Kunstraub und andere Einflüsse

Inhaltsverzeichnis

1. Machtdemonstration par excellence. Der immense Kunstraub Roms. (Artikel)


1. Machtdemonstration par excellence. Der immense Kunstraub Roms.

In einer Koalition von Macht und Religion inszenierten römische Aristokraten in den Triumphzügen der Republik den größten Kunstraub der Geschichte.

VON ERNST KÜNZL

Kunstraub war in der Geschichte eine Demonstra- tion  einseitiger  Machtausübung,  aber  mit  ver- schiedenen Motiven und vorwechselnden Hinter- gründen. Wertschätzung von Kunst spielte dabei nicht die erste Rolle. Um Kunst ging es am wenigs- ten, als dieRömer der Republik den griechischen Osten ausplünderten. In den drei letzten Jahrhunderten der römischen Republik vor der Zeit des Octavianus-Augustus (31 v. Chr. – 14 n. Chr.) inszenierten die Feldherren Roms die proportional gesehen größtenKunstraubaktionen der Geschichte. Opfer waren griechische Städte und Staaten. Gigantische Präsentationen in den TriumphzügenRoms zeigten dem Publikum der Hauptstadt die unermessliche Kriegsbeute: Waffen, Statuen, Ge- mälde,  Teppiche,  Textilien,  Edelmetallgefäße, Berge von Gold und Silber. Roms Triumphe waren religiöse Riten und politische Inszenierungen, die Beutekunstdabei ein Element unter vielen.

DIE VORLÄUFER IM ORIENT

Für fast alle kulturellen Erscheinungen des klassi- schen Altertums gab es Vorläufer im Nahen Osten, vor allem in Mesopotamien. ObSchrift und Poe- sie, ob Medizin und Astronomie, ob Skulptur und Architektur – das Mittelmeergebiet empfing im- mer wiederentscheidende Anregungen von den großen Königreichen der Bronzezeit an Nil, Euph- rat und Tigris. Wir finden dort auch den ersten Kunstraub der Geschichte. Das Königreich Elam entführte Statuen und Reliefs aus Mesopotamien (12. Jh. v. Chr.), die Heere Assyriens plünderten das ägyptische Theben (664/663 v. Chr.), und Baby- lons König Nebukadnezar II.besetzte Jerusalem (597/587  v. Chr.)  und  brannte  Salomons  Tempel nieder. Das Tempelinventar wurde nach Babylon gebracht.Um Kunst ging es weder in Elam noch in Assur und Babylon, es ging um die Demonstra- tion von Macht und um die Erhöhungder eige- nen, siegreichen Götter, denen die Beute geweiht wurde. Das war das Generalthema der Kunstraub- aktionen imgesamten Altertum.

Das Weltreich der Perser folgte den Vorbildern Mesopotamiens. In den persischen Feldzügen gegen die Griechen bis 480 v. Chr.entführte man Kunst- werke aus Milet und Athen. Man wollte die Grie- chen demütigen, indem man die Apollonstatue desKanachos aus Didyma bei Milet deportierte. Als die Perser im besetzten Athen die Skulpturen- gruppe der Tyrannenmörderwegbrachten, war das ein politisches Signal: Hippias von Athen, Bru- der des getöteten Hipparchos, lebte im Exil bei den Persern.Knapp 200 Jahre später war es Alexander der Große, der in seiner Rolle als Herrscher über Persien die Restitution von Kunstwerkenals politi- schen Akt erschuf: Er gab demonstrativ den Athe- nern die Tyrannenmördergruppe zurück. Wieder war Kunst einSpielball politischer Interessen.

DIE ARISTOKRATIE ROMS

Nachdem man die etruskischen Könige vertrie- ben hatte, bestimmte über fast ein halbes Jahr- tausend der Senat die Geschicke derStadt Rom. Die römische Nobilität beherrschte die Politik, und sie tat es besonders beim herausragenden rö- mischen  Machtritus,  dem  Triumphzug.  Dabei war jeder der siegreichen Adeligen, ob patrizischer oder plebejischer Herkunft, bemüht, seine Verdienste um das Wohl und den Reichtum des römischen Volkes herauszustellen. Es herrschte eine immerwährende Rivalität unter den großensenatorischen Familien Roms um Einfluss und um Ruhm. 

Diese fortwährende Konkurrenz der führenden Aristokraten untereinander bildete den Hintergrund für den immensen römischenKunstraub vom 3. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. Der Triumph war ein religiöser wie politischer Akt, er war das wichtigste aller römischenFeste und er war der Höhepunkt jeder aristokratischen Karriere. Jeder Triumphator vertrat nicht allein seine Siege, son- dern er war auchein Mitglied bzw. Stellvertreter seiner Sippe. Der Triumph war ein Ritual für den höchsten Gott Roms, für Iuppiter Optimus Maxi- musCapitolinus, aber er diente auch dem Ruhm des jeweiligen Siegers aus der Senatsaristokratie und seiner Familie.

TRIUMPHZÜGE

Mehr als 300 Triumphprozessionen zogen durch Rom in den Jahren 340 bis 19 v. Chr., der Hochzeit römischer Triumphe. Es wurde erwartet, dass die Triumphatoren  aus  der  Kriegsbeute  möglichst viel Gold und Silber an die Staatskasse überwie- sen. Man setzte auch voraus, dass eroberte Kunst- werke dem römischen Volk auf öffentlichen Plätzen, in Gebäuden und in Tempeln zugänglich gemacht wurden. Genaue Regeln dafür gab es nicht, das Ganze wurde unbürokratisch gesehen. Seit dem späten 3. Jahrhundert v. Chr. änderte sich die Haltung Roms zur Kunst der Griechen. Roms Eroberungen in Griechenland und dem hellenistischen  Ostmittelmeerraum  zeigten  den  siegreichen Feldherren eine neue, faszinierende Welt. Man lernte, Kunstwerke als Schmuck von Palästen, Plätzen und Tempeln und als Zeichen von Macht und Glanz zu verstehen.

Die Bewunderung griechischer Kunst begann so richtig mit der Syrakusbeute des Claudius Marcellus (212 v. Chr.); das bestätigen spätere Historiker wie Livius undPlutarch. Von da an wurden immer größere Mengen von Beutekunst den Zuschauern in Rom vorgeführt. „Am zweiten Tag sah man im Zug 1000 Talente an Münzen,2200 Talente Silber, eine Menge von Trinkgefäßen, 500 Wagen voll mit Götterbildern und Statuen aller Art, auch viele goldene  Schilde  und  Weihegemälde“,  berichtet der Historiker Diodor (31,7,9–12) über den dreitägien Triumph des Lucius Aemilius Paullus in Rom, 28.–30. November 167 v. Chr., der den Sieg über Makedonien feierte. Die Triumphzüge von Lucullus, Pompeius und Caesar im 1. Jahrhundert v. Chr. waren darauf an- gelegt, immer glänzendere Schauspiele zu inszenieren, was diePräsentationen von Beutekunst einschloss.

DIE STIFTUNGEN DER SIEGER

Die Beutekunst wurde den Römern in der Regel an öffentlichen Orten und Gebäuden dauerhaft präsentiert. Rom wurde durch die Stiftungen der Triumphatoren zu einem Ort voller Triumpherinnerungen, zu einer ewigen Triumphstadt. In Rom waren die griechischen Kunstwerke ihrem ursprünglichen Zusammenhang entrissen. Sie erhielten durch die Neuaufstellung einen neu- en religiösen, aber auch einen politischen Inhalt, politisch in dem Sinne, dass sie nun dem römi- schen Volk zugänglich waren: Als Stiftungen sieg- reicher Triumphatoren waren sie zugleich Symbole der römischen Kraft und Stärke, der Ehre der römischen Waffen.

KUNSTVERSTÄNDNIS

Das Kunstverständnis der römischen Oberschicht hatte sich bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. funda- mental gewandelt. GriechischeKunst wurde zum kanonischen  Maßstab.  Manche  Tempelanlagen wurden geradezu zu Kunstsammlungen. Beson- dersdeutlich kam dieser Gedanke beim Temp- lum Pacis zum Ausdruck. Mit der Beute aus dem Jüdischen Krieg finanzierte KaiserVespasian das Heiligtum der Göttin des Friedens, Pax, das er 75 n. Chr. einweihte. Einen großen offenen Platz um- gabenSäulenhallen; Mittelpunkt des Haupttrak- tes war der Kultsaal für die Friedensgöttin, die vermutlich als kolossale Sitzfigurdargestellt war. Mit dem gesamten Programm wollte man die Grö- ße Roms in den Mittelpunkt rücken: die Friedens- göttin Pax, einStadtplan Roms in seiner ganzen Größe als Welthauptstadt (Forma Urbis), die Beute aus dem Tempel in Jerusalem als Zeichen desSie- ges der römischen Waffen und schließlich eine ge- waltige Sammlung von Kunstwerken. Schon Zeit- genossen bemerkten, dassman hier ein Panorama der Kunstgeschichte von den Griechen bis zu den Römern sehen könne. Die griechischen Meister- werkeim Templum Pacis stammten aus dem Fun- dus von Kunstraubmaterial in Rom und aus Kai- ser Neros Privatbesitz. Die Aufstellungvon Kriegs- beute in einem neu gestifteten Tempel setzte die Tradition der Aristokraten der Republik fort. Vespasian stellte sich damit in die Reihe der römi- schen Senatsnobilität der Republik wie auch der julisch-claudischen Dynastie.

DIE OBELISKEN ÄGYPTENS

Die Aktivitäten der römischen Kaiser machten Rom zur Hauptstadt der Obelisken, und als solche gilt die Stadt bis heute. Unterdem Aspekt des Kunstraubs sind die römischen Obelisken aller- dings ein Sonderfall. Keiner von ihnen wurde in einer Schlachterobert und sie wurden erst nach Rom verpflanzt, als Ägypten bereits römische Provinz war. Allein Kaiser Augustus brachtevier Obelisken nach Rom; unter ihm wurden sie zu exotischen Siegessymbolen.

Im Laufe der Zeit waren außerdem die alten anti- ägyptischen Vorbehalte aus dem Kampf gegen Kleopatra nicht mehr wirksam.Im Gegenteil, im Römerreich entstand bald eine regelrechte Ägyptenbegeisterung. Zu dem Atmosphärenwechsel trug auchder römische Tourismus nach Ägypten bei, speziell zu den Pyramiden und den Memnon- kolossen. In Rom stehen heute noch13 Obelisken, davon zehn aus dem pharaonischen Ägypten der Jahre zwischen 1490 und 570 v. Chr.

KONSTANTIN PLÜNDERT DAS EIGENE REICH AUS

In der Spätantike jedoch wurde Rom entthront, und Kaiser Konstantin verlegte 324 n. Chr. seine Residenz in das „Neue Rom“, die Stadt Byzanz, das spätereKonstantinopel. Dafür ließ der Kaiser zahlreiche Statuen aus dem Ostteil des Reiches nach Byzanz schaffen. Der Unterschied zum Rom der Republik und der frühen Kaiserzeit lag auf der Hand: Rom hatte damals die Kunstwerke unterlegener Völker und eroberter Städte konfisziert; die Kaiser seit Konstantin da- gegen sammeltenKunstwerke im eigenen Reich ein und beraubten damit ihre eigenen Untertanen. Aber von welchen auswärtigen Gegnern hät- te man sich auch Kunstwerkeholen können, die römischem Geschmack entsprachen? Der christli- che Schriftsteller Hieronymus († 420 n. Chr.) be- merkte  dazu  lakonisch,  dass  zum  Ruhm  und Schmuck  Konstantinopels  fast  alle  Städte  ent- blößt wurden. Zwei  der  translozierten  Denkmäler  haben  die Zeitläufte seither überlebt. Die Schlangensäule aus Delphi war ursprünglich ein Siegesdenkmal der  Griechen  für  einen  Sieg  über  die  Perser 479 v. Chr.; sie steht bis heute im Hippodrom Kon- stantinopels, weil sie bei den Türken Istanbuls später als Talisman gegen Schlangenbisse galt und deshalbnicht eingeschmolzen wurde. Besonders bewegt ist die Geschichte der vier Pfer- de von San Marco. Die Quadriga stand zuerst in ei- nem griechischenHeiligtum, von wo aus man sie in der Spätantike nach Konstantinopel brachte und  am  Hippodrom  aufstellte.  Die  Venezianer schafften sie 1204 mit ihrerBeute aus der Plünderung der Stadt nach Venedig. Von den Franzosen 1797 konfisziert, wurde die Gruppe 1815 nach Napoleons Ende den Venezianern vom österreichischen Kaiser Franz I. zurückgegeben.

RESTITUTIONEN

Restitutionen  waren  im  Altertum  ein  seltener Vorgang. Der große Neuerer Alexander von Makedonien ging auch auf diesem Gebiet voran: Er gab 323 v.Chr. die von den Persern geraubte archaische Tyrannenmördergruppe an Athen und an andere griechische Städte ebenfalls persische Beutekunst zurück. DieMotive waren bei Alexan- der dem Großen politisch, und sie waren es auch in  der  Römerzeit.  Nach  dem  Fall  Karthagos 146 v. Chr. sammelte der Sieger Scipio Aemilianus dort sakrale Werke aus Sizilien ein, welche die Karthager geraubt hatten; Scipio gab sie den Städten Gela,Segesta, Thermae (Himera) und Agrigent zurück, was positiv vermerkt wurde. Erwähnenswert ist danach nur noch die Restitutionsaktion des Augustus, die erselbst in seinem Rechenschaftsbericht festhielt (Res gestae 24): „In den Tempeln aller Städte der Provinz Asia habe ich als Sieger die Kostbarkeiten wieder aufstellen lassen, die derjenige, mit dem ich Krieg führte, durch Plünderung dieser Heiligtümer in seinen persönlichen Besitz gebracht hatte“. Das von Au- gustuszurückerstattete Gut war als privates Die- besgut des besiegten Marcus Antonius deklariert worden, soweit es sich um sakrales Tempelgut handelte. Augustus beziehtsich nicht auf Beute- gut, das die Römer in ihren Kriegen erbeuteten – und diese hielten sie in der Regel für gerechtfer- tigt. Insgesamt gesehen spielten Restitutionenim Altertum keine nennenswerte Rolle.

Verlinkungen:

->

Quellen:

Internetquellen

->

->

->

Sekundärliteratur

-> Künz, Ernst: Machtdemonstration par excellence. Der immense Kunstraub Roms, in: Der Limes. Nachrichtenblatt der deutschen Limeskommission (16. Jahrgang, Heft 2), Stuttgart 2022. 

->

->


Revision #4
Created 9 July 2025 17:56:28 by Marlon Zimmermann
Updated 6 July 2026 14:57:58 by Marlon Zimmermann