Orden und Klöster

Die Zisterzienser
Inhaltsverzeichnis 

 1. Die Zisterzienserabtei Marienstatt 

 

 1. Die Zisterzienserabtei Marienstatt 

 1. Einleitung 

 Die Ab­tei Ma­ri­en­statt wur­de 1212 von Heis­ter­ba­cher Mön­chen in der Nä­he von Neunk­hau­sen im Wes­ter­wald ge­grün­det. Schon bald muss­te der Stand­ort ver­legt wer­den.  Graf Hein­rich III. von Sayn  und sei­ne Frau  Mecht­hild  stat­te­ten sie gro­ßzü­gig mit Be­sit­zun­gen im Nis­ter­tal aus. Dort­hin über­sie­del­ten die Mön­che und er­rich­te­ten ei­ne der frü­hes­ten go­ti­schen Kir­chen rechts des Rheins. Die Gra­fen von Sayn emp­fan­den sich seit­dem als Schutz­her­ren der Ab­tei, was de­ren Ge­schich­te über Jahr­hun­der­te prä­gen soll­te. Die teil­wei­se hef­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, vor al­lem nach­dem die Gra­fen zum Pro­tes­tan­tis­mus kon­ver­tiert wa­ren, zo­gen sich bis zur Auf­he­bung Ma­ri­en­statts 1803 hin. 1888 wur­de Ma­ri­en­statt als ers­tes Zis­ter­zi­en­ser­klos­ter nach den Ver­bo­ten des „Kir­chen­kampf­s“ von Wet­tin­gen-Meh­rerau aus wie­der­ge­grün­det. Die Ab­tei be­steht noch heu­te und be­treibt das ein­zi­ge hu­ma­nis­ti­sche Gym­na­si­um der Re­gi­on. 

 2. Die Gründung 

 Das ge­naue Grün­dungs­jahr Ma­ri­en­statts ist um­strit­ten. Wahr­schein­lich muss man von Vor­be­rei­tun­gen im Jahr 1212 aus­ge­hen, die dann 1215 in die Tat um­ge­setzt wur­den. Dies ist nicht un­ge­wöhn­lich bei mit­tel­al­ter­li­chen Klos­ter­grün­dun­gen, die sich oft über Jah­re er­streck­ten und ei­nen er­heb­li­chen or­ga­ni­sa­to­ri­schen und nicht zu­letzt auch lo­gis­ti­schen Auf­wand ver­ur­sach­ten. Eben­falls nicht sel­ten war die Ver­le­gung ei­nes Klos­ters an ei­nen an­de­ren als den ur­sprüng­li­chen Grün­dungs­ort. Auch die Ab­tei Heis­ter­bach wur­de kurz nach ih­rer Er­rich­tung vom Berg ins Tal ver­legt und ähn­lich ge­schah auch mit Ma­ri­en­statt. 

 

 

   

 

 Im­mer­hin war der Vor­gang für die Be­tei­lig­ten doch so un­ge­wöhn­lich, dass sie ihn aus­führ­lich in Bild und Schrift fest­hiel­ten. Die so­ge­nann­ten Ma­ri­en­stat­ter Ta­feln sind da­her die wich­tigs­te Quel­le für die Grün­dung der Ab­tei. Das Le­ben in der Neu­grün­dung, so be­rich­ten die Ta­feln in sa­gen­haf­ter Aus­schmü­ckung der Be­ge­ben­heit, sei so be­schwer­lich und ent­beh­rungs­reich ge­we­sen, dass die Mön­che die Rück­kehr in ih­re Mut­ter­ab­tei ge­plant hät­ten. Doch der Abt gab noch nicht auf. Er bat, da er zu al­lem Über­fluss auch noch krank wur­de, um drei Ta­ge Be­denk­zeit, die al­le Mön­che in ge­mein­sa­mem Ge­bet ver­har­ren und die Barm­her­zig­keit Got­tes er­fle­hen soll­ten. Der sich an­bah­nen­de Kon­flikt zwi­schen Abt und Kon­vent über die Fra­ge der Rück­kehr ins Mut­ter­klos­ter wur­de dann tat­säch­lich durch ei­ne Vi­si­on des Ab­tes ge­löst. In ihr ver­sprach die Mut­ter­got­tes Hil­fe und Trost und be­zeich­ne­te dem Abt ei­ne Stel­le im Tal der Nis­ter, an der ein blü­hen­der Wei­ßdorn­zweig zu fin­den sei. Dort sol­le er das neue Klos­ter er­rich­ten. Im tiefs­ten Win­ter mach­ten sich Abt und Kon­vent auf die Su­che und fan­den tat­säch­lich an der vor­her­ge­sag­ten Stel­le den be­sag­ten Wei­ßdorn­zweig. So­mit wur­de die Ver­le­gung Ma­ri­en­statts be­schlos­sen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Teil 1: Die Marienstatter Tafeln (entstanden um 1324/25) enthalten die Gründungslegende der Abtei. Sie sind damit das einzige historiografische Zeugnis für die frühe Geschichte Marienstatts. Sie waren ursprünglich an einer Säule in der Abteikirche angebracht und befinden sich heute im Rheinischen Landesmuseum in Bonn. (LVR Landesmuseum Bonn) 

 

 

 

 

 

 So ein­fach wie es die Grün­dungs­le­gen­de uns glau­ben ma­chen will, war die Ver­le­gung aber nicht. Das ur­sprüng­lich von dem Köl­ner Burg­gra­fen Eber­hard von Arem­berg und sei­ner Frau Adel­heid von Mols­berg ge­grün­de­te und do­tier­te Klos­ter hat­te im Nis­ter­tal kei­nen Be­sitz. Au­ßer­dem lag es in der Erz­diö­ze­se Trier, der neue Stand­ort hin­ge­gen – ob­wohl nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter vom al­ten ent­fernt – in der Erz­diö­ze­se Köln. Es ist da­her wahr­schein­li­cher an­zu­neh­men, Graf Hein­rich III. von Sayn und sei­ne Frau Mecht­hild hät­ten die Ver­le­gung aus ter­ri­to­ri­al­po­li­ti­schen Grün­den be­trie­ben und zu­gleich für die Zu­stim­mung des Trie­rer Erz­bi­schofs zu die­sem Schritt ge­wor­ben. Hein­rich von Sayn stif­te­te zu die­sem Zweck am 27.2.1222 sei­ne Be­sit­zun­gen an der Nis­ter. Der Köl­ner Erz­bi­schof stimm­te der Ver­le­gung noch am sel­ben Tag zu, der Trie­rer nur we­nig spä­ter. 

 Der say­ni­sche Graf konn­te sich von der Ver­le­gung ei­ni­ge Vor­tei­le für sei­ne Lan­des­herr­schaft in die­sem Teil des Wes­ter­wal­des ver­spre­chen. Ma­ri­en­statt dien­te ihm im Zu­sam­men­spiel mit dem ge­gen En­de des 12. Jahr­hun­derts ge­grün­de­ten Ha­chen­burg, das auf dem bes­ten We­ge war, sich zu ei­ner re­gel­rech­ten Stadt zu ent­wi­ckeln, der Fes­ti­gung sei­ner Herr­schaft im Os­ten sei­nes Herr­schafts­ge­bie­tes. Zu­sam­men mit dem welt­li­chen Zen­trum Ha­chen­burg soll­te Ma­ri­en­statt auch dem wei­te­ren Aus­bau und der Er­schlie­ßung des Lan­des die­nen. Mit der Nie­der­le­gung der Burg Nis­ter, die in un­mit­tel­ba­rer Nä­he des neu­en Ma­ri­en­stat­ter Stand­or­tes ge­le­gen war, schuf er ein macht­po­li­ti­sches Va­ku­um, das er mit­hil­fe des Klos­ters zu sei­nen Guns­ten gleich wie­der schloss. 

 Zwar starb die Li­nie der äl­te­ren Gra­fen von Sayn im männ­li­chen Stamm mit Hein­rich III. 1247 aus und das Er­be zer­streu­te sich in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten rasch zwi­schen nach­fol­gen­den Li­ni­en, de­ren Ge­schich­te im Spät­mit­tel­al­ter sehr un­über­sicht­lich wird, aber den­noch gab es im­mer ein en­ge Ver­bin­dung zwi­schen den ge­ra­de re­gie­ren­den Gra­fen von Sayn zu Ma­ri­en­statt. Nach ei­nem an­fäng­lich gu­ten Ver­hält­nis ent­stan­den ab dem 15. Jahr­hun­dert im­mer wie­der Kon­flik­te, die sich ab dem 16. Jahr­hun­dert zu ei­nem Dau­er­streit über die Fra­ge der Stel­lung Ma­ri­en­statts zum Gra­fen­haus ent­wi­ckeln soll­te, und der erst mit dem Aus­ster­ben al­ler Ne­ben- und Sei­ten­li­ni­en be­zie­hungs­wei­se der Auf­he­bung der Ab­tei im Jah­re 1803 en­den soll­te. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Teil 2: Die Marienstatter Tafeln (entstanden um 1324/25) enthalten die Gründungslegende der Abtei. Sie sind damit das einzige historiografische Zeugnis für die frühe Geschichte Marienstatts. Sie waren ursprünglich an einer Säule in der Abteikirche angebracht und befinden sich heute im Rheinischen Landesmuseum in Bonn. (LVR Landesmuseum Bonn) 

 

 

 

 

 

 Doch zu­nächst über­sie­del­ten die Mön­che 1227 an die Nis­ter, nach­dem man dort ei­ni­ger­ma­ßen ge­eig­ne­te – wahr­schein­lich zu­nächst noch pro­vi­so­ri­sche – Ge­bäu­de er­rich­tet hat­te. Um 1246 be­gann man mit dem Bau ei­ner stei­ner­nen Kir­che, für de­ren Er­rich­tung der Graf von Sayn er­neut gro­ßzü­gig spen­de­te. Sie wur­de in meh­re­ren Bau­pha­sen bis An­fang des 15. Jahr­hun­derts fer­tig­ge­stellt, konn­te aber be­reits seit dem 14. Jahr­hun­dert in vol­ler Län­ge ge­nutzt wer­den. Ar­chi­tek­tur­ge­schicht­lich ori­en­tier­te sie sich be­son­ders im Be­reich des Chors an der Kir­che der Mut­ter­klos­ters Heis­ter­bach. Das ein­heit­li­che äu­ße­re Er­schei­nungs­bild könn­te dar­auf schlie­ßen las­sen, dass man sich im Ver­lauf der et­wa 200-jäh­ri­gen Bau­zeit nach den ur­sprüng­li­chen Plä­nen ge­rich­tet hat. Nach dem Ab­schluss der auf­wän­di­gen Re­stau­rie­rungs- und Si­che­rungs­ar­bei­ten im Jah­re 2008 kann ei­ne der be­deu­tends­ten früh­go­ti­schen Kir­chen öst­lich des Rheins wie­der an­ge­mes­sen be­wun­dert wer­den. 

 Nach an­fäng­li­chen Schwie­rig­kei­ten bei der Stand­ort­wahl und Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Ver­wand­ten der Stif­te­rin Adel­heid von Mols­berg ge­dieh die Ab­tei aber gut. Zahl­rei­che Gro­ße der Re­gi­on füg­ten der ur­sprüng­li­chen Aus­stat­tung wei­te­re Be­sit­zun­gen durch Schen­kung hin­zu. Die Ab­tei be­trieb aber auch selbst ei­ne ak­ti­ve Er­werbs­po­li­tik, die durch ge­ziel­ten Kauf oder Tausch dar­um be­müht war, den ei­ge­nen Be­sitz zu ar­ron­die­ren. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Das Wappen der Abtei zeigt den Weißdornzweig, der bei der Verlegung der Abtei in Nistertal eine wichtige Rolle gespielt haben soll. (Fr. Maur Cocheril: La Documentation Cistercienne) 

 

 

 

 

 

 3. Die Ausstattung: Äcker, Wiesen, Wälder, Stadthöfe 

 Wenn­gleich die Ma­ri­en­stat­ter Be­sit­zun­gen in ei­nem geo­gra­phisch ver­gleichs­wei­se eng­um­ris­se­nen Um­kreis, mit Schwer­punk­ten um die Ab­tei selbst,  Ko­blenz  und das Mit­tel­rhein­tal bis Leu­tes­dorf und nörd­lich der Lahn um Dorch­heim (heu­te Ge­mein­de Elb­tal) im Mit­tel­hes­si­schen la­gen, so kann man je­doch kei­nes­falls von ei­nem ar­ron­dier­ten Be­sitz­kom­plex aus­ge­hen. Der Streu­be­sitz mach­te die Ein­hal­tung der zis­ter­zi­en­si­schen Ide­al­vor­stel­lung von der voll­stän­di­gen Ei­gen­wirt­schaft bei gleich­zei­ti­ger Be­ach­tung der Ge­bets- und Got­tes­dienst­zei­ten un­mög­lich und so rich­te­te auch Ma­ri­en­statt Gran­gi­en oder Ei­gen­bau­hö­fe ein. Die­se wa­ren zu­nächst mit ei­nem Mönch oder ei­nem Kon­ver­sen (ei­nem Lai­en­bru­der) als Lei­ter be­setzt. Spä­ter wur­den sie auch häu­fig an ei­nen Ver­wal­ter ver­pach­tet. Die­se Gran­gi­en dien­ten nicht nur als Ei­gen­wirt­schafts­be­trieb, son­dern oft auch als Zen­trum, von dem aus die in der Um­ge­bung lie­gen­den Hö­fe ver­wal­tet und be­treut wur­den. Gran­gi­en be­zie­hungs­wei­se de­ren funk­tio­na­le Äqui­va­len­te be­saß Ma­ri­en­statt in Geh­lert (süd­lich Ha­chen­burg), Met­ter­nich (heu­te Stadt Ko­blenz), Hön­nin­gen (heu­te Bad Hön­nin­gen), Al­ten­klos­ter­hof (ur­sprüng­li­cher Stand­ort der Ab­tei bei Neunk­hau­sen), Ho­hen­sayn (Ge­mein­de Laut­zen­brü­cken), Idel­berg, Ari­en­hel­ler (Ge­mein­de Rhein­brohl) und Dorch­heim. Ei­ni­ge die­ser Hö­fe wa­ren nicht nur mit den für die Land­wirt­schaft nö­ti­gen Ge­bäu­den aus­ge­stat­tet, son­dern bo­ten auch Un­ter­künf­te für ei­ne grö­ße­re Zahl von Mön­chen. Sie wur­den als Her­ber­ge und Aus­weich­quar­tier im Fal­le der Be­dro­hung der Ab­tei ge­nutzt. 

 Ne­ben Be­sit­zun­gen in Form von Äckern, Wie­sen oder Wäl­dern, such­te Ma­ri­en­statt auch ge­zielt in den Städ­ten der Re­gi­on Fuß zu fas­sen. Zu den be­deu­tends­ten Stadt­hö­fen Ma­ri­en­statts zähl­ten die in Ko­blenz, An­der­nach und Köln. Wei­te­re gab es in Sin­zig, Lim­burg und Wetz­lar. Sie dien­ten nicht nur dem Ab­satz der er­zeug­ten Pro­duk­te auf den Markt­plät­zen der Städ­te oder der Nut­zung der Hä­fen für den Fern­han­del, son­dern im Fal­le von An­der­nach und be­son­ders von Ko­blenz als Re­fu­gi­um im Fal­le von Ge­fahr. In­ner­halb der schüt­zen­den Stadt­mau­ern fühl­te man sich nicht nur vor den schwe­di­schen Be­set­zern im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg si­cher, son­dern auch vor dem Gra­fen von Sayn flüch­te­te der Kon­vent mehr­fach in die Stadt­hö­fe. Der Köl­ner Stadt­hof hat­te zu­sätz­lich die Funk­ti­on, den Kon­takt zum Erz­bi­schöf­li­chen Hof nicht ab­rei­ßen zu las­sen, wich­ti­ger war aber mit Si­cher­heit die Be­deu­tung Kölns als Han­dels­platz. Be­zeich­nend ist, dass Ma­ri­en­statt kei­nen Stadt­hof in Trier un­ter­hielt. 

 4. Schulden, Krisen und Konflikte 

 Ver­lie­fen die ers­ten bei­den Jahr­hun­der­te der Ma­ri­en­stat­ter Ge­schich­te in ei­ni­ger­ma­ßen ru­hi­gen Bah­nen, so tra­ten im 15. Jahr­hun­dert erst­mals erns­te­re Pro­ble­me auf. Be­reits 1436 gab es An­zei­chen fi­nan­zi­el­ler Schwie­rig­kei­ten. Man sal­dier­te ei­ne Ge­samt­schuld von et­wa 9.000 Mark. Das Klos­ter be­gann, Be­sit­zun­gen zu ver­kau­fen oder zu ver­pach­ten. 1490 kon­sta­tier­te der Graf von Sayn ei­ne er­heb­li­che Schul­den­last des Klos­ters. Die Kri­se ver­tief­te sich im 16. und 17. Jahr­hun­dert. Die stei­gen­de An­zahl der Ver­leh­nun­gen und Ver­pach­tun­gen von Gü­tern deu­tet dar­auf hin, dass sich Ma­ri­en­statt in ei­ner Pha­se des Struk­turum­bruchs be­fand: weg von der Ei­gen­wirt­schaft, hin zur Ren­ten­wirt­schaft. Der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg tat sein Üb­ri­ges, um die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on zu ver­schär­fen. Erst da­nach ging es wie­der auf­wärts. Bei ih­rer Auf­lö­sung im Zu­ge der Sä­ku­la­ri­sa­ti­on stand die Ab­tei wirt­schaft­lich ge­sund da. 

 Die Gra­fen von Sayn wuss­ten je­den­falls die Si­tua­ti­on Ma­ri­en­statts zu ih­ren Guns­ten aus­zu­nut­zen, denn zu den schwie­ri­ger wer­den­den wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen der Ab­tei ka­men gra­vie­ren­den Pro­ble­me mit der Klos­ter­dis­zi­plin hin­zu. So hat­ten die ers­ten bei­den be­zeug­ten Vi­si­ta­tio­nen durch die Mut­ter­ab­tei Heis­ter­bach in den Jah­ren 1436 und 1452 ne­ben Ver­säum­nis­sen bei der Be­wirt­schaf­tung sol­cher­lei Män­gel fest­ge­stellt. Da ent­spre­chen­de Er­mah­nun­gen sei­tens Heis­ter­bachs und des Erz­bi­schofs nicht fruch­te­ten, wur­de der Graf von Sayn 1457 mit der Durch­füh­rung der Re­for­men be­zie­hungs­wei­se de­ren Über­wa­chung be­auf­tragt. Die Chan­ce, sich in die An­ge­le­gen­hei­ten Ma­ri­en­statts ein­zu­mi­schen und die seit je­her be­an­spruch­ten Herr­schafts­rech­te durch­zu­set­zen, ließ sich das Gra­fen­haus nicht ent­ge­hen. Doch auch ihm ge­lang es nicht, den Kon­vent zu ei­ner grund­le­gen­den Er­neue­rung von Klos­ter­dis­zi­plin und Wirt­schafts­füh­rung an­zu­hal­ten. Nach­dem er be­reits den Or­dens­obers­ten um Un­ter­stüt­zung ge­be­ten hat­te, wand­te sich der Graf so­gar an den Papst und bat ihn,  Ni­ko­laus von Ku­es  mit ei­nem Re­form­auf­trag für Ma­ri­en­statt aus­zu­stat­ten. Da die­ser zu be­schäf­tigt war, um die Re­for­men selbst durch­zu­füh­ren, be­auf­trag­te er sei­ner­seits ei­ne Kom­mis­si­on mit der Durch­füh­rung von Maß­nah­men. Doch die­se spiel­ten den Ball wie­der zu­rück an den Gra­fen, dem sie nun die Ge­walt des welt­li­chen Arms ge­gen die un­ge­hor­sa­men Mit­brü­der ver­lie­hen. 

 Die Si­tua­ti­on war ziem­lich ver­fah­ren, zu­mal nun das zis­ter­zi­en­si­sche Ge­ne­ral­ka­pi­tel den Kon­vent auf­for­der­te, ge­gen die Ein­mi­schung des Gra­fen Wi­der­stand zu leis­ten. Un­ter dem neu­en Abt Fried­rich Schar­nekell ent­spann­te sich das Ver­hält­nis zwi­schen Graf und Kon­vent wie­der et­was, Ma­ri­en­statt schien die Herr­schafts­an­sprü­che des Gra­fen zu ak­zep­tie­ren. Doch der Streit ruh­te le­dig­lich. 1476 wur­den aber­mals gra­vie­ren­de Dis­zi­plin­pro­ble­me fest­ge­stellt und dem Gra­fen er­neut ein Ein­grei­fen in die An­ge­le­gen­hei­ten des Kon­vents ge­stat­tet. Die­ses Mal schei­nen dau­er­haf­te­re Lö­sun­gen ge­fun­den wor­den zu sein, denn es soll­te län­ge­re Zeit ei­ni­ger­ma­ßen ru­hig blei­ben, je­doch auf Kos­ten der Ei­gen­stän­dig­keit Ma­ri­en­statts, die nun nicht mehr un­an­ge­tas­tet war. 

 Doch Mit­te des 16. Jahr­hun­derts flamm­ten die Kon­flik­te zwi­schen Gra­fen­haus und Kon­vent wie­der auf. Wie schon zu­vor ging es ne­ben dem ernst­ge­mein­ten Be­mü­hen, den dis­zi­pli­na­ri­schen und wirt­schaft­li­chen Zu­stand des Kon­vents zu ver­bes­sern, auch die­ses Mal um die Fra­gen der Lan­des­ho­heit über die Ab­tei. In der Zwi­schen­zeit hat­te die Ab­tei ih­ren Kurs ge­gen­über den Ein­mi­schun­gen der say­ni­schen Gra­fen in­so­fern ge­än­dert, als sie Ein­grif­fe und Ein­fluss­nah­me zu­min­dest de fac­to ge­stat­te­te. So fun­gier­ten die Gra­fen als Ver­mitt­ler in Rechts­strei­tig­kei­ten mit Drit­ten oder sie be­zie­hungs­wei­se ih­re Ver­tre­ter nah­men so­gar an Abts­wah­len teil. Durch die Re­for­ma­ti­on än­der­ten sich je­doch die Vor­zei­chen für Ma­ri­en­statt. Denn das Gra­fen­haus war zum Pro­tes­tan­tis­mus kon­ver­tiert und hat­te 1560/1561 die­sen auch in der Graf­schaft ein­ge­führt. Nun wur­de der Kon­flikt zwi­schen Ma­ri­en­statt und den Gra­fen von Sayn auch noch durch die kon­fes­sio­nel­le Dif­fe­renz an­ge­heizt. Die Kon­fes­si­ons­ho­heit des Lan­des­herrn gab den Gra­fen ganz neue Mit­tel in die Hand, die Ab­tei zu­sätz­lich un­ter Druck zu set­zen. 

 Ma­ri­en­statt ver­such­te sich da­ge­gen durch Schut­z­ur­kun­den be­zie­hungs­wei­se Schutz­er­su­chen des Kai­sers und der Erz­bi­schö­fe von Köln und Trier zu wapp­nen, die je­doch oh­ne un­mit­tel­ba­ren Ef­fekt blie­ben. Graf Adolph setz­te das Klos­ter im­mer wie­der mit neu­en Ab­ga­ben und Diens­ten un­ter Druck. 1568 ließ er in ei­nem Hand­streich so­gar das Klos­ter­ar­chiv nach Ha­chen­burg über­füh­ren. Als er aber 1573 ver­such­te, die Ent­schei­dung über die Vor­wür­fe ge­gen die Ab­tei, den 13-jäh­ri­gen Mi­cha­el Bier­baum miss­han­delt zu ha­ben, an sein Ge­richt zu zie­hen, wehr­te sich der Kon­vent und reich­te Kla­ge beim Reichs­kam­mer­ge­richt ein. 

 Da­mit war das Tisch­tuch zwi­schen der Ab­tei und dem say­ni­schen Gra­fen­haus bis zum En­de des Al­ten Rei­ches end­gül­tig zer­schnit­ten. Zwar wur­de auf Druck des Kai­sers 1582 ei­ne Ei­ni­gung er­zielt, die zu­guns­ten Ma­ri­en­statts und sei­ner Ei­gen­stän­dig­keit aus­fiel und die Gra­fen von Sayn in ih­re Schran­ken wies. Doch die­se Re­ge­lung wur­de von den Gra­fen im­mer wie­der über­tre­ten oder igno­riert, so­dass Ma­ri­en­statt da­ge­gen Kla­ge vor dem Reichs­kam­mer­ge­richt oder dem Reichs­hof­rat er­he­ben muss­te. Zwar si­cher­te die­ser Rück­griff auf die höchs­ten Reichs­ge­rich­te auf Dau­er die Un­ab­hän­gig­keit der Ab­tei, weil sich die Gra­fen letzt­lich doch nicht trau­ten oder in der La­ge sa­hen, of­fen ge­gen de­ren An­ord­nun­gen zu ver­sto­ßen, er band aber auch für die­se Zeit die Kräf­te der Ab­tei. Von der Kom­ple­xi­tät der ju­ris­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zeu­gen die er­hal­te­nen um­fang­rei­chen Streit­schrif­ten, die zur öf­fent­li­chen Recht­fer­ti­gung der ei­ge­nen Po­si­ti­on ver­fasst wur­den. Der letz­te Pro­zess war seit 1786 vor dem Reichs­kam­mer­ge­richt an­hän­gig, wur­de dort aber nicht mehr ent­schie­den, denn 1806 wur­de das Ge­richt auf­ge­löst. 

 5. Marienstatt im Dreißigjährigen Krieg 

 Die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on Ma­ri­en­statts hat­te sich noch nicht dau­er­haft ver­bes­sert, als der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg aus­brach. Ma­ri­en­statt war prak­tisch von An­fang an da­von be­trof­fen. Zwar hat­te sich 1619 ei­ne Schwa­dron nie­der­län­di­scher Ka­val­le­rie auf dem Weg nach Böh­men für kur­ze Zeit dort ein­quar­tiert. Sie zog je­doch oh­ne viel Auf­he­ben wei­ter. Die kai­ser­li­chen Trup­pen hin­ge­gen, die 1621 und 1622 den Ge­gen­feld­zug führ­ten und Ma­ri­en­statt als Quar­tier nutz­ten, rich­te­ten er­heb­li­chen Scha­den an und zwan­gen den Kon­vent zur Flucht. Die Ver­wüs­tung der Be­sit­zun­gen und Be­hin­de­rung der Bau­ern bei den Feld­ar­bei­ten durch die Kriegs­par­tei­en tru­gen nicht zur Ver­bes­se­rung der wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on der Ab­tei in die­ser Zeit bei. 1625 wur­de Ma­ri­en­statt ein wei­te­res Mal über­fal­len und ge­plün­dert. Die La­ge spitz­te sich aber erst mit der Be­set­zung durch den schwe­di­schen Be­voll­mäch­tig­ten Gos­win Grim­me rich­tig zu. Der Kon­vent hat­te sich nach Ko­blenz und An­der­nach zu­rück­ge­zo­gen und muss­te hilf­los mit­an­se­hen, wie Grim­me das kur­k­öl­ni­sche Wap­pen ge­gen das schwe­di­sche aus­tau­schen ließ. Der Spuk dau­er­te je­doch nicht lan­gen, denn nach dem Zu­sam­men­bruch der schwe­di­schen Po­si­ti­on am Mit­tel­rhein mit der Schlacht von Nörd­lin­gen 1634 konn­te sich Grim­me nicht mehr lang hal­ten. 

 6. Vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zur Säkularisation 

 Nach dem En­de des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges brauch­te Ma­ri­en­statt ei­ni­ge Jahr­zehn­te, bis es sich von den Fol­gen er­holt hat­te, be­fand sich aber schon En­de des 17. Jahr­hun­derts wie­der in ei­ner so gu­ten Ver­fas­sung, dass man grö­ße­re In­stand­set­zungs- und Um­bau­ar­bei­ten an den Kon­vents­ge­bäu­den durch­füh­ren konn­te. Zwi­schen 1734 und 1751 wur­den die Kon­vents- und Wirt­schafts­ge­bäu­de voll­stän­dig nie­der­ge­legt und im ba­ro­cken Stil neu er­rich­tet. Den Ab­schluss bil­de­te 1754 das Pfor­ten­haus. Da­mit er­hielt Ma­ri­en­statt die äu­ße­re Ge­stalt, die es – ab­ge­se­hen von den Schul­an- und Um­bau­ten – heu­te noch hat. Vom mit­tel­al­ter­li­chen Er­schei­nungs­bild ist le­dig­lich die Ab­tei­kir­che er­hal­ten ge­blie­ben. 

 Sieht man ein­mal von den ver­schie­de­nen Pro­zes­sen vor dem Reichs­kam­mer­ge­richt und dem Reichs­hof­rat ab, die Ma­ri­en­statt nicht nur mit den Gra­fen von Sayn, son­dern auch mit den um­lie­gen­den Ge­mein­den führ­te, ver­lief das 18. Jahr­hun­dert ru­hig und war von ei­ner deut­li­chen wirt­schaft­li­chen Er­ho­lung ge­kenn­zeich­net. Erst die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on soll­te wie­der für Auf­re­gung sor­gen. Der Be­schuss Lim­burgs durch fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen im No­vem­ber 1792 ver­an­lass­te den Abt, das Klos­ter räu­men zu las­sen und den Kon­vent nach Ari­en­hel­ler zu eva­ku­ie­ren. Ein ös­ter­rei­chisch-kai­ser­li­ches Hu­sa­ren­re­gi­ment nahm die Ab­tei auch prompt in Be­schlag, so­dass man erst im Fe­bru­ar 1793 zu­rück­keh­ren konn­te. In den fol­gen­den Jah­ren wech­sel­ten sich kai­ser­li­che und fran­zö­si­sche Trup­pen in der Be­le­gung der Ab­tei ab, die da­durch und durch ge­ziel­te Plün­de­run­gen im Ok­to­ber 1795 gro­ßen Scha­den nahm. 

 Der Kon­vent hat­te kei­ne Zeit mehr, die Schä­den zu be­he­ben, denn am 19.10.1802 er­griff der Fürst von Nas­sau-Weil­burg von Ma­ri­en­statt Be­sitz und lös­te auf der Grund­la­ge der Ver­ein­ba­run­gen des Reichs mit Frank­reich die Ab­tei am 3.1.1803 auf. Am 13.4.1803 wur­de in Ma­ri­en­statt der letz­te Got­tes­dienst ge­hal­ten. 

 7. Die Wiedergründung 

 In den über 80 Jah­ren, die bis zur Wie­der­grün­dung Ma­ri­en­statts als Ab­tei ver­ge­hen soll­ten, wur­den die Klos­ter­ge­bäu­de in viel­fäl­ti­ger Wei­se ge­nutzt. Nach­dem sich die neu­en Lan­des­her­ren zu­nächst um die An­sied­lung von Wirt­schafts­be­trie­ben auf dem Ab­tei­ge­län­de be­müht hat­ten, was von we­nig Er­folg ge­krönt war, stan­den die Ge­bäu­de län­ge­re Zeit leer, be­vor das zum Her­zog­tum auf­ge­stie­ge­ne Nas­sau die Ab­tei zu­rück­kauf­te, um dort ein Al­ten- und Ar­men­heim ein­zu­rich­ten. In der Zwi­schen­zeit war Ma­ri­en­statt dem 1827 ge­grün­de­ten Bis­tum Lim­burg zu­ge­schla­gen und 1831 die Pfar­rei Ma­ri­en­statt ge­grün­det wor­den. 

 Das ge­plan­te Heim wur­de nie ver­wirk­licht, die Ab­tei statt­des­sen 1864 er­neut ver­kauft, und zwar an das neue Lim­bur­ger Bis­tum, das dort nach ei­ni­gen Schwie­rig­kei­ten ei­ne Er­zie­hungs­an­stalt für ver­wahr­los­te Kin­der ein­rich­te­te. Die­se wur­de von den Vä­tern der Kon­gre­ga­ti­on vom Hei­li­gen Geist (Spi­ri­ta­ner) ge­lei­tet. Der Wech­sel Nas­saus un­ter preu­ßi­sche Herr­schaft im Jah­re 1868 und die Ge­setz­ge­bung des so­ge­nann­ten Kul­tur­kampfs, die ins­be­son­de­re ge­gen ka­tho­li­sche Or­den ge­rich­tet war, ver­an­lass­ten die Spi­ri­ta­ner je­doch schon 1873, die Ab­tei wie­der zu ver­las­sen. Erst die schritt­wei­se Zu­rück­nah­me der Maß­nah­men des Kul­tur­kampfs er­öff­ne­te die Ge­le­gen­heit, in Ma­ri­en­statt wie­der Zis­ter­zi­en­ser an­zu­sie­deln. 

 1887 ent­stand bei ei­nem Kur­auf­ent­halt in Bad Wö­ris­ho­fen bei Abt Mau­rus von Wet­tin­gen-Meh­rerau (Ab­ba­ti­at 1878-1893) der Plan, in Deutsch­land wie­der ei­ne Zis­ter­zi­en­ser­ab­tei ein­zu­rich­ten. Aus Ko­blenz stam­mend, konn­te er sich schnell für den Stand­ort Ma­ri­en­statt be­geis­tern und traf auch beim nun­mehr zu­stän­di­gen Lim­bur­ger Bi­schof auf gro­ßes In­ter­es­se. Ganz so schnell, wie sich Abt Mau­rus die Wie­der­be­sied­lung ge­wünscht hat­te, ging die­se doch nicht von­stat­ten, denn zu­vor wa­ren noch fi­nan­zi­el­le und ad­mi­nis­tra­ti­ve Pro­ble­me zu klä­ren. Be­son­ders schwie­rig ent­wi­ckel­te sich die Fra­ge der Staats­an­ge­hö­rig­keit der Mit­glie­der des Grün­dungs­kon­vents, denn im­mer­hin lag Wet­tin­gen-Meh­rerau in Ös­ter­reich und hat­te zahl­rei­che schwei­ze­ri­sche Mön­che. Nach­dem die­se Pro­ble­me ge­löst wa­ren, konn­ten zwölf Mön­che un­ter Lei­tung des Pri­ors Do­mi­ni­kus Wil­li (1844-1913) am 20.8.1888 wie­der in die Ab­tei ein­zie­hen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Das Wappen der Abtei Marienstatt, es kombiniert den Weißdornzweig mit dem Wappen des heiligen Bernhard von Clairvaux. (Abtei Marienstatt) 

 

 

 

 

 

 Nach zu­nächst be­schei­de­nen An­fän­gen ent­wi­ckel­te sich Ma­ri­en­statt aber in der Fol­ge sehr gut. Wil­li, be­reits 1889 zum Abt er­ho­ben, 1898 dann zum Bi­schof von Lim­burg, hat­te ei­ne sta­bi­le Grund­la­ge für die wei­te­re Ent­wick­lung ge­legt. Schon un­ter sei­nem Ab­ba­ti­at gab es zahl­rei­che Plä­ne zur Er­wei­te­rung der Kon­gre­ga­ti­on, des Klos­ter­ver­ban­des, der heu­te als Meh­rer­au­er Kon­gre­ga­ti­on be­zeich­net wird. Kaum ei­ner ließ sich je­doch ver­wirk­li­chen. Wil­li spiel­te auch ei­ne Rol­le bei den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den bei­den Ob­ser­van­zen des Zis­ter­zi­en­ser­or­dens, die schlie­ß­lich zur Ab­spal­tung der Trap­pis­ten im Jah­re 1892 füh­ren soll­ten. 

 Be­reits im neu­en Jahr­hun­dert stand Ma­ri­en­statt wie­der auf so si­che­ren Fü­ßen, dass man die Ab­tei bau­lich er­wei­tern konn­te. 1908 wur­de der Bi­blio­theks­flü­gel er­rich­tet, 1911 nahm die Ob­la­ten­schu­le ih­ren Be­trieb auf. Aus ihr ging nach vie­len wei­te­ren Um- und An­bau­ten so­wie or­ga­ni­sa­to­ri­schen Ver­än­de­run­gen das heu­ti­ge Gym­na­si­um her­vor. Un­ter Do­mi­ni­kus Wil­lis Nach­fol­ger Kon­rad Kolb (1852-1918) wur­de die Fra­ge der Kor­po­ra­ti­ons­rech­te im­mer din­gen­der, denn de­ren Feh­len mach­te es Ma­ri­en­statt un­mög­lich, selb­stän­dig Grund­be­sitz zu er­wer­ben oder zu ver­äu­ßern und an­de­re Rechts­ge­schäf­te zu tä­ti­gen. Stets war man ab­hän­gig von der Mut­ter­ab­tei Wet­tin­gen-Meh­rerau, die bei­spiels­wei­se als Ei­gen­tü­me­rin im Grund­buch ein­ge­tra­gen war. Streit war da­durch vor­pro­gram­miert, der noch da­durch be­feu­ert wur­de, dass Abt Kon­rad oh­ne­hin mit wach­sen­dem Selbst­be­wusst­sein mehr Un­ab­hän­gig­keit von der Mut­ter­ab­tei for­der­te. Die recht­li­chen Fra­gen wur­den 1939 da­durch ge­löst, dass man die Ver­mö­gens­ver­wal­tungs­ge­sell­schaft Ab­tei Ma­ri­en­statt mbH (VVG) grün­de­te, der 1949 end­lich die Grund­stü­cke über­tra­gen wur­den. Die VVG ver­wal­tet bis heu­te die Be­trie­be und das be­weg­li­che Ver­mö­gen der Ab­tei. Sie ist die Hol­ding für al­le an­de­ren klös­ter­li­chen Be­trie­be.  

 8. Marienstatt in zwei Weltkriegen 

 Der Ers­te Welt­krieg be­rühr­te die Ab­tei le­dig­lich in­di­rekt, in­dem Roh­stof­fe und Le­bens­mit­tel knapp wur­den. Auch die Mön­che lit­ten Hun­ger und sa­hen sich – wie spä­ter im Zwei­ten Welt­krieg – ge­zwun­gen, zur Auf­recht­er­hal­tung der Land­wirt­schaft auf kriegs­ge­fan­ge­ne Zwangs­ar­bei­ter zu­rück­zu­grei­fen. Wie­der wur­de die Ab­tei zum La­za­rett um­funk­tio­niert. Nach­dem man auch dies und die re­vo­lu­tio­nä­ren Nach­kriegs­wir­ren un­be­scha­det über­stan­den hat­te, ge­lang es 1927, die Ab­tei Har­de­hau­sen (Stadt War­burg) zu er­wer­ben und mit ei­nem Ma­ri­en­stat­ter Grün­dungs­kon­vent wie­der­zu­be­sie­deln. Da­mit hat­te Ma­ri­en­statt sein ers­tes voll­gül­ti­ges Tochter­klos­ter. Da Har­de­hau­sen aber von An­fang an mit Schul­den be­las­tet war, sa­hen die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ei­nen gu­ten An­satz, die Ent­wick­lung der Ab­tei zu be­hin­dern, was schlie­ß­lich 1938 zu de­ren er­neu­ter Auf­he­bung führ­te. 

 Auch Ma­ri­en­statt selbst hat­te un­ter den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zu lei­den, die nichts un­ver­sucht lie­ßen, um die Ab­tei zu be­hin­dern und die Mön­che zur Auf­ga­be zu be­we­gen. Ma­ri­en­statt muss­te De­vi­sen- und Sitt­lich­keits­pro­zes­se über sich er­ge­hen las­sen, die Schu­le wur­de 1939 ge­schlos­sen und die Ge­sta­po stand des Öf­te­ren vor der Tür. Der Kon­vent ver­folg­te – be­wusst oder un­be­wusst – ei­ne Stra­te­gie der ge­schmei­di­gen An­pas­sung an die Vor­ga­ben des Re­gimes, oh­ne die ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen auf­zu­ge­ben. Der Rück­halt in der ka­tho­li­schen Be­völ­ke­rung er­leich­ter­te es der Ab­tei, den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­le­gent­lich auch ent­ge­gen­zu­tre­ten. 

 An­ders als im Ers­ten Welt­krieg blieb Ma­ri­en­statt dies­mal nicht von di­rek­ten Aus­wir­kun­gen des Kriegs ver­schont. Man be­her­berg­te Aus­ge­bomb­te aus ei­nem Al­ters­heim, war Hilfs- und Aus­weich­kran­ken­haus so­wie Aus­weich­de­pot für die Stadt­bi­blio­the­ken Trier und Düs­sel­dorf so­wie das Rhei­ni­sche Lan­des­mu­se­um Bonn. Von Bom­ben- und Tief­flie­ger­an­grif­fen blieb man weit­ge­hend ver­schont. Der grö­ß­te Scha­den wur­de durch ei­ne ab­ge­stürz­te V2-Ra­ke­te ver­ur­sacht, die le­dig­lich 600 Me­ter von der Ab­tei ent­fernt beim Stall nie­der­ging und die Schei­ben zu Bruch ge­hen ließ. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Eines der frühesten Fotos von Marienstatt zeigt Kirche und Konventsgebäude von der Ostseite im Zustand von vor 1896. (Abtei Marienstatt) 

 

 

 

 

 

 9. Marienstatt seit 1945 

 Un­mit­tel­bar nach Kriegs­en­de konn­te die Schu­le ih­ren Be­trieb wie­der auf­neh­men. Be­reits am 18.10.1945 er­hielt man die Ge­neh­mi­gung zur Wie­der­er­öff­nung. Sie wur­de in den 1950er und 1960er Jah­ren für die Ab­tei zur wich­tigs­ten Auf­ga­be, be­son­ders nach­dem 1971 die Land­wirt­schaft nach an­nä­hernd 800 Jah­ren auf­ge­ge­ben wor­den war. Die Schu­le, die bis 1982 noch ein an­ge­glie­der­tes In­ter­nat hat­te, hat heu­te et­wa 900 Schü­ler. Aus ei­ner rei­nen Ob­la­ten­schu­le für ka­tho­li­sche Jun­gen ent­wi­ckel­te sich ein voll­gül­ti­ges Gym­na­si­um für Jun­gen und Mäd­chen al­ler Kon­fes­sio­nen. 

 Zu den gro­ßen Kraft­an­stren­gun­gen der letz­ten Jah­re ge­hör­te die Re­no­vie­rung und Re­stau­rie­rung der Ab­tei­kir­che. Sie er­streck­te sich über mehr als 20 Jah­re und wur­de erst 2008 voll­endet. In Rhein­land-Pfalz gilt die Re­no­vie­rung auch we­gen der Me­tho­dik der In­stand­set­zung und der Ver­wen­dung nach­ge­stell­ter his­to­ri­scher Ma­te­ria­li­en als Jahr­hun­dert­pro­jekt. 

 

 

 Verlinkungen: 

 -> Hillen, Christian, Die Zisterzienserabtei Marienstatt, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-zisterzienserabtei-marienstatt/DE-2086/lido/5df297991633f3.51637963 (abgerufen am 19.10.2025) 

 

 Quellen: 

 Internetquellen 

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 Sekundärliteratur 

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Ritterorden
Inhaltsverzeichnis 

 

 Deutscher Orden: Politische Geschichte (Mittelalter) 

 Ritterorden 

 Deutscher Orden. Im Reich der Ordensritter.  

 Kampf gegen die Templer. Das Ende der Ritter Gottes. 

 

 

 

 

 1.  Deutscher Orden: Politische Geschichte (Mittelalter) 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Ein Deutschordenspriester in der Tracht nach den Statuten des Jahres 1606. (Foto: Josef Zink, auch in: Kunstsammlungen des Bistums Regensburg u. Diözesanmuseum Regensburg [Hg.], Ratisbona Sacra, Regensburg 1989, 461) 

 

 

 Ein Deutschordensritter in der Tracht nach den Statuten des Jahres 1606. (Foto: Josef Zink, auch in: Kunstsammlungen des Bistums Regensburg u. Diözesanmuseum Regensburg [Hg.], Ratisbona Sacra, Regensburg 1989, 461) 

 

 

 

 

 von Dieter J. Weiß 

 Seit 1190 im Heiligen Land entstandener Ritterorden, der den Schwerpunkt seiner Tätigkeit ab dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts über Siebenbürgen nach Preußen und ins Baltikum verlagerte. Dort baute er einen eigenen Staat unter der Leitung des Hochmeisters auf. Der Deutsche Orden verfügte im römisch-deutschen Reich, wo er dem Deutschmeister unterstand, über eine breite Besitzbasis und spielte auch in der Reichspolitik eine bedeutende Rolle. Ein besonderes Zentrum des Ordens bildete Franken, wo sich die territoriale Machtbasis des 1494 in den Reichsfürstenstand erhobenen Deutschmeisters konzentrierte. 1525 verlor der Deutsche Orden nicht nur Preußen, sondern war in Franken massiv vom Bauernkrieg betroffen, bei dem auch die Residenz des Deutschmeisters Horneck zerstört wurde. 

 Die Gründung 

 Im Verlauf des dritten Kreuzzuges richteten 1190 Kaufleute aus Bremen und Lübeck vor Akkon ein Feldspital ein, aus dem der Deutsche Orden hervorging. Die Brüder mit Mönchsgelübden widmeten sich der Betreuung erkrankter Pilger und verwundeter Kreuzfahrer. 1199 verlieh Papst Innozenz III. (reg. 1198-1216) dem Orden die Johanniterregel für die Kleriker. Für die Ritter und Brüder, die ihre Aufgabe im Kampf gegen die Feinde des Glaubens sahen, bestimmte er die Templerregel . 

 Noch vor dem Verlust der christlichen Bastionen im Heiligen Land übernahm der Deutsche Orden nicht nur Stützpunkte zur Rekrutierung von Geld und Mannschaften, sondern auch neue Aufgaben fern des Heiligen Landes. Dabei konnte er sich der Unterstützung Kaiser Friedrichs II. (reg. 1212-1250) und der ihm besonders verbundenen Dynasten- und Ministerialengeschlechter erfreuen. Der Gesamtorden stand unter der Leitung des Hochmeisters, der bis 1291 im Heiligen Land, kurzfristig in Venedig und ab 1309 (bis 1457) auf der Marienburg (heute Polen) residierte. Dort baute er den Staat des Deutschen Ordens, ein wirtschaftlich starkes und wohlorganisiertes Staatswesen, in Preußen aus. 

 Der Deutsche Orden im Reich während des 13. Jahrhunderts 

 Territorien und Besitz im römisch-deutschen Reich waren aus einer Vielzahl von Schenkungen der staufischen Herrscher, des Adels und der Reichsministerialität durch die Übertragung geistlicher Institute sowie durch Zukäufe erwachsen. Sie stellten sich entsprechend disparat dar. Die Stifter sprach die Verbindung des ritterlichen Elements mit dem Gedanken christlicher Nächstenliebe besonders an. Die meisten Gründungen erfolgten auf altem Reichsgut in königsnahen Landschaften. Das Stiftungsgut konnte aus Spitälern , Pfarreien , aufgelassenen Klöstern, Reichsgut, adeligen Lehen und Allodien bestehen. 

 Der Zweig des Deutschen Ordens im römisch-deutschen Reich stand unter der Leitung des erstmals 1235 genannten Deutschmeisters. 13 Balleien (Ordensprovinzen) entstanden im Laufe des 13. Jahrhunderts: Thüringen, Sachsen, Lothringen, Marburg, Westfalen, Utrecht, Biesen und Franken; die Balleien Koblenz, Böhmen, Österreich, Bozen (Land an der Etsch und im Gebirg) und Elsaß-Burgund entwickelten sich zu Kammerballeien des Hochmeisters. 

 Verbindung zu Kaiser Ludwig dem Bayern 

 

 

 

 

 Schloss Ellingen, um 1844. Stich von Johann Poppel (1807-1882) nach einer Zeichnung von Carl August Lebschée (1800-1877). ( Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-002023 ) 

 

 

 

 

 Auf die Aufbauphase des 13. Jahrhunderts folgte eine Zeit der Konsolidierung, der Sicherung des Besitzes, der gezielten Gütererweiterung und der Versuche, Herrschaftsrechte zu erwerben. Der fränkische Landkomtur (Leiter einer Ballei) und spätere Deutschmeister Konrad von Gundelfingen (reg. 1311-1324; 1324-1328/29) führte den Orden in enge Gefolgschaft des Herrschers. Begleitete er schon Heinrich VII. (reg. 1308-1313) auf dessen Romzug, so wurde er unter Ludwig dem Bayern (reg. 1314-1347) zu einem einflussreichen Ratgeber des Königs . Er unterstützte dessen Politik auch noch, als sie zur schroffen Frontstellung der Kurie geführt hatte. Auch Deutschmeister Wolfram von Nellenburg (reg. 1331-1361) ist im Rat Kaiser Ludwigs nachweisbar. Der Komtur von Donauwörth und Ulm Heinrich von Zipplingen (reg. 1329-1346) engagierte sich ebenfalls im Reichsdienst und vertrat den König auf mehreren Auslandsgesandtschaften. 

 Dem Einfluss dieser Ordensritter sind der Ausbau Mergentheims und (Wolframs-)Eschenbachs zu Ordensstädten sowie die Begabung Ellingens und Virnsbergs mit dem Hochgericht zu verdanken. Die Kumulation von Stadt-, Markt- und Gerichtsrechten legte die Basis für die Territorialisierung des Ordensbesitzes in Franken . 

 Die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts 

 Auch wenn der Orden im Reich die Politik Ludwigs des Bayern unterstützt hatte, fand er nach dessen Tode sofort Zugang zu Karl IV. (reg. 1346-1378). Noch im November 1347 erreichten Wolfram von Nellenburg und der fränkische Landkomtur Burggraf Berthold von Nürnberg (reg. 1345-1349; 1351-1365 Bischof von Eichstätt ) die Bestätigung der Ordensprivilegien. 

 In der Mitte des 14. Jahrhunderts traten auch im Deutschen Orden krisenhafte Symptome auf. Nur undeutlich zeigt dies der Versuch des ehemaligen Ellinger und nunmehrigen Aichacher Komturs Albrecht von Paulsdorf (1350/51), im Jahr 1351 die Häuser der wittelsbachischen Herzogtümer in einer eigenständigen Ballei Bayern zu organisieren. In der anschließenden Konsolidierungsphase wurde der Mergentheimer Komtur Philipp von Bickenbach (reg. 1352-1357), der Karl IV. auf dessen Romzug begleitet hatte, zur führenden Persönlichkeit in der Ballei Franken, ab 1358 als Landkomtur und von 1361 bis 1375 als Deutschmeister. Dabei stützte er sich besonders auf Mergentheim, das sich zum Zentrum des Einflussbereichs des Deutschmeisters entwickelte. 

 Belastungen brachte der aus vielen Einzelaktionen bestehende Städtekrieg . In Mergentheim musste der Orden 1380 seine Position als Stadtherr gegen die aufbegehrende Bürgerschaft verteidigen. Die Reichsstädte Nördlingen und Windsheim gingen mit Gewalt gegen Ordensbesitzungen vor, Rothenburger Bürger zerstörten die Burg Archshofen . Die daraus resultierenden finanziellen Belastungen konnten 1388 nur durch einen Kredit des Hochmeisters, dem dafür durch den Deutschmeister die Ballei Elsaß-Burgund verpfändet wurde, aufgefangen werden. Die Regierungszeit König Wenzels (reg. 1376-1400, gest. 1419) bedeutete eine Phase der Stagnation, geprägt vom raschen Wechsel der Deutschmeister und Landkomture. 

 Das Verhältnis zwischen Hochmeister, Deutschmeister und Ballei Franken 

 Der Ellinger Komtur und Landkomtur Konrad von Egloffstein (reg. 1392-1396, gest. 1416) wurde von 1396 bis 1416 Deutschmeister und Vertrauter König Ruprechts von der Pfalz (reg. 1400-1410). Während sich die Deutschmeister auf Franken als ihre reale Machtgrundlage zurückzogen, gewannen die Belange des Gesamtordens an Bedeutung für diese Ballei. Da die Ordensoberen an die Territorialisierung ihrer jeweiligen Besitzungen gingen, führte dies angesichts der Auflösung der ursprünglichen Ordensidee zu Konflikten. 

 Die Niederlage des Ordensaufgebots 1410 bei Tannenberg (heute Stębark in Masuren, Polen) gegenüber der polnisch-litauischen Übermacht bedeutete eine Zäsur, auch wenn im Ersten Frieden von Thorn (1411) der Besitzstand des Ordens gewahrt werden konnte. Der Hochmeister forderte Hilfe für sein bedrohtes Staatswesen vom Orden im Reich. Trotz anfänglichen Widerstands finanzierte die Ballei Franken 1419 neuerliche Kriegsvorbereitungen gegen Polen mit über 4.000 Gulden, die das Haus Nürnberg für den Verkauf seiner Rechte innerhalb der Stadtmauern erhalten hatte. 

 Unter Hochmeister Paul von Rusdorf (reg. 1422-1441) verschärfte sich der Konflikt mit dem deutschen Zweig, der sich nur gegen Erstattung seiner Unkosten zur Besiegelung des Friedens vom Melno-See (1422) mit Polen bereit fand. 1437 brachte Deutschmeister Eberhard von Seinsheim (reg. 1420-1443) angeblich vom Hochmeister Werner von Orseln (reg. 1324-1330) erlassene Statuten ins Spiel, die dem Deutschmeister ein Aufsichtsrecht über den Hochmeister zubilligten. Hochmeister Konrad von Erlichshausen (reg. 1441-1449) erkannte zwar die umstrittenen Gesetze an, verhinderte aber ihre Aufnahme in die reformierten Statuten. Diese Auseinandersetzung bedeutete einen weiteren Schritt der Entfremdung zwischen dem Hochmeister, den man im Reich nur noch als Repräsentanten des Staates Preußen sah, und dem deutschen Ordenszweig. 

 Die fränkischen Komture dominierten auf Grund ihrer Wirtschaftskraft den Ordenszweig im Reich und die Wahl der Deutschmeister. Das Mergentheimer Kapitel von 1444 band den Deutschmeister verfassungsmäßig an die aus dem Landkomtur und den Komturen der Ballei Franken gebildete Korporation der Ratsgebietiger (Beratungsgremium der genannten Komture). Der Deutschmeister hatte sich damit auf seine reale Machtgrundlage zurückgezogen. 

 Mit dem Ausbruch des Dreizehnjährigen Krieges (1454-1466) zwischen dem Orden in Preußen und Polen mit dem preußischen Bund wurde die Ballei Franken herangezogen, um die Politik des Hochmeisters zu unterstützen. Ordensritter leisteten Heerfolge; die Kommenden Archshofen und Obermässing wurden verkauft, um die Schulden zu vermindern. Im Zweiten Frieden von Thorn (1466) musste der Hochmeister den König von Polen als sein Oberhaupt anerkennen. 

 Reformanstrengungen 

 In der Mitte des 15. Jahrhunderts erlebte der Deutsche Orden Reformbestrebungen , die auf den wirtschaftlichen Aspekt konzentriert blieben. Mit der Christianisierung Litauens und damit dem Ende des Heidenkampfes am Ende des 14. Jahrhunderts und dem Zurücktreten des Spitalwesens hatte er sich von seiner ursprünglichen Bestimmung entfernt. Seine geistliche Dimension beschränkte sich weitgehend auf die Betreuung von Pfarreien durch den Priesterzweig des Ordens. Der Orden im Reich machte als "Spital des deutschen Adels" den Versorgungsgedanken zu seiner Existenzrechtfertigung. 

 Im Auftrag des Hochmeisters wurde 1451/1452 in den Balleien des deutschen Gebiets eine Visitation durchgeführt. Die Visitatoren sollten die Einhaltung der Ordensregel und die Abhaltung der Gottesdienste überprüfen. Erhalten ist nur eine Namensliste der Ritter- und Priesterbrüder. 

 Der Prager Friede von 1463, der den Fürstenkrieg beendete, ermöglichte eine ungestörte Entwicklung der Deutschen Häuser in Franken. Unter Landkomtur Melchior von Neuneck (reg. 1463-1491) nahmen Ellingen und Nürnberg großen Aufschwung. Der Besitz des Ordensamtes Nördlingen im Ries konnte durch Ankäufe erweitert werden. Dahinter stand das Bemühen, den Kernbesitz zu arrondieren. Im Jahr 1494 belehnte König Maximilian I. (reg. 1486/93-1519) den Deutschmeister mit den Reichsregalien und erkannte ihn als Reichsfürst an. 

 Existenzkrise 1525: Der Verlust Preußens und der Bauernkrieg 

 

 

 

 

 Markgraf Albrecht von Brandenburg als Hochmeister des deutschen Ordens. Abb. eines Steindenkmals aus: Stillfried-Alcantara, Rudolf Maria Bernhard von: Kloster Heilsbronn, Berlin 1877. ( Bayerische Staatsbibliothek, 4 Bavar. 1773 o ) 

 

 

 

 

 1510 wurde Markgraf Albrecht von Brandenburg (reg. 1510-1525, Herzog von Preußen 1525-1568), Sohn des Markgrafen Friedrich IV. von Ansbach-Kulmbach (reg. 1486-1515, gest. 1536), zum Hochmeister berufen. Der Krieg von 1519 bis 1521 gegen Polen brachte für den Orden zusätzliche Belastungen. Die Situation wurde verschärft durch die Reformation und das Sendschreiben Martin Luthers (1483-1546) von 1523 "An die Herrn deutschs Ordens, daß sie falsche Keuscheit meiden, und zur rechten ehelichen Keuscheit greifen". Darin forderte er sie zum Bruch der Ordensgelübde und zur Eheschließung auf. Für ihren Unterhalt schlug er vor, den Ordensbesitz zu säkularisieren. 

 Zum Jahresende 1524 erkannte Hochmeister Albrecht die reichsrechtlich seit 1494 fundierte Selbständigkeit des Deutschmeisters an. Schließlich glaubte Albrecht von Brandenburg, seine Stellung als Landesherr nur durch den Bruch der Ordensgelübde und die Übertragung Preußens als Lehen an die Krone Polens retten zu können. Am 8. April 1525 verließ er den Orden, unterschrieb den Friedensvertrag mit König Sigismund von Polen (reg. 1506-1548) und ließ sich mit dem nunmehrigen Herzogtum Preußen belehnen. Der im Reich wie in Livland (bis 1561) fortbestehende Deutsche Orden erkannte diesen Akt nie an. In dieser Frage verlor er den Sinn für die politischen Realitäten, die markiert wurden durch die Einwurzelung des Protestantismus in Preußen, den Willen der Stände und die schwache Position des Kaisers. Noch gegen die preußische Königskrönung 1701 legte der Deutsche Orden Protest ein. 

 Auch der Bauernkrieg brach in diesem Schicksalsjahr 1525 aus. Die Aufständischen überrannten den Ordensbesitz an Tauber und Neckar. Die Residenz des Deutschmeisters, Horneck, und dessen Archiv gingen in Flammen auf. Die Landkommende Ellingen konnte dank der Besatzung des Ansbacher Schirmherren gehalten werden; die Ordenshäuser in den Reichsstädten mussten meist deren Bürgerrecht annehmen. Schließlich unterdrückte der Schwäbische Bund den Bauernaufstand. 

 Die Sicherung des Fortbestandes 

 Der Orden war als geistliche Korporation wie als feudale Institution von den Sprengkräften der Reformation, der Territorialisierungspolitik der Reichsfürsten und dem Bauernaufstand besonderen Gefahren ausgesetzt. Der Verlust Preußens raubte ihm einen wesentlichen Teil seiner Existenzberechtigung. Die Leitung des Gesamtordens übernahm 1527 der Deutschmeister als Administrator des Hochmeisters, der seine Residenz von der Horneck nach Mergentheim verlegte. Der Orden konnte seine Position nur durch enge Anlehnung an den Kaiser behaupten. Die Ritter hielten am Fortbestand des Ordens als adelig-ständischer Korporation fest. 

 Archivsituation und Forschungsstand 

 Die Archivalien sind zwischen dem Deutschordenszentralarchiv Wien (Zentralüberlieferung) und den Nachfolgestaaten, dem Staatsarchiv Ludwigsburg für Württemberg und dem Staatsarchiv Nürnberg für Bayern aufgeteilt. Während für die Ordensgeschichte des Mittelalters in Preußen wie in der Ballei Franken neuere Darstellungen vorliegen, bilden das Amt des Deutschmeisters und die Entwicklung der einzelnen Kommenden wie Nürnberg oder Ellingen Forschungsdesiderate. 

 

 2. Ritterorden 

 

 Wappen des Deutschordens-Hochmeisters Wolfgang Schutzbar gen. Milchling (gest. 1566). Das Hochmeisterkreuz (Lilienkreuz), als Herzschild der Reichsadler, bildet vier Felder, die das Deutschordenskreuz, zweimal das Wappen der Schutzbar und eine Prälatenmütze enthalten. (BSB Cod.Icon. 308, fol. 57) 

 

 

 Wappen des Johanniterordens. Die Bezeichnung "Rhodensis" nimmt auf den Sitz des Ordensgroßmeisters auf Rhodos (bis 1522) Bezug. (BSB Cod.Icon. 269, fol 1). 

 

 

 Auch Wittelsbacher waren Mitglieder des Ordens vom Goldenen Vlies. Das Blatt (ca. 1530) zeigt das Wappen der Wittelsbacher umgeben von einer Collane des Ordens. Konkret geht es um Kurfürst Friedrich II. von der Pfalz (reg. 1544-1556), der 1515 Ordensmitglied wurde. (BSB Cod.Icon. 391 fol. 68 r) 

 

 

 Titelblatt aus dem Bruderschaftsbuch des Hubertusordens, angelegt um 1500. (BSB Cod.Icon. 318, VS) 

 

 

 Prinz Carl von Bayern (1795-1875) als Großprior des St. Georg-Ritterordens, zusammen mit einem Kandidaten und einem Ritter. (BSB Porträt- und Ansichtensammlung) 

 

 

 Ritter vom Hl. Grab bei der Beerdigung des Münchner Erzbischofs Joseph Kardinal Wendel (1901-1960). In der Mitte der ersten Reihe Alois Hundhammer (1900-1974). (BSB Fotoarchiv Fruhstorfer) 

 

 von Dieter J. Weiß 

 Ritterorden, deren Ideal der "monachus et miles" (Mönch und Ritter) war, entstanden erstmals im Hochmittelalter im Rahmen der Kreuzzüge im Heiligen Land, auf der Iberischen Halbinsel und im Baltikum (u. a. Templer, Johanniterorden, Deutscher Orden). Die Orden errichteten bald auch Stützpunkte in den Herkunftsländern der Kreuzfahrer und schufen sich so eine Basis für die Zeit, als ihr ursprüngliches Ziel, der Kampf gegen die Heiden, zunehmend zurücktrat und sie zu Versorgungseinrichtungen für den Adel wurden. Gleichwohl blieb das Ideal lebendig und inspirierte immer wieder dazu, Orden neu zu gründen. So entstanden im Spätmittelalter auf fürstliche Initiative hin höfische Ritterorden, die mit Dynastien verbunden waren und einen Kern des sich entwickelnden Hofadels bildeten (z. B. Orden vom Goldenen Vlies in Burgund, Schwanenorden der Hohenzollern). Auch im 18. und 19. Jahrhundert wurden Ritterorden gegründet oder wieder belebt, wie die bayerischen Hausritterorden St. Georg und St. Hubertus oder der Ritterorden vom Hl. Grab. Die alten Orden überstanden sowohl die Reformation als auch die Säkularisation. Während sie in der Frühen Neuzeit teilweise noch im Kampf gegen die Türken die alten Aufgaben wahrnahmen, entwickelten sie sich im 19. und 20. Jahrhundert zu Trägern sozialer Einrichtungen. 

 Die Entstehung 

 Die Kreuzzüge, die nach dem Aufruf Papst Urbans II. (reg. 1088-1099) im Jahr 1095 zur Befreiung des Heiligen Grabes in Jerusalem geführt wurden, gehören zu den innovativen Ereignissen der abendländischen Geschichte. In ihrem Zuge kam es mit der Entstehung der Ritterorden zu einer Umprägung des klassischen, von Askese und Kontemplation bestimmten Mönchsideals. Romanische Ritter scharten sich 1119 zur Regierungszeit König Balduins II. von Jerusalem (reg. 1118-1131) um Hugo von Payns (gest. 1137/38) zu gemeinsamem Leben nach Art der Regularkleriker. Gleichzeitig widmeten sie sich dem bewaffneten Schutz der Jerusalempilger. Den Namen Templer empfingen sie vom sog. Tempel Salomons ("templum Salomonis") in Jerusalem. Die Verbindung von geistlichem Leben nach den evangelischen Räten und Kampf sprengte die mittelalterliche Ständeordnung. Der hl. Bernhard von Clairvaux (gest. 1153) errang für sie mit seiner Rechtfertigungsschrift "De laude novae militiae" (1128) allgemeine Anerkennung und entwickelte das Ideal vom "monachus et miles" (Mönch und Ritter). Damit war das Fundament eines Ritterordens entstanden. 

 Als der Gemeinschaft, welche das Spital des Heiligen Johannes von Jerusalem betreute, herrschaftliche Rechte und militärische Aufgaben zugewachsen waren, bildete sich ab etwa 1113 mit den Johannitern ein weiterer Ritterorden. Auch der Dritte der großen Ritterorden entstand im caritativen Bereich. Aus einem Feldspital vor Akkon ging 1190 der Deutsche Orden hervor. 1199 verlieh ihm Papst Innozenz III. (reg. 1198-1216) die Johanniterregel für die Kleriker; für die Ritter und Brüder, die ihre Aufgabe im Kampf gegen die Feinde des Glaubens sahen, bestimmte er die Templerregel. 

 Neben Aufgaben im sozialen Bereich beteiligten sich die Mitglieder der Ritterorden bald an Kämpfen und bauten umfangreiche weltliche Herrschaften im Heiligen Land auf. Päpstliche Privilegien sicherten ihren Status als Orden. Noch zu Zeiten der Kreuzzüge übernahmen sie aber in Europa nicht nur Stützpunkte zur Rekrutierung von Geld und Mannschaften, sondern auch neue Aufgaben. Besonders heimgekehrte Kreuzfahrer stifteten reiche Besitzungen. Entscheidend dafür dürfte der Wunsch gewesen sein, von den umfangreichen geistlichen Privilegien der Ritterorden, Ablässen und der Erlaubnis der Sakramentenspendung bei allgemeinem Interdikt profitieren zu können. 

 Die Ritterorden im Abendland 

 Ritterorden hatten sich ebenfalls auf der Iberischen Halbinsel gebildet, wo sie sich bei der Rückdrängung der moslemischen Herrschaft (Reconquista) engagierten: Calatrava (1157/87), Évora (Avis) (1166/76), Santiago (1170), Alcántara (1176). In Portugal übernahm der 1319 päpstlich bestätigte Christusorden die Nachfolge der Templer, in Aragón der Orden von Montesa. 

 Mit dem Ende der christlichen Herrschaft im Heiligen Land (1291) verloren die Ritterorden einen wesentlichen Teil ihrer ursprünglichen Aufgabenstellung. Der Reichtum des Templerordens weckte die Begehrlichkeit König Philipps IV. von Frankreich (reg. 1285-1314) und führte zur Auflösung des Ordens durch Papst Clemens V. (reg. 1305-1314) am 3. April 1312. 

 Der Johanniterorden kämpfte von seinem neuen Sitz auf Rhodos (1309-1522) aus noch an der Türkenfront, doch gelang es ihm im ausgehenden Mittelalter zumindest im römisch-deutschen Reich nicht mehr, daraus ausreichende Unterstützung für seine Niederlassungen zu ziehen. Der Deutsche Orden hatte seinen Sitz 1208 nach Preußen verlegt, doch verlor er nach der Christianisierung der benachbarten Völker im 14. Jahrhundert seine Aufgabenstellung im Heidenkampf. In ihm gingen der Schwertbrüderorden (1202) und der Orden von Dobrin (1228) auf. 

 Wirtschaftlicher Verfall und weitgehender Rückzug aus dem Spitalwesen waren Johannitern und Deutschem Orden seit dem 14. Jahrhundert gemeinsam - ebenso wie das Bemühen, durch meist zaghafte Reformversuche dagegen anzugehen. Die Ritterorden entwickelten sich zum "Spital des Adels", wie der Blick auf die Mitgliederstruktur verdeutlicht: Die führenden Ordensmitglieder rekrutierten sich aus Adelsfamilien . Die Ritterorden boten ihnen eine Möglichkeit standesgemäßen Lebens im geistlichen Gewande. Es gab unterschiedliche Arten der Mitgliedschaft: Ritterbrüder, dienende Brüder, Priester und Schwestern. Für das 13. und 14. Jahrhundert scheint nur die Fähigkeit zu ritterlicher Lebensführung für die volle Mitgliedschaft erforderlich gewesen zu sein. Erst im Laufe des 15. Jahrhunderts verdichtete sich die ständische Abschließung . Das Spätmittelalter bedeutete für die verbliebenen Ritterorden eine Zeit der Besitzstandwahrung, des Zurücktretens des Spitalwesens und einer Betonung des Versorgungsgedankens für den Adel. 

 Deutscher Orden und Johanniter im heutigen Bayern 

 Die größte Dynamik in Franken, Schwaben und Bayern entfaltete der Deutsche Orden . Obwohl er erst nach den Templern und Johannitern Besitzungen im römisch-deutschen Reich erhalten hatte, überflügelte er diese bald. Auffällig ist dies in den Städten, wo Johanniter und Deutscher Orden über Niederlassungen verfügten, wie in Regensburg , Würzburg , Mergentheim und Rothenburg . 

 Deutscher Orden und Johanniter hatten ihre Besitzschwerpunkte in der alten terra imperii (Reichsland) am Main und seinen Zuflüssen, wo die Hochstifte und die Reichsministerialität Macht und Einfluss hatten behaupten können. Dagegen konnten die Ritterorden in den weltlichen Fürstentümern wie im Herzogtum Bayern kaum Fuß fassen. 

 Strukturelle Gründe für die höhere Attraktivität des Deutschen Ordens lassen sich nicht nachweisen. So verfügten die Johanniter durch Schenkung Alberts von Hohenlohe in Mergentheim seit 1208 über die Pfarrei und wurden trotzdem vom Deutschen Orden überflügelt. Auch in Rothenburg übertraf der Deutsche Orden als Inhaber der Pfarrei die über ein halbes Jahrhundert ältere Johanniterkommende an Bedeutung. Mit dem Eintritt mehrerer Angehöriger des Hauses Hohenlohe in den Deutschen Orden 1219 wandte sich die Unterstützung dieses Geschlechtes ganz dem Deutschen Orden zu. Sicher war es die Förderung, die dieser Orden durch Kaiser Friedrich II. (reg. 1212-1250) erfuhr, eventuell auch das deutsche Übergewicht (anders als bei den Templern und Johannitern), die ihn attraktiver als seine älteren Konkurrenten erscheinen ließ. Seine führenden Mitglieder blieben bis ins 15. Jahrhundert in steter Nähe zum Kaiser. Nur dem Deutschen Orden gelang es, in Franken die Reichsunmittelbarkeit durchzusetzen und im Spätmittelalter die Reichsfürstenwürde zu erwerben. 

 Die Spiritualität 

 Aussagen über die besondere Spiritualität der Ritterorden sind schwer zu treffen. Das Frömmigkeitsleben vollzog sich im Rahmen des in der Zeit Üblichen, war geprägt vom Bemühen um das Heil der eigenen Seele, wie es sich besonders in der Teilnahme am hl. Messopfer, in der Stiftung von Seelenmessen und im Erwerb von an das Bußsakrament gebundenen Ablässen manifestierte. Die Jungfrau und Gottesmutter Maria ist die Schutzpatronin des Deutschen Ordens, Ordenskirchen und Kapellen waren der Himmelskönigin geweiht. Zweite Ordenspatronin ist die hl. Elisabeth von Thüringen (1207-1231), die sich bei der Pflege der Armen und Kranken in dem bei ihrem Marburger Witwensitz errichteten Spital aufgezehrt hatte. Wenige Jahre nach ihrem Tode übernahm der Deutsche Orden mit diesem Spital die Pflege ihrer Grabstätte und erreichte 1235 ihre Heiligsprechung . Ihre hochadelige Geburt qualifizierte sie zur Standesheiligen, ihr Wirken zum Vorbild für tätige Nächstenliebe. Außerdem begegnen in Franken Ritterheilige wie St. Georg und St. Pankratius als Patrone von Kirchen des Deutschen Ordens, die gemeinsam mit der Gottesmutter Maria und Elisabeth die in den Ordensregeln festgelegte Verbindung von ritterlichem und geistlichem Leben widerspiegeln. 

 Patron der Johanniter ist Johannes der Täufer , dem die meisten Ordenskirchen geweiht waren. Übernahm der Orden eine bestehende Kirche mit einem älteren Patrozinium wie in Würzburg die St. Oswalds-Kapelle, so wurde dieses bei einem Neubau durch St. Johannes verdrängt. In Altmühlmünster (Lkr. Kelheim) blieb St. Achatius zwar Patron der vom Orden übernommenen älteren Pfarrkirche , der Hauptaltar wurde aber dem hl. Johannes geweiht. Laien konnten sich in Form von Bruderschaften an die Orden anschließen. 

 Fürstliche Neugründungen im Spätmittelalter 

 Während die klassischen Ritterorden mit der Verschiebung ihrer ursprünglichen Aufgabenstellung einen Bedeutungsverlust erlitten, entstand neues adeliges Gesellschaftsleben nach ihrem Vorbild. Eine Übergangsform bildete das kurzlebige Kollegium von zwölf Rittern mit Ehefrauen unter einem Meister, das Kaiser Ludwig der Bayer (reg. 1314-1347) 1332 neben einem Konvent von 20 Benediktinermönchen an der von ihm gestifteten Abtei Ettal (Lkr. Garmisch-Partenkirchen) einrichtete. 

 Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts riefen Fürsten eigene Orden ins Leben, um das Ansehen ihrer Dynastien zu erhöhen und den Adel ihrer Territorien an sich zu binden, aber auch aus Kreuzzugsbegeisterung. Dazu gehören der englische Hosenbandorden (1348) und der savoyische Annunziatenorden (1355). Wichtig wurde auch der 1431 durch Herzog Philipp den Guten von Burgund (reg. 1419-1467) gestiftete Orden vom Goldenen Vlies. Diese Orden hatten allerdings keine kämpferische Aufgabe mehr, sondern waren Ausdruck romantischer Rittersehnsucht, fürstlicher Reputation und zugleich ein Bildungsinstrument für den Adel. Die Ordensritter unterliegen weder dem Zölibat noch führen sie ein Gemeinschaftsleben. 

 Das bekannteste Beispiel aus Franken bildet der erst im 19. Jahrhundert so bezeichnete Schwanenorden , dessen Name vom Kleinod der Ordenskette herrührt. Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg (reg. 1440-1470) stiftete 1440 die "Gesellschaft Unserer Lieben Frau" in der Marienkirche auf dem Harlunger Berg (bei Brandenburg). Markgraf Albrecht Achilles (reg. 1437-1486, Kurfürst 1470) richtete 1459 eine oberdeutsche Zunge des Schwanenordens mit Sitz in der Georgs-Kapelle bei St. Gumbertus in Ansbach ein. Wie in anderen europäischen Staaten sollte sich der Ritterorden zum Kern des in Entstehung begriffenen Hofadels entwickeln. 

 Die geistlichen Ritterorden in der Neuzeit 

 Die Reformation traf die geistlichen Ritterorden in mehrfacher Hinsicht. Gegen Säkularisationsbestrebungen protestantischer Landesfürsten und Reichsstädte bot besonders dem Deutschen Orden seine reichsrechtliche Stellung einen Rückhalt. Hier hielt das ritterliche Element am Fortbestand des Ordens als adelig-ständische Korporation fest und stützte sich dabei auf die Nähe zum Kaiser. Nach Übergangsformen verblieben innerhalb des Deutschen Ordens die evangelisch-lutherischen Balleien Sachsen und Thüringen sowie die trikonfessionelle (ab 1680/81) Ballei Hessen. Die calvinistische Ballei Utrecht löste sich 1637 aus dem Gesamtverband. Die Ballei Brandenburg des Johanniterordens ging ab 1538 zum Protestantismus über, blieb aber in lockerer Form Bestandteil des Gesamtordens. Trotzdem gingen bei den Ritterorden durch Säkularisationen zahlreiche Besitzungen verloren. 

 Der Priesterzweig des Deutschen Ordens starb während des 16. Jahrhunderts fast völlig aus; ähnlich verlief die Entwicklung bei den Johannitern. Für ausreichenden Priesternachwuchs im Deutschen Orden sorgte erst 1606/07 die Errichtung des Priesterseminars in Mergentheim durch Hochmeister Erzherzog Maximilian von Österreich (reg. 1590/95-1618). Für das ritterliche Ordenselement bot sich eine neue Aufgabe im Türkenkampf. Seit 1696 unterhielt der Deutsche Orden ein eigenes Regiment, dessen Offiziersstellen meist von Ordensangehörigen versehen wurden. Für den katholisch gebliebenen Johanniterorden bürgerte sich seit der Verlegung seines Hauptsitzes nach Malta 1530 die Bezeichnung Malteser ein. Der Orden engagierte sich von hier im Seekrieg gegen die Osmanen, wobei sich auch deutsche Ordensritter beteiligten. Kurfürst Karl Theodor von Bayern (reg. 1778-1799) gründete zur Versorgung seines natürlichen Sohnes Karl August Graf zu Bretzenheim (1768-1823) eine bayerische Zunge (Ordensprovinz) des Malteserordens, die 1808 säkularisiert wurde. 

 Trotz aller Verfallserscheinungen im ausgehenden Mittelalter und in der Reformationszeit erwiesen sich die Strukturen der Ritterorden als tragfähig genug, um als geistliche wie weltliche Korporationen auch in der Neuzeit bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches zu bestehen. 

 Königliche Hausritterorden in Bayern 

 Auf Bitten Kurfürst Karl Albrechts von Bayern (reg. 1726-1745, Kaiser 1742-1745) bestätigte Papst Benedikt XIII. (reg. 1724-1730) 1728 den Ritterorden vom Hl. Georg und verlieh ihm alle Privilegien des Deutschen Ordens. Die Stiftung erfolgte am 28. März 1729; die Ritter mussten sich in ihrem Gelöbnis zur Verteidigung der Unbefleckten Empfängnis Mariens verpflichten. König Ludwig II. (reg. 1864-1886) erneuerte die Statuten und betonte die karitative Aufgabenstellung. Der Orden dient neben seiner geistlichen Zielsetzung auch nach der Revolution von 1918 der Bindung des bayerischen Adels an das Königliche Haus , dessen Chef als Großmeister fungiert. Prinzen des Königlichen Hauses werden im Rang von Großprioren aufgenommen. 

 Mit dem Regierungsantritt Kurfürst Karl Theodors von der Pfalz (reg. 1777-1799) in München gelangte der Ritterorden vom Hl. Hubertus nach Bayern. Dieser 1444 von Herzog Gerhard von Jülich-Berg (reg. 1437-1475) gestiftete und verschiedentlich erneuerte Orden bildete nach einer Verordnung vom 18. Mai 1808 den höchsten des Königreiches Bayern. Der Hubertus-Orden wird bis heute durch den Chef des Königlichen Hauses an Angehörige des Hochadels verliehen. 

 Ritterorden in der Gegenwart 

 Der im Kaiserreich Österreich fortbestehende Deutsche Orden wurde unter der Bezeichnung Deutscher Ritterorden 1839 grundlegend reformiert. Ein Priesterzweig wurde eingerichtet und ein Schwesterninstitut geschaffen. Der letzte habsburgische Hochmeister Erzherzog Eugen von Österreich (reg. 1894-1923, gest. 1955) resignierte 1923 zugunsten eines priesterlichen Nachfolgers, der ab 1929 einem Priesterorden vorstand. Heute blüht der Deutsche Orden in einem Priester- und Schwesternzweig; für dem Orden verbundene Laien besteht das Familiareninstitut (in Bayern existieren die Komtureien "An der Donau" und Franken). Das Priorat der Deutschen Brüderprovinz des Deutschen Ordens hat seit 1998 seinen Sitz in Weyarn (Lkr. Miesbach). Der Orden betreut Krankenhäuser und Heime. Der katholische Malteserorden wie der evangelische Johanniterorden unterhalten eigene Hilfsdienste. Das Adelsprinzip gilt weiterhin für den Orden vom Goldenen Vlies (Österreichischer Zweig), die Königlichen Hausritterorden und den Malteserorden, wobei teilweise gestufte Mitgliedschaften existieren. 

 Einer anderen Tradition ist der Ritterorden vom Heiligen Grab zuzuordnen. Nach dem Zusammenbruch des christlichen Königreichs Jerusalem erbaten adelige Pilger - belegt seit 1332/36 - den Ritterschlag beim Heiligen Grab. Seit dem Ausgang des 15. Jahrhunderts wurde seine Erteilung ein Vorrecht der Franziskaner auf dem Berg Sion. Erst 1868 organisierte Papst Pius IX. (reg. 1846-1878) alle Ritter vom Hl. Grab als päpstlichen Ritterorden (also einem in direkter Beziehung zum Heiligen Stuhl stehenden Orden), der sich besonders der Unterstützung der Christen im Heiligen Land widmet. 

 

 3. Deutscher Orden. Im Reich der Ordensritter 

 Jedes Jahr reisen einige von Europas angesehensten Kämpfern mit ihrem Gefolge in das Gebiet des Deutschen Ordens an der Ostsee. Von dort ziehen die christlichen Ritter gegen die heidnischen Litauer, brandschatzen deren Dörfer, töten Männer, Frauen und Kinder. Im Jahr 1368 macht sich Graf Johann von Blois aus Holland auf zur Jagd auf die Ungläubigen 

 

 

 

 

 

 KASTELL DER RITTERMÖNCHE Im 13. Jahrhundert unterwirft der Deutsche Orden die heidnischen Prußen und erobert große Territorien an der Ostsee. Um das Land zu beherrschen, errichten die Ordensbrüder Dutzende Burgen (Rehden im heutigen Polen) 

 

 

 

 

 ZWINGBURG Der Staat der Deutschritter, einer der modernsten in Europa, wird straff regiert. Die Festungen wie hier in Schönberg sind Verwaltungszentren, Klöster der Ordensbrüder und Militärbasen für die Heidenmission 

 

 

 

 

 

 

 Am 20. November 1368 geht Johann von Blois auf Reisen. Er nimmt mit: einen Bäcker, einen Mundschenk, mehrere Köche, einen Stallmeister, fünf Pagen und einen Arzt; dazu seinen Schatzmeister, einen Priester für regelmäßige Gottesdienste sowie drei Pfeifer, die unterwegs für Musik und Zerstreuung sorgen werden. Gewaltiges Gepäck ist auf zwei Wagen verstaut, die von Johanns holländischem Adelssitz aus über die Landstraßen rumpeln, darunter ein transportables Bett mit wärmender Schafsfelldecke, ein großes Zelt mit Ankleideseparee und ein faltbarer Altar, vom Papst abgesegnet. 

 An nichts soll es der Reisegesellschaft fehlen. Geplant sind sogar Bankette entlang des Wegs. Die Lastgespanne sind schwer beladen mit Bier, Wein und Met. Und mit Waffen. Johann ist zu Pferde unterwegs, wie es einem adeligen Ritter geziemt. Ihn begleiten mehrere Dutzend weiterer Panzerreiter. Vor ihnen liegen mehr als 1000 Kilometer. Es geht ins Baltikum. 

 Und sie sind nicht die einzigen Ritter, die in diesem Herbst Richtung Ostsee aufbrechen. Aus Holland, Frankreich und England, dem Rheinland, Schottland und Polen streben jedes Jahr zu dieser Zeit Kämpfer in die Gegend zwischen Weichsel und Memel: in das Territorium des Deutschen Ordens. Denn die dort herrschenden Deutschritter laden ihre europäischen Standesgenossen seit 1304 regelmäßig zu Kriegszügen gegen ihre heidnischen Nachbarn ein, die Litauer. 

 Diese sogenannten Preußenfahrten sind für die Ritter gesellschaftliche Großereignisse: Sie treffen sich in Königsberg zu Banketten, Festen und Gelagen. Feiern ihre Verbundenheit, stählen sich im Kampf mit den Ungläubigen. Viele Knappen erwerben den Ritterschlag. Der 25-jährige Johann von Blois entstammt einer französisch-niederländischen Adelsfamilie und gebietet über die von der Mutter geerbten Besitzungen in Holland und Seeland. Dies ist seine zweite Preußenfahrt. 

 Nach der Abreise aus Gouda Ende November reitet er über Aachen, Köln und Lübeck nach Königsberg, eine beliebte Route unter Preußenfahrern. Gut 60 Tage benötigt er für die knapp 1500 Kilometer; immer wieder halten Schnee, Eis und Unwetter den Tross auf. Die Preußenfahrer lockt die Aussicht auf Ruhm und Ehre. Zudem hat der Papst ihnen den Ablass ihrer Sündenstrafen versprochen, wenn sie gegen die Heiden in den Kampf ziehen. Nichts ist ehrenhafter als der Waffengang gegen ungläubige Krieger. Herolde sind auf diesen Reisen stets dabei und preisen – bei Festen, in Reden und Gedichten – die Heldentaten ihres Brotgebers. Johann von Blois hat gleich zwei mitgenommen. 

 Am 27. Dezember erreicht Johanns Reisegruppe, die mit unterwegs angeheuerten Kriegern aus dem niederen Adel auf mehr als 100 Reiter angewachsen ist, sicher Danzig, ihre erste Anlaufstation im Land des Deutschen Ordens. Pferde und Menschen müssen erst einmal ruhen, Untergebene kaufen Proviant ein. Johann füllt seine Reisekasse und leiht sich gegen Schuldbriefe Geld. Wie andere Preußenfahrer auch finanziert er den Großteil seiner Ausgaben auf Kredit: bei Kaufleuten oder Städten, bei reichen Fürsten oder direkt beim Deutschen Orden. Später wird er in der Heimat das geliehene Geld samt Vermittlungsgebühren an Vertreter der Gläubiger zurückzahlen. 

 Lange halten sich die Preußenfahrer nicht auf in Danzig. Das Gesinde zieht von hier aus meist direkt zum Sammelpunkt Königsberg; viele Herren reiten dagegen zunächst mit wenigen Getreuen gen Süden: zur Marienburg. Die Festung, fast vollständig gefügt aus rot schimmernden Backsteinen, ist eine der größten Burgen des Mittelalters. Hier residiert der Hochmeister des Deutschen Ordens. Die Ritterbrüder wählen ihn auf Lebenszeit, er ist geistliches Oberhaupt des Ordens – und zugleich ein weltlicher Herrscher mit eigenem Hofstaat. 

 1368 hat Winrich von Kniprode das Amt inne. Seit fast 20 Jahren treibt er die Besiedlung des Ordensgebiets mit deutschen Einwanderern voran, lässt neue Dörfer gründen. Und dank erfolgreichen Getreideexports sowie der Monopole auf den Bernstein- und Salzhandel, die die Deutschritter halten, gehört ihr Gemeinwesen zu den wenigen Staaten in Europa, die Überschüsse erwirtschaften. 

 DIE URSPRÜNGE des Deutschen Ordens liegen an einer ganz anderen, weit entfernten Küste am Rande des Mittelmeeres: im Heiligen Land. Während der Kreuzzüge haben Lübecker und Bremer Kaufleute dort im Jahr 1190 ein Feldlazarett für christliche Kämpfer gegründet. Aus der Laiengemeinschaft, die das Hospital führte, entstand 1199 mit Genehmigung des Papstes ein Ritterorden. 

 

 BASTION AUS BACKSTEIN Es gibt in der Region kaum Steinbrüche, aus denen sich Baumaterial gewinnen lässt. Daher nutzen die Architekten gebrannte Ziegel. Die Ordensburgen errichten sie streng und klar: Drei oder vier Burgflügel schützen einen viereckigen Innenhof. Nach außen hin ein geschlossener, mächtiger Block 

 

 Fortan nahm die Bruderschaft der Krankenpfleger auch adelige Krieger auf, die Armut, Gehorsam und Keuschheit gelobten – und die Burgen der Europäer gegen die Muslime verteidigten. 

 Als die Lage im Heiligen Land für die Christen immer schwieriger wurde und viele ihrer Stützpunkte in die Hände muslimischer Truppen fielen, fand der Orden in Europa eine neue Aufgabe. Der Papst und einige Fürsten versprachen den Rittern eigene Territorien an der Ostsee, falls es ihnen gelänge, die dort lebenden heidnischen Prußen zu unterwerfen. 

 Tatsächlich eroberten die Ordenskrieger dort ab 1230 große Gebiete, gründeten einen Staat und annektierten binnen weniger Jahrzehnte die gesamte Küste von Danzig bis ins heutige Estland. Das neue Gemeinwesen war ein Solitär in Europa, geführt nicht von einem fürstlichen Herrscher, sondern einem Ritterkollektiv, dem ein Hochmeister vorstand. Einige Hundert Ordensleute kontrollierten ihr Territorium mithilfe eines dichten Netzes von weit über 100 Festungen. 

 Die Verwaltung gehörte zu den modernsten ihrer Zeit. So konnten die Ordensritter dank eines komplexen Postsystems (mit Ein- und Ausgangsvermerk und der Möglichkeit für Eilbriefe) Informationen schnell verbreiten. Das half, Handel und Wirtschaft zu organisieren: Als größter Grundbesitzer der Region führte der Orden bedeutende Agrarbetriebe, verdiente viel Geld durch die Kooperation mit den Kaufleuten der Hanse. Die unterworfenen Einheimischen wurden zwangsgetauft und zur Arbeit herangezogen. Wer sich anpasste, konnte im Staat durchaus Karriere machen. 

 Um das Jahr 1300 begann der Hochmeister des Ordens, Adelige aus ganz Europa zu Feldzügen gegen die benachbarten heidnischen Litauer einzuladen. Wer sich diesen begrenzten Militäraktionen von wenigen Wochen Dauer anschloss, dem verhieß der Papst den Ablass von Sündenstrafen. Schon bald war die Preußenfahrt ein fester Termin im Kalender vieler europäischer Ritter, die zum Teil sogar aus Spanien anreisten. 

 AM 31. DEZEMBER 1368 empfängt Winrich von Kniprode, Hochmeister des Ordens, Johann von Blois in der Marienburg. Die beiden tauschen Gefälligkeiten aus. Der Angereiste nimmt drei Verwandte Winrichs als Ritter in seinen Dienst auf. Der Hochmeister verteilt Präsente, wie sie von einem Manne seines Ranges erwartet werden, darunter vier Falken. 

 Von der Marienburg geht Johanns Reise weiter nach Königsberg. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Völker. Neben einheimischen Prußen (die die Unterschicht bilden) leben hier wohlhabende Kaufleute, etwa aus den deutschen Landen, aber auch Polen und Litauer. In der Königsberger Burg residiert der Oberste Marschall des Ordens. Er koordiniert die alljährlichen Militärexpeditionen und ist einer der wichtigsten Ansprechpartner für die Gäste. 

 Wahrscheinlich kommen in diesem Herbst rund 200 adelige Ritter in den Ordensstaat; mit den untergebenen Kämpfern sind es insgesamt etwa 700 Kombattanten, eine übliche Teilnehmerzahl. Und eine wesentliche Verstärkung für die Deutschritter. Johann von Blois befehligt als vornehmster Herr der Saison wohl ein Fünftel des Gästekontingents. Sobald sich alle Kämpfer in Königsberg versammelt haben, geben die Ordensoberen in der Regel die Marschbefehle für die diesjährige Expedition bekannt. 

 Aber in diesem Winter geschieht erst einmal: nichts. Denn die Witterung ist viel zu mild. Da die Sümpfe östlich von Königsberg nicht zugefroren sind oder von Schnee bedeckt, würden die Pferde mitsamt den schwer gerüsteten Kriegern kaum vorankommen. Die Ritter sind zum Ausharren gezwungen. Johann mietet einige Räume im Haus eines reichen Kaufmanns. 

 In den folgenden Wochen laden sich die Adeligen gegenseitig zu Gastmählern und Festen ein. Sie kennen sich von früher, knüpfen Kontakte, halten sich auf dem neuesten Stand, betreiben Politik. Dabei benehmen sich die Edelleute oft wenig ritterlich: Sie trinken viel Alkohol, würfeln um Geld, tändeln mit Prostituierten. Ein Graf zahlt einem Knecht Geld, damit der sich zur Belustigung anderer hoher Herren wieder und wieder auf den Kopf schlagen lässt. 

 Auch Johann von Blois genießt das Gesellschaftsleben. Sein mitreisender Buchhalter notiert penibel die Ausgaben für Bankette, Trinkgelder, Souvenirs, Spielschulden. Immer wieder versäumt Johann die tägliche Messe und übergibt seinem Kaplan deshalb insgesamt sechs Gulden für Almosen. Und nicht alle Ritter kommen gut miteinander aus. Politische Ereignisse wie der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich werfen ihre Schatten. So empfängt Johann von Blois Franzosen und Italiener bei Tisch, aber keine Engländer. 

 Die wiederum reißen im Königsberger Dom einige Wappentafeln nieder, die der aus französischer Familie stammende Johann bei seiner früheren Reise hat aufhängen lassen. Zuweilen muss der Oberste Marschall als Schiedsrichter auftreten – etwa als sich Engländer und Schotten prügeln. Zum „Ehrentisch“ aber kommen alle höhergestellten Ritter einträchtig zusammen. Es ist der gesellschaftliche Gipfel der Königsberger Saison, das letzte und größte Fest vor dem Aufbruch zu den Expeditionen. In diesem Jahr ist Winrich von Kniprode der Gastgeber. Im Speisesaal der Burg bewirtet er alle angereisten Gäste. 

 

 ZENTRUM DES ORDENSSTAATES Um 1310 entsteht als Sitz des Hochmeisters der Deutschritter nahe Danzig die Marienburg, eines der mächtigsten Bauwerke des Mittelalters. Fast 40 Jahre dauert der Ausbau zur Residenz, die mit mehreren Burgmauern und einem tiefen Graben geschützt wird 

 

 

 Während des Festmahls preisen Herolde die Taten der Teilnehmer. Am Ehrentisch sitzen die tapfersten der fremden Ritter – wohl eine Anspielung auf die Sage von König Artus und dessen Tafelrunde, die sich die Menschen gern erzählen und der viele Ritter nacheifern. Nach dem Mahl mit Dankgebet tragen Ordensbrüder die Satzung und Geschichte der Ehrentafel vor, dann heftet einer von ihnen den am Tisch sitzenden Rittern eine Devise in goldenen Lettern an die Schulter: „Ehre besiegt alles.“ 

 Der Ehrentisch von Königsberg ist in ganz Europa bekannt und erhöht die Anziehungskraft der Preußenfahrten. Einige Jahre lang scheint er sogar eine Art Rangfolge vorzugeben: Wer am Kopfende des Tisches sitzt – eine nur einmal im Leben gewährte Ehre –, hat die Spitze der internationalen Ritterschaft erklommen. Auch der Königsberger Dom, in dem alle Preußenfahrer ihre Wappen an die Wände malen lassen, wird zu einer Ruhmeshalle des Rittertums. 

 

 Der Staat der Deutschritter reicht um 1400 von der Danziger Bucht bis zum Finnischen Meerbusen 

 

 

 LANGE MUSS JOHANN VON BLOIS  in Königsberg warten, ehe es schließlich losgeht. In der Regel durchqueren die Ritter zunächst die „Große Wildnis“, das Grenzgebiet zu Litauen im Osten. Gut sieben Tage lang reiten sie durch eine fast menschenleere, morastige Gegend, in der sich selbst Ortskundige gelegentlich verirren. Oft müssen sich die Kämpfer ihre Wege erst mühsam selber bahnen. Die Gegner am anderen Ende dieser Wildnis sind ein ebenbürtiger Feind. Die Litauer ringen im Osten mit dem Großherzogtum Moskau um Einfluss; im Süden erstreckt sich ihre Herrschaft bis nach Kiew. 

 Die angereisten Ritter erzählen sich grausame Geschichten über ihre Feinde: Gefangene, heißt es, verbrennen die Litauer lebendig, samt Ross und Rüstung. Mit dem Deutschen Orden liegen die Einheimischen seit Jahren in einem unruhigen Patt. Immer wieder kommt es im Grenzgebiet zu gegenseitigen Raubzügen, ist diese Region heftig umkämpft. 

 Brutal ist die Kriegführung auf beiden Seiten. Denn es geht weniger darum, Gebiete zu erobern, sondern um die Demoralisierung und Schwächung des Gegners: Man verwüstet sein Land, dezimiert die Bevölkerung, raubt seinen Besitz. Und das mit schnellen, überraschenden, überaus harten Attacken. Diese Art des Kampfes hat im Baltikum Tradition, und die christlichen Ritter übernehmen sie mit grausamer Präzision. Ihr Vorgehen nennen sie vastacio , „Verheerung“. Sobald die Preußenfahrer das feindliche Gebiet erreicht haben, schlagen sie ein Basislager auf, von dem aus kleinere Trupps in die Umgebung aufbrechen. Die plündern, brandschatzen, zerstören Häuser, Gehöfte, Dörfer, jagen Menschen. Sie ergreifen Männer, Frauen und Kinder, töten oder entführen sie. Rauben Rinder und Pferde, vernichten die Ernte, Getreide, brennen Felder nieder. 

 Ehe die angegriffenen Litauer ernsthaft zum militärischen Gegenschlag ausholen können, ziehen die Ritter weiter und wiederholen ihr tödliches Werk an anderer Stelle. Nur etwa zwei Wochen dauert ein solcher Verheerungszug, kaum länger als einen Tag und eine Nacht bleiben die Angreifer an einem Ort. Geraten die Trupps beim Rückzug in Bedrängnis, töten sie meist alle Gefangenen, alle erbeuteten Tiere. Lebend Entführte verkaufen sie als Sklaven oder siedeln sie unter Zwang auf Ordensgebiet an. Rund 200.000 Litauer werden auf diese Weise insgesamt von den Rittern verschleppt, wohl um ein Vielfaches mehr Menschen bei den Attacken getötet. Im Laufe der Jahre kommt es vom Gebiet des Deutschen Ordens aus zu mehr als 120 Verheerungszügen der christlichen Krieger, 16 allein in den zehn Jahren vor Johanns Zug 1369. Und stets meiden die Ritter – wie auch die Litauer – große Konfrontationen mit den feindlichen Kämpfern. Denn wenn es dazu kommt, kann vieles schiefgehen. 

 

 BEDRÄNGTE MACHT Die Herrschaft der Deutschritter ist ständig gefährdet. Denn der kleinen Zahl von Ordensbrüdern steht eine einheimische Mehrheit entgegen, die immer wieder gegen die fremden Herren aufbegehrt. Und jenseits der Grenze bildet sich eine feindliche Allianz Litauens mit dem Königreich Polen (Ruine der Burg Wesenberg) 

 

 

 Zwei Jahre vor Johanns Reise haben Preußenfahrer versucht, eine Festung der Litauer auf der Höhe des späteren Kaunas an der Memel zu erobern. Aber die Einheimischen waren stärker. Sie schlugen die Ritter zurück, verfolgten sie ein Stück den Fluss hinunter, versperrten ihnen den Weg zu den Schiffen und griffen mit einer Übermacht an: Lanzenreiter, Krieger, bewaffnet mit Doppeläxten, Knüppeln und Steinen. Nur mit letzter Not gelang es den christlichen Kämpfern schließlich doch noch, per Schiff zu fliehen. 

 MANCHE HISTORIKER werden später bezweifeln, ob die winterlichen Feldzüge der schweren Panzerreiter durch die Sümpfe Litauens militärisch wirklich sinnvoll waren. Oder eher ein gewalttätiger Sport für gelangweilte Adelige, die Heiden jagen und Feste feiern wollten. 

 Doch richtig ist: Für einen bloßen Zeitvertreib waren die Reisen der Ritter zu entbehrungsreich und gefährlich. Immer ging es auch um wertvolles Prestige im Kampf für die Sache des Christentums. Zudem übten die Litauer von Osten her beständig Druck aus. Ohne die alljährliche Verstärkung der Truppen durch die Preußenfahrer hätten die Ordensbrüder dem wohl nicht dauerhaft standhalten können. 

 Die ritterlichen Gäste halfen, das Gebiet und damit das Überleben des Deutschordensstaates zu sichern. Johann von Blois bekommt im Frühjahr 1369 einen besonderen Auftrag. Er soll mit seinen Kriegern diesmal keinen Verheerungszug unternehmen, sondern einen dauerhaften militärischen Stützpunkt an strategisch wichtiger Stelle aufbauen, mitten im Grenzland. 

 Auf Anweisung des Hochmeisters reist er, begleitet von 50 Rittern und Knechten, mit Booten auf der Memel nach Osten, um einen Vorposten zu errichten. Eine wehrhafte Holzbastion, umgeben von Erdwällen, die den Namen „Gotteswerder“ erhalten soll. Während die Knechte an der Burg arbeiten, schützen Ritter den Bauplatz, kundschaften die Umgebung aus und sichern die mit Material und Proviant beladenen Schiffe. Vermutlich kommt es auch zu Scharmützeln mit dem Feind. In der neu entstehenden Festung kleidet Johann einen hölzernen Saal mit seinem Wappenschmuck aus. Wahrscheinlich lässt sich Johanns Bruder Guido hier im Feindesland feierlich in den Ritterstand erheben. Im Einsatz gegen Heiden zum Ritter geschlagen zu werden gilt als besonders ehrenvoll. 

 

 1369 zieht Ritter Johann von Blois von Königsberg über die Memel bis tief in Feindesland, um dort eine Festung zu errichten 

 

 Im Mai 1369 reist Johann zurück. Und am 29. Juni kehrt er schließlich heim in sein Schloss Schoonhoven bei Gouda, nach 222 Tagen Reise. Als einer von wenigen Rittern hat er es sich geleistet, bis zum Frühling im Deutschordensstaat zu bleiben. 

 Das gut siebenmonatige Abenteuer hat ihn etwa 17.000 preußische Mark gekostet – die teuerste bekannte Preußenfahrt. Gut 1000 Menschen hätten davon ein Jahr lang leben können. Die Kredite, die er für die Reise aufgenommen hat, zahlt er pünktlich zurück, zum Teil allerdings, indem er sich neue Darlehen verschafft. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er sich nach seiner Rückkehr von Untertanen und auf Banketten mit anderen Adeligen für seine Heldentaten preisen lässt. Gut möglich auch, dass er dem Deutschorden weiter durch regelmäßige Geldspenden verbunden bleibt. 

 Noch einmal wird der Ritter die lange Reise aber nicht auf sich nehmen. 1381 stirbt Johann, mit knapp 40 Jahren, ohne eheliche Nachkommen, sein Erbe fällt an den jüngeren Bruder Guido. Der Deutsche Orden lädt auch danach noch zu Preußenfahrten ein. Doch schon bald folgen immer weniger Ritter dem Ruf. Das liegt unter anderem daran, dass sich der litauische Großfürst Jogaila 1386 taufen lässt und nach seiner Hochzeit mit der Königin von Polen den dortigen Thron besteigt. Ein Kampf gegen ihn ist für die Edlen nun kein ehrbarer Kreuzzug gegen Heiden mehr. 

 Den Deutschrittern ist die neue Union aus Polen und Litauern allerdings ein umso mächtigerer Gegner. Nur wenige Freiwillige kommen dem Orden zu Hilfe, als dessen Truppen im Jahr 1410 nahe Tannenberg einem polnisch-litauischen Heer gegenüberstehen. Bei dieser Feldschlacht – mit 50.000 Kämpfern eine der größten des Mittelalters – fallen am Ende der Hochmeister und nahezu der gesamte Führungszirkel des Deutschen Ordens, dazu 200 seiner Ritter. 

 Von der Niederlage wird sich die Rittergemeinschaft nicht mehr erholen. Der Orden muss dem siegreichen Gegner hohe Kontributionen leisten und später die Oberhoheit des Königs von Polen anerkennen. 1525 wandelt der Hochmeister den Ordensstaat schließlich in ein weltliches Herzogtum um. 176 Jahre später wird diese Herrschaft einem neuen, militärisch und politisch überaus erfolgreichen Königreich seinen Namen geben: Preußen. 

 

 4. Kampf gegen die Templer. Das Ende der Ritter Gottes. 

 Sie sind Kämpfer, Bankiers und Besitzer großer Ländereien: Die Bruderschaft der Tempelritter – einst gegründet, um Pilger zu schützen – ist ungemein einflussreich und derart wohlhabend, dass sie sogar an Europas mächtigste Herrscher Geld verleiht. Doch 1307 macht sich König Philipp IV. von Frankreich daran, den christlichen Orden zu zerschlagen, um dessen Vermögen an sich zu bringen. Für seine Intrige nutzt der Monarch eine Waffe der Kirche 

 

 

 DAS ROTE KREUZ auf dem weißen Mantel ist das Erkennungszeichen der Tempelritter, Jerusalem ihr ursprünglicher Stammsitz. Bald gelten sie als beste Kämpfer der Christen im Heiligen Land 

 

 Die Männer des Königs schlagen im Morgengrauen zu. Überall in Frankreich dringen Trupps in den frühen Stunden des 13. Oktober 1307 in Anwesen und Güter ein, hämmern an Türen und Tore, überwältigen Wachen, verhaften Menschen. Das Ziel der Aktion ist eine mächtige Organisation von Rittern und Geistlichen, eine der berühmtesten Gemeinschaften der Christenheit, wohlhabend, mit Besitzungen in ganz Europa, von Gerüchten umweht: der Templerorden. In Toulouse im Süden Frankreichs nehmen die königlichen Häscher Tempelritter im Stadtpalais gefangen. Sie setzen Mitglieder des Ordens auch im mittelfranzösischen Burgund fest sowie weit im Norden des Landes, in der Normandie. Im Verwaltungsbezirk Caen umstellen sie fünf Anwesen gleichzeitig und verhaften alle anwesenden Templer. Selbst in das kleine Dorf Louvagny, wo nur ein einziges Ordensmitglied lebt, rückt ein bewaffneter Trupp vor. 

 In Arras kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen, als Sergeanten des Königs das dortige Gebäude der Templer stürmen. Vielleicht wehren sich die Bewohner. Jedenfalls erdrosseln die Büttel des Königs die Hälfte der anwesenden Ordensbrüder. Der wichtigste Schlag aber trifft den Hauptsitz des Ordens in Paris, ein mauerbewehrtes Areal im Norden vor den Toren der Stadt. Die Wachen sind überrascht, als die Garde des Königs am frühen Morgen im Fackelschein Einlass begehrt. Die bewaffneten Eindringlinge stoßen die Wächter beiseite und verlangen barsch, zu Jacques de Molay gebracht zu werden, dem Großmeister des Ordens. Kurz darauf verhaften sie das Oberhaupt und anschließend auch alle anderen Brüder. Die werden zunächst im Templerhaus festgehalten. 

 Sorgfältig erstellen die Männer des Königs Inventare, notieren alles, was sie vorfinden: die Zahl der Pferde und das Vieh in den Ställen, Waffen, Rüstung, Handwerkszeug, Bücher, liturgische Gerätschaften. Alles, auch die Gebäude und den Grund und Boden, beschlagnahmen sie im Namen des Königs. 

 Die gewaltige Razzia, bei der rund 2000 Templer in die Gewalt des Königs kommen, ist gut geplant. In einem Geheimbefehl hat Frankreichs König Philipp IV. seine Beamten bereits Wochen zuvor angewiesen, die Besitzungen des Ordens unauffällig zu beobachten. Er hat seine Leute Listen mit den Namen der Tempelritter anlegen lassen, damit keiner der Verhaftungsaktion entgehen würde. Schon der Zugriff an so vielen Orten gleichzeitig hatte genauer Vorbereitung und Koordination bedurft.  Doch der Vorwurf, der dieser Großaktion zugrunde liegt, ist ja ebenfalls gewaltig. Der Haftbefehl, den die Häscher Jacques de Molay bei seiner Festnahme vorlegen, behauptet Unerhörtes: Das Oberhaupt und seine Ordensleute sollen Ketzer und Gottesleugner sein. 

 Ausgerechnet die Templer, die einst im Heiligen Land gekämpft haben, im Bündnis mit dem Teufel? Und Jacques de Molay, der noch bis vor Kurzem beste Beziehungen zum Königshaus hatte, der dabei war, als die Schwägerin des Monarchen feierlich zu Grabe getragen wurde, soll sich Verbrechen schuldig gemacht haben, bei denen man den Schwefelhauch des Antichristen schon zu riechen glaubt, wenn man nur von ihnen hört? 

 Die Indizien seien überwältigend, heißt es im Haftbefehl. Angeblich müssten Novizen bei der Aufnahme in den Orden das Kreuz bespucken. Zudem gäben die angehenden Templer dem älteren Bruder, der sie jeweils in den Orden aufnimmt, einen Kuss nicht nur auf den Mund, wie bei derlei Zeremonien üblich, sondern auch auf den Anus. Von Geschlechtsverkehr unter den Tempelrittern ist die Rede, von der Anbetung abscheulicher Idole, gruseliger Köpfe, angeblich aus dem Schoß toter Frauen geboren. Und bei der Messe unterließen sie es, die Hostie zu weihen, das Symbol des Leibs Christi. Das sind grässliche Frevel. Todeswürdige Verbrechen gegen Gott und die Kirche. Und ein Fall für die Inquisition. 

 Daher habe Guillaume de Paris, der Großinquisitor von Frankreich, „nach der Hilfe unseres Arms“ gerufen, schreibt der König in seinem Geheimbefehl. Und die Glaubenswächter der Kirche sollen sich nun, gemeinsam mit den Beamten des Königs, der Sache annehmen. Allein: Wer wen gerufen hat, wer hier wen für seine Zwecke einspannt, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich verhält es sich sogar umgekehrt: dass der König die Inquisition für seine Absicht nutzt, eine unliebsam gewordene Macht in seinem Reich unschädlich zu machen. 

 Denn in Wahrheit sind alle Anschuldigungen gegen den Templerorden wohl frei erfunden. Die konstruierten Vorwürfe haben nur ein Ziel: mithilfe der Inquisition eine der angesehensten Institutionen der Zeit zu zerschlagen. Und so ist der 13. Oktober 1307 der Beginn eines ruchlosen Verfahrens. Eines Kriminalfalls, der sich über Jahre hinziehen und für Dutzende Beschuldigte auf dem Scheiterhaufen enden wird. Herrscher aus dem gesamten Abendland werden sich mit der Templeraffäre befassen. Und selbst der Papst wird in diesen Skandal eingreifen, einen der spektakulärsten des Mittelalters. 

 DIE ANFÄNGE DES TEMPLERORDENS liegen da schon fast 200 Jahre zurück. Sie sind bescheiden. Um das Jahr 1119 beschließen zwei französische Ritter, gemeinsam mit weiteren Gefährten die christlichen Pilger im Heiligen Land vor Wegelagerern zu schützen – zwei Jahrzehnte nachdem Kreuzfahrer Jerusalem erobert und ein christliches Königreich im Morgenland gegründet haben. 

 

 

 FAST UNANTASTBAR scheinen die Templer zu sein. Sie unterstehen in Frankreich nicht dem König, sondern ihrem Großmeister Jacques de Molay. Hier ist er bei seiner Aufnahme in den Bund zu sehen: Während er vor einer Bibel kniet, hält ein Ordensbruder schon den Mantel mit dem roten Kreuz bereit 

 

 

 Als Quartier gibt der christliche Herrscher von Jerusalem den Rittern eine Unterkunft an der Al-Aqsa-Moschee auf jenem Berg, wo einst der Tempel Salomos stand, daher ihr Name. Die Templer leben und beten wie Mönche, mit streng geregeltem Tagesablauf und striktem Gehorsam gegenüber den Oberen. Orden und Ordensregel werden vom Papst bestätigt, der der Bruderschaft den Auftrag erteilt, „die Katholische Kirche zu verteidigen und die Feinde Christi zu bekämpfen“. Fortan dienen die Tempelritter als Elitetruppe im Kampf der Kreuzfahrer gegen die als Ungläubige angesehenen muslimischen Feinde. 

 Die Opferbereitschaft der Templer macht tiefen Eindruck im Abendland. Rasch folgen den ersten kämpfenden Brüdern Freiwillige aus ganz Europa. Und bald gilt es als gottgefällige Tat, dem Orden Ländereien zu überschreiben. Binnen weniger Jahrzehnte entsteht ein ausgedehntes Netz von Besitzungen vor allem in Frankreich, aber nicht nur dort – bis nach Schottland und Polen erstrecken sich die Güter. Auch auf der Iberischen Halbinsel kämpfen Tempelritter gegen Muslime und besitzen bald strategisch wichtige Festungen, die ihnen die christlichen Herren von Barcelona und Aragón überschrieben haben. 

 

 

 GUT 170 JAHRE LANG haben die Tempelritter in Palästina gegen Muslime gekämpft, traten das Erbe jener Kreuzfahrer an, die hier 1099 Jerusalem erobern. Doch 1291 wurden die Ordensmänner vertrieben. Seither verwalten sie vor allem ihren Besitz in Europa – und bauen eine Art Großbank auf 

 

 

 Mit den Einnahmen aus ihren Gütern finanzieren die Tempelritter den Nachschub für den Kampf im Heiligen Land. Sie verfügen bald über derart enorme Ressourcen und Barmittel, dass sie beginnen, Geld zu verleihen. Auf diese Weise werden die Templer im Laufe des 13. Jahrhunderts nach und nach zu Bankiers der Mächtigen, vor allem der französischen Könige. Sogar die Steuereintreibung organisieren sie zeitweise für Frankreichs Herrscher. Nur wenige Ordensbrüder sind noch kämpfende Ritter – die meisten verwalten nun Geld und Güter oder sind als Bauern, Zimmerleute und Weinverkäufer für den Orden tätig. Manche Templer arbeiten auch nur als Schäfer oder Pflüger; es sind einfache Leute, ohne Bildung oder theologische Schulung. 

 Ende des 13. Jahrhunderts aber erleidet der Nimbus der Templer als Speerspitze der Christenheit einen irreparablen Schaden: 1291 geht Akkon, die letzte bedeutende von den Tempelrittern gehaltene Stadt in Palästina, an die Muslime verloren. Die Kreuzfahrer sind aus dem Heiligen Land vertrieben (der Versuch der Ordensbrüder, ein gutes Jahrzehnt später noch einmal dort Fuß zu fassen, scheitert desaströs). Die Templer ziehen sich auf die Insel Zypern zurück. De facto haben sie ihre Existenzberechtigung verloren: die Verteidigung des Abendlandes im Orient. 

 WENIGE JAHRE SPÄTER, 1306, zitiert Papst Clemens V., der sich zu jener Zeit in Frankreich aufhält, Großmeister Jacques de Molay aus Zypern zu sich. Der Orden ist nach wie vor direkt dem Heiligen Vater unterstellt. Zwei große Themen will Clemens bereden: die Zukunft des Ordens sowie seinen Wunsch, zu einem neuen Kreuzzug aufzurufen. 

 

 DIE VORWÜRFE WIEGEN SCHWER — UND SIND ALLESAMT ERFUNDEN 

 

 Die Templer sollen mit den Johannitern, dem anderen großen Ritterorden aus dem Heiligen Land, in einer Bruderschaft zusammengefasst werden: In der Kirche sind viele unzufrieden mit der Arbeit der beiden Orden. Zu viel Energie und Geld, so lautet der Vorwurf, fließe in die Verwaltung ihrer Güter und Anwesen, zu wenig in den Kampf gegen die Heiden. Und diesen Kampf will der Papst mit seinen Kreuzzugsplänen wieder aufnehmen. Doch Meister Jacques lehnt eine Fusion der Bruderschaften brüsk ab. Hauptaufgabe der Johanniter sei die Pflege kranker Pilger – die Templer hingegen seien für den „Waffendienst“ gegründet worden. 

 Der Papst hat indes wohl noch etwas anderes mit dem Großmeister zu besprechen: „befremdliche und unerhörte Dinge über den Orden“, wie Clemens V. es formuliert. Hier und da sind sie ihm zugetragen worden. Es ist nicht klar, wie weit Clemens ins Detail geht. Haben der Reichtum des Ordens und seine nunmehr fehlende Mission die düstere Fantasie der Menschen provoziert? Klar ist nur, dass es in den Nachreden um zutiefst unchristliche Praktiken geht, um Teufelsanbetung und Frevel – und dass Meister Jacques alles entrüstet zurückweist. 

 Immerhin bittet er Clemens V. im Sommer 1307 um eine kirchliche Untersuchung der Vorwürfe. Überzeugt davon, dass sich alle Gerüchte als haltlos erweisen werden, ist die Sache für den Großmeister damit wohl erledigt. Offenbar ahnt Jacques de Molay nicht, welche Tragweite die Affäre da bereits hat. Und ihm fehlt die politische Weitsicht, um zu erkennen, in welch großes Machtspiel sein Orden geraten ist. Denn seit Jahren schon gärt ein Konflikt zwischen dem französischen König und den Päpsten in Rom. 

 Anfangs ging es ums Geld. Die Kirche ist traditionell von Abgaben befreit – der chronisch finanzschwache Philipp IV. aber brauchte dringend Einnahmen und erlegte Frankreichs Klerus Steuern auf. Das wollte der damalige Papst Bonifatius VIII., ein Vorgänger von Clemens V., nicht dulden, würden ihm dann doch selbst Einkünfte fehlen. Der Streit hatte aber noch eine weitere Dimension: Als Stellvertreter Christi verlangte der Papst die Unterordnung aller Monarchen unter seinen Willen, also auch der „Allerchristlichsten Majestät“ in Frankreich, und drohte mit der Exkommunikation des Königs. Doch Philipp gab nicht nach, schimpfte Bonifatius umgekehrt einen Häretiker. Einmal versuchte er sogar, ihn entführen zu lassen. 

 Selbst als 1305 der Franzose Bertrand de Got als Clemens V. Papst wurde, entspannte sich der Konflikt nicht. Beide Lager blieben im Streit verhakt.Und so wird der Templerorden zu einer Figur auf dem Spielfeld der beiden mächtigen, rivalisierenden Männer. Denn über die Bruderschaft kann der König den Papst treffen: Wenn der Monarch gegen den Orden vorgeht, schadet er zugleich dem Pontifex, unter dessen Oberhoheit, aber auch Verantwortung die Templer stehen. 

 Als Waffe gegen den Orden will er ausgerechnet die Inquisition einsetzen. Formell untersteht sie zwar auch in Frankreich dem Papst, tatsächlich aber hat Philipp IV. direkten Zugriff auf sie: Denn der Großinquisitor des Königreichs ist sein Beichtvater und sehr enger Vertrauter. Es ist indes nicht allein das Ringen mit dem Pontifex, das den König seine Augen auf den Orden werfen lässt – der Monarch hat weitere Motive, sich die Bruderschaft vorzunehmen. Die Templer erscheinen wie das perfekte Opfer. 

 Finanziell: Nach jahrelangem Krieg in Flandern ist die königliche Kasse leer. Den weit gestreuten Besitz der Templer in Frankreich könnte Philipp gut gebrauchen – zumindest aber die Einnahmen aus ihren Gütern. Wenn er die beschlagnahmen lässt, wer soll sie ihm nehmen? Politisch: Seit Jahren müht sich Philipp, straffere staatliche Strukturen in seinem Reich durchzusetzen – mit dem Königshof als Machtzentrum. Die französischen Gebiete im Besitz des Ordens aber entziehen sich seinem Zugriff. Die Templer sind gleichsam eine überstaatliche Organisation, die nur den Anweisungen ihres Großmeisters gehorcht. Und der hält sich meist auf Zypern auf. 

 Persönlich: Da ist noch eine Rechnung offen zwischen Königshaus und Orden. Die Templer hatten sich einst geweigert, Lösegeld für Philipps Großvater Ludwig IX. zu zahlen, als der 1250 während des Sechsten Kreuzzugs in muslimische Gefangenschaft geriet. Philipp verehrt seinen Großvater sehr und hat sogar die Heiligsprechung des frommen Monarchen durchgesetzt. Strategisch: Der „Allerchristlichste“ König kann sich gegenüber anderen Mächtigen als Hüter des Glaubens, als europäische Autorität beweisen, wenn er einen internationalen Skandal aufdeckt – schließlich haben die Templer Besitzungen nahezu überall im Abendland. 

 Religiös: Philipp ist bei allem Machtkalkül auch ein strenggläubiger Mensch, überzeugt davon, dass Gut und Böse um die Herrschaft der Welt ringen. Als Christ, so glaubt er, müsse er sich dem Wirken des Teufels entgegenstemmen, wo er es ausmacht. Und hat nicht der Prophet Daniel einst geweissagt, dass sich der Antichrist im Tempel zu Jerusalem einnisten werde? Der Orden hatte eben dort früher sein Quartier, hat seinen Namen vom Tempel Salomos. Könnte es nicht also sein, dass sich der Teufel tatsächlich der Templer bemächtigt hat? 

 

 

 KRONE GEGEN KIRCHE Seit Generationen schon schwelt im 14. Jahrhundert ein Machtkampf zwischen den Päpsten und Frankreichs Herrschern, hier bei einer Zusammenkunft im Pariser Sitz der Templer (links der Papst, rechts der Monarch). Denn der Stellvertreter Gottes verlangt, dass sich ihm jeder Monarch unterordnet 

 

 

 Denn das, was Philipp über die Bruderschaft erfährt, sind wirklich ausgemachte Abscheulichkeiten; sie entstammen den Gerüchten, die schon seit Längerem kreisen. Der König weiß zwar, dass alles nur auf Hörensagen beruht. Trotzdem fertigt er daraus eine groß angelegte Beschuldigung. Gleichzeitig versucht er, den Wahrheitsgehalt des Getuschels durch Spitzel bestätigen zu lassen. Wenn sich auch nur ein Bruchteil der Vorwürfe als wahr herausstellen sollte, wenn die Templer sie mit Geständnissen bestätigen würden, dann stünde er auf der richtigen Seite. Dann hätte er seine Pflicht als Christ erfüllt (und auch seine Interessen wirkungsvoll verfolgt). 

 Mit dem Papst jedenfalls spricht der König sein Vorgehen nicht ab. Dafür aber mit seinem Vertrauten, dem Großinquisitor Guillaume de Paris. Der hat bereits 1290 ganz allgemein die päpstliche Erlaubnis erhalten, Häresieverfahren im französischen Königreich einzuleiten. Diese Befugnis seines Freundes macht sich der König nun zunutze – indem er sie ausgerechnet gegen eine dem Papst unterstellte Institution richtet. Dass Philipp IV. mit Mitgliedern des Ordens, etwa dem Großmeister de Molay, in den führenden Kreisen des Landes selbst regelmäßig verkehrt, ist dem Monarchen offenbar gleichgültig. Im Herbst 1307 scheint der Zeitpunkt günstig, um zuzuschlagen: Neben dem Großmeister halten sich viele führende Templer wegen erneuter Gespräche mit dem Papst in Frankreich auf. Am 14. September erteilt Philipp seinen Geheimbefehl. Vier Wochen später rücken seine Schergen aus. 

 DER 13. OKTOBER 1307 bringt den gewünschten Erfolg: Nur wenige Templer entkommen. Stolz vermeldet der königliche Hof, dass unter mehr als 2000 Ordensbrüdern nur zwölf die Flucht gelungen sei. Tatsächlich sind wohl einige mehr entkommen, aber die allermeisten Templer sind überrumpelt worden. 

 Die Anweisungen Philipps an seine Beamten sind klar: Der König will Geständnisse, und zwar schnell. Seine Leute sollen die Templer sofort befragen und die geständigen Sünder dann den kirchlichen Inquisitionstribunalen überstellen. König und Großinquisitor arbeiten Hand in Hand. Alles ist genau geplant. Die Beschuldigten werden in Ketten gelegt, erhalten nur Wasser und Brot. Wer schläft, wird unter Flüchen und Tritten der Wächter geweckt. Und sie werden gnadenlos gefoltert. Die Delinquenten kommen aufs Streckbrett; die Seile, mit denen Arme und Beine gefesselt sind, werden mit einer Winde verknüpft, die so lange angezogen werden kann, bis die Gelenke aus den Gelenkpfannen springen. Oder sie werden, die Hände auf dem Rücken gefesselt, daran mit einem Seil emporgezogen und ruckartig fallen gelassen. 

 Manchen Gefangenen binden die Folterknechte Gewichte an Füße und Hoden, um die Qualen zu erhöhen. Andere werden der Feuermarter unterworfen, ihre Fußsohlen mit Fett bestrichen und an lodernde Flammen gehalten. Die Verhöre bringen schnell die gewünschten Resultate. Die Templer gestehen, was ihnen vorgehalten wird. Schreiber protokollieren die Schuldbekenntnisse und überlassen sie anschließend dem Inquisitionstribunal. Aussagen von insgesamt 138 Beschuldigten haben sich in den Archiven erhalten – 134 legen Geständnisse ab, darunter Großmeister Jacques de Molay. 

 Sie beugen sich den Vorwürfen, erklären, schreien es vermutlich unter Qualen heraus, schon als junge Männer Christus geleugnet zu haben. Manche geben zu, Idole angebetet zu haben, andere eine Katze, wieder andere berichten vom Anuskuss. Es handelt sich um Anschuldigungen und Geständnisse, die auch aus anderen Häresieverfahren bekannt sind, um typische Muster. Schon 1233 hat Papst Gregor IX. die Katzenanbetung und homosexuellen Geschlechtsverkehr als Riten und Praktiken von Ketzern beschrieben. Auch den als Glaubensabtrünnige verfolgten Waldensern und Katharern waren in den Jahrzehnten zuvor ähnliche Umtriebe vorgeworfen worden. 

 Aus dem Blickwinkel späterer Zeiten sind die erpressten Geständnisse der Templer wertlos und die standardisierten Anschuldigungen nicht zu halten. In der Logik des mittelalterlichen Inquisitionsverfahrens ist das aber nicht ganz so: Dessen Ziel ist die Reue des Sünders, damit der wieder in die Kirche aufgenommen werden kann. Wie diese Reue zustande gekommen ist, ist letztlich gleichgültig. Jacques de Molay und seine Ordensbrüder geben ja schließlich ihre Verfehlungen zu. Allein das zählt. Am 25. Oktober 1307 wird der Ordensmeister den Juristen und Theologen der Universität von Paris vorgeführt, den klügsten Köpfen des Reiches. Es ist wie ein Schauprozess, vor einem Publikum, das in der Öffentlichkeit den Ton angibt. Jacques de Molay wiederholt sein Geständnis. Es ist eine tiefe Demütigung des stolzen Mannes – und ein großer Erfolg für den König. Der Auftritt von de Molay und die Masse der Geständnisse lassen die Verhaftungen gerechtfertigt erscheinen. 

 ERFREUT ÜBER SEINEN raschen Triumph, informiert Philipp den Papst und schreibt den anderen Mächtigen Europas – darunter Eduard II. von England, sein Erzfeind. Die Monarchen sollen seinem Beispiel folgen und die Templer in ihren Reichen festsetzen. Doch die Herrscher zögern. Sie wissen von der Fehde zwischen Frankreichs König und dem Papst. 

 

 

 SELBST DIE MAUERN ihres Hauptsitzes in Paris können die Templer nicht schützen, als ihn Truppen 1307 stürmen. Zeitgleich lässt König Philipp IV. Hunderte Ordensleute in ganz Frankreich verhaften – und wegen angeblicher Ketzerei der Inquisition übergeben, deren Oberhaupt ein Vertrauter des Monarchen ist 

 

 

 Clemens V. reagiert denn auch wutentbrannt: Eine „beleidigende Missachtung“ des Heiligen Stuhls seien die Festnahmen. Der Pontifex durchschaut die Verhaftungsaktion: Sie stellt einen unerhörten Angriff auf seine Autorität dar – schließlich ist er der Schirmherr des Ordens, er allein sollte solche rechtlichen Schritte einleiten. Und so steht für den Papst nicht das Schicksal des Ordens im Vordergrund, sondern die Machtfrage: Wer behält in dem Streit die Oberhand – der weltliche Herrscher oder die Kirche? 

 Nun überstürzen sich die Ereignisse. Clemens V. versucht, die Sache an sich zu reißen. Am 22. November 1307 erlässt er eine päpstliche Anweisung: Alle christlichen Monarchen sollen Tempelritter im Namen des Papstes verhaften und deren Besitz konfiszieren. In der Folge gibt es daher nicht nur in Frankreich Inquisitionsprozesse gegen die Ordensbrüder, sondern auch auf der Iberischen Halbinsel und in deutschen Landen. Doch nirgendwo werden die Templer so brutal verfolgt wie in Frankreich. Nach Paris schickt Clemens zwei Kardinäle. Sie sollen mit den Ordensoberen sprechen. Der Pontifex will sich so ein eigenes Bild verschaffen. Doch die Einmischung des Papstes verändert plötzlich die Lage. Überzeugt davon, dass nun der Pontifex die Hoheit in dem Verfahren erlangt hat, widerrufen Jacques de Molay und andere Ritter ihre Geständnisse. 

 Daraufhin stoppt Clemens im Februar 1308 tatsächlich die von Philipp in Gang gesetzten Inquisitionsverfahren und entzieht mit der ihm zur Verfügung stehenden Autorität dem französischen Großinquisitor die Zuständigkeit. Philipp IV. ist konsterniert. Die inhaftierten Templer gibt er dennoch nicht frei. Sie sind sein wichtigstes Pfand. Ein Vierteljahr später, im Mai 1308, treffen sich Papst und König in Poitiers, um die Krise zu entschärfen. Das Ergebnis ist ein Kompromiss: Mögliche Vergehen des Ordens und seiner Führung soll eine Sonderkommission untersuchen, eingesetzt vom Papst. Es ist gleichsam ein gesondertes Inquisitionsverfahren – ein Erfolg für den Pontifex. 

 

 BETEN TEMPLER STATT GOTT DEN TEUFEL AN? 

 

 Ganz anders aber die Verfahren gegen die einzelnen Ordensbrüder : Sie werden von örtlichen Inquisitionstribunalen unter Aufsicht der Bischöfe und des Großinquisitors wieder aufgenommen. Ein Vorteil für den König. 

 Denn Frankreichs Bischöfe stehen Philipp näher als dem Papst: Er kann sich auf die Unterstützung der meisten verlassen, nicht wenige wurden auf seinen Vorschlag hin eingesetzt oder sind gar mit ihm verwandt. Ganz besonders gilt diese Nähe für den Erzbischof von Sens, der für Paris zuständig ist – und damit für die meisten Tempelritter-Verfahren (1309 übernimmt Philipp de Marigny, Bruder des königlichen Kämmerers, das Amt; damit ist die Kontrolle des Königs über die Verfahren gesichert). 

 Für die noch immer eingekerkerten Tempelritter in Frankreich beginnt die Tortur nach der Einigung zwischen Papst und König nun von Neuem. Die Inquisitoren vernehmen sie ein weiteres Mal, viele Beschuldigte gestehen wieder, zermürbt von Kerkerhaft und Folter – obwohl dies ihr Todesurteil sein kann. Denn in der Logik des Inquisitionsverfahrens gilt jeder, der ein Geständnis erst widerrufen und sich unter der Marter dann erneut schuldig bekannt hat, als verstockter Ketzer. Und darauf steht der Feuertod. Anfang 1310 entschließen sich zwei rechtskundige Templer dennoch zum Widerstand. Sie nutzen ein Verhör durch die Sonderkommission, die der Papst zum Ärger des Königs tatsächlich eingesetzt hat, und beteuern abermals ihre Unschuld. Beide erklären, dass dem Orden „unsinnige Dinge“ vorgehalten würden. Alles sei „erlogen, falsch, erfunden“. 

 Die Geständnisse seien sämtlich erzwungen durch Folter und die Drohung mit dem Scheiterhaufen. Binnen weniger Wochen schließen sich den beiden knapp 600 inhaftierte Ordensleute an und widerrufen erneut. Ein Debakel für den König. Jetzt hat Philipp genug. Mehr als zwei Jahre zieht sich das Verfahren bereits hin. Noch immer ist nichts entschieden, noch immer ist nicht klar, ob die beschlagnahmten Templer-Güter endgültig der Krone zugeschlagen werden. 

 Der Erzbischof von Sens wird ihm ein williger Helfer und beweist die Durchschlagskraft der Inquisitoren. Am 11. Mai 1310 nimmt er die Verfahren gegen 54 der Templer wieder auf, die ihre Geständnisse zurückgezogen hatten. Nun geht alles ganz schnell: Schließlich hat der Papst den französischen Bischöfen ja das Recht zugestanden, einzelne Ordensbrüder zu richten. Und so verurteilt ein Inquisitionstribunal unter Vorsitz des Erzbischofs die 54 zum Tode, Einspruch ausgeschlossen. Als rückfällige Ketzer werden sie einen Tag später vor den Toren von Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Es sind die ersten vollstreckten Todesurteile der Affäre, und dann gleich in so großer Zahl – ein unmissverständliches Signal. 

 Auch an anderen Orten sterben Templer den Feuertod. Die beiden Anführer des Widerstands verschwinden einfach aus ihren Kerkerzellen; wahrscheinlich werden sie heimlich ermordet. Der Widerstand der Bruderschaft scheint endgültig gebrochen. Der französische König hat längst alle Argumente auf seiner Seite: Der Orden ist Teufelswerk, wie seine Mitglieder wieder und wieder eingestanden haben. 

 Die vielen Besitzungen, die ihnen geschenkt wurden, haben sie sich unter Vortäuschung gottgefälligen Tuns erschlichen. In Wahrheit haben sie aber mit ihrem ketzerischen Treiben den Zorn Gottes auf sich gezogen. Deshalb konnten die Heiden sie aus dem Heiligen Land werfen. Wenn der König die Templer in Haft und ihren Besitz in seiner Obhut behält, ist das mehr als gerechtfertigt: Es ist ein Triumph über das Böse. 

 

 

 GEFANGENER DER INQUISITION Großmeister de Molay (M.) und andere Templer geben unter der Folter ketzerische Taten wie Götzenanbetung und homosexuelle Akte zu, doch viele nehmen ihre Worte später zurück. Vergebens: Dutzende enden auf dem Scheiterhaufen – und die Bruderschaft wird aufgelöst 

 

 DER PAPST KANN DEM nur noch wenig entgegensetzen. Als er am 16. Oktober 1311, ein gutes Jahr später, bei Lyon ein Konzil eröffnet – ein Treffen der wichtigsten geistlichen Würdenträger –, das abschließend über Schuld oder Unschuld des gesamten Templerordens befinden soll, geht es ihm nur noch um ein schnelles Ende des Verfahrens. Er will die Bruderschaft auflösen. Aber eines ist ihm im Streit mit dem König wichtig: All das soll unter seiner Oberhoheit ablaufen. 

 Doch einmal mehr geschieht etwas Unerwartetes. Neun Templer tauchen auf dem Konzil auf, um ihren Orden zu verteidigen. Sie haben sich bis dahin der Verhaftung entziehen können. Clemens ist konsterniert und lässt sie sofort festnehmen. Er fürchtet, seine Pläne zur Auflösung des Ordens und zur Beilegung des Streits mit Frankreichs Herrscher könnten noch einmal durcheinandergeraten. Und die Sorge ist nur zu berechtigt. Denn das Konzil wendet sich gegen ihn. Die Kirchenmänner wollen den Templern Gehör geben, zeigen gar Sympathie für sie. Viele der geistlichen Konzilsteilnehmer, zumal die aus dem Ausland, halten den französischen Monarchen für den wahren Urheber des Skandals. Der Papst beginnt zu schwanken: Soll er die Ritterbrüder verdammen oder ihnen doch zumindest ein faires Verfahren gewähren? 

 Philipp IV. lässt ihm keine Wahl. Am 20. März 1312 rückt er mit militärischem Gefolge beim Konzil an. Angesichts der Drohkulisse votiert ein vom Papst hastig einberufenes Gremium von Kardinälen nun doch rasch für die Auflösung der Bruderschaft: Am 3. April hebt der Papst den Orden der Tempelritter aufgrund der ketzerischen Verfehlungen seiner Mitglieder offiziell auf. Die Ländereien und Besitzungen überträgt er den Johannitern. Das ist mit Philipp IV. so abgesprochen. Der Monarch bekommt zwar nicht die Ländereien der Bruderschaft überschrieben, so wie er es zu Beginn der Affäre gehofft haben mag. Aber er lässt sich sein Einverständnis für die neue Regelung teuer entlohnen: Sechs Jahre lang erhält er ein Zehntel aller Kircheneinnahmen in Frankreich. 

 Die Johanniter selbst müssen noch über Jahre sehr hohe Summen an das königliche Schatzamt zahlen – offiziell als Entschädigung für die Prozesskosten gegen die Tempelritter. Das Schicksal der Inhaftierten erscheint nun fast zweitrangig. Geständige Brüder (und auch jene, die man als unschuldig erachtet) erhalten nach dem Willen des Papstes eine lebenslange Pension – aus dem Restvermögen ihres Ordens. Sie finden in Klöstern anderer Bruderschaften Unterschlupf und führen weiter ein zölibatäres Leben. Nahezu im gesamten Abendland geschieht es so. Diejenigen aber, die weiterhin ihre Unschuld beteuern, bekommen die volle Wucht der Inquisition zu spüren. Sie bleiben in ihren Verliesen, vergessen von der Welt. 

 In einem letzten Akt will Clemens V. die Ordensoberen noch von einem Sonderkonzil aburteilen lassen. Dafür befiehlt er drei Kardinäle nach Paris – ein weiteres Inquisitionsgericht im Namen des Papstes. Das Tribunal ist für den 18. März 1314 anberaumt, und es wird ein kurzer Prozess. Ordensmeister Jacques de Molay und die drei anderen angeklagten Männer sind geständig. Schuldspruch und Strafmaß folgen umgehend: schwere, lebenslange Kerkerhaft. 

 Doch es gibt noch eine allerletzte Wendung, Großmeister Jacques und Geoffrey de Charnay, der einstige Ordensobere für die Normandie, widerrufen abermals ihre Geständnisse, entrüstet darüber, wieder kein faires Verfahren bekommen zu haben. Das ist zu viel. Umgehend übergibt das Sonderkonzil die beiden Renegaten daraufhin der weltlichen Macht, dem Stadtvogt von Paris und damit dem König. Der zögert nicht und ordnet die sofortige Exekution an. Noch am Abend gehen die Verurteilten „heiter und standhaft“, wie ein Zeitgenosse schreibt, in den Tod, die beiden letzten Opfer der Templerprozesse – verbrannt als Ketzer auf dem Scheiterhaufen. 

 So endet ein an Verwicklungen überreiches Machtspiel, wie es begonnen hat: mit einer Gewaltdemonstration des französischen Königs. Das Hin und Her der Tribunale und Geständnisse dazwischen, die zahlreichen politischen Geschäfte und Händel – in all dem hatten die Ordensleute vermutlich nie eine echte Chance, war der tragische Ausgang für sie von Anfang an wohl vorherbestimmt. Denn sie waren die perfekten Opfer in einem Skandal, in dem ihre Bruderschaft – einst geschaffen, um die Unversehrtheit des Glaubens und der Kirche zu sichern – zu einem Spielball der großen Politik geriet. 

 Die Inquisition war seit ihren Gründungsjahren machtvoll geworden, ihr Personal eingespielt und ambitioniert, ihre Beschuldigungen waren von weithin wirksamer, düsterer Kraft. Und so brauchte es nur einen geschickten Taktiker und gewieften Herrscher, der dieses schlagkräftige Instrument für die eigenen Zwecke einsetzte, um es zu etwas gänzlich Neuem zu machen: zu einer tödlichen politischen Waffe. 

   

   

   

 Verlinkungen: 

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 Quellen: 

 Internetquellen 

 -> Dieter J. Weiß, Deutscher Orden: Politische Geschichte (Mittelalter), publiziert am 01.03.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Deutscher_Orden:_Politische_Geschichte_(Mittelalter)> (18.01.2026) 

 -> Dieter J. Weiß, Ritterorden, publiziert am 20.09.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ritterorden> (18.01.2026) 

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 Sekundärliteratur 

 -> Bardow. Dominik: Deutscher Orden. Im Reich der Ordensritter, in: Die Welt der Ritter (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 94) Hamburg 2018, S. 141-145. 

 -> Klüver, Reymer: Kampf gegen die Templer. Das Ende der Ritter Gottes, in: Die Inquisition (GEO Epoche Jg. 2018, Heft Nr. 89). Hamburg 2018, S. 76-87. 

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Die Benediktiner
Inhaltsverzeichnis 

 1. Reichsabtei und Fürstentum Prüm 

 

 

 1. Reichsabtei und Fürstentum Prüm 

 Am Ober­lauf des Flus­ses Prüm in der Ei­fel grün­de­ten 721 die ade­li­ge Da­me  Ber­tra­da  und ihr Sohn He­ri­bert (Cha­ri­bert) ei­ne Be­ne­dik­ti­ner­ab­tei und über­tru­gen ihr Grund­be­sitz. Die­se Grün­dung scheint kei­nen Be­stand ge­habt zu ha­ben, denn 752 und 762 kam es durch die Ka­ro­lin­ger zu ei­ner zwei­ten Grün­dung. 

 Schon bei der ers­ten Grün­dung wur­de dem Klos­ter um­fang­rei­cher Be­sitz, mit der Be­zeich­nung „Fo­res­tis" über­tra­gen. In die­sem Be­zirk la­gen die spä­te­ren Or­te Blei­alf, Gon­den­brett, Sel­le­rich, Win­ter­spelt und der Hof Amel­scheid. In un­mit­tel­ba­rer Um­ge­bung des Klos­ters ka­men 762 durch ei­ne gro­ße Schen­kung Pip­pins des Jün­ge­ren (714-768, Kö­nig der Fran­ken 751-768), dem Va­ter Karls des Gro­ßen, wei­te­re er­heb­li­che Gü­ter­kom­ple­xe in Klos­ter­be­sitz, un­ter an­de­rem die ge­sam­te „vil­la" Prüm, die bis da­hin nur zur Hälf­te dem Klos­ter zu­ge­stan­den hat­te. Die Ko­lo­ni­sie­rung und Ur­bar­ma­chung gro­ßer Land­stri­che im süd­west­li­chen Ei­fel­raum ging ma­ß­geb­lich auf die Ak­ti­vi­tä­ten des Klos­ters in­ner­halb die­ser frü­hen Schen­kun­gen zu­rück. 

 Als ka­ro­lin­gi­sches Reichs­klos­ter hat­te Prüm im 8. und 9. Jahr­hun­dert ei­ne her­aus­ra­gen­de Stel­lung. Ei­nen Hö­he­punkt bil­de­te das Ver­hält­nis zu Kai­ser Lo­thar I. (ge­bo­ren 795, Kai­ser: 823-855), der 855 in der Ab­tei starb und hier sein Grab fand. 

 Das Prü­mer Ur­bar , das be­rühm­te Gü­ter­ver­zeich­nis von 893, und der spä­te­re Kom­men­tar von 1222 nen­nen zwar den ge­sam­ten Be­sitz des Klos­ters, er­wäh­nen aber noch kein ab­ge­grenz­tes Ter­ri­to­ri­um, da die Ver­fas­ser of­fen­bar grö­ße­res Ge­wicht auf die ent­fernt lie­gen­den Be­sit­zun­gen als auf die Gü­ter in der Nä­he des Klos­ters ge­legt zu ha­ben schei­nen. 

 Zahl­rei­che Schen­kun­gen und Pre­ka­rie­ver­trä­ge ver­grö­ßer­ten im Mit­tel­al­ter den Be­sitz des Klos­ters er­heb­lich. Die­ser Be­sitz er­streck­te sich bis zur Maas, bis zum Ober­rhein und bis an den Un­ter­lauf des Rheins. Zen­trum des Be­sit­zes war die Ei­fel­ab­tei. Ne­ben dem Fern­be­sitz, der von Prüm aus ver­wal­tet wur­de, bil­de­te sich im nä­he­ren Um­feld der Ab­tei ein ge­schlos­se­nes Ter­ri­to­ri­um, das im­mer mehr durch mas­sier­ten Be­sitz in sich ab­ge­run­det und schlie­ß­lich im Mit­tel­al­ter „Fürs­ten­tum Prüm" be­zeich­net wur­de. We­sent­li­che Be­stand­tei­le des Fürs­ten­tums wa­ren ein al­ter Bann­forst (ein ur­sprüng­lich kö­nig­li­cher Jagd­be­zirk) des 8. Jahr­hun­derts und das Kern­ge­biet des frän­ki­schen Ca­ros­gaus. Die Gren­ze im Wes­ten bil­de­te der Our-Fluss, im Os­ten stre­cken­wei­se die Kyll. Bis zum 13. Jahr­hun­dert scheint es der Ab­tei ge­lun­gen zu sein, ih­re Lan­des­ho­heit über die­ses ge­schlos­se­ne Ter­ri­to­ri­um aus­zu­bau­en. 

 Das Fürs­ten­tum zer­fiel deut­lich in zwei grö­ße­re, in sich aber ge­schlos­se­ne Tei­le. Zwi­schen bei­de Tei­le scho­ben sich Ort­schaf­ten, die zum  kur­trie­ri­schen  Amt Schöne­cken ge­hör­ten und die klei­ne Herr­schaft Fle­rin­gen, die bis En­de des 18. Jahr­hun­derts in  Aren­ber­ger  Be­sitz war. Die Edel­leu­te von Schöne­cken, ei­ne Ne­ben­li­nie der Gra­fen von Vi­an­den, be­sa­ßen die Vog­tei­rech­te im grö­ß­ten Teil des Fürs­ten­tums. Schöne­cken kam 1384 an den Trie­rer Erz­bi­schof; da­mit er­hielt der Erz­bi­schof die an Schöne­cken ge­knüpf­ten Vog­tei­rech­te im Prü­mer Ge­biet. Fast zur sel­ben Zeit (1374) konn­te der Erz­bi­schof von Trier auch die Rech­te an Burg Schön­berg er­lan­gen, die an der nörd­li­chen Gren­ze des Bann­fors­tes lag und die von Prüm lehn­rüh­rig war. Da­mit um­klam­mer­te kur­trie­rer Ein­fluss die Ab­tei und ihr Fürs­ten­tum. 

 Mit be­dingt durch die­se Um­klam­me­rung ver­lor das Fürs­ten­tum Prüm sei­ne Selbst­stän­dig­keit 1576, als der Trie­rer Kur­fürst nach län­ge­ren Strei­tig­kei­ten die Ab­tei ein­zog und in den Kur­staat Trier in­kor­po­rier­te. In der Fol­ge­zeit spre­chen die Quel­len nur noch vom Amt oder Ober­amt Prüm, das ein Be­stand­teil des Kur­fürs­ten­tums Trier wur­de. Der Kur­fürst von Trier war gleich­zei­tig Ad­mi­nis­tra­tor (Ver­wal­ter) des Be­ne­dik­ti­ner­klos­ters. 

 In ei­ner Be­schrei­bung von 1784 wur­de das ehe­ma­li­ge Fürs­ten­tum als Amt Prüm be­zeich­net. Haupt­ort des Ter­ri­to­ri­ums war das zen­tral ge­le­ge­ne Prüm mit Ab­tei und Stift. Hier führ­te ein kur­trie­ri­scher Amt­mann die Auf­sicht über 16 Schult­hei­ße­rei­en und 6 Zen­ne­rei­en. Die Schult­hei­ße­rei­en wa­ren Ge­richts- und Ver­wal­tungs­be­zir­ke mit je­weils ei­nem Schult­hei­ßen und sie­ben Schöf­fen . Im so ge­nann­ten Dau­ner Hof trug der Schult­heiß die Be­zeich­nung Mei­er. In den Zen­ne­rei­en war der Bür­ger­meis­ter oder Zenn­ner / Zend­ner für die Ein­zie­hung der Lan­des­steu­ern und für die Ver­kün­di­gung der lan­des­herr­li­chen Er­las­se zu­stän­dig. Ein Feu­er­buch (Feu­er­stät­ten­ver­zeich­nis) von 1684 nennt nur 14 Schult­hei­ße­rei­en oder Hö­fe; da­von un­ter­stan­den vier Hö­fe der kur­fürst­li­chen Kell­ne­rei Schön­berg (Alf, Win­ter­spelt, Sel­le­rich und der Dau­ni­sche Hof), die rest­li­chen wur­den von Schöne­cken aus ver­wal­tet (Nie­der­prüm, Sef­fern, Gon­den­brett, Schwirz­heim, Ols­heim, Her­me­spand, Wal­lers­heim, Wet­tel­dorf, Bü­des­heim, Rom­mers­heim). 

 Kur­trier be­grün­de­te sei­ne In­kor­po­ra­ti­on 1576 auch mit dem Ar­gu­ment, dass in Prüm die Ge­fahr der Ein­füh­rung der Re­for­ma­ti­on be­stün­de. Ob dies tat­säch­lich so ge­se­hen wer­den kann, ist um­strit­ten. Je­den­falls blieb das Ter­ri­to­ri­um nach der Ein­glie­de­rung in den Kur­staat ka­tho­lisch. 

 Die Ab­tei ge­hör­te zum  Ober­rhei­ni­schen Kreis  und führ­te ei­ne Stim­me im Reichs­fürs­ten­rat (Kol­leg der Reichs­fürs­ten auf den Reichs­ta­gen). Die Grö­ße des Fürs­ten­tums oder Amts Prüm wird um 1790 mit rund 39.500 Hekt­ar an­ge­ge­ben. 

 Das ehe­ma­li­ge Amt oder Fürs­ten­tum Prüm wur­de 1794 durch fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen be­setzt, das Klos­ter 1802 auf­ge­ho­ben. Durch den Frie­den von Lun­é­vil­le 1801 wur­de es zu­sam­men mit den an­de­ren links­rhei­ni­schen Ter­ri­to­ri­en dem fran­zö­si­schen Staats­ge­biet ein­ge­glie­dert. Es ge­hör­te, zu­sam­men mit Trier, zum  Saar­de­par­te­ment , bis es 1815 ein Teil der (ab 1830 so ge­nann­ten) preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz wur­de. Der grö­ß­te Teil des ehe­ma­li­gen Fürs­ten­tums bil­de­te den Kern des neu ge­bil­de­ten Krei­ses Prüm, der bis zur Ver­wal­tungs­re­form von 1970 Be­stand hat­te und dann im Land­kreis  Bit­burg-Prüm auf­ging. 

 

 

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 Quellen: 

 Internetquellen 

 -> Neu, Peter, Reichsabtei und Fürstentum Prüm, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Orte-und-Raeume/reichsabtei-und-fuerstentum-pruem/DE-2086/lido/57d1196426e1a0.41537212 (abgerufen am 31.07.2026) 

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 Sekundärliteratur 

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