Querschnittsthemen


Wirtschaft

Wirtschaft

Nahrungsmittelversorgung

Inhaltsverzeichnis

1. Nahrungsmittelversorgung im vorindustriellen Deutschland

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3.

4.

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1. Nahrungsmittelversorgung im vorindustriellen Deutschland

Die Qualität des Elementaren. Lebensmittelkontrolle zwischen Haushalt und Laboratorium im späten 19. Jahrhundert.

Ernährung ist klagenstark. Klagen über die Qualität der Nahrung, über Verunreinigung und Verfälschung, über die umfassende Entwertung der Lebensmittel sind stets präsent, steht Ernährung auf der Tagesordnung. Sicher ist, dass nichts sicher ist. Anspruch und Wirklichkeit treffen konfliktreich aufeinander: Leib und Leben sollen geschützt, die elementaren Bedürfnisse befriedigt werden. Treu und Glauben, Leistung und Gegenleistung gilt es in Einklang zu bringen – und dies nicht nur im bürgerlich-rechtlichen Sinne. Derartige Anspruchshaltungen sind offenkundig widersprüchlich. Ernährung ist demnach nicht nur auf einen objektiven Nenner zu bringen, auf klar definierbare Qualität, auf eindeutige Verfälschungen und offenkundige Täuschungen. Die Rede über Ernährung hängt vielmehr von den jeweiligen Bewertungsmaßstäben ab. Güte, Wert und Qualität der Lebensmittel und Speisen sind abhängig vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontrollrahmen, er erst entscheidet über die richtige und rechte Ernährung, er erst macht Klagen über Ernährung verständlich.

Die vielfaltigen Veränderungen, die gemeinhin (und verfälschend) unter dem produktionslastigen Begriff der Industrialisierung subsumiert werden, höhlten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die seit dem Hochmittelalter ausgebildeten Kontrollmechanismen im Lebensmittelsektor aus. Die Sprache des alten Rechts, der Zunftordnungen und obrigkeitlicher Reglements entsprach immer weniger den Gegebenheiten des Warenaustausches und des sozialen Wandels. Lebensmittel und Ernährung waren von Ort zu Ort verschieden, rechtliche Vorgaben griffen auf dem Lande kaum, in den Städten immer weniger. Eine einheitliche Lebensmittelqualität war eine Fiktion, schien unmöglich. Man behalf sich mit einem Flickenteppich rechtlicher und wirtschaftlicher Maßregeln. Preistaxen, Gewichtsbestimmungen und die strikte Regelung der Konkurrenzverhältnisse sollten Konsumenten und Verkäufer vor Überteuerung schützen, Lebensmittelvisitation der „Policey“ verdorbene und verfälschte Nahrungsmittel im Markt verhüten.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts gerieten diese Kontrollinstitutionen unter Druck. Intensivierte Konkurrenzwirtschaft bis hin zur Gewerbefreiheit ließen die obrigkeitliche Schutzmacht deutlich schwinden. Die wenigen Versuche, strafrechtliche Bestimmungen gegen gesundheitsschädliche Produkte überregional zu kodifizieren – so etwa im Preußischen Allgemeinen Landrecht von 1794 – blieben jedenfalls ohne durchschlagende Kraft. Zeitgleich aber wuchs der Bedarf an Rechtsnormen rasch, führten doch Verbesserungen im Transportwesen (Chausseebau, Eisenbahnen) wie auch das Ende langbestehender Zollschranken zu einem vermehrten Warenaustausch. Der während der frühen Neuzeit zumeist noch enge Kontakt zwischen lokaler Agrarproduktion und städtischer Versorgung wurde nach und nach durchbrochen, immer mehr Produkte entstanden unter kaum näher bekannten Bedingungen. Versorgung wurde im 19. Jahrhundert zu einem fremden Element, von dem zuerst die Haushalte, dann die urbanen Zentren entlastet wurden. Die wachsende Bedeutung künstlicher Kost ließ Fremdversorgung zunehmend üblich werden.

Parallel veränderte sich das Wissen über Nahrung und Ernährung – ohne jedoch bereits in den Alltag vorzudringen. Die biochemische „Natur“ organischer Stoffe wurde schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkundet, später dann systematisch erforscht. Auch der Mensch wurde naturalisiert, stand als Naturwesen im Stoffwechsel mit Materie, Pflanzen- und Tierreich. Folgerichtig bewegten sich die Bewertungsmaßstäbe von Wissenschaft und Alltag stark auseinander. Während sich die frühe Lebensmittelpolizei – analog zu den Haushalten – noch vornehmlich auf Kontrolle mit Hilfe menschlicher Sinnesorgane beschränkte, wurden nun mechanische und optische Hilfsmittel immer wichtiger. Vergrößerungsgläser und Mikroskope halfen, Trichinen zu erkennen. Der Rahmgehalt oder aber das spezifische Gewicht der Milch konnte durch Instrumente wie das Cremometer oder das Laktodensimeter ermittelt werden.

Mit derart beschränkten Mitteln führten vor allem Mediziner und Apotheker die Lebensmittelkontrolle vor Ort aus und gaben der örtlichen Kontrolltätigkeit exekutive Kraft. Doch landwirtschaftliche Produkte waren nicht über eine Leiste zu schlagen, waren höchst heterogen. Der natürliche Fettgehalt der Milch variierte Mitte des 19. Jahrhunderts je nach Fütterung, Rasse und Gesundheitszustand der Kuh um bis zu 1,5 Prozentpunkte. Die frühe Lebensmittelkontrolle konnte daher nur grobe Verfälschungen nachweisen, fehlte es doch an klar definierten und akzeptierten Normen für die einzelnen Lebensmittel, an die sich Produzenten orientieren konnten und wollten. Entsprechend beschränkte sich die Qualitätskontrolle vor allem auf den Schutz der öffentlichen Gesundheit. Bemerkenswert aber ist, dass sich hierbei nicht Mediziner, sondern Chemiker beruflich etablieren konnten (und, bei Trichinen, natürlich Tierärzte). Dies war ein Reflex auf die für das 19. Jahrhundert typischen neuartigen Fälschungsmöglichkeiten. Seit der Mitte des Jahrhunderts gewannen „künstliche“ Färbe- und Konservierungsmittel an Bedeutung. Sie ermöglichten die Produktion neuer Lebensmittel, dienten aber auch der Vortäuschung nicht vorhandener Produktqualität. Altbewährte Arten der Lebensmittelbeurteilung wurden dadurch vielfach obsolet. Gegen diese moderne chemische Schönung half jedoch chemische Kompetenz. Sie wurde zum Garanten für reine, unverfälschte Ware. Chemiker lieferten zudem gerichtsverwertbare „objektive“ Dokumentationen von Abweichungen und Verfälschungen.

Die Mythen von Zahl und exakter Analyse lieferten ebenfalls Schrittmacherdienste für eine nicht nur privatwirtschaftliche, sondern auch öffentliche Etablierung der Handels- und Nahrungsmittelchemiker. Diese einseitige Professionalisierung führte zu zunehmend ausgefeilteren Analysemethoden und einer immer spezifischeren Fachsprache. Lebensmittelkontrolle entschwand so dem Alltagswissen – doch wer wollte die höhere Effizienz der chemischen Kontrolle wirklich bestreiten?
Grundlagen dieser Entwicklung legten umfassende Gesetzeswerke, die zuerst in den Einzelstaaten und Provinzen, seit 1879 auch für das gesamte Deutsche Reich erlassen wurden. Ihre Bedeutung gerade vor der Jahrhundertwende war jedoch noch begrenzt. Die Fleischbeschau zeigt dies deutlich: Trichinen – zuvor unbenannt und unbekannt – waren seit den 1860er Jahren zu einer allgemeinen Gefahr geworden, Massenerkrankungen forderten Hunderte von Toten.

Nach der Entdeckung der Übertragungswege reagierten die beiden besonders betroffenen Staaten Sachsen und Preußen jedoch sehr unterschiedlich. Während Sachsen 1861 die Fleischbeschau landesweit regelte, erließ die preußische Obrigkeit nur in einzelnen Provinzen Maßregeln. Auch das dortige Fleischbeschaugesetz von 1868 bewirkte nicht die öffentlich vielfach erhoffte Zentralisierung der Schlachtung in Schlachthöfen und regelte ebenfalls gerade die Fleischbeschau nur oberflächlich. Daran änderte auch die Novelle von 1881 nichts. Erst das reichsweite Fleischbeschaugesetz von 1900 schuf langsam Abhilfe. Die Säumigkeit des Staates bedeutete zugleich, dass häusliche Fleischkontrolle weiterhin üblich blieb. Das galt auch für die Mehrzahl anderer Lebensmittel, denn das international gewiss vorbildliche deutsche Nahrungsmittelgesetz von 1879 blieb weitgehend folgenlos, auch wenn es einige Formen der Verfälschung und Täuschung reichsweit unter Strafe stellte. Es fehlte vielfach schlicht das qualifizierte Kontrollpersonal (unweigerlich denkt man an die heutigen gut gemeinten Luftnummern in der Bauwirtschaft, der Altenpflege oder der Kinderbetreuung). Besonders Preußen war institutionell nicht in der Lage, dem geltenden Recht auch Geltung zu verschaffen. Während die südlichen Bundesstaaten schon seit langem über medizinische und chemische Kontrollinstanzen verfügten, mussten diese oberhalb des Mains erst nach und nach aufgebaut werden. Nur langsam schliff sich dieses Nord-Süd-Gefälle ab, erst eine wesentlich verbesserte und durch die Promotion aufgewertete Ausbildung der Nahrungsmittelchemiker sowie die Gründung zahlreicher städtischer Untersuchungsämter führten seit den 1890er Jahren zu deutlichen Verbesserungen. Wegbereiter waren auch mehrere Spezialgesetze im Lebensmittelsektor, obgleich diese vorrangig agrarischen Wirtschaftsinteressen dienten (so etwa für die Zucker- und Fettproduktion). Trotz dieses dichter werdenden öffentlichen Rechts- und Kontrollrahmens erhöhten sich zugleich die Anforderungen an die Haushalte. Das immer vielfältigere Warenangebot erforderte genauere Kenntnisse, um den Wert der nicht mehr selbst produzierten Güter abschätzen zu können.

Schon in der ersten Hälfte des bürgerlichen 19. Jahrhunderts halfen Kochbücher, später auch speziellen Haushaltsratgeber bzw. hauswirtschaftliche Rubriken in Familien- und Frauenzeitschriften. Sie informierten nicht nur über bewährte Zubereitungstechniken, sondern dienten der Orientierung über Lebensmittel und ihre Be- und Verwertungsmöglichkeiten. Während dies bei der Mehrzahl der Dienstboten und Köchinnen noch im Haushalt erlernt wurde, begann mit dem seit Ende der 1880er Jahre zunehmend institutionalisierten Hauswirtschaftsunterricht die quasi öffentliche Vermittlung grundlegender Kenntnisse über Lebensmitteln und Haushaltsgerätschaften.

Die immer stärkere, teils selbstbewusst gewählte Fremdversorgung der Haushalte gebar so einen Wissensbereich, der das tradierte Lernen von der Hausmutter oder Köchin durchbrach. Teils privatwirtschaftlich, teils staatlich organisiert, vermittelte die Hauswirtschaftslehre grundlegende Kenntnisse zum erfolgreichen Umgang mit einer neuen Warenwelt. Auf lange Sicht wichtiger war jedoch die Verlagerung der älteren Kontrollfunktionen des Haushalts auf die rückwärtigen Versorgungsstrukturen in Industrie und Handel. Markenartikel bezeichneten nicht mehr allein Herkunft, sondern wurden tendenziell Garanten einheitlicher Produktqualität. Ein Qualitätsimage war seit den 1870er Jahren verkaufsfördernd und gewinnbringend, so dass sich zumindest größere Firmen bemühten, unverfälschte und stets gleichartige Ware zu liefern.

Dies galt auch für die Mehrzahl der sich vor allem am Ende des 19. Jahrhunderts bildenden Branchenverbände. Gegenüber Staat und Chemikern waren sie Lobbyisten, doch nach innen wirkten sie qualitätssichernd. Doch neben und später vor „die Industrie“ trat im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zunehmend Massenfilialbetriebe und die gemeinwirtschaftlichen Konsumgenossenschaften. Letztere führten schon seit der Jahrhundertwende regelmäßige chemische Kontrollen durch, garantierten ihren Käufern somit kontrollierte (und verpackte) Produkte transparenter Güte.

Dies ermöglichte hochwertige und erschwingliche Güter auch und gerade in der Arbeiterschaft. Die Selbstkontrolle bei Produzenten und Händler sowie die erfolgreiche Professionalisierung der Chemiker bot schließlich unmittelbar nach der Jahrhundertwende Chancen für umfassende Begriffsbestimmungen und Kennzeichnungsvorschriften im Lebensmittelmarkt. Nicht der Staat, sondern Produzenten, Händler und Wissenschaftler legten noch vor dem Ersten Weltkrieg einvernehmliche Standards für immer mehr Lebensmittel fest. Hatten die diese Akteure um die Jahrhundertwende noch in teils intensiven Konflikten um die Ordnung im Lebensmittelmarkt gerungen, so ermöglichte ihr Bedeutungsgewinn zugleich wegweisende Kompromisse. Die Kartellierung der deutschen Wirtschaft fand ihr Pendant in der Kooperation der „interessierten Kreise“ auch im Lebensmittelsektor. Wissenschaftliche Experten und wirtschaftliche Repräsentanten nahmen für sich in Anspruch, Sachwalter der Konsumenten zu sein. Abseits einiger weniger Käuferligen, von Hausfrauenvereinigungen und dann Konsumentenkammern waren die Verbraucher an den Festschreibungen von Lebensmittelqualität und Kontrollverfahren jedoch nicht beteiligt. Das änderte sich auch nicht während der Mangel- und Hungerjahre 1914-1923, in denen die Qualität des Elementaren in den Städten kaum mehr gewährleistet werden konnte. Während der Weimarer Republik etablierten die Experten mit dem Lebensmittelgesetz von 1927 und seinen zahlreichen Folgeverordnungen dann einen verbesserten Ordnungs- und Kontrollrahmen, der auch noch für die Bundesrepublik Deutschland und die DDR Bestand haben sollte.

Normierung und Standardisierung nahmen weiter zu, ebenso die Chemisierung der Kontrolltätigkeit. Die von Experten und Anbietern definierte und vom Staat institutionalisierte Kontrolle war durchaus erfolgreich – doch von einem direkten Einfluss der Konsumenten auf die Laboratorien konnte durchweg nicht mehr die Rede sein. Der veränderte Schutzrahmen und die neuen Kontrolleliten verweisen vielmehr auf die wachsende Entwertung des praktischen Wissens der bisherigen Garanten für die Qualität der Versorgung – nämlich der Hausfrauen. Männlich konnotiertes wissenschaftliches und wirtschaftliches Wissen ersetzte tendenziell die Alltagskompetenz der (bürgerlichen) Frauen. Dies war wichtig für deren fortschreitende Emanzipation in Wirtschaft und Öffentlichkeit. Doch es ist gewiss auch ein wichtiger Faktor für die heutigen Klagen im Ernährungssektor, die von geringer hauswirtschaftlicher Kompetenz und der Abhängigkeit von Expertensystemen gekennzeichnet sind.


 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> https://uwe-spiekermann.com/2018/10/23/die-qualitaet-des-elementaren-lebensmittelkontrolle-zwischen-haushalt-und-laboratorium-im-spaeten-19-jahrhundert/

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Sekundärliteratur

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Kulinarik

Kulinarik

Lebensmittelgeschichte

Inhaltsverzeichnis

  1. Eine kurze Geschichte der Kartoffel: aus den Hochebenen Perus auf die Esstische Preußens
  2. Kochbuch von Anna Wecker 1598 (Quelle)

1. Eine kurze Geschichte der Kartoffel: aus den Hochebenen Perus auf die Esstische Preußens

Im Jahr 2024 führten die Vereinten Nationen den Internationalen Tag der Kartoffel ein, um die Bedeutung der Kartoffel für die Ernährungssicherheit zu würdigen. Der Tag der Kartoffel wird jährlich am 30. Mai begangen. Die Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ widmet der Kartoffel ein eigenes Kapitel, gilt sie doch vielen als „deutsches Gemüse“ schlechthin. Aber ist dem wirklich so?

„Kartoffel, eine ursprünglich amerikanische Erdfrucht, welche seit 50 bis 60 Jahren, wegen der ausserordentlichen Fruchtbarkeit und des vielfachen Nutzens, bey uns und unsern Nachbarn fast einheimisch geworden ist […].“

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Carl Wilhelm Ernst Putsche, Versuch einer Monographie der Kartoffeln, Tafel 3 Die Frühkartoffel, Weimar, 1819 © DHM

So beschrieb der Aufklärer Johann Georg Krünitz in seinem 1785 erschienenen 35. Band der „Oeconomischen Encyclopädie“ den Siegeszug der Kartoffel. Auf 180 Seiten legte Krünitz alle wesentlichen Aspekte der Kartoffel dar. Neben ihrer Herkunft und Verbreitung im deutschen Raum und in Europa skizzierte er auch den Anbau und die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten bis hin zu gesundheitlichen Aspekten. 

Es waren Eroberer um Francisco Pizarro, die als erste Europäer die Kartoffel kennenlernten, als sie ab 1526 das Inkareich Südamerikas einzunehmen begannen. Von den Bewohnern der Hochebenen Perus und Chiles lernten sie ein Trockenverfahren, das die Kartoffel haltbar machte. So wurden die Knollen ab 1565 ein beliebter Proviant an Bord der Schiffe, und sie gelangten über den spanischen Überseehafen Sevilla ins restliche Europa. Ende des 18. Jahrhunderts verbreitete sich die Ansicht, dass Francis Drake die Kartoffel 1586 über England nach Europa gebracht habe.

Wann die Kartoffel nach Brandenburg und Preußen kam, lässt sich nicht genau bestimmen. Im 18. Jahrhundert aber wurde ihr Anbau zu einem der wichtigsten Anliegen der Aufklärung. Die positiven Beurteilungen und praktischen Ratschläge bildeten das Fundament, auf dem Agrarwissenschaftler im 19. Jahrhundert aufbauen konnten, so etwa Albrecht Daniel Thaer mit seinem Konzept der „rationellen Landwirtschaft“, die unter anderem einen Fruchtwechsel zwischen Getreide und Kartoffel vorsah. In Carl Wilhelm Ernst Putsches „Versuch einer Monografie der Kartoffeln“ von 1819 fand die zeitgenössische Beschäftigung mit der Nutzpflanze ihren schönsten Ausdruck.

So entwickelte sich die Kartoffel zum Grundnahrungsmittel des 19. Jahrhunderts und zu einem der wichtigsten Anbauprodukte in der nun rasant expandierenden landwirtschaftlichen Produktion im ganzen deutschen Raum. Wichtig war, dass die Kartoffel nicht einseitig und ausschließlich angebaut wurde, wie dies in Irland der Fall war: Da die Ernährung der einfachen Bevölkerung hier fast ausschließlich über Kartoffeln erfolgte, starben nach den Ernteausfällen durch Kartoffelfäule in den Jahren 1845 bis 1848 über eine Million Menschen.

Die Namen dieser Agrarökonomen sind heute weitgehend vergessen. Wie kein anderer dagegen ist der preußische König Friedrich II. (1712–1786), genannt der Große, mit der Einführung der Kartoffel verbunden. Das liegt vor allem an seinen sogenannten Kartoffelbefehlen, von denen 15 überliefert sind. Den ersten Befehl erließ er bereits am 9. April 1746 in Pommern, um der dort grassierenden Hungersnot zu begegnen: „Daß zu Abhelfung des Brodt-Mangels der Bürger und Bauer, so Land und Gelegenheit dazu hat, sich mit mehreren Fleiß auf Anbauung guter Garten-Früchte, insbesonderheit der Tartoffeln, befleißigen solle.“Schon vor der Veröffentlichung des Befehls durch die pommersche Kriegs- und Domänenkammer hatte er eine Wagenladung Saatkartoffeln an die Notleidenden verteilen lassen. Diese Hilfsaktion verlief zunächst wenig erfolgreich, denn die Menschen hatten derartige Knollen zuvor noch nie gesehen und begegneten ihnen mit Verwunderung und Ablehnung. Sie wussten nichts damit anzufangen und warfen sie schließlich den Hunden vor, die sie auch nicht fraßen.Dies führte dazu, dass der König in seinen späteren „Kartoffelbefehlen“ ausführlichere Gebrauchsanweisungen und Belege für den Nutzen mitlieferte:

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Kartoffeln auf dem Grabstein Friedrichs II. von Preußen, Park Sanssouci, Potsdam, 2026 © DHM, Foto: Dorlis Blume

„Nachdem wir bey unserer […] letzten Anwesenheit in Pommern vernommen, wie daselbst in einigen der schlechtesten und sonst unfruchtbarsten Districten, […] das Pflanzen der Tartüffeln mit sehr gutem Nutzen bey denen Unterthanen eingeführt worden.“

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Kartoffelbefehl Friedrichs II. in der Kurmark und Neumark, 18. Juli 1748 © Brandenburgisches Hauptstaatsarchiv Potsdam

Im Jahr 1886 setzte der Maler Robert Warthmüller Friedrich II. endgültig ein Denkmal als „Kartoffelkönig“: Das Gemälde „Der König überall“ zeigt den Preußen bei der Kartoffelernte vor der Kulisse eines brandenburgischen Dorfes in der Neumark. Es ist nicht überliefert, was den jungen Maler zur Wahl dieses Motivs bewogen hat – vielleicht das vermeintliche 300. Jubiläum der Einführung der Kartoffel in Europa durch Francis Drake oder der 100. Todestag Friedrichs des Großen. Entscheidend ist: Warthmüllers Bild war von Anfang an ein großer Erfolg. Es wurde in mehreren Ausstellungen gezeigt, in Zeitschriften rezensiert und als Reproduktions-Holzstich gedruckt. Gleich bei der ersten Vorstellung auf der Berliner „Jubiläums-Ausstellung“ wurde es im September 1886 mit einer „Ehrenvollen Erwähnung“ der Akademie der Künste ausgezeichnet.

So wurde die schrumpelige Kartoffel aus Peru über die Jahrhunderte zum urdeutschen Gemüse, das von der Speisekarte nicht mehr wegzudenken ist. Sie findet sich als Christbaumschmuck ebenso wie als Namensgeber für Einbürgerungsfeiern, die gerne als „Kartoffelfest“ bezeichnet werden. 

Und so folgerte auch Krünitz bereits 1785:

„Wenn man den Werth der Dinge nach ihrem nicht eingebildeten, sondern wirklichen Nutzen, den sie in Befriedigung wahrer und allgemeiner menschlicher Bedürfnisse haben, schätzen will, so muss man gestehen, dass die Entdeckung von Amerika, durch die Verbreitung dieser Frucht, der Nachwelt wichtiger geworden ist, als durch die reichen Gold-Minen, die doch eine Veranlassung der merkwürdigsten politischen Revolutionen in unserem Welttheile gewesen sind.“

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Robert Warthmüller (1859–1895), Der König überall, 1886 © DHM

2. Kochbuch von Anna Wecker 1598

Kurzbeschreibung

Anna Wecker schrieb das erste Kochbuch, das von einer Frau verfasst und in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Sie lebte in Nürnberg und Basel. Die Rezepte und der Begleittext vermitteln Einblick in das häusliche Leben, die Ernährung und die Rolle des Kochens bei der Erhaltung und Förderung der Gesundheit in der frühen Neuzeit. Als Witwe eines Stadtschreibers und später eines Arztes betonen Weckers Rezepte, wie nützlich Lebensmittel als Medizin sind und wie wichtig die Ernährung besonders für Kranke, Schwache, Schwangere und junge Mütter ist.

Quelle

Ein Köstlich new Kochbuch: von allerhand Speisen/ an Gemüsen/ Obs/ Fleisch/ Geflügel/ Wildpret/ Fischen und Gebackens.

Nicht allein vor Gesunde: sondern auch und fürnemblich vor krancke/ in allerley kranckheiten und Gebrästen: auch Schwangere Weiber/ Kindbetterinnen/ und alte schwache Leute/ künstlich und nützlich zuzurichten und zu gebrauchen.

Dergleichen vormals nie in Truck außgangen.

Mit Fleiß begeben durch F. Anna Weckerin/ Weyland Herrn D. Johann Jacob Weckers/ des berümbten Medici, seligen/ nachgelassene Wittib.

Amberg

Den Michael Forstern

M. D. XCVIII.

Der Durchleuchtigsten Hochgbornen Fürstin und Frawen/ Frawen Loysæ-Iulianæ, Pfaltzgräfin bey Rhein/ u. Churfürstin/ geborne Princessin von Oranien/ Gräfin zu Naßaw CatzeneInbogen/ u. meiner gnädigsten Churfürstin und Frawen.

Durchleuchtigste/ hochgeborne Churfürstin/ Gnädigste Fraw/ meine Gottselige liebe Mutter Anna Weckerin/ hat kurtz vor ihrem seligen Ende gegenwertig Kochbuch/ so sie auß langer eigner Ubung und Erfahrung vil Jahr hero fleissig zusammen getragen/ endlich/ auff embsiges anhalten viler guthertziger/ und der Sachen verständiger Leut/ zum Truck verfertiget/ und ist solches E. F. G. zuzuschreiben höchlich begierig gewesen.

Wann aber nach endlicher Verfertigung berührten Buchs/ Gott der Allmächtige sie auß disen zergenglichen Leben in die ewige Frewd und Seligkeit zu sich abgefordert/ und solches allbereit dem Buchdrucker ubergeben wesen/ Als hab ich zu vollziehung gedachter meiner lieben Mutter seligen letzten Willens unnd Begerens/ als ein gehorsame Tochter/ nicht unterlassen sollen noch können/ mehr beregtes Werck in Truck zubefördern/ Und werden E. F. G. auß der an dieselben underthänigst von mehrerwenter meiner lieben Mutter seligen gestelten Dedicationshrifft ihre underthänigste Ursachen und Affection gnädigst und mit mehrem vernemen. E. F. G. hiemit underthänigst bittend/ die wöllen das Werck anderst nicht/ dann es/ nemlich gut gemeinet/ gnädigst an und auffnemen/ auch mich und die meinigen in allen Gnaden derselben befohlen seyn lassen. Datum Altorff/ den 10. Augusti/ Ao. 97.

E.F. G. underthänigste demütige

Katharina/ D. Nicolai Taurelli, Medicinæ professoris Haußfraw/ daselbsten.

[…]

Durchleuchtigste/ Hochgeborne Churfürstin/ gnädigste fraw/ Es ist männiglich fast unverborgen/ was grossen fleiß und Mühe weyland mein lieber Herr und Haußwirth seliger/ D. Johan Jacob Wecker/ gewesener Physicus unnd Stadtartzt zu Colmar/ in seinen Lebzeiten/ bey der löblichen Kunst der Artzney angewendet. Bezeugen auch solches seine vilfältige in öffentlichen Truck gegebne Schrifften unnd Bucher. Sonderlich aber wissens die jenigen/ deren noch vil im Elsass und anderstwo im Leben/ so ihm zum theil gekennet/ zum theil auch seiner hülff/ vermittels Göttlichen Gedeyens/nutzbarlich und ersprießlich gebraucht haben.

Nach dem derselbige/ als ein verständiger und erfarhrner Artzt/ wol gewust/ wie an gutter Ordnung in Essen und Trincken/ so wol den Gesunden/ als und sonderlich den Krancken mercklich vil/ und nicht weinger/ ja bißweilen mehr/ dann an andern Artzneyen/ als welche in Warheit bey einem unordentlichen Leben wenig unnd fast nichts nutzen mögen/ gelegen. Zuvorderst aber in seiner Cur trefflich vil auff das kochen gesehen und gehalten/ und so vil immer möglich gewesen/ jederzeit lieber auß der Kuchen/ dann auß der Apotcken curirt und geholffen. Als und dieweil er vermercket/ daß ich je und allwegen nicht allein einen grossen Lust zum Kochen getragen/ sondern mir auch der liebe Gott eine sonderbare Gnad und Gabe krancken Leuten/ sonderlich mit zurichtung allerhand nützlicher und annemlicher Speisen/ zu dienen und zu warten/ verliehen/ unnd durch solches Mittel/ neben ihm/ durch Gottes Gnad/ vil schwacher Leut/ auch wol sehr hohes Stands/ widerumb auffgebracht. Hat er mich nicht allein deßwegen jederzeit bey krancken Personen gerne und umbsich gehabt/ sondern auch zum offtern vermanet/ daß jenige/ was ich also bey der Krancken observiert/ gebraucht und nutzlich befunden/ zu beschreiben und auffzuzeichnen.

[…]

Ein Dorten oder Fladen von Reiß

Nimb ein wolgekochten Reiß/ in einer feisten Milch/ den verrühr wol/ darnach klopffe Eyer/ oder nimb zum besten das Gelb/ nimb so vil gutes Sahns oder Mandelmilch deines Gefallens/ vertreib den Reiß mach ihn rechter dicke/ wie ein Straubendeig/ zuckers/ und saltz es ein wenig/ wild Rosenwasser/ bereite ein Hafen von eim Teig/ wie due weist/ laß ihn hart werden/ thu den Zeug darein/ wann er gestehet/ bestrew ihn wol mit Zucker/ bachs ein wenig braunfärbig/ so du dann wilt/ färbs mit Krautsafft grün/ wilstus aber für ein Fladen zurichten/ so machs wie oben vor/ unnd aber thu wol Weinbeer/ Meerdräubel oder Zibeben/ geschnittene Feigen darein/ und bachs schön wie andere Fladen.

…

Eine subtile Milch für Krancke und Gesunde

Koche Reiß in einer guten Milch/ und die völlig/ wann nun der Reiß anhebt zu kochen/ so rühr ihn nicht wann er nun anderthalb Stund gekocht hat/ wie er sol/ so hat sich das Dick an den Boden gesetzt/ das Dünn aber bleibt empor. So thu nun höflich die Haut herab/ darnach laß das Dünn wol von dem Dicken durch ein dünnes Tüchlein lauffen/ damit nichts vom Reiß darein komme/ bezuckers/ wiltu ein wenig Rosenwassers/ es ist desto gesünder: thu es in eine Blatten/ laß es kalt werden/ wilt du dann/ so rühr zuvor ein Eyerdotter zween oder drey nach dem du magst/ in eine messene Pfanne/ thu die Milch darunder/ heb es uber das Fewer/ rührs/ so bald es treibt so thu es hinweg/ bereits/ wie zuvor/ wann es nun kalt ist/ magstu Rosinlein oder Zuckererbsen darauff strewen/ oder geschnitne Mandeln darauff stecken.

[…]

Ein Dorten von Birnen

Koche die Biren auff alle Weiß und Weg/ wie du hievor hast/ welche Gattung dir gefellt/ allein schneids zu Schniten/ wie zu ein Apfell oder Birenmuß/ darnach bereite es in den Hafen also: Mache Ingwer/ Zimmet/ und Muscatnuß undereinander/ unn bestrawe den Boden mit gesauberten Weinbeern/ darnach leg die Schnitzen/ das alles wol bedeck ist/ so bestrew es aber/ und widerumb ein leg Biren/ das ein mail drey/ unnd zeuch je eine Leg nach der andern vom Kanfft ein/ das es in der Mitte am höchsten sey: Alsdann bestrew es wol und gnug/ mach es mit eim schön geschnittnen Deckel mit aller Zier zu/ bachs/ im auffsetzen besprengs mit Zucker. Also magstus auch mit rawen Biren/ wie du von Aepffeln has/ bereiten/ das sollen aber gar von geschlachten Biren seyn/ Speckbiren sind gut und andere mehr/ in dieselben thu oben auff Schmaltz/ und wol Zucker/ doch an dem sie süß an ihnen selbst sind/ sie sollen allezeit unter dem Deckel auch resch seyn.

[…]

Ein Essen für schwanger Weiber und junge Kinder

Nimb so vil gedempffte oder gebratene Biren/ etliche nemen rohe/ aber ich halt nicht davon/ als du bedarfst/ so vil geweicht weiß Brot in einer Erbesbrüh/ das sol nur bloß geschwollen seyn/ backs wol under einander/ thu Zimmet/ süsse Würtz/ Saffran/ Zucker und Weinbeer darein/ ein wenig Saltz/ thu Schmaltz in eine Pfannen/ als wollest du ein Eyerküchlein backen/ thu ein Theil darein/ darnach beleg es mit Feigen/ thu mehr darauff/ das sol drey mal geschehen/ backs wie ein Eyerkuchen/ wilt du wissen wann der genug/ stich mit einem Messer darein/ gehet es trucken herauß/ so ists genug/ wiltu dann/ so mache ein süsse Brüh daran.

[…]

Ein herrlich Essen vom Fleisch

So der krancke hüner oder Fleisch nit essen mag/ nimb das Fleisch/ als von Kälbern und Hünern/ hacks so klein als wann es gemahlen were/ darnach würtzs mit gutter süsser Würtz wol an/ saffers auch/ hacke Muscatblüh darein/ du magst auch wol Maioran/ Thimian und Peterlein darein hacken/ thu wol Weinbeer darein. Wiltu/ nimb darzu Meerdräubel von Steinen oder Kernen gereiniget/ saltz es recht/ thu es in ein Kachel oder Häfelein/ das nicht weit sey/ thu Wein und Wasser daran/ laß sieden/ rühr es nicht/ so wird das Fleisch wider an ein einander sieden/ wie due mehr hast/ aber behalts/ las das Fleisch ein wenig erkalten/ schneids zu Schnitten wie weiß Brot/ legs inn heiß Schmaltz/ bachs schnell braun/ legs in ein Schüssel/ mach in gut süß Brühlein darüber/ von Zimmet/ Zucker und kräfftigen Wein/ oder nimb die Brüh darin das Fleisch gesotten ist/ welches das best/ allein bereits mit Zimmet und allerhand Gewürtz ab/ machs süß/ oder laß es also/ Du magst auch wol Zucker ins Fleisch thun/ so wird es unn die Brüh süß würtz es besser/ thu Weinbeer darein/ laß sieden/ geuß darüber/ bestrew es wol mit Zimmet/ Wann mans auff dem Kost abtrocknet/ und schön braun macht/ ist besser dann im Schmaltz backen/ und mit einer Brüh wie Fisch begossen/ oder wann mans für gesunde Leut kochet/ so hacke Speck grob darein/ so treust sichs selbst/ auch sonst sol man Feist/ als rindern Marck drein hacken/ so vil von nöten/ Für krancke sol man nicht feist kochen.

Quelle: Anna Wecker, Ein Köstlich new Kochbuch: von allerhand Speisen/ an Gemüsen/ Obs/ Fleisch/ Geflügel/ Wildpret/ Fischen und Gebackens. Amberg: Michael Forster, 1598. Online verfügbar unter: https://bildsuche.digitale-sammlungen.de/index.html?c=viewer&bandnummer=bsb00028737&pimage=5&v=100&nav=&l=de

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Blume, Dorlis: Eine kurze Geschichte der Kartoffel: aus den Hochebenen Perus auf die Esstische Preußens, in: dhm journal, online verfügbar seit 29.05.2026 unter: https://www.dhm.de/journal/perspektiven/c/geschichte-aktuell, zuletzt geprüft am 08.06.2026.

-> Kochbuch von Anna Wecker (1598), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-5453> [24.09.2026].

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Sekundärliteratur

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Militär

Militär

Krankheit und Gesundheit

Inhaltsverzeichnis

1. Krankheiten: Die größte Gefahr für den Soldaten im 19. Jahrhundert?

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1. Krankheiten: Die größte Gefahr für den Soldaten im 19. Jahrhundert?

Das 19. Jahrhundert gehört in vieler Hinsicht noch zum medizinhistorischen Ancien Régime. Es gab weiterhin ausgesprochene Risikogruppen, an erster Stelle Soldaten aller Länder. Möglicherweise waren die Kriege zur Eroberung Neuseelands die einzigen im 19. Jahrhundert, bei denen mehr europäische Soldaten im Kampf oder bei Unfällen zu Tode kamen als durch Krankheiten. Der umgekehrte Extremfall war der Eroberungsfeldzug in Madagaskar 1895, als etwa 6.000 französische Soldaten an der Malaria starben und nur 20 bei Kampfhandlungen.

vgl. Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2020, S. 290.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Seuchen_(ab_1800)

-> https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/alltagsleben/die-choleraepidemie-1831

-> https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2022/09/deutsches-militaerlazarett-aus-dem-19-jahrhundert-ausgegraben#:~:text=Im%2018.,Spitälern%20und%20Lazaretten%20zu%20schaffen.

-> https://www.universimed.com/ch/article/gesundheitspolitik/kriege-seuchen-vergangenheit-gegenwart-386642

Sekundärliteratur

-> Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2020.

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Militär

Begriffe aus der Militärgeschichte

Inhaltsverzeichnis

08/15: Das 08/15 war das Standardmaschinengewehr der deutschen Armee während des Ersten Weltkrieges. 1908 wurde es eingeführt, 1915 optimiert.

Alarm schlagen: Das Wort wurde im 15. Jahrhundert aus dem Italienischen (allarme) ins Deutsche entlehnt und geht auf den militärischen Weckruf "all'arme!" ("Zu den Waffen!") zurück.

Am Boden zerstört sein: Die Redewendung stammt aus dem Zweiten Weltkrieg. Wurden die Flugzeuge noch vor ihrem Einsatz in der Luft vom Gegner bombardiert, hieß es später im Bericht: "am Boden zerstört".

Auf Tuchfühlung gehen: Diese Redewendung ist Ende des 19. Jahrhunderts aus der Soldatensprache entstanden. Beim Antreten standen die Soldaten so dicht aneinander, dass der Stoff bzw. das Tuch ihrer Uniform das der nebenstehenden Person berührte.

Auf Vordermann bringen: Beim Antreten in Reih und Glied richten sich die Soldaten jeweils an ihrem Vordermann aus. Wer dabei aus der Reihe tanzt, wird vom Vorgesetzten schnell wieder auf Vordermann gebracht.

Die Werbetrommel rühren: Ursprünglich wurde mit der Werbetrommel im 17. Jahrhundert die Trommel bezeichnet, mit der Landsknechte für den Kriegsdienst angeworben wurden.

Etwas auf der Pfanne haben: Stammt von den Lunten- und Steinschlossgewehren, die auch im Dreißigjährigen Krieg eingesetzt wurden. Diese besaßen eine kleine Mulde – die Pfanne –, in die man das Zündpulver schüttete. Wer also "etwas auf der Pfanne" hatte, konnte gleich losschießen

Für jemanden die Bresche springen: Ihren Ursprung hat die Redewendung in der mittelalterlichen Kriegsführung. Wer eine Burg oder eine Stadt erobern wollte, musste zunächst die hohen Befestigungsanlagen überwinden. Eine Strategie war, Löcher – französisch "la breche" – in die Mauer zu schlagen. Die besonders Mutigen sprangen gleich hinein.

Sich verfranzen: Das Wort stammt aus der Fliegersprache des Ersten Weltkriegs. Der Beobachtungsoffizier, der für die Navigation zuständige zweite Mann im Cockpit, wurde "Franz" genannt.

Tollpatsch: Der Tollpatsch hieß im 17. Jahrhundert noch Tolbatz und bezeichnete ungarische Fußsoldaten. Der Wortursprung talpas – was so viel heißt wie breitsohlig – verweist auf das Fußkleid der ungarischen Infanteristen: Diese trugen anstelle von festen Schuhen mit Schnüren befestigte Sohlen. Im Österreichischen wurde das Wort zu einer Spottbezeichnung.

Militär

Bauten und Festungen

Inhaltsverzeichnis

1. Festungen im Rheinland

1. Festungen im Rheinland

Be­trach­tet man die ge­schichts­wis­sen­schaft­li­che For­schung zur Krieg­füh­rung im 19. Jahr­hun­dert be­zie­hungs­wei­se zum Kriegs­bild in der Zeit vor dem Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs, so do­mi­niert hier das Pa­ra­dig­ma vom Be­we­gungs­krieg. Die­ses Ur­teil ba­siert zum ei­nen auf Un­ter­su­chun­gen zur Krieg­füh­rung Na­po­le­ons, zum an­de­ren auf Stu­di­en zu den ope­ra­ti­ven Ma­xi­men des äl­te­ren Molt­ke so­wie vor­nehm­lich den Pla­nun­gen des deut­schen Ge­ne­ral­stabs in der Zeit Schlief­fens. Die­se ein­sei­ti­ge Per­spek­ti­ve über­rascht, denn der Fes­tungs­bau er­leb­te nach 1815 ei­ne Re­nais­sance, die sich ge­ra­de auch im Rhein­land zeig­te. Mit dem vom preu­ßi­schen Staat ver­an­lass­ten Aus- und Neu­bau von We­sel, Köln, Jü­lich, Ko­blenz und Saar­louis ent­stand hier ein Fes­tungs­gür­tel ge­gen Frank­reich,[1]  der durch die Bun­des­fes­tun­gen Lu­xem­burg, Mainz, Land­au und Ras­tatt so­wie die baye­ri­sche Fes­tung Ger­mers­heim ver­voll­stän­digt wur­de. Die sich in die­sem Fes­tungs­bau spie­geln­de Hin­wen­dung zu ei­ner De­fen­siv­kriegs­stra­te­gie war ei­ne Fol­ge der Durch­set­zung der eu­ro­päi­schen Frie­dens­ord­nung von 1815 mit ih­ren Prin­zi­pi­en staat­li­cher Sou­ve­rä­ni­tät, mon­ar­chi­scher So­li­da­ri­tät und kon­sti­tu­ti­ver Le­gi­ti­mi­tät.[2]  Aber auch un­ge­ach­tet der po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen nach dem En­de der na­po­leo­ni­schen Ära blie­ben Fes­tun­gen aus Sicht der Ge­ne­ral­stä­be der eu­ro­päi­schen Staa­ten wäh­rend des „lan­gen 19. Jahr­hun­derts“ ein we­sent­li­ches Ele­ment der Krieg­füh­rung und ins­be­son­de­re der Deutsch-Fran­zö­si­sche Krieg war nicht zu­letzt ein „Fes­tungs­krie­g“,[3]  der un­ter an­de­rem durch die Be­la­ge­run­gen von Metz und Pa­ris ent­schie­den wor­den war. Es wa­ren in ers­ter Li­nie die Er­fah­run­gen die­ses Krie­ges und die waf­fen­tech­ni­sche Ent­wick­lung im Zeit­al­ter der In­dus­tria­li­sie­rung, die nach 1871 in den meis­ten eu­ro­päi­schen Staa­ten aber­mals den An­stoß zum Um­bau oder zur Er­rich­tung von Fes­tun­gen ga­ben und die die Hal­tung des deut­schen Ge­ne­ral­stabs zum „Fes­tungs­pro­ble­m“[4]  bis zum Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs be­ein­fluss­ten. Es ist aber zu fra­gen, wie die be­waff­ne­te Macht auf die Fol­gen der Ur­ba­ni­sie­rung re­agier­te, denn aus dem Städ­te­wachs­tum muss­ten be­son­de­re Her­aus­for­de­run­gen für die Si­cher­stel­lung der Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit der Fes­tun­gen er­wach­sen. Frag­los galt die weit­rei­chen­de Be­fehls­ge­walt und Re­gu­lie­rungs­kom­pe­tenz der Fes­tungs­kom­man­dan­ten be­zie­hungs­wei­se -gou­ver­neu­re in den be­trof­fe­nen Städ­ten be­reits in Frie­dens­zei­ten, die im Kriegs­fall auf das wei­te­re Um­land aus­ge­dehnt wur­de, als zen­tra­ler Bau­stein zur Si­cher­stel­lung der Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit. Für die Be­völ­ke­rung in den Fes­tungs­städ­ten war die­ser mi­li­tä­ri­sche Vor­be­halt bis weit über die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts hin­aus vor al­lem in den Tor­kon­trol­len beim Be­tre­ten oder Ver­las­sen der Stadt sicht­bar. Für sie zeig­te sich der Fes­tungs­cha­rak­ter zu­dem in den zahl­lo­sen mi­li­tä­ri­schen In­fra­struk­tur­ein­rich­tun­gen, den Fes­tungs­wer­ken so­wie der star­ken Gar­ni­son; für die Grund­be­sit­zer wa­ren es in­des die Ein­schrän­kun­gen ih­rer Ei­gen­tums­rech­te im Schuss­feld vor der Ver­tei­di­gungs­wer­ken− dem Fes­tungs­rayon−, in de­nen sich die Aus­wir­kun­gen der Fes­tungs­ei­gen­schaft ma­ni­fes­tier­ten. Die­se Bau­be­schrän­kun­gen im Vor­feld der Um­wal­lung und die Um­wal­lung selbst wa­ren aus Sicht der  Stadt­ver­wal­tun­gen und kom­mu­na­len Ent­schei­dungs­trä­ger au­ßer­dem die ent­schei­den­den Hin­der­nis­se für ei­ne Er­wei­te­rung der Stadt und für ei­nen öko­no­mi­schen Auf­schwung. Mit­hin be­stan­den in ei­ner Fes­tungs­stadt zahl­rei­che Be­rüh­rungs- und ggf. Kon­flikt­punk­te zwi­schen der zi­vi­len und mi­li­tä­ri­schen Sphä­re, die im Fol­gen­den in den Blick ge­nom­men wer­den sol­len.



Verteilung des Belagerungsheeres vor Paris ab dem 3.1.1871.


Schwere Geschütze vor Paris, 1870/71.


Die Zerstörung im Pariser Vorort St. Cloud bei der Belagerung von Paris, 1870/71.


Grundriss der Stadt Köln 1815, als Köln preußisch wurde, weite Flächen im Stadtgebiet waren noch unbebaut.

 

2. Städtewachstum als militärische Herausforderung

Als Re­ak­ti­on auf die Nie­der­la­ge im Krieg ge­gen Na­po­le­on und die weit­ge­hend kampf­lo­se Ka­pi­tu­la­ti­on der preu­ßi­schen Fes­tun­gen war 1809 ei­ne als ge­heim ein­ge­stuf­te In­struk­ti­on an die Fes­tungs­kom­man­dan­ten er­las­sen wor­den, der of­fen­kun­dig ei­ne Denk­schrift Au­gust Neidthard von Gnei­sen­aus (1760−1831) aus dem Jahr 1808 zu­grun­de lag. Um künf­tig ei­ne kampf­lo­se Auf­ga­be von Fes­tun­gen aus­zu­schlie­ßen, wur­de der Kom­man­dant eben­so wie je­der ein­zel­ne Of­fi­zier der Fes­tungs­gar­ni­son zur hart­nä­ckigs­ten Vert­hei­di­gung ver­pflich­tet, die oh­ne Rück­sicht auf Ver­lus­te durch­zu­füh­ren sei. Der Ap­pell an die Pflicht­er­fül­lung und da­mit an die Eh­re des Of­fi­ziers­korps er­schien aber of­fen­bar nicht aus­rei­chend, denn gleich­zei­tig wur­de ein har­ter Straf­ka­ta­log er­las­sen: Ein Be­fehls­ha­ber, der nicht durch Auf­op­fe­rung ei­nes be­deu­ten­den Theils der Gar­ni­son be­wie­sen ha­be, dass er al­le An­stren­gun­gen zur Ver­tei­di­gung un­ter­nom­men ha­be, hat­te mit min­des­tens mehr­jäh­ri­ger Fes­tungs­haft zu rech­nen. Aber auch ein Bom­bar­de­ment und [ei­ne] Ein­äsche­rung der Stadt soll­ten bei wei­ter­hin vor­han­de­nen Streit- und Le­bens­mit­teln so­wie in­tak­ten Fes­tungs­wer­ken kein Grund für ei­ne Ka­pi­tu­la­ti­on [sein].[5]  Um die Auf­ga­be er­fül­len zu kön­nen, muss­te die dau­er­haf­te mi­li­tä­ri­sche Ein­satz­be­reit­schaft der Fes­tung ge­währ­leis­tet wer­den. Lie­ßen sich hier Ver­säum­nis­se des Fes­tungs­kom­man­dan­ten nach­wei­sen, die im Kriegs­fall zu ei­ner Über­ga­be der Fes­tung führ­ten, droh­te ihm die To­des­stra­fe. Für den Be­la­ge­rungs­fall war da­her be­reits im Frie­den ent­spre­chen­de Vor­sor­ge zu tref­fen. Es galt ei­ne aus­rei­chen­de Ver­pro­vi­an­tie­rung der Gar­ni­son und der für die Ver­tei­di­gung zu­min­dest teil­wei­se un­ver­zicht­ba­ren Zi­vil­be­völ­ke­rung, die in die­ser In­struk­ti­on al­ler­dings kei­ne Be­ach­tung fand, si­cher­zu­stel­len. Aus der For­de­rung zur per­ma­nen­ten Ein­satz­be­reit­schaft lei­te­te sich zu­sätz­lich ei­ne um­fas­sen­de Re­gu­lie­rungs­kom­pe­tenz der be­waff­ne­ten Macht zur Auf­recht­er­hal­tung der in­ne­ren Ru­he und Ord­nung in der Fes­tung ab, die in ei­ner be­son­de­ren Ver­ord­nung über das Ver­hält­nis der Zi­vil- und Mi­li­tär­be­hör­den in den Fes­tun­gen fest­ge­schrie­ben wur­de. Die­se be­grün­de­te die grund­sätz­li­che In­fe­rio­ri­tät der je­wei­li­gen Kom­mu­nal­ver­wal­tung un­ter die be­waff­ne­te Macht und er­mäch­tig­te den Fes­tungs­kom­man­dan­ten im Be­la­ge­rungs­fall bei­spiels­wei­se bei For­de­run­gen von Zi­vi­lis­ten nach ei­ner Über­ga­be der Fes­tung − ein Vor­gang, der als Meu­te­rei be­wer­tet wur­de −, zu schärfs­ten Be­stra­fun­gen.[6]  Über­dies um­fass­te sie un­ter an­de­rem im Ar­mie­rungs­fall das Recht zur Zwangs­aus­wei­sung von Per­so­nen, die sich ent­we­der nicht selbst ver­sor­gen konn­ten oder de­ren po­li­ti­sche Hal­tung die Mo­bi­li­sie­rungs- und Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit der Fes­tung zu be­dro­hen schien.[7]  Die­ser mi­li­tä­ri­sche Vor­be­halt muss­te spä­tes­tens in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts vor dem Hin­ter­grund des ra­schen Städ­te­wachs­tums und an­ge­sichts der Fol­gen der zu­neh­men­den so­zia­len Dif­fe­ren­zie­rung in den Städ­ten, des öko­no­mi­schen Auf­schwungs, der wach­sen­den bür­ger­li­chen Par­ti­zi­pa­ti­ons­be­stre­bun­gen so­wie ei­nes ge­stie­ge­nen kom­mu­na­len Selbst­be­wusst­seins un­wei­ger­lich mit kom­mu­na­len, bür­ger­li­chen und öko­no­mi­schen In­ter­es­sen kol­li­die­ren. Die Aus­wir­kun­gen der Ur­ba­ni­sie­rung kon­fron­tier­ten das Mi­li­tär al­ler­dings nicht nur mit po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen, son­dern das Städ­te­wachs­tum stell­te die Streit­macht auch vor lo­gis­ti­sche Pro­ble­me, auf die es re­agie­ren muss­te, wenn es nicht die Ein­satz­be­reit­schaft der Fes­tun­gen ge­fähr­den woll­te.



August Neidhardt von Gneisenau, Preußischer Generalfeldmarschall (1760-1832), Stahlstich, undatiert.


Karte von Koblenz mit Befestigungswerken, 1888. (Stadtarchiv Koblenz)


Abbruch des Abbruch des "Löhrtors" der preußischen Stadtbefestigung von Koblenz, 1899. (Stadtarchiv Koblenz)

 

Tat­säch­lich zeich­net sich seit Be­ginn der 1860er-Jah­re ein zu­nächst vor al­lem volks­wirt­schaft­lich be­grün­de­tes, zö­ger­li­ches Ent­ge­gen­kom­men des preu­ßi­schen Staa­tes ge­gen­über den For­de­run­gen der Fes­tungs­städ­te ab, wie par­ti­el­le, die je­wei­li­gen lo­ka­len Ver­tei­di­gungs­ver­hält­nis­se be­rück­sich­ti­gen­de Lo­cke­run­gen der Rayon­be­schrän­kun­gen be­le­gen, so dass zu­min­dest ein­zel­ne bau­li­che Er­wei­te­run­gen der Städ­te er­mög­licht wur­den.[8]  Mit der Zu­bil­li­gung ei­ner Ent­schä­di­gung der Ei­gen­tums­be­schrän­kun­gen im Rayon­ge­setz von 1871 wur­de ei­ne von den be­trof­fe­nen Ei­gen­tü­mern und den Städ­ten seit lan­gem er­ho­be­ne For­de­rung er­füllt. Das aus Mit­teln der fran­zö­si­schen Kriegs­kos­ten­ent­schä­di­gung fi­nan­zier­te, 1873 ver­ab­schie­de­te Ge­setz zum Aus­bau und zur Um­ge­stal­tung der deut­schen Fes­tun­gen er­mög­lich­te schlie­ß­lich auch To­r­er­wei­te­run­gen im In­ter­es­se der Städ­te, um den ge­stie­ge­nen Ver­kehrs­an­sprü­chen zu ge­nü­gen, de­nen das Mi­li­tär frei­lich eben­falls nur zu­stimm­te, so­fern die Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit der Fes­tung hier­durch nicht be­ein­träch­tigt wur­de. Mit die­sen Zu­ge­ständ­nis­sen ließ sich der wach­sen­den Kri­tik der be­trof­fe­nen Kom­mu­nen, die sich zur bes­se­ren Wah­rung ih­rer In­ter­es­sen 1868 im „Ver­ein nord­deut­scher Fes­tungs­städ­te“ zu­sam­men­ge­schlos­sen hat­ten, we­nigs­tens teil­wei­se die Spit­ze neh­men, wenn­gleich das grund­sätz­li­che Pro­blem, die zu­neh­men­de Zu­sam­men­bal­lung der Be­völ­ke­rung in den von den Fes­tungs­wäl­len in ih­rem räum­li­chen Wachs­tum be­hin­der­ten Städ­ten, zu­nächst un­ge­löst blieb. So war bei­spiels­wei­se in Köln die Be­völ­ke­rungs­zahl zwi­schen 1816 und 1871 von 49.276 auf 129.233 an­ge­stie­gen und auch die Ein­woh­ner­zahl von Ko­blenz hat­te sich in die­sem Zeit­raum um fast das Zwei­ein­halb­fa­che ver­mehrt. Mit Kö­nigs­berg hat­te zu­dem ei­ne wei­te­re Fes­tungs­stadt die Ein­woh­ner­zahl von 100.000 über­schrit­ten und von den vier preu­ßi­schen Städ­ten mit 80.000 bis 100.000 Ein­woh­ner wa­ren mit Dan­zig und Mag­de­burg eben­falls zwei Städ­te Fes­tun­gen, die im Zu­ge der 1872 er­folg­ten Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Fes­tungs­we­sens un­be­dingt er­hal­ten wer­den soll­ten.



Festung Ehrenbreitstein in Koblenz mit Schiffbrücke,1860-1890. (Library of Congress)


Plan des Entfestigungsamts Koblenz zur Entfestigung der Schanze Großfürst Alexander in Koblenz, ca. 1920. (Landeshauptarchiv Koblenz)

 

Es wa­ren in­des we­ni­ger die stadt­hy­gie­ni­schen und so­zia­len Im­pli­ka­tio­nen, son­dern in ers­ter Li­nie die lo­gis­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen, die die Zu­sam­men­bal­lung der Be­völ­ke­rung in das Blick­feld der be­waff­ne­ten Macht tre­ten lie­ßen. Der Krieg von 1866 hat­te zwi­schen den Zi­vil- und Mi­li­tär­be­hör­den ei­ne Dis­kus­si­on über die Hand­ha­bung und die Kon­se­quen­zen der Eva­ku­ie­rung be­zie­hungs­wei­se Zwangs­aus­wei­sung von Zi­vil­per­so­nen aus ei­ner zu ar­mie­ren­den Fes­tung aus­ge­löst, die un­mit­tel­bar nach dem Kriegs­aus­bruch 1870 auch das preu­ßi­sche Staats­mi­nis­te­ri­um er­reich­te. Das Kriegs­mi­nis­te­ri­um zeig­te sich über­ra­schend kom­pro­miss­be­reit, als es in Über­ein­stim­mung mit dem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten er­klär­te, dass die ent­spre­chen­de Re­ge­lung auf Köln, Mag­de­burg und Ko­blenz nicht an­wend­bar sei, da so gro­ße Fes­tungs­städ­te von ei­nem Feind oh­ne­hin nicht her­me­tisch ein­ge­schlos­sen wer­den könn­ten. Der Kriegs­mi­nis­ter ging so­gar noch ei­nen Schritt wei­ter, denn er stell­te die­sen Rechts­ti­tel des Mi­li­tärs grund­sätz­lich in Fra­ge als er er­klär­te, dass die­se Be­stim­mung aus der Zeit der Om­ni­po­tenz des Staa­tes stam­me, der sich nicht um die Fol­gen ha­be küm­mern müs­sen.[9]  Die of­fen­kun­di­gen Be­den­ken an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Be­stim­mun­gen und die Ver­stän­di­gung auf der po­li­ti­schen Ebe­ne blie­ben auf bin­nen­mi­li­tä­ri­scher Sei­te je­doch au­gen­schein­lich fol­gen­los, denn nach dem er­folg­rei­chen Krieg kam es nicht zu ei­ner grund­le­gen­den Re­form der Kom­man­do­ge­walt und der Re­gu­lie­rungs­kom­pe­ten­zen der Fes­tungs­kom­man­dan­ten. Dies über­rascht um­so mehr als der Krieg mit der Be­la­ge­rung von Pa­ris ge­zeigt hat­te, dass auch noch weit grö­ße­re Städ­te dau­er­haft ein­ge­schlos­sen wer­den konn­ten. Zu­dem wa­ren die Aus­wir­kun­gen der Be­la­ge­rung von man­chem po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger zu­min­dest als ein Fak­tor in­ter­pre­tiert wor­den, der den Auf­stand der Com­mu­ne be­güns­tigt hat­te.[10]  Gleich­wohl führ­te der Auf­stand, der die Ge­fähr­dung der be­ste­hen­den Ord­nung sym­bo­li­sier­te, nicht zu ei­ner greif­ba­ren Dis­kus­si­on über die Trag­wei­te ei­ner mög­li­chen in­ne­ren Be­dro­hung von Fes­tun­gen im Be­la­ge­rungs­fall. Al­ler­dings ent­sprach die Be­la­ge­rung von Pa­ris nicht der üb­li­chen Re­gel­haf­tig­keit, die die Füh­rung von Fes­tungs­krie­gen be­stimm­te, denn die Be­schie­ßung der Stadt er­folg­te auf­grund ei­ner be­wuss­ten po­li­ti­schen Ent­schei­dung, mit der nicht al­lein der Druck auf die Ver­tei­di­ger er­höht wer­den soll­te, son­dern mit der vor al­lem auch die Le­bens­wei­se der Be­völ­ke­rung, ih­re Ide­en über das künf­ti­ge Frank­reich und die hier­aus ab­ge­lei­te­te Hal­tung zum Krieg ge­trof­fen wer­den soll­ten.[11]  Ob die Be­la­ge­rung von Pa­ris so­mit mög­li­cher­wei­se als ein Son­der­fall ver­stan­den wur­de, der oh­ne Kon­se­quen­zen für ei­nen künf­ti­gen Fes­tungs­krieg blei­ben konn­te, kann hier nicht ge­klärt wer­den. 1878 wur­den schlie­ß­lich die bis­he­ri­gen In­struk­tio­nen für die Fes­tungs­kom­man­dan­ten auf­ge­ho­ben, doch die neu­en Be­stim­mun­gen wie­sen le­dig­lich gra­du­el­le Un­ter­schie­de zu den bis­he­ri­gen Re­ge­lun­gen auf. Die Ver­tre­ter der be­waff­ne­ten Macht ziel­ten hier­mit je­doch nicht al­lein auf die Si­che­rung und Be­wah­rung alt­her­ge­brach­ter, vor­kon­sti­tu­tio­nel­ler Rechts­po­si­tio­nen. Of­fen­sicht­lich war es nach wie vor das Trau­ma der Ka­pi­tu­la­ti­on der Fes­tun­gen von 1806/1807, das die Hal­tung der mi­li­tä­ri­schen Ent­schei­dungs­trä­ger ent­schei­dend be­ein­fluss­te, denn im Mit­tel­punkt der Be­stim­mun­gen stand wei­ter­hin der Ap­pell an die Eh­re des Korps, in­dem sie den Kom­man­dan­ten be­zie­hungs­wei­se je­den ein­zel­nen Of­fi­zier der Gar­ni­son auf ei­ne Ver­tei­di­gung der Fes­tung um je­den Preis ver­pflich­te­te.[12]  Mit­hin blieb der Fes­tungs­kom­man­dant auf­ge­for­dert, die per­ma­nen­te mi­li­tä­ri­sche Ein­satz­be­reit­schaft un­ter al­len Um­stän­den si­cher­zu­stel­len. Die­se Ziel­set­zung spie­gelt sich auch in den 1891 im Staats­mi­nis­te­ri­um er­neut ge­führ­ten Dis­kus­sio­nen. Kur­zer­hand be­schied Mi­nis­ter­prä­si­dent Leo von Ca­pri­vi (1831−1899, Mi­nis­ter­prä­si­dent 1890−1892, Reichs­kanz­ler 1890−1894), dass die Be­fehls­ha­ber der Fes­tun­gen im Be­la­ge­rungs­fall voll­stän­dig sou­ve­rän han­del­ten.[13]

Ori­en­tier­te sich die Dis­kus­si­on über die Reich­wei­te der Be­fehls­ge­walt der Fes­tungs­kom­man­dan­ten so­mit nach wie vor aus­schlie­ß­lich an mi­li­tä­ri­schen Uti­li­ta­ri­täts­kri­te­ri­en, so be­deu­tet dies nicht, dass die be­waff­ne­te Macht die Fol­gen der Ur­ba­ni­sie­rung für die Ver­tei­di­gung ei­ner Fes­tung voll­stän­dig aus­blen­de­te. An­läss­lich der Haus­halts­ver­hand­lun­gen im Reichs­tag 1899 kon­sta­tier­te der Ver­tre­ter des Mi­li­tär­fis­kus, dass die be­denk­li­che […] An­häu­fung der Be­völ­ke­rung auf zu en­gem Raum im Frie­den wie im Kriegdie mi­li­tä­ri­schen In­ter­es­sen in den Fes­tungs­städ­ten ge­fähr­de.[14]  Als Ant­wort auf die­ses Pro­blem wur­de aber kei­nes­falls die Auf­ga­be von Stadt­fes­tun­gen er­wo­gen,[15]  ob­wohl be­reits mit der Fes­te Bo­yen bei Löt­zen, den Sperr­be­fes­ti­gun­gen an der ma­su­ri­schen Se­en­ket­te so­wie den Ober­rhein­be­fes­ti­gun­gen bei Is­tein (Is­tei­ner Klotz) und der Fes­te Kai­ser-Wil­helm II. bei Mut­zig Be­fes­ti­gun­gen er­rich­tet wor­den wa­ren, die als rei­ne Mi­li­tär­fes­tun­gen nicht mehr an ei­ne Stadt ge­bun­den wa­ren.[16]  Die im Fol­ge­jahr er­las­se­nen Be­stim­mun­gen zur zu­künf­ti­gen Aus­ge­stal­tung des deut­schen Fes­tungs­sys­tems sa­hen statt des­sen die Bei­be­hal­tung be­zie­hungs­wei­se den Aus­bau von Metz, Di­eden­ho­fen, Straß­burg, Köln, In­gol­stadt, Kö­nigs­berg, Grau­denz, Thorn und Po­sen als Haupt­fes­tun­gen vor.[17]  Vier die­ser Haupt­fes­tun­gen hat­ten in­zwi­schen zum Teil weit mehr als 100.000 Ein­woh­ner und Köln war mit 372.000 Ein­woh­nern die dritt­grö­ß­te Stadt Preu­ßens.[18]  Am Rhein gal­ten zu­dem We­sel, Ko­blenz, Mainz und Ger­mers­heim als Fes­tun­gen zwei­ter Ord­nung als un­ver­zicht­bar.



Karte Kölns mit Fortifikation, 19. Jahrhundert.


Schematische Gesamtdarstellung der Deutzer Umwallung mit Glacis (gelb), Graben (gepunktet), Toren (grün), ehemaligen Radans (orange), Saillants (blau) und Bastionen sowie Waffenplätzen im gedeckten Weg (rot). Feste Rheinbrücke und Eisenbahneinfahrt im Saillant 4 wurden zu einem späteren Zeitpunkt errichtet, undatiert.


Linksrheinische Umwallung Kölns mit einbezogenen und aufgelassenen Forts.

 

Ent­spre­chend der 1900 fest­ge­schrie­be­nen Leit­li­ni­en wur­de in den fol­gen­den Jah­ren der wei­te­re Aus­bau der Fes­tun­gen im west­li­chen Ope­ra­ti­ons­ge­biet vor­an­ge­trie­ben. Wie be­reits seit den 1860er-Jah­ren do­mi­nier­te ei­ne ein­sei­ti­ge mi­li­tä­risch-funk­tio­na­le Sicht­wei­se. In­fol­ge der waf­fen­tech­ni­schen Ent­wick­lung wa­ren sei­ner­zeit Über­le­gun­gen zu ei­ner Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Fes­tungs­we­sens an­ge­stellt wor­den, die auf­grund der ver­än­der­ten Grenz­zie­hung 1871 und der zur Ver­fü­gung ste­hen­den fran­zö­si­schen Re­pa­ra­ti­ons­gel­der ei­ne zu­sätz­li­che Dy­na­mik er­hal­ten hat­ten. Für Köln war das Hin­aus­schie­ben des Fort­gür­tels und die An­la­ge ei­ner neu­en Um­wal­lung be­schlos­sen und zwi­schen 1873 und 1881 durch­ge­führt wor­den; da­durch war es mög­lich, die al­te Stadt­um­wal­lung auf­zu­ge­ben.[19]  In Ko­blenz und We­sel folg­te die Auf­he­bung der Um­wal­lung 1890.[20]  Die be­waff­ne­te Macht pro­fi­tier­te vom Ver­kaufs­er­lös für forti­fi­ka­to­risch un­brauch­ba­re Ver­tei­di­gungs­wer­ke, wäh­rend sie gleich­zei­tig ge­gen­über der je­wei­li­gen Kom­mu­ne den Ver­zicht auf die Stadt­um­wal­lung als ein Ent­ge­gen­kom­men dar­stel­len konn­te, um die lang­er­sehn­te Stadt­er­wei­te­rung zu er­mög­li­chen, wo­durch der zu­neh­men­den En­ge in den Städ­ten ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den konn­te.[21]  Die­sem Mus­ter folg­te auch der Aus­bau der Fes­tun­gen seit 1900[22] , in des­sen Fol­ge in Köln der Fort­gür­tel wei­ter aus­ge­baut und durch Zwi­schen­wer­ke ver­stärkt wur­de. Teil­wei­se wur­de die Haupt­kampf­stel­lung über die Li­nie der Forts hin­aus­ge­scho­ben. Die Er­wei­te­rungs­maß­nah­men er­laub­ten hier schlie­ß­lich 1911 auch die Auf­las­sung der nach 1881 er­rich­te­ten links­rhei­ni­schen Um­wal­lung, nach­dem be­reits 1907 die Deut­zer En­ce­in­te auf­ge­ho­ben wor­den war. Zwar schuf die zwei­te Auf­he­bung der Um­wal­lung Raum für die Aus­deh­nung der Be­bau­ung, aber der Aus­bau der Be­fes­ti­gun­gen be­deu­te­te auch die Ein­be­zie­hung ei­nes wei­te­ren Rau­mes und so­mit ei­ner im­mer grö­ße­ren Be­völ­ke­rungs­zahl in die Fes­tung. Die Kon­se­quen­zen die­ser Ent­wick­lung spiel­ten aber of­fen­kun­dig we­der für die Aus­bau­plä­ne noch bei der For­de­rung zur Si­cher­stel­lung der per­ma­nen­ten Ein­satz­be­reit­schaft der Fes­tung ei­ne Rol­le.



Köln und Umgebung mit seinen militärischen Einrichtungen einschließlich der Rayonbegrenzungen auf zusammengesetzten Meßtischblättern, 1896.


Ansicht des Kölner Fort X während seiner Errichtung. Vordergrund: Gärten der Höhenberger Bebauung, um 1878.

 

Durch die Auf­he­bung der Um­wal­lung und das Hin­aus­schie­ben des Fort­gür­tels ver­schwan­den die Fes­tungs­wer­ke nicht nur im Wort­sinn aus dem Blick­feld der Ein­woh­ner, denn die ver­än­der­te Wahr­nehm­bar­keit scheint nicht oh­ne Kon­se­quen­zen auf das Be­wusst­sein der lo­ka­len Öf­fent­lich­keit ge­blie­ben zu sein. Bis weit in die zwei­te Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts hin­ein war das Be­wusst­sein, in ei­ner Fes­tung zu le­ben, auf­grund der Sicht­bar­keit der Ver­tei­di­gungs­an­la­gen und vor al­lem auf­grund der all­täg­lich er­fahr­ba­ren Ein­griffs­mög­lich­kei­ten der Ver­tre­ter der be­waff­ne­ten Macht zwei­fel­los stark aus­ge­prägt und die Aus­wir­kun­gen der Fes­tungs­ei­gen­schaft be­herrsch­ten in frei­lich un­ter­schied­li­cher In­ten­si­tät den kom­mu­na­len Dis­kurs. Im un­mit­tel­ba­ren Vor­feld des Ers­ten Welt­kriegs er­schei­nen die Fes­tun­gen in der stadt­öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung in­des als ein al­len­falls be­grenz­tes Hemm­nis für öko­no­mi­schen oder tech­ni­schen Fort­schritt wie die Dis­kus­si­on über die Ein­rich­tung ei­nes Lan­de­plat­zes für Luft­schif­fe in Köln zeigt;[23]  zu­neh­mend wur­den sie je­doch als ein Re­likt der Ver­gan­gen­heit und so­mit als ein bau­his­to­ri­sches Denk­mal wahr­ge­nom­men.[24]  Die Kon­se­quen­zen ei­ner Ar­mie­rung im Fall ei­nes Krie­ges und die da­mit ver­bun­de­ne Ge­fähr­dung der Ein­woh­ner dürf­ten von den we­nigs­ten Ein­woh­nern rea­li­siert wor­den sein.



Schematischer Grundriss des Einheitsforts der 1870/80er Jahre.

 

3. Bereit zum Krieg? Festungen und Kriegsvorsorge vor dem Ersten Weltkrieg

Die per­ma­nen­te Ein­satz­be­reit­schaft der Fes­tung bil­de­te wäh­rend des 19. Jahr­hun­derts den Kern der In­struk­tio­nen für die Fes­tungs­kom­man­dan­ten. Doch steht die­ses Prin­zip in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts in ei­nem auf­fäl­li­gen Kon­trast zu den tat­säch­li­chen Vor­be­rei­tun­gen für ei­ne Ar­mie­rung oder für ei­ne Be­la­ge­rung. Ei­ne 1913 in Köln durch­ge­führ­te Fes­tungs­übung, die von ei­ner Nie­der­la­ge der deut­schen Ar­mee im Wes­ten und ei­nem Rück­zug über den Rhein aus­ging, igno­rier­te so­wohl die Rol­le der Zi­vil­be­völ­ke­rung für ei­ne Ar­mie­rung als auch die Aus­wir­kun­gen ei­ner Be­la­ge­rung auf die Ver­sor­gung der ein­ge­schlos­se­nen Fes­tung. Es ver­wun­dert da­her kaum, dass in die­sem Ma­nö­ver ei­ner mög­li­chen in­ne­ren Ge­fähr­dung der Fes­tung kei­ne Be­ach­tung ge­schenkt wur­de.[25]  Mag die­se Hal­tung noch auf die aus­schlie­ß­lich auf tak­ti­sche Über­le­gun­gen be­schränk­te Sicht des Ge­ne­ral­stabs zu­rück­zu­füh­ren sein, so herrsch­te zu­min­dest bei man­chem Fes­tungs­kom­man­dan­ten ei­ne ge­wis­se Un­si­cher­heit vor,[26]  wie die Ein­satz­be­reit­schaft vor dem Hin­ter­grund des Be­völ­ke­rungs­wachs­tums auf­recht­er­hal­ten wer­den konn­te. So hat­te das Köl­ner Fes­tungs­gou­ver­ne­ment 1882 ei­ne An­fra­ge über die Le­bens­mit­tel­ver­sor­gung der Fes­tung im Be­la­ge­rungs­fall an das Kriegs­mi­nis­te­ri­um ge­rich­tet. Ei­ne mög­li­cher­wei­se kon­tro­ver­se und die Öf­fent­lich­keit be­un­ru­hi­gen­de De­bat­te hier­über er­schien of­fen­bar aber als nicht op­por­tun, denn das Mi­nis­te­ri­um be­han­del­te die An­fra­ge aus­wei­chend. Al­ler­dings wur­de erst­mals ei­ne Ver­ant­wor­tung der Mi­li­tär­ver­wal­tung für die Ver­sor­gung ei­nes Teils der Zi­vil­be­völ­ke­rung an­er­kannt; für 10 Pro­zent der Ein­woh­ner­schaft soll­ten vor­sorg­lich Ver­pfle­gungs­vor­rä­te an­ge­legt wer­den. Mit die­ser Fest­le­gung, der Über­le­gun­gen zum Um­fang der für Ar­mie­rungs­ar­bei­ten un­ver­zicht­ba­ren Zi­vil­be­völ­ke­rung zu­grun­de la­gen,[27]  scheint ein Rah­men vor­ge­ge­ben zu sein, denn in den fol­gen­den Jah­ren ver­schwand die The­ma­tik von der Ta­ges­ord­nung. Hier­an än­der­te sich auch nichts, als seit 1906 die grund­sätz­li­chen Pla­nun­gen zur wirt­schaft­li­chen Kriegs­vor­be­rei­tung und zur Ver­sor­gung der Zi­vil­be­völ­ke­rung im Kriegs­fall all­mäh­lich in­ten­si­viert wur­den. Erst die Ver­schär­fung der in­ter­na­tio­na­len Span­nun­gen mit der Bal­kan­kri­se und dem Ers­ten Bal­kan­krieg 1912, die den Aus­bruch ei­nes eu­ro­päi­schen Krie­ges in greif­ba­re Nä­he rü­cken lie­ßen, lös­ten ei­ne an­ge­streng­te Dis­kus­si­on auch über die Ver­sor­gung der Fes­tun­gen aus.



Kölner Zwischenwerk IVb. Schnitt durch den Panzerturm von Rohr und Oberlafette (blau) auf der als Rahmen (orange) bezeichneten Küstenlafette. Drehung des Turms über per Hand von Kanonieren betätigten Handräder und Stellhebel (rechts im Turmgang). Gesamtstärke der Turmbesatzung: 30 Mann, davon je neun als Bedienungsmannschaft für die beiden Geschütze.

 

Erst­mals im März 1913 stand die Ver­sor­gungs­fra­ge auf der Ta­ges­ord­nung ei­ner Kon­fe­renz zwi­schen dem preu­ßi­schen Kriegs­mi­nis­te­ri­um, Ver­tre­tern des Reichs­kanz­ler­amts, des Reich­samts des In­ne­ren und des Reichs­schatz­amts. Wäh­rend das Kriegs­mi­nis­te­ri­um auf sei­ner Po­si­ti­on be­harr­te, die Ver­pfle­gung le­dig­lich für 10 Pro­zent der Ein­woh­ner­schaft si­cher­zu­stel­len, sah das Reich­s­amt des In­nern zu­nächst das Reich ge­for­dert, die Fi­nanz­mit­tel für die Si­cher­stel­lung des Ver­pfle­gungs­be­darfs der Fes­tun­gen und die Schaf­fung der not­wen­di­gen In­fra­struk­tur be­reit­zu­stel­len. Das Reichs­schatz­amt in­des er­blick­te hier­in le­dig­lich ei­ne Auf­ga­be der Wohl­fahrts­pfle­ge, die so­mit von den Län­dern wahr­zu­neh­men sei. Noch be­vor im Mai 1913 der Reichs­kanz­ler den Kon­flikt we­nig ein­deu­tig da­hin­ge­hend ent­schied, dass die je­wei­li­gen Bun­des­staa­ten in en­ger Ab­stim­mung mit dem Reich­s­amt des In­nern be­son­de­re Maß­nah­men zur Ver­sor­gung der Fes­tun­gen tref­fen soll­ten, war das Preu­ßi­sche In­nen­mi­nis­te­ri­um in die Ver­hand­lun­gen ein­ge­bun­den wor­den.[28]  Wenn­gleich In­nen­mi­nis­ter Jo­hann von Dall­witz (1855−1919, Amts­zeit 1910−1914) ge­gen­über dem Reichs­kanz­ler die Ver­ant­wort­lich­keit des Mi­li­tärs be­ton­te, fehl­te die­ser Hin­weis in sei­ner Auf­for­de­rung an die Ober­prä­si­den­ten, un­ver­züg­lich Kon­fe­ren­zen zwi­schen den je­wei­li­gen Bür­ger­meis­tern, Fes­tungs­kom­man­deu­ren und den Han­dels- und Land­wirt­schafts­kam­mern ein­zu­be­ru­fen, um ei­ne „po­si­ti­ve“ Lö­sung der Ver­sor­gungs­fra­ge her­bei­zu­füh­ren.[29]  Ob­wohl die Ver­hand­lun­gen un­ter strengs­ter Ge­heim­hal­tung er­fol­gen soll­ten, um ei­ne Be­un­ru­hi­gung der Be­völ­ke­rung zu ver­hin­dern, soll­ten die se­mi­staat­li­chen Ver­tre­tun­gen der Land­wirt­schaft und des Han­dels ein­be­zo­gen wer­den, auf de­ren Ex­per­ti­se für die Be­schaf­fung und Be­vor­ra­tung man trotz al­ler In­ter­es­sen­ge­gen­sät­ze zwi­schen die­sen Ver­bän­den nicht ver­zich­ten zu kön­nen glaub­te. Zum ei­nen un­ter­stütz­ten die Ver­tre­tun­gen der Land­wirt­schaft be­reits die Korps­in­ten­dan­tu­ren bei der Be­schaf­fung des Frie­dens­ver­pfle­gungs­be­darfs und ver­füg­ten so­mit über die not­wen­di­gen Kon­tak­te zu den Er­zeu­gern,[30]  zum an­de­ren wa­ren die Han­dels­be­zie­hun­gen ins­be­son­de­re auch in das Aus­land un­ver­zicht­bar, gin­gen doch die Zen­tral­be­hör­den da­von aus, dass die land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­on im Reich nicht aus­reich­te, ei­ne aus­rei­chen­de Er­näh­rung der Be­völ­ke­rung im Kriegs­fall zu ga­ran­tie­ren.



15-Centimeter-Ringkanone. Oberlafette: sogenannte Minimal-Schartenlafette, das heißt bei Veränderung der Rohrerhöhung: Schwenkung des Rohrs nicht wie üblich um eine Achse in der Mitte des WAffensystems, sondern um die Rohrmündung und daher nur sehr kleine Scharte in der Kuppelpanzerung erforderlich.

 

Die Dis­kus­si­on vor Ort − in der Rhein­pro­vinz war die An­fra­ge le­dig­lich an Köln und We­sel wei­ter­ge­lei­tet wor­den,[31]  wäh­rend Ko­blenz mög­li­cher­wei­se auf­grund der Grenz­fer­ne und der La­ge au­ßer­halb des Haupt­auf­marsch­ge­bie­tes der deut­schen Trup­pen un­be­rück­sich­tigt blieb − spitz­te sich un­ge­ach­tet al­ler kon­kre­ten Über­le­gun­gen zur Si­cher­stel­lung der Nah­rungs­mit­tel­ver­sor­gung auf ei­nen Kon­ne­xi­täts­kon­flikt zu. Die Kom­mu­nen lehn­ten jeg­li­che Ver­ant­wort­lich­keit zur Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung und Be­reit­schaft zur Kos­ten­über­nah­me mit dem Hin­weis ab, dass es sich um An­ge­le­gen­hei­ten der Lan­des­ver­tei­di­gung han­de­le.[32]  Ob­schon das preu­ßi­sche In­nen­mi­nis­te­ri­um die­se Hal­tung in den Ver­hand­lun­gen mit dem Reich durch­aus teil­te und die Be­las­tung der Fes­tungs­städ­te be­reits im Frie­den be­ton­te,[33]  ver­such­te die Staats­re­gie­rung den­noch von vorn­her­ein auch die je­wei­li­gen Kom­mu­nen in die Pflicht zu neh­men. Frag­los ziel­te das In­nen­mi­nis­te­ri­um hier­mit in ers­ter Li­nie auf ei­ne Mi­ni­mie­rung der Ri­si­ken für den ei­ge­nen Haus­halt, muss­te es doch auf­grund der Ent­schei­dung des Reichs­kanz­lers be­fürch­ten, auf den Kos­ten sit­zen­zu­blei­ben. Gleich­zei­tig sah das Mi­nis­te­ri­um die Wohl­fahrts­pfle­ge oh­ne­hin nicht zu­letzt auf­grund des Aus­baus und der Ef­fi­zi­enz der kom­mu­na­len Da­seins­vor­sor­ge we­ni­ger als staat­li­che denn als kom­mu­na­le Auf­ga­be. Sei­ne For­de­rung an die Kom­mu­nen, sich an der Fi­nan­zie­rung der not­wen­di­gen In­fra­struk­tur zu be­tei­li­gen, ver­knüpf­te der In­nen­mi­nis­ter er­folg­los mit dem Hin­weis, dass die Kom­mu­nal­ver­wal­tun­gen bei­spiels­wei­se mit dem Bau von städ­ti­schen Kühl­häu­sern auch mög­li­chen Teue­rungs­kri­sen in Frie­dens­zei­ten ge­gen­steu­ern könn­ten.[34]  An­ge­sichts frucht­lo­ser ver­fas­sungs­recht­li­cher Dis­kus­sio­nen und aus­blei­ben­der Er­geb­nis­se leg­te das Kriegs­mi­nis­te­ri­um im Mai 1914 un­ter Um­ge­hung des Dienst­wegs ei­nen Ver­mitt­lungs­vor­schlag vor,[35]  der aber le­dig­lich die Po­si­ti­on des Reichs­kanz­lers von 1913 wie­der­hol­te. Letzt­lich blieb der Kon­flikt, der sei­ne Ur­sa­chen zum ei­nen in der un­kla­ren Stel­lung der be­waff­ne­ten Macht als Reichs- oder Kon­tin­gents­heer zum an­de­ren in der un­zu­rei­chen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Klä­rung des Ver­hält­nis­ses der ver­schie­de­nen staat­li­chen Ebe­nen zu­ein­an­der hat­te, und in dem sich die ver­schie­de­nen Ebe­nen aus Sor­ge vor ein­sei­ti­gen fi­nan­zi­el­len Be­las­tun­gen da­her ge­gen­sei­tig blo­ckier­ten, bis zum Kriegs­aus­bruch un­ent­schie­den.



Kölner Zwischenwerk Vb. Im Frontgraben: Hindernispfähle der Armierung von 1914. Links im Vordergrund im Graben: Abortgrube; in der Konteres-karpenmauer etwas weiter nach rechts: eine Platte für die Belüftung; darüber: ein nach 1900 schräg angebrachtes Drahtgeflecht; darüber wiederum in Schräglage: Pfähle mit nach 1900 üblichem Stacheldraht; dahinter um das Zwischenwerk herum: ein Abweisgitter mit am oberen Abschluss gebogenen Eisenstäben, wie sie seit 1885 eingeführt wurden; zwischen den Gewehrscharten im Hintergrund: eine Scheinwerferplatte; rechts zwischen der Eskarpenmauer auf Sockelmauern: nach 1900 übliche Gitter. Gemälde von André Brauch.

 

Wenn­gleich der Zu­stän­dig­keits­kon­flikt zwi­schen Reich, Län­dern und Kom­mu­nen die Ver­hand­lun­gen do­mi­nier­te, darf nicht über­se­hen wer­den, dass die be­tei­lig­ten In­sti­tu­tio­nen durch­aus be­müht wa­ren, ver­sor­gungs­tech­ni­sche Fra­gen zu klä­ren. Zum ei­nen kreis­te die Dis­kus­si­on um die Fra­ge, auf wel­che Wei­se die Ver­sor­gung si­cher­ge­stellt wer­den kön­ne, zum an­de­ren galt es, den Nah­rungs­mit­tel­be­darf über­haupt zu er­mit­teln. Als Vor­bild gal­ten hier­bei Ver­ein­ba­run­gen für die Fes­tung Thorn, die of­fen­bar auf ei­ne In­itia­ti­ve des dor­ti­gen Fes­tungs­kom­man­dan­ten zu­rück­gin­gen. Dort wa­ren Lie­fe­rungs­ver­trä­ge ab­ge­schlos­sen wor­den, in de­nen sich Pro­du­zen­ten und Händ­ler ver­pflich­te­ten, im Kriegs­fall die not­wen­di­gen Nah­rungs­vor­rä­te in die Fes­tung zu brin­gen. Den staat­li­chen Mit­tel­be­hör­den und der Mi­li­tär­ver­wal­tung er­schien die­se Pra­xis als ge­eig­ne­tes Mo­dell für die Ver­sor­gung der Fes­tung We­sel, ob­wohl der dor­ti­ge Bür­ger­meis­ter weit­sich­tig auf dro­hen­de Trans­por­t­en­g­päs­se im Mo­bil­ma­chungs­fall auf­merk­sam mach­te. Auf grö­ße­re Fes­tun­gen war die­ser Lö­sungs­an­satz nicht zu­letzt auf­grund der Im­port­ab­hän­gig­keit und der Sor­ge vor ei­ner mög­li­chen Blo­cka­de des Reichs, die von der Reichs­lei­tung seit et­wa 1906 be­fürch­tet wur­de, in­des von vorn­her­ein nicht an­wend­bar. Hier soll­ten be­reits in Frie­dens­zei­ten ent­spre­chen­de Vor­rä­te ein­ge­la­gert wer­den, je­doch fehl­te hier­für die ent­spre­chen­de In­fra­struk­tur. Ein wei­te­res Pro­blem trat hin­zu: auf­grund der be­grenz­ten Halt­bar­keit der Le­bens­mit­tel muss­te ein re­gel­mä­ßi­ger Aus­tausch er­fol­gen. Die hier­aus re­sul­tie­ren­den un­ter­neh­me­ri­schen Ri­si­ken ver­such­te die Re­gie­rung − frei­lich ver­geb­lich − ab­zu­wäl­zen, in­dem sie vor­schlug, dass die Kom­mu­nen oder ge­ge­be­nen­falls auch Pri­vat­un­ter­neh­men die Spei­cher un­ter­hal­ten soll­ten. We­ni­ger strit­tig war die Er­mitt­lung des Ver­pfle­gungs­be­darfs. Auch hier dien­te die Re­ge­lung aus Thorn als Mus­ter. Für ei­ne an­ge­nom­me­ne Be­la­ge­rungs­dau­er von 210 Ta­ge war für ei­ne Per­son ein Fleisch-, Wurst-, Fisch- und Kä­se­be­darf von 22,96 kg er­rech­net wor­den. An Ge­mü­se und Kar­tof­feln wa­ren knapp 48 kg vor­ge­se­hen, die Brot­ver­sor­gung wur­de mit je­weils ei­nem hal­ben Ki­lo­gramm pro Tag fest­ge­legt.[36] 

Als be­son­ders kon­flikt­träch­tig er­wies sich die Er­mitt­lung, für wie vie­le Per­so­nen über­haupt Vor­rä­te an­zu­le­gen wa­ren. Ein­ver­neh­men be­stand über die Eva­ku­ie­rung der An­ge­hö­ri­gen ak­ti­ver Sol­da­ten, Mi­li­tär­be­am­ter und -ar­bei­ter so­wie der In­sas­sen von Straf­an­stal­ten und psych­ia­tri­schen Kli­ni­ken. Aus­ge­hend von die­ser Prä­mis­se er­rech­ne­te das In­nen­mi­nis­te­ri­um ei­ne „Nor­mal­be­völ­ke­rungs­zif­fer“, die die Grund­la­ge für die Ar­beit der vor Ort zu bil­den­den Ver­pfle­gungs­aus­schüs­se bil­de­te. In We­sel soll­ten dem­nach ins­ge­samt 1.370 Per­so­nen (rund 6,5 Pro­zent der Be­völ­ke­rung im Fes­tungs­ge­biet) eva­ku­iert wer­den. Hier­von wa­ren al­lein 1.245 Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge von Of­fi­zie­ren und Mi­li­tär­be­am­ten. Mit­hin war die Ver­sor­gung von rund 19.000 Ein­woh­nern si­cher­zu­stel­len.[37]  Von den im Köl­ner Fes­tungs­ge­biet le­ben­den 630.000 Ein­woh­nern muss­ten ent­spre­chend 20.000 Per­so­nen (cir­ca 3,2 Pro­zent) um­ge­sie­delt wer­den.[38]  Zu­dem wur­de er­war­tet, dass auf­grund der Ein­be­ru­fung der Re­ser­vis­ten im Ge­fol­ge der Mo­bil­ma­chung die Ein­woh­ner­zahl in den Fes­tun­gen deut­lich sin­ken wür­de. Un­klar war aber, in wel­chem Um­fang wei­te­re Be­völ­ke­rungs­krei­se ge­zwun­gen wer­den soll­ten, vor­sorg­lich die Fes­tung zu ver­las­sen. Hier tra­fen sich die Über­le­gun­gen zur wirt­schaft­li­chen Kriegs­vor­be­rei­tung mit dem, im In­nen­mi­nis­te­ri­um un­ter Ver­weis auf den Ar­ti­kel 5 der Preu­ßi­schen Ver­fas­sungs­ur­kun­de in sei­ner Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit zu­min­dest hin­ter­frag­ten, schlie­ß­lich aber mit dem Hin­weis auf das Ge­setz über den Be­la­ge­rungs­zu­stand[39]  ge­deck­ten Recht der Fes­tungs­kom­man­dan­ten zur Ein­schrän­kung der per­sön­li­chen Frei­heit und so­mit auch zur Aus­wei­sung von Per­so­nen, die sich nicht selbst er­näh­ren konn­ten oder die als po­li­tisch un­zu­ver­läs­si­gen gal­ten und die Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft ge­fähr­de­ten. Da­bei schob das Mi­li­tär die Ver­ant­wor­tung für die Eva­ku­ie­rung und die Für­sor­ge für die Aus­ge­wie­se­nen wie be­reits wäh­rend des 19. Jahr­hun­derts aus­schlie­ß­lich den Zi­vil­be­hör­den zu und zog sich auf die, auf der In­struk­ti­on für die Fes­tungs­kom­man­dan­ten grün­den­de Pflicht, die Fes­tung zu hal­ten zu­rück, denn die­ser Auf­trag ste­he hö­her, als die Für­sor­ge für ih­re Be­völ­ke­rung.[40]  Den­noch mach­te der Kriegs­mi­nis­ter ge­gen­über dem In­nen­mi­nis­te­ri­um deut­lich, wel­che Be­völ­ke­rungs­tei­le aus sei­ner Sicht aus­zu­wei­sen sei­en: Ne­ben no­to­ri­schen Ver­bre­chern, An­ar­chis­ten und den Füh­rer[n] _der Um­sturz­par­te_i[41]  soll­ten z. B. Frau­en, Grei­se, Kin­der, Ar­beits­un­fä­hi­ge, Kran­ke eva­ku­iert wer­den,[42]  doch än­der­te sich die­se Hal­tung, als die ers­ten Zah­len aus den be­trof­fe­nen Städ­ten und Ge­mein­den in Ber­lin ein­tra­fen. Hat­te sich noch der Land­rat des Krei­ses Rees nicht in der La­ge ge­se­hen, die ge­wünsch­ten An­ga­ben oh­ne Er­re­gung der Be­völ­ke­rung zu er­mit­teln und le­dig­lich sei­ner Hoff­nung Aus­druck ver­lie­hen, dass zu­min­dest Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge der Ein­ge­zo­ge­nen bei Ver­wand­ten im Um­land Auf­nah­me fin­den könn­ten und es so­mit kaum zu Ab­schie­bun­gen − und un­aus­ge­spro­chen zu ei­ner Be­las­tung der kom­mu­na­len Un­ter­stüt­zungs­kas­sen − kom­men müs­se,[43]  so ging der Ober­prä­si­dent  für Köln von 100.000 Ein­woh­nern aus, die aus­zu­wei­sen wa­ren.[44]  Die Ver­tre­ter des Kriegs­mi­nis­te­ri­ums re­agier­ten re­gel­recht scho­ckiert auf die­se Zahl: Sol­che Ar­mee­korps von Ab­trans­por­ten wäh­rend der Mo­bil­ma­chung zu be­för­dern, sei voll­stän­dig aus­ge­schlos­sen.[45]  Sie for­der­ten, die Nor­mal­be­völ­ke­rungs­zif­fer in den Fes­tun­gen zu er­hö­hen und er­klär­ten über­ra­schend, dass zwi­schen den Tei­len der Be­völ­ke­rung, die un­be­dingt ab­ge­scho­ben wer­den müs­sen (zum Bei­spiel Geis­tes­kran­ke, Straf­ge­fan­ge­ne, po­li­tisch Un­zu­ver­läs­si­ge), und sol­chen, bei de­nen die Ab­schie­bung er­wünscht ist (Grei­se, Frau­en, Kin­der) un­ter­schie­den wer­den müs­se.[46]  Das mit die­ser Not­lö­sung kaum ka­schier­te Ein­ge­ständ­nis der Rat­lo­sig­keit und Über­for­de­rung of­fen­bart ei­ne er­staun­li­che Un­kennt­nis der Ver­tre­ter der be­waff­ne­ten Macht über die Aus­wir­kun­gen und Her­aus­for­de­run­gen der Ur­ba­ni­sie­rung, die ih­re Ur­sa­chen frag­los auch in der seit den 1860er Jah­re zu­neh­mend auf ei­ne rein mi­li­tär-fach­li­che Per­spek­ti­ve be­schränk­ten Aus­bil­dung hat­te.[47]  Die zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­ten Ma­xi­men zur Auf­recht­er­hal­tung der Ein­satz­fä­hig­keit der Fes­tun­gen mit ih­rer Über­be­to­nung des Pflicht­be­wusst­seins und der Eh­re des Of­fi­ziers­korps er­wie­sen sich als nicht mehr zeit­ge­mäß und die bis­he­ri­gen rein forti­fi­ka­to­risch-tech­ni­schen Ant­wor­ten auf die Her­aus­for­de­run­gen der Mo­der­ne  hat­ten letzt­lich die Pro­ble­ma­tik nur ver­schärft.

Trotz die­ser For­de­rung der be­waff­ne­ten Macht in der in­tra­mi­nis­te­ri­el­len De­bat­te gin­gen die Ver­tre­ter vor Ort für Köln wei­ter­hin von den ur­sprüng­lich ge­nann­ten 100.000 Be­woh­nern aus. Mit der Er­mitt­lung der Per­so­nen und den Pla­nun­gen zur Be­reit­stel­lung der Trans­port­ka­pa­zi­tä­ten war das Pro­blem frei­lich nicht ge­löst, denn die nur Hilf­lo­sig­keit spie­geln­de ers­te Re­ak­ti­on des preu­ßi­schen In­nen­mi­nis­te­ri­ums, den Be­trof­fe­nen selbst die Sor­ge um ih­ren Ver­bleib und ih­ren Er­werb zu über­las­sen,[48]  war völ­lig un­ge­eig­net, um die auch von der Zi­vil­ver­wal­tung grund­sätz­lich an­er­kann­te Vor­aus­set­zung zur Si­cher­stel­lung der Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit der Fes­tung her­zu­stel­len. Ent­spre­chend wur­den die Be­hör­den vor Ort an­ge­wie­sen, Eva­ku­ie­rungs­räu­me zu er­mit­teln und Un­ter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten zu schaf­fen. Für das er­war­te­te Hin­auf­schnel­len der Ar­men­las­ten in den Auf­nah­me­kom­mu­nen wur­de zwar ein Fi­nanz­aus­gleich avi­siert, doch zu mehr als ei­ner va­gen Ab­sichts­er­klä­rung konn­ten sich die Ber­li­ner Reichs- und Staats­be­hör­den nicht durch­rin­gen.[49]  Ei­ne Klä­rung der Ver­ant­wort­lich­keit, die an­ge­sichts des schwe­len­den Kon­flikts über die Fi­nan­zie­rung der Fes­tungs­ver­sor­gung oh­ne­hin kaum  zu er­war­ten war, un­ter­blieb.

Für die Un­ter­brin­gung der aus Köln aus­zu­wei­sen­den Ein­woh­ner war zu­nächst das rhei­nisch-west­fä­li­sche In­dus­trie­ge­biet vor­ge­se­hen, denn nur die dor­ti­gen Groß­städ­te bo­ten nach Auf­fas­sung des Ober­prä­si­den­ten aus­rei­chend Quar­tier­raum und Ar­beits­mög­lich­kei­ten. Die­se Über­le­gun­gen stie­ßen auf Wi­der­stand der Be­zirks­re­gie­run­gen, die auf­grund des ho­hen Preis­ni­veaus im in­dus­tri­el­len Bal­lungs­raum er­heb­li­che Schwie­rig­kei­ten be­fürch­te­ten, so dass wie be­reits in den 1860er Jah­ren die Pro­vin­zen West­fa­len und Hes­sen-Nas­sau so­wie wei­ter öst­lich lie­gen­de Ge­bie­te als al­ter­na­ti­ve Auf­nah­me­ge­bie­te vor­ge­schla­gen wur­den. Aber eben­so wie die Ver­hand­lun­gen über die Le­bens­mit­tel­ver­sor­gung blie­ben die Pla­nun­gen zur Un­ter­brin­gung der Aus­zu­wei­sen­den bis zum Kriegs­aus­bruch oh­ne kon­kre­te Er­geb­nis­se, da zum ei­nen die Fra­ge der Ver­ant­wort­lich­keit nicht ge­klärt wer­den konn­te, zum an­de­ren die Sor­ge vor ei­ner Be­un­ru­hi­gung der Be­völ­ke­rung die Be­hör­den zur Zu­rück­hal­tung ver­an­lass­te, wenn­gleich hier­durch die Ge­fahr wuchs, im Ernst­fall ei­ne Pa­nik aus­zu­lö­sen.[50]  Gleich­wohl ver­schwand auch nach der Mo­bil­ma­chung und dem ra­schen Vor­stoß der deut­schen Trup­pen durch Bel­gi­en das The­ma nicht von der Ta­ges­ord­nung. Zwar ver­such­te der Ober­prä­si­dent un­ter Ver­weis auf den güns­ti­gen Kriegs­ver­lauf und die Aus­wir­kun­gen auf die Mo­ral der Be­völ­ke­rung das Pro­blem di­la­to­risch zu be­han­deln, doch dräng­te das Köl­ner Fes­tungs­gou­ver­ne­ment auf ei­ne ab­schlie­ßen­de Klä­rung, so dass schlie­ß­lich das In­nen­mi­nis­te­ri­um all­ge­mein die länd­li­chen Räu­me der Pro­vinz West­fa­len als Ziel­ort be­stimm­te, oh­ne dass die­sem Be­schluss Ver­hand­lun­gen mit den dor­ti­gen Lo­kal­be­hör­den vor­aus­gin­gen oder gar Vor­be­rei­tun­gen in den be­trof­fe­nen Ge­mein­den ge­trof­fen wur­den.[51] 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Tippach, Thomas, Festungen im Rheinland, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/festungen-im-rheinland/DE-2086/lido/57d12ab3881883.06935053 (abgerufen am 19.10.2025)

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Sekundärliteratur

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Kunst

Kunst

Musikgeschichte

Inhaltsverzeichnis

1. Mehr als nur Fußnoten - Musikerinnen im Rheinland und ihre Rezeption

1. Mehr als nur Fußnoten - Musikerinnen im Rheinland und ihre Rezeption

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Die Violinistin Teresa Milanollo im Jahr 1860. (gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France)

1. Einige grundsätzliche Bemerkungen zur Einleitung

Ei­nen Text über Mu­si­ke­rin­nen zu schrei­ben ist nicht mög­lich, oh­ne vor­her zur Her­an­füh­rung ei­ni­ge his­to­ri­sche ge­sell­schaft­li­che Pro­zes­se und Ent­wick­lun­gen dar­zu­stel­len, die zur For­mung der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ei­ner­seits und un­se­res (al­so des eu­ro­zen­tri­schen) Mu­sik­be­griffs an­de­rer­seits bei­ge­tra­gen ha­ben. Bei­des ist letz­ten En­des eng mit­ein­an­der ver­knüpft. Denn in Ab­gren­zung zur feu­da­len Hof­ge­sell­schaft wur­de der eman­zi­pier­te (männ­li­che!) Bür­ger zum Zen­trum ei­ner neu ge­ord­ne­ten So­zi­al­struk­tur. Ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung hat­te hier­bei die Kul­tur, ins­be­son­de­re der Mu­sik in Form des Kon­zerts: Die­ses lässt sich in sei­nem kunst­mu­si­ka­li­schen An­spruch – stark ver­kürzt dar­ge­stellt – als Ab­gren­zung zur hö­fi­schen Mu­sik­kul­tur ver­ste­hen. Da­bei dien­te Mu­sik nicht mehr aus­schlie­ß­lich der Re­prä­sen­ta­ti­on, son­dern wur­de als Mit­tel der mo­ra­li­schen und geis­ti­gen Ver­voll­komm­nung auf­ge­wer­tet. Als Me­di­um der Selbst­ver­ge­wis­se­rung und Aus­druck ge­sell­schaft­li­cher Rei­bungs- und Neu­ord­nungs­pro­zes­se spie­gelt es in sei­nen sub­ti­len Ver­än­de­run­gen auch die Ent­wick­lun­gen der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft wi­der.

Gleich­zei­tig schuf das Bür­ger­tum da­mit ei­ne Ab­gren­zung zu den nied­ri­ge­ren Ge­sell­schafts­schich­ten. Mu­si­ka­li­scher Aus­druck des­sen ist das Schlag­wort der „erns­ten Mu­si­k“, die sich im Ver­lau­fe des 19. Jahr­hun­derts im­mer mehr von der „Un­ter­hal­tungs­mu­si­k“ ab­grenz­te. Wäh­rend Letz­te­re als für „die Mas­sen“ taug­lich ab­ge­wer­tet wur­de, wur­de die Kunst­mu­sik bür­ger­li­cher Prä­gung so­gar na­he­zu auf die Stu­fe der in­sti­tu­tio­nell eben­falls ge­schwäch­ten Kir­che ge­ho­ben: Ein Be­such von Jo­hann Se­bas­ti­an Bachs (1685–1750) „Mat­thä­us-Pas­si­on“ in der Os­ter­zeit konn­te durch­aus auf der Stu­fe ei­nes Got­tes­diens­tes ste­hen. Dies lässt ah­nen, war­um das Kon­zert als öf­fent­li­che Ver­an­stal­tungs­form be­son­ders auf ei­ne brei­te, bür­ger­li­che Trä­ger­schicht an­ge­wie­sen war und dem­zu­fol­ge die ge­sell­schaft­li­chen Nor­men er­fül­len muss­te.

Für die aus dem hö­fi­schen Be­reich ent­lehn­te Oper, die zwar nun für je­der­mann ge­gen Ein­tritt er­leb­bar war, aber nicht we­sent­lich mo­di­fi­ziert wei­ter be­stand, galt dies nicht im sel­ben Ma­ße: Die Büh­ne blieb ein durch den Or­ches­ter­gra­ben sym­bo­lisch vom Pu­bli­kum ge­trenn­ter Ort, wo die Auf­he­bung ge­sell­schaft­li­cher Kon­ven­tio­nen zu­min­dest zeit­wei­lig ak­zep­tiert war. Ent­spre­chend gal­ten auch für Dar­stel­ler und Dar­stel­le­rin­nen be­son­de­re Re­geln, wo­bei auch hier un­sicht­ba­re Bar­rie­ren auf­ge­rich­tet blie­ben: In den we­ni­gen Fäl­len, in de­nen es tat­säch­lich ei­ner (dann in der Re­gel weib­li­chen) Büh­nen­grö­ße ge­lang, durch Hei­rat Teil bür­ger­li­cher oder gar ad­li­ger Krei­se zu wer­den, blieb die Er­war­tung selbst­ver­ständ­lich, dass die Per­son in min­des­tens zeit­li­cher Nä­he zur Ver­mäh­lung ih­re Tä­tig­keit auf­gab. Das Feld des Ge­sangs und der ent­spre­chen­den Künst­le­rin­nen soll aus die­sen Grün­den im Fol­gen­den aus­ge­spart blei­ben.

Auch die Kir­chen­mu­sik bil­de­te ei­nen tra­di­tio­nell mehr oder we­ni­ger au­to­no­men Be­reich, auf den das Bür­ger­tum erst all­mäh­lich Ein­fluss ge­wann. Zwei Fak­to­ren sind hier grund­le­gend mit­zu­den­ken: Da Mu­sik als Got­tes­lob und da­mit oh­ne­hin als Auf­ga­be je­des Chris­ten­men­schen ver­stan­den wur­de, war die Fra­ge nach be­son­de­ren künst­le­ri­schen Ver­diens­ten in der kir­chen­mu­si­ka­li­schen Be­tä­ti­gung von vorn­her­ein mit Vor­be­hal­ten be­haf­tet. Da­ne­ben war au­ßer­halb der Non­nen­k­lös­ter öf­fent­li­ches Her­vor­tre­ten von Frau­en über Jahr­hun­der­te un­er­wünscht. Al­ler­dings wur­de das apos­to­li­sche Ver­dikt mu­lier ta­cet in eccle­si­am un­ab­hän­gig von Kon­fes­sio­nen im­mer wie­der ein­mal ge­lo­ckert, wenn die Mu­sik­pra­xis es er­for­der­te. So er­in­nert sich Max Bruch in ei­nem län­ge­ren au­to­bio­gra­phi­schen Brief: „Ue­ber die Ge­schich­te der Ka­thol. Kir­chen­mu­sik in den Rhein­lan­den seit 1815 kann ich nur sa­gen, daß in mei­ner Ju­gend (et­wa bis 1860) im Köl­ner Dom wäh­rend des „Hoch­amts“ (Sonn­tag Vor­mit­tags) Mes­sen mit Or­ches­ter und ge­misch­tem Chor (in dem Da­men mit­wirk­ten) auf­ge­führt wur­den. Ich hör­te dort u. A. Mes­sen von Haydn, Mo­zart, Abt Vog­ler etc. in de­nen es oft recht lus­tig zu­ging, und die an vie­len Stel­len nicht der Wür­de des Or­tes ent­spra­chen. Als dann ei­ne stren­ge­re Rich­tung in der kath. Kir­che auf­kam, wur­de über­all in Deutsch­land, Oe­s­ter­reich, und auch in Köln das Or­ches­ter und die Da­men aus der Kir­che hin­aus­ge­wor­fen; man be­hielt nur Kna­ben- u. Män­ner­chor und Or­gel bei.“[1] 

Die hier ge­schil­der­ten Ent­wick­lun­gen ste­hen in Zu­sam­men­hang mit all­ge­mei­nen re­stau­ra­ti­ven Be­mü­hun­gen in­ner­halb der ka­tho­li­schen Kir­che, die schlie­ß­lich 1868 in der Grün­dung des „All­ge­mei­nen Cä­ci­li­en­ver­eins für die Län­der deut­scher Spra­che“ mün­de­ten. Schon der Be­griff „Ver­ein“ lässt die en­ge Ver­knüp­fung von Kir­chen­mu­sik und bür­ger­li­chen Struk­tu­ren zu die­sem Zeit­punkt er­ah­nen. Doch sind es eben auch die­se bür­ger­li­chen Struk­tu­ren und Kon­ven­tio­nen, die im­mer wie­der da­für sorg­ten, dass Frau­en in der Öf­fent­lich­keit ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le spiel­ten. Ei­ne Auf­ar­bei­tung die­ser Pro­zes­se hat nach ers­ten Be­mü­hun­gen von So­phie Drin­ker (1888–1967) mitt­ler­wei­le vor al­lem durch (und in Be­zug auf) die wich­ti­gen Pu­bli­ka­tio­nen von Freia Hoff­mann (ge­bo­ren 1945) zu­min­dest in An­sät­zen so­zio­lo­gisch und mu­sik­his­to­risch statt­ge­fun­den. Ei­ne um­fas­sen­de, viel­leicht so­gar bes­ten­falls le­xi­ka­li­sche Dar­stel­lung von Bio­gra­phi­en und Leis­tun­gen der Mu­si­ke­rin­nen, die ge­gen ent­spre­chen­de Ein­schrän­kun­gen an­spiel­ten, liegt trotz Be­mü­hun­gen des So­phie Drin­ker-In­sti­tuts noch nicht vor. In den fol­gen­den Ka­pi­teln wird da­her ver­sucht, an­hand ein­zel­ner In­stru­men­te und Prak­ti­ken öf­fent­li­chen Mu­si­zie­rens an die Leis­tun­gen re­prä­sen­ta­ti­ver Künst­le­rin­nen zu er­in­nern, die sich al­len Hin­der­nis­sen zum Trotz im Rhein­land zu be­haup­ten wuss­ten.

2. Akzeptierte Ausnahmen: Pianistinnen

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Dorette Spohr, geb. Scheidler, Fotografie einer anonymen Lithographie des 19. Jahrhunderts. (Beethoven-Haus Bonn, NE 81, Band IV, Nr. 611, https://www.beethoven.de/de/media/view/4816985766494208/Dorette+Spohr%2C+geb.+Scheidler+%281787-1834%29+-+Fotografie+einer+anonymen+Lithographie+des+19.+Jahrhunderts?fromArchive=4886601146564608)

Wäh­rend tra­di­tio­nell jen­seits der obers­ten Ge­sell­schafts­schicht je­des Fa­mi­li­en­mit­glied ei­nen Platz in der Er­werbs­struk­tur et­wa ei­nes häus­li­chen Be­triebs hat­te, än­der­te sich dies mit der Eman­zi­pa­ti­on des Bür­ger­tums grund­le­gend. We­sent­li­ches Merk­mal der Zu­ge­hö­rig­keit zur neu­en Mit­tel­schicht war nun, dass der Mann als Fa­mi­li­en­ober­haupt im Be­rufs­le­ben nach au­ßen die Fa­mi­lie ver­trat und fi­nan­zier­te – „und drin­nen wal­tet die züch­ti­ge Haus­frau“, wie Fried­rich Schil­ler (1759–1805) in sei­nem „Lied von der Glo­cke“ die Rol­len­ver­tei­lung de­fi­nier­te. Ei­ne Be­rufs­tä­tig­keit der Frau war, so­fern sie kei­ner Not­la­ge ent­sprang, nicht mehr ge­wünscht. Die Ehe­frau wur­de zum ru­hen­den Pol der Fa­mi­lie und hat­te sich vor der De­mons­tra­ti­on von kör­per­li­cher Tat­kraft oder gar Sinn­lich­keit zu hü­ten, woll­te sie nicht ge­sell­schaft­li­che Äch­tung ris­kie­ren. Der schein­ba­re Lu­xus der Be­we­gungs­lo­sig­keit wur­de zur Norm des Bür­ger­tums für die „hol­de Weib­lich­keit“. Da­bei wur­den die Vor­ga­ben, wie Frau­en sich in der Öf­fent­lich­keit zu ver­hal­ten hat­ten, selbst­ver­ständ­lich von Män­nern fest­ge­legt: Die Kor­setts der Zeit be­stan­den nicht nur aus Fisch­grät und Me­tall­bü­geln, son­dern auch aus den Schlag­wor­ten „Sitt­sam­keit“ und „Tu­gend­haf­ti­geit“. Für das Kon­zert als Bil­dungs­in­sti­tu­ti­on und die Mu­sik im häus­li­chen Kreis galt glei­cher­ma­ßen: „Der Stand des Wei­bes ist Ru­he“. Die­ser Satz stammt von dem Pfar­rer [!] und Ge­le­gen­heits­kom­po­nis­ten Carl Lud­wig Juncker (1748–1797), der 1783 sei­ne Ab­hand­lung „Vom Kos­tüm des Frau­en­zim­mer Spie­len­s“ zu­nächst an­onym im „Mu­si­ka­li­schen Ta­schen­buch auf das Jahr 1784“ ver­öf­fent­lich­te. An­de­re Au­to­ren, die sich sei­ne Po­si­ti­on zu ei­gen mach­ten, muss­ten we­ni­ge Jah­re spä­ter sol­che Vor­sicht nicht mehr wal­ten las­sen. In der bür­ger­li­chen Mu­sik ist bis in die zwei­te Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts ei­ne ge­ne­rel­le Ent­se­xua­li­sie­rung zu be­ob­ach­ten, die so­wohl als Ge­gen­ent­wurf zur hö­fi­schen Mu­sik als auch Un­ter­stüt­zung des Bil­dungs­ge­dan­kens dis­ku­tiert wer­den kann, in die­ser Dop­pel­deu­tig­keit aber je­den­falls her­vor­ra­gend zu in­stru­men­ta­li­sie­ren war.

Wel­che In­stru­men­te für die Da­men schick­lich wa­ren, war bald ent­schie­den. Dass es hier­bei nicht um Fä­hig­keit, son­dern die Ze­men­tie­rung ge­sell­schaft­li­cher Nor­men ging, gab auch Juncker of­fen zu: „Die Bey­spie­le, die wir von der­glei­chen weib­li­chen Vir­tuo­sen aus­wei­sen kön­nen, be­wei­sen uns auch, daß das zwey­te Ge­schlecht es we­nigs­tens auf eben den Grad der Voll­kom­men­heit brin­gen kön­nen, wie wir.“[2]  Als idea­le Frau­en-In­stru­men­te gal­ten die bald wie­der aus­ge­stor­be­ne Glas­har­mo­ni­ka und in be­son­de­rem Ma­ße das Kla­vier. Die da­mals pro­pa­gier­te Schu­le, die von mit mög­lichst ru­hi­gem Arm kom­bi­nier­ter Fin­ger­tech­nik aus­ging, mach­te ein an­nä­hernd be­we­gungs­lo­ses Spiel am In­stru­ment mög­lich. Als Pia­nis­tin konn­ten Frau­en al­so durch­aus auf­tre­ten, so­fern Sit­te und An­stand nicht ge­fähr­det schie­nen. So war et­wa Do­ret­te Scheid­ler-Sp­ohr (1797–1834) 1817 in Aa­chen, Köln, Düs­sel­dorf und Kle­ve zu hö­ren, wo­bei sie nicht nur als Pia­nis­tin, son­dern auch als Har­fe­nis­tin glänz­te – über die­ses In­stru­ment wird noch ge­son­dert zu spre­chen sein. Bei die­sen Auf­trit­ten be­glei­te­te sie je­doch auch ih­ren Mann, den Vio­li­nis­ten Louis Sp­ohr (1784–1859), so dass sie qua­si un­ter Auf­sicht ih­res Fa­mi­li­en­ober­haup­tes spiel­te.

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Clara Schumann beim Musizieren. (Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main, Fotograf: Franz Hanfstaengel)

Wur­de dies in Städ­ten wie Pa­ris, Wien oder Lon­don nicht gar so streng ge­se­hen, zeig­te man sich in Deutsch­land Leip­zig, Ber­lin und auch im Rhein­land deut­lich ri­gi­der. So war et­wa in der Düs­sel­dor­fer Lo­kal­pres­se am 25.9.1848 ein „Con­cert der Pia­nis­tin Witt­we Rom­mers­kir­chen, ge­bor­ne Rüt­ti­ger“ in der Dia­ko­nis­sen-An­stalt Kai­sers­werth an­ge­kün­digt. Li­set­te Rom­mers­kir­chen war im Gro­ß­raum Düs­sel­dorf seit min­des­tens 1841 als Kla­vier­leh­re­rin ak­tiv und be­kannt; den­noch muss­te dar­auf ver­wie­sen wer­den, dass sie ver­wit­wet war, denn an­dern­falls wä­re ein So­lo­kon­zert wohl nicht ak­zep­tiert wor­den. Auch Cla­ra Schu­mann (1819–1896) trat nach dem Tod ih­res Man­nes nur noch in Wit­wen­tracht vor die Öf­fent­lich­keit. Zu­vor reis­te sie zu­meist in Be­glei­tung ih­res Va­ters, spä­ter mit Ro­bert Schu­mann . Auch die Auf­trit­te der Aa­che­ner Pia­nis­tin Ro­sa­lie Gir­sch­ner (1822–?) fan­den un­ter den Au­gen des Va­ters statt. 1841 ern­te­te sie in Brüs­sel gro­ßen Bei­fall für ih­re Mit­wir­kung in ei­nem Kon­zert der Aa­che­ner Lie­der­ta­fel, de­ren Di­ri­gent ihr Va­ter war. Kon­zer­tie­ren­de Künst­le­rin­nen, die sol­che Ge­pflo­gen­hei­ten miss­ach­te­ten, konn­ten sich zwar hö­ren las­sen, be­ka­men je­doch sel­ten die Ge­le­gen­heit, in den re­nom­mier­tes­ten Sä­len zu spie­len. Auf­fäl­lig ist die­ses et­wa in Düs­sel­dorf, wo Räum­lich­kei­ten mit un­ter­schied­li­chem Pres­ti­ge zur Ver­fü­gung stan­den: Die Düs­sel­dor­fer Pia­nis­tin Han­na Krau­se (Le­bens­da­ten un­be­kannt) spiel­te am 28.1.1901 im Ho­tel Heck, die „ju­gend­li­che Vir­tuo­sin“ Na­ta­lie Hau­ser (cir­ca 1858–?) wie­der­um prä­sen­tier­te im Brei­den­ba­cher Hof am 4.11.1874 ein an­spruchs­vol­les Pro­gramm mit Wer­ken von Carl Ma­ria von We­ber (1786–1826), Adolf Hen­selt (1814–1889), Frédé­ric Cho­pin (1810–1849), Fe­lix Men­dels­sohn (1809–1847) und Franz Liszt (1811–1886), und selbst die als Schü­le­rin von Carl Tau­sig (1841–1871) und Franz Liszt in­ter­na­tio­nal be­kann­te Pia­nis­tin Ve­ra Ti­ma­n­off (1855–1942) war am 16.1.1880 nur im Stadt­thea­ter zu hö­ren. Dass Ro­be­na Ann Laid­law (1817–?), Wid­mungs­trä­ge­rin von Ro­bert Schu­manns „Phan­ta­siestü­cken“ op. 12, ih­re „Soi­ree Mu­si­ca­le“ am 25.5.1839 im Be­cker­schen Saal spie­len konn­te, ver­dank­te sie ver­mut­lich über­wie­gend der Aus­zeich­nung „Pia­nis­tin Ihr. Maj. der Kö­ni­gin von Han­no­ver“, die ein ent­spre­chen­des Fo­rum ge­ra­de­zu er­zwang. Al­le an­de­ren spiel­ten per­ma­nent ge­gen Vor­ur­tei­le an. Dies zeigt bei­spiel­haft die Re­zen­si­on ei­nes Kon­zerts, das die Pia­nis­tin The­re­se Pott (1880–nach 1934) am 4.3.1901 in Düs­sel­dorf (im Brei­den­ba­cher Hof) ge­mein­sam mit der Sän­ge­rin Jo­han­na Roth­schild gab. Nicht nur pflegt der Kri­ti­ker sei­ne Vor­ur­tei­le über das „zar­te Ge­schlech­t“ trotz ge­ra­de er­leb­tem Be­weis des Ge­gen­teils, er kann das Zu­sam­men­spiel der Mu­si­ke­rin­nen auch noch als Vor­wand für ei­ne An­züg­lich­keit nut­zen: „Bei so zar­ter und an­mu­ti­ger Er­schei­nung so viel männ­li­che Kraft ha­be ich noch nie ge­fun­den. [...] da­zu ei­ne Be­glei­te­rin nach mei­nem Her­zen – ich mei­ne ‚selbst­re­dend’ auf dem Kla­vier zum Ge­san­ge – [...].“[3] 

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Elly Ney (1882-1968) - Fotografie des Ateliers Kever mit handschriftlicher Widmung der Pianistin. (Beethoven-Haus Bonn, B 2602, https://www.beethoven.de/en/media/view/5976863730040832/Elly+Ney+%281882-1968%29+-+Fotografie+des+Ateliers+Kever+mit+handschriftlicher+Widmung+der+Pianistin?fromArchive=4886601146564608)

Letzt­lich ist es Cla­ra Schu­mann zu ver­dan­ken, dass sich für Pia­nis­tin­nen die Si­tua­ti­on ab et­wa 1900 in ver­gleich­bar kur­zer Zeit bes­ser­te: Als sie nach lan­gen Jah­ren pri­va­ten Un­ter­rich­tens tat­säch­lich 1878 am neu ge­grün­de­ten Hoch’schen Kon­ser­va­to­ri­um in Frank­furt a.M. ei­ne Kla­vier­klas­se über­neh­men durf­te, er­wie­sen sich bald vie­le ih­rer Zög­lin­ge wie et­wa Leo­nard Bor­wick (1868–1925), Fan­ny Da­vies (1861–1934), Ade­li­na de La­ra (1872–1961), Ilo­na Ei­ben­schütz (1873–1967), Ol­ga Ne­ru­da (1858–1945), Fran­klin Tay­lor (1843–1919) oder Mat­hil­de Ver­ne (1865–1936) als in­ter­na­tio­nal kon­kur­renz­fä­hig; da­ne­ben wirk­te ihr Schü­ler Laz­za­ro Uzi­el­li (1861–1943) bis et­wa 1924 am Köl­ner Kon­ser­va­to­ri­um und be­rief sich me­tho­disch aus­drück­lich auf sei­ne Leh­re­rin. Cla­ra Schu­mann war so die ers­te Pia­nis­tin, die ei­ne ei­ge­ne Schu­le bil­de­te, und nicht zu­letzt dank ih­res Un­ter­richts fiel ne­ben vie­len Vor­ur­tei­len bald auch ei­ne letz­te selbst­ver­ständ­li­che Be­schrän­kung für Pia­nis­tin­nen: Schu­manns Schü­le­rin­nen spiel­ten die Wer­ke Lud­wig van Beet­ho­vens, die bis da­hin auf­grund in­tel­lek­tu­el­ler und kör­per­li­cher An­for­de­run­gen in Deutsch­land als für Frau­en un­ge­eig­net gal­ten. In der kom­men­den Ge­ne­ra­ti­on gab es, oft vom Rhein­land aus­ge­hend, die ers­ten aus­ge­spro­che­nen Beet­ho­ven-Spe­zia­lis­tin­nen. Seit 1896 leb­te die Schwei­ze­rin El­len Saat­we­ber-Schlie­per (1874–1933) in Bar­men (heu­te Stadt Wup­per­tal) und ent­fal­te­te im Um­land ei­ne be­deu­ten­de Kon­zert­tä­tig­keit. Über­re­gio­nal war sie sel­te­ner zu hö­ren, um in der Nä­he ih­rer Kin­der blei­ben zu kön­nen, war aber als So­lis­tin und lang­jäh­ri­ge Kam­mer­mu­sik­part­ne­rin auf Au­gen­hö­he et­wa des Vio­li­nis­ten Hen­ri Mar­teau (1874–1934) ge­schätzt. Sie eta­blier­te sich als Spe­zia­lis­tin für an­spruchs­vol­les Re­per­toire und galt als her­vor­ra­gen­de Re­ger-In­ter­pre­tin. Im Herbst 1920 prä­sen­tier­te sie in Ber­lin an drei Aben­den sämt­li­che Beet­ho­ven­schen Kla­vier­tri­os mit dem Vio­li­nis­ten An­ton Scho­en­ma­ker (1885– nach 1946) und dem Köl­ner Cel­lis­ten Wil­ly Lam­ping (1880–1951), al­so als zwei Her­ren über­ge­ord­ne­te En­sem­ble­füh­re­rin. Die Bon­ne­rin El­ly Ney (1882–1968) such­te selbst in ih­rem Äu­ße­ren die Nä­he zu Beet­ho­ven und fei­er­te gro­ße in­ter­na­tio­na­le Er­fol­ge, wenn sie auch durch ih­re Sym­pa­thi­en für den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ih­rem Nach­ruhm mas­siv scha­de­te. Am Köl­ner Kon­ser­va­to­ri­um lehr­te Ney zeit­wei­lig gleich­zei­tig mit der et­wa 20 Jah­re äl­te­ren Hed­wig Mey­er (Le­bens­da­ten un­be­kannt), die schon in ih­rer Ex­amens­prü­fung in Dres­den 1883 durch die Dar­bie­tung des 4. Kla­vier­kon­zerts von Beet­ho­ven Auf­se­hen er­regt hat­te und auch spä­ter des­sen Wer­ke zu Säu­len ih­res Re­per­toires mach­te. Bei Franz Wüll­ner (1832–1902) hat­te sie zu­dem Kom­po­si­ti­ons­un­ter­richt ge­nom­men und kann da­her auch zu den we­ni­gen im Rhein­land ak­ti­ven Kom­po­nis­tin­nen ge­zählt wer­den. Sie wirk­te zwar bis 1924 am Köl­ner Kon­ser­va­to­ri­um, doch war dies erst nach dem Tod ih­res ehe­ma­li­gen Leh­rers und För­de­rers mög­lich: Un­ter Wüll­ners Lei­tung wa­ren weib­li­che Lehr­kräf­te noch nicht denk­bar, wenn auch Frau­en un­ter­rich­tet wur­den. Schon dies war kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit: Erst ab 1908 wa­ren Frau­en ge­ne­rell für ein Stu­di­um an al­len preu­ßi­schen Mu­sik­hoch­schu­len zu­ge­las­sen. Der Zu­gang zu ei­ner staat­li­chen Mu­sik­aus­bil­dung war tra­di­tio­nell schwie­rig, blieb dies auch wei­ter­hin und bot Frau­en so­wie­so nur ei­ne klei­ne An­zahl von Stu­di­en­fä­chern. Zu­dem wur­de selbst­ver­ständ­lich da­von aus­ge­gan­gen, dass na­he­zu al­le der Da­men bald hei­ra­ten und da­nach bes­ten­falls noch päd­ago­gisch tä­tig sein wür­den. Doch selbst un­ter die­sen Vor­aus­set­zun­gen wur­de die Zahl der Mu­si­ke­rin­nen im­mer grö­ßer, so dass im spä­te­ren 19. Jahr­hun­dert zu­neh­mend ver­sucht wur­de, durch Hin­weis auf (für Frau­en) man­geln­de Be­rufs­mög­lich­kei­ten von der ent­spre­chen­den Aus­bil­dung ab­zu­schre­cken: „Es wer­den [...] in den nächs­ten 12 bis 13 Jah­ren 20,000 (zwan­zig­tau­send) Fach­mu­si­ker al­ler Gat­tun­gen aus den ver­schie­de­nen An­stal­ten aus­ge­bil­det wer­den, un­ter die­sen et­wa 6- bis 7000 Sän­ge­rin­nen und Pia­nis­tin­nen (die Zahl der Gei­ge­rin­nen ist ei­ne ver­schwin­dend klei­ne).“[4] 

3. Solo und Ensembles: Violinistinnen

Dass es in Deutsch­land über­haupt Vio­li­nis­tin­nen (wenn auch zu­nächst in „ver­schwin­dend klei­ner“ Zahl) ge­ben soll­te, war zu Be­ginn der bür­ger­li­chen Ära kei­nes­wegs ab­zu­se­hen. Man(n) emp­fand die aus­la­den­den Bo­gen­be­we­gun­gen als un­weib­lich und da­zu in Ver­bin­dung mit der da­ma­li­gen Da­men­mo­de als pro­ble­ma­tisch. In­so­fern war An­na Hart­leb (1797–1887), ei­ne Schü­le­rin Louis Sp­ohrs, die seit et­wa 1828 nach ih­rer zwei­ten Hei­rat mit dem Mu­si­ker und Kla­vier­stim­mer Jo­sef Hoff­mann in Düs­sel­dorf leb­te, ei­ne ab­so­lu­te Aus­nah­me. Dies galt nicht nur be­züg­lich ih­rer In­stru­men­ten­wahl, denn ih­re Kar­rie­re dau­er­te selbst nach heu­ti­gen Maß­stä­ben au­ßer­ge­wöhn­lich lan­ge. Noch En­de 1884 kon­zer­tier­te sie in Düs­sel­dorf und fand die Be­wun­de­rung der Pres­se: „Die al­te Da­me re­giert den Bo­gen mit Meis­ter­hand und spielt ih­re Stac­ca­tos mit ju­gend­li­cher Ge­wand­heit.“[5] 

Jeg­li­che Be­den­ken wur­den je­doch durch das Auf­tre­ten zwei­er ita­lie­ni­scher Mäd­chen hin­weg­ge­fegt, die zu den Su­per­stars des 19. Jahr­hun­derts zähl­ten: Te­re­sa Mi­la­nol­lo (1827–1904) und ih­re Schwes­ter Ma­ria (1832–1848). Als sie am 10.9.1842 erst­mals in Schloss Brühl im Rhein­land zu hö­ren wa­ren, hat­ten sie be­reits in an­de­ren Län­dern Auf­se­hen er­regt. Als prä­pu­ber­tä­re „Wun­der­kin­der“ un­ter­la­gen sie noch nicht den­sel­ben Zwän­gen wie er­wach­se­ne Frau­en und lös­ten mit ih­rer un­be­fan­ge­nen Art und ho­her Mu­si­ka­li­tät Be­geis­te­rungs­stür­me aus. In Städ­ten mit ent­spre­chen­den Sä­len ka­men bis zu 4.000 Be­su­cher zu ih­ren Kon­zer­ten, und auch der ers­te Auf­tritt in Düs­sel­dorf am 10.10.1842 wur­de so be­ju­belt, dass noch drei Wie­der­ho­lungs­kon­zer­te fol­gen muss­ten. Die Er­fol­ge in Köln und Aa­chen wa­ren ver­gleich­bar, des­glei­chen wei­te­re Kon­zer­te im Jahr 1845. Auch so­fern sie ge­ra­de nicht im Rhein­land zu hö­ren wa­ren, blie­ben die Mi­la­nol­lo-Schwes­tern prä­sent: Die Pres­se be­rich­te­te aus­führ­lich über die Er­fol­ge in an­de­ren Städ­ten und Län­dern, Blu­men­züch­tun­gen wur­den nach ih­nen be­nannt, so­gar Ro­man­fi­gu­ren nach ih­rem Vor­bild ge­stal­tet. Der Würz­bur­ger Kom­po­nist Jo­hann Va­len­tin Hamm (1811–1874) kom­po­nier­te ei­nen Mi­la­nol­lo-Marsch (heu­te of­fi­zi­el­ler Ge­schwind­marsch der Bri­ti­schen „Cold­stream Guard­s“), der sich auch im Rhein­land gro­ßer Be­liebt­heit er­freu­te. Nach dem frü­hen Tod von Ma­ria trat Te­re­sa Mi­la­nol­lo zwar sel­te­ner, doch un­ver­min­dert er­folg­reich als So­lis­tin auf (so 1852 in Aa­chen und 1854 in Düs­sel­dorf). Ihr Nim­bus er­laub­te es ihr, Gren­zen des bür­ger­li­chen Kon­zert­le­bens zu durch­bre­chen und so auch den Weg für Nach­fol­ge­rin­nen zu eb­nen. 1887 gas­tier­ten noch­mals „Ge­schwis­ter Mi­la­nol­lo“ auf zwei Gei­gen im Rhein­land – al­ler­dings Clot[h]il­de (1864–1937) und Ade­lai­de (1870–1933), Nich­ten der „Ori­gi­na­le“, die bei­de spä­ter als Päd­ago­gin­nen in Deutsch­land leb­ten. Rhei­ni­sche Vio­li­nis­tin­nen wa­ren nach wie vor nicht die Re­gel, doch fin­den sich nun zu­min­dest ein­zel­ne Ver­tre­te­rin­nen des Fachs mit ei­ner ge­wis­sen Re­gel­mä­ßig­keit. Die meis­ten von ih­nen wa­ren Ab­sol­ven­tin­nen des Kon­ser­va­to­ri­ums in Köln.

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Maria Milanollo (links) und Teresa Milanollo (rechts) beim Spielen der Violine, ca. 1846. (gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France)

Seit min­des­tens 1885 war Cla­ra Schwartz (Le­bens­da­ten un­be­kannt) aus Köln ak­tiv; 1892 war sie in der Düs­sel­dor­fer Ton­hal­le in ei­nem Kon­zert des dor­ti­gen Mo­zart-Ver­eins zu hö­ren, wur­de al­ler­dings fälsch­lich und we­nig char­mant als „Cla­ra Schwar­te“ an­ge­kün­digt. Von 1902 bis 1913 lehr­te sie am Stern’schen Con­ser­va­to­ri­um in Ber­lin. Et­was jün­ger war die Köl­ne­rin Ma­rie Wei­mers­haus (1880–?), die be­reits als Her­an­wach­sen­de grö­ße­re Hal­len füll­te und im Ja­nu­ar 1893 im Düs­sel­dor­fer Flo­ra­g­ar­ten spiel­te – die dor­ti­ge Kon­zert­hal­le fass­te im­mer­hin 1.000 Per­so­nen! Als ers­te rhei­ni­sche Vio­lin-Vir­tuo­sin mit in­ter­na­tio­na­lem Ruf darf El­vi­ra Schmuck­ler (1885–1943) gel­ten, die mehr­fach den Wohn­sitz wech­sel­te, aber trotz in­ter­na­tio­na­ler Er­fol­ge vor al­lem in Eng­land im­mer dem Rhein­land ver­bun­den blieb. In Düs­sel­dorf ge­bo­ren und in Köln auf­ge­wach­sen, fin­den sich ers­te Zei­tungs­be­rich­te über ih­re Auf­trit­te be­reits 1897. In den kom­men­den Jahr­zehn­ten fin­det sich ihr Na­me re­gel­mä­ßig auf den Pro­gram­men der Abon­ne­ment­rei­hen und Fest­kon­zer­te im Rhein­land. 1907 war sie die ers­te deut­sche Vio­li­nis­tin, die Schall­plat­ten­auf­nah­men mach­te, wo­bei ihr Wohn­ort auf den Eti­ket­ten mit Dort­mund an­ge­ge­ben wur­de; die­se Plat­ten der Fir­ma „Ly­ro­phon“ wur­den bis nach In­di­en ver­trie­ben und do­ku­men­tie­ren, wie hoch ih­re Fä­hig­kei­ten da­mals ge­schätzt wur­den. Das En­de der jü­di­schen Künst­le­rin ge­stal­te­te sich tra­gisch: Bis 1933 konn­te sie noch von ih­rem da­ma­li­gen Wohn­ort Bonn aus ih­re Kar­rie­re fort­setz­ten. Spä­ter ent­schloss sie sich zur Emi­gra­ti­on und leb­te in Ams­ter­dam, wo sie als Mu­sik­päd­ago­gin tä­tig war. Nach Aus­bruch des Zwei­ten Welt­kriegs ge­lang es ihr nicht mehr, das Land zu ver­las­sen; sie wur­de schlie­ß­lich in­ter­niert und im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger So­bi­bór um­ge­bracht. We­nig spä­ter wur­de im glei­chen La­ger Bet­ty Schwa­be (1875–1943) er­mor­det. Die ge­bür­ti­ge Aa­che­ne­rin hat­te zu­nächst in Köln, dann bei Jo­seph Joa­chim (1831–1907) in Ber­lin stu­diert. 1891 ge­wann sie ein Men­dels­sohn-Sti­pen­di­um und leg­te da­mit den Grund­stein ih­rer Vio­li­nis­tin­nen-Kar­rie­re. 1924 be­such­te sie als So­lis­tin des Aa­che­ner Bach-Fes­tes noch ein­mal ih­re Ge­burts­stadt.


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Clara Schwartz im Jahr 1889, Fotografie von Adolph Bruns. (Gemeinfrei/eigene Sammlung des Autors)

War El­vi­ra Schmuck­ler ei­ne pho­no­gra­phi­sche Pio­nie­rin, so stell­te für die nach­fol­gen­de Ge­ne­ra­ti­on der Vio­li­nis­tin­nen die Schall­plat­te be­reits ein we­sent­li­ches Me­di­um dar, das der ei­ge­nen Po­pu­la­ri­tät Aus­druck ver­lieh oder sie so­gar be­för­der­te. So wur­de Gre­te Ewe­ler (1899–?) mit ih­rem Streich­quar­tett rasch be­kannt und gas­tier­te von Düs­sel­dorf aus in ganz Deutsch­land. Be­rühmt wur­de sie je­doch durch „Ho­mo­cor­d“-Schall­plat­ten. Seit 1927 er­schie­nen Dut­zen­de von Auf­nah­men, bei de­nen sie als So­lis­tin, Lei­te­rin ei­nes Sa­lon­or­ches­ters oder Be­glei­te­rin von Ge­sangs­stars in Er­schei­nung trat. Nach ih­rer Hei­rat mit dem Pa­tho­lo­gen Curt Fro­boe­se (1891–1994) im Jahr 1936 ver­leg­te sie ih­ren Wohn­sitz nach Ber­lin, wo sie bis min­des­tens 1959 ih­re Kar­rie­re fort­setz­te und 1952 noch­mals Auf­nah­men mit dem jun­gen Diet­rich Fi­scher-Dies­kau (1925–2012) mach­te.

Schon recht bald nach Ab­schluss ih­res Stu­di­ums war auch die ge­bür­ti­ge Kre­felder­in Rie­le Que­ling (1897–1980) auf Ton­trä­gern so­lis­tisch und mit ih­rem Streich­quar­tett prä­sent. Nach dem Ge­winn des Men­dels­sohn-Wett­be­werbs 1917 in Ber­lin star­te­te sie ei­ne be­deu­ten­de in­ter­na­tio­na­le So­lis­ten­kar­rie­re, doch galt ih­re ei­gent­li­che Lie­be dem Quar­tett­spiel. Ihr Rie­le-Que­ling-Quar­tett be­stand aus­schlie­ß­lich aus Frau­en – ob­wohl zu­vor be­reits die Ös­ter­rei­che­rin Ma­rie Sol­dat-Rö­ger (1863–1955) mit ih­rem be­rühm­ten Da­men-Quar­tett beim Beet­ho­ven-Fest in Bonn 1900 auf­ge­tre­ten war, konn­te dies im­mer noch als No­vi­tät im Rhein­land gel­ten. Da­bei ging die Be­set­zung nicht oh­ne Schwie­rig­kei­ten ab: Wäh­rend Que­ling, die zwei­te Vio­li­nis­tin Lot­te Hell­wig Jos­ten (1903–1984) und die aus Arn­heim stam­men­de Brat­schis­tin Ger­da van Es­sen al­le bei Bram El­de­ring (1865–1943) am Köl­ner Kon­ser­va­to­ri­um stu­diert hat­ten, leb­te die Cel­lis­tin und zeit­wei­li­ge Ma­na­ge­rin des En­sem­bles Il­se Ber­natz (1902–?) in Frank­furt am Main: Es gab in Deutsch­land kaum Cel­lis­tin­nen zu die­ser Zeit. Das Que­ling-Quar­tett bil­de­te spä­ter auch die Stüt­ze des Köl­ner Kam­mer-Sin­fo­nie-Or­ches­ters. Hier fun­gier­te Rie­le Que­ling zeit­wei­lig als Kon­zert­meis­te­rin – ei­ne in Deutsch­land ein­zig­ar­ti­ge Spit­zen­po­si­ti­on in ei­ner Zeit, wo Frau­en ge­mein­hin nicht ein­mal in Or­ches­ter auf­ge­nom­men wur­den. In Deutsch­land ge­riet Rie­le Que­ling in Ver­ges­sen­heit, nach­dem sie 1934 ein Jahr nach ih­rer Hoch­zeit mit dem hol­län­di­schen Bak­te­rio­lo­gen Ro­bert Schol­tes (1905–1987) ih­ren Wohn­sitz in die Nie­der­lan­de ver­legt und auch die deut­sche Staats­bür­ger­schaft ab­ge­ge­ben hat­te. Dies mach­te ih­re Auf­trit­te in Deutsch­land au­ßer­halb ge­schlos­se­ner Ge­sell­schaf­ten un­mög­lich. In Hol­land je­doch war sie wei­ter ak­tiv, lei­te­te seit 1937 die Vio­lin­aus­bil­dung am Kon­ser­va­to­ri­um in Ut­recht und grün­de­te nach Kriegs­en­de ein neu­es Quar­tett, das sie im An­ge­den­ken an ih­re Aus­bil­dungs­stät­te und ih­ren Leh­rer El­de­ring, der in Köln bei ei­nem Bom­ben­an­griff ums Le­ben ge­kom­men war, „Dom­stad-Quar­tett“ nann­te. Drei Ta­ge vor ih­rem Tod lei­te­te sie letzt­ma­lig ein Quar­tett mit Beet­ho­vens opus 131.

Wie hart auch der Er­folg die­ses Quar­tetts er­kämpft war, lässt sich im Ver­gleich mit ei­ner an­de­ren Vio­li­nis­tin er­mes­sen: Mi­my Schul­ze-Pris­ca (1876–?, ge­bo­re­ne Bus­si­us) spiel­te über Jah­re hin­weg als zwei­te Vio­li­nis­tin an der Sei­te ih­res Man­nes Wal­ter (1879–?) im welt­be­kann­ten Schul­ze-Pris­ca-Quar­tett, das von Köln aus Eu­ro­pa be­reis­te. Ob­wohl das Ehe­paar noch 1943 im Deut­schen Mu­si­ker-Ka­len­der ge­mein­sam in der Be­set­zung die­ses Quar­tetts auf­ge­führt ist, spielt auf Auf­nah­men des En­sem­bles aus den Jah­ren 1935 bis 1939 ent­we­der Will Smit oder Heinz Schkom­mo­dau (des­sen Nach­na­me auf den Eti­ket­ten dar­über hin­aus als „Schkom­mo­dan“ auch noch falsch ge­schrie­ben ist). War ei­ne Frau, die gleich­be­rech­tigt an der Sei­te ih­res Man­nes stand, kul­tur­po­li­tisch nicht er­wünscht? Wal­ter Schul­ze-Pris­ca je­den­falls schien die Ar­beit mit Mu­si­ke­rin­nen als be­rei­chernd zu emp­fin­den: 1943 war auch die Brat­schis­tin Hed­wig Em­mel (Le­bens­da­ten un­be­kannt) Mit­glied des Quar­tetts. Ei­ne wei­te­re Köl­ner For­ma­ti­on ver­dient zu­min­dest Er­wäh­nung: Das „West­deut­sche Trio Köln“ mit der Pia­nis­tin Sa­scha Berg­dolt (1888–?), Stef­fi Ko­scha­te (Vio­li­ne; 1895–?) und Kä­the Pabst-Hess blieb trotz meh­re­rer Per­so­nal­wech­sel im­mer ein Frau­en-En­sem­ble. 1929 kam El­se Mü­schen­born (1892–1962) für Berg­dolt, et­wa zehn Jah­re spä­ter kam die be­reits er­wähn­te Il­se Ber­natz für Pabst-Hess. Das En­sem­ble spiel­te bis min­des­tens 1943 zu­sam­men.

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Elvira Schmuckler im Jahr 1904. (Gemeinfrei/eigene Sammlung des Autors, aus: Neue Musik-Zeitung Jg. 25 (1904), S. 503)

4. Exotinnen am Instrument

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Frau­en, die sich auf an­de­re In­stru­men­te spe­zia­li­sie­ren woll­ten, konn­ten kaum auf Ak­zep­tanz des Kon­zert­pu­bli­kums hof­fen. Selbst bei den Streich­in­stru­men­ten war die Vio­li­ne das ein­zi­ge ak­zep­ta­ble. Cel­lis­tin­nen hin­ge­gen wur­den als skan­da­lös emp­fun­den: Ei­ne Da­me der Ge­sell­schaft, die öf­fent­lich die Bei­ne spreiz­te, wenn auch nur zum Hal­ten des In­stru­ments, war ei­ne ver­stö­ren­de Vor­stel­lung. Ei­ne der we­ni­gen Cel­lis­tin­nen, die den­noch ge­gen Kon­ven­tio­nen an­spiel­te, Li­se C[h]ris­tia­ni-Bar­bier (1827–1853), wur­de vom deut­schen Pu­bli­kum kühl auf­ge­nom­men und starb jung, von den stän­di­gen Rei­se­stra­pa­zen ge­schwächt, wäh­rend ei­ner Tour­nee durch Si­bi­ri­en an Cho­le­ra. Ein Aus­nah­me-Ta­lent muss Ka­to van der Hoeven (1877–1959) ge­we­sen sein. Nach­dem sich ih­re Kar­rie­re in Köln nicht wie er­hofft ent­wi­ckel­te, kehr­te sie nach Ams­ter­dam zu­rück, wo sie bald so­gar Mit­glied des Con­cert­ge­bouw-Or­kest wur­de. Eben­so bahn­bre­chend wie skan­da­lös prä­sen­tier­te sich schlie­ß­lich die un­ga­ri­sche Cel­lis­tin Ju­dith Bo­kor (1899–1972), Meis­ter­schü­le­rin von Da­vid Pop­per (1843–1913), die seit 1919 in den Nie­der­lan­den leb­te und von dort aus Tour­ne­en durch Eu­ro­pa und die USA un­ter­nahm. Sie re­prä­sen­tier­te ei­nen neu­en Frau­en­typ, in­dem sie sich auf ih­ren Pres­se­fo­tos in selbst­be­wuss­ter Kör­per­lich­keit in Ver­bin­dung mit ih­rem In­stru­ment in­sze­nier­te und da­mit of­fen­siv ge­gen die nach wie vor vi­ru­len­ten bür­ger­li­chen Vor­be­hal­te vor­ging. Ei­ne chro­ni­sche Krank­heit zwang sie früh zur Auf­ga­be ih­rer Kar­rie­re. Im Rhein­land war sie letzt­ma­lig in den Gür­ze­nich-Kon­zer­ten 1930 un­ter Her­mann Abend­roth (1883–1956) zu hö­ren, ihr letz­ter be­kann­ter Auf­tritt war ein Rund­funk­kon­zert mit dem Te­nor Ri­chard Tau­ber (1891–1948) un­ter Lei­tung des Kom­po­nis­ten Franz Lehár (1870–1948) im De­zem­ber 1933. Gleich­wohl öff­ne­te ih­re kur­ze, auf­se­hen­er­re­gen­de Kar­rie­re man­che Tür für an­de­re, auch und ge­ra­de we­ni­ger pro­vo­kant auf­tre­ten­de Mu­si­ke­rin­nen.

Blas­in­stru­men­te gal­ten all­ge­mein als für Frau­en un­ge­eig­net, egal, ob es sich um Blech­blas­in­stru­men­te han­del­te (die schon rein klang­lich „zar­ten“ Frau­en nicht ent­spra­chen) oder die sanf­te­ren Holz­blas­in­stru­men­te. Auch dies hat­te kei­ne mu­si­ka­li­schen Grün­de. Der be­kann­te Mu­sik­theo­re­ti­ker (und Di­ri­gent ei­nes Frau­en­chors!) Hans Ge­org Nä­ge­li (1773–1836) hat­te sich schon 1826 „aus äs­the­ti­schen Grün­den“ ge­gen Blas­in­stru­men­te für Frau­en aus­ge­spro­chen, weil „das Bla­sen ei­nes In­stru­ments aber schö­ne Lip­pen ver­un­stal­te[t]“.[6] Es gab in ganz Eu­ro­pa kaum Blä­se­rin­nen, die im 19. Jahr­hun­dert nach­hal­ti­ge Er­fol­ge er­zie­len konn­ten und un­ter die­sen nicht ei­ne Rhein­län­de­rin. Ei­ne be­deu­ten­de Aus­nah­me auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne war Ca­ro­li­ne [Schlei­cher-]Kräh­mer (1794/1798–1873), die nicht nur als Vio­li­nis­tin, son­dern auch und pri­mär als Kla­ri­net­tis­tin tä­tig war. Die kon­ser­va­ti­ve Pres­se Preu­ßens tat sich schwer mit der bla­sen­den Da­me, wäh­rend sie in ih­rer Hei­mat­stadt Wien fast durch­gän­gig höchs­te An­er­ken­nung fand. Le­dig­lich in der Wie­ner All­ge­mei­nen Mu­sik­zei­tung vom 16.4.1842 fin­den sich kri­ti­sche Tö­ne. Län­ge­re Aus­zü­ge dar­aus sol­len hier an­ge­führt wer­den, da die Ar­gu­men­ta­ti­ons­ket­te des Au­tors eben­so zeit­ty­pisch wie per­fi­de ist: Zu­nächst wer­den gän­gi­ge Vor­ur­tei­le dem Le­ser ins Ge­dächt­nis ge­ru­fen, da­nach schein­bar da­ge­gen ar­gu­men­tiert (wo­bei je­doch den Frau­en im glei­chen Atem­zug die Qua­li­fi­ka­ti­on für wei­te­re In­stru­men­te ab­ge­spro­chen wird), um schlie­ß­lich die kon­kre­te Künst­le­rin doch auf­grund von Ge­schlechterkli­schees ab­zu­wer­ten:

„Ei­ne Vir­tuo­sinn auf der Cla­ri­net­te ge­hört zu den sel­te­ne­ren Er­schei­nun­gen, und man hört so­gar oft die­ses In­stru­ment und eben­so auch die üb­ri­gen Blas- und Streich­in­stru­men­te als un­weib­lich zeich­nen. Wer die Auf­ga­be des Mu­sik­trei­ben­den als ein Mit­tel, sich selbst per­sön­lich zu pro­du­cie­ren, er­fa­ßt, dem mag es mit ei­ni­gem Recht so er­schei­nen, in­dem die Stel­lung des Kör­pers und die Ver­zie­hung der Ge­sichts­mus­keln, wie sie die Be­hand­lung sol­cher In­stru­men­te er­heischt, al­ler­dings nicht ge­eig­net ist, die weib­li­che Schön­heit zu er­hö­hen. Wem aber der vor­tra­gen­de Künst­ler da­zu be­ru­fen scheint, das in sich emp­fun­de­ne auch an­de­ren Kunst­ver­wand­ten in Tö­nen zu­gäng­lich zu ma­chen [...], der wird es be­dau­ern, daß ge­ra­de die In­stru­men­te, de­ren Na­tur dem Zar­ten und Ge­müth­li­chen, dem Sen­ti­men­ta­len und Ele­gi­schen sich be­son­ders zu­neigt, [...] den Mäd­chen und Frau­en ent­zo­gen wer­den, die denn doch si­cher­lich zum grö­ß­ten Theil et­was weit Hö­he­res er­rei­chen wür­den, wenn sie auf Vio­li­ne und Cla­ri­net­te u.s.w. sich ei­nes in­ni­gen und lieb­li­chen Vor­trags be­flei­ßig­ten, als jetzt, da sie sammt und son­ders ih­re zar­ten Fin­ger zur bei­ten [!], und es doch mit äu­ßerst sel­te­nen Aus­nah­men nicht über ei­ne mit­tel­mä­ßi­ge, kraft­lo­se Co­pie hin­aus­brin­gen. [...] Mad. Kräh­merleis­tet auf der Cla­ri­net­te wirk­lich et­was recht Löb­li­ches und An­spre­chen­des. Ih­re Fer­tig­keit ist nicht un­be­deu­tend, oh­ne je­doch auf den Na­men Vir­tuo­si­tät An­spruch ma­chen zu kön­nen. [...] Ih­re Be­hand­lung des In­stru­ments ist zuweib­lich. Sie hat sich näm­lich fast aus­schlie­ß­lich auf das Zar­te und Wei­che ver­legt und sich da­durch ei­nen schö­nen und sehr aus­ge­bil­de­ten, sich­re [!] an­spre­chen­den Ton im Pia­no und Mez­zo an­ge­eig­net, [...] aber ihr fehlt die Auf­fas­sung für die männ­li­che Sei­te des Ton­aus­drucks.“[7]

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Fotografie von Betty Schwabe, Fotograf: Albert Meyer. (Gemeinfrei/Rechteinhaber Digitalisat: Stadtarchiv Zürich)

Be­zeich­nen­der Wei­se ist der Au­tor die­ser Zei­len Al­fred Ju­li­us Be­cher (1803–1848), der zu­vor ei­ner der füh­ren­den Mu­sik­schrift­stel­ler und Kri­ti­ker des Rhein­lands war. Erst kurz vor der zi­tier­ten Ver­öf­fent­li­chung war er nach Wien ge­kom­men und mit ört­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten noch we­nig ver­traut. Sei­ne Aus­füh­run­gen sind da­her wohl eher als Aus­druck der rhei­ni­schen Sicht­wei­se zu ver­ste­hen. Dass auch die Zahl der im Wes­ten Deutsch­lands gas­tie­ren­den Blä­se­rin­nen ver­schwin­dend ge­ring ist, kann vor die­sem Hin­ter­grund kaum ver­wun­dern. Im­mer­hin wur­de in der Düs­sel­dor­fer Pres­se En­de April 1830 an­ge­kün­digt: Fri­de­ri­ke Rous­seau, „ers­te Flö­tis­tin des War­schau­er Thea­ters, wünscht in die­ser Wo­che ihr [...] aus­ge­zeich­ne­tes Ta­lent auf der Flö­te in ei­ner Abend­un­ter­hal­tung dar­zu­stel­len“. Pres­se­re­so­nanz zog die­ser Auf­tritt al­ler­dings nicht nach sich. Die we­ni­gen Vir­tuo­sin­nen auf Blas­in­stru­men­ten, die sich in den kom­men­den Jahr­zehn­ten ins Rhein­land wag­ten, muss­ten sich auf Kurz­auf­trit­te in Va­rie­tés oder an­de­ren Ver­gnü­gungs­eta­blis­se­ments be­schrän­ken. Ei­ne se­riö­se Wür­di­gung ih­rer Leis­tun­gen fand nicht statt, und auch bio­gra­phisch ist in der Re­gel über sie nicht mehr be­kannt als der Na­me. Dies gilt et­wa für die „Pis­ton-Vir­tuo­sin­nen“ Mar­ga­re­the Co­bin und An­na Eberi­us, die in den 1890er Jah­ren ak­tiv wa­ren, so­wie die bis min­des­tens 1925 auf Büh­ne, Schall­plat­te und im Ra­dio tä­ti­ge Oka­ri­na-Vir­tuo­sin He­di Hil­ma. Her­aus­ra­gend wa­ren die Leis­tun­gen der Flö­tis­tin Eri­ka Stoltz (1878–nach 1952): Be­reits als Zwölf­jäh­ri­ge war sie erst­mals öf­fent­lich auf­ge­tre­ten und hat­te spä­ter in Mün­chen mit ih­ren Schwes­tern Emi­lie, ge­nannt „Mi­la“ (Har­fe; Le­bens­da­ten un­be­kannt) und Eu­ge­nie (Cel­lo; 1884–?) ein Trio ge­bil­det, mit dem sie ab 1895 über­re­gio­nal ak­tiv war. Nach Stu­di­en bei den be­rühm­ten Flö­tis­ten Ru­dolf Till­metz (1847–1915) in Mün­chen und Emil Prill (1867–1940) in Ber­lin war sie zu­nächst un­ter dem ita­lie­nisch an­mu­ten­den Künst­ler­na­men „Pa­ni­ta“ in Eu­ro­pa und spä­ter auch in den USA tä­tig. Nach ih­rer Hei­rat mit dem Flug­park-Be­trei­ber Hans von Klös­ter­lein (1872–1958) im Herbst 1907 so­wie 1914 – nach ei­ner zwi­schen­zeit­li­chen Schei­dung hei­ra­te­te das Paar ein zwei­tes Mal – war sie auch un­ter dem an­ge­hei­ra­te­ten Na­men Eri­ka von Klös­ter­lein ak­tiv. Auch sie spiel­te wäh­rend ei­nes Gro­ß­teils ih­rer Kar­rie­re in Va­rie­tés und in den USA teil­wei­se so­gar in Zir­kus­pro­gram­men, war aber den­noch nicht be­reit, ih­re künst­le­ri­schen An­sprü­che an­zu­pas­sen. In je­dem Rah­men prä­sen­tier­te sie die klas­si­sche Vir­tuo­sen-Li­te­ra­tur ih­res In­stru­ments und fand da­mit nicht nur im Mai 1906 im Düs­sel­dor­fer Apol­lo-Thea­ter gro­ßen An­klang. Im fol­gen­den Mo­nat wur­de „Pa­ni­ta“ Stoltz auf Schall­plat­ten auf­ge­nom­men – als Flö­tist war ihr da­mit in Deutsch­land nur ihr Leh­rer Emil Prill zu­vor­ge­kom­men; dies be­legt ih­re au­ßer­ge­wöhn­li­che Po­pu­la­ri­tät. Im April 1908 schlie­ß­lich trat sie in ei­nem Kon­zert der Mu­si­ka­li­schen Ge­sell­schaft Köln schlie­ß­lich ein­mal in ei­nem ih­rem Kön­nen an­ge­mes­se­nen Rah­men auf und wur­de – wenn auch in knap­per Form – auch in der Fach­pres­se ge­wür­digt: „Ei­ne nicht all­täg­li­che Dar­bie­tung fand viel An­klang, in­dem die Flö­ten­spie­le­rin Eri­ka v. Klös­ter­lein ein Flö­ten­kon­zert von Tou­lon [rec­te Tou­lou], ei­ne Etü­de von Till­metz und Mo­zarts An­dan­te mit weit vor­ge­schrit­te­ner Tech­nik und gu­ter Sti­l­an­pas­sung zum Vor­trag brach­te.“[8] Ei­ne Si­gnal­wir­kung ging je­doch auch von die­sem Auf­tritt nicht aus und Blas­in­stru­men­te blie­ben für wei­te­re Jahr­zehn­te ei­ne Män­ner­do­mä­ne.

In ih­rer Au­ßen­wir­kung oh­ne­hin be­schränkt und viel­leicht ge­ra­de des­halb für Frau­en ak­zep­ta­bel war die Fa­mi­lie der Zupf­in­stru­men­te. Lau­te und Gi­tar­re wa­ren seit Jahr­hun­der­ten bei Hof­da­men ver­brei­tet, wie auch bild­li­che Dar­stel­lun­gen be­le­gen, hat­ten je­doch au­ßer­halb des pri­va­ten Mu­si­zie­rens prak­tisch kei­ne Be­deu­tung mehr. Erst dem spa­ni­schen Vir­tuo­sen An­drés Se­go­via (1893–1987) soll­te es ab 1915 ge­lin­gen, die Gi­tar­re als ernst­zu­neh­men­des Kon­zert­in­stru­ment all­ge­mein neu zu eta­blie­ren. So konn­ten auch schon vor­her tä­ti­ge Gi­tar­ris­tin­nen nur un­ter un­zu­läng­li­chen Be­din­gun­gen wir­ken, wie schlie­ß­lich an­läss­lich ei­nes Gast­spiels der be­deu­ten­den ita­lie­ni­schen Vir­tuo­sin Ma­ria Ri­ta Bron­di (1889–1941) im Düs­sel­dor­fer Apol­lo-Thea­ter so­gar der Pres­se auf­fiel: „Scha­de auch, dass der Raum des Apol­lo-Thea­ters für die her­vor­ra­gen­den mu­si­ka­li­schen Leis­tun­gen der Gui­tar­re-Vir­tuo­sin Bron­di nicht in­tim ge­nug ist.“[9] Klang­lich we­sent­lich stär­ker war die Har­fe. Ih­re Wer­tung als ty­pi­sches Frau­en­in­stru­ment hängt mit un­ter­schied­li­chen Fak­to­ren zu­sam­men: Dass ge­gen En­de des 19. Jahr­hun­derts die Zahl männ­li­cher Har­fen­spie­ler deut­lich zu­rück­ging, mag mit dem zu­neh­mend mi­li­ta­ris­ti­schen Män­ner­bild des neu­en Deut­schen Rei­ches nach 1871 in Ver­bin­dung ste­hen. An­de­rer­seits ver­weist das In­stru­ment auf die An­ti­ke und macht die Spie­le­rin auch durch den mu­si­ka­li­schen Aus­druck des Fei­er­li­chen, Äthe­ri­schen oder re­li­gi­ös Er­ha­be­nen qua­si zur Pries­te­rin, die so­mit der kör­per­li­chen Sinn­lich­keit ent­rückt ist. Hin­zu kam al­ler­dings ein an­de­rer As­pekt: Die (vor der Ent­wick­lung der Dop­pel­pe­dal-Har­fe) to­nal be­schränk­ten Mög­lich­kei­ten des In­stru­ments hat­ten bei al­lem Er­ha­be­nen in Kir­chen- und Kon­zert­mu­sik doch ei­ne Re­duk­ti­on des Kunst­werts und Pres­ti­ges des In­stru­ments zur Fol­ge. Dies stand so­mit in bes­tem Ein­klang mit der ge­sell­schaft­li­chen Stel­lung der Frau­en. Se­man­tisch war zu­dem die Har­fe so fest auf den Be­reich des Kul­tisch-Fei­er­li­chen oder Jen­sei­ti­gen in Oper und Ora­to­ri­um fest­ge­legt, dass das In­stru­ment nur zö­ger­lich in die deut­schen Sym­pho­nie­or­ches­ter in­te­griert wur­de. Noch Mit­te des 19. Jahr­hun­derts war es durch­aus üb­lich, die et­wa von Ber­li­oz in sym­pho­ni­schen Wer­ken ge­for­der­te Har­fe in Kon­zer­ten durch ein Kla­vier zu er­set­zen. Nach­dem aber spä­tes­tens durch die Wer­ke Ri­chard Wag­ners (1813–1883) die Har­fe im Or­ches­ter ei­nen fes­ten Platz hat­te, fand nach we­ni­gen Jah­ren ein be­mer­kens­wer­ter Wan­del statt: Zu­nächst war das „kör­per­lo­se“ In­stru­ment für Frau­en be­son­ders ge­eig­net, doch so­bald die In­stru­men­ta­lis­tin­nen den Män­nern zah­len­mä­ßig über­le­gen wa­ren, schlug die Wahr­neh­mung wie­der um und ent­wer­te­te so das In­stru­ment! Hin­zu tritt die Tat­sa­che, dass durch recht gro­ßen Ton­um­fang und Trans­por­ta­bi­li­tät die Har­fe ei­ne we­sent­li­che Rol­le in der Stra­ßen- und Un­ter­hal­tungs­mu­sik des 19. Jahr­hun­derts spiel­te. Für wan­dern­de Mu­si­ke­rin­nen, die auf­grund ih­rer ge­sell­schaft­li­chen Stel­lung au­to­ma­tisch (und si­cher­lich bis auf Aus­nah­men zu Un­recht) der Pro­sti­tu­ti­on ver­däch­tigt wur­den, bür­ger­te sich die ab­fäl­li­ge Be­zeich­nung „Har­fen­ju­le“ ein (auch die Wur­zel des Be­grif­fes „ein­bür­gern“ ist an die­ser Stel­le be­den­kens­wert). We­ni­ge Har­fe­nis­tin­nen sind auf­grund die­ser Um­stän­de tat­säch­lich zu ei­ner So­lis­tin­nen­kar­rie­re ge­kom­men, doch bot die Har­fe zu­min­dest die Chan­ce, im Rah­men ei­nes Sym­pho­nie- oder Thea­ter­or­ches­ters auch als Frau ei­ne fes­te Stel­le zu er­hal­ten – so et­wa Ol­ga Ried­ner-Haus­mann in Bar­men, Adel­heid Mer­tens und Ma­ria Ka­bisch in Düs­sel­dorf, El­se Reyck in Es­sen, Cla­ra Wes­sel, Lui­se Haus­kel­ler und Ma­ria Harf in Köln und schlie­ß­lich Cla­ra Rhein und Fan­ny Fi­scher in Kre­feld. Den meis­ten Frau­en, die jen­seits der „Ein­zel­haft am Kla­vier“ mu­si­zie­ren woll­ten, blieb je­doch nur der mit so­zia­lem Ab­stieg gleich­zu­set­zen­de Weg in die Un­ter­hal­tungs­bran­che.

5. Trompeter-Corps und Donauschwalben: Damen-Kapellen

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Damen-Trompeter-Corps Lyra, Postkartendruck um ca. 1900. (Gemeinfrei/eigene Sammlung des Autors)

Über die Ge­schich­te der aus­schlie­ß­lich oder über­wie­gend mit Frau­en be­setz­ten En­sem­bles, die seit der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts für et­wa 75 Jah­re die Un­ter­hal­tungs­eta­blis­se­ments Deutsch­lands ge­ra­de­zu über­flu­te­ten, ist an an­de­rer Stel­le Grund­sätz­li­ches pu­bli­ziert wor­den. We­sent­li­che Fak­to­ren sol­len da­her hier nur kurz skiz­ziert wer­den. Die auf­kei­men­de In­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on führ­te um 1800 in vie­len klei­ne­ren Or­ten zu wirt­schaft­li­chen Kri­sen­si­tua­tio­nen, die zu­sam­men mit der ge­sell­schaft­li­chen Um­struk­tu­rie­rung des sich eman­zi­pie­ren­den Bür­ger­tums ei­ne neue Er­werbs­struk­tur not­wen­dig mach­ten, so­fern nicht ent­spre­chen­de Ge­mein­den auf­ge­löst wer­den soll­ten. In­fol­ge­des­sen form­ten sich ei­ni­ge Or­te, de­ren Un­ter- und un­te­re Mit­tel­schich­ten be­son­ders be­trof­fen wa­ren, zu re­gel­rech­ten Mu­si­kan­ten­städ­ten um, in de­nen Mu­sik als Hand­werks- und Aus­bil­dungs­be­ruf ge­wer­tet wur­de. Durch Ar­beit in der Frem­de als Stra­ßen- und Wirts­haus­mu­si­ker wur­de so Geld in die Hei­mat ge­tra­gen. Da Mu­sik­aus­bil­dung hier nicht aka­de­misch ge­hand­habt wur­de und dar­über hin­aus Frau­en bis­lang in Land­wirt­schaft und Haus­ma­nu­fak­tur oh­ne­hin zum Brot­er­werb mit­ver­pflich­tet wa­ren, war es selbst­ver­ständ­lich, dass auch Mu­si­ke­rin­nen auf al­len In­stru­men­ten aus­ge­bil­det wur­den, die für ent­spre­chen­de En­sem­bles be­nö­tigt wur­den – das gut­bür­ger­li­che Kla­vier war hier eben ge­ra­de nicht (oder kaum) ver­tre­ten. Zu­dem stell­te sich her­aus, dass rei­ne Frau­en-En­sem­bles die Schau­lust in wirt­schaft­lich bes­ser ge­stell­ten Städ­ten be­son­ders reiz­ten und gu­te Ver­diens­te brin­gen konn­ten. So eta­blier­te sich re­la­tiv schnell ei­ne brei­te Schicht von rei­sen­den Mu­si­ke­rin­nen, die si­cher nicht im­mer auf mu­si­ka­lisch höchs­tem Ni­veau ar­bei­te­ten, aber flä­chen­de­ckend de­mons­trier­ten, dass es kei­ne phy­sisch-bio­lo­gi­schen Ein­schrän­kun­gen wa­ren, die Trom­pe­te­rin­nen oder Schlag­zeu­ge­rin­nen aus dem bür­ger­li­chen Kon­zert­saal aus­schlos­sen. Zwar lag kei­ne der gro­ßen Mu­si­kan­ten­städ­te im Rhein­land (die Zen­tren wa­ren vor al­lem Preßnitz in Böh­men, Ku­sel in der Pfalz und Salz­git­ter in Nie­der­sach­sen), doch wa­ren die Or­ches­ter in den rhei­ni­schen Zen­tren re­gel­mä­ßig prä­sent. Die Her­kunft der En­sem­bles wur­de oft hin­ter exo­tisch an­mu­ten­den, aus­län­di­schen Na­men ver­bor­gen, vor al­lem, wenn wie bei den Preßnit­zer En­sem­bles ein deut­li­cher Ak­zent nicht zu ver­ber­gen war. Die­se et­wa wur­den oft als „Wie­ner“ oder „Ös­ter­rei­chi­sche“ For­ma­tio­nen an­ge­kün­digt, um ei­nen Ab­glanz der Me­tro­po­le Wien für die Ei­gen­wer­bung nut­zen zu kön­nen. Ver­gleich­bar städ­ti­schen Le­gen­den von Ju­gend­li­chen, die aus den ein­engen­den Ver­hält­nis­sen zum Zir­kus oder zur See­fahrt flüch­te­ten, wa­ren auch die Da­men­ka­pel­len – das ab­schät­zi­ge Wort „Ka­pel­le“ soll­te die En­sem­bles von den Kul­tur­or­ches­tern ab­gren­zen – si­cher sel­ten, aber bis­wei­len doch ein Zu­fluchts­ort für mu­sik­be­geis­ter­te Bür­ger­töch­ter. Hier konn­ten sie als Lehr­mäd­chen auch In­stru­men­te er­ler­nen, auf de­nen sie kei­ner­lei Vor­kennt­nis­se be­sa­ßen, oder mit ih­ren be­reits er­lern­ten Fer­tig­kei­ten glän­zen. So be­rich­tet et­wa das Düs­sel­dor­fer Volks­blatt am 10.2.1889 an­läss­lich ei­nes Kar­ne­vals-Auf­tritts der „Wie­ner Da­men­ka­pel­le“: „Ihr künst­le­ri­scher Ruf hat sich in den letz­ten Jah­ren, durch En­ga­ge­ment ei­ner der be­deu­tends­ten Vio­lin-Vir­tuo­sin­nen, ge­stei­gert.“ Der Na­me der ge­sell­schaft­lich so ab­ge­stie­ge­nen Vir­tuo­sin wur­de al­ler­dings scham­haft ver­schwie­gen.

Über­haupt leb­ten die Mu­si­ke­rin­nen, die in sol­chen Or­ches­tern tä­tig wa­ren, in höchst pro­ble­ma­ti­schen und nicht un­ge­fähr­li­chen so­zia­len Ver­hält­nis­sen. So ge­riet das Düs­sel­dor­fer „Eta­blis­se­ment Hölsken“ 1899 in die über­re­gio­na­len Schlag­zei­len, als der Düs­sel­dor­fer Schau­spie­ler Fried­rich Kühn die dort en­ga­gier­te Mu­si­ke­rin Ber­tha Lip­ka, Mit­glied des Da­men-Trom­pe­ter­corps „Ly­ra“, an der Ein­gangs­tür zu er­ste­chen ver­such­te. Sie über­leb­te schwer ver­letzt, der Tä­ter stell­te sich nach ab­ge­bro­che­nem Selbst­tö­tungs­ver­such der Po­li­zei. Wel­che Vor­ge­schich­te auch im­mer die Tat ge­habt ha­ben mag, sie ist sym­pto­ma­tisch für die Schwie­rig­kei­ten der rei­sen­den Mu­si­ke­rin­nen. Das per­ma­nen­te Rei­sen mach­te dau­er­haf­te Bin­dun­gen schwie­rig, da­ne­ben er­ga­ben sich Auf­trit­te oft erst kurz­fris­tig und mach­ten Pla­nung kaum mög­lich. Denn da die En­sem­bles meist nicht als „kul­tur­wer­ti­g“ an­er­kannt wa­ren, brauch­ten sie für Auf­trit­te ei­nen Er­laub­nisschein der ört­li­chen Ge­wer­be­po­li­zei, der oft nur kurz­fris­tig er­teilt oder auch wi­der­ru­fen wur­de. Trat ein En­sem­ble oh­ne Ge­neh­mi­gung auf, war der Straf­tat­be­stand der Land­strei­che­rei er­füllt. Eben­so stand dau­ernd der Ver­dacht der Pro­sti­tu­ti­on im Raum. Es ist zwar bei ob­jek­ti­ver Be­trach­tung schwer vor­stell­bar, dass ei­ne mit Rei­sen, Üben und täg­li­chen Auf­trit­ten voll aus­ge­las­te­te In­stru­men­ta­lis­tin tat­säch­lich ne­ben­bei die­sem Ge­wer­be nach­ging. Doch war das Bür­ger­tum ge­neigt, al­le je­ne so­zi­al nied­ri­ger ste­hen­den Frau­en­be­ru­fe oh­ne­hin mit­ein­an­der zu ver­men­gen und wur­de dar­in teils noch von Gast­wir­ten er­mu­tigt, in­dem die­se da­mit lock­ten, nach Auf­tritt der Da­men­ka­pel­le er­gä­be sich noch (für be­grenz­te Zeit von ein oder zwei Stun­den) die Ge­le­gen­heit, mit den Da­men bei­sam­men zu sit­zen und „in Kon­takt zu kom­men“. Sich der un­ver­meid­li­chen Avan­cen zu er­weh­ren, oh­ne di­rekt in po­li­zei­li­che Schwie­rig­kei­ten ver­wi­ckelt zu wer­den, war ei­ne der schwie­rigs­ten Auf­ga­ben für Mu­si­ke­rin­nen. Dies galt um­so mehr, wenn ei­ne Stadt oh­ne­hin (wie et­wa Duis­burg) den rei­sen­den Da­men ge­gen­über kri­tisch ein­ge­stellt war und Auf­trit­te nach Mög­lich­kei­ten zu er­schwe­ren such­te. Kam es zu über­grif­fi­gem Ver­hal­ten, so lau­te­ten in der Re­gel die po­li­zei­li­chen Kon­se­quen­zen, wie sie im Amts­blatt für den Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf nach­zu­le­sen sind: An­tritt von Un­ter­su­chungs­haft we­gen „fal­scher An­schul­di­gun­g“ (1896 ge­gen Hed­wig Ro­chotsch, ge­bo­ren 26.11.1874 in Buckau, Be­kannt­ma­chung Nr. 12767, 1901 noch­mals er­neu­ert un­ter 1209), oder „Ge­werbsun­zuch­t“ (die Mu­si­ke­rin Ca­ro­li­ne Pa­schen, ge­nannt Pas­sing, ge­bo­ren 28.4.1891 Duis­burg, wur­de des­we­gen am 27.10.1911 in ih­rem Ge­burts­ort zu vier Wo­chen Haft ver­ur­teilt).

Dass sol­che Ar­beit al­so eher letz­ter Aus­weg als ers­te Wahl war, liegt auf der Hand. Den­noch las­sen sich selbst bei kur­so­ri­scher Su­che im In­ter­net 24 Da­men­ka­pel­len (Ge­sang­sen­sem­bles nicht mit­ge­zählt) fin­den, die zwi­schen 1900 und 1925 in rhei­ni­schen Städ­ten teils mehr­mals pro Jahr gas­tier­ten. Dass die­se Wel­le aus­ge­rech­net wäh­rend In­fla­ti­on und Wirt­schafts­kri­se schlie­ß­lich ab­ebb­te, kann mit dem im­mer stär­ke­ren Ein­fluss der ame­ri­ka­ni­schen Tanz­mu­sik er­klärt wer­den, die in Deutsch­land ge­ne­rell nur un­voll­kom­men zu er­ler­nen war. Ein wei­te­rer Fak­tor war aber si­cher­lich eben­so, dass sich zeit­gleich ein neu­es Be­tä­ti­gungs­feld für be­geis­ter­te, qua­li­fi­zier­te Mu­si­ke­rin­nen im En­sem­ble- und Or­ches­ter­be­reich auf­tat.

6. Neue Chancen: Alte Musik

Die Be­schäf­ti­gung mit der Mu­sik der vor­klas­si­schen Zeit, ent­spre­chen­den In­stru­men­ten und ih­rer ei­ge­nen Klang­lich­keit be­gann ge­gen En­de der Kai­ser­zeit zu­nächst als we­nig be­ach­te­tes Spe­zi­al­ge­biet. So galt et­wa das Cem­ba­lo als zwar in­ter­es­san­ter, aber doch min­der­wer­ti­ger Vor­läu­fer des mo­der­nen Kon­zert­flü­gels. Mit sei­nem lei­sen Ton und der be­grenz­ten Dy­na­mik moch­te sich kaum ein re­nom­mier­ter Pia­nist be­schäf­ti­gen. Nach al­tem, schon be­schrie­be­nen Mus­ter wur­de es „Frau­en­in­stru­men­t“. Durch die Pio­nier­leis­tung der Cem­ba­lis­tin Wan­da Lan­dow­s­ka (1879–1959) je­doch ge­wann die Be­schäf­ti­gung mit der „Al­ten Mu­si­k“ zu­neh­mend an Dy­na­mik. Be­reits am 6.6.1910 wur­de beim fünf­ten Deut­schen Bach-Fest in Duis­burg ein his­to­ri­sches Kon­zert mit al­ten In­stru­men­ten ver­an­stal­tet, bei dem auch Lan­dow­s­ka mit­wirk­te. Nicht nur wur­de sie zu Vor­bild und Aus­bil­de­rin zahl­rei­cher Cem­ba­lis­tin­nen (so von 1913 bis 1919 an der Ber­li­ner Mu­sik­hoch­schu­le), son­dern er­schloss auch in gleich­zei­ti­gem Rück- und Vor­aus­blick vie­len an­de­ren In­stru­men­ta­lis­tin­nen ein neu­es Be­tä­ti­gungs­feld, das noch nicht von Män­nern do­mi­niert war, son­dern auf ei­ne Zeit zu­rück­wies, wo in der Kam­mer­mu­sik-Kul­tur die Hof­da­men noch durch­aus ne­ben den Her­ren ih­ren Platz fin­den konn­ten.

Im Herbst 1923 schlie­ß­lich kam es durch Gus­tav Clas­sens (1894–1978) zur Grün­dung des „Köl­ner Kam­mer-[Sin­fo­nie-]Or­ches­ter­s“, das sich auf vor­klas­si­sche Mu­sik spe­zia­li­sier­te. Clas­sens hat­te be­reits im Grün­dungs­kon­zert des Or­ches­ters am 10.11.1923 die Kon­zert­meis­ter­po­si­ti­on mit Vio­li­nis­tin Ger­trud Hö­fer (Le­bens­da­ten un­be­kannt) be­setzt, die er von sei­nem Violin­stu­di­um bei Bram El­de­ring kann­te. Auch die schon er­wähn­te Ger­da van Es­sen ge­hör­te zum En­sem­ble, eben­so als Cem­ba­lis­tin Lil­li Wie­rusz­kow­ski (1899–1971), die zu­vor auch Cel­lo bei Fried­rich Grütz­ma­cher (1866–1919) stu­diert hat­te und spä­ter von 1925 bis zu ih­rem Gang ins Schwei­zer Exil 1933 als Or­ga­nis­tin in Ber­lin wirk­te. Spä­ter stie­ßen mit Lot­te Hell­wig Jos­ten und Rie­le Que­ling als neu­er Kon­zert­meis­te­rin wei­te­re Mit­glie­der des Que­ling-Quar­tetts zum Or­ches­ter. Un­ter der Lei­tung von Her­mann Abend­roth, der das En­sem­ble nach ei­ni­gen Jah­ren über­nahm, wur­de die For­ma­ti­on schlie­ß­lich über die Gren­zen Deutsch­lands hin­aus be­kannt. Der Frau­en­an­teil war bis da­hin nicht klei­ner ge­wor­den und be­trug zeit­wei­lig über 40 Pro­zent – dies wohl­ge­merkt zu ei­ner Zeit, als die Mehr­zahl der deut­schen Sym­pho­nie- und Opern­or­ches­ter noch rei­ne Män­ner­bün­de wa­ren. Vie­le Frau­en, die in den kom­men­den Jahr­zehn­ten ge­wich­ti­ge Bei­trä­ge zum deut­schen Mu­sik­le­ben leis­ten soll­ten, wirk­ten zu­min­dest zeit­wei­lig im Kam­mer­or­ches­ter mit: so et­wa die Vio­li­nis­tin­nen Ida Op­pen­hei­mer (1894–1941?), Ger­tru­de-Il­se Til­sen (1899–1984), die nach­fol­gend in Ber­lin das „Ber­li­ner Frau­en-Kam­mer­or­ches­ter“ lei­te­te, und die ge­le­gent­lich auch Vio­la spie­len­de Jo­se­fa Kas­tert (Le­bens­da­ten un­be­kannt, min­des­tens bis 1943 Lei­te­rin ih­res ei­ge­nen „Kas­tert-Quar­tetts“ und nach dem Krieg Leh­re­rin an der Rhei­ni­schen Mu­sik­schu­le in Köln), fer­ner die Cel­lis­tin Bea­tri­ce Rei­chert (1903–1972) und – nach den ers­ten Jah­ren fast ein ru­hen­der Pol im En­sem­ble – die Cem­ba­lis­tin Ju­lia Menz (1901–1944). Menz ge­hört si­cher zu den in­ter­es­san­tes­ten Per­sön­lich­kei­ten un­ter den Mu­si­ke­rin­nen ih­rer Ge­ne­ra­ti­on. Ob­gleich chro­nisch lun­gen­lei­dend und ent­spre­chend ge­schwächt, ver­aus­gab­te sie sich für ihr In­stru­ment, so­weit ih­re Ge­sund­heit dies zu­ließ, und galt als ei­ne der we­sent­li­chen Cem­ba­lo-In­ter­pre­tin­nen ih­rer Ge­ne­ra­ti­on. Da­ne­ben un­ter­nahm sie Rei­sen in ent­le­ge­ne Län­der, über die sie dann als Rei­se­schrift­stel­le­rin be­rich­te­te, und war durch­aus auch der leich­te­ren Mu­se nicht ab­ge­neigt: In pri­va­tem Kreis war sie auch als Sa­xo­fo­nis­tin zu hö­ren.

Dem na­he­zu aus­schlie­ß­lich weib­li­chen Kern des Köl­ner Kam­mer­or­ches­ters dürf­te des­sen Er­folg viel mehr zu ver­dan­ken sein als den wech­seln­den Her­ren, die eben­falls mit­wirk­ten. Mit dem „Spiel­kreis für ge­sel­li­ge Mu­si­k“ be­stand in Köln En­de der 1930er Jah­re zu­dem ein er­folg­rei­ches Sex­tett, das mit Flö­ten, Gam­ben und Lau­ten be­setzt war und ganz oh­ne Män­ner aus­kam. Die heu­te noch we­sent­lich grö­ße­re und dif­fe­ren­zier­te­re Sze­ne der „Al­ten Mu­si­k“ ist nach Mei­nung des Au­tors bis­lang viel zu we­nig da­hin­ge­hend be­ach­tet wor­den, dass hier die Grund­la­gen ei­nes wirk­lich gleich­be­rech­tig­ten Mu­si­zie­rens auch im Or­ches­ter­ver­bund ge­legt wur­den.

7. Epilog

In der Kam­mer­mu­sik und auf so­lis­ti­schem Ge­biet hat sich be­züg­lich der Gleich­stel­lung der Frau­en in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten vie­les po­si­tiv ent­wi­ckelt, wenn auch bis heu­te in der In­stru­men­ten­wahl die al­ten Vor­ur­tei­le noch nach­wir­ken. Ähn­lich ver­hält es sich in Sym­pho­nie­or­ches­tern, wenn auch hier die Vor­be­hal­te des­to stär­ker sind, je mehr ein Ver­band sich der Tra­di­ti­on ver­bun­den fühlt. Es sei dar­an er­in­nert, dass es erst 1984 war, als die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker Sa­bi­ne Mey­er (ge­bo­ren 1959) nicht als So­lo-Kla­ri­net­tis­tin ak­zep­tie­ren woll­ten und ihr Für­spre­cher Her­bert von Ka­ra­jan (1908–1989) schlie­ß­lich das Or­ches­ter ver­ließ. Nicht zu­letzt die Bun­des­wehr dürf­te durch die Auf­nah­me von Frau­en in ih­re Mu­sik­korps seit dem Jahr 1991 ei­ne wich­ti­ge Si­gnal­funk­ti­on er­füllt ha­ben, dass Frau­en in der La­ge sind, auf je­dem In­stru­ment mu­si­ka­lisch-re­prä­sen­ta­ti­ve Staats­auf­ga­ben zu er­fül­len – war­um al­so nicht an­ders­wo?

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Johanna Kinkel, Porträt, Gemälde. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

In an­de­ren Be­rei­chen und Funk­tio­nen der Mu­sik (Rock, Pop und Jazz mit ih­ren ei­ge­nen Markt­ge­set­zen be­wusst aus­ge­klam­mert) sieht es al­ler­dings nicht an­nä­hernd so gut aus. Mit ei­ner kur­zen spon­ta­nen Auf­lis­tung be­rühm­ter Di­ri­gen­ten und Di­ri­gen­tin­nen und Kom­po­nis­ten und Kom­po­nis­tin­nen mag je­de(r) für sich tes­ten, wie hier der Ge­schlech­ter­pro­porz aus­sieht – und dies hat si­cher­lich kei­ne rein fach­li­chen Grün­de. Auch die Kir­chen­mu­sik ist nach wie vor männ­lich do­mi­niert. Dass sich der vor­lie­gen­de Ar­ti­kel auf das 19. und frü­he 20. Jahr­hun­dert kon­zen­triert, hat nicht zu­letzt den Grund, dass hier die Grund­stei­ne un­se­res heu­ti­gen Mu­sik­le­bens ge­legt wur­den. Ei­ni­ge Na­men, die in die­sem Zu­sam­men­hang auch hät­ten fal­len kön­nen, aber zu de­nen kaum greif­ba­res Ma­te­ri­al vor­liegt, sol­len als Aus­klang zu­min­dest auf­ge­lis­tet wer­den – so­fern kei­ne Eck­da­ten an­ge­ge­ben wer­den, sind sie nicht be­kannt: Die Bon­ner Kom­po­nis­tin Jo­han­na Kin­kel (1810–1858) wur­de erst lan­ge nach ih­rem Tod im Lon­do­ner Exil an­ge­mes­sen ge­wür­digt. In Duis­burg spiel­te min­des­tens von 1939 bis 1943 Edi­tha Lud­wig-Wie­be (1890–1965) als Vio­li­nis­tin im „Nie­der­rhei­ni­schen Tri­o“; die Düs­sel­dor­fer Sän­ge­rin Sel­ma Lenz lei­te­te in der frü­hen Kai­ser­zeit in Düs­sel­dorf ei­nen „Da­men-Ge­sang­ver­ein“. Eben­falls in Düs­sel­dorf wa­ren 1893 Kom­po­si­tio­nen von H. Vor­werk zu hö­ren (Vor­na­me nicht zu er­mit­teln [!] – die Gat­tin von Ben­no Vor­werk, der bis 1915 der In­ter­na­tio­na­len Mo­zart-Ge­mein­de Düs­sel­dorf vor­stand).

Von 1914 bis min­des­tens 1929 fun­gier­te in Bar­men Eli­sa­beth Potz als Kan­to­rin und zeit­wei­se Di­ri­gen­tin des Bach-Ver­eins Wup­per­feld; spä­ter leb­te sie in Düs­sel­dorf. In Em­me­rich war von min­des­tens 1939–1943 die Or­ga­nis­tin Cor­ne­lia van Si­jn im Kir­chen­dienst. Die Pia­nis­tin To­ni Thol­fus[-Klein] (1877–?) blieb nach ih­rem Stu­di­um zu­nächst in Köln und kon­zer­tier­te im gan­zen Rhein­land; mit ih­rem Ehe­mann Jo­han­nes Gel­ler or­ga­ni­sier­te sie spä­ter meh­re­re an­spruchs­vol­le Kon­zert­rei­hen in Neuss. He­le­ne Gartz lei­te­te von et­wa 1927 bis min­des­tens 1950 den Frau­en­chor Köln-Nip­pes. Die Köl­ner Pia­nis­tin Lon­ny Epstein (1885–1965) war ei­ne Pio­nie­rin des Ham­mer­flü­gels, auf dem sie vor al­lem als Mo­zart-In­ter­pre­tin glänz­te. Ida van Me­gen, Gre­te Ter­welp, Agnes van Me­gen und Hil­de [Hou­cken-]Hor­mann bil­de­ten in Kre­feld zu Be­ginn der 1940er Jah­re das Kre­fel­der Streich­quar­tett. Im Raum Rem­scheid ent­stan­den zwi­schen 1918 und 1943 vier Frau­en­chö­re, die al­le heu­te noch be­ste­hen. Die Vio­li­nis­tin und Vio­lis­tin Klä­re/Kla­ra Meis (1898–1983) wur­de 1939 Mit­glied des Ber­gi­schen Lan­des­or­ches­ters und 1943 des Städ­ti­schen Or­ches­ters So­lin­gen. 

Wä­ren Män­ner in ver­gleich­bar bahn­bre­chen­der Po­si­ti­on eben­so ver­ges­sen wor­den? Hof­fen wir wei­ter, dass es ir­gend­wann zu­min­dest in der Mu­sik Selbst­ver­ständ­lich­keit wird, was der gro­ße Kom­po­si­ti­ons­päd­ago­ge Si­mon Sech­ter (1788–1867) schon 1847 for­mu­lier­te: „[I]m un­ver­dor­be­nen Zu­stan­de hat der weib­li­che Ver­stand eben so viel Bil­dungs­fä­hig­keit als der männ­li­che, und um­ge­kehrt im ver­dor­be­nen Zu­stan­de hat der männ­li­che eben so we­nig als der weib­li­che. Nicht das Ge­schlecht, son­dern wo­zu es ge­macht wird, macht hier den Un­ter­schied.“[10] 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Lehl, Karsten, Mehr als nur Fußnoten - Musikerinnen im Rheinland und ihre Rezeption, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/mehr-als-nur-fussnoten---musikerinnen-im-rheinland-und-ihre-rezeption/DE-2086/lido/604721a9db1b23.14694924 (abgerufen am 14.05.2026)

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Sekundärliteratur

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Religion

Religion

Kirchengeschichte

Inhaltsverzeichnis

1. Kirchen in Deutschland. Ein historischer Abriss.

1. Kirchen in Deutschland. Ein historischer Abriss. 

eit der Reformation prägen die katholische und die evangelische Kirche das konfessionelle Bild in Deutschland. Beide Kirchen stehen in einem Zweckverhältnis zu den staatlichen Strukturen.

Im Master-Studiengang "Ecumenical Studies" der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn, an der ich Kirchengeschichte lehre, können Studierende aus der ganzen Welt etwas über die Vielfalt der Konfessionen und die Geschichte und Praxis der ökumenischen Bewegung erfahren. Wir beginnen das Studienjahr immer mit einer Einführung in die Kirchen in Deutschland – und ernten jedes Mal ungläubiges Kopfschütteln: Wie kann es sein, dass evangelische Christen in diesem Land ihre Konfession nicht selbst wählen können, sondern es von ihrem Wohnsitz abhängt, ob sie lutherisch, reformiert oder uniert sind? Studierende aus Ländern mit strenger Trennung von Staat und Kirche wundern sich außerdem darüber, warum man mit Taufe und erstem eigenem Einkommen kirchensteuerpflichtig wird und wieso der Staat diese Kirchensteuern einzieht, um sie dann der Kirche zu übergeben.

Entstehung des Kirchensystems

Um die Besonderheiten des kirchlichen Systems in Deutschland zu verstehen, muss man mehrere Jahrhunderte zurückgehen.Zur Auflösung der Fußnote[1] Im Spätmittelalter war das Heilige Römische Reich durch das Erstarken von Partikulargewalten (zum Beispiel Reichsfürsten, Freie Reichsstädte) bei gleichzeitiger Schwächung der Zentralgewalt (Kaiser) faktisch in eine Vielzahl von Territorien zerfallen, die weitgehend eigenständig regiert wurden. Der territoriale Partikularismus verschärfte sich im Laufe des 16. Jahrhunderts durch die eingetretene konfessionelle Zersplitterung. Nunmehr gab es neben den "Altgläubigen" (Katholiken) Lutheraner und Calvinisten (letztere auch "Reformierte" genannt) sowie eine Reihe von kleineren konfessionellen Gruppen. Die Fürsten orientierten sich in ihrer Politik unter anderem an der Konfession, der sie selbst anhingen.

Die Karte zeigt anhand unterschiedlicher Schattierungen und Datumsangaben, wie sich die Verteilung zwischen evangelischer und katholischer Konfession um 1555 unter anderem auf den Gebieten des heutigen Deutschlands, Polens, Russlands, Tschechiens, Österreichs, Frankreichs, Belgiens, Dänemarks, der Niederlande und der Schweiz gestaltete.

(© Ingenieurbüro für Kartografie Dr. H.-J. Kämmer, Berlin)

Nachdem der Versuch der protestantischen Fürsten, die Reformation im gesamten Reich durchzusetzen, im Schmalkaldischen Krieg (1546–1547) endgültig gescheitert war, wurde schließlich im Augsburger Reichsabschied (auch Augsburger Religionsfrieden genannt) von 1555 die konfessionelle Spaltung Deutschlands in Katholiken und Lutheraner durch die Einführung des landesherrlichen Kirchenregiments zementiert (siehe Karte):Zur Auflösung der Fußnote[2] Seither war im Wesentlichen das Bekenntnis der Fürsten für die Konfession ihrer Untertanen gemäß dem Prinzip "cuius regio eius religio"ausschlaggebend. Religionsausübung wurde also noch nicht – wie im Gefolge des Pietismus und der Aufklärung üblich – als Herzens- oder Privatsache verstanden. Sie war vielmehr ein öffentlicher Akt, der entsprechenden rechtlichen Regelungen unterlag, die sich nunmehr im Rahmen des Religionsfriedens bewegen mussten. Dieses System wurde im Westfälischen Frieden von 1648 festgeschrieben, indem man die konfessionellen Grenzen im Reich unter Berücksichtigung auch der Reformierten endgültig fixierte. In den protestantischen Territorien war dabei nach dem Wegfall des traditionellen Kirchensystems der Fürst gleichzeitig der oberste Bischof (summus episcopus), dem die cura religionis, die Fürsorge für die jeweilige Landeskirche, oblag. In den katholischen Gebieten wurde die Kirche dagegen weiterhin in einem komplizierten Miteinander von Fürst, Episkopat und Papst regiert.

Trotz aller politischen Umwälzungen und der grundlegenden territorialen Neuordnung, wie sie die napoleonische Herrschaft mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806, der Wiener Kongress 1814/15 und die Gründung des Deutschen Reiches 1871 mit sich brachten, änderte sich an diesem rechtlichen Zustand nur wenig. Er blieb bis zum Zusammenbruch des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg und der Einführung der Weimarer Reichsverfassung im Jahre 1919 weitgehend bestehen.

Allerdings wurde die konfessionelle Landkarte im 19. Jahrhundert noch unübersichtlicher: In einigen deutschen Staaten – entscheidend angestoßen durch den preußischen König Friedrich Wilhelm III. – wurden Unionen zwischen Reformierten und Lutheranern eingeführt, die sich aber nicht in ganz Deutschland durchsetzen konnten. Sie reichten von der reinen Verwaltungsunion, bei der Lutheraner und Reformierte durch eine gemeinsame Administration geleitet wurden, aber ansonsten ihre je eigenen gottesdienstlichen Formen und Bekenntnisse behielten (etwa in der Lippischen Landeskirche), bis hin zur Konsensus- oder Bekenntnisunion, die sich auf ein gemeinsames Glaubensdokument stützte (etwa in der Pfalz und in Baden). So sind derzeit 10 der 20 Kirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland in der einen oder anderen Weise uniert. Faktisch entstand dadurch eine dritte, in der Praxis recht diffuse protestantische Konfession.

Mehr noch: Mancherorts regte sich Widerstand gegen die Theologie der Aufklärung und die meist von oben verordneten Unionen. Es kam zu Abspaltungen, von denen heute die Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen (EAK) und die Altlutheraner in Form der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) sowie kleinere Sonderkonfessionen noch existieren.Zur Auflösung der Fußnote[3]

Während sich der strukturelle Rahmen des landesherrlichen Kirchenregiments auf protestantischer Seite wenig änderte, führten der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 und der Wiener Kongress zu massiven Verschiebungen und Verlusten vor allem auf katholischer Seite. Im Zuge der sogenannten Säkularisation wurden die Fürstbistümer, in denen ein Bischof als Landesherr regierte, und die Fürstabteien abgeschafft, was einen einschneidenden Vermögensverlust zur Folge hatte. Hinzu kamen erhebliche kulturelle Zerstörungen durch Umwidmung oder Abriss von Kirchen- und Klostergebäuden sowie Zweckentfremdung und Verschleuderung von kirchlichem Eigentum. Außerdem verloren die Bischöfe dadurch politischen Einfluss im Reichstag und den politischen Vertretungen der einzelnen deutschen Staaten.

Alles zusammengenommen hatte diese Entwicklung eine erhebliche Schwächung des Katholizismus in Deutschland zur Folge, die durch die Dominanz des überwiegend evangelischen Preußen im 19. Jahrhundert verstärkt wurde. Im sogenannten Kulturkampf versuchten die deutschen Staaten seit den 1860er Jahren den katholischen Einfluss generell und vor allem die Rom-Bindung des Episkopats zu beschränken. Diese Politik erwies sich als schwerer politischer Fehler und wurde in den 1880er Jahren aufgegeben, hatte aber unter anderem zur Folge, dass sich der Katholizismus in Form der Zentrumspartei politisch organisierte. Abgesehen davon waren die Katholiken in Deutschland durch die konservative Theologie der Päpste, die im Unfehlbarkeitsdogma auf dem I. Vatikanischen Konzil 1869/70 gipfelte, einer inneren Zerreißprobe ausgesetzt. Sie führte in den Jahren nach dem Konzil zur Abspaltung der Alt-katholischen Kirche, einer Episkopalkirche mit Frauenordination, die heute mit der anglikanischen Kirchenfamilie in Gemeinschaft steht.

Weimarer Republik und Nationalsozialismus

In der Verfassung des Deutschen Reiches vom 11. August 1919 (Weimarer Reichsverfassung)Zur Auflösung der Fußnote[4]kam das landesherrliche Kirchenregiment an sein Ende. In Artikel 137 wurde ausdrücklich festgelegt: "Es besteht keine Staatskirche." Die Kirchen galten nunmehr als "Religionsgesellschaften" und unterlagen damit im Prinzip dem Vereinsrecht (Art. 124). Dennoch gab es eine Reihe von Sonderregelungen, die in den Artikeln 135–141 in einem eigenen Abschnitt "Religion und Religionsgesellschaften" festgehalten wurden. Hierzu gehörten unter anderem:

  • die Verfassung der Religionsgesellschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechts (Art. 137)

  • die Freiheit der Selbstverwaltung (Art. 137)

  • die Zusage der Glaubens- und der Gewissensfreiheit und das Recht zur ungestörten Religionsausübung unter Beteiligung der Religionsgesellschaften, auch im Heer, in Krankenhäusern, Gefängnissen und sonstigen öffentlichen Anstalten (Art. 135; 137; 140; 141)

  • die strikte Trennung von Religionszugehörigkeit und Genuss bürgerlicher und staatsbürgerlicher Rechte sowie Zulassung zu öffentlichen Ämtern (Art. 136)

  • das Recht zur Erhebung von Kirchensteuer (Art. 137)

  • das Recht auf Eigentum (Art. 138)

  • der Schutz des Sonntags und der staatlich anerkannten Feiertage (Art. 139).

Der Religionsunterricht wurde an allen Schulen – mit Ausnahme der "bekenntnisfreien Schulen" – als ordentliches Lehrfach "in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der betreffenden Religionsgesellschaft" unter Aufsicht des Staates eingeführt. Die theologischen Fakultäten an den Hochschulen blieben erhalten (Art. 149). Darüber hinaus erhielten die Religionsgesellschaften weiterhin Staatsleistungen, sofern sie hierauf durch Gesetz, Vertrag oder besondere Rechtstitel einen Anspruch hatten (Art. 138, 173). Sie ergaben sich unter anderem aus den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803, denen zufolge den Kirchen für die entstandenen Verluste Ausgleichszahlungen zugesichert wurden. Die Ablösung dieser Zahlungen ist bis heute nicht gelungen. Die Artikel 136–139 und 141 der Weimarer Verfassung wurden 1949 in das Grundgesetz übernommen (Art. 140 GG).

Der katholischen Kirche gelang es durch die neuen gesetzlichen Regelungen sowie durch eine geschickte Kirchenpolitik, ihre Selbstständigkeit zu behaupten und weiter auszubauen. Die rechtliche Sicherung der Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich wurde durch eine Reihe von Länderkonkordaten, vor allem aber durch das Reichskonkordat im Sommer 1933 besiegelt, das bereits in die Zeit des Nationalsozialismus fiel.

Die mittlerweile eingetretenen politischen Veränderungen warfen indessen neue Probleme auf. Eugenio Pacelli, der als päpstlicher Nuntius und Kardinalstaatssekretär die Konkordate ausgehandelt hatte, blieb als Papst Pius XII. (1939–1958) in seiner äußeren Haltung zum NS-Regime umstritten. Dies darf aber nicht isoliert gesehen werden: Manche Bischöfe, allen voran der "Löwe von Münster", Clemens August Graf von Galen, nutzten die erreichten Spielräume, um nachdrücklich gegen Maßnahmen des NS-Regimes zu protestieren. Der Münchener Kardinal Michael von Faulhaber entwarf die Enzyklika "Mit brennender Sorge" (1937), in der Pius XI. (1922–1939) gegen die Machthaber in Deutschland seine Stimme erhob.

Die evangelischen Landeskirchen sahen in der Weimarer Republik den kirchenpolitischen Entwicklungen zeitweise hilflos zu oder versuchten, in herkömmlicher Weise mit dem Staat zu paktieren. Zwar kam es zu einer Reihe von Kirchenverträgen zwischen mehreren evangelischen Landeskirchen und den deutschen Ländern, die – wie die katholischen Konkordate – bis heute Gültigkeit haben. Gleichzeitig begaben sich die evangelischen Kirchen aber in mehr oder weniger starke Abhängigkeit von den jeweils herrschenden politischen Mächten. Auf institutioneller Ebene gipfelte dies schließlich in der weitgehenden Unfähigkeit, dem nationalsozialistischen Gewaltstaat wirkungsvollen Widerstand zu leisten. Der oppositionellen "Bekennenden Kirche" fehlten der Mut, die organisatorischen Möglichkeiten und der aktive Rückhalt in der Bevölkerung, um der Mitwirkungs- und Anpassungsstrategie der NS-treuen "Deutschen Christen" Einhalt zu gebieten oder der systematischen Ermordung von Jüdinnen und Juden wirkungsvoll entgegenzutreten. Öffentliche Proteste, etwa durch die Berliner Studienrätin Elisabeth Schmitz oder den in Buchenwald hingerichteten Pfarrer Paul Schneider, oder gar die Mitwirkung an Attentats- und Umsturzplänen, wie etwa durch Dietrich Bonhoeffer, blieben die Ausnahme.

Schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde darüber hinaus in den evangelischen Kirchen stärker als im Katholizismus ein Entkirchlichungs-, ja Entchristianisierungsprozess erkennbar. Er lässt sich nicht nur an einer bis dahin unbekannten Distanz zur Institution Kirche, sondern auch an der steigenden Popularität atheistischer Positionen ablesen, die häufig sozialphilosophisch oder naturwissenschaftlich begründet wurden. Am drastischsten war die Situation in Berlin: Hier nahmen um 1850 lediglich etwa 16 Prozent der evangelischen Christen am Abendmahl teil. Als 1874 in Preußen die Zivilehe eingeführt wurde, fiel die kirchliche Trauung bei den verheirateten Paaren auf 20 Prozent; auch wurde nur noch die Hälfte der Kinder getauft.Zur Auflösung der Fußnote[5]

Die Gründe für diesen zunehmenden Säkularisierungsprozess, der heute vielfach als Konsequenz der Aufklärung gesehen wird, sind vielschichtig. Hierzu zählen im 19. Jahrhundert neben Kostengründen (Gebühren für die Kasualien Taufe, Trauung und Bestattung) auch politische Faktoren. So löste die Nähe der Kirchen zu restaurativen und antiliberalen Kreisen innerhalb der Obrigkeiten insbesondere unter der Arbeiterschaft antikirchliche Reaktionen aus. Auch zeigte die Verelendung der Arbeiterschaft infolge der ungezügelten Industrialisierung ihre Wirkung: So vermochten die Kirchen auf die "soziale Frage" nur unzureichende Antworten zu geben. Zugleich erschütterten Erkenntnisse in Theologie und Philosophie die Gewissheit in die historische Zuverlässigkeit der biblischen Schriften, und neue naturwissenschaftliche Einsichten – vor allem die Entstehung des Darwinismus – stellten die jahrhundertealten christlichen Erklärungsmuster für den Ursprung von Welt und Mensch infrage.

Struktur- und Orientierungsfragen nach 1945

Der seit 1919 gehegte, aber in der Weimarer Republik nie verwirklichte Plan zur Bildung einer evangelischen Nationalkirche wurde 1933 völlig diskreditiert, als die Nationalsozialisten die Wahlen zu einer ersten Nationalsynode nutzten, um die Landeskirchen weitgehend gleichzuschalten. Nach 1945 wurde der Plan nicht wieder aufgenommen. Stattdessen knüpfte man an das alte landeskirchliche System an, das nunmehr durch einen Zusammenschluss auf nationaler Ebene, die "Evangelische Kirche in Deutschland" (EKD), überwölbt wurde, der in seinem kirchlichen Selbstverständnis bis heute nicht endgültig geklärt ist.Zur Auflösung der Fußnote[6] Damit wurde die konfessionelle und territoriale Zersplitterung der evangelischen Landeskirchen nicht überwunden.

Die staatskirchenrechtlichen Entwicklungen in der DDR führten 1969 unter dem Druck der Verhältnisse zur Gründung des "Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR" (BEK) und somit zur faktischen Abspaltung der Kirchen in Ostdeutschland von der EKD. Nach der Wiedervereinigung löste sich der BEK 1991 auf, und die alten Verhältnisse wurden wiederhergestellt. Freilich hatten die Bemühungen um Entkirchlichung im real existierenden Sozialismus in der Bevölkerung tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken.

In neuerer Zeit sind in den evangelischen Kirchen zunehmende Anzeichen dafür zu entdecken, dass man sich auf theologischer wie auf administrativer Ebene auf Gemeinsamkeiten besinnt. Schon seit den 1960er Jahren hatte es Bemühungen gegeben, in Lehrfragen zwischen den evangelischen Kirchen lutherischer und reformierter Tradition Übereinstimmung zu erzielen. Parallel dazu verpflichteten sich zahlreiche lutherische und reformierte Kirchen aus ganz Europa 1973 in Leuenberg bei Basel zur gegenseitigen Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft ("Leuenberger Konkordie"). Daraus entstand die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) mit derzeit 95 Mitgliedskirchen. Die lehrmäßigen Differenzen zwischen den Kirchen der Reformation dürfen seither als weitgehend überwunden gelten.

Diese Rückbesinnung auf die reformatorischen Grundlagen bei gleichzeitiger theologischer Weiterarbeit, aber auch zunehmende finanzielle Probleme führten in Deutschland schließlich 2003 zur Entstehung der Union Evangelischer Kirchen (UEK) in der EKD mit derzeit 12 Mitgliedskirchen. Ihre Grundordnung basiert auf einem gemeinsamen Verständnis des Evangeliums und der Sakramente von Taufe und Abendmahl, weshalb sich die UEK – unbeschadet der fortdauernden kirchlichen Selbstständigkeit ihrer Mitglieder – als Kirche versteht und eine weitergehende Einheit der EKD anstrebt.

Ob es dazu kommt, ist derzeit noch offen. Nicht zuletzt hat die verwirrende Zahl von Zusammenschlüssen auf unterschiedlichen Ebenen eine Kirchenbürokratie hervorgebracht, die ein erhebliches Beharrungsvermögen aufweist. Erste Anzeichen für eine Konzentration der Kräfte gab es etwa durch die Zusammenschlüsse der Kirchen in Berlin-Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz 2004, der (unierten) Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen 2009 und dreier norddeutscher Kirchen 2012.

Auf katholischer Seite steht der Fülle der evangelischen Kirchen ein weitgehend zentralistisches System gegenüber: Die 27 deutschen Bistümer sind in sieben Kirchenprovinzen gegliedert, mit den Erzdiözesen Bamberg, Berlin, Freiburg, Hamburg, Köln, München und Freising sowie Paderborn. Ihre Struktur ist durch das weltweit gültige Gesetzbuch der römisch-katholischen Kirche, den "Codex Iuris Canonici" (CIC) von 1983, geordnet. Als nationales Koordinationsgremium fungiert seit 1965 die Deutsche Bischofskonferenz, die laut Statut "zum Studium und zur Förderung gemeinsamer pastoraler Aufgaben, zu gegenseitiger Beratung, zur notwendigen Koordinierung der kirchlichen Arbeit und zum gemeinsamen Erlass von Entscheidungen sowie zur Pflege der Verbindung zu anderen Bischofskonferenzen" dient. Ihr steht das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zur Seite, was sich gemäß Satzung als "Zusammenschluss von Vertreterinnen und Vertretern der Diözesanräte und der katholischen Verbände sowie von Institutionen des Laienapostolats und von weiteren Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft" versteht. Kirchenrechtlich kommt dem ZdK allerdings lediglich eine beratende Funktion zu.

Da die ostdeutschen Bischöfe nach dem Mauerbau nicht mehr an der Bischofskonferenz teilnehmen konnten, gab es in der DDR zeitweise eine separate "Berliner Ordinarienkonferenz" (seit 1976 "Berliner Bischofskonferenz"); 1990 vereinigten sich beide Gremien wieder.

Die Spannungen zwischen nationalkirchlichen und ultramontanen, also nach Rom ausgerichteten Tendenzen innerhalb des deutschen Katholizismus, die im 19. Jahrhundert die Beziehungen zu den deutschen Staaten erheblich belasteten, sind zwar nicht völlig verschwunden, aber doch deutlich abgeklungen. Gleichwohl muss man sich klar machen, dass die katholische Kirche seit jeher in viel stärkerem Maße supranational und global denkt als der Protestantismus. Insofern wird die Lage im deutschen Katholizismus oft durch Entwicklungen beeinflusst, die außerhalb der Landesgrenze ihren Ursprung haben.

Auch das II. Vatikanische Konzil (1962–1965) reagierte auf globale Entwicklungen. Seine Einsichten und Ergebnisse hatten Auswirkungen auf die gesamte katholische Christenheit. In den Beschlüssen dieses Konzils wurde eine deutliche, so bisher nicht dagewesene Öffnung der katholischen Kirche zur Welt und zu den Chancen und Herausforderungen der modernen Zeit vollzogen.

Für das Gros der Katholikinnen und Katholiken machte sich dies etwa durch die Liturgiereform bemerkbar. In deren Folge wurde die lateinische Messe weitgehend abgeschafft und die jeweilige Landessprache im Gottesdienst eingeführt. Die Reform brachte eine Abkehr vom Hochaltar und die Einführung des freistehenden "Volksaltars" mit sich, an dem der Priester nunmehr die Messe zu den Gottesdienstbesuchern hingewandt zelebriert. Dadurch soll der Gemeinschaftscharakter stärker hervortreten. Außerdem wurde die Mitsprache von Laien gestärkt. Sie konnten nun in den neu eingerichteten (beratenden) Pfarrgemeinderäten und verstärkt auf anderen Ebenen der Kirchenadministration mitwirken, wodurch auch der Einfluss des ZdK zunahm. Darüber hinaus entspannte sich das Verhältnis zu den anderen Konfessionen und Religionen zunächst merklich, insbesondere zum Judentum.

Diese Aufbruchsstimmung wurde indessen noch während der Amtszeit Papst Pauls VI. (1963–1978) durch weithin als konservativ empfundene Maßnahmen gedämpft. Dieser Trend sollte sich unter Pauls Nachfolgern Johannes Paul II. (1978–2005) und Benedikt XVI. (2005–2013) noch verstärken. Hierzu zählten unter anderem offizielle Verlautbarungen wie die Enzyklika Humanae Vitae (1968) Pauls VI., in der die Empfängnisverhütung durch Kontrazeptiva ("Pille") und jede Form von Abtreibung abgelehnt wurden. Diese Lehre bekräftigte Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Evangelium Vitae (1995). Ebenso führte und führt die Besetzung von Bischofsstühlen mit konservativen Kirchenführern – wie etwa in Köln in den Jahren 1988 und 2014 – zu erheblichen Auseinandersetzungen in den betroffenen Diözesen. Schließlich sorgte die Wiederzulassung der lateinischen Messe in Ausnahmefällen nach dem Messbuch von 1962 durch Benedikt XVI. 2007 für erhebliche Unruhe unter deutschen Katholiken. Die damit einhergehende Wiederzulassung der Karfreitagsliturgie mit der problematischen "Fürbitte für die Juden" (die 2008 überarbeitet wurde, aber umstritten blieb) trübte zudem das Verhältnis zum Judentum wieder ein.Zur Auflösung der Fußnote[7]

Das katholisch-jüdische Verhältnis wurde Anfang 2009 einer weiteren Belastungsprobe unterzogen, als Benedikt XVI. die auch in Deutschland vertretene Priesterbruderschaft St. Pius X., deren Bischöfe 1988 exkommuniziert worden waren, wieder in die Sakramentsgemeinschaft aufnahm, obwohl führende Vertreter der Bruderschaft weiterhin offen antisemitische Ansichten vertraten.

Im Pontifikat von Papst Franziskus (seit 2013) hat vor allem die sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Einrichtungen und durch kirchliche Amtsträger und deren schleppende Aufdeckung und Aufarbeitung für Verwerfungen gesorgt, die noch nicht abgetragen sind.Zur Auflösung der Fußnote[8] In Deutschland führte dieser Umstand zur Einrichtung des "Synodalen Weges", eines von Bischofskonferenz und ZdK gemeinsam getragenen Gesprächsprozesses, der im März 2023 mit einer Reihe von Beschlüssen und Texten seinen vorläufigen Abschluss fand. Derzeit ist die Einrichtung eines Synodalen Rates im Gespräch, der durch einen Ausschuss ab November 2023 vorbereitet werden soll.Zur Auflösung der Fußnote[9]

Im ökumenischen Dialog mit dem Luthertum erfolgte 1999 mit der Unterzeichnung der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre"Zur Auflösung der Fußnote[10] zwischen Lutherischem Weltbund und katholischer Kirche ein wichtiger Schritt zur Überwindung der seit der Reformation strittigen dogmatischen Fragen. Seither sind aber die offiziellen ökumenischen Kontakte zwischen den Protestanten und Rom deutlich abgekühlt. So beharrt die katholische Seite auf ihrer Auffassung, die Kirchen der Reformation könnten nicht "Kirchen" genannt werden, da sie "die apostolische Sukzession im Weihesakrament" nicht besäßen und ihnen deshalb "ein wesentliches konstitutives Element des Kircheseins" fehle.Zur Auflösung der Fußnote[11] Die Anerkennung der Lehre von der apostolischen Sukzession in ihrer römischen Form, das heißt einschließlich der Vorrangstellung des Papstes als Nachfolger des Apostels Simon Petrus mit dem Anspruch auf höchste Lehrautorität in dogmatischen Fragen und die kirchliche Leitungsgewalt, ist den Protestanten schlechterdings unmöglich.

Diese Vorbehalte aus Rom konnten auf nationaler Ebene durch die guten Kontakte zwischen EKD und Bischofskonferenz teilweise abgemildert werden. Sie belasten aber die ökumenischen Beziehungen bis hinunter auf die Gemeindeebene schwer.

Aktuelle Herausforderungen

Neben den "Großkirchen" bestehen eine Reihe von christlichen Gemeinschaften, die man häufig unter dem unscharfen Begriff der "Freikirchen" zusammenfasst. Zu ihnen zählen diejenigen Kirchen, die direkt oder indirekt aus der Reformation hervorgegangen sind (etwa Mennoniten, Baptisten) sowie Gemeinschaften, die sich neuen religiösen und spirituellen Aufbrüchen verdanken. Dazu zählen zum Beispiel die Methodisten, die Pfingstkirchen und die Freien evangelischen Gemeinden. Es gibt zudem evangelikale Gruppierungen, die auch innerhalb der evangelischen Landeskirchen aktiv sind, wie den Liebenzeller Gemeinschaftsverband. Die evangelikalen Christen sind in ihrer Gesamtheit überwiegend in der Evangelischen Allianz in Deutschland e.V. organisiert.

Die im Einzelnen sehr unterschiedlichen Freikirchen sind oft durch eine Haltung gekennzeichnet, die die Bibel im Wortsinn als unbezweifelbar ansieht und der historisch-kritischen Bibelforschung, wie sie an theologischen Fakultäten betrieben wird, distanziert gegenübersteht. Einige Kirchen, wie etwa die Mennoniten, sind einem strengen Pazifismus verpflichtet und lehnen zum Beispiel den Dienst an der Waffe ab. Viele Gemeinschaften praktizieren eine Erwachsenentaufe. In Gruppen wie den Pfingstkirchen wird eine ausgeprägte Jesusfrömmigkeit gepflegt, die charismatische Züge trägt. Einige Gruppierungen lehnen die Evolutionslehre zugunsten des biblischen Schöpfungsberichts ab und pflegen ein konservatives Ehe- und Familienbild (sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe; Ablehnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften).

Insgesamt spielen die Freikirchen in Deutschland sowohl in Zahlen als auch in der öffentlichen Wahrnehmung eine untergeordnete Rolle. So haben derzeit (Stand 2022) der baptistische Bund Freier evangelischer Gemeinden knapp 74.000, die Evangelisch-methodistische Kirche knapp 45.000, der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden knapp 65.000 und die Freien evangelischen Gemeinden (Stand 2021) rund 42.500 Mitglieder. Zur Auflösung der Fußnote[12]

Diese Randständigkeit dürfte auch mit der geordneten Beziehung von Staat und "Großkirchen" zu tun haben, von der bisher beide Seiten profitieren. So haben die großen Kirchen nach 1945 ihr diakonisches Netzwerk mit Kindergärten und -tagesstätten, Schulen, Krankenhäusern und weiteren Einrichtungen so stark ausgebaut, dass sie im sogenannten Dritten (Non-Profit-)Sektor die größten Arbeitgeber sind: Die evangelische Diakonie Deutschland hatte 2020 knapp 600.000 Mitarbeitende, die katholische Caritas Deutschland rund 696.000.Zur Auflösung der Fußnote[13] Gleichzeitig erfolgt die Finanzierung heute überwiegend durch den Staat.

Dieses symbiotische Verhältnis wird durch das Religionsverfassungsrecht (Staatskirchenrecht) geregelt.Zur Auflösung der Fußnote[14] Es gerät allerdings durch den in den vergangenen Jahrzehnten zu beobachtenden und derzeit rasch zunehmenden Mitgliederschwund in den Kirchen unter Druck. Dabei handelt es sich im Grunde um kein neues Phänomen. Es äußerte sich im 19. Jahrhundert zunächst in den sinkenden Teilnahmezahlen im Gottesdienst und bei den Kasualien (Taufe, Trauung, Bestattung), bis sich ab den 1870er Jahren die Möglichkeit zum Kirchenaustritt eröffnete. Betrachtet man die Zahlen in der Weimarer Republik, der Bundesrepublik von 1945 bis 1989 und Gesamtdeutschland seit 1989,Zur Auflösung der Fußnote[15] so ist deutlich zu erkennen, dass diese Entwicklung nicht linear verläuft. Sie weist vielmehr Austrittsspitzen auf, die vor allem in der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und der "Revolution von 1968" (in Westdeutschland) liegen. Seit 2013 ist wiederum ein kontinuierlicher Anstieg von Kirchenaustritten zu beobachten, der sich seit 2021 nochmals deutlich beschleunigt hat und im vergangenen Jahr bei über 900.000 Austritten lag (über 522.000 katholisch, 380.000 evangelisch),Zur Auflösung der Fußnote[16] die mit Abstand höchste jemals gemessene Zahl. Ihnen standen 2021 nur 5570 (katholisch) und 18545 (evangelisch) Eintritte und Wiederaufnahmen gegenüber.Zur Auflösung der Fußnote[17] Außerdem übersteigt die Zahl der Todesfälle die der Taufen beträchtlich. Damit gehörten Ende 2022 nur noch 19,2 Millionen Menschen einer evangelischen Landeskirche und 20,9 Millionen der katholischen Kirche an,Zur Auflösung der Fußnote[18] was knapp 48 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland ausmacht.

Dieser neueste Säkularisierungsschub dürfte nicht zuletzt durch zeitweise Kirchenschließungen während der Corona-Pandemie, den Missbrauchsskandal sowie den Vorwurf der Verschwendung von Kirchenfinanzen ausgelöst worden sein.Zur Auflösung der Fußnote[19] Doch es kommen andere Faktoren hinzu, die den Schritt zum Austritt erleichtern: So kann man der Kirche heute fernbleiben, ohne – wie früher – soziale oder kirchendisziplinarische Konsequenzen fürchten zu müssen. Auch hat man in der Verkündigung die Drohung mit göttlicher Strafe zu Recht abgebaut. Zudem genügt ein Gang zum Amtsgericht, um die Kirchensteuer einzusparen, während gleichzeitig das Angebot an religiösen und spirituellen Alternativen kontinuierlich wächst. In Zeiten ökonomischer Krisen kommt der Kirchenaustritt dann nicht überraschend.

Bislang ist nicht erkennbar, dass die Freikirchen davon erheblich profitieren könnten – im Gegenteil: Auch hier stagnieren die Zahlen oder sind rückläufig, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie in den Großkirchen. Diese in Deutschland historisch einmalige Entwicklung stellt die Christenheit hierzulande vor erhebliche Herausforderungen, auf die sie noch keine tragfähigen Antworten gefunden hat.

Aber dies wird auch Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft insgesamt haben: Durch die großflächige Zusammenlegung von Gemeinden kommt es schon jetzt zur Verringerung der Zahl der Gottesdienste und damit zur Aufgabe und zum Abriss von Kirchengebäuden, was Veränderungen im Städtebild, aber auch im dörflichen Brauchtum zur Folge hat.Zur Auflösung der Fußnote[20] Die Kirchen können so als Begleiter in allen Lebensphasen nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Der absehbare Rückzug aus ihren bisherigen diakonischen Tätigkeiten wird die öffentliche Hand mit erheblichen zusätzlichen Kosten belasten. Darüber hinaus werden die Kirchen auch ihre Aktivitäten als Kulturvermittler in Kunst und Musik sowie als Träger von Büchereien massiv einschränken müssen. Schließlich wird ihre Stimme als eine moralische Instanz in Krisensituationen immer weniger Gehör finden. Bei aller berechtigten Kritik am derzeitigen Erscheinungsbild der Institution Kirche hat die Gesellschaft die Tragweite dieser Entwicklungen für das Gemeinwesen insgesamt noch nicht erfasst.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Kinzig, Wolfram: Kirchen in Deutschland. Ein historischer Abriss, in: APuZ (Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für Politische Bildung 29/2023), Bonn 2023, S. 13-20.

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Sekundärliteratur

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Kultur und Traditionen


Kultur und Traditionen

Jagd und Schützenwesen

Inhaltsverzeichnis

1. Das rheinische Schützenwesen. Ursprünge, Traditionen und Entwicklungslinien

1. Das rheinische Schützenwesen. Ursprünge, Traditionen und Entwicklungslinien

1. Einführung

Ob­wohl die ver­schie­de­nen Aus­for­mun­gen des Schüt­zen­we­sens im Rhein­land we­nigs­tens ge­nau­so zum re­gio­na­len Brauch­tum ge­hö­ren wie der Kar­ne­val – und da­bei noch we­sent­lich äl­te­ren Ur­sprungs sind – ha­ben sich Ge­schichts­wis­sen­schaft und Volks­kun­de kaum mit dem Phä­no­men be­fasst. Ei­ni­ge we­ni­ge Stu­di­en bil­den im­mer noch den ein­schlä­gi­gen Li­te­ra­tur­ka­non[1], ins­ge­samt bleibt es bei mi­kro­ge­schicht­li­chen Ar­bei­ten[2], die aber die Fra­ge nach dem Ver­bin­den­den, den Ur­sprün­gen und den ge­mein­sa­men Ent­wick­lungs­li­ni­en durch­weg nicht zu be­ant­wor­ten su­chen.[3]

Ge­wiss sind die bis in die Ge­gen­wart ge­pfleg­ten Tra­di­tio­nen zu­wei­len höchst un­ter­schied­lich, und von da­her mag die Un­über­sicht­lich­keit der Quel­len­la­ge ei­ne Rol­le für das De­si­de­rat spie­len. Den­noch gibt es durch­aus evi­den­te Ge­mein­sam­kei­ten:

 

  1. Das Tra­gen und Ver­wen­den der Schuss­waf­fe
  2. Die Durch­füh­rung ge­mein­sa­mer Fei­ern und Fest­ver­an­stal­tun­gen, ins­be­son­de­re des Vo­gel­schus­ses
  3. Die Uni­for­mie­rung. 
 

 

Die Schuss­waf­fe als Merk­mal der Schie­ßen­den, der Schüt­ze als ihr Trä­ger be­grün­den die Selbst­be­zeich­nung und nicht et­wa ei­ne ge­ra­de in vie­len Ver­eins­chro­ni­ken, Fest­schrif­ten und der­glei­chen un­ter­stell­te Schutz­funk­ti­on zum Bei­spiel ei­ner Kir­che, ei­ner Ge­mein­de oder an­de­rer ding­li­cher Wer­te.[4]Die ver­schie­de­nen An­läs­se für Zei­ten ge­mein­schaft­li­cher Ge­sel­lig­keit sind in na­he­zu al­len Schüt­zen­ord­nun­gen ent­hal­ten und da­mit ein kon­sti­tu­ti­ves Ele­ment des Schüt­zen­we­sens, und der Vo­gel­schuss ist ein über­re­gio­nal be­kann­tes, wenn auch kaum er­forsch­tes Brauch­tums­ele­ment. Ei­ne Uni­for­mie­rung, ge­ra­de im mi­li­tä­ri­schen Sinn, gab es bei den Schüt­zen­bru­der­schaf­ten bis ins 18. Jahr­hun­dert in der Re­gel nicht; zu­wei­len wur­de die Mit­glied­schaft in ei­ner sol­chen Ver­ei­ni­gung durch uni­form ge­tra­ge­ne ein­zel­ne Klei­dungs­stü­cke wie ein Hals­tuch ge­kenn­zeich­net. Erst mit der Über­nah­me und Aus­prä­gung ei­nes sol­da­ti­schen Ha­bi­tus im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts wur­de die Schüt­zen­uni­form flä­chen­de­ckend ein­ge­führt.

Häu­fig kommt die Rück­bin­dung an die christ­li­che Kon­fes­si­on hin­zu, ent­we­der for­mal, wenn die Ver­ei­ne als Schüt­zen­bru­der­schaf­ten kon­sti­tu­iert sind, oder in der Re­gel auch dann fak­tisch, wenn sie als (Bür­ger-)Schüt­zen­ver­ei­ne auf­tre­ten.

Aus­ge­hend von die­sen Be­ob­ach­tun­gen ver­sucht die vor­lie­gen­de klei­ne Stu­die, die his­to­ri­sche Ent­wick­lung des Schüt­zen­we­sens im Rhein­land nach­zu­zeich­nen. Da­bei kön­nen zu­min­dest zwei Quell­li­ni­en iden­ti­fi­ziert wer­den: ei­ne mit­tel­al­ter­li­che, christ­li­che Tra­di­ti­on, die sich bis heu­te in der äu­ße­ren Ge­stalt der Bru­der­schaft ma­ni­fes­tiert, so­wie ei­ne die­se äl­te­re Li­nie ab dem 19. Jahr­hun­dert teils über­la­gern­de, teils um­for­men­de na­tio­nal-mi­li­tä­ri­sche Tra­di­ti­on, die den Schüt­zen­ver­ei­ne ge­ra­de um 1900 den Cha­rak­ter va­ter­län­di­scher Ge­sell­schaf­ten gab. Für die­se bei­den Li­ni­en gibt es in der Re­gel hin­rei­chen­des, wenn auch in Qua­li­tät und Quan­ti­tät sehr he­te­ro­ge­nes Quel­len­ma­te­ri­al.

 



Vogelschießen in Dresden am 20. September 1699, Stich von Moritz Bodenehr (1655-1749). (Grafik aus dem Klebeband Nr. 15 der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek Arolsen)

 

 

Das gilt nicht für ei­ne denk­ba­re drit­te Li­nie, die als heid­nisch be­zeich­net wer­den könn­te und die Hans-Tho­rald Mi­chae­lis in die For­schung ein­ge­führt hat.[5] Da­bei geht er zu Recht von ei­nem we­sent­li­chen, wenn nicht dem her­aus­ra­gen­den Merk­mal des Schüt­zen­we­sens, dem Vo­gel­schuss, aus, für den er Er­klä­rungs­mo­del­le durch Ana­lo­gie­bil­dung zu ver­schie­de­nen vor­christ­li­chen Bräu­chen sucht. Ob­wohl die­se Li­nie da­mit zeit­lich an ers­ter Stel­le ste­hen wür­de, sol­len zu­nächst im Fol­gen­den die christ­li­che und die na­tio­nal-mi­li­tä­ri­sche Ent­wick­lungs­li­nie als ge­si­cher­te Er­kennt­nis­se nä­her vor­ge­stellt wer­den.

2. Das Bruderschaftswesen

2.1 Korporation und Gebetsverbrüderung

Die Ent­wick­lung der Bru­der­schaf­ten speis­te sich ih­rer­seits aus zwei un­ter­schied­li­chen Pro­zes­sen: zum ei­nen aus dem für die mit­tel­al­ter­li­che Ge­sell­schafts­ord­nung kon­sti­tu­ti­ven Ge­nos­sen­schafts­we­sen in sei­nen sehr un­ter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen mit stän­di­schen, be­rufs­stän­di­schen, orts­be­zo­ge­nen, geist­li­chen oder an­de­re Ver­ei­ni­gun­gen und ei­ner aus­ge­präg­ten Bin­nen­hier­ar­chie, zum an­de­ren aus frü­hen mo­nas­ti­schen So­da­li­tä­ten mit dem Zweck des To­ten­ge­den­kens.

Be­reits im Jahr 762 war auf der Syn­ode von At­ti­gny ei­ne zeit­lich be­grenz­te Ge­bets­ver­brü­de­rung ge­schlos­sen wor­den; das ge­gen­sei­ti­ge Ge­dächt­nis zu­nächst in­ner­halb der in der Re­gel oh­ne Nach­kom­men blei­ben­den Geist­lich­keit soll­te das See­len­heil im To­des­fall be­för­dern.[6] Bis ins 11. Jahr­hun­dert, ver­ein­zelt auch schon frü­her, ver­ste­tig­ten sich die­se Ver­bin­dun­gen und wei­te­ten sich auf die Lai­en aus. Für die­se Ver­bin­dun­gen fin­den sich un­ter­schied­li­che Be­zeich­nun­gen: ami­ci­tia, fa­mi­li­a­ri­tas, so­cie­t­as, zu­wei­len auch con­vi­vi­um und am häu­figs­ten (con)fra­ter­ni­tas.

Die At­trak­ti­vi­tät der Mit­glied­schaft in ei­ner sol­chen Ver­bin­dung war für den vor­mo­der­nen Men­schen hoch, denn die Angst un­vor­be­rei­tet, das hei­ßt oh­ne Nach­lass der Sün­den, zu ster­ben und des­halb die Qua­len der Höl­le oder des Fe­ge­feu­ers er­lei­den zu müs­sen, war groß.[7] Das Wis­sen um ei­ne dau­er­haft ge­re­gel­te To­ten­für­sor­ge et­wa in Ge­stalt der von den Ver­ei­ni­gun­gen be­auf­trag­ten See­len­mes­sen ver­mit­tel­te den Men­schen ein Ge­fühl von Si­cher­heit und brach­te den an­fangs kaum or­ga­ni­sier­ten Bru­der­schaf­ten enor­men Zu­lauf. In den Zünf­ten und Gil­den, de­ren Ur­sprün­ge bis ins Al­ter­tum rei­chen und die sich dann ab et­wa 1100 et­wa zeit­gleich mit den Ge­bets­ver­brü­de­run­gen stär­ker aus­dif­fe­ren­zier­ten[8], fan­den sie ge­eig­ne­te Vor­bil­der für die Her­aus­bil­dung ei­ner funk­tio­nie­ren­den in­ne­ren Ord­nung.

Bis ins frü­he 15. Jahr­hun­dert lässt sich in der Fol­ge ei­ne re­zi­pro­ke Ent­wick­lung der ge­nos­sen­schaft­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen und der auf die me­mo­ria zie­len­den Ver­brü­de­run­gen fest­stel­len. Wäh­rend sich die­se Struk­tu­ren mit Bru­der­meis­tern an der Spit­ze, Brü­der­bo­ten und Pe­del­len ent­wi­ckel­ten, über­nah­men je­ne zu­sätz­lich zu ih­rer meist ge­wer­be­ord­nen­den Funk­ti­on auch das To­ten­ge­den­ken und an­de­re re­li­giö­se Ele­men­te wie et­wa die be­son­de­re Ver­eh­rung ei­nes Schutz­pa­trons.[9]

Be­son­ders in den Städ­ten ge­wan­nen die Bru­der­schaf­ten durch die­se Ver­schmel­zung er­heb­lich an Ge­wicht. Die Zünf­te und Gil­den hat­ten nicht mehr nur ei­nen rein ge­werb­li­chen Cha­rak­ter, son­dern auch ei­ne zu­sätz­li­che mo­ra­li­sche Le­gi­ti­ma­ti­on, und die ur­sprüng­lich rein re­li­giö­sen Bru­der­schaf­ten pro­fi­tier­ten von ei­ner star­ken und ge­ord­ne­ten Mit­glied­schaft, an de­ren Spit­ze in der Re­gel die vor­neh­men Bür­ger des Ge­mein­we­sens stan­den. Gleich­zei­tig er­laub­te die Bru­der­schaft auch den stär­ken­den Zu­sam­men­schluss nicht nur be­rufs­stän­di­scher, son­dern auch funk­tio­na­ler Grup­pen und Eli­ten, von de­nen ei­ne die Schüt­zen wa­ren.

2.2 Frühe Schützenbruderschaften

Schüt­zen­bru­der­schaf­ten ent­stan­den als Ver­ei­ni­gung der waf­fen­tra­gen­den Bür­ger – nur im Ein­zel­fall auch be­diens­te­ter Stadt­sol­da­ten – vor­wie­gend ab dem 15. Jahr­hun­dert. Wal­ter M. Plett weist für das Rhein­land im 11. und 12. Jahr­hun­dert sechs Bru­der­schafts­grün­dun­gen nach[10], für das 13. Jahr­hun­dert zehn und für das 14. Jahr­hun­dert 42. Im 15. Jahr­hun­dert ver­drei­facht sich die Zahl auf 135, um sich dann im 16. Jahr­hun­dert auf 76 zu hal­bie­ren. Im 17. Jahr­hun­dert ist ein er­neu­ter An­stieg auf 133 zu ver­zeich­nen, um im 18. Jahr­hun­dert auf 76 zu­rück­zu­sin­ken.

Der ho­he Wert im 15. Jahr­hun­dert mar­kiert den Zeit­punkt, zu dem sich die Bru­der­schaf­ten zu ei­ner wir­kungs­vol­len Kor­po­ra­ti­on im Ge­mein­we­sen ent­wi­ckelt hat­ten, die dem Bür­ger­tum ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten der re­li­giö­sen und da­mit auch so­zia­len Re­prä­sen­ta­ti­on bot.[11] In­wie­fern Krie­ge und Kri­sen die Ent­ste­hung von Bru­der­schaf­ten be­güns­tig­ten, lässt sich nur schwer ein­schät­zen. Dass ge­ra­de im 16. Jahr­hun­dert mit den Glau­bens­krie­gen, der „Klei­nen Eis­zeit“ und ih­ren spür­ba­ren Aus­wir­kun­gen oder dem be­gin­nen­den 80-jäh­ri­gen Krieg ein so si­gni­fi­kan­ter Rück­gang zu ver­zeich­nen ist, spricht je­den­falls nicht da­für. Viel­mehr scheint ein ge­wis­ser re­li­giö­ser Ei­fer, der so­wohl ins 15. Jahr­hun­dert wie auch in das im Rhein­land erst im 17. Jahr­hun­dert wirk­lich be­gin­nen­de kon­fes­sio­nel­le Zeit­al­ter passt, ei­ne Trieb­fe­der ge­we­sen zu sein.

Bei­spiel­haft sei aus der Grün­dungs­ur­kun­de der Neus­ser St. Se­bas­tia­nus-Schüt­zen­bru­der­schaft, de­ren Tra­di­ti­on heu­te von der Neus­ser Schei­ben­schüt­zen-Ge­sell­schaft von 1415 e.V. ge­pflegt wird, vom 1.11.1415 zi­tiert:

„Im Na­men Got­tes Amen! Zum Lo­be und zu Eh­ren Chris­tus Je­sus, un­se­res Herrn, Ma­riä, Sei­ner lie­ben Mut­ter, und dem hoch­ge­lob­ten Mär­ty­rer Sankt Se­bas­tia­nus zu Diens­ten, so ha­ben die Schüt­zen­ge­sel­len in der Stadt Neuss be­schlos­sen, un­ter sich ei­ne Bru­der­schaft von jetzt an im­mer­fort bis in ferns­te Ta­ge zu hal­ten und al­le Jah­re am Tag des hei­li­gen Mär­ty­rers zu be­ge­hen und durch­zu­füh­ren der­ma­ßen als her­nach ge­schrie­ben steht.“[12] 

Das Grün­dungs­da­tum, das Al­ler­hei­li­gen­fest, ver­weist auf den ur­sprüng­li­chen Zweck des ge­gen­sei­ti­gen To­ten­ge­den­kens. Im Üb­ri­gen stell­ten sich die Schüt­zen­ge­sel­len, de­ren Kreis spä­ter noch en­ger de­fi­niert wird als die­je­ni­gen, „die bin­nen Neuss woh­nen und Jahr und Tag an­säs­sig sind, so­fern sie von gu­tem Ru­fe sind und ehr­bar in ih­rem Wan­del und in ih­ren Han­tie­run­gen“[13], in den Dienst an der Kir­che und un­ter den Schutz des hei­li­gen Se­bas­ti­an, der selbst mit Pfeil und Bo­gen er­schos­sen wor­den und von sei­nen Wun­den durch die Pfle­ge der from­men Wit­we Ire­ne ge­ne­sen war. Gleich­zei­tig galt Se­bas­ti­an als Pest­hei­li­ger; sei­ne Be­liebt­heit als Pa­tron von Schüt­zen­bru­der­schaf­ten – von 1.297 Bru­der­schaf­ten im Bund der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten im Jahr 2009 führ­ten über 400 oder rund 32 Pro­zent Se­bas­ti­an im Na­men, mit deut­li­chem Ab­stand folgt der hei­li­ge Hu­ber­tus mit rund 250 Bru­der­schaf­ten (= 19 Pro­zent)[14] – scheint doch auch mit den Pest­epi­de­mi­en des Spät­mit­tel­al­ters und der Frü­hen Neu­zeit zu kor­re­lie­ren.[15] 

So fin­det sich in der Neus­ser Ur­kun­de im ers­ten Ab­schnitt die Bit­te, der hei­li­ge Mär­ty­rer mö­ge die Schüt­zen­brü­der „be­schir­men vor der Pest, vor Blat­tern, vor dem jä­hen To­de, vor Ge­schos­sen und an­de­ren Lei­bes­nö­ten.“ In­ter­es­sant ist, dass hier ne­ben den all­ge­mei­nen Ge­fah­ren durch Krank­heit die spe­zi­fi­sche Ge­fahr des Schüt­zen, die Schuss­ver­let­zung, mit auf­ge­nom­men wur­de. Die wei­te­ren Be­stim­mun­gen he­ben fast aus­schlie­ß­lich auf re­li­giö­se und so­zia­le Ver­hal­tens­wei­sen ab; so wur­de die Ver­pflich­tung, ar­men Schüt­zen­brü­dern Al­mo­sen zu spen­den und für ein wür­di­ges Be­gräb­nis zu sor­gen, eben­so fest­ge­schrie­ben wie die Zahl der See­len­mes­sen, die im To­des­fall für ein ver­stor­be­nes Mit­glied zu le­sen wa­ren. Am Se­bas­tia­nu­s­tag, dem 20. Ja­nu­ar, soll­te zu­dem ein Bru­der­mahl statt­fin­den. Re­ge­lun­gen über das Schie­ßen fin­den sich, an­ders als in spä­te­ren Quel­len, nicht. Dass die Bru­der­schaf­ten den­noch Schie­ß­übun­gen und mehr noch Schieß­spie­le durch­führ­ten, er­gab sich da­mit nicht aus ih­rem ei­ge­nen We­sen und Zweck her­aus, son­dern aus der Tat­sa­che, dass in ihr Men­schen or­ga­ni­siert wa­ren, die Um­gang mit der Waf­fe hat­ten. Gleich­wohl be­gann die­ses äu­ße­re Ele­ment den Cha­rak­ter der Schüt­zen­bru­der­schaf­ten bald zu über­la­gern.

3. Das Schützenwesen in der Frühen Neuzeit

Ei­ner star­ken re­li­gi­ös-sitt­li­chen Ver­wur­ze­lung in Ver­bin­dung mit kor­po­ra­ti­ven, mit­tel­al­ter­li­chen Struk­tu­ren ste­hen die Pfle­ge der Ge­sel­lig­keit und des Schieß­spiels ge­gen­über, wie sie sich seit dem 16. Jahr­hun­dert ver­stärkt in den Quel­len fin­den. So fand et­wa im Jahr 1501 in Köln ein Schieß­spiel oder auch Schüt­zen­fest statt, bei dem we­der der Kirch­gang noch ei­ne an­de­re re­li­giö­se Hand­lung ei­ne Rol­le spiel­ten, son­dern vor al­lem die Volks­be­lus­ti­gun­gen wie et­wa ei­ne Lot­te­rie.[16] Des­halb ver­such­te die Kir­che, die sich vor al­lem auch an den Ess- und Trink­ge­la­gen stör­te, das Bru­der­schafts­we­sen ein­zu­däm­men, al­ler­dings mit mä­ßi­gem Er­folg.[17] Viel­mehr ver­fes­tig­te sich im Lau­fe der Frü­hen Neu­zeit die Pfle­ge ei­nes Brauch­tums, des­sen Her­kunft im We­sent­li­chen un­ge­klärt ist und das an die­ser Stel­le noch im Ab­schnitt über die mög­li­chen heid­ni­schen Tra­di­tio­nen be­han­delt wer­den wird, und das nur der äu­ße­ren Form nach sich noch an den Re­geln ei­ner christ­li­chen Bru­der­schaft ori­en­tier­te.

So wird der Ab­lauf von Schüt­zen­fes­ten im Her­zog­tum Jü­lich um 1720 wie folgt be­schrie­ben:

„Das Vo­gel­schie­ßen pflegt eben­falls in je­der Stadt und in je­dem Dorf auf ei­nen ge­wis­sen für ewig da­zu be­stimm­ten Tag kurz vor der Got­te­s­tracht an­ge­stellt zu wer­den. Man rich­tet näm­lich auf ei­nem Baum oder auf ei­ner zu dem En­de un­ter­hal­te­nen Vo­gel­stan­ge ei­nen gro­ßen höl­zer­nen Vo­gel auf, nach wel­chem so­dann von den Ein­woh­nern des­sel­ben Or­tes, die da­zu Lust ha­ben, mit Feu­er­roh­ren und Flin­ten oder auch an ei­ni­gen Or­ten mit Bo­gen und Arm­brüs­ten ge­schos­sen wird. Nie­mand er­hält hier­bei et­was für sei­ne Be­mü­hung als nur al­lein der­je­ni­ge, wel­cher das Glück hat, das letz­te Stück vom Vo­gel her­ab­zu­schie­ßen. Die­ser wird mit gro­ßem Froh­lo­cken zum Kö­nig aus­ge­ru­fen, man um­hängt sei­nen Kör­per mit al­ler­hand sil­ber­nen Schil­dern, die zu dem En­de ver­wahrt wer­den, man set­zet ihm ei­nen Fe­der­busch auf den Hut, man be­glei­tet ihn von dem ei­nen Haus zu dem an­de­ren, wo man ihn al­lent­hal­ben mit ei­nem fri­schen Krug Bier be­will­komm­net, ja, wel­ches am meis­ten zu be­wun­dern ist, man füh­ret ihn so­gar an un­ter­schied­li­chen Or­ten in die Kir­che, all­wo ‚Gott, dich Herr‘ ge­sun­gen wird und von dem Pas­tor der sa­kra­ment­li­che Se­gen ge­ge­ben wird […].“[18] 

Es wird deut­lich, dass der un­ter­halt­sa­me Teil des Vo­gel­schie­ßens im Mit­tel­punkt des Schüt­zen­we­sens stand und der re­li­giö­se As­pekt zwar noch vor­han­den, aber deut­lich in den Hin­ter­grund ge­tre­ten war. Die­se Be­ob­ach­tung fin­det sich in zahl­rei­chen Schüt­zen­ord­nun­gen des 17. und 18. Jahr­hun­derts, und zwar vor­wie­gend im länd­li­chen Raum, be­stä­tigt. Die­ses letzt­li­che Feh­len ei­nes star­ken Fröm­mig­keits­as­pekts und der schon ein­gangs for­mu­lier­te Aus­schluss des Ge­dan­kens ei­ner Wehr­ver­ei­ni­gung schei­nen für das Ver­ständ­nis des kul­tu­rel­len Trans­fers zwi­schen Stadt und Land in der Frü­hen Neu­zeit von Be­deu­tung zu sein. Wenn der funk­ti­ons­stän­di­sche Zu­sam­men­schluss ei­ner Bru­der­schaft von Schüt­zen im Sin­ne wehr­haf­ter Bür­ger im städ­ti­schen Raum sich mit der ei­ne wahr­schein­lich äl­te­re Tra­di­ti­on pfle­gen­den Ge­mein­schaft, die stan­des­über­grei­fend kon­sti­tu­iert war, durch wech­sel­sei­ti­ge Be­ein­flus­sung ver­bun­den hät­te, könn­te dies ein ge­eig­ne­tes Er­klä­rungs­mo­dell für die Ge­ne­se des Schüt­zen­we­sens in sei­ner mo­der­nen Form sein, des­sen je­wei­li­gen Ge­mein­schaf­ten pri­mär we­der re­li­giö­sen noch mi­li­tä­ri­schen Cha­rak­ter hat­ten, son­dern in ers­ter Li­nie die Men­schen ei­ner dörf­li­chen Ge­mein­schaft im Rah­men ei­ner alt­her­ge­brach­ten Tra­di­ti­on und über die Gren­zen von Stand, Ver­mö­gen und üb­ri­gens auch Ge­schlecht hin­aus mit­ein­an­der ver­band, denn viel­fach wur­den zu­min­dest in den länd­li­chen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten auch Frau­en als Mit­glie­der ge­führt.[19] Da­mit wür­de dann ei­ne zwar nicht all­seits ak­zep­tier­te, aber durch­aus denk­ba­re vor­christ­li­che Tra­di­ti­ons­li­nie auf­schei­nen.

4. Heidnische Bräuche als Erklärungsmodelle für Schützentraditionen

In der Ent­wick­lung des Schüt­zen­we­sens vom Mit­tel­al­ter bis in die Ge­gen­wart sind mit dem Bru­der­mahl, der ge­mein­sa­men, häu­fig aus­ge­las­se­nen Fei­er und dem Vo­gel­schuss zwei Kon­stan­ten er­kenn­bar, die sich we­der mit den christ­li­chen Ur­sprün­gen noch der na­tio­nal-mi­li­tä­ri­schen Über­la­ge­rung im 19. Jahr­hun­dert er­klä­ren las­sen. Mag die ge­sel­li­ge Ge­mein­schaft noch als Merk­mal mensch­li­cher In­ter­ak­ti­on in ei­nem sehr über­grei­fen­den Sinn zu ver­ste­hen sein, kann das Schie­ßen ei­nes Vo­gels be­zie­hungs­wei­se ei­ner Vo­ge­latt­rap­pe nur schwer ein­ge­ord­net wer­den. Als Schie­ß­übung je­den­falls wird es kaum ge­eig­net ge­we­sen sein, war als sol­che in ei­ni­gen Lan­des­tei­len so­gar seit 1658 un­ter­sagt[20], und dort, wo die Schie­ß­übung ex­pli­zi­ter Be­stand­teil ei­ner Schüt­zen­tra­di­ti­on ist, fin­det sich in der Re­gel das Schei­ben­schie­ßen als zur Ein­übung ziel­ge­nau­en Schie­ßens zweck­dien­li­che Me­tho­de. Dass es pri­mär ei­ne Volks­be­lus­ti­gung war, mö­gen dann auch die Wor­te der Prin­zes­sin in Karl Gott­lieb Sa­mu­el Heuns (1771-1854) Lust­spiel „Das Vo­gel­schies­sen“ aus dem Jahr 1822 zei­gen: „Beim Schie­ßen fällt mir ein, es soll heu­te hier in der Nach­bar­schaft ein Vo­gel­schie­ßen sein; solch ein Volks­fest möch­te‘ ich wohl ein­mal mit an­se­hen […]“. Wor­auf­hin ihr Va­ter, der Fürst, ant­wor­tet: „Un­se­re An­we­sen­heit wür­de die­se Art Men­schen nur in ih­rer Freu­de stö­ren, und sie ha­ben der Freu­de und der Fes­te so we­nig.“[21] Heun cha­rak­te­ri­sier­te das Schüt­zen­fest mit dem Vo­gel­schie­ßen li­te­ra­risch da­mit durch­aus zu­tref­fend als Fest der ein­fa­chen Leu­te, das vor al­lem der Ju­gend ein gro­ßes Ver­gnü­gen bot. Gleich­wohl ge­hör­te die Ein­bin­dung ad­li­ger, geist­li­cher oder bür­ger­li­cher Ho­no­ra­tio­ren zum Bei­spiel durch die Ab­ga­be von Eh­ren­schüs­sen im­mer zum Ab­lauf von Schüt­zen­fes­ten.

Hans-Tho­rald Mi­chae­lis ver­weist im Zu­sam­men­hang mit dem Vo­gel­schie­ßen der Schüt­zen­bru­der­schaf­ten auf ei­ne im kel­ti­schen Raum an­zu­tref­fen­de Tra­di­ti­on der ri­tu­el­len Vo­gelt­ö­tung. Da­bei wur­de von ei­ner be­stimm­ten Grup­pe, meist den jun­gen Män­nern ei­nes Dor­fes oder ei­ner Sip­pe, ein Vo­gel, oft­mals ein Zaun­kö­nig, er­legt, dem vor­her al­le bö­sen Geis­ter und Flü­che auf­er­legt wor­den wa­ren. Das to­te Tier wur­de dann in ei­ner leb­haf­ten Pro­zes­si­on durch den Ort ge­tra­gen; der­je­ni­ge, der es er­legt hat­te, wur­de bis zur nächs­ten Vo­gelt­ö­tung Kö­nig ge­nannt und mit kö­nig­li­chen In­si­gni­en aus­ge­stat­tet. Meist ge­noss er zahl­rei­che ge­sell­schaft­li­che Vor­tei­le. Auf der Is­le of Man soll die­se Tra­di­ti­on noch im 18. Jahr­hun­dert ge­pflegt wor­den sein.[22] 

Tat­säch­lich scheint es of­fen­kun­di­ge Ana­lo­gi­en zum Schüt­zen­brauch­tum zu ge­ben. Viel­fach fan­den und fin­den Schüt­zen­fes­te im Früh­jahr, zum Bei­spiel nach Os­tern oder um Pfings­ten statt. Die be­son­de­re, auch als Kö­nig­tum be­zeich­ne­te Eh­re ist eben­so be­kannt wie die da­mit ver­bun­de­nen so­zia­len Vor­tei­le; so war ein Schüt­zen­kö­nig in al­ler Re­gel für die Dau­er ei­nes Jah­res von Steu­ern so­wie Hand- und Spann­diens­ten be­freit.

Auch der Be­griff der „Gil­de“, der im Alt­nor­di­schen syn­onym für ein Trink- oder Op­fer­ge­la­ge ge­braucht wird und der ety­mo­lo­gisch auf ei­ne „Ab­gel­tun­g“ ver­weist, könn­te auf ei­ne vor­christ­li­che Wur­zel hin­deu­ten, die sich im Schüt­zen­we­sen er­hal­ten hat. In­ter­es­sant ist da­bei, dass die In­ten­ti­on ei­nes sol­chen Op­fer­fes­tes, das ei­nen fast got­tes­dienst­li­chen Cha­rak­ter hat­te, auf das an­dau­ern­de To­ten­ge­den­ken ziel­te, ein deut­li­cher An­klang an den Zweck der frü­hen christ­li­chen Bru­der­schaf­ten. In­so­fern könn­ten durch­aus, wie es auch aus an­de­ren Zu­sam­men­hän­gen wie den Fes­ten des Kir­chen­ka­len­ders be­kannt ist, heid­ni­sche und christ­li­che Vor­stel­lun­gen in ei­ne Wech­sel­wir­kung ge­tre­ten sein.[23] Im­mer­hin er­hiel­ten sich die sonst aus der Ent­wick­lung des Schüt­zen­we­sens her­aus kaum er­klär­ba­ren Ele­men­te auch über die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on hin­aus, wäh­rend der re­li­giö­se As­pekt deut­lich an Ge­wicht ver­lor.

5. Nationaler Aufbruch und vaterländische Vereinigungen

Der Ein­marsch der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen und die Be­set­zung und An­ne­xi­on des Rhein­lan­des bis 1814/1815 be­deu­te­ten für die al­ler­meis­ten rhei­ni­schen Schüt­zen­ge­sell­schaf­ten ei­ne tie­fe Zä­sur. So­wohl der christ­li­che Be­zug als auch der Um­gang mit Waf­fen führ­ten häu­fig zu ih­rem zu­min­dest zeit­wei­sen Ver­bot.[24] Al­ler­dings wur­den Brauch­tums­fei­ern, auch Schüt­zen­fes­te, ab et­wa 1805 durch­aus häu­fig wie­der zu­ge­las­sen und so­gar er­wünscht. Beim Be­such Na­po­le­on Bo­na­par­tes im Her­zog­tum Berg et­wa und der da­bei statt­fin­den­den Durch­rei­se durch Mül­heim bei Köln ord­ne­te der dor­ti­ge Stadt­di­rek­tor ein Spa­lier uni­for­mier­ter Schüt­zen und ih­rer Fah­nen an.[25] So mar­kiert eher das En­de der Fran­zo­sen­zeit den Bruch in der his­to­ri­schen Kon­ti­nui­tät des Schüt­zen­we­sens, denn in ei­nem deut­lich stär­ke­ren sä­ku­la­ren Um­feld konn­ten vie­le äl­te­re Bru­der­schaf­ten nicht mehr an die Zeit da­vor an­knüp­fen.

Das Brauch­tum des Vo­gel­schie­ßens und der da­mit ver­bun­de­nen Volks­be­lus­ti­gun­gen leb­te je­doch wei­ter, ufer­te oh­ne die zu­grun­de lie­gen­den Ord­nungs­struk­tu­ren aber zu­wei­len aus, wes­halb sich schon bald neue Schüt­zen­ver­ei­ni­gun­gen grün­de­ten, die ent­we­der den preu­ßi­schen Mi­li­ta­ris­mus in An­leh­nung an die ge­gen die Fran­zo­sen ge­rich­te­ten Land­weh­ren als „Bür­ger in Uni­for­men“ imi­tier­ten oder auch ver­ball­horn­ten – nicht von un­ge­fähr fal­len bei­spiels­wei­se die Grün­dung der fest­ord­nen­den Ko­mi­tees in Köln, hier für den Kar­ne­val, und Neuss, dort für das Schüt­zen­fest, im Jahr 1823 zeit­lich zu­sam­men.

Auch aus man­cher Bür­ger­wehr im Um­feld der Re­vo­lu­ti­on von 1848 ent­wi­ckel­ten sich Schüt­zen­ver­ei­ne[26], und end­gül­tig ord­ne­ten sich die Schüt­zen­ge­sell­schaf­ten mit der Reichs­grün­dung in den Kreis der va­ter­län­di­schen Ver­ei­ne ein. Ins­ge­samt wur­den im 19. Jahr­hun­dert mit 432 Ver­ei­nen fast eben­so vie­le ge­grün­det wie vom 11. bis zum 18. Jahr­hun­dert zu­sam­men ge­nom­men. Zu­dem strahl­te das ur­sprüng­lich stark auf das Rhein­land kon­zen­trier­te Schüt­zen­we­sen weit in an­de­re Re­gio­nen des zu­sam­men­wach­sen­den Deut­schen Rei­ches aus: so wur­den in West­fa­len im 19. Jahr­hun­dert 431 Schüt­zen­ver­ei­ne ge­grün­det und im üb­ri­gen Deutsch­land 559 – ins­ge­samt al­so über 1.400 Ver­ei­ne; al­lei­ne in der Zeit bis 1939 ka­men noch ein­mal über 1.700 Ver­ei­ne da­zu, die sich mit 441 auf das Rhein­land, 335 auf West­fa­len und 947 auf das üb­ri­ge Deutsch­land ver­teil­ten.[27] 

Trotz die­ses si­gni­fi­kan­ten quan­ti­ta­ti­ven Zu­wach­ses hat sich die his­to­ri­sche For­schung mit dem Schüt­zen­we­sen des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts we­ni­ger im Sin­ne ei­nes ver­glei­chen­den Über­blicks be­schäf­tigt als mit den Bru­der­schaf­ten des An­ci­en Ré­gime. Bar­ba­ra Stam­bo­lis führt das auf Be­rüh­rungs­ängs­te mit dem „schil­lernd[en], fol­ko­ris­tisch[en] und so­mit leicht als ten­den­zi­ell un­se­riös“ emp­fun­de­nen Ge­gen­stand zu­rück.[28]  Tat­säch­lich hat­te sich das Schüt­zen­we­sen in der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts häu­fig auf den Er­halt her­ge­brach­ter Volks­fes­te und Kir­mes­sen re­du­ziert.

Erst im Zu­sam­men­hang mit der na­tio­na­len Ei­ni­gung Deutsch­lands form­te sich in vie­len Schüt­zen­ver­ei­nen wie­der ei­ne stär­ke­re in­halt­li­che Aus­rich­tung, wo­bei an die Stel­le der christ­lich-re­li­giö­sen Ver­wur­ze­lung die pa­trio­ti­sche Ge­sin­nung trat. Nach­dem sich ein im Vor­feld der Re­vo­lu­ti­on von 1848 ins Le­ben ge­ru­fe­ner „All­ge­mei­ner Lan­des-Schüt­zen-Bund für Preu­ßen“ nicht hat­te eta­blie­ren kön­nen[29], grün­de­te sich 1861 in Go­tha der Deut­sche Schüt­zen­bund, des­sen ers­ter Eh­ren­vor­sit­zen­der, der Her­zog Ernst von Sach­sen-Co­burg-Go­tha[30] , an­läss­lich der Grün­dungs­ver­samm­lung am 11.7.1861 die Ver­band­zie­le wie folgt for­mu­lier­te:

 



Beispiel eines Holzvogels als Ziel für das Vogelschießen mit Reichsapfel und Zepter, Original im Museum für Thüringer Volkskunde, Foto: Andreas Praefcke. (Andreas Praefcke - CC BY 3.0)

 

 

„[...] Wir Schüt­zen ha­ben Ver­al­te­tes ver­schwin­den las­sen, um mit dem al­les be­we­gen­den Geist vor­wärts zu schrei­ten. Las­sen Sie uns ver­ges­sen, wo un­se­re Wie­gen stan­den, ob im Nor­den oder Sü­den, im Os­ten oder Wes­ten Deutsch­lands. Las­sen Sie uns ei­nen gro­ßen, ge­mein­sa­men deut­schen Schüt­zen­bund grün­den, ein­mal, um ge­mein­sa­me Nor­men zu fin­den für die grö­ße­ren und klei­ne­ren Schüt­zen­fes­te, [...] zum an­de­ren Ma­le, um die ganz gro­ße Schar der Schüt­zen des gro­ßen Bun­des der be­waff­ne­ten und gut ge­schul­ten Ju­gend als ei­ne Eh­ren­re­ser­ve der Ar­mee an die Sei­te zu stel­len.“[31] 

Auf­fäl­lig ist, dass der Her­zog da­mit die jahr­hun­der­te­al­te Tra­di­ti­on des Schüt­zen­we­sens gänz­lich un­er­wähnt ließ und statt­des­sen die Schüt­zen zur Avant­gar­de des na­tio­na­len Ei­ni­gungs­pro­zes­ses pro­kla­mier­te. Bür­ger­li­ches Fort­schritts­den­ken und die For­de­rung nach der na­tio­nal­staat­li­chen Ein­heit Deutsch­lands kom­men in sei­ner An­spra­che eben­so zum Aus­druck wie die An­leh­nung an den preu­ßi­schen Mi­li­ta­ris­mus, der bis heu­te in Hof­staa­ten mit Rit­tern, Kom­man­dan­ten, Ad­ju­tan­ten und Or­den, Mi­li­tär­ka­pel­len und Fah­nen­pa­ra­den sei­nen sicht­ba­ren Aus­druck fin­det.[32] 

Kurz nach der Reichs­grün­dung for­mier­te sich 1873 in Düs­sel­dorf auch der Rhei­ni­sche Schüt­zen­bund mit ähn­li­cher Aus­rich­tung wie der na­tio­na­le Dach­ver­band.[33] Die auf die­se Wei­se or­ga­ni­sier­ten Zu­sam­men­künf­te und Ver­gleichs­wett­kämp­fe führ­ten die Schüt­zen­ver­ei­ne aus ih­rem jahr­hun­der­te­lang auf ei­nen Ort oder ein Kirch­spiel be­schränk­ten Wir­kungs­kreis her­aus.

Ähn­lich wie die zeit­gleich ent­ste­hen­den zahl­rei­chen ka­me­rad­schaft­li­chen Krie­ger­ver­ei­ne leg­ten die Schüt­zen­ver­ei­ne wäh­rend des Kai­ser­reichs gro­ßen Wert auf Kai­ser- und Va­ter­land­streue. Viel­fach wur­den die ur­sprüng­lich im Früh­jahr oder zum Na­mens­tag des Schutz­pa­trons – so man sich auf ei­nen sol­chen über­haupt noch be­rief – statt­fin­den­den Fest­lich­kei­ten in Rich­tung der na­tio­na­len Fei­er­ta­ge wie dem Kai­ser­ge­burts­tag oder dem Se­dans­tag ver­scho­ben.[34] 

 



Schießscheibe zum Andenken an das erste deutsche Bundesschießen in Frankfurt am Main 1862 mit Betonung der Idee eines geeinten Deutschlands, Original im Besitz der Schützengesellschaft Kronach e.V.

 

 

Trotz die­ser nach au­ßen de­mons­trier­ten Va­ter­lands­lie­be fie­len vie­le Bür­ger- und Schüt­zen­ver­ei­ne nach dem Voll­zug der na­tio­nal­staat­li­chen Ein­heit und dem da­mit ver­bun­de­nen Weg­fall ei­ner we­sent­li­chen Ziel­set­zung in ein eher un­po­li­ti­sches Sta­di­um. Be­son­ders in klei­ne­ren Or­ten wur­den sie wie schon vor 1848 zu Fest- und Fei­er­ge­mein­schaf­ten, wo­bei nicht mehr der zwang­lo­se, volks­be­lus­ti­gen­de Cha­rak­ter im Vor­der­grund stand, son­dern zu­min­dest das Bild ei­ner an­stän­di­gen und sitt­sa­men bür­ger­li­chen Ver­gnü­gung.[35] 

Auf die­ser star­ken Grund­la­ge be­deu­te­te der Ers­te Welt­krieg kei­nen der­art tie­fen Ein­schnitt wie et­wa die fran­zö­si­sche Be­sat­zungs­zeit oder der Zwei­te Welt­krieg. Das ak­ti­ve Ver­eins­le­ben war zwar stark be­ein­träch­tigt und Schüt­zen­fes­te und sport­li­che Wett­kämp­fe fie­len auch über das Kriegs­en­de hin­aus aus. Erst in ei­nem müh­sa­men Pro­zess er­hiel­ten die Ver­ei­ne und Ver­bän­de wie­der die Er­laub­nis zum Sport­schie­ßen, muss­ten al­ler­dings mit Waf­fen vom En­de des 19. Jahr­hun­derts aus­kom­men, wenn sie über­haupt ei­ne ge­eig­ne­te Schie­ß­an­la­ge hat­ten.[36] Aber der Geist des Zu­sam­men­halts auf dem Fun­da­ment na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ver Ide­en führ­te das Schüt­zen­we­sen in den 1930er Jah­ren zu ei­ner neu­en Blü­te.

 



In der Schießhalle, Erinnernungen an das deutsche Schützenfest in Stuttgart 1875, Reproduktion, originaler Holzschnitt von Schweissinger aus dem Jahr 1882.

 

 

6. Das Schützenwesen im „Dritten Reich“

Ein für vie­le Schüt­zen­ver­ei­ne im­mer noch pre­kä­rer Zeit­ab­schnitt ist das „Drit­te Reich“. Viel­fach wur­de ver­sucht, un­ter Ver­weis auf die his­to­ri­schen christ­li­chen Wur­zeln und die weit­ge­hen­de Ein­stel­lung von Ver­eins­ak­ti­vi­tä­ten ab 1939 ei­ne ge­wis­se Re­gi­me­fer­ne zu sug­ge­rie­ren, vor al­lem auch, um Le­gi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me nach 1945 zu ver­mei­den. Tat­säch­lich wi­der­set­ze sich die 1928 ge­grün­de­te Erz­bru­der­schaft vom Hl. Se­bas­ti­an, die Vor­läu­fe­rin des heu­ti­gen Bun­des der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten[37], zu­nächst den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­ein­nah­mungs­ver­su­chen. Sie knüpf­te auf In­itia­ti­ve des Theo­lo­gen Pe­ter Louis be­wusst an die mit­tel­al­ter­li­chen und früh­neu­zeit­li­chen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten an und führ­te die Be­grif­fe „Glau­be, Sit­te, Hei­ma­t“ in das Mi­lieu­vo­ka­bu­lar ein und trat da­mit durch­aus auch in ei­ne Kon­kur­renz­si­tua­ti­on zum rein welt­li­chen und in­fol­ge der Ent­po­li­ti­sie­rung auf das Schieß­sport­li­che kon­zen­trier­ten Deut­schen be­zie­hungs­wei­se Rhei­ni­schen Schüt­zen­bund.[38] Al­ler­dings blie­ben vie­le Schüt­zen „im Her­zen Mon­ar­chis­ten“[39]; es ver­wun­dert da­her nicht, wenn sie – trotz ei­ner star­ken Ein­bin­dung in das ka­tho­li­sche Mi­lieu – zu den­je­ni­gen Kräf­ten ge­hör­ten, die durch ei­ne Art „pas­si­ven Wi­der­stan­d“ am Schei­tern der Wei­ma­rer Re­pu­blik we­sent­li­chen An­teil hat­ten und sich in den neu­en Ver­hält­nis­sen nach 1933 recht bald zu­recht­fan­den. Des­halb wird man ei­ne Re­de von Pe­ter Louis aus dem Jahr 1934 wohl teils dem Wil­len zur als not­wen­dig be­trach­te­ten An­pas­sung an die Zeit­um­stän­de, teils aber auch tat­säch­li­cher Über­zeu­gung zu­schrei­ben kön­nen. Als ge­mein­sa­me Zie­le von Erz­bru­der­schaft und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus iden­ti­fi­zier­te Louis „die Über­win­dung des Bol­sche­wis­mus, […] Ab­wehr der li­be­ra­len Ide­en, […] Auf­rich­tung der Volks­ge­mein­schaft und des Füh­rer­prin­zips, […] die stän­di­sche Ord­nung.“[40]

 



Umzug anlässlich des Schützenfestes in der Altstadt von Dorsten, 1938.

 

 

Schon 1928 hat­te der Vor­sit­zen­de des Deut­schen Schüt­zen­bun­des Jo­hann Pe­ter Lo­renz (1866-1944) mit deut­li­chen An­klän­gen an deutsch­na­tio­na­le und völ­ki­sche Pa­ro­len er­klärt: „Un­se­re na­tio­na­le Schwä­che wur­de mir so recht zum Be­wu­ßt­sein ge­bracht; und nur die Hoff­nung auf bal­di­ge Be­frei­ung, die in je­dem deut­schen Her­zen brennt, gab mir Trost in un­se­rer ge­gen­wär­ti­gen La­ge.  […] Das Ide­al, dem wir zu­stre­ben, hei­ßt ‚Va­ter­land’, das al­le Par­tei­en um­fa­ßt und eint. Zur Na­ti­on wird un­ser Volk erst wer­den durch ein ge­mein­sa­mes Ide­al, an das je­der Volks­ge­nos­se glaubt und sich durch die Tat be­kennt.“[41] 

Spä­tes­tens 1934 wa­ren so­wohl die Schüt­zen­ver­ei­ne wie auch die Dach­ver­bän­de mit dem „Füh­rer­ruf an die Schüt­zen zur neu­en Zeit“[42]  gleich­ge­schal­tet wor­den. Im März 1936 wur­de die Erz­bru­der­schaft auf­ge­löst. Un­zäh­li­ge Fo­tos und Do­ku­men­te be­le­gen, dass Schüt­zen­fes­te im Lich­te na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Pro­pa­gan­da ge­fei­ert wur­den und zu­min­dest für die Funk­ti­ons­trä­ger ei­ne re­gime­kri­ti­sche Hal­tung un­denk­bar war. Al­ler­dings be­stand kei­nes­wegs die Ab­sicht, das Schüt­zen­we­sen ins­ge­samt zu ver­bie­ten; im Ge­gen­teil er­kann­te man das ih­nen in­ne­woh­nen­de Wehr­po­ten­ti­al[43] , al­lei­ne die kirch­li­chen An­klän­ge wur­den als stö­rend emp­fun­den. Ralph Trost zi­tiert ei­nen Ge­sta­po­be­richt aus dem Jahr 1936: „[…] Es wä­re im In­ter­es­se der Hei­mat­be­we­gung zu be­dau­ern, wenn das al­te Brauch­tum und die al­ten Volks­fes­te, die im Rhein­land tief ver­wur­zelt sind, im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land le­dig­lich we­gen ih­res kirch­li­chen Na­mens aus­ge­merzt wer­den sol­len. Die Schüt­zen­ver­ei­ne und die al­ten Volks­fes­te bil­den ei­nen we­sent­li­chen Be­stand­teil der al­ten rhei­ni­schen Hei­mat­kul­tur, die ge­ra­de in der Ge­gen­wart nur die grö­ßt­mög­li­che För­de­rung ver­dien­ten.“[44] 

Trotz­dem er­gin­gen in der Fol­ge meh­re­re Er­las­se, die die Selb­stän­dig­keit und In­di­vi­dua­li­tät der ein­zel­nen Schüt­zen­tra­di­tio­nen er­heb­lich ein­schrän­ken soll­ten. So ziel­te der Deut­sche Schüt­zen­bund in ei­nem Rund­schrei­bend des Jah­res 1938 auf die Ein­füh­rung von Ein­heits­uni­for­men und den Ver­zicht mi­li­tä­ri­scher Rang­ab­zei­chen, da man ver­mei­den woll­te, Wehr­machts- und SS-Ab­zei­chen un­be­ab­sich­tigt zu per­si­flie­ren.[45] Zu ei­ner letzt­li­chen Um­set­zung die­ser Plä­ne kam es je­doch nicht mehr, da mit Be­ginn des Zwei­ten Welt­kriegs die Ver­eins­ak­ti­vi­tä­ten ganz über­wie­gend ein­ge­stellt und vie­le Mit­glie­der der Schüt­zen­ver­ei­ne zum Wehr­dienst ein­be­ru­fen wur­den, von de­nen et­li­che ihr Le­ben las­sen muss­ten.

7. Rheinische Schützengesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Wie­der­be­ginn des Schüt­zen­we­sens nach 1945 war da­her viel schwie­ri­ger als nach den vor­an­ge­gan­ge­nen Ein­schnit­ten. Au­ßer­dem wie­der­hol­te sich die aus der fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­zeit und der Zeit nach dem Ers­ten Welt­krieg be­kann­te Si­tua­ti­on des Ver­bots und Vor­be­halts sei­tens der Al­li­ier­ten. In glei­chem Ma­ße war aber das Brauch­tum le­ben­dig und, ver­mut­lich un­gleich stär­ker als zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts und nach 1918, vor al­lem auch der Wil­le und die Not­wen­dig­keit in der Be­völ­ke­rung, durch die Rück­kehr zu ge­wohn­ten Fest­lich­kei­ten ein Stück Nor­ma­li­tät zu­rück zu ge­win­nen.

Die sich zu­nächst im pri­va­ten Kreis wie­der zu­sam­men fin­den­den Schüt­zen or­ga­ni­sier­ten da­her in den ers­ten Jah­ren nach 1945 in­ter­ne Fei­ern, zu­wei­len auch öf­fent­li­che Um­zü­ge im Zi­vil­an­zug und oh­ne Ka­pel­len. For­mal kehr­ten vie­le vor 1939 in sä­ku­la­rer Form be­ste­hen­de Ver­ei­ne zur äu­ße­ren Form der Bru­der­schaft zu­rück, in­dem sie an teil­wei­se be­ste­hen­de äl­te­re Tra­di­tio­nen an­knüpf­ten und sich da­mit das Ge­sicht ei­ner kirch­li­chen Ver­ei­ni­gung ga­ben, ge­gen die sei­tens der Be­sat­zungs­mäch­te kei­ne Vor­be­hal­te be­stan­den.[46]Erst nach Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik kehr­te dann ein Teil der Ver­ei­ne wie­der zur sä­ku­la­ren Form zu­rück, wäh­rend an­de­re die Bru­der­schafts­form bis heu­te be­wah­ren.

Bei den ers­ten Schüt­zen­fes­ten nach dem Zwei­ten Welt­krieg muss­te wie schon nach 1918 häu­fig auf his­to­ri­sche Waf­fen wie Arm­brüs­te oder un­ge­fähr­li­che Waf­fen wie Luft­ge­weh­re zu­rück­ge­grif­fen wer­den. Bei Um­zü­gen wur­den statt Ge­weh­ren und De­gen Holz­ge­weh­re oder so­gar Blu­men ge­tra­gen. Den­noch er­hol­te sich das Schüt­zen­we­sen recht schnell und er­freu­te sich mit sei­nen Schüt­zen- und Volks­fes­ten bis in die 1980er Jah­re gro­ßer Be­liebt­heit in der Be­völ­ke­rung. Seit­dem kann ein stär­ke­rer Mit­glie­der­schwund be­ob­ach­tet wer­den, der von bei­den heu­te noch be­ste­hen­den Dach­ver­bän­den im Rhein­land mit dem Ver­such, his­to­risch ge­wach­se­ne und tra­di­tio­nel­le Wer­te wie­der stär­ker in den Mit­tel­punkt zu stel­len, be­ant­wor­tet wird.

So be­tont der Bund der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten sei­nen Cha­rak­ter als kirch­li­che Ver­ei­ni­gung, wäh­rend der Rhei­ni­sche Schüt­zen­bund zum Bei­spiel mit dem 2009 ein­ge­führ­ten Pro­tek­to­rat des Fürs­ten Carl zu Wied an ei­ne Ein­rich­tung aus sei­ner Ent­ste­hungs­zeit an­knüpft und sich über­dies in ei­nem Brauch­tums­aus­schuss stär­ker mit dem Vo­gel­schie­ßen be­schäf­tigt[47], das da­mit auch in der Ge­gen­wart sei­ne in al­len Epo­chen zen­tra­le Be­deu­tung zu be­hal­ten scheint.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Bock, Martin, Das rheinische Schützenwesen. Ursprünge, Traditionen und Entwicklungslinien, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-rheinische-schuetzenwesen.-urspruenge-traditionen-und-entwicklungslinien/DE-2086/lido/5ca49fdc63ad57.90122432 (abgerufen am 19.10.2025)

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Sekundärliteratur

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Kultur und Traditionen

Feiertage und andere Gedenktage

Inhaltsverzeichnis

1. Geschichte des Valentinstags. Als todgeweihte Märtyrer und stolze Ritter die Liebe entdeckten

1. Geschichte des Valentinstags. Als todgeweihte Märtyrer und stolze Ritter die Liebe entdeckten

Eine mittelalterliche Buchmalerei zeigt zwei einander zugeneigte Menschen unter einem Baum

Im ritterlichen Mittelalter wird – neben der Gottesliebe – auch die erotische Liebe zum Ideal. In dieser Zeit verknüpft der englische Dichter Geoffrey Chaucer das sehnsüchtige Werben der Verliebten mit dem Gedenken an den Heiligen Valentin (mittelalterliche Buchmalerei aus dem Codex Menasse, um 1320)© Universitätsbibliothek Heidelberg

 

Der 14. Februar steht für ein Fest der Liebe – aber auch für überbordenden modernen Kommerz. Dabei gehen die Wurzeln des Valentinstags weit zurück – in eine Zeit der Märtyrer und mittelalterlichen Poeten

Ein Mann träumt. In seinem Traum betritt er einen Garten, dessen Tor schon mit seiner Inschrift die allerhöchsten Erwartungen weckt: "Durch mich geht man zum Orte voller Wonnen". Dahinter grünende und blühende Pflanzen, singende Vögel. Und unter einem Baum: Amor, der Gott der Liebe, höchstpersönlich. Er schmiedet Pfeil um Pfeil, um sie später in entflammte Herzen zu schießen.

Überhaupt die Vögel: Überall finden sich vor den Augen des staunenden Mannes nun gefiederte Paare zusammen, schließen sich in die Flügel, ranken die Hälse umeinander, singen zu Ehren eines Heiligen: "Sankt Valentin, du bist der Hochgestellte, für Dich die Vögel dieses Lied beginnen."

Geoffrey Chaucer, der diesen merkwürdigen Traum um 1380 in Versen niedergeschrieben hat, war vieles in seinem Leben: Soldat und Diener, Höfling, Diplomat und Beamter. Aber seine Leidenschaft war das Dichten, damit wurde er einer der bedeutendsten Schriftsteller Englands. Ganz speziell an Chaucer ist allerdings noch etwas anderes: Mit seinem traumhaft-paradiesisch anmutenden Gedicht "Parlament der Vögel" gilt er als Urvater des Valentinstags. Denn er war vermutlich der Erste, der jene betörende Mischung von Zutaten zusammenrührte: Frühling, Verheißung, Wonne, Liebe, Harmonie – und den Namen eines Heiligen.

Die Ursprünge des Valentinstags liegen im ersten Jahrtausend

Die Geschichte des Valentinstages beginnt eigentlich sogar noch viel früher und vor allem nebulös. Gläubige erzählen sich in der Spätantike gleich mehrere Geschichten über christliche Märtyrer namens Valentin. Einmal ist es ein Bischof aus Mittelitalien, der um 270 n. Chr. gegen die Order des noch nicht christianisierten römischen Kaisers junge Paare traut, um den Männern so den Kriegsdienst zu ersparen – und dieses Verhalten mit seinem Leben bezahlt. 

Alte Darstellung des bärtigen Kopfes des Heiligen Valentin

Ein Geistlicher namens Valentin (oben) stirbt um 270 n. Chr. im Römischen Reich den Märtyrertod, hingerichtet, weil er vermutlich heimlich Paare traute. Später wird er heilig gesprochen und erhält einen Gedenktag: den 14. Februar© Svabo / Alamy Stock Photo

Ein andermal geht es um einen Geistlichen in Rom, der – wegen seines Glaubens eingekerkert – in der Haft die Tochter des Gefängniswärters von Blindheit heilt und ihr einen Brief mit der Notiz "von Deinem Valentin" zusteckt.

Menschliche Zuneigung ist bei beiden Geschichten im Spiel sowie die Bereitschaft für den Glauben zu leiden und zu sterben. Wegen Letzterem spricht ein Papst etwa 200 Jahre später einen dieser Valentine – welchen genau, ist heute nicht mehr zu klären – heilig und widmet ihm, wie dabei üblich, einen Gedenktag: den 14. Februar. Einer Theorie zufolge ersetzt der Papst damit ein ihm verhasstes, etwas anzügliches heidnisches Fruchtbarkeitsfest, bei dem sich Paare per Los zusammenfinden.

Mit den Rittern kam das Schmachten

Jahrhunderte vergehen, das Mittelalter kommt, an den europäischen Höfen verbreitetet sich die Kultur der Ritter, zu der Tugenden wie Tapferkeit, Disziplin und Freigebigkeit gehören, aber auch ein neues Ideal des Begehrens. Nicht mehr nur die religiöse Nächstenliebe oder die Gottesliebe gilt nun als erstrebenswert, sondern auch weltliche und erotische Zuneigung. Minnesänger schmachten in ihren Versen, inszenieren wortreich ihr Liebeswerben um eine Angebetete.

Englische Valentinspostkarte von 1912, verziert mit Engeln und Herzen

Besonders in England wird der Valentinsbrauch in der Neuzeit extrem populär. Ab dem 19. Jahrhundert drucken Verleger üppig gestaltetet Postkarten (hier ein Exemplar von 1912), mit denen sich romantische Grüße besonders leicht versenden lassen© Quagga Media UG / akg-images

An dieses neue Bild des Amourösen knüpft im 14. Jahrhundert wohl auch der Engländer Chaucer mit seinem Vogelgedicht an. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine Allegorie; die turtelnden Vögel stehen für das Anbandeln von Menschen, möglicherweise sogar ganz konkret: Chaucer bezieht sich, so vermutet man, verklausuliert auf die damalige Hochzeit des englischen Königs Richard II. mit der Adeligen Anna von Böhmen.

So oder so: Die Brücke zwischen dem Gedenktag an einen spätantiken Märtyrer und der romantischen Liebe hat Chaucer damit geschlagen.

Bald schon wird es in höfischen Kreisen zwischen Männern und Frauen üblich, sich am 14. Februar poetische Zeilen zu widmen; manchmal verbinden sich auch ledige Partner an diesem Tag zu einer einjährigen Beziehung, die freundschaftlich und keusch die Chance auf eine spätere Hochzeit ausloten soll.

Das Geheimnis erfüllter Beziehungen: Welche Gespräche Paare führen sollten

Liebesgrüße zum Valentinstag wie vom Fließband

Immer beliebter wird der Valentinsbrauch vor allem in England, sickert allmählich von der Aristokratie in die bürgerlichen Kreise. Wem es schwerfällt eigene Worte der Anbetung zu ersinnen, kann um 1800 im "Young Man’s Valentine Writer" eines findigen Verlegers Vorschläge für die passenden Sprüche finden. Und die maschinelle Serienproduktion, die die Industrialisierung mit sich bringt, macht auch vor den Liebesbotschaften nicht halt: Gedruckte Valentinskarten erreichen jetzt die Adressaten. Weniger persönlich, dafür – auch weil der Postversand günstiger wird – in immer gewaltigerer Zahl. 

Ein Reigen von wiederkehrenden Symbolen ziert die Pappkärtchen: Herzen, als Sitz der Gefühle, Amor und Vögel, wie einst bei Chaucer. Auch für den Austausch von kleinen Aufmerksamkeiten hält die Industrie mittlerweile einiges bereit. Der Schokoladenhersteller Cadbury etwa bietet um 1870 eigens gestaltete Konfektschachteln für die Liebesbotschaften an.

Amerikanische und britische Besatzungssoldaten tanzen mit Frauen im Sommer 1945 in Berlin

Nach Deutschland kommt der Tag der Liebe durch die Besatzungssoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg – hier ein Tanzvergnügen in Berlin im Sommer 1945. Vor allem amerikanische GIs kennen die Tradition von zuhause© United_Archives / TopFoto / picture-alliance

Der Weg des Rituals nimmt nun eine Schleife. Wandert mit Reisenden und Migranten von Großbritannien in die USA, bekommt dort noch einen weiteren Schub, wird zum ersten hochkommerzialisierten Festtag. Auch erweitert sich der Kreis der Bedachten: gute Freunde, sogar Verwandte erhalten Geschenke.    

Mit den GIs der US-amerikanischen Besatzungstruppen erreicht der Valentinstag erst spät Deutschland. Im Jahr 1950 veranstalten Einheimische in Nürnberg den ersten "Valentinsball". Und es ist nicht nur das Bedürfnis nach Romantik, das im trümmervollen Nachkriegsdeutschland verfängt, sondern auch die Aussicht auf Profit.  

Ein Mann zieht im Jahr 1951 Blumen an einem Automaten

Blumen werden zum liebsten Valentinsgeschenk der Deutschen. Auch weil die Händler in Zeiten des Wirtschaftswunders ihre blühende Ware geschickt vermarkten, etwa mit Automaten wie diesem von 1951© akg-images

Gerade rechtzeitig zum Beginn des Wirtschaftswunders bewerben Blumenhändler und Pralinenfabrikanten ihre Waren mit Nachdruck als das perfekte Valentinsgeschenk. Der Versand "Fleurop" verzeichnet in dieser Zeit hohe zweistellige Wachstumsraten – und trägt dazu bei, dass in Deutschland gerade Sträuße zu den beliebtesten Liebesgaben zählen. Hunderte Tonnen von Blumen werden auch heute noch zum Valentinstag importiert.    

Es ist wie das moderne Echo jenes blühenden Gartens, den einst der Besucher betrat, im mittelalterlichen Traumgedicht von Geoffrey Chaucer.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Berg, Jens-Rainer: Geschichte des Valentinstags. Als todgeweihte Märtyrer und stolze Ritter die Liebe entdeckten, in: geo.de, online verfügbar seit 13.02.2026 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/geschichte-des-valentinstags--von-rittern-und-maertyrern-34455458.html, zuletzt geprüft am 15.02.2026. 

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Sekundärliteratur

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Kultur und Traditionen

Karneval, Fasnacht, Fasching etc.

Inhaltsverzeichnis

  1. Warum wir Weiberfastnacht feiern
  2. Die Verteidigung des rheinischen Karnevals und die politische Festkultur im Vormärz

1. Warum wir Weiberfastnacht feiern

Verkleidete Frauen während des Weiberfastnachtumzuges in Bonn-Beuel
In den 1960er-Jahren ziehen verkleidete Frauen zur Weiberfastnacht durch Beuel. Die moderne Form des Brauchtums vor der Fastenzeit beruht auf einem Streik aus jenem Bonner-Stadtbezirk, bei dem im 19. Jahrhundert Wäscherinnen ihre Arbeit niederlegten© Unbekannt/Archiv des Alltags im Rheinland/065_089/LVR

Am Donnerstag vor Aschermittwoch feiern Frauen deutschlandweit Weiberfastnacht. Der Brauch, der die Geschlechterrollen auf den Kopf stellt, hat eine lange Tradition 

Für manch einen Mann ist es der schlimmste Tag des Jahres: Am Donnerstag vor Aschermittwoch stürmen Frauen überall die Rathäuser der Republik – denn an "Altweiber" haben die Frauen das Sagen. 

Mit symbolischen Gesten der Machtübernahme der Frauen startet jedes Jahr der Straßenkarneval in Deutschland. Doch woher kommt dieser Brauch eigentlich?

Ein Gelage unter Weibern

Schon ein Mythos aus der Antike erzählt von einem Fest, bei dem Greisinnen – also betagte Frauen – Fruchtbarkeits- und Wetterzauber zum Jahresbeginn verübten. Für solche Feierlichkeiten gibt es jedoch keine Beweise. Erst für das Mittelalter existieren Zeugnisse, die über den Ursprung des Brauchtums von Weiberfastnacht berichten. 

Dokumente aus dem 14. Jahrhundert beschreiben eine frühe Form dieses Rituals: Am Donnerstag vor Aschermittwoch luden einige Städte im Heiligen Römischen Reich Witwen, Ehefrauen und ihre unverheirateten Töchter zu einem Festmahl ein, die Männer waren ausgeschlossen. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Festessen ein wüstes Gelage unter Frauen, bei dem die feiernden Weiber über die abwesenden Männer richteten. Später schwappte diese städtische Sitte auch auf die Bevölkerung auf dem Land über.

Wenn sogar die frommen Nonnen feiern

Der Begriff ist eine Kombination aus dem Althochdeutschen "fasta" (Fastenzeit) und "naht" (Vorabend). Ursprünglich meinte "Fastnacht" also den Abend direkt vor Beginn der Fastenzeit. Im späteren Mittelalter war dieser Brauch eng mit dem christlichen Kirchenjahr verwoben: Der Ritus markiert das letzte ausgelassene Feiern, bevor 40 Tage der Besinnung und des Verzichts beginnen. Sogar Nonnen zelebrierten dieses Ritual damals schon ausgelassen. 

Das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn kann auf Quellen zum Kloster St. Mauritius in Köln zurückgreifen, in dem Benediktinerinnen in den Nächten vor dem Fasten feierten: "Wir haben die Fastnacht in aller Lust passiert, und seindt alle Geistliche verkleidet gewesen und uns recht lustig gemacht, dann in Tag haben wir gedanzt und sprungen, des Nachts, wenn die Frau Äbtissin schlafen ist gewesen, dann haben wir Thee, Kaffe und Chocolade getrunken und mit der Kart gespielt und auf dem Damenbrett gespielt", zitiert das LVR-Institut aus einer Schrift. 

Derartige Sitten, bei denen Frauen vor dem Fasten noch einmal richtig über die Stränge schlugen, Regeln der Männer brachen oder "verkehrte Welt" spielten, verbreiteten sich Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem im Rheinland und in der Eifel: Chronisten beschreiben, wie 1810 auf dem Alten Markt ein "wildes Treiben" herrschte, bei dem die Händlerinnen den Männern ihre Hüte vom Kopf rissen. Damals war der Karneval noch ein chaotischer, ungeregelter Brauch, der überall anders gefeiert wurde.

In der Eifel erhielten Frauen an Weiberfastnacht ein besonderes Recht: In Gruppen war es ihnen erlaubt, in den Wald zu gehen und dort einen Baum zu fällen, der so dick war, wie die weiteste Taille der korpulentesten Eifelerinnen, so das Baumstammrecht. Danach verkauften die Frauen das Holz, und von dem Geld machten sie sich einen schönen Abend. 

Schon immer ging es bei diesem Brauch auch darum, die von Männern geschaffene Weltordnung zu hinterfragen. 

Geburtsstunde der Weiberfastnacht 

1823 wurde der anarchische Karneval schließlich strukturiert: Damals gründeten einige Kölner ein "Festordnendes Komitee". Seitdem gibt es Uniformen, Karnevalsorden und die Narrenkappe sowie Straßenumzüge. Nur ein Jahr später fuhren Männer der Wäscherfamilien aus dem Bonner Stadtteil Beuel am Donnerstag vor Aschermittwoch die saubere Wäsche in Köln aus. Anschließend blieben sie bei den Karnevalisten und feierten mit. 

Doch das gefiel den Frauen zu Hause in Beuel gar nicht. Die Wäscherinnen arbeiteten täglich unter härtesten Bedingungen: Bei jedem Wetter standen sie teilweise bis zu den Knien im Rhein, denn nur im fließenden Gewässer wurde die Wäsche sauber. Als die Männer an jenem Donnerstag nicht zurückkehrten, legten auch sie ihre Arbeit nieder. Die Beuelerinnen setzten sich zusammen, tranken Gerstenkaffee und tratschten über die Verstöße ihrer Männer: Sie berichteten einander über Ehebrüche, Alkoholexzesse und andere Eskapaden ihrer Partner. Schließlich gründeten sie ein Damenkomitee, das gegen die Ausbeutung und Drangsalierung von Frauen durch ihre Männer vorgehen sollte. Damit wollten sie alle Herren, "denen es an dem nötigen Verständnis für die den Frauen zumutbare Arbeitsleistung fehlte, zur Besinnung zu bringen", so das LVR-Institut. 

Das Damenkomitee ahndete fortan jegliche Verstöße, Beleidigungen, Handgreiflichkeiten oder sonstige Fehltritte der Männer am Donnerstag vor Aschermittwoch mit Fastnachtspielchen. Dieser Brauch breitete sich rasant auch jenseits von Bonn-Beuel aus und entwickelte sich im Laufe der Zeit weiter: Mancherorts schnitten die Frauen ihren Männern die Schlipse ab, anderswo stürmten sie das Rathaus.

Ob Wieverfastelovend, Fettdonnerstag, Altweiber oder Weiberfastnacht: Bis heute feiern Menschen überall in Deutschland den Donnerstag vor Aschermittwoch als einen Tag der Frauen. Um 11.11 Uhr übernehmen sie das Zepter in den deutschen Rathäusern, und der Straßenkarneval beginnt.

 

2. Die Verteidigung des rheinischen Karnevals und die politische Festkultur im Vormärz

1. Der Auftakt

Am 19.2.1822 fand im Gür­ze­ni­cher Ball­saal ein ful­mi­nan­ter Mas­ken­ball „zum Bes­ten der Ar­men“ statt. Das Fest wur­de von mehr als 3.000 Per­so­nen be­sucht und war ein sol­cher Er­folg, dass sich zahl­rei­che Gast­wir­te über ih­ren Ge­schäfts­aus­fall be­schwer­ten und es nicht wie­der­holt wur­de. Statt­des­sen wur­de ein Jahr spä­ter der ers­te Ro­sen­mon­tags­zug ver­an­stal­tet. Der öf­fent­li­che Mas­ken­zug hat­te kirch­li­che Ele­men­te, reichs­städ­ti­sche Sym­bo­le und ak­tu­el­le po­li­ti­sche An­spie­lun­gen zum In­halt. Die Thron­be­stei­gung des Köl­nisch-Was­ser­fa­bri­kan­ten Ema­nu­el Cio­li­na Za­no­li (1796-1832) als „Kö­nig Kar­ne­val“ stell­te nicht nur den Hö­he­punkt des Fest­tags, son­dern auch ei­nen all­ge­mein­ver­ständ­li­chen An­griff auf die be­ste­hen­de Herr­schafts­ord­nung dar, der im An­schluss der Fei­er­lich­kei­ten ver­bo­ten wur­de. Nur ein Jahr spä­ter war aus dem „Kö­ni­g“ der „Held Kar­ne­val“ und aus cir­ca 10.000 Zu­schau­ern ei­ne Mas­sen­an­samm­lung von 50.000 Kar­ne­vals­tou­ris­ten ge­wor­den. [1]



Eintrittskarte zu einem Maskenball in Köln, um 1820. (©Rheinisches Bildarchiv Köln/RBA 104 245)

 

Der ra­san­te Auf­stieg Kölns zum Ver­gnü­gungs­zen­trum der jun­gen preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz ging auf ein­falls­rei­che Wer­be­maß­nah­men der „All­ge­mei­nen Cöl­ni­schen Kar­ne­vals­ge­sell­schaf­t“ (KG), ei­ne auf­wen­di­ge Fest­ge­stal­tung und ei­ne be­gin­nen­de Kom­mer­zia­li­sie­rung des Brauchs zu­rück. Zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts mach­ten mehr und mehr Krä­mer, Kauf­leu­te und Han­dels­frau­en ein Ge­schäft aus der Fast­nachts­zeit, in­dem sie Kar­ne­vals­brief­pa­pier, Nar­ren­ta­bak und an­de­re Er­in­ne­rungs­stü­cke auf den Markt brach­ten. Da­bei stell­te die Nar­ren­kap­pe den grö­ß­ten Kas­sen­schla­ger dar. Sie dien­te ei­ner­seits als ob­li­ga­to­ri­sches Er­ken­nungs­zei­chen, das hei­ßt als Ein­tritts­kar­te für die Fest­ver­an­stal­tun­gen, und wur­de an­de­rer­seits zum sicht­ba­ren „Sym­bol für die Gleich­heit und Ein­tracht al­ler Nar­ren“[2] er­ho­ben. Mit die­ser Be­deu­tung er­in­ner­te das Tra­gen glei­cher Kap­pen an die Idea­le der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, die wäh­rend der Fran­zö­si­schen Zeit im Rhein­land ver­brei­tet wor­den wa­ren. Ob­wohl die Idee ei­ner glei­chen Staats­bür­ger­ge­sell­schaft kei­nes­wegs der so­zia­len Rea­li­tät ent­sprach, wur­de sie nach dem Über­gang von Frank­reich zu Preu­ßen als Fol­ge des Wie­ner Kon­gres­ses 1815 auf­recht­er­hal­ten. Da­bei wur­de das fran­zö­si­sche Ge­richts­we­sen als Ga­rant des ega­li­tä­ren Ge­sell­schafts­ide­als be­trach­tet und als so­ge­nann­tes „Rhei­ni­sches Rech­t“ ver­tei­digt. Auf der Ba­sis des na­po­leo­ni­schen Code Ci­vil si­cher­te es die Gleich­heit vor dem Ge­setz, die Un­ab­hän­gig­keit der Rich­ter und die bür­ger­lich-li­be­ra­len Ei­gen­tums­rech­te. In Ver­bin­dung mit dem Prin­zip der Öf­fent­lich­keit und der Be­tei­li­gung von Ge­schwo­re­nen stand es dem in Preu­ßen seit 1794 gül­ti­gen All­ge­mei­nen Land­recht, den tra­di­tio­nel­len Vor­rech­ten des Adels und den weit­rei­chen­den Ein­griffs­mög­lich­kei­ten des preu­ßi­schen Staa­tes ent­ge­gen. Spä­tes­tens seit den Karls­ba­der Be­schlüs­sen 1819 avan­cier­te das Rechts­we­sen da­her zu ei­ner Art Er­satz­ver­fas­sung – der Kar­ne­val zu ei­nem Er­satz­fo­rum po­li­ti­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on in­ner­halb aus­ge­spro­chen re­strik­ti­ver po­li­ti­scher Struk­tu­ren.[3] So be­schwer­te sich der Köl­ner Zen­sor Ge­org Karl Phil­ipp von Stru­en­see (1774-1833) 1829 über die Köl­ner Kar­ne­vals­zei­tung. Das Witz­blatt ent­hielt zahl­rei­che ernst­ge­mein­te An­spie­lun­gen – zu­letzt die For­de­rung nach ei­ner Ver­fas­sung – und war nach ob­jek­ti­ven Ge­sichts­punk­ten nicht zu zen­sie­ren.[4] Als Po­li­zei­prä­si­dent, des­sen un­be­lieb­te Stel­lung zum be­lieb­ten Kar­ne­vals­re­per­toire ge­hör­te, er­wirk­te er das Ver­bot der Zei­tung und ei­ne un­er­war­te­te Pro­test­ak­ti­on der Re­dak­teu­re. Kar­ne­vals­prä­si­dent Jo­hann Hein­rich von Witt­gen­stein (1797-1869) und das Kar­ne­vals­ko­mi­tee sag­ten den Ro­sen­mon­tags­zug ab, ver­teil­ten To­ten­zet­tel auf den Kar­ne­val und leg­ten Hans­wurst, ei­ne pro­mi­nen­te Fan­ta­sie­fi­gur, in Ket­ten.[5] Ne­ben sol­chen auf­se­hen­er­re­gen­den Ak­tio­nen lie­ßen sich po­li­ti­sche Im­pli­ka­tio­nen in Büt­ten­re­den, Lie­dern und Ge­dich­ten auf­spü­ren. Sie wur­den auf den Stra­ßen ge­sun­gen, in der über­re­gio­na­len Pres­se dis­ku­tiert und weck­ten das In­ter­es­se des preu­ßi­schen Staats­ober­haupts.[6] 

2. Die (Neu-)Erfindung

Am 22.11.1827 er­kun­dig­te sich Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. (Re­gent­schaft 1797-1840) per­sön­lich dar­über, „wel­che Be­hör­de in neue­rer Zeit die Er­laub­niß zu die­sen in Deutsch­land nicht üb­li­chen Volks­be­lus­ti­gun­gen ge­ge­ben ha­be?“[7] Die Ver­wal­tungs­be­hör­den an den Re­gie­rungs­prä­si­di­en in Aa­chen, Düs­sel­dorf, Ko­blenz, Köln und Trier be­müh­ten sich dar­auf­hin, die Kar­ne­vals­be­lus­ti­gun­gen aus mo­ra­li­scher Sicht als völ­lig un­be­denk­lich aus­zu­wei­sen. Ober­prä­si­dent Karl Frei­herr von In­gers­le­ben hat­te sich da­von per­sön­lich über­zeugt und die ers­te Ein­la­dung zum Köl­ner Mas­ken­fest 1824 so­wie die Eh­ren­mit­glied­schaft im Kar­ne­vals­ver­ein sei­nes Dienst­sit­zes in Ko­blenz 1828 be­reit­wil­lig an­ge­nom­men. Auch sein Stell­ver­tre­ter de­men­tier­te die so­zia­len Span­nun­gen, die in der Kar­ne­vals­zeit auf­ka­men und ein of­fe­nes Ge­heim­nis wa­ren.[8] Auf­merk­sa­me Zei­tungs­le­ser er­fuh­ren, dass die Re­gie­run­gen in Köln als „schla­fen­des Ver­wal­tungs­kol­le­gi­um“[9] dar­ge­stellt wur­den und auf ei­nem Mas­ken­ball in Ko­blenz „ein Pro­phet mas­kiert den preu­ßi­schen Be­am­ten ge­reim­te und sehr bei­ßen­de Pro­phe­zei­un­gen aus[theil­te].“[10] Die­sen An­ek­do­ten der aus­wär­ti­gen Pres­se konn­te ent­ge­gen ge­hal­ten wer­den, dass sa­ti­ri­sche Ver­ball­hor­nun­gen auch an­de­re Au­to­ri­tä­ten, zum Bei­spiel die Kir­che, den Pro­vin­zi­al­land­tag und den Stadt­rat so­wie die Kar­ne­va­lis­ten mit­un­ter selbst, be­tra­fen und „An­grif­fe ge­gen harm­lo­se Men­schen, ge­gen ehr­sa­me Fa­mi­li­en, ge­gen im öf­fent­li­chen Am­te ste­hen­de des all­ge­mei­nen Zu­trau­ens wür­di­ge Per­so­nen“[11] von den Ver­ant­wort­li­chen stets ver­ur­teilt wur­den.[12] Dar­über hin­aus wa­ren die In­itia­to­ren der frü­hen Kar­ne­vals­um­zü­ge von der prak­ti­schen Hil­fe des ört­li­chen Mi­li­tärs ab­hän­gig, in­dem sie auf Pfer­de- und Fuhr­wer­ke zu­rück­grif­fen und sich aus dem Fun­dus der fran­zö­si­schen Mi­li­tär­aus­rüs­tun­gen be­dien­ten. Ihr öf­fent­li­ches Auf­tre­ten konn­te da­her so­wohl als po­si­ti­ve Re­mi­nis­zenz an ver­gan­ge­ne Zei­ten oder aber als an­ti­fran­zö­si­sche Sa­ti­re in­ter­pre­tiert wer­den. [13]



Simon Meister, Der Kölner Rosenmontagszug des Jahres 1836. (©Rheinisches Bildarchiv Köln/RBA 008 054)

 

Die jähr­lich wech­seln­de Nar­ren­kap­pe brach­te die Mehr­di­men­sio­na­li­tät der kar­ne­va­lis­ti­schen Sym­bol­spra­che bei­spiels­wei­se da­durch zum Aus­druck, dass sie ent­we­der die Form ei­ner Ja­ko­bi­ner­müt­ze oder das Aus­se­hen ei­ner preu­ßi­schen Pi­ckel­hau­be an­nahm.[14] Die Ro­ten Fun­ken in Köln er­in­ner­ten an die reichs­städ­ti­schen Stadt­sol­da­ten, das hei­ßt an die eins­ti­ge Au­to­no­mie der Stadt, und ga­ben gleich­zei­tig „das Bild ei­ner un­dis­zi­pli­nier­ten nicht mu­ti­gen und nie nüch­ter­nen Trup­pe ab“[15], das mit dem preu­ßi­schen Mi­li­tär kon­tras­tier­te. Der In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum sol­cher Be­ob­ach­tun­gen war groß und lag im Au­ge des Be­trach­ters, wenn­gleich die „Car­ne­vals-Co­mité-Ge­sell­schaf­t“ laut Stru­en­see „et­wa noch nö­thi­ge In­ter­pre­ta­tio­nen […] im Pu­bli­kum übern[om­men]“[16] ha­be. In die­ser Deu­tungs­of­fen­heit lag die Chan­ce zur po­li­ti­schen Mei­nungs­äu­ße­rung be­grün­det, die im Vor­märz viel­fäl­tig er­grif­fen wur­de. Da­bei wur­den die Ver­tre­ter des preu­ßi­schen Staa­tes vor Ort – eben­so wie stets ih­re fran­zö­si­schen Vor­gän­ger – im ne­ga­ti­ven eben­so wie im po­si­ti­ven Sin­ne in den tra­di­tio­nel­len  Brauch in­te­griert und tru­gen mit um­fang­rei­chen Ver­wal­tungs­re­cher­chen zu des­sen Er­halt bei. [17] 

Not­wen­dig war die­se au­ßer­ge­wöhn­li­che Hil­fe da­durch, dass ei­ne Ka­bi­netts­or­der vom 20.3.1828 be­stimm­te, dass „Fast­nachts­mas­ke­ra­den nur in den grö­ße­ren Städ­ten, und auch in die­sen, nur dann er­laubt sein [soll­ten], wenn sie da­selbst von al­ters­her her­kömm­lich statt­ge­fun­den“[18] hat­ten. Je mehr sich das preu­ßi­sche In­nen­mi­nis­te­ri­um für die Fes­te am Rhein in­ter­es­sier­te, des­to tie­fer muss­te man in den Ak­ten gra­ben. Wo Be­weis­stü­cke in Form von Zei­tungs­be­rich­ten und Ge­set­zes­tex­ten fehl­ten, wur­den die Er­in­ne­run­gen hoch­be­tag­ter Ein­woh­ner oder – recht prag­ma­tisch – die Ar­men­rech­nun­gen der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te an­ge­führt. Da Ab­ga­ben auf öf­fent­li­che Lust­bar­kei­ten in al­len Städ­ten – wie im Üb­ri­gen auch in Tei­len der öst­li­chen Pro­vin­zen Preu­ßens  – gän­gig und ins­be­son­de­re in der Kar­ne­vals­zeit der Düs­sel­dor­fer Re­gie­rung zu­fol­ge „nicht un­be­deu­ten­d“[19] wa­ren, eig­ne­ten sie sich als Be­weis­stück.[20] In Aa­chen und in Köln be­tru­gen die­se „Ab­ga­ben von Con­cer­ten, Feu­er­wer­ken, Kunst­aus­stel­lun­gen, Ma­rio­net­ten, Seil­tän­zen, Wachs­fi­gu­ren-Ca­bi­net­ten und Pan­ora­mas […] von den ge­wöhn­li­chen Bäl­len – zehn Pro­zent der Brut­to-Ein­nah­men, von den Mas­quen-Bäl­len fünf und zwan­zig Pro­zent der Brut­to­ein­nah­men.“[21] Da die füh­ren­den Mit­glie­der der Köl­ner KG die­sem Gre­mi­um (und dem Stadt­rat) an­ge­hör­ten, war es ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass die Ver­gnü­gungs­steu­ern und ein Teil der Fest­ein­nah­men der not­dürf­ti­gen Be­völ­ke­rung zu­gu­te­kam.[22] Mit die­sen und an­de­ren Ar­gu­men­ten wur­den die Stadt­rä­te Franz Ja­cob von Her­wegh (1773–1848), Jo­seph Clas­sen (1761–1844), Jo­hann Phil­ipp Bier­mann (1767–1850), Ja­cob Her­mann Mo­li­na­ri (1768–1831), Ja­cob Jo­hann Ly­vers­berg (1761–1834) und Fried­rich Si­mons (1764–1834) am 15.4.1830 bei der Re­gie­rung vor­stel­lig. Vor al­lem die Bil­dung ei­nes „fest­ord­nen­den Co­mité­s“[23], das aus An­ge­hö­ri­gen der Ober­schicht ge­bil­det wur­de und sich für den Ab­lauf der Fei­er­lich­kei­ten ver­ant­wort­lich zeig­te, konn­te dem in Ber­lin vor­herr­schen­den Ein­druck ei­nes un­sitt­li­chen Brau­ches ent­ge­gen­wir­ken. Die dar­auf­hin aus­ge­ar­bei­te­te Fest­ord­nung kann da­her als (Neu-)Er­fin­dung ei­ner Tra­di­ti­on be­wer­tet wer­den, die seit Jahr­hun­der­ten be­stand, und den preu­ßi­schen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen an­ge­passt wur­de. Gleich­sam war die­se ge­wünsch­te Ord­nung nach Au­ßen mit ei­ner Struk­tu­rie­rung im In­nern ver­bun­den, die die Herr­schafts­ver­hält­nis­se im ge­schlos­se­nen Ver­eins­le­ben durch par­la­men­ta­ri­sche und pseu­do-mi­li­tä­ri­sche Prak­ti­ken ei­ner­seits imi­tier­te, kon­ter­ka­rier­te und zum Teil de­mo­kra­ti­sier­te.[24] An­de­rer­seits wi­der­spra­chen be­grenz­te Zu­gangs­mög­lich­kei­ten und die Ver­ga­be von Äm­tern, Ti­teln und Eh­ren­zei­chen dem da­hin­ter­ste­hen­den Gleich­heits­ge­dan­ken, so­dass die „po­li­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on im Kar­ne­val“ spä­tes­tens in den 1840er Jah­ren „zu ei­nem Syn­onym für die po­li­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on im Staa­t“[25] wur­de.[26]

Doch vor­erst blieb das Recht auf öf­fent­li­che Mas­ken­um­zü­ge der Dom­stadt vor­be­hal­ten, was die an­de­ren rhei­ni­schen Städ­te al­ler­dings nicht dar­in hin­der­te, Kar­ne­vals­ver­ei­ne zu grün­den, die das Köl­ner Re­gel­werk ad­ap­tier­ten und die Be­völ­ke­rung in­te­grier­ten. So wur­de aus der An­fahrt der Gäs­te zum städ­ti­schen Mas­ken­ball im Thea­ter von Ko­blenz 1830 ein öf­fent­li­ches Gro­ße­reig­nis, das ei­nem Um­zug na­he­kam und aus der Nar­ren­kap­pe 1834 ei­ne blau-weiß-ro­te Ja­ko­bi­ner­müt­ze, die zum end­gül­ti­gen Mas­ken­ver­bot am Ver­wal­tungs­sitz der Rhein­pro­vinz führ­te. Doch da­für scheint es zu spät ge­we­sen zu sein. Staats­mi­nis­ter Gus­tav von Brenn (1772-1838) hat­te be­reits „das un­ver­bürg­te Ge­rüch­t“ aus Köln ge­hört, dass in­fol­ge des Ver­bots „ei­ne An­zahl Co­blen­zer Ein­woh­ner im Naus­saui­schen Esel ge­mie­thet, und auf die­sen mit Trau­er­flor be­han­gen, nach Co­blenz ha­ben ein­zie­hen wol­len.“ Auch wuss­te er, dass „meh­re­re an­ge­se­he­ne Ein­woh­ner in Co­blenz und selbst Re­gie­rungs­be­am­te zum Car­ne­vals Co­mité ge­hör[t]en, letz­te­re aber ih­re Er­klä­rung da­für ge­hal­ten [hät­ten], daß für den Fall ei­ne Lis­te sämmt­li­cher Mit­glie­der ein­ge­reicht wer­den soll­te, man ih­re Na­men weg­las­sen möch­te, was ih­nen auch zu­ge­stan­den wor­den sey.“ [27] 

Die­se Be­haup­tung kam nicht von un­ge­fähr, denn kur­ze Zeit spä­ter wur­den elf an­ge­se­he­ne Her­ren vor das Ko­blen­zer Frie­dens­ge­richt ge­la­den. Ih­re An­zahl hat­te Sym­bol­cha­rak­ter, denn sie soll­ten dort „auf Eh­re und Ge­wis­sen“ Aus­sa­gen über die his­to­ri­sche Her­kunft des städ­ti­schen Kar­ne­vals tref­fen und das frag­li­che Ge­wohn­heits­recht nach­wei­sen. In­iti­iert wur­de das Gan­ze von der sechs­köp­fi­gen Kar­ne­vals­di­rek­ti­on, die seit 1824 die Fast­nachts­fei­er­lich­kei­ten nach dem Vor­bild Kölns or­ga­ni­sier­te. Ihr ge­hör­ten zwei Kauf­män­ner und je­weils ein Gast­wirt, ein Gold­ar­bei­ter, ein Ad­vo­ka­t­an­walt und ein Stadt­rat – Satt­ler Con­rad Hass­la­cher (1801–1874), der Bru­der des an­ge­hen­den Aa­che­ner Land­rats Franz Karl Hass­la­cher (1805-1881) – an. Die Zeu­gen re­prä­sen­tier­ten die städ­ti­sche Ober­schicht und die lo­ka­le Be­am­ten­schaft. Es han­del­te sich um den ehe­ma­li­gen Mai­re und preu­ßi­schen Steu­er­di­rek­tor Jo­hann Do­mi­nic Gay­er (1771–1861), den Do­mä­nen­in­spek­tor Gos­win Linz (1774–1841), den Land­wehr­haupt­mann Trap­pet, den kur­trie­ri­schen Hof­rat und eins­ti­gen Steu­er­ein­neh­mer Marx Aloys Pott­gei­ßer (1762–1839), den ehe­ma­li­gen Ho­fin­ge­nieur und Bür­ger­meis­ter von Eh­ren­breit­stein Ja­kob von Kirn (1767–1850) und den Han­dels­ge­richts­prä­si­den­ten, Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten und Bei­ge­ord­ne­ten Ja­kob Reiff (1771–1848). Bä­cker Va­len­tin Ne­bel und die Kauf­leu­te Menn, Col­lig und Mül­ler ka­men hin­zu. Fünf von ih­nen hat­ten zeit ih­res Le­bens ein Stadt­rats­man­dat aus­ge­übt. Der Stadt­rat selbst hat­te be­reits ein schrift­li­ches Gut­ach­ten an das Ober­prä­si­di­um über­mit­telt und sich für den Er­halt des Kar­ne­vals ein­ge­setzt. Vor Ge­richt gab Ma­ler Con­rad Ha­cken­bruch (1773–1837) an, die Mas­ken­zü­ge des letz­ten Trie­rer Kur­fürs­ten „selbst mit­ge­macht, bei­ge­wohnt und sehr da­zu mit­ge­wirk­t“ zu ha­ben. Ein­hel­lig rie­fen sich die üb­ri­gen An­we­sen­den die­se Mas­ke­ra­den ins Ge­dächt­nis und er­klär­ten, dass sie die lan­ge Tra­di­ti­on der Kar­ne­vals­be­lus­ti­gun­gen ih­rer Hei­mat­stadt „je­der­zeit eid­lich zu be­stä­ti­gen be­reit sei­en.“ [28] 



Roter Funken, 1851/1875. (©Rheinisches Bildarchiv Köln/RBA C 101520)

 

Tat­säch­lich hat­te Kur­fürst Cle­mens Wen­zes­laus von Sach­sen (1739–1812) zu­letzt 1787 ver­ord­net, dass „ein öf­fent­li­cher Mas­quen­ball un­¬­ter ob­rig­keit­li­cher Auff­sicht ge­hal­ten“ wer­den durf­te, „um die Be­lus­ti­gun­gen und öf­fent­li­chen Zu­sam­men­künf­te wäh­rend der Car­ne­vals-Zeit (von 3 Kö­ni­gen Tag bis Ascher­mitt­woch) in den Schran­ken der Ehr­bar­keit zu er­hal­ten, auch vie­le Aer­ger­nis­se und Ru­he­stö­run­gen der Mit­bür­ger zu be­sei­ti­gen.“[29]  Dies konn­te ab­schlie­ßend auch Frie­dens­rich­ter An­selm Jo­seph Bur­ret (1770–1840) als An­ge­hö­ri­ger ei­ner kur­trie­ri­schen Be­am­ten­fa­mi­lie „aus ei­ge­nem Wis­sen“ be­stä­ti­gen und um die Be­ob­ach­tung er­gän­zen, dass  „der­glei­chen Volks­be­lus­ti­gun­gen wäh­rend der chur­trie­ri­schen Re­gie­rung gern ge­se­hen; und wäh­rend der fran­zö­si­schen Re­gie­rung von den Be­hör­den durch ge­äu­ßer­te Wün­sche aus Po­li­tik da­zu auf­ge­for­dert wur­de, um das Volk durch sein Le­ben in den frü­he­ren Freu­den mit der Neu­heit der Re­gie­rung aus­zu­söh­nen.“ Sein Ab­schluss­plä­doy­er glich ei­ner Hand­lungs­emp­feh­lung, die schlie­ß­lich be­folgt wur­de. [30]



Kurfürst Clemens Wenzeslaus nebst Gefolge beim Koblenzer Karneval 1904. Vier Reiter vor dem Kurfürstlichen Schloss. (StAK FA 4,21 Nr. 7 Bild 245)

 

3. Das Nachspiel

Die kö­nig­li­che Er­laub­nis für öf­fent­li­chen Mas­ke­ra­den in Ko­blenz er­folg­te am 19. Ja­nu­ar 1835 und wur­de in den dar­auf­fol­gen­den Jah­ren auf Düs­sel­dorf, Aa­chen, Trier, Bonn und die üb­ri­gen Städ­te und Dör­fer der Rhein­pro­vinz aus­ge­dehnt. Die Ver­tei­di­gung des rhei­ni­schen Kar­ne­vals war folg­lich mit dem Fort­be­stand des fran­zö­si­schen Jus­tiz­sys­tems und dem so­ge­nann­ten „Kampf um das Rhei­ni­sche Rech­t“ ver­bun­den. [31] 

Fort­an wa­ren sub­ti­le For­men po­li­ti­scher Mei­nungs­äu­ße­rung zu­min­dest ein­mal im Jahr mög­lich und die „Po­li­ti­sie­rung und Po­la­ri­sie­run­g“[32] des rhei­ni­schen Kar­ne­vals nicht mehr zu leug­nen. In Köln be­fand man sich be­reits 1837 in dem Di­lem­ma, be­rech­tig­te For­de­run­gen, den Kar­ne­val ab­zu­sa­gen, aus sym­bol­po­li­ti­schen Grün­den ab­zu­wei­sen.[33] Nach der In­haf­tie­rung des Köl­ner Erz­bi­schofs Cle­mens Au­gust von Dros­te zu Vi­sche­ring (1773–1845) am 20.11.1837 be­fürch­te­te man nicht nur kon­fes­sio­nel­le Span­nun­gen und öf­fent­li­che Aus­schrei­tun­gen, son­dern auch die auf­se­hen­er­re­gen­de Wir­kung sol­cher Kar­ne­vals­ver­bo­te. Die Köl­ner Re­gie­rung ach­te­te da­her pe­ni­bel auf die rei­bungs­lo­se Durch­füh­rung der Fei­er­lich­kei­ten, wo­hin­ge­gen der Aa­che­ner Stadt­rat die Thea­ter­räu­me für den all­jähr­li­chen Mas­ken­ball un­ter Ver­schluss hielt. Ob­wohl die of­fi­zi­el­le Kar­ne­vals­er­laub­nis des Kö­nigs noch aus­stand, hat­te der dor­ti­ge Re­gie­rungs­prä­si­dent Ja­cob Chris­toph von Cu­ny (1779–1848) der Flo­res­ei-Kar­ne­vals­ge­sell­schaft be­reits sei­ne per­sön­li­che Zu­stim­mung er­teilt. In der Kon­se­quenz muss­te sich der Rat – dem nach ei­ge­nen Aus­sa­gen vier Pro­tes­tan­ten und ei­ni­ge Mit­glie­der der Kar­ne­vals­ge­sell­schaft an­ge­hör­ten – of­fe­nen An­fein­dun­gen und dem wie­der­hol­ten Vor­wurf des man­geln­den Wohl­tä­tig­keits­sinns stel­len. Auch soll „von meh­rern Sei­ten die Un­ter­stel­lung ins Pu­bli­kum ver­brei­tet [wor­den sein], als ha­be die Ver­wei­ge­rungs­hal­tung […] mehr ih­ren Grund in den jetzt ob­wal­ten­den Erz­bi­schöf­li­chen Ver­hält­nis­sen als in der Sor­ge für die Er­hal­tung des Lo­cals.“[34] Da­ge­gen er­ho­ben 22 Rä­te in ei­ner schrift­li­chen Ein­ga­be bei der Re­gie­rung Ein­spruch und er­hiel­ten die nüch­ter­ne Ant­wort, dass „das Col­le­gi­um des Stadt­raths als Or­gan und Re­prä­sen­tant der Stadt ei­ne zu ho­he und wür­di­ge Stel­lung ein­nimmt, als daß das­sel­be durch An­spie­lun­gen und Wit­ze­lei­en in sei­ner Eh­re und in sei­nem An­se­hen ver­letzt wer­den kön­ne.“ [35]

Am En­de der 1830er Jah­re kün­dig­te sich das an, was den Kar­ne­val im Vor­feld der Re­vo­lu­ti­on 1848/49 präg­te: ein un­durch­sich­ti­ges Wech­sel­ver­hält­nis zwi­schen kar­ne­va­lis­ti­schen und po­li­ti­schen Aus­drucks- und Re­prä­sen­ta­ti­ons­for­men, das zen­tra­le Par­tei­bil­dungs­pro­zes­se und po­li­ti­sche For­de­run­gen – al­len vor­an je­ne nach der ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­an­ke­rung bür­ger­li­cher Gleich­heits­idea­le – vor­weg­nahm. Oder wie der Bon­ner Pro­fes­sor Gott­fried Kin­kel (1815–1882) in ei­ner sei­ner Büt­ten­re­den for­mu­lier­te: „Rufts mit lau­tem Schall! Bür­ger sind wir all!“ [36]

 

 

 

 

 

 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Wegmann, Rebecca: Warum wir Weiberfasnacht feiern, in: geo.de, online verfügbar seit 12.02.2026 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/wenn-frauen-die-macht-uebernehmen--der-ursprung-der-weiberfastnacht-37122734.html, zuletzt geprüft am 15.02.2026. 

-> Thielen, Katharina, Die Verteidigung des rheinischen Karnevals und die politische Festkultur im Vormärz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-verteidigung-des-rheinischen-karnevals-und-die-politische-festkultur-im-vormaerz/DE-2086/lido/62fcd36c3ee508.45432920 (abgerufen am 15.02.2026)


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Sekundärliteratur

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Kultur und Traditionen

Modegeschichte

Inhaltsverzeichnis

1. Die Jeans, eine Erfolgsgeschichte aus Genua

1. Die Jeans, eine Erfolgsgeschichte aus Genua
Sie gilt als US-Exportschlager. Doch schon lange, bevor Cowboys und Goldgräber im 19. Jahrhundert die Jeans für sich entdeckten, trugen ligurische Hafenarbeiter blaue Baumwollhosen. Merkt man eigentlich auch schon am Namen.

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Der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi mit seinen Truppen - und blauer Baumwollhose (Illustration von 1860) Foto: Granger / ullstein bild

Genua, Via Tommaso Reggio 20r: In einer schmalen Gasse im Herzen der Altstadt liegt das Diözseanmuseum. In unmittelbarer Nähe zur Kathedrale San Lorenzo lagern Kostbarkeiten aus der Stadt- und Kirchengeschichte Genuas. Im Obergeschoss des Gebäudes schlummert in gedämpftem Licht ein Schatz aus dem 16. Jahrhundert. Das Besondere: Das Prunkstück erstreckt sich über mehrere Meter und ist eng mit der Geschichte der Jeans verbunden.

Wenige Häuserblöcke entfernt schlendert Monica Bruzzone durch den Alten Hafen und setzt sich auf eine Bank. »Diese Stadt hat internationale Modegeschichte geschrieben, denn hier steht die Wiege der Jeans. Ihre Wurzeln liegen nicht, wie oft angenommen, in den Vereinigten Staaten, sondern im Herzen des alten Genuas«, sagt Bruzzone. Die promovierte Architektin weiß, wovon sie spricht. An der örtlichen Universität hat sie sich seit 2014 über Jahre in einem interdisziplinären Forschungsteam mit der Geschichte der legendären Hose beschäftigt.

Ein Blick in die Stadtgeschichte macht deutlich, wovon Bruzzone spricht. Nach ihrer Unabhängigkeit steigt die Republik Genua zu einer wichtigen See- und Handelsmacht im Mittelmeerraum auf. Ihr Reichtum verhilft der Stadt am Golf Liguriens bald zum Beinamen »La Superba«, zu Deutsch die Großartige. Ein wichtiger Faktor für den Erfolg sind Textilien. Genua ist nicht nur Umschlagplatz, sondern auch Produktionszentrum gefragter Stoffe.

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Der Alte Hafen von Genua (Aufnahme von 2023)Foto: Larisa Shpineva / Zoonar / IMAGO

Wegen steigender Wollpreise und des wachsenden Bedarfs an preisgünstigen Textilien setzen die Handwerker der Stadt im Mittelalter zunehmend auch auf Pflanzenfasern. Baumwolle aus Nordafrika und Süditalien findet ebenso ihren Weg in die Stadt wie Leinen. Die Genuesen experimentieren im Laufe der Zeit mit verschiedenen Mischverhältnissen der Fasern und schaffen so diverse Textilien. Eine Kreation erweist sich dabei als Verkaufsschlager: Es ist ein äußerst robuster und dennoch weicher Stoff, Fustagno genannt. Zunächst ein Mischgewebe, dessen Baumwollanteil im Laufe der Zeit immer weiter steigt und das zu einem Markenzeichen der Stadt wird.

Das Besondere: Das Gewebe wird mit Indigo sattblau gefärbt. Das Arbeiten mit dem Farbstoff hat in Genua Tradition – bereits seit dem zwölften Jahrhundert wird er dort eingesetzt. Zunächst ein kostspieliges Unterfangen, denn der aus Pflanzen gewonnene Stoff muss auf dem Landweg vor allem aus Asien nach Europa kommen.

Nachdem Vasco da Gama Ende des 15. Jahrhunderts den Seeweg nach Indien entdeckt hat, beschleunigt sich der Warentransfer zwischen den Kontinenten. Ein Impuls auch für das Textilgewerbe Genuas, das nun günstiger an Indigo und andere Waren gelangt. So kommt das Färben mit Indigo ab dem 16. Jahrhundert dort immer stärker in Mode. Der Fustagno eignet sich dafür besonders gut, denn die Farbpigmente binden hervorragend an seinen rauen Fasern. Ohne den Zusatz weiterer Komponenten entsteht eine intensive und lang anhaltende Blaufärbung des Gewebes.

Zurück im Museum des Erzbistums. Der angesprochene Schatz schimmert nicht in Gold, sondern in Blau. Es ist das Werk »Teli della Passione« von Teramo Piaggio und anderen Künstlern, ab 1538 entstanden. Auf 14 Gemälden stellt es den Leidensweg Christi dar. Das Besondere: Piaggio malt sein Werk damals mit weißer Farbe auf blaue Tücher genuesischer Weber. »Dieses indigoblaue Mischgewebe gilt als künstlerischer Vorläufer des Jeansstoffs und gibt uns bis heute einen realistischen Eindruck davon, welche Farbintensität und Qualität die Stoffe damals hatten«, so Bruzzone.

Der Stoff spielt bald in vielen Bereichen des städtischen Alltags eine wichtige Rolle. Hafenarbeiter und Seeleute schätzen das leichte und dennoch widerstandsfähige Material, das sich einfach und günstig reparieren lässt und durch seine blaue Farbe Schmutz gut kaschiert. Lange, bevor Cowboys in Jeans durch die nordamerikanische Wildnis reiten, trägt man in Genua bequeme Hosen aus blauem Baumwollstoff. Wie verbreitet diese frühe Jeansmode in der Geburtsstadt des Seefahrers Christoph Kolumbus damals ist, zeigen lokale Krippenfiguren aus dem 18. Jahrhundert. Ausstaffiert mit Hosen und Mänteln aus blauem Fustagno geben sie bis heute Einblick in das damalige Alltagsleben Genuas.

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Krippenfiguren aus dem 18. Jahrhundert im Jeansmantel Foto: SPIEGEL TV

Der blaue Baumwollstoff aus Genua wird zum Exportschlager. Zwar ist er qualitativ nicht so hochwertig wie vergleichbare Produkte aus Mailand oder Piacenza, spricht aber mit seinem geringeren Preis internationale Interessenten an. Im Hafen von London etwa wird er im großen Stil gehandelt. In den Registern der Schiffe, die dort aus Genua einlaufen, wird der Stoff mit dem Mittelalterlateinischen Namen seines Herkunftsortes gelistet: »Janua« ist dort zu lesen. »In der englischen Aussprache wird im Laufe der Zeit aus diesem Namen das Wort Jeans. Ab Mitte des sechzehnten Jahrhunderts dient dieser Begriff als Bezeichnung für den festen Baumwollstoff aus Genua. Unsere Stadt ist also nicht nur die Wiege der Jeans. Die Hose trägt den Namen Genuas bis heute in sich«, sagt Bruzzone.

Eine andere Theorie führt den Namen der Jeans auf die französische Bezeichnung der italienischen Stadt zurück: Aus »Gênes« soll so Jeans geworden sein. Beide Theorien eint, dass die ligurische Stadt demnach Namenspate für die Hosen wäre.

Über London gelangt der Jeansstoff auch nach Nordamerika. Auf der anderen Seite des Atlantiks sind robuste Baumwollstoffe aus Europa heiß begehrt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist es hier der deutsche Auswanderer Levi Strauss, der im Westen der USA die Geschichte der Jeans weiterschreibt. Gemeinsam mit dem Schneider Jacob Davis entwickelt er das moderne Design der Hosen und macht diese durch Nieten und Nähte noch robuster. Im Mai 1873 sichern sich die beiden ein Patent für ihre Idee und gelten seither als Schöpfer der modernen Jeans .

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Vermeintlicher Jeans-Erfinder Levi StraussFoto: Fotosearch / Getty Images

Doch auch in Italien wird im 19. Jahrhundert weiter an der Geschichte der Jeanshosen geschrieben. Der Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi unterstützt die Bestrebungen zur Gründung eines italienischen Nationalstaates. Eine wichtige Etappe auf dem Weg zu diesem Ziel ist der sogenannte Zug der Tausend. Im Mai 1860 bricht Garibaldi dazu mit einem Heer von Kämpfern von Genua aus nach Sizilien auf. Sein Ziel: die Herrschaft der Bourbonen über die Insel zu beenden.

Das Besondere: Garibaldi verlässt Norditalien in blauen Baumwollhosen – auch seine Männer tragen Klamotten aus Jeansstoff. Wer hätte gedacht, dass der italienische Nationalstaat in Blue Jeans erkämpft wurde? Die Expedition wird ein Erfolg und trägt zur Gründung eines eigenen italienischen Staates  im Jahr 1861 bei, auch wenn der anders als von Garibaldi erhofft zunächst ein Königreich wird.

Nach ihrem Museumsbesuch läuft Monica Bruzzone über die nahe gelegene Piazza de Ferrari, einen der beliebtesten Plätze der Stadt. Hier steht ein Denkmal Garibaldis. Seine Geschichte ist in Genua allgemein bekannt, im Gegensatz zur Historie der berühmten Hosen. »Die Geschichte der Jeans ist hier in Genua leider nicht weitverbreitet. Ich hoffe, dass unsere Forschung dazu beiträgt, das zu ändern. Die Genuesen können stolz auf ihren Beitrag zur Geschichte der Jeans blicken«, sagt Bruzzone.

 

 

 

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Behrendt, Hendrik: Die Jeans, eine Erfolgsgeschichte aus Genua, in: Spiegel Geschichte, online verfügbar seit 07.02.2026 unter: https://www.spiegel.de/geschichte/jeans-wie-die-blaue-baumwollhose-aus-genua-die-welt-eroberte-a-ac105d83-b4d4-4fa2-89c4-b68644f922a3, zuletzt geprüft am 12.04.2026.

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Sekundärliteratur

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Kultur und Traditionen

Mythen und Sagen

Inhaltsverzeichnis

  1. Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht.
  2. Nibelungensage. Ein Epos aus uralten Zeiten.
  3. Siegfried von Xanten. Hauptfigur der Nibelungensage
  4. Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer

1. Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht. 

Die Form, in der die Brüder Grimm diese Geschichte 1816 in ihre Sagensammlung aufgenommen haben, wurde ein Welterfolg, jeder kennt sie. Der Rattenfänger von Hameln wurde zur berühmtesten deutschen Sagengestalt mit globaler Ausstrahlung bis in die USA und nach China. Doch schon in der frühen Neuzeit machte die Geschichte vom »Bunting« die Runde, so wird der ominöse Pfeifer in einer Version des 16. Jahrhunderts genannt, der erst Mäuse und Ratten aus der Stadt führt mithilfe magischer Flötentöne und dann die Kinder auf Nimmerwiedersehen fortlockt, weil ihm der Stadtrat seinen Lohn verweigert. Für Hameln jedenfalls ist die Sage ein wirtschaftlicher Segen, denn die Legende lockt alljährlich Abertausende von Touristen aus aller Welt in die kleine Stadt an der Weser, um jenen Ort schaudernd zu besuchen, in dem einst der bunte Rattenfänger sein gutes Werk verrichtete, vor allem aber grausame Rache übte an den wortbrüchigen Hamelnern.

»Anno 1284 am Dage Johannis et Pauli war der 26.Juli / Dorch einen Piper mit Allerley Farve bekledet gewesen CXXX Kinder verledet binnen Hameln geboren / To Calvarie bi den Coppen verloren.« So lautet die Inschrift aus dem 17. Jahrhundert am sogenannten Rattenfängerhaus in Hameln, einem herrlichen Beispiel der Weserrenaissance. Frühere Belege des für die Kindseltern grausamen Geschehens gibt es in der Lüneburger Handschrift von 1430: »Zu vermelden ist ein höchst seltenes Wunderzeichen, das sich in der Stadt Hameln im Jahre des Herr 1284 gerade am Tage des Johannes und Paulus ereignete. Ein Jüngling von dreißig Jahren, schön und überaus wohl gekleidet, trat über die Brücke und durch das Wesertor (in die Stadt) ein. Auf einer silbernen Flöte von wundersamer Form begann er sodann durch die ganze Stadt hin zu pfeifen. Und alle Kinder, die diese Flöte hörten, an Zahl etwa 130, folgten ihm zum Ostertore hinaus zur sogenannten Kalvarien- und Gerichtsstätte. Dort verschwanden und entwichen sie, daß niemand aufspüren konnte, wo eines von ihnen geblieben war. Dieses habe ich in einem alten Buchege funden. Und die Mutter des Herrn Dekans Johann von Lüde sah die Kinder fortziehen.« Immerhin wird hier sogar eine Zeugin benannt, die zur Tatzeit etwa zehn bis vierzehn Jahre alt war. Also gibt es früh eine mündliche Erzähltradition.

Keine Rede ist allerdings in den alten Zeugnissen von Ratten. Dieser Teil der Sage wurde erst 1565 mit dem Hamelner Kinderverlust verbunden. Geschichten von sonstigen Rattenfängern waren damals weit verbreitet. Erst in der kombinierten Form wurde daraus die unsterbliche Legende vom erfolgreichen Rattenfänger von Hameln, der aus Rache zum Kinderentführer wird und in der Rezeptionsfolge rasch Teufelszüge annahm.

Zugleich aber begann die Suche nach einer realen Vorgeschichte ohne mythische Fantasie. Gottfried Wilhelm Leibniz etwa spekulierte, ob der Auszug der 130 Kinder vielleicht auf den Kinderkreuzzug von 1212 hindeute. Andere vermuteten für das Kinderverschwinden eine Pestepidemie oder aus, dass die Hamelner Kinder vielleicht Werbern für die KoIonisation im Osten folgten. Die traten meist in Begleitung eines Trommlers und Pfeifers auf. In der Version der Brüder eines Trommlers und Pfeifers auf. In der Version der Brüder Grimm ist von Siebenbürgen die Rede, wo die Kinder wiederaufgetaucht sein sollen. Andere Forscher wollten anhand von Personennamen die Auswanderer in Mähren vermuten.

Die in dieser Hinsicht haltbarste These hat der Namensforscher Jürgen Udolph entwickelt. Nach seinen Recherchen und Überlegungen sind die Hamelner wohl in die Gegenden nördlich von Berlin in die Prignitz und die Uckermark gezogen. Das beweisen nach Udolph dortige Ortsnamen; Auswanderer würden gerne in der neuen Heimat die alten Ortsbenennungen wieder verwenden. So findet sich etwa in der Wesergegend Hamelspringe, wo die Hamel entspringt und bei Hameln in die Weser mündet. In der Uckermark gibt es Hammelspring, obwohl dort keine Hamelquelle existiert.

Dass es Auswanderer aus dem Weserbergland in diese östlichen Gegenden gezogen hat, gilt als sicher. Das ist trotzdem kein absoluter Beweis für den Grund des Verschwindens. In der Trauer der Eltern schimmert nämlich noch etwas quälend Traumatisches durch, so, als als gäbe es im Hintergrund eine irgendwie düstere Schuld am Verlust der Kinder.

Die schwärzeste These entwickelt Fanny Rostek-Lühmann literaturpsychoanalytisch. Sie sieht in der Sage den Wunsch der Eltern verborgen, die Kinder, im Mittelalter oft hungrige, lästige Mitesser, auf immer loszuwerden. Im Hamelner Messbuch Passionale, der frühesten Überlieferung angeblich aus dem 14. Jahrhundert, gibt es keinen Kinderfänger, sondern nur lateinisch »rei«, Schuldige. Liegt der Sage womöglich ein Unglück, gar eine Untat zugrunde, für die man den Rattenfänger dringend als entlastenden Sündenbock erfinden musste?

2. Nibelungensage. Ein Epos aus uralten Zeiten.

Das Nibelungenlied, um 1200 verfasst, scheint ein grausames Märchen zu sein: ein übermenschlicher Held, das Bad im Drachenblut, eine Tarnkappe. Und doch verbirgt sich hinter der Sage eine wahre Geschichte – vom Untergang zweier Germanenreiche

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1924 verfilmt Fritz Lang die Sage von Siegfried, dessen Frau Kriemhild und dem finsteren Hagen von Tronje. In monumentalen Bildern erzählt er vom Schicksal des jungen Recken Siegfried (hier Paul Richter), der den Schatz des Königs Nibelung raubt, erzählt von Mord, Verrat und ewiger Treue. Das Bad im Blut des Drachen, das Siegfried fast unverwundbar macht, weist möglicherweise auf den realen Kampf der Germanen gegen die Römer
(Foto: picture alliance | Collection Christophel | RnB | UFA)

Uns ist in alten maeren – wunders vil geseit, schreibt vor rund 800 Jahren ein unbekannter Dichter: „Uns wird in alten Geschichten vom Wunderbaren viel erzählt.“ Und dann reiht er Zeile an Zeile. Niemand weiß, wie lange er an seinem Werk arbeitet, Jahre werden es wohl sein. Am Ende sind es mehr als 2300 Strophen: ein Heldenepos über Krieger und Spielleute, Königinnen und Jungfrauen, über Drachen, Zwerge und einen fluchbeladenen Schatz. Eine Geschichte von Treue und Verrat, von Liebeshochzeit und Brudermord, von Festen und Zweikämpfen. Ein Drama, das in Glanz und Abenteuer beginnt, doch in Feuer und Blut endet. Eine Erzählung, deren Wurzeln tief in die germanische Zeit zurückreichen, deren Wirkung aber noch heute spürbar ist: das Nibelungenlied. Das deutsche Nationalepos.

Es ist die Geschichte vom Glück und Verhängnis der Burgunderprinzessin Kriemhild. Ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher herrschen als Könige am Hof der Burgunder in Worms über das Reich am Rhein. Ihr wichtigster Ratgeber ist der finstere Hagen von Tronje. Eines Tages erscheint dort Siegfried, Königssohn aus dem kleinen Reich von Xanten am Niederrhein: ein Held, der von Kriemhilds legendärer Schönheit gehört hat und sie heiraten will. Hagen seinerseits hat bereits von dem Krieger vernommen und berichtet seinen monarchischen Herren warnend von dessen Taten. In einem fernen Land – „gut hundert lange Meilen oder mehr“ von Island entfernt – habe Siegfried die Söhne des Königs Nibelung mit seinem legendären Schwert Balmung erschlagen und deren Schatz geraubt sowie dem Zwerg, der den Schatz bewachte, eine Tarnkappe abgenommen, die unsichtbar macht und übermenschliche Kräfte verleiht. Zudem habe Siegfried einen Drachen erstochen und in dessen Blut gebadet, was seine Haut unverwundbar macht.

Trotzdem wird Siegfried in Worms gastlich aufgenommen. Doch bevor er Kriemhilds Hand erhalten kann, soll er Gunther bei einem Abenteuer beistehen. Schon bald segelt Siegfried mit ihm nach Island, wo Brünhild herrscht – eine Königin mit magischen Kräften, solange sie jungfräulich bleibt. Gunther will sie zur Gemahlin gewinnen. In drei Wettkämpfen muss sich der älteste der Burgunderkönige mit Brünhild messen. Und gewinnt sie nur, weil ihm Siegfried, unsichtbar dank der Tarnkappe, hilft, die Unbesiegbare zu besiegen. Mit Brünhild kehren die Helden zurück nach Worms. Die Isländerin wird Gunthers Gattin, am selben Tag heiratet Siegfried die schöne Kriemhild. Doch in der Nacht hilft er seinem Schwager: Verborgen dank der Tarnkappe, ringt er Brünhild im Schlafgemach des Burgunderkönigs nieder, sodass Gunther ihr die Jungfräulichkeit nehmen kann.

Zehn Jahre vergehen, dann verrät Kriemhild im Streit Brünhild, dass Gunther sie einst nur mithilfe des unsichtbaren Siegfried bezwungen habe. Die tief beleidigte Königin fordert von ihrem Gatten Siegfrieds Tod. Auch Hagen rät zum Mord: Lange schon fürchtet er die Macht des Drachentöters, die sich speist aus dessen Kraft und dem Reichtum des Nibelungenhortes. Listig entlockt er Kriemhild Siegfrieds verwundbare Stelle, denn als der einst im Drachenblut badete, legte sich ein Lindenblatt zwischen seine Schultern. Bei einer Jagd stößt Hagen eine Lanze in jene Stelle und tötet Siegfried. Den Leichnam legt er Kriemhild vor das Schlafgemach. Später versenkt er den Nibelungenhort im Rhein.

Kriemhild, verraten von ihrem Bruder, lebt 13 Jahre lang machtlos in Worms. Dann erscheint dort ein Brautwerber, gesandt vom mächtigen Hunnenkönig Etzel: Der Monarch der wilden Krieger will Kriemhild heiraten. Hagen ist dagegen, doch die Burgunder lassen ihre Schwester ziehen. Noch einmal vergehen 13 Jahre, dann lädt Kriemhild, längst Etzels Gemahlin, ihre Brüder in den Hunnenhof ein. Wieder warnt Hagen vergebens, der eine Falle ahnt: Die Könige und mehr als 1000 Recken ziehen vom Rhein los, die Donau entlang bis zum Palast von Etzel.

Nun, da sie sich auf diese Schicksalsreise begeben, nennt der Dichter die Burgunder fortan „Nibelungen“ – der Schatz hat seinen Besitzern, zuerst den Söhnen König Nibelungs, dann Siegfried, den Tod gebracht. Bald wird sein Fluch auch die Burgunder treffen, der Namenswechsel deutet dies an. Und tatsächlich flammt an Etzels Hof tödlicher Streit auf. In der brennenden Königshalle verschanzen sich die Nibelungen und fechten gegen Hunnen sowie germanische Gefolgsleute Etzels – unter anderem Dietrich von Bern. In einem Blutbad gehen die Recken unter, schließlich leben nur noch zwei: Gunther und Hagen, die beide von Dietrich von Bern bezwungen und gefesselt worden sind.

Kriemhild, außer sich vor Rachsucht, lässt ihren Bruder köpfen. Hagen erschlägt sie mit eigener Hand – ein so unerhörter Akt, dass Dietrichs Waffenmeister wiederum Kriemhild niederstreckt. Alle Burgunder/Nibelungen sind gefallen, Kriemhild ist tot, der Nibelungenschatz für immer im Rhein verschwunden … Wer hat sich diese finstere Geschichte ausgedacht? Seinen Namen hat der Verfasser im Epos nirgendwo genannt, sein Manuskript hat die Zeiten nicht überdauert. Doch 36 mehr oder weniger vollständige mittelalterliche Abschriften sind erhalten geblieben, die älteste entstand wohl zwischen 1200 und 1225.

Diese Manuskripte und der Text selbst verbergen wertvolle Indizien: Das Originalmanuskript wurde wahrscheinlich im bayerischen Dialekt des Mittelhochdeutschen verfasst, der höfischen Sprache um 1200. Auch kennt der Autor den Donauraum besonders gut, nennt etwa Details der Landschaft, während er bei seinen Beschreibungen von Worms oder dem niederrheinischen Xanten vage bleibt. Und schließlich wird die Stadt Passau, wird vor allem der dortige Bischof auffallend häufig und rühmend erwähnt. Von 1191 bis 1204 war Wolfger von Erla Bischof von Passau: ein Adeliger, der Dichter förderte. So ist sein Rechnungsbuch erhalten, das für den 12. November 1203 einen Geldbetrag verzeichnet, den der Bischof dem Minnesänger Walther von der Vogelweide für einen wertvollen Mantel übergab.

Die meisten Forscher vermuten deshalb, dass der anonyme Autor des Nibelungenliedes ein gebildeter Mann am Hof des Passauer Bischofs war und um 1200 sein Meisterwerk vollendete. Eine These sieht in dem Unbekannten niemand anderen als Walther von der Vogelweide selbst. Doch wer es auch gewesen sein mag: Der Verfasser formte Sagen um, die schon seit Jahrhunderten in Mittel- und Nordeuropa erzählt wurden – und die bis in die Germanenzeit zurückreichten. Auf der schwedischen Insel Gotland zeigen Grabsteine, die vor dem Jahr 800 gesetzt wurden, in Reliefs bereits Motive aus der Sage. Und um 800, das belegen erhaltene Totengedenkbücher aus Klöstern, hießen Adelige im Raum Worms und in Bayern auffallend häufig „Siegfried“, „Hagen“, „Kriemhild“ oder nach anderen Gestalten des Epos – beides Indizien dafür, dass bereits zu jener Zeit die Geschichte im Süden Deutschlands wie in Skandinavien populär gewesen sein muss, wahrscheinlich als Lied, das mündlich vorgetragen wurde.

Ab etwa 850 sind dann konkrete Texte erhalten, zunächst aus Skandinavien, später auch aus England und Deutschland. Die Sagen variieren: In manchen Versionen vollbringt Siegfried andere Heldentaten; Hagen ist Gunthers Bruder; Siegfried und Brünhild sind verlobt. Doch von den ältesten skandinavischen Sagen an bleiben manche Dinge auffallend konstant: Stets spielt die Handlung zwischen Rhein und Donau, fast immer dreht sie sich um den Untergang der Burgunder, stets sind die Hunnen dabei präsent.m Deutet dies auf einen historischen Kern der Sage hin? Ist die Geschichte also im geschichtlichen Sinne „wahr“? Reflektiert sie, gleich einem fernen Spiegel, dramatische Ereignisse aus der Zeit der Völkerwanderung? Oder gar Ereignisse noch früherer, antiker Jahrhunderte? Drei epochale Ereignisse, die sich im Lauf zweier Generationen zutrugen, sind vermutlich zur Sage verschmolzen:

1. ATTILA UND DIE HUNNEN

Um etwa 400 eroberte das zentralasiatische Reitervolk ein Reich von der Schwarzmeerküste bis zu den Alpen. Im Jahr 434 bestieg Attila den Herrscherthron – aus seinem Namen wurde im Mittelhochdeutschen „Etzel“. Er brach die Macht der einzelnen Stammesführer und einte so das Reich. Seine Hauptresidenz errichtete er in einer Ebene östlich der Donau – oder vielleicht im heutigen Budapester Stadtteil Obuda, wo im Mittelalter die Festung „Ecilburgu“ stand.

453 starb Attila, angeblich an einem Blutsturz in der Hochzeitsnacht mit seiner neuen, burgundischen Nebenfrau Ildiko. Bald wurde berichtet, die Frau habe den König ermordet, um Verwandte zu rächen. Das germanische Ildiko wiederum bedeutet „Hildchen“, eine Verniedlichung jedes Frauennamens, der mit „Hild“ beginnt oder endet – wie etwa Kriemhild.

2. DER UNTERGANG DER BURGUNDER

Die Burgunder zogen spätestens im 3. Jahrhundert n. Chr. aus ihrer Heimat zwischen Weichsel und Oder in Richtung des römischen Imperiums. Im Jahr 407 gründete ihr König Gundahar am Mittelrhein ein Reich, zu dem auch Worms gehörte. Doch 436 besiegte der römische Heermeister Flavius Aëtius die Burgunder in einer fürchterlichen Schlacht. Gundahar und fast alle seine Adeligen fielen. Zu den Truppen des Aëtius gehörten hunnische Krieger, die damals mit Rom verbündet waren.

Die überlebenden Burgunder siedelte Aëtius in Gallien an, wo sie sich schließlich in jener Region niederließen, die bis heute ihren Namen trägt. Dort herrschten noch fast 100 Jahre lang Könige – einem traditionellen Brauch folgend oft mehrere Brüder gemeinsam. Auch ist für die Burgunder typisch, dass Männer einer Familie ähnliche Vornamen trugen. Eine Rechtssammlung überliefert den König Gibica und dessen Söhne Gundahar, Gislahar und Gundomar.

Die Ähnlichkeit zu den drei Königen des Nibelungenliedes ist stark, auch wenn niemand sagen kann, ob je wirklich drei Brüder mit den Namen aus dem Epos bei den Burgundern regierten.

3. THEODERICH, DER OSTGOTENKÖNIG

Auch die Ostgoten waren schon durch halb Europa gezogen, als um 454 Theoderich aus der adeligen Familie der Amelungen geboren wurde. Der junge Mann musste mehrere Jahre als Geisel in Konstantinopel leben. Später wurde er König der Ostgoten und oströmischer Heerführer – und 488 im Auftrag Ostroms nach Italien entsandt, um dort Germanenstämme zu bekämpfen. In Italien eroberte sich Theoderich, abgesegnet vom Kaiser in Konstantinopel, ein eigenes Reich. Bis zu seinem Tod im Jahr 526 regierte er als einer der mächtigsten Herrscher der Völkerwanderungszeit in seinen Residenzstädten Ravenna und Verona. Aus dem Namen Verona wurde durch Lautverschiebung im Mittelhochdeutschen „Bern“. Und aus Theoderich: „Dietrich“.

Gewaltige Schlachten, Glanz, dann jähe Katastrophe und Erlöschen – dreimal wiederholt sich das Muster. Die Burgunder verlieren nicht nur gegen Aëtius und die Hunnen, ihr Restreich wird im 6. Jahrhundert von den Franken erobert. Das Hunnenreich zerfällt bald nach Attilas Tod, das Ostgotenreich überdauert Theoderichs Dahinscheiden nur um wenige Jahrzehnte. Und so wird wohl schon bald die Geschichte der drei untergegangenen Reiche zur Sage, werden die dramatischsten Ereignisse und bedeutendsten Persönlichkeiten zur Inspiration der Liedersänger, werden Schicksalsstränge der Burgunder, Hunnen und Ostgoten zu einer neuen, dann immer wieder variierten Geschichte verwoben.

Noch andere Motive der Sage deuten auf die Jahrhunderte der Völkerwanderung hin – vor allem der Nibelungenschatz. Der wird meist als „Hort“ bezeichnet, was „verborgener Schatz“ meint. Tatsächlich sind in der Zeit zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert, das belegen heutige Funde, häufig Kostbarkeiten versteckt worden: Gold, Silber, Münzen, Geschirr, Waffen und Schmuck. Mal vergrub man sie aus Angst vor heranrückenden Feinden, mal gingen sie in Flüssen verloren, wenn Plünderer über die Gewässer setzten.

So sind in Neupotz bei Speyer (rund 70 Kilometer südlich von Worms) in einem Altarm des Rheins mehr als 1000 Münzen, Messer, Schalen, Siebe, Teller und andere Metallobjekte gefunden worden: gut 700 Kilogramm insgesamt, die wertvollsten Stücke aus Silber. Wahrscheinlich sind sie um das Jahr 260 von plündernden Germanen im römischen Gallien geraubt worden und bei der Rückkehr über den Rhein verloren gegangen. Legenden von Helden und Schätzen sind zwar nicht Historie im wissenschaftlichen Sinn, sind keine Berichte „so, wie es gewesen ist“. Und Dietrich von Bern alias Theoderich kann ja niemals Etzel alias Attila begegnet sein, da der Hunne bereits tot war, als Theoderich geboren wurde.

Möglich auch, dass niemals exakt bei Worms ein großer Hort im Rhein verschwunden ist – sondern dass Berichte von anderen Desastern am Rhein, wie etwa dem zu Neupotz, aus dramatischen Gründen an den Burgunderhof verlegt worden sind. Die Nibelungensagen gleichen also mehr einem Echo auf jene historischen Umwälzungen des 5. und 6. Jahrhunderts und sind ein Versuch, sie sich immer wieder neu zu erklären. Und womöglich sind sie auch ein Echo eines noch weitaus ferneren Zeitalters: der Antike.

Sicher ist, dass das Nibelungenlied unter einem dünnen christlichen Firnis (Kriemhild und Brünhild etwa streiten auf den Stufen des Wormser Münsters vor dem Kirchgang) uralte heidnische Mythen bewahrt: Siegfried tötet einen Drachen, besitzt magische Waffen, er bezwingt einen Zwerg und setzt ihn zum Hüter des Schatzes ein. Und die jungfräulich-mächtige Brünhild im fernen Island ähnelt den Walküren, jenen weiblichen kriegerischen Geistern, die gefallene Kämpfer vom Schlachtfeld heben. Bewahrt die Sage aber womöglich auch noch Relikte aus den Jahrhunderten zwischen jener mythischen Vorzeit und der Völkerwanderung auf?

Seit etwa 1830 vertreten immer wieder Gelehrte die These, dass Siegfried ebenfalls ein reales Vorbild hat: in Arminius, dem Cheruskerfürsten, der im Jahre 9 n. Chr. die Legionen des Varus vernichtete. Manche Indizien, die für diese Vermutung bemüht wurden, grenzen ans Absurde: So soll der Drache – „Lindwurm“ in den meisten germanischen Sagen – Symbol für die in langen Reihen marschierenden Legionäre sein. Und der Hort des Nibelung sei in Wahrheit der gewaltige Schatz gewesen, den der siegreiche Arminius erbeutet habe.

Andere Indizien hingegen sind nicht so einfach von der Hand zu weisen: Schon die ältesten Versionen der Sage spielen ja an Rhein und Donau – und mithin im antiken Grenzgebiet zwischen Imperium Romanum und freiem Germanien. Siegfried stammt zudem aus Xanten. Dieser Ort war in der Antike ein Legionslager, das in der Nähe des Cheruskergebiets lag. Arminius, der ja lange als Soldat im römischen Heer kämpfte, mag hier einen Teil seiner Dienstzeit verbracht haben. Manche Sagenversionen verbinden den Hirsch mit Siegfried, so erscheint dieses Tier einmal in einem Traum als Symbol für den Recken. „Hiruz“ aber nannten sich die Cherusker selbst, die „Hirschleute“.

Und schließlich ist da noch der Name: „Arminius“ ist lateinisch, nur diesen Namen überliefern antike Geschichtsschreiber für den Cheruskerfürsten. Tacitus immerhin nennt zusätzlich die germanischen Namen von Vater, Schwiegervater und Schwager des Arminius: Alle beginnen mit der Vorsilbe „Sieg“/„Seg“. Immerhin möglich, dass – analog zu den Burgundern und anderen Germanenvölkern – auch der ursprüngliche Name des Arminius im Gleichklang mit denen seiner Verwandten war, also mit „Sieg“ oder „Seg“ begann.

Dennoch bleibt die Verbindung von Sagengestalt zu realer Person letztlich willkürlich. Wie die Figur Siegfried tatsächlich entstanden ist, bleibt bis heute schwer erklärlich – und ebenso sein großer Widersacher Hagen von Tronje. Beide Heroengestalten mögen irgendwie auf echte Krieger zurückgehen, doch bleiben deren Taten wohl für immer im Dunkeln, sind bis zur Unkenntlichkeit im Mythos verändert worden. Zum Mythos aber ist auch das gesamte Nibelungenlied geworden: zu einem modernen, finsteren Mythos.

Im 18. Jahrhundert entdecken Gelehrte mittelalterliche Handschriften der fast vergessenen Sage wieder, 1782 wird sie erstmals vollständig gedruckt – auch wenn der stolze Herausgeber der Verse vom Preußenkönig Friedrich dem Großen mit einem Brief von erlesener Unhöflichkeit bedacht wird: „Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuss Pulver wert und verdienen nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden.“ Rund zwei Jahrzehnte später jedoch hat sich diese Einschätzung deutlich geändert: Die deutschen Staaten sind von Napoleon besetzt, man kämpft gegen den scheinbar übermächtigen Franzosenkaiser – auch auf dem Feld der Kultur. Nicht mehr höfisch-französisch, am besten nicht einmal romanischrömisch soll das militärisch und politisch gedemütigte Deutschland sein, es soll sich auf eine „eigene“ Kultur und Vergangenheit besinnen.

Ab etwa 1800 verstehen die Menschen in den deutschen Landen daher das Nibelungenlied als Nationalepos: als urdeutsches, uraltes und kämpferisches Werk. Soldaten erhalten Feldausgaben zur Erbauung mit, selbst der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe zeigt sich vom Text berührt und doziert darüber in Weimar. In mehreren Volksausgaben wird der Stoff populär, der Dramatiker Friedrich Hebbel sowie eine ganze Reihe weniger begabter Theaterautoren bringen die Geschichte in zehn Fassungen auf die Bühne.

Doch niemand erzielt eine größere Wirkung als der Komponist Richard Wagner, der ab 1848 am „Ring des Nibelungen“ arbeitet. Wagner interessiert sich bald vor allem für die mythische, unhistorische Dimension der Geschichte, weshalb er weniger das um 1200 entstandene Nibelungenlied adaptiert als die älteren, nordischen Sagenversionen. So zelebriert seine im Sommer 1876 uraufgeführte Opern-Tetralogie beispielsweise das Walten der Götter und Walküren. Die Wagnersänger in Fellkleidern, Flügelhelmen und mit klobigen Waffen (Kreationen, die der Komponist selbst abscheulich findet) werden auf Jahrzehnte hinaus das Germanenbild der Öffentlichkeit bestimmen.

Als der „Ring des Nibelungen“ uraufgeführt wird, ist das neu gegründete Deutsche Reich gerade fünf Jahre alt. Bismarcks politische Schöpfung ist im Krieg entstanden – und die kämpferischen Tugenden der Sage, das Gewalttätige und Urtümliche der Recken werden gewissermaßen zur Reichsideologie verklärt, Deutschland wird in einem Lobgedicht zum „Nibelungenland“ erhöht. 1909 erklärt Kanzler Bernhard von Bülow im Reichstag Deutschlands „Nibelungentreue“ zu Österreich-Ungarn; damit wird also ein politisches Bündnis zweier moderner Staaten mit einer mythischen Gefolgschaft gleichgesetzt – mit den Burgundern/ Nibelungen nämlich, die in der brennenden Königshalle unbeirrt zusammenstehen.

Dass dies in der Sage zum Untergang führt, scheint weder den Kanzler noch seine Zuhörer sonderlich zu beunruhigen. Und 1914, da nun tatsächlich der Weltenbrand lodert, erhebt ein Reichstagsabgeordneter den „waffengewaltigen, stolzen, grimmen Hagen“ gar zum „Sinnbild Preußen-Deutschlands“. Heute ist es schwer verständlich, dass im deutschen Kaiserreich ausgerechnet die dem Untergang geweihten Nibelungen zu Vorbildern erklärt werden – vor allem der Heldenmörder Hagen, der sein Leben ja als hilflos Gefesselter verliert. Mag sein, dass sich hier eine heimliche Lust an der Apokalypse zeigt, ein uneingestandener Überdruss an der modernen Welt, eine selbstmörderische Sehnsucht, im eigenen Ende die ganze Gemeinschaft mitzureißen.

Als das Beschworene allerdings in gewisser Weise tatsächlich eintritt, als mit dem verlorenen Weltkrieg 1918 zumindest das Kaiserreich untergeht, ist der Nibelungenmythos keineswegs zerstört. Im Gegenteil: Er wandelt sich nur – und Siegfried ersetzt Hagen. Die „Dolchstoßlegende“ kommt auf, die Mär, das im Feld eigentlich unbesiegte deutsche Heer sei in der Heimat von Sozialisten, Kommunisten und Juden entscheidend getroffen worden. Besonders wirkungsvoll wird diese Legende, weil sie der ehemalige Oberbefehlshaber Paul von Hindenburg verkündet – und der vergleicht Deutschlands „ermattete Front“ mit „Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen“.

Auch Adolf Hitler schreibt schon 1923 vom „deutschen Siegfried“. Als die Nationalsozialisten zehn Jahre später an die Macht kommen, ist die Nibelungensage längst Teil ihrer Ideologie. So sind die Burgunder, die im Kampf zusammenstehen, in ihren Augen „Volksgenossen“. Und im Januar 1943, da die eingeschlossene 6. Armee in Stalingrad verblutet, spricht Hermann Göring im Radio: „Wir kennen ein gewaltiges, heroisches Lied von einem Kampf ohnegleichen, das hieß ‚Der Kampf der Nibelungen‘. Auch sie standen in einer Halle von Feuer und Brand und löschten den Durst mit eigenem Blut – aber sie kämpften und kämpften bis zum Letzten. Ein solcher Kampf tobt heute dort.“

Selbst als sich 1945 die Apokalypse vollendet, schlimmer wohl, als sie sich der Dichter des Nibelungenliedes je hätte ausmalen können, bleibt der Mythos bestehen. Zwar spricht danach kein ernstzunehmender Politiker mehr von „Nibelungentreue“, zwar sind Siegfried und Hagen als politische Vorbilder verweht. Doch die halb archaische, halb überzeitliche Faszination einer Erzählung von Mut und Treue, Verrat und Mord ist ungebrochen. Nur sechs Jahre nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands wird im stets von Hitler geförderten Bayreuth „Der Ring des Nibelungen“ wieder aufgeführt.

Und die Sagenwelt von Drachen und Zwergen, von heroischen Schwertkämpfen, von langen Zügen weniger Getreuer, von dem fluchbeladenen Schatz ist längst in der Fantasy-Literatur aufgegangen. Der alte Mythos, der in der Germanenzeit wurzelt, ist zum modernen Mythos einer wieder verzauberten Welt geworden: Mittelerde als Gegen-Erde, die all das bietet, was die moderne Zeit nicht mehr zu geben scheint.

Niemand hat die Sagen geschickter verwoben und umgestaltet als der englische Autor J. R. R. Tolkien, einst Gelehrter in Oxford und ein Kenner alter nordischer Mythen. In seinem Roman „Herr der Ringe“ lassen sich unschwer die Helden und Finsterlinge, die Kriegszüge und Zweikämpfe und selbstverständlich der Hort der Nibelungen wiedererkennen. Eigentlich kein Wunder, dass gerade die Deutschen bei einer großen Umfrage 2004 dieses Werk zum „beliebtesten Buch“ überhaupt gewählt haben. Ein Nationalepos, noch immer.

3. Siegfried von Xanten. Hauptfigur der Nibelungensage

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Darstellung Sigurds in einer schwedischen Ausgabe der Liederedda, 1893.

Sieg­fried von Xan­ten ge­hört zu den be­kann­tes­ten Sa­gen­ge­stal­ten des Mit­tel­al­ters und spielt ei­ne zen­tra­le Rol­le im ers­ten Teil des Ni­be­lun­gen­lie­des aus dem 13. Jahr­hun­dert. In sei­ner Per­son ver­schmel­zen meh­re­re his­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten der Völ­ker­wan­de­rungs­zeit zur Fi­gur ei­nes mit über­mensch­li­chen Kräf­ten aus­ge­stat­te­ten, na­he­zu un­ver­wund­ba­ren Hel­den, der schlie­ß­lich ei­nem heim­tü­cki­schen Ver­rat sei­ner engs­ten Ver­trau­ten zum Op­fer fällt. 

Die ver­schie­de­nen, un­ab­hän­gig von­ein­an­der ent­stan­de­nen Va­ri­an­ten der Ni­be­lun­gen­sa­ge im deut­schen und skan­di­na­vi­schen Sprach­raum da­tie­ren in das aus­ge­hen­de 12. und frü­he 13. Jahr­hun­dert und be­ru­hen ver­mut­lich auf äl­te­ren, da­mals weit ver­brei­te­ten, heu­te je­doch nicht mehr nach­weis­ba­ren schrift­li­chen und münd­li­chen Über­lie­fe­run­gen aus der Zeit der Völ­ker­wan­de­rung und des frü­hen Mit­tel­al­ters. Die Ver­fas­ser der mit­tel­al­ter­li­chen Sa­gen agier­ten je­doch nicht als Ge­schichts­schrei­ber und Chro­nis­ten. Ih­re Wer­ke dien­ten viel­mehr der Un­ter­hal­tung und Be­leh­rung und wei­sen ei­nen star­ken Ge­gen­warts­be­zug zur ge­sell­schaft­li­chen, po­li­ti­schen und hö­fi­schen Ak­tua­li­tät des Hoch­mit­tel­al­ters auf. Auf die­se Wei­se wur­den in der Ni­be­lun­gen­sa­ge ver­schie­de­ne, teil­wei­se his­to­risch be­leg­ba­re, aber zeit­lich weit aus­ein­an­der lie­gen­de Er­eig­nis­se und Per­so­nen des 5. und 6. Jahr­hun­derts zu ei­ner neu­en Ge­samt­ge­schich­te ver­wo­ben und mit my­tho­lo­gi­schen Ele­men­ten an­ge­rei­chert. 

Die be­kann­tes­te Dar­stel­lung der Er­zäh­lung über den Auf­stieg und Fall des Kö­nigs­sohns Sieg­fried fin­det sich im so ge­nann­ten „Ni­be­lun­gen­lied", das ver­mut­lich am En­de des 12. Jahr­hun­derts in Pas­sau nie­der­ge­schrie­ben wur­de. Der an­ony­me Ver­fas­ser ver­or­tet die Her­kunft Sieg­frieds an den Nie­der­rhein. In der ver­mut­lich äl­tes­ten er­hal­te­nen Über­lie­fe­rung des Ni­be­lun­gen­lie­des, der in der Mit­te des 13. Jahr­hun­derts nie­der­ge­schrie­be­nen und 2005 von Her­mann Rei­chert pu­bli­zier­ten St. Gal­ler Hand­schrift, hei­ßt es: 

Dô wûohs in Nie­der­lan­den eins vil ede­len kü­ne­ges kint,

des va­ter, der hiez Si­ge­munt, sîn muo­ter Si­ge­lind,

in ei­ner rîchen bür­ge, wî­ten wol be­kannt,

nide­ne bî dem Rî­ne. diu was ze San­ten ge­nant. 

Der Ger­ma­nist Karl Sim­rock ver­öf­fent­lich­te 1827 die ers­te Über­tra­gung des mit­tel­hoch­deut­schen Ori­gi­nal­tex­tes ins Neu­hoch­deut­sche. Die Pas­sa­ge über Sieg­frieds Ab­stam­mung über­setz­te er wie folgt:  

Es wuchs in Nie­der­lan­den ei­nes edeln Kö­nigs Kind,

sein Va­ter hieß Sieg­mund, sei­ne Mut­ter Sie­ge­lind,

in ei­ner rei­chen Ves­te, fer­ne wohl­be­kannt,

tief un­ten an dem Rhei­ne; sie war Burg San­ten ge­nannt. 

Die­se ge­naue Lo­ka­li­sie­rung fin­det sich in den nor­di­schen Va­ri­an­ten der Sa­ge nicht.  

 

Der Sa­ge fol­gend ver­lässt Sieg­fried, nach­dem er sei­ne Ju­gend in Xan­ten ver­bracht hat, den Hof sei­ner El­tern mit dem Vor­ha­ben, um die bur­gun­di­sche Prin­zes­sin Kriem­hil­de zu wer­ben. Be­vor er je­doch nach Worms an den Hof des Bur­gun­der­kö­nigs Gun­ther, dem Bru­der Kriem­hilds, ge­langt und des­sen Va­sall wird, be­steht Sieg­fried zahl­rei­che Aben­teu­er. So tö­tet er ei­nen Dra­chen, in des­sen Blut er ba­det und mit Aus­nah­me ei­ner Stel­le zwi­schen den Schul­ter­blät­tern, auf die ein Lin­den­blatt fällt, un­ver­wund­bar wird. Au­ßer­dem ge­rät er in den Be­sitz des Schat­zes des Kö­nigs Ni­be­lung, nach­dem er die­sen und des­sen Söh­ne samt ih­rem Ge­fol­ge mit dem Schwert Bal­mung (in der nor­di­schen My­tho­lo­gie: Gram; in der Oper Ri­chard Wag­ners: No­tung) ge­tö­tet und auch den Wäch­ter des Hor­tes, den Zwerg Al­be­rich im Zwei­kampf be­siegt hat. 

Ob­wohl ihm be­reits der Ruf ei­nes un­be­zwing­ba­ren Hel­den vor­aus­eilt, un­ter­wirft sich Sieg­fried Gun­ther, dem wan­kel­mü­ti­gen, leicht be­ein­fluss­ba­ren Herr­scher Bur­gunds und er­weist sich bald als des­sen un­ver­zicht­ba­rer Heer­füh­rer und Be­ra­ter. Nach­dem er Gun­ther auch bei der Braut­wer­bung um die is­län­di­sche Kö­ni­gin Brun­hild ent­schei­dend und lis­ten­reich un­ter­stützt hat, er­hält Sieg­fried Kriem­hild zur Frau, mit der er da­nach meh­re­re Jah­re am Kö­nigs­hof sei­ner El­tern in Xan­ten lebt. 

Wäh­rend ei­nes Auf­ent­halts in Worms ent­brennt ein fol­gen­schwe­rer Macht­kampf zwi­schen Kriem­hild und Brun­hild, den Ha­gen von Tron­je, ein ein­fluss­rei­cher Va­sall und Be­ra­ter Kö­nig Gun­thers, für sei­ne Zwe­cke aus­zu­nut­zen ver­steht. Sieg­fried wird das Op­fer ei­ner Ver­schwö­rung, in die das ge­sam­te bur­gun­di­sche Herr­scher­haus ver­wi­ckelt ist. Ha­gen von Tron­je in­iti­iert den Ver­rat, er­wirbt sich das Ver­trau­en Kriem­hilds und ge­winnt da­durch Kennt­nis über die ver­wund­ba­re Stel­le zwi­schen Sieg­frieds Schul­ter­blät­tern. Die­ses Wis­sen nut­zend, er­mor­det er Sieg­fried, wäh­rend sich die­ser nach ei­ner Jagd an ei­ner Quel­le er­frischt, in­dem er ihn rück­lings mit ei­nem Speer durch­bohrt. Im zwei­ten Teil des Ni­be­lun­gen­lie­des wird die Ra­che Kriem­hilds be­schrie­ben. Sieg­frieds heim­tü­cki­sche Er­mor­dung dient hier als Mo­tiv für die Ver­nich­tung der Bur­gun­der am Hof des Hun­nen­kö­nigs Et­zel. Die­ser zwei­te Ab­schnitt des Ni­be­lun­gen­lie­des geht in sei­nem Kern auf die Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Bur­gun­dern, Hun­nen und Rö­mern in der Mit­te des 5. Jahr­hun­derts zu­rück, die in der Zer­schla­gung des Bur­gun­der­rei­ches im Jahr 436 gip­fel­ten. Dem­ge­gen­über fin­det der ers­te Teil und mit ihm die Ge­schich­te Sieg­frieds sei­nen his­to­ri­schen Ur­sprung in den über Jahr­zehn­te an­dau­ern­den Kon­flik­ten zwi­schen Fran­ken und Bur­gun­dern im aus­ge­hen­den 5. und im 6. Jahr­hun­dert. Ver­mut­lich han­delt es sich bei den bei­den Tei­len des Ni­be­lun­gen­lie­des um zwei ur­sprüng­lich ei­gen­stän­di­ge Er­zäh­lun­gen, de­ren In­hal­te zu ei­ner Ge­samt­ge­schich­te zu­sam­men­ge­fügt wur­den.



Siegfried erweckt Brünnhilde, Stich, um 1892, nach einer Vorlage von Otto Donner von Richter (1828-1911).

 

Ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on der my­tho­lo­gisch ver­frem­de­ten Sa­gen­ge­stalt Sieg­frieds mit ei­ner ein­zi­gen his­to­ri­schen Per­sön­lich­keit ist aus­zu­schlie­ßen. Viel­mehr ver­eint sie, wie auch an­de­re Fi­gu­ren der Sa­ge, bio­gra­phi­sche Ele­men­te ei­nes Krei­ses von meh­re­ren Per­so­nen. Als be­son­ders auf­schluss­reich er­weist sich bei der Su­che nach dem his­to­ri­schen Sieg­fried die von Gre­gor von Tours (538-594) ver­fass­te Bio­gra­phie des frän­ki­schen Kö­nigs Chlod­wig I. (466-511), der nicht nur als Ei­ner der frän­ki­schen Teil­rei­che, son­dern auch als skru­pel­lo­ser und heim­tü­cki­scher Herr­scher in die Ge­schich­te ein­ge­gan­gen ist. Ob­wohl sich die­se Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten nur schwer mit dem My­thos des Hel­den Sieg­fried ver­ein­ba­ren las­sen, bie­tet Chlod­wigs Le­bens­ge­schich­te zahl­rei­che in­ter­es­san­te Par­al­le­len zu Per­so­nen und Er­eig­nis­sen im Ni­be­lun­gen­epos. So hei­ra­te­te er im Jahr 501 Chro­the­chil­dis (474-544), die Nich­te des Bur­gun­der­kö­nigs Gundo­bad (Re­gie­rungs­zeit 480-516). In ver­gleich­ba­rer Kon­stel­la­ti­on tre­ten Kriem­hil­de und Gun­ther als Haupt­fi­gu­ren mit un­mit­tel­ba­rem ver­wandt­schaft­li­chem Be­zug zu Sieg­fried in der Ni­be­lun­gen­sa­ge auf. Auch der My­thos des Ni­be­lun­gen­schat­zes könn­te auf die zahl­rei­chen er­folg­rei­chen Feld­zü­ge Chlod­wigs zu­rück­zu­füh­ren sein, auf die sich sein sprich­wört­lich ge­wor­de­ner un­er­mess­li­cher Reich­tum grün­de­te. In der Schlacht von Poi­tiers be­sieg­te Chlod­wig 507 den West­go­ten­kö­nig Ala­rich II. (Re­gie­rungs­zeit 484-507), des­sen Na­me in Ver­bin­dung mit dem sa­gen­haf­ten Zwer­gen­kö­nig und Hü­ter des Ni­be­lun­gen­hor­tes Al­be­rich ge­bracht wer­den kann. 

Auch Chlod­wigs En­kel Si­gi­bert (535-575), der als Kö­nig über Au­st­ra­si­enherrsch­te, wird in Ver­bin­dung mit der Sieg­fried­sa­ge ge­bracht. Glei­ches gilt für den Bur­gun­der­kö­nig Si­gis­mund (Re­gie­rungs­zeit 516-524) und für den in Köln re­si­die­ren­den und Tei­le des Rhein­lands be­herr­schen­den frän­ki­schen Herr­scher Si­gi­bert. Letz­te­rer fiel, wie Sieg­fried in der Sa­ge, wäh­rend ei­ner Jagd ei­nem Meu­chel­mord zum Op­fer. 

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Heinrich Gudehus (1845-1909) schmiedet als Siegfried.

Be­reits im frü­hen 19. Jahr­hun­dert wur­de ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on Sieg­frieds mit dem Che­rus­ker­fürs­ten Ar­mi­ni­us (17 vor Chris­tus - 21 nach Chris­tus) in Er­wä­gung ge­zo­gen. Sieg­frieds le­gen­dä­rer Kampf ge­gen den Dra­chen hät­te nach die­ser The­se in der Ver­nich­tung drei­er rö­mi­scher Le­gio­nen durch das ger­ma­ni­sche Herr des Ar­mi­ni­us im Jahr 9 nach Chris­tus sei­nen Ur­sprung. Der mit dem Nim­bus der Un­be­sieg­bar­keit be­haf­te­te Hee­res­zug un­ter der Füh­rung des rö­mi­schen Statt­hal­ters Pu­bli­us Quinc­ti­li­us Va­rus (47 vor Chris­tus – 9 nach Chris­tus) wä­re dem­nach in der über Jahr­hun­der­te münd­lich wei­ter­ge­ge­be­nen Über­lie­fe­rung zur my­tho­lo­gi­schen Ge­stalt des na­he­zu un­ver­wund­ba­ren Lind­wur­mes sti­li­siert wor­den. Die­se The­se er­leb­te durch die Ent­de­ckung des his­to­ri­schen Schau­plat­zes der Va­rus­schlacht in Kalk­rie­se bei Os­na­brück ei­ne Neu­be­le­bung.  

Da in der Fi­gur Sieg­frieds of­fen­sicht­lich die Bio­gra­phi­en ver­schie­de­ner his­to­ri­scher Per­so­nen ver­schmel­zen, blei­ben auch die An­ga­ben zu sei­ner rhei­ni­schen Her­kunft im Ni­be­lun­gen­lied frag­lich. Al­len­falls ist zu ver­mu­ten, dass ei­ne der his­to­ri­schen Fi­gu­ren, aus der sich die my­tho­lo­gi­sche Sieg­fried­ge­stalt ent­wi­ckel­te, in Ver­bin­dung mit ei­ner am Nie­der­rhein an­säs­si­gen frän­ki­schen Fürs­ten­fa­mi­lie ge­bracht wer­den könn­te. Die prä­zi­se Lo­ka­li­sie­rung sei­nes Ge­burts­or­tes in Xan­ten, die sich in den ver­gleich­ba­ren nor­di­schen Va­ri­an­ten der Sieg­fried­sa­ge nicht fin­det, bie­tet hier­zu al­ler­dings den ein­zi­gen Hin­weis. 

Zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts er­lang­te die Ni­be­lun­gen­sa­ge neue Po­pu­la­ri­tät und wur­de, vor dem Hin­ter­grund der na­po­leo­ni­schen Be­frei­ungs­krie­geund der For­de­run­gen nach ei­ner na­tio­na­len Ei­ni­gung der deut­schen Ein­zel­staa­ten, zum deut­schen Na­tio­nal­epos er­ho­ben. Seit die­ser Zeit ist sie auch zum Ge­gen­stand der li­te­ra­ri­schen, his­to­ri­schen und ar­chäo­lo­gi­schen For­schung ge­wor­den. Im Zu­ge die­ser Ent­wick­lung glaub­te Karl Sim­rock den Dra­chen­fels im Sie­ben­ge­bir­ge als Schau­platz des Kamp­fes zwi­schen Sieg­fried und dem Lind­wurm iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen. 

Sim­rocks Lo­ka­li­sie­rung des Dra­chen­kamp­fes mach­te aus Sieg­fried ei­ne der wich­tigs­ten Fi­gu­ren der Rhein­ro­man­tik. Bis in die Ge­gen­wart hat der My­thos um Sieg­fried und die Ni­be­lun­gen, trotz sei­ner ideo­lo­gi­schen und pro­pa­gan­dis­ti­schen Ver­ein­nah­mung durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, nichts von sei­ner Fas­zi­na­ti­on ein­ge­bü­ßt. 

4. Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer

1. „Teutschlands Strom…“ – Kampf um die Rheingrenze

Der Rhein als na­tür­li­che Gren­ze des ei­ge­nen Staa­tes, das ist ei­ne fran­zö­si­sche Idee, de­ren Ur­sprün­ge zu­rück in das 15. Jahr­hun­dert rei­chen. Nach dem En­de des Hun­dert­jäh­ri­gen Krie­ges hat­te das fran­zö­si­sche Kö­nig­reich zwar die Eng­län­der er­folg­reich vom Kon­ti­nent ver­trie­ben, es blieb aber die un­an­ge­neh­me Be­dro­hung be­ste­hen, durch das Haus Habs­burg zwi­schen dem spa­ni­schen Reich und dem deut­schen Reich im Zan­gen­griff ge­hal­ten zu wer­den.

Das Zeit­al­ter der Re­nais­sance brach­te nicht nur die Wie­der­ent­de­ckung der An­ti­ke und der an­ti­ken Schrif­ten wie et­wa „De bel­lo gal­li­co“ von Ju­li­us Cae­sar (110-44 v. Chr.); es kam auch zur Iden­ti­fi­ka­ti­on und Gleich­set­zung Frank­reichs mit dem al­ten Gal­li­en. Der Loth­rin­ger Jean le Bon ver­öf­fent­lich­te 1568 ein Pam­phlet mit dem Ti­tel „Le Rhin au Roy“, das sich mit „Der Rhein ge­hört dem Kö­ni­g“ über­set­zen lässt. In die­sem Werk for­der­te er da­her ganz deut­lich, das fran­zö­si­sche Herr­schafts­ge­biet bis zum Rhein aus­zu­deh­nen, um das gan­ze al­te Gal­li­en wie­der er­ste­hen zu las­sen: „Wenn Pa­ris den Rhein trinkt, hat ganz Gal­li­en sein En­de wie­der“.

Die­se For­de­rung spiel­te fort­an im Ver­hält­nis Frank­reichs zu der Viel­zahl von öst­li­chen Nach­barn ei­ne kei­nes­wegs un­be­deu­ten­de Rol­le. Im 17. Jahr­hun­dert ge­hör­te die fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung der rhei­ni­schen Kur­fürs­ten von Köln, Mainz und Trier zum be­lieb­ten In­stru­ment fran­zö­si­scher Po­li­tik, um das in­ne­re Mäch­te­gleich­ge­wicht des Deut­schen Rei­ches zu be­ein­flus­sen und die Habs­bur­ger nicht all­zu sehr er­star­ken zu las­sen. Frank­reich konn­te mit dem Zu­ge­winn des El­sass die Gren­zen bis an den Ober­rhein vor­schie­ben und so­gar ei­nen kurz­le­bi­gen Rhein­bund ins Le­ben ru­fen. Die fran­zö­si­sche Ex­pan­si­ons- und An­ne­xi­ons­po­li­tik wur­de ganz selbst­ver­ständ­lich als „Re­uni­on“, al­so als „Wie­der­ver­ei­ni­gun­g“ mit Frank­reich, be­zeich­net.

Am An­fang des 17. Jahr­hun­derts war auch erst­mals der Staat zu ter­ri­to­ria­len Be­sit­zun­gen am Rhein ge­kom­men, der spä­ter – no­lens vo­lens – zum gro­ßen Ge­gen­spie­ler Frank­reichs und zur Schutz­macht des Rhein­lan­des wer­den soll­te: das Kur­fürs­ten­tum Bran­den­burg-Preu­ßen. Kur­fürst Jo­hann Si­gis­mund (1572-1619) konn­te im Jü­lisch-Kle­vi­schen-Erb­fol­ge­streit nach dem Tod des kin­der­los ge­blie­be­nen Her­zogs Jo­hann Wil­helm von Jü­lich-Kle­ve-Mark (1562-1609) sei­ne An­sprü­che be­haup­ten und hat­te 1614 im Ver­trag von Xan­ten aus der Erb­mas­se das Her­zog­tum Kle­ve so­wie die Graf­schaf­ten Mark und Ra­vens­burg er­hal­ten. Die gro­ße Be­deu­tung, wel­che die preu­ßi­schen West­pro­vin­zen im 17. Jahr­hun­dert bei der Aus­wei­tung des Staa­tes ge­habt hat­ten, ver­lo­ren sie im 18. Jahr­hun­dert wie­der. Das Haupt­au­gen­merk der preu­ßi­schen Po­li­tik lag wie­der im Os­ten. Kö­nig Fried­rich II. (Re­gie­rungs­zeit 1740-1786) streb­te hier nach Zu­ge­winn und ent­riss Ös­ter­reich in drei Krie­gen ab 1740 Schle­si­en.

In den ers­ten bei­den Krie­gen wa­ren Preu­ßen und Frank­reich noch Ver­bün­de­te ge­gen Ös­ter­reich ge­we­sen. Bei­de hat­te das Be­mü­hen, die Vor­herr­schaft der Habs­bur­ger im Deut­schen Reich zu schwä­chen, ge­eint. Doch der bri­tisch-fran­zö­si­sche Ge­gen­satz in den Ko­lo­ni­en be­wirk­te ab 1754 in Eu­ro­pa ei­ne „Um­keh­rung der Al­li­an­zen“ (Jean-Charles-Léo­nard Si­mon­de de Sis­mon­di - 1773-1842 - be­zie­hungs­wei­se Ri­chard Wad­ding­ton, 1838-1913). Das mit Russ­land in Ab­spra­chen ver­bun­de­ne Groß­bri­tan­ni­en ver­bün­de­te sich mit Preu­ßen, um sein Kur­fürs­ten­tum Han­no­ver zu schüt­zen. Preu­ßen durch­brach da­mit die von Ös­ter­reich zur Rück­ge­win­nung Schle­si­ens an­ge­streb­te au­ßen­po­li­ti­sche Iso­lie­rung. Frank­reich nä­her­te sich Ös­ter­reich an, um den fran­zö­sisch-habs­bur­gi­schen Ge­gen­satz zu ent­schär­fen und ei­nen Zwei­fron­ten­krieg zu ver­mei­den.

Im Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg (1756-1763) kämpf­te Frank­reich da­her erst­mals als Ver­bün­de­ter zu­sam­men mit Ös­ter­reich. Als Fol­ge die­ser neu­en Al­li­anz griff es nach den preu­ßi­schen Pro­vin­zen am Rhein und be­setz­te sie wäh­rend des ge­sam­ten Krie­ges. Preu­ßen hat­te we­der die Macht noch den Wil­len, ei­ne Rück­erobe­rung zu ver­su­chen. Der preu­ßi­sche Kö­nig Fried­rich II. zeig­te so­gar Ver­ständ­nis für die fran­zö­si­sche For­de­rung nach der Rhein­gren­ze, den preu­ßi­schen Ge­bie­ten am Rhein maß er kei­ne gro­ße Be­deu­tung bei.

Als die fran­zö­si­sche Mon­ar­chie un­ter­ging, bra­chen die Prot­ago­nis­ten der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on von 1789 zwar mit vie­len Tra­di­tio­nen, aber bei­lei­be nicht mit al­len. Die au­ßen­po­li­ti­schen In­ter­es­sen Frank­reichs wie­sen ei­ne er­staun­li­che Kon­ti­nui­tät auf: die füh­ren­den Per­sön­lich­kei­ten über­nah­men die al­te For­de­rung nach der Rhein­gren­ze. In der Na­tio­nal­ver­samm­lung leg­ten sich die Ab­ge­ord­ne­ten im De­zem­ber 1791 auf die Gren­zen Frank­reichs fest: „Vom Rhein bis zu den Py­re­nä­en, von den Al­pen bis zum Oze­an“. Da­mit ver­fes­tig­te sich die Rhein­gren­ze als Be­stim­mung und Schick­sal Frank­reichs. Jetzt war es nicht mehr die Idee ei­nes Mon­ar­chen, son­dern des Vol­kes. 1794 be­setz­ten die Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen das links­rhei­ni­sche Ge­biet und er­rich­te­ten zu­nächst ei­ne pro­vi­so­ri­sche Ver­wal­tung, die we­ni­ge Jah­re spä­ter in die fran­zö­si­sche Staats­ver­wal­tung über­ging. Die Um­ge­stal­tung der Ver­wal­tung des neu ge­won­nen Ge­bie­tes ging ein­her mit der wirt­schaft­li­chen Um­ver­tei­lung des Be­sit­zes der durch die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on seit 1802 ent­eig­ne­ten Stif­te, Klös­ter und Kon­ven­te.

Er­mög­licht wor­den war dies durch den zu­nächst heim­li­chen Ver­zicht auf die links­rhei­ni­schen Ge­bie­te des Deut­schen Rei­ches durch Preu­ßen im Frie­den von Ba­sel 1795 und Ös­ter­reich im Frie­den von Cam­po For­mio 1797. Schlie­ß­lich folg­te die öf­fent­li­che Ab­tre­tung an Frank­reich im Frie­den von Lun­é­vil­le 1801. Tat­säch­lich lag von 1794 bis 1814 die Gren­ze des fran­zö­si­schen Staats­ge­bie­tes am Rhein.

Dar­über hin­aus form­te der fran­zö­si­sche Kai­ser Na­po­le­on Bo­na­par­te (1769-1821) mit dem 1806 ins Le­ben ge­ru­fe­nen „Rhein­bun­d“ ei­nen Gür­tel von deut­schen Sa­tel­li­ten­staa­ten, die nicht nur als fran­zö­si­sches Vor­feld dien­ten, son­dern auch noch Sol­da­ten für sei­ne zahl­rei­chen Feld­zü­ge stell­ten. Zu­dem wa­ren ei­ni­ge eng mit der Fa­mi­lie Na­po­le­ons ver­bun­den: Gro­ßher­zog des neu ge­schaf­fe­nen Gro­ßher­zog­tums Berg war zu­nächst bis 1808 Na­po­le­ons Schwa­ger Joa­chim Mu­rat (1767-1815), dann Na­po­le­ons vier­jäh­ri­ger Nef­fe Na­po­le­on Louis Bo­na­par­te (1803-1831). Für die­sen über­nahm Na­po­le­on selbst die Re­gent­schaft.

In das eben­falls neu er­rich­te­te Kö­nig­reich West­fa­len setz­te Na­po­le­on als Kö­nig sei­nen jüngs­ten Bru­der Jé­rô­me Bo­na­par­te (1784-1860) ein. Bei­de Staa­ten er­hiel­ten ei­ne mo­der­ne Ver­wal­tung und ver­staat­lich­ten die geist­li­chen Be­sitz­tü­mer. Auch Ba­den, Würt­tem­berg und Bay­ern konn­ten sich den Re­form­ide­en nicht ent­zie­hen. Sie er­neu­er­ten eben­falls ih­re Ver­wal­tun­gen und führ­ten die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on durch.



Nonnenwerth, Rolandseck und Drachenfels, Gemälde von Arnold Forstmann (1842-1914 oder später), um 1870, Original im Stadtmuseum Bonn.

 

Die fran­zö­si­sche Be­set­zung des Rhein­lan­des und die Vor­herr­schaft der Fran­zo­sen in Eu­ro­pa tra­fen trotz al­ler Mo­der­ni­sie­rung auf zu­neh­men­de Ab­leh­nung. Sie grün­de­te vor al­lem auf den wirt­schaft­li­chen Fes­seln der Zoll­gren­ze am Rhein und der Kon­ti­nen­tal­sper­re so­wie den ste­ti­gen Ein­be­ru­fun­gen von Sol­da­ten. Ideo­lo­gisch wur­de sie auf­ge­la­den durch ei­nen neu er­wach­ten na­tio­na­len Selbst­be­haup­tungs­wil­len. Das 1806 un­ter­ge­gan­ge­ne Deut­sche Reich be­zie­hungs­wei­se des­sen mit­tel­al­ter­li­che Blü­te wur­de ro­man­ti­sie­rend als „gu­te al­te Zeit“ ver­klärt und mit Sehn­süch­ten nach neu­er na­tio­na­ler Grö­ße ver­knüpft.

Die an­ti-na­po­leo­ni­sche Hal­tung zeig­te sich zu­erst bei den In­tel­lek­tu­el­len. Hein­rich von Kleist (1777-1811), der 1793 am Feld­zug ge­gen Frank­reich teil­ge­nom­men hat­te, wand­te sich trotz an­fäng­li­cher Be­geis­te­rung für die Ide­en der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on nach der Be­set­zung Preu­ßens ge­gen die na­po­leo­ni­sche Herr­schaft. Zwi­schen 1806 und 1808 schrieb er das Stück „Die Her­manns­schlach­t“, wel­ches den Kampf zwi­schen dem Ger­ma­nen Ar­mi­ni­us (Deut­sche) und dem In­va­so­ren Va­rus (Fran­zo­sen) be­han­delt. In sei­ner 1809 ent­stan­de­nen Ode „Ger­ma­nia an ih­re Kin­der“ hei­ßt es auf­rüt­telnd:

Die des Mai­nes Re­gio­nen, 
Die der El­be heit­re Aun, 
Die der Do­nau Strand be­woh­nen, 
Die das Oder­tal be­baun, 
An des Rhei­nes Lau­ben sit­zen, 
Von dem duft­gen Mit­tel­meer, 
Von dem Rie­sen­ber­ge Spit­zen, 
Von der Ost und Nord­see her! 
[Chor] 
Hor­chet! – Durch die Nacht, ihr Brü­der, 
welch ein Don­ner­ruf her­nie­der? 
Stehst Du auf, Ger­ma­nia? 
Ist der Tag der Ra­che da?

Wer nicht nur auf den Tag der Ra­che war­ten woll­te, en­ga­gier­te sich ge­gen Na­po­le­on. Al­ler­dings konn­te das Auf­be­geh­ren zur Flucht ins Exil füh­ren. Ernst Mo­ritz Arndt, ge­bo­ren in Groß-Scho­ritz (heu­te Orts­teil von Garz) auf der In­sel Rü­gen, die da­mals noch zu Schwe­den ge­hör­te, war seit 1801 Pri­vat­do­zent und 1806 Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Greifs­wald ge­we­sen. Auf Grund ei­ner an­ti-na­po­leo­ni­schen Flug­schrift muss­te er nach der Schlacht von Je­na und Au­er­stedt 1806 nach Schwe­den flüch­ten. 1809 kehr­te er nach Deutsch­land zu­rück und ging 1812 auf Ein­la­dung des Hein­rich Fried­rich Karl Reichs­frei­herrn vom und zum Stein (1757-1831) als des­sen Pri­vat­se­kre­tär nach Russ­land. Wäh­rend die bei­den auf po­li­ti­scher Ebe­ne die An­nä­he­rung von Russ­land und Eng­land be­för­der­ten, un­ter­stütz­ten sie gleich­zei­tig den Auf­bau der Rus­sisch-Deut­schen Le­gi­on. Arndt flan­kier­te die Be­mü­hun­gen mit po­li­ti­schen Kampf­schrif­ten in Form von pa­trio­ti­schen Flug­schrif­ten, Ge­dich­ten und Lie­dern.

Der Russ­land­feld­zug Na­po­le­ons 1812 en­de­te mit dem Rück­zug der fran­zö­si­schen Ar­mee und der Hilfs­trup­pen der mit Frank­reich ver­bün­de­ten Staa­ten. Das mi­li­tä­risch von Na­po­le­on ge­de­mü­tig­te und aus sei­nen west­li­chen Ge­bie­ten ver­trie­be­ne Preu­ßen hat­te eben­falls ein Trup­pen­kon­tin­gent ge­stellt. Am 30.12.1812 han­del­te der preu­ßi­sche Ge­ne­ral Jo­hann Da­vid von Yorck (1759-1830) ei­gen­mäch­tig ei­nen Waf­fen­still­stand mit den rus­si­schen Trup­pen aus. In die­ser Kon­ven­ti­on von Tau­rog­gen er­klär­ten sich die preu­ßi­schen Trup­pen für neu­tral. Drei Mo­na­te, im März 1813, mar­kier­te die Kriegs­er­klä­rung des preu­ßi­schen Kö­nigs an Frank­reich end­gül­tig den Über­gang vom Ver­bün­de­ten zum Geg­ner und er­öff­ne­te die so ge­nann­ten „Be­frei­ungs­krie­ge“. Der Ko­ali­ti­on aus Russ­land und Preu­ßen schloss sich Ös­ter­reich an. Hö­he­punkt des Krie­ges war die „Völ­ker­schlach­t“ bei Leip­zig im Ok­to­ber 1813, in der die Al­li­ier­ten Na­po­le­on be­sieg­ten. Die Res­te der ge­schla­ge­nen fran­zö­si­schen Ar­mee zo­gen sich hin­ter den Rhein und da­mit nach Frank­reich zu­rück. Der von Na­po­le­on 1806 ge­schaf­fe­ne Rhein­bund zer­fiel. Die nach­rü­cken­den Al­li­ier­ten er­reich­ten An­fang No­vem­ber den Rhein. Sie be­setz­ten die nörd­li­chen Rhein­bund­staa­ten West­fa­len, Berg und Frank­furt und rich­te­ten dort Über­gangs­ver­wal­tun­gen ein. Die süd­deut­schen Mon­ar­chi­en wie die in Bay­ern, Ba­den und Würt­tem­berg blie­ben von solch ei­ner Auf­lö­sung ver­schont.



Heinrich von Kleist, Gemälde von Peter Friedel, 1801, Zeichnung, Dresden, Original. (Sammlung Otto Krug)

 

Be­reits im Ja­nu­ar 1813 hat­te Arndt mit sei­ner Flug­schrift „Was be­deu­tet Land­sturm und Land­wehr“ die Volks­be­waff­nung emp­foh­len. Nach dem Vor­bild des Land­stur­me­dikts des preu­ßi­schen Kö­nigs vom 21.4.1813 rief im Gro­ßher­zog­tum Berg der In­te­rims­ver­wal­ter Jus­tus Gru­ner (1777-1820) am 13./25. De­zem­ber eben­falls zur Bil­dung ei­nes Land­sturms auf. Er ver­wies da­bei aus­drück­lich auf die Män­ner des Sie­ben­ge­bir­ges. Tat­säch­lich hat­te sich dort vor der of­fi­zi­el­len Auf­stel­lung ei­ne Bür­ger­wehr zu­sam­men­ge­fun­den, die sich nun der „frei­wil­li­ge Land­sturm vom Sie­ben­ge­bir­ge“ nann­te. Die Rhein­län­der ver­sa­hen nun den Vor­pos­ten­dienst an der Rhein­gren­ze.

Wie sehr die­se Rhein­gren­ze be­reits ak­zep­tiert wor­den war, zeigt das Zö­gern der Al­li­ier­ten den Rhein zu über­que­ren. In die­ser Si­tua­ti­on stell­te sie ih­nen die Fra­ge, ob mit der Be­frei­ung Deutsch­lands in den Gren­zen von 1813 ih­re Kriegs­zie­le er­reicht wor­den wa­ren oder nicht. Der ös­ter­rei­chi­sche Au­ßen­mi­nis­ter Cle­mens Wen­zel Lo­thar von Met­ter­nich plä­dier­te im Sin­ne des Gleich­ge­wichts der Kräf­te für den Er­halt Frank­reichs als Gro­ß­macht, um ei­ne Vor­herr­schaft des er­stark­ten Russ­lands zu ver­hin­dern. Mit­te No­vem­ber 1813 bo­ten die Al­li­ier­ten des­halb dem ge­schla­ge­nen Na­po­le­on als Ver­hand­lungs­ba­sis für ei­nen Frie­den an, Frank­reich in sei­nen na­tür­li­chen Gren­zen zu er­hal­ten.

Pu­bli­zis­tisch schal­te­te sich nun Arndt mit ei­ner wei­te­ren Pu­bli­ka­ti­on in die­se De­bat­te ein. Noch 1813 er­schien sei­ne Flug­schrift „Der Rhein, Teutsch­lands Strom, aber nicht Teutsch­lands Grän­ze“. In ihr skiz­zier­te Arndt die Tra­di­ti­on der fran­zö­si­schen Rhein­po­li­tik von ih­ren An­fän­gen bis zu den „Un­ge­heu­er[n] an der Sei­ne vom Jah­re 1790 bis 1800“. Die Na­tur­gren­ze ei­nes Vol­kes ar­gu­men­tier­te Arndt, sei nicht ei­ne na­tür­li­che Ge­ge­ben­heit wie ein Fluss, son­dern viel­mehr der Sprach­raum: „was sind die Na­tur­grän­zen ei­nes Vol­kes? Ich sa­ge: die ein­zi­ge gül­tigs­te Na­tur­grän­ze macht die Spra­che.“ So wie die Spra­che ei­ne Be­son­der­heit sei, so ha­be auch das Volk, die Na­ti­on, die sie spricht, ih­re Be­son­der­hei­ten in der Rechts­auf­fas­sung und in der Po­li­tik. Arndt ver­knüpf­te Deutsch­lands Schick­sal mit dem Rhein, denn: „oh­ne den Rhein kann die teut­sche Frei­heit nicht be­ste­hen.“ Auch das Gleich­ge­wicht der Kräf­te in Eu­ro­pa be­müh­te Arndt, da „Teutsch­lands Selb­stän­dig­keit und Eu­ro­pens Si­cher­heit nicht be­ste­hen kann, wenn die Fran­zo­sen den Rhein und die jen­seits des Rheins lie­gen­den teut­schen Lan­de be­hal­ten.“ Nur ein deut­scher Rhein kön­ne Eu­ro­pa vor der fran­zö­si­schen Vor­herr­schaft be­wah­ren: „Wenn Frank­reich den Rhein­strom mit sei­nen Lan­den be­hält, so be­hält es nicht nur sein al­les Gleich­ge­wicht auf­he­ben­des Über­ge­wicht über Teutsch­land, son­dern auch über das üb­ri­ge Eu­ro­pa.“

Wei­te­re Pu­bli­ka­tio­nen for­der­ten eben­so, dass der Rhein nicht die Gren­ze Deutsch­lands sei. Ei­ne an­ony­me Druck­schrift mit dem Ti­tel „Deutsch­land im rhei­ni­schen Bun­de und nach sei­ner Wie­der­ge­burt; oder: der Frie­de oh­ne Rhein­gren­ze“ von 1813 for­mu­lier­te emo­tio­nal: „Der Rhein sey ein deut­scher Strom, und tren­ne für­der nicht Brü­der von Brü­dern!“

Da­mit stütz­ten Arndt und die an­de­ren Pu­bli­zis­ten das Drän­gen des Frei­herrn vom Stein und der preu­ßi­schen Mi­li­tärs. Sie be­für­wor­te­ten die Fort­set­zung des Krie­ges und das Ein­drin­gen nach Frank­reich, um Na­po­le­ons Macht­ba­sis zu zer­schla­gen. Da Na­po­le­on das An­ge­bot der Al­li­ier­ten igno­rier­te und neue Trup­pen aus­hob, ent­schlos­sen sich die Al­li­ier­ten, die Kampf­hand­lun­gen wie­der auf­zu­neh­men. Den Krieg von 1814 lei­te­te der preu­ßi­sche Ge­ne­ral­feld­mar­schall Ger­hard Le­be­recht von Blü­cher (1742-1819) mit dem Rhein­über­gang bei Kaub in der Neu­jahrs­nacht ein.

Die­ses Er­eig­nis be­grü­ß­ten und be­ju­bel­ten die Zeit­ge­nos­sen. In­spi­riert von Blü­chers Rhein­über­gang er­schien 1814 das Ge­dicht „Lied vom Rhein“ von Max von Schen­ken­dorf (1783-1817), der als Frei­wil­li­ger an den Be­frei­ungs­krie­gen und an der „Völ­ker­schlach­t“ bei Leip­zig teil­ge­nom­men hat­te. Hier­in wur­de der Rhein als „hei­li­g“ über­höht und sei­ne Frei­heit be­schwo­ren, Mo­ti­ve, die fort­an im­mer wie­der­keh­ren soll­ten.

Max von Schen­ken­dorf, Lied vom Rhein (1814)

...

Das ist der heil'ge Rhein
Ein Herr­scher, reich be­gabt
Deß Na­me schon wie Wein,
Die treue See­le labt.
Es re­gen sich in al­len Her­zen
Viel Va­ter­länd'sche Lust und Schmer­zen,
Wenn man das deut­sche Lied be­ginnt
Vom Rhein, dem ho­hen Fel­sen­kind.

...

Wir huld'gen un­serm Herrn,
Wir trin­ken sei­nen Wein.
Die Frei­heit sey der Stern!
Die Lo­sung sey der Rhein!
Wir wol­len ihm auf‘s neue schwö­ren,
Wir müs­sen ihm, er uns ge­hö­ren!
Vom Fel­sen kommt er frei und hehr,
Er flie­ße frei in
Got­tes Meer!
(2. und 9. Stro­phe)

Das Über­schrei­ten des Rheins be­deu­te­te das Ein­drin­gen nach Frank­reich. Das Hin­ein­tra­gen des Krie­ges nach Frank­reich wur­de mit Ge­nug­tu­ung auf­ge­nom­men und spä­ter als Blü­chers Ver­dienst an­ge­se­hen. Der Rhein­über­gang leg­te den Grund­stein des spä­te­ren Blü­cher-My­thos als „Mar­schall Vor­wärts“. Au­gust Ko­pisch (1799-1853), der Dich­ter der „Hein­zel­männ­chen zu Köln“, mal­te den Mo­ment in dem 1836 er­schie­ne­nen Ge­dicht „Blü­cher am Rhein“ aus:

Au­gust Ko­pisch, Blü­cher am Rhein (1836)



Blüchers Rheinübergang bei Kaub, Gemälde von Wilhelm Camphausen (1818-1885), 1860. (Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie)

 

Die Hee­re blie­ben am Rhei­ne ste­hen:
Soll man hin­ein nach Frank­reich gehn?
Man dach­te hin und wie­der nach,
Al­lein der al­te Blü­cher sprach:
„Ge­ne­ral­kar­te her!
Nach Frank­reich gehn ist nicht so schwer.
Wo steht der Feind?“ – „Der Feind? – da­hier!“
„Den Fin­ger drauf, den schla­gen wir!
Wo liegt Pa­ris?“ – „Pa­ris? – da­hier!“
„Den Fin­ger drauf, den schla­gen wir!
Nun schlag die Brü­cken übern Rhein!
Ich den­ke, der Cham­pa­gner­wein
Wird, wo er wächst, am bes­ten sein!“

Rhein­über­gän­ge der al­li­ier­ten Trup­pen fan­den al­ler­dings auch bei Mann­heim und Ko­blenz statt. Ei­ner der Or­ga­ni­sa­to­ren des Land­sturms im Rhein­land war der preu­ßi­sche Ma­jor der Gar­de-Jä­ger Fer­di­nand Wil­helm Franz Bols­tern von Bol­tens­tern (1786-1814). Der Land­sturm war nur zur Ver­tei­di­gung der Hei­mat und nicht für Of­fen­siv­ak­tio­nen vor­ge­se­hen, wie Bol­tens­tern sie im Sinn hat­te. An­fang Ja­nu­ar 1814 ver­such­te er im An­schluss an den Rhein­über­gang Blü­chers bei Kaub, ei­nen An­griff bei Mül­heim über den Rhein auf Köln aus­zu­füh­ren. Die un­er­war­te­te hef­ti­ge fran­zö­si­sche Ge­gen­wehr trieb sei­nen Trupp aus preu­ßi­schen Jä­gern, Rus­sen und frisch re­kru­tier­ten ber­gi­schen Trup­pen zu­rück in den Rhein. Bol­tens­tern starb – ver­mut­lich töd­lich ver­wun­det – beim Rück­zug im Rhein. Sein Leich­nam wur­de nie ge­fun­den.

Zur glei­chen Zeit – mög­li­cher­wei­se als Ab­len­kungs­ma­nö­ver ge­dacht – kam es von der In­sel Non­nen­werth aus zu ei­nem Schuss­wech­sel mit fran­zö­si­schen Trup­pen auf der an­de­ren Rhein­sei­te. Da­bei wur­de der Kö­nigs­win­te­rer Stein­hau­er­meis­ter Jo­hann Jo­seph Gen­ger (1774-1814) töd­lich ver­wun­det, so dass er ei­ni­ge Ta­ge spä­ter starb. Da­mit hat­te der Land­sturm im Rhein­land – wenn Bol­tens­tern als Or­ga­ni­sa­tor da­zu ge­zählt wird – zwei Op­fer zu be­kla­gen.

Schon 1814 er­hiel­ten Bol­tens­tern und Gen­ger ein Denk­mal, ge­stif­tet vom Land­sturm. Am Jah­res­tag der Völ­ker­schlacht bei Leip­zig, am 18.10.1814, war die fei­er­li­che Ein­wei­hung des von dem Bau­di­rek­tor des Gro­ßher­zog­tums Berg Adolph von Va­ge­des (1777-1842) ge­stal­te­ten Obe­lis­ken. Im gan­zen Rhein­land fan­den an die­sem Tag Fei­ern statt, die der Be­frei­ung des Rhein­lan­des ge­wid­met wa­ren. Die Idee zu die­sen Fei­ern an die­sem Tag stamm­te von Arndt, der da­mit ein Zei­chen set­zen woll­te: „Hier aber um den hei­li­gen Rhein von den Ber­gen über Düs­sel­dorf bis zu den Ber­gen über Ba­sel und dann auf den Huns­rück und Don­ners­berg sol­len sie un­se­ren ur­al­ten Nei­dern und Wi­der­sa­chern ent­ge­gen­flam­men und mel­den, wel­ches Fest in Teutsch­land be­gan­gen wird.“

Die sieg­rei­chen Al­li­ier­ten be­stimm­ten auf dem Wie­ner Kon­gress 1815 über die ter­ri­to­ria­le Zu­kunft Eu­ro­pas. Den wich­tigs­ten und grö­ß­ten ter­ri­to­ria­len Zu­ge­winn am Rhein er­hielt das an­fangs zö­ger­li­che Kö­nig­reich Preu­ßen: das Rhein­land von der nie­der­län­di­schen Gren­ze bis zur Na­he. Aus die­sem Ge­biet ent­stand als­bald die preu­ßi­sche Rhein­pro­vinz, in der wei­ter­hin der na­po­leo­ni­sche Code Ci­vil als „Rhei­ni­sches Rech­t“ Gel­tung hat­te. Die 1818 vom preu­ßi­schen Kö­nig ge­grün­de­te Bon­ner Uni­ver­si­tät hat­te ei­gens ei­nen Lehr­stuhl da­für ein­ge­rich­tet. Ei­ne Pro­fes­sur er­hielt auch Ernst Mo­ritz Arndt.

Der nicht weit von Bonn ent­fern­te Dra­chen­fels avan­cier­te im 19. Jahr­hun­dert als Ku­lis­se für pa­trio­ti­sche Be­kennt­nis­fei­ern. Die Tur­ner­be­we­gung lud 1818 zur Jah­res­fei­er der Völ­ker­schlacht auf den Berg ein, doch be­reits ein Jahr spä­ter wa­ren sol­che na­tio­nal den­ken­den Grup­pie­run­gen un­ter auf­merk­sa­mer Be­ob­ach­tung und die Bur­schen­schaf­ten ver­bo­ten wor­den. Die Bon­ner Stu­den­ten zo­gen 1819 auf den Bon­ner Kreuz­berg. Hein­rich Hei­ne, der im Win­ter­se­mes­ter 1819/1820 an der ge­ra­de er­öff­ne­ten Bon­ner Uni­ver­si­tät Rechts- und Ka­me­ral­wis­sen­schaf­ten stu­dier­te, nahm dar­an teil, ver­leg­te in sei­nem Ge­dicht aber die Kund­ge­bung auf den Dra­chen­fels, um ei­ne hö­he­re Wir­kung zu er­zie­len. Gleich­wohl hielt er die für ihn ty­pi­sche iro­ni­sche Dis­tanz zum Ge­sche­hen.

Hein­rich Hei­ne, Die Nacht auf dem Dra­chen­fels (Mai 1820)



August Kopisch, Porträt, 1887.

 

Um Mit­ter­nacht war schon die Burg er­stie­gen,
Der Holz­stoß flamm­te auf am Fuß der Mau­ern,
Und wie die Bur­schen lus­tig nie­der­kau­ern,
Er­scholl das Lied von Deutsch­lands heil­gen Sie­gen.

Wir tran­ken Deutsch­lands Wohl aus Rhein­wein­krü­gen,
Wir sahn den Burg­geist auf dem Tur­me lau­ern,
Viel dunk­le Rit­ter­schat­ten uns um­schau­ern,
Viel Ne­bel­fraun bei uns vor­über­flie­gen.

Und aus den Trüm­mern steigt ein tie­fes Äch­zen,
Es klirrt und ras­selt, und die Eu­len kräch­zen;
Da­zwi­schen heult des Nord­sturms Wut­ge­brau­se.

Sieh nun, mein Freund, so ei­ne Nacht durch­wacht ich
Auf ho­hem Dra­chen­fels, doch lei­der bracht ich
Den Schnup­fen und den Hus­ten mit nach Hau­se.

Das Land­sturm-Denk­mal auf dem Dra­chen­fels ver­fiel in den fol­gen­den Jah­ren, so dass 1857 ein neu­es durch den Dom­bau­meis­ter Ernst Fried­rich Zwir­ner in Form ei­ner neu­go­ti­schen Fia­le ge­schaf­fen wur­de, auf dem die Na­men der bei­den To­ten nicht mehr er­schie­nen. 1876 muss­te auch die­ses Denk­mal er­setzt wer­den. Auf Drän­gen der Fa­mi­lie Bol­ten­sterns wur­de 1914 an an­de­rer Stel­le auf dem Dra­chen­fels ein Obe­lisk er­rich­tet, der die Na­men Bol­tens­tern und Gen­ger wie­der auf­wies.



Heinrich Heine, Porträt, Foto eines im Original farbigen Ölgemäldes von Colla, um 1825.

 

2. „Sie sollen ihn nicht haben …“ – Die Rheinkrise 1840

Nach dem En­de der na­po­leo­ni­schen Krie­ge reis­ten vie­le wohl­ha­ben­de Bri­ten auf ih­rer „Gro­ßen Tour“ tra­di­tio­nell von Eng­land nach Ita­li­en und nah­men den Weg den Rhein hin­auf. Die von ih­nen als na­tür­lich und schön emp­fun­de­ne Rhein­land­schaft lös­te Be­geis­te­rung bei den Rei­sen­den aus. Be­rich­te, Brie­fe und vor al­lem Ge­or­ge Gor­don By­rons (1788-1824) Ge­dicht über „The cast­led crag of Dra­chen­fel­s“ sorg­ten zu­nächst für ei­nen ste­tig an­schwel­len­den Strom bri­ti­scher Tou­ris­ten, de­nen bald auch die deut­schen Rei­sen­den folg­ten. Die auf­blü­hen­de Rhein­ro­man­tik ver­wan­del­te den Fluss end­gül­tig in ein – er­reich­ba­res – Ziel der Sehn­sucht. Ma­ler, Dich­ter und Mu­si­ker ver­brei­te­ten ein ver­klär­tes Bild des Rhein­lan­des, Buch­ver­le­ger wie Karl Ba­ede­kermit sei­nen Rei­se­füh­rern und die auf­kom­men­de Dampf­schiff­fahrt tru­gen ih­ren Teil da­zu bei, sehr vie­le Men­schen an den Rhein zu be­för­dern. Sie ge­nos­sen den Aus­flug, den Rhein­wein und die – zu­min­dest zeit­wei­se – Be­frei­ung von den Zwän­gen der Ge­sell­schaft.

Auch das preu­ßi­sche Kö­nigs­haus war „vom Zau­ber des Rheins er­grif­fen“. Die Bur­gen­fans un­ter den Ho­hen­zol­lern er­war­ben Burg­rui­nen wie die von Ro­lands­eck und lie­ßen sich Bur­gen nach­bau­en wie et­wa Schloss Stol­zen­fels.



Karikatur eines englischen Reisenden, aus Richard Doyle, The Foreign Tour of Messrs. Brown, Jones & Robinson, London 1854, Original im Siebengebirgsmuseum.

 

Mit der wach­sen­den Be­deu­tung des Rheins für ei­ne im­mer brei­te­re Öf­fent­lich­keit fand auch sei­ne po­li­ti­sche Auf­la­dung statt. Die Ent­schei­dung des preu­ßi­schen Kö­nigs, im Rhein­land den Bau des Köl­ner Doms zu voll­enden, fand in der Krei­sen der Na­tio­nal­be­we­gung grö­ß­ten Zu­spruch. Der Dom­bau wur­de zur na­tio­na­len Auf­ga­be und der zu voll­enden­de Dom zum Sym­bol für die noch aus­ste­hen­de Voll­endung der deut­schen Ein­heit. Die deut­sche Na­tio­nen­bil­dung hat­te am Rhein ihr sicht­bars­tes Zei­chen er­hal­ten. Die Frei­heit des Ein­zel­nen und die Frei­heit der Na­ti­on wa­ren mit der Frei­heit des Rheins na­he­zu ei­ne Sym­bio­se ein­ge­gan­gen. Da­her be­tra­fen An­grif­fe von fran­zö­si­scher Sei­te auf die­se Frei­heit die gan­ze deut­sche Na­ti­on.

Der deutsch-fran­zö­si­sche Ge­gen­satz fand in der Rhein­kri­se von 1840 ei­nen neu­en Hö­he­punkt. Der fran­zö­si­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Adolph Thiers (1797-1877) hat­te in der Ori­en­ta­li­schen Fra­ge ei­ne di­plo­ma­ti­sche Nie­der­la­ge hin­neh­men müs­sen und such­te ein Ven­til für die Em­pö­rung im Land. Er rich­te­te sie auf das Rhein­land, for­der­te die Re­vi­si­on der Er­geb­nis­se des Wie­ner Kon­gres­ses von 1815 und er­hob den fran­zö­si­schen An­spruch auf das links­rhei­ni­sche Ge­biet. Die po­li­ti­schen Span­nun­gen lie­ßen in Deutsch­land die pa­trio­ti­sche Stim­mung stei­gen und es ent­zün­de­te sich ein Dich­t­er­streit, bei dem die­se mit zahl­rei­chen po­li­ti­schen Lie­dern ein flam­men­des Be­kennt­nis zum deut­schen Rhein ab­leg­ten. Ei­nes der ers­ten und po­pu­lärs­ten Lie­der schrieb der in Bonn ge­bo­re­ne Ni­ko­laus Be­cker. Er hat­te Rechts­wis­sen­schaft stu­diert und war Ge­richts­schrei­ber am Frie­dens­ge­richt in Gei­len­kir­chen als er das „Rhein­lie­d“ dich­te­te. Es er­schien am 18.9.1840 in der „Trie­ri­schen Zei­tun­g“ und des­sen ers­te Zei­len soll­ten schon bald in al­ler Mun­de sein: „Sie sol­len ihn nicht ha­ben, den frei­en, deut­schen Rhein…“

Ni­ko­laus Be­cker, Rhein­lied (Sep­tem­ber 1840)



Der 'rote' Baedeker, Ausgabe aus dem Jahr 1864, Original im Siebengebirgsmuseum, Foto: Original: Siebengebirgsmuseum.

 

Sie sol­len ihn nicht ha­ben
Den frei­en deut­schen Rhein,
Ob sie wie gie­ri­ge Ra­ben
Sich hei­ser da­nach schrei´n,

So lang er ru­hig wal­lend
Sein grü­nes Kleid noch trägt,
So lang ein Ru­der schal­lend
In sei­ne Wo­ge schlägt.

Sie sol­len ihn nicht ha­ben,
Den frei­en, deut­schen Rhein,
So lang sich Her­zen la­ben
An sei­nem Feu­er­wein.

So lang in sei­nem Stro­me
Noch fest die Fel­sen steh´n,
So lang sich ho­he Do­me
In sei­nem Spie­gel seh´n!

Sie sol­len ihn nicht ha­ben,
Den frei­en, deut­schen Rhein,
So lang dort küh­ne Kna­ben
Um schlan­ke Dir­nen frei´n.

So lang die Flos­se he­bet
Ein Fisch auf sei­nem Grund,
So lang ein Lied noch le­bet
In sei­ner Sän­ger Mund.

Sie sol­len ihn nicht ha­ben,
Den frei­en deut­schen Rhein,
Bis sei­ne Flut be­gra­ben
Des letz­ten Manns Ge­bein!

Das Lied war so be­liebt, dass es auf über 70 Ver­to­nun­gen kam. Ernst Mo­ritz Arndt kom­men­tier­te Be­ckers Lied mit ei­nem ei­ge­nen Ge­dicht:

Ernst Mo­ritz Arndt, Das Lied vom Rhein an Ni­k­las Be­cker (1840)

Es klang ein Lied vom Rhein,
Ein Lied aus deut­schem Mun­de,
Und schnell wie Blit­zesschein
Durch­flog's die wei­te Run­de,
Und heiß wie Blit­zesschein
Durch­zuckt es je­de Brust
Mit al­ter We­hen Pein,
Mit jun­ger Freu­den Lust.

Sein hel­ler Wi­der­klang
Vom Sü­den fort zum Nor­den
Ist gleich wie Wehr­ge­sang
Des Va­ter­lands ge­wor­den.
Nun brau­se fröh­lich, Rhein:
Nie soll ob mei­nem Hort
Ein Wel­scher Wäch­ter sein!
Das brau­se fort und fort.

Und stär­k­rer Wi­der­klang
Gleich Pau­ken und Po­sau­nen,
Gleich küh­nem Schlacht­ge­sang
Klingt Welsch­land durch mit Stau­nen –
Es klin­get: Neue Zeit
Und neu­es Volk ist da;
Komm, Hof­fart, willst du Streit!
Ger­ma­nia ist da.

Drum klin­ge, Lied vom Rhein!
Drum klin­get, deut­sche Her­zen!
Neu, jung will al­les sein –
Fort, fort die al­ten Schmer­zen,
Der al­ten Wah­ne Tand!
Al­lei­nig stehn wir da
Fürs gan­ze Va­ter­land,
Jung steht Ger­ma­nia.

Auf der fran­zö­si­schen Sei­te er­folg­te in die­sem Lie­der­streit die Ant­wort durch Al­fred de Mus­set (1810-1857), der un­ter dem Ti­tel „Le Rhin al­le­man­d“ ein Ge­dicht ver­öf­fent­lich­te:

Al­fred de Mus­set, Le Rhin al­le­mand (1840)

Wir ha­ben ihn ge­habt, den deut­schen Rhein.
In un­serm Glas sahn wir ihn fun­keln.
Mit eu­res Schla­gers Prah­ler­ein
Wollt ihr die stol­ze Spur ver­dun­keln,
Die uns­rer Ros­se Huf grub euch ins Blut hin­ein?

...

Ge­hört er euch denn, eu­er deut­scher Rhein,
Wascht die Li­vree dar­in be­schei­den;
Doch mä­ßigt eu­re stol­zes Schrein.
Wie­vie­le Ra­ben, aus­zu­wei­den
Den to­des­wun­den Aar, mögt ihr ge­we­sen sein?

La­ßt fried­lich flie­ßen eu­ern deut­schen Rhein;
Es spie­ge­le sich ge­ruh­sam wi­der
Der Do­me go­ti­sches Ge­stein;
Doch hü­tet euch, durch trunk­ne Lie­der
Von ih­rem blut­gen Schlaf die To­ten zu be­frein.

Hein­rich Hei­ne griff den „li­te­ra­risch-po­li­ti­schen Schlag­ab­tau­sch“ noch ein­mal kri­tisch auf und ließ „Va­ter Rhein“ in sei­nem 1844 ver­öf­fent­lich­ten „Deutsch­land. Ein Win­ter­mähr­chen“ sa­gen:

Zu Bi­be­rich hab ich Stei­ne ver­schluckt,
Wahr­haf­tig, sie schmeck­ten nicht le­cker!
doch schwe­rer lie­gen im Ma­gen mir
die Ver­se von Ni­k­las Be­cker.

Lie­der wie „Der Rhein“ von Alex­an­der Rei­fer­scheid und „Auf dem Rhein“ von Ema­nu­el Gei­bel (1815-1884) sind heu­te kaum noch be­kannt. Eben­so ist es dem „Rhein­wein­lie­d“ von Ge­org Her­wegh (1817-1875) er­gan­gen, in dem sich in ty­pi­scher Wei­se na­tio­na­ler Pa­thos mit Rhein, Weib und Ge­sang ver­bin­den.

Ge­org Her­wegh, Rhein­wein­lied (Ok­to­ber 1840)

Wo solch ein Feu­er noch ge­deiht,
Und solch ein Wein noch Flam­men speit,
Da las­sen wir in Ewig­keit
Uns nim­mer­mehr ver­trei­ben.
Sto­ßt an! Sto­ßt an! Der Rhein,
Und wär's nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben.

Her­ab die Büch­sen von der Wand,
Die al­ten Schlä­ger in die Hand,
So­bald der Feind dem wel­schen Land
Den Rhein will ein­ver­lei­ben!
Haut, Brü­der, mu­tig drein!
Der al­te Va­ter Rhein,
Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben.

Das Recht' und Link, das Link' und Recht',
Wie klingt es falsch, wie klingt es schlecht!
Kein Trop­fen soll, ein fei­ger Knecht,
Des Franz­manns Müh­le trei­ben.
Sto­ßt an! Sto­ßt an! Der Rhein,
Und wär's nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben.

Der ist sein Re­ben­blut nicht wert,
Das deut­sche Weib, den deut­schen Herd,
Der nicht auch freu­dig schwingt sein Schwert,
Die Fein­de auf­zu­rei­ben.
Frisch in die Schlacht hin­ein!
Hin­ein für un­sern Rhein!
Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben.

O ed­ler Saft, o lau­ter Gold,
Du bist kein ek­ler Skla­ven­sold!
Und wenn ihr Fran­ken kom­men wollt,
So la­ßt vor­her euch schrei­ben:
Hur­ra! Hur­ra! Der Rhein,
Und wär's nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben.

Ei­nes der heu­te noch be­kann­ten Ge­dich­te aus der Zeit der Rhein­kri­se ent­fal­te­te sei­ne vol­le Wirk­sam­keit aber erst gut 30 Jah­re spä­ter. Es ist „Die Wacht am Rhein“ und stammt von dem jun­gen Kauf­mann Max Schne­cken­bur­ger (1819-1849).

Max Schne­cken­bur­ger, Die Wacht am Rhein (No­vem­ber 1840)



Nikolaus Becker, Brustbild, Litographie von August Kneisel. (Universitätsbibliothek Frankfurt am Main)

 

Es braust ein Ruf wie Don­ner­hall,
wie Schwert­ge­klirr und Wo­gen­prall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deut­schen Rhein!
Wer will des Stro­mes Hü­ter sein?
Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.

Durch hun­dert­tau­send zuckt es schnell,
Und al­ler Au­gen blit­zen hell:
Der deut­sche Jüng­ling, fromm und stark,
Be­schirmt die heil´ge Lan­des­mark.
Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.

Auf blickt er, wo der Him­mel blaut,
Wo Va­ter Her­mann nie­der­schaut,
Und schwört mit stol­zer Kamp­fes­lust:
„Du Rhein, bleibst deutsch, wie mei­ne Brust!“
Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.

„Und ob mein Herz im To­de bricht,
Wirst du doch drum ein Wel­scher nicht,
Reich wie an Was­ser dei­ne Flut,
Ist Deutsch­land ja an Hel­den­blut.“
Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.

„So­lang ein Tröpf­chen Blut noch glüht,
Noch ei­ne Faust den De­gen zieht,
Und noch ein Arm die Büch­se spannt,
Be­tritt kein Wel­scher dei­nen Strand.“
Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.

Der Schwur er­schallt, die Wo­ge rinnt,
Die Fah­nen flat­tern in dem Wind.
Am Rhein, am Rhein, am deut­schen Rhein,
Wir al­le wol­len Hü­ter sein!
Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.

Der Text wur­de um­ge­hend von dem aus Darm­stadt stam­men­den Ber­ner Or­ga­nis­ten Jo­hann Ja­kob Men­del (1809-1881) ver­tont. Im De­zem­ber 1840 er­schie­nen Text und No­ten. Im Hau­se des preu­ßi­schen Ge­sand­ten in Bern von Bun­sen vom Ber­ner Mu­sik­di­rek­tor Adolph Me­th­fes­sel (1807-1878) ur­auf­ge­führt, blieb es je­doch weit­ge­hend un­be­ach­tet. Erst als der Kre­fel­der Chor­di­ri­gent Karl Wil­helm (1814-1873) auf den Text auf­merk­sam wur­de und 1854 die heu­te be­kann­te Neu­ver­to­nung am Tag der Sil­ber­hoch­zeit des Prin­zen Wil­helm, des spä­te­ren Kai­sers Wil­helm I. (Re­gent­schaft ab 1858, Kö­nig 1861, Kai­ser 1871-1888), prä­sen­tier­te, nahm die Be­liebt­heit über Sän­ger­fes­te ra­sant zu.

Das bis heu­te be­kann­tes­te und wirk­sams­te Werk aber schuf der Ger­ma­nist Au­gust Hein­rich Hoff­mann von Fal­lers­le­ben (1798-1874). Er schrieb am 26.8.1841 auf Hel­go­land, das da­mals ei­ne bri­ti­sche In­sel war, auf die Me­lo­die des „Kai­ser­lie­des“ („Gott er­hal­te Franz den Kai­ser“) von Jo­seph Haydn (1732-1809) ein Ge­dicht, das das al­te un­ter­ge­gan­ge­ne Reich mit dem neu­en kom­men­den Deutsch­land ver­band und die Ver­la­ge­rung des Schwer­punk­tes von der Mon­ar­chie zur Na­ti­on dar­stell­te.

Au­gust Hein­rich Hoff­mann von Fal­lers­le­ben, Das Lied der Deut­schen (Au­gust 1841)



'Germania auf der Wacht am Rhein', Gemälde von Lorenz Clasen, Öl auf Leinwand.

 

Deutsch­land, Deutsch­land über al­les,
Über al­les in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trut­ze
Brü­der­lich zu­sam­men­hält,
Von der Maas bis an die Me­mel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutsch­land, Deutsch­land über al­les,
Über al­les in der Welt!

Deut­sche Frau­en, deut­sche Treue,
Deut­scher Wein und deut­scher Sang
Sol­len in der Welt be­hal­ten
Ih­ren al­ten schö­nen Klang,
Uns zu ed­ler Tat be­geis­tern
Un­ser gan­zes Le­ben lang –
Deut­sche Frau­en, deut­sche Treue,
Deut­scher Wein und deut­scher Sang!

Ei­nig­keit und Recht und Frei­heit
Für das deut­sche Va­ter­land!
Da­nach lasst uns al­le stre­ben
Brü­der­lich mit Herz und Hand!
Ei­nig­keit und Recht und Frei­heit
Sind des Glü­ckes Un­ter­pfand –
Blüh im Glan­ze die­ses Glü­ckes,
Blü­he, deut­sches Va­ter­land!

Der Rhein selbst fin­det im Text kei­ne di­rek­te Er­wäh­nung, da als der west­li­che Grenz­fluss die Maas ge­nannt wird. Die Maas durch­floss das Her­zog­tum Lim­burg, das seit 1839 (mit Aus­nah­me von Maas­tricht und Ven­lo) zum Deut­schen Bund ge­hör­te. Ist die Maas die west­li­che Gren­ze, so liegt das Rhein­land in Deutsch­land und der Rhein bil­det nicht die Gren­ze Deutsch­lands. Das Zu­sam­men­hal­ten der Deut­schen ent­sprach der For­de­rung nach der na­tio­nal­staat­li­chen Ein­heit, da­mit Deutsch­land den fran­zö­si­schen An­sin­nen ge­schlos­sen ge­gen­über tre­ten kön­ne.

3. „Die Wacht am Rhein…“ – Das Kaiserreich und der Rhein

Die For­de­rung nach Ei­nig­keit und ei­nem Na­tio­nal­staat – wenn auch oh­ne Ös­ter­reich - er­füll­te sich gut 30 Jah­re spä­ter. Der sieg­rei­che Krieg ge­gen Frank­reich von 1870/1871 ein­te die Deut­schen. Di­plo­ma­tie, Be­ste­chung und ei­ne lär­men­de Pro­pa­gan­da hal­fen nach, wo es nö­tig war. Schne­cken­bur­gers Lied von der „Wacht am Rhein“ war all­ge­gen­wär­tig. Es ha­be den Wert von meh­re­ren Ar­mee­korps ge­habt, soll Ot­to von Bis­marck (1815-1898) ge­sagt ha­ben. Na­tio­na­le Krei­se for­der­ten die Ab­tre­tung des links­rhei­ni­schen fran­zö­si­schen Staats­ge­bie­tes bis zu den Vo­ge­sen. Beim Frie­dens­schluss be­stä­tig­te Frank­reich den Ver­zicht. Der grö­ß­te Teil der bei­den el­säs­si­schen und Tei­le der loth­rin­gi­schen De­par­te­ments bil­de­ten fort­an das Reichs­land El­sass-Loth­rin­gen im neu­en deut­schen Kai­ser­reich. Nun­mehr war der Rhein nir­gend­wo mehr die Gren­ze zwi­schen deut­schem und fran­zö­si­schem Staats­ge­biet.

Schne­cken­bur­gers „Wacht am Rhein“ in der Ver­to­nung von Karl Wil­helm er­hielt ei­ne na­tio­na­le Be­deu­tung, sie war nicht nur die Be­gleit­mu­sik des 1870er-Krie­ges, son­dern hob sich in der Fol­ge­zeit auch in den Rang ei­ner zwei­ten Na­tio­nal­hym­ne.

Das ge­mein­sa­me Zu­sam­men­ste­hen ge­gen den „Erb­fein­d“ Frank­reich blieb in Deutsch­land stets in Er­in­ne­rung, wur­de pro­pa­gan­dis­tisch wach ge­hal­ten und war im­mer auch Mit­tel zum Zweck für die Po­li­tik des deut­schen Reichs­kanz­lers Bis­marck. Schon vier Jah­re nach dem Krieg, 1875, lös­te er die Krieg-in-Sicht-Kri­se aus. Ein Zei­tungs­ar­ti­kel mit der Über­schrift „Ist Krieg in Sicht?“, der am 8.4.1875 in der re­gie­rungs­na­hen Zei­tung „Pos­t“ er­schie­nen war, spe­ku­lier­te über die fran­zö­si­schen Mi­li­tär­aus­ga­ben. Au­tor war zwar der Jour­na­list Con­stan­tin Rö­ß­ler (1820-1896), aber es war deut­lich, dass Reichs­kanz­ler Bis­marck da­hin­ter stand. Er droh­te Frank­reich mit ei­nem Prä­ven­tiv­krieg im Fal­le wei­te­rer Auf­rüs­tung. Sein Ziel war, die Hal­tung der Gro­ß­mäch­te Russ­land und Groß­bri­tan­ni­en zu er­for­schen. Aber auch in­nen­po­li­tisch wa­ren die Span­nun­gen in den deutsch-fran­zö­si­schen Be­zie­hun­gen von Nut­zen. Als der Ex­po­nent ei­ner auf ei­nen Re­van­che­krieg hin­ar­bei­ten­de Be­we­gung, der fran­zö­si­sche Ge­ne­ral Ge­or­ges Bou­lan­ger (1837-1891), 1886 Kriegs­mi­nis­ter sei­nes Lan­des wur­de und seit­dem die Zahl der Trup­pen er­höh­te, nutz­te Bis­marck dies ge­schickt aus, in­dem er die Ge­fahr hoch­spiel­te, um in­nen­po­li­tisch bei den Wah­len 1887 ei­ne sei­ne Re­gie­rung un­ter­stüt­zen­de Mehr­heit zu er­hal­ten.



Faksimile von Hoffmann von Fallerslebens Manuskript 'Das Lied der Deutschen', Original im Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung.

 

Um an die Ei­ni­gung Deutsch­lands zu er­in­nern und die ste­tig be­schwo­re­ne „Wacht am Rhein“ auch sym­bo­lisch zu un­ter­mau­ern, ent­stan­den am Rhein na­tio­na­le und re­gio­na­le Denk­mä­ler. Die ers­te An­re­gung für das Na­tio­nal­denk­mal ober­halb von Rü­des­heim, das so ge­nann­te Nie­der­wald­denk­mal, da­tiert be­reits auf das Jahr 1871. Zwi­schen 1877 und 1883 er­rich­tet, konn­te es am 28.9.1883 ein­ge­weiht wer­den. Der So­ckel des Denk­mals mit der Ger­ma­nia-Fi­gur trägt fünf der sechs Stro­phen des Lie­des von Schne­cken­bur­ger. Im Haupt­re­lief reicht „Va­ter Rhein“ das Wächt­er­horn an die „Toch­ter Mo­sel“ wei­ter, da der Rhein seit 1871 kei­ne Gren­ze mehr war. Das Denk­mal steht in ei­ner Rei­he na­tio­na­ler Denk­mal­gro­ß­pro­jek­te wie der Wal­hal­la in Do­naus­t­auf (1830-1842), dem Her­manns­denk­mal bei Det­mold (1838-1846 und 1863-1875), dem Kai­ser-Wil­helm-Denk­mal auf dem Kyff­häu­ser (1890-1896), dem Bis­marck-Denk­mal in Ham­burg (1901-1906) und dem Völ­ker­schlacht­denk­mal in Leip­zig (1898-1913).

An Deutsch­lands Ei­ni­gung woll­ten auch die Rhein­län­der er­in­nern. Als Dank an Kai­ser Wil­helm I. soll­te nach des­sen Tod 1888 ein Denk­mal der Rhein­pro­vinz er­rich­tet wer­den. Vie­le der ein­ge­reich­ten Ent­wür­fe sa­hen als Stand­ort das Sie­ben­ge­bir­ge vor. Letzt­lich aber über­ließ das Ko­mi­tee die Ent­schei­dung dem Kai­ser­en­kel Wil­helm II. (Re­gent­schaft 1888-1918). Die­ser ent­schied sich 1891 für den Stand­ort Ko­blenz, am Zu­sam­men­fluss von Rhein und Mo­sel. 1897 konn­te das Rei­ter­stand­bild Wil­helms I. am Deut­schen Eck in Ko­blenz ein­ge­weiht wer­den.

In der lan­gen Frie­dens­zeit zwi­schen 1871 und 1914 er­leb­te das Rhein­land den be­gin­nen­den Mas­sen­tou­ris­mus, der bald das wirt­schaft­li­che Pro­fil und das Ge­sicht der Städ­te am Rhein ver­än­der­te. Ei­sen­bahn, Schif­fe und Bus­se schaff­ten Men­schen aus ganz Deutsch­land und al­len Län­dern der Welt an den Rhein, wo zwar wei­ter­hin das na­tio­na­le Pa­thos ge­pflegt wur­de, die Rhein­ro­man­tik aber im­mer mehr ei­ner rühr­se­li­gen (Rhein-) Wein­se­lig­keit wich. Ei­ne re­gel­rech­te Tou­ris­mus­in­dus­trie pro­du­zier­te An­sichts­kar­ten und ein un­über­schau­ba­res An­bot von An­denken, die mil­lio­nen­fach ver­kauft, ver­schickt und mit­ge­nom­men wur­den.

Nach Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges im Au­gust 1914 wa­ren pa­trio­ti­sche Lie­der mehr als je zu­vor ge­fragt. Schne­cken­bur­gers „Wacht am Rhein“ und Be­ckers „Das Lied vom Rhein“ ge­hör­ten zum all­ge­mei­nen Lied­gut und wur­den für die ein­set­zen­de Pro­pa­gan­da ger­ne ge­nutzt. Das heu­ti­ge Rhein­land war erst Auf­marsch­ge­biet und dann Hin­ter­land für die West­front. Vom Krieg ist es bis auf ver­ein­zel­te Bom­ben­an­grif­fe ver­schont ge­blie­ben. Das Oberel­sass im Reichs­land El­sass-Loth­rin­gen hin­ge­gen war vier Jah­re lang Schau­platz schwe­rer Kämp­fe.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Thomann, Björn, Siegfried von Xanten, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/siegfried-von-xanten/DE-2086/lido/57c94f5fdc5b67.90390949 (abgerufen am 08.06.2026)

-> Klein, Ansgar S., Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/mythos-rhein-aus-sicht-der-deutschen-und-rheinlaender/DE-2086/lido/57d124853b7bd1.35175552 (abgerufen am 03.09.2026)


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Sekundärliteratur

-> Eggebrecht, Harald: Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht, in: Süddeutsche Zeitung u. ders. (Hrsg.): Geheimnisse aus der Geschichte. Erstaunlich, vergessen, sagenhaft: Auf der Spur von Mythen, Rätseln und Skandalen, 2. Auflage, München 2025, S. 153-155.

-> Rademacher, Cay: Nibelungensage. Ein Epos aus uralter Zeit, in: Die Germanen (GEO Epoche Jg. 2008, Heft Nr. 34), Hamburg 2008. 

Staat und Gesellschaft

Natur und Klima


Natur und Klima

Krisen und Katastrophen

Inhaltsverzeichnis

1. Das Jahr ohne Sommer: Wie Europa im Klimachaos versank

1. Das Jahr ohne Sommer: Wie Europa im Klimachaos versank

Wir schreiben das Jahr 1816. Nach den gewaltigen Kriegen und Umwälzungen der napoleonischen Zeit sehnen sich die Menschen in Europa nach Stabilität. Es kommt anders: Der alte Kontinent erlebt eine Hungersnot längst vergessenen Ausmaßes, soziale Verwerfungen, Flüchtlingsströme. Schuld ist eine Klimakatastrophe, die Zeitgenossen vor ein Rätsel stellt. Die südwestdeutschen Gebiete trifft das „Jahr ohne Sommer“ besonders schwer.

Ein monotones Donnern zieht über Oberschwaben auf, wiederholt sich im Crescendo, türmt sich rhythmisch hallend zu einer Schallwand auf. Innerhalb von Augenblicken verschwindet auch der letzte Funken Licht am Himmel, dann senden schwarze Wolken sintflutartige Regenfälle, schließlich Eisregen auf den hoffnungslos durchgeweichten Erdboden hinab. Blitzzacken, den Himmel zerschneidend wie glitzernde Speere, machen das verhängnisvolle Naturspektakel vollkommen.

KATASTROPHE BIBLISCHEN AUSMASSES

Erst knappe vier Monate ist das Jahr 1816 alt und schon jetzt droht es für die Einwohner Oberschwabens ein Katastrophenjahr biblischen Ausmaßes zu werden. Seit Wochen ziehen schwere Unwetter über das Land, die Temperaturen bewegen sich kaum über dem Gefrierpunkt. Noch wäre die Ernte wenigstens halbwegs zu retten, der drohende Hunger abzuwenden – wenn doch nur endlich der Frühling kommen würde. Die Oberschwaben hoffen vergeblich: Erbarmungslos regnet und stürmt es auch in den Folgemonaten weiter, auf der Schwäbischen Alb fällt im Juli sogar Schnee. Die Ernte, das wird spätestens jetzt deutlich, wird fast vollständig ausfallen. Die Folgen sind fatal, nicht nur für die Gegend am Rande der Alpen, sondern für ganz Mittel- und Westeuropa.

Die süddeutschen Staaten jedoch – vor allem das Königreich Württemberg, dessen Teil Oberschwaben ist, sowie das benachbarte Großherzogtum Baden – leiden besonders stark. Anders als heute gehören die Regionen Anfang des 19. Jahrhunderts zu den Armenhäusern Europas. Die Missernten der letzten Jahre, Napoleons Kriege sowie die Ausbeutung der Länder unter französischer Herrschaft haben Baden und Württemberg besonders in Mitleidenschaft gezogen. Jetzt also auch noch eine weitere, besonders schlimme Missernte, von der mit Obst, Wein und Getreide alle wichtigen Anbauprodukte betroffen sind.

HUNGERSNOT UND EXODUS

Auf den Ernteausfall folgen Hunger und Chaos: Die Getreidepreise steigen dramatisch, Vieh geht ein oder muss notgeschlachtet werden, es kommt zu Plünderungen. Bald bricht die Versorgung völlig zusammen. In ihrem Dilemma versuchen die Menschen aus Stroh und Baumrinde Brot herzustellen, essen Moos und Gras. Die Anzahl der Todesfälle schnellt in die Höhe, in Württemberg gibt es 1816/17 sogar mehr Tote als Neugeborene – für die damalige Zeit extrem ungewöhnlich. Es folgt eine massenhafte Emigration: In Scharen verlassen die Menschen den Südwesten der heutigen Bundesrepublik, vor allem in Richtung Russland und USA. Baden und Württemberg stehen vor dem Exodus.

Über den Grund für den folgenreichen Ausfall des Sommers herrscht derweil völlige Unklarheit. Vor allem die Landbevölkerung bemüht übernatürliche Erklärungsmuster, sieht in den massiven Unwettern eine göttliche Strafe. Dass jedoch eine Naturkatastrophe am anderen Ende der Welt Schuld am miserablen Wetter sein könnte, ahnt niemand. Und doch ist die gewaltige Eruption des Tambora, die sich im April 1815 auf der heute zu Indonesien gehörenden Insel Sumbawa ereignete, der Grund für das aktuelle Dilemma in Europa.

VULKANAUSBRUCH DER EXTREME

Die heftigen oberschwäbischen Gewitter des Frühjahrs 1816 dürften verglichen mit dem monumentalen Ausbruch des Tambora ein Jahr zuvor kaum mehr als ein Rascheln des Himmels gewesen sein: Als der Brite Thomas Stamford Raffles, Gouverneur des Inselreichs Java, zu dem Sumbawa damals gehörte, den Ausbruch in seiner extremen Lautstärke vernahm, vermutete er einen Kanonenbeschuss in unmittelbarer Nähe. Dabei war Stamford Raffles zu diesem Zeitpunkt rund 800 Kilometer vom berstenden Tambora entfernt. Mehr als eine Woche versprühte der Vulkan in Form riesiger, bis zu 43 Kilometer hoher Feuersäulen derartige Mengen an Gestein, Magma und Gas, dass er nach dem Ausbruch um die Hälfte seiner einstigen Höhe beraubt war. Heute steht fest: Seine Eruption war eine der größten Vulkanexplosionen der jüngsten Menschheitsgeschichte.

Die Auswirkungen der Naturkatastrophe waren immens: Auf der Insel Sumbawa und dem nahe gelegenen Eiland Lombok starben über 70.000 Menschen. Darüber hinaus verursachte der Ausbruch einen Tsunami, der noch am 10. April die dichtbevölkerte Insel Java erreichte. Geschätzte 100.000 Menschen verloren in den Fluten ihr Leben. Noch einmal die gleiche Zahl an Menschen starb in den anschließenden Monaten der Seuche in ganz Südostasien.

SCHWEFELGASE ZIEHEN NACH EUROPA

Nicht zuletzt waren beim Ausbruch des Tambora riesige Mengen an Schwefelgasen freigesetzt worden. Diese gelangten in die Atmosphäre, verbanden sich mit Feuchtigkeit und Schwebeteilchen und zogen als sogenannte Aerosol-Wolken um den Erdball. 1816 erreichten diese die Nordhalbkugel, wo sie sich festsetzten und große Mengen Sonnenlicht absorbierten. In der Folge geriet das europäische Wetter völlig aus den Fugen.

Von alledem ahnten die Badener, die Württemberger und die restlichen Europäer nichts. Zwar war die Kenntnis über den Ausbruch des Tambora durchaus in die höheren Kreise des Kontinents vorgedrungen. Einen Zusammenhang zu dem höchst sonderbaren Wetter in Europa stellte freilich niemand her. Ohnehin gab es drängendere Probleme als die Ursachenforschung: In weiten Teilen des alten Kontinents herrschte Chaos. Die Teuerung nahm weiter zu, viele Menschen verloren Hab und Gut und spätestens ab 1817 zogen immer größere Heerscharen von Bettlern durch die Städte. Auch der Antisemitismus flammte auf: Juden wurden als Getreide hamsternde „Kornjuden“ diffamiert, 1819 kam es vielerorts sogar zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung.

Mitunter war die große Hungersnot jedoch auch Ausgangspunkt für Neuanfänge. Nachdem König Wilhelm I. im Oktober 1816 den württembergischen Thron bestiegen hatte, setzte er eine weitreichende Professionalisierung der Landwirtschaft in Gang. Außerdem ließ er eine neue Verfassung erarbeiten, reformierte die Verwaltung und baute die Staatsschulden ab. Die Folge: Württemberg wandelte sich unter Wilhelms Regentschaft zu einem aufstrebenden Staat.

DIE KUNST DER KATASTROPHE

Zu den wenigen Lichtblicken der Hungerjahre gehört ebenso, dass im Eindruck des katastrophalen Klimas mitunter große Kunst entstand. So erstrahlt Caspar David Friedrichs in Greifswald gezeichnetes Meisterwerk „Ansicht eines Hafens“ nur deshalb in derart faszinierenden Himmelsfärbungen, da die Eruption des Tambora die Sonnenuntergänge an der Ostsee tatsächlich in ein glühend-gelbes Spektakel verwandelt hatte. Auch die Literatur ist dank der Nachwirkungen des Ausbruchs um einen Klassiker reicher: So verbrachte die Engländerin Mary Shelley den Sommer des Jahres 1816 in der Schweiz. Dort war das Wetter derart niederschlagend, dass sich im Geiste Shelleys eine besonders düstere Handlung entspann – die 1818 unter dem Titel „Frankenstein“ als Roman erschien. Hätten die unweit der Schweiz lebenden Oberschwaben Einblick in Shelleys schaurig-morbide Gedankenwelt gehabt, sie hätten für derartige Ideen sicher vollstes Verständnis gezeigt.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Das Jahr ohne Sommer: Wie Europa im Klimachaos versank, in: DHM-Blog online verfügbar unter: https://www.dhm.de/blog/2016/12/05/das-jahr-ohne-sommer/, zuletzt geprüft am 04.04.2026.

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Sekundärliteratur

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Natur und Klima

Geschichte des Rheins

Inhaltsverzeichnis

1. Deutsche, Franzosen und der Rhein

1. Deutsche, Franzosen und der Rhein

1. Einleitung

My­then hel­fen, ein kol­lek­ti­ves Ge­dächt­nis her­zu­stel­len und sind Grund­la­ge der Exis­tenz ei­ner Na­ti­on. Der „My­thos Rhein“ kann als solch ein My­thos be­trach­tet wer­den. Er ver­mit­telt ein Ge­fühl des Wei­ter­le­bens der Ver­gan­gen­heit und be­wies sich als ei­ne Mög­lich­keit, die Er­in­ne­rung an die Ge­schich­te zu be­wah­ren und zu re­ak­ti­vie­ren. Nach Lu­ci­en Feb­v­re ha­be die­ser in sei­ner Ge­schich­te zwei Ge­sich­ter: ei­ner­seits der ver­bin­den­de Rhein als Ver­kehrs­weg zwi­schen den Re­gio­nen Eu­ro­pas, an­de­rer­seits der tren­nen­de Rhein als Gren­ze und Ort der Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen la­tei­nisch und ger­ma­nisch ge­präg­ten Kul­tu­ren. So wur­de er von deut­scher Sei­te als „deut­scher Strom“ von fran­zö­si­scher Sei­te je­doch als „na­tür­li­che Gren­ze“ an­ge­se­hen.  

2. Der Rhein: Teil des Orbis Romanus

Die Kul­tur­ge­schich­te des Rheins als po­li­tisch be­deut­sa­mer Strom be­gann mit den Gal­li­schen Krie­gen Ju­li­us Cae­sars (100-44 v.Chr.) in den Jah­ren 58-50 v.Chr. Die west­li­chen Ge­bie­te des Rheins stan­den fort­an un­ter rö­mi­scher Ver­wal­tung und blie­ben es bis cir­ca 200 n. Chr.[1]. Dem­entspre­chend wur­de der Rhein als Gren­ze zu den recht­rhei­ni­schen „Bar­ba­ren­völ­ker ger­ma­ni­scher Stäm­me“ wahr­ge­nom­men und die links­rhei­ni­schen Ge­bie­te rück­ten ins Be­wusst­sein der rö­mi­schen Kul­tur[2]. Im stra­te­gi­schen Kon­zept Cae­sars hat­te der Rhein den Cha­rak­ter ei­ner „na­tür­li­chen Gren­ze“ Gal­li­ens und un­ter­mau­er­te den An­spruch Roms auf die nörd­li­chen Pro­vin­zen[3].

Der Rhein war zu die­ser Zeit ei­ne be­deu­ten­de Han­dels- und Ver­kehrs­ader zwi­schen Nord und Süd. Die Rö­mer nutz­ten ihn seit der Herr­schaft des Ti­be­ri­us (42 v.-37 n. Chr. Kai­ser 14-37 n. Chr.) als „Ba­sis für ih­re Ope­ra­tio­nen nach Ger­ma­ni­en hin­ein und als rück­wär­ti­ge Auf­fang­li­nie“[4]. Als ers­te li­te­ra­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung setz­te Ver­gil (70-19 v. Chr.) die Vor­stel­lung des rhe­nus bi­cor­nis durch und lie­fer­te so die Grund­la­ge da­für, den Rhein als Fluss­gott zu be­trach­ten, auf die letzt­lich der My­thos des „Va­ter Rhein“ zu­rück­zu­füh­ren ist[5]. Be­reits zu die­ser Zeit wur­den die ma­jes­tä­ti­sche Schnel­lig­keit und Län­ge des Rheins her­vor­ge­ho­ben.[6]

Er­obe­rung hieß je­doch zu­gleich Er­rich­tung ei­ner In­fra­struk­tur mit straf­fer rö­mi­scher Ver­wal­tung. So­nach ent­stand ein Netz von Stra­ßen und We­gen, wel­ches un­ter an­de­rem Le­gi­ons­la­ger und Städ­te am Rhein mit­ein­an­der ver­band. Das po­si­ti­ve Bild des Rheins ver­stärk­ten zu­dem der Fisch­reich­tum, die Land­gü­ter, der im mil­den Kli­ma ge­dei­hen­de Wein und die war­men Quel­len[7]. Tüm­mers fasst die Be­deu­tung des Rheins für das rö­mi­sche Reich fol­gen­der­ma­ßen zu­sam­men: „Der Rhein in sei­nen fünf Jahr­hun­der­ten war ein Land­strich mit pul­sie­ren­dem Le­ben, blü­hen­der Kul­tur, Teil des Or­bis Ro­ma­nu­s“.[8] 

3. Der Rhein: Zentrum des Reiches

Das En­de der Blü­te­zeit der Rö­mer am Rhein be­gann Mit­te des 3. Jahr­hun­derts n. Chr. im Zu­ge der Völ­ker­wan­de­rung[9]. In der Zeit der Aus­deh­nung der ger­ma­ni­schen Kul­tur von den An­fän­gen Deutsch­lands am Rhein zu spre­chen ist schwer zu recht­fer­ti­gen, da ein Na­tio­nal­be­wusst­sein nicht aus­ge­bil­det war und kul­tu­rel­le, po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Dif­fe­ren­zen nicht zu ne­gie­ren sind[10]. Der Rhein war in das ri­tu­el­le Le­ben der Be­völ­ke­rung ein­ge­bun­den, be­vor zu­nächst die rö­mi­sche Fluss­göt­ter­welt den Rhein auf­nahm und die Ver­eh­rung des Rheins durch die Chris­tia­ni­sie­rung im 3. Jahr­hun­dert n. Chr. ver­drängt wur­de. In Fol­ge der Aus­wei­tung der po­li­ti­schen Macht­be­rei­che über die links­rhei­ni­schen Ge­bie­te hin­aus, ver­lor der Rhein sei­ne Funk­ti­on als Gren­ze und avan­cier­te zu ei­ner Ach­se des Rei­ches[11].



Darstellung des 'Rhenus bicornis', Teil eines Grabmals aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., Original im LVR-LandesMuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel. (LVR-LandesMuseum Bonn)

 

Ei­ne ent­schei­den­de Zä­sur war der Be­ginn der Herr­schaft der Ka­ro­lin­ger am En­de des 7. Jahr­hun­derts. Zur Zeit Karls des Gro­ßen war das Rhein­land Zen­trum und der Rhein zen­tra­le Ver­kehrs­ader des Rei­ches[12]. Nach dem Zer­fall des Gro­ß­rei­ches im Zu­ge des To­des Lud­wigs des From­men (778-840, Kö­nig 781/814, Kai­ser 813-840) ei­nig­ten sich sei­ne Söh­ne im Tei­lungs­ver­trag von Ver­dun im Jah­re 843 auf ei­ne Drei­tei­lung des Rei­ches in dem der Rhein teil­wei­se durch das Mit­tel­reichs Lo­thars I. (Kö­nig 840-855, ab 843 Kai­ser) und teil­wei­se das Ost­reichs Lud­wigs des Deut­schen (Kö­nig 843-876) floss[13]. Stel­len­wei­se je­doch war der Rhein zu­dem auch Gren­ze zwi­schen Ost- und Mit­tel­reich[14]. Die­ser Ver­tag wur­de im 19. und 20. Jahr­hun­dert oft als Be­ginn deut­scher Iden­ti­tät ver­stan­den und band das Kon­strukt ei­ner na­tio­na­len Ge­schich­te an das Rhein­land[15].

Nach der Auf­tei­lung Lo­tha­rin­gi­ens im Ver­trag von Meer­sen 870 und der Zu­wei­sung zum West­fran­ken­reich im Ver­trag von Ri­bé­mont 880, der die Gren­ze mar­kier­te, die spä­ter auf Jahr­hun­der­te West- und Ost­fran­ken­reich, Frank­reich und Deutsch­land trenn­te, fiel die­ses 925 an das Ost­fran­ken­reich Hein­richs I. (Kö­nig 919-936). Zwar wand­te sich Lo­tha­rin­gi­en nach dem Tod Lud­wigs des Kin­des (Kö­nig 900-911) den west­frän­ki­schen Ka­ro­lin­gern zu, doch die Nie­der­la­gen Karls III. (Kö­nig 876-888, ab 881 Kai­ser) führ­ten den­noch da­zu, dass Lo­tha­rin­gi­en 925 er­neut Teil des von Hein­rich I. re­gier­ten Ost­fran­ken­rei­ches wur­de[16]. Auch die­ses Da­tum wur­de im 20. Jahr­hun­dert in­stru­men­ta­li­siert und so wur­den 1925 tau­send Jah­re der rhei­ni­schen Zu­ge­hö­rig­keit zu Deutsch­land ge­fei­ert, wo­bei je­doch miss­ach­tet wur­de, dass die Reichs­tei­lun­gen eth­ni­sche und sprach­li­che Gren­zen nicht be­rück­sich­tig­ten[17].

Auf­grund der Funk­ti­on von Aa­chen  und Spey­er als Or­te der Krö­nung be­zie­hungs­wei­se Bei­set­zung der Kai­ser, blieb der Rhein lan­ge Zeit Zen­trum des Rei­ches[18]. Erst mit der un­ter Ru­dolf von Habs­burg (rö­misch-deut­scher Kö­nig 1273-1291) be­gin­nen­den Ori­en­tie­rung des Rei­ches gen Os­ten ge­riet das Rhein­land in ei­ne Rand­la­ge und ent­fern­te sich vom Kö­nig­tum[19]. Zu­dem kam es zu Au­to­no­mie­be­we­gun­gen und in grö­ße­ren Städ­ten zur Aus­bil­dung ei­nes kom­mu­na­len Selbst­be­wusst­seins, wel­ches aber auf die Ober­schicht be­grenzt blieb[20]. Das deut­sche Kö­nig­tum ver­lor im Spät­mit­tel­al­ter ste­tig an Macht, wäh­rend Frank­reich zu ei­nem zen­tra­lis­ti­schen Staat her­an­wuchs[21].

4. Der Rhein: Grenze zwischen Ost und West

Fort­an lässt sich ei­ne Öff­nung des Rhein­lands zum Wes­ten fest­stel­len, es wur­de zum Ob­jekt west­eu­ro­päi­scher Bünd­nis­po­li­tik[22]. Ziel war im 9. und 10. Jahr­hun­dert die Ver­schie­bung der Ost­gren­ze und die Wie­der­ge­win­nung Lo­tha­rin­gi­ens. Für Karl den Ein­fäl­ti­gen (Kö­nig 893/898-923) er­streck­te sich das frän­ki­sche Reich von den Py­re­nä­en bis zum Rhein, Ost­fran­ken zähl­te er nicht mehr da­zu. Gro­ße deu­tet dies als ei­nen Ver­such Karls, die ge­samt­frän­ki­sche Tra­di­ti­on für sich al­lein zu be­an­spru­chen[23]. Als his­to­ri­sche Wur­zel stieß der west­frän­ki­sche Mönch Ri­cher (nach 940-nach 998) auf die „Gal­li­a“, die nach Cae­sar von den Py­re­nä­en, den Al­pen und dem Rhein be­grenzt war. Nach sei­ner „His­toire de Fran­ce“ bil­de­te das an­ti­ke Gal­li­en den Raum, in dem sich west­frän­ki­sche Ge­schich­te ab­spiel­te. Die­ser Be­zug blieb im Ge­dächt­nis des west­frän­ki­schen Rei­ches und des spä­te­ren Frank­reichs haf­ten. Es bil­de­te nach Rolf Gro­ße ei­ne Grund­la­ge für das Kon­zept der „na­tür­li­chen Gren­ze“, da in den mit­tel­al­ter­li­chen Quel­len der Gal­li­en­be­griff nicht im­mer ein­heit­lich ge­braucht wird. Ne­ben der aus der An­ti­ke stam­men­den Be­deu­tung von Gal­lia trat ei­ne Gal­lia im en­ge­ren Sin­ne, die nur den tat­säch­li­chen Herr­schafts­be­reich des fran­zö­si­schen Kö­nigs mein­te. Dem­ge­gen­über ori­en­tier­te sich die Kir­che an den spät­rö­mi­schen Ver­wal­tungs­ein­hei­ten, für die der Rhein die Gren­ze zwi­schen Gal­li­en und Ger­ma­ni­en bil­de­te. Den Zeit­ge­nos­sen war so­mit die Vor­stel­lung, Gal­li­en rei­che bis zum Rhein, stets prä­sent und bot seit­her die Mög­lich­keit, po­li­tisch in­stru­men­ta­li­siert zu wer­den[24].

Lan­ge leb­ten die bei­den Staa­ten oh­ne ernst­haf­te Pro­ble­me ne­ben­ein­an­der, je­doch ent­wi­ckel­ten sich ih­re ge­sell­schaft­li­chen Struk­tu­ren in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen. In Frank­reich er­fuhr die Zen­tral­ge­walt des Kö­nigs ei­ne stän­di­ge Stär­kung, wäh­rend die deut­schen Kö­ni­ge und Kai­ser dar­auf an­ge­wie­sen wa­ren, Prä­senz im gan­zen Reich zu zei­gen[25]. An der Wen­de vom 13. zum 14. Jahr­hun­dert wa­ren Maas und Schel­de, und nicht der Rhein, Ziel der fran­zö­si­schen Po­li­tik[26]. Die­ser rück­te erst im Rah­men der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den Häu­sern Bour­bon und Habs­burg in die In­ter­es­sensphä­ren der bei­den Mäch­te[27].

5. Der Rhein: Dreh- und Angelpunkt der europäischen Politik

Die Frü­he Neu­zeit zeich­ne­te sich durch Glau­bens- und Erb­fol­ge­krie­ge aus, in de­nen das Rhein­land Kriegs­schau­platz und der Rhein Dreh- und An­gel­punkt reichs­in­ter­ner und eu­ro­päi­scher Po­li­tik wur­de. In der Fol­ge wur­den Tei­le des Rhein­lands ver­wüs­tet und zer­stört[28]. Als Bei­spiel lässt sich der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg an­füh­ren, in dem das Rhein­land durch sta­tio­nier­te Hee­re wirt­schaft­lich ge­schwächt wur­de. Auch der West­fä­li­sche Frie­den ver­moch­te es nicht, die Stel­lung der Rhein­ge­bie­te zu ver­bes­sern, da sie auf­grund ih­rer geo­gra­phi­schen La­ge im­mer wie­der in Kon­flik­te zwi­schen Habs­bur­gern und Bour­bo­nen ver­wi­ckelt wur­den[29]. Letzt­lich führ­te die­se wirt­schaft­li­che Frus­tra­ti­on zu­sam­men mit den Er­geb­nis­sen des West­fä­li­schen Frie­dens zu ei­ner zu­neh­men­den Dis­tan­zie­rung vom Hau­se Habs­burg und trotz re­li­giö­ser Dif­fe­ren­zen zu ei­nem pro-fran­zö­si­schen Kli­ma[30]. Frank­reich be­hielt am En­de des Krie­ges Tei­le des El­sass, er­hielt Metz, Toul und Ver­dun und konn­te so an die Ufer des Rheins vor­drin­gen[31].

Bis zum An­fang des 17. Jahr­hun­derts konn­te der Rhein noch als Strom der Na­tio­nen be­zeich­net wer­den, der sich als Ach­se zwi­schen Frank­reich und dem Hei­li­gen Rö­mi­schen Reich Deut­scher Na­ti­on, ge­kenn­zeich­net durch po­li­ti­sche Zer­ris­sen­heit, er­streck­te. Im 17. Jahr­hun­dert war es Ziel des Mi­nis­ters Ri­che­lieu (1585-1642), die na­tür­li­chen Gren­zen Frank­reichs wie­der­zu­ge­win­nen und die­se ge­gen die habs­bur­gisch-spa­ni­sche Ein­krei­sung zu si­chern. In sei­nem Tes­ta­ment un­ter­strich er die­sen An­spruch: „Le but de mon mi­nis­tè­re à été de re­sti­tu­er à la Gaul­le les li­mi­tes que la na­tu­re lui a fi­xées, de fai­re, coïn­ci­der la Gaul­le avec la Fran­ce, et, par­tout, où a exis­té l’an­ci­en­ne Gaul­le, de re­sti­tu­er la nou­vel­le“.[32] 

Je­doch wur­de der Rhein wäh­rend der Herr­schaft Lud­wigs XIV. (Re­gie­rungs­zeit 1643-1715) zu ei­nem um­kämpf­ten Fluss[33]. Lud­wig ziel­te auf die An­ne­xi­on der Rhein­gren­ze, mach­te sich deut­sche Fürs­ten wie den Erz­bi­schof von Trier durch ein Sys­tem von Pen­si­ons­zah­lun­gen ge­fü­gig und schür­te so das an­ti-habs­bur­gi­sche Kli­ma im Rhein­land. In Ver­bin­dung mit sei­nen Er­obe­rungs­krie­gen „riss [er] Stück um Stück aus deut­schem Ter­ri­to­ri­um her­aus“.[34] Auf­grund ei­nes feh­len­den Na­tio­nal­be­wusst­seins und des Kon­tras­tes zwi­schen ar­chai­schen und mo­der­nen, fran­zö­si­schen Wer­ten war es nicht mög­lich, den Rhein als ver­bin­den­de Ach­se zu eta­blie­ren[35]. Die fran­zö­si­sche Spra­che wur­de Spra­che der Di­plo­ma­tie und Frank­reich zum Vor­bild ei­ner ab­so­lu­tis­ti­schen Mon­ar­chie, was bei­spiels­wei­se an fran­zö­si­schen Bau­wer­ken ent­lang des Rheins sicht­bar ist[36]. So pen­del­te das Rhein­land zur Zeit der Auf­klä­rung zwi­schen den ri­va­li­sie­ren­den Na­tio­nen[37]. Je­doch stell­ten Ku­fer, Guin­au­deau und Pre­mat her­aus, dass der äu­ße­re Schein täusch­te, denn Frank­reich war fi­nan­zi­ell rui­niert und am En­de sei­ner Herr­schaft ha­be Lud­wig XIV. sein Ziel, den Rhein als fran­zö­si­sche Ost­gren­ze zu be­sit­zen, nicht er­reicht[38]: „Der Rhein war Lud­wig XIV. zum Ver­häng­nis ge­wor­den“[39]. So konn­te er in Fol­ge des Pfäl­zi­schen Krie­ges zwar das El­sass be­hal­ten, muss­te je­doch al­le rechts­rhei­ni­schen Be­sit­zun­gen wie­der ab­tre­ten. En­de des 18. Jahr­hun­derts ent­stand je­doch die Idee des schöp­fe­ri­schen Deutsch­tums, ein My­thos, den an­geb­lich das Mit­tel­al­ter - zum Bei­spiel das Rit­ter­tum und die Go­tik - und die Mo­der­ne - zum Bei­spiel die Re­for­ma­ti­on - her­vor­ge­bracht ha­ben. Die­ser My­thos, zu dem auch die Idea­li­sie­rung des Rheins ge­hört, ver­dräng­te das Ide­al der fran­zö­si­schen Kul­tur[40]. Die­ser ide­el­le Kon­flikt am Rhein wur­de ein po­li­ti­scher, da der Strom zwi­schen zwei Kul­tur­gren­zen lag, die Zu­ge­hö­rig­keit lan­ge nicht klar de­fi­niert war und sich das wach­sen­de Na­tio­nal­be­wusst­sein der Deut­schen zu­neh­mend durch die Op­po­si­ti­on zu Frank­reich de­fi­nier­te[41].

6. Der Rhein: Die natürliche Grenze Frankreichs?

„Der Rhein ist die na­tür­li­che Gren­ze ei­nes Frei­staa­tes, der [...] nur die Na­tio­nen, die sich frei­wil­lig an­schlie­ßen, auf­nimmt...der Rhein wird [...] die Gren­ze Frank­reichs blei­ben. Die Na­tur selbst hat den Rhein zur Gren­ze Frank­reichs ge­mach­t“[42], schrieb Ge­org Fors­ter (1754-1794) am 15.11.1792 über ei­ne mög­li­che An­ne­xi­on des Rheins im Zu­ge der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on. Die­se war von zen­tra­ler Be­deu­tung für die wei­te­re Ent­wick­lung der Rhein­pro­ble­ma­tik. Nach dem Ein­marsch der fran­zö­si­schen Trup­pen in das Rhein­land 1792 ließ As­tol­phe de Cus­ti­ne (1740-1793) ei­ne Be­sat­zungs­herr­schaft im her­kömm­li­chen Sinn er­rich­ten. Sei­ne Pro­kla­ma­ti­on vom 23.10.1792 soll­te da­zu füh­ren, dass die Be­sat­zung in al­len Ge­bie­ten ei­ner dop­pel­ten Be­frei­ung dien­te, ei­ner „for­ma­len“, in­dem sie den Be­setz­ten Frei­heit bei der Be­stim­mung ih­rer po­li­ti­schen Zu­ge­hö­rig­keit ein­räum­te, und ei­ner „ma­te­ri­el­len“, in­dem sie ih­nen die Rea­li­sie­rung der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­ons­ide­en von Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit bot[43]. Zu­nächst er­schie­nen die Fran­zo­sen als „Be­frei­er“ und in Stadt und Land wur­den Frei­heits­bäu­me er­rich­tet. Je­doch muss­ten die Rhein­län­der be­grei­fen, dass Frank­reich un­ter „Be­frei­un­g“ die Aus­brei­tung sei­ner ei­ge­nen Ord­nung ver­stand. Frank­reich wie­der­rum muss­te er­ken­nen, dass sein Be­frei­ungs­an­ge­bot auch re­vo­lu­ti­ons­feind­li­che Kräf­te mo­bi­li­siert hat­te[44]. Erst wäh­rend der Herr­schaft Na­po­le­ons fiel der Rhein mit dem Frie­dens­ver­trag von Lun­é­vil­le 1801 in sei­ner ge­sam­ten Län­ge in fran­zö­si­sche Hand. Na­po­le­on wur­de von den Rhein­län­dern als „Cae­s­ar“ für die Wie­der­be­le­bung des Han­dels und der Re­li­gi­on ge­fei­ert.



Porträt des französischen Königs Ludwig XIV (1638-1715), Öl auf Leinwand von Hyacinthe Rigaud (1659-1743), Original im Musée du Louvre, 1702. (public domain)

 

Be­reits 1798 be­wirk­te François Jo­seph Rud­ler (1757-1837) im Rah­men sei­ner „gou­ver­ne­men­ta­len Re­vo­lu­ti­on“ die Ein­füh­rung fran­zö­si­schen Rechts, fran­zö­si­scher In­sti­tu­tio­nen und die Glie­de­rung des Lan­des links des Rheins in vier De­par­te­ments (Don­ners­berg, Rhein-Mo­sel, Saar und Ro­er). Per De­kret wur­de die Ge­wer­be­frei­heit er­klärt und es be­gann der Auf­stieg des Wirt­schafts­bür­ger­tums. Fran­zö­sisch wur­de zur Amts- und Ge­richts­spra­che[45]. Die fran­zö­si­sche Kul­tur­po­li­tik ver­folg­te zu­sätz­lich das Ziel der „Er­zeu­gung und Kräf­ti­gung fran­zö­si­schen Na­tio­nal­ge­fühls im Rhein­lan­d“[46]. 1804 wur­de schlie­ß­lich auch der Code Ci­vil in den Rhein­lan­den ein­ge­führt.

Nach Struck war die Zeit von 1800 bis 1815 ei­ne In­ku­ba­ti­ons­zeit na­tio­na­len Den­kens und der Ein­gren­zung der Na­ti­on, in der Zwi­schen­räu­me wie die Rhein­lan­de, die tra­di­tio­nell von so­wohl fran­zö­si­schen wie auch deut­schen Kul­tur­ein­flüs­sen ge­prägt wa­ren, zu ei­ner Gren­ze, die Deutsch­land und Frank­reich zu­neh­mend trenn­te. Es fan­den ei­ne „Na­tio­na­li­sie­rung der Geo­gra­phie“ und die „Er­fin­dung der na­tio­na­len Gren­ze“ statt[47].

Fors­ter, der Pu­bli­zist Jo­seph Gör­res und vie­le Rhein­län­der glaub­ten, das Rhein­land wür­de von ei­ner „Ré­uni­on“ und den Pri­vi­le­gi­en der Re­vo­lu­ti­on pro­fi­tie­ren[48]. Das Kon­zept der na­tür­li­chen Gren­ze eta­blier­te sich in Frank­reich als po­li­ti­sche und mo­ra­li­sche For­de­rung ab 1789 und wur­de schlie­ß­lich in den Er­obe­rungs­krie­gen Na­po­le­ons macht­po­li­tisch in­stru­men­ta­li­siert[49]. Ab April 1792 führ­ten Frank­reich und das Hei­li­ge Rö­mi­sche Reich deut­scher Na­ti­on Krieg, in dem der Rhein schlie­ß­lich fran­zö­sisch wur­de[50]. Die Er­obe­rungs­zü­ge, die am Rhein nicht Halt mach­ten, führ­ten das Ar­gu­ment der na­tür­li­chen Gren­zen selbst ad ab­sur­dum[51]. Die Be­sat­zer mein­ten, dass sie die Rhein­län­der zum An­schluss zwin­gen durf­ten, da sie von Na­tur aus zu Frank­reich ge­hör­ten[52]. Von Be­frei­ung kann al­ler­dings nicht ge­spro­chen wer­den, da es den Be­sat­zern nicht dar­um ging, Frei­heit in das Rhein­land zu brin­gen, son­dern le­dig­lich ih­re ei­ge­ne zu be­wah­ren. So­mit wur­de die Be­sat­zung oft als Fremd­herr­schaft wahr­ge­nom­men[53]. Den­noch führ­te die Re­uni­ons­po­li­tik zu ei­nem Wan­del der rhei­ni­schen Ge­sell­schaft, da un­ter an­de­rem der Code Ci­vil ein­ge­führt wur­de[54]. Durch die neu­ge­won­ne­nen Pri­vi­le­gi­en gab es zu­nächst kaum Wi­der­stand ge­gen die na­po­leo­ni­sche Herr­schaft. Als je­doch Zwangs­re­kru­tie­run­gen und Ab­ga­be­po­li­tik in das Le­ben der Rhein­län­der Ein­zug hiel­ten und sich der Rhein als Zoll­gren­ze eta­blier­te und da­her als wirt­schaft­li­che Schwä­chung er­wies, schlug die Stim­mung um[55]. Die Be­sat­zung führ­te zu­dem zur Ver­tie­fung ei­nes na­tio­na­len Den­kens, so­dass fort­an fran­zö­si­sche Kon­zep­te wie Frei­heit, Selbst­be­stim­mung und die Ein­heit des deut­schen Vol­kes ge­for­dert wur­den[56]. Der Ver­lust der links­rhei­ni­schen Ge­bie­te zei­tig­te ei­nen am Rhein ori­en­tier­ten Pa­trio­tis­mus, in dem der Strom ge­wis­ser­ma­ßen hei­lig und zu ei­nem Sym­bol der Deut­schen in Ab­gren­zung zu den Fran­zo­sen sti­li­siert wur­de[57]. Wenn­gleich hier von idea­lis­ti­schen Vor­stel­lun­gen die Re­de sein kann, wird der Rhein­my­thos durch das na­tio­na­le Den­ken der Deut­schen zum po­li­ti­schen Fak­tor[58].



 

7. Der Rhein: Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze

Als der 1806 ge­grün­de­te Rhein­bund auf dem Wie­ner Kon­gress auf­ge­löst wur­de, über­nahm Preu­ßen wi­der­wil­lig die „Wacht am Rhein“. Die Rhein­län­der be­fürch­te­ten, dass dies die Neue­run­gen der fran­zö­si­schen Herr­schaft ge­fähr­den könn­te[59]. Die Hoff­nung auf bür­ger­li­che De­mo­kra­tie und na­tio­na­le Ein­heit, die als Rück­be­sin­nung auf das ro­man­ti­sier­te Mit­tel­al­ter und den fran­zö­si­schen Na­tio­nal­staat ge­wer­tet wer­den kann, wur­de auf­grund der Po­li­tik Met­ter­nichs nicht er­füllt[60]. Es wa­ren die­se staats­recht­li­chen Ver­än­de­run­gen, die Schrift­stel­ler da­zu zwan­gen, in der Li­te­ra­tur ih­re Frei­heits­sehn­süch­te aus­zu­le­ben. Die Rhein­re­gi­on eig­ne­te sich be­son­ders für ein ge­schicht­li­ches Kon­strukt, da sie bei Kri­sen­zei­ten oft in ei­nem pro­ble­ma­ti­schen geo­gra­phi­schen Kon­text stand[61]. Rhein­län­der und Preu­ßen wa­ren po­li­tisch und re­li­gi­ös von­ein­an­der ent­fernt und fan­den sich 1815 in ei­ner Zwangs­liai­son wie­der[62]. So zeigt der dem Köl­ner Ban­kier Schaaf­hau­sen zu­ge­schrie­be­ne Aus­spruch (ob ge­tan oder nicht) „Jes­ses, Mar­je, Jo­sef do hie­ro­de mir äv­ver in en ärm Fa­mil­li­ch“, wie skep­tisch die Rhein­län­der den neu­en Herr­schern ge­gen­über­stan­den[63]. Die­se Ab­leh­nung ist je­doch nicht ver­gleich­bar mit der Feind­schaft zu Frank­reich, mit dem das un­ge­lös­te Pro­blem der Rhein­fra­ge be­stand[64]. Die pa­trio­ti­sche Be­geis­te­rung mo­bi­li­sier­te Schrift­stel­ler wie Ernst Mo­ritz Arndt[65], der 1813 in sei­ner Schrift „Der Rhein, Teutsch­lands Strom, aber nicht Teutsch­lands Grän­ze“ da­zu auf­rief, auf den Rhein zu bli­cken[66]: „Was se­het ihr? Ihr se­het das Land, das euch an die herr­lichs­ten [...] Kämp­fe eu­res Vä­ter mah­net, die [...] hei­ligs­ten Er­in­ne­run­gen des Rei­ches der Teut­schen, die Wie­ge eu­rer Bil­dung, die Städ­te, wo eu­re Kai­ser ge­wählt, ge­krönt und ge­salbt wur­den [er­in­nert].“[67]

Bis­lang war der Rhein, wenn­gleich nicht mit Hass­ge­füh­len auf­ge­la­den, ei­ne Gren­ze zwi­schen Frank­reich und den deut­schen Län­dern[68]. Wäh­rend En­de des 18. Jahr­hun­derts das Kon­zept der fron­tiè­re na­tu­rel­le nicht kri­ti­siert wur­de, soll­te der Rhein nach 1815 Aus­gangs­punkt deut­scher Kul­tur wer­den und konn­te so­mit kei­ne Gren­ze mehr sein[69]. Arndt sah den Rhein zu­dem als Sym­bol des fran­zö­si­schen Ex­pan­sio­nis­mus[70]. In sei­ner Uto­pie ei­nes rhe­no­zen­tri­schen Deutsch­lands ar­gu­men­tier­te er ge­gen die fran­zö­si­sche Rhein­po­li­tik und wi­der­leg­te sie: „was sind die Na­tur­grän­zen ei­nes Vol­kes? Ich sa­ge: die ein­zi­ge gül­ti­ge Na­tur­grän­ze macht die Spra­che“.[71] Viel­mehr kön­ne die deut­sche Frei­heit oh­ne den Rhein nicht be­ste­hen[72]. Sei­ne Schrift zün­de­te die na­tio­na­le Be­geis­te­rung für die Be­frei­ung des Rheins, zu der auch Karl Frei­herr vom und zum Stein (1757-1831) und Wil­helm von Hum­boldt (1767-1835) ge­hör­ten[73]. Wie Hein­rich Hei­ne mit sei­ner rhe­to­ri­schen Fra­ge und Ant­wort: „Was liebt er aber? In kei­nem Fall die Preu­ßen“ zu wis­sen schien, nahm die Kri­tik an der preu­ßi­schen Herr­schaft nicht ab[74]. Tüm­mers fasst die Ver­bin­dung der Zeit der Be­frei­ung von Frank­reich mit der Rhein­ro­man­tik mit den Wor­ten: „Die ur­sprüng­lich nur li­te­ra­ri­sche Zu­nei­gung ei­nes klei­nen Krei­ses von Dich­ter zum Rhein wur­de durch die Be­frei­ungs­krie­ge und die va­ter­län­di­sche Be­geis­te­rung mil­lio­nen­fach ver­stärk­t“ zu­sam­men. Fort­an be­gan­nen die Deut­schen den Rhein als ur­al­ten Deut­schen Strom zu prei­sen[75] .



Ernst Moritz Arndt, Porträt mit Signatur. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

8. Der Rhein: Innbegriff der romantischen Landschaft

Der Rhein hat­te bis­lang kaum je­man­den zu poe­ti­schen Er­güs­sen sti­mu­liert. Viel­mehr herrsch­te das Bild vom „ei­si­gen Rhein in den un­wirk­li­chen Län­dern des kal­ten Nor­den­s“.[76] In der Rhein­ro­man­tik fin­gen Dich­ter je­doch an, schwär­mend vom Rhein zu be­rich­ten und lös­ten so das fran­ko­zen­tri­sche Bild Eu­ro­pas durch ein um den Rhein zen­trier­tes ab[77]. In der Fol­ge wur­de der Rhein ver­klärt und der Ant­ago­nis­mus zu Frank­reich war an die west­eu­ro­päi­sche Fo­kus­sie­rung des Rheins ge­bun­den[78]. Im­mer wie­der be­zo­gen sich die Nach­barn auf den Rhein als geo­po­li­ti­sche Mar­kie­rungs­li­nie. Durch die Ro­man­ti­sie­rung des My­thos „Va­ter Rhein“ wur­de die Op­po­si­ti­on ge­gen Na­po­le­on in­ten­si­viert[79]. Als Start­punkt der ro­man­ti­schen Ver­klä­rung des Rheins kön­nen die Be­rich­te Fried­rich Schle­gels (1772-1829) und die Rhein­rei­se von Achim von Ar­nim (1781-1831) und Cle­mens Bren­ta­no 1802 be­trach­tet wer­den[80]. In die­sen wird der Rhein zu ei­nem my­thi­schen We­sen sti­li­siert und die Per­so­ni­fi­zie­rung des Flus­ses als „Va­ter Rhein“ wur­de zum In­be­griff der Rhein­ro­man­tik[81]. Be­son­ders die Ur­fas­sung der Lo­re­ley von Bren­ta­no be­grün­de­te ei­nen Rhein­my­thos, der 1823 durch Hei­nes In­ter­pre­ta­ti­on Be­rühmt­heit er­lang­te und bis heu­te nach­wirkt[82]. Schle­gel war 1802 ei­ner der ers­ten, der den Rhein mit den Au­gen ei­nes Ro­man­ti­kers sah und ihn durch die My­thi­sie­rung der Bur­gen zu­gleich na­tio­na­li­sier­te[83]: „so ist er [der Rhein] das nur zu treue Bild un­sers Va­ter­lan­des; uns­rer Ge­schich­te“.[84] Durch die Li­te­ra­tur der Rhein­ro­man­tik wur­de er als sa­gen­um­wo­be­ner und ge­schichts­träch­ti­ger Strom neu ent­deckt, in ein mit­tel­al­ter­li­ches Am­bi­en­te ein­ge­bet­tet und so zum Sinn­bild des Ro­man­ti­schen[85]. In Deutsch­land wur­de der Rhein da­hin­ge­hend um­ge­deu­tet, dass er die Be­sin­nung auf ein ge­mein­sa­mes Er­be zu­ließ und den My­thos ei­nes schöp­fe­ri­schen Deutsch­tums un­ter­stütz­te[86] . So woll­ten die Rhein­ro­man­ti­ker den Rhein als ur­deut­schen Strom eta­blie­ren und bau­ten da­bei auf der The­se des Deut­schen Stroms von Arndt auf[87].

Die Rhein­my­then er­wei­sen sich als ei­ne Kol­lek­ti­on poe­ti­scher Me­ta­phern, die al­te Le­gen­den und Mär­chen, wie die Ni­be­lun­gen­sa­ge, neu ent­deck­ten. Es han­delt sich da­bei um Er­zäh­lun­gen mit christ­li­chen, an­ti­ken und nor­disch-ger­ma­ni­schen Mo­ti­ven, die am Rhein lo­ka­li­siert wa­ren, selbst wenn sie es ur­sprüng­lich nicht ta­ten. Bei­spiels­wei­se die Ni­be­lun­gen­sa­gen, an de­nen sich Rhein­ro­man­ti­ker be­dien­ten, wur­den zu ei­nem am Rhein to­po­gra­phisch fi­xier­ten My­thos, der das Spek­trum na­tio­na­lis­ti­scher Ge­füh­le be­dien­te[88]. Die Ro­man­tik ent­warf ei­ne Deu­tung des Rheins, die der sinn­li­chen Wahr­neh­mung ent­spre­chen soll­te[89]. Wenn­gleich die Be­frei­ung und Ro­man­ti­sie­rung des Rheins pa­trio­ti­sche Ge­füh­le weck­ten, gin­gen die­se bald wie­der un­ter und wur­den durch die Po­li­ti­sie­rung der Rhein­li­te­ra­tur zu ei­ner Volks­be­we­gung[90].

Fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler und In­tel­lek­tu­el­le ent­deck­ten den Rhein erst in den 1830er und 1840er Jah­ren als In­be­griff der ro­man­ti­schen Land­schaft. Sie wa­ren be­geis­tert von dem Zu­sam­men­spiel der Na­tur und der rei­chen Kul­tur- und Ge­schichts­land­schaft mit ih­ren Bau­denk­mä­lern und Burg­rui­nen, die ih­nen das Mit­tel­al­ter vor Au­gen führ­ten[91].

Al­le re­gime­kri­ti­schen Au­to­rin­nen und Au­to­ren wie Ma­da­me de Staël (1766-1817), die sich früh­ro­man­ti­schen The­men wid­me­ten, wa­ren um 1800 sehr an der deut­schen Li­te­ra­tur in­ter­es­siert. Je­de Be­schäf­ti­gung mit der deut­schen Li­te­ra­tur kön­ne den Fran­zo­sen wich­ti­ge An­re­gun­gen ge­ben. Für Frank­reich wur­de der Rhein als ih­re „na­tür­li­che Gren­ze“ nach We­hin­ger zum „Sym­bol für die men­ta­le, kul­tu­rel­le, emo­tio­na­le Dif­fe­renz, die kom­plex und zwei­deu­tig ist und der­ge­stalt auch zu ei­ner Be­dro­hung wer­den kann, die Ver­lust­ängs­te ver­ur­sach­t“.[92] 

Die Ori­ent­kri­se im Jahr 1840 ge­nüg­te, um na­tio­na­le Lei­den­schaf­ten zu ent­zün­den und den Rhein zum Sym­bol der na­tio­na­len Aus­ein­an­der­set­zung zu ma­chen[93]. Frank­reich wur­de bei Ver­hand­lun­gen der Qua­dru­pel­al­li­anz aus­ge­schlos­sen und der Pre­mier­mi­nis­ter Alp­hon­se Thiers (1797-1877) for­der­te ei­nen In­ter­es­sens­aus­gleich durch Re­ak­ti­vie­rung der vor­he­ri­gen Rhein­plä­ne[94]. Der Rhein wur­de so über Nacht zur bren­nen­den Fra­ge Eu­ro­pas und Stim­men wur­den laut, die ei­nen Krieg for­der­ten[95]. Auch wenn die­ser ver­hin­dert wer­den konn­te, wur­de der po­li­ti­sche Schlag­ab­tausch von Schrift­stel­lern bei­der Sei­ten auf­ge­nom­men. Die­se ver­lie­hen der „Schlacht der Dich­ter“ ei­ne emo­tio­na­le Qua­li­tät[96].



Rheinlandschaft, Öl auf Papier von Christian Georg Schütz (1718-1791), undatiert,. (public domain)

 

Frank­reichs Rhein­an­sprü­che wur­den in der Fol­ge von dem Bon­ner Ni­ko­laus Be­cker (1809-1845) in sei­nem Lied „Der deut­sche Rhein“, wel­ches an den Schrift­stel­ler Alp­hon­se de La­mar­ti­ne (1790-1869) und die Fran­zo­sen im All­ge­mei­nen ge­rich­tet war, zu­rück­ge­wie­sen[97]. Wäh­rend der Rhein­kri­se stärk­te es die Po­pu­la­ri­tät des Rheins, wur­de po­li­tisch in­stru­men­ta­li­siert und gilt als Start­punkt der Schlacht der Dich­ter[98]. Es er­schien am 18.9.1840 in der „Trie­ri­schen Zei­tun­g“ und wur­de mehr­fach ver­tont[99]. Die „Leip­zi­ger Zei­tun­g“ for­der­te so­gar, es als Na­tio­nal­hym­ne ein­zu­set­zen.[100] Be­reits der ers­te Vers „Sie sol­len ihn nicht ha­ben, den frei­en deut­schen Rhein“, der durch Wie­der­ho­lung dem Lied ei­ne zum Kampf­lied pas­sen­de Kon­ti­nui­tät ver­leiht, rich­tet sich, aus dem Ent­ste­hungs­zu­sam­men­hang er­sicht­lich, an die Fran­zo­sen[101]. Be­ckers Ge­dicht kann als „In­be­griff kon­tem­po­rä­rer deut­scher chau­vi­nis­ti­scher Ge­sin­nung und Mus­ter­bei­spiel selbst­herr­li­cher Ab­schot­tung zwecks Kon­sti­tu­ie­rung ei­nes na­tio­na­len Selbst­bil­des in der Op­po­si­ti­on zu Frank­reich“[102] ge­se­hen wer­den. Am En­de ap­pel­liert Be­cker an die po­li­ti­sche Ver­pflich­tung, im to­des­mu­ti­gen He­ro­is­mus den Rhein zu ver­tei­di­gen[103]. Es ist ein Bei­spiel für die Kraft der My­thi­sie­rung, die auch oh­ne Re­fle­xi­on zu ver­lan­gen, Emo­tio­nen aus­zu­lö­sen ver­mag. Der Ak­zent liegt auf der Frei­heit des Stroms, die auf die Be­frei­ung des Rhein­lands zu­rück­geht[104]. Auch wenn Be­ckers Lied nicht im­mer ernst ge­nom­men wur­de, be­sitzt es ei­ne Über­lei­tungs­funk­ti­on durch die Ver­bin­dung ro­man­ti­scher Bild­haf­tig­keit und ak­tua­li­täts­be­zo­ge­ner Dich­tung und lös­te da­durch die neue, po­li­ti­sche Rhein­dich­tung aus[105]. In Frank­reich wur­de das Lied als Pro­vo­ka­ti­on ver­stan­den. La­mar­ti­ne je­doch war der Auf­fas­sung, die Schrift­stel­ler bei­der Sei­ten sol­len sich über na­tio­na­le Vor­ur­tei­le hin­weg­set­zen, zur Ver­söh­nung der Völ­ker bei­tra­gen und das po­li­ti­sche Pro­blem nicht zu ei­nem li­te­ra­ri­schen Klein­krieg aus­ar­ten las­sen[106].

Als Re­ak­ti­on auf Be­ckers Ge­dicht ver­öf­fent­lich­te er die „Mar­seil­lai­se de la Pai­x“, in der der Rhein, als völ­ker­ver­bin­den­der Strom und Sinn­bild ei­nes dau­er­haf­ten Frie­dens, im Mit­tel­punkt steht[107]. Da die fran­zö­si­sche Ge­sell­schaft mit dem sanf­ten Ton La­mar­ti­nes un­zu­frie­den war, schrieb Al­fred de Mus­set (1810-1857) ei­ne deut­lich ag­gres­si­ve­re Ant­wort mit dem Na­men: „Le Rhin al­le­mand. Ré­pon­se à la chan­son de Be­cker“[108]. Er rief die Deut­schen in der ers­ten Stro­phe da­zu auf, sich zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass der Rhein schon ein­mal fran­zö­sisch war[109]. Krie­ge­ri­sche Hel­den, fran­zö­si­scher Na­tio­nal­stolz und tri­um­pha­le Ge­schichts­bil­der kenn­zeich­nen Mus­sets poe­tisch-ag­gres­si­ves Ge­dicht. Die letz­ten bei­den Stro­phen ge­ste­hen den Deut­schen den Rhein zu, for­dern je­doch zu Mä­ßi­gung und Zu­rück­nah­me ih­rer an­ti-fran­zö­si­schen Prah­le­rei, da­mit der Rhein fried­lich flie­ßen kann[110]. Zu­dem rät er den Deut­schen, sich trotz ih­rer Schwär­me­rei für den Rhein, nicht im pa­the­ti­schen Pa­trio­tis­mus zu ver­lie­ren, da die Mög­lich­keit ei­ner er­neu­ten An­ne­xi­on der Rhein­ge­bie­te durch die Fran­zo­sen wei­ter­hin be­stün­de[111]. In Frank­reich wur­de er in der Fol­ge, trotz des ver­söhn­li­chen En­des sei­nes Lie­des, als Ver­tei­di­ger der fran­zö­si­schen Rech­te ge­fei­ert[112].

Im fünf­ten Ca­put sei­nes Ge­dicht­zy­klus „Deutsch­land. Ein Win­ter­mär­chen“ aus dem Jah­re 1844 lässt Hein­rich Hei­ne den „Va­ter Rhein“ zu Wort kom­men[113]. Die­ser be­klagt sich, dass ihm das „dum­me Lie­d“ von Ni­ko­laus Be­cker die ver­gan­ge­nen Jah­re er­schwert ha­be. Fol­gen­schwe­rer sei aber der po­li­ti­sche Scha­den, der ihm aus dem Lied er­wach­sen sei[114]. Jetzt groll­ten ihm näm­lich die Fran­zo­sen, die er ger­ne wie­der an sei­nen Ufern sä­he[115]. Zu­dem fin­det auch Mus­set, der als „keck und frech“ cha­rak­te­ri­siert wird, in Hei­nes Ge­dicht Er­wäh­nung[116]. Das En­de des Ge­dichts ist ge­kenn­zeich­net durch ei­nen po­si­ti­ven Aus­blick auf die Zu­kunft des „Va­ter Rhein“[117]. Die Wer­ke Hei­nes ziel­ten ge­gen die na­tio­nal­re­stau­ra­ti­ven Ten­den­zen und die Eng­stir­nig­keit im zeit­ge­nös­si­schen Deutsch­land, den Fran­zo­sen­hass so­wie die Ver­klä­rung des Mit­tel­al­ters in der Ro­man­tik[118]. Be­ckers Rhein­lied galt Hei­ne als In­be­griff der po­li­ti­schen Dich­tung der 1840er Jah­re, die sich oft durch hoh­les Pa­thos, ge­paart mit va­ter­län­di­scher Ge­sin­nung aus­zeich­ne­te[119]. Sein Ge­dicht ist ein Plä­doy­er für Auf­klä­rung und Pres­se­frei­heit, ei­ne Kri­tik an der ro­man­ti­schen Mit­tel­al­ter­v­er­klä­rung und am Fran­zo­sen­hass. In der Fol­ge wur­de er als „Va­ter­lands­ver­rä­ter“ und „Freund der Fran­zo­sen“ ins Exil nach Frank­reich ge­schickt, da er den Rhein nicht als deut­schen Strom be­ju­bel­te[120].

Vic­tor Hu­gos (1802-1885) Rei­se­be­richt „Le Rhin“ von 1842 ar­gu­men­tiert noch­mals für die fran­zö­si­sche Sicht­wei­se, in­dem er be­merkt, dass „der Rhein sehr viel fran­zö­si­scher ist, als die Deut­schen glau­ben“[121]. Zwar sei das rech­te Rhein­ufer von der deut­schen Ge­schich­te ge­prägt, das Lin­ke hin­ge­gen von der fran­zö­si­schen[122]. Er hoff­te den­noch auf ei­nen Aus­gleich der zwei Na­tio­nen, in­dem der Rhein Frank­reich und Deutsch­land als na­tür­li­che Part­ner ver­bin­det[123]. Un­ter an­de­rem ge­hör­ten auch das „Lied der Deut­schen“ von Hoff­mann von Fal­lers­le­ben (198-1874), „Die Wacht am Rhein“ von Max Schne­cken­bur­ger (1819-1849) und Ernst Mo­ritz Arndts „Lied vom Rhein an Ni­k­las Be­cker“ zu den li­te­ra­ri­schen Re­ak­tio­nen in den 1840ern Jah­ren[124].

9. Schlussbetrachtung

Zu­sam­men­fas­send muss fest­ge­stellt wer­den, dass zwi­schen den Schrift­stel­lern der zwei Na­tio­nen ein ge­mä­ßig­tes Kli­ma herrsch­te, das we­nig mit der ag­gres­si­ven Hal­tung von 1870/1871 ge­mein hat[125]. Tüm­mers re­sü­miert die neu­ge­won­ne­ne Be­deu­tung des Rheins mit den fol­gen­den Wor­ten: „Die kri­ti­schen Ta­ge des Jah­res 1840 be­fes­ti­gen die Po­pu­la­ri­tät des Rheins im deut­schen Volk. Kein an­de­rer deut­scher Strom kam ihm fort­an in der Schät­zung und Lie­be al­ler Volks­krei­se gleich“.[126] Trotz der Un­ter­schie­de wur­de das Rhein­land letzt­lich doch deutsch und so­gar preu­ßisch. „Preu­ßen hat­te das Rhein­land in die La­ge ver­setzt, sei­ne po­li­ti­sche Iden­ti­tät zu fin­den, ein Staats­be­wusst­sein zu ent­wi­ckeln und pa­trio­tisch zu emp­fin­den“.[127] 

En­de der 1840er Jah­re bot der Rhein kaum mehr An­lass für va­ter­län­di­sche Be­sin­nung[128]. Es folg­te ei­ne Ära po­li­ti­scher Ent­halt­sam­keit, bis die Ge­mü­ter 1870/1871 er­neut auf­ge­heizt wur­den[129]. Die po­li­ti­sche Rhein­dich­tung, die den Fluss zum deut­schen Na­tio­nal­sym­bol sti­li­sier­te und zum In­be­griff der Frei­heit ver­klär­te, steht in ei­ner Tra­di­ti­on, die bis weit vor Be­cker zu­rück­reicht, denn be­reits 1814 hat­te Ernst Mo­ritz Arndt den Rhein als frei­en deut­schen Strom be­sun­gen[130].

1870/1871 ent­lud sich auf bei­den Sei­ten ein vor­her un­be­kann­ter Ver­nich­tungs­wil­le und der Rhein war nicht län­ger Ziel ro­man­ti­scher Sehn­sucht[131]. Nach 1871 war der Rhein end­gül­tig zum ge­samt­deut­schen Na­tio­nal­sym­bol ge­wor­den[132]. „Die Wacht am Rhein“ von Max Schne­cken­bur­ger ist ein Bei­spiel für die Ver­än­de­rung der po­li­ti­schen Stim­mung von 1840 bis 1870[133]. Das Lied, wel­ches zwar be­reits 1841 er­schien, je­doch erst im Zu­ge des Deutsch-Fran­zö­si­schen Krie­ges po­pu­lär wur­de, klingt ag­gres­si­ver und we­ni­ger poe­tisch als noch die re­spekt­vol­len Tö­ne Be­ckers[134]. Be­reits zu Zei­ten Lud­wigs XIV. be­schreibt das Mo­tiv der Wacht am Rhein, die Funk­ti­on des Rheins und der Rhein­län­der, als Ver­tei­di­ger ge­gen die mög­li­che In­va­si­on der Fran­zo­sen be­reit­zu­ste­hen[135]. Das Lied han­delt nicht von der Wie­der­her­stel­lung der Frei­heit, son­dern vom pa­the­ti­schen Be­griff des Va­ter­lan­des, der in der kol­lek­ti­ven Men­ta­li­tät des Ers­ten und Zwei­ten Welt­krie­ges auf­ge­nom­men und als rhei­ni­sche Tra­di­ti­on na­tio­na­lis­ti­schen Den­kens fort­ge­setzt wur­de[136]. Dies ist an dem krie­ge­ri­schen Auf­schrei „zum Rhein, zum Rhein, zum deut­schen Rhein“ er­kenn­bar[137]. Die De­mü­ti­gung, die Frank­reich 1870/1871 er­fah­ren muss­te, wur­de erst durch den Ver­sailler Frie­dens­ver­tra­ges und die kurz­wei­li­ge Be­set­zung des lin­ken Rhein­ufers über­wun­den[138]. Cepl-Kauf­mann fasst die neue Auf­ga­be des Rheins mit den Wor­ten: „Er wirk­te für Deutsch­land in­te­grie­rend, in­dem er den Ein­zel­nen [...] in das gro­ße Gan­ze hin­auf­ho­b“ zu­sam­men[139].

Es gibt nicht den ei­nen My­thos vom Rhein. Viel­mehr muss von meh­re­ren My­tho­lo­gi­en ge­spro­chen wer­den, die sich um den Fluss ran­ken. Die­se ha­ben ih­ren Ur­sprung in der Rhein­ro­man­tik, in der al­te Sa­gen und Mär­chen, wie das Ni­be­lun­gen­lied, neu in­ter­pre­tiert wur­den und die den Rhein in ihr Zen­trum rück­ten. Wie ge­zeigt wur­de ver­band der Rhein schon seit der An­ti­ke die Ge­schich­te mit My­then, die den Strom auf­nah­men und ihm ei­ne neue Qua­li­tät ver­lie­hen.

Der Rhein war für Frank­reich ei­ne „na­tür­li­che Gren­ze“. Es sei al­lein die Na­tur, die Frank­reich sei­ne Gren­zen zu­schrei­be. Die For­de­rung der Rhein­gren­ze wur­de zum In­halt des na­tio­na­len My­thos und zähl­te zu den un­ver­äu­ßer­li­chen Be­stand­tei­len der Er­run­gen­schaf­ten der Re­vo­lu­ti­on. Der Rhein wur­de so­mit zu ei­nem Mit­tel und My­thos der na­tio­nal­fran­zö­si­schen Po­li­tik und stand dem Kon­zept des Rheins als „deut­schen Strom“ kon­tras­tiv ent­ge­gen[140]. Ka­ren Den­ni stellt her­aus, dass der My­thos der na­tür­li­chen Gren­ze mit dem Ant­ago­nis­mus der Völ­ker ei­ne Ge­fahr dar­zu­stel­len be­ginnt, da die­se sich auf ih­re Na­tio­na­li­tät und das Kon­zept na­tio­na­ler Gren­zen be­ru­fen. Zu­dem kri­ti­siert sie das Kon­zept der „na­tür­li­chen Gren­ze“, da Gren­zen meist Er­geb­nis jahr­hun­der­te­lan­ger Ent­wick­lun­gen sei­en und nicht na­tur­ge­ge­ben[141]. Das Kon­zept der „na­tür­li­chen Gren­ze“ war so­mit „Be­stand­teil ei­nes weit zu­rück­rei­chen­den po­li­ti­schen Be­wusst­seins, wel­ches sich ge­le­gent­lich als po­li­ti­sche For­de­rung ma­ni­fes­tier­te.“[142] 

Das Kon­zept des Rheins als Deutsch­lands Strom und nicht Deutsch­lands Gren­ze von Ernst Mo­ritz Arndt be­schreibt zu­gleich den Ur­sprung der Mys­ti­fi­zie­rung. Im Zu­ge der Be­set­zung des Rhein­lands am En­de des 18. Jahr­hun­derts ent­stand ein neu­es Na­tio­nal­be­wusst­sein, das den Rhein in­stru­men­ta­li­sier­te, mit My­then auf­lud und als po­li­ti­sches Sym­bol der stra­te­gi­schen Gren­ze ver­stand. Die Ge­schich­te des Rheins ist durch sei­ne tren­nen­de und ver­bin­den­de Funk­ti­on als am­bi­va­lent zu be­zeich­nen; ihn ei­nen ur­deut­schen Strom zu nen­nen, wird sei­ner Rol­le als eu­ro­päi­scher Fluss nicht ge­recht. Ob­wohl sei­ne ro­man­ti­sche Ver­klä­rung längst Ge­schich­te ist, be­sitzt der Rhein auch heu­te noch et­was My­thi­sches und in­spi­riert, da­mals wie heu­te, Künst­ler und Schrift­stel­ler.

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Quellen:

Internetquellen

-> Meier, Julia, Schönbauer, Daniel, Deutsche, Franzosen und der Rhein, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/deutsche-franzosen-und-der-rhein/DE-2086/lido/5e29a5a27b0150.56971900 (abgerufen am 03.09.2026)


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Sekundärliteratur

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Medizin und Gesundheit

Medizin und Gesundheit

Seuchengeschichte

Inhaltsverzeichnis

  1. Frühneuzeitliches Leiden. Die Gicht.
  2. Todbringende Heiler. Der Chevalier und der Thomaskantor Johann Sebastian Bach
  3. Tuberkulose 
  4. Die Choleraepidemie 1831


1. Frühneuzeitliches Leiden. Die Gicht. 

Der König war ein ausgesprochen unleidlicher Mensch. Zwar war er in der Reform seines Staatswesens, in der Schaffung einer gut organisierten - legendär zuverlässigen, wenig korrumpierbaren - Verwaltung und dem Aufbau einer im Verhältnis zur Einwohnerzahl des recht kargen Landes beeindruckenden Armee äußerst effektiv. Ungeachtet seines vollkommenen Mangels an Liebenswürdigkeit sprechen ihm wohlmeinende Biografen das Attribut historischer Größe zu. Er war so erfolgreich, dass sein Sohn und Nachfolger das Land gar in den Rang einer europäischen Großmacht führen konnte: Preußen. Doch im Zwischenmenschlichen war Friedrich Wilhelm I., der König Preußens von 1713 bis 1740, ein Tyrann, der wenig anderes als Furcht verbreitete: bei seinen Beamten, bei den Bürgern und auch in seiner Familie. Der Legende nach nahmen die Berlinerinnen und Berliner Reißaus, wenn ihnen ihr Herrscher bei einem seiner Inspektionsgänge auf der Straße begegnete. Mit seinem Gehstock soll er auf Passanten, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, eingeprügelt und dabei etwas ausgerufen haben wie ,,Ihr sollt mich nicht fürchten! Ihr sollt mich lieben, lieben sollt ihr mich!« 

Natürlich war es vor allem der üble Charakter des Monarchen, der sein Verhalten steuerte: Er war ein grober Mensch mit Verachtung für Bildung und Kultur, von ungehobeltem Benehmen und wahrscheinlich mit einer gehörigen Portion Sadismus. Davon zeugt auch sein Verhalten gegenüber seinem heranwachsenden Sohn, dem späteren Friedrich dem Großen, den er so drangsalierte, dass dieser ins Ausland zu fliehen versuchte. Nach seinem gescheiterten Fluchtversuch wünschte Friedrich Wilhelm die Todesstrafe für seinen Sohn. Als die Richter sich weigerten, zwang er den 17-jährigen Friedrich, die Exekution seines Freundes und Vertrauten Hans Hermann von Katte mit anzusehen. Doch zu dem unbeherrschten Wesen kam vor allem in der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit ein weiterer Faktor, der ihn unberechenbar und jähzornig machte: Er litt unter heftigen Schmerzen. Friedrich Wilhelm I. hatte die Gicht. Wenn er sich einem seiner Hobbies widmete, der Malerei - einem seiner wenigen Ausflüge in die Welt der Kultur -, setzte er auf seine schlichten Bilder meist die Signatur in tormentis pinxit, unter Schmerzen gemalt. Woher er das Leiden hatte, war auch den Ärzten der Epoche klar: Wie so viele gekrönte Häupter frönte Friedrich Wilhelm I. den Freuden der Tafel. Auf dieser dominierten wie an allen Höfen und Adelssitzen vor allem Fleischgerichte - und natürlich wurde dabei reichlich dem Alkohol zugesprochen. Der König wurde immer übergewichtiger und konnte sich kaum noch bewegen. Als das Ende nahte, war er körperlich wie mental ausgebrannt. Friedrich Wilhelm I., der zuletzt überwiegend in einem Rollstuhl saß, starb am 31. Mai 1740 mit 51 Jahren im Stadtschloss von Potsdam.

Sein Sohn, der als Friedrich II. den Preußenthron bestieg und schon zu Lebzeiten »der Große« genannt wurde, erbte die väterliche Vorliebe für eine stark fleischlastige Ernährung. Er griff allerdings beim Dinner nicht so im Übermaß zu wie sein Vater: Friedrich der Große war nicht übergewichtig: von ihm erhaltene Uniformröcke deuten ebenso wie die zu seinen Lebzeiten angefertigten Porträts darauf hin, dass er ein zunächst normalgewichtiger und in späteren Jahren geradezu schmächtiger Mann von geringer Körpergröße war. Doch sein Ende ähnelte dem des Vaters, auch wenn ihm ein wesentlich längeres Leben beschert war: Auch Friedrich II. verbrachte in seinen letzten Jahren die meiste Zeit im Rollstuhl auf der Terrasse des von ihm erbauten Schlosses Sanssouci und in Gegenwart seiner heißgeliebten Windspiele. Die Gesellschaft der Hunde zog er dem Beisam- mensein mit Menschen vor. Auch Friedrich der Große - dessen Wunsch, bei seinen Hunden bestattet zu werden, sich erst 1991 endgültig erfüllte - litt an Gicht.

Die Liste der Gichtpatienten aus der frühen Neuzeit, also etwa zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert, liest sich teilweise wie ein Who is Who der Mächtigen und Reichen. Der Zusammenhang zwischen Wohlstand, oft auch Macht, und der Anfälligkeit für das Leiden war ganz offensichtlich. Und kaum irgendwo zeigten sich die krassen sozialen Gegensätze zwischen dem oberen einem Prozent und der großen Masse der Bevölkerung so wie bei den Mahlzeiten, die bei der Oberschicht im von zahlreichen Lüstern erhellten Spiegelsaal und in den unteren Schichten in einer von Tranfunzeln fade illuminierten Kate eingenommen wurden. Der Adelsmann und seine Damen erquickten sich an Kapaun und Wild, an Schweinebäuchen und gefüllten Schwänen; in den Karaffen funkelte Wein und Port - der einfache Bauer aß Hirsebrei und trank, wenn er es sich erlauben konnte, ein Bier, dessen Genießbarkeit in einer Zeit vor Erfindung von Kühltechnologien bezweifelt werden darf. Dieses epidemiologische Verteilungsmuster setzte sich fort, als der Aufstieg des Bürger- und vor allem des Großbürgertums einsetzte und auf der anderen Seite der Bevölkerungspyramide sich die Basis proletarisierte, zum Bauernstand sich der Industriearbeiter gesellte. Die feinfühlige Krankheitsdefinition des Earl of Chesterfield, eines englischen Staatsmannes in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, sollte man im Original auf sich einwirken lassen: Gout is the distemper of gentlemen, whereas the rheumatism is the distemper of a hackney coachman. Die rheumatische Erkrankungen des Kutschers, so muss erklärend ergänzt werden, beruhten ganz wesentlich auf unhygienischen, feuchten Wohnverhältnissen. Außerdem war er bei Ausübung seiner Tätigkeit auf dem Kutschbock dem Wetter ausgesetzt, während der wahre Gentleman im Inneren der Kutsche einigermaßen vor Wind und Regen geschutzt war.

Die Gicht ist eine Störung des Purinstoffwechsels und führt zur Ablagerung von Harnsäurekristallen in den Gelenken. Typischerweise ist das Grundgelenk an der Großzehe des Fußes zuerst oder besonders stark betroffen: Es schwillt an, ist gerötet und schmerzt sehr. Künstler und Satiriker stellten den Gichtkranken daher oft als übergewichtigen Mann dar, dessen verbundener Fuß auf einem Schemel liegt oder der mit einer Bandage im Rollstuhl sitzt. Wilhelm Busch beispielsweise zeichnete 1872 in seiner Bildergeschichte Der neidische Handwerksbursch einen Patienten mit dick verbundenem linken Fuß und setzte den Reim hinzu: »Der Dicke aber - autsch! mein Bein!/Hat wieder heut' das Lipperlein.«

Das spezifische Symptom an der Zehe wird »Podagra« genannt, ein Begriff, den Betroffene vergangener Zeiten dem der Gicht vorzogen. Ein Beispiel dafür ist der erste »Kriegs- unternehmer« der Moderne, der kaiserliche Generalissimus im Dreißigjährigen Krieg, Albrecht Eusebius Wenzel von Wallenstein. Der Mann, der in der ersten Hälfte dieses Konfliktes einen geradezu kometenhaften Aufstieg erlebte und schließlich so viel Macht anhäufte, dass seine Auftraggeber - der Kaiser und seine Verbündeten auf Seiten der Liga, des katholischen Lagers - ihn schließlich vorübergehend entließen und später seine Ermordung in die Wege leiteten, war fast während seiner ganzen Karriere schwer krank. Im Jahr 1620, als der Krieg nach dem schnellen Sieg der Kaiserlichen über die böhmischen Rebellen beendet schien, traf es Wallenstein nach eigenen Worten schwer. Er hatte auch eine Erklärung parat: »Anno 1620 im Julio bin ich auf den Tod krank gewesen, und die Krankheit, vermein ich, dass ich mirs mit Trinken causiert hab.«' Für Wallenstein war es »das Podagra«, welches ihn teilweise immobil - auf einigen seiner Feldzüge musste er von Bediensteten getragen werden - und wohl auch jähzornig (ähnlich wie Friedrich Wilhelm I.) machte. Zeitweise konnte er kein Pferd mehr besteigen, was für einen militärischen Befehlshaber der Epoche fast einer Berufsunfähigkeit gleichkam. Es war wahrscheinlich eine Kombination aus Gicht und Syphilis, die nach seiner endgültigen Entlassung zu einem rapiden körperlichen Abbau und einer weitgehenden Hilflosigkeit führte. Gegen die entschlossenen gedungenen Mörder hatte er auf der Flucht in einer Februarnacht 1634 in Eger keine Chance.

Die Gicht ist den Heilkundigen bereits seit der Antike bekannt. Im ägyptischen Papyrus Ebers (rund 1500 v. Chr.) finden sich sowohl Hinweise auf das Leiden als auch auf Therapieansätze - genannt wird der Extrakt des Herbstkrokus. Auch dem Urvater der westlichen Medizin, dem von 460 bis 377 v. Chr. lebenden Hippokrates waren die Symptome vertraut; angesichts des hohen Weinkonsums im antiken Griechenland dürften sich ihm kausale Zusammenhänge aufgedrängt haben. In einem modernen Fachbuch wird der Kenntnisstand des Heilkundigen prägnant zusammengefasst: »Hippokrates beschrieb, dass die Gicht vorzugsweise bei Erwachsenen und am ganze Körper auftrete, dass sie bei Frauen bevor ihre Regel aufgehört hat‹ selten sei und dass man sie bei Eunuchen nie finde. Er erkannte sie als Erbkrankheit, beschrieb den Einfluss des Nichtstuns und der Ausschweifungen bei Tisch. Er unterschied bereits zwischen Podagra und einer anderen schmerzhaften und entzündlichen Gelenkerkrankung, die er Arthritis nannte.«'

Erblichkeit, Ernährungsgewohnheiten und Luxusleben wurden in der Antike als Wegbegleiter der Krankheit identifiziert, und der Philosoph Seneca betonte, dass es kein reines Männerleiden sei, sondern auch in Unmäßigkeit lebende Frauen befalle: »Wie kann man sich wundern, dass selbst der Größte der Ärzte und gründlichste Kenner der Natur auf einer Lüge ertappt wird, da es so viele podagristische und kahlköpfige Weiber gibt?«*

Mehrere römische Kaiser dürften Gicht gehabt haben; am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit soll unter anderem Heinrich VIII. von ihr befallen gewesen sein sowie zahlreiche andere Fürsten, Könige und Feldherren, darunter auch Ludwig XIV. von Frankreich und Kaiser Karl V. (die ebenso wie Heinrich der VIII. auch die Syphilis gehabt haben sollen). Karls Sohn Philipp II. war in seinen letzten Lebensjahren durch die Gicht regelrecht gelähmt und starb 1598, zehn Jahre nach der schweren Niederlage seiner Armada gegen das England Elisabeths I. Zu den Gichtpatienten aus dem Burgerstand gehören unter anderem Emmanuel Kant und Benjamin Franklin. Und auch Martin Luther, der ursprünglich als Mönch ein Leben der Entsagung führen wollte, zahlte diesen Preis für seine Neigung zu ausgelassenem Speis und Trank.

Der Zusammenhang zwischen Harnsäure und Gicht wurde im späten 18. Jahrhundert entdeckt, nachdem der schwe- dische Chemiker Carl Wilhelm Scheele 1776 Harnsäure in Blasensteinen entdeckte und 1797 William Hyde Wollaston Harnsäure in den Gichtknoten Betroffener nachwies. Im 19. Jahrhundert setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass es nicht allein die Gelenke sind, die von der Gicht betroffen sind, sondern das Leiden häufig auch die Nieren befällt und zu einer Niereninsuffizienz führen kann. In Krisen- und Mangelzeiten lässt die Häufigkeit der Gicht auffallend nach. In Deutschland war sie unmittelbar nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg ausgesprochen selten. In der Gegenwart scheint sich ihre Epidemiologie im Vergleich zur frühen Neuzeit drastisch gewandelt zu haben: Schlechte, ungesunde und übermäßige Ernährung ist heute eher ein Merkmal sozial schwacher Schichten, während Wohlhabende und Eliten über die Mittel verfügen, in angesagten Öko-Supermärkten einzukaufen und in Restaurants zu essen, in denen distinguiertere und quantitativ überschaubarere Speisen aufgetragen werden, keine sich über den Tellerrand biegenden Fleischportionen. 

2. Todbringende Heiler. Der Chevalier und der Thomaskantor Johann Sebastian Bach

Geschichte wird natürlich nicht nur von den politisch Mächtigen geschrieben, deren Wirken von Krankheiten beeinflusst oder deren Regierung durch sie beendet wird, manchmal sogar sehr plötzlich wie im Falle Alexanders des Großen oder Franklin D. Roosevelts. Auch werden historische Abläufe nicht ausschließlich von der sogenannten breiten, anonymen Masse bestimmt, geprägt oder erlitten - so wie die vielen für uns heute Namenlosen, die der Pest, der Cholera oder der Tuberkulose zum Opfer gefallen sind. Es gibt noch eine weitere Gruppe von Individuen, die unsere Geschichte und unser Selbstverständnis als Menschen, als Staatsbürger, als Angehörige eines Volkes oder einer Volksschicht mitbestimmen: jene, die Subjekt und Teil der Kulturgeschichte sind, die das zivilisatorische Erbe eines bestimmten Raumes wie zum Beispiel Europas oder gar der gesamten Menschheit geprägt haben.

Auch hier haben Krankheiten immer wieder das Euvre einer Künstlerin, eines Literaten, eines Komponisten beeinflusst - man denke nur an die zunehmende Schwerhörigkeit Beethovens, an die von einer Kinderlähmung herrührende Behinderung Frida Kahlos, an die in ihrer späten Lebensphase entstandenen Bilder von William Turner oder Claude Monet, die am grauen Star litten, oder an den Rheumatismus von Auguste Renoir. Andere große Kulturschaffende wurden auf oder vor der Höhe ihres Schaffens abberufen.

Welche Werke mag ein Vincent van Gogh, der wohl an einer bipolaren Störung litt und mit 37 Jahren Selbstmord beging. sonst noch hinterlassen haben? Oder ein Franz Schubert, der uns bei der Beschäftigung mit einer der folgenreichsten, verheerendsten Seuchen der Neuzeit begegnet ist. Im besonderen Maße gilt das für den Fall eines der größten deutschen Dramatiker: Georg Büchner. Der Literat - und Mediziner - hinterließ nur zwei Dramen (Dantons Tod und Woyzeck, das unvollendet blieb), eine Erzählung (Lenz) und ein Lustspiel (Leonce und Lena), als ihn eine Typhusinfektion tötete. Georg Büchner war erst 23 Jahre alt, wird aber als genial genug eingeschätzt, um dem bedeutendsten deutschen Literaturpreis seinen Namen zu geben.

Gefahr drohte nicht nur durch Krankheiten wie Büchners Typhus, die heute gut behandelbar sind, sondern auch durch die Heilkundigen früherer Epochen. Dieses Schicksal widerfuhr einem der bedeutendsten Komponisten Europas, der hier stellvertretend für die Großen der Kulturgeschichte stehen soll: Johann Sebastian Bach. Er fiel einem der Heiler in die Hände, die bei ihren Patienten mehr Schaden als Nutzen anrichteten. Johann Sebastian Bach litt an einer Sehschwäche. Der 65-jährige Thomaskantor hatte, wie es der Verfasser seines Nachrufs in zeitgenössischer Diktion ausdrückte, ein »von Natur aus blödes Gesicht« - was bedeutete: Er hatte immer schon schlechte Augen. Da Bach einen großen Teil seines Lebens mit Komponieren und Schreiben unter oft ungenügenden Lichtverhältnissen verbrachte, war er höchstwahrscheinlich kurzsichtig. Es mag also eine ähnliche Pathogenese vorgelegen haben wie bei Gustav II. Adolf von Schweden, dessen in diesem Buch beschriebenes Ende nur wenige Kilometer entfernt von Bachs Wirkungsstätte Leipzig eintrat.

Auf dem berühmten, 1748 von dem Maler Elias Gottlob Hausmann geschaffenen Porträt Johann Sebastian Bachs meinen Augenärzte die typische Faltenbildung zwischen den Brauen entdeckt zu haben - die Folge von jahrelangem Zusammenkneifen der Augen, so wie es Kurzsichtige ohne Brille oft tun. Mit zunehmendem Alter nahm Bachs Sehvermögen weiter ab, und die wahrscheinlichste Erklärung dafür ist eine altersbedingte Linsentrübung, der graue Star (Kata-rakt). In früheren Jahrhunderten wurde diese Augenerkran-kung nicht von speziell ausgebildeten Ärzten, sondern von durch die Lande ziehenden »Starstechern« operiert, Bar-biere, die nicht selten auch andere chirurgische Eingriffe wie die Entfernung von Blasensteinen vornahmen. Der berühmteste dieser reisenden Starstecher war der Engländer John Taylor.

Der wahrscheinlich 1703 in Norwich geborene Taylor gilt Medizinhistorikern als das Musterbeispiel eines Quack-salbers, der vielen seiner Patienten nur (weiteres) Elend brachte. Eine Einschätzung, die auch viele Zeitgenossen teilten. Manchmal warnten die Autoritäten vor dem Operateur, doch oft ließ man sich vom Auftreten und der unglaublichen Dreistigkeit Taylors blenden. Er nannte sich »Cheva-lier« und ließ Wundergeschichten über seine Heilerfolge verbreiten; Taylor trug edles Tuch und ein Ruf als Liebling der Frauen eilte ihm voraus. Immerhin, ein Aufschneider bezüglich seiner Ausbildung war er nicht: Er entstammte einer Familie von Wundärzten und ging bei dem angeschenen Chirurgen William Cheselden im Londoner St. Thomas'handlungen und zog durch England, dann auch über de Kontinent. Angeblich erwarb er einen medizinischen Doktorgrad in Lüttich und einen weiteren in Köln. Wo die Wahrheit liegt und wo die Dichtung beginnt, lässt sich dreihundert Jahre später noch schlechter entscheiden als im frühen

18. Jahrhundert. In der Schweiz alein, so gab er später einmal zu, habe er einige Hundert Leute blind gemacht. Er war ein klassischer Starstecher: Er drückte die getrübte Linse mit einer Nadel in den Glaskörper des Auges und übte bei diesem simplen und doch komplikationsträchtigen Eingrif mit seinem selbstbewussten, wenn nicht gar selbstherti chen Auftreten eine beträchtliche suggestive Wirkung auf seine Patienten aus. Taylor verkörperte »die Droge Arz« im schlechtesten Sinne. Dass der englische König Georg Il. ihn zum Hofokulisten ernannte - zu Majestäts Glück ohne sich einem Eingriff durch Taylor unterziehen zu müssen - war die beste Werbung für den Operateur, der damit in den höchsten Kreisen respektiert wurde und von seinem Standort London aus mehr als 30 Jahre lang immer wieder durch Europa zog.

Im Frühjahr 1750 kam Taylor nach Leipzig, wo ihm der berühmte Komponist vorgestellt wurde. Zwischen dem 28. und dem 31. März 1750 operierte Taylor bei Bach »den Stark. Dass dabei die mit einer »Starnadel« aus ihrer Verankerung gehebelte Linse im Auge belassen wurde, ist aus heutiger Sicht beinahe eine Garantie für schwere Komplikationen.

Bine mögliche Folge war eine das Auge zerstörende Intek-tion (denn die Starnadeln wurden bestenfalls abgewischt, aber sicher nie ausgekocht), ein Sekundärglaukom oder eine massive Blutung im Augeninneren. Bei einer modernen Operation des grauen Stars (Kataraktoperation) wird die Linse aus dem Auge entfernt, und der Patient bekommt eineDer Chevalier und der nomaskantor Johann Sebastian Bach Intrakularlinse (LOL) implantiert, die meist über viele Jahre exzellentes Sehvermögen ermöglicht, oft sogar ohne Brille Der Eingriff dauert kaum eine Viertelstunde und ist die häufigste chirurgische intervention in der modernen Medizin; in Deutschland allein werden pro Jahr rund 900000 Kata-raktoperationen vorgenommen.

Zu Bachs Zeiten waren eine solche Erfolgsrate und die heutige Sicherheit der Operation indes undenkbar. Rund eine Woche nach dem ersten Starstich kam es zu einem zweiten Eingriff, ob am gleichen oder dem anderen Auge ist nicht bekannt. Taylor soll übrigens bevorzugt linke Augen operiet haben - unabhängig vom Befund! Nach den beiden Eingriffen verschlechterte sich der Gesundheitszustand Bachs zunehmend. Ob dies die Folge des Eingriffs war, ist umstritten; sollte dies jedoch der Fall gewesen sein, drängt sich der Verdacht einer schleichenden Infektion auf, die schließlich auf den Gesamtorganismus übergriff. Die zeitgenössische Angabe der Todesursache - »hitsiges Fieber« - würde dazu passen. Möglicherweise hatte der übergewichtige Musiker auch Diabetes Typ 2, der nach den Eingriffen außer Kontrolle geriet. Johann Sebastian Bach verließ diese Welt am Abend des 28. Juli 1750.

Doch John Taylor versetzte der zeitgenössischen Musik und damit dem europäischen Kulturgut einen weiteren Schlag. Im August 1758 operierte er in London ein anderes musikalische Genie der Epoche, Georg Friedrich Han-del. Dieser hatte sich sechs Jahre zuvor von einem anderen Okulisten ein Auge operieren lassen, offenbar durchaus mit Erfolg. Dieser stellte sich indes nach Taylors Intervention bei Händel nicht ein. Wie Bach starb auch dieser begnadete Komponist wenige Monate nach einem Taylorschen Star-stich.

3. Tuberkulose

Nelson Mandela entwickelte einen hartnäckigen Husten mit Auswurf, zunehmende körperliche Schwäche hinderte ihn an seinen täglichen Fitnessübungen. Unter schwerer Bewachung wurde er aus seinem Gefängnis ins Tygerberg Hospital verlegt, das zu der renommierten südafrikanischen Universität von Stellenbosch gehört. Aufgrund der Prominenz des erkrankten Gefangenen wurde die ganze Station von anderen Patienten geräumt. Unter Anästhesie wurde dem Bürgerrechtler eine größere Menge bräunlicher Flüssigkeit aus der Lunge entfernt. Die mikrobiologische Diagnostik war eindeutig: Nelson Mandela hatte Tuberkulose.

Es war jedoch ein Glücksfall für Mandela - und für Südafrika - dass die Lungenerkrankung in diesem Jahr bei ihm auftrat. 1988 waren erste Verhandlungen von Mandela und seiner im Untergrund agierenden Partei mit der südafrikanischen Regierung unter Präsidenten P. W. Botha immerhin so weit gediehen, dass sich ein Ende des Apartheid-Regimes abzeichnete. Mandela war nicht länger auf Robben Island (wo Tuberkulose endemisch war) inhaftiert, und nach der initialen Therapie im Tygerberg Hospital wurde er in die geradezu luxuriöse Constantiaberg-Klinik verlegt - als erster schwarzer Patient überhaupt. Eine speziell gegen Tuberku-lose-Erreger gerichtete Antibiotikatherapie schlug bei Mandela gut an. Mit Bothas Nachfolger Frederick Willem de Klerk verhandelte Mandela nach seiner Freilassung 1990 über die Neugestaltung des Landes, das seine rassistische Vergangenheit endgültig hinter sich ließ. Beiden Politikern wurde 1993 der Friedensnobelpreis verliehen.

Glück im Unglück hatte Nelson Mandela auch, weil sich später, in den 1990er Jahren, erste Antibiotika-resistente Stämme des Erregers Mycobacterium tuberculosis (vor allem bei Strafgefangenen) entwickelten. Damit wurde die Krank-heit, die man schon weitgehend zu beherrschen glaubte, erneut zur Bedrohung.'

Tuberkulose begleitet die Menschheit nicht nur durch die gesamte dokumentierte Geschichte, sondern hat offenbar schon Zehntausende Jahre zuvor Hominiden, unsere frühen Vorfahren, in Afrika befallen.? In den meisten alten Kulturen kam die Krankheit vor; den Heilkundigen der Antike war sie bekannt, und Hippokrates stellte fest, dass sie vornehmlich bei relativ jungen Menschen zwischen 18 und 35 Jahren auftritt. Im 19. Jahrhundert beschäftigte (und faszinierte) das Leiden, das auch »Phthisis« oder »Schwindsucht« genannten wurde, nicht nur Ärzte, sondern auch Literaten und Künstler. Der Befall der Lunge mit den klassischen Symptomen des Hustens und des blutigen Auswurfs mag die bekannteste Manifestation der Tuberkulose sein. Doch die charakteristischen runden Infektionsherde, die Tuberkel, können eine Vielzahl von Organen befallen, darunter den Verdauungstrakt, die Knochen - die brechen und zu Missbildungen führen können, wie man sie sowohl an ägyptischen als auch an präkolumbiani-schen peruanischen Mumien festgestellt hat - und selbst die Augen."

Aus der Zeit des Mittelalters gibt es relativ wenige schriftliche Belege über die Krankheit, was auch auf den niedrigen Stand des medizinischen Schrifttums zumindest in der ersten Hälfte des Zeitalters und, ähnlich wie bei der Pest, auf den geringeren Urbanisierungsgrad zurückzuführen sein dürfte. Einer der wenigen prominenten Tuberkulosepatienten der Epoche war wahrscheinlich der 1226 verstorbene Franz von Assisi. Im Mittelalter kam indes eine »Heilmethode« auf, von der sich neben Aussätzigen und anderen Schwerkranken auch Schwindsüchtige eine Rettung versprachen: die erstmals bei Frankenkönig Clovis im Jahr 496 beschriebene »königliche Berührung«. Diese im Englischen royal touch genannte Zeremonie basierte auf der Vorstel-lung, dass der von Gott gesalbte König oder die Königin durch eine kurze Berührung eines Kranken dessen Leiden bessern oder gar heilen könne. Beim Übergang vom Mittelalter in die Frühe Neuzeit wurde dieser Akt, bei dem sich oft Tausende vor der Residenz des Herrschers versammelten, in großem Maßstab betrieben. Die Leidenden zogen in einer Prozession an dem gesalbten Herrscher vorbei und wurden von diesem kurz berührt. Die sicher extrem wenigen »Erfolge« wurden natürlich von der royalen Propaganda ausgenutzt, um den Segen zu verkünden, den die Herrschaft des Königs oder der Königin für das Land bedeute. Uber diejenigen, die dennoch der Tuberkulose oder einem anderen Leiden zum Opfer fielen, schwiegen die Chronisten. Karl II. von England, der im Zuge der Restauration nach dem englischen Bürgerkrieg von 1660 bis 1685 regierte, soll nach zeitgenössischen Zählungen im Laufe dieser Zeit 92102 Kranke berührt haben. Den Rekord für eine Tagesleistung hält vermutlich Ludwig XVI. von Frankreich, der am 14. Juni 1775 insgesamt 2400 Leidende berührt haben soll. Einige davon dürften 18 Jahre später in der Pariser Menge gestanden und gejubelt haben, als der König die Stufen zur Guillotine hinaufstieg.

Anders als die Syphilis, die Pest und vor allem die Cholera mit ihren abschreckenden Symptomen wurde die Tuberkulose während des viktorianischen Zeitalters (die Queen, die ihm den Namen gab, war von 1837 bis 1901 das Staatsoberhaupt des weltumspannenden Empire) als ein beinahe ästhetisches Leiden wahrgenommen, und dies nicht nur in Großbritannien. Zahlreiche ihrer Opfer waren jung, sie wurden im Krankheitsverlauf immer bleicher - was dem Schönheitsideal dieser Zeit entsprach - und waren gemäß dieser Perzeption nicht selten von einer hohen, durch das nahende Ende angefachten Kreativität. Ein Paradebeispiel hierfür erschien den Briten das Schicksal einer der großen Schriftstellerfamilien des Landes. Alle Kinder des Landpfarrers Patrick Brontë gelten als Tuberkulotiker, darunter vor allem die Schwestern Anne (Die Herrin von Wildfell Hall, Agnes Gray), Emily (Sturmhöhe) und Charlotte (Jane Eyre). Die Tuberkulose war entweder selbst Todesursache oder sie bahnte Folgekrankheiten den Weg. Wie ihr Bruder Bran-well (bei dem Alkoholismus und Opiumsucht hinzukamen) wurde keines dieser talentierten Geschwister älter als 40 Jahre. Noch jünger war der romantische Schriftsteller John Keats, als ihn die Tuberkulose mit 25 Jahren in ein frühes Grab brachte. Im Jahr darauf starb mit 29 Jahren sein Jugendfreund, der Schriftsteller Percy Shelley, wenngleich nicht an seiner Tuberkulose. Shelley stürzte bei einem Se-geltörn ins Wasser und ertrank. Der Vorfall ließ auch an einen Suizid denken.

Niemand dürfte das fragwürdige Schönheitsideal eines jungen tuberkulosekranken Menschen so sehr verkörpern wie Simonetta Vespucci. Ihr Name dürfte nicht jedermann geläufig sein, ihr Gesicht hingegen schon: Die junge Frau,»Königin der Schönheit« von Florenz. Sie stand Botticelli für mehrere Bilder Modell, auch für die Venus in seinem berühmtesten Gemälde. Ihr Haar war rot-blond, ihre Haut weiß, ihre Wangen leicht gerötet. Ihre Schönheit scheint ihr bis zuletzt geblieben zu sein - bis zu ihrem frühen Tod mit 23 Jahren im April 1476. Mehr als 400 Jahre später hat ein anderer Künstler die fragile Schönheit einer Tuberkulose-kranken in einem zeitlosen Werk festgehalten. Auch sie ist schön, fast noch ein Kind, wie der Titel »Det Syke Barn (Das kranke Kind)« deutlich macht. Das von Edvard Munch geschaffene Bild zeigt seine 15-jährige Schwester Johanne Sophie kurz vor ihrem Tod an Tuberkulose. Darin findet das Leiden des Mädchens seinen Ausdruck: Aufrecht im Bett sitzend, versucht es mit großer Anstrengung Luft in die von Tuberkeln ausgehöhlten und mit Flüssigkeit gefüllten Lungen zu bekommen. Eine ältere Frau, wahrscheinlich Sophies und Edvards Mutter, sitzt gesenkten Hauptes daneben, von Trauer übermannt. In Munchs Darstellung hat der Tod durch Tuberkulose für die Betroffenen und ihre Angehörigen nichts »Ätherisches«, nichts Ästhetisches an sich.

Für die Ärzte war die Diagnose der Tuberkulose vor allem in den Frühstadien, bevor die Kranken ausgezehrt und »schwindsüchtig« wurden, eine kaum zu meisternde Herausforderung. Die Röntgenstrahlen wurden erst 1895 von Conrad Wilhelm Röntgen entdeckt; die Verfeinerung der Röntgendiagnostik und moderner bildgebender Verfahren ermöglichte im 20. Jahrhundert neben dem Tuberkulin-Hauttest eine zuverlässige Diagnostik - und mit dem Aufkommen wirksamer Medikamente auch eine frühzeitige Behandlung. Das Bestreben, in die erkrankte Lunge, wenn schon nicht hineinzublicken, so doch in sie hineinzuhorchen, führte vor etwas mehr als 200 Jahren zur Erfindung eines diagnostischen Instrumentes, das zum Sinnbild des Arztberufes schlechthin geworden ist: das Stethoskop.

Der junge Arzt hieß René-Théophile-Hyacinthe Laennec und hatte bereits in seinen Studienjahren erlebt, wie wichtig die Diagnose der Tuberkulose war. Seine Lehrer in Paris waren Xavier Bichat, der als Begründer der Histologie gilt und bereits in Laennecs zweitem Jahr mit nur 30 Jahren an der Tuberkulose starb, sowie Jean-Nicolas Corvisart. Dieser propagierte nicht nur das Abhören des Herzens (durch direktes Auflegen des Ohres auf den Brustkorb des Kranken), sondern auch die von dem österreichischen Arzt Johann Leopold Auenbrugger eingeführte Methode der Perkussion der Lunge, bei der der Arzt mit den Fingern auf den Brustkorb klopft. Dem geübten Arzt gibt die Resonanz Auskunft darüber, ob und in welchen Segmenten (»Lappen«) die Lunge mit Flüssigkeit gefüllt ist. Laennec indes fand eine noch bessere Methode. Vielleicht ist es nur eine Legende: Unweit des Louvre beobachtete er mehrere Knaben, die mit einem Ast spielten. Einer der Burschen hielt ihn sich ans Ohr, ein anderer kratzte am gegenüberliegenden Ende mit einem Nagel. Das Kratzgeräusch, so schloss der Mediziner aus der Begeisterung der Kinder, war durch das Holzstück viel besser zu hören, als wenn man direkt neben dem Buben mit dem Nagel stand; das Holz übertrug Laute offenbar besser als die Luft. Bald darauf, wahrscheinlich im Herbst 1816, setzte Laennec dieses Erlebnis in die medizinische Praxis um. Ihm war eine junge Frau anvertraut, die übergewichtig und herzkrank war. Sein Ohr in bislang üblicher Manier auf die Brust der Frau zu legen, empfand Laennec als unschicklich. Außerdem bezweifelte er, bei dem Körperumfang überhaupt etwas hören zu können: »Die außerordentliche Größe ihrer Brüste war ein physisches Hindernis für diese Methode.« Laennec wusste sich zu helfen: »Ich rollte einen Bogen Papier eng zu einer Art Zylinder zusammen und setzte ein Ende auf den Bereich ihres Herzens und das andere an mein Ohr. Ich war nicht in geringem Maße überrascht und erfreut, den Herzschlag klarer und deutlicher zu hören, als ich es je bei der direkten Applikation des Ohres vermocht hätte. In diesem Moment stellte ich mir vor, dass uns die Umstände erlauben würden, die Art nicht nur des Herzschlages, sondern alle spezifischen, durch die Bewegungen der Viszera im Thorax verursachten Geräusche zu beurtei-len.« Von nun an experimentierte Laennec mit verschiedenen Materialien und entschied sich schließlich für einen hölzernen Tubus von etwa 25 Zentimetern Länge und 3 Zentimetern Durchmesser. Er war zerlegbar und konnte zu Hausbesuchen mitgenommen werden; das Ohrstück war aus Metall. 1818 stellte Laennec das von ihm als Stethoskop bezeichnete Gerät auf der Tagung der Akademie der Wissenschaften in Paris vor; im Jahr darauf erschien sein zweibändiges Werk Traité de l'auscultation médiate et des mala-dies des poumons et du coeur. Sein neues Instrument setzte er vor allem zur Auskultation (dem Abhorchen) der Lunge von tuberkulosekranken Patienten ein und unterschied die Geräusche tuberkulöser Kavernen von jenen anderer Lungen-erkrankungen wie Pneumonie (Lungenentzündung) und Emphysemen.

Eine Patientin, die geradezu sinnbildlich für den frühen Tod an Tuberkulose stand und deren Mann die Trauer um sie in unvergängliche Worte fasste, die zu den großen Werken der englischsprachigen Literatur geworden sind, war Virginia Eliza Clemm. Mit nur 13 Jahren heiratete sie (auf der Heiratsurkunde war ihr Alter mit 21 Jahren angege-ben) ihren Cousin - den damals 27 Jahre alten Schriftsteller Edgar Allan Poe. Die Ehe war von großer gegenseitiger zärtlicher Zuneigung und Liebe geprägt; ob sie auch oder schonvon Anfang an sexueller Natur war, ist unter Poes Biografen umstritten. Der zu mentaler Düsternis neigende Dichter, der fast sein ganzes Schriftstellerleben lang unter finanziellen Problemen litt, war selbst tuberkulosekrank. Er fand in Virginia und ihrer Mutter Maria zwei gute Seelen, die sich rührend um ihn kümmerten. Die blasse, zarte junge Frau hatte etwas Engelhaftes, und Poe war tief schockiert, als Virginia eines Abends im Januar 1842 (sie war 19 Jahre alt) beim Klavierspielen plötzlich Blut aus dem Mund lief. In den nächsten zwei Wochen schien sie zwischen Leben und Tod zu schwanken. Poe war zutiefst erschüttert; nach Ansicht seiner Biografen war es die Ehe mit Virginia, die ihm eine nie dagewesene mentale Stabilität gab und ihn von der Flasche fernhielt, sodass sich sein kreatives Talent entfalten konnte. Kam die Sprache auf ihren möglichen Tod, so notierte ein Besucher des Paares, »brachte ihn [dies] völlig um den Verstand«.® Fünf Jahre blieben beiden noch vergönnt, bevor Virginia am 30. Januar 1847 starb. Eine Zeichnung der jungen Frau auf dem Totenbett ist das einzige bekannte Por-trat von Virginia Poe. Das Motiv des sich in Sehnsucht nach seiner verstorbenen Partnerin verzehrenden Trauernden taucht wiederholt in Poes Werk auf wie in Annabel Lee und Lenore; von Letzterer heißt es: »Nichts Königlichres stirbt hinfort/als sie, die starb so jungu. Auch Poes berühmtestes Werk, Der Rabe, zwei Jahre vor Virginias Tod verfasst, ist wahrscheinlich durch die Krankheit seiner Frau und die Aussicht auf eine baldige endgültige Trennung inspiriert worden. Das Gedicht erzählt das nächtliche Erlebnis mit einem Raben, der auf die Sehnsucht des Erzählers nach seiner Verflossen mit einem einzigen, grausamen Wort reagiert: »Nevermore!«. Edgar Allan Poe überlebte seine Virginia nur um etwas mehr als zwei Jahre.

Das vielleicht bekannteste literarische Werk, das sich mitplatz eines jener Sanatorien ist, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mode kamen, vor allem in der Schweiz zu einem Wirtschaftsfaktor wurden und zur steigenden Prosperität der Eidgenossenschaft beitrugen. Der Grundgedanke war, in der sauberen Bergluft die Krankheit zum Stillstand zu bringen. Thomas Mann erlebte den Sanatoriumsbetrieb bei einem Aufenthalt in Davos im Jahr 1912, den ein Presseartikel hundert Jahre später pointiert beschreibt: »Davos, 11000 Einwohner, 20 000 Gästebetten. Die höchste Stadt Europas, die nie so groß geworden wäre, wenn nicht die Tuberkulose Anfang des 20. Jahrhunderts als Ursache für jeden siebten Tod in Europa gegolten hätte. Davos galt als einziger Ort, an dem die Krankheit geheilt werden konnte. Eine russische Patientin schrieb damals: ›Davos ist die Wiege neuer Hoffnung, das Tal des Todes und der Wiedergeburt.‹ Katia Mann, Ehefrau des Schriftstellers, kam nach Davos, weil man bei ihr einen Lungenspitzkatarrh diagnostiziert hatte, der als beginnende Tuberkulose galt.«'

Den Erreger der Tuberkulose identifizierte 1882 Robert Koch unter seinem Mikroskop. Die öffentliche Bekanntgabe dieser vielleicht größten Entdeckung im goldenen Zeitalter der Bakteriologie im späten 19. Jahrhundert erfolgte am 24. März desselben Jahres auf einer ärztlichen Tagung in Berlin. Der auf dieses Datum festgelegte alljährliche Welttu-berkulosetag soll die Erinnerung an die Tuberkulose wach-halten. Diese ist auch heute noch eine epidemiologische und vielerorts gesellschaftliche Herausforderung. Experten schätzen, dass fast ein Drittel der Menschheit mit dem Erreger infiziert ist, was gleichwohl glücklicherweise nicht be-deutet, dass die Infektion aktiv ist und die Betroffenen krank und Überträger sind. Vor allem das Aufkommen von AidsDie »ästhetischste« Krankheit hat ab den 1980er Jahren die Zahl der Krankheitsfälle wieder anschwellen lassen. Ihre Therapie ist durch die Resistenz-entwicklung der Erreger gegen bewährte Medikamente wie Streptomycin schwieriger geworden. Sie war nie eine schöne, sondern stets eine grausame Krankheit - die Worte des groBen romantischen Dichters Lord Byron sind nur ein Ausdruck der irrationalen Verklärung des Leidens im 19. Jahrhundert und seiner eigenen lebhaften Fantasie: »Ich möchte am liebsten an der Schwindsucht sterben, denn dann werden die Damen sagen: Schaut Euch den armen Byron an, wie interessant sieht er doch beim Sterben aus.«

4. Die Choleraepidemie 1831

Im Mai 1831 drang die „Asiatische Cholera“ über Russland bis nach Preußen vor. Die kurze Zeitspanne von der Erkrankung bis zum Tod, die hohe Sterblichkeitsquote sowie die Ungewissheit über die Verbreitungsform machten die Cholera zu einer existenziellen Bedrohung, die die Bevölkerung der deutschen Staaten in Angst und Schrecken versetzte. Die Furcht vor Ansteckung führte vielerorts zum Zusammenbruch des gesellschaftlichen Lebens, da Bürger des höheren Standes sich zurückzogen und Kontakt zu anderen Schichten mieden. Gerüchte, durch die Ärzte als Ursprung der Seuche bezichtigt wurden und pietätloser Umgang mit „Choleraleichen“ lösten in einigen deutschen Städten Unruhen aus, die erst durch militärische Präsenz ihr Ende fanden.

Die Choleraepidemie hatte ihren Ursprung in Indien, wo sie 1829 ausgebrochen war und sich von dort über Handelswege zunächst in Richtung Russland ausbreitete. In Moskau trat sie im September 1830 erstmals in Erscheinung. Im Schlepptau der russischen Armee, die bedingt durch den polnischen Novemberaufstand 1830 in Kongresspolen intervenierte, breitete sich die „Russische Pest“ weiter über Europa aus und näherte sich den Grenzen des Deutschen Bundes.

Dessen Mitgliedsstaaten versuchten sich gegen die Einschleppung der todbringenden Krankheit zu schützen: Bereits 1830 wurde von der österreichischen Regierung ein Programm zur Seuchenabwehr publiziert, das auch für viele der deutschen Staaten Vorbildcharakter erlangte. Durch Errichtung eines militärischen Sperrgürtels an den Grenzen, eines sogenannten Gesundheits-Cordons, die Einschränkung des Schiffsverkehrs auf Binnengewässern und Flüssen sowie die Schließung der Seehäfen sollte die Cholera außerhalb der eigenen Grenzen gehalten werden. Auch die vermeintliche Desinfizierung von gehandelten Waren mit Chlorgas und strenge Quarantänevorschriften für Reisende aus betroffenen Gebieten  waren gängige Methoden der Seuchenvermeidung. Inländern war das Reisen nur mit Besitz einer „Legitimations-Karte“ gestattet, die dem Reisenden die Gesundheit bestätigten.

Obwohl die Missachtung der Gesundheits-Cordons mit der Todesstrafe geahndet werden konnte, fand die Krankheit trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ihren Weg über die Grenzen. Ende Mai 1831 meldeten Danzig und Königsberg bereits die ersten Cholerafälle, von wo die Krankheit über Pommern und Posen bis nach Berlin, Magdeburg und Hamburg gelangte. Besonders schwer betroffen waren die östlichen Provinzen des preußischen Staates wie Posen, West- und Ostpreußen, wohingegen das preußische Westfalen und  die süddeutschen Staaten 1831 noch von der Cholera verschont blieben.

Aus dem Zarenreich waren die Behörden über die Krankheit informiert und die Zeitungen schürten die Furcht vor der „verderblichen Seuche“. In speziellen Cholera-Zeitungen tauschten sich Ärzte aus und diskutierten mögliche Behandlungsmethoden. Die Cholera stellte die Ärzteschaft vor ein Rätsel, denn sie war nicht in der Lage, Klarheit über die Übertragungswege zu gewinnen. Wenig hilfreiche Therapiemethoden, wie das Benebeln mit Chlorgas oder das Durchführen eines Aderlasses, fügten dem Patienten eher Schaden zu, als dass sie Linderung verschafften. Weiterhin empfahlen die Mediziner sparsame Ernährung und eine sittliche Lebensweise. Da sich keine Heilungserfolge einstellten, verbreiteten sich Gerüchte, durch welche die Mediziner beschuldigten wurden, die Armen auf Geheiß der Regierung zu vergiften. Zahlreiche Ärzte wurden daraufhin Opfer von körperlichen Übergriffen.

In den katastrophalen hygienischen Zuständen in der Zeit des Pauperismus fand die Seuche vor allem in der Masse der Armen rasende Verbreitung. Das Cholera-Bakterium gelangte über die Ausscheidungen der Erkrankten in Sickergruben und von da auch in das Trinkwasser. Besonders in den Städten lebten sozial schwache Familien oftmals in kleinen Wohnungen dicht gedrängt auf engstem Raum zusammen. Die Nutzung von Gemeinschaftslatrinen, der Umlauf von kontaminierten Lebensmitteln und das Waschen mit verseuchtem Wasser ließen die Zahl der Infizierten schnell ansteigen.  Da insbesondere die unteren Schichten den eigens eingerichteten Cholerahospitälern misstrauten, wurden die Kranken von den Verwandten oder Nachbarn gepflegt, was eine weitere Verbreitung der Krankheit forcierte.

Kam es zu einem Befall, veranlassten die von der jeweiligen Regierung eingesetzten Cholera-Kommissionen die Quarantänehaltung für ganze Häuser, Straßenzüge oder Stadtteile. Der schnelle Krankheitsverlauf der Cholera endete sehr oft tödlich. Nicht selten trat der Tod wenige Stunden nach Aufkommen der ersten Symptome ein. Durchfall und Erbrechen führten zur Dehydration.

Die Angst vor der Krankheit führte zu gesellschaftlichen Spannungen: Gutsbesitzer schotteten sich auf ihren Gütern ab, reiche Bürger flohen auf ihre Landsitze oder vermieden jeglichen Kontakt zu anderen Menschen. Insbesondere die Frage der Bestattung barg weiteren sozialen Zündstoff. Während die Choleratoten der unteren Schichten auf speziellen Cholerafriedhöfen beigesetzt wurden – oftmals in Massengräbern – waren bessergestellten Bürger nicht selten in der Lage, ihren verstorbenen Angehörigen eine Beisetzung auf einem Gemeindefriedhof zu erkaufen. Auch führte der pietätlose Umgang mit den verstorbenen Armen zu handfesten Unruhen. In Posen, Memel und Königsberg musste das Militär einschreiten, um solche Tumulte zu unterbinden.

Besonders die Besitzenden fürchteten die Krankheit, da sie durch die Tatsache, dass Arme und Reiche gleichermaßen der Krankheit anheimfallen konnten, als Vorzeichen einer bevorstehenden gesellschaftlichen Umwälzung gesehen wurde. Die sinngemäße Verflechtung der Cholera mit der französischen Julirevolution von 1830 machte sie zur „rebellisch-revolutionären“ Seuche, die viele Opfer forderte.

Bis Dezember 1831 waren allein in Berlin bei einer Einwohnerzahl von circa 240.000 insgesamt 2.249 Menschen erkrankt, von denen 1.417 den Tod fanden. In der 55.000 Einwohner umfassenden Stadt Danzig erlagen 1.076 von 1.471 Erkrankten der Seuche. Nach dem erneuten Aufkeimen der Krankheit im Jahr 1832 hatte alleine Preußen in den beiden Cholerajahren 1831 und 1832 rund 41.000 Opfer zu beklagen, darunter auch den Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831) und den berühmten preußischen General August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831). Neben Preußen fielen auch in anderen Regionen zahlreiche Menschen der Seuche zum Opfer. So wurden etwa 1.650 der rund 130.000 Hamburger Einwohner durch die Seuche dahingerafft. Das österreichische Wien verzeichnete nach dem  Abflauen der Cholerawelle 1832 etwa 2.200 Choleratote bei 330.000 Einwohnern.

Die erste Cholerawelle Europas rollte im Laufe des Jahres 1832 aus. Die Bedrohung durch die Cholera war aber nicht gebannt, denn die Seuche wütete im 19. Jahrhundert  noch in weiteren Epidemien. Erst Robert Koch gelang 1883 den Zusammenhang zwischen Cholera und verunreinigtem Trinkwasser aufzuzeigen, wodurch es ermöglicht wurde, Ansteckungen in vielen Fällen zu vermeiden und der Krankheit Herr zu werden.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Jütte, Christopher: Die Choleraepidemie, in: Lebendiges Museum Online (lemo), online verfügbar seit 14.08.2015 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/alltagsleben/die-choleraepidemie-1831, zuletzt geprüft am 07.05.2026.

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Sekundärliteratur

-> Gerste, Ronald D.: Wie Krankheiten Geschichte machen. Von der Antike bis heute, dritte Auflage, München 2021, S. 153-159. 

-> Gerste, Ronald D.: Wie Krankheiten Geschichte machen. Von der Antike bis heute, dritte Auflage, München 2021, S. 145-152.

-> Gerste, Ronald D.: Wie Krankheiten Geschichte machen. Von der Antike bis heute, dritte Auflage, München 2021, S. 247-256.

Medizin und Gesundheit

Freikörperkultur, Nudismus, FKK

Inhaltsverzeichnis

1. Im Lichtkleid zum Lebensglück

1. Im Lichtkleid zum Lebensglück

Die Freikörperkultur war der radikalste Ausdruck lebensreformerischer Zivilisationskritik im Kaiserreich. Ihre Vorgeschichte begann schon im Zeitalter der Aufklärung.

In keiner anderen Epoche hat sich das deutsche Bürgertum so zugeknöpft gegeben wie in den moralisch rigiden, prüden Jahrzehnten des wilhelminischen Kaiserreichs: Sittenstreng war die Mode, nüchtern und hochgeschlossen.

Die Herren trugen Überröcke und steife Kragen und deckten ihre Gesichter mit Bärten zu. Die Damen zwängten sich ins Korsett und versetzten ihre langen Röcke mit Stahl und Fischbein in anständige Starre. Einheitlich und meist dunkel waren die bürgerlichen Anzüge, die auch den Geschmack anderer Schichten beeinflussten. Und doch entdeckte eine erstaunliche Anzahl von Deutschen seit Mitte der 1890er Jahre, auf dem Höhepunkt dieser lustfeindlichen Uniformierung, den Reiz der Nacktheit.

Auf einmal fanden viele Erholungssuchende ein "Luftbad" oder ein Bad im See mit vollständig entblößtem Leib wohltuender als mit den üblichen Badetrikotagen, die den Körper weitgehend verhüllten. Das erste deutsche Nacktbaderesort wurde bereits 1903 eröffnet, bei Klingberg in der Lübecker Bucht.

Nicht einmal zehn Jahre später gab es bereits 380 solcher Areale für Nackte. Schriften, die das Nacktsein in hymnischen Tönen priesen – wie Heinrich Pudors 1893 erschienene Aphorismensammlung Nackende Menschen. Jauchzen der Zukunft –, avancierten zu Bestsellern. Die einschlägigen Bücher des völkischen Schriftstellers Richard Ungewitter, der sich 1903 mit dem Essay Wieder nackt gewordene Menschenhervortat, dem er sechs Jahre später die kritische Studie Nackt folgen ließ, erreichten sogar eine Gesamtauflage von mehr als 300.000 Exemplaren.

Allein als spontane Reaktion auf die als beengend empfundene Kleiderordnung lässt sich dies kaum deuten. Denn um ein größeres Maß an Bewegungsfreiheit zu erlangen, mussten sich die Deutschen nicht zwangsläufig ganz entkleiden. Röcke oder Hosen, Mäntel und auch die Unterwäsche konnten ja auch luftig und leicht geschneidert werden.

Und tatsächlich fanden solche Forderungen nach einer ungezwungenen, lässigen Kleidung viel Zuspruch: Der Hygieniker Max Rubner warb 1892 für eine weiche Unterbekleidung nur aus Wolle und Baumwolle. 1896 wurde in Berlin der Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung gegründet, um Mieder und Korsett den Kampf anzusagen. Kleider wurden bequemer, und seit der Jahrhundertwende trug man auch vermehrt weit geschnittene Schuhe. Woher rührte dann der mitunter missionarische Drang, trotz sichtbarer Fortschritte alle Hüllen fallen zu lassen? Was machte die gemeinschaftlich genossene Nacktheit, die "Freikörperkultur", für eine wachsende Schar von Anhängern so attraktiv?

Offenkundig ging es um mehr als nur Bequemlichkeit und Gesundheit. Denn mit dem vollständigen Verzicht auf Bekleidung verbanden die Nudisten oder Naturisten, wie man die Befürworter der Nacktkultur jetzt auch nannte, eine radikale Protesthaltung. Kleider symbolisierten die Konventionen der Gesellschaft. Wer sich von den Zwängen der modernen Zivilisation also umfassend und vollständig lossagen wollte, der musste sich nicht nur umziehen, sondern ausziehen – und zwar ganz.

So finden sich im Nudisten-Schrifttum denn auch zahlreiche Polemiken gegen die Lebensweise der scheinbar so "gesitteten Bürger" des Kaiserreichs, in denen diese als "behoste Spießer" verhöhnt wurden. Den heuchlerischen Moralvorstellungen dieser überzivilisierten "Kleidermenschen" setzten die Nudisten das Ideal einer lebendigen, vitalen und reinen Nacktheit entgegen. In teils nostalgischen, teils utopistischen Formulierungen erhoben sie dabei die Nacktheit zum Ausdruck einer ästhetisch-sentimentalen Hinwendung zu einem naturnahen Leben – einem Leben abseits der Städte, fern der Hässlichkeit und den Zumutungen der modernen Welt.

Diese kraftvolle, vom energischen Protest gegen die Moderne getragene Naturbeschwörung gründete allerdings nicht allein auf dem Unbehagen an der wilhelminischen Gesellschaft, sondern hat eine lange Vorgeschichte. Sie reicht zurück bis ins 18. Jahrhundert, als die mit einer radikalen Zivilisationskritik gepaarte Naturverherrlichung erstmals – und in kaum zu steigernder Form – artikuliert wurde: von dem Aufklärer und Philosophen Jean-Jacques Rousseau. Dieses Ursprungs ihrer eigenen Lebensreformbemühungen waren sich die Nudisten der wilhelminischen Ära durchaus bewusst. Doch was genau hatte Rousseau seinen Epigonen mit auf den Weg gegeben?

Im Discours sur les sciences et les arts (der Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste) – seiner berühmten Antwort auf die 1749 von der Akademie von Dijon formulierte Preisfrage, "ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen habe" – hatte Rousseau wortreich und voller Pathos einen in ganz Europa festzustellenden Niedergang von Ehrbarkeit und Tugend beklagt. Dabei war es ihm gelungen, das naive, freie und tugendhafte Dasein von Völkern, die von den entzaubernden und sittenverderbenden Auswüchsen der wissenschafts- und technikversessenen Moderne verschont waren, in so eingängiger Weise zu schildern, dass er bei seinen Lesern eine tiefe Sehnsucht nach dem "natürlichen Menschen" weckte.

Als Urbild dieses Naturmenschen figurierte bei Rousseau der nordamerikanische Indianer, den er dem Sprachgebrauch seiner Zeit gemäß als "Wilden" bezeichnete, aber wegen der ihm noch nicht abhanden gekommenen "ursprünglichen Freiheit und Tugend" beneidete. Die Irokesen-Völker seien "glücklichere Nationen" als die wissenschaftlich und technisch versierten europäischen Kulturnationen, schrieb Rousseau – und ließ seine Leser wissen, dass die von der Jagd lebenden amerikanischen Ureinwohner "ganz nackend einhergehen". Der wahrhaft zufriedene und redliche Mensch, lautete Rousseaus frappierende Botschaft, war unzivilisiert und unbekleidet.

Luftbad wegen seiner erquickenden Wirkung als "Arzneymittel" gelobt

Diese These, die Rousseau noch dazu mit einem heftigen Angriff auf die korrupte westliche Zivilisation verknüpfte, war so neu und unerhört, dass ihm heftiger Widerspruch sicher war. In einem spöttischen Brief ätzte Rousseaus philosophischer Widerpart Voltaire: "Noch niemand hat so viel Geist leuchten lassen wie Sie in dem Bestreben, uns wieder zu Bestien zu machen, und man bekommt ordentlich Lust, auf allen vieren zu gehen, wenn man Ihr Werk liest." Doch Rousseaus provozierende Thesen fanden auch Zustimmung, vor allem unter den jungen Männern und Frauen der nachwachsenden Generation.

Zu ihnen gehörte auch Johann Wolfgang von Goethe. Schon als Leipziger Student folgte er, wie er in seinen Lebenserinnerungen Dichtung und Wahrheit bekennt, den "Anregungen Rousseaus". Denn diese "würden uns", wie der Frankfurter Bürgersohn wähnte, "der Natur näher führen und uns aus dem Verderbnis der Sitten retten". Dabei erschien ihm auch das Nacktsein als geeignetes Mittel, der angestrebten Lebensweise näher zu kommen. Unbefangene Darbietungen seines Körpers in offener Landschaft scheute der angehende Dichter nicht – zum Verdruss mancher Zeitgenossen.

Handfesten Ärger handelte er sich ein, als er 1775, während einer mit den gräflichen Brüdern Christian und Friedrich Leopold zu Stolberg unternommenen Reise, splitterfasernackt im Freien badete, um sich "in einen Naturzustand zu versetzen". Bereits in Darmstadt sorgten die Gefährten für einen ersten "Skandal", weil es die dortigen Bürger für unschicklich hielten, dass sich "nackte Jünglinge bei hellem Sonnenschein" zeigten. Nicht besser erging es ihnen in der Nähe von Zürich, wo sie sich "nicht ohne ein wildes, teils von der Kühlung, teils von dem Behagen aufgeregtes Lustjauchzen" in die schäumenden Wellen eines Gebirgsbachs stürzten. "Nackte Körper", so Goethe lakonisch, "leuchteten weit." Die drei Deutschen wurden mit Steinwürfen vertrieben, da man ihnen vorwarf, "sie weseten nicht in der uranfänglichen Natur", sondern in einem kultivierten Land.

Eine junge deutsche Adlige, die Fürstin Amalie von Gallitzin, die eine der engsten Vertrauten Goethes werden sollte, tat es den drei Männern nahezu gleich, als sie sich im Sommer 1781 mitten in Göttingen ein ausgedehntes Flussbad gönnte. Zwar stieg sie nicht völlig entblößt in die Fluten der Leine, doch aufreizend leicht bekleidet. Ihre zwölfjährige Tochter Marianne und den elfjährigen Sohn Mitri schickte sie fast nackt ins kühle Wasser. Eine schockierte Beobachterin, die Göttinger Professorentochter Caroline Michaelis, notierte in einem Brief an ihre Freundin Julie von Studnitz, dass die Fürstin Gallitzin "am hellichten Tag in unserer Leine" bade, noch dazu "mit einer Gefolgschaft von sechs bis acht Herren", aber auch gemeinsam mit ihren Kindern, die eine Art Nachthemd trügen, das den nackten Körper mehr bloßlege als verhülle, da es "hinten offen ist".

Während die meisten Göttinger dieses Schauspiel mit naserümpfendem Spott kommentierten, bat einer der angesehensten Professoren der Stadt, der Experimentalphysiker Georg Christoph Lichtenberg, um Nachsicht. Schließlich kannte er die Vorteile des Nacktbadens für die Gesundheit. Diese brachte er dann auch einige Jahre später im viel gelesenen Göttinger Taschenkalender für das Jahr 1795 in seinem Aufsatz Das Luftbad zur Sprache. Wer sich regelmäßig "ganz nackend, in freyer Luft" kräftig bewege, werde sich "in seinem siebenzigsten Jahre noch so jung" fühlen "als in seinem dreyßigsten". Folglich lobte der Physiker das Luftbad wegen seiner erquickenden Wirkung als "Arzneymittel". Lichtenberg argumentierte ausschließlich wie ein Arzt. Den zivilisationskritischen Ton Rousseaus suchte der Göttinger Professor hingegen zu vermeiden.

Dieser Strategie einer möglichst medizinisch-nüchternen Bewerbung blieben viele Befürworter des Nacktbadens bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts treu. Zu ihnen zählte unter anderem der schlesische Landwirt Vincenz Prießnitz, der von 1830 an im Altvatergebirge Kaltwasserkuren anbot. Der Schweizer Färbereibesitzer Arnold Rikli, der das Sonnenbad seit 1855 in Veldes, Laibach und Triest als wunderwirkendes Allheilmittel propagierte, überhöhte seine Licht-Luft-Therapie dagegen zu einem naturreligiösen Ritual – und lockte gerade deswegen eine wachsende Zahl von Kurgästen aus ganz Europa an seine Wirkungsstätten.

Einer von denen, die bei Rikli Erbauung und Reinigung suchten, war der Münchner Maler Karl Wilhelm Diefenbach, der sich im Jahr 1881 einer freireligiösen Gemeinschaft anschloss und nach seiner Rückkehr nach Bayern als Vegetarier in einem Steinbruch bei Höllriegelskreuth im Isartal lebte. Gemeinsam mit seinem Jünger Hugo Höppener, dem er den lateinischen Namen Fidus (der Getreue) gab, lustwandelte er dort nackt unter sonnigem Himmel. Zu seinen bekanntesten Werken gehört ein Schattenfries, auf dem lauter nackte Menschen zu sehen sind, die nach den Sternen streben, nach einem besseren, naturnahen Leben.

Diefenbach war einer der wichtigsten Propagandisten der Freikörperkultur im ausgehenden 19. Jahrhundert. Mehrfach geriet er ins Visier der bayerischen Polizei. Seine sektenhaften Versammlungen wurden immer wieder verboten, doch seine Bilder und die Arbeiten seines Schülers Fidus weckten das Interesse der frühen Nudisten im Kaiserreich. Heinrich Pudor erbat sich von Fidus drei Federzeichnungen für seine Broschüre Jungbrunnen, die 1894 erschien.

Auch Richard Ungewitter mochte seine 1907 veröffentlichte Informationsschrift Die Nacktheit in entwicklungsgeschichtlicher, gesundheitlicher, moralischer und künstlerischer Beleuchtung nicht ohne Illustrationen von Fidus publizieren, der inzwischen zu einem Propheten der Nacktkultur geworden war – nicht zuletzt wegen der Popularität des von ihm geschaffenen Kultbildes Das Lichtgebet, einer Ikone der Lebensreformbewegung.

Sogar die Reformpädagogik entdeckte die Freude am Nacktsein

In Pudors und Ungewitters bebilderten Programmschriften wurde zwar auch weiterhin der gesundheitliche Wert des Nacktseins betont, doch überwog in ihnen jetzt wieder eindeutig Rousseaus Vermächtnis: die radikale Zivilisationskritik. So machte Pudor der wilhelminischen Gesellschaft zum Vorwurf, dass sie mit der Entwicklung von Wissenschaft und Technik, dem Ausbau von Telefon und S-Bahn, gerade in den Städten auf den ungebremsten Ausbau der Verkehrs- und Kommunikationsströme setze, ohne danach zu fragen, welche Folgen die vollständige Technisierung und Urbanisierung für die in Steinwüsten zusammengedrängten Massen zeitige. In seinen Augen waren die Jahrzehnte um die Jahrhundertwende – in denen die Bevölkerungszahl mancher deutscher Städte teils um ein Vielfaches anwuchs – nicht von Segnungen erfüllt. Gebracht hätten sie nur Hektik, Nervosität, Reizüberflutung und Dreck.

Dass im wilhelminischen Kaiserreich auch mehr und mehr Menschen, sogar Arbeiter, im Rahmen der jetzt regelmäßig stattfindenden Reichstagswahlen am politischen Geschehen teilnehmen konnten, interessierte den antidemokratisch eingestellten Pudor nicht. Die Resultate der Moderne, das waren für ihn ausschließlich die verabscheuungswürdigen Degenerationserscheinungen der Industrie- und Massengesellschaft. "Der Mensch", forderte Pudor daher, "muss die Kleider ausziehen", ehe er wieder "vollkommen werden kann". Auch Ungewitter verbreitete ähnliche Thesen, vermengt mit völkischem und antisemitischem Gedankengut, denn er hielt auf strenge, rassereine Leibeszucht der Deutschen und träumte von "nackter Gattenwahl".

Um ihre Vorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen, organisierten sich die Befürworter der radikalen Nacktkultur in zahlreichen Vereinen. 1906 gründete Ungewitter in Stuttgart einen Freikörperkulturbund, dessen Mitglieder sich in als Logen bezeichneten Zweigvereinen formierten, auf gepachteten Waldwiesen Lichtluftbäder praktizierten und sich der sittlichen wie körperlichen Erneuerung des deutschen Volkes durch Nacktkultur und Nacktsport widmeten. In Berlin wurde der einflussreiche Verein für Körperkultur aus der Taufe gehoben. Bereits 1912 gab es deutschlandweit etwa 500 Stätten, an denen man der Nacktkultur als Mitglied eines entsprechenden Vereins frönen konnte.

Sogar die Reformpädagogik entdeckte die Freude am Nacktsein als vielversprechenden Weg und wichtiges Ziel einer runderneuerten Erziehung. In der 1910 eröffneten Odenwaldschule etwa, einem der bekanntesten Landerziehungsheime Deutschlands, sah man Luftbäder als wertvolles Mittel der Erziehung "zur seelischen Reinheit" an. Den Schülern und Schülerinnen sollte jede "falsche" Schamhaftigkeit ausgetrieben werden. Allmorgendlich mussten sie sich – nach Geschlechtern getrennt – am Rand des Waldes, der die Schule umgab, nackt ausziehen, um sich in der Gruppe zu dehnen und zu strecken. Den Kindern, die sich dabei trotz allem bleibend schämten, empfahl Schulleiter Paul Geheeb umstandslos den Abgang von seinem Reforminstitut.

In dieser Kompromisslosigkeit spiegelt sich auch das Verhalten und Ansinnen vieler anderer Wortführer der Nacktkultur im Kaiserreich. Egal, ob Diefenbach, Fidus, Pudor oder Ungewitter: Bei aller sportlichen Freude an der heilsamen Bewegung in freier Natur war für sie das Nacktsein doch immer höchster Ausdruck eines heiligen, oft zwanghaften Ernstes. Die von ihnen propagierte Freikörperkultur glich vielfach einer Erlösungslehre, die sich aus der tief sitzenden Angst vor der Moderne speiste. Sie trat damit ganz bewusst das Erbe der fundamentalen Zivilisationskritik Rousseaus an, die sie jedoch, wann immer sich völkische oder rassistische Ideen in den Vordergrund drängten, aus ihrem aufklärerischen Entstehungszusammenhang löste.

Erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Auflösung des Kaiserreichs begannen sich die Befürworter der Freikörperkultur ideologisch zu entkrampfen. Wichtiger als die FKK-Logen und Nacktkörperkulturvereine wurden für die Geschichte des Nudismus nun die vielen ganz gewöhnlichen Badenden, die sich vorzugsweise am Ostseestrand oder in den zahlreichen Berliner Seen an heißen Sommertagen nackt ins Wasser stürzten – aus purer Lebensfreude, frei von ideologischem Ballast.

Die Nationalsozialisten beäugten das Treiben der nicht in einer Organisation zusammengeschlossenen Nackten zunächst mit großer Skepsis. 1942 schließlich wurde eine neue Badeverordnung erlassen, die in der Bundesrepublik Deutschland (mit Ausnahme Bayerns) bis in die 1960er Jahre in Kraft blieb, in der DDR gar bis 1990. Gemäß dieser Verordnung wurde das Nacktbaden an öffentlichen Stränden erlaubt, ganz ohne Zäune und Hecken, sofern die Badenden sich in versteckt liegende Buchten zurückzogen.

Heute, in einer Zeit, in der sich sieben Millionen Deutsche im Sommerurlaub nackt sonnen und in der Nacktrodelevents den launigen Höhepunkt einer jeden Wintersportsaison darstellen, mutet es fast schon unwirklich und kaum glaublich an, dass die Nacktkultur hierzulande einst ein mit reformatorischem Eifer betriebenes Geschäft zur Erlösung der Welt gewesen ist, ein sehr ernstes dazu. Es ist aber die nackte Wahrheit.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Oberhof Jürgen: Im Lichtkleid zum Lebensglück, in: Zeit online, online verfügbar seit 10.06.2013 unter: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/02/freikoerperkultur-nudismus-lebensreform-kaiserreich/komplettansicht#print, zuletzt geprüft am 16.02.2026.

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Sekundärliteratur

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Technikgeschichte


Technikgeschichte

Fotografie und Film

Inhaltsverzeichnis

1. Neuer Fund. Ältestes Foto Deutschlands zeigt Münchner Frauenkirche (Artikel)

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1. Neuer Fund. Ältestes Foto Deutschlands zeigt Münchner Frauenkirche (Artikel)

Als Geburtsjahr der Fotografie gilt das Jahr 1839. Nun aber ist in München ein Foto aufgetaucht, das einen neuen Blick auf die Anfänge zumindest in Deutschland gibt

Die Geschichte der Fotografie muss um ein entscheidendes Kapitel erweitert werden: Das erste Foto Deutschlands ist zwei Jahre älter als bisher angenommen. Nach Forschungen des Deutschen Museums stammt es aus dem Jahr 1837 und zeigt die Münchner Frauenkirche.

Das Museum spricht von einer kleinen Sensation. Das nur vier mal vier Zentimeter große Foto des Mineralogen Franz von Kobell schlummerte in den Archiven, bis die Wissenschaftlerin Cornelia Kemp es bei Recherchen für ihr Buch "Licht – Bild – Experiment" entdeckte.

Bisher sei man davon ausgegangen, dass die ersten Fotos Deutschlands aus dem Jahr 1839 stammen – aus demselben Jahr, in dem Louis Daguerre seine Erfindung in Paris mit großer Öffentlichkeitswirkung bekannt machte, erläuterte das Museum. Nun ist klar: Die erste Fotografie Deutschlands - ein Salzpapier-Negativ - entstand im März 1837. Kobell hatte sein Werk handschriftlich auf der Rückseite mit Monat und Jahreszahl versehen. "Es ist das älteste deutsche Foto, das ist eindeutig", sagte Kemp am Dienstag.

"Kobell hat kein Wort über diese Aufnahmen verloren"

Die Frauenkirche hebt sich darauf fast schemenhaft hell gegen den dunklen Himmel ab: Damals gab es keine Positive. Das Salzpapier, auf das Kobell seine Bilder bannte, war zu dick, um Abzüge davon herzustellen. Zudem ist das Foto seitenverkehrt. Um welche Uhrzeit es aufgenommen wurde, bleibt offen, die Zeiger der Turmuhren sind nicht zu erkennen. Die Belichtung habe sich über mehrere Stunden hingezogen, berichtete Kemp.

Bisher galten die Bilder von Franz von Kobell und von dem Physiker Carl August von Steinheil von 1839 als die ersten Fotos in Deutschland. Anders als dem Franzosen Daguerre sei es den beiden um "eine rein experimentelle Beschäftigung" gegangen. "Kobell hat kein Wort über diese Aufnahmen verloren", sagte Kemp.

Steinheil und Kobell hätten die Bayerische Akademie der Wissenschaften über ihre Versuche erst im Jahr 1839 informiert - als in Paris Daguerres Erfindung der Fotografie auf Metall als Daguerreotypie vorgestellt wurde. Zudem berichtete der Engländer Henry Fox Talbot von seiner Entwicklung der Fotografie auf Papier, der Kalotypie.

Unbekannte Kamera

Das Thema beschäftigte damals Dutzende Wissenschaftler und Forscher. Die Entwicklung der Fotografie zog sich über Jahre. Es gebe Lichtbilder, die noch früher entstanden seien. "Eine Aufnahme von einem Fenster in seinem Wohnsitz in Lacock Abbey hat Talbot bereits 1835 datiert und im gleichen Jahr erschien auch ein erster Pressebericht über Aufnahmen von Daguerre", sagte Kemp. Die älteste erhaltene Kamerafotografie von Nicéphore Niépce stamme von 1826.

Neben den Türmen der Frauenkirche lichtete Kobell 1837 unter anderem das Bazargebäude am Odeonsplatz mit dem Café Tambosi ab. 1839 folgten Aufnahmen von der Glyptothek und von Schloss Nymphenburg. Unbekannt ist, mit welcher Kamera er die Aufnahmen fertigte.

Dass 1839 als Geburtsjahr der Fotografie gilt, erklärt Kemp mit dem geschäftstüchtigen Vorgehen des Franzosen Daguerre. "Daguerre war ein sehr schlauer Geschäftsmann. Er hatte seinen Schwager Alphonse Giroux damit beauftragt, Kameras zu bauen und sorgte dafür, dass es auch eine Gebrauchsanweisung für seine Art der Fotografie gab. Ab dem Moment, in dem die Erfindung in der Akademie der Wissenschaften in Paris bekanntgegeben war, konnten die Leute daher in den Laden gehen und eine Kamera und alles übrige Equipment kaufen."

Zu fragil für die Öffentlichkeit

Steinheil und Kobell hingegen hätten sich wieder anderen Themen zugewendet, als sie das Prinzip der Fotografie verstanden hatten. Kobell sei heute eher bekannt als Autor des "Brandner Kaspar", in dem ein Bayer dem Tod ein Schnippchen schlägt - und nicht als Vater der deutschen Fotografie. "Für Franz von Kobell aus der berühmten Malerfamilie der Kobells besaß die Fotografie offensichtlich künstlerisch keine Bedeutung", vermutete Kemp. "Er hat genau in dem Jahr angefangen zu dichten, als er mit der Fotografie aufgehört hat."

Seine Rolle bei der Entwicklung der deutschen Fotografie sei bisher unterschätzt worden, man habe die Hauptrolle Steinheil zugeschrieben. Die ersten Papieraufnahmen seien aber von Kobell allein gemacht worden.

Dauerhaft ausgestellt werden kann seine älteste Fotografie Deutschlands aus konservatorischen Gründen allerdings nicht. Sie muss in einem Kühl-Depot aufbewahrt werden. Für die Öffentlichkeit wird sie deshalb im Original nicht zu sehen sein.


Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> https://www.monopol-magazin.de/aeltestes-foto-deutschlands-zeigt-muenchner-frauenkirche, zuletzt geprüft am 21.05.2025.

-> https://www.br.de/nachrichten/bayern/deutsches-museum-praesentiert-aeltestes-foto-deutschlands,UE4ei32

-> https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2024/06/das-aelteste-foto-der-deutschen-fotografiegeschichte 

Sekundärliteratur

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Technikgeschichte

Kommunikation

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Linie der Optischen Telegrafen der Linie Berlin - Koblenz
  2. Kleine Geschichte der ersten Briefmarke und einer unklugen Farbwahl (Artikel)
  3. Oktober 1861: Die Erfindung des Telefons 
  4. Die Einführung der fünfstelligen Postleitzahl
  5. Post- und Telegrafenwesen (19./20. Jahrhundert)

1. Die Linie der Optischen Telegrafen der Linie Berlin - Koblenz

Die Linie der Optischen Telegrafen der Linie Berlin - Koblenz führt im heutigen Rheinland von von Radevormwald bis Hennef/Sieg. Im Jahr 1832 wurde mit dem Bau der Telegrafenlinie begonnen. Die Entscheidung zur Errichtung einer Linie Optischer Telegrafen zwischen Berlin und Koblenz fiel in einer Zeit äußerer und innerer Bedrohungen für den Staat Preußen.

Wie Dieter Herbarth schreibt (ders. 1978, S. 45f):
„Man hielt es aus militärstrategischen Gesichtspunkten auf dem Hintergrund der geographischen Gegebenheiten und der außenpolitischen Bedingungen für notwendig, den derzeitig langen Informationsfluss und die dadurch bedingten Entscheidungsverzögerungen zwischen dem Rheinland und der Zentrale in Berlin durch das neue Kommunikationsmittel zu beschleunigen [...], um auf diese Weise eine höchste Effizienz kommender militärischer Aktionen zu erreichen. [...]
Die innen- und verwaltungspolitische Notwendigkeit waren mit der Zuweisung der Westprovinzen Rheinland und Westfalen 1815 an Preußen territoriale Streitigkeiten an der Westgrenze für den Augenblick beigelegt und die außenpolitische Ordnung in Europa einigermaßen gefestigt, so regelten diese Beschlüsse innenpolitisch jedoch gar nichts, selbst wenn man in der Wiener Bundesakte von landständischen Verfassungen für alle Länder des deutschen Bundes sprach. [...] Für Preußen ergaben sich in den folgenden Jahren erhebliche verfassungspolitische Probleme, die einmal in der allgemeinen liberalen Strömung, die weitgehend das politische Leben Europas prägte, zum anderen aber aus der heterogenen Zusammensetzung des neuen preußischen Staates resultierten. [...]
Besondere Probleme bargen dabei die Westprovinzen. Unterschiedliche historische Voraussetzungen [...] und eine daraus für den preußischen Staat resultierende unbequeme selbstbewusste Eigenständigkeit führten [...] nicht nur zu spezifischen verfassungs- und verwaltungspolitischen Forderungen, sondern auch zu soziologisch bedingten Auseinandersetzungen innerhalb der Rheinprovinz selbst. [...] Rheinische Liberale [...], der niederrheinische Adel [...] und der rheinisch-katholische Adel [...] bildeten auf der Basis eines landsmannschaftlichen Gemeinschaftsgefühls eine einheitliche Opposition gegenüber der landschaftsfremden Staatsverwaltung, so daß sich hier [...] in den ersten Jahrzehnten nach 1815 [...] ein [...] der Berliner Zentrale entgegengesetztes Selbstbewußtsein manifestierte. [...] Gerade diese Verfassungsbewegung, die sich im Rheinland und in Westfalen kräftig entfaltete, erhielt starken Auftrieb, als im Sommer 1830 durch die Revolution in Frankreich und Belgien eine neue politische Lage geschaffen wurde. [...] Die westfälischen Provinzialstände verhandelten auf dem 3. Provinziallandtag im Winter 1830/31 als erste gesetzlich berufene politische Korporation über ein Verfassungsbegehren. [...]“


Dennoch dauerte es noch bis 1832, ehe mit dem Bau der Telegrafenlinie begonnen wurde. Man entschied sich für ein System der optischen Kommunikation basierend auf sechs Flügeln (Indikatoren), die paarweise an einem ca. 6,30 Meter hohen Mast angebracht waren. Diese konnten durch Seilzüge in verschiedene Positionen gebracht werden (ebd., S. 51).
Die jeweilige Stellung der Flügel entsprach einem (chiffrierten) Buchstaben, einer Zahl oder einem feststehenden Begriff, die mittels eines Fernrohrs am nächsten Standort beobachtet, notiert und in gleicher Weise weiter gegeben werden konnten. Das Weitergeben von Informationen war streng geregelt und in einem Telegrafistenwörterbuch sowie zwei Instruktionsbüchern festgehalten.

„Es kam vor allem auf kurze Ausdrücke und möglichst wenige Zeichen an. Interpunktionszeichen durften nur mitchiffriert werden, wenn sie zum Verständnis notwendig waren. [...] Ein solches Wörterbuch war auf jeder Telegrafenstation vorhanden [...] und [...] enthielt 2250 Zeichen und [...] auf achtzehn Seiten verschiedene Wörter: Hilfsverben, Orts- und Flußnamen, Personennamen, Namen und Titel, Telegrafenteile, Werkzeuge, Materialien, Monate, Wochentage, Stunden, Zahlen, allgemeine Redesätze und Redesätze für das Telegrafieren. [...]
Bei der Übermittlung von Depeschen war eine genaue Aufgabenteilung vorgeschrieben. Nachdem zunächst den beiden Telegrafisten einer Station die Nachbarstation beobachtet hatte, teilte sich das Übermitteln selbst in das Beobachten und Diktieren und in das Stellen der Zeichen auf. [...] Hatte der Telegrafist das Zeichen gestellt, kontrollierte dieser nun seinerseits das Zeichen der nachfolgenden Station. Der zweite Telegrafist verglich das gestellte Zeichen an der Steuerungsmaschine mit dem Vorgänger und trug es in das Journal ein. [...]
Sehr genau festgelegt war die Reihenfolge der Zeichen beim Telegrafieren einer Depesche. Zusätzlich mußte die Zeit des Abgangs und das Datum angegeben werden. Bei den ankommenden Depeschen hatten die Telegrafisten zu unterscheiden zwischen einer normalen ‚Meldung von Stationen Nr ...‘ und einem ‚Citissime! Es wird gemeldet von Station Nr. ...‘, womit eine vorzugsweise zu befördernde Depesche angekündigt wurde. [...]
Um Überschneidungen möglichst zu vermeiden, war auch der Depeschengang genau geregelt. So sollte den ganzen Tag über zu jeder vollen Stunde eine Meldung von der Endstation nach Berlin abgehen. Lag keine Depesche vor, wurde zumindest das Zeichen ‚Nichts Neues‘ telegrafiert. Hiernach hatten die Zwischenstationen sukzessive die Möglichkeit, Meldungen nach Berlin zu senden. War auf diese Weise die nach Berlin zu übermittelnde Korrespondenz erledigt, folgte die Meldung in umgekehrter Richtung. War danach ebenfalls nichts mehr zu berichten, blieb die Linie bis zur nächsten vollen Stunde in Ruhe.“
(ebd., S. 56)

Nimmt man die heutige Grenzziehung der Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz als Grundlage, so beginnt der rheinländische Teil der Telegrafenlinie Berlin – Koblenz in der Nähe von Radevormwald, überquert zweimal den Rhein bei Köln und verlässt bei Hennef/Sieg das NRW-Rheinland. Auf dieser Strecke von ca. 90 Kilometern befanden sich in preußischer Zeit insgesamt neun Stationen:

https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-245768

2. Kleine Geschichte der ersten Briefmarke und einer unklugen Farbwahl 

Heute sind die ersten Briefmarken Millionen wert, doch einst machten sie den Briefversand erst erschwinglich. Nur die Farbwahl, so unsere Kolumnisten, war nicht immer die klügste. 

In den Weihnachtsferien 1885 durchstöberte Georg Wilhelm Backman, ein damals 14-jähriger Schüler aus Stockholm, den Dachboden seiner Großmutter. Dabei stieß er auf einen Brief, der ihn neugierig machte. Doch nicht der Inhalt des Briefs ließ ihn aufhorchen, sondern ein kleines Stück Papier, das darauf klebte: eine gelbe Briefmarke. Etwa 30 Jahre zuvor hatte sein Großonkel damit das Porto für das Schreiben an Backmans Großmutter bezahlt. Da sie ihrem Enkel den Brief aber nicht überlassen wollte, löste dieser vorsichtig die Marke ab.

Diese Briefmarke war nicht irgendein Postwertzeichen. Es handelt sich um den so genannten Tre-Skilling-Banco-Fehldruck – die wohl wertvollste Briefmarke der Welt. Nur ein einziges Exemplar ist bekannt. Und es ist ihre Farbe, die die Marke so besonders macht: Sie ist gelb. An sich keine ungewöhnliche Farbe, aber Gelb war bei Schwedens erster Briefmarkenserie für die 8-Skilling-Marke vorgesehen, nicht die 3-Skilling. Sie hätte grün sein sollen. Der Fehldruck kam unbemerkt in Umlauf – und erzielte unter Philatelisten schon bald Rekordpreise.

Wer an teure Briefmarken denkt, hat wahrscheinlich nicht den »Tre-Skilling-Banco-Fehldruck« vor Augen, sondern eher die »Blaue Mauritius«, die ab 1847 von der britischen Kronkolonie ausgegeben wurde. Den höchsten Preis allerdings erzielte – Stand Februar 2024 – eine »Rote Mauritius«, die 2021 für mehr als acht Millionen Euro versteigert wurde. Der letztmalige Auktionserlös des »Tre-Skilling-Banco-Fehldrucks« blieb bislang unveröffentlicht, doch die Philatelieszene munkelt, dass der jetzige Eigentümer einen Rekordpreis dafür zahlte.

Anfangs kam ein Stempel auf den Brief

Briefmarken sind das Ergebnis einer radikalen Postreform, die im Jahr 1680 in London begann. Damals wurde noch nicht die erste Briefmarke ausgegeben; aber die Kaufleute William Dockwra und Robert Murray eröffneten die London Penny Post. Das Unternehmen stellte innerhalb Londons Briefe zu – für die geringe Gebühr von nur einem Penny.

Heute unvorstellbar: Dockwra führte stündliche Abholungen ein. Bis zu zehn Lieferungen erfolgten pro Tag in London, mindestens sechs Lieferungen in die Londoner Vororte. Und dabei war garantiert, dass die Post innerhalb von vier Stunden zugestellt werden würde. Die London Penny Post wurde zu einem großen Erfolg und die Portopauschale von einem Penny legendär. Aber für die Erfindung der Briefmarke war eine andere Innovation entscheidend: Die Person, die den Brief verschicken wollte, entrichtete das Porto im Voraus. Zuvor lagen die Kosten nämlich beim Empfänger. Nun markierte ein spezieller Stempel den Brief als bezahlt. Und dieser Stempel war der direkte Vorläufer der Briefmarke.

Als aus dem Stempel eine Marke wurde

Als es dann 1835 darum ging, die marode Royal Mail zu reformieren, die als schlecht verwaltet, verschwenderisch, teuer und langsam galt, nahm sich Rowland Hill (1795–1879) der Sache an und legte ein Konzept vor, das sich an der London Penny Post orientierte. Der ehemalige Schulleiter schlug einen landesweit einheitlichen Postpreis von einem Penny pro halbe Unze Briefgewicht vor. 

Den Penny sollte die Person, die den Brief aufgab, im Voraus bezahlen: indem sie einen vorgedruckten Umschlag oder vorfrankierte Briefbögen verwendete oder die Post mit einer Briefmarke versah. Die britische Regierung nahm Hills Vorschlag an, und so startete am 10. Januar 1840 die Universal Penny Post – allerdings ohne Briefmarken. Die ließen noch ein bisschen auf sich warten. Hill war nämlich der Meinung, dass Menschen lieber vorfrankiertes Papier verwenden würden.

Im Mai 1840 erfolgte dann die erste Ausgabe einer Briefmarke: die »One Penny Black«. Eine Marke in Schwarz mit dem Profil von Queen Victoria. Die ersten Exemplare waren nicht perforiert und mussten aus einem Bogen ausgeschnitten werden. Gleichzeitig kam eine blaue Variante auf den Markt: die »Two Pence Blue« für Briefe mit einem Gewicht von bis zu einer Unze, also etwas mehr als 28 Gramm. Im Februar 2024 versteigerte Sotheby’s in New York den womöglich allerersten Brief, der mit einer Penny Black verschickt wurde. Die Marke wurde am 2. Mai 1840 abgestempelt. Sie ist nicht aufgeklebt, sondern auf das vorfrankierte Kuvert aufgedruckt.

Die »One Penny Black« zählt heute nicht gerade zu den seltensten Briefmarken, auch wenn sie nur kurz auf dem Markt war. Fast 70 Millionen Mal wurde sie gedruckt, aber bereits 1841 durch die »One Penny Red« ersetzt. Denn anfangs entwertete man die schwarze Marke mit einem roten Stempel. Bald stellte sich jedoch heraus, dass die rote Tinte auf dem schwarzen Papierquadrat nicht zu erkennen war und sich noch dazu unauffällig von der Marke entfernen ließ. Also tauschte die Universal Penny Post die Farben – die Marke wurde rot, der Stempel schwarz.


Die »One Penny Red« blieb bis 1879 im Umlauf und genießt heute keinen Seltenheitswert. Schließlich waren davon 21 Milliarden Stück gedruckt worden.

Mit Portosystem und Briefmarke – ging die Post ab

Das Volumen des britischen Briefverkehrs vervielfachte sich durch die Postreform enorm. Sie löste eine regelrechte Kommunikationsrevolution aus, die zudem die viktorianische Gesellschaft prägte, wie die Literaturwissenschaftlerin Catherine Golden vom amerikanischen Skidmore College in ihrem Buch »Posting It: The Victorian Revolution in Letter Writing« erläutert. Briefe schreiben gehörte bald für weite Teile der Gesellschaft zum Alltag, denn eine »One Penny Black« konnten sich so ziemlich alle, nicht nur Reiche, Adlige oder Geschäftsleute leisten.

Mit der Postreform in England etablierte sich bald auch international das noch heute gültige Portosystem. Und Briefmarken kamen in den nächsten Jahrzehnten fast weltweit in Gebrauch.


Die erste deutsche Briefmarke stammt übrigens aus Bayern. Sie war ebenfalls schwarz. Der »Schwarze Einser« mit einem Nominalwert von einem Kreuzer wurde erstmals 1849 ausgegeben. Was die Farbwahl betrifft, hätte es nicht geschadet, wenn die bayerischen Behörden bei der britischen Royal Mail ein paar Erfahrungswerte eingeholt hätten. Denn auch in Bayern stellte sich die schwarze Farbe als unpraktisch heraus – zumal die Stempelfarbe ebenfalls schwarz war. So ersetzten die Bayern die Marke schon bald durch die rosafarbene 1-Kreuzer.

https://www.spektrum.de/kolumne/kleine-geschichte-der-ersten-briefmarke-der-welt/2206345

3. Oktober 1861: Die Erfindung des Telefons

Am 26. Oktober 1861 präsentierte der 27jährige Physiklehrer Philipp Reis (1834-1874) im Physikalischen Verein zu Frankfurt am Main erstmals einen Apparat, der Sprache mit Hilfe des elektrischen Stromes in die Ferne übertragen konnte - er nannte ihn "Telephon". Da die Tonübertragung noch erhebliche Schwankungen aufwies, wurde seine Erfindung zunächst unterschätzt. So meldete 15 Jahre später Alexander Graham Bell (1847-1922) in den USA das erste Telefon zum Patent an. 1881 wurden in Berlin und Mülhausen im Elsass erste Ortsvermittlungsstellen für Telefongespräche eingerichtet.

Zur Veranschaulichung seines Unterrichts baute Reis einfache Modelle für seine Schüler. Der Nachbau einer Ohrmuschel regte ihn zur Erfindung des Telefons an: "Durch meinen Physikunterricht dazu veranlasst, griff ich im Jahre 1860 eine schon früher begonnene Arbeit über die Gehörwerkzeuge wieder auf und hatte bald die Freude, meine Mühen durch Erfolg belohnt zu sehen, indem es mir gelang, einen Apparat zu erfinden, durch welchen es möglich wird, die Funktionen der Gehörwerkzeuge klar und anschaulich zu machen; mit welchem man aber auch Töne aller Art durch den galvanischen Strom in beliebiger Entfernung reproducieren kann. - Ich nannte das Instrument Telephon", berichtete Reis in seinen Lebenserinnerungen. Den Namen "Telephon" leitete er aus den griechischen Begriffen "tele" (deutsch: fern) und "phonae" (deutsch: Ton, Stimme) ab.

Reis gestaltete sein Telefon in Anlehnung an das menschliche Ohr: Über die Ausgangsöffnung einer aus Holz geschnitzten Ohrmuschel spannte er eine Membran aus Schweinsdarm, die als Trommelfell diente. Das auf der Membran befestigte Platinplättchen und ein Platinstift simulierten die Gehörknöchelchen. Dieser Platinkontakt war Teil eines durch eine Batterie betriebenen Stromkreises. Sprach man in dieses Ohr hinein, geriet die Membran in Schwingungen und erzeugte eine Modulation des Stromes. Die so erzeugten akustischen Schwingungen wurden in Stromimpulse übertragen und über eine Spule und einen Stab empfangen. "Das Pferd frisst keinen Gurkensalat" gilt als erster telefonisch gesprochener Satz von Philipp Reis bei Versuchen in seinem Haus. Mit solch skurrilen spontan gesprochenen Sätzen wollte er dem Verdacht begegnen, die Texte zur Übertragung seien abgesprochen oder auswendig gelernt.

"Über Telephonie durch galvanischen Strom" lautete der Vortrag, den Reis im Oktober 1861 vor dem Physikalischen Verein in Frankfurt am Main hielt und den er auch in der Vereinszeitschrift publizierte. Bei dieser ersten öffentlichen Vorführung seiner Erfindung übertrug er neben Stimmproben den damaligen Gassenhauer "Muss i denn zum Städtele hinaus...", da er bei seinen häuslichen Versuchen festgestellt hatte, dass sich instrumentale Musik wesentlich leichter übertragen ließ als die menschliche Stimme. Dennoch: Der Apparat übertrug zwar einige Töne, aber es traten erhebliche Schwankungen auf. Aufgrund der Unzuverlässigkeit seines Telefons wurde die Erfindung insgesamt unterschätzt und der Apparat mehr oder weniger als Spielzeug betrachtet, das bestenfalls zur Übertragung von Musik geeignet sei. Zwischen 1861 und 1863 verbesserte Reis zwar sein Telefon, und verkaufte nach seinen Entwürfen gefertigte Apparate an Physikalische Sammlungen und Institute in aller Welt. Aber ein durchschlagender Erfolg blieb ihm zu Lebzeiten verwehrt. Am 14. Januar 1874 starb Philipp Reis an Tuberkulose.

Die Weiterentwicklung des Telefons verlagerte sich nach Übersee. Am 14. Februar 1876 meldete der schottische Taubstummenlehrer Bell in Boston seinen Telefonapparat zum Patent an. Am selben Tag, nur zwei Stunden später, ging der Patentanspruch von Elisha Gray (1835-1901) ein, dem leitenden Mitarbeiter und Anteilseigner des größten Herstellers von telegraphischem Gerät in den USA, der Western Electric Manufacturing Company. Bell trug nicht zuletzt deswegen den Sieg bei diesem Wettlauf um das Telefon-Patent davon, weil er fest an die kommerziellen Nutzungsmöglichkeiten der sprachlichen Kommunikation glaubte. Und er sollte recht behalten: Bereits 1879 bestanden weltweit in 20 Städten Fernsprechvermittlungseinrichtungen.

Erst 1881, als in den USA bereits fast alle Städte über 15.000 Einwohner ein Telephonnetz besaßen, wurde in Berlin die erste Fernsprechvermittlungsstelle in Deutschland mit acht Teilnehmern versuchsweise in Betrieb genommen. Von da an ging die Entwicklung auch in Deutschland rasant voran. Im Jahr 1910 waren weltweit 10 Millionen Fernsprecher an die Vermittlungsstellen angeschlossen, davon allein in Deutschland 941.000. 1930 gab es in Deutschland rund 3,2 Millionen Telefonanschlüsse. Das erste schnurlose Mobiltelefon kam im Juni 1983 auf den Markt. Es war über 20cm lang und der Akku nach einer halben Stunde Sprechzeit leer. Heute bestehen allein in Deutschland rund 100 Millionen Handy-Verträge und 39 Millionen Festnetzanschlüsse.

4. Die Einführung der fünfstelligen Postleitzahl

In der Bundesrepublik Deutschland und der DDR gab es bis 1993 zwei getrennte vierstellige Postleitsysteme. Ab dem 1. Juli 1993 mussten sich die Bürger Deutschlands an das neue fünfstellige Postleitsystem gewöhnen.

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Ab dem 1. Juli 1993 mussten sich die Bürger Deutschlands an das neue fünfstellige Postleitsystem gewöhnen, mit dem beabsichtigt wurde, die Postzustellung zu erleichtern. Das neue Postleitsystem sollte für die Bürger übersichtlicher sein und eine rationelle und zuverlässige Bearbeitung ermöglichen. In der Bundesrepublik Deutschland und der DDR gab es bis 1993 zwei getrennte vierstellige Postleitsysteme. Die Wiedervereinigung 1990 hatte zur Folge, dass in den beiden Postleitsystemen rund 800 Dopplungen auftraten. So kam es, dass z. B. Bonn und Weimar – oder auch Hannover und Magdeburg – die gleichen Postleitzahlen besaßen. Bis zu der Reform wurden den Ziffern ein „W“ für West oder ein „O“ für Ost vorangestellt, um die Orte auseinander halten zu können.

Bei dem neuen fünfstelligen System handelt es sich um ein reines Zahlensystem, welches aus fünf Ziffern besteht. Die ersten beiden Ziffern stehen für die genaue geografische Zuordnung. Die dritte bis fünfte Ziffer zeigt an, wo der Empfänger lebt und ob es sich um einen Großkunden oder ein Postfach handelt. Die vierstelligen Postleitzahlen wurden ab dem 1. Juli 1993 ungültig. Um eine reibungslose Umstellung zu gewähren, wurde ein genauer Zeitplan entwickelt, indem bis Ende 1992 die neuen Postleitzahlen zugewiesen, ab Januar 1993 die Postleitzahlen für den Datenabgleich bereitgestellt und ab Mai 1993 die neuen Verzeichnisse den Haushalten zugeliefert wurden, damit am 1. Juli des Jahres die Reform in Kraft treten konnte.

5. Post- und Telegrafenwesen (19./20. Jahrhundert)

Im 19. und 20. Jahrhundert entstanden durch organisatorische Neuerungen des Postbetriebs, neue Transporttechnik, Telegrafie, Telefonie, Rundfunk und Fernsehen gänzlich neue Möglichkeiten von Kommunikation und Mobilität. Das staatliche Postwesen, das diese neuen Techniken entwickelte, nutzte und vor allem dem Publikum die daraus resultierenden Dienstleistungen anbot, leistete damit zentrale Beiträge zur Umwälzung von Wirtschaft und Gesellschaft im Zuge der industriellen Revolution.

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Niels Simonsen, Abfahrt einer bayerischen Eilpostkutsche. Öl auf Leinwand, 1835; dem Bild sind zahlreiche Details des Eilpostwagens bis hin zur neuartigen Federungstechnik zu entnehmen. Die Szene illustriert auch die neue soziale Realität des Reisens. (Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Foto: Axel Schneider)

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Älteste Unformen der bayerischen Postbeamten nach den Vorschriften vom Jahr 1806. V.l.n.r.: Uniform für Oberpostmeister; Uniform für Oberpostamtsverwalter und Postinspektoren; Uniform für Postmeister, Postverwalter, Postsekretäre und Oberpostamts-Stallmeister; Uniform für Postbedienstete. Abb. aus: Das Bayerland, Jahrgang 36 vom April 1925, 256. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 Bavar. 198 t-36)

Staatliche Organisation

Bayern verstaatlichte am Beginn des 19. Jahrhunderts das Postwesen. Bis dahin lag die Beförderung von Briefen, Personen und Gütern weitgehend in den Händen des seit 1748 in Regensburg ansässigen Hauses Thurn und Taxis, das seit 1615 das Postregal als kaiserliches Erblehen im Reich ausgeübt hatte. Nach der Erhebung zum Königreich übernahm Bayern zwischen 1806 und 1808 das Postwesen vollständig. Dadurch wurden die höheren Postbediensteten zu königlichen Beamten, an den Posthäusern wurde das Wappen des Königreichs angebracht und die Uniformen der Postillione wechselten die Farbe von gelb zu blau.

Zuständig für das Postwesen waren nacheinander verschiedene Staatsministerien: das Finanzministerium, das Staatsministerium des Äußern und des königlichen Hauses, das Staatsministerium des Handels und der öffentlichen Arbeiten und schließlich, ab 1904, das (bis 1918: königlich bayerische) Staatsministerium für Verkehrsangelegenheiten. Post und Eisenbahn ressortierten seit den späten 1840er Jahren in einer gemeinsamen Generaldirektion; auch gab es z. T. gemeinsame Organe der mittleren und unteren Verwaltung (Oberpost- und Bahnämter bzw. Post- und Bahnexpeditionen). Die Trennung erfolgte wegen des rasch wachsenden Umfangs der beiden Verkehrsanstalten ab der zweiten Hälfte der 1870er Jahre.

Das stürmische Wachstum des Postwesens schlug sich unter anderem in der Zahl der Postanstalten (Ämter, Agenturen und Posthilfsstellen) nieder. Diese wuchs von 229 im Jahr 1808 auf 813 im Jahr 1858 und auf 5.151 im Jahr 1908. Noch deutlicher war die Entwicklung im Bereich des Personals, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts ca. 440 Personen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast 20.000 Personen umfasste. Zu den Verwaltungsbeamten des höheren und mittleren Dienstes und den einfachen Postbediensteten wie Konducteure, Packer, Postillione, Briefträger und Paketboten hatten sich nun zahlreiche Angehörige technischer Berufe wie Ingenieure, Telegrafisten, Mechaniker und Motorwagenführer gesellt. Frauen waren in größerer Zahl erst seit 1873 für den Postdienst zugelassen; um die Jahrhundertwende waren sie vor allem als Telefonistinnen, d.h. in der Telefonvermittlung tätig.

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Post und Telegrafie erwirtschafteten während des 19. Jahrhunderts fast durchweg Überschüsse zugunsten des Staatshaushalts, die sich für die Zeit zwischen 1808 und 1908 (umgerechnet in Mark) auf über 150 Mio. Mark beliefen. Sowohl Einnahmen als auch Ausgaben wuchsen in der zweiten Hälfte des genannten Zeitraums deutlich stärker als in den vier bis fünf Jahrzehnten zuvor. Allerdings wuchsen die Einnahmen in Folge mehrerer Tarifsenkungen erheblich langsamer als die Ausgaben, wodurch die Ertragsquote langfristig sank. In dieser Entwicklung spiegelt sich auch eine geänderte Einstellung der Staatsverwaltung zum Postwesen wider: Lag das Interesse zu Beginn vornehmlich auf der Erzielung von Einnahmen, verlagerte sich dieses nun auf die Förderung von Handel und beginnender Industrie.

Die eigenständige königlich bayerische Post überstand auch die Reichsgründung von 1870/71, denn als besonderes Zugeständnis an die süddeutschen Staaten konnten Bayern und Württemberg im Rahmen der so genannten Reservatrechte ihre eigenen Postverwaltungen weitgehend unabhängig von der Reichspost weiterführen.

Die bayerische Posthoheit endete nach den Bestimmungen der Weimarer Verfassung von 1919 (Art. 88, 89) mit dem Poststaatsvertrag zwischen Bayern und dem Reich am 1. April 1920. Immerhin sah der Vertrag noch den Fortbestand einer partiellen bayerischen Eigenständigkeit auf dem Gebiet des Postwesens vor. Zu diesem Zweck entstand eine eigene, für Bayern zuständige Abteilung des Reichspostministeriums unter der Leitung eines Staatssekretärs mit Sitz in München, der für alle inneren Angelegenheiten der Post in Bayern, für die Vereinheitlichung der Betriebsformen, wesentliche Veränderungen der Dienstvorschriften und Teile des Personalwesens zuständig war. Insbesondere wurde bestimmt, dass "der Vorstand und mindestens drei Viertel der Mitglieder und Beamten der Abteilung München des RPM [...] die bayerische Staatsbürgerschaft besitzen oder durch langjährigen Aufenthalt in Bayern mit den bayerischen Verhältnisse genau vertraut sein" sollten; gleiches galt für die Vorstände der Oberpostdirektionen (Staatsvertrag zwischen dem deutschen Reiche und dem Freistaat Bayern über den Übergang der Post- und Telegraphenverwaltung Bayerns an das Reich sowie dazugehöriges Schlussprotokoll, abgedruckt in: Reichsgesetzblatt 1920, 644-656). Vereinbart wurde auch eine Entschädigung für Bayern, die nach langwierigen Verhandlungen auf 650 Mio. Mark festgesetzt wurde. Da indessen keine Tilgungsmodalität festgelegt wurde, wirkte sich insbesondere die Inflation sehr nachteilig für Bayern aus. Die für Bayern zuständige Abteilung des Reichspostministeriums bestand bis zum 1. April 1934.

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 kam der Postbetrieb im Sommer 1945 zunächst nur auf lokaler und regionaler Ebene wieder in Gang. Die Militärregierungen der Amerikaner und Briten organisierten bis Ende 1946 unter der Bezeichnung „Deutsche Post“ ein gemeinsames Post- und Fernmeldewesen mit Sitz in Frankfurt am Main. Das Grundgesetz konstituierte mit Wirkung vom 23. Mai 1949 eine unter deutscher Souveränität stehende "Deutsche Bundespost" als bundeseigene Verwaltung. Als regionale Mittelbehörden entstanden in teilweiser Fortführung der ehemaligen Reichspostdirektionen auf bayerischem Gebiet Oberpostdirektionen in München, Nürnberg und Regensburg. Im Zuge der Postreform der Jahre 1989 und 1995 wurde die Bundespost in die Bereiche Postdienst, Telekom und Postbank aufgeteilt, die schließlich in Aktiengesellschaften umgewandelt wurden.

Frühe Reformen

Das 19. und 20. Jahrhundert präsentieren sich in Bayern als die Epoche der staatlichen Postverwaltung. Dennoch ist die Frage, ob die politische Umwälzung zu Beginn des 19. Jahrhunderts Voraussetzung der danach einsetzenden technischen und organisatorischen Umwälzungen war oder diese zumindest begünstigte, nach heutigem Kenntnisstand nicht eindeutig zu beantworten. Tatsache ist, dass sich die königlich bayerische Post anfangs mit Reformen schwer tat und sowohl den Eilpostwagen, einen neuartigen Postkutschentypus, der die Fahrtzeiten um ein Drittel reduzierte, als auch die Stadtbriefkästen, welche die Versendung von Briefen erheblich vereinfachten, später als andere Postverwaltungen in Deutschland einführte. 1849 indessen setzte sich die königlich bayerische Post erstmals an die Spitze des postalischen Fortschritts und führte zum 1. November 1849 mit dem "Schwarzen Einser" die erste Briefmarke in Deutschland überhaupt ein. Zusammen mit der Vereinfachung und Reduzierung der Tarife und der flächendeckenden Versorgung mit Briefkästen war damit die Voraussetzung für die Entwicklung des Briefes zum Massenkommunikationsmittel erfüllt. So konnte die Zahl der Briefsendungen von 15,8 Mio. im Jahr 1852 auf 771,5 Mio. im Jahr 1908 anwachsen - bei einer Einwohnerzahl von ca. 6,2 Mio.

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Eisenbahn

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts konnten Nachrichten, Personen und Güter nur mit menschlicher oder tierischer Muskelkraft befördert werden und daher im günstigsten Fall eine Geschwindigkeit von ca. 10 km pro Stunde erreichen. Gleichzeitig waren die Mengenkapazitäten begrenzt und die Transport- und Reisetarife entsprechend hoch. Die Eisenbahn sprengte diese Grenzen und schuf erstmals die Möglichkeit von massenhafter, schneller und billiger Kommunikation und Mobilität. Die Post nutzte das neue Transportmittel wahrscheinlich seit 1835, indem der Poststallhalter von Nürnberg die Briefe nach Fürth auf der Schiene transportieren ließ. In England ging die Post schon wenig später dazu über, die Fahrtzeit für das Sortieren der Briefe zu nutzen, indem sie Postbedienstete in eigens zu diesem Zweck konstruierten Wagen einsetzte. Diese Neuerung, die Bahnpost, verkehrte in Bayern seit 1851 und wurde rasch zum Rückgrat der Postbeförderung. Erst die Konkurrenz durch Straßen- und Luftverkehr, vor allem aber der fortschreitende Einsatz der maschinellen Sortiertechnik in den 1980er Jahren, führte im Jahr 1997 zur Einstellung der Bahnpost in Deutschland.

Kraftpost

Die Post profitierte von der Eisenbahn beim Transport von Briefen und Paketen, doch sie verlor das Monopol bei der Beförderung von Personen. Die Postkutsche hatte Jahrhunderte lang die Reisenden in die Ferne gebracht. Nun trat der Zug an ihre Stelle. Immerhin verblieben der Post die Erschließung der Gebiete abseits der Gleise und der Zubringerdienst zur Eisenbahn, wofür eine Vielzahl von kleinen pferdebespannten Fahrzeugtypen entwickelt wurde.

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Im Jahr 1905 schrieb die königlich bayerische Post erneut deutsche Postgeschichte, als sie auf der Strecke zwischen Bad Tölz und Lenggries die erste deutsche Kraftpostlinie einrichtete. Noch vor dem Ersten Weltkrieg entstand in Bayern ein Netz von über 100 Motorwagenlinien, das jährlich mehr als 3 Mio. Passagiere beförderte – rund zehnmal mehr als alle Linien im gesamten Gebiet der Reichspost. Gleichzeitig ergaben sich aus den von der Postverwaltung formulierten Anforderungen zahlreiche Impulse für die deutsche Fahrzeugindustrie. Die gelben Postomnibusse gehörten jahrzehntelang zum Alltag auf dem flachen Land, bis sie bis 1985 aus Kostengründen in den Bahnbusdienst übergeführt wurden.

Telegrafie

Vierte Tagung des Deutsch-österreichischen Telegraphenvereins 1855 in München. Abb. aus: Das Bayerland, Jahrgang 35 vom Dezember 1924, 498. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 Z 40.173-35)

Noch tief greifender war die Erfindung der Telegrafie, die es ermöglichte, Nachrichten als elektrische Impulse zum Empfänger zu senden, wo sie praktisch zum gleichen Zeitpunkt eintrafen. Zu dieser komplexen Entwicklung auf der Grundlage des Elektromagnetismus hatte der bayerische Naturwissenschaftler Carl August Steinheil (1801-1870) entscheidende Beiträge geliefert, vor allem durch die Entdeckung des Prinzips der Rückleitung des elektrischen Impulses durch das Erdreich, auf das er 1838 bei Feldversuchen entlang der Eisenbahnlinie Nürnberg–Fürth gestoßen war.

Die Telegrafie hing auch in anderer Hinsicht eng mit der Eisenbahn zusammen, denn zum ersten Einsatz kam die neue Technik als internes Nachrichtensystem zur Weitermeldung von ein- und auslaufenden Zügen. Doch bereits die erste funktionierende Verbindung in Bayern, 1850 entlang der Linie Salzburg–München in Betrieb genommen, wurde sogleich für den öffentlichen Gebrauch geöffnet.

Anfänglich betrieben sowohl Bahn als auch Post Telegrafielinien, während der Bau privater Linien gesetzlich weitgehend eingeschränkt wurde. Das Netz vergrößerte sich dennoch rasch, weil der bayerische Staat beträchtliche Summen investierte. So entstanden noch 1850 eine Linie von München über Augsburg, Nürnberg und Bamberg bis nach Hof mit Abzweigungen nach Leipzig bzw. von Bamberg über Würzburg nach Aschaffenburg sowie zwei weitere Linien von München über Landshut nach Regensburg und von Augsburg nach Kaufbeuren. Insgesamt erstreckte sich das Netz über eine Länge von 101 Meilen (in Bayern galt die deutsche geografische Meile mit einer Länge von 7.420,44 m). In einer zweiten Ausbauphase in den Jahren bis 1865 wurde der Umfang der Leitungen auf über 989 Meilen (inklusive der Bahntelegrafenleitungen) erhöht, im Jahr 1880 erreichte man eine Gesamtlänge von 35.266 km, 1910 knapp 95.000 km – damit war auch das flache Land flächendeckend mit Telegrafenstationen versorgt.

Die Zahl der versandten Telegramme entwickelte sich entsprechend: von etwas mehr als 11.000 in den Jahren 1851/52 über 190.000 in den Jahren 1859/60 und knapp 1,8 Mio. im Jahr 1874 auf 5,355 Mio. Depeschen im Jahr 1908. Einen wichtigen Beitrag zum stürmischen Aufschwung des Mediums lieferten zweifellos auch die drastisch reduzierten Tarife: Kostete eine einfache Depesche (bis 25 Worte) bei einer Entfernung bis 90 km anfangs 3 Gulden, so sank der Tarif bis zum Vorabend der Währungsumstellung auf 17 ½ Kreuzer. Dennoch legen Ergebnisse aus anderen Ländern die Vermutung nahe, dass auch in Bayern der Anteil der privaten Korrespondenz am Telegrammverkehr nur eine untergeordnete Rolle spielte und der Hauptanteil neben dem Austausch zwischen Behörden auf Banken, Handel und Gewerbe entfiel.

Die Presse bezog in einigen Teilen Deutschlands vereinzelt schon um 1850 Nachrichten über den Telegrafen. Seit den 1930er Jahren zählten Fernschreiber mit Verbindung zu den Nachrichtenagenturen zur festen Ausstattung jedes Redaktionsbüros. Die Fernschreiber waren eine Weiterentwicklung der alten Telegrafen, die den großen Vorteil boten, dass sie die einlaufenden elektrischen Signale gleich in Klarschrift umsetzten. Die Reichspost bot auf dieser technischen Basis seit 1933 den „öffentlichen Fernschreibdienst Telex“ an, der für Jahrzehnte die wichtigste Textübertragungstechnik war und erst in den 1970er/1980er Jahren durch die Telefaxtechnik abgelöst wurde.

Telefonie

Tischapparat W 25, Reichspostministerium Abteilung München ab 1925; F. Merk Telefonbau AG, München. (Museumsstiftung Post und Telekommunikation)

In der Zeit zwischen 1900 und 1908 war die Zahl der innerhalb Bayerns versandten Telegramme erstmals rückläufig – offenkundig eine Folge des aufkommenden Telefons. Das erste Telefonnetz in Bayern war im August 1882 in Ludwigshafen mit neun Teilnehmeranschlüssen entstanden; München folgte mit 263 privaten Anschlüssen, 67 amtlichen und drei öffentlichen Sprechstellen am Jahresende 1883. Ein privates „Komitee für eine Telephon-Einrichtung in Nürnberg-Fürth“ erreichte durch eine Eingabe an das zuständige Staatsministerium den Aufbau eines Netzes für die beiden Städte, das am 1. August 1885 mit 192 Teilnehmern in Betrieb ging. Augsburg, Bamberg, Würzburg, Roth, Schwabach, Kaiserslautern und Hof folgten zwischen 1886 und 1890. Gleichzeitig entstanden die ersten Verbindungslinien zwischen den Städten.

In München stellten die Banken fast ein Viertel der ersten Teilnehmer; in Nürnberg und Fürth hatten die Hopfenhandlungen mit 39 Abonnenten den größten Anteil, es folgten 18 Banken, sieben Eisen- und Metallhandlungen, sechs Bierbrauereien sowie ein Arzt. Privatpersonen tauchten vor den späten 1890er Jahren in den Telefonbüchern überhaupt nicht auf – die Jahresgebühr für einen Anschluss (die Gespräche wurden nicht berechnet) betrug mindestens 150 Mark, was etwa der Jahresmiete für eine Dreizimmerwohnung in Nürnberg entsprach. Hinzu kamen die Kosten für das Telefongerät mit weiteren 90 Mark. Auch wenn die Gebühren rasch sanken, blieb das eigene Telefon lange Zeit fast ausschließlich geschäftlichen Belangen vorbehalten. Noch zu Beginn der 1960er Jahre hatten lediglich 10 % der Privathaushalte in der Bundesrepublik einen eigenen Anschluss; erst in den beiden folgenden Jahrzehnten stieg diese Rate in Westdeutschland auf praktisch 100 %.

In Bayern war es der staatlichen Verkehrsverwaltung, wie zuvor schon im Falle der Telegrafie, wiederum gelungen, entgegen den Bestrebungen zum Aufbau privater Netze ein weitgehendes Monopol für Telefonnetze durchzusetzen. Allerdings bedingte dieser Erfolg, dass große Summen für den Netzausbau aufgebracht werden mussten.

Gleichzeitig entstand in Bayern frühzeitig eine fernmeldetechnische Industrie. Der Nürnberger Mechaniker und Fabrikant Friedrich Heller(1836-1911) zählt zusammen mit dem Münchner Friedrich Reiner (1858-1918) zu den Pionieren des neuen Mediums. Heller präsentierte bereits im Sommer 1877, noch vor den entsprechenden Versuchen des Reichspostamts in Berlin, Nachbauten der Bell'schen Telefonapparate und avancierte rasch zu einem der Hauptlieferanten der bayerischen Postverwaltung. Da die postalische Eigenständigkeit Bayerns auch nach dem Ende des Königreiches 1918 partiell fortbestand, konnten bayerische Hersteller weiterhin eigene Entwicklungen vorantreiben. Bekanntestes Beispiel ist der Tischapparat W 25 des Münchner Herstellers F. Merk Telefonbau, ein elegantes Tischgerät aus dem Jahr 1925, das von der Reichspost zwar nicht als Standardgerät angenommen wurde, im Freistaat jedoch zugelassen war und eine Stückzahl von 8.000 erreichte. Eine weitere bemerkenswerte bayerische Eigenentwicklung war 1923 die Einrichtung der so genannten Netzgruppe Weilheim, die das weltweit erste Telefonamt mit automatischer Vermittlung von Ferngesprächen war.

Rundfunk und Fernsehen

Aufgrund der im Reichstelegrafengesetz von 1892 formulierten Fernmeldehoheit spielte die Post auch beim Aufbau und Betrieb des Rundfunks in Deutschland eine zentrale Rolle. Weil frühzeitig die Entscheidung zugunsten eines dezentralen Netzes fiel, entstand in München eine regionale Rundfunkgesellschaft, die „Deutsche Stunde in Bayern G.m.b.H.“, die am 30. März 1924 den Sendebetrieb aufnahm. Die Konzession hatte die in München ansässige Abteilung des Reichspostministeriums erteilt, die auch die Funkanlage zur Verfügung stellte. Post und Staatsregierung übten die inhaltliche und seit Anfang 1932 auch die wirtschaftliche Kontrolle über die Sendegesellschaft aus.

Die Reichweite des Senders betrug anfangs nur 1-2 km, doch erhöhte sich die Zahl der Rundfunkempfänger rasch durch die Verstärkung der Sendeleistung, Verbesserung der Empfangsgeräte und den Aufbau von Nebensendern in Nürnberg, Augsburg und Kaiserslautern und schließlich des Großsenders Ismaning. Zu Beginn der 1930er Jahre bot der Sender täglich 13 Stunden Programm an, die von über 300.000 Teilnehmern in Bayern gehört werden konnten.

Die Nationalsozialisten, für die der Rundfunk eines der zentralen Propagandamedien war, übernahmen nach dem 30. Januar 1933 rasch die personelle und programmatische Kontrolle über die Bayerische Rundfunk GmbH, die sie am 1. April 1934 durch die Umwandlung zum „Reichssender München“ auch formal gleichschalteten. Durch die massenhafte Herstellung von billigen Kleinradios, den sog. Volksempfängern, stieg die Zahl der Rundfunkteilnehmer in Bayern bis Ende 1941 auf fast 1,15 Mio.

In die NS-Zeit fallen auch die Eröffnung des ersten Fernsehrundfunks am 22. März 1935 in Berlin sowie die Anfänge von Kabelfernsehen und Fernsehtelefon zwischen Berlin und Nürnberg (1937) sowie nach München (1938). Die Bedeutung der neuen Bildübertragungstechnik war angesichts der geringen Zahl der Teilnehmer aber begrenzt. Nach 1945 wurden Rundfunk und Fernsehen in Deutschland im Rahmen von öffentlich-rechtlichen Anstalten organisiert; die Rolle des Staates, d.h. der Post, beschränkte sich auf die Bereitstellung der technischen Infrastruktur.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Buchholz, Karl-Heinz: Die Optischen Telegrafen der Linie Berlin-Koblenz, in: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital., online verfügbar unter: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-245768, zuletzt geprüft am 21.05.2025.

-> Hammer, Richard; Meßner, Daniel: Kleine Geshiche der ersten Briefmarke und einer unklugen Farbwahl, in: Spektrum.de, online verfügbar seit 07.02.2024 unter: https://www.spektrum.de/kolumne/kleine-geschichte-der-ersten-briefmarke-der-welt/2206345, zuletzt geprüft am 21.05.2025.

-> Blume, Dorlis: Oktober 1861. Die Erfindung des Telefons, in: LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 2011 unter: https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/lemo-rueckblick-oktober-2011-1861-die-erfindung-des-telefons-vor-150-jahren, zuletzt geprüft am 24.03.2026.

-> Hermani, Lea-Celine: Die Einführung der fünfstelligen Postleitzahl, in: Das Bundesarchiv, online verfügbar unter: https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/dokumente-zur-zeitgeschichte/die-einfuehrung-der-fuenfstelligen-postleitzahlen/, zuletzt geprüft am 09.04.2026.

-> Stefan Kley, Post- und Telegrafenwesen (19./20. Jahrhundert), publiziert am 09.01.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Post-_und_Telegrafenwesen_(19./20._Jahrhundert)> (4.08.2026)

Sekundärliteratur

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Technikgeschichte

Transport

Inhaltsverzeichnis

  1. Automobil. Die treibende Kraft
  2. Das Luftschiff LZ 129 „Hindenburg“
  3. 1817 Laufmaschine. Karl Friedrich Freiherr von Drais
  4. Erste Eisenbahn. Im Tempo des Fortschritts
  5. Hoch hinaus: Melli Beese
  6. Flugpionier Otto Lilienthal. Der Mensch als Vogel
  7. Vom Wind getragen
  8. Tauerei (Seil-Schleppschifffahrt) auf dem Rhein 1871-1905

1. Automobil. Die treibende Kraft

Benzin, ein eher unbedeutendes Nebenprodukt der frühen Erdölindustrie, weckt das Interesse von Erfindern, die um 1880 an neuartigen Motorwagen arbeiten. Lange werkelt auch der Ingenieur Carl Benz in Mannheim an so einem Vehikel. Doch erst eine Testfahrt seiner Frau Bertha bringt den Durchbruch – dem bald darauf eine weltweite Verkehrsrevolution folgt

BERTHA BENZ finanziert die Tüfteleien ihres Mannes, hilft ihm bei der Lösung technischer Probleme. Und unternimmt 1888 die erste längere Autofahrt der Geschichte
DAS ERSTE AUTOMOBIL von Benz, das 1886 patentierte »Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb«, erinnert mit seinen Leichtbaurädern an ein Fahrrad. Beschleunigt aber wird es von einem Viertakt-Aggregat, das einen aus Erdöl gewonnenen Stoff verbrennt

Ein Sommermorgen, August 1888: Knatternd rollt das seltsame Gefährt die Straße entlang. Seine drei hölzernen Speichenräder wirbeln Staub auf, stechender Benzingeruch legt sich über die Frische der noch mit Tau benetzten Wiesen. Nur wenige Menschen sind unterwegs, Kutscher, die Milch auf Pferdefuhrwerken ausliefern, Fabrikarbeiter auf dem Weg zur Schicht. Voller Erstaunen, vielleicht auch mit Angst betrachten sie das Konstrukt, das da im Tempo eines trabenden Pferdes an ihnen vorüberfährt: eine Art Kutsche auf drei Rädern – aber ohne Zugtiere und Dach, dafür mit einem lauten Motor, der das Vehikel antreibt. Und oben, auf der mit Leder bezogenen Fahrerbank, sitzt nicht etwa ein kräftiger Fuhrmann – sondern eine Frau, neben ihr ein Jugendlicher, ein weiterer Junge auf dem kleinen Sitz gegenüber. Die Dame trägt ihre braunen Locken unter einem Hut zurückgesteckt, ihr Gesicht wirkt angespannt, der Blick konzentriert. Ihr Name: Bertha Benz.

Früh am Morgen ist die 39-Jährige mit ihren beiden Söhnen, dem 15-jährigen Eugen und Richard, 13 Jahre, von ihrem Wohnsitz in Mannheim aufgebrochen. Ihr Ziel ist Berthas Elternhaus im etwa 100 Kilometer entfernten Pforzheim. Doch diese Reise ist viel mehr als ein Familienbesuch. Für einen Vorläufer des Gefährts, das Bertha Benz und ihre Söhne mithilfe einer einfachen Lenkkurbel rund 16 km/h schnell über die unebenen Wege im Südwesten Deutschlands steuern, hat ihr Ehemann, der Ingenieur Carl Benz zwei Jahre zuvor ein Patent erhalten – und wurde oft belächelt. Mit dieser Fahrt nun will seine Frau der Öffentlichkeit beweisen, dass die Erfindung reif für die Straße ist.

Rechtlich gesehen hätte sie ihre Reise wohl gar nicht antreten dürfen. Sie besitzt keine Fahrerlaubnis für das Dreirad, anders als ihr Mann, der wenige Tage zuvor vom Großherzoglich-Badischen Bezirksamt eine Sondergenehmigung für Versuchsfahrten in Mannheim und der näheren Umgebung erhalten hat. Von ihrem bevorstehenden Ausflug hat sie ihn gar nicht erst unterrichtet: Carl Benz schläft noch, als sich seine Frau am Morgen mit den Jungen davonschleicht.

Lange hat Bertha mit ihm an der Konstruktion gearbeitet, ist bestens damit vertraut. Sie weiß etwa, dass sie regelmäßig das Kühlwasser des Motors erneuern muss. Immer wieder hält sie an Brunnen oder Bächen an, schöpft mit den Jungen in Eimern Wasser für die Kühlung der Maschine. Als der Benzinzufluss verstopft ist, reinigt sie ihn kurzerhand mit ihrer Hutnadel, als an anderer Stelle das Kabel der elektrischen Zündung beschädigt ist, nimmt sie ihr Strumpfband als Isoliermaterial.

So rollen die drei an diesem Morgen Meter um Meter in ein neues Zeitalter. Denn Bertha Benz läutet mit ihrer Fahrt eine Verkehrswende ein, die Hunderte, Tausende, schließlich Millionen Menschen auf die Straßen und an Tankstellen bringen, Erdöl zur begehrtesten Energiequelle des Globus machen und die Welt für immer verändern wird: den Siegeszug des Automobils. Erst mal aber geht es nicht weiter. Denn Bertha Benz ist auch der erste Mensch, dem unterwegs das Benzin ausgeht. Im Städtchen Wiesloch hinter Heidelberg, nach etwa 35 Kilometern gefahrener Wegstrecke, kommt der Wagen zum Stehen: Der Tank ist leer.

Die Benz-Kutsche ist das erste Gefährt der Geschichte, das ein Verbrennungsmotor über eine weite Strecke voranbringt. Doch das erste selbst fahrende Vehikel, das erste „Automobil“ (von griechisch autós, selbst, und lateinisch mobilis, beweglich), ist sie nicht. Das entwickelt der Ingenieur Nicolas Joseph Cugnot bereits 1769 im Auftrag des französischen Kriegsministeriums. Die Konstruktion des fünf Tonnen schweren Fahrzeugs ist für seine Zeit hochmodern: Das vier km/h schnelle Dreirad bewegt sich mit der mittlerweile nutzbar gemachten Dampfkraft fort. Es soll Kanonen befördern, aber zu einem Einsatz kommt es nie: Der unförmige Wagen mit dem riesigen, vor dem Vorderrad platzierten Dampfkessel lässt sich kaum steuern, und sein Kessel muss bereits nach zwölf Minuten mit neuem Wasser befüllt werden.

Auf der Schiene hingegen geht es dank der Kraft des Wasserdampfes bald voran: Ab 1825 fährt in Großbritannien der erste Personenzug der Welt, der von einer Dampflokomotive gezogen wird, schnell breitet sich die Erfindung in Europa und Nordamerika aus. Dampfmaschinen treiben bald auch Schiffe an, die zwischen der Alten und Neuen Welt verkehren.

Ein Siegeszug beginnt

NAHEZU PARALLEL zu Benz entwickeln Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach ihre »Motorkutsche«

Auf der Straße aber ist dem neuen Antrieb weiter kein großer Erfolg vergönnt. Dampfomnibusse, wie sie ab 1830 in England, später auch in Frankreich konstruiert werden, gelten als gefährlich und als große Belästigung: Immer wieder explodieren Kessel, Leitungen lecken, und der umherfliegende Kohlenstaub nimmt Reisenden die Sicht. Bald bremsen zudem strikte Geschwindigkeitslimits und andere gesetzliche Einschränkungen die Entwicklung der Dampffahrzeuge zumindest in Großbritannien. Ohnehin nicht das Richtige sind die Dampfgefährte für all jene, die im eigenen Vehikel von einem Ort zum anderen gelangen möchten: Sie bleiben auf Pferdekutschen angewiesen, solange niemand einen geeigneten Antriebsmotor für kleinere Fahrzeuge erfindet. Der müsste, da sind sich viele Zeitgenossen einig, leicht, klein, sicher und hochleistungsfähig sein.

Bertha stiftet Hoffnung

»VICTORIA«, das erste vierrädrige Modell von Carl Benz aus dem Jahr 1893: Anfangs läuft der Verkauf der Autos eher schleppend

Um 1860 schürt der im heutigen Belgien geborene Jean-Joseph Étienne Lenoir diese Hoffnung mit einer kleinen Sensation: Er konstruiert den ersten funktionierenden Verbrennungsmotor der Welt. Ein Gemisch aus Leuchtgas, das unter anderem bei der Vergasung von Steinkohle entsteht, und Luft wird entzündet, explodiert und bewegt so einen Kolben, dessen Schubkraft eine Welle antreibt. Anders als bei einer Dampfmaschine wird der Treibstoff im Motor selbst verbrannt. Die Maschine ist kleiner, leiser und flexibler und damit – zumindest theoretisch – dazu geeignet, in ein Einzelfahrzeug eingebaut zu werden.

Zunächst kommt Lenoirs Erfindung in einigen Betrieben in Paris zum Einsatz, setzt dort, angeschlossen an das Gasnetz, Druckmaschinen oder Webstühle in Bewegung. Dann aber baut der Erfinder sie in einen Wagen ein und befüllt den Motor mit einem Kraftstoff auf der Basis von aus Baumharz gewonnenem Terpentin. Doch sein Automobil verbraucht Unmengen an Treibstoff und frisst so viel Schmieröl, dass es Zeitgenossen scherzhaft „rotierender Ölklumpen“ nennen.

Nicht zuletzt inspiriert von Lenoirs Erfindung, gelingt einem deutschen Unternehmer anderthalb Jahrzehnte später der wohl entscheidende Durchbruch: 1876 glückt Nicolaus August Otto die Konstruktion eines Motors nach dem Vier-Takt-Prinzip, der seinen Namen tragen wird. Auch bei dieser Maschine wird ein Gasluftgemisch entzündet: Nach dem Ansaugen des Gases (1) wird es zunächst durch einen Kolben in einem Zylinder verdichtet (2), dann zur Explosion gebracht (3) und schließlich das entstandene Abgas ausgestoßen (4).

Es ist der zweite Arbeitsschritt, der den Zauber des Motors ausmacht. Denn durch die Kompression verbraucht er nur ein Drittel der bislang benötigten Kraftstoffmenge. Weil es zudem keinen Kessel gibt, der unter Druck steht, ist die Maschine sicherer als die Dampfantriebe, sie läuft leiser und stößt keine großen Schmutzpartikel in die Luft. Nur ist der erste Ottomotor viel zu groß, als dass er in ein Fahrzeug passen würde; auch benötigt die Maschine den Zugang zu einer Gasleitung. Mag Otto auch mit flüssigen und damit leicht zu transportierenden Kraftstoffen experimentiert haben: Er hat wohl nie die Konstruktion eines Automobils im Sinn, sondern fertigt seinen Motor allein für den stationären Gebrauch.

Und so ist es ein anderer, der bald darauf mit dieser Erfindung an die Öffentlichkeit tritt: Carl Benz. Der 1844 bei Karlsruhe geborene Sohn eines Lokomotivführers hat bereits mehrere eher erfolglose Jahre als Maschinenbauer hinter sich, als er sich, beeindruckt von den Möglichkeiten der Verbrennungsmotoren, seinem Lebensprojekt zuwendet: Der Ingenieur will ein Motorfahrzeug entwickeln, das tatsächlich lange Strecken fahren kann.

Unterstützt wird Carl Benz von seiner Frau Bertha. Die Tochter eines wohlhabenden Zimmerermeisters hat ihn Ende der 1860er Jahre in ihrer Heimstadt Pforzheim kennengelernt, sein technisches Talent schnell erkannt. Mehr noch: Bertha investiert ihr Vermögen in ihn, lässt sich noch vor der Hochzeit 1872 einen Teil ihres Erbes auszahlen, um ihrem zukünftigen Ehemann die Alleinübernahme jener Firma zu ermöglichen, die er zuvor mit einem Teilhaber in Mannheim betrieben hatte.

Die Benz-Werkstatt stellt vor allem Maschinen zur Blechbearbeitung her. Doch nebenher beginnt Carl bald mit den Berechnungen für einen neuen Motor. Für ihn steht fest: Die Maschine muss leichter und leistungsfähiger sein als die bisher bekannten Modelle. Bis tief in die Nacht tüftelt Benz, jahrelang.

Es ist Bertha Benz, die ihrem Mann in dieser Zeit zur Seite steht. Mit ihr teilt der Ingenieur seine Ideen, zeitweise arbeitet sie sogar selbst mit, bringt bei Problemen eigene Lösungen ein: So stellt sie etwa ihre Nähmaschine in die Werkstatt und wickelt damit Drähte für die Zündung des Motors auf.

Silvesterabend 1879: Ein bescheidenes Weihnachtsfest liegt hinter dem Ingenieur und seiner Frau – beinahe sein gesamtes Geld hat das Paar in die Entwicklung des neuen Motors gesteckt. Nun begehen die Eheleute den Jahresausklang in ihrem Haus in Mannheim mit einem schlichten Essen. Die Stimmung ist gedrückt. Noch immer ist es ihnen nicht gelungen, den neuen Zweitaktmotor wirklich laufen zu lassen. Was, wenn er nie funktionieren wird?

Plötzlich aber springt Bertha Benz vom Tisch auf, wie ihr Mann Carl in seinen Memoiren später berichten wird. „Wir müssen doch noch einmal hinüber in die Werkstatt und unser Glück versuchen“, sagt sie entschieden.

Wenig später steht das Paar vor der Maschine, von der seine Zukunft abhängt. Carl Benz spürt vor Aufregung sein Herz schlagen, als er das Schwungrad des Motors in Bewegung setzt. Und tatsächlich: Dieses Mal arbeitet die Kraftanlage in regelmäßigem Takt. Andächtig lauschen die Eheleute dem Rhythmus. Sie sind so verzückt, dass erst die Kirchenglocken, die um Mitternacht das neue Jahr ankündigen, sie aus ihrer Versunkenheit reißen. „Alle meine Hoffnungslosigkeit, mit der ich in der letzten Zeit in die Zukunft gesehen hatte, war verschwunden“, erinnert sich Bertha Benz später an diesen Abend.

Tatsächlich wird der neue Motor ein voller Erfolg: Fabrikbesitzer reißen sich darum, wollen den handlichen Benz’schen Antrieb für ihre bisher mit Dampf arbeitenden Anlagen. Im Oktober 1883 kann Carl Benz mit zwei Partnern die „Benz & Cie. Rheinische Gasmotoren-Fabrik Mannheim“ gründen. Der Verkauf läuft so gut, dass der Ingenieur endlich an seinem größten Traum arbeiten kann, dem Automobil.

Längst hat er den Platz jedes Zahnrades, jeder Schraube und Riemenscheibe seines Wagens bestimmt. Die Herausforderung: Bei aller Stabilität muss das Fahrgestell möglichst leicht sein, schließlich bringt der Motor zunächst nur eine Leistung von knapp einer Pferdestärke (etwa 735,5 Watt).

Benz findet seine Lösung im Fahrrad. Die zwei-, mitunter dreirädrigen Vehikel werden in dieser Zeit immer beliebter – und der Ingenieur kopiert ihre Leichtbauweise aus Stahlrohren, kauft Teile seines Gestells in Fahrradwerken. Als Treibstoff wählt Carl Benz eine eher unbedeutende, aber gut erhältliche Substanz: Benzin.

Das Gemisch aus leicht siedenden Kohlenwasserstoffen entsteht als Nebenprodukt bei der Destillation von Erdöl zur Gewinnung von Petroleum, das man zu jener Zeit für Lampen und Straßenlaternen nutzt (siehe Seite 22). In Raffinerien wird das Rohöl schrittweise auf eine Temperatur von bis zu 400 Grad Celsius erhitzt, wobei nach und nach die verschiedenen Anteile verdampfen. Nach dem Abkühlen kondensieren sie voneinander getrennt zu Petroleum, zu Schmieröl, Paraffin – oder zu Benzin.

Aufgrund seiner desinfizierenden und fettlösenden Wirkung wird das Benzin (das wie alle Erdölprodukte in Deutschland fast ausschließlich als Importware im Handel ist) zunächst vor allem in Wäschereien verwendet. Apotheken, Drogerien und Kolonialwarenhändler verkaufen es zudem in kleineren Mengen als Reinigungsmittel. Benz macht sich nun weitere Eigenschaften des Stoffes zunutze: Benzin ist so flüchtig, dass es schon bei gewöhnlichen Temperaturen, sogar bei Kälte, verdunstet. Es verbrennt zudem nahezu komplett, sodass der Stoff im Motor eine gewaltige Kraft entfesselt – dabei aber keinerlei Rückstände entstehen.

Wohl im Herbst 1885 setzt er seinen Motor in die Wagenkonstruktion ein. Drei Räder hat das offene Gefährt, die hölzernen Hinterräder sind mit Stahl beschlagen, das kleinere Vorderrad rollt auf Gummi. Doch die ersten Fahrversuche enden aufgrund der schwierigen Lenkung des Wagens an der Hofmauer. Benz aber gibt nicht auf, experimentiert weiter.

Am 29. Januar 1886 schließlich meldet der Ingenieur seinen Motorwagen zum Patent an – und erhält im November eine Urkunde mit der Nr. 37435 für sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“. Vier Monate zuvor hatte er auf der Ringstraße in Mannheim eine erste öffentliche Ausfahrt unternommen, weitere kleinere Touren folgten.

Doch die „pferdelose Kutsche“ wird zunächst eher belächelt als bejubelt. Vielen missfällt besonders der stechende Geruch, den sie absondert. „Wenn ich einen solchen Stinkekasten hätte, würde ich zu Hause bleiben“, sagt einmal ein Passant zu Benz. Andere fragen sich, wie man sich in ein laut lärmendes Gefährt setzen kann, wenn es doch Pferde gibt, elegante Kutschen und Droschken. Auch das deutsche Straßennetz ist für so ein Konstrukt nicht ausgebaut, die Wege zu uneben. Das „Fahren mit elementarer Kraft“ – also ohne Zugtiere – ist im Großherzogtum Baden zu jener Zeit sogar untersagt (erst ab 1894 sind Automobile versuchsweise erlaubt, mit Geschwindigkeiten von sechs km/h in und zwölf außerhalb von Ortschaften). Und einzig Carl Benz besitzt eine Sondergenehmigung des Bezirksamts.

Die Pioniere ernten oft Spott

EIN GEFÄHRT der Firma Peugeot von 1901. Frankreich wird vor Deutschland zur Autonation, auch weil es dort bessere Straßen gibt

Und dann ist der Motorwagen auch noch anfällig für Pannen. In solchen Momenten sammeln sich Schaulustige um das Fahrzeug, lachen oder spotten über die Erfindung und den Ingenieur, der vor dem rauchenden Vehikel kniet, bastelt und flickt.

Zwar entwickelt Carl Benz, inzwischen vierfacher Vater, sein Modell weiter. Doch das Unverständnis seiner Zeitgenossen lässt den Erfinder verzagen. Bis Bertha Benz den Entschluss fasst, ihrem Mann und der Welt zu zeigen, was in dem „Benz Patent-Motorwagen“ – mittlerweile in der dritten Version – steckt, und am Morgen des 5. August 1888 heimlich mit ihren Söhnen nach dem gut 100 Kilometer entfernten Pforzheim aufbricht.

Rund 35 Kilometer haben die drei hinter sich gebracht, als das Automobil bald nach Heidelberg im Städtchen Wiesloch mit leerem Tank liegen bleibt. Der Kanister mit Benzin zum Nachfüllen, den Bertha Benz mitgenommen hat, ist wider Erwarten bereits leer. Doch sie weiß sich auch dieses Mal zu helfen: Mit festen Schritten steuert sie die Stadt-Apotheke am Marktplatz an. Der Verkaufsraum ist mit edlem Holz vertäfelt, auf Regalen stehen Glasfläschchen und Dosen aus weißer Emaille. Benz er wirbt knapp drei Liter Ligroin, eine Art Waschbenzin in einer Glasflasche. Unter den staunenden Augen der umstehenden Menschen befüllen sie und ihre Söhne den glänzenden Messing tank ihres Wagens – und setzen die Reise fort.

DAS »MODELL T« des US-Unternehmens Ford macht ab 1908 das Auto erstmals zum erschwinglichen Massengut

Doch bis sie Pforzheim erreichen, ist es noch ein beschwerlicher Weg. Immer wieder schieben alle drei das Gefährt Hügel hinauf. An anderer Stelle müssen die Reisenden bei einem Dorfschmied halten: Die Ketten, die die Kraft vom Motor auf die Hinterräder übertragen, haben sich geweitet. Der Handwerker kürzt die Metallstränge.

Dann, nach fast 13 Stunden Fahrt, erblicken die Autofahrer von einer An höhe aus endlich die Lichter von Pforzheim. Mit der Eisenbahn hätten sie für die Strecke nur einen Bruchteil der Zeit gebraucht. Ihre Kleider sind staubig, die Gesichter mit Schmutz bedeckt. Doch aus den Häusern kommen Anwohner herbeigerannt und bestaunen den Motorwagen wie ein Weltwunder. „In Pforzheim glücklich angekommen“, lässt Bertha Benz kurz darauf an ihren Mann telegrafieren.

Der ist zunächst verärgert über die unerlaubte Fahrt, schickt seiner Familie aber nach einigen Tagen Ersatzteile zu, sodass sie per Automobil auch zurückreisen kann. Mehr noch: Die gelungene Fernfahrt verleiht dem Erfinder neue Energie. Er nimmt nach den Berichten seiner Frau Änderungen vor, fügt dem Wagen etwa einen weiteren Gang hinzu, um Steigungen bewältigen zu können. Wenige Wochen später, auf der „Kraft- und Arbeitsmaschinenausstellung “ in München, führt Carl Benz den Wagen dann im Stadtzentrum selbst vor und gewinnt die begehrte „Große Goldene Medaille“: Endlich berichtet die Presse begeistert. „Der unter dem Sitz angebrachte Benzinmotor ist die treibende Kraft, die sich nach den mit eigenen Augen gesehenen wohlgelungenen Versuchen aufs Beste bewährt hat“, schreibt etwa das „Münchener Tageblatt“.

Der Absatz der ersten Motor wagen verläuft dennoch schleppend. Bis 1893 verkauft Benz & Cie lediglich 69 Automobile, die Firma hält sich nur, weil sie weiter Industriemotoren vertreibt. Und ein Großteil der Fahrzeuge wird ins Ausland geliefert, nach England, in die USA, vor allem aber nach Frankreich. Dort gibt es bessere Straßen und eine entwickelte Industrie für Stahl- und Aluminiumproduktion, für Zubehör und Werkzeug und in der fortschrittsbegeisterten Hauptstadt Paris eine kauf willige Kundschaft, die sich die Wagen auch leisten kann. Dazu machen in Frankreich bald Ausstellungen und Autorennen, etwa auf der knapp 1200 Kilometer langen Strecke von Paris nach Bordeaux und zurück, die Fahrzeuge bei einem breiten Publikum populär, während es in Deutschland bis zur Jahrhundertwende keinen Autosport gibt.

Viele Ingenieure versuchen nun, Automobile zu konstruieren, und zwei der bedeutendsten kommen wie Carl Benz aus dem Deutschen Reich: Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Schon im Herbst 1886, nur wenige Monate nach Benz, haben sie eine Motorkutsche fertiggestellt, in der ebenfalls ein zu einem schnell laufenden Benzinmotor weiterentwickelter Otto-Viertakter steckt – und ihre Firma wird in den folgenden Jahrzehnten immer neue Modelle auf den Markt bringen. 1900, im Todesjahr Daimlers, entsteht jenes Fahrzeug, das bald wie kaum ein anderes für die deutsche Autoproduktion stehen wird : der „Mercedes“, benannt nach der Tochter des wichtigen Vertreters der Daimler-Motoren-Gesellschaft Emil Jellinek. Und auch eine andere Antriebstechnik ist nun im Verkauf: der 1893 von Rudolf Diesel entwickelte Motor, der mit Schweröl statt Benzin betrieben werden kann.

Nach der Jahrhundertwende setzen auch immer mehr Deutsche auf motorisierte Vehikel. Es entstehen die ersten Motorrad- und Automobilclubs wie 1903 der spätere ADAC, die sich für die Belange der Fahrzeugbesitzer einsetzen. Gleichzeitig werden Gesetze erlassen, die den motorisierten Verkehr auf den Straßen berücksichtigen. In Preußen etwa müssen Automobile beim Aufeinandertreffen mit Pferdefuhrwerken besonders langsam fahren, damit die Tiere nicht scheuen. Das erste Tankstellenverzeichnis listet 1909 rund 2500 Drogerien, Hotels, Gaststätten, Kolonialwarenhändler und Fahrradhandlungen, die Benzin verkaufen. Sogar der deutsche Kaiser Wilhelm II. legt sich drei Automobile zu (es sind strombetriebene Modelle, wie sie zeitgleich entwickelt werden), macht die Motorwagen im Adel salonfähig.

Für normale Bürger bleiben sie hingegen noch lange unerschwinglich: Zwischen 20 000 und 30 000 Reichsmark kostet etwa ein Modell der Opel-Werke in dieser Zeit. Dazu kommen jährliche Ausgaben für Benzin, Versicherung, Chauffeur und Ersatzteile von etwa 9000 Mark – mehr als das Achtfache dessen, was ein Arbeiter durchschnittlich pro Jahr verdient. Als Statussymbol der Reichen ist das Automobil bei ärmeren, vor allem ländlich wohnenden Menschen entsprechend verhasst, zumal es den Verkehr der Fuhrwerke behindert. Besonders in Regionen mit wachsendem Autoverkehr wie der preußischen Rheinprovinz oder Bayern werden Autofahrer mitunter mit Steinen beworfen oder mit Jauche bespritzt, werden Barrikaden auf den Straßen errichtet.

Das Rezept, das aus einer Autofahrerin schließlich mehrere Millionen macht, wird knapp zwei Jahrzehnte nach Bertha Benz’ großer Fahrt jenseits des Atlantiks entwickelt: 1908 bringt der US-amerikanische Unternehmer Henry Ford mit dem „Modell T“ einen Wagen heraus, den sich fast jeder leisten kann. Nur 850 Dollar kostet das Automobil, das ab 1913 als erstes Fahrzeug der Welt am Fließband montiert wird.

Nach dem Ersten Weltkrieg werden Fords Automobile auch nach Europa exportiert. Bald schon rollen über deutsche Straßen Tausende Wagen, aus den USA, aber auch aus Frankreich oder von heimischen Herstellern. Weltweit hat der Autoverkehr einen solchen Umfang angenommen, dass die Nachfrage nach Benzin die Menge, die bei der Petroleumgewinnung abfällt, übersteigt. Von nun an verarbeiten die Konzerne Erdöl gezielt zu Benzin, ist die Gewinnung des einstigen Nebenprodukts der wichtigste Teil des Raffinationsprozesses, kommen neuartige Verfahren zur Anwendung. Auch der Vertrieb des Treibstoffs wandelt sich auf revolutionäre Weise: Schon zu Beginn des neuen Jahrhunderts entstehen in den USA die ersten Tankstellen, bald mit Zapfsäulen unter einem frei stehenden Dach, Kassenhäuschen und einem „Preismast“ in Blickrichtung der Straße. 1923 eröffnet in Hannover schließlich die erste Tankstelle Deutschlands.

Carl Benz erlebt die Anfänge der Massenmotorisierung noch mit. Er stirbt 1929, drei Jahre nach der Vereinigung seines Unternehmens mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft zur Daimler-Benz AG, an den Folgen einer Bronchitis. Bertha Benz überlebt ihren Mann um 15 Jahre. Sie lässt sich in ihrer letzten Lebenszeit zunächst von den Nationalsozialisten vereinnahmen, distanziert sich aber lange vor ihrem Tod 1944 wieder von Adolf Hitler und seinen Anhängern.

Zehn Jahre später gibt es allein in Deutschland knapp 4,5 Millionen Autos. Und wo immer auf der Welt nun bescheidener Wohlstand aufkeimt, setzen sich die Menschen hinters Steuer. An die Frau aber, die mit ihrer Fahrt die Ära der Massenmotorisierung einläutete, erinnern heute lediglich ein paar Denkmäler entlang ihrer Route in der badischen Provinz. So steht etwa in Wiesloch, wo Bertha Benz einst Kraftstoff-Nachschub kaufte, eine Skulptur zu ihren Ehren. Und an dem Haus, in dem sich einst die Apotheke der Stadt befand, prangt heute ein Schild mit der Aufschrift: „1. Tankstelle der Welt“.

2. Das Luftschiff LZ 129 „Hindenburg“

Das im Jahr 1936 fertiggestellte deutsche Starrluftschiff LZ 129 „Hindenburg“ galt zu seiner Zeit als schnellstes und komfortabelstes Verkehrsmittel für die Nordatlantikstrecke. Das NS-Regime nutzte den größten Zeppelin der Welt für Propagandazwecke – u. a. während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Sein Absturz im amerikanischen Lakehurst im Mai 1937 leitete das Ende der Luftschiff-Ära ein.

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Konstruktion und Bau

Der Bau des bis heute weltweit größten Verkehrsluftschiffes LZ 129 „Hindenburg“ begann im Januar 1932. Mit einer Länge von 245 Metern und einem Traggasvolumen von 200.000 Kubikmetern war der Zeppelin dafür konzipiert, mit Helium betrieben zu werden. Leicht entzündlicher Wasserstoff als Traggas war nach dem Absturz des britischen Verkehrsluftschiffs R101 im Oktober 1930 in die Kritik geraten. Da die USA jedoch das weltweite Helium-Monopol besaßen und ein Ausfuhrverbot für Deutschland anordneten, musste die „Hindenburg“ dennoch mit Wasserstoff gefüllt werden.

Auf zwei- bis dreitägigen Linienflügen nach Nord- und Südamerika konnte die „Hindenburg“ anfangs 50 und später bis zu 72 Passagiere sowie Post und Fracht befördern. Die Fahrgasträume lagen erstmalig im Inneren des Luftschiffes und beinhalteten neben den 25 Doppelkabinen einen Gesellschaftsraum, einen Speisesaal, eine Bar und einen Rauchsalon.

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NS-Propaganda

Der NS-Staat war früh im Luftschiffbau involviert und nahm Einfluss auf die Verwendung der Zeppeline. Ende 1933 vergab das Reichsluftfahrtministerium an die Luftschiffbau Zeppelin GmbH ein unverzinsliches Darlehen in Höhe von drei Millionen Reichsmark und sicherte damit die restliche Finanzierung des Baus von LZ 129. Im Gegenzug forderten die Nationalsozialisten die staatliche Beteiligung an einer Luftschiffreederei, die 1935 mit Gründung der Deutschen Zeppelin-Reederei GmbH (DZR) erfolgte. Den Namen „Hindenburg“ zu Ehren des ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg segnete Reichskanzler Adolf Hitler persönlich ab – auch „Germania“ war als möglicher Name für das neue Luftschiff vorgeschlagen worden.

LZ 129 „Hindenburg“ war von Beginn an auch für Propagandafahrten vorgesehen – auf seinen Heckfinnen prangten große Hakenkreuzflaggen. Bereits kurz nach seiner Indienststellung am 16. März 1936 verteilte das Luftschiff gemeinsam mit LZ 127 „Graf Zeppelin“ vom 26. bis 29. März 1936 über mehreren deutschen Städten Propagandamaterial anlässlich der bevorstehenden Reichstagswahl. Das NS-Regime nutzte diese Scheinwahl, um die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes durch die Wehrmacht nur wenige Wochen zuvor zu legitimieren. Ebenfalls flog der Zeppelin zur Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele am 1. August 1936 über die Zuschauerränge des Olympiastadions in Berlin.

Am 6. Mai 1937 geriet LZ 129 „Hindenburg“ bei der Landung in Lakehurst südlich von New York in Brand und stürzte aus 60 Metern Höhe ab. 22 Besatzungsmitglieder und 13 Fahrgäste der insgesamt 97 Menschen an Bord des Luftschiffes starben bei dem Unglück. Als Reaktion darauf stellte Deutschland den Luftschiffverkehr ein. Weitere Pläne und Bauvorhaben für heliumbetriebene Zeppeline kamen spätestens mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zum Erliegen. Nach 1945 machte die Weiterentwicklung von leistungsfähigeren Hubschraubern und Langstreckenflugzeugen den Luftschiffbau schließlich obsolet.


Einige Menschen stehen an einer Straße. Über einem Haus fliegt der Zeppelin LZ 129 „Hindenburg“.
Das Luftschiff LZ 129 „Hindenburg“ auf einem Propagandaflug während der Olympischen Sommerspiele über der Wilhelmstraße in Berlin, Juli 1936.Quelle: BArch, Bild 183-G00352 / o. Ang.

3. 1817 Laufmaschine. Karl Friedrich Freiherr von Drais

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Der gelernte badische Forstmeister Karl Friedrich Freiherr von Drais war einer der genialsten und eigenwilligsten Erfinder seiner Zeit. Er baute unter anderem die erste Tastenschreibmaschine. Seine bedeutendste Erfindung aber ist das „Ur-Fahrrad“. Mit der hölzernen Laufmaschine fuhr er am 12. Juni 1817 in nur einer Stunde vom Schloss bis zur Pferdewechselstation in der Relaisstraße und zurück. Er begründete damit den modernen Individualverkehr.


Karl Drais wird am 29. April 1785 als Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn in Karlsruhe geboren. Sein Vater ist der badische Oberhofrichter Karl Wilhelm von Drais und sein Taufpate kein Geringerer als der Markgraf Carl Friedrich von Baden. Der junge Drais genügt während der Schulzeit nicht unbedingt den Erwartungen seiner Familie. Vor allem das Fach Latein langweilt ihn. Stattdessen beschäftigt er sich lieber mit mathematischen und mechanischen Problemen. Nach dem Realschulabschluss schickt ihn sein Vater zum Onkel in die Forstlehranstalt nach Schwetzingen. Danach studiert Drais Baukunst, Landwirtschaft und Physik in Heidelberg, kehrt dann aber zur praktischen Ausbildung an die Forstlehranstalt zurück und wird Forstmeister. Schon bald wird er von dieser Tätigkeit freigestellt und kann sich seinen zahlreichen Tüfteleien widmen. Als das Oberhofgericht im Jahre 1810 nach Mannheim verlegt wird, zieht er mit dem Vater dorthin um.

Die Liste seiner Erfindungen ist lang. Drais stellt nicht nur eine Formel zur Lösung komplizierter mathematischer Gleichungen auf (1810), sondern  konstruiert 1812 eine Maschine, die während des Klavierspielens auf einer sich drehenden Walze die Noten aufschreibt. Im Jahre 1813 entwickelt er eine Rechenart im dualen Zahlensystem und 1814 einen "Wagen ohne Pferde". Seine "Schnellschreibmaschine" von 1825 nimmt mit ihrer Codierung das spätere Morsealphabet vorweg. Sogar ein neuartiger "Holzsparherd" (1833) und eine "Kochmaschine" (1834) gehören zu den Erfindungen des einfallsreichen Freiherrn.

Die bedeutendste Erfindung jedoch ist ein zweirädriges, hölzernes Fahrzeug, das von der Muskelkraft seines Fahrers angetrieben wird: die Laufmaschine. Mit ihr fährt Drais am 12. Juni 1817 in nur einer knappen Stunde vom Mannheimer Schloss bis zur Schwetzinger Pferdewechselstation in der heutigen Relaistraße und zurück. Die Pferdepost braucht für die gleiche Strecke vier Stunden! Trotz dieser eindrucksvollen Demonstration reagieren die Mannheimer höhnisch und ablehnend auf die Laufmaschine. Drais wird als Sonderling verspottet. Später wird die Laufmaschine in ganz Europa erfolgreich nachgebaut. Drais selbst aber kann aus seiner genialen Erfindung keinen wirtschaftlichen Nutzen ziehen.  

Er hat darunter zu leiden, dass unter dem Vorsitz seines Vaters der radikale Burschenschaftler Carl Ludwig Sand wegen der politisch motivierten Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue 1820 zum Tode verurteilt wurde. Als überzeugter Demokrat bekennt sich Drais 1838 öffentlich zu seiner Überzeugung und wird bei der badischen Revolution 1848/1849 Mitglied der Bürgerwehr. Er legt seinen Adelstitel ab und muss dafür seine gesellschaftliche Ächtung in Kauf nehmen. Am Ende seines Lebens droht ihm sogar die Entmündigung.  Völlig verarmt stirbt Karl Drais, krank an Körper und Geist, am 10. Dezember 1851 in Karlsruhe und wird dort still und unbeachtet beigesetzt.

Der Wert seiner Hinterlassenschaft, darunter die Kochmaschine, das Ofenmodell, und die Schnellschreibmaschine werden auf 30 Gulden geschätzt. Davon entfallen drei Gulden auf die Laufmaschine. Der aber ist eine glänzende Zukunft beschieden. Sie mausert sich zum Fahrrad und tritt einen Siegeszug ohnegleichen rund um den Globus an. Mit seinem Geistesblitz hat Karl Drais der Menschheit eine der nützlichsten Erfindungen der Geschichte geschenkt.

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4. Erste Eisenbahn. Im Tempo des Fortschritts.

Wer um 1830 in Bayern verreisen will, ist auf Postkutschen und Pferdewagen angewiesen. Doch 1835 hält der technische Fortschritt Einzug ins Königreich: Der »Adler«, eine in England gebaute Lokomotive, zieht einen Zug von Nürnberg nach Fürth. Es ist die erste deutsche Eisenbahnfahrt unter Dampf – und der Beginn einer neuen Ära

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IM FÜHRERSTAND steuert der Schotte William Wilson (mit Zylinder) den »Adler« von Nürnberg nach Fürth: In Deutschland gibt es noch keine Lokomotivführer

Jung ist das Königreich Bayern. Und doch bahnt sich in Nürnberg 1835 eine Revolution an, die den Staat, ja ganz Deutschland tief greifend verändern wird. Seit der Proklamation des Kurfürsten Maximilian Joseph zu Bayerns erstem König hat sich das Land ohnehin schon drastisch gewandelt. Es hat Gebiete verloren und hinzugewonnen, hat sich eine Verfassung und eine einheitliche Steuergesetzgebung gegeben.

Auf dem Papier ist Bayern geeint. Doch wirtschaftlich zerfällt der Flächenstaat noch immer in die alten Regionen. Es fehlt an der nötigen Infrastruktur, die Franken, Bayerisch-Schwaben, die Oberpfalz sowie Ober- und Niederbayern miteinander verbindet. Die Straßen sind schlecht, und Pferdefuhrwerke reichen nicht mehr aus für die Bedürfnisse des wachsenden Handels. Visionäre Kaufleute träumen von modernen Verkehrsmitteln, wie sie in England bereits erfolgreich eingesetzt werden. Im Dezember 1835 soll dieser Traum wahr werden: mit der Jungfernfahrt von Deutschlands erster dampfgetriebener Eisenbahn.

Der Start wird erfolgreich sein und das junge Königreich an die Spitze eines technischen, ökonomischen, sozialen und politischen Wandels setzen, dessen Geschwindigkeit und Ausmaße nie da gewesene Dimensionen erreichen. Die Eisenbahn wird die gesamte Wirtschaft auf neue Grundlagen stellen, zur Gründung unzähliger Fabriken führen und alten Schichten angestammte Privilegien rauben. Sie wird die Landschaft verändern, Berge und Täler überwinden. Wird Arbeitswelt und Nachrichtentechnik revolutionieren – und sogar die Zeitrechnung.

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SECHS TONNEN schwer ist der »Adler«. Um eine Leistung von 41 PS zu erbringen, muss an die in England gebaute Lokomotive ein Tender mit Kohle und Wasser gekoppelt sein

NÜRNBERGS TURMUHREN zeigen noch nicht sieben Uhr an diesem dunklen, kalten Montagmorgen 1835, und doch sind schon Tausende auf den Beinen. Familien mit Kindern, Bürger, Honoratioren. Aus vielen deutschen Staaten sind Zeitungskorrespondenten in die Stadt gereist, die erst seit 1806 zum Königreich Bayern gehört.

Die Menschen ström zu einem Platz vor der Stadtmauer, wo früher Marktschreier ihre Waren anpriesen. Gleich daneben liegt der neue Bahnhof, erbaut von der „Königlich privilegierten Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft“, dem ersten deutschen Unternehmen, das es wagt, einen Zug auf die Reise zu schicken: eine dampfgetriebene Maschine und neun Passagierwagen auf den sechs Kilometer langen Schienenweg entlang der Chaussee von Nürnberg nach Fürth. Es ist der 7. Dezember 1835. Um neun Uhr, eine Stunde nach Sonnenaufgang, soll der Zug, dessen Lokomotive man „Adler“ getauft hat, zu seiner neunminütigen Jungfernfahrt aufbrechen. Am Startplatz hat die Bahngesellschaft für Aktionäre und Gäste eine Tribüne aufbauen lassen, Fahnen flattern, eine Kapelle spielt auf.

Alle wollen den »ADLER« sehen

Neugierig drängt sich die Menge um die Passagierwagen – Fahrgestelle mit eisernen Rädern, auf die Kutschabteile samt Fahrerböcken montiert sind: Denn die Eisenbahn soll nur zwei- bis dreimal täglich vom Dampfwagen gezogen werden, sonst aber von Pferden. Zu teuer ist die Kohle, mit der die Lokomotive befeuert wird.

Der zischende „Adler“ steht am Anfang des Schienenwegs. Die Lokomotive ist rund sechs Tonnen schwer, gebaut von der Firma Robert Stephenson & Co. in Newcastle upon Tyne, dem führenden britischen Dampfwagenhersteller. Fast sieben Meter misst die Zugmaschine samt dem angehängten Tender, auf dem Kohle und Wasser mitgeführt werden. Sie steht auf sechs roten Eisenrädern, von denen die beiden mittleren deutlich größer sind: die Antriebsräder. Längs darüber liegt der grün gestrichene Dampfkessel, an seinem vorderen Ende ragt etwa zwei Meter hoch ein schwarzer Schornstein in den Himmel.

Die Dampfmaschine verleiht dem „Adler“ die Zugkraft von 41 Pferdestärken und macht die Lokomotive damit zum größten, schwersten, stärksten und schnellsten Fahrzeug in Deutschland. Im Führerstand steht ein junger Mann an Hebeln und Ventilrädern. Er trägt Frack, Zylinder, weiße Handschuhe: William Wilson, 26, schottischer Maschineningenieur, ist von seiner Firma nach Nürnberg geschickt worden. Kurz vor neun Uhr erhöht Wilson den Druck im Kessel. Der „Adler“ ist bereit zu seiner ersten Fahrt. Deutschland ist zu dieser Zeit noch ein rückständiges Agrarland, häufig geschüttelt von Missernten und Hungerkrisen. Die meisten Menschen leben auf dem Land, die Städte sind bis auf wenige Ausnahmen provinziell.

Ein großes Hindernis für die Entwicklung von Industrie und Handel ist die politische und wirtschaftliche Zerrissenheit. Der Deutsche Bund, 1815 auf dem Wiener Kongress gegründet, besteht aus fast 40 autonomen Fürstenstaaten und freien Städten – und alle prägen eigene Münzen, haben eigene Steuer- und Rechtsordnungen. Dazu gibt es etliche Maßund Gewichtssysteme, selbst unterschiedliche Uhrzeiten: Schlägt es vom Rathausturm in Görlitz 12.00 Uhr, zeigen die Uhren in Berlin 11.53 Uhr und die in Bonn 11.28 Uhr.

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MIT 40 KM/H bewegt sich der erste deutsche Zug durch die Landschaft zwischen Nürnberg und Fürth. Für die meisten der etwa 200 Passagiere eine völlig neue Erfahrung – noch nie haben sie ein solches Tempo erlebt

Doch seit 1815 kämpfen viele Fabrikanten und Kaufleute für Handelsfreiheit. Einer ihrer Vordenker ist der Ökonom Friedrich List. „38 Zoll- und Mautlinien in Deutschland lähmen den Verkehr im Innern“, zürnt er in einer Schrift 1819, „und bringen ungefähr dieselbe Wirkung hervor, wie wenn jedes Glied des menschlichen Körpers unterbunden wird, damit das Blut ja nicht in ein anderes überfließe.“ Wie hinderlich Binnenzölle sind, haben die Bayern da längst erkannt. Montgelas, wichtigster Minister des ersten bayerischen Königs Maximilian I. Joseph, hat bereits 1807 die letzten Maut-, Zoll- und Brückengelder innerhalb der eigenen Grenzen abgeschafft, um damit den Handel zu stärken und das Königreich konkurrenzfähig zu halten im wachsenden internationalen Wettbewerb (siehe Seite 22).

Viele Reformer setzen auf die Eisenbahn, um Deutschland aus der Rückständigkeit zu führen – und blicken dabei bewundernd auf Großbritannien. Dort rollen schon seit einigen Jahren Lokomotiven.

Im Februar 1804 hat der Bergwerksingenieur und Maschinenbauer Richard Trevithick für den Besitzer einer Eisenhütte erstmals eine Dampfmaschine auf Schienen gesetzt – eine Lokomotive, die eine Ladung von zehn Tonnen befördern und so die bis dahin üblichen Transportpferde ersetzen sollte. Trevithicks Lokomotive bewältigt zwar die Last, doch die gusseisernen Gleise waren zu spröde für das Gewicht von Lok und Ladung. Erst der Ingenieur John Blenkinsop konstruierte 1812 eine Bahn, die für den Transport schwerer Lasten geeignet ist.

Schnell zeigte sich, dass die neue Technik auch zur Beförderung von Menschen eingesetzt werden kann. 1830 ging die erste Fernbahnlinie für Waren und Fahrgäste auf einer etwa 50 Kilometer langen Strecke zwischen dem Baumwollhafen Liverpool und der Textilstadt Manchester in Betrieb. Gezogen wurden die Waggons von Lokomotiven aus den Werkstätten George Stephensons, der zuvor einen Wettbewerb um die beste Zugmaschine für die Liverpool-Manchester-Strecke gewonnen hatte. Schnell machten die rollenden Dampfmaschinen Stephensons Fabrik berühmt, auch auf dem Kontinent erhielt er nun Aufträge zur Planung einer Eisenbahn, etwa in Belgien.

In Deutschland dagegen sind Reisende und Händler noch lange Zeit auf Postkutschen und Pferdewagen angewiesen. Zwar versuchen Ingenieure der Königlichen Eisengießerei in Berlin bereits 1816, einen funktionsfähigen Dampfwagen zu bauen: Die Preußen haben zwei Beamte nach Großbritannien entsandt, um Eisenbahnen zu studieren. Doch ihre Lokomotive kommt über eine Testphase nicht hinaus.

Etwas früher ersinnt der bayerische Bergbaudirektor Joseph von Baader eine Pferdebahn auf Schienen. 1814 verblüfft er Zuschauer in München bei einer Vorführung damit, dass die Kraft eines kleinen Hundes ausreicht, um einen mit drei Menschen besetzten Modellwagen über ein Gleis zu bewegen – so gering ist der Reibungswiderstand von Metallrädern auf Metallschienen. 1826 baut er eine 250 Meter lange Versuchsstrecke im Maßstab 1:1 im Nymphenburger Schlosspark auf. König Ludwig I., seit einem Jahr auf dem bayerischen Thron, ist beeindruckt von der neuen Technik.

Doch Baaders „System der fortschaffenden Mechanik“, wie er es selbst nennt, hat einen gewaltigen Nachteil: Es ist für den tatsächlichen Einsatz viel zu kompliziert. Die Schienen ruhen auf Stützen und Stelzen, die Wagen werden durch ein zusätzliches großes Rad an der Seite auf den Gleisen gehalten, an Steigungen sollen stationäre, mit Dampf betriebene Bergwinden die Waggons ziehen. Baaders System, so wird es sich bald erweisen, ist ein Irrweg.

Die Eisenbahn selbst aber ist es nicht. Unter anderem mit ihrer Hilfe will Friedrich List, der frühliberale Ökonom, aus den deutschen Kleinstaaten einen einheitlichen Markt formen: Ein grenzüberschreitender Bahnverkehr könnte zur Aufhebung aller Binnenzölle führen. 1833 entwirft er ein Streckennetz, das zwischen dem bayerischen Lindau und der Hansemetropole Lübeck die wichtigsten Städte miteinander verbindet – mit Berlin und Leipzig als Knotenpunkten. Und tatsächlich schließen sich 1834 18 Königreiche, Fürsten und Herzogtümer mit insgesamt 23 Millionen Einwohnern zum Deutschen Zollverein zusammen, um die ärgsten Handelshemmnisse aus der Welt zu schaffen.

AUCH BAYERN GEHÖRT zu diesem Verbund. Vor allem die Händler in Nürnberg sind erfreut über die neuen Entwicklungen. Denn die Geschäfte laufen schlecht.

Der Fernhandel mit Kolonial-, Metall-, Holz- und Spielwaren, mit Tabak, Spiegeln und Kämmen, der die Stadt reich gemacht hat, ist rückläufig. Die Schutzzölle, mit denen die europäischen Regierungen ausländische Waren verteuern, sind hoch, der Warentransport kostet viel Geld. Seit Jahren suchen die Kaufleute nach einem Ausweg aus der Krise. Nürnberg liegt auf halber Strecke zwischen Main und Donau – und damit zwischen zwei gewaltigen Wirtschaftsräumen, dem Schwarzen Meer und der Nordsee.

Eine schnelle Verbindung zwischen beiden Flüssen könnte Ströme ausländischer Waren wieder in die Stadt lenken, den Absatz eigener Produkte erleichtern. Zudem ist Eile geboten. Seit 1832 verbindet eine Pferdebahn das oberösterreichische Linz an der Donau mit dem böhmischen Budweis an der Moldau. Die Warenströme aus Südosteuropa laufen damit nicht nur an Nürnberg, sondern an ganz Bayern vorbei.

Die Nürnberger Kaufleute wollen deshalb die Eisenbahn. Ihr Landesherr, König Ludwig I. von Bayern, bevorzugt dagegen – wie auch etliche seiner Berater – einen Kanal. Die Ernüchterung über das Baadersche System hat seine anfängliche Begeisterung für die Bahn erst einmal abkühlen lassen (ab 1846 wird der 172 Kilometer lange Ludwig-Donau-Main-Kanal Kelheim an der Donau und Bamberg an einem Zufluss des Mains miteinander verbinden). Landtag und Regierung stellen sich der privaten Initiative für eine Bahn aber auch nicht in den Weg und lassen die Nürnberger Kaufleute machen.

Die streben als Erstes den Bau einer sechs Kilometer langen Verbindung nach Fürth an. Denn das Verkehrsaufkommen zwischen den beiden fränkischen Handelsstädten ist gewaltig. Eine Zählung im Frühjahr 1833 hat ergeben, dass jährlich 612.470 Personen und 39.420 Fuhrwerke mit 86.140 Pferden auf der Strecke unterwegs sind. Und so gründen die Nürnberger noch im gleichen Jahr die erste Eisenbahn-Aktiengesellschaft Deutschlands. 100 Gulden kostet eine Aktie, und in kurzer Zeit zeichnen 207 Gesellschafter Anteile an der Bahn. Auch das Königshaus beteiligt sich – mit zwei Papieren (die 200 Gulden für den Kauf fließen allerdings erst nach mehrmaliger Mahnung).

Immerhin: 1834 stellt die Regierung einen Vermessungsingenieur frei, der die Trasse projektiert und auch die Bauleitung übernimmt. Zudem erhält das Konsortium von Ludwig I. das Privileg der Personenbeförderung auf der Strecke. Die Kaufleute taufen ihre Unternehmung daraufhin „Königlich privilegierte Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft“. Mühe macht der Landerwerb für die Trasse. Manche der 90 Grundbesitzer zwischen Nürnberg und Fürth wollen nicht an das Konsortium verkaufen, jedenfalls nicht für diesen Zweck. So treiben sie die Preise in die Höhe und damit die Kosten für die Bahnpioniere.

EIN WEITERES PROBLEM sind die Gleise. Gusseisen ist zu spröde für Schienen. Die Stränge müssen aus gewalztem Eisen gelegt werden. Doch diese Technik beherrschen nur wenige Eisenwerke in Deutschland. Fündig werden die Pioniere schließlich bei einer Firma in Rasselstein bei Neuwied. Den Bau der Lokomotive müssen die Ludwigs-Eisenbahner notgedrungen in Großbritannien in Auftrag geben. Zwar haben sich die Direktoren zuvor in den deutschen Ländern nach einem Konstrukteur umgetan. Doch gemeldet haben sich nur zwei Hochstapler aus Württemberg. Sie hatten sich erboten, für 4500 Gulden eine Dampflok zu bauen, ließen jedoch nichts mehr von sich hören, als sie den Auftrag tatsächlich erhielten.

Viele haben ANGST vor der Eisenbahn

Die Lokomotivbauer bei George Stephenson verlangen für die Zugmaschine samt Tender rund 14.000 Gulden. Am 16. Mai 1835 geben die Nürnberger ihre Bestellung ab, am 3. September geht der „Adler“ mit der Seriennummer 118 in die Fracht. Zerlegt in 100 Teile, in 19 Kisten verpackt, tritt die Lokomotive ihre Reise an: zunächst von Newcastle auf dem Wasserweg über Rotterdam bis nach Köln. In der Domstadt werden die Maschinenteile auf acht Pferdefuhrwerke umgeladen und rumpeln schließlich auf dem Landweg nach Nürnberg.

Mit dem „Adler“ wird die noch heute in fast ganz Europa gebräuchliche Spurweite von vier Fuß und acht Zoll eingeführt – wie zu jener Zeit für englische Dampfloks vorgeschrieben: 143,5 Zentimeter. Auch die Schienen, auf denen der Zug von Nürnberg nach Fürth rollen soll, werden in exakt diesem Abstand verlegt. Am 26. Oktober treffen die Kisten am Ziel ein. Einen Tag zuvor ist William Wilson angekommen. Der künftige Zugführer hat ein Zimmer im Nürnberger Gasthaus „Wilder Mann“ bezogen.

Der britische Ingenieur soll zunächst darüber wachen, dass die Einzelteile des „Adler“ richtig zusammengefügt werden. Die Bahngesellschaft zahlt ihm für seine Dienste 1500 Gulden Honorar im Jahr – 20 Prozent mehr, als der Bahndirektor erhält. Wilson soll eigentlich nach acht Monaten seine Entwicklungshilfe in Nürnberg beenden und in die Heimat zurückkehren; tatsächlich aber wird sich der Schotte in eine Fränkin verlieben und bis zu seinem Tod 1862 in Nürnberg bleiben – hochgeachtet als Nestor der deutschen Lokführer.

Nürnberg, 7. Dezember 1835, 9.00 Uhr: Honoratioren sprechen zum Publikum, dann Jubel und Hochrufe auf den König, der freilich gar nicht anwesend ist. Auch kein anderer Vertreter aus dem Hause Wittelsbach wohnt der Premiere bei, die zur Initialzündung der Industrialisierung in Bayern und nahezu umgehend auch in den restlichen deutschen Staaten werden wird. William Wilson bringt den Kessel auf Betriebstemperatur. Auf dem Tender assistiert ihm der Nürnberger Johann Georg Hieronymus. Der Schornstein pafft jetzt weiße Dampfwolken, die in der kühlen Winterluft kondensieren und feinen Regen auf die Umstehenden niedergehen lassen. In den neun gelben Wagen haben rund 200 Passagiere Platz genommen.

Die Bahngründer rechnen mit Reisenden überwiegend aus dem Adel und dem Bürgertum. Also haben sie drei Waggons der 1. Klasse bauen lassen, ausgeschlagen mit feinem Tuch und mit Glasfenstern; außerdem vier Wagen der 2. Klasse, in deren Fenstern nur Vorhänge wehen, und zwei Wagen für die 3. Klasse – offen, ohne Türen und mit Holzbänken.

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BETREIBER der Bahnstrecke nach Fürth ist die »Königlich privilegierte Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft«, ein Privatunternehmen. Dessen Erfolg spricht sich herum: Bis 1845 gründen sich in Deutschland mindestens 28 weitere Unternehmen dieser Art

Dann donnert ein Kanonenschuss: das Signal zum Aufbruch. Langsam setzt sich Deutschlands erster Dampfzug in Bewegung. Schließlich rattert der „Adler“ mit mehr als 40 km/h übers Land, vorbei an Feldern und Weiden. Die Waggons sind mit bayerischen Fahnen behängt, und rechts und links des Bahndammes stehen zahllose Neugierige in sicherem Abstand. Viele winken und applaudieren.

Es ist Wilsons großer Tag. Bedächtig schaufelt der Mann auf dem Führerstand des „Adler“ die Kohle in die Feuerbüchse. Die Zugmaschine schnaubt und schüttelt sich auf der Fahrt, doch der Mann im Frack ist die Ruhe selbst. Nach neun Minuten Fahrt erreicht der „Adler“ Fürth. Es hätte schneller gehen können, doch Wilson ist vom Direktorium angehalten worden, langsam zu fahren, um „die köstliche Maschine tunlichst zu schonen“. In Fürth nehmen die Premierengäste ein kurzes Frühstück im Gasthof „Kronprinz von Preußen“ ein, dann treten sie die Rückfahrt an.

Wohl keiner der Fahrgäste hat je zuvor ein solches Tempo erlebt – selbst die leichten Eilkutschen der Bayerischen Post bringen es nur auf eine Reisegeschwindigkeit von zwölf km/h. Ein mitreisender Korrespondent des „Stuttgarter Morgenblatts“ berichtet seinen Lesern, „dass die Bewegung durchaus angenehm, ja wohltuend ist“. Jedoch: „Wer zum Schwindel neigt, muss es freilich vermeiden, die vorüberfliegenden, näher gelegenen Gegenstände ins Auge zu fassen.“

Aber nicht überall löst das neue Gefährt Begeisterung aus. Viele Adelige, notiert ein Unternehmer, sähen in der Eisenbahn den „Leichenwagen, der Absolutismus und Feudalismus zum Kirchhofe“ fährt. Kutscher, Schmiede, Sattler und Seiler fürchten die „Vernichtung ihrer Gewerbe“. Und in einer Petition an König Ludwig I. verlangen 27 Nürnberger Fuhrunternehmer von den Eisenbahngesellschaftern eine Entschädigung dafür, „dass sie uns die Ausübung unserer Rechte fortan unmöglich machen“ – allerdings vergebens.

Die Besitzer der Eisenbahn-Aktien scheinen eine glänzende Investition gemacht zu haben: Nach nur drei Monaten bilanziert die Gesellschaft eine Rendite von 13,5 Prozent auf das Anlagekapital. Die Bahn hat da bereits 74.512 Menschen befördert, mehr als 800 pro Tag. Nur etwas mehr als die Hälfte der Passagiere nutzt die Bahn im Dampfbetrieb – der Rest fährt mit dem Zug, wenn Pferde den „Adler“ ersetzen. Neun Kreuzer kostet eine Fahrt in der 2. Klasse, etwa ein Drittel dessen, was ein Bauarbeiter pro Tag verdient.

Vor allem die Abteile der 3. Klasse sind, so ein Beobachter, „ständig gefüllt mit Weibern, Israeliten, Handwerksburschen, beurlaubten Soldaten und Hunderten in ihren Mitteln beschränkten Personen“. Viele versuchen, außerhalb des Bahnhofs auf die offenen Wagen zu springen. So einträglich ist das Geschäft, dass die Gesellschaft noch im ersten Betriebsjahr beschließt, „zur Vermehrung des Transports eine neue Dampfmaschine und drei neue Transportwagen“ anzuschaffen – vor allem, um den „Adler“ zu ersetzen, wenn er repariert oder gewartet wird. Von weit her reisen jetzt Interessierte an, die sich über die neue Technik informieren: Ingenieure, Militärs, Ökonomen, Mediziner. Selbst der preußische Thronfolger Friedrich Wilhelm besucht Nürnberg für eine Fahrt nach Fürth.

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1846 KREUZT die Trasse Nürnberg–Fürth den Ludwig-Donau-Main-Kanal, der über eine Länge von 172 Kilometern die bayerischen Städte Bamberg und Kelheim verbindet. Die neu angelegten Verkehrswege zu Land und zu Wasser versorgen Betriebe im ganzen Land mit benötigten Gütern – und befeuern so die Industrialisierung

Als einer der letzten in der Reihe der Honoratioren kommt der bayerische König: Am 17. August 1836, gut acht Monate nach Inbetriebnahme, inspiziert Ludwig die Dampfbahn. Und ist beeindruckt. Im Anschluss an eine erste, gemächliche Testfahrt verlangt er nach einer Extratour. Diesmal dauert die Reise bei einer Spitzengeschwindigkeit von annähernd 70 km/h nur fünfdreiviertel Minuten. Vielleicht ahnt der König da schon, was diese Maschine für die politische Ordnung in seinem Reich bedeutet. Denn er formuliert nach der Fahrt in düsteren Versen: „Jetzo lösen in Dampf sich auf die Verhältnisse alle / und die Sterblichen treibt jetzo des Dampfes Gewalt, / allgemeiner Gleichheit rastloser Beförd’rer. Vernichtet wird / die Liebe des Volkes nun zu dem Land der Geburt.“

Preußens Kronprinz Friedrich Wilhelm hingegen stellt nüchtern fest: „Diesen Karren, der durch die Welt rollt, hält kein Menschenarm mehr auf.“

UND TATSÄCHLICH: Der Erfolg der Nürnberger Eisenbahner beflügelt die Verfechter des neuen Transportmittels. In vielen deutschen Staaten werden nun Bahnunternehmen gegründet, Strecken gebaut. 1838 dampft ein Zug von Berlin nach Potsdam, im Jahr darauf wird in Sachsen die erste Fernbahn eingeweiht: Sie führt über 116 Kilometer von Leipzig nach Dresden – und bei Oberau sogar durch den ersten Eisenbahntunnel Deutschlands.

Fünf Jahre nach der Jungfernfahrt der ersten deutschen Eisenbahn sind in den Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes 541 Kilometer Gleise verlegt. Und bis 1845 nehmen 28 Eisenbahnunternehmen ihre Strecken in Betrieb – meist Aktiengesellschaften. Nicht selten werden die Wertpapiere binnen weniger Tage mehrfach überzeichnet. „Das Eisenbahnfieber“, schreibt ein rheinischer Unternehmer, „grenzt an Wahnsinn.“

Das Potenzial erkennt auch die bayerische Regierung. Die Ludwigsbahn ist kaum ein Jahr in Betrieb, da sichert sich München ab gegen unternehmerischen Wildwuchs. Ohne offizielle Genehmigung darf in Bayern keine Strecke gebaut werden, auch die Spurweite wird festgeschrieben. 1837 verfügt ein Enteignungsgesetz, dass Grundstücke requiriert werden können, wenn ein öffentliches Interesse daran besteht.

Vier Jahre später schließen Bayern, Sachsen sowie Sachsen-Altenburg einen Vertrag über einen grenzüberschreitenden Eisenbahnverkehr. Die neue Strecke soll von Nürnberg über Bamberg und Hof nach Leipzig führen. Das Abkommen führt zum Bau der Ludwigs-Süd-Nord-Bahn, der ersten bayerischen Staatsbahn, die 1853 Lindau am Bodensee mit Hof verbindet. Dicht gefolgt von der Ludwigs-Westbahn, die im Jahr darauf von Bamberg nach Frankfurt fährt. Der Osten Bayerns wird schließlich 1859 für die Eisenbahn erschlossen.

Nach und nach breiten sich die Schienenstränge auch in den anderen deutschen Staaten aus, immer mehr Menschen nutzen die Züge als Verkehrsmittel: Aus den sechs Kilometern für den „Adler“ sind zehn Jahre später 2150 geworden, nach weiteren fünf Jahren fast 6000 Kilometer. Vor allem auf Wunsch Preußens verknüpfen die Betreiber ihre Trassen im Norden Deutschlands schon bald zu einem großmaschigen Netz: Bereits 1851 können Reisende mit dem ersten durchgehenden Schnellzug in 17 Stunden von Berlin aus Köln erreichen.

1854 verkehren Züge zwischen München und den Metropolen Frankfurt, Stuttgart und Leipzig. Allein das bayerische Eisenbahnnetz umfasst jetzt 1000 Kilometer. 1871 ziehen sich Schienenwege von 20.000 Kilometer Länge durch das neu gegründete Deutsche Reich.

DIE ENTWICKLUNG zwingt die Unternehmen, sich abzustimmen – was vor allem bei der Erstellung der Fahrpläne ein Problem ist. „Die Fahrpläne sind aufgestellt“, heißt es in einem Kursbuch: „in Bayern nach Münchner Zeit, in der Bayerischen Pfalz nach Ludwigshafener Zeit, in Württemberg nach Stuttgarter Zeit, in Baden nach Karlsruher Zeit, im übrigen Deutschland nach der mittleren Ortszeit jeder Station.“ So wird jede längere Reise zur Rechenaufgabe, obwohl die Eisenbahnzeiten im Fahrplan bereits deutlich vereinfacht sind – im Alltag außerhalb der Bahnhöfe gelten häufig noch die tatsächlichen, nach dem Sonnenstand festgesetzten Ortszeiten.

An vielen Bahnstationen hängen deshalb Uhren, die auf dem Ziffernblatt die Differenz zwischen der Eisenbahnzeit und der Ortszeit anzeigen: „+ 19 Min. Berliner Zeit“ ist etwa auf der Uhr am Hauptbahnhof von Frankfurt am Main zu lesen. Denn die auf dem Bahnhof geltende Berliner Zeit ist der Frankfurter Ortszeit um 19 Minuten voraus. Die Eisenbahn verändert das Gefüge der Wirtschaft und lässt gewaltige Industrien heranwachsen: den Steinkohlebergbau, die Eisen- und Stahlproduktion, den Maschinenbau.

Denn für den Bau eines einzigen Bahnkilometers werden rund 160 Tonnen Eisen benötigt. Zur Produktion von Eisen aber braucht es Kohle – einen Rohstoff, über den beispielsweise Bayern kaum verfügt. Erst der Bahnanschluss nach Böhmen (und damit der Zugang zu den dortigen Kohlelagern) ermöglicht es den Hüttenwerken, wie etwa der nach König Maximilian II. benannten Maxhütte in Haidhof und Sulzbach-Rosenberg, die Produktion hochzufahren.

Immer mehr deutsche Firmen spezialisieren sich auf den Lokomotivenbau. Bei einer Wettfahrt von Berlin in die brandenburgische Stadt Jüterbog im Juli 1841 schlägt eine Lokomotive der Berliner Borsig-Werke selbst die Konkurrenz aus England. Im gleichen Jahr fertigt der Maschinenbauer Maffei in München die erste bayerische Lokomotive, wenn auch nach englischem Vorbild. Doch davon lösen sich die Münchner Konstrukteure schnell und entwickeln hochqualitative Zugmaschinen, die an die Herausforderungen des bayerischen Berglandes mit seinen Steigungen und engen Kurven angepasst sind. 1850 produziert die führende deutsche Waggonfabrik des Nürnbergers Johann Friedrich Klett 150 Eisenbahnwagen; 20 Jahre später sind es bereits 2500.

Bald schon stammen fast zwei Drittel der in Deutschland eingesetzten Lokomotiven von einheimischen Herstellern. Die Produktion von Eisen und Stahl steigt in manchen Jahren um 30, zuweilen gar um 50 Prozent. Bereits 1875 beschäftigen nur noch Textilfabrikanten mehr Industriearbeiter als die Direktoren von Maschinenfabriken, Hütten- und Stahlwerken. Der Eisenbahnbau prägt die Landschaft wie kein Verkehrsmittel zuvor, Hügel werden abgetragen, Berge durchstoßen, Täler und Flüsse überwunden.

Ingenieure stehen vor neuen Herausforderungen. Friedrich August von Pauli konstruiert 1853 Bayerns erste Eisenbahnbrücke komplett aus Metallträgern. Nach sechs Jahren Bauzeit überspannt sie auf einer Gesamtlänge von gut 260 Metern in 31 Meter Höhe das Isartal bei Großhesselohe. Doch das schnelle Wachstum der Industrie fordert einen hohen Preis – vor allem von der verarmten Landbevölkerung: Zu Tausenden ziehen Familien aus den Dörfern in die Nähe der deutschen Eisenbahngesellschaften, wo sich die Männer im Gleisbau verdingen.

Im Jahr 1841 verlegen 30.000 Menschen Schienen, graben Tunnel, bauen Brücken; fünf Jahre später sind es schon 178.000. Die Arbeit ist schlecht bezahlt – und hart. Morgens, mittags und abends müssen die Beschäftigten zum Appell antreten, wer während der Arbeitszeit die Baustelle verlässt, wird „arretiert“. Der Tageslohn beträgt zwischen 24 und 36 Kreuzer, der tägliche Grundbedarf eines Bauarbeiters hingegen 31 Kreuzer.

Beim Bau einer Brücke nahe Bielefeld protestieren Arbeiter wegen der geringen Löhne. Häufig kommt es nun zu Unfällen, allein während der Errichtung der 77 Meter hohen Göltzschtalbrücke in Sachsen sterben 31 der 1500 eingesetzten Arbeiter, zahllose weitere erleiden zum Teil schwerste Verletzungen. So kritisch wird die Lage, dass einige Bahngesellschaften beginnen, ihre Arbeiter gegen Unfälle und Krankheiten zu versichern. Die wöchentlich vier Kreuzer für die Krankenkasse werden den Beschäftigten vom Lohn abgezogen.

Schleichend verändert das neue Verkehrsmittel auch die Sicht der Menschen auf die Welt, mehr noch: auch ihr Gefühl für Raum, Zeit und Geschwindigkeit. Informationen, Meinungen, Ideen verbreiten sich nun im Takt der Fahrpläne. Und die Telegraphenleitungen, die bis 1847 an mehr als 40 Eisenbahnstrecken gezogen sind, übertragen Nachrichten nun sekundenschnell.

Als Preußens Kanzler Otto von Bismarck 1871 die deutschen Länder unter Berlins Führung im Kaiserreich eint (siehe Seite 50), rollen über die Gleise des neuen Staates bereits Hunderte spezialisierte Dampflokomotiven: Zugmaschinen für Lokalbahnen, Personenzüge, Schnellzüge und Güterzüge. Manche leisten mehr als 300 PS, die schnellsten erreichen 90 km/h. Doch lange Zeit noch verfügt jede der privat geführten Eisenbahngesellschaften über eigene Strecken, eine eigene Verwaltung, eigenes Betriebspersonal und ein eigenes Preissystem.

Das aber erschwert die dringend nötige Abstimmung und Vernetzung. Und manche Unternehmen, die zu riskant investiert haben, stehen nach einem Börsencrash im Jahr 1873 sogar vor dem Kollaps. Daher kaufen viele Landesregierungen nach und nach die wichtigsten Bahngesellschaften auf – Bayern etwa verstaatlicht das rund 800 Kilometer lange Streckennetz der Ostbahnen. Und ab 1. April 1893 gilt in Deutschland eine neue Zeitrechnung: Bis dahin hat es im Reich noch etliche verschiedene Zeitzonen und Ortszeiten gegeben – sehr zum Ärger der Zugpassagiere. Selbst adelige Reichstagsabgeordnete, jedes Reformeifers unverdächtig, protestierten gegen diese „Ruinen aus der Zeit der Zersplitterung“.

Daher führt die Regierung nun – wie zuvor Österreich-Ungarn, Malta und Italien – die Zeit des 15. Längengrades als allgemein gültige Uhrzeit ein: die Mitteleuropäische Zeit. Auf der Strecke Nürnberg– Fürth aber, wo fast 60 Jahre zuvor mit der Jungfernfahrt des „Adler“ die gewaltigen Umwälzungen ihren Anfang genommen haben, dauert die neue Zeit nicht lange an. Der nur sechs Kilometer lange Eisenstrang verliert zunehmend an Bedeutung, als immer mehr Fahrgäste ab 1896 ein neues Verkehrsmittel nutzen: die elektrische Straßenbahn. So bleibt ihren Betreibern eines Tages nichts anderes übrig, als Deutschlands erste Eisenbahnstrecke stillzulegen. Für immer.

BAYERNS EISENBAHNNETZ, 1864

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IM JAHR 1864 VERFÜGT BAYERN bereits über ein weitverzweigtes Schienennetz, das die meisten Landesteile miteinander verbindet. Deutschlands erste Bahnstrecke, die Trasse zwischen Nürnberg und Fürth, ist da nur noch ein unbedeutender Teil des Verkehrssystems
5. Hoch hinaus: Melli Beese

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Deutschlands erste Pilotin

Melli Beese hob ab: Als erste Frau erwarb sie die „Flugzeugführerlizenz“. Deutschlands erste Pilotin musste enorme Widerstände überwinden, ehe sie am 13. September 1911 – am Tag ihres 25. Geburtstages – die Prüfung bestand. Die Flugpionierin, Konstrukteurin und Unternehmerin erkämpfte sich ihren Platz in der Geschichte - als ebenso tapfere wie tragische Figur.

Amelie Hedwig Beese, geboren 1886 als „höhere Tochter“ nahe Dresden, ging nie den leichten Weg: In einer Zeit, in der für Frauen immer noch in erster Linie „Kinder-Küche-Kirche“ als Lebenszweck vorgesehen war, verfolgte sie unbeirrt höhere Ziele. Bildhauerei konnte sie im Kaiserreich als Frau nicht studieren, also ging sie nach Stockholm. Dort begeisterte sie sich nebenbei für das Segeln und verfolgte fasziniert die Berichte über die Fortschritte in der Fliegerei.

Zurück in Deutschland, besuchte sie 1910 als Gasthörerin Vorlesungen in Mathematik und Mechanik am Technikum Dresden. Aber die Theorie genügte ihr nicht – sie wollte selbst fliegen. Das war seinerzeit unerhört: Frauen durften nicht wählen und galten nicht als voll geschäftsfähig. Die noch junge Fliegerei war die Domäne tollkühner Männer. Aber es gab Vorbilder für Beese: die Französin Élise Deroche bestand am 8. März 1910 als erste Frau der Welt die Pilotenprüfung.

Nur tollkühne Männer in die fliegenden Kisten?

Die „Flugmaschinen Wright GmbH“ der amerikanischen Motorflug-Pioniere Orville und Wilbur, die sich am Flughafen Johannistal in Berlin angesiedelt hatte, war bereits einmal mit einer weiblichen Flugschülerin in Berührung gekommen: der berühmten Luftakrobatin und Fallschirm-Erfinderin Käthe Paulus. Dennoch schickte Wright Beese weiter zu „Ad Astra“, wo Robert Thelen (der spätere Konstrukteur des „Albatros D“-Jagdflugzeugs) sie widerstrebend als Flugschülerin annahm.

Bei einem Flug im Dezember 1910 verunglückten Beese und Thelen nach einem technischen Defekt. Die Schülerin brach sich den Fuß. Gegen die Schmerzen erhielt sie Morphin, was zu einer lebenslangen Abhängigkeit geführt haben soll.

Nach dem Crash weigerte sich Robert Thelen, sie weiter zu unterrichten; Frauen an Bord brächten offensichtlich Unglück, soll er gesagt haben. Beese suchte monatelang eine neue Flugschule und fand sie 1911 schließlich bei den Rumpler-Werken. Edmund Rumpler, Besitzer der Werke und später Schöpfer des legendären „Tropfenwagens“, dessen cw-Wert noch heute Autodesigner staunen lässt, versprach sich von einer weiblichen Pilotin mehr öffentliche Aufmerksamkeit für sein Unternehmen.

Lebensgefährliche „Streiche“ gegen den weiblichen „Eindringling“

"Zerlegbares Flugzeug", Patentanmeldung von Beese (DE278879)

"Zerlegbares Flugzeug", Patentanmeldung von Beese (DE278879)

Nun erst lernte Beese so richtig, was es damals bedeutete, sich als Frau in eine Männerwelt gewagt zu haben: sie wurde von ihren Mitschülern belächelt, ignoriert, angefeindet und sogar sabotiert. Ihre Flugstunden wurden kurzfristig abgesagt oder von anderen belegt, die Flugzeuge hatten plötzlich kein Benzin mehr oder waren angeblich defekt. Einmal bemerkte Beese gerade noch rechtzeitig, dass die Tragflächen-Verspannung ihres Flugzeugs gelöst worden war, was zu einem Absturz geführt hätte. Ihr Ausbilder Hellmuth Hirth tat das als „Streich“ ab und gab indirekt ihr die Schuld; schließlich sei sie in ein „Männer-Revier“ eingedrungen.

Kein Wunder, dass sich Melli Beeses enorm teure Ausbildung monatelang hinzog. Am 13. September 1911 aber traf sie am frühen Morgen lange vor den anderen Flugschülern in Begleitung von eigens bestellten Zeugen am Flugplatz Johannistal ein, flog mit ihrer Rumpler-Taube die vorgeschriebenen Manöver und bestand ihre Prüfung. Sie erhielt die „Flugzeugführerlizenz“ Nummer 115, war also die 115. Person und erste Frau, die in Deutschland offiziell fliegen durfte. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs schafften das in Deutschland nur noch eine Handvoll weiterer Frauen; weltweit sollen es 34 gewesen sein.
Beese gehörte somit zu den "Alten Adlern", wie man später den exklusiven Kreis jener nannte, die vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Pilotenlizenz erworben hatten (dazu gehörte unter anderem auch der Gelegenheits-Erfinder Prinz Heinrich von Preußen).

Eigene Schule, eigene Flugzeugfabrik

Melli Beese und Charles Boutard

Melli Beese und Charles Boutard

Beese erzielte Achtungserfolge bei Flugwettbewerben und setzte eine neue Höhenbestmarke für Frauen. Dann gründete sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Charles Boutard (Flugführerlizenz Nr. 176) und einigen Unterstützern wie dem „Odol“-Hersteller August Lingner die „Flugschule Melli Beese GmbH”. Die straffe und fundierte Ausbildung, die dort geboten wurde, sorgte für einen guten Ruf und wirtschaftlichen Erfolg der Schule.

Beese und Boutard, die 1913 heirateten, produzierten ein eigenes Flugzeug, die „Melli Beese Taube“. Sie war eine Weiterentwicklung der Rumpler-Taube, die ihrerseits auf einer Konstruktion des österreichischen Ingenieurs Igo Etrich basierte ( pdf-Datei FR410711), die im Deutschen Reich keinen Patentschutz hatte. Beese bot ihren „Taube“-Eindecker wesentlich günstiger auf dem Markt an als Rumpler – zu dessen Verdruss.

Aus DE306635

Aus DE306635

Beese profilierte sich nicht nur als Pilotin und Unternehmerin, sondern auch als Ingenieurin: Sie konstruierte unter anderem ein „zerlegbares Flugzeug“, das sie 1912 zum Patent anmeldete ( pdf-Datei DE278879). Außerdem legte sie ein „Verfahren und Vorrichtung zur automatischen Bestimmung der Abtrift von Flugzeugen und Luftschiffen“ vor (1915; pdf-DateiDE306635), einen bemerkenswerten Mechanismus zur sicheren Navigation in der Luft. Darüber hinaus arbeiteten Boutard und Beese an der Konstruktion eines Flugbootes.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges wurden das Ehepaar Beese-Boutard wegen seiner französischen Staatsbürgerschaft von den Behörden schikaniert. Bei Kriegsausbruch mussten sie dann ihre Flugzeugfabrik und Schule schließen und durften den Flugplatz nicht mehr betreten. Boutard wurde als „feindlicher Ausländer“ zunächst interniert, später stellte man beide unter Hausarrest.

Das traurige Ende der Pionierin

Beese im Fliegerpelz

Kein Bärenkostüm, sondern ein damals gebräuchlicher "Fliegerpelz"

Gesundheitlich schwer angeschlagen und wirtschaftlich ruiniert, versuchten beide nach dem Krieg, eine Entschädigung für ihre beschlagnahmten Betriebe zu erhalten. Nach jahrelangem Rechtsstreit erhielten sie inflationsbedingt wenig, und selbst das ging durch Fehlinvestitionen verloren. Sie planten noch als verzweifeltes PR-Projekt einen Flug um die Welt mit zwei Flugzeugen, bekamen aber nicht die nötige finanzielle Unterstützung. Als schließlich auch noch ihre Ehe scheiterte und ihr Versuch, die Fluglizenz zu erneuern, missglückte, nahm sich Melli Beese vor 100 Jahren, am 21. Dezember 1925, das Leben.

Charles Boutard (1884-1952) schlug sich später als Chauffeur durch und lebte bis zu seinem Tod in Berlin. Heute sind nach beiden Schulen und Straßen in Deutschland und Frankreich benannt. Eine schweizerische Uhrenfirma hat Melli Beeses Namen als Marke angemeldet (015963275).

Text: Dr. Jan Björn Potthast; Bilder: Bundesarchiv Bild 183-R20273, Archiv Museum Treptow / Deutsches Museum, DEPATISnet, Archiv Museum Treptow / Deutsches Museum, Bundesarchiv Bild 183-1983-0617-302 CC by SA 3.0DE via Wikimedia Commons

6. Flugpionier Otto Lilienthal. Der Mensch als Vogel.

Der Deutsche Otto Lilienthal ist 1891 der erste Mensch, der sich erfolgreich mit Flügeln in die Lüfte erhebt. Der gelernte Ingenieur entschlüsselt die Grundlagen der Aerodynamik, baut immer raffiniertere Apparate, die ihn schließlich mehrere Hundert Meter weit tragen, wagt mehr als 1000 Startversuche. Bis ihn eines Tages eine gefährliche Böe erfasst.

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Aus Holz, Weidenruten und Baumwollstoff konstruiert Lilienthal seine Fluggeräte, etwa dieses Exemplar mit beweglichen Flügeln

Der Tag, an dem Otto Lilienthal in den Tod stürzt, beginnt heiter. Schönwetterwolken ziehen über den Himmel, Nordostwind weht, am Mittag sollen es rund 20 Grad werden – übliche Bedingungen für einen Flugversuch. Von Berlin reist Lilienthal an diesem 9. August 1896 mit der Bahn zum Dorf Stölln, rund 75 Kilometer westlich der Hauptstadt. Daheim hat sein Bruder Gustav ihn bekniet, die waghalsigen Flüge endlich sein zu lassen. Er solle an seine Ehefrau und die vier Kinder denken. Aber Lilienthal hat nur abgewinkt und gelacht. Mehr als 1000 Mal hat sich der Maschinenfabrikant mit Flugapparaten bereits in den Wind gestürzt und sich dabei nie ernsthaft verletzt. So wird es auch heute sein, davon ist er überzeugt. Lilienthal steigt aus dem Zug und fährt per Droschke zum Gollenberg, einem 109 Meter hohen Hügel. Oft begleiten ihn Freunde oder Flugbegeisterte; an diesem eher kühlen Sommertag erwarten ihn aber nur wenige Zuschauer. Der 48-jährige Lilienthal, Locken und blonder Vollbart, klettert auf die Anhöhe. Oben angekommen, grüßt er einen Assistenten, der schon eines der sperrigen Fluggeräte vorbereitet hat. Heute will der Erfinder das bewährteste von allen nutzen, den „Normal-Segelapparat“.

Knapp sieben Meter Spannweite messen dessen Flügel aus leichtem Baumwollgewebe. In der Mitte hängt der Pilot. Hinter ihm sorgen ein Schwanz und an dessen Ende ein Kreuzsteuer, von Lilienthal als „Schweif“ bezeichnet, für Stabilität. Von unten betrachtet, ähnelt die hölzerne Konstruktion einem riesigen Vogel, der seine Schwingen ausbreitet. Und Vögel sind auch Lilienthals Vorbilder bei seinem großen Ziel: dem Menschen das Fliegen zu ermöglichen.

Was der Berliner Unternehmer in den Jahren zuvor vollbracht hat, ist noch keinem gelungen. Zwar hat der Brite George Cayley schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts Flügel getestet, hat ein Seiten- und ein Höhensteuer entworfen und so die Grundlagen für einen stabilen Flug gelegt. Er soll sogar zweimal einen bemannten Flugapparat zum Gleiten gebracht haben, allerdings ohne Zeugen und mit einem Absturz am Ende: Dass es ihm oder einem anderen je gelungen ist, kontrolliert und wiederholt durch die Luft zu segeln, dafür gibt es keine Belege.

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Viele seiner Flugversuche startet der bei Berlin lebende Pionier von einem Hügel, den er sich im Vorort Lichterfelde aufschütten lässt. Assistenten und Zuschauer verfolgen den Test

Stattdessen konzentrieren sich die Forscher auf die Ballonfahrt. Seit 1783 die französischen Brüder Montgolfier bei Paris erstmals Menschen mit einem Heißluftballon haben aufsteigen lassen (siehe Seite 28), scheint diesem Prinzip die Zukunft zu gehören. Denn Gefährte, die durch erwärmte Luft leichter sind als die umgebende Luft, haben sich bewährt; viel Geld fließt in die Entwicklung von Ballons, um sie im Krieg oder beim Transport von Post einzusetzen. Aber Pioniere wie der Franzose Henry Giffard bemühen sich Mitte des 19. Jahrhunderts vergebens, Ballons mithilfe einer Dampfmaschine verlässlich lenkbar zu machen. Die Gefährte treiben meist weiter dorthin, wohin der Wind sie schiebt.

Andere versuchen sich deshalb doch am Bau von Geräten mit Flügeln und eigenem Antrieb. 1842 lässt sich der Engländer William Samuel Henson den Entwurf eines riesigen Drachenflugzeuges mit fast 46 Meter Spannweite und zwei von einer Dampfmaschine beschleunigten Propellern patentieren. Doch gebaut wird am Ende nur ein viel kleineres Modell mit rund sechs Meter Breite, das sich nicht in der Luft halten kann. Denn noch weiß niemand genau, wie es Vögeln gelingt, sich in die Höhe zu erheben und dort aus eigener Kraft zu bleiben: Weshalb können sie fliegen, obwohl sie schwerer als Luft sind? Und: Könnten die Menschen das auch?

Um das zu beantworten, entstehen in Frankreich, Großbritannien, Russland und den USA Mitte des 19. Jahrhunderts Flugvereine. Anders in den deutschen Staaten. Dort setzt der preußische Kriegsminister 1867 eine Regierungskommission durch. Sie soll die „Bewegungswiderstände im Medium Luft“ entschlüsseln, also Grundlagenforschung betreiben. Auch Otto Lilienthal will herausfinden, wieso Vögel fliegen können. Und anders als der zweifelnde Leiter der preußischen Kommission glaubt er auch fest an den vogelgleichen Menschenflug. Sein Ziel ist die Entwicklung eines Gefährts, das stabil in der Luft gleitet. Und dann will er die Frage klären, wie man es antreibt, damit es möglichst lange oben bleibt. So entwirft und baut er ständig Apparaturen aus Stahl und Weidenruten. Setzt ganze Versuchsreihen unter gleichbleibenden Bedingungen auf und wertet die Daten aus.

Auch am 9. August 1896 spannt sich Otto Lilienthal – wie so oft in den Jahren zuvor – gegen Mittag in den bewährten „Normal-Segelapparat“. Gewöhnlich bringt er als Schutzvorrichtung einen Prellbügel an: eine gebogene, daumendicke Weidenrute vor dem Oberkörper des Fliegers. Sie soll bei einem Aufschlag den ersten Stoß auffangen. Doch heute verzichtet er darauf, vertraut wohl auf seine große Erfahrung und das erprobte Gerät. Und tatsächlich segelt er dreimal über die Wiese ins Tal. Um 14.15 Uhr macht er sich erneut bereit zum Start.

Mit gesenkten Flügeln läuft er gegen den Wind, richtet die Flügel horizontal auf – und fliegt. Ist er bei seinen frühen Versuchen noch in geringer Höhe über den Hang gesegelt, die Beine nach vorn gestreckt, den Oberkörper nach hinten werfend, um dann wie eine Krähe zu landen, so wagt er sich mittlerweile bis in 20 Meter Höhe, sofern die Luft ihn trägt. Jetzt ist er 15 Meter über dem Boden, wieder scheint alles gut zu gehen. Doch dann erfasst ein Windstoß den Apparat, und er kommt mitten in der Luft beinahe zum Stehen.

Lilienthal kennt das, wirft Oberkörper und Beine nach vorn, um wieder Schwung zu bekommen. Plötzlich aber springt der Wind um, vermutlich wegen einer Sonnenböe, bei der sich heiße Luft in Bodennähe unvermittelt löst und besonders rasch aufsteigt. Dadurch verliert Lilienthal den Auftrieb, den er zum Segeln braucht. Sein Apparat stürzt ab, mit der Vorderseite steil nach unten. Vielleicht glaubt Lilienthal auch jetzt noch, er könnte den Segler wieder unter Kontrolle bringen. Hat er bisher nicht für jedes Problem eine Lösung gefunden? Seit er denken kann, ist er so an die Dinge herangegangen, positiv, selbstsicher, das Ziel immer fest im Blick.

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Die fliegerischen Erfolge machen Lilienthal berühmt. Sein Geld verdient er mit einer Firma, die kleine Dampfkessel zum Antrieb von Maschinen fertigt

Schon als Kind beobachtet der 1848 geborene Lilienthal Schwäne und Störche, fängt in seiner Heimatstadt Anklam Schmetterlinge und studiert sie. Auf dem Garnisonsschießplatz macht er mit seinem jüngeren Bruder Gustav erste Flugversuche mit Flügeln aus Brettern. Danach basteln sie künstliche, drei Meter lange Federkiele aus Palisander, auf die sie Gänsefedern nähen, bis ihnen die Fingerspitzen bluten.

Auf dem heimischen Dachboden schnallen sie die Arme an die Flügel, stecken die Füße in damit verbundene Schlingen und strecken beide Beine, um die Flügel hinabzuziehen. Sie wollen aus dem Stand in die Luft emporsteigen wie Vögel – und heben natürlich keinen Zentimeter ab. Ab 1867 besucht Otto die Königliche Gewerbeakademie in Berlin, lernt als angehender Ingenieur mathematische Formeln, Physik, Chemie und Zeichnen, sammelt Wissen über Dampfmaschinen und Eisenbahnen. Doch sogar innerhalb der fortschrittlichen Akademie gilt er wegen seiner Idee, ein Mensch könne fliegen, als Spinner.

In den Ferien experimentieren Gustav und er. Die zwei bauen ein kleines Modell, dessen Flügel wie bei Vögeln auf- und abschlagen sollen; eine aufgezogene Feder liefert die Kraft dafür. Das Modell flattert kurz, stürzt aber, sobald die Feder abgelaufen ist, zu Boden. Eine andere Konstruktion hat Form und Größe eines Storches. Die Spannweite beträgt fast zwei Meter, eine winzige Dampfmaschine aus Messing bringt die Schwingen zum Schlagen. Doch die Flügel sind dem Luftwiderstand nicht gewachsen und gehen schon beim ersten Versuch zu Bruch. Lilienthal nimmt sich die Beantwortung der zwei zentralen Fragen vor: Wie funktioniert ein Flügel? Und was geschieht mit dem Wind, der an ihm entlangstreicht?

In Berlin, wo Otto und Gustav seit 1872 gemeinsam leben, lassen die Brüder in einer Turnhalle zahllose Testreihen ablaufen – sie wollen genau wissen, welche Kräfte auf Flächen wirken, die sich durch die Luft bewegen. An den Enden einer waagerecht stehenden Stange befestigen sie zunächst zwei Flügel aus Pressspan.

Die Stange lassen sie um die eigene Achse drehen wie der Rotor eines Hubschraubers. Mit Federwaagen messen sie den entstehenden Luftwiderstand, wiederholen den Vorgang mit Flügeln aus massivem Holz und aus Messingblech. Bald sehen sie sich in ihrer Vermutung bestätigt, dass schräge und gewölbte Flächen viel besser zum Fliegen geeignet sind als ebene, weil sie stärkere Tragwirkung freisetzen. Am besten ist das Ergebnis, wenn die Wölbung etwa ein Zwölftel so hoch ist wie der Flügel tief. Zwar sind auch andere zeitgenössische Forscher auf die Wölbungen und die schräge Stellung, den sogenannten Anstellwinkel, der Vogelflügel aufmerksam geworden. Aufgezeichnete Messwerte, gar eine dazu passende Theorie aber hat vor den Lilienthals niemand präsentieren können.

Ihre Erkenntnisse werden Jahrzehnte später zur Basis einer neuen Wissenschaft: der Aerodynamik von Tragflächen. Auch durch sie versteht man schließlich, dass Flügel an der Oberseite stärker gewölbt sein müssen als an der Unterseite. Denn so hat die Luft oben einen längeren Weg zurückzulegen, strömt schneller und verliert deswegen an Druck. Oben entsteht also Unterdruck, auf der Unterseite Überdruck. Das gibt dem Flugzeug Auftrieb – und ist der entscheidende Grund dafür, dass Vögel fliegen können. Doch als Lilienthal 1874 seine Untersuchungen macht, fehlt ihm noch immer das Kapital, um sie in einer eigenen Publikation zu veröffentlichen. Er braucht Geld. Auf der Basis des Antriebs für den „Storch“ entwickelt er einen Dampfkessel, lässt sich die Erfindung 1881 patentieren und gründet eine Fabrik zu deren Herstellung.

Seine Kessel sind kleiner und weit weniger explosionsgefährdet als herkömmliche Modelle. Auch weniger wohlhabende Handwerker und Firmen können sie sich leisten, um ihre Maschinen anzutreiben. Mitte der 1880er Jahre beschäftigt Lilienthal bereits 15, bald 60 Mitarbeiter. Erst 1888 hat der inzwischen verheiratete Familienvater Zeit, seine Versuchsreihen zum Flug noch einmal zu wiederholen. Die Resultate bestätigen die Messdaten. Die Ergebnisse veröffentlicht er 1889 in einem Buch mit dem Titel „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“.

Im selben Jahr beginnt Lilienthal mit neuen Versuchen. Anfangs unterstützt ihn dabei wieder sein Bruder. Gemeinsam stehen sie im Garten von seinem neuen Wohnhaus in Lichterfelde bei Berlin und testen, wie der Wind auf ein Flügelpaar von zehn Quadratmeter Größe trifft. Die Umrisse des Apparats ähneln denen eines Vogels mit ausgebreiteten Schwingen. Die Flügel berücksichtigen bereits Ottos Erkenntnisse über den Anstellwinkel.

Die Hebewirkung des Windes ist so groß, dass sich das Gestell überschlägt und Gustav, der in einer schmalen Öffnung der Flügelfläche steckt, kopfüber in den Sand geschleudert wird. Bald wiederholt Otto die Übungen auf einem Hügel in Lichterfelde. Um nicht ständig vom Wind umgerissen zu werden und seinen Apparat besser steuern zu können, befestigt er an dessen Ende einen vertikalen Schweif.

Immer mehr Zeit investiert Lilienthal in seine Tests, beschäftigt auch Fabrikmitarbeiter mit Messungen. Rasch werden die Segler besser. Gustav hingegen sieht die risikoreiche „Flugsache“ zunehmend kritisch. Seinen Bruder begleitet er nur noch selten bei dessen Versuchen. Zu Beginn des Frühjahrs 1891 teilt Otto die Flügelfläche in zwei starre Schwingen – und hat in der Mitte mehr Bewegungsfreiheit. Die Unterarme legt er auf gepolsterte Stangen, seine Hände umfassen Griffe. Gerät er bei einem Versuch in Gefahr, kann er sich so einfach aus dem Apparat herausfallen lassen. Den vertikalen Schweif ergänzt Lilienthal durch einen horizontalen, ähnlich dem Leitwerk eines modernen Flugzeugs, und erhält so noch mehr Stabilität im Wind.

Im Sommer verbringt er fast jeden Sonntag mit Flugversuchen in den Hügeln von Derwitz bei Potsdam. Von der Hügelkuppe aus nimmt er bei leichtem Wind Anlauf und hebt ab. Schon nach wenigen Metern setzt er wieder auf. Um nicht vornüber zu fallen, hebt er dabei die vordere Seite der Flügel an. Etliche Male geht das so – bis er schließlich 25 Meter weit segelt. Von nun an lässt Lilienthal seine Versuche fotografieren. Am 16. November 1891 präsentiert er die Ergebnisse bei einem Vortrag im Verein zur Förderung der Luftschifffahrt, veröffentlicht sie in einer Fachzeitschrift: Stolz erklärt er, dass sich der „schräg abwärts geführte Segelflug mit einem sehr einfachen Apparat gefahrlos einüben lässt“.

In den Jahren darauf sucht Lilienthal höher gelegene Versuchsorte, experimentiert mit doppelten Tragflächen, lernt ständig dazu – und fliegt immer weiter. Dabei entstehen Fotos, auf denen er, in schwarzer Hose und mit Strohhut, zwischen den sieben Meter breiten Fledermausflügeln eines Flugapparats in der Luft hängt. Bis zu 250 Meter legt er jetzt zurück. Als die eindrucksvollen Bilder im September 1893 in einem populären Wissenschaftsmagazin erscheinen, wird der Berliner zur Berühmtheit. Zeitungen berichten über seine Flugversuche, er hält Vorträge. Deutsche und internationale Fachleute besuchen seine Vorführungen, segeln mitunter selbst den Hügel hinab.

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Lilienthal setzt zahlreiche unterschiedliche Gleiter ein, so auch diesen Doppeldecker. Der tödliche Unfall aber ereilt ihn ausgerechnet mit seinem zuverlässigsten Modell

Und Lilienthal versucht nun, seine Erfindungen zu Geld zu machen. 1893 meldet er ein Patent an. Sein darauf basierendes Fluggerät nennt er „Normal-Segelapparat“ und verkauft mindestens acht Exemplare, die meisten zu 500 Mark – so viel kostet ein erstklassiges Fahrrad –, an wohlhabende Enthusiasten in Europa und den USA. Zufrieden aber ist Lilienthal noch immer nicht. Ihm geht es darum, „sich mit einer Flugmaschine vom Boden in die Luft“ zu erheben, wie er im November 1894 bei einem Vortrag erläutert. Bisher bestehe sein „größtes flugtechnisches Verdienst“ darin, sich bei seinen vielen Versuchen „keine Knochen gebrochen“ zu haben.

Dann kommt der Nachmittag des 9. August 1896. Lilienthal hängt im „Normal-Segelapparat“, als das Gerät plötzlich seinen Auftrieb verliert. Vergebens streckt der Pilot Oberkörper und Beine ruckartig nach vorn, um wieder schneller zu werden. Steil rast er auf Gras und Sand zu. Schließlich prallt er auf, ein Flügel des Seglers bricht.

Sein Assistent eilt zur Absturzstelle. Für einen Moment ist Lilienthal ohnmächtig. Als er erwacht, erklärt er seinem erschrockenen Helfer, er wolle sich kurz ausruhen und danach abermals starten. Er spürt offenbar keinen Schmerz, ahnt nicht, wie schwer seine Verletzungen sind.

Sein dritter Halswirbel ist gebrochen, der Unterleib gelähmt. Ein Pferdewagen wird herangekarrt und trägt ihn zu einem nahe gelegenen Gasthaus. Die Nacht verbringt er auf einem eisernen Feldbett. Am nächsten Morgen lässt der benachrichtigte Gustav seinen Bruder mitsamt dem Bett auf einen Leiterwagen hieven und zum Bahnhof fahren. Gemeinsam reisen sie in einem lärmenden Güterwaggon zurück nach Berlin. Otto erkennt Gustav, will ihm noch etwas sagen, doch die Worte bleiben unverständlich. Dann verliert er das Bewusstsein. Lilienthal wird in eine Klinik eingeliefert, doch die Ärzte können nichts mehr für ihn tun. Am 10. August 1896 gegen 17.30 Uhr stirbt er.

Die Nachricht ist ein Schock für die Anhänger der Luftfahrt weltweit. „Durch dieses beklagenswerte Unglück wurde der Mann von uns genommen“, heißt es in einer US-Zeitschrift für Flugbegeisterte, „der bisher das meiste zum Beweis beigetragen hat, dass der Mensch wahrscheinlich fliegen kann; und der in jeder Hinsicht so begabt war, dass ihm, wäre er am Leben geblieben, der Erfolg wahrscheinlich nicht versagt geblieben wäre.“

Berichte über den Tod des berühmten Deutschen erreichen auch zwei fluginteressierte Fahrradhersteller aus Ohio. Sie nehmen die Nachricht zum Anlass, eigene Forschungen anzufangen. Von Lilienthals Buch sind sie begeistert. Das Werk sei „außerordentlich“, notieren sie, „das Beste, was gedruckt vorliegt“. Ihre Namen: Wilbur und Orville Wright.

7. Vom Wind getragen

Weil ihnen ab 1920 Motorflugzeuge verboten sind, entdecken viele Deutsche den Segelflug.

Trifft ein Luftstrom auf einen Hang, wird er nach oben abgelenkt; Experten sprechen vom „Aufwind“. Sie gehen schon länger davon aus, dass die Strömung stark genug ist, um ein Flugzeug auch ohne Motor in die Höhe zu tragen. Doch erst wagemutige Piloten werden dieses Phänomen nachweisen. Männer wie Arthur Martens. Am 18. August 1922 steuert der 25-jährige Maschinenbaustudent auf den steilen Westhang der Wasserkuppe zu, der höchsten Erhebung der Rhön, eines hessischen Mittelgebirges. Der ehemalige Frontflieger sitzt in einer fünf Meter langen, 120 Kilogramm schweren Sperrholzkonstruktion namens „Vampyr“ – einem Segelflugzeug, das er gemeinsam mit Hannoveraner Kommilitonen der „Akademischen Fliegergruppe“ entworfen hat.

Er will einen Preis gewinnen, den die deutsche Industrie ausgelobt hat: 50.000 Mark für denjenigen, der 40 Minuten motorlos in der Luft bleibt und dabei eine Flugstrecke von fünf Kilometern zurücklegt. Die bis dahin erzielten Höchstleistungen liegen bei kaum mehr als einer Viertelstunde. Ein erfolgreicher Rekordflug würde Martens zum Idol einer Bewegung machen, die in Deutschland so populär ist wie nirgendwo sonst. Denn da die Siegermächte des Weltkriegs Deutschland den Bau aller Motorflugzeuge verboten haben, haben sich einstige Militärflieger wie Martens und andere Abenteuerlustige aufs Segelfliegen verlegt.

An der Wasserkuppe, die einsam liegt und optimale Flugbedingungen bietet, entsteht zu Beginn der 1920er Jahre das bedeutendste Segelflugrevier der Welt. Dutzende Piloten kommen hier zu Wettbewerben zusammen, schlafen in alten Militärzelten, feiern im nahen Berggasthof ihre Erfolge. Hilfsmannschaften ziehen die Segler auf Transportkarren Hänge hinauf, von denen sie dann hinabgleiten. Die Flüge sind kurz – bis Arthur Martens am Nachmittag des 18. August 1922 in seinen Vampyr steigt.

Zwei Helfertrupps spannen auf dem Westhang ein Gummiseil V-förmig vor den Flieger; mit dieser Art Katapult wird das Segelflugzeug beschleunigt. Martens hebt ab und dreht dann wieder gegen die steile Westwand. Und tatsächlich erfasst der Aufwind sein Flugzeug. Wie ein großer Raubvogel immer wieder Achten fliegend, schraubt sich der Vampyr empor bis auf eine Höhe von gut 108 Metern über dem Startpunkt: Erstmals gelingt es einem Piloten damit, die stetige Kraft des Aufwinds zum dauerhaften Segeln zu nutzen.

Martens gewinnt den Preis, Zeitungen feiern seine Pionierleistung. 1925 eröffnet er an der Wasserkuppe die erste Segelflugschule der Welt. In Deutschland wird Segelfliegen immer populärer, Dutzende Flugplätze entstehen. Auch die Technik entwickelt sich weiter. Die Segler werden stromlinienförmiger und im Windkanal stetig verbessert. Als Starthilfe werden neben dem Gummiseil Pkw und Motorwinden sowie ab etwa 1930 vermehrt auch (inzwischen wieder erlaubte) Motorflugzeuge eingesetzt.

Piloten erjagen nun immer neue Rekorde, fliegen drei, acht, 14 Stunden lang – und sind 50, 100, 500 Kilometer weit unterwegs. Sie erforschen die Thermik, also aufsteigende Luftmassen über sonnenerwärmtem Boden, und entdecken so die Voraussetzung für langes Segeln über der Ebene. Denn im Zentrum solch thermischer Aufwinde kann ein Flieger auch im Flachland rasch an Höhe gewinnen, indem er in engen Kreisen emporsteigt. Lässt die Thermik nach, lenkt er das Flugzeug dann in Richtung seines Ziels, das umso weiter entfernt sein kann, je größer die zuvor gewonnene Höhe ist. Auf langen Strecken muss er allerdings immer wieder neue Aufwinde suchen.

Bald nutzen Segelflieger auch jene kräftigen Wellen aus Wind, die entstehen, wenn große Luftmassen über Gebirgskämme streichen; so können sie bis in extreme Höhen klettern. 1940 bricht ein Pilot seinen Flug über dem Großglocknermassiv erst ab, als ihm in 11.400 Meter Höhe bei minus 56 Grad Ohren und Finger erfrieren. Diesen Rekord erlebt Arthur Martens nicht mehr. Er stirbt 1937 im Alter von 40 Jahren – beim Absturz einer Passagiermaschine.

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Arthur Martens ist einer jener ehemaligen Kampfpiloten, die sich nach dem Ersten Weltkrieg auf die Segelfliegerei verlegen – denn die Siegermächte verbieten Deutschland den Bau von Motorflugzeugen. Am 18. August 1922 stellt Martens einen dreifachen Weltrekord auf: Kein Mensch ist zuvor ohne Motorkraft so lange, so weit und so hoch gesegelt

8. Tauerei (Seil-Schleppschifffahrt) auf dem Rhein 1871-1905

1. Die Idee

Auf den ers­ten Blick mu­te­te die Vor­stel­lung un­zeit­ge­mäß an: Kaum hat­te das Auf­kom­men frei na­vi­gie­ren­der Dampf­boo­te den Fluss- und Ka­nal­ver­kehr von den Be­schrän­kun­gen der tra­di­tio­nel­len Trei­del­schiff­fahrt be­freit, soll­te die Ein­füh­rung der Taue­rei (von franz. toua­ge be­zie­hungs­wei­se engl. to­wing) in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts die Schlep­per wie­der ans Seil oder an die Ket­te le­gen. An­ge­sto­ßen wur­den der­ar­ti­ge Über­le­gun­gen durch den Bau der Ei­sen­bah­nen. Im Wett­be­werb zwi­schen den bei­den Ver­kehrs­trä­gern - am Rhein be­son­ders au­gen­fäl­lig durch die über wei­te Stre­cken an bei­den Ufern par­al­lel ver­lau­fen­den Li­ni­en - hol­te der Fracht­ver­kehr auf der Schie­ne schnell auf. Zwi­schen 1845 und 1860 ver­zehn­fach­te sich sein An­teil am ge­sam­ten per Bin­nen­schiff oder Bahn be­weg­ten Gü­ter­auf­kom­men in Deutsch­land. Be­son­ders beim Trans­port von Ruhr­koh­le zu den rhein­auf­wärts lie­gen­den Ver­brau­chern fand ein aus Sicht der Schiffs­eig­ner rui­nö­ser Preis­kampf statt: Zwi­schen 1855 und 1870 senk­te zum Bei­spiel die Rhei­ni­sche Ei­sen­bahn­ge­sell­schaft den durch­schnitt­li­chen Fracht­ta­rif für Koh­le und Koks um mehr als 40 Pro­zent.

Was die Ei­sen­bahn den zeit­ge­nös­si­schen Rad­schlep­pern oder Schrau­ben­damp­fern vor­aus hat­te, war vor al­lem ei­ne güns­ti­ge­re Um­set­zung der Ma­schi­nen­leis­tung beim Vor­trieb. Wäh­rend die Rä­der der Lo­ko­mo­ti­ve die Kraft fast ver­lust­frei auf die fest in­stal­lier­ten Schie­nen brach­ten, ging auf Flüs­sen und Ka­nä­len ein be­trächt­li­cher Teil der Wir­kung durch den un­ver­meid­li­chen Schlupf ver­lo­ren. Im nach­gie­bi­gen Me­di­um Was­ser fan­den Rad­schau­feln oder Schiffs­pro­pel­ler weit we­ni­ger Halt als An­triebs­rä­der auf der Schie­ne oder Pfer­de­hu­fe auf dem Lein­pfad. Ganz aus­ge­prägt war die­ses Phä­no­men bei Berg­fahr­ten ge­gen star­ke Strö­mung, al­so im Mit­tel­rhein­tal, ins­be­son­de­re dem “Bin­ger Loch”, wo bei Strö­mungs­ge­schwin­dig­kei­ten von bis zu 3,5 Me­tern pro Se­kun­de Schlepp­schif­fe noch lan­ge Zeit Trei­del­pfer­de als Vor­spann an­for­dern muss­ten. Die Idee lag al­so na­he, an den un­be­streit­ba­ren Vor­tei­len des Was­ser­trans­ports von Mas­sen­gü­tern fest­zu­hal­ten, je­doch die ein­ge­setz­te En­er­gie ef­fi­zi­en­ter zu nut­zen, in­dem die Ma­schi­ne das Schiff un­mit­tel­bar an ei­nem fest ver­an­ker­ten Seil oder ei­ner Ket­te ge­gen die Strö­mung zu Ber­ge zog.

Ne­ben ei­ner Koh­le­er­spar­nis von bis zu 80 Pro­zent und ei­ner klei­ne­ren Be­die­nungs­mann­schaft (Ka­pi­tän, je zwei Steu­er­leu­te, Ma­schi­nis­ten und Hei­zer, drei Ma­tro­sen) ver­sprach das neue Sys­tem zwei wei­te­re Vor­tei­le: Als Fol­ge der we­sent­lich be­schei­de­ner di­men­sio­nier­ten Ma­schi­nen- und Kes­sel­an­la­ge hat­ten die Tau­er ei­nen deut­lich ge­rin­ge­ren Tief­gang als ein Rad­schlep­per der 1870er Jah­re, der es ein­schlie­ß­lich Koh­le­vor­rat auf ei­ne Ein­tauch­tie­fe von 1,80 bis 2 Me­tern brach­te. Der Tau­er konn­te al­so wäh­rend pe­ri­odisch auf­tre­ten­der Nied­rig­was­ser­stän­de auch die noch nicht künst­lich ver­tief­ten Strom­ab­schnit­te be­fah­ren, so dass in die­sen Zei­ten al­lein die Seil­schlep­per den Be­trieb auf­recht er­hiel­ten. Kon­struk­ti­ons­be­dingt ent­fie­len bei ih­nen zu­dem die Wel­len­ber­ge, wie sie die gro­ßen Rä­der­boo­te ver­ur­sach­ten. Das mach­te sie be­son­ders ge­eig­net zum Zie­hen je­ner pri­mi­ti­ven Koh­len­na­chen aus Holz, die in den An­fangs­jah­ren der Taue­rei noch in gro­ßer Zahl den Rhein be­fuh­ren. De­ren Mann­schaf­ten wa­ren dank­bar, wenn sie nicht zu­sätz­lich zur an­stren­gen­den Steu­er­ar­beit noch stun­den­lang ein­drin­gen­des Was­ser ab­zu­pum­pen hat­ten.



Seilschiffe im Hafen, um 1900.

 

2. Von Belgien an den Rhein

Im Som­mer 1867 grün­de­te der bel­gi­sche Di­plo­mat Ba­ron Os­car de Mes­nil (1836-1897) ei­ne Ge­sell­schaft zur Auf­nah­me der Seil­schlepp­schiff­fahrt auf der Maas. Zur Un­ter­stüt­zung in tech­ni­schen Fra­gen si­cher­te er sich die Mit­ar­beit des Dampf­pflug­pio­niers Max Eyth (1836-1906). Die ers­ten Pro­be­fahr­ten konn­ten im dar­auf­fol­gen­den Früh­jahr statt­fin­den. An der im April 1868 ge­grün­de­ten “So­cié­té an­ony­me de toua­ge de Liè­ge” be­tei­lig­te sich Fried­rich von Hol­stein (1837-1909), ein wei­te­rer Di­plo­mat. Für sei­ne Tä­tig­keit als Schiff­fahrts­un­ter­neh­mer un­ter­brach der Bot­schafts­se­kre­tär, der 1890 bis 1906 als “Graue Emi­nenz” gro­ßen Ein­fluss auf die wil­hel­mi­ni­sche Au­ßen­po­li­tik neh­men soll­te, meh­re­re Jah­re lang die ein­ge­schla­ge­ne Lauf­bahn im Aus­wär­ti­gen Dienst. Vor ei­nem in­ter­na­tio­na­len Fach­pu­bli­kum de­mons­trier­ten die Ver­fech­ter der Taue­rei in Bel­gi­en die Zu­ver­läs­sig­keit des Sys­tems, doch wa­ren die An­hän­ger der Ket­ten­schiff­fahrt nicht völ­lig über­zeugt. Ei­ne Über­tra­gung der auf der na­he­zu ge­rad­li­nig ver­lau­fen­den und strö­mungs­ar­men Maas er­ziel­ten Er­geb­nis­se auf den schnel­ler flie­ßen­den Rhein mit sei­nen aus­ge­präg­ten Fluss­krüm­mun­gen er­schien frag­wür­dig, und so ver­lang­ten auch die preu­ßi­schen Be­hör­den vor Er­tei­lung ei­ner Kon­zes­si­on an die 1869 ge­grün­de­te “So­cié­té cen­tra­le de toua­ge” wei­te­re prak­ti­sche Ver­su­che an Ort und Stel­le.

Vor der ei­gent­li­chen Be­wäh­rung im Bin­ger Loch wur­de am 27.11.1869 das Zu­sam­men­wir­ken von Seil und Schlep­per ei­nem ers­ten vor­sich­ti­gen Test un­ter­zo­gen. Als Ort wähl­te man ei­nen kur­zen ge­krümm­ten Strom­ab­schnitt zwi­schen der Köl­ner Rhein­brü­cke und der Fr­ohn­gas­se (in Hö­he der heu­ti­gen Zoo­brü­cke). Das Seil aus ver­zink­tem Ei­sen­draht wies ei­nen Durch­mes­ser von 32 Mil­li­me­tern aus und stamm­te aus der Pro­duk­ti­on der orts­an­säs­si­gen Fir­ma Fel­ten & Guil­leau­me. Lan­ge be­vor das neu­er­bau­te “Carls­werk” im da­mals noch selb­stän­di­gen Mül­heim 1874 den Be­trieb auf­nahm, hat­te sich die ehe­ma­li­ge Hanf­sei­le­rei als Her­stel­ler von Gru­bensei­len und Schleppt­ros­sen für die Bin­nen­schiff­fahrt er­heb­li­che Markt­an­tei­le ge­si­chert. In der auf­kom­men­den Taue­rei sah man ei­ne zu­kunfts­träch­ti­ge neue An­wen­dung, die kon­ti­nu­ier­li­chen Er­satz­be­darf ver­sprach.



Tauereiseil von 50 Kilometern Länge, direkt von der Fabrikationsmaschine auf den Hof des Carlswerks gelegt.

 

Der für den ers­ten Ver­such auf dem Rhein aus­ge­wähl­te Seil­schlep­per “Die Ka­the­dra­le” hat­te vor sei­nem Ein­tref­fen in Köln ei­ne wah­re Odys­see hin­ter sich ge­bracht: Bei der Über­füh­rung aus Lüt­tich zum Um­bau nach Ant­wer­pen war er wäh­rend der Fahrt durch Kol­li­si­on ge­sun­ken, nach der He­bung und Um­rüs­tung über Rot­ter­dam mit­tels sei­ner bei­den klei­nen Schrau­ben rhein­auf­wärts in die Dom­stadt ge­fah­ren. Für den Ver­such konn­ten nur drei Käh­ne mit zu­sam­men cir­ca 500 Ton­nen Be­las­tung an­ge­hängt wer­den, so groß war die Scheu der ört­li­chen Schif­fer, ih­re Boo­te für das Ex­pe­ri­ment zur Ver­fü­gung zu stel­len. Bei stark ge­dros­sel­tem Dampf­zu­tritt zog der Tau­er die Last mü­he­los über die Test­stre­cke.

Für den ent­schei­den­den Schlepp­ver­such wähl­te man die strö­mungs­rei­che Stre­cke zwi­schen dem Rü­des­hei­mer Tra­jekt und der Burg Rhein­stein. Das Seil­schiff, das auf ei­ner höl­zer­nen Pon­te 4.000 Me­ter F&G-Draht­seil mit sich führ­te, wur­de zur Un­ter­stüt­zung der für die Berg­fahrt un­zu­rei­chen­den Schrau­ben­leis­tung von ei­nem Rad­schlep­per rhein­auf­wärts ge­zo­gen. Im Bin­ger Loch spann­te man zu­sätz­lich zehn Pfer­de vor. Nach er­folg­rei­cher Ver­le­gung des Seils mach­te sich die Mann­schaft auf meh­re­ren Pro­be­fahr­ten mit den ört­li­chen Ver­hält­nis­sen ver­traut. Zum Haupt­ver­such am 9.12.1869 er­schie­nen zahl­rei­che Ex­per­ten, nicht je­doch der für die Ak­ti­on ver­pflich­te­te Rä­der­damp­fer samt Last­zug. Schon hat­te man als Er­satz di­ver­se Schif­fer an­ge­heu­ert, als die “Ha­ni­el I” mit zwei Koh­le­schif­fen von cir­ca 850 Ton­nen La­dung ein­traf. Der Ka­pi­tän ließ sich über­re­den, sei­nen Schlepp­zug dem Seil­schiff an­zu­ver­trau­en. Mit cir­ca 2,6 Stun­den­ki­lo­me­tern zog der Tau­er die Last gleich­mä­ßig strom­auf. Ein ge­bro­che­nes Trans­mis­si­ons­rad im Ma­schi­nen­raum be­en­de­te zwar die bis zu die­sem Zeit­punkt er­folg­reich ver­lau­fe­ne De­mons­tra­ti­on, rich­te­te aber kei­nen wei­te­ren Scha­den an. Das Zug­seil hielt das an­triebs­lo­se Schlepp­boot pro­blem­los ge­gen die star­ke Strö­mung fest, die ”Ha­ni­el I” konn­te sich von ihm lö­sen. Da der Zwi­schen­fall nicht die Taug­lich­keit des Sys­tems wi­der­leg­te, er­teil­te das Ber­li­ner Han­dels­mi­nis­te­ri­um im Ja­nu­ar 1870 der “So­cié­té cen­tra­le de toua­ge“ in Brüs­sel ei­ne Kon­zes­si­on für die preu­ßi­sche Rhein­stre­cke. Die ent­spre­chen­den Zu­sa­gen der Staa­ten Hes­sen, Ba­den und Bay­ern folg­ten.

3. Die “Central-Actien-Gesellschaft für Tauerei” in Köln

Der Deutsch-Fran­zö­si­sche Krieg von 1870/1871 ver­zö­ger­te die be­reits an­ge­lau­fe­ne Grün­dung ei­ner ei­ge­nen Taue­r­ei­ge­sell­schaft für den Rhein. Fe­der­füh­rend bei den Ver­hand­lun­gen mit der Brüs­se­ler Ge­sell­schaft (als In­ha­be­rin der Kon­zes­si­on) wa­ren be­kann­te Köl­ner Ban­kiers- und Un­ter­neh­mer­fa­mi­li­en, un­ter an­de­rem Wil­helm Deich­mann, sein Sohn und Nach­fol­ger Theo­dor (1837-1895), der In­ge­nieur und Er­fin­der Eu­gen Lan­gen, Mit­grün­der des Zu­cker­kon­zerns Pfeif­fer & Lan­gen, der preu­ßi­sche Berg­re­fe­ren­dar und Guts­be­sit­zer Fe­lix Mal­linck­rodt (1834-1880) so­wie der Ban­kier und Fa­bri­kant Emil vom Rath (1833-1923). Sitz der Ge­sell­schaft wur­de Köln, Hei­mat der ma­ß­geb­lich be­tei­lig­ten Fir­ma Fel­ten & Guil­leau­me, von der be­reits al­le in bel­gi­schen Flüs­sen ver­wen­de­ten Sei­le stamm­ten. Sie mach­te ih­re Be­reit­schaft zur Zeich­nung ei­nes grö­ße­ren Ak­ti­en­pa­kets von ih­rer Stel­lung als Al­lein­lie­fe­ran­tin ab­hän­gig. Das am 5.12.1871 ge­grün­de­te und ei­ne Wo­che spä­ter als “Cen­tral-Ac­ti­en-Ge­sell­schaft für Taue­rei” ins Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­ge­ne Un­ter­neh­men be­saß ein Grund­ka­pi­tal von 1,2 Mil­lio­nen Ta­lern. Die Hälf­te der An­tei­le hiel­ten die Grün­dungs­mit­glie­der, der Rest der Ak­ti­en lag bei Ban­ken in Köln, Duis­burg, Ko­blenz, Mainz, Mann­heim, Frank­furt am Main und Straß­burg zur Zeich­nung auf. 1873 er­war­ben meh­re­re Ruhr­ze­chen An­tei­le, wohl in der Hoff­nung, Ein­fluss auf die Fracht­ta­ri­fe neh­men zu kön­nen. Ers­ter Vor­sit­zen­der des Auf­sichts­ra­tes wur­de Theo­dor Deich­mann, zu sei­nem Stell­ver­tre­ter be­stell­te man Fe­lix Ma­linck­rodt. Die Ge­schäfts­lei­tung über­nah­men un­ter Füh­rung des Ge­ne­ral­di­rek­tors Theo­dor Schwarz, ei­nes Ju­gend­freun­des des Er­fin­ders Max Eyth, be­währ­te Kräf­te aus der Brüs­se­ler “So­cié­té cen­tra­le de toua­ge“.

4. Die technische Erstausstattung

An­ge­sichts der Län­ge der Stre­cke - die er­wor­be­nen Kon­zes­sio­nen reich­ten von Em­me­rich bis Straß­burg - und feh­len­der Er­fah­run­gen im All­tags­be­trieb ent­schied man sich in Köln, den Schlepp­be­trieb ab­schnitts­wei­se auf­zu­neh­men. Um auch je­ne Stre­cken be­die­nen zu kön­nen, auf de­nen noch kein Seil lag, gab man im Fe­bru­ar/April 1872 zwei mo­der­ne Rä­der­boo­te in Auf­trag. In der kon­junk­tu­rel­len Über­hit­zung der Grün­der­jah­re war die ge­wünsch­te schnel­le Lie­fe­rung der be­nö­tig­ten vier Tau­er il­lu­so­risch. Wäh­rend ih­re ei­ser­nen Rümp­fe auf den Duis­bur­ger Werf­ten Berninghaus und Kri­ens ent­stan­den, be­zog man Kes­sel und Ma­schi­nen­an­la­gen für die ers­ten bei­den Boo­te von Escher Wyss & Co (Zü­rich), für die Tau­er 3 und 4 von den Ge­brü­dern Sul­zer (Win­ter­thur), wel­che auch die zwei­te Se­rie der we­sent­lich grö­ße­ren und an­triebs­stär­ke­ren Tau­er (Num­mer 5 bis 8) der Bau­jah­re 1875/1876 aus­rüs­te­ten.



Carlswerk der Firma Felten & Guilleaume in Mülheim, 1885.

 

Leicht zu er­ken­nen wa­ren die Spe­zi­al­boo­te an ih­rem an der äu­ßers­ten Back­bord­sei­te an­ge­brach­ten Seil­füh­rungs­werk. An­ders als die auf ei­ni­gen eu­ro­päi­schen Flüs­sen ver­wen­de­ten Ket­ten konn­ten die re­la­tiv stei­fen Draht­sei­le nicht um Win­den von klei­nem Durch­mes­ser lau­fen. Die bei­den ers­ten der vier cir­ca 3 Me­ter ho­hen Rä­der dien­ten le­dig­lich als Füh­rungs- und Leit­trom­meln. Die Kraft der lie­gen­den Dampf­ma­schi­ne wirk­te al­lein auf die drit­te Schei­be. Sie war in der Ril­le, in die das Ka­bel ge­legt wur­de, mit “Fow­ler­schen Klap­pen” ver­se­hen, die das Seil selbst­tä­tig ein­klemm­ten und ein Durch­rut­schen ver­hin­der­ten. Die vier­te Seil­schei­be des Ap­pa­rats dien­te wie­der­um als Lei­t­rad. Um das Ge­wicht des Rä­der­werks von cir­ca 14 Ton­nen aus­zu­glei­chen, sa­ßen Haupt­ma­schi­ne und Kes­sel nicht in der Boots­mit­te, son­dern auf der Steu­er­bord­sei­te. Im Ge­gen­satz zu Ket­ten­schif­fen fuh­ren die Tau­er nur wäh­rend der Berg­fahrt am Seil, be­nö­tig­ten al­so zwei wei­te­re Dampf­ma­schi­nen zum An­trieb der bei­den vier­flü­ge­li­gen Schiffs­schrau­ben. Ins­ge­samt lag die für die Tal­fahrt in­stal­lier­te Ma­schi­nen­leis­tung be­trächt­lich über den An­for­de­run­gen zum An­trieb des strom­auf be­nutz­ten Sei­lap­pa­rats.

Ge­wichts­er­spar­nis bei glei­cher Zug­fes­tig­keit war ein we­sent­li­cher Vor­teil der Seil­schiff­fahrt, schränk­ten doch die schwe­ren Ket­ten die Ma­nö­vrier­fä­hig­keit der Schlep­per ein. Ein sol­cher Nach­teil war auf we­nig be­fah­re­nen Flüs­sen oder Ka­nä­len hin­nehm­bar, nicht je­doch auf dem Rhein mit sei­nem be­trächt­li­chen Schiffs- und Flo­ß­ver­kehr. Das Mit­te 1872 von Fel­ten & Guil­leau­me erst­ma­lig aus­ge­lie­fer­te Seil­stück mit ei­nem Durch­mes­ser von 36 Mil­li­me­tern wog 4,9 Ki­lo­gramm pro Me­ter, we­ni­ger als ein Drit­tel des Ge­wichts ei­ner gleich lan­gen Ket­te. Um die wei­te­ren Be­stel­lun­gen frist­ge­recht aus­füh­ren zu kön­nen, or­der­te die Fir­ma im eng­li­schen New­cast­le mo­der­ne Draht­seil­ma­schi­nen. Es spricht für die ge­schäft­li­che Weit­sicht der Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie, dass sie durch ih­re fi­nan­zi­el­le Be­tei­li­gung an der “Cen­tral AG” die Taue­rei und da­mit die wei­te­re Ver­brei­tung von Draht­sei­len för­der­te, al­so fle­xi­bel ge­nug war, den sin­ken­den Ab­satz­chan­cen für die tra­di­tio­nel­len Hanflei­nen recht­zei­tig durch Um­stel­lung der Pro­duk­ti­on zu be­geg­nen und sich über Jahr­zehn­te gro­ße Lie­fer­men­gen zu si­chern.

5. Betriebsaufnahme mit Hindernissen

Aus der an­ge­streb­ten Be­triebs­auf­nah­me im Herbst 1872 wur­de nichts. Die kon­junk­tu­rel­le Über­hit­zung (“Grün­der­boom”) führ­te zur ver­zö­ger­ten Aus­lie­fe­rung der ers­ten Tau­er. Zu­dem muss­te das Pro­blem der zahl­rei­chen Quer­seil­fäh­ren auf der Stre­cke ge­löst wer­den, zum Bei­spiel durch de­ren Um­rüs­tung auf ein Längs­seil­sys­tem. Ob­wohl die Kon­zes­si­ons­be­din­gun­gen jeg­li­chen Zwang der Taue­r­ei­ge­sell­schaft aus­schlos­sen, leis­te­ten die preu­ßi­schen Auf­sichts­be­hör­den bei sol­chen Be­mü­hun­gen im­mer wie­der Hil­fe: Schlie­ß­lich pos­tu­lier­te auch die ge­ra­de re­vi­dier­te Rhein­schiff­fahrts­ak­te von 1868 das Vor­recht der durch­ge­hen­den Berg- und Tal­fahrt ge­gen­über dem Quer- und Lo­kal­ver­kehr. Um­so är­ger­li­cher für das jun­ge Un­ter­neh­men war es da, wenn aus­ge­rech­net der Kon­kur­rent Ei­sen­bahn neue Hin­der­nis­se auf­rich­te­te. Im Ju­li 1870 war das Tra­jekt zwi­schen Ober­kas­sel (heu­te Stadt Bonn) und der Bon­ner Gro­nau in Be­trieb ge­gan­gen, des­sen 70 Me­ter lan­ge Fähr­boo­te Zü­ge der Rhei­ni­schen Ei­sen­bahn über den Strom setz­ten. Die Lo­ko­mo­ti­ven ver­blie­ben am je­wei­li­gen Ufer. Leit­seil und Treib­seil ver­lie­fen quer zum Strom, so dass für die Tau­er ei­gens ei­ne Hal­te­stel­le an­ge­legt wer­den muss­te. Ei­ne ähn­li­che Fluss­que­rung zwi­schen (Duis­burg-)Rhein­hau­sen und Hoch­feld wur­de 1874 durch den Bau ei­ner fes­ten Brü­cke ent­schärft.

Im Früh­jahr 1873 wur­den die ers­ten bei­den Seil­stü­cke mit ei­ner Ge­samt­län­ge von 77, 5 Ki­lo­me­tern ver­legt, so dass am 1.5.1873 der Taue­rei­be­trieb zwi­schen Em­me­rich und Duis­burg ver­suchs­wei­se auf­ge­nom­men wer­den konn­te. In zwei Mo­na­ten wur­den 15 Schlepp­zü­ge mit ei­ner La­dung von knapp 12.000 Ton­nen ab­ge­fer­tigt; die Fes­tig­keit des Seils hät­te die dop­pel­te Nutz­last zu­ge­las­sen. Die er­rech­ne­te Brenn­stof­fer­spar­nis ent­sprach den Er­war­tun­gen der In­itia­to­ren: Der Koh­le­ver­brauch der Tau­er be­lief sich auf ein Fünf­tel des­sen, was die Rä­der­boo­te der “R­uhr­or­ter Schlepp­schif­fahrts­ge­sell­schaft” im Durch­schnitt be­nö­tig­ten. Ein sol­cher Wett­be­werbs­vor­teil war für die Pro­fi­ta­bi­li­tät des Pio­nier­un­ter­neh­mens un­ab­ding­bar, da man um Kun­den zu ge­win­nen die Ta­ri­fe der Kon­kur­renz um 20 Pro­zent un­ter­bot, vor al­lem zu­sätz­lich zu den Auf­wen­dun­gen für die Schlep­per das teu­re Seil amor­ti­sie­ren muss­te. Die­ses wur­de im Früh­jahr 1874 rhein­auf­wärts nach Köln ver­län­gert und lag im Herbst 1875 bis Ober­kas­sel. Doch wäh­rend man im Früh­jahr 1876 das vor­erst letz­te Teil­stück bis Bin­gen ver­an­ker­te, war die Taue­rei am Nie­der­rhein be­reits En­de 1875 ein­ge­stellt wor­den. Im­mer wie­der hat­te star­kes Sand­ge­schie­be die Auf­nah­me des Seils durch die Schlepp­boo­te be­hin­dert. Dies führ­te zu un­trag­ba­ren Ver­zö­ge­run­gen für die Kun­den, so dass zu­erst der Ab­schnitt Em­me­rich-Ruhr­ort, ein Jahr spä­ter auch das Teil­stück bis Ober­kas­sel auf­ge­ge­ben wur­de. Die sich rhein­auf­wärts an­schlie­ßen­de Ge­birgs­stre­cke wies da­ge­gen ei­nen fes­te­ren, teil­wei­se so­gar fel­si­gen Un­ter­grund auf. Gleich­zei­tig lös­te der neue Start­punkt auch das Pro­blem der hier ver­lau­fen­den Quer­sei­le, da die Schlepp­zü­ge jetzt erst ober­halb des Bon­ner Ei­sen­bahn­tra­jekts zu­sam­men­ge­stellt wur­den.



Schiffsmodell des Rhein-Tauer VII, Schleppdampfer der Central Actien Gesellschaft für Tauerei in Köln vom Ende des 19. Jahrhunderts, Backbordseite, Kölnisches Stadtmuseum. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

 

Es wa­ren in­des nicht al­lein tech­ni­sche Grün­de, die zur schnel­len Auf­ga­be der wich­ti­gen Stre­cke Em­me­rich-(Bonn-)Ober­kas­sel führ­ten. Die Aus­wir­kun­gen der 1873 ein­set­zen­den Grün­der­kri­se zwang die ka­pi­tal­schwa­che Ge­sell­schaft da­zu, ih­re Kräf­te auf je­ne cir­ca 120 Rhein­ki­lo­me­ter zu kon­zen­trie­ren, auf de­nen die hö­he­re Flie­ß­ge­schwin­dig­keit den Sys­tem­vor­teil der Seil­schiff­fahrt ge­gen­über den frei fah­ren­den Schlep­pern am deut­lichs­ten her­aus­brach­te. Das Be­triebs­jahr 1874 hat­te zwar mit ei­nem be­schei­de­nen Über­schuss ab­ge­schlos­sen, doch mas­siv fal­len­de Koh­le­prei­se er­schüt­ter­ten das Ge­schäfts­mo­dell gleich in dop­pel­ter Hin­sicht. Das kri­sen­be­dingt ge­rin­ge­re Fracht­auf­kom­men er­höh­te we­gen der Über­ka­pa­zi­tä­ten an Schlepp­leis­tung den Druck auf die Ta­ri­fe, wäh­rend der grö­ß­te Wett­be­werbs­vor­teil, die ge­rin­ge­ren Brenn­stoff­kos­ten, durch die von nie­man­dem vor­aus­ge­se­he­ne Ver­bil­li­gung da­hin­schmolz. Die 1872 no­tier­ten Höchst­prei­se für Koh­le hat­ten die Grün­der in ih­rem Glau­ben be­stä­tigt, dass sich al­len An­fangs­schwie­rig­kei­ten zum Trotz ei­ne be­frie­di­gen­de Ren­ta­bi­li­tät ein­stel­len wür­de. Die­se An­nah­me hat­te sich als Il­lu­si­on er­wie­sen, mit der Kon­se­quenz, dass un­ter den ver­än­der­ten Be­din­gun­gen die ge­plan­te Ver­län­ge­rung der Seil­li­nie bis Mann­heim so­wie den Kauf zu­sätz­li­cher Boo­te nicht zu stem­men wa­ren. Be­vor neu­es Ka­pi­tal auf­ge­bracht wer­den konn­te, galt es, durch Ver­stän­di­gung mit der Kon­kur­renz die Aus­las­tung zu er­hö­hen und die Schlepp-Er­lö­se auf dem Rhein zu sta­bi­li­sie­ren.

6. Die Fusion von 1876

Die 1873 zu­sam­men­ge­führ­te “Ver­ei­nig­te Ruhr­or­ter und Mül­hei­mer Dampf­schlepp­schif­fahrts-Ge­sell­schaft” be­trieb 15 Rad­schlep­per und litt nicht min­der un­ter dem rui­nö­sen Preis­kampf zu Was­ser und auf der Schie­ne. Die aus­ge­schüt­te­te Di­vi­den­de sank von durch­schnitt­lich 7 bis 8 Pro­zent auf 1 Pro­zent (1874) und 1 1/3 Pro­zent (1875). Der Zeit­punkt für ei­ne Ver­stän­di­gung mit der “Cen­tral-AG für Taue­rei” war auch in so­fern güns­tig, als zum En­de des Jah­res 1875 ein gro­ßer Teil der Schlepp­ver­trä­ge aus­lief, dar­un­ter auch sol­che mit Kun­den, die in­zwi­schen Ak­tio­nä­re der Köl­ner Kon­kur­renz ge­wor­den wa­ren, mit de­ren bal­di­gem Wech­sel zur Seil­schiff­fahrt al­so zu rech­nen war. Die Kon­tak­te zwi­schen den bei­den Un­ter­neh­men lie­fen über den A. Schaaff­hau­sen­schen Bank­ver­ein so­wie den Di­rek­tor des Rhein-Ruhr-Ka­nal-Ak­ti­en­ver­eins in Duis­burg, Dr. Feo­dor Goecke (1836-1907). Der Ju­rist, 1870-1873 als na­tio­nal­li­be­ra­ler Ab­ge­ord­ne­ter Mit­glied des Pro­vin­zi­al­land­ta­ges, war 1874 an Stel­le des 1873 aus­ge­schie­de­nen Hol­stein in den Auf­sichts­rat der “Cen­tral-AG für Taue­rei” ge­wählt wor­den. Ab 1877 be­trieb er als Ge­ne­ral­be­voll­mäch­tig­ter die Sa­nie­rung der Rhei­ni­schen Stahl­wer­ke AG.

Am 8.6.1876 kon­sti­tu­ier­te sich das fu­sio­nier­te Un­ter­neh­men un­ter dem Na­men “Cen­tral-Ac­ti­en-Ge­sell­schaft für Taue­rei und Schlepp­schif­fahrt”. Zum Fir­men­sitz wur­de, Tri­but an den Haupt­um­satz­trä­ger Koh­le, Ruhr­ort be­stimmt: Zwi­schen 1875 und 1905, als die Stadt nach Duis­burg ein­ge­mein­det wur­de, ver­fünf­fach­te sich die im Ruhr­or­ter Ha­fen ab­ge­fah­re­ne Koh­len- und Koks­men­ge auf über 5 Mil­lio­nen Jah­res­ton­nen. Nach der Fu­si­on wur­den die bei­den Alt­ge­sell­schaf­ten li­qui­diert, ih­re Ak­ti­en in Pa­pie­re der neu­en Fir­ma ge­tauscht. Von den 3,8 Mil­lio­nen Mark Grund­ka­pi­tal ent­fie­len 2,4 Mil­lio­nen Mark auf die Ak­tio­nä­re der Köl­ner Taue­r­ei­ge­sell­schaft. Im Ver­gleich zu de­ren ur­sprüng­li­cher Aus­stat­tung (1,2 Mil­lio­nen Ta­ler = 3,6 Mil­lio­nen Mark) ent­sprach dies ei­nem Ka­pi­tal­schnitt im Ver­hält­nis drei zu zwei. Der ers­te Auf­sichts­rat war pa­ri­tä­tisch be­setzt, weist aber in der re­gio­na­len Zu­ord­nung sei­ner Mit­glie­der die Ruhr­mün­dung als neu­en Schwer­punkt aus. Von den zehn Mit­glie­dern stamm­ten Dr. Feo­dor Goecke so­wie der Fa­bri­kant und lang­jäh­ri­ge Bei­ge­ord­ne­te Ju­li­us Brock­hoff (1825-1898) aus Duis­burg. Aus dem be­nach­bar­ten Ruhr­ort ka­men die Kauf­leu­te und Ze­chen­be­sit­zer Hu­go Ha­ni­el (1810-1893), seit 1868 Chef der Fir­ma Franz Ha­ni­el und Ju­li­us Liebrecht (ge­stor­ben 1895) so­wie der Fa­bri­kant Gus­tav Ge­org Stin­nes (1826-1878). In Mül­heim wa­ren Her­mann Be­cker und Carl Krabb (1808-1877) an­säs­sig, bei­de Kauf­leu­te. Theo­dor Deich­mann, Fe­lix Mal­linck­rodt und Eu­gen Lan­gen re­prä­sen­tier­ten das Köl­ner Ele­ment - letz­te­rer als In­ge­nieur vor­wie­gend aus tech­ni­schem In­ter­es­se.



Modell des Rhein-Tauer VII, Steuerbordseite, Kölnisches Stadtmuseum. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

 

7. Mangelnde Rentabilität

Im Fu­si­ons­jahr 1876 wand­ten die bei­den Alt­ge­sell­schaf­ten zwar ei­nen ge­mein­sa­men Schlepp­ta­rif an, wirt­schaf­te­ten aber an­sons­ten noch auf ei­ge­ne Rech­nung, so dass sich die Ren­ta­bi­li­tät der bei­den Sys­te­me ver­glei­chen lässt. Den ins­ge­samt grö­ße­ren Ein­nah­men der Ruhr­ort-Mül­hei­mer Rä­der­boo­te stan­den hö­he­re Be­triebs­kos­ten und Ab­schrei­bun­gen ge­gen­über: Per sal­do tru­gen die Tau­er aus dem Be­stand der Köl­ner Ge­sell­schaft mehr zum Ge­winn bei. Auch im Fol­ge­jahr la­gen die Selbst­kos­ten der Seil­boo­te pro Ton­nen­ki­lo­me­ter um 19 Pro­zent un­ter de­nen der Rad­schlep­per. 1877 ging man end­gül­tig zum ar­beits­tei­li­gen Ein­satz der Flot­te über. Die acht Tau­er kon­zen­trier­ten sich auf den Mit­tel­ab­schnitt Ober­kas­sel-Bin­gen. Un­ter- und ober­halb die­ser Kern­stre­cke ope­rier­ten die 17 Rä­der­boo­te. In der Rea­li­tät la­gen we­gen des schlech­ten Koh­le­ge­schäfts meist ein Vier­tel der Schlep­per still. Ein Über­an­ge­bot an Schlepp­leis­tung und die Kampf­prei­se der Ei­sen­bahn, die zu ho­hen Ra­bat­ten auf den Nor­mal­ta­rif zwan­gen, lie­ßen die Ein­nah­men wei­ter ab­sin­ken. Die Vor­tei­le des Was­ser­we­ges ka­men am deut­lichs­ten über die län­ge­re Dis­tanz zum Tra­gen; auf kür­ze­ren Ent­fer­nun­gen pro­fi­tier­te die Schie­nen­kon­kur­renz auch da­von, dass ein zeit­rau­ben­des Um­la­den zwi­schen Ze­che und Ver­brau­cher ent­fiel, au­ßer­dem das Fracht­gut ge­schont wur­de.

Als 1877 die Mül­hei­mer Koh­le­hand­lung Fried­rich Be­cker il­li­qui­de wur­de, ver­lor die “Cen­tral-AG für Taue­rei und Schlepp­schif­fahrt” auf ei­nen Schlag cir­ca 30 Pro­zent ih­rer Auf­trä­ge und muss­te 107.000 Mark aus­ste­hen­der Kre­di­te ab­schrei­ben. Gro­ße Hoff­nun­gen setz­te man in das im Win­ter 1879/1880 zwi­schen Ober­kas­sel und Bin­gen ver­leg­te stär­ke­re (43 Mil­li­me­ter Quer­schnitt) F&G-Seil aus Sie­mens-Mar­tin-Stahl. Mit ei­nem Ge­wicht von sie­ben Ki­lo­gramm pro Me­ter wies es ei­ne hö­he­re Bruch­fes­tig­keit und Le­bens­dau­er auf. Statt vier­ein­halb Jah­ren rech­ne­te man mit bis zu sechs Jah­ren Nut­zungs­dau­er. Zwecks gleich­mä­ßi­ger Ab­nut­zung wur­den hö­her be­an­spruch­te Teil­stü­cke nach ei­ni­ger Zeit her­aus­ge­nom­men und an Fluss­stre­cken mit we­ni­ger Ver­schleiß wei­ter ver­wen­det. Aus­ge­mus­ter­te Sei­le er­ziel­ten beim Wei­ter­ver­kauf noch cir­ca 10 Pro­zent des Neu­prei­ses.

8. Veränderte Bedingungen in der Rheinschifffahrt

In den frü­hen 1880er Jah­ren war der ho­he An­teil be­tag­ter Rä­der­boo­te (Durch­schnitts­al­ter 1885: 24 Jah­re) Haupt­ur­sa­che für die un­be­frie­di­gen­de Ren­ta­bi­li­tät des ver­ei­nig­ten Un­ter­neh­mens. Zwi­schen 1876 und 1884 hat­te sich die Zahl der Schrau­ben­damp­fer auf dem Rhein ver­drei­facht. Bil­li­ger in Be­trieb und An­schaf­fung und trotz klei­ne­rer Mann­schaft leich­ter zu ma­nö­vrier­ten, wa­ren sie ei­ne Al­ter­na­ti­ve für Koh­le­kauf­leu­te, die den Trans­port in Ei­gen­re­gie be­trei­ben woll­ten. Auch wenn die neu­ar­ti­gen Fahr­zeu­ge in der Pra­xis nicht al­le Er­war­tun­gen er­füll­ten und ei­ni­ge Ree­der wie­der ver­mehrt auf Rad­an­trieb setz­ten, er­höh­te ih­re Exis­tenz doch die Schlepp­ka­pa­zi­tä­ten auf dem Rhein ins­ge­samt und ver­stärk­te den Druck auf die Ta­ri­fe, zu­mal jetzt auch neu ein­ge­setz­te Gü­ter­damp­fer ei­nen Teil des Trans­port­vo­lu­mens an sich zo­gen. Im Ge­schäfts­jahr 1884 lag die Aus­las­tung der “Cen­tral AG für Taue­rei und Schlepp­schif­fahrt” bei we­ni­ger als 60 Pro­zent. Der Be­triebs­über­schuss aus ei­nem Um­satz von cir­ca 1 Mil­li­on Mark deck­te ge­ra­de die Ab­schrei­bun­gen. Aus Geld­man­gel fiel die Mo­der­ni­sie­rung der Flot­te be­schei­den aus. 1883/1884 wur­den die ers­ten bei­den Schrau­ben­damp­fer be­stellt, äl­te­re Rä­der­boo­te still­ge­legt oder mit ef­fi­zi­en­te­ren Dampf­ma­schi­nen nach­ge­rüs­tet. In der Bi­lanz sum­mier­ten sich die rea­lis­ti­sche Be­wer­tung des Schiffs­be­stan­des und nach­ge­hol­te Ab­schrei­bun­gen auf sons­ti­ge Ak­ti­va zu ei­nem Ab­wer­tungs­be­darf von cir­ca 1 Mil­li­on Mark, um­ge­setzt in Form ei­nes dras­ti­schen Ka­pi­tal­schnitts: Das vor­her durch Ak­ti­en­rück­kauf und Ver­zicht der “So­cié­té cen­tra­le de toua­ge” auf Kon­zes­si­ons­ge­büh­ren be­reits auf 3,6 Mil­lio­nen Mark re­du­zier­te Grund­ka­pi­tal wur­de auf die Hälf­te her­ab­ge­setzt.



Modell des Rhein-Tauer VII, Maschinerie, Kölnisches Stadtmuseum. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

 

Auch nach der Sa­nie­rung fiel der Lohn für die Ak­tio­nä­re ma­ger aus. Mehr als 5 Pro­zent Di­vi­den­de auf das her­ab­ge­setz­te Ka­pi­tal wa­ren auf dem Rhein nicht zu er­zie­len. Oh­ne den durch ei­ne An­lei­he fi­nan­zier­ten Er­werb von 17 mo­der­nen Schlepp­käh­nen wä­re das Er­geb­nis so­gar ne­ga­tiv ge­we­sen, denn der Markt zeig­te sich Mit­te der 1880er Jah­re tief ge­spal­ten: Ei­nem Über­an­ge­bot an Schlepp­ka­pa­zi­tät stand ein aus­ge­präg­ter Man­gel an La­de­raum ge­gen­über. Woll­te man an den Stei­ge­run­gen des Rhein­ver­kehrs teil­ha­ben, muss­te die Ge­sell­schaft das an­ge­stamm­te Ge­schäft durch das An­ge­bot aus­rei­chen­den Fracht­raums er­gän­zen. Die Fol­gen des Berg­ar­bei­ter­streiks im Ruhr­ge­biet 1889 konn­ten nur teil­wei­se durch Trans­por­te von Rot­ter­dam an den Ober­rhein kom­pen­siert wer­den, so dass das Ge­schäfts­jahr wie­der­um nur ei­ne Ka­pa­zi­täts­aus­las­tung von 60 Pro­zent auf­wies. 1892 bis 1894 stieg die zu Berg ge­schlepp­te Fracht­men­ge auf über 800.000 Jah­res­ton­nen an, be­vor ein “zü­gel­lo­ser Wett­be­werb” (Ge­schäfts­be­richt 1895) zu rück­läu­fi­gen Um­sät­zen und ei­ner auf 3 Pro­zent ge­kürz­ten Di­vi­den­de führ­te. Ins­ge­samt ging das Um­satz­wachs­tum in den 1890er Jah­ren vor al­lem auf Kon­to der ei­ge­nen Käh­ne, be­stä­tig­te al­so die Rich­tig­keit der Di­ver­si­fi­ka­ti­on. Die Tau­er blie­ben schlecht be­schäf­tigt: Von den acht Boo­ten wa­ren meist nur fünf zum sel­ben Zeit­punkt im Ein­satz.

9. Gescheiterte Konsolidierung

Sti­mu­liert durch die 1895 ein­set­zen­de Hoch­kon­junk­tur bau­te die ”Cen­tral-AG für Taue­rei und Schlepp­schif­fahrt” ihr Trans­port- und Spe­di­ti­ons­ge­schäft stär­ker aus. Das äl­tes­te Seil­boot und ei­ni­ge Rad­schlep­per wur­den mo­der­ni­siert, zwei PS-star­ke und ver­brauchs­güns­ti­ge Schlep­per so­wie meh­re­re neue Käh­ne be­stellt. Zu Lan­de in­ves­tier­te die Ge­sell­schaft in den Aus­bau von Ver­la­de­an­la­gen und La­ger­raum in Ruhr­ort und Mann­heim. Das Ge­schäfts­jahr 1896 schloss mit Re­kord­zah­len ab: Das zu Berg trans­por­tier­te Fracht­vo­lu­men er­reich­te knapp ei­ne Mil­li­on Ton­nen, cir­ca 660 Ton­nen pro ge­schlepp­tem Kahn. Mit 7 Pro­zent kam die höchs­te Di­vi­den­de der Fir­men­ge­schich­te zur Aus­zah­lung. Ei­ne für 1899 ge­plan­te Ka­pi­tal­er­hö­hung soll­te die Ab­lö­sung der auf­ge­nom­me­nen Kre­di­te er­mög­li­chen. Sie schei­ter­te an der feh­len­den Drei­vier­tel­mehr­heit in der Ge­ne­ral­ver­samm­lung. Die Furcht der wi­der­stre­ben­den Ak­tio­nä­re vor ei­ner Ver­wäs­se­rung des Ka­pi­tals er­scheint ver­ständ­lich, la­gen doch die 1892-1899 aus­ge­schüt­te­ten Di­vi­den­den mit durch­schnitt­lich 4,5 Pro­zent deut­lich un­ter den Er­geb­nis­sen der Kon­kur­renz. Auch die Al­ter­na­ti­ve ei­ner gro­ßen An­lei­he zer­schlug sich, da die be­tei­lig­ten Ban­ken auf ei­ner lang­fris­ti­gen Lö­sung des Ren­ta­bi­li­täts­pro­blems in der Rhein­schiff­fahrt be­stan­den. Un­ter Fe­der­füh­rung von Deich­mann & Co. (Köln) trie­ben sie die Ver­ei­ni­gung der grö­ß­ten Un­ter­neh­men (mit Aus­nah­me der Ze­chen­ree­de­rei­en Franz Ha­ni­el und Ma­thi­as Stin­nes) un­ter dem Dach ei­ner Trust­ge­sell­schaft vor­an. Als auch die­ser Ret­tungs­ver­such En­de 1900 schei­ter­te und für die Ge­schäfts­jah­re 1902 und 1903 kei­ne Di­vi­den­den er­wirt­schaf­tet wer­den konn­ten, ver­lo­ren zahl­reich An­teils­eig­ner die Ge­duld und ver­kauf­ten ih­re Pa­pie­re an den Gro­ßak­tio­när Louis Kan­nen­gie­ßer (1852-1919). Im April 1904 ging die Ak­ti­en­mehr­heit an des­sen “Berg­bau AG vorm. Gebr. Kan­nen­gie­ßer” in Mül­heim an der Ruhr über. Drei Mo­na­te spä­ter gab der Al­lein­be­sit­zer die Selb­stän­dig­keit auf und brach­te sein um­fang­rei­ches Berg­bau- und Schiff­fahrts­un­ter­neh­men in die “Har­pe­ner Berg­bau AG” (Dort­mund) ein, für die er wei­te­re zehn Jah­re als Ge­ne­ral­di­rek­tor tä­tig war. Mit 26 Damp­fern und 75 Schlepp­käh­nen wa­ren die neu­en Be­sit­zer die grö­ß­te Koh­le­ree­de­rei auf dem Rhein. Sie er­war­ben die rest­li­chen Ak­ti­en der “Cen­tral-AG”, stell­ten je­doch den Taue­rei­be­trieb An­fang 1905 ein und lie­ßen das Seil aus dem Rhein ent­fer­nen. Die still­ge­leg­ten Boo­te war­te­ten noch jah­re­lang im Ha­fen von St. Goar auf ei­ne neue Ver­wen­dung, be­vor sie end­gül­tig ver­schrot­tet wur­den.

10. Konflikte mit der übrigen Rheinschifffahrt

Von der Was­ser­ober­flä­che in der Re­gel un­sicht­bar, ir­ri­tier­te das Seil im Rhein von An­fang an an­de­re Nut­zer. Die zahl­rei­chen Zug­netz­fi­scher sa­hen sich in ih­rer Ar­beit be­hin­dert, eben­so je­ne Schiffs­be­sat­zun­gen, de­ren An­ker sich in dem Hin­der­nis ver­fin­gen, so dass beim mor­gend­li­chen Ein­ho­len ein un­gleich hö­he­res Ge­wicht zu he­ben war. Gleich nach der Be­triebs­auf­nah­me kam es zu Sa­bo­ta­ge­ak­ten: Im Schut­ze der Dun­kel­heit trenn­ten un­be­kann­te Tä­ter das Seil ein­mal voll­stän­dig und ein wei­te­res Mal zu ei­nem Drit­tel durch. Die als Fol­ge von Ver­schleiß auf­tre­ten­den Seil­brü­che - pro Jahr bis zu 25 - be­deu­te­ten in je­dem Fall läs­ti­ge Zu­satz­ar­beit für die Be­sat­zung des je­wei­li­gen Schlep­pers. Lag der Tau­er je­doch wäh­rend des Splei­ßens stun­den­lang an ei­ner Eng­stel­le fest, be­hin­der­te sein Zwangs­auf­ent­halt auch un­be­tei­lig­te Schif­fe in die­sem Fluss­ab­schnitt. Ähn­li­ches galt an schwie­rig zu pas­sie­ren­den Krüm­mun­gen, wo die Tau­er ge­le­gent­lich auf Grund lie­fen und von an­de­ren Schlep­pern wie­der ins Fahr­was­ser bug­siert wer­den muss­ten.

Schwe­re Un­fäl­le wa­ren eher sel­ten. Auch im wohl spek­ta­ku­lärs­ten Fall, der Kol­li­si­on des Tau­ers 4 mit ei­nem Floß im Sep­tem­ber 1886 hin­ter dem Bin­ger Loch, war die Be­sat­zung des Seil­schiffs schuld­los: Das Floß war mit 63 Me­tern Brei­te und 200 Me­tern Län­ge ein­deu­tig zu groß di­men­sio­niert, der zur War­nung der Schiff­fahrt vor­aus­ge­schick­te Wahr­schau­er­na­chen zu spät los­ge­fah­ren, als dass der Tau­er mit an­ge­häng­tem Schlepp­zug noch hät­te aus­wei­chen kön­nen. 6.000 Holz­stäm­me trie­ben auf dem Rhein und ris­sen vor Nie­der­heim­bach ein Ba­de­haus fort. In Ko­blenz rück­ten zwei Kom­pa­ni­en Pio­nie­re aus, um die Schiffs­brü­cke zu schüt­zen.



Modell des Rhein-Tauer VII, Heck mit Schrauben, Kölnisches Stadtmuseum. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

 

Moch­te die An­ti­pa­thie vie­ler Rhein­schif­fer ge­gen­über den Tau­ern auf Kon­to ih­rer son­der­ba­ren Er­schei­nung, des Brum­mens und Kräch­zens ih­res Rä­der­werks oder ih­rer un­ge­wöhn­li­chen La­ge zur Fahrt­rich­tung ge­hen, so wa­ren die “He­xen” seit den 1890er Jah­ren auch ob­jek­tiv zu ei­nem Ver­kehrs­hin­der­nis ge­wor­den. Be­son­ders bei nied­ri­gem Was­ser­stand konn­ten die zahl­rei­chen mo­der­nen Schrau­ben- und Rä­der­boo­te ih­re hö­he­re Fahr­ge­schwin­dig­keit nicht ent­fal­ten; stun­den­lang harr­ten sie mit ge­dros­sel­ter Mo­tor­leis­tung hin­ter ei­nem Seil­schlepp­zug aus, be­vor ei­ne ge­eig­ne­te Aus­weich­stel­le ih­nen ein Über­ho­len er­mög­lich­te. Die preu­ßi­sche Was­ser­bau-Ver­wal­tung wie­der­um, die zwi­schen 1880 und 1900 zur Ent­schär­fung der Eng­stel­le zwi­schen St. Goar und Bin­gen fast 7 Mil­lio­nen Mark auf­ge­wen­det hat­te, kos­te­te die Exis­tenz des Seils in die­sem Ab­schnitt viel Zeit und Mü­he, ge­fähr­de­te es doch häu­fig die Ver­le­gung der ein­ge­setz­ten Bau­fahr­zeu­ge und de­ren si­che­re Ver­an­ke­rung im Strom.

11. Fazit

30 Jah­re un­un­ter­bro­che­ner, weit­ge­hend un­fall­frei­er Taue­rei­be­trieb am Mit­tel­rhein un­ter­mau­ern die prin­zi­pi­el­le Taug­lich­keit des Sys­tems und be­wie­sen die Halt­bar­keit der von Fel­ten & Guil­leau­me ge­lie­fer­ten Zug­sei­le. Das Köl­ner Un­ter­neh­men pro­fi­tier­te von die­sem Be­weis sei­ner Leis­tungs­fä­hig­keit, doch den üb­ri­gen Ak­tio­nä­ren hat die Seil­schiff­fahrt nicht den er­hoff­ten fi­nan­zi­el­len Ge­winn ein­ge­bracht, so dass die Taue­rei als Son­der­form des Gü­ter­trans­ports auf dem Rhein nur ei­ne Epi­so­de blieb. Bei der Su­che nach den Ur­sa­chen stö­ßt man an ers­ter Stel­le auf die chro­ni­sche Un­ter­ka­pi­ta­li­sie­rung des Un­ter­neh­mens. Die Grün­der hat­ten ih­re Pla­nun­gen für den Mit­tel­be­darf auf das Preis­ni­veau von 1870 ab­ge­stellt. Die Ver­zö­ge­run­gen durch den deutsch-fran­zö­si­schen Krieg und die Kos­ten­stei­ge­run­gen des kur­zen, aber hef­ti­gen Grün­der­booms stra­pa­zier­ten das auf­ge­brach­te Ka­pi­tal, so dass kei­ne aus­rei­chen­den Re­ser­ven für die na­tur­ge­mäß schwie­ri­gen An­fangs­jah­re blie­ben. Als dann die ers­ten Kun­den über­zeugt wer­den konn­ten und der er­folg­reich auf­ge­nom­me­ne Schlepp­be­trieb Ein­nah­men er­ziel­te, wa­ren die­se durch die Kri­se der­ma­ßen ge­drückt, dass die ur­sprüng­li­che Kal­ku­la­ti­on nicht auf­ging. Da­ge­gen konn­te die Kon­kur­renz, so­fern sie schon 1871 im Ge­schäft war, auf die in den Boom­jah­ren ge­bil­de­ten Re­ser­ven zu­rück­grei­fen. Bei Bör­sen­kur­sen von un­ter 30 Pro­zent für die Alt­ak­ti­en war der Weg ei­ner Ka­pi­tal­er­hö­hung nicht gang­bar. Die dar­auf­hin aus­ge­ge­be­ne fünf­pro­zen­ti­ge An­lei­he stell­te mit ei­nem Di­sa­gio von 5 Pro­zent und ei­nem Rück­zah­lungs­kurs von 105 Pro­zent ei­ne aus­ge­spro­chen teu­re Art der Fi­nan­zie­rung dar.

Die Fu­si­on mit der Ruhr­ort-Mül­hei­mer Kon­kur­renz nach nur kur­zer Selb­stän­dig­keit pro­du­zier­te ei­ne Misch­form aus Taue­rei und kon­ven­tio­nel­ler Schlepp­schiff­fahrt, in der der Seil­be­trieb zu­neh­mend an Ge­wicht ver­lor. Ob­wohl Ver­gleichs­kal­ku­la­tio­nen den Tau­ern ei­ne bes­se­re Ren­ta­bi­li­tät be­schei­nig­ten und die­se auch in lan­gen Nied­rig­was­ser­pe­ri­oden das Rück­grat des Schlepp­be­triebs am Mit­tel­rhein bil­de­ten, er­wies sich die Stre­cke Ober­kas­sel-Bin­gen schlicht als zu kurz, um die Vor­tei­le aus­spie­len zu kön­nen. Theo­re­tisch hät­ten hier 20 Seil­schif­fe gleich­zei­tig un­ter­wegs sein kön­nen. Im täg­li­chen Ge­schäft wa­ren noch nicht ein­mal die vor­han­de­nen acht Tau­er aus­ge­las­tet, denn der zwei­ma­li­ge Wech­sel der Schlep­per bei Ober­kas­sel und hin­ter Bin­gen war auf­wän­dig und zeit­rau­bend. Der Seil­ab­schnitt stell­te in den al­ler­meis­ten Fäl­len ja le­dig­lich den Mit­tel­teil ei­ner viel län­ge­ren Fahr­stre­cke dar, so dass sich al­ter­na­tiv ei­ne durch­gän­gi­ge Be­die­nung durch frei fah­ren­de Schlep­per an­bot. Im Ge­schäfts­jahr 1884 hat­ten zum Bei­spiel 36 Pro­zent der von Duis­burg-Hoch­feld oder Ruhr­ort aus­ge­hen­den Frach­ten der Ge­sell­schaft Zie­le bis hin­auf nach Mann­heim, nur 17 Pro­zent wa­ren für Or­te bis Mainz be­stimmt. 22 Pro­zent der trans­por­tier­ten Gü­ter gin­gen von den Nie­der­lan­den über Duis­burg rhein­auf­wärts, leg­ten al­so ei­ne lan­ge Stre­cke auf dem Nie­der­rhein zu­rück, wo schon lan­ge kein Seil mehr lag.

Wäh­rend die acht Tau­er der “Cen­tral AG für Taue­rei und Schlepp­schif­fahrt” seit 1873 nur leicht mo­di­fi­ziert wor­den wa­ren, über­tra­fen die über 700 sons­ti­gen Rhein­schlep­per des Jah­res 1901 hin­sicht­lich Mo­to­ri­sie­rung, Ge­schwin­dig­keit, Zug­kraft und Brenn­stoff­ef­fi­zi­enz die Leis­tun­gen je­ner 50 deut­schen und acht hol­län­di­schen “Re­mor­queu­re”, die 1870 die Stre­cke Rot­ter­dam-Straß­burg be­fah­ren hat­ten. Gleich­zei­tig ver­bes­ser­ten um­fang­rei­che Re­gu­lie­rungs­maß­nah­men der Rhein­an­lie­ger­staa­ten das Fahr­was­ser, auch im be­rüch­tig­ten Bin­ger Loch. Die ur­sprüng­li­che Über­le­gen­heit der Seil­schiff­fahrt ver­schwand. Be­trächt­li­chen An­teil an die­ser Ent­wick­lung hat­te die ver­än­der­te Zu­sam­men­set­zung der ge­schlepp­ten Fahr­zeu­ge. 1901 er­reich­te die Zahl der auf dem Rhein ver­keh­ren­den Ei­senk­äh­ne (4.057) fast die der höl­zer­nen; mit durch­schnitt­lich 526 Ton­nen lag ih­re Trag­fä­hig­keit mehr als drei­mal so hoch. Zu­dem wie­sen sie ge­gen­über den Holz­schif­fen ei­nen ge­rin­ge­ren Was­ser­wi­der­stand auf. Die schlepp­star­ken mo­der­nen Rad- und Schrau­ben­boo­te wa­ren mit sol­chem An­hang oh­ne Ein­schrän­kung selbst dem strö­mungs­rei­chen Mit­tel­rhein ge­wach­sen.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

->  Das Luftschiff LZ 129 „Hindenburg“, in: Das Bundesarchiv, online verfügbar unter: https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/themenbeitraege/das-luftschiff-lz-129-hindenburg/, zuletzt geprüft am 09.04.2026.

-> 1817 Laufmaschine, Karl Friedrich Freiherr von Drais, in: Kurpfälzer Meile der Innovationen, online verfügbar unter: https://www.meile-der-innovationen.de/innovationen/1817-laufmaschine-karl-friedrich-freiherr-von-drais, zuletzt geprüft am 09.04.2026.

-> Potthast, Jan-Björn: Hoch hinaus. Melli Beese, in: DPMA online, online verfügbar seit 02.03.2026 unter: https://www.dpma.de/dpma/veroeffentlichungen/patentefrauen/mellibeese/index.html, zuletzt geprüft am 31.07.2026.

-> Vogt, Helmut, Tauerei (Seil-Schleppschifffahrt) auf dem Rhein 1871-1905, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/tauerei-seil-schleppschifffahrt-auf-dem-rhein-1871-1905/DE-2086/lido/57d12db591ce52.01038308 (abgerufen am 03.09.2026)


Sekundärliteratur

-> Sedlmair, Katrin Maike: Automobil. Die treibende Kraft, in: Öl. Wie ein Rohstoff die Welt eroberte (GEO Epoche. Jg. 2024, Heft Nr. 129), Hamburg 2024, S. 34-39.

-> Bischoff, Jürgen; Fries, Anja: Erste Eisenbahn. Im Tempo des Fortschritts, in: Bayern. Die Geschichte eines ganz besonderen deutschen Staates 1806-2028 (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 92), Hamburg 2018, S. 36-47.

-> Lohre, Matthias: Flugpionier Otto Lilienthal. Der Mensch als Vogel, in: Der Traum vom Fliegen (GEO Epoche Jg. 2017, Heft Nr. 17), Hamburg 2017, S. 38-45.

-> Hempel. Dirk: Vom Wind getragen, in: Der Traum vom Fliegen (GEO Epoche Jg. 2017, Heft Nr. 17), Hamburg 2017, 92f. 

Technikgeschichte

Sicherheit

Technikgeschichte

Unterhaltungskultur

Inhaltsverzeichnis

1. Konsum auf Knopfdruck

1. Konsum auf Knopfdruck

Darfs ein Likörchen sein, ein Spritzer Parfüm? Oder ein neuer Lover? Schon früh kamen Tüftler auf die verwegensten Ideen für Automaten. Hier sehen Sie vergessene Münzmaschinen - manche waren tödlich. Wieder nur eine Niete? Oder diesmal das ganz große Los? Gespannt überfliegen die jungen Frauen das Schreiben, das sie soeben aus dem Automaten gezogen haben. Ist es der Mann fürs Leben, der sich hier auf einem schnöden Din-A4-Bogen präsentiert? Ihr Einsatz ist nicht allzu hoch: Zwei Mark haben die beiden in den wuchtigen Apparat geworfen, der ab Januar 1955 am Lübecker Bahnhof für Aufsehen sorgte. Im Gegenzug spuckte er die Personalien eines paarungswilligen Schleswig-Holsteiners aus, inklusive Umschlag mit Chiffre-Adresse.

Als "Heiratsvermittlungsautomaten" bezeichnete die "Zeit" diese erstmals auch in Deutschland zu bestaunende "amerikanische Erfindung". Eine kleine Revolution, ging es doch um die Rationalisierung der oft so umständlichen Partnerwahl, frei nach dem Motto: Tausche zwei Geldstücke gegen einen neuen Lover.

Naschsucht und Unmoral

Ganz so einfach wars nicht, die Lübecker mussten auch weiterhin kostbare Lebenszeit bei Dates verschwenden. Doch der Anbahnungsapparat zeigt: Die Automatisierung des Alltags treibt nicht erst im 21. Jahrhundert bizarre Blüten, sie griff schon viel früher um sich. Während manche der stummen Verkäufer schnell wieder verschwanden, lösten andere regelrechte Kulturkämpfe aus. Der Schokoladenautomat zum Beispiel. Ab Ende des 19. Jahrhunderts beglückte der Kölner Schokoladenfabrikant Ludwig Stollwerck die Deutschen mit gusseisernen Süßwaren-Ungetümen. "Jugendverderber", schimpften vor allem Pädagogen: Die Apparate würden Kinder zu Naschsucht verleiten, obendrein zu Unmoral durch die Verführung, Hosenknöpfe statt echter Münzen einzuwerfen. Geistliche sahen in den Schoko-Automaten eine Bedrohung der Sonntagsruhe und der gottesdienstlichen Andacht; die Konkurrenz wiederum witterte unlauteren Wettbewerb.

Vielerorts erließen die Behörden laut Stollwerck-Chronik von 1939 Sondersteuern oder versuchten, die Aufstellung gleich ganz zu verhindern. Vergebens: Der Siegeszug der Groschengräber, Inbegriff von Modernität und Rationalisierung, war nicht aufzuhalten. 1893 gab es bereits 15.000 Stollwerck-Automaten in Deutschland, ein Jahr später allein in New York bereits 4000. Zahnstocher und Nähnadeln, Briefpapier und Klopapier, Seife und Bleistifte - schon um die Jahrhundertwende spuckten die Automaten eine wachsende Produktpalette industriell gefertigter Massenware aus.

"Neue Waffe gegen Schundliteratur"

Ob an Bahnhöfen oder auf Ozeandampfern, in Seebädern, Kaufhäusern oder Cafés: Ab sofort konnte jeder für ein paar Münzen am Segen des Kapitalismus teilhaben. Und dabei sogar noch ein besserer Mensch werden: Als "neue Waffe gegen die Schundliteratur" an Kiosken pries der Reclam-Verlag Anfang des 20. Jahrhunderts seine Bücherautomaten. 1914 standen sie bereits an 1600 deutschen Bahnhöfen. Mit fortschreitender Technik wurden die Automatenerfinder immer kreativer. Sie entwickelten die abstrusesten Konsum-to-go-Ideen: Bald gab es Parfümautomaten, Münzrasierer und "Likörtankstellen", die auf Knopfdruck Hochprozentiges ausschenkten. Ab 1896 eroberten Automatenrestaurants von Deutschland aus die Welt und machten Kellner arbeitslos.

Jahrzehnte später konnten sich Angler im US-Bundestaat Colorado Würmer aus dem Automaten fischen. In England spuckte ein Apparat bereits glimmende Zigaretten aus. Ein anderer versprach, die eilige Frau zu schminken: Farbtöne einstellen, Kopf in die Öffnung stecken, Kurbel nach rechts drehen - und beten, dass das Make-up an den richtigen Stellen im Gesicht landet. Großer Beliebtheit erfreuten sich auch die Kraftmesser-, Foto- und Wahrsageautomaten auf den Jahrmärkten.

Zeitbombe im Koffer

Weit weniger harmlos: der "Prof. Röntgens X-Strahlen-Automat", 1896 von Carl Buderus aus Hannover entwickelt. Der Kasten versprach, "nach Einwurf eines 10-Pfennig-Stückes nicht nur seine eigene Hand, sondern auch fremde Gegenstände wie Holz, Leder, Papier usw. durchleuchten zu lassen", so die "Zeitschrift für Instrumentenbau" von 1897. Von den verheerenden Folgen früher Röntgengeräte wusste man anfangs wenig, und auch als Röntgenpioniere längst an Strahlenschäden gestorben waren, blieb der Automat noch lange im Einsatz, laut Historikerin Cornelia Kemp bis nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nur eine Münzmaschine war ebenso gefährlich - obwohl sie den Menschen doch die Angst vorm Fliegen nehmen sollte. In den Fünfzigerjahren konnten Reisende vor dem Abflug Versicherungspolicen aus Automaten in den Wartehallen zahlreicher Flughäfen ziehen. Genau so einen Apparat steuerte am Morgen des 1. November 1955 Jack Gilbert Graham am Flughafen von Denver an, warf sechs 25-Cent-Stücke ein und schloss für seine Mutter Daisie eine Lebensversicherung im Gegenwert von 37.500 Dollar ab. Am Vorabend hatte der Mechaniker, damals 23, eine Bombe in Daisies Koffer gelegt und als Weihnachtsgeschenk getarnt. Sie detonierte um 7.03 Uhr, alle 39 Passagiere und die fünf Crewmitglieder starben. Im FBI-Verhör gab Graham zu, dass er die Versicherungssumme für die tote Mutter kassieren wollte - er landete in der Gaskammer.

Belletristik per Knopfdruck: Der Lesomat

Die Versicherungsautomaten schafften es nicht ins 21. Jahrhundert. Auch der Lübecker Heiratsvermittlungsautomat erwies sich als kein zukunftstaugliches Geschäftsmodell, ebenso eine 1993 in Japan aufgestellte Maschine mit gebrauchter Mädchenunterwäsche. Was Tüftler nicht von immer neuen, noch abgefahreneren Apparaten abhält. Zum Beispiel der französische Automat für Kurzgeschichten: Seit Oktober 2015 werden die weltweit ersten Lesomaten in Grenoble getestet. Je nach Lesezeit (eine, drei oder fünf Minuten) drückt man die Ziffern 1, 3 oder 5 und bekommt per Zufallsprinzip einen der rund 600 Texte auf einer Art Riesenkassenbon ausgedruckt. Angetreten sind die Macher der Geschichtenmaschine mit dem gleichen hehren Anspruch wie einst Reclam vor gut 100 Jahren: "Wir versuchen, die Literatur zu retten", so Mitbegründer Christophe Sibieude.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Iken, Katja: Konsum auf Knopfdruck, in: SPIEGEL online, online verfügbar seit 04.05.2026 unter: https://www.spiegel.de/geschichte/erfindungen-die-schraegsten-historischen-automaten-a-1088463.html, zuletzt geprüft am 31.07.2026.

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Sekundärliteratur

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Technikgeschichte

Musik und Ton

Inhaltsverzeichnis

  1. Der Sound aus dem Trichter. Kulturgeschichte des Phonographen und des Grammophons
  2. Antiphon und Ohropax. Die Erfindung der Stille. 

1. Der Sound aus dem Trichter. Kulturgeschichte des Phonographen und des Grammophons

Auf der Tagesordnung der Monatssitzung des Elektrotechnischen Vereins stand am 26. November 1889 der erste nachweisbare Vergleich zwischen dem Phonographen und dem Grammophon. Versammelt hatten sich im Großen Hörsaal des Kaiserlichen Postfuhramts der Staatssekretär des Reichspostamts Heinrich von Stephan, der Geheime Regierungsrat Werner von Siemens, der Ober-Telegraphen-Ingenieur Grahwinkel sowie weitere Berliner Unternehmer, Ingenieure, Offiziere und Wissenschaftler. Der Telegraphen-Ingenieur des Reichspostamts Müller stellte dem Auditorium den Phonographen vor. Er sprach einige Sätze hinein, die auf eine Wachswalze aufgezeichnet wurden, und spielte diese wieder ab. Über das Hörerlebnis berichtet Költzow, Werkmeister in einer elektrotechnischen Fabrik: "Die Sprache war rein und klar mit etwas Nebengeräusch, jedoch sehr leise, sodass nur die Umstehenden, die sich in nächster Nähe befanden, etwas hören konnten." Emile Berliner führte das von ihm konstruierte Grammophon vor. Költzow schrieb über den Höreindruck: "Als Berliner seinen Apparat in Tätigkeit setzte, entstand ein fürchterliches Geräusch, welches fast unerträglich war, bald aber ertönte eine vollständige Orchestermusik, aus welcher man trotz des Geräusches fast jedes einzelne Instrument heraushören konnte."

Der Ingenieur und Unternehmer Emile Berliner, der 1870 von Hannover in die USA ausgewandert war, hatte sein Grammophon zum ersten Mal am 16. Mai 1888 vorgestellt, und zwar vor Wissenschaftlern des Franklin-Instituts in Philadelphia. Ab Anfang September 1889 befand er sich in Deutschland. Es war seine Absicht, den Bekanntheitsgrad seiner "Erfindung" zu erhöhen und Investoren zu finden. Dazu hielt er Vorträge in Hannover, Berlin und Frankfurt a. M., in welchen er die Funktionstüchtigkeit und den Gebrauchswert des Grammophons demonstrierte und die Technik erläuterte.

Nahezu zur selben Zeit waren der US-amerikanische "Erfinder" und Unternehmer Thomas Alva Edison und sein Assistent Theo Wangemann auf Werbereise für den von Edison entwickelten Phonographen. Er wurde gerade in Paris auf der Weltausstellung gezeigt, wo Edison ihn auch seinem Freund und Geschäftspartner Werner von Siemens vorstellen wollte. Da dieser jedoch verhindert war, schickte Edison Wangemann nach Berlin. Die erste Vorführung des Phonographen vor deutschen Wissenschaftlern fand in den Räumen der Firma Siemens & Halske am 15. September 1889 in Anwesenheit von Edison statt. Wie die Berliner Presse tags darauf berichtete, verwies Edison bei dieser Vorführung auf die Rationalisierungseffekte, die mit dem Gebrauch des Phonographen zum Zweck der geschäftlichen Kommunikation verbunden seien. Wangemann ergänzte, dass die Tonwalze als Ersatz für den geschriebenen Brief dienen könne; er selbst habe in Paris eine Tonaufnahme angefertigt und diese als postillon d’amour an seine Ehefrau in New York geschickt. Wenige Tage nach der Vorführung verließ Edison Deutschland wieder Richtung USA.

Edison hatte gehofft, Kaiser Wilhelm II., Kanzler Otto von Bismarck und Generaloberst Helmuth von Moltke persönlich den Phonographen vorstellen zu können; ein Treffen kam jedoch nicht zustande. Allerdings bekundeten die drei telegrafisch ihr Interesse und so beauftragte Edison Wangemann, seine Promotion-Tour abzubrechen und in Berlin Sprachaufnahmen von Wilhelm II., Bismarck und Moltke zu machen. Edison hatte bereits in den USA damit begonnen, berühmte Personen in den Aufnahmetrichter sprechen zu lassen. Es gehörte zu seinem strategischen Kalkül als Unternehmer, seine "Erfindung" mit diesem PR-Mittel populär zu machen und mit sozialem Prestige aufzuladen. Schließlich war mit dem Phonographen noch keine kulturell legitime und gesellschaftlich verankerte Praktik verbunden, die dem neuen Objekt eine dauerhafte Nutzung und eine wirtschaftlich tragfähige Kommerzialisierung gesichert hätte. 

Am 23. September war es so weit. Wangemann traf Wilhelm II., der sich vom Phonographen begeistert zeigte, sich den Apparat erläutern ließ und Tonaufnahmen anhörte. Allerdings wollte er sich nicht aufnehmen lassen, auch nicht beim zweiten Treffen am übernächsten Tag. Stattdessen zeichnete Wangemann die Stimme des 7-jährigen Kronprinzen Wilhelm, der das Lied Heil dir im Siegerkranz zum Besten gab, und die seiner jüngeren Brüder Eitel Friedrich und Adalbert auf jeweils einer Walze auf. Die Reproduktion des vom Kronprinzen intonierten Liedes hörte zwei Wochen später Bismarck, als ihn das Ehepaar Wangemann auf seinem Schloss in Friedrichsruh bei Hamburg besuchte. Nachdem Bismarck verschiedene Tonaufnahmen angehört hatte, sprach er selbst in den Aufnahmetrichter.

"Diese neue Erfindung des Herrn Edison ist in der Tat staunenswert"

Moltke hörte die Aufnahme von Bismarck am 21. und 22. Oktober. Das Ehepaar Wangemann befand sich auf der Reise nach Wien und legte bei Moltke einen Zwischenstopp ein. Moltke besprach mehrere Walzen. Unter anderem sprach er das neue Handlungspotenzial an, das mit der technischen Reproduktion von Schall verbunden war: "Diese neue Erfindung des Herrn Edison ist in der Tat staunenswert. Der Phonograph ermöglicht, dass ein Mann, der schon lange im Grabe ruht, noch einmal seine Stimme erhebt und die Gegenwart begrüßt."

Das Neue an Phonograph und Grammophon war, dass sie den flüchtigen Schall in eine materielle, dauerhafte und reproduzierbare Spur verwandelten. Dies bedeutete zugleich, dass der Schall in der technischen Reproduktion die Bindung an seinen Ursprung verlor: Der Apparat spaltet das gesprochene Wort vom Körper des Sprechers ab, die Musik aus einer Posaune vom Instrument und das Geklapper der Pferdehufe von den Pferden, dem Straßenpflaster und dem Stadtraum, in dem sich dies alles abspielt. Zeit und Raum wurden neu geordnet. Einige der Zeitgenossen, die die Spezifik der technischen Reproduktion von Schall zu bestimmen versuchten, verglichen den Phonographen und das Grammophon mit dem Planspiegel, dem Telefon, der optischen Linse oder dem mechanischen Musikapparat.

Der technischen Reproduktion von Schall wurde zugeschrieben, sie überwinde Raum und Zeit, die Zeit jedoch nur in Richtung Zukunft, da Aufnahmen von bereits vergangenen akustischen Ereignissen nicht möglich waren. Obschon die modernen Verkehrsmittel Eisenbahn und Automobil das Verhältnis von Raum und Zeit gleichfalls revolutionierten, erschien den Zeitgenossen der Phonograph und das Grammophon mehr als eine Art "Zeitmaschine", die einen zeitlosen Raum der Ewigkeit erzeugt. Dieser "Raum der Ewigkeit" sichert der von Moltke angeführten "Stimme aus dem Grab" ihre die Zeit überdauernde Aktualität, so wie allen anderen Stimmaufzeichnungen, die als historische Spur bis heute erhalten geblieben und für uns wie für zukünftige Generationen von Hörern gegenwärtig sind – zeitgemäß technisch "up to date" als MP3-Files im Internet zugänglich gemacht.

Der Weg in die Kommerzialisierung

Während Wangemann seine Reise fortsetzte und weitere Stimmporträts berühmter Personen sammelte, verkündete Berliner dem Auditorium im Berliner Postfuhramt, dass Edisons Phonograph technisch bereits am Ende sei, sein Grammophon hingegen noch ganz am Anfang der Entwicklung stehe. Er führte in seiner Betrachtung die von Költzow geschilderten Höreindrücke auf die unterschiedlichen technischen Bedingungen der beiden Apparate zurück.

Die Unterschiede in den technischen Funktionsprinzipien wie in der Form des Tonträgers hatten für die Nutzungskonzepte und die Vermarktungschancen der zwei Apparate weitreichende Folgen. Edison sah im Phonographen in erster Linie einen neuen Büroapparat, der in der Lage sein würde, im Verbund mit Telefon und Schreibmaschine die Kommunikation zu rationalisieren. Als sein Apparat in den USA erfolgreich als Münzphonograph vermarktet wurde, protestierte Edison dagegen; der Münzphonograph spielte, nachdem man Geld eingeworfen hatte, vorbespielte Tonwalzen ab, die mit Hilfe von Hörschläuchen angehört werden konnten. Berliner wiederum war der Ansicht, dass die Zukunft der Tonaufzeichnung im Unterhaltungsbereich liege. Deshalb sah er in der umständlichen und teuren Vervielfältigung der Tonwalzen den entscheidenden Schwachpunkt des Phonographen und verzichtete beim Grammophon auf die Funktion der Selbstaufnahme.

Wenngleich sich Berliners Standpunkt im Nachhinein als hellsichtig erwies, blieb aus Sicht seiner Zeitgenossen, die sich an der Kommerzialisierung der Apparate beteiligten, offen, welches der beiden Nutzungskonzepte sich zukünftig als marktfähig erweisen würde. Das Beispiel des Werkmeisters Költzow kann das Problem verdeutlichen. Költzow, seit besagter Monatssitzung des Elektrotechnischen Vereins enthusiastischer Protagonist der Tonaufzeichnung, experimentierte zunächst mit dem Grammophon, entschied sich letztlich jedoch für den Phonographen, weil er einem Gerät, das Schall sowohl aufnehmen als auch wieder abspielen konnte, bessere Marktchancen zuschrieb als einem bloßen Wiedergabeapparat. Also konstruierte er einen eigenen Phonographen und eröffnete 1890, wie er 1913 rückblickend berichtete, die "erste deutsche Phonographenfabrik in Berlin".

Die Zwei-Mann-Firma, zu der neben Költzow noch der Klavierspieler Bahre gehörte, kaufte von der Columbia Phonograph Company "Baby"-Apparate und versah diese mit einem Glasgehäuse und einer umlaufenden Halterung, an die ein Dutzend Hörschläuche angebracht wurden. Die so ausgestatteten Apparate wurden dann an Schausteller teuer weiterverkauft. Als Költzows und Bahres rechte Hand fungierte der Schlosser Paul Pfeiffer. Dieser gründete gemeinsam mit seinem Schwager, dem Mechaniker Carl Lindström, in den 1890er Jahren die Firma "Pfeiffer & Lindström, Mechanische Werkstatt für Neuheiten und Massenartikel jeder Art". Aus der Werkstatt ging 1908 die Lindström AG hervor, ein als Global Player auf dem Weltmarkt agierender Konzern.

Das enorme Wachstum der Phonoindustrie war eingelagert in den Kontext der zweiten Industriellen Revolution mit ihren Leitsektoren Elektrotechnik und Chemie. Seit den 1880er Jahre herrschte eine allgemeine Prosperitätsphase und die zunehmende Verbreitung der modernen Kommunikations- und Transportmittel sorgte für einen Globalisierungsschub. Der Aufstieg der Phonoindustrie vollzog sich in mehreren Ländern gleichzeitig, vor allem aber in den USA, in Frankreich, in England und in besonderem Maße in Deutschland. Denn die deutsche Phonoindustrie stieg als Teil der "New Economy" der Kaiserzeit vor 1914 zum Weltmarktführer und Exportweltmeister auf. Konzerne wie die Lindström AG und die Deutsche Grammophon-Gesellschaft unterhielten zahlreiche internationale Produktionsstätten und ein weltumspannendes Handelsnetz.

Berlin war die Hauptstadt der Phonoindustrie. Hier, im Exportviertel rund um die Ritterstraße hatte sich eine große Zahl an Betrieben angesiedelt oder eine Niederlassung eröffnet. Zudem bot die Musikkultur Berlins genügend Gelegenheiten für Tonaufnahmen – beispielsweise nahm die Deutsche Grammophon den Star-Tenor Enrico Caruso bei einem Gastaufenthalt auf – und die Berliner Bevölkerung eignete sich als Testmarkt für die neuen Produkte.

Der Phonograph spielte für das Wachstum der Phonobranche indes kaum eine Rolle. Zwar verbesserten technische Innovationen die Möglichkeit, Tonwalzen in industrieller Fertigungsweise zu vervielfältigen, und relativierten so den Vorteil der Schallplatte in diesem Punkt ein wenig. Jedoch glichen umgekehrt technische Verbesserungen, insbesondere die Verwendung von Schellack ab Oktober 1896, Schwächen der Schallplatte gegenüber der Tonwalze aus. Die Möglichkeit, Aufnahmen anzufertigen, blieb zwar weiterhin die Domäne des Phonographen. Jedoch machten die Konsumenten davon kaum Gebrauch, weshalb die technische Vorrichtung für die Selbstaufnahme schließlich nur noch auf Wunsch geliefert wurde.

Der Absatz des Phonographen ging nach 1900 kontinuierlich zurück. Die Lindström AG nahm ihn 1907 aus ihrem Angebot und Edison stellte die Herstellung 1913 ganz ein. Lediglich bei Diktierapparaten und anderen Spezialkonstruktionen wurde das System des Phonographen mit Selbstaufnahmemöglichkeit fortgeführt.

Neue Handlungsmöglichkeiten und der Zwang zur Perfektion

Die Ausbreitung und Etablierung der Phonoindustrie hatte massive Auswirkungen, und zwar vor allem auf die Musikkultur. Mit der Verbreitung der Schallplatte ließ sich die Popularität eines Komponisten, Sängers oder Musikers in bislang unbekannter Weise steigern und mit den Tantiemen aus dem Verkaufserlös eines "Schlagers" konnte man über Nacht reich werden. Zugleich hatten sich die Künstler den Bedingungen des Aufnahmeverfahrens im Tonstudio und dem Toningenieur als bestimmendem Akteur zu unterwerfen. Für die Künstler bedeutete die Tonaufnahme zunächst die Aneignung und Einübung von Disziplin und die Kontrolle ihrer Affekte. Die gewohnten wie spontanen Bewegungen des Körpers, die selbstverständlicher Teil des künstlerischen Ausdrucks waren, hatten meist Schwankungen in der Lautstärke zur Folge und in einigen Fällen beendeten ausufernde Armbewegungen vorzeitig die Aufnahme, weil dadurch die Aufnahmeapparatur in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Eine Aufnahme ließ sich weder wie der Film "schneiden" und neu montieren noch nachbearbeiten. Daher durften den Beteiligten über die gesamte Aufnahmedauer keine Fehler unterlaufen. Da man die unterschiedlichen Lautstärken und Dynamiken der Instrumente und des Gesangs nicht "aussteuern" konnte, mussten die Akteure je nach Klangintensität ihrer Instrumente in unterschiedlichen Abständen zum Aufnahmetrichter stehen; zugleich mussten sie alle möglichst nahe an diesen heranrücken, was zu äußerst gedrängten Anordnungen führte. Noch schwieriger wurde es für die Musiker, wenn die Anordnung, bedingt durch die vom Musikstück geforderte wechselnde Tondynamik, im Laufe der Aufnahme geändert werden musste.

Die Sängerin Frieda Hempel, von 1907 bis 1912 an der Berliner Hofoper engagiert, schilderte ihre Erlebnisse während ihrer allerersten, 1907 für die Odeon eingespielten Aufnahme. Als sie singen sollte, so Hempel, habe ihr jemand als Zeichen in den Rücken "geknufft" und wenn ihre Partitur kräftigere Töne verlangte, habe einer der Techniker sie am Rock gezogen, damit sie vom Aufnahmetrichter zurücktrat. Bei leiseren Tönen sei sie dann mit entsprechender Energie wieder an den Trichter herangeschoben worden: "Bei diesem handgreiflichen Verfahren die musikalische Kontinuität zu wahren, fiel nicht leicht. Die Aufnahmen mussten sehr oft wiederholt werden, weil die Stimme nicht gleichmäßig war. Und wenn eine Aufnahme wirklich glückte, dann zerbrach womöglich die Platte."

Ferner bedeutete die Tonaufzeichnung für die Künstler, dass sie nicht, wie im Konzert, für ein begrenztes und präsentes Publikum spielten. Der "ewig" auf dem Tonträger aufgezeichnete Schall richtete sich nunmehr an ein imaginäres Publikum, das für den Künstler örtlich und zeitlich entgrenzt, sozial indifferent und quantitativ unbestimmt erschien. Man sang, musizierte und rezitierte vor einem potenziell in die Zukunft kommender Generationen verlängerten Weltpublikum. Einer Mehrheit der Künstler schien dies nichts auszumachen, ein Teil reagierte jedoch mit einer "Trichterfurcht"; eine Furcht, die selbst bühnenerprobte und im Repertoire gefestigte Künstlerinnen und Künstler ereilte, sodass sie, als es darauf ankam, versagten. Toningenieure berichteten von Fällen, die an einen Blackout erinnern, einem durch Stresserfahrung blockierten Gedächtnis.

Das Spielen für die "Ewigkeit", gepaart mit der Unmöglichkeit, eine fehlerhafte Aufnahme wiederholen zu können, zwang zur künstlerischen Perfektion. Besonders eindrucksvoll schildert der Pianist Artur Schnabel 1932 sein Leiden während der Aufnahmen von Beethovens Sonaten in London. Für Schnabel war es das erste Mal, dass er Aufnahmen für Tonträger einspielte. Den "Verplattungsvorgang" hielt der Pianist für eine "Zerstörung durch Erhaltung". Was nicht sterben könne, habe nie gelebt, so Schnabel. Die Unvollkommenheit der vom Menschen erschaffenen Maschine tue dem Menschen Gewalt an, indem die "armselige Technik" ihn zwinge, fehlerfrei zu sein, was aber nicht gelingen könne. Schnabel schrieb, dass er sich nach den Aufnahmen nahe am Nervenzusammenbruch befunden habe. Ihn überfiel das Gefühl der Scham angesichts seiner menschlichen Leistung, die er gegenüber der unbedingten Perfektion, zu der ihn die Maschine zwang, nur noch als unzulänglich wahrnehmen konnte.

Der Hörer vor dem Trichter

Der Phonograph und das Grammophon veränderten nachhaltig die Möglichkeiten, Musik zu hören. Sie erlaubten das Hören in gänzlich neuen Bezugsverhältnissen und eröffneten damit Hörformen, die der konzertanten Aufführung verschlossen blieben. So ließ sich das Hören von Musik individualisieren und intensivieren; Musik wurde "näher" erlebt.

Phonograph und Grammophon nahmen den Schall nicht einfach auf und gaben ihn wieder, sondern formten die akustische Wirklichkeit um und ersetzten sie durch eine neue. In Frage gestellt wurden mit der reproduzierten akustischen Wirklichkeit die überkommenen Wahrnehmungsweisen. Was war eine angemessene Wahrnehmung? Nach welchen Maßstäben sollte der Sound aus dem Trichter beurteilt werden? Was ist ein schöner Ton? Zunächst wurde die Reproduktion nach dem Grad ihrer Übereinstimmung mit dem Original beurteilt. Aus diesem Blickwinkel versprachen Phonograph und Grammophon Wiedergabetreue im Sinne von Authentizität und Detailgenauigkeit. Doch ist dieses Ideal prinzipiell nicht erreichbar. Die Reproduktion repräsentiert das Original lediglich aufgrund der Ähnlichkeit, die sie mit ihm hat.

Zur "Treue zum Original" wurde um 1910 eine Gegenposition entworfen, deren Apologeten dafür eintraten, dass der "Phonographenton" als etwas Eigenständiges zu betrachten sei und nicht am Original gemessen werden dürfe. Vielmehr stünde er für sich und besitze das Potenzial zu einer eigenen Schönheit, die unter bestimmten Umständen sogar geeignet sei, diejenige des Originals zu übertreffen.

Was als "schön" empfunden werden konnte, hing nicht nur vom Klang der Apparate ab, sondern in hohem Maße auch vom Gebrauch, den der Hörer von seinen Sinnen machte. Besonders die Imagination beeinflusste das Hörerlebnis. So plädierte 1924 der österreichische Dramatiker und Journalist Rudolf Lothar in seiner Abhandlung Die Sprechmaschine dafür, dass der Hörer für die genussvolle Aneignung von Schallplattenmusik seine "Illusionskraft" ausbilden und nutzen solle. Mit dieser Kraft ließen sich die unerwünschten Nebengeräusche des Apparats unterdrücken und gleichzeitig das Gehörte mit den Genuss steigernden Vorstellungen, inneren Bildern und Phantasien anreichern. Lothar ebnete mit seinem Konzept der "Illusionskraft" – zumindest theoretisch – dem Bildungsbürgertum den Weg zur Schallplattenmusik, der es eher zurückhaltend bis ablehnend gegenüberstand.

Der Gebrauch der Sinne bildete nicht nur die Voraussetzung für die Aneignung von Schallplattenmusik, sondern konnte im Kontext des Habitus des Musikhörers auch als Ausdruck der musikalischen Bildung und sozialen Distinktion gelesen werden. Vor allem der Blick des Hörers galt als ein Indikator für die Zugangsweise zur Musik: Der musikalisch ungebildete Hörer bevorzuge Apparate mit großem Schalltrichter, den er mit dem Besitzerstolz des "kleinen Mannes" anstarre, während man den kunstsinnig genießenden Musikkenner daran erkenne, dass er den Blick zum Apparat vermeide, womöglich sogar wie im Konzert zur Intensivierung des Erlebnisses die Augen schließe und Apparate bevorzuge, die sich als Möbel visuell in den Stil der Wohnungseinrichtung einfügten, ohne ihren eigentlichen Zweck preiszugeben. Insbesondere die sogenannten trichterlosen Apparate mit einer im Gehäuse integrierten Schallführung kamen dem Bedürfnis nach der Unsichtbarkeit der Schallquelle entgegen.

Rationalisieren, Analysieren, Archivieren, Lernen

Die mit dem Phonograph und dem Grammophon verbundenen Aneignungs- sowie Umgangsweisen erstreckten sich nicht allein auf den Zweck der Unterhaltung. Parallel hatten sich eine Vielzahl weiterer Nutzungen unterschiedlichster Art in verschiedenen Bereichen des Arbeitslebens, der Wissenschaft und der Bildung herausgebildet. Im Arbeitsleben wurde der Phonograph als Diktierapparat eingesetzt, in Parlamenten zur Aufzeichnung und Transkription von Reden, in Unternehmen und von Selbstständigen zur Flexibilisierung und Rationalisierung von Schreibarbeit. In den Fabriken diente Grammophonmusik zum Eintakten zumeist eintöniger Arbeiten sowie zur Zerstreuung der Arbeiter und Angestellten.

In den Wissenschaften verwendeten Forscher den Phonographen als ein neues Medium zur Fixierung akustischer Phänomene, die sich mithilfe der Apparatur mit neuen Methoden eingehend analysieren ließen. Die Forschungen in der vergleichenden Musikwissenschaft basierten auf dem Phonographen, der die Möglichkeit zu neuartigen ethnologischen Studien bot. Die Tonwalze als neue Quellengattung gestattete das Sammeln und Archivieren akustischen Materials; die Notwendigkeit dazu begründeten Vertreter der Volkskunde beispielsweise mit dem Hinweis auf das drohende Verschwinden ursprünglicher kultureller Ausdrucksformen. Sie argumentierten kulturpolitisch, dass gerettet werden müsse, "was zu retten ist", bevor der unaufhaltsame technische Fortschritt weltweit die egalitäre westliche Zivilisation verbreitet und alle regionalen Eigentümlichkeiten hinweggefegt habe.

Sprachwissenschaftler hofften indes, mit dem Phonographen auf das generative Prinzip der Sprache zu stoßen; Ärzte nahmen Körpergeräusche zu Schulungszwecken auf. Zahnärzte wiederum boten ihren Patienten an, sie mit Musikbegleitung vom Grammophon zu behandeln, da dies die Schmerzwahrnehmung reduziere.

Im Bildungsbereich dienten Sprachschallplatten zur Schulung der richtigen Aussprache beim Erwerb von Fremdsprachen; Musik- und Gesangslehrer nutzten Phonograph und Grammophon, um ihre Schüler besser auf Fehler aufmerksam machen zu können oder um ihnen Beispiele vorbildhafter Musik vorzuspielen.

In der Ausbildung von Stenotypistinnen diente Grammophonmusik als Taktgeber für das Tippen. In den frühen Kinos setzte man besonders laut spielende "Starktonapparate" zur Pausengestaltung, Vertonung oder akustischen Begleitung der Filmvorführungen ein. Und im Berliner Öffentlichen Nahverkehr dachte man darüber nach, ob nicht ein Phonograph die Ansagen des Schaffners übernehmen könne.

Vom ersten funktionstüchtigen Phonographen von 1877 und den darauf folgenden Objekten zur technischen Reproduktion von Schall, von ihrer industriellen Herstellung wie ihrer massenhaften Aneignung und ihrem Gebrauch sind tief greifende und alltagsbezogene Veränderungen ausgegangen. Die Fähigkeit, Schall aufzeichnen und wiedergeben zu können, ist seither auf immer neue Objektgenerationen übergegangen – bis zu den heutigen digitalen Abspielgeräten. Die Geschichte dieser Objekte der "industriellen Massenkultur" (Wolfgang Ruppert) verdeutlicht, wie sich an ihnen Prozesse der Produktion, der Nutzung und der Sinngebung festmachen, die in neue Lebensweisen und Lebenswelten münden.

 

2. Antiphon und Ohropax. Die Erfindung der Stille. 

Immer dringender wurden zur Jahrhundertwende in den Großstädten wirksame Strategien zur Eindämmung des Lärms gesucht. Der Spielraum dafür erwies sich allerdings schon bald als ziemlich beschränkt, wie der Berliner Stadtbauinspektor Georg Pinkenburg in einer Studie unmissverständlich feststellte. Insbesondere den Straßenlärm konnte man seiner Meinung nach bestenfalls verringern, keinesfalls aber völlig beseitigen. Und auch die oberste Gesundheitsbe­hörde in Wien, das Stadtphysikat, prognostizierte, dass "dessen erfolgreiche Bekämpfung in Großstädten wohl für lange Zeit nur ein frommer Wunsch bleiben dürfte". Was blieb, waren individuelle Schutzvorrichtungen, Ohrstöpsel, mit denen man sich zu jeder Zeit und an jedem Ort vom Lärm der Außenwelt abzuschotten suchte.

Im Jahr 1885 kam das Antiphon auf den Markt, eine kleine Kugel mit Bügel, die man im Ohr applizierte. Sein Erfinder, der deutsche Hauptmann a. D. Maximilian Pleßner, pries es in einer Werbebroschüre, die er "allen Leidensgenossen" widmete, als "Apparat zum Unhörbarmachen von Tönen und Geräuschen". Als überzeugter Angehöriger des bürgerlichen Standes gelte es, so Pleßner recht arrogant, aufzutreten gegen die akustische "Misshandlung der Gebildeten durch die Ungebildeten, der Gesitteten durch die Rohen, der Erwachsenen durch die Unmündigen, der der Gesamtheit Nützlichsten durch die der Menschheit Entbehrlichsten". Mit Antiphon lege er eine Erfindung vor, mittels derer "jedermann in den Stand gesetzt wird, böswillig oder unabsichtlich erzeugte akustische Unflätereien sich vom Leibe zu halten".

Pleßner hatte erkannt, dass vor allem die Bewohner der Städte zunehmend das Bedürfnis verspürten, sich gegen die zahlreichen "akustischen Projektile" auf den Straßen zu wehren, sich vor "akustischem Schmutz" zu schützen und "inmitten von Geräuschen Stille um sich herum zu schaffen". Die aus Metall oder Hartgummi bestehende Kugel des Antiphons schloss den Gehörgang luftdicht ab und konnte mit dem Bügel in der Ohrmuschel befestigt werden. Zur Optimierung der Passform wurden unterschiedliche Größen und Längen angeboten. Mit einem im Bügel befindlichen Loch konnte ein Antiphonpaar mit einem Karabinerhaken an einer Uhrkette befestigt und so stets bereitgehalten werden. Mit einer Uhr wurde auch der richtige Sitz des Antiphons kontrolliert. Perfekt saß es, wenn das Ticken einer an das Ohr gehaltenen – aber nicht angedrückten! – Taschenuhr nicht mehr zu hören war.

Nach dem Willen von Pleßner sollte das neue Instrument vor allem helfen, die Nachtruhe wiederzuerlangen, etwa als Mittel gegen Schnarchgeräusche. Daneben sollte es den oft unzumutbaren Lärm auf Reisen oder die durch Musikinstrumente oder Schießübungen verursachten Belästigungen vermindern. Zudem sah er es als ideales Hilfsmittel für Schmiede, Böttcher oder Arbeiter in Maschinenfabriken, die alle einer ohrenbetäubenden Tätigkeit nachgingen.

Nervenschonend und zudem relativ kostengünstig fand das Antiphon viele Interessenten. Besonders für nervöse Menschen gehörte es, wie der bekannte Wiener Schriftsteller Peter Altenberg rückblickend bemerkte, schon bald zu den unentbehrlichen Dingen. Die Handhabung des neuartigen "Schalldämpfers" erwies sich jedoch als zu umständlich. Seine Fixierung erzeugte unangenehme Druckgefühle oder misslang. Vor allem in der Nacht fiel das Antiphon häufig heraus, was auch Altenberg erlebte. Auch andere stellten fest, dass es bestenfalls im Sitzen oder auf dem Rücken liegend zu gebrauchen sei.

Die Alternative

Eine neue Erfindung versprach Abhilfe: Ohropax, das der erfinderische Berliner Apotheker Maximilian Negwer im Jahr 1907 der Öffentlichkeit vorstellte. Negwer war 1900 aus Schlesien in die deutsche Hauptstadt zugewandert, wo er ein Jahr später eine Apotheke eröffnete. Hier bot er neben dem üblichen Sortiment auch Eigenkreationen an, wie das Fleckenwasser Helgalin oder spezielle Hustenbonbons. Auf der Suche nach neuen Produkten stieß er auf das Thema Lärmschutz – eine Marktlücke, wie er sogleich erkannte. Die zündende Idee entdeckte er, angeblich auf Anregung von Freunden, in der griechischen Mythologie: Wie Homer in der Odyssee berichtet, verschließt Odysseus die Ohren seiner Gefährten mit Wachs, damit sie dem so betörenden wie gefährlichen Gesang der Sirenen widerstehen können.

Negwer unternahm zunächst Versuche mit Bienenwachs, musste jedoch feststellen, dass das Material schnell ranzig und bröckelig wurde und überdies Hautreizungen hervorrief. Nach jahrelangem Experimentieren fand er schließlich die Lösung: in einer Mischung aus Vaseline und Paraffinwachs getränkte Baumwollwatte. Negwers geschmeidige Kügelchen waren leichter zu handhaben als das Antiphon und zudem wirksamer. Sie passten sich jedem Gehörgang an, erzeugten kein Druckgefühl, hielten in jeder Lage, waren hautverträglich und ließen sich rückstandsfrei wieder herausnehmen.

Wenngleich in jenen Jahren auch andere mit Wachs-Baumwoll-Mischungen experimentierten, sollte sich Negwers Erfindung durchsetzen. Er gab seine Apotheke auf und gründete im Herbst 1907 in Berlin-Schöneberg die "Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten Max Negwer". Hier erzeugte er fortan neben diversen Salben, Tinkturen und Riechsäckchen die neuartigen "Ohropax Geräuscheschützer". Im Herbst des Folgejahres erhielten sie ihre berühmt gewordene Verpackung: kleine gelbe Blechdosen. Zu kaufen gab es sie bestückt mit sechs Paar Wachskugeln zum Preis von einer Mark. Die Ohrstöpsel etablierten sich auf dem Markt und als im Ersten Weltkrieg auch die Soldaten damit ausgestattet wurden, war dies der Durchbruch.

Zu den ersten Anhängern des Produkts gehörte erneut Peter Altenberg. Nach seinen unglücklichen Erfahrungen mit dem Antiphon jubelte er nun: "Vor drei Jahren brachte der Apotheker Max Negwer in Berlin die absolut idealen Ohr-Verschlüsse, Geräusche-Schutz, Ohropax, Ohr-Friede, in den Handel. Es waren knetbare Wachs-Watte-Kugeln. Man schlief damit sogar fest, wenn vor dem natürlich offenen Fenster ein Kutscher seine Pferde eindringlich und mit belebenden Worten ersuchte, sich in Trab zu setzen, wozu sie momentan freilich nicht ganz in Stimmung waren." Der expressionistische Dramatiker Carl Sternheim verwendete die Wachskugeln vor allem zur sozialen Abschottung: "Sie […] werden gruppenhafter immer urteilsloser, schwatzen Rundfunk, Grammophon und Phonola, für alle misera plebs selbstverständlich. Ich trage im Umgang mit ihnen Ohropax."

Auch Franz Kafka gehörte zu den vorbehaltlosen Anhängern des neuen Wundermittels. In seinen Briefen kam er gleich mehrmals darauf zu sprechen. "Für den Tageslärm habe ich mir aus Berlin […] eine Hilfe kommen lassen, Ohropax, eine Art Wachs von Watte umwickelt. Es ist zwar ein wenig schmierig, auch ist es lästig, sich schon bei Lebzeiten die Ohren zu verstopfen, es hält den Lärm auch nicht ab, sondern dämpft ihn bloß – immerhin", teilte er Felice Bauer im Juni 1915 mit. Und Jahre später gestand er verzweifelt ein: "Ohne Ohropax bei Tag und Nacht ginge es gar nicht."

Ohropax in der Literatur

Neben den Zeugnissen von Altenberg, Sternheim und Kafka sind zahlreiche weitere Belege für die (gelegentlich auch metaphorische) Verwendung von Ohropax überliefert. So griff etwa Arno Schmidt, der Eigenbrötler aus Bargfeld, in seinen Großbritannischen Gemütsergetzungen direkt auf den griechischen Mythos zurück: " 'Ohropax' war doch schon zu Homer’s Zeiten keine Schande. – (zitierend): 'Aber ich selbst nahm itzo die mächtige Scheibe des Wachses; / schnitt mit dem Erze sie klein, und drückt’ in nervigen Händen // drauf, in der Reih’ umgehend, / verklebt’ ich die Ohren der Freunde.' " Der überzeugte Atheist kreierte auch den seither oft zitierten Spottvers "Ohropax vobiscum".

Der Protagonist in Alois Brandstetters 1977 erschienenem Roman Die Abteibesucht zwar den Gottesdienst, aber er schützt sich dabei mit Ohropax, "denn das Ohr wird ja nicht nur durch diese laschen und schwachen, wenn auch leider elektronisch verstärkten Predigten, durch das dröhnende Beiseitesprechen, sondern auch durch die traurige Musik und überhaupt durch die bescheidenen Worte dieser sogenannten Wortgottesdienste beleidigt, schwer beleidigt".

Als unverzichtbare Hilfe bei schwerer körperlicher Arbeit erwähnt Heinar Kipphardt in seinem ein Jahr früher erschienenen Roman März die Kugeln: "Schutzbrille, Schutzhelm, Ohropax. Rata rata ratata, schon sind die Hände umrändert, gehen am Faden die Gliedmaßen. Band, Kantine und Band, Abort, Kantine und Band." Der Grafiker und Karikaturist George Grosz kalauert in einem Brief: "Ohren sind zugestoppopft mit Ohropax." Oropax oder Friede den Ohrenist der Titel eines 1971 gesendeten Hörspiels von Peter Turrini und "Ohropax" lautet der Spitzname eines Protagonisten in Theodor Weißenborns 1992 erschienenem Roman Hieronymus im Gehäus: "Dem Ohropax sind in der Nacht alle Hunde verbrannt bei lebendigem Leib und man weiß nicht, was die Ursache des Feuers gewesen."

Ohne Ohropax kein Roman – Besuch bei Walter Kempowski, lautete die Überschrift eines Artikels vom 8. Juli 1972 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Ob in Alkor ("Im Großraumwagen zwei überlaut sprechende Proleten (trotz Ohropax jedes Wort zu verstehen)"), in Sirius ("Ohropax, das ist ein Walkman in pianissimo"), in der Episode Mark und Bein oder in dem Roman Hundstage – die Wachskügelchen hat Kempowski ständig zur Hand, wenngleich er sie gelegentlich mit einer gewissen Skepsis betrachtet: "Das einzige, was mich von Ohropax abhalten könnte, ist der Fußpilz: Harry W. hat erzählt, dass er sich durch Ohropax Fußpilz in die Ohren verpflanzt hat, die Behandlung sei sehr schmerzhaft."

"Das Volk soll immer schön Ohr sein!"

Als Peter Rühmkorf im September 1989 durch die DDR tourte, wollte er unterwegs die gewohnten Utensilien erwerben, aber offenbar fand er keine. So zog er in seinen Tagebüchern 1989 – 1991 unter dem Eindruck, dass "es in diesem lärmintensiven Land kein Ohropax zu kaufen gibt", folgende Schlussfolgerung: "Man kommt dabei immer gleich auf schlechte Gedanken und vermutet Absicht hinter der Mangelerscheinung. Z. B. das Volk soll immer hübsch Ohr sein und sich bei zahlreich verfügten Sammel-, Demonstrations- und Ergebenheitsappellen nicht einfach nach innen abwenden dürfen."

Doch auch in der DDR war der Negwer’sche Ohrenschutz erhältlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Firma geteilt: In Ostdeutschland wurden die Wachskugeln (übrigens im gleichen Design verpackt) in einem volkseigenen Betrieb im thüringischen Königsee (Kreis Schwarza) hergestellt. Deshalb war es auch keine Anspielung auf die BRD, als Joachim Seyppel in seinem Roman Die Wohnmaschine über einen berühmten Kollegen spottete: "Es spricht der Dichter Peter Hax: / Beim Dichten nimmt man Ohropax!"

"Ein königreich für ein ohropax!", proklamierte – in aufrührerischer Kleinschreibung – H. C. Artmann und der Reiseschriftsteller Rudolf Walter Leonhardt (Xmal Deutschland) empfahl ganz allgemein: "Wer nach Deutschland reisen will, versorge sich mit Ohropax." Nino Erné hingegen hielt die "Knöpfe vom Walky Talky" (er meinte vermutlich einen Walkman) für das "Ohropax der jüngsten Generation" (Alter Mann in Manhattan).

Bei Peter Handke dominiert die auch durch Ohrenstöpsel nicht zu lindernde Verzweiflung: "Wie […] halten die anderen den Weltlärm aus? […] Nehmen sie […] Ohropax? Das ist ja auch nicht gut. Man muss sich selber atmen spüren, ein bisschen den Wind hören, das ist wunderbar fürs Schreiben, wenn ich da […] aufschaue, das geht in die Sätze ein, was da durchweht."

Klagen gegen Ohropax – wegen Lärmbelästigung

Genaue Absatzzahlen für die erste Phase der Produkteinführung sind nicht überliefert, die Firma Ohropax expandierte allerdings und verlegte 1924 ihren Standort nach Potsdam. Firmeninterne Schätzungen für die 1930er Jahre gehen von einer jährlichen Produktion von 200.000 bis 300.000 Zwölferdosen aus. Der in der BRD gebliebene Zweig des Unternehmens siedelte zunächst nach Frankfurt am Main und 1951 nach Bad Homburg um. Bis 1990 rollte man die bis in die 1980er Jahre in Blechdosen angebotenen, dann in Dosen aus Plastik verpackten Wachskugeln mit der Hand, seither werden sie vollautomatisch auf zwei computergestützten High-Tech-Fertigungsstraßen hergestellt. Die neue Produktionsweise trug dem Unternehmen allerdings prompt Klagen von Anwohnern wegen der erheblich gestiegenen Lärmbelästigung ein. So siedelte der Familienbetrieb, der heute vom Enkel des Gründers geleitet wird, mit seinen 30 Mitarbeitern in die wenige Kilometer entfernt liegende Gemeinde Wehrheim um. Die jährliche Produktionsmenge beträgt heute rund 30 Mio. Wachskugeln. Tendenz steigend.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Gauß, Stefan: Der Sound aus dem Trichter. Kulturgeschichte des Phonographen und des Grammophons, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 05.07.2016 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209556/der-sound-aus-dem-trichter/, zuletzt geprüft am 30.08.2026.

-> Payer, Peter u. Schock, Ralph: Antiphon und Ohropax. Die Erfindung der Stille, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 05.07.2016 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209560/antiphon-und-ohropax/, zuletzt geprüft am 30.08.2026.

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Sekundärliteratur

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