Karl der Große

Inhaltsverzeichnis

  1. Karl der Große. Der Triumphator
  2. Abul Abbas. Das Geschenk des Kalifen
  3. Karl der Große. Der erste Kaiser.

1. Karl der Große. Der Triumphator

Taktisch klug und mit großer Beharrlichkeit gelingt es dem Frankenfürsten Karl, sein Reich zu nie gekannter Größe zu führen. Seinen Aufstieg krönt er im Jahr 800 mit einem sagenhaften Titel: Als erster Herrscher im westlichen Europa seit der Antike wird er in Rom zum Kaiser erhoben

ALS ÄLTESTER SOHN des Frankenkönigs Pippin ist Karl früh vertraut mit der Welt des Hofes und den Insignien der Macht (unten ein Zeremonialschwert späterer Könige aus dem Jahrhundert). Er gilt als geschickter Reiter, guter Kämpfer, begabter Redner. 768 tritt er mit seinem Bruder das Erbe des Vaters an (Gemälde von Ernest Meissonier, um 1840)

Der König der Franken spürt die Gefahr nicht, in die er seine Kämpfer führt. Karl aus dem Geschlecht der Karolinger, ein hochgewachsener Mann um die 30, ahnt nicht, dass in den Wäldern an den Hängen oberhalb des Bergpfads der Feind bereits lauert. Wie viele Augen mögen es sein, die an diesem Augusttag des Jahres 778 das fränkische Heer auf seinem Heimweg durch die Pyrenäen beobachten? Niemand kann es heute noch sagen. Eines aber ist sicher: Die verborgenen Krieger wollen sich rächen.

Den Ort für ihren Hinterhalt, den Pass von Roncesvalles, der rund 35 Kilometer nordöstlich von Pamplona über das Gebirge führt, haben sie gut gewählt. Auf schmalen Wegen zieht sich hier die gegnerische Kolonne noch mehr in die Länge als sonst. Während sich ihre Spitze wohl schon dem Scheitelpunkt des Gebirgsübergangs nähert, marschiert die Masse von Karls Männern noch durch das zerklüftete, dicht bewaldete Tal. Insgesamt misst die Heeressäule mehrere Kilometer. Die reichsten Franken auf ihren Pferden sind von Weitem zu erkennen: Sie tragen Helme, Lanzen und Panzerhemden aus eisernen Ringen, die im Sommerlicht funkeln. Die meisten Krieger, leichter bewaffnet, gehen zu Fuß. Ochsenkarren transportieren Nachschub und die Beute, die sie gemacht haben. Doch kehren sie nicht als Triumphatoren zurück ins Frankenland, die Stimmung wird gedrückt sein.

Woran denkt Karl in diesen Stunden? Sinnt er im Sattel über seinen Feldzug in Spanien nach, zieht er schon innerlich Bilanz? Zerbricht er sich womöglich den Kopf darüber, wie er diesen Rückschlag in der Fremde zu Hause doch noch als Erfolg verkaufen kann? Allzu leichtfertig, so muss es ihm jetzt erscheinen, hat er sich in Ränke eingemischt, von denen die Franken nicht genug verstehen. Es begann damit, dass einige nach Unabhängigkeit strebende muslimische Provinzstatthalter aus dem Norden der Iberischen Halbinsel eine Gesandtschaft zu Karl in seiner Pfalz in Paderborn schickten und um Waffenhilfe gegen ihren Oberherrn, den Emir von Córdoba, baten. Im Gegenzug versprachen sie dem Frankenkönig, ihm die Stadt Saragossa auszuhändigen.

SIEG ÜBER DIE MUSLIME

SCHON KARL MARTELL, der Großvater Karls des Großen, zeigt sich als furchtloser Krieger: 732 stoppt ein Heer unter seiner Führung die über die Pyrenäen vorgedrungenen Araber und Berber. Der Triumph bei Tours und Poitiers, später verklärt als »Rettung des Abendlandes«, festigt Karl Martells Macht, auf der letztlich auch die Herrschaft seines Enkels fußt (Carl von Steuben, 1837)

MIT KREUZ UND SCHWERT GEGEN DIE SACHSEN

ALS CHRISTLICHER HERRSCHER sieht sich Karl berufen, heidnische Völker wie die Sachsen zu unterwerfen. 772 lässt er eines ihrer bedeutendsten Heiligtümer zerstören: die Irminsul, wohl eine mächtige Baumsäule (hier mit einem geschnitzten Götzenbildnis dargestellt; Hermann Wislicenus, um 1890)

Ein verführerisches Angebot. Karl, immer begierig, sein Reich zu vergrößern, rüstete zum Krieg. Doch als er im folgenden Jahr tatsächlich mit seinem Heer vor den Mauern Saragossas erschien, hielten die Muslime entgegen der Absprache die Tore verschlossen. Damit war der Pakt gegen den Emir schon zerbrochen, bevor überhaupt eine Schlacht geschlagen worden war. Um ihren zugesagten Lohn betrogen, plünderten die Franken stattdessen Pamplona, eine von christlichen Basken bewohnte Stadt. Die Krieger aus dem Norden wollten nicht mit leeren Händen in die Heimat zurückkehren. Dadurch aber hat Karl jene Katastrophe heraufbeschworen, die sein Heer an diesem Sommertag in den Pyrenäen treffen wird. Die Kämpfer, die am Pass von Roncesvalles lauern, sind keine muslimischen Araber oder Berber, sondern Basken. Sie wollen es den Franken heimzahlen, dass sie Pamplona angegriffen haben.

Geduldig lassen die baskischen Krieger den Großteil der fränkischen Truppen an sich vorüberziehen. Erst als der Tross mit Gepäck und Ausrüstung des Heeres und die Nachhut den Hinterhalt erreicht haben, stürmen sie aus ihren Verstecken oberhalb des Gebirgspfads. Die Franken, überrumpelt und desorientiert, haben zu wenig Platz, um ihre schweren Waffen einzusetzen, und werden ins Tal zurückgedrängt. Als der Abend dämmert, sind die Wagen ausgeraubt und die Kämpfer der Nachhut bis auf den letzten Mann erschlagen. (Unter den Toten ist auch der Markgraf Roland, er wird später in einem der großen Heldenepen des Mittelalters als idealer Ritter besungen werden.)

Der Frankenherrscher selbst kommt unversehrt davon und hat doch einen schmerzhaften Schlag erlitten. So peinlich ist das Debakel in den Pyrenäen für ihn, den Kriegerkönig, dass sich die Reichsannalen, die offizielle Version der fränkischen Geschichte, darüber ausschweigen (die Niederlage wird erst nach Karls Tod in einer überarbeiteten Version erwähnt). Schwerer noch als die militärische Blamage wiegt aber etwas anderes: Im fernen Land zwischen Rhein und Elbe werden Karls gefährlichste und eigentlich schon besiegt geglaubte Gegner diese Niederlage nutzen, um den Aufstand zu wagen – die Sachsen. Gegen sie muss der König nun seinen längsten und blutigsten Feldzug wiederaufnehmen.

Dieser Kampf wird Karl alles abverlangen, ihn zu ungekannter Grausamkeit provozieren und zugleich seine größte Stärke offenbaren: seine Hartnäckigkeit. Denn der Frankenherrscher wird nicht aufgeben, sondern mit Geschick und Weitblick sein Reich immer weiter ausdehnen, bis er alle Vorgänger übertroffen und nicht weniger als ein neues Zeitalter begründet hat. Karls Sippe beginnt ihren Weg zum Gipfel der Macht mit einem Verrat. Als im Jahr 613, also rund ein Jahrhundert nach dem Tod Chlodwigs (siehe Seite 46), mal wieder mehrere Merowinger um die Führung streiten, wenden sich die Adeligen in einem der fränkischen Teilreiche von ihrer Herrscherclique ab und bringen so dem König eines anderen den Sieg. Unter den Anführern der rebellischen Fraktion sind zwei von Karls Urururgroßvätern. Wohl als Belohnung erhält einer der beiden einige Jahre später erstmals ein hohes Amt: Er wird „Hausmeier“.

Der maior domus, so der lateinische Titel, war ursprünglich der Verwalter des königlichen Besitzes und verfügte nur über begrenzten Einfluss, doch nach und nach entwickelte sich das Amt zu einer Schlüsselposition im Frankenreich. Als die Merowinger im Laufe des 7. Jahrhunderts immer mehr von ihrer Autorität einbüßen, lenken die Hausmeier zunehmend die Geschicke in den Teilgebieten des Reiches, führen die Regierungsgeschäfte, als seien sie die rechtmäßigen Herrscher. Um 680 erlangt ein Urgroßvater von Karl dem Großen zunächst den Posten im Ostteil, um einige Jahre später zum tatsächlichen Machthaber im Gesamtreich aufzusteigen. Dessen Sohn Karl (nach dem dereinst das Geschlecht der Karolinger benannt wird) ist der erste Hausmeier, der zur Legitimation seines Regimes keinen Schattenkönig mehr braucht. Als der amtierende Merowinger 737 stirbt, lässt Karl den Thron unbesetzt.

Seinem einige Generationen später geprägten Beinamen „Martell“, der so viel wie „der Hammer“ bedeutet, macht er alle Ehre: Er führt Feldzüge von Friesland bis Bayern, er schlägt die muslimischen Araber und Berber, die weite Teile der Iberischen Halbinsel erobert haben und über die Pyrenäen bis nach Aquitanien vorgedrungen sind (der fränkische Triumph bei Tours und Poitiers wird später – zu Unrecht – als Rettung des christlichen Abendlandes verklärt werden). Karl Martell ist ein gewaltiger König in allem, bloß dem Titel nach nicht. Mit seinem Tod 741 wird das Reich unter seinen drei Söhnen aufgeteilt.

Doch einige Jahre später hat einer von ihnen, Pippin, die anderen Erben von der Macht verdrängt. 748 wird ihm ein Sohn geboren, der nach seinem kriegerischen Großvater den Namen Karl erhält. Dieser Knabe ist wohl noch keine drei Jahre alt, als Pippin sich, mit Zustimmung des Papstes, zum König erheben lässt. Der letzte Merowinger auf dem Thron wird zum Mönch geschoren und verschwindet in einem Kloster. Im Jahr 768 tritt Karl die Nachfolge seines verstorbenen Vaters an. Er ist 20 Jahre alt, nach den Maßstäben der Zeit ein gestandener Mann. Der neue Herrscher hat gelernt, scharfe Eisen zu führen: Er ist gewandt im Schwertkampf wie in der gefährlichen Eberjagd mit der Lanze. Er kann lesen, allerdings wohl nicht schreiben. Er beherrscht Latein und ist, trotz seiner hohen Stimme, ein begabter Redner.

Mit sechs Jahren ist Karl das erste Mal dem Papst gegenübergetreten, mit 13 wohl ritt er auf seinem ersten Feldzug mit, etwa mit 19 heiratete er erstmals und zeugte einen Sohn: Pippin, den Chronisten später „den Buckligen“ nennen. Der Mann, der nun die Königswürde annimmt, ist in der Welt des Hofes und des Krieges groß geworden. Er ist gut vorbereitet auf sein Erbe. Doch es ist ein lebensgefährliches Erbe, denn es kann zum Fluch werden, König der Franken zu sein. Gleichzeitig nämlich wird auch Karlmann, der jüngere Bruder Karls, zum König erhoben. Es ist ja fatale Tradition bei den Franken, das Reich unter den Söhnen aufzuteilen. Karl beherrscht nun ungefähr den Norden und den Westen, der Rest untersteht seinem Bruder.

AUF NACH ITALIEN

GUT VORBEREITET führt Karl im Sommer 773 seine Kämpfer über die Alpen gegen die in Norditalien herrschenden Langobarden. Mit deren König Desiderius, seinem zeitweiligen Schwiegervater, hatte er sich zuvor überworfen, dessen Tochter verstoßen (Hippolyte Lecomte, 1826)

Es ist keine Verwünschung Karls über diese Teilung überliefert, kein einziges Zorneswort. Man kann das, was Karls Geist bewegt, nur durch seine Taten erschließen: Denn drei Jahre später ist die Familie des Bruders kaltgestellt. Es sind bloß Namen (und manchmal nicht einmal das), die eine Ahnung geben vom rücksichtslosen Machtkampf: Karl hat seinen Erstgeborenen Pippin genannt, nach dem Vater, dem ersten König der Karolinger. Und Karlmann tauft seinen nicht viel später geborenen ersten Sohn auf den gleichen Namen. Eine Provokation? Ein Zeichen, dass jeder Bruder für sich und die Seinen die alleinige Macht beansprucht?

Karl hat zudem seine erste Gattin Himiltrud verstoßen und statt ihrer eine Tochter des Langobardenkönigs in Norditalien geheiratet. Die Prinzessin, deren Namen kein Chronist überliefert, bedeutet ihm vermutlich nichts. Diese Ehe ist für Karl nicht mehr als ein strategisches Bündnis mit einem mächtigen König an der Grenze der Territorien seines Bruders. Denn irgendwann, das weiß er wohl, könnten er und Karlmann Heere gegeneinanderschicken. Doch der Tod kommt schneller als der Krieg: Im Dezember 771 stirbt Karlmann überraschend, wohl auf natürliche Weise. Seine inzwischen zwei kleinen Söhne müssten nach fränkischem Brauch seinen Reichsteil erben. Doch stattdessen proklamieren die mächtigsten Gefolgsleute des Verstorbenen umgehend Karl zum Herrscher. (Gut möglich, dass der die Männer schon vor dem Tod des Bruders auf seine Seite gezogen hat.)

Das Bündnis mit den Langobarden hat Karl da bereits wieder aufgegeben. Die Prinzessin, so scheint es, schickt er vermutlich schon Anfang des Jahres wie eine nutzlos gewordene Sache zurück in ihre Heimat – und nimmt eine junge Adelige zur Gemahlin, deren Vater großen Einfluss im Machtbereich seines Bruders besitzt. Wieder eine Ehe als strategischer Zug: Durch diese Verbindung festigt Karl seine Herrschergewalt. (Vermutlich nur etwa 13 Jahre alt ist seine Braut Hildegard, als Karl sie zur Frau nimmt. In zwölf Ehejahren wird sie ihm mindestens neun Kinder gebären, bis sie, man möchte sich ihren körperlichen und seelischen Zustand kaum vorstellen, mit Mitte 20 ins Grab sinkt.)

KARL VERTRAUT AUF GOTT – UND AUF GEWALT

NACH MONATELANGER BELAGERUNG kann Karl im Sommer 774 in der Langobardenhauptstadt Pavia einziehen (links), deren Reich bricht zusammen. Die Macht Karls, der sich fortan »König der Franken und Langobarden« nennt, erstreckt sich nun bis vor die Pforten Roms (Fresko von Alfred Rethel, um 1850)

Nun sucht die Witwe Karlmanns Schutz bei einem starken Herrscher, und zwar ausgerechnet bei den Langobarden: Mit ihren Kindern flieht sie, nichts Gutes ahnend, zu Karls früherem Schwiegervater. Es wird sie nicht retten. Denn Karl offenbart nun erstmals jene Eigenschaften, die ihn sein gesamtes Herrscherleben über auszeichnen werden: strategischer Weitblick und eine fast fanatische Beharrlichkeit. Anderthalb Jahre rüstet er, dann führt er eine Armee über die Alpen, gegen die Langobarden, die längst seine Feinde sind. Seine Panzerreiter fallen in Norditalien ein, die Angegriffenen ziehen sich in die Städte zurück. Doch Karl lässt die Festungen belagern, Monat um Monat. Im Frühsommer 774 kollabiert das Langobardenreich, die ausgehungerten Verteidiger der Hauptstadt Pavia strecken die Waffen. Rex Francorum et Langobardorum lässt sich Karl fortan nennen, „König der Franken und Langobarden“.

Im ebenfalls eroberten Verona haben die Besiegten ihm die Witwe seines Bruders und deren Söhne ausgeliefert, lebend. Was Karl mit der Schwägerin und seinen Neffen macht, weiß niemand. Kein Chronist schreibt auch nur ein Wort. Mit 26 Jahren ist Karl, wie einst Chlodwig, unangefochtener Alleinherrscher der Franken; sein Einfluss erstreckt sich zudem nun bis an die Pforten Roms, denn bis dorthin reicht das Territorium der Langobarden. Der Karolinger wird zum übermächtigen Nachbarn des Papstes.

Die militärischen Erfolge in Italien ermutigen den König, seine Aufmerksamkeit ganz auf die Sachsen zu richten, mit denen die Frankenherrscher schon seit mehr als zwei Jahrhunderten immer wieder Krieg führen. So zog etwa ein Sohn des großen Chlodwig in den Jahren um 555 gleich zweimal gegen die nordöstlichen Nachbarn. Angeblich erschlug dessen Enkel bei einer weiteren Invasion einen ihrer Herzöge. Unterwerfen konnten die Merowinger die Sachsen aber nicht. Und so sind die meisten Bewohner des Gebietes zwischen Rhein und Elbe auch noch zu Karls Zeiten ungetauft. Fränkische Quellen verteufeln die sächsischen Heiden, bezichtigen sie, einem „Dämonenkult“ anzuhängen.

Als christlicher Herrscher sieht es Karl als seine Pflicht an, die Botschaft Jesu zu verbreiten. Er, der in seinem Handeln vor allem auf zwei Kräfte vertraut – den Glauben und die Gewalt –, ist auf brutale Art fromm: „Unsere Aufgabe ist es, überall Christi heilige Kirche nach außen vor der Zerstörung durch Ungläubige mit Waffen zu schützen und im Innern durch die Erkenntnis des allgemeinen Glaubens zu stärken“, schreibt er einmal an den Papst. Karl, notiert ein frommer Autor ein gutes Jahrhundert später, predige das Christentum „mit eiserner Zunge“. Dabei gilt es, keine Zeit zu verlieren. Wie viele seiner Mitmenschen wähnt der Frankenkönig das Ende aller Tage nahe, fürchtet sich wohl auch vor dem Urteil, das beim Jüngsten Gericht über ihn gefällt werden wird. So sind die Schlachten, die er gegen die Ungläubigen schlägt, zugleich auch ein Kampf um das eigene Seelenheil.

Schon 772 ist Karl zum ersten Mal in das Land der heidnischen Sachsen eingefallen. Die Franken eroberten wichtige Stützpunkte, nahmen Geiseln. Und sie zerstörten die Irminsul, ein bedeutendes Heiligtum des Heidenvolks, vielleicht ein großer Baumstamm, den die Sachsen als „Weltensäule“ verehrten, die alles trägt. Ihr genauer Standort lässt sich heute nicht mehr ermitteln, wahrscheinlich befand sie sich irgendwo im Bereich der oberen Weser. Wenn der König glaubte, dass er damit dem Feind das Rückgrat gebrochen hatte, dann irrte er sich. Die Sachsen geben nicht auf.

Nach seinem Sieg über die Langobarden zieht Karl erneut gegen sie in den Krieg. Erst im Jahr 777 scheint er endlich am Ziel zu sein: In Paderborn, mitten im Heidenland, versammelt er seine führenden Adeligen zu einem Reichstag. Das Treffen ist eine Machtdemonstration, der auch die sächsische Elite nicht fernbleiben kann. In der Pfalz, die Karl an einem Hang oberhalb etlicher sprudelnder Quellen hat errichten lassen, schwören sie ihm die Treue. Ein einflussreicher Sachse aber fehlt: ein Mann namens Widukind. Er ist nach Dänemark geflohen, wo er wohl auf eine günstige Gelegenheit wartet, den Kampf gegen die Franken wiederaufzunehmen. Als deren so kraftvoller König bei Roncesvalles ein Debakel erlebt, das den Glauben an die vermeintliche Unbesiegbarkeit der Franken erschüttert, sieht der Sachsenführer seine Chance gekommen – und geht in die Offensive.

Im Jahr 778 ziehen sächsische Kämpfer plündernd durch die angrenzenden fränkischen Lande, stoßen sogar bis zum Rhein vor, den sie allerdings nicht überqueren können. Köln, eine der wichtigsten Städte des Reiches, bleibt für sie uneinnehmbar. Dafür zerstören die Rebellen unter anderem den fränkischen Stützpunkt in Paderborn, wo die Sachsen noch im Vorjahr Karl gehuldigt hatten. Dem König bleibt nichts, als erneut selbst gegen die Sachsen zu ziehen, um die Situation zu stabilisieren. Doch Widukind kapituliert nicht. 782 – Karl ist gerade wieder nach Gallien zurückgekehrt – besiegt er sogar an einem Höhenzug (möglicherweise im Süntel nördlich von Hameln) ein überlegenes fränkisches Heer. Jetzt sinnt Karl erst recht auf Rache. Schon Jahre zuvor hat er geschworen, die Sachsen so lange zu bekämpfen, bis sie besiegt sind und sich taufen lassen oder aber gänzlich ausgerottet wären.

Und er macht Ernst damit: Noch im Jahr 782 zurück in Sachsen, lässt sich Karl von den ihm ergebenen dortigen Adeligen die „Übeltäter“ ausliefern und diese, angeblich 4500 Mann, an einem einzigen Tag köpfen. Diese Zahl jedenfalls ist in den offiziellen Annalen des Frankenreichs überliefert. Doch waren es wirklich so viele, die am Zusammenfluss von Weser und Aller, beim heutigen Verden, gestorben sind? Auf jeden Fall färbt sich die Erde rot vom Blut.

Zudem erlässt Karl für die Sachsen spezielle Gesetze, die schon bei geringen Vergehen den Tod vorsehen, und presst ihnen den Zehnten als Abgabe an die Kirche ab. Im Sommer 783 reitet der König schließlich selbst in die Schlacht. Am Fluss Hase will er die Entscheidung gegen die dort versammelten Sachsen erzwingen. Einzelheiten dieses Kampfes, der irgendwo bei Osnabrück ausgefochten wird, werden nirgendwo niedergeschrieben. Einhard, ein fränkischer Gelehrter und Vertrauter Karls, schreibt lakonisch: „Die Feinde wurden so niedergeworfen, dass sie es danach nie wieder wagten, den König herauszufordern oder ihm Widerstand zu leisten, wenn sie nicht durch eine Befestigung geschützt waren.“

Trotz des Erfolges führt Karl weiter Krieg in der Region, Teile der Sachsen werden noch 20 Jahre weiterkämpfen. Widukind aber, Karls großer Rivale, streckt nun seine Waffen. 785 nimmt er in der Pfalz im nordfranzösischen Attigny den christlichen Glauben an. Angeblich übernimmt der Frankenherrscher persönlich die Patenschaft. Taufe statt Tod. Karl ist 24, als er die Irminsul zerstört. Er ist 56, als sich endlich die letzten Sachsen unterwerfen – und, wie Einhard schreibt, das Ziel des Königs erreicht ist, dass die Sachsen „sich mit den Franken zu einem Volk vereinigen“. Ein sanfter Satz für die brutale Realität, dass die Sachsen ihre Religion und ihre Unabhängigkeit aufgeben mussten, um im Frankenreich aufgesaugt zu werden. Und nicht wenige auch ihre Heimat: Männer, Frauen und Kinder, ganze Dorfgemeinschaften lässt Karl in entfernte Teile seines Imperiums deportieren.

Während der mehr als 30 Jahre andauernden Schlächterei im Sachsenland hat Karl auch noch Willen und Kraft, an anderen Fronten zu kämpfen: Herzog Tassilo von Bayern, seinen eigenen Vetter, der sein Land trotz der fränkischen Oberherrschaft wie ein König regiert, zwingt er zur Unterwerfung, macht ihm wegen Fahnenflucht einen Schauprozess und lässt den Besiegten hinter Klostermauern verschwinden. Er schickt Heere gegen die Mauren und entreißt ihnen Nordostspanien um Barcelona, bringt so schließlich auch jene Region unter seine Kontrolle, in der er im Sommer 778 einen seiner schwersten Rückschläge erlitten hat. Die Awaren, ein heidnisches Reitervolk, besiegen seine Truppen im heutigen Ungarn. Er bezwingt Aufstände in Aquitanien und der Bretagne.

778 WIRD FÜR KARL EIN ÜBLES JAHR

STETS BESTREBT, seine Herrschaft zu erweitern, will Karl im Jahr 778 auch auf der Iberischen Halbinsel Fuß fassen. Doch dieses Kriegsvorhaben scheitert. Um zumindest etwas Beute zu machen, plündern die Franken das christliche Pamplona im Baskenland (das Fresko von Alfred Rethel zeigt eine fiktive Schlacht bei Córdoba, wohin Karl tatsächlich nie vorgedrungen ist)

DESASTER IN DEN PYRENÄEN

AUF DEM RÜCKWEG aus Spanien gerät Karl mit seinem Heer in den Pyrenäen in einen Hinterhalt: Baskische Kämpfer wollen sich für den Überfall auf Pamplona rächen. Die Nachhut der Franken wird komplett zerrieben. Für den Frankenherrscher eine schlimme Schmach (Vittorino Edel, um 1900)

Gut möglich, dass sich Karl zum Krieg verdammt fühlt. Er, der Herrscher einer noch jungen Dynastie, gewinnt mit jedem Sieg Ansehen und Beute – Raubgut, das er an die Adeligen verteilt, um sich deren Loyalität zu erkaufen. Doch ausgerechnet dieser Kriegerkönig, der wohl mehr als drei Jahrzehnte im Sattel sitzt (rechnet man alle Feldzüge und Reisen durch sein Imperium zusammen) und auf dem Pferderücken eine Strecke zurücklegt, die vermutlich mehrfach um die ganze Erde reichen würde: Ausgerechnet dieser rücksichtslose Totschläger ahnt, dass man auf Dauer mit dem Schwert allein kein Reich zusammenfügen kann. Schon die Frage nach den Grenzen dieses Reiches ist schwer zu beantworten. Wo genau liegen sie? Manchmal am Meer, das ist noch einfach. Doch oft genug verlaufen sie – im Norden, Osten, in Spanien, in Italien – im Ungefähren. Auf gut eine Million Quadratkilometer werden Gelehrte die Ausmaße dieses Imperiums später schätzen – etwa dreimal so groß wie das heutige Deutschland. Vielleicht 20 Millionen, womöglich auch nur zehn Millionen Menschen leben in den Weiten des Reiches. Manche Teile, vor allem jene östlich des Rheins, die nie zum Römischen Reich gehörten, sind so dünn besiedelt, dass man wochenlang auf verschlammten Wegen, auf unregulierten Flüssen unterwegs sein kann, ohne eine einzige Seele zu sehen.

Karl träumt davon, Schneisen durch dieses Dickicht zu schlagen. Er lässt einen Kanal graben, der eine Verbindung zwischen Main und Donau ermöglicht, doch in unendlichen Regenfällen rutscht die Erde ab, sodass die Arbeiter bald erschöpft aufgeben. Er lässt bei Mainz eine hölzerne Brücke über den Rhein bauen, „die zehn Jahre schwerste Arbeit gekostet hatte“, berichtet sein Biograf Einhard. „Durch ein zufällig entstandenes Feuer wurde sie dann binnen dreier Stunden vollkommen eingeäschert, sodass nicht einmal ein Holzspan von ihr übrig blieb.“ Wie es den Menschen geht? Karl, der privilegierteste, am besten umsorgte Mann im ganzen Reich, hat mindestens 18 Kinder von diversen Haupt- und Nebenfrauen – doch drei Königskinder sterben schon als Säuglinge, die meisten anderen holt der Tod im zweiten, dritten, vielleicht vierten Jahrzehnt, wohl nur eine einzige Tochter und ein Sohn werden älter als 60. Für Karls Untertanen schweigen die Quellen, doch sicher ist wohl, dass der Tod in den Hütten noch früher erscheint als in den Palästen. Alle drei bis fünf Jahre, das verraten Skelettbefunde, suchen Hungersnöte einige Regionen heim.

Was an Städten aufragt, sind fast ausnahmslos Reste aus römischer Zeit, zahllose in Italien und Gallien, manche auch im heutigen Deutschland: Köln, Trier, Mainz, Regensburg. Karl setzt aber auch in die Wälder jenseits von Rhein und Donau systematisch Siedlungen, zumal im neu eroberten Sachsen: Königsresidenzen, Klöster, Bischofssitze, Handelsplätze. Neben den alten Römerprovinzen tritt so nun das Land bis zur Elbe in die Geschichte ein.

Die Frankenherrscher sind Reiseherrscher. Kaum je bleiben sie mehr als ein paar Wochen an einem Ort, höchstens im Winter wenige Monate. Zwar erlässt Karl Dutzende Zusammenstellungen von Gesetzen und Anordnungen, lässt er die bis dahin nur mündlich überlieferten Rechte von unterworfenen Völkern wie Friesen und Sachsen erstmals aufschreiben, verwalten Grafen für ihn noch die entlegensten Regionen, ziehen adelige Königsboten als Oberaufseher durch das Reich. Doch in einer Welt, in der selbst der König oft Wochen warten muss, bis er auf einen Brief eine Antwort erhält; in der kaum je ein Untertan ein Wort an die Herrschenden äußert (denn wer könnte schon schreiben, wer strapaziöse lange Reisen auf sich nehmen?); in der Adelige noch der archaischen Blutrache verpflichtet sind und Grafen ob ihrer Habgier als „Freunde Satans“ geschmäht werden; in einer Welt der Finsternis also reicht die Macht des Herrschers oft nur so weit wie sein Augenlicht.

Da, wo Karl ist, beseitigt er Missstände, sitzt zu Gericht, verwaltet seine Güter, setzt Gefolgsmänner auf vakante Grafenposten. Hat er in einer Region Ordnung geschaffen, muss er weiterziehen und weiter und weiter – schätzungsweise 150 Königssitze stehen zwischen Ebro und Elbe. Manche dieser „Pfalzen“ (vom lateinischen Wort für „Palast“: palatium), etwa Worms, sind bedeutender als andere, hierhin werden die Adeligen des Reiches zu Versammlungen einbestellt. In den ersten Jahrzehnten seiner Herrschaft sucht Karl häufig jene Residenzen auf, die schon seine Vorgänger bevorzugt haben, zum Beispiel Quierzy (nordöstlich von Paris) oder Herstal (an der Maas im heutigen Belgien). Später aber verschiebt sich der Schwerpunkt seines Reiches nach Osten in Richtung Rhein. Die meisten Pfalzen indes sind kaum mehr als große Gutshöfe: Wenn Karl dort residiert, wird er morgens mit Pferdewiehern aufwachen, und in den Duft nach Wein und Braten mischt sich der Gestank von Dung und feuchtem Stroh.

Der Zug von Pfalz zu Pfalz ist beschwerlich. Und er ist auch gefährlich, denn manchmal wissen nicht einmal Grafen und Vertraute, wo der Herrscher sich gerade aufhält. Wäre ein zentraler Ort, komfortabel und prächtig, nicht eines Königs angemessener?Aachen, Marienkirche, 796. Eine Messe zur Einweihung der noch unvollendeten Kirche. Schon der Rohbau lässt erkennen: Dieses Gotteshaus wird ein Gebet in Stein, ein gelehrtes Buch, das nur der Eingeweihte zu lesen versteht. Das fertige Gotteshaus wird mit der höchsten Kuppel nördlich der Alpen überwölbt sein, 30 Meter über den Häuptern der Gläubigen. Der achteckige Innenraum hat eine byzantinische Kirche in Ravenna zum Vorbild, in der Karl einige Jahre zuvor gebetet hat. Antike Säulen und anderen wertvollen Schmuck für den Innenausbau lässt der König aus Italien holen.

Grundriss und Maße der Kirche folgen einer mystischen Logik, bei der es vor allem um die Zahlen 6, 8, 16 und 144 geht. Die 6 gilt gelehrten Theologen als Zahl des Menschen, denn Gott schuf ihn am sechsten Tage. Die 8 ist das Zahlzeichen der Auferstehung und Erlösung, nach dem Evangelium des Matthäus zudem die Zahl der Seligpreisungen, und acht Mühen muss der Gläubige nach einem Petrus-Brief auf sich nehmen, um zur Erkenntnis Jesu Christi zu gelangen. 16 Eigenschaften hat die Liebe, so schreibt der Apostel Paulus. Und 144 ist das Quadrat von 12, dem Zahlsymbol der Vollständigkeit – 144 000 Gläubige werden gemäß der Offenbarung des Johannes am Tag der Apokalypse gerettet werden.

Daher formen im Zentrum des Gotteshauses acht Pfeiler ein Oktogon. Der Durchmesser dieses Achtecks beträgt sechs mal acht karolingische Fuß (ein Fuß entspricht gut 32 Zentimetern), darüber wölbt sich in zwölf mal acht Fuß Höhe die Kuppel. Umschlossen ist dieses Achteck von einem 16-seitigen Umgang. Die Länge der Kirche misst 144 Fuß, und in der Höhe leuchtet ein Bild des Weltenrichters, um den 144 Sterne glänzen. Drei Bogenfelder sind unter dem Bild errichtet, Symbol der heiligen Dreifaltigkeit. Und drei mal sechs mal acht ergibt wiederum 144: Die Zahl der gelehrten Anspielungen im Gotteshaus ist so unendlich wie im Text der Bibel.

In der Aachener Kirche verdichtet sich die Kraft des Riesenreiches auf wenigen Quadratmetern unter einem einzigen Dach: Karl schafft die wertvollsten Materialien aus dem Reich, ja von jenseits des Meeres heran. Und er fordert die intellektuelle Kraft der Baumeister bis zum Äußersten. Der König errichtet hier mehr als nur eine Kirche: Er baut ein Abbild des himmlischen Jerusalem ins Zentrum seines Reiches. Zwar wird er niemals offiziell eine Pfalz zur alleinigen Hauptstadt erheben. Doch ab den 790er Jahren, als seine Herrschaft gesichert scheint und er längst kein junger Mann mehr ist, hält er sich häufiger in Aachen auf als an jedem anderen Ort seines Reiches, verbringt er fast jeden Winter hier. Die Kirche ist bloß der monumentalste Ausdruck seines Willens.

Aachen mit seinen bis zu 60 Grad heißen Quellen ist, einmal mehr, ein Relikt der Antike. Auf den Trüm mern der römischen Bäder erbaute schon Karls Vater eine Pfalz. Der Sohn, ein begeisterter Schwimmer, entspannt sich im Thermalwasser und lässt die Quellen in Becken fassen. In den Wäldern von Ardennen und Eifel geht er seiner Leidenschaft für die Jagd nach.

EIN ZENTRUM INTELLEKTUELLER KRAFT

BEREITS UM DAS JAHR 780 ruft Karl Gelehrte an seinen Hof, um Wissenschaft und Bildung im Frankenreich zu fördern, darunter den Angelsachsen Alkuin, der einer seiner wichtigsten Berater wird (Gillot Saint-Evre, 1834)

DIE HEIDEN SIND UNTERWORFEN – SO SCHEINT ES

KARLS ÄRGSTER WIDERSACHER unter den Sachsen, der Adelige Widukind, gibt sich 785 geschlagen. Im nordfranzösischen Attigny nimmt er um Weihnachten den christlichen Glauben an, lässt sich mit Gefolgsleuten taufen. Karl wähnt damit wohl den Widerstand der Sachsen gebrochen, doch noch fast 20 Jahre lang wird dieser immer wieder aufflammen (Ary Scheffer, 1836)

Schon sein erstes Weihnachtsfest als König zelebriert Karl in Aachen. Doch wohl erst Jahrzehnte später lässt er die Pfalz nach seinen Vorstellungen ausbauen. Die Königshalle und die meisten anderen Bauwerke sind in späteren Zeiten allerdings wieder verschwunden. Nur seine Kirche, die ist geblieben. Wie leben, wie arbeiten Karl und seine Gefolgsleute in Aachen? Wenig weiß man von seinen Höflingen, nicht viel von den meisten Ehefrauen, Konkubinen, Kindern. Wohl 2000 Menschen umschwirren den Herrscher, vom Seneschall, dem obersten Hofbeamten, bis hinunter zum Küchengesinde.

Der Mächtige genießt es, überliefert Einhard, mit seinen Getreuen in den heißen Quellen zu baden. Wird dort ein Graf in wohligen Nebelschwaden über den nächsten Feldzug flüstern? Wird eine seiner Frauen auf irgendeiner Schlafstatt irgendeiner Pfalz durch ein wohlgesetztes Wort einen Günstling auf einen wichtigen Posten hieven? Scharen sich um die erbberechtigten Söhne Anhänger, Opportunisten, Unzufriedene? Denn Pippin, dem ersten Sohn Karls mit Himiltrud, sind drei Sprösslinge mit Hildegard gefolgt, der dritten Gattin, die sich nun Hoffnung machen dürfen, einen Teil von Karls Reich zu erben – oder gar das ganze Imperium? Planen sie oder ihre Einflüsterer schon die Machtduelle nach dem Hinscheiden Karls?

Nur so viel ist bekannt: Als Karl einmal wegen des Krieges gegen die Awaren in Bayern überwintert, im Jahr 792, so schreibt Einhard, sei Pippin der Bucklige zum Kopf einer Verschwörung gegen den eigenen Vater geworden. „Führende Franken“ hätten den Prinzen dazu aufgewiegelt. Die „Grausamkeit“ seiner Stiefmutter Fastrada – der inzwischen vierten Gattin Karls – sei „Grund und Ursprung“ der Rebellion gewesen. Was genau sich zugetragen hat und warum, das berichtet Einhard nicht. Möglich, dass Pippin aufbegehrt, weil der Vater die drei jüngeren Söhne aus der Ehe mit Hildegard bereits vor Jahren in verantwortungsvolle Ämter gehoben hat, zwei davon zu Königen in verschiedenen Teilen seines Reiches. Möglich aber auch, dass Karl ihn nun doch an der Regierung beteiligen will. Und dass Fastrada – in der Hoffnung auf einen eigenen Sohn – Pippin durch Intrigen beiseiteschaffen will.

Sicher ist nur, dass der Coup auffliegt und Karl die Verantwortlichen bestraft, den Sohn jedoch eher milde: Pippin der Bucklige wird zum Mönch geschoren und in die Abtei Prüm gebracht. Das Hauskloster der Karolinger in der Eifel liegt wenige Tagesreisen von Aachen entfernt, und doch verschwindet der Älteste für immer aus der Welt. Viele Jahre wird er noch hinter Mauern leben, und falls es wirklich Fastradas Machenschaften waren, die ihn in die Rebellion getrieben hatten, dann wird ihm wenigstens die Befriedigung vergönnt, sie überdauert zu haben. Denn die Königin stirbt, kinderlos, schon zwei Jahre nach der Verschwörung.

Dass überhaupt ein paar Zeilen jener Geschehnisse durch die Jahrhunderte wehen, verdankt sich einer Tat von Karl, die womöglich folgenreicher ist als alle seine Feldzüge: Er holt sich, weit mehr als jeder Frankenherrscher zuvor, Gelehrte an den Hof, Männer der Schrift und nicht des Schwertes. Zu der Zeit, als Karl an die Macht gelangt, ist die römische Kultur, die zu Chlodwigs Zeiten in Gallien noch blühte, einem jahrhundertelangen Niedergang erlegen. Der König muss sich aus Italien und von jenseits der Grenzen gelehrte Männer des Wissens holen, er ernennt sie zu Beratern und Lehrern am Hof, lässt sie Schulen gründen, alte Manuskripte retten, Klöster und Bistümer leiten. Was von der antiken Literatur heute noch existiert, das wird unter anderem in jenen Jahrzehnten der „karolingischen Renaissance“ geborgen (siehe Seite 114).

Mancher moderne Biograf sieht in Karl, dem Krieger, der zeitlebens wohl nie richtig Schreiben lernt, sogar eine Art verhinderten Gelehrten. Tatsächlich hebt ihn sein Bemühen um die Wissenschaften über seine Zeitgenossen heraus. Er hat begriffen, dass sie der Schlüssel zum Verständnis der Welt sind. Und nur wer die Welt versteht, kann sie beherrschen.

DIPLOMATIE IM NAHEN OSTEN

DER MUSLIMISCHE HERRSCHER des gewaltigen Abbasidenreichs, Kalif Harun ar-Raschid, empfängt eine Gesandtschaft des Frankenkönigs. Karl sucht Kontakte zu anderen Potentaten, um seine eigene Macht abzusichern – und sich als gleichrangig zu präsentieren (Julius Köckert, 1864)

Die Gelehrsamkeit, die der Franke an seinem Hof fördert, weist über das Weltliche ins Spirituelle. Karl, tief religiös, glaubt auf nahezu magische Weise an die Korrektheit des Gotteswortes: Nur wenn Gebete und Evangelien, Hymnen und Psalmen fehlerfrei gesprochen werden, sind sie wirksam vor Gott. Hat Gott ihn, Karl, nicht wegen seiner Frömmigkeit zum mächtigsten Mann des Erdkreises werden lassen – und weil er den rechten Glauben verbreitet? Hat er ihn damit nicht schon über all die anderen weltlichen Herrscher erhoben? Und gebührt ihm dann nicht auch das allerhöchste weltliche Amt? Das des Kaisers?

Niemand kann sagen, wann in Karls Geist die Idee heranwächst, er könnte sich zum Imperator aufschwingen. Seit dem Untergang Westroms in den Wirren der Völkerwanderungszeit ist kein abendländischer Fürst auf den Gedanken gekommen, sich den legendären Titel des Augustus anzumaßen. In Konstantinopel, in Ostrom, residiert ja weiterhin ein Kaiser; der allein gilt Griechen, Italienern, Galliern und auch den Nachfahren der germanischen Eroberer als legitimer Erbe antiker Größe.

Folgen schon Karls schier endlose Kriegszüge dem Traum vom Imperium? Steht schon am Beginn seiner Eroberungen die Gier nach dem Kaisertitel? Erobert er sich, soweit seine militärische Kraft reicht, die Länder Westroms, damit er schließlich auch dessen Titel beanspruchen kann? Oder steht das Kaisertum nicht am Beginn, sondern am Ende? Rafft Karl zusammen, was er bekommen kann – und macht sich dann erst, als Sieger, Gedanken, wie er seine Beute nun regieren soll? Und entscheidet er sich dann erst für den alten Titel? Kein Wort von ihm ist dazu überliefert, doch von anderen sehr wohl – und sie deuten an, dass Karl schon sehr früh vom Kaisertum träumt.

Als der 26-Jährige das Reich der Langobarden in Italien vernichtet und damit Papst Hadrian I. vor deren Übergriffen bewahrt, besucht er erstmals Rom. Rom! Antike Tempel, prachtvolle Kirchen, Paläste und Thermen, die noch als Ruinen glänzender sind als jede Pfalz. Als patricius Romanorum empfängt der Heilige Vater den Frankenkönig: als obersten Schutzherrn der Römer. In einem Brief von 778 redet Hadrian dann Karl bereits als novus christianissimus Dei Constantinus imperator an, als „neuen, Gottes allerchristlichsten Kaiser Konstantin“. Schon lange predigen Geistliche zudem, dass im 6000. Jahr nach der Schöpfung ein Zeitalter zu Ende geht. Entweder wird die Apokalypse heraufdämmern – oder ein neues Zeitalter beginnen. Wann wird sich dieser Zyklus vollenden?

Bischof Hildebald von Köln, einer der engsten Berater des Herrschers, lässt 798 in einer Handschrift mehrere Weltaltersberechnungen zusammenstellen. Zumindest einige davon erwarten den Beginn der neuen Ära, an deren Ende Christus als Weltenrichter erscheint, für die nächste Zukunft: für Weihnachten im Jahr 800. Womit aber könnte eine neue Ära sinnfälliger beginnen als mit einem neuen Kaiser?

Um die Zeit, als der Bischof die Berechnungen der Weltzeitalter kompiliert, schickt Karl Gesandte in alle Richtungen, bis in den Orient zum Kalifen Harun ar-Raschid (siehe Seite 110). Meldet er mit diesen diplomatischen Manövern auch den Anspruch an, der Erbe der Cäsaren zu sein? Bischof Hildebald erwähnt gar in besagter Schrift, im Jahr 798 seien Gesandte „aus Griechenland“ – also aus dem Oströmischen Reich – zu Karl gekommen, „um ihm die Kaisergewalt zu übertragen“. Offizielle Chroniken der Franken schweigen zwar darüber, auch die Geschichtsschreiber des Papstes oder des Kaisers in Konstantinopel erwähnen nichts davon. Trotzdem ist es möglich, dass Karl auch mit Ostrom Verhandlungen aufgenommen hat, um sich vielleicht abzusichern, dass seine bevorstehende Kaiserkrönung dort nicht als Kriegsgrund gesehen wird.

In den Gemächern des Papstes wie in den Hallen der fränkischen Pfalzen und vielleicht auch in den Palästen von Konstantinopel und sogar im Reich des Kalifen ahnt man wohl spätestens 798, dass sich der Karolinger zum Kaiser erheben will. Es spricht alles dafür, dass auch Karl selbst sich so sieht, als Wiederhersteller alter Größe, als jemand, der dem Verfall entgegentritt: dem Verfall des Glaubens der Kirchenväter, der römischen Straßen und Städte, der hergebrachten Gesetze, der antiken Literatur und Gelehrsamkeit, des Lateins. Daher führt er nicht bloß Kriege, sondern gründet Schulen, fördert Gelehrte, sammelt Manuskripte, lässt Brücken und Kanäle bauen, errichtet in Aachen eine Kirche nach antiken Vorbildern, gründet Bistümer und Klöster, überschüttet seine Untertanen mit Gesetzen um Gesetzen.

Weil Karl Kaiser sein will, regiert er wie ein Kaiser. Und weil er wie ein Kaiser regiert, hat er irgendwann das Anrecht auf den Kaisertitel. Am Ende ist es der Papst selbst, der zum Anrecht auch noch den passenden Anlass liefert. Leo III. ist der Nachfolger Hadrians – und ein Aufsteiger, der es 795 auf den Stuhl Petri geschafft hat, bei den alten stadtrömischen Adelsfamilien jedoch, die seit Langem das Papsttum meist unter sich verschachert haben, ist er verhasst. Genaueres weiß man, wie so oft, nicht über die Intrigen hinter Palastmauern. Nur dies: Bei einer Prozession am 25. April 799 wird der Heilige Vater mitten in Rom von Schlägern überfallen, misshandelt und in den Kerker geworfen. Seine Gegner aus den alten Adelsfamilien werfen ihm Meineid und Ehebruch vor.

Doch der Papst kann aus der Haft entkommen und rettet sich zu Karl in dessen Pfalz Paderborn. Ausgerechnet im bis vor Kurzem noch heidnischen Sachsenland empfängt der König seinen hohen Gast – und demonstriert dem Heiligen Vater nebenbei, wie erfolgreich er den christlichen Glauben verbreitet hat. Welche Seite in der Seele des Kaisers mag in den kürzer werdenden Tagen des verwehenden Jahrhunderts nun die Oberhand gewinnen?

Zum einen ist da seine tiefe Frömmigkeit: Papst Leo III. von den Römern gestürzt und entehrt – ist das möglicherweise ein Vorzeichen der Apokalypse? Einige seiner engsten Berater sehen es so. Und wird, wie in manchen von Bischof Hildebalds Berechnungen, am 25. Dezember 800 tatsächlich ein neues Zeitalter beginnen? Zum anderen ist da der kühle Machtmensch Karl: Sieht er nicht die Endzeit heraufdämmern, sondern vielmehr eine günstige politische Gelegenheit? Der Papst ist ja nahezu machtlos in seiner Hand. Wenn der Franke nun nach dem Kaisertitel griffe – wer würde es noch verhindern können?

So oder so: Seine Getreuen flüstern ihm jedenfalls ein, die Tat zu wagen. „Auf Dir allein beruht das ganze Wohl der Kirche Christi“, versichert sein angelsächsischer Berater Alkuin. „Du führst die Schlüssel der Kirche“, souffliert ein anderer. Noch im Herbst 799 lässt Karl den Papst von einer Eskorte heim nach Rom geleiten. Er selbst macht sich mit seinen Kämpfern ein Jahr später auf den Weg. In der Stadt leiten König und Papst gemeinsam eine Versammlung hoher Geistlicher und Laien, an deren Ende Leo III. durch einen Eid beschwören muss, dass alle gegen ihn gerichteten Vorwürfe erfunden sind. Karl ist derjenige, der die Kirche ordnet, der Papst tritt vor ihn, als sei er sein Gefolgsmann.

Dann ist Weihnachten, das neue Zeitalter dämmert herauf. Rom, Santa Maria Maggiore, 25. Dezember 800, Mitternacht. Die ersten Stunden des Geburtsfestes Christi verbringt der Papst im Gebet, wie es die Tradition verlangt. Gesänge wehen durch die Basilika auf dem Esquilin, einem der legendären sieben Hügel der Tiberstadt.

Kerzen brennen, kostbare Lichtspender in einer Welt der Düsternis. Ihr rötlicher Glanz umspielt Seine Heiligkeit Leo III. vor dem Altar. Im Kirchenschiff knien Bischöfe und Grafen, Mönche, Gelehrte, Handwerker, Diener, Pöbel, das Volk von Rom. Die Gläubigen werden, auch wenn das keiner so überliefert hat, aufmerksam aus dem Dämmer starren, vielleicht sensationslüstern, vielleicht in stummer Scheu – doch nicht auf den Papst, nicht auf das Kreuz. Sondern auf den geheimnisvollen, den schrecklichen Fremden.

Der Mann überragt die Römer und selbst die meisten Angehörigen seines eigenen Gefolges. Graue Haare, auffallend große Augen, Stiernacken; die geschmeidigen Bewegungen eines Schwertkämpfers und der Gang eines Mannes, der die meisten seiner 52 Jahre im Sattel verbracht hat. Der Frankenkönig Karl, der inzwischen übermächtige Verbündete des Papstes, ist mit Prinzen, Beratern und einem Heer seiner schlachterfahrenen Panzerreiter aus dem Norden gekommen, und er feiert Weihnachten in Rom.

Jede seiner Gesten werden die Gestalten im Kirchendämmer beobachten. Spürt Karl die tausend Blicke? Die Worte der Gebete spricht er mit tiefer Frömmigkeit, Latein fließt aus seinen Lippen. Nach der Mitternachtsmesse führen Leo III. und Karl die Gläubigen in einer Prozession zur Kirche der heiligen Anastasia. Das Gotteshaus steht am Fuße des Palatins, eines anderen der sieben Hügel Roms.

EINE KIRCHE ZU KARLS UND GOTTES EHREN

FÜR SEINE PFALZ IN AACHEN lässt Karl ein prachtvolles Gotteshaus errichten. Die vermutlich bis 805 fertiggestellte Marienkirche, mit dem höchsten Kuppeldach nördlich der Alpen, ausgekleidet mit kostbarsten Materialien, ist als Abbild des himmlischen Jerusalem gestaltet (Joseph Kehren nach Alfred Rethel, um 1855)

Vorbei geht es an Ruinen des Imperium Romanum. Oben auf dem Palatin, im Dunkel des Wintermorgens noch verhüllt, Klippen aus Ziegeln und Marmor, selbst im Verfall noch ehrfurchtheischend: die Reste der römischen Kaiserpaläste. Karl wohnt vermutlich, in angemessener Demut, auch diesem Gottesdienst bei. Dann noch eine weitere Messe der Weihnacht. Papst und Herrscher führen das Gefolge mitten durch die Tiberstadt. Queren den Fluss, überspannt von Brücken, die noch die antiken Römer schlugen. Am jenseitigen Ufer eine Basilika aus Konstantins Zeiten: Sankt Peter.

Das Innere der Kirche eine Allee polierter Säulen. Der Altar errichtet an jener Stelle, wo der Überlieferung nach die Gebeine des Apostelfürsten Petrus ruhen. Auch diese dritte Messe am Weihnachtstag folgt der festgelegten Liturgie. Dann aber geschieht höchst Ungewöhnliches: Der Heilige Vater setzt Karl eine kostbare Krone aufs Haupt. Unmittelbar darauf erhebt das Kirchenvolk seine Stimme zu einem mächtigen Ruf. Dreimal brandet dem Gekrönten ein Satz entgegen, hallt wider zwischen Säulen und Altären: „Karl, dem allerfrommsten Erhabenen, von Gott gekrönt, dem großen und friedenstiftenden Imperator Leben und Sieg!“

Mit dieser Formel akklamieren die Anwesenden den Franken zum Kaiser der Römer. Es sind Worte, wie sie hier seit Jahrhunderten nicht mehr vernommen worden sind. Was genau während jener Messe am Vormittag des 25. Dezember 800 zu Rom geschieht, wird wohl niemals ganz geklärt werden, obwohl, nein gerade weil vier zeitnah verfasste Berichte darüber vorliegen: zwei fränkische Annalen, eine Chronik der Päpste sowie Einhards Zeugnis.

„Bei dieser Gelegenheit erhielt er den Kaiser- und Augustus-Titel“, schreibt Einhard in erstaunlicher Lakonie. Dann fügt der Biograf bloß noch hinzu, Karl habe dieser Titel „anfangs so widerstrebt, dass er erklärte, er würde die Kirche selbst an jenem hohen Feiertage nicht betreten haben, wenn er die Absicht des Papstes geahnt hätte“. Karl, der Herr des Abendlandes und Beschützer der Kirche, vom Papst überrumpelt? Ein Titel zuwider, den er doch offenbar seit Jahren anstrebt?

Tatsächlich wird jene Weihnachtsmesse bis ins kleinste Detail mit Karl abgesprochen worden sein. Zwar sind genau jene Einzelheiten nicht überliefert, doch klar ist, dass Karl bewusst in Rom und zu Weihnachten den antiken Kaisertitel annimmt. Anders jedoch als in der Antike spielt der Papst bei der Kaiserkrönung nun eine herausragende Rolle: Kaisertum und Papsttum ketten sich an diesem Wintertag für Jahrhunderte aneinander. Beide, der Kaiser wie der Papst, sind fortan, zumindest in der Theorie, die Köpfe der Christenheit – und auch der eigentlich weltliche Herrscher durch sein Amt aus dem normalen Irdischen hinausgehoben und in eine sakrale Aura gehüllt. Aber kann ein Leib zwei Köpfe tragen? Sind Kaiser und Papst gleichrangig?

MOMENT DES HÖCHSTEN TRIUMPHS

ZUM WEIHNACHTSFEST des Jahres 800 erreicht Karl, worauf er vermutlich seit Jahren abgezielt hat: Der ihm ergebene Papst Leo III. krönt den 52-Jährigen in Rom zum »großen und friedenstiftenden Kaiser« (Friedrich Kaulbach, 1861)

Ist nicht der Papst, wie jeder andere Bischof in Karls Reich, dem Herrscher letztlich Gefolgsamkeit schuldig? Oder muss nicht umgekehrt der Kaiser vor dem Papst das Haupt beugen, denn ist nicht der Nachfolger Petri der alleinige Herr der Kirche und der Kaiser bloß dessen mächtigster Diener? Jahrhunderte werden über solche Dispute vergehen, Kriege werden geführt, Gegenpäpste eingesetzt werden, es wird der Fluch des gesamten Mittelalters: Kaiser oder Papst? Wem gebührt die höchste Macht?

Für Karl (und wohl auch für Leo) stellt sich diese Frage noch gar nicht: Der Papst ist froh, in seiner eigenen Stadt wieder sicher zu sein. Alles, was er hat, sein Amt, seine Würde verdankt er dem Franken. Der Herrscher aus dem Norden wiederum ist auf dem Zenit abendländischer Größe. Fortan führt er den Titel: „Karolus, durchlauchtigster Augustus, von Gott gekrönter, großer, friedebringender Kaiser, das Reich der Römer lenkend, der auch durch die Barmherzigkeit Gottes König der Franken und Langobarden ist.“ Karl hat etwas Neues geschaffen, das mittelalterliche Kaisertum. Doch er selbst sieht seine Schöpfung womöglich ganz aufrichtig nicht als etwas Neues, sondern als Wiederaufrichtung des Alten: Renovatio imperii Romanorum werden schon Zeitgenossen dies nennen, die Erneuerung des römischen Imperiums im Westen.

Und Karl macht sich nun auch jenseits aller Symbolik daran, das Reich zu renovieren. Statt Soldaten schickt der Herrscher fortan Paragrafen. Vorschriften regnen auf die Untertanen herab. Mit ihnen will der Herrscher „Fehlendes ergänzen, Widersprechendes ausgleichen und alles Falsche und Verkehrte verbessern“, wie Einhard lobt. Aber kümmern sich die Grafen in den Pyrenäen oder in Friesland um das, was der mit den Jahren hinfälliger werdende Kaiser in Aachen dekretiert?

Niemand weiß es. Doch Karl selbst wird wohl ahnen, auf wie tönernem Sockel sein Kaiserthron steht. Im Frühjahr 801, als Karl noch im Land weilt, erschüttert ein Erdbeben Italien, das Dach der Basilika Sankt Paul in Rom stürzt ein. Ein böses Omen? „Pestilenz“, so notieren die Reichsannalen, verheert im selben Jahr die Gegenden entlang des Rheins. An den Küsten von Nordsee und Atlantik tauchen urplötzlich „Nordmänner“ auf: Wikinger, deren Raubzüge seit 799 ins Frankenreich führen. Karl lässt bald darauf in Flussmündungen und Häfen Wachposten stationieren, die vor herannahenden Wikingern warnen sollen. Dennoch überfallen die skandinavischen Krieger mit ihren schnellen Drachenbooten immer wieder fränkische Siedlungen an den Küsten und Flussläufen.

Der Tod holt sich Karls Familie. Die letzte der Ehefrauen ist schon vor der Kaiserkrönung ins Grab gesunken. In den folgenden Jahren stirbt der Vertraute Alkuin, die Äbtissin Gisela als letzte aller Geschwister Karls, es stirbt eine Tochter und dann einer der erbberechtigten Söhne, mit 33 Jahren, und dann noch einer und dann auch Pippin der Bucklige, der ins Kloster Verbannte.

Im Jahr 810, auf einem Feldzug gegen den Dänenkönig, stürzt Karl vom Ross. Ein epileptischer Anfall? Womöglich. Dem König mag das Unglück wie die Botschaft eines strafenden Gottes vorkommen. Wird er vermutlich doch unweit von ebenjenem Ort niedergestreckt, an dem er fast 30 Jahre zuvor Tausende aufständischer Sachsen hat töten lassen: nahe der Mündung der Aller in die Weser bei Verden. In den Jahren nach seinem Sturz wird Karl, so berichtet Einhard, immer wieder von Fieber geschüttelt und verlässt kaum noch seine geliebte Aachener Pfalz.

Dort stirbt er am 28. Januar 814, nachdem er mehr als 46 seiner annähernd 66 Lebensjahre mit Schwert und Pergament, mit Hinterlist und Bildungsgier geherrscht hat. Noch auf dem Sterbelager kreuzt er angeblich mit letzter Kraft selber die Arme über der Brust zur Todesgeste: ein souveräner Herrscher bis zum letzten Atemzug. Sein Leichnam wird in jener Kirche bestattet, die Karl als Abbild des heiligen Jerusalem in Aachen hat errichten lassen. Dort ruht er in einem antiken Sarkophag, über dem sich ein goldener Bogen spannt. Eine Inschrift gedenkt des „großen und rechtgläubigen Kaisers, der das Reich der Franken edel erweiterte und durch 47 Jahre glücklich lenkte“.

Doch das Imperium, das Karl seinem einzig noch lebenden (und legitimen) Sohn Ludwig hinterlässt, ist zu groß für einen Mann mit bloß durchschnittlichen Qualitäten: Zu lang sind die Wege, einander zu fremd die vielen unterworfenen Völker, viel zu dünn ist die Elite der Gebildeten, die mit Verstand und kaltem Herzen ein solches Reich verwalten könnte. Allein Karl hat es mit seinen außerordentlichen Fähigkeiten vermocht, dieses Imperium aufzubauen, zusammenzuhalten und, bei der Kaiserkrönung, zum Gipfel zu führen. In den Jahrzehnten darauf erschüttern Thronwirren, Rebellionen sowie die Teilungen unter den Erben – der ewige Fluch – das Land der Franken, das zudem unter den immer heftigeren Schlägen der Nordmänner erbebt.

Das Großreich zersplittert in drei Territorien, es kommt zu weiteren Intrigen und Machtkämpfen; Grenzen werden gezogen und wieder verschoben – bis Karls Imperium schließlich nur noch eine ferne Erinnerung ist. Doch eine Hinterlassenschaft von Karl überstrahlt diesen politischen Verfall: sein Mythos. Nachfolgende Generationen werden den Frankenkönig, der zum Kaiser aufstieg, als idealen christlichen Herrscher verklären und ihn als Vorgänger und Vorbild verehren. Kurz: als Karl den Großen.

2. Abul Abbas. Das Geschenk des Kalifen

Die Beziehungen der Frankenkönige reichen bis in den Nahen Osten. Mehrfach tauscht man mit dem Herrscher des Abbasidenreichs Gesandtschaften aus. Und kostbare Gaben. Die wohl größte ist ein Elefant aus Indien, der am Hof Karls des Großen für Exotik sorgt

EIN LEIBHAFTIGER ELEFANT gelangt zur Zeit Karls des Großen nach Aachen, als Freundesgabe des Kalifen Harun ar-Raschid an den Kaiser. Das Tier mit dem Namen Abul Abbas (hier die Darstellung eines anderen Elefanten, 13. Jh.) hat da bereits eine Tausende Kilometer lange Reise hinter sich – von Indien über den Nahen Osten, Nordafrika und Italien bis zur Pfalz des Frankenherrschers

Am 20. Juli 802 stampft ein Wesen durch die Straßen von Aachen, wie es die Menschen hier allenfalls aus abenteuerlichen Sagen kennen. Größer ist es als jedes andere Tier, das die Einwohnerinnen und Einwohner bislang gesehen haben. Es hat einen riesigen Schädel mit großen faltigen Ohren, zudem einen Rüssel, aus dem merkwürdige Laute ertönen: ein Elefant. Vorbei an hölzernen Wohnhäusern, Schmieden, Viehställen, Speichern und Werkstätten zieht er zur Lieblingspfalz Karls des Großen (siehe Seite 84). Viele Reisende hat der eineinhalb Jahre zuvor zum Kaiser gekrönte Frankenherrscher bereits empfangen, wohl keine allerdings mit einer so weiten Anreise. 5000 Kilometer liegen hinter dem Dickhäuter Abul Abbas, den Karl an jenem Sommertag als Geschenk aus dem Morgenland erhält. Seine Begleiter haben das Tier, das jeden Tag 200 Kilogramm Gräser, Blätter und Wurzeln verschlingt sowie 100 Liter Wasser trinkt, durch Täler geführt, entlang von Küstenlinien gelenkt, über das Mittelmeer transportiert und gar die Alpen mit ihm überwunden.

Keine Quelle berichtet davon, wie die Begegnung zwischen Kaiser und Elefant ausfällt. Sicher ist: Das Tier wird bleiben – und es hat eine Mission. Abul Abbas soll die Bande zwischen dem mächtigsten Reich des Abendlandes und jenem der muslimischen Welt, dem Abbasiden-Kalifat, stärken. Eine Freundschaft, die einst Karls Vater angebahnt hat. Pippin, der erste Karolinger auf dem Frankenthron, setzt auch auf die Kraft der Diplomatie, um die Position seiner Dynastie zu sichern. Denn wer Respekt und Anerkennung durch andere mächtige Herrscher erfährt, wer mit ihnen Geschenke tauscht und so Schätze aus der ganzen Welt vereint, der muss in den Augen der jeweiligen Untertanen wahrhaft königlich sein. Im Jahr 764 entsendet der König Botschafter zum Kalifen al-Mansur nach Bagdad. Der muslimische Herrscher gebietet über das gewaltige Reich der Abbasiden, eine gleichfalls junge Dynastie, deren Einfluss von Nordafrika bis zum Indus reicht, und revanchiert sich beim Frankenkönig mit kostbaren Geschenken.

Gut 30 Jahre später bringt Pippins Sohn Karl gleichfalls eine Delegation auf den Weg gen Osten. Im Abbasidenreich sitzt mit Harun ar-Raschid inzwischen ein Regent auf dem Thron, der sich seinen Platz mühsam gegen Widersacher erkämpft hat, seither von der Unterstützung durch einflussreiche Militärs abhängig ist und sich immer wieder mit Rebellionen herumschlagen muss. Karls Delegation empfängt er daher wohl nur allzu gern, vermutlich an seinem Hof in Raqqa, knapp 600 Kilometer nordwestlich von Bagdad im heutigen Syrien, das er kurze Zeit zuvor zu seiner neuen Hauptstadt gemacht hat. Und er scheut keine Mühe, die Gunst des aufstrebenden Karolingers durch eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit zu erwidern: einen indischen Elefanten.

Wie Harun ar-Raschid an das Rüsseltier gelangt, ist unbekannt. Vielleicht kam es einst als diplomatisches Geschenk mit Gewürzen, Edelsteinen und anderen Handelsgütern per Schiff aus Indien ins Kalifat. Fest steht: In freier Wildbahn leben in seinem Reich keine Elefanten, am Hof des Kalifen sind die Tiere höchst außergewöhnliche Erscheinungen. Vielleicht auch deshalb trägt das für Karl den Großen vorgesehene Exemplar einen klangvollen Namen: Abul Abbas – vermutlich nach Abu l-Abbas as-Saffah, dem Begründer der Abbasidendynastie.

Wohl im Jahr 800 geht es für den Elefanten auf eine noch viel längere Reise als jene, die ihn einst aus seiner indischen Heimat geführt hat. Denn Karls Delegation leitet Abul Abbas nicht etwa auf kürzestem Weg – über Kleinasien – in Richtung Frankenreich: Weil sich die Abbasiden immer wieder im Krieg mit Ostrom befinden, muss das Tier zunächst gen Mittelmeer laufen, folgt dann der Küstenlinie vorbei an Alexandria weiter gen Westen, stets im Einflussgebiet des Kalifen, bis es vermutlich Tunis erreicht. Spezialisten, die das Tier führen, füttern und pflegen, begleiten den Tross.

Karl, inzwischen zum Kaiser gekrönt, hat vier Jahre nichts von der Delegation gehört, als ihn im Juni 801 während eines Aufenthaltes in Norditalien eine Nachricht erreicht: In Pisa, so berichten ihm Boten, seien Abgesandte von Harun ar-Raschid eingetroffen. Umgehend reist der Kaiser den Ankömmlingen entgegen und erfährt, dass seine fränkischen Gesandten inzwischen ums Leben gekommen sind, ihr Begleiter aber sei mit Helfern und großen Geschenken auf der Rückreise aus dem Kalifat – darunter ein Elefant. Karl lässt daraufhin eine Flotte rüsten, um die gewaltige Gabe von Afrika über das Mittelmeer an die ligurische Küste zu holen und von dort weiter bis in seine Pfalz in Aachen zu transportieren.

Für das Rüsseltier muss eigens ein Schiff angefertigt werden, das auch dann nicht kentert, wenn sich ein bis zu 6,5 Tonnen schweres Tier darauf bewegt. Im Herbst des Jahres läuft es samt dem Elefanten in Porto Venere ein. Sogleich nach Aachen kann die Gruppe jedoch nicht ziehen: Die Alpen sind mit Schnee bedeckt, Abul Abbas überwintert in Norditalien. Erst im Frühsommer 802 überschreitet der Trupp die Berge, rund 1000 Jahre nachdem der legendäre karthagische Feldherr Hannibal mit seinen Elefanten die Alpen in umgekehrter Richtung passiert hatte und in Italien eingefallen war.

Am 20. Juli 802 schließlich erscheint Abul Abbas in Aachen, wo Karl in diesen Jahren die prächtigste Pfalz des Frankenreiches errichtet: eine herrschaftliche Anlage mit der monumentalen Königshalle und der 30 Meter gen Himmel ragenden Marienkirche. Karl ist höchst angetan von dem Präsent aus dem Morgenland, wohl die Krönung seiner Sammlung an aufsehen erregenden Geschenken. (Einer einzelnen Quelle zufolge hat er den Elefanten sogar beim Kalifen bestellt.) Er revanchiert sich beim fernen Herrscher unter anderem mit einer Sendung besonders schneller und furchtloser Hunde für die Löwen- und Tigerjagd. Im Gegenzug erhält er weitere kostbare Präsente aus dem Abbasidenreich, darunter eine Wasseruhr und ein großes, farbenprächtiges Zelt aus Leinen als Symbol der Macht – und antwortet wiederum mit Gold und einem kostbaren Mantel.

Der Kaiser revanchiert sich beim Kalifen für den Elefanten – mit einer Sendung besonders schneller Hunde für die Löwen- und Tigerjagd

Abul Abbas verbringt seine Zeit derweil wohl zumeist in Tiergehegen, in denen sich etwa auch Pfauen tummeln, streift vielleicht durch die Obstgärten der Residenz. Und immer wieder wird er womöglich auf kürzere Reisen gehen, mit dem Frankenherrscher von Quartier zu Quartier ziehen, Eindruck schinden bei den Untertanen und Gegner auf Feldzügen in Angst und Schrecken versetzen. Im Jahr 810 begleitet Abul Abbas den Kaiser auf einer Kampagne gegen Dänen, die in Friesland eingefallen sind. Karl will den Nordmännern auch mithilfe seines Elefanten Einhalt gebieten. Doch auf dem Weg stirbt Abul Abbas bei einem Ort namens Lippeham am östlichen Rheinufer, mehrere Tagesreisen von Aachen entfernt – „plötzlich“, wie es in einer fränkischen Quelle heißt. Hat er das kühlere Klima im Frankenreich, in dem er acht Jahre seines Lebens verbrachte, nicht vertragen? Litt er an einer Lungenentzündung? Oder war er unzureichend gepflegt worden? Möglich. Wahrscheinlicher aber ist, dass der Elefant einer Rinderseuche zum Opfer fällt, die in jenem Jahr durch das Frankenreich fegt.

Auf jeden Fall bleibt Abul Abbas unvergessen. Chronisten halten die Erinnerung an das wundersame Tier aus dem Orient wach, das die Menschen noch Jahrhunderte später fasziniert. Um 1746 nimmt der westfälische Gelehrte Hermann Jodokus Nünning in seine Altertumssammlung einen Knochen auf, der auf einem Acker am Rheinufer zum Vorschein gekommen war – dort, wo sich womöglich einst der Königshof Lippeham befand. Nünning klassifiziert den 70 Zentimeter langen Knochen sogleich als Überrest des kaiserlichen Elefanten. Im Jahr 1750 ziehen Fischer drei weitere, heute gleichfalls verschollene Skelettteile aus der Lippe, darunter angeblich ein Schienbein. Auch diese schreiben Zeitgenossen Karls Dickhäuter zu – getrieben wohl von der Sehnsucht, Spuren des legendären Elefanten zu finden.

KARL DER GROSSE weiß um die Macht der Inszenierung und genießt offenbar die Faszination des wundersamen Rüsseltieres, das bei Freund und Feind Eindruck macht. Bis es im Jahr 810, als der Kaiser es auf einen Feldzug mitnimmt, plötzlich verstirbt (Buchmalerei, 14. Jahrhundert)

3. Karl der Große. Der erste Kaiser. 

Mit Klugheit, Brutalität und Hinterlist steigt Karl, der Herrscher der Franken, ab 768 zum mächtigsten König Europas auf. Doch der ehrgeizige Monarch will mehr: Sein Ziel ist der ruhmvolle Titel der antiken Cäsaren. Zu Weihnachten des Jahres 800 erfüllt sich sein Streben. In Rom lässt er sich vom Papst zum Kaiser erheben – und wird so zum Urvater für das Reich der Deutschen

Rom, Santa Maria Maggiore, 25. Dezember 800, Mitternacht. Die ersten Stunden des Geburtstags Christi verbringt der Papst im Gebet, wie es die Tradition verlangt. Hymnen wehen durch die Basilika auf dem Esquilin, einem der legendären sieben Hügel der Tiberstadt. Kerzen flackern, kostbare Lichtspender in einer Welt der Düsternis. Ihr rötlicher Glanz umspielt Seine Heiligkeit Leo III. vor dem Altar. Im Kirchenschiff knien Bischöfe und Grafen, Mönche, Gelehrte, Handwerker, Diener, Pöbel, das Volk von Rom. Die Gläubigen werden, auch wenn das keiner so überliefert hat, aufmerksam aus dem Dämmer starren, vielleicht sensationslüstern, vielleicht in stummer Scheu – doch nicht auf den Papst, nicht auf das Kreuz. Sondern auf den geheimnisvollen, den schrecklichen Fremden.

Der Mann überragt die Römer und selbst die Angehörigen seines eigenen Gefolges um Haupteslänge. Graue Haare, auffallend große Augen, Stiernacken; die geschmeidigen Bewegungen eines Schwertkämpfers und der Gang eines Mannes, der die meisten seiner 52 Jahre im Sattel verbracht hat. Der Frankenkönig Karl aus dem Geschlecht der Karolinger, der übermächtige Verbündete des Papstes, ist mit Prinzen, Beratern und einem Heer seiner schlachterfahrenen Panzerreiter aus dem Norden gekommen, und er wird Weihnachten in Rom feiern. Jede seiner Gesten werden die Gestalten im Kirchendämmer beobachten. Spürt Karl die tausend Blicke? Die Verse der Psalmen spricht er mit tiefer Frömmigkeit, Latein fließt aus seinen Lippen. Zur Messe steigen Papst und König hinab in die Geburtsgrotte unter Santa Maria Maggiore. Anschließend führen Leo III. und Karl die Gläubigen in einer Prozession zu Santa Anastasia. Das Gotteshaus steht am Fuße des Palatin, eines anderen der sieben Hügel Roms.

Vorbei geht es an Ruinen des Imperium Romanum. Oben auf dem Palatin, im Dunkel des Wintermorgens noch verhüllt, Klippen aus Ziegeln und Marmor, selbst im Verfall noch ehrfurchtheischend: die Reste der römischen Kaiserpaläste. Kaiser … Karl wohnt, in angemessener Demut, auch dem Gottesdienst in Santa Anastasia bei. Dann eine weitere Messe der Weihnacht. Papst und Herrscher führen das Gefolge quer durch die Tiberstadt. Überall schäbige Häuser, hineingezwängt in antike Theater und Thermen. Viehweiden und Rebstöcke, wo früher Pflastersteine den Boden versiegelten. Der Fluss, überspannt von Brücken, die noch die antiken Römer schlugen. Am jenseitigen Ufer eine Basilika aus Konstantins Zeiten: Sankt Peter.

Das Innere der Kirche eine Allee polierter Säulen. Der Altar errichtet an jener Stelle, wo der Überlieferung nach die Gebeine Petri ruhen. Der König betet die Oratio, liegend auf dem winterkalten Boden vor dem Hochaltar, wie es die Tradition verlangt. Dann aber brechen Herrscher und Heiliger Vater die Tradition in grundstürzender Weise: Als Karl sich wieder erhebt, setzt ihm Leo III. eine kostbare Krone aufs Haupt.

Unmittelbar darauf bricht im Kirchenvolk ganz und gar unfrommer Lärm aus. Dreimal brandet dem Gekrönten ein Satz entgegen, hallt wider zwischen Säulen und Altären: „dem erhabenen Karl, dem von Gott gekrönten großen und friedenstiftenden Kaiser der Römer, Leben und Sieg!“ Mit dieser Formel akklamieren die Römer den Franken zum Kaiser Roms. Es sind Worte, wie sie seit Jahrhunderten nicht mehr vernommen worden sind. Renovatio imperii werden schon Zeitgenossen dies nennen, die Wiedererrichtung des Imperiums.

Karl begründet ein neues Zeitalter. Er wird durch die Krönung des Papstes und die Akklamation der Römer zum Erben der antiken Cäsaren, zum ersten abendländischen Kaiser des Mittelalters. Er wird damit zum Vorbild all jener Dynastien – der Ottonen, Salier, Staufer und Habsburger–, die ihm Jahrhunderte später im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation nacheifern werden. Und er wird eine Tradition begründen, die einem Tausendjährigen Reich Glanz und Fluch sein wird.

Dabei sind die Franken keine Deutschen, sie hätten einen Begriff wie „Deutschland“ nicht einmal verstanden. Sie treten noch in der Antike, etwa um 250 n. Chr., aus dem Dunkel der Geschichte, als römische Chronisten erstmals ein Germanenvolk bei diesem Namen nennen – wahrscheinlich sind es mehrere Stämme, die ursprünglich zwischen Rhein und Weser siedeln. Als die Herrschaft der Römer im heutigen Frankreich um das Jahr 400 n. Chr. mehr und mehr zusammenbricht, dringen kriegerische Verbände der Franken bis an die Somme vor. Unter König Chlodwig I. aus der Dynastie der Merowinger erobern sie später weitere Regionen im Norden Frankreichs sowie Gebiete zwischen Rhein und Donau. Die Franken übernehmen die antiken Städte, die Garnisonen, die Münzen, die Waffenmanufakturen und schließlich auch die Religion der Besiegten: Um 500 n. Chr. lässt sich Chlodwig taufen.

Er ringt die Alamannen nieder, er schlägt die Westgoten, einer seiner Nachfolger gewinnt 537 die Provence und erlangt so den Zutritt zum Mittelmeer. Kein anderes Germanenvolk rafft sich aus den Trümmern Westroms ein so großes Reich zusammen. Um 560 beherrschen die Franken große Teile des heutigen Frankreichs, Österreichs, Deutschlands und der Schweiz – ein Territorium, das sich von der Nordsee bis zum Mittelmeer, vom Atlantik zum Oberlauf der Donau erstreckt. Ein Imperium jedoch mit einer fatalen Schwäche: der Nachfolgeregelung. Das Reich wird beim Tod eines Königs unter dessen Söhnen geteilt, jeder Erbe herrscht über ein Teilreich – theoretisch. Tatsächlich jedoch ist Machtgier stärker als Familienbande, und so zerfleischen sich die Könige in Bruderkämpfen, da neue Erben stets das ganze Reich für sich beanspruchen.

In den mörderischen Wirren büßt die Merowinger-Dynastie ihre Autorität ein: Statt der oft minderjährigen oder jugendlichen Könige bestimmen nun einflussreiche Adelige als „Hausmeier“, als herrschaftliche Verwalter, die Geschicke des Reiches. Vor allem die Männer einer Familie reißen das hohe Amt immer wieder an sich und führen die Reichsgeschäfte, als seien sie die rechtmäßigen Monarchen: die Karolinger. Karl Martell (nach dem die Dynastie später benannt wird) ist der erste Hausmeier, der zur Legitimation seines Regimes keinen Schattenkönig mehr braucht. Er lässt nach dem Tod des Herrschers im Jahr 737 den Thron unbesetzt.

Der Karolinger führt Feldzüge von Friesland bis Bayern, er schlägt die Araber, die Spanien erobert haben und über die Pyrenäen bis nach Aquitanien vorgedrungen sind – ein gewaltiger König in allem, bloß dem Titel nicht. Kurz vor seinem Tod teilt er das Reich unter seinen Nachkommen auf. Doch schon wenige Jahre später hat sein Sohn Pippin die anderen Erben von der Macht verdrängt. 748 wird ihm ein Sohn geboren, der nach seinem kriegerischen Großvater den Namen Karl erhält. Dieser Knabe ist drei Jahre alt, als Pippin sich, mit Zustimmung des Papstes, zum König der Franken erhebt.

768 wird Karl Nachfolger seines verstorbenen Vaters. Er ist 20 Jahre alt, nach den Maßstäben der Zeit ein gestandener Mann. Der neue Herrscher hat gelernt, scharfe Eisen zu führen: Er ist gewandt im Schwertkampf wie in der gefährlichen Eberjagd mit der Lanze. Er kann lesen, allerdings wohl nicht schreiben. Er beherrscht Latein und ist, trotz seiner hohen Stimme, ein erfahrener Redner. Mit sechs Jahren ist Karl das erste Mal dem Papst gegenübergetreten, mit 13 ritt er auf seinem ersten Feldzug mit, wohl mit 15 heiratete er erstmals und zeugte einen Sohn: Pippin, den Chronisten später „den Buckligen“ nennen. Der Mann, der nun die Königswürde annimmt, ist in der Welt des Hofes und des Krieges groß geworden. Er ist gut vorbereitet auf sein Erbe. Doch es ist ein lebensgefährliches Erbe, denn es kann zum Fluch werden, König der Franken zu sein.

Am selben Tag nämlich wird noch ein weiterer Karolinger zum König erhoben: Karlmann, der jüngere Bruder Karls. Denn es ist ja fatale Tradition, das Reich unter die Söhne aufzuteilen. Karl beherrscht ungefähr den nordwestlichen Teil des Frankenreiches, der Rest untersteht nun seinem Bruder. Es ist keine Verwünschung Karls über diese Teilung überliefert, kein einziges Zorneswort. Man kann das, was Karls Geist bewegt, nur durch seine Taten erahnen, nicht durch seine Worte: Denn drei Jahre später ist die Familie des Bruders so gut wie ausgelöscht.

Es sind bloß Namen (und manchmal nicht einmal das), die eine Ahnung geben vom rücksichtslosen Machtkampf hinter Residenzmauern: Karl hat seinen Erstgeborenen Pippin genannt, nach dem Vater, dem Alleinherrscher. Und Karlmann tauft seinen später geborenen ersten Sohn auf den gleichen Namen.

Eine Provokation? Ein Zeichen, dass jeder Bruder für sich und die Seinen die alleinige Macht beansprucht? Karl hat zudem seine erste Gattin Himiltrud ins Kloster abgeschoben und statt ihrer eine Tochter des Langobardenkönigs in Norditalien geheiratet. Die Prinzessin, deren Namen kein Chronist überliefert, bedeutet ihm nichts. Diese Ehe ist für Karl nicht mehr als ein strategisches Bündnis mit einem mächtigen König an der Südgrenze der Territorien seines Bruders. Denn irgendwann könnten er und Karlmann Heere gegeneinanderschicken.

Doch der Tod kommt schneller als der Krieg: Kurz vor Weihnachten 771 stirbt Karlmann überraschend, wohl auf natürliche Weise. Seine inzwischen zwei kleinen Söhne müssten nach fränkischem Brauch seinen Reichsteil erben. Doch stattdessen proklamieren die mächtigsten Gefolgsleute des Verstorbenen Karl zum Herrscher. (Gut möglich, dass er die Männer schon vor dem Tod des Bruders auf seine Seite gezogen hat.) Damit aber ist das Bündnis mit den Langobarden für Karl wertlos geworden. Und so schickt er die Langobardenprinzessin wie eine nutzlos gewordene Sache zurück an ihren Vatershof – und nimmt eine junge Adelige zur Gemahlin, deren Vater großen Einfluss im ehemaligen Reichsteil seines Bruders besitzt.

Wieder eine Ehe als strategischer Zug: Durch diese Verbindung festigt Karl seine Herrschergewalt. (Hier, immerhin, berichten die Chronisten knapp: Kaum 13 Jahre alt ist seine Braut Hildegard, als Karl sie nimmt. Fast jedes Jahr wird sie ihm ein Kind gebären, bis sie, man möchte sich ihren körperlichen und seelischen Zustand kaum vorstellen, mit 26 ins Grab sinkt.) Nun sucht die Witwe Karlmanns Schutz bei einem starken Herrscher, und zwar ausgerechnet bei den Langobarden: Mit ihren Kindern flieht sie, nichts Gutes ahnend, über die Alpen an den Hof von Karls früherem Schwiegervater.

Es wird sie nicht retten. Denn Karl offenbart nun erstmals jene Eigenschaften, die ihn weit über die halbbarbarischen Germanenkönige erheben werden: effiziente Brutalität, strategischen Weitblick, eine fast fanatische Beharrlichkeit. Anderthalb Jahre rüstet er, dann führt er eine Armee über die Alpen, gegen die Langobarden, die nun seine Feinde sind. Seine Panzerreiter verheeren Norditalien, die Verteidiger ziehen sich in die Städte zurück. Doch Karl lässt die Festungen belagern, Monat um Monat um Monat. Im Sommer 774 kollabiert das Langobardenreich, die ausgehungerten Verteidiger strecken die Waffen. Rex Francorum et Langobardorum lässt sich Karl fortan nennen, „König der Franken und Langobarden“.

Die Besiegten liefern ihm die Witwe seines Bruders und deren Söhne aus, lebend. Was Karl mit der Schwägerin und seinen Neffen macht, weiß niemand: Kein Zeitgenosse schreibt auch nur ein Wort. Es ist, als hätten sie nie existiert. Mit 26 Jahren ist Karl unangefochtener Alleinherrscher der Franken; sein Einfluss erstreckt sich zudem nun bis an die Pforten Roms, denn bis dorthin reicht das Territorium der Langobarden. Der Karolinger wird zum übermächtigen Nachbarn des Papstes. Doch falls er sich in diesem Moment von Gott erwählt fühlt, dann wird er nur zu bald eines Schlimmeren belehrt: Im Osten seines Reiches lodert ein uralter Konflikt wieder auf, und der wird jahrzehntelang brennen.

Teutoburger Wald, Sommer 783. Karl reitet durch eine Welt der Vorzeit, durch ein riesiges Gehölz, in dem schon Roms Legionen für immer verschwunden sind. Der Herrscher verfolgt mit seinen Fußsoldaten und Reitern die Kämpfer einer wilden Völkerschar. Der König und seine Reiterkrieger sind eisenbewehrt, ihre Häupter sind halb unter Helmen verborgen, die Leiber von schweren Kettenhemden geschützt, in den Fäusten tragen sie Schilde, Lanzen, Schwerter. Hier, zwischen Rhein und Elbe, siedeln die Sachsen. In den Augen der christlichen Franken sind sie „Heiden“, Anhänger eines „Dämonenkults“. Seit mehr als zwei Jahrhunderten ringen die Franken mit den Nachbarn. Schon 772 ist Karl in ihr Land eingefallen, ein Angriffskrieg ohne Vorwarnung. Wahrscheinlich wollte er Beute machen – und Gottes Wort verbreiten.

Denn Karl ist auf brutale Art fromm: „Unsere Aufgabe ist es, Christi heilige Kirche vor der Zerstörung durch Ungläubige nach außen mit Waffen zu schützen, im Innern durch die Erkenntnis des katholischen Glaubens zu stärken“, schreibt er einmal an den Papst. Er predigt das Christentum, so ein Zeitgenosse, „mit eiserner Zunge“: Missionsstationen richtet er im Heidenland ein, schickt Truppen, presst den Besiegten den Kirchenzehnten ab. Bei seinem Feldzug 772 zerstörte er die Irminsul, das bedeutendste Heiligtum des Heidenvolks, vielleicht ein großer Baum, der den Sachsen als „Weltensäule“ galt, die alles trägt.

Ein Triumph, so mag er geglaubt haben, der dem Gegner mit einem Schlag das Rückgrat brechen würde. Doch die Sachsen wehrten sich. Während Karl etwas später gegen die Langobarden kämpfte, drangen sie auf fränkisches Gebiet vor, plünderten und zerstörten Kirchen. Voller Zorn schwor der Frankenkönig, die Sachsen so lange zu bekämpfen, bis sie sich unterwerfen und taufen ließen oder „gänzlich ausgerottet“ seien. Und er machte die Drohung wahr: Als ihm einige Sachsenstämme, die er niedergezwungen hatte, vermeintliche „Aufrührer“ aus ihren eigenen Reihen auslieferten, ließ er diese angeblich 4500 Gefangenen an einem einzigen Tag köpfen. Hier, immerhin, hat ein Chronist einmal eine Zahl überliefert. Doch waren es wirklich so viele? Auf jeden Fall färbte sich die Erde rot vom Blut.

Zudem deportierte Karl Männer, Frauen und Kinder, ganze Dorfgemeinschaften ins Frankenreich, erließ für die, die bleiben durften, Gesetze, die schon bei geringen Vergehen den Tod vorsahen. Nun, im Teutoburger Wald, will er den Feind zu einer Entscheidungsschlacht stellen. Einzelheiten dieses Kampfes werden zwar nirgendwo niedergeschrieben. Doch wie die Reiterkämpfer aufeinander einschlagen, das beschreibt das althochdeutsche Hildebrandslied, eine Sage, die zur Zeit Karls entsteht: „Sie strafften ihre Panzerhemden und gürteten ihre Schwerter über die Eisenringe, als sie zum Kampf ritten. Dann ließen sie die Eschenlanzen gegeneinanderrasen, mit einem so harten Stoß, dass sie sich fest in die Schilde gruben. Darauf ließen sie ihre laut dröhnenden Schilde selbst aufeinanderprallen. Sie schlugen voll Ingrimm auf die weißen Schilde ein, bis ihnen das Lindenholz zu Spänen zerfiel.“

Einhard, ein fränkischer Gelehrter und Vertrauter Karls, bilanziert lakonisch: „Die Feinde wurden so niedergeworfen, dass sie es danach nie wieder wagten, den König selbst herauszufordern, wenn sie nicht durch eine Befestigung geschützt waren.“ Wird Karl wie besinnungslos mit dem Schwert um sich hauen? Oder wird er selbst auf einem scheuenden Ross und unter den Hieben der Feinde kühlen Kopf bewahren? Einhard lobt jedenfalls „die Ausdauer und das große Kriegsglück des Königs“, und verletzt wird er offenbar nicht. Die Sachsen, die nicht unter den fränkischen Schwertern fallen oder in Gefangenschaft geraten, fliehen in die Düsternis des Waldes. Doch sie werden noch mehr als 20 Jahre weiterkämpfen.

Karl ist 24, als er die Irminsul zerstört. Er ist 56, als vor ihm, endlich, die letzten Sachsen ihre Waffen strecken – et Francis adunati unus cum eius populus efficerentur , bilanziert Einhard: „und sich mit den Franken zu einem Volk zusammenschließen“. Ein sanfter Satz für die brutale Realität, dass die Sachsen ihre Religion, ihre Traditionen, ihre Lebensart, ihre Unabhängigkeit aufgeben, um im nun gewaltig angewachsenen Frankenreich aufgesaugt zu werden.

Während der mehr als 30 Jahre andauernden Schlächterei im Sachsenland hat Karl unfassbarerweise auch noch Willen und Kraft, an anderen Fronten zu kämpfen: Herzog Tassilo von Bayern, seinem eigenen Vetter, raubt er das Land und lässt den Besiegten hinter Klostermauern verschwinden. Er schickt Heere gegen die Mauren und entreißt ihnen Nordostspanien um Barcelona. Die Awaren, ein heidnisches Reitervolk, besiegen seine Truppen im heutigen Ungarn. Er bezwingt Aufstände in Aquitanien und der Bretagne. Gut möglich, dass sich Karl zum Krieg verdammt fühlt. Er, der Herrscher einer neuen Dynastie, gewinnt mit jedem Sieg Ansehen und Beute – Raubgut, das er an die Adeligen verteilt, um sich deren Loyalität zu erkaufen.

Doch ausgerechnet dieser Kriegerkönig, der wohl mehr als drei Jahrzehnte im Sattel sitzt (rechnet man alle Feldzüge und Reisen durch sein Imperium zusammen) und auf dem Pferderücken eine Strecke zurückgelegt hat, die um die ganze Erde reichen würde: Ausgerechnet dieser rücksichtslose Totschläger ahnt, dass man auf Dauer mit dem Schwert allein kein Reich zusammenfügen kann. Schon die Frage nach den Grenzen dieses Reiches kann niemand beantworten. Wo genau liegen sie? Manchmal am Meer, das ist noch einfach. Doch oft genug verlaufen sie – im Norden, Osten, in Spanien, in Italien – im Ungefähren. Kein Mensch weiß also, welche Ausmaße dieses Imperium überhaupt hat.

Eine Million Quadratkilometer groß könnte es gewesen sein, werden Gelehrte später schätzen. Wohl 180 Diözesen gibt es auf diesem Territorium, 700 Abteien und mehr als 250 Grafschaften. Vielleicht 20 Millionen Menschen verlieren sich in den Weiten dieses Reiches. Man kann wochenlang auf den verschlammten Wegen, den unregulierten Flüssen unterwegs sein, ohne eine einzige Seele zu sehen. Karl träumt davon, Schneisen durch dieses Dickicht zu schlagen. Er lässt einen Kanal vom Main zur Donau graben, doch in unendlichen Regenfällen rutscht die Erde weg, sodass die Arbeiter bald erschöpft aufgeben. Er lässt bei Mainz eine hölzerne Brücke über den Rhein bauen, „die zehn Jahre schwerste Arbeit gekostet hatte“, berichtet Einhard. „Durch ein zufällig entstandenes Feuer wurde sie dann binnen dreier Stunden vollkommen eingeäschert, sodass nicht einmal ein Holzspan von ihr übrig blieb.“

Alle drei bis fünf Jahre, das verraten Skelettbefunde aus der Zeit, suchen Hungersnöte einige der Regionen heim. Wie es den Menschen geht? Karl, der privilegierteste, am aufmerksamsten umsorgte Mann im ganzen Reich, hat 18 Kinder von diversen Ehefrauen und Konkubinen – doch drei Königskinder sterben schon als Säuglinge, die meisten anderen holt der Tod im zweiten, dritten, vielleicht vierten Jahrzehnt, eine einzige Tochter und ein Sohn werden älter als 60. Für Karls Untertanen schweigen die Quellen, doch sicher ist wohl, dass der Tod in den Hütten noch früher erscheint als in den Palästen.

Was an Städten noch aufragt, sind die Reste römischer Gründungen: Paris und Arles, Köln und Trier, Mainz und Regensburg. Karl ist der erste Franke, der in die Wälder systematisch Siedlungen setzt: Königsresidenzen wie Frankfurt, Klöster wie Fulda, Bischofssitze wie Münster, Handelsplätze wie Bremen. Ganz langsam verschiebt er so das politische und geistige Zentrum seines Reiches nach Osten an den Rhein. Und neben den alten Römerprovinzen Galliens und Germaniens tritt nun das Land bis zur Elbe in die Geschichte ein. Die Frankenherrscher sind Reiseherrscher. Niemals bleiben sie mehr als ein paar Wochen an einem Ort. Zwar erlässt Karl Dutzende Gesetze, lässt die bis dahin nur mündlich überlieferten Rechte von Franken, Friesen und Sachsen erstmals aufschreiben, verwalten Grafen für ihn noch die entlegensten Regionen, ziehen adelige Königsboten als Oberaufseher durch das Reich.

Doch in einer Welt, in der selbst der König oft Wochen warten muss, bis er auf einen Brief eine Antwort erhält; in der kaum je ein Untertan ein Wort äußert (denn wer könnte schon schreiben, wer strapaziöse lange Reisen auf sich nehmen?), in der sogar Adelige noch der archaischen Blutrache verpflichtet sind und Grafen ob ihrer Brutalität von Mönchen als „Freunde Satans“ geschmäht werden; in einer Welt der Finsternis also reicht die Macht des Herrschers nur so weit wie sein Augenlicht. Da, wo Karl ist, beseitigt er Missstände, sitzt zu Gericht, verwaltet seine Güter, setzt Gefolgsmänner auf vakante Grafenposten. Hat er in einer Region Ordnung geschaffen, muss er weiterziehen und weiter und weiter – gut 150 Königshöfe stehen zwischen Ebro und Elbe. Manche dieser „Pfalzen“, etwa Worms, sind bedeutender als andere, hierhin werden die Adeligen des Reiches zu Versammlungen einbestellt.

Die meisten Pfalzen sind kaum mehr als große Gutshöfe: Holzhaus für den Herrscher, Kapelle, Schmieden, Ställe, Speicher, eine Mühle, Werkstätten. Für eine Pfalz nahe der französischen Kanalküste hat eine Liste des Viehbestands die Zeiten überdauert: Zu dem Hof gehören in jenen Jahren unter anderem 51 ältere Stuten, fünf dreijährige, sieben zweijährige, sieben einjährige Stuten, zehn zweijährige und acht einjährige Füllen, drei Hengste, 16 Ochsen, zwei Esel, 50 Kühe, 88 Kälber, drei Stiere, 260 Schweine, 100 Ferkel. Karl wird morgens mit Pferdewiehern aufwachen, und in den Duft nach Wein und Braten mischt sich der Gestank von Dung und feuchtem Stroh.

Der Zug von Pfalz zu Pfalz ist beschwerlich. Und er ist auch gefährlich, denn manchmal wissen nicht einmal Grafen und Vertraute, wo der Herrscher sich gerade aufhält. Wäre ein zentraler Ort, komfortabel und prächtig, nicht eines Königs angemessener? Aachen, Marienkirche, 796. Eine Messe zur Einweihung der noch unvollendeten Kirche. Schon der Rohbau lässt erkennen: Dieses Gotteshaus wird ein Gebet in Stein, ein gelehrtes Buch, das nur der Eingeweihte zu lesen versteht. Der Baumeister Odo von Metz hat das Gotteshaus mit der höchsten Kuppel nördlich der Alpen überwölbt, 30 Meter über den Häuptern der Gläubigen. Er hat eine byzantinische Kirche in Ravenna zum Vorbild genommen, in der Karl einige Jahre zuvor gebetet hat. Antike Säulen und anderen wertvollen Schmuck für den Innenausbau lässt der König aus Italien ins Frankenreich holen.

Der Grundriss der Kirche folgt einer mystischen Logik, bei der es vor allem um die Zahlen 6, 8, 16 und 144 geht. Die 6 gilt gelehrten Theologen als vollkommene Zahl, denn Gott schuf die Welt in sechs Tagen. Die 8 ist das Zahlzeichen der Auferstehung und Erlösung, nach Matthäus zudem die Zahl der Seligpreisungen, und acht Mühen muss der Gläubige nach einem Brief des Petrus auf sich nehmen, um Jesus Christus zu erkennen. 16 Eigenschaften hat die Liebe, so schreibt der heilige Paulus. Und 144000 Gläubige werden gemäß der Bibel am Tag der Apokalypse als einzige Menschen gerettet werden. Daher formen im Zentrum des Gotteshauses acht Pfeiler ein Oktogon. Der Durchmesser dieses Achtecks beträgt sechs mal acht karolingische Fuß (ein Fuß entspricht gut 32 Zentimetern), darüber wölbt sich in sechs mal acht Fuß Höhe die Kuppel. Umschlossen ist dieses Achteck von einem 16-seitigen Umgang.

Die Länge der Kirche misst 144 Fuß, und in der Höhe leuchtet ein Bild des Weltenrichters, um den 144 Sterne glänzen. Drei Bogenfelder sind unter dem Bild errichtet, Symbol der heiligen Dreifaltigkeit. Und drei mal sechs mal acht ergibt wiederum 144: Die Zahl der gelehrten Anspielungen im Gotteshaus ist so unendlich wie im Text der Bibel. Aus Jerusalem lässt Karl antike Marmorplatten aus der Grabeskirche nach Aachen bringen und sie zu einem gewaltigen Thron zusammenfügen. Der kostbare Stein zeigt noch Einritzungen aus dem Altertum. An einer Stelle hat jemand eine Kreuzigung in die Oberfläche gegraben, anderswo erkennt man noch das Feld eines Mühlespiels. Haben nicht die Soldaten am Kalvarienberg unter dem Gekreuzigten gewürfelt?

In der Aachener Kirche verdichtet sich die Kraft des Riesenreiches auf wenigen Quadratmetern unter einem einzigen Dach: Karl schafft die wertvollsten Materialien aus dem Reich, ja von jenseits des Meeres heran. Und er fordert die intellektuelle Kraft der Baumeister bis zum Äußersten, sie zu entwerfen. Der König errichtet hier mehr als nur eine Kirche: Er baut ein Abbild des Himmlischen Jerusalem ins Zentrum seines Reiches. Zwar wird er niemals offiziell eine Pfalz zur alleinigen Hauptstadt erheben. Doch nach und nach, je gesicherter seine Herrschaft ist und je älter er wird, hält er sich immer länger in Aachen auf. Die Kirche ist bloß der monumentalste Ausdruck seines Willens. Aachen mit seinen bis zu 60 Grad heißen Quellen ist, einmal mehr, ein Relikt der Antike. Auf den Trümmern der römischen Bäder erbaute schon Karls Vater eine Pfalz. Der Sohn, ein begeisterter Schwimmer, entspannt sich im Thermalwasser und lässt die Quellen in Becken fassen. In den Wäldern von Ardennen und Eifel stellt er Ebern nach.

Schon sein erstes Weihnachtsfest als König zelebriert Karl in Aachen. Wohl von dieser Zeit an baut er die Pfalz dann Zug um Zug aus. Die Königshalle und die meisten anderen Bauwerke sind in späteren Zeiten allerdings wieder verschwunden. Nur seine Kirche, die ist geblieben. Wie leben, wie arbeiten Karl und seine Gefolgsleute in Aachen? Wenig weiß man von seinen Höflingen, nicht viel von den meisten Ehefrauen, Konkubinen, Kindern. Wohl 2000 Menschen umschwirren den Herrscher, vom Seneschall, dem obersten Hofbeamten, bis hinunter zum Küchengesinde. Der Mächtige genießt es, überliefert Einhard, mit seinen Getreuen in den heißen Quellen zu baden.

Wird dort ein Graf in wohligen Nebelschwaden über den nächsten Feldzug flüstern? Wird eine seiner Frauen auf irgendeiner Schlafstatt irgendeiner Pfalz durch ein wohlgesetztes Wort einen Günstling auf einen wichtigen Posten hieven? Scharen sich um die erbberechtigten Söhne Anhänger, Opportunisten, Unzufriedene? Denn Pippin, dem ersten Sohn Karls mit Himiltrud, sind drei Sprösslinge mit Hildegard gefolgt, der dritten Gattin, sodass sich nun vier junge Männer Hoffnung machen dürfen, einen Teil von Karls Reich zu erben – oder gar das ganze Imperium? Planen sie oder ihre Einflüsterer schon die Machtduelle nach dem Hinscheiden Karls? Ganz selten zerrt ein Chronist einmal für einen Moment an jenem Schleier, der über den Hofintrigen liegt. Nur so viel ist bekannt: Im Jahr 792, so raunt Einhard, sei Pippin der Bucklige zum Kopf einer Verschwörung gegen den eigenen Vater geworden.

„Führende Franken“ hätten sich um den Prinzen geschart. Die „Grausamkeit“ seiner Stiefmutter Fastrada – der inzwischen vierten Gattin Karls – habe sie zur Rebellion getrieben. Was genau sich zugetragen hat und warum, das berichtet Einhard nicht. Möglich, dass Pippin aufbegehrt, weil der Vater die drei jüngeren Söhne aus der Ehe mit Hildegard bereits vor Jahren zu Königen in verschiedenen Teilen seines Reiches erhoben hat. Möglich aber auch, dass Karl ihn nun doch an der Regierung beteiligen will. Und dass Fastrada – in der Hoffnung auf einen eigenen Sohn – Pippin nun durch Intrigen beiseiteschaffen will.

Sicher ist nur, dass Karl zuschlägt, wie stets rasch und gnadenlos: Pippin der Bucklige wird zum Mönch geschoren und nach Prüm gebracht. Das Eifelkloster liegt bloß wenige Tagesreisen von Aachen entfernt, und doch verschwindet der Älteste für immer aus der Welt. 18 Jahre wird er noch hinter Mauern leben, und falls Fastrada wirklich seinen Sturz betrieben hat, dann wird ihm wenigstens die Befriedigung vergönnt, sie überdauert zu haben. Denn die Königin stirbt, kinderlos, schon zwei Jahre nach der Verschwörung. Dass überhaupt ein paar Zeilen jener mörderischen Hofintrigen durch die Jahrhunderte wehen, verdankt sich einer Tat von Karl, die folgenreicher ist als jeder seiner Feldzüge: Er holt sich, als erster Frankenherrscher überhaupt, Gelehrte an den Hof, Männer der Schrift und nicht des Schwertes.

Als Karl an die Macht gelangt, sind seine Franken eine Bande rücksichtsloser Analphabeten, von den Nachbarn gefürchtet, aber nicht bewundert. Der Kaiser muss sich von jenseits der Grenzen gelehrte Männer des Wissens holen, er ernennt sie zu Beratern und Lehrern am Hof, lässt sie Schulen gründen, antike Manuskripte retten, Klöster und Bistümer leiten. Es sind Männer wie der Angelsachse Alkuin von York und der Westgote Theodulf (der vor den Mauren aus Spanien ins Reich geflohen ist), wie Paulinus von Aquileia und Paulus Diaconus von den Langobarden, wie der Ire Dungal. All diese Geistesgrößen haben die Bildung von einst bewahrt. Sie haben antike Klassiker studiert und die Texte von Kirchenvätern wie Augustinus, sie beherrschen nicht nur die rohen Volkssprachen, sondern auch gelehrtes Latein, sie interessieren sich für Philosophie und Astronomie. An Karls Hof und in Klosterschulen erziehen die Neuankömmlinge die erste Generation gebildeter Franken, darunter Einhard, den Berater Karls, sowie Adalhard, einen Vetter des Königs, den Abt des bedeutenden Klosters Corbie in der Picardie.

Dort wahrscheinlich entwickeln Mönche die karolingische Minuskel, eine schöne, gut lesbare Schrift mit Groß- und Kleinschreibung, Ober- und Unterlängen, deutlich voneinander getrennten Wörtern. Die Männer um Alkuin von York retten von der Antike, was noch zu retten ist: Denn die im Altertum verfassten Millionen Textrollen sind vor allem auf Papyrus geschrieben worden, einem vergänglichen Material – Kopien der „Germania“ des Tacitus etwa existieren vermutlich nur noch in zwei Klosterbibliotheken, in Fulda und in Hersfeld.

Nun wird das Werk wieder abgeschrieben, auf wesentlich haltbarerem Pergament. Was von der römischen Literatur heute noch existiert, das wird unter anderem in jenen Jahrzehnten der „karolingischen Renaissance“ geborgen. Die Gelehrten hämmern ihren Schülern die Kunst der Rhetorik in die Köpfe, die Finessen der Grammatik sowie die auf Aristoteles zurückgehende Logik des Denkens. Die Ausbildung soll dem Seelenheil der jungen Männer dienen. Denn die antike Weisheit, davon sind die Lehrer überzeugt, befähigt zum wahren Glauben, zur Erkenntnis der von Gott gestifteten Weltordnung und damit auch zur rechten Herrschaftsverwaltung im Dienste des Königs.

Karls Männer des Wissens schreiben neue Bücher, die über die Antike hinausgehen: Einhard wird eine Vita des Herrschers verfassen, eine einzigartige Quelle als mittelalterliche Biografie. Theodulf wird eigenhändig in winziger, gestochener Schrift die gesamte Bibel in einem einzigen Band aufschreiben, die erste einbändige Heilige Schrift überhaupt.

Und Adalhard wird in seinem Kloster den Liber Glossarum zusammenstellen lassen, eine Art Lexikon, 368 Blatt dick (gut 200 Schafen oder Ziegen werden allein für dieses eine Buch die Häute abgezogen und zu Pergament verarbeitet). 10000 Bände, so schätzt man, entstehen unter Karls Regentschaft. Weshalb ordnet Karl an, was keiner seiner Vorgänger je angeordnet hat? Wieso nimmt er, zwischen all den endlosen Zügen von Schlachtfeld zu Schlachtfeld, die intellektuellen Mühen auf sich, über Philosophie oder Astronomie zu disputieren? Warum verschafft ein Herrscher, der mit brutaler Hand und zynischer Ehepolitik gerade riesige Ländereien erobert hat, militärisch nutzlosen Fremden reiche Pfründe?

Prius tamen est nosse quam facere, diktiert der Herrscher in einem Brief: „Das Wissen geht dem Handeln voraus.“ Das ist es, was ihn über seine Zeitgenossen heraushebt: Er sieht, dass die antiken Wissenschaften der Schlüssel zum Verständnis der Welt sind. Und nur wer die Welt versteht, kann sie beherrschen. Gelehrte verfassen in offiziellen Annalen die Reichsgeschichte so, wie Karl es sich wünscht. Sie schreiben mündlich überlieferte Gesetze der Untertanen auf, auf dass fortan Karls Grafen und Boten leichter über sie zu Gericht sitzen können. Und diese Gelehrsamkeit weist über das Weltliche ins Spirituelle. Karl, tief religiös, glaubt auf nahezu magische Weise an die Korrektheit des Gotteswortes: Nur wenn Gebete und Evangelien, Hymnen und Psalmen fehlerfrei gesprochen werden, sind sie wirksam vor Gott.

Hat Gott ihn, Karl, nicht wegen seiner Frömmigkeit zum mächtigsten Mann des Erdkreises werden lassen – und weil er den rechten Glauben verbreitet? Hat er ihn damit nicht schon über all die anderen weltlichen Herrscher erhoben? Und gebührt ihm dann nicht auch das allerhöchste weltliche Amt? Das des Kaisers? Niemand kann sagen, wann in Karls Geist die Idee heranwächst, er könnte sich zum Imperator aufschwingen. Seit dem Untergang Westroms in den Wirren der Völkerwanderung ist kein Fürst auf den Gedanken gekommen, sich den legendären Cäsarentitel anzumaßen. In Byzanz, in Ostrom, residiert ja weiterhin ein Kaiser, der allein gilt Griechen, Italienern und auch den Eroberern aus dem Norden als legitimer Erbe antiker Pracht. Folgen schon Karls schier endlose Kriegszüge dem Traum vom Imperium? Steht schon am Beginn seiner Eroberungen die Gier nach dem Kaisertitel? Erobert er sich, soweit seine militärische Kraft reicht, die Ländereien Westroms, damit er schließlich auch dessen Titel beanspruchen kann?

Oder steht das Kaisertum nicht am Beginn, sondern am Ende jener Eroberungen? Rafft Karl zusammen, was er bekommen kann – und macht sich dann erst, als Sieger, Gedanken, wie er seine Beute nun regieren soll? Und entscheidet er sich dann erst für den alten Titel? Kein Wort von ihm ist dazu überliefert, doch von anderen sehr wohl – und sie deuten an, dass Karl schon zu Beginn oder jedenfalls sehr früh während seiner Eroberungen vom Kaisertum träumt.  Als der 26-Jährige die Langobarden in Italien vernichtet und damit Papst Hadrian vor deren Übergriffen bewahrt, besucht er erstmals Rom. Rom! Antike Tempel, prachtvolle Kirchen, Paläste und Thermen, die noch als Ruinen glänzender sind als jede Pfalz. Als patricius Romanorum empfängt der Heilige Vater den jungen König: als „Schutzherrn Roms“. In einem Brief von 778 redet Hadrian dann Karl bereits als novus christianissimus Dei Constantinus imperator an, als „neuen, Gottes allerchristlichsten Kaiser Konstantin“. Auch Alkuin, der angelsächsische Hofgelehrte, beschreibt Karls Herrschaft 796 als imperiale regnum , als „kaiserliche Königsherrschaft“. Schon lange predigen Geistliche zudem, dass im 6000. Jahr nach der Schöpfung ein Zeitalter zu Ende geht. Entweder wird die Apokalypse heraufdämmern – oder ein neues Zeitalter beginnen. Wann wird sich dieser Zyklus vollenden?

Bischof Hildebald von Köln, einer der engsten Berater des Herrschers, lässt 798 mehrere christliche und jüdische Weltaltersberechnungen zusammenstellen. Zumindest einige davon erwarten den Beginn einer neuen, der letzten Ära, an deren Ende Christus als Weltenrichter erscheint, für die nächste Zukunft: für Weihnachten im Jahr 800. Womit aber könnte eine neue Ära sinnfälliger beginnen als mit einem neuen Kaiser?

Um die Zeit, als der Bischof die Berechnungen der Weltzeitalter kompiliert, schickt Karl Gesandte bis zum Kalifen Harun al-Raschid nach Bagdad. Warum? Al-Raschids Vorgänger haben Chronisten stets als sarracenus beschrieben – er jedoch wird in Reichsdokumenten „Perser“ genannt. Weil, so kann man heute spekulieren, die Perser lange Zeit machtvolle Gegner des Römischen Reiches waren, weil der Großkönig des Mittleren Ostens dem Kaiser von Gleich zu Gleich gegenübertrat. Wenn Karl nun mit dem Kalifen von Gleich zu Gleich Gesandtschaften austauscht, so diese Logik, dann meldet er den Anspruch an, der Erbe der Cäsaren zu sein. Bischof Hildebald erwähnt gar in einer Schrift, im Jahr 798 hätten „Gesandte aus Griechenland“ angeboten, „Karl die Kaisergewalt zu übertragen“.

Offizielle Chroniken der Franken schweigen zwar darüber, auch die Geschichtsschreiber des Papstes oder des Kaisers von Byzanz erwähnen nichts davon. Trotzdem ist es möglich, dass Karl nicht bloß mit dem Kalifen, sondern auch mit Byzanz, der anderen Hochzivilisation der Epoche, Geheimverhandlungen aufgenommen hat, um sich vielleicht abzusichern, dass seine bevorstehende Kaiserkrönung dort nicht als Kriegsgrund gesehen wird. In den Gemächern des Papstes wie in den Hallen der Pfalzen und vielleicht auch in den Palästen von Konstantinopel und sogar von Bagdad ahnt man wohl spätestens 798, dass sich der Karolinger zum Kaiser erheben will.

Es spricht alles dafür, dass auch Karl selbst sich so sieht, als Wiederhersteller alter Größe, als jemand, der dem Verfall entgegentritt: dem Verfall des antiken Glaubens der Kirchenväter, der antiken Straßen und Städte, der antiken Gesetze, der antiken Literatur und Gelehrsamkeit, des antiken Lateins. Daher führt er nicht bloß Kriege, sondern gründet Schulen, fördert Gelehrte, sammelt Manuskripte, lässt Brücken und Kanäle bauen, errichtet in Aachen eine Kirche nach antiken Vorbildern, gründet Bistümer und Klöster, überschüttet seine Untertanen mit Gesetzen um Gesetzen. Weil Karl Kaiser sein will, regiert er wie ein Kaiser. Und weil er wie ein Kaiser regiert, hat er irgendwann das Anrecht auf den Kaisertitel. Am Ende ist es der Papst selbst, der zum Anrecht auch noch den passenden Anlass liefert.

Leo III . ist der Nachfolger Hadrians – und ein Niemand, ein Aufsteiger, der es 795 irgendwie bis auf den Stuhl Petri geschafft hat. Bei den alten stadtrömischen Adelsfamilien, die bislang das Papsttum unter sich verschachert haben, ist er verhasst. Genaueres weiß man, wie so oft, nicht über die Intrigen hinter Palastmauern. Nur dies: Bei einer Prozession zum Markustag, dem 25. April 799, wird der Heilige Vater mitten in Rom von Schlägern überfallen, verprügelt und in den Kerker geworfen. Seine Gegner aus den alten Adelsfamilien werfen ihm „Meineid“ und „Ehebruch“ vor. Doch der Papst kann aus der Haft entkommen und rettet sich zu Karl auf dessen Pfalz Paderborn.

Welche Seite in der Seele des Kaisers mag in den kürzer werdenden Tagen des verwehenden Jahrhunderts nun die Oberhand gewinnen? Zum einen ist da seine tiefe Frömmigkeit: Leo III. von den Römern gestürzt und entehrt – ist das möglicherweise ein Vorzeichen der Apokalypse, die Karl selbst in seiner Aachener Kirche so mächtig heraufbeschworen hat? Wird, wie in Bischof Hildebalds Berechnungen, am 25. Dezember 800 tatsächlich ein neues Zeitalter beginnen? Zum anderen ist da der kühle Machtmensch Karl: Sieht er nicht die Endzeit heraufdämmern, sondern vielmehr eine günstige politische Gelegenheit? Der Papst ist ja nahezu machtlos in seiner Hand. Wenn Karl nun nach dem Kaisertitel griffe – wer würde es noch verhindern können?

So oder so: Seine Getreuen flüstern ihm jedenfalls ein, die Tat zu wagen. „Auf Dir allein beruht das ganze Wohl der Kirche Christi“, versichert Alkuin. „Du führst die Schlüssel der Kirche“, souffliert Theodulf. Noch im Herbst 799 lässt Karl den Papst von einer Eskorte heim nach Rom geleiten. Er selbst macht sich mit seinen Kämpfern ein Jahr später auf den Weg. In der Tiberstadt leiten König und Papst gemeinsam eine Versammlung hoher Geistlicher und Laien, an deren Ende Leo III. durch einen Eid beschwören muss, dass alle gegen ihn gerichteten Vorwürfe erfunden sind. Karl ist derjenige, der die Kirche ordnet, der Papst tritt vor ihn, als sei er sein Gefolgsmann. Dann ist Weihnachten, das neue Zeitalter dämmert herauf.

Was genau während jener Messe am Abend des 25. Dezember 800 zu Rom geschieht, wird wohl niemals ganz geklärt werden, obwohl, nein gerade weil vier Berichte darüber vorliegen: zwei fränkische Annalen, eine Chronik der Päpste sowie Einhards Zeugnis. Quo tempore imperatoris et augusti nomen accepit , schreibt Einhard in erstaunlicher Lakonie: „Bei dieser Gelegenheit erhielt er den Kaiser- und Augustustitel.“ Dann fügt der Biograf bloß noch hinzu, dass Karl dieser Titel „anfangs so zuwider war, dass er erklärte, er würde die Kirche selbst an jenem hohen Feiertage nicht betreten haben, wenn er die Absicht des Papstes geahnt hätte“. Karl, der Herr des Abendlandes und Beschützer der Kirche, vom Papst überrumpelt? Ein Titel zuwider, den er doch offenbar seit Jahren anstrebt?

Nein, vielmehr hat sich Einhard, der Verehrer der Antike, an der Augustus-Biografie des Sueton orientiert. Darin berichtet der Schriftsteller, dass der legendäre Kaiser sich zierte, als ihm die Römer den Titel „Vater des Vaterlandes“ antrugen – um vor dem Volk als rechtschaffen zu erscheinen. Tatsächlich wird jene Weihnachtsmesse bis ins kleinste Detail mit Karl abgesprochen worden sein. Zwar sind genau jene Einzelheiten nicht überliefert, doch klar ist, dass Karl bewusst in Rom und zu Weihnachten den antiken Kaisertitel annimmt. Anders jedoch als in der Antike spielt der Papst bei der Kaiserkrönung nun eine herausragende Rolle: Kaisertum und Papsttum ketten sich an diesem Wintertag für Jahrhunderte aneinander. Beide, Kaiser wie Papst, sind fortan, zumindest in der Theorie, die Köpfe der Christenheit: sind durch ihr Amt aus dem normalen Irdischen hinausgehoben und in eine sakrale Aura gehüllt.

Aber kann ein Leib zwei Köpfe tragen? Sind Kaiser und Papst gleichrangig? Ist nicht der Papst, wie jeder andere Bischof im Kaiserreich, dem Herrscher letztlich Gefolgsamkeit schuldig? Oder muss nicht umgekehrt der Kaiser vor dem Papst das Haupt beugen, denn ist nicht der Nachfolger Petri der alleinige Herr der Kirche und der Kaiser bloß dessen mächtigster Diener? Jahrhunderte werden über solche Dispute vergehen, Kriege werden geführt, Gegen-Päpste eingesetzt werden, es wird der Fluch des späteren Heiligen Römischen Reiches sein, fast während des gesamten Mittelalters: Kaiser oder Papst? Wem gebührt die höchste Macht?

Für Karl (und wohl auch für Leo) stellt sich diese Frage noch gar nicht: Der Papst ist froh, in seiner eigenen Stadt wieder sicher zu sein. Alles, was er hat, sein Amt, seine Würde, sein bisschen Macht verdankt er dem Franken. Der Herrscher aus dem Norden wiederum, Sohn eines Hausmeiers, ist auf dem Zenit abendländischer Größe. Fortan führt er den Titel Serenissimus augustus a Deo coronatus magnus pacificus imperator Romanum gubernans imperium qui et per misericordiam Dei ex Francorum et Langobardorum : „Erhabener Augustus, von Gott gekrönt, großer, friedebringender Kaiser, der das Römische Reich lenkt und der durch die Gnade Gottes König der Franken und Langobarden ist.“

Der das Römische Reich lenkt … Karl hat etwas Neues geschaffen, das mittelalterliche Kaisertum. Mehr noch: Eigentlich beginnt erst mit und durch ihn das Mittelalter wirklich. Doch gerade er sieht seine Schöpfung nicht als etwas Neues, sondern als Wiederaufrichtung des Alten: Das Imperium der Kaiser – und zwar das der spätantiken, weströmischen Kaiser – ist wiedererstanden. Renovatio Romani Imperii. Und Karl macht sich nun auch jenseits aller Politik und Symbolik daran, das Reich zu renovieren.

Statt Soldaten schickt der Herrscher fortan Paragrafen. Vorschriften regnen auf die Untertanen herab: 14 Gesetzessammlungen hat Karl in den 31 Jahren seiner Königsherrschaft erlassen – in den 13 Jahren seiner Kaiserschaft werden ihnen nun 55 weitere folgen. Mit ihnen will der Herrscher „Fehlendes ergänzen, Widersprechendes ausgleichen und alles Falsche und Verkehrte verbessern“, wie Einhard lobt. Milder werden die Strafen freilich nicht: „Leugnet jemand den Mord“, so bestimmt es ein Gesetz, „so soll er sich dem Gottesurteil der neun glühenden Pflugscharen unterziehen.“ Wer also einer solchen Tat bezichtigt wird, hat nur eine Möglichkeit, der Hinrichtung zu entgehen: Er muss über neun glühende Pflugscharen laufen; eitern die fürchterlichen Brandwunden danach nicht, gilt er als unschuldig. Wie viele Männer werden je den Höllenweg über die Pflugscharen gehen? Kümmern sich die Grafen in den Pyrenäen oder in Friesland um das, was der mit den Jahren hinfälliger werdende Kaiser in Aachen dekretiert?

Niemand vermag es zu sagen. Doch Karl selbst wird wohl ahnen, auf wie tönernem Sockel sein Kaiserthron steht. Im Frühjahr 801 erschüttert ein Erdbeben Italien, das Dach der Basilika Sankt Paul stürzt ein. Ein böses Omen? „Pestilenz“, so notieren Chronisten, verheert das Reich. An den Küsten von Nordsee und Atlantik tauchen urplötzlich „Nordmänner“ auf: Wikinger, deren Raubzüge seit 799 ins Frankenreich führen. Karl lässt bald darauf in Flussmündungen und Häfen Wachposten stationieren, die vor herannahenden Wikingern warnen sollen. Dennoch überfallen die skandinavischen Krieger mit ihren schnellen Drachenbooten immer wieder fränkische Siedlungen an den Küsten und Flussläufen.

Der Tod holt sich Karls Familie. Die letzte der Ehefrauen ist schon vor der Kaiserkrönung ins Grab gesunken. In den folgenden Jahren stirbt der Vertraute Alkuin, die Äbtissin Gisela als letzte aller Geschwister Karls, es stirbt eine Tochter und dann ein Sohn mit 33 Jahren und dann noch ein Sohn und dann auch Pippin der Bucklige, der ins Kloster Verbannte. Im Jahr 810, auf einem Feldzug gegen den Dänenkönig, stürzt Karl vom Ross. Ein epileptischer Anfall? Danach wird er, so jedenfalls Einhard, immer wieder „vom Fieber“ geschüttelt und verlässt kaum je noch seine geliebte Aachener Pfalz. Dort stirbt er am 28. Januar 814, nachdem er 46 seiner 65 Lebensjahre mit Schwert und Pergament, mit Hinterlist und Bildungsgier geherrscht hat. Noch auf dem Sterbelager kreuzt er mit schwindender Kraft selber die Arme über der Brust zur Todesgeste: ein souveräner Herrscher bis zum letzten Atemzug.

Doch das Reich, das er seinem einzig noch lebenden (und legitimen) Sohn Ludwig hinterlässt, ist zu groß für einen Mann mit bloß durchschnittlichen Qualitäten: Zu lang und zu beschwerlich sind die Wege, einander zu fremd die vielen unterworfenen Völker, viel zu dünn ist die Elite der Gebildeten, die mit Verstand und kaltem Herzen ein Imperium verwalten könnte und nicht bloß mit der Faust im Eisenpanzer und einer Gier, die nur bis zum nächsten Tag denkt. Allein Karl hat es mit seinen außerordentlichen Fähigkeiten, mit seiner Zähigkeit, mit seiner Langlebigkeit vermocht, dieses Imperium aufzubauen, zusammenzuhalten und – bei der Kaiserkrönung – zum Gipfel zu führen. In den Jahrzehnten darauf erschüttern Thronwirren, Rebellionen sowie die Reichsteilungen unter den Erben – der ewige Fluch der Franken – das Imperium, das zudem unter den immer heftigeren Schlägen der Nordmänner erbebt. Das Reich zersplittert in drei mittelgroße Territorien, es kommt zu weiteren Intrigen, Machtkämpfen; Grenzen werden gezogen und wieder verschoben, das Erbe des großen Karl verkommt.

Es zerfällt in lokale Herrschaften, in Italien, Nord- und Südfrankreich – sowie in jene Regionen, aus denen später einmal Deutschland erwachsen wird. Und auch wenn es immer noch Herrscher gibt, die sich als „Kaiser“ ansprechen lassen, verliert der Titel nun an Bedeutung, denn keiner dieser Monarchen hat sonderlich viel Einfluss. Karls mächtiges Reich ist bald nur noch eine ferne, blasse Erinnerung. Und doch … Das Kaisertum leuchtet wie eine Verheißung aus dem Dunkel der Geschichte. Renovatio Romani Imperii : Es ist möglich, hat Karl das nicht bewiesen? Es ist möglich, die allerchristlichste Macht und den Glanz der römischen Cäsaren wiederauferstehen zu lassen. Es ist möglich, Beschützer, ja Herr der abendländischen Christenheit zu sein. Es ist möglich, ein Reich zu errichten, das Europa überspannt.

Carolus Magnus , „Karl den Großen“, werden bereits Zeitgenossen ihren Herrscher nennen. Und schon bald werden andere Dynastien Teile seines einstigen Reiches übernehmen, ihn sich zum Vorbild erküren und davon träumen, Karl und die Cäsaren zu beerben. Und sie werden sich daran machen, ein noch bedeutenderes Imperium zu errichten als das des legendären Karolingers. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation.

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Quellen:

Internetquellen

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Sekundärliteratur

-> Radermacher, Cay u. Telgenbüscher, Joachim: Karl der Große. Der Triumphator, in: Die Franken. Grossmacht im Mittelalter (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 134), Hamburg 2025, S. 84-109.

-> Opitz, Manuel: Abul Abbas. Das Geschenk des Kalifen, in: Die Franken. Grossmacht im Mittelalter (GEO Epoche, Jg. 2025, Heft Nr. 134), Hamburg 2025, S. 110-113.

-> Rademacher, Cay: Karl der Große. Der erste Kaiser, in: Karl der Große und das Reich der Deutschen. 800-1806 (GEO Epoche, Jg. 2014, Heft Nr. 70), Hamburg 2014.


Revision #9
Created 1 March 2026 09:58:39 by Marlon Zimmermann
Updated 16 May 2026 07:55:45 by Marlon Zimmermann