Aquädukte und Wasserwirtschaft Inhaltsverzeichnis Der erste Aquädukt. Wasser für Rom. Abwasserentsorgung im römischen Köln Frischwasser für gut situierte Römer in der Wetterau Römer-Quellen: Wasserversorgung in der Antike  Der Rhein im Denken der Römer Die Eifelwasserleitung nach Köln Das stille Örtchen. Toiletten in der Antike. Fortschritt mit Nebenwirkungen - Wie Blei die Antike veränderte Thermenwesen I - Bautypen römischer Thermen Thermenwesen II - Die soziale Komponente römischer Thermen 1. Der erste Aquädukt. Wasser für Rom. Ihren wichtigsten Kampf führen die Römer nicht gegen die Heere ihrer Gegner – sondern gegen die Natur. Denn nur wenn es ihnen gelingt, Rom mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen, kann die Stadt weiter wachsen. Und so über brücken römische Ingenieure Täler und Ebenen, durchbrechen Wälder und Berge, um über Aquädukte das kostbare Nass selbst aus entlegenen Quellen in ihre Kapitale zu leiten. Rom hat keinen bedeutenden Hafen, liegt weder an einem großen See noch am Meer – und doch ist Wasser das Geheimnis seiner Größe. Denn Wasser lässt die Stadt wachsen, als die natürlichen Grenzen ihrer Ausdehnung längst erreicht sind. Ohne Wasser hätten die Römer ihre Stadt nicht zur mächtigsten Metropole der Welt ausbauen können. Hunderte Mil lio nen Liter sind für diesen einzigartigen Aufstieg nötig, glasklares Nass, jeden Tag. Die unmittelbare Umgebung der Stadt bietet diese unverzichtbare Ressource nicht in ausreichender Menge. Um sie dennoch zu bekommen, müssen die Bewohner die Natur besiegen. Und so bestreiten die Römer ihren bedeutendsten Kampf nicht gegen die Armeen ihrer Feinde, sondern gegen die Täler und Berge, die Sümpfe und Wälder, die ihre Stadt umgeben. Nur so können sie sicher stellen, dass das Wachstum ihrer Stadt nicht im Chaos endet. Es ist ein Kampf, der jahrhundertelang andauert und der Roms Ingenieure immer wieder vor scheinbar unlösbare Probleme stellt. Und der doch dazu führt, dass Bauwerke entstehen, die zu den beein druckendsten der Geschichte gehören: Roms Aquädukte. Aqua bedeutet im Lateini schen „Wasser“, ductus „Leitung“. Die Römer versuchen also, das Wasser zu leiten, es zu beherrschen. Zwar bauen schon die Griechen Wasserleitungen, um ihren Bedarf an Trinkwasser zu decken, auch die As - syrer sowie die Etrusker in Norditalien. Doch niemand perfektioniert die Technik so sehr wie die Ingenieure aus der Tiberstadt. Als die Republik im Jahr 27 v. Chr. endet, transportieren fünf gigantische Fernwasserleitungen jeden Tag mehr als 200 Millionen Liter Wasser in die Stadt. Die Aquädukte verlaufen insgesamt über mehr als 200 Kilometer Länge, über winden Täler, Berge und Flüsse. In Rom ergießen sich die Aquädukte in Reservoire. Von dort aus leiten Tausende Blei- und Tonrohre das Wasser in die verschiedenen Bezirke, speisen Brunnen, öffentliche Bäder und bringen das Nass sogar direkt in Häuser wohl habender Römer. Die gewaltigen Mengen an Schmutzwasser, die täglich anfallen, nehmen mächtige, unterirdi sche Kanäle auf und führen sie in den Tiber. Es ist ein System, in seiner Vollkommenheit typisch für die Römer. Sie mögen keine großen Erfinder sein, doch sobald sie bei anderen Völkern eine Technik entdecken, die ihnen nützlich erscheint, bringen sie die Idee der anderen zur Vollendung. Sie konstruieren nicht die ersten Katapulte, stellen aber bald die durchschlagkräftigsten her; sie bauen nicht die ersten Wassermühlen, aber sehr wahrscheinlich die größten. Und sie errichten auch nicht die ersten Fernwasserleitungen – aber die besten. Allein: Gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. bleibt ihnen keine andere Wahl mehr. LANGE ZEIT DECKEN die Römer ihren Wasserbedarf ohne Leitungen. Die ersten Siedler, die auf Hügeln nahe einer Furt über den Tiber in Lehmhütten hausen, schöpfen ihr Wasser aus dem Tiber sowie aus nahen Bächen und kleinen Quellen. Als Rom im Laufe der Jahrhunderte allmählich zur ländlichen Kleinstadt heranwächst, heben seine Bewohner mehr und mehr Brunnen aus und legen Zisternen an, von denen manche Zehntausende Liter Wasser fassen. Das reicht aus, um die Stadt zu versorgen. Vom 4. Jahrhundert v. Chr. an aber triumphiert Rom zunehmend über die benachbarten Völker und Gemeinwesen, erobert nach und nach die etruskischen Stadtstaaten, zwingt Latiner in ein Bündnis, später auch Samniten. Immer mehr Menschen siedeln am Tiber, die in der Metropole eine Chance zum wirtschaftlichen Aufstieg sehen. Gegen Ende des Jahrhunderts zählt Rom bereits etwa 75 000 Einwohner. Und wächst weiter. Die Neuankömmlinge brauchen sauberes Trinkwasser. Ihre Abfälle, feste wie flüssige, müssen entsorgt werden, sonst drohen Krankheiten. Nur mit Brunnen, Zisternen und Kanälen sind diese Probleme nicht mehr zu bewäl tigen. Doch als der Zensor Appius Claudius – in seinem Amt unter anderem für Roms öffentliche Bauten zuständig – 312 v. Chr. den Bau der ersten Fernwasserleitung in der römischen Geschichte plant, sind viele Mitglieder des Senats gegen das Projekt. Ver mutlich empfinden sie das Vorhaben als zu groß, zu teuer und zu risikoreich. Und womöglich verdächtigen sie Appius auch, mit dem epochalen Bau vor allem persönliche Ziele zu verfolgen. Denn obwohl der Politiker aus einem traditionsreichen römischen Adelsclan stammt, sind in den Jahrzehnten zuvor nur wenige seiner Familienmitglieder in be deutende Ämter auf gestiegen. Und so könnte Appius die Fernwasserleitung dazu nutzen, sich bei seiner weiteren politischen Karriere die Unterstützung der ärmeren Bevölkerung zu sichern – denn es sind vor allem die vielen Bewohner der engen und verdreckten Mietshäuser, die von einer besseren Wasserversorgung profitieren würden. Ist der erste Aquädukt Roms also nichts anderes als ein vorzeitiges Wahlkampfgeschenk? Das verwegene Pres tigeprojekt eines ehrgeizigen Politikers? Tatsächlich ist der Plan des Appius Claudius, von Osten her eine mehr als 16 Kilometer lange, zumeist unterirdische Wasserleitung an die Stadt heranführen zu lassen, ein waghalsiges Unternehmen. Und mit der von Claudius zeitgleich geplanten Via Appia – einer knapp 200 Kilometer langen Straße in den Süden – Teil eines der größten Bauprogramme der römischen Geschichte: ein Projekt, das viele Millionen Sesterzen verschlingt und Roms Ingenieure vor extrem komplexe technische Herausforderungen stellt. Doch so sehr die Senatoren an diesem Großvorhaben auch zweifeln mögen – verhindern können sie es nicht: Zu drückend ist der Mangel an sauberem Wasser in der wachsenden Metropole. Wie die Römer nach und nach die Wasserversorgung ihrer Stadt perfektionieren, davon berichten der Architekt Vitruv sowie der Senator Frontin, später Leiter der Wasserbehörde. Obwohl der Baumeister zur Zeit Caesars lebt und der Politiker in der Kaiserzeit, gelten etliche ihrer Ausführun gen auch für die republikanische Epoche, denn die Grund sätze der Konstruktion bleiben die gleichen. SO STEHT AM BEGINN des Baus jedes Aquädukts die Suche nach ergiebigen Quellen, geeigneten Seen oder Flussläufen. Dazu erforschen Experten gezielt das Umland, achten dabei unter anderem auf Zeichen, die auf Grundwasserquellen hinweisen – sie suchen nach bestimmten Pflanzen, Weiden etwa, Erlen, Binsen. Legen sich flach auf den Bauch, stützen ihr Kinn auf den Boden und achten auf Verdunstungen, die aus dem Erdreich aufsteigen. Haben sie eine vielversprechende Stelle ausgemacht, entscheidet sich oft wohl schon nach dem ersten Spatenstich, ob es lohnt, weiterzugraben: Ist der Boden lehmig oder grobkörnig, suchen die Männer anderswo, denn das Wasser unter diesen Böden wird im besten Falle „nicht wohlschmeckend“ sein, wie Vitruv schreibt, und im schlimmsten sogar „schlammig trübe“. Am reinsten, so der Architekt, sei das Wasser meist am Fuß von Bergen: kühl „und der Gesundheit zuträglich“. Für den Bau der Aqua Appia entdecken die Römer um 312 v. Chr. am Rande der Sabiner Berge nordöstlich ihrer Stadt Quellen von bester Qualität. Doch ob die als Startpunkt ihres Aquädukts taugen, wissen sie damit noch lange nicht. Denn entscheidend beim Wassertransport ist die Schwerkraft: Die Aquädukte müssen ein Gefälle haben, andernfalls erreicht kein ein ziger Tropfen die Stadt. Deshalb müssen die Ingenieure vor dem Bau eines Kanals nicht nur seinen Start-, sondern auch den exakten Endpunkt festlegen. Sie müssen bestimmen, wo genau die Wasserleitung in Rom ankommen soll und welche Höhe sie dort noch hat, damit das Wasser in der Stadt möglichst viele Bezirke erreicht. Von dem Punkt in der Stadt aus, den sie für günstig halten, laufen sie dann zurück zur Quelle, notieren die Lage von Hügeln, schätzen die Tiefe von Tälern, achten während des Weges auf jeden Höhen unterschied. Sie „lesen“ also den Verlauf der Landschaft, erwägen unterschiedliche Strecken, machen Umwege. Erst dann stecken Arbeiter Holzpfähle in den Boden, markieren so den Weg, den der Aquädukt nehmen soll. Anschließend bringen Männer einen Chorobat zur Quelle: ein Gerät zum Messen von Höhenunterschieden. Sie stellen die schmale, knapp sechs Meter lange Platte, als deren Beine hüfthohe Hölzer dienen, auf den markierten Verlauf des Aquädukts. Vermutlich haben sie Holzkeile, Balken und Steine dabei, die sie so unter die Beine schieben, dass die Apparatur waagerecht steht. Sie können sich dabei an vier Bleiloten orientieren, die von der Platte herabhängen und mit senkrechten Markierungen an den Streben übereinstimmen, sobald die Apparatur horizontal ausgerichtet ist (siehe Illustration Seite 47). Wenn bei starkem Wind die Lote nicht zur Ruhe kommen, füllt ein Arbeiter eine Mulde in der Mitte der Holzplatte mit Wasser. Reicht die Flüssigkeit an allen Stellen bis zum Rand der Mulde, ohne überzulaufen, wissen sie, dass ihr Gerät ebenmäßig steht. Sobald der Chorobat exakt waagerecht steht, stecken Landvermesser zwei Latten vor und hinter dem Gerät in den Boden, jeweils ein paar Meter entfernt. Ein dritter geht am Gerät in die Hocke, sodass seine Augen genau auf der Höhe der waagerechten Platte des Chorobats sind, und visiert die Messlatten über die Platte an. Anhand der Markierungen an den Latten kann er die Höhenunterschiede zwischen ihren Positionen berechnen – und so das Gefälle zwischen den beiden Messpunkten bestimmen. Mithilfe des Chorobats vermessen die Männer so die Strecke des Aquädukts, notieren akribisch jede Änderung des Gefälles. Meist benutzen sie dazu wohl die Messlatten; in Streckenabschnitten aber, die recht ebenmäßig sind, bestimmen sie das Gefälle wahrscheinlich direkt am Chorobat, indem sie die Höhe der Holzbalken fest halten, die sie brauchen, um das Gerät in die Waagerechte zu bringen. Nach jeder Messung drehen sie das Gerät um 180 Grad – bewegen es also wie einen Stechzirkel vorwärts. Denn die Landvermesser sind sich sehr wohl bewusst, dass selbst ein sorgfältig gearbeiteter Chorobat nicht immer exakt gleich lange Beine hat, dass sich die Platte verziehen kann, etwa nach einem Regenschauer. Und auch wenn die Ungenauigkeiten nur minimal sind, würden sie sich bei der Vielzahl der Messungen zu einem gravierenden Fehler summieren. Deshalb ermitteln die Landvermesser den Höhenunterschied regelmäßig an beiden Enden ihres Geräts – und gleichen die Unzulänglichkeit ihres Materials dadurch aus, dass sie zweimal „falsch“ messen, in der Summe aber das richtige Ergebnis erhalten. Bis sie an Roms Stadtgrenze angekommen sind, haben sie den Chorobat mehrere Tausend Male akribisch in die Waagerechte gebracht, die Messstäbe anvisiert, die Ergebnisse auf Schreibtafeln zusammengestellt und an den Bauleiter über geben. Der kann nun seinen Arbeitertrupps genau sagen, wie sie das Gelände in ihrem jeweiligen Abschnitt nivellieren müssen, damit die Leitung eine möglichst einheitliche Neigung hat – die Römer bauen einen Aquädukt nicht vom Start zum Ziel, sondern teilen die Strecke, um Zeit zu sparen, in viele Einzelabschnitte auf. Die Arbeiter kennen nur das Gefälle in ihrem Bereich; sie wissen beispielsweise, dass ihre Trasse pro Kilometer fünf Meter an Höhe verlieren soll. Mit dieser Vorgabe beginnen sie zu graben, schlagen Schneisen in die Pinienwälder der Umgebung. Denn die Aquädukte verlaufen zumeist unterirdisch – unter anderem deshalb, weil sie so geschützt sind: vor Feinden, die sie zerstören oder das Wasser vergiften könnten; vor Wasserdieben, die die Leitungen anzapfen. Die Aqua Appia etwa verläuft nur auf einem Teilstück von rund 100 Metern über der Erde. Die junge, von Konkurrenten umgebene Republik will ihre erste Lebens ader so gut wie möglich verstecken. Und so heben Hunderte Arbeiter einen kilometerlangen Graben aus, der genug Platz lässt für den Bau der etwa 80 Zentimeter breiten und doppelt so hohen Wasserleitung. Um sicherzugehen, dass sie beim Ausheben der Trasse das vorgegebene Gefälle einhalten, hat jeder Bautrupp drei T-förmige Hölzer dabei. Die, etwa brusthoch, haben erfahrene Tischler mit exakt den gleichen Abmessungen gefertigt. Am Beginn ihres Trassenabschnitts stecken Landvermesser zwei der Hölzer entlang der Strecke in die Erde. Diese Fixpunkte, einige Meter voneinander entfernt, haben sie per Chorobat so eingerichtet, dass ihr Höhenunterschied genau dem Gefälle entspricht, das der Bauleiter bestimmt hat. Nun stellt sich ein Arbeiter mit dem dritten T-Holz weiter unten im Trassenverlauf auf. Oben geht der Ingenieur vor dem ersten T-Holz in die Knie, blickt genau über dessen Oberkante, kneift ein Auge zu und peilt das zweite Holz an, sodass sich die Oberkanten der Hölzer decken. Aus diesem Blickwinkel weist er den Arbeiter mit dem dritten Holz so lange ein, bis sich auch die Oberkante des dritten Holzes auf einer Linie mit den ersten beiden befindet. Dieser Punkt wird wie die beiden ersten mit Holz pflöcken für den Bautrupp markiert. Das T-Holz am Start der Trasse ist jetzt frei, um es weiter unten wieder aufzustellen und mit ihm einen vierten Punkt abzu stecken, den ein Arbeiter bestimmt, indem er vom zweiten über das dritte T-Holz peilt. So geht es weiter. Bei jedem Durchgang markieren die Arbeiter den neu gefundenen Fixpunkt mit einem kleinen Holzpflock, bis zum Ende ihres Trassenabschnitts. Mit den T-Hölzern heben die Arbeiter die gewünschte Gefälle linie sozusagen vom Boden auf Augenhöhe – so können sie das Gefälle Stück für Stück überprüfen, schnell und ohne gro ßen Aufwand. ´Allerdings hat die Methode einen Nachteil. Da die Arbeiter stets in einer geraden Linie über die Oberkanten der Hölzer blicken, lässt sie die Erdkrümmung außer Acht: Die Arbeiter kommen mit den T-Hölzern auf ihrem Abschnitt stets ein wenig über dem gewünschten Endpunkt an. Die Ab weichung wird größer, je länger die Strecke ist. Die Ingenieure entscheiden deshalb, die einzelnen Abschnitte der Trasse immer von oben nach unten fest zulegen, also von der Quelle in Richtung Stadt. Denn auf diese Weise können sie darauf vertrauen, dass sie den jeweils anschließenden Streckenabschnitt niemals zu tief, sondern stets ein wenig zu hoch erreichen – ein Fehler, der sicherstellt, dass der Aquädukt immer aus rei chen des Gefälle hat und den die Arbeiter ausgleichen können, indem sie die beiden Kanal abschnitte durch ein kurzes, steileres Stück verbinden. Auf diese Weise folgt die Trasse dem Bodenprofil und verliert in der Regel pro Kilometer zwischen anderthalb und drei Metern an Höhe. WÄHREND HUNDERTE Arbeiter entlang der Trasse Bäume fällen, Tonnen von Erde be wegen und durch Tausende Messungen dieses stetige Gefälle garantieren, schuften mindestens ebenso viele in den staatseigenen Tuff- und Kalksteinbrüchen östlich von Rom. Hilfsarbeiter trennen dort rie sige Steinquader aus den Felswänden, benutzen meterlange, zahnlose Sägeblätter, die den Stein mithilfe jenes scharfkantigen Sandes durchdringen, den die Arbeiter in die Schnittkerbe streuen. Oder sie schlagen Spalten in den Fels, treiben in bestimmten Abständen eiserne Keile hinein und sprengen so das Gestein von der Felswand ab. Aus den Blöcken meißeln Steinmetze gleichmäßige Quader. Mit zweioder vierrädrigen Gespannen bringen Kutscher das Baumaterial zur Trasse. Roms Zensoren schreiben jedes größere Bauvorhaben öffentlich aus und be auftragen dann die Unternehmer, die den besten Preis bieten. Dennoch kostet jeder Aquädukt die Republik gewaltige Ressourcen an Material und Arbeitskräften. Und gehört ein Stück Land, über das die Wasserleitung ver laufen soll, einem Privatmann, muss der Staat es ihm teuer abkaufen, denn enteignen würde er seine Bürger nicht. So belastet allein die Aqua Marcia, die dritte von Roms Fernwasserleitungen, die Staatskasse mit wohl 180 Millionen Sesterzen (der Jahressold einer Legion von 5000 Soldaten beträgt zu jener Zeit etwa 2,4 Millionen Sesterzen). Kein Wunder also, dass Beamte die Bauarbeiten penibel überwachen und jeden Mangel sofort beanstanden. Sie wissen: Das Wasser ist ein gnadenloser Gegner – kraftvoll und gegenüber dem Material schonungslos. Um es zu bändigen, heben die Arbeiter an der Quelle sehr wahrscheinlich eine Grube aus und bauen darin ein großes Auffangbecken aus opus caementi cium , einem Gussbeton aus Kalkmörtel, in den Vulkanerde und Gesteinsbruch gemengt werden. Opus caementicium ist robuster als andere Baustoffe – und noch wichtiger: Es härtet auch unter Wasser aus. Im unteren Bereich der Beckenwände lassen die Arbeiter kleine Schlitze zum Erdreich; durch sie kann das Quellwasser eindringen. An einer großen Öffnung weiter oben wird später die Wasserleitung angeschlossen. Sie wird zumeist aus Stein gemauert. Von innen verputzen Arbeiter die Leitung mit Opus caementicium, und – wohl ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. – einer dünnen Schicht opus signium , einem ebenfalls undurchlässigen Material, das das Wasser in seinem Fluss kaum bremst. Den U-förmigen Kanal verschließen sie anschließend mit großen Steinplatten, oder sie mauern als Dach einen Bogen darüber. So nimmt die Leitung nach und nach Form an, immer mehr Trassenabschnitte werden verbunden, und endet einer von ihnen am Abgrund eines tiefen Tals, steht dort oft schon eine Brücke, über die der Kanal die andere Seite erreichen kann. DENN NACHDEM der Bauleiter die Trasse des Aquädukts festgelegt hat, sind auch Brückenbauer losgezogen. Mit Steinquadern haben sie die Außenwand der Brückenpfeiler gemauert, die Fundamente tief im Erdreich verankert. Ab einer gewissen Höhe haben sie die Steine mit Kränen angehoben, deren Zugseile über eine Welle mit einem großen hölzernen Rad verbunden waren, in dem mehrere Sklaven liefen und dem Flaschenzug des Krans so genügend Hubkraft verliehen. In die fertig gemauerten Pfeiler, noch hohl, haben sie Opus caementicium gefüllt: Der Gussbeton soll die mächtigen Stützen stabilisieren, die für die relativ geringe Last, die sie tragen sollen, eigentlich zu groß sind – aber so Jahrhunderte überdauern. Von Pfeiler zu Pfeiler haben die Brückenbauer große Bögen gemauert. Durch die Bogentechnik sparen sie viele Tonnen an Material, können die Brücken auch über längere Strecken bauen. Schon die Etrusker und Ägypter errichteten Bögen, doch die Römer entwickeln die Methode weiter, setzen bei ihren Aquäduktbrücken mehrere Bogenreihen übereinander und schaffen schließlich Bauwerke von fast 50 Meter Höhe. Die letzte, entscheidende Ebene, auf der die Wasserleitung entlanglaufen soll, errichtet der Bautrupp wahrscheinlich erst, wenn die Arbeiten an dem Trassen abschnitt vor dem Aquädukt fast beendet sind. Denn obwohl die Planer den Anfangs- und Endpunkt der Brücke per Chorobat bestimmt haben, wissen sie erst, wenn der Kanal in Sicht ist, wie hoch die Brücke tatsächlich sein muss. Bei besonders tiefen Tälern entscheiden die Ingenieure (vor allem in der Kaiserzeit), nur eine kleine Brücke am Talboden zu bauen und die Wasserleitung an den Hängen herab- und wieder hinaufzuführen. Die Rohre für diese steilen Strecken gießen Handwerker aus Blei, denn die Leitungen, die einen geringeren Durchmesser haben als das steinerne Aquädukt, müssen dem hohen Druck des Wassers standhalten. Am Ausgangspunkt des steilen Abschnitts bauen Arbeiter ein offenes Becken. Hier sammelt sich später das Wasser, bevor es in die Bleirohre schwappt, die vom oberen Ende des Bassins abzweigen. Auf der anderen Seite des Tales errichtet ein weiterer Bautrupp am Anfang des nächsten Leitungsstücks ein zweites Sammelbecken – allerdings einige Meter tiefer als das Gegenüber liegende: So kann das Wasser später gemäß dem Gesetz kommunizierender Röhren die Steigung überwinden. Die größte Herausforderung für die Ingenieure sind aber nicht die Täler – sondern die Berge. Wann immer möglich, umgehen die Planer Erhebungen, nehmen auch Umwege in Kauf. Doch nicht immer hilft diese Lösung; denn wird die Strecke des Aquädukts zu lang, reicht das Gefälle nicht mehr aus, um das Wasser bis nach Rom zu bringen. Und so bleibt den Römern manchmal nichts anderes übrig, als das Wasser durch einen Berg hindurchzuführen. Mit dem Chorobat bestimmen Spezialis ten wahrscheinlich die Lage von Ein- und Ausgang des Tunnels und stecken von dort aus den geplanten Tunnelverlauf über den Höhenzug ab. Entlang dieser Linie graben Arbeiter mit Schaufeln, eisernen Keilen und Hämmern senkrechte Schächte aus. Dann treiben Arbeitertrupps Verbindungsstollen zwischen den Schächten durch den Berg. Damit der Tunnel am Ende das vom Bauleiter vorgegebene Gefälle hat, orientieren sich die Arbeiter an Bleiloten, die in jedem Schacht hängen und mit den Holzlatten an der Oberfläche auf einer Linie sind. Muss ein Aquädukt jedoch durch einen besonders hohen Hügel geführt werden, ist die Schacht-Methode zu aufwendig; dann entscheiden Ingenieure, den Tunnel von beiden Seiten durch die Anhöhe zu treiben. So können zumindest zwei Trupps aufeinander zu arbeiten, sparen damit die Hälfte der Bauzeit. Doch nicht immer stoßen die beiden Grabungstrupps präzise aufeinander. Zwar stecken die Ingenieure vor beiden Tunneleingängen Holzstäbe in die Erde, die sie mit den anderen Stäben, die über den Hügel den Verlauf des Tunnels anzeigen, in Flucht gebracht haben. So wissen die Arbeiter, dass sie auf dem richtigen Weg sind, solange sie den Stab vom Stollen aus sehen können. Aber dennoch kommt es vor, dass sich die beiden Trupps nicht treffen, sei es wegen falsch vermessener Stolleneingänge oder Schlamperei der Tunnelarbeiter. Aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. überliefert eine Inschrift sogar den Fall, dass Arbeiter bei einem Aquäduktbau im heutigen Algerien so lange aneinander vorbeigraben, bis jeder Trupp fast den ganzen Hügel durchstoßen hat. Erst der Landvermesser – der die Baustelle in der Zwischenzeit verlassen hatte – bringt die eifrigen Gräber wieder auf Kurs. Doch meist überprüfen Arbeiter die bereits gebaute Strecke regelmäßig anhand der Fluchtstäbe, nehmen, wann immer nötig, kleine Korrekturen vor und schaffen es so, den anderen Bautrupp zu treffen. Wenn nach monatelanger Arbeit schließ lich alle Hügel durchtunnelt, alle Täler überbrückt und alle Bauabschnitte vollendet sind, lassen die Ingenieure an der Quelle das Wasser erstmals in den Aquädukt fließen. Zumindest an den Druckleitungen werden sie an diesem Tag Arbeiter postiert haben, um sie zur Not rasch zu reparieren. Denn die Biegungen, in der die Leitungen von schrägen Abhängen auf die waagerechten Talbrücken übergehen, sind Schwachstellen der Konstruktion: Baut sich der Druck zu schnell auf, bersten die Rohre. Einige Stunden dauert es, bis das Wasser Roms Stadtmauer passiert und ein gewaltiges Reservoir erreicht. Von diesem castellum gehen mehrere große Blei- oder Tonrohre ab, durch die das Wasser zu Verteilerbecken in den Stadtbezirken gelangt (137 dieser Becken verteilen sich am Ende der Republik über die Stadt). Dort setzen sich auch Sandkörner und andere Verunreinigungen des Wassers am Boden ab. Von diesen Verteilerbecken führen Rohre zu öffentlichen Brunnen und Bädern sowie zu den Häusern wohlhabender Bürger. Roms Einwohner dürfen kostenlos Wasser zum Trinken und Kochen aus den Brunnen schöpfen, sich in Badehäusern – für die sie Eintritt zahlen – waschen und in öffentli chen Latrinen mit dem Sitznachbarn plaudern, während die Kanäle unter den Toiletten sitzen pausenlos durch gespült werden. Doch nur Roms Oberschicht kann all die Annehmlichkeiten, die das Wasser bringt, auch im eigenen Wohnhaus genießen. Die Höhe des Wassergeldes, das Wohlhabende für diesen Luxus zu entrichten haben, richtet sich nach dem Durchmesser der Zu leitung. 25 verschiedene Normgrößen verwendet die Wasserbehörde, die im 1. Jahrhundert n. Chr. zeitweise 250 000 Sesterzen pro Jahr von den Hausbesitzern kassiert. Im Haus selbst zwei gen von der Zuleitung häufig mehrere Rohre ab, die das Wasser in die Küche und den Waschraum bringen. Für stets gleichmäßigen Druck in den Leitungen sorgen die Castella, die – vergleichbar einem Wasserturm – einige Meter über dem Straßenniveau liegen. Mit Wasserhähnen können die Privilegierten zwischen kaltem und heißem Nass wählen, denn nicht nur in öffentlichen Dampfbädern, sondern auch in manchem Privathaus münden einige der Rohre in einem durch glühende Holzkohlen erhitzten Kessel. Die Armaturen an den Leitungsenden erlauben es, den Wasserfluss zu stoppen, doch meist lassen die Haus besitzer das Nass einfach laufen, Tag und Nacht; schließlich haben sie dafür bezahlt, und seit es die Aquädukte gibt, erscheinen die Reserven schier unerschöpflich. Aus den Häusern sowie den öffentlichen Bädern und Latrinen fließt das einst so rare Wasser in die Kanalisation, die unter Roms Straßen verläuft. Dort münden viele der kleineren Abwasser bäche in Hauptleitungen. Die wichtigste, die cloaca maxima , haben die Römer bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. ausgehoben, um das Sumpfland, auf dem bald das Forum Romanum entstand, zu entwässern. Zunächst war die Cloaca nicht mehr als ein offener Graben, der in den Tiber mündete. Doch nach und nach verbesserten die Römer den Kanal, überdachten und isolierten ihn teilweise mit Opus signium. Gegen Ende der Republik ist die Cloaca so groß, dass Inspektoren sie mit dem Boot durchfahren können, und droht sie zu verstopfen, leiten die Verantwortli chen überschüssiges Wasser zu, um sie durchzuspülen. In der Zeit der Aquädukte entsorgt der Kanal jeden Tag Millionen Liter von Schmutz- und Regenwasser in den Tiber – und hilft so, Roms System des ewig fließenden Wassers zu vollenden. AUCH DANK IHRER am Ende bis zu 91 Kilometer langen Fernwasserleitungen wächst die Stadt schneller als je zuvor und hat um die Zeitenwende fast eine Million Einwohner. Immer höher führen die Römer die Aquädukte auf ihre Stadt zu, damit das Wasser auch die Bezirke auf den Hügeln der Metropole erreichen kann. Und bald ziehen sich Aquäduktbögen mitten durch Roms Häuserschluchten, überspannen mit bis zu 37 Meter hohen Brücken das Gewimmel in den Straßen. Stolz sind die Römer auf ihre Wasserbrücken, errichten sie auch außerhalb ihrer Kapitale: In zahlrei che Provinzen, die die Legionen er obert haben, bringen Ingenieure erstmals Wasserleitungen. So lernen viele der Unterworfenen neben den Togen und Zirkusspielen auch den Luxus fließenden Wassers kennen. Verstecken müssen die Römer ihre Aquädukte nun nicht mehr – längst sind sie zu Symbolen ihrer Macht geworden, sei es in Gallien oder in Nordafrika. „Mit diesen so vielen und so notwendigen Wasserbauten“, schreibt der Leiter der städtischen Wasserverwaltung selbst bewusst, „kannst du natürlich die überflüssigen Pyramiden oder die übrigen nutzlosen, weithin gerühmten Werke der Griechen vergleichen.“ Und tatsächlich: Wie kein anderes Bauwerk der Antike entsprechen Roms Wasserleitungen den grundlegenden Bedürfnissen der Bevölkerung: Sie löschen den Durst Zehntausender, verbessern die Hygiene, machen den Alltag in der Metropole erträglich. Es sind die Triumphe auf dem Schlachtfeld, die Roms Aufstieg vorantreiben; aber erst die Fernwasserleitungen ermög lichen es der Stadt, über Jahrhunderte groß zu bleiben, Kriege und Machtwechsel zu überstehen. Und so wurde, was der Zensor Appius Claudius im Jahr 312 v. Chr. mit seiner nur wenige Kilometer langen Leitung begann, zum vielleicht wichtigsten Faktor von Roms einzigartigem Erfolg. 2. Abwasserentsorgung im römischen Köln Immer seltener bietet sich in Köln die Gelegenheit, größere, seit Kriegsende unbebaute Flächen innerhalb der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA) archäologisch zu untersuchen. Im Rahmen der Generalsanierung von Opern- und Schauspielhaus war dies vor kurzem jedoch möglich, wodurch unter anderem neue Erkenntnisse zur Abwasserentsorgung der Römerstadt gewonnen werden konnten. GRABUNGEN IM OPERNQUARTIER 2012 / 2013 Die Sanierung der Kölner Bühnen umfasste auch den Neubau einer Kinderoper und weiterer Räum lichkeiten unter dem sogenannten Kleinen Offenbachplatz. Im Rahmen dieser Maßnahme konnte das Römisch-Germanische Museum zwischen Oktober 2012 und Juni 2013 südlich des Opern- und östlich des Schauspielhauses eine Fläche von etwa 2600 m2 untersuchen. Vor dem Zweiten Weltkrieg befand sich an dieser Stelle die seit dem Mittelalter nachweisbare Straßenkreuzung Kreuzgasse/ Streitzeuggasse, was vor allem im Bereich des ehemaligen Straßenlandes eine gute Befunderhaltung versprach. Entsprechend fanden sich neben antiken Überresten auch mittelalterliche Mauern, die unter anderem zu Wirtschaftsgebäuden des nahe gelegenen Kreuzbrüderklosters gehörten, sowie mit Kriegsschutt verfüllte Keller gründerzeitlicher Bürgerhäuser. Römische Laufhorizonte waren dagegen nur noch in Ausnahmefällen erhalten, aufgehendes Mauerwerk nirgends. Dennoch erlaubten die unterirdischen Befunde eine Fülle von Aussagen zum städtischen Kanalisationssystem und der Straßenrandbebauung im Zentrum der CCAA. Bezogen auf die römische Topographie lag der Gra bungsbereich nordwestlich des Forums im Umfeld einer Straßenkreuzung, die allerdings nicht deckungsgleich mit der mittelalterlichen war. Bei der hier verlaufenden Ost-West-Straße handelte es sich um den ersten decumanus nördlich des decumanus maximus, der heutigen Schildergasse. Ob dieser eine Kiesoberfläche besaß oder mit Steinplatten gepflastert war, ließ sich nicht mehr feststellen; die Straße konnte nur noch indirekt durch die drei darunter verlaufenden Abwasserkanäle sowie die von Norden und Süden einmündenden Zuleitungen nachgewiesen werden. HOLZKANÄLE UNTER DER STRASSE Die beiden äußeren Straßenkanäle waren als Spitzgräben, der mittlere als kastenförmiger Sohlgraben in den anstehenden Hochflutlehm eingetieft. Ihr Gefälle verlief nach Osten in Richtung Rhein. Im weiteren Verlauf ging die holzverschalte Kanalisation auf Höhe des Forums in den steinernen Hauptsammler über, der an der Südseite des Prätoriums vorbeiführte und wenig später durch die Stadtmauer in den Fluss entwässerte. Die in der Zeichnung rekonstruierte lineare Ausrichtung der Kanäle besitzt einen vorläufigen Charakter, da sie nur in Ausschnitten untersucht worden sind. Sie waren an der Oberkante noch zwischen 1,20 m und 1,70 m breit, 64–86 cm tief und konnten auf einer Länge von bis zu 42 m nachgewiesen werden. Das Gefälle betrug auf dieser Strecke etwas über einen Meter. Alle drei Kanäle waren ursprünglich mit Holzbohlen verschalt und abgedeckt, worauf eine große Zahl von senkrechten Pfostenlöchern in den Wandungen und auf den Sohlen hindeutet. Sie hatten Durchmesser von 8–16 cm und waren noch bis zu 45 cm tief. Dichte Ansammlungen an manchen Stellen lassen auf eine regelmäßige Instandhaltung der Leitungen schließen. Aus einem der Löcher konnte der Rest eines angespitzten Eichenholzpfostens geborgen werden, der dendrochronologisch in die Zeit um 63 n. Chr. datiert werden konnte. Die Keramikfragmente aus den Verfüllungen deuten nach einer ersten, vorläufigen Sichtung ebenfalls darauf hin, dass alle drei Gräben spätestens seit der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Betrieb waren. Vereinzelt ist allerdings auch früheres Fundmaterial (u. a. oberitalische Sigillaten) belegt, so dass eine Verwendung bereits in augusteisch-tiberischer Zeit nicht auszuschließen ist. Bei der Nutzungsdauer allerdings zeigten sich Unterschiede: Zumindest der nördliche Kanal (möglicherweise auch der südliche) geriet im Laufe des 2. Jahrhunderts außer Funktion, während aus dem mittleren noch Keramik mindestens des späten 3. Jahrhunderts stammt. Im 4. Jahrhundert wurde dann auch dieser aufgegeben, wie entsprechende Funde kleinformatiger Münzen aus den darüberliegenden Schichten beweisen. Stadtplan des römischen Köln in der mittleren Kaiserzeit. Das Grabungsareal von 2012/2013 befand sich nordwestlich des zentral gelegenen Forums. DIE „HAUSANSCHLÜSSE“ Dass von einer unterschiedlich langen Nutzungsdauer der holzverschalten Kanäle auszugehen ist, bestätigten auch die von beiden Seiten rechtwinklig einmündenden Zuläufe aus Ziegeln. Oft wurden nämlich ältere Ziegelkanäle nach einiger Zeit mit neuen überbaut. Diese entwässerten allerdings nicht mehr wie ihre Vorgänger in die äußeren Sammler, sondern zogen darüber hinweg bis zum mittleren. Möglicherweise wurden die äußeren Spitzgräben sogar etwas früher als der mittige Sohlgraben angelegt. Insgesamt wurden 16 Zubringerkanäle aus nördlicher und acht aus südlicher Richtung dokumentiert. Die meisten von ihnen waren in sehr ähnlicher Weise konstruiert. Ihre Gesamtbreite betrug zwischen 66 cm und 89 cm; die Kanalwangen bestanden aus lagenweise vermauerten, großteiligen Fragmenten von Dachziegeln (tegulae), die mit den Leisten nach oben und zur Kanalinnenseite hin verlegt wurden. Es waren bis zu vier Ziegellagen erhalten, was einer erhaltenen Innenhöhe von maximal 33 cm entsprach. Als Abdeckung dienten vermutlich Holzbretter, Ziegel- oder Steinplatten, die allerdings bei der Grabung nirgends nachgewiesen werden konnten. Die Sohlen der Kanalrinnen (lichte Weite 25–38 cm) wurden aus sorgfältig längs verlegten tegulae oder Ziegelplatten gebildet, deren Ränder in das Mauerwerk der Kanalwangen einbanden. Auf den Rinnensohlen konnten oft Kalksinterablagerungen dokumentiert werden, deren Dicke bis zu 1 cm betrug. So sehr sich ihre Bauweise im oberen Teil glich, so sehr unterschieden sich die Kanäle hinsichtlich ihres Unterbaus. Mal fand sich nur eine dünne Mörtelschicht, anderswo bis zu 28 cm dickes opus caementicium-Mauerwerk unter Verwendung von Grauwacke- und Tuffbrocken sowie Ziegelbruch. Die im Detail unterschiedliche Bauausführung der Zubringerkanäle lässt auf die Errichtung durch einzelne Anlieger schließen. Die Abwasserkanäle im Straßenland dürften hingegen auf eine öffentlich-städtische Gesamtplanung zurückgehen. Die Verfüllung der Kanäle war recht einheitlich, unabhängig von ihrer Bauweise oder davon, ob sie zeitlich früher oder später erbaut wurden. Es handelte sich durchweg um schwarzbraunen, manchmal grünstichigen, stark humosen Sand. Aus dem Fundmaterial ragen insgesamt 16 Münzen sowie mehrere Nadeln aus Bronze und Bein, ein Bronzebeschlag, eine Bronzefibel, Spielsteine sowie eine Terrakottafigur heraus. Eine Besonderheit stellt eine Kette aus Melonenperlen und Metallanhängern dar. Mit Sicherheit dienten die Kanäle unterschiedlichen Zwecken. Einige setzten auf Höhe einer Reihe von Punktfundamenten an, die zu einem straßenbegleitenden Laubengang (porticus) gehörten, womit es sich um Traufwasserkanäle gehandelt haben wird. In den anderen floss dagegen das Abwasser von Haushalten oder Gewerbebetrieben. Dem System der Traufwasserkanäle ging am nördlichen Straßenrand zeitlich ein west-östlich orientierter, breiter und flacher Sickergraben voraus, der aber nach Ausweis des Fundmaterials kaum länger als bis zur Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Funktion war. HÄUSER NÖRDLICH DER STRASSE Der decumanus wurde an den Längsseiten von Portiken begleitet, wie sie auch schon an verschiedenen anderen Stellen in der CCAA nachgewiesen werden konnten. Im Norden des Untersuchungsbereichs ergab sich ein recht klares Bild der zugehörigen rückwärtigen Insulabebauung. Anhand von etwa 80 cm breiten und stellenweise über 1,50 m tiefen Ausbruchgräben, in denen sich Grauwackegussfundamente befanden, lassen sich am ehesten giebelständige Häuser mit einem Obergeschoss rekonstruieren, vergleichbar mit Gebäuden, wie sie jüngst für die Capitolsinsula der Colonia Ulpia Traiana in Xanten erschlossen worden sind. In unserem Fall handelte es sich um zwei benachbarte Häuser mit einem Durchgang dazwischen; unterhalb von diesem verlief der mit über 14,50 m längste dokumentierte Ziegelkanal bis zu seiner Mündung in den nördlichen Entwässerungsgraben unter der Straße. In den beiden straßenseitigen Räumen des westlichen Hauses wurde je ein Werkplatz mit einer verziegelten Arbeitsfläche und einem daneben in den Boden eingegrabenen Vorratsgefäß nachgewiesen.  Die neuen Ausgrabungen im Opernquartier ergänzen auf das Beste die Ergebnisse von einige Jahre zurückliegenden Untersuchungen in Köln, darunter die des Nord-Süd-Hauptsammlers unterhalb der Hohe Straße (also des cardo maximus der römischen Stadt) sowie von Kanalauslässen im Bereich Unter Taschenmacher/Kleine Budengasse. Insgesamt verfügen wir damit nun über solide Grundlagen für eine – noch zu schreibende – Gesamtdarstellung des Kanalisationssystems der CCAA. 3. Frischwasser für gut situierte Römer in der Wetterau Die erfolgreiche Bewirtschaftung der im Hinterland gelegenen villae rusticae war grundlegend für die Versorgung der römischen Soldaten in den Kastellen entlang des Limes. Für die Besitzer der Landgüter war die Frischwassergewinnung essenziell und teilweise mit hohem Aufwand verbunden, wie unlängst in Karben-Petterweil (Wetteraukreis) anhand der dort genutzten Qanat-Technik nachgewiesen werden konnte. EINE GRABUNG OHNE VORAHNUNG In Karben-Petterweil (Wetteraukreis, Hessen) wurden im Vorfeld der Erschließung eines Neubaugebietes in der Flur „Nördlich der Fuchslöcher“ 2019 zuerst geophysikalische Untersuchungen durchgeführt. Diese erschienen notwendig, da von dem zu einem kleinen Bachlauf geneigten, mit Lösslehm bedeckten Gelände am heutigen östlichen Ortsrand einige vorgeschichtliche Lesefunde bekannt waren. Zu diesem Zeitpunkt konnte allerdings noch niemand ahnen, dass nicht etwa die zu erwartenden vorgeschichtlichen Siedlungsreste im Mittelpunkt der Untersuchung stehen würden, sondern eine überaus spannende versorgungstechnische Konstruktion der Antike, die unter den in den letzten Jahren freigelegten römischen Relikten aus der Wetterau eine außergewöhnliche Entdeckung darstellt. Im Messbild der geomagnetischen Untersuchung der Firma Eastern Atlas GmbH & Co. KG zeichneten sich wenige auffällige, meist als „Siedlungsgruben“ zu deutende Anomalien ab. Unter der Leitung von Silke Hesemann wurden daher durch die Grabungsfirma AAB-Archäologie Suchschnitte durch das insgesamt ca. 3,5 ha große zukünftige Baugebiet gelegt. Neben kegelstumpfförmigen Vorratsgruben bildete eine „schiffsförmige“ Aneinanderreihung von zahlreichen rundlichen Anomalien einen Schwerpunkt der Grabung. In Profilschnitten konnten diese zunächst bis auf 3 m unter Geländeoberkante verfolgt werden. Sie zeichneten sich als senkrechte Schächte ab, was zu einer ersten Interpretation als Bergbaurelikte führte. Doch was hätte im Löss abgebaut werden sollen? Erst ein in 3 m Tiefe angelegtes Zwischenplanum ließ einen die Schächte verbindenden Stollen erkennen, an dessen Sohle ein aus Taunusquarzit gesetzter Kanal verlief. Damit konnte das Befundensemble als Rest einer Bewässerungsanlage nach Art des Qanat-Verfahrens erkannt werden. DIE KONSTRUKTION EINES QANAT Unter der arabischen Bezeichnung Qanāt oder Kanat wird eine ursprünglich aus dem Gebiet des heutigen Iran stammende Technik von Tunnelbauten zur Erschließung von Grundwasser verstanden. Bis heute ist diese traditionelle Form der Frischwasserförderung in ariden bis semiariden Gebieten Nordafrikas und Vorderasiens verbreitet. Hierbei wird jeweils ausgehend von einem gebirgig bzw. höher gelegenen Brunnen Grundwasser angezapft und über einen unterirdisch verlaufenden Kanal mit geringem Gefälle, der von zahlreichen vertikalen Zugangsschächten aus erbaut und bewirtschaftet wird, zum Verbrauchsort geleitet (siehe Infokasten). DIE QANAT-RELIKTE VON PETTERWEIL In Petterweil kamen in 4–5 m Tiefe mehrere unterirdische Leitungsgräben zum Vorschein, die mit einem Gefälle nach Osten in einen Kanal mündeten und ursprünglich das Wasser in ein Becken außerhalb des Grabungsareals leiteten. Die einzelnen Leitungsstränge wurden nacheinander angelegt und ausgebaut, wobei nicht auszuschließen ist, dass sie auch gleichzeitig Wasser führten und so der Durchfluss erhöht wurde. Während Leitung 1 durch eine regelmäßige Reihe aus 2–5 mauseinander liegenden Pingen von etwa 1,2 m Durchmesser an der ehemaligen Oberfläche gekennzeichnet war, deuteten die ausgebrochenen Schächte des nördlichen Leitungsabschnittes 2 auf mehrmalige Einstürze und Ausbauten hin. Diese Annahme bestätigten die Profile, in denen auch der Versturz des Wartungsstollens auf knapp 64 m Länge zu erkennen war. In Petterweil waren eine Aufschlüsselung des gesamten, aus mehreren Wasserführungen bestehenden Quanat-Systems sowie eine Bestimmung der Bauzeiten während der Grabung nur bedingt möglich. Zu Beginn der Untersuchungen wurden die Eingriffstiefen noch mit Blick auf die spätere Bebauung gering gehalten, so dass nicht alle Befunde vollständig ausgegraben werden konnten. Auch mittels Geomagnetik sind die Qanat-Pingen nicht eindeutig zu lokalisieren, da im gesamten Gelände auch Befunde anderer Epochen mit ähnlichen Abmessungen liegen. In der ersten Bauphase wird es sich wohl um einen Holzbau gehandelt haben, der sich im Westen in etwa 4 m Tiefe mit Resten von drei Holzplanken zwischen 1,48 m und 1,93 m Länge sowie etwa 16 cm Breite und 2 cm Dicke zu erkennen gab. Die Holzstücke deckten an der Sohle des hier kaum nachweisbaren Stollens eine flach gerundete Rinne aus stark tonigem Schluff ab. Sie war durch den Bodendruck derart stark verpresst, dass eine Kanalstärke nicht berechnet werden kann. Weitere Bruchhölzer lagen unregelmäßig verteilt im Bereich einer breit eingebrochenen Schachtpinge, hinter der die Leitung dann schräg nach Nordosten weiterverlief. Im nächsten Schnitt wurden nur noch verräumte Holzreste angetroffen, wohingegen die Wasserrinne nun aber in Stein ausgebaut war. Nach nur wenigen Dezimetern mündete der Leitungsabschnitt gemeinsam mit Leitung 3 in eine T-förmige Kreuzung zu Leitung 2. Ob die Kreuzung und die ebenfalls frühe Leitung 2 ursprünglich vollständig auf die Holzbauphase zurückgehen bzw. mit dieser gleichzeitig erbaut wurden, ist nicht mehr zu beantworten, da hier die eigentlichen Kanäle nur an den zwei kleinen Schnittstellen aufgedeckt werden konnten. Es ist jedoch angesichts der vielen Pingenverstürze in diesem Bereich eine lange Nutzungsdauer anzunehmen, wobei zwei Ausbauphasen durchaus möglich erscheinen. Betrachtet man nun den Abschluss der Holzleitung im Westen, so bricht diese deutlich vor dem in ihrer Flucht gelegenen steinernen Wassersammler von Leitung 1 ab. Berücksichtigt man, dass Holzerhaltung im Löss eher die Ausnahme darstellt, ist nicht auszuschließen, dass die Leitung noch etwas weiter in Richtung auf den später in Stein ausgebauten Wassersammler zulief oder direkt am jetzt erhaltenen Ende auf Lössniveau ein solcher aus Holz angesetzt war. Es bleibt jedoch festzustellen, dass der Strang der Holzleitung – bis auf die Einmündung in Leitung 2 – nicht in Stein ausgebaut und sein Versiegen vielleicht in Kauf genommen wurde. Leitung 2 hingegen war durch Leitung 3 in westlicher Richtung verlängert, was mit einem weiteren Wassersammler einhergegangen sein wird und den Wasserdurchfluss erhöhte. Leider konnte diese Situation nicht vollständig geklärt werden. Um einen noch höheren oder konstanteren Durchfluss zu erzielen, wurde südlich von Leitung 2 und 3 in einem entgegengesetzt geschwungenen Bogen die Leitung 1 angelegt. Ihr Anfang lag nahe dem vermuteten Wassersammler der alten Holzleitung. Sie verfügte über sehr regelmäßig gesetzte und noch gut erhaltene Pingen und wies nur kurz vor dem Zusammentreffen mit Leitung 2 einen Versturz auf. An dieser Stelle ließ sich deutlich die nachträglich in die ältere Leitung 2 eingesetzte Mündung von Kanal 1 erkennen. Leitung 1 wies am eindruckvollsten die nebeneinander aufgereihten, senkrecht in den Löss eingegrabenen Schächte mit Abmessungen von 1,1 m bis 1,5 m Breite auf. Zwischen den Schächten verlief in 4–5 m Tiefe ein zumeist verstürzter Stollen, dessen Deckenhöhe bei Erhaltung noch etwa 1,0 m maß. Die Sohle des Stollens reichte bis auf eine Wasser stauende Schicht. Hier lag die etwa 60 cm breite steinerne Leitung auf, bestehend aus grob gehauenem Taunusquarzit, Cerithienkalk und Buntsandsteinen. Seitlich setzten die Steine, schräg nach außen gestellt, auf dem anstehenden Boden auf. Oben deckten dann mehrere Lagen plattig gebrochener Steine den Hohlraum U-förmig ab. Der durchschnittlich 46 cm hohe Kanal hatte innen eine Leitungsbreite von 15–18 cm. Neben dem Mutter- bzw. Anfangsschacht im Westen wurde die anscheinend schon zuvor genutzte Wasserader mit einem Wassersammler – einem bis zu 31 cm hohen, brunnenartig gesetzten Steinkreis von 1,18 m Durchmesser – angezapft. Auch dieser war sorgfältig mit plattigen Steinen abgedeckt und, wie auch der Steinkanal, mit einer tonig-schluffigen Schicht sauber verschlossen. Zwischen den Schächten mäandrierte der Leitungsverlauf etwas, da die Bauabschnitte nicht immer geradlinig aufeinander zuliefen. Um sich bei Reparatur- und Bewirtschaftungsarbeiten des Kanals nicht auf dem aufgeweichten tonigen Erdauftrag bewegen zu müssen, hatte man Stroh und Einstreu aus sonstigen Pflanzenhalmen aufgebracht, die sich eingetreten auf der Decke des Steinkanals bis heute erhalten haben. Entsprechende Bodenbedeckungen fanden bis in die frühe Neuzeit auch im Bergbau Verwendung, da die niedrigen Stollen kein aufrechtes Gehen, sondern nur eine Fortbewegung auf Knien erlaubten. Mit einem geringen Gefälle zwischen 0,5 und 0,7 Prozent wurde das Wasser schließlich in einem Steinkanal zusammengeführt und in östliche Richtung weitergeleitet. ANTIKE BEISPIELE AUS DEM RAUM NÖRDLICH DER ALPEN Auch die Römer verstanden sich auf die Errichtung von Qanat-Bewässerungsanlagen. Eine beachtliche Menge solcher Tunnelbauten ist in Deutschland aus dem Trierer Land bzw. dem Eifel-Saar-Mosel-Raum bekannt. Die mit 1660 m längste und bis 26 m tief liegende Wasserleitung, der Drover-Berg-Tunnel, liegt bei Düren am Rande der Eifel. Nur der Raschpëtzertunnel in Walferdange (Großherzogtum Luxemburg) übertrifft diesen mit einer Tiefe von bis zu 35 m. Im Trierer Land bot sich für die Wasserversorgung der vielköpfigen Stadtbevölkerung sowie der Bewohner der Gutshöfe, die flächenhaft den ländlichen Raum bewirtschafteten, neben Aquädukten eine unterirdische Wasserführung an. Unterirdische Wasserleitungen – wie z. B. die bekannte Ruwertal-Fernwasserleitung von der Ruwer nach Trier – sind insgesamt häufiger aus römischer Zeit nachgewiesen als Qanats, die Wasser nicht nur unterirdisch leiten, sondern explizit gewinnen. Die beste Parallele findet sich derzeit in dem Qanat von Polch (Kreis Mayen-Koblenz), bei dem die bergmännischen Spuren ebenso in mit Bims durchsetztem Löss angetroffen wurden und hervorragend dokumentiert werden konnten. FÜR WEN WURDE DIE AUFWENDIGE WASSERLEITUNG ERSTELLT? Ausgehend von einer römischen Datierung und unter Einbeziehung der lokalen Topografie und der Laufrichtung des Qanats, kommen mehrere Zielpunkte für das so gewonnene Wasser in Frage – zum einen mehrere ländliche, wohl zivile Siedungen östlich der Fundstelle und zum anderen der Kastellort Okarben (Stadt Karben). Dendrochronologische Untersuchungen grenzen den Datierungsansatz durch Fälldaten zwischen 144 und 164 n. Chr. weiter ein, so dass von einer Erbauung des Qanats in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. – wohl kurz nach der Mitte der 160er Jahre – ausgegangen werden kann. Nach der Verlegung der Truppen hatte nach gängiger Lehrmeinung der 2 km entfernt gelegene Kastellvicus von Okarben zu dieser Zeit seine Bedeutung bereits weitgehend verloren. Die im Umfeld liegenden Gutshöfe dürften an der positiven wirtschaftlichen Entwicklung der germanischen Provinzen in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr., einer insgesamt weitgehend friedlichen Zeit, teilgehabt haben, und sie waren auch wesentlich für die Versorgung der Truppen entlang der neuen Kastelllinie. Eine Errichtung des Qanats durch wohlhabende Gutsbesitzer liegt also durchaus im Rahmen des Möglichen. Die nächste ländliche Siedlung im Umfeld des Qanats liegt nur knapp 200 m östlich des dokumentierten Kanals. Leider existieren weder von dieser noch von weiteren Siedlungsstellen aus dem direkten Umfeld konkrete archäologische Kenntnisse, so dass keine präzisere Datierung der Fundstellen als in die mittlere Römische Kaiserzeit möglich ist. Am wahrscheinlichsten handelte es sich bei diesen um ehemalige landwirtschaftliche Betriebe, sogenannte villae rusticae. Diese besaßen im Bereich der civitas Taunensium zwar nicht die Ausdehnung der aus Gallien oder dem linksrheinischen Obergermanien bekannten Landgüter, konnten aber mit bis über 3 ha großen ummauerten Hofarealen ein beeindruckendes Ausmaß erreichen. In einzelnen dieser Anlagen sind separate Badegebäude oder in das Hauptgebäude integrierte Badetrakte nachgewiesen, z. B. in Friedberg „Pfingstweide“ und Wölfersheim-Wohnbach „Kieselberg“ (beide Wetteraukreis). FAZIT Nicht auszuschließen ist, dass in der Umgebung noch weitere, vielleicht auch ältere Bewässerungsanlagen dieser Art ihrer Entdeckung harren. So würde der doch recht aufwendige Bau eines Qanats zu den bekannten Bauleistungen des römischen Militärs passen und sich zur Versorgung des Kastellortes Okarben mit fließendem Wasser anbieten. Auch im Hinblick auf die Klärung der Frage nach der Frischwasserversorgung der Kastelle mit den zugehörigen Bädern im Bereich der civitas Taunensium würde man sich die Entdeckung weiterer Qanate, vielleicht auch die Überlieferung eines Holzaquäduktes, wünschen. Wie schwierig sich allerdings der Nachweis der Bewässerungsanlagen durch Prospektion und Grabung gestalten kann, haben gerade die Geländeuntersuchungen in Petterweil gezeigt. Die im oberen Bereich nur schwach verfärbten Schachtverfüllungen und Verstürze ließen sich nur schwer bestimmen bzw. deuten. Außerdem ist es im Rahmen einer Ausgrabung aus statischen Gründen generell nicht üblich, senkrechte Gruben bis in eine Tiefe von weit mehr als 3 m auszuheben. Abgesehen von dem Beleg aus Petterweil gibt es noch einen Nachweis aus Frankfurt a. M.-Eschborn, wo ein Befundkomplex als römisches Qanat-System gedeutet wurde. Damit liegt ein weiteres Indiz für die Anwendung der Qanat-Technik in römischer Zeit abseits des Eifel-Saar-Mosel-Raumes und jenseits des Rheins vor. Die beiden Befunde lassen darauf schließen, dass sich auch im Rhein-Main-Gebiet ansässige Villenbesitzer oder dort stationierte Militäreinheiten hochspezialisierte Ingenieure für den Bau solch kostspieliger Anlagen leisten konnten. 4. Römer-Quellen: Wasserversorgung in der Antike  Wasserleitungsrohr aus Ton © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Photo: N.Gail) Die Wasserversorgung antiker Städte war ein wesentlicher Bestandteil ihrer Infrastruktur. Tausende Menschen mussten täglich mit frischem Trinkwasser versorgt werden, um das römische Leben in seiner damaligen Form zu ermöglichen. Wasserleitungen (lateinisch: aquae ductus) wurden genutzt, um frisches Wasser aus Quellen und Brunnen, sowohl oberirdisch als auch unterirdisch, von außerhalb in die Siedlungen zu bringen. Diese Leitungen wurden sorgfältig geplant und gebaut, um den Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden und gleichzeitig kapazitätstechnische und hygienische Anforderungen zu erfüllen. Um Wasser über weite Strecken zu befördern, wurden sie oft unterirdisch verlegt, um sie vor Eingriffen oder Verschmutzung zu schützen, war doch ein Angriff auf die Wasserversorgung oft das einfachste und effektivste Druckmittel für feindliche Armeen. Die Durchführung brachte mitunter die beeindruckendsten Werke römischer Baukunst hervor: Das technische Know-how umfasste Zuführen, Speichern und Verteilen von Wasser, oft unter erheblichem baulichem und organisatorischem Aufwand. Für die Zufuhr von Frischwasser (bzw. die Ableitung von Abwasser) mussten Gefälle, Wasserdruck und Wassermenge stets berücksichtigt werden. Die technischen Details und der Bau von Aquädukten, wie etwa der berühmte oberirdisch verlaufende Pont du Gard in Südfrankreich, sind ausführlich bei den römischen Schriftstellern Vitruvius und Frontinus beschrieben. Zur Nivellierung der Wasserleitungen wurde der Chorobat eingesetzt, eine Art große Wasserwaage aus Holz. Dieses Instrument half ein gleichmäßiges Gefälle der Wasserleitungen zu berechnen, um eine konstante Wasserströmung zu gewährleisten. Die Speicherung und Verteilung des Wassers innerhalb der Städte erfolgte über komplexe Systeme aus Zisternen und Verteilertürmen.  In Carnuntum und anderen Städten war das Wasserversorgungssystem so ausgelegt, dass es auch bei einem Ausfall einzelner Zuflüsse funktionierte. Mehrere Frischwasserleitungen führten durch die Stadtmauer in das Innere der Stadt. Die Straßen enthielten eingebaute Frischwasser- und Abwasserleitungen aus Ton-, Holz- und Steinrohren. Die Wasserentnahme aus öffentlichen Brunnen, welche somit zu wichtigen sozialen Treffpunkten wurden, war kostenlos und unbegrenzt, was auf eine gut organisierte öffentliche Versorgung der Bevölkerung hinweist. Neben der Entnahme als Trinkwasser wurde das in die Stadt geleitete Wasser auch für Badeanlagen und handwerkliche Betriebe wie Walkereien (fullonicae) genutzt.  In Carnuntum wurde Wasser durch gemauerte unterirdische Kanäle von entfernten Quellen in die Stadt geleitet. Diese Kanäle bestanden teilweise aus recyceltem Material, vor allem aus wiederverbauten Bauteilen (sogenannten Spolien), wie beispielsweise bei Ausgrabungen südlich der Zivilstadt entdeckt wurde. Dort wurde ein 170 Meter langer Wasserleitungskanal freigelegt, dessen Abdeckung aus Altmaterial bestand. Innerhalb der Stadt wurden Bleirohre (fistulae) wegen ihrer leichten Bearbeitbarkeit und Dichtheit häufig zur Wasserverteilung verwendet.  Auch Ziegelplattenkanäle für die Frischwasserzufuhr sind für die Zivilstadt belegt, wie die Ausgrabungen im Südbereich der Villa Urbana zeigten.  Wasserleitungsrohre aus Ton und Blei © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Foto: N.Gail) In den letzten Jahren rückten die Untersuchungen zur Wasserversorgung Carnuntums erneut in den Fokus der Forschung. Bei Grabungsarbeiten für ein Projekt der EVN-Wasser in Petronell-Carnuntum wurde im Jahr 2017 in etwa sieben Metern Tiefe eine antike römische Wasserleitung entdeckt. Die 14 km lange Leitung, gebaut in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, versorgte die römische Stadt Carnuntum mit Trinkwasser und ist auch heute noch funktionsfähig. Im Zuge des Forschungsprojektes 'Wasserleitung Abensperg-Traun' wurde 2019 und 2020 durch die Gesellschaft der Freunde Carnuntums und das Land Niederösterreich in Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt eine intakte Leitung in der westlichen Vorstadt Carnuntums untersucht. Da sich die Wasserleitung als sanierungsbedürftig erwies, wurde der mit Flachziegel abgedeckte und mit einem Gewölbe ausgestatteten Kanal dokumentiert und repariert. Die Leitung verläuft in bis zu sechs Metern Tiefe und ist sogar begehbar.  5. Der Rhein im Denken der Römer  Darstellung des 'Rhenus bicornis', Teil eines Grabmals aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., Original im LVR-LandesMuseum Bonn. (LVR-LandesMuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel) 1. Einleitung „Va­ter Rhein“ ist ei­ne bis heu­te gän­gi­ge Be­zeich­nung für den be­deu­tends­ten Strom im west­li­chen Mit­tel­eu­ro­pa. Die mit die­ser Per­so­ni­fi­ka­ti­on ver­bun­de­ne Vor­stel­lung drückt ei­ne emo­tio­na­le Nah­be­zie­hung zu ei­ner gleich­sam über­ge­ord­ne­ten In­stanz aus; sie rührt von Men­schen her, die an, mit und von die­sem Fluss le­ben, sich von ihm ab­hän­gig füh­len und ihn da­her ge­wo­gen stim­men wol­len. Eben­so wie der – heu­te sich nicht mehr selbst er­klä­ren­de – Aus­druck „zwei­fach ge­hörn­ter Rhein“ geht die Be­nen­nung „Va­ter Rhein“ auf die rö­mi­sche An­ti­ke zu­rück. Zu­schrei­bun­gen die­ser Art las­sen er­ken­nen, dass der Fluss für die Rö­mer ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung hat­te. Er spiel­te ei­ne Rol­le in ih­rem Welt­bild. Die Funk­ti­on des Rheins für die Rö­mer steht nicht zu­letzt in en­gem Zu­sam­men­hang mit der Ex­pan­si­on Roms und der Bil­dung ei­nes Welt­rei­ches, das ne­ben dem ge­sam­ten Mit­tel­meer­raum auch gro­ße Tei­le West­eu­ro­pas bis zum Rhein um­fass­te. Den ent­schei­den­den Schritt hier­zu leis­te­te Cae­sar (100–44 v. Chr.) mit der Un­ter­wer­fung Gal­li­ens und der Ab­gren­zung sei­ner Er­obe­run­gen durch den Rhein­strom. Die Be­deu­tung, die die­ser Fluss seit dem 1. Jahr­hun­dert v. Chr. für Rom ge­wann, geht weit über rein po­li­tisch-mi­li­tä­ri­sche Er­wä­gun­gen hin­aus. Schrift- und Sach­quel­len – rö­mi­sche Ge­schichts­schrei­bung, Dich­tung, In­schrif­ten, Mün­zen, Bild­wer­ke – spre­chen ei­ne deut­li­che Spra­che. Die Rö­mer sa­hen den Rhein mit ih­ren Au­gen und in­te­grier­ten ihn in ih­re Welt. Sie ga­ben ihm als Fluss­gott mit zwei Hör­nern ein rö­mi­sches Ge­wand. Da­mit wur­de aus dem Rhein ein rö­mi­scher Strom und ein rö­mi­scher Gott. Wie kam es da­zu, dass die Rö­mer den Rhein in ih­rem Den­ken ver­ein­nahm­ten? Was re­prä­sen­tier­te er für sie? Rö­mi­sche Au­to­ren und Bild­quel­len ver­mit­teln hier­zu Ein­drü­cke mit sta­bi­len und ver­än­der­li­chen Ele­men­ten. An ih­nen lässt sich die rö­mi­sche Sicht auf den Rhein aus­ma­chen. Die fol­gen­den Aus­füh­run­gen die­nen da­her dem Ziel, an­hand über­lie­fer­ter Zeug­nis­se das Bild der Rö­mer vom Rhein in sei­nen ver­schie­de­nen, im Lau­fe der rö­mi­schen Herr­schaft sich teil­wei­se wan­deln­den Fa­cet­ten vor­zu­stel­len. 2. Der Rhein als Grenze Mit der Un­ter­wer­fung Gal­li­ens durch Cae­sar in den Jah­ren 58–51 v. Chr. trat der Rhein ins Be­wusst­sein der Rö­mer. Der Er­obe­rer woll­te dem Ge­biet, das er zur rö­mi­schen Pro­vinz mach­te, kla­re geo­stra­te­gi­sche Gren­zen zu­wei­sen. Da­her zog er ei­nen Tren­nungs­strich zwi­schen links­rhei­ni­schen Gal­li­ern und rechts­rhei­ni­schen Ger­ma­nen. Der Fluss fun­gier­te als Grenz­schei­de zwi­schen Bar­ba­ren, die er für zi­vi­li­sie­rungs­fä­hig hielt, und sol­chen, de­nen er das Ro­ma­ni­sie­rungs­po­ten­ti­al ab­sprach. So si­cher­te er sei­ne Er­obe­rung vor dem mit­tel­eu­ro­päi­schen Raum ab, der den Rö­mern weit­ge­hend un­be­kannt war. Be­reits in der Ein­lei­tung sei­ner Schrift über den Gal­li­schen Krieg grenzt Cae­sar die Gal­li­er mit ih­ren Teil­stäm­men und die Ger­ma­nen klar von­ein­an­der ab. Die Bel­ger gal­ten durch ih­re stän­di­ge Kon­fron­ta­ti­on mit rechts­rhei­ni­schen Ger­ma­nen als die tap­fers­ten Ein­woh­ner Gal­li­ens. So setz­te Cae­sar ei­ne prä­zi­se Un­ter­schei­dung zwi­schen Gal­li­ern und Ger­ma­nen vor­aus, die ih­re geo­gra­phi­sche Be­stä­ti­gung in der Fluss­gren­ze fin­den soll­te. Den Rhein er­wähnt er in die­sem Zu­sam­men­hang aber gar nicht. Sei­ne Funk­ti­on als Gren­ze leg­te er den­noch na­he, in­dem er den gal­li­schen Teil­stäm­men Flüs­se als Ter­ri­to­ri­ums­gren­zen zu­wies, wie die Ga­ron­ne zwi­schen Gal­li­ern und Aqui­ta­ni­ern oder die Mar­ne und die Sei­ne zwi­schen Gal­li­ern und Bel­gern. [1]   2.1 Germanen links und rechts des Rheins Cae­sar brach­te sei­ne Vor­stel­lung vom Rhein als Gren­ze erst­mals in den Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Ario­vist (ge­stor­ben um 54 v. Chr.), dem Fürs­ten der Su­e­ben, zum Aus­druck. Die­ser hat­te als An­füh­rer ger­ma­ni­scher Krie­ger den Rhein über­schrit­ten, war in das gal­li­sche und jetzt von Cae­sar für Rom be­an­spruch­te Ter­ri­to­ri­um ein­ge­drun­gen und hat­te sich in Strei­tig­kei­ten zwi­schen gal­li­schen Stäm­men ein­ge­mischt. Da­her sah Cae­sar in ihm ei­nen Kon­kur­ren­ten um die Herr­schaft in Gal­li­en. Die Ver­hand­lun­gen mit Ario­vist blie­ben er­geb­nis­los, so dass die Ent­schei­dung in der Schlacht fiel. Nur we­ni­ge Ger­ma­nen konn­ten sich vor den Rö­mern zu­rück über den Rhein ret­ten. Die Vor­stel­lung vom Rhein als Gren­ze er­wuchs bei Cae­sar aus po­li­tisch-mi­li­tä­ri­schem Nütz­lich­keits­den­ken. Sie er­laub­te ihm, Mi­li­tär­ak­tio­nen ge­gen Ger­ma­nen, die in links­rhei­ni­sches Ge­biet vor­dran­gen, nach Be­lie­ben zu recht­fer­ti­gen. So wies er auf die Ge­fah­ren hin, die den Rö­mern von rechts des Rheins dro­hen könn­ten, soll­te die Ab­wehr nicht funk­tio­nie­ren. [2]   Gleich­zei­tig schloss die­ser An­spruch auf die rö­mi­sche Herr­schaft links des Rheins nicht aus, dass Cae­sar das Recht in An­spruch nahm, bei Be­darf auch öst­lich des Flus­ses in sei­nem Sin­ne Ord­nung zu schaf­fen. Al­ler­dings woll­te er hier, an­ders als in Gal­li­en, kei­ne rö­mi­sche Ver­wal­tung eta­blie­ren. So ließ Cae­sar in sei­nen Be­rich­ten die rechts­rhei­ni­schen Su­gam­brer aus Angst vor ei­ner rö­mi­schen Straf­ak­ti­on auf den Rhein als Gren­ze des rö­mi­schen Herr­schafts­be­reichs hin­wei­sen und da­mit sei­ne ei­ge­nen Raum­ord­nungs­vor­stel­lun­gen for­mu­lie­ren. Sie mach­ten gel­tend, an die­se Gren­ze ha­be sich auch der rö­mi­sche Feld­herr zu hal­ten. Cae­sar aber sah die Ge­bie­te öst­lich des Rheins als Vor­feld zur Ab­si­che­rung der bis an den Rhein rei­chen­den rö­mi­schen Herr­schaft an. Zu­gleich ver­ban­den an­de­re, den Rö­mern ver­trag­lich ver­bun­de­ne rechts­rhei­ni­sche Ger­ma­nen wie die Ubier mit rö­mi­schen Ex­pe­di­tio­nen öst­lich des Rheins die Hoff­nung, ihr ei­ge­nes Ter­ri­to­ri­um vor kon­kur­rie­ren­den Stäm­men zu schüt­zen. [3] Die rö­mi­sche Ord­nungs­macht wur­de al­so auf nicht­rö­mi­schem Ge­biet von be­stimm­ten hier an­säs­si­gen Stäm­men ge­schätzt – oder aber ge­fürch­tet, je nach­dem, wel­ches Ver­hält­nis zu Rom sie hat­ten. Auf die­se Wei­se brach­te Cae­sar den Rö­mern die Auf­fas­sung vom Rhein als Gren­ze ih­res Herr­schafts­be­reichs na­he. Al­ler­dings las­sen Cae­sars Be­rich­te er­ken­nen, dass trotz der von ihm pos­tu­lier­ten Fluss­gren­ze die gal­li­schen Stäm­me auch links des Rheins ger­ma­ni­schen Ein­flüs­sen aus­ge­setzt wa­ren. Der Strom bil­de­te eben ei­ne von dem rö­mi­schen Statt­hal­ter in Gal­li­en nur be­wusst in­sze­nier­te Gren­ze und ge­währ­leis­te­te in Wirk­lich­keit kei­nes­wegs die kon­se­quen­te Tren­nung zwi­schen links­rhei­ni­schen Gal­li­ern und rechts­rhei­ni­schen Ger­ma­nen. So weist Cae­sar auf die Kampf­ge­mein­schaft zwi­schen be­stimm­ten Grup­pen der Bel­ger und sol­chen Ger­ma­nen hin, die links des Rhei­nes wohn­ten; er pos­tu­liert gar ei­ne Ab­stam­mung der Bel­ger von Ger­ma­nen. [4] Auch im Zu­sam­men­hang mit den Un­ru­hen, die von den im Mo­sel­land le­ben­den Tre­ver­ern aus­gin­gen, nennt er „links­rhei­ni­sche Ger­ma­nen“ als Ver­bün­de­te im Auf­stand ge­gen Rom. [5] Wie die Bel­ger wa­ren die Tre­ve­rer ein kel­tisch-ger­ma­ni­sches Misch­volk, das sich im­mer wie­der sei­ner be­son­de­ren „ger­ma­ni­schen“ Ei­gen­schaf­ten rühm­te. [6] Das war auch Cae­sar be­wusst, wenn er ih­nen trotz ih­res Sied­lungs­ge­biets in Gal­li­en ein be­son­de­res Auf­ruhr­po­ten­ti­al zu­schrieb, das er un­ter an­de­rem in den gu­ten Kon­tak­ten zwi­schen Tre­ver­ern und Ger­ma­nen an­ge­legt sah. [7]   Die Exis­tenz von ger­ma­nisch-gal­li­schen Misch­völ­kern und vor al­lem von links­rhei­ni­schen Ger­ma­nen [8] kon­ter­ka­riert Cae­sars Vor­stel­lung von ei­ner sau­ber zu zie­hen­den Fluss­gren­ze. Viel­mehr lie­ßen die eth­ni­sche Ver­wandt­schaft, die räum­li­che Ent­fer­nung zur Mit­tel­meer­kul­tur, die des­we­gen we­nig fort­ge­schrit­te­ne Ro­ma­ni­sie­rung und die da­durch er­hal­ten ge­blie­be­ne ur­sprüng­li­che Tap­fer­keit die rhein­na­hen Gal­li­er den rhei­ni­schen Ger­ma­nen recht ähn­lich er­schei­nen. Cae­sar mach­te mit dem von ihm ent­wor­fe­nen Ger­ma­nen­bild und der Nei­gung die­ser „Bar­ba­ren“, sich links des Rheins ein­zu­mi­schen und gar an­zu­sie­deln, dar­auf auf­merk­sam, der­ar­ti­gen Ge­fah­ren für Roms Herr­schaft müs­se man ent­schie­den ent­ge­gen­tre­ten. So er­füll­ten auch die „links­rhei­ni­schen Ger­ma­nen“ ih­re Funk­ti­on, oh­ne dass der Rhein als Grenz­li­nie aus dem Blick­feld ge­riet. An­de­rer­seits wa­ren Kon­tak­te über den Rhein nicht ge­ne­rell aus­ge­schlos­sen. Ein Bei­spiel hier­für bie­ten die rechts­rhei­ni­schen Ubier. Cae­sars Ur­teil über die­sen Stamm ist ver­gleichs­wei­se mil­de: Er hielt sie für et­was zi­vi­li­sier­ter als die an­de­ren Ger­ma­nen, weil sie in Rhein­nä­he wohn­ten, rö­mi­sche Kauf­leu­te zu ih­nen ka­men und sie sich als Nach­barn der Gal­li­er de­ren Sit­ten an­ge­wöhnt hat­ten. [9]  Die zi­vi­li­sa­to­ri­sche Wir­kung der Rö­mer auf die Gal­li­er strahl­te dem­nach über den Rhein hin­aus. So rück­te ei­ne Kul­ti­vie­rung auch der öst­li­chen Uferan­rai­ner nä­her, selbst wenn es sich um Ger­ma­nen han­del­te. Ne­ben der rei­nen Nach­bar­schaft tru­gen da­zu be­son­ders die Wirt­schafts­kon­tak­te bei. Dar­an, dass der Rhein die Ver­mitt­lung rö­mi­scher Kul­tur und Zi­vi­li­sa­ti­on in den rechts­rhei­ni­schen Raum er­mög­lich­te, wer­den die Ein­be­zie­hung des Flus­ses in die rö­mi­sche Vor­stel­lungs­welt und bald auch des­sen Ver­ein­nah­mung im rö­mi­schen Den­ken sicht­bar. 2.2 Versuch einer Grenzkorrektur? Doch ist auch der um­ge­kehr­te Weg denk­bar, die Aus­glie­de­rung des Rheins aus der rö­mi­schen Welt. Der Ge­schichts­schrei­ber Ta­ci­tus (um 56–um 120 n. Chr.) stellt in den „An­na­len“, die die Ge­schich­te des rö­mi­schen Rei­ches von 14 bis 68 n. Chr. be­han­deln, den Ver­lauf des Flus­ses vor [10]  und er­wähnt des­sen Tei­lung in zwei Haupt­ar­me, zwi­schen de­nen das Sied­lungs­ge­biet der von den Rö­mern ab­hän­gi­gen ger­ma­ni­schen Ba­ta­ver lag. Der nörd­li­che Rhein­arm, der die Gren­ze des rö­mi­schen Herr­schafts­rau­mes zu den nicht un­ter­wor­fe­nen Ger­ma­nen­stäm­men mar­kier­te, hat­te ei­nen un­ge­stüm-wil­den Ver­lauf. Die­ser Be­fund spie­gelt das un­zi­vi­li­sier­te, wil­de Ger­ma­ni­en an den nörd­li­chen Ufern des Stro­mes wi­der. Der süd­li­che Fluss­arm, die Waal, floss durch gal­li­sches und da­mit rö­mi­sches Ge­biet, er war da­her ru­hi­ger und strö­mungs­är­mer. Ta­ci­tus legt al­so na­he, der ge­mäch­lich-fried­li­che Lauf der Waal sei auf die zi­vi­li­sa­to­ri­sche Wir­kung der Ro­ma­ni­sie­rung zu­rück­zu­füh­ren. Tat­säch­lich hat­ten die Rö­mer den Fluss durch die An­la­ge von Damm­bau­ten re­gu­liert, um für den nörd­li­chen Haupt­arm ei­ne aus­rei­chen­de Was­ser­ver­sor­gung und da­mit die Schiff­bar­keit si­cher­zu­stel­len. Wie Ta­ci­tus in den zeit­lich an die „An­na­len“ an­schlie­ßen­den „His­to­ri­en“ be­rich­tet, durch­sta­chen die Ba­ta­ver die­sen Damm im Auf­stand ge­gen Rom 70 n. Chr. und lei­te­ten so ei­nen Gro­ß­teil des mit Hil­fe die­ses Wehrs im nörd­li­chen Haupt­arm des Rheins ge­hal­te­nen Was­sers nach Süd­wes­ten, Rich­tung Waal, ab. [11] Der so nach Gal­li­en ge­lenk­te und jetzt un­ge­hin­dert gro­ße Was­ser­mas­sen mit sich füh­ren­de Strom sorg­te nun für ei­ne leb­haf­te­ren Ver­lauf des süd­li­chen Fluss­ar­mes, wäh­rend das nörd­li­che Fluss­bett schmal wur­de. Zwar war die­se Ak­ti­on ein tak­ti­sches Ma­nö­ver im Krieg, doch ge­winnt man aus den Wor­ten des Ta­ci­tus den Ein­druck, als hät­ten die auf­stän­di­schen Ba­ta­ver die Gren­ze des rö­mi­schen Macht­be­reichs vom nörd­li­chen Mün­dungs­arm des Rheins zum süd­li­chen Fluss­arm ver­la­gert und ihr ei­ge­nes, zwi­schen den bei­den Haupt­ar­men lie­gen­des Sied­lungs­land dem rö­mi­schen Zu­griff ent­zo­gen, es da­mit al­so wie­der dem nicht­rö­mi­schen, bar­ba­risch-wil­den Ger­ma­ni­en zu­ge­schla­gen. Dies schien ja ih­rem Wil­len zu ent­spre­chen, sich mit dem Auf­stand aus der rö­mi­schen Herr­schaft zu be­frei­en. 3. Der doppelt gehörnte Rhein We­ni­ge Jahr­zehn­te nach Cae­sar soll­te die Vor­stel­lung vom Rhein als Gren­ze des rö­mi­schen Rei­ches der zu­neh­men­den Ver­ein­nah­mung des Flus­ses in die rö­mi­sche Welt wei­chen. Dies zeig­te sich an der in­fra­struk­tu­rel­len Auf­wer­tung des links­rhei­ni­schen Ge­biets und in den Ver­su­chen der Rö­mer zur Zeit des Kai­sers Au­gus­tus (27 v. Chr.–14 n. Chr.), auch rechts des Rheins Fuß zu fas­sen. Die mi­li­tä­ri­sche, wirt­schaft­li­che und zi­vi­li­sa­to­ri­sche Durch­drin­gung des west­li­chen Rhein­ufers be­wirk­te auch ei­ne Ver­än­de­rung des Ver­hält­nis­ses der Rö­mer zum Rhein selbst. Er war nicht mehr nur der Grenz­fluss des rö­mi­schen Rei­ches im Nord­wes­ten, son­dern wur­de auch die wich­tigs­te Wirt­schafts­ader zur Er­schlie­ßung die­ser Re­gi­on. Die Ein­be­zie­hung des Rheins in die Vor­stel­lungs­welt der Rö­mer sorg­te da­für, dass der Strom ei­nen Platz in ih­rer Re­li­gi­on und bild­li­chen Dar­stel­lung er­hielt und als rö­mi­scher Fluss­gott ver­stan­den wur­de. Flüs­se wur­den als Göt­ter mit Hör­nern dar­ge­stellt. Die­se Sicht­wei­se lei­tet der Geo­graph Stra­bon (um 64 v. Chr.–nach 23 n. Chr.) my­tho­lo­gisch aus dem Kampf des He­ra­kles mit dem stier­ge­stal­ti­gen Fluss­gott Ache­loos her. Als Zei­chen sei­nes Sie­ges brach He­ra­kles die­sem ei­nes sei­ner bei­den Hör­ner ab. Von der Stier­ge­stalt des Ache­loos, so be­rich­tet Stra­bon, schlie­ße man gern auf das Er­schei­nungs­bild des gleich­na­mi­gen grie­chi­schen Flus­ses: Die von der Strö­mung ver­ur­sach­ten Ge­räu­sche er­in­ner­ten an das Ge­brüll des Stie­res, die ge­bo­ge­nen Fluss­schlei­fen an des­sen Hör­ner. [12] An­ti­kes Den­ken über­trug die für den Ache­loos ge­präg­te bild­li­che Vor­stel­lung auf an­de­re Strö­me als Fluss­göt­ter: Sie nah­men mensch­li­che Ge­stalt an und hat­ten Hör­ner. Auch bild­li­che Dar­stel­lun­gen des per­so­ni­fi­zier­ten Rheins wei­sen Hör­ner auf. Ein Re­li­ef des 2. Jahr­hun­derts n. Chr. aus Bonn zeigt den Kopf des Rheins voll­bär­tig mit of­fe­nem Mund und zwei Hör­nern. Bart und Haa­re ge­hen in die Wel­len des Flus­ses über. [13] Aus dem ab­ge­bro­che­nen Horn des Ache­loos soll­te sich in der Fol­ge das Füll­horn als ein ty­pi­sches At­tri­but der Dar­stel­lung ei­nes Fluss­got­tes ent­wi­ckeln. [14] Der Stier, das Was­ser und das Füll­horn ste­hen al­le für die le­bens­spen­den­de Frucht­bar­keit, die der Fluss dem Land bringt, das er durch­strömt. Der rö­mi­sche Dich­ter Ver­gil (70–19 v. Chr.) hat das Bild des dop­pelt ge­hörn­ten Rheins in sei­nem Epos „Aen­eis“ erst­mals li­te­ra­risch ver­ar­bei­tet. Im Zu­ge der Be­schrei­bung des Schil­des, den die Göt­tin Ve­nus ih­rem Sohn Ae­ne­as, dem Ahn­herrn des rö­mi­schen Welt­rei­ches, über­gab [15] , steckt der Dich­ter die Gren­zen der in der Zeit des Au­gus­tus be­kann­ten Welt ab. Ver­gil ent­wi­ckelt hier ei­ne Vi­si­on, in der er durch Nen­nung aus­ge­wähl­ter frem­der Völ­ker und geo­gra­phi­scher An­halts­punk­te die­sen Raum skiz­ziert. Als sol­che die­nen ihm un­ter an­de­rem die Flüs­se Nil, Eu­phrat und Rhein. [16] Von Rom aus be­trach­tet, ste­hen sie für ver­schie­de­ne fer­ne Welt­ge­gen­den, an de­nen Au­gus­tus Un­ter­wer­fungs- und Ro­ma­ni­sie­rungs­er­fol­ge gel­tend mach­te. Den Nor­den re­prä­sen­tiert Rhe­nus bi­cor­nis [17] , der dop­pelt ge­hörn­te Rhein. Ver­gil be­greift ihn wie die an­de­ren Strö­me als Fluss­gott und ver­sieht ihn mit sei­nen ty­pi­schen At­tri­bu­ten, den bei­den Hör­nern. Die­se In­te­gra­ti­on in fes­te my­tho­lo­gi­sche Vor­stel­lun­gen si­gna­li­siert die rö­mi­sche Ver­ein­nah­mung des Flus­ses. Ei­ne er­gän­zen­de Deu­tung bie­tet der spät­an­ti­ke Ver­gil-Kom­men­tar des Ser­vi­us. Die­ser be­zieht sich auf die bei­den gro­ßen Mün­dungs­ar­me des Rheins, die auch Ta­ci­tus er­wähnt [18] , und lei­tet aus die­ser Be­son­der­heit die Be­zeich­nung des Rheins als „dop­pelt ge­hörn­t“ ab. Die geo­gra­phi­sche Deu­tung der zwei Hör­ner des Rheins er­schlie­ßt sich aus dem Text Ver­gils al­ler­dings nicht selbst­ver­ständ­lich: Hier mag man an­ge­sichts des Er­zähl­zu­sam­men­hangs eher an men­schen­ähn­li­che Fluss­gott­ge­stal­ten den­ken. [19] Auch wenn bei­de Deu­tungs­va­ri­an­ten gut ne­ben­ein­an­der be­ste­hen kön­nen, hat sich die Er­klä­rung des Ser­vi­us viel­fach durch­ge­setzt. [20]   In den „Tris­ti­en“ be­schwört der Dich­ter Ovid (43 v. Chr.–et­wa 17 n. Chr.) die er­folg­rei­chen rö­mi­schen Feld­zü­ge in Ger­ma­ni­en her­auf, die Dru­sus (38–9 v. Chr.) und Ti­be­ri­us (42 v. Chr.–37 n. Chr.), die Stief­söh­ne des Au­gus­tus, so­wie Ger­ma­ni­cus (15 v. Chr.–19 n. Chr.), Dru­sus’ Sohn, wäh­rend der Herr­schaft des Au­gus­tus und in den ers­ten Re­gie­rungs­jah­ren des Ti­be­ri­us un­ter­nom­men ha­ben. Da­bei er­in­nert der Dich­ter an den „klei­nen“ Tri­umph­zug, die ova­tio , des Dru­sus 11 v. Chr. nach des­sen Er­fol­gen in Ger­ma­ni­en. Mit an­schau­li­chen Wor­ten be­schreibt Ovid die bei die­ser Ge­le­gen­heit mit­ge­führ­te Sta­tue des be­sieg­ten Rheins: Er weist auf die ab­ge­bro­che­nen Hör­ner des Fluss­got­tes hin, die dürf­ti­ge Be­klei­dung mit Schilf­gras, die Ver­fär­bung des Was­sers mit sei­nem Blut. [21]  Das ge­bro­che­ne Horn ver­sinn­bild­licht die ge­walt­sa­me Un­ter­wer­fung un­ter die rö­mi­sche Herr­schaft. Nun stand der „Ro­ma­ni­sie­run­g“ des Rheins nichts mehr im We­ge. Er war ge­zähmt und be­reit, sich der rö­mi­schen Kul­tur zu öff­nen. Oh­ne es aus­zu­spre­chen, ver­gleicht Ovid die Leis­tung des Dru­sus am Rhein und in Ger­ma­ni­en mit der des He­ra­kles im Kampf mit dem Ache­loos. In den fol­gen­den Ver­sen wech­selt der Dich­ter zum Tri­umph­zug des Jah­res 17 n. Chr. und stellt als Pen­dant zum Rhein die Sta­tue der ge­fes­sel­ten Ger­ma­nia vor. [22] Mit dem Sieg über Ger­ma­ni­en war al­so die mi­li­tä­risch-stra­te­gi­sche und ideo­lo­gi­sche Ver­ein­nah­mung des Rheins ver­bun­den. Da­her ver­kör­pert der un­ter­wor­fe­ne Rhein gleich­zei­tig das be­sieg­te Ger­ma­ni­en. Mit der Un­ter­wer­fung des Flus­ses hat­ten die Rö­mer Ger­ma­ni­en für ih­ren Macht­be­reich er­schlos­sen. [23] Ovid zeich­net das Bild ei­nes Fluss­got­tes in mensch­li­cher Ge­stalt, der, be­siegt, die mi­li­tä­ri­schen Er­fol­ge Roms in Ger­ma­ni­en ver­an­schau­licht. 4. Der umkämpfte Rhein Mit der Zeit und nicht zu­letzt mit den rechts­rhei­ni­schen Er­obe­run­gen Roms zur Zeit der fla­vi­schen Kai­ser (69–96 n. Chr.) ver­lor sich im Den­ken der Rö­mer die Qua­li­tät des Rheins als Gren­ze zwi­schen Gal­li­ern und Ger­ma­nen und zwi­schen dem rö­mi­schen Herr­schafts­be­reich links und dem „bar­ba­ri­schen“ Ger­ma­ni­en rechts des Flus­ses. Auch öst­lich des Rheins er­kann­ten ger­ma­ni­sche Völ­ker die rö­mi­sche Herr­schaft an. Eben­so selbst­ver­ständ­lich be­weg­ten sich Ger­ma­nen auf dem lin­ken, schon lan­ge rö­misch ver­ein­nahm­ten Rhein­ufer. [24] Im mi­li­tä­ri­schen Kon­flikt­fall je­doch hat­te man zu­vor stets das al­te Grenz­den­ken ak­ti­viert. Der Rhein galt nach die­sem Ver­ständ­nis als die äu­ßers­te Rück­zugs­li­nie und durf­te von den Rö­mern nicht auf­ge­ge­ben wer­den. [25]  Da­bei konn­te schon Nied­rig­was­ser die Rö­mer in ih­rem Si­cher­heits­den­ken be­un­ru­hi­gen und an­ge­sichts der hier­durch ge­fähr­de­ten Rhein­gren­ze an gött­li­chen Zorn den­ken las­sen. Ge­nau­so wie die Rö­mer bei­de Ufer des Stroms als ih­ren Macht­be­reich für sich in An­spruch nah­men, ver­such­ten auf­stän­di­sche Ger­ma­nen 70 n. Chr. die Köl­ner für ihr An­lie­gen zu über­zeu­gen, je­der­mann sol­le wie in der Zeit vor der rö­mi­schen Herr­schaft an bei­den Sei­ten des Rheins woh­nen kön­nen. [26]  In ei­ner An­spra­che an sei­ne Kämp­fer be­schwor Ci­vi­lis, der An­füh­rer im Ba­ta­ver­auf­stand, den Rhein und die Göt­ter Ger­ma­ni­ens in ei­nem Atem­zug. [27] Der An­spruch ger­ma­ni­scher Stäm­me auf die Be­sitz­rech­te an bei­den Ufern des Stroms war ei­ne Re­ak­ti­on auf die Herr­schafts­aus­übung der Rö­mer. Da­bei mach­ten die ein­hei­mi­schen Stäm­me äl­te­re Rech­te gel­tend. Ta­ci­tus legt ei­nen Kampf zwi­schen un­ter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen na­he, die den Rhein je­weils für sich re­kla­mier­ten. Die­se Aus­ein­an­der­set­zung wuss­ten die Rö­mer frei­lich zu ih­ren Guns­ten zu ent­schei­den. Mit dem ger­ma­ni­schen Tri­umph Kai­ser Do­mi­ti­ans (81–96 n. Chr.) im Jah­re 83 und dem Sieg über den mit Ger­ma­nen ver­bün­de­ten rö­mi­schen Usur­pa­tor und ober­ger­ma­ni­schen Statt­hal­ter Sa­turn­i­nus im Jah­re 89 war Ger­ma­ni­en nach rö­mi­scher Auf­fas­sung end­gül­tig un­ter­wor­fen. Der Dich­ter Sta­ti­us (um 40–um 96 n. Chr.) be­schreibt in den „Sil­ven“ das Rei­ter­stand­bild Do­mi­ti­ans auf dem Fo­rum in Rom: Un­ter dem er­ho­be­nen Vor­der­huf des kai­ser­li­chen Pfer­des be­fand sich ei­ne Per­so­ni­fi­ka­ti­on des „ge­fan­ge­nen“ Rheins, ge­wiss in tra­di­tio­nel­ler Fluss­gott­dar­stel­lung. [28]  Die­se Sze­ne­rie spielt auf die mit den Sie­gen von 83 und 89 gleich­ge­setz­te Un­ter­wer­fung Ger­ma­ni­ens durch Do­mi­ti­an an. [29]  An an­de­rer Stel­le rückt Sta­ti­us den Rhein in ei­nen Zu­sam­men­hang, der die Gren­zen der Welt und da­mit die un­ter Do­mi­ti­an er­reich­te Aus­deh­nung des rö­mi­schen Rei­ches vor Au­gen führt. [30]  Da­bei steht der Rhein für den kal­ten Nor­den, des­sen Eis auf­ge­bro­chen wer­den muss, be­vor man in ihm schwim­men kann. Mit dem Sieg über die wi­der­spens­ti­ge Na­tur er­in­nert Sta­ti­us zu­gleich an den ge­bro­che­nen Wi­der­stand der Ger­ma­nen, die der Fluss­gott Rhein re­prä­sen­tiert, dem die Hör­ner „ab­ge­bro­chen“ wur­den. [31] In ei­nem ähn­li­chen Ge­dan­ken­gang ver­bin­det der Dich­ter Mar­ti­al (40–102/104 n. Chr.) Do­mi­ti­ans Sie­ges­bei­na­men Ger­ma­ni­cus mit der Über­win­dung des Rheins. Il­lus­triert wird der An­spruch Do­mi­ti­ans auch in der rö­mi­schen Münz­prä­gung. Ein Ses­terz des Kai­sers von et­wa 85 n. Chr. [32] zeigt auf der Rück­sei­te den auf­recht ste­hen­den und nach links ge­rich­te­ten Kai­ser Do­mi­ti­an in mi­li­tä­ri­schem Ge­wand. Zu sei­nen Fü­ßen ist der Rhein, nach rechts bli­ckend, dar­ge­stellt. In der Po­se ei­nes Fluss­got­tes stützt er sei­nen rech­ten Un­ter­arm auf ei­ne Quell­ur­ne und hält in der Lin­ken ei­nen Schilfhalm. Do­mi­ti­ans lin­ker Fuß steht auf dem Ge­wan­den­de des Fluss­got­tes. So wird die Un­ter­wer­fung des Rheins und da­mit Ger­ma­ni­ens un­ter die Herr­schaft Do­mi­ti­ans ver­an­schau­licht. Die Iden­ti­fi­ka­ti­on des Fluss­got­tes mit dem Rhein ist je­doch nur durch die Ein­ord­nung der Mün­ze in den his­to­risch-po­li­ti­schen Zu­sam­men­hang mög­lich. [33]   An der La­ge in Ger­ma­ni­en än­der­te sich auch nach dem An­tritt der Kai­ser­herr­schaft durch Tra­jan (98–117 n. Chr.) zu­nächst nichts. Als der neue Kai­ser sein Amt über­nahm, be­fand er sich oh­ne­hin in Ger­ma­ni­en. Er hielt sich hier so­gar noch län­ge­re Zeit auf, und die rö­mi­sche Be­völ­ke­rung er­war­te­te un­ge­dul­dig die Rück­kehr ih­res neu­en Kai­sers nach Ita­li­en. Die­se Si­tua­ti­on er­fasst Mar­ti­al in ei­nem Ge­dicht, das als Bit­te an den Rhein for­mu­liert ist, Tra­jan zu­rück­keh­ren zu las­sen. Der Fluss er­scheint hier als Va­ter der Nym­phen und sei­ner Ne­ben­flüs­se [34]  und wird so als Wah­rer rö­mi­scher In­ter­es­sen vor­ge­stellt. Der Strom ist „ro­ma­ni­sier­t“, wenn man ihm wünscht, er sol­le sich nicht durch Rhein­über­gän­ge der Ger­ma­nen bei zu­ge­fro­re­nem Fluss quä­len las­sen. [35]  Gleich­zei­tig the­ma­ti­siert Mar­ti­al die Be­frie­dung Ger­ma­ni­ens durch Tra­jan am Bei­spiel des Rheins, dem er jetzt – na­tür­lich un­ver­sehr­te – „gol­de­ne Hör­ner“ zu­er­kennt und den er als „rö­mi­sch“ be­zeich­net, und zwar „an bei­den Ufer­n“. Da­mit scheint der Rhein voll­stän­dig in die rö­mi­sche Welt ein­be­zo­gen zu sein. Un­ter­stri­chen wird dies da­durch, dass der – für Rom ste­hen­de – Ti­ber die Funk­ti­on des Be­fehls­ha­bers ein­nimmt und vom Rhein die Rück­kehr Tra­jans ein­for­dert. Bei der Dar­stel­lung des Rheins in der Dich­tung wie auch im Bild­pro­gramm der Mün­zen wird in der Zeit Tra­jans ei­ne be­mer­kens­wer­te Fort­ent­wick­lung der rö­mi­schen Auf­fas­sung vom Rhein deut­lich. Un­ter Do­mi­ti­an stand die Un­ter­wer­fung des Rheins im Vor­der­grund, un­ter Tra­jan die In­te­gra­ti­on die­ses Flus­ses in die rö­mi­sche Welt. Tra­jan hob nun die zi­vi­le Struk­tur des ger­ma­ni­schen Rau­mes her­vor. Dies ge­schah bei­spiels­wei­se durch den Ab­zug mi­li­tä­ri­scher Ein­hei­ten vom Rhein und die Er­he­bung der Sied­lung am Le­gi­ons­la­ger Ve­te­ra cas­tra II zur Co­lo­nia Ul­pia Traia­na (Xan­ten). Der Rhein und da­mit Ger­ma­ni­en wur­den nun we­ni­ger durch mi­li­tä­ri­schen Zwang un­ter­drückt als durch Ur­ba­ni­sie­rung und Ro­ma­ni­sie­rung auf­ge­wer­tet. Ge­gen­über der von Do­mi­ti­an als des­sen Ver­dienst be­an­spruch­ten Un­ter­wer­fung stell­te die Ger­ma­ni­en­po­li­tik Tra­jans un­ter neu­en po­li­ti­schen Leit­li­ni­en die Zu­ge­hö­rig­keit die­ser Re­gio­nen zum rö­mi­schen Reich her­aus. Die­sen Un­ter­schied ver­an­schau­licht die Münz­prä­gung: Ei­ne Gold­mün­ze Do­mi­ti­ans von 90 n. Chr. zeigt die be­sieg­te Ger­ma­nia, trau­ernd auf ei­nem Schild am Bo­den sit­zend, mit zer­bro­che­nem Speer [36] , und ei­ne Gold­mün­ze Tra­jans aus dem Jah­re 98 bil­det die per­so­ni­fi­zier­te Ger­ma­nia mit ei­nem Öl­zweig, dem At­tri­but der Frie­dens­göt­tin, in der rech­ten Hand ab; sie sitzt auf ei­nem Waf­fen­hau­fen und stützt sich mit dem lin­ken Un­ter­arm auf ei­nen Schild. [37] Die ger­ma­ni­schen Pro­vin­zen soll­ten al­so nicht län­ger als müh­sam un­ter­wor­fe­nes rö­mi­sches Un­ter­ta­nen­ge­biet im Be­wusst­sein ver­an­kert blei­ben. Statt­des­sen soll­te man sich Ger­ma­ni­en als fried­li­chen und si­che­ren Le­bens­raum für die Be­woh­ner, Ein­hei­mi­sche wie auch rö­mi­sche Bür­ger, vor­stel­len. Ger­ma­ni­en und dem Rhein wur­de so ein – rö­mi­sches – Ei­gen­le­ben und Ei­gen­ge­wicht zu­ge­stan­den. 5. Der vereinnahmte Rhein Ver­mut­lich aus der Zeit Kai­ser Ha­dri­ans (117–138 n. Chr.) stammt ein 1968 in Straß­burg ge­fun­de­ner Al­tar, den Op­pi­us Se­ver­us als Kom­man­deur der hier sta­tio­nier­ten ach­ten Le­gi­on dem „Va­ter Rhein“ wid­me­te. [38]  Die­se Wei­hung ei­nes Al­tars an den Rhein in des­sen Ei­gen­schaft als „Va­ter“ zeigt an, dass der Fluss­gott aus der Sicht des Stif­ters ei­ne ge­wis­se Au­to­ri­tät dar­stell­te. Die Wid­mung kann durch das sub­jek­ti­ve Emp­fin­den des Op­pi­us eben­so wie durch die ob­jek­ti­ve Ab­hän­gig­keit der Le­gi­on und der Ein­woh­ner des Sta­tio­nie­rungs­or­tes mo­ti­viert sein, die auf die Le­bens­ader des Flus­ses an­ge­wie­sen wa­ren. Die Be­zeich­nung als „Va­ter“ legt ein Un­ter­ord­nungs- und ein ge­wis­ses Ver­trau­ens­ver­hält­nis na­he. Gleich­zei­tig hoff­te man so, den Fluss­gott für die Be­lan­ge der am Strom le­ben­den Be­völ­ke­rung gnä­dig zu stim­men. Ganz Ähn­li­ches ist ei­ner in Eschenz am Hoch­rhein ge­fun­de­nen In­schrift zu ent­neh­men. In ihr ver­bin­det Spi­ci­us Ce­ria­lis, Statt­hal­ter der Pro­vinz Rae­ti­en in den Jah­ren 181–184, sein per­sön­li­ches Wohl­er­ge­hen mit dem Rhein. [39]   Die gro­ße Be­deu­tung des Rheins für das Le­ben in den ger­ma­ni­schen Pro­vin­zen ver­deut­li­chen zwei Wei­hin­schrif­ten aus Ve­ch­ten im Rhein­del­ta. In ei­ner hier­ar­chisch ge­ord­ne­ten Auf­lis­tung von Göt­tern er­scheint nach dem obers­ten rö­mi­schen Staats­gott Ju­pi­ter, den sum­ma­risch auf­ge­führ­ten va­ter­län­di­schen Göt­tern und Lo­kal­gott­hei­ten so­wie Ocea­nus auch der Rhein. [40] Die­sem Fluss wird al­so ei­ne be­acht­li­che Po­si­ti­on im Krei­se tra­di­tio­nel­ler rö­mi­scher Gott­hei­ten zu­ge­wie­sen. Gleich­zei­tig ori­en­tier­te sich die Wei­hung an lo­ka­len Ge­ge­ben­hei­ten, die die La­ge Ve­ch­tens am Fluss und in Mee­res­nä­he be­rück­sich­tig­ten. Ähn­li­che Ge­dan­ken be­zeu­gen zwei In­schrif­ten aus Re­ma­gen. Auch hier wird der Rhein nach Ju­pi­ter und der lo­ka­len Schutz­gott­heit auf­ge­führt. [41]  Die ge­son­der­te Nen­nung des Rheins zeigt im­mer wie­der des­sen Be­deu­tung für die Men­schen an, die an sei­nem Ufer leb­ten. Aus den ver­schie­dent­li­chen Er­wäh­nun­gen des Rheins zu­sam­men mit Ocea­nus lässt sich die Über­tra­gung der Be­zeich­nung „Va­ter“ vom Ocea­nus auf den Rhein­strom gut er­klä­ren. Ur­sprüng­lich galt das Meer als Va­ter der Flüs­se [42] ; da lag es na­he, in dem mäch­ti­gen Rhein mit Hil­fe des Ge­dan­kens an die Frucht­bar­keit, die er mit sich bringt, ei­nen Va­ter für sei­ne Ne­ben­flüs­se und die An­rai­ner zu se­hen. 5.1 Zeugnisse aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Den Um­gang der Rö­mer mit dem Rhein il­lus­triert auch ei­ne Rei­he von Münz­ab­bil­dun­gen aus dem 3. Jahr­hun­dert. Die Rück­sei­te ei­nes Bron­ze­me­dail­lons aus dem Jah­re 235 zeigt ei­ne Schiffs­brü­cke, über die der Kai­ser Se­ver­us Alex­an­der (222–235) schrei­tet. Ihm vor­an be­wegt sich ei­ne ge­flü­gel­te Sie­ges­göt­tin mit ei­nem Kranz in der rech­ten Hand. Hin­ter dem Kai­ser sind meh­re­re Sol­da­ten zu er­ken­nen. Un­ter­halb der Grup­pe be­fin­det sich ein nach links ge­la­ger­ter Fluss­gott, des­sen Iden­ti­fi­ka­ti­on über die­se Ab­bil­dung al­lein nicht mög­lich ist. Im Lau­fe des Jah­res 234 zog Se­ver­us Alex­an­der nach Ober­ger­ma­ni­en und nahm in Mainz Quar­tier, um ge­gen Ger­ma­nen vor­zu­ge­hen, die im Vor­jahr den ober­ger­ma­nisch-rä­ti­schen Li­mes mehr­fach durch­bro­chen hat­ten. Hier­zu ließ er ei­ne Schiffs­brü­cke über den Rhein schla­gen. [43]  Die­se Ak­ti­on hat ih­ren Nie­der­schlag in er­zäh­len­den Quel­len und auch auf Mün­zen ge­fun­den. Auf­grund der po­li­ti­schen Er­eig­nis­se die­ser Jah­re, die den Kai­ser in Ger­ma­ni­en ban­den, kann man den Fluss­gott auf dem Me­dail­lon als Rhein iden­ti­fi­zie­ren. [44]   Für Pos­tu­mus (260–269), den Herr­scher des Gal­li­schen Son­der­reichs, der in Köln re­si­dier­te, war der Rhein von be­son­de­rer Be­deu­tung. Dies zeigt sich an der Aus­ga­be ei­ner Mün­ze, die auf der Rück­sei­te ei­nen ge­la­ger­ten, nach links bli­cken­den und mit zwei Hör­nern ver­se­he­nen Fluss­gott zeigt. Die­ser stützt sich mit dem lin­ken Arm auf ei­ne Quell­ur­ne und hält ei­nen An­ker im Arm, die rech­te Hand ist auf ei­nen Schiffs­bug ge­legt. Der Fluss­gott ist von der Le­gen­de sa­lus pro­vin­ciar­um um­ge­ben, die das Wohl­er­ge­hen der Pro­vin­zen an­spricht. [45] Der gan­ze Zu­sam­men­hang legt es na­he, in die­sem Fluss­gott den Rhein zu er­ken­nen. Für das Gal­li­sche Son­der­reich stell­te der Rhein ei­ne von Schif­fen be­fah­re­ne, krafts­pen­den­de Le­bens­ader dar, mit der man auf dem Hö­he­punkt der po­li­ti­schen Kri­se des rö­mi­schen Rei­ches nach Mit­te des 3. Jahr­hun­derts das wirt­schaft­li­che Wohl der ger­ma­ni­schen Pro­vin­zen und des gal­li­schen Hin­ter­lan­des zu be­schwö­ren ver­moch­te. In li­te­ra­ri­schen Quel­len rück­te beim Ge­dan­ken an den Rhein ne­ben der wirt­schaft­li­chen Be­deu­tung des Flus­ses für die an sei­nen Ufern lie­gen­den rö­mi­schen Pro­vin­zen all­mäh­lich die Grenz­funk­ti­on des Stro­mes wie­der mehr in den Vor­der­grund. So spielt ein Trie­rer Lob­red­ner auf Kai­ser Ma­xi­mi­an (286–305) im Jah­re 289 mit der Be­deu­tung des Rheins als Gren­ze des rö­mi­schen Macht­be­reichs. Er be­haup­tet, die au­ßer­or­dent­li­chen mi­li­tä­ri­schen Er­fol­ge des Kai­sers im rechts­rhei­ni­schen Raum hät­ten die­se Funk­ti­on des Flus­ses auf­ge­ho­ben. Auch öst­lich des Stro­mes brei­te sich jetzt rö­mi­sches Land aus; Be­den­ken, die Gren­ze, die der Rhein bil­de, kön­ne nicht hal­ten, sei­en al­so un­be­grün­det. [46] Die­ser Ge­dan­ke weist aber ge­nau dar­auf hin, dass man sich in die­ser Zeit Sor­gen mach­te, und zwar nicht nur dar­über, den Wohl­stand des rö­mi­schen Ge­biets hin­ter die­ser Fluss­gren­ze zu si­chern, son­dern auch dar­über, der Rhein kön­ne von den Ger­ma­nen über­rannt wer­den. Um zu be­ru­hi­gen, pro­pa­gier­te man die von den Kai­sern ga­ran­tier­te Si­cher­heit des rö­mi­schen Herr­schafts­be­reichs ge­ra­de dort, wo sie be­son­ders ge­fähr­det war. 5.2 Zeugnisse aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. Selbst über vie­le Jahr­zehn­te des 4. Jahr­hun­derts er­schien das Ver­hält­nis der Rö­mer zum Rhein noch in­takt. Da­von zeugt Auso­ni­us (um 310–nach 393) in sei­nem wohl 370/371 ent­stan­de­nen Preis­ge­dicht auf die Mo­sel. [47]  Hier fügt der Dich­ter auch ei­ne Pas­sa­ge über den Rhein ein, so­bald er auf die Mün­dung der Mo­sel bei Ko­blenz zu spre­chen kommt. Auso­ni­us macht klar, dass der Ne­ben­fluss Mo­sel dem Rhein kei­nes­wegs un­ter­ge­ord­net ist: Die Gleich­stel­lung der bei­den Flüs­se si­gna­li­siert die Ver­ei­ni­gung ih­rer Ge­wäs­ser zu „brü­der­li­chen Flu­ten“, die nun so­zu­sa­gen ei­nen neu­en Strom aus­ma­chen; die­ser kann den An­for­de­run­gen, die an ihn ge­stellt wer­den, in vol­lem Um­fang ge­recht wer­den. [48]  In der Fol­ge wen­det sich Auso­ni­us an bei­de Flüs­se zu­gleich: „Setzt ihr bei­de ver­ei­nigt ( iunc­ti ) eu­ren Weg fort.“ [49]  Da­mit par­al­le­li­siert Auso­ni­us die kurz zu­vor er­wähn­ten „ver­ei­nig­ten Sie­ge“ ( iunc­tos tri­um­phos ) Kai­ser Va­len­ti­ni­ans I. (364–375) und sei­nes Soh­nes Gra­ti­an (367–383) auf­grund ih­rer ge­mein­sa­men Be­mü­hun­gen ge­gen die Ale­man­nen mit der auf der Ver­ei­ni­gung von Rhein und Mo­sel be­ru­hen­den Ver­dop­pe­lung der Kraft des Stro­mes. [50]  Nach­dem der Rhein die Mo­sel auf­ge­nom­men hat, ver­mag der Strom den kai­ser­li­chen An­spruch auf die Re­gio­nen im Nord­wes­ten des rö­mi­schen Rei­ches zu re­prä­sen­tie­ren. [51]  Trotz der Ver­mitt­ler­funk­ti­on der Mo­sel, die ih­ren Auf­trag aus der Kai­ser­re­si­denz Trier be­zieht, an der sie vor­bei­flie­ßt, braucht der Rhein kei­nen Pres­ti­ge­ver­lust zu be­fürch­ten: „Nimm du dei­nen Bru­der an, un­be­sorgt um dei­nen ei­ge­nen Ruhm.“ [52]   Durch den Zu­fluss vor al­lem der Mo­sel ver­grö­ßert der Rhein sein Fluss­bett er­heb­lich und ge­winnt die Macht, ger­ma­ni­sche Stäm­me ab­zu­hal­ten und so ei­nen wahr­haf­ti­gen Grenz­ver­lauf zu mar­kie­ren. [53]  Da­mit recht­fer­tigt Auso­ni­us die Be­zeich­nung des Flus­ses als „dop­pelt ge­hörn­t“, bi­cor­nis . [54]  Er fügt den bis­he­ri­gen Deu­tun­gen ei­nen wei­te­ren As­pekt hin­zu: In den Hör­nern des Flus­ses und in des­sen Auf­ga­be, im rö­mi­schen Dienst feind­li­che Stäm­me auf Dis­tanz zu hal­ten, spürt man die Wehr­haf­tig­keit her­aus. Die­se Ei­gen­schaft lei­tet der Dich­ter aus der Ver­ei­ni­gung von Mo­sel und Rhein ab; sie macht den Rhein erst rich­tig stark, sie be­wirkt, dass er mit sei­nen bei­den Hör­nern, bi­cor­nis , zu kämp­fen weiß. Dem ver­leiht Auso­ni­us ei­ne be­son­de­re No­te, in­dem er im­mer wie­der die in der Ver­brü­de­rung der Flüs­se lie­gen­de Ver­dop­pe­lung der Kraft des Rheins her­aus­stellt. [55]  Für Auso­ni­us ist der Rhein selbst­ver­ständ­lich ein rö­mi­scher Fluss, der sei­ne Fä­hig­keit zur Fein­des­ab­wehr Rom zur Ver­fü­gung stellt. Das war noch an­ders, als die Rö­mer in der Zeit von Au­gus­tus bis Do­mi­ti­an mit dem Bild des Ab­bre­chens der Hör­ner die he­ra­kles­glei­che Müh­sal der rö­mi­schen Kai­ser be­schrie­ben, den Rhein und da­mit Ger­ma­ni­en zu un­ter­wer­fen. In die­ser Zeit stell­te man sich vor, der Rhein kämp­fe auf Sei­ten der ger­ma­ni­schen Fein­de Roms. Auso­ni­us da­ge­gen ver­ein­nahmt den Rhein voll und ganz für die rö­mi­sche Welt. Und doch lag ein Schat­ten über die­ser ver­meint­li­chen Idyl­le. Wenn es nö­tig war, dass Rhe­nus bi­cor­nis sei­ne Hör­ner ak­tiv für Rom in den Dienst stell­te, um in der Fein­des­ab­wehr sei­ne Funk­ti­on als Gren­ze zu er­fül­len, konn­te die mi­li­tä­ri­sche La­ge in den rhei­ni­schen Lan­den nicht si­cher sein [56] – ge­ra­de weil das Ge­gen­teil be­haup­tet wird. Auch der rö­mi­sche Se­na­tor Sym­ma­chus (um 342–402/403) be­müh­te im Jah­re 370 in sei­ner Lob­re­de auf Kai­ser Va­len­ti­ni­an I. den „zwei­ge­hörn­ten Nach­bar­n“ [57] , und zwar al­lein mit sei­nem be­kann­ten At­tri­but, oh­ne dass er ihn „Rhein“ nen­nen muss­te. Er er­in­ner­te an den Kriegs­zug des Kai­sers ge­gen die Ale­man­nen: Rom las­se sich durch na­tür­li­che Hin­der­nis­se nicht auf­hal­ten, stel­le die­se viel­mehr als Be­fes­ti­gun­gen in sei­nen Dienst, so auch den Rhein, der von Kriegs­schif­fen be­fah­ren und von Brü­cken über­spannt wer­de. Wie­der er­in­nert das na­tür­li­che Hin­der­nis, das der Rhein bil­det, an sei­ne Funk­ti­on, an­ge­sichts der Ge­fah­ren, die von der rech­ten Sei­te des Flus­ses dro­hen, ei­ne ef­fi­zi­en­te Gren­ze zu bil­den. An­ders als bei Auso­ni­us ar­bei­tet der Rhein bei Sym­ma­chus an­schei­nend nicht ganz aus frei­en Stü­cken im rö­mi­schen Dienst, son­dern beugt sich dem rö­mi­schen Wil­len. Dies gilt noch mehr für den Rhein in ei­ner wei­te­ren Lob­re­de des Sym­ma­chus, dies­mal auf Va­len­ti­ni­ans Sohn Gra­ti­an: Hier „ver­ach­tet der Rhein die rö­mi­schen Be­feh­le nicht mehr […]. Von un­se­ren Al­pen flie­ßt er in un­se­ren Oze­an“. [58]  Zwar er­scheint der Rhein nach wie vor als Be­stand­teil der rö­mi­schen Welt, aber er muss zum Dienst für Rom ge­zwun­gen wer­den, da­mit der rö­mi­sche Herr­schafts­an­spruch in die­sen Lan­den si­cher­ge­stellt bleibt. Er gilt hier wie­der als be­siegt und un­ter­wor­fen, wie in frü­he­rer Zeit, als die Rö­mer noch mit der Ab­si­che­rung ih­rer Herr­schaft am Rhein be­schäf­tigt wa­ren. En­de des 4. Jahr­hun­derts war der Druck von au­ßen auf das rö­mi­sche Reich und da­mit auf den Rhein be­trächt­lich an­ge­stie­gen. Dies spie­gelt sich in ent­spre­chen­den Funk­ti­ons­zu­schrei­bun­gen für den Fluss: Der Mai­län­der Bi­schof  Am­bro­si­us  nennt den Rhein ei­nen „Schutz­wall des rö­mi­schen Rei­ches ge­gen die wil­den Völ­ker­stäm­me“, der Ge­schichts­schrei­ber Am­mia­nus Mar­cel­li­nus (um 330–um 395), sein Zeit­ge­nos­se, be­tont die na­tür­li­che Schutz­funk­ti­on des Rheins für das rö­mi­sche Gal­li­en. [59] An­ge­sichts der be­droh­li­chen La­ge am Rhein wur­de, wie einst von Cae­sar und Ta­ci­tus, die Si­cher­heit be­schwo­ren, die der Fluss als Gren­ze Rom zu bie­ten ver­moch­te. 6. Der ferne Rhein Nach dem To­de des Kai­sers Theo­dosi­us (379–395) wur­de die in­nen- und au­ßen­po­li­ti­sche La­ge des rö­mi­schen Rei­ches brü­chi­ger. Im Jah­re 396 reis­te der Heer­meis­ter Sti­li­cho (um 365–408) da­her an den Rhein, um Ver­trä­ge mit ger­ma­ni­schen Stäm­men zu er­neu­ern und Sol­da­ten zu re­kru­tie­ren. [60]  Die­se Rei­se ver­ar­bei­te­te der Dich­ter Clau­di­an (um 370–nach 404) we­nig spä­ter in sei­nem Lob­ge­dicht auf Sti­li­cho. Nach der Dar­stel­lung Clau­di­ans konn­te Sti­li­cho dem Rhein „durch das Ab­bre­chen sei­ner Hör­ner“ die be­droh­li­che Wir­kung neh­men und ihn al­lein durch Ver­hand­lun­gen mit ger­ma­ni­schen Stäm­men zäh­men. [61]  Da­durch stimm­te er den Fluss so nach­gie­big und un­ter­wür­fig, dass die Ger­ma­nen das Schwert ge­gen die Si­chel ein­tausch­ten und fried­lich Land­wirt­schaft be­trie­ben. Rhein und Ger­ma­nen wer­den von Clau­di­an als eins be­trach­tet. Sie beu­gen sich dem Druck Roms. Clau­di­an krönt die­se Vor­stel­lung mit der voll­stän­di­gen In­te­gra­ti­on des Rheins und sei­ner bei­den Ufer in die rö­mi­sche Welt. Da­bei scheint er das rö­mi­sche Ein­fluss­ge­biet wie in der Zeit des Au­gus­tus über den ger­ma­ni­schen Raum bis zur El­be und dar­über hin­aus aus­zu­deh­nen. [62]  Den­noch schwebt ihm in ers­ter Li­nie die land­wirt­schaft­li­che Nut­zung ei­nes Ge­bie­tes vor, das im We­sent­li­chen in Rhein­nä­he zu fin­den ist. Das gilt auch für die El­be, un­ter der sich Clau­di­an wohl ei­nen seich­ten Ne­ben­fluss des Rheins vor­stellt. [63]   Die un­ge­nau­en geo­gra­phi­schen An­ga­ben Clau­di­ans zei­gen an, dass dem Dich­ter der nord­west­li­che Raum des rö­mi­schen Rei­ches und das öst­li­che Vor­feld des Rhein­stroms gar nicht mehr ge­nau be­kannt wa­ren, selbst wenn er bei­de Sei­ten des Rheins als rö­misch aus­gab. Da­mit lässt er zu­gleich er­ken­nen, dass die Rö­mer zum rechts­rhei­ni­schen Ge­biet kei­nen wirk­li­chen Zu­gang mehr hat­ten. Die­ser Raum be­gann ih­nen fremd zu wer­den. Das hat­te auf Dau­er auch Aus­wir­kun­gen auf das Ver­hält­nis der Rö­mer zum Rhein und auf ih­re Auf­fas­sung von der Zu­ge­hö­rig­keit des Flus­ses zum rö­mi­schen Reich. Wie we­nig das von Clau­di­an ent­wor­fe­ne Bild vom fried­li­chen rö­mi­schen Rhein­land noch mit der po­li­ti­schen Rea­li­tät die­ser Zeit zu tun hat­te, zeig­te der Zu­sam­men­bruch der Rhein­gren­ze we­ni­ge Jah­re spä­ter, als um die Jah­res­wen­de 406/407 gro­ße ger­ma­ni­sche Ver­bän­de nach Gal­li­en ein­dran­gen. 7. Schluss Mit der Ein­ord­nung des Rheins in ih­re Vor­stel­lun­gen vom vä­ter­li­chen Fluss­gott Rhe­nus bi­cor­nis in­te­grier­ten die Rö­mer den Strom in ihr Den­ken und mach­ten ihn so zu ei­nem rö­mi­schen Fluss. Bei der Ein­be­zie­hung des Rheins in die rö­mi­sche Welt war es nicht re­le­vant, ob der Rhein als Gren­ze oder als Be­stand­teil ih­res ei­ge­nen Herr­schafts­raums galt. Zu­nächst spiel­te der Rhein bei der Fest­le­gung der rö­mi­schen Gren­ze im Nor­den ei­ne Rol­le. Bald wur­de der Fluss mehr und mehr mit ei­nem Ger­ma­ni­en gleich­ge­setzt, das Ziel rö­mi­scher Ex­pan­si­on war, auch wenn die­se Reich­ser­wei­te­rung nur an­satz­wei­se ver­wirk­licht wur­de. Der Ver­ein­nah­mungs­pro­zess fand mehr im rö­mi­schen Selbst­ver­ständ­nis als in der Um­set­zung rea­ler Macht­po­li­tik statt. Da­bei woll­te man an­ge­sichts des rö­mi­schen Welt­herr­schafts­an­spruchs häu­fig zwi­schen der Rhein­re­gi­on als Be­stand­teil des rö­mi­schen Rei­ches und dem nicht un­ter­wor­fe­nen Ger­ma­ni­en öst­lich des Rheins kei­nen son­der­li­chen Un­ter­schied se­hen. In Grenz­be­schrei­bun­gen des rö­mi­schen Rei­ches wur­den in al­len Him­mels­rich­tun­gen selbst­be­wusst vom Zen­trum Rom weit ent­fern­te Welt­ge­gen­den auf­ge­führt; den Nor­den re­prä­sen­tiert hier der Rhein. Die Brü­chig­keit die­ses Den­kens zeigt sich dar­in, dass auch die Rhein­gren­ze von Bar­ba­ren­stäm­men be­drängt wur­de und so zu­gleich für die Ge­fah­ren ste­hen kann, de­nen das rö­mi­sche Reich aus­ge­setzt war. Im Lau­fe der Spät­an­ti­ke trat an die­se Stel­le so­gar die Exis­tenz­be­dro­hung des Rei­ches. Den­noch ver­such­ten die Rö­mer zu al­len Zei­ten im­mer wie­der, ih­re ideo­lo­gi­schen Vor­stel­lun­gen vom in­tak­ten Reich mit der Er­eig­nis­ge­schich­te in Ein­klang zu brin­gen. Da­her war das Ver­hält­nis der Rö­mer zum Rhein von ge­ziel­ter In­stru­men­ta­li­sie­rung be­stimmt. Wenn die Be­dro­hung des rö­mi­schen Reichs­ge­biets im Nor­den kei­ne son­der­li­che Rol­le spiel­te, ho­ben die Rö­mer gern den Strom als Le­bens­ader für rö­mi­sches Pro­vin­zi­al­ge­biet her­vor. So wur­de die Ein­be­zie­hung die­ser Re­gi­on in die rö­mi­sche Welt her­aus­ge­stellt. Dies dien­te dem ge­ziel­ten Ver­wi­schen mög­li­cher Wi­der­sprü­che zwi­schen Wunsch, po­li­ti­schem Er­for­der­nis und Wirk­lich­keit, um den Ein­druck von der Sta­bi­li­tät rö­mi­scher Herr­schaft zu er­hö­hen. In­so­fern be­steht im Ver­hält­nis der Rö­mer zum Rhein zwi­schen welt­an­schau­li­cher Kon­zep­ti­on und po­li­ti­scher Rea­li­tät ei­ne span­nungs­rei­che, gleich­sam dia­lek­ti­sche Be­zie­hung. 6. Die Eifelwasserleitung nach Köln Ein Stück Eifelwasserleitung fertig restauriert. Wegen des Steinraubs im Mittelelter erhielt sie ein originalgetreues Gewölbe mit Steinen aus dem gleichen Steinbruch. Foto: Thomas Sieverding, Restaurator Professor Klaus Grewe, Experte für die Wasserleitung, mit zwei Auszubildenden nach der Restaurierung. Foto: M. Zanjani, LVR-ABR Die römische Wasserleitung von der Eifel nach Köln ist das bedeutendste technische Denkmal der Antike nördlich der Alpen – zugleich das längste. Ihre Gesamtlänge beträgt 95 Kilometer – inklusive aller Zuleitungen etwa 130 Kilometer. Sie ist damit die drittlängste im gesamten römischen Imperium. Der „Römerkanal“, wie er in der Region genannt wird, gehört zu den großen Ingenieurleistungen der Antike. Bauweise und Vermessungstechnik lassen Laien wie Fachleute staunen. Er ist ein archäologisches Denkmal von internationalem Rang – auch deshalb, weil wichtige Teile erhalten sind. Täglich 20 Millionen Liter Wasser für die Colonia Bekanntlich legte die römische Bevölkerung am Niederrhein Wert auf die Beibehaltung ihres Lebensstils. Dazu gehörte auch einwandfreies, frisches Trinkwasser. Bei einem Durchfluss von 250 Litern pro Sekunde lieferte die Eifelleitung täglich bis zu 20 Millionen Liter Wasser in die Provinzhauptstadt – so die Berechnungen von Prof. Dr. Klaus Grewe, der als Archäologe und Vermessungsingenieur beim LVR die Leitung über viele Jahre erforschte. Trassenführung Der "Römerkanal" funktionierte als reine Gefälleleitung. Zur Überbrückung von Tälern gab es einige Aquäduktbrücken. Um die Leitung zum Schutz vor dem Frost weitgehend unterirdisch führen zu können, folgt die Trasse vorhandenen Höhenzügen, Umwege wurden in Kauf genommen. In der Regel wies sie eine Überdeckung von 90 Zentimetern Erdreich auf. Das gewünschte Gefälle konnten die Baumeister dadurch bestimmen, dass sie den Kanal in den Hang eines Höhenzuges legten. Der Erdaushub für die Rinne diente dabei als Arbeitsterrasse und Zuweg. Bei Meckenheim sowie zwischen Hürth und Köln war die Leitung als Hochleitung angelegt, von Bogenstützen getragen. Die römische Vermessungstechnik überließ nichts dem Zufall. Das Gefälle der Leitung beträgt teilweise nur ein Promille. Die Leitung gliederte sich in viele Baulose, wie man an unterschiedlichen Gefälleabschnitten erkennen kann. Bauweise Die gute Erhaltung der Leitung ist vor allem auf ihre bestens ausgeklügelte und äußerst aufwendige Bauweise zurückzuführen. Die Römer kannten bereits den Beton ( opus caementitium ) und verfügten recht früh über wasserdichten Zement. Der Kanal liegt auf einer Packlage aus senkrecht gestellten Fundamentsteinen. Er besteht zunächst aus einer U-förmigen Rinne, die als Beton gegossen oder gemauert war. Die Wangen sind etwa 35 Zentimeter stark, die Innenmaße der Rinne betragen gut 70 Zentimeter in Breite und Höhe. Außen war die Rinne verputzt und in feuchter Umgebung zusätzlich mit einer Drainage versehen, um das Eindringen von Oberflächenwasser zu unterbinden. Besonders wichtig war der rötliche, wasserdichte Innenputz ( opus signinum ). Er gewährleistete die Abdichtung der Rinne im Inneren, also gegen das allgegenwärtige Wasser, und ist auch heute noch gut zu erkennen. Oberhalb der Rinne errichteten die Römer ein Gewölbe, um den Kanal unterirdisch führen und das wertvolle Wasser vor Verunreinigungen schützen zu können. Das Gewölbe war baulich ohne Verbindung auf die Rinne gesetzt, quasi mit Sollbruchstelle. Diese Vorkehrung trafen die Baumeister, damit bei einer Beschädigung des Gewölbes ein Bersten der Rinne möglichst vermieden wird. Wartung Die Forscher entdeckten Absetzbecken und Brunnenstuben sowie zahlreiche Revisionsschächte, die einen Einstieg in die Leitung ermöglichten. Neben der ingenieurtechnischen Leistung des Wasserleitungsbaus sind Wartung und Bauunterhalt der Leitung über mindestens 190 Jahre als administrative Leistung nicht zu unterschätzen: Man geht aufgrund der Absetzbecken für Schlamm sowie den Einstiegen davon aus, dass das Bauwerk durch mehrere Kanalmeistereien fortlaufend gereinigt und gewartet wurde und so der dauerhafte Betrieb gewährleistet wurde. Steinbruch Der Einzugsbreich der Eifelleitung liegt in der aus der Sötenicher Kalkmulde. Das Wasser war recht kalkhaltig. Ob die Römer dieses Wasser wegen des Geschmacks bevorzugten, ist nicht belegt. Ein wichtiger Vorteil des kalkhaltigen Wassers bestand jedenfalls in der automatischen Abdichtung der giftigen Bleileitungen in den antiken Haushalten, die in Köln ihr Wasser aus der Eifel bezogen. Dass Blei ungesund ist, war den Römern bereits bekannt. In den rund 190 Jahren seines Betriebs entstanden im Inneren des Kanals Kalkablagerungen mit einer Dicke von bis zu 40 Zentimetern. Poliert wirkt dieser Kalksinter wie geflammter Marmor. Er eignete sich hervorragend für Säulen und Platten und wurde daher im Mittelalter an vielen Stellen aus dem nicht mehr verwendeten Kanal herausgebrochen, um ihn als bauliches Schmuckelement zu verwenden. "Eifelmarmor" findet sich in vielen Kirchen, so in allen romanischen Kirchen in Köln, den Domen von Paderborn und Hildesheim, sogar in Dalby und Roskilde/Dänemark ist er zu finden. Insbesondere auf den längeren Strecken und an den meisten Aquädukten wurde der Römerkanal ab dem Mittelalter als Steinbruch genutzt. An einigen Stellen ist er nur noch durch die ursprüngliche Baugrube nachweisbar; die Steine sind an manchen Bauwerken zu sehen – darunter Hexenturm und Stadtmauer in Rheinbach. Vermittlung Auf Initiative von Klaus Grewe wurde bereits 1988 der Römerkanal-Wanderweg mit Wanderführer und Informationstafeln eingerichtet und der Verein "Freundeskreis Römerkanal e.V." gegründet. In Rheinbach ist ein Informationszentrum zur Eifelwasserleitung im Bau, es soll im Sommer 2019 eröffnet werden. Gefördert wird es durch das Land, die NRW-Stiftung und den Landschaftsverband Rheinland. Text: Uwe Steinkrüger 7. Das stille Örtchen. Toiletten in der Antike. Anlässlich des Welttoilettentages am 19. November lohnt sich ein Blick zurück auf die Entwicklung der sanitären Anlagen – und dabei besonders auf die römische Antike. Während die hygienischen Standards der Römer nicht mit heutigen Maßstäben vergleichbar sind, erreichten Errungenschaften wie Bäder, Wassertoiletten und Kanalisationssysteme erst in der Neuzeit wieder ein ähnliches Niveau. Die Römer kannten zwei Haupttypen von Toiletten: Gemeinschaftslatrinen mit Wasserspülung, die vor allem in Militärlagern und städtischen Zentren vorkamen, und einfache Grubenlatrinen, welche etwa heutigen Plumpsklos entsprachen. Während die Wasserspülung hygienische Vorteile bot, erschwerte sie die Konservierung archäologischer Funde. Nicht geleerte Grubenlatrinen hingegen sind heute wahre Fundgruben und bieten vielfältige Einblicke in die römische Lebensweise. So wurden in den Latrinen botanische und zoologische Überreste entdeckt, die ein Bild der römischen Ernährung zeichnen. Ein besonderer Fundkomplex betrifft den Nachweis von Parasiten, deren Eier in den Latrinen gefunden wurden und auf weit verbreitete Gesundheitsprobleme hinweisen. In römischen Städten waren öffentliche Toiletten weit verbreitet und befanden sich oft in der Nähe der Thermen. Diese Latrinen variierten architektonisch, wobei rechteckige, quadratische und apsidiale Formen vorkamen. In den größeren Anlagen gab es meist Sitzreihen aus Holz oder Stein, und die Nutzung dieser Gemeinschaftslatrinen bot Gelegenheit für soziale Kontakte und Austausch – ein in der heutigen Zeit ungewohnter Aspekt der Toilettenkultur. Neben diesen großen Gemeinschaftslatrinen, die teils gebührenpflichtig waren, existierten auch einfachere, einsitzige Latrinen entlang der Straßen. So führten in Carnuntum hölzerne Kanäle das Abwasser in größere Sammelsysteme, wobei Sichtschutz oder Sitzpolsterungen meist fehlten. Auf dem Land fand man hingegen meist die einfachen Grubenlatrinen. Ausgrabungen in der Zivilstadt von Carnuntum zeigen, dass private Häuser selten über eigene Toiletten verfügten. Wo diese vorhanden waren, lagen sie oft in einem abgetrennten Bereich der Küche – eine für heutige Vorstellungen ungewöhnliche Kombination, die jedoch dem Zugang zur Abwasserentsorgung geschuldet war. Nachttöpfe für jung und alt Der Nachttopf war in römischen Haushalten ein unverzichtbarer Gebrauchsgegenstand, da die meisten Wohnungen und Häuser keine eigenen Toiletten besaßen. Archäologische Funde von Nachttöpfen entlang der sogenannten Weststraße in Carnuntum, heute Teil des römischen Stadtviertels im Archäologischen Park , zeugen von deren Alltagsnutzung. Viele Fragmente und einige vollständig erhaltene Nachttöpfe fanden sich in antiken Abwasserkanälen und Straßenschüttungen, oft in direktem Zusammenhang mit Fäkalien- und Abfallschichten. Einige dieser Funde wurden nahe einer Therme entdeckt, was auf die vielseitige Nutzung der Gefäße in unmittelbarer Nähe von Wohn- und Arbeitsbereichen hindeutet. Die Analyse der Nachttöpfe unterscheidet zwei Haupttypen: die konischen „lasani“ ohne Henkel, die bis zu 11 Liter fassen konnten, und die flachen „trullae“ mit Griffen, die möglicherweise zum Urinieren einiger Entfernung dienten. Nachttopf (lasanum) aus dem Abwasserkanal 5 der Weststraße (Zivilstadt von Carnuntum ) © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Foto: N.Gail) Römische Autoren wie Martial und Juvenal schildern den alltäglichen Gebrauch dieser Gefäße oft humorvoll. Martial etwa beschreibt, wie Nachttöpfe bei Gelagen genutzt wurden, um den Raum nicht verlassen zu müssen. Während die Oberschicht Nachttöpfe aus wertvollen Materialien wie Gold oder Silber besaß, waren einfache Tongefäße weit verbreitet (Mart. 14, 119). Morgens wurden die Nachttöpfe in die nächstgelegene Latrine oder in ein Urinfass an einer Straßenecke entleert. Urin wurde als Rohstoff auch von Gerbern und Textilverarbeitern geschätzt, was Kaiser Vespasian dazu veranlasste, eine Urinsteuer einzuführen – Grundlage seines berühmten Ausspruchs „pecunia non olet“ („Geld stinkt nicht“). Man durfte zwar den Nachttopf bzw. seinen Inhalt nicht aus dem Fenster schütten, es gibt aber viele Belege für solche Vorkommnisse in Rom, wie Juvenal (Juv. 6, 264) berichtet: 8. Fortschritt mit Nebenwirkungen - Wie Blei die Antike veränderte  Kleiner bikonischer Körper aus Blei mit Öse. - © Niederösterreichische Landessammlungen  „Wie Blei an den Füßen“ oder „schwer wie Blei“ – Redensarten, die das Metall Blei mit Schwere und Last assoziieren, spiegeln bis heute seinen besonderen Charakter wider. Doch war Blei in der Antike weit mehr als eine Metapher: Es prägte den Alltag und die Infrastruktur, stand für Fortschritt und Innovation, war aber auch ein Gesundheitsrisiko.  Blei wurde in Form großer Barren aus den Bergbaugebieten in die Provinzen des Römischen Reiches transportiert. In römischer Zeit wurde der Rohstoff in zahlreichen Regionen abgebaut, wie auf dem Balkan, in Griechenland, Kleinasien, Spanien, Britannien und Germanien. In Britannien etwa setzte die industrielle Bleigewinnung unmittelbar nach der römischen Eroberung durch Kaiser Claudius (43 n. Chr.) ein. Ursprünglich eng mit der Silbergewinnung verbunden, entwickelte sich Blei im Laufe der Zeit selbst zu einem wichtigen Rohstoff, der durch bereits fortschrittliche Verfahren zu einem vielseitigen Werkstoff verarbeitet wurde. Blei fand Einsatz im Bauwesen, etwa zur Verklammerung von Steinblöcken – bei der Porta Nigra in Trier wurden schätzungsweise sieben Tonnen Blei verbaut. Im Schiffbau schützte Blei die Holzrümpfe vor Schädlingen, während es in der Wasserversorgung für die Herstellung der berühmten Bleirohre (sogenannte fistulae ) genutzt wurde. Insbesondere in urbanen Zentren wie Pompeji spielte dieses Material eine Schlüsselrolle bei der Verteilung von Trinkwasser. Für komplexe Druckleitungen, die Täler überbrückten, wurden bis zu zwölf parallel verlaufende Bleirohre verwendet. Die Schätzungen für solche Projekte, wie die Wasserleitung von Lugdunum (Lyon), belaufen sich auf einen Bedarf von bis zu 40.000 Tonnen Blei. Neben seinen architektonischen und infrastrukturellen Anwendungen wurde Blei auch für Gewichte, Amulette, Erkennungsmarken ( tesserae ) oder Fluchtafeln (lat.: defixiones; mit Inschriften versehene Bleibleche, die mit vermeintlichen Schadenszaubern versehen sind) verwendet. Blei nimmt in diesem Zusammenhang eine außergewöhnliche Rolle ein. Zum einen ist es weich genug, um mit einem Metallgriffel leicht beschrieben zu werden, wobei die Schrift durch Ausklopfen ebenso einfach entfernt werden kann. Zum anderen zeichnet es sich durch seine Schwere, dunkle Farbe und giftige Eigenschaften aus – Merkmale, die bereits in der Antike bekannt waren und dem Metall eine symbolische Verbindung zu den Göttern verliehen. Im Militär wurden kleine Bleigeschosse, sogenannte „Schleuderbleie“, eingesetzt. Auch aus Carnuntum stammen zahlreiche Bleifunde, wie etwa bleierne Wasserohre, Bleigewichte oder -tafeln. Der Bedarf an Blei war so hoch, dass ein reger Handel über weite Strecken betrieben wurde. Römische Bleibarren, die oft über 80 kg wogen und Inschriften zur Herkunft und Datierung trugen, sind heute wertvolle Quellen für die Erforschung antiker Handelsrouten. Fluchtäfelchen, ursprünglich um einen dreikantigen Nagel gewickelt; unregelmäßige Form; Inschrift in lateinischer Sprache mit griechischen Textteilen verfasst. - © NÖ Landessammlungen Der gesundheitliche Preis des Fortschritts Die römische Bleiverarbeitung hinterließ jedoch nicht nur wirtschaftliche Spuren, sondern auch langfristige Umweltfolgen. Eiskernanalysen aus Grönland belegen zwischen dem 5. Jahrhundert v. Chr. und dem 3. Jahrhundert n. Chr. einen deutlichen Anstieg des atmosphärischen Bleigehalts, der durch den Bergbau und die Verhüttung verursacht wurde. Neben seiner vielfältigen Verwendungsmöglichkeit war Blei nicht ungefährlich. Bereits Vitruv und später Plinius beschrieben die giftigen Dämpfe, die bei der Verarbeitung des Metalls entstanden. Moderne Forschungen belegen, dass die breite Verwendung von Blei im römischen Alltag – von Wasserleitungen über Kochgeschirr bis hin zur Weinveredelung und -süßung mit sogenanntem „Bleizucker“ (lat. sapa ) – zu erheblichen gesundheitlichen Schäden führte. Auch archäologische und geologische Untersuchungen zeigen erhöhte Bleikonzentrationen in Sedimenten und fossilen Böden, die auf eine weitreichende Umweltverschmutzung hinweisen. exemplar autem ab artificibus plumbariis possumus accipere, quod palloribus occupatos habent corporis colores. namque cum fundendo plumbum flatur, vapor ex eo insidens corporis artus et in diem exurens eripit ex membris eorum sanguinis virtutes. itaque minime fistulis plumbeis aqua duci videtur, si volumus eam habere salubrem. saporemque meliorem ex tubulis esse cotidianus potest indicare victus, quod omnes structas cum habeant vasorum argenteorum mensas, tamen propter saporis integritatem fictilibus utuntur. (Vitruv 8,6,11) „Dies lässt sich durch die Beobachtung der Arbeiter in der Bleiverarbeitung überprüfen, die eine blasse Gesichtsfarbe aufweisen; denn beim Gießen von Blei setzen sich die Dämpfe des Metalls an den verschiedenen Körperteilen ab und verbrennen sie täglich, wodurch die Lebenskraft des Blutes zerstört wird. Wasser sollte daher unter keinen Umständen durch Bleirohre geleitet werden, wenn wir darauf bedacht sind, dass es gesund bleibt. Dass der Geschmack von Wasser, das durch Tonrohre geleitet wird, besser ist, zeigt sich bei unseren täglichen Mahlzeiten: Denn alle, die silberne Gefäße auf ihren Tafeln verwenden, greifen dennoch zu solchen aus Ton, da bei diesen die Reinheit des Geschmacks erhalten bleibt.“ Chronische Bleivergiftungen hatten vor allem neurologische Auswirkungen. Neuere Studien legen nahe, dass die Bleibelastung den durchschnittlichen Intelligenzquotienten der Bevölkerung um bis zu drei Punkte senkte. Insbesondere Kinder waren betroffen, was nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Konsequenzen hatte: Die Leistungsfähigkeit und Kreativität der römischen Gesellschaft könnten durch diese kognitiven Beeinträchtigungen erheblich eingeschränkt worden sein. Hinzu kamen physische Beschwerden wie Nierenschäden, Bluthochdruck und ein geschwächtes Immunsystem, die möglicherweise auch die Lebenserwartung und die Effizienz der Arbeitskräfte reduzierten. 9. Thermenwesen I - Bautypen römischer Thermen  Die Bezeichnung Thermae stammt vom griechischen Adjektiv qermóς / thermós "warm". Üblicherweise waren in der römischen Antike damit öffentliche Bäder gemeint, die neben einer Vielzahl von Baderäumen auch Garderoben, Palästren zur Körperertüchtigung, Bibliotheken und andere Aufenthaltsbereiche wie zum Beispiel Gaststätten beinhalteten.  Beim einfachsten Bautyp, dem Reihentyp, der etwa in der wieder errichteten Therme in der Römerstadt Carnuntum vorliegt, wurden die notwendigen Räume aneinandergereiht: vor dem Eingang befanden sich die Latrinae – also die gemeinschaftlichen WC-Anlagen. Im Apodyterium, der Garderobe, legte man sodann die Straßenkleidung ab, gelangte in das Frigidarium (Kaltbad) und über das Tepidarium (Warmbad) in ein Sudatorum (Sauna oder Schwitzbad) oder in ein Caldarium (Heißbad). Von hier aus konnte man in den Freibereich, die sogenannte Palästra, gehen und sich mit Ballspielen, Ringen oder anderweitig körperlich ertüchtigen. Dem Prinzip, die einzelnen Räume mit ansteigenden Temperaturen der Reihe nach zu benützen, konnte hier also ganz einfach gefolgt werden. Man musste jedoch am Rückweg aus der Therme nochmals alle Baderäume durchschreiten. Beim aufwendigeren Ringtyp wurde das vermieden. Auch hier fanden sich Eingangsbereich, Apodyterium, Frigidarium, Tepidarium, Sudatorium und Caldarium sowie eine Palästra allerdings ringförmig aneinandergereiht. Dieser Typus findet sich etwa bei der großen Forumstherme, im Volksmund auch Palastruine genannt, die gleich neben dem römischen Stadtviertel in Petronell-Carnuntum besichtigt werden kann. Der dritte belegte Haupttypus ist der sogenannte Kaisertyp, der eigentlich ein Hauptring mit zwei umlaufenden Ringen war. Diese Bauart findet sich zum Beispiel bei den bekannten Stabianerthermen in Pompeji. Die Entwicklung des opus caementitium (Gussbeton) sowie des sog. Hypokaustum, einer ausgeklügelten Fußbodenheizung, führte dazu, dass Thermen in Rom und den römischen Provinzen in jeder größeren Siedlung zu finden waren, so natürlich auch in Carnuntum. Für die Römerstadt sind neben kleineren Privatbädern mehrere größere Thermenanlagen durch die neuesten Forschungsergebnisse belegt.   10. Thermenwesen II - Die soziale Komponente römischer Thermen  © Land NÖ, Archäologischer Park Carnuntum - Therme Grabungen 1965 Neben der Körperreinigung hatten Thermen auch eine große gesellschaftliche Bedeutung, denn hier traf man sich auch, um Neuigkeiten auszutauschen. Thermen galten als ein sichtbares Zeichen römischer Zivilisation und spielten eine wichtige Rolle bei der Romanisierung der Provinzen: Wandmalereien, Marmorverkleidungen und Mosaiken gehörten zur Grundausstattung von Thermenbauten auch in kleineren Siedlungen. Häufig finden sich auch Kuppeln mit Glasmosaiken oder Stuckverzierungen sowie reicher Skulpturenschmuck. Häufig waren es auch Mitglieder der Stadtelite, die dem städtischen Gemeinwohl Thermen und andere große öffentliche Gebäude stifteten. Der Eintritt in eine Therme wurde bewusst niedrig gehalten, sodass sich auch einfachere, sozial niedriger gestellte Bürger einen regelmäßigen Besuch im Bad leisten konnten. Männer und Frauen war es nicht erlaubt, sich zur selben Zeit in der Therme aufzuhalten, außer es gab bauliche Vorkehrungen, sodass einander die beiden Geschlechter nicht begegneten. An manchen Tagen waren Thermen auch den Sklaven zugänglich. Ihre Besitzer achteten mit dieser Maßnahme darauf, dass die Sklaven gesund blieben und somit ihre Arbeit so lange wie möglich verrichten konnten. Aus demselben Grund standen Sklaven übrigens auch Weinrationen zu. Nach dem Ablegen der Straßenkleidung, für die es in manchen Thermen eigene Aufpasser gab, denn Kleidung war extrem teuer, begab man sich mit einem Leinentuch und Holzschlapfen in die Baderäume. Die Abfolge war von der Temperatur her zwar vorgegeben, doch nicht zwingend zu befolgen. Die Becken scheinen nach heutigem Ermessen klein, eher mit einem Whirlpool vergleichbar als mit einem Badebecken. Die sog. Strigilis, ein metallenes Werkzeug, das man in die Therme mitbrachte, diente zum Abschaben von Öl, Sand und abgestorbener Haut. Nach dem Badegang rieb man sich mit Öl ein und kleidete sich an. Seife in der uns bekannten Form war in der römischen Antike nicht gebräuchlich. © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Foto: N. Gail) Verlinkungen: -> Quellen: Internetquellen -> Kirchengast, Nisa-Iduna: Römer-Quellen. Wasserversorgung in der Antike, in: Römerstadt Carnuntum Blog, online verfügbar unter: https://www.carnuntum.at/de/magazin/romer-quellen-wasserversorgung-in-der-antike/727 , zuletzt geprüft am 10.08.2026. -> Lambrecht, Ulrich, Der Rhein im Denken der Römer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/der-rhein-im-denken-der-roemer/DE-2086/lido/5d63a243246c37.82044604 (abgerufen am 11.08.2026) -> Die Eifelwasserleitung nach Köln, in: bodendenkmalpflege.lvr.de, online verfügbar unter: https://bodendenkmalpflege.lvr.de/de/aktuelles/presse/2018_1/2018_11_20_2.html , zuletzt geprüft am 11.08.2026. -> Kirchengast, Nisa-Iduna: Das stille Örtchen – Toiletten in der Antike, in: Römerstadt Carnuntum Blog, online verfügbar unter: https://www.carnuntum.at/de/magazin/toilets-in-antiquity/896 , zuletzt geprüft am 11.08.2026. -> Kirchengast, Nisa-Iduna: Fortschritt mit Nebenwirkungen. Wie Blei die Antike veränderte, in: Römerstadt Carnuntum Blog, online verfügbar unter: https://www.carnuntum.at/de/magazin/fortschritt-mit-nebenwirkungen-wie-blei-die-antike-veranderte/1021 , zuletzt geprüft am 22.08.2026. -> Kirchengast, Nisa-Iduna: Thermenwesen I. Bautypen römischer Thermen, in: Römerstadt Carnuntum Blog, online verfügbar unter: https://www.carnuntum.at/de/magazin/thermenwesen-i-bautypen-romischer-thermen/778 , zuletzt geprüft am 22.08.2026. -> Kirchengast, Nisa-Iduna: Thermenwesen II. Die soziale Komponente römischer Thermen, in: Römerstadt Carnuntum Blog, online verfügbar unter: https://www.carnuntum.at/de/magazin/thermenwesen-ii-die-soziale-komponente-romischer-thermen/776 , zuletzt geprüft am 22.08.2026. Sekundärliteratur -> Schneider, Johannes: Der erste Aquädukt, in: Rom. Die Geschichte der Republik (GEO Epoche Jg. 2011, Heft Nr. 50), Hamburg 2011. -> Wieland Martin u. Schäfer, Alfred: Abwasserentsorgung im römischen Köln, in: Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (9. Jg., Heft Nr. 1), Bad Homburg 2015, S. 12-15. -> Schade-Lindig; Lindenthal, Jörg: Frischwasser für gut situierte Römer in der Wetterau, in: Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (16. Jg., Heft Nr. 1), Bad Homburg 2022, S. 24-29.