# Die Olympischen Spiele 1936

#### Inhaltsverzeichnis

1\. Olympische Spiele. Die missbrauchten Spiele

##### 1. Olympische Spiele. Die missbrauchten Spiele.

Jahrelang wettern die Nationalsozialisten gegen Olympia – nach der »Machtübernahme« aber stecken sie mehr Geld in die Ausrichtung der Spiele als jede Regierung vor ihnen. Das Sportfest soll eine Propagandaveranstaltung werden und die Welt für den neuen deutschen Staat einnehmen. Dafür verzichtet das NS-Regime einige Monate lang auf Übergriffe gegen Juden, nominiert »nichtarische« Athleten – und muss am Ende zusehen, wie ein schwarzer Amerikaner zum Liebling des deutschen Publikums wird

<figure class="no-tts no-tts wp-block-image" id="bkmrk-adolf-hitler-im-stad">![](https://c02.purpledshub.com/uploads/sites/73/2020/12/dpa-Picture-Alliance-56237087-HighRes.jpg?webp=1&w=1200)<figcaption>Adolf Hitler im Stadion. Bei seinem Erscheinen muss sich das deutsche Publikum zum faschistischen Gruß erheben – wer sitzen bleibt, wird von der Polizei festgenommen</figcaption></figure>Es ist bereits Nacht, als Tausende Mädchen und Jungen ins Berliner Olympiastadion einlaufen und zum Klang gläserner Glockenspiele zu tanzen beginnen. Sie sollen das Heranwachsen unschuldiger Kinder zu Frauen und Männern darstellen. Der Reigen gipfelt in einem Bild, welches das olympische Ideal vom gestählten Athleten mit der faschistischen Idee vom Heldentod fürs Vaterland vereint: Zu rhythmischer Musik schlagen sich zwei Krieger in Rüstung, bis sie niedersinken und auf ihren Schilden aus dem Stadion getragen werden. 80 Frauen zeigen darauf den „Tanz der Trauernden“. Schließlich singen 1000 Sänger Beethovens „Ode an die Freude“, und rings um den oberen Rand des Stadions entflammen Fackeln, Suchscheinwerfer gleiten über die Flaggen.

Die XI. Olympischen Spiele sind eröffnet. Rund 100000 Zuschauer haben die stundenlange, minutiös getaktete Zeremonie verfolgt. Nicht einmal zur Reichsgründung 1871 hat Berlin ein größeres Fest erlebt. Auf den Tag genau 22 Jahre ist es her, dass das Deutsche Reich Russland den Krieg erklärt und damit einen lokalen Konflikt in einen Weltkrieg verwandelt hat. Doch scheint das Land an diesem 1. August 1936 entschlossen, ein friedliches Sportfest auszurichten für Männer und Frauen aus fast 50 Ländern. Das deutsche Publikum ist begeistert von der Inszenierung. Und selbst jene ausländischen Beobachter, die der nationalsozialistischen Diktatur kritisch gegenüberstehen, sind beeindruckt.

So eilt André François-Poncet, der französische Botschafter, ungemein aufgewühlt nach Hause. Der 49-jährige Germanist und Deutschlandkenner, der seine Regierung schon früh vor den Nationalsozialisten gewarnt hat, der bereits einen neuen Krieg heraufdämmern sieht und sich von allen Treffen mit Vertretern des neuen Regimes fernzuhalten versucht – François-Poncet also verfasst ein Telegramm nach Paris. „Gleichermaßen großartig wie anmutig“ nennt er darin die Aufführung der Kinder.

> EIN GRÖSSERES FEST HAT BERLIN NIE ERLEBT

Und doch hat er Beethovens Musik nicht ungeteilt genossen: „All jene, die beim Zuhören an die Brüchigkeit des Weltfriedens dachten, konnten sich eines klammen Herzens nicht erwehren.“

Die Eröffnungsfeier in Berlin mit ihren Fackeln, ihren Flaggen, den feierlichen Schwüren und Hymnen hat auch gezeigt, was bei den vorherigen Spielen in demokratischen Ländern noch nicht so offenkundig war: wie ähnlich sich olympische Zeremonien und totalitäre Inszenierungen in mancher Hinsicht sind und wie perfekt sie sich ergänzen können. Wie leicht Faschisten den Wettkampf nationaler Teams und das Streben nach Sieg für ihre Ziele vereinnahmen können – obwohl die olympischen Ideale der Völkerverständigung und des friedlichen Ringens der Ideologie aller Nationalisten widersprechen.

Denn die modernen Olympischen Spiele sind wie der Nationalsozialismus aus einem verlorenen Krieg entstanden: Erschüttert von Frankreichs Niederlage gegen Deutschland 1870/71, suchte ihr Gründer Baron Pierre de Coubertin, ein Pädagoge und Historiker, nach einem Weg, seine vermeintlich verweichlichten Landsleute wieder zu stählen. Er fand eine Lösung im Sportunterricht der britischen Internate und in einem nationalen Turnier von Amateursportlern bei London, den Wenlock Olympic Games. Die Kombination von geistiger Ausbildung und körperlicher Ertüchtigung an Englands Schulen nahm de Coubertin als Vorbild für eine Reform des französischen Bildungssystems.

Der Baron träumte davon, dass sich die Jugend in Zukunft auf Sportplätzen und nicht auf Schlachtfeldern messen würde. Aber er träumte eben auch von einer weißen, männlichen Bruderschaft der Starken, von kriegerischen Athleten, die, wenn nötig, das Vaterland mit ihrer Manneskraft verteidigen. Er war Antikommunist und glaubte, dass Eliten ein Volk führen müssen – Gedanken, auf die die Nationalsozialisten ohne Weiteres aufbauen können. 1896 organisierte de Coubertin in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit. Nur 241 Athleten nahmen teil – doch über die nächsten Jahrzehnte wur den die Wettkämpfe größer, bei den Sommerspielen in Los Angeles 1932 verfolgten bereits mehr als eine Million Zuschauer die Wettkämpfe.

**AM ZWEITEN TAG** der Spiele in den USA wurde die NSDAP stärkste Fraktion im deutschen Reichstag – und im Internationalen Olympischen Komitee wuchs die Nervosität. Denn es hatte die nächsten Spiele nach Berlin vergeben, an die junge Weimarer Republik: auch, um sie gegen Angriffe von Links- und Rechtsradikalen zu unterstützen.

Dort erstarkte nun eine Partei, deren Vorsitzender Adolf Hitler Olympia noch kurz zuvor als „Komplott von Freimaurern und Juden“ bezeichnet hatte und deren Organ „Völkischer Beobachter“ vor den Wettkämpfen in Los Angeles warnte: „Die nächsten Olympischen Spiele finden in Berlin statt. Hoffentlich wissen die verantwortlichen Männer, was ihre Pflicht ist. Die Schwarzen müssen ausgeschlossen werden.“ IOK-Präsident Henri de Baillet-Latour schickte einen Sportfunktionär nach Berlin, um Hitlers Intentionen zu erforschen. Der neue starke Mann im deutschen Reichstag ließ ausrichten, er betrachte die Ausrichtung der Olympischen Spiele in Berlin „mit großem Interesse“. Ein Trivialsatz. Für Hitler aber ein großer Schritt.

Denn ebenso wie sein „Reichspropagandaleiter“ Joseph Goebbels war der NSDAP-Vorsitzende völlig unsportlich und interessierte sich nicht für Turniere und Wettkämpfe. Anders als etwa Sozialdemokraten und Kommunisten hatten die Nationalsozialisten keine eigenen Sportvereine. Und doch vollzog sich in jenen Monaten in der Parteispitze ein Wandel. Zwar war den Männern um Hitler noch immer der Gedanke an ein friedliches Treffen der Völker zuwider, bei dem deutsche Athleten sich mit solchen Sportlern messen müssten, die die Nationalsozialisten als „Untermenschen“ verachten. Sie erkannten aber, welches Potenzial in diesem Ereignis lag, das spätestens in Los Angeles zur Massenveranstaltung geworden war: Die Spiele waren die perfekte Gelegenheit, um für Deutschland in der Welt zu werben.

Und so kommt es, dass sich der neue Reichskanzler und sein Propagandaminister schon kurz nach der gewonnenen Wahl 1933 mit jenem Mann treffen, der die Spiele nach Berlin geholt hat und der seit Jahrzehnten davon träumt, das olympische Feuer in Deutschland brennen zu sehen: Theodor Lewald, ein hoher Beamter im Innenministerium, Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee und Gründer des Deutschen Olympischen Ausschusses. Lewalds Vater stammte aus einer zum evangelischen Glauben konvertierten jüdischen Familie, Lewald selbst hat das Organisationskomitee wenige Tage vor der Machtübernahme als privaten Verein registrieren lassen, damit ihn die neue Regierung nicht ausschließen kann von der Arbeit an seinem Lebenstraum.

Tatsächlich muss ihn Hitler im Amt lassen – auch unter Druck des IOK. Allerdings ernennt er bald den NS-Reichstagsabgeordneten Hans von Tschammer und Osten zum „Reichssportführer“, dem sich Lewald unterzuordnen hat. Kurz nach dem Gespräch mit Lewald tritt Hitler vor die Presse und gibt Olympia seine offizielle Zustimmung: „Ich werde die Spiele ebenso wie alle anderen sportlichen Belange auf jede mögliche Weise vorantreiben.“ Das Innenministerium übernimmt die Kosten für die Austragung, das Propagandaministerium die Werbung.

Und bei einer Ortsbegehung der zukünftigen Wettkampfstätten im Grunewald wenige Monate später wird deutlich, wie viel sich die neuen Machthaber von den Olympischen Spielen versprechen. Während des Rundgangs denkt Hitler laut über die schwierige außenpolitische Lage Deutschlands nach. Es müsse mit großen kulturellen Leistungen die Weltmeinung für sich gewinnen, fordert der Reichskanzler und wischt die bisherigen bescheidenen Pläne beiseite: Das Budget, das vor dem Spaziergang durch den Grunewald noch bei sechs Millionen Reichsmark lag, erhöht er innerhalb einer Stunde auf 40 Millionen Reichsmark (die Spiele werden schließlich rund 90 Millionen kosten).

Um die Welt zu beeindrucken, will Hitler ein neues Stadion errichten lassen, in Naturstein. Und so ist das erste architektonische Großprojekt der neuen Machthaber, die sich nie für Olympia interessiert haben, ausgerechnet die bis dahin größte Wettkampfanlage der Welt: das „Reichssportfeld“ am westlichen Stadtrand von Berlin. Deutschlands Regierung ist nun entschlossen, die Spiele von 1936 für sich zu nutzen. Und stürzt damit die olympische Bewegung in die tiefste Krise ihrer bisherigen Geschichte.

**DENN SCHON KURZ** nach Hitlers Machtübernahme haben jüdische Verbände in den USA gefordert, den Austragungsort der Spiele neu zu überdenken. Auch George Messersmith, der US-Botschafter in Deutschland warnte seine Regierung in Depeschen vor Olympischen Spielen in Deutschland: Jüdische Athleten seien in Berlin nicht sicher.

Auf Theodor Lewalds Bitten geben die Nationalsozialisten eine Erklärung ab, dass sie zu Olympia Athleten aller Rassen willkommen heißen werden – allerdings nur aus dem Ausland. Für die eigene Mannschaft würden die Regeln der neuen Machthaber gelten. „Der deutsche Sport ist für Arier da“, erklärt Reichssportführer Tschammer und Osten. Nicht allein die Leistung der Athleten zähle, sondern „ihre moralische Eignung, Deutschland zu vertreten“. Das deutsche Davis-Cup-Team schließt einen jüdischen Tennisstar aus, Juden wird verboten, zu reiten oder öffentliche Schwimmbäder zu benutzen.

> EIN AMERIKANER SICHERT HITLER DIE SPIELE

Theodor Lewald bekommt Angst um seine Spiele. Eigenmächtig verspricht seine Delegation bei einem IOK-Kongress in Wien, dass Deutschland keine Juden aus den olympischen Teams ausschließen werde. Die IOK-Funktionäre sind beruhigt, obwohl Tschammer und Osten seine Parteigenossen in Reden weiterhin auf einen „rassereinen“ Sport einschwört. Außerhalb der olympischen Bewegung wächst der Widerstand, am stärksten in den USA. Gewerkschaften und Politiker wie der New Yorker Bürgermeister Fiorello La Guardia rufen dort zum Boykott der Wettkämpfe auf – ein Schritt, wie es ihn in der fast 40-jährigen Geschichte der modernen Olympischen Spiele noch nicht gegeben hat.

Die Werbeveranstaltung für das neue Deutschland droht zu einem Reinfall zu werden. Die Vereinigten Staaten haben in Los Angeles die meisten Sportler an den Start geschickt: Sollten sie absagen, wäre das Olympia-Treffen von Berlin bedeutungslos. Während Hitler bereits über rein „Germanische Spiele“ nachdenkt, kämpft Theodor Lewald noch für seinen Traum. Schreibt Telegramme, wirbt bei seinen ausländischen Kollegen. Doch retten wird Olympia 1936 in Deutschland ein Amerikaner: Avery Brundage, einer der mächtigsten Sportfunktionäre der USA. Der 47-jährige Millionär aus Chicago hat 1912 als Fünf- und Zehnkämpfer an den Sommerspielen teilgenommen. Er glaubt, Politik und Sport seien zwei getrennte Sphären, die man nicht vermischen dürfe. Er bedrängt seine Kollegen in den USA, druckt Pamphlete.

Unterstützung erhält er unter anderem von schwarzen US-Journalisten, die die NS-Rassenideologen mit Siegen in deren eigener Hauptstadt widerlegen wollen. Und von den Sportlern, die sich nicht um den möglichen Höhepunkt ihrer Karriere bringen lassen wollen. Im September 1935 schließlich nominiert Reichssportführer Tschammer und Osten unter Druck der USA zwei jüdische Sportlerinnen für die deutschen Trainingsgruppen: die Hochspringerin Gretel Bergmann, die bereits nach London emigriert ist, die britische Meisterschaft in ihrer Disziplin gewonnen hat und bei den Olympischen Spielen für ihre neue Heimat antreten will (die Nationalsozialisten zwingen sie zur Rückkehr, indem sie ihre Familie in Schwaben bedrohen). Und die Olympionikin Helene Mayer, die 1933 wegen ihres jüdischen Vaters von ihrem Offenbacher Fechtverein ausgeschlossen wurde; sie arbeitet in den USA, sagt aber Ende Oktober freiwillig zu, für Deutschland anzutreten.

Später berufen die Nationalsozialisten noch den „halbjüdischen“ Eishockeyspieler Rudi Ball in die deutsche Mannschaft, allerdings aus sportlichen, nicht aus politischen Gründen. Er hatte entscheidend dazu beigetragen, dass die Deutschen bei den Winterspielen in Lake Placid vier Jahre zuvor die Bronzemedaille gewonnen hatten. Doch schon die Zusage Helene Mayers hat Brundage gereicht, um die Abstimmung über einen Boykott zu gewinnen. Der Weg für die amerikanischen Athleten nach Deutschland ist frei.

**SCHON ZWEI MONATE** später beginnen die IV. Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen (der jeweilige Ausrichter der Sommerspiele darf auch die Wettbewerbe im Winter veranstalten). Das Reichsinnenministerium lässt die überall im Ort hängenden Schilder „Juden kein Zutritt“ entfernen, auch die Kästen des Hetzblatts „Der Stürmer“ bleiben jetzt leer. Einem Journalisten fallen die vielen Uniformierten auf – Mitglieder des „Reichsarbeitsdienstes“, aber auch Tausende SA- und SS-Männer, die Hitler geleiten. Daraufhin werden alle angehalten, zu den Sommerspielen Zivil zu tragen, um die ausländischen Besucher nicht zu erschrecken.

Die Winterspiele werden zu einem erfolgreichen Probelauf für Berlin, mehr als 4000 ausländische Besucher verfolgen die Wettkämpfe, die amerikanischen Zeitungen berichten von der deutschen Gastfreundlichkeit, dem Organisationstalent der Veranstalter, und entgegen der Befürchtung der Kritiker kommt es zu keinen Ausschreitungen gegen jüdische Athleten. Derweil betreibt das Propagandaministerium mit großem Aufwand Werbung für die Sommerspiele: Der „Olympia-Zug“, eine Wanderausstellung auf Lastwagen, fährt durch Deutschland, um die Bevölkerung auf die kommenden Wettkämpfe einzuschwören. Im Ausland wirbt die Reichsbahn um Touristen und preist Berlin als Urlaubsziel des Jahres an.

Die Nationalsozialisten bereiten sich darauf vor, bald im Zentrum des Weltinteresses zu stehen. Joseph Goebbels verhängt der deutschen Presse für die Zeit der Spiele einen Maulkorb: kein Auftrumpfen bei deutschen Siegen, keine rassistischen Beleidigungen. Selbst die Ermordung des Leiters der Schweizer NSDAP-Landesgruppe Wilhelm Gustloff durch einen jüdischen Attentäter dürfen die Zeitungen nur am Rande erwähnen. Gastwirte erhalten die Anweisung, jüdisch aussehende Gäste zu behandeln wie alle anderen Kunden. Die Spiele von Berlin werden das bis dahin größte internationale Medienereignis sein. Radiogesellschaften aus 41 Ländern berichten von den Wettkämpfen, 300 Millionen Menschen weltweit hören zu. Mehr als 1800 Zeitungsjournalisten und 125 Fotografen kommen zu den Spielen, so viele wie nie zuvor.

Sie sind die Vertreter der Weltmeinung – also jene Menschen, die die Nationalsozialisten vor allem überzeugen wollen. Deshalb lässt Goebbels für die Reporter im Stadion ein Pressezentrum mit modernster Ausstattung bauen: 50 Fernsprecher, 80 Kabinen mit Schreibmaschinen, ausreichend Sekretärinnen und Dolmetscher. Doch Olympia soll auch nach innen wirken: Millionenfach werden nach dem Ende der Spiele Sammelalben für Zigarettenbildchen verteilt, täglich wird die „Olympia-Zeitung“ mit Berichten von den Wettbewerben erscheinen.

Für die männlichen Sportler bauen die Nationalsozialisten ein olympisches Dorf, größer als alle bisher da gewesenen, mit einer Sauna, einer eigenen Schwimmhalle, einem großen See, auf dem rechtzeitig vor der Eröffnung Enten aus dem Berliner Zoo ausgesetzt werden, damit alles natürlich wirkt. Nichts soll die Idylle stören.

Die Gastgeber stellen ein Kulturprogramm zusammen, damit sich die Mannschaften besser kennenlernen können. Gleichzeitig wählen sie zweisprachige Studenten aus, die die Gäste betreuen sollen – und der Gestapo regelmäßig Bericht erstatten. Auch die Post der Sportler und Funktionäre will man lesen und zensieren. Im olympischen Dorf richtet die Kriminalpolizei eine als Informationskiosk getarnte Station ein, besetzt nur mit Frauen. Am 16. Juli verhaften Polizisten alle Berliner Roma und Sinti und bringen sie in ein Zwangslager am Stadtrand.

**EINEN TAG ZUVOR** hat die „Manhattan“ in New York abgelegt, um die amerikanischen Athleten zu den Sommerspielen in Deutschland zu bringen. Sobald die Nationalsozialisten die Mannschaft der USA sicher auf dem Atlantik wissen, erhält Gretel Bergmann einen Brief: Ihre Leistung reiche nicht aus, um an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Als Ausgleich biete man ihr Freikarten für die Leichtathletikwettbewerbe (Stehplatz). Die Hochspringerin lässt das Schreiben unbeantwortet.

Zur gleichen Zeit beginnt fast 3000 Kilometer entfernt das wohl größte Propaganda-Ereignis dieser Spiele: Im griechischen Olympia entzünden Frauen erstmals ein Feuer, das rund 3000 Läufer in den kommenden Wochen bis nach Berlin bringen sollen.

Carl Diem, der Generalsekretär des Organisationskomitees, hat sich den Fackellauf durch sieben Länder ausgedacht, um die Spiele noch weihevoller zu gestalten. Die Nationalsozialisten übernehmen die Idee begeistert – sie passt hervorragend zu ihrer Lehre vom Deut schen Volk als den wahren Erben des antiken Griechenland. Immer wieder haben nationalsozialistische Ideologen vor allem Sparta für ihre Propaganda benutzt. Der Fackellauf soll nun den Brückenschlag zwischen dem neuen Deutschland und der Antike verbildlichen.

Ein Assistent von Propagandaminister Goebbels muss die Strecke abfahren, um nichts dem Zufall zu überlassen. Der Waffenproduzent Krupp stiftet die Fackeln aus Magnesium, beim Entzünden des Feuers erklingt das „Horst-Wessel-Lied“, die Hymne der NSDAP, und als die Flamme Deutschland erreicht, dürfen sie nur noch Läufer mit „arischer“ Erscheinung tragen: groß, schlank, blond, blauäugig.

Kameramänner begleiten den Fackellauf. Sie filmen für Hitlers Lieblingsregisseurin Leni Riefenstahl. Die lässt (beauftragt vom Propagandaministerium) Szenen drehen, die an ihren Film über den Reichsparteitag in Nürnberg 1934 anknüpfen: herrliche Leiber in Bewegung. Weil ihr die Ereignisse nicht heroisch genug wirken, lässt sie den Beginn des Laufs nachstellen, mit einem neuen, fast nackten Fackelträger.

Am 1. August trifft das olympische Feuer in Berlin ein. 25000 Hitlerjungen, 40000 SA-Männer und Hunderttausende jubelnde Schaulustige erwarten den Läufer vor dem Schloss. Die „HitlerJugend“ ist von diesem Tag an die einzige Organisation in Deutschland, in der Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren Sport treiben dürfen. Sie müssen sich fortan politisch indoktrinieren lassen, wenn sie trainieren und an Turnieren teilnehmen wollen. Und ihr Anführer Baldur von Schirach ruft: „Wir, die Jugend Deutschlands, die Jugend Hitlers, begrüßen dich, Jugend der Welt.“

> EIN SCHWARZER WIRD ZUM STAR DER SPIELE

Die Hauptstadt ist voller Flaggen. Das Hakenkreuz, auf Säulen, auf Wimpeln, auf Bannern so hoch wie die Häuser, von deren Dächern sie hängen, aber auch bunte Girlanden mit den 49 Flaggen der teilnehmenden Länder. Aus manchen Wohnungen weht die weiße Fahne mit den olympischen Ringen, vor allem aus jenen, in denen Juden wohnen – ihnen ist es verboten, die deutsche Flagge mit dem Hakenkreuz zu hissen.

Schließlich wird die letzte Fackel auf den flaggengeschmückten Boulevards zwischen Schloss und Reichssportfeld zum Stadion getragen. Viele der Zuschauer am Straßenrand grüßen das Feuer mit „Hitlergruß“. Entlang der Strecke hat Goebbels Lautsprecher aufstellen lassen, über die ein Reporter vom letzten Teilstück berichtet.

Während im Stadion die Eröffnungszeremonie beginnt, die Athleten einziehen, während Tauben (die der Wehrmacht gehören) als Symbol des Friedens aufsteigen, während die olympische Hymne erklingt, legt ein 29-jähriger blonder Fackelläufer die letzten Meter zurück, läuft die große Freitreppe hinunter, an den Mannschaften vorbei und entzündet ein Kohlenbecken. Die Spiele haben begonnen. Den Nationalsozialisten bleiben 15 Tage, um die Welt für sich einzunehmen.

**DOCH SCHON** gleich zu Anfang unterläuft ihnen ein Fehler. Hitler lädt die Medaillengewinner einzeln in seine Führerloge und gratuliert ihnen persönlich. Vor der Siegerehrung für den letzten Wettbewerb des Tages aber, dem Hochsprung der Männer, verlässt er das Stadion – alle drei Medaillen sind an die USA gegangen, die ersten beiden Plätze haben Afroamerikaner belegt.

Ein Sprecher beeilt sich, den Vorfall als unglückliches Terminproblem darzustellen. Doch ob nun Absicht oder Zufall – IOK-Präsident de Baillet-Latour ist außer sich: Bereits am ersten Tag droht die Politik den Sport zu überschatten. Hitler fügt sich dem Sportfunktionär und empfängt fortan nur noch die deutschen Sieger – und nur in einem Hinterzimmer.

So kommt es, dass Deutschlands Diktator kein Wort mit dem Star der Spiele wechselt, mit Jesse Owens. Der 22-jährige Afroamerikaner wird schnell zum Liebling des Publikums. Mühelos gewinnt er die Sprintwettbewerbe über 100 und 200 Meter, siegt mit der 4 x 100- Meter-Staffel wie im Weitsprung und wird daher vier Goldmedaillen mit nach Hause nehmen, mehr als jeder andere Athlet bei diesen Sommerspielen.

Als HJ-Führer Baldur von Schirach dem Reichskanzler nach Owens’ erster Goldmedaille vorschlägt, er solle sich mit dem Sprinter fotografieren lassen, herrscht Hitler ihn an: „Die Amerikaner sollten sich schämen, dass sie sich ihre Medaillen von Negern gewinnen lassen. Ich persönlich würde diesem Neger nie die Hand geben.“

Doch wird ausgerechnet Jesse Owens Teil eines Geschehens, das der Weltöffentlichkeit zeigt, dass die Nationalsozialisten bei aller Perfektion doch nicht alles kontrollieren können; dass es ihnen nicht gelingt, den olympischen Gedanken ihren Interessen vollständig unterzuordnen: Beim Weitsprung am dritten Wettkampftag trifft der Amerikaner auf den Leipziger Studenten Luz Long – in seinem weißen Hemd mit dem Adler und dem Hakenkreuz das Bild eines nordischen Herrenmenschen, blond, groß gewachsen, durchtrainiert.

Die beiden kämpfen im Finale um die Goldmedaille. Owens überspringt die Acht-Meter-Marke, er stellt einen Weltrekord auf, der erst 24 Jahre später gebrochen wird. Daraufhin läuft Long zu ihm, dreht sich Richtung Führerloge und reißt Owens’ Arm in die Höhe. Bis zur Siegerehrung wandern die beiden Hand in Hand die Aschenbahn entlang – eine Geste, für die sie außerhalb des Stadions verhaftet werden könnten. Nur Long wird später vor den Reichskanzler geführt. Dieser ist von der Leistung des jungen Deutschen so begeistert, dass er kein Wort verliert über dessen Verbrüderung mit Owens.

Hitlers Einstellung zum Sport scheint sich gewandelt zu haben. Jeden Wettkampf, an dem deutsche Sportler teilnehmen, verfolgt er in den Stadien oder an der Ruderstrecke in Grünau – offenbar ebenso begeistert vor allem von deutschen Siegen wie der Rest der Hauptstadt.

Ganz Berlin scheint in diesen zwei Wochen ein Teil des Stadions zu sein, zu Tausenden strömen die Menschen zu den Wettkampfstätten, nicht wenige vom nationalsozialistischen Freizeitwerk „Kraft durch Freude“ nach Berlin gebracht. Sie drängen sich auf den Straßen, in den Cafés, verfolgen über die in den Bäumen aufgehängten Lautsprecher die Wettkämpfe oder versuchen in öffentlichen Filmstuben auf den ersten TV-Geräten überhaupt die verschwommenen Bilder zu erkennen, die zwei riesige Kameras im Stadion einfangen. Alle Begeisterung scheint der Vorgabe von Goebbels zu folgen. „Wir müssen charmanter als die Pariser sein“, schreibt ein von ihm gegründetes Propagandablatt, „leichtlebiger als die Wiener, lebhafter als die Römer.“

Nicht alle Euphorie ist verordnet. Die Deutschen haben neue Helden wie den Vielseitigkeitsreiter Oberleutnant Freiherr von Wangenheim, der trotz gebrochenen Schlüsselbeins mit der Mannschaft Gold geholt hat, oder den Turner Karl Schwarzmann, der vier Medaillen gewann. Das Land führt den Medaillenspiegel an. Ein neues Selbstbewusstsein durchströmt die Deutschen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg lange Zeit gedemütigt gefühlt hatten.

**VIELE AUSLÄNDISCHE** Redaktionen haben neben Sportreportern auch politische Korrespondenten nach Berlin geschickt. Und die spüren die Anstrengung hinter der Fröhlichkeit. Zwar sind viele von ihnen von der Stimmung in der Stadt und dem Organisationstalent der Deutschen begeistert. Doch sie fühlen auch das, was der US-Schriftsteller Thomas Wolfe später in dem Roman „Es führt kein Weg zurück“ so beschreibt:

„Man spürte die horrende Konzentration der Kräfte, das ungeheure Straffe und Geordnete in den von überall her zusammengezogenen Kräften des ganzen Landes. Das Unheilverkündende lag darin, dass diese Machtdemonstration offensichtlich über die Erfordernisse des sportlichen Ereignisses hinausging. Die Spiele wurden dadurch in den Schatten gestellt und wirkten nicht mehr als sportliche Wettkämpfe, zu denen die ausgewählten Mannschaften anderer Nationen entsandt waren; sie wurden von Tag zu Tag mehr zu einer überwäl tigenden Demonstration, für die man ganz Deutschland geschult und diszipliniert hatte. Die Spiele schienen nur ein Symbol der neu gewonnenen Macht zu sein, ein Mittel, um der ganzen Welt vor Augen zu führen, wie weit diese neue Macht es gebracht hatte.“

Nur wenige Zeitungen lassen sich im Verlauf der Sommerspiele milder stimmen, etwa die „New York Times“: „Wie sehr man die Exzesse des Hitler-Regimes bedauern oder verabscheuen mag, die Spiele haben die erstaunliche neue Energie und Entschlossenheit des deutschen Volkes gezeigt.“ Doch die meisten Beobachter reisen nach dem Ende der Spiele am 16. August mit jenem Bild von Deutschland ab, mit dem sie nach Berlin gekommen sind.

Die wenigen, die schon vorher uneingeschränkt begeistert waren, sehen sich bestätigt. Avery Brundage ist darunter, für den die Sommerspiele 1936 schlicht „die besten aller Zeiten“ waren. Die Kritiker der neuen Machthaber aber sehen vor allem den Propaganda-Aufwand, der in seiner Perfektion eher bedrohlich als beruhigend wirkt. Sie halten den Mann, der dem internationalen Wettkampf 16 Tage lang zugeschaut hat, weiterhin für eine Bedrohung des Weltfriedens. Und sie glauben nicht daran, dass die neue nachsichtige Politik gegenüber den Juden von Dauer sein wird. Und so misslingt den Nationalsozialisten ihr eigentliches Ziel, in das sie 90 Millionen Reichsmark und viel Energie gesteckt haben: das Bild Deutschlands in der Welt zu verbessern.

**DIE KRITIKER** des NS-Regimes sind zu Recht skeptisch: So wird später bekannt, dass Adolf Hitler am zweiten Wettkampftag den Geheimbefehl gegeben hat, den Faschisten und Putschisten Francisco Franco im Spanischen Bürgerkrieg zu unterstützen. Und zwei Wochen nach der Abschlussfeier befiehlt der Reichskanzler seinen Ministern, Deutschland im Verlauf der nächsten vier Jahre kriegsbereit zu machen. Die olympischen Ringe über dem Eingang zum Stadion werden nun durch ein riesiges Hakenkreuz ersetzt, und in den Katakomben beginnt die Produktion von Funkgeräten für die Armee.

Wolfgang Fürstner, den Gründer und ehemaligen Leiter des olympischen Dorfes, schließen die Nationalsozialisten wegen „nichtarischer Abstammung“ aus der Wehrmacht aus, er bringt sich am Dorfsee um. In die Wohnhäuser der Athleten zieht das 1. Bataillon des Infanterielehrregiments, aus dem „Speisehaus der Nationen“ wird ein Lazarett. Der „Halbjude“ Theodor Lewald muss 1937 alle Ämter niederlegen. Helene Mayer hat für Deutschland Silber gewonnen und emigriert endgültig in die USA, ebenso die verhinderte Hochspringerin Gretel Bergmann.

Luz Long wird 1943 als Soldat bei der Invasion der Alliierten auf Sizilien verwundet und stirbt in einem britischen Lazarett. Noch lange nach den Spielen stand er in Kontakt mit Jesse Owens, jenem Mann, mit dem er nach der nationalsozialistischen Rassenideologie nie hätte Freundschaft schließen dürfen. In seinem letzten Brief an Owens schreibt er: „Wenn der Krieg vorbei ist, fahre bitte nach Deutschland und finde meinen Sohn. Sag ihm, dass die Dinge zwischen Menschen auf dieser Erde anders sein können.“

Carl Diem, der Erfinder des Fackellaufs, wird im März 1945 auf dem Reichssportfeld eine Durchhalterede vor Berliner Hitlerjungen halten, in der er ihre Volkssturm-Einheit mit jenen Spartanern vergleicht, die sich an den Thermopylen gegen die Perser geopfert haben. Viele der Insassen des „Zigeunerlagers“ Marzahn bleiben auch nach dem Ende der Sommerspiele interniert, andere Roma und Sinti aus dem ganzen Reich kommen hinzu. Die meisten werden 1943 nach Auschwitz deportiert.

Nach der Abreise der internationalen Presse geben die Nationalsozialisten ihre Zurückhaltung gegenüber den Juden wieder auf, so wie es sich manche Berliner SA-Männer heimlich schon während der Spiele ausgemalt hatten: „Wenn die Olympiade vorbei, schlagen wir die Juden zu Brei.“ 1938 zerstören sie in einem reichsweiten Pogrom jüdische Geschäfte und Gotteshäuser. Das IOK aber bittet die Deutschen im Sommer 1939, im folgenden Jahr noch einmal die Winterspiele auszurichten – Japan, dem die Spiele zugesprochen waren, hat abgesagt.

Noch nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen drei Monate später verleiht das Komitee Leni Riefenstahl ein olympisches Diplom für die beiden Filme über die Spiele, „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“. Sie kann es nicht entgegennehmen, da sie als Kriegsberichterstatterin an der Front weilt. Nur Hitlers Absage einige Monate später verhindert, dass die nationalsozialistische Diktatur innerhalb von vier Jahren zweimal zu Olympischen Spielen einladen darf – eine Ehre, die keiner Demokratie je zuteil geworden ist.

Vielleicht hätte das IOK auf hellsichtigere Beobachter hören sollen. Etwa auf Sir Robert Vansittart, einen Unterstaatssekretär im britischen Außenministerium, der nach seiner Rückkehr aus Berlin über die Deutschen notierte: „Sie werden etwas mit dieser aufgestauten Energie anfangen wollen. Sie befinden sich jetzt im strengen Training, nicht für die Olympischen Spiele, sondern um andere und gänzlich unsportliche Weltrekorde zu brechen – und die Welt vielleicht ebenso.“

##### Verlinkungen:

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##### Quellen:

**Internetquellen**

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**Sekundärliteratur**

-&gt; Gottschalk, Gesa: Olympische Spiele. Die missbrauchten Spiele, in: Deutschland unter dem Hakenkreuz Teil 1 1933-1936. Die ersten 1000 Tage der Diktatur (GEO Epoche, Jg. 2012, Heft Nr. 57), Hamburg 2012.

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