. Im Verwaltungsbezirk Caen umstellen sie fünf Anwesen gleichzeitig und verhaften alle anwesenden Templer. Selbst in das kleine Dorf Louvagny, wo nur ein einziges Ordensmitglied lebt, rückt ein bewaffneter Trupp vor.
In Arras kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen, als Sergeanten des Königs das dortige Gebäude der Templer stürmen. Vielleicht wehren sich die Bewohner. Jedenfalls erdrosseln die Büttel des Königs die Hälfte der anwesenden Ordensbrüder. Der wichtigste Schlag aber trifft den Hauptsitz des Ordens in Paris, ein mauerbewehrtes Areal im Norden vor den Toren der Stadt. Die Wachen sind überrascht, als die Garde des Königs am frühen Morgen im Fackelschein Einlass begehrt. Die bewaffneten Eindringlinge stoßen die Wächter beiseite und verlangen barsch, zu Jacques de Molay gebracht zu werden, dem Großmeister des Ordens. Kurz darauf verhaften sie das Oberhaupt und anschließend auch alle anderen Brüder. Die werden zunächst im Templerhaus festgehalten.
Sorgfältig erstellen die Männer des Königs Inventare, notieren alles, was sie vorfinden: die Zahl der Pferde und das Vieh in den Ställen, Waffen, Rüstung, Handwerkszeug, Bücher, liturgische Gerätschaften. Alles, auch die Gebäude und den Grund und Boden, beschlagnahmen sie im Namen des Königs.
Die gewaltige Razzia, bei der rund 2000 Templer in die Gewalt des Königs kommen, ist gut geplant. In einem Geheimbefehl hat Frankreichs König Philipp IV. seine Beamten bereits Wochen zuvor angewiesen, die Besitzungen des Ordens unauffällig zu beobachten. Er hat seine Leute Listen mit den Namen der Tempelritter anlegen lassen, damit keiner der Verhaftungsaktion entgehen würde. Schon der Zugriff an so vielen Orten gleichzeitig hatte genauer Vorbereitung und Koordination bedurft. Doch der Vorwurf, der dieser Großaktion zugrunde liegt, ist ja ebenfalls gewaltig. Der Haftbefehl, den die Häscher Jacques de Molay bei seiner Festnahme vorlegen, behauptet Unerhörtes: Das Oberhaupt und seine Ordensleute sollen Ketzer und Gottesleugner sein.
Ausgerechnet die Templer, die einst im Heiligen Land gekämpft haben, im Bündnis mit dem Teufel? Und Jacques de Molay, der noch bis vor Kurzem beste Beziehungen zum Königshaus hatte, der dabei war, als die Schwägerin des Monarchen feierlich zu Grabe getragen wurde, soll sich Verbrechen schuldig gemacht haben, bei denen man den Schwefelhauch des Antichristen schon zu riechen glaubt, wenn man nur von ihnen hört?
Die Indizien seien überwältigend, heißt es im Haftbefehl. Angeblich müssten Novizen bei der Aufnahme in den Orden das Kreuz bespucken. Zudem gäben die angehenden Templer dem älteren Bruder, der sie jeweils in den Orden aufnimmt, einen Kuss nicht nur auf den Mund, wie bei derlei Zeremonien üblich, sondern auch auf den Anus. Von Geschlechtsverkehr unter den Tempelrittern ist die Rede, von der Anbetung abscheulicher Idole, gruseliger Köpfe, angeblich aus dem Schoß toter Frauen geboren. Und bei der Messe unterließen sie es, die Hostie zu weihen, das Symbol des Leibs Christi. Das sind grässliche Frevel. Todeswürdige Verbrechen gegen Gott und die Kirche. Und ein Fall für die Inquisition.
Daher habe Guillaume de Paris, der Großinquisitor von Frankreich, „nach der Hilfe unseres Arms“ gerufen, schreibt der König in seinem Geheimbefehl. Und die Glaubenswächter der Kirche sollen sich nun, gemeinsam mit den Beamten des Königs, der Sache annehmen. Allein: Wer wen gerufen hat, wer hier wen für seine Zwecke einspannt, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich verhält es sich sogar umgekehrt: dass der König die Inquisition für seine Absicht nutzt, eine unliebsam gewordene Macht in seinem Reich unschädlich zu machen.
Denn in Wahrheit sind alle Anschuldigungen gegen den Templerorden wohl frei erfunden. Die konstruierten Vorwürfe haben nur ein Ziel: mithilfe der Inquisition eine der angesehensten Institutionen der Zeit zu zerschlagen. Und so ist der 13. Oktober 1307 der Beginn eines ruchlosen Verfahrens. Eines Kriminalfalls, der sich über Jahre hinziehen und für Dutzende Beschuldigte auf dem Scheiterhaufen enden wird. Herrscher aus dem gesamten Abendland werden sich mit der Templeraffäre befassen. Und selbst der Papst wird in diesen Skandal eingreifen, einen der spektakulärsten des Mittelalters.
DIE ANFÄNGE DES TEMPLERORDENS liegen da schon fast 200 Jahre zurück. Sie sind bescheiden. Um das Jahr 1119 beschließen zwei französische Ritter, gemeinsam mit weiteren Gefährten die christlichen Pilger im Heiligen Land vor Wegelagerern zu schützen – zwei Jahrzehnte nachdem Kreuzfahrer Jerusalem erobert und ein christliches Königreich im Morgenland gegründet haben.
Als Quartier gibt der christliche Herrscher von Jerusalem den Rittern eine Unterkunft an der Al-Aqsa-Moschee auf jenem Berg, wo einst der Tempel Salomos stand, daher ihr Name. Die Templer leben und beten wie Mönche, mit streng geregeltem Tagesablauf und striktem Gehorsam gegenüber den Oberen. Orden und Ordensregel werden vom Papst bestätigt, der der Bruderschaft den Auftrag erteilt, „die Katholische Kirche zu verteidigen und die Feinde Christi zu bekämpfen“. Fortan dienen die Tempelritter als Elitetruppe im Kampf der Kreuzfahrer gegen die als Ungläubige angesehenen muslimischen Feinde.
Die Opferbereitschaft der Templer macht tiefen Eindruck im Abendland. Rasch folgen den ersten kämpfenden Brüdern Freiwillige aus ganz Europa. Und bald gilt es als gottgefällige Tat, dem Orden Ländereien zu überschreiben. Binnen weniger Jahrzehnte entsteht ein ausgedehntes Netz von Besitzungen vor allem in Frankreich, aber nicht nur dort – bis nach Schottland und Polen erstrecken sich die Güter. Auch auf der Iberischen Halbinsel kämpfen Tempelritter gegen Muslime und besitzen bald strategisch wichtige Festungen, die ihnen die christlichen Herren von Barcelona und Aragón überschrieben haben.
Mit den Einnahmen aus ihren Gütern finanzieren die Tempelritter den Nachschub für den Kampf im Heiligen Land. Sie verfügen bald über derart enorme Ressourcen und Barmittel, dass sie beginnen, Geld zu verleihen. Auf diese Weise werden die Templer im Laufe des 13. Jahrhunderts nach und nach zu Bankiers der Mächtigen, vor allem der französischen Könige. Sogar die Steuereintreibung organisieren sie zeitweise für Frankreichs Herrscher. Nur wenige Ordensbrüder sind noch kämpfende Ritter – die meisten verwalten nun Geld und Güter oder sind als Bauern, Zimmerleute und Weinverkäufer für den Orden tätig. Manche Templer arbeiten auch nur als Schäfer oder Pflüger; es sind einfache Leute, ohne Bildung oder theologische Schulung.
Ende des 13. Jahrhunderts aber erleidet der Nimbus der Templer als Speerspitze der Christenheit einen irreparablen Schaden: 1291 geht Akkon, die letzte bedeutende von den Tempelrittern gehaltene Stadt in Palästina, an die Muslime verloren. Die Kreuzfahrer sind aus dem Heiligen Land vertrieben (der Versuch der Ordensbrüder, ein gutes Jahrzehnt später noch einmal dort Fuß zu fassen, scheitert desaströs). Die Templer ziehen sich auf die Insel Zypern zurück. De facto haben sie ihre Existenzberechtigung verloren: die Verteidigung des Abendlandes im Orient.
WENIGE JAHRE SPÄTER, 1306, zitiert Papst Clemens V., der sich zu jener Zeit in Frankreich aufhält, Großmeister Jacques de Molay aus Zypern zu sich. Der Orden ist nach wie vor direkt dem Heiligen Vater unterstellt. Zwei große Themen will Clemens bereden: die Zukunft des Ordens sowie seinen Wunsch, zu einem neuen Kreuzzug aufzurufen.
DIE VORWÜRFE WIEGEN SCHWER — UND SIND ALLESAMT ERFUNDEN
Die Templer sollen mit den Johannitern, dem anderen großen Ritterorden aus dem Heiligen Land, in einer Bruderschaft zusammengefasst werden: In der Kirche sind viele unzufrieden mit der Arbeit der beiden Orden. Zu viel Energie und Geld, so lautet der Vorwurf, fließe in die Verwaltung ihrer Güter und Anwesen, zu wenig in den Kampf gegen die Heiden. Und diesen Kampf will der Papst mit seinen Kreuzzugsplänen wieder aufnehmen. Doch Meister Jacques lehnt eine Fusion der Bruderschaften brüsk ab. Hauptaufgabe der Johanniter sei die Pflege kranker Pilger – die Templer hingegen seien für den „Waffendienst“ gegründet worden.
Der Papst hat indes wohl noch etwas anderes mit dem Großmeister zu besprechen: „befremdliche und unerhörte Dinge über den Orden“, wie Clemens V. es formuliert. Hier und da sind sie ihm zugetragen worden. Es ist nicht klar, wie weit Clemens ins Detail geht. Haben der Reichtum des Ordens und seine nunmehr fehlende Mission die düstere Fantasie der Menschen provoziert? Klar ist nur, dass es in den Nachreden um zutiefst unchristliche Praktiken geht, um Teufelsanbetung und Frevel – und dass Meister Jacques alles entrüstet zurückweist.
Immerhin bittet er Clemens V. im Sommer 1307 um eine kirchliche Untersuchung der Vorwürfe. Überzeugt davon, dass sich alle Gerüchte als haltlos erweisen werden, ist die Sache für den Großmeister damit wohl erledigt. Offenbar ahnt Jacques de Molay nicht, welche Tragweite die Affäre da bereits hat. Und ihm fehlt die politische Weitsicht, um zu erkennen, in welch großes Machtspiel sein Orden geraten ist. Denn seit Jahren schon gärt ein Konflikt zwischen dem französischen König und den Päpsten in Rom.
Anfangs ging es ums Geld. Die Kirche ist traditionell von Abgaben befreit – der chronisch finanzschwache Philipp IV. aber brauchte dringend Einnahmen und erlegte Frankreichs Klerus Steuern auf. Das wollte der damalige Papst Bonifatius VIII., ein Vorgänger von Clemens V., nicht dulden, würden ihm dann doch selbst Einkünfte fehlen. Der Streit hatte aber noch eine weitere Dimension: Als Stellvertreter Christi verlangte der Papst die Unterordnung aller Monarchen unter seinen Willen, also auch der „Allerchristlichsten Majestät“ in Frankreich, und drohte mit der Exkommunikation des Königs. Doch Philipp gab nicht nach, schimpfte Bonifatius umgekehrt einen Häretiker. Einmal versuchte er sogar, ihn entführen zu lassen.
Selbst als 1305 der Franzose Bertrand de Got als Clemens V. Papst wurde, entspannte sich der Konflikt nicht. Beide Lager blieben im Streit verhakt.Und so wird der Templerorden zu einer Figur auf dem Spielfeld der beiden mächtigen, rivalisierenden Männer. Denn über die Bruderschaft kann der König den Papst treffen: Wenn der Monarch gegen den Orden vorgeht, schadet er zugleich dem Pontifex, unter dessen Oberhoheit, aber auch Verantwortung die Templer stehen.
Als Waffe gegen den Orden will er ausgerechnet die Inquisition einsetzen. Formell untersteht sie zwar auch in Frankreich dem Papst, tatsächlich aber hat Philipp IV. direkten Zugriff auf sie: Denn der Großinquisitor des Königreichs ist sein Beichtvater und sehr enger Vertrauter. Es ist indes nicht allein das Ringen mit dem Pontifex, das den König seine Augen auf den Orden werfen lässt – der Monarch hat weitere Motive, sich die Bruderschaft vorzunehmen. Die Templer erscheinen wie das perfekte Opfer.
Finanziell: Nach jahrelangem Krieg in Flandern ist die königliche Kasse leer. Den weit gestreuten Besitz der Templer in Frankreich könnte Philipp gut gebrauchen – zumindest aber die Einnahmen aus ihren Gütern. Wenn er die beschlagnahmen lässt, wer soll sie ihm nehmen? Politisch: Seit Jahren müht sich Philipp, straffere staatliche Strukturen in seinem Reich durchzusetzen – mit dem Königshof als Machtzentrum. Die französischen Gebiete im Besitz des Ordens aber entziehen sich seinem Zugriff. Die Templer sind gleichsam eine überstaatliche Organisation, die nur den Anweisungen ihres Großmeisters gehorcht. Und der hält sich meist auf Zypern auf.
Persönlich: Da ist noch eine Rechnung offen zwischen Königshaus und Orden. Die Templer hatten sich einst geweigert, Lösegeld für Philipps Großvater Ludwig IX. zu zahlen, als der 1250 während des Sechsten Kreuzzugs in muslimische Gefangenschaft geriet. Philipp verehrt seinen Großvater sehr und hat sogar die Heiligsprechung des frommen Monarchen durchgesetzt. Strategisch: Der „Allerchristlichste“ König kann sich gegenüber anderen Mächtigen als Hüter des Glaubens, als europäische Autorität beweisen, wenn er einen internationalen Skandal aufdeckt – schließlich haben die Templer Besitzungen nahezu überall im Abendland.
Religiös: Philipp ist bei allem Machtkalkül auch ein strenggläubiger Mensch, überzeugt davon, dass Gut und Böse um die Herrschaft der Welt ringen. Als Christ, so glaubt er, müsse er sich dem Wirken des Teufels entgegenstemmen, wo er es ausmacht. Und hat nicht der Prophet Daniel einst geweissagt, dass sich der Antichrist im Tempel zu Jerusalem einnisten werde? Der Orden hatte eben dort früher sein Quartier, hat seinen Namen vom Tempel Salomos. Könnte es nicht also sein, dass sich der Teufel tatsächlich der Templer bemächtigt hat?
Denn das, was Philipp über die Bruderschaft erfährt, sind wirklich ausgemachte Abscheulichkeiten; sie entstammen den Gerüchten, die schon seit Längerem kreisen. Der König weiß zwar, dass alles nur auf Hörensagen beruht. Trotzdem fertigt er daraus eine groß angelegte Beschuldigung. Gleichzeitig versucht er, den Wahrheitsgehalt des Getuschels durch Spitzel bestätigen zu lassen. Wenn sich auch nur ein Bruchteil der Vorwürfe als wahr herausstellen sollte, wenn die Templer sie mit Geständnissen bestätigen würden, dann stünde er auf der richtigen Seite. Dann hätte er seine Pflicht als Christ erfüllt (und auch seine Interessen wirkungsvoll verfolgt).
Mit dem Papst jedenfalls spricht der König sein Vorgehen nicht ab. Dafür aber mit seinem Vertrauten, dem Großinquisitor Guillaume de Paris. Der hat bereits 1290 ganz allgemein die päpstliche Erlaubnis erhalten, Häresieverfahren im französischen Königreich einzuleiten. Diese Befugnis seines Freundes macht sich der König nun zunutze – indem er sie ausgerechnet gegen eine dem Papst unterstellte Institution richtet. Dass Philipp IV. mit Mitgliedern des Ordens, etwa dem Großmeister de Molay, in den führenden Kreisen des Landes selbst regelmäßig verkehrt, ist dem Monarchen offenbar gleichgültig. Im Herbst 1307 scheint der Zeitpunkt günstig, um zuzuschlagen: Neben dem Großmeister halten sich viele führende Templer wegen erneuter Gespräche mit dem Papst in Frankreich auf. Am 14. September erteilt Philipp seinen Geheimbefehl. Vier Wochen später rücken seine Schergen aus.
DER 13. OKTOBER 1307 bringt den gewünschten Erfolg: Nur wenige Templer entkommen. Stolz vermeldet der königliche Hof, dass unter mehr als 2000 Ordensbrüdern nur zwölf die Flucht gelungen sei. Tatsächlich sind wohl einige mehr entkommen, aber die allermeisten Templer sind überrumpelt worden.
Die Anweisungen Philipps an seine Beamten sind klar: Der König will Geständnisse, und zwar schnell. Seine Leute sollen die Templer sofort befragen und die geständigen Sünder dann den kirchlichen Inquisitionstribunalen überstellen. König und Großinquisitor arbeiten Hand in Hand. Alles ist genau geplant. Die Beschuldigten werden in Ketten gelegt, erhalten nur Wasser und Brot. Wer schläft, wird unter Flüchen und Tritten der Wächter geweckt. Und sie werden gnadenlos gefoltert. Die Delinquenten kommen aufs Streckbrett; die Seile, mit denen Arme und Beine gefesselt sind, werden mit einer Winde verknüpft, die so lange angezogen werden kann, bis die Gelenke aus den Gelenkpfannen springen. Oder sie werden, die Hände auf dem Rücken gefesselt, daran mit einem Seil emporgezogen und ruckartig fallen gelassen.
Manchen Gefangenen binden die Folterknechte Gewichte an Füße und Hoden, um die Qualen zu erhöhen. Andere werden der Feuermarter unterworfen, ihre Fußsohlen mit Fett bestrichen und an lodernde Flammen gehalten. Die Verhöre bringen schnell die gewünschten Resultate. Die Templer gestehen, was ihnen vorgehalten wird. Schreiber protokollieren die Schuldbekenntnisse und überlassen sie anschließend dem Inquisitionstribunal. Aussagen von insgesamt 138 Beschuldigten haben sich in den Archiven erhalten – 134 legen Geständnisse ab, darunter Großmeister Jacques de Molay.
Sie beugen sich den Vorwürfen, erklären, schreien es vermutlich unter Qualen heraus, schon als junge Männer Christus geleugnet zu haben. Manche geben zu, Idole angebetet zu haben, andere eine Katze, wieder andere berichten vom Anuskuss. Es handelt sich um Anschuldigungen und Geständnisse, die auch aus anderen Häresieverfahren bekannt sind, um typische Muster. Schon 1233 hat Papst Gregor IX. die Katzenanbetung und homosexuellen Geschlechtsverkehr als Riten und Praktiken von Ketzern beschrieben. Auch den als Glaubensabtrünnige verfolgten Waldensern und Katharern waren in den Jahrzehnten zuvor ähnliche Umtriebe vorgeworfen worden.
Aus dem Blickwinkel späterer Zeiten sind die erpressten Geständnisse der Templer wertlos und die standardisierten Anschuldigungen nicht zu halten. In der Logik des mittelalterlichen Inquisitionsverfahrens ist das aber nicht ganz so: Dessen Ziel ist die Reue des Sünders, damit der wieder in die Kirche aufgenommen werden kann. Wie diese Reue zustande gekommen ist, ist letztlich gleichgültig. Jacques de Molay und seine Ordensbrüder geben ja schließlich ihre Verfehlungen zu. Allein das zählt. Am 25. Oktober 1307 wird der Ordensmeister den Juristen und Theologen der Universität von Paris vorgeführt, den klügsten Köpfen des Reiches. Es ist wie ein Schauprozess, vor einem Publikum, das in der Öffentlichkeit den Ton angibt. Jacques de Molay wiederholt sein Geständnis. Es ist eine tiefe Demütigung des stolzen Mannes – und ein großer Erfolg für den König. Der Auftritt von de Molay und die Masse der Geständnisse lassen die Verhaftungen gerechtfertigt erscheinen.
ERFREUT ÜBER SEINEN raschen Triumph, informiert Philipp den Papst und schreibt den anderen Mächtigen Europas – darunter Eduard II. von England, sein Erzfeind. Die Monarchen sollen seinem Beispiel folgen und die Templer in ihren Reichen festsetzen. Doch die Herrscher zögern. Sie wissen von der Fehde zwischen Frankreichs König und dem Papst.
Clemens V. reagiert denn auch wutentbrannt: Eine „beleidigende Missachtung“ des Heiligen Stuhls seien die Festnahmen. Der Pontifex durchschaut die Verhaftungsaktion: Sie stellt einen unerhörten Angriff auf seine Autorität dar – schließlich ist er der Schirmherr des Ordens, er allein sollte solche rechtlichen Schritte einleiten. Und so steht für den Papst nicht das Schicksal des Ordens im Vordergrund, sondern die Machtfrage: Wer behält in dem Streit die Oberhand – der weltliche Herrscher oder die Kirche?
Nun überstürzen sich die Ereignisse. Clemens V. versucht, die Sache an sich zu reißen. Am 22. November 1307 erlässt er eine päpstliche Anweisung: Alle christlichen Monarchen sollen Tempelritter im Namen des Papstes verhaften und deren Besitz konfiszieren. In der Folge gibt es daher nicht nur in Frankreich Inquisitionsprozesse gegen die Ordensbrüder, sondern auch auf der Iberischen Halbinsel und in deutschen Landen. Doch nirgendwo werden die Templer so brutal verfolgt wie in Frankreich. Nach Paris schickt Clemens zwei Kardinäle. Sie sollen mit den Ordensoberen sprechen. Der Pontifex will sich so ein eigenes Bild verschaffen. Doch die Einmischung des Papstes verändert plötzlich die Lage. Überzeugt davon, dass nun der Pontifex die Hoheit in dem Verfahren erlangt hat, widerrufen Jacques de Molay und andere Ritter ihre Geständnisse.
Daraufhin stoppt Clemens im Februar 1308 tatsächlich die von Philipp in Gang gesetzten Inquisitionsverfahren und entzieht mit der ihm zur Verfügung stehenden Autorität dem französischen Großinquisitor die Zuständigkeit. Philipp IV. ist konsterniert. Die inhaftierten Templer gibt er dennoch nicht frei. Sie sind sein wichtigstes Pfand. Ein Vierteljahr später, im Mai 1308, treffen sich Papst und König in Poitiers, um die Krise zu entschärfen. Das Ergebnis ist ein Kompromiss: Mögliche Vergehen des Ordens und seiner Führung soll eine Sonderkommission untersuchen, eingesetzt vom Papst. Es ist gleichsam ein gesondertes Inquisitionsverfahren – ein Erfolg für den Pontifex.
BETEN TEMPLER STATT GOTT DEN TEUFEL AN?
Ganz anders aber die Verfahren gegen die einzelnen Ordensbrüder: Sie werden von örtlichen Inquisitionstribunalen unter Aufsicht der Bischöfe und des Großinquisitors wieder aufgenommen. Ein Vorteil für den König.
Denn Frankreichs Bischöfe stehen Philipp näher als dem Papst: Er kann sich auf die Unterstützung der meisten verlassen, nicht wenige wurden auf seinen Vorschlag hin eingesetzt oder sind gar mit ihm verwandt. Ganz besonders gilt diese Nähe für den Erzbischof von Sens, der für Paris zuständig ist – und damit für die meisten Tempelritter-Verfahren (1309 übernimmt Philipp de Marigny, Bruder des königlichen Kämmerers, das Amt; damit ist die Kontrolle des Königs über die Verfahren gesichert).
Für die noch immer eingekerkerten Tempelritter in Frankreich beginnt die Tortur nach der Einigung zwischen Papst und König nun von Neuem. Die Inquisitoren vernehmen sie ein weiteres Mal, viele Beschuldigte gestehen wieder, zermürbt von Kerkerhaft und Folter – obwohl dies ihr Todesurteil sein kann. Denn in der Logik des Inquisitionsverfahrens gilt jeder, der ein Geständnis erst widerrufen und sich unter der Marter dann erneut schuldig bekannt hat, als verstockter Ketzer. Und darauf steht der Feuertod. Anfang 1310 entschließen sich zwei rechtskundige Templer dennoch zum Widerstand. Sie nutzen ein Verhör durch die Sonderkommission, die der Papst zum Ärger des Königs tatsächlich eingesetzt hat, und beteuern abermals ihre Unschuld. Beide erklären, dass dem Orden „unsinnige Dinge“ vorgehalten würden. Alles sei „erlogen, falsch, erfunden“.
Die Geständnisse seien sämtlich erzwungen durch Folter und die Drohung mit dem Scheiterhaufen. Binnen weniger Wochen schließen sich den beiden knapp 600 inhaftierte Ordensleute an und widerrufen erneut. Ein Debakel für den König. Jetzt hat Philipp genug. Mehr als zwei Jahre zieht sich das Verfahren bereits hin. Noch immer ist nichts entschieden, noch immer ist nicht klar, ob die beschlagnahmten Templer-Güter endgültig der Krone zugeschlagen werden.
Der Erzbischof von Sens wird ihm ein williger Helfer und beweist die Durchschlagskraft der Inquisitoren. Am 11. Mai 1310 nimmt er die Verfahren gegen 54 der Templer wieder auf, die ihre Geständnisse zurückgezogen hatten. Nun geht alles ganz schnell: Schließlich hat der Papst den französischen Bischöfen ja das Recht zugestanden, einzelne Ordensbrüder zu richten. Und so verurteilt ein Inquisitionstribunal unter Vorsitz des Erzbischofs die 54 zum Tode, Einspruch ausgeschlossen. Als rückfällige Ketzer werden sie einen Tag später vor den Toren von Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Es sind die ersten vollstreckten Todesurteile der Affäre, und dann gleich in so großer Zahl – ein unmissverständliches Signal.
Auch an anderen Orten sterben Templer den Feuertod. Die beiden Anführer des Widerstands verschwinden einfach aus ihren Kerkerzellen; wahrscheinlich werden sie heimlich ermordet. Der Widerstand der Bruderschaft scheint endgültig gebrochen. Der französische König hat längst alle Argumente auf seiner Seite: Der Orden ist Teufelswerk, wie seine Mitglieder wieder und wieder eingestanden haben.
Die vielen Besitzungen, die ihnen geschenkt wurden, haben sie sich unter Vortäuschung gottgefälligen Tuns erschlichen. In Wahrheit haben sie aber mit ihrem ketzerischen Treiben den Zorn Gottes auf sich gezogen. Deshalb konnten die Heiden sie aus dem Heiligen Land werfen. Wenn der König die Templer in Haft und ihren Besitz in seiner Obhut behält, ist das mehr als gerechtfertigt: Es ist ein Triumph über das Böse.
DER PAPST KANN DEM nur noch wenig entgegensetzen. Als er am 16. Oktober 1311, ein gutes Jahr später, bei Lyon ein Konzil eröffnet – ein Treffen der wichtigsten geistlichen Würdenträger –, das abschließend über Schuld oder Unschuld des gesamten Templerordens befinden soll, geht es ihm nur noch um ein schnelles Ende des Verfahrens. Er will die Bruderschaft auflösen. Aber eines ist ihm im Streit mit dem König wichtig: All das soll unter seiner Oberhoheit ablaufen.
Doch einmal mehr geschieht etwas Unerwartetes. Neun Templer tauchen auf dem Konzil auf, um ihren Orden zu verteidigen. Sie haben sich bis dahin der Verhaftung entziehen können. Clemens ist konsterniert und lässt sie sofort festnehmen. Er fürchtet, seine Pläne zur Auflösung des Ordens und zur Beilegung des Streits mit Frankreichs Herrscher könnten noch einmal durcheinandergeraten. Und die Sorge ist nur zu berechtigt. Denn das Konzil wendet sich gegen ihn. Die Kirchenmänner wollen den Templern Gehör geben, zeigen gar Sympathie für sie. Viele der geistlichen Konzilsteilnehmer, zumal die aus dem Ausland, halten den französischen Monarchen für den wahren Urheber des Skandals. Der Papst beginnt zu schwanken: Soll er die Ritterbrüder verdammen oder ihnen doch zumindest ein faires Verfahren gewähren?
Philipp IV. lässt ihm keine Wahl. Am 20. März 1312 rückt er mit militärischem Gefolge beim Konzil an. Angesichts der Drohkulisse votiert ein vom Papst hastig einberufenes Gremium von Kardinälen nun doch rasch für die Auflösung der Bruderschaft: Am 3. April hebt der Papst den Orden der Tempelritter aufgrund der ketzerischen Verfehlungen seiner Mitglieder offiziell auf. Die Ländereien und Besitzungen überträgt er den Johannitern. Das ist mit Philipp IV. so abgesprochen. Der Monarch bekommt zwar nicht die Ländereien der Bruderschaft überschrieben, so wie er es zu Beginn der Affäre gehofft haben mag. Aber er lässt sich sein Einverständnis für die neue Regelung teuer entlohnen: Sechs Jahre lang erhält er ein Zehntel aller Kircheneinnahmen in Frankreich.
Die Johanniter selbst müssen noch über Jahre sehr hohe Summen an das königliche Schatzamt zahlen – offiziell als Entschädigung für die Prozesskosten gegen die Tempelritter. Das Schicksal der Inhaftierten erscheint nun fast zweitrangig. Geständige Brüder (und auch jene, die man als unschuldig erachtet) erhalten nach dem Willen des Papstes eine lebenslange Pension – aus dem Restvermögen ihres Ordens. Sie finden in Klöstern anderer Bruderschaften Unterschlupf und führen weiter ein zölibatäres Leben. Nahezu im gesamten Abendland geschieht es so. Diejenigen aber, die weiterhin ihre Unschuld beteuern, bekommen die volle Wucht der Inquisition zu spüren. Sie bleiben in ihren Verliesen, vergessen von der Welt.
In einem letzten Akt will Clemens V. die Ordensoberen noch von einem Sonderkonzil aburteilen lassen. Dafür befiehlt er drei Kardinäle nach Paris – ein weiteres Inquisitionsgericht im Namen des Papstes. Das Tribunal ist für den 18. März 1314 anberaumt, und es wird ein kurzer Prozess. Ordensmeister Jacques de Molay und die drei anderen angeklagten Männer sind geständig. Schuldspruch und Strafmaß folgen umgehend: schwere, lebenslange Kerkerhaft.
Doch es gibt noch eine allerletzte Wendung, Großmeister Jacques und Geoffrey de Charnay, der einstige Ordensobere für die Normandie, widerrufen abermals ihre Geständnisse, entrüstet darüber, wieder kein faires Verfahren bekommen zu haben. Das ist zu viel. Umgehend übergibt das Sonderkonzil die beiden Renegaten daraufhin der weltlichen Macht, dem Stadtvogt von Paris und damit dem König. Der zögert nicht und ordnet die sofortige Exekution an. Noch am Abend gehen die Verurteilten „heiter und standhaft“, wie ein Zeitgenosse schreibt, in den Tod, die beiden letzten Opfer der Templerprozesse – verbrannt als Ketzer auf dem Scheiterhaufen.
So endet ein an Verwicklungen überreiches Machtspiel, wie es begonnen hat: mit einer Gewaltdemonstration des französischen Königs. Das Hin und Her der Tribunale und Geständnisse dazwischen, die zahlreichen politischen Geschäfte und Händel – in all dem hatten die Ordensleute vermutlich nie eine echte Chance, war der tragische Ausgang für sie von Anfang an wohl vorherbestimmt. Denn sie waren die perfekten Opfer in einem Skandal, in dem ihre Bruderschaft – einst geschaffen, um die Unversehrtheit des Glaubens und der Kirche zu sichern – zu einem Spielball der großen Politik geriet.
Die Inquisition war seit ihren Gründungsjahren machtvoll geworden, ihr Personal eingespielt und ambitioniert, ihre Beschuldigungen waren von weithin wirksamer, düsterer Kraft. Und so brauchte es nur einen geschickten Taktiker und gewieften Herrscher, der dieses schlagkräftige Instrument für die eigenen Zwecke einsetzte, um es zu etwas gänzlich Neuem zu machen: zu einer tödlichen politischen Waffe.
Verlinkungen:
->
Quellen:
Internetquellen
-> Dieter J. Weiß, Deutscher Orden: Politische Geschichte (Mittelalter), publiziert am 01.03.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Deutscher_Orden:_Politische_Geschichte_(Mittelalter)> (18.01.2026)
-> Dieter J. Weiß, Ritterorden, publiziert am 20.09.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ritterorden> (18.01.2026)
->
Sekundärliteratur
-> Bardow. Dominik: Deutscher Orden. Im Reich der Ordensritter, in: Die Welt der Ritter (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 94) Hamburg 2018, S. 141-145.
-> Klüver, Reymer: Kampf gegen die Templer. Das Ende der Ritter Gottes, in: Die Inquisition (GEO Epoche Jg. 2018, Heft Nr. 89). Hamburg 2018, S. 76-87.
->
Die Benediktiner
Inhaltsverzeichnis
1. Reichsabtei und Fürstentum Prüm
1. Reichsabtei und Fürstentum Prüm
Am Oberlauf des Flusses Prüm in der Eifel gründeten 721 die adelige Dame Bertrada und ihr Sohn Heribert (Charibert) eine Benediktinerabtei und übertrugen ihr Grundbesitz. Diese Gründung scheint keinen Bestand gehabt zu haben, denn 752 und 762 kam es durch die Karolinger zu einer zweiten Gründung.
Schon bei der ersten Gründung wurde dem Kloster umfangreicher Besitz, mit der Bezeichnung „Forestis" übertragen. In diesem Bezirk lagen die späteren Orte Bleialf, Gondenbrett, Sellerich, Winterspelt und der Hof Amelscheid. In unmittelbarer Umgebung des Klosters kamen 762 durch eine große Schenkung Pippins des Jüngeren (714-768, König der Franken 751-768), dem Vater Karls des Großen, weitere erhebliche Güterkomplexe in Klosterbesitz, unter anderem die gesamte „villa" Prüm, die bis dahin nur zur Hälfte dem Kloster zugestanden hatte. Die Kolonisierung und Urbarmachung großer Landstriche im südwestlichen Eifelraum ging maßgeblich auf die Aktivitäten des Klosters innerhalb dieser frühen Schenkungen zurück.
Als karolingisches Reichskloster hatte Prüm im 8. und 9. Jahrhundert eine herausragende Stellung. Einen Höhepunkt bildete das Verhältnis zu Kaiser Lothar I. (geboren 795, Kaiser: 823-855), der 855 in der Abtei starb und hier sein Grab fand.
Das Prümer Urbar, das berühmte Güterverzeichnis von 893, und der spätere Kommentar von 1222 nennen zwar den gesamten Besitz des Klosters, erwähnen aber noch kein abgegrenztes Territorium, da die Verfasser offenbar größeres Gewicht auf die entfernt liegenden Besitzungen als auf die Güter in der Nähe des Klosters gelegt zu haben scheinen.
Zahlreiche Schenkungen und Prekarieverträge vergrößerten im Mittelalter den Besitz des Klosters erheblich. Dieser Besitz erstreckte sich bis zur Maas, bis zum Oberrhein und bis an den Unterlauf des Rheins. Zentrum des Besitzes war die Eifelabtei. Neben dem Fernbesitz, der von Prüm aus verwaltet wurde, bildete sich im näheren Umfeld der Abtei ein geschlossenes Territorium, das immer mehr durch massierten Besitz in sich abgerundet und schließlich im Mittelalter „Fürstentum Prüm" bezeichnet wurde. Wesentliche Bestandteile des Fürstentums waren ein alter Bannforst (ein ursprünglich königlicher Jagdbezirk) des 8. Jahrhunderts und das Kerngebiet des fränkischen Carosgaus. Die Grenze im Westen bildete der Our-Fluss, im Osten streckenweise die Kyll. Bis zum 13. Jahrhundert scheint es der Abtei gelungen zu sein, ihre Landeshoheit über dieses geschlossene Territorium auszubauen.
Das Fürstentum zerfiel deutlich in zwei größere, in sich aber geschlossene Teile. Zwischen beide Teile schoben sich Ortschaften, die zum kurtrierischen Amt Schönecken gehörten und die kleine Herrschaft Fleringen, die bis Ende des 18. Jahrhunderts in Arenberger Besitz war. Die Edelleute von Schönecken, eine Nebenlinie der Grafen von Vianden, besaßen die Vogteirechte im größten Teil des Fürstentums. Schönecken kam 1384 an den Trierer Erzbischof; damit erhielt der Erzbischof die an Schönecken geknüpften Vogteirechte im Prümer Gebiet. Fast zur selben Zeit (1374) konnte der Erzbischof von Trier auch die Rechte an Burg Schönberg erlangen, die an der nördlichen Grenze des Bannforstes lag und die von Prüm lehnrührig war. Damit umklammerte kurtrierer Einfluss die Abtei und ihr Fürstentum.
Mit bedingt durch diese Umklammerung verlor das Fürstentum Prüm seine Selbstständigkeit 1576, als der Trierer Kurfürst nach längeren Streitigkeiten die Abtei einzog und in den Kurstaat Trier inkorporierte. In der Folgezeit sprechen die Quellen nur noch vom Amt oder Oberamt Prüm, das ein Bestandteil des Kurfürstentums Trier wurde. Der Kurfürst von Trier war gleichzeitig Administrator (Verwalter) des Benediktinerklosters.
In einer Beschreibung von 1784 wurde das ehemalige Fürstentum als Amt Prüm bezeichnet. Hauptort des Territoriums war das zentral gelegene Prüm mit Abtei und Stift. Hier führte ein kurtrierischer Amtmann die Aufsicht über 16 Schultheißereien und 6 Zennereien. Die Schultheißereien waren Gerichts- und Verwaltungsbezirke mit jeweils einem Schultheißen und sieben Schöffen. Im so genannten Dauner Hof trug der Schultheiß die Bezeichnung Meier. In den Zennereien war der Bürgermeister oder Zennner / Zendner für die Einziehung der Landessteuern und für die Verkündigung der landesherrlichen Erlasse zuständig. Ein Feuerbuch (Feuerstättenverzeichnis) von 1684 nennt nur 14 Schultheißereien oder Höfe; davon unterstanden vier Höfe der kurfürstlichen Kellnerei Schönberg (Alf, Winterspelt, Sellerich und der Daunische Hof), die restlichen wurden von Schönecken aus verwaltet (Niederprüm, Seffern, Gondenbrett, Schwirzheim, Olsheim, Hermespand, Wallersheim, Wetteldorf, Büdesheim, Rommersheim).
Kurtrier begründete seine Inkorporation 1576 auch mit dem Argument, dass in Prüm die Gefahr der Einführung der Reformation bestünde. Ob dies tatsächlich so gesehen werden kann, ist umstritten. Jedenfalls blieb das Territorium nach der Eingliederung in den Kurstaat katholisch.
Die Abtei gehörte zum Oberrheinischen Kreis und führte eine Stimme im Reichsfürstenrat (Kolleg der Reichsfürsten auf den Reichstagen). Die Größe des Fürstentums oder Amts Prüm wird um 1790 mit rund 39.500 Hektar angegeben.
Das ehemalige Amt oder Fürstentum Prüm wurde 1794 durch französische Revolutionstruppen besetzt, das Kloster 1802 aufgehoben. Durch den Frieden von Lunéville 1801 wurde es zusammen mit den anderen linksrheinischen Territorien dem französischen Staatsgebiet eingegliedert. Es gehörte, zusammen mit Trier, zum Saardepartement, bis es 1815 ein Teil der (ab 1830 so genannten) preußischen Rheinprovinz wurde. Der größte Teil des ehemaligen Fürstentums bildete den Kern des neu gebildeten Kreises Prüm, der bis zur Verwaltungsreform von 1970 Bestand hatte und dann im Landkreis Bitburg-Prüm aufging.
Verlinkungen:
->
Quellen:
Internetquellen
-> Neu, Peter, Reichsabtei und Fürstentum Prüm, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Orte-und-Raeume/reichsabtei-und-fuerstentum-pruem/DE-2086/lido/57d1196426e1a0.41537212 (abgerufen am 31.07.2026)
->
->
Sekundärliteratur
->
->
->