Die Hanse
Inhaltsverzeichnis
- Mittelalter: Die Hanse beherrscht den Norden
- Ende eines Handelsbündnisses. Das letzte Treffen der Hanse
- Kampf gegen Dänemark. Der Krieg der Krämer.
- Kaufleute. Ein Händler der Hanse
1. Mittelalter: Die Hanse beherrscht den Norden
Unter Führung von Kaufleuten aus Lübeck entwickelt sich Ende des 13. Jahrhunderts der Städtebund Hanse. Er verbindet Dutzende Orte und beschert den beteiligten Städten großen Reihtum.
Ende des 13. Jahrhunderts beginnt in Norddeutschland eine wirtschaftliche Blütezeit: die Ära der Hanse. Der Städtebund entwickelt sich aus einer losen Interessengemeinschaft von Kaufleuten. Unter Führung von Lübecker Händlern entsteht daraus ein Netz von Wirtschaftsverbindungen zwischen Hafenstädten an Nord- und Ostsee sowie Handelsstädten im Binnenland. Den Begriff Hanse für den Städtebund verwenden erstmals um 1282 deutsche Kaufleute, die in England arbeiten - ein konkretes Gründungsdatum für die Hanse gibt es nicht.
Vom Kaufmannsbund zum Machtfaktor
Zu ihrer bedeutendsten Zeit gehören der Hanse etwa 200 Städte im Nord- und Ostseeraum an, darunter alle wichtigen Kaufmannsstädte: von Lübeck, Bremen, Hamburg und Rostock über Königsberg und Danzig bis zu Orten im Binnenland wie Duderstadt, Hameln und Uelzen. Die Warenströme fließen meist über die Ostsee. Holz, Felle, Getreide und andere Rohstoffe gelangen nach Westeuropa, fertige Produkte wie Wein und Tuche an die östliche Ostseeküste. Die Organisation wird zu einer wirtschaftlichen Großmacht. Das Netz der Handelswege erstreckt sich im 16. Jahrhundert von Portugal bis nach Russland, von Skandinavien bis nach Süditalien.
Koggen transportieren Ware der Hanse
Das typische Handelsschiff der Hanse ist die Kogge: bauchig, geräumig und schnell zu bauen. Ein einziger Mast mit einem Rechtecksegel treibt die Kogge an. Bis die Handelsgüter im Zielhafen angelandet werden können, kann viel Zeit vergehen. Die Schiffe segeln fast immer in Sichtweite der Küste. Die Seeleute müssen auf günstige Winde warten, denn gegen den Wind kreuzen können Koggen nicht. Die Arbeit an Bord der Koggen ist hart, dort gilt eine strenge Hierarchie. Decksknechte sind der "letzte Mann", der alles machen muss, was den gestandenen Seeleuten zu lästig ist.
Zweiklassengesellschaft: Kaufleute und Tagelöhner
Profiteure des wachsenden Fernhandels sind die Kaufleute in den Hafenstädten. Sie häufen große Reichtümer an. In den Häfen schuften unterdessen Tagelöhner, die meist unter erbärmlichen Verhältnissen in primitiven Holzbehausungen leben. Einzige Lichtquellen sind dort das offene Feuer und ein Loch im Dach. Viele Menschen müssen um jede Mahlzeit kämpfen.
Lübeck: Tor zum Ostseehandel
Lübeck mit seinem direkten Zugang zur Ostsee ist zeitweise einer der Hauptorte der Hanse. Reeder und Seeleute der Stadt, Bürger und Kaufmänner genießen größtes Ansehen. Im Lübecker Rathaus werden von 1356 an viele Ratsversammlungen abgehalten. An diesen sogenannten Hansetagen nehmen etwa 70 Hansestädte teil. Zusätzliches Gewicht gewinnt Lübeck durch seine Zusammenarbeit mit Hamburg. Die Hamburger Warenströme für den Ostseeraum fließen über die Stadt an der Trave. Auf der Nordsee setzt Hamburg eigene Schiffe ein.
Fernhandel versorgt Hansestädte
Die Hansestädte verdienen durch den Handel nicht nur viel Geld. Sie lassen sich auch zunehmend vom Fernhandel versorgen. Die Schiffe und Fuhrwerke der Hanse bringen Felle und Textilien, aber auch Lebensmittel aller Art, auf die die Bevölkerung der wachsenden Städte angewiesen ist. Getreide und Fisch, Salz, Butter und Pökelfleisch gehören ebenso zur Ladung der Hansekoggen wie Wein und Bier. Tonnenweise wird die Nutzlast von Hand an Bord gebracht.
Die Piraten - Raubritter zur See
Große Gefahr auf den Meeren droht den Handelsschiffen nicht nur durch Stürme, sondern auch durch Piraten. Auf Nord- und Ostsee lauern sie, bis sie ein Hanseschiff entdecken. Und fast nie geben sie auf, bevor sie mit reicher Beute davonsegeln können. Selbst Menschenleben schonen sie nicht.
Seeräuber sind nicht nur Gesindel und Kriminelle. Auch verarmte Adelige finden sich in ihren Reihen. Im 14. Jahrhundert werden die Piraten sogar Kriegspartei, ausgestattet mit Kaperbriefen der Mecklenburgischen Herzöge im Thronstreit mit Dänemark. Die berühmtesten unter den Seeräubern sind die Vitalienbrüder. Man nennt sie auch Likedeeler - das bedeutet: Sie teilen alle Beute gleichmäßig unter sich auf. Im Gegensatz zu der strengen Ordnung, die sonst im Mittelalter herrscht, bilden sie eine Bruderschaft mit gleichen Rechten. Zu den Likedeelern zählt auch der legendäre Klaus Störtebeker.
Hanse geht gegen die Seeräuber vor
Die Hanse ist lange Zeit wehrlos gegen die Seeräuber, doch im April 1400 gehen die Hansestädte vereint gegen sie vor: Elf Koggen, an Bord 950 Mann unter Waffen, laufen von Hamburg aus, um die Vitalienbrüder auszuschalten - mit Erfolg. Im Jahr 1401 gelingt es den Hamburgern, auch Klaus Störtebeker gefangen zu nehmen: Er wird wenig später in Hamburg hingerichtet.
Im 17. Jahrhundert geht es bergab
In den folgenden Jahrhunderten verliert das Bündnis rasch an Bedeutung. Kaufleute aus anderen Ländern mischen erfolgreich im Handel mit, nationale Interessen stehen dem internationalen Bündnis entgegen. So geht der Hansetag des Jahres 1669 als letzter der alten Hanse in die Geschichte ein - mit nur noch neun Teilnehmern.
Eine neue Hanse entsteht
1980 wird im niederländischen Zwolle die Hanse der Neuzeit gegründet: ein Städtebund, der an die Tradition der alten Hanse anknüpfen will. 2025 gehören ihm fast 200 Städte in 16 Ländern an, die meisten sind deutsche Städte. In jedem Jahr veranstaltet die Vereinigung einen Hansetag in einer der Mitgliedsstädte. Die neue Hanse will den Austausch zwischen den Städten auf kulturellem, wissenschaftlichem und sozialem Gebiet fördern und die Wirtschafts- und Handelskontakte der beteiligten Orte stärken.
2. Ende eines Handelsbündnisses. Das letzte Treffen der Hanse.

Mehr als 300 Jahre Handelstradition
Über 170 Hansetage insgesamt
Monarchien läuten Niedergang der Hanse ein
3. Kampf gegen Dänemark. Der Krieg der Krämer.
Kaufleute lieben den Krieg nicht, denn er ist schlecht fürs Geschäft. Doch als der dänische König Waldemar IV. den lukrativen Ostseehandel der Hanse bedroht, schmiedet der Städtebund eine Allianz gegen den Monarchen – und zieht 1368 in den Entscheidungskampf
Als an diesem Frühlingstag in der Ostsee eine Kogge vor der Südspitze der langen Insel Hiddensee ankert, deutet wenig darauf hin, dass hier eine Großmacht in den Krieg zieht. Doch dann tauchen immer mehr Schiffe auf: drei Koggen aus Lübeck, zwei aus Rostock, fünf aus den Städten Preußens. Nach und nach sind es 17 bauchige Lastensegler, die sich hier sammeln, dazu zahlreiche schmale Einmaster, die schneller und wendiger sind. Und die Handelsschiffe haben diesmal kein Salz und Getreide an Bord – sondern fast 2000 Krieger.
Auf den Decks drängen sich Männer aus dem Baltikum, Preußen und Norddeutschland, Söldner sind darunter, aber auch Handwerker und Kaufleute, die heute ebenfalls schwere Waffen mit sich tragen: Helme, Brustharnische und Eisenhandschuhe, Schwerter und Streitäxte, Bogen und Armbrüste.
Aus den größeren Schiffen dringt der Geruch von Pferden, die den Männern im Kampf zu Land helfen sollen. Anführer der Flotte ist Bruno Warendorp, ein Mann mit respektgebietendem Kinnbart und welligem Haar. Warendorp ist Bürgermeister von Lübeck, der bedeutendsten Hansestadt, und der Hansetag, eine Versammlung von Kaufmannsstädten, hat ihm einen ebenso großen wie riskanten Auftrag erteilt: Er soll Nordeuropa beweisen, dass Krämer Kriege gewinnen können.
Auf den bevorstehenden Waffengang haben sich er und die Führer anderer Hansestädte deshalb genau vorbereitet, haben unter anderem Allianzen mit Königen und Adeligen geschmiedet. An Nord- und Ostsee sollen ihre Truppen nun gleichzeitig in den Kampf ziehen. Die größte und wichtigste Flotte befehligt Warendorp persönlich. Jetzt muss sich zeigen, ob der ambitionierte Plan funktioniert. Und ob der Lübecker der richtige Stratege an der Spitze ist.
Auf ein Kommando hin lichtet die Flotte die Anker und segelt los, Kurs Nordwesten. Der Lübecker lenkt die Schiffe Richtung Öresund, mitten hinein ins Zentrum des gegnerischen Reichs: zum strategisch wichtigen Kopenhagen. In diesem April 1368 wagt die Hanse den Entscheidungskampf um die Macht im Ostseeraum. Es ist ein Konflikt der Ungleichen: Auf der einen Seite stehen kühl kalkulierende Kaufleute wie Warendorp, die Kriege nach Kräften meiden, denn Waffengänge sind teuer, voller Risiken und zumeist schlecht fürs Geschäft. Warendorp und seine Leute setzen lieber auf Verträge. Erst wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, greifen sie zu den Waffen.
Auf der anderen Seite steht König Waldemar IV., ein brillanter Taktiker und brutaler Machtmensch. Der Anführer der Dänen hat sein einst zerstückeltes Reich binnen zwei Jahrzehnten zu einer Großmacht geformt. Doch er will mehr: die Vormachtstellung in ganz Skandinavien. Verträge stören ihn da nur. Seine Gegner bezwingt Waldemar durch Überrumpelung, schlaue Allianzen – und immer wieder durch Krieg. Kaufleute und König mögen unterschiedlich sein. Eines allerdings haben sie gemein: Beide wollen vom lukrativen Handel im Ostseeraum profitieren. Und das macht sie nun bereits zum zweiten Mal zu erbitterten Feinden.
Das Duell entzündet sich an zwei meerumspülten Regionen. Zum einen an der Insel Gotland, östlich des schwedischen Festlands gelegen, fast auf halber Strecke zum Baltikum. Sehr grün ist Gotland, fast 150 Kilometer lang und ein bedeutender Umschlagplatz für den Seehandel zwischen Ost- und Westeuropa. In der Hafenstadt Visby landen Pelze, Wachs und Getreide aus Russland und dem Baltikum, Eisen, Stockfisch und Heringe aus Skandinavien. Die Hanse verfügt über verbriefte Privilegien der schwedischen Könige. Visby ist für den Bund als Zwischenstation und Handelsstützpunkt wichtig.
Ähnliches gilt für Schonen, eine Region im Süden des heutigen Schweden. Vor der Küste dort fangen Fischer jedes Jahr gewaltige Mengen an Hering, einem Grundnahrungsmittel. Die Hansekaufleute besitzen in Schonen wichtige Privilegien, verliehen von früheren Fürsten. Auch dank dieser Vorrechte dominieren sie den Handel in der Region. All das gerät mit dem Aufstieg des dänischen Königs Waldemar IV. in Gefahr, der seit 1340 auf dem Thron sitzt. Der Monarch ist gebildet, mit 1,85 Meter Größe imposant für seine Zeit.
Doch anfangs ist er wie ein Herrscher ohne Land. Weite Teile des einst großen Reichs sind aus Geldnot an Fürsten und Adelige verpfändet, das reiche, ursprünglich dänische Schonen steht unter der Oberhoheit des schwedischen Königs. Nun will Waldemar seinen Staat durch militärische Eroberungen ausbauen und festigen. Die Führer der Hansestädte verfolgen seine Bestrebungen zunächst durchaus mit Wohlwollen: Ein einheitliches dänisches Reich kann für mehr Stabilität im Ostseeraum sorgen.
Bald aber wird deutlich, dass Waldemars Vorgehen für den Städtebund Gefahren birgt. 1360 nimmt er Schonen ein, im Jahr darauf unterwirft er in blutigen Kämpfen Gotland und lässt Visby nur deshalb nicht plündern, weil die Bürger der Stadt ihm große Mengen an Gold und Silber aushändigen. Jetzt will Waldemar auch stärker vom Handel an der Ostsee profitieren, denn Söldner sind teuer. Daher erlegt er den Hansekaufleuten in Schonen höhere Abgaben und Zölle auf. Zudem kann er nun jederzeit den wichtigen Handelsweg durch den Öresund in die Nordsee blockieren. Und das ist für die Hansestädte eine Katastrophe.
Und so entschließen sich zahlreiche von ihnen 1361, mit Waffen gegen den dänischen König zu ziehen. Die Hansehändler vertrauen dabei auf eine breite Allianz. Ihre Städte schließen nicht nur Verträge untereinander, sondern auch mit den Königen von Schweden und Norwegen sowie mit dem Deutschen Orden im Baltikum. Erstmals setzen sie eine Steuer fest, um die Kosten des Konflikts aufbringen zu können. Gezahlt wird sie vor allem von norddeutschen und preußischen Städten.
Schon vorher hat sich die Hanse für einzelne Projekte enger zusammengetan, etwa beim Boykott der Stadt Brügge 1358 (siehe Seite 70). Nun aber schmieden Hansemitglieder ein Kriegsbündnis. Doch ehe es 1362 zum ersten Waffengang kommt, geht so gut wie alles schief. Zum einen verweigern sich die niederländischen Hansestädte dem Handelsembargo gegen Dänemark, das den Sieg erleichtern soll. Zum anderen beteiligen sich Städte in Preußen und Westfalen wie Danzig und Soest nicht mit Schiffen an dem kostspieligen Kriegsprojekt. Und schließlich schicken die königlichen Alliierten auch nicht die versprochenen Soldaten. Rasch sind die Hansetruppen, unter anderem aus Rostock und Wismar, weitgehend auf sich gestellt.
In dieser Situation begeht ihr Befehlshaber einen schweren Fehler. Johann Wittenborg, damals Lübecker Bürgermeister und Warendorps Vorgänger als Kommandeur, will den Fall der Festung Helsingborg am Öresund erzwingen. Solange Waldemar das Bollwerk hält, ist ja der Schiffsverkehr zwischen Ost- und Nordsee gefährdet.
Als die Unterstützung der Verbündeten ausbleibt, schlägt Wittenborg einfach los. Er lässt fast alle verfügbaren Krieger von den vor der Küste wartenden Schiffen übersetzen und schickt sie in den Kampf um Helsingborg. Waldemar nutzt die Chance zum Überraschungsangriff von See aus. Mit seiner Flotte segelt er heran, erobert zwölf der 27 fast schutzlos zurückgelassenen Koggen; die Hansetruppen an Land sind mit einem Schlag vom Nachschub abgeschnitten, hilflos, gestrandet vor der Stadt des Feindes, gezwungen aufzugeben; viele geraten in Kriegsgefangenschaft.
Erst als die Hansestädte Lösegelder zahlen und einem ungünstigen Waffenstillstand zustimmen, können die Überlebenden in die Heimat zurückkehren. Die Niederlage von Helsingborg 1362 ist eine militärische Blamage, die gekaperte Flotte zudem ein gewaltiger materieller Schaden. Die Kaufleute müssen den gesamten Krieg verloren geben. Nach langen Verhandlungen schließen König und Kaufleute 1365 Frieden – doch Entspannung bringt dieses Abkommen nicht. Die Rechte der Hansestädte beim Handel in Schonen sind nun stark gestutzt. Ihre Kapitäne haben hohe Gebühren zu entrichten, wenn sie den Öresund passieren. Zuweilen lässt Waldemar Schiffe einfach konfiszieren.
Diesmal fordern die preußischen und niederländischen Handelsstädte als Erste einen neuen Feldzug. Sie sehen ihre Zurückhaltung im vorangegangenen Krieg gegen Waldemar übel belohnt – sie hatten sich mehr Wohlwollen des dänischen Herrschers erhofft. Vor allem aber ist eine ungehinderte Sundpassage für die preußischen und niederländischen Kaufleute lebenswichtig. Auch der neue schwedische König möchte den dänischen Vormarsch stoppen.
Dafür zögern jetzt die Ostseestädte um Lübeck, die die Hauptlast des ersten Krieges getragen haben: Sie wollen den Konflikt mit Waldemar durch Verhandlungen beilegen. Doch die Gespräche mit dem König scheitern. Nun ist auch den zurückhaltendsten Kaufleuten klar, dass sie noch einmal zu tun haben, was sie nach Kräften vermeiden wollten. Sie müssen einen zweiten Krieg gegen den König wagen.
Köln, 19. November 1367 . Der Ort der Verhandlungen ist mit Bedacht gewählt: Näher an den niederländischen Städten als sonst treffen sich Abgesandte der Kaufmannsstädte und konferieren in der hansischen Metropole am Rhein. Der neue Kriegszug soll von weitaus mehr Städten getragen werden. An diesem Tag schließen die Delegierten einen Pakt. Gegen Waldemar und dessen Schwiegersohn, den König von Norwegen. „Um mancherlei Unrecht und Schaden, den die Könige dem gemeinen Kaufmanne tun und getan haben, wollen die Städte ihre Feinde werden und eine der anderen treulich helfen“, verkünden sie.
Erneut soll der amtierende Bürgermeister Lübecks den so beschlossenen Waffengang leiten: Bruno Warendorp hat bereits am ersten Krieg teilgenommen – und miterleben müssen, wie sein Freund und Vorgänger Wittenborg kläglich gescheitert ist. Warendorp weiß also um die Risiken eines erneuten Kampfes.
In den folgenden Monaten treten der Kölner Konföderation insgesamt 57 Städte bei, zudem können die Hansekaufleute Schwedens König, mehrere norddeutsche Fürsten und zahlreiche abtrünnige dänische Adelige in eine Allianz einbinden. Die Hanseleute wollen Dänemark nur schwächen und die eigenen Privilegien sichern, ihre Verbündeten aber wollen es zerstören. Durch komplizierte Verträge suchen die hansischen Vertreter sicherzustellen, dass das Bündnis trotz dieser sehr unterschiedlichen Interessen hält. Ein genauer Plan legt fest, welche Schiffe wann wo zum Einsatz kommen. Um den Krieg zu finanzieren, zahlen die Städte wieder eine Sondersteuer.
Sie können es sich deshalb sogar leisten, ihren weniger wohlhabenden adeligen Verbündeten zehn Schiffe zu stellen und ihnen Geld für die Kosten des Feldzugs vorzustrecken. Abgerechnet wird nach dem Krieg. Der Kampf beginnt mit psychologischer Kriegführung: Der Hansetag in Lübeck schickt Berichte über Waldemars Gewaltakte gegen den „gemeinen Kaufmann“ an den römisch-deutschen Kaiser sowie den Papst, die Könige von England und Polen und fast 30 deutsche Fürsten.
Darin heißt es, Waldemars Taten sähen „mehr nach einem Tyrannen und Piraten als nach einem König“ aus. Der Kaiser möge es ihnen nicht übel nehmen, wenn die Städte mit Gottes Hilfe etwas zu ihrer Verteidigung täten. Denn der deutsche Monarch sei ja zu fern, um seine „schwache und verlassene Herde“ zu schützen. Geschickt stellen sich die Händler in den Berichten aller Welt als aufrechte Vertragspartner dar, die allein aus Notwehr zum Äußersten greifen. Ihr Ziel: Waldemar soll jede Chance genommen werden, selber weitere Verbündete zu gewinnen.
Die Kölner Konföderation ist jedoch weitaus mehr als ein Kriegspakt. „Drei Jahre“, heißt es im Vertrag, „soll diese Verbindung mit allen Artikeln und Punkten feststehen, nachdem wir gemeinsam uns mit den Königen ausgesöhnt haben.
Damit verpflichten sich die verbündeten Städte, ihre Politik noch lange Zeit nach dem gemeinsamen Feldzug miteinander abzusprechen. Die Hansestädte sind innerhalb der breiten Anti-Waldemar- Allianz nun den Fürsten gleichgestellt und de facto ohnehin die treibende Kraft. Nie zuvor ist der Kaufmannsbund derart stark aufgetreten, war er derart gut organisiert, seine Ausgangssituation für einen Krieg so günstig. In dieser für Waldemar brisanten Lage verlässt der Dänenkönig am 6. April 1368 überraschend sein Land und segelt in Richtung Süden.
Der Monarch sucht im letzten Augenblick militärischen Beistand bei deutschen und polnischen Fürsten, unter denen er weiterhin gute Kontakte besitzt. Die Kölner Konföderation muss nun fürchten, dass der geschickte Taktiker doch noch eine Allianz zustande bringt, die die Kräfteverhältnisse zu seinen Gunsten verschiebt.
Sie hat sich zu beeilen. Bereits kurz nach Waldemars Abreise segelt Bruno Warendorp mit seiner Hanseflotte bei Hiddensee los. Bei gutem Wetter können die Krieger auf den Decks der Koggen bald schon die Kreidefelsen der Insel Møn im Südosten des feindlichen Reichs sehen. Wie alle Ostseefahrer dieser Zeit orientieren sich die Schiffer nicht mithilfe von Seekarten oder Kompass, sondern nutzen vor allem mündlich weitergegebenes Wissen über Wegmarken, die am Küstensaum sichtbar sind, sowie ein Lot, um die Tiefe des Wassers zu messen.
Der Auftrag an Warendorp steckt voller Risiken. Er soll die Kontrolle über den Öresund erringen und die Privilegien der Hansekaufleute sichern. Die strategisch wichtige Meerenge ist an ihrer schmalsten Stelle nur vier Kilometer breit. Sie trennt die dänische Insel Seeland im Westen von Schonen im Osten. Durch den Sund verläuft die Hauptschifffahrtsroute zwischen Ost- und Nordsee.
Um sie zu kontrollieren, wollen Warendorps Männer mehrere dänische Stellungen erobern: darunter Kopenhagen auf Seeland und Helsingborg in Schonen. Nur wenn ihnen dies gelingt, können Hanseschiffe wieder ungehindert passieren, und nur dann können sie zudem ihre Privilegien in Schonen sichern. Im Zentrum des Sunds liegt Kopenhagen, hier will Warendorp zuerst attackieren. Die spätere Hauptstadt Dänemarks ist ein strategisch perfekt gelegener Stützpunkt: Ihr Hafen befindet sich geschützt hinter mehreren kleinen Inseln; auf einer von ihnen wacht eine Festung über den Schiffsverkehr.
Die Überfahrt ist strapaziös. Die Kämpfer müssen zumeist auf offenem Deck dicht gedrängt in der Frühlingskühle ausharren, bis zu 100 Personen auf jeder der lediglich gut 20 Meter langen Koggen. Nur die Schiffsführung hat jeweils achtern eine Kammer. Am 2. Mai 1368 kommt eine Hafenstadt in Sicht, das Halbrund einer Stadtmauer mit drei Toren, davor der steinerne Festungsturm: Kopenhagen.
Einige der Männer an Bord sehen den Ort wahrscheinlich nicht zum ersten Mal: Bereits sechs Jahre zuvor haben hansische Truppen Kopenhagen angegriffen, im ersten Krieg gegen Waldemar. Die Kämpfer überprüfen ihre Waffen, Schwerter, Beile, Armbrüste, manche von ihnen verfügen wohl bereits über die neuartigen Schusswaffen. Die Ausrüstung ist teuer – und muss selber gestellt werden; nur Männer, die den Besitz von Handwaffen nachweisen können, dürfen überhaupt den Bürgereid der Hansestädte ablegen.
Jedes Gewerbe daheim hat sich verpflichtet, eine festgelegte Zahl von Kämpfern zu stellen. Die Truppen sind strikt geordnet: Die Rostocker unterstehen Rostocker Hauptleuten, die Stralsunder Befehlshabern aus Stralsund. Und sie alle gehorchen Bruno Warendorp, dem Hauptmann der lübischen Schiffe. Dessen oberstes Ziel ist nun Tempo, denn die Segler nähern sich gerade der Stadt und sind vermutlich schon von den Wachen am Hafen entdeckt worden. Die Angreifer um Warendorp müssen also landen, bevor die Verteidiger sich in Stellung gebracht haben.
Schon gleiten die ersten Schiffe in den Hafen. Die Besatzungen reffen die Segel und verlangsamen so die Gefährte. Einige Schiffe sichern die Landung zur See hin, andere nähern sich den Anlegestellen. Eilig springen Kämpfer von Bord – es scheppert, als die Männer ihre Rüstungen anlegen. Auf ihren Koggen haben sie zudem schweres Belagerungsgerät mitgeführt: große hölzerne Katapulte und gewaltige Armbrüste zum Schleudern und Schießen von Steinen und Pfeilen, dazu eine Art Rammbock auf Rädern
Auch Dutzende Reitpferde werden an Land geführt. Es ist eine der ersten großen amphibischen Landungen in der Geschichte Nordeuropas. Doch kein Augenzeuge, keine spätere Quelle berichtet über die nun beginnenden Kämpfe. Sicher scheint nur so viel: Rasch stürmen fast 2000 schwer Bewaffnete von den Hafenanlagen aus in die Gassen des kaum 6000 Einwohner zählenden Orts. Die Angreifer treffen auf verängstigte Bürger – und so wenig feindliche Kämpfer, dass sie die Stadt wohl binnen eines Tages vollständig erobern.
Warendorp ist wohl selbst überrascht, wie reibungslos alles abläuft. Tatsächlich haben dänische Adelige und Ritter keine Hilfstruppen geschickt, weil viele von ihnen ihrerseits auf die Schwächung ihres machthungrigen Königs hoffen. Doch gesiegt hat Warendorp noch nicht. Er befiehlt seinen Männern, sich einzurichten, vermutlich in konfiszierten Häusern, stellt Wachen auf – und belagert die Festung auf der kleinen vorgelagerten Insel Slotsholmen, die, obwohl von allem Nachschub abgeschlossen, noch immer von dänischen Truppen gehalten wird. Eine Brücke verbindet sie mit der Stadt.
Jetzt setzen die Angreifer das mitgebrachte Belagerungsgerät ein. Mit den Katapulten schleudern sie Steine und Balken in Richtung der Mauern, mit Armbrüsten schießen sie Brandsätze über die Zinnen und beginnen wohl den Burggraben mit Geröll und Erdreich aufzufüllen, um mit dem rollenden Rammbock das Tor zu zerschmettern. Sechs Wochen dauert der Kampf an. Dann geben die Belagerten, von Hunger geschwächt, auf.
Zufrieden zieht Warendorp in die Burg ein, die er zu seinem Hauptquartier macht. Um Waldemar jede Chance zu nehmen, Kopenhagen zurückzuerobern, lässt er im Hafen Schiffe versenken, als Hindernisse, um das Anlanden dänischer Boote zu verhindern. Zudem lässt er die Stadt zerstören. Krieger laufen mit Fackeln durch die Gassen und legen überall Feuer. In den Flammen verbrennen Wohnhäuser, Werkstätten, Läden und Ställe. Vermutlich fliehen die Bewohner ins Landesinnere: Weg von der Küste, an der die Hanse wütet. Deren Befehlshaber handelt im Krieg genauso rücksichtslos wie jeder adelige Feldherr.
Die Kaufleute haben in Kopenhagen zwar eine wichtige Schlacht gewonnen, aber noch immer müssen sie fürchten, dass Waldemar, der sich weiterhin im Ausland aufhält, neue Verbündete gewinnt. Es gilt also wie zuvor, schnell Fakten zu schaffen. Und die Aussichten scheinen gut. Denn es gibt für die Hanse auch Erfolgsmeldungen von den anderen Schauplätzen des Krieges: So kapituliert unter anderem der norwegische König, Waldemars Schwiegersohn, zermürbt von Angriffen niederländischer Schiffe auf seine Küstenstädte.
Den mit der Hanse verbündeten norddeutschen Fürsten und schwedischen Truppen gelingt es, große Teile Dänemarks zu erobern und mit ihren Koggen die Kontrolle über den Handelsverkehr auf dem Öresund zu erringen. Im Juli 1368 scheint der Krieg damit so gut wie gewonnen. Fast alle Bollwerke entlang des Öresunds sind gefallen. Zwar halten die Dänen noch die große Festung Helsingborg, doch wird sie seit dem Winter von Hansetruppen blockiert. Trotzdem ist Waldemar (der sichnoch immer im Ausland aufhält) zu keinen Friedensverhandlungen bereit. Möglich, dass der König erneut einen Überraschungsangriff bei Helsingborg plant, so wie sechs Jahre zuvor.
Was also sollen Warendorp und die anderen Hauptleute tun? Eine Versammlung von 20 Hansestädten überlässt den Befehlshabern die schwere Entscheidung. Wenn sie sich stark genug fühlen, bescheiden sie ihnen, mögen sie die Festung „in Gottes Namen belagern“ – und hoffentlich einnehmen.
Nur wie? Helsingborg ist von einer fünf Meter dicken Mauer geschützt, zudem gesichert von 14 Verteidigungstürmen und einem Burggraben, über den nur eine Zugbrücke führt. Im Zentrum der Festung ragt ein rotbrauner Backsteinturm 35 Meter in die Höhe Aushungern lassen sich die Verteidiger nur sehr schwer, denn der Turm verfügt über eine eigene Wasserversorgung, und das acht Meter hohe Erdgeschoss ist voller Lebensmittel und Brennholz. Belagerte können hier lange ausharren und auf Hilfe warten. Dennoch geht Warendorp die Herausforderung an. Helsingborg muss fallen, sonst schleppt sich der kostspielige Krieg womöglich über Monate hin.
Im Frühjahr 1369 beginnen die Hansetruppen mit Angriffsvorbereitungen. Bald schleudern ihre Katapulte wieder steinerne Geschosse auf eine dänische Festung, wieder schießen Männer brennende Pfeile. Doch Monate verstreichen, ohne dass sich etwas tut. In einer ähnlichen Lage hat Warendorps Vorgänger sechs Jahre zuvor die Geduld verloren und alle verfügbaren Männer in einen stürmischen Kampf geschickt – und so ihre Niederlage besiegelt. Auch Warendorp ändert nun seine Taktik. Allerdings auf ganz andere Art. Denn plötzlich kursieren Gerüchte in den Ostseestädten: Mit einer Übermacht stehe die Hanse vor Helsingborg, insgesamt 2200 Mann.
Die Zahl hat Warendorp selbst in Umlauf bringen lassen, zur Täuschung des Gegners. Sie wirkt so überzeugend, dass sie sogar im heimischen Lübeck für Verwirrung sorgt. Die sparsamen Ratsleute machen ihrem Befehlshaber aus der Ferne Vorwürfe: Die Verpflegungskosten für eine so große Streitmacht, schreiben sie ihm, seien doch viel zu hoch. Warendorp antwortet, in Wahrheit sei er mit nur 1100 Leuten vor Ort, darunter 260 voll Bewaffnete. Der Rest seien Knappen, Köche und Handwerker.
Inzwischen verhandelt er mit den Verteidigern von Helsingborg, die von den in Umlauf gebrachten Zahlen offenbar tatsächlich eingeschüchtert sind. Und jetzt kommt Warendorp die gute Planung des gesamten Feldzugs zugute. Die Hanse und ihre Verbündeten halten sich diesmal nämlich genau an ihre vertraglichen Zusagen über Truppenkontingente. Allmählich sehen auch Waldemars Getreue in Helsingborg ein, dass ihre Lage so gut wie aussichtslos ist.
Am 21. Juli 1369 schließen Verteidiger und Angreifer deshalb einen Vertrag. Den hansisch-fürstlichen Truppen, „die auf dem Felde vor Helsingborg sind“, werde am 8. September die Burg übergeben, sofern bis dahin nicht „König Waldemar und seine Helfer so mächtig würden“, dass sie die Hanse und ihre Verbündeten „mit Macht aus dem Reiche Dänemarks trieben“.
Es ist eine Kapitulation auf Raten. Durch den Vertrag wahren beide Seiten ihr Gesicht. Erleichtert wird den Dänen ihr Aufgeben durch das heimliche Auszahlen von Bestechungsgeldern. Bruno Warendorp gelingt damit ein Meisterstück der Verhandlungskunst, denn tatsächlich verstreicht die Frist, ohne dass Waldemars Lager das Kriegsglück wenden kann.
Mit nur geringen Verlusten gewinnt der Heerführer also die mächtige Festung und besiegt den Dänenkönig. Es ist ein echt hansischer Sieg: Warendorp erreicht vor Helsingborg durch geschickte Diplomatie, überlegte Organisation und Geld, woran sein Vorgänger mit roher Gewalt noch gescheitert ist.
Zerstörung aber haben die Kaufleute dennoch im Sinn: Als die Nachricht vom Fall Helsingborgs die Hansestädte erreicht, schicken sie eilig Handwerker nach Kopenhagen. Die schleifen, nach der Stadt, nun auch die dortige Burg. Nie wieder sollen die Dänen von dort aus den Schiffsverkehr im Sund und damit den Handel bedrohen können. Waldemar erfährt fern der Heimat, dass Kopenhagen und Helsingborg verloren sind. Seit mehr als einem Jahr versucht er Verbündete für den Kampf gegen die Kaufleute zu finden – vergebens.
Zu gut hat die Hanse sich vor Kriegsbeginn nach allen Seiten abgesichert, zu schnell durch Siege gezeigt, wer diesmal der Stärkere ist. Will der Dänenkönig nun nicht noch sein gesamtes Reich verlieren, muss er rasch Frieden schließen. Am 1. Mai 1370 sitzen sich in Stralsund eine dänische Delegation sowie Vertreter von 23 Hansestädten gegenüber. Die Wahl des Verhandlungsorts ist ein Signal: Hier bestimmen Bürger der Kaufmannsstädte die Regeln, keine Monarchen. Selbstbewusst diktieren sie den Abgesandten des dänischen Reichsrats ihre Bedingungen. Nach weniger als vier Wochen steht der Friedensvertrag.
Darin regeln die Hansestädte allerdings nur ihre eigenen Interessen. Ihre fürstlichen Alliierten, die Dänemark unter sich aufteilen wollen, müssen separate Verträge aushandeln – denn die Kaufleute wollen das Königreich nicht zersplittern, fürchten eher Chaos und Revanchegelüste der Besiegten: Handel braucht nun einmal Stabilität. Auch wollen sie verhindern, dass das mit ihnen siegreiche Schweden ohne das dänische Gegengewicht zu mächtig wird.
Die hansischen Städte aber erhalten durch die Verträge in Dänemark ihre alten Handelsprivilegien zurück. Zudem wird ihnen für die nächsten 15 Jahre ein hoher Schadenersatz zugesprochen. Um den langfristig zu sichern, kontrollieren sie in dieser Zeit Helsingborg und weitere Burgen. Als besondere Garantie für den Vertrag erzwingen die Hansestädte ein Mitspracherecht bei der nächsten Kür eines dänischen Königs: So soll Waldemars Nachfolger dazu gebracht werden, die Hanseprivilegien zu bestätigen.
Die Kaufleute inthronisieren – gemeinsam mit dem dänischen Reichsrat – den künftigen Monarchen: Der Städtebund ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Seine Mitglieder haben gezeigt, wozu sie mit gebündelten Kräften fähig sind. Was acht Jahre zuvor mit einer Niederlage gegen Waldemar begonnen hat, endet mit dem bedeutendsten Sieg, den deutsche Bürger im Mittelalter gegen einen Vertreter des Adels erringen. Es zeigt sich: Krämer können tatsächlich Könige besiegen.
Und der Krieg, der Erfolg nach außen, festigt den Hanseverbund auch im Inneren. Die Erkenntnis, dass eine engere Zusammenarbeit sie zu einer einflussreichen politischen und militärischen Macht werden lässt, überzeugt viele Kaufleute, sich unter den Schutz der Hanse zu stellen. In den folgenden Jahren nehmen die Loyalität, der Wille zum gemeinsamen Handeln zu.
Ab 1379 finden nun regelmäßig Hansetage statt, auf denen stets Vertreter aus allen Gebieten der Organisation vertreten sind – während die Treffen zuvor fast immer von Delegierten einzelner Regionen dominiert wurden. Bruno Warendorp erlebt all das nicht mehr mit. Nicht einmal seinen größten Triumph. Denn kurz bevor die Frist vor der endgültigen Kapitulation Helsingborgs abläuft, stirbt der Heerführer aus bis heute unbekannten Gründen fern der Heimat. Er war weitergesegelt, um auch noch die letzten dänischen Stützpunkte einzunehmen. Warendorps Leichnam wird nach Lübeck gebracht und in der Marienkirche bestattet.
Bruno Warendorps großer Gegner, König Waldemar IV., kehrt erst zwei Jahre nach dem Friedensschluss von Stralsund zurück in ein Reich, das er geeint hat und das er fast zerstört hätte. Bis zu seinem Tod im Jahr 1375 führt er weiter Kriege, aber nie mehr gegen die Hanse. Manche Gebiete, die ihm Verbündete der Hanse genommen haben, vermag er dabei sogar zurückzuerobern. Rasch kann er seine Herrschaft in Dänemark wieder festigen – und ist bald so stark, dass er keinen Angriff mehr fürchten muss.
Als es nach seinem Tod um die Kür von Waldemars Nachfolger geht, nutzt der Hanseverbund die ihm in Stralsund gegebene Macht allerdings nicht. Schon vor der Königswahl signalisieren die Kaufleute dem dänischen Reichsrat, dass sie mit dessen Kandidaten, Waldemars minderjährigem Enkel Olaf, einverstanden sind. Sie arrangieren sich, meiden den Konflikt mit den einstigen Gegnern. Viel wichtiger sind ihnen Ruhe und Stabilität. Denn die sind gut fürs Geschäft.
4. Kaufleute. Ein Händler der Hanse
Gut 70 deutsche Städte vereinen sich im 14. Jahrhundert nach und nach zur Handelsorganisation der Hanse. Ihre Schiffe kreuzen Nord- und Ostsee, ihr Reichtum lockt Glücksritter an: Männer wie Hildebrand Veckinchusen, der ein Vermögen verdient – bis ihn sein Schicksal ereilt
Welcher Weg führt zu Ruhm und Macht, wenn einer nicht als Fürst oder Ritter geboren wird? Wenn er sich nicht berufen fühlt oder von seinen Eltern auserwählt wird, Gott in Kirche oder Kloster zu dienen? Wenn er nichts hat als Mut und Ehrgeiz – und den Willen, sein Glück zu versuchen? Dann wird so jemand Kaufmann. Dem wird das Kontor zur Burg und das Rechnungsbuch zur Bibel. Den führen nicht Kreuzzüge in die Fremde, sondern Geschäfte. Dem verleihen weder Schwert noch Hirtenstab Sicherheit, sondern Gulden und Dukaten. Der hat oft keine Vergangenheit, auf die stolz zu sein sich lohnt – wohl aber eine Zukunft, auf die sich Wechsel ziehen lassen.
Dies ist die Geschichte eines Kaufmannes, der aus einer Stadt kommt, deren Namen man heute nicht mehr kennt. Der eines Tages auswandert in die Welt der Messen und Koggen, in der Pelze zu Zehntausenden gehandelt werden und dazu Bernstein und Spezereien und alles, was Okzident und Orient hergeben. Wo Schnelligkeit mehr zählt als die Abstammung. Wo man mit einer einzigen Idee ein Vermögen gewinnen und es durch einen Fehler auch wieder verlieren kann. Dies ist die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Hansekaufmannes Hildebrand Veckinchusen, von seiner Leidenschaft an der Spekulation, von reich beladenen Schiffen und riskanten Krediten, von Geld und Ehre – und davon, wie einer beides gewinnt und wieder verliert.
DEN KAISER, so wird Hildebrand Veckinchusen schreiben, habe er 1377 in Dortmund gesehen, „als ich noch im Schellenkleide herumhüpfte“, also als Kind. Ein paar Jahre zuvor ist er demnach wohl geboren worden, wahrscheinlich irgendwo in Westfalen. Nichts ist bekannt über die Familie, die vermutlich nicht arm gewesen ist. Wo haben die Veckinchusens gelebt? Was war ihr Gewerbe? Doch Dokumente über die älteren Veckinchusens haben die Zeiten nicht überdauert. Eines nur scheint sicher zu sein: Die Eltern bringen Hildebrand und seine Geschwister in halb Europa unter, im größten Handelsraum der Alten Welt: dem der Hanse. Die Hanse ist eine Macht, wie es zu jener Zeit keine andere gibt in Europa: Sie ist kein Reich, kein militärisches Bündnis – vielmehr eine Handelsvereinigung, deren Grenzen im Ungefähren verlaufen.
Wo liegen die Wurzeln der dudeschen hense? Niemand vermag es genau zu sagen. Im Frühmittelalter haben Wikinger und Friesen Nord- und Ostsee befahren. Spätestens um 1100 bekommen sie Konkurrenz von anderen deutschen Händlern. Aus dieser Zeit sind Urkunden überliefert, die zeigen, dass Kaufleute aus Köln und Bremen nach England und Skandinavien reisen. Sie werden in der Nordsee zu Pionieren der Hanse. An der Ostsee eröffnet Adolf II. von Schauenburg, Graf von Holstein, im Jahr 1143 ein neues Zeitalter. Der Landesherr gründet auf einer von Flüssen umschlossenen, 135 Hektar großen Landzunge eine Niederlassung für deutsche Zuwanderer, die er nach einer slawischen Vorgängersiedlung Lübeck nennt.
Die neue Stadt ist knapp 20 Kilometer vom Meer entfernt, sodass Seeräuber sie nicht leicht überfallen können, doch durch die Trave mit der Ostsee verbunden. Zudem am kürzesten Landweg nach Hamburg gelegen, dem Tor zur Nordsee. Werber schickt der Graf aus, nach Holland, ins Rheinland – und nach Westfalen, der Heimat der Veckinchusens. Diese Abgesandten versprechen Einwanderern Bauland und die Unterstützung der neuen Ansiedelung durch den Landesherren, dazu Freiheit von manchen Abgaben und günstige Bedingungen für den Fernhandel. Und so kommen Abenteurer in den Norden, denen ihre Städte und Dörfer am Rhein oder an der Emscher zu eng geworden sind.
Zunächst säumen nur Buden den Marktplatz. Doch der Ort ist gut gewählt, denn hier kreuzen sich Handelswege von Nord- zu Ostsee, von Osteuropa und Skandinavien nach Mitteleuropa, und so werden die hölzernen Bauten der Pioniere schon bald durch größere Steinhäuser ersetzt. Da es im Land kaum Brüche gibt, aus denen sich Granit oder andere Steine gewinnen lassen, verwenden die Baumeister vor allem gebrannte Ziegel, den „Backstein“. Viele Häuser sind Kontore, Wohn- und Geschäftsgebäude zugleich: schmale, spitzgiebelige Bauten mit einer Diele und manchmal auch der scrivekamere, der „Schreibkammer“ des Kaufmannes, zu ebener Erde. In den Geschossen darüber liegen die Speicher, noch weiter oben die Räume der Händlerfamilien und ihres Gesindes.
Bald fassen steinerne Kais den Hafen ein, später trägt ein Kran die Lasten der Schiffe von Bord. Eine für die Lagerung von Stoffen errichtete Tuchhalle wird zum Rathaus umgewidmet und mehrfach erweitert. Nördlich und südlich des Marktes wachsen Marienkirche und Dom in die Höhe. Vor allem St. Marien, die Kirche des Rates, wird zum Symbol der Stadt: Klar ist dieses Gotteshaus, von außen unverschnörkelt – und himmelstürmend. 125 Meter ragen ihre schmalen Doppeltürme auf, fast doppelt so hoch wie die wuchtigen Stümpfe der berühmten Kathedrale Notre-Dame zu Paris.
Lübeck schwingt sich empor wie nie zuvor eine Stadt im Reich. Um 1400 leben etwa 20000 Menschen an der Trave, ein städtisches Verzeichnis nennt 1876 Häuser. Die Gründung des Grafen von Holstein ist innerhalb von 250 Jahren zur zweitgrößten Gemeinde Deutschlands geworden. Nur Köln mit 40000 Einwohnern ist größer, doch reicht die Geschichte der Rheinmetropole schließlich bis in die Römerzeit zurück. Mehr noch: Zur Zeit von Lübecks Gründung Mitte des 12. Jahrhunderts sehen seine Bürger schnell, dass es anderswo an der Ostsee kaum Städte gibt. In Skandinavien finden sich überwiegend bäuerlich geprägte Weiler, ebenso in Polen, in Livland, in Preußen. So entwickelt sich Lübecks erstes großes Exportgut: Menschen.
Denn unentwegt strömen Glücksritter aus dem Westen hierhin. Viele schleust die Stadt weiter an die Gestade rund um das Mare Balticum. Von Lübeck aus tragen deutsche Kaufleute im 13. Jahrhundert zur Gründung von Rostock, Wismar, Stralsund und Greifswald bei. Manche verschlägt es in die abgelegene Doppelstadt Berlin-Cölln. Andere fahren nach Schleswig, das zu Dänemark gehört, nach Schweden, Norwegen, Nowgorod und ins Innere Russlands; selbst die Wildnis von Finnland hält das Versprechen auf Gewinne bereit.
Einige dieser deutschen Kaufleute, die regelmäßig die im Zentrum der Ostsee gelegene Insel Gotland besuchen und von dort aus weiter nach Osten fahren, schließen sich schon bald zu einer Genossenschaft zusammen, um ihren Handel zu koordinieren. Auch sie sind Wegbereiter der Hanse. In England treffen die Pioniere aufeinander: all die Kölner, Lübecker und Bremer (und inzwischen auch Hamburger) Unternehmer, die in London kaufen und verkaufen – sowie die anderen Händler von der Ostsee, die es im 13. Jahrhundert nun ebenfalls dorthin zieht. Der englische König Heinrich III., der ihnen in den Jahren 1266/67 neue Privilegien zugesteht, nennt sie „hansa“ . Es ist die älteste Überlieferung dieses Namens für eine Gruppe deutscher Kaufleute. (Der Begriff geht auf das germanische Wort für „Schar“ zurück.)
Anfangs konkurrieren die Kaufleute aus deutschen Landen, die nach und nach als „Hansen“ bekannt werden, miteinander. Doch sie merken bald, dass sie günstiger einkaufen und teurer verkaufen können, wenn sie kooperieren. Dass sie sich besser gegen Steuerforderungen lokaler Fürsten behaupten können. Und, vor allem, dass es für sie leichter ist, über große Entfernungen Geschäfte abzuschließen, wenn sie den Handel gemeinschaftlich organisieren. Also arbeiten sie nun zusammen, wenn auch meist nur in eher unverbindlicher Form. Als es 1356 wieder einmal zu einem Konflikt der deutschen Kaufleute mit dem Handelspartner Brügge kommt, lädt der von Kaufleuten dominierte Rat der Stadt Lübeck zu einer Versammlung: Auf diesem ersten „Hansetag“, zu dem andere Städte Abgesandte schicken, soll ein Boykott gegen die flämische Metropole koordiniert werden.
Der Hansetag – der fortan unregelmäßig einberufen wird – entscheidet über Kriege (etwa gegen den König von Dänemark, der immer wieder versucht, die Herrschaft über die Ostsee zu erringen), über Sanktionen oder Friedensschlüsse, über wirtschaftliche Vorschriften (wie Gewichte, Maße oder Stapelrechte), und er löst Konflikte zwischen den Hansestädten. Die Hanse, lange eine lockere Organisation deutscher Kaufleute, ist so zu einer Vereinigung deutscher Städte geworden.
Doch sie ist kein formales Bündnis. Manche ihrer Mitglieder unterstehen als Reichsstädte de jure dem Kaiser, andere hingegen Landesherren wie etwa dem Grafen von Holstein. Sie hat keine einheitliche Verwaltung, keine gemeinsame Armee oder Flotte (im Kriegsfall muss jede Stadt sehen, wie sie Bewaffnete stellt), keine Grenzen, kein Siegel. Es ist nicht einmal festgelegt, wer denn eigentlich zur Hanse gehört. Rund 70 Städte werden schließlich zur Gemeinschaft gerechnet, gut 100 weitere Orte sind assoziiert. Doch auch wenn sich ihre Ursprünge im Dunkeln verlieren und ihre Kompetenzen oft im Ungefähren verlaufen – eines ist um das Jahr 1400 deutlich: Die Hanse ist eine Wirtschaftsmacht, wie es sie in Europa noch nicht gegeben hat.
Denn wer braucht noch Herrscher oder Landesgrenzen, wenn das Geld regiert? So scheinbar gleichgültig gegenüber vielen Insignien und Institutionen die Hanse auch wirkt, in einem ist sie gnadenlos präzise: in Wirtschaftsfragen. Nur Kaufleute einer allseits anerkannten Hansestadt können in den Genuss der hansischen Privilegien kommen. Sie zahlen nur wenige oder gar keine Abgaben an lokale Herren, weil sie oft die einzigen Kaufleute sind, die in großen Mengen wichtige Waren wie etwa Getreide ins Land bringen können. Sie dürfen in der Fremde Häuser und Land erwerben – und werden doch nach ihrem eigenen Recht beurteilt. Streitigkeiten regeln sie untereinander. Sie haben das Recht, Maße und Gewichte anhand von amtlichen Mustern zu prüfen. Werden sie in der Fremde ausgeraubt, sind ihnen die ausländischen Fürsten oder Stadträte häufig zu Schadenersatz verpflichtet.
All die Rechte und Privilegien, die sich deutsche Kaufleute irgendwann zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert an verschiedenen Standorten gesichert haben, gelten spätestens ab 1356 für alle Mitglieder der Hanse. So entsteht in gewisser Weise ein gigantischer einheitlicher Markt von England und Flandern im Westen über Mittel- und Norddeutschland, Skandinavien bis hin nach Polen, Litauen und russischen Fürstentümern im Osten. Und das „Haupt der Hanse“ ist Lübeck. Meist sind es die Ratsherren der Travemetropole, die zu Hansetagen einladen. Oft gilt das Lübecker Recht auch in anderen Städten. Viele Warenströme laufen hier zusammen.
Östlich entlang der Küste reihen sich weitere Zentren: Rostock, Stralsund, Danzig, Riga, Reval. Im preußisch-polnischen Binnenland Thorn, Breslau und Krakau. An der Nordsee Bremen, an der Elbe Hamburg und sogar Kampen am Ijsselmeer. In West- und Mitteldeutschland Lüneburg, Osnabrück, Dortmund, Köln, Magdeburg, Erfurt. An den ausländischen Zielorten ihrer Handelsreisen unterhält die Hanse meist „Faktoreien“ genannte Niederlassungen: etwa in Smolensk am Dnjepr, in Viborg und Abo im heutigen Finnland, in Oslo, im südschwedischen Skanör, in Ipswich und einem halben Dutzend weiterer englischer Städte. In den vier wichtigsten Standorten stehen besonders große Faktoreien, die Hansekontore: im norwegischen Bergen, in London, im russischen Nowgorod und im flämischen Brügge, dem bedeutendsten Handelsplatz Westeuropas. Zu den großen Kontoren der Hanse gehören in der Regel Wohn- und Lagerhäuser, Stapel- und Umschlagplätze; dazu meist eine Kirche für das Seelenheil der Kaufleute in der Fremde. Und ein Friedhof für all jene, die über ihren Geschäften verschieden sind.
GEGEN ENDE DES 14. JAHRHUNDERTS finden sich Mitglieder der Familie Veckinchusen an vielen Orten der Hanse. Ein Bruder Hildebrands wird Kaufmann in Reval, ein anderer macht Geschäfte in Riga und bringt es dort zum Ratsherren und Bürgermeister. Ein weiterer ist Geistlicher, wahrscheinlich in Dorpat, eine Schwester „Klosterjungfrau“ im mecklenburgischen Zarrentin. Hildebrands Bruder Sivert schließlich, vielleicht der begabteste Kaufmann der Familie, geht zunächst nach Brügge und lässt sich später in Lübeck nieder, der wichtigsten Hansestadt.
Wie es die Veckinchusens angestellt haben, welche Verbindungen sie nutzten, womit sie ihr erstes Geld verdient haben – darüber ist nichts bekannt. Vielleicht haben sie, wie so viele Auswanderer, Verwandte gehabt, die bereits in der Fremde ihr Glück gemacht haben und den Neuankömmlingen Starthilfe gaben. Heimat ist der Familie jedenfalls, so scheint es, vor allem der Ort, an dem sich Geld verdienen und Karriere machen lässt. Loyalitäten sind, falls überhaupt, den Verwandten und Geschäftspartnern vorbehalten, keinem Land und keiner Stadt. Hildebrand ist vermutlich zwölf bis 15 Jahre alt, als er das Gewerbe des Kaufmanns lernt – wahrscheinlich in Dorpat. Spätestens 1393 lässt er sich in Brügge nieder, dem westlichen Außenposten im entstehenden Handelsimperium der Veckinchusens.
Fortan senden sich die Brüder, vor allem Hildebrand und der ab etwa 1400 in Lübeck residierende Sivert, Briefe zu. Sie setzen Schreiben auf, die sie reitenden Boten mitgeben oder Kapitänen. Über mehr als drei Jahrzehnte verabreden sie in ihren Briefen Geschäfte, tauschen Preise aus, schätzen die Kreditwürdigkeit möglicher Handelspartner ab – und diskutieren auch so manche Privatangelegenheit. Doch das erlauben sie sich nur dann, wenn noch Platz ist auf dem Briefbogen und wenn sie Zeit haben. Denn Zeit ist Geld, und häufig enden die Botschaften abrupt mit der alles erklärenden Formulierung: „gescreven met hast“.
Etwa 550 Schreiben haben die Zeiten überdauert: weit mehr und weit persönlichere Zeugnisse als die irgendeines anderen deutschen Kaufmanns des Mittelalters – vermutlich, weil sich Jahre nach dem Tod aller Protagonisten deren Erben einen Rechtsstreit liefern, für den die Briefe als Beweismittel dem Gericht von Reval vorgelegt und von diesem später dem Archiv übergeben werden. Hildebrand Veckinchusen jedenfalls geht nach Brügge. 1402 mietet er ein Haus für vier Pfund Groten, halbjährlich zahlbar. Das ist ihm Kontor, also Büro, Warenkeller und Wohnstube in einem. Zunächst laufen die Geschäfte blendend. Denn die Welt der Kontore und Marktplätze ist längst grenzenlos geworden. Sie ist ein Universum des Duftes und der exotischen Gerüche; aus ihren Lagern strömt eine sinnenverwirrende Mixtur, die sich über den alltäglichen, fauligen Gestank legt, wie ihn eine gewöhnliche Stadt verbreitet.
In Brügge riecht es nach Wolle und Färbestoffen, denn es werden Tuche feilgeboten, vom kostbaren Scharlach – gewirkt in der Stadt selbst, in Gent, Ypern oder Mechelen – bis zu einfacheren Wollstoffen. Dazu Samt und Brokat, die italienische Händler nach Flandern liefern, und pastellfarbene Tuche aus dem Languedoc. Hier können die Hansekaufleute alle Stoffe erwerben, um sie gen Osten zu bringen. Tuche stellen zeitweilig ein Drittel aller Einfuhren nach Lübeck. Dazu steigen in der Stadt die Ausdünstungen von Pelzen und Tierhäuten auf. Zobel, Marder, Biber, Hermelin, Luchs, Otter, Wiesel, Eichhörnchen und Kaninchen erlegen Jäger in Karelien, an der Wolga, an den Küsten des Weißen Meeres. Vom Hansekontor in Nowgorod aus gehen sie via Lübeck nach Brügge und ins gesamte Abendland.
Auch nach Kerzenwachs aus den russischen Wäldern duftet es; nach Holz; nach Asche, mit der Stoffe gebleicht werden; nach Pech, mit dem man Schiffe kalfatert; nach Baumharz, das als Bindemittel für Farben dient – alles Waren, die vor allem aus Danzig oder Riga angelandet werden. Aus Danzig kommen auch Roggen, Gerste und Weizen, geerntet in Polen und Preußen. Aus Bergen wird Stockfisch angeliefert, aus Schonen Salzhering. Überhaupt Salz: Ein Fass Salz braucht man, um vier bis fünf Fässer Hering zu konservieren oder zehn Fass Butter. Nur durch Salz lassen sich viele Vorräte haltbar machen. Doch die Ostsee ist so salzarm, dass nirgendwo Salinen betrieben werden können.
Steinsalz wird bei Lüneburg gewonnen und von Lübeck aus verschifft, was beide Städte reich macht. Doch jährlich fahren auch Dutzende Schiffe bis nach Bourgneuf an der französischen Atlantikküste, ja bis nach Lissabon, wo sie jeweils tonnenweise Meersalz einlagern für den langen Weg zurück. Bremen, Hamburg, Wismar, Rostock und Danzig liefern Biere, die berühmt sind; in Hamburg allein füllen rund 500 Brauereien jährlich etwa 400000 Hektoliter in Fässer. Kölner Kaufleute verschiffen Wein von Rhein und Mosel nach Brügge, England und Norwegen. Danziger Segler bringen französische Rebensäfte aus La Rochelle, Weine aus Portugal und Spanien.
Und so zirkulieren Waren kreuz und quer über Nord- und Ostsee, über Fernstraßen und Flüsse: Kupfer aus Schweden, Preußen und Ungarn. Westfälisches Leinen, das Hamburger Schiffe nach England transportieren, wo es zu Segeln vernäht wird; das Tauwerk für die Segler wiederum wird aus preußischem und livländischem Flachs und Hanf gedreht. Öl aus Spanien bringen die Segler nach Norden, Butter aus Schweden nach Süden. Seidendecken aus China und Bagdad, die russische Händler über das Schwarze Meer und die Flüsse ihrer Heimat bis Nowgorod transportieren, werden von dort ins Abendland verschifft – eingetauscht wohl unter anderem gegen Honig aus Pommern, Niedersachsen und Mecklenburg, der nun in den Orient gelangt.
Venezianische Händler liefern Safran, Pfeffer, Ingwer und andere orientalische Gewürze sowie Südfrüchte, etwa Feigen, nach Brügge – wo Lübecker die Spezereien aufkaufen. Dafür bringen lübische Händler von der preußischen Küste Bernstein für Rosenkränze, die in Venedig begehrt sind. Für den Transport der Schätze sind große Segler nötig: die Koggen. Diese einmastigen, zwischen 20 und 30 Meter langen Schiffe mit geradem Bug und plumpen Aufbauten auf Vor- und Achterdeck sind wohl schon um das Jahr 1000 von friesischen Seefahrern genutzt worden.
Denn die Koggen mögen gedrungen wirken wie Fässer – die Rumpfbreite entspricht ungefähr einem Drittel der Länge. Sie schleichen gerade mal mit vier, fünf Knoten durch die See und sind damit so ganz anders als die schlanken, wendigen Drachenboote der Wikinger, die zuvor die nördlichen Meere beherrscht haben. Doch eine Kogge fasst bis zu 200 Tonnen Fracht, mehr als das Dreifache der Drachenboote. Auf mancher Kogge stapeln sich, wasserdicht verpackt in Fässern, über 200000 Pelze. Und die Holk, ein modernerer, noch wuchtigerer Schiffstyp, der gerade in den Jahren aufkommt, da Hildebrand Veckinchusen seine Geschäfte macht, fasst sogar die doppelte Frachtmenge einer Kogge. Manches Schiff wird nie wieder gesehen. Vor allem bei Sturm oder Nebel laufen die Segler auf Riffe und Sandbänke entlang der Küsten – oder sie verschwinden auf hoher See. Andere reich beladene Koggen werden von Piraten ausgeplündert. In den Jahren, da die Veckinchusen-Brüder die ersten Geschäfte abschließen, suchen Freibeuter, die von einer Flotte des Deutschen Ordens aus der Ostsee vertrieben wurden, die Nordsee heim. 1401 lassen viele von ihnen, darunter Klaus Störtebeker, in Hamburg ihr Leben auf dem Richtblock des Henkers. Seenot und Piraterie: welche Risiken! Aber auch: was für Möglichkeiten, Geschäfte zu machen! Wenn man die richtigen Verbindungen hat.
HILDEBRAND VECKINCHUSEN heiratet, nachdem seine erste Frau früh verstorben ist, ein Mädchen aus Riga. Die 15-Jährige hat ihm der dort lebende Bruder brieflich angepriesen. Hübsch sei sie, diese Margarete, vor allem aber bringe sie eine gute Mitgift und exzellente Kontakte zu den in Livland aktiven Handelsfamilien mit. Also nimmt Hildebrand sie zur Gattin. Eine kurze Zeit lebt er bei der Schwiegerfamilie in Riga, dann lässt sich Margarete Veckinchusen in Lübeck nieder. Hildebrand ersteht dort ein Haus für seine Gattin und die Kinder, die sie ihm bald gebiert, drei Töchter und vier Söhne. Er selbst ist nur selten in Lübeck, obwohl er das Bürgerrecht der Stadt erwirbt. In manchen Jahren sieht er seine Familie überhaupt nicht. Denn die Geschäfte halten ihn in Brügge fest. So kauft Hildebrand dort Tuche auf und sendet sie gen Osten. In umgekehrter Richtung transportiert er Wachs und Butter, Speck, Bier und Pelze. Rund 200000 Felle führt er jährlich ein. In der Regel bringen die Fahrten mit Pelzen zwischen zwei und 16 Prozent Gewinn.
Erfolgreich ist Hildebrand, angesehen bei Geschäftspartnern, ein Mann mit ere und geloven, „Ehre und Glauben“. Einer, dem Partner bereitwillig Kredit gewähren – und der glaubt, alle Tricks seines Metiers zu beherrschen. Denn Veckinchusen, der wie fast alle Kaufleute wahrscheinlich nur wenige Gehilfen angestellt hat, muss ständig rechnen und kontrollieren. Wenn er etwa in fernen Städten Handel treibt, muss er darauf achten, bei der Umrechnung der Währungen nicht betrogen zu werden: 100 Mark Silbergeld in Lübeck entsprechen 53 Mark in Preußen, 64 Mark in Riga, 15 Pfund Groten in Brügge, 16 Rubel in Nowgorod und 13 Pfund Sterling in London.
Eine Elle Tuch ist in Brügge 67 Zentimeter lang, in Lübeck 57 Zentimeter, in Riga 53 und in Nowgorod 44. Kauft er also in Brügge 100 Ellen Tuch ein, verkauft er sie in Nowgorod als 150 Ellen – allerdings bekommt er dafür Rubel und muss sehen, dass er nicht zu schlecht wegkommt, wenn er sie zurücktauscht. Hildebrand muss wissen, dass ein Hundert französischen Salzes aus Bourgneuf – ungefähr 14 Tonnen – 7,5 hansischen Last entspricht; ein Hundert portugiesischen Salzes hingegen acht Last und somit knapp 15 Tonnen. Er muss wissen, dass die Fischhändler aus Schonen oft gute Heringe oben und unten in die Fässer abfüllen und dazwischen minderwertige Ware stecken.
Dass Weinhändler aus Frankreich oder Köln mit Wasser panschen. Dass russische Verkäufer oft Fett, Eicheln oder Erbsen in ihre Wachsfässer stecken, um die Ware zu strecken. Und dass in manchen Häfen Waren hin und wieder in nassen Säcken verpackt werden, denn die sind schwerer und erhöhen so das Verkaufsgewicht der Ladung. So muss Hildebrand beständig beobachten, prüfen, kalkulieren. Muss über seine Briefpartner herausfinden, wo welche Waren gerade wie im Kurs stehen, wo Mangel herrscht und wo Überfluss. Bei welchen Münzen hat sich der Silbergehalt verschlechtert? Auf welchen Straßen lauern Räuber? Welcher Fürst plant einen Krieg? Und ist dies gut, weil er Waren sucht? Oder schlecht, weil ein Konflikt die Handelswege unpassierbar macht?
Wie erfolgreich sind die Jäger vergangenen Winter in Karelien gewesen? Wie viel Salz werden die Meerwassersalinen von Bourgneuf hergeben dieses Jahr? Sind Rosenkränze aus Bernstein gerade Mode in Venedig? Genießt der König von England lieber Rheinwein oder den aus Frankreich? Mögen die ehrbaren Kaufmannsfrauen von Lübeck wohl Korallenschmuck? Werden Weber, die höhere Löhne fordern, die flämische Tuchproduktion einschränken?
Man muss sich Hildebrand Veckinchusen als einen Mann vorstellen, der niemals Ruhe hat. Der eilig jedes Schreiben liest, das ihm ein Bote aus einer fernen Stadt bringt. Der sich am Hafen bei den Kapitänen umhört, sie nach guten und schlechten Überfahrten befragt, nach dem Wetter, nach Neuigkeiten von allen Küsten. Der in den Kontoren und Markthallen Preise vergleicht und mit einem Griffel auf einer leicht wieder glatt zu streichenden Wachstafel hastige Notizen macht. Der in seinem Kopf in venezianischen Dukaten und Ore aus Riga und rheinischen Gulden kalkuliert. Anno Domini 1407 ist Hildebrand Veckinchusen ein wohlhabender Mann. Bis zu 25000 Mark Vermögen werden die reichsten Handelsherren Lübecks zu jener Zeit besitzen; sein Wohlstand ist vermutlich etwas bescheidener. Er ist jetzt fast 40. Doch statt sich mit seinem Erfolg zufrieden zu geben, stürzt er sich in ein Wagnis, so kühn und weit gespannt wie keines seiner Unternehmen zuvor.
IN BRÜGGE HAT ER GESEHEN, dass die italienischen Händler kostbare Waren des Orients feilbieten, Gewürze vor allem. Weshalb den Konkurrenten dieses Geschäft überlassen? Es ist wohl, das deuten die Briefe an, Hildebrand, der seinen Bruder Sivert und einige mit ihm befreundete Lübecker und Kölner Kaufleute zu einer Expansion überredet, wie sie so vermutlich noch kaum ein Hansekaufmann gewagt hat: Handeln wir doch direkt mit Venedig! Hildebrands Plan: Er will gemeinsam mit seinen in Lübeck residierenden Kompagnons Pelze und Bernstein aus dem Osten heranschaffen und die Waren auf eigene Rechnung den Rhein hinauf und über die Alpen transportieren, um sie schließlich direkt in Venedig den Händlern anzubieten.
Ein Wagnis – auch, weil die Straßen kaum mehr sind als einfache Pfade, seit Generationen begangen, durch Wälder und Gebirge führend, aber meistens unbefestigt. Nur gelegentlich sind die Wege durch Steine, Bohlen oder wenigstens Reisigbündel verstärkt. Ansonsten: blanke Erde. Bei Regen verwandeln sich die Straßen in Morast, in dem Karren und Wanderer vielleicht ein, zwei Kilometer in der Stunde vorankommen, wenn überhaupt. Die meisten Waren werden auf zweiachsige Wagen verladen, gezogen von Ochsen oder Pferden. Diese Karren sind kaum mehr als einen Meter breit, mehr lassen die armseligen Wege nicht zu. In den Wäldern lauern Räuberbanden. Viele Ritter, ständig in finanziellen Nöten, überfallen die Züge der Händler und nehmen den Kaufleuten unter fadenscheinigen Vorwänden Münzen und Fracht ab. Oft verschleppen diese Raubritter ihre Geiseln in finstere Burgverließe, wo sie erst wieder freikommen, wenn Verwandte oder Geschäftspartner das geforderte Lösegeld bezahlt haben.
An jedem Stadttor, an jeder Furt stehen Wachen, die im Auftrag ihres jeweiligen Herren Zölle erheben. Und damit die Karawanen schneller passieren können, plant ein weitsichtiger Kaufmann gleich „Ehrungen“ mit ein – die Bestechungsgelder, die den Wachen ausgezahlt werden, damit diese die Wagen nicht allzu genau kontrollieren. Nach Veckinchusens Plan soll ein Partner in Köln den schwierigen Transport auf dem Weg gen Venedig organisieren. Der Lübecker Peter Karbow vertritt das Unternehmen bereits in der Lagunenstadt an der Adria, im Fondaco dei Tedeschi, der Faktorei der Deutschen. Dort soll er die Hansewaren verkaufen und Gewürze erstehen, die dann wiederum gen Norden geschickt werden.
Wahrscheinlich am 1. Mai 1407 gründen die Brüder Sivert und Hildebrand Veckinchusen mit neun Partnern aus Lübeck, Lüneburg und Köln sowie Peter Karbow und dessen Sohn die „Venedische Gesellschaft“ zu Lübeck. 5200 lübische Mark zahlen die Partner in die gemeinsame Kasse. Mit diesem Geld erstehen sie Pelze und Bernstein im Baltikum – und senden die ersten Waren nach Venedig. Ein Triumph. Denn Peter Karbow gelingt es auf Anhieb, Tausende Pelze zu verkaufen. Dafür ersteht er Gewürze – offenbar, so scheint es, fast wahllos und zu jedem Preis. Was kann schon geschehen? Ohne Zwischenhändler sind die Profite immens. 1409 verfügt die Venedische Gesellschaft bereits über mehr als 11000 Mark Kapital: gut 100 Prozent Zuwachs in nur zwei Jahren.
Die Partner erhöhen ihre Anteile, pumpen Tausende Mark in die Gesellschaft. Ein grenzenloses Geschäft scheint sich da aufzutun. Und der einzige Fehler, so sieht es aus, ist der, nicht rasch genug zu investieren. Ein Rausch. Wen stört da schon, dass die Venedische Gesellschaft kein gemeinsames Rechnungsbuch führt? Jeder Kompagon verzeichnet, so ist es in der Hanse Brauch, nur seine eigenen Transaktionen schriftlich. Ein einheitliches System existiert in der Hanse nicht, jeder Kaufmann trägt Schulden und Außenstände so ein, wie es ihm beliebt. Geschäfte, die sofort bar beglichen werden, tauchen oft gar nicht in den Rechnungsbüchern auf. Für die moderne doppelte Buchführung, wie sie die italienischen Konkurrenten beherrschen, kann sich in der gesamten Hanse kein einziger der konservativen Händler entscheiden.
Und so hat auch in der Venedischen Gesellschaft, aufgeblasen durch viel Geld, kein Partner einen Überblick: Welcher Kunde kauft was zu welchem Preis? Wer hat welche Außenstände? Wem schulden wir wie viel? Hildebrand Veckinchusen hat, so steht zu vermuten, bereits 1409 die Kontrolle über das Unternehmen verloren. Bis zum Frühjahr jenes Jahres hat er 273000 Pelze nach Venedig verfrachtet, das entspricht einer Menge von mehr als zwei Pelzen für jeden einzelnen Einwohner der Stadt. Der Pelzmarkt ist nun übersättigt – und die Preise beginnen zu fallen.
Zugleich kauft Karbow weiterhin wie manisch ein: Zwischen 1409 und 1411 nimmt er Hansewaren für 53000 Dukaten in Empfang, kauft aber für rund 70000 Dukaten ein. Da ihm das Bargeld nicht reicht, kauft Karbow auf Pump: Er zieht Wechsel auf seine Partner – Scheine, die deren Inhaber ermächtigen, bei den Kompagnons das ausstehende Geld einzutreiben. Und so tauchen plötzlich in Brügge, Köln und Lübeck Venezianer auf, die von Hildebrand Veckinchusen und seinen Teilhabern Hunderte, Tausende Mark verlangen. Die Männer müssen wohl oder übel zahlen. Denn sollte ein Wechsel platzen, würde sich das rasch herumsprechen, und niemand würde mehr Geschäfte mit ihnen machen.
Hildebrand ermahnt Karbow. Doch der sitzt in Venedig, und keiner vermag ihn zu kontrollieren. Wie viele Wechsel er schon ausgestellt hat? Er weigert sich, gegenüber seinen Partnern genau abzurechnen. Schlimmer noch: Von einem venezianischen Lieferanten lässt er sich um 1500 Dukaten betrügen. Und als er eine Ladung Ingwer zu Hildebrand nach Brügge schickt, rechnet er eine Menge von 23220 Pfund Gewicht ab. Hildebrand lässt nachwiegen – und stellt fest, dass nur 20856 Pfund angekommen sind. Versucht Karbow ihn zu betrügen? Oder ist er bloß fahrlässig? Zu allem Unglück wird auch noch der Kölner Partner der Gesellschaft von Raubrittern überfallen, die ihm 1700 Gulden stehlen. Da gerät Sivert Veckinchusen, der bereits zuvor unruhig geworden ist, in Panik. Karbows Wechsel haben ihn bereits an den Rand des Bankrotts getrieben: „Von den 800 Gulden, kan ic nicht betalen“, gesteht er seinem Bruder in einem Brief und fleht Hildebrand an, das Geld statt seiner vorzuschießen, denn sonst müsse er „grote noet leyden“. Der Angesprochene ist großzügig und regelt von Brügge aus die Verbindlichkeit.
Sivert, knapp dem Bankrott entronnen, hat nun genug vom Risiko und vom Spiel um das ganz große Geld. Er will zurück zu seinem traditionellen Geschäft. Wenn man dafür die bereits vom Mittelmeer herangeschafften Waren mit Verlust verkaufen müsse, dann sei’s drum. Hauptsache, das Abenteuer Venedische Gesellschaft wird beendet! Doch Hildebrand klammert sich an den Traum vom Handel quer durch das Abendland. Er will weitermachen, will in Italien neue, risikoreiche Geschäfte einfädeln. Zudem verdächtigt er seinen Bruder, dass der gute Geschäfte für sich allein verbucht, risikoreiche hingegen auf die Gesellschaft abwälzt.
Nun wechseln die Brüder bittere Worte. Sivert schreibt düster von „grote unvruntscap (Feindschaft) und schaden“ zwischen den beiden Veckinchusens. Schließlich wird die Gesellschaft mit hohen Verlusten für alle Beteiligten liquidiert. Und zwischen den Brüdern entsteht etwas, das nicht in Zahlen und Bilanzen sichtbar ist: Misstrauen, Verärgerung, Rachsucht, vielleicht gar Hass.
DOCH SELBST JETZT gibt Hildebrand nicht auf: Dann will er es eben allein in Italien wagen! Für mehrere tausend Dukaten kauft er in Brügge auf Kredit einen kostbaren Stoff auf, aus dem Banner und Fahnen genäht werden sollen. Sein Bruder Sivert weigert sich, auch nur einen Pfennig in das Geschäft zu investieren: „Doe segede ic neyn“, teilt er dem Bruder lakonisch mit. Der Vorsichtigere der beiden wird Recht behalten: Der Banner-Stoff lässt sich in Venedig nur mit Verlust verkaufen. Plötzlich ist Hildebrand, der Aufsteiger mit dem großen Vermögen und dem noch größeren Ehrgeiz, ein Getriebener. Denn nun geht ihm das Kapital aus.
Im Mai 1418 platzen zwei Wechsel, die auf Hildebrands Namen gezogen worden sind. Der Händler in Brügge kann nicht zahlen. Er bittet seinen Bruder, den er selbst erst wenige Jahre zuvor finanziell gerettet hat, um Beistand. Doch Sivert lehnt ab – und erhöht zudem noch den moralischen und finanziellen Druck. Denn auch er bekomme ja noch Geld vom Bruder – so behauptet er zumindest –, und der solle gefälligst zahlen, „wat gy my schuldych syn“. Was nun? Da hört Hildebrand irgendwann im Winter 1419/20, dass im kommenden Jahr keine hansische Salzflotte aus Frankreich gen Ostsee abgehen werde. Weshalb das so sein soll, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Der Kaufmann jedenfalls reagiert sofort: Wenn das französische Salz nicht nach Riga und Dorpat gelangt, werden dort die Preise dieser lebensnotwendigen Ware gen Himmel steigen. Was für eine verlockende Spekulation. Am 14. Januar 1420 schickt Hildebrand Veckinchusen einen Läufer zum reitenden Boten Philipp Spormaker in Brügge. Der soll einen Brief überbringen, in dem Hildebrand seine Geschäftspartner in Riga und Dorpat auffordert, sofort alles verfügbare Salz aufzukaufen. Der mörderische Ritt ist perfekt organisiert: Hildebrand hat Spormaker Empfehlungsschreiben mitgegeben, die diesem überall bei befreundeten Kaufleuten Quartier und frische Pferde garantieren. Dazu, für die Kosten der ersten Etappe, zwei rheinische und einen Deventerer Gulden.
Spormaker galoppiert los über die unbefestigten, im Winter oftmals vereisten, vom Schnee zugewehten, düsteren Straßen. Er hat Glück: Kein Raubritter lauert ihm auf. Bald ist er in Köln, dann in Dortmund, am 8. Februar zur elften Stunde schon in Danzig, wo er sich ein frisches Pferd nimmt. Weiter geht es über Königsberg und Riga, bis er endlich in Dorpat ist. 19 rheinische Gulden haben Hildebrands Geschäftspartner dem Reiter für Kost, Logis und neue Kleidung vorgestreckt – der Hansekaufmann aus Brügge muss sie ihnen später zurückzahlen, ebenso wie die siebzehneinhalb Gulden, die der Rückritt kosten wird. Spormakers genauer Ankunftstag ist unbekannt, doch ist er wohl in weniger als zwei Monaten durch halb Europa geritten. Und wichtiger noch: Er hat vier Tage Vorsprung auf einen Reiter, den konkurrierende Hansekaufleute aus Brügge abgeschickt haben. Vier Tage! Das sollte reichen, um schnell und doch unverdächtig eine so alltägliche Ware wie Salz zu erstehen.
Veckinchusens Kompagnons, überrascht von der Spekulation, kaufen auch tatsächlich auf, was sie erreichen können, doch offensichtlich fehlt es ihnen an Bargeld, um kurzfristig Salz in großen Mengen zu erwerben. Zudem ist bald auch der andere Bote da, informiert die Konkurrenz – und die grandiose Salzspekulation des Hildebrand Veckinchusen scheitert kläglich, weil es ihm nicht gelingt, ein lokales Monopol auf alle Salzvorräte zu erkämpfen und damit die Preise zu diktieren. Eine Folge allerdings hat der gewagte Handel: Hildebrands Partner im Osten sind wütend auf ihn, weil er sie hektisch in ein letztlich erfolgloses Unternehmen getrieben hat. Erneut hat er Geld und Vertrauen verloren.
Schon lange sieht es so aus, als klebte das Pech an seiner Fracht. Denn sobald er sie gekauft und mit dem Zeichen seiner Handelsfirma markiert hat, bringen Briefe eine schier endlose Kette schlechter Nachrichten. Feigen, die er nach Hamburg verschickt hat, sind feucht geworden und müssen billigst verkauft werden. In Tuchen, die er nach Livland geliefert hat, ist der Wurm, sie sind zerfressen. Zwei Fässer Reis, die von Brügge gen Danzig abgehen, haben Wasser gezogen und die Fracht verdorben. Seide, die Veckinchusen nach Lübeck schickt, Feigen und Öl nach Danzig, Korallen nach Bergen op Zoom: alles mindere Qualität und unverkäuflich.
Da geht Hildebrand in seiner Not zu den „Lombarden“, professionellen Geldverleihern aus Norditalien. Bankiers wie etwa die Spinolas aus Genua dürfen seit 1281 Niederlassungen in Brügge unterhalten. Sie vergeben Geld gegen Zinsen – und die sind so hoch, dass die Italiener im Volksmund woukeraers geschimpft werden, „Wucherer“. Mindestens zweimal leiht sich Veckinchusen von einem Bankier je 400 Gulden, einmal 300 venezianische Dukaten. (Und hier ist auch der Zins verzeichnet: 20 Prozent auf drei Monate Laufzeit.)
Doch welche gewagten Geschäfte auch immer Hildebrand mit diesem teuer geliehenen Kapital abschließen will – sie scheitern offensichtlich. Was er auch anfasst, es zerrinnt ihm zwischen den Fingern. Seine langjährigen Partner in Lübeck, zu denen er persönlich reist: Sie geben nichts. Sein Bruder Sivert, der wissen muss, dass Hildebrand in höchster finanzieller Not ist, leiht ihm keine einzige Mark. Vielleicht, aber das verraten die Briefe nicht, aus Rache für die bitteren Worte der Jahre zuvor. Möglich aber auch, dass sich hier der vorsichtigere, wohl auch fantasielosere Mann in selbstgerechter Zufriedenheit über den wagemutigeren Bruder erhebt, der einmal zu oft spekuliert hat. Hildebrand verhandelt mit Gläubigern um Stundung oder Umschuldung. Bereitet gar heimlich seine Flucht aus Brügge vor, doch lässt er es bleiben, denn wohin sollte er als gescheiterter Kaufmann ohne ere und geloven noch gehen? Schließlich muss Hildebrand einen seiner Gläubiger, den Genuesen Rafael Spinola, unterwürfig um Großzügigkeit anflehen: „Syr Raffeheyl Spinghel, gude vrend“, schreibt er und bittet um Auszahlung einer Kreditrate, um mit dieser andere Schulden zu begleichen: „So bydde ick ju umme Godes wyllen, dat gy my welt myn ysterment (Geldanteil) welt gheven.“ Vergebens.
IM FEBRUAR 1422 erlebt Hildebrand Veckinchusen das schandbare Ende seiner Kunst, mit Geld zu zaubern. Er, der einst geehrte Kaufmann, der Schiffsladungen mit Pelzen und Spezereien durch das halbe Abendland verschickte, landet als Bankrotteur im Schuldgefängnis von Brügge. Joris Spinola aus der Familie der Genueser Bankiers hat einen Haftbefehl erwirkt, denn Hildebrand kann Außenstände von 120 flämischen Pfund nicht zahlen.
Das Gefängnis, der „Stein“, ist zweigeschossig: ein paar Kammern, mit Vorhängen abtrennbar, ein Schlaf- und Aufenthaltsraum, eine Kapelle, annehmbare Verpflegung (Brot, Bier, Suppe, Gemüse je nach Jahreszeit) und die Erlaubnis, Briefe zu schreiben und zu empfangen. Kein finsterer Kerker also. Hildebrand ist zunächst optimistisch und voller Hoffnung, dass Freunde und Verwandte nun einen Teil seiner Schulden oder wenigstens eine Bürgschaft übernehmen werden. Sein erster Brief, „ghescreven in Brugghe op den sten“, geht an „Greteke, leyve wyf“, an seine Frau in Lübeck: „Hebbe guden moyt unde lat uns Gode dancken van al.“ (Hab guten Mut und lass uns Gott danken für alles.) Seitenlang führt er all jene Geschäftspartner auf, die ihm noch Geld schulden. An die soll sich Margarete wenden, sie müssen zahlen. Und der Bruder? „Hedde myn broder Syvert na mynem rade dan, wer uns gheyn noyt.“ (Hätte mein Bruder Sivert nach meinem Rate gehandelt, wäre uns keine Not erwachsen.)
Dann muss Hildebrand warten. Tage. Wochen. Monate. Nur die Briefe geben Zeugnis von dem, was in ihm vorgehen mag, und selbst die werden uns wohl nur ein geschöntes Bild zeigen. Er schreibt sie ja vor allem an seine Frau, und die will er nicht zusätzlich mit Sorgen belasten. Denn Margarete muss bereits genug ertragen. Die Ratsherren zu Lübeck bequemen sich, schriftliche Eingaben zu Hildebrands Gunsten an verschiedene Stellen in Brügge zu schicken; Geld jedoch senden sie nicht. Ein alter Geschäftsfreund hilft Margarete und den Kindern, doch wird er selbst bald wegen ausstehender Schulden inhaftiert. Die anderen früheren Kompagnons halten die Börsen fest verschlossen – und raten der verzweifelt um ihr Vermögen kämpfenden Frau nur immer drängender, die Kinder zu Verwandten nach Livland zu verschicken. Das aber will sie auf keinen Fall.
Ohnmächtig liest Hildebrand im „Stein“ vom rasanten Verfall des Familienvermögens. Schon im März 1422 hat Margarete fast allen Schmuck versetzt, ein Vierteljahr darauf hat sie auch ihren Brautschmuck verkauft und dazu einige Harnische, die Hildebrand gehört haben. Nun gibt es nichts, das sie noch veräußern könnte. Das mit einer Art Hypothek belastete Haus muss sie Ostern 1423 räumen und später verkaufen. Doch da gerade viele Immobilien in Lübeck angeboten werden, macht sie 400 Mark Verlust. Sie zieht in eine Mietwohnung in der Glockengießerstraße, doch droht ihr da die Zwangsräumung zum Michaelistag (29. September).
Einige Kinder gehen nun doch weg: Zwei Töchter werden zeitweilig zur Schwägerin nach Zarrentin entsandt, doch die Nonne erweist sich schnell als überaus strenge Erzieherin. Ein halbwüchsiger Sohn hält das Elend der Familie nicht mehr aus – und wohl auch nicht die Schande, denn bei aller Größe bleibt Lübeck ja doch eine überschaubare Welt, in der jeder jeden kennt. Er segelt 1424 mit dem ersten Schiff des Jahres gen Reval; wahrscheinlich, um dort sein Glück als Geschäftsmann zu versuchen.
Und Sivert? Der gibt seiner Schwägerin und deren Kindern gerade genug zum Essen und für ein wenig Kleidung, denn eine Verwandte als Bettlerin auf den Straßen zu sehen, würde Schande über seine Familie bringen – und es wäre schädlich für seine eigenen, inzwischen wieder gut laufenden Geschäfte. Er denkt nicht daran, den Bruder in Brügge auszulösen, im Gegenteil: Hatte er in früheren Briefen behauptet, Hildebrand schulde ihm 80 Gulden und 22 lübische Mark (was dieser bestritt), so verkündet er der in Not geratenen Margarete nun, Hildebrand stehe bei ihm mit einem veritablen Vermögen von 1200 lübischen Mark im Soll. Wer wird dem Bankrotteur jetzt noch Geld leihen?
UND SO SITZT Hildebrand Veckinchusen weiterhin im Kerker von Brügge und muss in den Briefen seiner Frau nicht nur lesen, wie sein Vermögen zerrinnt, sondern auch, dass seine Familie auseinander bricht. „Ick hebbe dar in Lubeke broder unde andere vrende“, schreibt er Margarete in einem bitteren Brief, „wat hebben sey uns to vrentschapen dan in unsen noden, alsolde ick van hungher sterven unde du dar myt unseren.“ (Ich habe da in Lübeck Bruder und andere Freunde, was haben sie uns in unserer Not Freundschaftsdienste geleistet? Also dass ich hier Hungers sterben muss und du dort mit den Unseren.“)
Aber schließlich gelingt es ihm doch, sich aus der Haft zu befreien. Gemeinsam mit einigen ihm in Brügge verbliebenen Freunden schafft er es – es ist nicht ganz klar, wie genau –, dass im Herbst 1424 auch Joris Spinola wegen angeblich nicht gezahlter Schulden im „Stein“ inhaftiert wird. Vielleicht wirkt der Kerker beim bislang so unbarmherzigen Bankier Wunder, möglicherweise einigen sich Spinola und Hildebrand Veckinchusen dort auf einen Vergleich. Jedenfalls wird der Hansekaufmann, wohl am 14. April 1425, nach über drei Jahren Haft wieder auf freien Fuß gesetzt. Hildebrand nimmt nun nicht etwa das erste Schiff, das ihn nach Lübeck zu Frau und Kindern zurückbringen könnte. Er bleibt vielmehr in Brügge und will sich sofort wieder in Geschäfte stürzen. Macht da ein unverbesserlicher Optimist und Spekulant neue Pläne, den auch mehr als drei Jahre Haft nicht belehrt haben? Oder ist er, im Gegenteil, ein Verzweifelter, der um keinen Preis wieder hinter Kerkermauern schmachten will? Denn in Brügge hat er noch immer Schulden, jederzeit könnte ihn ein anderer Gläubiger wieder in den „Stein“ werfen lassen. Seine Briefe lassen beides möglich erscheinen – und vielleicht trifft dies auch seinen Charakter am besten, die Lust am Risiko ebenso wie das Getriebene.
Eindeutig hingegen sind die Schreiben seiner Frau. Sie lebt in Not – und der Gatte schert sich, so scheint es, nicht darum. „Bin en armb elent wyf“, klagt sie ihm, „wes scal yk bogynnen myt mynen klenen kinderen?“ (Ich bin eine arme, elende Frau. Was soll ich anfangen mit meinen kleinen Kindern?) Erst diese Klagen und wohl auch die durch die Haft zerrüttete Gesundheit zwingen ihn schließlich zur Rückkehr. Am 1. Mai 1426 schifft sich Hildebrand gen Lübeck ein. Brügge, wo er mehr als 30 Jahre lang wirkte, verlässt er als armer, entehrter und gescheiterter Mann. Die Kosten für die Schiffspassage – sieben flämische Pfund und fünf Schillinge – übernimmt einer seiner Neffen, der es als Kaufmann inzwischen zu Wohlstand gebracht hat. Es sind vielleicht die letzten Schulden, die Hildebrand Veckinchusen in seinem Leben macht. Wie mag das Wiedersehen mit seiner Frau und den noch nicht fortgezogenen Kindern in Lübeck gewesen sein? Ob er wohl seinem Bruder Sivert Auge in Auge gegenübergetreten ist? Wird er noch einmal neue, womöglich fantastische Geschäftspläne gemacht haben?
Keiner kann es sagen. Denn nun, da er in Lübeck lebt, versiegt der Strom der Briefe. Und so ist nichts über die letzten Tage des Hildebrand Veckinchusen bekannt – und fast nichts über das weitere Schicksal seiner Frau und seiner Kinder. Nur so viel: Irgendwann zwischen den Jahren 1426 und 1428 stirbt der Hansekaufmann Hildebrand Veckinchusen zu Lübeck, und es ist durchaus zu vermuten, dass der „Stein“ ihn letztlich ins Grab gebracht hat. Seiner Familie wird er kaum mehr hinterlassen haben als Schulden – und seinen Briefwechsel. Und so ist es vielleicht eine späte Genugtuung der Geschichte, dass sich gerade diese Briefe als sein dauerhaftestes Erbe erwiesen haben. Dauerhafter vielleicht als das größte Vermögen, das er als Hansekaufmann jemals hätte zusammenraffen können.
Von Münzen und Preisen
Lübeck geht mit Hamburg (seit 1255) sowie Wismar (seit 1379), Lüneburg, Rostock und Stralsund (alle seit 1381) eine Art Währungsunion ein. Die Geldstücke dieses „Wendischen Münzvereins“, größtenteils aus Silber geprägte Pfennige, haben den gleichen Feinmetallgehalt, werden also im Kurs 1:1 getauscht.
Dabei ist eine Mark = 16 Schillinge = 48 Witten = 192 Pfennige, doch stellt die lübische Mark lediglich eine Recheneinheit dar. Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts wird sie tatsächlich geprägt. Zur Zeit Hildebrand Veckinchusens werden 100 lübische Mark getauscht zu 53 preußischen Mark, 13 englischen Pfund Sterling und 16 Rubel aus Nowgorod.
Daneben wird in Lübeck auch ein Goldgulden geprägt. 100 lübische Goldgulden entsprechen 64 englischen Nobeln, 47 Genter Nobeln, 92 französischen Kronen, 119 rheinischen Gulden und 100 venezianischen Dukaten.
Es ist nahezu unmöglich, die Kaufkraft von Münzen aus vorindustriellen Gesellschaften mit der moderner Währungen zu vergleichen. Deshalb zur besseren Einschätzung des Geldwertes einige zeitgenössische Daten.
Gesamtvolumen des Lübecker Handels mit Brügge 1419: 651000 lübische Mark. Gesamtvermögen der reichsten Kaufmannsfamilien in Lübeck oder Hamburg: bis zu 25000 lübische Mark.
Vertragsheuer eines Hamburger Matrosen für eine siebenwöchige Fahrt nach Flandern und zurück: zwölf Schillinge.
Wert einer Kogge von 50 Last (93 Tonnen): etwa 500 lübische Mark.
Kapital einer von Hildebrand Veckinchusen und drei Kompagnons gegründeten Pelzhandelsgesellschaft: 100 flämische Pfund Groten.
Einkaufspreis für ein Stück Wolltuch in England: zwölf Pfennige. Verkaufspreis für 100 Zobelpelze in Venedig: 82 venezianische Dukaten.
Für 2000 Eichhörnchenfelle in Köln: 87 rheinische Gulden.
Preise können im Mittelalter durch Ereignisse wie Kriege oder Missernten extrem schwanken. Zudem unterliegen die Währungen einer besonderen Art der Inflation: der Verringerung des Edelmetallgehalts. Ein lübischer Pfennig enthält im Jahr 1200 beispielsweise 0,5 Gramm Silber. Knapp 300 Jahre später sind es nur noch 0,1 Gramm.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Mittelalter: Die Hanse beherrscht den Norden, in: NDR Chronologie, online verfügbar seit 24.10.2025 unter: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Die-Geschichte-des-Staedtebundes-Hanse,hanse30.html, zuletzt geprüft am 19.01.2026.
-> Dollerer, Winfried: Ende eines Handelsbündnisses. Das letzte Treffen der Hanse, in: Deutschlandfunk Kultur, online verfügbar seit 29.05.2019 unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/ende-eines-handelsbuendnisses-das-letzte-treffen-der-hanse-100.html, zuletzt geprüft am 19.01.2026.
-> Lohre, Matthiar: Kampf gegen Dänemark. Der Krieg der Krämer, in: Die Hanse 1150-1600. Europas heimliche Grossmacht (GEO Epoche, Jg. 2016, Heft Ne. 16), Hamburg 2016.
-> Radermacher, Cay: Kaufleute. Ein Händler der Hanse, in: Kaiser, Ritter, Hanse. Deutschland im Mittelalter (GEO Epoche, Jg. 2007, Heft Nr. 25), Hamburg 2007.
Sekundärliteratur
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