Kultur und Traditionen Jagd und Schützenwesen Inhaltsverzeichnis 1. Das rheinische Schützenwesen. Ursprünge, Traditionen und Entwicklungslinien 1. Das rheinische Schützenwesen. Ursprünge, Traditionen und Entwicklungslinien 1. Einführung Ob­wohl die ver­schie­de­nen Aus­for­mun­gen des Schüt­zen­we­sens im Rhein­land we­nigs­tens ge­nau­so zum re­gio­na­len Brauch­tum ge­hö­ren wie der Kar­ne­val – und da­bei noch we­sent­lich äl­te­ren Ur­sprungs sind – ha­ben sich Ge­schichts­wis­sen­schaft und Volks­kun­de kaum mit dem Phä­no­men be­fasst. Ei­ni­ge we­ni­ge Stu­di­en bil­den im­mer noch den ein­schlä­gi­gen Li­te­ra­tur­ka­non [1] , ins­ge­samt bleibt es bei mi­kro­ge­schicht­li­chen Ar­bei­ten [2] , die aber die Fra­ge nach dem Ver­bin­den­den, den Ur­sprün­gen und den ge­mein­sa­men Ent­wick­lungs­li­ni­en durch­weg nicht zu be­ant­wor­ten su­chen. [3] Ge­wiss sind die bis in die Ge­gen­wart ge­pfleg­ten Tra­di­tio­nen zu­wei­len höchst un­ter­schied­lich, und von da­her mag die Un­über­sicht­lich­keit der Quel­len­la­ge ei­ne Rol­le für das De­si­de­rat spie­len. Den­noch gibt es durch­aus evi­den­te Ge­mein­sam­kei­ten:   Das Tra­gen und Ver­wen­den der Schuss­waf­fe Die Durch­füh­rung ge­mein­sa­mer Fei­ern und Fest­ver­an­stal­tun­gen, ins­be­son­de­re des Vo­gel­schus­ses Die Uni­for­mie­rung.      Die Schuss­waf­fe als Merk­mal der Schie­ßen­den, der Schüt­ze als ihr Trä­ger be­grün­den die Selbst­be­zeich­nung und nicht et­wa ei­ne ge­ra­de in vie­len Ver­eins­chro­ni­ken, Fest­schrif­ten und der­glei­chen un­ter­stell­te Schutz­funk­ti­on zum Bei­spiel ei­ner Kir­che, ei­ner Ge­mein­de oder an­de­rer ding­li­cher Wer­te. [4] Die ver­schie­de­nen An­läs­se für Zei­ten ge­mein­schaft­li­cher Ge­sel­lig­keit sind in na­he­zu al­len Schüt­zen­ord­nun­gen ent­hal­ten und da­mit ein kon­sti­tu­ti­ves Ele­ment des Schüt­zen­we­sens, und der Vo­gel­schuss ist ein über­re­gio­nal be­kann­tes, wenn auch kaum er­forsch­tes Brauch­tums­ele­ment. Ei­ne Uni­for­mie­rung, ge­ra­de im mi­li­tä­ri­schen Sinn, gab es bei den Schüt­zen­bru­der­schaf­ten bis ins 18. Jahr­hun­dert in der Re­gel nicht; zu­wei­len wur­de die Mit­glied­schaft in ei­ner sol­chen Ver­ei­ni­gung durch uni­form ge­tra­ge­ne ein­zel­ne Klei­dungs­stü­cke wie ein Hals­tuch ge­kenn­zeich­net. Erst mit der Über­nah­me und Aus­prä­gung ei­nes sol­da­ti­schen Ha­bi­tus im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts wur­de die Schüt­zen­uni­form flä­chen­de­ckend ein­ge­führt. Häu­fig kommt die Rück­bin­dung an die christ­li­che Kon­fes­si­on hin­zu, ent­we­der for­mal, wenn die Ver­ei­ne als Schüt­zen­bru­der­schaf­ten kon­sti­tu­iert sind, oder in der Re­gel auch dann fak­tisch, wenn sie als (Bür­ger-)Schüt­zen­ver­ei­ne auf­tre­ten. Aus­ge­hend von die­sen Be­ob­ach­tun­gen ver­sucht die vor­lie­gen­de klei­ne Stu­die, die his­to­ri­sche Ent­wick­lung des Schüt­zen­we­sens im Rhein­land nach­zu­zeich­nen. Da­bei kön­nen zu­min­dest zwei Quell­li­ni­en iden­ti­fi­ziert wer­den: ei­ne mit­tel­al­ter­li­che, christ­li­che Tra­di­ti­on, die sich bis heu­te in der äu­ße­ren Ge­stalt der Bru­der­schaft ma­ni­fes­tiert, so­wie ei­ne die­se äl­te­re Li­nie ab dem 19. Jahr­hun­dert teils über­la­gern­de, teils um­for­men­de na­tio­nal-mi­li­tä­ri­sche Tra­di­ti­on, die den Schüt­zen­ver­ei­ne ge­ra­de um 1900 den Cha­rak­ter va­ter­län­di­scher Ge­sell­schaf­ten gab. Für die­se bei­den Li­ni­en gibt es in der Re­gel hin­rei­chen­des, wenn auch in Qua­li­tät und Quan­ti­tät sehr he­te­ro­ge­nes Quel­len­ma­te­ri­al.   Vogelschießen in Dresden am 20. September 1699, Stich von Moritz Bodenehr (1655-1749). (Grafik aus dem Klebeband Nr. 15 der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek Arolsen)   Das gilt nicht für ei­ne denk­ba­re drit­te Li­nie, die als heid­nisch be­zeich­net wer­den könn­te und die Hans-Tho­rald Mi­chae­lis in die For­schung ein­ge­führt hat. [5] Da­bei geht er zu Recht von ei­nem we­sent­li­chen, wenn nicht dem her­aus­ra­gen­den Merk­mal des Schüt­zen­we­sens, dem Vo­gel­schuss, aus, für den er Er­klä­rungs­mo­del­le durch Ana­lo­gie­bil­dung zu ver­schie­de­nen vor­christ­li­chen Bräu­chen sucht. Ob­wohl die­se Li­nie da­mit zeit­lich an ers­ter Stel­le ste­hen wür­de, sol­len zu­nächst im Fol­gen­den die christ­li­che und die na­tio­nal-mi­li­tä­ri­sche Ent­wick­lungs­li­nie als ge­si­cher­te Er­kennt­nis­se nä­her vor­ge­stellt wer­den. 2. Das Bruderschaftswesen 2.1 Korporation und Gebetsverbrüderung Die Ent­wick­lung der Bru­der­schaf­ten speis­te sich ih­rer­seits aus zwei un­ter­schied­li­chen Pro­zes­sen: zum ei­nen aus dem für die mit­tel­al­ter­li­che Ge­sell­schafts­ord­nung kon­sti­tu­ti­ven Ge­nos­sen­schafts­we­sen in sei­nen sehr un­ter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen mit stän­di­schen, be­rufs­stän­di­schen, orts­be­zo­ge­nen, geist­li­chen oder an­de­re Ver­ei­ni­gun­gen und ei­ner aus­ge­präg­ten Bin­nen­hier­ar­chie, zum an­de­ren aus frü­hen mo­nas­ti­schen So­da­li­tä­ten mit dem Zweck des To­ten­ge­den­kens. Be­reits im Jahr 762 war auf der Syn­ode von At­ti­gny ei­ne zeit­lich be­grenz­te Ge­bets­ver­brü­de­rung ge­schlos­sen wor­den; das ge­gen­sei­ti­ge Ge­dächt­nis zu­nächst in­ner­halb der in der Re­gel oh­ne Nach­kom­men blei­ben­den Geist­lich­keit soll­te das See­len­heil im To­des­fall be­för­dern. [6] Bis ins 11. Jahr­hun­dert, ver­ein­zelt auch schon frü­her, ver­ste­tig­ten sich die­se Ver­bin­dun­gen und wei­te­ten sich auf die Lai­en aus. Für die­se Ver­bin­dun­gen fin­den sich un­ter­schied­li­che Be­zeich­nun­gen: ami­ci­tia, fa­mi­li­a­ri­tas, so­cie­t­as , zu­wei­len auch con­vi­vi­um und am häu­figs­ten (con)fra­ter­ni­tas . Die At­trak­ti­vi­tät der Mit­glied­schaft in ei­ner sol­chen Ver­bin­dung war für den vor­mo­der­nen Men­schen hoch, denn die Angst un­vor­be­rei­tet, das hei­ßt oh­ne Nach­lass der Sün­den, zu ster­ben und des­halb die Qua­len der Höl­le oder des Fe­ge­feu­ers er­lei­den zu müs­sen, war groß. [7] Das Wis­sen um ei­ne dau­er­haft ge­re­gel­te To­ten­für­sor­ge et­wa in Ge­stalt der von den Ver­ei­ni­gun­gen be­auf­trag­ten See­len­mes­sen ver­mit­tel­te den Men­schen ein Ge­fühl von Si­cher­heit und brach­te den an­fangs kaum or­ga­ni­sier­ten Bru­der­schaf­ten enor­men Zu­lauf. In den Zünf­ten und Gil­den, de­ren Ur­sprün­ge bis ins Al­ter­tum rei­chen und die sich dann ab et­wa 1100 et­wa zeit­gleich mit den Ge­bets­ver­brü­de­run­gen stär­ker aus­dif­fe­ren­zier­ten [8] , fan­den sie ge­eig­ne­te Vor­bil­der für die Her­aus­bil­dung ei­ner funk­tio­nie­ren­den in­ne­ren Ord­nung. Bis ins frü­he 15. Jahr­hun­dert lässt sich in der Fol­ge ei­ne re­zi­pro­ke Ent­wick­lung der ge­nos­sen­schaft­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen und der auf die me­mo­ria zie­len­den Ver­brü­de­run­gen fest­stel­len. Wäh­rend sich die­se Struk­tu­ren mit Bru­der­meis­tern an der Spit­ze, Brü­der­bo­ten und Pe­del­len ent­wi­ckel­ten, über­nah­men je­ne zu­sätz­lich zu ih­rer meist ge­wer­be­ord­nen­den Funk­ti­on auch das To­ten­ge­den­ken und an­de­re re­li­giö­se Ele­men­te wie et­wa die be­son­de­re Ver­eh­rung ei­nes Schutz­pa­trons. [9] Be­son­ders in den Städ­ten ge­wan­nen die Bru­der­schaf­ten durch die­se Ver­schmel­zung er­heb­lich an Ge­wicht. Die Zünf­te und Gil­den hat­ten nicht mehr nur ei­nen rein ge­werb­li­chen Cha­rak­ter, son­dern auch ei­ne zu­sätz­li­che mo­ra­li­sche Le­gi­ti­ma­ti­on, und die ur­sprüng­lich rein re­li­giö­sen Bru­der­schaf­ten pro­fi­tier­ten von ei­ner star­ken und ge­ord­ne­ten Mit­glied­schaft, an de­ren Spit­ze in der Re­gel die vor­neh­men Bür­ger des Ge­mein­we­sens stan­den. Gleich­zei­tig er­laub­te die Bru­der­schaft auch den stär­ken­den Zu­sam­men­schluss nicht nur be­rufs­stän­di­scher, son­dern auch funk­tio­na­ler Grup­pen und Eli­ten, von de­nen ei­ne die Schüt­zen wa­ren. 2.2 Frühe Schützenbruderschaften Schüt­zen­bru­der­schaf­ten ent­stan­den als Ver­ei­ni­gung der waf­fen­tra­gen­den Bür­ger – nur im Ein­zel­fall auch be­diens­te­ter Stadt­sol­da­ten – vor­wie­gend ab dem 15. Jahr­hun­dert. Wal­ter M. Plett weist für das Rhein­land im 11. und 12. Jahr­hun­dert sechs Bru­der­schafts­grün­dun­gen nach [10] , für das 13. Jahr­hun­dert zehn und für das 14. Jahr­hun­dert 42. Im 15. Jahr­hun­dert ver­drei­facht sich die Zahl auf 135, um sich dann im 16. Jahr­hun­dert auf 76 zu hal­bie­ren. Im 17. Jahr­hun­dert ist ein er­neu­ter An­stieg auf 133 zu ver­zeich­nen, um im 18. Jahr­hun­dert auf 76 zu­rück­zu­sin­ken. Der ho­he Wert im 15. Jahr­hun­dert mar­kiert den Zeit­punkt, zu dem sich die Bru­der­schaf­ten zu ei­ner wir­kungs­vol­len Kor­po­ra­ti­on im Ge­mein­we­sen ent­wi­ckelt hat­ten, die dem Bür­ger­tum ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten der re­li­giö­sen und da­mit auch so­zia­len Re­prä­sen­ta­ti­on bot. [11] In­wie­fern Krie­ge und Kri­sen die Ent­ste­hung von Bru­der­schaf­ten be­güns­tig­ten, lässt sich nur schwer ein­schät­zen. Dass ge­ra­de im 16. Jahr­hun­dert mit den Glau­bens­krie­gen, der „Klei­nen Eis­zeit“ und ih­ren spür­ba­ren Aus­wir­kun­gen oder dem be­gin­nen­den 80-jäh­ri­gen Krieg ein so si­gni­fi­kan­ter Rück­gang zu ver­zeich­nen ist, spricht je­den­falls nicht da­für. Viel­mehr scheint ein ge­wis­ser re­li­giö­ser Ei­fer, der so­wohl ins 15. Jahr­hun­dert wie auch in das im Rhein­land erst im 17. Jahr­hun­dert wirk­lich be­gin­nen­de kon­fes­sio­nel­le Zeit­al­ter passt, ei­ne Trieb­fe­der ge­we­sen zu sein. Bei­spiel­haft sei aus der Grün­dungs­ur­kun­de der Neus­ser St. Se­bas­tia­nus-Schüt­zen­bru­der­schaft, de­ren Tra­di­ti­on heu­te von der Neus­ser Schei­ben­schüt­zen-Ge­sell­schaft von 1415 e.V. ge­pflegt wird, vom 1.11.1415 zi­tiert: „Im Na­men Got­tes Amen! Zum Lo­be und zu Eh­ren Chris­tus Je­sus, un­se­res Herrn, Ma­riä, Sei­ner lie­ben Mut­ter, und dem hoch­ge­lob­ten Mär­ty­rer Sankt Se­bas­tia­nus zu Diens­ten, so ha­ben die Schüt­zen­ge­sel­len in der Stadt Neuss be­schlos­sen, un­ter sich ei­ne Bru­der­schaft von jetzt an im­mer­fort bis in ferns­te Ta­ge zu hal­ten und al­le Jah­re am Tag des hei­li­gen Mär­ty­rers zu be­ge­hen und durch­zu­füh­ren der­ma­ßen als her­nach ge­schrie­ben steht.“ [12]   Das Grün­dungs­da­tum, das Al­ler­hei­li­gen­fest, ver­weist auf den ur­sprüng­li­chen Zweck des ge­gen­sei­ti­gen To­ten­ge­den­kens. Im Üb­ri­gen stell­ten sich die Schüt­zen­ge­sel­len, de­ren Kreis spä­ter noch en­ger de­fi­niert wird als die­je­ni­gen, „die bin­nen Neuss woh­nen und Jahr und Tag an­säs­sig sind, so­fern sie von gu­tem Ru­fe sind und ehr­bar in ih­rem Wan­del und in ih­ren Han­tie­run­gen“ [13] , in den Dienst an der Kir­che und un­ter den Schutz des hei­li­gen Se­bas­ti­an, der selbst mit Pfeil und Bo­gen er­schos­sen wor­den und von sei­nen Wun­den durch die Pfle­ge der from­men Wit­we Ire­ne ge­ne­sen war. Gleich­zei­tig galt Se­bas­ti­an als Pest­hei­li­ger; sei­ne Be­liebt­heit als Pa­tron von Schüt­zen­bru­der­schaf­ten – von 1.297 Bru­der­schaf­ten im Bund der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten im Jahr 2009 führ­ten über 400 oder rund 32 Pro­zent Se­bas­ti­an im Na­men, mit deut­li­chem Ab­stand folgt der hei­li­ge Hu­ber­tus mit rund 250 Bru­der­schaf­ten (= 19 Pro­zent) [14] – scheint doch auch mit den Pest­epi­de­mi­en des Spät­mit­tel­al­ters und der Frü­hen Neu­zeit zu kor­re­lie­ren. [15]   So fin­det sich in der Neus­ser Ur­kun­de im ers­ten Ab­schnitt die Bit­te, der hei­li­ge Mär­ty­rer mö­ge die Schüt­zen­brü­der „be­schir­men vor der Pest, vor Blat­tern, vor dem jä­hen To­de, vor Ge­schos­sen und an­de­ren Lei­bes­nö­ten.“ In­ter­es­sant ist, dass hier ne­ben den all­ge­mei­nen Ge­fah­ren durch Krank­heit die spe­zi­fi­sche Ge­fahr des Schüt­zen, die Schuss­ver­let­zung, mit auf­ge­nom­men wur­de. Die wei­te­ren Be­stim­mun­gen he­ben fast aus­schlie­ß­lich auf re­li­giö­se und so­zia­le Ver­hal­tens­wei­sen ab; so wur­de die Ver­pflich­tung, ar­men Schüt­zen­brü­dern Al­mo­sen zu spen­den und für ein wür­di­ges Be­gräb­nis zu sor­gen, eben­so fest­ge­schrie­ben wie die Zahl der See­len­mes­sen, die im To­des­fall für ein ver­stor­be­nes Mit­glied zu le­sen wa­ren. Am Se­bas­tia­nu­s­tag, dem 20. Ja­nu­ar, soll­te zu­dem ein Bru­der­mahl statt­fin­den. Re­ge­lun­gen über das Schie­ßen fin­den sich, an­ders als in spä­te­ren Quel­len, nicht. Dass die Bru­der­schaf­ten den­noch Schie­ß­übun­gen und mehr noch Schieß­spie­le durch­führ­ten, er­gab sich da­mit nicht aus ih­rem ei­ge­nen We­sen und Zweck her­aus, son­dern aus der Tat­sa­che, dass in ihr Men­schen or­ga­ni­siert wa­ren, die Um­gang mit der Waf­fe hat­ten. Gleich­wohl be­gann die­ses äu­ße­re Ele­ment den Cha­rak­ter der Schüt­zen­bru­der­schaf­ten bald zu über­la­gern. 3. Das Schützenwesen in der Frühen Neuzeit Ei­ner star­ken re­li­gi­ös-sitt­li­chen Ver­wur­ze­lung in Ver­bin­dung mit kor­po­ra­ti­ven, mit­tel­al­ter­li­chen Struk­tu­ren ste­hen die Pfle­ge der Ge­sel­lig­keit und des Schieß­spiels ge­gen­über, wie sie sich seit dem 16. Jahr­hun­dert ver­stärkt in den Quel­len fin­den. So fand et­wa im Jahr 1501 in Köln ein Schieß­spiel oder auch Schüt­zen­fest statt, bei dem we­der der Kirch­gang noch ei­ne an­de­re re­li­giö­se Hand­lung ei­ne Rol­le spiel­ten, son­dern vor al­lem die Volks­be­lus­ti­gun­gen wie et­wa ei­ne Lot­te­rie. [16] Des­halb ver­such­te die Kir­che, die sich vor al­lem auch an den Ess- und Trink­ge­la­gen stör­te, das Bru­der­schafts­we­sen ein­zu­däm­men, al­ler­dings mit mä­ßi­gem Er­folg. [17] Viel­mehr ver­fes­tig­te sich im Lau­fe der Frü­hen Neu­zeit die Pfle­ge ei­nes Brauch­tums, des­sen Her­kunft im We­sent­li­chen un­ge­klärt ist und das an die­ser Stel­le noch im Ab­schnitt über die mög­li­chen heid­ni­schen Tra­di­tio­nen be­han­delt wer­den wird, und das nur der äu­ße­ren Form nach sich noch an den Re­geln ei­ner christ­li­chen Bru­der­schaft ori­en­tier­te. So wird der Ab­lauf von Schüt­zen­fes­ten im Her­zog­tum Jü­lich um 1720 wie folgt be­schrie­ben: „Das Vo­gel­schie­ßen pflegt eben­falls in je­der Stadt und in je­dem Dorf auf ei­nen ge­wis­sen für ewig da­zu be­stimm­ten Tag kurz vor der Got­te­s­tracht an­ge­stellt zu wer­den. Man rich­tet näm­lich auf ei­nem Baum oder auf ei­ner zu dem En­de un­ter­hal­te­nen Vo­gel­stan­ge ei­nen gro­ßen höl­zer­nen Vo­gel auf, nach wel­chem so­dann von den Ein­woh­nern des­sel­ben Or­tes, die da­zu Lust ha­ben, mit Feu­er­roh­ren und Flin­ten oder auch an ei­ni­gen Or­ten mit Bo­gen und Arm­brüs­ten ge­schos­sen wird. Nie­mand er­hält hier­bei et­was für sei­ne Be­mü­hung als nur al­lein der­je­ni­ge, wel­cher das Glück hat, das letz­te Stück vom Vo­gel her­ab­zu­schie­ßen. Die­ser wird mit gro­ßem Froh­lo­cken zum Kö­nig aus­ge­ru­fen, man um­hängt sei­nen Kör­per mit al­ler­hand sil­ber­nen Schil­dern, die zu dem En­de ver­wahrt wer­den, man set­zet ihm ei­nen Fe­der­busch auf den Hut, man be­glei­tet ihn von dem ei­nen Haus zu dem an­de­ren, wo man ihn al­lent­hal­ben mit ei­nem fri­schen Krug Bier be­will­komm­net, ja, wel­ches am meis­ten zu be­wun­dern ist, man füh­ret ihn so­gar an un­ter­schied­li­chen Or­ten in die Kir­che, all­wo ‚Gott, dich Herr‘ ge­sun­gen wird und von dem Pas­tor der sa­kra­ment­li­che Se­gen ge­ge­ben wird […].“ [18]   Es wird deut­lich, dass der un­ter­halt­sa­me Teil des Vo­gel­schie­ßens im Mit­tel­punkt des Schüt­zen­we­sens stand und der re­li­giö­se As­pekt zwar noch vor­han­den, aber deut­lich in den Hin­ter­grund ge­tre­ten war. Die­se Be­ob­ach­tung fin­det sich in zahl­rei­chen Schüt­zen­ord­nun­gen des 17. und 18. Jahr­hun­derts, und zwar vor­wie­gend im länd­li­chen Raum, be­stä­tigt. Die­ses letzt­li­che Feh­len ei­nes star­ken Fröm­mig­keits­as­pekts und der schon ein­gangs for­mu­lier­te Aus­schluss des Ge­dan­kens ei­ner Wehr­ver­ei­ni­gung schei­nen für das Ver­ständ­nis des kul­tu­rel­len Trans­fers zwi­schen Stadt und Land in der Frü­hen Neu­zeit von Be­deu­tung zu sein. Wenn der funk­ti­ons­stän­di­sche Zu­sam­men­schluss ei­ner Bru­der­schaft von Schüt­zen im Sin­ne wehr­haf­ter Bür­ger im städ­ti­schen Raum sich mit der ei­ne wahr­schein­lich äl­te­re Tra­di­ti­on pfle­gen­den Ge­mein­schaft, die stan­des­über­grei­fend kon­sti­tu­iert war, durch wech­sel­sei­ti­ge Be­ein­flus­sung ver­bun­den hät­te, könn­te dies ein ge­eig­ne­tes Er­klä­rungs­mo­dell für die Ge­ne­se des Schüt­zen­we­sens in sei­ner mo­der­nen Form sein, des­sen je­wei­li­gen Ge­mein­schaf­ten pri­mär we­der re­li­giö­sen noch mi­li­tä­ri­schen Cha­rak­ter hat­ten, son­dern in ers­ter Li­nie die Men­schen ei­ner dörf­li­chen Ge­mein­schaft im Rah­men ei­ner alt­her­ge­brach­ten Tra­di­ti­on und über die Gren­zen von Stand, Ver­mö­gen und üb­ri­gens auch Ge­schlecht hin­aus mit­ein­an­der ver­band, denn viel­fach wur­den zu­min­dest in den länd­li­chen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten auch Frau­en als Mit­glie­der ge­führt. [19] Da­mit wür­de dann ei­ne zwar nicht all­seits ak­zep­tier­te, aber durch­aus denk­ba­re vor­christ­li­che Tra­di­ti­ons­li­nie auf­schei­nen. 4. Heidnische Bräuche als Erklärungsmodelle für Schützentraditionen In der Ent­wick­lung des Schüt­zen­we­sens vom Mit­tel­al­ter bis in die Ge­gen­wart sind mit dem Bru­der­mahl, der ge­mein­sa­men, häu­fig aus­ge­las­se­nen Fei­er und dem Vo­gel­schuss zwei Kon­stan­ten er­kenn­bar, die sich we­der mit den christ­li­chen Ur­sprün­gen noch der na­tio­nal-mi­li­tä­ri­schen Über­la­ge­rung im 19. Jahr­hun­dert er­klä­ren las­sen. Mag die ge­sel­li­ge Ge­mein­schaft noch als Merk­mal mensch­li­cher In­ter­ak­ti­on in ei­nem sehr über­grei­fen­den Sinn zu ver­ste­hen sein, kann das Schie­ßen ei­nes Vo­gels be­zie­hungs­wei­se ei­ner Vo­ge­latt­rap­pe nur schwer ein­ge­ord­net wer­den. Als Schie­ß­übung je­den­falls wird es kaum ge­eig­net ge­we­sen sein, war als sol­che in ei­ni­gen Lan­des­tei­len so­gar seit 1658 un­ter­sagt [20] , und dort, wo die Schie­ß­übung ex­pli­zi­ter Be­stand­teil ei­ner Schüt­zen­tra­di­ti­on ist, fin­det sich in der Re­gel das Schei­ben­schie­ßen als zur Ein­übung ziel­ge­nau­en Schie­ßens zweck­dien­li­che Me­tho­de. Dass es pri­mär ei­ne Volks­be­lus­ti­gung war, mö­gen dann auch die Wor­te der Prin­zes­sin in Karl Gott­lieb Sa­mu­el Heuns (1771-1854) Lust­spiel „Das Vo­gel­schies­sen“ aus dem Jahr 1822 zei­gen: „Beim Schie­ßen fällt mir ein, es soll heu­te hier in der Nach­bar­schaft ein Vo­gel­schie­ßen sein; solch ein Volks­fest möch­te‘ ich wohl ein­mal mit an­se­hen […]“. Wor­auf­hin ihr Va­ter, der Fürst, ant­wor­tet: „Un­se­re An­we­sen­heit wür­de die­se Art Men­schen nur in ih­rer Freu­de stö­ren, und sie ha­ben der Freu­de und der Fes­te so we­nig.“ [21] Heun cha­rak­te­ri­sier­te das Schüt­zen­fest mit dem Vo­gel­schie­ßen li­te­ra­risch da­mit durch­aus zu­tref­fend als Fest der ein­fa­chen Leu­te, das vor al­lem der Ju­gend ein gro­ßes Ver­gnü­gen bot. Gleich­wohl ge­hör­te die Ein­bin­dung ad­li­ger, geist­li­cher oder bür­ger­li­cher Ho­no­ra­tio­ren zum Bei­spiel durch die Ab­ga­be von Eh­ren­schüs­sen im­mer zum Ab­lauf von Schüt­zen­fes­ten. Hans-Tho­rald Mi­chae­lis ver­weist im Zu­sam­men­hang mit dem Vo­gel­schie­ßen der Schüt­zen­bru­der­schaf­ten auf ei­ne im kel­ti­schen Raum an­zu­tref­fen­de Tra­di­ti­on der ri­tu­el­len Vo­gelt­ö­tung. Da­bei wur­de von ei­ner be­stimm­ten Grup­pe, meist den jun­gen Män­nern ei­nes Dor­fes oder ei­ner Sip­pe, ein Vo­gel, oft­mals ein Zaun­kö­nig, er­legt, dem vor­her al­le bö­sen Geis­ter und Flü­che auf­er­legt wor­den wa­ren. Das to­te Tier wur­de dann in ei­ner leb­haf­ten Pro­zes­si­on durch den Ort ge­tra­gen; der­je­ni­ge, der es er­legt hat­te, wur­de bis zur nächs­ten Vo­gelt­ö­tung Kö­nig ge­nannt und mit kö­nig­li­chen In­si­gni­en aus­ge­stat­tet. Meist ge­noss er zahl­rei­che ge­sell­schaft­li­che Vor­tei­le. Auf der Is­le of Man soll die­se Tra­di­ti­on noch im 18. Jahr­hun­dert ge­pflegt wor­den sein. [22]   Tat­säch­lich scheint es of­fen­kun­di­ge Ana­lo­gi­en zum Schüt­zen­brauch­tum zu ge­ben. Viel­fach fan­den und fin­den Schüt­zen­fes­te im Früh­jahr, zum Bei­spiel nach Os­tern oder um Pfings­ten statt. Die be­son­de­re, auch als Kö­nig­tum be­zeich­ne­te Eh­re ist eben­so be­kannt wie die da­mit ver­bun­de­nen so­zia­len Vor­tei­le; so war ein Schüt­zen­kö­nig in al­ler Re­gel für die Dau­er ei­nes Jah­res von Steu­ern so­wie Hand- und Spann­diens­ten be­freit. Auch der Be­griff der „Gil­de“, der im Alt­nor­di­schen syn­onym für ein Trink- oder Op­fer­ge­la­ge ge­braucht wird und der ety­mo­lo­gisch auf ei­ne „Ab­gel­tun­g“ ver­weist, könn­te auf ei­ne vor­christ­li­che Wur­zel hin­deu­ten, die sich im Schüt­zen­we­sen er­hal­ten hat. In­ter­es­sant ist da­bei, dass die In­ten­ti­on ei­nes sol­chen Op­fer­fes­tes, das ei­nen fast got­tes­dienst­li­chen Cha­rak­ter hat­te, auf das an­dau­ern­de To­ten­ge­den­ken ziel­te, ein deut­li­cher An­klang an den Zweck der frü­hen christ­li­chen Bru­der­schaf­ten. In­so­fern könn­ten durch­aus, wie es auch aus an­de­ren Zu­sam­men­hän­gen wie den Fes­ten des Kir­chen­ka­len­ders be­kannt ist, heid­ni­sche und christ­li­che Vor­stel­lun­gen in ei­ne Wech­sel­wir­kung ge­tre­ten sein. [23] Im­mer­hin er­hiel­ten sich die sonst aus der Ent­wick­lung des Schüt­zen­we­sens her­aus kaum er­klär­ba­ren Ele­men­te auch über die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on hin­aus, wäh­rend der re­li­giö­se As­pekt deut­lich an Ge­wicht ver­lor. 5. Nationaler Aufbruch und vaterländische Vereinigungen Der Ein­marsch der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen und die Be­set­zung und An­ne­xi­on des Rhein­lan­des bis 1814/1815 be­deu­te­ten für die al­ler­meis­ten rhei­ni­schen Schüt­zen­ge­sell­schaf­ten ei­ne tie­fe Zä­sur. So­wohl der christ­li­che Be­zug als auch der Um­gang mit Waf­fen führ­ten häu­fig zu ih­rem zu­min­dest zeit­wei­sen Ver­bot. [24] Al­ler­dings wur­den Brauch­tums­fei­ern, auch Schüt­zen­fes­te, ab et­wa 1805 durch­aus häu­fig wie­der zu­ge­las­sen und so­gar er­wünscht. Beim Be­such Na­po­le­on Bo­na­par­tes im  Her­zog­tum Berg  et­wa und der da­bei statt­fin­den­den Durch­rei­se durch Mül­heim bei  Köln  ord­ne­te der dor­ti­ge Stadt­di­rek­tor ein Spa­lier uni­for­mier­ter Schüt­zen und ih­rer Fah­nen an. [25] So mar­kiert eher das En­de der Fran­zo­sen­zeit den Bruch in der his­to­ri­schen Kon­ti­nui­tät des Schüt­zen­we­sens, denn in ei­nem deut­lich stär­ke­ren sä­ku­la­ren Um­feld konn­ten vie­le äl­te­re Bru­der­schaf­ten nicht mehr an die Zeit da­vor an­knüp­fen. Das Brauch­tum des Vo­gel­schie­ßens und der da­mit ver­bun­de­nen Volks­be­lus­ti­gun­gen leb­te je­doch wei­ter, ufer­te oh­ne die zu­grun­de lie­gen­den Ord­nungs­struk­tu­ren aber zu­wei­len aus, wes­halb sich schon bald neue Schüt­zen­ver­ei­ni­gun­gen grün­de­ten, die ent­we­der den preu­ßi­schen Mi­li­ta­ris­mus in An­leh­nung an die ge­gen die Fran­zo­sen ge­rich­te­ten Land­weh­ren als „Bür­ger in Uni­for­men“ imi­tier­ten oder auch ver­ball­horn­ten – nicht von un­ge­fähr fal­len bei­spiels­wei­se die Grün­dung der fest­ord­nen­den Ko­mi­tees in Köln, hier für den Kar­ne­val, und Neuss, dort für das Schüt­zen­fest, im Jahr 1823 zeit­lich zu­sam­men. Auch aus man­cher Bür­ger­wehr im Um­feld der Re­vo­lu­ti­on von 1848 ent­wi­ckel­ten sich Schüt­zen­ver­ei­ne [26] , und end­gül­tig ord­ne­ten sich die Schüt­zen­ge­sell­schaf­ten mit der Reichs­grün­dung in den Kreis der va­ter­län­di­schen Ver­ei­ne ein. Ins­ge­samt wur­den im 19. Jahr­hun­dert mit 432 Ver­ei­nen fast eben­so vie­le ge­grün­det wie vom 11. bis zum 18. Jahr­hun­dert zu­sam­men ge­nom­men. Zu­dem strahl­te das ur­sprüng­lich stark auf das Rhein­land kon­zen­trier­te Schüt­zen­we­sen weit in an­de­re Re­gio­nen des zu­sam­men­wach­sen­den Deut­schen Rei­ches aus: so wur­den in West­fa­len im 19. Jahr­hun­dert 431 Schüt­zen­ver­ei­ne ge­grün­det und im üb­ri­gen Deutsch­land 559 – ins­ge­samt al­so über 1.400 Ver­ei­ne; al­lei­ne in der Zeit bis 1939 ka­men noch ein­mal über 1.700 Ver­ei­ne da­zu, die sich mit 441 auf das Rhein­land, 335 auf West­fa­len und 947 auf das üb­ri­ge Deutsch­land ver­teil­ten. [27]   Trotz die­ses si­gni­fi­kan­ten quan­ti­ta­ti­ven Zu­wach­ses hat sich die his­to­ri­sche For­schung mit dem Schüt­zen­we­sen des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts we­ni­ger im Sin­ne ei­nes ver­glei­chen­den Über­blicks be­schäf­tigt als mit den Bru­der­schaf­ten des An­ci­en Ré­gime. Bar­ba­ra Stam­bo­lis führt das auf Be­rüh­rungs­ängs­te mit dem „schil­lernd[en], fol­ko­ris­tisch[en] und so­mit leicht als ten­den­zi­ell un­se­riös“ emp­fun­de­nen Ge­gen­stand zu­rück. [28]   Tat­säch­lich hat­te sich das Schüt­zen­we­sen in der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts häu­fig auf den Er­halt her­ge­brach­ter Volks­fes­te und Kir­mes­sen re­du­ziert. Erst im Zu­sam­men­hang mit der na­tio­na­len Ei­ni­gung Deutsch­lands form­te sich in vie­len Schüt­zen­ver­ei­nen wie­der ei­ne stär­ke­re in­halt­li­che Aus­rich­tung, wo­bei an die Stel­le der christ­lich-re­li­giö­sen Ver­wur­ze­lung die pa­trio­ti­sche Ge­sin­nung trat. Nach­dem sich ein im Vor­feld der Re­vo­lu­ti­on von 1848 ins Le­ben ge­ru­fe­ner „All­ge­mei­ner Lan­des-Schüt­zen-Bund für Preu­ßen“ nicht hat­te eta­blie­ren kön­nen [29] , grün­de­te sich 1861 in Go­tha der Deut­sche Schüt­zen­bund, des­sen ers­ter Eh­ren­vor­sit­zen­der, der Her­zog Ernst von Sach­sen-Co­burg-Go­tha [30]  , an­läss­lich der Grün­dungs­ver­samm­lung am 11.7.1861 die Ver­band­zie­le wie folgt for­mu­lier­te:   Beispiel eines Holzvogels als Ziel für das Vogelschießen mit Reichsapfel und Zepter, Original im Museum für Thüringer Volkskunde, Foto: Andreas Praefcke. (Andreas Praefcke - CC BY 3.0)   „[...] Wir Schüt­zen ha­ben Ver­al­te­tes ver­schwin­den las­sen, um mit dem al­les be­we­gen­den Geist vor­wärts zu schrei­ten. Las­sen Sie uns ver­ges­sen, wo un­se­re Wie­gen stan­den, ob im Nor­den oder Sü­den, im Os­ten oder Wes­ten Deutsch­lands. Las­sen Sie uns ei­nen gro­ßen, ge­mein­sa­men deut­schen Schüt­zen­bund grün­den, ein­mal, um ge­mein­sa­me Nor­men zu fin­den für die grö­ße­ren und klei­ne­ren Schüt­zen­fes­te, [...] zum an­de­ren Ma­le, um die ganz gro­ße Schar der Schüt­zen des gro­ßen Bun­des der be­waff­ne­ten und gut ge­schul­ten Ju­gend als ei­ne Eh­ren­re­ser­ve der Ar­mee an die Sei­te zu stel­len.“ [31]   Auf­fäl­lig ist, dass der Her­zog da­mit die jahr­hun­der­te­al­te Tra­di­ti­on des Schüt­zen­we­sens gänz­lich un­er­wähnt ließ und statt­des­sen die Schüt­zen zur Avant­gar­de des na­tio­na­len Ei­ni­gungs­pro­zes­ses pro­kla­mier­te. Bür­ger­li­ches Fort­schritts­den­ken und die For­de­rung nach der na­tio­nal­staat­li­chen Ein­heit Deutsch­lands kom­men in sei­ner An­spra­che eben­so zum Aus­druck wie die An­leh­nung an den preu­ßi­schen Mi­li­ta­ris­mus, der bis heu­te in Hof­staa­ten mit Rit­tern, Kom­man­dan­ten, Ad­ju­tan­ten und Or­den, Mi­li­tär­ka­pel­len und Fah­nen­pa­ra­den sei­nen sicht­ba­ren Aus­druck fin­det. [32]   Kurz nach der Reichs­grün­dung for­mier­te sich 1873 in Düs­sel­dorf auch der Rhei­ni­sche Schüt­zen­bund mit ähn­li­cher Aus­rich­tung wie der na­tio­na­le Dach­ver­band. [33] Die auf die­se Wei­se or­ga­ni­sier­ten Zu­sam­men­künf­te und Ver­gleichs­wett­kämp­fe führ­ten die Schüt­zen­ver­ei­ne aus ih­rem jahr­hun­der­te­lang auf ei­nen Ort oder ein Kirch­spiel be­schränk­ten Wir­kungs­kreis her­aus. Ähn­lich wie die zeit­gleich ent­ste­hen­den zahl­rei­chen ka­me­rad­schaft­li­chen Krie­ger­ver­ei­ne leg­ten die Schüt­zen­ver­ei­ne wäh­rend des Kai­ser­reichs gro­ßen Wert auf Kai­ser- und Va­ter­land­streue. Viel­fach wur­den die ur­sprüng­lich im Früh­jahr oder zum Na­mens­tag des Schutz­pa­trons – so man sich auf ei­nen sol­chen über­haupt noch be­rief – statt­fin­den­den Fest­lich­kei­ten in Rich­tung der na­tio­na­len Fei­er­ta­ge wie dem Kai­ser­ge­burts­tag oder dem Se­dans­tag ver­scho­ben. [34]     Schießscheibe zum Andenken an das erste deutsche Bundesschießen in Frankfurt am Main 1862 mit Betonung der Idee eines geeinten Deutschlands, Original im Besitz der Schützengesellschaft Kronach e.V.   Trotz die­ser nach au­ßen de­mons­trier­ten Va­ter­lands­lie­be fie­len vie­le Bür­ger- und Schüt­zen­ver­ei­ne nach dem Voll­zug der na­tio­nal­staat­li­chen Ein­heit und dem da­mit ver­bun­de­nen Weg­fall ei­ner we­sent­li­chen Ziel­set­zung in ein eher un­po­li­ti­sches Sta­di­um. Be­son­ders in klei­ne­ren Or­ten wur­den sie wie schon vor 1848 zu Fest- und Fei­er­ge­mein­schaf­ten, wo­bei nicht mehr der zwang­lo­se, volks­be­lus­ti­gen­de Cha­rak­ter im Vor­der­grund stand, son­dern zu­min­dest das Bild ei­ner an­stän­di­gen und sitt­sa­men bür­ger­li­chen Ver­gnü­gung. [35]   Auf die­ser star­ken Grund­la­ge be­deu­te­te der Ers­te Welt­krieg kei­nen der­art tie­fen Ein­schnitt wie et­wa die fran­zö­si­sche Be­sat­zungs­zeit oder der Zwei­te Welt­krieg. Das ak­ti­ve Ver­eins­le­ben war zwar stark be­ein­träch­tigt und Schüt­zen­fes­te und sport­li­che Wett­kämp­fe fie­len auch über das Kriegs­en­de hin­aus aus. Erst in ei­nem müh­sa­men Pro­zess er­hiel­ten die Ver­ei­ne und Ver­bän­de wie­der die Er­laub­nis zum Sport­schie­ßen, muss­ten al­ler­dings mit Waf­fen vom En­de des 19. Jahr­hun­derts aus­kom­men, wenn sie über­haupt ei­ne ge­eig­ne­te Schie­ß­an­la­ge hat­ten. [36] Aber der Geist des Zu­sam­men­halts auf dem Fun­da­ment na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ver Ide­en führ­te das Schüt­zen­we­sen in den 1930er Jah­ren zu ei­ner neu­en Blü­te.   In der Schießhalle, Erinnernungen an das deutsche Schützenfest in Stuttgart 1875, Reproduktion, originaler Holzschnitt von Schweissinger aus dem Jahr 1882.   6. Das Schützenwesen im „Dritten Reich“ Ein für vie­le Schüt­zen­ver­ei­ne im­mer noch pre­kä­rer Zeit­ab­schnitt ist das „Drit­te Reich“. Viel­fach wur­de ver­sucht, un­ter Ver­weis auf die his­to­ri­schen christ­li­chen Wur­zeln und die weit­ge­hen­de Ein­stel­lung von Ver­eins­ak­ti­vi­tä­ten ab 1939 ei­ne ge­wis­se Re­gi­me­fer­ne zu sug­ge­rie­ren, vor al­lem auch, um Le­gi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me nach 1945 zu ver­mei­den. Tat­säch­lich wi­der­set­ze sich die 1928 ge­grün­de­te Erz­bru­der­schaft vom Hl. Se­bas­ti­an, die Vor­läu­fe­rin des heu­ti­gen Bun­des der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten [37] , zu­nächst den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­ein­nah­mungs­ver­su­chen. Sie knüpf­te auf In­itia­ti­ve des Theo­lo­gen Pe­ter Louis be­wusst an die mit­tel­al­ter­li­chen und früh­neu­zeit­li­chen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten an und führ­te die Be­grif­fe „Glau­be, Sit­te, Hei­ma­t“ in das Mi­lieu­vo­ka­bu­lar ein und trat da­mit durch­aus auch in ei­ne Kon­kur­renz­si­tua­ti­on zum rein welt­li­chen und in­fol­ge der Ent­po­li­ti­sie­rung auf das Schieß­sport­li­che kon­zen­trier­ten Deut­schen be­zie­hungs­wei­se Rhei­ni­schen Schüt­zen­bund. [38] Al­ler­dings blie­ben vie­le Schüt­zen „im Her­zen Mon­ar­chis­ten“ [39] ; es ver­wun­dert da­her nicht, wenn sie – trotz ei­ner star­ken Ein­bin­dung in das ka­tho­li­sche Mi­lieu – zu den­je­ni­gen Kräf­ten ge­hör­ten, die durch ei­ne Art „pas­si­ven Wi­der­stan­d“ am Schei­tern der Wei­ma­rer Re­pu­blik we­sent­li­chen An­teil hat­ten und sich in den neu­en Ver­hält­nis­sen nach 1933 recht bald zu­recht­fan­den. Des­halb wird man ei­ne Re­de von Pe­ter Louis aus dem Jahr 1934 wohl teils dem Wil­len zur als not­wen­dig be­trach­te­ten An­pas­sung an die Zeit­um­stän­de, teils aber auch tat­säch­li­cher Über­zeu­gung zu­schrei­ben kön­nen. Als ge­mein­sa­me Zie­le von Erz­bru­der­schaft und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus iden­ti­fi­zier­te Louis „die Über­win­dung des Bol­sche­wis­mus, […] Ab­wehr der li­be­ra­len Ide­en, […] Auf­rich­tung der Volks­ge­mein­schaft und des Füh­rer­prin­zips, […] die stän­di­sche Ord­nung.“ [40]   Umzug anlässlich des Schützenfestes in der Altstadt von Dorsten, 1938.   Schon 1928 hat­te der Vor­sit­zen­de des Deut­schen Schüt­zen­bun­des Jo­hann Pe­ter Lo­renz (1866-1944) mit deut­li­chen An­klän­gen an deutsch­na­tio­na­le und völ­ki­sche Pa­ro­len er­klärt: „Un­se­re na­tio­na­le Schwä­che wur­de mir so recht zum Be­wu­ßt­sein ge­bracht; und nur die Hoff­nung auf bal­di­ge Be­frei­ung, die in je­dem deut­schen Her­zen brennt, gab mir Trost in un­se­rer ge­gen­wär­ti­gen La­ge.  […] Das Ide­al, dem wir zu­stre­ben, hei­ßt ‚Va­ter­land’, das al­le Par­tei­en um­fa­ßt und eint. Zur Na­ti­on wird un­ser Volk erst wer­den durch ein ge­mein­sa­mes Ide­al, an das je­der Volks­ge­nos­se glaubt und sich durch die Tat be­kennt.“ [41]   Spä­tes­tens 1934 wa­ren so­wohl die Schüt­zen­ver­ei­ne wie auch die Dach­ver­bän­de mit dem „Füh­rer­ruf an die Schüt­zen zur neu­en Zeit“ [42]   gleich­ge­schal­tet wor­den. Im März 1936 wur­de die Erz­bru­der­schaft auf­ge­löst. Un­zäh­li­ge Fo­tos und Do­ku­men­te be­le­gen, dass Schüt­zen­fes­te im Lich­te na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Pro­pa­gan­da ge­fei­ert wur­den und zu­min­dest für die Funk­ti­ons­trä­ger ei­ne re­gime­kri­ti­sche Hal­tung un­denk­bar war. Al­ler­dings be­stand kei­nes­wegs die Ab­sicht, das Schüt­zen­we­sen ins­ge­samt zu ver­bie­ten; im Ge­gen­teil er­kann­te man das ih­nen in­ne­woh­nen­de Wehr­po­ten­ti­al [43]  , al­lei­ne die kirch­li­chen An­klän­ge wur­den als stö­rend emp­fun­den. Ralph Trost zi­tiert ei­nen Ge­sta­po­be­richt aus dem Jahr 1936: „[…] Es wä­re im In­ter­es­se der Hei­mat­be­we­gung zu be­dau­ern, wenn das al­te Brauch­tum und die al­ten Volks­fes­te, die im Rhein­land tief ver­wur­zelt sind, im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land le­dig­lich we­gen ih­res kirch­li­chen Na­mens aus­ge­merzt wer­den sol­len. Die Schüt­zen­ver­ei­ne und die al­ten Volks­fes­te bil­den ei­nen we­sent­li­chen Be­stand­teil der al­ten rhei­ni­schen Hei­mat­kul­tur, die ge­ra­de in der Ge­gen­wart nur die grö­ßt­mög­li­che För­de­rung ver­dien­ten.“ [44]   Trotz­dem er­gin­gen in der Fol­ge meh­re­re Er­las­se, die die Selb­stän­dig­keit und In­di­vi­dua­li­tät der ein­zel­nen Schüt­zen­tra­di­tio­nen er­heb­lich ein­schrän­ken soll­ten. So ziel­te der Deut­sche Schüt­zen­bund in ei­nem Rund­schrei­bend des Jah­res 1938 auf die Ein­füh­rung von Ein­heits­uni­for­men und den Ver­zicht mi­li­tä­ri­scher Rang­ab­zei­chen, da man ver­mei­den woll­te, Wehr­machts- und SS-Ab­zei­chen un­be­ab­sich­tigt zu per­si­flie­ren. [45] Zu ei­ner letzt­li­chen Um­set­zung die­ser Plä­ne kam es je­doch nicht mehr, da mit Be­ginn des Zwei­ten Welt­kriegs die Ver­eins­ak­ti­vi­tä­ten ganz über­wie­gend ein­ge­stellt und vie­le Mit­glie­der der Schüt­zen­ver­ei­ne zum Wehr­dienst ein­be­ru­fen wur­den, von de­nen et­li­che ihr Le­ben las­sen muss­ten. 7. Rheinische Schützengesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg Der Wie­der­be­ginn des Schüt­zen­we­sens nach 1945 war da­her viel schwie­ri­ger als nach den vor­an­ge­gan­ge­nen Ein­schnit­ten. Au­ßer­dem wie­der­hol­te sich die aus der fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­zeit und der Zeit nach dem Ers­ten Welt­krieg be­kann­te Si­tua­ti­on des Ver­bots und Vor­be­halts sei­tens der Al­li­ier­ten. In glei­chem Ma­ße war aber das Brauch­tum le­ben­dig und, ver­mut­lich un­gleich stär­ker als zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts und nach 1918, vor al­lem auch der Wil­le und die Not­wen­dig­keit in der Be­völ­ke­rung, durch die Rück­kehr zu ge­wohn­ten Fest­lich­kei­ten ein Stück Nor­ma­li­tät zu­rück zu ge­win­nen. Die sich zu­nächst im pri­va­ten Kreis wie­der zu­sam­men fin­den­den Schüt­zen or­ga­ni­sier­ten da­her in den ers­ten Jah­ren nach 1945 in­ter­ne Fei­ern, zu­wei­len auch öf­fent­li­che Um­zü­ge im Zi­vil­an­zug und oh­ne Ka­pel­len. For­mal kehr­ten vie­le vor 1939 in sä­ku­la­rer Form be­ste­hen­de Ver­ei­ne zur äu­ße­ren Form der Bru­der­schaft zu­rück, in­dem sie an teil­wei­se be­ste­hen­de äl­te­re Tra­di­tio­nen an­knüpf­ten und sich da­mit das Ge­sicht ei­ner kirch­li­chen Ver­ei­ni­gung ga­ben, ge­gen die sei­tens der Be­sat­zungs­mäch­te kei­ne Vor­be­hal­te be­stan­den. [46] Erst nach Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik kehr­te dann ein Teil der Ver­ei­ne wie­der zur sä­ku­la­ren Form zu­rück, wäh­rend an­de­re die Bru­der­schafts­form bis heu­te be­wah­ren. Bei den ers­ten Schüt­zen­fes­ten nach dem Zwei­ten Welt­krieg muss­te wie schon nach 1918 häu­fig auf his­to­ri­sche Waf­fen wie Arm­brüs­te oder un­ge­fähr­li­che Waf­fen wie Luft­ge­weh­re zu­rück­ge­grif­fen wer­den. Bei Um­zü­gen wur­den statt Ge­weh­ren und De­gen Holz­ge­weh­re oder so­gar Blu­men ge­tra­gen. Den­noch er­hol­te sich das Schüt­zen­we­sen recht schnell und er­freu­te sich mit sei­nen Schüt­zen- und Volks­fes­ten bis in die 1980er Jah­re gro­ßer Be­liebt­heit in der Be­völ­ke­rung. Seit­dem kann ein stär­ke­rer Mit­glie­der­schwund be­ob­ach­tet wer­den, der von bei­den heu­te noch be­ste­hen­den Dach­ver­bän­den im Rhein­land mit dem Ver­such, his­to­risch ge­wach­se­ne und tra­di­tio­nel­le Wer­te wie­der stär­ker in den Mit­tel­punkt zu stel­len, be­ant­wor­tet wird. So be­tont der Bund der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten sei­nen Cha­rak­ter als kirch­li­che Ver­ei­ni­gung, wäh­rend der Rhei­ni­sche Schüt­zen­bund zum Bei­spiel mit dem 2009 ein­ge­führ­ten Pro­tek­to­rat des Fürs­ten Carl zu Wied an ei­ne Ein­rich­tung aus sei­ner Ent­ste­hungs­zeit an­knüpft und sich über­dies in ei­nem Brauch­tums­aus­schuss stär­ker mit dem Vo­gel­schie­ßen be­schäf­tigt [47] , das da­mit auch in der Ge­gen­wart sei­ne in al­len Epo­chen zen­tra­le Be­deu­tung zu be­hal­ten scheint. Verlinkungen: -> Quellen: Internetquellen -> Bock, Martin, Das rheinische Schützenwesen. Ursprünge, Traditionen und Entwicklungslinien, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-rheinische-schuetzenwesen.-urspruenge-traditionen-und-entwicklungslinien/DE-2086/lido/5ca49fdc63ad57.90122432 (abgerufen am 19.10.2025) -> -> Sekundärliteratur -> -> -> Feiertage und andere Gedenktage Inhaltsverzeichnis 1. Geschichte des Valentinstags.  Als todgeweihte Märtyrer und stolze Ritter die Liebe entdeckten 1. Geschichte des Valentinstags.  Als todgeweihte Märtyrer und stolze Ritter die Liebe entdeckten Im ritterlichen Mittelalter wird – neben der Gottesliebe – auch die erotische Liebe zum Ideal. In dieser Zeit verknüpft der englische Dichter Geoffrey Chaucer das sehnsüchtige Werben der Verliebten mit dem Gedenken an den Heiligen Valentin (mittelalterliche Buchmalerei aus dem Codex Menasse, um 1320)© Universitätsbibliothek Heidelberg   Der 14. Februar steht für ein Fest der Liebe – aber auch für überbordenden modernen Kommerz. Dabei gehen die Wurzeln des Valentinstags weit zurück – in eine Zeit der Märtyrer und mittelalterlichen Poeten Ein Mann träumt. In seinem Traum betritt er einen Garten, dessen Tor schon mit seiner Inschrift die allerhöchsten Erwartungen weckt: "Durch mich geht man zum Orte voller Wonnen". Dahinter grünende und blühende Pflanzen, singende Vögel. Und unter einem Baum: Amor, der Gott der Liebe, höchstpersönlich. Er schmiedet Pfeil um Pfeil, um sie später in entflammte Herzen zu schießen. Überhaupt die Vögel: Überall finden sich vor den Augen des staunenden Mannes nun gefiederte Paare zusammen, schließen sich in die Flügel, ranken die Hälse umeinander, singen zu Ehren eines Heiligen: "Sankt Valentin, du bist der Hochgestellte, für Dich die Vögel dieses Lied beginnen." Geoffrey Chaucer, der diesen merkwürdigen Traum um 1380 in Versen niedergeschrieben hat, war vieles in seinem Leben: Soldat und Diener, Höfling, Diplomat und Beamter. Aber seine Leidenschaft war das Dichten, damit wurde er einer der bedeutendsten Schriftsteller Englands. Ganz speziell an Chaucer ist allerdings noch etwas anderes: Mit seinem traumhaft-paradiesisch anmutenden Gedicht "Parlament der Vögel" gilt er als Urvater des Valentinstags. Denn er war vermutlich der Erste, der jene betörende Mischung von Zutaten zusammenrührte: Frühling, Verheißung, Wonne, Liebe, Harmonie – und den Namen eines Heiligen. Die Ursprünge des Valentinstags liegen im ersten Jahrtausend Die Geschichte des Valentinstages beginnt eigentlich sogar noch viel früher und vor allem nebulös. Gläubige erzählen sich in der Spätantike gleich mehrere Geschichten über christliche Märtyrer namens Valentin. Einmal ist es ein Bischof aus Mittelitalien, der um 270 n. Chr. gegen die Order des noch nicht christianisierten römischen Kaisers junge Paare traut, um den Männern so den Kriegsdienst zu ersparen – und dieses Verhalten mit seinem Leben bezahlt.  Ein Geistlicher namens Valentin (oben) stirbt um 270 n. Chr. im Römischen Reich den Märtyrertod, hingerichtet, weil er vermutlich heimlich Paare traute. Später wird er heilig gesprochen und erhält einen Gedenktag: den 14. Februar© Svabo / Alamy Stock Photo Ein andermal geht es um einen Geistlichen in Rom, der – wegen seines Glaubens eingekerkert – in der Haft die Tochter des Gefängniswärters von Blindheit heilt und ihr einen Brief mit der Notiz "von Deinem Valentin" zusteckt. Menschliche Zuneigung ist bei beiden Geschichten im Spiel sowie die Bereitschaft für den Glauben zu leiden und zu sterben. Wegen Letzterem spricht ein Papst etwa 200 Jahre später einen dieser Valentine – welchen genau, ist heute nicht mehr zu klären – heilig und widmet ihm, wie dabei üblich, einen Gedenktag: den 14. Februar. Einer Theorie zufolge ersetzt der Papst damit ein ihm verhasstes, etwas anzügliches heidnisches Fruchtbarkeitsfest, bei dem sich Paare per Los zusammenfinden. Mit den Rittern kam das Schmachten Jahrhunderte vergehen, das Mittelalter kommt, an den europäischen Höfen verbreitetet sich die Kultur der Ritter, zu der Tugenden wie Tapferkeit, Disziplin und Freigebigkeit gehören, aber auch ein neues Ideal des Begehrens. Nicht mehr nur die religiöse Nächstenliebe oder die Gottesliebe gilt nun als erstrebenswert, sondern auch weltliche und erotische Zuneigung. Minnesänger schmachten in ihren Versen, inszenieren wortreich ihr Liebeswerben um eine Angebetete. Besonders in England wird der Valentinsbrauch in der Neuzeit extrem populär. Ab dem 19. Jahrhundert drucken Verleger üppig gestaltetet Postkarten (hier ein Exemplar von 1912), mit denen sich romantische Grüße besonders leicht versenden lassen© Quagga Media UG / akg-images An dieses neue Bild des Amourösen knüpft im 14. Jahrhundert wohl auch der Engländer Chaucer mit seinem Vogelgedicht an. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine Allegorie; die turtelnden Vögel stehen für das Anbandeln von Menschen, möglicherweise sogar ganz konkret: Chaucer bezieht sich, so vermutet man, verklausuliert auf die damalige Hochzeit des englischen Königs Richard II. mit der Adeligen Anna von Böhmen. So oder so: Die Brücke zwischen dem Gedenktag an einen spätantiken Märtyrer und der romantischen Liebe hat Chaucer damit geschlagen. Bald schon wird es in höfischen Kreisen zwischen Männern und Frauen üblich, sich am 14. Februar poetische Zeilen zu widmen; manchmal verbinden sich auch ledige Partner an diesem Tag zu einer einjährigen Beziehung, die freundschaftlich und keusch die Chance auf eine spätere Hochzeit ausloten soll. Das Geheimnis erfüllter Beziehungen: Welche Gespräche Paare führen sollten Liebesgrüße zum Valentinstag wie vom Fließband Immer beliebter wird der Valentinsbrauch vor allem in England, sickert allmählich von der Aristokratie in die bürgerlichen Kreise. Wem es schwerfällt eigene Worte der Anbetung zu ersinnen, kann um 1800 im "Young Man’s Valentine Writer" eines findigen Verlegers Vorschläge für die passenden Sprüche finden. Und die maschinelle Serienproduktion, die die Industrialisierung mit sich bringt, macht auch vor den Liebesbotschaften nicht halt: Gedruckte Valentinskarten erreichen jetzt die Adressaten. Weniger persönlich, dafür – auch weil der Postversand günstiger wird – in immer gewaltigerer Zahl.  Ein Reigen von wiederkehrenden Symbolen ziert die Pappkärtchen: Herzen, als Sitz der Gefühle, Amor und Vögel, wie einst bei Chaucer. Auch für den Austausch von kleinen Aufmerksamkeiten hält die Industrie mittlerweile einiges bereit. Der Schokoladenhersteller Cadbury etwa bietet um 1870 eigens gestaltete Konfektschachteln für die Liebesbotschaften an. Nach Deutschland kommt der Tag der Liebe durch die Besatzungssoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg – hier ein Tanzvergnügen in Berlin im Sommer 1945. Vor allem amerikanische GIs kennen die Tradition von zuhause© United_Archives / TopFoto / picture-alliance Der Weg des Rituals nimmt nun eine Schleife. Wandert mit Reisenden und Migranten von Großbritannien in die USA, bekommt dort noch einen weiteren Schub, wird zum ersten hochkommerzialisierten Festtag. Auch erweitert sich der Kreis der Bedachten: gute Freunde, sogar Verwandte erhalten Geschenke.  Mit den GIs der US-amerikanischen Besatzungstruppen erreicht der Valentinstag erst spät Deutschland. Im Jahr 1950 veranstalten Einheimische in Nürnberg den ersten "Valentinsball". Und es ist nicht nur das Bedürfnis nach Romantik, das im trümmervollen Nachkriegsdeutschland verfängt, sondern auch die Aussicht auf Profit.   Blumen werden zum liebsten Valentinsgeschenk der Deutschen. Auch weil die Händler in Zeiten des Wirtschaftswunders ihre blühende Ware geschickt vermarkten, etwa mit Automaten wie diesem von 1951© akg-images Gerade rechtzeitig zum Beginn des Wirtschaftswunders bewerben Blumenhändler und Pralinenfabrikanten ihre Waren mit Nachdruck als das perfekte Valentinsgeschenk. Der Versand "Fleurop" verzeichnet in dieser Zeit hohe zweistellige Wachstumsraten – und trägt dazu bei, dass in Deutschland gerade Sträuße zu den beliebtesten Liebesgaben zählen. Hunderte Tonnen von Blumen werden auch heute noch zum Valentinstag importiert.  Es ist wie das moderne Echo jenes blühenden Gartens, den einst der Besucher betrat, im mittelalterlichen Traumgedicht von Geoffrey Chaucer. Verlinkungen: -> Quellen: Internetquellen -> Berg, Jens-Rainer: Geschichte des Valentinstags.  Als todgeweihte Märtyrer und stolze Ritter die Liebe entdeckten, in: geo.de, online verfügbar seit 13.02.2026 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/geschichte-des-valentinstags--von-rittern-und-maertyrern-34455458.html , zuletzt geprüft am 15.02.2026.  -> -> Sekundärliteratur -> -> -> Karneval, Fasnacht, Fasching etc. Inhaltsverzeichnis Warum wir Weiberfastnacht feiern Die Verteidigung des rheinischen Karnevals und die politische Festkultur im Vormärz 1. Warum wir Weiberfastnacht feiern In den 1960er-Jahren ziehen verkleidete Frauen zur Weiberfastnacht durch Beuel. Die moderne Form des Brauchtums vor der Fastenzeit beruht auf einem Streik aus jenem Bonner-Stadtbezirk, bei dem im 19. Jahrhundert Wäscherinnen ihre Arbeit niederlegten© Unbekannt/Archiv des Alltags im Rheinland/065_089/LVR Am Donnerstag vor Aschermittwoch feiern Frauen deutschlandweit Weiberfastnacht. Der Brauch, der die Geschlechterrollen auf den Kopf stellt, hat eine lange Tradition  Für manch einen Mann ist es der schlimmste Tag des Jahres: Am Donnerstag vor Aschermittwoch stürmen Frauen überall die Rathäuser der Republik – denn an "Altweiber" haben die Frauen das Sagen.  Mit symbolischen Gesten der Machtübernahme der Frauen startet jedes Jahr der Straßenkarneval in Deutschland. Doch woher kommt dieser Brauch eigentlich? Ein Gelage unter Weibern Schon ein Mythos aus der Antike erzählt von einem Fest, bei dem Greisinnen – also betagte Frauen – Fruchtbarkeits- und Wetterzauber zum Jahresbeginn verübten. Für solche Feierlichkeiten gibt es jedoch keine Beweise. Erst für das Mittelalter existieren Zeugnisse, die über den Ursprung des Brauchtums von Weiberfastnacht berichten.  Dokumente aus dem 14. Jahrhundert beschreiben eine frühe Form dieses Rituals: Am Donnerstag vor Aschermittwoch luden einige Städte im Heiligen Römischen Reich Witwen, Ehefrauen und ihre unverheirateten Töchter zu einem Festmahl ein, die Männer waren ausgeschlossen. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Festessen ein wüstes Gelage unter Frauen, bei dem die feiernden Weiber über die abwesenden Männer richteten. Später schwappte diese städtische Sitte auch auf die Bevölkerung auf dem Land über. Wenn sogar die frommen Nonnen feiern Der Begriff ist eine Kombination aus dem Althochdeutschen "fasta" (Fastenzeit) und "naht" (Vorabend). Ursprünglich meinte "Fastnacht" also den Abend direkt vor Beginn der Fastenzeit. Im späteren Mittelalter war dieser Brauch eng mit dem christlichen Kirchenjahr verwoben: Der Ritus markiert das letzte ausgelassene Feiern, bevor 40 Tage der Besinnung und des Verzichts beginnen. Sogar Nonnen zelebrierten dieses Ritual damals schon ausgelassen.  Das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn kann auf Quellen zum Kloster St. Mauritius in Köln zurückgreifen, in dem Benediktinerinnen in den Nächten vor dem Fasten feierten: "Wir haben die Fastnacht in aller Lust passiert, und seindt alle Geistliche verkleidet gewesen und uns recht lustig gemacht, dann in Tag haben wir gedanzt und sprungen, des Nachts, wenn die Frau Äbtissin schlafen ist gewesen, dann haben wir Thee, Kaffe und Chocolade getrunken und mit der Kart gespielt und auf dem Damenbrett gespielt", zitiert das LVR-Institut aus einer Schrift.  Derartige Sitten, bei denen Frauen vor dem Fasten noch einmal richtig über die Stränge schlugen, Regeln der Männer brachen oder "verkehrte Welt" spielten, verbreiteten sich Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem im Rheinland und in der Eifel: Chronisten beschreiben, wie 1810 auf dem Alten Markt ein "wildes Treiben" herrschte, bei dem die Händlerinnen den Männern ihre Hüte vom Kopf rissen. Damals war der Karneval noch ein chaotischer, ungeregelter Brauch, der überall anders gefeiert wurde. In der Eifel erhielten Frauen an Weiberfastnacht ein besonderes Recht: In Gruppen war es ihnen erlaubt, in den Wald zu gehen und dort einen Baum zu fällen, der so dick war, wie die weiteste Taille der korpulentesten Eifelerinnen, so das Baumstammrecht. Danach verkauften die Frauen das Holz, und von dem Geld machten sie sich einen schönen Abend.  Schon immer ging es bei diesem Brauch auch darum, die von Männern geschaffene Weltordnung zu hinterfragen.  Geburtsstunde der Weiberfastnacht  1823 wurde der anarchische Karneval schließlich strukturiert: Damals gründeten einige Kölner ein "Festordnendes Komitee". Seitdem gibt es Uniformen, Karnevalsorden und die Narrenkappe sowie Straßenumzüge. Nur ein Jahr später fuhren Männer der Wäscherfamilien aus dem Bonner Stadtteil Beuel am Donnerstag vor Aschermittwoch die saubere Wäsche in Köln aus. Anschließend blieben sie bei den Karnevalisten und feierten mit.  Doch das gefiel den Frauen zu Hause in Beuel gar nicht. Die Wäscherinnen arbeiteten täglich unter härtesten Bedingungen: Bei jedem Wetter standen sie teilweise bis zu den Knien im Rhein, denn nur im fließenden Gewässer wurde die Wäsche sauber. Als die Männer an jenem Donnerstag nicht zurückkehrten, legten auch sie ihre Arbeit nieder. Die Beuelerinnen setzten sich zusammen, tranken Gerstenkaffee und tratschten über die Verstöße ihrer Männer: Sie berichteten einander über Ehebrüche, Alkoholexzesse und andere Eskapaden ihrer Partner. Schließlich gründeten sie ein Damenkomitee, das gegen die Ausbeutung und Drangsalierung von Frauen durch ihre Männer vorgehen sollte. Damit wollten sie alle Herren, "denen es an dem nötigen Verständnis für die den Frauen zumutbare Arbeitsleistung fehlte, zur Besinnung zu bringen", so das LVR-Institut.  Das Damenkomitee ahndete fortan jegliche Verstöße, Beleidigungen, Handgreiflichkeiten oder sonstige Fehltritte der Männer am Donnerstag vor Aschermittwoch mit Fastnachtspielchen. Dieser Brauch breitete sich rasant auch jenseits von Bonn-Beuel aus und entwickelte sich im Laufe der Zeit weiter: Mancherorts schnitten die Frauen ihren Männern die Schlipse ab, anderswo stürmten sie das Rathaus. Ob Wieverfastelovend, Fettdonnerstag, Altweiber oder Weiberfastnacht: Bis heute feiern Menschen überall in Deutschland den Donnerstag vor Aschermittwoch als einen Tag der Frauen. Um 11.11 Uhr übernehmen sie das Zepter in den deutschen Rathäusern, und der Straßenkarneval beginnt.   2. Die Verteidigung des rheinischen Karnevals und die politische Festkultur im Vormärz 1. Der Auftakt Am 19.2.1822 fand im Gür­ze­ni­cher Ball­saal ein ful­mi­nan­ter Mas­ken­ball „zum Bes­ten der Ar­men“ statt. Das Fest wur­de von mehr als 3.000 Per­so­nen be­sucht und war ein sol­cher Er­folg, dass sich zahl­rei­che Gast­wir­te über ih­ren Ge­schäfts­aus­fall be­schwer­ten und es nicht wie­der­holt wur­de. Statt­des­sen wur­de ein Jahr spä­ter der ers­te Ro­sen­mon­tags­zug ver­an­stal­tet. Der öf­fent­li­che Mas­ken­zug hat­te kirch­li­che Ele­men­te, reichs­städ­ti­sche Sym­bo­le und ak­tu­el­le po­li­ti­sche An­spie­lun­gen zum In­halt. Die Thron­be­stei­gung des Köl­nisch-Was­ser­fa­bri­kan­ten Ema­nu­el Cio­li­na Za­no­li (1796-1832) als „Kö­nig Kar­ne­val“ stell­te nicht nur den Hö­he­punkt des Fest­tags, son­dern auch ei­nen all­ge­mein­ver­ständ­li­chen An­griff auf die be­ste­hen­de Herr­schafts­ord­nung dar, der im An­schluss der Fei­er­lich­kei­ten ver­bo­ten wur­de. Nur ein Jahr spä­ter war aus dem „Kö­ni­g“ der „Held Kar­ne­val“ und aus cir­ca 10.000 Zu­schau­ern ei­ne Mas­sen­an­samm­lung von 50.000 Kar­ne­vals­tou­ris­ten ge­wor­den.  [1] Eintrittskarte zu einem Maskenball in Köln, um 1820. (©Rheinisches Bildarchiv Köln/RBA 104 245) Der ra­san­te Auf­stieg Kölns zum Ver­gnü­gungs­zen­trum der jun­gen preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz ging auf ein­falls­rei­che Wer­be­maß­nah­men der „All­ge­mei­nen Cöl­ni­schen Kar­ne­vals­ge­sell­schaf­t“ (KG), ei­ne auf­wen­di­ge Fest­ge­stal­tung und ei­ne be­gin­nen­de Kom­mer­zia­li­sie­rung des Brauchs zu­rück. Zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts mach­ten mehr und mehr Krä­mer, Kauf­leu­te und Han­dels­frau­en ein Ge­schäft aus der Fast­nachts­zeit, in­dem sie Kar­ne­vals­brief­pa­pier, Nar­ren­ta­bak und an­de­re Er­in­ne­rungs­stü­cke auf den Markt brach­ten. Da­bei stell­te die Nar­ren­kap­pe den grö­ß­ten Kas­sen­schla­ger dar. Sie dien­te ei­ner­seits als ob­li­ga­to­ri­sches Er­ken­nungs­zei­chen, das hei­ßt als Ein­tritts­kar­te für die Fest­ver­an­stal­tun­gen, und wur­de an­de­rer­seits zum sicht­ba­ren „Sym­bol für die Gleich­heit und Ein­tracht al­ler Nar­ren“ [2] er­ho­ben. Mit die­ser Be­deu­tung er­in­ner­te das Tra­gen glei­cher Kap­pen an die Idea­le der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, die wäh­rend der  Fran­zö­si­schen Zeit  im Rhein­land ver­brei­tet wor­den wa­ren. Ob­wohl die Idee ei­ner glei­chen Staats­bür­ger­ge­sell­schaft kei­nes­wegs der so­zia­len Rea­li­tät ent­sprach, wur­de sie nach dem Über­gang von Frank­reich zu Preu­ßen als Fol­ge des Wie­ner Kon­gres­ses 1815 auf­recht­er­hal­ten. Da­bei wur­de das fran­zö­si­sche Ge­richts­we­sen als Ga­rant des ega­li­tä­ren Ge­sell­schafts­ide­als be­trach­tet und als so­ge­nann­tes „Rhei­ni­sches Rech­t“ ver­tei­digt. Auf der Ba­sis des na­po­leo­ni­schen Code Ci­vil si­cher­te es die Gleich­heit vor dem Ge­setz, die Un­ab­hän­gig­keit der Rich­ter und die bür­ger­lich-li­be­ra­len Ei­gen­tums­rech­te. In Ver­bin­dung mit dem Prin­zip der Öf­fent­lich­keit und der Be­tei­li­gung von Ge­schwo­re­nen stand es dem in Preu­ßen seit 1794 gül­ti­gen All­ge­mei­nen Land­recht, den tra­di­tio­nel­len Vor­rech­ten des Adels und den weit­rei­chen­den Ein­griffs­mög­lich­kei­ten des preu­ßi­schen Staa­tes ent­ge­gen. Spä­tes­tens seit den Karls­ba­der Be­schlüs­sen 1819 avan­cier­te das Rechts­we­sen da­her zu ei­ner Art Er­satz­ver­fas­sung – der Kar­ne­val zu ei­nem Er­satz­fo­rum po­li­ti­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on in­ner­halb aus­ge­spro­chen re­strik­ti­ver po­li­ti­scher Struk­tu­ren. [3]  So be­schwer­te sich der Köl­ner Zen­sor Ge­org Karl Phil­ipp von Stru­en­see (1774-1833) 1829 über die Köl­ner Kar­ne­vals­zei­tung. Das Witz­blatt ent­hielt zahl­rei­che ernst­ge­mein­te An­spie­lun­gen – zu­letzt die For­de­rung nach ei­ner Ver­fas­sung – und war nach ob­jek­ti­ven Ge­sichts­punk­ten nicht zu zen­sie­ren. [4] Als Po­li­zei­prä­si­dent, des­sen un­be­lieb­te Stel­lung zum be­lieb­ten Kar­ne­vals­re­per­toire ge­hör­te, er­wirk­te er das Ver­bot der Zei­tung und ei­ne un­er­war­te­te Pro­test­ak­ti­on der Re­dak­teu­re. Kar­ne­vals­prä­si­dent Jo­hann Hein­rich von Witt­gen­stein (1797-1869) und das Kar­ne­vals­ko­mi­tee sag­ten den Ro­sen­mon­tags­zug ab, ver­teil­ten To­ten­zet­tel auf den Kar­ne­val und leg­ten Hans­wurst, ei­ne pro­mi­nen­te Fan­ta­sie­fi­gur, in Ket­ten. [5]  Ne­ben sol­chen auf­se­hen­er­re­gen­den Ak­tio­nen lie­ßen sich po­li­ti­sche Im­pli­ka­tio­nen in Büt­ten­re­den, Lie­dern und Ge­dich­ten auf­spü­ren. Sie wur­den auf den Stra­ßen ge­sun­gen, in der über­re­gio­na­len Pres­se dis­ku­tiert und weck­ten das In­ter­es­se des preu­ßi­schen Staats­ober­haupts. [6]   2. Die (Neu-)Erfindung Am 22.11.1827 er­kun­dig­te sich Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. (Re­gent­schaft 1797-1840) per­sön­lich dar­über, „wel­che Be­hör­de in neue­rer Zeit die Er­laub­niß zu die­sen in Deutsch­land nicht üb­li­chen Volks­be­lus­ti­gun­gen ge­ge­ben ha­be?“ [7]  Die Ver­wal­tungs­be­hör­den an den Re­gie­rungs­prä­si­di­en in  Aa­chen ,  Düs­sel­dorf ,  Ko­blenz ,  Köln  und  Trier  be­müh­ten sich dar­auf­hin, die Kar­ne­vals­be­lus­ti­gun­gen aus mo­ra­li­scher Sicht als völ­lig un­be­denk­lich aus­zu­wei­sen. Ober­prä­si­dent   Karl Frei­herr von In­gers­le­ben  hat­te sich da­von per­sön­lich über­zeugt und die ers­te Ein­la­dung zum Köl­ner Mas­ken­fest 1824 so­wie die Eh­ren­mit­glied­schaft im Kar­ne­vals­ver­ein sei­nes Dienst­sit­zes in Ko­blenz 1828 be­reit­wil­lig an­ge­nom­men. Auch sein Stell­ver­tre­ter de­men­tier­te die so­zia­len Span­nun­gen, die in der Kar­ne­vals­zeit auf­ka­men und ein of­fe­nes Ge­heim­nis wa­ren. [8]  Auf­merk­sa­me Zei­tungs­le­ser er­fuh­ren, dass die Re­gie­run­gen in Köln als „schla­fen­des Ver­wal­tungs­kol­le­gi­um“ [9]  dar­ge­stellt wur­den und auf ei­nem Mas­ken­ball in Ko­blenz „ein Pro­phet mas­kiert den preu­ßi­schen Be­am­ten ge­reim­te und sehr bei­ßen­de Pro­phe­zei­un­gen aus[theil­te].“ [10]  Die­sen An­ek­do­ten der aus­wär­ti­gen Pres­se konn­te ent­ge­gen ge­hal­ten wer­den, dass sa­ti­ri­sche Ver­ball­hor­nun­gen auch an­de­re Au­to­ri­tä­ten, zum Bei­spiel die Kir­che, den Pro­vin­zi­al­land­tag und den Stadt­rat so­wie die Kar­ne­va­lis­ten mit­un­ter selbst, be­tra­fen und „An­grif­fe ge­gen harm­lo­se Men­schen, ge­gen ehr­sa­me Fa­mi­li­en, ge­gen im öf­fent­li­chen Am­te ste­hen­de des all­ge­mei­nen Zu­trau­ens wür­di­ge Per­so­nen“ [11]  von den Ver­ant­wort­li­chen stets ver­ur­teilt wur­den. [12]  Dar­über hin­aus wa­ren die In­itia­to­ren der frü­hen Kar­ne­vals­um­zü­ge von der prak­ti­schen Hil­fe des ört­li­chen Mi­li­tärs ab­hän­gig, in­dem sie auf Pfer­de- und Fuhr­wer­ke zu­rück­grif­fen und sich aus dem Fun­dus der fran­zö­si­schen Mi­li­tär­aus­rüs­tun­gen be­dien­ten. Ihr öf­fent­li­ches Auf­tre­ten konn­te da­her so­wohl als po­si­ti­ve Re­mi­nis­zenz an ver­gan­ge­ne Zei­ten oder aber als an­ti­fran­zö­si­sche Sa­ti­re in­ter­pre­tiert wer­den.  [13] Simon Meister, Der Kölner Rosenmontagszug des Jahres 1836. (©Rheinisches Bildarchiv Köln/RBA 008 054) Die jähr­lich wech­seln­de Nar­ren­kap­pe brach­te die Mehr­di­men­sio­na­li­tät der kar­ne­va­lis­ti­schen Sym­bol­spra­che bei­spiels­wei­se da­durch zum Aus­druck, dass sie ent­we­der die Form ei­ner Ja­ko­bi­ner­müt­ze oder das Aus­se­hen ei­ner preu­ßi­schen Pi­ckel­hau­be an­nahm. [14]  Die Ro­ten Fun­ken in Köln er­in­ner­ten an die reichs­städ­ti­schen Stadt­sol­da­ten, das hei­ßt an die eins­ti­ge Au­to­no­mie der Stadt, und ga­ben gleich­zei­tig „das Bild ei­ner un­dis­zi­pli­nier­ten nicht mu­ti­gen und nie nüch­ter­nen Trup­pe ab“ [15] , das mit dem preu­ßi­schen Mi­li­tär kon­tras­tier­te. Der In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum sol­cher Be­ob­ach­tun­gen war groß und lag im Au­ge des Be­trach­ters, wenn­gleich die „Car­ne­vals-Co­mité-Ge­sell­schaf­t“ laut Stru­en­see „et­wa noch nö­thi­ge In­ter­pre­ta­tio­nen […] im Pu­bli­kum übern[om­men]“ [16]  ha­be. In die­ser Deu­tungs­of­fen­heit lag die Chan­ce zur po­li­ti­schen Mei­nungs­äu­ße­rung be­grün­det, die im Vor­märz viel­fäl­tig er­grif­fen wur­de. Da­bei wur­den die Ver­tre­ter des preu­ßi­schen Staa­tes vor Ort – eben­so wie stets ih­re fran­zö­si­schen Vor­gän­ger – im ne­ga­ti­ven eben­so wie im po­si­ti­ven Sin­ne in den tra­di­tio­nel­len  Brauch in­te­griert und tru­gen mit um­fang­rei­chen Ver­wal­tungs­re­cher­chen zu des­sen Er­halt bei.  [17]   Not­wen­dig war die­se au­ßer­ge­wöhn­li­che Hil­fe da­durch, dass ei­ne Ka­bi­netts­or­der vom 20.3.1828 be­stimm­te, dass „Fast­nachts­mas­ke­ra­den nur in den grö­ße­ren Städ­ten, und auch in die­sen, nur dann er­laubt sein [soll­ten], wenn sie da­selbst von al­ters­her her­kömm­lich statt­ge­fun­den“ [18] hat­ten. Je mehr sich das preu­ßi­sche In­nen­mi­nis­te­ri­um für die Fes­te am Rhein in­ter­es­sier­te, des­to tie­fer muss­te man in den Ak­ten gra­ben. Wo Be­weis­stü­cke in Form von Zei­tungs­be­rich­ten und Ge­set­zes­tex­ten fehl­ten, wur­den die Er­in­ne­run­gen hoch­be­tag­ter Ein­woh­ner oder – recht prag­ma­tisch – die Ar­men­rech­nun­gen der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te an­ge­führt. Da Ab­ga­ben auf öf­fent­li­che Lust­bar­kei­ten in al­len Städ­ten – wie im Üb­ri­gen auch in Tei­len der öst­li­chen Pro­vin­zen Preu­ßens  – gän­gig und ins­be­son­de­re in der Kar­ne­vals­zeit der Düs­sel­dor­fer Re­gie­rung zu­fol­ge „nicht un­be­deu­ten­d“ [19] wa­ren, eig­ne­ten sie sich als Be­weis­stück. [20] In Aa­chen und in Köln be­tru­gen die­se „Ab­ga­ben von Con­cer­ten, Feu­er­wer­ken, Kunst­aus­stel­lun­gen, Ma­rio­net­ten, Seil­tän­zen, Wachs­fi­gu­ren-Ca­bi­net­ten und Pan­ora­mas […] von den ge­wöhn­li­chen Bäl­len – zehn Pro­zent der Brut­to-Ein­nah­men, von den Mas­quen-Bäl­len fünf und zwan­zig Pro­zent der Brut­to­ein­nah­men.“ [21] Da die füh­ren­den Mit­glie­der der Köl­ner KG die­sem Gre­mi­um (und dem Stadt­rat) an­ge­hör­ten, war es ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass die Ver­gnü­gungs­steu­ern und ein Teil der Fest­ein­nah­men der not­dürf­ti­gen Be­völ­ke­rung zu­gu­te­kam. [22] Mit die­sen und an­de­ren Ar­gu­men­ten wur­den die Stadt­rä­te Franz Ja­cob von Her­wegh (1773–1848), Jo­seph Clas­sen (1761–1844), Jo­hann Phil­ipp Bier­mann (1767–1850), Ja­cob Her­mann Mo­li­na­ri (1768–1831), Ja­cob Jo­hann Ly­vers­berg (1761–1834) und Fried­rich Si­mons (1764–1834) am 15.4.1830 bei der Re­gie­rung vor­stel­lig. Vor al­lem die Bil­dung ei­nes „fest­ord­nen­den Co­mité­s“ [23] , das aus An­ge­hö­ri­gen der Ober­schicht ge­bil­det wur­de und sich für den Ab­lauf der Fei­er­lich­kei­ten ver­ant­wort­lich zeig­te, konn­te dem in Ber­lin vor­herr­schen­den Ein­druck ei­nes un­sitt­li­chen Brau­ches ent­ge­gen­wir­ken. Die dar­auf­hin aus­ge­ar­bei­te­te Fest­ord­nung kann da­her als (Neu-)Er­fin­dung ei­ner Tra­di­ti­on be­wer­tet wer­den, die seit Jahr­hun­der­ten be­stand, und den preu­ßi­schen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen an­ge­passt wur­de. Gleich­sam war die­se ge­wünsch­te Ord­nung nach Au­ßen mit ei­ner Struk­tu­rie­rung im In­nern ver­bun­den, die die Herr­schafts­ver­hält­nis­se im ge­schlos­se­nen Ver­eins­le­ben durch par­la­men­ta­ri­sche und pseu­do-mi­li­tä­ri­sche Prak­ti­ken ei­ner­seits imi­tier­te, kon­ter­ka­rier­te und zum Teil de­mo­kra­ti­sier­te. [24] An­de­rer­seits wi­der­spra­chen be­grenz­te Zu­gangs­mög­lich­kei­ten und die Ver­ga­be von Äm­tern, Ti­teln und Eh­ren­zei­chen dem da­hin­ter­ste­hen­den Gleich­heits­ge­dan­ken, so­dass die „po­li­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on im Kar­ne­val“ spä­tes­tens in den 1840er Jah­ren „zu ei­nem Syn­onym für die po­li­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on im Staa­t“ [25] wur­de. [26] Doch vor­erst blieb das Recht auf öf­fent­li­che Mas­ken­um­zü­ge der Dom­stadt vor­be­hal­ten, was die an­de­ren rhei­ni­schen Städ­te al­ler­dings nicht dar­in hin­der­te, Kar­ne­vals­ver­ei­ne zu grün­den, die das Köl­ner Re­gel­werk ad­ap­tier­ten und die Be­völ­ke­rung in­te­grier­ten. So wur­de aus der An­fahrt der Gäs­te zum städ­ti­schen Mas­ken­ball im Thea­ter von Ko­blenz 1830 ein öf­fent­li­ches Gro­ße­reig­nis, das ei­nem Um­zug na­he­kam und aus der Nar­ren­kap­pe 1834 ei­ne blau-weiß-ro­te Ja­ko­bi­ner­müt­ze, die zum end­gül­ti­gen Mas­ken­ver­bot am Ver­wal­tungs­sitz der Rhein­pro­vinz führ­te. Doch da­für scheint es zu spät ge­we­sen zu sein. Staats­mi­nis­ter Gus­tav von Brenn (1772-1838) hat­te be­reits „das un­ver­bürg­te Ge­rüch­t“ aus Köln ge­hört, dass in­fol­ge des Ver­bots „ei­ne An­zahl Co­blen­zer Ein­woh­ner im Naus­saui­schen Esel ge­mie­thet, und auf die­sen mit Trau­er­flor be­han­gen, nach Co­blenz ha­ben ein­zie­hen wol­len.“ Auch wuss­te er, dass „meh­re­re an­ge­se­he­ne Ein­woh­ner in Co­blenz und selbst Re­gie­rungs­be­am­te zum Car­ne­vals Co­mité ge­hör[t]en, letz­te­re aber ih­re Er­klä­rung da­für ge­hal­ten [hät­ten], daß für den Fall ei­ne Lis­te sämmt­li­cher Mit­glie­der ein­ge­reicht wer­den soll­te, man ih­re Na­men weg­las­sen möch­te, was ih­nen auch zu­ge­stan­den wor­den sey.“  [27]   Die­se Be­haup­tung kam nicht von un­ge­fähr, denn kur­ze Zeit spä­ter wur­den elf an­ge­se­he­ne Her­ren vor das Ko­blen­zer Frie­dens­ge­richt ge­la­den. Ih­re An­zahl hat­te Sym­bol­cha­rak­ter, denn sie soll­ten dort „auf Eh­re und Ge­wis­sen“ Aus­sa­gen über die his­to­ri­sche Her­kunft des städ­ti­schen Kar­ne­vals tref­fen und das frag­li­che Ge­wohn­heits­recht nach­wei­sen. In­iti­iert wur­de das Gan­ze von der sechs­köp­fi­gen Kar­ne­vals­di­rek­ti­on, die seit 1824 die Fast­nachts­fei­er­lich­kei­ten nach dem Vor­bild Kölns or­ga­ni­sier­te. Ihr ge­hör­ten zwei Kauf­män­ner und je­weils ein Gast­wirt, ein Gold­ar­bei­ter, ein Ad­vo­ka­t­an­walt und ein Stadt­rat – Satt­ler Con­rad Hass­la­cher (1801–1874), der Bru­der des an­ge­hen­den Aa­che­ner Land­rats Franz Karl Hass­la­cher (1805-1881) – an. Die Zeu­gen re­prä­sen­tier­ten die städ­ti­sche Ober­schicht und die lo­ka­le Be­am­ten­schaft. Es han­del­te sich um den ehe­ma­li­gen Mai­re und preu­ßi­schen Steu­er­di­rek­tor Jo­hann Do­mi­nic Gay­er (1771–1861), den Do­mä­nen­in­spek­tor Gos­win Linz (1774–1841), den Land­wehr­haupt­mann Trap­pet, den kur­trie­ri­schen Hof­rat und eins­ti­gen Steu­er­ein­neh­mer Marx Aloys Pott­gei­ßer (1762–1839), den ehe­ma­li­gen Ho­fin­ge­nieur und Bür­ger­meis­ter von Eh­ren­breit­stein Ja­kob von Kirn (1767–1850) und den Han­dels­ge­richts­prä­si­den­ten, Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten und Bei­ge­ord­ne­ten Ja­kob Reiff (1771–1848). Bä­cker Va­len­tin Ne­bel und die Kauf­leu­te Menn, Col­lig und Mül­ler ka­men hin­zu. Fünf von ih­nen hat­ten zeit ih­res Le­bens ein Stadt­rats­man­dat aus­ge­übt. Der Stadt­rat selbst hat­te be­reits ein schrift­li­ches Gut­ach­ten an das Ober­prä­si­di­um über­mit­telt und sich für den Er­halt des Kar­ne­vals ein­ge­setzt. Vor Ge­richt gab Ma­ler Con­rad Ha­cken­bruch (1773–1837) an, die Mas­ken­zü­ge des letz­ten Trie­rer Kur­fürs­ten „selbst mit­ge­macht, bei­ge­wohnt und sehr da­zu mit­ge­wirk­t“ zu ha­ben. Ein­hel­lig rie­fen sich die üb­ri­gen An­we­sen­den die­se Mas­ke­ra­den ins Ge­dächt­nis und er­klär­ten, dass sie die lan­ge Tra­di­ti­on der Kar­ne­vals­be­lus­ti­gun­gen ih­rer Hei­mat­stadt „je­der­zeit eid­lich zu be­stä­ti­gen be­reit sei­en.“  [28]   Roter Funken, 1851/1875. (©Rheinisches Bildarchiv Köln/RBA C 101520) Tat­säch­lich hat­te Kur­fürst   Cle­mens Wen­zes­laus von Sach­sen  (1739–1812) zu­letzt 1787 ver­ord­net, dass „ein öf­fent­li­cher Mas­quen­ball un­¬­ter ob­rig­keit­li­cher Auff­sicht ge­hal­ten“ wer­den durf­te, „um die Be­lus­ti­gun­gen und öf­fent­li­chen Zu­sam­men­künf­te wäh­rend der Car­ne­vals-Zeit (von 3 Kö­ni­gen Tag bis Ascher­mitt­woch) in den Schran­ken der Ehr­bar­keit zu er­hal­ten, auch vie­le Aer­ger­nis­se und Ru­he­stö­run­gen der Mit­bür­ger zu be­sei­ti­gen.“ [29]   Dies konn­te ab­schlie­ßend auch Frie­dens­rich­ter An­selm Jo­seph Bur­ret (1770–1840) als An­ge­hö­ri­ger ei­ner kur­trie­ri­schen Be­am­ten­fa­mi­lie „aus ei­ge­nem Wis­sen“ be­stä­ti­gen und um die Be­ob­ach­tung er­gän­zen, dass  „der­glei­chen Volks­be­lus­ti­gun­gen wäh­rend der chur­trie­ri­schen Re­gie­rung gern ge­se­hen; und wäh­rend der fran­zö­si­schen Re­gie­rung von den Be­hör­den durch ge­äu­ßer­te Wün­sche aus Po­li­tik da­zu auf­ge­for­dert wur­de, um das Volk durch sein Le­ben in den frü­he­ren Freu­den mit der Neu­heit der Re­gie­rung aus­zu­söh­nen.“ Sein Ab­schluss­plä­doy­er glich ei­ner Hand­lungs­emp­feh­lung, die schlie­ß­lich be­folgt wur­de.  [30] Kurfürst Clemens Wenzeslaus nebst Gefolge beim Koblenzer Karneval 1904. Vier Reiter vor dem Kurfürstlichen Schloss. (StAK FA 4,21 Nr. 7 Bild 245) 3. Das Nachspiel Die kö­nig­li­che Er­laub­nis für öf­fent­li­chen Mas­ke­ra­den in Ko­blenz er­folg­te am 19. Ja­nu­ar 1835 und wur­de in den dar­auf­fol­gen­den Jah­ren auf Düs­sel­dorf, Aa­chen, Trier, Bonn und die üb­ri­gen Städ­te und Dör­fer der Rhein­pro­vinz aus­ge­dehnt. Die Ver­tei­di­gung des rhei­ni­schen Kar­ne­vals war folg­lich mit dem Fort­be­stand des fran­zö­si­schen Jus­tiz­sys­tems und dem so­ge­nann­ten „Kampf um das Rhei­ni­sche Rech­t“ ver­bun­den.  [31]   Fort­an wa­ren sub­ti­le For­men po­li­ti­scher Mei­nungs­äu­ße­rung zu­min­dest ein­mal im Jahr mög­lich und die „Po­li­ti­sie­rung und Po­la­ri­sie­run­g“ [32]  des rhei­ni­schen Kar­ne­vals nicht mehr zu leug­nen. In Köln be­fand man sich be­reits 1837 in dem Di­lem­ma, be­rech­tig­te For­de­run­gen, den Kar­ne­val ab­zu­sa­gen, aus sym­bol­po­li­ti­schen Grün­den ab­zu­wei­sen. [33]  Nach der In­haf­tie­rung des Köl­ner Erz­bi­schofs  Cle­mens Au­gust von Dros­te zu Vi­sche­ring  (1773–1845) am 20.11.1837 be­fürch­te­te man nicht nur kon­fes­sio­nel­le Span­nun­gen und öf­fent­li­che Aus­schrei­tun­gen, son­dern auch die auf­se­hen­er­re­gen­de Wir­kung sol­cher Kar­ne­vals­ver­bo­te. Die Köl­ner Re­gie­rung ach­te­te da­her pe­ni­bel auf die rei­bungs­lo­se Durch­füh­rung der Fei­er­lich­kei­ten, wo­hin­ge­gen der Aa­che­ner Stadt­rat die Thea­ter­räu­me für den all­jähr­li­chen Mas­ken­ball un­ter Ver­schluss hielt. Ob­wohl die of­fi­zi­el­le Kar­ne­vals­er­laub­nis des Kö­nigs noch aus­stand, hat­te der dor­ti­ge Re­gie­rungs­prä­si­dent Ja­cob Chris­toph von Cu­ny (1779–1848) der Flo­res­ei-Kar­ne­vals­ge­sell­schaft be­reits sei­ne per­sön­li­che Zu­stim­mung er­teilt. In der Kon­se­quenz muss­te sich der Rat – dem nach ei­ge­nen Aus­sa­gen vier Pro­tes­tan­ten und ei­ni­ge Mit­glie­der der Kar­ne­vals­ge­sell­schaft an­ge­hör­ten – of­fe­nen An­fein­dun­gen und dem wie­der­hol­ten Vor­wurf des man­geln­den Wohl­tä­tig­keits­sinns stel­len. Auch soll „von meh­rern Sei­ten die Un­ter­stel­lung ins Pu­bli­kum ver­brei­tet [wor­den sein], als ha­be die Ver­wei­ge­rungs­hal­tung […] mehr ih­ren Grund in den jetzt ob­wal­ten­den Erz­bi­schöf­li­chen Ver­hält­nis­sen als in der Sor­ge für die Er­hal­tung des Lo­cals.“ [34]  Da­ge­gen er­ho­ben 22 Rä­te in ei­ner schrift­li­chen Ein­ga­be bei der Re­gie­rung Ein­spruch und er­hiel­ten die nüch­ter­ne Ant­wort, dass „das Col­le­gi­um des Stadt­raths als Or­gan und Re­prä­sen­tant der Stadt ei­ne zu ho­he und wür­di­ge Stel­lung ein­nimmt, als daß das­sel­be durch An­spie­lun­gen und Wit­ze­lei­en in sei­ner Eh­re und in sei­nem An­se­hen ver­letzt wer­den kön­ne.“  [35] Am En­de der 1830er Jah­re kün­dig­te sich das an, was den Kar­ne­val im Vor­feld der Re­vo­lu­ti­on 1848/49 präg­te: ein un­durch­sich­ti­ges Wech­sel­ver­hält­nis zwi­schen kar­ne­va­lis­ti­schen und po­li­ti­schen Aus­drucks- und Re­prä­sen­ta­ti­ons­for­men, das zen­tra­le Par­tei­bil­dungs­pro­zes­se und po­li­ti­sche For­de­run­gen – al­len vor­an je­ne nach der ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­an­ke­rung bür­ger­li­cher Gleich­heits­idea­le – vor­weg­nahm. Oder wie der Bon­ner Pro­fes­sor  Gott­fried Kin­kel  (1815–1882) in ei­ner sei­ner Büt­ten­re­den for­mu­lier­te: „Rufts mit lau­tem Schall! Bür­ger sind wir all!“  [36]             Verlinkungen: -> Quellen: Internetquellen -> Wegmann, Rebecca: Warum wir Weiberfasnacht feiern, in: geo.de, online verfügbar seit 12.02.2026 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/wenn-frauen-die-macht-uebernehmen--der-ursprung-der-weiberfastnacht-37122734.html , zuletzt geprüft am 15.02.2026.  -> Thielen, Katharina, Die Verteidigung des rheinischen Karnevals und die politische Festkultur im Vormärz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-verteidigung-des-rheinischen-karnevals-und-die-politische-festkultur-im-vormaerz/DE-2086/lido/62fcd36c3ee508.45432920 (abgerufen am 15.02.2026) -> Sekundärliteratur -> -> -> Modegeschichte Inhaltsverzeichnis 1. Die Jeans, eine Erfolgsgeschichte aus Genua 1. Die Jeans, eine Erfolgsgeschichte aus Genua Sie gilt als US-Exportschlager. Doch schon lange, bevor Cowboys und Goldgräber im 19. Jahrhundert die Jeans für sich entdeckten, trugen ligurische Hafenarbeiter blaue Baumwollhosen. Merkt man eigentlich auch schon am Namen. Der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi mit seinen Truppen - und blauer Baumwollhose (Illustration von 1860) Foto: Granger / ullstein bild Genua, Via Tommaso Reggio 20r: In einer schmalen Gasse im Herzen der Altstadt liegt das Diözseanmuseum. In unmittelbarer Nähe zur Kathedrale San Lorenzo lagern Kostbarkeiten aus der Stadt- und Kirchengeschichte Genuas. Im Obergeschoss des Gebäudes schlummert in gedämpftem Licht ein Schatz aus dem 16. Jahrhundert. Das Besondere: Das Prunkstück erstreckt sich über mehrere Meter und ist eng mit der Geschichte der Jeans verbunden. Wenige Häuserblöcke entfernt schlendert Monica Bruzzone durch den Alten Hafen und setzt sich auf eine Bank. »Diese Stadt hat internationale Modegeschichte geschrieben, denn hier steht die Wiege der Jeans. Ihre Wurzeln liegen nicht, wie oft angenommen, in den Vereinigten Staaten, sondern im Herzen des alten Genuas«, sagt Bruzzone. Die promovierte Architektin weiß, wovon sie spricht. An der örtlichen Universität hat sie sich seit 2014 über Jahre in einem interdisziplinären Forschungsteam mit der Geschichte der legendären Hose beschäftigt. Ein Blick in die Stadtgeschichte macht deutlich, wovon Bruzzone spricht. Nach ihrer Unabhängigkeit steigt die Republik Genua zu einer wichtigen See- und Handelsmacht im Mittelmeerraum auf. Ihr Reichtum verhilft der Stadt am Golf Liguriens bald zum Beinamen »La Superba«, zu Deutsch die Großartige. Ein wichtiger Faktor für den Erfolg sind Textilien. Genua ist nicht nur Umschlagplatz, sondern auch Produktionszentrum gefragter Stoffe. Der Alte Hafen von Genua (Aufnahme von 2023) Foto: Larisa Shpineva / Zoonar / IMAGO Wegen steigender Wollpreise und des wachsenden Bedarfs an preisgünstigen Textilien setzen die Handwerker der Stadt im Mittelalter zunehmend auch auf Pflanzenfasern. Baumwolle aus Nordafrika und Süditalien findet ebenso ihren Weg in die Stadt wie Leinen. Die Genuesen experimentieren im Laufe der Zeit mit verschiedenen Mischverhältnissen der Fasern und schaffen so diverse Textilien. Eine Kreation erweist sich dabei als Verkaufsschlager: Es ist ein äußerst robuster und dennoch weicher Stoff, Fustagno genannt. Zunächst ein Mischgewebe, dessen Baumwollanteil im Laufe der Zeit immer weiter steigt und das zu einem Markenzeichen der Stadt wird. Das Besondere: Das Gewebe wird mit Indigo sattblau gefärbt. Das Arbeiten mit dem Farbstoff hat in Genua Tradition – bereits seit dem zwölften Jahrhundert wird er dort eingesetzt. Zunächst ein kostspieliges Unterfangen, denn der aus Pflanzen gewonnene Stoff muss auf dem Landweg vor allem aus Asien nach Europa kommen. Nachdem Vasco da Gama Ende des 15. Jahrhunderts den Seeweg nach Indien entdeckt hat, beschleunigt sich der Warentransfer zwischen den Kontinenten. Ein Impuls auch für das Textilgewerbe Genuas, das nun günstiger an Indigo und andere Waren gelangt. So kommt das Färben mit Indigo ab dem 16. Jahrhundert dort immer stärker in Mode. Der Fustagno eignet sich dafür besonders gut, denn die Farbpigmente binden hervorragend an seinen rauen Fasern. Ohne den Zusatz weiterer Komponenten entsteht eine intensive und lang anhaltende Blaufärbung des Gewebes. Zurück im Museum des Erzbistums. Der angesprochene Schatz schimmert nicht in Gold, sondern in Blau. Es ist das Werk »Teli della Passione« von Teramo Piaggio und anderen Künstlern, ab 1538 entstanden. Auf 14 Gemälden stellt es den Leidensweg Christi dar. Das Besondere: Piaggio malt sein Werk damals mit weißer Farbe auf blaue Tücher genuesischer Weber. »Dieses indigoblaue Mischgewebe gilt als künstlerischer Vorläufer des Jeansstoffs und gibt uns bis heute einen realistischen Eindruck davon, welche Farbintensität und Qualität die Stoffe damals hatten« , so Bruzzone. Der Stoff spielt bald in vielen Bereichen des städtischen Alltags eine wichtige Rolle. Hafenarbeiter und Seeleute schätzen das leichte und dennoch widerstandsfähige Material, das sich einfach und günstig reparieren lässt und durch seine blaue Farbe Schmutz gut kaschiert. Lange, bevor Cowboys in Jeans durch die nordamerikanische Wildnis reiten, trägt man in Genua bequeme Hosen aus blauem Baumwollstoff. Wie verbreitet diese frühe Jeansmode in der Geburtsstadt des Seefahrers Christoph Kolumbus damals ist, zeigen lokale Krippenfiguren aus dem 18. Jahrhundert. Ausstaffiert mit Hosen und Mänteln aus blauem Fustagno geben sie bis heute Einblick in das damalige Alltagsleben Genuas. Krippenfiguren aus dem 18. Jahrhundert im Jeansmantel Foto: SPIEGEL TV Der blaue Baumwollstoff aus Genua wird zum Exportschlager. Zwar ist er qualitativ nicht so hochwertig wie vergleichbare Produkte aus Mailand oder Piacenza, spricht aber mit seinem geringeren Preis internationale Interessenten an. Im Hafen von London etwa wird er im großen Stil gehandelt. In den Registern der Schiffe, die dort aus Genua einlaufen, wird der Stoff mit dem Mittelalterlateinischen Namen seines Herkunftsortes gelistet: »Janua« ist dort zu lesen. »In der englischen Aussprache wird im Laufe der Zeit aus diesem Namen das Wort Jeans. Ab Mitte des sechzehnten Jahrhunderts dient dieser Begriff als Bezeichnung für den festen Baumwollstoff aus Genua. Unsere Stadt ist also nicht nur die Wiege der Jeans. Die Hose trägt den Namen Genuas bis heute in sich«, sagt Bruzzone. Eine andere Theorie führt den Namen der Jeans auf die französische Bezeichnung der italienischen Stadt zurück: Aus »Gênes« soll so Jeans geworden sein. Beide Theorien eint, dass die ligurische Stadt demnach Namenspate für die Hosen wäre. Über London gelangt der Jeansstoff auch nach Nordamerika. Auf der anderen Seite des Atlantiks sind robuste Baumwollstoffe aus Europa heiß begehrt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist es hier der deutsche Auswanderer Levi Strauss , der im Westen der USA die Geschichte der Jeans weiterschreibt. Gemeinsam mit dem Schneider Jacob Davis entwickelt er das moderne Design der Hosen und macht diese durch Nieten und Nähte noch robuster. Im Mai 1873 sichern sich die beiden ein Patent für ihre Idee und gelten seither als Schöpfer der modernen Jeans  . Vermeintlicher Jeans-Erfinder Levi Strauss Foto: Fotosearch / Getty Images Doch auch in Italien wird im 19. Jahrhundert weiter an der Geschichte der Jeanshosen geschrieben. Der Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi unterstützt die Bestrebungen zur Gründung eines italienischen Nationalstaates. Eine wichtige Etappe auf dem Weg zu diesem Ziel ist der sogenannte Zug der Tausend. Im Mai 1860 bricht Garibaldi dazu mit einem Heer von Kämpfern von Genua aus nach Sizilien auf. Sein Ziel: die Herrschaft der Bourbonen über die Insel zu beenden. Das Besondere: Garibaldi verlässt Norditalien in blauen Baumwollhosen – auch seine Männer tragen Klamotten aus Jeansstoff. Wer hätte gedacht, dass der italienische Nationalstaat in Blue Jeans erkämpft wurde? Die Expedition wird ein Erfolg und trägt zur Gründung eines eigenen italienischen Staates   im Jahr 1861 bei, auch wenn der anders als von Garibaldi erhofft zunächst ein Königreich wird. Nach ihrem Museumsbesuch läuft Monica Bruzzone über die nahe gelegene Piazza de Ferrari, einen der beliebtesten Plätze der Stadt. Hier steht ein Denkmal Garibaldis. Seine Geschichte ist in Genua allgemein bekannt, im Gegensatz zur Historie der berühmten Hosen. »Die Geschichte der Jeans ist hier in Genua leider nicht weitverbreitet. Ich hoffe, dass unsere Forschung dazu beiträgt, das zu ändern. Die Genuesen können stolz auf ihren Beitrag zur Geschichte der Jeans blicken«, sagt Bruzzone.       Verlinkungen: -> Quellen: Internetquellen -> Behrendt, Hendrik: Die Jeans, eine Erfolgsgeschichte aus Genua, in: Spiegel Geschichte, online verfügbar seit 07.02.2026 unter: https://www.spiegel.de/geschichte/jeans-wie-die-blaue-baumwollhose-aus-genua-die-welt-eroberte-a-ac105d83-b4d4-4fa2-89c4-b68644f922a3 , zuletzt geprüft am 12.04.2026. -> -> Sekundärliteratur -> -> -> Mythen und Sagen Inhaltsverzeichnis Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht. Nibelungensage. Ein Epos aus uralten Zeiten. Siegfried von Xanten. Hauptfigur der Nibelungensage Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer 1. Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht.  Die Form, in der die Brüder Grimm diese Geschichte 1816 in ihre Sagensammlung aufgenommen haben, wurde ein Welterfolg, jeder kennt sie. Der Rattenfänger von Hameln wurde zur berühmtesten deutschen Sagengestalt mit globaler Ausstrahlung bis in die USA und nach China. Doch schon in der frühen Neuzeit machte die Geschichte vom »Bunting« die Runde, so wird der ominöse Pfeifer in einer Version des 16. Jahrhunderts genannt, der erst Mäuse und Ratten aus der Stadt führt mithilfe magischer Flötentöne und dann die Kinder auf Nimmerwiedersehen fortlockt, weil ihm der Stadtrat seinen Lohn verweigert. Für Hameln jedenfalls ist die Sage ein wirtschaftlicher Segen, denn die Legende lockt alljährlich Abertausende von Touristen aus aller Welt in die kleine Stadt an der Weser, um jenen Ort schaudernd zu besuchen, in dem einst der bunte Rattenfänger sein gutes Werk verrichtete, vor allem aber grausame Rache übte an den wortbrüchigen Hamelnern. »Anno 1284 am Dage Johannis et Pauli war der 26.Juli / Dorch einen Piper mit Allerley Farve bekledet gewesen CXXX Kinder verledet binnen Hameln geboren / To Calvarie bi den Coppen verloren.« So lautet die Inschrift aus dem 17. Jahrhundert am sogenannten Rattenfängerhaus in Hameln, einem herrlichen Beispiel der Weserrenaissance. Frühere Belege des für die Kindseltern grausamen Geschehens gibt es in der Lüneburger Handschrift von 1430: »Zu vermelden ist ein höchst seltenes Wunderzeichen, das sich in der Stadt Hameln im Jahre des Herr 1284 gerade am Tage des Johannes und Paulus ereignete. Ein Jüngling von dreißig Jahren, schön und überaus wohl gekleidet, trat über die Brücke und durch das Wesertor (in die Stadt) ein. Auf einer silbernen Flöte von wundersamer Form begann er sodann durch die ganze Stadt hin zu pfeifen. Und alle Kinder, die diese Flöte hörten, an Zahl etwa 130, folgten ihm zum Ostertore hinaus zur sogenannten Kalvarien- und Gerichtsstätte. Dort verschwanden und entwichen sie, daß niemand aufspüren konnte, wo eines von ihnen geblieben war. Dieses habe ich in einem alten Buchege funden. Und die Mutter des Herrn Dekans Johann von Lüde sah die Kinder fortziehen.« Immerhin wird hier sogar eine Zeugin benannt, die zur Tatzeit etwa zehn bis vierzehn Jahre alt war. Also gibt es früh eine mündliche Erzähltradition. Keine Rede ist allerdings in den alten Zeugnissen von Ratten. Dieser Teil der Sage wurde erst 1565 mit dem Hamelner Kinderverlust verbunden. Geschichten von sonstigen Rattenfängern waren damals weit verbreitet. Erst in der kombinierten Form wurde daraus die unsterbliche Legende vom erfolgreichen Rattenfänger von Hameln, der aus Rache zum Kinderentführer wird und in der Rezeptionsfolge rasch Teufelszüge annahm. Zugleich aber begann die Suche nach einer realen Vorgeschichte ohne mythische Fantasie. Gottfried Wilhelm Leibniz etwa spekulierte, ob der Auszug der 130 Kinder vielleicht auf den Kinderkreuzzug von 1212 hindeute. Andere vermuteten für das Kinderverschwinden eine Pestepidemie oder aus, dass die Hamelner Kinder vielleicht Werbern für die KoIonisation im Osten folgten. Die traten meist in Begleitung eines Trommlers und Pfeifers auf. In der Version der Brüder eines Trommlers und Pfeifers auf. In der Version der Brüder Grimm ist von Siebenbürgen die Rede, wo die Kinder wiederaufgetaucht sein sollen. Andere Forscher wollten anhand von Personennamen die Auswanderer in Mähren vermuten. Die in dieser Hinsicht haltbarste These hat der Namensforscher Jürgen Udolph entwickelt. Nach seinen Recherchen und Überlegungen sind die Hamelner wohl in die Gegenden nördlich von Berlin in die Prignitz und die Uckermark gezogen. Das beweisen nach Udolph dortige Ortsnamen; Auswanderer würden gerne in der neuen Heimat die alten Ortsbenennungen wieder verwenden. So findet sich etwa in der Wesergegend Hamelspringe, wo die Hamel entspringt und bei Hameln in die Weser mündet. In der Uckermark gibt es Hammelspring, obwohl dort keine Hamelquelle existiert. Dass es Auswanderer aus dem Weserbergland in diese östlichen Gegenden gezogen hat, gilt als sicher. Das ist trotzdem kein absoluter Beweis für den Grund des Verschwindens. In der Trauer der Eltern schimmert nämlich noch etwas quälend Traumatisches durch, so, als als gäbe es im Hintergrund eine irgendwie düstere Schuld am Verlust der Kinder. Die schwärzeste These entwickelt Fanny Rostek-Lühmann literaturpsychoanalytisch. Sie sieht in der Sage den Wunsch der Eltern verborgen, die Kinder, im Mittelalter oft hungrige, lästige Mitesser, auf immer loszuwerden. Im Hamelner Messbuch Passionale, der frühesten Überlieferung angeblich aus dem 14. Jahrhundert, gibt es keinen Kinderfänger, sondern nur lateinisch »rei«, Schuldige. Liegt der Sage womöglich ein Unglück, gar eine Untat zugrunde, für die man den Rattenfänger dringend als entlastenden Sündenbock erfinden musste? 2. Nibelungensage. Ein Epos aus uralten Zeiten. Das Nibelungenlied, um 1200 verfasst, scheint ein grausames Märchen zu sein: ein übermenschlicher Held, das Bad im Drachenblut, eine Tarnkappe. Und doch verbirgt sich hinter der Sage eine wahre Geschichte – vom Untergang zweier Germanenreiche 1924 verfilmt Fritz Lang die Sage von Siegfried, dessen Frau Kriemhild und dem finsteren Hagen von Tronje. In monumentalen Bildern erzählt er vom Schicksal des jungen Recken Siegfried (hier Paul Richter), der den Schatz des Königs Nibelung raubt, erzählt von Mord, Verrat und ewiger Treue. Das Bad im Blut des Drachen, das Siegfried fast unverwundbar macht, weist möglicherweise auf den realen Kampf der Germanen gegen die Römer (Foto: picture alliance | Collection Christophel | RnB | UFA) Uns ist in alten maeren – wunders vil geseit , schreibt vor rund 800 Jahren ein unbekannter Dichter: „Uns wird in alten Geschichten vom Wunderbaren viel erzählt.“ Und dann reiht er Zeile an Zeile. Niemand weiß, wie lange er an seinem Werk arbeitet, Jahre werden es wohl sein. Am Ende sind es mehr als 2300 Strophen: ein Heldenepos über Krieger und Spielleute, Königinnen und Jungfrauen, über Drachen, Zwerge und einen fluchbeladenen Schatz. Eine Geschichte von Treue und Verrat, von Liebeshochzeit und Brudermord, von Festen und Zweikämpfen. Ein Drama, das in Glanz und Abenteuer beginnt, doch in Feuer und Blut endet. Eine Erzählung, deren Wurzeln tief in die germanische Zeit zurückreichen, deren Wirkung aber noch heute spürbar ist: das Nibelungenlied. Das deutsche Nationalepos. Es ist die Geschichte vom Glück und Verhängnis der Burgunderprinzessin Kriemhild. Ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher herrschen als Könige am Hof der Burgunder in Worms über das Reich am Rhein. Ihr wichtigster Ratgeber ist der finstere Hagen von Tronje. Eines Tages erscheint dort Siegfried, Königssohn aus dem kleinen Reich von Xanten am Niederrhein: ein Held, der von Kriemhilds legendärer Schönheit gehört hat und sie heiraten will. Hagen seinerseits hat bereits von dem Krieger vernommen und berichtet seinen monarchischen Herren warnend von dessen Taten. In einem fernen Land – „gut hundert lange Meilen oder mehr“ von Island entfernt – habe Siegfried die Söhne des Königs Nibelung mit seinem legendären Schwert Balmung erschlagen und deren Schatz geraubt sowie dem Zwerg, der den Schatz bewachte, eine Tarnkappe abgenommen, die unsichtbar macht und übermenschliche Kräfte verleiht. Zudem habe Siegfried einen Drachen erstochen und in dessen Blut gebadet, was seine Haut unverwundbar macht. Trotzdem wird Siegfried in Worms gastlich aufgenommen. Doch bevor er Kriemhilds Hand erhalten kann, soll er Gunther bei einem Abenteuer beistehen. Schon bald segelt Siegfried mit ihm nach Island, wo Brünhild herrscht – eine Königin mit magischen Kräften, solange sie jungfräulich bleibt. Gunther will sie zur Gemahlin gewinnen. In drei Wettkämpfen muss sich der älteste der Burgunderkönige mit Brünhild messen. Und gewinnt sie nur, weil ihm Siegfried, unsichtbar dank der Tarnkappe, hilft, die Unbesiegbare zu besiegen. Mit Brünhild kehren die Helden zurück nach Worms. Die Isländerin wird Gunthers Gattin, am selben Tag heiratet Siegfried die schöne Kriemhild. Doch in der Nacht hilft er seinem Schwager: Verborgen dank der Tarnkappe, ringt er Brünhild im Schlafgemach des Burgunderkönigs nieder, sodass Gunther ihr die Jungfräulichkeit nehmen kann. Zehn Jahre vergehen, dann verrät Kriemhild im Streit Brünhild, dass Gunther sie einst nur mithilfe des unsichtbaren Siegfried bezwungen habe. Die tief beleidigte Königin fordert von ihrem Gatten Siegfrieds Tod. Auch Hagen rät zum Mord: Lange schon fürchtet er die Macht des Drachentöters, die sich speist aus dessen Kraft und dem Reichtum des Nibelungenhortes. Listig entlockt er Kriemhild Siegfrieds verwundbare Stelle, denn als der einst im Drachenblut badete, legte sich ein Lindenblatt zwischen seine Schultern. Bei einer Jagd stößt Hagen eine Lanze in jene Stelle und tötet Siegfried. Den Leichnam legt er Kriemhild vor das Schlafgemach. Später versenkt er den Nibelungenhort im Rhein. Kriemhild, verraten von ihrem Bruder, lebt 13 Jahre lang machtlos in Worms. Dann erscheint dort ein Brautwerber, gesandt vom mächtigen Hunnenkönig Etzel: Der Monarch der wilden Krieger will Kriemhild heiraten. Hagen ist dagegen, doch die Burgunder lassen ihre Schwester ziehen. Noch einmal vergehen 13 Jahre, dann lädt Kriemhild, längst Etzels Gemahlin, ihre Brüder in den Hunnenhof ein. Wieder warnt Hagen vergebens, der eine Falle ahnt: Die Könige und mehr als 1000 Recken ziehen vom Rhein los, die Donau entlang bis zum Palast von Etzel. Nun, da sie sich auf diese Schicksalsreise begeben, nennt der Dichter die Burgunder fortan „Nibelungen“ – der Schatz hat seinen Besitzern, zuerst den Söhnen König Nibelungs, dann Siegfried, den Tod gebracht. Bald wird sein Fluch auch die Burgunder treffen, der Namenswechsel deutet dies an. Und tatsächlich flammt an Etzels Hof tödlicher Streit auf. In der brennenden Königshalle verschanzen sich die Nibelungen und fechten gegen Hunnen sowie germanische Gefolgsleute Etzels – unter anderem Dietrich von Bern. In einem Blutbad gehen die Recken unter, schließlich leben nur noch zwei: Gunther und Hagen, die beide von Dietrich von Bern bezwungen und gefesselt worden sind. Kriemhild, außer sich vor Rachsucht, lässt ihren Bruder köpfen. Hagen erschlägt sie mit eigener Hand – ein so unerhörter Akt, dass Dietrichs Waffenmeister wiederum Kriemhild niederstreckt. Alle Burgunder/Nibelungen sind gefallen, Kriemhild ist tot, der Nibelungenschatz für immer im Rhein verschwunden … Wer hat sich diese finstere Geschichte ausgedacht? Seinen Namen hat der Verfasser im Epos nirgendwo genannt, sein Manuskript hat die Zeiten nicht überdauert. Doch 36 mehr oder weniger vollständige mittelalterliche Abschriften sind erhalten geblieben, die älteste entstand wohl zwischen 1200 und 1225. Diese Manuskripte und der Text selbst verbergen wertvolle Indizien: Das Originalmanuskript wurde wahrscheinlich im bayerischen Dialekt des Mittelhochdeutschen verfasst, der höfischen Sprache um 1200. Auch kennt der Autor den Donauraum besonders gut, nennt etwa Details der Landschaft, während er bei seinen Beschreibungen von Worms oder dem niederrheinischen Xanten vage bleibt. Und schließlich wird die Stadt Passau, wird vor allem der dortige Bischof auffallend häufig und rühmend erwähnt. Von 1191 bis 1204 war Wolfger von Erla Bischof von Passau: ein Adeliger, der Dichter förderte. So ist sein Rechnungsbuch erhalten, das für den 12. November 1203 einen Geldbetrag verzeichnet, den der Bischof dem Minnesänger Walther von der Vogelweide für einen wertvollen Mantel übergab. Die meisten Forscher vermuten deshalb, dass der anonyme Autor des Nibelungenliedes ein gebildeter Mann am Hof des Passauer Bischofs war und um 1200 sein Meisterwerk vollendete. Eine These sieht in dem Unbekannten niemand anderen als Walther von der Vogelweide selbst. Doch wer es auch gewesen sein mag: Der Verfasser formte Sagen um, die schon seit Jahrhunderten in Mittel- und Nordeuropa erzählt wurden – und die bis in die Germanenzeit zurückreichten. Auf der schwedischen Insel Gotland zeigen Grabsteine, die vor dem Jahr 800 gesetzt wurden, in Reliefs bereits Motive aus der Sage. Und um 800, das belegen erhaltene Totengedenkbücher aus Klöstern, hießen Adelige im Raum Worms und in Bayern auffallend häufig „Siegfried“, „Hagen“, „Kriemhild“ oder nach anderen Gestalten des Epos – beides Indizien dafür, dass bereits zu jener Zeit die Geschichte im Süden Deutschlands wie in Skandinavien populär gewesen sein muss, wahrscheinlich als Lied, das mündlich vorgetragen wurde. Ab etwa 850 sind dann konkrete Texte erhalten, zunächst aus Skandinavien, später auch aus England und Deutschland. Die Sagen variieren: In manchen Versionen vollbringt Siegfried andere Heldentaten; Hagen ist Gunthers Bruder; Siegfried und Brünhild sind verlobt. Doch von den ältesten skandinavischen Sagen an bleiben manche Dinge auffallend konstant: Stets spielt die Handlung zwischen Rhein und Donau, fast immer dreht sie sich um den Untergang der Burgunder, stets sind die Hunnen dabei präsent.m Deutet dies auf einen historischen Kern der Sage hin? Ist die Geschichte also im geschichtlichen Sinne „wahr“? Reflektiert sie, gleich einem fernen Spiegel, dramatische Ereignisse aus der Zeit der Völkerwanderung? Oder gar Ereignisse noch früherer, antiker Jahrhunderte? Drei epochale Ereignisse, die sich im Lauf zweier Generationen zutrugen, sind vermutlich zur Sage verschmolzen: 1. ATTILA UND DIE HUNNEN Um etwa 400 eroberte das zentralasiatische Reitervolk ein Reich von der Schwarzmeerküste bis zu den Alpen. Im Jahr 434 bestieg Attila den Herrscherthron – aus seinem Namen wurde im Mittelhochdeutschen „Etzel“. Er brach die Macht der einzelnen Stammesführer und einte so das Reich. Seine Hauptresidenz errichtete er in einer Ebene östlich der Donau – oder vielleicht im heutigen Budapester Stadtteil Obuda, wo im Mittelalter die Festung „Ecilburgu“ stand. 453 starb Attila, angeblich an einem Blutsturz in der Hochzeitsnacht mit seiner neuen, burgundischen Nebenfrau Ildiko. Bald wurde berichtet, die Frau habe den König ermordet, um Verwandte zu rächen. Das germanische Ildiko wiederum bedeutet „Hildchen“, eine Verniedlichung jedes Frauennamens, der mit „Hild“ beginnt oder endet – wie etwa Kriemhild. 2. DER UNTERGANG DER BURGUNDER Die Burgunder zogen spätestens im 3. Jahrhundert n. Chr. aus ihrer Heimat zwischen Weichsel und Oder in Richtung des römischen Imperiums. Im Jahr 407 gründete ihr König Gundahar am Mittelrhein ein Reich, zu dem auch Worms gehörte. Doch 436 besiegte der römische Heermeister Flavius Aëtius die Burgunder in einer fürchterlichen Schlacht. Gundahar und fast alle seine Adeligen fielen. Zu den Truppen des Aëtius gehörten hunnische Krieger, die damals mit Rom verbündet waren. Die überlebenden Burgunder siedelte Aëtius in Gallien an, wo sie sich schließlich in jener Region niederließen, die bis heute ihren Namen trägt. Dort herrschten noch fast 100 Jahre lang Könige – einem traditionellen Brauch folgend oft mehrere Brüder gemeinsam. Auch ist für die Burgunder typisch, dass Männer einer Familie ähnliche Vornamen trugen. Eine Rechtssammlung überliefert den König Gibica und dessen Söhne Gundahar, Gislahar und Gundomar. Die Ähnlichkeit zu den drei Königen des Nibelungenliedes ist stark, auch wenn niemand sagen kann, ob je wirklich drei Brüder mit den Namen aus dem Epos bei den Burgundern regierten. 3. THEODERICH, DER OSTGOTENKÖNIG Auch die Ostgoten waren schon durch halb Europa gezogen, als um 454 Theoderich aus der adeligen Familie der Amelungen geboren wurde. Der junge Mann musste mehrere Jahre als Geisel in Konstantinopel leben. Später wurde er König der Ostgoten und oströmischer Heerführer – und 488 im Auftrag Ostroms nach Italien entsandt, um dort Germanenstämme zu bekämpfen. In Italien eroberte sich Theoderich, abgesegnet vom Kaiser in Konstantinopel, ein eigenes Reich. Bis zu seinem Tod im Jahr 526 regierte er als einer der mächtigsten Herrscher der Völkerwanderungszeit in seinen Residenzstädten Ravenna und Verona. Aus dem Namen Verona wurde durch Lautverschiebung im Mittelhochdeutschen „Bern“. Und aus Theoderich: „Dietrich“. Gewaltige Schlachten, Glanz, dann jähe Katastrophe und Erlöschen – dreimal wiederholt sich das Muster. Die Burgunder verlieren nicht nur gegen Aëtius und die Hunnen, ihr Restreich wird im 6. Jahrhundert von den Franken erobert. Das Hunnenreich zerfällt bald nach Attilas Tod, das Ostgotenreich überdauert Theoderichs Dahinscheiden nur um wenige Jahrzehnte. Und so wird wohl schon bald die Geschichte der drei untergegangenen Reiche zur Sage, werden die dramatischsten Ereignisse und bedeutendsten Persönlichkeiten zur Inspiration der Liedersänger, werden Schicksalsstränge der Burgunder, Hunnen und Ostgoten zu einer neuen, dann immer wieder variierten Geschichte verwoben. Noch andere Motive der Sage deuten auf die Jahrhunderte der Völkerwanderung hin – vor allem der Nibelungenschatz. Der wird meist als „Hort“ bezeichnet, was „verborgener Schatz“ meint. Tatsächlich sind in der Zeit zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert, das belegen heutige Funde, häufig Kostbarkeiten versteckt worden: Gold, Silber, Münzen, Geschirr, Waffen und Schmuck. Mal vergrub man sie aus Angst vor heranrückenden Feinden, mal gingen sie in Flüssen verloren, wenn Plünderer über die Gewässer setzten. So sind in Neupotz bei Speyer (rund 70 Kilometer südlich von Worms) in einem Altarm des Rheins mehr als 1000 Münzen, Messer, Schalen, Siebe, Teller und andere Metallobjekte gefunden worden: gut 700 Kilogramm insgesamt, die wertvollsten Stücke aus Silber. Wahrscheinlich sind sie um das Jahr 260 von plündernden Germanen im römischen Gallien geraubt worden und bei der Rückkehr über den Rhein verloren gegangen. Legenden von Helden und Schätzen sind zwar nicht Historie im wissenschaftlichen Sinn, sind keine Berichte „so, wie es gewesen ist“. Und Dietrich von Bern alias Theoderich kann ja niemals Etzel alias Attila begegnet sein, da der Hunne bereits tot war, als Theoderich geboren wurde. Möglich auch, dass niemals exakt bei Worms ein großer Hort im Rhein verschwunden ist – sondern dass Berichte von anderen Desastern am Rhein, wie etwa dem zu Neupotz, aus dramatischen Gründen an den Burgunderhof verlegt worden sind. Die Nibelungensagen gleichen also mehr einem Echo auf jene historischen Umwälzungen des 5. und 6. Jahrhunderts und sind ein Versuch, sie sich immer wieder neu zu erklären. Und womöglich sind sie auch ein Echo eines noch weitaus ferneren Zeitalters: der Antike. Sicher ist, dass das Nibelungenlied unter einem dünnen christlichen Firnis (Kriemhild und Brünhild etwa streiten auf den Stufen des Wormser Münsters vor dem Kirchgang) uralte heidnische Mythen bewahrt: Siegfried tötet einen Drachen, besitzt magische Waffen, er bezwingt einen Zwerg und setzt ihn zum Hüter des Schatzes ein. Und die jungfräulich-mächtige Brünhild im fernen Island ähnelt den Walküren, jenen weiblichen kriegerischen Geistern, die gefallene Kämpfer vom Schlachtfeld heben. Bewahrt die Sage aber womöglich auch noch Relikte aus den Jahrhunderten zwischen jener mythischen Vorzeit und der Völkerwanderung auf? Seit etwa 1830 vertreten immer wieder Gelehrte die These, dass Siegfried ebenfalls ein reales Vorbild hat: in Arminius, dem Cheruskerfürsten, der im Jahre 9 n. Chr. die Legionen des Varus vernichtete. Manche Indizien, die für diese Vermutung bemüht wurden, grenzen ans Absurde: So soll der Drache – „Lindwurm“ in den meisten germanischen Sagen – Symbol für die in langen Reihen marschierenden Legionäre sein. Und der Hort des Nibelung sei in Wahrheit der gewaltige Schatz gewesen, den der siegreiche Arminius erbeutet habe. Andere Indizien hingegen sind nicht so einfach von der Hand zu weisen: Schon die ältesten Versionen der Sage spielen ja an Rhein und Donau – und mithin im antiken Grenzgebiet zwischen Imperium Romanum und freiem Germanien. Siegfried stammt zudem aus Xanten. Dieser Ort war in der Antike ein Legionslager, das in der Nähe des Cheruskergebiets lag. Arminius, der ja lange als Soldat im römischen Heer kämpfte, mag hier einen Teil seiner Dienstzeit verbracht haben. Manche Sagenversionen verbinden den Hirsch mit Siegfried, so erscheint dieses Tier einmal in einem Traum als Symbol für den Recken. „Hiruz“ aber nannten sich die Cherusker selbst, die „Hirschleute“. Und schließlich ist da noch der Name: „Arminius“ ist lateinisch, nur diesen Namen überliefern antike Geschichtsschreiber für den Cheruskerfürsten. Tacitus immerhin nennt zusätzlich die germanischen Namen von Vater, Schwiegervater und Schwager des Arminius: Alle beginnen mit der Vorsilbe „Sieg“/„Seg“. Immerhin möglich, dass – analog zu den Burgundern und anderen Germanenvölkern – auch der ursprüngliche Name des Arminius im Gleichklang mit denen seiner Verwandten war, also mit „Sieg“ oder „Seg“ begann. Dennoch bleibt die Verbindung von Sagengestalt zu realer Person letztlich willkürlich. Wie die Figur Siegfried tatsächlich entstanden ist, bleibt bis heute schwer erklärlich – und ebenso sein großer Widersacher Hagen von Tronje. Beide Heroengestalten mögen irgendwie auf echte Krieger zurückgehen, doch bleiben deren Taten wohl für immer im Dunkeln, sind bis zur Unkenntlichkeit im Mythos verändert worden. Zum Mythos aber ist auch das gesamte Nibelungenlied geworden: zu einem modernen, finsteren Mythos. Im 18. Jahrhundert entdecken Gelehrte mittelalterliche Handschriften der fast vergessenen Sage wieder, 1782 wird sie erstmals vollständig gedruckt – auch wenn der stolze Herausgeber der Verse vom Preußenkönig Friedrich dem Großen mit einem Brief von erlesener Unhöflichkeit bedacht wird: „Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuss Pulver wert und verdienen nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden.“ Rund zwei Jahrzehnte später jedoch hat sich diese Einschätzung deutlich geändert: Die deutschen Staaten sind von Napoleon besetzt, man kämpft gegen den scheinbar übermächtigen Franzosenkaiser – auch auf dem Feld der Kultur. Nicht mehr höfisch-französisch, am besten nicht einmal romanischrömisch soll das militärisch und politisch gedemütigte Deutschland sein, es soll sich auf eine „eigene“ Kultur und Vergangenheit besinnen. Ab etwa 1800 verstehen die Menschen in den deutschen Landen daher das Nibelungenlied als Nationalepos: als urdeutsches, uraltes und kämpferisches Werk. Soldaten erhalten Feldausgaben zur Erbauung mit, selbst der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe zeigt sich vom Text berührt und doziert darüber in Weimar. In mehreren Volksausgaben wird der Stoff populär, der Dramatiker Friedrich Hebbel sowie eine ganze Reihe weniger begabter Theaterautoren bringen die Geschichte in zehn Fassungen auf die Bühne. Doch niemand erzielt eine größere Wirkung als der Komponist Richard Wagner, der ab 1848 am „Ring des Nibelungen“ arbeitet. Wagner interessiert sich bald vor allem für die mythische, unhistorische Dimension der Geschichte, weshalb er weniger das um 1200 entstandene Nibelungenlied adaptiert als die älteren, nordischen Sagenversionen. So zelebriert seine im Sommer 1876 uraufgeführte Opern-Tetralogie beispielsweise das Walten der Götter und Walküren. Die Wagnersänger in Fellkleidern, Flügelhelmen und mit klobigen Waffen (Kreationen, die der Komponist selbst abscheulich findet) werden auf Jahrzehnte hinaus das Germanenbild der Öffentlichkeit bestimmen. Als der „Ring des Nibelungen“ uraufgeführt wird, ist das neu gegründete Deutsche Reich gerade fünf Jahre alt. Bismarcks politische Schöpfung ist im Krieg entstanden – und die kämpferischen Tugenden der Sage, das Gewalttätige und Urtümliche der Recken werden gewissermaßen zur Reichsideologie verklärt, Deutschland wird in einem Lobgedicht zum „Nibelungenland“ erhöht. 1909 erklärt Kanzler Bernhard von Bülow im Reichstag Deutschlands „Nibelungentreue“ zu Österreich-Ungarn; damit wird also ein politisches Bündnis zweier moderner Staaten mit einer mythischen Gefolgschaft gleichgesetzt – mit den Burgundern/ Nibelungen nämlich, die in der brennenden Königshalle unbeirrt zusammenstehen. Dass dies in der Sage zum Untergang führt, scheint weder den Kanzler noch seine Zuhörer sonderlich zu beunruhigen. Und 1914, da nun tatsächlich der Weltenbrand lodert, erhebt ein Reichstagsabgeordneter den „waffengewaltigen, stolzen, grimmen Hagen“ gar zum „Sinnbild Preußen-Deutschlands“. Heute ist es schwer verständlich, dass im deutschen Kaiserreich ausgerechnet die dem Untergang geweihten Nibelungen zu Vorbildern erklärt werden – vor allem der Heldenmörder Hagen, der sein Leben ja als hilflos Gefesselter verliert. Mag sein, dass sich hier eine heimliche Lust an der Apokalypse zeigt, ein uneingestandener Überdruss an der modernen Welt, eine selbstmörderische Sehnsucht, im eigenen Ende die ganze Gemeinschaft mitzureißen. Als das Beschworene allerdings in gewisser Weise tatsächlich eintritt, als mit dem verlorenen Weltkrieg 1918 zumindest das Kaiserreich untergeht, ist der Nibelungenmythos keineswegs zerstört. Im Gegenteil: Er wandelt sich nur – und Siegfried ersetzt Hagen. Die „Dolchstoßlegende“ kommt auf, die Mär, das im Feld eigentlich unbesiegte deutsche Heer sei in der Heimat von Sozialisten, Kommunisten und Juden entscheidend getroffen worden. Besonders wirkungsvoll wird diese Legende, weil sie der ehemalige Oberbefehlshaber Paul von Hindenburg verkündet – und der vergleicht Deutschlands „ermattete Front“ mit „Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen“. Auch Adolf Hitler schreibt schon 1923 vom „deutschen Siegfried“. Als die Nationalsozialisten zehn Jahre später an die Macht kommen, ist die Nibelungensage längst Teil ihrer Ideologie. So sind die Burgunder, die im Kampf zusammenstehen, in ihren Augen „Volksgenossen“. Und im Januar 1943, da die eingeschlossene 6. Armee in Stalingrad verblutet, spricht Hermann Göring im Radio: „Wir kennen ein gewaltiges, heroisches Lied von einem Kampf ohnegleichen, das hieß ‚Der Kampf der Nibelungen‘. Auch sie standen in einer Halle von Feuer und Brand und löschten den Durst mit eigenem Blut – aber sie kämpften und kämpften bis zum Letzten. Ein solcher Kampf tobt heute dort.“ Selbst als sich 1945 die Apokalypse vollendet, schlimmer wohl, als sie sich der Dichter des Nibelungenliedes je hätte ausmalen können, bleibt der Mythos bestehen. Zwar spricht danach kein ernstzunehmender Politiker mehr von „Nibelungentreue“, zwar sind Siegfried und Hagen als politische Vorbilder verweht. Doch die halb archaische, halb überzeitliche Faszination einer Erzählung von Mut und Treue, Verrat und Mord ist ungebrochen. Nur sechs Jahre nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands wird im stets von Hitler geförderten Bayreuth „Der Ring des Nibelungen“ wieder aufgeführt. Und die Sagenwelt von Drachen und Zwergen, von heroischen Schwertkämpfen, von langen Zügen weniger Getreuer, von dem fluchbeladenen Schatz ist längst in der Fantasy-Literatur aufgegangen. Der alte Mythos, der in der Germanenzeit wurzelt, ist zum modernen Mythos einer wieder verzauberten Welt geworden: Mittelerde als Gegen-Erde, die all das bietet, was die moderne Zeit nicht mehr zu geben scheint. Niemand hat die Sagen geschickter verwoben und umgestaltet als der englische Autor J. R. R. Tolkien, einst Gelehrter in Oxford und ein Kenner alter nordischer Mythen. In seinem Roman „Herr der Ringe“ lassen sich unschwer die Helden und Finsterlinge, die Kriegszüge und Zweikämpfe und selbstverständlich der Hort der Nibelungen wiedererkennen. Eigentlich kein Wunder, dass gerade die Deutschen bei einer großen Umfrage 2004 dieses Werk zum „beliebtesten Buch“ überhaupt gewählt haben. Ein Nationalepos, noch immer. 3. Siegfried von Xanten. Hauptfigur der Nibelungensage Darstellung Sigurds in einer schwedischen Ausgabe der Liederedda, 1893. Sieg­fried von Xan­ten ge­hört zu den be­kann­tes­ten Sa­gen­ge­stal­ten des Mit­tel­al­ters und spielt ei­ne zen­tra­le Rol­le im ers­ten Teil des Ni­be­lun­gen­lie­des aus dem 13. Jahr­hun­dert. In sei­ner Per­son ver­schmel­zen meh­re­re his­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten der Völ­ker­wan­de­rungs­zeit zur Fi­gur ei­nes mit über­mensch­li­chen Kräf­ten aus­ge­stat­te­ten, na­he­zu un­ver­wund­ba­ren Hel­den, der schlie­ß­lich ei­nem heim­tü­cki­schen Ver­rat sei­ner engs­ten Ver­trau­ten zum Op­fer fällt.  Die ver­schie­de­nen, un­ab­hän­gig von­ein­an­der ent­stan­de­nen Va­ri­an­ten der Ni­be­lun­gen­sa­ge im deut­schen und skan­di­na­vi­schen Sprach­raum da­tie­ren in das aus­ge­hen­de 12. und frü­he 13. Jahr­hun­dert und be­ru­hen ver­mut­lich auf äl­te­ren, da­mals weit ver­brei­te­ten, heu­te je­doch nicht mehr nach­weis­ba­ren schrift­li­chen und münd­li­chen Über­lie­fe­run­gen aus der Zeit der Völ­ker­wan­de­rung und des frü­hen Mit­tel­al­ters. Die Ver­fas­ser der mit­tel­al­ter­li­chen Sa­gen agier­ten je­doch nicht als Ge­schichts­schrei­ber und Chro­nis­ten. Ih­re Wer­ke dien­ten viel­mehr der Un­ter­hal­tung und Be­leh­rung und wei­sen ei­nen star­ken Ge­gen­warts­be­zug zur ge­sell­schaft­li­chen, po­li­ti­schen und hö­fi­schen Ak­tua­li­tät des Hoch­mit­tel­al­ters auf. Auf die­se Wei­se wur­den in der Ni­be­lun­gen­sa­ge ver­schie­de­ne, teil­wei­se his­to­risch be­leg­ba­re, aber zeit­lich weit aus­ein­an­der lie­gen­de Er­eig­nis­se und Per­so­nen des 5. und 6. Jahr­hun­derts zu ei­ner neu­en Ge­samt­ge­schich­te ver­wo­ben und mit my­tho­lo­gi­schen Ele­men­ten an­ge­rei­chert.  Die be­kann­tes­te Dar­stel­lung der Er­zäh­lung über den Auf­stieg und Fall des Kö­nigs­sohns Sieg­fried fin­det sich im so ge­nann­ten „Ni­be­lun­gen­lied", das ver­mut­lich am En­de des 12. Jahr­hun­derts in Pas­sau nie­der­ge­schrie­ben wur­de. Der an­ony­me Ver­fas­ser ver­or­tet die Her­kunft Sieg­frieds an den Nie­der­rhein. In der ver­mut­lich äl­tes­ten er­hal­te­nen Über­lie­fe­rung des Ni­be­lun­gen­lie­des, der in der Mit­te des 13. Jahr­hun­derts nie­der­ge­schrie­be­nen und 2005 von Her­mann Rei­chert pu­bli­zier­ten St. Gal­ler Hand­schrift, hei­ßt es:  Dô wûohs in Nie­der­lan­den eins vil ede­len kü­ne­ges kint, des va­ter, der hiez Si­ge­munt, sîn muo­ter Si­ge­lind, in ei­ner rîchen bür­ge, wî­ten wol be­kannt, nide­ne bî dem Rî­ne. diu was ze San­ten ge­nant.  Der Ger­ma­nist  Karl Sim­rock  ver­öf­fent­lich­te 1827 die ers­te Über­tra­gung des mit­tel­hoch­deut­schen Ori­gi­nal­tex­tes ins Neu­hoch­deut­sche. Die Pas­sa­ge über Sieg­frieds Ab­stam­mung über­setz­te er wie folgt:   Es wuchs in Nie­der­lan­den ei­nes edeln Kö­nigs Kind, sein Va­ter hieß Sieg­mund, sei­ne Mut­ter Sie­ge­lind, in ei­ner rei­chen Ves­te, fer­ne wohl­be­kannt, tief un­ten an dem Rhei­ne; sie war Burg San­ten ge­nannt.  Die­se ge­naue Lo­ka­li­sie­rung fin­det sich in den nor­di­schen Va­ri­an­ten der Sa­ge nicht.     Der Sa­ge fol­gend ver­lässt Sieg­fried, nach­dem er sei­ne Ju­gend in Xan­ten ver­bracht hat, den Hof sei­ner El­tern mit dem Vor­ha­ben, um die bur­gun­di­sche Prin­zes­sin Kriem­hil­de zu wer­ben. Be­vor er je­doch nach Worms an den Hof des Bur­gun­der­kö­nigs Gun­ther, dem Bru­der Kriem­hilds, ge­langt und des­sen Va­sall wird, be­steht Sieg­fried zahl­rei­che Aben­teu­er. So tö­tet er ei­nen Dra­chen, in des­sen Blut er ba­det und mit Aus­nah­me ei­ner Stel­le zwi­schen den Schul­ter­blät­tern, auf die ein Lin­den­blatt fällt, un­ver­wund­bar wird. Au­ßer­dem ge­rät er in den Be­sitz des Schat­zes des Kö­nigs Ni­be­lung, nach­dem er die­sen und des­sen Söh­ne samt ih­rem Ge­fol­ge mit dem Schwert Bal­mung (in der nor­di­schen My­tho­lo­gie: Gram; in der Oper Ri­chard Wag­ners: No­tung) ge­tö­tet und auch den Wäch­ter des Hor­tes, den Zwerg Al­be­rich im Zwei­kampf be­siegt hat.  Ob­wohl ihm be­reits der Ruf ei­nes un­be­zwing­ba­ren Hel­den vor­aus­eilt, un­ter­wirft sich Sieg­fried Gun­ther, dem wan­kel­mü­ti­gen, leicht be­ein­fluss­ba­ren Herr­scher Bur­gunds und er­weist sich bald als des­sen un­ver­zicht­ba­rer Heer­füh­rer und Be­ra­ter. Nach­dem er Gun­ther auch bei der Braut­wer­bung um die is­län­di­sche Kö­ni­gin Brun­hild ent­schei­dend und lis­ten­reich un­ter­stützt hat, er­hält Sieg­fried Kriem­hild zur Frau, mit der er da­nach meh­re­re Jah­re am Kö­nigs­hof sei­ner El­tern in Xan­ten lebt.  Wäh­rend ei­nes Auf­ent­halts in Worms ent­brennt ein fol­gen­schwe­rer Macht­kampf zwi­schen Kriem­hild und Brun­hild, den Ha­gen von Tron­je, ein ein­fluss­rei­cher Va­sall und Be­ra­ter Kö­nig Gun­thers, für sei­ne Zwe­cke aus­zu­nut­zen ver­steht. Sieg­fried wird das Op­fer ei­ner Ver­schwö­rung, in die das ge­sam­te bur­gun­di­sche Herr­scher­haus ver­wi­ckelt ist. Ha­gen von Tron­je in­iti­iert den Ver­rat, er­wirbt sich das Ver­trau­en Kriem­hilds und ge­winnt da­durch Kennt­nis über die ver­wund­ba­re Stel­le zwi­schen Sieg­frieds Schul­ter­blät­tern. Die­ses Wis­sen nut­zend, er­mor­det er Sieg­fried, wäh­rend sich die­ser nach ei­ner Jagd an ei­ner Quel­le er­frischt, in­dem er ihn rück­lings mit ei­nem Speer durch­bohrt. Im zwei­ten Teil des Ni­be­lun­gen­lie­des wird die Ra­che Kriem­hilds be­schrie­ben. Sieg­frieds heim­tü­cki­sche Er­mor­dung dient hier als Mo­tiv für die Ver­nich­tung der Bur­gun­der am Hof des Hun­nen­kö­nigs Et­zel. Die­ser zwei­te Ab­schnitt des Ni­be­lun­gen­lie­des geht in sei­nem Kern auf die Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Bur­gun­dern, Hun­nen und Rö­mern in der Mit­te des 5. Jahr­hun­derts zu­rück, die in der Zer­schla­gung des Bur­gun­der­rei­ches im Jahr 436 gip­fel­ten. Dem­ge­gen­über fin­det der ers­te Teil und mit ihm die Ge­schich­te Sieg­frieds sei­nen his­to­ri­schen Ur­sprung in den über Jahr­zehn­te an­dau­ern­den Kon­flik­ten zwi­schen Fran­ken und Bur­gun­dern im aus­ge­hen­den 5. und im 6. Jahr­hun­dert. Ver­mut­lich han­delt es sich bei den bei­den Tei­len des Ni­be­lun­gen­lie­des um zwei ur­sprüng­lich ei­gen­stän­di­ge Er­zäh­lun­gen, de­ren In­hal­te zu ei­ner Ge­samt­ge­schich­te zu­sam­men­ge­fügt wur­den. Siegfried erweckt Brünnhilde, Stich, um 1892, nach einer Vorlage von Otto Donner von Richter (1828-1911). Ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on der my­tho­lo­gisch ver­frem­de­ten Sa­gen­ge­stalt Sieg­frieds mit ei­ner ein­zi­gen his­to­ri­schen Per­sön­lich­keit ist aus­zu­schlie­ßen. Viel­mehr ver­eint sie, wie auch an­de­re Fi­gu­ren der Sa­ge, bio­gra­phi­sche Ele­men­te ei­nes Krei­ses von meh­re­ren Per­so­nen. Als be­son­ders auf­schluss­reich er­weist sich bei der Su­che nach dem his­to­ri­schen Sieg­fried die von Gre­gor von Tours (538-594) ver­fass­te Bio­gra­phie des frän­ki­schen Kö­nigs Chlod­wig I. (466-511), der nicht nur als Ei­ner der frän­ki­schen Teil­rei­che, son­dern auch als skru­pel­lo­ser und heim­tü­cki­scher Herr­scher in die Ge­schich­te ein­ge­gan­gen ist. Ob­wohl sich die­se Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten nur schwer mit dem My­thos des Hel­den Sieg­fried ver­ein­ba­ren las­sen, bie­tet Chlod­wigs Le­bens­ge­schich­te zahl­rei­che in­ter­es­san­te Par­al­le­len zu Per­so­nen und Er­eig­nis­sen im Ni­be­lun­gen­epos. So hei­ra­te­te er im Jahr 501 Chro­the­chil­dis (474-544), die Nich­te des Bur­gun­der­kö­nigs Gundo­bad (Re­gie­rungs­zeit 480-516). In ver­gleich­ba­rer Kon­stel­la­ti­on tre­ten Kriem­hil­de und Gun­ther als Haupt­fi­gu­ren mit un­mit­tel­ba­rem ver­wandt­schaft­li­chem Be­zug zu Sieg­fried in der Ni­be­lun­gen­sa­ge auf. Auch der My­thos des Ni­be­lun­gen­schat­zes könn­te auf die zahl­rei­chen er­folg­rei­chen Feld­zü­ge Chlod­wigs zu­rück­zu­füh­ren sein, auf die sich sein sprich­wört­lich ge­wor­de­ner un­er­mess­li­cher Reich­tum grün­de­te. In der Schlacht von Poi­tiers be­sieg­te Chlod­wig 507 den West­go­ten­kö­nig Ala­rich II. (Re­gie­rungs­zeit 484-507), des­sen Na­me in Ver­bin­dung mit dem sa­gen­haf­ten Zwer­gen­kö­nig und Hü­ter des Ni­be­lun­gen­hor­tes Al­be­rich ge­bracht wer­den kann.  Auch Chlod­wigs En­kel Si­gi­bert (535-575), der als Kö­nig über Au­st­ra­si­en herrsch­te, wird in Ver­bin­dung mit der Sieg­fried­sa­ge ge­bracht. Glei­ches gilt für den Bur­gun­der­kö­nig Si­gis­mund (Re­gie­rungs­zeit 516-524) und für den in Köln re­si­die­ren­den und Tei­le des Rhein­lands be­herr­schen­den frän­ki­schen Herr­scher  Si­gi­bert . Letz­te­rer fiel, wie Sieg­fried in der Sa­ge, wäh­rend ei­ner Jagd ei­nem Meu­chel­mord zum Op­fer.  Heinrich Gudehus (1845-1909) schmiedet als Siegfried. Be­reits im frü­hen 19. Jahr­hun­dert wur­de ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on Sieg­frieds mit dem Che­rus­ker­fürs­ten Ar­mi­ni­us (17 vor Chris­tus - 21 nach Chris­tus) in Er­wä­gung ge­zo­gen. Sieg­frieds le­gen­dä­rer Kampf ge­gen den Dra­chen hät­te nach die­ser The­se in der Ver­nich­tung drei­er rö­mi­scher Le­gio­nen durch das ger­ma­ni­sche Herr des Ar­mi­ni­us im Jahr 9 nach Chris­tus sei­nen Ur­sprung. Der mit dem Nim­bus der Un­be­sieg­bar­keit be­haf­te­te Hee­res­zug un­ter der Füh­rung des rö­mi­schen Statt­hal­ters Pu­bli­us Quinc­ti­li­us Va­rus (47 vor Chris­tus – 9 nach Chris­tus) wä­re dem­nach in der über Jahr­hun­der­te münd­lich wei­ter­ge­ge­be­nen Über­lie­fe­rung zur my­tho­lo­gi­schen Ge­stalt des na­he­zu un­ver­wund­ba­ren Lind­wur­mes sti­li­siert wor­den. Die­se The­se er­leb­te durch die Ent­de­ckung des his­to­ri­schen Schau­plat­zes der Va­rus­schlacht in Kalk­rie­se bei Os­na­brück ei­ne Neu­be­le­bung.   Da in der Fi­gur Sieg­frieds of­fen­sicht­lich die Bio­gra­phi­en ver­schie­de­ner his­to­ri­scher Per­so­nen ver­schmel­zen, blei­ben auch die An­ga­ben zu sei­ner rhei­ni­schen Her­kunft im Ni­be­lun­gen­lied frag­lich. Al­len­falls ist zu ver­mu­ten, dass ei­ne der his­to­ri­schen Fi­gu­ren, aus der sich die my­tho­lo­gi­sche Sieg­fried­ge­stalt ent­wi­ckel­te, in Ver­bin­dung mit ei­ner am Nie­der­rhein an­säs­si­gen frän­ki­schen Fürs­ten­fa­mi­lie ge­bracht wer­den könn­te. Die prä­zi­se Lo­ka­li­sie­rung sei­nes Ge­burts­or­tes in Xan­ten, die sich in den ver­gleich­ba­ren nor­di­schen Va­ri­an­ten der Sieg­fried­sa­ge nicht fin­det, bie­tet hier­zu al­ler­dings den ein­zi­gen Hin­weis.  Zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts er­lang­te die Ni­be­lun­gen­sa­ge neue Po­pu­la­ri­tät und wur­de, vor dem Hin­ter­grund der na­po­leo­ni­schen Be­frei­ungs­krie­ge und der For­de­run­gen nach ei­ner na­tio­na­len Ei­ni­gung der deut­schen Ein­zel­staa­ten, zum deut­schen Na­tio­nal­epos er­ho­ben. Seit die­ser Zeit ist sie auch zum Ge­gen­stand der li­te­ra­ri­schen, his­to­ri­schen und ar­chäo­lo­gi­schen For­schung ge­wor­den. Im Zu­ge die­ser Ent­wick­lung glaub­te Karl Sim­rock den Dra­chen­fels im Sie­ben­ge­bir­ge als Schau­platz des Kamp­fes zwi­schen Sieg­fried und dem Lind­wurm iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen.  Sim­rocks Lo­ka­li­sie­rung des Dra­chen­kamp­fes mach­te aus Sieg­fried ei­ne der wich­tigs­ten Fi­gu­ren der Rhein­ro­man­tik. Bis in die Ge­gen­wart hat der My­thos um Sieg­fried und die Ni­be­lun­gen, trotz sei­ner ideo­lo­gi­schen und pro­pa­gan­dis­ti­schen Ver­ein­nah­mung durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, nichts von sei­ner Fas­zi­na­ti­on ein­ge­bü­ßt.  4. Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer 1. „Teutschlands Strom…“ – Kampf um die Rheingrenze Der Rhein als na­tür­li­che Gren­ze des ei­ge­nen Staa­tes, das ist ei­ne fran­zö­si­sche Idee, de­ren Ur­sprün­ge zu­rück in das 15. Jahr­hun­dert rei­chen. Nach dem En­de des Hun­dert­jäh­ri­gen Krie­ges hat­te das fran­zö­si­sche Kö­nig­reich zwar die Eng­län­der er­folg­reich vom Kon­ti­nent ver­trie­ben, es blieb aber die un­an­ge­neh­me Be­dro­hung be­ste­hen, durch das Haus Habs­burg zwi­schen dem spa­ni­schen Reich und dem deut­schen Reich im Zan­gen­griff ge­hal­ten zu wer­den. Das Zeit­al­ter der Re­nais­sance brach­te nicht nur die Wie­der­ent­de­ckung der An­ti­ke und der an­ti­ken Schrif­ten wie et­wa „De bel­lo gal­li­co“ von Ju­li­us Cae­sar (110-44 v. Chr.); es kam auch zur Iden­ti­fi­ka­ti­on und Gleich­set­zung Frank­reichs mit dem al­ten Gal­li­en. Der Loth­rin­ger Jean le Bon ver­öf­fent­lich­te 1568 ein Pam­phlet mit dem Ti­tel „Le Rhin au Roy“, das sich mit „Der Rhein ge­hört dem Kö­ni­g“ über­set­zen lässt. In die­sem Werk for­der­te er da­her ganz deut­lich, das fran­zö­si­sche Herr­schafts­ge­biet bis zum Rhein aus­zu­deh­nen, um das gan­ze al­te Gal­li­en wie­der er­ste­hen zu las­sen: „Wenn Pa­ris den Rhein trinkt, hat ganz Gal­li­en sein En­de wie­der“. Die­se For­de­rung spiel­te fort­an im Ver­hält­nis Frank­reichs zu der Viel­zahl von öst­li­chen Nach­barn ei­ne kei­nes­wegs un­be­deu­ten­de Rol­le. Im 17. Jahr­hun­dert ge­hör­te die fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung der rhei­ni­schen Kur­fürs­ten von Köln , Mainz und Trier zum be­lieb­ten In­stru­ment fran­zö­si­scher Po­li­tik, um das in­ne­re Mäch­te­gleich­ge­wicht des Deut­schen Rei­ches zu be­ein­flus­sen und die Habs­bur­ger nicht all­zu sehr er­star­ken zu las­sen. Frank­reich konn­te mit dem Zu­ge­winn des El­sass die Gren­zen bis an den Ober­rhein vor­schie­ben und so­gar ei­nen kurz­le­bi­gen Rhein­bund ins Le­ben ru­fen. Die fran­zö­si­sche Ex­pan­si­ons- und An­ne­xi­ons­po­li­tik wur­de ganz selbst­ver­ständ­lich als „Re­uni­on“, al­so als „Wie­der­ver­ei­ni­gun­g“ mit Frank­reich, be­zeich­net. Am An­fang des 17. Jahr­hun­derts war auch erst­mals der Staat zu ter­ri­to­ria­len Be­sit­zun­gen am Rhein ge­kom­men, der spä­ter – no­lens vo­lens – zum gro­ßen Ge­gen­spie­ler Frank­reichs und zur Schutz­macht des Rhein­lan­des wer­den soll­te: das Kur­fürs­ten­tum Bran­den­burg-Preu­ßen. Kur­fürst Jo­hann Si­gis­mund (1572-1619) konn­te im Jü­lisch-Kle­vi­schen-Erb­fol­ge­streit nach dem Tod des kin­der­los ge­blie­be­nen Her­zogs Jo­hann Wil­helm von Jü­lich-Kle­ve-Mark (1562-1609) sei­ne An­sprü­che be­haup­ten und hat­te 1614 im Ver­trag von Xan­ten aus der Erb­mas­se das Her­zog­tum Kle­ve so­wie die Graf­schaf­ten Mark und Ra­vens­burg er­hal­ten. Die gro­ße Be­deu­tung, wel­che die preu­ßi­schen West­pro­vin­zen im 17. Jahr­hun­dert bei der Aus­wei­tung des Staa­tes ge­habt hat­ten, ver­lo­ren sie im 18. Jahr­hun­dert wie­der. Das Haupt­au­gen­merk der preu­ßi­schen Po­li­tik lag wie­der im Os­ten. Kö­nig Fried­rich II. (Re­gie­rungs­zeit 1740-1786) streb­te hier nach Zu­ge­winn und ent­riss Ös­ter­reich in drei Krie­gen ab 1740 Schle­si­en. In den ers­ten bei­den Krie­gen wa­ren Preu­ßen und Frank­reich noch Ver­bün­de­te ge­gen Ös­ter­reich ge­we­sen. Bei­de hat­te das Be­mü­hen, die Vor­herr­schaft der Habs­bur­ger im Deut­schen Reich zu schwä­chen, ge­eint. Doch der bri­tisch-fran­zö­si­sche Ge­gen­satz in den Ko­lo­ni­en be­wirk­te ab 1754 in Eu­ro­pa ei­ne „Um­keh­rung der Al­li­an­zen“ (Jean-Charles-Léo­nard Si­mon­de de Sis­mon­di - 1773-1842 - be­zie­hungs­wei­se Ri­chard Wad­ding­ton, 1838-1913). Das mit Russ­land in Ab­spra­chen ver­bun­de­ne Groß­bri­tan­ni­en ver­bün­de­te sich mit Preu­ßen, um sein Kur­fürs­ten­tum Han­no­ver zu schüt­zen. Preu­ßen durch­brach da­mit die von Ös­ter­reich zur Rück­ge­win­nung Schle­si­ens an­ge­streb­te au­ßen­po­li­ti­sche Iso­lie­rung. Frank­reich nä­her­te sich Ös­ter­reich an, um den fran­zö­sisch-habs­bur­gi­schen Ge­gen­satz zu ent­schär­fen und ei­nen Zwei­fron­ten­krieg zu ver­mei­den. Im Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg (1756-1763) kämpf­te Frank­reich da­her erst­mals als Ver­bün­de­ter zu­sam­men mit Ös­ter­reich. Als Fol­ge die­ser neu­en Al­li­anz griff es nach den preu­ßi­schen Pro­vin­zen am Rhein und be­setz­te sie wäh­rend des ge­sam­ten Krie­ges. Preu­ßen hat­te we­der die Macht noch den Wil­len, ei­ne Rück­erobe­rung zu ver­su­chen. Der preu­ßi­sche Kö­nig Fried­rich II. zeig­te so­gar Ver­ständ­nis für die fran­zö­si­sche For­de­rung nach der Rhein­gren­ze, den preu­ßi­schen Ge­bie­ten am Rhein maß er kei­ne gro­ße Be­deu­tung bei. Als die fran­zö­si­sche Mon­ar­chie un­ter­ging, bra­chen die Prot­ago­nis­ten der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on von 1789 zwar mit vie­len Tra­di­tio­nen, aber bei­lei­be nicht mit al­len. Die au­ßen­po­li­ti­schen In­ter­es­sen Frank­reichs wie­sen ei­ne er­staun­li­che Kon­ti­nui­tät auf: die füh­ren­den Per­sön­lich­kei­ten über­nah­men die al­te For­de­rung nach der Rhein­gren­ze. In der Na­tio­nal­ver­samm­lung leg­ten sich die Ab­ge­ord­ne­ten im De­zem­ber 1791 auf die Gren­zen Frank­reichs fest: „Vom Rhein bis zu den Py­re­nä­en, von den Al­pen bis zum Oze­an“. Da­mit ver­fes­tig­te sich die Rhein­gren­ze als Be­stim­mung und Schick­sal Frank­reichs. Jetzt war es nicht mehr die Idee ei­nes Mon­ar­chen, son­dern des Vol­kes. 1794 be­setz­ten die Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen das links­rhei­ni­sche Ge­biet und er­rich­te­ten zu­nächst ei­ne pro­vi­so­ri­sche Ver­wal­tung, die we­ni­ge Jah­re spä­ter in die fran­zö­si­sche Staats­ver­wal­tung über­ging. Die Um­ge­stal­tung der Ver­wal­tung des neu ge­won­nen Ge­bie­tes ging ein­her mit der wirt­schaft­li­chen Um­ver­tei­lung des Be­sit­zes der durch die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on seit 1802 ent­eig­ne­ten Stif­te, Klös­ter und Kon­ven­te. Er­mög­licht wor­den war dies durch den zu­nächst heim­li­chen Ver­zicht auf die links­rhei­ni­schen Ge­bie­te des Deut­schen Rei­ches durch Preu­ßen im Frie­den von Ba­sel 1795 und Ös­ter­reich im Frie­den von Cam­po For­mio 1797. Schlie­ß­lich folg­te die öf­fent­li­che Ab­tre­tung an Frank­reich im Frie­den von Lun­é­vil­le 1801. Tat­säch­lich lag von 1794 bis 1814 die Gren­ze des fran­zö­si­schen Staats­ge­bie­tes am Rhein. Dar­über hin­aus form­te der fran­zö­si­sche Kai­ser Na­po­le­on Bo­na­par­te (1769-1821) mit dem 1806 ins Le­ben ge­ru­fe­nen „Rhein­bun­d“ ei­nen Gür­tel von deut­schen Sa­tel­li­ten­staa­ten, die nicht nur als fran­zö­si­sches Vor­feld dien­ten, son­dern auch noch Sol­da­ten für sei­ne zahl­rei­chen Feld­zü­ge stell­ten. Zu­dem wa­ren ei­ni­ge eng mit der Fa­mi­lie Na­po­le­ons ver­bun­den: Gro­ßher­zog des neu ge­schaf­fe­nen Gro­ßher­zog­tums Berg war zu­nächst bis 1808 Na­po­le­ons Schwa­ger Joa­chim Mu­rat (1767-1815), dann Na­po­le­ons vier­jäh­ri­ger Nef­fe Na­po­le­on Louis Bo­na­par­te (1803-1831). Für die­sen über­nahm Na­po­le­on selbst die Re­gent­schaft. In das eben­falls neu er­rich­te­te Kö­nig­reich West­fa­len setz­te Na­po­le­on als Kö­nig sei­nen jüngs­ten Bru­der Jé­rô­me Bo­na­par­te (1784-1860) ein. Bei­de Staa­ten er­hiel­ten ei­ne mo­der­ne Ver­wal­tung und ver­staat­lich­ten die geist­li­chen Be­sitz­tü­mer. Auch Ba­den, Würt­tem­berg und Bay­ern konn­ten sich den Re­form­ide­en nicht ent­zie­hen. Sie er­neu­er­ten eben­falls ih­re Ver­wal­tun­gen und führ­ten die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on durch. Nonnenwerth, Rolandseck und Drachenfels, Gemälde von Arnold Forstmann (1842-1914 oder später), um 1870, Original im Stadtmuseum Bonn. Die fran­zö­si­sche Be­set­zung des Rhein­lan­des und die Vor­herr­schaft der Fran­zo­sen in Eu­ro­pa tra­fen trotz al­ler Mo­der­ni­sie­rung auf zu­neh­men­de Ab­leh­nung. Sie grün­de­te vor al­lem auf den wirt­schaft­li­chen Fes­seln der Zoll­gren­ze am Rhein und der Kon­ti­nen­tal­sper­re so­wie den ste­ti­gen Ein­be­ru­fun­gen von Sol­da­ten. Ideo­lo­gisch wur­de sie auf­ge­la­den durch ei­nen neu er­wach­ten na­tio­na­len Selbst­be­haup­tungs­wil­len. Das 1806 un­ter­ge­gan­ge­ne Deut­sche Reich be­zie­hungs­wei­se des­sen mit­tel­al­ter­li­che Blü­te wur­de ro­man­ti­sie­rend als „gu­te al­te Zeit“ ver­klärt und mit Sehn­süch­ten nach neu­er na­tio­na­ler Grö­ße ver­knüpft. Die an­ti-na­po­leo­ni­sche Hal­tung zeig­te sich zu­erst bei den In­tel­lek­tu­el­len. Hein­rich von Kleist (1777-1811), der 1793 am Feld­zug ge­gen Frank­reich teil­ge­nom­men hat­te, wand­te sich trotz an­fäng­li­cher Be­geis­te­rung für die Ide­en der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on nach der Be­set­zung Preu­ßens ge­gen die na­po­leo­ni­sche Herr­schaft. Zwi­schen 1806 und 1808 schrieb er das Stück „Die Her­manns­schlach­t“, wel­ches den Kampf zwi­schen dem Ger­ma­nen Ar­mi­ni­us (Deut­sche) und dem In­va­so­ren Va­rus (Fran­zo­sen) be­han­delt. In sei­ner 1809 ent­stan­de­nen Ode „Ger­ma­nia an ih­re Kin­der“ hei­ßt es auf­rüt­telnd: Die des Mai­nes Re­gio­nen,  Die der El­be heit­re Aun,  Die der Do­nau Strand be­woh­nen,  Die das Oder­tal be­baun,  An des Rhei­nes Lau­ben sit­zen,  Von dem duft­gen Mit­tel­meer,  Von dem Rie­sen­ber­ge Spit­zen,  Von der Ost und Nord­see her!  [Chor]  Hor­chet! – Durch die Nacht, ihr Brü­der,  welch ein Don­ner­ruf her­nie­der?  Stehst Du auf, Ger­ma­nia?  Ist der Tag der Ra­che da? Wer nicht nur auf den Tag der Ra­che war­ten woll­te, en­ga­gier­te sich ge­gen Na­po­le­on. Al­ler­dings konn­te das Auf­be­geh­ren zur Flucht ins Exil füh­ren. Ernst Mo­ritz Arndt , ge­bo­ren in Groß-Scho­ritz (heu­te Orts­teil von Garz) auf der In­sel Rü­gen, die da­mals noch zu Schwe­den ge­hör­te, war seit 1801 Pri­vat­do­zent und 1806 Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Greifs­wald ge­we­sen. Auf Grund ei­ner an­ti-na­po­leo­ni­schen Flug­schrift muss­te er nach der Schlacht von Je­na und Au­er­stedt 1806 nach Schwe­den flüch­ten. 1809 kehr­te er nach Deutsch­land zu­rück und ging 1812 auf Ein­la­dung des Hein­rich Fried­rich Karl Reichs­frei­herrn vom und zum Stein (1757-1831) als des­sen Pri­vat­se­kre­tär nach Russ­land. Wäh­rend die bei­den auf po­li­ti­scher Ebe­ne die An­nä­he­rung von Russ­land und Eng­land be­för­der­ten, un­ter­stütz­ten sie gleich­zei­tig den Auf­bau der Rus­sisch-Deut­schen Le­gi­on. Arndt flan­kier­te die Be­mü­hun­gen mit po­li­ti­schen Kampf­schrif­ten in Form von pa­trio­ti­schen Flug­schrif­ten, Ge­dich­ten und Lie­dern. Der Russ­land­feld­zug Na­po­le­ons 1812 en­de­te mit dem Rück­zug der fran­zö­si­schen Ar­mee und der Hilfs­trup­pen der mit Frank­reich ver­bün­de­ten Staa­ten. Das mi­li­tä­risch von Na­po­le­on ge­de­mü­tig­te und aus sei­nen west­li­chen Ge­bie­ten ver­trie­be­ne Preu­ßen hat­te eben­falls ein Trup­pen­kon­tin­gent ge­stellt. Am 30.12.1812 han­del­te der preu­ßi­sche Ge­ne­ral Jo­hann Da­vid von Yorck (1759-1830) ei­gen­mäch­tig ei­nen Waf­fen­still­stand mit den rus­si­schen Trup­pen aus. In die­ser Kon­ven­ti­on von Tau­rog­gen er­klär­ten sich die preu­ßi­schen Trup­pen für neu­tral. Drei Mo­na­te, im März 1813, mar­kier­te die Kriegs­er­klä­rung des preu­ßi­schen Kö­nigs an Frank­reich end­gül­tig den Über­gang vom Ver­bün­de­ten zum Geg­ner und er­öff­ne­te die so ge­nann­ten „Be­frei­ungs­krie­ge“. Der Ko­ali­ti­on aus Russ­land und Preu­ßen schloss sich Ös­ter­reich an. Hö­he­punkt des Krie­ges war die „Völ­ker­schlach­t“ bei Leip­zig im Ok­to­ber 1813, in der die Al­li­ier­ten Na­po­le­on be­sieg­ten. Die Res­te der ge­schla­ge­nen fran­zö­si­schen Ar­mee zo­gen sich hin­ter den Rhein und da­mit nach Frank­reich zu­rück. Der von Na­po­le­on 1806 ge­schaf­fe­ne Rhein­bund zer­fiel. Die nach­rü­cken­den Al­li­ier­ten er­reich­ten An­fang No­vem­ber den Rhein. Sie be­setz­ten die nörd­li­chen Rhein­bund­staa­ten West­fa­len, Berg und Frank­furt und rich­te­ten dort Über­gangs­ver­wal­tun­gen ein. Die süd­deut­schen Mon­ar­chi­en wie die in Bay­ern, Ba­den und Würt­tem­berg blie­ben von solch ei­ner Auf­lö­sung ver­schont. Heinrich von Kleist, Gemälde von Peter Friedel, 1801, Zeichnung, Dresden, Original. (Sammlung Otto Krug) Be­reits im Ja­nu­ar 1813 hat­te Arndt mit sei­ner Flug­schrift „Was be­deu­tet Land­sturm und Land­wehr “ die Volks­be­waff­nung emp­foh­len. Nach dem Vor­bild des Land­stur­me­dikts des preu­ßi­schen Kö­nigs vom 21.4.1813 rief im Gro­ßher­zog­tum Berg der In­te­rims­ver­wal­ter Jus­tus Gru­ner (1777-1820) am 13./25. De­zem­ber eben­falls zur Bil­dung ei­nes Land­sturms auf. Er ver­wies da­bei aus­drück­lich auf die Män­ner des Sie­ben­ge­bir­ges. Tat­säch­lich hat­te sich dort vor der of­fi­zi­el­len Auf­stel­lung ei­ne Bür­ger­wehr zu­sam­men­ge­fun­den, die sich nun der „frei­wil­li­ge Land­sturm vom Sie­ben­ge­bir­ge“ nann­te. Die Rhein­län­der ver­sa­hen nun den Vor­pos­ten­dienst an der Rhein­gren­ze. Wie sehr die­se Rhein­gren­ze be­reits ak­zep­tiert wor­den war, zeigt das Zö­gern der Al­li­ier­ten den Rhein zu über­que­ren. In die­ser Si­tua­ti­on stell­te sie ih­nen die Fra­ge, ob mit der Be­frei­ung Deutsch­lands in den Gren­zen von 1813 ih­re Kriegs­zie­le er­reicht wor­den wa­ren oder nicht. Der ös­ter­rei­chi­sche Au­ßen­mi­nis­ter Cle­mens Wen­zel Lo­thar von Met­ter­nich plä­dier­te im Sin­ne des Gleich­ge­wichts der Kräf­te für den Er­halt Frank­reichs als Gro­ß­macht, um ei­ne Vor­herr­schaft des er­stark­ten Russ­lands zu ver­hin­dern. Mit­te No­vem­ber 1813 bo­ten die Al­li­ier­ten des­halb dem ge­schla­ge­nen Na­po­le­on als Ver­hand­lungs­ba­sis für ei­nen Frie­den an, Frank­reich in sei­nen na­tür­li­chen Gren­zen zu er­hal­ten. Pu­bli­zis­tisch schal­te­te sich nun Arndt mit ei­ner wei­te­ren Pu­bli­ka­ti­on in die­se De­bat­te ein. Noch 1813 er­schien sei­ne Flug­schrift „Der Rhein, Teutsch­lands Strom, aber nicht Teutsch­lands Grän­ze“. In ihr skiz­zier­te Arndt die Tra­di­ti­on der fran­zö­si­schen Rhein­po­li­tik von ih­ren An­fän­gen bis zu den „Un­ge­heu­er[n] an der Sei­ne vom Jah­re 1790 bis 1800“. Die Na­tur­gren­ze ei­nes Vol­kes ar­gu­men­tier­te Arndt, sei nicht ei­ne na­tür­li­che Ge­ge­ben­heit wie ein Fluss, son­dern viel­mehr der Sprach­raum: „was sind die Na­tur­grän­zen ei­nes Vol­kes? Ich sa­ge: die ein­zi­ge gül­tigs­te Na­tur­grän­ze macht die Spra­che.“ So wie die Spra­che ei­ne Be­son­der­heit sei, so ha­be auch das Volk, die Na­ti­on, die sie spricht, ih­re Be­son­der­hei­ten in der Rechts­auf­fas­sung und in der Po­li­tik. Arndt ver­knüpf­te Deutsch­lands Schick­sal mit dem Rhein, denn: „oh­ne den Rhein kann die teut­sche Frei­heit nicht be­ste­hen.“ Auch das Gleich­ge­wicht der Kräf­te in Eu­ro­pa be­müh­te Arndt, da „Teutsch­lands Selb­stän­dig­keit und Eu­ro­pens Si­cher­heit nicht be­ste­hen kann, wenn die Fran­zo­sen den Rhein und die jen­seits des Rheins lie­gen­den teut­schen Lan­de be­hal­ten.“ Nur ein deut­scher Rhein kön­ne Eu­ro­pa vor der fran­zö­si­schen Vor­herr­schaft be­wah­ren: „Wenn Frank­reich den Rhein­strom mit sei­nen Lan­den be­hält, so be­hält es nicht nur sein al­les Gleich­ge­wicht auf­he­ben­des Über­ge­wicht über Teutsch­land, son­dern auch über das üb­ri­ge Eu­ro­pa.“ Wei­te­re Pu­bli­ka­tio­nen for­der­ten eben­so, dass der Rhein nicht die Gren­ze Deutsch­lands sei. Ei­ne an­ony­me Druck­schrift mit dem Ti­tel „Deutsch­land im rhei­ni­schen Bun­de und nach sei­ner Wie­der­ge­burt; oder: der Frie­de oh­ne Rhein­gren­ze“ von 1813 for­mu­lier­te emo­tio­nal: „Der Rhein sey ein deut­scher Strom, und tren­ne für­der nicht Brü­der von Brü­dern!“ Da­mit stütz­ten Arndt und die an­de­ren Pu­bli­zis­ten das Drän­gen des Frei­herrn vom Stein und der preu­ßi­schen Mi­li­tärs. Sie be­für­wor­te­ten die Fort­set­zung des Krie­ges und das Ein­drin­gen nach Frank­reich, um Na­po­le­ons Macht­ba­sis zu zer­schla­gen. Da Na­po­le­on das An­ge­bot der Al­li­ier­ten igno­rier­te und neue Trup­pen aus­hob, ent­schlos­sen sich die Al­li­ier­ten, die Kampf­hand­lun­gen wie­der auf­zu­neh­men. Den Krieg von 1814 lei­te­te der preu­ßi­sche Ge­ne­ral­feld­mar­schall Ger­hard Le­be­recht von Blü­cher (1742-1819) mit dem Rhein­über­gang bei Kaub in der Neu­jahrs­nacht ein. Die­ses Er­eig­nis be­grü­ß­ten und be­ju­bel­ten die Zeit­ge­nos­sen. In­spi­riert von Blü­chers Rhein­über­gang er­schien 1814 das Ge­dicht „Lied vom Rhein“ von Max von Schen­ken­dorf (1783-1817), der als Frei­wil­li­ger an den Be­frei­ungs­krie­gen und an der „Völ­ker­schlach­t“ bei Leip­zig teil­ge­nom­men hat­te. Hier­in wur­de der Rhein als „hei­li­g“ über­höht und sei­ne Frei­heit be­schwo­ren, Mo­ti­ve, die fort­an im­mer wie­der­keh­ren soll­ten. Max von Schen­ken­dorf, Lied vom Rhein (1814) ... Das ist der heil'ge Rhein Ein Herr­scher, reich be­gabt Deß Na­me schon wie Wein, Die treue See­le labt. Es re­gen sich in al­len Her­zen Viel Va­ter­länd'sche Lust und Schmer­zen, Wenn man das deut­sche Lied be­ginnt Vom Rhein, dem ho­hen Fel­sen­kind. ... Wir huld'gen un­serm Herrn, Wir trin­ken sei­nen Wein. Die Frei­heit sey der Stern! Die Lo­sung sey der Rhein! Wir wol­len ihm auf‘s neue schwö­ren, Wir müs­sen ihm, er uns ge­hö­ren! Vom Fel­sen kommt er frei und hehr, Er flie­ße frei in Got­tes Meer! (2. und 9. Stro­phe) Das Über­schrei­ten des Rheins be­deu­te­te das Ein­drin­gen nach Frank­reich. Das Hin­ein­tra­gen des Krie­ges nach Frank­reich wur­de mit Ge­nug­tu­ung auf­ge­nom­men und spä­ter als Blü­chers Ver­dienst an­ge­se­hen. Der Rhein­über­gang leg­te den Grund­stein des spä­te­ren Blü­cher-My­thos als „Mar­schall Vor­wärts“. Au­gust Ko­pisch (1799-1853), der Dich­ter der „Hein­zel­männ­chen zu Köln“, mal­te den Mo­ment in dem 1836 er­schie­ne­nen Ge­dicht „Blü­cher am Rhein“ aus: Au­gust Ko­pisch, Blü­cher am Rhein (1836) Blüchers Rheinübergang bei Kaub, Gemälde von Wilhelm Camphausen (1818-1885), 1860. (Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie) Die Hee­re blie­ben am Rhei­ne ste­hen: Soll man hin­ein nach Frank­reich gehn? Man dach­te hin und wie­der nach, Al­lein der al­te Blü­cher sprach: „Ge­ne­ral­kar­te her! Nach Frank­reich gehn ist nicht so schwer. Wo steht der Feind?“ – „Der Feind? – da­hier!“ „Den Fin­ger drauf, den schla­gen wir! Wo liegt Pa­ris?“ – „Pa­ris? – da­hier!“ „Den Fin­ger drauf, den schla­gen wir! Nun schlag die Brü­cken übern Rhein! Ich den­ke, der Cham­pa­gner­wein Wird, wo er wächst, am bes­ten sein!“ Rhein­über­gän­ge der al­li­ier­ten Trup­pen fan­den al­ler­dings auch bei Mann­heim und Ko­blenz statt. Ei­ner der Or­ga­ni­sa­to­ren des Land­sturms im Rhein­land war der preu­ßi­sche Ma­jor der Gar­de-Jä­ger Fer­di­nand Wil­helm Franz Bols­tern von Bol­tens­tern (1786-1814). Der Land­sturm war nur zur Ver­tei­di­gung der Hei­mat und nicht für Of­fen­siv­ak­tio­nen vor­ge­se­hen, wie Bol­tens­tern sie im Sinn hat­te. An­fang Ja­nu­ar 1814 ver­such­te er im An­schluss an den Rhein­über­gang Blü­chers bei Kaub, ei­nen An­griff bei Mül­heim über den Rhein auf Köln aus­zu­füh­ren. Die un­er­war­te­te hef­ti­ge fran­zö­si­sche Ge­gen­wehr trieb sei­nen Trupp aus preu­ßi­schen Jä­gern, Rus­sen und frisch re­kru­tier­ten ber­gi­schen Trup­pen zu­rück in den Rhein. Bol­tens­tern starb – ver­mut­lich töd­lich ver­wun­det – beim Rück­zug im Rhein. Sein Leich­nam wur­de nie ge­fun­den. Zur glei­chen Zeit – mög­li­cher­wei­se als Ab­len­kungs­ma­nö­ver ge­dacht – kam es von der In­sel Non­nen­werth aus zu ei­nem Schuss­wech­sel mit fran­zö­si­schen Trup­pen auf der an­de­ren Rhein­sei­te. Da­bei wur­de der Kö­nigs­win­te­rer Stein­hau­er­meis­ter Jo­hann Jo­seph Gen­ger (1774-1814) töd­lich ver­wun­det, so dass er ei­ni­ge Ta­ge spä­ter starb. Da­mit hat­te der Land­sturm im Rhein­land – wenn Bol­tens­tern als Or­ga­ni­sa­tor da­zu ge­zählt wird – zwei Op­fer zu be­kla­gen. Schon 1814 er­hiel­ten Bol­tens­tern und Gen­ger ein Denk­mal, ge­stif­tet vom Land­sturm. Am Jah­res­tag der Völ­ker­schlacht bei Leip­zig, am 18.10.1814, war die fei­er­li­che Ein­wei­hung des von dem Bau­di­rek­tor des Gro­ßher­zog­tums Berg Adolph von Va­ge­des (1777-1842) ge­stal­te­ten Obe­lis­ken. Im gan­zen Rhein­land fan­den an die­sem Tag Fei­ern statt, die der Be­frei­ung des Rhein­lan­des ge­wid­met wa­ren. Die Idee zu die­sen Fei­ern an die­sem Tag stamm­te von Arndt, der da­mit ein Zei­chen set­zen woll­te: „Hier aber um den hei­li­gen Rhein von den Ber­gen über Düs­sel­dorf bis zu den Ber­gen über Ba­sel und dann auf den Huns­rück und Don­ners­berg sol­len sie un­se­ren ur­al­ten Nei­dern und Wi­der­sa­chern ent­ge­gen­flam­men und mel­den, wel­ches Fest in Teutsch­land be­gan­gen wird.“ Die sieg­rei­chen Al­li­ier­ten be­stimm­ten auf dem Wie­ner Kon­gress 1815 über die ter­ri­to­ria­le Zu­kunft Eu­ro­pas. Den wich­tigs­ten und grö­ß­ten ter­ri­to­ria­len Zu­ge­winn am Rhein er­hielt das an­fangs zö­ger­li­che Kö­nig­reich Preu­ßen: das Rhein­land von der nie­der­län­di­schen Gren­ze bis zur Na­he. Aus die­sem Ge­biet ent­stand als­bald die preu­ßi­sche Rhein­pro­vinz, in der wei­ter­hin der na­po­leo­ni­sche Code Ci­vil als „Rhei­ni­sches Rech­t“ Gel­tung hat­te. Die 1818 vom preu­ßi­schen Kö­nig ge­grün­de­te Bon­ner Uni­ver­si­tät hat­te ei­gens ei­nen Lehr­stuhl da­für ein­ge­rich­tet. Ei­ne Pro­fes­sur er­hielt auch Ernst Mo­ritz Arndt. Der nicht weit von Bonn ent­fern­te Dra­chen­fels avan­cier­te im 19. Jahr­hun­dert als Ku­lis­se für pa­trio­ti­sche Be­kennt­nis­fei­ern. Die Tur­ner­be­we­gung lud 1818 zur Jah­res­fei­er der Völ­ker­schlacht auf den Berg ein, doch be­reits ein Jahr spä­ter wa­ren sol­che na­tio­nal den­ken­den Grup­pie­run­gen un­ter auf­merk­sa­mer Be­ob­ach­tung und die Bur­schen­schaf­ten ver­bo­ten wor­den. Die Bon­ner Stu­den­ten zo­gen 1819 auf den Bon­ner Kreuz­berg. Hein­rich Hei­ne , der im Win­ter­se­mes­ter 1819/1820 an der ge­ra­de er­öff­ne­ten Bon­ner Uni­ver­si­tät Rechts- und Ka­me­ral­wis­sen­schaf­ten stu­dier­te, nahm dar­an teil, ver­leg­te in sei­nem Ge­dicht aber die Kund­ge­bung auf den Dra­chen­fels, um ei­ne hö­he­re Wir­kung zu er­zie­len. Gleich­wohl hielt er die für ihn ty­pi­sche iro­ni­sche Dis­tanz zum Ge­sche­hen. Hein­rich Hei­ne, Die Nacht auf dem Dra­chen­fels (Mai 1820) August Kopisch, Porträt, 1887. Um Mit­ter­nacht war schon die Burg er­stie­gen, Der Holz­stoß flamm­te auf am Fuß der Mau­ern, Und wie die Bur­schen lus­tig nie­der­kau­ern, Er­scholl das Lied von Deutsch­lands heil­gen Sie­gen. Wir tran­ken Deutsch­lands Wohl aus Rhein­wein­krü­gen, Wir sahn den Burg­geist auf dem Tur­me lau­ern, Viel dunk­le Rit­ter­schat­ten uns um­schau­ern, Viel Ne­bel­fraun bei uns vor­über­flie­gen. Und aus den Trüm­mern steigt ein tie­fes Äch­zen, Es klirrt und ras­selt, und die Eu­len kräch­zen; Da­zwi­schen heult des Nord­sturms Wut­ge­brau­se. Sieh nun, mein Freund, so ei­ne Nacht durch­wacht ich Auf ho­hem Dra­chen­fels, doch lei­der bracht ich Den Schnup­fen und den Hus­ten mit nach Hau­se. Das Land­sturm-Denk­mal auf dem Dra­chen­fels ver­fiel in den fol­gen­den Jah­ren, so dass 1857 ein neu­es durch den Dom­bau­meis­ter Ernst Fried­rich Zwir­ner in Form ei­ner neu­go­ti­schen Fia­le ge­schaf­fen wur­de, auf dem die Na­men der bei­den To­ten nicht mehr er­schie­nen. 1876 muss­te auch die­ses Denk­mal er­setzt wer­den. Auf Drän­gen der Fa­mi­lie Bol­ten­sterns wur­de 1914 an an­de­rer Stel­le auf dem Dra­chen­fels ein Obe­lisk er­rich­tet, der die Na­men Bol­tens­tern und Gen­ger wie­der auf­wies. Heinrich Heine, Porträt, Foto eines im Original farbigen Ölgemäldes von Colla, um 1825. 2. „Sie sollen ihn nicht haben …“ – Die Rheinkrise 1840 Nach dem En­de der na­po­leo­ni­schen Krie­ge reis­ten vie­le wohl­ha­ben­de Bri­ten auf ih­rer „Gro­ßen Tour“ tra­di­tio­nell von Eng­land nach Ita­li­en und nah­men den Weg den Rhein hin­auf. Die von ih­nen als na­tür­lich und schön emp­fun­de­ne Rhein­land­schaft lös­te Be­geis­te­rung bei den Rei­sen­den aus. Be­rich­te, Brie­fe und vor al­lem Ge­or­ge Gor­don By­rons (1788-1824) Ge­dicht über „The cast­led crag of Dra­chen­fel­s“ sorg­ten zu­nächst für ei­nen ste­tig an­schwel­len­den Strom bri­ti­scher Tou­ris­ten, de­nen bald auch die deut­schen Rei­sen­den folg­ten. Die auf­blü­hen­de Rhein­ro­man­tik ver­wan­del­te den Fluss end­gül­tig in ein – er­reich­ba­res – Ziel der Sehn­sucht. Ma­ler, Dich­ter und Mu­si­ker ver­brei­te­ten ein ver­klär­tes Bild des Rhein­lan­des, Buch­ver­le­ger wie Karl Ba­ede­ker mit sei­nen Rei­se­füh­rern und die auf­kom­men­de Dampf­schiff­fahrt tru­gen ih­ren Teil da­zu bei, sehr vie­le Men­schen an den Rhein zu be­för­dern. Sie ge­nos­sen den Aus­flug, den Rhein­wein und die – zu­min­dest zeit­wei­se – Be­frei­ung von den Zwän­gen der Ge­sell­schaft. Auch das preu­ßi­sche Kö­nigs­haus war „vom Zau­ber des Rheins er­grif­fen“. Die Bur­gen­fans un­ter den Ho­hen­zol­lern er­war­ben Burg­rui­nen wie die von Ro­lands­eck und lie­ßen sich Bur­gen nach­bau­en wie et­wa Schloss Stol­zen­fels. Karikatur eines englischen Reisenden, aus Richard Doyle, The Foreign Tour of Messrs. Brown, Jones & Robinson, London 1854, Original im Siebengebirgsmuseum. Mit der wach­sen­den Be­deu­tung des Rheins für ei­ne im­mer brei­te­re Öf­fent­lich­keit fand auch sei­ne po­li­ti­sche Auf­la­dung statt. Die Ent­schei­dung des preu­ßi­schen Kö­nigs, im Rhein­land den Bau des Köl­ner Doms zu voll­enden, fand in der Krei­sen der Na­tio­nal­be­we­gung grö­ß­ten Zu­spruch. Der Dom­bau wur­de zur na­tio­na­len Auf­ga­be und der zu voll­enden­de Dom zum Sym­bol für die noch aus­ste­hen­de Voll­endung der deut­schen Ein­heit. Die deut­sche Na­tio­nen­bil­dung hat­te am Rhein ihr sicht­bars­tes Zei­chen er­hal­ten. Die Frei­heit des Ein­zel­nen und die Frei­heit der Na­ti­on wa­ren mit der Frei­heit des Rheins na­he­zu ei­ne Sym­bio­se ein­ge­gan­gen. Da­her be­tra­fen An­grif­fe von fran­zö­si­scher Sei­te auf die­se Frei­heit die gan­ze deut­sche Na­ti­on. Der deutsch-fran­zö­si­sche Ge­gen­satz fand in der Rhein­kri­se von 1840 ei­nen neu­en Hö­he­punkt. Der fran­zö­si­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Adolph Thiers (1797-1877) hat­te in der Ori­en­ta­li­schen Fra­ge ei­ne di­plo­ma­ti­sche Nie­der­la­ge hin­neh­men müs­sen und such­te ein Ven­til für die Em­pö­rung im Land. Er rich­te­te sie auf das Rhein­land, for­der­te die Re­vi­si­on der Er­geb­nis­se des Wie­ner Kon­gres­ses von 1815 und er­hob den fran­zö­si­schen An­spruch auf das links­rhei­ni­sche Ge­biet. Die po­li­ti­schen Span­nun­gen lie­ßen in Deutsch­land die pa­trio­ti­sche Stim­mung stei­gen und es ent­zün­de­te sich ein Dich­t­er­streit, bei dem die­se mit zahl­rei­chen po­li­ti­schen Lie­dern ein flam­men­des Be­kennt­nis zum deut­schen Rhein ab­leg­ten. Ei­nes der ers­ten und po­pu­lärs­ten Lie­der schrieb der in Bonn ge­bo­re­ne Ni­ko­laus Be­cker . Er hat­te Rechts­wis­sen­schaft stu­diert und war Ge­richts­schrei­ber am Frie­dens­ge­richt in Gei­len­kir­chen als er das „Rhein­lie­d“ dich­te­te. Es er­schien am 18.9.1840 in der „Trie­ri­schen Zei­tun­g“ und des­sen ers­te Zei­len soll­ten schon bald in al­ler Mun­de sein: „Sie sol­len ihn nicht ha­ben, den frei­en, deut­schen Rhein…“ Ni­ko­laus Be­cker, Rhein­lied (Sep­tem­ber 1840) Der 'rote' Baedeker, Ausgabe aus dem Jahr 1864, Original im Siebengebirgsmuseum, Foto: Original: Siebengebirgsmuseum. Sie sol­len ihn nicht ha­ben Den frei­en deut­schen Rhein, Ob sie wie gie­ri­ge Ra­ben Sich hei­ser da­nach schrei´n, So lang er ru­hig wal­lend Sein grü­nes Kleid noch trägt, So lang ein Ru­der schal­lend In sei­ne Wo­ge schlägt. Sie sol­len ihn nicht ha­ben, Den frei­en, deut­schen Rhein, So lang sich Her­zen la­ben An sei­nem Feu­er­wein. So lang in sei­nem Stro­me Noch fest die Fel­sen steh´n, So lang sich ho­he Do­me In sei­nem Spie­gel seh´n! Sie sol­len ihn nicht ha­ben, Den frei­en, deut­schen Rhein, So lang dort küh­ne Kna­ben Um schlan­ke Dir­nen frei´n. So lang die Flos­se he­bet Ein Fisch auf sei­nem Grund, So lang ein Lied noch le­bet In sei­ner Sän­ger Mund. Sie sol­len ihn nicht ha­ben, Den frei­en deut­schen Rhein, Bis sei­ne Flut be­gra­ben Des letz­ten Manns Ge­bein! Das Lied war so be­liebt, dass es auf über 70 Ver­to­nun­gen kam. Ernst Mo­ritz Arndt kom­men­tier­te Be­ckers Lied mit ei­nem ei­ge­nen Ge­dicht: Ernst Mo­ritz Arndt, Das Lied vom Rhein an Ni­k­las Be­cker (1840) Es klang ein Lied vom Rhein, Ein Lied aus deut­schem Mun­de, Und schnell wie Blit­zesschein Durch­flog's die wei­te Run­de, Und heiß wie Blit­zesschein Durch­zuckt es je­de Brust Mit al­ter We­hen Pein, Mit jun­ger Freu­den Lust. Sein hel­ler Wi­der­klang Vom Sü­den fort zum Nor­den Ist gleich wie Wehr­ge­sang Des Va­ter­lands ge­wor­den. Nun brau­se fröh­lich, Rhein: Nie soll ob mei­nem Hort Ein Wel­scher Wäch­ter sein! Das brau­se fort und fort. Und stär­k­rer Wi­der­klang Gleich Pau­ken und Po­sau­nen, Gleich küh­nem Schlacht­ge­sang Klingt Welsch­land durch mit Stau­nen – Es klin­get: Neue Zeit Und neu­es Volk ist da; Komm, Hof­fart, willst du Streit! Ger­ma­nia ist da. Drum klin­ge, Lied vom Rhein! Drum klin­get, deut­sche Her­zen! Neu, jung will al­les sein – Fort, fort die al­ten Schmer­zen, Der al­ten Wah­ne Tand! Al­lei­nig stehn wir da Fürs gan­ze Va­ter­land, Jung steht Ger­ma­nia. Auf der fran­zö­si­schen Sei­te er­folg­te in die­sem Lie­der­streit die Ant­wort durch Al­fred de Mus­set (1810-1857), der un­ter dem Ti­tel „Le Rhin al­le­man­d“ ein Ge­dicht ver­öf­fent­lich­te: Al­fred de Mus­set, Le Rhin al­le­mand (1840) Wir ha­ben ihn ge­habt, den deut­schen Rhein. In un­serm Glas sahn wir ihn fun­keln. Mit eu­res Schla­gers Prah­ler­ein Wollt ihr die stol­ze Spur ver­dun­keln, Die uns­rer Ros­se Huf grub euch ins Blut hin­ein? ... Ge­hört er euch denn, eu­er deut­scher Rhein, Wascht die Li­vree dar­in be­schei­den; Doch mä­ßigt eu­re stol­zes Schrein. Wie­vie­le Ra­ben, aus­zu­wei­den Den to­des­wun­den Aar, mögt ihr ge­we­sen sein? La­ßt fried­lich flie­ßen eu­ern deut­schen Rhein; Es spie­ge­le sich ge­ruh­sam wi­der Der Do­me go­ti­sches Ge­stein; Doch hü­tet euch, durch trunk­ne Lie­der Von ih­rem blut­gen Schlaf die To­ten zu be­frein. Hein­rich Hei­ne griff den „li­te­ra­risch-po­li­ti­schen Schlag­ab­tau­sch“ noch ein­mal kri­tisch auf und ließ „Va­ter Rhein“ in sei­nem 1844 ver­öf­fent­lich­ten „Deutsch­land. Ein Win­ter­mähr­chen“ sa­gen: Zu Bi­be­rich hab ich Stei­ne ver­schluckt, Wahr­haf­tig, sie schmeck­ten nicht le­cker! doch schwe­rer lie­gen im Ma­gen mir die Ver­se von Ni­k­las Be­cker. Lie­der wie „Der Rhein“ von Alex­an­der Rei­fer­scheid und „Auf dem Rhein“ von Ema­nu­el Gei­bel (1815-1884) sind heu­te kaum noch be­kannt. Eben­so ist es dem „Rhein­wein­lie­d“ von Ge­org Her­wegh (1817-1875) er­gan­gen, in dem sich in ty­pi­scher Wei­se na­tio­na­ler Pa­thos mit Rhein, Weib und Ge­sang ver­bin­den. Ge­org Her­wegh, Rhein­wein­lied (Ok­to­ber 1840) Wo solch ein Feu­er noch ge­deiht, Und solch ein Wein noch Flam­men speit, Da las­sen wir in Ewig­keit Uns nim­mer­mehr ver­trei­ben. Sto­ßt an! Sto­ßt an! Der Rhein, Und wär's nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben. Her­ab die Büch­sen von der Wand, Die al­ten Schlä­ger in die Hand, So­bald der Feind dem wel­schen Land Den Rhein will ein­ver­lei­ben! Haut, Brü­der, mu­tig drein! Der al­te Va­ter Rhein, Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben. Das Recht' und Link, das Link' und Recht', Wie klingt es falsch, wie klingt es schlecht! Kein Trop­fen soll, ein fei­ger Knecht, Des Franz­manns Müh­le trei­ben. Sto­ßt an! Sto­ßt an! Der Rhein, Und wär's nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben. Der ist sein Re­ben­blut nicht wert, Das deut­sche Weib, den deut­schen Herd, Der nicht auch freu­dig schwingt sein Schwert, Die Fein­de auf­zu­rei­ben. Frisch in die Schlacht hin­ein! Hin­ein für un­sern Rhein! Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben. O ed­ler Saft, o lau­ter Gold, Du bist kein ek­ler Skla­ven­sold! Und wenn ihr Fran­ken kom­men wollt, So la­ßt vor­her euch schrei­ben: Hur­ra! Hur­ra! Der Rhein, Und wär's nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben. Ei­nes der heu­te noch be­kann­ten Ge­dich­te aus der Zeit der Rhein­kri­se ent­fal­te­te sei­ne vol­le Wirk­sam­keit aber erst gut 30 Jah­re spä­ter. Es ist „Die Wacht am Rhein“ und stammt von dem jun­gen Kauf­mann Max Schne­cken­bur­ger (1819-1849). Max Schne­cken­bur­ger, Die Wacht am Rhein (No­vem­ber 1840) Nikolaus Becker, Brustbild, Litographie von August Kneisel. (Universitätsbibliothek Frankfurt am Main) Es braust ein Ruf wie Don­ner­hall, wie Schwert­ge­klirr und Wo­gen­prall: Zum Rhein, zum Rhein, zum deut­schen Rhein! Wer will des Stro­mes Hü­ter sein? Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein. Durch hun­dert­tau­send zuckt es schnell, Und al­ler Au­gen blit­zen hell: Der deut­sche Jüng­ling, fromm und stark, Be­schirmt die heil´ge Lan­des­mark. Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein. Auf blickt er, wo der Him­mel blaut, Wo Va­ter Her­mann nie­der­schaut, Und schwört mit stol­zer Kamp­fes­lust: „Du Rhein, bleibst deutsch, wie mei­ne Brust!“ Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein. „Und ob mein Herz im To­de bricht, Wirst du doch drum ein Wel­scher nicht, Reich wie an Was­ser dei­ne Flut, Ist Deutsch­land ja an Hel­den­blut.“ Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein. „So­lang ein Tröpf­chen Blut noch glüht, Noch ei­ne Faust den De­gen zieht, Und noch ein Arm die Büch­se spannt, Be­tritt kein Wel­scher dei­nen Strand.“ Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein. Der Schwur er­schallt, die Wo­ge rinnt, Die Fah­nen flat­tern in dem Wind. Am Rhein, am Rhein, am deut­schen Rhein, Wir al­le wol­len Hü­ter sein! Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein. Der Text wur­de um­ge­hend von dem aus Darm­stadt stam­men­den Ber­ner Or­ga­nis­ten Jo­hann Ja­kob Men­del (1809-1881) ver­tont. Im De­zem­ber 1840 er­schie­nen Text und No­ten. Im Hau­se des preu­ßi­schen Ge­sand­ten in Bern von Bun­sen vom Ber­ner Mu­sik­di­rek­tor Adolph Me­th­fes­sel (1807-1878) ur­auf­ge­führt, blieb es je­doch weit­ge­hend un­be­ach­tet. Erst als der Kre­fel­der Chor­di­ri­gent Karl Wil­helm (1814-1873) auf den Text auf­merk­sam wur­de und 1854 die heu­te be­kann­te Neu­ver­to­nung am Tag der Sil­ber­hoch­zeit des Prin­zen Wil­helm, des spä­te­ren Kai­sers Wil­helm I. (Re­gent­schaft ab 1858, Kö­nig 1861, Kai­ser 1871-1888), prä­sen­tier­te, nahm die Be­liebt­heit über Sän­ger­fes­te ra­sant zu. Das bis heu­te be­kann­tes­te und wirk­sams­te Werk aber schuf der Ger­ma­nist Au­gust Hein­rich Hoff­mann von Fal­lers­le­ben (1798-1874). Er schrieb am 26.8.1841 auf Hel­go­land, das da­mals ei­ne bri­ti­sche In­sel war, auf die Me­lo­die des „Kai­ser­lie­des“ („Gott er­hal­te Franz den Kai­ser“) von Jo­seph Haydn (1732-1809) ein Ge­dicht, das das al­te un­ter­ge­gan­ge­ne Reich mit dem neu­en kom­men­den Deutsch­land ver­band und die Ver­la­ge­rung des Schwer­punk­tes von der Mon­ar­chie zur Na­ti­on dar­stell­te. Au­gust Hein­rich Hoff­mann von Fal­lers­le­ben, Das Lied der Deut­schen (Au­gust 1841) 'Germania auf der Wacht am Rhein', Gemälde von Lorenz Clasen, Öl auf Leinwand. Deutsch­land, Deutsch­land über al­les, Über al­les in der Welt, Wenn es stets zu Schutz und Trut­ze Brü­der­lich zu­sam­men­hält, Von der Maas bis an die Me­mel, Von der Etsch bis an den Belt – Deutsch­land, Deutsch­land über al­les, Über al­les in der Welt! Deut­sche Frau­en, deut­sche Treue, Deut­scher Wein und deut­scher Sang Sol­len in der Welt be­hal­ten Ih­ren al­ten schö­nen Klang, Uns zu ed­ler Tat be­geis­tern Un­ser gan­zes Le­ben lang – Deut­sche Frau­en, deut­sche Treue, Deut­scher Wein und deut­scher Sang! Ei­nig­keit und Recht und Frei­heit Für das deut­sche Va­ter­land! Da­nach lasst uns al­le stre­ben Brü­der­lich mit Herz und Hand! Ei­nig­keit und Recht und Frei­heit Sind des Glü­ckes Un­ter­pfand – Blüh im Glan­ze die­ses Glü­ckes, Blü­he, deut­sches Va­ter­land! Der Rhein selbst fin­det im Text kei­ne di­rek­te Er­wäh­nung, da als der west­li­che Grenz­fluss die Maas ge­nannt wird. Die Maas durch­floss das Her­zog­tum Lim­burg, das seit 1839 (mit Aus­nah­me von Maas­tricht und Ven­lo) zum Deut­schen Bund ge­hör­te. Ist die Maas die west­li­che Gren­ze, so liegt das Rhein­land in Deutsch­land und der Rhein bil­det nicht die Gren­ze Deutsch­lands. Das Zu­sam­men­hal­ten der Deut­schen ent­sprach der For­de­rung nach der na­tio­nal­staat­li­chen Ein­heit, da­mit Deutsch­land den fran­zö­si­schen An­sin­nen ge­schlos­sen ge­gen­über tre­ten kön­ne. 3. „Die Wacht am Rhein…“ – Das Kaiserreich und der Rhein Die For­de­rung nach Ei­nig­keit und ei­nem Na­tio­nal­staat – wenn auch oh­ne Ös­ter­reich - er­füll­te sich gut 30 Jah­re spä­ter. Der sieg­rei­che Krieg ge­gen Frank­reich von 1870/1871 ein­te die Deut­schen. Di­plo­ma­tie, Be­ste­chung und ei­ne lär­men­de Pro­pa­gan­da hal­fen nach, wo es nö­tig war. Schne­cken­bur­gers Lied von der „Wacht am Rhein“ war all­ge­gen­wär­tig. Es ha­be den Wert von meh­re­ren Ar­mee­korps ge­habt, soll Ot­to von Bis­marck (1815-1898) ge­sagt ha­ben. Na­tio­na­le Krei­se for­der­ten die Ab­tre­tung des links­rhei­ni­schen fran­zö­si­schen Staats­ge­bie­tes bis zu den Vo­ge­sen. Beim Frie­dens­schluss be­stä­tig­te Frank­reich den Ver­zicht. Der grö­ß­te Teil der bei­den el­säs­si­schen und Tei­le der loth­rin­gi­schen De­par­te­ments bil­de­ten fort­an das Reichs­land El­sass-Loth­rin­gen im neu­en deut­schen Kai­ser­reich. Nun­mehr war der Rhein nir­gend­wo mehr die Gren­ze zwi­schen deut­schem und fran­zö­si­schem Staats­ge­biet. Schne­cken­bur­gers „Wacht am Rhein“ in der Ver­to­nung von Karl Wil­helm er­hielt ei­ne na­tio­na­le Be­deu­tung, sie war nicht nur die Be­gleit­mu­sik des 1870er-Krie­ges, son­dern hob sich in der Fol­ge­zeit auch in den Rang ei­ner zwei­ten Na­tio­nal­hym­ne. Das ge­mein­sa­me Zu­sam­men­ste­hen ge­gen den „Erb­fein­d“ Frank­reich blieb in Deutsch­land stets in Er­in­ne­rung, wur­de pro­pa­gan­dis­tisch wach ge­hal­ten und war im­mer auch Mit­tel zum Zweck für die Po­li­tik des deut­schen Reichs­kanz­lers Bis­marck. Schon vier Jah­re nach dem Krieg, 1875, lös­te er die Krieg-in-Sicht-Kri­se aus. Ein Zei­tungs­ar­ti­kel mit der Über­schrift „Ist Krieg in Sicht?“, der am 8.4.1875 in der re­gie­rungs­na­hen Zei­tung „Pos­t“ er­schie­nen war, spe­ku­lier­te über die fran­zö­si­schen Mi­li­tär­aus­ga­ben. Au­tor war zwar der Jour­na­list Con­stan­tin Rö­ß­ler (1820-1896), aber es war deut­lich, dass Reichs­kanz­ler Bis­marck da­hin­ter stand. Er droh­te Frank­reich mit ei­nem Prä­ven­tiv­krieg im Fal­le wei­te­rer Auf­rüs­tung. Sein Ziel war, die Hal­tung der Gro­ß­mäch­te Russ­land und Groß­bri­tan­ni­en zu er­for­schen. Aber auch in­nen­po­li­tisch wa­ren die Span­nun­gen in den deutsch-fran­zö­si­schen Be­zie­hun­gen von Nut­zen. Als der Ex­po­nent ei­ner auf ei­nen Re­van­che­krieg hin­ar­bei­ten­de Be­we­gung, der fran­zö­si­sche Ge­ne­ral Ge­or­ges Bou­lan­ger (1837-1891), 1886 Kriegs­mi­nis­ter sei­nes Lan­des wur­de und seit­dem die Zahl der Trup­pen er­höh­te, nutz­te Bis­marck dies ge­schickt aus, in­dem er die Ge­fahr hoch­spiel­te, um in­nen­po­li­tisch bei den Wah­len 1887 ei­ne sei­ne Re­gie­rung un­ter­stüt­zen­de Mehr­heit zu er­hal­ten. Faksimile von Hoffmann von Fallerslebens Manuskript 'Das Lied der Deutschen', Original im Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung. Um an die Ei­ni­gung Deutsch­lands zu er­in­nern und die ste­tig be­schwo­re­ne „Wacht am Rhein“ auch sym­bo­lisch zu un­ter­mau­ern, ent­stan­den am Rhein na­tio­na­le und re­gio­na­le Denk­mä­ler. Die ers­te An­re­gung für das Na­tio­nal­denk­mal ober­halb von Rü­des­heim, das so ge­nann­te Nie­der­wald­denk­mal, da­tiert be­reits auf das Jahr 1871. Zwi­schen 1877 und 1883 er­rich­tet, konn­te es am 28.9.1883 ein­ge­weiht wer­den. Der So­ckel des Denk­mals mit der Ger­ma­nia-Fi­gur trägt fünf der sechs Stro­phen des Lie­des von Schne­cken­bur­ger. Im Haupt­re­lief reicht „Va­ter Rhein“ das Wächt­er­horn an die „Toch­ter Mo­sel“ wei­ter, da der Rhein seit 1871 kei­ne Gren­ze mehr war. Das Denk­mal steht in ei­ner Rei­he na­tio­na­ler Denk­mal­gro­ß­pro­jek­te wie der Wal­hal­la in Do­naus­t­auf (1830-1842), dem Her­manns­denk­mal bei Det­mold (1838-1846 und 1863-1875), dem Kai­ser-Wil­helm-Denk­mal auf dem Kyff­häu­ser (1890-1896), dem Bis­marck-Denk­mal in Ham­burg (1901-1906) und dem Völ­ker­schlacht­denk­mal in Leip­zig (1898-1913). An Deutsch­lands Ei­ni­gung woll­ten auch die Rhein­län­der er­in­nern. Als Dank an Kai­ser Wil­helm I. soll­te nach des­sen Tod 1888 ein Denk­mal der Rhein­pro­vinz er­rich­tet wer­den. Vie­le der ein­ge­reich­ten Ent­wür­fe sa­hen als Stand­ort das Sie­ben­ge­bir­ge vor. Letzt­lich aber über­ließ das Ko­mi­tee die Ent­schei­dung dem Kai­ser­en­kel Wil­helm II. (Re­gent­schaft 1888-1918). Die­ser ent­schied sich 1891 für den Stand­ort Ko­blenz, am Zu­sam­men­fluss von Rhein und Mo­sel. 1897 konn­te das Rei­ter­stand­bild Wil­helms I. am Deut­schen Eck in Ko­blenz ein­ge­weiht wer­den. In der lan­gen Frie­dens­zeit zwi­schen 1871 und 1914 er­leb­te das Rhein­land den be­gin­nen­den Mas­sen­tou­ris­mus, der bald das wirt­schaft­li­che Pro­fil und das Ge­sicht der Städ­te am Rhein ver­än­der­te. Ei­sen­bahn, Schif­fe und Bus­se schaff­ten Men­schen aus ganz Deutsch­land und al­len Län­dern der Welt an den Rhein, wo zwar wei­ter­hin das na­tio­na­le Pa­thos ge­pflegt wur­de, die Rhein­ro­man­tik aber im­mer mehr ei­ner rühr­se­li­gen (Rhein-) Wein­se­lig­keit wich. Ei­ne re­gel­rech­te Tou­ris­mus­in­dus­trie pro­du­zier­te An­sichts­kar­ten und ein un­über­schau­ba­res An­bot von An­denken, die mil­lio­nen­fach ver­kauft, ver­schickt und mit­ge­nom­men wur­den. Nach Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges im Au­gust 1914 wa­ren pa­trio­ti­sche Lie­der mehr als je zu­vor ge­fragt. Schne­cken­bur­gers „Wacht am Rhein“ und Be­ckers „Das Lied vom Rhein“ ge­hör­ten zum all­ge­mei­nen Lied­gut und wur­den für die ein­set­zen­de Pro­pa­gan­da ger­ne ge­nutzt. Das heu­ti­ge Rhein­land war erst Auf­marsch­ge­biet und dann Hin­ter­land für die West­front. Vom Krieg ist es bis auf ver­ein­zel­te Bom­ben­an­grif­fe ver­schont ge­blie­ben. Das Oberel­sass im Reichs­land El­sass-Loth­rin­gen hin­ge­gen war vier Jah­re lang Schau­platz schwe­rer Kämp­fe. Verlinkungen: -> Quellen: Internetquellen -> Thomann, Björn, Siegfried von Xanten, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/siegfried-von-xanten/DE-2086/lido/57c94f5fdc5b67.90390949 (abgerufen am 08.06.2026) -> Klein, Ansgar S., Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/mythos-rhein-aus-sicht-der-deutschen-und-rheinlaender/DE-2086/lido/57d124853b7bd1.35175552 (abgerufen am 03.09.2026) -> Sekundärliteratur -> Eggebrecht, Harald: Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht, in: Süddeutsche Zeitung u. ders. (Hrsg.): Geheimnisse aus der Geschichte. Erstaunlich, vergessen, sagenhaft: Auf der Spur von Mythen, Rätseln und Skandalen, 2. Auflage, München 2025, S. 153-155. -> Rademacher, Cay: Nibelungensage. Ein Epos aus uralter Zeit, in: Die Germanen (GEO Epoche Jg. 2008, Heft Nr. 34), Hamburg 2008.