Ritter
Tugenden, Kodex etc.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Fehde. Um Macht und Ehre.
1. Die Fehde. Um Macht und Ehre.
In deutschen Landen hat der König für Frieden und Sicherheit zu sorgen. Doch meist weilt er in der Ferne, und so ist die Fehde, die kriegerische Form der Selbstjustiz, für einen Adeligen häufig das einzige Mittel, sich Recht zu verschaffen: gegen Ehrabschneider, Raubritter, falsch erhobene Ansprüche. Wie im Streit um die Schmidtburg, der 1328 zwischen einem Erzbischof und einem Grafen entbrennt – und der eigentlich ein Machtkampf ist um die Vorherrschaft im Hunsrück
Graf Johann von Dhaun sitzt in der Falle. Seine Burg auf einem Bergrücken, hoch über einem Seitental der Nahe im Hunsrück, wird belagert, denn Erzbischof Balduin von Trier hat ihm die Fehde angesagt. Im Herbst des Jahres 1341 lagern dessen schwer bewaffnete Ritter und Kriegsknechte in den Wäldern rund um die Feste Dhaun. Die Angreifer im Auftrag des mächtigen Kirchenfürsten haben sogar schon Gegenburgen errichtet und sind nun in der Lage, von einem dieser rasch hochgezogenen, wahrscheinlich aus Steinen errichteten Bollwerke aus die Burg mit Katapulten zu beschießen.
Seine Feste droht Graf Johann zum Verhängnis zu werden. Der Zugang zur Anhöhe – ein steiler, enger Weg – endet zwar vor einem wuchtigen Torbau im Mauerring der Burg: Von dessen Zinnen und Schießscharten aus können die Verteidiger jeden Angreifer mit Pfeilen und Armbrustbolzen beschießen. Doch die Männer des Erzbischofs denken gar nicht an einen Angriff. Denn unter diesen Umständen käme eine frontale Attacke einem Selbstmord gleich. Stattdessen haben sie mit einem Wall den Zugangsweg zur Dhauner Feste blockiert – und warten nun ab.
Im Rücken der belagerten Burg liegt ein steil zum Fluss hin abfallender, zerklüfteter Berghang, den der Feind nicht kontrollieren kann. Vermutlich über diesen Weg schmuggeln die Männer des Grafen Vorräte in die Burg: Getreide, Wasser, Pökelfleisch, Pech, Feuerholz und andere Dinge. Der Pfad über den Hang ist jedoch gefährlich und schwer zu gehen. So erreicht nur wenig Nachschub die Eingeschlossenen. Zu wenig.
Ein Ausfall kommt für Johann von Dhaun nicht infrage. Der Graf befehligt wohl kaum 20 Bewaffnete – der Erzbischof dagegen verfügt allein an Berittenen über fast die zehnfache Zahl. Der Ausfall brächte den sicheren Tod.
Aber auch Balduins Männer scheuen die Attacke. Denn selbst wenn sie den Geschosshagel auf dem Zuweg überleben und die Burgmauer erreichen könnten, wäre ein Sturm nahezu unmöglich. Die Kämpfer des Grafen würden sie von den Zinnen aus mit Steinen bewerfen, mit brennendem Pech, heißem Öl und Fäkalien übergießen – sowie mit ungelöschtem Kalk, der Haut und Augen verätzt.
Sollte es den Angreifern dennoch gelingen, den Burggraben mit Erde oder Reisigbündeln aufzufüllen, liegen auf den Wehrgängen der Feste Stangen und Haken bereit. Mit ihnen können herangeschobene Holzbauten umgestürzt werden, sollten Balduins Männer unter deren schützendem Dach versuchen, das Tor einzurammen. Auch Sturmleitern lassen sich so von der Außenmauer fernhalten. Damit diese gar nicht erst einen sicheren Halt finden, ist die Mauer zudem aus unregelmäßigen, buckligen Quadern errichtet.
Erzbischof Balduin von Trier weiß um diese Gefahren. Immer wieder besucht er seine Truppen, lässt sich sogar eigens einen Tragaltar für den Gottesdienst auf eine nahe gelegene Burg bringen, die ihm als Quartier dient. Weshalb also Verluste riskieren, wenn er die Widersacher aus sicherer Distanz beschießen und von ihrem Nachschub abschneiden kann? Der Kirchenfürst wartet, denn die Zeit ist seine beste Waffe.
DER KAMPF DES ERZBISCHOFS gegen den Grafen ist nur einer von unzähligen Konflikten um Macht und Ehre, in denen Adelige in deutschen Landen gegeneinander ins Feld ziehen. So alltäglich sind die Privatkriege im Reich, dass sich die Chronisten kaum je die Mühe machen, deren Einzelheiten niederzuschreiben.
Das Ringen um die Burg Dhaun ist eine Ausnahme, denn hier haben sich einige Urkunden und Dokumente erhalten, aus denen die Machenschaften des Kirchenmanns herauszulesen sind – so etwa aus den kurzen Einträgen der zeitgenössischen Chronik der Erzbischöfe von Trier „Gesta Treverorum“. Oder aus den penibel geführten Listen über die Lieferungen zur Versorgung der Belagerungsmannschaften. Rare, wertvolle Details jenes gewalttätigen Brauchs, der jahrhundertelang für Unruhe sorgt im Römischen Reich: der Fehde.
Der Papst belegt die Armbrust mit einem Bann. Doch sein Verbot kümmert niemanden
Dem römisch-deutschen König und Kaiser obliegt es, für den Frieden im Reich zu sorgen. Zumeist jedoch ist er fern, und außerhalb seiner unmittelbaren Umgebung gelten die von ihm erlassenen Befehle wenig. Denn der Herrscher kommandiert kein stehendes Heer, seine Finanzen sind strapaziert. Keine oberste Autorität sichert den Frieden im Reich der Deutschen, niemand gibt den Menschen Sicherheit.
Streitfälle werden häufig in einem Schiedsverfahren vor einem von beiden Seiten akzeptierten Dritten beigelegt, nach schriftlich festgehaltenen Gesetzen und Gewohnheitsrecht. Die Alternative ist: Selbstjustiz.
Wenn sich ein freier Mann in seinem Recht gekränkt sieht, hat er die Möglichkeit, seinem Widersacher die Fehde zu erklären und die eigenen Ansprüche mit Gewalt durchzusetzen.
Der Tradition gemäß eröffnet ein Bote die Feindschaft, er überreicht dem Gegner einen Fehdebrief sowie ein oft blutbesprengtes Schwert und zuweilen einen Handschuh. Gegenseitige Verfluchungen werden ausgesprochen. Zum Verfahren gehört, nach dem Fehdebescheid drei Tage Frieden zu halten oder sich in dieser Frist zu einigen.
Erreichen die Kontrahenten keine gütliche Einigung, beginnt nach Ablauf der Friedenszeit die Fehde. Auch dafür gelten bestimmte Regeln; und nur wer sie einhält, ist ein Mann von Ehre. So sollen Kleriker und wehrlose Personen wie Schwerkranke, Frauen und Kinder geschont werden. Frauen lässt man ihre Kleider am Leib, vornehmen Damen sogar ihren Schmuck. Befehdet ein Adeliger den anderen, ist er außerdem gehalten, sich nicht an seinem Gegner persönlich zu vergreifen und auch dessen Residenz unversehrt zu lassen. Oft aber bleibt das bloße Theorie.
Denn das erste Ziel der Fehde ist es, dem Gegner möglichst großen Schaden zuzufügen. Dessen Land wird überfallen, Dörfer, Vieh, die Ernte des Feldes, alles wird geraubt oder zerstört. Selbst an einfachsten Gebrauchswaren vergreifen sich die Plünderer. Röcke und Hosen werden gestohlen, auch Bettzeug und Hausrat.
Weder Untertanen noch Angehörige des Feindes sind ihres Lebens sicher: Sie werden verprügelt, gefangen genommen und entführt oder getötet. Jeder Verlust schwächt den Befehdeten, sei es an Besitz, oder, so er sich unehrenhaft verhält und die Seinen im Stich lässt, an Ansehen.
Haben die Entführten Vermögen, erpresst man Lösegeld von ihren Familien; selbst für gestohlene Kühe wird zuweilen vom Eigentümer ein Betrag für die unversehrte Herausgabe verlangt. Sind die Verschleppten hingegen arm, verfaulen sie in elender Haft.
Und nicht nur hohe Herren befehden sich. Im späten Mittelalter sind es zunehmend auch Fuhrleute, Kleinhändler, Handwerker, gewöhnliche Bürger, die Adeligen und Städten die Feindschaft erklären – oder einander: In Leipzig etwa kündigen Schuhknechte einigen Professoren der Stadt die Fehde an.
Zumeist geht es um Geld – und immer um die Ehre, auch wenn die Gründe für die Streitigkeiten heute zuweilen lächerlich erscheinen: Ein Junker fühlt sich zu einer Kampfansage an die Bürger Frankfurts provoziert, weil einem Verwandten von einer Frankfurterin ein Tanz abgeschlagen worden sei. Ein Ritter behauptet, dass eine Stadt einem seiner Vorfahren noch Geld schulde. Ein anderer erklärt die Fehde, weil ein Untergebener geschlagen worden sei.
Wenn es bei der Fehde zu Feindseligkeiten kommt, reiten meist nur wenige Ritter aufeinander los. Der Kampfplatz wird vorher verabredet. Hinterhalte sind verpönt. Das direkte Duell Ritter gegen Ritter ist die ehrenhafteste Form, den Konflikt auszutragen. Stets gilt es, im Sattel zu bleiben. Häufig binden sich Ritter sogar daran fest. Denn wer erst einmal vom Pferd gefallen ist, den hemmt die schwere eherne Rüstung bei jeder Gegenwehr.
Kommt es aber doch zu einem großen Kampf, marschieren die Armbrustschützen voran. Auf bis zu 100 Meter Entfernung können sie mit ihren Bolzen eine Rüstung durchbohren. Zwar hat der Papst die Waffe mit dem Bann belegt. Auch gilt sie als wenig ehrenhaft, da sie es jedem Schwächling ermöglicht, den edelsten Ritter zu erschießen; doch hält sich niemand an das Verbot.
Hinter den Schützen formieren sich Reiter mit der Lanze im Anschlag; sie galoppieren in geschlossener Phalanx in die gegnerischen Linien.
Gefolgt werden sie von gepanzerten Reitern, umgürtet mit Schwertern – dem Zeichen der Ritter. Erst durch die feierliche Übergabe seiner Waffe in der Schwertleite wird ja der junge Edelmann zum Ritter erhoben.
Zu Seiten der Panzerreiter laufen deren leicht bewaffnete Fußknechte. Im Gegensatz zu den schweren, teuren Harnischen und aufwendigen Visierhelmen der ritterlichen Herren tragen sie zumeist nur ein mit Metallplatten verstärktes Lederhemd oder einen Ringelpanzer. Ihren Kopf schützt ein Eisenhut, ihr Gesicht bleibt frei. Die Knechte stechen die Rösser des Feindes nieder. Und sollte ihr Ritter straucheln, helfen sie ihm wieder auf.
Die Kämpfer streiten mit Hämmern und Flegeln, Äxten und Keulen, Schwertern und Dolchen. Die Fahne sowie Trompeten-, Horn- und Trommelsignale sind die einzigen Mittel, um die eigenen Männer im Lärm des Getümmels zu führen.
Leichen werden geplündert und ihrer Kleidung beraubt. Noch auf dem Schlachtfeld teilen sich die Sieger Beute und Gefangene.
In Dhaun jedoch bleiben die Ritter hinter Burg und Gegenburg verschanzt. Hier wird die Fehde mit anderen Waffen ausgefochten.
DIE KRÄFTE SIND ungleich verteilt. Johann von Dhaun gehört zu den Wildgrafen, einem von vielen Zweigen eines Nahegau-Adelsgeschlechts. Als Verbündete kann er lediglich auf einige Adelige im Umland zählen. Erzbischof Balduin von Trier dagegen ist ein hoher Kleriker und durch sein Amt einer jener sieben Kurfürsten, die den römisch-deutschen König wählen. 1308 hat er seinem Bruder Heinrich VII. zur Königswürde verholfen und ihn 1312 zur Kaiserkrönung nach Rom begleitet.
Balduin hat Großes vor. Er will seine Territorien, die im Westen des Reiches verstreut sind, zu einem großen, zusammenhängenden Herrschaftsgebiet vereinen. Deshalb gerät der Hunsrück in seinen Blick.
Wie ein gewaltiger Riegel trennt der von Burgen bekrönte Höhenzug zwischen Mosel und Nahe das Trierer Gebiet des Erzbischofs von seinen Besitzungen um Koblenz am Rhein. Leicht zu erobern ist diese Landschaft nicht: Hinter starken Mauern sitzen die Adeligen dort auf ihren Burgen – und sie leisten dem zur Eroberung entschlossenen Erzbischof Gegenwehr.
Gegen die Panzerreiter des Erzbischofs haben die Männer des Grafen keine Chance
Eine der wichtigsten Festen im Hunsrück ist die Schmidtburg über dem Tal des Hahnenbaches. Balduin ist klar: Nur wer sie beherrscht, kann auch das umliegende Land kontrollieren. Doch mit Waffengewalt ist dem Bollwerk wohl nicht beizukommen.
Die Feste gehört Heinrich von Schmidtburg, der keinen legitimen Sohn und Erben hat. Bei seinem Tod würde die Burg deshalb an einen Vetter aus einem der vielen anderen Zweige der Familie fallen. Mit diesem Verwandten jedoch hat sich der Herr der Schmidtburg schon vor Jahren überworfen.
Balduin nutzt diesen Familienzwist für seine Zwecke. Nach etlichen Verwicklungen erklärt der Kirchenfürst nach Heinrichs Tod dessen Erben die Fehde. 1328 fällt er in den Hunsrück ein, erobert eine dort liegende Burg und belagert die Stadt Kreuznach. Einnehmen kann das erzbischöfliche Heer die Stadt zwar nicht. Dafür brandschatzt es die Dörfer in der Umgebung, nimmt deren Einwohner gefangen und schleppt reiche Beute weg. Nur Kirchen und Klöster verschont der geistliche Herr.
Seine Gegner bitten den überlegenen Kirchenfürsten um Frieden, der ihnen auch gewährt wird. Nun ist Balduin Gebieter über die Schmidtburg. Doch noch gibt es einen aus der Familie der früheren Herren, der auf seine Erbansprüche nicht verzichtet hat: Wildgraf Johann von Dhaun.
Lanze, Schwert und Dolch sind die Waffen des Ritters. Alles andere gilt als unehrenhaft
Balduin sammelt Partner für ein Bündnis gegen den Wildgrafen und kann schließlich einen mächtigen Alliierten gewinnen: den Erzbischof von Mainz, den ranghöchsten aller Kurfürsten und Kanzler für die deutschen Lande.
Noch aber warten die Verbündeten ab, weil Balduin andere Eroberungsfeldzüge wichtiger sind. Anfang 1340 endlich, zwölf Jahre nach den ersten Kämpfen, scheint den Kirchenmännern der rechte Zeitpunkt gekommen, um den letzten Widerstand zu brechen. Die Verbündeten erklären Johann von Dhaun die Fehde. Mit der Belagerung seiner Burg über einem Seitental der Nahe beginnt ein weiterer Kampf um den Hunsrück.
Während die Feste schon umzingelt wird, regeln die Belagerer – die beiden Erzbischöfe sowie fünf Adelige aus der Umgebung – in detaillierten Verträgen, wie nun vorzugehen ist.
Wichtigster Stützpunkt der Angreifer wird die acht Kilometer entfernte Schmidtburg. Jeder der Bündnispartner hat zwischen 20 und 30 Ritter zu stellen. Insgesamt umfasst die Streitmacht 180 Schwerbewaffnete zu Pferde, dazu eine stattliche Anzahl Kriegsknechte zu Fuß. Entsprechend der Größe ihrer Kontingente soll auch die Beute unter den Kriegsherrn verteilt werden. Ihre Soldaten stationieren sie am Belagerungswall und dort, wo sie Wildgraf Johann durch Überfälle auf seinen Landbesitz am meisten schaden können.
Für den Bau von drei Belagerungsburgen sind jeweils 1500 Pfund Heller vorgesehen. Dafür hätten die Verbündeten eine Herde von 2000 Rindern oder rund 300 Arbeitspferde kaufen können – aber nur ein Dutzend jener kostbaren Rösser, auf denen Ritter in die Schlacht ziehen. Zwei Drittel der Kosten übernehmen die beiden Erzbischöfe, die zahlungskräftigsten unter den sieben Alliierten.
BURG DHAUN, HERBST 1341. Nach anderthalb Jahren Belagerung haben die beiden Kirchenfürsten auch ihre dritte Gegenburg bemannt. Oberhalb der Dhauner Feste und nur etwa 300 Meter entfernt auf einem Bergsporn gelegen, gemahnt sie Wildgraf Johann beim Blick über die Mauerzinnen an die Gegenwart seiner Feinde – Stunde um Stunde, Tag für Tag. Dass die Erzbischöfe die Residenz ihres Gegners nach den Regeln der Fehde eigentlich nicht antasten dürften, schert die geistlichen Herren und deren Verbündete wenig. Denn nun liegt Dhaun in Wurfdistanz für das wirkungsvollste Geschütz dieser Zeit: die Blide – ein Katapult, das ein Chronist als „teuflisches Werkzeug“ beschreibt.
Zentnerschwere Steine lassen sich damit halbwegs zielgenau über eine Entfernung von bis zu einem halben Kilometer verschießen. Aber auch mit Exkrementen oder Viehkadavern gefüllte Fässer. Oder die Köpfe enthaupteter Feinde, wie es schreckliche Sitte der Kreuzritter war im Heiligen Land.
Den dicken Mauern einer Feste wie Dhaun können die Katapultkugeln kaum Schaden zufügen. Anders sieht es bei empfindlicheren Zielen aus, etwa bei den über die Außenmauer hinausreichenden Aborten, in denen die Belagerten ihre Notdurft verrichten. Erker können abgeschossen, Dächer durchschlagen und hölzerne Wehrgänge zermalmt werden. Auch eine Rüstung mit eisernem Helm und Harnisch gibt keine Sicherheit vor der Blide; trifft den Ritter ein Steingeschoss, wird sein Panzer wie dünnes Blech zerquetscht.
Mit dem Katapult schießen Angreifer sogar die Köpfe enthaupteter Feinde in die belagerte Burg
Nicht jeder Kriegsherr kann sich ein solches Katapult leisten. Das Gerät ist groß und schwer: Bis zu 20 Meter misst der Hebelarm, der das Geschoss in einer Lederschlinge emporwuchtet; allein das Gegengewicht, dessen Fall den Arm beschleunigt, wiegt mehrere Tonnen.
Nur spezialisierte Handwerker sind in der Lage, eine Blide zu konstruieren. Zudem ist die Herstellung viel zu kompliziert, um sie am Ort der Belagerung vorzunehmen. Bau, Transport und Endmontage des zerlegten hölzernen Riesen sind daher teuer.
Balduin könnte freilich gleich mehrere Bliden nach Dhaun bestellen. Der Erzbischof ist reich, seine Mannschaften leben im Überfluss. In der Etappe auf der Schmidtburg spielen Musikanten zur Unterhaltung auf. Aus Trier erreichen die Burg Getreide und Hafer für die Pferde. Die Verbündeten schicken Erbsen, Schinken und Heringe, treiben in fünf Monaten 157 Ochsen und 104 Schafe heran, die ein eigens angestellter Metzger schlachtet und zerlegt.
Während in Balduins Lager Ochsen am Spieß braten und Musikanten aufspielen, geht es in der eingeschlossenen Dhauner Feste deutlich karger zu. Schon im Frieden ist das Burgleben hart. Denn ein solches Bollwerk, von denen es im deutschen Sprachraum insgesamt wohl mehr als 20000 gibt, ist nicht zum behaglichen Wohnen des Adeligen und seiner Familie gebaut, sondern dient als befestigte Kampfstellung – und dieser Funktion ist jeder Komfort untergeordnet.
Oft mehrere Meter dick und praktisch uneinnehmbar sind die Außenmauern, bestückt mit Zinnen, Türmen und einem überdachten Wehrgang zum Schutz der Verteidiger. Das Tor ist der einzige Schwachpunkt und daher besonders gesichert: durch eine Zugbrücke über den Graben, durch Fallgatter sowie mit Eisenblech beschlagene Türflügel. Sie sollen das Holz vor den Rammen des Angreifers schützen. Oft hat eine Burg mehrere Toranlagen hintereinander.
Gelingt es dem Feind dennoch einzudringen, zieht sich die Besatzung in den Bergfried zurück, den Hauptturm. Er ist besonders stabil gebaut, der Zugang kann leicht unterbrochen werden. Im Notfall wird der Bergfried also zu einer Burg in der Burg. Einzunehmen ist er nur schwer.
Schon ein einzelner Kämpfer kann die steile Wendeltreppe im Turm gegen eine Übermacht halten. Sie ist extra eng angelegt, damit die Angreifer sie nur einzeln erklimmen können. Hohe Stufen machen dem Feind den Sturm unmöglich. Zudem windet sich die Treppe im Uhrzeigersinn hinauf, was den Angreifer im Gebrauch des rechten Arms und der Schwerthand behindert. Die Türöffnungen sind extrem niedrig. Der Feind muss sich bücken, will er sie durchschreiten, und ist daher gegenüber einem Verteidiger stets im Nachteil.
Je kürzer die Burgmauer, desto weniger Soldaten werden benötigt, um sie zu bemannen. Im Inneren der Feste herrscht deshalb eine geradezu bedrückende Enge. Stallungen für Vieh und Pferde liegen neben dunklen Kammern, angefüllt mit Waffen, Rüstungen und Vorräten. Fast unerträglich sei der Gestank, so überliefert ein Zeitzeuge: etwa vom Pech, das zum Abdichten von Fässern benötigt wird und das die Verteidiger erhitzt auf den anrennenden Feind gießen. Oder von den Ausdünstungen und Ausscheidungen der Tiere und Menschen.
Und dann die alles durchdringende Kälte von November bis März, hinter klammem Stein und mit Läden verrammelten Fensteröffnungen, die kaum Schutz bieten vor Wind und Wetter. Wahrscheinlich lässt sich in der Dhauner Feste nur ein Raum heizen. Doch da Feuerholz ein sperriges Gut ist und sich nur schwer durch den Belagerungsring schmuggeln lässt, wird auch dort der Kamin wohl selten angezündet.
Vielleicht 30 Menschen leben unter dem Kommando des Wildgrafen auf der Burg: Kriegsknechte, Mägde, Diener, vermutlich auch ein Geistlicher. Der Familie des Grafen ist der Palas vorbehalten, das Wohngebäude des Burgherrn.
Dort befindet sich ein geschmückter Saal zur Repräsentation. In ihm werden in Friedenszeiten Gäste bewirtet und Feste gefeiert. Nur in den Privatgemächern der adeligen Familie, etwa den Schlafzimmern, gibt es hölzerne Dielen, Teppiche, vielleicht sogar Federbetten.
Die Bediensteten hausen gemeinsam in einem nicht geheizten Raum mit Steinfußboden. Glücklich ist, wer an der offenen Feuerstelle der Küche arbeitet; er hat es wenigstens tagsüber warm.
WAS ALSO SOLL der eingeschlossene Wildgraf tun: ausharren und dem Dauerbeschuss trotzen – bis der Feind doch irgendwann zum Sturm ansetzt? Es droht der zweite Belagerungswinter, mit kargen Rationen von Erbsen, Stockfisch, Zwiebeln und Pökelfleisch, dessen zunehmend fauliger Geschmack sich auch durch kräftige Gewürze kaum überdecken lässt.
Graf Johann von Dhaun will die Entbehrungen nicht länger ertragen und riskiert einen Gegenschlag. Er flieht unerkannt und reitet zur Burg eines verbündeten Ritters: Felsberg an der Saar, rund 80 Kilometer entfernt. Von dort aus unternimmt er nächtliche Überfälle, plündert und brandschatzt im nahen Trierer Gebiet des Erzbischofs. Balduin schickt einen Trupp Ritter hinterher. Die 24 Mann sollen eine Belagerung der Burg Felsberg vorbereiten.
Diesmal legt es der Kirchenfürst nicht auf eine monatelange Blockade an – Burg Felsberg will er rasch nehmen. Eine längere Belagerung könnte mit der ehrenvollen Übergabe der Feste enden. Er aber will sie zerstören, den Feind zur Kapitulation zwingen und damit den Kampf beenden. 30 Jahre zuvor hat Balduins Neffe, König Johann von Böhmen, Bergleute eingesetzt, die eine Burg untergruben und dadurch deren Mauern zum Einsturz brachten. An diese Operation erinnert sich der Erzbischof; er bittet einen befreundeten Prager Bürger um die Vermittlung geeigneter Mineure.
Die Aufgabe solcher Bergleute ist gefährlich. Einige Meter tief in der Erde treiben sie einen Stollen in Richtung Burg. Dann schlagen sie in das Fundament der Burgmauer eine Minenkammer, die sie mit einem Holzgerüst abstützen. Dort schichten die Mineure Reisigbündel auf, die mit leicht entflammbaren Substanzen wie etwa Schweineschmalz getränkt sind – und zünden sie an.
Zerstört das Feuer das Holzgerüst, verliert die Mauer ihr Fundament und stürzt in sich zusammen. Durch die entstandene Bresche können die Angreifer die Burg erstürmen.
Es gibt nur eine Möglichkeit, einen derartigen Angriff aus dem Untergrund zu orten: in den Kellerräumen der Burg Wassereimer aufzustellen und sie ständig zu beobachten. Das Hämmern der Mineure sendet Schallwellen durch Erdboden und Mauerwerk. Wenn sich das Wasser an der Oberfläche der Bottiche kräuselt, ist dies ein Zeichen für die näher rückenden Bergarbeiter.
Dann können Verteidiger ebenfalls einen Tunnel graben und durch diesen die Angreifer bekämpfen. Oder Wasser aus einem Fluss oder Burggraben in den Angriffsstollen leiten und ihn fluten. Das jedoch ist eine Arbeit, die nur Bergleute ausführen können. Die aber gibt es nicht auf Burg Felsberg.
Anfang November 1341 treffen Balduins böhmische Bergknappen ein. Als auch noch ein Verbündeter des Felsberger Burgherrn – der mit seinen Truppen eigentlich für Entsatz sorgen wollte – angesichts von Balduins Heeresmacht auf dessen Seite wechselt, flieht Graf Johann abermals.
Der nun entmutigte Herr der Burg Felsberg ergibt sich. Die Sieger schonen sein Leben – doch die Feste wird komplett zerstört.
Johann kehrt auf verborgenen Pfaden nach Dhaun zurück. Die Belagerung dort dauert an. Immer schwieriger wird die Situation. Als am 16. Januar 1342 der Burgherr einer rund zwei Kilometer flussaufwärts gelegenen Feste die Reihen Balduins verstärkt, ist auch der letzte Versorgungsweg versperrt. Vermutlich erhofft sich der Adelige schnellen Gewinn bei dem nun absehbaren Sieg.
Der Wildgraf sieht ein, dass weiterer Widerstand aussichtslos ist. Noch kann er um einen ehrenvollen Frieden nachsuchen. Denn ohne Zweifel werden Balduins Ritter bald zum Sturm auf die ausgehungerten Verteidiger ansetzen – und das Schicksal einer gestürmten Feste ist deren völlige Vernichtung. Also schleicht sich Johann nach Trier und bittet um Frieden.
Die Verhandlungen mit dem Erzbischof sind kurz, die Bedingungen des Friedensvertrags, den die Kontrahenten im Juli 1342 unterzeichnen, hart – aber erträglich: Johann verzichtet für alle Zeiten auf den Besitz der Schmidtburg und verliert eines seiner Dörfer an den Erzbischof. Doch er darf seine Heimatburg Dhaun behalten – muss lediglich Balduin dort aufnehmen, wann immer dieser es wünscht.
Nach 14 Jahren Streit und zwei Jahren offener Fehde ist der Kampf um die Vorherrschaft im Hunsrück beendet. Wie viele Menschenleben er gefordert hat, ist nicht überliefert. Die Opfer auf Seiten der Belagerten sind unbekannt. Das Lager der Angreifer hat zumindest einen Toten zu beklagen. Einen Kriegsknecht, für dessen Totenmessen die Kanzlisten der Belagerungstruppen auf der Schmidtburg die Ausgabe für Kerzenwachs verzeichnet haben. Seinen Namen haben die Schreiber ebenfalls notiert: Rudolf.
WILDGRAF JOHANN VON DHAUN stirbt wahrscheinlich 1354, zwölf Jahre nach dem Ende der Fehde – und im selben Jahr wie sein einstiger Widersacher Balduin. Der Erzbischof hat sein Ziel erreicht. Bis zu seinem Tod mit 68 Jahren hat er die zersplitterten Besitzungen zu einem geschlossenen Territorium zusammengefügt. Über mehr als 160 Kilometer reicht die Herrschaft des Erzbistums Trier nun, von der Saar im Süden bis Limburg an der Lahn im Norden.
Die komplette Zerstörung seiner Burg kann der Graf gerade noch abwenden – er gibt auf
Die Schmidtburg, jene Feste, die so wertvoll ist, dass zwei Erzbischöfe mit dem Wildgrafen von Dhaun eine erbitterte Fehde um sie geführt haben, bleibt fast ein halbes Jahrtausend lang der Mittelpunkt der Trierer Herrschaft im Hunsrück.
Dort sitzen jene Ritter, Lehnsmänner und später Beamte des Erzbischofs, die das Gebiet überwachen und in seinem Namen verwalten. So lange, bis französische Truppen 1794 das Rheinland besetzen und den kirchlichen Landesherren ihre Territorialgewalt nehmen.
Das Fehdewesen im Heiligen Römischen Reich wird sich in den folgenden Jahrzehnten noch ausdehnen und ungeheuren Schaden anrichten. Verantwortlich dafür sind zum einen die großen Herren: So ist Kurfürst Balduin nicht der Einzige, der Land und Geld erbeuten will. Zum anderen suchen viele Ritter geradezu nach Anlässen für Streitigkeiten, denn sie sehen den bewaffneten Kampf als ihre Hauptaufgabe an.
Mancher Ritter verarmt, weil er ohne Unterlass in Privatkriege verstrickt ist. Etliche sinken zu bloßen Strauchdieben herab, denen jetzt als Broterwerb dient, was sie zuvor ruiniert hat: die Fehde, die zur kaum kaschierten Form des Straßenraubs verkommen ist.
Erst Kaiser Maximilian I. aus dem Hause Habsburg leitet 1495 das Ende dieser Form der Selbstjustiz ein. Sein „Ewiger Landfriede“ verbietet die Fehde endgültig und setzt an ihre Stelle eine verbindliche Ordnung, die auch den Ritter zwingt, sich an ein Gericht zu wenden, um Genugtuung für eine Ehrverletzung oder anderes erlittenes Unrecht zu erlangen.
Wer jetzt noch eine Fehde beginnt, begeht Landfriedensbruch, verfällt der Reichsacht, wird nach einem Jahr vogelfrei – und ist damit für die gesamte Gesellschaft, was Erzbischof Balduin schon in den Augen seines Opfers Johann von Dhaun war: ein beutegieriger Kriegstreiber und Länderdieb. Ein Gesetzesbrecher.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Otto, Frank: Die Fehde. Um Macht und Ehre, in: GEO Epoche (Jg. 2007, Heft Nr. 25).
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Sekundärliteratur
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Rittertum und Öffentlichkeit
Inhaltsverzeichnis
- Ritterturnier. Um Ruhm, um Ehre und um Geld.
- Adelsrebellion. Der Aufstand des letzten Ritters.
1. Ritterturnier. Um Ruhm, um Ehre und um Geld.
Im November 1179 treffen sich 3000 Adelige nahe Paris zum wohl größten Turnier des Zeitalters. Für die Kämpfer ist es eine Möglichkeit, sich vor den Augen des französischen Hofs auszuzeichnen – und durch Siege reich zu werden. Unter den Angereisten ist auch der Engländer William Marshal, der bei seinen Standesgenossen als der beste aller Ritter gilt
Der förmliche Teil der Feier ist beendet: Frankreichs neuer König ist gekrönt und gesalbt. Würdevoll haben Fürsten, Ritter und Honoratioren aus ganz Europa an diesem 1. November 1179 die jahrhundertealten Rituale in der Kathedrale von Reims verfolgt, haben beobachtet, wie ein Erzbischof Stirn, Brust und Schultern des Thronfolgers mit heiligem Salböl bestrich, wie er dem neuen König die Krone feierlich auf das Haupt legte.
Einige Tage später beginnt der zweite, entfesselte Teil des Programms: das Ritterturnier. Zunächst jedoch müssen die Gäste eine beträchtliche Strecke hinter sich bringen. Der nächstgelegene Platz für ein Turnier dieser Größe liegt gut 100 Kilometer entfernt, bei Lagny, einem Dorf an der Marne, nicht weit von Paris. Mehrere Tage dauert die Anreise zu Pferd.
Als sich die Ankömmlinge Lagny nähern, sehen sie schon von Weitem, welch ein Spektakel geplant ist. Rings um den Ort und entlang des Marne-Ufers stehen Dutzende Zelte, eine wachsende Stadt aus Segeltuch, über der der Rauch von Lagerfeuern aufsteigt. Die meisten Besucher sind direkt von den Krönungsfeierlichkeiten angereist, selbst wenn nicht alle Festgäste die Mühen auf sich genommen haben; der eben gekrönte König etwa ist in Reims geblieben. Aber es kommen zahlreiche adelige Zuschauer, Höflinge, Hofdamen.
Und natürlich erscheinen die Ritter: einzeln, in kleinen Teams, aber auch in Mannschaften, die Armeen gleichen. Insgesamt 3000 Reiterkämpfer sind schließlich versammelt – zum vermutlich größten Turnier des Mittelalters. Fast jeder Ritter bringt ein Gefolge von Bediensteten mit: ihre Knappen, die die Waffen pflegen, polieren und vorbereiten, die Pferde füttern und einsatzbereit machen; Knechte, die das Lager organisieren, Bäume und Hecken fällen, um an dringend benötigtes Feuerholz zu kommen. Im Dorf selbst bieten Bauern Schinken, Wein und Brot an. Fahrende Händler verkaufen Zaumzeug, Gürtel, Rüstungsteile für jene Ritter, die ihre Ausstattung noch vervollständigen müssen. Schmiede hämmern, um schadhafte Helme, Schwerter und Kettenhemden für den Kampf herzurichten.
EUROPAS Elite REIST ZUM TURNIER
In einiger Entfernung von Lagny erbauen Zimmerleute die letzten Tribünen und Unterstände für das Publikum; in den Tavernen des Dorfes warten Prostituierte und Diebe auf Freier und Beute. Quacksalber preisen schon ihre Fähigkeiten an, falls es Knochenbrüche und Wunden geben wird. Das Starterfeld ist illuster: Die Elite der europäischen Turnierkämpfer hat sich an der Marne versammelt; die meisten der Panzerreiter sind hart im Zweikampf, talentiert und erfahren.
Das größte Team bringt Englands Thronfolger Heinrich mit nach Lagny: insgesamt 560 Kämpfer. Die Ankunft seiner gefürchteten Mannschaft ringt den Anwesenden Respekt ab. Aber auch Heinrich selbst: Er ist stattlich und hochgewachsen. Edler kann ein Ritter kaum sein. Auch unter seinen Gefolgsleuten sind berühmte Adelige, etwa Guillaume des Barres aus der Umgebung von Lagny, ein „kluger, tapferer Ritter“, wie ein zeitgenössischer Chronist notiert. Oder Jean de Préaux, ein Normanne, von dem es heißt, er sei „Gold wert, wenn es darum geht, Schläge wegzustecken“.
DER BEDEUTENDSTE Kämpfer in Heinrichs Equipe aber ist William Marshal – ein Mann, der vielen als der beste Ritter seiner Zeit gilt. Keiner teile so mächtige Schläge aus wie der 30-Jährige, erzählt man sich ehrfurchtsvoll, keiner lenke so geschickt sein Pferd, keiner könne wie er die Zügel des Tieres eines Gegners ergreifen und es samt Reiter einfach abführen. So hervorragend ist der Ruf von William, so tadellos sein Leumund, dass ihn Englands König zum Mentor und Beschützer seines Sohnes Heinrich ernannt hat. Zudem ist Marshal dank seiner langjährigen Erfahrung auch Chefstratege des englischen Teams. Endlich ist es so weit: Fünf Tage nach der Krönung in Reims beginnt der Wettkampf. Einige Stunden nach Sonnenaufgang rufen Herolde die Ritter auf den Kampfplatz, ein gewaltiges, mehrere Quadratkilometer großes Areal am abfallenden Ufer der Marne.
Ein Turnier besteht in dieser Zeit noch nicht aus besonderen technischen Einzeldisziplinen wie etwa dem Lanzenstechen (das beginnt erst im folgenden Jahrhundert), sondern ist im Prinzip die Simulation einer echten Schlacht. Die Panzerreiter messen sich in einem nur wenig geordneten Massenkampf mit scharfen Waffen. Der wichtigste Unterschied zum Krieg: Die Beteiligten versuchen es nach aller Möglichkeit zu vermeiden, den durch seine Rüstung ohnehin geschützten Gegner ernsthaft zu verletzen oder gar zu töten (auch wenn trotzdem immer wieder Ritter im Wettkampf ihr Leben lassen). Die Angereisten sind wie üblich in zwei Lager eingeteilt worden. Diesmal treten Engländer, Normannen und Franzosen gegen Krieger aus den Regionen Anjou, Poitou und der Bretagne an. Die beiden Lager, jeweils etwa 1500 Mann stark, haben keine obersten Anführer, in ihnen verbinden sich lediglich zahlreiche Einzelkämpfer mit größeren Teams.
Für jedes Lager haben die Organisatoren einen besonderen Bereich des Areals eingerichtet, in dem später, wenn die Duelle toben, die Knappen erschöpfte und verwundete Ritter in Empfang nehmen sowie ihre Herren mit frischen Pferden und Waffen versorgen werden.Inzwischen haben die Turnierkämpfer ihre Position eingenommen, stehen auf breiter Front der gegnerischen Mannschaft gegenüber. Die Männer tragen Kettenhemden und topfförmige Helme, sitzen auf kräftigen Araberpferden.
Über den Rüstungen haben sie Waffenröcke mit ihren persönlichen Wappen oder den Zeichen ihres Teams angelegt – nicht aber Erkennungszeichen für eines der beiden Großlager. Die Beteiligten müssen selber versuchen, den Überblick zu behalten, sich durch Rufe verständigen. Eine übergeordnete Strategie gibt es ohnehin nicht. Nur drei Ziele. Zum einen soll das eigene Lager den Schlagabtausch sichtbar gewinnen, die gegnerischen Formationen aufbrechen und niederringen. Zum anderen hofft jeder Ritter auf die Auszeichnung als bester Einzelkämpfer, die die anwesenden Herolde vergeben – jene Beobachter, die das Kampfgeschehen für die Zuschauer kommentieren, und alle Teilnehmer genau kennen.
Und schließlich geht es auch darum, Beute zu machen. Denn wer einen anderen Turnierteilnehmer vom Pferd stößt, überwältigt und gefangen nimmt, darf dessen wertvolle Kampfausrüstung und die Pferde an sich nehmen. Oft handeln die Kontrahenten auch eine Art Lösegeld aus, für das die Gefangenen nach kurzer Zeit schon wieder freigelassen werden. Die adeligen Zuschauer, viele Damen darunter, haben nun die Tribünen eingenommen, die am Saum des Turnierplatzes emporragen. Volk aus der Umgebung hat sich ebenfalls eingefunden und steht an den Rändern des Areals. Endlich schmettern die Fanfaren durch die Herbstluft. „Helme auf!“, ruft ein Herold. „Dex Aie“, erschallt der Ruf vieler Ritter: „Gott helfe uns.“
KURZ DARAUF galoppieren die Vertreter beider Lager aufeinander zu, die Lanzen erhoben. Pferde wiehern, Metall scheppert. Nur Meter vor einem Aufprall senken die Ritter ihre Waffen. Wer jetzt panisch wird oder die Kontrolle über sein Pferd verliert, der gehört schon zu den Verlierern. Einmal, zweimal wiederholen die Männer diese Attacke. Nun erst beginnt der Nahkampf, verkeilen die Kontrahenten ihre Pferde ineinander, prügeln mit Keulen und Schwertern aufeinander ein, bis einer aufgibt, vom Pferd fällt oder so benommen ist, dass ihn sein Gegner samt Ross in die eigene Schutzzone abführen kann.
Die Duelle sind wild, heftig, chaotisch. Die Zuschauer können kaum erkennen, was genau vor sich geht. Sie sind auf die Herolde angewiesen, die ihnen Informationen über das Kampfgeschehen zurufen. Für die Engländer um William Marshal läuft es gut: Panik scheint in den Reihen der Gegner auszubrechen, viele flüchten. Williams Männer fühlen sich sicher (können wohl auch ihre Gier nach Ruhm und Beute nicht unterdrücken) und preschen den Fliehenden auf Befehl Heinrichs hinterher – so schnell, dass sie es versäumen, den Thronfolger abzusichern. Plötzlich steht Heinrich allein da.
Binnen Kurzem umringen Ritter des gegnerischen Lagers den prominentesten Turnierteilnehmer und versuchen ihn vom Pferd zu stoßen. Einem Kämpfer gelingt es, Heinrichs Helm herunterzureißen. William Marshal hat den Thronfolger im Auge behalten, ist nicht, wie die anderen Kameraden, davongesprengt. Er hat bereits viele Turniere bestritten, bei Dutzenden Wettkämpfen brilliert. Die Erfolge haben ihn berühmt und wohlhabend gemacht. Doch nun droht unglaubliche Schmach. Wird Englands Thronfolger auf dem größten aller Turniere in Gefangenschaft geraten? William Marshals Familie stammt ursprünglich aus der Normandie und ist wahrscheinlich 1066 mit Wilhelm dem Eroberer nach England gekommen. Der Großvater war Ritter und königlicher Beamter mit dem Titel eines marshal. Daher der Beiname der Familie.
William kommt um 1147 zur Welt, als vierter von sechs Söhnen eines niederen Adeligen. Wohl im Jahr 1160 schickt ihn der Vater in die Normandie. Dort soll der 13-Jährige zum Ritter werden – als Knappe im Dienste des Normannen William von Tancarville. Der weithin geachtete Reiterkrieger, dessen Burg auf einem Felsen oberhalb der Seine thront, ist ein Vetter von Williams Mutter.
Eigentlich ist der Junge für eine Ausbildung zum Knappen schon zu alt, denn meist beginnt die Lehre bereits mit acht bis zehn Jahren und endet acht Jahre später. In dieser Zeit sollen aus den Eleven Männer geformt werden, die auf dem Schlachtfeld ebenso angemessen aufzutreten vermögen wie bei Hofe, die das Kriegshandwerk so gut beherrschen wie die Jagd und im Spielen von Instrumenten ebenso gewandt sind wie in ihren aristokratischen Umgangsformen.
Die Ausbildung ist überall in Europa ähnlich, doch manche Höfe werden für ihre besonders exzellente Lehre gerühmt, etwa der Welfs V., des Markgrafen der Toskana. Die Knappen müssen meist kein Geld bezahlen – die Ausbilder ziehen ihren Vorteil daraus, dass sich eine enge Verbindung zur Familie des Jünglings ergibt. Denn die Ritterausbildung ist ein wichtiger Teil der Adelsbeziehungen, die große Teile Europas überziehen. William erhält Kleider und Waffen gestellt, für Essen und Unterbringung auf dem Anwesen des Dienstherrn ist ebenfalls gesorgt.
EIN GUTES Ross IST KOSTBAR
MIT DEM ENGLÄNDER durchläuft ein gutes Dutzend anderer Knappen die Ritterschule des William von Tancarville. Sie werden zu seiner neuen Familie – auch wenn er selbst anfangs wie am falschen Platze wirkt. Er schläft morgens zu lang (wie ein Biograf vermerkt, der im Auftrag von William Marshals Sohn um 1225 eine Chronik über den Ritter verfassen wird). Die Tanz- und Musikstunden absolviert er sichtbar unmotiviert. Ein wenig mehr Eifer zeigt der Junge beim Polieren und Pflegen der Waffen.
Doch er brennt aufs Reiten und Kämpfen: Tausende Stunden wird William bis zum Ende seiner Ausbildung auf dem Rücken eines Pferdes verbringen. Die Knappen trainieren den Faustkampf, angeleitet von Meistern aus dem Gefolge des Dienstherrn, sowie den Umgang mit Waffen. Die wichtigste ist das Schwert. Zu Williams Zeiten ist es 90 Zentimeter lang und so fein aus Eisen geschmiedet, dass es nur gut ein Kilogramm wiegt. Ein geübter Ritter kann mit einem Schlag ein Bein durchtrennen. Immer wieder üben die Knappen die gleichen Hiebfolgen, bis die in ihr motorisches Gedächtnis übergegangen sind, sie mit der Waffe zu Pferd und am Boden ebenso wendig wie schlagkräftig sind.
Auch den Kampf mit Lanze, Keule, Axt und Kriegshammer trainieren die Jungen. Treffsicherheit und Reaktionsschnelle übt man an einer Puppe, die sich nach jedem Stoß um die eigene Achse dreht und den Angreifer trifft, wenn der nicht schnell genug ausweicht. Als Williams Körper stark genug ist, bringen ihm ältere Ritter bei, wie eine Rüstung anzulegen ist: zuerst das gefütterte Wams aus Leinen oder Wolle, darüber das Kettenhemd, danach einen Waffenrock und schließlich den eisernen Helm mit Nasenschutz (Plattenpanzer gibt es vermehrt erst im 14. Jahrhundert).
Er lernt, mit dem 15 Kilogramm schweren Kettenhemd ein Pferd zu besteigen und im Galopp die drei Meter lange Lanze, unter dem rechten Arm eingeklemmt, auf ein Ziel auszurichten, während er in der linken Zügel und Schild hält. Nur wenige Pferde sind dazu geeignet, ein gutes Schlachtross kostet daher bis zu 100 Pfund – dafür bekommt man 4500 Schafe. Die Pferde sind auf Ausdauer, Stärke und Beweglichkeit gezüchtet und werden darauf trainiert, selbst unter Lärm, Stößen und Tritten nicht in Panik zu geraten.
Eine wichtige Aufgabe der Knappen ist es, die Schlachtrösser der älteren Ritter zu pflegen. Auch sorgen sie dafür, dass deren Harnische und Waffen immer in bestem Zustand sind. Als Helfer begleiten sie die Kämpfer auf Reisen, bei Turnieren und auf Feldzügen. Nur selten greifen sie in das Getümmel ein, bewachen meist abseits des Geschehens Pferde und Tross. Höhepunkte der Ausbildungszeit sind die gemeinsamen Jagden mit den anderen Lehrlingen und dem ausbildenden Ritter.
Mit Hunden zieht die berittene Mannschaft dann in die Wälder, um Hirsche, Wildschweine, Wölfe mit Pfeil und Bogen oder Armbrüsten zu erlegen. Zudem erjagen abgerichtete Falken oder Habichte Kleinwild wie Kaninchen und Fasane. Abends trifft sich die Gruppe in der Halle der Burg von Tancarville zu einer ausgiebigen Mahlzeit. Auch hier gibt es Regeln: William lernt, nicht mit vollem Mund zu sprechen, sich bei jeder Bemerkung stets dem Ranghöheren zuzuwenden – und während des Essens nicht in der Nase zu bohren.
Zudem soll sich ein Ritter bei Tisch weder die Nägel putzen noch in seiner Hose nach Flöhen suchen und möglichst das Urinieren innerhalb des Gebäudes unterlassen (all das ist im Volk üblich). Regelmäßig wird in der großen Halle Fleisch serviert, ein Privileg der höheren Stände. Zu trinken gibt es meist niedrigprozentiges Bier, manchmal auch Wein, fast immer aber alkoholische Getränke, denn die sind durch den Gärprozess hygienischer als pures Wasser. Auch bei diesen Mahlzeiten fällt William nicht gerade positiv auf. Er trinkt und isst oft derart viel, dass man ihn bald den „Gierschlund“ nennt, wie sein Biograf später vermerkt.
Mit 20 Jahren aber kann der angehende Ritter so hart zuschlagen wie ein „Schmied auf Eisen“ und zugleich heftige Gegenhiebe ertragen. Er vermag ohne fremde Hilfe in voller Rüstung auf ein Pferd zu steigen, im Galopp auf ein Ziel zuzureiten, komplizierte Wendemanöver mit dem Tier auszuführen. Er kann schwimmen, jagen, mit dem Bogen schießen, Schach spielen und weiß, sich in der Gegenwart von Edelleuten zu benehmen.
Vor allem hat er ein Gefühl dafür bekommen, was den Ehrenkodex eines Ritters ausmacht: Er muss tapfer und mutig sein, seinem Dienstherrn gehorchen und die Schwachen beschützen. Als Edelmann darf er keinen anderen Ritter mutwillig töten, sondern ihn nur gefangen nehmen. Auf sein Ehrenwort muss Verlass sein. Nun ist er reif für den wichtigsten Tag in seinem Leben: die Schwertleite, seine feierliche Erhebung zum Ritter.
Dieser Brauch ist auf alte germanische Mannbarkeitsriten zurückzuführen, die sich später mit christlichen Segnungsideen verbunden haben. Bereits im 11. Jahrhundert werden junge Männer erstmals rituell in den Kreis der Ritter aufgenommen, anfangs in Frankreich (siehe Seite 24), bald auch in England und in deutschen Landen, mit der Zeit entwickelt sich eine Anzahl zeremonieller Elemente. Die Nacht zuvor verbringt der Anwärter häufig betend in seiner Kammer. Den Morgen beginnt er mit einem feierlichen Bad, damit er sich geistig und körperlich reinigt.
Fällt die Schwertleite besonders festlich aus, legen Bedienstete dem Knappen anschließend ein weißes, golddurchwirktes Gewand an, darüber einen purpurfarbenen Umhang, dazu seidene Schuhe. Derart gewandet, tritt er vor die geladenen Gäste, unter denen sich hohe Adelige befinden können, und bekommt von einem erfahrenen Ritter feierlich Rüstung, goldene Sporen, Schwert überreicht sowie ein Pferd geschenkt.
Jedes Detail hat Bedeutung: Das Weiß steht für die Reinheit des jungen Mannes, das Purpurrot für seine Bereitschaft, notfalls zum Schutz der Kirche das Blut seiner Kontrahenten zu vergießen. Die goldenen Sporen symbolisieren die Schnelligkeit, mit der jeder Ritter die Gebote Gottes zu verteidigen hat, während die beiden Schneiden des Schwertes ihn zur Treue und Gerechtigkeit mahnen sollen. Doch nicht immer sind die Zeremonien derartig aufwendig – und Williams Schwertleite fällt sogar eher bescheiden aus: Im Jahr 1166 gürtet ihn sein Gönner, William von Tancarville, mit einem Schwert und übergibt ihm einen Umhang. Mehr nicht.
Schnell muss es gehen, denn schon bald soll der neue Ritter zu einem Gefecht ausreiten, es geht um Grenzstreitigkeiten mit einem Nachbarfürsten. Vielleicht erhält William auch einen leichten Schlag mit dem Schwert auf den Kopf oder auf die Schulter, doch wird sich dieser klassische Ritterschlag erst ein Jahrhundert später durchsetzen. William Marshal ist nun ein professioneller Krieger. Tapfer schlägt er sich in den Kämpfen unmittelbar im Anschluss an seine Schwertleite.
Doch schon bald darauf ist er: arbeitslos. Denn nachdem der Herr von Tancarville alle Meinungsverschiedenheiten mit seinem normannischen Nachbarn beigelegt hat, beschließt er, sein Rittergefolge (offenbar aus finanziellen Gründen) deutlich zu verkleinern. Auch William Marshal muss gehen. Seinen Umhang, den er gerade erst erhalten hat, muss der junge Ritter versetzen, um sich von dem Geld zumindest ein günstiges Reisepferd kaufen zu können.
Zusammen mit einem Diener verlässt er die Burg von Tancarville und begibt sich auf Arbeitssuche, wie so viele andere junge Kämpfer: Wenn nicht gerade Krieg herrscht, bemühen sich Hunderte ambitionierter Nachwuchsritter um eine einträgliche Aufgabe, einen Platz im Gefolge eines adeligen Herrn, für den sie etwa von Festungen aus dessen Untertanen überwachen oder Abgaben eintreiben.
DOCH ES GIBT für junge Ritter noch eine weitere Möglichkeit, in Friedenszeiten nicht nur Geld zu verdienen, sondern auch Ruhm zu erlangen: das Turnier. Solche Wettbewerbe werden wohl bereits seit dem 11. Jahrhundert organisiert, aber erst ab etwa 1150 wird das Turnier – abgeleitet vom lateinischen Wort für „wenden“, tornare – zum zentralen Bestandteil des ritterlichen Lebens, zunächst vor allem in den Weiten von Nordfrankreich und Flandern. Zu William Marshals Zeiten gibt es in dieser Region mehr als ein Dutzend Turnierorte – Areale von jeweils bis zu 50 Quadratkilometer Größe, die meist von Wäldern und Flüssen begrenzt werden. Für die Grafen und Herzöge, die die Wettbewerbe auf ihren Ländereien veranstalten, sind die Zusammenkünfte eine Gelegenheit, um nach guten Kämpfern Ausschau zu halten und nebenbei Politik zu betreiben, Allianzen zu schmieden oder Vermählungen zu arrangieren. Vor allem aber sollen die Turniere die Großzügigkeit und das Ansehen des Veranstalters demonstrieren.
Der Prestigegewinn wiegt die Kosten auf für die Verpflegung der Ritter, die ausgelobten Preise – und die aufwendige Werbung. Denn meist ziehen Ausrufer zwei bis sechs Wochen zuvor durchs Land, um die Veranstaltungen anzukündigen. An besonders wichtige Fürsten erfolgen die Einladungen auch schriftlich. Mundpropaganda tut überdies ihren Teil. Fast das gesamte Jahr über kommt es irgendwo zu einem Turnier, zeitweilig alle 14 Tage. Für die Ritter sind die Veranstaltungen eine Möglichkeit, unter realen Bedingungen ihre Fähigkeiten zu schärfen – denn echte Ritterschlachten sind selten. Nur während der Fastenzeit vor Ostern gibt es keine Treffen.
Die Turniere sind zur Zeit William Marshals stets Massenkämpfe, dabei aber zugleich Mannschafts- und Einzeldisziplin. Denn zum einen können die Teams als Gruppe brillieren, zum anderen vermag jeder einzelne Teilnehmer die Wertung als bester Kämpfer zu gewinnen und dafür einen symbolischen Preis entgegenzunehmen, etwa eine Falkenfigur. Die Wettbewerbe sind ein Messen mit scharfen Waffen. Anders als in einer echten Schlacht aber ist meist der Einsatz von Fußsoldaten, vor allem von Bogenschützen, untersagt. Zudem geht es nicht darum, den Gegner zu töten, auch schützen die Rüstungen vor Hieb- und Stichwunden. Dennoch kommt es immer wieder zu gefährlichen Verletzungen, stürzen Kämpfer vom Pferd oder brechen zuweilen überhitzt zusammen. Es gibt sogar Todesfälle. Auch deshalb äußern die Vertreter der Kirche mitunter heftige Kritik an den Ritterturnieren, fordern Verbote. Anstatt sich gegenseitig zu drangsalieren, so die Geistlichen, sollten Ritter besser ihrem religiösen Auftrag nachkommen und Heiden bekämpfen.
Manche Kleriker verweigern getöteten Turnierkämpfern sogar ein christliches Begräbnis. Wegen der kirchlichen Kritik an den rauen Turniersitten (und weil große Fürsten die Wettkämpfe fortan häufig nutzen, um sich und ihre Höfe effektvoll zu inszenieren) wird sich das Turnierwesen im Verlauf des 13. Jahrhunderts nach und nach wandeln: Anstelle von Massenkämpfen, wie William Marshal sie noch erlebt, wird die „Tjost“ zum Kern der Wettbewerbe, das Lanzen-Duell zweier aufeinander zureitender Ritter, die versuchen, sich gegenseitig aus dem Sattel zu heben. Stumpfe Waffen werden ab etwa 1250 immer häufiger die scharfen ersetzen. Schwere Plattenpanzer, vor Beginn des Duells aufs Genaueste überprüft, schützen bald jeden der Kämpfer vor Verletzungen.
Die Regeln und Rituale nehmen zu. Kampfrichter vergeben nun sogar Haltungsnoten, je nach Schwere und Art des Aufpralls. Turniere werden mit theaterähnlichen Aufführungen verbunden, bei denen Ritter in die Rolle von Sagengestalten schlüpfen. All das aber ist zu William Marshals Lebzeiten noch undenkbar. Der junge Ritter bestreitet sein erstes Massenturnier 1166 in Sainte-Jamme nahe der Stadt Le Mans. Ein Schlachtross muss er sich zuvor leihen. Doch gelingt es ihm, während des Getümmels mehrere Gefangene zu machen. Denen bleibt nichts übrig, als sich zu ergeben und ein Lösegeld zu versprechen. Wie es sich gehört, nimmt William ihr Ehrenwort an und lässt sie für den Rest des Turniers weiterkämpfen.
Als das Turnier endet, gehören dem am Morgen noch mittellosen Ritter vier Schlachtrösser sowie einige gewöhnliche Reitpferde und mehrere Zelte und Packtiere – ein kleines Vermögen. William zieht nun von Turnier zu Turnier, wird immer besser und zunehmend bekannter. Nicht jedes Mal geht er als Sieger hervor: Einmal wird er selbst gefangen genommen und muss Lösegeld bezahlen. Ein anderes Mal wird ihm im Kampfgetümmel der Helm derart durch Hiebe verformt, dass er fast erstickt. Doch trotz dieser Rückschläge gilt er bereits um 1167 als einer der fähigsten Turnierkämpfer seiner Generation. Es wird Zeit für den nächsten Schritt.
ZU BEGINN DES JAHRES 1168 begleitet William seinen Onkel, den Earl von Salisbury, auf einen Feldzug nach Südfrankreich. Die beiden Edelleute wollen dem englischen König Heinrich II. gegen aufständische Adelige helfen. Denn der Monarch herrscht nicht nur auf der Insel, sondern auch über Gebiete auf dem Kontinent: die Normandie, die Provinz Anjou bei Paris, die Bretagne sowie, durch seine Heirat mit Eleonore von Aquitanien, auch deren Herzogtum, das ganz Südwestfrankreich umfasst. Damit gebietet er über ein Reich, das sich von den Pyrenäen bis Schottland erstreckt, eines der mächtigsten Feudalgebilde Europas. Doch gerade in Aquitanien kommt es oft zu Aufständen rebellischer Aristokraten.
William fällt gemeinsam mit seinem Onkel die Aufgabe zu, Königin Eleonore auf einer Reise durch das Rebellengebiet zu beschützen. Aber die Gruppe gerät in einen Hinterhalt der Aufrührer. Die Königin kann sich in Sicherheit bringen, doch der Onkel (dem die Zeit fehlte, seine Rüstung anzulegen) stirbt, als ihn ein Gegner mit der Lanze durchbohrt. Eine Untat! Niemand tötet einen Ritter vom Rang eines Earls – schon gar nicht, wenn er ohne Panzer dasteht. Wie „ein hungriger Löwe“, so Williams Biograf, stürzt sich der junge Ritter auf die Mörder seines Onkels. Mehrere Männer kann er niederstrecken, ehe er am Oberschenkel verwundet und gefangen genommen wird.
Königin Eleonore kauft den mutigen Kämpfer zum Dank mit einem Lösegeld frei – und beruft ihn in ihr Gefolge. Als Heinrich II. im Juni 1170 seinen 15-jährigen Sohn Heinrich zum Mitkönig krönen lässt, ist wohl auch William anwesend. Denn kurz darauf wird er zum Kampf- und Waffenlehrer des jungen Monarchen bestimmt. Doch von der Macht hält König Heinrich seinen Sohn noch fern. So verlegt sich der Thronfolger auf den Turniersport, um zumindest dort Ruhm und Ehre zu sammeln. Um 1175 beginnt er systematisch, eine Mannschaft aus Wettkämpfern um sich zu scharen. Das ist nicht unüblich: Zu dieser Zeit kaufen sich viele reiche Fürsten ihre Teams aus den besten Turnierrittern zusammen und zahlen ihnen üppige Gehälter. Und dank einer königlichen Apanage seines Vaters ist der junge Heinrich der finanzkräftigste Turnierteam-Besitzer in ganz Europa.
Wer für ihn antritt, erhält üppige 20 Schilling täglich, auch an wettkampffreien Tagen. Bald kostet Heinrichs internationale, mehr als 200 Ritter zählende Truppe rund 200 Pfund Sterling pro Tag – das entspricht dem jährlichen Steueraufkommen der Grafschaft Worcester. Kopf des Teams wird William Marshal. Seine Kämpfer zählen zwar zu den besten ihres Metiers, besitzen die eindrucksvollsten Rüstungen und Waffen, aber sie agieren zunächst eher wie undisziplinierte Einzelkämpfer, nicht wie ein Team.
Statt strategisch im richtigen Moment und gemeinsam zuzuschlagen, preschen sie auf eigene Faust nach vorn und werden so leicht zum Opfer ihrer Gegner. Auch William kann sich oft nicht beherrschen – zu sehr liebt er den Nahkampf, um taktisch abwartend vorzugehen. Die Engländer verlieren Turnier um Turnier. Die gut trainierten französischen Ritter machen sich einen Spaß daraus, Marshals Männer zu demütigen, sie gefangen zu nehmen und von Heinrich Lösegeld zu erpressen. Zuweilen teilen sie schon vor einem Turnier die erwartete Beute untereinander auf.
18 Monate vergehen so. Doch langsam wachsen die englischen Einzelkämpfer zu einer schlagkräftigen Mannschaft zusammen. Sie lernen, nicht zu früh aus dem Glied auszubrechen, die Formation länger zu halten und erst später ins Kampfgeschehen einzugreifen, wenn die anderen Teams bereits erschöpft sind. Spätestens Ende des Jahres 1177 gehört die Equipe des Thronfolgers zu Europas erfolgreichsten Turniermannschaften. Und William Marshal ist mittlerweile auch Bannerherr – er besitzt nun ein eigenes Wappen: ein Löwe auf grün-goldenem Grund.
Selbst König Heinrich II., eigentlich kein großer Freund des Turnierwesens, wird auf die Erfolge seines Sohnes aufmerksam. Und so sendet er ihn mit prachtvollem Gefolge und üppigen Geschenken zur Salbung des französischen Königs nach Reims. Und zum anschließenden Großwettkampf. Lagny, November 1179, kurz nach Turnierbeginn. Englands Thronfolger ist trotz seiner illustren Mannschaft in höchster Gefahr: Mehrere Kämpfer aus dem feindlichen Lager haben einen Kreis um ihn gebildet und versuchen, ihn zu überwältigen.
Doch jetzt stürzt sich William Marshal (der das Geschehen aufmerksam verfolgt hat) gemeinsam mit einem zweiten Ritter auf die Männer, die Heinrich angreifen; er attackiert sie mit kräftigen Hieben, während sein Partner versucht, den Thronfolger aus dem Getümmel herauszuziehen. Und tatsächlich, die Gegner lassen schließlich ab, Heinrich kann sich in Sicherheit bringen.
Diese Tat macht William noch berühmter. Und die Kunde von seiner glorreicher Rettungsaktion übersteht die Zeitläufte besser als andere Nachrichten: Wer das Turnier von Lagny gewonnen hat, weiß heute niemand. Noch drei weitere Jahre feiert das englische Team Erfolge, eilt von Sieg zu Sieg. Doch im Juni 1183 erkrankt Heinrich plötzlich an einem Fieber und stirbt mit kaum 28 Jahren, wahrscheinlich an der Ruhr. William Marshal ist in seiner letzten Stunde bei ihm.
Mit dem Tod des Thronfolgers endet auch Marshals Turnierkarriere. Das Team wird aufgelöst, und William zieht (ein letzter Wunsch des sterbenden Heinrich) ins Heilige Land und unterstützt zwei Jahre lang die dort entstandenen Kreuzfahrerstaaten. Zurück in Europa, tritt er um 1185 in die Dienste Heinrichs II., des immer noch amtierenden englischen Königs. William ist jetzt Anfang 40, und er spürt nun wohl die vielen Jahre des Kampfes. Zudem ist er wieder fast mittellos. Denn genau zu wirtschaften, Geld zu sparen, Rücklagen zu schaffen: All das sind in den Augen eines Ritters krämerische, verachtenswerte Tugenden.
William hat seine bei den Turnieren erkämpften Reichtümer immer an Günstlinge weitergegeben, sie der Kirche gespendet oder für besonders wertvolle Waffen, Pferde und Gelage ausgegeben. Doch die Geschenke sind eine soziale Investition, sie schaffen ein Netz von potenziellen Unterstützern. Marshals Ruf ist exzellent, und er verfügt über viele loyale Gönner, darunter Heinrich II. Der belohnt William jetzt mit einem Lehen. Und es kommt noch besser: 1189 vermittelt der König seinem verdienten Ritter die Hochzeit mit einer Frau aus höchstem Hause, die durch ihr Erbe Williams Besitz auf 65 Lehen vergrößert; die meisten davon liegen in Wales sowie im 18 Jahre zuvor eroberten Irland.
Als Heinrich II. im gleichen Jahr stirbt, tritt William in die Dienste von dessen zweitem Sohn Richard (den man später wegen seiner militärischen Erfolge „Löwenherz“ nennen wird). Nach Richards zehnjähriger Amtszeit steht er dessen Bruder Johann zur Seite – und nach dessen Tod wird er zum offiziellen Vormund des minderjährigen Thronfolgers Heinrich III. Noch mit 70 Jahren führt William Marshal 1217 in einer Schlacht gegen die Franzosen persönlich eine Attacke an – und gewinnt.
ZWEI JAHRE SPÄTER, im Frühling 1219, neigt sich das Leben des berühmten Ritters dem Ende zu. Tagelang ruht er auf einer Bettstatt im Herrenhaus von Caversham, seinem Wohnsitz an der Themse westlich von London, und spürt den Tod kommen. Viele Mitstreiter und Edelleute reisen an, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, darunter der päpstliche Legat und alle großen englischen Barone. Es sind so viele Männer, dass sie längst nicht alle im Herrenhaus Platz finden. Sie lagern auf der anderen Flussseite – und der Anblick der Zelte mag den alten Ritter an seine besten Tage erinnern, an die Turniere mit dem jungen Heinrich.
Anfang April 1219 setzen die Angereisten gemeinsam über die Themse. Der zwölfjährige König Heinrich III. geleitet die Würdenträger und Ritter in die Kammer des Sterbenden. Auf seinem Lager spricht William zu Heinrich, ermahnt ihn wie ein Vater – und bittet ihn um Entschuldigung dafür, dass er sich nicht länger um ihn wird kümmern können. Nachdem die Anwesenden das Amen gesprochen haben, entlässt er sie. Es ist Abend, und er spürt die Müdigkeit. Tag und Nacht halten seine engsten Gefährten nun abwechselnd Wache am Bett.
In den kommenden Tagen verteilt William sein Erbe. Um den Übertritt ins Jenseits so befreit wie möglich zu vollziehen, halten Geistliche den Sterbenden dazu an, all seinen Besitz von sich zu geben. Vor allem aber beschwören ihn die Priester, zu beichten, zu bereuen, sich all die Namen ins Gedächtnis zu rufen, denen er in seinem Leben unrecht getan hat. Da erhebt der alte Ritter noch einmal seine Stimme und erklärt: „Mehr als 500 Ritter habe ich in meinem Leben besiegt, ihre Harnische, Waffen und Pferde genommen!“ Wie solle sich ein Mensch da an jeden Einzelnen erinnern und Buße tun?
Am 14. Mai 1219 stirbt William Marshal, der Mann, der fünf Königen gedient hat, Sieger vieler Turniere. Wenige Tage später erreicht die Kunde den französischen Hof, an dem noch immer Philipp II. residiert – jener Monarch, auf dessen Krönung 1179 das große Turnier von Lagny gefolgt war. Der König hat gerade im Kreis einiger Adeliger das Abendessen beendet. Nun gedenken die Männer reihum des Verstorbenen und erklären, William Marshal sei einer der heldenmutigsten, treuesten, weisesten Männer gewesen, die sie je gekannt hätten. Kurz: der beste aller Ritter.
2. Adelsrebellion. Aufstand des letzten Ritters.
Um 1500 endet in den deutschen Landen die Ära der Ritter – denn ihre militärische Bedeutung nimmt ab, ihre Einkünfte brechen ein, und ihre Eigenständigkeit wird von machthungrigen Landesfürsten beschränkt. Doch viele der berittenen Edlen wollen das nicht hinnehmen. Einer von ihnen ist Franz von Sickingen, der versucht, seine Standesgenossen für eine Rebellion zu gewinnen.
An einem Tag im August des Jahres 1522 rücken etwa 600 Ritter in voller Rüstung auf die Pfälzer Stadt Landau vor. Ohne auf Widerstand zu stoßen, passieren die Schwerbewaffneten die Wälle des Ortes und reiten ins Zentrum. Vor dem „Haus am Maulbeerbaum“, der vornehmsten Herberge am Platz, steigen sie ab und quartieren sich in dem früheren Adelshof und einigen anderen Unterkünften ein. Die Krieger aus dem Rheinland, aus Schwaben und Franken sind nicht gekommen, um zu kämpfen. Sie wollen miteinander reden.
Niemand weiß heute noch genau, wie viele Tage sie in dem Gasthaus verbringen, wie die Meinungen hin und her wogen. Doch am 13. August 1522 gründen die versammelten Ritter feierlich eine „brüderliche Vereinigung“ und verabschieden eine Art Satzung. Darin halten sie fest, dass sie sich künftig gotteslästerlicher Reden, ausschweifender Trinkgelage und unehrenhafter Taten enthalten wollen. Sie verzichten darauf, Fehden untereinander zu führen; sämtliche Streitigkeiten sollen eigene Schiedsleute, Obmänner oder das Los entscheiden.
In Landau, so scheint es, zivilisiert sich ein kriegerischer Berufsstand, dessen Metier über Jahrhunderte das Kämpfen und Töten war: Er gibt sich Vorschriften. Tatsächlich aber ist die Gründung dieses Bundes ein rebellischer Akt. Ein Affront gegen die Rechtsordnung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, dessen Gerichte die Ritter nicht anerkennen. Ein ebenso trotziges wie verzweifeltes Aufbegehren gegen eine neue Zeit, in der die Kämpfer ihre Bedeutung schwinden sehen, sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlen.
Davor soll sie vor allem einer ihrer Standesgenossen bewahren: Gegen Ende der Versammlung wählen sie Franz von Sickingen zum Hauptmann ihrer Vereinigung. Der 41-Jährige hatte zu dem Treffen geladen. Franz ist der berühmteste Kriegsunternehmer im Reich. Und er soll der Ritterschaft wieder Einfluss verschaffen, sie zu altem Glanz führen. Nur die wenigsten Männer ahnen, dass der Hauptmann angeschlagen ist.
UM 1500 ERLEBT EUROPA einen Sturm der Veränderung. Kaufleute knüpfen immer dichtere, grenzüberschreitende Handelsnetze, bauen (wie etwa die Augsburger Fugger) ihre Unternehmen binnen weniger Jahre zu mächtigen Konzernen mit Niederlassungen in den bedeutendsten Metropolen des Kontinents aus.
Zugleich sorgt der um 1450 erfundene Buchdruck dafür, dass sich Wissen in rasanter Geschwindigkeit ausbreitet – Kenntnisse etwa über neu entdeckte Erdregionen, über gewinnträchtige Handelsrouten, aber auch Gedanken, die die Obrigkeiten herausfordern. Gerade Städte profitieren von dieser Dynamik: Durch Handel und Gewerbe zu Wohlstand gekommene Bürger kaufen verarmten Adeligen ihre Landsitze ab; mancher Kaufmann leiht Fürsten, ja selbst dem König, Geld und nimmt so Einfluss auf deren Politik. Gleichzeitig streben weltliche und geistliche Fürsten danach, ihre Macht auszuweiten: Sie formen ihre Territorien zu immer fester gefügten Staaten mit arrondierten Herrschaftsgebieten.
Dieser Prozess schadet den niederen Adeligen, die bislang als autonome Herren über ihre Güter herrschten. Ihre Gebiete, oft Enklaven in einem größeren Staat, werden mitunter von den Landesherren geschluckt. Die versuchen zudem, alle Niederadeligen ihrer Steuerhoheit und Gerichtsbarkeit zu unterwerfen, sie also zu Untertanen zu machen. Der deutsche König kann nichts dagegen tun, denn er ist bei der Erhebung etwa von Kriegssteuern auf die Zustimmung der Landesherren angewiesen.
Im Jahr 1495 verabschiedet eine von König Maximilian I. einberufene Versammlung der Städte und hohen Fürsten den „Ewigen Landfrieden“: Damit sind fortan Fehden aller Art verboten; das alte Privileg, sich mit Gewalt selbst Recht zu verschaffen, erlischt. Stattdessen soll nun ein Reichsgericht alle juristischen Streitfälle friedlich in letzter Instanz regeln. Der Landfrieden ist ein Schlag vor allem gegen die Ritter. Denn das Fehdeprivileg war ein von ihnen seit Langem genutztes Vorrecht, ein Mittel zur Konfliktlösung oder Selbstjustiz. Und anders als König, Fürsten und Städte haben sie keinerlei Einfluss auf die Besetzung der Richter am Reichsgericht.
So sind gerade die Panzerreiter, die zum großen Teil dem unter Druck geratenen niederen Adel angehören, die Verlierer der neuen Zeit. Auch militärisch haben sie ihre dominante Rolle verloren. Denn die Art, Krieg zu führen, hat sich radikal gewandelt, und die Gerüsteten gelten längst nicht mehr als unbesiegbar.
Wieder und wieder haben in den Jahrzehnten zuvor gut trainierte Fußtruppen große Reiterheere besiegt. Und gezeigt: Wenn sich Tausende entschlossene Infanteristen zu einer Igelformation zusammenschließen und ihre Langspieße senken, scheut jedes Pferd zurück.
Noch gefährlicher für die Reiterkrieger sind die Armbrustschützen, deren Bolzen bis zu 200 Meter weit fliegen und das Stahlblech der Rüstungen durchschlagen können. Solche Distanzwaffen machen den traditionellen Ritterkampf von Mann zu Mann unmöglich. Zudem nutzen Heerführer zunehmend Kanonen, deren steinerne Geschosse die Mauern von Burgen, Türmen und Befestigungsanlagen aufbrechen. Kleinere Geschütze werden bei Feldschlachten eingesetzt – wie auch Handfeuerwaffen. Zwar haben die anfangs nur eine geringe Reichweite von höchstens 50 Metern, dennoch entscheiden die modernen Waffen nun immer häufiger eine Schlacht, während die Panzerreiter zur Hilfstruppe der Infanterie werden. Auch wirtschaftlich kämpfen etliche Ritter gegen den Abstieg. Viele von ihnen besitzen kleinere Grundherrschaften als Lehen, die oft nur ein oder zwei Dörfer umfassen; am lukrativen Handel haben sie kaum Anteil.
Um 1500 zahlen jene Bauern, die die Felder der Ritter bewirtschaften, ihre Abgaben oft nicht mehr in Naturalien, sondern mit Geld zu festen Summen. Doch eine schleichende Inflation entwertet die Silbermünzen, und so haben die Ritter de facto ein immer geringeres Einkommen. Bald können viele von ihnen ihren aufwendigen Lebensstil nicht mehr aufrechterhalten. Manche werden Söldner, andere nehmen eine Stelle als Verwalter im Dienst eines Fürsten an und geben damit ihre ritterliche Freiheit auf.
Diejenigen, die ihrem Stand treu bleiben, wirken in ihren Burgen wie Relikte einer versunkenen Zeit – vor allem mit ihrem Beharren auf dem althergebrachten Fehderecht. Denn das gefährdet den sicheren Austausch von Waren und Wissen: Unter Berufung auf angeblich legitime Selbstjustiz attackieren Ritter Reisende und Stadtbewohner, überfallen Kaufleute, erpressen Lösegeld, drohen Kommunen mit Brandschatzung. Längst ist der Übergang zwischen Fehderecht und krimineller Räuberei fließend. Der Ewige Landfrieden soll all das endlich unterbinden. Er soll die Ritter in die Schranken weisen.
Mitten in dieser Epoche von Wandel und Niedergang wächst Franz von Sickingen auf. Seine Familie ist wohlhabend. Der Vater besitzt Bergwerke, in denen er nach Kohle, Quecksilber, Kupfer und Silber graben lässt, handelt mit Erzen. 1505 erbt Franz den Besitz – mit 24 Jahren ist er ein reicher Mann. Doch das genügt ihm offenbar nicht. Er wird Amtmann eines Fürsten, schlichtet in dessen Auftrag Streitigkeiten und hält dafür auf seiner Burg Reiter und 20 Fußsoldaten bereit. 1509 schließt er einen Solddienstvertrag mit dem Erzbischof von Mainz und muss dafür sechs Pferde, einen Knappen und vier Knechte stellen. Dann tritt er als ritterlicher Lehnsmann in den Dienst des Bischofs von Straßburg. Er investiert überdies in Weinberge, kauft Güter und Ländereien.
1515 löst er sich von alten Verpflichtungen, um Söldnerführer zu werden: So wie viele Adelige zuvor in Italien offeriert er militärische Dienste gegen Honorar. Rasch bietet sich ihm dazu eine Gelegenheit: Hilfesuchend wendet sich an ihn ein Notar, dem ein Bürger aus Worms 150 Gulden schuldig geblieben ist. Franz übernimmt die Geldforderung wie ein Inkasso-Agent. Nach einem ergebnislosen Briefwechsel mit der Stadt Worms, die auf ihren Bürger einwirken solle, die Schuld zu begleichen, sammelt er Bewaffnete um sich und lauert auf dem Rhein einem Schiff Wormser Kaufleute auf, die zu einer Messe nach Frankfurt reisen. Ein Teil seiner Männer patrouilliert mit Booten auf dem Strom, die Reiter verstecken sich im Ufergebüsch.
Mit dem Streitfall haben die Händler gar nichts zu tun. Doch Franz will einen Pfand: Er beschlagnahmt die Waren, lässt die Kaufleute in eine Burg verschleppen und setzt ein Lösegeld zu ihrer Freilassung fest, das Worms zahlen soll. Damit hat er das Gesetz zum Landfrieden gebrochen. Und die Reaktion ist hart: Dreieinhalb Wochen später verhängt das Reichskammergericht die Reichsacht gegen ihn, die Maximilian I. wenig später bestätigt. Franz verliert all seine Besitzungen und ist fortan völlig rechtlos. Jedermann darf ihn nun töten, wer ihm zur Hilfe eilt, muss mit einer hohen Geldstrafe rechnen.
Allerdings ist der Bann einstweilen bloße Theorie – denn dem Reichskammergericht fehlt die Macht, um das Gewaltmonopol auch zur Geltung zu bringen: Es gibt kein stehendes Reichsheer, und die Landesherren (die für die Durchsetzung der Urteile verantwortlich sind) entsenden ihre Truppen gewöhnlich nur, wenn es für sie vorteilhaft ist. Doch Maximilian will den Landfriedensbrecher unbedingt exemplarisch bestrafen. Er bittet Fürsten und Städte um Hilfe. Die missbilligen zwar den Rechtsbruch des Adelsmannes, doch scheuen sie die Kosten eines Feldzugs, dessen Ausgang angesichts der vielen Söldner Sickingens ohnehin ungewiss ist.
Bald darauf stellt auch Maximilian die Verfolgung des Ritters ein, weil er gerade Krieg gegen Frankreich führt – und die Hilfe des Kriegsunternehmers vielleicht bald brauchen wird. Und so kann Franz seinen Kampf gegen Worms ungehindert fortführen: Er zieht mit 6000 Landsknechten und 1100 Reitern vor die Mauern der Stadt und lässt sie mit Artillerie unter Feuer nehmen. Zwar vermag die Wormser Bürgerwehr seine Truppen von einem Sturmangriff abzuhalten, aber die Stadtmiliz ist nicht stark genug, um sie zu vertreiben. Und so erzwingt der Ritter von der Stadt schließlich eine Zahlung von 15.000 Gulden – so viel, wie zehn Burgen kosten. Franz verschafft sich damit im gesamten Land Respekt. 1516 unterstützt er einen anderen Edelmann bei einer Fehde gegen den Herzog von Lothringen und verheert mit 1000 Reitern dessen Ländereien.
Dabei fällt der Krieger einem Verbündeten des Lothringers auf: Frankreichs König Franz I., der gegen Maximilian I. nach militärischen Verbündeten in Deutschland sucht (unter anderem weil er das ursprünglich zum Reich gehörende Herzogtums Mailand, das er 1516 erobert hat, dauerhaft halten will). Der Monarch empfängt Franz in seiner Residenz, beschenkt ihn reich und sichert sich gegen einen Jahressold von 2000 Franken seine Unterstützung. Dieses Bündnis ist für Maximilian I. so gefährlich, dass er es nun für ratsam hält, den Ritter auf seine Seite zu ziehen: Er nimmt die Reichsacht gegen Sickingen offiziell zurück und engagiert ihn gegen beträchtlichen Sold.
Rechtlich ist Franz nun vollkommen rehabilitiert, obwohl er weiterhin zu Fehden auszieht. Und sein königlicher Dienstherr ermahnt den Adeligen nur noch selten zur Mäßigung. Als Maximilian 1519 stirbt, bemüht sich auch sein Nachfolger Karl V. Sofort um den Söldnerführer. Noch vor seiner Krönung nimmt er ihn für eine jährliche Pension von 3000 Gulden in seine Dienste – ohne ihn persönlich zu kennen.
IN DIESEN JAHREN wird das Land von einer Welle des Protestes erschüttert. Ein Aufstand bricht sich Bahn – in Glaubensfragen. 1517 hat der Augustinermönch Martin Luther seine Thesen gegen den Ablasshandel der Kirche formuliert. Er fordert eine grundlegende Erneuerung, bezweifelt gar die Autorität des Papstes. Und entfesselt eine Revolution, die Deutschland entzweit. Luthers Vorstoß wird auch zur Machtfrage: Franz und andere Ritter sehen in der religiösen Umwälzung eine Chance, die römische durch eine unabhängige deutsche Reichskirche zu ersetzen, so den Kaiser zu stärken und ihre Feinde, die Landesherren, zu schwächen.
Für den Ritter (und Dichter) Ulrich von Hutten sind die altgläubigen Kleriker grundsätzlich eine Geißel. Mit polemischen Streitschriften führt er einen Kampf gegen die Papstkirche, deren Ausschweifungen, Prachtentfaltung und Verschwendung. Die „römischen Goldsauger“ hätten „die Reinigkeit der jungfräulichen Kirchen geschändet und verunreinigt“, die deutschen Lande zudem mit hohen Geldforderungen ausgezehrt.
Franz und Ulrich sind befreundet. Seit sich Sickingen für einen Gelehrten eingesetzt hat, der im Streit mit Rom liegt und die päpstliche Inquisition fürchten muss, verehrt ihn Hutten. Er nennt ihn „edel, starkmütig und ehrenfest“, erklärt ihn zu einem deutschen Freiheitshelden, versteigt sich sogar dazu, in dem Soldritter den wahren Anführer der Reformation zu sehen. Burgen, in denen der Ritter auch einigen bedrängten reformatorischen Theologen Unterschlupf gewährt, verklärt Ulrich zu „Herbergen der Gerechtigkeit“.
Eine ungewöhnliche Allianz. Denn niemand kann sagen, ob Franz wirklich von Luthers Botschaft ergriffen ist. Gemein ist den beiden Rittern, dass es gegen die katholische Kurie geht. Und gegen deutsche Landesfürsten, die dem König immer mehr Macht und Mitsprache abtrotzen und die Adeligen gängeln. Im Sommer 1521 zieht Franz für Karl V. gegen Frankreich. Doch bald bezichtigen ihn Karls Beamte des Ungehorsams und Verrats – zu Unrecht. Dennoch muss er seinen Abschied nehmen und bleibt mit Kriegskosten von mehr als 76.000 Gulden zurück.
Der Soldritter hat Kredite aufgenommen, um sein Heer anwerben zu können, in der Hoffnung auf spätere Entlohnung, die nun ausbleibt. Zusammen mit einem Darlehen, das er seinem stets in Geldnöten befindlichen Herrscher früher gewährt hatte, schuldet Karl V. ihm inzwischen 100.000 Gulden. Solche Summen bringen selbst den reichen Ritter Sickingen in Verlegenheit. Plötzlich ist sein Geschäft in Gefahr. Denn bisher diente jeder Kriegseinsatz dazu, den nächsten Beutezug zu finanzieren. Franz benötigt Einnahmen. Und vielleicht kann er die Not seiner Standesgenossen und die Aufruhrstimmung im Land mit dem Kampf für die eigenen Interessen verbinden.
IM SOMMER 1522 lädt Franz die Ritter aus dem Südwesten des Reiches nach Landau – in eine Stadt, deren Bürger und Magistrat sich bereits der Lehre Martin Luthers angeschlossen haben. Aus dem Kraichgau kommen die Ritter Stefan von Fenningen und Wilhelm von Sternenfels, aus dem Hunsrück und der Nahe Heinrich Schwarzenberg und Melchior von Rüdesheim, aus dem Grenzgebiet zu Frankreich Philipp Kämmerer von Worms und Friedrich von Flersheim, vom Oberrhein Jörg von Bach und Wolf von Windeck – sowie Hunderte mehr. Sie wollen ein Bündnis schmieden, erhoffen sich mehr ritterliche Einigkeit und vor allem politisches Gewicht. Die Satzung der „brüderlichen Vereinigung“ vom 13. August 1522 ist auf den ersten Blick ein Regelwerk zur Beilegung von Konflikten unter Standesgenossen. Streitigkeiten mit anderen Ständen sollen Gerichte schlichten, die paritätisch mit Vertretern von Rittern und Fürsten (oder Städten) besetzt sind.
Die Autorität des Reichsgerichts erkennen die Versammelten dagegen nicht an, da sie keinen Standesgenossen in diese Kammer entsenden dürfen. Das aber ist ein direkter Angriff auf die Rechtsordnung des Reiches – und eine subtile Drohung an die Fürsten und Städte, zumal die Ritter den unberechenbaren Franz an ihre Spitze wählen. Ein offizielles militärisches Bündnis bringt das Treffen zwar nicht hervor, aber im Verborgenen scheint Sickingen mit jenen, denen er vertraut, über den nächsten Schachzug gesprochen zu haben. Denn nun baut er in den folgenden gut 14 Tagen mit dem Kapital, über das er noch verfügt, eine neue Streitmacht auf. Er hat einen Plan, wie er sich mit einem spektakulären Schlag aus seinen Geldnöten befreien kann: Er will eine Fehde gegen einen der mächtigsten Fürsten des Reichs führen.
Schwer zu sagen, ob es ihm dabei vor allem ums Geld geht – oder auch um eine Demonstration ritterlicher Macht. Vermutlich um beides. Am 27. August 1522 schickt Franz einen Boten an den Trierer Erzbischof. Der Kleriker ist einer der einflussreichsten Männer der deutschen Lande, zählt zu den sieben Kurfürsten, die den König wählen. Wieder ist der Vorwand für die Fehde vergleichsweise geringfügig: Zwei Trierer Bürger schulden dem Söldnerführer Geld (aufgrund einer Verwicklung, die er wahrscheinlich selbst eingefädelt hat). Weil die Zahler säumig sind und auf den zähen Rechtsweg bestehen, rüstet der Ritter zum Angriff. Er wirbt 1500 Reiter und 7000 Fußknechte an, dazu Kanoniere mit Geschützen. Zudem folgen ihm noch von dem Treffen in Landau aus etliche Standesgenossen, für deren Freundschaftsdienste er nicht zahlen muss.
Am 8. September steht er mit seinem Heer vor den Toren Triers. Er glaubt, leichtes Spiel zu haben – es soll Zerwürfnisse geben zwischen dem Fürstbischof und den Bürgern. Doch Franz irrt. Der Trierer Erzbischof ist auf den Angriff bestens vorbereitet und hat zudem bereits 1518 ein Verteidigungsbündnis mit dem Landgrafen von Hessen und dem Kurfürsten der Pfalz geschlossen. Drei Territorialherren finden sich nun zusammen, um sich gegen die lästigen und widerrechtlichen Fehden des berühmtesten Ritters im Reich und seiner Genossen zu wehren.
An der Mosel bahnt sich ein Lagerkampf an, der nicht nur über die Zukunft des Söldnerführers entscheidet. Am 9. September gibt Franz seinen Kanonieren Befehl, eines der Stadttore unter Feuer zu nehmen. Doch der Beschuss zeigt kaum Wirkung, Mauerwerk und die Flügel des Portals sind zu mächtig. Noch in der Nacht lässt Franz seine Artillerie an eine andere Stelle der Stadtmauer verlegen, doch auch dort gelingt es seinen Schützen nicht, eine entscheidende Bresche freizuschießen.
Verärgert weist er seine Männer am nächsten Abend an, Brandsätze auf Trier zu feuern. Zwei Tage dauert das Bombardement. Doch kein Feuer breitet sich aus – wohl weil die Wachen zu aufmerksam sind und alle aufflackernden Brandherde sofort ersticken. Mehrmals setzt der Ritter seine Geschütze nun an verschiedenen Stellen ein. Fordert schließlich 200.000 Gulden für die Einstellung der Kämpfe. Dann, am 14. September, zieht er plötzlich ab. Denn Boten haben ihm zugetragen, dass Truppen der Verbündeten Triers im Anmarsch sind. Das Vabanquespiel ist nicht aufgegangen. Die Stadt hat Franz von Sickingen getrotzt, und er steht mit leeren Händen da. Der Nimbus des gefürchteten Ritters und Söldnerführers hat Schaden genommen.
Plündernd und sengend zieht Franz aus dem Kurfürstentum ab. Jenseits der Grenzen löst er sein Heer fast vollständig auf und bezahlt es wohl mit Krediten, die ihm Freunde beschafft haben, sowie mit Geld aus noch offenen Forderungen, die er nun überall eintreiben lässt. Mit einer Resttruppe begibt er sich zur Ebernburg, dem Stammsitz seiner Familie. Dort wartet er auf den nächsten Zug seiner Gegner. Fortan ist er der Gejagte. Denn im Oktober 1522 verhängt das Reichsregiment, ein Gremium der Reichsfürsten und Städte, erneut die Acht über ihn.
Seine Gegner werben Truppen an. Auch Franz versucht noch einmal, seine fränkischen Standesgenossen zu mobilisieren: Die Reichsfürsten, so schreibt er ihnen, „wollen alle von der Ritterschaft mit Gewalt ihrem Willen unterwerfen“. Doch kaum jemand eilt ihm zur Hilfe – das Reichsregiment hat sie davor gewarnt, den Landfriedensbrecher zu unterstützen. Franz von Sickingen steht fast allein da. Die Machtverhältnisse haben sich endgültig verschoben. Am 22. April 1523 sammeln die Fürsten aus Trier, Hessen und der Pfalz ihre Truppen bei Kreuznach. Mit 3000 Mann rücken sie gegen die nahe gelegene Burg Nanstein vor, in die sich der Soldritter inzwischen zurückgezogen hat.
Mit 46 Geschützen bombardieren sie vom 30. April an die Mauern, die einem solchen Beschuss nicht gewachsen sind. Keiner seiner Männer, so schreibt Franz in einem Brief, habe „dergleichen Schießen“ jemals gehört. Am 6. Mai gibt er das Zeichen, dass er bereit ist, über eine Aufgabe zu verhandeln – die Burg ist inzwischen sturmreif geschossen, Franz von einem herabstürzenden Balken schwer verwundet.
Als der Trierer Erzbischof und die beiden anderen Fürsten die Feste einen Tag später betreten, finden sie ihn mit aufgerissenem Leib in einem dunklen Gewölbekeller liegen. „Franz, was hat dich verursacht und bewegt, mich und meine armen Leute mit Krieg zu überziehen und schädigen?“, fragt ihn der Trierer Kurfürst. Die knappe Antwort des Schwerverletzten: „Darüber wäre viel zu reden. Ein andermal. Nichts ohne Ursache.“ Wenig später stirbt Franz von Sickingen an seinen Verletzungen.
Die verbündeten Fürsten aus Trier, Hessen und der Pfalz erstürmen auch seine anderen Burgen, plündern sie und reißen sie teilweise nieder. Im Juni ergeben sich die letzten Getreuen auf der Ebernburg. Die Alliierten lassen den Stammsitz der Sickinger komplett abtragen und teilen den Besitz des Aufrührers unter sich auf. Dann gehen sie gegen die Unterstützer des Söldnerführers vor, doch kommen viele mit einer Geldstrafe davon – denn inzwischen bedrohen die Osmanen das Reich im Südosten, und man braucht die Hilfe der erfahrenen Kämpfer.
Franz von Sickingen stirbt als der letzte Ritter, der es gewagt hat, mit den traditionellen Mitteln seines Standes – dem Kampf, der Fehde – die Politik des Reiches zu beeinflussen, für die Interessen der Ritter zu streiten. Zwar dauert es noch bis Mitte des 16. Jahrhunderts, ehe die letzten ritterlichen Händel enden. Doch dann greift der Landfrieden, ist das Gewaltmonopol der Landesherren weitgehend etabliert.
SO ENDET DIE ZEIT der Ritter. Die schweren Panzerreiter, die die Geschicke Europas über Jahrhunderte geprägt haben, die als Glaubenskrieger ins Heilige Land und an die anderen Ränder der Christenheit gezogen sind, die einen neuen Adelsstand geformt haben und eine eigene höfische Kultur erschufen, haben ihre Dominanz endgültig verloren.
Einigen Mitgliedern des Ritterstandes aber wird es gelingen, sich in die Zeit der stehenden Heere und mächtigen Territorialstaaten einzufügen. Als Mitglieder der Offizierskorps (die bis zum Ersten Weltkrieg fast ausschließlich aus Adeligen rekrutiert werden) lassen sie im Dienste von Fürsten, Königen und Kaisern Armeen aufmarschieren, schicken die Artillerie ins Feld und kommandieren die Infanterie. Bald schon begründen Herrscher wie Preußens König Friedrich der Große sogar neue Ritterschaften, etwa die des Ordens Pour le Mérite („Für das Verdienst“), in den vor allem besonders tapfere Offiziere aufgenommen werden. Auch viele Rittergüter bleiben unter Schutz von Kaiser und König noch jahrhundertelang als autonome Gebiete bestehen – und sie genießen eine Unabhängigkeit, zu der die zähen Kämpfe des Franz von Sickingen womöglich beigetragen haben.
Und schließlich sind es nicht zuletzt die von den Rittern so erbittert bekämpften Landesfürsten, die deren Kultur vor dem Untergang retten. So wird etwa das Turnier – in kunstvoll stilisierter Form – zum Bestandteil mancher Fürstenhochzeit und vieler bedeutender Hoffeste. Unter Adeligen, aber auch unter Bürgern bleibt das Interesse, ja die Begeisterung für die Kampftechnik der Reiterkrieger, für ihre Fehde und die ritterliche Minne auch nach Ende des Mittelalters ungebrochen. Eine wachsende Zahl von Ritterromanen zeugt nach der Erfindung des Buchdrucks davon.
Das stärkste Vermächtnis der mittelalterlichen Reiterkrieger aber offenbart sich vielleicht in der Sphäre des Ungreifbaren: in einem Kodex von Tugenden und Verhaltensweisen, orientiert an Begriffen wie Ehre, Loyalität, Anstand und dem Einsatz für eine höhere Sache. Aus dem einst überaus handfesten Rittertum wird so im Laufe der Jahrhunderte ein scheinbar überzeitlicher und zugleich flüchtiger Wert. Die Ritterlichkeit.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Mattheis, Philipp: Ritterturnier. Um Ruhm, um Ehre und um Geld, in: Die Welt der Ritter (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 94), Hamburg 2018, S. 56-66.
-> Berhorst, Ralf: Adelsrebellion. Der Aufstand des letzten Ritters, in: Die Welt der Ritter (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 94), Hamburg 2018, S. 148-152.
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