Kultur und Traditionen
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- Karneval, Fasnacht, Fasching etc.
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- Mythen und Sagen
Jagd und Schützenwesen
Inhaltsverzeichnis
1. Das rheinische Schützenwesen. Ursprünge, Traditionen und Entwicklungslinien
1. Das rheinische Schützenwesen. Ursprünge, Traditionen und Entwicklungslinien
1. Einführung
Obwohl die verschiedenen Ausformungen des Schützenwesens im Rheinland wenigstens genauso zum regionalen Brauchtum gehören wie der Karneval – und dabei noch wesentlich älteren Ursprungs sind – haben sich Geschichtswissenschaft und Volkskunde kaum mit dem Phänomen befasst. Einige wenige Studien bilden immer noch den einschlägigen Literaturkanon[1], insgesamt bleibt es bei mikrogeschichtlichen Arbeiten[2], die aber die Frage nach dem Verbindenden, den Ursprüngen und den gemeinsamen Entwicklungslinien durchweg nicht zu beantworten suchen.[3]
Gewiss sind die bis in die Gegenwart gepflegten Traditionen zuweilen höchst unterschiedlich, und von daher mag die Unübersichtlichkeit der Quellenlage eine Rolle für das Desiderat spielen. Dennoch gibt es durchaus evidente Gemeinsamkeiten:
- Das Tragen und Verwenden der Schusswaffe
- Die Durchführung gemeinsamer Feiern und Festveranstaltungen, insbesondere des Vogelschusses
- Die Uniformierung.
Die Schusswaffe als Merkmal der Schießenden, der Schütze als ihr Träger begründen die Selbstbezeichnung und nicht etwa eine gerade in vielen Vereinschroniken, Festschriften und dergleichen unterstellte Schutzfunktion zum Beispiel einer Kirche, einer Gemeinde oder anderer dinglicher Werte.[4]Die verschiedenen Anlässe für Zeiten gemeinschaftlicher Geselligkeit sind in nahezu allen Schützenordnungen enthalten und damit ein konstitutives Element des Schützenwesens, und der Vogelschuss ist ein überregional bekanntes, wenn auch kaum erforschtes Brauchtumselement. Eine Uniformierung, gerade im militärischen Sinn, gab es bei den Schützenbruderschaften bis ins 18. Jahrhundert in der Regel nicht; zuweilen wurde die Mitgliedschaft in einer solchen Vereinigung durch uniform getragene einzelne Kleidungsstücke wie ein Halstuch gekennzeichnet. Erst mit der Übernahme und Ausprägung eines soldatischen Habitus im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Schützenuniform flächendeckend eingeführt.
Häufig kommt die Rückbindung an die christliche Konfession hinzu, entweder formal, wenn die Vereine als Schützenbruderschaften konstituiert sind, oder in der Regel auch dann faktisch, wenn sie als (Bürger-)Schützenvereine auftreten.
Ausgehend von diesen Beobachtungen versucht die vorliegende kleine Studie, die historische Entwicklung des Schützenwesens im Rheinland nachzuzeichnen. Dabei können zumindest zwei Quelllinien identifiziert werden: eine mittelalterliche, christliche Tradition, die sich bis heute in der äußeren Gestalt der Bruderschaft manifestiert, sowie eine diese ältere Linie ab dem 19. Jahrhundert teils überlagernde, teils umformende national-militärische Tradition, die den Schützenvereine gerade um 1900 den Charakter vaterländischer Gesellschaften gab. Für diese beiden Linien gibt es in der Regel hinreichendes, wenn auch in Qualität und Quantität sehr heterogenes Quellenmaterial.
Vogelschießen in Dresden am 20. September 1699, Stich von Moritz Bodenehr (1655-1749). (Grafik aus dem Klebeband Nr. 15 der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek Arolsen)
Das gilt nicht für eine denkbare dritte Linie, die als heidnisch bezeichnet werden könnte und die Hans-Thorald Michaelis in die Forschung eingeführt hat.[5] Dabei geht er zu Recht von einem wesentlichen, wenn nicht dem herausragenden Merkmal des Schützenwesens, dem Vogelschuss, aus, für den er Erklärungsmodelle durch Analogiebildung zu verschiedenen vorchristlichen Bräuchen sucht. Obwohl diese Linie damit zeitlich an erster Stelle stehen würde, sollen zunächst im Folgenden die christliche und die national-militärische Entwicklungslinie als gesicherte Erkenntnisse näher vorgestellt werden.
2. Das Bruderschaftswesen
2.1 Korporation und Gebetsverbrüderung
Die Entwicklung der Bruderschaften speiste sich ihrerseits aus zwei unterschiedlichen Prozessen: zum einen aus dem für die mittelalterliche Gesellschaftsordnung konstitutiven Genossenschaftswesen in seinen sehr unterschiedlichen Ausprägungen mit ständischen, berufsständischen, ortsbezogenen, geistlichen oder andere Vereinigungen und einer ausgeprägten Binnenhierarchie, zum anderen aus frühen monastischen Sodalitäten mit dem Zweck des Totengedenkens.
Bereits im Jahr 762 war auf der Synode von Attigny eine zeitlich begrenzte Gebetsverbrüderung geschlossen worden; das gegenseitige Gedächtnis zunächst innerhalb der in der Regel ohne Nachkommen bleibenden Geistlichkeit sollte das Seelenheil im Todesfall befördern.[6] Bis ins 11. Jahrhundert, vereinzelt auch schon früher, verstetigten sich diese Verbindungen und weiteten sich auf die Laien aus. Für diese Verbindungen finden sich unterschiedliche Bezeichnungen: amicitia, familiaritas, societas, zuweilen auch convivium und am häufigsten (con)fraternitas.
Die Attraktivität der Mitgliedschaft in einer solchen Verbindung war für den vormodernen Menschen hoch, denn die Angst unvorbereitet, das heißt ohne Nachlass der Sünden, zu sterben und deshalb die Qualen der Hölle oder des Fegefeuers erleiden zu müssen, war groß.[7] Das Wissen um eine dauerhaft geregelte Totenfürsorge etwa in Gestalt der von den Vereinigungen beauftragten Seelenmessen vermittelte den Menschen ein Gefühl von Sicherheit und brachte den anfangs kaum organisierten Bruderschaften enormen Zulauf. In den Zünften und Gilden, deren Ursprünge bis ins Altertum reichen und die sich dann ab etwa 1100 etwa zeitgleich mit den Gebetsverbrüderungen stärker ausdifferenzierten[8], fanden sie geeignete Vorbilder für die Herausbildung einer funktionierenden inneren Ordnung.
Bis ins frühe 15. Jahrhundert lässt sich in der Folge eine reziproke Entwicklung der genossenschaftlichen Vereinigungen und der auf die memoria zielenden Verbrüderungen feststellen. Während sich diese Strukturen mit Brudermeistern an der Spitze, Brüderboten und Pedellen entwickelten, übernahmen jene zusätzlich zu ihrer meist gewerbeordnenden Funktion auch das Totengedenken und andere religiöse Elemente wie etwa die besondere Verehrung eines Schutzpatrons.[9]
Besonders in den Städten gewannen die Bruderschaften durch diese Verschmelzung erheblich an Gewicht. Die Zünfte und Gilden hatten nicht mehr nur einen rein gewerblichen Charakter, sondern auch eine zusätzliche moralische Legitimation, und die ursprünglich rein religiösen Bruderschaften profitierten von einer starken und geordneten Mitgliedschaft, an deren Spitze in der Regel die vornehmen Bürger des Gemeinwesens standen. Gleichzeitig erlaubte die Bruderschaft auch den stärkenden Zusammenschluss nicht nur berufsständischer, sondern auch funktionaler Gruppen und Eliten, von denen eine die Schützen waren.
2.2 Frühe Schützenbruderschaften
Schützenbruderschaften entstanden als Vereinigung der waffentragenden Bürger – nur im Einzelfall auch bediensteter Stadtsoldaten – vorwiegend ab dem 15. Jahrhundert. Walter M. Plett weist für das Rheinland im 11. und 12. Jahrhundert sechs Bruderschaftsgründungen nach[10], für das 13. Jahrhundert zehn und für das 14. Jahrhundert 42. Im 15. Jahrhundert verdreifacht sich die Zahl auf 135, um sich dann im 16. Jahrhundert auf 76 zu halbieren. Im 17. Jahrhundert ist ein erneuter Anstieg auf 133 zu verzeichnen, um im 18. Jahrhundert auf 76 zurückzusinken.
Der hohe Wert im 15. Jahrhundert markiert den Zeitpunkt, zu dem sich die Bruderschaften zu einer wirkungsvollen Korporation im Gemeinwesen entwickelt hatten, die dem Bürgertum verschiedene Möglichkeiten der religiösen und damit auch sozialen Repräsentation bot.[11] Inwiefern Kriege und Krisen die Entstehung von Bruderschaften begünstigten, lässt sich nur schwer einschätzen. Dass gerade im 16. Jahrhundert mit den Glaubenskriegen, der „Kleinen Eiszeit“ und ihren spürbaren Auswirkungen oder dem beginnenden 80-jährigen Krieg ein so signifikanter Rückgang zu verzeichnen ist, spricht jedenfalls nicht dafür. Vielmehr scheint ein gewisser religiöser Eifer, der sowohl ins 15. Jahrhundert wie auch in das im Rheinland erst im 17. Jahrhundert wirklich beginnende konfessionelle Zeitalter passt, eine Triebfeder gewesen zu sein.
Beispielhaft sei aus der Gründungsurkunde der Neusser St. Sebastianus-Schützenbruderschaft, deren Tradition heute von der Neusser Scheibenschützen-Gesellschaft von 1415 e.V. gepflegt wird, vom 1.11.1415 zitiert:
„Im Namen Gottes Amen! Zum Lobe und zu Ehren Christus Jesus, unseres Herrn, Mariä, Seiner lieben Mutter, und dem hochgelobten Märtyrer Sankt Sebastianus zu Diensten, so haben die Schützengesellen in der Stadt Neuss beschlossen, unter sich eine Bruderschaft von jetzt an immerfort bis in fernste Tage zu halten und alle Jahre am Tag des heiligen Märtyrers zu begehen und durchzuführen dermaßen als hernach geschrieben steht.“[12]
Das Gründungsdatum, das Allerheiligenfest, verweist auf den ursprünglichen Zweck des gegenseitigen Totengedenkens. Im Übrigen stellten sich die Schützengesellen, deren Kreis später noch enger definiert wird als diejenigen, „die binnen Neuss wohnen und Jahr und Tag ansässig sind, sofern sie von gutem Rufe sind und ehrbar in ihrem Wandel und in ihren Hantierungen“[13], in den Dienst an der Kirche und unter den Schutz des heiligen Sebastian, der selbst mit Pfeil und Bogen erschossen worden und von seinen Wunden durch die Pflege der frommen Witwe Irene genesen war. Gleichzeitig galt Sebastian als Pestheiliger; seine Beliebtheit als Patron von Schützenbruderschaften – von 1.297 Bruderschaften im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften im Jahr 2009 führten über 400 oder rund 32 Prozent Sebastian im Namen, mit deutlichem Abstand folgt der heilige Hubertus mit rund 250 Bruderschaften (= 19 Prozent)[14] – scheint doch auch mit den Pestepidemien des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit zu korrelieren.[15]
So findet sich in der Neusser Urkunde im ersten Abschnitt die Bitte, der heilige Märtyrer möge die Schützenbrüder „beschirmen vor der Pest, vor Blattern, vor dem jähen Tode, vor Geschossen und anderen Leibesnöten.“ Interessant ist, dass hier neben den allgemeinen Gefahren durch Krankheit die spezifische Gefahr des Schützen, die Schussverletzung, mit aufgenommen wurde. Die weiteren Bestimmungen heben fast ausschließlich auf religiöse und soziale Verhaltensweisen ab; so wurde die Verpflichtung, armen Schützenbrüdern Almosen zu spenden und für ein würdiges Begräbnis zu sorgen, ebenso festgeschrieben wie die Zahl der Seelenmessen, die im Todesfall für ein verstorbenes Mitglied zu lesen waren. Am Sebastianustag, dem 20. Januar, sollte zudem ein Brudermahl stattfinden. Regelungen über das Schießen finden sich, anders als in späteren Quellen, nicht. Dass die Bruderschaften dennoch Schießübungen und mehr noch Schießspiele durchführten, ergab sich damit nicht aus ihrem eigenen Wesen und Zweck heraus, sondern aus der Tatsache, dass in ihr Menschen organisiert waren, die Umgang mit der Waffe hatten. Gleichwohl begann dieses äußere Element den Charakter der Schützenbruderschaften bald zu überlagern.
3. Das Schützenwesen in der Frühen Neuzeit
Einer starken religiös-sittlichen Verwurzelung in Verbindung mit korporativen, mittelalterlichen Strukturen stehen die Pflege der Geselligkeit und des Schießspiels gegenüber, wie sie sich seit dem 16. Jahrhundert verstärkt in den Quellen finden. So fand etwa im Jahr 1501 in Köln ein Schießspiel oder auch Schützenfest statt, bei dem weder der Kirchgang noch eine andere religiöse Handlung eine Rolle spielten, sondern vor allem die Volksbelustigungen wie etwa eine Lotterie.[16] Deshalb versuchte die Kirche, die sich vor allem auch an den Ess- und Trinkgelagen störte, das Bruderschaftswesen einzudämmen, allerdings mit mäßigem Erfolg.[17] Vielmehr verfestigte sich im Laufe der Frühen Neuzeit die Pflege eines Brauchtums, dessen Herkunft im Wesentlichen ungeklärt ist und das an dieser Stelle noch im Abschnitt über die möglichen heidnischen Traditionen behandelt werden wird, und das nur der äußeren Form nach sich noch an den Regeln einer christlichen Bruderschaft orientierte.
So wird der Ablauf von Schützenfesten im Herzogtum Jülich um 1720 wie folgt beschrieben:
„Das Vogelschießen pflegt ebenfalls in jeder Stadt und in jedem Dorf auf einen gewissen für ewig dazu bestimmten Tag kurz vor der Gottestracht angestellt zu werden. Man richtet nämlich auf einem Baum oder auf einer zu dem Ende unterhaltenen Vogelstange einen großen hölzernen Vogel auf, nach welchem sodann von den Einwohnern desselben Ortes, die dazu Lust haben, mit Feuerrohren und Flinten oder auch an einigen Orten mit Bogen und Armbrüsten geschossen wird. Niemand erhält hierbei etwas für seine Bemühung als nur allein derjenige, welcher das Glück hat, das letzte Stück vom Vogel herabzuschießen. Dieser wird mit großem Frohlocken zum König ausgerufen, man umhängt seinen Körper mit allerhand silbernen Schildern, die zu dem Ende verwahrt werden, man setzet ihm einen Federbusch auf den Hut, man begleitet ihn von dem einen Haus zu dem anderen, wo man ihn allenthalben mit einem frischen Krug Bier bewillkommnet, ja, welches am meisten zu bewundern ist, man führet ihn sogar an unterschiedlichen Orten in die Kirche, allwo ‚Gott, dich Herr‘ gesungen wird und von dem Pastor der sakramentliche Segen gegeben wird […].“[18]
Es wird deutlich, dass der unterhaltsame Teil des Vogelschießens im Mittelpunkt des Schützenwesens stand und der religiöse Aspekt zwar noch vorhanden, aber deutlich in den Hintergrund getreten war. Diese Beobachtung findet sich in zahlreichen Schützenordnungen des 17. und 18. Jahrhunderts, und zwar vorwiegend im ländlichen Raum, bestätigt. Dieses letztliche Fehlen eines starken Frömmigkeitsaspekts und der schon eingangs formulierte Ausschluss des Gedankens einer Wehrvereinigung scheinen für das Verständnis des kulturellen Transfers zwischen Stadt und Land in der Frühen Neuzeit von Bedeutung zu sein. Wenn der funktionsständische Zusammenschluss einer Bruderschaft von Schützen im Sinne wehrhafter Bürger im städtischen Raum sich mit der eine wahrscheinlich ältere Tradition pflegenden Gemeinschaft, die standesübergreifend konstituiert war, durch wechselseitige Beeinflussung verbunden hätte, könnte dies ein geeignetes Erklärungsmodell für die Genese des Schützenwesens in seiner modernen Form sein, dessen jeweiligen Gemeinschaften primär weder religiösen noch militärischen Charakter hatten, sondern in erster Linie die Menschen einer dörflichen Gemeinschaft im Rahmen einer althergebrachten Tradition und über die Grenzen von Stand, Vermögen und übrigens auch Geschlecht hinaus miteinander verband, denn vielfach wurden zumindest in den ländlichen Schützenbruderschaften auch Frauen als Mitglieder geführt.[19] Damit würde dann eine zwar nicht allseits akzeptierte, aber durchaus denkbare vorchristliche Traditionslinie aufscheinen.
4. Heidnische Bräuche als Erklärungsmodelle für Schützentraditionen
In der Entwicklung des Schützenwesens vom Mittelalter bis in die Gegenwart sind mit dem Brudermahl, der gemeinsamen, häufig ausgelassenen Feier und dem Vogelschuss zwei Konstanten erkennbar, die sich weder mit den christlichen Ursprüngen noch der national-militärischen Überlagerung im 19. Jahrhundert erklären lassen. Mag die gesellige Gemeinschaft noch als Merkmal menschlicher Interaktion in einem sehr übergreifenden Sinn zu verstehen sein, kann das Schießen eines Vogels beziehungsweise einer Vogelattrappe nur schwer eingeordnet werden. Als Schießübung jedenfalls wird es kaum geeignet gewesen sein, war als solche in einigen Landesteilen sogar seit 1658 untersagt[20], und dort, wo die Schießübung expliziter Bestandteil einer Schützentradition ist, findet sich in der Regel das Scheibenschießen als zur Einübung zielgenauen Schießens zweckdienliche Methode. Dass es primär eine Volksbelustigung war, mögen dann auch die Worte der Prinzessin in Karl Gottlieb Samuel Heuns (1771-1854) Lustspiel „Das Vogelschiessen“ aus dem Jahr 1822 zeigen: „Beim Schießen fällt mir ein, es soll heute hier in der Nachbarschaft ein Vogelschießen sein; solch ein Volksfest möchte‘ ich wohl einmal mit ansehen […]“. Woraufhin ihr Vater, der Fürst, antwortet: „Unsere Anwesenheit würde diese Art Menschen nur in ihrer Freude stören, und sie haben der Freude und der Feste so wenig.“[21] Heun charakterisierte das Schützenfest mit dem Vogelschießen literarisch damit durchaus zutreffend als Fest der einfachen Leute, das vor allem der Jugend ein großes Vergnügen bot. Gleichwohl gehörte die Einbindung adliger, geistlicher oder bürgerlicher Honoratioren zum Beispiel durch die Abgabe von Ehrenschüssen immer zum Ablauf von Schützenfesten.
Hans-Thorald Michaelis verweist im Zusammenhang mit dem Vogelschießen der Schützenbruderschaften auf eine im keltischen Raum anzutreffende Tradition der rituellen Vogeltötung. Dabei wurde von einer bestimmten Gruppe, meist den jungen Männern eines Dorfes oder einer Sippe, ein Vogel, oftmals ein Zaunkönig, erlegt, dem vorher alle bösen Geister und Flüche auferlegt worden waren. Das tote Tier wurde dann in einer lebhaften Prozession durch den Ort getragen; derjenige, der es erlegt hatte, wurde bis zur nächsten Vogeltötung König genannt und mit königlichen Insignien ausgestattet. Meist genoss er zahlreiche gesellschaftliche Vorteile. Auf der Isle of Man soll diese Tradition noch im 18. Jahrhundert gepflegt worden sein.[22]
Tatsächlich scheint es offenkundige Analogien zum Schützenbrauchtum zu geben. Vielfach fanden und finden Schützenfeste im Frühjahr, zum Beispiel nach Ostern oder um Pfingsten statt. Die besondere, auch als Königtum bezeichnete Ehre ist ebenso bekannt wie die damit verbundenen sozialen Vorteile; so war ein Schützenkönig in aller Regel für die Dauer eines Jahres von Steuern sowie Hand- und Spanndiensten befreit.
Auch der Begriff der „Gilde“, der im Altnordischen synonym für ein Trink- oder Opfergelage gebraucht wird und der etymologisch auf eine „Abgeltung“ verweist, könnte auf eine vorchristliche Wurzel hindeuten, die sich im Schützenwesen erhalten hat. Interessant ist dabei, dass die Intention eines solchen Opferfestes, das einen fast gottesdienstlichen Charakter hatte, auf das andauernde Totengedenken zielte, ein deutlicher Anklang an den Zweck der frühen christlichen Bruderschaften. Insofern könnten durchaus, wie es auch aus anderen Zusammenhängen wie den Festen des Kirchenkalenders bekannt ist, heidnische und christliche Vorstellungen in eine Wechselwirkung getreten sein.[23] Immerhin erhielten sich die sonst aus der Entwicklung des Schützenwesens heraus kaum erklärbaren Elemente auch über die Säkularisation hinaus, während der religiöse Aspekt deutlich an Gewicht verlor.
5. Nationaler Aufbruch und vaterländische Vereinigungen
Der Einmarsch der französischen Revolutionstruppen und die Besetzung und Annexion des Rheinlandes bis 1814/1815 bedeuteten für die allermeisten rheinischen Schützengesellschaften eine tiefe Zäsur. Sowohl der christliche Bezug als auch der Umgang mit Waffen führten häufig zu ihrem zumindest zeitweisen Verbot.[24] Allerdings wurden Brauchtumsfeiern, auch Schützenfeste, ab etwa 1805 durchaus häufig wieder zugelassen und sogar erwünscht. Beim Besuch Napoleon Bonapartes im Herzogtum Berg etwa und der dabei stattfindenden Durchreise durch Mülheim bei Köln ordnete der dortige Stadtdirektor ein Spalier uniformierter Schützen und ihrer Fahnen an.[25] So markiert eher das Ende der Franzosenzeit den Bruch in der historischen Kontinuität des Schützenwesens, denn in einem deutlich stärkeren säkularen Umfeld konnten viele ältere Bruderschaften nicht mehr an die Zeit davor anknüpfen.
Das Brauchtum des Vogelschießens und der damit verbundenen Volksbelustigungen lebte jedoch weiter, uferte ohne die zugrunde liegenden Ordnungsstrukturen aber zuweilen aus, weshalb sich schon bald neue Schützenvereinigungen gründeten, die entweder den preußischen Militarismus in Anlehnung an die gegen die Franzosen gerichteten Landwehren als „Bürger in Uniformen“ imitierten oder auch verballhornten – nicht von ungefähr fallen beispielsweise die Gründung der festordnenden Komitees in Köln, hier für den Karneval, und Neuss, dort für das Schützenfest, im Jahr 1823 zeitlich zusammen.
Auch aus mancher Bürgerwehr im Umfeld der Revolution von 1848 entwickelten sich Schützenvereine[26], und endgültig ordneten sich die Schützengesellschaften mit der Reichsgründung in den Kreis der vaterländischen Vereine ein. Insgesamt wurden im 19. Jahrhundert mit 432 Vereinen fast ebenso viele gegründet wie vom 11. bis zum 18. Jahrhundert zusammen genommen. Zudem strahlte das ursprünglich stark auf das Rheinland konzentrierte Schützenwesen weit in andere Regionen des zusammenwachsenden Deutschen Reiches aus: so wurden in Westfalen im 19. Jahrhundert 431 Schützenvereine gegründet und im übrigen Deutschland 559 – insgesamt also über 1.400 Vereine; alleine in der Zeit bis 1939 kamen noch einmal über 1.700 Vereine dazu, die sich mit 441 auf das Rheinland, 335 auf Westfalen und 947 auf das übrige Deutschland verteilten.[27]
Trotz dieses signifikanten quantitativen Zuwachses hat sich die historische Forschung mit dem Schützenwesen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts weniger im Sinne eines vergleichenden Überblicks beschäftigt als mit den Bruderschaften des Ancien Régime. Barbara Stambolis führt das auf Berührungsängste mit dem „schillernd[en], folkoristisch[en] und somit leicht als tendenziell unseriös“ empfundenen Gegenstand zurück.[28] Tatsächlich hatte sich das Schützenwesen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts häufig auf den Erhalt hergebrachter Volksfeste und Kirmessen reduziert.
Erst im Zusammenhang mit der nationalen Einigung Deutschlands formte sich in vielen Schützenvereinen wieder eine stärkere inhaltliche Ausrichtung, wobei an die Stelle der christlich-religiösen Verwurzelung die patriotische Gesinnung trat. Nachdem sich ein im Vorfeld der Revolution von 1848 ins Leben gerufener „Allgemeiner Landes-Schützen-Bund für Preußen“ nicht hatte etablieren können[29], gründete sich 1861 in Gotha der Deutsche Schützenbund, dessen erster Ehrenvorsitzender, der Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha[30] , anlässlich der Gründungsversammlung am 11.7.1861 die Verbandziele wie folgt formulierte:
Beispiel eines Holzvogels als Ziel für das Vogelschießen mit Reichsapfel und Zepter, Original im Museum für Thüringer Volkskunde, Foto: Andreas Praefcke. (Andreas Praefcke - CC BY 3.0)
„[...] Wir Schützen haben Veraltetes verschwinden lassen, um mit dem alles bewegenden Geist vorwärts zu schreiten. Lassen Sie uns vergessen, wo unsere Wiegen standen, ob im Norden oder Süden, im Osten oder Westen Deutschlands. Lassen Sie uns einen großen, gemeinsamen deutschen Schützenbund gründen, einmal, um gemeinsame Normen zu finden für die größeren und kleineren Schützenfeste, [...] zum anderen Male, um die ganz große Schar der Schützen des großen Bundes der bewaffneten und gut geschulten Jugend als eine Ehrenreserve der Armee an die Seite zu stellen.“[31]
Auffällig ist, dass der Herzog damit die jahrhundertealte Tradition des Schützenwesens gänzlich unerwähnt ließ und stattdessen die Schützen zur Avantgarde des nationalen Einigungsprozesses proklamierte. Bürgerliches Fortschrittsdenken und die Forderung nach der nationalstaatlichen Einheit Deutschlands kommen in seiner Ansprache ebenso zum Ausdruck wie die Anlehnung an den preußischen Militarismus, der bis heute in Hofstaaten mit Rittern, Kommandanten, Adjutanten und Orden, Militärkapellen und Fahnenparaden seinen sichtbaren Ausdruck findet.[32]
Kurz nach der Reichsgründung formierte sich 1873 in Düsseldorf auch der Rheinische Schützenbund mit ähnlicher Ausrichtung wie der nationale Dachverband.[33] Die auf diese Weise organisierten Zusammenkünfte und Vergleichswettkämpfe führten die Schützenvereine aus ihrem jahrhundertelang auf einen Ort oder ein Kirchspiel beschränkten Wirkungskreis heraus.
Ähnlich wie die zeitgleich entstehenden zahlreichen kameradschaftlichen Kriegervereine legten die Schützenvereine während des Kaiserreichs großen Wert auf Kaiser- und Vaterlandstreue. Vielfach wurden die ursprünglich im Frühjahr oder zum Namenstag des Schutzpatrons – so man sich auf einen solchen überhaupt noch berief – stattfindenden Festlichkeiten in Richtung der nationalen Feiertage wie dem Kaisergeburtstag oder dem Sedanstag verschoben.[34]
Schießscheibe zum Andenken an das erste deutsche Bundesschießen in Frankfurt am Main 1862 mit Betonung der Idee eines geeinten Deutschlands, Original im Besitz der Schützengesellschaft Kronach e.V.
Trotz dieser nach außen demonstrierten Vaterlandsliebe fielen viele Bürger- und Schützenvereine nach dem Vollzug der nationalstaatlichen Einheit und dem damit verbundenen Wegfall einer wesentlichen Zielsetzung in ein eher unpolitisches Stadium. Besonders in kleineren Orten wurden sie wie schon vor 1848 zu Fest- und Feiergemeinschaften, wobei nicht mehr der zwanglose, volksbelustigende Charakter im Vordergrund stand, sondern zumindest das Bild einer anständigen und sittsamen bürgerlichen Vergnügung.[35]
Auf dieser starken Grundlage bedeutete der Erste Weltkrieg keinen derart tiefen Einschnitt wie etwa die französische Besatzungszeit oder der Zweite Weltkrieg. Das aktive Vereinsleben war zwar stark beeinträchtigt und Schützenfeste und sportliche Wettkämpfe fielen auch über das Kriegsende hinaus aus. Erst in einem mühsamen Prozess erhielten die Vereine und Verbände wieder die Erlaubnis zum Sportschießen, mussten allerdings mit Waffen vom Ende des 19. Jahrhunderts auskommen, wenn sie überhaupt eine geeignete Schießanlage hatten.[36] Aber der Geist des Zusammenhalts auf dem Fundament nationalkonservativer Ideen führte das Schützenwesen in den 1930er Jahren zu einer neuen Blüte.
In der Schießhalle, Erinnernungen an das deutsche Schützenfest in Stuttgart 1875, Reproduktion, originaler Holzschnitt von Schweissinger aus dem Jahr 1882.
6. Das Schützenwesen im „Dritten Reich“
Ein für viele Schützenvereine immer noch prekärer Zeitabschnitt ist das „Dritte Reich“. Vielfach wurde versucht, unter Verweis auf die historischen christlichen Wurzeln und die weitgehende Einstellung von Vereinsaktivitäten ab 1939 eine gewisse Regimeferne zu suggerieren, vor allem auch, um Legitimationsprobleme nach 1945 zu vermeiden. Tatsächlich widersetze sich die 1928 gegründete Erzbruderschaft vom Hl. Sebastian, die Vorläuferin des heutigen Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften[37], zunächst den nationalsozialistischen Vereinnahmungsversuchen. Sie knüpfte auf Initiative des Theologen Peter Louis bewusst an die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schützenbruderschaften an und führte die Begriffe „Glaube, Sitte, Heimat“ in das Milieuvokabular ein und trat damit durchaus auch in eine Konkurrenzsituation zum rein weltlichen und infolge der Entpolitisierung auf das Schießsportliche konzentrierten Deutschen beziehungsweise Rheinischen Schützenbund.[38] Allerdings blieben viele Schützen „im Herzen Monarchisten“[39]; es verwundert daher nicht, wenn sie – trotz einer starken Einbindung in das katholische Milieu – zu denjenigen Kräften gehörten, die durch eine Art „passiven Widerstand“ am Scheitern der Weimarer Republik wesentlichen Anteil hatten und sich in den neuen Verhältnissen nach 1933 recht bald zurechtfanden. Deshalb wird man eine Rede von Peter Louis aus dem Jahr 1934 wohl teils dem Willen zur als notwendig betrachteten Anpassung an die Zeitumstände, teils aber auch tatsächlicher Überzeugung zuschreiben können. Als gemeinsame Ziele von Erzbruderschaft und Nationalsozialismus identifizierte Louis „die Überwindung des Bolschewismus, […] Abwehr der liberalen Ideen, […] Aufrichtung der Volksgemeinschaft und des Führerprinzips, […] die ständische Ordnung.“[40]
Umzug anlässlich des Schützenfestes in der Altstadt von Dorsten, 1938.
Schon 1928 hatte der Vorsitzende des Deutschen Schützenbundes Johann Peter Lorenz (1866-1944) mit deutlichen Anklängen an deutschnationale und völkische Parolen erklärt: „Unsere nationale Schwäche wurde mir so recht zum Bewußtsein gebracht; und nur die Hoffnung auf baldige Befreiung, die in jedem deutschen Herzen brennt, gab mir Trost in unserer gegenwärtigen Lage. […] Das Ideal, dem wir zustreben, heißt ‚Vaterland’, das alle Parteien umfaßt und eint. Zur Nation wird unser Volk erst werden durch ein gemeinsames Ideal, an das jeder Volksgenosse glaubt und sich durch die Tat bekennt.“[41]
Spätestens 1934 waren sowohl die Schützenvereine wie auch die Dachverbände mit dem „Führerruf an die Schützen zur neuen Zeit“[42] gleichgeschaltet worden. Im März 1936 wurde die Erzbruderschaft aufgelöst. Unzählige Fotos und Dokumente belegen, dass Schützenfeste im Lichte nationalsozialistischer Propaganda gefeiert wurden und zumindest für die Funktionsträger eine regimekritische Haltung undenkbar war. Allerdings bestand keineswegs die Absicht, das Schützenwesen insgesamt zu verbieten; im Gegenteil erkannte man das ihnen innewohnende Wehrpotential[43] , alleine die kirchlichen Anklänge wurden als störend empfunden. Ralph Trost zitiert einen Gestapobericht aus dem Jahr 1936: „[…] Es wäre im Interesse der Heimatbewegung zu bedauern, wenn das alte Brauchtum und die alten Volksfeste, die im Rheinland tief verwurzelt sind, im nationalsozialistischen Deutschland lediglich wegen ihres kirchlichen Namens ausgemerzt werden sollen. Die Schützenvereine und die alten Volksfeste bilden einen wesentlichen Bestandteil der alten rheinischen Heimatkultur, die gerade in der Gegenwart nur die größtmögliche Förderung verdienten.“[44]
Trotzdem ergingen in der Folge mehrere Erlasse, die die Selbständigkeit und Individualität der einzelnen Schützentraditionen erheblich einschränken sollten. So zielte der Deutsche Schützenbund in einem Rundschreibend des Jahres 1938 auf die Einführung von Einheitsuniformen und den Verzicht militärischer Rangabzeichen, da man vermeiden wollte, Wehrmachts- und SS-Abzeichen unbeabsichtigt zu persiflieren.[45] Zu einer letztlichen Umsetzung dieser Pläne kam es jedoch nicht mehr, da mit Beginn des Zweiten Weltkriegs die Vereinsaktivitäten ganz überwiegend eingestellt und viele Mitglieder der Schützenvereine zum Wehrdienst einberufen wurden, von denen etliche ihr Leben lassen mussten.
7. Rheinische Schützengesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg
Der Wiederbeginn des Schützenwesens nach 1945 war daher viel schwieriger als nach den vorangegangenen Einschnitten. Außerdem wiederholte sich die aus der französischen Besatzungszeit und der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bekannte Situation des Verbots und Vorbehalts seitens der Alliierten. In gleichem Maße war aber das Brauchtum lebendig und, vermutlich ungleich stärker als zu Beginn des 19. Jahrhunderts und nach 1918, vor allem auch der Wille und die Notwendigkeit in der Bevölkerung, durch die Rückkehr zu gewohnten Festlichkeiten ein Stück Normalität zurück zu gewinnen.
Die sich zunächst im privaten Kreis wieder zusammen findenden Schützen organisierten daher in den ersten Jahren nach 1945 interne Feiern, zuweilen auch öffentliche Umzüge im Zivilanzug und ohne Kapellen. Formal kehrten viele vor 1939 in säkularer Form bestehende Vereine zur äußeren Form der Bruderschaft zurück, indem sie an teilweise bestehende ältere Traditionen anknüpften und sich damit das Gesicht einer kirchlichen Vereinigung gaben, gegen die seitens der Besatzungsmächte keine Vorbehalte bestanden.[46]Erst nach Gründung der Bundesrepublik kehrte dann ein Teil der Vereine wieder zur säkularen Form zurück, während andere die Bruderschaftsform bis heute bewahren.
Bei den ersten Schützenfesten nach dem Zweiten Weltkrieg musste wie schon nach 1918 häufig auf historische Waffen wie Armbrüste oder ungefährliche Waffen wie Luftgewehre zurückgegriffen werden. Bei Umzügen wurden statt Gewehren und Degen Holzgewehre oder sogar Blumen getragen. Dennoch erholte sich das Schützenwesen recht schnell und erfreute sich mit seinen Schützen- und Volksfesten bis in die 1980er Jahre großer Beliebtheit in der Bevölkerung. Seitdem kann ein stärkerer Mitgliederschwund beobachtet werden, der von beiden heute noch bestehenden Dachverbänden im Rheinland mit dem Versuch, historisch gewachsene und traditionelle Werte wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen, beantwortet wird.
So betont der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften seinen Charakter als kirchliche Vereinigung, während der Rheinische Schützenbund zum Beispiel mit dem 2009 eingeführten Protektorat des Fürsten Carl zu Wied an eine Einrichtung aus seiner Entstehungszeit anknüpft und sich überdies in einem Brauchtumsausschuss stärker mit dem Vogelschießen beschäftigt[47], das damit auch in der Gegenwart seine in allen Epochen zentrale Bedeutung zu behalten scheint.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Bock, Martin, Das rheinische Schützenwesen. Ursprünge, Traditionen und Entwicklungslinien, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-rheinische-schuetzenwesen.-urspruenge-traditionen-und-entwicklungslinien/DE-2086/lido/5ca49fdc63ad57.90122432 (abgerufen am 19.10.2025)
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Sekundärliteratur
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Feiertage und andere Gedenktage
Inhaltsverzeichnis
1. Geschichte des Valentinstags. Als todgeweihte Märtyrer und stolze Ritter die Liebe entdeckten
1. Geschichte des Valentinstags. Als todgeweihte Märtyrer und stolze Ritter die Liebe entdeckten
Im ritterlichen Mittelalter wird – neben der Gottesliebe – auch die erotische Liebe zum Ideal. In dieser Zeit verknüpft der englische Dichter Geoffrey Chaucer das sehnsüchtige Werben der Verliebten mit dem Gedenken an den Heiligen Valentin (mittelalterliche Buchmalerei aus dem Codex Menasse, um 1320)© Universitätsbibliothek Heidelberg
Der 14. Februar steht für ein Fest der Liebe – aber auch für überbordenden modernen Kommerz. Dabei gehen die Wurzeln des Valentinstags weit zurück – in eine Zeit der Märtyrer und mittelalterlichen Poeten
Ein Mann träumt. In seinem Traum betritt er einen Garten, dessen Tor schon mit seiner Inschrift die allerhöchsten Erwartungen weckt: "Durch mich geht man zum Orte voller Wonnen". Dahinter grünende und blühende Pflanzen, singende Vögel. Und unter einem Baum: Amor, der Gott der Liebe, höchstpersönlich. Er schmiedet Pfeil um Pfeil, um sie später in entflammte Herzen zu schießen.
Überhaupt die Vögel: Überall finden sich vor den Augen des staunenden Mannes nun gefiederte Paare zusammen, schließen sich in die Flügel, ranken die Hälse umeinander, singen zu Ehren eines Heiligen: "Sankt Valentin, du bist der Hochgestellte, für Dich die Vögel dieses Lied beginnen."
Geoffrey Chaucer, der diesen merkwürdigen Traum um 1380 in Versen niedergeschrieben hat, war vieles in seinem Leben: Soldat und Diener, Höfling, Diplomat und Beamter. Aber seine Leidenschaft war das Dichten, damit wurde er einer der bedeutendsten Schriftsteller Englands. Ganz speziell an Chaucer ist allerdings noch etwas anderes: Mit seinem traumhaft-paradiesisch anmutenden Gedicht "Parlament der Vögel" gilt er als Urvater des Valentinstags. Denn er war vermutlich der Erste, der jene betörende Mischung von Zutaten zusammenrührte: Frühling, Verheißung, Wonne, Liebe, Harmonie – und den Namen eines Heiligen.
Die Ursprünge des Valentinstags liegen im ersten Jahrtausend
Die Geschichte des Valentinstages beginnt eigentlich sogar noch viel früher und vor allem nebulös. Gläubige erzählen sich in der Spätantike gleich mehrere Geschichten über christliche Märtyrer namens Valentin. Einmal ist es ein Bischof aus Mittelitalien, der um 270 n. Chr. gegen die Order des noch nicht christianisierten römischen Kaisers junge Paare traut, um den Männern so den Kriegsdienst zu ersparen – und dieses Verhalten mit seinem Leben bezahlt.
Ein Geistlicher namens Valentin (oben) stirbt um 270 n. Chr. im Römischen Reich den Märtyrertod, hingerichtet, weil er vermutlich heimlich Paare traute. Später wird er heilig gesprochen und erhält einen Gedenktag: den 14. Februar© Svabo / Alamy Stock Photo
Ein andermal geht es um einen Geistlichen in Rom, der – wegen seines Glaubens eingekerkert – in der Haft die Tochter des Gefängniswärters von Blindheit heilt und ihr einen Brief mit der Notiz "von Deinem Valentin" zusteckt.
Menschliche Zuneigung ist bei beiden Geschichten im Spiel sowie die Bereitschaft für den Glauben zu leiden und zu sterben. Wegen Letzterem spricht ein Papst etwa 200 Jahre später einen dieser Valentine – welchen genau, ist heute nicht mehr zu klären – heilig und widmet ihm, wie dabei üblich, einen Gedenktag: den 14. Februar. Einer Theorie zufolge ersetzt der Papst damit ein ihm verhasstes, etwas anzügliches heidnisches Fruchtbarkeitsfest, bei dem sich Paare per Los zusammenfinden.
Mit den Rittern kam das Schmachten
Jahrhunderte vergehen, das Mittelalter kommt, an den europäischen Höfen verbreitetet sich die Kultur der Ritter, zu der Tugenden wie Tapferkeit, Disziplin und Freigebigkeit gehören, aber auch ein neues Ideal des Begehrens. Nicht mehr nur die religiöse Nächstenliebe oder die Gottesliebe gilt nun als erstrebenswert, sondern auch weltliche und erotische Zuneigung. Minnesänger schmachten in ihren Versen, inszenieren wortreich ihr Liebeswerben um eine Angebetete.
Besonders in England wird der Valentinsbrauch in der Neuzeit extrem populär. Ab dem 19. Jahrhundert drucken Verleger üppig gestaltetet Postkarten (hier ein Exemplar von 1912), mit denen sich romantische Grüße besonders leicht versenden lassen© Quagga Media UG / akg-images
An dieses neue Bild des Amourösen knüpft im 14. Jahrhundert wohl auch der Engländer Chaucer mit seinem Vogelgedicht an. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine Allegorie; die turtelnden Vögel stehen für das Anbandeln von Menschen, möglicherweise sogar ganz konkret: Chaucer bezieht sich, so vermutet man, verklausuliert auf die damalige Hochzeit des englischen Königs Richard II. mit der Adeligen Anna von Böhmen.
So oder so: Die Brücke zwischen dem Gedenktag an einen spätantiken Märtyrer und der romantischen Liebe hat Chaucer damit geschlagen.
Bald schon wird es in höfischen Kreisen zwischen Männern und Frauen üblich, sich am 14. Februar poetische Zeilen zu widmen; manchmal verbinden sich auch ledige Partner an diesem Tag zu einer einjährigen Beziehung, die freundschaftlich und keusch die Chance auf eine spätere Hochzeit ausloten soll.
Das Geheimnis erfüllter Beziehungen: Welche Gespräche Paare führen sollten
Liebesgrüße zum Valentinstag wie vom Fließband
Immer beliebter wird der Valentinsbrauch vor allem in England, sickert allmählich von der Aristokratie in die bürgerlichen Kreise. Wem es schwerfällt eigene Worte der Anbetung zu ersinnen, kann um 1800 im "Young Man’s Valentine Writer" eines findigen Verlegers Vorschläge für die passenden Sprüche finden. Und die maschinelle Serienproduktion, die die Industrialisierung mit sich bringt, macht auch vor den Liebesbotschaften nicht halt: Gedruckte Valentinskarten erreichen jetzt die Adressaten. Weniger persönlich, dafür – auch weil der Postversand günstiger wird – in immer gewaltigerer Zahl.
Ein Reigen von wiederkehrenden Symbolen ziert die Pappkärtchen: Herzen, als Sitz der Gefühle, Amor und Vögel, wie einst bei Chaucer. Auch für den Austausch von kleinen Aufmerksamkeiten hält die Industrie mittlerweile einiges bereit. Der Schokoladenhersteller Cadbury etwa bietet um 1870 eigens gestaltete Konfektschachteln für die Liebesbotschaften an.
Nach Deutschland kommt der Tag der Liebe durch die Besatzungssoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg – hier ein Tanzvergnügen in Berlin im Sommer 1945. Vor allem amerikanische GIs kennen die Tradition von zuhause© United_Archives / TopFoto / picture-alliance
Der Weg des Rituals nimmt nun eine Schleife. Wandert mit Reisenden und Migranten von Großbritannien in die USA, bekommt dort noch einen weiteren Schub, wird zum ersten hochkommerzialisierten Festtag. Auch erweitert sich der Kreis der Bedachten: gute Freunde, sogar Verwandte erhalten Geschenke.
Mit den GIs der US-amerikanischen Besatzungstruppen erreicht der Valentinstag erst spät Deutschland. Im Jahr 1950 veranstalten Einheimische in Nürnberg den ersten "Valentinsball". Und es ist nicht nur das Bedürfnis nach Romantik, das im trümmervollen Nachkriegsdeutschland verfängt, sondern auch die Aussicht auf Profit.
Blumen werden zum liebsten Valentinsgeschenk der Deutschen. Auch weil die Händler in Zeiten des Wirtschaftswunders ihre blühende Ware geschickt vermarkten, etwa mit Automaten wie diesem von 1951© akg-images
Gerade rechtzeitig zum Beginn des Wirtschaftswunders bewerben Blumenhändler und Pralinenfabrikanten ihre Waren mit Nachdruck als das perfekte Valentinsgeschenk. Der Versand "Fleurop" verzeichnet in dieser Zeit hohe zweistellige Wachstumsraten – und trägt dazu bei, dass in Deutschland gerade Sträuße zu den beliebtesten Liebesgaben zählen. Hunderte Tonnen von Blumen werden auch heute noch zum Valentinstag importiert.
Es ist wie das moderne Echo jenes blühenden Gartens, den einst der Besucher betrat, im mittelalterlichen Traumgedicht von Geoffrey Chaucer.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Berg, Jens-Rainer: Geschichte des Valentinstags. Als todgeweihte Märtyrer und stolze Ritter die Liebe entdeckten, in: geo.de, online verfügbar seit 13.02.2026 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/geschichte-des-valentinstags--von-rittern-und-maertyrern-34455458.html, zuletzt geprüft am 15.02.2026.
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Sekundärliteratur
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Karneval, Fasnacht, Fasching etc.
Inhaltsverzeichnis
- Warum wir Weiberfastnacht feiern
- Die Verteidigung des rheinischen Karnevals und die politische Festkultur im Vormärz
1. Warum wir Weiberfastnacht feiern

Für manch einen Mann ist es der schlimmste Tag des Jahres: Am Donnerstag vor Aschermittwoch stürmen Frauen überall die Rathäuser der Republik – denn an "Altweiber" haben die Frauen das Sagen.
Mit symbolischen Gesten der Machtübernahme der Frauen startet jedes Jahr der Straßenkarneval in Deutschland. Doch woher kommt dieser Brauch eigentlich?
Ein Gelage unter Weibern
Schon ein Mythos aus der Antike erzählt von einem Fest, bei dem Greisinnen – also betagte Frauen – Fruchtbarkeits- und Wetterzauber zum Jahresbeginn verübten. Für solche Feierlichkeiten gibt es jedoch keine Beweise. Erst für das Mittelalter existieren Zeugnisse, die über den Ursprung des Brauchtums von Weiberfastnacht berichten.
Dokumente aus dem 14. Jahrhundert beschreiben eine frühe Form dieses Rituals: Am Donnerstag vor Aschermittwoch luden einige Städte im Heiligen Römischen Reich Witwen, Ehefrauen und ihre unverheirateten Töchter zu einem Festmahl ein, die Männer waren ausgeschlossen. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Festessen ein wüstes Gelage unter Frauen, bei dem die feiernden Weiber über die abwesenden Männer richteten. Später schwappte diese städtische Sitte auch auf die Bevölkerung auf dem Land über.
Wenn sogar die frommen Nonnen feiern
Der Begriff ist eine Kombination aus dem Althochdeutschen "fasta" (Fastenzeit) und "naht" (Vorabend). Ursprünglich meinte "Fastnacht" also den Abend direkt vor Beginn der Fastenzeit. Im späteren Mittelalter war dieser Brauch eng mit dem christlichen Kirchenjahr verwoben: Der Ritus markiert das letzte ausgelassene Feiern, bevor 40 Tage der Besinnung und des Verzichts beginnen. Sogar Nonnen zelebrierten dieses Ritual damals schon ausgelassen.
Das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn kann auf Quellen zum Kloster St. Mauritius in Köln zurückgreifen, in dem Benediktinerinnen in den Nächten vor dem Fasten feierten: "Wir haben die Fastnacht in aller Lust passiert, und seindt alle Geistliche verkleidet gewesen und uns recht lustig gemacht, dann in Tag haben wir gedanzt und sprungen, des Nachts, wenn die Frau Äbtissin schlafen ist gewesen, dann haben wir Thee, Kaffe und Chocolade getrunken und mit der Kart gespielt und auf dem Damenbrett gespielt", zitiert das LVR-Institut aus einer Schrift.
Derartige Sitten, bei denen Frauen vor dem Fasten noch einmal richtig über die Stränge schlugen, Regeln der Männer brachen oder "verkehrte Welt" spielten, verbreiteten sich Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem im Rheinland und in der Eifel: Chronisten beschreiben, wie 1810 auf dem Alten Markt ein "wildes Treiben" herrschte, bei dem die Händlerinnen den Männern ihre Hüte vom Kopf rissen. Damals war der Karneval noch ein chaotischer, ungeregelter Brauch, der überall anders gefeiert wurde.
In der Eifel erhielten Frauen an Weiberfastnacht ein besonderes Recht: In Gruppen war es ihnen erlaubt, in den Wald zu gehen und dort einen Baum zu fällen, der so dick war, wie die weiteste Taille der korpulentesten Eifelerinnen, so das Baumstammrecht. Danach verkauften die Frauen das Holz, und von dem Geld machten sie sich einen schönen Abend.
Schon immer ging es bei diesem Brauch auch darum, die von Männern geschaffene Weltordnung zu hinterfragen.
Geburtsstunde der Weiberfastnacht
1823 wurde der anarchische Karneval schließlich strukturiert: Damals gründeten einige Kölner ein "Festordnendes Komitee". Seitdem gibt es Uniformen, Karnevalsorden und die Narrenkappe sowie Straßenumzüge. Nur ein Jahr später fuhren Männer der Wäscherfamilien aus dem Bonner Stadtteil Beuel am Donnerstag vor Aschermittwoch die saubere Wäsche in Köln aus. Anschließend blieben sie bei den Karnevalisten und feierten mit.
Doch das gefiel den Frauen zu Hause in Beuel gar nicht. Die Wäscherinnen arbeiteten täglich unter härtesten Bedingungen: Bei jedem Wetter standen sie teilweise bis zu den Knien im Rhein, denn nur im fließenden Gewässer wurde die Wäsche sauber. Als die Männer an jenem Donnerstag nicht zurückkehrten, legten auch sie ihre Arbeit nieder. Die Beuelerinnen setzten sich zusammen, tranken Gerstenkaffee und tratschten über die Verstöße ihrer Männer: Sie berichteten einander über Ehebrüche, Alkoholexzesse und andere Eskapaden ihrer Partner. Schließlich gründeten sie ein Damenkomitee, das gegen die Ausbeutung und Drangsalierung von Frauen durch ihre Männer vorgehen sollte. Damit wollten sie alle Herren, "denen es an dem nötigen Verständnis für die den Frauen zumutbare Arbeitsleistung fehlte, zur Besinnung zu bringen", so das LVR-Institut.
Das Damenkomitee ahndete fortan jegliche Verstöße, Beleidigungen, Handgreiflichkeiten oder sonstige Fehltritte der Männer am Donnerstag vor Aschermittwoch mit Fastnachtspielchen. Dieser Brauch breitete sich rasant auch jenseits von Bonn-Beuel aus und entwickelte sich im Laufe der Zeit weiter: Mancherorts schnitten die Frauen ihren Männern die Schlipse ab, anderswo stürmten sie das Rathaus.
Ob Wieverfastelovend, Fettdonnerstag, Altweiber oder Weiberfastnacht: Bis heute feiern Menschen überall in Deutschland den Donnerstag vor Aschermittwoch als einen Tag der Frauen. Um 11.11 Uhr übernehmen sie das Zepter in den deutschen Rathäusern, und der Straßenkarneval beginnt.
2. Die Verteidigung des rheinischen Karnevals und die politische Festkultur im Vormärz
1. Der Auftakt
Am 19.2.1822 fand im Gürzenicher Ballsaal ein fulminanter Maskenball „zum Besten der Armen“ statt. Das Fest wurde von mehr als 3.000 Personen besucht und war ein solcher Erfolg, dass sich zahlreiche Gastwirte über ihren Geschäftsausfall beschwerten und es nicht wiederholt wurde. Stattdessen wurde ein Jahr später der erste Rosenmontagszug veranstaltet. Der öffentliche Maskenzug hatte kirchliche Elemente, reichsstädtische Symbole und aktuelle politische Anspielungen zum Inhalt. Die Thronbesteigung des Kölnisch-Wasserfabrikanten Emanuel Ciolina Zanoli (1796-1832) als „König Karneval“ stellte nicht nur den Höhepunkt des Festtags, sondern auch einen allgemeinverständlichen Angriff auf die bestehende Herrschaftsordnung dar, der im Anschluss der Feierlichkeiten verboten wurde. Nur ein Jahr später war aus dem „König“ der „Held Karneval“ und aus circa 10.000 Zuschauern eine Massenansammlung von 50.000 Karnevalstouristen geworden. [1]
Eintrittskarte zu einem Maskenball in Köln, um 1820. (©Rheinisches Bildarchiv Köln/RBA 104 245)
Der rasante Aufstieg Kölns zum Vergnügungszentrum der jungen preußischen Rheinprovinz ging auf einfallsreiche Werbemaßnahmen der „Allgemeinen Cölnischen Karnevalsgesellschaft“ (KG), eine aufwendige Festgestaltung und eine beginnende Kommerzialisierung des Brauchs zurück. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts machten mehr und mehr Krämer, Kaufleute und Handelsfrauen ein Geschäft aus der Fastnachtszeit, indem sie Karnevalsbriefpapier, Narrentabak und andere Erinnerungsstücke auf den Markt brachten. Dabei stellte die Narrenkappe den größten Kassenschlager dar. Sie diente einerseits als obligatorisches Erkennungszeichen, das heißt als Eintrittskarte für die Festveranstaltungen, und wurde andererseits zum sichtbaren „Symbol für die Gleichheit und Eintracht aller Narren“[2] erhoben. Mit dieser Bedeutung erinnerte das Tragen gleicher Kappen an die Ideale der Französischen Revolution, die während der Französischen Zeit im Rheinland verbreitet worden waren. Obwohl die Idee einer gleichen Staatsbürgergesellschaft keineswegs der sozialen Realität entsprach, wurde sie nach dem Übergang von Frankreich zu Preußen als Folge des Wiener Kongresses 1815 aufrechterhalten. Dabei wurde das französische Gerichtswesen als Garant des egalitären Gesellschaftsideals betrachtet und als sogenanntes „Rheinisches Recht“ verteidigt. Auf der Basis des napoleonischen Code Civil sicherte es die Gleichheit vor dem Gesetz, die Unabhängigkeit der Richter und die bürgerlich-liberalen Eigentumsrechte. In Verbindung mit dem Prinzip der Öffentlichkeit und der Beteiligung von Geschworenen stand es dem in Preußen seit 1794 gültigen Allgemeinen Landrecht, den traditionellen Vorrechten des Adels und den weitreichenden Eingriffsmöglichkeiten des preußischen Staates entgegen. Spätestens seit den Karlsbader Beschlüssen 1819 avancierte das Rechtswesen daher zu einer Art Ersatzverfassung – der Karneval zu einem Ersatzforum politischer Kommunikation innerhalb ausgesprochen restriktiver politischer Strukturen.[3] So beschwerte sich der Kölner Zensor Georg Karl Philipp von Struensee (1774-1833) 1829 über die Kölner Karnevalszeitung. Das Witzblatt enthielt zahlreiche ernstgemeinte Anspielungen – zuletzt die Forderung nach einer Verfassung – und war nach objektiven Gesichtspunkten nicht zu zensieren.[4] Als Polizeipräsident, dessen unbeliebte Stellung zum beliebten Karnevalsrepertoire gehörte, erwirkte er das Verbot der Zeitung und eine unerwartete Protestaktion der Redakteure. Karnevalspräsident Johann Heinrich von Wittgenstein (1797-1869) und das Karnevalskomitee sagten den Rosenmontagszug ab, verteilten Totenzettel auf den Karneval und legten Hanswurst, eine prominente Fantasiefigur, in Ketten.[5] Neben solchen aufsehenerregenden Aktionen ließen sich politische Implikationen in Büttenreden, Liedern und Gedichten aufspüren. Sie wurden auf den Straßen gesungen, in der überregionalen Presse diskutiert und weckten das Interesse des preußischen Staatsoberhaupts.[6]
2. Die (Neu-)Erfindung
Am 22.11.1827 erkundigte sich König Friedrich Wilhelm III. (Regentschaft 1797-1840) persönlich darüber, „welche Behörde in neuerer Zeit die Erlaubniß zu diesen in Deutschland nicht üblichen Volksbelustigungen gegeben habe?“[7] Die Verwaltungsbehörden an den Regierungspräsidien in Aachen, Düsseldorf, Koblenz, Köln und Trier bemühten sich daraufhin, die Karnevalsbelustigungen aus moralischer Sicht als völlig unbedenklich auszuweisen. Oberpräsident Karl Freiherr von Ingersleben hatte sich davon persönlich überzeugt und die erste Einladung zum Kölner Maskenfest 1824 sowie die Ehrenmitgliedschaft im Karnevalsverein seines Dienstsitzes in Koblenz 1828 bereitwillig angenommen. Auch sein Stellvertreter dementierte die sozialen Spannungen, die in der Karnevalszeit aufkamen und ein offenes Geheimnis waren.[8] Aufmerksame Zeitungsleser erfuhren, dass die Regierungen in Köln als „schlafendes Verwaltungskollegium“[9] dargestellt wurden und auf einem Maskenball in Koblenz „ein Prophet maskiert den preußischen Beamten gereimte und sehr beißende Prophezeiungen aus[theilte].“[10] Diesen Anekdoten der auswärtigen Presse konnte entgegen gehalten werden, dass satirische Verballhornungen auch andere Autoritäten, zum Beispiel die Kirche, den Provinziallandtag und den Stadtrat sowie die Karnevalisten mitunter selbst, betrafen und „Angriffe gegen harmlose Menschen, gegen ehrsame Familien, gegen im öffentlichen Amte stehende des allgemeinen Zutrauens würdige Personen“[11] von den Verantwortlichen stets verurteilt wurden.[12] Darüber hinaus waren die Initiatoren der frühen Karnevalsumzüge von der praktischen Hilfe des örtlichen Militärs abhängig, indem sie auf Pferde- und Fuhrwerke zurückgriffen und sich aus dem Fundus der französischen Militärausrüstungen bedienten. Ihr öffentliches Auftreten konnte daher sowohl als positive Reminiszenz an vergangene Zeiten oder aber als antifranzösische Satire interpretiert werden. [13]
Simon Meister, Der Kölner Rosenmontagszug des Jahres 1836. (©Rheinisches Bildarchiv Köln/RBA 008 054)
Die jährlich wechselnde Narrenkappe brachte die Mehrdimensionalität der karnevalistischen Symbolsprache beispielsweise dadurch zum Ausdruck, dass sie entweder die Form einer Jakobinermütze oder das Aussehen einer preußischen Pickelhaube annahm.[14] Die Roten Funken in Köln erinnerten an die reichsstädtischen Stadtsoldaten, das heißt an die einstige Autonomie der Stadt, und gaben gleichzeitig „das Bild einer undisziplinierten nicht mutigen und nie nüchternen Truppe ab“[15], das mit dem preußischen Militär kontrastierte. Der Interpretationsspielraum solcher Beobachtungen war groß und lag im Auge des Betrachters, wenngleich die „Carnevals-Comité-Gesellschaft“ laut Struensee „etwa noch nöthige Interpretationen […] im Publikum übern[ommen]“[16] habe. In dieser Deutungsoffenheit lag die Chance zur politischen Meinungsäußerung begründet, die im Vormärz vielfältig ergriffen wurde. Dabei wurden die Vertreter des preußischen Staates vor Ort – ebenso wie stets ihre französischen Vorgänger – im negativen ebenso wie im positiven Sinne in den traditionellen Brauch integriert und trugen mit umfangreichen Verwaltungsrecherchen zu dessen Erhalt bei. [17]
Notwendig war diese außergewöhnliche Hilfe dadurch, dass eine Kabinettsorder vom 20.3.1828 bestimmte, dass „Fastnachtsmaskeraden nur in den größeren Städten, und auch in diesen, nur dann erlaubt sein [sollten], wenn sie daselbst von altersher herkömmlich stattgefunden“[18] hatten. Je mehr sich das preußische Innenministerium für die Feste am Rhein interessierte, desto tiefer musste man in den Akten graben. Wo Beweisstücke in Form von Zeitungsberichten und Gesetzestexten fehlten, wurden die Erinnerungen hochbetagter Einwohner oder – recht pragmatisch – die Armenrechnungen der vergangenen Jahrzehnte angeführt. Da Abgaben auf öffentliche Lustbarkeiten in allen Städten – wie im Übrigen auch in Teilen der östlichen Provinzen Preußens – gängig und insbesondere in der Karnevalszeit der Düsseldorfer Regierung zufolge „nicht unbedeutend“[19] waren, eigneten sie sich als Beweisstück.[20] In Aachen und in Köln betrugen diese „Abgaben von Concerten, Feuerwerken, Kunstausstellungen, Marionetten, Seiltänzen, Wachsfiguren-Cabinetten und Panoramas […] von den gewöhnlichen Bällen – zehn Prozent der Brutto-Einnahmen, von den Masquen-Bällen fünf und zwanzig Prozent der Bruttoeinnahmen.“[21] Da die führenden Mitglieder der Kölner KG diesem Gremium (und dem Stadtrat) angehörten, war es eine Selbstverständlichkeit, dass die Vergnügungssteuern und ein Teil der Festeinnahmen der notdürftigen Bevölkerung zugutekam.[22] Mit diesen und anderen Argumenten wurden die Stadträte Franz Jacob von Herwegh (1773–1848), Joseph Classen (1761–1844), Johann Philipp Biermann (1767–1850), Jacob Hermann Molinari (1768–1831), Jacob Johann Lyversberg (1761–1834) und Friedrich Simons (1764–1834) am 15.4.1830 bei der Regierung vorstellig. Vor allem die Bildung eines „festordnenden Comités“[23], das aus Angehörigen der Oberschicht gebildet wurde und sich für den Ablauf der Feierlichkeiten verantwortlich zeigte, konnte dem in Berlin vorherrschenden Eindruck eines unsittlichen Brauches entgegenwirken. Die daraufhin ausgearbeitete Festordnung kann daher als (Neu-)Erfindung einer Tradition bewertet werden, die seit Jahrhunderten bestand, und den preußischen Herrschaftsverhältnissen angepasst wurde. Gleichsam war diese gewünschte Ordnung nach Außen mit einer Strukturierung im Innern verbunden, die die Herrschaftsverhältnisse im geschlossenen Vereinsleben durch parlamentarische und pseudo-militärische Praktiken einerseits imitierte, konterkarierte und zum Teil demokratisierte.[24] Andererseits widersprachen begrenzte Zugangsmöglichkeiten und die Vergabe von Ämtern, Titeln und Ehrenzeichen dem dahinterstehenden Gleichheitsgedanken, sodass die „politische Partizipation im Karneval“ spätestens in den 1840er Jahren „zu einem Synonym für die politische Partizipation im Staat“[25] wurde.[26]
Doch vorerst blieb das Recht auf öffentliche Maskenumzüge der Domstadt vorbehalten, was die anderen rheinischen Städte allerdings nicht darin hinderte, Karnevalsvereine zu gründen, die das Kölner Regelwerk adaptierten und die Bevölkerung integrierten. So wurde aus der Anfahrt der Gäste zum städtischen Maskenball im Theater von Koblenz 1830 ein öffentliches Großereignis, das einem Umzug nahekam und aus der Narrenkappe 1834 eine blau-weiß-rote Jakobinermütze, die zum endgültigen Maskenverbot am Verwaltungssitz der Rheinprovinz führte. Doch dafür scheint es zu spät gewesen zu sein. Staatsminister Gustav von Brenn (1772-1838) hatte bereits „das unverbürgte Gerücht“ aus Köln gehört, dass infolge des Verbots „eine Anzahl Coblenzer Einwohner im Naussauischen Esel gemiethet, und auf diesen mit Trauerflor behangen, nach Coblenz haben einziehen wollen.“ Auch wusste er, dass „mehrere angesehene Einwohner in Coblenz und selbst Regierungsbeamte zum Carnevals Comité gehör[t]en, letztere aber ihre Erklärung dafür gehalten [hätten], daß für den Fall eine Liste sämmtlicher Mitglieder eingereicht werden sollte, man ihre Namen weglassen möchte, was ihnen auch zugestanden worden sey.“ [27]
Diese Behauptung kam nicht von ungefähr, denn kurze Zeit später wurden elf angesehene Herren vor das Koblenzer Friedensgericht geladen. Ihre Anzahl hatte Symbolcharakter, denn sie sollten dort „auf Ehre und Gewissen“ Aussagen über die historische Herkunft des städtischen Karnevals treffen und das fragliche Gewohnheitsrecht nachweisen. Initiiert wurde das Ganze von der sechsköpfigen Karnevalsdirektion, die seit 1824 die Fastnachtsfeierlichkeiten nach dem Vorbild Kölns organisierte. Ihr gehörten zwei Kaufmänner und jeweils ein Gastwirt, ein Goldarbeiter, ein Advokatanwalt und ein Stadtrat – Sattler Conrad Hasslacher (1801–1874), der Bruder des angehenden Aachener Landrats Franz Karl Hasslacher (1805-1881) – an. Die Zeugen repräsentierten die städtische Oberschicht und die lokale Beamtenschaft. Es handelte sich um den ehemaligen Maire und preußischen Steuerdirektor Johann Dominic Gayer (1771–1861), den Domäneninspektor Goswin Linz (1774–1841), den Landwehrhauptmann Trappet, den kurtrierischen Hofrat und einstigen Steuereinnehmer Marx Aloys Pottgeißer (1762–1839), den ehemaligen Hofingenieur und Bürgermeister von Ehrenbreitstein Jakob von Kirn (1767–1850) und den Handelsgerichtspräsidenten, Landtagsabgeordneten und Beigeordneten Jakob Reiff (1771–1848). Bäcker Valentin Nebel und die Kaufleute Menn, Collig und Müller kamen hinzu. Fünf von ihnen hatten zeit ihres Lebens ein Stadtratsmandat ausgeübt. Der Stadtrat selbst hatte bereits ein schriftliches Gutachten an das Oberpräsidium übermittelt und sich für den Erhalt des Karnevals eingesetzt. Vor Gericht gab Maler Conrad Hackenbruch (1773–1837) an, die Maskenzüge des letzten Trierer Kurfürsten „selbst mitgemacht, beigewohnt und sehr dazu mitgewirkt“ zu haben. Einhellig riefen sich die übrigen Anwesenden diese Maskeraden ins Gedächtnis und erklärten, dass sie die lange Tradition der Karnevalsbelustigungen ihrer Heimatstadt „jederzeit eidlich zu bestätigen bereit seien.“ [28]
Roter Funken, 1851/1875. (©Rheinisches Bildarchiv Köln/RBA C 101520)
Tatsächlich hatte Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Sachsen (1739–1812) zuletzt 1787 verordnet, dass „ein öffentlicher Masquenball un¬ter obrigkeitlicher Auffsicht gehalten“ werden durfte, „um die Belustigungen und öffentlichen Zusammenkünfte während der Carnevals-Zeit (von 3 Königen Tag bis Aschermittwoch) in den Schranken der Ehrbarkeit zu erhalten, auch viele Aergernisse und Ruhestörungen der Mitbürger zu beseitigen.“[29] Dies konnte abschließend auch Friedensrichter Anselm Joseph Burret (1770–1840) als Angehöriger einer kurtrierischen Beamtenfamilie „aus eigenem Wissen“ bestätigen und um die Beobachtung ergänzen, dass „dergleichen Volksbelustigungen während der churtrierischen Regierung gern gesehen; und während der französischen Regierung von den Behörden durch geäußerte Wünsche aus Politik dazu aufgefordert wurde, um das Volk durch sein Leben in den früheren Freuden mit der Neuheit der Regierung auszusöhnen.“ Sein Abschlussplädoyer glich einer Handlungsempfehlung, die schließlich befolgt wurde. [30]
Kurfürst Clemens Wenzeslaus nebst Gefolge beim Koblenzer Karneval 1904. Vier Reiter vor dem Kurfürstlichen Schloss. (StAK FA 4,21 Nr. 7 Bild 245)
3. Das Nachspiel
Die königliche Erlaubnis für öffentlichen Maskeraden in Koblenz erfolgte am 19. Januar 1835 und wurde in den darauffolgenden Jahren auf Düsseldorf, Aachen, Trier, Bonn und die übrigen Städte und Dörfer der Rheinprovinz ausgedehnt. Die Verteidigung des rheinischen Karnevals war folglich mit dem Fortbestand des französischen Justizsystems und dem sogenannten „Kampf um das Rheinische Recht“ verbunden. [31]
Fortan waren subtile Formen politischer Meinungsäußerung zumindest einmal im Jahr möglich und die „Politisierung und Polarisierung“[32] des rheinischen Karnevals nicht mehr zu leugnen. In Köln befand man sich bereits 1837 in dem Dilemma, berechtigte Forderungen, den Karneval abzusagen, aus symbolpolitischen Gründen abzuweisen.[33] Nach der Inhaftierung des Kölner Erzbischofs Clemens August von Droste zu Vischering (1773–1845) am 20.11.1837 befürchtete man nicht nur konfessionelle Spannungen und öffentliche Ausschreitungen, sondern auch die aufsehenerregende Wirkung solcher Karnevalsverbote. Die Kölner Regierung achtete daher penibel auf die reibungslose Durchführung der Feierlichkeiten, wohingegen der Aachener Stadtrat die Theaterräume für den alljährlichen Maskenball unter Verschluss hielt. Obwohl die offizielle Karnevalserlaubnis des Königs noch ausstand, hatte der dortige Regierungspräsident Jacob Christoph von Cuny (1779–1848) der Floresei-Karnevalsgesellschaft bereits seine persönliche Zustimmung erteilt. In der Konsequenz musste sich der Rat – dem nach eigenen Aussagen vier Protestanten und einige Mitglieder der Karnevalsgesellschaft angehörten – offenen Anfeindungen und dem wiederholten Vorwurf des mangelnden Wohltätigkeitssinns stellen. Auch soll „von mehrern Seiten die Unterstellung ins Publikum verbreitet [worden sein], als habe die Verweigerungshaltung […] mehr ihren Grund in den jetzt obwaltenden Erzbischöflichen Verhältnissen als in der Sorge für die Erhaltung des Locals.“[34] Dagegen erhoben 22 Räte in einer schriftlichen Eingabe bei der Regierung Einspruch und erhielten die nüchterne Antwort, dass „das Collegium des Stadtraths als Organ und Repräsentant der Stadt eine zu hohe und würdige Stellung einnimmt, als daß dasselbe durch Anspielungen und Witzeleien in seiner Ehre und in seinem Ansehen verletzt werden könne.“ [35]
Am Ende der 1830er Jahre kündigte sich das an, was den Karneval im Vorfeld der Revolution 1848/49 prägte: ein undurchsichtiges Wechselverhältnis zwischen karnevalistischen und politischen Ausdrucks- und Repräsentationsformen, das zentrale Parteibildungsprozesse und politische Forderungen – allen voran jene nach der verfassungsrechtlichen Verankerung bürgerlicher Gleichheitsideale – vorwegnahm. Oder wie der Bonner Professor Gottfried Kinkel (1815–1882) in einer seiner Büttenreden formulierte: „Rufts mit lautem Schall! Bürger sind wir all!“ [36]
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Wegmann, Rebecca: Warum wir Weiberfasnacht feiern, in: geo.de, online verfügbar seit 12.02.2026 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/wenn-frauen-die-macht-uebernehmen--der-ursprung-der-weiberfastnacht-37122734.html, zuletzt geprüft am 15.02.2026.
-> Thielen, Katharina, Die Verteidigung des rheinischen Karnevals und die politische Festkultur im Vormärz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-verteidigung-des-rheinischen-karnevals-und-die-politische-festkultur-im-vormaerz/DE-2086/lido/62fcd36c3ee508.45432920 (abgerufen am 15.02.2026)
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Sekundärliteratur
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Modegeschichte
Inhaltsverzeichnis
1. Die Jeans, eine Erfolgsgeschichte aus Genua
1. Die Jeans, eine Erfolgsgeschichte aus Genua
Der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi mit seinen Truppen - und blauer Baumwollhose (Illustration von 1860) Foto: Granger / ullstein bild
Genua, Via Tommaso Reggio 20r: In einer schmalen Gasse im Herzen der Altstadt liegt das Diözseanmuseum. In unmittelbarer Nähe zur Kathedrale San Lorenzo lagern Kostbarkeiten aus der Stadt- und Kirchengeschichte Genuas. Im Obergeschoss des Gebäudes schlummert in gedämpftem Licht ein Schatz aus dem 16. Jahrhundert. Das Besondere: Das Prunkstück erstreckt sich über mehrere Meter und ist eng mit der Geschichte der Jeans verbunden.
Wenige Häuserblöcke entfernt schlendert Monica Bruzzone durch den Alten Hafen und setzt sich auf eine Bank. »Diese Stadt hat internationale Modegeschichte geschrieben, denn hier steht die Wiege der Jeans. Ihre Wurzeln liegen nicht, wie oft angenommen, in den Vereinigten Staaten, sondern im Herzen des alten Genuas«, sagt Bruzzone. Die promovierte Architektin weiß, wovon sie spricht. An der örtlichen Universität hat sie sich seit 2014 über Jahre in einem interdisziplinären Forschungsteam mit der Geschichte der legendären Hose beschäftigt.
Ein Blick in die Stadtgeschichte macht deutlich, wovon Bruzzone spricht. Nach ihrer Unabhängigkeit steigt die Republik Genua zu einer wichtigen See- und Handelsmacht im Mittelmeerraum auf. Ihr Reichtum verhilft der Stadt am Golf Liguriens bald zum Beinamen »La Superba«, zu Deutsch die Großartige. Ein wichtiger Faktor für den Erfolg sind Textilien. Genua ist nicht nur Umschlagplatz, sondern auch Produktionszentrum gefragter Stoffe.
Der Alte Hafen von Genua (Aufnahme von 2023)Foto: Larisa Shpineva / Zoonar / IMAGO
Wegen steigender Wollpreise und des wachsenden Bedarfs an preisgünstigen Textilien setzen die Handwerker der Stadt im Mittelalter zunehmend auch auf Pflanzenfasern. Baumwolle aus Nordafrika und Süditalien findet ebenso ihren Weg in die Stadt wie Leinen. Die Genuesen experimentieren im Laufe der Zeit mit verschiedenen Mischverhältnissen der Fasern und schaffen so diverse Textilien. Eine Kreation erweist sich dabei als Verkaufsschlager: Es ist ein äußerst robuster und dennoch weicher Stoff, Fustagno genannt. Zunächst ein Mischgewebe, dessen Baumwollanteil im Laufe der Zeit immer weiter steigt und das zu einem Markenzeichen der Stadt wird.
Das Besondere: Das Gewebe wird mit Indigo sattblau gefärbt. Das Arbeiten mit dem Farbstoff hat in Genua Tradition – bereits seit dem zwölften Jahrhundert wird er dort eingesetzt. Zunächst ein kostspieliges Unterfangen, denn der aus Pflanzen gewonnene Stoff muss auf dem Landweg vor allem aus Asien nach Europa kommen.
Nachdem Vasco da Gama Ende des 15. Jahrhunderts den Seeweg nach Indien entdeckt hat, beschleunigt sich der Warentransfer zwischen den Kontinenten. Ein Impuls auch für das Textilgewerbe Genuas, das nun günstiger an Indigo und andere Waren gelangt. So kommt das Färben mit Indigo ab dem 16. Jahrhundert dort immer stärker in Mode. Der Fustagno eignet sich dafür besonders gut, denn die Farbpigmente binden hervorragend an seinen rauen Fasern. Ohne den Zusatz weiterer Komponenten entsteht eine intensive und lang anhaltende Blaufärbung des Gewebes.
Zurück im Museum des Erzbistums. Der angesprochene Schatz schimmert nicht in Gold, sondern in Blau. Es ist das Werk »Teli della Passione« von Teramo Piaggio und anderen Künstlern, ab 1538 entstanden. Auf 14 Gemälden stellt es den Leidensweg Christi dar. Das Besondere: Piaggio malt sein Werk damals mit weißer Farbe auf blaue Tücher genuesischer Weber. »Dieses indigoblaue Mischgewebe gilt als künstlerischer Vorläufer des Jeansstoffs und gibt uns bis heute einen realistischen Eindruck davon, welche Farbintensität und Qualität die Stoffe damals hatten«, so Bruzzone.
Der Stoff spielt bald in vielen Bereichen des städtischen Alltags eine wichtige Rolle. Hafenarbeiter und Seeleute schätzen das leichte und dennoch widerstandsfähige Material, das sich einfach und günstig reparieren lässt und durch seine blaue Farbe Schmutz gut kaschiert. Lange, bevor Cowboys in Jeans durch die nordamerikanische Wildnis reiten, trägt man in Genua bequeme Hosen aus blauem Baumwollstoff. Wie verbreitet diese frühe Jeansmode in der Geburtsstadt des Seefahrers Christoph Kolumbus damals ist, zeigen lokale Krippenfiguren aus dem 18. Jahrhundert. Ausstaffiert mit Hosen und Mänteln aus blauem Fustagno geben sie bis heute Einblick in das damalige Alltagsleben Genuas.
Krippenfiguren aus dem 18. Jahrhundert im Jeansmantel Foto: SPIEGEL TV
Der blaue Baumwollstoff aus Genua wird zum Exportschlager. Zwar ist er qualitativ nicht so hochwertig wie vergleichbare Produkte aus Mailand oder Piacenza, spricht aber mit seinem geringeren Preis internationale Interessenten an. Im Hafen von London etwa wird er im großen Stil gehandelt. In den Registern der Schiffe, die dort aus Genua einlaufen, wird der Stoff mit dem Mittelalterlateinischen Namen seines Herkunftsortes gelistet: »Janua« ist dort zu lesen. »In der englischen Aussprache wird im Laufe der Zeit aus diesem Namen das Wort Jeans. Ab Mitte des sechzehnten Jahrhunderts dient dieser Begriff als Bezeichnung für den festen Baumwollstoff aus Genua. Unsere Stadt ist also nicht nur die Wiege der Jeans. Die Hose trägt den Namen Genuas bis heute in sich«, sagt Bruzzone.
Eine andere Theorie führt den Namen der Jeans auf die französische Bezeichnung der italienischen Stadt zurück: Aus »Gênes« soll so Jeans geworden sein. Beide Theorien eint, dass die ligurische Stadt demnach Namenspate für die Hosen wäre.
Über London gelangt der Jeansstoff auch nach Nordamerika. Auf der anderen Seite des Atlantiks sind robuste Baumwollstoffe aus Europa heiß begehrt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist es hier der deutsche Auswanderer Levi Strauss, der im Westen der USA die Geschichte der Jeans weiterschreibt. Gemeinsam mit dem Schneider Jacob Davis entwickelt er das moderne Design der Hosen und macht diese durch Nieten und Nähte noch robuster. Im Mai 1873 sichern sich die beiden ein Patent für ihre Idee und gelten seither als Schöpfer der modernen Jeans .
Vermeintlicher Jeans-Erfinder Levi StraussFoto: Fotosearch / Getty Images
Doch auch in Italien wird im 19. Jahrhundert weiter an der Geschichte der Jeanshosen geschrieben. Der Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi unterstützt die Bestrebungen zur Gründung eines italienischen Nationalstaates. Eine wichtige Etappe auf dem Weg zu diesem Ziel ist der sogenannte Zug der Tausend. Im Mai 1860 bricht Garibaldi dazu mit einem Heer von Kämpfern von Genua aus nach Sizilien auf. Sein Ziel: die Herrschaft der Bourbonen über die Insel zu beenden.
Das Besondere: Garibaldi verlässt Norditalien in blauen Baumwollhosen – auch seine Männer tragen Klamotten aus Jeansstoff. Wer hätte gedacht, dass der italienische Nationalstaat in Blue Jeans erkämpft wurde? Die Expedition wird ein Erfolg und trägt zur Gründung eines eigenen italienischen Staates im Jahr 1861 bei, auch wenn der anders als von Garibaldi erhofft zunächst ein Königreich wird.
Nach ihrem Museumsbesuch läuft Monica Bruzzone über die nahe gelegene Piazza de Ferrari, einen der beliebtesten Plätze der Stadt. Hier steht ein Denkmal Garibaldis. Seine Geschichte ist in Genua allgemein bekannt, im Gegensatz zur Historie der berühmten Hosen. »Die Geschichte der Jeans ist hier in Genua leider nicht weitverbreitet. Ich hoffe, dass unsere Forschung dazu beiträgt, das zu ändern. Die Genuesen können stolz auf ihren Beitrag zur Geschichte der Jeans blicken«, sagt Bruzzone.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Behrendt, Hendrik: Die Jeans, eine Erfolgsgeschichte aus Genua, in: Spiegel Geschichte, online verfügbar seit 07.02.2026 unter: https://www.spiegel.de/geschichte/jeans-wie-die-blaue-baumwollhose-aus-genua-die-welt-eroberte-a-ac105d83-b4d4-4fa2-89c4-b68644f922a3, zuletzt geprüft am 12.04.2026.
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Sekundärliteratur
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Mythen und Sagen
Inhaltsverzeichnis
- Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht.
- Nibelungensage. Ein Epos aus uralten Zeiten.
- Siegfried von Xanten. Hauptfigur der Nibelungensage
- Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer
1. Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht.
Die Form, in der die Brüder Grimm diese Geschichte 1816 in ihre Sagensammlung aufgenommen haben, wurde ein Welterfolg, jeder kennt sie. Der Rattenfänger von Hameln wurde zur berühmtesten deutschen Sagengestalt mit globaler Ausstrahlung bis in die USA und nach China. Doch schon in der frühen Neuzeit machte die Geschichte vom »Bunting« die Runde, so wird der ominöse Pfeifer in einer Version des 16. Jahrhunderts genannt, der erst Mäuse und Ratten aus der Stadt führt mithilfe magischer Flötentöne und dann die Kinder auf Nimmerwiedersehen fortlockt, weil ihm der Stadtrat seinen Lohn verweigert. Für Hameln jedenfalls ist die Sage ein wirtschaftlicher Segen, denn die Legende lockt alljährlich Abertausende von Touristen aus aller Welt in die kleine Stadt an der Weser, um jenen Ort schaudernd zu besuchen, in dem einst der bunte Rattenfänger sein gutes Werk verrichtete, vor allem aber grausame Rache übte an den wortbrüchigen Hamelnern.
»Anno 1284 am Dage Johannis et Pauli war der 26.Juli / Dorch einen Piper mit Allerley Farve bekledet gewesen CXXX Kinder verledet binnen Hameln geboren / To Calvarie bi den Coppen verloren.« So lautet die Inschrift aus dem 17. Jahrhundert am sogenannten Rattenfängerhaus in Hameln, einem herrlichen Beispiel der Weserrenaissance. Frühere Belege des für die Kindseltern grausamen Geschehens gibt es in der Lüneburger Handschrift von 1430: »Zu vermelden ist ein höchst seltenes Wunderzeichen, das sich in der Stadt Hameln im Jahre des Herr 1284 gerade am Tage des Johannes und Paulus ereignete. Ein Jüngling von dreißig Jahren, schön und überaus wohl gekleidet, trat über die Brücke und durch das Wesertor (in die Stadt) ein. Auf einer silbernen Flöte von wundersamer Form begann er sodann durch die ganze Stadt hin zu pfeifen. Und alle Kinder, die diese Flöte hörten, an Zahl etwa 130, folgten ihm zum Ostertore hinaus zur sogenannten Kalvarien- und Gerichtsstätte. Dort verschwanden und entwichen sie, daß niemand aufspüren konnte, wo eines von ihnen geblieben war. Dieses habe ich in einem alten Buchege funden. Und die Mutter des Herrn Dekans Johann von Lüde sah die Kinder fortziehen.« Immerhin wird hier sogar eine Zeugin benannt, die zur Tatzeit etwa zehn bis vierzehn Jahre alt war. Also gibt es früh eine mündliche Erzähltradition.
Keine Rede ist allerdings in den alten Zeugnissen von Ratten. Dieser Teil der Sage wurde erst 1565 mit dem Hamelner Kinderverlust verbunden. Geschichten von sonstigen Rattenfängern waren damals weit verbreitet. Erst in der kombinierten Form wurde daraus die unsterbliche Legende vom erfolgreichen Rattenfänger von Hameln, der aus Rache zum Kinderentführer wird und in der Rezeptionsfolge rasch Teufelszüge annahm.
Zugleich aber begann die Suche nach einer realen Vorgeschichte ohne mythische Fantasie. Gottfried Wilhelm Leibniz etwa spekulierte, ob der Auszug der 130 Kinder vielleicht auf den Kinderkreuzzug von 1212 hindeute. Andere vermuteten für das Kinderverschwinden eine Pestepidemie oder aus, dass die Hamelner Kinder vielleicht Werbern für die KoIonisation im Osten folgten. Die traten meist in Begleitung eines Trommlers und Pfeifers auf. In der Version der Brüder eines Trommlers und Pfeifers auf. In der Version der Brüder Grimm ist von Siebenbürgen die Rede, wo die Kinder wiederaufgetaucht sein sollen. Andere Forscher wollten anhand von Personennamen die Auswanderer in Mähren vermuten.
Die in dieser Hinsicht haltbarste These hat der Namensforscher Jürgen Udolph entwickelt. Nach seinen Recherchen und Überlegungen sind die Hamelner wohl in die Gegenden nördlich von Berlin in die Prignitz und die Uckermark gezogen. Das beweisen nach Udolph dortige Ortsnamen; Auswanderer würden gerne in der neuen Heimat die alten Ortsbenennungen wieder verwenden. So findet sich etwa in der Wesergegend Hamelspringe, wo die Hamel entspringt und bei Hameln in die Weser mündet. In der Uckermark gibt es Hammelspring, obwohl dort keine Hamelquelle existiert.
Dass es Auswanderer aus dem Weserbergland in diese östlichen Gegenden gezogen hat, gilt als sicher. Das ist trotzdem kein absoluter Beweis für den Grund des Verschwindens. In der Trauer der Eltern schimmert nämlich noch etwas quälend Traumatisches durch, so, als als gäbe es im Hintergrund eine irgendwie düstere Schuld am Verlust der Kinder.
Die schwärzeste These entwickelt Fanny Rostek-Lühmann literaturpsychoanalytisch. Sie sieht in der Sage den Wunsch der Eltern verborgen, die Kinder, im Mittelalter oft hungrige, lästige Mitesser, auf immer loszuwerden. Im Hamelner Messbuch Passionale, der frühesten Überlieferung angeblich aus dem 14. Jahrhundert, gibt es keinen Kinderfänger, sondern nur lateinisch »rei«, Schuldige. Liegt der Sage womöglich ein Unglück, gar eine Untat zugrunde, für die man den Rattenfänger dringend als entlastenden Sündenbock erfinden musste?
2. Nibelungensage. Ein Epos aus uralten Zeiten.
Das Nibelungenlied, um 1200 verfasst, scheint ein grausames Märchen zu sein: ein übermenschlicher Held, das Bad im Drachenblut, eine Tarnkappe. Und doch verbirgt sich hinter der Sage eine wahre Geschichte – vom Untergang zweier Germanenreiche
1924 verfilmt Fritz Lang die Sage von Siegfried, dessen Frau Kriemhild und dem finsteren Hagen von Tronje. In monumentalen Bildern erzählt er vom Schicksal des jungen Recken Siegfried (hier Paul Richter), der den Schatz des Königs Nibelung raubt, erzählt von Mord, Verrat und ewiger Treue. Das Bad im Blut des Drachen, das Siegfried fast unverwundbar macht, weist möglicherweise auf den realen Kampf der Germanen gegen die Römer
(Foto: picture alliance | Collection Christophel | RnB | UFA)
Uns ist in alten maeren – wunders vil geseit, schreibt vor rund 800 Jahren ein unbekannter Dichter: „Uns wird in alten Geschichten vom Wunderbaren viel erzählt.“ Und dann reiht er Zeile an Zeile. Niemand weiß, wie lange er an seinem Werk arbeitet, Jahre werden es wohl sein. Am Ende sind es mehr als 2300 Strophen: ein Heldenepos über Krieger und Spielleute, Königinnen und Jungfrauen, über Drachen, Zwerge und einen fluchbeladenen Schatz. Eine Geschichte von Treue und Verrat, von Liebeshochzeit und Brudermord, von Festen und Zweikämpfen. Ein Drama, das in Glanz und Abenteuer beginnt, doch in Feuer und Blut endet. Eine Erzählung, deren Wurzeln tief in die germanische Zeit zurückreichen, deren Wirkung aber noch heute spürbar ist: das Nibelungenlied. Das deutsche Nationalepos.
Es ist die Geschichte vom Glück und Verhängnis der Burgunderprinzessin Kriemhild. Ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher herrschen als Könige am Hof der Burgunder in Worms über das Reich am Rhein. Ihr wichtigster Ratgeber ist der finstere Hagen von Tronje. Eines Tages erscheint dort Siegfried, Königssohn aus dem kleinen Reich von Xanten am Niederrhein: ein Held, der von Kriemhilds legendärer Schönheit gehört hat und sie heiraten will. Hagen seinerseits hat bereits von dem Krieger vernommen und berichtet seinen monarchischen Herren warnend von dessen Taten. In einem fernen Land – „gut hundert lange Meilen oder mehr“ von Island entfernt – habe Siegfried die Söhne des Königs Nibelung mit seinem legendären Schwert Balmung erschlagen und deren Schatz geraubt sowie dem Zwerg, der den Schatz bewachte, eine Tarnkappe abgenommen, die unsichtbar macht und übermenschliche Kräfte verleiht. Zudem habe Siegfried einen Drachen erstochen und in dessen Blut gebadet, was seine Haut unverwundbar macht.
Trotzdem wird Siegfried in Worms gastlich aufgenommen. Doch bevor er Kriemhilds Hand erhalten kann, soll er Gunther bei einem Abenteuer beistehen. Schon bald segelt Siegfried mit ihm nach Island, wo Brünhild herrscht – eine Königin mit magischen Kräften, solange sie jungfräulich bleibt. Gunther will sie zur Gemahlin gewinnen. In drei Wettkämpfen muss sich der älteste der Burgunderkönige mit Brünhild messen. Und gewinnt sie nur, weil ihm Siegfried, unsichtbar dank der Tarnkappe, hilft, die Unbesiegbare zu besiegen. Mit Brünhild kehren die Helden zurück nach Worms. Die Isländerin wird Gunthers Gattin, am selben Tag heiratet Siegfried die schöne Kriemhild. Doch in der Nacht hilft er seinem Schwager: Verborgen dank der Tarnkappe, ringt er Brünhild im Schlafgemach des Burgunderkönigs nieder, sodass Gunther ihr die Jungfräulichkeit nehmen kann.
Zehn Jahre vergehen, dann verrät Kriemhild im Streit Brünhild, dass Gunther sie einst nur mithilfe des unsichtbaren Siegfried bezwungen habe. Die tief beleidigte Königin fordert von ihrem Gatten Siegfrieds Tod. Auch Hagen rät zum Mord: Lange schon fürchtet er die Macht des Drachentöters, die sich speist aus dessen Kraft und dem Reichtum des Nibelungenhortes. Listig entlockt er Kriemhild Siegfrieds verwundbare Stelle, denn als der einst im Drachenblut badete, legte sich ein Lindenblatt zwischen seine Schultern. Bei einer Jagd stößt Hagen eine Lanze in jene Stelle und tötet Siegfried. Den Leichnam legt er Kriemhild vor das Schlafgemach. Später versenkt er den Nibelungenhort im Rhein.
Kriemhild, verraten von ihrem Bruder, lebt 13 Jahre lang machtlos in Worms. Dann erscheint dort ein Brautwerber, gesandt vom mächtigen Hunnenkönig Etzel: Der Monarch der wilden Krieger will Kriemhild heiraten. Hagen ist dagegen, doch die Burgunder lassen ihre Schwester ziehen. Noch einmal vergehen 13 Jahre, dann lädt Kriemhild, längst Etzels Gemahlin, ihre Brüder in den Hunnenhof ein. Wieder warnt Hagen vergebens, der eine Falle ahnt: Die Könige und mehr als 1000 Recken ziehen vom Rhein los, die Donau entlang bis zum Palast von Etzel.
Nun, da sie sich auf diese Schicksalsreise begeben, nennt der Dichter die Burgunder fortan „Nibelungen“ – der Schatz hat seinen Besitzern, zuerst den Söhnen König Nibelungs, dann Siegfried, den Tod gebracht. Bald wird sein Fluch auch die Burgunder treffen, der Namenswechsel deutet dies an. Und tatsächlich flammt an Etzels Hof tödlicher Streit auf. In der brennenden Königshalle verschanzen sich die Nibelungen und fechten gegen Hunnen sowie germanische Gefolgsleute Etzels – unter anderem Dietrich von Bern. In einem Blutbad gehen die Recken unter, schließlich leben nur noch zwei: Gunther und Hagen, die beide von Dietrich von Bern bezwungen und gefesselt worden sind.
Kriemhild, außer sich vor Rachsucht, lässt ihren Bruder köpfen. Hagen erschlägt sie mit eigener Hand – ein so unerhörter Akt, dass Dietrichs Waffenmeister wiederum Kriemhild niederstreckt. Alle Burgunder/Nibelungen sind gefallen, Kriemhild ist tot, der Nibelungenschatz für immer im Rhein verschwunden … Wer hat sich diese finstere Geschichte ausgedacht? Seinen Namen hat der Verfasser im Epos nirgendwo genannt, sein Manuskript hat die Zeiten nicht überdauert. Doch 36 mehr oder weniger vollständige mittelalterliche Abschriften sind erhalten geblieben, die älteste entstand wohl zwischen 1200 und 1225.
Diese Manuskripte und der Text selbst verbergen wertvolle Indizien: Das Originalmanuskript wurde wahrscheinlich im bayerischen Dialekt des Mittelhochdeutschen verfasst, der höfischen Sprache um 1200. Auch kennt der Autor den Donauraum besonders gut, nennt etwa Details der Landschaft, während er bei seinen Beschreibungen von Worms oder dem niederrheinischen Xanten vage bleibt. Und schließlich wird die Stadt Passau, wird vor allem der dortige Bischof auffallend häufig und rühmend erwähnt. Von 1191 bis 1204 war Wolfger von Erla Bischof von Passau: ein Adeliger, der Dichter förderte. So ist sein Rechnungsbuch erhalten, das für den 12. November 1203 einen Geldbetrag verzeichnet, den der Bischof dem Minnesänger Walther von der Vogelweide für einen wertvollen Mantel übergab.
Die meisten Forscher vermuten deshalb, dass der anonyme Autor des Nibelungenliedes ein gebildeter Mann am Hof des Passauer Bischofs war und um 1200 sein Meisterwerk vollendete. Eine These sieht in dem Unbekannten niemand anderen als Walther von der Vogelweide selbst. Doch wer es auch gewesen sein mag: Der Verfasser formte Sagen um, die schon seit Jahrhunderten in Mittel- und Nordeuropa erzählt wurden – und die bis in die Germanenzeit zurückreichten. Auf der schwedischen Insel Gotland zeigen Grabsteine, die vor dem Jahr 800 gesetzt wurden, in Reliefs bereits Motive aus der Sage. Und um 800, das belegen erhaltene Totengedenkbücher aus Klöstern, hießen Adelige im Raum Worms und in Bayern auffallend häufig „Siegfried“, „Hagen“, „Kriemhild“ oder nach anderen Gestalten des Epos – beides Indizien dafür, dass bereits zu jener Zeit die Geschichte im Süden Deutschlands wie in Skandinavien populär gewesen sein muss, wahrscheinlich als Lied, das mündlich vorgetragen wurde.
Ab etwa 850 sind dann konkrete Texte erhalten, zunächst aus Skandinavien, später auch aus England und Deutschland. Die Sagen variieren: In manchen Versionen vollbringt Siegfried andere Heldentaten; Hagen ist Gunthers Bruder; Siegfried und Brünhild sind verlobt. Doch von den ältesten skandinavischen Sagen an bleiben manche Dinge auffallend konstant: Stets spielt die Handlung zwischen Rhein und Donau, fast immer dreht sie sich um den Untergang der Burgunder, stets sind die Hunnen dabei präsent.m Deutet dies auf einen historischen Kern der Sage hin? Ist die Geschichte also im geschichtlichen Sinne „wahr“? Reflektiert sie, gleich einem fernen Spiegel, dramatische Ereignisse aus der Zeit der Völkerwanderung? Oder gar Ereignisse noch früherer, antiker Jahrhunderte? Drei epochale Ereignisse, die sich im Lauf zweier Generationen zutrugen, sind vermutlich zur Sage verschmolzen:
1. ATTILA UND DIE HUNNEN
Um etwa 400 eroberte das zentralasiatische Reitervolk ein Reich von der Schwarzmeerküste bis zu den Alpen. Im Jahr 434 bestieg Attila den Herrscherthron – aus seinem Namen wurde im Mittelhochdeutschen „Etzel“. Er brach die Macht der einzelnen Stammesführer und einte so das Reich. Seine Hauptresidenz errichtete er in einer Ebene östlich der Donau – oder vielleicht im heutigen Budapester Stadtteil Obuda, wo im Mittelalter die Festung „Ecilburgu“ stand.
453 starb Attila, angeblich an einem Blutsturz in der Hochzeitsnacht mit seiner neuen, burgundischen Nebenfrau Ildiko. Bald wurde berichtet, die Frau habe den König ermordet, um Verwandte zu rächen. Das germanische Ildiko wiederum bedeutet „Hildchen“, eine Verniedlichung jedes Frauennamens, der mit „Hild“ beginnt oder endet – wie etwa Kriemhild.
2. DER UNTERGANG DER BURGUNDER
Die Burgunder zogen spätestens im 3. Jahrhundert n. Chr. aus ihrer Heimat zwischen Weichsel und Oder in Richtung des römischen Imperiums. Im Jahr 407 gründete ihr König Gundahar am Mittelrhein ein Reich, zu dem auch Worms gehörte. Doch 436 besiegte der römische Heermeister Flavius Aëtius die Burgunder in einer fürchterlichen Schlacht. Gundahar und fast alle seine Adeligen fielen. Zu den Truppen des Aëtius gehörten hunnische Krieger, die damals mit Rom verbündet waren.
Die überlebenden Burgunder siedelte Aëtius in Gallien an, wo sie sich schließlich in jener Region niederließen, die bis heute ihren Namen trägt. Dort herrschten noch fast 100 Jahre lang Könige – einem traditionellen Brauch folgend oft mehrere Brüder gemeinsam. Auch ist für die Burgunder typisch, dass Männer einer Familie ähnliche Vornamen trugen. Eine Rechtssammlung überliefert den König Gibica und dessen Söhne Gundahar, Gislahar und Gundomar.
Die Ähnlichkeit zu den drei Königen des Nibelungenliedes ist stark, auch wenn niemand sagen kann, ob je wirklich drei Brüder mit den Namen aus dem Epos bei den Burgundern regierten.
3. THEODERICH, DER OSTGOTENKÖNIG
Auch die Ostgoten waren schon durch halb Europa gezogen, als um 454 Theoderich aus der adeligen Familie der Amelungen geboren wurde. Der junge Mann musste mehrere Jahre als Geisel in Konstantinopel leben. Später wurde er König der Ostgoten und oströmischer Heerführer – und 488 im Auftrag Ostroms nach Italien entsandt, um dort Germanenstämme zu bekämpfen. In Italien eroberte sich Theoderich, abgesegnet vom Kaiser in Konstantinopel, ein eigenes Reich. Bis zu seinem Tod im Jahr 526 regierte er als einer der mächtigsten Herrscher der Völkerwanderungszeit in seinen Residenzstädten Ravenna und Verona. Aus dem Namen Verona wurde durch Lautverschiebung im Mittelhochdeutschen „Bern“. Und aus Theoderich: „Dietrich“.
Gewaltige Schlachten, Glanz, dann jähe Katastrophe und Erlöschen – dreimal wiederholt sich das Muster. Die Burgunder verlieren nicht nur gegen Aëtius und die Hunnen, ihr Restreich wird im 6. Jahrhundert von den Franken erobert. Das Hunnenreich zerfällt bald nach Attilas Tod, das Ostgotenreich überdauert Theoderichs Dahinscheiden nur um wenige Jahrzehnte. Und so wird wohl schon bald die Geschichte der drei untergegangenen Reiche zur Sage, werden die dramatischsten Ereignisse und bedeutendsten Persönlichkeiten zur Inspiration der Liedersänger, werden Schicksalsstränge der Burgunder, Hunnen und Ostgoten zu einer neuen, dann immer wieder variierten Geschichte verwoben.
Noch andere Motive der Sage deuten auf die Jahrhunderte der Völkerwanderung hin – vor allem der Nibelungenschatz. Der wird meist als „Hort“ bezeichnet, was „verborgener Schatz“ meint. Tatsächlich sind in der Zeit zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert, das belegen heutige Funde, häufig Kostbarkeiten versteckt worden: Gold, Silber, Münzen, Geschirr, Waffen und Schmuck. Mal vergrub man sie aus Angst vor heranrückenden Feinden, mal gingen sie in Flüssen verloren, wenn Plünderer über die Gewässer setzten.
So sind in Neupotz bei Speyer (rund 70 Kilometer südlich von Worms) in einem Altarm des Rheins mehr als 1000 Münzen, Messer, Schalen, Siebe, Teller und andere Metallobjekte gefunden worden: gut 700 Kilogramm insgesamt, die wertvollsten Stücke aus Silber. Wahrscheinlich sind sie um das Jahr 260 von plündernden Germanen im römischen Gallien geraubt worden und bei der Rückkehr über den Rhein verloren gegangen. Legenden von Helden und Schätzen sind zwar nicht Historie im wissenschaftlichen Sinn, sind keine Berichte „so, wie es gewesen ist“. Und Dietrich von Bern alias Theoderich kann ja niemals Etzel alias Attila begegnet sein, da der Hunne bereits tot war, als Theoderich geboren wurde.
Möglich auch, dass niemals exakt bei Worms ein großer Hort im Rhein verschwunden ist – sondern dass Berichte von anderen Desastern am Rhein, wie etwa dem zu Neupotz, aus dramatischen Gründen an den Burgunderhof verlegt worden sind. Die Nibelungensagen gleichen also mehr einem Echo auf jene historischen Umwälzungen des 5. und 6. Jahrhunderts und sind ein Versuch, sie sich immer wieder neu zu erklären. Und womöglich sind sie auch ein Echo eines noch weitaus ferneren Zeitalters: der Antike.
Sicher ist, dass das Nibelungenlied unter einem dünnen christlichen Firnis (Kriemhild und Brünhild etwa streiten auf den Stufen des Wormser Münsters vor dem Kirchgang) uralte heidnische Mythen bewahrt: Siegfried tötet einen Drachen, besitzt magische Waffen, er bezwingt einen Zwerg und setzt ihn zum Hüter des Schatzes ein. Und die jungfräulich-mächtige Brünhild im fernen Island ähnelt den Walküren, jenen weiblichen kriegerischen Geistern, die gefallene Kämpfer vom Schlachtfeld heben. Bewahrt die Sage aber womöglich auch noch Relikte aus den Jahrhunderten zwischen jener mythischen Vorzeit und der Völkerwanderung auf?
Seit etwa 1830 vertreten immer wieder Gelehrte die These, dass Siegfried ebenfalls ein reales Vorbild hat: in Arminius, dem Cheruskerfürsten, der im Jahre 9 n. Chr. die Legionen des Varus vernichtete. Manche Indizien, die für diese Vermutung bemüht wurden, grenzen ans Absurde: So soll der Drache – „Lindwurm“ in den meisten germanischen Sagen – Symbol für die in langen Reihen marschierenden Legionäre sein. Und der Hort des Nibelung sei in Wahrheit der gewaltige Schatz gewesen, den der siegreiche Arminius erbeutet habe.
Andere Indizien hingegen sind nicht so einfach von der Hand zu weisen: Schon die ältesten Versionen der Sage spielen ja an Rhein und Donau – und mithin im antiken Grenzgebiet zwischen Imperium Romanum und freiem Germanien. Siegfried stammt zudem aus Xanten. Dieser Ort war in der Antike ein Legionslager, das in der Nähe des Cheruskergebiets lag. Arminius, der ja lange als Soldat im römischen Heer kämpfte, mag hier einen Teil seiner Dienstzeit verbracht haben. Manche Sagenversionen verbinden den Hirsch mit Siegfried, so erscheint dieses Tier einmal in einem Traum als Symbol für den Recken. „Hiruz“ aber nannten sich die Cherusker selbst, die „Hirschleute“.
Und schließlich ist da noch der Name: „Arminius“ ist lateinisch, nur diesen Namen überliefern antike Geschichtsschreiber für den Cheruskerfürsten. Tacitus immerhin nennt zusätzlich die germanischen Namen von Vater, Schwiegervater und Schwager des Arminius: Alle beginnen mit der Vorsilbe „Sieg“/„Seg“. Immerhin möglich, dass – analog zu den Burgundern und anderen Germanenvölkern – auch der ursprüngliche Name des Arminius im Gleichklang mit denen seiner Verwandten war, also mit „Sieg“ oder „Seg“ begann.
Dennoch bleibt die Verbindung von Sagengestalt zu realer Person letztlich willkürlich. Wie die Figur Siegfried tatsächlich entstanden ist, bleibt bis heute schwer erklärlich – und ebenso sein großer Widersacher Hagen von Tronje. Beide Heroengestalten mögen irgendwie auf echte Krieger zurückgehen, doch bleiben deren Taten wohl für immer im Dunkeln, sind bis zur Unkenntlichkeit im Mythos verändert worden. Zum Mythos aber ist auch das gesamte Nibelungenlied geworden: zu einem modernen, finsteren Mythos.
Im 18. Jahrhundert entdecken Gelehrte mittelalterliche Handschriften der fast vergessenen Sage wieder, 1782 wird sie erstmals vollständig gedruckt – auch wenn der stolze Herausgeber der Verse vom Preußenkönig Friedrich dem Großen mit einem Brief von erlesener Unhöflichkeit bedacht wird: „Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuss Pulver wert und verdienen nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden.“ Rund zwei Jahrzehnte später jedoch hat sich diese Einschätzung deutlich geändert: Die deutschen Staaten sind von Napoleon besetzt, man kämpft gegen den scheinbar übermächtigen Franzosenkaiser – auch auf dem Feld der Kultur. Nicht mehr höfisch-französisch, am besten nicht einmal romanischrömisch soll das militärisch und politisch gedemütigte Deutschland sein, es soll sich auf eine „eigene“ Kultur und Vergangenheit besinnen.
Ab etwa 1800 verstehen die Menschen in den deutschen Landen daher das Nibelungenlied als Nationalepos: als urdeutsches, uraltes und kämpferisches Werk. Soldaten erhalten Feldausgaben zur Erbauung mit, selbst der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe zeigt sich vom Text berührt und doziert darüber in Weimar. In mehreren Volksausgaben wird der Stoff populär, der Dramatiker Friedrich Hebbel sowie eine ganze Reihe weniger begabter Theaterautoren bringen die Geschichte in zehn Fassungen auf die Bühne.
Doch niemand erzielt eine größere Wirkung als der Komponist Richard Wagner, der ab 1848 am „Ring des Nibelungen“ arbeitet. Wagner interessiert sich bald vor allem für die mythische, unhistorische Dimension der Geschichte, weshalb er weniger das um 1200 entstandene Nibelungenlied adaptiert als die älteren, nordischen Sagenversionen. So zelebriert seine im Sommer 1876 uraufgeführte Opern-Tetralogie beispielsweise das Walten der Götter und Walküren. Die Wagnersänger in Fellkleidern, Flügelhelmen und mit klobigen Waffen (Kreationen, die der Komponist selbst abscheulich findet) werden auf Jahrzehnte hinaus das Germanenbild der Öffentlichkeit bestimmen.
Als der „Ring des Nibelungen“ uraufgeführt wird, ist das neu gegründete Deutsche Reich gerade fünf Jahre alt. Bismarcks politische Schöpfung ist im Krieg entstanden – und die kämpferischen Tugenden der Sage, das Gewalttätige und Urtümliche der Recken werden gewissermaßen zur Reichsideologie verklärt, Deutschland wird in einem Lobgedicht zum „Nibelungenland“ erhöht. 1909 erklärt Kanzler Bernhard von Bülow im Reichstag Deutschlands „Nibelungentreue“ zu Österreich-Ungarn; damit wird also ein politisches Bündnis zweier moderner Staaten mit einer mythischen Gefolgschaft gleichgesetzt – mit den Burgundern/ Nibelungen nämlich, die in der brennenden Königshalle unbeirrt zusammenstehen.
Dass dies in der Sage zum Untergang führt, scheint weder den Kanzler noch seine Zuhörer sonderlich zu beunruhigen. Und 1914, da nun tatsächlich der Weltenbrand lodert, erhebt ein Reichstagsabgeordneter den „waffengewaltigen, stolzen, grimmen Hagen“ gar zum „Sinnbild Preußen-Deutschlands“. Heute ist es schwer verständlich, dass im deutschen Kaiserreich ausgerechnet die dem Untergang geweihten Nibelungen zu Vorbildern erklärt werden – vor allem der Heldenmörder Hagen, der sein Leben ja als hilflos Gefesselter verliert. Mag sein, dass sich hier eine heimliche Lust an der Apokalypse zeigt, ein uneingestandener Überdruss an der modernen Welt, eine selbstmörderische Sehnsucht, im eigenen Ende die ganze Gemeinschaft mitzureißen.
Als das Beschworene allerdings in gewisser Weise tatsächlich eintritt, als mit dem verlorenen Weltkrieg 1918 zumindest das Kaiserreich untergeht, ist der Nibelungenmythos keineswegs zerstört. Im Gegenteil: Er wandelt sich nur – und Siegfried ersetzt Hagen. Die „Dolchstoßlegende“ kommt auf, die Mär, das im Feld eigentlich unbesiegte deutsche Heer sei in der Heimat von Sozialisten, Kommunisten und Juden entscheidend getroffen worden. Besonders wirkungsvoll wird diese Legende, weil sie der ehemalige Oberbefehlshaber Paul von Hindenburg verkündet – und der vergleicht Deutschlands „ermattete Front“ mit „Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen“.
Auch Adolf Hitler schreibt schon 1923 vom „deutschen Siegfried“. Als die Nationalsozialisten zehn Jahre später an die Macht kommen, ist die Nibelungensage längst Teil ihrer Ideologie. So sind die Burgunder, die im Kampf zusammenstehen, in ihren Augen „Volksgenossen“. Und im Januar 1943, da die eingeschlossene 6. Armee in Stalingrad verblutet, spricht Hermann Göring im Radio: „Wir kennen ein gewaltiges, heroisches Lied von einem Kampf ohnegleichen, das hieß ‚Der Kampf der Nibelungen‘. Auch sie standen in einer Halle von Feuer und Brand und löschten den Durst mit eigenem Blut – aber sie kämpften und kämpften bis zum Letzten. Ein solcher Kampf tobt heute dort.“
Selbst als sich 1945 die Apokalypse vollendet, schlimmer wohl, als sie sich der Dichter des Nibelungenliedes je hätte ausmalen können, bleibt der Mythos bestehen. Zwar spricht danach kein ernstzunehmender Politiker mehr von „Nibelungentreue“, zwar sind Siegfried und Hagen als politische Vorbilder verweht. Doch die halb archaische, halb überzeitliche Faszination einer Erzählung von Mut und Treue, Verrat und Mord ist ungebrochen. Nur sechs Jahre nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands wird im stets von Hitler geförderten Bayreuth „Der Ring des Nibelungen“ wieder aufgeführt.
Und die Sagenwelt von Drachen und Zwergen, von heroischen Schwertkämpfen, von langen Zügen weniger Getreuer, von dem fluchbeladenen Schatz ist längst in der Fantasy-Literatur aufgegangen. Der alte Mythos, der in der Germanenzeit wurzelt, ist zum modernen Mythos einer wieder verzauberten Welt geworden: Mittelerde als Gegen-Erde, die all das bietet, was die moderne Zeit nicht mehr zu geben scheint.
Niemand hat die Sagen geschickter verwoben und umgestaltet als der englische Autor J. R. R. Tolkien, einst Gelehrter in Oxford und ein Kenner alter nordischer Mythen. In seinem Roman „Herr der Ringe“ lassen sich unschwer die Helden und Finsterlinge, die Kriegszüge und Zweikämpfe und selbstverständlich der Hort der Nibelungen wiedererkennen. Eigentlich kein Wunder, dass gerade die Deutschen bei einer großen Umfrage 2004 dieses Werk zum „beliebtesten Buch“ überhaupt gewählt haben. Ein Nationalepos, noch immer.
3. Siegfried von Xanten. Hauptfigur der Nibelungensage
Darstellung Sigurds in einer schwedischen Ausgabe der Liederedda, 1893.
Siegfried von Xanten gehört zu den bekanntesten Sagengestalten des Mittelalters und spielt eine zentrale Rolle im ersten Teil des Nibelungenliedes aus dem 13. Jahrhundert. In seiner Person verschmelzen mehrere historische Persönlichkeiten der Völkerwanderungszeit zur Figur eines mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten, nahezu unverwundbaren Helden, der schließlich einem heimtückischen Verrat seiner engsten Vertrauten zum Opfer fällt.
Die verschiedenen, unabhängig voneinander entstandenen Varianten der Nibelungensage im deutschen und skandinavischen Sprachraum datieren in das ausgehende 12. und frühe 13. Jahrhundert und beruhen vermutlich auf älteren, damals weit verbreiteten, heute jedoch nicht mehr nachweisbaren schriftlichen und mündlichen Überlieferungen aus der Zeit der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters. Die Verfasser der mittelalterlichen Sagen agierten jedoch nicht als Geschichtsschreiber und Chronisten. Ihre Werke dienten vielmehr der Unterhaltung und Belehrung und weisen einen starken Gegenwartsbezug zur gesellschaftlichen, politischen und höfischen Aktualität des Hochmittelalters auf. Auf diese Weise wurden in der Nibelungensage verschiedene, teilweise historisch belegbare, aber zeitlich weit auseinander liegende Ereignisse und Personen des 5. und 6. Jahrhunderts zu einer neuen Gesamtgeschichte verwoben und mit mythologischen Elementen angereichert.
Die bekannteste Darstellung der Erzählung über den Aufstieg und Fall des Königssohns Siegfried findet sich im so genannten „Nibelungenlied", das vermutlich am Ende des 12. Jahrhunderts in Passau niedergeschrieben wurde. Der anonyme Verfasser verortet die Herkunft Siegfrieds an den Niederrhein. In der vermutlich ältesten erhaltenen Überlieferung des Nibelungenliedes, der in der Mitte des 13. Jahrhunderts niedergeschriebenen und 2005 von Hermann Reichert publizierten St. Galler Handschrift, heißt es:
Dô wûohs in Niederlanden eins vil edelen küneges kint,
des vater, der hiez Sigemunt, sîn muoter Sigelind,
in einer rîchen bürge, wîten wol bekannt,
nidene bî dem Rîne. diu was ze Santen genant.
Der Germanist Karl Simrock veröffentlichte 1827 die erste Übertragung des mittelhochdeutschen Originaltextes ins Neuhochdeutsche. Die Passage über Siegfrieds Abstammung übersetzte er wie folgt:
Es wuchs in Niederlanden eines edeln Königs Kind,
sein Vater hieß Siegmund, seine Mutter Siegelind,
in einer reichen Veste, ferne wohlbekannt,
tief unten an dem Rheine; sie war Burg Santen genannt.
Diese genaue Lokalisierung findet sich in den nordischen Varianten der Sage nicht.
Der Sage folgend verlässt Siegfried, nachdem er seine Jugend in Xanten verbracht hat, den Hof seiner Eltern mit dem Vorhaben, um die burgundische Prinzessin Kriemhilde zu werben. Bevor er jedoch nach Worms an den Hof des Burgunderkönigs Gunther, dem Bruder Kriemhilds, gelangt und dessen Vasall wird, besteht Siegfried zahlreiche Abenteuer. So tötet er einen Drachen, in dessen Blut er badet und mit Ausnahme einer Stelle zwischen den Schulterblättern, auf die ein Lindenblatt fällt, unverwundbar wird. Außerdem gerät er in den Besitz des Schatzes des Königs Nibelung, nachdem er diesen und dessen Söhne samt ihrem Gefolge mit dem Schwert Balmung (in der nordischen Mythologie: Gram; in der Oper Richard Wagners: Notung) getötet und auch den Wächter des Hortes, den Zwerg Alberich im Zweikampf besiegt hat.
Obwohl ihm bereits der Ruf eines unbezwingbaren Helden vorauseilt, unterwirft sich Siegfried Gunther, dem wankelmütigen, leicht beeinflussbaren Herrscher Burgunds und erweist sich bald als dessen unverzichtbarer Heerführer und Berater. Nachdem er Gunther auch bei der Brautwerbung um die isländische Königin Brunhild entscheidend und listenreich unterstützt hat, erhält Siegfried Kriemhild zur Frau, mit der er danach mehrere Jahre am Königshof seiner Eltern in Xanten lebt.
Während eines Aufenthalts in Worms entbrennt ein folgenschwerer Machtkampf zwischen Kriemhild und Brunhild, den Hagen von Tronje, ein einflussreicher Vasall und Berater König Gunthers, für seine Zwecke auszunutzen versteht. Siegfried wird das Opfer einer Verschwörung, in die das gesamte burgundische Herrscherhaus verwickelt ist. Hagen von Tronje initiiert den Verrat, erwirbt sich das Vertrauen Kriemhilds und gewinnt dadurch Kenntnis über die verwundbare Stelle zwischen Siegfrieds Schulterblättern. Dieses Wissen nutzend, ermordet er Siegfried, während sich dieser nach einer Jagd an einer Quelle erfrischt, indem er ihn rücklings mit einem Speer durchbohrt. Im zweiten Teil des Nibelungenliedes wird die Rache Kriemhilds beschrieben. Siegfrieds heimtückische Ermordung dient hier als Motiv für die Vernichtung der Burgunder am Hof des Hunnenkönigs Etzel. Dieser zweite Abschnitt des Nibelungenliedes geht in seinem Kern auf die Auseinandersetzungen zwischen Burgundern, Hunnen und Römern in der Mitte des 5. Jahrhunderts zurück, die in der Zerschlagung des Burgunderreiches im Jahr 436 gipfelten. Demgegenüber findet der erste Teil und mit ihm die Geschichte Siegfrieds seinen historischen Ursprung in den über Jahrzehnte andauernden Konflikten zwischen Franken und Burgundern im ausgehenden 5. und im 6. Jahrhundert. Vermutlich handelt es sich bei den beiden Teilen des Nibelungenliedes um zwei ursprünglich eigenständige Erzählungen, deren Inhalte zu einer Gesamtgeschichte zusammengefügt wurden.
Siegfried erweckt Brünnhilde, Stich, um 1892, nach einer Vorlage von Otto Donner von Richter (1828-1911).
Eine Identifikation der mythologisch verfremdeten Sagengestalt Siegfrieds mit einer einzigen historischen Persönlichkeit ist auszuschließen. Vielmehr vereint sie, wie auch andere Figuren der Sage, biographische Elemente eines Kreises von mehreren Personen. Als besonders aufschlussreich erweist sich bei der Suche nach dem historischen Siegfried die von Gregor von Tours (538-594) verfasste Biographie des fränkischen Königs Chlodwig I. (466-511), der nicht nur als Einer der fränkischen Teilreiche, sondern auch als skrupelloser und heimtückischer Herrscher in die Geschichte eingegangen ist. Obwohl sich diese Charaktereigenschaften nur schwer mit dem Mythos des Helden Siegfried vereinbaren lassen, bietet Chlodwigs Lebensgeschichte zahlreiche interessante Parallelen zu Personen und Ereignissen im Nibelungenepos. So heiratete er im Jahr 501 Chrothechildis (474-544), die Nichte des Burgunderkönigs Gundobad (Regierungszeit 480-516). In vergleichbarer Konstellation treten Kriemhilde und Gunther als Hauptfiguren mit unmittelbarem verwandtschaftlichem Bezug zu Siegfried in der Nibelungensage auf. Auch der Mythos des Nibelungenschatzes könnte auf die zahlreichen erfolgreichen Feldzüge Chlodwigs zurückzuführen sein, auf die sich sein sprichwörtlich gewordener unermesslicher Reichtum gründete. In der Schlacht von Poitiers besiegte Chlodwig 507 den Westgotenkönig Alarich II. (Regierungszeit 484-507), dessen Name in Verbindung mit dem sagenhaften Zwergenkönig und Hüter des Nibelungenhortes Alberich gebracht werden kann.
Auch Chlodwigs Enkel Sigibert (535-575), der als König über Austrasienherrschte, wird in Verbindung mit der Siegfriedsage gebracht. Gleiches gilt für den Burgunderkönig Sigismund (Regierungszeit 516-524) und für den in Köln residierenden und Teile des Rheinlands beherrschenden fränkischen Herrscher Sigibert. Letzterer fiel, wie Siegfried in der Sage, während einer Jagd einem Meuchelmord zum Opfer.
Heinrich Gudehus (1845-1909) schmiedet als Siegfried.
Bereits im frühen 19. Jahrhundert wurde eine Identifikation Siegfrieds mit dem Cheruskerfürsten Arminius (17 vor Christus - 21 nach Christus) in Erwägung gezogen. Siegfrieds legendärer Kampf gegen den Drachen hätte nach dieser These in der Vernichtung dreier römischer Legionen durch das germanische Herr des Arminius im Jahr 9 nach Christus seinen Ursprung. Der mit dem Nimbus der Unbesiegbarkeit behaftete Heereszug unter der Führung des römischen Statthalters Publius Quinctilius Varus (47 vor Christus – 9 nach Christus) wäre demnach in der über Jahrhunderte mündlich weitergegebenen Überlieferung zur mythologischen Gestalt des nahezu unverwundbaren Lindwurmes stilisiert worden. Diese These erlebte durch die Entdeckung des historischen Schauplatzes der Varusschlacht in Kalkriese bei Osnabrück eine Neubelebung.
Da in der Figur Siegfrieds offensichtlich die Biographien verschiedener historischer Personen verschmelzen, bleiben auch die Angaben zu seiner rheinischen Herkunft im Nibelungenlied fraglich. Allenfalls ist zu vermuten, dass eine der historischen Figuren, aus der sich die mythologische Siegfriedgestalt entwickelte, in Verbindung mit einer am Niederrhein ansässigen fränkischen Fürstenfamilie gebracht werden könnte. Die präzise Lokalisierung seines Geburtsortes in Xanten, die sich in den vergleichbaren nordischen Varianten der Siegfriedsage nicht findet, bietet hierzu allerdings den einzigen Hinweis.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlangte die Nibelungensage neue Popularität und wurde, vor dem Hintergrund der napoleonischen Befreiungskriegeund der Forderungen nach einer nationalen Einigung der deutschen Einzelstaaten, zum deutschen Nationalepos erhoben. Seit dieser Zeit ist sie auch zum Gegenstand der literarischen, historischen und archäologischen Forschung geworden. Im Zuge dieser Entwicklung glaubte Karl Simrock den Drachenfels im Siebengebirge als Schauplatz des Kampfes zwischen Siegfried und dem Lindwurm identifizieren zu können.
Simrocks Lokalisierung des Drachenkampfes machte aus Siegfried eine der wichtigsten Figuren der Rheinromantik. Bis in die Gegenwart hat der Mythos um Siegfried und die Nibelungen, trotz seiner ideologischen und propagandistischen Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten, nichts von seiner Faszination eingebüßt.
4. Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer
1. „Teutschlands Strom…“ – Kampf um die Rheingrenze
Der Rhein als natürliche Grenze des eigenen Staates, das ist eine französische Idee, deren Ursprünge zurück in das 15. Jahrhundert reichen. Nach dem Ende des Hundertjährigen Krieges hatte das französische Königreich zwar die Engländer erfolgreich vom Kontinent vertrieben, es blieb aber die unangenehme Bedrohung bestehen, durch das Haus Habsburg zwischen dem spanischen Reich und dem deutschen Reich im Zangengriff gehalten zu werden.
Das Zeitalter der Renaissance brachte nicht nur die Wiederentdeckung der Antike und der antiken Schriften wie etwa „De bello gallico“ von Julius Caesar (110-44 v. Chr.); es kam auch zur Identifikation und Gleichsetzung Frankreichs mit dem alten Gallien. Der Lothringer Jean le Bon veröffentlichte 1568 ein Pamphlet mit dem Titel „Le Rhin au Roy“, das sich mit „Der Rhein gehört dem König“ übersetzen lässt. In diesem Werk forderte er daher ganz deutlich, das französische Herrschaftsgebiet bis zum Rhein auszudehnen, um das ganze alte Gallien wieder erstehen zu lassen: „Wenn Paris den Rhein trinkt, hat ganz Gallien sein Ende wieder“.
Diese Forderung spielte fortan im Verhältnis Frankreichs zu der Vielzahl von östlichen Nachbarn eine keineswegs unbedeutende Rolle. Im 17. Jahrhundert gehörte die finanzielle Unterstützung der rheinischen Kurfürsten von Köln, Mainz und Trier zum beliebten Instrument französischer Politik, um das innere Mächtegleichgewicht des Deutschen Reiches zu beeinflussen und die Habsburger nicht allzu sehr erstarken zu lassen. Frankreich konnte mit dem Zugewinn des Elsass die Grenzen bis an den Oberrhein vorschieben und sogar einen kurzlebigen Rheinbund ins Leben rufen. Die französische Expansions- und Annexionspolitik wurde ganz selbstverständlich als „Reunion“, also als „Wiedervereinigung“ mit Frankreich, bezeichnet.
Am Anfang des 17. Jahrhunderts war auch erstmals der Staat zu territorialen Besitzungen am Rhein gekommen, der später – nolens volens – zum großen Gegenspieler Frankreichs und zur Schutzmacht des Rheinlandes werden sollte: das Kurfürstentum Brandenburg-Preußen. Kurfürst Johann Sigismund (1572-1619) konnte im Jülisch-Klevischen-Erbfolgestreit nach dem Tod des kinderlos gebliebenen Herzogs Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Mark (1562-1609) seine Ansprüche behaupten und hatte 1614 im Vertrag von Xanten aus der Erbmasse das Herzogtum Kleve sowie die Grafschaften Mark und Ravensburg erhalten. Die große Bedeutung, welche die preußischen Westprovinzen im 17. Jahrhundert bei der Ausweitung des Staates gehabt hatten, verloren sie im 18. Jahrhundert wieder. Das Hauptaugenmerk der preußischen Politik lag wieder im Osten. König Friedrich II. (Regierungszeit 1740-1786) strebte hier nach Zugewinn und entriss Österreich in drei Kriegen ab 1740 Schlesien.
In den ersten beiden Kriegen waren Preußen und Frankreich noch Verbündete gegen Österreich gewesen. Beide hatte das Bemühen, die Vorherrschaft der Habsburger im Deutschen Reich zu schwächen, geeint. Doch der britisch-französische Gegensatz in den Kolonien bewirkte ab 1754 in Europa eine „Umkehrung der Allianzen“ (Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi - 1773-1842 - beziehungsweise Richard Waddington, 1838-1913). Das mit Russland in Absprachen verbundene Großbritannien verbündete sich mit Preußen, um sein Kurfürstentum Hannover zu schützen. Preußen durchbrach damit die von Österreich zur Rückgewinnung Schlesiens angestrebte außenpolitische Isolierung. Frankreich näherte sich Österreich an, um den französisch-habsburgischen Gegensatz zu entschärfen und einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden.
Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) kämpfte Frankreich daher erstmals als Verbündeter zusammen mit Österreich. Als Folge dieser neuen Allianz griff es nach den preußischen Provinzen am Rhein und besetzte sie während des gesamten Krieges. Preußen hatte weder die Macht noch den Willen, eine Rückeroberung zu versuchen. Der preußische König Friedrich II. zeigte sogar Verständnis für die französische Forderung nach der Rheingrenze, den preußischen Gebieten am Rhein maß er keine große Bedeutung bei.
Als die französische Monarchie unterging, brachen die Protagonisten der Französischen Revolution von 1789 zwar mit vielen Traditionen, aber beileibe nicht mit allen. Die außenpolitischen Interessen Frankreichs wiesen eine erstaunliche Kontinuität auf: die führenden Persönlichkeiten übernahmen die alte Forderung nach der Rheingrenze. In der Nationalversammlung legten sich die Abgeordneten im Dezember 1791 auf die Grenzen Frankreichs fest: „Vom Rhein bis zu den Pyrenäen, von den Alpen bis zum Ozean“. Damit verfestigte sich die Rheingrenze als Bestimmung und Schicksal Frankreichs. Jetzt war es nicht mehr die Idee eines Monarchen, sondern des Volkes. 1794 besetzten die Revolutionstruppen das linksrheinische Gebiet und errichteten zunächst eine provisorische Verwaltung, die wenige Jahre später in die französische Staatsverwaltung überging. Die Umgestaltung der Verwaltung des neu gewonnen Gebietes ging einher mit der wirtschaftlichen Umverteilung des Besitzes der durch die Säkularisation seit 1802 enteigneten Stifte, Klöster und Konvente.
Ermöglicht worden war dies durch den zunächst heimlichen Verzicht auf die linksrheinischen Gebiete des Deutschen Reiches durch Preußen im Frieden von Basel 1795 und Österreich im Frieden von Campo Formio 1797. Schließlich folgte die öffentliche Abtretung an Frankreich im Frieden von Lunéville 1801. Tatsächlich lag von 1794 bis 1814 die Grenze des französischen Staatsgebietes am Rhein.
Darüber hinaus formte der französische Kaiser Napoleon Bonaparte (1769-1821) mit dem 1806 ins Leben gerufenen „Rheinbund“ einen Gürtel von deutschen Satellitenstaaten, die nicht nur als französisches Vorfeld dienten, sondern auch noch Soldaten für seine zahlreichen Feldzüge stellten. Zudem waren einige eng mit der Familie Napoleons verbunden: Großherzog des neu geschaffenen Großherzogtums Berg war zunächst bis 1808 Napoleons Schwager Joachim Murat (1767-1815), dann Napoleons vierjähriger Neffe Napoleon Louis Bonaparte (1803-1831). Für diesen übernahm Napoleon selbst die Regentschaft.
In das ebenfalls neu errichtete Königreich Westfalen setzte Napoleon als König seinen jüngsten Bruder Jérôme Bonaparte (1784-1860) ein. Beide Staaten erhielten eine moderne Verwaltung und verstaatlichten die geistlichen Besitztümer. Auch Baden, Württemberg und Bayern konnten sich den Reformideen nicht entziehen. Sie erneuerten ebenfalls ihre Verwaltungen und führten die Säkularisation durch.
Nonnenwerth, Rolandseck und Drachenfels, Gemälde von Arnold Forstmann (1842-1914 oder später), um 1870, Original im Stadtmuseum Bonn.
Die französische Besetzung des Rheinlandes und die Vorherrschaft der Franzosen in Europa trafen trotz aller Modernisierung auf zunehmende Ablehnung. Sie gründete vor allem auf den wirtschaftlichen Fesseln der Zollgrenze am Rhein und der Kontinentalsperre sowie den stetigen Einberufungen von Soldaten. Ideologisch wurde sie aufgeladen durch einen neu erwachten nationalen Selbstbehauptungswillen. Das 1806 untergegangene Deutsche Reich beziehungsweise dessen mittelalterliche Blüte wurde romantisierend als „gute alte Zeit“ verklärt und mit Sehnsüchten nach neuer nationaler Größe verknüpft.
Die anti-napoleonische Haltung zeigte sich zuerst bei den Intellektuellen. Heinrich von Kleist (1777-1811), der 1793 am Feldzug gegen Frankreich teilgenommen hatte, wandte sich trotz anfänglicher Begeisterung für die Ideen der französischen Revolution nach der Besetzung Preußens gegen die napoleonische Herrschaft. Zwischen 1806 und 1808 schrieb er das Stück „Die Hermannsschlacht“, welches den Kampf zwischen dem Germanen Arminius (Deutsche) und dem Invasoren Varus (Franzosen) behandelt. In seiner 1809 entstandenen Ode „Germania an ihre Kinder“ heißt es aufrüttelnd:
Die des Maines Regionen,
Die der Elbe heitre Aun,
Die der Donau Strand bewohnen,
Die das Odertal bebaun,
An des Rheines Lauben sitzen,
Von dem duftgen Mittelmeer,
Von dem Riesenberge Spitzen,
Von der Ost und Nordsee her!
[Chor]
Horchet! – Durch die Nacht, ihr Brüder,
welch ein Donnerruf hernieder?
Stehst Du auf, Germania?
Ist der Tag der Rache da?
Wer nicht nur auf den Tag der Rache warten wollte, engagierte sich gegen Napoleon. Allerdings konnte das Aufbegehren zur Flucht ins Exil führen. Ernst Moritz Arndt, geboren in Groß-Schoritz (heute Ortsteil von Garz) auf der Insel Rügen, die damals noch zu Schweden gehörte, war seit 1801 Privatdozent und 1806 Professor an der Universität Greifswald gewesen. Auf Grund einer anti-napoleonischen Flugschrift musste er nach der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 nach Schweden flüchten. 1809 kehrte er nach Deutschland zurück und ging 1812 auf Einladung des Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherrn vom und zum Stein (1757-1831) als dessen Privatsekretär nach Russland. Während die beiden auf politischer Ebene die Annäherung von Russland und England beförderten, unterstützten sie gleichzeitig den Aufbau der Russisch-Deutschen Legion. Arndt flankierte die Bemühungen mit politischen Kampfschriften in Form von patriotischen Flugschriften, Gedichten und Liedern.
Der Russlandfeldzug Napoleons 1812 endete mit dem Rückzug der französischen Armee und der Hilfstruppen der mit Frankreich verbündeten Staaten. Das militärisch von Napoleon gedemütigte und aus seinen westlichen Gebieten vertriebene Preußen hatte ebenfalls ein Truppenkontingent gestellt. Am 30.12.1812 handelte der preußische General Johann David von Yorck (1759-1830) eigenmächtig einen Waffenstillstand mit den russischen Truppen aus. In dieser Konvention von Tauroggen erklärten sich die preußischen Truppen für neutral. Drei Monate, im März 1813, markierte die Kriegserklärung des preußischen Königs an Frankreich endgültig den Übergang vom Verbündeten zum Gegner und eröffnete die so genannten „Befreiungskriege“. Der Koalition aus Russland und Preußen schloss sich Österreich an. Höhepunkt des Krieges war die „Völkerschlacht“ bei Leipzig im Oktober 1813, in der die Alliierten Napoleon besiegten. Die Reste der geschlagenen französischen Armee zogen sich hinter den Rhein und damit nach Frankreich zurück. Der von Napoleon 1806 geschaffene Rheinbund zerfiel. Die nachrückenden Alliierten erreichten Anfang November den Rhein. Sie besetzten die nördlichen Rheinbundstaaten Westfalen, Berg und Frankfurt und richteten dort Übergangsverwaltungen ein. Die süddeutschen Monarchien wie die in Bayern, Baden und Württemberg blieben von solch einer Auflösung verschont.
Heinrich von Kleist, Gemälde von Peter Friedel, 1801, Zeichnung, Dresden, Original. (Sammlung Otto Krug)
Bereits im Januar 1813 hatte Arndt mit seiner Flugschrift „Was bedeutet Landsturm und Landwehr“ die Volksbewaffnung empfohlen. Nach dem Vorbild des Landsturmedikts des preußischen Königs vom 21.4.1813 rief im Großherzogtum Berg der Interimsverwalter Justus Gruner (1777-1820) am 13./25. Dezember ebenfalls zur Bildung eines Landsturms auf. Er verwies dabei ausdrücklich auf die Männer des Siebengebirges. Tatsächlich hatte sich dort vor der offiziellen Aufstellung eine Bürgerwehr zusammengefunden, die sich nun der „freiwillige Landsturm vom Siebengebirge“ nannte. Die Rheinländer versahen nun den Vorpostendienst an der Rheingrenze.
Wie sehr diese Rheingrenze bereits akzeptiert worden war, zeigt das Zögern der Alliierten den Rhein zu überqueren. In dieser Situation stellte sie ihnen die Frage, ob mit der Befreiung Deutschlands in den Grenzen von 1813 ihre Kriegsziele erreicht worden waren oder nicht. Der österreichische Außenminister Clemens Wenzel Lothar von Metternich plädierte im Sinne des Gleichgewichts der Kräfte für den Erhalt Frankreichs als Großmacht, um eine Vorherrschaft des erstarkten Russlands zu verhindern. Mitte November 1813 boten die Alliierten deshalb dem geschlagenen Napoleon als Verhandlungsbasis für einen Frieden an, Frankreich in seinen natürlichen Grenzen zu erhalten.
Publizistisch schaltete sich nun Arndt mit einer weiteren Publikation in diese Debatte ein. Noch 1813 erschien seine Flugschrift „Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze“. In ihr skizzierte Arndt die Tradition der französischen Rheinpolitik von ihren Anfängen bis zu den „Ungeheuer[n] an der Seine vom Jahre 1790 bis 1800“. Die Naturgrenze eines Volkes argumentierte Arndt, sei nicht eine natürliche Gegebenheit wie ein Fluss, sondern vielmehr der Sprachraum: „was sind die Naturgränzen eines Volkes? Ich sage: die einzige gültigste Naturgränze macht die Sprache.“ So wie die Sprache eine Besonderheit sei, so habe auch das Volk, die Nation, die sie spricht, ihre Besonderheiten in der Rechtsauffassung und in der Politik. Arndt verknüpfte Deutschlands Schicksal mit dem Rhein, denn: „ohne den Rhein kann die teutsche Freiheit nicht bestehen.“ Auch das Gleichgewicht der Kräfte in Europa bemühte Arndt, da „Teutschlands Selbständigkeit und Europens Sicherheit nicht bestehen kann, wenn die Franzosen den Rhein und die jenseits des Rheins liegenden teutschen Lande behalten.“ Nur ein deutscher Rhein könne Europa vor der französischen Vorherrschaft bewahren: „Wenn Frankreich den Rheinstrom mit seinen Landen behält, so behält es nicht nur sein alles Gleichgewicht aufhebendes Übergewicht über Teutschland, sondern auch über das übrige Europa.“
Weitere Publikationen forderten ebenso, dass der Rhein nicht die Grenze Deutschlands sei. Eine anonyme Druckschrift mit dem Titel „Deutschland im rheinischen Bunde und nach seiner Wiedergeburt; oder: der Friede ohne Rheingrenze“ von 1813 formulierte emotional: „Der Rhein sey ein deutscher Strom, und trenne fürder nicht Brüder von Brüdern!“
Damit stützten Arndt und die anderen Publizisten das Drängen des Freiherrn vom Stein und der preußischen Militärs. Sie befürworteten die Fortsetzung des Krieges und das Eindringen nach Frankreich, um Napoleons Machtbasis zu zerschlagen. Da Napoleon das Angebot der Alliierten ignorierte und neue Truppen aushob, entschlossen sich die Alliierten, die Kampfhandlungen wieder aufzunehmen. Den Krieg von 1814 leitete der preußische Generalfeldmarschall Gerhard Leberecht von Blücher (1742-1819) mit dem Rheinübergang bei Kaub in der Neujahrsnacht ein.
Dieses Ereignis begrüßten und bejubelten die Zeitgenossen. Inspiriert von Blüchers Rheinübergang erschien 1814 das Gedicht „Lied vom Rhein“ von Max von Schenkendorf (1783-1817), der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen und an der „Völkerschlacht“ bei Leipzig teilgenommen hatte. Hierin wurde der Rhein als „heilig“ überhöht und seine Freiheit beschworen, Motive, die fortan immer wiederkehren sollten.
Max von Schenkendorf, Lied vom Rhein (1814)
...
Das ist der heil'ge Rhein
Ein Herrscher, reich begabt
Deß Name schon wie Wein,
Die treue Seele labt.
Es regen sich in allen Herzen
Viel Vaterländ'sche Lust und Schmerzen,
Wenn man das deutsche Lied beginnt
Vom Rhein, dem hohen Felsenkind.
...
Wir huld'gen unserm Herrn,
Wir trinken seinen Wein.
Die Freiheit sey der Stern!
Die Losung sey der Rhein!
Wir wollen ihm auf‘s neue schwören,
Wir müssen ihm, er uns gehören!
Vom Felsen kommt er frei und hehr,
Er fließe frei in Gottes Meer!
(2. und 9. Strophe)
Das Überschreiten des Rheins bedeutete das Eindringen nach Frankreich. Das Hineintragen des Krieges nach Frankreich wurde mit Genugtuung aufgenommen und später als Blüchers Verdienst angesehen. Der Rheinübergang legte den Grundstein des späteren Blücher-Mythos als „Marschall Vorwärts“. August Kopisch (1799-1853), der Dichter der „Heinzelmännchen zu Köln“, malte den Moment in dem 1836 erschienenen Gedicht „Blücher am Rhein“ aus:
August Kopisch, Blücher am Rhein (1836)
Blüchers Rheinübergang bei Kaub, Gemälde von Wilhelm Camphausen (1818-1885), 1860. (Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie)
Die Heere blieben am Rheine stehen:
Soll man hinein nach Frankreich gehn?
Man dachte hin und wieder nach,
Allein der alte Blücher sprach:
„Generalkarte her!
Nach Frankreich gehn ist nicht so schwer.
Wo steht der Feind?“ – „Der Feind? – dahier!“
„Den Finger drauf, den schlagen wir!
Wo liegt Paris?“ – „Paris? – dahier!“
„Den Finger drauf, den schlagen wir!
Nun schlag die Brücken übern Rhein!
Ich denke, der Champagnerwein
Wird, wo er wächst, am besten sein!“
Rheinübergänge der alliierten Truppen fanden allerdings auch bei Mannheim und Koblenz statt. Einer der Organisatoren des Landsturms im Rheinland war der preußische Major der Garde-Jäger Ferdinand Wilhelm Franz Bolstern von Boltenstern (1786-1814). Der Landsturm war nur zur Verteidigung der Heimat und nicht für Offensivaktionen vorgesehen, wie Boltenstern sie im Sinn hatte. Anfang Januar 1814 versuchte er im Anschluss an den Rheinübergang Blüchers bei Kaub, einen Angriff bei Mülheim über den Rhein auf Köln auszuführen. Die unerwartete heftige französische Gegenwehr trieb seinen Trupp aus preußischen Jägern, Russen und frisch rekrutierten bergischen Truppen zurück in den Rhein. Boltenstern starb – vermutlich tödlich verwundet – beim Rückzug im Rhein. Sein Leichnam wurde nie gefunden.
Zur gleichen Zeit – möglicherweise als Ablenkungsmanöver gedacht – kam es von der Insel Nonnenwerth aus zu einem Schusswechsel mit französischen Truppen auf der anderen Rheinseite. Dabei wurde der Königswinterer Steinhauermeister Johann Joseph Genger (1774-1814) tödlich verwundet, so dass er einige Tage später starb. Damit hatte der Landsturm im Rheinland – wenn Boltenstern als Organisator dazu gezählt wird – zwei Opfer zu beklagen.
Schon 1814 erhielten Boltenstern und Genger ein Denkmal, gestiftet vom Landsturm. Am Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, am 18.10.1814, war die feierliche Einweihung des von dem Baudirektor des Großherzogtums Berg Adolph von Vagedes (1777-1842) gestalteten Obelisken. Im ganzen Rheinland fanden an diesem Tag Feiern statt, die der Befreiung des Rheinlandes gewidmet waren. Die Idee zu diesen Feiern an diesem Tag stammte von Arndt, der damit ein Zeichen setzen wollte: „Hier aber um den heiligen Rhein von den Bergen über Düsseldorf bis zu den Bergen über Basel und dann auf den Hunsrück und Donnersberg sollen sie unseren uralten Neidern und Widersachern entgegenflammen und melden, welches Fest in Teutschland begangen wird.“
Die siegreichen Alliierten bestimmten auf dem Wiener Kongress 1815 über die territoriale Zukunft Europas. Den wichtigsten und größten territorialen Zugewinn am Rhein erhielt das anfangs zögerliche Königreich Preußen: das Rheinland von der niederländischen Grenze bis zur Nahe. Aus diesem Gebiet entstand alsbald die preußische Rheinprovinz, in der weiterhin der napoleonische Code Civil als „Rheinisches Recht“ Geltung hatte. Die 1818 vom preußischen König gegründete Bonner Universität hatte eigens einen Lehrstuhl dafür eingerichtet. Eine Professur erhielt auch Ernst Moritz Arndt.
Der nicht weit von Bonn entfernte Drachenfels avancierte im 19. Jahrhundert als Kulisse für patriotische Bekenntnisfeiern. Die Turnerbewegung lud 1818 zur Jahresfeier der Völkerschlacht auf den Berg ein, doch bereits ein Jahr später waren solche national denkenden Gruppierungen unter aufmerksamer Beobachtung und die Burschenschaften verboten worden. Die Bonner Studenten zogen 1819 auf den Bonner Kreuzberg. Heinrich Heine, der im Wintersemester 1819/1820 an der gerade eröffneten Bonner Universität Rechts- und Kameralwissenschaften studierte, nahm daran teil, verlegte in seinem Gedicht aber die Kundgebung auf den Drachenfels, um eine höhere Wirkung zu erzielen. Gleichwohl hielt er die für ihn typische ironische Distanz zum Geschehen.
Heinrich Heine, Die Nacht auf dem Drachenfels (Mai 1820)
August Kopisch, Porträt, 1887.
Um Mitternacht war schon die Burg erstiegen,
Der Holzstoß flammte auf am Fuß der Mauern,
Und wie die Burschen lustig niederkauern,
Erscholl das Lied von Deutschlands heilgen Siegen.
Wir tranken Deutschlands Wohl aus Rheinweinkrügen,
Wir sahn den Burggeist auf dem Turme lauern,
Viel dunkle Ritterschatten uns umschauern,
Viel Nebelfraun bei uns vorüberfliegen.
Und aus den Trümmern steigt ein tiefes Ächzen,
Es klirrt und rasselt, und die Eulen krächzen;
Dazwischen heult des Nordsturms Wutgebrause.
Sieh nun, mein Freund, so eine Nacht durchwacht ich
Auf hohem Drachenfels, doch leider bracht ich
Den Schnupfen und den Husten mit nach Hause.
Das Landsturm-Denkmal auf dem Drachenfels verfiel in den folgenden Jahren, so dass 1857 ein neues durch den Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner in Form einer neugotischen Fiale geschaffen wurde, auf dem die Namen der beiden Toten nicht mehr erschienen. 1876 musste auch dieses Denkmal ersetzt werden. Auf Drängen der Familie Boltensterns wurde 1914 an anderer Stelle auf dem Drachenfels ein Obelisk errichtet, der die Namen Boltenstern und Genger wieder aufwies.
Heinrich Heine, Porträt, Foto eines im Original farbigen Ölgemäldes von Colla, um 1825.
2. „Sie sollen ihn nicht haben …“ – Die Rheinkrise 1840
Nach dem Ende der napoleonischen Kriege reisten viele wohlhabende Briten auf ihrer „Großen Tour“ traditionell von England nach Italien und nahmen den Weg den Rhein hinauf. Die von ihnen als natürlich und schön empfundene Rheinlandschaft löste Begeisterung bei den Reisenden aus. Berichte, Briefe und vor allem George Gordon Byrons (1788-1824) Gedicht über „The castled crag of Drachenfels“ sorgten zunächst für einen stetig anschwellenden Strom britischer Touristen, denen bald auch die deutschen Reisenden folgten. Die aufblühende Rheinromantik verwandelte den Fluss endgültig in ein – erreichbares – Ziel der Sehnsucht. Maler, Dichter und Musiker verbreiteten ein verklärtes Bild des Rheinlandes, Buchverleger wie Karl Baedekermit seinen Reiseführern und die aufkommende Dampfschifffahrt trugen ihren Teil dazu bei, sehr viele Menschen an den Rhein zu befördern. Sie genossen den Ausflug, den Rheinwein und die – zumindest zeitweise – Befreiung von den Zwängen der Gesellschaft.
Auch das preußische Königshaus war „vom Zauber des Rheins ergriffen“. Die Burgenfans unter den Hohenzollern erwarben Burgruinen wie die von Rolandseck und ließen sich Burgen nachbauen wie etwa Schloss Stolzenfels.
Karikatur eines englischen Reisenden, aus Richard Doyle, The Foreign Tour of Messrs. Brown, Jones & Robinson, London 1854, Original im Siebengebirgsmuseum.
Mit der wachsenden Bedeutung des Rheins für eine immer breitere Öffentlichkeit fand auch seine politische Aufladung statt. Die Entscheidung des preußischen Königs, im Rheinland den Bau des Kölner Doms zu vollenden, fand in der Kreisen der Nationalbewegung größten Zuspruch. Der Dombau wurde zur nationalen Aufgabe und der zu vollendende Dom zum Symbol für die noch ausstehende Vollendung der deutschen Einheit. Die deutsche Nationenbildung hatte am Rhein ihr sichtbarstes Zeichen erhalten. Die Freiheit des Einzelnen und die Freiheit der Nation waren mit der Freiheit des Rheins nahezu eine Symbiose eingegangen. Daher betrafen Angriffe von französischer Seite auf diese Freiheit die ganze deutsche Nation.
Der deutsch-französische Gegensatz fand in der Rheinkrise von 1840 einen neuen Höhepunkt. Der französische Ministerpräsident Adolph Thiers (1797-1877) hatte in der Orientalischen Frage eine diplomatische Niederlage hinnehmen müssen und suchte ein Ventil für die Empörung im Land. Er richtete sie auf das Rheinland, forderte die Revision der Ergebnisse des Wiener Kongresses von 1815 und erhob den französischen Anspruch auf das linksrheinische Gebiet. Die politischen Spannungen ließen in Deutschland die patriotische Stimmung steigen und es entzündete sich ein Dichterstreit, bei dem diese mit zahlreichen politischen Liedern ein flammendes Bekenntnis zum deutschen Rhein ablegten. Eines der ersten und populärsten Lieder schrieb der in Bonn geborene Nikolaus Becker. Er hatte Rechtswissenschaft studiert und war Gerichtsschreiber am Friedensgericht in Geilenkirchen als er das „Rheinlied“ dichtete. Es erschien am 18.9.1840 in der „Trierischen Zeitung“ und dessen erste Zeilen sollten schon bald in aller Munde sein: „Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein…“
Nikolaus Becker, Rheinlied (September 1840)
Der 'rote' Baedeker, Ausgabe aus dem Jahr 1864, Original im Siebengebirgsmuseum, Foto: Original: Siebengebirgsmuseum.
Sie sollen ihn nicht haben
Den freien deutschen Rhein,
Ob sie wie gierige Raben
Sich heiser danach schrei´n,
So lang er ruhig wallend
Sein grünes Kleid noch trägt,
So lang ein Ruder schallend
In seine Woge schlägt.
Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien, deutschen Rhein,
So lang sich Herzen laben
An seinem Feuerwein.
So lang in seinem Strome
Noch fest die Felsen steh´n,
So lang sich hohe Dome
In seinem Spiegel seh´n!
Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien, deutschen Rhein,
So lang dort kühne Knaben
Um schlanke Dirnen frei´n.
So lang die Flosse hebet
Ein Fisch auf seinem Grund,
So lang ein Lied noch lebet
In seiner Sänger Mund.
Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien deutschen Rhein,
Bis seine Flut begraben
Des letzten Manns Gebein!
Das Lied war so beliebt, dass es auf über 70 Vertonungen kam. Ernst Moritz Arndt kommentierte Beckers Lied mit einem eigenen Gedicht:
Ernst Moritz Arndt, Das Lied vom Rhein an Niklas Becker (1840)
Es klang ein Lied vom Rhein,
Ein Lied aus deutschem Munde,
Und schnell wie Blitzesschein
Durchflog's die weite Runde,
Und heiß wie Blitzesschein
Durchzuckt es jede Brust
Mit alter Wehen Pein,
Mit junger Freuden Lust.
Sein heller Widerklang
Vom Süden fort zum Norden
Ist gleich wie Wehrgesang
Des Vaterlands geworden.
Nun brause fröhlich, Rhein:
Nie soll ob meinem Hort
Ein Welscher Wächter sein!
Das brause fort und fort.
Und stärkrer Widerklang
Gleich Pauken und Posaunen,
Gleich kühnem Schlachtgesang
Klingt Welschland durch mit Staunen –
Es klinget: Neue Zeit
Und neues Volk ist da;
Komm, Hoffart, willst du Streit!
Germania ist da.
Drum klinge, Lied vom Rhein!
Drum klinget, deutsche Herzen!
Neu, jung will alles sein –
Fort, fort die alten Schmerzen,
Der alten Wahne Tand!
Alleinig stehn wir da
Fürs ganze Vaterland,
Jung steht Germania.
Auf der französischen Seite erfolgte in diesem Liederstreit die Antwort durch Alfred de Musset (1810-1857), der unter dem Titel „Le Rhin allemand“ ein Gedicht veröffentlichte:
Alfred de Musset, Le Rhin allemand (1840)
Wir haben ihn gehabt, den deutschen Rhein.
In unserm Glas sahn wir ihn funkeln.
Mit eures Schlagers Prahlerein
Wollt ihr die stolze Spur verdunkeln,
Die unsrer Rosse Huf grub euch ins Blut hinein?
...
Gehört er euch denn, euer deutscher Rhein,
Wascht die Livree darin bescheiden;
Doch mäßigt eure stolzes Schrein.
Wieviele Raben, auszuweiden
Den todeswunden Aar, mögt ihr gewesen sein?
Laßt friedlich fließen euern deutschen Rhein;
Es spiegele sich geruhsam wider
Der Dome gotisches Gestein;
Doch hütet euch, durch trunkne Lieder
Von ihrem blutgen Schlaf die Toten zu befrein.
Heinrich Heine griff den „literarisch-politischen Schlagabtausch“ noch einmal kritisch auf und ließ „Vater Rhein“ in seinem 1844 veröffentlichten „Deutschland. Ein Wintermährchen“ sagen:
Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,
Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!
doch schwerer liegen im Magen mir
die Verse von Niklas Becker.
Lieder wie „Der Rhein“ von Alexander Reiferscheid und „Auf dem Rhein“ von Emanuel Geibel (1815-1884) sind heute kaum noch bekannt. Ebenso ist es dem „Rheinweinlied“ von Georg Herwegh (1817-1875) ergangen, in dem sich in typischer Weise nationaler Pathos mit Rhein, Weib und Gesang verbinden.
Georg Herwegh, Rheinweinlied (Oktober 1840)
Wo solch ein Feuer noch gedeiht,
Und solch ein Wein noch Flammen speit,
Da lassen wir in Ewigkeit
Uns nimmermehr vertreiben.
Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein,
Und wär's nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Herab die Büchsen von der Wand,
Die alten Schläger in die Hand,
Sobald der Feind dem welschen Land
Den Rhein will einverleiben!
Haut, Brüder, mutig drein!
Der alte Vater Rhein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Das Recht' und Link, das Link' und Recht',
Wie klingt es falsch, wie klingt es schlecht!
Kein Tropfen soll, ein feiger Knecht,
Des Franzmanns Mühle treiben.
Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein,
Und wär's nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Der ist sein Rebenblut nicht wert,
Das deutsche Weib, den deutschen Herd,
Der nicht auch freudig schwingt sein Schwert,
Die Feinde aufzureiben.
Frisch in die Schlacht hinein!
Hinein für unsern Rhein!
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
O edler Saft, o lauter Gold,
Du bist kein ekler Sklavensold!
Und wenn ihr Franken kommen wollt,
So laßt vorher euch schreiben:
Hurra! Hurra! Der Rhein,
Und wär's nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Eines der heute noch bekannten Gedichte aus der Zeit der Rheinkrise entfaltete seine volle Wirksamkeit aber erst gut 30 Jahre später. Es ist „Die Wacht am Rhein“ und stammt von dem jungen Kaufmann Max Schneckenburger (1819-1849).
Max Schneckenburger, Die Wacht am Rhein (November 1840)
Nikolaus Becker, Brustbild, Litographie von August Kneisel. (Universitätsbibliothek Frankfurt am Main)
Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
Durch hunderttausend zuckt es schnell,
Und aller Augen blitzen hell:
Der deutsche Jüngling, fromm und stark,
Beschirmt die heil´ge Landesmark.
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
Auf blickt er, wo der Himmel blaut,
Wo Vater Hermann niederschaut,
Und schwört mit stolzer Kampfeslust:
„Du Rhein, bleibst deutsch, wie meine Brust!“
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
„Und ob mein Herz im Tode bricht,
Wirst du doch drum ein Welscher nicht,
Reich wie an Wasser deine Flut,
Ist Deutschland ja an Heldenblut.“
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
„Solang ein Tröpfchen Blut noch glüht,
Noch eine Faust den Degen zieht,
Und noch ein Arm die Büchse spannt,
Betritt kein Welscher deinen Strand.“
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
Der Schwur erschallt, die Woge rinnt,
Die Fahnen flattern in dem Wind.
Am Rhein, am Rhein, am deutschen Rhein,
Wir alle wollen Hüter sein!
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
Der Text wurde umgehend von dem aus Darmstadt stammenden Berner Organisten Johann Jakob Mendel (1809-1881) vertont. Im Dezember 1840 erschienen Text und Noten. Im Hause des preußischen Gesandten in Bern von Bunsen vom Berner Musikdirektor Adolph Methfessel (1807-1878) uraufgeführt, blieb es jedoch weitgehend unbeachtet. Erst als der Krefelder Chordirigent Karl Wilhelm (1814-1873) auf den Text aufmerksam wurde und 1854 die heute bekannte Neuvertonung am Tag der Silberhochzeit des Prinzen Wilhelm, des späteren Kaisers Wilhelm I. (Regentschaft ab 1858, König 1861, Kaiser 1871-1888), präsentierte, nahm die Beliebtheit über Sängerfeste rasant zu.
Das bis heute bekannteste und wirksamste Werk aber schuf der Germanist August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874). Er schrieb am 26.8.1841 auf Helgoland, das damals eine britische Insel war, auf die Melodie des „Kaiserliedes“ („Gott erhalte Franz den Kaiser“) von Joseph Haydn (1732-1809) ein Gedicht, das das alte untergegangene Reich mit dem neuen kommenden Deutschland verband und die Verlagerung des Schwerpunktes von der Monarchie zur Nation darstellte.
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Das Lied der Deutschen (August 1841)
'Germania auf der Wacht am Rhein', Gemälde von Lorenz Clasen, Öl auf Leinwand.
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!
Der Rhein selbst findet im Text keine direkte Erwähnung, da als der westliche Grenzfluss die Maas genannt wird. Die Maas durchfloss das Herzogtum Limburg, das seit 1839 (mit Ausnahme von Maastricht und Venlo) zum Deutschen Bund gehörte. Ist die Maas die westliche Grenze, so liegt das Rheinland in Deutschland und der Rhein bildet nicht die Grenze Deutschlands. Das Zusammenhalten der Deutschen entsprach der Forderung nach der nationalstaatlichen Einheit, damit Deutschland den französischen Ansinnen geschlossen gegenüber treten könne.
3. „Die Wacht am Rhein…“ – Das Kaiserreich und der Rhein
Die Forderung nach Einigkeit und einem Nationalstaat – wenn auch ohne Österreich - erfüllte sich gut 30 Jahre später. Der siegreiche Krieg gegen Frankreich von 1870/1871 einte die Deutschen. Diplomatie, Bestechung und eine lärmende Propaganda halfen nach, wo es nötig war. Schneckenburgers Lied von der „Wacht am Rhein“ war allgegenwärtig. Es habe den Wert von mehreren Armeekorps gehabt, soll Otto von Bismarck (1815-1898) gesagt haben. Nationale Kreise forderten die Abtretung des linksrheinischen französischen Staatsgebietes bis zu den Vogesen. Beim Friedensschluss bestätigte Frankreich den Verzicht. Der größte Teil der beiden elsässischen und Teile der lothringischen Departements bildeten fortan das Reichsland Elsass-Lothringen im neuen deutschen Kaiserreich. Nunmehr war der Rhein nirgendwo mehr die Grenze zwischen deutschem und französischem Staatsgebiet.
Schneckenburgers „Wacht am Rhein“ in der Vertonung von Karl Wilhelm erhielt eine nationale Bedeutung, sie war nicht nur die Begleitmusik des 1870er-Krieges, sondern hob sich in der Folgezeit auch in den Rang einer zweiten Nationalhymne.
Das gemeinsame Zusammenstehen gegen den „Erbfeind“ Frankreich blieb in Deutschland stets in Erinnerung, wurde propagandistisch wach gehalten und war immer auch Mittel zum Zweck für die Politik des deutschen Reichskanzlers Bismarck. Schon vier Jahre nach dem Krieg, 1875, löste er die Krieg-in-Sicht-Krise aus. Ein Zeitungsartikel mit der Überschrift „Ist Krieg in Sicht?“, der am 8.4.1875 in der regierungsnahen Zeitung „Post“ erschienen war, spekulierte über die französischen Militärausgaben. Autor war zwar der Journalist Constantin Rößler (1820-1896), aber es war deutlich, dass Reichskanzler Bismarck dahinter stand. Er drohte Frankreich mit einem Präventivkrieg im Falle weiterer Aufrüstung. Sein Ziel war, die Haltung der Großmächte Russland und Großbritannien zu erforschen. Aber auch innenpolitisch waren die Spannungen in den deutsch-französischen Beziehungen von Nutzen. Als der Exponent einer auf einen Revanchekrieg hinarbeitende Bewegung, der französische General Georges Boulanger (1837-1891), 1886 Kriegsminister seines Landes wurde und seitdem die Zahl der Truppen erhöhte, nutzte Bismarck dies geschickt aus, indem er die Gefahr hochspielte, um innenpolitisch bei den Wahlen 1887 eine seine Regierung unterstützende Mehrheit zu erhalten.
Faksimile von Hoffmann von Fallerslebens Manuskript 'Das Lied der Deutschen', Original im Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung.
Um an die Einigung Deutschlands zu erinnern und die stetig beschworene „Wacht am Rhein“ auch symbolisch zu untermauern, entstanden am Rhein nationale und regionale Denkmäler. Die erste Anregung für das Nationaldenkmal oberhalb von Rüdesheim, das so genannte Niederwalddenkmal, datiert bereits auf das Jahr 1871. Zwischen 1877 und 1883 errichtet, konnte es am 28.9.1883 eingeweiht werden. Der Sockel des Denkmals mit der Germania-Figur trägt fünf der sechs Strophen des Liedes von Schneckenburger. Im Hauptrelief reicht „Vater Rhein“ das Wächterhorn an die „Tochter Mosel“ weiter, da der Rhein seit 1871 keine Grenze mehr war. Das Denkmal steht in einer Reihe nationaler Denkmalgroßprojekte wie der Walhalla in Donaustauf (1830-1842), dem Hermannsdenkmal bei Detmold (1838-1846 und 1863-1875), dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf dem Kyffhäuser (1890-1896), dem Bismarck-Denkmal in Hamburg (1901-1906) und dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig (1898-1913).
An Deutschlands Einigung wollten auch die Rheinländer erinnern. Als Dank an Kaiser Wilhelm I. sollte nach dessen Tod 1888 ein Denkmal der Rheinprovinz errichtet werden. Viele der eingereichten Entwürfe sahen als Standort das Siebengebirge vor. Letztlich aber überließ das Komitee die Entscheidung dem Kaiserenkel Wilhelm II. (Regentschaft 1888-1918). Dieser entschied sich 1891 für den Standort Koblenz, am Zusammenfluss von Rhein und Mosel. 1897 konnte das Reiterstandbild Wilhelms I. am Deutschen Eck in Koblenz eingeweiht werden.
In der langen Friedenszeit zwischen 1871 und 1914 erlebte das Rheinland den beginnenden Massentourismus, der bald das wirtschaftliche Profil und das Gesicht der Städte am Rhein veränderte. Eisenbahn, Schiffe und Busse schafften Menschen aus ganz Deutschland und allen Ländern der Welt an den Rhein, wo zwar weiterhin das nationale Pathos gepflegt wurde, die Rheinromantik aber immer mehr einer rührseligen (Rhein-) Weinseligkeit wich. Eine regelrechte Tourismusindustrie produzierte Ansichtskarten und ein unüberschaubares Anbot von Andenken, die millionenfach verkauft, verschickt und mitgenommen wurden.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 waren patriotische Lieder mehr als je zuvor gefragt. Schneckenburgers „Wacht am Rhein“ und Beckers „Das Lied vom Rhein“ gehörten zum allgemeinen Liedgut und wurden für die einsetzende Propaganda gerne genutzt. Das heutige Rheinland war erst Aufmarschgebiet und dann Hinterland für die Westfront. Vom Krieg ist es bis auf vereinzelte Bombenangriffe verschont geblieben. Das Oberelsass im Reichsland Elsass-Lothringen hingegen war vier Jahre lang Schauplatz schwerer Kämpfe.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Thomann, Björn, Siegfried von Xanten, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/siegfried-von-xanten/DE-2086/lido/57c94f5fdc5b67.90390949 (abgerufen am 08.06.2026)
-> Klein, Ansgar S., Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/mythos-rhein-aus-sicht-der-deutschen-und-rheinlaender/DE-2086/lido/57d124853b7bd1.35175552 (abgerufen am 03.09.2026)
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Sekundärliteratur
-> Eggebrecht, Harald: Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht, in: Süddeutsche Zeitung u. ders. (Hrsg.): Geheimnisse aus der Geschichte. Erstaunlich, vergessen, sagenhaft: Auf der Spur von Mythen, Rätseln und Skandalen, 2. Auflage, München 2025, S. 153-155.
-> Rademacher, Cay: Nibelungensage. Ein Epos aus uralter Zeit, in: Die Germanen (GEO Epoche Jg. 2008, Heft Nr. 34), Hamburg 2008.