Niedergermanischer Limes
Inhaltsverzeichnis
1. Militärische Basis im Norden des Römischen Reiches. Der Niedergermanische Limes. (Aufsatz Limesreihe)
1. Militärische Basis im Norden des Römischen Reiches. Der Niedergermanische Limes..
Die UNESCO-Welterbestätten „Grenzen des Römischen Reiches“ haben ein neues „Familienmitglied“:
Der Nieder germanische Limes wurde am 27. Juni 2021 auf Antrag der Niederlande in die Welterbeliste
aufgenommen. Dank einer intensiven niederländisch-deutschen Zusammenarbeit konnte der außer-
gewöhnliche universelle Wert von Roms ältester Flussgrenze erfolgreich begründet werden.VON STEVE BÖDECKER, MARINUS POLAK UND JENNIFER SCHAMPER
VON DER ANTIKEN GRENZE ZUM GEMEINSAMEN WELTERBE
Der Rhein war Roms erste lineare Außengrenze. Doch was heute unter dem Begriff „Grenze“ ver- standen wird, unterscheidet sich in Vielem vom antikenVerständnis, das zudem einer langen Ent- wicklung unterworfen war. Die 450-jährige Ge- schichte des Niedergermanischen Limes (NGL) spiegelt dabei wie kaum ein anderer Grenzab- schnitt des Imperium Romanum diesen komple- xen Prozess wider – vom ersten Garnisonsraum für die Legionen des Augustus über einGrenzsystem aus Kastellen und Wachttürmen noch im 1. Jahr- hundert bis zum Festungsbollwerk unter den spät- antiken Kaisern. All dies spielte sich entlang des Rheinufers ab, auf dem Gebiet der Provinz Germa- nia inferior, Niedergermanien. Heute misst der Rhein vom Vinxtbach bei Bad Breisig bis zur Nord- seeküste beiKatwijk (NL) ziemlich genau 400 mo- derne Flusskilometer. Die Flusslandschaft hat schon römischen Ingenieuren viele Innovationen abverlangt und sorgtgleichzeitig bis heute für her- ausragende organische Erhaltungsbedingungen. Die Besonderheiten dieser Flussgrenze tragen da- bei entscheidend zur Begründung des außerge- wöhnlichen universellen Wertes der UNESCO- Welterbestätte bei.
Als Niedergermanischen Limes bezeichnet man heute die archäologischen Denkmäler der mili- tärischen Anlagen in diesem Grenzabschnitt. Das Bewusstsein um dieses gemeinsame archäologi- sche Erbe war Anspruch für die Provinzen Zuid- Holland, Utrecht und Gelderland sowie die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, den Weg des Antragsverfahrens gemeinsam zu ge- hen. Somit wirkt die antike Verwaltungseinheit heute verbindend übermoderne Grenzen hinweg. Mit 32 niederländischen und deutschen Kommu- nen ist ein Großteil der Anrainer am heutigen Rheinufer eingebunden. Gemeinsam wählten sie insgesamt 44 archäologische Plätze aus, die nun den Welterbestatus innehaben.
ROMS ERSTE LINEARE GRENZE
Caesars Sieg über die Menapier 53 v. Chr. bedeutete einen Meilenstein für die römische Okkupation am nördlichen Rhein. Die Menapier lebten ursprüng- lich beiderseitsdes Niederrheins, waren aber von ihren östlichen Nachbarn nach Westen verdrängt und dort von Caesar geschlagen worden. Damit war Roms Machtanspruch auch amUnterlauf gel- tend gemacht, jedoch gleichzeitig ein erhebliches Machtvakuum geschaffen worden. Augustus nutz- te die Neuordnung der Rheinzone dann für ein gänzlichneues Konzept römischer Außengrenzen. Der Rhein wird für die jetzt zur Berufsarmee refor- mierten Legionen als dauerhafter Garnisonsraum auserkoren. Dies hatte gleich mehrere Vorteile, sowohl außen- als auch innenpolitisch. Bis dato hat- te Rom an seinen Außengrenzen immer nur auf Adhoc-Basis agiert, nun sollten die Truppen aber einen festen Bestandteil der Grenzsicherung bilden, um die Grenzen zu verteidigen oder vorzuschie- ben. Gleichzeitig gelang es damit,die Truppen als Machtfaktor abseits des innenpolitischen Gesche- hens zu halten. Ein Dienstvertrag mit zwanzig-jähriger Laufzeit, staatlich geregelte Besoldung so- wie der allein auf den Princeps geleistete Eid der Soldaten waren wichtige Lehren aus den Bürger- kriegen der Römischen Republik. Das älteste Standlager der Kaiserzeit, 19 v. Chr. auf dem Huner- berg bei Nijmegen errichtet, markiert den Beginn dieser epochalen Entwicklung. Doch Stillstand kannte auch die augusteische Staatsdoktrin vom „Reich ohne Grenze“ (Vergil, Aeneis 1,278–279) nicht. Der Rhein wurde ab 12 v. Chr. Sprungbrett und Versorgungsachse für die Operationen bis zur Elbe. Mit deren Ende9 n. Chr. fiel dem Rhein wie- der die alte Aufgabe als Garnisonsraum zu, die er bis zum 5. Jahrhundert erfüllen sollte. Auf dem Fürstenberg bei Xanten entstand kurz nachder Va- rusniederlage ein vollständig ausgebautes Zwei- legionenlager mit umfangreichen Außenanlagen. Sie sind Anzeichen für einen weiteren Entwicklungsschub: Die Standorte wurden nun zu Siedlungszen- tren, eingebunden in ein reichsweites Netzwerk von Handel und Verkehr. Der Reform der Legionen unterAugustus folgte unter Claudius die feste Ein- gliederung der auch zahlenmäßig aufgestockten Hilfstruppen in die Provinzheere. Das Kohorten- kastell Valkenburg steht stellvertretend für das neue Bild einer dichten Kastellkette, die ihre An- fänge im Rheindelta sogar bereits unter Caligula hatte. Dieser setzte im Jahr 39 n.Chr. von hier aus zur Besetzung Britanniens an, die seinem Nachfol- ger Claudius 43 n. Chr. schließlich gelang. Die sen- sationelle Entdeckung eines großen Standlagers aus dieser Zeit bei Valkenburg unterstreicht die Be- deutung des Rheindeltas als Bindeglied zwischen Rom und Britannien. Die Idee einer raumgreifen- den Überwachung durch kleinere Auxiliarkastelle findet sich dann in Wales wieder. Dendrochronolo- gische Daten belegen auch die frühe Einbindung vonWachttürmen in die Kastellkette im Rheindel- ta, etwa aus Utrecht-Zandveld. Bis in die 60er Jahre des 1. Jahrhunderts war das Bild eines dicht gestaf- feltenGrenzsystems komplett und diente als Blau- pause auch für die Landgrenzen des 2. Jahrhunderts.
DYNAMIK EINER FLUSSLANDSCHAFT
Der Rhein galt als natürlicher „Schutzgraben gegen die Germanen“, zumindest literarisch, so etwa bei Cicero (In Pisonem 33). Doch bildete der Fluss für Heere keinesfalls eine unüberwindliche Barriere, allenfalls ein Annährungshindernis. Dennoch, die „gewalttätige Strömung“ (Tacitus, Annalen 2,6) war – und ist – real und verlangte von den Militär- ingenieuren innovative Lösungen. Das Flussufer des Rheins eignete sich zwar grundsätzlich zum Anlanden von Schiffen, doch erst Kaianlagen ermöglichten das sichere Be- und Entladen von Schwerlasten wieBausteinen und Ziegeln, dringend benötigten Baustoffen am steinarmen Nieder- rhein. Zudem hatte der Rhein zwei Gesichter: Seine starke Strömung konnte sich in trockenen Som- mern in gefährliches Niedrigwasser wandeln. Mit- ten im Bataveraufstand entbrannte so im Sommer 69 n. Chr.zwischen römischen und germanischen Truppen ein dramatisches Tauziehen um einen auf Grund gelaufenen Getreidetransporter (Tacitus, Historien IV,27). Hydrologische Studien der Univer- sität Bonn lieferten dazu jüngst konkrete Daten: Der antike Wasserstand war im Mittel etwa 2 m niedriger als heute. Dies macht verständlich, wa- rum die mächtigen Kaianlagen der Colonia Ulpia Traiana/Xanten ausgerechnet an der erosions- stärksten Position eines Prallhanges lagen – hier war nämlich ein hoher Wasserstand garantiert. Bei Forum Hadriani / Voorburg trafen die Wasser zweier Rheinarme aufeinander, und auch hier ent- stand einer derwichtigsten Hafenplätze, und zwar mit gleich doppelter Funktion: Er verknüpfte die Rheinschiene mit einem der aufwendigsten Was- serbauprojekte des Römischen Reiches, dem Cor- bulo-Kanal. Dieser ca. 34 km lange Schiffskanal verband Rhein und Maas. Noch heute sind davon weite Strecken als Bodendenkmal erhalten. Tacitus berichtet von einem Baubeginn 47 n. Chr.; Bauhöl- zer des erst 1989 archäologisch nachgewiesenen Mammutbauprojektes belegen eine Dauer der Bau- maßnahmen zumindest bis ins Jahr 50 n. Chr.
BANDBREITE UND LANGLEBIGKEIT DER MILITÄRANLANGEN
Neben den besonderen Eigenarten einer Flussgren- ze gehört ein weiterer Aspekt zum außergewöhnli- chen universellen Wert des Niedergermanischen Li- mes: diegroße Bandbreite an militärischen Einrich- tungen, über die in dieser Zeitschrift schon mehrfach berichtet wurde. Neben Wachttürmen, Kleinkastel- len und Hilfstruppenlagern, den typischen Bestand- teilen römischer Grenzräume, sind am NGL auch die Legionslager und ein Flottenlager direkt in die vor- dere Grenzzoneeingebunden. Zwischen Bonn und Nijmegen bestimmten diese Lager sogar das Bild der vorderen Grenzlinie, während die Hilfstruppen- infanterie bis auf wenigeAusnahmen wie Remagen im nördlichen Abschnitt stationiert war. Eng mit den Standlagern verbunden ist eine Viel- zahl weiterer Einrichtungen, wie etwa Marschla- ger im Raum Bonn und Xanten, die wohl vor allem mit derTruppenausbildung in Verbindung stehen. Die Legionsziegelei von Holdeurn und die Kalk- brennerei der 30. Legion in Iversheim stehen für die Bedeutung derLegionen als Bautruppe, auch für den zivilen öffentlichen Sektor. Schließlich vereinigten sich in den Händen des niedergerma- nischen Statthalters die höchstenzivilen und mili- tärischen Befugnisse eines legatus Augusti pro praetore. Nur einem solchen „Gesandten des Kai- sers im Range eines Prätors“ war die Befehlsge- walt über mehrere Legionen und deren Komman- deure gegeben. Sein Dienstsitz, das Praetorium von Köln, zählt dabei zu den am besten erhaltenen des RömischenReiches. Als oberste Schaltzentra- le und Schnittstelle von Militär- und Zivilverwal- tung bildet es einen elementaren Baustein zum Verständnis römischer Grenzorganisation (siehe den Beitrag S. 30). Damit ist am Niedergermani- schen Limes vom Wachtturm bis zum Statthalter- palast die gesamte Bandbreiterömischer Militäreinrichtungen abgebildet. Dieses Schwerpunkt- heft des Nachrichtenblattes zum NGL widmet sich der Spitze derMilitärhierarchie an den römischen Grenzen, den Legionslagern und der Rolle Kölns als Statthaltersitz.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Der Limes. Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (15. Jahrgang, Heft 2), Stuttgart 2021.
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