Querschnittsthemen
Hier findest Du allgemeine Themen zu den Römern, die zeitübergreifend sind.
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Wirtschaft
Handel und kultureller Austausch
Inhaltsverzeichnis
1. Römer, Germanen und ein goldener Pferdekopf (Artikel)
1. Römer, Germanen und ein goldener Pferdekopf
Archäologische Funde in Hessen lassen auf ein überraschend diplomatisches Verhältnis der alten Römer mit den Germanen schließen.
Nach fast einem Jahrzehnt juristischer Streitigkeiten wurde der Öffentlichkeit nun endlich ein Teil einer wertvollen altrömischen Skulptur präsentiert, die in Deutschland gefunden wurde. Bei dem zwölf Kilogramm schweren Fragment handelt es sich um einen lebensgroßen Pferdekopf aus dem Jahr 1 n. Chr. Er besteht aus vergoldeter Bronze und ist mehr als nur ein spektakuläres Beispiel für römische Kunst.
Der Pferdekopf wurde im Rahmen von Ausgrabungen einer römischen Siedlung in Waldgirmes, einem Ortsteil von Lahnau in der Nähe von Frankfurt, entdeckt und gewährt völlig neue Einblicke in die römischen Eroberungstaktiken, die auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands zum Einsatz kamen.
Jahrhundertelang waren sich Geschichtswissenschaftler einig gewesen, dass die Römer die germanischen Stämme mit militärischer Gewalt unterwerfen wollten, um eine neue Provinz nördlich und östlich des Rheins zu etablieren. Nach einer katastrophalen Schlacht im Jahre 9 n. Chr., bei der die römische Armee 15.000 Soldaten verlor, wurde die Eroberung Deutschlands aufgegeben. Der vernichtende Verlust – die Varusschlacht im Teutoburger Wald – brachte die Römer dazu, ein Netzwerk aus Befestigungsanlagen zu errichten, welches fast 300 Jahre lang die nördliche Grenze des Römischen Reichs darstellte.
Aber der Pferdekopf und andere Funde aus Waldgirmes, die von der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts zwischen 1994 und 2009 ausgegraben wurden, zeugen davon, dass Rom auf mehr als nur militärische Macht gesetzt hatte.
Die etwa acht Hektar große Siedlung hatte zwar eine Verteidigungsmauer, verfügte jedoch nicht über militärische Gebäude. Ihre Existenz zeigt, dass die Römer jahrelang friedlich neben den „Barbaren“ lebten und mit ihnen handelten, bis es zur Varusschlacht kam, wie die Forschungsleiterin Gabriele Rasbach vom Deutschen Archäologischen Institut erzählt.
Die meisten Gebäude der Siedlung bestanden aus Holz, und aufgrund der Baumringdatierung glauben die Archäologen, dass sie etwa im Jahr 4 v. Chr. gegründet wurde. Hinter der drei Meter hohen Mauer aus Holz befanden sich Wohngebäude im römischen Stil, Töpfereien, Holzwerkstätten und sogar Spuren sanitärer Anlagen mit Bleirohren.
Ein mehrstöckiges Verwaltungsgebäude bildete das Zentrum der Siedlung. In einer Art Hof oder Forum entdeckten die Archäologen die Sockel von vier lebensgroßen Reiterstatuen auf ihren Pferden. Der vergoldete Pferdekopf gehörte zu einer dieser Statuen, die vermutlich einen römischen Kaiser zeigte.
Sowohl für Archäologen als auch für Geschichtswissenschaftler waren die Entdeckungen von Waldgirmes völlig unerwartet.
„Es war wirklich eine Überraschung, zu sehen, dass es dort Zivilgebäude gab“, erzählt Sebastian Sommer, ein Archäologe des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege in München, der an den Ausgrabungen nicht beteiligt war. „Waldgirmes zeigt einen ausschließlich zivilen Ansatz – und womöglich eine falsche Vorstellung der Römer darüber, wie einfach es sein würde, [die Germanen] zu besänftigen.“
GOLDENES OPFER?
Mit seinen schimmernden Statuen und seinen Bleileitungen scheint Waldgirmes Teil eines Versuchs gewesen zu sein, die germanischen Stämme für sich zu gewinnen, anstatt sie im Kampf zu vernichten.
„Die Siedlung zeigt, dass dort ein großes Verwaltungszentrum entstehen sollte, vielleicht sogar eine Hauptstadt“, sagt Carsten Amrhein, ein Archäologe und Leiter des Saalburgmuseums bei Frankfurt. „Die Pläne der Römer für eine neue Provinz waren deutlich fortgeschrittener, als wir dachten.“
Ein paar Jahre nach der Varusschlacht kam das Leben in der alten Stadt jedoch zum Erliegen. Allerdings finden sich dort keine Anzeichen für einen Kampf oder ein Gemetzel, so Rasbach. Womöglich wurde die Siedlung im Jahre 16 n. Chr. stattdessen friedlich evakuiert, als die römischen Streitkräfte den Befehl erhielten, die Gebiete nördlich und östlich des Rheins aufzugeben.
Nachdem die Siedlung aufgegeben wurde, wurden die Statuen vermutlich absichtlich von germanischen Stämmen zerstört und aufgrund ihres Metallwerts neu verwertet, so Rasbach. Bronzene Bruchstücke – insgesamt 160, hauptsächlich kleine Splitter – wurden über die ganze Stadt verteilt gefunden.
Der Pferdekopf bildet die große Ausnahme. Nicht weit von den Sockeln entfernt, entdeckten die Archäologen einen etwa neun Meter tiefen Brunnen aus der Römerzeit. Der Pferdekopf befand sich am Boden des Brunnens – unter acht schweren Mühlsteinen, Holzeimern, Werkzeuggriffen, Ochsenjochen und anderem Müll.
Rasbach zufolge war der Kopf nicht versehentlich in den Brunnen gefallen. Metall war ein Luxusgut, das zu wertvoll war, um es zu verschwenden. Stattdessen war der Pferdekopf womöglich im Rahmen eines Rituals in den Brunnen geworfen worden: Die Stämme im nördlichen Europa opferten oft Pferde und warfen ihre Leichname dann in Moore oder Flüsse. Womöglich war der bronzene Kopf Teil einer ähnlichen Zeremonie gewesen, bei der die Mühlsteine und andere Gegenstände hinterhergeworfen wurden, um die Opfergabe einzuschließen.
Obwohl der Fund schon 2009 gemacht wurde, blieb der Kopf fast ein Jahrzehnt lang in einem Lager, während ein Landwirt, auf dessen Land der Fund gemacht wurde, sich durch die deutschen Gerichte klagte. Das Landgericht Limburg sprach dem Landwirt schließlich 773.000 Euro als Entschädigung zu. Mittlerweile ist das Artefakt in der Dauerausstellung im Römerkastell Saalburg zu sehen.
Falls Waldgirmes tatsächlich Teil eines römischen Plans war, die Germanen durch Handel und Kultur für sich zu gewinnen, war es womöglich auch nicht der einzige Außenposten, der in der Wildnis erbaut wurde.
„Es muss noch mehr davon geben“, sagt Rasbach. „Meist wurden aber moderne Siedlungen über den alten römischen Stätten errichtet. Bei Waldgirmes hatten wir viel Glück.“
https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2018/08/roemer-germanen-und-ein-goldener-pferdekopf
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Curry, Andrew: Römer, Germanen und ein goldener Pferdekopf, in: National Geographic online, online verfügbar seit 20.08.2018 unter: https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2018/08/roemer-germanen-und-ein-goldener-pferdekopf, zuletzt geprüft am 09.04.2025.
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Sekundärliteratur
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Handwerk
Inhaltsverzeichnis
- ,,Unsere Spezialität: tegulae und lateres''. Von römischen Ziegeleien und Ziegelbrennöfen
- Was Sie schon immer über Terra Sigillata wissen wollten
- Keramik. Vielfalt in Form, Farbe und Funktion
1. ,,Unsere Spezialität: tegulae und lateres''. Von römischen Ziegeleien und Ziegelbrennöfen
Römische Ziegeleien — oftmals vom Militär betrieben — sind häufig nachgewiesen an militärischen Standorten in den Nordwestprovinzen. Ein Brennofen im Experiment und eine darauf aufbauendeStudie an der Universität zu Köln klären Fragen zur Kapazität eines römischen Ziegelbrennofens und zur Belegschaftsstärke der zugehörigen Ziegelei.
VON HEINZ SPERLING
RÖMISCHE ZIEGELBRENNÖFEN
Römische Ziegeleien sind eine nicht gerade selte- ne Befundgattung in den römischen Nordwest- provinzen. Meist vom Militär betrieben, lieferten sie neben Dachpfannen (tegulae und imbrices, die antiken Formen von Mönch und Nonne) und Zie- gelplatten (lateres) auch Rohre und weitere For-men für Hypokausten, Bodenbeläge und Wand- verkleidungen in Lager- und Zivilbauten. Die zu- gehörigen Brennöfen sind, neben vor Ort verbliebenen Ziegeln, die markantesten Befunde dieser Industrieanlagen. Gelegentlich nennen auf- gebrachte Stempel auch die Ziegelproduzenten. Fragen zur Kapazität solcher Öfen und die Anzahl der benötigten Mitarbeiter in einer Ziegelei beant- worten sie jedoch nicht. Es ist lediglich bekannt, dass die Öfen einen viereckigen Grundriss hatten und dass über einer Feuerkammer mit gewölbe- ähnlichem Aufbau die heizgasdurchlässige Loch- tenne lag. Darüber befand sich die eigentliche Brennkammer, in die die Rohziegel eingebracht wurden. Deren Volumen ist die wichtigste Größe, wenn es um die Kapazität einer Ziegelei geht: Was gebrannt werden kann, muss vorher geformt wor- den sein. Erhalten sind jedoch meist nur Teile der Feuerkammer und bestenfalls die Lochtenne. Komplette Brennkammern, bei denen man deren Höhe nachmessen könnte, sind nicht überliefert. Die spannende Frage nach der Menge der Ziegel, die in einem Brennvorgang oder in einem Jahr ge- fertigt werden konnte, musste also anders ange- gangen werden.
EIN BRENNOFEN IM EXPERIMENT
2009 wurde dazu auf dem Gelände des LWL-Indus- triemuseums der Ziegelei in Lage (bei Bielefeld) ein solcher Ziegelbrennofen als Experiment nach- gebautund betrieben. Seine Abmessungen und die Bauweise wurden einem Ofen aus der römi- schen Militärziegelei in Durnomagus / Dormagen nachempfunden. Dort wurden zwischen 1963 und 1977 sowie 1991 bei Ausgrabungen mehrere Öfen freigelegt. Außerdem lieferten lokale Funde die Abmessungen der mit diesen Öfen hergestellten Waren (tegulae, imbrices, lateres etc.).
Aus den Ergebnissen beim Brennen ergaben sich Orientierungspunkte für die ehemalige Höhe der nicht erhaltenen Brennkammer: Nur die Ziegel aus dem Brennkammerbereich bis ca. 2,2 m Höhe konnten nach dem Brennvorgang verwendet wer- den, die aus dem darüberliegenden Bereich dage- gen nicht. Damit liegt es nahe, für annäherungs- weise Berechnungen von 2 m Brennkammerhöhe auszugehen. Bei einer Lochtennenfläche von 3,2 m × 4,1 m, wie beim Dormagener Ofen, ergibt dies dann ein Brennkammervolumen von 26 m3. Für das beim Brennen hindurchströmende Rauch- gas ist außerdem ein Zwischenraum zwischen den Rohlingen freizuhalten; ein Abstand in Zie- gelstärke erschien dabei ausreichend. Der Ofen kann demnach 13 m3 geformte Ziegelrohlinge auf- nehmen;beispielsweise tegulae und imbrices für 326 m2 Dachfläche oder 351 m2 Bodenbelag mit la- teres im Format 35,8 cm × 35,8 cm × 3,7 cm, wie sie in Dormagen gefunden wurden. Soweit die Versu- che am Ofen.
EIN BETRIEBSMODELL
Im Rahmen der Dissertation des Verfassers an der Universität zu Köln wurde darauf aufbauend ein Betriebsmodell für die Dormagener Ziegelei ent- wickelt, das Angaben zu Betriebsabläufen, Kapa- zitäten, Personalbedarf etc. liefern kann.
Dazu wurde die Prozesskette mit den einzelnen Stufen der Ziegelproduktion vom Abbau und der Aufbereitung des Lehms über das Formen und Trocknen der Rohlinge bis zum Abtransport nach dem Brennen rekonstruiert. Dieser Ablauf hat sich beim sogenannten Handstrich von Ziegeln nicht zuletzt wegen seiner Einfachheit über die Jahrhunderte bis in die jüngste Vergangenheit na- hezu nicht verändert. So konnte für jeden Schritt die jeweilige Zeitdauer bestimmt werden. Histori- sche Handbücher lieferten hier neben Experimen- ten und daraus abgeleiteten Schätzungen die not- wendigen Daten. Es ließ sich beispielsweise ermit- teln, wie lange das Formen eines Ziegels dauert oder ein Brennvorgang mit Ein- und Ausräumen des Ofens. Summa summarum entstand so ein Re- chenwerk, mit dem sich für den Ofen in Dormagen und auch darüber hinaus für vergleichbare Ziegelbrennöfen Mengenberechnungen vornehmen ließen.
Im Dormagener Ofen konnten demnach in einer Fertigungsperiode bzw. Saison zwischen April und Oktober – im Spätherbst und Winter wird nicht geziegelt – maximal 13 Ofenfüllungen ge- brannt werden; dies sind beispielsweise bei den tegulae und imbrices mehr als 4000 m2 Dachfläche oder 33 800 Stück pedales (Standardformat 1 röm. Fuß, 29,6 cm × 29,6 cm). Sicherlich sind dabei nicht nur Ziegel eines Typs hergestellt worden, sondern es ist mit einem Produktmix zu rechnen. Hierü- ber fehlen uns allerdings Informationen; genauso wie zum Anteil der Gutstücke, die letztlich ver- wendet werden konnten. Angesichts der großen Menge verarbeiteten Lehms (max. 338 Tonnen Lehm/Saison) ist die Anzahl der benötigten Mitar- beiter in der Ziegelei erstaunlicherweise gering: Für das Formen, Brennen, Lehm aufbereiten, Transportieren etc. sind für diesen Ofen je Tag nur ca. 15 Mitarbeiter bei zehn Arbeitsstunden je Arbeitstag der Ziegelei notwendig. Dabei ist denk- bar, dass die zehn Stunden je Tag, wie in der Geschichte der Ziegelherstellung nicht unüblich, von einem Mitarbeiter erbracht wurden. Ein Einsatz von Teilzeitkräften verändert logischerweise die Zahl der erforderlichen Personen. Die tatsächli- chen Verhältnisse in einer römischen Ziegelei kennen wir leider nicht.
Wichtig ist neben der Anzahl der eingesetzten Personen auch deren Qualifikation: Für einen in- dustrieähnlichen Betrieb mit der genannten Pro- duktionskapazität müssen mindestens die For- mer und die Brenner qualifizierte Fachkräfte sein! Bei den anderen Tätigkeiten ist der Einsatz von „angelernten“ Kräften denkbar. Außerdem müssen auch Experten für den Bau und die In- standhaltung des Ofens zur Belegschaft gehört haben.
IN ANDEREN ZIEGELEIEN
Der rechteckige, oben offene Schachtofen ist ein „Standardmodell“ für römische Ziegeleien, und auch die Abmessungen dieser Öfen liegen an sehr vielen Standorten nahe an denen aus Dormagen. Deshalb bietet das Betriebsmodell auch die Mög- lichkeit „rückwärts“ zu rechnen: Wenn Anzahl und Typ der in einem Gebäude verbauten Ziegel bekannt sind, kann die zur Herstellung dieser Zie- gel nötige Ziegeleikapazität ermittelt werden.
Da zudem auch die Ziegeleien im italischen Mut- terland zu dieser Zeit den gleichen Ofentyp ver- wendeten – was hätte einen römischen Legionär auch dazu bringen sollen, den von zuhause be- kannten Ofentyp nicht auch in der Provinz einzu- setzen –, konnte so als Beispiel die für die Ziegel der Caracalla-Thermen benötigte Anzahl an Brennöfen berechnet werden: Mindestens 92 gleichzeitig während fünf Jahren mit voller Leis- tungsfähigkeit während der Ziegelsaison laufen-de Öfen mit der Kapazität des Dormagener Ofens waren dazu nötig! Und da bei den Berechnungen keine sinnvollen Minderungen aufgrund von Fehl- bränden und anderen Produktionsproblemen und -verzögerungen berücksichtigt werden können, sind die 92 Öfen nur das unterste Minimum. Summa summarum zeigt das Modell, dass an- schauliche Rekonstruktionen nicht nur für antike Bauten und andere materielle Güter, sondern auch für Herstellungsprozesse möglich sind und plausible, aussagefähige Erkenntnisse über das damalige Betriebsgeschehen im Handwerk liefern können.
2. Was Sie schon immer über Terra Sigillata wissen wollten
Was ist Terra Sigillata?
Terra Sigillata ist eine hochwertige römische Keramik mit roter, glänzender Oberfläche. Die unverzierten oder mit Reliefbildern geschmückten Gefäße wurden in Großbetrieben als Massenware hergestellt. Ihre Formen und Größen sind genormt. Terra Sigillata wurde von der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. bis in das 5. Jahrhundert n. Chr. erzeugt.
Wie die Römer diese Keramik nannten, ist nicht bekannt. Der Begriff Terra Sigillata (lat. mit kleinen Figuren verzierte Erde) stammt aus dem 18. Jahrhundert.
Wie wurde Terra Sigillata hergestellt?
Die unverzierte Terra Sigillata wurde auf der Töpferscheibe frei gedreht.
Zur Herstellung der mit Reliefs verzierten Terra Sigillata mussten Formschüsseln angefertigt werden. Dazu drückte man mit Hilfe von Punzen Verzierungen in die Innenseite von Gefäßen aus noch weichem Ton. Danach wurden die Formschüsseln gebrannt.
Um ein Reliefgefäß anzufertigen, drehte ein Töpfer als Erstes einen Rohling. Dann zentrierte er eine Formschüssel auf der Töpferscheibe und setzte den zuvor geformten Rohling in sie hinein. Mit einem Werkzeug presste er das weiche Gefäß an die Wand der Formschüssel, sodass alle vertieften Motive vollständig ausgefüllt waren. Schließlich formte er den Rand. Da Ton beim Trocknen schrumpft, konnte das Gefäß nach einiger Zeit aus der Formschüssel gestürzt werden. Zuletzt wurde der Standring angesetzt oder aus dem dicken Boden herausgeschnitten.
In eine Formschüssel werden mit einer Punze Motive gedrückt. | Einsetzen des Rohlings in die Formschüssel. (Grafik: Stadtarchäologie Wien/Christine Ranseder)
Die lederharten Gefäße wurden in einen dünnflüssigen, feinen Brei aus eisenreichem Ton getaucht.
Der abschließende Brand erfolgte unter Zuführung von Sauerstoff bei einer Temperatur von 950°C in speziellen Töpferöfen.
Wo wurde Terra Sigillata erzeugt?
Terra Sigillata wurde nach Vindobona importiert. Italienische Werkstätten begannen in den letzten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts v. Chr. mit der Herstellung von Terra Sigillata. Spitzenprodukte kamen vor allem aus den Töpfereien bei Arezzo in der Toskana und aus den Werkstätten in der Po-Ebene. Um 15 v. Chr. errichteten arretinische Töpfer eine Zweigstelle in Lyon.
Im ersten Jahrhundert n. Chr. entstanden Betriebe in Südgallien (Montans am Tarn, La Graufesenque, Banassac) und in Mittelgallien (Lezoux). Um die Wege zu den Absatzmärkten im Norden des Römischen Reiches zu verkürzen, wurden schließlich Töpfereien in Ost- und Nordgallien sowie den Rheinlanden errichtet. Um die Mitte des 2. Jahrhunderts begann die Produktion von Terra Sigillata im germanischen Rheinzabern. Die große Nachfrage führte zur Gründung von weiteren Werkstätten in Westerndorf und Pfaffenhofen.
Warum ist Terra Sigillata wichtig?
Terra Sigillata lässt sich gut datieren, weil ihre genormten Formen und Verzierungen wechselnden Moden unterworfen waren.
Die Hauptformen der Terra Sigillata wurden 1896 erstmals von Hans Dragendorff auf Typentafeln geordnet und mit Nummern versehen publiziert. Bis heute sind zahlreiche weitere, nach Forschern oder Fundorten benannte Typenkataloge veröffentlicht worden. ArchäologInnen verwenden diese international gültigen Verzeichnisse, um Funde zeitlich und geografisch einzuordnen.
Mit Terra Sigillata lassen sich die Absatzgebiete einzelner Töpfereien und Handelswege nachweisen. Sowohl die Töpfer als auch die Hersteller der Formschüsseln stempelten die Produkte mit ihren Namen. ArchäologInnen können dank dieser Stempel Informationen zur Organisation des Betriebs, der Produktivität und dem Motivschatz einzelner Handwerker gewinnen.
3. Keramik. Vielfalt in Form, Farbe und Funktion
Keramik in unterschiedlichsten Formen und Farben stellt nicht nur heute den Großteil der Fundstücke des römischen Alltags, sie spielte auch im römischen Wirtschaftsleben und für die Bevölkerung des römischen Aalens eine große Rolle. Das Warenspektrum der Keramikhändler reichte vom hochwertigen Tafelgeschirr, der rotglänzenden Terra sigillata, über lokale Produkte bis hin zum möglichen Fernhandel mit Amphoren, bei denen es allerdings auf den Inhalt ankam. Die Menschen profitierten von diesem breiten Angebot und hatten somit Anteil am globalen Wirtschaftssystem des römischen Weltreichs.
Als eines der beliebtesten Handelsgüter wurde die sogenannte Terra sigillata reichsweit vertrieben. Das rot glänzende Geschirr wurde als Massenware in spezialisierten Töpfereien in Gallien und am Rhein hergestellt. Das Formenspektrum reicht von einfachen Gefäßen bis hin zu aufwendig verzierten Stücken. Über die Muster und Namensstempel lassen sich einzelne Gefäße bestimmten Produktionszentren zuweisen, wodurch antike Handelswege rekonstruiert werden können. Als Filialbetrieb der großen Töpferei von Rheinzabern beim heutigen Ludwigshafen wurde auch in Waiblingen Terra sigillata hergestellt. Davon zeugen Bruchstücke von Formschüsseln und Punzen zum Eindrücken des Dekors in die Negativformen. Daneben wurde hier vor allem einfache Gebrauchskeramik wie Töpfe, Krüge und Becher sowie Reibschalen produziert und überregional verhandelt.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Jäger, Sabine; Ranseder, Christine: Was Sie schon immer über Terra Sigillata wissen wollten, in: Stadtarchäologie Wien, online verfügbar seit 08.06.2018 unter: https://stadtarchaeologie.at/start/erleben/ausstellungen/tischgespraech/tischgespraech/, zuletzt geprüft am 07.07.2026.
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Sekundärliteratur
-> Sperling, Heinz: ,,Unsere Spezialität: tegulae und lateres''. Von römischen Ziegeleien und Ziegelbrennöfen, in: Der Limes. Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (16. Jahrgang, Heft 1), Stuttgart 2022.
-> Kemkes, Martin u. Wötzel, Judith: Römer, Limes, Welterbe. Das Limesmuseum Aalen, Oppenheim am Rhein 2024, S. 188.
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Landwirtschaft und Versorgung
Inhaltsverzeichnis
- Militärstandorte und Villa rustica. Getreide für Roms Soldaten.
- Monte Testaccio. Roms größte Müllhalde.
1. Militärstandorte und Villa rustica. Getreide für Roms Soldaten.
Manche Zusammenhänge, wie z. B. der erhöhte Bedarf an Nahrungsmitteln in einer von Soldatengesicherten Grenzregion, liegen auf der Hand. Doch mitunter ergeben sich erst durch eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema sowie durch hypothetische Kartierungen noch weitere wesentliche Aspekte, die eine Betrachtung aus ganz neuen Blickwinkeln erlauben oder gar erfordern.
VON CHRISTOF FLÜGEL UND JOHANNES VALENTA
Die Kastelle und Lagerdörfer am Obergermanisch- Raetischen Limes wurden standortnah von den un- zähligen Gutshöfen (villae rusticae) im Hinterland beliefert. Diese landwirtschaftlichen Betriebe be- standen jeweils aus einem 1–5 ha großen Hofareal mit einem repräsentativen Hauptgebäude sowie zahlreichen Nebengebäuden wie Getreidedarren oder Thermen. Geschätzt etwa 15 Bewohner einer villa rustica bewirtschafteten mit ihren Sklaven zwischen 50 ha und 100 ha Fläche, um die enormen Getreidemengen, die für die Versorgung der Soldaten im Grenzgebiet notwendig waren, zu erzeugen. Der hohe Bedarf wird eindrücklich durch ein hölzernes Schreibtäfelchen aus dem Kastell Vindolanda am Hadrianswall belegt: Der Brief des Geschäftsmannes Octavius erwähnt eine Lieferung von 5000 modii Getreide (etwa 4,5 t), für die eine Anzahlung von 300 Denaren geleistet wurde, was in etwa dem Jahresgehalt eines einfachen Soldaten entsprach (VindolandaTablets 343).
Die Konzentration von Reitereinheiten in Nordraetien bedeutete für die Militärverwaltung darüber hinaus eine logistische Herausforderung: Der jährliche Getreidebedarf einer 500 Mann starken ala quingenaria, wie sie in Weißenburg stationiert war, betrug für die Soldaten jährlich 308t Weizen, dazu kamen etwa 372t Gerste für die Pferde. Für die ala miliaria in Aalen sind dementsprechend jeweils die doppelten Mengen anzusetzen. Zusätzlich mussten aber natürlich auch die Infanterieeinheiten am Raetischen Limes versorgt werden. Allein für die auf dem Weißenburger Militärdiplom für das Jahr 107 n. Chr. genannten Reiter- und Infanterieeinheiten des Heeres in Raetien waren somit jährlich 2931,4 t Gerste und 4976 t Weizen nötig, die es zu erwirtschaften galt.
NEUE KARTEN FÜR DEN ALTEN LIMES
Im Hinterland des vorderen Obergermanisch-Raetischen Limes lagen nach bisherigem Wissensstand etwa 4000 villae rusticae kleinerer und mittlerer Größe. Obwohl zahlreiche Zusammenstellungen und Monographien zur Archäologie und Geschichte einzelner Gutshöfe existieren, wurde bislang noch nicht der Versuch unternommen, diese in Relation zur heutigen Bodengüte zu setzen. Aus diesem Grund wurde an der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern in Kooperation mit der Stadt Gunzenhausen und ArchIV – Archäologische Informationsverarbeitung Johannes Valenta eine Übersichtskarte entwickelt, welche die Standorte limeszeitlicher villae rusticae sowie die germanischen Siedlungen im Vorfeld nach Bodengütewerten differenziert. Eine wesentliche Schwierigkeit dabei bildete die Tatsache, dass die Überblickskarten zur ländlichen Besiedlung in römischer Zeit weder zeitlich differenziert noch georeferenziert sind. Er- gänzend dazu wurde eine Karte zur römischen Reiterei am Limes erstellt. Als Grundlage dienten jeweils kartographische Abbildungen aus einschlägigen archäologischen Publikationen.
BODENGÜTEKARTEN FÜR DEUTSCHLAND UND ÖSTERREICH
Die „Kartierung des ackerbaulichen Ertragspotentials der Böden in Deutschland im Maßstab 1:1 000 000“ liegt als georeferenziertes Tiff-Bild (Geotiff) vor und wurde 2014 von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe herausgegeben. Diese Karte zeigt in den Rasterzellen (je 250 m × 250 m) die Werte der Bodengüte (des „Soil Quality Ratings“) für ackerbauliche Standorte in einer Skala von 0 bis 102 Punkten, die in sechs Klassen von äußerst geringem bis sehr hohem Potenzial eingeteilt sind. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nur ackerbaulich genutzte Standorte bewertet wurden, Grünland-, Wald- und Siedlungsflächen dagegen nicht. Für Österreich liegt eine landesweite Bodennutzungskartierung mit einer Rasterweite von einem Kilometer vor, wobei eine Rasterzelle nach der darin überwiegend vorkommenden Bodenform klassifiziert wird. Im Gegensatz zur oben genannten Kartierung für Deutschland wird hier neben der Eignung der Böden für die ackerbauliche Nutzung auch die Grünlandnutzung bewertet. Die Einteilung der Wertigkeiten erfolgt hier in fünf Klassen von geringwertig bis hochwertig.
Die unterschiedlichen räumlichen Auflösungen der Bodengütekartierungen für Deutschland und Österreich wurden zunächst unverändert übernommen. Die inhaltliche Klassifikation für die acker- bauliche Nutzung hingegen wurde verändert, um den Fokus auf die guten bis sehr guten Bodenertragswerte zu legen.
DER LIMES: EINE GRENZE FÜR ROM
Aus dem Verbreitungsbild der villae rusticae lassen sich in der Tendenz wesentliche Aspekte für unser Verständnis der römischen Grenze in Obergermanien und Raetien herauslesen, auch wenn wir im Detail nicht immer wissen, wie sich die Landschaft und die Bodenqualitäten seit der Römerzeit durch landwirtschaftliche Nutzung, Bodenerosion oder Überschwemmungen verändert haben.
Nur etwa 5 % der Standorte sind auch aus heutiger Sicht sehr gut für die ackerbauliche Nutzung geeignet. Etwas mehr als ein Drittel der Standorte erzielen aktuell gute oder mittlere Erträge. Etwa ein Viertel erreichen einen geringen oder schlechten Ertrag. Knapp 35 % der Standorte wurden durch die Bodenertragskartierung für ackerbauliche Nutzung nicht erfasst oder nicht bewertet.
Der Verlauf des vorderen Obergermanisch-Raetischen Limes orientiert sich deutlich an der Qualität der für Landwirtschaft zur Verfügung stehenden Flächen und schließt diese in das Imperium ein. Gut erkennbar wird dies am „Limesknick“ in der Wetterau mit überwiegend sehr guten Böden und dem nordraetischen Limesbogen mit mittleren bis guten Bodenwerten. Die große Distanz zu den germanischen Siedlungen im Vorfeld, die sich ihrerseits erst wieder auf Böden schlechter bis mittlerer Qualität im Maindreieck konzentrieren, ist dadurch zu erklären, dass das Limesvorfeld unter landwirtschaftlicher Betrachtungsweise für Rom uninteressant war, aber durchaus der Rohstoffgewinnung dienen konnte.
Die Kartierung der villae rusticae verdeutlicht, dass der Obergermanisch-Raetische Limes primär eine innenpolitisch motivierte Grenze für Rom und nicht eine Grenze gegen die Barbaren im Vorfeld war. Die Sicherung der Lebensmittelversorgung war von vitalem Interesse für das Römische Reich.
REITER FÜR ROM
Das strategische Konzept zur Sicherung von Obergermanien und Raetien wird durch eine Kartierung der Reitereinheiten (alae) und teilberittenen Reitereinheiten (cohortes equitatae) deutlich: Basierend auf experimentalarchäologischen Ergebnissen Marcus Junkelmanns sind als maximal mögliche Tagesdistanz eines Reitersoldaten etwa 80 km anzunehmen. Dies entspricht auch den Erfahrungen beim modernen Distanzreiten, denen zufolge fast alle Pferderassen bei gutem Training eine solche Strecke zurücklegen können. Die antike Überlieferung in der Historia Augusta schildert dagegen eine Ausnahmesituation (Historia Augusta, Maxi- mini Duo 25,2): Der Kopf des Usurpators Maximinus Thrax wurde nach dessen Ermordung in Aquileia (im heutigen Friaul in Norditalien) in nur vier Tagen „… unter ständigem Pferdewechsel“ nach Rom gebracht und dort am Forum ausgestellt. Die Distanz zwischen Aquileia und Rom beträgt 640 km, was bei den angegebenen vier Tagen einer doppelten Tagesleistung von 160 km entspricht. Dies ist nur durch den in der Historia Augusta be- sonders betonten Pferdewechsel denkbar.
Für das Gebiet jenseits des Limes wurde aufgrund der schlechteren infrastrukturellen Erschließung hypothetisch ein maximaler Einsatzradius von 40 km angenommen. Das Ergebnis der Kartierung zeigt, dass für die Stationierung der Reitereinheiten am Obergermanisch-Raetischen Limes besonders die Sicherung der für die Versorgung der Provinz notwendigen Kulturlandschaft mit der angesprochenen hohen Konzentration von villae rusticae wesentlich war. Gleichzeitig war, wie besonders die sich in der Provinzhauptstadt Aelia Augusta/Augsburg überschneidenden maximalen Einsatzradien der nordraetischen Reitertruppen zeigen, die militärische Sicherung der Provinzhauptstadt ausschlaggebend. Die Vorfeldsicherung des Limes deckte außerdem die militärische und wirtschaftliche Einflusszone Roms ab.
Die Kartierung der Reichweiten innerhalb des Römischen Reiches und im Barbaricum sind bislang hypothetisch. Die maximale Reichweite eines Reiters ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig. Als wesentlichste sind zu nennen:
– die Anzahl der Wechselstationen und deren Abstand zueinander;
– das Ausbaustadium und der Zustand der Straßen und des Straßennetzes;
– die Beschaffenheit des Geländereliefs (Steigung, Bodenbeschaffenheit);
– saisonale Faktoren (Schnee, Eis, Matsch).
Um ein „Römer-Routing“ einigermaßen authentisch modellieren zu können, müssten zunächst Informationen zu den oben genannten Faktoren zusammengetragen bzw. erhoben werden. Dabei bedarf es vor allem einer kritischen Durchsicht der vorhandenen Informationen zum römischen Straßennetz hinsichtlich seiner Güte und Vollständigkeit. Römerzeitliche Verkehrswege im Barbaricum sind bisher ebenfallsschwer zu fassen. Zwar gibt es bereits erste Ansätze, die Reisezeiten auf den gro- ßen Fernstraßen im Römischen Reich zu modellie- ren –auch saisonal –, aber je kleinräumiger der Un- tersuchungsraum gewählt wird, desto unschärfer werden die Datengrundlagen. Abgesehen von den noch vorhandenen Schwierigkeiten bieten die hier gezeigten Kartierungen jedoch eine gute Diskussionsgrundlage für weiterführende Forschungen.
2. Monte Testaccio. Roms größte Müllhalde.
Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, wohl aber auf sieben Hügeln. Ob Kapitol, Palatin oder Aventin – auf den Erhebungen standen Tempel, Häuser sowie Kaiserpaläste, und auf ihnen wuchs aus einer bescheidenen Siedlung die Hauptstadt eines Weltreichs. Streng genommen hat Rom jedoch noch einen achten Hügel: den Monte Testaccio. Er liegt zwischen dem Aventin und dem Tiberufer. Auf dieser Erhebung errichteten die Römer keine Bauten; von Bedeutung ist vielmehr, was in seinem Inneren steckt: Der fast 50 Meter hohe Hügel besteht aus Abermillionen Amphorenscherben. Es war die größte Müllhalde des antiken Rom.
Monte Testaccio – Scherbenberg – lautet der moderne Name, der vom lateinischen »testa« (Tonscherbe) abgeleitet ist. Die unzähligen Keramikfragmente stammen nahezu ausschließlich von Amphoren, also hohen Tongefäßen mit zwei Henkeln. In der Antike legte man üppig verzierte Amphoren als Beigabe ins Grab oder sie wurden, mit kostbarem Öl gefüllt, den Siegern sportlicher Wettkämpfe überreicht. Unbemalt und schmucklos dienten sie jedoch als wichtigster Transportbehälter in der antiken Welt – für Massengüter wie Getreide, Wein, Olivenöl, Früchte und Würzsoßen.
Meist waren Amphoren Einwegverpackungen. Leergut zurückzuschicken, lohnte sich schlicht nicht. Die Menschen konnten Getreide- und Weinamphoren zwar als Vorratsgefäß wiederverwenden, aber Ölamphoren ließen sich nach dem Gebrauch nicht vollständig reinigen. Das Olivenöl blieb an der Innenwand haften, sickerte in den Ton und verdarb. Unbrauchbar gewordene Amphoren zerschlug und entsorgte man. Die Folge: In Rom wuchs im Lauf von drei Jahrhunderten ein Scherbenhügel in die Höhe.
Auf der Suche nach Kritzeleien
Im Jahr 1872 kam der Epigrafiker Heinrich Dressel (1845–1920) nach Rom, um für ein Sammelwerk lateinischer Inschriften, das »Corpus Inscriptionum Latinarum«, nach Kritzeleien auf Gegenständen des täglichen Gebrauchs zu suchen. Dabei stieß er auf die Scherben des Monte Testaccio. Zunächst sammelte Dressel Fragmente von der Oberfläche, dann ließ er graben. Auf vielen Amphoren fand er längliche Inschriftenstempel oder mehrzeilige Aufschriften aus schwarzer Tinte, so genannte »tituli picti«.
Dressel erstellte Typentafeln mit den Stempeln und fasste die Aufschriften in langen Listen zusammen, entzifferte sie und versuchte die Bedeutung der Wortfetzen zu erschließen. Er erkannte, dass das Leergewicht einer Amphore, die Menge des transportierten Olivenöls und der Eigentümer des Öls notiert waren. Die Inschriften waren im Grunde antike Frachtbriefe. Und da sie auch den amtierenden Konsul nannten, konnte Dressel das genaue Jahr der Nutzung erschließen: Er schlussfolgerte, dass der Hügel vom 1. bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. aufgeschüttet worden war.
Dem Epigrafiker gelang es, die bekannten Amphoren ihrer Form nach zu ordnen und zu zeigen, wie die Töpfer sie im Lauf der Zeit gestalteten. Viele Amphorentypen tragen seitdem seinen Namen. So auch der Typ »Dressel 20«, eine 70 bis 80 Zentimeter hohe, bauchige Amphora. Sie kann ungefähr 70 Liter Öl fassen und wiegt selbst zirka 30 Kilogramm. Die allermeisten Funde vom Monte Testaccio sind Tonbehälter jenes Typs.
Heinrich Dressel konnte nachweisen, dass dieser Gefäßtyp und damit auch das darin transportierte Öl aus der römischen Provinz Baetica kamen, dem heutigen Andalusien. Als der Gelehrte 1899 die Stempel und Aufschriften publizierte, machte er aus der Müllhalde ein historisches Archiv. Seine langjährigen Forschungen zeigten, wie aufschlussreich die Tonbehälter für die Wirtschaftsgeschichte des Römischen Reichs sein konnten. Dennoch geriet der Hügel nach Dressel wieder in Vergessenheit.
400 bis 500 Tonnen Fracht pro Schiff
Wie aber kam es dazu, dass an dieser Stelle im Tiberbogen ein Scherbenberg entstand? Grund war die Wirtschaftsweise Roms. Die Großstadt konnte die Versorgung ihrer Einwohner nicht aus eigener Landwirtschaft sicherstellen. Schon zur Zeit der Republik war Rom daher von der Einfuhr von Nahrungsmitteln abhängig, der so genannten »annona« (Jahresertrag). Den dafür zuständigen Beamten oblag es, Getreide, Wein und Olivenöl zu beschaffen. Das Öl war dabei nicht nur als Lebensmittel wichtig, sondern auch als Brennstoff für Lampen, als Heilmittel und als Bestandteil in kosmetischen Stoffen. Die Lieferungen galten den Einwohnern Roms (»annona civica«) und der Armee (»annona militaris«). Dass die »annona« reibungslos lief, war eine politische Angelegenheit ersten Ranges. Sicherte doch das später auch kostenlose Verteilen der Lebensmittel den sozialen Frieden in der Stadt und die Loyalität der Legionen.
Der überwiegende Teil des Fernhandels von den Provinzen in die Hauptstadt erfolgte übers Mittelmeer. Schiffstransporte waren um ein Mehrfaches billiger als jene zu Land. Und: Schiffe konnten große und schwere Warenmengen rascher bewegen. Wie viele Transportamphoren im Bauch der Lastkähne verstaut werden konnten, bezeugen einerseits große Fundmengen in antiken Schiffswracks und andererseits schriftliche Quellen. Denn die Zahl der Amphoren an Bord war namensgebend für den Schiffstyp: »Myriophoros« – er trägt buchstäblich Myriaden – bezeichnete Schiffe mit einer Ladung von zirka 10 000 ineinander- und übereinandergestapelten Amphoren, eine Fracht von etwa 400 bis 500 Tonnen, die für die Annona-Segler nicht ungewöhnlich gewesen sein dürfte.
Erst in den 1970er Jahren beschäftigten sich Forscherinnen und Forscher wieder mit den Arbeiten Dressels am Monte Testaccio. Gleichzeitig begannen Archäologen und Historiker, die Produktion von Olivenöl und Amphoren in Spanien zu untersuchen. Sie wollten wissen, welche Rolle beides in Handel und Wirtschaft im Römischen Reich gespielt hatte. Mit der Gründung des Centro para el Estudio de la Interdependencia Provincial en la Antigüedad Clásica (CEIPAC) 1989 an der Universität Barcelona in Zusammenarbeit mit der Universität La Sapienza in Rom konnten Fachleute um José Remesal Rodríguez ihre Forschungen in der römischen Provinz mit der am Monte Testaccio verbinden.
Baetica, ein Wirtschaftszentrum für Öl – und Amphoren
Antike Historiker wie Strabon oder Plinius der Ältere nennen in den Jahrhunderten um die Zeitenwende Baetica als Herkunftsgebiet von Olivenöl. Die Provinz erlebte seit Kaiser Augustus, der von 27 v. Chr. bis 14 n. Chr. regierte, einen großen wirtschaftlichen Aufschwung. In dem Gebiet zwischen den Städten Hispalis, dem heutigen Sevilla, Corduba (heute Córdoba) und Astigi – heute als Écija bekannt – haben Archäologen inzwischen rund 100 römerzeitliche Töpfereien entdeckt. Sie lagen am schiffbaren Fluss Baetis, dem heutigen Guadalquivir, und dessen Nebenfluss Singilis, dem Genil, an deren Ufern sich auch die für die Herstellung der Amphoren benötigten Tonlager befanden.
Seit der Zeit von Kaiser Augustus produzierten diese Töpfereien Ölamphoren vom Typ »Dressel 20«. Die archäologischen Untersuchungen des CEIPAC bestätigten zudem die antiken Schriften. Das fruchtbare Baetis-Tal war ein Herstellungszentrum für Olivenöl, das »oleum Baeticum«. Olivenhaine, Ölpressen und Töpfereien lagen dort dicht beieinander. Auf kleinen Flusskähnen beförderte man die gefüllten Amphoren zur Mündung in den Atlantik. Dort lud man sie auf seetüchtige Schiffe und schickte sie nach Italien – genauer gesagt nach Ostia Antica.
Die Stadt an der Tibermündung diente lange als Haupthafen Roms. Da der Ort jedoch zunehmend versandete, ließ Kaiser Claudius ab dem Jahr 42 n. Chr. weiter nördlich einen neuen Hafen anlegen. Bei Sturm bot das Hafenbecken allerdings wenig Schutz. 64 n. Chr. sanken dort 200 beladene Getreideschiffe. Kaiser Trajan ließ daher unweit davon ab 103 n. Chr. ein riesiges sechseckiges Hafenbecken bauen – dessen Umrisse sind heute noch als Lago di Traiano in der Landschaft sichtbar. Ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. kamen dort die Schiffe mit dem baetischen Öl an, das auf Lastkähne umgeladen und flussaufwärts in die Stadt gebracht wurde. Unterhalb des Aventin neben der heutigen Ponte Sublício war Endstation.
Im dortigen Flusshafen entlud man die Boote und lagerte die Waren in großen Speichergebäuden. Diese zweigeschossigen »horrea« standen dicht an dicht in der Ebene zwischen Tiber und Aventin. Übrig geblieben sind davon nur wenige Ruinen, etwa Bogenelemente der Porticus Aemilia, einer einst 490 auf 60 Meter großen Lagerhalle. Doch die römerzeitliche Bebauung im heutigen Stadtteil Testaccio ist bekannt, weil sie auf mehreren Fragmenten der »Forma Urbis Romae« erhalten ist. Auf diesem großflächigen Stadtplan aus Marmor, der im antiken Rom öffentlich ausgestellt war, sind die »horrea« als aneinandergereihte Bauten abgebildet. Und zwischen ihnen ragte der Monte Testaccio auf.
Wie der Hügel in die Höhe wuchs
Um den inneren Aufbau des Hügels zu verstehen, führten die Experten vom CEIPAC gravimetrische Messungen durch. Ihre Daten zeigten, dass der Amphorenberg aus zwei übereinanderliegenden Abschnitten unterschiedlicher Dichte besteht. Der untere Teil im Inneren war weniger dicht gepackt, weil die Keramikbehälter wohl ungeordnet auf die Halde befördert wurden. Das Material darüber war hingegen viel stärker verdichtet. Die langjährigen Grabungen der Arbeitsgruppe zeigten zudem, dass der Monte Testaccio ähnlich wie eine Stufenpyramide in die Höhe wuchs. Man lud die Amphoren über Rampen ab, bis eine steil geböschte Plattform entstanden war, auf der nach innen gerückt dann eine weitere niedrige Stufe aufgeschichtet wurde. Später füllte man die Absätze auf.
Zunächst türmte man zwei große Plattformen in dieser Art auf, später entstanden noch zwei kleinere Aufschüttungen daneben. Ungefähr vom 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. landeten so Amphoren auf Roms Müllberg.
Mit Hilfe statistischer Verfahren und ihrer Datenbank, die ungefähr 43 000 Einträge umfasst, konnten die Wissenschaftler auch viel genauer, als es Dressel möglich war, die unzähligen Funde bearbeiten und auswerten. Analysen mit Hilfe der Röntgenfluoreszenz und des Rasterelektronenmikroskops bestätigten überdies, dass die Amphoren »Dressel 20« aus Andalusien und die Gefäße dieses Typs vom Monte Testaccio aus demselben Ton und mit derselben Technik hergestellt worden waren. Das Forschungsteam schätzt, dass rund 25 Millionen Amphoren in dem Hügel liegen.
Die statistische Auswertung ergab, dass rund 80 Prozent aller Amphoren zum Typ »Dressel 20« gehörten, aus der Baetica kamen und baetisches Öl transportierten. Zirka 15 Prozent stammten aus Nordafrika, viele waren einst gefüllt mit Öl aus dem heutigen Tunesien und Libyen. Die restlichen Gefäße, das ergaben die archäometrischen Untersuchungen, dienten zur Einfuhr von Wein aus Gallien und für die fischhaltige Würzsoße »garum« aus Spanien.
Viele Erkenntnisse Dressels zu den Stempeln und Aufschriften konnte die Forschungsgruppe des CEIPAC bestätigen, einige sogar präzisieren. Gesichert ist nun: Die Stempel nennen die Namen der Ölproduzenten und Besitzer der Olivenhaine. Bei ihnen handelt es sich um Männer aus der Bürgerschicht Baeticas oder sogar um einheimische Senatoren, die in Rom lebten. Die aufgemalten Inschriften hingegen bringen Remesal Rodríguez und sein Team mit den Namen von Händlern in Verbindung. Und zuletzt gibt es noch Kontrollvermerke, die beim Transport auf die Amphoren geschrieben wurden – stets in einem ähnlichen Wortlaut: »Geprüft, wie viel einer Ware, an welchem Ort, in welchem Büro, durch welchen Beamten, in welchem Jahr [verladen].«
Anhand der letzten Angabe konnten die Fachleute des CEIPAC auch genau datieren, wann die Amphoren entsorgt wurden. Die jüngsten Daten fallen in die Jahre 255/257 n. Chr. In jener Zeit endet auch die Herstellung der Amphore »Dressel 20« in der Baetica. Zwar führten die Römer weiterhin baetisches Olivenöl ein, bis ins 5. Jahrhundert n. Chr., dafür kam dann aber eine neue, kleinere Amphore zum Einsatz, »Dressel 23«.
Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. war das Römische Reich in eine existenzielle Krise geraten. In der Folge veränderten sich die Wirtschafts- und Handelsstrukturen. Untersuchungen des internationalen CEIPAC-Teams beweisen, dass nun Amphoren und Öl aus der Baetica verstärkt nach Gallien und Germanien verschifft wurden, um die Truppen am Rheinlimes zu versorgen. Es sind die Vorzeichen einer neuen Zeit: Als Teil seiner Reformen am Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. schlug Kaiser Diokletian dann Spanien zur Präfektur Gallien hinzu. Die Provinz Afrika kam zur Präfektur Italien.
Rom kehrte damit nach langer Zeit wieder zu seinen früheren Hauptlieferanten für Olivenöl zurück, die in Nordafrika produzierten. Wo jene Amphoren in Rom dann fortgeworfen wurden, ist nicht ganz sicher. Auf kleinere Scherbenerhebungen stießen Bauarbeiter im 19. Jahrhundert – im Stadtteil Trastevere und unweit der Engelsburg. Doch was dort genau im Boden schlummert, wissen Archäologen nicht. Einzig dem Monte Testaccio entlockten sie bislang seine Geheimnisse.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Sprafke, Ronald: Monte Testaccio. Roms größte Müllhalde, in: spektrum.de, online verfügbar seit 24.09.2023 unter: https://www.spektrum.de/news/monte-testaccio-roms-groesste-muellhalde/2182842, zuletzt geprüft am 06.07.2026.
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Sekundärliteratur
-> Flügel, Christof; Valenta, Johannes: Militärstandorte und Villa rustica. Getreide für Roms Soldaten, in: Nachrichtenblatt der Deutschen Limeskommission (10. Jahrgang 2016, Heft 2), Stuttgart 2026, S. 20-24.
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Militär
Waffen und Kriegsgerät
Inhaltsverzeichnis
1. Antike Schleuder war so tödlich wie eine 44er Magnum (Artikel)
1. Antike Schleuder war so tödlich wie eine 44er Magnum
Eine Ausgrabung in Schottland zeigt, dass römische Soldaten Bleigeschosse mit tödlicher Treffsicherheit einsetzten.
Vor etwa 1.900 Jahren griff eine römische Armee eine Gruppe einheimischer Krieger auf einem befestigten Hügel in Schottland an. Sie verschossen Bleikugeln mit ihren Schleudern, die laut neuen Experimenten etwa die Mannstoppwirkung einer modernen 44er Magnum hatten.
Der Angriff schien mit tödlicher Effektivität erfolgt zu sein, denn die einheimischen Krieger waren nur mit Schwertern und anderen einfachen Waffen ausgerüstet, sagt John Reid. Er ist ein Forscher am Trimontium Trust und einer der Kodirektoren der archäologischen Arbeiten bei Burnswark, südlich von Edinburgh. „Wir sind uns ziemlich sicher, dass man den Einheimischen auf dem Hügel nicht gestattete, weiterzuleben.“
Aber Burnswark war nur die Eröffnungssalve in einem Krieg gegen die widerspenstigen Stämme, die nördlich des Hadrianswalls lebten. Trotz ihrer überlegenen Bewaffnung schienen sich die römischen Soldaten in Schottland jedoch verrannt zu haben, als sie einen zähen und einfallsreichen Feind bekämpften, der sich in die Moore und Hügel zurückziehen konnte. Weniger als zwei Jahrzehnte nach dem römischen Angriff auf Burnswark und auf den besetzten Teil der schottischen Lowlands zogen sie sich auf die südliche Seite des Hadrianswalls zurück. „Das sieht langsam so aus wie das Afghanistan Roms“, sagt Reid.
Mit Schleudern bewaffnete römische Soldaten benutzten diese Bleikugeln, um ihre Gegner niederzumähen. Ein geübter Schleuderer konnte ein Ziel, das kleiner als ein Mensch war, aus einer Entfernung von fast 120 Metern treffen.
Er und sein Kollege Andrew Nicholson, ein Archäologe des Dumfried and Galloway Council, begannen vor fünf Jahren damit, Burnswark zu untersuchen. Sie hofften, dass sie neue Hinweise darauf entdecken könnten, wie sich die Ereignisse an diesem Ort, der auch zwei römische Lager umfasst, abgespielt haben. Zu diesem Zeitpunkt waren schottische Archäologen geteilter Meinung in ihrer Interpretation der Stätte. Manche glaubten, die römische Armee hätte Burnswark als Schießstand oder Trainingscamp genutzt, während andere Forscher die Wallburg als Schauplatz einer längeren Belagerung betrachteten.
Um die Angelegenheit zu klären, beschlossen Reid und Nicholson, Burnswark nach Spuren antiker römischer Munition zu durchkämmen. Amerikanische Archäologen hatten erfolgreich Metalldetektoren am Ort der Schlacht am Little Big Horn eingesetzt, um verborgene Kugeln und Hülsen zu entdecken und die Bewegungen der Soldaten auf dem Schlachtfeld zu kartieren. Also entschlossen sich Reid und Nicholson, etwas Ähnliches bei Burnswark zu versuchen. Zuerst lernten sie, wie man Metalldetektoren so einstellt, dass sie zwischen dem Blei in antiken römischen Schleuderkugeln und anderen Metallgegenständen unterscheiden konnten.
Ausgebildete Metalldetektorgänger durchkämmten dann die Hänge und die Kuppe von Burnswark und fanden über 2.700 Treffer, die Nicholson alle verzeichnete und auf einer Karte markierte. Anschließend verifizierte das Team die Funde, indem es fünf kleine Gräben aushob. Die Ausgrabung förderte mehr als 400 römische Schleuderkugeln zu Tage, genau dort, wo die Metalldetektoren es signalisiert hatten. Außerdem fand man zwei kugelförmige Kalksteingeschosse, die man als Ballistakugeln bezeichnet. Laut den Ergebnissen waren 94 Prozent der Metalldetektorfunde römische Geschosse.
Beeindruckt von den Funden begann das Team mit der Analyse der Orte, an denen die Metalldetektoren angeschlagen hatten, um ein besseres Verständnis für den Hergang zu erhalten. Sie entdeckten eine Konzentration von Bleikugeln entlang des 560 Meter langen, südlichen Befestigungswalls der schottischen Wallburg, direkt über einem der römischen Lager. „Das ist genau das, was wir von einem Belagerungsangriff erwarten würden“, sagt Reid. Eine zweite, geringere Konzentration lag nördlich, wo sich eine erfolglose Fluchtroute der Verteidiger befunden haben könnte.
Die römischen Schleuderschützen hätten einen hohen Tribut gefordert. Kürzlich erfolgte Experimente in Deutschland haben gezeigt, dass eine 50 Gramm schwere römische Kugel, die von einem geübten Schleuderer abgefeuert wird, kaum weniger Mannstoppwirkung aufbringt als ein Projektil, das aus einer 44er Magnum gefeuert wird. Weitere Tests ergaben, dass ein geübter Schleuderer ein Ziel, das kleiner als ein Mensch ist, aus einer Entfernung von fast 120 Metern treffen kann. „Das ist genau die Distanz zwischen dem vorderen Befestigungswall des südlichen [römischen] Camps und dem vorderen Befestigungswall der Wallburg“, bemerkt Reid.
TERRORTAKTIKEN
Die Römer setzten auch eine zuvor unbekannte Form der psychologischen Kriegsführung ein, um die Schotten in Schrecken zu versetzen und ihren Widerstand zu schwächen. Während sie die Kugeln untersuchten, bemerkten Reid und Nicholson kleine Löcher, die absichtlich in etwa zehn Prozent der Munition gebohrt wurden. Verwirrt goss das Team Repliken und bat geübte Schleuderer, sie zu testen. Die Kugeln mit den Löchern gaben ein „seltsames, Banshee-ähnliches Geheul von sich“, so Nicholson. „Man hört da also diese unweltlichen, unnatürlichen Geräusche, die man noch nie zuvor gehört hat, und links und rechts von einem gehen Leute zu Boden.“
Vergleichsstudien zum isotopischen Zerfall der Kugeln aus Burnswark und anderer, gut datierter Stätten lassen darauf schließen, dass der blutige Angriff um etwa 140 n. Chr. stattgefunden hat, in der frühen Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius. „Er war ein neuer Kaiser, der irgendwo einen militärischen Sieg brauchte“, sagt Reid. Indem er an Burnswark ein gewaltsames Exempel statuierte, hatte sich der Kaiser vielleicht einen schnellen Erfolg und die Unterwerfung der Stämme an der nördlichen Grenze erhofft.
Fraser Hunter, ein Archäologe am Nationalmuseum von Schottland in Edinburgh, bezeichnet die neue Studie als „sehr originell und spannend.“ Und er glaubt, dass Burnswark nun Fragen über die Probleme aufwirft, die sich die Römer vielleicht selbst geschaffen haben, als sie den Hadrianswall errichtet und sich neue Feinde unter den schottischen Stämmen gemacht haben. „Die Parallele zu Afghanistan ist interessant“, sagt Hunter, „weil ein Problem von Kaiserreichen im Umgang mit – wenn man so will – von Kriegsherrn geführten Gesellschaften ist, dass sie oft hereinstolpern und Probleme verursachen, von denen sie gar nicht wissen, dass sie sie verursachen.“
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Pringle, Heather: Antike Schleuder war so tödlich wie eine 44er Magnum, in: National Geographic online, online verfügbar seit 09.11.2017 unter: https://www.nationalgeographic.de/history-and-culture/2017/06/antike-schleuder-war-so-toedlich-wie-eine-44er-magnum, zuletzt geprüft am 09.04.2025.
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Sekundärliteratur
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Organisation des Militärs
Inhaltsverzeichnis
- Zwangsrekrutierungen und Kollaborationen
- Stationäre Grenz- und mobile Einsatztruppen. Das römische Militär in der Spätantike. (Artikel)
1. Zwangsrekrutierungen und Kollaborationen
Ein wichtiges Mittel der Herrschaftssicherung war die Zwangsrekrutierung wehrfähiger Männer aus den unterworfenen Stämmen. Damit wurde diesen die Möglichkeit zu künftigen Aufständen genommen und die römische Armee konnte durch neue Soldaten und die Integration fremder Kampftechniken ihre militärische Schlagkraft verbessern. In Raetien gab es bereits ab 15 v. Chr. solche Zwangsrekrutierungen. In der Folgezeit fanden mindestens vier weitere Aushebungen statt, wobei die Truppen entweder allgemein als cohortes Raetorum oder auch nach dem Stamm der Vindeliker als cohortes Vindelicorum bezeichnet wurden. Die insgesamt fünfzehn verschiedenen Kohorten waren von Britannien bis Kleinasien stationiert. Von den Truppen am Limes weisen die cohors | Raetorum in Schwäbisch Gmünd und die cohors I Helvetiorum in Öhringen auf solche Rekrutierungen hin.
Ab dem 2. Jh.n. Chr. stammten neue Soldaten meist aus dem direkten Umfeld der Stationierungsorte. Mit der materiellen Versorgung, den Aufstiegsmöglichkeiten und der Aussicht auf das römische Bürgerrecht nach 25-jähriger Dienstzeit, war die Armee spätestens ab dieser Zeit zu einer geschätzten Möglichkeit des sozialen Aufstiegs geworden.
Bei den einheimischen Eliten lassen sich verschiedene Formen der Kollaboration nach-weisen. Die Spannbreite reichte von der Einsetzung von Klientelkönigen bis zur Erziehung fremder Fürstensöhne in Rom. Dass ein solches Vorgehen nicht ohne Risiko war, beweist das Beispiel des Cheruskers Arminius, der zunächst im römischen Dienst eine Reitereinheit befehligte und dann den germanischen Aufstand gegen Varus anführte.
Ab dem 1. Jh. n. Chr. entwickelte sich die Aufnahme einheimischer Eliten in den römischen Ritter-stand und ihre Integration durch die Übernahme militärischer und ziviler Amter zu einem festen System der Kollaboration oder besser der Romanisierung der Führungsschichten.
-> vgl.: Kemkes, Martin u. Wötzhel, Judith: Römer, Limes, Welterbe. Das Limesmuseum Aalen, Oppenheim am Rhein 2024., S. 36.
2. Stationäre Grenz- und mobile Einsatztruppen. Das römische Militär in der Spätantike. (Artikel)
Die Krisen des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert n. Chr., die von zahlreichen feindlichen Einfällen im Osten und vor allem an den Grenzen an Rhein und Donau gekennzeichnet waren, machten es unumgänglich, auch das Militäreiner grundlegenden Neuordnung zu unterziehen.
VON THOMAS FISCHER
Die Neuordnung des römischen Militärs erfolgte im Rahmen der allgemeinen Reichsreform unter Diokletian (284–305) und Konstantin I. (307–337), denn die auf Augustus (27 v. Chr.–14 n. Chr.) zurück- gehende militärische Grundordnung Roms, die keine Reserven im Inneren des Reiches vorsah, hatte sich überlebt:Fast die ganze römische Armee stand in der frühen und mittleren Kaiserzeit an den Grenzen aufgereiht, was bei kleineren lokalen Bedrohungen von außen auch genügte. Allerdings wa- ren bei diesem Systemkurzfristige Schwerpunkt- bildungen im Rahmen größerer militärischer Akti- onen nur bedingt möglich: Beigrößer angelegten Feldzügen oder bei der Abwehr schwerer Überfälle musste man ad hoc zusammengestellteHeeres- gruppen (vexillationes) befristet aus den verschiede- nen Provinzheeren herauslösen und zur Erfüllungkonkreter Kampfaufträge zu größeren Verbänden zusammenziehen. Doch ab den Markomannenkrie- gen zeigten sich immer deutlicher die Schwächen dieses Systems, als es größeren feindlichen Gruppen gelang,den Limes zu durchbrechen und in das praktisch unverteidigte Oberitalien vorzustoßen. Solche Einbrüchewiederholten sich dann im 3. Jahrhundert immer wieder. Ein erster Versuch, das Problem durch eine grundlegende Strukturreform in den Griff zu bekommen, war eine von Gallienus (253–268) eingeführte neueElitetruppe, die in Mailand stationierte sogenannte Schlachtenkavallerie. Sie operierte beweglich imHinterland und sollte den Gegner auch dann stellen, wenn er bereits die Grenzverteidigung durchbrochen hatte und weit in das Landesinnere eingedrungen war.
Unter Diokletian und Konstantin erfolgten nun grundlegende Veränderungen im römischen Heer, die auf die Ansätze des Gallienus zurückgingen: Man teilte das Heer in Grenzeinheiten – die limita- nei/riparienses –in den Grenzkastellen und ein bewegliches Einsatzheer im Hinterland, die comitatenses.
LIMITANEI/RIPARIENSES
Von der ehemaligen Grenzarmee in den germanischen Provinzen und Raetien an Rhein und Donau überdauerten nur wenigeEinheiten, darunter die Legionen. Mit der Neueinteilung der Provinzen wurde nun auch das Militär reformiert. Dabei hat man viele der in den beiden Germanien, der Maxi- ma Sequanorum, in den beiden Raetien sowie in Noricum und Pannonien stationiertenEinheiten ganz neu aufgestellt. Die Einheiten an der Donau- Iller-Rhein-Grenze z. B. in den raetischen Provinzen und der Maxima Sequanorum wurden, wie ihre nach den Kaisern der Tetrarchie gewählten Beinamen Valeria oder Herculea nahelegen, vermutlich erst von Valerius Diocletianus oder Maxi- mianus Herculius (286–305) neu geschaffen. Sie er- setzten die Hilfstruppen, die früher imLimesgebiet links der Donau stationiert waren und weitgehend im Zuge der Kämpfe des 3. Jahrhunderts untergegangen waren. Nun wurden an der Grenze neue und wesentlich verkleinerte Einheiten stationiert. Je nach Land- oder Flussgrenze (limites und ripae)wurden sie limitanei oder riparienses genannt. Sie sollten die Routineaufgaben der Grenzkontrolle wahrnehmen, bei größeren feindlichen Einfällen zogen sie sich in ihre wesentlich verstärkten Kastelle zurück und warteten ab, bis Einheiten des Bewegungsheeres die Situation wieder klären konnten.
COMITATENSES
Neben diesen Grenztruppen gab es noch eine stattliche bewegliche Einsatzreserve. Diese nicht standortgebundenen, weitaus angesehenerenVerbände konnten von ihren meist an Schnittpunkten der großen Militärfernwege im Inneren des Reiches ge-legenen Garnisonen je nachaugenblicklichem Be- darf im jeweiligen Kommandobereich verschoben werden. Rangmäßig war dieses mobile, im 4. Jahr- hundert stetig vergrößerte Feldheer gegliedert in Hof- oder Gardetruppen (palatini, abgeleitet von palatium = Palast) und Linienregimenter (comitatenses) und nach ihrer taktischen Bedeutung in
500 Mann starke Reitereinheiten (vexillationes), 1000 Mann zählende Legionen (legiones) sowie Hilfstruppen (auxilia) zu wiederum je 500 Mann. Schließlich kennt man noch als „unechte Linien- truppen“ (pseudocomitatenses) bezeichnete Einhei- ten,die ihrem Wesen nach umstritten sind. Nach den einen sollen sie unter Valentinian I. (zunächst nicht endgültig) zum Feldheerabkommandierte Grenztruppen gewesen sein, nach anderen seien sie zwar wie die Grenzarmee am Limes stationiert, aber nominell dem Feldheer zugerechnet worden. Den Oberbefehl über die gesamte schlagkräftige Bewegungsarmee teilten sich nachKonstantin I. (auch hier gab es verschiedene Entwicklungsstufen) – je nachdem, ob es sich eben um Fuß- oder Reiterverbände handelte – der „gegenwärtige Meister des Fußvolkes“ (magister peditum praesentalis) und der „gegenwärtige Meister derReiterei“ (magister equitum praesentalis).
Für die Militärgeschichte der Spätantike sind die schriftlichen Quellen allgemein viel dürftiger als für die vorangehende Zeit. So geht auch die Zahl der Inschriften generell stark zurück, die vorher die wichtigste Quelle über Organisation und Verteilung der römischen Truppen darstellten. Die politisch-militärische Ordnung des Reiches und auch der Provinzen an Rhein und Donau lässt sich fast nur nach einer höchst problematischen Schrift schlecht und recht rekonstruieren, nach dem „Verzeichnis aller Ämter, sowohl der zivilen wie der militärischen in den westlichen Reichsteilen“ (Notitia dignitatum omnium, tam civilium quam militari-um, in partibus Occidentis), von den Wissenschaft- lern kurz Notitia dignitatum genannt, das allerdings, etwa im Bereich derGermania secunda, Lücken aufweist. Darin sind u. a. die Gliederung der Grenztruppen, ihre Standorte und Kommandobereiche aufgeführt. Leider enthält dieses um 430 entstandene „Staatshandbuch“ auch sehr viele nachweisbar veraltete Angaben.
TRUPPENSTÄRKE
Grundsätzlich kann man sicher sagen, dass mit der tetrarchisch-konstantinischen Heeresreform zwar die absolute Anzahl derTruppeneinheiten vergrößert worden ist, die Mannschaftsstärken dieser Einheiten aber eine stark gegenläufige Tendenz aufwiesen.Darüber sollte auch die Verwendung von älteren Bezeichnungen, wie legio, ala, cohors und numerus nicht hinwegtäuschen. Eine spätanti-ke Legion zum Beispiel war eben nur noch ca. 1000 Mann stark und umfasste nicht mehr ca. 6500 Mann, wie in der frühen und mittlerenKaiserzeit. In konkreten Fällen, wenn Kastellgrößen und Truppen bekannt sind, etwa in Raetien, ergibt sich vielfach die Gewissheit, dass Grenztruppeneinheiten, die in der Notitia dignitatum als ala oder cohors bezeichnet werden, nicht mehr ihre alten Soll- stärken von500 oder 1000 Mann besaßen, sondern gegenüber der mittleren Kaiserzeit ganz erheblich reduziert waren.
GERMANEN IM RÖMISCHEN MILITÄR DER SPÄTANTIKE
In der Spätantike bestand das römische Heer zu- nehmend aus Germanen, die bis in höchste Posten der Armeeführung aufsteigen konnten.Teilweise geben zum Beispiel die Truppennamen in der Notitia dignitatum direkt Informationen zur germanischen Herkunft einer militärischen Einheit der Spätantike, häufig bleiben aber nur archäologische Quellen aus Militäranlagen: Grab- und Siedlungsfunde mit einschlägigem Fundmaterial liefern im- mer wieder Hinweise, die die germanische Herkunft spätrömischer Soldaten und ihrer Angehörigen belegen.
FOEDERATI
Eine Neuerung der ausgehenden Spätantike stellt das Foederatensystem dar: Die römischen Quellen berichten seit dem Ende des 4.Jahrhunderts zuneh- mend von Militäreinheiten, die aus foederati beste- hen. Das bedeutet: Rom ging nun dazu über, nicht einzelne germanische Soldaten für bestehende Traditionseinheiten zu rekrutieren, sondern mit ganzen barbarischen Gefolgschaften Verträge(foedera) einzugehen. Dabei spielten neben Sach- sen, Franken, Alanen und Vandalen vor allem die Westgoten eine wichtige Rolle. DieAngehörigen dieser nichtrömischen Söldnertruppen – denn um nichts anderes handelte es sich – verpflichteten sich zum römischen Militärdienst und erhielten als Ausgleich Geld und Versorgungsgüter.
In der Folge der Schlacht von Adrianopel (9. August 378) schloss Kaiser Theodosius I. 382 ein Abkom- men mit den Westgoten, wobei es als Präzedenzfall zur Ansiedlung der Goten in derrömischen Pro- vinz Thrakien kam. Von nun an ging die Anzahl regulärer römischer Militäreinheiten zugunsten von Foederatenverbänden allmählich zurück. Das Foederatensystem war für die Römer ausgesprochen vorteilhaft – die Kampfkraft der barbarischen Truppen ließ sich zu einem vergleichsweise gerin- gen Preis „einkaufen“. Ein GesetzKaiser Valentini- ans III. (425–455) belegt, dass ein römischer Soldat jährlich mit 30 Solidi zu Buche schlug, während ein Foederatenkämpfer nur 5 Solidi kostete.
Das Problem war nur, dass auf die Loyalität der Foederatentruppen und ihrer Anführer nicht im- mer Verlass war, sie hing vor allem von der Regelmäßigkeit der Soldzahlungen ab. Da die finanziel- len Mittel Westroms infolge sinkender Steuerein- nahmen knapper wurden und die militärische Situation zunehmend schwierig, bot man den foederati anstelle von Soldzahlungen an, sich im rö-mischen Reichsgebiet anzusiedeln und selbst für ihren Unterhalt zu sorgen. Dies förderte die Bil- dung selbstständiger germanischerReiche auf rö- mischem Boden und damit auch das Ende des west- römischen Reichs.
SPÄTRÖMISCHE KASTELLE UND BURGI
Die Spätantike ab der Tetrarchie (Beginn 293) mit ihrer veränderten Heeresorganisation brachte auch starke Veränderungen inden militärischen und zivilen Festungsbauten mit sich. Das Heer wurde, wie erwähnt, in fest stationierte Grenz- truppen (limitanei, riparienses) und ein Bewe- gungsheer (comitatenses) mit wechselnden Garni- sonen aufgeteilt. Die Größe der Truppenlager wurde reduziert, da ja in der Regel auch die Größe der Limitantruppen wesentlich geringer war als die der vorhergehenden Auxiliareinheiten der mittleren Kaiserzeit. Vielfach sind, gerade im mittleren und unteren Donauraum, diealten La- ger und Kastelle wieder instand gesetzt worden, doch wurden ihre Umwehrungen z. T. erheblich verstärkt. An der Donau und Iller in Raetien, am Oberrhein und an der Donaugrenze in der Provinz Moesia superior mussten die Limesbefestigungen der Spätantike völlig neu errichtet wer- den, da man ja durch die Aufgabe des obergermanisch-raetischen Limesgebietes bzw. der Provinz Dakien auch die weit vorgeschobenen Kastelle verloren hatte. Hier legte man nun bei der Anlage der neuen Kastellkette besonderen Wert auf eine natürliche Schutzlage und erbaute die neuen, stark befestigten Kastelle ähnlich wie die Burgen des Mittelalters auf markanten Höhen. An der Donaugrenze ab Noricum dagegen hat man die Grundform der älteren Lager vielfach auch in der Spätantike beibehalten und diese nur stärker be- festigt, indem man Türme und Tore(Hufeisentür- me und halbrunde Türme) außen an den Mauern anfügte oder die vorhandenen verstärkte und die Mauern entsprechend erhöhte. Oft waren in denwiederhergestellten Mauern der alten Festungen des 3. Jahrhunderts die Truppe und die Zivilbevöl- kerung untergebracht, da man die alten unge- schützten Lagerdörfer aufgegeben hatte. Dabei war das stark reduzierte Militär gelegentlich in ei- nem eigenen Binnenkastell einquartiert, zum Bei- spiel in Eining an der Donau. So entstanden aus den rein militärischenLagern und Kastellen der mittleren Kaiserzeit vielfach die Festungsstädte der Spätantike mit militärischer Besatzung. Eine ähnliche Entwicklung trat auch im Hinterland ein: Städte und vici wurden stark befestigt und erhielten ebenfalls Garnisonen, seltener in Form von fest stationierten Truppen, oft aber in Form von Abteilungen desBewegungsheeres, die in Notfällen oder zum Überwintern in den Städten Quartier bezogen. Schließlich entstanden auch im Hinterland rein militärische Truppengarnisonen, Nachschubbasen oder Wachtturmketten. Die In- nenbebauung war bei vielen spätantiken Kastellen nur nach großflächigen Grabungen zu klären, denn es gab nun keine verbindlichen Muster mehr wie in der frühen und mittleren Kaiserzeit, die auch bei fragmentarischer Erschließung leicht zu ergänzen waren. Fast jedesKastell sah anders aus.
BEWAFFNUNG UND AUSRÜSTUNG
Bewaffnung und Ausrüstung des spätrömischen Soldaten hatten sich zu Beginn des 4. Jahrhunderts im Vergleich zur mittleren Kaiserzeit teilweise stark verändert. Allerdings verfügt die Forschung verglichen mit früheren Phasen der römischen Kaiserzeit über verhältnismäßig wenige Informationen durchOriginalfunde aus Siedlungen oder Gräbern. Zusätzlich ist es dabei oft kaum noch möglich, bei Originalfunden im Einzelnen Unterschiede zwischen Reitern und Fußsoldaten oder gar zwischen limitanei und comitatenses oder Foederaten herauszuarbeiten. Selbst barbarisch-germanische Bewaffnungund die Ausrüstung der oft von Ger- manen gestellten römischen Armee haben sich im- mer mehrangeglichen. Hat man früher zwischen der Bewaffnung der Spätantike und der des frühen Mittelalters schärfere Zäsuren gesehen, so besteht nun in der Forschung zunehmend die Tendenz, hier eine organische Weiterentwicklung festzustellen, wie auch sonst, etwa beim fränkischen Heer, spätantikeWurzeln deutlich sichtbar sind.
Kleidung
Das germanische Kleidungsstück der Hose hatte die römische Armee bereits in der frühen Kaiserzeit in zunehmendem Maße übernommen. Nun wurde die lange Hose Standardkleidung der römischen Soldaten. Eine weitere Neuerung in der Uniform stellt dieÜbernahme einer vorher nur für das pannonische Heer üblichen Pelzmütze, des pilleus Pan- nonicus, durch das gesamte spätantike Heerdar.
Fibeln
In der Spätantike bilden standardisierte militäri- sche Mantelfibeln, die Zwiebelknopffibeln in ihren zeitlich wechselnden Varianten,eine rein römische Entwicklung. Dazu kommen in geringerem Um- fang auch germanische Fibeltypen.
Gürtel
Für die Uniform der Spätantike charakteristisch sind die oft mit auffälligen prächtigen Metallbeschlägen versehenen breiten Ledergürtel. Diese lösen offensichtlich in der Zeit vor 300 ältere Gürteltypen, etwa die Ring- und Rahmenschnallencingula ab. Vorbilder dieser neuen Gürtel sind offenbar nicht im Römischen Reich zu finden, sondern bei Prunkgürteln im germanischen Bereich, etwa in Mitteldeutschland, Norddeutschland und Dänemark, zu suchen. Die Entwicklung dieser Waffengurte, die im weströmischen Gebiet über Gürtel mit Propellerbeschlägen und kerbschnittverzierte Beschläge mit den sogenannten „Einfachen Gürtelgarnituren“ nach H. W. Böhme endet, geht bis in das 5. Jahrhundert hinein weiter.
Helme
Die Kammhelme, die seit der Zeit der Tetrarchie bzw. seit Konstantin I. in der römischen Armee aus- nahmslos üblich waren, hatte man aus dem sassanidischen Bereich übernommen, aber in Details ab- geändert. Die stets aus Eisen bestehende Kalotte war zweiteilig, der Nackenschutz wurde gesondert angesetzt, später trat als neues Element ein Nasenschutz auf. Nach neuesten Erkenntnissen waren fast alle Helme mit einem vergoldeten Silberblech-überzug versehen. Wohl als Rangabzeichen hat man gelegentlich eine hohe Kammscheibe auf den Helm montiert, zu dieser konnte einAbzeichen mit Christogramm treten. Man kann wohl davon aus- gehen, dass diese Helmform im Rahmen einer so- genannten diokletianisch-konstantinischen Heeres- reform aus dem persisch-mesopotamischen Raum übernommen worden ist.
Panzer
Man kennt aus der Spätantike nur wenige Fragmente von Schuppen- und Kettenpanzern. Inwieweit diese sich von älterenModellen unterscheiden, ist unklar. Jedenfalls sind aber die verzierten Schließbleche des 2. und 3. Jahrhunderts in der Spät- antikenicht mehr belegt.
Schilde
Bei den Schilden setzten sich vielfach die germanischen Rundschilde durch. Analog zu den Helmen können die eisernenSchildbuckel mit vergoldetem Silberblech überzogen sein.
Schwerter
Die Hauptangriffswaffe der römischen Armee blieb nach wie vor das Langschwert, die spatha. Sie bildete auch noch im 4. und 5.Jahrhundert und weiter dann im frühen Mittelalter die Hauptwaffe von Reitern und Infanteristen. Mit der Tetrarchie tauchten auch hier Veränderungen auf, die aber weniger die Klingen als vielmehr die Schwertscheiden be- trafen. So wurden die bisher üblichen runden Scheidenabschlussbeschläge, die Dosenortbänder, über Zwischenformen durch gerade endende Metallbeschläge mit Zierknöpfen ersetzt (Ortbänder vom Typ „Gundremmingen“). Am Ende der Ent- wicklung leiten einfache U-förmige Scheidenab- schlüsse aus Metall zu den Schwerttypen des frü- hen Mittelalters über.
Kampfäxte
Die zunehmende Barbarisierung der römischen Armee brachte es mit sich, dass ab dem fortgeschrittenen 4. Jahrhundert untergermanischem Einfluss nun auch Kampfäxte bei der römischen Armee belegt sind. Diese unterscheiden sich allerdings in Details von denen im germanischen Siedlungsgebiet.
Reiterei
Da die Truppen schnell beweglich und zudem zur Abwehr berittener Gegner geeignet sein mussten, war die Reiterei zu immer größerer Bedeutung gekommen. Während sich sonst bei der Bewaffnung der Spätantike kaum spezifische Reiterwaffen identifizieren lassen, kann man wohl die Helme des Typs „Deurne-Berkasovo“ als typische Reiterhelme ansprechen. Häufiger sind nunSporen belegt, die große Ähnlichkeit zu Typen im germanischen Bereich aufweisen.
-> vgl.: Fischer, Thomas: Stationäre Grenz- und mobile Einsatztruppen. Das römische Militär in der Spätantike, in: Der Limes. Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (14. Jahrgang, Heft 1), Stuttgart 2020, S. 4-9.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Kemkes, Martin u. Wötzhel, Judith: Römer, Limes, Welterbe. Das Limesmuseum Aalen, Oppenheim am Rhein 2024.
-> Fischer, Thomas: Stationäre Grenz- und mobile Einsatztruppen. Das römische Militär in der Spätantike, in: Der Limes. Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (14. Jahrgang, Heft 1), Stuttgart 2020, S. 4-9.
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Gewalt und Kriegsverbrechen
Inhaltsverzeichnis
1. Kriegsverbrechen in römischer Zeit (Artikel)
1. Kriegsverbrechen in römischer Zeit
Die in der musealen Vermittlung seit Jahren beliebten Reenactment-Events bringen einerinteres- sierten Öffentlichkeit die Faszination des römischen Militärs nahe. Dabei wird aber oftvergessen, dass, abseits von glänzender Ausrüstung und Truppenparaden, die römische Armeeeine hoch- effiziente Kriegsmaschinerie war.
VON MARTINA MEYR UND CHRISTOF FLÜGEL
Die hohe Wirksamkeit des römischen Militärs wurde von Zeitgenossen wie Flavius Josephus (bellum Iudaicum 3,245–246)detailliert beschrie- ben, z. B. beim Einsatz einer ballista bei der Bela- gerung von Jotapata 67 n. Chr.: „Einem der Män- ner aufder Mauer wurde dabei der Kopf weggeris- sen, der drei Stadien [603,5 m] weit wegflog. Eine schwangere Frau […] wurde in denBauch getroffen und ihr Kind 100 m weit geschleudert; so groß war die Gewalt der ballista“. Die hier beschriebene riesige Wuchtrömischer Geschütze wird durch ein Skelett aus Maiden Castle (Großbritannien) be- stätigt, dessen Rückgrat durch einen Katapult-bolzen durchtrennt worden war. Eine spätantike Quelle (Prokopios, bellum Gothicum 1,23) berich- tet,dass die Rüstung eines Goten bei der Belage- rung Romsdurch einen Katapultpfeil durchbohrt und er amdahinterstehenden Baum festgeheftet wurde.
Darstellungen auf der Trajans- und der Markus- säule inRom zeigen zahlreiche Szenen wie Hin- richtungen,Zerstörung von ziviler Infrastruktur oder Vertreibung der Bevölkerung, die nach heu- tigen Maßstäben als Kriegsverbrechen einzustu- fen wären. Die römische Kriegsführung schwank- te zwischen Milde gegenüber den Besiegten (clementia) und der vollkommenen Vernichtung des Gegners (debellatio; exstirpatio), wie es der unter Kaiser Augustus lebendeDichter Vergil im römischen „Staatsepos“, der Aeneis, formulierte, „die Unterworfenen schonen und die Hochmüti- gen niederkämpfen“ (Aeneis 6,847–853). Mitden Grundzügen des Humanismus und der Aufklä- rung vertraute, aber auch durch die Erfahrungen der Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts geprägte Rezipientenvon heute können antike Darstellun- gen daher meist nur bedingt erfassen. So erklärt sich auch das Phänomen einer gewissen Begeiste- rung für römischesMilitär, was sich – sicherlich auch befördert durch Comics wie Asterix oder durch Hollywoodfilme – in gut besuchten Römer- festen und dem Auftreten vonReenactment-Grup- pen in Museen widerspiegelt. Vergessen wird dabei aber stets, dass völkerrechtliche Abkommen zum Verhalten der Kriegsparteien in der Antike unbekannt waren. Der Wirkung von Waffen wird in der Regelkaum Beachtung geschenkt, stehen doch Uniformen, strategisch-historisches Interes- se an Ereignissen und somit die Perspektive sieg- reicher römischerFeldherren oder auch schlicht typologische Betrachtungen im Vordergrund von Museumsbesuchern oder Zuschauern von TV- Dokumentationen. Daherlohnt sich ein Blick auf römische Schilderungen und bildliche Darstellun- gen von Krieg, dem Umgang mit Gefangenen, Zivilisten oder den erobertenGebieten, in dem Bewusstsein, dass moderne Definitionen nicht ohne Weiteres auf die antike Wahrnehmung über- tragen werden können.
INTERNATIONALE ABKOMMEN DER NEUZEIT GEGEN KRIEGSVERBRECHEN
Die „Genfer Konvention zur Verbesserung des Schicksals der verwundeten Soldaten der Arme- en“ wurde am 22. August 1864 von zwölf europäi- schen Staaten (Baden, Belgien, Frankreich, Hes- sen,Italien, Niederlande, Portugal, Schweiz, Spa- nien, Württemberg; Norwegen und Schweden kamen am Jahresende hinzu) angenommen und in Genfunterzeichnet. Vorausgegangen war die- ser Vereinbarung die Initiative von Henry Du- nant, auf den die Gründung des Internationalen Roten Kreuzeszurückgeht. Weitere Abkommen regelten den Schutz von Schiffbrüchigen der Streitkräfte zur See (II, 1907), die Behandlung von Kriegsgefangenen (III,1929) sowie den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten (IV, 1949). Aktuell basiert die Genfer Konvention somit auf insge- samt vier Abkommen, die am12. 8. 1949 verein- bart wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich jedoch die Waffentechnik geändert, ebenso wie die strategische und taktischeKriegsführung. Da die „weitgehend unbemannte Kriegsführung“ vollkommen andere Bedrohungsszenarien mit sich bringt, erweitern drei Zusatzprotokolle seit 2005 die Genfer Abkommen. Sie regeln den Schutz der Persönlichkeit, der Ehre, Sitten, religiösen Überzeugungen und die Rechte der Familie. Sie untersagen grausame Behandlungen, Vernichtun- gen,Folterungen, Hinrichtungen ohne ordentli- ches Gerichtsverfahren, Verschleppungen, Plün- derungen und ungerechtfertigte Zerstörung von privatemEigentum.
Die Haager Landkriegsordnung ist die Anlage zu dem während der ersten Friedenskonferenz in Den Haag beschlossenen zweiten Haager Abkom- men von1899 „betreffend die Gesetze und Ge- bräuche des Landkriegs“, das 1907 im Rahmen der Nachfolgekonferenz als viertes Haager Abkom- men in leichtgeänderter Fassung erneut ange- nommen wurde. Sie enthält für den Kriegsfall Festlegungen zur Definition von Kombattanten, zum Umgang mit Kriegsgefangenen, zu Beschrän- kungen bei der Wahl der Mittelzur Kriegsfüh- rung, zur Verschonung bestimmter Gebäude und Einrichtungen von sozialer und gesellschaftlicher Bedeutung, zumUmgang mit Spionen, für Kapitu- lationen und Waffenstillstandsvereinbarungen sowie zum Verhalten einer Besatzungsmacht ineinem besetzten Territorium. Zum Umgang mit verletzten und erkrankten Soldaten verweist die Haager Landkriegsordnungwiederum auf die ers- te Genfer Konvention in den Fassungen von 1864 bzw. 1906. Die Haager Landkriegsordnung wird juristischauch als Völkergewohnheitsrecht, also allgemein gültiges internationales Recht, angese- hen. Das bedeutet, dass sie auch für Staatengilt, die diese Konvention nicht explizit unterzeichnet haben.
Zusammenfassend kann man festhalten, dass das Genfer Recht, ausgehend von seinen historischen Ursprüngen, vor allem denUmgang mit den sogenannten Nichtkombattanten regelt, also Personen, die im Fall eines bewaffneten Konflikts nicht an den Kampfhandlungen beteiligt sind. Dabei handelt es sich umverwundete, erkrankte und ge- fangengenommene Soldaten sowie Zivilpersonen. Demgegenüber enthält das Haager Rechtüber- wiegend Festlegungen zu zulässigen Mitteln und Methoden der Kriegführung und damit vor allem Regeln für denUmgang mit den an den Kampf- handlungen beteiligten Personen. Am Internatio- nalen Strafgerichtshof werden schließlichKriegs- verbrechen zur Anzeige gebracht und verhandelt.
LEGITIMATION VON KRIEG
Das Narrativ des Feindes als „Barbar“ – roh, unge- hobelt und unzivilisiert – erlaubte es antiken Herrschern in der Regel,Kriege zu führen und diese vor dem Volk, mitunter auch vor den Göt- tern, zu rechtfertigen. Die Überlegenheit Roms überdiese als minderwertig angesehenen Völker findet ihren Ausdruck daher auch in zahlreichen Beispielen auf Staatsreliefs oderSarkophagen, wo- bei diese Bilder zu standardisierten Darstellungen ohne Bezug zu aktuellen Ereignissen mutierten.Dennoch konnte von römischer Seite eine Kriegs- erklärung erst nach Befragung der Götter gemäß einem vorgegebenenRitus erfolgen. Diese Aufga- be übernahmen spezielle Priester, die fetiales. Diesem aus 20 Mitgliedern bestehenden Priesterkollegium oblag die Einhaltung und Überwa- chung des „internationalen Rechtes“, wenngleich dieser Begriff in der römischenAntike nicht im modernen Sinn verwendet wurde. Zudem waren völkerrechtliche Abkommen wie die oben be- schriebenen inder Antike unbekannt. Die Römer bestimmten den Inhalt des ius gentium (im allge- meineren Sinn von „allen Kulturvölkerngemein- sames Recht“) in der Frage, ob bestimmte Ereig- nisse einen Kriegsgrund darstellten oder nicht, und wahrten dessen Definitionshoheit. Neben dem Abschluss und der Überwachung völker- rechtlicher Verträge wurde jeder Krieg offiziell durcheinen der genannten Priester erklärt. In der Kaiserzeit stand dieser nicht mehr wie ursprüng- lich an der Grenze zum Feindeslandund warf eine Lanze hinüber, vielmehr wurde diese Handlung auf einem Stück Land beim Tempel der Bellona, das als „Ausland“deklariert wurde, vollzogen. Formal konnte Rom also keinen Krieg beginnen, ohne diesen sowohl von göttlicher Seite als auchgleichzeitig durch die Priester auf juristischer Ebene abzusichern. Zudem bedurfte es eines trif- tigen Kriegsgrundes, einer iustacausa, der meist im Bruch von Bündnissen oder (vermeintlichen) Überfällen gefunden wurde. Eine Überwachung desKriegsverlaufs oder des Verhaltens einzelner Truppen gegenüber der Zivilbevölkerung oder dem besiegten Gegner fand nicht statt.
GEWALT GEGEN FEINDLICHE KOMBATTANTEN
Das Hauptelement von Kriegen ist physische – und in der Folge sicherlich auch psychische – Ge- walt. Eine Diskussion über diese Formen der Gewalt imRömischen Reich fand bis vor wenigen Jahren in der Forschung nicht statt und in der Vermittlungsarbeit wird der Fokus auch heute noch fast ausschließlich aufAusrüstung, Taktik und historische Ereignisse gerichtet. Auch Dar- stellungen von Krieg und Gewalt – etwa auf Schlachtensarkophagen – werden nicht inletzter Konsequenz erfasst, sondern ebenfalls meist nur typologisch und stilistisch betrachtet. Welche Ver- letzungen durch Schwerter, Lanzen, Speere undsonstige Waffen üblich waren, wie gezeichnet die Soldaten oft ihr gesamtes Leben und wie hoch der Anteil „Kriegsversehrter“ innerhalb der Zivilbe- völkerungwaren, wird dabei meist bewusst in den Hintergrund gestellt bzw. komplett ausge- blendet. Neben fehlenden Gliedmaßen und sicht- baren Narben hatten dieehemaligen Soldaten oft durchtrennte Sehnen an Händen und Armen. So- fern sie nicht mehr für den Dienst tauglich waren, wurden sie als bello inutiles facti, alsodurch Kriegseinwirkung untauglich geworden, entlas- sen. Anthropologisch vielerorts an Skeletten nachweisbare Hiebspuren von Schwertern, Ein- schüsse vonPfeilen und Katapultbolzen sowie abgeschlagene Köpfe sind Beweise für Kampfhand- lungen. Da es sich um „normale“, zumeist tödliche Verletzungen von Schlachten handelt, ohne Vor- liegen des Tatbestands eines „Kriegsverbre- chens“, wird hier nicht weiter darauf eigegangen. Feindliche Soldaten wurden in der Schlacht aber nicht nur getötet,sondern auch bewusst verstüm- melt. Ein Beispiel dazu findet sich bei Ammian (Res gestae 17,13,10) im Kontext einer Schlacht Constantius’ II. gegen dieSarmaten: „Neben den Toten lagen viele mit zerschnittenen Kniekehlen, und so war ihnen jede Aussicht auf Flucht genom- men. Anderen war die Rechteabgeschlagen; eini- ge waren von keinem Stahl berührt, aber vom Ge- wicht derer zermalmt, die über sie hinwegstürz- ten“. Dies ist aus heutiger Sicht eingrausames Vorgehen, wohingegen das römische Kriegsrecht dem Sieger praktisch keinerlei Einschränkungen im Umgang mit den im Kampf unterlegenen Soldaten vorschrieb.
Der Sieger einer Schlacht hatte die Aufgabe, die Toten zu bestatten, doch wurde dies häufig für die Gegner unterlassen. So wird in verschiedenenSchriftquellen von stinkenden Leichenbergen oder von durch Vögel angefressenen Toten auf dem Schlachtfeld noch viele Tage danach berich- tet (z. B. Aquae Sextiae 102 v. Chr.: Plutarch, Marius 21; Mons Graupius 83 n. Chr.: Tacitus, his- toriae 3,35,1). Selbst während des Bürgerkrieges 69 n. Chr. wurden Römer der gegnerischen Partei nicht bestattet. Tacitus (hist. 2,70,1) berichtet vom Besuch des Schlachtfelds von Cremona durch Vitellius mit einem schrecklichen Anblick der Nie- derlage der Truppen von Otho: „40 Tage nach der Schlacht – zerfetzte Leichen, verstümmelte Glie- der,verwesende Kadaver von Männern und Pfer- den, getränkt von Blut und Moder die Erde, niedergetrampelte Bäume und Saaten: ein Bild grau- siger Verwüstung.“
GEWALT GEGEN DIE ZIVILBEVÖLKERUNG
Doch neben der Gewalt unter Soldaten, die diese bei Eintritt in die Armee wissentlich in Kauf nah- men, gab es auch einen nicht zu vernachlässigen- denAnteil an Gewalt gegenüber der Zivilbevölke- rung: Vergewaltigungen, Verkauf in die Sklaverei, Vertreibung und Tod. Auf Kriegsverbrechen nach modernenMaßstäben stößt man daher auch in antiken Quellen allenthalben. Eine der wohl ein- drücklichsten Schilderungen zum brutalen Um- gang mit Zivilistenfindet sich bei Flavius Josephus über den Jüdischen Krieg (siehe auch den Beitrag S. 24): „Mit gezogenem Schwert stürmten die Rö- mer in die Gassen,stießen jeden nieder, der ihnen in den Weg kam, und verbrannten die Häuser mit allen, die darin Zuflucht gesucht hatten. […] [Sie] versperrten die engenGassen mit Leichen, so dass manche Feuersbrunst durch Blut gelöscht wurde. Gegen Abend stellten sie das Morden ein; der Brand wütete aber die ganze Nachthindurch“
(bellum Iudaicum 6,8,5). Die völlige Vernichtung des Gegners, darunter auch Frauen und Kinder, diente als Abschreckung undMachtdemonstrati- on: „Den Mut, die Stadt Jerusalem [während der römischen Belagerung] zu verlassen, flößte den Judäern derHunger ein […]. Sie wurden zunächst gegeißelt und allen möglichen Foltern unterwor- fen, schließlich angesichts der Mauerngekreuzigt und getötet. Titus hatte Mitleid mit ihrem Schick- sal […]. Der Hauptgrund aber, weshalb Titus die Hinrichtung derGefangenen zuließ, war die Hoff- nung, der Anblick werde die Belagerten zum Nachgeben bewegen […]. Die Soldaten nageltenin ihrer Erbitterung die Gefangenen zum Hohn in den verschiedensten Körperlagen an, und da ih- rer so viele waren, fehlte es baldan Raum für die Kreuze und an Kreuzen für die Leiber“ (Jos. bell. Iud. 5,11,1). „Die Gesamtzahl der in diesem Kriege Gefangenenbelief sich auf 97 000; ums Leben ka- men während der Dauer der Belagerung von Jeru- salem 1 100 000“ (Jos. bell. Iud. 6,9,3).Auch wenn diese Zahlenangaben nicht überprüft werden können, weisen sie doch auf überdurchschnittlich viele Tote unter derZivilbevölkerung.
Bereits Caesar hatte 55 v. Chr. an den Usipetern und Tenkterern (Caesar, de bello Gallico 4,13–15) einen Genozid verübt: Nachderen Ersuchen um Siedlungsmöglichkeiten auf römischem Territori- um, Querelen mit gallischen Siedlern und Ver- handlungenmit Caesar schickte dieser acht Legio- nen in das Lager der Germanen. Die fliehenden Frauen, Kinder und schließlich auchunterlegenen Krieger wurden an der Mündung von Maas und Rhein eingekesselt und allesamt getötet, wobei Caesar von 430 000Toten spricht, moderne Schät- zungen aber immerhin von der Hälfte ausgehen. Das Vorgehen Caesars gegen die germanischenEinwanderer wurde im Senat schwer gerügt und Cato beantragte sogar, man solle ihn als Verräter den Germanen ausliefern, damitnicht der Zorn der Götter über Rom hereinbreche (Plutarch, Caesar 22). Auch wenn dieser Antrag keine Mehr- heit fand zeigtdies, dass hier für römische Ver- hältnisse wenngleich keine juristische, so doch eine moralische Linie überschritten worden war.Das Unterlassen des Tötens und sichtbaren Ver- stümmelns der Zivilbevölkerung geschah norma- lerweise nicht aus ethisch-moralischen Überle- gungen, sondern aus ökonomischen, da die gefan- gen genommenen Menschen als Sklaven verkauft werdenkonnten. Die große Zahl an Sklaven nach der Eroberung Jerusalems ließ wohl sogar die Preise auf dem Sklavenmarkt einbrechen.Eine Szene auf der Markussäule fasst den Umgang mit den Besiegten exemplarisch zusammen: Gezeigt wird im Vordergrund ein Auxiliarsoldat, der eine Frau mit entblößter Brust, eventuell nach einer vorhergehenden Vergewaltigung, an den Haaren reißt, um sie undihr Kind, dessen Hand sie um- klammert, in die Gefangenschaft zu führen. Im Bildhintergrund ganz rechts stecken weitere Hilfstruppenangehörigeeinheimische Hütten mit Fackeln in Brand, während unten rechts ein Sol- dat das Schwert zur Enthauptung eines vor ihm kauernden Feindes erhebt. DieseHinrichtung fin- det in Präsenz des stehenden Kaisers Marcus Aurelius statt. Ähnliche Szenen finden sich be- reits auf der Trajanssäule. Gezeigt werden dortFlucht und Vertreibung der Zivilbevölkerung (C. Cichorius, Die Reliefs der Trajanssäule. Berlin 1896, Taf. LCCV–LXXVI) nach dem Fall von Sarmi-zegethusa im Ersten Dakischen Krieg oder die Verwüstung dakischer Dörfer, wobei Auxiliarsol- daten Häuser in Brand stecken (Cichorius Taf. CLII–CLIII).Auch auf dem Siegesdenkmal Trajans, dem Tropaeum Traiani in Adamklissi (Rumäni- en), im Figurenschmuck der Kaiserforen oder am Konstantinsbogen inRom finden sich Darstellun- gen gefesselter Kriegsgefangener.
Einige Anführer gegnerischer Truppen sowie hochrangige Familienangehörige wurden als High-Value Targets nach ihrer Gefangennahme nach Romtransportiert und dort beim Triumph- zug des siegreichen Feldherrn vorgeführt. Die be- kanntesten Beispiele dürften Iugurtha und Ver- cingetorix sein, dieanschließend im römischen Staatsgefängnis, dem Carcer Tullianus, erdrosselt wurden. Auch Frauen und Kinder der gegneri- schen Adelsfamilien wurden gefangen genom- men.Vermutlich wurden sie zumindest vor Ver- gewaltigung verschont, da sie mit dem Sieg der Römer Eigentum des Römischen Staates gewor- den waren.Vergewaltigung ist ohnehin ein mo- derner Begriff ohne antikes Pendant und impli- ziert damit neuzeitliche Ethik und Moral. Die Ver- gewaltigung von künftigen Sklavinnen wurde jedoch als wertmindernd und somit als Sachbe- schädigung eingestuft. Inwiefern sich Soldaten nach der Einnahme einer Siedlungallerdings da- ran hielten, Menschen, die verkauft werden soll- ten, zu verschonen, ist unklar. Kriegsgefangene wurden aber auch geschont, da sie mitunter alsVerhandlungsmasse eingesetzt wurden und je nach Vertrag vom Gegner gegen Geiseln ausge- tauscht werden konnten. Dadurch wurde die ÜberlegenheitRoms demonstriert und der Feind gedemütigt.
VERSTÜMMELUNGEN, FOLTER UND HINRICHTUNGEN
Das Abschlagen von Körperextremitäten unterle- gener Gegner und als Bestrafung für Verräter oder postmortale Erniedrigung und Warnung an potenzielle Nachahmer ist nicht auf die römische Welt beschränkt: Bereits König David (1008–965 v. Chr.) hatte seinen Männern befohlen, Verrä- ter nach ihrem Tod zu verstümmeln: „Die [jungen Männer] brachten sie [die Feinde] um und schlu- genihnen Hände und Füße ab, hängten sie auf am Teich von Hebron“ (2. Buch Samuel 4,12). Ein ar- chäologischer Beweis für diese im Nahen Osten etabliertePraxis stammt vom Tell el Dab’a in Ägypten. Das Österreichische Archäologische Ins- titut entdeckte hier 16 abgehackte rechte Hände, die um 1500 v. Chr.datiert werden. Körperliche Verstümmelungen an Unterlegenen sind für die römische Zeit literarisch belegt: „Caesar wusste, dass er bei seiner allgemein be- kanntenMilde nicht zu fürchten brauchte, man werde ihm ein zu hartes Vorgehen als Grausam- keit auslegen. […] So ließ er allen Bewohnern von Uxellodunum, dieWaffen getragen hatten, die Hände abschlagen und schenkte ihnen dann das Leben, damit die Strafe für ihre Missetat umso sichtbarer sei“ (Caesar, bell. Gall.8,44,1). Einen ar- chäologischen Beleg für diese Praxis bietet ein Schwertscheiden-Mundblech der sogenannten Vindonissa-Edition: Hier sind neben einemknien- den, gefesselten Gallier zwischen zwei Tropaia zwei abgehackte Hände dargestellt. Diese gelten als Zeichen der Untreue und des gebrochenen Eides.Die Szene ist deshalb im Kontext des Sacro- vir-Aufstandes von 21 n. Chr. zu interpretieren. Im anthropologischen Befund lässt sich auch die Folterung vonKriegsgefangenen belegen: Aus Va- lencia stammen 14 menschliche Skelette mit Spu- ren von Folter, die mit den Bürgerkriegsereignis- sen des Jahres 75 v.Chr. im „Sertorianischen Krieg“ in Verbindung stehen. Viele Skelette zei- gen Spuren von Amputationen. Einem Mann mit hinter dem Rücken gefesseltenHänden war ein Pi- lum in das Rektum getrieben worden. Massenhin- richtungen feindlicher Kombattanten sind auf der Markussäule wiedergegeben.
VERBRANNTE ERDE
Nicht selten wurden „ethnische Säuberungen" durchgeführt und das Prinzip der verbrannten Erde angewendet, wie bei Caesars Bericht zum Jahr 52 v. Chr.deutlich wird, der aus Wut über den entflohenen Ambiorix dessen gesamten Besitz verwüsten ließ: „Caesar selbst rückte aus, um das Land des Ambiorixvollständig zu verwüsten. Da er nicht mehr damit rechnete, den eingeschüch- terten Flüchtling in seine Gewalt zu bekommen, so erforderte es, wie er meinte,seine Ehre als nächstes, dessen Land durch Vernichtung von Menschen, Gehöften und Vieh in eine solche Wüs- te zu verwandeln, dass dem Ambiorix nur derHass seiner etwa noch übrig gebliebenen Stam- mesgenossen wegen des so großen Unglücks, in das er sie gestürzt hatte, jede Rückkehr unmög- lich machen musste“ (Caesar, bell. Gall. 8,24,4). „So ließ er […] das ganze Land des Ambiorix teils von den Legionen, teilsvon den Hilfstruppen, die er nach allen Richtungen entsandte, durch Mord, Brand und Plünderung verwüsten, wobei viele Einwohner erschlagen oder gefangen genommenwurden“ (Caesar bell. Gall. 8,25,1).
PLÜNDERUNGEN UND BEUTEKUNST
Für die Plünderung von Städten wurden geeigne- te Soldaten ausgewählt. Die Beute wurde verkauft und der Erlösanschließend unter den Truppen aufgeteilt. Überwiegend wurde der Gewinn aber der Staatskasse zugeführt und daraus große Infra- strukturprojekte wie das Trajansforumin Rom fi- nanziert: Die von Trajan nach Rom geschleppte Kriegsbeute aus den dakischen Kriegen soll 331 Tonnen Silber und 165 Tonnen Gold betragen ha- ben. EineSzene auf der Trajanssäule (Cichorius Taf. CXXXVII–CXXXVIII) beispielsweise zeigt ei- nen Legionär und zwei Auxiliarsoldaten beim Be- packen von Mulis miterbeutetem Silbergeschirr, wahrscheinlich dem Schatz des Decebal. Plünde- rungen füllten die Staatskasse und stellten die be- teiligten Soldaten materiell zufrieden. Beider Si- cherstellung der Beute direkt auf dem Schlacht- feld waren römische Soldaten mitunter nicht zimperlich. So berichtet Prokop (bellum Gothi- cum 3,4), dasseinem gefallenen gotischen Standartenträger einfach die Hand abgehackt wurde, um schneller in den Besitz eines goldenen Arm- reifs zu gelangen. Einfrühkaiserzeitliches Relief von einem Pfeilergrabmal aus Bartringen (Luxem- burg) liefert einen bildlichen Beleg für postmorta-le Verstümmelung zwecks Erlangung der Beute: Ein römischer Soldat packt einen enthaupteten Kelten am Haarschopf; dessentorques, den er dem toten Gegner vom Hals gezogen hat, trägt er über seiner linke Ellenbogenbeuge, um ihn im Schlachtgetümmel nicht zu verlieren. Dies würde nach modernen Gesichtspunkten als nicht „erlaubte“
Verstümmelung von Leichen angesehen werden. Daneben tritt auch das Phänomen der Beutekunst auf (siehe den Beitrag S. 4), die neben den materiel- len auch einen kulturellen Wert einbrachte. Beutekunst wurde in vielen Tempeln Roms zur Schau gestellt, es existierten sogar Inventarlisten dieser „Beutekunst-Museen“, etwa für die Porticus Octaviae in Rom mit einem Verzeichnis des Vellei- us Paterculus (historia Romana 1,11,3–5). Oberhalb des Bauchnabels dessogenannten Thermenherr- schers, einer lebensgroßen Bronzestatue eines hellenistischen Herrschers der Mitte des 2. Jahr- hunderts v. Chr. vom Quirinal inRom (heute im Palazzo Massimo alle Terme, Rom) ist die bereits in der Antike eingravierte Inventarnummer „L.VI.P.L XXIIX“ zu lesen. Die Abkürzung „L.S.“steht dabei für Loco Sexto, gibt also die Standort- lokalisierung „an sechster Stelle“ innerhalb der Kunstsammlung an. In der Mehrzahl stammtenBeutekunstwerke aus Griechenland. Pausanias (7,16) beschreibt als Augenzeuge die Plünderung Korinths 146 v. Chr. und erwähnt explizit den Raubbedeutender Kunstwerke, aber auch von Weihegeschenken aus den dortigen Tempeln. Ein im Sturm auf dem Weg nach Italien abgetriebener und dann vor dertunesischen Küste bei Mahdia am Cap Afrique gesunkener römischer Lastenseg- ler zeigt, dass nicht alle Kunstwerke wie geplant ankamen. Die Ladung diesesmit Raubkunst bela- denen Schiffes, das wahrscheinlich in Athen ge- startet war, enthielt griechische Marmor- und Bronzeskulpturen, Kapitelle undSäulensegmente, hochwertige Möbelbeschläge sowie weitere Aus- stattungsgegenstände luxuriöser Privathäuser.
SCHLEIFUNG VON STÄDTEN
Korinth wurde nach der Eroberung 146 v. Chr. völ- lig geschleift und das Gebiet größtenteils dem ager publicus zugeschlagen. Die Männer wurden allesamtgetötet, Frauen und Kinder als Sklaven verkauft. Erst 100 Jahre später fand eine Neube- siedlung statt. Mit diesem extremen Vorgehen wurde ein Exempelstatuiert, um alle anderen griechischen Städte davon abzuhalten, sich gegen Rom aufzulehnen. Die aus römischer Sicht unbe- rechenbaren Demokratien wurden inOligarchien umgewandelt, der Rest Griechenlands verlor sei- ne Selbstständigkeit und wurde Bestandteil der bereits 168 v. Chr. gegründete Provinz Macedonia.Die Zerstörung und Plünderung Karthagos, eben- falls im Jahr 146 v. Chr., dürfte wohl der bekann- teste derartige Fall sein. Polybios war Augenzeu- ge derZerstörung der Mittelmeermetropole und stand neben dem weinenden Scipio Africanus, als die Stadt in einem Flammenmeer unterging. Der karthagischeAnführer Hasdrubal hatte seinerseits römische Soldaten foltern lassen und flüchte- te aus Furcht vor der Rache der Römer, wurde spä- ter gefangen genommen und starb in Italien. Seine Frauermordete ihre beiden Söhne und beging Selbstmord, indem sie in die Flammen des kartha- gischen Haupttempels auf dem Stadtberg sprang. Die 50 000überlebenden Einwohner wurden als Sklaven verkauft und Karthago bis in die Zeit Cae- sars nicht mehr besiedelt.
In augusteischer Zeit durchsuchten die Römer den Zerstörungsschutt der Stadt nach Baumateri- alien und planierten diesen mehrere Meter hoch ein, um fürdie Gründung der neuen Hauptstadt der Provinz Africa Proconsularis einheitliche Bauniveaus zu schaffen. Spuren davon lassen sich archäologisch durchden infolge der Brandeinwir- kung intensiv rot gefärbten „Römisch Bewegten Punischen Schutt“ gut nachweisen. Es handelt sich dabei um eine karthagischeLeitschicht aus mit Küstensand vermischtem, zerkleinertem und gesiebtem Brandschutt der zerstörten Stadt. Der römische Senat hatte bereits 150 v. Chr. ineinem geheimen Beschluss, der erst ein Jahr später veröf- fentlicht wurde, die Zerstörung Karthagos festge- legt. Die offizielle Begründung warenSicherheits- interessen Roms, da Karthago gegen den Vertrag von 201 v. Chr. – ein demütigendes Abkommen nach dem Zweiten Römisch-Punischen Krieg –verstoßen hatte. Daher war die Schleifung der Stadt kein spontaner Akt eines siegreichen Feld- herrn, sondern eine vom Senat gewollte, vollstän- digeAuslöschung des Gegners und dessen gesam- ter materieller und immaterieller Kultur, eine Art damnatio memoriae für ein ganzes Volk.
KRIEGSVERBRECHEN MIT STAATLICHER LEGITIMATION
Die Schleifung von Korinth und Karthago gehörte zu den wichtigsten Etappen auf dem Weg Roms zur Weltmacht in der späten Republik. Daher wa- renderartige Zerstörungen und die völlige Ver- nichtung der Städte keine militärischen Spontan- entscheidungen, sondern unterlagen einem vor- her festgelegtenKriegsplan des Senats. Auch die Vernichtung Judäas mit der Zerstörung des Tem- pels in Jerusalem folgte einem von langer Hand vorbereiteten Plan. Iudaea-Capta-Prägungen der flavischen Kaiser mit Darstellung der gefesselten Personifikation Iudaea an einem Tropaion unter- streichen die politische Absicht desVorgehens, das aus römischer Sicht gerechtfertigt war, und somit auch jede Form von Kriegsverbrechen. Die- se völkerrechtliche Komponente darf nichtaußer Betracht gelassen werden, wenn es um die Erwei- terung des Reiches ging – so auch in Gallien, Ger- manien oder Dakien. Die römische Sichtweisewird beispielsweise gut wiedergegeben durch Plinius, bezogen auf die Wiederherstellung der römischen Militärdominanz unter Trajan: „Aber jetzt wurden [unsere Feinde] wieder in einen Zu- stand des Terrors, der Angst und des Bettelns ver- setzt, umunseren Befehlen zu gehorchen. Sie se- hen einen römischen Feldherrn, einen der alten Art, derjenigen, die den Imperatoren-Titel verlie- hen bekamen für Massakerauf dem entlegenen Schlachtfeld und auf vom Sieg befleckten Meeren. Wir nehmen Geiseln, wir kaufen sie nicht […]“
(Plinius, Panegyricus 12). Nähere Ausführungen dazu, inwiefern zum Erreichen der römischen Ziele auch militärische „Geheimdienste“ einge- setzt wurden undwelche Verbrechen von diesen begangen wurden, würden den Rahmen hier sprengen. Doch der Soldat Tiberius Claudius Maximus rühmt sich sogar auf seinemGrabstein aus Philippi in Makedonien (http://lupa.at/19572) damit, dass er so Decebal aufspüren und dessen Kopf dem Kaiser überbringen konnte.
FAZIT
Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um die schillernde Welt der Reenactors sowie der meis- ten Ausstellungen und auch TV-Dokumentatio- nen mit ihren reinhistorischen und stilistisch- typologischen Darstellungen in einen histori- schen und funktionalen Kontext zu stellen und damit zu einem reflektierten Umgang mitder Ge- walt und dem nicht vorhandenen Verständnis von Kriegsverbrechen in der römischen Armee beizu- tragen. Die Darstellung aller Kriegsgräuel der An- tikewäre sicherlich ebenso der falsche Ansatz, aber ein bewussteres Hinterfragen, was sich hin- ter manchem Fund und Befund für die damals Be- troffenen wirklichverbarg und welche Konse- quenzen der Einsatz von Waffen und Gewalt – zu- mal ohne internationale Abkommen – hatte, wäre wünschenswert.
vgl.: Meyr, Martina; Flügel, Christoph: Kriegsverbrechen in römischer Zeit, in: Der Limes. Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (16. Jahrgang, Heft 2), Stuttgart 2022, S. 16-23.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Meyr, Martina; Flügel, Christoph: Kriegsverbrechen in römischer Zeit, in: Der Limes. Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (16. Jahrgang, Heft 2), Stuttgart 2022, S. 16-23.
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Zivile Einsatzbereiche
Inhaltsverzeichnis
1. Mit Axt und Eimer. Die römische Feuerwehr in der Antike
1. Mit Axt und Eimer. Die römische Feuerwehr in der Antike
Nam tua res agitur, paries cum proximus ardet, et neglecta solent incendia sumere vires. (Denn dein Besitz steht auf dem Spiel, wenn die Nachbarwand brennt, und Feuers Macht pflegt wo man achtlos bleibt, sich auszubreiten.)
Die freiwillige Feuerwehr spielt in unserer heutigen Gesellschaft eine unverzichtbare Rolle, indem sie bei Bränden, Unfällen und Katastrophen schnelle und effektive Hilfe leistet. In der Antike war die Feuergefahr in Carnuntum, wie auch in anderen römischen Städten, außergewöhnlich hoch. Zahllose offene Feuerstellen im Innen- und Außenbereich, Fackeln, Öllampen und ähnliche Wärme- und Lichtquellen konnten jederzeit verheerende Brände verursachen. Dies zeigt sich bei archäologischen Ausgrabungen in vielen Siedlungen, wobei teils große Brandzerstörungen nachgewiesen werden können, die meist auf versehentlich ausgelöste Schadfeuer zurückzuführen sind. Aus diesem Grund waren beispielsweise metallverarbeitende Betriebe und Handwerker eher außerhalb des Zentrums einer Stadt angesiedelt, um die Feuergefahr zu minimieren.
© Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Foto: N.Gail)
Die Organisation des Brandschutzes war somit schon in der Antike eine wichtige Aufgabe. Auch im Römischen Reich gab es daher eine Art Feuerwehr. Die stadtrömische Berufsfeuerwehr, genannt vigiles, ist ein frühes Beispiel für gut organisierte (militärische) Feuerwehrtruppen, deren Prinzipien der Brandbekämpfung und Gemeinschaftsverantwortung bis heute relevant sind. In den nördlicheren Provinzen wie Pannonien oder Noricum sind in vielen Städten Handwerkervereinigungen (collegia) bezeugt, die auch zur Brandbekämpfung herangezogen wurden. Diese Vereine ähnelten am ehesten der heutigen Freiwilligen Feuerwehr.
Die Organisation des Brandschutzes war in größeren Städten des Römischen Reiches notwendig, während in kleineren Siedlungen oftmals Nachbarschaftshilfe genügte. Der Fokus lag auf der schnellen Bekämpfung kleinerer Brände, die durch offene Feuerstellen entstanden, um deren Ausbreitung zu verhindern. Aufgrund der engen Bebauung gab es ab der Kaiserzeit Bauvorschriften für Sicherheitsabstände. Zur Brandbekämpfung nutzte man Wassereimer (hamae), mit Essig getränkte Decken (centones), Brechäxte (dolabrae) und Feuerspritzen (siphones), die jedoch nur begrenzte Kapazitäten hatten. Wie ein Feuerwehreinsatz im antiken Carnuntum ausgesehen haben könnte, wurde bereits 2017 bei unserem Fest der Spätantike von dem Verein Gentes Danubii nachgestellt – auch sie konnten erfolgreich unter dem wachsamen Auge der Freiwilligen Feuerwehr Petronell-Carnuntum Brandaus geben.
Feuerwehreinsatz der Gentes Danubii - Foto von Hermann Schneider
Zu den Brandbekämpfern der Antike haben wir heute einige schriftliche Überlieferungen, aber auch, neben den Brandschichten etwaiger Schadfeuer bei Ausgrabungen, den ein oder anderen archäologischen Fund: Einen Beleg für die antike Feuerwehr Carnuntums liefert uns so das Weihemonument des Lucius Octavius Faustinianus (derzeit ausgestellt im Museum Carnuntinum), bekannt als Faustinianusaltar. Dieses wurde Ende der 1950er Jahre bei Grabungen in den Großen Thermen der Zivilstadt entdeckt. Faustinianus, ein hochrangiger Magistrat und aus der Stadtaristokratie stammender Ritter, stiftete dem collegium fabrum, einer Art Freiwilligen Feuerwehr, eine Geniusstatuette, wie eine Weiheinschrift auf dem Sockel der Statue bezeugt. Das Monument wurde am Tag der Volcanalien geweiht (23. August 219 n. Chr.), einem für das collegium fabrum besonders wichtigen Tag, da dieses wie in vielen anderen Städten auch für den Brandschutz zuständig war. Wahrscheinlich war der Weihealtar im Versammlungsraum (schola) dieses Kollegiums in unmittelbarer Nähe der Thermen aufgestellt.
Text auf der Vorderseite:
Genium / pro sal(ute) Imp(eratoris) [[Caes(aris) M(arci) Aur(elii) / Antonini P(ii) F(elicis) Augusti]] / [L(ucius) O]ct(avius) M(arci) f(ilius) Faustinianus / [d]ec(urio) c(oloniae) C(laudiae) A(ugustae) S(avariae) et c(oloniae) S(eptimiae) A(ureliae) A(ntoninianae) K(arnunti) eq(uo) / [p]ubl(ico) sacerdotalis / p(rovinciae) P(annoniae) s(uperioris) trib(unus) mil(itum) leg(ionis) / XIII g(eminae) Ant(oninianae) trib(unus) / coh(ortis) II Mattiacor(um) / (milliariae) eq(uitatae) praef(ectus) alae / [I?]I Sept(imiae) Suror(um) (milliariae) / [c]oll(egio) fabr(um) Karn(untensium) d(onum oder -ono) d(edit)
"Diese Geniusstatue hat zum Wohl des Imperators Caesar Marcus Aurelius Antoninus Pius Felix Augustus Lucius Octavius Faustinianus, Sohn des Marcus, Decurio der colonia Claudia Augusta Savaria und der colonia Septima Aurelia Antoniniana Karnuntum, römischer Ritter, ehemaliger Priester der Provinz Oberpannonien, Militärtribun der Legio XIII gemina Antoniniana, Tribun der berittenen Cohors II Mattiacorum mit einer Sollstärke von 1000 Mann, dem Feuerwehrverein in Carnuntum zum Geschenk gemacht.“
Diese weitreichenden Maßnahmen der antiken Feuerbekämpfung unterstreichen die hohe Bedeutung, die der Brandschutz im Römischen Reich hatte, um Städte vor zerstörerischen Bränden zu bewahren. Die Errungenschaften und Innovationen der römischen Feuerwehren legen den Grundstein für das moderne Feuerwehrwesen, das heute aber noch immer, trotz aller technischen Entwicklungen, wie vor 2.000 Jahren auf den Mut seiner Mitglieder angewiesen ist.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Kirchengast, Nisa-Iduna: Mit Axt und Eimer. Die römische Feuerwehr in der Antike, in: Blog Römerstadt Carnuntum, online verfügbar unter: https://www.carnuntum.at/de/magazin/mit-axt-und-eimer-die-romische-feuerwehr-in-der-antike/728, zuletzt geprüft am 10.08.2026.
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Sekundärliteratur
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Kultur
Kosmetik und Körperpflege
Inhaltsverzeichnis
1. Wie roch das Parfüm der altem Römer? (Artikel)
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1. Wie roch das Parfüm der alten Römer?
Forschende haben in einer Höhle in Spanien einen Salbentiegel aus dem ersten Jahrhundert n. Chr. gefunden. Darin enthalten: Reste eines Parfüms aus dem Alten Rom. Die Rekonstruktion des Duftes zeigt, wie die Römer damals rochen.
Im Jahr 2019 wurde in der Kleinstadt Carmona in Südwestspanien beim Bau eines Swimmingpools der Eingang zu einem altrömischen Grab aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. aufgedeckt. Der hinzugerufene Archäologe Juan Manuel Román von der Universität Pablo de Olavide in Sevilla war der erste, der das seit zweitausend Jahren ungeöffnete Grab untersuchen durfte. Neben menschlichen Überresten fand er auch ein kleines Fläschchen aus Bergkristall – mitsamt Inhalt.
Im Rahmen einer aktuellen Studie gelang es Román und seinen Kolleg*innen nun, den Fund als Parfüm zu identifizieren – eine Sensation. Denn die Frage danach, wie die Parfüms der Alten Römer genau zusammengesetzt waren und wie sie rochen, blieb bislang weitgehend unbeantwortet. Bis jetzt. Das Team um Román konnte das Rezept rekonstruieren – und die Hauptkomponente des Duftes identifizieren: Patschuli.
Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen veröffentlichte das Forschungsteam im Fachmagazin Heritage.
Patschuli-Duft für reiche Römer
Die Zusammensetzung von altrömischen Parfüms ist bislang hauptsächlich aus schriftlichen Quellen überliefert. So wusste man beispielsweise bereits, dass die Parfüms damals anstatt auf Alkoholbasis auf Basis von Ölen hergestellt wurden, darunter Öle aus Sesam, heißem Rettich oder unreifen Oliven. Auch von der Verwendung von ätherischen Ölen wusste man. Beide Komponenten konnten die Forschenden in der im Laufe der Jahrtausende fest gewordenen Masse in dem Fläschchen aus dem Grab feststellen.
Dass das Parfüm ein ätherisches Öl enthalten haben muss, wurde durch den Fund von Sesquiterpenen in der Masse klar. Sie sind einer der Hauptbestandteile in ätherischen Ölen. Weitere Untersuchungen zeigten: Das Öl muss aus der Pflanzenart Pogostemon Cablin gewonnen worden sein, also aus dem Indischen Patschuli.
Getragen wurde das Parfüm wahrscheinlich von einem oder mehreren Mitgliedern der Familie, die in dem Grab bestattet worden war. Das Material, aus dem das kleine Parfümbehältnis gefertigt wurde, lässt darauf schließen, dass die Familie wohlhabend gewesen sein musste – denn Bergkristall galt damals als Luxusmaterial. In der Urne, in der das Fläschen gefunden wurde, befanden sich zusätzlich drei Bernsteinperlen.
Der Weg des Parfums ins Alte Rom
Schon in Mesopotamien und im Alten Ägypten nutzten die Menschen gerne Parfüms und stellten duftende Öle und Tinkturen her. Damals wurden die Parfüms vor allem rituell genutzt, beispielsweise zur Huldigung von Gottheiten, oder aus medizinischen Gründen. Aber auch der Spaß am Duft selber stand im Vordergrund – dieser war allerdings meist König*innen und der Oberschicht vorbehalten.
Vom Alten Ägypten fand das Parfüm über das Alte Griechenland schließlich auch den Weg zu den Römern. Ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. wurden Parfüms im Alten Rom benutzt, so die Forschenden. Seither gibt es Aufzeichnungen darüber, wie die Römer die Duftwasser und - tinkturen verwendeten. Laut Román nutzten sie Parfüms nicht nur im täglichen Leben, sondern auch bei besonderen Anlässen wie Beerdigungen oder als Salbe oder zur Einbalsamierung Verstorbener. Auch als Grabbeigabe seien die Parfüms gängig gewesen – je nach Wohlstand der Familie.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Lamm, Lisa: Wie roch das Parfüm der alten Römer?, in: National Geographic online, verfügbar seit 09.06.2023 unter: https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2023/06/wie-roch-das-parfuem-der-alten-roemer, zuletzt geprüft am 09.04.2025.
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Sekundärliteratur
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Romanisierung
Inhaltsverzeichnis
1. Romanisierung im Rheinland
1. Romanisierung im Rheinland
Romanisierung ist ein zentrales Konzept der altertumswissenschaftlichen Forschung zur Erklärung der politischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Wandlungsprozesse in Italien und den Provinzen des römischen Reiches in der Kaiserzeit. Der Begriff wurde um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert von Theodor Mommsen und Francis Haverfield geprägt. Seitdem hat sich das Verständnis der Entwicklungen in den Provinzen allerdings mehrfach grundlegend gewandelt und bis heute besteht kein Konsens über die Ursachen, Träger und Folgen der Romanisierung. Teile der Forschung lehnen sogar die Verwendung des Begriffes selbst ab. Nichtsdestoweniger gerät bei den vorgeschlagenen Ersatzbegriffen die entscheidende Macht, nämlich das Imperium Romanum, aus dem Blick. Zwar betrieb Rom keine forcierte Kulturpolitik, und viele Veränderungen sind durch das Bestreben der provinzialen Eliten nach Anschluss an das imperiale Zentrum erklärbar. Dennoch sollte der Einfluss der kaiserlichen Repräsentation und der römischen Administration auf die Verhältnisse in den Provinzen nicht unterschätzt werden. Dafür spricht auch, dass sich antike Autoren durchaus der Veränderungen im Reich bewusst waren und diese auf die Wirkung Roms zurückführten, auch wenn sie dafür keinen übergeordneten Begriff kannten.
Weitgehende Einigkeit besteht heute aber hinsichtlich der Chronologie der Romanisierung. Um die Zeitenwende lässt sich nämlich eine Phase grundlegender Wandlungsprozesse erkennen, die gleichzeitig Rom, Italien und die Provinzen erfasste. In dieser „Roman Cultural Revolution“ entstand ein reichsweites kulturelles und soziales Bezugssystem.[4] Insofern dürfen die Veränderungen in den Provinzen nicht einfach als Kopie hauptstädtischer Verhältnisse angesehen werden, diese Entwicklungen bedingen sich vielmehr. Voraussetzungen für die verstärkte Integration der Provinzen dürften unter anderem mit der Etablierung des römischen Kaisertums, den damit einhergehenden neuen Formen der Reichsverwaltung sowie der Auswanderung und Ansiedlung von Italikern in den Provinzen zusammenhängen. Entsprechend den jeweiligen Voraussetzungen in den Provinzen gestaltete sich diese formative Phase durchaus unterschiedlich und hatte nicht überall die gleiche Dauer. Im Anschluss an diese erste Periode großer Veränderungen bildeten sich langsam differenzierte und durchaus eigenständige römische Provinzialkulturen aus – so auch in der Provinz Germania Inferior.
2. Die formative Phase: Von Augustus bis zum Bataveraufstand
2.1 Voraussetzungen und Ansiedlungen
Das Gebiet der späteren Provinz Niedergermanien umfasste westlich beziehungsweise südlich des Rheins gelegene Gebiete im heutigen Deutschland, in den Niederlanden sowie in Nordosten Belgiens. Im Süden bildete der Vinxtbach bei Bad Breisig die Grenze zu Obergermanien. In der Zeit vor den gallischen Kriegen Caesar wurde die Region von den Eburonen beherrscht. Caesar (100-44 v. Chr.) zerschlug diesen Stammesverband, und in der Folgezeit existierten am Nieder- und Mittelrhein offenbar keine größeren politischen Verbände mehr. Zudem verfügte die Region weder über städtische Gemeinwesen noch über eine eigenständige Schriftkultur. Unter Augustus (63 v.-14 n. Chr., Kaiser 31v.-14 n. Chr.), als sich die römische Herrschaft am Rhein intensivierte, wurde daher eine administrative Neuorganisation des Raums notwendig, zumal von hier aus Feldzüge ins rechtsrheinische Gebiet unternommen wurden, um Germanien bis zur Elbe zu erobern. Dementsprechend wurden mehrere rechtsrheinische Stämme im ehemaligen eburonischen Gebiet angesiedelt. So erhielten die Ubier das Gebiet um Köln; die Cugener, eine Abspaltung der Sugambrer, siedelten bei Xanten, und die Canninefaten und Bataver, die sich von den Chatten getrennt hatten, ließen sich im Rheindelta nieder. Nach dem Vorbild der civitates im Inneren Galliens richtete die römische Verwaltung auch Zentralorte für die neuen Stämme ein, die ebenfalls als Verkehrsknotenpunkte dienten. Als Zentrum einer geplanten großgermanischen Provinz, die bis zur Elbe reichen sollte, sollte Köln fungieren, wo auch ein Provinzialkult eingerichtet wurde.
2.2 Die römische Militärpräsenz und das kriegerische Selbstverständnis der Stämme
Auch wenn die Eroberung der Germania Magna scheiterte und zunächst auch im Rheinland keine eigene Provinz eingerichtet wurde, sondern die Region mit der Provinz Gallia Belgica verbunden war, blieb dennoch die starke Konzentration römischen Militärs bestehen, da sich der Fluss nach und nach zur festen Grenze entwickelte. Das römische Heer war zunächst hauptsächlicher Träger römischer Kultur im Rheinland. Aufgrund der Bedürfnisse der Legionäre, die zum überwiegenden Teil aus Norditalien und Südgallien stammten, wurden zahlreiche mediterrane Konsumgüter wie Wein, Olivenöl und Tischgeschirr an den Rhein gebracht. Daneben kam es auch zu einem starken Zufluss römischer Münzen, derer sich offenbar auch die Einheimischen gerne bedienten – zumindest verschwanden ältere Geldsysteme sehr schnell. Die meisten Inschriften der julisch-claudischen Zeit wurden auch von Angehörigen des Militärs gesetzt, die mit diesen Monumenten offenbar ihren besonderen Status in der Provinz deutlich hervorheben wollten.
Das römische Heer war aber auch der hauptsächliche Motor für die Romanisierung der germanischen Stämme. Im Gegenzug für die Erlaubnis zur Ansiedlung im römischen Reich waren diese zur Stellung von Hilfstruppen verpflichtet, zugleich aber von weiteren Abgaben befreit. Die Einheiten waren ethnisch einheitlich strukturiert und wurden von Adeligen des Stammes geführt. Die Belastung für die germanischen Stämme war beträchtlich: Die Bataver etwa stellten acht oder neun Kohorten sowie eine Reitereinheit (ala), insgesamt also 4.500–5.000 Mann. Auch wenn zu vermuten ist, dass die Bataver zudem Soldaten bei den benachbarten Stämmen anwarben, kann man also davon ausgehen, dass jede batavische Familie von den Rekrutierungen betroffen war. Den Batavern wurde sogar gestattet, ihr Stammesgebiet mit der dort stationierten Reiterala selbst zu verteidigen. Die Kohorten, die aus Fußsoldaten gebildet wurden, nahmen hingegen an verschiedenen auswärtigen Einsätzen teil und waren vor allem längere Zeit in Britannien stationiert; die Soldaten kehrten nach ihrem Militärdienst aber in die Heimat zurück.
Wegen ihres besonderen Ansehens wurden Bataver und Ubier auch bevorzugt in die kaiserliche Leibgarde aufgenommen. Archäologische Funde zeigen zudem eine hohe Dichte an Militaria im Siedlungsbereich der Bataver. Zentrales Merkmal der Identität der männlichen Bataver war also ihr Selbstverständnis als Elitesoldaten, das aber in dieser Form erst in Kontakt und Austausch mit Rom geschaffen wurde. Nichtsdestoweniger trugen die ethnische Geschlossenheit der Einheiten und die Führung durch die eigene Elite zur Eigenständigkeit der Stämme bei. Auf der anderen Seite wurden während des Heeresdienstes die Soldaten mit römischen Kommandostrukturen und Institutionen vertraut gemacht. Vor allem lernten sie die lateinische Sprache, die sich daher auch schnell zur Verkehrs- und Umgangssprache im Rheinland entwickelte. Die häufigen Funde von Siegelkapseln zeugen zudem von einem hohen Grad an Lese- und Schreibfähigkeit bei den Stämmen in der Region. Die Aristokraten wurden außerdem größtenteils mit dem römischen Bürgerrecht ausgezeichnet und somit zusätzlich an Rom gebunden.
2.3 Die Schwächen der Integration und der Bataveraufstand
Bezugspunkte des Selbstverständnisses der Stämme bildeten also sowohl Rom als auch der eigene Stamm. Solange diese Identitäten nicht in Widerspruch zueinander gerieten, standen die Stämme loyal zum Kaiser. Die prekäre Integration zeigte sich allerdings im Bataveraufstand (69/70 n. Chr.).Im Zuge der Thronwirren nach Neros (37-68 n. Chr., Kaiser 54-68 n. Chr.) Selbstmord wollte der neue Kaiser Aulus Vitellius (15-69 n. Chr., Kaiser April-22.12.69 n. Chr.) Aushebungen im batavischen Gebiet vornehmen (Januar 69 n. Chr.), was in den Augen der Bataver eine Verletzung der bestehenden vertraglichen Verhältnisse mit Rom bildete. Die Bataver betrachteten sich als privilegierte Verbündete, die Römer sahen sie vor allem als Untertanen an. Vor der Erhebung der Bataver war es auch schon zu Unruhen bei den Friesen und Canninefaten gekommen und der batavische Aristokrat Iulius Civilis (25-nach 70 n. Chr.), der einige Demütigungen durch das niedergermanische Heer hatte hinnehmen müssen, stellte sich rasch an die Spitze der Aufstandsbewegung. Die Bataver ergriffen Partei für den Thronprätendenten Vespasian (9-79 n. Chr., Kaiser 1.7.69-23.7.79 n. Chr.) und erhofften sich vom ihm die Bestätigung ihrer besonderen Stellung. Als die Ordnung am Rhein infolge der anhaltenden Bürgerkriegssituation aber weitgehend zusammenbrach, verfolgten die Aufständischen, denen sich bald auch Treverer, Lingonen und sogar rechtsrheinische Stämme anschlossen, bald sehr unterschiedliche, im Einzelnen aber kaum noch zu rekonstruierende Ziele – jedenfalls kam es zur Eskalation des Konflikts.
Als Teile der Aufständischen dann entgegen einer eidlichen Zusicherung und gegen den Willen des Bataver und ihres Anführers Iulius Civilis die römische Besatzung des Lagers Vetera bei Xanten massakrierten (März 70 n. Chr.), schickte Vespasian ein großes Aufgebot unter dem Kommando von Quintus Petillius Cerialis (geboren um 30 n. Chr.) an den Rhein, der den Aufstand rasch niederschlagen konnte (September/Oktober 70 n. Chr.). Die Bataver sahen sich sogar gezwungen, ihren Hauptort oppidum Batavorumbei Nimwegen niederzubrennen, was zeigt, dass trotz der Bemühungen der römischen Administration die Stammeseliten die Stadt nicht als den wichtigsten Zentralort des Stammes betrachteten, den es um jeden Preis zu verteidigen galt.
Nur widerwillig hatten sich hingegen die Ubier dem Aufstand angeschlossen. Ihr Hauptort bildete das administrative Zentrum Niedergermaniens und war deshalb schon in augusteischer Zeit repräsentativ ausgestaltet worden. Dort hatte Kaiser Claudius (10 v.-54 n. Chr., Kaiser 24.1.41-54 n. Chr.) 50 n. Chr. zudem eine Veteranenkolonie mit dem Namen Colonia Claudia Ara Agrippinensium angelegt. Die Ubier arrangierten sich rasch mit den Neuankömmlingen und bis zum Ende des 1. Jahrhunderts verschwand der Ubiername weitgehend – die Ubier waren in der colonia der Agrippinenses aufgegangen. Daher widerstanden die Ubier auch der Forderung der Aufständischen, alle Römer in der Stadt umzubringen, weil sie schon längst Ehegemeinschaften mit den angesiedelten Veteranen geschlossen hätten und aus diesen Verbindungen Kinder entstanden seien, und nutzten die erste Gelegenheit, sich wieder von den Aufständischen loszusagen.
3. Ausbildungen einer Provinzialkultur nach dem Bataveraufstand
3.1 Urbanisierung, Munizipalisierung und Gesellschaft
Nach dem Bataveraufstand lässt sich keine grundsätzliche Veränderung der römischen Politik erkennen. Zwar rückte man nach und nach vom Prinzip der ethnisch einheitlichen militärischen Einheiten ab, zunächst hatte man aber offensichtlich die Privilegien der Bataver erneuert. Auch verlegte man jeweils eine Legion in das Gebiet der Bataver bei Nimwegen und Lingonen bei Mirebeau-sur-Bèze, insgesamt stabilisierte sich die Lage am Rhein aber sehr schnell und blieb bis zum 3. Jahrhundert auch ruhig. Diese lange Friedensphase war Voraussetzung für die Ausbildung einer niedergermanischen Provinzialkultur.
Die im Bataveraufstand zerstörten Städte wurden wieder auf- und monumental ausgebaut, und um 85 n. Chr. richtete Kaiser Domitian (51-96 n. Chr., Kaiser 81-96 n. Chr.) Niedergermanien und Obergermanien als reguläre Provinzen ein. Sein Nachfolger Trajan gründete zudem bei Xanten eine weitere Kolonie namens Colonia Ulpia Traiana. Wie im Fall von Köln wurden auch hier die einheimischen Cugerner schnell integriert und bildeten bald zusammen mit den Veteranen den Verband der Traianenses.
In den anderen vier Selbstverwaltungseinheiten (civitates) der Bataver, Canninefaten, Frisiavonen und Tungrer, die möglicherweise erst jetzt eine feste Form erhielten, blieben die Stammesnamen als Eigenbezeichnungen bestehen, auch wenn diese Städte im Laufe des 2. Jahrhunderts verschiedene Privilegien erhielten und wohl alle zu Munizipien erhoben wurden. Zudem erhielten immer mehr Einheimische das römische Bürgerrecht, bis Kaiser Caracalla (188-217, Kaiser 211-217) im Jahre 212 es allen Provinzialen verlieh.
Während die beiden coloniae Köln und Xanten und auch Tongeren (Atuatuca Tungrorum), der Hauptort der Tungrer, über ein großes repräsentatives Stadtzentrum verfügten, entwickelten sich die städtischen Zentren im Norden der Provinz nur langsam und selbst Ulpia Noviomagus Batavorum(Nimwegen) wurden wohl zu keiner Zeit zum bevorzugten Aufenthaltsort der Eliten. Der Hauptort der Canninefaten (Forum Hadriani beim heutigen Voorburg-Arentsburg) wuchs sogar niemals über eine Größe von 15 Hektar hinaus, und der Hauptort der Frisiavones bleibt bis heute unbekannt.
Aber selbst in Köln entwickelte sich anders als in den Städten Italiens, Spaniens oder Nordafrikas weder eine stadtbürgerliche Repräsentationsepigraphik noch ein ausgeprägtes Stifterwesen. Demensprechend fehlen auch Hinweise auf Ehrenmonumente für verdiente Bürger in den Städten. Die lokalen Eliten waren offenbar nicht bereit, ihre finanziellen Mittel in die Ausgestaltung der Stadt zu investieren. Engagement für die eigene Stadt war allerdings eine wichtige Voraussetzung für den Aufstieg in die Reichsaristokratie. Daher, aber auch wegen der weiterhin bestehenden starken militärischen Prägung der Region und einer reservierten Haltung der führenden Kreise in Rom gegenüber den Bewohnern der Grenzprovinzen, lassen sich so gut wie keine Mitglieder der Reichselite aus den germanischen Provinzen nachweisen. Unklar bleibt, ob die lokalen Eliten aufgrund der schlechten Karrierechancen keinen Anreiz zur Investition in die Städte hatten oder ob die führenden Familien in Niedergermanien überhaupt wenig an einem Aufstieg in die Reichselite interessiert waren. Möglicherweise betrachteten viele Einheimische auch weiterhin eine Laufbahn im Heeresdienst als erstrebenswerter.
3.2 Religion und Kulte
Ansonsten bediente man sich im 2. Jahrhundert n. Chr. in zunehmendem Maße römischer Formen, Institutionen und Güter. Insbesondere im religiösen Bereich ist ein stetiges Wachstum der Inschriftenproduktion zu erkennen. Vielfach tauchen nun einheimische Gottheiten wie die Matronen oder spezielle Formen wie die Jupitergigantensäulen auf. Auch wenn die meisten dieser Gottheiten und Monumenttypen nicht vor der Mitte des 2. Jahrhunderts belegt sind, hat man es hier nicht mit einer „Renaissance“ alter Kulte oder gar einer kulturellen Widerstandsbewegung gegen Rom zu tun. Vielmehr wurden bestehende einheimische Kulte nun in römischen, reichsweit verständlichen Formen gepflegt, die dadurch archäologisch deutlicher sichtbar werden. So war der Tempelbezirk von Nettersheim in der Nordeifel schon sicher längere Zeit in Benutzung, bevor hier in der Mitte des 2. Jahrhunderts ein Steintempel errichtet wurde und die Kultanhänger mit Inschriften und Reliefs versehene Altäre für die aufanischen Matronen aufstellten.
Die soziale Bandbreite der Stifter von Matronensteinen war relativ groß. Nach Auskunft der Inschriften war der Kult nicht nur bei den Ubiern, sondern auch bei Mitgliedern der Provinzverwaltung und bei Angehörigen des Militärs sehr verbreitet, wobei allerdings seit dem 2. Jahrhundert ohnehin viele Legionäre aus der Region selbst stammten. Nichtsdestoweniger ist der Matronenkult ein deutlicher Indikator für das Zusammenwachsen der unterschiedlichen Bevölkerungsteile in der Provinz.
Während sich die Heiligtümer für Matronen größtenteils in ländlichen Gebieten befanden und auf ältere Traditionen zurückgingen, beschränkte sich die regionale Verbreitung von Gottheiten mit römischen Namen auf die städtischen Zentren und Militärlager, und diese Kulte wurden dementsprechend auch in erster Linie von den Soldaten und den besonders stark romanisierten Stadtbewohnern gepflegt. Einheimische Götter erhielten jedoch auch römische Namen und trugen daneben einheimische Beinamen – so etwa Hercules Magusanus, der Hauptgott der Bataver. Indigene Gottheiten wurden aber auch von hochstehenden Persönlichkeiten geehrt: Der Prätorianerpräfekten Titus Flavius Constans etwa stellte in Köln der nur in Niedergermanien belegten Dea Vagdavercustis einen Altar auf.
Immer mehr Einheimische errichteten im 2. Jahrhundert auch Grabdenkmäler verschiedener Formen, die häufig mit Inschriften versehen waren. Die Texte sind meist sehr kurz und formelhaft, enthalten aber Elemente wie die Anrufung an die Di Manes, die Totengötter, oder weisen auf die römische Praxis hin, sich schon zu Lebzeiten um die Errichtung des eigenen Grabes gekümmert zu haben.[29] Auf den Grabdenkmälern waren die Verstorbenen gelegentlich in Reliefs abgebildet. Die Porträts können dabei im begrenzten Maße Aufschluss über die damals vorherrschende Tracht geben. Einige Männer ließen sich in einheimischer Kleidung mit dem kurzen gallischen Kapuzenmantel (cucullus) darstellen, andere mit der römischen Toga, dem Symbol des römischen Bürgerstatus. Während in der Region um Mainz bei den Frauen die einheimische Tracht dominierte, überwog im Gebiet der Ubier in Niedergermanien das römische Obergewand. Gelegentlich finden sich aber auch Darstellungen von Ubierinnen mit voluminösen Kopfbedeckungen, mit denen auch die Matronae dargestellt wurden. Wie häufig welche Kleidung im Alltag getragen wurde und inwiefern mit den Kleidungsstücken eine ethnische Identität ausgedrückt wurde, lässt sich aufgrund der spärlichen Befunde aber kaum klären.
Die Übernahme römischer Kulturpraktiken lässt sich auch in anderen Bereichen fassen. So zeigen einige Grabstelen auch Gelageszenen mit Klinen; importierte Güter wie Olivenöl, Wein und Fischsoße wurden offenbar von immer weiteren Teilen der Bevölkerung geschätzt. Von der Übernahme römischer Speisesitten zeugt neben der Verwendung des reichsweit verwendeten rot glänzenden Tafelgeschirrs (Terra Sigillata) auch die Einführung von Reibschalen, in denen vor allem Würzsoßen hergestellt wurden – eine Praktik, die in dieser Form zuvor bei den Galliern und Germanen unbekannt war. Auch waren ab dem 2. Jahrhundert die Städte und Villen nicht selten mit beheizbaren Badeanlagen ausgestattet. Zumindest die beiden coloniaeund der Hauptort der Bataver verfügten zudem über ein Amphitheater zur Abhaltung von Tierhatzen und Gladiatorenkämpfen.
3.4 Wirtschaft und Villenkultur
Sowohl vor als auch nach der römischen Eroberung bildete die Landwirtschaft die Grundlage der Wirtschaft. Durch die römische Herrschaft veränderten sich jedoch die Rahmenbedingungen der Produktion erheblich und neue Methoden und Praktiken wurden eingeführt, die zu einem Übergang von der Selbstversorgung zur Überschussproduktion führten. Diese zusätzlichen Lebensmittel waren auch zentrale Voraussetzung für den Unterhalt der neuen Städte und vor allem des Militärs, das enorme Mengen an Konsumgütern benötigte.
Allerdings zeigen sich deutliche regionale Unterschiede. In der fruchtbaren Lösszone im Süden der Provinz legte man in der hohen Kaiserzeit zahlreiche villae rusticae an, die unterschiedliche Größe und Formen annahmen und bei denen es sich teils um Neubauten, teils um Um- und Ausbauten bestehender Gehöfte handelte. Meist waren die Hauptgebäude ab dem 2. Jahrhundert aber mit Steinfundamenten und verputzten Fachwerkwänden ausgestattet, und größere Villen verfügten über repräsentative Wohnräume mit Mosaiken und Wandmalereien. Durch die Häufung an Villen bekam der ländliche Raum in dieser Region eine starke römische Prägung. Hingegen wurde in den nördlichen Gebieten vor allem Viehzucht betrieben und größere Hallenhäuser und einfache Wohnstallhäuser aus Holz dominierten die Landschaft. Die hergebrachte Bauweise bestand hier also fort, und römische Architekturformen gab es fast ausschließlich in den Zentralorten. Ob die geringe Verbreitung von Villen im Norden nur auf die schlechtere Bodenqualität in dieser Region zurückzuführen ist oder ob bei der lokalen Bevölkerung die römische Villenkultur weniger Anklang fand, bleibt unklar.
Schon in julisch-claudischer Zeit lässt in der Nähe der Legionslager die Entstehung eines differenzierten Handwerks erkennen, das sich an den Bedürfnissen des Militärs orientierte. Weil das römische Heer auch sehr schnell ein System von Straßen aufbaute und vor allem die Flüsse als Verkehrswege genutzt wurden, konnten auch zahlreiche Konsumgüter aus dem mediterranen Raum an den Rhein gebracht werden. Bald wurden auch handwerkliche Produkte wie Tischgeschirr nach römischem Geschmack in Köln und anderen Städten Germaniens produziert. Für den germanischen Raum entwickelte sich im 2. und 3. Jahrhundert das heutige Rheinzabern in Obergermanien zum wichtigsten Produktionsort von Terra Sigillata-Keramik. Köln selbst wurde in der gleichen Zeit das bedeutendste Zentrum der Glasmacherei im gesamten Westen des Reiches.Die kunstvollen Trinkgefäße wurden weithin exportiert, sogar im rechtsrheinischen Germanien und in Ägypten hat man Exemplare gefunden. Diese Handelsbeziehungen zeigen die weitreichende Integration des Rheinlandes in das Austauschsystem des Imperium Romanum, dessen Funktionstüchtigkeit die Voraussetzung für die Entstehung so spezialisierter Handwerksbetriebe war.
4. Ausblick
Um die Mitte des 3. Jahrhunderts kam es immer häufiger zu germanischen Einfällen neuartiger Gruppen in das Gebiet der Provinz. Die Bedrohung durch Franken und Alemannen, die sich aus kleineren Stämmen zu größeren, aber äußerst mobilen Kriegerverbänden zusammengeschlossen hatten, zwangen die Römer zur Reorganisation ihrer Grenzverteidigung und der Provinzverwaltung. So wurden die Städte und Siedlungen stärker befestigt und das Wirtschaftsleben wieder stärker an den Bedürfnissen des Militärs und der Verwaltung ausgerichtet. Während die Franken zunächst nur Plünderungszüge unternahmen, versuchten sie im 4. Jahrhundert immer häufiger, auch Land in Besitz zu nehmen. Um diese Bewegungen zu kontrollieren und zu steuern, siedelten verschiedene Kaiser dann auch gezielt fränkische Gruppen an und verpflichteten sie zum Heeresdienst.
Insbesondere in den nördlichen Teilen der Provinz verschärfte sich die Bedrohungslage für die einheimische Bevölkerung zusehends, sodass Nimwegen (Ulpia Noviomagus Batavorum) und andere Siedlungen offenbar im späteren vierten und 5. Jahrhundert aufgegeben wurde. Auch die Colonia Ulpia Traiana, die zum ersten Mal bereits 275 n. Chr. zerstört und nur in wesentlich kleinerem Maße wiederaufgebaut wurde, wurde Ende des 4. Jahrhunderts weitgehend verlassen. Durch den ständigen Zuzug rechtsrheinischer Germanen und die Flucht von Ortsansässigen veränderte sich auch die Bevölkerungszusammensetzung, und die alten Stammesnamen tauchen im 5. Jahrhundert nicht mehr auf. Die Einwohner verstanden sich im zunehmenden Maße als Franken und sprachen bald auch eine germanische Sprache. Langsamer verlief die „Frankisierung“ im Raum von Köln. Die Stadt blieb ein bedeutendes Zentrum und wurde ein wichtiger Mittelpunkt des Christentums. Entsprechend lange lassen sich hier romanische Traditionen fassen – nichtsdestoweniger verschmolzen letztlich auch hier die Einheimischen mit den Neuankömmlingen zur neuen Einheit der Franken, die seit König Chlodwig (circa 481/482–511 n. Chr.) auch in einem Reich vereint waren.
5. Zusammenfassung
Prägende Faktoren der Romanisierung im Rheinland waren die Eingriffe der römischen Administration in augusteischer Zeit, die große Konzentration von Militär sowie die Grenzlage der Provinz. Unter Augustus waren die römischen Machthaber darum bemüht, die Region durch gezielte Umsiedlungen und den Ausbau urbaner Zentren beherrschbar zu machen und mithilfe der angesiedelten Stämme die Region zu sichern. Weil diesen im Gegenzug umfangreiche Privilegien gewährt wurden, behielten sie ihre ethnische Eigenständigkeit und bildeten ein starkes kriegerisches Selbstbewusstsein aus. Die Schwächen dieser militärischen Integration zeigten sich im Bürgerkrieg nach dem Tod Neros.
Erst die lange Friedensphase nach dem Bataveraufstand ermöglichte die Ausbildung einer eigenständigen Provinzkultur. Die Militärpräsenz und die Grenzlage blieben prägende Faktoren, doch entwickelte sich daneben zumindest im Raum von Köln eine zivile Stadt- und Villenkultur. Insbesondere im Norden der Provinz wurde die Stadt aber nie zur bevorzugten Lebensform der Einheimischen und ihrer Eliten, wie auch die schnelle Aufgabe der urbanen Zentren und der größeren Siedlungen im vierten und frühen 5. Jahrhundert zeigt. Nichtsdestoweniger bediente man sich in allen Lebensbereichen ab dem 2. Jahrhundert immer stärker römischer Formen, Güter und Institutionen. Entsprechend entwickelte sich ein spezialisiertes Handwerk, dessen Produkte zum Teil weithin exportiert wurden.
Während häufig eine direkte Übernahme oder Anpassung römischer Gepflogenheiten an lokale Verhältnisse zu erkennen ist, weist insbesondere der religiöse Bereich ein eigenständiges Profil auf. Hier wurden bestehende Kulte nun in römischen Formen zelebriert, wodurch ganz neue Monumentgattungen entstanden, die so nur in den germanischen Provinzen zu finden sind. Abseits der Kolonien blieben zudem die Stammesidentitäten intakt, auch wenn sich die Stämme nun immer weniger als auswärtige Partner, sondern als Angehörige des Reichs, also als Römer verstanden. Das Rheinland im 2. und 3. Jahrhundert war fest integriert in das kulturelle und ökonomische System des Imperium Romanum.
Dennoch lag die Provinz Germania Inferior an der äußersten Peripherie des römischen Reichs: Aristokraten aus der Region gelang so gut wie nie der Sprung in das Zentrum der Macht, und den Städten fehlten der Glanz und die Monumentalität der Metropolen des Mittelmeerraums. Auch war die Region in der Spätantike im besonderen Maße von der sich zuspitzenden äußeren Bedrohung durch neuartige Stammesverbände erfasst und wurde als eine der ersten Provinzen Anfang des 5. Jahrhunderts faktisch aufgegeben. Dass sich im Rheinland eine germanische und nicht eine romanische Sprache durchsetzte, liegt aber nicht an einer nur oberflächlichen Romanisierung der Bevölkerung, sondern an einem massiven Bevölkerungsumbruch in der unsicheren Zeit des späten 4. und 5. Jahrhunderts.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Gilhaus, Lennart, Romanisierung im Rheinland, in: Internetportal Rheinische Geschichte, online verfügbar seit 28.08.2017 unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/romanisierung-im-rheinland/DE-2086/lido/5b0541652102f3.51051923, zuletzt geprüft am 15.04.2025.
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Sekundärliteratur
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Sport und Spiele
Inhaltsverzeichnis
1. Tierhetzen
1. Tierhetzen
Die Römer trafen zum ersten Mal 275 v. Chr. auf exotische Tiere, als man Elefanten aus dem Heer des Pyrrhos fing und im Triumphzug nach Rom brachte. Seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. bildeten Tierhetzen („venationes“) eine zusätzliche Attraktion der staatlichen Spiele („ludi“), die bislang nur aus Pferderennen und Theateraufführungen bestanden hatten. Man fing die Tiere bei speziellen Expeditionen in Afrika. Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. wurden die venationes mit den Gladiatorenspielen („munera“) im Amphitheater kombiniert.
Solch ein Spektakel im Amphitheater begann am Morgen mit den Tierhetzen, die oft als eine Art Aufwärmphase für die Gladiatorenkämpfe am Nachmittag gesehen wurden. Die Zuschauer wussten bereits im Vorfeld, welche Tiere kämpfen würden, jedoch nicht, gegen wen, z. B. ein Stier gegen einen Elefanten, ein Löwe gegen einen Leoparden usw. Nach diesen Kämpfen machten gezähmte Tiere Kunststücke als Pausenfüller. Danach kämpften speziell ausgebildete Männer („venatores“ oder „bestiarii“) gegen wilde Tiere, manchmal ein Mann gegen ein Tier, manchmal eine Gruppe Jäger gegen eine ganze Tierherde. Zu bestimmten Anlässen wurden große Mengen an wilden Tieren umgebracht. Beispielsweise brachte man für die Spiele, die Pompeius 55 v. Chr. organisierte, 600 Löwen, 410 Leoparden, viele Affen, ein Rhinozeros und einen Luchs nach Rom.
Nach der Tierhetze fanden um die Mittagszeit öffentliche Hinrichtungen statt. Bürger wurden normalerweise mit dem Schwert getötet, Sklaven und Freigelassene kreuzigte man. Am beeindruckendsten für die Zuschauer war die Hinrichtung derjenigen, die man „den Tieren vorwarf“: Schutzlose Gefangene wurden wilden und ausgehungerten Tieren vorgesetzt.
Wilde Tierhetzen waren noch bis ins frühe Mittelalter hinein beliebt, länger also als Gladiatorenkämpfe, weil es gegen sie keine christlichen Proteste gab. Die spanischen Stierkämpfe gehen zurück auf diese frühmittelalterlichen Tierjagden.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Schiemann, Konstanze: Tierhetzen, online verfügbar unter: https://www.phil.uni-mannheim.de/geschichte/lehrstuehle/alte-geschichte/forschung/projekte/mannheimer-forschungen-zum-antiken-sport/publikationen/website-sport-und-spiele-in-der-antike/rom/spiele-und-disziplinen/tierhetzen/, zuletzt geprüft am 12.05.2025.
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Sekundärliteratur
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Ess- und Trinkkultur
Inhaltsverzeichnis
- Backen wie die Römer: So wird historisches Pompeji-Brot gebacken
- Antike Handwerkskunst: So schmeckte der Wein der Römer
- Bier im Römischen Reich
1. Backen wie die Römer: So wird historisches Pompeji-Brot gebacken (Artikel)
Der Vulkanausbruch des Vesuv im Jahr 79 begrub die römische Stadt Pompeji unter Asche - bis hin zum Brot in den Bäckereien. Farrell Monaco, die sich selbst als „kulinarische Archäologin“ bezeichnet, hat das Rezept eines beliebten Brotes rekonstruiert.
Zutaten für panis quadratus
• 600 g Dinkelmehl
• 600 g Vollkornmehl
• 700 g lauwarmes Wasser
• 200 g Sauerteig (Starterkultur)
• 2 TL Salz
• grob gemahlenes Mehl oder Weizenkleie zum Bestäuben
Außerdem
• Küchenzwirn
• scharfes Messer oder Bäckerklinge
Hinweis: Vor Zubereitungsbeginn sicherstellen, dass der Sauerteig (Starter) 8 Stunden vor dem Mischen gefüttert wurde – hier findest du Farrell Monacos spezielle Tipps zum Mischen und Füttern von Sauerteig (englische Sprache).
Schritt 1: Mischen und Autolyse
Wasser und Starter in einer großen Schüssel mischen und vorsichtig mit einem Löffel oder Schneebesen mischen. Mehl und Salz in einer separaten Schüssel mischen und mit den Flüssigkeiten vermengen. Die nassen und trockenen Zutaten von Hand oder in einem Mixer mischen. Abdecken und eine Stunde stehen lassen.
Schritt 2: Dehnen und Falten
Den Teig nach einer Stunde Autolyse (anfängliche Mischen-und-Gehen-Phase) herausnehmen und ihn vorsichtig mit den Fingerspitzen auf eine saubere Oberfläche schlagen. Den Teig viermal in Schritten von 30 Minuten dehnen und falten. Dieser Schritt ermöglicht es dem Teig, sich zu festigen und aufzugehen, wenn sich die Glutenstruktur bildet. Mit jedem Dehnen und Falten wird der Teig elastischer. Am besten einen Timer verwenden, um die nächste Stretch-and-Fold-Phase nicht zu verpassen. Den Teig dabei wie ein Quadrat behandeln - eine Seite oder Ecke nehmen und zur gegenüberliegenden Seite ziehen, diesen Schritt für alle vier Ecken oder Seiten des Teigs anwenden. Den Teig nach jedem Dehnen und Falten mit einem sauberen Geschirrtuch oder einer umgestürzten Schüssel abdecken und jeweils 30 Minuten ruhen lassen. Nicht vergessen: Dieser Schritt findet viermal statt!
Schritt 3: Teig formen
Wenn die vier Phasen des Dehnens und Faltens abgeschlossen sind, den Teig zu einer Kugel formen. Dabei versuchen, die Nähte unter dem Laib so zu sammeln, dass die Oberseite des Laibs glatt ist. Den Boden des Blechs oder der Form, in der das Brot gebacken werden soll, mit grob gemahlenem Mehl oder Vollkornkleie bestäuben. Das geformte Brot in den Backbehälter legen.
Schritt 4: Schleife binden
Küchenzwirn abmessen, so dass es das Äußere des gesamten Laibs umfassen kann. Dabei genug Länge lassen, um das Garn zu einer Schleife zu binden. Wenn die Schnur dünn ist, die Länge verdoppeln. Die Schnur nicht zu fest um den Teig binden und ihm etwas Platz geben. Der Teig soll um das Garn herum noch aufgehen und eine definierte seitliche Rille entlang der Seite des Teigs erzeugen können. Wenn die Schnur zur Schleife gebunden ist, das Brot mit einem Geschirrtuch bedecken und an einen warmen Ort legen, damit der Teig gehen kann.
Schritt 5: Brot einschneiden
Die Oberseite des Laibs mit Mehl oder Weizenkleie bestreuen, mit der auch die Form ausgekleidet wurde. Mit dem schärfsten Messer der Küche oder einer Bäckerklinge die Brotoberfläche mit vier linearen Schrägstrichen anschneiden, so dass acht gleichmäßige Abschnitte auf dem Laib entstehen. Tiefer als 1 cm müssen die Schnitte nicht sein, weil der Laib beim ersten Backvorgang wieder etwas aufgeht.
Schritt 6: Der Brotstempel
Mit einem Ausstecher, einem Nudelstempel oder einer sauberen, kreisförmigen, quadratischen oder rechteckigen Form vorsichtig eine Vertiefung in einen der Abschnitte drücken. Die Vertiefung kann – wenn der echte Brotstempel fehlt – auch mit Pinienkernen verziert werden.
Schritt 7: Teig gehen lassen
Den Teig gehen lassen, bis er die doppelte Größe erreicht hat. Wie lange dies dauert, hängt von der Temperatur der Küche und der Luftfeuchtigkeit des Klimas ab – es kann zwei oder vier Stunden dauern. Das Brot dabei mit einem sauberen Geschirrtuch abdecken oder es luftdicht verpacken. Das Brot und die Schnur rund um den Laib im Auge behalten und sicherstellen, dass der Teig nicht zu lange geht und zusammenfällt.
Schritt 8: Ofen vorheizen
Sobald das Brot vollständig aufgegangen ist, den Ofen auf 200°C vorheizen (Gas Stufe 6). Beim Vorheizen etwas Wasser in einer Schüssel in den Ofen stellen und während des gesamten Backvorgangs belassen. Das erzeugt Feuchtigkeit in der Backumgebung und sorgt für eine knusprige Kruste.
Schritt 9: Backen
40 bis 45 Minuten backen, bis die Kruste einen mittelbraunen Farbton hat. Sobald das Brot vollständig gebacken ist, den Laib aus dem Ofen nehmen, eine Stunde lang stehen und abkühlen lassen. Das Brot erst dann anschneiden oder brechen, wenn es bis auf Raumtemperatur abgekühlt ist. Die Schnur kann leicht entfernt werden, wenn die Schleife gelöst wird.
2. Antike Handwerkskunst: So schmeckte der Wein der Römer
Der Wein im Alten Rom hatte einen charakteristischen Geschmack. Neue Forschungsergebnisse zeigen, welche Prozesse zu seinen außergewöhnlichen Aromen geführt haben.
Wein war bei den Römern beliebt. So sehr, dass er in manch einer opulenten Villa sogar aus Brunnen sprudelte. Die Popularität des Getränks im Alten Rom ist hinreichend untersucht worden, doch nur wenig Forschung hat sich bisher damit beschäftigt, wie der Lieblingsdrink der Römer schmeckte.
Ein belgisch-polnisches Forschungsteam hat nun die Weinherstellung der Alten Römer genauer untersucht und herausgefunden, welch wichtige Rolle in den Boden eingegrabene Tonfässer dabei spielten. In Ihrer Studie, die im Fachmagazin Antiquity erschienen ist, beschreiben die Forschenden, wie genau diese sogenannten Dolia funktionierten – und wie die im Wein dominierenden Aromen von Äpfeln, Nüssen und Curry zustande kamen.
Antike Weinherstellung in Tongefäßen
Die Idee, die Dolia der Römer genauer zu untersuchen, kam dem Studienautoren Dimitri Van Limbergen, Archäologe an der Universität Gent in Belgien, bei einem Besuch in Georgien. Dort wird Wein bis heute in großem Stil in traditionellen Tongefäßen, die Quevri genannt werden, hergestellt. Diese ähneln den antiken römischen Dolia, von denen man bereits wusste, dass Wein in ihnen gelagert wurde. Die Erkenntnis veranlasste Van Limbergen und seine Mitautorin Paulina Komar von der Universität Warschau in Polen dazu, den Weinherstellungsprozess der antiken Römer genauer zu untersuchen.
Sie verglichen die georgische Technik mit antiken Aufzeichnungen der römischen Weinherstellung und dem Aufbau alter Dolia, die an verschiedenen Fundstellen in Italien entdeckt wurden.
Dabei fanden sie heraus, dass die Dolia-Amphoren eine weitaus größere Rolle bei der Gärung und dem Geschmack des Weines spielten als gedacht. Der Prozess funktionierte so: Die porösen Tonbehälter wurden in den Boden eingegraben und von innen mit einer Mischung aus Harz und Bienenwachs überzogen. Darin ließen die Römer den Most mehrere Monate gären. Weil die Gefäße unten schmal zulaufen, trennten sich dabei die festen Überreste der Trauben nach und nach von der Flüssigkeit und sammelten sich am Boden.
Während dieses Prozesses entwickelten sich an der Oberfläche der Flüssigkeit sogenannte Florhefen, die maßgeblich Geschmack, Textur und Aroma der entstehenden Weine beeinflussen. Wichtig ist dabei, dass die Flüssigkeit ständig in Bewegung bleibt. Das wurde durch den ovalen Aufbau der Gefäße und das bei der Gärung entstehende Kohlendioxid erreicht: Innerhalb der Dolia bildeten sich Strömungen, die den Wein kontinuierlich in Bewegung hielten. Ähnlich funktionieren bis heute auch die Quevri.
Geschmack und Aroma der römischen Weine
Die Erkenntnisse, so Studienautor Van Limbergen, zeugen von einem bisher ungeahnten Fachwissen der Römer. „Durch die Anwendung der von uns beschriebenen Techniken waren die Römer in der Lage, viel bessere, schmackhaftere und stabilere Weine herzustellen, als gemeinhin angenommen wird“, so der Archäologe, der schon lange die Herstellung und Geschichte antiker Weine erforscht.
Der Vergleich des römischen Getränks mit modernen Weinen gestaltet sich allerdings schwierig. „Die Weinfarben wurden beispielsweise nicht standardmäßig in weiß und rot unterteilt (wie es heute der Fall ist), sondern für die Römer gehörten sie zu einem breiten Farbspektrum, das von weiß, gelb, über goldfarben, bernsteinfarben und braun bis hin zu rot und schwarz reichte“, so Van Limbergen.
Nachvollziehen, wie die Weine geschmeckt haben müssen, kann man heute dennoch. Aufgrund des ständigen Kontakts mit dem Ton waren Weine damals komplex, trocken und sehr mineralisch. „Die Bildung von oberirdischen Hefen auf dem Most, die die chemische Verbindung Sotolon produzieren, führten außerdem dazu, dass die Weine würzige, geröstete und brot-ähnliche Aromen sowie Noten von Äpfeln und Curry hatten“, sagt Van Limbergen. Insgesamt, so der Archäologe, sei der Wein extrem genießbar gewesen. Kein Wunder also, dass die Römer ihn liebten.
3. Bier im römischen Reich
Die Römer, auch jene in den Provinzen, bevorzugten Wein statt Bier. Dies ist durch den massiven Import von Wein im ganzen Römischen Reich belegt. Es gibt aber archäologische Quellen für die Herstellung von Bier in den nördlichen Provinzen.
Wieweit die römischen Bewohner dieser Gegend selbst zum Bierkrug statt zum Weinpokal griffen, bleibt allerdings Spekulation. Auch darüber, ob Bier in den nördlichen Provinzen Teil der Militärrationen war (wie etwa in Ägypten), kann nur spekuliert werden, weil kaum schriftliche Quellen darüber bekannt sind – eine Ausnahme ist ein Schreibtäfelchen aus Vindolanda, das eine Nachschublieferung an Bier fordert.
Bier, der Wein der Armen
Überliefert ist auch, dass der Preis von Bier in unterschiedlichen Provinzen und zu unterschiedlichen Zeiten stark variierte. So konnte man im 1. Jh. n. Chr. in Vindolanda für einen Sesterz 27.5 Liter, in Hermopolites 72 Liter, in Tebtynis aber nur 8.7 Liter Bier kaufen. Dennoch war der Preis von Bier generell eher niedrig – nämlich zwei- bis viermal niedriger als jener von Wein der schlechtesten Qualität. Deshalb wird Bier oft auch als Wein der Armen bezeichnet.
In flavischer Zeit kam der Import von Weinamphoren ins Rheinland fast zum Erliegen. Dies könnte damit zusammenhängen, dass die Militäreinheiten am Rhein sukzessive aus nichtrömischen Mannschaften bestanden und so der Markt für Wein infolge einer rückläufigen Nachfrage schrumpfte. Wurde der Wein etwa durch das lokale Bier ersetzt?
Der Archäologe Clive Bridger meint dazu, es sei auch wahrscheinlich, dass nicht die einheimische Bevölkerung ein beliebtes Nahrungsmittel der Besatzungsmacht angenommen hat (Wein), sondern dass die Besatzungsmacht ein lokales Getränk übernahm (Bier).
Die Römer kannten verschiedene Arten von Bier:
- ägyptisches (zythum) Gerstenbier
- spanisches (caelia, cerea) Weizenbier
- dalmatisches (camum), Gerstenbier
- sabaia, Gersten- oder Weizenbier
- gallisches (cervesa)
Bridger nennt für das römische Germanien folgende relevanten Begriffe: cerves(i)a / cervis(i)a, camum. In Spanien, Gallien und Norditalien (keltisch) wurde Bier in verschiedenen Sorten gebraut und nahm vermutlich die Stelle des Weins ein. Das Bier wurde ohne Hopfen gebraut. Vor der Entdeckung der Eigenschaften von Hopfen als Konservierungsmittel und als Geschmackszutat für Bier, war es schwierig, Bier lange frisch zu halten, da es normalerweise einen weit niedrigeren Alkoholgehalt als Wein hatte. Plinius der Ältere berichtet, dass die Spanier eine Methode gehabt hätten, Bier länger haltbar zu machen, er erwähnt aber nicht welche.
Kräuter-Zusätze
Ohne Hopfen hatte das Bier einen muffigen, säuerlichen oder schlicht uninteressanten Geschmack, weshalb verschiedene Zusätze verwendet wurden. Botanische Nachweise solcher Kräuter gibt es von der niederländischen Küste aus der frühen römischen Periode: Gagel (Myrica gale) ist auf einigen römerzeitlichen Plätzen nachgewiesen worden, sowohl innerhalb als auch ausserhalb des Limes. Aber auch durch Gagel konnte nicht auf lange Zeit konserviert werden. Man muss also davon ausgehen, dass Bier vor Ort hergestellt und getrunken wurde. Andere Zusätze sind Eichenrinde, Myrte, Mädesüss und Johanniskraut.
Es ist davon auszugehen, dass Bier häufig in Eigenproduktion hergestellt wurde. Das am meisten verwendete Getreide war zuerst Gerste, aber man brauchte auch die Nacktweizenart triticum, Hirse, Vogelhirse, Hafer und das Einkorn (olyra). Für die Provinzen wird zudem ein Bier erwähnt, das aus Brot hergestellt wurde, also aus Gersten- oder Weizenfladen. Dieser Befund entspricht etwa den Gegebenheiten des alten Ägyptens. Man darf davon ausgehen, dass in den weinarmen Provinzen bedeutend mehr Bier getrunken wurde, als die wenigen archäologischen Nachweise glauben lassen.
Herstellung des Biers in der Römerzeit
Man lässt das Getreide (u.a. Weizen, Gerste, Hirse, Hafer oder Einkorn) keimen. Durch die Umwandlung der Stärke des ausgekeimten Getreides in Dextrin, danach in Zucker, entsteht eine Gärung. Die Vergärung des Zuckers unter der Beteiligung von Hefen erzeugt das alkoholische Gebräu. Da bisher Hopfen im Bier der Antike nicht nachgewiesen werden konnte, geht man von obergäriger Brautechnik aus. Die Biere blieben dadurch ohne bitteren Geschmack, jedoch auch wenig stabil.
Darren: Der Keimvorgang wird durch schonendes Erhitzen in einer Darre (Vorrichtung zum Dörren) unterbrochen; geht dabei etwas schief, erhält man anstatt des erwünschten Malzes nur verkohlte Getreidekörner. Mehrere Autoren erwähnen, dass das Bierbrauen wie auch das Brotbacken in den ersten Jahrhunderten n. Chr. zu den Aufgaben der Frau gehörte.
Quellen:
Internetquellen
-> Lamm, Lisa: So schmeckte der Wein der Römer, in: National Geographic online, online verfügbar seit 11.03.2024 unter: https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2024/03/antike-handwerkskunst-so-schmeckte-der-wein-der-roemer, zuletzt geprüft am 09.04.2025.
-> Löcher, Claudia; Pfyl, Roger: Bier im römischen Reich, in: Museumsblog Museum Aargau online verfügbar seit 10.10.2022 unter: https://www.museumaargau.ch/blog/artikel/bier-in-den-noerdlichen-provinzen-des-roemischen-reiches, zuletzt geprüft am 14.07.2025.
-> National Geographic: Backen wie die Römer: So wird historisches Pompeji-Brot gebacken, in: National Geographic online, online verfügbar seit 28.05.2021 unter https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2021/05/backen-wie-die-roemer-so-wird-historisches-pompeji-brot-gebacken-vulkan-asche-rezept, zuletzt geprüft am 05.04.2025.
Sekundärliteratur
-> Kemkes, Martin u. Wötzel, Judith: Römer, Limes, Welterbe. Das Limesmuseum Aalen, Oppenheim am Rhein 2024, S. 188.
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Religion
Abweichende Religionen / Kulte / ,,Heidentum''
Inhaltsverzeichnis
- Funde des römischen Mithraskultes in Bingen
- ,,Orientalische'' Gottheiten im römischen Rheinland
1. Funde des römischen Mithraskultes in Bingen
Der römische Mithraskult war ein Mysterienkult. Die Eingeweihten waren daher zur Geheimhaltung der Riten verpflichtet. Der Gott Mithras war kein römischer Gott, er hatte seine Ursprünge im heutigen Iran und auch in Indien, wo er Mitra hieß und seit dem 14. Jahrhundert v. Chr. überliefert ist. Er war in seiner römischen Ausformung der am meisten verehrte, heidnische Gott der Spätantike. In seiner frühen Zeit galt Mithras als Gott des Vertrages und des Bundes, aber auch als Gott der Jagd.In hellenistischer Zeit wurde Mithras mit den griechischen Sonnengöttern Helios und Apollo gleichgesetzt. In seiner römischen Ausformung ist der Kult erst ab dem späten 1. Jahrhundert n. Chr. archäologisch, epigraphisch und durch Schriftquellen nachweisbar. Eine Aufwertung des Mithras fand bereits statt, bevor die Römer mit ihm in Berührung kamen. Im römischen Kult stand Mithras außerdem für bestimmte ethische Vorstellung wie Wahrheit, Gerechtigkeit und eine reine Lebensführung.
Nach der Etablierung des römischen Mithraskultes in Rom und Italien kam es zu einer schnellen Ausbreitung im gesamten Reichsgebiet. Maßgeblich beteiligt an der Verbreitung des Kultes waren die römischen Soldaten, welche zumindest in jener Zeit die Hauptträger des Kultes waren. Durch die Trägerschaft des Militärs ist der Kult in Grenzgebieten mit hoher Militärpräsenz archäologisch greifbarer als andernorts.Zur Ausbreitung des Kultes trug auch bei, dass verschiedene Kaiser den Kult nicht nur duldeten, sondern sogar förderten. So wurde Mithras oft mit dem römischen Sonnengott Sol Invictus gleichgesetzt, welcher wiederum eng mit dem Kaiserkult in Verbindung stand. Loyalität und Vertragstreue waren zwei Merkmale, für die Mithras und Sol Invictus gleichermaßen standen und den Ansprüchen des Kaisertums entsprachen. Ab Commodus und den severischen Kaisern setzten sich die Herrscher häufig als Repräsentant des Sonnengottes Sol Invictus in Szene und verhalfen somit auch dem römischen Mithraskult zu großer Popularität.
Die Kultstätten des römischen Mithraskultes waren die sogenannten Mithräen. Diese waren immer nach einem gleichen Schema aufgebaut. Sie bestanden aus einem langgestreckten, fensterlosen Kultraum, auch cellagenannt, der unter den Erdboden gegraben wurde. Flankiert wurde der Raum durch jeweils eine Podienreihe rechts und links, auf denen die Kultteilnehmer sitzen oder liegen konnten. An der Stirnseite eines Mithräums stand immer ein großes Kultbild am Ende des Kultraums. Zumeist handelte sich dabei um ein Relief. Manche Kultbilder waren sogar drehbar und deshalb beidseitig reliefiert. Jedes Mithräum hatte einen oder mehrere Vorräume, welche von einer Straße aus betreten werden konnten. Von diesem führte eine Treppe in den tieferliegenden Kultraum. Der Vorraum war vermutlich durch Türen vom Kultraum abgegrenzt, damit die Kulthandlungen im Geheimen abgehalten werden konnten. Die Mithräen, welche in den germanischen Provinzen gefunden wurden, hatten alle einen Kultraum, der im Durchschnitt sechs Meter breit, und zwölf Meter lang war.
Die Mithräen waren immer dunkel, da sie nach der mithrischen Mythologie die Grotte symbolisieren sollten, in der Mithras den Stier tötete, aus dem alles Leben erschaffen wurde. In der Kultlegende des Mithras nimmt diese Episode der Stiertötung – die Tauroktonie - eine zentrale Rolle ein. Für die großen Kultbilder wurde diese Szene stets verwendet. Laut der Mithraslegende sollte Mithras auf Befehl des Sonnengottes Sol – der den Befehl wiederum vom Gott Saturn bekommen hatte – den Stier, aus dem alles Leben entstehen soll, fangen und töten. Nachdem Mithras den Stier gefangen, ihn in eine Grotte geschleppt und ihn getötet hatte, entstanden durch diese Tötung sowohl die Welt, als auch das Weltall. Nach der Tötung verspeisten Mithras und Sol den Stier bei einem gemeinsamen Mahl. Nach dem Mahl fuhr Mithras zusammen mit Sol auf dessen Sonnenwagen in den Himmel und schützte seitdem von dort seine Anhänger gegen alles Böse.Dieses Mahl wurde wahrscheinlich bei den Kulthandlungen für Mithras nachgeahmt.
Das System der Mithrasmysterien war durch sieben Weihegrade organisiert, die ein Eingeweihter des Kultes durchschreiten konnte. Inschriftlich sind die Weihegrade nur selten bezeugt. Es ist deshalb davon auszugehen, dass der größere Anteil der Kultanhänger lediglich in die Mysterien eingeweiht war, aber nur wenige die Weihestufen durchschritten. Denn das Durchschreiten der Weihegrade fand nur auf freiwilliger Basis statt. Die mit Abstand am meisten inschriftlich belegten Weihegrade sind der 4. Grad leo und der 7. und höchste Grad pater. Die vergleichsweise häufige Nennung des Weihegrades pater als höchster Weihegrad macht Sinn, da ein Anhänger des Mithraskultes es naturgemäß sicherlich gerne jedem mitteilen mochte, wenn von ihm der höchste Grad erreicht wurde. Der 4. Grad leo ist eventuell ein Übergangsgrad von den niederen zu den höheren Weihegraden, dessen Erreichen ebenfalls gerne mitgeteilt wurde. Die sieben Weihegrade standen in enger Verbindung mit den sieben Planetengöttern. Das Durchlaufen der Weihegrade symbolisierte den Aufstieg durch die Planeten bis hinauf zum Himmel, in dem Mithras wohnte. Die Weihegrade sind entweder durch die Abbildung ihrer Symbole oder durch die Abbildung der Planetengötter auf nahezu jedem Kultbild in Mithräen zu sehen.
2. ,,Orientalische'' Gottheiten im römischen Rheinland
Kultbild mit Darstellung des stiertötenden Mithras aus Dormagen, Weihung des C. Amandinius Verus für Mithras, Kalkstein, Höhe 51cm.
1. Einleitung
„Der Mangel an emotionalen Elementen, der immer wieder in der Geschichte der römischen Religion zu Neuerungen geführt hat, begünstigte […] das Aufkommen der orientalischen Kulte. […] In ihnen war eine unmittelbare Beziehung zwischen der heiligen Geschichte und dem Leben des Gläubigen gegeben, und ihre fremdartigen Formen waren eben darum eindrucksvoller als die römischen, weil sie bisher ungekannte Gefühle vermittelten.“[1] Mit diesen Worten beschreibt der Althistoriker Kurt Latte in seiner „Römischen Religionsgeschichte“ das Aufkommen und die Anziehungskraft der so genannten orientalischen Religionen[2] auf die Menschen der römischen Kaiserzeit. Die Römer hatten einen Teil dieser Kulte bereits in früheren Zeiten kennengelernt, so zum Beispiel den Kult der Mater Magna. Andere Gottheiten wurden erst im Lauf der ersten Jahrhunderte n. Chr. durch Soldaten und Händler aus dem Osten des Reiches nach Rom gebracht, von der dortigen Bevölkerung rezipiert und auf ähnlichen Wegen weiter in den Norden und Westen des Imperiums getragen. Hier nahmen große Teile der Provinzbevölkerung die neuen Götter an und verehrten sie fortan zusammen mit den römischen und einheimischen Gottheiten. Auch im Rheinland, der Provinz Germania inferior, fanden die Kulte aus dem Osten des Reiches Anhänger. Es verwundert daher nicht, dass hier auch heute noch Relikte der ‚neuen‘ Religionen bei Ausgrabungen ans Tageslicht kommen.
Im Folgenden sollen einzelne orientalische Gottheiten und deren Kulte mit Funden aus dem Rheinland vorgestellt werden. Dabei wird hauptsächlich auf kultische Kleinfunde und Inschriften als Quellen zurückgegriffen, da keine Belege antiker Autoren zu den orientalischen Religionen im Rheinland überliefert sind. Außerdem werden bauliche Befunde herangezogen, um Überlieferungslücken zu schließen und das Bild der Kulte so weit wie möglich abzurunden.
2. Forschungsgeschichte
Wer sich heute mit dem Thema der orientalischen Religionen im Rheinland beschäftigt, kann auf das Standardwerk von Schwertheim aus dem Jahre 1974 zurückgreifen. In „Die Denkmäler orientalischer Gottheiten im römischen Deutschland“ behandelt er umfassend die auf dem ehemals römischen Territorium in Deutschland gemachten Entdeckungen. Er beschreibt und interpretiert neben Inschriften und kultischen Fundstücken auch Bauformen, Strukturen und Funktionen freigelegter Tempelanlagen. Er charakterisiert die nachgewiesenen Gottheiten und rekonstruiert – soweit möglich – ihre Kulte. [3] Ebenfalls 1974 erschien eine Untersuchung von Ristow, die sich mit Mithras, einem der Hauptgötter der orientalischen Gottheiten beschäftigt. Darin legt der Autor Funde und Befunde des ursprünglich iranisch-persischen Gottes aus dem römischen Köln vor und arbeitet ihre Bedeutung für die Stadt- wie Religionsgeschichte Kölns heraus.[4] Es folgte eine Reihe von Einzelpublikationen, die bedeutende Neufunde einer breiteren Öffentlichkeit vorstellten. 1986 veröffentlichte Schwertheim eine Zusammenfassung seiner 1974 gewonnenen Ergebnisse, die er unter dem Eindruck ausgewählter Neufunde erneut auf den Prüfstand stellte.[5] Diese Arbeit wurde 2003 von Biller fortgesetzt und eine Erweiterung des Schwertheimschen Katalogs für die niedergermanische Provinz vorlegt. [6]
Den vorläufigen Höhepunkt der religionsgeschichtlichen Auseinandersetzung mit den Gottheiten im Rheinland bildet Spickermanns Untersuchung von 2008 „Germania inferior. Religionsgeschichte des römischen Germanien II“. Darin behandelt er sämtliche nachgewiesenen Gottheiten, wobei er deren Inschriften, kultischen Funde sowie Tempelanlagen in ihrer Bedeutung und zeitlichen Stellung bewertet. Unter anderem legt er einen Schwerpunkt auf die orientalischen Religionen.[7]
Schließlich sei auf die 2013 und 2014 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe gezeigte Sonderausstellung „Imperium der Götter. Isis, Mithras, Christus. Kulte und Religionen im Römischen Reich“ verwiesen, die die orientalischen Religionen im gesamten Römischen Reich thematisierte und alte und neue Forschungen einer kritischen Prüfung unterzog.[8]
3. Die orientalischen Religionen
Unter den orientalischen Religionen sind in erster Linie Kulte zu verstehen, die ursprünglich aus dem Osten des Reiches stammten und über verschiedene Träger in den Westen gelangten. Ein Teil davon wird in der Wissenschaft auch als „Mysterienreligionen“ bezeichnet, wie beispielsweise die Kulte des Mithras oder der Kybele und des Attis. Die Besonderheit dieser Verehrungsformen bestand darin, dass sie im Gegensatz zu den öffentlichen Kulten der römischen Religion häufig im Verborgenen praktiziert wurden. Somit entstand eine gewollte Trennung der Eingeweihten von den Außenstehenden, durch die eine Bewahrung von Kultgeheimnissen gewährleistet werden sollte. Davon abgesehen versprachen einige dieser Kulte die Erlösung des Menschen von seinen irdischen Sünden nach dem Tod. Diese Erlösungslehre, die auch das Christentum prägt, umfasst nicht nur die Lösung irdischer Probleme, sondern auch das Vergeben von Schuld bis hin zum Leben nach dem Tod. Voraussetzung war allerdings die Hingabe des Gläubigen an die Gottheit und deren Liturgie. So konnte man beispielsweise innerhalb einer mithraischen Gemeindehierarchie verschiedene Ränge erreichen, die die Anhänger Schritt für Schritt der Erlösung näherbrachten. Auch die Überschaubarkeit der Anhängergruppen übte auf den Einzelnen einen gewissen Reiz aus, fühlte er sich hierdurch einer Gemeinschaft zugehörig und mit seinen persönlichen Wünschen und Problemen angenommen. All dies unterschied die ‚neuen‘ Religionen von den etablierten römischen und trug zu ihrer Verbreitung bei. Andere orientalische Gottheiten, wie Iupiter Dolichenus, boten keine Erlösungsversprechen, sondern wurden aufgrund ihrer Exotik oder ihrer Stärke verehrt. Ihre Anhängerschaft rekrutierte sich zumeist aus festen sozialen Berufsgruppen und ihrer wurde kaum in anderen Kontexten gedacht.
4. Mithras
Nach Cumont ist heute über den Mithraskult soviel bekannt, als stünden als Informationsquellen zur Lehre des Christentums lediglich das Alte Testament und die Reste mittelalterlicher Basiliken zur Verfügung. Das zeigt, wie schwierig es ist, aus archäologischen, inschriftlichen und wenigen (vorrömischen) literarischen Quellen Informationen zu Entstehung, Liturgie oder Anhängerschaft des Kultes zu gewinnen. Denn obwohl Mithras im gesamten Römischen Reich Anhänger hatte und besonders häufig im Westen verehrt wurde, sind nur Umrisse des Kultgeschehens und der mithraischen Lehre zu fassen:
Bereits im 14. Jahrhundert v. Chr. begegnet der Gott Mitra in einem Vertragstext aus Hatuša, der Hauptstadt des Hethiterreiches, das sich im 2. Jahrtausend v. Chr. über weite Teile Anatoliens und Nordsyriens erstreckte. Als altiranischer Gott der Freundschaft, des Rechts und des Vertrags wird er aus Persien und Indien überliefert, wo er in literarischen Quellen, wie den Büchern des Avesta[9] und der Veden[10] , erwähnt wird. Im 1. Jahrhundert v. Chr. wird Mithras in Verbindung mit dem Sonnengott Helios sowie Apollon und Hermes zu einem der Hauptgötter Kommagenes, im Osten der heutigen Türkei. Seine Eigenschaften als Kämpfer gegen das Böse und Verkörperung des Guten führten dazu, dass er hier eine exponierte Stellung innerhalb des Herrscherkultes einnahm. So taucht er in Inschriften und Reliefs oft in Verbindung mit den hellenistischen Königen Kommagenes auf, wie Antiochos I. (69–circa 36 v. Chr.), so zum Beispiel auf der Kultterrasse seines Grabhügels, dem 2.150 Meter hohen Nemrud Daghı. Auch im Kultbezirk des Antiochos in Arsameia am Nymphaios fanden sich Reliefs und Skulpturen des Mithras, die ihn unter anderem im Handschlag mit Antiochos I. zeigen. Im 1. Jahrhundert n. Chr. erschien Mithras - mit kultischen Modifikationen versehen - vor allem im Westen des Reiches. Er wurde nun in Form einer Mysterienreligion verehrt, bei der nur eingeweihten Gemeindemitgliedern die Teilnahme an den Kultfeiern erlaubt war. Diese trafen sich in unterirdischen Räumen beziehungsweise Höhlen nachempfundenen Versammlungsstätten zum Gottesdienst. Über den Verlauf der kultischen Handlungen ist kaum etwas überliefert. Das, was heute zu rekonstruieren ist, stützt sich in erster Linie auf epigraphische sowie archäologische Quellen.
Mithrasstele (links neben dem Gott wäre Antiochos I. zu rekonstruieren), Arsameia.
Ebenso bleibt weiterhin im Unklaren, wann und wie aus dem kommagenischen Staatskult ein römischer Mysterienkult wurde. Die Theorien über den Ursprung des Mithraskultes sind daher vielfältiger Natur.[11]
Einen für die Rekonstruktion der kultischen Entwicklung wichtigen Fund machten Münsteraner Altertumswissenschaftler 1997 und 1998 im antiken Doliche, dem heutigen Dülük, circa 200 Kilometer südwestlich des Nemrud Daghı, in der Nähe der heutigen Stadt Gaziantep gelegen. Unter dem antiken Siedlungshügel versteckt fanden sie zwei Höhlen, in denen Reste von Kultbildern auf zwei Tempel des Mithras, so genannten Mithräen, hindeuteten. Beide Höhlen waren in antiker Zeit durch einen gemeinsamen Eingang zugänglich und nach außen durch Mauern den Blicken der Öffentlichkeit entzogen. Bis zu ihrer Entdeckung Ende der 1990er Jahre war dieser Zugang durch Erosion weitgehend verschüttet, so dass die Befunde über Jahrhunderte verschlossen blieben. Beide Kulträume, die in einem antiken Steinbruch angelegt worden waren, verfügten über außergewöhnliche Ausmaße[12] , was auf eine große Kultgemeinde innerhalb Doliches hindeutet. In beiden Kammern befand sich an der Stirnseite jeweils ein Kultrelief, das von den Mithrasanhängern in den Fels gemeißelt worden war.
Dargestellt war die kanonische Stiertötung des Mithras (Tauroctonie), welche zum Inventar eines jeden Mithräums gehörte und der zentrale Bestandteil der Kultlegende war. Die Besonderheit des Dolicher Befundes bestand darin, dass die Kultszenen in beiden Höhlen nahezu vollständig abgeschlagen waren und sich die Zerstörer in Kultraum A durch das Einfügen eines Kreuzes anstelle des Kopfes des Mithras als Christen zu erkennen gegeben hatten. Offensichtlich wurden beide Höhlen nach ihrer Nutzung durch Anhänger des christlichen Glaubens als heidnische Kultstätte geächtet und die Relikte des Kultes unkenntlich gemacht. Dies erklärt auch, warum während der Ausgrabungen keine Kultgegenstände zutage gefördert wurden und Reste des Inventars fehlten. Allerdings fanden die Münsteraner Forscher eine Münze des Seleukiden Antiochos IX (115-95 v. Chr.) auf dem Boden eines der Mithräen, die einen Anhaltspunkt zur Datierung der Anlagen lieferte. Die Kulträume werden demnach seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert in Benutzung gewesen sein und eine Kultgemeinde beherbergt haben, die an diesem Ort die Mysterienfeiern des Mithras vollzog.[13]
Das erste Mithräum in Doliche nach seiner touristischen Erschließung. (Doliche & Kommagene - Forschungsstelle Asia Minor)
4.1. Mithras in den germanischen Provinzen
Eine Zusammenstellung der mithraischen Befunde im Jahr 2008 erbrachte acht nachgewiesene Tempel auf dem Gebiet der Germania inferior - eine geringe Zahl im Vergleich zu Obergermanien, wo bislang 36 Mithräen entdeckt wurden. Ihre Verteilung orientiert sich in erster Linie entlang der Rheinlinie, an der entsprechende Tempel in der Nähe von Kastellen beziehungsweise innerhalb der Provinzhauptstadt Köln angelegt wurden. Dieser Befund spricht dafür, dass die Hauptträger des Kultes Soldaten waren, die den Kult im Osten des Reiches beziehungsweise in Rom kennenlernten und ihn bei Verlegung in die Nordwestprovinzen in die neuen Einsatzgebiete importierten.[14
4.2. Xanten
Auf dem Gebiet der im Jahr 98 n. Chr. gegründeten Colonia Ulpia Traiana (Xanten) weisen insgesamt drei Funde auf eine Mithras-Verehrung hin. Es handelt sich um fragmentarisch erhaltene Weihesteine, die südlich des antiken Stadtgebietes im Bereich einer Legionsziegelei gefunden wurden. Die Fundstücke, welche zum Inventar eines Mithräums gehörten, legen die Vermutung nahe, dass sich in römischer Zeit in der Nähe des Fundortes ein Mithras-Heiligtum befunden hat. Neben einem Weihestein mit der erhaltenen Büste des Sol und einer Altarnebenseite, die Cautes, einen der Kultdiener des Mithras, zeigt, ist vor allem die vollständig erhaltene Weihung des Marcus Iulius Martius hervorzuheben. Dieser stiftete dem unbesiegbaren Gott Mithras (Deus Invictus Mithras) als Centurio der 30. und 22. Legion einen Weihestein im Jahr 189 n. Chr., als die beiden Silani Konsuln waren. Auch wenn beim Auffinden der Stücke im Jahr 1877 keine baulichen Strukturen gesichert wurden, dürfte die Aufstellung der Altäre innerhalb eines Heiligtums als sicher gelten.
4.3. Krefeld-Gellep
Im Jahr 1981 konnten bei Ausgrabungen in der Nähe des antiken Kastells Gelduba bei Krefeld-Gellep die Reste eines Mithräums freigelegt werden. Diese Holz-Erde-Konstruktion verfügte, wie für den Grundriss mithraischer Tempel üblich, über einen 2,40 Meter breiten Mittelgang, der an beiden Seiten von 0,50 Meter hohen und 2 Meter breiten Podien flankiert wurde. Auf diesen Podien lagen die Anhänger des Mithras beim Gottesdienst und nahmen das Kultmahl ein. Zwei Holzpfostendoppelreihen trugen die Dachkonstruktion und mündeten im Osten in eine Apsis als Raumabschluss. Vergleichsfunde anderer Mithräen legen die Vermutung nahe, dass sich hier Altäre beziehungsweise ein Kultbild befanden, von denen allerdings keine Spuren gesichert wurden. Unter den geborgen Gegenständen sind Reste von Einhenkelkrügen und Öllampen sowie ein Räucherkelchfragment hervorzuheben. Es ist davon auszugehen, dass es sich hierbei um Kultgeschirr beziehungsweise Kultgegenstände handelt, die bei der Feier des Gottesdienstes in Gebrauch waren. Die Nutzungszeit des Tempels dürfte im 2. Jahrhundert n. Chr. liegen. Im 3. Jahrhundert n.Chr. wurden die baulichen Reste als Begräbnisplatz genutzt, wohl um die im Zuge von Frankeneinfällen getöteten Bewohner des Kastells zeitnah bestatten zu können.
4.4. Dormagen
Beim Pflügen eines Ackers wurden 1821 bauliche Überreste eines Mithrastempels gefunden. Leider wurden damals keine Vermessungen oder Aufzeichnungen angefertigt, so dass nur grobe Angaben dazu überliefert sind. Die Größe des Kultplatzes erstreckte sich auf 11,60 Meter Länge und 2,90 Meter Breite mit einem Gewölbe aus Gussmauerwerk. Neben zwei inschriftenlosen Altären, Ton- und Bronzelampen und mehreren Münzen von Vespasian bis Antoninus Pius fanden sich vor allem Fragmente zweier Kultreliefs, mit der für die Kultlegende kanonischen Darstellung der Stiertötung. Eines der beiden Reliefs war abgesehen von der linken oberen Ecke sowie des Kopfes des Gottes vollständig erhalten. Es zeigt einen in orientalischer Tracht auf einem Stier knienden Mithras, der mit einem Dolch in seiner rechten Hand den Stier, den er an seinen Nüstern nach oben zieht, tötet. Die beiden auf Vergleichsfunden den Gott begleitenden Kultdiener Cautes und Cautopates fehlen in dieser Darstellung. Die erhaltene Weihinschrift weist C(aius) Amandinius Verus, einen Hornbläser (bucinator), als Stifter dieses Kultbildes aus.[16]
4.5. Köln
Auf dem Gebiet der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA) wurden bislang zwei Tempel des Mithras ergraben (Richmodstraße und Römische Hafenstraße). Ein weiterer wird in der Zeughausstraße vermutet, konnte aber im Jahr 1958 nur angeschnitten und nicht vollständig gesichert werden. Das Mithräum in der Richmod–/Ecke Breitestraße war Ost-West orientiert und hatte eine Länge von mehr als 10 Meter bei einer Breite von 7,50 Meter. Die Podien waren aus Tuffmauerwerk errichtet und 2 Meter breit. Eine sicher östlich anschließende Apsis konnte nicht mehr nachgewiesen werden. In die Sockelwände der Liegebänke waren insgesamt drei Kultnischen eingelassen, die durch einen 0,70 Meter x 0,70 Meter großen in den Fußboden versenkten Opferkasten, welcher Asche und Holzkohle enthielt, ergänzt wurden. Die zahlreichen Funde, die in der Ausgrabung von 1927 entdeckt wurden, weisen den Bau eindeutig als Mithräum aus.
1968 wurde in der Nähe des Südportals des Kölner Doms ein weiteres Mithras-Heiligtum gesichert. Es besaß einen Vorraum, der schmaler als der Kultraum und über sechs Treppenstufen zu erreichen war. Im Osten leitete der Vorraum in den Kultraum über, der eine Länge von ungefähr 11 Meter und eine Breite von etwa 5,80 Meter maß. Die inneren Maße schwankten, da der Bau vermutlich auf einen Vorgängerbau Rücksicht nahm. So wiesen auch die beiden Podien Breiten von 1,20 bis 1,60 Meter auf. Auch hier fanden sich Kultnischen, in denen noch kleine Altäre beziehungsweise Statuensockel standen.
Von der großen Bedeutung des Kultes in der römischen Provinzhauptstadt zeugen die zahlreichen Funde, die der Mithrasverehrung zugesprochen werden können. Der Katalog von Ristow zählt allein 30 Funde aus dem römischen Stadtbezirk und weitere sieben aus der unmittelbaren Umgebung auf. Darunter sind neben Kultgefäßen mit mithraischen Symbolen und zahlreichen Reliefs mit Abbildungen der Mithras-Mythologie, zum Beispiel eines mit der sogenannten Felsgeburt des Mithras, auch einige Inschriften. Die Weihung eines Tiberius Cl(audius?) Romanius, der sich als Veteran zu erkennen gibt, befindet sich auf einem qualitätvollen Altar, der leider unvollständig erhalten ist. Die Reliefdarstellung stellt den Gott Sol dar, neben dem ursprünglich Mithras platziert war, wie die Inschrift vermuten lässt. Die linke Schmalseite zeigt einen runden Altar, auf dem ein Globus mit einem Sonnenkreuz liegt. Die rechte Schmalseite enthält keine Darstellung. Offensichtlich war sie in ihrer ursprünglichen Position im Mithräum nicht einsehbar. Ein weiterer inschriftlicher Hinweis auf Mithrasanhänger befindet sich auf einer Platte aus Sandstein, die in mehreren Fragmenten in der Nähe des Tempels in der Richmodstraße gefunden wurde. Es handelt sich um den Grabstein des Exsochus, eines römischen Wagenlenkers (essedarius), den ein Kamerad sowie dessen Frau für ihn gesetzt haben. Interessanterweise wurde nachträglich das Wort cor[a]x hinzugefügt. Die Bezeichnung „Rabe“ entspricht einem der Weihegrade der Mithras-Mysten und dürfte in Kombination mit dem Fundort einen Bezug zum Mithras-Kult herstellen.[17]
Felsgeburt des Mithras aus einem Kölner Mithräum, 3. Jh.v.Chr. (Römisch-Germanisches Museum)
4.6. Bornheim-Sechtem
Im Jahr 1999 wurde bei Ausschachtungsarbeiten für ein Neubaugebiet in Bornheim-Sechtem, westlich von Bonn, ein Mithräum entdeckt. Die Größe von 13 Meter x 7 Meter entsprach in etwa derjenigen, des Mithräums in Krefeld-Gellep, was auf eine ähnlich große Anhängerschaft schließen lässt. Von einem Vorraum gelangte man über eine Treppe in den unterirdisch angelegten Kultraum, der über einen Mittelgang und Podien mit einer Verblendung aus Tuffmauerwerk verfügte. In den Mittelgang sowie in eines der Podien waren Nischen eingelassen, die Kultgegenstände und Reste einer Statuette, vermutlich eines Kultdieners, enthielten. Unter diesen Gegenständen befanden sich fragmentierte Reste senfgelben Kultgeschirrs, die Szenen der Mithras-Mythologie zeigten. Neben einem Löwen und einer Schlange war auch die Figur eines Kultdieners, eines Cautes, in orientalischer Tracht und erhobener Fackel abgebildet. Ergänzt werden könnten hier weitere Szenen der Mythologie wie zum Beispiel die Tötung des Stieres durch Mithras.
Die baulichen Überreste deuten darauf hin, dass das Mithräum mehrfach umgebaut wurde und noch im 4. Jahrhundert n. Chr. in Gebrauch war. Interessanterweise kann dieser Kultplatz nicht mit der Präsenz römischer Truppen am Rhein in Verbindung gebracht werden. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine private Stiftung, die zu einem nahegelegen Gutshof (villa rustica) gezählt werden muss.[18]
4.7. Bonn
In Bonn wiesen archäologische Untersuchungen des 20. Jahrhunderts ein Mithräum im Bereich des vicus, auf dem heutigen Gelände des Palais Schaumburg, nach. Schon 1962 wurde ein zweiter Tempel des Mithras innerhalb der Lagervorstadt vermutet, da in der ehemaligen canabae legionis ein Mithrasaltar entdeckt worden war. Bauliche Reste konnten damals nicht gefasst werden.[19] Im Jahr 2014 ergab sich die Gelegenheit, im Vorfeld von Kanalbauarbeiten, in diesem Bereich Ausgrabungen durchzuführen. Neben Resten der mittelalterlichen Stadtmauer sowie einer Ufermauer, konnten Mitarbeiter der Bonner Firma Archaeonet, die mit der Untersuchung betraut war, auch bauliche Überreste sowie Funde bergen, welche die Existenz eines zweiten Bonner Mithräums an dieser Stelle belegen. Zunächst fanden sich unter circa 2,00 Meter dicken Planierschichten Gebäudereste, die aufgrund ihres tiefen Niveaus, gut erhalten waren. Zwei in unterschiedlicher Technik bis zu 1,10 Meter hoch erhaltene Mauern, wiesen Reste einer ursprünglichen Wandbemalung auf. Die Befunde waren durch eine spätantike oder mittelalterliche Störung voneinander getrennt, sodass eine Rekonstruktion des Gebäudes nicht möglich war.
Dennoch lassen die dort gesicherten Funde darauf schließen, dass wir es hier mit einem, den unterirdischen Höhlen des Mithraskultes nachempfundenen, Tempel zu tun haben. Von der Innenausstattung haben sich u.a. vier Fragmente eines Weihealtars aus Kalkstein erhalten, der von einem hochrangigen Zenturio (PRIM(us) HAST(atus)) der 1. Bonner Legion Minervia (LEG(io) I Min(ervia)) gestiftet worden war. Neben der üblichen Weiheschlussformel (V(otum) S(olvit) L(ibens) M(erito)) enthält die Inschrift auch noch den Geburtsort Brixell(um) des Stifters und seinen Stimmbezirk ARN(ensis). Auch Reste des Namens haben sich erhalten und können vermutlich zum Cognomen (F)irminianus ergänzt werden.
Darüber hinaus wurde ein kleiner Kasten aus Kalkstein geborgen mit einer Vertiefung an der Oberseite, der dem D(eus) I(nvictus) M(ithras) gestiftet war. Die Buchstabenreste SEC und FL werden vermutlich zum Stifternamen gehören, der aber nicht mit Sicherheit zu ergänzen ist.
Fragment eines senf-gelben Kultgeschirrs mit der Darstellung eines Löwen, 4. Jh.n.Chr.
Als einen außergewöhnlichen Fund, ist der beschädigte Rest eines Terrakottaaltars zu nennen, der offensichtlich noch in seiner ursprünglichen Lage an einer der Mauern des Mithräums entdeckt wurde. Es handelt sich um einen Altar mit einer Grundfläche von 0,36 Meter x 0,46 Meter und einer Höhe von 0,46 Meter. Neben Sockel und Gesims war er mit einer aufgesetzten Schlange aus Terrakotta verziert, was auf seine Zugehörigkeit zum Inventar eines Mithräums hinweist.
Auffällig sind mehrere sternenförmige Durchbrüche auf der Front- und Schmalseite, die offensichtlich durch eine Lichtquelle, z.B. eine Kerze, im Inneren des Altars beleuchtet wurden. Der Leuchtkörper konnte durch eine rechteckige Öffnung in der Rückseite in die Kiste hineingestellt werden. Welche Funktion diese Dedikation im Rahmen des Kultgeschehens ausübte muss vorerst offen bleiben.[20]
5. Iupiter Dolichenus – Der orientalische Gott auf dem Stier
Gut Glück! Auf Geheiß des besten und größten ewigen Jupiters von Doliche, dem Erhalter der gesamten Welt, und der allergegenwärtigsten Gottheit, dem unbesiegbaren Ernährer… (Weiheinschrift aus dem 2. Jahrhundert vom Aventin in Rom).
Iupiter Dolichenus ist eine Gottheit, die Rätsel aufgibt: Im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. gehörte er zu den populärsten Gottheiten des Römischen Reiches. Zuvor nur von lokaler Bedeutung, breitete sich der Kult im Rahmen der Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert n. Chr. bis nach Britannien und Germanien aus. Mit der territorialen Ausdehnung des Imperiums, die unter Trajan (98-117 n. Chr.) ihren Kulminationspunkt erreichte, wurden nicht nur die römische Kultur und Wirtschaft in die eroberten Gebiete hineingetragen. Es kam auch zu einem Import von Religionen und Kulturen, also einem Transfer, meist durch Gruppierungen wie Soldaten, Händlern und Verwaltungspersonal herbeigeführt.
Dem Mithras-Kult geweihter Terrakotta-Altar. (LVR-LandesMuseum Bonn)
Der Kult des Iupiter Dolichenus geht zurück auf den Baal von Doliche, eine Berggottheit, deren Verehrung jedoch bis heute lediglich in Nordsyrien nachgewiesen werden konnte. Iupiter Dolichenus wurde in römischer Zeit mit dem Hauptgott des römisches Staatskultes, dem blitzschleudernden Iupiter gleichgesetzt. Charakteristisch für die Darstellung des Gottes neben seiner stehenden Haltung auf einem Stier [21] , sind Doppelaxt und Blitzbündel, die er jeweils in erhobenen Händen hält. Über religiöse Inhalte, wie den Gottesdienst, ist nur wenig bekannt. Zu verweisen ist an dieser Stelle auf die Grabungsergebnisse der Forschungsstelle Asia Minor der Westfälischen-Wilhelms Universität Münster. Seit 1997 untersuchen die Wissenschaftler die Hinterlassenschaften der antiken Stadt Doliche. Besonders die Forschungsbeiträge von Winter, die auf jahrelangen Ausgrabungen im Hauptheiligtum in Doliche fußen, liefern wertvolle Informationen über Iupiter Dolichenus.[22]
Hinsichtlich der weiten Verbreitung des Kultes und der Erwähnung von Silber und Gold an Kultgeräten in den überlieferten Inschriften, darf man sich einen eindrucksvollen und aufwendig gestalteten Gottesdienst vorstellen. Iupiter Dolichenus war nicht nur Schützer des Staates und Erhalter der Welt, er schenkte auch den persönlichen Wünschen seiner Anhänger Gehör. Demnach rief man ihn zum Beispiel für das eigene Wohlergehen oder das seiner Angehörigen an. Besonders diese Vielseitigkeit des Gottes machte ihn für weite Teile der Bevölkerung attraktiv.
Die große Ausbreitung des Kultes und das geringe Wissen über dessen religiöse Inhalte stehen im Widerspruch und werfen viele Fragen auf. Folgt man den kaiserlichen Inschriften, wurde Iupiter Dolichenus geboren, wo das Eisen entsteht (natus ubi ferrum nascitur). Diese oft diskutierte Formulierung wird zwar vor allem für die Anhänger des Dolichenus im Westen des Imperiums ein wichtiger Hinweis auf dessen Heimat im Orient gewesen sein, doch lassen sich trotzdem keine klaren Rückschlüsse auf die Herkunft des Gottes ziehen. Unbestritten ist jedoch, aufgrund seines Beinamens „Dolichenus“, dass es sich um den Hauptgott der Stadt Doliche handelt. Eine Stadt in der antiken Landschaft Kommagene im Südosten Kleinasiens am oberen Euphrat, die im Jahr 64 n. Chr. durch Pompeius der Provinz Syria einverleibt wurde. Der Kult des Iupiter Dolichenus fand seine größte Rezeption vor allem in Kastellen, also militärischen Bezirken. Dies zeigt die große Bedeutung des Heeres im Hinblick auf die Verehrung des Iupiter als Gott der Waffenschmiede und seine zügige Expansion in weite Teile des Imperiums. Bereits im 2. Jahrhundert n. Chr. lassen sich erste datierte Denkmäler in anderen Teilen des Imperiums auffinden. Auffällig ist hierbei, dass die Inschriften, Reliefs und Tempel vorwiegend in militärisch besetzten Territorien aufgefunden wurden. Lassen sich in Griechenland, der Provinz Asia oder Gallien keine Funde nachweisen, so liefern die Grenzprovinzen Britannien, Syrien, aber vor allem auch die Rhein- und Donauprovinzen zahlreiches Material, das die Bedeutung des Kultes auch dort untermauert.[23]
Blick über das Grabungsgelände des Heiligtums des Iupiter Dolichenus, 2014. (Doliche & Kommagene - Forschungsstelle Asia Minor)
5.1. Xanten
Bei Freilegungsarbeiten innerhalb eines Matronenheiligtums wurde neben mehreren anderen silbernen Objekten ein Löffel[24] mit Darstellung einer Doppelaxt zutage gebracht. Datieren lässt sich das Fundobjekt auf das 2.-3. Jahrhundert n. Chr. In der Mitte des Silberlöffels aus der Insula 20 der Colonia Ulpia Traiana, sind neben der Doppelaxt, eine Muschel und mehrere Blüten dargestellt. Die Blüten- und Knospenmotive werden von der Doppelaxtdarstellung ausgehend, als Blitzbündel interpretiert. Darüber hinaus gelten beide Motive als Hinweis auf den Kult der Iupiter Dolichenus.
Aus Xanten-Bislich stammt außerdem eine Votivhand[25] aus Bronze, die ebenfalls Iupiter Dolichenus zugesprochen wird. Die Hand weist eine als Vogelhals und –kopf gestaltete Öse an ihrem unteren Ende auf. Die Finger der Hand sind leicht gebeugt. Der Zeigefinger, oberhalb des ersten Fingergliedes, ist abgebrochen. Die Hand endet in einer Manschette, die den Unterarm andeutet. Vermutlich fungierte die Hand als Attasche, beispielsweise als Aufsatz für einen Stab oder Ähnlichem. Da keine Inschrift, wie auf anderen Vergleichsfunden, vorhanden ist, lässt sich nicht mit vollkommener Sicherheit sagen, ob es sich bei der Hand, um ein dem Iupiter Dolichenus geweihtes Fundobjekt handelt. Allerdings existiert ein Vergleichsfund aus einem Lager der Britannischen Flotte in Dover, der eben jene These stützt: Im Gegensatz zu dem Fundstück aus Bislich, fehlt dem Vergleichsfund aus Dover die vorhin erwähnte Öse. Jedoch befindet sich zwischen Daumen und Zeigefinger ein Globus, auf dem ein Adler sitzt. Diese beiden Symbole sprechen für eine Verehrung der orientalischen Gottheit. Vergleicht man nun das Fundobjekt aus Bislich mit dem aus Dover, so ist auffällig, dass etwa an der gleichen Stelle Daumen und Zeigefinger beschädigt sind, an der die Hand den Globus mit dem darauf befindlichen Adler hält. Es ist daher nicht abwegig, dass auch bei dem Fundstück aus Bislich ein solcher Globus zu ergänzen ist, was den Fund als ein Denkmal des Iupiter Dolichenus ausweisen würde.[26]
5.2. Köln
Im Jahr 1895 fand man eine leicht beschädigte Inschriftenplatte[27], welche in einem spätrömischen Mauerwerk verbaut wurde. Bei dem Fund handelt es sich um eine Tabula Ansata, eine Tafel, die an Mauern befestigt wurde. Die Inschrift lässt sich einem verfallenen Tempel des Iupiter Dolichenus zuweisen, den L(ucius) Luceius Martinus, Statthalter von Niedergermanien, restaurieren ließ. Neben der Konsuldatierung, sprechen auch die Titulaturen der genannten Kaiser dafür, dass sich die Inschriftenplatte auf das Jahr 211 n. Chr. datieren lässt.[28]
Silberlöffel mit Darstellung einer Doppelaxt, die auf eine Verbindung zum Iupiter Dolichenus Kult hindeutet, Xanten. (LVR-LandesMuseum Bonn)
5.3. Bonn
In der römischen Stadt Castra Bonnensia wurde eine Statuette[29] des Iupiter Dolichenus aus Bronze entdeckt. Die bärtige Statuette trägt neben einem römischen Brustpanzer eine phrygische Mütze. In der rechten Hand, die vorgestreckt ist, hält sie ein gedrehtes Blitzbündel. Die erhobene linke Hand hielt wohl ursprünglich eine Doppelaxt. Haltung und Attribute sprechen dafür, dass es sich bei der Statuette um Iupiter Dolichenus handelt. Die kleinen Zapfen an den Füßen der Statuette, lassen vermuten, dass diese einst auf einer Stierstatuette befestigt wurde.[30]
6. Kybele – die Mutter allen Lebens
Fruchtbarkeitsgöttin, Stadtbeschützerin, Prophetin, Mutter der Tiere und Heilende: Kybele (auch Kybebe) war eine kleinasiatische Naturgottheit, deren alter Kultmittelpunkt sich in Pessinus im oberen Phrygien (heutige Türkei) befand. Sie war die Mutter allen Erdlebens. Ihr Wesen galt jedoch nicht nur als mütterlich-freundlich, vielmehr wies dieses auch drohende, dem Menschen gefährlich werdende Züge auf. In den Vorstellungen ihrer Anhänger fuhr sie mit einem Löwengespann durch die Lande. Begleitet wurde sie von orgastisch tobenden Korybanten.[31] Ihr Gefolge huldigte der Kybele in ekstatischen Tänzen und wilder Raserei. Die Szenerie wurde von lärmender Musik mit Handpauken und Klappern begleitet. In höchster Ekstase wurden ihre Diener, die auch als Galloi bezeichnet werden, zur Selbstgeißlung bis hin zur Entmannung getrieben. Den männlichen Kultpartner der Göttin stellt Attis dar, der schöne und junge Geliebte der Muttergottheit, welcher in Untreue von den Göttern mit Wahnsinn geschlagen wird und sich selbst in diesem Zustand entmannt. In Folge dessen verstirbt Attis, laut Mythos, unter einer Pinie. Kybele bittet Zeus, voll Trauer um ihren Liebsten, diesen wiederzubeleben. Nach der Erzählung des christlichen Autors Arnobius, haben die Bitten der Kybele nur teilweise Erfolg: Nach dem Willen des Göttervaters verwest der Körper nicht (Adversus nationes 5,5-7).[32]
Der Kult der Kybele verbreitete sich zunehmend im ganzen Mittelmeerraum. Im Jahr 204 v. Chr. wurde Kybele als Mater Magna (große Mutter) auf Weisung der sybillischen Bücher in Rom eingeführt. Zentren der Verehrung in den germanischen Gebieten waren unter anderem Köln, Mainz und Trier – die Hauptstädte der Provinzen Germania superior, inferior und der Belgica. Am Limes und seinen Kastellen lassen sich verhältnismäßig wenige Zeugnisse für den Kult der Kybele finden. Daraus folgt, dass im Vergleich zum Kult des Iupiter Dolichenus oder des Mithras kein ausgeprägtes Verhältnis zwischen dem Heer und dem Kult der Kybele zu beobachten ist. Besonders häufig ist der Kult in Köln und Umgebung vorzufinden. Hier sahen die Menschen Mater Magna als Göttin der Vegetation und des Entstehens und Vergehens der Natur an. Dieser Aspekt wurde ebenfalls auf das Leben der Menschen übertragen, so dass Kybele auch als Begleiterin der menschlichen Seele in die Unterwelt angesehen wurde.[33]
Statuette des Iupiter Dolichenus aus Bonn, Bronze.
6.1. Xanten
Aus dem römischen Militärlager bei Xanten (Castra Vetera) stammt ein Kastenhenkel aus Bronze. Die Göttermutter kommt hier aus einem Blätterkelch hervor. Auf ihrem Haupt trägt sie ein Diadem. Neben ihr lassen sich Trauben und zwei drohende Löwen erkennen. Weiter oben befinden sich zwei Greifen. Gerade die Darstellung der Kybele in Verbindung mit Löwen ist typisch für die germanischen Provinzen beziehungsweise das Rheinland. Der Löwe ist das Wappentier der Kybele und fungiert als Symbol ihrer Macht als Herrscherin über allen Lebens.[34]
Des Weiteren wurde eine Gemme mit einer Kybeledarstellung in Xanten (Fürstenberg) entdeckt. Die hochovale Gemme[35] besteht aus braunrotem Karneol. In einer Dreiviertelansicht wird Kybele hierbei von vorne dargestellt. Sitzend auf einem Thron wendet sie den Kopf zur Schale in ihrer rechten Hand. Sie trägt einen gegürteten Chiton sowie einen Hüftmantel. Im rechten Arm, welcher leicht angewinkelt ist, hält sie ein Zepter. An den Füßen ist der vordere Teil eines Löwen zu erkennen.[36]
6.2. Aachen
Im Jahr 1974 wurde bei städtischen Baumaßnahmen in der Buchkremerstraße ein Inschriftenstein geborgen. Mehrere Jahre wurde das Fundobjekt in einem Veranstaltungsraum einer Aachener Buchhandlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, bis der Besitzer den Aachener Stadtarchäologen Schaub darum bat, den Inschriftentext zu entziffern. Die Baumaßnahmen in der Buchkremerstraße hatten seinerzeit das Ziel, das ehemalige Thermalbad „Zur Königin von Ungarn“ zu einem „Römerbad“ umzubauen. Die Erdarbeiten wurden von dem Archäologen Hugot begleitet. Eine vollständige Untersuchung des Gebiets verhinderte damals allerdings der hohe Grund- und Quellwasserspiegel. Deshalb war es Hugot nicht vergönnt, den Inschriftenstein aufzufinden. Erst während der anschließenden Ausschachtungen trat der Stein ans Licht. Mit Blick auf die römische Topographie stammt das Fundobjekt aus dem Zentrum der römischen „Bücheltherme“.
Kastenhenkel mit Kybele-Büste aus Bronze zwischen Greifen, Löwen und Pelikanköpfen, Fundort verm. Xanten.
Die Inschriftenplatte, welche aus Herzogenrather Sandstein besteht und das älteste erhaltene Schriftzeugnis ist, das von Bauwerken in Aachen berichtet, misst circa 0,87 Meter in der Breite und 0,57 Meter in der Höhe. Die Tiefe beträgt etwa 0,30 Meter. Die an der Rückseite befindlichen Mörtelreste weisen darauf hin, dass der Stein ursprünglich in eine Mauer eingelassen war. Die Inschrift ist beinahe vollständig erhalten. Lediglich in den letzten Zeilen sind größere Fehlstellen zu verzeichnen. Bei der Inschrift handelt es sich, wie die nachfolgende Umschrift verdeutlicht, um eine Weih- beziehungsweise Bauinschrift, die einen Tempel für die Göttinnen Isis (Isidi) und Kybele (Mater Deorum) erwähnt.[37] :
NVMINIBVS
DIVOR(um) AVG(ustorum) IN
HONOREM DOMVS
[D]IVINAE IVL(ia) TIBERINA Q(uinti) IVL(ii)
[Fl]AVI VXOR > (centurionis) L[e]G(ionis) XX Val(eriae) Vic(tricis) AE
DES MATRI DE[oru]M ET ISIDI EX VOTO
D[E SVA PEC(unia) S(olvit)] L(ibens) M(erito)
„Den Numen der vergöttlichten Kaiser, zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses [hat] Julia Tiberina, die Ehefrau des Quintus Julius [Fl]avus, des Centurio der 20. Legion Valeria Victrix für Mater Deorum und für Isis einen Tempel nach einem Gelübde aus eigenen finanziellen Mitteln [errichten lassen]. Das Gelübde wurde nach Gebühr erfüllt.“[38]
6.3. Flerzheim bei Bonn
Ein Fund deutet auf die oben angesprochene Funktion der Kybele als Geleiterin der Toten in die Unterwelt. In Flerzheim wurde in einem Sarkophag eine Figur des Attis entdeckt. Der Sarkophag gehörte zu einem Gräberfeld einer villa rustica, die vom 1. bis 5. Jahrhundert n. Chr. Bestand hatte.[39] Die Statuette aus Gagat zeigt Attis in einer langärmligen und gegürteten Tunika, Mantel, phrygischer Mütze, Hosen sowie Schuhen auf einem Felsblock vor einer Pinie mit verästelter Krone sitzend. Er hält in der linken Hand eine Syrinx. Die rechte Hand ruht auf seinem Knie. Befestigt ist die Figur auf einem ovalen Sockel mit zwei profilierten Standplatten. Die Darstellung zeigt den Typ des „trauernden Attis“, der gerade im Totenkult der Römer eine besondere Rolle spielte.[40]
Heiligtümer für Kybele und Isis bezeugende Steininschrift, Aachen, Herzogenrather Sandstein.
6.4. Köln
In eine andere Richtung deutet der Fund eines Kybele-Altars in Köln.[41] Im Nordflügel des Atriums von St. Gereon wurde im Jahr 1982 bei Grabungsarbeiten ein Kalkstein[42] geborgen. Giebel und Sockel des Weihesteins sind zum Teil abgeschlagen. Auf den Schmalseiten lassen sich keine Darstellungen finden. Darüber hinaus weist die Vorderseite mit dem Inschriftenfeld einige kleinere Verletzungen auf. Die Inschrift lautet:
DEAE MATRI APP
IUS MERCATO
R ATTONIS (filius) EQ
UES COH(ortis) I LATO(bicorum)
STATOR POMPEI(i)
HONORATI PR(a)EF(ecti) EQ(uitum)
V(otum) S(olvit) L(ibens) M(erito).
„Für die Dea Mater. Appius Mercator, Sohn des Atto, Reiter in der „cohors I Latobicorum“ und Ordonanz des Reiterpraefekten Pompeius Honoratus, erfüllte sein Gelübde gern und nach Gebühr.“ [43]
Die Inschrift ehrt Kybele hier als Dea Mater. Folgt man der Annahme B. und H. Galsterers und sieht in dieser Bezeichnung eine abgewandelte Schreibweise der Mater Magna Deum,[44] so lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass jene Weihung nicht dem Bereich des Toten- und Fruchtbarkeitskultes zuzuordnen ist. Vielmehr wird Kybele hier als Göttermutter, anders als die Forschung es lange Zeit für den Raum Köln angenommen hat, eine Schutzfunktion ausüben. Auch das Faktum, dass der Dedikant ein Soldat aus dem Stab des Statthalters war, unterstützt diese Vermutung. Dass Kybele in der CCAA eine große Anhängerschaft besaß, welche sie unter anderem auch als Schutzgöttin der Stadt und der Gemeinwesens verehrte, zeigt die umfangreiche Produktion von Kybele-Statuetten des Kölner Töpfers Servandus, der offensichtlich viele Abnehmer für seine Waren hatte.[45]
6.5. Düsseldorf/Neuss
Bei einem im Rhein bei Düsseldorf/Neuss gefundenen Objekt handelt es sich um ein weiteres Relief einer Büste der Kybele. Obwohl ein Teil des Schoßes noch erhalten ist, lässt sich nicht eindeutig bestimmen, ob es sich bei der Darstellung ursprünglich um eine sitzende oder stehende Figur handelte. Dieses Fundobjekt ist einmalig unter den bisher bekannten Zeugnissen der Göttin. Die Büste der Göttin wird hier in einem Bilderrahmen gezeigt. Unter diesem sind ihre Attribute, zwei Flöten, ein Tympanon sowie ein Schallbecken zu erkennen. Auffällig ist ebenfalls der Adler, welcher mit ausgebreiteten Flügeln und einem Blick nach rechts auf der Mauerkrone sitzt. Die Darstellungsform entspricht keiner einheimischen Vorstellung von der Göttermutter. Sie erinnert eher an Darstellungen aus dem Orient. Besonders der Adler mit ausgebreiteten Flügeln kommt als Darstellungsform im Osten Kleinasiens häufig vor.
Weihinschrift (Dea Mater), Köln, Kalkstein.
Ein weiterer Fund stellt die fossa sanguinis, ein 1,40 Meter tiefer Taufkeller[46] des Kybele-Kultes, dar. Der aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. stammende Keller, welcher im Lagerdorf (Auxiliarvicus) Novaesiums von Harald von Petrikovits entdeckt wurde, weist einen quadratischen Grundriss von 1,80 Meter Seitenlänge auf. Sechs Stufen führen zur gegenüberliegenden Seite des Kellers. Der Fußboden des Taufkellers bestand aus gestampftem Lehm und war mit Dielen ausgelegt. In der Ostecke des Kellers befand sich ein Steintisch – ein 0,55 Meter hoher Block aus Bruchsteinen mit einer Tischfläche von 1,00 Meter x 0,30 Meter. Pause hinterfragt die Interpretation des Befundes als Kultkeller der Kybele kritisch, indem er zu bedenken gibt, dass der spätantike Dichter Prudentius, welcher das Taurobolium des Kultes der Kybele beschreibt, nicht von einem Keller, sondern von einer in die Erde gegrabenen Grube berichtet. Darüber hinaus handelt es sich bei der in der Verfüllung des Kellers gefunden „Zimbel“ eher um einen Schildbuckel aus Bronzeblech oder eine Phalera – keinesfalls ist der Fund seiner Ansicht nach als Klanginstrument anzusehen.[47]
7. Fazit
Mithras, Iupiter Dolichenus und Kybele übten aufgrund ihrer Universalität eine große Anziehungskraft auf die römische Bevölkerung aus. Ihre Mythologie, die teilweise mit Heilsvorstellungen vom Leben im Jenseits verbunden war, brachte ihnen einen großen Zulauf im gesamten Römischen Reich ein. Händler, Orientalen und Soldaten trugen durch Dislokation wesentlich zur Ausbreitung der Kulte vom Osten in den Westen bei. Wann die Verehrung der Gottheiten in den germanischen Provinzen im Einzelnen begann, lässt sich heute nicht mehr exakt bestimmen. Dennoch fällt sie vermutlich mit der im 1. Jahrhundert n. Chr. einsetzenden Romanisation der Rheinlande zusammen. In der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. zerstörte der Sassanidenkönig Shapur I. die antike Stadt Doliche und somit das Hauptheiligtum des Iupiter Dolichenus. Eine Zerstörung, die auch der Verehrung des Iupiter Dolichenus im Westen des Reiches einen Dämpfer versetzte. Kybele, die Mutter allen Erdenlebens, konnte der Verdrängung ihres Kultes im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. durch das Christentum ebenso wenig standhalten wie Mithras. Einige Elemente seines Kultes finden sich aber auch noch heute im Christentum wieder, wie zum Beispiel der Geburtstag des Gottes am 25. Dezember. Die Untersuchung hat deutlich gemacht, dass der stadtrömische Götterhimmel in den Provinzen nicht nur durch einheimische Götter, wie zum Beispiel den rheinischen Matronen, angereichert, sondern auch durch fremde Götter erweitert wurde. Die römische Provinzbevölkerung akzeptierte auch für sie fremde Kulte, was zu einem Nebeneinander von einheimischen, römischen und orientalischen Gottheiten führte. Die Verdrängung des Polytheismus durch das Christentum konnte letztlich jedoch nicht aufgehalten werden – zu prägnant wirkte dieses auf die Bevölkerung. An Stelle der vielen Gottheiten aus dem Orient trat nun nur noch einer: Christus, als Verkünder einer neuen Religion.[48]
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
https://de.wikipedia.org/wiki/Mithraismus#:~:text=Der%20Mithraismus%20oder%20Mithraskult%20war,die%20Gestalt%20des%20Mithras%20stand.
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Mithras
-> https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/orientalische-gottheiten-im-roemischen-rheinland/DE-2086/lido/5885c71eafea48.38276168#toc-6
-> Luckhaupt, Lutz: Funde des römischen Mithraskultes in Bingen, in: Regionalgeschichte.net, online verfügbar seit 28.03.2017 unter: https://www.regionalgeschichte.net/rheinhessen/bingen/einzelaspekte/funde-des-roemischen-mithraskultes-in-bingen.html, zuletzt geprüft am 15.04.2025.
-> Biller, Frank, Graw, Jil, „Orientalische“ Gottheiten im römischen Rheinland, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/orientalische-gottheiten-im-roemischen-rheinland/DE-2086/lido/5885c71eafea48.38276168 (abgerufen am 17.05.2026)
Sekundärliteratur
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Feste und Riten
Inhaltsverzeichnis
1. Saturnalia: das wichtigste römische Fest am Jahresende (Blogeintrag)
1. Saturnalia: das wichtigste römische Fest am Jahresende (Blogeintrag)
Im alten Rom feierte man gegen Jahresende im Zeichen Saturns und anderer Agrar-Gottheiten. Doch was genau hat es mit dem Fest der saturnalia auf sich?
Die saturnalia – zu Deutsch Saturnalien – waren ein römisches Fest, das am 17. Dezember anlässlich des Jahresendes gefeiert wurde. Ursprünglich dauerte es wohl nur einen Tag, über die Jahrhunderte verlängerten sich die Feierlichkeiten aber bis auf fünf Tage unter Kaiser Caracalla (188-217 n. Chr.). Der Blogbeitrag behandelt die Rolle der unterschiedlichen Gottheiten bei den Saturnalien, die soziale Funktion der Festivitäten und wie an unterschiedlichen Orten gefeiert wurde.
Die Rolle Saturns und anderer Agrar-Gottheiten
Wie bei jedem Fest der Antike waren nicht nur die Menschen zugegen, sondern auch die Götter – allen voran der namensgebende Saturn, Vater Jupiters und mythischer König aus Roms Vorgeschichte. Die Sichel, die Saturn in den Händen hält, weist ihn als Agrar-Gottheit aus. Unter ihm, so dachte man, herrschten paradiesische Zustände: Frei von Neid und Missgunst gehörte alles allen und auch geackert werden musste nicht: Die Früchte des Feldes und der Bäume gediehen von selbst. Es war ein Zeitalter der Fülle, ein goldenes Zeitalter.
Am Ende des landwirtschaftlichen Jahres, nach der erfolgreichen Aussaat und Einlagerung des Getreides, scheint der Zeitpunkt für die saturnalia nur logisch. Wie das Land über den Winter ruht, so darf auch der Bauer von seiner Feldarbeit ruhen.
Waren die Vorratskammern gefüllt, gebührte es sich, den dafür verantwortlichen Gottheiten zu danken. Nebst Saturn waren dies weitere Agrar-Gottheiten wie seine Gemahlin Ops (von lat. opus = Werk) und Consus (Etymologie unsicher). Ihnen zu Ehren opferte man, veranstaltete Esel-Rennen und liess die landwirtschaftlich wichtigen Zugtiere schön geschmückt durch die Stadt ziehen. Die Dekorationen im und um die Häuser würden uns nicht ungewöhnlich vorkommen: Nach wie vor sind Kerzen, Stechpalmen und rote Beeren eng mit dem Weihnachtsfest verknüpft.
Die Saturnalien als Umkehrung der sozialen Ordnung
In einem Brief an einen Freund kommentiert der Stoiker Seneca der Jüngere das Verhalten der Stadtmenschen in Hinblick auf die Festivitäten:
„Es ist Dezember und der Grossteil der Stadt ist in Aufruhr. Den Leuten werden die Leinen gelockert. Überall ertönen die Geräusche grosser Vorbereitungen, gerade so als ob es einen echten Unterschied gebe zwischen den dem Saturn geweihten Tagen und den gewöhnlichen Werktagen. […] Ob wir uns wie gewöhnlich in die Stadt begeben sollten. Oder ist es besser – um nicht aufzufallen –, wenn wir uns der abendlichen Schlemmerei hingeben und die Toga abwerfen?”
Epistulae 18.1-2
Diese Überlegungen widerspiegeln den Stellenwert der Festlichkeiten und tönen auch die soziale Funktion der saturnalia an. Nebst der Pflichterfüllung gegenüber den Gottheiten zelebrierte man die einstweilige Fülle durch die Aufhebung der normalen gesellschaftlichen Zustände. Alle, die das Fest begingen, setzten sich einen pileus auf, eine konische Filzkappe, die ansonsten nur Freigelassene (ehemalige Gefangene oder Sklaven) trugen.
Unter dem Filzhut der Freiheit waren sich alle gleich. Wer war Herr, wer Sklave? Diese Frage war nun scheinbar bedeutungslos. Sklaven durften ihren Herren beim gemeinsamen Mahl ungestraft die Meinung sagen und wer keinen Rausch hatte, fiel auf. Die Schulen und Gerichte blieben an diesen Tagen geschlossen und sogar das ansonsten untersagte Glücksspiel war erlaubt. Der besonders übermütige dominus schlüpfte gar in die Rolle seiner Sklaven und servierte ihnen beim Gastmahl die Speisen.
Doch wie Seneca an anderer Stelle bemerkt: „Non semper saturnalia erunt”: „Die Saturnalien werden nicht ewig dauern.” Das Fest bot den Sklaven eine Möglichkeit, Unmut und Frustration zu kompensieren, stellte im Grunde aber ein stabilisierendes Moment für die Institution der Sklaverei dar. Soweit das Treiben in Metropolen wie Rom oder Athen. Doch tauschte ein im fernen germania superior stationierter Zenturio seinen mit Helmbusch dekorierten Helm ebenfalls gegen einen Filzhut ein, um sich mit seinen Untergebenen närrischen und zügellosen Aktivitäten hinzugeben?
Die Feier der Saturnalien im römischen Heer
Die Forschung weiss um den immensen Kulturaustausch, der durch die Anwesenheit römischer Legionen in den entferntesten Winkeln des Reiches entstand. Eine Quelle dafür ist das feriale duranum, der Festtagskalender einer in Dura Europos (Syrien) stationierten römischen Auxiliar-Einheit aus dem 3. Jahrhundert. Für die Monate Januar bis September finden sich darauf 41 Festtage, die übrigen Monate sind nicht erhalten. Abgesehen von seinem Schwerpunkt auf kaiserlichen Feierlichkeiten (Thronbesteigungen, Geburtstage, Siege, etc.) zeigt sich eine starke Übereinstimmung mit den stadt-römischen Festtagskalendern. Dies verwundert kaum, waren Armee und Zivilgesellschaft doch in vielerlei Hinsicht analog gestaltet. Es zeigt zudem die Wichtigkeit religiöser Pflichten gegenüber allem Göttlichen, gerade für die Armee. Nicht zuletzt wurde damit eine Integration der multikulturellen Legionen wie auch der Lokalbevölkerung angestrebt.
Obschon in Vindonissa zahlreiche Funde und Befunde zutage kamen, die Licht auf die religiösen Gepflogenheiten in und um das Legionslager werfen, lässt sich nichts Spezifisches über die örtlichen Feste am Jahresende aussagen. Abhilfe schafft ein kleiner Fund aus Vindolanda (Northumberland, England), einem Hilfstruppen-Kastell am nördlichsten Rand des Imperiums. Wie Vindonissa zeichnet es sich durch zahlreiche Funde von Wachstäfelchen aus, mit denen die Legionäre und die schreibkundige Lokalbevölkerung korrespondierten.
Auf einem Exemplar (Nr. 301) fordert ein Sklave namens Severus einen anderen Sklaven namens Candidus auf, ihm Rettiche für die Saturnalien zu besorgen. Sicherlich keine leichte Aufgabe, wo Rettich doch im milden Mittelmeer-Klima beheimatet ist. Ohne hier näher auf die Motive des Severus eingehen zu können, zeigt das Wachstäfelchen, dass die Saturnalien innerhalb des römischen Heeres durchaus verbreitet sein konnten.
Zahlreiche Beispiele der römischen Geschichte betonen zudem die Wichtigkeit, eine Legion bei Laune zu halten, wollte man keinen Aufstand riskieren. Nun konnte sich nicht die komplette Einheit eines Kastells besaufen, geschweige denn eine ganze Legion. Gleichzeitig steht ausser Frage, dass die Legionäre einem Unterbruch des Wachdiensts oder des Drills nicht abgeneigt waren und ihre Freizeit teilweise mit Nachdruck einforderten. Wie sehr sich Legionäre darauf freuten, zeigen nicht nur die Vielzahl an in Legionslagern gefundenen Spielsteinen und Würfeln, sondern auch ein Brief aus Vindonissa:
„So sollst du erfahren, wo ich das Gastmahl bereite sowie verschiedene Spiele und ein prächtiges Trinkgelage. Morgen, bei den mächtigsten Schutzgeistern des Spiels, werde ich den Würfelbecher wie ein Schwert schwingen. Lebe wohl, treuer Bruder.” (M.A. Speidel, Die röm. Schreibtafeln von Vindonissa, Brugg 1996, Nr. 45)
Ob bei der Familie, bei Freunden, im Bad oder in der Schenke – Möglichkeiten zur Entspannung boten sich den Legionären zur Genüge. Nehmen wir uns an ihnen ein Vorbild und gönnen uns zuweilen eine Ruhepause vom oftmals hektischen Alltag.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Grünig, Luca: Saturnalia: das wichtigste römische Fest am Jahresende, in: Museumsblog Museum Aargau, online verfügbar seit 09.12.2024 unter: https://www.museumaargau.ch/blog/saturnalia-das-wichtigste-roemische-fest-am-jahresende, zuletzt geprüft am 14.07.2025.
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Sekundärliteratur
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Kunst
Kunstraub und andere Einflüsse
Inhaltsverzeichnis
1. Machtdemonstration par excellence. Der immense Kunstraub Roms. (Artikel)
1. Machtdemonstration par excellence. Der immense Kunstraub Roms.
In einer Koalition von Macht und Religion inszenierten römische Aristokraten in den Triumphzügen der Republik den größten Kunstraub der Geschichte.
VON ERNST KÜNZL
Kunstraub war in der Geschichte eine Demonstra- tion einseitiger Machtausübung, aber mit ver- schiedenen Motiven und vorwechselnden Hinter- gründen. Wertschätzung von Kunst spielte dabei nicht die erste Rolle. Um Kunst ging es am wenigs- ten, als dieRömer der Republik den griechischen Osten ausplünderten. In den drei letzten Jahrhunderten der römischen Republik vor der Zeit des Octavianus-Augustus (31 v. Chr. – 14 n. Chr.) inszenierten die Feldherren Roms die proportional gesehen größtenKunstraubaktionen der Geschichte. Opfer waren griechische Städte und Staaten. Gigantische Präsentationen in den TriumphzügenRoms zeigten dem Publikum der Hauptstadt die unermessliche Kriegsbeute: Waffen, Statuen, Ge- mälde, Teppiche, Textilien, Edelmetallgefäße, Berge von Gold und Silber. Roms Triumphe waren religiöse Riten und politische Inszenierungen, die Beutekunstdabei ein Element unter vielen.
DIE VORLÄUFER IM ORIENT
Für fast alle kulturellen Erscheinungen des klassi- schen Altertums gab es Vorläufer im Nahen Osten, vor allem in Mesopotamien. ObSchrift und Poe- sie, ob Medizin und Astronomie, ob Skulptur und Architektur – das Mittelmeergebiet empfing im- mer wiederentscheidende Anregungen von den großen Königreichen der Bronzezeit an Nil, Euph- rat und Tigris. Wir finden dort auch den ersten Kunstraub der Geschichte. Das Königreich Elam entführte Statuen und Reliefs aus Mesopotamien (12. Jh. v. Chr.), die Heere Assyriens plünderten das ägyptische Theben (664/663 v. Chr.), und Baby- lons König Nebukadnezar II.besetzte Jerusalem (597/587 v. Chr.) und brannte Salomons Tempel nieder. Das Tempelinventar wurde nach Babylon gebracht.Um Kunst ging es weder in Elam noch in Assur und Babylon, es ging um die Demonstra- tion von Macht und um die Erhöhungder eige- nen, siegreichen Götter, denen die Beute geweiht wurde. Das war das Generalthema der Kunstraub- aktionen imgesamten Altertum.
Das Weltreich der Perser folgte den Vorbildern Mesopotamiens. In den persischen Feldzügen gegen die Griechen bis 480 v. Chr.entführte man Kunst- werke aus Milet und Athen. Man wollte die Grie- chen demütigen, indem man die Apollonstatue desKanachos aus Didyma bei Milet deportierte. Als die Perser im besetzten Athen die Skulpturen- gruppe der Tyrannenmörderwegbrachten, war das ein politisches Signal: Hippias von Athen, Bru- der des getöteten Hipparchos, lebte im Exil bei den Persern.Knapp 200 Jahre später war es Alexander der Große, der in seiner Rolle als Herrscher über Persien die Restitution von Kunstwerkenals politi- schen Akt erschuf: Er gab demonstrativ den Athe- nern die Tyrannenmördergruppe zurück. Wieder war Kunst einSpielball politischer Interessen.
DIE ARISTOKRATIE ROMS
Nachdem man die etruskischen Könige vertrie- ben hatte, bestimmte über fast ein halbes Jahr- tausend der Senat die Geschicke derStadt Rom. Die römische Nobilität beherrschte die Politik, und sie tat es besonders beim herausragenden rö- mischen Machtritus, dem Triumphzug. Dabei war jeder der siegreichen Adeligen, ob patrizischer oder plebejischer Herkunft, bemüht, seine Verdienste um das Wohl und den Reichtum des römischen Volkes herauszustellen. Es herrschte eine immerwährende Rivalität unter den großensenatorischen Familien Roms um Einfluss und um Ruhm.
Diese fortwährende Konkurrenz der führenden Aristokraten untereinander bildete den Hintergrund für den immensen römischenKunstraub vom 3. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. Der Triumph war ein religiöser wie politischer Akt, er war das wichtigste aller römischenFeste und er war der Höhepunkt jeder aristokratischen Karriere. Jeder Triumphator vertrat nicht allein seine Siege, son- dern er war auchein Mitglied bzw. Stellvertreter seiner Sippe. Der Triumph war ein Ritual für den höchsten Gott Roms, für Iuppiter Optimus Maxi- musCapitolinus, aber er diente auch dem Ruhm des jeweiligen Siegers aus der Senatsaristokratie und seiner Familie.
TRIUMPHZÜGE
Mehr als 300 Triumphprozessionen zogen durch Rom in den Jahren 340 bis 19 v. Chr., der Hochzeit römischer Triumphe. Es wurde erwartet, dass die Triumphatoren aus der Kriegsbeute möglichst viel Gold und Silber an die Staatskasse überwie- sen. Man setzte auch voraus, dass eroberte Kunst- werke dem römischen Volk auf öffentlichen Plätzen, in Gebäuden und in Tempeln zugänglich gemacht wurden. Genaue Regeln dafür gab es nicht, das Ganze wurde unbürokratisch gesehen. Seit dem späten 3. Jahrhundert v. Chr. änderte sich die Haltung Roms zur Kunst der Griechen. Roms Eroberungen in Griechenland und dem hellenistischen Ostmittelmeerraum zeigten den siegreichen Feldherren eine neue, faszinierende Welt. Man lernte, Kunstwerke als Schmuck von Palästen, Plätzen und Tempeln und als Zeichen von Macht und Glanz zu verstehen.
Die Bewunderung griechischer Kunst begann so richtig mit der Syrakusbeute des Claudius Marcellus (212 v. Chr.); das bestätigen spätere Historiker wie Livius undPlutarch. Von da an wurden immer größere Mengen von Beutekunst den Zuschauern in Rom vorgeführt. „Am zweiten Tag sah man im Zug 1000 Talente an Münzen,2200 Talente Silber, eine Menge von Trinkgefäßen, 500 Wagen voll mit Götterbildern und Statuen aller Art, auch viele goldene Schilde und Weihegemälde“, berichtet der Historiker Diodor (31,7,9–12) über den dreitägien Triumph des Lucius Aemilius Paullus in Rom, 28.–30. November 167 v. Chr., der den Sieg über Makedonien feierte. Die Triumphzüge von Lucullus, Pompeius und Caesar im 1. Jahrhundert v. Chr. waren darauf an- gelegt, immer glänzendere Schauspiele zu inszenieren, was diePräsentationen von Beutekunst einschloss.
DIE STIFTUNGEN DER SIEGER
Die Beutekunst wurde den Römern in der Regel an öffentlichen Orten und Gebäuden dauerhaft präsentiert. Rom wurde durch die Stiftungen der Triumphatoren zu einem Ort voller Triumpherinnerungen, zu einer ewigen Triumphstadt. In Rom waren die griechischen Kunstwerke ihrem ursprünglichen Zusammenhang entrissen. Sie erhielten durch die Neuaufstellung einen neu- en religiösen, aber auch einen politischen Inhalt, politisch in dem Sinne, dass sie nun dem römi- schen Volk zugänglich waren: Als Stiftungen sieg- reicher Triumphatoren waren sie zugleich Symbole der römischen Kraft und Stärke, der Ehre der römischen Waffen.
KUNSTVERSTÄNDNIS
Das Kunstverständnis der römischen Oberschicht hatte sich bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. funda- mental gewandelt. GriechischeKunst wurde zum kanonischen Maßstab. Manche Tempelanlagen wurden geradezu zu Kunstsammlungen. Beson- dersdeutlich kam dieser Gedanke beim Temp- lum Pacis zum Ausdruck. Mit der Beute aus dem Jüdischen Krieg finanzierte KaiserVespasian das Heiligtum der Göttin des Friedens, Pax, das er 75 n. Chr. einweihte. Einen großen offenen Platz um- gabenSäulenhallen; Mittelpunkt des Haupttrak- tes war der Kultsaal für die Friedensgöttin, die vermutlich als kolossale Sitzfigurdargestellt war. Mit dem gesamten Programm wollte man die Grö- ße Roms in den Mittelpunkt rücken: die Friedens- göttin Pax, einStadtplan Roms in seiner ganzen Größe als Welthauptstadt (Forma Urbis), die Beute aus dem Tempel in Jerusalem als Zeichen desSie- ges der römischen Waffen und schließlich eine ge- waltige Sammlung von Kunstwerken. Schon Zeit- genossen bemerkten, dassman hier ein Panorama der Kunstgeschichte von den Griechen bis zu den Römern sehen könne. Die griechischen Meister- werkeim Templum Pacis stammten aus dem Fun- dus von Kunstraubmaterial in Rom und aus Kai- ser Neros Privatbesitz. Die Aufstellungvon Kriegs- beute in einem neu gestifteten Tempel setzte die Tradition der Aristokraten der Republik fort. Vespasian stellte sich damit in die Reihe der römi- schen Senatsnobilität der Republik wie auch der julisch-claudischen Dynastie.
DIE OBELISKEN ÄGYPTENS
Die Aktivitäten der römischen Kaiser machten Rom zur Hauptstadt der Obelisken, und als solche gilt die Stadt bis heute. Unterdem Aspekt des Kunstraubs sind die römischen Obelisken aller- dings ein Sonderfall. Keiner von ihnen wurde in einer Schlachterobert und sie wurden erst nach Rom verpflanzt, als Ägypten bereits römische Provinz war. Allein Kaiser Augustus brachtevier Obelisken nach Rom; unter ihm wurden sie zu exotischen Siegessymbolen.
Im Laufe der Zeit waren außerdem die alten anti- ägyptischen Vorbehalte aus dem Kampf gegen Kleopatra nicht mehr wirksam.Im Gegenteil, im Römerreich entstand bald eine regelrechte Ägyptenbegeisterung. Zu dem Atmosphärenwechsel trug auchder römische Tourismus nach Ägypten bei, speziell zu den Pyramiden und den Memnon- kolossen. In Rom stehen heute noch13 Obelisken, davon zehn aus dem pharaonischen Ägypten der Jahre zwischen 1490 und 570 v. Chr.
KONSTANTIN PLÜNDERT DAS EIGENE REICH AUS
In der Spätantike jedoch wurde Rom entthront, und Kaiser Konstantin verlegte 324 n. Chr. seine Residenz in das „Neue Rom“, die Stadt Byzanz, das spätereKonstantinopel. Dafür ließ der Kaiser zahlreiche Statuen aus dem Ostteil des Reiches nach Byzanz schaffen. Der Unterschied zum Rom der Republik und der frühen Kaiserzeit lag auf der Hand: Rom hatte damals die Kunstwerke unterlegener Völker und eroberter Städte konfisziert; die Kaiser seit Konstantin da- gegen sammeltenKunstwerke im eigenen Reich ein und beraubten damit ihre eigenen Untertanen. Aber von welchen auswärtigen Gegnern hät- te man sich auch Kunstwerkeholen können, die römischem Geschmack entsprachen? Der christli- che Schriftsteller Hieronymus († 420 n. Chr.) be- merkte dazu lakonisch, dass zum Ruhm und Schmuck Konstantinopels fast alle Städte ent- blößt wurden. Zwei der translozierten Denkmäler haben die Zeitläufte seither überlebt. Die Schlangensäule aus Delphi war ursprünglich ein Siegesdenkmal der Griechen für einen Sieg über die Perser 479 v. Chr.; sie steht bis heute im Hippodrom Kon- stantinopels, weil sie bei den Türken Istanbuls später als Talisman gegen Schlangenbisse galt und deshalbnicht eingeschmolzen wurde. Besonders bewegt ist die Geschichte der vier Pfer- de von San Marco. Die Quadriga stand zuerst in ei- nem griechischenHeiligtum, von wo aus man sie in der Spätantike nach Konstantinopel brachte und am Hippodrom aufstellte. Die Venezianer schafften sie 1204 mit ihrerBeute aus der Plünderung der Stadt nach Venedig. Von den Franzosen 1797 konfisziert, wurde die Gruppe 1815 nach Napoleons Ende den Venezianern vom österreichischen Kaiser Franz I. zurückgegeben.
RESTITUTIONEN
Restitutionen waren im Altertum ein seltener Vorgang. Der große Neuerer Alexander von Makedonien ging auch auf diesem Gebiet voran: Er gab 323 v.Chr. die von den Persern geraubte archaische Tyrannenmördergruppe an Athen und an andere griechische Städte ebenfalls persische Beutekunst zurück. DieMotive waren bei Alexan- der dem Großen politisch, und sie waren es auch in der Römerzeit. Nach dem Fall Karthagos 146 v. Chr. sammelte der Sieger Scipio Aemilianus dort sakrale Werke aus Sizilien ein, welche die Karthager geraubt hatten; Scipio gab sie den Städten Gela,Segesta, Thermae (Himera) und Agrigent zurück, was positiv vermerkt wurde. Erwähnenswert ist danach nur noch die Restitutionsaktion des Augustus, die erselbst in seinem Rechenschaftsbericht festhielt (Res gestae 24): „In den Tempeln aller Städte der Provinz Asia habe ich als Sieger die Kostbarkeiten wieder aufstellen lassen, die derjenige, mit dem ich Krieg führte, durch Plünderung dieser Heiligtümer in seinen persönlichen Besitz gebracht hatte“. Das von Au- gustuszurückerstattete Gut war als privates Die- besgut des besiegten Marcus Antonius deklariert worden, soweit es sich um sakrales Tempelgut handelte. Augustus beziehtsich nicht auf Beute- gut, das die Römer in ihren Kriegen erbeuteten – und diese hielten sie in der Regel für gerechtfer- tigt. Insgesamt gesehen spielten Restitutionenim Altertum keine nennenswerte Rolle.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Künz, Ernst: Machtdemonstration par excellence. Der immense Kunstraub Roms, in: Der Limes. Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (16. Jahrgang, Heft 2), Stuttgart 2022.
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Bauwerke und Baukunst
Baumaterialien und Techniken der Römer
Inhaltsverzeichnis:
- Jahrtausendealter Superbeton: Warum die Gebäude der Römer bis heute stehen (Artikel)
- Römische Infrastruktur: Wohlstand entlang antiker Straßen hält bis heute an (Artikel)
1. Jahrtausendealter Superbeton: Warum die Gebäude der Römer bis heute stehen (Artikel
Moderne Häuser halten bei guter Wartung rund einhundert Jahre. Antike Gebäude aus der Römerzeit scheinen dagegen für die Ewigkeit gebaut zu sein. Liegen könnte das an einem besonderen Baumaterial.
Bis heute sind die Spuren des Römischen Reichs an vielen Orten in Europa sichtbar. Bade- und Bürgerhäuser, Amphitheater und andere imposante Bauwerke stehen teilweise seit über 2.000 Jahren an Ort und Stelle – und sind oft erstaunlich gut erhalten.
Während vielen modernen Häusern eine geschätzte Lebensdauer von im Schnitt etwa 100 Jahren attestiert wird, sind die antiken Bauten auch nach Jahrtausenden noch intakt. Archäologinnen und Archäologen versuchen seit einiger Zeit herauszufinden, warum das so ist. Ein internationales Forschungsteam hat nun eine Antwort gefunden – und lenkt den Blick auf die Selbstheilungskräfte des römischen Betons.
Geheimformel des römischen Betons
Der Unterschied zwischen unserem modernen Beton und dem Beton der Alten Römer liegt hauptsächlich in der Zusammensetzung. In dem Beton, der heute beim Bauen zum Einsatz kommt, ist sogenannter Portlandzement aus Kalkstein, Ton, Sand und Kreide enthalten. Der römische Baustoff bestand hingegen vor allem aus vulkanischem Tuffgestein, Vulkanasche und kleinen mineralischen Anteilen in Form von Kalkklumpen.
Selbstheilender Baustoff?
Bei der Betonherstellung nutzten die Römer Calciumoxid, also Branntkalk – laut Masic „Kalk in seiner reaktionsfreudigen Form”. Dieser wurde ohne Zugabe von Wasser direkt mit den vulkanischen Bestandteilen vermengt, was chemische Reaktionen auslöste, die die Mischung erhitzten. Wasser wurde erst im letzten Schritt beigemischt. Aufgrund der hohen Temperatur während des Herstellungsprozesses war der Wasseranteil dieser Art von Beton niedriger als in unserem modernen Beton.
Laut Masic verleiht dieser Umstand dem Beton eine Art Selbstheilungskraft: Dringt Wasser in ihn ein, beginnen chemische Reaktionen, bei denen Kalziumkarbonat entsteht. Dieses reagiert anschließend mit den anderen Bestandteilen des Betons und verschließt entstandene Risse.
Die Studienautoren hoffen, dass ihre Erkenntnisse dazu beitragen können, die Beständigkeit moderner Bauten in Zukunft zu erhöhen. „Im Gegensatz zu ihren modernen Pendants blieben die antiken römischen Mörtel und Betone in einer Vielzahl von Klimazonen, Erdbebengebieten und sogar in direktem Kontakt mit Meerwasser beständig”, heißt es in der Studie. Von diesen Eigenschaften könnten die Menschen vor allem in Anbetracht zunehmender Naturkatastrophen und Ressourcenknappheit profitieren.
2. Römische Infrastruktur: Wohlstand entlang antiker Straßen hält bis heute an
Die Römer erschufen einst ein Straßennetz von gigantischem Ausmaß. Eine schwedische Studie zeigt nun: Die Städte entlang dieser Wege sind bis heute überdurchschnittlich reich.
Vor mehr als 2.000 Jahren begannen die Römer damit, ein weitreichendes Straßennetz zu errichten. Einst für den schnellen Transport ihrer Truppen zu Legionsstützpunkten erbaut, dauerte es nicht lange, bis die Straßen auch als Handelswege genutzt wurden.
Über Jahrhunderte hinweg und bis in die heutige Zeit stehen diese ehemals 80.000 Kilometer umfassenden Verkehrswege in direkter Verbindung mit wachsendem oder schwindendem Wohlstand.
Diesen Zusammenhang beweist eine neue Studie aus Schweden. Die Forschenden der Universitäten Kopenhagen und Göteborg sowie des Dänischen Wirtschaftsrats veröffentlichten ihre Ergebnisse nun im Journal of Comparative Economics.
Nächtliche Satellitenbilder und antike Verkehrsrouten
Um ihrer These nachzugehen, verglichen die Forschenden zunächst die alten Römerstraßen mit dem heutigen Straßennetz. Dazu nutzten sie aktuelle nächtliche Satellitenbilder und Kartierungen des antiken Straßennetzes des Römischen Reiches und fanden heraus: die Verläufe ähneln sich. Dort, wo heutzutage besonders viele Straßen ausgeleuchtet sind, befanden sich in vielen Fällen auch alte Wegstrecken der Römer.
Aber damit nicht genug: Für präzisere Erkenntnisse nutzten die Forschenden ein Raster, mit dem sie das ehemalige Römische Reich auf den Karten in gleich große Quadrate aufteilten. Bei genauer Betrachtung der einzelnen Kästchen fällt auf: Heutzutage befinden sich größere Straßennetze, Verkehrsknotenpunkte und Städte hauptsächlich entlang der ehemaligen Truppen- und Handelswege.
„Es ist bemerkenswert, [...] dass die Römerstraßen zur Konzentration von Städten und wirtschaftlichen Aktivitäten beigetragen haben, obwohl sie verschwunden und von neuen Straßen bedeckt sind“, sagt Ola Olsson, Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Göteborg.
Was war zuerst da – die Straßen oder der Wohlstand?
Dieser Fakt führt zu einer der Hauptfragestellungen der Studie: Haben die Römer ihre Wegstrecken entlang besonders wirtschaftsstarker Regionen geplant – oder brachten erst ihre ausgebauten Straßen ein dementsprechendes wirtschaftliches Wachstum in diesen Gebieten hervor?
Laut Ola Olsson zählt diese Frage weiterhin zu den großen Herausforderungen des Forschungsgebiets: „Was diese Studie besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass die Straßen selbst verschwunden sind.“ Dennoch seien die Verkehrsnetze größtenteils immer noch in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Zwar wäre das Chaos in Westeuropa nach dem Untergang des Römischen Reiches eine Gelegenheit gewesen, die wirtschaftlichen Strukturen neu auszurichten – doch „trotzdem ist das urbane Muster geblieben“, so Olsson.
Als Beispiel für die Grundsatzfrage nennt die Studie die Stadt Lugdunum – das heutige Lyon. Lugdunum wurde aufgrund mehrerer Aspekte zum wichtigen Knotenpunkt für die Römer. Neben dem geografisch nützlichen Standort nahe den Flüssen Rhone und Saône war vor allem die Römerfeindlichkeit der eigentlich viel bedeutenderen Stadt Vienne ein Grund, weshalb sich die Römer auf die Gründung einer neuen Schlüsselstadt fokussierten.
Während das römische Lugdunum zur drittgrößten und nach wie vor bedeutenden Großstadt heranwuchs, verblieb Vienne im Schatten der einst neu erschlossenen Kolonie. Daraus schloss das Team, dass der römische Straßenbau nicht auf dem „bereits bestehenden Netzwerk wohlhabender Städte in der Gegend basierte“.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Lamm, Lisa: Jahrtausendealter Superbeton: Warum die Gebäude der Römer bis heute stehen, in National Geographic online, verfügbar unter: https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2023/01/jahrtausendealter-superbeton-warum-die-gebaeude-der-roemer-bis-heute-stehen-altes-rom-beton, seit 18.01.2023, zuletzt geprüft am 02.04.2025.
-> Weishaupt, Marina: Römische Infrastruktur: Wohlstand entlang antiker Straßen hält bis heute an, in National Geographic online, verfügbar seit 05.12.2022 unter: https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2022/12/roemische-infrastruktur-wohlstand-entlang-antiker-strassen-haelt-bis-heute-an, zuletzt geprüft am 09.04.2025.
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Sekundärliteratur
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Der Limes
Inhaltsverzeichnis
1. Rom: Das ruinierte Imperium
1. Rom: Das ruinierte Imperium
Wie sich das römische Reich vor den Barbaren zu schützen versuchte – und dennoch unterging. Archäologen deuten die Geschichte des Limes neu. Mit einem überraschendem Fazit ... Claus-Michael Hüssen späht aufmerksam auf die Baumreihe zu seiner Linken. Er sucht nach einer vertrauten Landmarke im Wald. Dann hält er plötzlich sein Auto an, steigt aus, stopft seine Pfeife und entfaltet eine Vermessungskarte. «Hier sind wir richtig», sagt er und läuft los.
Nach etwa 50 Metern bleibt der Forscher der Römisch-Germanischen Kommission (RGK, Teil des Deutschen Archäologischen Instituts) im Unterholz vor einem flachen, etwa einen Meter hohen und sechs Meter breiten Erdwall stehen. Fast hätte er ihn übersehen. Die Erhebung ist mit weißen Steinen bedeckt und verläuft in einer ungewöhnlich geraden Linie. Vor 2000 Jahren war dies die Grenzlinie, die das Römische Reich vom Rest der Welt trennte. Der flache Wall ist der unscheinbare Überrest einer einzigartigen, ehemals gut drei Meter hohen Mauer, die sich über Hunderte Kilometer erstreckte und von römischen Soldaten in Wachtürmen kontrolliert wurde.
Er war mit Sicherheit ein aufrüttelnder Anblick in dieser gottverlassenen Wildnis, Hunderte Kilometer nördlich des prachtvollen Rom. «Der Wall war verputzt und farbig bemalt», meint Hüssen. «Alles war präzise und im rechten Winkel angelegt. Die Römer hatten offenbar eine genaue Vorstellung, wie ihre Bauwerke aussehen mussten.» Studenten, die einen anderen Limes-Abschnitt vermaßen, stellten auf einer Strecke von 50 Kilometern eine Abweichung von nur 92 Zentimetern von der Geraden fest. Hüssen schaut nach Norden. 200 Meter entfernt, jenseits einer von Wildschweinen zerwühlten Wiese und eines plätschernden Bachs, erhebt sich der nächste Hügel. «Das ist der weitere Grenzverlauf», sagt der Forscher. «Von der anderen Seite hat man einen wunderbaren Blick auf das – Nichts.»
Was immer die Römer dort einst vorhatten, sie wollten ihr Schicksal keinesfalls dem Zufall überlassen. Die Außengrenzen des Römischen Reichs erstreckten sich über erstaunliche 7700 Kilometer. Sie waren mit Mauern, Wachtürmen und durch Flussläufe gesichert. Auf dem Höhepunkt der römischen Macht bewachten die Soldaten eine Linie, die sich von der Irischen See bis zum Schwarzen Meer, vom Nahen Osten quer durch Nordafrika erstreckte. Teile der Befestigungen sind noch erhalten, in England und in den Niederlanden, in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich, in Kroatien, Rumänien, im Irak, von Syrien bis nach Marokko. Der Hadrianswall in England wurde 1987 zum Unesco-Welterbe erklärt, 2005 auch der 550 Kilometer lange Limes zwischen Rhein und Donau. Denkmalschützer erhoffen sich das auch für Überreste in 16 weiteren Ländern.
Archäologen und Historiker in ganz Europa betrachten die römischen Grenzanlagen inzwischen nicht mehr als Ansammlung einzelner Stätten, sondern in ihrer Gesamtheit. Und sie hoffen, so weitere Antworten auf viele Fragen zu finden: Wurden die Wälle, Palisaden, Mauern angelegt, um das Imperium vor all den Völkern und Stämmen ohne römische Bildung – den Barbaren – zu schützen? Oder sollten sie nur markieren, wo das Reich der Römer begann? Warum grenzten sich die Römer, eine von Eroberung und Expansion besessene Kultur, so martialisch von ihren Nachbarn ab?
Es sind Fragen, die hochaktuell sind. Die Festlegung und Verteidigung von Grenzen sorgt immer wieder für Debatten. Die hitzigen Diskussionen über die Sicherung der Grenze zwischen den USA und Mexiko und die Truppenkonzentration an der verminten Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea zeigen, dass sich die Probleme der römischen Kaiser im Prinzip auch heute noch stellen. Deshalb ist die Frage, weshalb sich die Römer so intensiv um ihre Grenzen kümmerten und den Untergang ihres Reichs dennoch nicht abwenden konnten, von mehr als nur historischem Interesse.
Moderne Großmächte können von der Politik der Römer in mehrfacher Hinsicht lernen: Eine Fixierung auf Mauern und Stacheldraht deutet nie darauf hin, dass eine Macht aufsteigt. Starke Staaten haben ihren Einflussbereich seit je ausgedehnt. Amerikanische Politiker sind zu- nehmend in der Vorstellung gefangen, dass sie die Grenze zu Mexiko abriegeln müssen – als die Wirtschaft ihres Landes boomte, war das noch kein Thema. Die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland wurde gebaut, um die DDR zusammenzuhalten und die Bürger an der Ausreise zu hindern – nicht, um Invasoren abzuhalten. Die Geschichte wird womöglich zeigen, dass die heutige Obsession für die Sicherung unserer Grenzen in Wirklichkeit ein Symptom für Unsicherheit ist: der erste Schritt in den Niedergang.
Für Rom bedeutete jedenfalls die Befestigung seiner Grenzen den Anfang vom Ende. Das Reich war auf dem Höhepunkt seiner Macht angelangt, und die neuen Sicherheitswälle waren Ausdruck dafür, dass es weder den Wunsch noch die Mittel hatte, sich weiter auszudehnen. «Wenn man einmal Barrieren errichtet, ist es nicht mehr so leicht, sich zu bewegen», sagt C. Sebastian Sommer, Chefarchäologe beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München.
Etwa vom Jahr 500 v. Chr. an entwickelte sich Rom sechs Jahrhunderte lang kontinuierlich von einem kleinen Stadtstaat in Italien zum größten Reich in der europäischen Geschichte. Die Römer ehrten den Sieg in Gestalt der Göttin Victoria, und politisch konnte nur etwas werden, wer Ruhm auf dem Schlachtfeld erworben hatte. 241 v. Chr. war Italien erobert. Griechenland, Spanien und Nordafrika folgten. Zwischen 50 und 58 v. Chr. kam, sah und siegte Julius Caesar in Gallien, das ungefähr dem heutigen Frankreich und Gebieten bis zum Rhein entsprach. Sein Neffe Octavian übernahm die Macht in Ägypten und drang weit nach Nordeuropa vor. Ein knappes Jahrhundert später, 43 n. Chr., marschierte Kaiser Claudius auf der Britischen Insel ein. Sie war so weit von Rom entfernt, dass sie vielen Menschen dort beinahe als mythischer Ort galt. Kaiser Trajan setzte die Expansion fort. Zwischen 101 und 117 führte er Eroberungskriege im heutigen Rumänien, Armenien, Iran und Irak. Er unterdrückte jüdische Revolten in Judäa. Römische Münzen rühmten seine Eroberungen und Triumphe.
Als Trajan im Jahre 117 starb, erstreckte sich das Römische Reich vom Persischen Golf bis nach Schottland. Sein Adoptivsohn Publius Aelius Hadrianus, ein 41 Jahre alter Senator in Spanien, selbsternannter Poet und Baumeister, trat Tajans Erbe an. Der neue Imperator erkannte, dass sich das Herrschaftsgebiet in dieser Größe nicht mehr kontrollieren ließ. Andere Politiker und Generäle drängten ihn, in die Fußstapfen seines Adoptivvaters zu treten, doch Hadrian schreckte zurück. «Seine erste Entscheidung war, die neuen Provinzen aufzugeben und so die Verluste zu begrenzen», sagt der englische Archäologe Anthony Birley. «Hadrian war so klug zu erkennen, dass sich sein Vorgänger übernommen hatte.» Die Politik des neuen Kaisers missfiel einem Heer, das daran gewöhnt war anzugreifen und zu kämpfen. Schlimmer noch: Sie widersprach dem Selbstverständnis Roms. Das Imperium sah sich dazu berufen, die Welt zu beherrschen. Wie sollte es akzeptieren, dass irgendwelche Gebiete nun außerhalb seiner Reichweite lagen?
Hadrian war sich womöglich schlicht bewusst geworden, dass Roms unersättlicher Appetit immer weniger Rendite einbrachte. In den einträglichsten Provinzen wie Gallien und in Spanien, wo der Kaiser geboren war, gab es viele Städte und ertragreiche Landwirtschaft. Aber Schottland wie auch der Norden des heutigen Deutschland waren dünn besiedelt. Es gab keine nennenswerten Straßen oder Ansiedlungen und als Produkte allenfalls wilden Honig, Ochsenhäute und Holz. «Wirtschaftlich und strategisch war es gewiss richtig, Germanien zu meiden», sagt Michael Meyer, Archäologe an der Freien Universität Berlin. «In der Regel will man gute Ergebnisse bei geringem Aufwand. Im Barbaricum gab es keinerlei Infrastruktur – auf welchen Straßen hätten die Truppen marschieren sollen?»
Selbst Zeitgenossen Hadrians wussten, dass sich mancher Einsatz einfach nicht lohnte. «Sie hatten bereits die besten Gebiete zu Land und Wasser», notierte der Geschichtsschreiber Appian. «So ging es ihnen darum, ihr Reich durch Umsicht zu bewahren, anstatt ihren Einfluss endlos unbegrenzt auf verarmte und ertraglose Barbarenstämme auszudehnen.» Hadrian profitierte davon, dass sein Heer ihm großen Respekt zollte. Zum Kaiser ernannt, ließ sich der ehemalige Soldat einen Bart stehen, wie er bei den Streitkräften üblich war.
Damit war er als erster römischer Kaiser auch auf offiziellen Porträts zu sehen. Mehr als die Hälfte seiner 21-jährigen Herrschaft verbrachte er in den Provinzen. In dieser Zeit wurden große Gebiete aufgegeben. Das Heer verschanzte sich hinter neuen, zurückverlagerten Grenzen. Wo immer Hadrian war, wurden Mauern errichtet. «Eine klare Botschaft», befindet Birley: «Es wird keine weiteren Eroberungskriege geben.» Als der rastlose Hadrian im Jahr 138 starb, war aus dem Netzwerk von Kastellen, Lagern und Straßen eine sich über Tausende Kilometer erstreckende Grenzanlage geworden. «Ein in befestigten Stellungen stationiertes Heer umschließt wie ein Bollwerk die zivilisierte Welt», schrieb der griechische Redner Aelius Aristides nicht lange nach Hadrians Tod.
Im Norden Englands ließ Hadrian den Grenzwall errichten, der seither seinen Namen trägt: eine mächtige Anlage aus Stein und Erde, Britannien in zwei Teile zerschnitt. Es kann sein, dass Hadrian sie im Jahr 122 bei einem Besuch selber entwarf. Der Hadrianswall war der ultimative Ausdruck seines Versuchs, die Grenzen des Imperiums neu zu definieren. Heute ist die 118 Kilometer lange Befestigung einer der am besten erhaltenen und dokumentierten Grenzabschnitte Roms. Er verläuft durch Salzmarschen und Schafweiden, über saftig grüne Hügel und in Newcastle entlang einer vierspurigen Straße.
An den meisten Stellen war der Wall 4,5 Meter hoch und 3 Meter breit. Noch heute sind Spuren eines 3 Meter tiefen Grabens zu sehen, der ihn flankierte. In den vergangenen Jahrzehnten wurden bei Ausgrabungen Gruben mit angespitzten Pfählen gefunden, die zwischen dem Graben und dem Wall angelegt waren und als weiteres Hindernis Eindringlinge abhalten sollten. Eine eigens für Truppenbewegungen angelegte Straße ermöglichte es den Soldaten, rasch auf Bedrohungen zu reagieren. In regelmäßigen Abständen von 500 Metern gab es Tore und Wachtürme.
Ähnlich wie der Limes in Deutschland vermittelt der Hadrianswall ein Gefühl von Inflexibilität – als ob Hindernisse im Gelände keine Rolle gespielt hätten. Schon die Idee, eine solche Befestigung zu bauen, grenzt an Arroganz. Im 19. Jahrhundert berechnete ein Ingenieur, dass mehr als 1,7 Millionen Tonnen Stein, Mörtel und Wasser benötigt wurden, um die Mauer zu errichten. Alles Material musste von Hand oder mit Ochsenkarren herbeigeschafft werden. Anders als die Ägypter beim Bau der Pyramiden konnten die Römer nicht auf Arbeitskräfte der Region und auf Sklaven zurückzugreifen. Die Legionäre mussten selber schuften.
Einige Kilometer hinter dem Wall lag anfänglich eine Kette von Kastellen, jeweils einen halben Tagesmarsch voneinander entfernt. In jedem waren zwischen 500 und 1000 Mann kaserniert. Eines dieser Kastelle war Vindolanda. Als Arbeiter dort 1973 einen Entwässerungsgraben anlegten, stießen sie unter einer Lehmschicht auf eine Fülle römischer Artefakte: 1900 Jahre altes Holz, Tuch, Kämme, Lederschuhe und sogar Hundekot. Der Lehm hatte Sauerstoff ferngehalten und alles konserviert. Weiter unten lagen Hunderte dünne Holzplatten mit lateinischen Schriftzeichen: Arbeitsanweisungen, Dienstpläne, Nachschuborder und persönliche Briefe. Sie vermitteln uns ein detailliertes Bild vom Alltag am Hadrianswall. Sogar die Geburtstagseinladung einer Offiziersfrau an eine andere ist dabei: der älteste handschriftliche lateinische Text einer Frau.
Diese Tafeln zeigen, dass das Beaufsichtigen der «elenden kleinen Briten», wie jemand aus Vindolanda die Leute der Region bezeichnete, wohl kein Kinderspiel, aber auch keine Strafe war. Einige Soldaten lebten dort mit ihren Familien; unter den erhaltenen Fußbekleidungen fanden sich Dutzende Kinder- und Säuglingsschuhe. Vor allem die Offiziere waren zudem gut ernährt. Auf dem Speiseplan standen Speck und Schinken, Wild und Huhn, Austern, Äpfel, Eier, Honig, Bier und Wein. Heimwehkranke Soldaten erhielten Care-Pakete: «Ich habe dir ... Socken ... zwei Paar Sandalen und zwei Paar Unterhosen geschickt», heißt es besorgt in einem Brief.
Wissenschaftler stellen heute eine Schlüsselfrage, die trotz einiger Annehmlichkeiten auch manchem Soldat durch den Kopf gegangen sein mag, wenn er stundenlang im englischen Regen Wache stand: Was machten sie da eigentlich? Der Wall, die Befestigungen und Straßen wirken so, als hätten die Römer einem todbringendem Feind gegenübergestanden. Außer vereinzelten Hinweisen (wie dem Grabstein des glücklosen Hauptmanns Titus Annius, der «im Krieg gefallen» war) gibt es jedoch keinerlei direkte Anzeichen für Kämpfe an dieser Grenze.
Was war der Zweck solcher Befestigungen? Die Pläne für eine multinationale Unesco-Welterbestätte könnten helfen, eine Antwort zu liefern, denn sie richten den Blick auf die gewaltige Gesamtheit der römischen Außengrenzen. Nach der ersten wissenschaftlichen Grabung am Hadrianswall durch britische Altertumsforscher vor mehr als 100 Jahren nahmen Historiker und Archäologen lange Zeit an, dass Roms Grenzanlagen militärischen Zwecken diente, um die barbarischen Krieger und feindselige Eindringlinge abzuwehren. Im Ersten Weltkrieg wurden Parallelen zwischen den römischen Grenzwällen und den massiven Befestigungen und Wehranlagen überall in Europa gezogen.
Jahrzehntelang debattierte man vor allem über taktische Details. Standen die Soldaten oben auf dem Wall, um mit Speeren und Pfeilen Angreifer abzuwehren? Oder stürmten sie voran, um sich dem Gegner schon weit draußen im Feld entgegenzustellen? Später verbot der Eiserne Vorhang in Europa eine neue Sichtweise. «Bei dieser massiven, unüberwindlich scheinen- den Grenze ging es nur um hier und drüben, Freund und Feind», sagt C. Sebastian Sommer vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. So prägte unsere jüngere Geschichte auch die Erforschung der Römer. Heute schaut eine neue Generation von Archäologen mit anderen Augen auf den Hadrianswall, den Limes und andere römische Grenzbefestigungen. Denn sie hatten womöglich einen ganz anderen Zweck als bisher gedacht.
Auf dem Kontinent nutzten die Römer die Flussläufe von Rhein und Donau und andere natürliche Barrieren, die sie mit Schiffen oder berittenen Truppen bewachen konnten. In Nordafrika und den Ostprovinzen Syriens, Judäas und Arabiens stellte die Wüste eine natürliche Grenze dar. Militärstützpunkte wurden dort errichtet, wo Gewässer, Oasen oder wesentliche Nachschubrouten kontrolliert werden konnten. Das lateinische Wort für Grenze, limes, stand ursprünglich für eine bewachte Flurgrenze. Das Wort hat sich erhalten: Wenn wir „bis ans Limit“ gehen, klingt darin der Plural limites, Grenzen, an. Wo es solche natürlichen Grenzen nicht gab, mussten Wälle und Mauern her. Der Limes ist ein perfektes Beispiel. An seinen Anfängen um 100 n. Chr. stand eine Reihe von kleinen Stützpunkten, die den Handel in den Provinzen sichern sollten. Daraus entstanden im Lauf eines Jahrhunderts Wachtürme, die zunächst mit einem hölzernen Palisadenzaun und später mit Mauern und Verteidigungsgräben befestigt wurden. Öfters wurde der Verlauf des Limes korrigiert, um das Reisen zu erleichtern.
Der Münchener Archäologe C. Sebastian Sommer vertritt die Ansicht, dass der Limes auch eine Art PR-Funktion hatte. Dabei verweist er auf die Marc-Aurel-Säule (Markussäule) auf der Piazza Colonna in Rom. Sie wurde zu Ehren des Siegs dieses Kaisers über die Germanen in den Markomannenkriegen um 176 gestaltet. Auf ihr sind in den Krieg ziehende Soldaten dargestellt. Aufmerksame Betrachter sehen zudem turmartige Bauwerke und einen langen, ununterbrochenen Palisadenzaun. Er ähnelt jener befestigten Barriere, die Marc Aurel zu Beginn seiner Feldzüge quer durch Germanien bauen ließ. Doch zu dieser Zeit befanden sich die nächsten germanischen Siedlungen 100 Kilometer weiter nördlich. Ließ Marc Aurel die Barriere errichten, um sich seinem Volk als vorausschauender Politiker zu zeigen? Wollte er den Römern zeigen, dass er es ernst meinte mit der Grenzsicherung?
Sommer sieht viele Parallelen zur heutigen Politik. Als Beispiel nennt er die Auseinandersetzung um neue Kontrollen an der deutsch- dänischen Grenze im vergangenen Jahr. «Dänemark wurde ja nicht gerade von Wirtschaftsflüchtlingen aus Deutschland überrannt. Die Debatte diente nur dazu, um im dänischen Wahlkampf Stimmen zu gewinnen», sagt er. «Möglicherweise lag dem Bau des Limes ein ähnliches Motiv zugrunde. Vielleicht diente er gar nicht zur Verteidigung – sondern sollte die Bürger Roms in Sicherheit wiegen.»
Viele Jahrhunderte lang verließen sich Roms Herrscher auf eine Kombination von Drohung, Abschreckung und Bestechung, um den Frieden – ihre Pax Romana – zu sichern. Ihre Abgesandten verhandelten fortwährend mit Stämmen und anderen Gruppen jenseits der Grenzen. Durch diese Diplomatie entstand eine Pufferzone, beherrscht von Vasallenkönigen und loyalen Clanführern, die feindliche Stämme aus der weiteren Umgebung von der Grenze fernhielten. Wohlgesinnte Gruppen erhielten das Recht, diese nach Belieben zu überqueren. Andere durften ihre Waren nur mit bewaffneter Begleitung auf römische Märkte bringen. Die Römer handelten mit ihren Nachbarn eine antike Version der heutigen Visa-Abkommen aus. Im Jahr 70 v. Chr. beklagte sich ein germanischer Stamm, seine Mitglieder dürften Köln, schon damals eine Stadt am Rhein, nur unbewaffnet, unter schwerer Bewachung und praktisch nackt betreten. Der römische Historiker Tacitus merkte hingegen an, dass ein anderer germanischer Stamm, die Hermunduren, das Recht hatte, nicht nur an den Ufern der Donau, sondern auch in Kolonien Roms ohne Bewachung Handel zu treiben.
Loyale Verbündete wurden mit Geschenken, Waffen, militärischer Unterstützung und Ausbildung belohnt. Im Gegenzug wurde von ihnen erwartet, für die Sicherheit in der Pufferzone zu sorgen. Doch nicht immer war auf sie Verlass. «Die Heerführer kontrollierten das Barbaricum für die Römer, damit es keine Angriffe auf diese gab», sagt Professor Moosbauer. «Man kann es mit Saddam Hussein vergleichen. Der wurde im ersten Golfkrieg gegen den Iran von den USA unterstützt, und später war er in zwei Kriegen ihr Gegner.» Alliierte Barbaren, die im römischen Heer kämpften, gingen nach 25 Dienstjahren als Bürger Roms in den Ruhestand und konnten sich überall im Reich ansiedeln. «Die Römer heuerten oft Leute mit besonderen Kenntnissen in bestimmten Kampfdisziplinen an, etwa Bogenschützen oder Kavalleriesoldaten», sagt Ulla Lund Hansen, Archäologin an der Universität Kopenhagen. Einige nahmen ihre Waffen und ihr Silber später mit nach Hause.
Belege dafür fanden sich in Mooren in Norddeutschland, Dänemark und Polen: Tausende zerbrochene Waffen, Ausrüstungsgegenstände und Artefakte, die Germanen ihren Göttern darbrachten. Die Schwerter hatten sich die Krieger durch ihren Dienst in der römischen Armee erworben oder aber im Kampf gegen römische Truppen erobert. Inschriften auf Grabsteinen und Denkmälern in England vermitteln uns einen Eindruck davon, woher Rom seine Soldaten rekrutierte. Allein in Vindolanda waren Männer aus dem heutigen Nordspanien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden stationiert. Irakische Schiffsleute segelten unter Roms Flagge, syrische Bogenschützen bewachten die trostlose Leere des Landes.
Ein weiteres Werkzeug der Außenpolitik war die Diplomatie. Die Römisch-Germanische Kommission in Frankfurt führt eine Datenbank mit mehr als 10000 römischen Objekten, die jenseits des Limes gefunden wurden. «Wir haben hier unterschiedlichste Handwerkserzeugnisse: Münzen und Keramik, Waffen, Broschen und Glas», sagt David Wigg-Wolf, der für die Organisation des Archivs mitverantwortlich ist. Die Gegenstände allein verraten zunächst noch nicht viel über ihren Weg in das Barbaricum, ihre schiere Menge schon. Die Analyse zeigt, wie die Römer mit den Stämmen auf der anderen Seite des Limes umgingen. «Die zentrale Frage dreht sich darum, welchen Charakter die Kontakte zwischen dem römischen Kaiser und den Menschen jenseits der Grenze hatten», sagt Wigg-Wolf. «Ging es um Handelsbeziehungen, oder ging es um Politik?» Silbermünzen scheinen zum Beispiel auch noch Jahrzehnte nach dem Bau des Limes in den Norden gelangt zu sein. Als Kaiser Septimius Severus 193 n. Chr. die Macht übernahm, kam der Nachschub aber abrupt zum Erliegen. «Das deutet darauf hin, dass Silber nicht als Tauschmittel über die Grenze gelangte, sondern als Zuwendung, um den Frieden zu sichern», sagt Wigg-Wolf. «Septimius Severus entschied offenbar, dieses Verfahren zu beenden.»
Römische Außenpolitik bestand nicht nur aus Wohltaten, auch aus Krieg und Vergeltung. Sieben Jahre brachten die Römer allein damit zu, sich für die verheerende Niederlage gegen die Germanen in der Varusschlacht des Jahres 9 n. Chr. zu rächen. Mit einer riesigen Streitmacht übte Germanicus blutige Vergeltung. Der Geschichtsschreiber Tacitus berichtet, dass der Feldherr nach einer Schlacht «seinen Helm vom Kopf nahm und seine Leute ersuchte, mit dem Abschlachten nicht aufzuhören, denn er wünsche keine Gefangenen, und nichts als die völlige Zerstörung der Nation könne den Krieg beenden.» Auch Hadrian ging gegen aufrührerische Völker vor. In Judäa schlug er eine jüdische Revolte nieder; ein römischer Historiker berichtet von einer halben Million getöteter Juden. Der Name der Provinz wurde in Syria-Palaestina geändert, um alle Spuren der Rebellion zu tilgen.
Wenn die Situation es erforderte, zögerten die Römer nicht, weit jenseits ihrer Grenze militärisch einzugreifen. Vor wenigen Jahren wurden am Harzhorn, einem Bergsporn südlich des heutigen Hannover, Hinweise auf eine große Schlacht zwischen Römern und Germanen gefunden. Wahrscheinlich waren römische Truppen aus dem Rückweg von einer Strafexpedition an die Elbe dort um 235 n. Chr. in einen Hinterhalt der Germanen geraten – 350 Marschkilometer von der nächsten damaligen Garnison entfernt. Für die Römer war der Kampf unabdingbar, um die Sicherheit ihres Imperiums zu gewährleisten.
«Die Pax Romana wurde nicht durch mehrere Schlachten gesichert», sagt Ian Haynes, ein Archäologe der Universität Newcastle. «Eher musste sie immer wieder neu und auf brutale Weise bestätigt werden.» Der Hadrianswall war über Jahrzehnte die wohl massivste Grenze Roms. Die aufgegebene Festung Dura Europos am Euphrat gilt hingegen als Symbol für die Phase, in der die Grenzen des Imperiums zu fallen begannen.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Curry, Andrew: Rom: Das ruinierte Imperium, in: National Geographic online, online verfügbar seit 2012 unter: https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/rom-das-ruinierte-imperium, zuletzt geprüft am 09.04.2025.
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Sekundärliteratur
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Aquädukte und Wasserwirtschaft
Inhaltsverzeichnis
- Der erste Aquädukt. Wasser für Rom.
- Abwasserentsorgung im römischen Köln
- Frischwasser für gut situierte Römer in der Wetterau
- Römer-Quellen: Wasserversorgung in der Antike
- Der Rhein im Denken der Römer
- Die Eifelwasserleitung nach Köln
- Das stille Örtchen. Toiletten in der Antike.
- Fortschritt mit Nebenwirkungen - Wie Blei die Antike veränderte
- Thermenwesen I - Bautypen römischer Thermen
- Thermenwesen II - Die soziale Komponente römischer Thermen
1. Der erste Aquädukt. Wasser für Rom.
Ihren wichtigsten Kampf führen die Römer nicht gegen die Heere ihrer Gegner – sondern gegen die Natur. Denn nur wenn es ihnen gelingt, Rom mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen, kann die Stadt weiter wachsen. Und so über brücken römische Ingenieure Täler und Ebenen, durchbrechen Wälder und Berge, um über Aquädukte das kostbare Nass selbst aus entlegenen Quellen in ihre Kapitale zu leiten.
Rom hat keinen bedeutenden Hafen, liegt weder an einem großen See noch am Meer – und doch ist Wasser das Geheimnis seiner Größe. Denn Wasser lässt die Stadt wachsen, als die natürlichen Grenzen ihrer Ausdehnung längst erreicht sind. Ohne Wasser hätten die Römer ihre Stadt nicht zur mächtigsten Metropole der Welt ausbauen können. Hunderte Mil lio nen Liter sind für diesen einzigartigen Aufstieg nötig, glasklares Nass, jeden Tag.
Die unmittelbare Umgebung der Stadt bietet diese unverzichtbare Ressource nicht in ausreichender Menge. Um sie dennoch zu bekommen, müssen die Bewohner die Natur besiegen. Und so bestreiten die Römer ihren bedeutendsten Kampf nicht gegen die Armeen ihrer Feinde, sondern gegen die Täler und Berge, die Sümpfe und Wälder, die ihre Stadt umgeben.
Nur so können sie sicher stellen, dass das Wachstum ihrer Stadt nicht im Chaos endet. Es ist ein Kampf, der jahrhundertelang andauert und der Roms Ingenieure immer wieder vor scheinbar unlösbare Probleme stellt. Und der doch dazu führt, dass Bauwerke entstehen, die zu den beein druckendsten der Geschichte gehören: Roms Aquädukte. Aqua bedeutet im Lateini schen „Wasser“, ductus „Leitung“. Die Römer versuchen also, das Wasser zu leiten, es zu beherrschen. Zwar bauen schon die Griechen Wasserleitungen, um ihren Bedarf an Trinkwasser zu decken, auch die As - syrer sowie die Etrusker in Norditalien. Doch niemand perfektioniert die Technik so sehr wie die Ingenieure aus der Tiberstadt.
Als die Republik im Jahr 27 v. Chr. endet, transportieren fünf gigantische Fernwasserleitungen jeden Tag mehr als 200 Millionen Liter Wasser in die Stadt. Die Aquädukte verlaufen insgesamt über mehr als 200 Kilometer Länge, über winden Täler, Berge und Flüsse. In Rom ergießen sich die Aquädukte in Reservoire. Von dort aus leiten Tausende Blei- und Tonrohre das Wasser in die verschiedenen Bezirke, speisen Brunnen, öffentliche Bäder und bringen das Nass sogar direkt in Häuser wohl habender Römer. Die gewaltigen Mengen an Schmutzwasser, die täglich anfallen, nehmen mächtige, unterirdi sche Kanäle auf und führen sie in den Tiber.
Es ist ein System, in seiner Vollkommenheit typisch für die Römer. Sie mögen keine großen Erfinder sein, doch sobald sie bei anderen Völkern eine Technik entdecken, die ihnen nützlich erscheint, bringen sie die Idee der anderen zur Vollendung. Sie konstruieren nicht die ersten Katapulte, stellen aber bald die durchschlagkräftigsten her; sie bauen nicht die ersten Wassermühlen, aber sehr wahrscheinlich die größten. Und sie errichten auch nicht die ersten Fernwasserleitungen – aber die besten. Allein: Gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. bleibt ihnen keine andere Wahl mehr.
LANGE ZEIT DECKEN die Römer ihren Wasserbedarf ohne Leitungen. Die ersten Siedler, die auf Hügeln nahe einer Furt über den Tiber in Lehmhütten hausen, schöpfen ihr Wasser aus dem Tiber sowie aus nahen Bächen und kleinen Quellen. Als Rom im Laufe der Jahrhunderte allmählich zur ländlichen Kleinstadt heranwächst, heben seine Bewohner mehr und mehr Brunnen aus und legen Zisternen an, von denen manche Zehntausende Liter Wasser fassen. Das reicht aus, um die Stadt zu versorgen.
Vom 4. Jahrhundert v. Chr. an aber triumphiert Rom zunehmend über die benachbarten Völker und Gemeinwesen, erobert nach und nach die etruskischen Stadtstaaten, zwingt Latiner in ein Bündnis, später auch Samniten. Immer mehr Menschen siedeln am Tiber, die in der Metropole eine Chance zum wirtschaftlichen Aufstieg sehen. Gegen Ende des Jahrhunderts zählt Rom bereits etwa 75 000 Einwohner. Und wächst weiter.
Die Neuankömmlinge brauchen sauberes Trinkwasser. Ihre Abfälle, feste wie flüssige, müssen entsorgt werden, sonst drohen Krankheiten. Nur mit Brunnen, Zisternen und Kanälen sind diese Probleme nicht mehr zu bewäl tigen. Doch als der Zensor Appius Claudius – in seinem Amt unter anderem für Roms öffentliche Bauten zuständig – 312 v. Chr. den Bau der ersten Fernwasserleitung in der römischen Geschichte plant, sind viele Mitglieder des Senats gegen das Projekt. Ver mutlich empfinden sie das Vorhaben als zu groß, zu teuer und zu risikoreich. Und womöglich verdächtigen sie Appius auch, mit dem epochalen Bau vor allem persönliche Ziele zu verfolgen.
Denn obwohl der Politiker aus einem traditionsreichen römischen Adelsclan stammt, sind in den Jahrzehnten zuvor nur wenige seiner Familienmitglieder in be deutende Ämter auf gestiegen. Und so könnte Appius die Fernwasserleitung dazu nutzen, sich bei seiner weiteren politischen Karriere die Unterstützung der ärmeren Bevölkerung zu sichern – denn es sind vor allem die vielen Bewohner der engen und verdreckten Mietshäuser, die von einer besseren Wasserversorgung profitieren würden. Ist der erste Aquädukt Roms also nichts anderes als ein vorzeitiges Wahlkampfgeschenk? Das verwegene Pres tigeprojekt eines ehrgeizigen Politikers?
Tatsächlich ist der Plan des Appius Claudius, von Osten her eine mehr als 16 Kilometer lange, zumeist unterirdische Wasserleitung an die Stadt heranführen zu lassen, ein waghalsiges Unternehmen. Und mit der von Claudius zeitgleich geplanten Via Appia – einer knapp 200 Kilometer langen Straße in den Süden – Teil eines der größten Bauprogramme der römischen Geschichte: ein Projekt, das viele Millionen Sesterzen verschlingt und Roms Ingenieure vor extrem komplexe technische Herausforderungen stellt.
Doch so sehr die Senatoren an diesem Großvorhaben auch zweifeln mögen – verhindern können sie es nicht: Zu drückend ist der Mangel an sauberem Wasser in der wachsenden Metropole. Wie die Römer nach und nach die Wasserversorgung ihrer Stadt perfektionieren, davon berichten der Architekt Vitruv sowie der Senator Frontin, später Leiter der Wasserbehörde. Obwohl der Baumeister zur Zeit Caesars lebt und der Politiker in der Kaiserzeit, gelten etliche ihrer Ausführun gen auch für die republikanische Epoche, denn die Grund sätze der Konstruktion bleiben die gleichen.
SO STEHT AM BEGINN des Baus jedes Aquädukts die Suche nach ergiebigen Quellen, geeigneten Seen oder Flussläufen. Dazu erforschen Experten gezielt das Umland, achten dabei unter anderem auf Zeichen, die auf Grundwasserquellen hinweisen – sie suchen nach bestimmten Pflanzen, Weiden etwa, Erlen, Binsen. Legen sich flach auf den Bauch, stützen ihr Kinn auf den Boden und achten auf Verdunstungen, die aus dem Erdreich aufsteigen.
Haben sie eine vielversprechende Stelle ausgemacht, entscheidet sich oft wohl schon nach dem ersten Spatenstich, ob es lohnt, weiterzugraben: Ist der Boden lehmig oder grobkörnig, suchen die Männer anderswo, denn das Wasser unter diesen Böden wird im besten Falle „nicht wohlschmeckend“ sein, wie Vitruv schreibt, und im schlimmsten sogar „schlammig trübe“. Am reinsten, so der Architekt, sei das Wasser meist am Fuß von Bergen: kühl „und der Gesundheit zuträglich“.
Für den Bau der Aqua Appia entdecken die Römer um 312 v. Chr. am Rande der Sabiner Berge nordöstlich ihrer Stadt Quellen von bester Qualität. Doch ob die als Startpunkt ihres Aquädukts taugen, wissen sie damit noch lange nicht. Denn entscheidend beim Wassertransport ist die Schwerkraft: Die Aquädukte müssen ein Gefälle haben, andernfalls erreicht kein ein ziger Tropfen die Stadt. Deshalb müssen die Ingenieure vor dem Bau eines Kanals nicht nur seinen Start-, sondern auch den exakten Endpunkt festlegen. Sie müssen bestimmen, wo genau die Wasserleitung in Rom ankommen soll und welche Höhe sie dort noch hat, damit das Wasser in der Stadt möglichst viele Bezirke erreicht.
Von dem Punkt in der Stadt aus, den sie für günstig halten, laufen sie dann zurück zur Quelle, notieren die Lage von Hügeln, schätzen die Tiefe von Tälern, achten während des Weges auf jeden Höhen unterschied. Sie „lesen“ also den Verlauf der Landschaft, erwägen unterschiedliche Strecken, machen Umwege. Erst dann stecken Arbeiter Holzpfähle in den Boden, markieren so den Weg, den der Aquädukt nehmen soll.
Anschließend bringen Männer einen Chorobat zur Quelle: ein Gerät zum Messen von Höhenunterschieden. Sie stellen die schmale, knapp sechs Meter lange Platte, als deren Beine hüfthohe Hölzer dienen, auf den markierten Verlauf des Aquädukts. Vermutlich haben sie Holzkeile, Balken und Steine dabei, die sie so unter die Beine schieben, dass die Apparatur waagerecht steht. Sie können sich dabei an vier Bleiloten orientieren, die von der Platte herabhängen und mit senkrechten Markierungen an den Streben übereinstimmen, sobald die Apparatur horizontal ausgerichtet ist (siehe Illustration Seite 47).
Wenn bei starkem Wind die Lote nicht zur Ruhe kommen, füllt ein Arbeiter eine Mulde in der Mitte der Holzplatte mit Wasser. Reicht die Flüssigkeit an allen Stellen bis zum Rand der Mulde, ohne überzulaufen, wissen sie, dass ihr Gerät ebenmäßig steht. Sobald der Chorobat exakt waagerecht steht, stecken Landvermesser zwei Latten vor und hinter dem Gerät in den Boden, jeweils ein paar Meter entfernt. Ein dritter geht am Gerät in die Hocke, sodass seine Augen genau auf der Höhe der waagerechten Platte des Chorobats sind, und visiert die Messlatten über die Platte an. Anhand der Markierungen an den Latten kann er die Höhenunterschiede zwischen ihren Positionen berechnen – und so das Gefälle zwischen den beiden Messpunkten bestimmen.
Mithilfe des Chorobats vermessen die Männer so die Strecke des Aquädukts, notieren akribisch jede Änderung des Gefälles. Meist benutzen sie dazu wohl die Messlatten; in Streckenabschnitten aber, die recht ebenmäßig sind, bestimmen sie das Gefälle wahrscheinlich direkt am Chorobat, indem sie die Höhe der Holzbalken fest halten, die sie brauchen, um das Gerät in die Waagerechte zu bringen. Nach jeder Messung drehen sie das Gerät um 180 Grad – bewegen es also wie einen Stechzirkel vorwärts. Denn die Landvermesser sind sich sehr wohl bewusst, dass selbst ein sorgfältig gearbeiteter Chorobat nicht immer exakt gleich lange Beine hat, dass sich die Platte verziehen kann, etwa nach einem Regenschauer. Und auch wenn die Ungenauigkeiten nur minimal sind, würden sie sich bei der Vielzahl der Messungen zu einem gravierenden Fehler summieren.
Deshalb ermitteln die Landvermesser den Höhenunterschied regelmäßig an beiden Enden ihres Geräts – und gleichen die Unzulänglichkeit ihres Materials dadurch aus, dass sie zweimal „falsch“ messen, in der Summe aber das richtige Ergebnis erhalten.
Bis sie an Roms Stadtgrenze angekommen sind, haben sie den Chorobat mehrere Tausend Male akribisch in die Waagerechte gebracht, die Messstäbe anvisiert, die Ergebnisse auf Schreibtafeln zusammengestellt und an den Bauleiter über geben. Der kann nun seinen Arbeitertrupps genau sagen, wie sie das Gelände in ihrem jeweiligen Abschnitt nivellieren müssen, damit die Leitung eine möglichst einheitliche Neigung hat – die Römer bauen einen Aquädukt nicht vom Start zum Ziel, sondern teilen die Strecke, um Zeit zu sparen, in viele Einzelabschnitte auf. Die Arbeiter kennen nur das Gefälle in ihrem Bereich; sie wissen beispielsweise, dass ihre Trasse pro Kilometer fünf Meter an Höhe verlieren soll.
Mit dieser Vorgabe beginnen sie zu graben, schlagen Schneisen in die Pinienwälder der Umgebung. Denn die Aquädukte verlaufen zumeist unterirdisch – unter anderem deshalb, weil sie so geschützt sind: vor Feinden, die sie zerstören oder das Wasser vergiften könnten; vor Wasserdieben, die die Leitungen anzapfen. Die Aqua Appia etwa verläuft nur auf einem Teilstück von rund 100 Metern über der Erde. Die junge, von Konkurrenten umgebene Republik will ihre erste Lebens ader so gut wie möglich verstecken.
Und so heben Hunderte Arbeiter einen kilometerlangen Graben aus, der genug Platz lässt für den Bau der etwa 80 Zentimeter breiten und doppelt so hohen Wasserleitung. Um sicherzugehen, dass sie beim Ausheben der Trasse das vorgegebene Gefälle einhalten, hat jeder Bautrupp drei T-förmige Hölzer dabei. Die, etwa brusthoch, haben erfahrene Tischler mit exakt den gleichen Abmessungen gefertigt. Am Beginn ihres Trassenabschnitts stecken Landvermesser zwei der Hölzer entlang der Strecke in die Erde. Diese Fixpunkte, einige Meter voneinander entfernt, haben sie per Chorobat so eingerichtet, dass ihr Höhenunterschied genau dem Gefälle entspricht, das der Bauleiter bestimmt hat.
Nun stellt sich ein Arbeiter mit dem dritten T-Holz weiter unten im Trassenverlauf auf. Oben geht der Ingenieur vor dem ersten T-Holz in die Knie, blickt genau über dessen Oberkante, kneift ein Auge zu und peilt das zweite Holz an, sodass sich die Oberkanten der Hölzer decken.
Aus diesem Blickwinkel weist er den Arbeiter mit dem dritten Holz so lange ein, bis sich auch die Oberkante des dritten Holzes auf einer Linie mit den ersten beiden befindet. Dieser Punkt wird wie die beiden ersten mit Holz pflöcken für den Bautrupp markiert. Das T-Holz am Start der Trasse ist jetzt frei, um es weiter unten wieder aufzustellen und mit ihm einen vierten Punkt abzu stecken, den ein Arbeiter bestimmt, indem er vom zweiten über das dritte T-Holz peilt. So geht es weiter. Bei jedem Durchgang markieren die Arbeiter den neu gefundenen Fixpunkt mit einem kleinen Holzpflock, bis zum Ende ihres Trassenabschnitts. Mit den T-Hölzern heben die Arbeiter die gewünschte Gefälle linie sozusagen vom Boden auf Augenhöhe – so können sie das Gefälle Stück für Stück überprüfen, schnell und ohne gro ßen Aufwand.
´Allerdings hat die Methode einen Nachteil. Da die Arbeiter stets in einer geraden Linie über die Oberkanten der Hölzer blicken, lässt sie die Erdkrümmung außer Acht: Die Arbeiter kommen mit den T-Hölzern auf ihrem Abschnitt stets ein wenig über dem gewünschten Endpunkt an. Die Ab weichung wird größer, je länger die Strecke ist. Die Ingenieure entscheiden deshalb, die einzelnen Abschnitte der Trasse immer von oben nach unten fest zulegen, also von der Quelle in Richtung Stadt. Denn auf diese Weise können sie darauf vertrauen, dass sie den jeweils anschließenden Streckenabschnitt niemals zu tief, sondern stets ein wenig zu hoch erreichen – ein Fehler, der sicherstellt, dass der Aquädukt immer aus rei chen des Gefälle hat und den die Arbeiter ausgleichen können, indem sie die beiden Kanal abschnitte durch ein kurzes, steileres Stück verbinden.
Auf diese Weise folgt die Trasse dem Bodenprofil und verliert in der Regel pro Kilometer zwischen anderthalb und drei Metern an Höhe.
WÄHREND HUNDERTE Arbeiter entlang der Trasse Bäume fällen, Tonnen von Erde be wegen und durch Tausende Messungen dieses stetige Gefälle garantieren, schuften mindestens ebenso viele in den staatseigenen Tuff- und Kalksteinbrüchen östlich von Rom. Hilfsarbeiter trennen dort rie sige Steinquader aus den Felswänden, benutzen meterlange, zahnlose Sägeblätter, die den Stein mithilfe jenes scharfkantigen Sandes durchdringen, den die Arbeiter in die Schnittkerbe streuen. Oder sie schlagen Spalten in den Fels, treiben in bestimmten Abständen eiserne Keile hinein und sprengen so das Gestein von der Felswand ab.
Aus den Blöcken meißeln Steinmetze gleichmäßige Quader. Mit zweioder vierrädrigen Gespannen bringen Kutscher das Baumaterial zur Trasse.
Roms Zensoren schreiben jedes größere Bauvorhaben öffentlich aus und be auftragen dann die Unternehmer, die den besten Preis bieten. Dennoch kostet jeder Aquädukt die Republik gewaltige Ressourcen an Material und Arbeitskräften. Und gehört ein Stück Land, über das die Wasserleitung ver laufen soll, einem Privatmann, muss der Staat es ihm teuer abkaufen, denn enteignen würde er seine Bürger nicht. So belastet allein die Aqua Marcia, die dritte von Roms Fernwasserleitungen, die Staatskasse mit wohl 180 Millionen Sesterzen (der Jahressold einer Legion von 5000 Soldaten beträgt zu jener Zeit etwa 2,4 Millionen Sesterzen). Kein Wunder also, dass Beamte die Bauarbeiten penibel überwachen und jeden Mangel sofort beanstanden. Sie wissen: Das Wasser ist ein gnadenloser Gegner – kraftvoll und gegenüber dem Material schonungslos.
Um es zu bändigen, heben die Arbeiter an der Quelle sehr wahrscheinlich eine Grube aus und bauen darin ein großes Auffangbecken aus opus caementi cium , einem Gussbeton aus Kalkmörtel, in den Vulkanerde und Gesteinsbruch gemengt werden. Opus caementicium ist robuster als andere Baustoffe – und noch wichtiger: Es härtet auch unter Wasser aus.
Im unteren Bereich der Beckenwände lassen die Arbeiter kleine Schlitze zum Erdreich; durch sie kann das Quellwasser eindringen. An einer großen Öffnung weiter oben wird später die Wasserleitung angeschlossen. Sie wird zumeist aus Stein gemauert. Von innen verputzen Arbeiter die Leitung mit Opus caementicium, und – wohl ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. – einer dünnen Schicht opus signium , einem ebenfalls undurchlässigen Material, das das Wasser in seinem Fluss kaum bremst. Den U-förmigen Kanal verschließen sie anschließend mit großen Steinplatten, oder sie mauern als Dach einen Bogen darüber. So nimmt die Leitung nach und nach Form an, immer mehr Trassenabschnitte werden verbunden, und endet einer von ihnen am Abgrund eines tiefen Tals, steht dort oft schon eine Brücke, über die der Kanal die andere Seite erreichen kann.
DENN NACHDEM der Bauleiter die Trasse des Aquädukts festgelegt hat, sind auch Brückenbauer losgezogen. Mit Steinquadern haben sie die Außenwand der Brückenpfeiler gemauert, die Fundamente tief im Erdreich verankert. Ab einer gewissen Höhe haben sie die Steine mit Kränen angehoben, deren Zugseile über eine Welle mit einem großen hölzernen Rad verbunden waren, in dem mehrere Sklaven liefen und dem Flaschenzug des Krans so genügend Hubkraft verliehen.
In die fertig gemauerten Pfeiler, noch hohl, haben sie Opus caementicium gefüllt: Der Gussbeton soll die mächtigen Stützen stabilisieren, die für die relativ geringe Last, die sie tragen sollen, eigentlich zu groß sind – aber so Jahrhunderte überdauern. Von Pfeiler zu Pfeiler haben die Brückenbauer große Bögen gemauert. Durch die Bogentechnik sparen sie viele Tonnen an Material, können die Brücken auch über längere Strecken bauen. Schon die Etrusker und Ägypter errichteten Bögen, doch die Römer entwickeln die Methode weiter, setzen bei ihren Aquäduktbrücken mehrere Bogenreihen übereinander und schaffen schließlich Bauwerke von fast 50 Meter Höhe.
Die letzte, entscheidende Ebene, auf der die Wasserleitung entlanglaufen soll, errichtet der Bautrupp wahrscheinlich erst, wenn die Arbeiten an dem Trassen abschnitt vor dem Aquädukt fast beendet sind. Denn obwohl die Planer den Anfangs- und Endpunkt der Brücke per Chorobat bestimmt haben, wissen sie erst, wenn der Kanal in Sicht ist, wie hoch die Brücke tatsächlich sein muss. Bei besonders tiefen Tälern entscheiden die Ingenieure (vor allem in der Kaiserzeit), nur eine kleine Brücke am Talboden zu bauen und die Wasserleitung an den Hängen herab- und wieder hinaufzuführen. Die Rohre für diese steilen Strecken gießen Handwerker aus Blei, denn die Leitungen, die einen geringeren Durchmesser haben als das steinerne Aquädukt, müssen dem hohen Druck des Wassers standhalten.
Am Ausgangspunkt des steilen Abschnitts bauen Arbeiter ein offenes Becken. Hier sammelt sich später das Wasser, bevor es in die Bleirohre schwappt, die vom oberen Ende des Bassins abzweigen. Auf der anderen Seite des Tales errichtet ein weiterer Bautrupp am Anfang des nächsten Leitungsstücks ein zweites Sammelbecken – allerdings einige Meter tiefer als das Gegenüber liegende: So kann das Wasser später gemäß dem Gesetz kommunizierender Röhren die Steigung überwinden. Die größte Herausforderung für die Ingenieure sind aber nicht die Täler – sondern die Berge. Wann immer möglich, umgehen die Planer Erhebungen, nehmen auch Umwege in Kauf.
Doch nicht immer hilft diese Lösung; denn wird die Strecke des Aquädukts zu lang, reicht das Gefälle nicht mehr aus, um das Wasser bis nach Rom zu bringen. Und so bleibt den Römern manchmal nichts anderes übrig, als das Wasser durch einen Berg hindurchzuführen. Mit dem Chorobat bestimmen Spezialis ten wahrscheinlich die Lage von Ein- und Ausgang des Tunnels und stecken von dort aus den geplanten Tunnelverlauf über den Höhenzug ab. Entlang dieser Linie graben Arbeiter mit Schaufeln, eisernen Keilen und Hämmern senkrechte Schächte aus. Dann treiben Arbeitertrupps Verbindungsstollen zwischen den Schächten durch den Berg. Damit der Tunnel am Ende das vom Bauleiter vorgegebene Gefälle hat, orientieren sich die Arbeiter an Bleiloten, die in jedem Schacht hängen und mit den Holzlatten an der Oberfläche auf einer Linie sind.
Muss ein Aquädukt jedoch durch einen besonders hohen Hügel geführt werden, ist die Schacht-Methode zu aufwendig; dann entscheiden Ingenieure, den Tunnel von beiden Seiten durch die Anhöhe zu treiben. So können zumindest zwei Trupps aufeinander zu arbeiten, sparen damit die Hälfte der Bauzeit. Doch nicht immer stoßen die beiden Grabungstrupps präzise aufeinander. Zwar stecken die Ingenieure vor beiden Tunneleingängen Holzstäbe in die Erde, die sie mit den anderen Stäben, die über den Hügel den Verlauf des Tunnels anzeigen, in Flucht gebracht haben. So wissen die Arbeiter, dass sie auf dem richtigen Weg sind, solange sie den Stab vom Stollen aus sehen können.
Aber dennoch kommt es vor, dass sich die beiden Trupps nicht treffen, sei es wegen falsch vermessener Stolleneingänge oder Schlamperei der Tunnelarbeiter. Aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. überliefert eine Inschrift sogar den Fall, dass Arbeiter bei einem Aquäduktbau im heutigen Algerien so lange aneinander vorbeigraben, bis jeder Trupp fast den ganzen Hügel durchstoßen hat. Erst der Landvermesser – der die Baustelle in der Zwischenzeit verlassen hatte – bringt die eifrigen Gräber wieder auf Kurs. Doch meist überprüfen Arbeiter die bereits gebaute Strecke regelmäßig anhand der Fluchtstäbe, nehmen, wann immer nötig, kleine Korrekturen vor und schaffen es so, den anderen Bautrupp zu treffen.
Wenn nach monatelanger Arbeit schließ lich alle Hügel durchtunnelt, alle Täler überbrückt und alle Bauabschnitte vollendet sind, lassen die Ingenieure an der Quelle das Wasser erstmals in den Aquädukt fließen. Zumindest an den Druckleitungen werden sie an diesem Tag Arbeiter postiert haben, um sie zur Not rasch zu reparieren. Denn die Biegungen, in der die Leitungen von schrägen Abhängen auf die waagerechten Talbrücken übergehen, sind Schwachstellen der Konstruktion: Baut sich der Druck zu schnell auf, bersten die Rohre.
Einige Stunden dauert es, bis das Wasser Roms Stadtmauer passiert und ein gewaltiges Reservoir erreicht. Von diesem castellum gehen mehrere große Blei- oder Tonrohre ab, durch die das Wasser zu Verteilerbecken in den Stadtbezirken gelangt (137 dieser Becken verteilen sich am Ende der Republik über die Stadt). Dort setzen sich auch Sandkörner und andere Verunreinigungen des Wassers am Boden ab. Von diesen Verteilerbecken führen Rohre zu öffentlichen Brunnen und Bädern sowie zu den Häusern wohlhabender Bürger. Roms Einwohner dürfen kostenlos Wasser zum Trinken und Kochen aus den Brunnen schöpfen, sich in Badehäusern – für die sie Eintritt zahlen – waschen und in öffentli chen Latrinen mit dem Sitznachbarn plaudern, während die Kanäle unter den Toiletten sitzen pausenlos durch gespült werden. Doch nur Roms Oberschicht kann all die Annehmlichkeiten, die das Wasser bringt, auch im eigenen Wohnhaus genießen.
Die Höhe des Wassergeldes, das Wohlhabende für diesen Luxus zu entrichten haben, richtet sich nach dem Durchmesser der Zu leitung. 25 verschiedene Normgrößen verwendet die Wasserbehörde, die im 1. Jahrhundert n. Chr. zeitweise 250 000 Sesterzen pro Jahr von den Hausbesitzern kassiert. Im Haus selbst zwei gen von der Zuleitung häufig mehrere Rohre ab, die das Wasser in die Küche und den Waschraum bringen. Für stets gleichmäßigen Druck in den Leitungen sorgen die Castella, die – vergleichbar einem Wasserturm – einige Meter über dem Straßenniveau liegen.
Mit Wasserhähnen können die Privilegierten zwischen kaltem und heißem Nass wählen, denn nicht nur in öffentlichen Dampfbädern, sondern auch in manchem Privathaus münden einige der Rohre in einem durch glühende Holzkohlen erhitzten Kessel. Die Armaturen an den Leitungsenden erlauben es, den Wasserfluss zu stoppen, doch meist lassen die Haus besitzer das Nass einfach laufen, Tag und Nacht; schließlich haben sie dafür bezahlt, und seit es die Aquädukte gibt, erscheinen die Reserven schier unerschöpflich.
Aus den Häusern sowie den öffentlichen Bädern und Latrinen fließt das einst so rare Wasser in die Kanalisation, die unter Roms Straßen verläuft. Dort münden viele der kleineren Abwasser bäche in Hauptleitungen. Die wichtigste, die cloaca maxima , haben die Römer bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. ausgehoben, um das Sumpfland, auf dem bald das Forum Romanum entstand, zu entwässern. Zunächst war die Cloaca nicht mehr als ein offener Graben, der in den Tiber mündete. Doch nach und nach verbesserten die Römer den Kanal, überdachten und isolierten ihn teilweise mit Opus signium.
Gegen Ende der Republik ist die Cloaca so groß, dass Inspektoren sie mit dem Boot durchfahren können, und droht sie zu verstopfen, leiten die Verantwortli chen überschüssiges Wasser zu, um sie durchzuspülen. In der Zeit der Aquädukte entsorgt der Kanal jeden Tag Millionen Liter von Schmutz- und Regenwasser in den Tiber – und hilft so, Roms System des ewig fließenden Wassers zu vollenden.
AUCH DANK IHRER am Ende bis zu 91 Kilometer langen Fernwasserleitungen wächst die Stadt schneller als je zuvor und hat um die Zeitenwende fast eine Million Einwohner. Immer höher führen die Römer die Aquädukte auf ihre Stadt zu, damit das Wasser auch die Bezirke auf den Hügeln der Metropole erreichen kann.
Und bald ziehen sich Aquäduktbögen mitten durch Roms Häuserschluchten, überspannen mit bis zu 37 Meter hohen Brücken das Gewimmel in den Straßen. Stolz sind die Römer auf ihre Wasserbrücken, errichten sie auch außerhalb ihrer Kapitale: In zahlrei che Provinzen, die die Legionen er obert haben, bringen Ingenieure erstmals Wasserleitungen. So lernen viele der Unterworfenen neben den Togen und Zirkusspielen auch den Luxus fließenden Wassers kennen.
Verstecken müssen die Römer ihre Aquädukte nun nicht mehr – längst sind sie zu Symbolen ihrer Macht geworden, sei es in Gallien oder in Nordafrika. „Mit diesen so vielen und so notwendigen Wasserbauten“, schreibt der Leiter der städtischen Wasserverwaltung selbst bewusst, „kannst du natürlich die überflüssigen Pyramiden oder die übrigen nutzlosen, weithin gerühmten Werke der Griechen vergleichen.“ Und tatsächlich: Wie kein anderes Bauwerk der Antike entsprechen Roms Wasserleitungen den grundlegenden Bedürfnissen der Bevölkerung: Sie löschen den Durst Zehntausender, verbessern die Hygiene, machen den Alltag in der Metropole erträglich.
Es sind die Triumphe auf dem Schlachtfeld, die Roms Aufstieg vorantreiben; aber erst die Fernwasserleitungen ermög lichen es der Stadt, über Jahrhunderte groß zu bleiben, Kriege und Machtwechsel zu überstehen. Und so wurde, was der Zensor Appius Claudius im Jahr 312 v. Chr. mit seiner nur wenige Kilometer langen Leitung begann, zum vielleicht wichtigsten Faktor von Roms einzigartigem Erfolg.
2. Abwasserentsorgung im römischen Köln
Immer seltener bietet sich in Köln die Gelegenheit, größere, seit Kriegsende unbebaute Flächen innerhalb der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA) archäologisch zu untersuchen. Im Rahmen der Generalsanierung von Opern- und Schauspielhaus war dies vor kurzem jedoch möglich, wodurch unter anderem neue Erkenntnisse zur Abwasserentsorgung der Römerstadt gewonnen werden konnten.
GRABUNGEN IM OPERNQUARTIER 2012 / 2013
Die Sanierung der Kölner Bühnen umfasste auch den Neubau einer Kinderoper und weiterer Räum lichkeiten unter dem sogenannten Kleinen Offenbachplatz. Im Rahmen dieser Maßnahme konnte das Römisch-Germanische Museum zwischen Oktober 2012 und Juni 2013 südlich des Opern- und östlich des Schauspielhauses eine Fläche von etwa 2600 m2 untersuchen. Vor dem Zweiten Weltkrieg befand sich an dieser Stelle die seit dem Mittelalter nachweisbare Straßenkreuzung Kreuzgasse/
Streitzeuggasse, was vor allem im Bereich des ehemaligen Straßenlandes eine gute Befunderhaltung versprach. Entsprechend fanden sich neben antiken Überresten auch mittelalterliche Mauern, die unter anderem zu Wirtschaftsgebäuden des nahe
gelegenen Kreuzbrüderklosters gehörten, sowie mit Kriegsschutt verfüllte Keller gründerzeitlicher Bürgerhäuser. Römische Laufhorizonte waren dagegen nur noch in Ausnahmefällen erhalten, aufgehendes Mauerwerk nirgends. Dennoch erlaubten die unterirdischen Befunde eine Fülle von Aussagen zum städtischen Kanalisationssystem und der Straßenrandbebauung im Zentrum der CCAA.
Bezogen auf die römische Topographie lag der Gra bungsbereich nordwestlich des Forums im Umfeld einer Straßenkreuzung, die allerdings nicht deckungsgleich mit der mittelalterlichen war. Bei der hier verlaufenden Ost-West-Straße handelte es sich
um den ersten decumanus nördlich des decumanus maximus, der heutigen Schildergasse. Ob dieser eine Kiesoberfläche besaß oder mit Steinplatten gepflastert war, ließ sich nicht mehr feststellen; die Straße konnte nur noch indirekt durch die drei darunter verlaufenden Abwasserkanäle sowie die von Norden und Süden einmündenden Zuleitungen nachgewiesen werden.
HOLZKANÄLE UNTER DER STRASSE
Die beiden äußeren Straßenkanäle waren als Spitzgräben, der mittlere als kastenförmiger Sohlgraben in den anstehenden Hochflutlehm eingetieft. Ihr Gefälle verlief nach Osten in Richtung Rhein. Im weiteren Verlauf ging die holzverschalte Kanalisation auf Höhe des Forums in den steinernen Hauptsammler über, der an der Südseite des Prätoriums vorbeiführte und wenig später durch die Stadtmauer in den Fluss entwässerte. Die in der Zeichnung rekonstruierte lineare Ausrichtung der Kanäle besitzt einen vorläufigen Charakter, da sie nur in Ausschnitten untersucht worden sind. Sie waren an der Oberkante noch zwischen 1,20 m und 1,70 m breit, 64–86 cm tief und konnten auf einer Länge von bis zu 42 m nachgewiesen werden. Das Gefälle betrug auf dieser Strecke etwas über einen Meter. Alle drei Kanäle waren ursprünglich mit Holzbohlen verschalt und abgedeckt, worauf eine große Zahl von senkrechten Pfostenlöchern in den Wandungen und auf den Sohlen hindeutet. Sie hatten Durchmesser von 8–16 cm und waren noch bis zu 45 cm tief. Dichte Ansammlungen an manchen Stellen lassen auf eine regelmäßige Instandhaltung der Leitungen schließen. Aus einem der Löcher konnte der Rest eines angespitzten Eichenholzpfostens geborgen werden, der dendrochronologisch in die Zeit um 63 n. Chr. datiert werden konnte.
Die Keramikfragmente aus den Verfüllungen deuten nach einer ersten, vorläufigen Sichtung ebenfalls darauf hin, dass alle drei Gräben spätestens seit der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Betrieb waren. Vereinzelt ist allerdings auch früheres Fundmaterial (u. a. oberitalische Sigillaten) belegt, so dass eine Verwendung bereits in augusteisch-tiberischer Zeit nicht auszuschließen ist. Bei der Nutzungsdauer allerdings zeigten sich Unterschiede: Zumindest der nördliche Kanal (möglicherweise auch der südliche) geriet im Laufe des 2. Jahrhunderts außer Funktion, während aus dem mittleren noch Keramik mindestens des späten 3. Jahrhunderts stammt. Im 4. Jahrhundert wurde dann auch dieser aufgegeben, wie entsprechende Funde kleinformatiger Münzen aus den darüberliegenden Schichten beweisen.
Stadtplan des römischen Köln in der mittleren Kaiserzeit. Das Grabungsareal von 2012/2013 befand sich nordwestlich des zentral gelegenen Forums.
DIE „HAUSANSCHLÜSSE“
Dass von einer unterschiedlich langen Nutzungsdauer der holzverschalten Kanäle auszugehen ist, bestätigten auch die von beiden Seiten rechtwinklig einmündenden Zuläufe aus Ziegeln. Oft wurden nämlich ältere Ziegelkanäle nach einiger Zeit mit neuen überbaut. Diese entwässerten allerdings nicht mehr wie ihre Vorgänger in die äußeren Sammler, sondern zogen darüber hinweg bis zum mittleren. Möglicherweise wurden die äußeren Spitzgräben sogar etwas früher als der mittige Sohlgraben angelegt. Insgesamt wurden 16 Zubringerkanäle aus nördlicher und acht aus südlicher Richtung dokumentiert. Die meisten von ihnen waren in sehr ähnlicher Weise konstruiert. Ihre Gesamtbreite betrug zwischen 66 cm und 89 cm; die Kanalwangen bestanden aus lagenweise vermauerten, großteiligen Fragmenten von Dachziegeln (tegulae), die mit den Leisten nach oben und zur Kanalinnenseite hin verlegt wurden. Es waren bis zu vier Ziegellagen erhalten, was einer erhaltenen Innenhöhe von maximal 33 cm entsprach. Als Abdeckung dienten vermutlich Holzbretter, Ziegel- oder Steinplatten, die allerdings bei der Grabung nirgends nachgewiesen werden konnten. Die Sohlen der Kanalrinnen (lichte Weite 25–38 cm) wurden aus sorgfältig längs verlegten tegulae oder Ziegelplatten gebildet, deren Ränder in das Mauerwerk der Kanalwangen einbanden. Auf den Rinnensohlen konnten oft Kalksinterablagerungen dokumentiert werden, deren Dicke bis zu 1 cm betrug. So sehr sich ihre Bauweise im oberen Teil glich, so sehr unterschieden sich die Kanäle hinsichtlich ihres Unterbaus. Mal fand sich nur eine dünne Mörtelschicht, anderswo bis zu 28 cm dickes opus caementicium-Mauerwerk unter Verwendung von Grauwacke- und Tuffbrocken sowie Ziegelbruch. Die im Detail unterschiedliche Bauausführung der Zubringerkanäle lässt auf die Errichtung durch einzelne Anlieger schließen. Die Abwasserkanäle im Straßenland dürften hingegen auf eine öffentlich-städtische Gesamtplanung zurückgehen.
Die Verfüllung der Kanäle war recht einheitlich, unabhängig von ihrer Bauweise oder davon, ob sie zeitlich früher oder später erbaut wurden. Es handelte sich durchweg um schwarzbraunen, manchmal grünstichigen, stark humosen Sand. Aus dem Fundmaterial ragen insgesamt 16 Münzen sowie mehrere Nadeln aus Bronze und Bein, ein Bronzebeschlag, eine Bronzefibel, Spielsteine sowie eine Terrakottafigur heraus. Eine Besonderheit stellt eine Kette aus Melonenperlen und Metallanhängern dar. Mit Sicherheit dienten die Kanäle unterschiedlichen Zwecken. Einige setzten auf Höhe einer Reihe von Punktfundamenten an, die zu einem straßenbegleitenden Laubengang (porticus) gehörten, womit es sich um Traufwasserkanäle gehandelt haben wird. In den anderen floss dagegen das Abwasser von Haushalten oder Gewerbebetrieben. Dem System der Traufwasserkanäle ging am nördlichen Straßenrand zeitlich ein west-östlich orientierter, breiter und flacher Sickergraben voraus, der aber nach Ausweis des Fundmaterials kaum länger als bis zur Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Funktion war.
HÄUSER NÖRDLICH DER STRASSE
Der decumanus wurde an den Längsseiten von Portiken begleitet, wie sie auch schon an verschiedenen anderen Stellen in der CCAA nachgewiesen werden konnten. Im Norden des Untersuchungsbereichs ergab sich ein recht klares Bild der zugehörigen rückwärtigen Insulabebauung. Anhand von etwa 80 cm breiten und stellenweise über 1,50 m tiefen Ausbruchgräben, in denen sich Grauwackegussfundamente befanden, lassen sich am ehesten giebelständige Häuser mit einem Obergeschoss rekonstruieren, vergleichbar mit Gebäuden, wie sie jüngst für die Capitolsinsula der Colonia Ulpia Traiana in Xanten erschlossen worden sind. In unserem Fall handelte es sich um zwei benachbarte Häuser mit einem Durchgang dazwischen; unterhalb von diesem verlief der mit über 14,50 m längste dokumentierte Ziegelkanal bis zu seiner Mündung in den nördlichen Entwässerungsgraben unter der Straße. In den beiden straßenseitigen Räumen des westlichen Hauses wurde je ein Werkplatz mit einer verziegelten Arbeitsfläche und einem daneben in den Boden eingegrabenen Vorratsgefäß nachgewiesen.
Die neuen Ausgrabungen im Opernquartier ergänzen auf das Beste die Ergebnisse von einige Jahre zurückliegenden Untersuchungen in Köln, darunter die des Nord-Süd-Hauptsammlers unterhalb der Hohe Straße (also des cardo maximus der römischen Stadt) sowie von Kanalauslässen im Bereich Unter Taschenmacher/Kleine Budengasse. Insgesamt verfügen wir damit nun über solide Grundlagen für eine – noch zu schreibende – Gesamtdarstellung des Kanalisationssystems der CCAA.
3. Frischwasser für gut situierte Römer in der Wetterau
Die erfolgreiche Bewirtschaftung der im Hinterland gelegenen villae rusticae war grundlegend für die Versorgung der römischen Soldaten in den Kastellen entlang des Limes. Für die Besitzer der Landgüter war die Frischwassergewinnung essenziell und teilweise mit hohem Aufwand verbunden, wie unlängst in Karben-Petterweil (Wetteraukreis) anhand der dort genutzten Qanat-Technik nachgewiesen werden konnte.
EINE GRABUNG OHNE VORAHNUNG
In Karben-Petterweil (Wetteraukreis, Hessen) wurden im Vorfeld der Erschließung eines Neubaugebietes in der Flur „Nördlich der Fuchslöcher“ 2019 zuerst geophysikalische Untersuchungen durchgeführt. Diese erschienen notwendig, da von dem zu einem kleinen Bachlauf geneigten, mit Lösslehm bedeckten Gelände am heutigen östlichen Ortsrand einige vorgeschichtliche Lesefunde bekannt waren. Zu diesem Zeitpunkt konnte allerdings noch niemand ahnen, dass nicht etwa die zu erwartenden vorgeschichtlichen Siedlungsreste im Mittelpunkt der Untersuchung stehen würden, sondern eine überaus spannende versorgungstechnische Konstruktion der Antike, die unter den in den letzten Jahren freigelegten römischen Relikten aus der Wetterau eine außergewöhnliche Entdeckung darstellt.
Im Messbild der geomagnetischen Untersuchung der Firma Eastern Atlas GmbH & Co. KG zeichneten sich wenige auffällige, meist als „Siedlungsgruben“ zu deutende Anomalien ab. Unter der Leitung von Silke Hesemann wurden daher durch die Grabungsfirma AAB-Archäologie Suchschnitte durch das insgesamt ca. 3,5 ha große zukünftige Baugebiet gelegt. Neben kegelstumpfförmigen Vorratsgruben bildete eine „schiffsförmige“ Aneinanderreihung von zahlreichen rundlichen Anomalien einen Schwerpunkt der Grabung. In Profilschnitten konnten diese zunächst bis auf 3 m unter Geländeoberkante verfolgt werden. Sie zeichneten sich als senkrechte Schächte ab, was zu einer ersten Interpretation als Bergbaurelikte führte. Doch was hätte im Löss abgebaut werden sollen? Erst ein in 3 m Tiefe angelegtes Zwischenplanum ließ einen die Schächte verbindenden Stollen erkennen, an dessen Sohle ein aus Taunusquarzit gesetzter Kanal verlief. Damit konnte das Befundensemble als Rest einer Bewässerungsanlage nach Art des Qanat-Verfahrens erkannt werden.
DIE KONSTRUKTION EINES QANAT
Unter der arabischen Bezeichnung Qanāt oder Kanat wird eine ursprünglich aus dem Gebiet des heutigen Iran stammende Technik von Tunnelbauten zur Erschließung von Grundwasser verstanden. Bis heute ist diese traditionelle Form der Frischwasserförderung in ariden bis semiariden Gebieten Nordafrikas und Vorderasiens verbreitet. Hierbei wird jeweils ausgehend von einem gebirgig bzw. höher gelegenen Brunnen Grundwasser angezapft und über einen unterirdisch verlaufenden Kanal mit geringem Gefälle, der von zahlreichen vertikalen Zugangsschächten aus erbaut und bewirtschaftet wird, zum Verbrauchsort geleitet (siehe Infokasten).
DIE QANAT-RELIKTE VON PETTERWEIL
In Petterweil kamen in 4–5 m Tiefe mehrere unterirdische Leitungsgräben zum Vorschein, die mit einem Gefälle nach Osten in einen Kanal mündeten und ursprünglich das Wasser in ein Becken außerhalb des Grabungsareals leiteten. Die einzelnen Leitungsstränge wurden nacheinander angelegt und ausgebaut, wobei nicht auszuschließen ist, dass sie auch gleichzeitig Wasser führten und so der Durchfluss erhöht wurde. Während Leitung 1 durch eine regelmäßige Reihe aus 2–5 mauseinander liegenden Pingen von etwa 1,2 m Durchmesser an der ehemaligen Oberfläche gekennzeichnet war, deuteten die ausgebrochenen Schächte des nördlichen Leitungsabschnittes 2 auf mehrmalige Einstürze und Ausbauten hin. Diese Annahme bestätigten die Profile, in denen auch der Versturz des Wartungsstollens auf knapp 64 m Länge zu erkennen war.
In Petterweil waren eine Aufschlüsselung des gesamten, aus mehreren Wasserführungen bestehenden Quanat-Systems sowie eine Bestimmung der Bauzeiten während der Grabung nur bedingt möglich. Zu Beginn der Untersuchungen wurden die Eingriffstiefen noch mit Blick auf die spätere Bebauung gering gehalten, so dass nicht alle Befunde vollständig ausgegraben werden konnten. Auch mittels Geomagnetik sind die Qanat-Pingen nicht eindeutig zu lokalisieren, da im gesamten Gelände auch Befunde anderer Epochen mit ähnlichen Abmessungen liegen.
In der ersten Bauphase wird es sich wohl um einen Holzbau gehandelt haben, der sich im Westen in etwa 4 m Tiefe mit Resten von drei Holzplanken zwischen 1,48 m und 1,93 m Länge sowie etwa 16 cm Breite und 2 cm Dicke zu erkennen gab. Die Holzstücke deckten an der Sohle des hier kaum nachweisbaren Stollens eine flach gerundete Rinne aus stark tonigem Schluff ab. Sie war durch den Bodendruck derart stark verpresst, dass eine Kanalstärke nicht berechnet werden kann. Weitere Bruchhölzer lagen unregelmäßig verteilt im Bereich einer breit eingebrochenen Schachtpinge, hinter der die Leitung dann schräg nach Nordosten weiterverlief. Im nächsten Schnitt wurden nur noch verräumte Holzreste angetroffen, wohingegen die Wasserrinne nun aber in Stein ausgebaut war. Nach nur wenigen Dezimetern mündete der Leitungsabschnitt gemeinsam mit Leitung 3 in eine T-förmige Kreuzung zu Leitung 2. Ob die Kreuzung und die ebenfalls frühe Leitung 2 ursprünglich vollständig auf die Holzbauphase zurückgehen bzw. mit dieser gleichzeitig erbaut wurden, ist nicht mehr zu beantworten, da hier die eigentlichen Kanäle nur an den zwei kleinen Schnittstellen aufgedeckt werden konnten. Es ist jedoch angesichts der vielen Pingenverstürze in diesem Bereich eine lange Nutzungsdauer anzunehmen, wobei zwei Ausbauphasen durchaus möglich erscheinen.
Betrachtet man nun den Abschluss der Holzleitung im Westen, so bricht diese deutlich vor dem in ihrer Flucht gelegenen steinernen Wassersammler von Leitung 1 ab. Berücksichtigt man, dass Holzerhaltung im Löss eher die Ausnahme darstellt, ist nicht auszuschließen, dass die Leitung noch etwas weiter in Richtung auf den später in Stein ausgebauten Wassersammler zulief oder direkt am jetzt erhaltenen Ende auf Lössniveau ein solcher aus Holz angesetzt war.
Es bleibt jedoch festzustellen, dass der Strang der Holzleitung – bis auf die Einmündung in Leitung 2 – nicht in Stein ausgebaut und sein Versiegen vielleicht in Kauf genommen wurde. Leitung 2 hingegen war durch Leitung 3 in westlicher Richtung verlängert, was mit einem weiteren Wassersammler einhergegangen sein wird und den Wasserdurchfluss erhöhte. Leider konnte diese Situation nicht vollständig geklärt werden.
Um einen noch höheren oder konstanteren Durchfluss zu erzielen, wurde südlich von Leitung 2 und 3 in einem entgegengesetzt geschwungenen Bogen die Leitung 1 angelegt. Ihr Anfang lag nahe dem vermuteten Wassersammler der alten Holzleitung. Sie verfügte über sehr regelmäßig gesetzte und noch gut erhaltene Pingen und wies nur kurz vor dem Zusammentreffen mit Leitung 2 einen Versturz auf. An dieser Stelle ließ sich deutlich die nachträglich in die ältere Leitung 2 eingesetzte Mündung von Kanal 1 erkennen.
Leitung 1 wies am eindruckvollsten die nebeneinander aufgereihten, senkrecht in den Löss eingegrabenen Schächte mit Abmessungen von 1,1 m bis 1,5 m Breite auf. Zwischen den Schächten verlief in 4–5 m Tiefe ein zumeist verstürzter Stollen, dessen Deckenhöhe bei Erhaltung noch etwa 1,0 m maß. Die Sohle des Stollens reichte bis auf eine Wasser stauende Schicht. Hier lag die etwa 60 cm breite steinerne Leitung auf, bestehend aus grob gehauenem Taunusquarzit, Cerithienkalk und Buntsandsteinen. Seitlich setzten die Steine, schräg nach außen gestellt, auf dem anstehenden Boden auf. Oben deckten dann mehrere Lagen plattig gebrochener Steine den Hohlraum U-förmig ab. Der durchschnittlich 46 cm hohe Kanal hatte innen eine Leitungsbreite von 15–18 cm. Neben dem Mutter- bzw. Anfangsschacht im Westen wurde die anscheinend schon zuvor genutzte Wasserader mit einem Wassersammler – einem bis zu 31 cm hohen, brunnenartig gesetzten Steinkreis von 1,18 m Durchmesser – angezapft. Auch dieser war sorgfältig mit plattigen Steinen abgedeckt und, wie auch der Steinkanal, mit einer tonig-schluffigen Schicht sauber verschlossen. Zwischen den Schächten mäandrierte der Leitungsverlauf etwas, da die Bauabschnitte nicht immer geradlinig aufeinander zuliefen. Um sich bei Reparatur- und Bewirtschaftungsarbeiten des Kanals nicht auf dem aufgeweichten tonigen Erdauftrag bewegen zu müssen, hatte man Stroh und Einstreu aus sonstigen Pflanzenhalmen aufgebracht, die sich eingetreten auf der Decke des Steinkanals bis heute erhalten haben. Entsprechende Bodenbedeckungen fanden bis in die frühe Neuzeit auch im Bergbau Verwendung, da die niedrigen Stollen kein aufrechtes Gehen, sondern nur eine Fortbewegung auf Knien erlaubten. Mit einem geringen Gefälle zwischen 0,5 und 0,7 Prozent wurde das Wasser schließlich in einem Steinkanal zusammengeführt und in östliche Richtung weitergeleitet.
ANTIKE BEISPIELE AUS DEM RAUM NÖRDLICH DER ALPEN
Auch die Römer verstanden sich auf die Errichtung von Qanat-Bewässerungsanlagen. Eine beachtliche Menge solcher Tunnelbauten ist in Deutschland aus dem Trierer Land bzw. dem Eifel-Saar-Mosel-Raum bekannt. Die mit 1660 m längste und bis 26 m tief liegende Wasserleitung, der Drover-Berg-Tunnel, liegt bei Düren am Rande der Eifel. Nur der Raschpëtzertunnel in Walferdange (Großherzogtum Luxemburg) übertrifft diesen mit einer Tiefe von bis zu 35 m.
Im Trierer Land bot sich für die Wasserversorgung der vielköpfigen Stadtbevölkerung sowie der Bewohner der Gutshöfe, die flächenhaft den ländlichen Raum bewirtschafteten, neben Aquädukten eine unterirdische Wasserführung an. Unterirdische Wasserleitungen – wie z. B. die bekannte Ruwertal-Fernwasserleitung von der Ruwer nach Trier – sind insgesamt häufiger aus römischer Zeit nachgewiesen als Qanats, die Wasser nicht nur unterirdisch leiten, sondern explizit gewinnen. Die beste Parallele findet sich derzeit in dem Qanat von Polch (Kreis Mayen-Koblenz), bei dem die bergmännischen Spuren ebenso in mit Bims durchsetztem Löss angetroffen wurden und hervorragend dokumentiert werden konnten.
FÜR WEN WURDE DIE AUFWENDIGE WASSERLEITUNG ERSTELLT?
Ausgehend von einer römischen Datierung und unter Einbeziehung der lokalen Topografie und der Laufrichtung des Qanats, kommen mehrere Zielpunkte für das so gewonnene Wasser in Frage – zum einen mehrere ländliche, wohl zivile Siedungen östlich der Fundstelle und zum anderen der Kastellort Okarben (Stadt Karben).
Dendrochronologische Untersuchungen grenzen den Datierungsansatz durch Fälldaten zwischen 144 und 164 n. Chr. weiter ein, so dass von einer Erbauung des Qanats in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. – wohl kurz nach der Mitte der 160er Jahre – ausgegangen werden kann. Nach der Verlegung der Truppen hatte nach gängiger Lehrmeinung der 2 km entfernt gelegene Kastellvicus von Okarben zu dieser Zeit seine Bedeutung bereits weitgehend verloren.
Die im Umfeld liegenden Gutshöfe dürften an der positiven wirtschaftlichen Entwicklung der germanischen Provinzen in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr., einer insgesamt weitgehend friedlichen Zeit, teilgehabt haben, und sie waren auch wesentlich für die Versorgung der Truppen entlang der neuen Kastelllinie. Eine Errichtung des Qanats durch wohlhabende Gutsbesitzer liegt also durchaus im Rahmen des Möglichen.
Die nächste ländliche Siedlung im Umfeld des Qanats liegt nur knapp 200 m östlich des dokumentierten Kanals. Leider existieren weder von dieser noch von weiteren Siedlungsstellen aus dem direkten Umfeld konkrete archäologische Kenntnisse, so dass keine präzisere Datierung der Fundstellen als in die mittlere Römische Kaiserzeit möglich ist. Am wahrscheinlichsten handelte es sich bei diesen um ehemalige landwirtschaftliche Betriebe, sogenannte villae rusticae. Diese besaßen im Bereich der civitas Taunensium zwar nicht die Ausdehnung der aus Gallien oder dem linksrheinischen Obergermanien bekannten Landgüter, konnten aber mit bis über 3 ha großen ummauerten Hofarealen ein beeindruckendes Ausmaß erreichen. In einzelnen dieser Anlagen sind separate Badegebäude oder in das Hauptgebäude integrierte Badetrakte nachgewiesen, z. B. in Friedberg „Pfingstweide“ und Wölfersheim-Wohnbach „Kieselberg“ (beide Wetteraukreis).
FAZIT
Nicht auszuschließen ist, dass in der Umgebung noch weitere, vielleicht auch ältere Bewässerungsanlagen dieser Art ihrer Entdeckung harren. So würde der doch recht aufwendige Bau eines Qanats zu den bekannten Bauleistungen des römischen Militärs passen und sich zur Versorgung des Kastellortes Okarben mit fließendem Wasser anbieten. Auch im Hinblick auf die Klärung der Frage nach der Frischwasserversorgung der Kastelle mit den zugehörigen Bädern im Bereich der civitas Taunensium würde man sich die Entdeckung weiterer Qanate, vielleicht auch die Überlieferung eines Holzaquäduktes, wünschen. Wie schwierig sich allerdings der Nachweis der Bewässerungsanlagen durch Prospektion und Grabung gestalten kann, haben gerade die Geländeuntersuchungen in Petterweil gezeigt. Die im oberen Bereich nur schwach verfärbten Schachtverfüllungen und Verstürze ließen sich nur schwer bestimmen bzw. deuten. Außerdem ist es im Rahmen einer Ausgrabung aus statischen Gründen generell nicht üblich, senkrechte Gruben bis in eine Tiefe von weit mehr als 3 m auszuheben. Abgesehen von dem Beleg aus Petterweil gibt es noch einen Nachweis aus Frankfurt a. M.-Eschborn, wo ein Befundkomplex als römisches Qanat-System gedeutet wurde. Damit liegt ein weiteres Indiz für die Anwendung der Qanat-Technik in römischer Zeit abseits des Eifel-Saar-Mosel-Raumes und jenseits des Rheins vor. Die beiden Befunde lassen darauf schließen, dass sich auch im Rhein-Main-Gebiet ansässige Villenbesitzer oder dort stationierte Militäreinheiten hochspezialisierte Ingenieure für den Bau solch kostspieliger Anlagen leisten konnten.
4. Römer-Quellen: Wasserversorgung in der Antike
Wasserleitungsrohr aus Ton © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Photo: N.Gail)
Die Wasserversorgung antiker Städte war ein wesentlicher Bestandteil ihrer Infrastruktur. Tausende Menschen mussten täglich mit frischem Trinkwasser versorgt werden, um das römische Leben in seiner damaligen Form zu ermöglichen. Wasserleitungen (lateinisch: aquae ductus) wurden genutzt, um frisches Wasser aus Quellen und Brunnen, sowohl oberirdisch als auch unterirdisch, von außerhalb in die Siedlungen zu bringen. Diese Leitungen wurden sorgfältig geplant und gebaut, um den Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden und gleichzeitig kapazitätstechnische und hygienische Anforderungen zu erfüllen. Um Wasser über weite Strecken zu befördern, wurden sie oft unterirdisch verlegt, um sie vor Eingriffen oder Verschmutzung zu schützen, war doch ein Angriff auf die Wasserversorgung oft das einfachste und effektivste Druckmittel für feindliche Armeen.
Die Durchführung brachte mitunter die beeindruckendsten Werke römischer Baukunst hervor: Das technische Know-how umfasste Zuführen, Speichern und Verteilen von Wasser, oft unter erheblichem baulichem und organisatorischem Aufwand. Für die Zufuhr von Frischwasser (bzw. die Ableitung von Abwasser) mussten Gefälle, Wasserdruck und Wassermenge stets berücksichtigt werden. Die technischen Details und der Bau von Aquädukten, wie etwa der berühmte oberirdisch verlaufende Pont du Gard in Südfrankreich, sind ausführlich bei den römischen Schriftstellern Vitruvius und Frontinus beschrieben.
Zur Nivellierung der Wasserleitungen wurde der Chorobat eingesetzt, eine Art große Wasserwaage aus Holz. Dieses Instrument half ein gleichmäßiges Gefälle der Wasserleitungen zu berechnen, um eine konstante Wasserströmung zu gewährleisten. Die Speicherung und Verteilung des Wassers innerhalb der Städte erfolgte über komplexe Systeme aus Zisternen und Verteilertürmen.
In Carnuntum und anderen Städten war das Wasserversorgungssystem so ausgelegt, dass es auch bei einem Ausfall einzelner Zuflüsse funktionierte. Mehrere Frischwasserleitungen führten durch die Stadtmauer in das Innere der Stadt. Die Straßen enthielten eingebaute Frischwasser- und Abwasserleitungen aus Ton-, Holz- und Steinrohren. Die Wasserentnahme aus öffentlichen Brunnen, welche somit zu wichtigen sozialen Treffpunkten wurden, war kostenlos und unbegrenzt, was auf eine gut organisierte öffentliche Versorgung der Bevölkerung hinweist. Neben der Entnahme als Trinkwasser wurde das in die Stadt geleitete Wasser auch für Badeanlagen und handwerkliche Betriebe wie Walkereien (fullonicae) genutzt.
In Carnuntum wurde Wasser durch gemauerte unterirdische Kanäle von entfernten Quellen in die Stadt geleitet. Diese Kanäle bestanden teilweise aus recyceltem Material, vor allem aus wiederverbauten Bauteilen (sogenannten Spolien), wie beispielsweise bei Ausgrabungen südlich der Zivilstadt entdeckt wurde. Dort wurde ein 170 Meter langer Wasserleitungskanal freigelegt, dessen Abdeckung aus Altmaterial bestand. Innerhalb der Stadt wurden Bleirohre (fistulae) wegen ihrer leichten Bearbeitbarkeit und Dichtheit häufig zur Wasserverteilung verwendet. Auch Ziegelplattenkanäle für die Frischwasserzufuhr sind für die Zivilstadt belegt, wie die Ausgrabungen im Südbereich der Villa Urbana zeigten.
Wasserleitungsrohre aus Ton und Blei © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Foto: N.Gail)
In den letzten Jahren rückten die Untersuchungen zur Wasserversorgung Carnuntums erneut in den Fokus der Forschung. Bei Grabungsarbeiten für ein Projekt der EVN-Wasser in Petronell-Carnuntum wurde im Jahr 2017 in etwa sieben Metern Tiefe eine antike römische Wasserleitung entdeckt. Die 14 km lange Leitung, gebaut in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, versorgte die römische Stadt Carnuntum mit Trinkwasser und ist auch heute noch funktionsfähig. Im Zuge des Forschungsprojektes 'Wasserleitung Abensperg-Traun'wurde 2019 und 2020 durch die Gesellschaft der Freunde Carnuntums und das Land Niederösterreich in Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt eine intakte Leitung in der westlichen Vorstadt Carnuntums untersucht. Da sich die Wasserleitung als sanierungsbedürftig erwies, wurde der mit Flachziegel abgedeckte und mit einem Gewölbe ausgestatteten Kanal dokumentiert und repariert. Die Leitung verläuft in bis zu sechs Metern Tiefe und ist sogar begehbar.
5. Der Rhein im Denken der Römer
Darstellung des 'Rhenus bicornis', Teil eines Grabmals aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., Original im LVR-LandesMuseum Bonn. (LVR-LandesMuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel)
1. Einleitung
„Vater Rhein“ ist eine bis heute gängige Bezeichnung für den bedeutendsten Strom im westlichen Mitteleuropa. Die mit dieser Personifikation verbundene Vorstellung drückt eine emotionale Nahbeziehung zu einer gleichsam übergeordneten Instanz aus; sie rührt von Menschen her, die an, mit und von diesem Fluss leben, sich von ihm abhängig fühlen und ihn daher gewogen stimmen wollen. Ebenso wie der – heute sich nicht mehr selbst erklärende – Ausdruck „zweifach gehörnter Rhein“ geht die Benennung „Vater Rhein“ auf die römische Antike zurück. Zuschreibungen dieser Art lassen erkennen, dass der Fluss für die Römer eine besondere Bedeutung hatte. Er spielte eine Rolle in ihrem Weltbild. Die Funktion des Rheins für die Römer steht nicht zuletzt in engem Zusammenhang mit der Expansion Roms und der Bildung eines Weltreiches, das neben dem gesamten Mittelmeerraum auch große Teile Westeuropas bis zum Rhein umfasste. Den entscheidenden Schritt hierzu leistete Caesar (100–44 v. Chr.) mit der Unterwerfung Galliens und der Abgrenzung seiner Eroberungen durch den Rheinstrom. Die Bedeutung, die dieser Fluss seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. für Rom gewann, geht weit über rein politisch-militärische Erwägungen hinaus.
Schrift- und Sachquellen – römische Geschichtsschreibung, Dichtung, Inschriften, Münzen, Bildwerke – sprechen eine deutliche Sprache. Die Römer sahen den Rhein mit ihren Augen und integrierten ihn in ihre Welt. Sie gaben ihm als Flussgott mit zwei Hörnern ein römisches Gewand. Damit wurde aus dem Rhein ein römischer Strom und ein römischer Gott. Wie kam es dazu, dass die Römer den Rhein in ihrem Denken vereinnahmten? Was repräsentierte er für sie? Römische Autoren und Bildquellen vermitteln hierzu Eindrücke mit stabilen und veränderlichen Elementen. An ihnen lässt sich die römische Sicht auf den Rhein ausmachen. Die folgenden Ausführungen dienen daher dem Ziel, anhand überlieferter Zeugnisse das Bild der Römer vom Rhein in seinen verschiedenen, im Laufe der römischen Herrschaft sich teilweise wandelnden Facetten vorzustellen.
2. Der Rhein als Grenze
Mit der Unterwerfung Galliens durch Caesar in den Jahren 58–51 v. Chr. trat der Rhein ins Bewusstsein der Römer. Der Eroberer wollte dem Gebiet, das er zur römischen Provinz machte, klare geostrategische Grenzen zuweisen. Daher zog er einen Trennungsstrich zwischen linksrheinischen Galliern und rechtsrheinischen Germanen. Der Fluss fungierte als Grenzscheide zwischen Barbaren, die er für zivilisierungsfähig hielt, und solchen, denen er das Romanisierungspotential absprach. So sicherte er seine Eroberung vor dem mitteleuropäischen Raum ab, der den Römern weitgehend unbekannt war. Bereits in der Einleitung seiner Schrift über den Gallischen Krieg grenzt Caesar die Gallier mit ihren Teilstämmen und die Germanen klar voneinander ab. Die Belger galten durch ihre ständige Konfrontation mit rechtsrheinischen Germanen als die tapfersten Einwohner Galliens. So setzte Caesar eine präzise Unterscheidung zwischen Galliern und Germanen voraus, die ihre geographische Bestätigung in der Flussgrenze finden sollte. Den Rhein erwähnt er in diesem Zusammenhang aber gar nicht. Seine Funktion als Grenze legte er dennoch nahe, indem er den gallischen Teilstämmen Flüsse als Territoriumsgrenzen zuwies, wie die Garonne zwischen Galliern und Aquitaniern oder die Marne und die Seine zwischen Galliern und Belgern.[1]
2.1 Germanen links und rechts des Rheins
Caesar brachte seine Vorstellung vom Rhein als Grenze erstmals in den Auseinandersetzungen mit Ariovist (gestorben um 54 v. Chr.), dem Fürsten der Sueben, zum Ausdruck. Dieser hatte als Anführer germanischer Krieger den Rhein überschritten, war in das gallische und jetzt von Caesar für Rom beanspruchte Territorium eingedrungen und hatte sich in Streitigkeiten zwischen gallischen Stämmen eingemischt. Daher sah Caesar in ihm einen Konkurrenten um die Herrschaft in Gallien. Die Verhandlungen mit Ariovist blieben ergebnislos, so dass die Entscheidung in der Schlacht fiel. Nur wenige Germanen konnten sich vor den Römern zurück über den Rhein retten. Die Vorstellung vom Rhein als Grenze erwuchs bei Caesar aus politisch-militärischem Nützlichkeitsdenken. Sie erlaubte ihm, Militäraktionen gegen Germanen, die in linksrheinisches Gebiet vordrangen, nach Belieben zu rechtfertigen. So wies er auf die Gefahren hin, die den Römern von rechts des Rheins drohen könnten, sollte die Abwehr nicht funktionieren.[2]
Gleichzeitig schloss dieser Anspruch auf die römische Herrschaft links des Rheins nicht aus, dass Caesar das Recht in Anspruch nahm, bei Bedarf auch östlich des Flusses in seinem Sinne Ordnung zu schaffen. Allerdings wollte er hier, anders als in Gallien, keine römische Verwaltung etablieren. So ließ Caesar in seinen Berichten die rechtsrheinischen Sugambrer aus Angst vor einer römischen Strafaktion auf den Rhein als Grenze des römischen Herrschaftsbereichs hinweisen und damit seine eigenen Raumordnungsvorstellungen formulieren. Sie machten geltend, an diese Grenze habe sich auch der römische Feldherr zu halten. Caesar aber sah die Gebiete östlich des Rheins als Vorfeld zur Absicherung der bis an den Rhein reichenden römischen Herrschaft an. Zugleich verbanden andere, den Römern vertraglich verbundene rechtsrheinische Germanen wie die Ubier mit römischen Expeditionen östlich des Rheins die Hoffnung, ihr eigenes Territorium vor konkurrierenden Stämmen zu schützen.[3] Die römische Ordnungsmacht wurde also auf nichtrömischem Gebiet von bestimmten hier ansässigen Stämmen geschätzt – oder aber gefürchtet, je nachdem, welches Verhältnis zu Rom sie hatten. Auf diese Weise brachte Caesar den Römern die Auffassung vom Rhein als Grenze ihres Herrschaftsbereichs nahe.
Allerdings lassen Caesars Berichte erkennen, dass trotz der von ihm postulierten Flussgrenze die gallischen Stämme auch links des Rheins germanischen Einflüssen ausgesetzt waren. Der Strom bildete eben eine von dem römischen Statthalter in Gallien nur bewusst inszenierte Grenze und gewährleistete in Wirklichkeit keineswegs die konsequente Trennung zwischen linksrheinischen Galliern und rechtsrheinischen Germanen. So weist Caesar auf die Kampfgemeinschaft zwischen bestimmten Gruppen der Belger und solchen Germanen hin, die links des Rheines wohnten; er postuliert gar eine Abstammung der Belger von Germanen.[4] Auch im Zusammenhang mit den Unruhen, die von den im Moselland lebenden Treverern ausgingen, nennt er „linksrheinische Germanen“ als Verbündete im Aufstand gegen Rom.[5] Wie die Belger waren die Treverer ein keltisch-germanisches Mischvolk, das sich immer wieder seiner besonderen „germanischen“ Eigenschaften rühmte.[6]Das war auch Caesar bewusst, wenn er ihnen trotz ihres Siedlungsgebiets in Gallien ein besonderes Aufruhrpotential zuschrieb, das er unter anderem in den guten Kontakten zwischen Treverern und Germanen angelegt sah.[7]
Die Existenz von germanisch-gallischen Mischvölkern und vor allem von linksrheinischen Germanen[8] konterkariert Caesars Vorstellung von einer sauber zu ziehenden Flussgrenze. Vielmehr ließen die ethnische Verwandtschaft, die räumliche Entfernung zur Mittelmeerkultur, die deswegen wenig fortgeschrittene Romanisierung und die dadurch erhalten gebliebene ursprüngliche Tapferkeit die rheinnahen Gallier den rheinischen Germanen recht ähnlich erscheinen. Caesar machte mit dem von ihm entworfenen Germanenbild und der Neigung dieser „Barbaren“, sich links des Rheins einzumischen und gar anzusiedeln, darauf aufmerksam, derartigen Gefahren für Roms Herrschaft müsse man entschieden entgegentreten. So erfüllten auch die „linksrheinischen Germanen“ ihre Funktion, ohne dass der Rhein als Grenzlinie aus dem Blickfeld geriet.
Andererseits waren Kontakte über den Rhein nicht generell ausgeschlossen. Ein Beispiel hierfür bieten die rechtsrheinischen Ubier. Caesars Urteil über diesen Stamm ist vergleichsweise milde: Er hielt sie für etwas zivilisierter als die anderen Germanen, weil sie in Rheinnähe wohnten, römische Kaufleute zu ihnen kamen und sie sich als Nachbarn der Gallier deren Sitten angewöhnt hatten.[9] Die zivilisatorische Wirkung der Römer auf die Gallier strahlte demnach über den Rhein hinaus. So rückte eine Kultivierung auch der östlichen Uferanrainer näher, selbst wenn es sich um Germanen handelte. Neben der reinen Nachbarschaft trugen dazu besonders die Wirtschaftskontakte bei. Daran, dass der Rhein die Vermittlung römischer Kultur und Zivilisation in den rechtsrheinischen Raum ermöglichte, werden die Einbeziehung des Flusses in die römische Vorstellungswelt und bald auch dessen Vereinnahmung im römischen Denken sichtbar.
2.2 Versuch einer Grenzkorrektur?
Doch ist auch der umgekehrte Weg denkbar, die Ausgliederung des Rheins aus der römischen Welt. Der Geschichtsschreiber Tacitus (um 56–um 120 n. Chr.) stellt in den „Annalen“, die die Geschichte des römischen Reiches von 14 bis 68 n. Chr. behandeln, den Verlauf des Flusses vor[10] und erwähnt dessen Teilung in zwei Hauptarme, zwischen denen das Siedlungsgebiet der von den Römern abhängigen germanischen Bataver lag. Der nördliche Rheinarm, der die Grenze des römischen Herrschaftsraumes zu den nicht unterworfenen Germanenstämmen markierte, hatte einen ungestüm-wilden Verlauf. Dieser Befund spiegelt das unzivilisierte, wilde Germanien an den nördlichen Ufern des Stromes wider. Der südliche Flussarm, die Waal, floss durch gallisches und damit römisches Gebiet, er war daher ruhiger und strömungsärmer. Tacitus legt also nahe, der gemächlich-friedliche Lauf der Waal sei auf die zivilisatorische Wirkung der Romanisierung zurückzuführen.
Tatsächlich hatten die Römer den Fluss durch die Anlage von Dammbauten reguliert, um für den nördlichen Hauptarm eine ausreichende Wasserversorgung und damit die Schiffbarkeit sicherzustellen. Wie Tacitus in den zeitlich an die „Annalen“ anschließenden „Historien“ berichtet, durchstachen die Bataver diesen Damm im Aufstand gegen Rom 70 n. Chr. und leiteten so einen Großteil des mit Hilfe dieses Wehrs im nördlichen Hauptarm des Rheins gehaltenen Wassers nach Südwesten, Richtung Waal, ab.[11] Der so nach Gallien gelenkte und jetzt ungehindert große Wassermassen mit sich führende Strom sorgte nun für eine lebhafteren Verlauf des südlichen Flussarmes, während das nördliche Flussbett schmal wurde. Zwar war diese Aktion ein taktisches Manöver im Krieg, doch gewinnt man aus den Worten des Tacitus den Eindruck, als hätten die aufständischen Bataver die Grenze des römischen Machtbereichs vom nördlichen Mündungsarm des Rheins zum südlichen Flussarm verlagert und ihr eigenes, zwischen den beiden Hauptarmen liegendes Siedlungsland dem römischen Zugriff entzogen, es damit also wieder dem nichtrömischen, barbarisch-wilden Germanien zugeschlagen. Dies schien ja ihrem Willen zu entsprechen, sich mit dem Aufstand aus der römischen Herrschaft zu befreien.
3. Der doppelt gehörnte Rhein
Wenige Jahrzehnte nach Caesar sollte die Vorstellung vom Rhein als Grenze des römischen Reiches der zunehmenden Vereinnahmung des Flusses in die römische Welt weichen. Dies zeigte sich an der infrastrukturellen Aufwertung des linksrheinischen Gebiets und in den Versuchen der Römer zur Zeit des Kaisers Augustus (27 v. Chr.–14 n. Chr.), auch rechts des Rheins Fuß zu fassen. Die militärische, wirtschaftliche und zivilisatorische Durchdringung des westlichen Rheinufers bewirkte auch eine Veränderung des Verhältnisses der Römer zum Rhein selbst. Er war nicht mehr nur der Grenzfluss des römischen Reiches im Nordwesten, sondern wurde auch die wichtigste Wirtschaftsader zur Erschließung dieser Region. Die Einbeziehung des Rheins in die Vorstellungswelt der Römer sorgte dafür, dass der Strom einen Platz in ihrer Religion und bildlichen Darstellung erhielt und als römischer Flussgott verstanden wurde.
Flüsse wurden als Götter mit Hörnern dargestellt. Diese Sichtweise leitet der Geograph Strabon (um 64 v. Chr.–nach 23 n. Chr.) mythologisch aus dem Kampf des Herakles mit dem stiergestaltigen Flussgott Acheloos her. Als Zeichen seines Sieges brach Herakles diesem eines seiner beiden Hörner ab. Von der Stiergestalt des Acheloos, so berichtet Strabon, schließe man gern auf das Erscheinungsbild des gleichnamigen griechischen Flusses: Die von der Strömung verursachten Geräusche erinnerten an das Gebrüll des Stieres, die gebogenen Flussschleifen an dessen Hörner.[12] Antikes Denken übertrug die für den Acheloos geprägte bildliche Vorstellung auf andere Ströme als Flussgötter: Sie nahmen menschliche Gestalt an und hatten Hörner. Auch bildliche Darstellungen des personifizierten Rheins weisen Hörner auf. Ein Relief des 2. Jahrhunderts n. Chr. aus Bonn zeigt den Kopf des Rheins vollbärtig mit offenem Mund und zwei Hörnern. Bart und Haare gehen in die Wellen des Flusses über.[13] Aus dem abgebrochenen Horn des Acheloos sollte sich in der Folge das Füllhorn als ein typisches Attribut der Darstellung eines Flussgottes entwickeln.[14] Der Stier, das Wasser und das Füllhorn stehen alle für die lebensspendende Fruchtbarkeit, die der Fluss dem Land bringt, das er durchströmt.
Der römische Dichter Vergil (70–19 v. Chr.) hat das Bild des doppelt gehörnten Rheins in seinem Epos „Aeneis“ erstmals literarisch verarbeitet. Im Zuge der Beschreibung des Schildes, den die Göttin Venus ihrem Sohn Aeneas, dem Ahnherrn des römischen Weltreiches, übergab[15], steckt der Dichter die Grenzen der in der Zeit des Augustus bekannten Welt ab. Vergil entwickelt hier eine Vision, in der er durch Nennung ausgewählter fremder Völker und geographischer Anhaltspunkte diesen Raum skizziert. Als solche dienen ihm unter anderem die Flüsse Nil, Euphrat und Rhein.[16] Von Rom aus betrachtet, stehen sie für verschiedene ferne Weltgegenden, an denen Augustus Unterwerfungs- und Romanisierungserfolge geltend machte. Den Norden repräsentiert Rhenus bicornis[17] , der doppelt gehörnte Rhein. Vergil begreift ihn wie die anderen Ströme als Flussgott und versieht ihn mit seinen typischen Attributen, den beiden Hörnern. Diese Integration in feste mythologische Vorstellungen signalisiert die römische Vereinnahmung des Flusses. Eine ergänzende Deutung bietet der spätantike Vergil-Kommentar des Servius. Dieser bezieht sich auf die beiden großen Mündungsarme des Rheins, die auch Tacitus erwähnt[18], und leitet aus dieser Besonderheit die Bezeichnung des Rheins als „doppelt gehörnt“ ab. Die geographische Deutung der zwei Hörner des Rheins erschließt sich aus dem Text Vergils allerdings nicht selbstverständlich: Hier mag man angesichts des Erzählzusammenhangs eher an menschenähnliche Flussgottgestalten denken.[19] Auch wenn beide Deutungsvarianten gut nebeneinander bestehen können, hat sich die Erklärung des Servius vielfach durchgesetzt.[20]
In den „Tristien“ beschwört der Dichter Ovid (43 v. Chr.–etwa 17 n. Chr.) die erfolgreichen römischen Feldzüge in Germanien herauf, die Drusus (38–9 v. Chr.) und Tiberius (42 v. Chr.–37 n. Chr.), die Stiefsöhne des Augustus, sowie Germanicus (15 v. Chr.–19 n. Chr.), Drusus’ Sohn, während der Herrschaft des Augustus und in den ersten Regierungsjahren des Tiberius unternommen haben. Dabei erinnert der Dichter an den „kleinen“ Triumphzug, die ovatio, des Drusus 11 v. Chr. nach dessen Erfolgen in Germanien. Mit anschaulichen Worten beschreibt Ovid die bei dieser Gelegenheit mitgeführte Statue des besiegten Rheins: Er weist auf die abgebrochenen Hörner des Flussgottes hin, die dürftige Bekleidung mit Schilfgras, die Verfärbung des Wassers mit seinem Blut.[21] Das gebrochene Horn versinnbildlicht die gewaltsame Unterwerfung unter die römische Herrschaft. Nun stand der „Romanisierung“ des Rheins nichts mehr im Wege. Er war gezähmt und bereit, sich der römischen Kultur zu öffnen. Ohne es auszusprechen, vergleicht Ovid die Leistung des Drusus am Rhein und in Germanien mit der des Herakles im Kampf mit dem Acheloos. In den folgenden Versen wechselt der Dichter zum Triumphzug des Jahres 17 n. Chr. und stellt als Pendant zum Rhein die Statue der gefesselten Germania vor.[22] Mit dem Sieg über Germanien war also die militärisch-strategische und ideologische Vereinnahmung des Rheins verbunden. Daher verkörpert der unterworfene Rhein gleichzeitig das besiegte Germanien. Mit der Unterwerfung des Flusses hatten die Römer Germanien für ihren Machtbereich erschlossen.[23] Ovid zeichnet das Bild eines Flussgottes in menschlicher Gestalt, der, besiegt, die militärischen Erfolge Roms in Germanien veranschaulicht.
4. Der umkämpfte Rhein
Mit der Zeit und nicht zuletzt mit den rechtsrheinischen Eroberungen Roms zur Zeit der flavischen Kaiser (69–96 n. Chr.) verlor sich im Denken der Römer die Qualität des Rheins als Grenze zwischen Galliern und Germanen und zwischen dem römischen Herrschaftsbereich links und dem „barbarischen“ Germanien rechts des Flusses. Auch östlich des Rheins erkannten germanische Völker die römische Herrschaft an. Ebenso selbstverständlich bewegten sich Germanen auf dem linken, schon lange römisch vereinnahmten Rheinufer.[24] Im militärischen Konfliktfall jedoch hatte man zuvor stets das alte Grenzdenken aktiviert. Der Rhein galt nach diesem Verständnis als die äußerste Rückzugslinie und durfte von den Römern nicht aufgegeben werden.[25] Dabei konnte schon Niedrigwasser die Römer in ihrem Sicherheitsdenken beunruhigen und angesichts der hierdurch gefährdeten Rheingrenze an göttlichen Zorn denken lassen.
Genauso wie die Römer beide Ufer des Stroms als ihren Machtbereich für sich in Anspruch nahmen, versuchten aufständische Germanen 70 n. Chr. die Kölner für ihr Anliegen zu überzeugen, jedermann solle wie in der Zeit vor der römischen Herrschaft an beiden Seiten des Rheins wohnen können.[26] In einer Ansprache an seine Kämpfer beschwor Civilis, der Anführer im Bataveraufstand, den Rhein und die Götter Germaniens in einem Atemzug.[27] Der Anspruch germanischer Stämme auf die Besitzrechte an beiden Ufern des Stroms war eine Reaktion auf die Herrschaftsausübung der Römer. Dabei machten die einheimischen Stämme ältere Rechte geltend. Tacitus legt einen Kampf zwischen unterschiedlichen Auffassungen nahe, die den Rhein jeweils für sich reklamierten. Diese Auseinandersetzung wussten die Römer freilich zu ihren Gunsten zu entscheiden.
Mit dem germanischen Triumph Kaiser Domitians (81–96 n. Chr.) im Jahre 83 und dem Sieg über den mit Germanen verbündeten römischen Usurpatorund obergermanischen Statthalter Saturninus im Jahre 89 war Germanien nach römischer Auffassung endgültig unterworfen. Der Dichter Statius (um 40–um 96 n. Chr.) beschreibt in den „Silven“ das Reiterstandbild Domitians auf dem Forum in Rom: Unter dem erhobenen Vorderhuf des kaiserlichen Pferdes befand sich eine Personifikation des „gefangenen“ Rheins, gewiss in traditioneller Flussgottdarstellung.[28] Diese Szenerie spielt auf die mit den Siegen von 83 und 89 gleichgesetzte Unterwerfung Germaniens durch Domitian an.[29] An anderer Stelle rückt Statius den Rhein in einen Zusammenhang, der die Grenzen der Welt und damit die unter Domitian erreichte Ausdehnung des römischen Reiches vor Augen führt.[30] Dabei steht der Rhein für den kalten Norden, dessen Eis aufgebrochen werden muss, bevor man in ihm schwimmen kann. Mit dem Sieg über die widerspenstige Natur erinnert Statius zugleich an den gebrochenen Widerstand der Germanen, die der Flussgott Rhein repräsentiert, dem die Hörner „abgebrochen“ wurden.[31] In einem ähnlichen Gedankengang verbindet der Dichter Martial (40–102/104 n. Chr.) Domitians Siegesbeinamen Germanicus mit der Überwindung des Rheins.
Illustriert wird der Anspruch Domitians auch in der römischen Münzprägung. Ein Sesterz des Kaisers von etwa 85 n. Chr.[32] zeigt auf der Rückseite den aufrecht stehenden und nach links gerichteten Kaiser Domitian in militärischem Gewand. Zu seinen Füßen ist der Rhein, nach rechts blickend, dargestellt. In der Pose eines Flussgottes stützt er seinen rechten Unterarm auf eine Quellurne und hält in der Linken einen Schilfhalm. Domitians linker Fuß steht auf dem Gewandende des Flussgottes. So wird die Unterwerfung des Rheins und damit Germaniens unter die Herrschaft Domitians veranschaulicht. Die Identifikation des Flussgottes mit dem Rhein ist jedoch nur durch die Einordnung der Münze in den historisch-politischen Zusammenhang möglich.[33]
An der Lage in Germanien änderte sich auch nach dem Antritt der Kaiserherrschaft durch Trajan (98–117 n. Chr.) zunächst nichts. Als der neue Kaiser sein Amt übernahm, befand er sich ohnehin in Germanien. Er hielt sich hier sogar noch längere Zeit auf, und die römische Bevölkerung erwartete ungeduldig die Rückkehr ihres neuen Kaisers nach Italien. Diese Situation erfasst Martial in einem Gedicht, das als Bitte an den Rhein formuliert ist, Trajan zurückkehren zu lassen. Der Fluss erscheint hier als Vater der Nymphen und seiner Nebenflüsse[34] und wird so als Wahrer römischer Interessen vorgestellt. Der Strom ist „romanisiert“, wenn man ihm wünscht, er solle sich nicht durch Rheinübergänge der Germanen bei zugefrorenem Fluss quälen lassen.[35] Gleichzeitig thematisiert Martial die Befriedung Germaniens durch Trajan am Beispiel des Rheins, dem er jetzt – natürlich unversehrte – „goldene Hörner“ zuerkennt und den er als „römisch“ bezeichnet, und zwar „an beiden Ufern“. Damit scheint der Rhein vollständig in die römische Welt einbezogen zu sein. Unterstrichen wird dies dadurch, dass der – für Rom stehende – Tiber die Funktion des Befehlshabers einnimmt und vom Rhein die Rückkehr Trajans einfordert.
Bei der Darstellung des Rheins in der Dichtung wie auch im Bildprogramm der Münzen wird in der Zeit Trajans eine bemerkenswerte Fortentwicklung der römischen Auffassung vom Rhein deutlich. Unter Domitian stand die Unterwerfung des Rheins im Vordergrund, unter Trajan die Integration dieses Flusses in die römische Welt. Trajan hob nun die zivile Struktur des germanischen Raumes hervor. Dies geschah beispielsweise durch den Abzug militärischer Einheiten vom Rhein und die Erhebung der Siedlung am Legionslager Vetera castra II zur Colonia Ulpia Traiana (Xanten). Der Rhein und damit Germanien wurden nun weniger durch militärischen Zwang unterdrückt als durch Urbanisierung und Romanisierung aufgewertet. Gegenüber der von Domitian als dessen Verdienst beanspruchten Unterwerfung stellte die Germanienpolitik Trajans unter neuen politischen Leitlinien die Zugehörigkeit dieser Regionen zum römischen Reich heraus.
Diesen Unterschied veranschaulicht die Münzprägung: Eine Goldmünze Domitians von 90 n. Chr. zeigt die besiegte Germania, trauernd auf einem Schild am Boden sitzend, mit zerbrochenem Speer[36], und eine Goldmünze Trajans aus dem Jahre 98 bildet die personifizierte Germania mit einem Ölzweig, dem Attribut der Friedensgöttin, in der rechten Hand ab; sie sitzt auf einem Waffenhaufen und stützt sich mit dem linken Unterarm auf einen Schild.[37] Die germanischen Provinzen sollten also nicht länger als mühsam unterworfenes römisches Untertanengebiet im Bewusstsein verankert bleiben. Stattdessen sollte man sich Germanien als friedlichen und sicheren Lebensraum für die Bewohner, Einheimische wie auch römische Bürger, vorstellen. Germanien und dem Rhein wurde so ein – römisches – Eigenleben und Eigengewicht zugestanden.
5. Der vereinnahmte Rhein
Vermutlich aus der Zeit Kaiser Hadrians (117–138 n. Chr.) stammt ein 1968 in Straßburg gefundener Altar, den Oppius Severus als Kommandeur der hier stationierten achten Legion dem „Vater Rhein“ widmete.[38] Diese Weihung eines Altars an den Rhein in dessen Eigenschaft als „Vater“ zeigt an, dass der Flussgott aus der Sicht des Stifters eine gewisse Autorität darstellte. Die Widmung kann durch das subjektive Empfinden des Oppius ebenso wie durch die objektive Abhängigkeit der Legion und der Einwohner des Stationierungsortes motiviert sein, die auf die Lebensader des Flusses angewiesen waren. Die Bezeichnung als „Vater“ legt ein Unterordnungs- und ein gewisses Vertrauensverhältnis nahe. Gleichzeitig hoffte man so, den Flussgott für die Belange der am Strom lebenden Bevölkerung gnädig zu stimmen. Ganz Ähnliches ist einer in Eschenz am Hochrhein gefundenen Inschrift zu entnehmen. In ihr verbindet Spicius Cerialis, Statthalter der Provinz Raetien in den Jahren 181–184, sein persönliches Wohlergehen mit dem Rhein.[39]
Die große Bedeutung des Rheins für das Leben in den germanischen Provinzen verdeutlichen zwei Weihinschriften aus Vechten im Rheindelta. In einer hierarchisch geordneten Auflistung von Göttern erscheint nach dem obersten römischen Staatsgott Jupiter, den summarisch aufgeführten vaterländischen Göttern und Lokalgottheiten sowie Oceanus auch der Rhein.[40] Diesem Fluss wird also eine beachtliche Position im Kreise traditioneller römischer Gottheiten zugewiesen. Gleichzeitig orientierte sich die Weihung an lokalen Gegebenheiten, die die Lage Vechtens am Fluss und in Meeresnähe berücksichtigten. Ähnliche Gedanken bezeugen zwei Inschriften aus Remagen. Auch hier wird der Rhein nach Jupiter und der lokalen Schutzgottheit aufgeführt.[41] Die gesonderte Nennung des Rheins zeigt immer wieder dessen Bedeutung für die Menschen an, die an seinem Ufer lebten. Aus den verschiedentlichen Erwähnungen des Rheins zusammen mit Oceanus lässt sich die Übertragung der Bezeichnung „Vater“ vom Oceanus auf den Rheinstrom gut erklären. Ursprünglich galt das Meer als Vater der Flüsse[42]; da lag es nahe, in dem mächtigen Rhein mit Hilfe des Gedankens an die Fruchtbarkeit, die er mit sich bringt, einen Vater für seine Nebenflüsse und die Anrainer zu sehen.
5.1 Zeugnisse aus dem 3. Jahrhundert n. Chr.
Den Umgang der Römer mit dem Rhein illustriert auch eine Reihe von Münzabbildungen aus dem 3. Jahrhundert. Die Rückseite eines Bronzemedaillons aus dem Jahre 235 zeigt eine Schiffsbrücke, über die der Kaiser Severus Alexander (222–235) schreitet. Ihm voran bewegt sich eine geflügelte Siegesgöttin mit einem Kranz in der rechten Hand. Hinter dem Kaiser sind mehrere Soldaten zu erkennen. Unterhalb der Gruppe befindet sich ein nach links gelagerter Flussgott, dessen Identifikation über diese Abbildung allein nicht möglich ist. Im Laufe des Jahres 234 zog Severus Alexander nach Obergermanien und nahm in Mainz Quartier, um gegen Germanen vorzugehen, die im Vorjahr den obergermanisch-rätischen Limes mehrfach durchbrochen hatten. Hierzu ließ er eine Schiffsbrücke über den Rhein schlagen.[43] Diese Aktion hat ihren Niederschlag in erzählenden Quellen und auch auf Münzen gefunden. Aufgrund der politischen Ereignisse dieser Jahre, die den Kaiser in Germanien banden, kann man den Flussgott auf dem Medaillon als Rhein identifizieren.[44]
Für Postumus (260–269), den Herrscher des Gallischen Sonderreichs, der in Köln residierte, war der Rhein von besonderer Bedeutung. Dies zeigt sich an der Ausgabe einer Münze, die auf der Rückseite einen gelagerten, nach links blickenden und mit zwei Hörnern versehenen Flussgott zeigt. Dieser stützt sich mit dem linken Arm auf eine Quellurne und hält einen Anker im Arm, die rechte Hand ist auf einen Schiffsbug gelegt. Der Flussgott ist von der Legende salus provinciarum umgeben, die das Wohlergehen der Provinzen anspricht.[45] Der ganze Zusammenhang legt es nahe, in diesem Flussgott den Rhein zu erkennen. Für das Gallische Sonderreich stellte der Rhein eine von Schiffen befahrene, kraftspendende Lebensader dar, mit der man auf dem Höhepunkt der politischen Krise des römischen Reiches nach Mitte des 3. Jahrhunderts das wirtschaftliche Wohl der germanischen Provinzen und des gallischen Hinterlandes zu beschwören vermochte.
In literarischen Quellen rückte beim Gedanken an den Rhein neben der wirtschaftlichen Bedeutung des Flusses für die an seinen Ufern liegenden römischen Provinzen allmählich die Grenzfunktion des Stromes wieder mehr in den Vordergrund. So spielt ein Trierer Lobredner auf Kaiser Maximian (286–305) im Jahre 289 mit der Bedeutung des Rheins als Grenze des römischen Machtbereichs. Er behauptet, die außerordentlichen militärischen Erfolge des Kaisers im rechtsrheinischen Raum hätten diese Funktion des Flusses aufgehoben. Auch östlich des Stromes breite sich jetzt römisches Land aus; Bedenken, die Grenze, die der Rhein bilde, könne nicht halten, seien also unbegründet.[46] Dieser Gedanke weist aber genau darauf hin, dass man sich in dieser Zeit Sorgen machte, und zwar nicht nur darüber, den Wohlstand des römischen Gebiets hinter dieser Flussgrenze zu sichern, sondern auch darüber, der Rhein könne von den Germanen überrannt werden. Um zu beruhigen, propagierte man die von den Kaisern garantierte Sicherheit des römischen Herrschaftsbereichs gerade dort, wo sie besonders gefährdet war.
5.2 Zeugnisse aus dem 4. Jahrhundert n. Chr.
Selbst über viele Jahrzehnte des 4. Jahrhunderts erschien das Verhältnis der Römer zum Rhein noch intakt. Davon zeugt Ausonius (um 310–nach 393) in seinem wohl 370/371 entstandenen Preisgedicht auf die Mosel.[47] Hier fügt der Dichter auch eine Passage über den Rhein ein, sobald er auf die Mündung der Mosel bei Koblenz zu sprechen kommt. Ausonius macht klar, dass der Nebenfluss Mosel dem Rhein keineswegs untergeordnet ist: Die Gleichstellung der beiden Flüsse signalisiert die Vereinigung ihrer Gewässer zu „brüderlichen Fluten“, die nun sozusagen einen neuen Strom ausmachen; dieser kann den Anforderungen, die an ihn gestellt werden, in vollem Umfang gerecht werden.[48] In der Folge wendet sich Ausonius an beide Flüsse zugleich: „Setzt ihr beide vereinigt (iuncti) euren Weg fort.“[49] Damit parallelisiert Ausonius die kurz zuvor erwähnten „vereinigten Siege“ (iunctos triumphos) Kaiser Valentinians I. (364–375) und seines Sohnes Gratian (367–383) aufgrund ihrer gemeinsamen Bemühungen gegen die Alemannen mit der auf der Vereinigung von Rhein und Mosel beruhenden Verdoppelung der Kraft des Stromes.[50] Nachdem der Rhein die Mosel aufgenommen hat, vermag der Strom den kaiserlichen Anspruch auf die Regionen im Nordwesten des römischen Reiches zu repräsentieren.[51] Trotz der Vermittlerfunktion der Mosel, die ihren Auftrag aus der Kaiserresidenz Trier bezieht, an der sie vorbeifließt, braucht der Rhein keinen Prestigeverlust zu befürchten: „Nimm du deinen Bruder an, unbesorgt um deinen eigenen Ruhm.“[52]
Durch den Zufluss vor allem der Mosel vergrößert der Rhein sein Flussbett erheblich und gewinnt die Macht, germanische Stämme abzuhalten und so einen wahrhaftigen Grenzverlauf zu markieren.[53] Damit rechtfertigt Ausonius die Bezeichnung des Flusses als „doppelt gehörnt“, bicornis.[54] Er fügt den bisherigen Deutungen einen weiteren Aspekt hinzu: In den Hörnern des Flusses und in dessen Aufgabe, im römischen Dienst feindliche Stämme auf Distanz zu halten, spürt man die Wehrhaftigkeit heraus. Diese Eigenschaft leitet der Dichter aus der Vereinigung von Mosel und Rhein ab; sie macht den Rhein erst richtig stark, sie bewirkt, dass er mit seinen beiden Hörnern, bicornis, zu kämpfen weiß. Dem verleiht Ausonius eine besondere Note, indem er immer wieder die in der Verbrüderung der Flüsse liegende Verdoppelung der Kraft des Rheins herausstellt.[55] Für Ausonius ist der Rhein selbstverständlich ein römischer Fluss, der seine Fähigkeit zur Feindesabwehr Rom zur Verfügung stellt. Das war noch anders, als die Römer in der Zeit von Augustus bis Domitian mit dem Bild des Abbrechens der Hörner die heraklesgleiche Mühsal der römischen Kaiser beschrieben, den Rhein und damit Germanien zu unterwerfen. In dieser Zeit stellte man sich vor, der Rhein kämpfe auf Seiten der germanischen Feinde Roms. Ausonius dagegen vereinnahmt den Rhein voll und ganz für die römische Welt.
Und doch lag ein Schatten über dieser vermeintlichen Idylle. Wenn es nötig war, dass Rhenus bicornis seine Hörner aktiv für Rom in den Dienst stellte, um in der Feindesabwehr seine Funktion als Grenze zu erfüllen, konnte die militärische Lage in den rheinischen Landen nicht sicher sein[56] – gerade weil das Gegenteil behauptet wird. Auch der römische Senator Symmachus (um 342–402/403) bemühte im Jahre 370 in seiner Lobrede auf Kaiser Valentinian I. den „zweigehörnten Nachbarn“[57], und zwar allein mit seinem bekannten Attribut, ohne dass er ihn „Rhein“ nennen musste. Er erinnerte an den Kriegszug des Kaisers gegen die Alemannen: Rom lasse sich durch natürliche Hindernisse nicht aufhalten, stelle diese vielmehr als Befestigungen in seinen Dienst, so auch den Rhein, der von Kriegsschiffen befahren und von Brücken überspannt werde. Wieder erinnert das natürliche Hindernis, das der Rhein bildet, an seine Funktion, angesichts der Gefahren, die von der rechten Seite des Flusses drohen, eine effiziente Grenze zu bilden. Anders als bei Ausonius arbeitet der Rhein bei Symmachus anscheinend nicht ganz aus freien Stücken im römischen Dienst, sondern beugt sich dem römischen Willen.
Dies gilt noch mehr für den Rhein in einer weiteren Lobrede des Symmachus, diesmal auf Valentinians Sohn Gratian: Hier „verachtet der Rhein die römischen Befehle nicht mehr […]. Von unseren Alpen fließt er in unseren Ozean“.[58] Zwar erscheint der Rhein nach wie vor als Bestandteil der römischen Welt, aber er muss zum Dienst für Rom gezwungen werden, damit der römische Herrschaftsanspruch in diesen Landen sichergestellt bleibt. Er gilt hier wieder als besiegt und unterworfen, wie in früherer Zeit, als die Römer noch mit der Absicherung ihrer Herrschaft am Rhein beschäftigt waren.
Ende des 4. Jahrhunderts war der Druck von außen auf das römische Reich und damit auf den Rhein beträchtlich angestiegen. Dies spiegelt sich in entsprechenden Funktionszuschreibungen für den Fluss: Der Mailänder Bischof Ambrosius nennt den Rhein einen „Schutzwall des römischen Reiches gegen die wilden Völkerstämme“, der Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus (um 330–um 395), sein Zeitgenosse, betont die natürliche Schutzfunktion des Rheins für das römische Gallien.[59] Angesichts der bedrohlichen Lage am Rhein wurde, wie einst von Caesar und Tacitus, die Sicherheit beschworen, die der Fluss als Grenze Rom zu bieten vermochte.
6. Der ferne Rhein
Nach dem Tode des Kaisers Theodosius (379–395) wurde die innen- und außenpolitische Lage des römischen Reiches brüchiger. Im Jahre 396 reiste der Heermeister Stilicho (um 365–408) daher an den Rhein, um Verträge mit germanischen Stämmen zu erneuern und Soldaten zu rekrutieren.[60] Diese Reise verarbeitete der Dichter Claudian (um 370–nach 404) wenig später in seinem Lobgedicht auf Stilicho. Nach der Darstellung Claudians konnte Stilicho dem Rhein „durch das Abbrechen seiner Hörner“ die bedrohliche Wirkung nehmen und ihn allein durch Verhandlungen mit germanischen Stämmen zähmen.[61] Dadurch stimmte er den Fluss so nachgiebig und unterwürfig, dass die Germanen das Schwert gegen die Sichel eintauschten und friedlich Landwirtschaft betrieben. Rhein und Germanen werden von Claudian als eins betrachtet. Sie beugen sich dem Druck Roms. Claudian krönt diese Vorstellung mit der vollständigen Integration des Rheins und seiner beiden Ufer in die römische Welt. Dabei scheint er das römische Einflussgebiet wie in der Zeit des Augustus über den germanischen Raum bis zur Elbe und darüber hinaus auszudehnen.[62] Dennoch schwebt ihm in erster Linie die landwirtschaftliche Nutzung eines Gebietes vor, das im Wesentlichen in Rheinnähe zu finden ist. Das gilt auch für die Elbe, unter der sich Claudian wohl einen seichten Nebenfluss des Rheins vorstellt.[63]
Die ungenauen geographischen Angaben Claudians zeigen an, dass dem Dichter der nordwestliche Raum des römischen Reiches und das östliche Vorfeld des Rheinstroms gar nicht mehr genau bekannt waren, selbst wenn er beide Seiten des Rheins als römisch ausgab. Damit lässt er zugleich erkennen, dass die Römer zum rechtsrheinischen Gebiet keinen wirklichen Zugang mehr hatten. Dieser Raum begann ihnen fremd zu werden. Das hatte auf Dauer auch Auswirkungen auf das Verhältnis der Römer zum Rhein und auf ihre Auffassung von der Zugehörigkeit des Flusses zum römischen Reich. Wie wenig das von Claudian entworfene Bild vom friedlichen römischen Rheinland noch mit der politischen Realität dieser Zeit zu tun hatte, zeigte der Zusammenbruch der Rheingrenze wenige Jahre später, als um die Jahreswende 406/407 große germanische Verbände nach Gallien eindrangen.
7. Schluss
Mit der Einordnung des Rheins in ihre Vorstellungen vom väterlichen Flussgott Rhenus bicornis integrierten die Römer den Strom in ihr Denken und machten ihn so zu einem römischen Fluss. Bei der Einbeziehung des Rheins in die römische Welt war es nicht relevant, ob der Rhein als Grenze oder als Bestandteil ihres eigenen Herrschaftsraums galt. Zunächst spielte der Rhein bei der Festlegung der römischen Grenze im Norden eine Rolle. Bald wurde der Fluss mehr und mehr mit einem Germanien gleichgesetzt, das Ziel römischer Expansion war, auch wenn diese Reichserweiterung nur ansatzweise verwirklicht wurde. Der Vereinnahmungsprozess fand mehr im römischen Selbstverständnis als in der Umsetzung realer Machtpolitik statt. Dabei wollte man angesichts des römischen Weltherrschaftsanspruchs häufig zwischen der Rheinregion als Bestandteil des römischen Reiches und dem nicht unterworfenen Germanien östlich des Rheins keinen sonderlichen Unterschied sehen.
In Grenzbeschreibungen des römischen Reiches wurden in allen Himmelsrichtungen selbstbewusst vom Zentrum Rom weit entfernte Weltgegenden aufgeführt; den Norden repräsentiert hier der Rhein. Die Brüchigkeit dieses Denkens zeigt sich darin, dass auch die Rheingrenze von Barbarenstämmen bedrängt wurde und so zugleich für die Gefahren stehen kann, denen das römische Reich ausgesetzt war. Im Laufe der Spätantike trat an diese Stelle sogar die Existenzbedrohung des Reiches. Dennoch versuchten die Römer zu allen Zeiten immer wieder, ihre ideologischen Vorstellungen vom intakten Reich mit der Ereignisgeschichte in Einklang zu bringen. Daher war das Verhältnis der Römer zum Rhein von gezielter Instrumentalisierung bestimmt. Wenn die Bedrohung des römischen Reichsgebiets im Norden keine sonderliche Rolle spielte, hoben die Römer gern den Strom als Lebensader für römisches Provinzialgebiet hervor. So wurde die Einbeziehung dieser Region in die römische Welt herausgestellt. Dies diente dem gezielten Verwischen möglicher Widersprüche zwischen Wunsch, politischem Erfordernis und Wirklichkeit, um den Eindruck von der Stabilität römischer Herrschaft zu erhöhen. Insofern besteht im Verhältnis der Römer zum Rhein zwischen weltanschaulicher Konzeption und politischer Realität eine spannungsreiche, gleichsam dialektische Beziehung.
6. Die Eifelwasserleitung nach Köln
Ein Stück Eifelwasserleitung fertig restauriert. Wegen des Steinraubs im Mittelelter erhielt sie ein originalgetreues Gewölbe mit Steinen aus dem gleichen Steinbruch. Foto: Thomas Sieverding, Restaurator
Professor Klaus Grewe, Experte für die Wasserleitung, mit zwei Auszubildenden nach der Restaurierung. Foto: M. Zanjani, LVR-ABR
Die römische Wasserleitung von der Eifel nach Köln ist das bedeutendste technische Denkmal der Antike nördlich der Alpen – zugleich das längste. Ihre Gesamtlänge beträgt 95 Kilometer – inklusive aller Zuleitungen etwa 130 Kilometer. Sie ist damit die drittlängste im gesamten römischen Imperium. Der „Römerkanal“, wie er in der Region genannt wird, gehört zu den großen Ingenieurleistungen der Antike. Bauweise und Vermessungstechnik lassen Laien wie Fachleute staunen. Er ist ein archäologisches Denkmal von internationalem Rang – auch deshalb, weil wichtige Teile erhalten sind.
Täglich 20 Millionen Liter Wasser für die Colonia
Bekanntlich legte die römische Bevölkerung am Niederrhein Wert auf die Beibehaltung ihres Lebensstils. Dazu gehörte auch einwandfreies, frisches Trinkwasser. Bei einem Durchfluss von 250 Litern pro Sekunde lieferte die Eifelleitung täglich bis zu 20 Millionen Liter Wasser in die Provinzhauptstadt – so die Berechnungen von Prof. Dr. Klaus Grewe, der als Archäologe und Vermessungsingenieur beim LVR die Leitung über viele Jahre erforschte.
Trassenführung
Der "Römerkanal" funktionierte als reine Gefälleleitung. Zur Überbrückung von Tälern gab es einige Aquäduktbrücken. Um die Leitung zum Schutz vor dem Frost weitgehend unterirdisch führen zu können, folgt die Trasse vorhandenen Höhenzügen, Umwege wurden in Kauf genommen. In der Regel wies sie eine Überdeckung von 90 Zentimetern Erdreich auf. Das gewünschte Gefälle konnten die Baumeister dadurch bestimmen, dass sie den Kanal in den Hang eines Höhenzuges legten. Der Erdaushub für die Rinne diente dabei als Arbeitsterrasse und Zuweg. Bei Meckenheim sowie zwischen Hürth und Köln war die Leitung als Hochleitung angelegt, von Bogenstützen getragen. Die römische Vermessungstechnik überließ nichts dem Zufall. Das Gefälle der Leitung beträgt teilweise nur ein Promille. Die Leitung gliederte sich in viele Baulose, wie man an unterschiedlichen Gefälleabschnitten erkennen kann.
Bauweise
Die gute Erhaltung der Leitung ist vor allem auf ihre bestens ausgeklügelte und äußerst aufwendige Bauweise zurückzuführen. Die Römer kannten bereits den Beton (opus caementitium) und verfügten recht früh über wasserdichten Zement. Der Kanal liegt auf einer Packlage aus senkrecht gestellten Fundamentsteinen. Er besteht zunächst aus einer U-förmigen Rinne, die als Beton gegossen oder gemauert war. Die Wangen sind etwa 35 Zentimeter stark, die Innenmaße der Rinne betragen gut 70 Zentimeter in Breite und Höhe. Außen war die Rinne verputzt und in feuchter Umgebung zusätzlich mit einer Drainage versehen, um das Eindringen von Oberflächenwasser zu unterbinden. Besonders wichtig war der rötliche, wasserdichte Innenputz (opus signinum). Er gewährleistete die Abdichtung der Rinne im Inneren, also gegen das allgegenwärtige Wasser, und ist auch heute noch gut zu erkennen. Oberhalb der Rinne errichteten die Römer ein Gewölbe, um den Kanal unterirdisch führen und das wertvolle Wasser vor Verunreinigungen schützen zu können. Das Gewölbe war baulich ohne Verbindung auf die Rinne gesetzt, quasi mit Sollbruchstelle. Diese Vorkehrung trafen die Baumeister, damit bei einer Beschädigung des Gewölbes ein Bersten der Rinne möglichst vermieden wird.
Wartung
Die Forscher entdeckten Absetzbecken und Brunnenstuben sowie zahlreiche Revisionsschächte, die einen Einstieg in die Leitung ermöglichten. Neben der ingenieurtechnischen Leistung des Wasserleitungsbaus sind Wartung und Bauunterhalt der Leitung über mindestens 190 Jahre als administrative Leistung nicht zu unterschätzen: Man geht aufgrund der Absetzbecken für Schlamm sowie den Einstiegen davon aus, dass das Bauwerk durch mehrere Kanalmeistereien fortlaufend gereinigt und gewartet wurde und so der dauerhafte Betrieb gewährleistet wurde.
Steinbruch
Der Einzugsbreich der Eifelleitung liegt in der aus der Sötenicher Kalkmulde. Das Wasser war recht kalkhaltig. Ob die Römer dieses Wasser wegen des Geschmacks bevorzugten, ist nicht belegt. Ein wichtiger Vorteil des kalkhaltigen Wassers bestand jedenfalls in der automatischen Abdichtung der giftigen Bleileitungen in den antiken Haushalten, die in Köln ihr Wasser aus der Eifel bezogen. Dass Blei ungesund ist, war den Römern bereits bekannt.
In den rund 190 Jahren seines Betriebs entstanden im Inneren des Kanals Kalkablagerungen mit einer Dicke von bis zu 40 Zentimetern. Poliert wirkt dieser Kalksinter wie geflammter Marmor. Er eignete sich hervorragend für Säulen und Platten und wurde daher im Mittelalter an vielen Stellen aus dem nicht mehr verwendeten Kanal herausgebrochen, um ihn als bauliches Schmuckelement zu verwenden. "Eifelmarmor" findet sich in vielen Kirchen, so in allen romanischen Kirchen in Köln, den Domen von Paderborn und Hildesheim, sogar in Dalby und Roskilde/Dänemark ist er zu finden.
Insbesondere auf den längeren Strecken und an den meisten Aquädukten wurde der Römerkanal ab dem Mittelalter als Steinbruch genutzt. An einigen Stellen ist er nur noch durch die ursprüngliche Baugrube nachweisbar; die Steine sind an manchen Bauwerken zu sehen – darunter Hexenturm und Stadtmauer in Rheinbach.
Vermittlung
Auf Initiative von Klaus Grewe wurde bereits 1988 der Römerkanal-Wanderweg mit Wanderführer und Informationstafeln eingerichtet und der Verein "Freundeskreis Römerkanal e.V." gegründet. In Rheinbach ist ein Informationszentrum zur Eifelwasserleitung im Bau, es soll im Sommer 2019 eröffnet werden. Gefördert wird es durch das Land, die NRW-Stiftung und den Landschaftsverband Rheinland.
Text: Uwe Steinkrüger
7. Das stille Örtchen. Toiletten in der Antike.
Anlässlich des Welttoilettentages am 19. November lohnt sich ein Blick zurück auf die Entwicklung der sanitären Anlagen – und dabei besonders auf die römische Antike. Während die hygienischen Standards der Römer nicht mit heutigen Maßstäben vergleichbar sind, erreichten Errungenschaften wie Bäder, Wassertoiletten und Kanalisationssysteme erst in der Neuzeit wieder ein ähnliches Niveau.
Die Römer kannten zwei Haupttypen von Toiletten: Gemeinschaftslatrinen mit Wasserspülung, die vor allem in Militärlagern und städtischen Zentren vorkamen, und einfache Grubenlatrinen, welche etwa heutigen Plumpsklos entsprachen. Während die Wasserspülung hygienische Vorteile bot, erschwerte sie die Konservierung archäologischer Funde. Nicht geleerte Grubenlatrinen hingegen sind heute wahre Fundgruben und bieten vielfältige Einblicke in die römische Lebensweise. So wurden in den Latrinen botanische und zoologische Überreste entdeckt, die ein Bild der römischen Ernährung zeichnen. Ein besonderer Fundkomplex betrifft den Nachweis von Parasiten, deren Eier in den Latrinen gefunden wurden und auf weit verbreitete Gesundheitsprobleme hinweisen. In römischen Städten waren öffentliche Toiletten weit verbreitet und befanden sich oft in der Nähe der Thermen. Diese Latrinen variierten architektonisch, wobei rechteckige, quadratische und apsidiale Formen vorkamen. In den größeren Anlagen gab es meist Sitzreihen aus Holz oder Stein, und die Nutzung dieser Gemeinschaftslatrinen bot Gelegenheit für soziale Kontakte und Austausch – ein in der heutigen Zeit ungewohnter Aspekt der Toilettenkultur.
Neben diesen großen Gemeinschaftslatrinen, die teils gebührenpflichtig waren, existierten auch einfachere, einsitzige Latrinen entlang der Straßen. So führten in Carnuntum hölzerne Kanäle das Abwasser in größere Sammelsysteme, wobei Sichtschutz oder Sitzpolsterungen meist fehlten. Auf dem Land fand man hingegen meist die einfachen Grubenlatrinen. Ausgrabungen in der Zivilstadt von Carnuntum zeigen, dass private Häuser selten über eigene Toiletten verfügten. Wo diese vorhanden waren, lagen sie oft in einem abgetrennten Bereich der Küche – eine für heutige Vorstellungen ungewöhnliche Kombination, die jedoch dem Zugang zur Abwasserentsorgung geschuldet war.
Nachttöpfe für jung und alt
Der Nachttopf war in römischen Haushalten ein unverzichtbarer Gebrauchsgegenstand, da die meisten Wohnungen und Häuser keine eigenen Toiletten besaßen. Archäologische Funde von Nachttöpfen entlang der sogenannten Weststraße in Carnuntum, heute Teil des römischen Stadtviertels im Archäologischen Park , zeugen von deren Alltagsnutzung. Viele Fragmente und einige vollständig erhaltene Nachttöpfe fanden sich in antiken Abwasserkanälen und Straßenschüttungen, oft in direktem Zusammenhang mit Fäkalien- und Abfallschichten. Einige dieser Funde wurden nahe einer Therme entdeckt, was auf die vielseitige Nutzung der Gefäße in unmittelbarer Nähe von Wohn- und Arbeitsbereichen hindeutet. Die Analyse der Nachttöpfe unterscheidet zwei Haupttypen: die konischen „lasani“ ohne Henkel, die bis zu 11 Liter fassen konnten, und die flachen „trullae“ mit Griffen, die möglicherweise zum Urinieren einiger Entfernung dienten.
Nachttopf (lasanum) aus dem Abwasserkanal 5 der Weststraße (Zivilstadt von Carnuntum) © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Foto: N.Gail)
Römische Autoren wie Martial und Juvenal schildern den alltäglichen Gebrauch dieser Gefäße oft humorvoll. Martial etwa beschreibt, wie Nachttöpfe bei Gelagen genutzt wurden, um den Raum nicht verlassen zu müssen. Während die Oberschicht Nachttöpfe aus wertvollen Materialien wie Gold oder Silber besaß, waren einfache Tongefäße weit verbreitet (Mart. 14, 119). Morgens wurden die Nachttöpfe in die nächstgelegene Latrine oder in ein Urinfass an einer Straßenecke entleert. Urin wurde als Rohstoff auch von Gerbern und Textilverarbeitern geschätzt, was Kaiser Vespasian dazu veranlasste, eine Urinsteuer einzuführen – Grundlage seines berühmten Ausspruchs „pecunia non olet“ („Geld stinkt nicht“). Man durfte zwar den Nachttopf bzw. seinen Inhalt nicht aus dem Fenster schütten, es gibt aber viele Belege für solche Vorkommnisse in Rom, wie Juvenal (Juv. 6, 264) berichtet:
8. Fortschritt mit Nebenwirkungen - Wie Blei die Antike veränderte
Kleiner bikonischer Körper aus Blei mit Öse. - © Niederösterreichische Landessammlungen
„Wie Blei an den Füßen“ oder „schwer wie Blei“ – Redensarten, die das Metall Blei mit Schwere und Last assoziieren, spiegeln bis heute seinen besonderen Charakter wider. Doch war Blei in der Antike weit mehr als eine Metapher: Es prägte den Alltag und die Infrastruktur, stand für Fortschritt und Innovation, war aber auch ein Gesundheitsrisiko.
Blei wurde in Form großer Barren aus den Bergbaugebieten in die Provinzen des Römischen Reiches transportiert. In römischer Zeit wurde der Rohstoff in zahlreichen Regionen abgebaut, wie auf dem Balkan, in Griechenland, Kleinasien, Spanien, Britannien und Germanien. In Britannien etwa setzte die industrielle Bleigewinnung unmittelbar nach der römischen Eroberung durch Kaiser Claudius (43 n. Chr.) ein. Ursprünglich eng mit der Silbergewinnung verbunden, entwickelte sich Blei im Laufe der Zeit selbst zu einem wichtigen Rohstoff, der durch bereits fortschrittliche Verfahren zu einem vielseitigen Werkstoff verarbeitet wurde.
Blei fand Einsatz im Bauwesen, etwa zur Verklammerung von Steinblöcken – bei der Porta Nigra in Trier wurden schätzungsweise sieben Tonnen Blei verbaut. Im Schiffbau schützte Blei die Holzrümpfe vor Schädlingen, während es in der Wasserversorgung für die Herstellung der berühmten Bleirohre (sogenannte fistulae) genutzt wurde. Insbesondere in urbanen Zentren wie Pompeji spielte dieses Material eine Schlüsselrolle bei der Verteilung von Trinkwasser. Für komplexe Druckleitungen, die Täler überbrückten, wurden bis zu zwölf parallel verlaufende Bleirohre verwendet. Die Schätzungen für solche Projekte, wie die Wasserleitung von Lugdunum (Lyon), belaufen sich auf einen Bedarf von bis zu 40.000 Tonnen Blei.
Neben seinen architektonischen und infrastrukturellen Anwendungen wurde Blei auch für Gewichte, Amulette, Erkennungsmarken (tesserae) oder Fluchtafeln (lat.: defixiones; mit Inschriften versehene Bleibleche, die mit vermeintlichen Schadenszaubern versehen sind) verwendet. Blei nimmt in diesem Zusammenhang eine außergewöhnliche Rolle ein. Zum einen ist es weich genug, um mit einem Metallgriffel leicht beschrieben zu werden, wobei die Schrift durch Ausklopfen ebenso einfach entfernt werden kann. Zum anderen zeichnet es sich durch seine Schwere, dunkle Farbe und giftige Eigenschaften aus – Merkmale, die bereits in der Antike bekannt waren und dem Metall eine symbolische Verbindung zu den Göttern verliehen. Im Militär wurden kleine Bleigeschosse, sogenannte „Schleuderbleie“, eingesetzt. Auch aus Carnuntum stammen zahlreiche Bleifunde, wie etwa bleierne Wasserohre, Bleigewichte oder -tafeln. Der Bedarf an Blei war so hoch, dass ein reger Handel über weite Strecken betrieben wurde. Römische Bleibarren, die oft über 80 kg wogen und Inschriften zur Herkunft und Datierung trugen, sind heute wertvolle Quellen für die Erforschung antiker Handelsrouten.
Fluchtäfelchen, ursprünglich um einen dreikantigen Nagel gewickelt; unregelmäßige Form; Inschrift in lateinischer Sprache mit griechischen Textteilen verfasst. - © NÖ Landessammlungen
Der gesundheitliche Preis des Fortschritts
Die römische Bleiverarbeitung hinterließ jedoch nicht nur wirtschaftliche Spuren, sondern auch langfristige Umweltfolgen. Eiskernanalysen aus Grönland belegen zwischen dem 5. Jahrhundert v. Chr. und dem 3. Jahrhundert n. Chr. einen deutlichen Anstieg des atmosphärischen Bleigehalts, der durch den Bergbau und die Verhüttung verursacht wurde. Neben seiner vielfältigen Verwendungsmöglichkeit war Blei nicht ungefährlich. Bereits Vitruv und später Plinius beschrieben die giftigen Dämpfe, die bei der Verarbeitung des Metalls entstanden. Moderne Forschungen belegen, dass die breite Verwendung von Blei im römischen Alltag – von Wasserleitungen über Kochgeschirr bis hin zur Weinveredelung und -süßung mit sogenanntem „Bleizucker“ (lat. sapa) – zu erheblichen gesundheitlichen Schäden führte. Auch archäologische und geologische Untersuchungen zeigen erhöhte Bleikonzentrationen in Sedimenten und fossilen Böden, die auf eine weitreichende Umweltverschmutzung hinweisen.
exemplar autem ab artificibus plumbariis possumus accipere, quod palloribus occupatos habent corporis colores. namque cum fundendo plumbum flatur, vapor ex eo insidens corporis artus et in diem exurens eripit ex membris eorum sanguinis virtutes. itaque minime fistulis plumbeis aqua duci videtur, si volumus eam habere salubrem. saporemque meliorem ex tubulis esse cotidianus potest indicare victus, quod omnes structas cum habeant vasorum argenteorum mensas, tamen propter saporis integritatem fictilibus utuntur. (Vitruv 8,6,11)
„Dies lässt sich durch die Beobachtung der Arbeiter in der Bleiverarbeitung überprüfen, die eine blasse Gesichtsfarbe aufweisen; denn beim Gießen von Blei setzen sich die Dämpfe des Metalls an den verschiedenen Körperteilen ab und verbrennen sie täglich, wodurch die Lebenskraft des Blutes zerstört wird. Wasser sollte daher unter keinen Umständen durch Bleirohre geleitet werden, wenn wir darauf bedacht sind, dass es gesund bleibt. Dass der Geschmack von Wasser, das durch Tonrohre geleitet wird, besser ist, zeigt sich bei unseren täglichen Mahlzeiten: Denn alle, die silberne Gefäße auf ihren Tafeln verwenden, greifen dennoch zu solchen aus Ton, da bei diesen die Reinheit des Geschmacks erhalten bleibt.“
Chronische Bleivergiftungen hatten vor allem neurologische Auswirkungen. Neuere Studienlegen nahe, dass die Bleibelastung den durchschnittlichen Intelligenzquotienten der Bevölkerung um bis zu drei Punkte senkte. Insbesondere Kinder waren betroffen, was nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Konsequenzen hatte: Die Leistungsfähigkeit und Kreativität der römischen Gesellschaft könnten durch diese kognitiven Beeinträchtigungen erheblich eingeschränkt worden sein. Hinzu kamen physische Beschwerden wie Nierenschäden, Bluthochdruck und ein geschwächtes Immunsystem, die möglicherweise auch die Lebenserwartung und die Effizienz der Arbeitskräfte reduzierten.
9. Thermenwesen I - Bautypen römischer Thermen
Die Bezeichnung Thermae stammt vom griechischen Adjektiv qermóς / thermós "warm". Üblicherweise waren in der römischen Antike damit öffentliche Bäder gemeint, die neben einer Vielzahl von Baderäumen auch Garderoben, Palästren zur Körperertüchtigung, Bibliotheken und andere Aufenthaltsbereiche wie zum Beispiel Gaststätten beinhalteten.
Beim einfachsten Bautyp, dem Reihentyp, der etwa in der wieder errichteten Therme in der Römerstadt Carnuntum vorliegt, wurden die notwendigen Räume aneinandergereiht: vor dem Eingang befanden sich die Latrinae – also die gemeinschaftlichen WC-Anlagen. Im Apodyterium, der Garderobe, legte man sodann die Straßenkleidung ab, gelangte in das Frigidarium (Kaltbad) und über das Tepidarium (Warmbad) in ein Sudatorum (Sauna oder Schwitzbad) oder in ein Caldarium (Heißbad). Von hier aus konnte man in den Freibereich, die sogenannte Palästra, gehen und sich mit Ballspielen, Ringen oder anderweitig körperlich ertüchtigen.
Dem Prinzip, die einzelnen Räume mit ansteigenden Temperaturen der Reihe nach zu benützen, konnte hier also ganz einfach gefolgt werden. Man musste jedoch am Rückweg aus der Therme nochmals alle Baderäume durchschreiten. Beim aufwendigeren Ringtyp wurde das vermieden. Auch hier fanden sich Eingangsbereich, Apodyterium, Frigidarium, Tepidarium, Sudatorium und Caldarium sowie eine Palästra allerdings ringförmig aneinandergereiht. Dieser Typus findet sich etwa bei der großen Forumstherme, im Volksmund auch Palastruine genannt, die gleich neben dem römischen Stadtviertel in Petronell-Carnuntum besichtigt werden kann.
Der dritte belegte Haupttypus ist der sogenannte Kaisertyp, der eigentlich ein Hauptring mit zwei umlaufenden Ringen war. Diese Bauart findet sich zum Beispiel bei den bekannten Stabianerthermen in Pompeji. Die Entwicklung des opus caementitium (Gussbeton) sowie des sog. Hypokaustum, einer ausgeklügelten Fußbodenheizung, führte dazu, dass Thermen in Rom und den römischen Provinzen in jeder größeren Siedlung zu finden waren, so natürlich auch in Carnuntum. Für die Römerstadt sind neben kleineren Privatbädern mehrere größere Thermenanlagen durch die neuesten Forschungsergebnisse belegt.
10. Thermenwesen II - Die soziale Komponente römischer Thermen
© Land NÖ, Archäologischer Park Carnuntum - Therme Grabungen 1965
Neben der Körperreinigung hatten Thermen auch eine große gesellschaftliche Bedeutung, denn hier traf man sich auch, um Neuigkeiten auszutauschen.
Thermen galten als ein sichtbares Zeichen römischer Zivilisation und spielten eine wichtige Rolle bei der Romanisierung der Provinzen: Wandmalereien, Marmorverkleidungen und Mosaiken gehörten zur Grundausstattung von Thermenbauten auch in kleineren Siedlungen. Häufig finden sich auch Kuppeln mit Glasmosaiken oder Stuckverzierungen sowie reicher Skulpturenschmuck. Häufig waren es auch Mitglieder der Stadtelite, die dem städtischen Gemeinwohl Thermen und andere große öffentliche Gebäude stifteten.
Der Eintritt in eine Therme wurde bewusst niedrig gehalten, sodass sich auch einfachere, sozial niedriger gestellte Bürger einen regelmäßigen Besuch im Bad leisten konnten. Männer und Frauen war es nicht erlaubt, sich zur selben Zeit in der Therme aufzuhalten, außer es gab bauliche Vorkehrungen, sodass einander die beiden Geschlechter nicht begegneten. An manchen Tagen waren Thermen auch den Sklaven zugänglich. Ihre Besitzer achteten mit dieser Maßnahme darauf, dass die Sklaven gesund blieben und somit ihre Arbeit so lange wie möglich verrichten konnten. Aus demselben Grund standen Sklaven übrigens auch Weinrationen zu.
Nach dem Ablegen der Straßenkleidung, für die es in manchen Thermen eigene Aufpasser gab, denn Kleidung war extrem teuer, begab man sich mit einem Leinentuch und Holzschlapfen in die Baderäume. Die Abfolge war von der Temperatur her zwar vorgegeben, doch nicht zwingend zu befolgen. Die Becken scheinen nach heutigem Ermessen klein, eher mit einem Whirlpool vergleichbar als mit einem Badebecken. Die sog. Strigilis, ein metallenes Werkzeug, das man in die Therme mitbrachte, diente zum Abschaben von Öl, Sand und abgestorbener Haut. Nach dem Badegang rieb man sich mit Öl ein und kleidete sich an. Seife in der uns bekannten Form war in der römischen Antike nicht gebräuchlich.
© Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Foto: N. Gail)
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Kirchengast, Nisa-Iduna: Römer-Quellen. Wasserversorgung in der Antike, in: Römerstadt Carnuntum Blog, online verfügbar unter: https://www.carnuntum.at/de/magazin/romer-quellen-wasserversorgung-in-der-antike/727, zuletzt geprüft am 10.08.2026.
-> Lambrecht, Ulrich, Der Rhein im Denken der Römer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/der-rhein-im-denken-der-roemer/DE-2086/lido/5d63a243246c37.82044604 (abgerufen am 11.08.2026)
-> Die Eifelwasserleitung nach Köln, in: bodendenkmalpflege.lvr.de, online verfügbar unter: https://bodendenkmalpflege.lvr.de/de/aktuelles/presse/2018_1/2018_11_20_2.html, zuletzt geprüft am 11.08.2026.
-> Kirchengast, Nisa-Iduna: Das stille Örtchen – Toiletten in der Antike, in: Römerstadt Carnuntum Blog, online verfügbar unter: https://www.carnuntum.at/de/magazin/toilets-in-antiquity/896, zuletzt geprüft am 11.08.2026.
-> Kirchengast, Nisa-Iduna: Fortschritt mit Nebenwirkungen. Wie Blei die Antike veränderte, in: Römerstadt Carnuntum Blog, online verfügbar unter: https://www.carnuntum.at/de/magazin/fortschritt-mit-nebenwirkungen-wie-blei-die-antike-veranderte/1021, zuletzt geprüft am 22.08.2026.
-> Kirchengast, Nisa-Iduna: Thermenwesen I. Bautypen römischer Thermen, in: Römerstadt Carnuntum Blog, online verfügbar unter: https://www.carnuntum.at/de/magazin/thermenwesen-i-bautypen-romischer-thermen/778, zuletzt geprüft am 22.08.2026.
-> Kirchengast, Nisa-Iduna: Thermenwesen II. Die soziale Komponente römischer Thermen, in: Römerstadt Carnuntum Blog, online verfügbar unter: https://www.carnuntum.at/de/magazin/thermenwesen-ii-die-soziale-komponente-romischer-thermen/776, zuletzt geprüft am 22.08.2026.
Sekundärliteratur
-> Schneider, Johannes: Der erste Aquädukt, in: Rom. Die Geschichte der Republik (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 50), Hamburg 2011.
-> Wieland Martin u. Schäfer, Alfred: Abwasserentsorgung im römischen Köln, in: Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (9. Jg., Heft Nr. 1), Bad Homburg 2015, S. 12-15.
-> Schade-Lindig; Lindenthal, Jörg: Frischwasser für gut situierte Römer in der Wetterau, in: Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (16. Jg., Heft Nr. 1), Bad Homburg 2022, S. 24-29.
Medizin und Gesundheit
Krankheiten und ungesunder Lebensstil
Übersicht/Zusammenfassung
Inhaltsverzeichnis
1. Blei machte schon die Römer dümmer (Artikel)
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1. Blei machte schon die Römer dümmer
Eine neue Eiskernstudie aus der Arktis zeigt: Bereits vor 2000 Jahren vergiftete sich die Menschheit flächendeckend mit Blei und reduzierte so ihren IQ – auf der Suche nach Reichtümern
Schon geringe Mengen reichen, um Menschen ernsthaft krank zu machen: Blei kann zu Unfruchtbarkeit, Anämie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs führen. Besonders bei Ungeborenen, Säuglingen und Kleinkindern wirkt sich das giftige Schwermetall fatal aus: Es kann das Nervensystem schädigen, die Blutbildung beinträchtigen – und der Intelligenzentwicklung schaden.
Blei ist überall: in der Atemluft, im Boden, in der Nahrung, im Trinkwasser, sogar in der Muttermilch. Es steckt etwa in alten Farben, im Tabakrauch, in uralten Bleileitungen und lange Zeit in Autoabgasen aus verbleitem Benzin. Im Körper lagert es sich mitunter in Knochen, Muskeln und im Gehirn ab und wird dort über Jahre gespeichert und allmählich freigesetzt.
Forscher des Desert Research Institute (DRI) in Nevada haben nun in einer aktuellen Studie nachgewiesen, dass bereits zur Zeit der Römischen Republik die Bleibelastung so hoch war, dass sie den IQ-Wert der europäischen Bevölkerung um mindestens zwei bis drei Punkte verringerte. "Das hört sich nicht nach viel an, aber wenn man das auf die gesamte europäische Bevölkerung anwendet, ist es eine ziemlich große Sache", so Studienmitautor Nathan Chellman, Assistenzprofessor am DRI.
Für ihre Studie untersuchten die Wissenschaftler mehrere Eiskernproben aus der Arktis, die Rückschlüsse auf die Zeit zwischen 500 vor und 600 nach Christus zulassen. Diese Epoche umspannt den Aufstieg der Römischen Republik bis zum Fall des Römischen Reichs; die Studie konzentrierte sich auf die etwa 200-jährige Blütezeit, die "Pax Romana" (ca. 27 v. Chr. bis etwa 200 n. Chr.).
Verursacher der damaligen Bleibelastung in der Atmosphäre waren Bergbau- und Verhüttungsbetriebe in ganz Europa. Vor allem im Silberbergbau wurde das bleihaltige Mineral Galenit eingeschmolzen, um so das enthaltene Silber zu gewinnen. Für jede gewonnene Unze Silber, so die Forscher um Studienleiter Joe McConnell, fielen bei diesem Prozess Tausende Unzen Blei an, von denen große Teile in die Atmosphäre gelangten.
Die Studie ergab außerdem, dass die Bleiverschmutzung der Atmosphäre bereits während der Eisenzeit begann, dann im späten 2. Jahrhundert v. Chr., während der Krise der Römischen Republik, stark zurückging, bevor sie um 15 v. Chr. mit dem Aufstieg des Römischen Reiches wieder anstieg.
Die Bleibelastung blieb bis zur Antoninischen Pest von 165 bis 180 n. Chr. hoch, mutmaßlich eine Pockeninfektion, die ein jahrelanges Massensterben auslöste und das Römische Reich schwer in Mitleidenschaft zog. Erst im Hochmittelalter, zu Beginn des zweiten Jahrtausends n. Chr., überstieg die Bleiverschmutzung in der Arktis die anhaltend hohen Werte des Römischen Reiches.
Die Hunderte Meter langen Eisbohrkerne, die Professor McConnell und sein Team für ihre Studie untersuchten, fungierten wie "Postkarten aus der Vergangenheit", so die Forscher. Gut dokumentierte Vulkanausbrüche etwa hatten ihre Spuren im Eis hinterlassen und halfen so bei der Datierung anderer Ereignisse. Im Eis eingeschlossene Gasblasen gaben Aufschluss über die Atmosphäre vergangener Epochen.
Von wegen erhaben: Die meisten Römerinnen und Römer erleben ihre Metropole als Moloch mit einsturzgefährdeten Hochhäusern, engen Gassen und stinkenden Kloaken, in denen ein makabrer Handel blüht
Und so zeigen die Eiskerndaten auch, dass die Bleibelastung in der Arktis in den frühen 1970er-Jahren ihren historischen Höchststand erreichte. Damals lag sie 40-mal höher als zur Zeit des Römischen Reichs – und stammte hauptsächlich aus den Emissionen von Fahrzeugen, die mit verbleitem Benzin fuhren.
Eine Erkenntnis, die zeigt, wie "der Mensch seine Gesundheit seit Tausenden von Jahren durch industrielle Aktivitäten beeinflusst hat", sagt McConnell.
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Quellen:
Internetquellen
-> Bertrand Kirsten: Bis zu drei IQ-Punkte weniger: Blei machte schon die alten Römer dümmer, in: GEO, online verfügbar seit 06.01.2025, unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/blei-machte-schon-die-alten-roemer-duemmer-35358714.html, zuletzt geprüft am 05.04.2025.
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Sekundärliteratur
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Gesellschaft und Staatsaufbau
Sexualität
Übersicht/Zusammenfassung
Inhaltsverzeichnis
1. Sexualgeschichte: Männersex im alten Rom (Artikel und Podcast)
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1. Sexualgeschichte: Männersex im alten Rom (Artikel)
Im antiken Rom dachte man anders über Sexualität nach als heute. Der Unterschied zwischen Homosexualität und Heterosexualität war viel weniger wichtig als die Frage, wer beim Sex der aktive und wer der passive Partner ist. Ein Vortrag des Historikers Jan Meister.
Der römische Dichter Catull scheute sich nicht vor sexuell expliziten Versen. In einem Schmähgedicht droht er zwei Kritikern eine Vergewaltigung an: "Ich fick' euch in Hintern und Mund!" So übersetzt der Historiker Jan Meister eine Zeile dieses Gedichts, mit dem er seinen Vortrag beginnt.
"Der Blick auf die antike Sexualität hat eine emanzipatorische Funktion für die Gegenwart. Die normativen Kategorien von Homo- und Heterosexualität erscheinen nicht mehr als biologische Konstanten sondern als historisch wandelbare soziale Konstrukte."
Jan Meister ist Althistoriker und lehrt an der Universität Bern. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören kulturelle Anthropologie und Körpergeschichte. In seinem Vortrag erzählt er, wie sich die Auffassung von männlicher Sexualität im Laufe des Römischen Reiches gewandelt hat. Dabei geht es nicht in erster Linie um Homosexualität. Denn das ist eine Kategorie, die für die Römer zunächst gar nicht so wichtig war.
"Der sexuelle Akt ist eng mit Hierarchie und Macht assoziiert. Wobei der aktive penetrierende Partner dominant und männlich erscheint, während der passiv penetrierte Partner als machtlos und unmännlich diffamiert wird."
Beim Sex spielten andere Unterscheidungen eine viel größere Rolle: Wer ist der aktive, penetrierende Partner? Dieser Part wurde mit Stärke, Macht und Männlichkeit assoziiert.
Gender des Partners: Ob Mann oder Frau spielte kaum eine Rolle
Ob der passive Sexualpartner eine Frau oder ein Mann war, spielte dabei kaum eine Rolle. Der, der sich penetrieren lässt, galt hingegen als weich und weiblich. Und wer sich gar darum bemühte, seinen Körper attraktiv für andere zu machen, der wurde verspottet.
"Ein Mann konnte nicht wahllos alles penetrieren, sondern hatte sich am Status des jeweiligen Partners zu orientieren. Freie römische Männer und schutzlose Knaben waren Tabu. [...] Mit neuzeitlichen Verboten von Homosexualität hat das nur bedingt etwas zu tun. Denn derselbe Akt mit einem Sklaven oder Nicht-Bürger stellte für die Römer kein Problem dar, solange der Sklave die passive Rolle einnahm."
Auch die Frage, welchem sozialen Stand die Sexualpartner angehörten, war wichtig. Wenn ein freier Bürger Sex mit einem männlichen Sklaven hatte, dann war das kein Problem, solange der Sklave der passive Partner war. Sich als freier Mann penetrieren zu lassen, aber galt als verwerflich.
"Die Kategorien von aktiv Penetrierenden und passiv Penetrierten funktionieren ganz anders als die modernen Konzeptionen von Homo- und Heterosexualität."
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Quellen:
Internetquellen
-> Meister, Jan: Sexualgeschichte: Männersex im alten Rom, in: Deutschlandfunk Nova online, verfügbar seit 24.03.2022 unter: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/sexualgeschichte-homosexualitaet-und-maennlichkeit-im-antiken-rom, zuletzt geprüft am 05.05.2025.
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Sekundärliteratur
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Familien und Kinder
Inhaltsverzeichnis
1. Spielen, Lernen, Aufwachsen - Kinderleben im und ums Legionslager Vindonissa
1. Spielen, Lernen, Aufwachsen - Kinderleben im und ums Legionslager Vindonissa
Funde belegen, dass in Vindonissa im 1. Jahrhundert n. Chr. auch Kinder gelebt haben. Doch wie sah deren Alltag aus? Wie wuchsen sie inmitten tausender Legionäre auf? Und womit spielte man im und um das Legionslager?Im Boden von Vindonissa stiessen Archäologen und Archäologinnen auf faszinierende Funde, die Einblicke in das Leben vor 2000 Jahren im einzigen Legionslager in der heutigen Schweiz geben. Darunter sind mehrere Objekte, die einst Kindern gehörten.Eines der spannendsten Stücke ist eine Tonrassel in Form eines Hahns, die heute im Vindonissa Museum ausgestellt ist. Solche Tonfiguren von Tieren waren im Römischen Reich weit verbreitet. Sie waren mit kleinen Steinchen gefüllt und sollten sowohl beruhigend auf Säuglinge wirken als auch vor bösen Geistern schützen.
Uneheliche Kinder von Legionären in Vindonissa
Dass eine Rassel in einem Legionslager gefunden wurde, mag auf den ersten Blick überraschen. Schliesslich war es den Legionären nach geltendem Recht verboten, während ihrer Dienstzeit eine Ehefrau und Kinder zu haben. Es sei denn, sie gehörten zu den höheren Dienstgraden und genossen besondere Privilegien.Dies hielt die Legionäre jedoch nicht davon ab, während ihrer Dienstzeit Beziehungen zu Frauen ohne römisches Bürgerrecht aus der provinzialen Bevölkerung einzugehen. Aus diesen als Konkubinat (concubinatus) bezeichneten Beziehungen gingen häufig Kinder hervor, die rechtlich gesehen als unehelich galten.In Vindonissa lebten die unehelichen Kinder nicht im Legionslager selbst, sondern in der umliegenden Zivilsiedlung.Hohe Offiziere lebten mit der FamilieFür höhere Offiziere und den Legionskommandanten galten jedoch andere Regeln. Sie durften rechtsgültige Ehen mit römischen Bürgerinnen eingehen. Die ranghöheren Legionsangehörigen lebten daher mit ihren Familien innerhalb des Legionslagers. Funde aus Vindonissa belegen dies eindrucksvoll: etwa zwei Gräber mit den Überresten von drei Neugeborenen, die 2003 im Haus eines centurio entdeckt wurden.
Kindheit im Imperium Romanum
Ein Neugeborenes erhielt erst einige Tage nach der Geburt einen Namen. Dies lag vermutlich daran, dass die Kindersterblichkeit hoch war und man zunächst abwarten wollte, ob das Kind überlebensfähig war. Zum Schutz vor Unheil trugen Kinder Amulett-Halsbänder.Im Römischen Reich wurden Kinder in der Regel bis zum sechsten oder siebten Lebensjahr von ihrer Mutter, einer Amme oder einer Sklavin aufgezogen.
Römische Elementarschule
Ab dem siebten und etwa bis zum zwölften Lebensjahr besuchten die Kinder vermögender Eltern eine Art Elementarschule. Dort lernten sie Rechnen, Lesen und Schreiben. Es war nur eine rudimentäre Ausbildung, in der das Nötigste für den Alltag gelernt wurde, um Rechnungen, Belege und kurze Briefe schreiben zu können. Die grosse Mehrheit der Kinder kam nie über die Elementarschule hinaus und viele konnten auch gar nicht lesen und schreiben.Nur den gut situierten Jungen stand im Alter von 13 oder 14 Jahren ein Studium griechischer und lateinischer Literatur offen, wo sie je nachdem auch in die Kunst der Rhetorik eingeführt wurden. Mädchen hingegen wurden meist früh verheiratet und besuchten – wenn überhaupt – nur die Elementarschule.Die Schulbildung damals lässt sich keinesfalls mit heute vergleichen. Eine Schulpflicht existierte nicht. Es gab auch keine staatlichen Schulen oder Schulstoff, der Staat kümmerte sich nicht ums Schulwesen. Eine Schule gründen durfte jeder zum Lehren befähigte Mann.Wie die Schulbildung in Vindonissa konkret organisiert war, ist nicht bekannt. Man kann jedoch davon ausgehen, dass sie ähnlich wie an anderen Orten im Imperium Romanum ablief. Somit dürften die centuriones, die mit ihren Familien im Legionslager lebten, grossen Wert auf eine gute Ausbildung ihrer Söhne gelegt haben.
Spiele und Spielzeug zur Römerzeit
Dank Ausgrabungen ist es möglich, ein ungefähres Bild der Spielzeuge zu erhalten, mit denen die Kinder in Vindonissa spielten. Beispielsweise fanden Archäologinnen und Archäologen im Boden drei gedrechselte Holzkreisel. Solche waren im römischen Reich ein überaus beliebtes Spielzeug.
Bälle
Ebenfalls sehr verbreitet waren Bälle, nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen. Bälle waren meist aus Tuch oder Leder genäht und mit Haaren, Federn, Filz oder Ähnlichem befüllt. Anstelle von Bällen spielten Kinder auch gerne mit Reifen aus Holz, die sie durch die Strassen und über freie Plätze trieben.
Würfel- und Brettspiele
Ein weiteres beliebtes Spielzeug in der Römerzeit waren Würfel- und Brettspiele. Archäologinnen und Archäologen fanden in Vindonissa zahlreiche Spielsteine und Würfel.Schwarze und weisse Glassteine wie die abgebildeten aus Vindonissa waren am häufigsten, aber es gab auch farbige. Bei verschiedenen Brettspielen spielte die eine Person mit den hellen, die andere mit dunklen Steinen.Knöchelchen aus Sprunggelenken von Ziegen, Schafen und Rindern, astragali genannt, wurden von Kindern für Geschicklichkeitsspiele verwendet. Die Seiten der astragali hatten nämlich wie bei einem "normalen" Würfel unterschiedliche Werte. Von ihnen gab es Nachbildungen aus Bronze, Ton, Gold und anderen Materialien. Nüsse wurden ebenfalls häufig zum Spielen verwendet, wie antike Literatur und Funde verdeutlichen. Genauso gut könnten auch – wie bei heutigen Kindern - Äste, Steine, Erde, zerbrochene Gefässe etc. als Spielzeug gedient haben.
Als Kind in Vindonissa
Wie genau der Alltag und die Schulbildung der Kinder im und ums Legionslager Vindonissa wirklich aussah, kann heute natürlich nicht mehr gesagt werden. Trotzdem ermöglichen Funde teilweise nachzuvollziehen, wie ein Kind aus Vindonissa aufgewachsen ist, womit es gespielt hat und wie es ausgebildet worden ist. Es sind Spuren der Vergangenheit, die uns einen kleinen Einblick in den Alltag eines Kindes im römischen Vindonissa geben.
Schraner, Simona: Spielen, Lernen, Aufwachsen - Kinderleben im und ums Legionslager Vindonissa, in: Museum Aargau Blog, online verfügbar seit 25.03.2025 unter https://www.museumaargau.ch/blog/spielen-lernen-aufwachsen-kinderleben-in-und-ums-legionslager-vindonissa, zuletzt geprüft am 14.07.2025.
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Quellen:
Internetquellen
-> Schraner, Simona: Spielen, Lernen, Aufwachsen - Kinderleben im und ums Legionslager Vindonissa, in: Museum Aargau Blog, online verfügbar seit 25.03.2025 unter https://www.museumaargau.ch/blog/spielen-lernen-aufwachsen-kinderleben-in-und-ums-legionslager-vindonissa, zuletzt geprüft am 14.07.2025.
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Sekundärliteratur
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Politik
Außenpolitik und Austausch
Inhaltsverzeichnis
1. Migration und Integration
1. Migration und Integration
Die Gebiete östlich des Rheins und nördlich der Donau waren bis zum Ende des 1. Jh. n. Chr. nur dünn besiedelt. Durch den Bau des Limes und die dauerhafte Stationierung der Truppen an einem Ort kam es zu einem starken Zuzug vor allem aus Gallien, aber auch aus den Donauprovinzen. Diese Migration aus dem keltischen Kulturraum lässt sich in den erhaltenen Inschriften an den Namen und Ortsangaben erkennen.
Die engen Beziehungen zur römischen Armee waren für die Zuwanderer ein wichtiger Faktor bei der Integration in eine zunehmend romanisierte Gesellschaft. Nicht wenige Soldaten werden schon während ihres aktiven Dienstes eine Familie gegründet haben und die standortnahe Rekrutierung neuer Soldaten förderte die enge Verbindung zwischen Armee und Zivilbevölkerung.
Diesem Bild entspricht, dass zahlreiche Militärdiplome, die Entlassungsurkunden der Soldaten, in den Kastelldörfern gefunden wurden. Ein ähnliches Bild zeigen auch Inschriften von Veteranen, die ihre engen Kontakte zu den Einheiten nutzten, um Handel zu treiben oder Dienstleistungen anzubieten. Durch die engen sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen entstand so über die Jahrzehnte eine römisch-keltische Militärgesellschaft.
Der Großteil der Bevölkerung verfügte dabei zunächst noch nicht über das römische Bürgerrecht. Dieses verbreitete sich primär über die Soldaten, die nach 25 Jahren Dienst bei der Entlassung das Bürgerrecht erhielten. Mit verliehen wurde in der Regel das conu-bium, das Recht, eine nach römischem Recht gültige Ehe mit einer Nichtrömerin einzuge-hen, wodurch auch die Kinder aus dieser Beziehung das Bürgerrecht erhielten. Erst im Jahr 212 n. Chr. verlieh Kaiser Caracalla schließlich allen Provinzbewohnern im Reich unabhängig von ihrer Herkunft das römische Bürgerrecht.
-> vgl.: Kemkes, Martin u. Wötzhel, Judith: Römer, Limes, Welterbe. Das Limesmuseum Aalen, Oppenheim am Rhein 2024., S. 60.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Kemkes, Martin u. Wötzhel, Judith: Römer, Limes, Welterbe. Das Limesmuseum Aalen, Oppenheim am Rhein 2024.
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