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Wirtschaft
Nahrungsmittelversorgung
Inhaltsverzeichnis
1. Nahrungsmittelversorgung im vorindustriellen Deutschland
2.
3.
4.
5.
1. Nahrungsmittelversorgung im vorindustriellen Deutschland
Die Qualität des Elementaren. Lebensmittelkontrolle zwischen Haushalt und Laboratorium im späten 19. Jahrhundert.
Ernährung ist klagenstark. Klagen über die Qualität der Nahrung, über Verunreinigung und Verfälschung, über die umfassende Entwertung der Lebensmittel sind stets präsent, steht Ernährung auf der Tagesordnung. Sicher ist, dass nichts sicher ist. Anspruch und Wirklichkeit treffen konfliktreich aufeinander: Leib und Leben sollen geschützt, die elementaren Bedürfnisse befriedigt werden. Treu und Glauben, Leistung und Gegenleistung gilt es in Einklang zu bringen – und dies nicht nur im bürgerlich-rechtlichen Sinne. Derartige Anspruchshaltungen sind offenkundig widersprüchlich. Ernährung ist demnach nicht nur auf einen objektiven Nenner zu bringen, auf klar definierbare Qualität, auf eindeutige Verfälschungen und offenkundige Täuschungen. Die Rede über Ernährung hängt vielmehr von den jeweiligen Bewertungsmaßstäben ab. Güte, Wert und Qualität der Lebensmittel und Speisen sind abhängig vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontrollrahmen, er erst entscheidet über die richtige und rechte Ernährung, er erst macht Klagen über Ernährung verständlich.
Die vielfaltigen Veränderungen, die gemeinhin (und verfälschend) unter dem produktionslastigen Begriff der Industrialisierung subsumiert werden, höhlten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die seit dem Hochmittelalter ausgebildeten Kontrollmechanismen im Lebensmittelsektor aus. Die Sprache des alten Rechts, der Zunftordnungen und obrigkeitlicher Reglements entsprach immer weniger den Gegebenheiten des Warenaustausches und des sozialen Wandels. Lebensmittel und Ernährung waren von Ort zu Ort verschieden, rechtliche Vorgaben griffen auf dem Lande kaum, in den Städten immer weniger. Eine einheitliche Lebensmittelqualität war eine Fiktion, schien unmöglich. Man behalf sich mit einem Flickenteppich rechtlicher und wirtschaftlicher Maßregeln. Preistaxen, Gewichtsbestimmungen und die strikte Regelung der Konkurrenzverhältnisse sollten Konsumenten und Verkäufer vor Überteuerung schützen, Lebensmittelvisitation der „Policey“ verdorbene und verfälschte Nahrungsmittel im Markt verhüten.
Seit Beginn des 19. Jahrhunderts gerieten diese Kontrollinstitutionen unter Druck. Intensivierte Konkurrenzwirtschaft bis hin zur Gewerbefreiheit ließen die obrigkeitliche Schutzmacht deutlich schwinden. Die wenigen Versuche, strafrechtliche Bestimmungen gegen gesundheitsschädliche Produkte überregional zu kodifizieren – so etwa im Preußischen Allgemeinen Landrecht von 1794 – blieben jedenfalls ohne durchschlagende Kraft. Zeitgleich aber wuchs der Bedarf an Rechtsnormen rasch, führten doch Verbesserungen im Transportwesen (Chausseebau, Eisenbahnen) wie auch das Ende langbestehender Zollschranken zu einem vermehrten Warenaustausch. Der während der frühen Neuzeit zumeist noch enge Kontakt zwischen lokaler Agrarproduktion und städtischer Versorgung wurde nach und nach durchbrochen, immer mehr Produkte entstanden unter kaum näher bekannten Bedingungen. Versorgung wurde im 19. Jahrhundert zu einem fremden Element, von dem zuerst die Haushalte, dann die urbanen Zentren entlastet wurden. Die wachsende Bedeutung künstlicher Kost ließ Fremdversorgung zunehmend üblich werden.
Parallel veränderte sich das Wissen über Nahrung und Ernährung – ohne jedoch bereits in den Alltag vorzudringen. Die biochemische „Natur“ organischer Stoffe wurde schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkundet, später dann systematisch erforscht. Auch der Mensch wurde naturalisiert, stand als Naturwesen im Stoffwechsel mit Materie, Pflanzen- und Tierreich. Folgerichtig bewegten sich die Bewertungsmaßstäbe von Wissenschaft und Alltag stark auseinander. Während sich die frühe Lebensmittelpolizei – analog zu den Haushalten – noch vornehmlich auf Kontrolle mit Hilfe menschlicher Sinnesorgane beschränkte, wurden nun mechanische und optische Hilfsmittel immer wichtiger. Vergrößerungsgläser und Mikroskope halfen, Trichinen zu erkennen. Der Rahmgehalt oder aber das spezifische Gewicht der Milch konnte durch Instrumente wie das Cremometer oder das Laktodensimeter ermittelt werden.
Mit derart beschränkten Mitteln führten vor allem Mediziner und Apotheker die Lebensmittelkontrolle vor Ort aus und gaben der örtlichen Kontrolltätigkeit exekutive Kraft. Doch landwirtschaftliche Produkte waren nicht über eine Leiste zu schlagen, waren höchst heterogen. Der natürliche Fettgehalt der Milch variierte Mitte des 19. Jahrhunderts je nach Fütterung, Rasse und Gesundheitszustand der Kuh um bis zu 1,5 Prozentpunkte. Die frühe Lebensmittelkontrolle konnte daher nur grobe Verfälschungen nachweisen, fehlte es doch an klar definierten und akzeptierten Normen für die einzelnen Lebensmittel, an die sich Produzenten orientieren konnten und wollten. Entsprechend beschränkte sich die Qualitätskontrolle vor allem auf den Schutz der öffentlichen Gesundheit. Bemerkenswert aber ist, dass sich hierbei nicht Mediziner, sondern Chemiker beruflich etablieren konnten (und, bei Trichinen, natürlich Tierärzte). Dies war ein Reflex auf die für das 19. Jahrhundert typischen neuartigen Fälschungsmöglichkeiten. Seit der Mitte des Jahrhunderts gewannen „künstliche“ Färbe- und Konservierungsmittel an Bedeutung. Sie ermöglichten die Produktion neuer Lebensmittel, dienten aber auch der Vortäuschung nicht vorhandener Produktqualität. Altbewährte Arten der Lebensmittelbeurteilung wurden dadurch vielfach obsolet. Gegen diese moderne chemische Schönung half jedoch chemische Kompetenz. Sie wurde zum Garanten für reine, unverfälschte Ware. Chemiker lieferten zudem gerichtsverwertbare „objektive“ Dokumentationen von Abweichungen und Verfälschungen.
Die Mythen von Zahl und exakter Analyse lieferten ebenfalls Schrittmacherdienste für eine nicht nur privatwirtschaftliche, sondern auch öffentliche Etablierung der Handels- und Nahrungsmittelchemiker. Diese einseitige Professionalisierung führte zu zunehmend ausgefeilteren Analysemethoden und einer immer spezifischeren Fachsprache. Lebensmittelkontrolle entschwand so dem Alltagswissen – doch wer wollte die höhere Effizienz der chemischen Kontrolle wirklich bestreiten?
Grundlagen dieser Entwicklung legten umfassende Gesetzeswerke, die zuerst in den Einzelstaaten und Provinzen, seit 1879 auch für das gesamte Deutsche Reich erlassen wurden. Ihre Bedeutung gerade vor der Jahrhundertwende war jedoch noch begrenzt. Die Fleischbeschau zeigt dies deutlich: Trichinen – zuvor unbenannt und unbekannt – waren seit den 1860er Jahren zu einer allgemeinen Gefahr geworden, Massenerkrankungen forderten Hunderte von Toten.
Nach der Entdeckung der Übertragungswege reagierten die beiden besonders betroffenen Staaten Sachsen und Preußen jedoch sehr unterschiedlich. Während Sachsen 1861 die Fleischbeschau landesweit regelte, erließ die preußische Obrigkeit nur in einzelnen Provinzen Maßregeln. Auch das dortige Fleischbeschaugesetz von 1868 bewirkte nicht die öffentlich vielfach erhoffte Zentralisierung der Schlachtung in Schlachthöfen und regelte ebenfalls gerade die Fleischbeschau nur oberflächlich. Daran änderte auch die Novelle von 1881 nichts. Erst das reichsweite Fleischbeschaugesetz von 1900 schuf langsam Abhilfe. Die Säumigkeit des Staates bedeutete zugleich, dass häusliche Fleischkontrolle weiterhin üblich blieb. Das galt auch für die Mehrzahl anderer Lebensmittel, denn das international gewiss vorbildliche deutsche Nahrungsmittelgesetz von 1879 blieb weitgehend folgenlos, auch wenn es einige Formen der Verfälschung und Täuschung reichsweit unter Strafe stellte. Es fehlte vielfach schlicht das qualifizierte Kontrollpersonal (unweigerlich denkt man an die heutigen gut gemeinten Luftnummern in der Bauwirtschaft, der Altenpflege oder der Kinderbetreuung). Besonders Preußen war institutionell nicht in der Lage, dem geltenden Recht auch Geltung zu verschaffen. Während die südlichen Bundesstaaten schon seit langem über medizinische und chemische Kontrollinstanzen verfügten, mussten diese oberhalb des Mains erst nach und nach aufgebaut werden. Nur langsam schliff sich dieses Nord-Süd-Gefälle ab, erst eine wesentlich verbesserte und durch die Promotion aufgewertete Ausbildung der Nahrungsmittelchemiker sowie die Gründung zahlreicher städtischer Untersuchungsämter führten seit den 1890er Jahren zu deutlichen Verbesserungen. Wegbereiter waren auch mehrere Spezialgesetze im Lebensmittelsektor, obgleich diese vorrangig agrarischen Wirtschaftsinteressen dienten (so etwa für die Zucker- und Fettproduktion). Trotz dieses dichter werdenden öffentlichen Rechts- und Kontrollrahmens erhöhten sich zugleich die Anforderungen an die Haushalte. Das immer vielfältigere Warenangebot erforderte genauere Kenntnisse, um den Wert der nicht mehr selbst produzierten Güter abschätzen zu können.
Schon in der ersten Hälfte des bürgerlichen 19. Jahrhunderts halfen Kochbücher, später auch speziellen Haushaltsratgeber bzw. hauswirtschaftliche Rubriken in Familien- und Frauenzeitschriften. Sie informierten nicht nur über bewährte Zubereitungstechniken, sondern dienten der Orientierung über Lebensmittel und ihre Be- und Verwertungsmöglichkeiten. Während dies bei der Mehrzahl der Dienstboten und Köchinnen noch im Haushalt erlernt wurde, begann mit dem seit Ende der 1880er Jahre zunehmend institutionalisierten Hauswirtschaftsunterricht die quasi öffentliche Vermittlung grundlegender Kenntnisse über Lebensmitteln und Haushaltsgerätschaften.
Die immer stärkere, teils selbstbewusst gewählte Fremdversorgung der Haushalte gebar so einen Wissensbereich, der das tradierte Lernen von der Hausmutter oder Köchin durchbrach. Teils privatwirtschaftlich, teils staatlich organisiert, vermittelte die Hauswirtschaftslehre grundlegende Kenntnisse zum erfolgreichen Umgang mit einer neuen Warenwelt. Auf lange Sicht wichtiger war jedoch die Verlagerung der älteren Kontrollfunktionen des Haushalts auf die rückwärtigen Versorgungsstrukturen in Industrie und Handel. Markenartikel bezeichneten nicht mehr allein Herkunft, sondern wurden tendenziell Garanten einheitlicher Produktqualität. Ein Qualitätsimage war seit den 1870er Jahren verkaufsfördernd und gewinnbringend, so dass sich zumindest größere Firmen bemühten, unverfälschte und stets gleichartige Ware zu liefern.
Dies galt auch für die Mehrzahl der sich vor allem am Ende des 19. Jahrhunderts bildenden Branchenverbände. Gegenüber Staat und Chemikern waren sie Lobbyisten, doch nach innen wirkten sie qualitätssichernd. Doch neben und später vor „die Industrie“ trat im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zunehmend Massenfilialbetriebe und die gemeinwirtschaftlichen Konsumgenossenschaften. Letztere führten schon seit der Jahrhundertwende regelmäßige chemische Kontrollen durch, garantierten ihren Käufern somit kontrollierte (und verpackte) Produkte transparenter Güte.
Dies ermöglichte hochwertige und erschwingliche Güter auch und gerade in der Arbeiterschaft. Die Selbstkontrolle bei Produzenten und Händler sowie die erfolgreiche Professionalisierung der Chemiker bot schließlich unmittelbar nach der Jahrhundertwende Chancen für umfassende Begriffsbestimmungen und Kennzeichnungsvorschriften im Lebensmittelmarkt. Nicht der Staat, sondern Produzenten, Händler und Wissenschaftler legten noch vor dem Ersten Weltkrieg einvernehmliche Standards für immer mehr Lebensmittel fest. Hatten die diese Akteure um die Jahrhundertwende noch in teils intensiven Konflikten um die Ordnung im Lebensmittelmarkt gerungen, so ermöglichte ihr Bedeutungsgewinn zugleich wegweisende Kompromisse. Die Kartellierung der deutschen Wirtschaft fand ihr Pendant in der Kooperation der „interessierten Kreise“ auch im Lebensmittelsektor. Wissenschaftliche Experten und wirtschaftliche Repräsentanten nahmen für sich in Anspruch, Sachwalter der Konsumenten zu sein. Abseits einiger weniger Käuferligen, von Hausfrauenvereinigungen und dann Konsumentenkammern waren die Verbraucher an den Festschreibungen von Lebensmittelqualität und Kontrollverfahren jedoch nicht beteiligt. Das änderte sich auch nicht während der Mangel- und Hungerjahre 1914-1923, in denen die Qualität des Elementaren in den Städten kaum mehr gewährleistet werden konnte. Während der Weimarer Republik etablierten die Experten mit dem Lebensmittelgesetz von 1927 und seinen zahlreichen Folgeverordnungen dann einen verbesserten Ordnungs- und Kontrollrahmen, der auch noch für die Bundesrepublik Deutschland und die DDR Bestand haben sollte.
Normierung und Standardisierung nahmen weiter zu, ebenso die Chemisierung der Kontrolltätigkeit. Die von Experten und Anbietern definierte und vom Staat institutionalisierte Kontrolle war durchaus erfolgreich – doch von einem direkten Einfluss der Konsumenten auf die Laboratorien konnte durchweg nicht mehr die Rede sein. Der veränderte Schutzrahmen und die neuen Kontrolleliten verweisen vielmehr auf die wachsende Entwertung des praktischen Wissens der bisherigen Garanten für die Qualität der Versorgung – nämlich der Hausfrauen. Männlich konnotiertes wissenschaftliches und wirtschaftliches Wissen ersetzte tendenziell die Alltagskompetenz der (bürgerlichen) Frauen. Dies war wichtig für deren fortschreitende Emanzipation in Wirtschaft und Öffentlichkeit. Doch es ist gewiss auch ein wichtiger Faktor für die heutigen Klagen im Ernährungssektor, die von geringer hauswirtschaftlicher Kompetenz und der Abhängigkeit von Expertensystemen gekennzeichnet sind.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> https://uwe-spiekermann.com/2018/10/23/die-qualitaet-des-elementaren-lebensmittelkontrolle-zwischen-haushalt-und-laboratorium-im-spaeten-19-jahrhundert/
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Sekundärliteratur
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Kulinarik
Lebensmittelgeschichte
Inhaltsverzeichnis
- Eine kurze Geschichte der Kartoffel: aus den Hochebenen Perus auf die Esstische Preußens
- Kochbuch von Anna Wecker 1598 (Quelle)
1. Eine kurze Geschichte der Kartoffel: aus den Hochebenen Perus auf die Esstische Preußens
Im Jahr 2024 führten die Vereinten Nationen den Internationalen Tag der Kartoffel ein, um die Bedeutung der Kartoffel für die Ernährungssicherheit zu würdigen. Der Tag der Kartoffel wird jährlich am 30. Mai begangen. Die Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ widmet der Kartoffel ein eigenes Kapitel, gilt sie doch vielen als „deutsches Gemüse“ schlechthin. Aber ist dem wirklich so?
„Kartoffel, eine ursprünglich amerikanische Erdfrucht, welche seit 50 bis 60 Jahren, wegen der ausserordentlichen Fruchtbarkeit und des vielfachen Nutzens, bey uns und unsern Nachbarn fast einheimisch geworden ist […].“
Carl Wilhelm Ernst Putsche, Versuch einer Monographie der Kartoffeln, Tafel 3 Die Frühkartoffel, Weimar, 1819 © DHM
So beschrieb der Aufklärer Johann Georg Krünitz in seinem 1785 erschienenen 35. Band der „Oeconomischen Encyclopädie“ den Siegeszug der Kartoffel. Auf 180 Seiten legte Krünitz alle wesentlichen Aspekte der Kartoffel dar. Neben ihrer Herkunft und Verbreitung im deutschen Raum und in Europa skizzierte er auch den Anbau und die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten bis hin zu gesundheitlichen Aspekten.
Es waren Eroberer um Francisco Pizarro, die als erste Europäer die Kartoffel kennenlernten, als sie ab 1526 das Inkareich Südamerikas einzunehmen begannen. Von den Bewohnern der Hochebenen Perus und Chiles lernten sie ein Trockenverfahren, das die Kartoffel haltbar machte. So wurden die Knollen ab 1565 ein beliebter Proviant an Bord der Schiffe, und sie gelangten über den spanischen Überseehafen Sevilla ins restliche Europa. Ende des 18. Jahrhunderts verbreitete sich die Ansicht, dass Francis Drake die Kartoffel 1586 über England nach Europa gebracht habe.
Wann die Kartoffel nach Brandenburg und Preußen kam, lässt sich nicht genau bestimmen. Im 18. Jahrhundert aber wurde ihr Anbau zu einem der wichtigsten Anliegen der Aufklärung. Die positiven Beurteilungen und praktischen Ratschläge bildeten das Fundament, auf dem Agrarwissenschaftler im 19. Jahrhundert aufbauen konnten, so etwa Albrecht Daniel Thaer mit seinem Konzept der „rationellen Landwirtschaft“, die unter anderem einen Fruchtwechsel zwischen Getreide und Kartoffel vorsah. In Carl Wilhelm Ernst Putsches „Versuch einer Monografie der Kartoffeln“ von 1819 fand die zeitgenössische Beschäftigung mit der Nutzpflanze ihren schönsten Ausdruck.
So entwickelte sich die Kartoffel zum Grundnahrungsmittel des 19. Jahrhunderts und zu einem der wichtigsten Anbauprodukte in der nun rasant expandierenden landwirtschaftlichen Produktion im ganzen deutschen Raum. Wichtig war, dass die Kartoffel nicht einseitig und ausschließlich angebaut wurde, wie dies in Irland der Fall war: Da die Ernährung der einfachen Bevölkerung hier fast ausschließlich über Kartoffeln erfolgte, starben nach den Ernteausfällen durch Kartoffelfäule in den Jahren 1845 bis 1848 über eine Million Menschen.
Die Namen dieser Agrarökonomen sind heute weitgehend vergessen. Wie kein anderer dagegen ist der preußische König Friedrich II. (1712–1786), genannt der Große, mit der Einführung der Kartoffel verbunden. Das liegt vor allem an seinen sogenannten Kartoffelbefehlen, von denen 15 überliefert sind. Den ersten Befehl erließ er bereits am 9. April 1746 in Pommern, um der dort grassierenden Hungersnot zu begegnen: „Daß zu Abhelfung des Brodt-Mangels der Bürger und Bauer, so Land und Gelegenheit dazu hat, sich mit mehreren Fleiß auf Anbauung guter Garten-Früchte, insbesonderheit der Tartoffeln, befleißigen solle.“Schon vor der Veröffentlichung des Befehls durch die pommersche Kriegs- und Domänenkammer hatte er eine Wagenladung Saatkartoffeln an die Notleidenden verteilen lassen. Diese Hilfsaktion verlief zunächst wenig erfolgreich, denn die Menschen hatten derartige Knollen zuvor noch nie gesehen und begegneten ihnen mit Verwunderung und Ablehnung. Sie wussten nichts damit anzufangen und warfen sie schließlich den Hunden vor, die sie auch nicht fraßen.Dies führte dazu, dass der König in seinen späteren „Kartoffelbefehlen“ ausführlichere Gebrauchsanweisungen und Belege für den Nutzen mitlieferte:
Kartoffeln auf dem Grabstein Friedrichs II. von Preußen, Park Sanssouci, Potsdam, 2026 © DHM, Foto: Dorlis Blume
„Nachdem wir bey unserer […] letzten Anwesenheit in Pommern vernommen, wie daselbst in einigen der schlechtesten und sonst unfruchtbarsten Districten, […] das Pflanzen der Tartüffeln mit sehr gutem Nutzen bey denen Unterthanen eingeführt worden.“
Kartoffelbefehl Friedrichs II. in der Kurmark und Neumark, 18. Juli 1748 © Brandenburgisches Hauptstaatsarchiv Potsdam
Im Jahr 1886 setzte der Maler Robert Warthmüller Friedrich II. endgültig ein Denkmal als „Kartoffelkönig“: Das Gemälde „Der König überall“ zeigt den Preußen bei der Kartoffelernte vor der Kulisse eines brandenburgischen Dorfes in der Neumark. Es ist nicht überliefert, was den jungen Maler zur Wahl dieses Motivs bewogen hat – vielleicht das vermeintliche 300. Jubiläum der Einführung der Kartoffel in Europa durch Francis Drake oder der 100. Todestag Friedrichs des Großen. Entscheidend ist: Warthmüllers Bild war von Anfang an ein großer Erfolg. Es wurde in mehreren Ausstellungen gezeigt, in Zeitschriften rezensiert und als Reproduktions-Holzstich gedruckt. Gleich bei der ersten Vorstellung auf der Berliner „Jubiläums-Ausstellung“ wurde es im September 1886 mit einer „Ehrenvollen Erwähnung“ der Akademie der Künste ausgezeichnet.
So wurde die schrumpelige Kartoffel aus Peru über die Jahrhunderte zum urdeutschen Gemüse, das von der Speisekarte nicht mehr wegzudenken ist. Sie findet sich als Christbaumschmuck ebenso wie als Namensgeber für Einbürgerungsfeiern, die gerne als „Kartoffelfest“ bezeichnet werden.
Und so folgerte auch Krünitz bereits 1785:
„Wenn man den Werth der Dinge nach ihrem nicht eingebildeten, sondern wirklichen Nutzen, den sie in Befriedigung wahrer und allgemeiner menschlicher Bedürfnisse haben, schätzen will, so muss man gestehen, dass die Entdeckung von Amerika, durch die Verbreitung dieser Frucht, der Nachwelt wichtiger geworden ist, als durch die reichen Gold-Minen, die doch eine Veranlassung der merkwürdigsten politischen Revolutionen in unserem Welttheile gewesen sind.“
Robert Warthmüller (1859–1895), Der König überall, 1886 © DHM
2. Kochbuch von Anna Wecker 1598
Kurzbeschreibung
Anna Wecker schrieb das erste Kochbuch, das von einer Frau verfasst und in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Sie lebte in Nürnberg und Basel. Die Rezepte und der Begleittext vermitteln Einblick in das häusliche Leben, die Ernährung und die Rolle des Kochens bei der Erhaltung und Förderung der Gesundheit in der frühen Neuzeit. Als Witwe eines Stadtschreibers und später eines Arztes betonen Weckers Rezepte, wie nützlich Lebensmittel als Medizin sind und wie wichtig die Ernährung besonders für Kranke, Schwache, Schwangere und junge Mütter ist.
Quelle
Ein Köstlich new Kochbuch: von allerhand Speisen/ an Gemüsen/ Obs/ Fleisch/ Geflügel/ Wildpret/ Fischen und Gebackens.
Nicht allein vor Gesunde: sondern auch und fürnemblich vor krancke/ in allerley kranckheiten und Gebrästen: auch Schwangere Weiber/ Kindbetterinnen/ und alte schwache Leute/ künstlich und nützlich zuzurichten und zu gebrauchen.
Dergleichen vormals nie in Truck außgangen.
Mit Fleiß begeben durch F. Anna Weckerin/ Weyland Herrn D. Johann Jacob Weckers/ des berümbten Medici, seligen/ nachgelassene Wittib.
Amberg
Den Michael Forstern
M. D. XCVIII.
Der Durchleuchtigsten Hochgbornen Fürstin und Frawen/ Frawen Loysæ-Iulianæ, Pfaltzgräfin bey Rhein/ u. Churfürstin/ geborne Princessin von Oranien/ Gräfin zu Naßaw CatzeneInbogen/ u. meiner gnädigsten Churfürstin und Frawen.
Durchleuchtigste/ hochgeborne Churfürstin/ Gnädigste Fraw/ meine Gottselige liebe Mutter Anna Weckerin/ hat kurtz vor ihrem seligen Ende gegenwertig Kochbuch/ so sie auß langer eigner Ubung und Erfahrung vil Jahr hero fleissig zusammen getragen/ endlich/ auff embsiges anhalten viler guthertziger/ und der Sachen verständiger Leut/ zum Truck verfertiget/ und ist solches E. F. G. zuzuschreiben höchlich begierig gewesen.
Wann aber nach endlicher Verfertigung berührten Buchs/ Gott der Allmächtige sie auß disen zergenglichen Leben in die ewige Frewd und Seligkeit zu sich abgefordert/ und solches allbereit dem Buchdrucker ubergeben wesen/ Als hab ich zu vollziehung gedachter meiner lieben Mutter seligen letzten Willens unnd Begerens/ als ein gehorsame Tochter/ nicht unterlassen sollen noch können/ mehr beregtes Werck in Truck zubefördern/ Und werden E. F. G. auß der an dieselben underthänigst von mehrerwenter meiner lieben Mutter seligen gestelten Dedicationshrifft ihre underthänigste Ursachen und Affection gnädigst und mit mehrem vernemen. E. F. G. hiemit underthänigst bittend/ die wöllen das Werck anderst nicht/ dann es/ nemlich gut gemeinet/ gnädigst an und auffnemen/ auch mich und die meinigen in allen Gnaden derselben befohlen seyn lassen. Datum Altorff/ den 10. Augusti/ Ao. 97.
E.F. G. underthänigste demütige
Katharina/ D. Nicolai Taurelli, Medicinæ professoris Haußfraw/ daselbsten.
[…]
Durchleuchtigste/ Hochgeborne Churfürstin/ gnädigste fraw/ Es ist männiglich fast unverborgen/ was grossen fleiß und Mühe weyland mein lieber Herr und Haußwirth seliger/ D. Johan Jacob Wecker/ gewesener Physicus unnd Stadtartzt zu Colmar/ in seinen Lebzeiten/ bey der löblichen Kunst der Artzney angewendet. Bezeugen auch solches seine vilfältige in öffentlichen Truck gegebne Schrifften unnd Bucher. Sonderlich aber wissens die jenigen/ deren noch vil im Elsass und anderstwo im Leben/ so ihm zum theil gekennet/ zum theil auch seiner hülff/ vermittels Göttlichen Gedeyens/nutzbarlich und ersprießlich gebraucht haben.
Nach dem derselbige/ als ein verständiger und erfarhrner Artzt/ wol gewust/ wie an gutter Ordnung in Essen und Trincken/ so wol den Gesunden/ als und sonderlich den Krancken mercklich vil/ und nicht weinger/ ja bißweilen mehr/ dann an andern Artzneyen/ als welche in Warheit bey einem unordentlichen Leben wenig unnd fast nichts nutzen mögen/ gelegen. Zuvorderst aber in seiner Cur trefflich vil auff das kochen gesehen und gehalten/ und so vil immer möglich gewesen/ jederzeit lieber auß der Kuchen/ dann auß der Apotcken curirt und geholffen. Als und dieweil er vermercket/ daß ich je und allwegen nicht allein einen grossen Lust zum Kochen getragen/ sondern mir auch der liebe Gott eine sonderbare Gnad und Gabe krancken Leuten/ sonderlich mit zurichtung allerhand nützlicher und annemlicher Speisen/ zu dienen und zu warten/ verliehen/ unnd durch solches Mittel/ neben ihm/ durch Gottes Gnad/ vil schwacher Leut/ auch wol sehr hohes Stands/ widerumb auffgebracht. Hat er mich nicht allein deßwegen jederzeit bey krancken Personen gerne und umbsich gehabt/ sondern auch zum offtern vermanet/ daß jenige/ was ich also bey der Krancken observiert/ gebraucht und nutzlich befunden/ zu beschreiben und auffzuzeichnen.
[…]
Ein Dorten oder Fladen von Reiß
Nimb ein wolgekochten Reiß/ in einer feisten Milch/ den verrühr wol/ darnach klopffe Eyer/ oder nimb zum besten das Gelb/ nimb so vil gutes Sahns oder Mandelmilch deines Gefallens/ vertreib den Reiß mach ihn rechter dicke/ wie ein Straubendeig/ zuckers/ und saltz es ein wenig/ wild Rosenwasser/ bereite ein Hafen von eim Teig/ wie due weist/ laß ihn hart werden/ thu den Zeug darein/ wann er gestehet/ bestrew ihn wol mit Zucker/ bachs ein wenig braunfärbig/ so du dann wilt/ färbs mit Krautsafft grün/ wilstus aber für ein Fladen zurichten/ so machs wie oben vor/ unnd aber thu wol Weinbeer/ Meerdräubel oder Zibeben/ geschnittene Feigen darein/ und bachs schön wie andere Fladen.
…
Eine subtile Milch für Krancke und Gesunde
Koche Reiß in einer guten Milch/ und die völlig/ wann nun der Reiß anhebt zu kochen/ so rühr ihn nicht wann er nun anderthalb Stund gekocht hat/ wie er sol/ so hat sich das Dick an den Boden gesetzt/ das Dünn aber bleibt empor. So thu nun höflich die Haut herab/ darnach laß das Dünn wol von dem Dicken durch ein dünnes Tüchlein lauffen/ damit nichts vom Reiß darein komme/ bezuckers/ wiltu ein wenig Rosenwassers/ es ist desto gesünder: thu es in eine Blatten/ laß es kalt werden/ wilt du dann/ so rühr zuvor ein Eyerdotter zween oder drey nach dem du magst/ in eine messene Pfanne/ thu die Milch darunder/ heb es uber das Fewer/ rührs/ so bald es treibt so thu es hinweg/ bereits/ wie zuvor/ wann es nun kalt ist/ magstu Rosinlein oder Zuckererbsen darauff strewen/ oder geschnitne Mandeln darauff stecken.
[…]
Ein Dorten von Birnen
Koche die Biren auff alle Weiß und Weg/ wie du hievor hast/ welche Gattung dir gefellt/ allein schneids zu Schniten/ wie zu ein Apfell oder Birenmuß/ darnach bereite es in den Hafen also: Mache Ingwer/ Zimmet/ und Muscatnuß undereinander/ unn bestrawe den Boden mit gesauberten Weinbeern/ darnach leg die Schnitzen/ das alles wol bedeck ist/ so bestrew es aber/ und widerumb ein leg Biren/ das ein mail drey/ unnd zeuch je eine Leg nach der andern vom Kanfft ein/ das es in der Mitte am höchsten sey: Alsdann bestrew es wol und gnug/ mach es mit eim schön geschnittnen Deckel mit aller Zier zu/ bachs/ im auffsetzen besprengs mit Zucker. Also magstus auch mit rawen Biren/ wie du von Aepffeln has/ bereiten/ das sollen aber gar von geschlachten Biren seyn/ Speckbiren sind gut und andere mehr/ in dieselben thu oben auff Schmaltz/ und wol Zucker/ doch an dem sie süß an ihnen selbst sind/ sie sollen allezeit unter dem Deckel auch resch seyn.
[…]
Ein Essen für schwanger Weiber und junge Kinder
Nimb so vil gedempffte oder gebratene Biren/ etliche nemen rohe/ aber ich halt nicht davon/ als du bedarfst/ so vil geweicht weiß Brot in einer Erbesbrüh/ das sol nur bloß geschwollen seyn/ backs wol under einander/ thu Zimmet/ süsse Würtz/ Saffran/ Zucker und Weinbeer darein/ ein wenig Saltz/ thu Schmaltz in eine Pfannen/ als wollest du ein Eyerküchlein backen/ thu ein Theil darein/ darnach beleg es mit Feigen/ thu mehr darauff/ das sol drey mal geschehen/ backs wie ein Eyerkuchen/ wilt du wissen wann der genug/ stich mit einem Messer darein/ gehet es trucken herauß/ so ists genug/ wiltu dann/ so mache ein süsse Brüh daran.
[…]
Ein herrlich Essen vom Fleisch
So der krancke hüner oder Fleisch nit essen mag/ nimb das Fleisch/ als von Kälbern und Hünern/ hacks so klein als wann es gemahlen were/ darnach würtzs mit gutter süsser Würtz wol an/ saffers auch/ hacke Muscatblüh darein/ du magst auch wol Maioran/ Thimian und Peterlein darein hacken/ thu wol Weinbeer darein. Wiltu/ nimb darzu Meerdräubel von Steinen oder Kernen gereiniget/ saltz es recht/ thu es in ein Kachel oder Häfelein/ das nicht weit sey/ thu Wein und Wasser daran/ laß sieden/ rühr es nicht/ so wird das Fleisch wider an ein einander sieden/ wie due mehr hast/ aber behalts/ las das Fleisch ein wenig erkalten/ schneids zu Schnitten wie weiß Brot/ legs inn heiß Schmaltz/ bachs schnell braun/ legs in ein Schüssel/ mach in gut süß Brühlein darüber/ von Zimmet/ Zucker und kräfftigen Wein/ oder nimb die Brüh darin das Fleisch gesotten ist/ welches das best/ allein bereits mit Zimmet und allerhand Gewürtz ab/ machs süß/ oder laß es also/ Du magst auch wol Zucker ins Fleisch thun/ so wird es unn die Brüh süß würtz es besser/ thu Weinbeer darein/ laß sieden/ geuß darüber/ bestrew es wol mit Zimmet/ Wann mans auff dem Kost abtrocknet/ und schön braun macht/ ist besser dann im Schmaltz backen/ und mit einer Brüh wie Fisch begossen/ oder wann mans für gesunde Leut kochet/ so hacke Speck grob darein/ so treust sichs selbst/ auch sonst sol man Feist/ als rindern Marck drein hacken/ so vil von nöten/ Für krancke sol man nicht feist kochen.
Quelle: Anna Wecker, Ein Köstlich new Kochbuch: von allerhand Speisen/ an Gemüsen/ Obs/ Fleisch/ Geflügel/ Wildpret/ Fischen und Gebackens. Amberg: Michael Forster, 1598. Online verfügbar unter: https://bildsuche.digitale-sammlungen.de/index.html?c=viewer&bandnummer=bsb00028737&pimage=5&v=100&nav=&l=de
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Blume, Dorlis: Eine kurze Geschichte der Kartoffel: aus den Hochebenen Perus auf die Esstische Preußens, in: dhm journal, online verfügbar seit 29.05.2026 unter: https://www.dhm.de/journal/perspektiven/c/geschichte-aktuell, zuletzt geprüft am 08.06.2026.
-> Kochbuch von Anna Wecker (1598), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/von-den-reformationen-bis-zum-dreissigjaehrigen-krieg-1500-1648/ghdi:document-5453> [24.09.2026].
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Sekundärliteratur
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Militär
Krankheit und Gesundheit
Inhaltsverzeichnis
1. Krankheiten: Die größte Gefahr für den Soldaten im 19. Jahrhundert?
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1. Krankheiten: Die größte Gefahr für den Soldaten im 19. Jahrhundert?
Das 19. Jahrhundert gehört in vieler Hinsicht noch zum medizinhistorischen Ancien Régime. Es gab weiterhin ausgesprochene Risikogruppen, an erster Stelle Soldaten aller Länder. Möglicherweise waren die Kriege zur Eroberung Neuseelands die einzigen im 19. Jahrhundert, bei denen mehr europäische Soldaten im Kampf oder bei Unfällen zu Tode kamen als durch Krankheiten. Der umgekehrte Extremfall war der Eroberungsfeldzug in Madagaskar 1895, als etwa 6.000 französische Soldaten an der Malaria starben und nur 20 bei Kampfhandlungen.
vgl. Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2020, S. 290.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Seuchen_(ab_1800)
-> https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/alltagsleben/die-choleraepidemie-1831
-> https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2022/09/deutsches-militaerlazarett-aus-dem-19-jahrhundert-ausgegraben#:~:text=Im%2018.,Spitälern%20und%20Lazaretten%20zu%20schaffen.
-> https://www.universimed.com/ch/article/gesundheitspolitik/kriege-seuchen-vergangenheit-gegenwart-386642
Sekundärliteratur
-> Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2020.
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Begriffe aus der Militärgeschichte
Inhaltsverzeichnis
08/15: Das 08/15 war das Standardmaschinengewehr der deutschen Armee während des Ersten Weltkrieges. 1908 wurde es eingeführt, 1915 optimiert.
Alarm schlagen: Das Wort wurde im 15. Jahrhundert aus dem Italienischen (allarme) ins Deutsche entlehnt und geht auf den militärischen Weckruf "all'arme!" ("Zu den Waffen!") zurück.
Am Boden zerstört sein: Die Redewendung stammt aus dem Zweiten Weltkrieg. Wurden die Flugzeuge noch vor ihrem Einsatz in der Luft vom Gegner bombardiert, hieß es später im Bericht: "am Boden zerstört".
Auf Tuchfühlung gehen: Diese Redewendung ist Ende des 19. Jahrhunderts aus der Soldatensprache entstanden. Beim Antreten standen die Soldaten so dicht aneinander, dass der Stoff bzw. das Tuch ihrer Uniform das der nebenstehenden Person berührte.
Auf Vordermann bringen: Beim Antreten in Reih und Glied richten sich die Soldaten jeweils an ihrem Vordermann aus. Wer dabei aus der Reihe tanzt, wird vom Vorgesetzten schnell wieder auf Vordermann gebracht.
Die Werbetrommel rühren: Ursprünglich wurde mit der Werbetrommel im 17. Jahrhundert die Trommel bezeichnet, mit der Landsknechte für den Kriegsdienst angeworben wurden.
Etwas auf der Pfanne haben: Stammt von den Lunten- und Steinschlossgewehren, die auch im Dreißigjährigen Krieg eingesetzt wurden. Diese besaßen eine kleine Mulde – die Pfanne –, in die man das Zündpulver schüttete. Wer also "etwas auf der Pfanne" hatte, konnte gleich losschießen
Für jemanden die Bresche springen: Ihren Ursprung hat die Redewendung in der mittelalterlichen Kriegsführung. Wer eine Burg oder eine Stadt erobern wollte, musste zunächst die hohen Befestigungsanlagen überwinden. Eine Strategie war, Löcher – französisch "la breche" – in die Mauer zu schlagen. Die besonders Mutigen sprangen gleich hinein.
Sich verfranzen: Das Wort stammt aus der Fliegersprache des Ersten Weltkriegs. Der Beobachtungsoffizier, der für die Navigation zuständige zweite Mann im Cockpit, wurde "Franz" genannt.
Tollpatsch: Der Tollpatsch hieß im 17. Jahrhundert noch Tolbatz und bezeichnete ungarische Fußsoldaten. Der Wortursprung talpas – was so viel heißt wie breitsohlig – verweist auf das Fußkleid der ungarischen Infanteristen: Diese trugen anstelle von festen Schuhen mit Schnüren befestigte Sohlen. Im Österreichischen wurde das Wort zu einer Spottbezeichnung.
Bauten und Festungen
Inhaltsverzeichnis
1. Festungen im Rheinland
1. Festungen im Rheinland
Betrachtet man die geschichtswissenschaftliche Forschung zur Kriegführung im 19. Jahrhundert beziehungsweise zum Kriegsbild in der Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, so dominiert hier das Paradigma vom Bewegungskrieg. Dieses Urteil basiert zum einen auf Untersuchungen zur Kriegführung Napoleons, zum anderen auf Studien zu den operativen Maximen des älteren Moltke sowie vornehmlich den Planungen des deutschen Generalstabs in der Zeit Schlieffens. Diese einseitige Perspektive überrascht, denn der Festungsbau erlebte nach 1815 eine Renaissance, die sich gerade auch im Rheinland zeigte. Mit dem vom preußischen Staat veranlassten Aus- und Neubau von Wesel, Köln, Jülich, Koblenz und Saarlouis entstand hier ein Festungsgürtel gegen Frankreich,[1] der durch die Bundesfestungen Luxemburg, Mainz, Landau und Rastatt sowie die bayerische Festung Germersheim vervollständigt wurde. Die sich in diesem Festungsbau spiegelnde Hinwendung zu einer Defensivkriegsstrategie war eine Folge der Durchsetzung der europäischen Friedensordnung von 1815 mit ihren Prinzipien staatlicher Souveränität, monarchischer Solidarität und konstitutiver Legitimität.[2] Aber auch ungeachtet der politischen Rahmenbedingungen nach dem Ende der napoleonischen Ära blieben Festungen aus Sicht der Generalstäbe der europäischen Staaten während des „langen 19. Jahrhunderts“ ein wesentliches Element der Kriegführung und insbesondere der Deutsch-Französische Krieg war nicht zuletzt ein „Festungskrieg“,[3] der unter anderem durch die Belagerungen von Metz und Paris entschieden worden war. Es waren in erster Linie die Erfahrungen dieses Krieges und die waffentechnische Entwicklung im Zeitalter der Industrialisierung, die nach 1871 in den meisten europäischen Staaten abermals den Anstoß zum Umbau oder zur Errichtung von Festungen gaben und die die Haltung des deutschen Generalstabs zum „Festungsproblem“[4] bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beeinflussten. Es ist aber zu fragen, wie die bewaffnete Macht auf die Folgen der Urbanisierung reagierte, denn aus dem Städtewachstum mussten besondere Herausforderungen für die Sicherstellung der Verteidigungsfähigkeit der Festungen erwachsen. Fraglos galt die weitreichende Befehlsgewalt und Regulierungskompetenz der Festungskommandanten beziehungsweise -gouverneure in den betroffenen Städten bereits in Friedenszeiten, die im Kriegsfall auf das weitere Umland ausgedehnt wurde, als zentraler Baustein zur Sicherstellung der Verteidigungsfähigkeit. Für die Bevölkerung in den Festungsstädten war dieser militärische Vorbehalt bis weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus vor allem in den Torkontrollen beim Betreten oder Verlassen der Stadt sichtbar. Für sie zeigte sich der Festungscharakter zudem in den zahllosen militärischen Infrastruktureinrichtungen, den Festungswerken sowie der starken Garnison; für die Grundbesitzer waren es indes die Einschränkungen ihrer Eigentumsrechte im Schussfeld vor der Verteidigungswerken− dem Festungsrayon−, in denen sich die Auswirkungen der Festungseigenschaft manifestierten. Diese Baubeschränkungen im Vorfeld der Umwallung und die Umwallung selbst waren aus Sicht der Stadtverwaltungen und kommunalen Entscheidungsträger außerdem die entscheidenden Hindernisse für eine Erweiterung der Stadt und für einen ökonomischen Aufschwung. Mithin bestanden in einer Festungsstadt zahlreiche Berührungs- und ggf. Konfliktpunkte zwischen der zivilen und militärischen Sphäre, die im Folgenden in den Blick genommen werden sollen.
Verteilung des Belagerungsheeres vor Paris ab dem 3.1.1871.
Schwere Geschütze vor Paris, 1870/71.
Die Zerstörung im Pariser Vorort St. Cloud bei der Belagerung von Paris, 1870/71.
Grundriss der Stadt Köln 1815, als Köln preußisch wurde, weite Flächen im Stadtgebiet waren noch unbebaut.
2. Städtewachstum als militärische Herausforderung
Als Reaktion auf die Niederlage im Krieg gegen Napoleon und die weitgehend kampflose Kapitulation der preußischen Festungen war 1809 eine als geheim eingestufte Instruktion an die Festungskommandanten erlassen worden, der offenkundig eine Denkschrift August Neidthard von Gneisenaus (1760−1831) aus dem Jahr 1808 zugrunde lag. Um künftig eine kampflose Aufgabe von Festungen auszuschließen, wurde der Kommandant ebenso wie jeder einzelne Offizier der Festungsgarnison zur hartnäckigsten Vertheidigung verpflichtet, die ohne Rücksicht auf Verluste durchzuführen sei. Der Appell an die Pflichterfüllung und damit an die Ehre des Offizierskorps erschien aber offenbar nicht ausreichend, denn gleichzeitig wurde ein harter Strafkatalog erlassen: Ein Befehlshaber, der nicht durch Aufopferung eines bedeutenden Theils der Garnison bewiesen habe, dass er alle Anstrengungen zur Verteidigung unternommen habe, hatte mit mindestens mehrjähriger Festungshaft zu rechnen. Aber auch ein Bombardement und [eine] Einäscherung der Stadt sollten bei weiterhin vorhandenen Streit- und Lebensmitteln sowie intakten Festungswerken kein Grund für eine Kapitulation [sein].[5] Um die Aufgabe erfüllen zu können, musste die dauerhafte militärische Einsatzbereitschaft der Festung gewährleistet werden. Ließen sich hier Versäumnisse des Festungskommandanten nachweisen, die im Kriegsfall zu einer Übergabe der Festung führten, drohte ihm die Todesstrafe. Für den Belagerungsfall war daher bereits im Frieden entsprechende Vorsorge zu treffen. Es galt eine ausreichende Verproviantierung der Garnison und der für die Verteidigung zumindest teilweise unverzichtbaren Zivilbevölkerung, die in dieser Instruktion allerdings keine Beachtung fand, sicherzustellen. Aus der Forderung zur permanenten Einsatzbereitschaft leitete sich zusätzlich eine umfassende Regulierungskompetenz der bewaffneten Macht zur Aufrechterhaltung der inneren Ruhe und Ordnung in der Festung ab, die in einer besonderen Verordnung über das Verhältnis der Zivil- und Militärbehörden in den Festungen festgeschrieben wurde. Diese begründete die grundsätzliche Inferiorität der jeweiligen Kommunalverwaltung unter die bewaffnete Macht und ermächtigte den Festungskommandanten im Belagerungsfall beispielsweise bei Forderungen von Zivilisten nach einer Übergabe der Festung − ein Vorgang, der als Meuterei bewertet wurde −, zu schärfsten Bestrafungen.[6] Überdies umfasste sie unter anderem im Armierungsfall das Recht zur Zwangsausweisung von Personen, die sich entweder nicht selbst versorgen konnten oder deren politische Haltung die Mobilisierungs- und Verteidigungsfähigkeit der Festung zu bedrohen schien.[7] Dieser militärische Vorbehalt musste spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund des raschen Städtewachstums und angesichts der Folgen der zunehmenden sozialen Differenzierung in den Städten, des ökonomischen Aufschwungs, der wachsenden bürgerlichen Partizipationsbestrebungen sowie eines gestiegenen kommunalen Selbstbewusstseins unweigerlich mit kommunalen, bürgerlichen und ökonomischen Interessen kollidieren. Die Auswirkungen der Urbanisierung konfrontierten das Militär allerdings nicht nur mit politischen Herausforderungen, sondern das Städtewachstum stellte die Streitmacht auch vor logistische Probleme, auf die es reagieren musste, wenn es nicht die Einsatzbereitschaft der Festungen gefährden wollte.
August Neidhardt von Gneisenau, Preußischer Generalfeldmarschall (1760-1832), Stahlstich, undatiert.
Karte von Koblenz mit Befestigungswerken, 1888. (Stadtarchiv Koblenz)
Abbruch des Abbruch des "Löhrtors" der preußischen Stadtbefestigung von Koblenz, 1899. (Stadtarchiv Koblenz)
Tatsächlich zeichnet sich seit Beginn der 1860er-Jahre ein zunächst vor allem volkswirtschaftlich begründetes, zögerliches Entgegenkommen des preußischen Staates gegenüber den Forderungen der Festungsstädte ab, wie partielle, die jeweiligen lokalen Verteidigungsverhältnisse berücksichtigende Lockerungen der Rayonbeschränkungen belegen, so dass zumindest einzelne bauliche Erweiterungen der Städte ermöglicht wurden.[8] Mit der Zubilligung einer Entschädigung der Eigentumsbeschränkungen im Rayongesetz von 1871 wurde eine von den betroffenen Eigentümern und den Städten seit langem erhobene Forderung erfüllt. Das aus Mitteln der französischen Kriegskostenentschädigung finanzierte, 1873 verabschiedete Gesetz zum Ausbau und zur Umgestaltung der deutschen Festungen ermöglichte schließlich auch Torerweiterungen im Interesse der Städte, um den gestiegenen Verkehrsansprüchen zu genügen, denen das Militär freilich ebenfalls nur zustimmte, sofern die Verteidigungsfähigkeit der Festung hierdurch nicht beeinträchtigt wurde. Mit diesen Zugeständnissen ließ sich der wachsenden Kritik der betroffenen Kommunen, die sich zur besseren Wahrung ihrer Interessen 1868 im „Verein norddeutscher Festungsstädte“ zusammengeschlossen hatten, wenigstens teilweise die Spitze nehmen, wenngleich das grundsätzliche Problem, die zunehmende Zusammenballung der Bevölkerung in den von den Festungswällen in ihrem räumlichen Wachstum behinderten Städten, zunächst ungelöst blieb. So war beispielsweise in Köln die Bevölkerungszahl zwischen 1816 und 1871 von 49.276 auf 129.233 angestiegen und auch die Einwohnerzahl von Koblenz hatte sich in diesem Zeitraum um fast das Zweieinhalbfache vermehrt. Mit Königsberg hatte zudem eine weitere Festungsstadt die Einwohnerzahl von 100.000 überschritten und von den vier preußischen Städten mit 80.000 bis 100.000 Einwohner waren mit Danzig und Magdeburg ebenfalls zwei Städte Festungen, die im Zuge der 1872 erfolgten Neuorganisation des Festungswesens unbedingt erhalten werden sollten.
Festung Ehrenbreitstein in Koblenz mit Schiffbrücke,1860-1890. (Library of Congress)
Plan des Entfestigungsamts Koblenz zur Entfestigung der Schanze Großfürst Alexander in Koblenz, ca. 1920. (Landeshauptarchiv Koblenz)
Es waren indes weniger die stadthygienischen und sozialen Implikationen, sondern in erster Linie die logistischen Herausforderungen, die die Zusammenballung der Bevölkerung in das Blickfeld der bewaffneten Macht treten ließen. Der Krieg von 1866 hatte zwischen den Zivil- und Militärbehörden eine Diskussion über die Handhabung und die Konsequenzen der Evakuierung beziehungsweise Zwangsausweisung von Zivilpersonen aus einer zu armierenden Festung ausgelöst, die unmittelbar nach dem Kriegsausbruch 1870 auch das preußische Staatsministerium erreichte. Das Kriegsministerium zeigte sich überraschend kompromissbereit, als es in Übereinstimmung mit dem Ministerpräsidenten erklärte, dass die entsprechende Regelung auf Köln, Magdeburg und Koblenz nicht anwendbar sei, da so große Festungsstädte von einem Feind ohnehin nicht hermetisch eingeschlossen werden könnten. Der Kriegsminister ging sogar noch einen Schritt weiter, denn er stellte diesen Rechtstitel des Militärs grundsätzlich in Frage als er erklärte, dass diese Bestimmung aus der Zeit der Omnipotenz des Staates stamme, der sich nicht um die Folgen habe kümmern müssen.[9] Die offenkundigen Bedenken an der Verfassungsmäßigkeit der Bestimmungen und die Verständigung auf der politischen Ebene blieben auf binnenmilitärischer Seite jedoch augenscheinlich folgenlos, denn nach dem erfolgreichen Krieg kam es nicht zu einer grundlegenden Reform der Kommandogewalt und der Regulierungskompetenzen der Festungskommandanten. Dies überrascht umso mehr als der Krieg mit der Belagerung von Paris gezeigt hatte, dass auch noch weit größere Städte dauerhaft eingeschlossen werden konnten. Zudem waren die Auswirkungen der Belagerung von manchem politischen Entscheidungsträger zumindest als ein Faktor interpretiert worden, der den Aufstand der Commune begünstigt hatte.[10] Gleichwohl führte der Aufstand, der die Gefährdung der bestehenden Ordnung symbolisierte, nicht zu einer greifbaren Diskussion über die Tragweite einer möglichen inneren Bedrohung von Festungen im Belagerungsfall. Allerdings entsprach die Belagerung von Paris nicht der üblichen Regelhaftigkeit, die die Führung von Festungskriegen bestimmte, denn die Beschießung der Stadt erfolgte aufgrund einer bewussten politischen Entscheidung, mit der nicht allein der Druck auf die Verteidiger erhöht werden sollte, sondern mit der vor allem auch die Lebensweise der Bevölkerung, ihre Ideen über das künftige Frankreich und die hieraus abgeleitete Haltung zum Krieg getroffen werden sollten.[11] Ob die Belagerung von Paris somit möglicherweise als ein Sonderfall verstanden wurde, der ohne Konsequenzen für einen künftigen Festungskrieg bleiben konnte, kann hier nicht geklärt werden. 1878 wurden schließlich die bisherigen Instruktionen für die Festungskommandanten aufgehoben, doch die neuen Bestimmungen wiesen lediglich graduelle Unterschiede zu den bisherigen Regelungen auf. Die Vertreter der bewaffneten Macht zielten hiermit jedoch nicht allein auf die Sicherung und Bewahrung althergebrachter, vorkonstitutioneller Rechtspositionen. Offensichtlich war es nach wie vor das Trauma der Kapitulation der Festungen von 1806/1807, das die Haltung der militärischen Entscheidungsträger entscheidend beeinflusste, denn im Mittelpunkt der Bestimmungen stand weiterhin der Appell an die Ehre des Korps, indem sie den Kommandanten beziehungsweise jeden einzelnen Offizier der Garnison auf eine Verteidigung der Festung um jeden Preis verpflichtete.[12] Mithin blieb der Festungskommandant aufgefordert, die permanente militärische Einsatzbereitschaft unter allen Umständen sicherzustellen. Diese Zielsetzung spiegelt sich auch in den 1891 im Staatsministerium erneut geführten Diskussionen. Kurzerhand beschied Ministerpräsident Leo von Caprivi (1831−1899, Ministerpräsident 1890−1892, Reichskanzler 1890−1894), dass die Befehlshaber der Festungen im Belagerungsfall vollständig souverän handelten.[13]
Orientierte sich die Diskussion über die Reichweite der Befehlsgewalt der Festungskommandanten somit nach wie vor ausschließlich an militärischen Utilitaritätskriterien, so bedeutet dies nicht, dass die bewaffnete Macht die Folgen der Urbanisierung für die Verteidigung einer Festung vollständig ausblendete. Anlässlich der Haushaltsverhandlungen im Reichstag 1899 konstatierte der Vertreter des Militärfiskus, dass die bedenkliche […] Anhäufung der Bevölkerung auf zu engem Raum im Frieden wie im Kriegdie militärischen Interessen in den Festungsstädten gefährde.[14] Als Antwort auf dieses Problem wurde aber keinesfalls die Aufgabe von Stadtfestungen erwogen,[15] obwohl bereits mit der Feste Boyen bei Lötzen, den Sperrbefestigungen an der masurischen Seenkette sowie den Oberrheinbefestigungen bei Istein (Isteiner Klotz) und der Feste Kaiser-Wilhelm II. bei Mutzig Befestigungen errichtet worden waren, die als reine Militärfestungen nicht mehr an eine Stadt gebunden waren.[16] Die im Folgejahr erlassenen Bestimmungen zur zukünftigen Ausgestaltung des deutschen Festungssystems sahen statt dessen die Beibehaltung beziehungsweise den Ausbau von Metz, Diedenhofen, Straßburg, Köln, Ingolstadt, Königsberg, Graudenz, Thorn und Posen als Hauptfestungen vor.[17] Vier dieser Hauptfestungen hatten inzwischen zum Teil weit mehr als 100.000 Einwohner und Köln war mit 372.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Preußens.[18] Am Rhein galten zudem Wesel, Koblenz, Mainz und Germersheim als Festungen zweiter Ordnung als unverzichtbar.
Karte Kölns mit Fortifikation, 19. Jahrhundert.
Schematische Gesamtdarstellung der Deutzer Umwallung mit Glacis (gelb), Graben (gepunktet), Toren (grün), ehemaligen Radans (orange), Saillants (blau) und Bastionen sowie Waffenplätzen im gedeckten Weg (rot). Feste Rheinbrücke und Eisenbahneinfahrt im Saillant 4 wurden zu einem späteren Zeitpunkt errichtet, undatiert.
Linksrheinische Umwallung Kölns mit einbezogenen und aufgelassenen Forts.
Entsprechend der 1900 festgeschriebenen Leitlinien wurde in den folgenden Jahren der weitere Ausbau der Festungen im westlichen Operationsgebiet vorangetrieben. Wie bereits seit den 1860er-Jahren dominierte eine einseitige militärisch-funktionale Sichtweise. Infolge der waffentechnischen Entwicklung waren seinerzeit Überlegungen zu einer Neuorganisation des Festungswesens angestellt worden, die aufgrund der veränderten Grenzziehung 1871 und der zur Verfügung stehenden französischen Reparationsgelder eine zusätzliche Dynamik erhalten hatten. Für Köln war das Hinausschieben des Fortgürtels und die Anlage einer neuen Umwallung beschlossen und zwischen 1873 und 1881 durchgeführt worden; dadurch war es möglich, die alte Stadtumwallung aufzugeben.[19] In Koblenz und Wesel folgte die Aufhebung der Umwallung 1890.[20] Die bewaffnete Macht profitierte vom Verkaufserlös für fortifikatorisch unbrauchbare Verteidigungswerke, während sie gleichzeitig gegenüber der jeweiligen Kommune den Verzicht auf die Stadtumwallung als ein Entgegenkommen darstellen konnte, um die langersehnte Stadterweiterung zu ermöglichen, wodurch der zunehmenden Enge in den Städten entgegengewirkt werden konnte.[21] Diesem Muster folgte auch der Ausbau der Festungen seit 1900[22] , in dessen Folge in Köln der Fortgürtel weiter ausgebaut und durch Zwischenwerke verstärkt wurde. Teilweise wurde die Hauptkampfstellung über die Linie der Forts hinausgeschoben. Die Erweiterungsmaßnahmen erlaubten hier schließlich 1911 auch die Auflassung der nach 1881 errichteten linksrheinischen Umwallung, nachdem bereits 1907 die Deutzer Enceinte aufgehoben worden war. Zwar schuf die zweite Aufhebung der Umwallung Raum für die Ausdehnung der Bebauung, aber der Ausbau der Befestigungen bedeutete auch die Einbeziehung eines weiteren Raumes und somit einer immer größeren Bevölkerungszahl in die Festung. Die Konsequenzen dieser Entwicklung spielten aber offenkundig weder für die Ausbaupläne noch bei der Forderung zur Sicherstellung der permanenten Einsatzbereitschaft der Festung eine Rolle.
Köln und Umgebung mit seinen militärischen Einrichtungen einschließlich der Rayonbegrenzungen auf zusammengesetzten Meßtischblättern, 1896.
Ansicht des Kölner Fort X während seiner Errichtung. Vordergrund: Gärten der Höhenberger Bebauung, um 1878.
Durch die Aufhebung der Umwallung und das Hinausschieben des Fortgürtels verschwanden die Festungswerke nicht nur im Wortsinn aus dem Blickfeld der Einwohner, denn die veränderte Wahrnehmbarkeit scheint nicht ohne Konsequenzen auf das Bewusstsein der lokalen Öffentlichkeit geblieben zu sein. Bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein war das Bewusstsein, in einer Festung zu leben, aufgrund der Sichtbarkeit der Verteidigungsanlagen und vor allem aufgrund der alltäglich erfahrbaren Eingriffsmöglichkeiten der Vertreter der bewaffneten Macht zweifellos stark ausgeprägt und die Auswirkungen der Festungseigenschaft beherrschten in freilich unterschiedlicher Intensität den kommunalen Diskurs. Im unmittelbaren Vorfeld des Ersten Weltkriegs erscheinen die Festungen in der stadtöffentlichen Wahrnehmung indes als ein allenfalls begrenztes Hemmnis für ökonomischen oder technischen Fortschritt wie die Diskussion über die Einrichtung eines Landeplatzes für Luftschiffe in Köln zeigt;[23] zunehmend wurden sie jedoch als ein Relikt der Vergangenheit und somit als ein bauhistorisches Denkmal wahrgenommen.[24] Die Konsequenzen einer Armierung im Fall eines Krieges und die damit verbundene Gefährdung der Einwohner dürften von den wenigsten Einwohnern realisiert worden sein.
Schematischer Grundriss des Einheitsforts der 1870/80er Jahre.
3. Bereit zum Krieg? Festungen und Kriegsvorsorge vor dem Ersten Weltkrieg
Die permanente Einsatzbereitschaft der Festung bildete während des 19. Jahrhunderts den Kern der Instruktionen für die Festungskommandanten. Doch steht dieses Prinzip in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einem auffälligen Kontrast zu den tatsächlichen Vorbereitungen für eine Armierung oder für eine Belagerung. Eine 1913 in Köln durchgeführte Festungsübung, die von einer Niederlage der deutschen Armee im Westen und einem Rückzug über den Rhein ausging, ignorierte sowohl die Rolle der Zivilbevölkerung für eine Armierung als auch die Auswirkungen einer Belagerung auf die Versorgung der eingeschlossenen Festung. Es verwundert daher kaum, dass in diesem Manöver einer möglichen inneren Gefährdung der Festung keine Beachtung geschenkt wurde.[25] Mag diese Haltung noch auf die ausschließlich auf taktische Überlegungen beschränkte Sicht des Generalstabs zurückzuführen sein, so herrschte zumindest bei manchem Festungskommandanten eine gewisse Unsicherheit vor,[26] wie die Einsatzbereitschaft vor dem Hintergrund des Bevölkerungswachstums aufrechterhalten werden konnte. So hatte das Kölner Festungsgouvernement 1882 eine Anfrage über die Lebensmittelversorgung der Festung im Belagerungsfall an das Kriegsministerium gerichtet. Eine möglicherweise kontroverse und die Öffentlichkeit beunruhigende Debatte hierüber erschien offenbar aber als nicht opportun, denn das Ministerium behandelte die Anfrage ausweichend. Allerdings wurde erstmals eine Verantwortung der Militärverwaltung für die Versorgung eines Teils der Zivilbevölkerung anerkannt; für 10 Prozent der Einwohnerschaft sollten vorsorglich Verpflegungsvorräte angelegt werden. Mit dieser Festlegung, der Überlegungen zum Umfang der für Armierungsarbeiten unverzichtbaren Zivilbevölkerung zugrunde lagen,[27] scheint ein Rahmen vorgegeben zu sein, denn in den folgenden Jahren verschwand die Thematik von der Tagesordnung. Hieran änderte sich auch nichts, als seit 1906 die grundsätzlichen Planungen zur wirtschaftlichen Kriegsvorbereitung und zur Versorgung der Zivilbevölkerung im Kriegsfall allmählich intensiviert wurden. Erst die Verschärfung der internationalen Spannungen mit der Balkankrise und dem Ersten Balkankrieg 1912, die den Ausbruch eines europäischen Krieges in greifbare Nähe rücken ließen, lösten eine angestrengte Diskussion auch über die Versorgung der Festungen aus.
Kölner Zwischenwerk IVb. Schnitt durch den Panzerturm von Rohr und Oberlafette (blau) auf der als Rahmen (orange) bezeichneten Küstenlafette. Drehung des Turms über per Hand von Kanonieren betätigten Handräder und Stellhebel (rechts im Turmgang). Gesamtstärke der Turmbesatzung: 30 Mann, davon je neun als Bedienungsmannschaft für die beiden Geschütze.
Erstmals im März 1913 stand die Versorgungsfrage auf der Tagesordnung einer Konferenz zwischen dem preußischen Kriegsministerium, Vertretern des Reichskanzleramts, des Reichsamts des Inneren und des Reichsschatzamts. Während das Kriegsministerium auf seiner Position beharrte, die Verpflegung lediglich für 10 Prozent der Einwohnerschaft sicherzustellen, sah das Reichsamt des Innern zunächst das Reich gefordert, die Finanzmittel für die Sicherstellung des Verpflegungsbedarfs der Festungen und die Schaffung der notwendigen Infrastruktur bereitzustellen. Das Reichsschatzamt indes erblickte hierin lediglich eine Aufgabe der Wohlfahrtspflege, die somit von den Ländern wahrzunehmen sei. Noch bevor im Mai 1913 der Reichskanzler den Konflikt wenig eindeutig dahingehend entschied, dass die jeweiligen Bundesstaaten in enger Abstimmung mit dem Reichsamt des Innern besondere Maßnahmen zur Versorgung der Festungen treffen sollten, war das Preußische Innenministerium in die Verhandlungen eingebunden worden.[28] Wenngleich Innenminister Johann von Dallwitz (1855−1919, Amtszeit 1910−1914) gegenüber dem Reichskanzler die Verantwortlichkeit des Militärs betonte, fehlte dieser Hinweis in seiner Aufforderung an die Oberpräsidenten, unverzüglich Konferenzen zwischen den jeweiligen Bürgermeistern, Festungskommandeuren und den Handels- und Landwirtschaftskammern einzuberufen, um eine „positive“ Lösung der Versorgungsfrage herbeizuführen.[29] Obwohl die Verhandlungen unter strengster Geheimhaltung erfolgen sollten, um eine Beunruhigung der Bevölkerung zu verhindern, sollten die semistaatlichen Vertretungen der Landwirtschaft und des Handels einbezogen werden, auf deren Expertise für die Beschaffung und Bevorratung man trotz aller Interessengegensätze zwischen diesen Verbänden nicht verzichten zu können glaubte. Zum einen unterstützten die Vertretungen der Landwirtschaft bereits die Korpsintendanturen bei der Beschaffung des Friedensverpflegungsbedarfs und verfügten somit über die notwendigen Kontakte zu den Erzeugern,[30] zum anderen waren die Handelsbeziehungen insbesondere auch in das Ausland unverzichtbar, gingen doch die Zentralbehörden davon aus, dass die landwirtschaftliche Produktion im Reich nicht ausreichte, eine ausreichende Ernährung der Bevölkerung im Kriegsfall zu garantieren.
15-Centimeter-Ringkanone. Oberlafette: sogenannte Minimal-Schartenlafette, das heißt bei Veränderung der Rohrerhöhung: Schwenkung des Rohrs nicht wie üblich um eine Achse in der Mitte des WAffensystems, sondern um die Rohrmündung und daher nur sehr kleine Scharte in der Kuppelpanzerung erforderlich.
Die Diskussion vor Ort − in der Rheinprovinz war die Anfrage lediglich an Köln und Wesel weitergeleitet worden,[31] während Koblenz möglicherweise aufgrund der Grenzferne und der Lage außerhalb des Hauptaufmarschgebietes der deutschen Truppen unberücksichtigt blieb − spitzte sich ungeachtet aller konkreten Überlegungen zur Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung auf einen Konnexitätskonflikt zu. Die Kommunen lehnten jegliche Verantwortlichkeit zur Versorgung der Bevölkerung und Bereitschaft zur Kostenübernahme mit dem Hinweis ab, dass es sich um Angelegenheiten der Landesverteidigung handele.[32] Obschon das preußische Innenministerium diese Haltung in den Verhandlungen mit dem Reich durchaus teilte und die Belastung der Festungsstädte bereits im Frieden betonte,[33] versuchte die Staatsregierung dennoch von vornherein auch die jeweiligen Kommunen in die Pflicht zu nehmen. Fraglos zielte das Innenministerium hiermit in erster Linie auf eine Minimierung der Risiken für den eigenen Haushalt, musste es doch aufgrund der Entscheidung des Reichskanzlers befürchten, auf den Kosten sitzenzubleiben. Gleichzeitig sah das Ministerium die Wohlfahrtspflege ohnehin nicht zuletzt aufgrund des Ausbaus und der Effizienz der kommunalen Daseinsvorsorge weniger als staatliche denn als kommunale Aufgabe. Seine Forderung an die Kommunen, sich an der Finanzierung der notwendigen Infrastruktur zu beteiligen, verknüpfte der Innenminister erfolglos mit dem Hinweis, dass die Kommunalverwaltungen beispielsweise mit dem Bau von städtischen Kühlhäusern auch möglichen Teuerungskrisen in Friedenszeiten gegensteuern könnten.[34] Angesichts fruchtloser verfassungsrechtlicher Diskussionen und ausbleibender Ergebnisse legte das Kriegsministerium im Mai 1914 unter Umgehung des Dienstwegs einen Vermittlungsvorschlag vor,[35] der aber lediglich die Position des Reichskanzlers von 1913 wiederholte. Letztlich blieb der Konflikt, der seine Ursachen zum einen in der unklaren Stellung der bewaffneten Macht als Reichs- oder Kontingentsheer zum anderen in der unzureichenden verfassungsrechtlichen Klärung des Verhältnisses der verschiedenen staatlichen Ebenen zueinander hatte, und in dem sich die verschiedenen Ebenen aus Sorge vor einseitigen finanziellen Belastungen daher gegenseitig blockierten, bis zum Kriegsausbruch unentschieden.
Kölner Zwischenwerk Vb. Im Frontgraben: Hindernispfähle der Armierung von 1914. Links im Vordergrund im Graben: Abortgrube; in der Konteres-karpenmauer etwas weiter nach rechts: eine Platte für die Belüftung; darüber: ein nach 1900 schräg angebrachtes Drahtgeflecht; darüber wiederum in Schräglage: Pfähle mit nach 1900 üblichem Stacheldraht; dahinter um das Zwischenwerk herum: ein Abweisgitter mit am oberen Abschluss gebogenen Eisenstäben, wie sie seit 1885 eingeführt wurden; zwischen den Gewehrscharten im Hintergrund: eine Scheinwerferplatte; rechts zwischen der Eskarpenmauer auf Sockelmauern: nach 1900 übliche Gitter. Gemälde von André Brauch.
Wenngleich der Zuständigkeitskonflikt zwischen Reich, Ländern und Kommunen die Verhandlungen dominierte, darf nicht übersehen werden, dass die beteiligten Institutionen durchaus bemüht waren, versorgungstechnische Fragen zu klären. Zum einen kreiste die Diskussion um die Frage, auf welche Weise die Versorgung sichergestellt werden könne, zum anderen galt es, den Nahrungsmittelbedarf überhaupt zu ermitteln. Als Vorbild galten hierbei Vereinbarungen für die Festung Thorn, die offenbar auf eine Initiative des dortigen Festungskommandanten zurückgingen. Dort waren Lieferungsverträge abgeschlossen worden, in denen sich Produzenten und Händler verpflichteten, im Kriegsfall die notwendigen Nahrungsvorräte in die Festung zu bringen. Den staatlichen Mittelbehörden und der Militärverwaltung erschien diese Praxis als geeignetes Modell für die Versorgung der Festung Wesel, obwohl der dortige Bürgermeister weitsichtig auf drohende Transportengpässe im Mobilmachungsfall aufmerksam machte. Auf größere Festungen war dieser Lösungsansatz nicht zuletzt aufgrund der Importabhängigkeit und der Sorge vor einer möglichen Blockade des Reichs, die von der Reichsleitung seit etwa 1906 befürchtet wurde, indes von vornherein nicht anwendbar. Hier sollten bereits in Friedenszeiten entsprechende Vorräte eingelagert werden, jedoch fehlte hierfür die entsprechende Infrastruktur. Ein weiteres Problem trat hinzu: aufgrund der begrenzten Haltbarkeit der Lebensmittel musste ein regelmäßiger Austausch erfolgen. Die hieraus resultierenden unternehmerischen Risiken versuchte die Regierung − freilich vergeblich − abzuwälzen, indem sie vorschlug, dass die Kommunen oder gegebenenfalls auch Privatunternehmen die Speicher unterhalten sollten. Weniger strittig war die Ermittlung des Verpflegungsbedarfs. Auch hier diente die Regelung aus Thorn als Muster. Für eine angenommene Belagerungsdauer von 210 Tage war für eine Person ein Fleisch-, Wurst-, Fisch- und Käsebedarf von 22,96 kg errechnet worden. An Gemüse und Kartoffeln waren knapp 48 kg vorgesehen, die Brotversorgung wurde mit jeweils einem halben Kilogramm pro Tag festgelegt.[36]
Als besonders konfliktträchtig erwies sich die Ermittlung, für wie viele Personen überhaupt Vorräte anzulegen waren. Einvernehmen bestand über die Evakuierung der Angehörigen aktiver Soldaten, Militärbeamter und -arbeiter sowie der Insassen von Strafanstalten und psychiatrischen Kliniken. Ausgehend von dieser Prämisse errechnete das Innenministerium eine „Normalbevölkerungsziffer“, die die Grundlage für die Arbeit der vor Ort zu bildenden Verpflegungsausschüsse bildete. In Wesel sollten demnach insgesamt 1.370 Personen (rund 6,5 Prozent der Bevölkerung im Festungsgebiet) evakuiert werden. Hiervon waren allein 1.245 Familienangehörige von Offizieren und Militärbeamten. Mithin war die Versorgung von rund 19.000 Einwohnern sicherzustellen.[37] Von den im Kölner Festungsgebiet lebenden 630.000 Einwohnern mussten entsprechend 20.000 Personen (circa 3,2 Prozent) umgesiedelt werden.[38] Zudem wurde erwartet, dass aufgrund der Einberufung der Reservisten im Gefolge der Mobilmachung die Einwohnerzahl in den Festungen deutlich sinken würde. Unklar war aber, in welchem Umfang weitere Bevölkerungskreise gezwungen werden sollten, vorsorglich die Festung zu verlassen. Hier trafen sich die Überlegungen zur wirtschaftlichen Kriegsvorbereitung mit dem, im Innenministerium unter Verweis auf den Artikel 5 der Preußischen Verfassungsurkunde in seiner Verfassungsmäßigkeit zumindest hinterfragten, schließlich aber mit dem Hinweis auf das Gesetz über den Belagerungszustand[39] gedeckten Recht der Festungskommandanten zur Einschränkung der persönlichen Freiheit und somit auch zur Ausweisung von Personen, die sich nicht selbst ernähren konnten oder die als politisch unzuverlässigen galten und die Verteidigungsbereitschaft gefährdeten. Dabei schob das Militär die Verantwortung für die Evakuierung und die Fürsorge für die Ausgewiesenen wie bereits während des 19. Jahrhunderts ausschließlich den Zivilbehörden zu und zog sich auf die, auf der Instruktion für die Festungskommandanten gründende Pflicht, die Festung zu halten zurück, denn dieser Auftrag stehe höher, als die Fürsorge für ihre Bevölkerung.[40] Dennoch machte der Kriegsminister gegenüber dem Innenministerium deutlich, welche Bevölkerungsteile aus seiner Sicht auszuweisen seien: Neben notorischen Verbrechern, Anarchisten und den Führer[n] _der Umsturzparte_i[41] sollten z. B. Frauen, Greise, Kinder, Arbeitsunfähige, Kranke evakuiert werden,[42] doch änderte sich diese Haltung, als die ersten Zahlen aus den betroffenen Städten und Gemeinden in Berlin eintrafen. Hatte sich noch der Landrat des Kreises Rees nicht in der Lage gesehen, die gewünschten Angaben ohne Erregung der Bevölkerung zu ermitteln und lediglich seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass zumindest Familienangehörige der Eingezogenen bei Verwandten im Umland Aufnahme finden könnten und es somit kaum zu Abschiebungen − und unausgesprochen zu einer Belastung der kommunalen Unterstützungskassen − kommen müsse,[43] so ging der Oberpräsident für Köln von 100.000 Einwohnern aus, die auszuweisen waren.[44] Die Vertreter des Kriegsministeriums reagierten regelrecht schockiert auf diese Zahl: Solche Armeekorps von Abtransporten während der Mobilmachung zu befördern, sei vollständig ausgeschlossen.[45] Sie forderten, die Normalbevölkerungsziffer in den Festungen zu erhöhen und erklärten überraschend, dass zwischen den Teilen der Bevölkerung, die unbedingt abgeschoben werden müssen (zum Beispiel Geisteskranke, Strafgefangene, politisch Unzuverlässige), und solchen, bei denen die Abschiebung erwünscht ist (Greise, Frauen, Kinder) unterschieden werden müsse.[46] Das mit dieser Notlösung kaum kaschierte Eingeständnis der Ratlosigkeit und Überforderung offenbart eine erstaunliche Unkenntnis der Vertreter der bewaffneten Macht über die Auswirkungen und Herausforderungen der Urbanisierung, die ihre Ursachen fraglos auch in der seit den 1860er Jahre zunehmend auf eine rein militär-fachliche Perspektive beschränkten Ausbildung hatte.[47] Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelten Maximen zur Aufrechterhaltung der Einsatzfähigkeit der Festungen mit ihrer Überbetonung des Pflichtbewusstseins und der Ehre des Offizierskorps erwiesen sich als nicht mehr zeitgemäß und die bisherigen rein fortifikatorisch-technischen Antworten auf die Herausforderungen der Moderne hatten letztlich die Problematik nur verschärft.
Trotz dieser Forderung der bewaffneten Macht in der intraministeriellen Debatte gingen die Vertreter vor Ort für Köln weiterhin von den ursprünglich genannten 100.000 Bewohnern aus. Mit der Ermittlung der Personen und den Planungen zur Bereitstellung der Transportkapazitäten war das Problem freilich nicht gelöst, denn die nur Hilflosigkeit spiegelnde erste Reaktion des preußischen Innenministeriums, den Betroffenen selbst die Sorge um ihren Verbleib und ihren Erwerb zu überlassen,[48] war völlig ungeeignet, um die auch von der Zivilverwaltung grundsätzlich anerkannte Voraussetzung zur Sicherstellung der Verteidigungsfähigkeit der Festung herzustellen. Entsprechend wurden die Behörden vor Ort angewiesen, Evakuierungsräume zu ermitteln und Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen. Für das erwartete Hinaufschnellen der Armenlasten in den Aufnahmekommunen wurde zwar ein Finanzausgleich avisiert, doch zu mehr als einer vagen Absichtserklärung konnten sich die Berliner Reichs- und Staatsbehörden nicht durchringen.[49] Eine Klärung der Verantwortlichkeit, die angesichts des schwelenden Konflikts über die Finanzierung der Festungsversorgung ohnehin kaum zu erwarten war, unterblieb.
Für die Unterbringung der aus Köln auszuweisenden Einwohner war zunächst das rheinisch-westfälische Industriegebiet vorgesehen, denn nur die dortigen Großstädte boten nach Auffassung des Oberpräsidenten ausreichend Quartierraum und Arbeitsmöglichkeiten. Diese Überlegungen stießen auf Widerstand der Bezirksregierungen, die aufgrund des hohen Preisniveaus im industriellen Ballungsraum erhebliche Schwierigkeiten befürchteten, so dass wie bereits in den 1860er Jahren die Provinzen Westfalen und Hessen-Nassau sowie weiter östlich liegende Gebiete als alternative Aufnahmegebiete vorgeschlagen wurden. Aber ebenso wie die Verhandlungen über die Lebensmittelversorgung blieben die Planungen zur Unterbringung der Auszuweisenden bis zum Kriegsausbruch ohne konkrete Ergebnisse, da zum einen die Frage der Verantwortlichkeit nicht geklärt werden konnte, zum anderen die Sorge vor einer Beunruhigung der Bevölkerung die Behörden zur Zurückhaltung veranlasste, wenngleich hierdurch die Gefahr wuchs, im Ernstfall eine Panik auszulösen.[50] Gleichwohl verschwand auch nach der Mobilmachung und dem raschen Vorstoß der deutschen Truppen durch Belgien das Thema nicht von der Tagesordnung. Zwar versuchte der Oberpräsident unter Verweis auf den günstigen Kriegsverlauf und die Auswirkungen auf die Moral der Bevölkerung das Problem dilatorisch zu behandeln, doch drängte das Kölner Festungsgouvernement auf eine abschließende Klärung, so dass schließlich das Innenministerium allgemein die ländlichen Räume der Provinz Westfalen als Zielort bestimmte, ohne dass diesem Beschluss Verhandlungen mit den dortigen Lokalbehörden vorausgingen oder gar Vorbereitungen in den betroffenen Gemeinden getroffen wurden.[51]
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Tippach, Thomas, Festungen im Rheinland, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/festungen-im-rheinland/DE-2086/lido/57d12ab3881883.06935053 (abgerufen am 19.10.2025)
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Sekundärliteratur
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Kunst
Musikgeschichte
Inhaltsverzeichnis
1. Mehr als nur Fußnoten - Musikerinnen im Rheinland und ihre Rezeption
1. Mehr als nur Fußnoten - Musikerinnen im Rheinland und ihre Rezeption
Die Violinistin Teresa Milanollo im Jahr 1860. (gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France)
1. Einige grundsätzliche Bemerkungen zur Einleitung
Einen Text über Musikerinnen zu schreiben ist nicht möglich, ohne vorher zur Heranführung einige historische gesellschaftliche Prozesse und Entwicklungen darzustellen, die zur Formung der bürgerlichen Gesellschaft einerseits und unseres (also des eurozentrischen) Musikbegriffs andererseits beigetragen haben. Beides ist letzten Endes eng miteinander verknüpft. Denn in Abgrenzung zur feudalen Hofgesellschaft wurde der emanzipierte (männliche!) Bürger zum Zentrum einer neu geordneten Sozialstruktur. Eine besondere Bedeutung hatte hierbei die Kultur, insbesondere der Musik in Form des Konzerts: Dieses lässt sich in seinem kunstmusikalischen Anspruch – stark verkürzt dargestellt – als Abgrenzung zur höfischen Musikkultur verstehen. Dabei diente Musik nicht mehr ausschließlich der Repräsentation, sondern wurde als Mittel der moralischen und geistigen Vervollkommnung aufgewertet. Als Medium der Selbstvergewisserung und Ausdruck gesellschaftlicher Reibungs- und Neuordnungsprozesse spiegelt es in seinen subtilen Veränderungen auch die Entwicklungen der bürgerlichen Gesellschaft wider.
Gleichzeitig schuf das Bürgertum damit eine Abgrenzung zu den niedrigeren Gesellschaftsschichten. Musikalischer Ausdruck dessen ist das Schlagwort der „ernsten Musik“, die sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts immer mehr von der „Unterhaltungsmusik“ abgrenzte. Während Letztere als für „die Massen“ tauglich abgewertet wurde, wurde die Kunstmusik bürgerlicher Prägung sogar nahezu auf die Stufe der institutionell ebenfalls geschwächten Kirche gehoben: Ein Besuch von Johann Sebastian Bachs (1685–1750) „Matthäus-Passion“ in der Osterzeit konnte durchaus auf der Stufe eines Gottesdienstes stehen. Dies lässt ahnen, warum das Konzert als öffentliche Veranstaltungsform besonders auf eine breite, bürgerliche Trägerschicht angewiesen war und demzufolge die gesellschaftlichen Normen erfüllen musste.
Für die aus dem höfischen Bereich entlehnte Oper, die zwar nun für jedermann gegen Eintritt erlebbar war, aber nicht wesentlich modifiziert weiter bestand, galt dies nicht im selben Maße: Die Bühne blieb ein durch den Orchestergraben symbolisch vom Publikum getrennter Ort, wo die Aufhebung gesellschaftlicher Konventionen zumindest zeitweilig akzeptiert war. Entsprechend galten auch für Darsteller und Darstellerinnen besondere Regeln, wobei auch hier unsichtbare Barrieren aufgerichtet blieben: In den wenigen Fällen, in denen es tatsächlich einer (dann in der Regel weiblichen) Bühnengröße gelang, durch Heirat Teil bürgerlicher oder gar adliger Kreise zu werden, blieb die Erwartung selbstverständlich, dass die Person in mindestens zeitlicher Nähe zur Vermählung ihre Tätigkeit aufgab. Das Feld des Gesangs und der entsprechenden Künstlerinnen soll aus diesen Gründen im Folgenden ausgespart bleiben.
Auch die Kirchenmusik bildete einen traditionell mehr oder weniger autonomen Bereich, auf den das Bürgertum erst allmählich Einfluss gewann. Zwei Faktoren sind hier grundlegend mitzudenken: Da Musik als Gotteslob und damit ohnehin als Aufgabe jedes Christenmenschen verstanden wurde, war die Frage nach besonderen künstlerischen Verdiensten in der kirchenmusikalischen Betätigung von vornherein mit Vorbehalten behaftet. Daneben war außerhalb der Nonnenklöster öffentliches Hervortreten von Frauen über Jahrhunderte unerwünscht. Allerdings wurde das apostolische Verdikt mulier tacet in ecclesiam unabhängig von Konfessionen immer wieder einmal gelockert, wenn die Musikpraxis es erforderte. So erinnert sich Max Bruch in einem längeren autobiographischen Brief: „Ueber die Geschichte der Kathol. Kirchenmusik in den Rheinlanden seit 1815 kann ich nur sagen, daß in meiner Jugend (etwa bis 1860) im Kölner Dom während des „Hochamts“ (Sonntag Vormittags) Messen mit Orchester und gemischtem Chor (in dem Damen mitwirkten) aufgeführt wurden. Ich hörte dort u. A. Messen von Haydn, Mozart, Abt Vogler etc. in denen es oft recht lustig zuging, und die an vielen Stellen nicht der Würde des Ortes entsprachen. Als dann eine strengere Richtung in der kath. Kirche aufkam, wurde überall in Deutschland, Oesterreich, und auch in Köln das Orchester und die Damen aus der Kirche hinausgeworfen; man behielt nur Knaben- u. Männerchor und Orgel bei.“[1]
Die hier geschilderten Entwicklungen stehen in Zusammenhang mit allgemeinen restaurativen Bemühungen innerhalb der katholischen Kirche, die schließlich 1868 in der Gründung des „Allgemeinen Cäcilienvereins für die Länder deutscher Sprache“ mündeten. Schon der Begriff „Verein“ lässt die enge Verknüpfung von Kirchenmusik und bürgerlichen Strukturen zu diesem Zeitpunkt erahnen. Doch sind es eben auch diese bürgerlichen Strukturen und Konventionen, die immer wieder dafür sorgten, dass Frauen in der Öffentlichkeit eine untergeordnete Rolle spielten. Eine Aufarbeitung dieser Prozesse hat nach ersten Bemühungen von Sophie Drinker (1888–1967) mittlerweile vor allem durch (und in Bezug auf) die wichtigen Publikationen von Freia Hoffmann (geboren 1945) zumindest in Ansätzen soziologisch und musikhistorisch stattgefunden. Eine umfassende, vielleicht sogar bestenfalls lexikalische Darstellung von Biographien und Leistungen der Musikerinnen, die gegen entsprechende Einschränkungen anspielten, liegt trotz Bemühungen des Sophie Drinker-Instituts noch nicht vor. In den folgenden Kapiteln wird daher versucht, anhand einzelner Instrumente und Praktiken öffentlichen Musizierens an die Leistungen repräsentativer Künstlerinnen zu erinnern, die sich allen Hindernissen zum Trotz im Rheinland zu behaupten wussten.
2. Akzeptierte Ausnahmen: Pianistinnen
Dorette Spohr, geb. Scheidler, Fotografie einer anonymen Lithographie des 19. Jahrhunderts. (Beethoven-Haus Bonn, NE 81, Band IV, Nr. 611, https://www.beethoven.de/de/media/view/4816985766494208/Dorette+Spohr%2C+geb.+Scheidler+%281787-1834%29+-+Fotografie+einer+anonymen+Lithographie+des+19.+Jahrhunderts?fromArchive=4886601146564608)
Während traditionell jenseits der obersten Gesellschaftsschicht jedes Familienmitglied einen Platz in der Erwerbsstruktur etwa eines häuslichen Betriebs hatte, änderte sich dies mit der Emanzipation des Bürgertums grundlegend. Wesentliches Merkmal der Zugehörigkeit zur neuen Mittelschicht war nun, dass der Mann als Familienoberhaupt im Berufsleben nach außen die Familie vertrat und finanzierte – „und drinnen waltet die züchtige Hausfrau“, wie Friedrich Schiller (1759–1805) in seinem „Lied von der Glocke“ die Rollenverteilung definierte. Eine Berufstätigkeit der Frau war, sofern sie keiner Notlage entsprang, nicht mehr gewünscht. Die Ehefrau wurde zum ruhenden Pol der Familie und hatte sich vor der Demonstration von körperlicher Tatkraft oder gar Sinnlichkeit zu hüten, wollte sie nicht gesellschaftliche Ächtung riskieren. Der scheinbare Luxus der Bewegungslosigkeit wurde zur Norm des Bürgertums für die „holde Weiblichkeit“. Dabei wurden die Vorgaben, wie Frauen sich in der Öffentlichkeit zu verhalten hatten, selbstverständlich von Männern festgelegt: Die Korsetts der Zeit bestanden nicht nur aus Fischgrät und Metallbügeln, sondern auch aus den Schlagworten „Sittsamkeit“ und „Tugendhaftigeit“. Für das Konzert als Bildungsinstitution und die Musik im häuslichen Kreis galt gleichermaßen: „Der Stand des Weibes ist Ruhe“. Dieser Satz stammt von dem Pfarrer [!] und Gelegenheitskomponisten Carl Ludwig Juncker (1748–1797), der 1783 seine Abhandlung „Vom Kostüm des Frauenzimmer Spielens“ zunächst anonym im „Musikalischen Taschenbuch auf das Jahr 1784“ veröffentlichte. Andere Autoren, die sich seine Position zu eigen machten, mussten wenige Jahre später solche Vorsicht nicht mehr walten lassen. In der bürgerlichen Musik ist bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts eine generelle Entsexualisierung zu beobachten, die sowohl als Gegenentwurf zur höfischen Musik als auch Unterstützung des Bildungsgedankens diskutiert werden kann, in dieser Doppeldeutigkeit aber jedenfalls hervorragend zu instrumentalisieren war.
Welche Instrumente für die Damen schicklich waren, war bald entschieden. Dass es hierbei nicht um Fähigkeit, sondern die Zementierung gesellschaftlicher Normen ging, gab auch Juncker offen zu: „Die Beyspiele, die wir von dergleichen weiblichen Virtuosen ausweisen können, beweisen uns auch, daß das zweyte Geschlecht es wenigstens auf eben den Grad der Vollkommenheit bringen können, wie wir.“[2] Als ideale Frauen-Instrumente galten die bald wieder ausgestorbene Glasharmonika und in besonderem Maße das Klavier. Die damals propagierte Schule, die von mit möglichst ruhigem Arm kombinierter Fingertechnik ausging, machte ein annähernd bewegungsloses Spiel am Instrument möglich. Als Pianistin konnten Frauen also durchaus auftreten, sofern Sitte und Anstand nicht gefährdet schienen. So war etwa Dorette Scheidler-Spohr (1797–1834) 1817 in Aachen, Köln, Düsseldorf und Kleve zu hören, wobei sie nicht nur als Pianistin, sondern auch als Harfenistin glänzte – über dieses Instrument wird noch gesondert zu sprechen sein. Bei diesen Auftritten begleitete sie jedoch auch ihren Mann, den Violinisten Louis Spohr (1784–1859), so dass sie quasi unter Aufsicht ihres Familienoberhauptes spielte.
Clara Schumann beim Musizieren. (Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main, Fotograf: Franz Hanfstaengel)
Wurde dies in Städten wie Paris, Wien oder London nicht gar so streng gesehen, zeigte man sich in Deutschland Leipzig, Berlin und auch im Rheinland deutlich rigider. So war etwa in der Düsseldorfer Lokalpresse am 25.9.1848 ein „Concert der Pianistin Wittwe Rommerskirchen, geborne Rüttiger“ in der Diakonissen-Anstalt Kaiserswerth angekündigt. Lisette Rommerskirchen war im Großraum Düsseldorf seit mindestens 1841 als Klavierlehrerin aktiv und bekannt; dennoch musste darauf verwiesen werden, dass sie verwitwet war, denn andernfalls wäre ein Solokonzert wohl nicht akzeptiert worden. Auch Clara Schumann (1819–1896) trat nach dem Tod ihres Mannes nur noch in Witwentracht vor die Öffentlichkeit. Zuvor reiste sie zumeist in Begleitung ihres Vaters, später mit Robert Schumann . Auch die Auftritte der Aachener Pianistin Rosalie Girschner (1822–?) fanden unter den Augen des Vaters statt. 1841 erntete sie in Brüssel großen Beifall für ihre Mitwirkung in einem Konzert der Aachener Liedertafel, deren Dirigent ihr Vater war. Konzertierende Künstlerinnen, die solche Gepflogenheiten missachteten, konnten sich zwar hören lassen, bekamen jedoch selten die Gelegenheit, in den renommiertesten Sälen zu spielen. Auffällig ist dieses etwa in Düsseldorf, wo Räumlichkeiten mit unterschiedlichem Prestige zur Verfügung standen: Die Düsseldorfer Pianistin Hanna Krause (Lebensdaten unbekannt) spielte am 28.1.1901 im Hotel Heck, die „jugendliche Virtuosin“ Natalie Hauser (circa 1858–?) wiederum präsentierte im Breidenbacher Hof am 4.11.1874 ein anspruchsvolles Programm mit Werken von Carl Maria von Weber (1786–1826), Adolf Henselt (1814–1889), Frédéric Chopin (1810–1849), Felix Mendelssohn (1809–1847) und Franz Liszt (1811–1886), und selbst die als Schülerin von Carl Tausig (1841–1871) und Franz Liszt international bekannte Pianistin Vera Timanoff (1855–1942) war am 16.1.1880 nur im Stadttheater zu hören. Dass Robena Ann Laidlaw (1817–?), Widmungsträgerin von Robert Schumanns „Phantasiestücken“ op. 12, ihre „Soiree Musicale“ am 25.5.1839 im Beckerschen Saal spielen konnte, verdankte sie vermutlich überwiegend der Auszeichnung „Pianistin Ihr. Maj. der Königin von Hannover“, die ein entsprechendes Forum geradezu erzwang. Alle anderen spielten permanent gegen Vorurteile an. Dies zeigt beispielhaft die Rezension eines Konzerts, das die Pianistin Therese Pott (1880–nach 1934) am 4.3.1901 in Düsseldorf (im Breidenbacher Hof) gemeinsam mit der Sängerin Johanna Rothschild gab. Nicht nur pflegt der Kritiker seine Vorurteile über das „zarte Geschlecht“ trotz gerade erlebtem Beweis des Gegenteils, er kann das Zusammenspiel der Musikerinnen auch noch als Vorwand für eine Anzüglichkeit nutzen: „Bei so zarter und anmutiger Erscheinung so viel männliche Kraft habe ich noch nie gefunden. [...] dazu eine Begleiterin nach meinem Herzen – ich meine ‚selbstredend’ auf dem Klavier zum Gesange – [...].“[3]
Elly Ney (1882-1968) - Fotografie des Ateliers Kever mit handschriftlicher Widmung der Pianistin. (Beethoven-Haus Bonn, B 2602, https://www.beethoven.de/en/media/view/5976863730040832/Elly+Ney+%281882-1968%29+-+Fotografie+des+Ateliers+Kever+mit+handschriftlicher+Widmung+der+Pianistin?fromArchive=4886601146564608)
Letztlich ist es Clara Schumann zu verdanken, dass sich für Pianistinnen die Situation ab etwa 1900 in vergleichbar kurzer Zeit besserte: Als sie nach langen Jahren privaten Unterrichtens tatsächlich 1878 am neu gegründeten Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt a.M. eine Klavierklasse übernehmen durfte, erwiesen sich bald viele ihrer Zöglinge wie etwa Leonard Borwick (1868–1925), Fanny Davies (1861–1934), Adelina de Lara (1872–1961), Ilona Eibenschütz (1873–1967), Olga Neruda (1858–1945), Franklin Taylor (1843–1919) oder Mathilde Verne (1865–1936) als international konkurrenzfähig; daneben wirkte ihr Schüler Lazzaro Uzielli (1861–1943) bis etwa 1924 am Kölner Konservatorium und berief sich methodisch ausdrücklich auf seine Lehrerin. Clara Schumann war so die erste Pianistin, die eine eigene Schule bildete, und nicht zuletzt dank ihres Unterrichts fiel neben vielen Vorurteilen bald auch eine letzte selbstverständliche Beschränkung für Pianistinnen: Schumanns Schülerinnen spielten die Werke Ludwig van Beethovens, die bis dahin aufgrund intellektueller und körperlicher Anforderungen in Deutschland als für Frauen ungeeignet galten. In der kommenden Generation gab es, oft vom Rheinland ausgehend, die ersten ausgesprochenen Beethoven-Spezialistinnen. Seit 1896 lebte die Schweizerin Ellen Saatweber-Schlieper (1874–1933) in Barmen (heute Stadt Wuppertal) und entfaltete im Umland eine bedeutende Konzerttätigkeit. Überregional war sie seltener zu hören, um in der Nähe ihrer Kinder bleiben zu können, war aber als Solistin und langjährige Kammermusikpartnerin auf Augenhöhe etwa des Violinisten Henri Marteau (1874–1934) geschätzt. Sie etablierte sich als Spezialistin für anspruchsvolles Repertoire und galt als hervorragende Reger-Interpretin. Im Herbst 1920 präsentierte sie in Berlin an drei Abenden sämtliche Beethovenschen Klaviertrios mit dem Violinisten Anton Schoenmaker (1885– nach 1946) und dem Kölner Cellisten Willy Lamping (1880–1951), also als zwei Herren übergeordnete Ensembleführerin. Die Bonnerin Elly Ney (1882–1968) suchte selbst in ihrem Äußeren die Nähe zu Beethoven und feierte große internationale Erfolge, wenn sie auch durch ihre Sympathien für den Nationalsozialismus ihrem Nachruhm massiv schadete. Am Kölner Konservatorium lehrte Ney zeitweilig gleichzeitig mit der etwa 20 Jahre älteren Hedwig Meyer (Lebensdaten unbekannt), die schon in ihrer Examensprüfung in Dresden 1883 durch die Darbietung des 4. Klavierkonzerts von Beethoven Aufsehen erregt hatte und auch später dessen Werke zu Säulen ihres Repertoires machte. Bei Franz Wüllner (1832–1902) hatte sie zudem Kompositionsunterricht genommen und kann daher auch zu den wenigen im Rheinland aktiven Komponistinnen gezählt werden. Sie wirkte zwar bis 1924 am Kölner Konservatorium, doch war dies erst nach dem Tod ihres ehemaligen Lehrers und Förderers möglich: Unter Wüllners Leitung waren weibliche Lehrkräfte noch nicht denkbar, wenn auch Frauen unterrichtet wurden. Schon dies war keine Selbstverständlichkeit: Erst ab 1908 waren Frauen generell für ein Studium an allen preußischen Musikhochschulen zugelassen. Der Zugang zu einer staatlichen Musikausbildung war traditionell schwierig, blieb dies auch weiterhin und bot Frauen sowieso nur eine kleine Anzahl von Studienfächern. Zudem wurde selbstverständlich davon ausgegangen, dass nahezu alle der Damen bald heiraten und danach bestenfalls noch pädagogisch tätig sein würden. Doch selbst unter diesen Voraussetzungen wurde die Zahl der Musikerinnen immer größer, so dass im späteren 19. Jahrhundert zunehmend versucht wurde, durch Hinweis auf (für Frauen) mangelnde Berufsmöglichkeiten von der entsprechenden Ausbildung abzuschrecken: „Es werden [...] in den nächsten 12 bis 13 Jahren 20,000 (zwanzigtausend) Fachmusiker aller Gattungen aus den verschiedenen Anstalten ausgebildet werden, unter diesen etwa 6- bis 7000 Sängerinnen und Pianistinnen (die Zahl der Geigerinnen ist eine verschwindend kleine).“[4]
3. Solo und Ensembles: Violinistinnen
Dass es in Deutschland überhaupt Violinistinnen (wenn auch zunächst in „verschwindend kleiner“ Zahl) geben sollte, war zu Beginn der bürgerlichen Ära keineswegs abzusehen. Man(n) empfand die ausladenden Bogenbewegungen als unweiblich und dazu in Verbindung mit der damaligen Damenmode als problematisch. Insofern war Anna Hartleb (1797–1887), eine Schülerin Louis Spohrs, die seit etwa 1828 nach ihrer zweiten Heirat mit dem Musiker und Klavierstimmer Josef Hoffmann in Düsseldorf lebte, eine absolute Ausnahme. Dies galt nicht nur bezüglich ihrer Instrumentenwahl, denn ihre Karriere dauerte selbst nach heutigen Maßstäben außergewöhnlich lange. Noch Ende 1884 konzertierte sie in Düsseldorf und fand die Bewunderung der Presse: „Die alte Dame regiert den Bogen mit Meisterhand und spielt ihre Staccatos mit jugendlicher Gewandheit.“[5]
Jegliche Bedenken wurden jedoch durch das Auftreten zweier italienischer Mädchen hinweggefegt, die zu den Superstars des 19. Jahrhunderts zählten: Teresa Milanollo (1827–1904) und ihre Schwester Maria (1832–1848). Als sie am 10.9.1842 erstmals in Schloss Brühl im Rheinland zu hören waren, hatten sie bereits in anderen Ländern Aufsehen erregt. Als präpubertäre „Wunderkinder“ unterlagen sie noch nicht denselben Zwängen wie erwachsene Frauen und lösten mit ihrer unbefangenen Art und hoher Musikalität Begeisterungsstürme aus. In Städten mit entsprechenden Sälen kamen bis zu 4.000 Besucher zu ihren Konzerten, und auch der erste Auftritt in Düsseldorf am 10.10.1842 wurde so bejubelt, dass noch drei Wiederholungskonzerte folgen mussten. Die Erfolge in Köln und Aachen waren vergleichbar, desgleichen weitere Konzerte im Jahr 1845. Auch sofern sie gerade nicht im Rheinland zu hören waren, blieben die Milanollo-Schwestern präsent: Die Presse berichtete ausführlich über die Erfolge in anderen Städten und Ländern, Blumenzüchtungen wurden nach ihnen benannt, sogar Romanfiguren nach ihrem Vorbild gestaltet. Der Würzburger Komponist Johann Valentin Hamm (1811–1874) komponierte einen Milanollo-Marsch (heute offizieller Geschwindmarsch der Britischen „Coldstream Guards“), der sich auch im Rheinland großer Beliebtheit erfreute. Nach dem frühen Tod von Maria trat Teresa Milanollo zwar seltener, doch unvermindert erfolgreich als Solistin auf (so 1852 in Aachen und 1854 in Düsseldorf). Ihr Nimbus erlaubte es ihr, Grenzen des bürgerlichen Konzertlebens zu durchbrechen und so auch den Weg für Nachfolgerinnen zu ebnen. 1887 gastierten nochmals „Geschwister Milanollo“ auf zwei Geigen im Rheinland – allerdings Clot[h]ilde (1864–1937) und Adelaide (1870–1933), Nichten der „Originale“, die beide später als Pädagoginnen in Deutschland lebten. Rheinische Violinistinnen waren nach wie vor nicht die Regel, doch finden sich nun zumindest einzelne Vertreterinnen des Fachs mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Die meisten von ihnen waren Absolventinnen des Konservatoriums in Köln.
Maria Milanollo (links) und Teresa Milanollo (rechts) beim Spielen der Violine, ca. 1846. (gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France)
Seit mindestens 1885 war Clara Schwartz (Lebensdaten unbekannt) aus Köln aktiv; 1892 war sie in der Düsseldorfer Tonhalle in einem Konzert des dortigen Mozart-Vereins zu hören, wurde allerdings fälschlich und wenig charmant als „Clara Schwarte“ angekündigt. Von 1902 bis 1913 lehrte sie am Stern’schen Conservatorium in Berlin. Etwas jünger war die Kölnerin Marie Weimershaus (1880–?), die bereits als Heranwachsende größere Hallen füllte und im Januar 1893 im Düsseldorfer Floragarten spielte – die dortige Konzerthalle fasste immerhin 1.000 Personen! Als erste rheinische Violin-Virtuosin mit internationalem Ruf darf Elvira Schmuckler (1885–1943) gelten, die mehrfach den Wohnsitz wechselte, aber trotz internationaler Erfolge vor allem in England immer dem Rheinland verbunden blieb. In Düsseldorf geboren und in Köln aufgewachsen, finden sich erste Zeitungsberichte über ihre Auftritte bereits 1897. In den kommenden Jahrzehnten findet sich ihr Name regelmäßig auf den Programmen der Abonnementreihen und Festkonzerte im Rheinland. 1907 war sie die erste deutsche Violinistin, die Schallplattenaufnahmen machte, wobei ihr Wohnort auf den Etiketten mit Dortmund angegeben wurde; diese Platten der Firma „Lyrophon“ wurden bis nach Indien vertrieben und dokumentieren, wie hoch ihre Fähigkeiten damals geschätzt wurden. Das Ende der jüdischen Künstlerin gestaltete sich tragisch: Bis 1933 konnte sie noch von ihrem damaligen Wohnort Bonn aus ihre Karriere fortsetzten. Später entschloss sie sich zur Emigration und lebte in Amsterdam, wo sie als Musikpädagogin tätig war. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gelang es ihr nicht mehr, das Land zu verlassen; sie wurde schließlich interniert und im Konzentrationslager Sobibór umgebracht. Wenig später wurde im gleichen Lager Betty Schwabe (1875–1943) ermordet. Die gebürtige Aachenerin hatte zunächst in Köln, dann bei Joseph Joachim (1831–1907) in Berlin studiert. 1891 gewann sie ein Mendelssohn-Stipendium und legte damit den Grundstein ihrer Violinistinnen-Karriere. 1924 besuchte sie als Solistin des Aachener Bach-Festes noch einmal ihre Geburtsstadt.
Clara Schwartz im Jahr 1889, Fotografie von Adolph Bruns. (Gemeinfrei/eigene Sammlung des Autors)
War Elvira Schmuckler eine phonographische Pionierin, so stellte für die nachfolgende Generation der Violinistinnen die Schallplatte bereits ein wesentliches Medium dar, das der eigenen Popularität Ausdruck verlieh oder sie sogar beförderte. So wurde Grete Eweler (1899–?) mit ihrem Streichquartett rasch bekannt und gastierte von Düsseldorf aus in ganz Deutschland. Berühmt wurde sie jedoch durch „Homocord“-Schallplatten. Seit 1927 erschienen Dutzende von Aufnahmen, bei denen sie als Solistin, Leiterin eines Salonorchesters oder Begleiterin von Gesangsstars in Erscheinung trat. Nach ihrer Heirat mit dem Pathologen Curt Froboese (1891–1994) im Jahr 1936 verlegte sie ihren Wohnsitz nach Berlin, wo sie bis mindestens 1959 ihre Karriere fortsetzte und 1952 nochmals Aufnahmen mit dem jungen Dietrich Fischer-Dieskau (1925–2012) machte.
Schon recht bald nach Abschluss ihres Studiums war auch die gebürtige Krefelderin Riele Queling (1897–1980) auf Tonträgern solistisch und mit ihrem Streichquartett präsent. Nach dem Gewinn des Mendelssohn-Wettbewerbs 1917 in Berlin startete sie eine bedeutende internationale Solistenkarriere, doch galt ihre eigentliche Liebe dem Quartettspiel. Ihr Riele-Queling-Quartett bestand ausschließlich aus Frauen – obwohl zuvor bereits die Österreicherin Marie Soldat-Röger (1863–1955) mit ihrem berühmten Damen-Quartett beim Beethoven-Fest in Bonn 1900 aufgetreten war, konnte dies immer noch als Novität im Rheinland gelten. Dabei ging die Besetzung nicht ohne Schwierigkeiten ab: Während Queling, die zweite Violinistin Lotte Hellwig Josten (1903–1984) und die aus Arnheim stammende Bratschistin Gerda van Essen alle bei Bram Eldering (1865–1943) am Kölner Konservatorium studiert hatten, lebte die Cellistin und zeitweilige Managerin des Ensembles Ilse Bernatz (1902–?) in Frankfurt am Main: Es gab in Deutschland kaum Cellistinnen zu dieser Zeit. Das Queling-Quartett bildete später auch die Stütze des Kölner Kammer-Sinfonie-Orchesters. Hier fungierte Riele Queling zeitweilig als Konzertmeisterin – eine in Deutschland einzigartige Spitzenposition in einer Zeit, wo Frauen gemeinhin nicht einmal in Orchester aufgenommen wurden. In Deutschland geriet Riele Queling in Vergessenheit, nachdem sie 1934 ein Jahr nach ihrer Hochzeit mit dem holländischen Bakteriologen Robert Scholtes (1905–1987) ihren Wohnsitz in die Niederlande verlegt und auch die deutsche Staatsbürgerschaft abgegeben hatte. Dies machte ihre Auftritte in Deutschland außerhalb geschlossener Gesellschaften unmöglich. In Holland jedoch war sie weiter aktiv, leitete seit 1937 die Violinausbildung am Konservatorium in Utrecht und gründete nach Kriegsende ein neues Quartett, das sie im Angedenken an ihre Ausbildungsstätte und ihren Lehrer Eldering, der in Köln bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen war, „Domstad-Quartett“ nannte. Drei Tage vor ihrem Tod leitete sie letztmalig ein Quartett mit Beethovens opus 131.
Wie hart auch der Erfolg dieses Quartetts erkämpft war, lässt sich im Vergleich mit einer anderen Violinistin ermessen: Mimy Schulze-Prisca (1876–?, geborene Bussius) spielte über Jahre hinweg als zweite Violinistin an der Seite ihres Mannes Walter (1879–?) im weltbekannten Schulze-Prisca-Quartett, das von Köln aus Europa bereiste. Obwohl das Ehepaar noch 1943 im Deutschen Musiker-Kalender gemeinsam in der Besetzung dieses Quartetts aufgeführt ist, spielt auf Aufnahmen des Ensembles aus den Jahren 1935 bis 1939 entweder Will Smit oder Heinz Schkommodau (dessen Nachname auf den Etiketten darüber hinaus als „Schkommodan“ auch noch falsch geschrieben ist). War eine Frau, die gleichberechtigt an der Seite ihres Mannes stand, kulturpolitisch nicht erwünscht? Walter Schulze-Prisca jedenfalls schien die Arbeit mit Musikerinnen als bereichernd zu empfinden: 1943 war auch die Bratschistin Hedwig Emmel (Lebensdaten unbekannt) Mitglied des Quartetts. Eine weitere Kölner Formation verdient zumindest Erwähnung: Das „Westdeutsche Trio Köln“ mit der Pianistin Sascha Bergdolt (1888–?), Steffi Koschate (Violine; 1895–?) und Käthe Pabst-Hess blieb trotz mehrerer Personalwechsel immer ein Frauen-Ensemble. 1929 kam Else Müschenborn (1892–1962) für Bergdolt, etwa zehn Jahre später kam die bereits erwähnte Ilse Bernatz für Pabst-Hess. Das Ensemble spielte bis mindestens 1943 zusammen.
Elvira Schmuckler im Jahr 1904. (Gemeinfrei/eigene Sammlung des Autors, aus: Neue Musik-Zeitung Jg. 25 (1904), S. 503)
4. Exotinnen am Instrument
Frauen, die sich auf andere Instrumente spezialisieren wollten, konnten kaum auf Akzeptanz des Konzertpublikums hoffen. Selbst bei den Streichinstrumenten war die Violine das einzige akzeptable. Cellistinnen hingegen wurden als skandalös empfunden: Eine Dame der Gesellschaft, die öffentlich die Beine spreizte, wenn auch nur zum Halten des Instruments, war eine verstörende Vorstellung. Eine der wenigen Cellistinnen, die dennoch gegen Konventionen anspielte, Lise C[h]ristiani-Barbier (1827–1853), wurde vom deutschen Publikum kühl aufgenommen und starb jung, von den ständigen Reisestrapazen geschwächt, während einer Tournee durch Sibirien an Cholera. Ein Ausnahme-Talent muss Kato van der Hoeven (1877–1959) gewesen sein. Nachdem sich ihre Karriere in Köln nicht wie erhofft entwickelte, kehrte sie nach Amsterdam zurück, wo sie bald sogar Mitglied des Concertgebouw-Orkest wurde. Ebenso bahnbrechend wie skandalös präsentierte sich schließlich die ungarische Cellistin Judith Bokor (1899–1972), Meisterschülerin von David Popper (1843–1913), die seit 1919 in den Niederlanden lebte und von dort aus Tourneen durch Europa und die USA unternahm. Sie repräsentierte einen neuen Frauentyp, indem sie sich auf ihren Pressefotos in selbstbewusster Körperlichkeit in Verbindung mit ihrem Instrument inszenierte und damit offensiv gegen die nach wie vor virulenten bürgerlichen Vorbehalte vorging. Eine chronische Krankheit zwang sie früh zur Aufgabe ihrer Karriere. Im Rheinland war sie letztmalig in den Gürzenich-Konzerten 1930 unter Hermann Abendroth (1883–1956) zu hören, ihr letzter bekannter Auftritt war ein Rundfunkkonzert mit dem Tenor Richard Tauber (1891–1948) unter Leitung des Komponisten Franz Lehár (1870–1948) im Dezember 1933. Gleichwohl öffnete ihre kurze, aufsehenerregende Karriere manche Tür für andere, auch und gerade weniger provokant auftretende Musikerinnen.
Blasinstrumente galten allgemein als für Frauen ungeeignet, egal, ob es sich um Blechblasinstrumente handelte (die schon rein klanglich „zarten“ Frauen nicht entsprachen) oder die sanfteren Holzblasinstrumente. Auch dies hatte keine musikalischen Gründe. Der bekannte Musiktheoretiker (und Dirigent eines Frauenchors!) Hans Georg Nägeli (1773–1836) hatte sich schon 1826 „aus ästhetischen Gründen“ gegen Blasinstrumente für Frauen ausgesprochen, weil „das Blasen eines Instruments aber schöne Lippen verunstalte[t]“.[6] Es gab in ganz Europa kaum Bläserinnen, die im 19. Jahrhundert nachhaltige Erfolge erzielen konnten und unter diesen nicht eine Rheinländerin. Eine bedeutende Ausnahme auf internationaler Ebene war Caroline [Schleicher-]Krähmer (1794/1798–1873), die nicht nur als Violinistin, sondern auch und primär als Klarinettistin tätig war. Die konservative Presse Preußens tat sich schwer mit der blasenden Dame, während sie in ihrer Heimatstadt Wien fast durchgängig höchste Anerkennung fand. Lediglich in der Wiener Allgemeinen Musikzeitung vom 16.4.1842 finden sich kritische Töne. Längere Auszüge daraus sollen hier angeführt werden, da die Argumentationskette des Autors ebenso zeittypisch wie perfide ist: Zunächst werden gängige Vorurteile dem Leser ins Gedächtnis gerufen, danach scheinbar dagegen argumentiert (wobei jedoch den Frauen im gleichen Atemzug die Qualifikation für weitere Instrumente abgesprochen wird), um schließlich die konkrete Künstlerin doch aufgrund von Geschlechterklischees abzuwerten:
„Eine Virtuosinn auf der Clarinette gehört zu den selteneren Erscheinungen, und man hört sogar oft dieses Instrument und ebenso auch die übrigen Blas- und Streichinstrumente als unweiblich zeichnen. Wer die Aufgabe des Musiktreibenden als ein Mittel, sich selbst persönlich zu producieren, erfaßt, dem mag es mit einigem Recht so erscheinen, indem die Stellung des Körpers und die Verziehung der Gesichtsmuskeln, wie sie die Behandlung solcher Instrumente erheischt, allerdings nicht geeignet ist, die weibliche Schönheit zu erhöhen. Wem aber der vortragende Künstler dazu berufen scheint, das in sich empfundene auch anderen Kunstverwandten in Tönen zugänglich zu machen [...], der wird es bedauern, daß gerade die Instrumente, deren Natur dem Zarten und Gemüthlichen, dem Sentimentalen und Elegischen sich besonders zuneigt, [...] den Mädchen und Frauen entzogen werden, die denn doch sicherlich zum größten Theil etwas weit Höheres erreichen würden, wenn sie auf Violine und Clarinette u.s.w. sich eines innigen und lieblichen Vortrags befleißigten, als jetzt, da sie sammt und sonders ihre zarten Finger zur beiten [!], und es doch mit äußerst seltenen Ausnahmen nicht über eine mittelmäßige, kraftlose Copie hinausbringen. [...] Mad. Krähmerleistet auf der Clarinette wirklich etwas recht Löbliches und Ansprechendes. Ihre Fertigkeit ist nicht unbedeutend, ohne jedoch auf den Namen Virtuosität Anspruch machen zu können. [...] Ihre Behandlung des Instruments ist zuweiblich. Sie hat sich nämlich fast ausschließlich auf das Zarte und Weiche verlegt und sich dadurch einen schönen und sehr ausgebildeten, sichre [!] ansprechenden Ton im Piano und Mezzo angeeignet, [...] aber ihr fehlt die Auffassung für die männliche Seite des Tonausdrucks.“[7]
Fotografie von Betty Schwabe, Fotograf: Albert Meyer. (Gemeinfrei/Rechteinhaber Digitalisat: Stadtarchiv Zürich)
Bezeichnender Weise ist der Autor dieser Zeilen Alfred Julius Becher (1803–1848), der zuvor einer der führenden Musikschriftsteller und Kritiker des Rheinlands war. Erst kurz vor der zitierten Veröffentlichung war er nach Wien gekommen und mit örtlichen Gepflogenheiten noch wenig vertraut. Seine Ausführungen sind daher wohl eher als Ausdruck der rheinischen Sichtweise zu verstehen. Dass auch die Zahl der im Westen Deutschlands gastierenden Bläserinnen verschwindend gering ist, kann vor diesem Hintergrund kaum verwundern. Immerhin wurde in der Düsseldorfer Presse Ende April 1830 angekündigt: Friderike Rousseau, „erste Flötistin des Warschauer Theaters, wünscht in dieser Woche ihr [...] ausgezeichnetes Talent auf der Flöte in einer Abendunterhaltung darzustellen“. Presseresonanz zog dieser Auftritt allerdings nicht nach sich. Die wenigen Virtuosinnen auf Blasinstrumenten, die sich in den kommenden Jahrzehnten ins Rheinland wagten, mussten sich auf Kurzauftritte in Varietés oder anderen Vergnügungsetablissements beschränken. Eine seriöse Würdigung ihrer Leistungen fand nicht statt, und auch biographisch ist in der Regel über sie nicht mehr bekannt als der Name. Dies gilt etwa für die „Piston-Virtuosinnen“ Margarethe Cobin und Anna Eberius, die in den 1890er Jahren aktiv waren, sowie die bis mindestens 1925 auf Bühne, Schallplatte und im Radio tätige Okarina-Virtuosin Hedi Hilma. Herausragend waren die Leistungen der Flötistin Erika Stoltz (1878–nach 1952): Bereits als Zwölfjährige war sie erstmals öffentlich aufgetreten und hatte später in München mit ihren Schwestern Emilie, genannt „Mila“ (Harfe; Lebensdaten unbekannt) und Eugenie (Cello; 1884–?) ein Trio gebildet, mit dem sie ab 1895 überregional aktiv war. Nach Studien bei den berühmten Flötisten Rudolf Tillmetz (1847–1915) in München und Emil Prill (1867–1940) in Berlin war sie zunächst unter dem italienisch anmutenden Künstlernamen „Panita“ in Europa und später auch in den USA tätig. Nach ihrer Heirat mit dem Flugpark-Betreiber Hans von Klösterlein (1872–1958) im Herbst 1907 sowie 1914 – nach einer zwischenzeitlichen Scheidung heiratete das Paar ein zweites Mal – war sie auch unter dem angeheirateten Namen Erika von Klösterlein aktiv. Auch sie spielte während eines Großteils ihrer Karriere in Varietés und in den USA teilweise sogar in Zirkusprogrammen, war aber dennoch nicht bereit, ihre künstlerischen Ansprüche anzupassen. In jedem Rahmen präsentierte sie die klassische Virtuosen-Literatur ihres Instruments und fand damit nicht nur im Mai 1906 im Düsseldorfer Apollo-Theater großen Anklang. Im folgenden Monat wurde „Panita“ Stoltz auf Schallplatten aufgenommen – als Flötist war ihr damit in Deutschland nur ihr Lehrer Emil Prill zuvorgekommen; dies belegt ihre außergewöhnliche Popularität. Im April 1908 schließlich trat sie in einem Konzert der Musikalischen Gesellschaft Köln schließlich einmal in einem ihrem Können angemessenen Rahmen auf und wurde – wenn auch in knapper Form – auch in der Fachpresse gewürdigt: „Eine nicht alltägliche Darbietung fand viel Anklang, indem die Flötenspielerin Erika v. Klösterlein ein Flötenkonzert von Toulon [recte Toulou], eine Etüde von Tillmetz und Mozarts Andante mit weit vorgeschrittener Technik und guter Stilanpassung zum Vortrag brachte.“[8] Eine Signalwirkung ging jedoch auch von diesem Auftritt nicht aus und Blasinstrumente blieben für weitere Jahrzehnte eine Männerdomäne.
In ihrer Außenwirkung ohnehin beschränkt und vielleicht gerade deshalb für Frauen akzeptabel war die Familie der Zupfinstrumente. Laute und Gitarre waren seit Jahrhunderten bei Hofdamen verbreitet, wie auch bildliche Darstellungen belegen, hatten jedoch außerhalb des privaten Musizierens praktisch keine Bedeutung mehr. Erst dem spanischen Virtuosen Andrés Segovia (1893–1987) sollte es ab 1915 gelingen, die Gitarre als ernstzunehmendes Konzertinstrument allgemein neu zu etablieren. So konnten auch schon vorher tätige Gitarristinnen nur unter unzulänglichen Bedingungen wirken, wie schließlich anlässlich eines Gastspiels der bedeutenden italienischen Virtuosin Maria Rita Brondi (1889–1941) im Düsseldorfer Apollo-Theater sogar der Presse auffiel: „Schade auch, dass der Raum des Apollo-Theaters für die hervorragenden musikalischen Leistungen der Guitarre-Virtuosin Brondi nicht intim genug ist.“[9] Klanglich wesentlich stärker war die Harfe. Ihre Wertung als typisches Fraueninstrument hängt mit unterschiedlichen Faktoren zusammen: Dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Zahl männlicher Harfenspieler deutlich zurückging, mag mit dem zunehmend militaristischen Männerbild des neuen Deutschen Reiches nach 1871 in Verbindung stehen. Andererseits verweist das Instrument auf die Antike und macht die Spielerin auch durch den musikalischen Ausdruck des Feierlichen, Ätherischen oder religiös Erhabenen quasi zur Priesterin, die somit der körperlichen Sinnlichkeit entrückt ist. Hinzu kam allerdings ein anderer Aspekt: Die (vor der Entwicklung der Doppelpedal-Harfe) tonal beschränkten Möglichkeiten des Instruments hatten bei allem Erhabenen in Kirchen- und Konzertmusik doch eine Reduktion des Kunstwerts und Prestiges des Instruments zur Folge. Dies stand somit in bestem Einklang mit der gesellschaftlichen Stellung der Frauen. Semantisch war zudem die Harfe so fest auf den Bereich des Kultisch-Feierlichen oder Jenseitigen in Oper und Oratorium festgelegt, dass das Instrument nur zögerlich in die deutschen Symphonieorchester integriert wurde. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war es durchaus üblich, die etwa von Berlioz in symphonischen Werken geforderte Harfe in Konzerten durch ein Klavier zu ersetzen. Nachdem aber spätestens durch die Werke Richard Wagners (1813–1883) die Harfe im Orchester einen festen Platz hatte, fand nach wenigen Jahren ein bemerkenswerter Wandel statt: Zunächst war das „körperlose“ Instrument für Frauen besonders geeignet, doch sobald die Instrumentalistinnen den Männern zahlenmäßig überlegen waren, schlug die Wahrnehmung wieder um und entwertete so das Instrument! Hinzu tritt die Tatsache, dass durch recht großen Tonumfang und Transportabilität die Harfe eine wesentliche Rolle in der Straßen- und Unterhaltungsmusik des 19. Jahrhunderts spielte. Für wandernde Musikerinnen, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung automatisch (und sicherlich bis auf Ausnahmen zu Unrecht) der Prostitution verdächtigt wurden, bürgerte sich die abfällige Bezeichnung „Harfenjule“ ein (auch die Wurzel des Begriffes „einbürgern“ ist an dieser Stelle bedenkenswert). Wenige Harfenistinnen sind aufgrund dieser Umstände tatsächlich zu einer Solistinnenkarriere gekommen, doch bot die Harfe zumindest die Chance, im Rahmen eines Symphonie- oder Theaterorchesters auch als Frau eine feste Stelle zu erhalten – so etwa Olga Riedner-Hausmann in Barmen, Adelheid Mertens und Maria Kabisch in Düsseldorf, Else Reyck in Essen, Clara Wessel, Luise Hauskeller und Maria Harf in Köln und schließlich Clara Rhein und Fanny Fischer in Krefeld. Den meisten Frauen, die jenseits der „Einzelhaft am Klavier“ musizieren wollten, blieb jedoch nur der mit sozialem Abstieg gleichzusetzende Weg in die Unterhaltungsbranche.
5. Trompeter-Corps und Donauschwalben: Damen-Kapellen
Damen-Trompeter-Corps Lyra, Postkartendruck um ca. 1900. (Gemeinfrei/eigene Sammlung des Autors)
Über die Geschichte der ausschließlich oder überwiegend mit Frauen besetzten Ensembles, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts für etwa 75 Jahre die Unterhaltungsetablissements Deutschlands geradezu überfluteten, ist an anderer Stelle Grundsätzliches publiziert worden. Wesentliche Faktoren sollen daher hier nur kurz skizziert werden. Die aufkeimende Industrielle Revolution führte um 1800 in vielen kleineren Orten zu wirtschaftlichen Krisensituationen, die zusammen mit der gesellschaftlichen Umstrukturierung des sich emanzipierenden Bürgertums eine neue Erwerbsstruktur notwendig machten, sofern nicht entsprechende Gemeinden aufgelöst werden sollten. Infolgedessen formten sich einige Orte, deren Unter- und untere Mittelschichten besonders betroffen waren, zu regelrechten Musikantenstädten um, in denen Musik als Handwerks- und Ausbildungsberuf gewertet wurde. Durch Arbeit in der Fremde als Straßen- und Wirtshausmusiker wurde so Geld in die Heimat getragen. Da Musikausbildung hier nicht akademisch gehandhabt wurde und darüber hinaus Frauen bislang in Landwirtschaft und Hausmanufaktur ohnehin zum Broterwerb mitverpflichtet waren, war es selbstverständlich, dass auch Musikerinnen auf allen Instrumenten ausgebildet wurden, die für entsprechende Ensembles benötigt wurden – das gutbürgerliche Klavier war hier eben gerade nicht (oder kaum) vertreten. Zudem stellte sich heraus, dass reine Frauen-Ensembles die Schaulust in wirtschaftlich besser gestellten Städten besonders reizten und gute Verdienste bringen konnten. So etablierte sich relativ schnell eine breite Schicht von reisenden Musikerinnen, die sicher nicht immer auf musikalisch höchstem Niveau arbeiteten, aber flächendeckend demonstrierten, dass es keine physisch-biologischen Einschränkungen waren, die Trompeterinnen oder Schlagzeugerinnen aus dem bürgerlichen Konzertsaal ausschlossen. Zwar lag keine der großen Musikantenstädte im Rheinland (die Zentren waren vor allem Preßnitz in Böhmen, Kusel in der Pfalz und Salzgitter in Niedersachsen), doch waren die Orchester in den rheinischen Zentren regelmäßig präsent. Die Herkunft der Ensembles wurde oft hinter exotisch anmutenden, ausländischen Namen verborgen, vor allem, wenn wie bei den Preßnitzer Ensembles ein deutlicher Akzent nicht zu verbergen war. Diese etwa wurden oft als „Wiener“ oder „Österreichische“ Formationen angekündigt, um einen Abglanz der Metropole Wien für die Eigenwerbung nutzen zu können. Vergleichbar städtischen Legenden von Jugendlichen, die aus den einengenden Verhältnissen zum Zirkus oder zur Seefahrt flüchteten, waren auch die Damenkapellen – das abschätzige Wort „Kapelle“ sollte die Ensembles von den Kulturorchestern abgrenzen – sicher selten, aber bisweilen doch ein Zufluchtsort für musikbegeisterte Bürgertöchter. Hier konnten sie als Lehrmädchen auch Instrumente erlernen, auf denen sie keinerlei Vorkenntnisse besaßen, oder mit ihren bereits erlernten Fertigkeiten glänzen. So berichtet etwa das Düsseldorfer Volksblatt am 10.2.1889 anlässlich eines Karnevals-Auftritts der „Wiener Damenkapelle“: „Ihr künstlerischer Ruf hat sich in den letzten Jahren, durch Engagement einer der bedeutendsten Violin-Virtuosinnen, gesteigert.“ Der Name der gesellschaftlich so abgestiegenen Virtuosin wurde allerdings schamhaft verschwiegen.
Überhaupt lebten die Musikerinnen, die in solchen Orchestern tätig waren, in höchst problematischen und nicht ungefährlichen sozialen Verhältnissen. So geriet das Düsseldorfer „Etablissement Hölsken“ 1899 in die überregionalen Schlagzeilen, als der Düsseldorfer Schauspieler Friedrich Kühn die dort engagierte Musikerin Bertha Lipka, Mitglied des Damen-Trompetercorps „Lyra“, an der Eingangstür zu erstechen versuchte. Sie überlebte schwer verletzt, der Täter stellte sich nach abgebrochenem Selbsttötungsversuch der Polizei. Welche Vorgeschichte auch immer die Tat gehabt haben mag, sie ist symptomatisch für die Schwierigkeiten der reisenden Musikerinnen. Das permanente Reisen machte dauerhafte Bindungen schwierig, daneben ergaben sich Auftritte oft erst kurzfristig und machten Planung kaum möglich. Denn da die Ensembles meist nicht als „kulturwertig“ anerkannt waren, brauchten sie für Auftritte einen Erlaubnisschein der örtlichen Gewerbepolizei, der oft nur kurzfristig erteilt oder auch widerrufen wurde. Trat ein Ensemble ohne Genehmigung auf, war der Straftatbestand der Landstreicherei erfüllt. Ebenso stand dauernd der Verdacht der Prostitution im Raum. Es ist zwar bei objektiver Betrachtung schwer vorstellbar, dass eine mit Reisen, Üben und täglichen Auftritten voll ausgelastete Instrumentalistin tatsächlich nebenbei diesem Gewerbe nachging. Doch war das Bürgertum geneigt, alle jene sozial niedriger stehenden Frauenberufe ohnehin miteinander zu vermengen und wurde darin teils noch von Gastwirten ermutigt, indem diese damit lockten, nach Auftritt der Damenkapelle ergäbe sich noch (für begrenzte Zeit von ein oder zwei Stunden) die Gelegenheit, mit den Damen beisammen zu sitzen und „in Kontakt zu kommen“. Sich der unvermeidlichen Avancen zu erwehren, ohne direkt in polizeiliche Schwierigkeiten verwickelt zu werden, war eine der schwierigsten Aufgaben für Musikerinnen. Dies galt umso mehr, wenn eine Stadt ohnehin (wie etwa Duisburg) den reisenden Damen gegenüber kritisch eingestellt war und Auftritte nach Möglichkeiten zu erschweren suchte. Kam es zu übergriffigem Verhalten, so lauteten in der Regel die polizeilichen Konsequenzen, wie sie im Amtsblatt für den Regierungsbezirk Düsseldorf nachzulesen sind: Antritt von Untersuchungshaft wegen „falscher Anschuldigung“ (1896 gegen Hedwig Rochotsch, geboren 26.11.1874 in Buckau, Bekanntmachung Nr. 12767, 1901 nochmals erneuert unter 1209), oder „Gewerbsunzucht“ (die Musikerin Caroline Paschen, genannt Passing, geboren 28.4.1891 Duisburg, wurde deswegen am 27.10.1911 in ihrem Geburtsort zu vier Wochen Haft verurteilt).
Dass solche Arbeit also eher letzter Ausweg als erste Wahl war, liegt auf der Hand. Dennoch lassen sich selbst bei kursorischer Suche im Internet 24 Damenkapellen (Gesangsensembles nicht mitgezählt) finden, die zwischen 1900 und 1925 in rheinischen Städten teils mehrmals pro Jahr gastierten. Dass diese Welle ausgerechnet während Inflation und Wirtschaftskrise schließlich abebbte, kann mit dem immer stärkeren Einfluss der amerikanischen Tanzmusik erklärt werden, die in Deutschland generell nur unvollkommen zu erlernen war. Ein weiterer Faktor war aber sicherlich ebenso, dass sich zeitgleich ein neues Betätigungsfeld für begeisterte, qualifizierte Musikerinnen im Ensemble- und Orchesterbereich auftat.
6. Neue Chancen: Alte Musik
Die Beschäftigung mit der Musik der vorklassischen Zeit, entsprechenden Instrumenten und ihrer eigenen Klanglichkeit begann gegen Ende der Kaiserzeit zunächst als wenig beachtetes Spezialgebiet. So galt etwa das Cembalo als zwar interessanter, aber doch minderwertiger Vorläufer des modernen Konzertflügels. Mit seinem leisen Ton und der begrenzten Dynamik mochte sich kaum ein renommierter Pianist beschäftigen. Nach altem, schon beschriebenen Muster wurde es „Fraueninstrument“. Durch die Pionierleistung der Cembalistin Wanda Landowska (1879–1959) jedoch gewann die Beschäftigung mit der „Alten Musik“ zunehmend an Dynamik. Bereits am 6.6.1910 wurde beim fünften Deutschen Bach-Fest in Duisburg ein historisches Konzert mit alten Instrumenten veranstaltet, bei dem auch Landowska mitwirkte. Nicht nur wurde sie zu Vorbild und Ausbilderin zahlreicher Cembalistinnen (so von 1913 bis 1919 an der Berliner Musikhochschule), sondern erschloss auch in gleichzeitigem Rück- und Vorausblick vielen anderen Instrumentalistinnen ein neues Betätigungsfeld, das noch nicht von Männern dominiert war, sondern auf eine Zeit zurückwies, wo in der Kammermusik-Kultur die Hofdamen noch durchaus neben den Herren ihren Platz finden konnten.
Im Herbst 1923 schließlich kam es durch Gustav Classens (1894–1978) zur Gründung des „Kölner Kammer-[Sinfonie-]Orchesters“, das sich auf vorklassische Musik spezialisierte. Classens hatte bereits im Gründungskonzert des Orchesters am 10.11.1923 die Konzertmeisterposition mit Violinistin Gertrud Höfer (Lebensdaten unbekannt) besetzt, die er von seinem Violinstudium bei Bram Eldering kannte. Auch die schon erwähnte Gerda van Essen gehörte zum Ensemble, ebenso als Cembalistin Lilli Wieruszkowski (1899–1971), die zuvor auch Cello bei Friedrich Grützmacher (1866–1919) studiert hatte und später von 1925 bis zu ihrem Gang ins Schweizer Exil 1933 als Organistin in Berlin wirkte. Später stießen mit Lotte Hellwig Josten und Riele Queling als neuer Konzertmeisterin weitere Mitglieder des Queling-Quartetts zum Orchester. Unter der Leitung von Hermann Abendroth, der das Ensemble nach einigen Jahren übernahm, wurde die Formation schließlich über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Der Frauenanteil war bis dahin nicht kleiner geworden und betrug zeitweilig über 40 Prozent – dies wohlgemerkt zu einer Zeit, als die Mehrzahl der deutschen Symphonie- und Opernorchester noch reine Männerbünde waren. Viele Frauen, die in den kommenden Jahrzehnten gewichtige Beiträge zum deutschen Musikleben leisten sollten, wirkten zumindest zeitweilig im Kammerorchester mit: so etwa die Violinistinnen Ida Oppenheimer (1894–1941?), Gertrude-Ilse Tilsen (1899–1984), die nachfolgend in Berlin das „Berliner Frauen-Kammerorchester“ leitete, und die gelegentlich auch Viola spielende Josefa Kastert (Lebensdaten unbekannt, mindestens bis 1943 Leiterin ihres eigenen „Kastert-Quartetts“ und nach dem Krieg Lehrerin an der Rheinischen Musikschule in Köln), ferner die Cellistin Beatrice Reichert (1903–1972) und – nach den ersten Jahren fast ein ruhender Pol im Ensemble – die Cembalistin Julia Menz (1901–1944). Menz gehört sicher zu den interessantesten Persönlichkeiten unter den Musikerinnen ihrer Generation. Obgleich chronisch lungenleidend und entsprechend geschwächt, verausgabte sie sich für ihr Instrument, soweit ihre Gesundheit dies zuließ, und galt als eine der wesentlichen Cembalo-Interpretinnen ihrer Generation. Daneben unternahm sie Reisen in entlegene Länder, über die sie dann als Reiseschriftstellerin berichtete, und war durchaus auch der leichteren Muse nicht abgeneigt: In privatem Kreis war sie auch als Saxofonistin zu hören.
Dem nahezu ausschließlich weiblichen Kern des Kölner Kammerorchesters dürfte dessen Erfolg viel mehr zu verdanken sein als den wechselnden Herren, die ebenfalls mitwirkten. Mit dem „Spielkreis für gesellige Musik“ bestand in Köln Ende der 1930er Jahre zudem ein erfolgreiches Sextett, das mit Flöten, Gamben und Lauten besetzt war und ganz ohne Männer auskam. Die heute noch wesentlich größere und differenziertere Szene der „Alten Musik“ ist nach Meinung des Autors bislang viel zu wenig dahingehend beachtet worden, dass hier die Grundlagen eines wirklich gleichberechtigten Musizierens auch im Orchesterverbund gelegt wurden.
7. Epilog
In der Kammermusik und auf solistischem Gebiet hat sich bezüglich der Gleichstellung der Frauen in den vergangenen Jahrzehnten vieles positiv entwickelt, wenn auch bis heute in der Instrumentenwahl die alten Vorurteile noch nachwirken. Ähnlich verhält es sich in Symphonieorchestern, wenn auch hier die Vorbehalte desto stärker sind, je mehr ein Verband sich der Tradition verbunden fühlt. Es sei daran erinnert, dass es erst 1984 war, als die Berliner Philharmoniker Sabine Meyer (geboren 1959) nicht als Solo-Klarinettistin akzeptieren wollten und ihr Fürsprecher Herbert von Karajan (1908–1989) schließlich das Orchester verließ. Nicht zuletzt die Bundeswehr dürfte durch die Aufnahme von Frauen in ihre Musikkorps seit dem Jahr 1991 eine wichtige Signalfunktion erfüllt haben, dass Frauen in der Lage sind, auf jedem Instrument musikalisch-repräsentative Staatsaufgaben zu erfüllen – warum also nicht anderswo?
Johanna Kinkel, Porträt, Gemälde. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)
In anderen Bereichen und Funktionen der Musik (Rock, Pop und Jazz mit ihren eigenen Marktgesetzen bewusst ausgeklammert) sieht es allerdings nicht annähernd so gut aus. Mit einer kurzen spontanen Auflistung berühmter Dirigenten und Dirigentinnen und Komponisten und Komponistinnen mag jede(r) für sich testen, wie hier der Geschlechterproporz aussieht – und dies hat sicherlich keine rein fachlichen Gründe. Auch die Kirchenmusik ist nach wie vor männlich dominiert. Dass sich der vorliegende Artikel auf das 19. und frühe 20. Jahrhundert konzentriert, hat nicht zuletzt den Grund, dass hier die Grundsteine unseres heutigen Musiklebens gelegt wurden. Einige Namen, die in diesem Zusammenhang auch hätten fallen können, aber zu denen kaum greifbares Material vorliegt, sollen als Ausklang zumindest aufgelistet werden – sofern keine Eckdaten angegeben werden, sind sie nicht bekannt: Die Bonner Komponistin Johanna Kinkel (1810–1858) wurde erst lange nach ihrem Tod im Londoner Exil angemessen gewürdigt. In Duisburg spielte mindestens von 1939 bis 1943 Editha Ludwig-Wiebe (1890–1965) als Violinistin im „Niederrheinischen Trio“; die Düsseldorfer Sängerin Selma Lenz leitete in der frühen Kaiserzeit in Düsseldorf einen „Damen-Gesangverein“. Ebenfalls in Düsseldorf waren 1893 Kompositionen von H. Vorwerk zu hören (Vorname nicht zu ermitteln [!] – die Gattin von Benno Vorwerk, der bis 1915 der Internationalen Mozart-Gemeinde Düsseldorf vorstand).
Von 1914 bis mindestens 1929 fungierte in Barmen Elisabeth Potz als Kantorin und zeitweise Dirigentin des Bach-Vereins Wupperfeld; später lebte sie in Düsseldorf. In Emmerich war von mindestens 1939–1943 die Organistin Cornelia van Sijn im Kirchendienst. Die Pianistin Toni Tholfus[-Klein] (1877–?) blieb nach ihrem Studium zunächst in Köln und konzertierte im ganzen Rheinland; mit ihrem Ehemann Johannes Geller organisierte sie später mehrere anspruchsvolle Konzertreihen in Neuss. Helene Gartz leitete von etwa 1927 bis mindestens 1950 den Frauenchor Köln-Nippes. Die Kölner Pianistin Lonny Epstein (1885–1965) war eine Pionierin des Hammerflügels, auf dem sie vor allem als Mozart-Interpretin glänzte. Ida van Megen, Grete Terwelp, Agnes van Megen und Hilde [Houcken-]Hormann bildeten in Krefeld zu Beginn der 1940er Jahre das Krefelder Streichquartett. Im Raum Remscheid entstanden zwischen 1918 und 1943 vier Frauenchöre, die alle heute noch bestehen. Die Violinistin und Violistin Kläre/Klara Meis (1898–1983) wurde 1939 Mitglied des Bergischen Landesorchesters und 1943 des Städtischen Orchesters Solingen.
Wären Männer in vergleichbar bahnbrechender Position ebenso vergessen worden? Hoffen wir weiter, dass es irgendwann zumindest in der Musik Selbstverständlichkeit wird, was der große Kompositionspädagoge Simon Sechter (1788–1867) schon 1847 formulierte: „[I]m unverdorbenen Zustande hat der weibliche Verstand eben so viel Bildungsfähigkeit als der männliche, und umgekehrt im verdorbenen Zustande hat der männliche eben so wenig als der weibliche. Nicht das Geschlecht, sondern wozu es gemacht wird, macht hier den Unterschied.“[10]
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Lehl, Karsten, Mehr als nur Fußnoten - Musikerinnen im Rheinland und ihre Rezeption, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/mehr-als-nur-fussnoten---musikerinnen-im-rheinland-und-ihre-rezeption/DE-2086/lido/604721a9db1b23.14694924 (abgerufen am 14.05.2026)
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Sekundärliteratur
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Religion
Kirchengeschichte
Inhaltsverzeichnis
1. Kirchen in Deutschland. Ein historischer Abriss.
1. Kirchen in Deutschland. Ein historischer Abriss.
eit der Reformation prägen die katholische und die evangelische Kirche das konfessionelle Bild in Deutschland. Beide Kirchen stehen in einem Zweckverhältnis zu den staatlichen Strukturen.
Im Master-Studiengang "Ecumenical Studies" der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn, an der ich Kirchengeschichte lehre, können Studierende aus der ganzen Welt etwas über die Vielfalt der Konfessionen und die Geschichte und Praxis der ökumenischen Bewegung erfahren. Wir beginnen das Studienjahr immer mit einer Einführung in die Kirchen in Deutschland – und ernten jedes Mal ungläubiges Kopfschütteln: Wie kann es sein, dass evangelische Christen in diesem Land ihre Konfession nicht selbst wählen können, sondern es von ihrem Wohnsitz abhängt, ob sie lutherisch, reformiert oder uniert sind? Studierende aus Ländern mit strenger Trennung von Staat und Kirche wundern sich außerdem darüber, warum man mit Taufe und erstem eigenem Einkommen kirchensteuerpflichtig wird und wieso der Staat diese Kirchensteuern einzieht, um sie dann der Kirche zu übergeben.
Entstehung des Kirchensystems
Um die Besonderheiten des kirchlichen Systems in Deutschland zu verstehen, muss man mehrere Jahrhunderte zurückgehen.Zur Auflösung der Fußnote[1] Im Spätmittelalter war das Heilige Römische Reich durch das Erstarken von Partikulargewalten (zum Beispiel Reichsfürsten, Freie Reichsstädte) bei gleichzeitiger Schwächung der Zentralgewalt (Kaiser) faktisch in eine Vielzahl von Territorien zerfallen, die weitgehend eigenständig regiert wurden. Der territoriale Partikularismus verschärfte sich im Laufe des 16. Jahrhunderts durch die eingetretene konfessionelle Zersplitterung. Nunmehr gab es neben den "Altgläubigen" (Katholiken) Lutheraner und Calvinisten (letztere auch "Reformierte" genannt) sowie eine Reihe von kleineren konfessionellen Gruppen. Die Fürsten orientierten sich in ihrer Politik unter anderem an der Konfession, der sie selbst anhingen.

(© Ingenieurbüro für Kartografie Dr. H.-J. Kämmer, Berlin)
Nachdem der Versuch der protestantischen Fürsten, die Reformation im gesamten Reich durchzusetzen, im Schmalkaldischen Krieg (1546–1547) endgültig gescheitert war, wurde schließlich im Augsburger Reichsabschied (auch Augsburger Religionsfrieden genannt) von 1555 die konfessionelle Spaltung Deutschlands in Katholiken und Lutheraner durch die Einführung des landesherrlichen Kirchenregiments zementiert (siehe Karte):Zur Auflösung der Fußnote[2] Seither war im Wesentlichen das Bekenntnis der Fürsten für die Konfession ihrer Untertanen gemäß dem Prinzip "cuius regio eius religio"ausschlaggebend. Religionsausübung wurde also noch nicht – wie im Gefolge des Pietismus und der Aufklärung üblich – als Herzens- oder Privatsache verstanden. Sie war vielmehr ein öffentlicher Akt, der entsprechenden rechtlichen Regelungen unterlag, die sich nunmehr im Rahmen des Religionsfriedens bewegen mussten. Dieses System wurde im Westfälischen Frieden von 1648 festgeschrieben, indem man die konfessionellen Grenzen im Reich unter Berücksichtigung auch der Reformierten endgültig fixierte. In den protestantischen Territorien war dabei nach dem Wegfall des traditionellen Kirchensystems der Fürst gleichzeitig der oberste Bischof (summus episcopus), dem die cura religionis, die Fürsorge für die jeweilige Landeskirche, oblag. In den katholischen Gebieten wurde die Kirche dagegen weiterhin in einem komplizierten Miteinander von Fürst, Episkopat und Papst regiert.
Trotz aller politischen Umwälzungen und der grundlegenden territorialen Neuordnung, wie sie die napoleonische Herrschaft mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806, der Wiener Kongress 1814/15 und die Gründung des Deutschen Reiches 1871 mit sich brachten, änderte sich an diesem rechtlichen Zustand nur wenig. Er blieb bis zum Zusammenbruch des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg und der Einführung der Weimarer Reichsverfassung im Jahre 1919 weitgehend bestehen.
Allerdings wurde die konfessionelle Landkarte im 19. Jahrhundert noch unübersichtlicher: In einigen deutschen Staaten – entscheidend angestoßen durch den preußischen König Friedrich Wilhelm III. – wurden Unionen zwischen Reformierten und Lutheranern eingeführt, die sich aber nicht in ganz Deutschland durchsetzen konnten. Sie reichten von der reinen Verwaltungsunion, bei der Lutheraner und Reformierte durch eine gemeinsame Administration geleitet wurden, aber ansonsten ihre je eigenen gottesdienstlichen Formen und Bekenntnisse behielten (etwa in der Lippischen Landeskirche), bis hin zur Konsensus- oder Bekenntnisunion, die sich auf ein gemeinsames Glaubensdokument stützte (etwa in der Pfalz und in Baden). So sind derzeit 10 der 20 Kirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland in der einen oder anderen Weise uniert. Faktisch entstand dadurch eine dritte, in der Praxis recht diffuse protestantische Konfession.
Mehr noch: Mancherorts regte sich Widerstand gegen die Theologie der Aufklärung und die meist von oben verordneten Unionen. Es kam zu Abspaltungen, von denen heute die Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen (EAK) und die Altlutheraner in Form der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) sowie kleinere Sonderkonfessionen noch existieren.Zur Auflösung der Fußnote[3]
Während sich der strukturelle Rahmen des landesherrlichen Kirchenregiments auf protestantischer Seite wenig änderte, führten der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 und der Wiener Kongress zu massiven Verschiebungen und Verlusten vor allem auf katholischer Seite. Im Zuge der sogenannten Säkularisation wurden die Fürstbistümer, in denen ein Bischof als Landesherr regierte, und die Fürstabteien abgeschafft, was einen einschneidenden Vermögensverlust zur Folge hatte. Hinzu kamen erhebliche kulturelle Zerstörungen durch Umwidmung oder Abriss von Kirchen- und Klostergebäuden sowie Zweckentfremdung und Verschleuderung von kirchlichem Eigentum. Außerdem verloren die Bischöfe dadurch politischen Einfluss im Reichstag und den politischen Vertretungen der einzelnen deutschen Staaten.
Alles zusammengenommen hatte diese Entwicklung eine erhebliche Schwächung des Katholizismus in Deutschland zur Folge, die durch die Dominanz des überwiegend evangelischen Preußen im 19. Jahrhundert verstärkt wurde. Im sogenannten Kulturkampf versuchten die deutschen Staaten seit den 1860er Jahren den katholischen Einfluss generell und vor allem die Rom-Bindung des Episkopats zu beschränken. Diese Politik erwies sich als schwerer politischer Fehler und wurde in den 1880er Jahren aufgegeben, hatte aber unter anderem zur Folge, dass sich der Katholizismus in Form der Zentrumspartei politisch organisierte. Abgesehen davon waren die Katholiken in Deutschland durch die konservative Theologie der Päpste, die im Unfehlbarkeitsdogma auf dem I. Vatikanischen Konzil 1869/70 gipfelte, einer inneren Zerreißprobe ausgesetzt. Sie führte in den Jahren nach dem Konzil zur Abspaltung der Alt-katholischen Kirche, einer Episkopalkirche mit Frauenordination, die heute mit der anglikanischen Kirchenfamilie in Gemeinschaft steht.
Weimarer Republik und Nationalsozialismus
In der Verfassung des Deutschen Reiches vom 11. August 1919 (Weimarer Reichsverfassung)Zur Auflösung der Fußnote[4]kam das landesherrliche Kirchenregiment an sein Ende. In Artikel 137 wurde ausdrücklich festgelegt: "Es besteht keine Staatskirche." Die Kirchen galten nunmehr als "Religionsgesellschaften" und unterlagen damit im Prinzip dem Vereinsrecht (Art. 124). Dennoch gab es eine Reihe von Sonderregelungen, die in den Artikeln 135–141 in einem eigenen Abschnitt "Religion und Religionsgesellschaften" festgehalten wurden. Hierzu gehörten unter anderem:
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die Verfassung der Religionsgesellschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechts (Art. 137)
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die Freiheit der Selbstverwaltung (Art. 137)
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die Zusage der Glaubens- und der Gewissensfreiheit und das Recht zur ungestörten Religionsausübung unter Beteiligung der Religionsgesellschaften, auch im Heer, in Krankenhäusern, Gefängnissen und sonstigen öffentlichen Anstalten (Art. 135; 137; 140; 141)
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die strikte Trennung von Religionszugehörigkeit und Genuss bürgerlicher und staatsbürgerlicher Rechte sowie Zulassung zu öffentlichen Ämtern (Art. 136)
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das Recht zur Erhebung von Kirchensteuer (Art. 137)
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das Recht auf Eigentum (Art. 138)
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der Schutz des Sonntags und der staatlich anerkannten Feiertage (Art. 139).
Der Religionsunterricht wurde an allen Schulen – mit Ausnahme der "bekenntnisfreien Schulen" – als ordentliches Lehrfach "in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der betreffenden Religionsgesellschaft" unter Aufsicht des Staates eingeführt. Die theologischen Fakultäten an den Hochschulen blieben erhalten (Art. 149). Darüber hinaus erhielten die Religionsgesellschaften weiterhin Staatsleistungen, sofern sie hierauf durch Gesetz, Vertrag oder besondere Rechtstitel einen Anspruch hatten (Art. 138, 173). Sie ergaben sich unter anderem aus den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803, denen zufolge den Kirchen für die entstandenen Verluste Ausgleichszahlungen zugesichert wurden. Die Ablösung dieser Zahlungen ist bis heute nicht gelungen. Die Artikel 136–139 und 141 der Weimarer Verfassung wurden 1949 in das Grundgesetz übernommen (Art. 140 GG).
Der katholischen Kirche gelang es durch die neuen gesetzlichen Regelungen sowie durch eine geschickte Kirchenpolitik, ihre Selbstständigkeit zu behaupten und weiter auszubauen. Die rechtliche Sicherung der Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich wurde durch eine Reihe von Länderkonkordaten, vor allem aber durch das Reichskonkordat im Sommer 1933 besiegelt, das bereits in die Zeit des Nationalsozialismus fiel.
Die mittlerweile eingetretenen politischen Veränderungen warfen indessen neue Probleme auf. Eugenio Pacelli, der als päpstlicher Nuntius und Kardinalstaatssekretär die Konkordate ausgehandelt hatte, blieb als Papst Pius XII. (1939–1958) in seiner äußeren Haltung zum NS-Regime umstritten. Dies darf aber nicht isoliert gesehen werden: Manche Bischöfe, allen voran der "Löwe von Münster", Clemens August Graf von Galen, nutzten die erreichten Spielräume, um nachdrücklich gegen Maßnahmen des NS-Regimes zu protestieren. Der Münchener Kardinal Michael von Faulhaber entwarf die Enzyklika "Mit brennender Sorge" (1937), in der Pius XI. (1922–1939) gegen die Machthaber in Deutschland seine Stimme erhob.
Die evangelischen Landeskirchen sahen in der Weimarer Republik den kirchenpolitischen Entwicklungen zeitweise hilflos zu oder versuchten, in herkömmlicher Weise mit dem Staat zu paktieren. Zwar kam es zu einer Reihe von Kirchenverträgen zwischen mehreren evangelischen Landeskirchen und den deutschen Ländern, die – wie die katholischen Konkordate – bis heute Gültigkeit haben. Gleichzeitig begaben sich die evangelischen Kirchen aber in mehr oder weniger starke Abhängigkeit von den jeweils herrschenden politischen Mächten. Auf institutioneller Ebene gipfelte dies schließlich in der weitgehenden Unfähigkeit, dem nationalsozialistischen Gewaltstaat wirkungsvollen Widerstand zu leisten. Der oppositionellen "Bekennenden Kirche" fehlten der Mut, die organisatorischen Möglichkeiten und der aktive Rückhalt in der Bevölkerung, um der Mitwirkungs- und Anpassungsstrategie der NS-treuen "Deutschen Christen" Einhalt zu gebieten oder der systematischen Ermordung von Jüdinnen und Juden wirkungsvoll entgegenzutreten. Öffentliche Proteste, etwa durch die Berliner Studienrätin Elisabeth Schmitz oder den in Buchenwald hingerichteten Pfarrer Paul Schneider, oder gar die Mitwirkung an Attentats- und Umsturzplänen, wie etwa durch Dietrich Bonhoeffer, blieben die Ausnahme.
Schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde darüber hinaus in den evangelischen Kirchen stärker als im Katholizismus ein Entkirchlichungs-, ja Entchristianisierungsprozess erkennbar. Er lässt sich nicht nur an einer bis dahin unbekannten Distanz zur Institution Kirche, sondern auch an der steigenden Popularität atheistischer Positionen ablesen, die häufig sozialphilosophisch oder naturwissenschaftlich begründet wurden. Am drastischsten war die Situation in Berlin: Hier nahmen um 1850 lediglich etwa 16 Prozent der evangelischen Christen am Abendmahl teil. Als 1874 in Preußen die Zivilehe eingeführt wurde, fiel die kirchliche Trauung bei den verheirateten Paaren auf 20 Prozent; auch wurde nur noch die Hälfte der Kinder getauft.Zur Auflösung der Fußnote[5]
Die Gründe für diesen zunehmenden Säkularisierungsprozess, der heute vielfach als Konsequenz der Aufklärung gesehen wird, sind vielschichtig. Hierzu zählen im 19. Jahrhundert neben Kostengründen (Gebühren für die Kasualien Taufe, Trauung und Bestattung) auch politische Faktoren. So löste die Nähe der Kirchen zu restaurativen und antiliberalen Kreisen innerhalb der Obrigkeiten insbesondere unter der Arbeiterschaft antikirchliche Reaktionen aus. Auch zeigte die Verelendung der Arbeiterschaft infolge der ungezügelten Industrialisierung ihre Wirkung: So vermochten die Kirchen auf die "soziale Frage" nur unzureichende Antworten zu geben. Zugleich erschütterten Erkenntnisse in Theologie und Philosophie die Gewissheit in die historische Zuverlässigkeit der biblischen Schriften, und neue naturwissenschaftliche Einsichten – vor allem die Entstehung des Darwinismus – stellten die jahrhundertealten christlichen Erklärungsmuster für den Ursprung von Welt und Mensch infrage.
Struktur- und Orientierungsfragen nach 1945
Der seit 1919 gehegte, aber in der Weimarer Republik nie verwirklichte Plan zur Bildung einer evangelischen Nationalkirche wurde 1933 völlig diskreditiert, als die Nationalsozialisten die Wahlen zu einer ersten Nationalsynode nutzten, um die Landeskirchen weitgehend gleichzuschalten. Nach 1945 wurde der Plan nicht wieder aufgenommen. Stattdessen knüpfte man an das alte landeskirchliche System an, das nunmehr durch einen Zusammenschluss auf nationaler Ebene, die "Evangelische Kirche in Deutschland" (EKD), überwölbt wurde, der in seinem kirchlichen Selbstverständnis bis heute nicht endgültig geklärt ist.Zur Auflösung der Fußnote[6] Damit wurde die konfessionelle und territoriale Zersplitterung der evangelischen Landeskirchen nicht überwunden.
Die staatskirchenrechtlichen Entwicklungen in der DDR führten 1969 unter dem Druck der Verhältnisse zur Gründung des "Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR" (BEK) und somit zur faktischen Abspaltung der Kirchen in Ostdeutschland von der EKD. Nach der Wiedervereinigung löste sich der BEK 1991 auf, und die alten Verhältnisse wurden wiederhergestellt. Freilich hatten die Bemühungen um Entkirchlichung im real existierenden Sozialismus in der Bevölkerung tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken.
In neuerer Zeit sind in den evangelischen Kirchen zunehmende Anzeichen dafür zu entdecken, dass man sich auf theologischer wie auf administrativer Ebene auf Gemeinsamkeiten besinnt. Schon seit den 1960er Jahren hatte es Bemühungen gegeben, in Lehrfragen zwischen den evangelischen Kirchen lutherischer und reformierter Tradition Übereinstimmung zu erzielen. Parallel dazu verpflichteten sich zahlreiche lutherische und reformierte Kirchen aus ganz Europa 1973 in Leuenberg bei Basel zur gegenseitigen Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft ("Leuenberger Konkordie"). Daraus entstand die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) mit derzeit 95 Mitgliedskirchen. Die lehrmäßigen Differenzen zwischen den Kirchen der Reformation dürfen seither als weitgehend überwunden gelten.
Diese Rückbesinnung auf die reformatorischen Grundlagen bei gleichzeitiger theologischer Weiterarbeit, aber auch zunehmende finanzielle Probleme führten in Deutschland schließlich 2003 zur Entstehung der Union Evangelischer Kirchen (UEK) in der EKD mit derzeit 12 Mitgliedskirchen. Ihre Grundordnung basiert auf einem gemeinsamen Verständnis des Evangeliums und der Sakramente von Taufe und Abendmahl, weshalb sich die UEK – unbeschadet der fortdauernden kirchlichen Selbstständigkeit ihrer Mitglieder – als Kirche versteht und eine weitergehende Einheit der EKD anstrebt.
Ob es dazu kommt, ist derzeit noch offen. Nicht zuletzt hat die verwirrende Zahl von Zusammenschlüssen auf unterschiedlichen Ebenen eine Kirchenbürokratie hervorgebracht, die ein erhebliches Beharrungsvermögen aufweist. Erste Anzeichen für eine Konzentration der Kräfte gab es etwa durch die Zusammenschlüsse der Kirchen in Berlin-Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz 2004, der (unierten) Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen 2009 und dreier norddeutscher Kirchen 2012.
Auf katholischer Seite steht der Fülle der evangelischen Kirchen ein weitgehend zentralistisches System gegenüber: Die 27 deutschen Bistümer sind in sieben Kirchenprovinzen gegliedert, mit den Erzdiözesen Bamberg, Berlin, Freiburg, Hamburg, Köln, München und Freising sowie Paderborn. Ihre Struktur ist durch das weltweit gültige Gesetzbuch der römisch-katholischen Kirche, den "Codex Iuris Canonici" (CIC) von 1983, geordnet. Als nationales Koordinationsgremium fungiert seit 1965 die Deutsche Bischofskonferenz, die laut Statut "zum Studium und zur Förderung gemeinsamer pastoraler Aufgaben, zu gegenseitiger Beratung, zur notwendigen Koordinierung der kirchlichen Arbeit und zum gemeinsamen Erlass von Entscheidungen sowie zur Pflege der Verbindung zu anderen Bischofskonferenzen" dient. Ihr steht das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zur Seite, was sich gemäß Satzung als "Zusammenschluss von Vertreterinnen und Vertretern der Diözesanräte und der katholischen Verbände sowie von Institutionen des Laienapostolats und von weiteren Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft" versteht. Kirchenrechtlich kommt dem ZdK allerdings lediglich eine beratende Funktion zu.
Da die ostdeutschen Bischöfe nach dem Mauerbau nicht mehr an der Bischofskonferenz teilnehmen konnten, gab es in der DDR zeitweise eine separate "Berliner Ordinarienkonferenz" (seit 1976 "Berliner Bischofskonferenz"); 1990 vereinigten sich beide Gremien wieder.
Die Spannungen zwischen nationalkirchlichen und ultramontanen, also nach Rom ausgerichteten Tendenzen innerhalb des deutschen Katholizismus, die im 19. Jahrhundert die Beziehungen zu den deutschen Staaten erheblich belasteten, sind zwar nicht völlig verschwunden, aber doch deutlich abgeklungen. Gleichwohl muss man sich klar machen, dass die katholische Kirche seit jeher in viel stärkerem Maße supranational und global denkt als der Protestantismus. Insofern wird die Lage im deutschen Katholizismus oft durch Entwicklungen beeinflusst, die außerhalb der Landesgrenze ihren Ursprung haben.
Auch das II. Vatikanische Konzil (1962–1965) reagierte auf globale Entwicklungen. Seine Einsichten und Ergebnisse hatten Auswirkungen auf die gesamte katholische Christenheit. In den Beschlüssen dieses Konzils wurde eine deutliche, so bisher nicht dagewesene Öffnung der katholischen Kirche zur Welt und zu den Chancen und Herausforderungen der modernen Zeit vollzogen.
Für das Gros der Katholikinnen und Katholiken machte sich dies etwa durch die Liturgiereform bemerkbar. In deren Folge wurde die lateinische Messe weitgehend abgeschafft und die jeweilige Landessprache im Gottesdienst eingeführt. Die Reform brachte eine Abkehr vom Hochaltar und die Einführung des freistehenden "Volksaltars" mit sich, an dem der Priester nunmehr die Messe zu den Gottesdienstbesuchern hingewandt zelebriert. Dadurch soll der Gemeinschaftscharakter stärker hervortreten. Außerdem wurde die Mitsprache von Laien gestärkt. Sie konnten nun in den neu eingerichteten (beratenden) Pfarrgemeinderäten und verstärkt auf anderen Ebenen der Kirchenadministration mitwirken, wodurch auch der Einfluss des ZdK zunahm. Darüber hinaus entspannte sich das Verhältnis zu den anderen Konfessionen und Religionen zunächst merklich, insbesondere zum Judentum.
Diese Aufbruchsstimmung wurde indessen noch während der Amtszeit Papst Pauls VI. (1963–1978) durch weithin als konservativ empfundene Maßnahmen gedämpft. Dieser Trend sollte sich unter Pauls Nachfolgern Johannes Paul II. (1978–2005) und Benedikt XVI. (2005–2013) noch verstärken. Hierzu zählten unter anderem offizielle Verlautbarungen wie die Enzyklika Humanae Vitae (1968) Pauls VI., in der die Empfängnisverhütung durch Kontrazeptiva ("Pille") und jede Form von Abtreibung abgelehnt wurden. Diese Lehre bekräftigte Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Evangelium Vitae (1995). Ebenso führte und führt die Besetzung von Bischofsstühlen mit konservativen Kirchenführern – wie etwa in Köln in den Jahren 1988 und 2014 – zu erheblichen Auseinandersetzungen in den betroffenen Diözesen. Schließlich sorgte die Wiederzulassung der lateinischen Messe in Ausnahmefällen nach dem Messbuch von 1962 durch Benedikt XVI. 2007 für erhebliche Unruhe unter deutschen Katholiken. Die damit einhergehende Wiederzulassung der Karfreitagsliturgie mit der problematischen "Fürbitte für die Juden" (die 2008 überarbeitet wurde, aber umstritten blieb) trübte zudem das Verhältnis zum Judentum wieder ein.Zur Auflösung der Fußnote[7]
Das katholisch-jüdische Verhältnis wurde Anfang 2009 einer weiteren Belastungsprobe unterzogen, als Benedikt XVI. die auch in Deutschland vertretene Priesterbruderschaft St. Pius X., deren Bischöfe 1988 exkommuniziert worden waren, wieder in die Sakramentsgemeinschaft aufnahm, obwohl führende Vertreter der Bruderschaft weiterhin offen antisemitische Ansichten vertraten.
Im Pontifikat von Papst Franziskus (seit 2013) hat vor allem die sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Einrichtungen und durch kirchliche Amtsträger und deren schleppende Aufdeckung und Aufarbeitung für Verwerfungen gesorgt, die noch nicht abgetragen sind.Zur Auflösung der Fußnote[8] In Deutschland führte dieser Umstand zur Einrichtung des "Synodalen Weges", eines von Bischofskonferenz und ZdK gemeinsam getragenen Gesprächsprozesses, der im März 2023 mit einer Reihe von Beschlüssen und Texten seinen vorläufigen Abschluss fand. Derzeit ist die Einrichtung eines Synodalen Rates im Gespräch, der durch einen Ausschuss ab November 2023 vorbereitet werden soll.Zur Auflösung der Fußnote[9]
Im ökumenischen Dialog mit dem Luthertum erfolgte 1999 mit der Unterzeichnung der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre"Zur Auflösung der Fußnote[10] zwischen Lutherischem Weltbund und katholischer Kirche ein wichtiger Schritt zur Überwindung der seit der Reformation strittigen dogmatischen Fragen. Seither sind aber die offiziellen ökumenischen Kontakte zwischen den Protestanten und Rom deutlich abgekühlt. So beharrt die katholische Seite auf ihrer Auffassung, die Kirchen der Reformation könnten nicht "Kirchen" genannt werden, da sie "die apostolische Sukzession im Weihesakrament" nicht besäßen und ihnen deshalb "ein wesentliches konstitutives Element des Kircheseins" fehle.Zur Auflösung der Fußnote[11] Die Anerkennung der Lehre von der apostolischen Sukzession in ihrer römischen Form, das heißt einschließlich der Vorrangstellung des Papstes als Nachfolger des Apostels Simon Petrus mit dem Anspruch auf höchste Lehrautorität in dogmatischen Fragen und die kirchliche Leitungsgewalt, ist den Protestanten schlechterdings unmöglich.
Diese Vorbehalte aus Rom konnten auf nationaler Ebene durch die guten Kontakte zwischen EKD und Bischofskonferenz teilweise abgemildert werden. Sie belasten aber die ökumenischen Beziehungen bis hinunter auf die Gemeindeebene schwer.
Aktuelle Herausforderungen
Neben den "Großkirchen" bestehen eine Reihe von christlichen Gemeinschaften, die man häufig unter dem unscharfen Begriff der "Freikirchen" zusammenfasst. Zu ihnen zählen diejenigen Kirchen, die direkt oder indirekt aus der Reformation hervorgegangen sind (etwa Mennoniten, Baptisten) sowie Gemeinschaften, die sich neuen religiösen und spirituellen Aufbrüchen verdanken. Dazu zählen zum Beispiel die Methodisten, die Pfingstkirchen und die Freien evangelischen Gemeinden. Es gibt zudem evangelikale Gruppierungen, die auch innerhalb der evangelischen Landeskirchen aktiv sind, wie den Liebenzeller Gemeinschaftsverband. Die evangelikalen Christen sind in ihrer Gesamtheit überwiegend in der Evangelischen Allianz in Deutschland e.V. organisiert.
Die im Einzelnen sehr unterschiedlichen Freikirchen sind oft durch eine Haltung gekennzeichnet, die die Bibel im Wortsinn als unbezweifelbar ansieht und der historisch-kritischen Bibelforschung, wie sie an theologischen Fakultäten betrieben wird, distanziert gegenübersteht. Einige Kirchen, wie etwa die Mennoniten, sind einem strengen Pazifismus verpflichtet und lehnen zum Beispiel den Dienst an der Waffe ab. Viele Gemeinschaften praktizieren eine Erwachsenentaufe. In Gruppen wie den Pfingstkirchen wird eine ausgeprägte Jesusfrömmigkeit gepflegt, die charismatische Züge trägt. Einige Gruppierungen lehnen die Evolutionslehre zugunsten des biblischen Schöpfungsberichts ab und pflegen ein konservatives Ehe- und Familienbild (sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe; Ablehnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften).
Insgesamt spielen die Freikirchen in Deutschland sowohl in Zahlen als auch in der öffentlichen Wahrnehmung eine untergeordnete Rolle. So haben derzeit (Stand 2022) der baptistische Bund Freier evangelischer Gemeinden knapp 74.000, die Evangelisch-methodistische Kirche knapp 45.000, der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden knapp 65.000 und die Freien evangelischen Gemeinden (Stand 2021) rund 42.500 Mitglieder. Zur Auflösung der Fußnote[12]
Diese Randständigkeit dürfte auch mit der geordneten Beziehung von Staat und "Großkirchen" zu tun haben, von der bisher beide Seiten profitieren. So haben die großen Kirchen nach 1945 ihr diakonisches Netzwerk mit Kindergärten und -tagesstätten, Schulen, Krankenhäusern und weiteren Einrichtungen so stark ausgebaut, dass sie im sogenannten Dritten (Non-Profit-)Sektor die größten Arbeitgeber sind: Die evangelische Diakonie Deutschland hatte 2020 knapp 600.000 Mitarbeitende, die katholische Caritas Deutschland rund 696.000.Zur Auflösung der Fußnote[13] Gleichzeitig erfolgt die Finanzierung heute überwiegend durch den Staat.
Dieses symbiotische Verhältnis wird durch das Religionsverfassungsrecht (Staatskirchenrecht) geregelt.Zur Auflösung der Fußnote[14] Es gerät allerdings durch den in den vergangenen Jahrzehnten zu beobachtenden und derzeit rasch zunehmenden Mitgliederschwund in den Kirchen unter Druck. Dabei handelt es sich im Grunde um kein neues Phänomen. Es äußerte sich im 19. Jahrhundert zunächst in den sinkenden Teilnahmezahlen im Gottesdienst und bei den Kasualien (Taufe, Trauung, Bestattung), bis sich ab den 1870er Jahren die Möglichkeit zum Kirchenaustritt eröffnete. Betrachtet man die Zahlen in der Weimarer Republik, der Bundesrepublik von 1945 bis 1989 und Gesamtdeutschland seit 1989,Zur Auflösung der Fußnote[15] so ist deutlich zu erkennen, dass diese Entwicklung nicht linear verläuft. Sie weist vielmehr Austrittsspitzen auf, die vor allem in der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und der "Revolution von 1968" (in Westdeutschland) liegen. Seit 2013 ist wiederum ein kontinuierlicher Anstieg von Kirchenaustritten zu beobachten, der sich seit 2021 nochmals deutlich beschleunigt hat und im vergangenen Jahr bei über 900.000 Austritten lag (über 522.000 katholisch, 380.000 evangelisch),Zur Auflösung der Fußnote[16] die mit Abstand höchste jemals gemessene Zahl. Ihnen standen 2021 nur 5570 (katholisch) und 18545 (evangelisch) Eintritte und Wiederaufnahmen gegenüber.Zur Auflösung der Fußnote[17] Außerdem übersteigt die Zahl der Todesfälle die der Taufen beträchtlich. Damit gehörten Ende 2022 nur noch 19,2 Millionen Menschen einer evangelischen Landeskirche und 20,9 Millionen der katholischen Kirche an,Zur Auflösung der Fußnote[18] was knapp 48 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland ausmacht.
Dieser neueste Säkularisierungsschub dürfte nicht zuletzt durch zeitweise Kirchenschließungen während der Corona-Pandemie, den Missbrauchsskandal sowie den Vorwurf der Verschwendung von Kirchenfinanzen ausgelöst worden sein.Zur Auflösung der Fußnote[19] Doch es kommen andere Faktoren hinzu, die den Schritt zum Austritt erleichtern: So kann man der Kirche heute fernbleiben, ohne – wie früher – soziale oder kirchendisziplinarische Konsequenzen fürchten zu müssen. Auch hat man in der Verkündigung die Drohung mit göttlicher Strafe zu Recht abgebaut. Zudem genügt ein Gang zum Amtsgericht, um die Kirchensteuer einzusparen, während gleichzeitig das Angebot an religiösen und spirituellen Alternativen kontinuierlich wächst. In Zeiten ökonomischer Krisen kommt der Kirchenaustritt dann nicht überraschend.
Bislang ist nicht erkennbar, dass die Freikirchen davon erheblich profitieren könnten – im Gegenteil: Auch hier stagnieren die Zahlen oder sind rückläufig, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie in den Großkirchen. Diese in Deutschland historisch einmalige Entwicklung stellt die Christenheit hierzulande vor erhebliche Herausforderungen, auf die sie noch keine tragfähigen Antworten gefunden hat.
Aber dies wird auch Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft insgesamt haben: Durch die großflächige Zusammenlegung von Gemeinden kommt es schon jetzt zur Verringerung der Zahl der Gottesdienste und damit zur Aufgabe und zum Abriss von Kirchengebäuden, was Veränderungen im Städtebild, aber auch im dörflichen Brauchtum zur Folge hat.Zur Auflösung der Fußnote[20] Die Kirchen können so als Begleiter in allen Lebensphasen nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Der absehbare Rückzug aus ihren bisherigen diakonischen Tätigkeiten wird die öffentliche Hand mit erheblichen zusätzlichen Kosten belasten. Darüber hinaus werden die Kirchen auch ihre Aktivitäten als Kulturvermittler in Kunst und Musik sowie als Träger von Büchereien massiv einschränken müssen. Schließlich wird ihre Stimme als eine moralische Instanz in Krisensituationen immer weniger Gehör finden. Bei aller berechtigten Kritik am derzeitigen Erscheinungsbild der Institution Kirche hat die Gesellschaft die Tragweite dieser Entwicklungen für das Gemeinwesen insgesamt noch nicht erfasst.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Kinzig, Wolfram: Kirchen in Deutschland. Ein historischer Abriss, in: APuZ (Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für Politische Bildung 29/2023), Bonn 2023, S. 13-20.
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Sekundärliteratur
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Kultur und Traditionen
Jagd und Schützenwesen
Inhaltsverzeichnis
1. Das rheinische Schützenwesen. Ursprünge, Traditionen und Entwicklungslinien
1. Das rheinische Schützenwesen. Ursprünge, Traditionen und Entwicklungslinien
1. Einführung
Obwohl die verschiedenen Ausformungen des Schützenwesens im Rheinland wenigstens genauso zum regionalen Brauchtum gehören wie der Karneval – und dabei noch wesentlich älteren Ursprungs sind – haben sich Geschichtswissenschaft und Volkskunde kaum mit dem Phänomen befasst. Einige wenige Studien bilden immer noch den einschlägigen Literaturkanon[1], insgesamt bleibt es bei mikrogeschichtlichen Arbeiten[2], die aber die Frage nach dem Verbindenden, den Ursprüngen und den gemeinsamen Entwicklungslinien durchweg nicht zu beantworten suchen.[3]
Gewiss sind die bis in die Gegenwart gepflegten Traditionen zuweilen höchst unterschiedlich, und von daher mag die Unübersichtlichkeit der Quellenlage eine Rolle für das Desiderat spielen. Dennoch gibt es durchaus evidente Gemeinsamkeiten:
- Das Tragen und Verwenden der Schusswaffe
- Die Durchführung gemeinsamer Feiern und Festveranstaltungen, insbesondere des Vogelschusses
- Die Uniformierung.
Die Schusswaffe als Merkmal der Schießenden, der Schütze als ihr Träger begründen die Selbstbezeichnung und nicht etwa eine gerade in vielen Vereinschroniken, Festschriften und dergleichen unterstellte Schutzfunktion zum Beispiel einer Kirche, einer Gemeinde oder anderer dinglicher Werte.[4]Die verschiedenen Anlässe für Zeiten gemeinschaftlicher Geselligkeit sind in nahezu allen Schützenordnungen enthalten und damit ein konstitutives Element des Schützenwesens, und der Vogelschuss ist ein überregional bekanntes, wenn auch kaum erforschtes Brauchtumselement. Eine Uniformierung, gerade im militärischen Sinn, gab es bei den Schützenbruderschaften bis ins 18. Jahrhundert in der Regel nicht; zuweilen wurde die Mitgliedschaft in einer solchen Vereinigung durch uniform getragene einzelne Kleidungsstücke wie ein Halstuch gekennzeichnet. Erst mit der Übernahme und Ausprägung eines soldatischen Habitus im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Schützenuniform flächendeckend eingeführt.
Häufig kommt die Rückbindung an die christliche Konfession hinzu, entweder formal, wenn die Vereine als Schützenbruderschaften konstituiert sind, oder in der Regel auch dann faktisch, wenn sie als (Bürger-)Schützenvereine auftreten.
Ausgehend von diesen Beobachtungen versucht die vorliegende kleine Studie, die historische Entwicklung des Schützenwesens im Rheinland nachzuzeichnen. Dabei können zumindest zwei Quelllinien identifiziert werden: eine mittelalterliche, christliche Tradition, die sich bis heute in der äußeren Gestalt der Bruderschaft manifestiert, sowie eine diese ältere Linie ab dem 19. Jahrhundert teils überlagernde, teils umformende national-militärische Tradition, die den Schützenvereine gerade um 1900 den Charakter vaterländischer Gesellschaften gab. Für diese beiden Linien gibt es in der Regel hinreichendes, wenn auch in Qualität und Quantität sehr heterogenes Quellenmaterial.
Vogelschießen in Dresden am 20. September 1699, Stich von Moritz Bodenehr (1655-1749). (Grafik aus dem Klebeband Nr. 15 der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek Arolsen)
Das gilt nicht für eine denkbare dritte Linie, die als heidnisch bezeichnet werden könnte und die Hans-Thorald Michaelis in die Forschung eingeführt hat.[5] Dabei geht er zu Recht von einem wesentlichen, wenn nicht dem herausragenden Merkmal des Schützenwesens, dem Vogelschuss, aus, für den er Erklärungsmodelle durch Analogiebildung zu verschiedenen vorchristlichen Bräuchen sucht. Obwohl diese Linie damit zeitlich an erster Stelle stehen würde, sollen zunächst im Folgenden die christliche und die national-militärische Entwicklungslinie als gesicherte Erkenntnisse näher vorgestellt werden.
2. Das Bruderschaftswesen
2.1 Korporation und Gebetsverbrüderung
Die Entwicklung der Bruderschaften speiste sich ihrerseits aus zwei unterschiedlichen Prozessen: zum einen aus dem für die mittelalterliche Gesellschaftsordnung konstitutiven Genossenschaftswesen in seinen sehr unterschiedlichen Ausprägungen mit ständischen, berufsständischen, ortsbezogenen, geistlichen oder andere Vereinigungen und einer ausgeprägten Binnenhierarchie, zum anderen aus frühen monastischen Sodalitäten mit dem Zweck des Totengedenkens.
Bereits im Jahr 762 war auf der Synode von Attigny eine zeitlich begrenzte Gebetsverbrüderung geschlossen worden; das gegenseitige Gedächtnis zunächst innerhalb der in der Regel ohne Nachkommen bleibenden Geistlichkeit sollte das Seelenheil im Todesfall befördern.[6] Bis ins 11. Jahrhundert, vereinzelt auch schon früher, verstetigten sich diese Verbindungen und weiteten sich auf die Laien aus. Für diese Verbindungen finden sich unterschiedliche Bezeichnungen: amicitia, familiaritas, societas, zuweilen auch convivium und am häufigsten (con)fraternitas.
Die Attraktivität der Mitgliedschaft in einer solchen Verbindung war für den vormodernen Menschen hoch, denn die Angst unvorbereitet, das heißt ohne Nachlass der Sünden, zu sterben und deshalb die Qualen der Hölle oder des Fegefeuers erleiden zu müssen, war groß.[7] Das Wissen um eine dauerhaft geregelte Totenfürsorge etwa in Gestalt der von den Vereinigungen beauftragten Seelenmessen vermittelte den Menschen ein Gefühl von Sicherheit und brachte den anfangs kaum organisierten Bruderschaften enormen Zulauf. In den Zünften und Gilden, deren Ursprünge bis ins Altertum reichen und die sich dann ab etwa 1100 etwa zeitgleich mit den Gebetsverbrüderungen stärker ausdifferenzierten[8], fanden sie geeignete Vorbilder für die Herausbildung einer funktionierenden inneren Ordnung.
Bis ins frühe 15. Jahrhundert lässt sich in der Folge eine reziproke Entwicklung der genossenschaftlichen Vereinigungen und der auf die memoria zielenden Verbrüderungen feststellen. Während sich diese Strukturen mit Brudermeistern an der Spitze, Brüderboten und Pedellen entwickelten, übernahmen jene zusätzlich zu ihrer meist gewerbeordnenden Funktion auch das Totengedenken und andere religiöse Elemente wie etwa die besondere Verehrung eines Schutzpatrons.[9]
Besonders in den Städten gewannen die Bruderschaften durch diese Verschmelzung erheblich an Gewicht. Die Zünfte und Gilden hatten nicht mehr nur einen rein gewerblichen Charakter, sondern auch eine zusätzliche moralische Legitimation, und die ursprünglich rein religiösen Bruderschaften profitierten von einer starken und geordneten Mitgliedschaft, an deren Spitze in der Regel die vornehmen Bürger des Gemeinwesens standen. Gleichzeitig erlaubte die Bruderschaft auch den stärkenden Zusammenschluss nicht nur berufsständischer, sondern auch funktionaler Gruppen und Eliten, von denen eine die Schützen waren.
2.2 Frühe Schützenbruderschaften
Schützenbruderschaften entstanden als Vereinigung der waffentragenden Bürger – nur im Einzelfall auch bediensteter Stadtsoldaten – vorwiegend ab dem 15. Jahrhundert. Walter M. Plett weist für das Rheinland im 11. und 12. Jahrhundert sechs Bruderschaftsgründungen nach[10], für das 13. Jahrhundert zehn und für das 14. Jahrhundert 42. Im 15. Jahrhundert verdreifacht sich die Zahl auf 135, um sich dann im 16. Jahrhundert auf 76 zu halbieren. Im 17. Jahrhundert ist ein erneuter Anstieg auf 133 zu verzeichnen, um im 18. Jahrhundert auf 76 zurückzusinken.
Der hohe Wert im 15. Jahrhundert markiert den Zeitpunkt, zu dem sich die Bruderschaften zu einer wirkungsvollen Korporation im Gemeinwesen entwickelt hatten, die dem Bürgertum verschiedene Möglichkeiten der religiösen und damit auch sozialen Repräsentation bot.[11] Inwiefern Kriege und Krisen die Entstehung von Bruderschaften begünstigten, lässt sich nur schwer einschätzen. Dass gerade im 16. Jahrhundert mit den Glaubenskriegen, der „Kleinen Eiszeit“ und ihren spürbaren Auswirkungen oder dem beginnenden 80-jährigen Krieg ein so signifikanter Rückgang zu verzeichnen ist, spricht jedenfalls nicht dafür. Vielmehr scheint ein gewisser religiöser Eifer, der sowohl ins 15. Jahrhundert wie auch in das im Rheinland erst im 17. Jahrhundert wirklich beginnende konfessionelle Zeitalter passt, eine Triebfeder gewesen zu sein.
Beispielhaft sei aus der Gründungsurkunde der Neusser St. Sebastianus-Schützenbruderschaft, deren Tradition heute von der Neusser Scheibenschützen-Gesellschaft von 1415 e.V. gepflegt wird, vom 1.11.1415 zitiert:
„Im Namen Gottes Amen! Zum Lobe und zu Ehren Christus Jesus, unseres Herrn, Mariä, Seiner lieben Mutter, und dem hochgelobten Märtyrer Sankt Sebastianus zu Diensten, so haben die Schützengesellen in der Stadt Neuss beschlossen, unter sich eine Bruderschaft von jetzt an immerfort bis in fernste Tage zu halten und alle Jahre am Tag des heiligen Märtyrers zu begehen und durchzuführen dermaßen als hernach geschrieben steht.“[12]
Das Gründungsdatum, das Allerheiligenfest, verweist auf den ursprünglichen Zweck des gegenseitigen Totengedenkens. Im Übrigen stellten sich die Schützengesellen, deren Kreis später noch enger definiert wird als diejenigen, „die binnen Neuss wohnen und Jahr und Tag ansässig sind, sofern sie von gutem Rufe sind und ehrbar in ihrem Wandel und in ihren Hantierungen“[13], in den Dienst an der Kirche und unter den Schutz des heiligen Sebastian, der selbst mit Pfeil und Bogen erschossen worden und von seinen Wunden durch die Pflege der frommen Witwe Irene genesen war. Gleichzeitig galt Sebastian als Pestheiliger; seine Beliebtheit als Patron von Schützenbruderschaften – von 1.297 Bruderschaften im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften im Jahr 2009 führten über 400 oder rund 32 Prozent Sebastian im Namen, mit deutlichem Abstand folgt der heilige Hubertus mit rund 250 Bruderschaften (= 19 Prozent)[14] – scheint doch auch mit den Pestepidemien des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit zu korrelieren.[15]
So findet sich in der Neusser Urkunde im ersten Abschnitt die Bitte, der heilige Märtyrer möge die Schützenbrüder „beschirmen vor der Pest, vor Blattern, vor dem jähen Tode, vor Geschossen und anderen Leibesnöten.“ Interessant ist, dass hier neben den allgemeinen Gefahren durch Krankheit die spezifische Gefahr des Schützen, die Schussverletzung, mit aufgenommen wurde. Die weiteren Bestimmungen heben fast ausschließlich auf religiöse und soziale Verhaltensweisen ab; so wurde die Verpflichtung, armen Schützenbrüdern Almosen zu spenden und für ein würdiges Begräbnis zu sorgen, ebenso festgeschrieben wie die Zahl der Seelenmessen, die im Todesfall für ein verstorbenes Mitglied zu lesen waren. Am Sebastianustag, dem 20. Januar, sollte zudem ein Brudermahl stattfinden. Regelungen über das Schießen finden sich, anders als in späteren Quellen, nicht. Dass die Bruderschaften dennoch Schießübungen und mehr noch Schießspiele durchführten, ergab sich damit nicht aus ihrem eigenen Wesen und Zweck heraus, sondern aus der Tatsache, dass in ihr Menschen organisiert waren, die Umgang mit der Waffe hatten. Gleichwohl begann dieses äußere Element den Charakter der Schützenbruderschaften bald zu überlagern.
3. Das Schützenwesen in der Frühen Neuzeit
Einer starken religiös-sittlichen Verwurzelung in Verbindung mit korporativen, mittelalterlichen Strukturen stehen die Pflege der Geselligkeit und des Schießspiels gegenüber, wie sie sich seit dem 16. Jahrhundert verstärkt in den Quellen finden. So fand etwa im Jahr 1501 in Köln ein Schießspiel oder auch Schützenfest statt, bei dem weder der Kirchgang noch eine andere religiöse Handlung eine Rolle spielten, sondern vor allem die Volksbelustigungen wie etwa eine Lotterie.[16] Deshalb versuchte die Kirche, die sich vor allem auch an den Ess- und Trinkgelagen störte, das Bruderschaftswesen einzudämmen, allerdings mit mäßigem Erfolg.[17] Vielmehr verfestigte sich im Laufe der Frühen Neuzeit die Pflege eines Brauchtums, dessen Herkunft im Wesentlichen ungeklärt ist und das an dieser Stelle noch im Abschnitt über die möglichen heidnischen Traditionen behandelt werden wird, und das nur der äußeren Form nach sich noch an den Regeln einer christlichen Bruderschaft orientierte.
So wird der Ablauf von Schützenfesten im Herzogtum Jülich um 1720 wie folgt beschrieben:
„Das Vogelschießen pflegt ebenfalls in jeder Stadt und in jedem Dorf auf einen gewissen für ewig dazu bestimmten Tag kurz vor der Gottestracht angestellt zu werden. Man richtet nämlich auf einem Baum oder auf einer zu dem Ende unterhaltenen Vogelstange einen großen hölzernen Vogel auf, nach welchem sodann von den Einwohnern desselben Ortes, die dazu Lust haben, mit Feuerrohren und Flinten oder auch an einigen Orten mit Bogen und Armbrüsten geschossen wird. Niemand erhält hierbei etwas für seine Bemühung als nur allein derjenige, welcher das Glück hat, das letzte Stück vom Vogel herabzuschießen. Dieser wird mit großem Frohlocken zum König ausgerufen, man umhängt seinen Körper mit allerhand silbernen Schildern, die zu dem Ende verwahrt werden, man setzet ihm einen Federbusch auf den Hut, man begleitet ihn von dem einen Haus zu dem anderen, wo man ihn allenthalben mit einem frischen Krug Bier bewillkommnet, ja, welches am meisten zu bewundern ist, man führet ihn sogar an unterschiedlichen Orten in die Kirche, allwo ‚Gott, dich Herr‘ gesungen wird und von dem Pastor der sakramentliche Segen gegeben wird […].“[18]
Es wird deutlich, dass der unterhaltsame Teil des Vogelschießens im Mittelpunkt des Schützenwesens stand und der religiöse Aspekt zwar noch vorhanden, aber deutlich in den Hintergrund getreten war. Diese Beobachtung findet sich in zahlreichen Schützenordnungen des 17. und 18. Jahrhunderts, und zwar vorwiegend im ländlichen Raum, bestätigt. Dieses letztliche Fehlen eines starken Frömmigkeitsaspekts und der schon eingangs formulierte Ausschluss des Gedankens einer Wehrvereinigung scheinen für das Verständnis des kulturellen Transfers zwischen Stadt und Land in der Frühen Neuzeit von Bedeutung zu sein. Wenn der funktionsständische Zusammenschluss einer Bruderschaft von Schützen im Sinne wehrhafter Bürger im städtischen Raum sich mit der eine wahrscheinlich ältere Tradition pflegenden Gemeinschaft, die standesübergreifend konstituiert war, durch wechselseitige Beeinflussung verbunden hätte, könnte dies ein geeignetes Erklärungsmodell für die Genese des Schützenwesens in seiner modernen Form sein, dessen jeweiligen Gemeinschaften primär weder religiösen noch militärischen Charakter hatten, sondern in erster Linie die Menschen einer dörflichen Gemeinschaft im Rahmen einer althergebrachten Tradition und über die Grenzen von Stand, Vermögen und übrigens auch Geschlecht hinaus miteinander verband, denn vielfach wurden zumindest in den ländlichen Schützenbruderschaften auch Frauen als Mitglieder geführt.[19] Damit würde dann eine zwar nicht allseits akzeptierte, aber durchaus denkbare vorchristliche Traditionslinie aufscheinen.
4. Heidnische Bräuche als Erklärungsmodelle für Schützentraditionen
In der Entwicklung des Schützenwesens vom Mittelalter bis in die Gegenwart sind mit dem Brudermahl, der gemeinsamen, häufig ausgelassenen Feier und dem Vogelschuss zwei Konstanten erkennbar, die sich weder mit den christlichen Ursprüngen noch der national-militärischen Überlagerung im 19. Jahrhundert erklären lassen. Mag die gesellige Gemeinschaft noch als Merkmal menschlicher Interaktion in einem sehr übergreifenden Sinn zu verstehen sein, kann das Schießen eines Vogels beziehungsweise einer Vogelattrappe nur schwer eingeordnet werden. Als Schießübung jedenfalls wird es kaum geeignet gewesen sein, war als solche in einigen Landesteilen sogar seit 1658 untersagt[20], und dort, wo die Schießübung expliziter Bestandteil einer Schützentradition ist, findet sich in der Regel das Scheibenschießen als zur Einübung zielgenauen Schießens zweckdienliche Methode. Dass es primär eine Volksbelustigung war, mögen dann auch die Worte der Prinzessin in Karl Gottlieb Samuel Heuns (1771-1854) Lustspiel „Das Vogelschiessen“ aus dem Jahr 1822 zeigen: „Beim Schießen fällt mir ein, es soll heute hier in der Nachbarschaft ein Vogelschießen sein; solch ein Volksfest möchte‘ ich wohl einmal mit ansehen […]“. Woraufhin ihr Vater, der Fürst, antwortet: „Unsere Anwesenheit würde diese Art Menschen nur in ihrer Freude stören, und sie haben der Freude und der Feste so wenig.“[21] Heun charakterisierte das Schützenfest mit dem Vogelschießen literarisch damit durchaus zutreffend als Fest der einfachen Leute, das vor allem der Jugend ein großes Vergnügen bot. Gleichwohl gehörte die Einbindung adliger, geistlicher oder bürgerlicher Honoratioren zum Beispiel durch die Abgabe von Ehrenschüssen immer zum Ablauf von Schützenfesten.
Hans-Thorald Michaelis verweist im Zusammenhang mit dem Vogelschießen der Schützenbruderschaften auf eine im keltischen Raum anzutreffende Tradition der rituellen Vogeltötung. Dabei wurde von einer bestimmten Gruppe, meist den jungen Männern eines Dorfes oder einer Sippe, ein Vogel, oftmals ein Zaunkönig, erlegt, dem vorher alle bösen Geister und Flüche auferlegt worden waren. Das tote Tier wurde dann in einer lebhaften Prozession durch den Ort getragen; derjenige, der es erlegt hatte, wurde bis zur nächsten Vogeltötung König genannt und mit königlichen Insignien ausgestattet. Meist genoss er zahlreiche gesellschaftliche Vorteile. Auf der Isle of Man soll diese Tradition noch im 18. Jahrhundert gepflegt worden sein.[22]
Tatsächlich scheint es offenkundige Analogien zum Schützenbrauchtum zu geben. Vielfach fanden und finden Schützenfeste im Frühjahr, zum Beispiel nach Ostern oder um Pfingsten statt. Die besondere, auch als Königtum bezeichnete Ehre ist ebenso bekannt wie die damit verbundenen sozialen Vorteile; so war ein Schützenkönig in aller Regel für die Dauer eines Jahres von Steuern sowie Hand- und Spanndiensten befreit.
Auch der Begriff der „Gilde“, der im Altnordischen synonym für ein Trink- oder Opfergelage gebraucht wird und der etymologisch auf eine „Abgeltung“ verweist, könnte auf eine vorchristliche Wurzel hindeuten, die sich im Schützenwesen erhalten hat. Interessant ist dabei, dass die Intention eines solchen Opferfestes, das einen fast gottesdienstlichen Charakter hatte, auf das andauernde Totengedenken zielte, ein deutlicher Anklang an den Zweck der frühen christlichen Bruderschaften. Insofern könnten durchaus, wie es auch aus anderen Zusammenhängen wie den Festen des Kirchenkalenders bekannt ist, heidnische und christliche Vorstellungen in eine Wechselwirkung getreten sein.[23] Immerhin erhielten sich die sonst aus der Entwicklung des Schützenwesens heraus kaum erklärbaren Elemente auch über die Säkularisation hinaus, während der religiöse Aspekt deutlich an Gewicht verlor.
5. Nationaler Aufbruch und vaterländische Vereinigungen
Der Einmarsch der französischen Revolutionstruppen und die Besetzung und Annexion des Rheinlandes bis 1814/1815 bedeuteten für die allermeisten rheinischen Schützengesellschaften eine tiefe Zäsur. Sowohl der christliche Bezug als auch der Umgang mit Waffen führten häufig zu ihrem zumindest zeitweisen Verbot.[24] Allerdings wurden Brauchtumsfeiern, auch Schützenfeste, ab etwa 1805 durchaus häufig wieder zugelassen und sogar erwünscht. Beim Besuch Napoleon Bonapartes im Herzogtum Berg etwa und der dabei stattfindenden Durchreise durch Mülheim bei Köln ordnete der dortige Stadtdirektor ein Spalier uniformierter Schützen und ihrer Fahnen an.[25] So markiert eher das Ende der Franzosenzeit den Bruch in der historischen Kontinuität des Schützenwesens, denn in einem deutlich stärkeren säkularen Umfeld konnten viele ältere Bruderschaften nicht mehr an die Zeit davor anknüpfen.
Das Brauchtum des Vogelschießens und der damit verbundenen Volksbelustigungen lebte jedoch weiter, uferte ohne die zugrunde liegenden Ordnungsstrukturen aber zuweilen aus, weshalb sich schon bald neue Schützenvereinigungen gründeten, die entweder den preußischen Militarismus in Anlehnung an die gegen die Franzosen gerichteten Landwehren als „Bürger in Uniformen“ imitierten oder auch verballhornten – nicht von ungefähr fallen beispielsweise die Gründung der festordnenden Komitees in Köln, hier für den Karneval, und Neuss, dort für das Schützenfest, im Jahr 1823 zeitlich zusammen.
Auch aus mancher Bürgerwehr im Umfeld der Revolution von 1848 entwickelten sich Schützenvereine[26], und endgültig ordneten sich die Schützengesellschaften mit der Reichsgründung in den Kreis der vaterländischen Vereine ein. Insgesamt wurden im 19. Jahrhundert mit 432 Vereinen fast ebenso viele gegründet wie vom 11. bis zum 18. Jahrhundert zusammen genommen. Zudem strahlte das ursprünglich stark auf das Rheinland konzentrierte Schützenwesen weit in andere Regionen des zusammenwachsenden Deutschen Reiches aus: so wurden in Westfalen im 19. Jahrhundert 431 Schützenvereine gegründet und im übrigen Deutschland 559 – insgesamt also über 1.400 Vereine; alleine in der Zeit bis 1939 kamen noch einmal über 1.700 Vereine dazu, die sich mit 441 auf das Rheinland, 335 auf Westfalen und 947 auf das übrige Deutschland verteilten.[27]
Trotz dieses signifikanten quantitativen Zuwachses hat sich die historische Forschung mit dem Schützenwesen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts weniger im Sinne eines vergleichenden Überblicks beschäftigt als mit den Bruderschaften des Ancien Régime. Barbara Stambolis führt das auf Berührungsängste mit dem „schillernd[en], folkoristisch[en] und somit leicht als tendenziell unseriös“ empfundenen Gegenstand zurück.[28] Tatsächlich hatte sich das Schützenwesen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts häufig auf den Erhalt hergebrachter Volksfeste und Kirmessen reduziert.
Erst im Zusammenhang mit der nationalen Einigung Deutschlands formte sich in vielen Schützenvereinen wieder eine stärkere inhaltliche Ausrichtung, wobei an die Stelle der christlich-religiösen Verwurzelung die patriotische Gesinnung trat. Nachdem sich ein im Vorfeld der Revolution von 1848 ins Leben gerufener „Allgemeiner Landes-Schützen-Bund für Preußen“ nicht hatte etablieren können[29], gründete sich 1861 in Gotha der Deutsche Schützenbund, dessen erster Ehrenvorsitzender, der Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha[30] , anlässlich der Gründungsversammlung am 11.7.1861 die Verbandziele wie folgt formulierte:
Beispiel eines Holzvogels als Ziel für das Vogelschießen mit Reichsapfel und Zepter, Original im Museum für Thüringer Volkskunde, Foto: Andreas Praefcke. (Andreas Praefcke - CC BY 3.0)
„[...] Wir Schützen haben Veraltetes verschwinden lassen, um mit dem alles bewegenden Geist vorwärts zu schreiten. Lassen Sie uns vergessen, wo unsere Wiegen standen, ob im Norden oder Süden, im Osten oder Westen Deutschlands. Lassen Sie uns einen großen, gemeinsamen deutschen Schützenbund gründen, einmal, um gemeinsame Normen zu finden für die größeren und kleineren Schützenfeste, [...] zum anderen Male, um die ganz große Schar der Schützen des großen Bundes der bewaffneten und gut geschulten Jugend als eine Ehrenreserve der Armee an die Seite zu stellen.“[31]
Auffällig ist, dass der Herzog damit die jahrhundertealte Tradition des Schützenwesens gänzlich unerwähnt ließ und stattdessen die Schützen zur Avantgarde des nationalen Einigungsprozesses proklamierte. Bürgerliches Fortschrittsdenken und die Forderung nach der nationalstaatlichen Einheit Deutschlands kommen in seiner Ansprache ebenso zum Ausdruck wie die Anlehnung an den preußischen Militarismus, der bis heute in Hofstaaten mit Rittern, Kommandanten, Adjutanten und Orden, Militärkapellen und Fahnenparaden seinen sichtbaren Ausdruck findet.[32]
Kurz nach der Reichsgründung formierte sich 1873 in Düsseldorf auch der Rheinische Schützenbund mit ähnlicher Ausrichtung wie der nationale Dachverband.[33] Die auf diese Weise organisierten Zusammenkünfte und Vergleichswettkämpfe führten die Schützenvereine aus ihrem jahrhundertelang auf einen Ort oder ein Kirchspiel beschränkten Wirkungskreis heraus.
Ähnlich wie die zeitgleich entstehenden zahlreichen kameradschaftlichen Kriegervereine legten die Schützenvereine während des Kaiserreichs großen Wert auf Kaiser- und Vaterlandstreue. Vielfach wurden die ursprünglich im Frühjahr oder zum Namenstag des Schutzpatrons – so man sich auf einen solchen überhaupt noch berief – stattfindenden Festlichkeiten in Richtung der nationalen Feiertage wie dem Kaisergeburtstag oder dem Sedanstag verschoben.[34]
Schießscheibe zum Andenken an das erste deutsche Bundesschießen in Frankfurt am Main 1862 mit Betonung der Idee eines geeinten Deutschlands, Original im Besitz der Schützengesellschaft Kronach e.V.
Trotz dieser nach außen demonstrierten Vaterlandsliebe fielen viele Bürger- und Schützenvereine nach dem Vollzug der nationalstaatlichen Einheit und dem damit verbundenen Wegfall einer wesentlichen Zielsetzung in ein eher unpolitisches Stadium. Besonders in kleineren Orten wurden sie wie schon vor 1848 zu Fest- und Feiergemeinschaften, wobei nicht mehr der zwanglose, volksbelustigende Charakter im Vordergrund stand, sondern zumindest das Bild einer anständigen und sittsamen bürgerlichen Vergnügung.[35]
Auf dieser starken Grundlage bedeutete der Erste Weltkrieg keinen derart tiefen Einschnitt wie etwa die französische Besatzungszeit oder der Zweite Weltkrieg. Das aktive Vereinsleben war zwar stark beeinträchtigt und Schützenfeste und sportliche Wettkämpfe fielen auch über das Kriegsende hinaus aus. Erst in einem mühsamen Prozess erhielten die Vereine und Verbände wieder die Erlaubnis zum Sportschießen, mussten allerdings mit Waffen vom Ende des 19. Jahrhunderts auskommen, wenn sie überhaupt eine geeignete Schießanlage hatten.[36] Aber der Geist des Zusammenhalts auf dem Fundament nationalkonservativer Ideen führte das Schützenwesen in den 1930er Jahren zu einer neuen Blüte.
In der Schießhalle, Erinnernungen an das deutsche Schützenfest in Stuttgart 1875, Reproduktion, originaler Holzschnitt von Schweissinger aus dem Jahr 1882.
6. Das Schützenwesen im „Dritten Reich“
Ein für viele Schützenvereine immer noch prekärer Zeitabschnitt ist das „Dritte Reich“. Vielfach wurde versucht, unter Verweis auf die historischen christlichen Wurzeln und die weitgehende Einstellung von Vereinsaktivitäten ab 1939 eine gewisse Regimeferne zu suggerieren, vor allem auch, um Legitimationsprobleme nach 1945 zu vermeiden. Tatsächlich widersetze sich die 1928 gegründete Erzbruderschaft vom Hl. Sebastian, die Vorläuferin des heutigen Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften[37], zunächst den nationalsozialistischen Vereinnahmungsversuchen. Sie knüpfte auf Initiative des Theologen Peter Louis bewusst an die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schützenbruderschaften an und führte die Begriffe „Glaube, Sitte, Heimat“ in das Milieuvokabular ein und trat damit durchaus auch in eine Konkurrenzsituation zum rein weltlichen und infolge der Entpolitisierung auf das Schießsportliche konzentrierten Deutschen beziehungsweise Rheinischen Schützenbund.[38] Allerdings blieben viele Schützen „im Herzen Monarchisten“[39]; es verwundert daher nicht, wenn sie – trotz einer starken Einbindung in das katholische Milieu – zu denjenigen Kräften gehörten, die durch eine Art „passiven Widerstand“ am Scheitern der Weimarer Republik wesentlichen Anteil hatten und sich in den neuen Verhältnissen nach 1933 recht bald zurechtfanden. Deshalb wird man eine Rede von Peter Louis aus dem Jahr 1934 wohl teils dem Willen zur als notwendig betrachteten Anpassung an die Zeitumstände, teils aber auch tatsächlicher Überzeugung zuschreiben können. Als gemeinsame Ziele von Erzbruderschaft und Nationalsozialismus identifizierte Louis „die Überwindung des Bolschewismus, […] Abwehr der liberalen Ideen, […] Aufrichtung der Volksgemeinschaft und des Führerprinzips, […] die ständische Ordnung.“[40]
Umzug anlässlich des Schützenfestes in der Altstadt von Dorsten, 1938.
Schon 1928 hatte der Vorsitzende des Deutschen Schützenbundes Johann Peter Lorenz (1866-1944) mit deutlichen Anklängen an deutschnationale und völkische Parolen erklärt: „Unsere nationale Schwäche wurde mir so recht zum Bewußtsein gebracht; und nur die Hoffnung auf baldige Befreiung, die in jedem deutschen Herzen brennt, gab mir Trost in unserer gegenwärtigen Lage. […] Das Ideal, dem wir zustreben, heißt ‚Vaterland’, das alle Parteien umfaßt und eint. Zur Nation wird unser Volk erst werden durch ein gemeinsames Ideal, an das jeder Volksgenosse glaubt und sich durch die Tat bekennt.“[41]
Spätestens 1934 waren sowohl die Schützenvereine wie auch die Dachverbände mit dem „Führerruf an die Schützen zur neuen Zeit“[42] gleichgeschaltet worden. Im März 1936 wurde die Erzbruderschaft aufgelöst. Unzählige Fotos und Dokumente belegen, dass Schützenfeste im Lichte nationalsozialistischer Propaganda gefeiert wurden und zumindest für die Funktionsträger eine regimekritische Haltung undenkbar war. Allerdings bestand keineswegs die Absicht, das Schützenwesen insgesamt zu verbieten; im Gegenteil erkannte man das ihnen innewohnende Wehrpotential[43] , alleine die kirchlichen Anklänge wurden als störend empfunden. Ralph Trost zitiert einen Gestapobericht aus dem Jahr 1936: „[…] Es wäre im Interesse der Heimatbewegung zu bedauern, wenn das alte Brauchtum und die alten Volksfeste, die im Rheinland tief verwurzelt sind, im nationalsozialistischen Deutschland lediglich wegen ihres kirchlichen Namens ausgemerzt werden sollen. Die Schützenvereine und die alten Volksfeste bilden einen wesentlichen Bestandteil der alten rheinischen Heimatkultur, die gerade in der Gegenwart nur die größtmögliche Förderung verdienten.“[44]
Trotzdem ergingen in der Folge mehrere Erlasse, die die Selbständigkeit und Individualität der einzelnen Schützentraditionen erheblich einschränken sollten. So zielte der Deutsche Schützenbund in einem Rundschreibend des Jahres 1938 auf die Einführung von Einheitsuniformen und den Verzicht militärischer Rangabzeichen, da man vermeiden wollte, Wehrmachts- und SS-Abzeichen unbeabsichtigt zu persiflieren.[45] Zu einer letztlichen Umsetzung dieser Pläne kam es jedoch nicht mehr, da mit Beginn des Zweiten Weltkriegs die Vereinsaktivitäten ganz überwiegend eingestellt und viele Mitglieder der Schützenvereine zum Wehrdienst einberufen wurden, von denen etliche ihr Leben lassen mussten.
7. Rheinische Schützengesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg
Der Wiederbeginn des Schützenwesens nach 1945 war daher viel schwieriger als nach den vorangegangenen Einschnitten. Außerdem wiederholte sich die aus der französischen Besatzungszeit und der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bekannte Situation des Verbots und Vorbehalts seitens der Alliierten. In gleichem Maße war aber das Brauchtum lebendig und, vermutlich ungleich stärker als zu Beginn des 19. Jahrhunderts und nach 1918, vor allem auch der Wille und die Notwendigkeit in der Bevölkerung, durch die Rückkehr zu gewohnten Festlichkeiten ein Stück Normalität zurück zu gewinnen.
Die sich zunächst im privaten Kreis wieder zusammen findenden Schützen organisierten daher in den ersten Jahren nach 1945 interne Feiern, zuweilen auch öffentliche Umzüge im Zivilanzug und ohne Kapellen. Formal kehrten viele vor 1939 in säkularer Form bestehende Vereine zur äußeren Form der Bruderschaft zurück, indem sie an teilweise bestehende ältere Traditionen anknüpften und sich damit das Gesicht einer kirchlichen Vereinigung gaben, gegen die seitens der Besatzungsmächte keine Vorbehalte bestanden.[46]Erst nach Gründung der Bundesrepublik kehrte dann ein Teil der Vereine wieder zur säkularen Form zurück, während andere die Bruderschaftsform bis heute bewahren.
Bei den ersten Schützenfesten nach dem Zweiten Weltkrieg musste wie schon nach 1918 häufig auf historische Waffen wie Armbrüste oder ungefährliche Waffen wie Luftgewehre zurückgegriffen werden. Bei Umzügen wurden statt Gewehren und Degen Holzgewehre oder sogar Blumen getragen. Dennoch erholte sich das Schützenwesen recht schnell und erfreute sich mit seinen Schützen- und Volksfesten bis in die 1980er Jahre großer Beliebtheit in der Bevölkerung. Seitdem kann ein stärkerer Mitgliederschwund beobachtet werden, der von beiden heute noch bestehenden Dachverbänden im Rheinland mit dem Versuch, historisch gewachsene und traditionelle Werte wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen, beantwortet wird.
So betont der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften seinen Charakter als kirchliche Vereinigung, während der Rheinische Schützenbund zum Beispiel mit dem 2009 eingeführten Protektorat des Fürsten Carl zu Wied an eine Einrichtung aus seiner Entstehungszeit anknüpft und sich überdies in einem Brauchtumsausschuss stärker mit dem Vogelschießen beschäftigt[47], das damit auch in der Gegenwart seine in allen Epochen zentrale Bedeutung zu behalten scheint.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Bock, Martin, Das rheinische Schützenwesen. Ursprünge, Traditionen und Entwicklungslinien, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-rheinische-schuetzenwesen.-urspruenge-traditionen-und-entwicklungslinien/DE-2086/lido/5ca49fdc63ad57.90122432 (abgerufen am 19.10.2025)
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Sekundärliteratur
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Feiertage und andere Gedenktage
Inhaltsverzeichnis
1. Geschichte des Valentinstags. Als todgeweihte Märtyrer und stolze Ritter die Liebe entdeckten
1. Geschichte des Valentinstags. Als todgeweihte Märtyrer und stolze Ritter die Liebe entdeckten
Im ritterlichen Mittelalter wird – neben der Gottesliebe – auch die erotische Liebe zum Ideal. In dieser Zeit verknüpft der englische Dichter Geoffrey Chaucer das sehnsüchtige Werben der Verliebten mit dem Gedenken an den Heiligen Valentin (mittelalterliche Buchmalerei aus dem Codex Menasse, um 1320)© Universitätsbibliothek Heidelberg
Der 14. Februar steht für ein Fest der Liebe – aber auch für überbordenden modernen Kommerz. Dabei gehen die Wurzeln des Valentinstags weit zurück – in eine Zeit der Märtyrer und mittelalterlichen Poeten
Ein Mann träumt. In seinem Traum betritt er einen Garten, dessen Tor schon mit seiner Inschrift die allerhöchsten Erwartungen weckt: "Durch mich geht man zum Orte voller Wonnen". Dahinter grünende und blühende Pflanzen, singende Vögel. Und unter einem Baum: Amor, der Gott der Liebe, höchstpersönlich. Er schmiedet Pfeil um Pfeil, um sie später in entflammte Herzen zu schießen.
Überhaupt die Vögel: Überall finden sich vor den Augen des staunenden Mannes nun gefiederte Paare zusammen, schließen sich in die Flügel, ranken die Hälse umeinander, singen zu Ehren eines Heiligen: "Sankt Valentin, du bist der Hochgestellte, für Dich die Vögel dieses Lied beginnen."
Geoffrey Chaucer, der diesen merkwürdigen Traum um 1380 in Versen niedergeschrieben hat, war vieles in seinem Leben: Soldat und Diener, Höfling, Diplomat und Beamter. Aber seine Leidenschaft war das Dichten, damit wurde er einer der bedeutendsten Schriftsteller Englands. Ganz speziell an Chaucer ist allerdings noch etwas anderes: Mit seinem traumhaft-paradiesisch anmutenden Gedicht "Parlament der Vögel" gilt er als Urvater des Valentinstags. Denn er war vermutlich der Erste, der jene betörende Mischung von Zutaten zusammenrührte: Frühling, Verheißung, Wonne, Liebe, Harmonie – und den Namen eines Heiligen.
Die Ursprünge des Valentinstags liegen im ersten Jahrtausend
Die Geschichte des Valentinstages beginnt eigentlich sogar noch viel früher und vor allem nebulös. Gläubige erzählen sich in der Spätantike gleich mehrere Geschichten über christliche Märtyrer namens Valentin. Einmal ist es ein Bischof aus Mittelitalien, der um 270 n. Chr. gegen die Order des noch nicht christianisierten römischen Kaisers junge Paare traut, um den Männern so den Kriegsdienst zu ersparen – und dieses Verhalten mit seinem Leben bezahlt.
Ein Geistlicher namens Valentin (oben) stirbt um 270 n. Chr. im Römischen Reich den Märtyrertod, hingerichtet, weil er vermutlich heimlich Paare traute. Später wird er heilig gesprochen und erhält einen Gedenktag: den 14. Februar© Svabo / Alamy Stock Photo
Ein andermal geht es um einen Geistlichen in Rom, der – wegen seines Glaubens eingekerkert – in der Haft die Tochter des Gefängniswärters von Blindheit heilt und ihr einen Brief mit der Notiz "von Deinem Valentin" zusteckt.
Menschliche Zuneigung ist bei beiden Geschichten im Spiel sowie die Bereitschaft für den Glauben zu leiden und zu sterben. Wegen Letzterem spricht ein Papst etwa 200 Jahre später einen dieser Valentine – welchen genau, ist heute nicht mehr zu klären – heilig und widmet ihm, wie dabei üblich, einen Gedenktag: den 14. Februar. Einer Theorie zufolge ersetzt der Papst damit ein ihm verhasstes, etwas anzügliches heidnisches Fruchtbarkeitsfest, bei dem sich Paare per Los zusammenfinden.
Mit den Rittern kam das Schmachten
Jahrhunderte vergehen, das Mittelalter kommt, an den europäischen Höfen verbreitetet sich die Kultur der Ritter, zu der Tugenden wie Tapferkeit, Disziplin und Freigebigkeit gehören, aber auch ein neues Ideal des Begehrens. Nicht mehr nur die religiöse Nächstenliebe oder die Gottesliebe gilt nun als erstrebenswert, sondern auch weltliche und erotische Zuneigung. Minnesänger schmachten in ihren Versen, inszenieren wortreich ihr Liebeswerben um eine Angebetete.
Besonders in England wird der Valentinsbrauch in der Neuzeit extrem populär. Ab dem 19. Jahrhundert drucken Verleger üppig gestaltetet Postkarten (hier ein Exemplar von 1912), mit denen sich romantische Grüße besonders leicht versenden lassen© Quagga Media UG / akg-images
An dieses neue Bild des Amourösen knüpft im 14. Jahrhundert wohl auch der Engländer Chaucer mit seinem Vogelgedicht an. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine Allegorie; die turtelnden Vögel stehen für das Anbandeln von Menschen, möglicherweise sogar ganz konkret: Chaucer bezieht sich, so vermutet man, verklausuliert auf die damalige Hochzeit des englischen Königs Richard II. mit der Adeligen Anna von Böhmen.
So oder so: Die Brücke zwischen dem Gedenktag an einen spätantiken Märtyrer und der romantischen Liebe hat Chaucer damit geschlagen.
Bald schon wird es in höfischen Kreisen zwischen Männern und Frauen üblich, sich am 14. Februar poetische Zeilen zu widmen; manchmal verbinden sich auch ledige Partner an diesem Tag zu einer einjährigen Beziehung, die freundschaftlich und keusch die Chance auf eine spätere Hochzeit ausloten soll.
Das Geheimnis erfüllter Beziehungen: Welche Gespräche Paare führen sollten
Liebesgrüße zum Valentinstag wie vom Fließband
Immer beliebter wird der Valentinsbrauch vor allem in England, sickert allmählich von der Aristokratie in die bürgerlichen Kreise. Wem es schwerfällt eigene Worte der Anbetung zu ersinnen, kann um 1800 im "Young Man’s Valentine Writer" eines findigen Verlegers Vorschläge für die passenden Sprüche finden. Und die maschinelle Serienproduktion, die die Industrialisierung mit sich bringt, macht auch vor den Liebesbotschaften nicht halt: Gedruckte Valentinskarten erreichen jetzt die Adressaten. Weniger persönlich, dafür – auch weil der Postversand günstiger wird – in immer gewaltigerer Zahl.
Ein Reigen von wiederkehrenden Symbolen ziert die Pappkärtchen: Herzen, als Sitz der Gefühle, Amor und Vögel, wie einst bei Chaucer. Auch für den Austausch von kleinen Aufmerksamkeiten hält die Industrie mittlerweile einiges bereit. Der Schokoladenhersteller Cadbury etwa bietet um 1870 eigens gestaltete Konfektschachteln für die Liebesbotschaften an.
Nach Deutschland kommt der Tag der Liebe durch die Besatzungssoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg – hier ein Tanzvergnügen in Berlin im Sommer 1945. Vor allem amerikanische GIs kennen die Tradition von zuhause© United_Archives / TopFoto / picture-alliance
Der Weg des Rituals nimmt nun eine Schleife. Wandert mit Reisenden und Migranten von Großbritannien in die USA, bekommt dort noch einen weiteren Schub, wird zum ersten hochkommerzialisierten Festtag. Auch erweitert sich der Kreis der Bedachten: gute Freunde, sogar Verwandte erhalten Geschenke.
Mit den GIs der US-amerikanischen Besatzungstruppen erreicht der Valentinstag erst spät Deutschland. Im Jahr 1950 veranstalten Einheimische in Nürnberg den ersten "Valentinsball". Und es ist nicht nur das Bedürfnis nach Romantik, das im trümmervollen Nachkriegsdeutschland verfängt, sondern auch die Aussicht auf Profit.
Blumen werden zum liebsten Valentinsgeschenk der Deutschen. Auch weil die Händler in Zeiten des Wirtschaftswunders ihre blühende Ware geschickt vermarkten, etwa mit Automaten wie diesem von 1951© akg-images
Gerade rechtzeitig zum Beginn des Wirtschaftswunders bewerben Blumenhändler und Pralinenfabrikanten ihre Waren mit Nachdruck als das perfekte Valentinsgeschenk. Der Versand "Fleurop" verzeichnet in dieser Zeit hohe zweistellige Wachstumsraten – und trägt dazu bei, dass in Deutschland gerade Sträuße zu den beliebtesten Liebesgaben zählen. Hunderte Tonnen von Blumen werden auch heute noch zum Valentinstag importiert.
Es ist wie das moderne Echo jenes blühenden Gartens, den einst der Besucher betrat, im mittelalterlichen Traumgedicht von Geoffrey Chaucer.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Berg, Jens-Rainer: Geschichte des Valentinstags. Als todgeweihte Märtyrer und stolze Ritter die Liebe entdeckten, in: geo.de, online verfügbar seit 13.02.2026 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/geschichte-des-valentinstags--von-rittern-und-maertyrern-34455458.html, zuletzt geprüft am 15.02.2026.
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Sekundärliteratur
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Karneval, Fasnacht, Fasching etc.
Inhaltsverzeichnis
- Warum wir Weiberfastnacht feiern
- Die Verteidigung des rheinischen Karnevals und die politische Festkultur im Vormärz
1. Warum wir Weiberfastnacht feiern

Für manch einen Mann ist es der schlimmste Tag des Jahres: Am Donnerstag vor Aschermittwoch stürmen Frauen überall die Rathäuser der Republik – denn an "Altweiber" haben die Frauen das Sagen.
Mit symbolischen Gesten der Machtübernahme der Frauen startet jedes Jahr der Straßenkarneval in Deutschland. Doch woher kommt dieser Brauch eigentlich?
Ein Gelage unter Weibern
Schon ein Mythos aus der Antike erzählt von einem Fest, bei dem Greisinnen – also betagte Frauen – Fruchtbarkeits- und Wetterzauber zum Jahresbeginn verübten. Für solche Feierlichkeiten gibt es jedoch keine Beweise. Erst für das Mittelalter existieren Zeugnisse, die über den Ursprung des Brauchtums von Weiberfastnacht berichten.
Dokumente aus dem 14. Jahrhundert beschreiben eine frühe Form dieses Rituals: Am Donnerstag vor Aschermittwoch luden einige Städte im Heiligen Römischen Reich Witwen, Ehefrauen und ihre unverheirateten Töchter zu einem Festmahl ein, die Männer waren ausgeschlossen. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Festessen ein wüstes Gelage unter Frauen, bei dem die feiernden Weiber über die abwesenden Männer richteten. Später schwappte diese städtische Sitte auch auf die Bevölkerung auf dem Land über.
Wenn sogar die frommen Nonnen feiern
Der Begriff ist eine Kombination aus dem Althochdeutschen "fasta" (Fastenzeit) und "naht" (Vorabend). Ursprünglich meinte "Fastnacht" also den Abend direkt vor Beginn der Fastenzeit. Im späteren Mittelalter war dieser Brauch eng mit dem christlichen Kirchenjahr verwoben: Der Ritus markiert das letzte ausgelassene Feiern, bevor 40 Tage der Besinnung und des Verzichts beginnen. Sogar Nonnen zelebrierten dieses Ritual damals schon ausgelassen.
Das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn kann auf Quellen zum Kloster St. Mauritius in Köln zurückgreifen, in dem Benediktinerinnen in den Nächten vor dem Fasten feierten: "Wir haben die Fastnacht in aller Lust passiert, und seindt alle Geistliche verkleidet gewesen und uns recht lustig gemacht, dann in Tag haben wir gedanzt und sprungen, des Nachts, wenn die Frau Äbtissin schlafen ist gewesen, dann haben wir Thee, Kaffe und Chocolade getrunken und mit der Kart gespielt und auf dem Damenbrett gespielt", zitiert das LVR-Institut aus einer Schrift.
Derartige Sitten, bei denen Frauen vor dem Fasten noch einmal richtig über die Stränge schlugen, Regeln der Männer brachen oder "verkehrte Welt" spielten, verbreiteten sich Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem im Rheinland und in der Eifel: Chronisten beschreiben, wie 1810 auf dem Alten Markt ein "wildes Treiben" herrschte, bei dem die Händlerinnen den Männern ihre Hüte vom Kopf rissen. Damals war der Karneval noch ein chaotischer, ungeregelter Brauch, der überall anders gefeiert wurde.
In der Eifel erhielten Frauen an Weiberfastnacht ein besonderes Recht: In Gruppen war es ihnen erlaubt, in den Wald zu gehen und dort einen Baum zu fällen, der so dick war, wie die weiteste Taille der korpulentesten Eifelerinnen, so das Baumstammrecht. Danach verkauften die Frauen das Holz, und von dem Geld machten sie sich einen schönen Abend.
Schon immer ging es bei diesem Brauch auch darum, die von Männern geschaffene Weltordnung zu hinterfragen.
Geburtsstunde der Weiberfastnacht
1823 wurde der anarchische Karneval schließlich strukturiert: Damals gründeten einige Kölner ein "Festordnendes Komitee". Seitdem gibt es Uniformen, Karnevalsorden und die Narrenkappe sowie Straßenumzüge. Nur ein Jahr später fuhren Männer der Wäscherfamilien aus dem Bonner Stadtteil Beuel am Donnerstag vor Aschermittwoch die saubere Wäsche in Köln aus. Anschließend blieben sie bei den Karnevalisten und feierten mit.
Doch das gefiel den Frauen zu Hause in Beuel gar nicht. Die Wäscherinnen arbeiteten täglich unter härtesten Bedingungen: Bei jedem Wetter standen sie teilweise bis zu den Knien im Rhein, denn nur im fließenden Gewässer wurde die Wäsche sauber. Als die Männer an jenem Donnerstag nicht zurückkehrten, legten auch sie ihre Arbeit nieder. Die Beuelerinnen setzten sich zusammen, tranken Gerstenkaffee und tratschten über die Verstöße ihrer Männer: Sie berichteten einander über Ehebrüche, Alkoholexzesse und andere Eskapaden ihrer Partner. Schließlich gründeten sie ein Damenkomitee, das gegen die Ausbeutung und Drangsalierung von Frauen durch ihre Männer vorgehen sollte. Damit wollten sie alle Herren, "denen es an dem nötigen Verständnis für die den Frauen zumutbare Arbeitsleistung fehlte, zur Besinnung zu bringen", so das LVR-Institut.
Das Damenkomitee ahndete fortan jegliche Verstöße, Beleidigungen, Handgreiflichkeiten oder sonstige Fehltritte der Männer am Donnerstag vor Aschermittwoch mit Fastnachtspielchen. Dieser Brauch breitete sich rasant auch jenseits von Bonn-Beuel aus und entwickelte sich im Laufe der Zeit weiter: Mancherorts schnitten die Frauen ihren Männern die Schlipse ab, anderswo stürmten sie das Rathaus.
Ob Wieverfastelovend, Fettdonnerstag, Altweiber oder Weiberfastnacht: Bis heute feiern Menschen überall in Deutschland den Donnerstag vor Aschermittwoch als einen Tag der Frauen. Um 11.11 Uhr übernehmen sie das Zepter in den deutschen Rathäusern, und der Straßenkarneval beginnt.
2. Die Verteidigung des rheinischen Karnevals und die politische Festkultur im Vormärz
1. Der Auftakt
Am 19.2.1822 fand im Gürzenicher Ballsaal ein fulminanter Maskenball „zum Besten der Armen“ statt. Das Fest wurde von mehr als 3.000 Personen besucht und war ein solcher Erfolg, dass sich zahlreiche Gastwirte über ihren Geschäftsausfall beschwerten und es nicht wiederholt wurde. Stattdessen wurde ein Jahr später der erste Rosenmontagszug veranstaltet. Der öffentliche Maskenzug hatte kirchliche Elemente, reichsstädtische Symbole und aktuelle politische Anspielungen zum Inhalt. Die Thronbesteigung des Kölnisch-Wasserfabrikanten Emanuel Ciolina Zanoli (1796-1832) als „König Karneval“ stellte nicht nur den Höhepunkt des Festtags, sondern auch einen allgemeinverständlichen Angriff auf die bestehende Herrschaftsordnung dar, der im Anschluss der Feierlichkeiten verboten wurde. Nur ein Jahr später war aus dem „König“ der „Held Karneval“ und aus circa 10.000 Zuschauern eine Massenansammlung von 50.000 Karnevalstouristen geworden. [1]
Eintrittskarte zu einem Maskenball in Köln, um 1820. (©Rheinisches Bildarchiv Köln/RBA 104 245)
Der rasante Aufstieg Kölns zum Vergnügungszentrum der jungen preußischen Rheinprovinz ging auf einfallsreiche Werbemaßnahmen der „Allgemeinen Cölnischen Karnevalsgesellschaft“ (KG), eine aufwendige Festgestaltung und eine beginnende Kommerzialisierung des Brauchs zurück. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts machten mehr und mehr Krämer, Kaufleute und Handelsfrauen ein Geschäft aus der Fastnachtszeit, indem sie Karnevalsbriefpapier, Narrentabak und andere Erinnerungsstücke auf den Markt brachten. Dabei stellte die Narrenkappe den größten Kassenschlager dar. Sie diente einerseits als obligatorisches Erkennungszeichen, das heißt als Eintrittskarte für die Festveranstaltungen, und wurde andererseits zum sichtbaren „Symbol für die Gleichheit und Eintracht aller Narren“[2] erhoben. Mit dieser Bedeutung erinnerte das Tragen gleicher Kappen an die Ideale der Französischen Revolution, die während der Französischen Zeit im Rheinland verbreitet worden waren. Obwohl die Idee einer gleichen Staatsbürgergesellschaft keineswegs der sozialen Realität entsprach, wurde sie nach dem Übergang von Frankreich zu Preußen als Folge des Wiener Kongresses 1815 aufrechterhalten. Dabei wurde das französische Gerichtswesen als Garant des egalitären Gesellschaftsideals betrachtet und als sogenanntes „Rheinisches Recht“ verteidigt. Auf der Basis des napoleonischen Code Civil sicherte es die Gleichheit vor dem Gesetz, die Unabhängigkeit der Richter und die bürgerlich-liberalen Eigentumsrechte. In Verbindung mit dem Prinzip der Öffentlichkeit und der Beteiligung von Geschworenen stand es dem in Preußen seit 1794 gültigen Allgemeinen Landrecht, den traditionellen Vorrechten des Adels und den weitreichenden Eingriffsmöglichkeiten des preußischen Staates entgegen. Spätestens seit den Karlsbader Beschlüssen 1819 avancierte das Rechtswesen daher zu einer Art Ersatzverfassung – der Karneval zu einem Ersatzforum politischer Kommunikation innerhalb ausgesprochen restriktiver politischer Strukturen.[3] So beschwerte sich der Kölner Zensor Georg Karl Philipp von Struensee (1774-1833) 1829 über die Kölner Karnevalszeitung. Das Witzblatt enthielt zahlreiche ernstgemeinte Anspielungen – zuletzt die Forderung nach einer Verfassung – und war nach objektiven Gesichtspunkten nicht zu zensieren.[4] Als Polizeipräsident, dessen unbeliebte Stellung zum beliebten Karnevalsrepertoire gehörte, erwirkte er das Verbot der Zeitung und eine unerwartete Protestaktion der Redakteure. Karnevalspräsident Johann Heinrich von Wittgenstein (1797-1869) und das Karnevalskomitee sagten den Rosenmontagszug ab, verteilten Totenzettel auf den Karneval und legten Hanswurst, eine prominente Fantasiefigur, in Ketten.[5] Neben solchen aufsehenerregenden Aktionen ließen sich politische Implikationen in Büttenreden, Liedern und Gedichten aufspüren. Sie wurden auf den Straßen gesungen, in der überregionalen Presse diskutiert und weckten das Interesse des preußischen Staatsoberhaupts.[6]
2. Die (Neu-)Erfindung
Am 22.11.1827 erkundigte sich König Friedrich Wilhelm III. (Regentschaft 1797-1840) persönlich darüber, „welche Behörde in neuerer Zeit die Erlaubniß zu diesen in Deutschland nicht üblichen Volksbelustigungen gegeben habe?“[7] Die Verwaltungsbehörden an den Regierungspräsidien in Aachen, Düsseldorf, Koblenz, Köln und Trier bemühten sich daraufhin, die Karnevalsbelustigungen aus moralischer Sicht als völlig unbedenklich auszuweisen. Oberpräsident Karl Freiherr von Ingersleben hatte sich davon persönlich überzeugt und die erste Einladung zum Kölner Maskenfest 1824 sowie die Ehrenmitgliedschaft im Karnevalsverein seines Dienstsitzes in Koblenz 1828 bereitwillig angenommen. Auch sein Stellvertreter dementierte die sozialen Spannungen, die in der Karnevalszeit aufkamen und ein offenes Geheimnis waren.[8] Aufmerksame Zeitungsleser erfuhren, dass die Regierungen in Köln als „schlafendes Verwaltungskollegium“[9] dargestellt wurden und auf einem Maskenball in Koblenz „ein Prophet maskiert den preußischen Beamten gereimte und sehr beißende Prophezeiungen aus[theilte].“[10] Diesen Anekdoten der auswärtigen Presse konnte entgegen gehalten werden, dass satirische Verballhornungen auch andere Autoritäten, zum Beispiel die Kirche, den Provinziallandtag und den Stadtrat sowie die Karnevalisten mitunter selbst, betrafen und „Angriffe gegen harmlose Menschen, gegen ehrsame Familien, gegen im öffentlichen Amte stehende des allgemeinen Zutrauens würdige Personen“[11] von den Verantwortlichen stets verurteilt wurden.[12] Darüber hinaus waren die Initiatoren der frühen Karnevalsumzüge von der praktischen Hilfe des örtlichen Militärs abhängig, indem sie auf Pferde- und Fuhrwerke zurückgriffen und sich aus dem Fundus der französischen Militärausrüstungen bedienten. Ihr öffentliches Auftreten konnte daher sowohl als positive Reminiszenz an vergangene Zeiten oder aber als antifranzösische Satire interpretiert werden. [13]
Simon Meister, Der Kölner Rosenmontagszug des Jahres 1836. (©Rheinisches Bildarchiv Köln/RBA 008 054)
Die jährlich wechselnde Narrenkappe brachte die Mehrdimensionalität der karnevalistischen Symbolsprache beispielsweise dadurch zum Ausdruck, dass sie entweder die Form einer Jakobinermütze oder das Aussehen einer preußischen Pickelhaube annahm.[14] Die Roten Funken in Köln erinnerten an die reichsstädtischen Stadtsoldaten, das heißt an die einstige Autonomie der Stadt, und gaben gleichzeitig „das Bild einer undisziplinierten nicht mutigen und nie nüchternen Truppe ab“[15], das mit dem preußischen Militär kontrastierte. Der Interpretationsspielraum solcher Beobachtungen war groß und lag im Auge des Betrachters, wenngleich die „Carnevals-Comité-Gesellschaft“ laut Struensee „etwa noch nöthige Interpretationen […] im Publikum übern[ommen]“[16] habe. In dieser Deutungsoffenheit lag die Chance zur politischen Meinungsäußerung begründet, die im Vormärz vielfältig ergriffen wurde. Dabei wurden die Vertreter des preußischen Staates vor Ort – ebenso wie stets ihre französischen Vorgänger – im negativen ebenso wie im positiven Sinne in den traditionellen Brauch integriert und trugen mit umfangreichen Verwaltungsrecherchen zu dessen Erhalt bei. [17]
Notwendig war diese außergewöhnliche Hilfe dadurch, dass eine Kabinettsorder vom 20.3.1828 bestimmte, dass „Fastnachtsmaskeraden nur in den größeren Städten, und auch in diesen, nur dann erlaubt sein [sollten], wenn sie daselbst von altersher herkömmlich stattgefunden“[18] hatten. Je mehr sich das preußische Innenministerium für die Feste am Rhein interessierte, desto tiefer musste man in den Akten graben. Wo Beweisstücke in Form von Zeitungsberichten und Gesetzestexten fehlten, wurden die Erinnerungen hochbetagter Einwohner oder – recht pragmatisch – die Armenrechnungen der vergangenen Jahrzehnte angeführt. Da Abgaben auf öffentliche Lustbarkeiten in allen Städten – wie im Übrigen auch in Teilen der östlichen Provinzen Preußens – gängig und insbesondere in der Karnevalszeit der Düsseldorfer Regierung zufolge „nicht unbedeutend“[19] waren, eigneten sie sich als Beweisstück.[20] In Aachen und in Köln betrugen diese „Abgaben von Concerten, Feuerwerken, Kunstausstellungen, Marionetten, Seiltänzen, Wachsfiguren-Cabinetten und Panoramas […] von den gewöhnlichen Bällen – zehn Prozent der Brutto-Einnahmen, von den Masquen-Bällen fünf und zwanzig Prozent der Bruttoeinnahmen.“[21] Da die führenden Mitglieder der Kölner KG diesem Gremium (und dem Stadtrat) angehörten, war es eine Selbstverständlichkeit, dass die Vergnügungssteuern und ein Teil der Festeinnahmen der notdürftigen Bevölkerung zugutekam.[22] Mit diesen und anderen Argumenten wurden die Stadträte Franz Jacob von Herwegh (1773–1848), Joseph Classen (1761–1844), Johann Philipp Biermann (1767–1850), Jacob Hermann Molinari (1768–1831), Jacob Johann Lyversberg (1761–1834) und Friedrich Simons (1764–1834) am 15.4.1830 bei der Regierung vorstellig. Vor allem die Bildung eines „festordnenden Comités“[23], das aus Angehörigen der Oberschicht gebildet wurde und sich für den Ablauf der Feierlichkeiten verantwortlich zeigte, konnte dem in Berlin vorherrschenden Eindruck eines unsittlichen Brauches entgegenwirken. Die daraufhin ausgearbeitete Festordnung kann daher als (Neu-)Erfindung einer Tradition bewertet werden, die seit Jahrhunderten bestand, und den preußischen Herrschaftsverhältnissen angepasst wurde. Gleichsam war diese gewünschte Ordnung nach Außen mit einer Strukturierung im Innern verbunden, die die Herrschaftsverhältnisse im geschlossenen Vereinsleben durch parlamentarische und pseudo-militärische Praktiken einerseits imitierte, konterkarierte und zum Teil demokratisierte.[24] Andererseits widersprachen begrenzte Zugangsmöglichkeiten und die Vergabe von Ämtern, Titeln und Ehrenzeichen dem dahinterstehenden Gleichheitsgedanken, sodass die „politische Partizipation im Karneval“ spätestens in den 1840er Jahren „zu einem Synonym für die politische Partizipation im Staat“[25] wurde.[26]
Doch vorerst blieb das Recht auf öffentliche Maskenumzüge der Domstadt vorbehalten, was die anderen rheinischen Städte allerdings nicht darin hinderte, Karnevalsvereine zu gründen, die das Kölner Regelwerk adaptierten und die Bevölkerung integrierten. So wurde aus der Anfahrt der Gäste zum städtischen Maskenball im Theater von Koblenz 1830 ein öffentliches Großereignis, das einem Umzug nahekam und aus der Narrenkappe 1834 eine blau-weiß-rote Jakobinermütze, die zum endgültigen Maskenverbot am Verwaltungssitz der Rheinprovinz führte. Doch dafür scheint es zu spät gewesen zu sein. Staatsminister Gustav von Brenn (1772-1838) hatte bereits „das unverbürgte Gerücht“ aus Köln gehört, dass infolge des Verbots „eine Anzahl Coblenzer Einwohner im Naussauischen Esel gemiethet, und auf diesen mit Trauerflor behangen, nach Coblenz haben einziehen wollen.“ Auch wusste er, dass „mehrere angesehene Einwohner in Coblenz und selbst Regierungsbeamte zum Carnevals Comité gehör[t]en, letztere aber ihre Erklärung dafür gehalten [hätten], daß für den Fall eine Liste sämmtlicher Mitglieder eingereicht werden sollte, man ihre Namen weglassen möchte, was ihnen auch zugestanden worden sey.“ [27]
Diese Behauptung kam nicht von ungefähr, denn kurze Zeit später wurden elf angesehene Herren vor das Koblenzer Friedensgericht geladen. Ihre Anzahl hatte Symbolcharakter, denn sie sollten dort „auf Ehre und Gewissen“ Aussagen über die historische Herkunft des städtischen Karnevals treffen und das fragliche Gewohnheitsrecht nachweisen. Initiiert wurde das Ganze von der sechsköpfigen Karnevalsdirektion, die seit 1824 die Fastnachtsfeierlichkeiten nach dem Vorbild Kölns organisierte. Ihr gehörten zwei Kaufmänner und jeweils ein Gastwirt, ein Goldarbeiter, ein Advokatanwalt und ein Stadtrat – Sattler Conrad Hasslacher (1801–1874), der Bruder des angehenden Aachener Landrats Franz Karl Hasslacher (1805-1881) – an. Die Zeugen repräsentierten die städtische Oberschicht und die lokale Beamtenschaft. Es handelte sich um den ehemaligen Maire und preußischen Steuerdirektor Johann Dominic Gayer (1771–1861), den Domäneninspektor Goswin Linz (1774–1841), den Landwehrhauptmann Trappet, den kurtrierischen Hofrat und einstigen Steuereinnehmer Marx Aloys Pottgeißer (1762–1839), den ehemaligen Hofingenieur und Bürgermeister von Ehrenbreitstein Jakob von Kirn (1767–1850) und den Handelsgerichtspräsidenten, Landtagsabgeordneten und Beigeordneten Jakob Reiff (1771–1848). Bäcker Valentin Nebel und die Kaufleute Menn, Collig und Müller kamen hinzu. Fünf von ihnen hatten zeit ihres Lebens ein Stadtratsmandat ausgeübt. Der Stadtrat selbst hatte bereits ein schriftliches Gutachten an das Oberpräsidium übermittelt und sich für den Erhalt des Karnevals eingesetzt. Vor Gericht gab Maler Conrad Hackenbruch (1773–1837) an, die Maskenzüge des letzten Trierer Kurfürsten „selbst mitgemacht, beigewohnt und sehr dazu mitgewirkt“ zu haben. Einhellig riefen sich die übrigen Anwesenden diese Maskeraden ins Gedächtnis und erklärten, dass sie die lange Tradition der Karnevalsbelustigungen ihrer Heimatstadt „jederzeit eidlich zu bestätigen bereit seien.“ [28]
Roter Funken, 1851/1875. (©Rheinisches Bildarchiv Köln/RBA C 101520)
Tatsächlich hatte Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Sachsen (1739–1812) zuletzt 1787 verordnet, dass „ein öffentlicher Masquenball un¬ter obrigkeitlicher Auffsicht gehalten“ werden durfte, „um die Belustigungen und öffentlichen Zusammenkünfte während der Carnevals-Zeit (von 3 Königen Tag bis Aschermittwoch) in den Schranken der Ehrbarkeit zu erhalten, auch viele Aergernisse und Ruhestörungen der Mitbürger zu beseitigen.“[29] Dies konnte abschließend auch Friedensrichter Anselm Joseph Burret (1770–1840) als Angehöriger einer kurtrierischen Beamtenfamilie „aus eigenem Wissen“ bestätigen und um die Beobachtung ergänzen, dass „dergleichen Volksbelustigungen während der churtrierischen Regierung gern gesehen; und während der französischen Regierung von den Behörden durch geäußerte Wünsche aus Politik dazu aufgefordert wurde, um das Volk durch sein Leben in den früheren Freuden mit der Neuheit der Regierung auszusöhnen.“ Sein Abschlussplädoyer glich einer Handlungsempfehlung, die schließlich befolgt wurde. [30]
Kurfürst Clemens Wenzeslaus nebst Gefolge beim Koblenzer Karneval 1904. Vier Reiter vor dem Kurfürstlichen Schloss. (StAK FA 4,21 Nr. 7 Bild 245)
3. Das Nachspiel
Die königliche Erlaubnis für öffentlichen Maskeraden in Koblenz erfolgte am 19. Januar 1835 und wurde in den darauffolgenden Jahren auf Düsseldorf, Aachen, Trier, Bonn und die übrigen Städte und Dörfer der Rheinprovinz ausgedehnt. Die Verteidigung des rheinischen Karnevals war folglich mit dem Fortbestand des französischen Justizsystems und dem sogenannten „Kampf um das Rheinische Recht“ verbunden. [31]
Fortan waren subtile Formen politischer Meinungsäußerung zumindest einmal im Jahr möglich und die „Politisierung und Polarisierung“[32] des rheinischen Karnevals nicht mehr zu leugnen. In Köln befand man sich bereits 1837 in dem Dilemma, berechtigte Forderungen, den Karneval abzusagen, aus symbolpolitischen Gründen abzuweisen.[33] Nach der Inhaftierung des Kölner Erzbischofs Clemens August von Droste zu Vischering (1773–1845) am 20.11.1837 befürchtete man nicht nur konfessionelle Spannungen und öffentliche Ausschreitungen, sondern auch die aufsehenerregende Wirkung solcher Karnevalsverbote. Die Kölner Regierung achtete daher penibel auf die reibungslose Durchführung der Feierlichkeiten, wohingegen der Aachener Stadtrat die Theaterräume für den alljährlichen Maskenball unter Verschluss hielt. Obwohl die offizielle Karnevalserlaubnis des Königs noch ausstand, hatte der dortige Regierungspräsident Jacob Christoph von Cuny (1779–1848) der Floresei-Karnevalsgesellschaft bereits seine persönliche Zustimmung erteilt. In der Konsequenz musste sich der Rat – dem nach eigenen Aussagen vier Protestanten und einige Mitglieder der Karnevalsgesellschaft angehörten – offenen Anfeindungen und dem wiederholten Vorwurf des mangelnden Wohltätigkeitssinns stellen. Auch soll „von mehrern Seiten die Unterstellung ins Publikum verbreitet [worden sein], als habe die Verweigerungshaltung […] mehr ihren Grund in den jetzt obwaltenden Erzbischöflichen Verhältnissen als in der Sorge für die Erhaltung des Locals.“[34] Dagegen erhoben 22 Räte in einer schriftlichen Eingabe bei der Regierung Einspruch und erhielten die nüchterne Antwort, dass „das Collegium des Stadtraths als Organ und Repräsentant der Stadt eine zu hohe und würdige Stellung einnimmt, als daß dasselbe durch Anspielungen und Witzeleien in seiner Ehre und in seinem Ansehen verletzt werden könne.“ [35]
Am Ende der 1830er Jahre kündigte sich das an, was den Karneval im Vorfeld der Revolution 1848/49 prägte: ein undurchsichtiges Wechselverhältnis zwischen karnevalistischen und politischen Ausdrucks- und Repräsentationsformen, das zentrale Parteibildungsprozesse und politische Forderungen – allen voran jene nach der verfassungsrechtlichen Verankerung bürgerlicher Gleichheitsideale – vorwegnahm. Oder wie der Bonner Professor Gottfried Kinkel (1815–1882) in einer seiner Büttenreden formulierte: „Rufts mit lautem Schall! Bürger sind wir all!“ [36]
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Wegmann, Rebecca: Warum wir Weiberfasnacht feiern, in: geo.de, online verfügbar seit 12.02.2026 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/wenn-frauen-die-macht-uebernehmen--der-ursprung-der-weiberfastnacht-37122734.html, zuletzt geprüft am 15.02.2026.
-> Thielen, Katharina, Die Verteidigung des rheinischen Karnevals und die politische Festkultur im Vormärz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-verteidigung-des-rheinischen-karnevals-und-die-politische-festkultur-im-vormaerz/DE-2086/lido/62fcd36c3ee508.45432920 (abgerufen am 15.02.2026)
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Sekundärliteratur
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Modegeschichte
Inhaltsverzeichnis
1. Die Jeans, eine Erfolgsgeschichte aus Genua
1. Die Jeans, eine Erfolgsgeschichte aus Genua
Der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi mit seinen Truppen - und blauer Baumwollhose (Illustration von 1860) Foto: Granger / ullstein bild
Genua, Via Tommaso Reggio 20r: In einer schmalen Gasse im Herzen der Altstadt liegt das Diözseanmuseum. In unmittelbarer Nähe zur Kathedrale San Lorenzo lagern Kostbarkeiten aus der Stadt- und Kirchengeschichte Genuas. Im Obergeschoss des Gebäudes schlummert in gedämpftem Licht ein Schatz aus dem 16. Jahrhundert. Das Besondere: Das Prunkstück erstreckt sich über mehrere Meter und ist eng mit der Geschichte der Jeans verbunden.
Wenige Häuserblöcke entfernt schlendert Monica Bruzzone durch den Alten Hafen und setzt sich auf eine Bank. »Diese Stadt hat internationale Modegeschichte geschrieben, denn hier steht die Wiege der Jeans. Ihre Wurzeln liegen nicht, wie oft angenommen, in den Vereinigten Staaten, sondern im Herzen des alten Genuas«, sagt Bruzzone. Die promovierte Architektin weiß, wovon sie spricht. An der örtlichen Universität hat sie sich seit 2014 über Jahre in einem interdisziplinären Forschungsteam mit der Geschichte der legendären Hose beschäftigt.
Ein Blick in die Stadtgeschichte macht deutlich, wovon Bruzzone spricht. Nach ihrer Unabhängigkeit steigt die Republik Genua zu einer wichtigen See- und Handelsmacht im Mittelmeerraum auf. Ihr Reichtum verhilft der Stadt am Golf Liguriens bald zum Beinamen »La Superba«, zu Deutsch die Großartige. Ein wichtiger Faktor für den Erfolg sind Textilien. Genua ist nicht nur Umschlagplatz, sondern auch Produktionszentrum gefragter Stoffe.
Der Alte Hafen von Genua (Aufnahme von 2023)Foto: Larisa Shpineva / Zoonar / IMAGO
Wegen steigender Wollpreise und des wachsenden Bedarfs an preisgünstigen Textilien setzen die Handwerker der Stadt im Mittelalter zunehmend auch auf Pflanzenfasern. Baumwolle aus Nordafrika und Süditalien findet ebenso ihren Weg in die Stadt wie Leinen. Die Genuesen experimentieren im Laufe der Zeit mit verschiedenen Mischverhältnissen der Fasern und schaffen so diverse Textilien. Eine Kreation erweist sich dabei als Verkaufsschlager: Es ist ein äußerst robuster und dennoch weicher Stoff, Fustagno genannt. Zunächst ein Mischgewebe, dessen Baumwollanteil im Laufe der Zeit immer weiter steigt und das zu einem Markenzeichen der Stadt wird.
Das Besondere: Das Gewebe wird mit Indigo sattblau gefärbt. Das Arbeiten mit dem Farbstoff hat in Genua Tradition – bereits seit dem zwölften Jahrhundert wird er dort eingesetzt. Zunächst ein kostspieliges Unterfangen, denn der aus Pflanzen gewonnene Stoff muss auf dem Landweg vor allem aus Asien nach Europa kommen.
Nachdem Vasco da Gama Ende des 15. Jahrhunderts den Seeweg nach Indien entdeckt hat, beschleunigt sich der Warentransfer zwischen den Kontinenten. Ein Impuls auch für das Textilgewerbe Genuas, das nun günstiger an Indigo und andere Waren gelangt. So kommt das Färben mit Indigo ab dem 16. Jahrhundert dort immer stärker in Mode. Der Fustagno eignet sich dafür besonders gut, denn die Farbpigmente binden hervorragend an seinen rauen Fasern. Ohne den Zusatz weiterer Komponenten entsteht eine intensive und lang anhaltende Blaufärbung des Gewebes.
Zurück im Museum des Erzbistums. Der angesprochene Schatz schimmert nicht in Gold, sondern in Blau. Es ist das Werk »Teli della Passione« von Teramo Piaggio und anderen Künstlern, ab 1538 entstanden. Auf 14 Gemälden stellt es den Leidensweg Christi dar. Das Besondere: Piaggio malt sein Werk damals mit weißer Farbe auf blaue Tücher genuesischer Weber. »Dieses indigoblaue Mischgewebe gilt als künstlerischer Vorläufer des Jeansstoffs und gibt uns bis heute einen realistischen Eindruck davon, welche Farbintensität und Qualität die Stoffe damals hatten«, so Bruzzone.
Der Stoff spielt bald in vielen Bereichen des städtischen Alltags eine wichtige Rolle. Hafenarbeiter und Seeleute schätzen das leichte und dennoch widerstandsfähige Material, das sich einfach und günstig reparieren lässt und durch seine blaue Farbe Schmutz gut kaschiert. Lange, bevor Cowboys in Jeans durch die nordamerikanische Wildnis reiten, trägt man in Genua bequeme Hosen aus blauem Baumwollstoff. Wie verbreitet diese frühe Jeansmode in der Geburtsstadt des Seefahrers Christoph Kolumbus damals ist, zeigen lokale Krippenfiguren aus dem 18. Jahrhundert. Ausstaffiert mit Hosen und Mänteln aus blauem Fustagno geben sie bis heute Einblick in das damalige Alltagsleben Genuas.
Krippenfiguren aus dem 18. Jahrhundert im Jeansmantel Foto: SPIEGEL TV
Der blaue Baumwollstoff aus Genua wird zum Exportschlager. Zwar ist er qualitativ nicht so hochwertig wie vergleichbare Produkte aus Mailand oder Piacenza, spricht aber mit seinem geringeren Preis internationale Interessenten an. Im Hafen von London etwa wird er im großen Stil gehandelt. In den Registern der Schiffe, die dort aus Genua einlaufen, wird der Stoff mit dem Mittelalterlateinischen Namen seines Herkunftsortes gelistet: »Janua« ist dort zu lesen. »In der englischen Aussprache wird im Laufe der Zeit aus diesem Namen das Wort Jeans. Ab Mitte des sechzehnten Jahrhunderts dient dieser Begriff als Bezeichnung für den festen Baumwollstoff aus Genua. Unsere Stadt ist also nicht nur die Wiege der Jeans. Die Hose trägt den Namen Genuas bis heute in sich«, sagt Bruzzone.
Eine andere Theorie führt den Namen der Jeans auf die französische Bezeichnung der italienischen Stadt zurück: Aus »Gênes« soll so Jeans geworden sein. Beide Theorien eint, dass die ligurische Stadt demnach Namenspate für die Hosen wäre.
Über London gelangt der Jeansstoff auch nach Nordamerika. Auf der anderen Seite des Atlantiks sind robuste Baumwollstoffe aus Europa heiß begehrt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist es hier der deutsche Auswanderer Levi Strauss, der im Westen der USA die Geschichte der Jeans weiterschreibt. Gemeinsam mit dem Schneider Jacob Davis entwickelt er das moderne Design der Hosen und macht diese durch Nieten und Nähte noch robuster. Im Mai 1873 sichern sich die beiden ein Patent für ihre Idee und gelten seither als Schöpfer der modernen Jeans .
Vermeintlicher Jeans-Erfinder Levi StraussFoto: Fotosearch / Getty Images
Doch auch in Italien wird im 19. Jahrhundert weiter an der Geschichte der Jeanshosen geschrieben. Der Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi unterstützt die Bestrebungen zur Gründung eines italienischen Nationalstaates. Eine wichtige Etappe auf dem Weg zu diesem Ziel ist der sogenannte Zug der Tausend. Im Mai 1860 bricht Garibaldi dazu mit einem Heer von Kämpfern von Genua aus nach Sizilien auf. Sein Ziel: die Herrschaft der Bourbonen über die Insel zu beenden.
Das Besondere: Garibaldi verlässt Norditalien in blauen Baumwollhosen – auch seine Männer tragen Klamotten aus Jeansstoff. Wer hätte gedacht, dass der italienische Nationalstaat in Blue Jeans erkämpft wurde? Die Expedition wird ein Erfolg und trägt zur Gründung eines eigenen italienischen Staates im Jahr 1861 bei, auch wenn der anders als von Garibaldi erhofft zunächst ein Königreich wird.
Nach ihrem Museumsbesuch läuft Monica Bruzzone über die nahe gelegene Piazza de Ferrari, einen der beliebtesten Plätze der Stadt. Hier steht ein Denkmal Garibaldis. Seine Geschichte ist in Genua allgemein bekannt, im Gegensatz zur Historie der berühmten Hosen. »Die Geschichte der Jeans ist hier in Genua leider nicht weitverbreitet. Ich hoffe, dass unsere Forschung dazu beiträgt, das zu ändern. Die Genuesen können stolz auf ihren Beitrag zur Geschichte der Jeans blicken«, sagt Bruzzone.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Behrendt, Hendrik: Die Jeans, eine Erfolgsgeschichte aus Genua, in: Spiegel Geschichte, online verfügbar seit 07.02.2026 unter: https://www.spiegel.de/geschichte/jeans-wie-die-blaue-baumwollhose-aus-genua-die-welt-eroberte-a-ac105d83-b4d4-4fa2-89c4-b68644f922a3, zuletzt geprüft am 12.04.2026.
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Sekundärliteratur
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Mythen und Sagen
Inhaltsverzeichnis
- Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht.
- Nibelungensage. Ein Epos aus uralten Zeiten.
- Siegfried von Xanten. Hauptfigur der Nibelungensage
- Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer
1. Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht.
Die Form, in der die Brüder Grimm diese Geschichte 1816 in ihre Sagensammlung aufgenommen haben, wurde ein Welterfolg, jeder kennt sie. Der Rattenfänger von Hameln wurde zur berühmtesten deutschen Sagengestalt mit globaler Ausstrahlung bis in die USA und nach China. Doch schon in der frühen Neuzeit machte die Geschichte vom »Bunting« die Runde, so wird der ominöse Pfeifer in einer Version des 16. Jahrhunderts genannt, der erst Mäuse und Ratten aus der Stadt führt mithilfe magischer Flötentöne und dann die Kinder auf Nimmerwiedersehen fortlockt, weil ihm der Stadtrat seinen Lohn verweigert. Für Hameln jedenfalls ist die Sage ein wirtschaftlicher Segen, denn die Legende lockt alljährlich Abertausende von Touristen aus aller Welt in die kleine Stadt an der Weser, um jenen Ort schaudernd zu besuchen, in dem einst der bunte Rattenfänger sein gutes Werk verrichtete, vor allem aber grausame Rache übte an den wortbrüchigen Hamelnern.
»Anno 1284 am Dage Johannis et Pauli war der 26.Juli / Dorch einen Piper mit Allerley Farve bekledet gewesen CXXX Kinder verledet binnen Hameln geboren / To Calvarie bi den Coppen verloren.« So lautet die Inschrift aus dem 17. Jahrhundert am sogenannten Rattenfängerhaus in Hameln, einem herrlichen Beispiel der Weserrenaissance. Frühere Belege des für die Kindseltern grausamen Geschehens gibt es in der Lüneburger Handschrift von 1430: »Zu vermelden ist ein höchst seltenes Wunderzeichen, das sich in der Stadt Hameln im Jahre des Herr 1284 gerade am Tage des Johannes und Paulus ereignete. Ein Jüngling von dreißig Jahren, schön und überaus wohl gekleidet, trat über die Brücke und durch das Wesertor (in die Stadt) ein. Auf einer silbernen Flöte von wundersamer Form begann er sodann durch die ganze Stadt hin zu pfeifen. Und alle Kinder, die diese Flöte hörten, an Zahl etwa 130, folgten ihm zum Ostertore hinaus zur sogenannten Kalvarien- und Gerichtsstätte. Dort verschwanden und entwichen sie, daß niemand aufspüren konnte, wo eines von ihnen geblieben war. Dieses habe ich in einem alten Buchege funden. Und die Mutter des Herrn Dekans Johann von Lüde sah die Kinder fortziehen.« Immerhin wird hier sogar eine Zeugin benannt, die zur Tatzeit etwa zehn bis vierzehn Jahre alt war. Also gibt es früh eine mündliche Erzähltradition.
Keine Rede ist allerdings in den alten Zeugnissen von Ratten. Dieser Teil der Sage wurde erst 1565 mit dem Hamelner Kinderverlust verbunden. Geschichten von sonstigen Rattenfängern waren damals weit verbreitet. Erst in der kombinierten Form wurde daraus die unsterbliche Legende vom erfolgreichen Rattenfänger von Hameln, der aus Rache zum Kinderentführer wird und in der Rezeptionsfolge rasch Teufelszüge annahm.
Zugleich aber begann die Suche nach einer realen Vorgeschichte ohne mythische Fantasie. Gottfried Wilhelm Leibniz etwa spekulierte, ob der Auszug der 130 Kinder vielleicht auf den Kinderkreuzzug von 1212 hindeute. Andere vermuteten für das Kinderverschwinden eine Pestepidemie oder aus, dass die Hamelner Kinder vielleicht Werbern für die KoIonisation im Osten folgten. Die traten meist in Begleitung eines Trommlers und Pfeifers auf. In der Version der Brüder eines Trommlers und Pfeifers auf. In der Version der Brüder Grimm ist von Siebenbürgen die Rede, wo die Kinder wiederaufgetaucht sein sollen. Andere Forscher wollten anhand von Personennamen die Auswanderer in Mähren vermuten.
Die in dieser Hinsicht haltbarste These hat der Namensforscher Jürgen Udolph entwickelt. Nach seinen Recherchen und Überlegungen sind die Hamelner wohl in die Gegenden nördlich von Berlin in die Prignitz und die Uckermark gezogen. Das beweisen nach Udolph dortige Ortsnamen; Auswanderer würden gerne in der neuen Heimat die alten Ortsbenennungen wieder verwenden. So findet sich etwa in der Wesergegend Hamelspringe, wo die Hamel entspringt und bei Hameln in die Weser mündet. In der Uckermark gibt es Hammelspring, obwohl dort keine Hamelquelle existiert.
Dass es Auswanderer aus dem Weserbergland in diese östlichen Gegenden gezogen hat, gilt als sicher. Das ist trotzdem kein absoluter Beweis für den Grund des Verschwindens. In der Trauer der Eltern schimmert nämlich noch etwas quälend Traumatisches durch, so, als als gäbe es im Hintergrund eine irgendwie düstere Schuld am Verlust der Kinder.
Die schwärzeste These entwickelt Fanny Rostek-Lühmann literaturpsychoanalytisch. Sie sieht in der Sage den Wunsch der Eltern verborgen, die Kinder, im Mittelalter oft hungrige, lästige Mitesser, auf immer loszuwerden. Im Hamelner Messbuch Passionale, der frühesten Überlieferung angeblich aus dem 14. Jahrhundert, gibt es keinen Kinderfänger, sondern nur lateinisch »rei«, Schuldige. Liegt der Sage womöglich ein Unglück, gar eine Untat zugrunde, für die man den Rattenfänger dringend als entlastenden Sündenbock erfinden musste?
2. Nibelungensage. Ein Epos aus uralten Zeiten.
Das Nibelungenlied, um 1200 verfasst, scheint ein grausames Märchen zu sein: ein übermenschlicher Held, das Bad im Drachenblut, eine Tarnkappe. Und doch verbirgt sich hinter der Sage eine wahre Geschichte – vom Untergang zweier Germanenreiche
1924 verfilmt Fritz Lang die Sage von Siegfried, dessen Frau Kriemhild und dem finsteren Hagen von Tronje. In monumentalen Bildern erzählt er vom Schicksal des jungen Recken Siegfried (hier Paul Richter), der den Schatz des Königs Nibelung raubt, erzählt von Mord, Verrat und ewiger Treue. Das Bad im Blut des Drachen, das Siegfried fast unverwundbar macht, weist möglicherweise auf den realen Kampf der Germanen gegen die Römer
(Foto: picture alliance | Collection Christophel | RnB | UFA)
Uns ist in alten maeren – wunders vil geseit, schreibt vor rund 800 Jahren ein unbekannter Dichter: „Uns wird in alten Geschichten vom Wunderbaren viel erzählt.“ Und dann reiht er Zeile an Zeile. Niemand weiß, wie lange er an seinem Werk arbeitet, Jahre werden es wohl sein. Am Ende sind es mehr als 2300 Strophen: ein Heldenepos über Krieger und Spielleute, Königinnen und Jungfrauen, über Drachen, Zwerge und einen fluchbeladenen Schatz. Eine Geschichte von Treue und Verrat, von Liebeshochzeit und Brudermord, von Festen und Zweikämpfen. Ein Drama, das in Glanz und Abenteuer beginnt, doch in Feuer und Blut endet. Eine Erzählung, deren Wurzeln tief in die germanische Zeit zurückreichen, deren Wirkung aber noch heute spürbar ist: das Nibelungenlied. Das deutsche Nationalepos.
Es ist die Geschichte vom Glück und Verhängnis der Burgunderprinzessin Kriemhild. Ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher herrschen als Könige am Hof der Burgunder in Worms über das Reich am Rhein. Ihr wichtigster Ratgeber ist der finstere Hagen von Tronje. Eines Tages erscheint dort Siegfried, Königssohn aus dem kleinen Reich von Xanten am Niederrhein: ein Held, der von Kriemhilds legendärer Schönheit gehört hat und sie heiraten will. Hagen seinerseits hat bereits von dem Krieger vernommen und berichtet seinen monarchischen Herren warnend von dessen Taten. In einem fernen Land – „gut hundert lange Meilen oder mehr“ von Island entfernt – habe Siegfried die Söhne des Königs Nibelung mit seinem legendären Schwert Balmung erschlagen und deren Schatz geraubt sowie dem Zwerg, der den Schatz bewachte, eine Tarnkappe abgenommen, die unsichtbar macht und übermenschliche Kräfte verleiht. Zudem habe Siegfried einen Drachen erstochen und in dessen Blut gebadet, was seine Haut unverwundbar macht.
Trotzdem wird Siegfried in Worms gastlich aufgenommen. Doch bevor er Kriemhilds Hand erhalten kann, soll er Gunther bei einem Abenteuer beistehen. Schon bald segelt Siegfried mit ihm nach Island, wo Brünhild herrscht – eine Königin mit magischen Kräften, solange sie jungfräulich bleibt. Gunther will sie zur Gemahlin gewinnen. In drei Wettkämpfen muss sich der älteste der Burgunderkönige mit Brünhild messen. Und gewinnt sie nur, weil ihm Siegfried, unsichtbar dank der Tarnkappe, hilft, die Unbesiegbare zu besiegen. Mit Brünhild kehren die Helden zurück nach Worms. Die Isländerin wird Gunthers Gattin, am selben Tag heiratet Siegfried die schöne Kriemhild. Doch in der Nacht hilft er seinem Schwager: Verborgen dank der Tarnkappe, ringt er Brünhild im Schlafgemach des Burgunderkönigs nieder, sodass Gunther ihr die Jungfräulichkeit nehmen kann.
Zehn Jahre vergehen, dann verrät Kriemhild im Streit Brünhild, dass Gunther sie einst nur mithilfe des unsichtbaren Siegfried bezwungen habe. Die tief beleidigte Königin fordert von ihrem Gatten Siegfrieds Tod. Auch Hagen rät zum Mord: Lange schon fürchtet er die Macht des Drachentöters, die sich speist aus dessen Kraft und dem Reichtum des Nibelungenhortes. Listig entlockt er Kriemhild Siegfrieds verwundbare Stelle, denn als der einst im Drachenblut badete, legte sich ein Lindenblatt zwischen seine Schultern. Bei einer Jagd stößt Hagen eine Lanze in jene Stelle und tötet Siegfried. Den Leichnam legt er Kriemhild vor das Schlafgemach. Später versenkt er den Nibelungenhort im Rhein.
Kriemhild, verraten von ihrem Bruder, lebt 13 Jahre lang machtlos in Worms. Dann erscheint dort ein Brautwerber, gesandt vom mächtigen Hunnenkönig Etzel: Der Monarch der wilden Krieger will Kriemhild heiraten. Hagen ist dagegen, doch die Burgunder lassen ihre Schwester ziehen. Noch einmal vergehen 13 Jahre, dann lädt Kriemhild, längst Etzels Gemahlin, ihre Brüder in den Hunnenhof ein. Wieder warnt Hagen vergebens, der eine Falle ahnt: Die Könige und mehr als 1000 Recken ziehen vom Rhein los, die Donau entlang bis zum Palast von Etzel.
Nun, da sie sich auf diese Schicksalsreise begeben, nennt der Dichter die Burgunder fortan „Nibelungen“ – der Schatz hat seinen Besitzern, zuerst den Söhnen König Nibelungs, dann Siegfried, den Tod gebracht. Bald wird sein Fluch auch die Burgunder treffen, der Namenswechsel deutet dies an. Und tatsächlich flammt an Etzels Hof tödlicher Streit auf. In der brennenden Königshalle verschanzen sich die Nibelungen und fechten gegen Hunnen sowie germanische Gefolgsleute Etzels – unter anderem Dietrich von Bern. In einem Blutbad gehen die Recken unter, schließlich leben nur noch zwei: Gunther und Hagen, die beide von Dietrich von Bern bezwungen und gefesselt worden sind.
Kriemhild, außer sich vor Rachsucht, lässt ihren Bruder köpfen. Hagen erschlägt sie mit eigener Hand – ein so unerhörter Akt, dass Dietrichs Waffenmeister wiederum Kriemhild niederstreckt. Alle Burgunder/Nibelungen sind gefallen, Kriemhild ist tot, der Nibelungenschatz für immer im Rhein verschwunden … Wer hat sich diese finstere Geschichte ausgedacht? Seinen Namen hat der Verfasser im Epos nirgendwo genannt, sein Manuskript hat die Zeiten nicht überdauert. Doch 36 mehr oder weniger vollständige mittelalterliche Abschriften sind erhalten geblieben, die älteste entstand wohl zwischen 1200 und 1225.
Diese Manuskripte und der Text selbst verbergen wertvolle Indizien: Das Originalmanuskript wurde wahrscheinlich im bayerischen Dialekt des Mittelhochdeutschen verfasst, der höfischen Sprache um 1200. Auch kennt der Autor den Donauraum besonders gut, nennt etwa Details der Landschaft, während er bei seinen Beschreibungen von Worms oder dem niederrheinischen Xanten vage bleibt. Und schließlich wird die Stadt Passau, wird vor allem der dortige Bischof auffallend häufig und rühmend erwähnt. Von 1191 bis 1204 war Wolfger von Erla Bischof von Passau: ein Adeliger, der Dichter förderte. So ist sein Rechnungsbuch erhalten, das für den 12. November 1203 einen Geldbetrag verzeichnet, den der Bischof dem Minnesänger Walther von der Vogelweide für einen wertvollen Mantel übergab.
Die meisten Forscher vermuten deshalb, dass der anonyme Autor des Nibelungenliedes ein gebildeter Mann am Hof des Passauer Bischofs war und um 1200 sein Meisterwerk vollendete. Eine These sieht in dem Unbekannten niemand anderen als Walther von der Vogelweide selbst. Doch wer es auch gewesen sein mag: Der Verfasser formte Sagen um, die schon seit Jahrhunderten in Mittel- und Nordeuropa erzählt wurden – und die bis in die Germanenzeit zurückreichten. Auf der schwedischen Insel Gotland zeigen Grabsteine, die vor dem Jahr 800 gesetzt wurden, in Reliefs bereits Motive aus der Sage. Und um 800, das belegen erhaltene Totengedenkbücher aus Klöstern, hießen Adelige im Raum Worms und in Bayern auffallend häufig „Siegfried“, „Hagen“, „Kriemhild“ oder nach anderen Gestalten des Epos – beides Indizien dafür, dass bereits zu jener Zeit die Geschichte im Süden Deutschlands wie in Skandinavien populär gewesen sein muss, wahrscheinlich als Lied, das mündlich vorgetragen wurde.
Ab etwa 850 sind dann konkrete Texte erhalten, zunächst aus Skandinavien, später auch aus England und Deutschland. Die Sagen variieren: In manchen Versionen vollbringt Siegfried andere Heldentaten; Hagen ist Gunthers Bruder; Siegfried und Brünhild sind verlobt. Doch von den ältesten skandinavischen Sagen an bleiben manche Dinge auffallend konstant: Stets spielt die Handlung zwischen Rhein und Donau, fast immer dreht sie sich um den Untergang der Burgunder, stets sind die Hunnen dabei präsent.m Deutet dies auf einen historischen Kern der Sage hin? Ist die Geschichte also im geschichtlichen Sinne „wahr“? Reflektiert sie, gleich einem fernen Spiegel, dramatische Ereignisse aus der Zeit der Völkerwanderung? Oder gar Ereignisse noch früherer, antiker Jahrhunderte? Drei epochale Ereignisse, die sich im Lauf zweier Generationen zutrugen, sind vermutlich zur Sage verschmolzen:
1. ATTILA UND DIE HUNNEN
Um etwa 400 eroberte das zentralasiatische Reitervolk ein Reich von der Schwarzmeerküste bis zu den Alpen. Im Jahr 434 bestieg Attila den Herrscherthron – aus seinem Namen wurde im Mittelhochdeutschen „Etzel“. Er brach die Macht der einzelnen Stammesführer und einte so das Reich. Seine Hauptresidenz errichtete er in einer Ebene östlich der Donau – oder vielleicht im heutigen Budapester Stadtteil Obuda, wo im Mittelalter die Festung „Ecilburgu“ stand.
453 starb Attila, angeblich an einem Blutsturz in der Hochzeitsnacht mit seiner neuen, burgundischen Nebenfrau Ildiko. Bald wurde berichtet, die Frau habe den König ermordet, um Verwandte zu rächen. Das germanische Ildiko wiederum bedeutet „Hildchen“, eine Verniedlichung jedes Frauennamens, der mit „Hild“ beginnt oder endet – wie etwa Kriemhild.
2. DER UNTERGANG DER BURGUNDER
Die Burgunder zogen spätestens im 3. Jahrhundert n. Chr. aus ihrer Heimat zwischen Weichsel und Oder in Richtung des römischen Imperiums. Im Jahr 407 gründete ihr König Gundahar am Mittelrhein ein Reich, zu dem auch Worms gehörte. Doch 436 besiegte der römische Heermeister Flavius Aëtius die Burgunder in einer fürchterlichen Schlacht. Gundahar und fast alle seine Adeligen fielen. Zu den Truppen des Aëtius gehörten hunnische Krieger, die damals mit Rom verbündet waren.
Die überlebenden Burgunder siedelte Aëtius in Gallien an, wo sie sich schließlich in jener Region niederließen, die bis heute ihren Namen trägt. Dort herrschten noch fast 100 Jahre lang Könige – einem traditionellen Brauch folgend oft mehrere Brüder gemeinsam. Auch ist für die Burgunder typisch, dass Männer einer Familie ähnliche Vornamen trugen. Eine Rechtssammlung überliefert den König Gibica und dessen Söhne Gundahar, Gislahar und Gundomar.
Die Ähnlichkeit zu den drei Königen des Nibelungenliedes ist stark, auch wenn niemand sagen kann, ob je wirklich drei Brüder mit den Namen aus dem Epos bei den Burgundern regierten.
3. THEODERICH, DER OSTGOTENKÖNIG
Auch die Ostgoten waren schon durch halb Europa gezogen, als um 454 Theoderich aus der adeligen Familie der Amelungen geboren wurde. Der junge Mann musste mehrere Jahre als Geisel in Konstantinopel leben. Später wurde er König der Ostgoten und oströmischer Heerführer – und 488 im Auftrag Ostroms nach Italien entsandt, um dort Germanenstämme zu bekämpfen. In Italien eroberte sich Theoderich, abgesegnet vom Kaiser in Konstantinopel, ein eigenes Reich. Bis zu seinem Tod im Jahr 526 regierte er als einer der mächtigsten Herrscher der Völkerwanderungszeit in seinen Residenzstädten Ravenna und Verona. Aus dem Namen Verona wurde durch Lautverschiebung im Mittelhochdeutschen „Bern“. Und aus Theoderich: „Dietrich“.
Gewaltige Schlachten, Glanz, dann jähe Katastrophe und Erlöschen – dreimal wiederholt sich das Muster. Die Burgunder verlieren nicht nur gegen Aëtius und die Hunnen, ihr Restreich wird im 6. Jahrhundert von den Franken erobert. Das Hunnenreich zerfällt bald nach Attilas Tod, das Ostgotenreich überdauert Theoderichs Dahinscheiden nur um wenige Jahrzehnte. Und so wird wohl schon bald die Geschichte der drei untergegangenen Reiche zur Sage, werden die dramatischsten Ereignisse und bedeutendsten Persönlichkeiten zur Inspiration der Liedersänger, werden Schicksalsstränge der Burgunder, Hunnen und Ostgoten zu einer neuen, dann immer wieder variierten Geschichte verwoben.
Noch andere Motive der Sage deuten auf die Jahrhunderte der Völkerwanderung hin – vor allem der Nibelungenschatz. Der wird meist als „Hort“ bezeichnet, was „verborgener Schatz“ meint. Tatsächlich sind in der Zeit zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert, das belegen heutige Funde, häufig Kostbarkeiten versteckt worden: Gold, Silber, Münzen, Geschirr, Waffen und Schmuck. Mal vergrub man sie aus Angst vor heranrückenden Feinden, mal gingen sie in Flüssen verloren, wenn Plünderer über die Gewässer setzten.
So sind in Neupotz bei Speyer (rund 70 Kilometer südlich von Worms) in einem Altarm des Rheins mehr als 1000 Münzen, Messer, Schalen, Siebe, Teller und andere Metallobjekte gefunden worden: gut 700 Kilogramm insgesamt, die wertvollsten Stücke aus Silber. Wahrscheinlich sind sie um das Jahr 260 von plündernden Germanen im römischen Gallien geraubt worden und bei der Rückkehr über den Rhein verloren gegangen. Legenden von Helden und Schätzen sind zwar nicht Historie im wissenschaftlichen Sinn, sind keine Berichte „so, wie es gewesen ist“. Und Dietrich von Bern alias Theoderich kann ja niemals Etzel alias Attila begegnet sein, da der Hunne bereits tot war, als Theoderich geboren wurde.
Möglich auch, dass niemals exakt bei Worms ein großer Hort im Rhein verschwunden ist – sondern dass Berichte von anderen Desastern am Rhein, wie etwa dem zu Neupotz, aus dramatischen Gründen an den Burgunderhof verlegt worden sind. Die Nibelungensagen gleichen also mehr einem Echo auf jene historischen Umwälzungen des 5. und 6. Jahrhunderts und sind ein Versuch, sie sich immer wieder neu zu erklären. Und womöglich sind sie auch ein Echo eines noch weitaus ferneren Zeitalters: der Antike.
Sicher ist, dass das Nibelungenlied unter einem dünnen christlichen Firnis (Kriemhild und Brünhild etwa streiten auf den Stufen des Wormser Münsters vor dem Kirchgang) uralte heidnische Mythen bewahrt: Siegfried tötet einen Drachen, besitzt magische Waffen, er bezwingt einen Zwerg und setzt ihn zum Hüter des Schatzes ein. Und die jungfräulich-mächtige Brünhild im fernen Island ähnelt den Walküren, jenen weiblichen kriegerischen Geistern, die gefallene Kämpfer vom Schlachtfeld heben. Bewahrt die Sage aber womöglich auch noch Relikte aus den Jahrhunderten zwischen jener mythischen Vorzeit und der Völkerwanderung auf?
Seit etwa 1830 vertreten immer wieder Gelehrte die These, dass Siegfried ebenfalls ein reales Vorbild hat: in Arminius, dem Cheruskerfürsten, der im Jahre 9 n. Chr. die Legionen des Varus vernichtete. Manche Indizien, die für diese Vermutung bemüht wurden, grenzen ans Absurde: So soll der Drache – „Lindwurm“ in den meisten germanischen Sagen – Symbol für die in langen Reihen marschierenden Legionäre sein. Und der Hort des Nibelung sei in Wahrheit der gewaltige Schatz gewesen, den der siegreiche Arminius erbeutet habe.
Andere Indizien hingegen sind nicht so einfach von der Hand zu weisen: Schon die ältesten Versionen der Sage spielen ja an Rhein und Donau – und mithin im antiken Grenzgebiet zwischen Imperium Romanum und freiem Germanien. Siegfried stammt zudem aus Xanten. Dieser Ort war in der Antike ein Legionslager, das in der Nähe des Cheruskergebiets lag. Arminius, der ja lange als Soldat im römischen Heer kämpfte, mag hier einen Teil seiner Dienstzeit verbracht haben. Manche Sagenversionen verbinden den Hirsch mit Siegfried, so erscheint dieses Tier einmal in einem Traum als Symbol für den Recken. „Hiruz“ aber nannten sich die Cherusker selbst, die „Hirschleute“.
Und schließlich ist da noch der Name: „Arminius“ ist lateinisch, nur diesen Namen überliefern antike Geschichtsschreiber für den Cheruskerfürsten. Tacitus immerhin nennt zusätzlich die germanischen Namen von Vater, Schwiegervater und Schwager des Arminius: Alle beginnen mit der Vorsilbe „Sieg“/„Seg“. Immerhin möglich, dass – analog zu den Burgundern und anderen Germanenvölkern – auch der ursprüngliche Name des Arminius im Gleichklang mit denen seiner Verwandten war, also mit „Sieg“ oder „Seg“ begann.
Dennoch bleibt die Verbindung von Sagengestalt zu realer Person letztlich willkürlich. Wie die Figur Siegfried tatsächlich entstanden ist, bleibt bis heute schwer erklärlich – und ebenso sein großer Widersacher Hagen von Tronje. Beide Heroengestalten mögen irgendwie auf echte Krieger zurückgehen, doch bleiben deren Taten wohl für immer im Dunkeln, sind bis zur Unkenntlichkeit im Mythos verändert worden. Zum Mythos aber ist auch das gesamte Nibelungenlied geworden: zu einem modernen, finsteren Mythos.
Im 18. Jahrhundert entdecken Gelehrte mittelalterliche Handschriften der fast vergessenen Sage wieder, 1782 wird sie erstmals vollständig gedruckt – auch wenn der stolze Herausgeber der Verse vom Preußenkönig Friedrich dem Großen mit einem Brief von erlesener Unhöflichkeit bedacht wird: „Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuss Pulver wert und verdienen nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden.“ Rund zwei Jahrzehnte später jedoch hat sich diese Einschätzung deutlich geändert: Die deutschen Staaten sind von Napoleon besetzt, man kämpft gegen den scheinbar übermächtigen Franzosenkaiser – auch auf dem Feld der Kultur. Nicht mehr höfisch-französisch, am besten nicht einmal romanischrömisch soll das militärisch und politisch gedemütigte Deutschland sein, es soll sich auf eine „eigene“ Kultur und Vergangenheit besinnen.
Ab etwa 1800 verstehen die Menschen in den deutschen Landen daher das Nibelungenlied als Nationalepos: als urdeutsches, uraltes und kämpferisches Werk. Soldaten erhalten Feldausgaben zur Erbauung mit, selbst der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe zeigt sich vom Text berührt und doziert darüber in Weimar. In mehreren Volksausgaben wird der Stoff populär, der Dramatiker Friedrich Hebbel sowie eine ganze Reihe weniger begabter Theaterautoren bringen die Geschichte in zehn Fassungen auf die Bühne.
Doch niemand erzielt eine größere Wirkung als der Komponist Richard Wagner, der ab 1848 am „Ring des Nibelungen“ arbeitet. Wagner interessiert sich bald vor allem für die mythische, unhistorische Dimension der Geschichte, weshalb er weniger das um 1200 entstandene Nibelungenlied adaptiert als die älteren, nordischen Sagenversionen. So zelebriert seine im Sommer 1876 uraufgeführte Opern-Tetralogie beispielsweise das Walten der Götter und Walküren. Die Wagnersänger in Fellkleidern, Flügelhelmen und mit klobigen Waffen (Kreationen, die der Komponist selbst abscheulich findet) werden auf Jahrzehnte hinaus das Germanenbild der Öffentlichkeit bestimmen.
Als der „Ring des Nibelungen“ uraufgeführt wird, ist das neu gegründete Deutsche Reich gerade fünf Jahre alt. Bismarcks politische Schöpfung ist im Krieg entstanden – und die kämpferischen Tugenden der Sage, das Gewalttätige und Urtümliche der Recken werden gewissermaßen zur Reichsideologie verklärt, Deutschland wird in einem Lobgedicht zum „Nibelungenland“ erhöht. 1909 erklärt Kanzler Bernhard von Bülow im Reichstag Deutschlands „Nibelungentreue“ zu Österreich-Ungarn; damit wird also ein politisches Bündnis zweier moderner Staaten mit einer mythischen Gefolgschaft gleichgesetzt – mit den Burgundern/ Nibelungen nämlich, die in der brennenden Königshalle unbeirrt zusammenstehen.
Dass dies in der Sage zum Untergang führt, scheint weder den Kanzler noch seine Zuhörer sonderlich zu beunruhigen. Und 1914, da nun tatsächlich der Weltenbrand lodert, erhebt ein Reichstagsabgeordneter den „waffengewaltigen, stolzen, grimmen Hagen“ gar zum „Sinnbild Preußen-Deutschlands“. Heute ist es schwer verständlich, dass im deutschen Kaiserreich ausgerechnet die dem Untergang geweihten Nibelungen zu Vorbildern erklärt werden – vor allem der Heldenmörder Hagen, der sein Leben ja als hilflos Gefesselter verliert. Mag sein, dass sich hier eine heimliche Lust an der Apokalypse zeigt, ein uneingestandener Überdruss an der modernen Welt, eine selbstmörderische Sehnsucht, im eigenen Ende die ganze Gemeinschaft mitzureißen.
Als das Beschworene allerdings in gewisser Weise tatsächlich eintritt, als mit dem verlorenen Weltkrieg 1918 zumindest das Kaiserreich untergeht, ist der Nibelungenmythos keineswegs zerstört. Im Gegenteil: Er wandelt sich nur – und Siegfried ersetzt Hagen. Die „Dolchstoßlegende“ kommt auf, die Mär, das im Feld eigentlich unbesiegte deutsche Heer sei in der Heimat von Sozialisten, Kommunisten und Juden entscheidend getroffen worden. Besonders wirkungsvoll wird diese Legende, weil sie der ehemalige Oberbefehlshaber Paul von Hindenburg verkündet – und der vergleicht Deutschlands „ermattete Front“ mit „Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen“.
Auch Adolf Hitler schreibt schon 1923 vom „deutschen Siegfried“. Als die Nationalsozialisten zehn Jahre später an die Macht kommen, ist die Nibelungensage längst Teil ihrer Ideologie. So sind die Burgunder, die im Kampf zusammenstehen, in ihren Augen „Volksgenossen“. Und im Januar 1943, da die eingeschlossene 6. Armee in Stalingrad verblutet, spricht Hermann Göring im Radio: „Wir kennen ein gewaltiges, heroisches Lied von einem Kampf ohnegleichen, das hieß ‚Der Kampf der Nibelungen‘. Auch sie standen in einer Halle von Feuer und Brand und löschten den Durst mit eigenem Blut – aber sie kämpften und kämpften bis zum Letzten. Ein solcher Kampf tobt heute dort.“
Selbst als sich 1945 die Apokalypse vollendet, schlimmer wohl, als sie sich der Dichter des Nibelungenliedes je hätte ausmalen können, bleibt der Mythos bestehen. Zwar spricht danach kein ernstzunehmender Politiker mehr von „Nibelungentreue“, zwar sind Siegfried und Hagen als politische Vorbilder verweht. Doch die halb archaische, halb überzeitliche Faszination einer Erzählung von Mut und Treue, Verrat und Mord ist ungebrochen. Nur sechs Jahre nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands wird im stets von Hitler geförderten Bayreuth „Der Ring des Nibelungen“ wieder aufgeführt.
Und die Sagenwelt von Drachen und Zwergen, von heroischen Schwertkämpfen, von langen Zügen weniger Getreuer, von dem fluchbeladenen Schatz ist längst in der Fantasy-Literatur aufgegangen. Der alte Mythos, der in der Germanenzeit wurzelt, ist zum modernen Mythos einer wieder verzauberten Welt geworden: Mittelerde als Gegen-Erde, die all das bietet, was die moderne Zeit nicht mehr zu geben scheint.
Niemand hat die Sagen geschickter verwoben und umgestaltet als der englische Autor J. R. R. Tolkien, einst Gelehrter in Oxford und ein Kenner alter nordischer Mythen. In seinem Roman „Herr der Ringe“ lassen sich unschwer die Helden und Finsterlinge, die Kriegszüge und Zweikämpfe und selbstverständlich der Hort der Nibelungen wiedererkennen. Eigentlich kein Wunder, dass gerade die Deutschen bei einer großen Umfrage 2004 dieses Werk zum „beliebtesten Buch“ überhaupt gewählt haben. Ein Nationalepos, noch immer.
3. Siegfried von Xanten. Hauptfigur der Nibelungensage
Darstellung Sigurds in einer schwedischen Ausgabe der Liederedda, 1893.
Siegfried von Xanten gehört zu den bekanntesten Sagengestalten des Mittelalters und spielt eine zentrale Rolle im ersten Teil des Nibelungenliedes aus dem 13. Jahrhundert. In seiner Person verschmelzen mehrere historische Persönlichkeiten der Völkerwanderungszeit zur Figur eines mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten, nahezu unverwundbaren Helden, der schließlich einem heimtückischen Verrat seiner engsten Vertrauten zum Opfer fällt.
Die verschiedenen, unabhängig voneinander entstandenen Varianten der Nibelungensage im deutschen und skandinavischen Sprachraum datieren in das ausgehende 12. und frühe 13. Jahrhundert und beruhen vermutlich auf älteren, damals weit verbreiteten, heute jedoch nicht mehr nachweisbaren schriftlichen und mündlichen Überlieferungen aus der Zeit der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters. Die Verfasser der mittelalterlichen Sagen agierten jedoch nicht als Geschichtsschreiber und Chronisten. Ihre Werke dienten vielmehr der Unterhaltung und Belehrung und weisen einen starken Gegenwartsbezug zur gesellschaftlichen, politischen und höfischen Aktualität des Hochmittelalters auf. Auf diese Weise wurden in der Nibelungensage verschiedene, teilweise historisch belegbare, aber zeitlich weit auseinander liegende Ereignisse und Personen des 5. und 6. Jahrhunderts zu einer neuen Gesamtgeschichte verwoben und mit mythologischen Elementen angereichert.
Die bekannteste Darstellung der Erzählung über den Aufstieg und Fall des Königssohns Siegfried findet sich im so genannten „Nibelungenlied", das vermutlich am Ende des 12. Jahrhunderts in Passau niedergeschrieben wurde. Der anonyme Verfasser verortet die Herkunft Siegfrieds an den Niederrhein. In der vermutlich ältesten erhaltenen Überlieferung des Nibelungenliedes, der in der Mitte des 13. Jahrhunderts niedergeschriebenen und 2005 von Hermann Reichert publizierten St. Galler Handschrift, heißt es:
Dô wûohs in Niederlanden eins vil edelen küneges kint,
des vater, der hiez Sigemunt, sîn muoter Sigelind,
in einer rîchen bürge, wîten wol bekannt,
nidene bî dem Rîne. diu was ze Santen genant.
Der Germanist Karl Simrock veröffentlichte 1827 die erste Übertragung des mittelhochdeutschen Originaltextes ins Neuhochdeutsche. Die Passage über Siegfrieds Abstammung übersetzte er wie folgt:
Es wuchs in Niederlanden eines edeln Königs Kind,
sein Vater hieß Siegmund, seine Mutter Siegelind,
in einer reichen Veste, ferne wohlbekannt,
tief unten an dem Rheine; sie war Burg Santen genannt.
Diese genaue Lokalisierung findet sich in den nordischen Varianten der Sage nicht.
Der Sage folgend verlässt Siegfried, nachdem er seine Jugend in Xanten verbracht hat, den Hof seiner Eltern mit dem Vorhaben, um die burgundische Prinzessin Kriemhilde zu werben. Bevor er jedoch nach Worms an den Hof des Burgunderkönigs Gunther, dem Bruder Kriemhilds, gelangt und dessen Vasall wird, besteht Siegfried zahlreiche Abenteuer. So tötet er einen Drachen, in dessen Blut er badet und mit Ausnahme einer Stelle zwischen den Schulterblättern, auf die ein Lindenblatt fällt, unverwundbar wird. Außerdem gerät er in den Besitz des Schatzes des Königs Nibelung, nachdem er diesen und dessen Söhne samt ihrem Gefolge mit dem Schwert Balmung (in der nordischen Mythologie: Gram; in der Oper Richard Wagners: Notung) getötet und auch den Wächter des Hortes, den Zwerg Alberich im Zweikampf besiegt hat.
Obwohl ihm bereits der Ruf eines unbezwingbaren Helden vorauseilt, unterwirft sich Siegfried Gunther, dem wankelmütigen, leicht beeinflussbaren Herrscher Burgunds und erweist sich bald als dessen unverzichtbarer Heerführer und Berater. Nachdem er Gunther auch bei der Brautwerbung um die isländische Königin Brunhild entscheidend und listenreich unterstützt hat, erhält Siegfried Kriemhild zur Frau, mit der er danach mehrere Jahre am Königshof seiner Eltern in Xanten lebt.
Während eines Aufenthalts in Worms entbrennt ein folgenschwerer Machtkampf zwischen Kriemhild und Brunhild, den Hagen von Tronje, ein einflussreicher Vasall und Berater König Gunthers, für seine Zwecke auszunutzen versteht. Siegfried wird das Opfer einer Verschwörung, in die das gesamte burgundische Herrscherhaus verwickelt ist. Hagen von Tronje initiiert den Verrat, erwirbt sich das Vertrauen Kriemhilds und gewinnt dadurch Kenntnis über die verwundbare Stelle zwischen Siegfrieds Schulterblättern. Dieses Wissen nutzend, ermordet er Siegfried, während sich dieser nach einer Jagd an einer Quelle erfrischt, indem er ihn rücklings mit einem Speer durchbohrt. Im zweiten Teil des Nibelungenliedes wird die Rache Kriemhilds beschrieben. Siegfrieds heimtückische Ermordung dient hier als Motiv für die Vernichtung der Burgunder am Hof des Hunnenkönigs Etzel. Dieser zweite Abschnitt des Nibelungenliedes geht in seinem Kern auf die Auseinandersetzungen zwischen Burgundern, Hunnen und Römern in der Mitte des 5. Jahrhunderts zurück, die in der Zerschlagung des Burgunderreiches im Jahr 436 gipfelten. Demgegenüber findet der erste Teil und mit ihm die Geschichte Siegfrieds seinen historischen Ursprung in den über Jahrzehnte andauernden Konflikten zwischen Franken und Burgundern im ausgehenden 5. und im 6. Jahrhundert. Vermutlich handelt es sich bei den beiden Teilen des Nibelungenliedes um zwei ursprünglich eigenständige Erzählungen, deren Inhalte zu einer Gesamtgeschichte zusammengefügt wurden.
Siegfried erweckt Brünnhilde, Stich, um 1892, nach einer Vorlage von Otto Donner von Richter (1828-1911).
Eine Identifikation der mythologisch verfremdeten Sagengestalt Siegfrieds mit einer einzigen historischen Persönlichkeit ist auszuschließen. Vielmehr vereint sie, wie auch andere Figuren der Sage, biographische Elemente eines Kreises von mehreren Personen. Als besonders aufschlussreich erweist sich bei der Suche nach dem historischen Siegfried die von Gregor von Tours (538-594) verfasste Biographie des fränkischen Königs Chlodwig I. (466-511), der nicht nur als Einer der fränkischen Teilreiche, sondern auch als skrupelloser und heimtückischer Herrscher in die Geschichte eingegangen ist. Obwohl sich diese Charaktereigenschaften nur schwer mit dem Mythos des Helden Siegfried vereinbaren lassen, bietet Chlodwigs Lebensgeschichte zahlreiche interessante Parallelen zu Personen und Ereignissen im Nibelungenepos. So heiratete er im Jahr 501 Chrothechildis (474-544), die Nichte des Burgunderkönigs Gundobad (Regierungszeit 480-516). In vergleichbarer Konstellation treten Kriemhilde und Gunther als Hauptfiguren mit unmittelbarem verwandtschaftlichem Bezug zu Siegfried in der Nibelungensage auf. Auch der Mythos des Nibelungenschatzes könnte auf die zahlreichen erfolgreichen Feldzüge Chlodwigs zurückzuführen sein, auf die sich sein sprichwörtlich gewordener unermesslicher Reichtum gründete. In der Schlacht von Poitiers besiegte Chlodwig 507 den Westgotenkönig Alarich II. (Regierungszeit 484-507), dessen Name in Verbindung mit dem sagenhaften Zwergenkönig und Hüter des Nibelungenhortes Alberich gebracht werden kann.
Auch Chlodwigs Enkel Sigibert (535-575), der als König über Austrasienherrschte, wird in Verbindung mit der Siegfriedsage gebracht. Gleiches gilt für den Burgunderkönig Sigismund (Regierungszeit 516-524) und für den in Köln residierenden und Teile des Rheinlands beherrschenden fränkischen Herrscher Sigibert. Letzterer fiel, wie Siegfried in der Sage, während einer Jagd einem Meuchelmord zum Opfer.
Heinrich Gudehus (1845-1909) schmiedet als Siegfried.
Bereits im frühen 19. Jahrhundert wurde eine Identifikation Siegfrieds mit dem Cheruskerfürsten Arminius (17 vor Christus - 21 nach Christus) in Erwägung gezogen. Siegfrieds legendärer Kampf gegen den Drachen hätte nach dieser These in der Vernichtung dreier römischer Legionen durch das germanische Herr des Arminius im Jahr 9 nach Christus seinen Ursprung. Der mit dem Nimbus der Unbesiegbarkeit behaftete Heereszug unter der Führung des römischen Statthalters Publius Quinctilius Varus (47 vor Christus – 9 nach Christus) wäre demnach in der über Jahrhunderte mündlich weitergegebenen Überlieferung zur mythologischen Gestalt des nahezu unverwundbaren Lindwurmes stilisiert worden. Diese These erlebte durch die Entdeckung des historischen Schauplatzes der Varusschlacht in Kalkriese bei Osnabrück eine Neubelebung.
Da in der Figur Siegfrieds offensichtlich die Biographien verschiedener historischer Personen verschmelzen, bleiben auch die Angaben zu seiner rheinischen Herkunft im Nibelungenlied fraglich. Allenfalls ist zu vermuten, dass eine der historischen Figuren, aus der sich die mythologische Siegfriedgestalt entwickelte, in Verbindung mit einer am Niederrhein ansässigen fränkischen Fürstenfamilie gebracht werden könnte. Die präzise Lokalisierung seines Geburtsortes in Xanten, die sich in den vergleichbaren nordischen Varianten der Siegfriedsage nicht findet, bietet hierzu allerdings den einzigen Hinweis.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlangte die Nibelungensage neue Popularität und wurde, vor dem Hintergrund der napoleonischen Befreiungskriegeund der Forderungen nach einer nationalen Einigung der deutschen Einzelstaaten, zum deutschen Nationalepos erhoben. Seit dieser Zeit ist sie auch zum Gegenstand der literarischen, historischen und archäologischen Forschung geworden. Im Zuge dieser Entwicklung glaubte Karl Simrock den Drachenfels im Siebengebirge als Schauplatz des Kampfes zwischen Siegfried und dem Lindwurm identifizieren zu können.
Simrocks Lokalisierung des Drachenkampfes machte aus Siegfried eine der wichtigsten Figuren der Rheinromantik. Bis in die Gegenwart hat der Mythos um Siegfried und die Nibelungen, trotz seiner ideologischen und propagandistischen Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten, nichts von seiner Faszination eingebüßt.
4. Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer
1. „Teutschlands Strom…“ – Kampf um die Rheingrenze
Der Rhein als natürliche Grenze des eigenen Staates, das ist eine französische Idee, deren Ursprünge zurück in das 15. Jahrhundert reichen. Nach dem Ende des Hundertjährigen Krieges hatte das französische Königreich zwar die Engländer erfolgreich vom Kontinent vertrieben, es blieb aber die unangenehme Bedrohung bestehen, durch das Haus Habsburg zwischen dem spanischen Reich und dem deutschen Reich im Zangengriff gehalten zu werden.
Das Zeitalter der Renaissance brachte nicht nur die Wiederentdeckung der Antike und der antiken Schriften wie etwa „De bello gallico“ von Julius Caesar (110-44 v. Chr.); es kam auch zur Identifikation und Gleichsetzung Frankreichs mit dem alten Gallien. Der Lothringer Jean le Bon veröffentlichte 1568 ein Pamphlet mit dem Titel „Le Rhin au Roy“, das sich mit „Der Rhein gehört dem König“ übersetzen lässt. In diesem Werk forderte er daher ganz deutlich, das französische Herrschaftsgebiet bis zum Rhein auszudehnen, um das ganze alte Gallien wieder erstehen zu lassen: „Wenn Paris den Rhein trinkt, hat ganz Gallien sein Ende wieder“.
Diese Forderung spielte fortan im Verhältnis Frankreichs zu der Vielzahl von östlichen Nachbarn eine keineswegs unbedeutende Rolle. Im 17. Jahrhundert gehörte die finanzielle Unterstützung der rheinischen Kurfürsten von Köln, Mainz und Trier zum beliebten Instrument französischer Politik, um das innere Mächtegleichgewicht des Deutschen Reiches zu beeinflussen und die Habsburger nicht allzu sehr erstarken zu lassen. Frankreich konnte mit dem Zugewinn des Elsass die Grenzen bis an den Oberrhein vorschieben und sogar einen kurzlebigen Rheinbund ins Leben rufen. Die französische Expansions- und Annexionspolitik wurde ganz selbstverständlich als „Reunion“, also als „Wiedervereinigung“ mit Frankreich, bezeichnet.
Am Anfang des 17. Jahrhunderts war auch erstmals der Staat zu territorialen Besitzungen am Rhein gekommen, der später – nolens volens – zum großen Gegenspieler Frankreichs und zur Schutzmacht des Rheinlandes werden sollte: das Kurfürstentum Brandenburg-Preußen. Kurfürst Johann Sigismund (1572-1619) konnte im Jülisch-Klevischen-Erbfolgestreit nach dem Tod des kinderlos gebliebenen Herzogs Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Mark (1562-1609) seine Ansprüche behaupten und hatte 1614 im Vertrag von Xanten aus der Erbmasse das Herzogtum Kleve sowie die Grafschaften Mark und Ravensburg erhalten. Die große Bedeutung, welche die preußischen Westprovinzen im 17. Jahrhundert bei der Ausweitung des Staates gehabt hatten, verloren sie im 18. Jahrhundert wieder. Das Hauptaugenmerk der preußischen Politik lag wieder im Osten. König Friedrich II. (Regierungszeit 1740-1786) strebte hier nach Zugewinn und entriss Österreich in drei Kriegen ab 1740 Schlesien.
In den ersten beiden Kriegen waren Preußen und Frankreich noch Verbündete gegen Österreich gewesen. Beide hatte das Bemühen, die Vorherrschaft der Habsburger im Deutschen Reich zu schwächen, geeint. Doch der britisch-französische Gegensatz in den Kolonien bewirkte ab 1754 in Europa eine „Umkehrung der Allianzen“ (Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi - 1773-1842 - beziehungsweise Richard Waddington, 1838-1913). Das mit Russland in Absprachen verbundene Großbritannien verbündete sich mit Preußen, um sein Kurfürstentum Hannover zu schützen. Preußen durchbrach damit die von Österreich zur Rückgewinnung Schlesiens angestrebte außenpolitische Isolierung. Frankreich näherte sich Österreich an, um den französisch-habsburgischen Gegensatz zu entschärfen und einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden.
Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) kämpfte Frankreich daher erstmals als Verbündeter zusammen mit Österreich. Als Folge dieser neuen Allianz griff es nach den preußischen Provinzen am Rhein und besetzte sie während des gesamten Krieges. Preußen hatte weder die Macht noch den Willen, eine Rückeroberung zu versuchen. Der preußische König Friedrich II. zeigte sogar Verständnis für die französische Forderung nach der Rheingrenze, den preußischen Gebieten am Rhein maß er keine große Bedeutung bei.
Als die französische Monarchie unterging, brachen die Protagonisten der Französischen Revolution von 1789 zwar mit vielen Traditionen, aber beileibe nicht mit allen. Die außenpolitischen Interessen Frankreichs wiesen eine erstaunliche Kontinuität auf: die führenden Persönlichkeiten übernahmen die alte Forderung nach der Rheingrenze. In der Nationalversammlung legten sich die Abgeordneten im Dezember 1791 auf die Grenzen Frankreichs fest: „Vom Rhein bis zu den Pyrenäen, von den Alpen bis zum Ozean“. Damit verfestigte sich die Rheingrenze als Bestimmung und Schicksal Frankreichs. Jetzt war es nicht mehr die Idee eines Monarchen, sondern des Volkes. 1794 besetzten die Revolutionstruppen das linksrheinische Gebiet und errichteten zunächst eine provisorische Verwaltung, die wenige Jahre später in die französische Staatsverwaltung überging. Die Umgestaltung der Verwaltung des neu gewonnen Gebietes ging einher mit der wirtschaftlichen Umverteilung des Besitzes der durch die Säkularisation seit 1802 enteigneten Stifte, Klöster und Konvente.
Ermöglicht worden war dies durch den zunächst heimlichen Verzicht auf die linksrheinischen Gebiete des Deutschen Reiches durch Preußen im Frieden von Basel 1795 und Österreich im Frieden von Campo Formio 1797. Schließlich folgte die öffentliche Abtretung an Frankreich im Frieden von Lunéville 1801. Tatsächlich lag von 1794 bis 1814 die Grenze des französischen Staatsgebietes am Rhein.
Darüber hinaus formte der französische Kaiser Napoleon Bonaparte (1769-1821) mit dem 1806 ins Leben gerufenen „Rheinbund“ einen Gürtel von deutschen Satellitenstaaten, die nicht nur als französisches Vorfeld dienten, sondern auch noch Soldaten für seine zahlreichen Feldzüge stellten. Zudem waren einige eng mit der Familie Napoleons verbunden: Großherzog des neu geschaffenen Großherzogtums Berg war zunächst bis 1808 Napoleons Schwager Joachim Murat (1767-1815), dann Napoleons vierjähriger Neffe Napoleon Louis Bonaparte (1803-1831). Für diesen übernahm Napoleon selbst die Regentschaft.
In das ebenfalls neu errichtete Königreich Westfalen setzte Napoleon als König seinen jüngsten Bruder Jérôme Bonaparte (1784-1860) ein. Beide Staaten erhielten eine moderne Verwaltung und verstaatlichten die geistlichen Besitztümer. Auch Baden, Württemberg und Bayern konnten sich den Reformideen nicht entziehen. Sie erneuerten ebenfalls ihre Verwaltungen und führten die Säkularisation durch.
Nonnenwerth, Rolandseck und Drachenfels, Gemälde von Arnold Forstmann (1842-1914 oder später), um 1870, Original im Stadtmuseum Bonn.
Die französische Besetzung des Rheinlandes und die Vorherrschaft der Franzosen in Europa trafen trotz aller Modernisierung auf zunehmende Ablehnung. Sie gründete vor allem auf den wirtschaftlichen Fesseln der Zollgrenze am Rhein und der Kontinentalsperre sowie den stetigen Einberufungen von Soldaten. Ideologisch wurde sie aufgeladen durch einen neu erwachten nationalen Selbstbehauptungswillen. Das 1806 untergegangene Deutsche Reich beziehungsweise dessen mittelalterliche Blüte wurde romantisierend als „gute alte Zeit“ verklärt und mit Sehnsüchten nach neuer nationaler Größe verknüpft.
Die anti-napoleonische Haltung zeigte sich zuerst bei den Intellektuellen. Heinrich von Kleist (1777-1811), der 1793 am Feldzug gegen Frankreich teilgenommen hatte, wandte sich trotz anfänglicher Begeisterung für die Ideen der französischen Revolution nach der Besetzung Preußens gegen die napoleonische Herrschaft. Zwischen 1806 und 1808 schrieb er das Stück „Die Hermannsschlacht“, welches den Kampf zwischen dem Germanen Arminius (Deutsche) und dem Invasoren Varus (Franzosen) behandelt. In seiner 1809 entstandenen Ode „Germania an ihre Kinder“ heißt es aufrüttelnd:
Die des Maines Regionen,
Die der Elbe heitre Aun,
Die der Donau Strand bewohnen,
Die das Odertal bebaun,
An des Rheines Lauben sitzen,
Von dem duftgen Mittelmeer,
Von dem Riesenberge Spitzen,
Von der Ost und Nordsee her!
[Chor]
Horchet! – Durch die Nacht, ihr Brüder,
welch ein Donnerruf hernieder?
Stehst Du auf, Germania?
Ist der Tag der Rache da?
Wer nicht nur auf den Tag der Rache warten wollte, engagierte sich gegen Napoleon. Allerdings konnte das Aufbegehren zur Flucht ins Exil führen. Ernst Moritz Arndt, geboren in Groß-Schoritz (heute Ortsteil von Garz) auf der Insel Rügen, die damals noch zu Schweden gehörte, war seit 1801 Privatdozent und 1806 Professor an der Universität Greifswald gewesen. Auf Grund einer anti-napoleonischen Flugschrift musste er nach der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 nach Schweden flüchten. 1809 kehrte er nach Deutschland zurück und ging 1812 auf Einladung des Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherrn vom und zum Stein (1757-1831) als dessen Privatsekretär nach Russland. Während die beiden auf politischer Ebene die Annäherung von Russland und England beförderten, unterstützten sie gleichzeitig den Aufbau der Russisch-Deutschen Legion. Arndt flankierte die Bemühungen mit politischen Kampfschriften in Form von patriotischen Flugschriften, Gedichten und Liedern.
Der Russlandfeldzug Napoleons 1812 endete mit dem Rückzug der französischen Armee und der Hilfstruppen der mit Frankreich verbündeten Staaten. Das militärisch von Napoleon gedemütigte und aus seinen westlichen Gebieten vertriebene Preußen hatte ebenfalls ein Truppenkontingent gestellt. Am 30.12.1812 handelte der preußische General Johann David von Yorck (1759-1830) eigenmächtig einen Waffenstillstand mit den russischen Truppen aus. In dieser Konvention von Tauroggen erklärten sich die preußischen Truppen für neutral. Drei Monate, im März 1813, markierte die Kriegserklärung des preußischen Königs an Frankreich endgültig den Übergang vom Verbündeten zum Gegner und eröffnete die so genannten „Befreiungskriege“. Der Koalition aus Russland und Preußen schloss sich Österreich an. Höhepunkt des Krieges war die „Völkerschlacht“ bei Leipzig im Oktober 1813, in der die Alliierten Napoleon besiegten. Die Reste der geschlagenen französischen Armee zogen sich hinter den Rhein und damit nach Frankreich zurück. Der von Napoleon 1806 geschaffene Rheinbund zerfiel. Die nachrückenden Alliierten erreichten Anfang November den Rhein. Sie besetzten die nördlichen Rheinbundstaaten Westfalen, Berg und Frankfurt und richteten dort Übergangsverwaltungen ein. Die süddeutschen Monarchien wie die in Bayern, Baden und Württemberg blieben von solch einer Auflösung verschont.
Heinrich von Kleist, Gemälde von Peter Friedel, 1801, Zeichnung, Dresden, Original. (Sammlung Otto Krug)
Bereits im Januar 1813 hatte Arndt mit seiner Flugschrift „Was bedeutet Landsturm und Landwehr“ die Volksbewaffnung empfohlen. Nach dem Vorbild des Landsturmedikts des preußischen Königs vom 21.4.1813 rief im Großherzogtum Berg der Interimsverwalter Justus Gruner (1777-1820) am 13./25. Dezember ebenfalls zur Bildung eines Landsturms auf. Er verwies dabei ausdrücklich auf die Männer des Siebengebirges. Tatsächlich hatte sich dort vor der offiziellen Aufstellung eine Bürgerwehr zusammengefunden, die sich nun der „freiwillige Landsturm vom Siebengebirge“ nannte. Die Rheinländer versahen nun den Vorpostendienst an der Rheingrenze.
Wie sehr diese Rheingrenze bereits akzeptiert worden war, zeigt das Zögern der Alliierten den Rhein zu überqueren. In dieser Situation stellte sie ihnen die Frage, ob mit der Befreiung Deutschlands in den Grenzen von 1813 ihre Kriegsziele erreicht worden waren oder nicht. Der österreichische Außenminister Clemens Wenzel Lothar von Metternich plädierte im Sinne des Gleichgewichts der Kräfte für den Erhalt Frankreichs als Großmacht, um eine Vorherrschaft des erstarkten Russlands zu verhindern. Mitte November 1813 boten die Alliierten deshalb dem geschlagenen Napoleon als Verhandlungsbasis für einen Frieden an, Frankreich in seinen natürlichen Grenzen zu erhalten.
Publizistisch schaltete sich nun Arndt mit einer weiteren Publikation in diese Debatte ein. Noch 1813 erschien seine Flugschrift „Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze“. In ihr skizzierte Arndt die Tradition der französischen Rheinpolitik von ihren Anfängen bis zu den „Ungeheuer[n] an der Seine vom Jahre 1790 bis 1800“. Die Naturgrenze eines Volkes argumentierte Arndt, sei nicht eine natürliche Gegebenheit wie ein Fluss, sondern vielmehr der Sprachraum: „was sind die Naturgränzen eines Volkes? Ich sage: die einzige gültigste Naturgränze macht die Sprache.“ So wie die Sprache eine Besonderheit sei, so habe auch das Volk, die Nation, die sie spricht, ihre Besonderheiten in der Rechtsauffassung und in der Politik. Arndt verknüpfte Deutschlands Schicksal mit dem Rhein, denn: „ohne den Rhein kann die teutsche Freiheit nicht bestehen.“ Auch das Gleichgewicht der Kräfte in Europa bemühte Arndt, da „Teutschlands Selbständigkeit und Europens Sicherheit nicht bestehen kann, wenn die Franzosen den Rhein und die jenseits des Rheins liegenden teutschen Lande behalten.“ Nur ein deutscher Rhein könne Europa vor der französischen Vorherrschaft bewahren: „Wenn Frankreich den Rheinstrom mit seinen Landen behält, so behält es nicht nur sein alles Gleichgewicht aufhebendes Übergewicht über Teutschland, sondern auch über das übrige Europa.“
Weitere Publikationen forderten ebenso, dass der Rhein nicht die Grenze Deutschlands sei. Eine anonyme Druckschrift mit dem Titel „Deutschland im rheinischen Bunde und nach seiner Wiedergeburt; oder: der Friede ohne Rheingrenze“ von 1813 formulierte emotional: „Der Rhein sey ein deutscher Strom, und trenne fürder nicht Brüder von Brüdern!“
Damit stützten Arndt und die anderen Publizisten das Drängen des Freiherrn vom Stein und der preußischen Militärs. Sie befürworteten die Fortsetzung des Krieges und das Eindringen nach Frankreich, um Napoleons Machtbasis zu zerschlagen. Da Napoleon das Angebot der Alliierten ignorierte und neue Truppen aushob, entschlossen sich die Alliierten, die Kampfhandlungen wieder aufzunehmen. Den Krieg von 1814 leitete der preußische Generalfeldmarschall Gerhard Leberecht von Blücher (1742-1819) mit dem Rheinübergang bei Kaub in der Neujahrsnacht ein.
Dieses Ereignis begrüßten und bejubelten die Zeitgenossen. Inspiriert von Blüchers Rheinübergang erschien 1814 das Gedicht „Lied vom Rhein“ von Max von Schenkendorf (1783-1817), der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen und an der „Völkerschlacht“ bei Leipzig teilgenommen hatte. Hierin wurde der Rhein als „heilig“ überhöht und seine Freiheit beschworen, Motive, die fortan immer wiederkehren sollten.
Max von Schenkendorf, Lied vom Rhein (1814)
...
Das ist der heil'ge Rhein
Ein Herrscher, reich begabt
Deß Name schon wie Wein,
Die treue Seele labt.
Es regen sich in allen Herzen
Viel Vaterländ'sche Lust und Schmerzen,
Wenn man das deutsche Lied beginnt
Vom Rhein, dem hohen Felsenkind.
...
Wir huld'gen unserm Herrn,
Wir trinken seinen Wein.
Die Freiheit sey der Stern!
Die Losung sey der Rhein!
Wir wollen ihm auf‘s neue schwören,
Wir müssen ihm, er uns gehören!
Vom Felsen kommt er frei und hehr,
Er fließe frei in Gottes Meer!
(2. und 9. Strophe)
Das Überschreiten des Rheins bedeutete das Eindringen nach Frankreich. Das Hineintragen des Krieges nach Frankreich wurde mit Genugtuung aufgenommen und später als Blüchers Verdienst angesehen. Der Rheinübergang legte den Grundstein des späteren Blücher-Mythos als „Marschall Vorwärts“. August Kopisch (1799-1853), der Dichter der „Heinzelmännchen zu Köln“, malte den Moment in dem 1836 erschienenen Gedicht „Blücher am Rhein“ aus:
August Kopisch, Blücher am Rhein (1836)
Blüchers Rheinübergang bei Kaub, Gemälde von Wilhelm Camphausen (1818-1885), 1860. (Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie)
Die Heere blieben am Rheine stehen:
Soll man hinein nach Frankreich gehn?
Man dachte hin und wieder nach,
Allein der alte Blücher sprach:
„Generalkarte her!
Nach Frankreich gehn ist nicht so schwer.
Wo steht der Feind?“ – „Der Feind? – dahier!“
„Den Finger drauf, den schlagen wir!
Wo liegt Paris?“ – „Paris? – dahier!“
„Den Finger drauf, den schlagen wir!
Nun schlag die Brücken übern Rhein!
Ich denke, der Champagnerwein
Wird, wo er wächst, am besten sein!“
Rheinübergänge der alliierten Truppen fanden allerdings auch bei Mannheim und Koblenz statt. Einer der Organisatoren des Landsturms im Rheinland war der preußische Major der Garde-Jäger Ferdinand Wilhelm Franz Bolstern von Boltenstern (1786-1814). Der Landsturm war nur zur Verteidigung der Heimat und nicht für Offensivaktionen vorgesehen, wie Boltenstern sie im Sinn hatte. Anfang Januar 1814 versuchte er im Anschluss an den Rheinübergang Blüchers bei Kaub, einen Angriff bei Mülheim über den Rhein auf Köln auszuführen. Die unerwartete heftige französische Gegenwehr trieb seinen Trupp aus preußischen Jägern, Russen und frisch rekrutierten bergischen Truppen zurück in den Rhein. Boltenstern starb – vermutlich tödlich verwundet – beim Rückzug im Rhein. Sein Leichnam wurde nie gefunden.
Zur gleichen Zeit – möglicherweise als Ablenkungsmanöver gedacht – kam es von der Insel Nonnenwerth aus zu einem Schusswechsel mit französischen Truppen auf der anderen Rheinseite. Dabei wurde der Königswinterer Steinhauermeister Johann Joseph Genger (1774-1814) tödlich verwundet, so dass er einige Tage später starb. Damit hatte der Landsturm im Rheinland – wenn Boltenstern als Organisator dazu gezählt wird – zwei Opfer zu beklagen.
Schon 1814 erhielten Boltenstern und Genger ein Denkmal, gestiftet vom Landsturm. Am Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, am 18.10.1814, war die feierliche Einweihung des von dem Baudirektor des Großherzogtums Berg Adolph von Vagedes (1777-1842) gestalteten Obelisken. Im ganzen Rheinland fanden an diesem Tag Feiern statt, die der Befreiung des Rheinlandes gewidmet waren. Die Idee zu diesen Feiern an diesem Tag stammte von Arndt, der damit ein Zeichen setzen wollte: „Hier aber um den heiligen Rhein von den Bergen über Düsseldorf bis zu den Bergen über Basel und dann auf den Hunsrück und Donnersberg sollen sie unseren uralten Neidern und Widersachern entgegenflammen und melden, welches Fest in Teutschland begangen wird.“
Die siegreichen Alliierten bestimmten auf dem Wiener Kongress 1815 über die territoriale Zukunft Europas. Den wichtigsten und größten territorialen Zugewinn am Rhein erhielt das anfangs zögerliche Königreich Preußen: das Rheinland von der niederländischen Grenze bis zur Nahe. Aus diesem Gebiet entstand alsbald die preußische Rheinprovinz, in der weiterhin der napoleonische Code Civil als „Rheinisches Recht“ Geltung hatte. Die 1818 vom preußischen König gegründete Bonner Universität hatte eigens einen Lehrstuhl dafür eingerichtet. Eine Professur erhielt auch Ernst Moritz Arndt.
Der nicht weit von Bonn entfernte Drachenfels avancierte im 19. Jahrhundert als Kulisse für patriotische Bekenntnisfeiern. Die Turnerbewegung lud 1818 zur Jahresfeier der Völkerschlacht auf den Berg ein, doch bereits ein Jahr später waren solche national denkenden Gruppierungen unter aufmerksamer Beobachtung und die Burschenschaften verboten worden. Die Bonner Studenten zogen 1819 auf den Bonner Kreuzberg. Heinrich Heine, der im Wintersemester 1819/1820 an der gerade eröffneten Bonner Universität Rechts- und Kameralwissenschaften studierte, nahm daran teil, verlegte in seinem Gedicht aber die Kundgebung auf den Drachenfels, um eine höhere Wirkung zu erzielen. Gleichwohl hielt er die für ihn typische ironische Distanz zum Geschehen.
Heinrich Heine, Die Nacht auf dem Drachenfels (Mai 1820)
August Kopisch, Porträt, 1887.
Um Mitternacht war schon die Burg erstiegen,
Der Holzstoß flammte auf am Fuß der Mauern,
Und wie die Burschen lustig niederkauern,
Erscholl das Lied von Deutschlands heilgen Siegen.
Wir tranken Deutschlands Wohl aus Rheinweinkrügen,
Wir sahn den Burggeist auf dem Turme lauern,
Viel dunkle Ritterschatten uns umschauern,
Viel Nebelfraun bei uns vorüberfliegen.
Und aus den Trümmern steigt ein tiefes Ächzen,
Es klirrt und rasselt, und die Eulen krächzen;
Dazwischen heult des Nordsturms Wutgebrause.
Sieh nun, mein Freund, so eine Nacht durchwacht ich
Auf hohem Drachenfels, doch leider bracht ich
Den Schnupfen und den Husten mit nach Hause.
Das Landsturm-Denkmal auf dem Drachenfels verfiel in den folgenden Jahren, so dass 1857 ein neues durch den Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner in Form einer neugotischen Fiale geschaffen wurde, auf dem die Namen der beiden Toten nicht mehr erschienen. 1876 musste auch dieses Denkmal ersetzt werden. Auf Drängen der Familie Boltensterns wurde 1914 an anderer Stelle auf dem Drachenfels ein Obelisk errichtet, der die Namen Boltenstern und Genger wieder aufwies.
Heinrich Heine, Porträt, Foto eines im Original farbigen Ölgemäldes von Colla, um 1825.
2. „Sie sollen ihn nicht haben …“ – Die Rheinkrise 1840
Nach dem Ende der napoleonischen Kriege reisten viele wohlhabende Briten auf ihrer „Großen Tour“ traditionell von England nach Italien und nahmen den Weg den Rhein hinauf. Die von ihnen als natürlich und schön empfundene Rheinlandschaft löste Begeisterung bei den Reisenden aus. Berichte, Briefe und vor allem George Gordon Byrons (1788-1824) Gedicht über „The castled crag of Drachenfels“ sorgten zunächst für einen stetig anschwellenden Strom britischer Touristen, denen bald auch die deutschen Reisenden folgten. Die aufblühende Rheinromantik verwandelte den Fluss endgültig in ein – erreichbares – Ziel der Sehnsucht. Maler, Dichter und Musiker verbreiteten ein verklärtes Bild des Rheinlandes, Buchverleger wie Karl Baedekermit seinen Reiseführern und die aufkommende Dampfschifffahrt trugen ihren Teil dazu bei, sehr viele Menschen an den Rhein zu befördern. Sie genossen den Ausflug, den Rheinwein und die – zumindest zeitweise – Befreiung von den Zwängen der Gesellschaft.
Auch das preußische Königshaus war „vom Zauber des Rheins ergriffen“. Die Burgenfans unter den Hohenzollern erwarben Burgruinen wie die von Rolandseck und ließen sich Burgen nachbauen wie etwa Schloss Stolzenfels.
Karikatur eines englischen Reisenden, aus Richard Doyle, The Foreign Tour of Messrs. Brown, Jones & Robinson, London 1854, Original im Siebengebirgsmuseum.
Mit der wachsenden Bedeutung des Rheins für eine immer breitere Öffentlichkeit fand auch seine politische Aufladung statt. Die Entscheidung des preußischen Königs, im Rheinland den Bau des Kölner Doms zu vollenden, fand in der Kreisen der Nationalbewegung größten Zuspruch. Der Dombau wurde zur nationalen Aufgabe und der zu vollendende Dom zum Symbol für die noch ausstehende Vollendung der deutschen Einheit. Die deutsche Nationenbildung hatte am Rhein ihr sichtbarstes Zeichen erhalten. Die Freiheit des Einzelnen und die Freiheit der Nation waren mit der Freiheit des Rheins nahezu eine Symbiose eingegangen. Daher betrafen Angriffe von französischer Seite auf diese Freiheit die ganze deutsche Nation.
Der deutsch-französische Gegensatz fand in der Rheinkrise von 1840 einen neuen Höhepunkt. Der französische Ministerpräsident Adolph Thiers (1797-1877) hatte in der Orientalischen Frage eine diplomatische Niederlage hinnehmen müssen und suchte ein Ventil für die Empörung im Land. Er richtete sie auf das Rheinland, forderte die Revision der Ergebnisse des Wiener Kongresses von 1815 und erhob den französischen Anspruch auf das linksrheinische Gebiet. Die politischen Spannungen ließen in Deutschland die patriotische Stimmung steigen und es entzündete sich ein Dichterstreit, bei dem diese mit zahlreichen politischen Liedern ein flammendes Bekenntnis zum deutschen Rhein ablegten. Eines der ersten und populärsten Lieder schrieb der in Bonn geborene Nikolaus Becker. Er hatte Rechtswissenschaft studiert und war Gerichtsschreiber am Friedensgericht in Geilenkirchen als er das „Rheinlied“ dichtete. Es erschien am 18.9.1840 in der „Trierischen Zeitung“ und dessen erste Zeilen sollten schon bald in aller Munde sein: „Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein…“
Nikolaus Becker, Rheinlied (September 1840)
Der 'rote' Baedeker, Ausgabe aus dem Jahr 1864, Original im Siebengebirgsmuseum, Foto: Original: Siebengebirgsmuseum.
Sie sollen ihn nicht haben
Den freien deutschen Rhein,
Ob sie wie gierige Raben
Sich heiser danach schrei´n,
So lang er ruhig wallend
Sein grünes Kleid noch trägt,
So lang ein Ruder schallend
In seine Woge schlägt.
Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien, deutschen Rhein,
So lang sich Herzen laben
An seinem Feuerwein.
So lang in seinem Strome
Noch fest die Felsen steh´n,
So lang sich hohe Dome
In seinem Spiegel seh´n!
Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien, deutschen Rhein,
So lang dort kühne Knaben
Um schlanke Dirnen frei´n.
So lang die Flosse hebet
Ein Fisch auf seinem Grund,
So lang ein Lied noch lebet
In seiner Sänger Mund.
Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien deutschen Rhein,
Bis seine Flut begraben
Des letzten Manns Gebein!
Das Lied war so beliebt, dass es auf über 70 Vertonungen kam. Ernst Moritz Arndt kommentierte Beckers Lied mit einem eigenen Gedicht:
Ernst Moritz Arndt, Das Lied vom Rhein an Niklas Becker (1840)
Es klang ein Lied vom Rhein,
Ein Lied aus deutschem Munde,
Und schnell wie Blitzesschein
Durchflog's die weite Runde,
Und heiß wie Blitzesschein
Durchzuckt es jede Brust
Mit alter Wehen Pein,
Mit junger Freuden Lust.
Sein heller Widerklang
Vom Süden fort zum Norden
Ist gleich wie Wehrgesang
Des Vaterlands geworden.
Nun brause fröhlich, Rhein:
Nie soll ob meinem Hort
Ein Welscher Wächter sein!
Das brause fort und fort.
Und stärkrer Widerklang
Gleich Pauken und Posaunen,
Gleich kühnem Schlachtgesang
Klingt Welschland durch mit Staunen –
Es klinget: Neue Zeit
Und neues Volk ist da;
Komm, Hoffart, willst du Streit!
Germania ist da.
Drum klinge, Lied vom Rhein!
Drum klinget, deutsche Herzen!
Neu, jung will alles sein –
Fort, fort die alten Schmerzen,
Der alten Wahne Tand!
Alleinig stehn wir da
Fürs ganze Vaterland,
Jung steht Germania.
Auf der französischen Seite erfolgte in diesem Liederstreit die Antwort durch Alfred de Musset (1810-1857), der unter dem Titel „Le Rhin allemand“ ein Gedicht veröffentlichte:
Alfred de Musset, Le Rhin allemand (1840)
Wir haben ihn gehabt, den deutschen Rhein.
In unserm Glas sahn wir ihn funkeln.
Mit eures Schlagers Prahlerein
Wollt ihr die stolze Spur verdunkeln,
Die unsrer Rosse Huf grub euch ins Blut hinein?
...
Gehört er euch denn, euer deutscher Rhein,
Wascht die Livree darin bescheiden;
Doch mäßigt eure stolzes Schrein.
Wieviele Raben, auszuweiden
Den todeswunden Aar, mögt ihr gewesen sein?
Laßt friedlich fließen euern deutschen Rhein;
Es spiegele sich geruhsam wider
Der Dome gotisches Gestein;
Doch hütet euch, durch trunkne Lieder
Von ihrem blutgen Schlaf die Toten zu befrein.
Heinrich Heine griff den „literarisch-politischen Schlagabtausch“ noch einmal kritisch auf und ließ „Vater Rhein“ in seinem 1844 veröffentlichten „Deutschland. Ein Wintermährchen“ sagen:
Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,
Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!
doch schwerer liegen im Magen mir
die Verse von Niklas Becker.
Lieder wie „Der Rhein“ von Alexander Reiferscheid und „Auf dem Rhein“ von Emanuel Geibel (1815-1884) sind heute kaum noch bekannt. Ebenso ist es dem „Rheinweinlied“ von Georg Herwegh (1817-1875) ergangen, in dem sich in typischer Weise nationaler Pathos mit Rhein, Weib und Gesang verbinden.
Georg Herwegh, Rheinweinlied (Oktober 1840)
Wo solch ein Feuer noch gedeiht,
Und solch ein Wein noch Flammen speit,
Da lassen wir in Ewigkeit
Uns nimmermehr vertreiben.
Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein,
Und wär's nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Herab die Büchsen von der Wand,
Die alten Schläger in die Hand,
Sobald der Feind dem welschen Land
Den Rhein will einverleiben!
Haut, Brüder, mutig drein!
Der alte Vater Rhein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Das Recht' und Link, das Link' und Recht',
Wie klingt es falsch, wie klingt es schlecht!
Kein Tropfen soll, ein feiger Knecht,
Des Franzmanns Mühle treiben.
Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein,
Und wär's nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Der ist sein Rebenblut nicht wert,
Das deutsche Weib, den deutschen Herd,
Der nicht auch freudig schwingt sein Schwert,
Die Feinde aufzureiben.
Frisch in die Schlacht hinein!
Hinein für unsern Rhein!
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
O edler Saft, o lauter Gold,
Du bist kein ekler Sklavensold!
Und wenn ihr Franken kommen wollt,
So laßt vorher euch schreiben:
Hurra! Hurra! Der Rhein,
Und wär's nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Eines der heute noch bekannten Gedichte aus der Zeit der Rheinkrise entfaltete seine volle Wirksamkeit aber erst gut 30 Jahre später. Es ist „Die Wacht am Rhein“ und stammt von dem jungen Kaufmann Max Schneckenburger (1819-1849).
Max Schneckenburger, Die Wacht am Rhein (November 1840)
Nikolaus Becker, Brustbild, Litographie von August Kneisel. (Universitätsbibliothek Frankfurt am Main)
Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
Durch hunderttausend zuckt es schnell,
Und aller Augen blitzen hell:
Der deutsche Jüngling, fromm und stark,
Beschirmt die heil´ge Landesmark.
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
Auf blickt er, wo der Himmel blaut,
Wo Vater Hermann niederschaut,
Und schwört mit stolzer Kampfeslust:
„Du Rhein, bleibst deutsch, wie meine Brust!“
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
„Und ob mein Herz im Tode bricht,
Wirst du doch drum ein Welscher nicht,
Reich wie an Wasser deine Flut,
Ist Deutschland ja an Heldenblut.“
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
„Solang ein Tröpfchen Blut noch glüht,
Noch eine Faust den Degen zieht,
Und noch ein Arm die Büchse spannt,
Betritt kein Welscher deinen Strand.“
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
Der Schwur erschallt, die Woge rinnt,
Die Fahnen flattern in dem Wind.
Am Rhein, am Rhein, am deutschen Rhein,
Wir alle wollen Hüter sein!
Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.
Der Text wurde umgehend von dem aus Darmstadt stammenden Berner Organisten Johann Jakob Mendel (1809-1881) vertont. Im Dezember 1840 erschienen Text und Noten. Im Hause des preußischen Gesandten in Bern von Bunsen vom Berner Musikdirektor Adolph Methfessel (1807-1878) uraufgeführt, blieb es jedoch weitgehend unbeachtet. Erst als der Krefelder Chordirigent Karl Wilhelm (1814-1873) auf den Text aufmerksam wurde und 1854 die heute bekannte Neuvertonung am Tag der Silberhochzeit des Prinzen Wilhelm, des späteren Kaisers Wilhelm I. (Regentschaft ab 1858, König 1861, Kaiser 1871-1888), präsentierte, nahm die Beliebtheit über Sängerfeste rasant zu.
Das bis heute bekannteste und wirksamste Werk aber schuf der Germanist August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874). Er schrieb am 26.8.1841 auf Helgoland, das damals eine britische Insel war, auf die Melodie des „Kaiserliedes“ („Gott erhalte Franz den Kaiser“) von Joseph Haydn (1732-1809) ein Gedicht, das das alte untergegangene Reich mit dem neuen kommenden Deutschland verband und die Verlagerung des Schwerpunktes von der Monarchie zur Nation darstellte.
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Das Lied der Deutschen (August 1841)
'Germania auf der Wacht am Rhein', Gemälde von Lorenz Clasen, Öl auf Leinwand.
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!
Der Rhein selbst findet im Text keine direkte Erwähnung, da als der westliche Grenzfluss die Maas genannt wird. Die Maas durchfloss das Herzogtum Limburg, das seit 1839 (mit Ausnahme von Maastricht und Venlo) zum Deutschen Bund gehörte. Ist die Maas die westliche Grenze, so liegt das Rheinland in Deutschland und der Rhein bildet nicht die Grenze Deutschlands. Das Zusammenhalten der Deutschen entsprach der Forderung nach der nationalstaatlichen Einheit, damit Deutschland den französischen Ansinnen geschlossen gegenüber treten könne.
3. „Die Wacht am Rhein…“ – Das Kaiserreich und der Rhein
Die Forderung nach Einigkeit und einem Nationalstaat – wenn auch ohne Österreich - erfüllte sich gut 30 Jahre später. Der siegreiche Krieg gegen Frankreich von 1870/1871 einte die Deutschen. Diplomatie, Bestechung und eine lärmende Propaganda halfen nach, wo es nötig war. Schneckenburgers Lied von der „Wacht am Rhein“ war allgegenwärtig. Es habe den Wert von mehreren Armeekorps gehabt, soll Otto von Bismarck (1815-1898) gesagt haben. Nationale Kreise forderten die Abtretung des linksrheinischen französischen Staatsgebietes bis zu den Vogesen. Beim Friedensschluss bestätigte Frankreich den Verzicht. Der größte Teil der beiden elsässischen und Teile der lothringischen Departements bildeten fortan das Reichsland Elsass-Lothringen im neuen deutschen Kaiserreich. Nunmehr war der Rhein nirgendwo mehr die Grenze zwischen deutschem und französischem Staatsgebiet.
Schneckenburgers „Wacht am Rhein“ in der Vertonung von Karl Wilhelm erhielt eine nationale Bedeutung, sie war nicht nur die Begleitmusik des 1870er-Krieges, sondern hob sich in der Folgezeit auch in den Rang einer zweiten Nationalhymne.
Das gemeinsame Zusammenstehen gegen den „Erbfeind“ Frankreich blieb in Deutschland stets in Erinnerung, wurde propagandistisch wach gehalten und war immer auch Mittel zum Zweck für die Politik des deutschen Reichskanzlers Bismarck. Schon vier Jahre nach dem Krieg, 1875, löste er die Krieg-in-Sicht-Krise aus. Ein Zeitungsartikel mit der Überschrift „Ist Krieg in Sicht?“, der am 8.4.1875 in der regierungsnahen Zeitung „Post“ erschienen war, spekulierte über die französischen Militärausgaben. Autor war zwar der Journalist Constantin Rößler (1820-1896), aber es war deutlich, dass Reichskanzler Bismarck dahinter stand. Er drohte Frankreich mit einem Präventivkrieg im Falle weiterer Aufrüstung. Sein Ziel war, die Haltung der Großmächte Russland und Großbritannien zu erforschen. Aber auch innenpolitisch waren die Spannungen in den deutsch-französischen Beziehungen von Nutzen. Als der Exponent einer auf einen Revanchekrieg hinarbeitende Bewegung, der französische General Georges Boulanger (1837-1891), 1886 Kriegsminister seines Landes wurde und seitdem die Zahl der Truppen erhöhte, nutzte Bismarck dies geschickt aus, indem er die Gefahr hochspielte, um innenpolitisch bei den Wahlen 1887 eine seine Regierung unterstützende Mehrheit zu erhalten.
Faksimile von Hoffmann von Fallerslebens Manuskript 'Das Lied der Deutschen', Original im Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung.
Um an die Einigung Deutschlands zu erinnern und die stetig beschworene „Wacht am Rhein“ auch symbolisch zu untermauern, entstanden am Rhein nationale und regionale Denkmäler. Die erste Anregung für das Nationaldenkmal oberhalb von Rüdesheim, das so genannte Niederwalddenkmal, datiert bereits auf das Jahr 1871. Zwischen 1877 und 1883 errichtet, konnte es am 28.9.1883 eingeweiht werden. Der Sockel des Denkmals mit der Germania-Figur trägt fünf der sechs Strophen des Liedes von Schneckenburger. Im Hauptrelief reicht „Vater Rhein“ das Wächterhorn an die „Tochter Mosel“ weiter, da der Rhein seit 1871 keine Grenze mehr war. Das Denkmal steht in einer Reihe nationaler Denkmalgroßprojekte wie der Walhalla in Donaustauf (1830-1842), dem Hermannsdenkmal bei Detmold (1838-1846 und 1863-1875), dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf dem Kyffhäuser (1890-1896), dem Bismarck-Denkmal in Hamburg (1901-1906) und dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig (1898-1913).
An Deutschlands Einigung wollten auch die Rheinländer erinnern. Als Dank an Kaiser Wilhelm I. sollte nach dessen Tod 1888 ein Denkmal der Rheinprovinz errichtet werden. Viele der eingereichten Entwürfe sahen als Standort das Siebengebirge vor. Letztlich aber überließ das Komitee die Entscheidung dem Kaiserenkel Wilhelm II. (Regentschaft 1888-1918). Dieser entschied sich 1891 für den Standort Koblenz, am Zusammenfluss von Rhein und Mosel. 1897 konnte das Reiterstandbild Wilhelms I. am Deutschen Eck in Koblenz eingeweiht werden.
In der langen Friedenszeit zwischen 1871 und 1914 erlebte das Rheinland den beginnenden Massentourismus, der bald das wirtschaftliche Profil und das Gesicht der Städte am Rhein veränderte. Eisenbahn, Schiffe und Busse schafften Menschen aus ganz Deutschland und allen Ländern der Welt an den Rhein, wo zwar weiterhin das nationale Pathos gepflegt wurde, die Rheinromantik aber immer mehr einer rührseligen (Rhein-) Weinseligkeit wich. Eine regelrechte Tourismusindustrie produzierte Ansichtskarten und ein unüberschaubares Anbot von Andenken, die millionenfach verkauft, verschickt und mitgenommen wurden.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 waren patriotische Lieder mehr als je zuvor gefragt. Schneckenburgers „Wacht am Rhein“ und Beckers „Das Lied vom Rhein“ gehörten zum allgemeinen Liedgut und wurden für die einsetzende Propaganda gerne genutzt. Das heutige Rheinland war erst Aufmarschgebiet und dann Hinterland für die Westfront. Vom Krieg ist es bis auf vereinzelte Bombenangriffe verschont geblieben. Das Oberelsass im Reichsland Elsass-Lothringen hingegen war vier Jahre lang Schauplatz schwerer Kämpfe.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Thomann, Björn, Siegfried von Xanten, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/siegfried-von-xanten/DE-2086/lido/57c94f5fdc5b67.90390949 (abgerufen am 08.06.2026)
-> Klein, Ansgar S., Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/mythos-rhein-aus-sicht-der-deutschen-und-rheinlaender/DE-2086/lido/57d124853b7bd1.35175552 (abgerufen am 03.09.2026)
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Sekundärliteratur
-> Eggebrecht, Harald: Sehr verlockend. Ob in der Sage vom Rattenfänger zu Hameln ein wahrer Kern steckt, darüber wird seit Langem spekuliert und geforscht, in: Süddeutsche Zeitung u. ders. (Hrsg.): Geheimnisse aus der Geschichte. Erstaunlich, vergessen, sagenhaft: Auf der Spur von Mythen, Rätseln und Skandalen, 2. Auflage, München 2025, S. 153-155.
-> Rademacher, Cay: Nibelungensage. Ein Epos aus uralter Zeit, in: Die Germanen (GEO Epoche Jg. 2008, Heft Nr. 34), Hamburg 2008.
Staat und Gesellschaft
Natur und Klima
Krisen und Katastrophen
Inhaltsverzeichnis
1. Das Jahr ohne Sommer: Wie Europa im Klimachaos versank
1. Das Jahr ohne Sommer: Wie Europa im Klimachaos versank
Wir schreiben das Jahr 1816. Nach den gewaltigen Kriegen und Umwälzungen der napoleonischen Zeit sehnen sich die Menschen in Europa nach Stabilität. Es kommt anders: Der alte Kontinent erlebt eine Hungersnot längst vergessenen Ausmaßes, soziale Verwerfungen, Flüchtlingsströme. Schuld ist eine Klimakatastrophe, die Zeitgenossen vor ein Rätsel stellt. Die südwestdeutschen Gebiete trifft das „Jahr ohne Sommer“ besonders schwer.
Ein monotones Donnern zieht über Oberschwaben auf, wiederholt sich im Crescendo, türmt sich rhythmisch hallend zu einer Schallwand auf. Innerhalb von Augenblicken verschwindet auch der letzte Funken Licht am Himmel, dann senden schwarze Wolken sintflutartige Regenfälle, schließlich Eisregen auf den hoffnungslos durchgeweichten Erdboden hinab. Blitzzacken, den Himmel zerschneidend wie glitzernde Speere, machen das verhängnisvolle Naturspektakel vollkommen.
KATASTROPHE BIBLISCHEN AUSMASSES
Erst knappe vier Monate ist das Jahr 1816 alt und schon jetzt droht es für die Einwohner Oberschwabens ein Katastrophenjahr biblischen Ausmaßes zu werden. Seit Wochen ziehen schwere Unwetter über das Land, die Temperaturen bewegen sich kaum über dem Gefrierpunkt. Noch wäre die Ernte wenigstens halbwegs zu retten, der drohende Hunger abzuwenden – wenn doch nur endlich der Frühling kommen würde. Die Oberschwaben hoffen vergeblich: Erbarmungslos regnet und stürmt es auch in den Folgemonaten weiter, auf der Schwäbischen Alb fällt im Juli sogar Schnee. Die Ernte, das wird spätestens jetzt deutlich, wird fast vollständig ausfallen. Die Folgen sind fatal, nicht nur für die Gegend am Rande der Alpen, sondern für ganz Mittel- und Westeuropa.
Die süddeutschen Staaten jedoch – vor allem das Königreich Württemberg, dessen Teil Oberschwaben ist, sowie das benachbarte Großherzogtum Baden – leiden besonders stark. Anders als heute gehören die Regionen Anfang des 19. Jahrhunderts zu den Armenhäusern Europas. Die Missernten der letzten Jahre, Napoleons Kriege sowie die Ausbeutung der Länder unter französischer Herrschaft haben Baden und Württemberg besonders in Mitleidenschaft gezogen. Jetzt also auch noch eine weitere, besonders schlimme Missernte, von der mit Obst, Wein und Getreide alle wichtigen Anbauprodukte betroffen sind.
HUNGERSNOT UND EXODUS
Auf den Ernteausfall folgen Hunger und Chaos: Die Getreidepreise steigen dramatisch, Vieh geht ein oder muss notgeschlachtet werden, es kommt zu Plünderungen. Bald bricht die Versorgung völlig zusammen. In ihrem Dilemma versuchen die Menschen aus Stroh und Baumrinde Brot herzustellen, essen Moos und Gras. Die Anzahl der Todesfälle schnellt in die Höhe, in Württemberg gibt es 1816/17 sogar mehr Tote als Neugeborene – für die damalige Zeit extrem ungewöhnlich. Es folgt eine massenhafte Emigration: In Scharen verlassen die Menschen den Südwesten der heutigen Bundesrepublik, vor allem in Richtung Russland und USA. Baden und Württemberg stehen vor dem Exodus.
Über den Grund für den folgenreichen Ausfall des Sommers herrscht derweil völlige Unklarheit. Vor allem die Landbevölkerung bemüht übernatürliche Erklärungsmuster, sieht in den massiven Unwettern eine göttliche Strafe. Dass jedoch eine Naturkatastrophe am anderen Ende der Welt Schuld am miserablen Wetter sein könnte, ahnt niemand. Und doch ist die gewaltige Eruption des Tambora, die sich im April 1815 auf der heute zu Indonesien gehörenden Insel Sumbawa ereignete, der Grund für das aktuelle Dilemma in Europa.
VULKANAUSBRUCH DER EXTREME
Die heftigen oberschwäbischen Gewitter des Frühjahrs 1816 dürften verglichen mit dem monumentalen Ausbruch des Tambora ein Jahr zuvor kaum mehr als ein Rascheln des Himmels gewesen sein: Als der Brite Thomas Stamford Raffles, Gouverneur des Inselreichs Java, zu dem Sumbawa damals gehörte, den Ausbruch in seiner extremen Lautstärke vernahm, vermutete er einen Kanonenbeschuss in unmittelbarer Nähe. Dabei war Stamford Raffles zu diesem Zeitpunkt rund 800 Kilometer vom berstenden Tambora entfernt. Mehr als eine Woche versprühte der Vulkan in Form riesiger, bis zu 43 Kilometer hoher Feuersäulen derartige Mengen an Gestein, Magma und Gas, dass er nach dem Ausbruch um die Hälfte seiner einstigen Höhe beraubt war. Heute steht fest: Seine Eruption war eine der größten Vulkanexplosionen der jüngsten Menschheitsgeschichte.
Die Auswirkungen der Naturkatastrophe waren immens: Auf der Insel Sumbawa und dem nahe gelegenen Eiland Lombok starben über 70.000 Menschen. Darüber hinaus verursachte der Ausbruch einen Tsunami, der noch am 10. April die dichtbevölkerte Insel Java erreichte. Geschätzte 100.000 Menschen verloren in den Fluten ihr Leben. Noch einmal die gleiche Zahl an Menschen starb in den anschließenden Monaten der Seuche in ganz Südostasien.
SCHWEFELGASE ZIEHEN NACH EUROPA
Nicht zuletzt waren beim Ausbruch des Tambora riesige Mengen an Schwefelgasen freigesetzt worden. Diese gelangten in die Atmosphäre, verbanden sich mit Feuchtigkeit und Schwebeteilchen und zogen als sogenannte Aerosol-Wolken um den Erdball. 1816 erreichten diese die Nordhalbkugel, wo sie sich festsetzten und große Mengen Sonnenlicht absorbierten. In der Folge geriet das europäische Wetter völlig aus den Fugen.
Von alledem ahnten die Badener, die Württemberger und die restlichen Europäer nichts. Zwar war die Kenntnis über den Ausbruch des Tambora durchaus in die höheren Kreise des Kontinents vorgedrungen. Einen Zusammenhang zu dem höchst sonderbaren Wetter in Europa stellte freilich niemand her. Ohnehin gab es drängendere Probleme als die Ursachenforschung: In weiten Teilen des alten Kontinents herrschte Chaos. Die Teuerung nahm weiter zu, viele Menschen verloren Hab und Gut und spätestens ab 1817 zogen immer größere Heerscharen von Bettlern durch die Städte. Auch der Antisemitismus flammte auf: Juden wurden als Getreide hamsternde „Kornjuden“ diffamiert, 1819 kam es vielerorts sogar zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung.
Mitunter war die große Hungersnot jedoch auch Ausgangspunkt für Neuanfänge. Nachdem König Wilhelm I. im Oktober 1816 den württembergischen Thron bestiegen hatte, setzte er eine weitreichende Professionalisierung der Landwirtschaft in Gang. Außerdem ließ er eine neue Verfassung erarbeiten, reformierte die Verwaltung und baute die Staatsschulden ab. Die Folge: Württemberg wandelte sich unter Wilhelms Regentschaft zu einem aufstrebenden Staat.
DIE KUNST DER KATASTROPHE
Zu den wenigen Lichtblicken der Hungerjahre gehört ebenso, dass im Eindruck des katastrophalen Klimas mitunter große Kunst entstand. So erstrahlt Caspar David Friedrichs in Greifswald gezeichnetes Meisterwerk „Ansicht eines Hafens“ nur deshalb in derart faszinierenden Himmelsfärbungen, da die Eruption des Tambora die Sonnenuntergänge an der Ostsee tatsächlich in ein glühend-gelbes Spektakel verwandelt hatte. Auch die Literatur ist dank der Nachwirkungen des Ausbruchs um einen Klassiker reicher: So verbrachte die Engländerin Mary Shelley den Sommer des Jahres 1816 in der Schweiz. Dort war das Wetter derart niederschlagend, dass sich im Geiste Shelleys eine besonders düstere Handlung entspann – die 1818 unter dem Titel „Frankenstein“ als Roman erschien. Hätten die unweit der Schweiz lebenden Oberschwaben Einblick in Shelleys schaurig-morbide Gedankenwelt gehabt, sie hätten für derartige Ideen sicher vollstes Verständnis gezeigt.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Das Jahr ohne Sommer: Wie Europa im Klimachaos versank, in: DHM-Blog online verfügbar unter: https://www.dhm.de/blog/2016/12/05/das-jahr-ohne-sommer/, zuletzt geprüft am 04.04.2026.
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Sekundärliteratur
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Geschichte des Rheins
Inhaltsverzeichnis
1. Deutsche, Franzosen und der Rhein
1. Deutsche, Franzosen und der Rhein
1. Einleitung
Mythen helfen, ein kollektives Gedächtnis herzustellen und sind Grundlage der Existenz einer Nation. Der „Mythos Rhein“ kann als solch ein Mythos betrachtet werden. Er vermittelt ein Gefühl des Weiterlebens der Vergangenheit und bewies sich als eine Möglichkeit, die Erinnerung an die Geschichte zu bewahren und zu reaktivieren. Nach Lucien Febvre habe dieser in seiner Geschichte zwei Gesichter: einerseits der verbindende Rhein als Verkehrsweg zwischen den Regionen Europas, andererseits der trennende Rhein als Grenze und Ort der Konfrontation zwischen lateinisch und germanisch geprägten Kulturen. So wurde er von deutscher Seite als „deutscher Strom“ von französischer Seite jedoch als „natürliche Grenze“ angesehen.
2. Der Rhein: Teil des Orbis Romanus
Die Kulturgeschichte des Rheins als politisch bedeutsamer Strom begann mit den Gallischen Kriegen Julius Caesars (100-44 v.Chr.) in den Jahren 58-50 v.Chr. Die westlichen Gebiete des Rheins standen fortan unter römischer Verwaltung und blieben es bis circa 200 n. Chr.[1]. Dementsprechend wurde der Rhein als Grenze zu den rechtrheinischen „Barbarenvölker germanischer Stämme“ wahrgenommen und die linksrheinischen Gebiete rückten ins Bewusstsein der römischen Kultur[2]. Im strategischen Konzept Caesars hatte der Rhein den Charakter einer „natürlichen Grenze“ Galliens und untermauerte den Anspruch Roms auf die nördlichen Provinzen[3].
Der Rhein war zu dieser Zeit eine bedeutende Handels- und Verkehrsader zwischen Nord und Süd. Die Römer nutzten ihn seit der Herrschaft des Tiberius (42 v.-37 n. Chr. Kaiser 14-37 n. Chr.) als „Basis für ihre Operationen nach Germanien hinein und als rückwärtige Auffanglinie“[4]. Als erste literarische Auseinandersetzung setzte Vergil (70-19 v. Chr.) die Vorstellung des rhenus bicornis durch und lieferte so die Grundlage dafür, den Rhein als Flussgott zu betrachten, auf die letztlich der Mythos des „Vater Rhein“ zurückzuführen ist[5]. Bereits zu dieser Zeit wurden die majestätische Schnelligkeit und Länge des Rheins hervorgehoben.[6]
Eroberung hieß jedoch zugleich Errichtung einer Infrastruktur mit straffer römischer Verwaltung. Sonach entstand ein Netz von Straßen und Wegen, welches unter anderem Legionslager und Städte am Rhein miteinander verband. Das positive Bild des Rheins verstärkten zudem der Fischreichtum, die Landgüter, der im milden Klima gedeihende Wein und die warmen Quellen[7]. Tümmers fasst die Bedeutung des Rheins für das römische Reich folgendermaßen zusammen: „Der Rhein in seinen fünf Jahrhunderten war ein Landstrich mit pulsierendem Leben, blühender Kultur, Teil des Orbis Romanus“.[8]
3. Der Rhein: Zentrum des Reiches
Das Ende der Blütezeit der Römer am Rhein begann Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. im Zuge der Völkerwanderung[9]. In der Zeit der Ausdehnung der germanischen Kultur von den Anfängen Deutschlands am Rhein zu sprechen ist schwer zu rechtfertigen, da ein Nationalbewusstsein nicht ausgebildet war und kulturelle, politische und gesellschaftliche Differenzen nicht zu negieren sind[10]. Der Rhein war in das rituelle Leben der Bevölkerung eingebunden, bevor zunächst die römische Flussgötterwelt den Rhein aufnahm und die Verehrung des Rheins durch die Christianisierung im 3. Jahrhundert n. Chr. verdrängt wurde. In Folge der Ausweitung der politischen Machtbereiche über die linksrheinischen Gebiete hinaus, verlor der Rhein seine Funktion als Grenze und avancierte zu einer Achse des Reiches[11].
Darstellung des 'Rhenus bicornis', Teil eines Grabmals aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., Original im LVR-LandesMuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel. (LVR-LandesMuseum Bonn)
Eine entscheidende Zäsur war der Beginn der Herrschaft der Karolinger am Ende des 7. Jahrhunderts. Zur Zeit Karls des Großen war das Rheinland Zentrum und der Rhein zentrale Verkehrsader des Reiches[12]. Nach dem Zerfall des Großreiches im Zuge des Todes Ludwigs des Frommen (778-840, König 781/814, Kaiser 813-840) einigten sich seine Söhne im Teilungsvertrag von Verdun im Jahre 843 auf eine Dreiteilung des Reiches in dem der Rhein teilweise durch das Mittelreichs Lothars I. (König 840-855, ab 843 Kaiser) und teilweise das Ostreichs Ludwigs des Deutschen (König 843-876) floss[13]. Stellenweise jedoch war der Rhein zudem auch Grenze zwischen Ost- und Mittelreich[14]. Dieser Vertag wurde im 19. und 20. Jahrhundert oft als Beginn deutscher Identität verstanden und band das Konstrukt einer nationalen Geschichte an das Rheinland[15].
Nach der Aufteilung Lotharingiens im Vertrag von Meersen 870 und der Zuweisung zum Westfrankenreich im Vertrag von Ribémont 880, der die Grenze markierte, die später auf Jahrhunderte West- und Ostfrankenreich, Frankreich und Deutschland trennte, fiel dieses 925 an das Ostfrankenreich Heinrichs I. (König 919-936). Zwar wandte sich Lotharingien nach dem Tod Ludwigs des Kindes (König 900-911) den westfränkischen Karolingern zu, doch die Niederlagen Karls III. (König 876-888, ab 881 Kaiser) führten dennoch dazu, dass Lotharingien 925 erneut Teil des von Heinrich I. regierten Ostfrankenreiches wurde[16]. Auch dieses Datum wurde im 20. Jahrhundert instrumentalisiert und so wurden 1925 tausend Jahre der rheinischen Zugehörigkeit zu Deutschland gefeiert, wobei jedoch missachtet wurde, dass die Reichsteilungen ethnische und sprachliche Grenzen nicht berücksichtigten[17].
Aufgrund der Funktion von Aachen und Speyer als Orte der Krönung beziehungsweise Beisetzung der Kaiser, blieb der Rhein lange Zeit Zentrum des Reiches[18]. Erst mit der unter Rudolf von Habsburg (römisch-deutscher König 1273-1291) beginnenden Orientierung des Reiches gen Osten geriet das Rheinland in eine Randlage und entfernte sich vom Königtum[19]. Zudem kam es zu Autonomiebewegungen und in größeren Städten zur Ausbildung eines kommunalen Selbstbewusstseins, welches aber auf die Oberschicht begrenzt blieb[20]. Das deutsche Königtum verlor im Spätmittelalter stetig an Macht, während Frankreich zu einem zentralistischen Staat heranwuchs[21].
4. Der Rhein: Grenze zwischen Ost und West
Fortan lässt sich eine Öffnung des Rheinlands zum Westen feststellen, es wurde zum Objekt westeuropäischer Bündnispolitik[22]. Ziel war im 9. und 10. Jahrhundert die Verschiebung der Ostgrenze und die Wiedergewinnung Lotharingiens. Für Karl den Einfältigen (König 893/898-923) erstreckte sich das fränkische Reich von den Pyrenäen bis zum Rhein, Ostfranken zählte er nicht mehr dazu. Große deutet dies als einen Versuch Karls, die gesamtfränkische Tradition für sich allein zu beanspruchen[23]. Als historische Wurzel stieß der westfränkische Mönch Richer (nach 940-nach 998) auf die „Gallia“, die nach Caesar von den Pyrenäen, den Alpen und dem Rhein begrenzt war. Nach seiner „Histoire de France“ bildete das antike Gallien den Raum, in dem sich westfränkische Geschichte abspielte. Dieser Bezug blieb im Gedächtnis des westfränkischen Reiches und des späteren Frankreichs haften. Es bildete nach Rolf Große eine Grundlage für das Konzept der „natürlichen Grenze“, da in den mittelalterlichen Quellen der Gallienbegriff nicht immer einheitlich gebraucht wird. Neben der aus der Antike stammenden Bedeutung von Gallia trat eine Gallia im engeren Sinne, die nur den tatsächlichen Herrschaftsbereich des französischen Königs meinte. Demgegenüber orientierte sich die Kirche an den spätrömischen Verwaltungseinheiten, für die der Rhein die Grenze zwischen Gallien und Germanien bildete. Den Zeitgenossen war somit die Vorstellung, Gallien reiche bis zum Rhein, stets präsent und bot seither die Möglichkeit, politisch instrumentalisiert zu werden[24].
Lange lebten die beiden Staaten ohne ernsthafte Probleme nebeneinander, jedoch entwickelten sich ihre gesellschaftlichen Strukturen in verschiedene Richtungen. In Frankreich erfuhr die Zentralgewalt des Königs eine ständige Stärkung, während die deutschen Könige und Kaiser darauf angewiesen waren, Präsenz im ganzen Reich zu zeigen[25]. An der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert waren Maas und Schelde, und nicht der Rhein, Ziel der französischen Politik[26]. Dieser rückte erst im Rahmen der Auseinandersetzung zwischen den Häusern Bourbon und Habsburg in die Interessensphären der beiden Mächte[27].
5. Der Rhein: Dreh- und Angelpunkt der europäischen Politik
Die Frühe Neuzeit zeichnete sich durch Glaubens- und Erbfolgekriege aus, in denen das Rheinland Kriegsschauplatz und der Rhein Dreh- und Angelpunkt reichsinterner und europäischer Politik wurde. In der Folge wurden Teile des Rheinlands verwüstet und zerstört[28]. Als Beispiel lässt sich der Dreißigjährige Krieg anführen, in dem das Rheinland durch stationierte Heere wirtschaftlich geschwächt wurde. Auch der Westfälische Frieden vermochte es nicht, die Stellung der Rheingebiete zu verbessern, da sie aufgrund ihrer geographischen Lage immer wieder in Konflikte zwischen Habsburgern und Bourbonen verwickelt wurden[29]. Letztlich führte diese wirtschaftliche Frustration zusammen mit den Ergebnissen des Westfälischen Friedens zu einer zunehmenden Distanzierung vom Hause Habsburg und trotz religiöser Differenzen zu einem pro-französischen Klima[30]. Frankreich behielt am Ende des Krieges Teile des Elsass, erhielt Metz, Toul und Verdun und konnte so an die Ufer des Rheins vordringen[31].
Bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts konnte der Rhein noch als Strom der Nationen bezeichnet werden, der sich als Achse zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, gekennzeichnet durch politische Zerrissenheit, erstreckte. Im 17. Jahrhundert war es Ziel des Ministers Richelieu (1585-1642), die natürlichen Grenzen Frankreichs wiederzugewinnen und diese gegen die habsburgisch-spanische Einkreisung zu sichern. In seinem Testament unterstrich er diesen Anspruch: „Le but de mon ministère à été de restituer à la Gaulle les limites que la nature lui a fixées, de faire, coïncider la Gaulle avec la France, et, partout, où a existé l’ancienne Gaulle, de restituer la nouvelle“.[32]
Karl (links mit seinem Sohn Pippin von Italien (rechts)), aus dem Liber legum des Lupus Ferrariensis, Original in der Biblioteca Capitolare in Modena, 10. Jahrhundert.
Jedoch wurde der Rhein während der Herrschaft Ludwigs XIV. (Regierungszeit 1643-1715) zu einem umkämpften Fluss[33]. Ludwig zielte auf die Annexion der Rheingrenze, machte sich deutsche Fürsten wie den Erzbischof von Trier durch ein System von Pensionszahlungen gefügig und schürte so das anti-habsburgische Klima im Rheinland. In Verbindung mit seinen Eroberungskriegen „riss [er] Stück um Stück aus deutschem Territorium heraus“.[34] Aufgrund eines fehlenden Nationalbewusstseins und des Kontrastes zwischen archaischen und modernen, französischen Werten war es nicht möglich, den Rhein als verbindende Achse zu etablieren[35]. Die französische Sprache wurde Sprache der Diplomatie und Frankreich zum Vorbild einer absolutistischen Monarchie, was beispielsweise an französischen Bauwerken entlang des Rheins sichtbar ist[36]. So pendelte das Rheinland zur Zeit der Aufklärung zwischen den rivalisierenden Nationen[37]. Jedoch stellten Kufer, Guinaudeau und Premat heraus, dass der äußere Schein täuschte, denn Frankreich war finanziell ruiniert und am Ende seiner Herrschaft habe Ludwig XIV. sein Ziel, den Rhein als französische Ostgrenze zu besitzen, nicht erreicht[38]: „Der Rhein war Ludwig XIV. zum Verhängnis geworden“[39]. So konnte er in Folge des Pfälzischen Krieges zwar das Elsass behalten, musste jedoch alle rechtsrheinischen Besitzungen wieder abtreten. Ende des 18. Jahrhunderts entstand jedoch die Idee des schöpferischen Deutschtums, ein Mythos, den angeblich das Mittelalter - zum Beispiel das Rittertum und die Gotik - und die Moderne - zum Beispiel die Reformation - hervorgebracht haben. Dieser Mythos, zu dem auch die Idealisierung des Rheins gehört, verdrängte das Ideal der französischen Kultur[40]. Dieser ideelle Konflikt am Rhein wurde ein politischer, da der Strom zwischen zwei Kulturgrenzen lag, die Zugehörigkeit lange nicht klar definiert war und sich das wachsende Nationalbewusstsein der Deutschen zunehmend durch die Opposition zu Frankreich definierte[41].
6. Der Rhein: Die natürliche Grenze Frankreichs?
„Der Rhein ist die natürliche Grenze eines Freistaates, der [...] nur die Nationen, die sich freiwillig anschließen, aufnimmt...der Rhein wird [...] die Grenze Frankreichs bleiben. Die Natur selbst hat den Rhein zur Grenze Frankreichs gemacht“[42], schrieb Georg Forster (1754-1794) am 15.11.1792 über eine mögliche Annexion des Rheins im Zuge der Französischen Revolution. Diese war von zentraler Bedeutung für die weitere Entwicklung der Rheinproblematik. Nach dem Einmarsch der französischen Truppen in das Rheinland 1792 ließ Astolphe de Custine (1740-1793) eine Besatzungsherrschaft im herkömmlichen Sinn errichten. Seine Proklamation vom 23.10.1792 sollte dazu führen, dass die Besatzung in allen Gebieten einer doppelten Befreiung diente, einer „formalen“, indem sie den Besetzten Freiheit bei der Bestimmung ihrer politischen Zugehörigkeit einräumte, und einer „materiellen“, indem sie ihnen die Realisierung der französischen Revolutionsideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bot[43]. Zunächst erschienen die Franzosen als „Befreier“ und in Stadt und Land wurden Freiheitsbäume errichtet. Jedoch mussten die Rheinländer begreifen, dass Frankreich unter „Befreiung“ die Ausbreitung seiner eigenen Ordnung verstand. Frankreich wiederrum musste erkennen, dass sein Befreiungsangebot auch revolutionsfeindliche Kräfte mobilisiert hatte[44]. Erst während der Herrschaft Napoleons fiel der Rhein mit dem Friedensvertrag von Lunéville 1801 in seiner gesamten Länge in französische Hand. Napoleon wurde von den Rheinländern als „Caesar“ für die Wiederbelebung des Handels und der Religion gefeiert.
Porträt des französischen Königs Ludwig XIV (1638-1715), Öl auf Leinwand von Hyacinthe Rigaud (1659-1743), Original im Musée du Louvre, 1702. (public domain)
Bereits 1798 bewirkte François Joseph Rudler (1757-1837) im Rahmen seiner „gouvernementalen Revolution“ die Einführung französischen Rechts, französischer Institutionen und die Gliederung des Landes links des Rheins in vier Departements (Donnersberg, Rhein-Mosel, Saar und Roer). Per Dekret wurde die Gewerbefreiheit erklärt und es begann der Aufstieg des Wirtschaftsbürgertums. Französisch wurde zur Amts- und Gerichtssprache[45]. Die französische Kulturpolitik verfolgte zusätzlich das Ziel der „Erzeugung und Kräftigung französischen Nationalgefühls im Rheinland“[46]. 1804 wurde schließlich auch der Code Civil in den Rheinlanden eingeführt.
Nach Struck war die Zeit von 1800 bis 1815 eine Inkubationszeit nationalen Denkens und der Eingrenzung der Nation, in der Zwischenräume wie die Rheinlande, die traditionell von sowohl französischen wie auch deutschen Kultureinflüssen geprägt waren, zu einer Grenze, die Deutschland und Frankreich zunehmend trennte. Es fanden eine „Nationalisierung der Geographie“ und die „Erfindung der nationalen Grenze“ statt[47].
Forster, der Publizist Joseph Görres und viele Rheinländer glaubten, das Rheinland würde von einer „Réunion“ und den Privilegien der Revolution profitieren[48]. Das Konzept der natürlichen Grenze etablierte sich in Frankreich als politische und moralische Forderung ab 1789 und wurde schließlich in den Eroberungskriegen Napoleons machtpolitisch instrumentalisiert[49]. Ab April 1792 führten Frankreich und das Heilige Römische Reich deutscher Nation Krieg, in dem der Rhein schließlich französisch wurde[50]. Die Eroberungszüge, die am Rhein nicht Halt machten, führten das Argument der natürlichen Grenzen selbst ad absurdum[51]. Die Besatzer meinten, dass sie die Rheinländer zum Anschluss zwingen durften, da sie von Natur aus zu Frankreich gehörten[52]. Von Befreiung kann allerdings nicht gesprochen werden, da es den Besatzern nicht darum ging, Freiheit in das Rheinland zu bringen, sondern lediglich ihre eigene zu bewahren. Somit wurde die Besatzung oft als Fremdherrschaft wahrgenommen[53]. Dennoch führte die Reunionspolitik zu einem Wandel der rheinischen Gesellschaft, da unter anderem der Code Civil eingeführt wurde[54]. Durch die neugewonnenen Privilegien gab es zunächst kaum Widerstand gegen die napoleonische Herrschaft. Als jedoch Zwangsrekrutierungen und Abgabepolitik in das Leben der Rheinländer Einzug hielten und sich der Rhein als Zollgrenze etablierte und daher als wirtschaftliche Schwächung erwies, schlug die Stimmung um[55]. Die Besatzung führte zudem zur Vertiefung eines nationalen Denkens, sodass fortan französische Konzepte wie Freiheit, Selbstbestimmung und die Einheit des deutschen Volkes gefordert wurden[56]. Der Verlust der linksrheinischen Gebiete zeitigte einen am Rhein orientierten Patriotismus, in dem der Strom gewissermaßen heilig und zu einem Symbol der Deutschen in Abgrenzung zu den Franzosen stilisiert wurde[57]. Wenngleich hier von idealistischen Vorstellungen die Rede sein kann, wird der Rheinmythos durch das nationale Denken der Deutschen zum politischen Faktor[58].
7. Der Rhein: Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze
Als der 1806 gegründete Rheinbund auf dem Wiener Kongress aufgelöst wurde, übernahm Preußen widerwillig die „Wacht am Rhein“. Die Rheinländer befürchteten, dass dies die Neuerungen der französischen Herrschaft gefährden könnte[59]. Die Hoffnung auf bürgerliche Demokratie und nationale Einheit, die als Rückbesinnung auf das romantisierte Mittelalter und den französischen Nationalstaat gewertet werden kann, wurde aufgrund der Politik Metternichs nicht erfüllt[60]. Es waren diese staatsrechtlichen Veränderungen, die Schriftsteller dazu zwangen, in der Literatur ihre Freiheitssehnsüchte auszuleben. Die Rheinregion eignete sich besonders für ein geschichtliches Konstrukt, da sie bei Krisenzeiten oft in einem problematischen geographischen Kontext stand[61]. Rheinländer und Preußen waren politisch und religiös voneinander entfernt und fanden sich 1815 in einer Zwangsliaison wieder[62]. So zeigt der dem Kölner Bankier Schaafhausen zugeschriebene Ausspruch (ob getan oder nicht) „Jesses, Marje, Josef do hierode mir ävver in en ärm Famillich“, wie skeptisch die Rheinländer den neuen Herrschern gegenüberstanden[63]. Diese Ablehnung ist jedoch nicht vergleichbar mit der Feindschaft zu Frankreich, mit dem das ungelöste Problem der Rheinfrage bestand[64]. Die patriotische Begeisterung mobilisierte Schriftsteller wie Ernst Moritz Arndt[65], der 1813 in seiner Schrift „Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze“ dazu aufrief, auf den Rhein zu blicken[66]: „Was sehet ihr? Ihr sehet das Land, das euch an die herrlichsten [...] Kämpfe eures Väter mahnet, die [...] heiligsten Erinnerungen des Reiches der Teutschen, die Wiege eurer Bildung, die Städte, wo eure Kaiser gewählt, gekrönt und gesalbt wurden [erinnert].“[67]
Bislang war der Rhein, wenngleich nicht mit Hassgefühlen aufgeladen, eine Grenze zwischen Frankreich und den deutschen Ländern[68]. Während Ende des 18. Jahrhunderts das Konzept der frontière naturelle nicht kritisiert wurde, sollte der Rhein nach 1815 Ausgangspunkt deutscher Kultur werden und konnte somit keine Grenze mehr sein[69]. Arndt sah den Rhein zudem als Symbol des französischen Expansionismus[70]. In seiner Utopie eines rhenozentrischen Deutschlands argumentierte er gegen die französische Rheinpolitik und widerlegte sie: „was sind die Naturgränzen eines Volkes? Ich sage: die einzige gültige Naturgränze macht die Sprache“.[71] Vielmehr könne die deutsche Freiheit ohne den Rhein nicht bestehen[72]. Seine Schrift zündete die nationale Begeisterung für die Befreiung des Rheins, zu der auch Karl Freiherr vom und zum Stein (1757-1831) und Wilhelm von Humboldt (1767-1835) gehörten[73]. Wie Heinrich Heine mit seiner rhetorischen Frage und Antwort: „Was liebt er aber? In keinem Fall die Preußen“ zu wissen schien, nahm die Kritik an der preußischen Herrschaft nicht ab[74]. Tümmers fasst die Verbindung der Zeit der Befreiung von Frankreich mit der Rheinromantik mit den Worten: „Die ursprünglich nur literarische Zuneigung eines kleinen Kreises von Dichter zum Rhein wurde durch die Befreiungskriege und die vaterländische Begeisterung millionenfach verstärkt“ zusammen. Fortan begannen die Deutschen den Rhein als uralten Deutschen Strom zu preisen[75] .
Ernst Moritz Arndt, Porträt mit Signatur. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)
8. Der Rhein: Innbegriff der romantischen Landschaft
Der Rhein hatte bislang kaum jemanden zu poetischen Ergüssen stimuliert. Vielmehr herrschte das Bild vom „eisigen Rhein in den unwirklichen Ländern des kalten Nordens“.[76] In der Rheinromantik fingen Dichter jedoch an, schwärmend vom Rhein zu berichten und lösten so das frankozentrische Bild Europas durch ein um den Rhein zentriertes ab[77]. In der Folge wurde der Rhein verklärt und der Antagonismus zu Frankreich war an die westeuropäische Fokussierung des Rheins gebunden[78]. Immer wieder bezogen sich die Nachbarn auf den Rhein als geopolitische Markierungslinie. Durch die Romantisierung des Mythos „Vater Rhein“ wurde die Opposition gegen Napoleon intensiviert[79]. Als Startpunkt der romantischen Verklärung des Rheins können die Berichte Friedrich Schlegels (1772-1829) und die Rheinreise von Achim von Arnim (1781-1831) und Clemens Brentano 1802 betrachtet werden[80]. In diesen wird der Rhein zu einem mythischen Wesen stilisiert und die Personifizierung des Flusses als „Vater Rhein“ wurde zum Inbegriff der Rheinromantik[81]. Besonders die Urfassung der Loreley von Brentano begründete einen Rheinmythos, der 1823 durch Heines Interpretation Berühmtheit erlangte und bis heute nachwirkt[82]. Schlegel war 1802 einer der ersten, der den Rhein mit den Augen eines Romantikers sah und ihn durch die Mythisierung der Burgen zugleich nationalisierte[83]: „so ist er [der Rhein] das nur zu treue Bild unsers Vaterlandes; unsrer Geschichte“.[84] Durch die Literatur der Rheinromantik wurde er als sagenumwobener und geschichtsträchtiger Strom neu entdeckt, in ein mittelalterliches Ambiente eingebettet und so zum Sinnbild des Romantischen[85]. In Deutschland wurde der Rhein dahingehend umgedeutet, dass er die Besinnung auf ein gemeinsames Erbe zuließ und den Mythos eines schöpferischen Deutschtums unterstützte[86] . So wollten die Rheinromantiker den Rhein als urdeutschen Strom etablieren und bauten dabei auf der These des Deutschen Stroms von Arndt auf[87].
Die Rheinmythen erweisen sich als eine Kollektion poetischer Metaphern, die alte Legenden und Märchen, wie die Nibelungensage, neu entdeckten. Es handelt sich dabei um Erzählungen mit christlichen, antiken und nordisch-germanischen Motiven, die am Rhein lokalisiert waren, selbst wenn sie es ursprünglich nicht taten. Beispielsweise die Nibelungensagen, an denen sich Rheinromantiker bedienten, wurden zu einem am Rhein topographisch fixierten Mythos, der das Spektrum nationalistischer Gefühle bediente[88]. Die Romantik entwarf eine Deutung des Rheins, die der sinnlichen Wahrnehmung entsprechen sollte[89]. Wenngleich die Befreiung und Romantisierung des Rheins patriotische Gefühle weckten, gingen diese bald wieder unter und wurden durch die Politisierung der Rheinliteratur zu einer Volksbewegung[90].
Französische Schriftsteller und Intellektuelle entdeckten den Rhein erst in den 1830er und 1840er Jahren als Inbegriff der romantischen Landschaft. Sie waren begeistert von dem Zusammenspiel der Natur und der reichen Kultur- und Geschichtslandschaft mit ihren Baudenkmälern und Burgruinen, die ihnen das Mittelalter vor Augen führten[91].
Alle regimekritischen Autorinnen und Autoren wie Madame de Staël (1766-1817), die sich frühromantischen Themen widmeten, waren um 1800 sehr an der deutschen Literatur interessiert. Jede Beschäftigung mit der deutschen Literatur könne den Franzosen wichtige Anregungen geben. Für Frankreich wurde der Rhein als ihre „natürliche Grenze“ nach Wehinger zum „Symbol für die mentale, kulturelle, emotionale Differenz, die komplex und zweideutig ist und dergestalt auch zu einer Bedrohung werden kann, die Verlustängste verursacht“.[92]
Die Orientkrise im Jahr 1840 genügte, um nationale Leidenschaften zu entzünden und den Rhein zum Symbol der nationalen Auseinandersetzung zu machen[93]. Frankreich wurde bei Verhandlungen der Quadrupelallianz ausgeschlossen und der Premierminister Alphonse Thiers (1797-1877) forderte einen Interessensausgleich durch Reaktivierung der vorherigen Rheinpläne[94]. Der Rhein wurde so über Nacht zur brennenden Frage Europas und Stimmen wurden laut, die einen Krieg forderten[95]. Auch wenn dieser verhindert werden konnte, wurde der politische Schlagabtausch von Schriftstellern beider Seiten aufgenommen. Diese verliehen der „Schlacht der Dichter“ eine emotionale Qualität[96].
Rheinlandschaft, Öl auf Papier von Christian Georg Schütz (1718-1791), undatiert,. (public domain)
Frankreichs Rheinansprüche wurden in der Folge von dem Bonner Nikolaus Becker (1809-1845) in seinem Lied „Der deutsche Rhein“, welches an den Schriftsteller Alphonse de Lamartine (1790-1869) und die Franzosen im Allgemeinen gerichtet war, zurückgewiesen[97]. Während der Rheinkrise stärkte es die Popularität des Rheins, wurde politisch instrumentalisiert und gilt als Startpunkt der Schlacht der Dichter[98]. Es erschien am 18.9.1840 in der „Trierischen Zeitung“ und wurde mehrfach vertont[99]. Die „Leipziger Zeitung“ forderte sogar, es als Nationalhymne einzusetzen.[100] Bereits der erste Vers „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein“, der durch Wiederholung dem Lied eine zum Kampflied passende Kontinuität verleiht, richtet sich, aus dem Entstehungszusammenhang ersichtlich, an die Franzosen[101]. Beckers Gedicht kann als „Inbegriff kontemporärer deutscher chauvinistischer Gesinnung und Musterbeispiel selbstherrlicher Abschottung zwecks Konstituierung eines nationalen Selbstbildes in der Opposition zu Frankreich“[102] gesehen werden. Am Ende appelliert Becker an die politische Verpflichtung, im todesmutigen Heroismus den Rhein zu verteidigen[103]. Es ist ein Beispiel für die Kraft der Mythisierung, die auch ohne Reflexion zu verlangen, Emotionen auszulösen vermag. Der Akzent liegt auf der Freiheit des Stroms, die auf die Befreiung des Rheinlands zurückgeht[104]. Auch wenn Beckers Lied nicht immer ernst genommen wurde, besitzt es eine Überleitungsfunktion durch die Verbindung romantischer Bildhaftigkeit und aktualitätsbezogener Dichtung und löste dadurch die neue, politische Rheindichtung aus[105]. In Frankreich wurde das Lied als Provokation verstanden. Lamartine jedoch war der Auffassung, die Schriftsteller beider Seiten sollen sich über nationale Vorurteile hinwegsetzen, zur Versöhnung der Völker beitragen und das politische Problem nicht zu einem literarischen Kleinkrieg ausarten lassen[106].
Als Reaktion auf Beckers Gedicht veröffentlichte er die „Marseillaise de la Paix“, in der der Rhein, als völkerverbindender Strom und Sinnbild eines dauerhaften Friedens, im Mittelpunkt steht[107]. Da die französische Gesellschaft mit dem sanften Ton Lamartines unzufrieden war, schrieb Alfred de Musset (1810-1857) eine deutlich aggressivere Antwort mit dem Namen: „Le Rhin allemand. Réponse à la chanson de Becker“[108]. Er rief die Deutschen in der ersten Strophe dazu auf, sich zu vergegenwärtigen, dass der Rhein schon einmal französisch war[109]. Kriegerische Helden, französischer Nationalstolz und triumphale Geschichtsbilder kennzeichnen Mussets poetisch-aggressives Gedicht. Die letzten beiden Strophen gestehen den Deutschen den Rhein zu, fordern jedoch zu Mäßigung und Zurücknahme ihrer anti-französischen Prahlerei, damit der Rhein friedlich fließen kann[110]. Zudem rät er den Deutschen, sich trotz ihrer Schwärmerei für den Rhein, nicht im pathetischen Patriotismus zu verlieren, da die Möglichkeit einer erneuten Annexion der Rheingebiete durch die Franzosen weiterhin bestünde[111]. In Frankreich wurde er in der Folge, trotz des versöhnlichen Endes seines Liedes, als Verteidiger der französischen Rechte gefeiert[112].
Im fünften Caput seines Gedichtzyklus „Deutschland. Ein Wintermärchen“ aus dem Jahre 1844 lässt Heinrich Heine den „Vater Rhein“ zu Wort kommen[113]. Dieser beklagt sich, dass ihm das „dumme Lied“ von Nikolaus Becker die vergangenen Jahre erschwert habe. Folgenschwerer sei aber der politische Schaden, der ihm aus dem Lied erwachsen sei[114]. Jetzt grollten ihm nämlich die Franzosen, die er gerne wieder an seinen Ufern sähe[115]. Zudem findet auch Musset, der als „keck und frech“ charakterisiert wird, in Heines Gedicht Erwähnung[116]. Das Ende des Gedichts ist gekennzeichnet durch einen positiven Ausblick auf die Zukunft des „Vater Rhein“[117]. Die Werke Heines zielten gegen die nationalrestaurativen Tendenzen und die Engstirnigkeit im zeitgenössischen Deutschland, den Franzosenhass sowie die Verklärung des Mittelalters in der Romantik[118]. Beckers Rheinlied galt Heine als Inbegriff der politischen Dichtung der 1840er Jahre, die sich oft durch hohles Pathos, gepaart mit vaterländischer Gesinnung auszeichnete[119]. Sein Gedicht ist ein Plädoyer für Aufklärung und Pressefreiheit, eine Kritik an der romantischen Mittelalterverklärung und am Franzosenhass. In der Folge wurde er als „Vaterlandsverräter“ und „Freund der Franzosen“ ins Exil nach Frankreich geschickt, da er den Rhein nicht als deutschen Strom bejubelte[120].
Victor Hugos (1802-1885) Reisebericht „Le Rhin“ von 1842 argumentiert nochmals für die französische Sichtweise, indem er bemerkt, dass „der Rhein sehr viel französischer ist, als die Deutschen glauben“[121]. Zwar sei das rechte Rheinufer von der deutschen Geschichte geprägt, das Linke hingegen von der französischen[122]. Er hoffte dennoch auf einen Ausgleich der zwei Nationen, indem der Rhein Frankreich und Deutschland als natürliche Partner verbindet[123]. Unter anderem gehörten auch das „Lied der Deutschen“ von Hoffmann von Fallersleben (198-1874), „Die Wacht am Rhein“ von Max Schneckenburger (1819-1849) und Ernst Moritz Arndts „Lied vom Rhein an Niklas Becker“ zu den literarischen Reaktionen in den 1840ern Jahren[124].
9. Schlussbetrachtung
Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass zwischen den Schriftstellern der zwei Nationen ein gemäßigtes Klima herrschte, das wenig mit der aggressiven Haltung von 1870/1871 gemein hat[125]. Tümmers resümiert die neugewonnene Bedeutung des Rheins mit den folgenden Worten: „Die kritischen Tage des Jahres 1840 befestigen die Popularität des Rheins im deutschen Volk. Kein anderer deutscher Strom kam ihm fortan in der Schätzung und Liebe aller Volkskreise gleich“.[126] Trotz der Unterschiede wurde das Rheinland letztlich doch deutsch und sogar preußisch. „Preußen hatte das Rheinland in die Lage versetzt, seine politische Identität zu finden, ein Staatsbewusstsein zu entwickeln und patriotisch zu empfinden“.[127]
Ende der 1840er Jahre bot der Rhein kaum mehr Anlass für vaterländische Besinnung[128]. Es folgte eine Ära politischer Enthaltsamkeit, bis die Gemüter 1870/1871 erneut aufgeheizt wurden[129]. Die politische Rheindichtung, die den Fluss zum deutschen Nationalsymbol stilisierte und zum Inbegriff der Freiheit verklärte, steht in einer Tradition, die bis weit vor Becker zurückreicht, denn bereits 1814 hatte Ernst Moritz Arndt den Rhein als freien deutschen Strom besungen[130].
1870/1871 entlud sich auf beiden Seiten ein vorher unbekannter Vernichtungswille und der Rhein war nicht länger Ziel romantischer Sehnsucht[131]. Nach 1871 war der Rhein endgültig zum gesamtdeutschen Nationalsymbol geworden[132]. „Die Wacht am Rhein“ von Max Schneckenburger ist ein Beispiel für die Veränderung der politischen Stimmung von 1840 bis 1870[133]. Das Lied, welches zwar bereits 1841 erschien, jedoch erst im Zuge des Deutsch-Französischen Krieges populär wurde, klingt aggressiver und weniger poetisch als noch die respektvollen Töne Beckers[134]. Bereits zu Zeiten Ludwigs XIV. beschreibt das Motiv der Wacht am Rhein, die Funktion des Rheins und der Rheinländer, als Verteidiger gegen die mögliche Invasion der Franzosen bereitzustehen[135]. Das Lied handelt nicht von der Wiederherstellung der Freiheit, sondern vom pathetischen Begriff des Vaterlandes, der in der kollektiven Mentalität des Ersten und Zweiten Weltkrieges aufgenommen und als rheinische Tradition nationalistischen Denkens fortgesetzt wurde[136]. Dies ist an dem kriegerischen Aufschrei „zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein“ erkennbar[137]. Die Demütigung, die Frankreich 1870/1871 erfahren musste, wurde erst durch den Versailler Friedensvertrages und die kurzweilige Besetzung des linken Rheinufers überwunden[138]. Cepl-Kaufmann fasst die neue Aufgabe des Rheins mit den Worten: „Er wirkte für Deutschland integrierend, indem er den Einzelnen [...] in das große Ganze hinaufhob“ zusammen[139].
Es gibt nicht den einen Mythos vom Rhein. Vielmehr muss von mehreren Mythologien gesprochen werden, die sich um den Fluss ranken. Diese haben ihren Ursprung in der Rheinromantik, in der alte Sagen und Märchen, wie das Nibelungenlied, neu interpretiert wurden und die den Rhein in ihr Zentrum rückten. Wie gezeigt wurde verband der Rhein schon seit der Antike die Geschichte mit Mythen, die den Strom aufnahmen und ihm eine neue Qualität verliehen.
Der Rhein war für Frankreich eine „natürliche Grenze“. Es sei allein die Natur, die Frankreich seine Grenzen zuschreibe. Die Forderung der Rheingrenze wurde zum Inhalt des nationalen Mythos und zählte zu den unveräußerlichen Bestandteilen der Errungenschaften der Revolution. Der Rhein wurde somit zu einem Mittel und Mythos der nationalfranzösischen Politik und stand dem Konzept des Rheins als „deutschen Strom“ kontrastiv entgegen[140]. Karen Denni stellt heraus, dass der Mythos der natürlichen Grenze mit dem Antagonismus der Völker eine Gefahr darzustellen beginnt, da diese sich auf ihre Nationalität und das Konzept nationaler Grenzen berufen. Zudem kritisiert sie das Konzept der „natürlichen Grenze“, da Grenzen meist Ergebnis jahrhundertelanger Entwicklungen seien und nicht naturgegeben[141]. Das Konzept der „natürlichen Grenze“ war somit „Bestandteil eines weit zurückreichenden politischen Bewusstseins, welches sich gelegentlich als politische Forderung manifestierte.“[142]
Das Konzept des Rheins als Deutschlands Strom und nicht Deutschlands Grenze von Ernst Moritz Arndt beschreibt zugleich den Ursprung der Mystifizierung. Im Zuge der Besetzung des Rheinlands am Ende des 18. Jahrhunderts entstand ein neues Nationalbewusstsein, das den Rhein instrumentalisierte, mit Mythen auflud und als politisches Symbol der strategischen Grenze verstand. Die Geschichte des Rheins ist durch seine trennende und verbindende Funktion als ambivalent zu bezeichnen; ihn einen urdeutschen Strom zu nennen, wird seiner Rolle als europäischer Fluss nicht gerecht. Obwohl seine romantische Verklärung längst Geschichte ist, besitzt der Rhein auch heute noch etwas Mythisches und inspiriert, damals wie heute, Künstler und Schriftsteller.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Meier, Julia, Schönbauer, Daniel, Deutsche, Franzosen und der Rhein, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/deutsche-franzosen-und-der-rhein/DE-2086/lido/5e29a5a27b0150.56971900 (abgerufen am 03.09.2026)
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Sekundärliteratur
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Medizin und Gesundheit
Seuchengeschichte
Inhaltsverzeichnis
- Frühneuzeitliches Leiden. Die Gicht.
- Todbringende Heiler. Der Chevalier und der Thomaskantor Johann Sebastian Bach
- Tuberkulose
- Die Choleraepidemie 1831
1. Frühneuzeitliches Leiden. Die Gicht.
Der König war ein ausgesprochen unleidlicher Mensch. Zwar war er in der Reform seines Staatswesens, in der Schaffung einer gut organisierten - legendär zuverlässigen, wenig korrumpierbaren - Verwaltung und dem Aufbau einer im Verhältnis zur Einwohnerzahl des recht kargen Landes beeindruckenden Armee äußerst effektiv. Ungeachtet seines vollkommenen Mangels an Liebenswürdigkeit sprechen ihm wohlmeinende Biografen das Attribut historischer Größe zu. Er war so erfolgreich, dass sein Sohn und Nachfolger das Land gar in den Rang einer europäischen Großmacht führen konnte: Preußen. Doch im Zwischenmenschlichen war Friedrich Wilhelm I., der König Preußens von 1713 bis 1740, ein Tyrann, der wenig anderes als Furcht verbreitete: bei seinen Beamten, bei den Bürgern und auch in seiner Familie. Der Legende nach nahmen die Berlinerinnen und Berliner Reißaus, wenn ihnen ihr Herrscher bei einem seiner Inspektionsgänge auf der Straße begegnete. Mit seinem Gehstock soll er auf Passanten, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, eingeprügelt und dabei etwas ausgerufen haben wie ,,Ihr sollt mich nicht fürchten! Ihr sollt mich lieben, lieben sollt ihr mich!«
Natürlich war es vor allem der üble Charakter des Monarchen, der sein Verhalten steuerte: Er war ein grober Mensch mit Verachtung für Bildung und Kultur, von ungehobeltem Benehmen und wahrscheinlich mit einer gehörigen Portion Sadismus. Davon zeugt auch sein Verhalten gegenüber seinem heranwachsenden Sohn, dem späteren Friedrich dem Großen, den er so drangsalierte, dass dieser ins Ausland zu fliehen versuchte. Nach seinem gescheiterten Fluchtversuch wünschte Friedrich Wilhelm die Todesstrafe für seinen Sohn. Als die Richter sich weigerten, zwang er den 17-jährigen Friedrich, die Exekution seines Freundes und Vertrauten Hans Hermann von Katte mit anzusehen. Doch zu dem unbeherrschten Wesen kam vor allem in der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit ein weiterer Faktor, der ihn unberechenbar und jähzornig machte: Er litt unter heftigen Schmerzen. Friedrich Wilhelm I. hatte die Gicht. Wenn er sich einem seiner Hobbies widmete, der Malerei - einem seiner wenigen Ausflüge in die Welt der Kultur -, setzte er auf seine schlichten Bilder meist die Signatur in tormentis pinxit, unter Schmerzen gemalt. Woher er das Leiden hatte, war auch den Ärzten der Epoche klar: Wie so viele gekrönte Häupter frönte Friedrich Wilhelm I. den Freuden der Tafel. Auf dieser dominierten wie an allen Höfen und Adelssitzen vor allem Fleischgerichte - und natürlich wurde dabei reichlich dem Alkohol zugesprochen. Der König wurde immer übergewichtiger und konnte sich kaum noch bewegen. Als das Ende nahte, war er körperlich wie mental ausgebrannt. Friedrich Wilhelm I., der zuletzt überwiegend in einem Rollstuhl saß, starb am 31. Mai 1740 mit 51 Jahren im Stadtschloss von Potsdam.
Sein Sohn, der als Friedrich II. den Preußenthron bestieg und schon zu Lebzeiten »der Große« genannt wurde, erbte die väterliche Vorliebe für eine stark fleischlastige Ernährung. Er griff allerdings beim Dinner nicht so im Übermaß zu wie sein Vater: Friedrich der Große war nicht übergewichtig: von ihm erhaltene Uniformröcke deuten ebenso wie die zu seinen Lebzeiten angefertigten Porträts darauf hin, dass er ein zunächst normalgewichtiger und in späteren Jahren geradezu schmächtiger Mann von geringer Körpergröße war. Doch sein Ende ähnelte dem des Vaters, auch wenn ihm ein wesentlich längeres Leben beschert war: Auch Friedrich II. verbrachte in seinen letzten Jahren die meiste Zeit im Rollstuhl auf der Terrasse des von ihm erbauten Schlosses Sanssouci und in Gegenwart seiner heißgeliebten Windspiele. Die Gesellschaft der Hunde zog er dem Beisam- mensein mit Menschen vor. Auch Friedrich der Große - dessen Wunsch, bei seinen Hunden bestattet zu werden, sich erst 1991 endgültig erfüllte - litt an Gicht.
Die Liste der Gichtpatienten aus der frühen Neuzeit, also etwa zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert, liest sich teilweise wie ein Who is Who der Mächtigen und Reichen. Der Zusammenhang zwischen Wohlstand, oft auch Macht, und der Anfälligkeit für das Leiden war ganz offensichtlich. Und kaum irgendwo zeigten sich die krassen sozialen Gegensätze zwischen dem oberen einem Prozent und der großen Masse der Bevölkerung so wie bei den Mahlzeiten, die bei der Oberschicht im von zahlreichen Lüstern erhellten Spiegelsaal und in den unteren Schichten in einer von Tranfunzeln fade illuminierten Kate eingenommen wurden. Der Adelsmann und seine Damen erquickten sich an Kapaun und Wild, an Schweinebäuchen und gefüllten Schwänen; in den Karaffen funkelte Wein und Port - der einfache Bauer aß Hirsebrei und trank, wenn er es sich erlauben konnte, ein Bier, dessen Genießbarkeit in einer Zeit vor Erfindung von Kühltechnologien bezweifelt werden darf. Dieses epidemiologische Verteilungsmuster setzte sich fort, als der Aufstieg des Bürger- und vor allem des Großbürgertums einsetzte und auf der anderen Seite der Bevölkerungspyramide sich die Basis proletarisierte, zum Bauernstand sich der Industriearbeiter gesellte. Die feinfühlige Krankheitsdefinition des Earl of Chesterfield, eines englischen Staatsmannes in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, sollte man im Original auf sich einwirken lassen: Gout is the distemper of gentlemen, whereas the rheumatism is the distemper of a hackney coachman. Die rheumatische Erkrankungen des Kutschers, so muss erklärend ergänzt werden, beruhten ganz wesentlich auf unhygienischen, feuchten Wohnverhältnissen. Außerdem war er bei Ausübung seiner Tätigkeit auf dem Kutschbock dem Wetter ausgesetzt, während der wahre Gentleman im Inneren der Kutsche einigermaßen vor Wind und Regen geschutzt war.
Die Gicht ist eine Störung des Purinstoffwechsels und führt zur Ablagerung von Harnsäurekristallen in den Gelenken. Typischerweise ist das Grundgelenk an der Großzehe des Fußes zuerst oder besonders stark betroffen: Es schwillt an, ist gerötet und schmerzt sehr. Künstler und Satiriker stellten den Gichtkranken daher oft als übergewichtigen Mann dar, dessen verbundener Fuß auf einem Schemel liegt oder der mit einer Bandage im Rollstuhl sitzt. Wilhelm Busch beispielsweise zeichnete 1872 in seiner Bildergeschichte Der neidische Handwerksbursch einen Patienten mit dick verbundenem linken Fuß und setzte den Reim hinzu: »Der Dicke aber - autsch! mein Bein!/Hat wieder heut' das Lipperlein.«
Das spezifische Symptom an der Zehe wird »Podagra« genannt, ein Begriff, den Betroffene vergangener Zeiten dem der Gicht vorzogen. Ein Beispiel dafür ist der erste »Kriegs- unternehmer« der Moderne, der kaiserliche Generalissimus im Dreißigjährigen Krieg, Albrecht Eusebius Wenzel von Wallenstein. Der Mann, der in der ersten Hälfte dieses Konfliktes einen geradezu kometenhaften Aufstieg erlebte und schließlich so viel Macht anhäufte, dass seine Auftraggeber - der Kaiser und seine Verbündeten auf Seiten der Liga, des katholischen Lagers - ihn schließlich vorübergehend entließen und später seine Ermordung in die Wege leiteten, war fast während seiner ganzen Karriere schwer krank. Im Jahr 1620, als der Krieg nach dem schnellen Sieg der Kaiserlichen über die böhmischen Rebellen beendet schien, traf es Wallenstein nach eigenen Worten schwer. Er hatte auch eine Erklärung parat: »Anno 1620 im Julio bin ich auf den Tod krank gewesen, und die Krankheit, vermein ich, dass ich mirs mit Trinken causiert hab.«' Für Wallenstein war es »das Podagra«, welches ihn teilweise immobil - auf einigen seiner Feldzüge musste er von Bediensteten getragen werden - und wohl auch jähzornig (ähnlich wie Friedrich Wilhelm I.) machte. Zeitweise konnte er kein Pferd mehr besteigen, was für einen militärischen Befehlshaber der Epoche fast einer Berufsunfähigkeit gleichkam. Es war wahrscheinlich eine Kombination aus Gicht und Syphilis, die nach seiner endgültigen Entlassung zu einem rapiden körperlichen Abbau und einer weitgehenden Hilflosigkeit führte. Gegen die entschlossenen gedungenen Mörder hatte er auf der Flucht in einer Februarnacht 1634 in Eger keine Chance.
Die Gicht ist den Heilkundigen bereits seit der Antike bekannt. Im ägyptischen Papyrus Ebers (rund 1500 v. Chr.) finden sich sowohl Hinweise auf das Leiden als auch auf Therapieansätze - genannt wird der Extrakt des Herbstkrokus. Auch dem Urvater der westlichen Medizin, dem von 460 bis 377 v. Chr. lebenden Hippokrates waren die Symptome vertraut; angesichts des hohen Weinkonsums im antiken Griechenland dürften sich ihm kausale Zusammenhänge aufgedrängt haben. In einem modernen Fachbuch wird der Kenntnisstand des Heilkundigen prägnant zusammengefasst: »Hippokrates beschrieb, dass die Gicht vorzugsweise bei Erwachsenen und am ganze Körper auftrete, dass sie bei Frauen bevor ihre Regel aufgehört hat‹ selten sei und dass man sie bei Eunuchen nie finde. Er erkannte sie als Erbkrankheit, beschrieb den Einfluss des Nichtstuns und der Ausschweifungen bei Tisch. Er unterschied bereits zwischen Podagra und einer anderen schmerzhaften und entzündlichen Gelenkerkrankung, die er Arthritis nannte.«'
Erblichkeit, Ernährungsgewohnheiten und Luxusleben wurden in der Antike als Wegbegleiter der Krankheit identifiziert, und der Philosoph Seneca betonte, dass es kein reines Männerleiden sei, sondern auch in Unmäßigkeit lebende Frauen befalle: »Wie kann man sich wundern, dass selbst der Größte der Ärzte und gründlichste Kenner der Natur auf einer Lüge ertappt wird, da es so viele podagristische und kahlköpfige Weiber gibt?«*
Mehrere römische Kaiser dürften Gicht gehabt haben; am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit soll unter anderem Heinrich VIII. von ihr befallen gewesen sein sowie zahlreiche andere Fürsten, Könige und Feldherren, darunter auch Ludwig XIV. von Frankreich und Kaiser Karl V. (die ebenso wie Heinrich der VIII. auch die Syphilis gehabt haben sollen). Karls Sohn Philipp II. war in seinen letzten Lebensjahren durch die Gicht regelrecht gelähmt und starb 1598, zehn Jahre nach der schweren Niederlage seiner Armada gegen das England Elisabeths I. Zu den Gichtpatienten aus dem Burgerstand gehören unter anderem Emmanuel Kant und Benjamin Franklin. Und auch Martin Luther, der ursprünglich als Mönch ein Leben der Entsagung führen wollte, zahlte diesen Preis für seine Neigung zu ausgelassenem Speis und Trank.
Der Zusammenhang zwischen Harnsäure und Gicht wurde im späten 18. Jahrhundert entdeckt, nachdem der schwe- dische Chemiker Carl Wilhelm Scheele 1776 Harnsäure in Blasensteinen entdeckte und 1797 William Hyde Wollaston Harnsäure in den Gichtknoten Betroffener nachwies. Im 19. Jahrhundert setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass es nicht allein die Gelenke sind, die von der Gicht betroffen sind, sondern das Leiden häufig auch die Nieren befällt und zu einer Niereninsuffizienz führen kann. In Krisen- und Mangelzeiten lässt die Häufigkeit der Gicht auffallend nach. In Deutschland war sie unmittelbar nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg ausgesprochen selten. In der Gegenwart scheint sich ihre Epidemiologie im Vergleich zur frühen Neuzeit drastisch gewandelt zu haben: Schlechte, ungesunde und übermäßige Ernährung ist heute eher ein Merkmal sozial schwacher Schichten, während Wohlhabende und Eliten über die Mittel verfügen, in angesagten Öko-Supermärkten einzukaufen und in Restaurants zu essen, in denen distinguiertere und quantitativ überschaubarere Speisen aufgetragen werden, keine sich über den Tellerrand biegenden Fleischportionen.
2. Todbringende Heiler. Der Chevalier und der Thomaskantor Johann Sebastian Bach
Geschichte wird natürlich nicht nur von den politisch Mächtigen geschrieben, deren Wirken von Krankheiten beeinflusst oder deren Regierung durch sie beendet wird, manchmal sogar sehr plötzlich wie im Falle Alexanders des Großen oder Franklin D. Roosevelts. Auch werden historische Abläufe nicht ausschließlich von der sogenannten breiten, anonymen Masse bestimmt, geprägt oder erlitten - so wie die vielen für uns heute Namenlosen, die der Pest, der Cholera oder der Tuberkulose zum Opfer gefallen sind. Es gibt noch eine weitere Gruppe von Individuen, die unsere Geschichte und unser Selbstverständnis als Menschen, als Staatsbürger, als Angehörige eines Volkes oder einer Volksschicht mitbestimmen: jene, die Subjekt und Teil der Kulturgeschichte sind, die das zivilisatorische Erbe eines bestimmten Raumes wie zum Beispiel Europas oder gar der gesamten Menschheit geprägt haben.
Auch hier haben Krankheiten immer wieder das Euvre einer Künstlerin, eines Literaten, eines Komponisten beeinflusst - man denke nur an die zunehmende Schwerhörigkeit Beethovens, an die von einer Kinderlähmung herrührende Behinderung Frida Kahlos, an die in ihrer späten Lebensphase entstandenen Bilder von William Turner oder Claude Monet, die am grauen Star litten, oder an den Rheumatismus von Auguste Renoir. Andere große Kulturschaffende wurden auf oder vor der Höhe ihres Schaffens abberufen.
Welche Werke mag ein Vincent van Gogh, der wohl an einer bipolaren Störung litt und mit 37 Jahren Selbstmord beging. sonst noch hinterlassen haben? Oder ein Franz Schubert, der uns bei der Beschäftigung mit einer der folgenreichsten, verheerendsten Seuchen der Neuzeit begegnet ist. Im besonderen Maße gilt das für den Fall eines der größten deutschen Dramatiker: Georg Büchner. Der Literat - und Mediziner - hinterließ nur zwei Dramen (Dantons Tod und Woyzeck, das unvollendet blieb), eine Erzählung (Lenz) und ein Lustspiel (Leonce und Lena), als ihn eine Typhusinfektion tötete. Georg Büchner war erst 23 Jahre alt, wird aber als genial genug eingeschätzt, um dem bedeutendsten deutschen Literaturpreis seinen Namen zu geben.
Gefahr drohte nicht nur durch Krankheiten wie Büchners Typhus, die heute gut behandelbar sind, sondern auch durch die Heilkundigen früherer Epochen. Dieses Schicksal widerfuhr einem der bedeutendsten Komponisten Europas, der hier stellvertretend für die Großen der Kulturgeschichte stehen soll: Johann Sebastian Bach. Er fiel einem der Heiler in die Hände, die bei ihren Patienten mehr Schaden als Nutzen anrichteten. Johann Sebastian Bach litt an einer Sehschwäche. Der 65-jährige Thomaskantor hatte, wie es der Verfasser seines Nachrufs in zeitgenössischer Diktion ausdrückte, ein »von Natur aus blödes Gesicht« - was bedeutete: Er hatte immer schon schlechte Augen. Da Bach einen großen Teil seines Lebens mit Komponieren und Schreiben unter oft ungenügenden Lichtverhältnissen verbrachte, war er höchstwahrscheinlich kurzsichtig. Es mag also eine ähnliche Pathogenese vorgelegen haben wie bei Gustav II. Adolf von Schweden, dessen in diesem Buch beschriebenes Ende nur wenige Kilometer entfernt von Bachs Wirkungsstätte Leipzig eintrat.
Auf dem berühmten, 1748 von dem Maler Elias Gottlob Hausmann geschaffenen Porträt Johann Sebastian Bachs meinen Augenärzte die typische Faltenbildung zwischen den Brauen entdeckt zu haben - die Folge von jahrelangem Zusammenkneifen der Augen, so wie es Kurzsichtige ohne Brille oft tun. Mit zunehmendem Alter nahm Bachs Sehvermögen weiter ab, und die wahrscheinlichste Erklärung dafür ist eine altersbedingte Linsentrübung, der graue Star (Kata-rakt). In früheren Jahrhunderten wurde diese Augenerkran-kung nicht von speziell ausgebildeten Ärzten, sondern von durch die Lande ziehenden »Starstechern« operiert, Bar-biere, die nicht selten auch andere chirurgische Eingriffe wie die Entfernung von Blasensteinen vornahmen. Der berühmteste dieser reisenden Starstecher war der Engländer John Taylor.
Der wahrscheinlich 1703 in Norwich geborene Taylor gilt Medizinhistorikern als das Musterbeispiel eines Quack-salbers, der vielen seiner Patienten nur (weiteres) Elend brachte. Eine Einschätzung, die auch viele Zeitgenossen teilten. Manchmal warnten die Autoritäten vor dem Operateur, doch oft ließ man sich vom Auftreten und der unglaublichen Dreistigkeit Taylors blenden. Er nannte sich »Cheva-lier« und ließ Wundergeschichten über seine Heilerfolge verbreiten; Taylor trug edles Tuch und ein Ruf als Liebling der Frauen eilte ihm voraus. Immerhin, ein Aufschneider bezüglich seiner Ausbildung war er nicht: Er entstammte einer Familie von Wundärzten und ging bei dem angeschenen Chirurgen William Cheselden im Londoner St. Thomas'handlungen und zog durch England, dann auch über de Kontinent. Angeblich erwarb er einen medizinischen Doktorgrad in Lüttich und einen weiteren in Köln. Wo die Wahrheit liegt und wo die Dichtung beginnt, lässt sich dreihundert Jahre später noch schlechter entscheiden als im frühen
18. Jahrhundert. In der Schweiz alein, so gab er später einmal zu, habe er einige Hundert Leute blind gemacht. Er war ein klassischer Starstecher: Er drückte die getrübte Linse mit einer Nadel in den Glaskörper des Auges und übte bei diesem simplen und doch komplikationsträchtigen Eingrif mit seinem selbstbewussten, wenn nicht gar selbstherti chen Auftreten eine beträchtliche suggestive Wirkung auf seine Patienten aus. Taylor verkörperte »die Droge Arz« im schlechtesten Sinne. Dass der englische König Georg Il. ihn zum Hofokulisten ernannte - zu Majestäts Glück ohne sich einem Eingriff durch Taylor unterziehen zu müssen - war die beste Werbung für den Operateur, der damit in den höchsten Kreisen respektiert wurde und von seinem Standort London aus mehr als 30 Jahre lang immer wieder durch Europa zog.
Im Frühjahr 1750 kam Taylor nach Leipzig, wo ihm der berühmte Komponist vorgestellt wurde. Zwischen dem 28. und dem 31. März 1750 operierte Taylor bei Bach »den Stark. Dass dabei die mit einer »Starnadel« aus ihrer Verankerung gehebelte Linse im Auge belassen wurde, ist aus heutiger Sicht beinahe eine Garantie für schwere Komplikationen.
Bine mögliche Folge war eine das Auge zerstörende Intek-tion (denn die Starnadeln wurden bestenfalls abgewischt, aber sicher nie ausgekocht), ein Sekundärglaukom oder eine massive Blutung im Augeninneren. Bei einer modernen Operation des grauen Stars (Kataraktoperation) wird die Linse aus dem Auge entfernt, und der Patient bekommt eineDer Chevalier und der nomaskantor Johann Sebastian Bach Intrakularlinse (LOL) implantiert, die meist über viele Jahre exzellentes Sehvermögen ermöglicht, oft sogar ohne Brille Der Eingriff dauert kaum eine Viertelstunde und ist die häufigste chirurgische intervention in der modernen Medizin; in Deutschland allein werden pro Jahr rund 900000 Kata-raktoperationen vorgenommen.
Zu Bachs Zeiten waren eine solche Erfolgsrate und die heutige Sicherheit der Operation indes undenkbar. Rund eine Woche nach dem ersten Starstich kam es zu einem zweiten Eingriff, ob am gleichen oder dem anderen Auge ist nicht bekannt. Taylor soll übrigens bevorzugt linke Augen operiet haben - unabhängig vom Befund! Nach den beiden Eingriffen verschlechterte sich der Gesundheitszustand Bachs zunehmend. Ob dies die Folge des Eingriffs war, ist umstritten; sollte dies jedoch der Fall gewesen sein, drängt sich der Verdacht einer schleichenden Infektion auf, die schließlich auf den Gesamtorganismus übergriff. Die zeitgenössische Angabe der Todesursache - »hitsiges Fieber« - würde dazu passen. Möglicherweise hatte der übergewichtige Musiker auch Diabetes Typ 2, der nach den Eingriffen außer Kontrolle geriet. Johann Sebastian Bach verließ diese Welt am Abend des 28. Juli 1750.
Doch John Taylor versetzte der zeitgenössischen Musik und damit dem europäischen Kulturgut einen weiteren Schlag. Im August 1758 operierte er in London ein anderes musikalische Genie der Epoche, Georg Friedrich Han-del. Dieser hatte sich sechs Jahre zuvor von einem anderen Okulisten ein Auge operieren lassen, offenbar durchaus mit Erfolg. Dieser stellte sich indes nach Taylors Intervention bei Händel nicht ein. Wie Bach starb auch dieser begnadete Komponist wenige Monate nach einem Taylorschen Star-stich.
3. Tuberkulose
Nelson Mandela entwickelte einen hartnäckigen Husten mit Auswurf, zunehmende körperliche Schwäche hinderte ihn an seinen täglichen Fitnessübungen. Unter schwerer Bewachung wurde er aus seinem Gefängnis ins Tygerberg Hospital verlegt, das zu der renommierten südafrikanischen Universität von Stellenbosch gehört. Aufgrund der Prominenz des erkrankten Gefangenen wurde die ganze Station von anderen Patienten geräumt. Unter Anästhesie wurde dem Bürgerrechtler eine größere Menge bräunlicher Flüssigkeit aus der Lunge entfernt. Die mikrobiologische Diagnostik war eindeutig: Nelson Mandela hatte Tuberkulose.
Es war jedoch ein Glücksfall für Mandela - und für Südafrika - dass die Lungenerkrankung in diesem Jahr bei ihm auftrat. 1988 waren erste Verhandlungen von Mandela und seiner im Untergrund agierenden Partei mit der südafrikanischen Regierung unter Präsidenten P. W. Botha immerhin so weit gediehen, dass sich ein Ende des Apartheid-Regimes abzeichnete. Mandela war nicht länger auf Robben Island (wo Tuberkulose endemisch war) inhaftiert, und nach der initialen Therapie im Tygerberg Hospital wurde er in die geradezu luxuriöse Constantiaberg-Klinik verlegt - als erster schwarzer Patient überhaupt. Eine speziell gegen Tuberku-lose-Erreger gerichtete Antibiotikatherapie schlug bei Mandela gut an. Mit Bothas Nachfolger Frederick Willem de Klerk verhandelte Mandela nach seiner Freilassung 1990 über die Neugestaltung des Landes, das seine rassistische Vergangenheit endgültig hinter sich ließ. Beiden Politikern wurde 1993 der Friedensnobelpreis verliehen.
Glück im Unglück hatte Nelson Mandela auch, weil sich später, in den 1990er Jahren, erste Antibiotika-resistente Stämme des Erregers Mycobacterium tuberculosis (vor allem bei Strafgefangenen) entwickelten. Damit wurde die Krank-heit, die man schon weitgehend zu beherrschen glaubte, erneut zur Bedrohung.'
Tuberkulose begleitet die Menschheit nicht nur durch die gesamte dokumentierte Geschichte, sondern hat offenbar schon Zehntausende Jahre zuvor Hominiden, unsere frühen Vorfahren, in Afrika befallen.? In den meisten alten Kulturen kam die Krankheit vor; den Heilkundigen der Antike war sie bekannt, und Hippokrates stellte fest, dass sie vornehmlich bei relativ jungen Menschen zwischen 18 und 35 Jahren auftritt. Im 19. Jahrhundert beschäftigte (und faszinierte) das Leiden, das auch »Phthisis« oder »Schwindsucht« genannten wurde, nicht nur Ärzte, sondern auch Literaten und Künstler. Der Befall der Lunge mit den klassischen Symptomen des Hustens und des blutigen Auswurfs mag die bekannteste Manifestation der Tuberkulose sein. Doch die charakteristischen runden Infektionsherde, die Tuberkel, können eine Vielzahl von Organen befallen, darunter den Verdauungstrakt, die Knochen - die brechen und zu Missbildungen führen können, wie man sie sowohl an ägyptischen als auch an präkolumbiani-schen peruanischen Mumien festgestellt hat - und selbst die Augen."
Aus der Zeit des Mittelalters gibt es relativ wenige schriftliche Belege über die Krankheit, was auch auf den niedrigen Stand des medizinischen Schrifttums zumindest in der ersten Hälfte des Zeitalters und, ähnlich wie bei der Pest, auf den geringeren Urbanisierungsgrad zurückzuführen sein dürfte. Einer der wenigen prominenten Tuberkulosepatienten der Epoche war wahrscheinlich der 1226 verstorbene Franz von Assisi. Im Mittelalter kam indes eine »Heilmethode« auf, von der sich neben Aussätzigen und anderen Schwerkranken auch Schwindsüchtige eine Rettung versprachen: die erstmals bei Frankenkönig Clovis im Jahr 496 beschriebene »königliche Berührung«. Diese im Englischen royal touch genannte Zeremonie basierte auf der Vorstel-lung, dass der von Gott gesalbte König oder die Königin durch eine kurze Berührung eines Kranken dessen Leiden bessern oder gar heilen könne. Beim Übergang vom Mittelalter in die Frühe Neuzeit wurde dieser Akt, bei dem sich oft Tausende vor der Residenz des Herrschers versammelten, in großem Maßstab betrieben. Die Leidenden zogen in einer Prozession an dem gesalbten Herrscher vorbei und wurden von diesem kurz berührt. Die sicher extrem wenigen »Erfolge« wurden natürlich von der royalen Propaganda ausgenutzt, um den Segen zu verkünden, den die Herrschaft des Königs oder der Königin für das Land bedeute. Uber diejenigen, die dennoch der Tuberkulose oder einem anderen Leiden zum Opfer fielen, schwiegen die Chronisten. Karl II. von England, der im Zuge der Restauration nach dem englischen Bürgerkrieg von 1660 bis 1685 regierte, soll nach zeitgenössischen Zählungen im Laufe dieser Zeit 92102 Kranke berührt haben. Den Rekord für eine Tagesleistung hält vermutlich Ludwig XVI. von Frankreich, der am 14. Juni 1775 insgesamt 2400 Leidende berührt haben soll. Einige davon dürften 18 Jahre später in der Pariser Menge gestanden und gejubelt haben, als der König die Stufen zur Guillotine hinaufstieg.
Anders als die Syphilis, die Pest und vor allem die Cholera mit ihren abschreckenden Symptomen wurde die Tuberkulose während des viktorianischen Zeitalters (die Queen, die ihm den Namen gab, war von 1837 bis 1901 das Staatsoberhaupt des weltumspannenden Empire) als ein beinahe ästhetisches Leiden wahrgenommen, und dies nicht nur in Großbritannien. Zahlreiche ihrer Opfer waren jung, sie wurden im Krankheitsverlauf immer bleicher - was dem Schönheitsideal dieser Zeit entsprach - und waren gemäß dieser Perzeption nicht selten von einer hohen, durch das nahende Ende angefachten Kreativität. Ein Paradebeispiel hierfür erschien den Briten das Schicksal einer der großen Schriftstellerfamilien des Landes. Alle Kinder des Landpfarrers Patrick Brontë gelten als Tuberkulotiker, darunter vor allem die Schwestern Anne (Die Herrin von Wildfell Hall, Agnes Gray), Emily (Sturmhöhe) und Charlotte (Jane Eyre). Die Tuberkulose war entweder selbst Todesursache oder sie bahnte Folgekrankheiten den Weg. Wie ihr Bruder Bran-well (bei dem Alkoholismus und Opiumsucht hinzukamen) wurde keines dieser talentierten Geschwister älter als 40 Jahre. Noch jünger war der romantische Schriftsteller John Keats, als ihn die Tuberkulose mit 25 Jahren in ein frühes Grab brachte. Im Jahr darauf starb mit 29 Jahren sein Jugendfreund, der Schriftsteller Percy Shelley, wenngleich nicht an seiner Tuberkulose. Shelley stürzte bei einem Se-geltörn ins Wasser und ertrank. Der Vorfall ließ auch an einen Suizid denken.
Niemand dürfte das fragwürdige Schönheitsideal eines jungen tuberkulosekranken Menschen so sehr verkörpern wie Simonetta Vespucci. Ihr Name dürfte nicht jedermann geläufig sein, ihr Gesicht hingegen schon: Die junge Frau,»Königin der Schönheit« von Florenz. Sie stand Botticelli für mehrere Bilder Modell, auch für die Venus in seinem berühmtesten Gemälde. Ihr Haar war rot-blond, ihre Haut weiß, ihre Wangen leicht gerötet. Ihre Schönheit scheint ihr bis zuletzt geblieben zu sein - bis zu ihrem frühen Tod mit 23 Jahren im April 1476. Mehr als 400 Jahre später hat ein anderer Künstler die fragile Schönheit einer Tuberkulose-kranken in einem zeitlosen Werk festgehalten. Auch sie ist schön, fast noch ein Kind, wie der Titel »Det Syke Barn (Das kranke Kind)« deutlich macht. Das von Edvard Munch geschaffene Bild zeigt seine 15-jährige Schwester Johanne Sophie kurz vor ihrem Tod an Tuberkulose. Darin findet das Leiden des Mädchens seinen Ausdruck: Aufrecht im Bett sitzend, versucht es mit großer Anstrengung Luft in die von Tuberkeln ausgehöhlten und mit Flüssigkeit gefüllten Lungen zu bekommen. Eine ältere Frau, wahrscheinlich Sophies und Edvards Mutter, sitzt gesenkten Hauptes daneben, von Trauer übermannt. In Munchs Darstellung hat der Tod durch Tuberkulose für die Betroffenen und ihre Angehörigen nichts »Ätherisches«, nichts Ästhetisches an sich.
Für die Ärzte war die Diagnose der Tuberkulose vor allem in den Frühstadien, bevor die Kranken ausgezehrt und »schwindsüchtig« wurden, eine kaum zu meisternde Herausforderung. Die Röntgenstrahlen wurden erst 1895 von Conrad Wilhelm Röntgen entdeckt; die Verfeinerung der Röntgendiagnostik und moderner bildgebender Verfahren ermöglichte im 20. Jahrhundert neben dem Tuberkulin-Hauttest eine zuverlässige Diagnostik - und mit dem Aufkommen wirksamer Medikamente auch eine frühzeitige Behandlung. Das Bestreben, in die erkrankte Lunge, wenn schon nicht hineinzublicken, so doch in sie hineinzuhorchen, führte vor etwas mehr als 200 Jahren zur Erfindung eines diagnostischen Instrumentes, das zum Sinnbild des Arztberufes schlechthin geworden ist: das Stethoskop.
Der junge Arzt hieß René-Théophile-Hyacinthe Laennec und hatte bereits in seinen Studienjahren erlebt, wie wichtig die Diagnose der Tuberkulose war. Seine Lehrer in Paris waren Xavier Bichat, der als Begründer der Histologie gilt und bereits in Laennecs zweitem Jahr mit nur 30 Jahren an der Tuberkulose starb, sowie Jean-Nicolas Corvisart. Dieser propagierte nicht nur das Abhören des Herzens (durch direktes Auflegen des Ohres auf den Brustkorb des Kranken), sondern auch die von dem österreichischen Arzt Johann Leopold Auenbrugger eingeführte Methode der Perkussion der Lunge, bei der der Arzt mit den Fingern auf den Brustkorb klopft. Dem geübten Arzt gibt die Resonanz Auskunft darüber, ob und in welchen Segmenten (»Lappen«) die Lunge mit Flüssigkeit gefüllt ist. Laennec indes fand eine noch bessere Methode. Vielleicht ist es nur eine Legende: Unweit des Louvre beobachtete er mehrere Knaben, die mit einem Ast spielten. Einer der Burschen hielt ihn sich ans Ohr, ein anderer kratzte am gegenüberliegenden Ende mit einem Nagel. Das Kratzgeräusch, so schloss der Mediziner aus der Begeisterung der Kinder, war durch das Holzstück viel besser zu hören, als wenn man direkt neben dem Buben mit dem Nagel stand; das Holz übertrug Laute offenbar besser als die Luft. Bald darauf, wahrscheinlich im Herbst 1816, setzte Laennec dieses Erlebnis in die medizinische Praxis um. Ihm war eine junge Frau anvertraut, die übergewichtig und herzkrank war. Sein Ohr in bislang üblicher Manier auf die Brust der Frau zu legen, empfand Laennec als unschicklich. Außerdem bezweifelte er, bei dem Körperumfang überhaupt etwas hören zu können: »Die außerordentliche Größe ihrer Brüste war ein physisches Hindernis für diese Methode.« Laennec wusste sich zu helfen: »Ich rollte einen Bogen Papier eng zu einer Art Zylinder zusammen und setzte ein Ende auf den Bereich ihres Herzens und das andere an mein Ohr. Ich war nicht in geringem Maße überrascht und erfreut, den Herzschlag klarer und deutlicher zu hören, als ich es je bei der direkten Applikation des Ohres vermocht hätte. In diesem Moment stellte ich mir vor, dass uns die Umstände erlauben würden, die Art nicht nur des Herzschlages, sondern alle spezifischen, durch die Bewegungen der Viszera im Thorax verursachten Geräusche zu beurtei-len.« Von nun an experimentierte Laennec mit verschiedenen Materialien und entschied sich schließlich für einen hölzernen Tubus von etwa 25 Zentimetern Länge und 3 Zentimetern Durchmesser. Er war zerlegbar und konnte zu Hausbesuchen mitgenommen werden; das Ohrstück war aus Metall. 1818 stellte Laennec das von ihm als Stethoskop bezeichnete Gerät auf der Tagung der Akademie der Wissenschaften in Paris vor; im Jahr darauf erschien sein zweibändiges Werk Traité de l'auscultation médiate et des mala-dies des poumons et du coeur. Sein neues Instrument setzte er vor allem zur Auskultation (dem Abhorchen) der Lunge von tuberkulosekranken Patienten ein und unterschied die Geräusche tuberkulöser Kavernen von jenen anderer Lungen-erkrankungen wie Pneumonie (Lungenentzündung) und Emphysemen.
Eine Patientin, die geradezu sinnbildlich für den frühen Tod an Tuberkulose stand und deren Mann die Trauer um sie in unvergängliche Worte fasste, die zu den großen Werken der englischsprachigen Literatur geworden sind, war Virginia Eliza Clemm. Mit nur 13 Jahren heiratete sie (auf der Heiratsurkunde war ihr Alter mit 21 Jahren angege-ben) ihren Cousin - den damals 27 Jahre alten Schriftsteller Edgar Allan Poe. Die Ehe war von großer gegenseitiger zärtlicher Zuneigung und Liebe geprägt; ob sie auch oder schonvon Anfang an sexueller Natur war, ist unter Poes Biografen umstritten. Der zu mentaler Düsternis neigende Dichter, der fast sein ganzes Schriftstellerleben lang unter finanziellen Problemen litt, war selbst tuberkulosekrank. Er fand in Virginia und ihrer Mutter Maria zwei gute Seelen, die sich rührend um ihn kümmerten. Die blasse, zarte junge Frau hatte etwas Engelhaftes, und Poe war tief schockiert, als Virginia eines Abends im Januar 1842 (sie war 19 Jahre alt) beim Klavierspielen plötzlich Blut aus dem Mund lief. In den nächsten zwei Wochen schien sie zwischen Leben und Tod zu schwanken. Poe war zutiefst erschüttert; nach Ansicht seiner Biografen war es die Ehe mit Virginia, die ihm eine nie dagewesene mentale Stabilität gab und ihn von der Flasche fernhielt, sodass sich sein kreatives Talent entfalten konnte. Kam die Sprache auf ihren möglichen Tod, so notierte ein Besucher des Paares, »brachte ihn [dies] völlig um den Verstand«.® Fünf Jahre blieben beiden noch vergönnt, bevor Virginia am 30. Januar 1847 starb. Eine Zeichnung der jungen Frau auf dem Totenbett ist das einzige bekannte Por-trat von Virginia Poe. Das Motiv des sich in Sehnsucht nach seiner verstorbenen Partnerin verzehrenden Trauernden taucht wiederholt in Poes Werk auf wie in Annabel Lee und Lenore; von Letzterer heißt es: »Nichts Königlichres stirbt hinfort/als sie, die starb so jungu. Auch Poes berühmtestes Werk, Der Rabe, zwei Jahre vor Virginias Tod verfasst, ist wahrscheinlich durch die Krankheit seiner Frau und die Aussicht auf eine baldige endgültige Trennung inspiriert worden. Das Gedicht erzählt das nächtliche Erlebnis mit einem Raben, der auf die Sehnsucht des Erzählers nach seiner Verflossen mit einem einzigen, grausamen Wort reagiert: »Nevermore!«. Edgar Allan Poe überlebte seine Virginia nur um etwas mehr als zwei Jahre.
Das vielleicht bekannteste literarische Werk, das sich mitplatz eines jener Sanatorien ist, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mode kamen, vor allem in der Schweiz zu einem Wirtschaftsfaktor wurden und zur steigenden Prosperität der Eidgenossenschaft beitrugen. Der Grundgedanke war, in der sauberen Bergluft die Krankheit zum Stillstand zu bringen. Thomas Mann erlebte den Sanatoriumsbetrieb bei einem Aufenthalt in Davos im Jahr 1912, den ein Presseartikel hundert Jahre später pointiert beschreibt: »Davos, 11000 Einwohner, 20 000 Gästebetten. Die höchste Stadt Europas, die nie so groß geworden wäre, wenn nicht die Tuberkulose Anfang des 20. Jahrhunderts als Ursache für jeden siebten Tod in Europa gegolten hätte. Davos galt als einziger Ort, an dem die Krankheit geheilt werden konnte. Eine russische Patientin schrieb damals: ›Davos ist die Wiege neuer Hoffnung, das Tal des Todes und der Wiedergeburt.‹ Katia Mann, Ehefrau des Schriftstellers, kam nach Davos, weil man bei ihr einen Lungenspitzkatarrh diagnostiziert hatte, der als beginnende Tuberkulose galt.«'
Den Erreger der Tuberkulose identifizierte 1882 Robert Koch unter seinem Mikroskop. Die öffentliche Bekanntgabe dieser vielleicht größten Entdeckung im goldenen Zeitalter der Bakteriologie im späten 19. Jahrhundert erfolgte am 24. März desselben Jahres auf einer ärztlichen Tagung in Berlin. Der auf dieses Datum festgelegte alljährliche Welttu-berkulosetag soll die Erinnerung an die Tuberkulose wach-halten. Diese ist auch heute noch eine epidemiologische und vielerorts gesellschaftliche Herausforderung. Experten schätzen, dass fast ein Drittel der Menschheit mit dem Erreger infiziert ist, was gleichwohl glücklicherweise nicht be-deutet, dass die Infektion aktiv ist und die Betroffenen krank und Überträger sind. Vor allem das Aufkommen von AidsDie »ästhetischste« Krankheit hat ab den 1980er Jahren die Zahl der Krankheitsfälle wieder anschwellen lassen. Ihre Therapie ist durch die Resistenz-entwicklung der Erreger gegen bewährte Medikamente wie Streptomycin schwieriger geworden. Sie war nie eine schöne, sondern stets eine grausame Krankheit - die Worte des groBen romantischen Dichters Lord Byron sind nur ein Ausdruck der irrationalen Verklärung des Leidens im 19. Jahrhundert und seiner eigenen lebhaften Fantasie: »Ich möchte am liebsten an der Schwindsucht sterben, denn dann werden die Damen sagen: Schaut Euch den armen Byron an, wie interessant sieht er doch beim Sterben aus.«
4. Die Choleraepidemie 1831
Im Mai 1831 drang die „Asiatische Cholera“ über Russland bis nach Preußen vor. Die kurze Zeitspanne von der Erkrankung bis zum Tod, die hohe Sterblichkeitsquote sowie die Ungewissheit über die Verbreitungsform machten die Cholera zu einer existenziellen Bedrohung, die die Bevölkerung der deutschen Staaten in Angst und Schrecken versetzte. Die Furcht vor Ansteckung führte vielerorts zum Zusammenbruch des gesellschaftlichen Lebens, da Bürger des höheren Standes sich zurückzogen und Kontakt zu anderen Schichten mieden. Gerüchte, durch die Ärzte als Ursprung der Seuche bezichtigt wurden und pietätloser Umgang mit „Choleraleichen“ lösten in einigen deutschen Städten Unruhen aus, die erst durch militärische Präsenz ihr Ende fanden.
Die Choleraepidemie hatte ihren Ursprung in Indien, wo sie 1829 ausgebrochen war und sich von dort über Handelswege zunächst in Richtung Russland ausbreitete. In Moskau trat sie im September 1830 erstmals in Erscheinung. Im Schlepptau der russischen Armee, die bedingt durch den polnischen Novemberaufstand 1830 in Kongresspolen intervenierte, breitete sich die „Russische Pest“ weiter über Europa aus und näherte sich den Grenzen des Deutschen Bundes.
Dessen Mitgliedsstaaten versuchten sich gegen die Einschleppung der todbringenden Krankheit zu schützen: Bereits 1830 wurde von der österreichischen Regierung ein Programm zur Seuchenabwehr publiziert, das auch für viele der deutschen Staaten Vorbildcharakter erlangte. Durch Errichtung eines militärischen Sperrgürtels an den Grenzen, eines sogenannten Gesundheits-Cordons, die Einschränkung des Schiffsverkehrs auf Binnengewässern und Flüssen sowie die Schließung der Seehäfen sollte die Cholera außerhalb der eigenen Grenzen gehalten werden. Auch die vermeintliche Desinfizierung von gehandelten Waren mit Chlorgas und strenge Quarantänevorschriften für Reisende aus betroffenen Gebieten waren gängige Methoden der Seuchenvermeidung. Inländern war das Reisen nur mit Besitz einer „Legitimations-Karte“ gestattet, die dem Reisenden die Gesundheit bestätigten.
Obwohl die Missachtung der Gesundheits-Cordons mit der Todesstrafe geahndet werden konnte, fand die Krankheit trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ihren Weg über die Grenzen. Ende Mai 1831 meldeten Danzig und Königsberg bereits die ersten Cholerafälle, von wo die Krankheit über Pommern und Posen bis nach Berlin, Magdeburg und Hamburg gelangte. Besonders schwer betroffen waren die östlichen Provinzen des preußischen Staates wie Posen, West- und Ostpreußen, wohingegen das preußische Westfalen und die süddeutschen Staaten 1831 noch von der Cholera verschont blieben.
Aus dem Zarenreich waren die Behörden über die Krankheit informiert und die Zeitungen schürten die Furcht vor der „verderblichen Seuche“. In speziellen Cholera-Zeitungen tauschten sich Ärzte aus und diskutierten mögliche Behandlungsmethoden. Die Cholera stellte die Ärzteschaft vor ein Rätsel, denn sie war nicht in der Lage, Klarheit über die Übertragungswege zu gewinnen. Wenig hilfreiche Therapiemethoden, wie das Benebeln mit Chlorgas oder das Durchführen eines Aderlasses, fügten dem Patienten eher Schaden zu, als dass sie Linderung verschafften. Weiterhin empfahlen die Mediziner sparsame Ernährung und eine sittliche Lebensweise. Da sich keine Heilungserfolge einstellten, verbreiteten sich Gerüchte, durch welche die Mediziner beschuldigten wurden, die Armen auf Geheiß der Regierung zu vergiften. Zahlreiche Ärzte wurden daraufhin Opfer von körperlichen Übergriffen.
In den katastrophalen hygienischen Zuständen in der Zeit des Pauperismus fand die Seuche vor allem in der Masse der Armen rasende Verbreitung. Das Cholera-Bakterium gelangte über die Ausscheidungen der Erkrankten in Sickergruben und von da auch in das Trinkwasser. Besonders in den Städten lebten sozial schwache Familien oftmals in kleinen Wohnungen dicht gedrängt auf engstem Raum zusammen. Die Nutzung von Gemeinschaftslatrinen, der Umlauf von kontaminierten Lebensmitteln und das Waschen mit verseuchtem Wasser ließen die Zahl der Infizierten schnell ansteigen. Da insbesondere die unteren Schichten den eigens eingerichteten Cholerahospitälern misstrauten, wurden die Kranken von den Verwandten oder Nachbarn gepflegt, was eine weitere Verbreitung der Krankheit forcierte.
Kam es zu einem Befall, veranlassten die von der jeweiligen Regierung eingesetzten Cholera-Kommissionen die Quarantänehaltung für ganze Häuser, Straßenzüge oder Stadtteile. Der schnelle Krankheitsverlauf der Cholera endete sehr oft tödlich. Nicht selten trat der Tod wenige Stunden nach Aufkommen der ersten Symptome ein. Durchfall und Erbrechen führten zur Dehydration.
Die Angst vor der Krankheit führte zu gesellschaftlichen Spannungen: Gutsbesitzer schotteten sich auf ihren Gütern ab, reiche Bürger flohen auf ihre Landsitze oder vermieden jeglichen Kontakt zu anderen Menschen. Insbesondere die Frage der Bestattung barg weiteren sozialen Zündstoff. Während die Choleratoten der unteren Schichten auf speziellen Cholerafriedhöfen beigesetzt wurden – oftmals in Massengräbern – waren bessergestellten Bürger nicht selten in der Lage, ihren verstorbenen Angehörigen eine Beisetzung auf einem Gemeindefriedhof zu erkaufen. Auch führte der pietätlose Umgang mit den verstorbenen Armen zu handfesten Unruhen. In Posen, Memel und Königsberg musste das Militär einschreiten, um solche Tumulte zu unterbinden.
Besonders die Besitzenden fürchteten die Krankheit, da sie durch die Tatsache, dass Arme und Reiche gleichermaßen der Krankheit anheimfallen konnten, als Vorzeichen einer bevorstehenden gesellschaftlichen Umwälzung gesehen wurde. Die sinngemäße Verflechtung der Cholera mit der französischen Julirevolution von 1830 machte sie zur „rebellisch-revolutionären“ Seuche, die viele Opfer forderte.
Bis Dezember 1831 waren allein in Berlin bei einer Einwohnerzahl von circa 240.000 insgesamt 2.249 Menschen erkrankt, von denen 1.417 den Tod fanden. In der 55.000 Einwohner umfassenden Stadt Danzig erlagen 1.076 von 1.471 Erkrankten der Seuche. Nach dem erneuten Aufkeimen der Krankheit im Jahr 1832 hatte alleine Preußen in den beiden Cholerajahren 1831 und 1832 rund 41.000 Opfer zu beklagen, darunter auch den Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831) und den berühmten preußischen General August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831). Neben Preußen fielen auch in anderen Regionen zahlreiche Menschen der Seuche zum Opfer. So wurden etwa 1.650 der rund 130.000 Hamburger Einwohner durch die Seuche dahingerafft. Das österreichische Wien verzeichnete nach dem Abflauen der Cholerawelle 1832 etwa 2.200 Choleratote bei 330.000 Einwohnern.
Die erste Cholerawelle Europas rollte im Laufe des Jahres 1832 aus. Die Bedrohung durch die Cholera war aber nicht gebannt, denn die Seuche wütete im 19. Jahrhundert noch in weiteren Epidemien. Erst Robert Koch gelang 1883 den Zusammenhang zwischen Cholera und verunreinigtem Trinkwasser aufzuzeigen, wodurch es ermöglicht wurde, Ansteckungen in vielen Fällen zu vermeiden und der Krankheit Herr zu werden.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Jütte, Christopher: Die Choleraepidemie, in: Lebendiges Museum Online (lemo), online verfügbar seit 14.08.2015 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/alltagsleben/die-choleraepidemie-1831, zuletzt geprüft am 07.05.2026.
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Sekundärliteratur
-> Gerste, Ronald D.: Wie Krankheiten Geschichte machen. Von der Antike bis heute, dritte Auflage, München 2021, S. 153-159.
-> Gerste, Ronald D.: Wie Krankheiten Geschichte machen. Von der Antike bis heute, dritte Auflage, München 2021, S. 145-152.
-> Gerste, Ronald D.: Wie Krankheiten Geschichte machen. Von der Antike bis heute, dritte Auflage, München 2021, S. 247-256.
Freikörperkultur, Nudismus, FKK
Inhaltsverzeichnis
1. Im Lichtkleid zum Lebensglück
1. Im Lichtkleid zum Lebensglück
Die Freikörperkultur war der radikalste Ausdruck lebensreformerischer Zivilisationskritik im Kaiserreich. Ihre Vorgeschichte begann schon im Zeitalter der Aufklärung.
In keiner anderen Epoche hat sich das deutsche Bürgertum so zugeknöpft gegeben wie in den moralisch rigiden, prüden Jahrzehnten des wilhelminischen Kaiserreichs: Sittenstreng war die Mode, nüchtern und hochgeschlossen.
Die Herren trugen Überröcke und steife Kragen und deckten ihre Gesichter mit Bärten zu. Die Damen zwängten sich ins Korsett und versetzten ihre langen Röcke mit Stahl und Fischbein in anständige Starre. Einheitlich und meist dunkel waren die bürgerlichen Anzüge, die auch den Geschmack anderer Schichten beeinflussten. Und doch entdeckte eine erstaunliche Anzahl von Deutschen seit Mitte der 1890er Jahre, auf dem Höhepunkt dieser lustfeindlichen Uniformierung, den Reiz der Nacktheit.
Auf einmal fanden viele Erholungssuchende ein "Luftbad" oder ein Bad im See mit vollständig entblößtem Leib wohltuender als mit den üblichen Badetrikotagen, die den Körper weitgehend verhüllten. Das erste deutsche Nacktbaderesort wurde bereits 1903 eröffnet, bei Klingberg in der Lübecker Bucht.
Nicht einmal zehn Jahre später gab es bereits 380 solcher Areale für Nackte. Schriften, die das Nacktsein in hymnischen Tönen priesen – wie Heinrich Pudors 1893 erschienene Aphorismensammlung Nackende Menschen. Jauchzen der Zukunft –, avancierten zu Bestsellern. Die einschlägigen Bücher des völkischen Schriftstellers Richard Ungewitter, der sich 1903 mit dem Essay Wieder nackt gewordene Menschenhervortat, dem er sechs Jahre später die kritische Studie Nackt folgen ließ, erreichten sogar eine Gesamtauflage von mehr als 300.000 Exemplaren.
Allein als spontane Reaktion auf die als beengend empfundene Kleiderordnung lässt sich dies kaum deuten. Denn um ein größeres Maß an Bewegungsfreiheit zu erlangen, mussten sich die Deutschen nicht zwangsläufig ganz entkleiden. Röcke oder Hosen, Mäntel und auch die Unterwäsche konnten ja auch luftig und leicht geschneidert werden.
Und tatsächlich fanden solche Forderungen nach einer ungezwungenen, lässigen Kleidung viel Zuspruch: Der Hygieniker Max Rubner warb 1892 für eine weiche Unterbekleidung nur aus Wolle und Baumwolle. 1896 wurde in Berlin der Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung gegründet, um Mieder und Korsett den Kampf anzusagen. Kleider wurden bequemer, und seit der Jahrhundertwende trug man auch vermehrt weit geschnittene Schuhe. Woher rührte dann der mitunter missionarische Drang, trotz sichtbarer Fortschritte alle Hüllen fallen zu lassen? Was machte die gemeinschaftlich genossene Nacktheit, die "Freikörperkultur", für eine wachsende Schar von Anhängern so attraktiv?
Offenkundig ging es um mehr als nur Bequemlichkeit und Gesundheit. Denn mit dem vollständigen Verzicht auf Bekleidung verbanden die Nudisten oder Naturisten, wie man die Befürworter der Nacktkultur jetzt auch nannte, eine radikale Protesthaltung. Kleider symbolisierten die Konventionen der Gesellschaft. Wer sich von den Zwängen der modernen Zivilisation also umfassend und vollständig lossagen wollte, der musste sich nicht nur umziehen, sondern ausziehen – und zwar ganz.
So finden sich im Nudisten-Schrifttum denn auch zahlreiche Polemiken gegen die Lebensweise der scheinbar so "gesitteten Bürger" des Kaiserreichs, in denen diese als "behoste Spießer" verhöhnt wurden. Den heuchlerischen Moralvorstellungen dieser überzivilisierten "Kleidermenschen" setzten die Nudisten das Ideal einer lebendigen, vitalen und reinen Nacktheit entgegen. In teils nostalgischen, teils utopistischen Formulierungen erhoben sie dabei die Nacktheit zum Ausdruck einer ästhetisch-sentimentalen Hinwendung zu einem naturnahen Leben – einem Leben abseits der Städte, fern der Hässlichkeit und den Zumutungen der modernen Welt.
Diese kraftvolle, vom energischen Protest gegen die Moderne getragene Naturbeschwörung gründete allerdings nicht allein auf dem Unbehagen an der wilhelminischen Gesellschaft, sondern hat eine lange Vorgeschichte. Sie reicht zurück bis ins 18. Jahrhundert, als die mit einer radikalen Zivilisationskritik gepaarte Naturverherrlichung erstmals – und in kaum zu steigernder Form – artikuliert wurde: von dem Aufklärer und Philosophen Jean-Jacques Rousseau. Dieses Ursprungs ihrer eigenen Lebensreformbemühungen waren sich die Nudisten der wilhelminischen Ära durchaus bewusst. Doch was genau hatte Rousseau seinen Epigonen mit auf den Weg gegeben?
Im Discours sur les sciences et les arts (der Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste) – seiner berühmten Antwort auf die 1749 von der Akademie von Dijon formulierte Preisfrage, "ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen habe" – hatte Rousseau wortreich und voller Pathos einen in ganz Europa festzustellenden Niedergang von Ehrbarkeit und Tugend beklagt. Dabei war es ihm gelungen, das naive, freie und tugendhafte Dasein von Völkern, die von den entzaubernden und sittenverderbenden Auswüchsen der wissenschafts- und technikversessenen Moderne verschont waren, in so eingängiger Weise zu schildern, dass er bei seinen Lesern eine tiefe Sehnsucht nach dem "natürlichen Menschen" weckte.
Als Urbild dieses Naturmenschen figurierte bei Rousseau der nordamerikanische Indianer, den er dem Sprachgebrauch seiner Zeit gemäß als "Wilden" bezeichnete, aber wegen der ihm noch nicht abhanden gekommenen "ursprünglichen Freiheit und Tugend" beneidete. Die Irokesen-Völker seien "glücklichere Nationen" als die wissenschaftlich und technisch versierten europäischen Kulturnationen, schrieb Rousseau – und ließ seine Leser wissen, dass die von der Jagd lebenden amerikanischen Ureinwohner "ganz nackend einhergehen". Der wahrhaft zufriedene und redliche Mensch, lautete Rousseaus frappierende Botschaft, war unzivilisiert und unbekleidet.
Luftbad wegen seiner erquickenden Wirkung als "Arzneymittel" gelobt
Diese These, die Rousseau noch dazu mit einem heftigen Angriff auf die korrupte westliche Zivilisation verknüpfte, war so neu und unerhört, dass ihm heftiger Widerspruch sicher war. In einem spöttischen Brief ätzte Rousseaus philosophischer Widerpart Voltaire: "Noch niemand hat so viel Geist leuchten lassen wie Sie in dem Bestreben, uns wieder zu Bestien zu machen, und man bekommt ordentlich Lust, auf allen vieren zu gehen, wenn man Ihr Werk liest." Doch Rousseaus provozierende Thesen fanden auch Zustimmung, vor allem unter den jungen Männern und Frauen der nachwachsenden Generation.
Zu ihnen gehörte auch Johann Wolfgang von Goethe. Schon als Leipziger Student folgte er, wie er in seinen Lebenserinnerungen Dichtung und Wahrheit bekennt, den "Anregungen Rousseaus". Denn diese "würden uns", wie der Frankfurter Bürgersohn wähnte, "der Natur näher führen und uns aus dem Verderbnis der Sitten retten". Dabei erschien ihm auch das Nacktsein als geeignetes Mittel, der angestrebten Lebensweise näher zu kommen. Unbefangene Darbietungen seines Körpers in offener Landschaft scheute der angehende Dichter nicht – zum Verdruss mancher Zeitgenossen.
Handfesten Ärger handelte er sich ein, als er 1775, während einer mit den gräflichen Brüdern Christian und Friedrich Leopold zu Stolberg unternommenen Reise, splitterfasernackt im Freien badete, um sich "in einen Naturzustand zu versetzen". Bereits in Darmstadt sorgten die Gefährten für einen ersten "Skandal", weil es die dortigen Bürger für unschicklich hielten, dass sich "nackte Jünglinge bei hellem Sonnenschein" zeigten. Nicht besser erging es ihnen in der Nähe von Zürich, wo sie sich "nicht ohne ein wildes, teils von der Kühlung, teils von dem Behagen aufgeregtes Lustjauchzen" in die schäumenden Wellen eines Gebirgsbachs stürzten. "Nackte Körper", so Goethe lakonisch, "leuchteten weit." Die drei Deutschen wurden mit Steinwürfen vertrieben, da man ihnen vorwarf, "sie weseten nicht in der uranfänglichen Natur", sondern in einem kultivierten Land.
Eine junge deutsche Adlige, die Fürstin Amalie von Gallitzin, die eine der engsten Vertrauten Goethes werden sollte, tat es den drei Männern nahezu gleich, als sie sich im Sommer 1781 mitten in Göttingen ein ausgedehntes Flussbad gönnte. Zwar stieg sie nicht völlig entblößt in die Fluten der Leine, doch aufreizend leicht bekleidet. Ihre zwölfjährige Tochter Marianne und den elfjährigen Sohn Mitri schickte sie fast nackt ins kühle Wasser. Eine schockierte Beobachterin, die Göttinger Professorentochter Caroline Michaelis, notierte in einem Brief an ihre Freundin Julie von Studnitz, dass die Fürstin Gallitzin "am hellichten Tag in unserer Leine" bade, noch dazu "mit einer Gefolgschaft von sechs bis acht Herren", aber auch gemeinsam mit ihren Kindern, die eine Art Nachthemd trügen, das den nackten Körper mehr bloßlege als verhülle, da es "hinten offen ist".
Während die meisten Göttinger dieses Schauspiel mit naserümpfendem Spott kommentierten, bat einer der angesehensten Professoren der Stadt, der Experimentalphysiker Georg Christoph Lichtenberg, um Nachsicht. Schließlich kannte er die Vorteile des Nacktbadens für die Gesundheit. Diese brachte er dann auch einige Jahre später im viel gelesenen Göttinger Taschenkalender für das Jahr 1795 in seinem Aufsatz Das Luftbad zur Sprache. Wer sich regelmäßig "ganz nackend, in freyer Luft" kräftig bewege, werde sich "in seinem siebenzigsten Jahre noch so jung" fühlen "als in seinem dreyßigsten". Folglich lobte der Physiker das Luftbad wegen seiner erquickenden Wirkung als "Arzneymittel". Lichtenberg argumentierte ausschließlich wie ein Arzt. Den zivilisationskritischen Ton Rousseaus suchte der Göttinger Professor hingegen zu vermeiden.
Dieser Strategie einer möglichst medizinisch-nüchternen Bewerbung blieben viele Befürworter des Nacktbadens bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts treu. Zu ihnen zählte unter anderem der schlesische Landwirt Vincenz Prießnitz, der von 1830 an im Altvatergebirge Kaltwasserkuren anbot. Der Schweizer Färbereibesitzer Arnold Rikli, der das Sonnenbad seit 1855 in Veldes, Laibach und Triest als wunderwirkendes Allheilmittel propagierte, überhöhte seine Licht-Luft-Therapie dagegen zu einem naturreligiösen Ritual – und lockte gerade deswegen eine wachsende Zahl von Kurgästen aus ganz Europa an seine Wirkungsstätten.
Einer von denen, die bei Rikli Erbauung und Reinigung suchten, war der Münchner Maler Karl Wilhelm Diefenbach, der sich im Jahr 1881 einer freireligiösen Gemeinschaft anschloss und nach seiner Rückkehr nach Bayern als Vegetarier in einem Steinbruch bei Höllriegelskreuth im Isartal lebte. Gemeinsam mit seinem Jünger Hugo Höppener, dem er den lateinischen Namen Fidus (der Getreue) gab, lustwandelte er dort nackt unter sonnigem Himmel. Zu seinen bekanntesten Werken gehört ein Schattenfries, auf dem lauter nackte Menschen zu sehen sind, die nach den Sternen streben, nach einem besseren, naturnahen Leben.
Diefenbach war einer der wichtigsten Propagandisten der Freikörperkultur im ausgehenden 19. Jahrhundert. Mehrfach geriet er ins Visier der bayerischen Polizei. Seine sektenhaften Versammlungen wurden immer wieder verboten, doch seine Bilder und die Arbeiten seines Schülers Fidus weckten das Interesse der frühen Nudisten im Kaiserreich. Heinrich Pudor erbat sich von Fidus drei Federzeichnungen für seine Broschüre Jungbrunnen, die 1894 erschien.
Auch Richard Ungewitter mochte seine 1907 veröffentlichte Informationsschrift Die Nacktheit in entwicklungsgeschichtlicher, gesundheitlicher, moralischer und künstlerischer Beleuchtung nicht ohne Illustrationen von Fidus publizieren, der inzwischen zu einem Propheten der Nacktkultur geworden war – nicht zuletzt wegen der Popularität des von ihm geschaffenen Kultbildes Das Lichtgebet, einer Ikone der Lebensreformbewegung.
Sogar die Reformpädagogik entdeckte die Freude am Nacktsein
In Pudors und Ungewitters bebilderten Programmschriften wurde zwar auch weiterhin der gesundheitliche Wert des Nacktseins betont, doch überwog in ihnen jetzt wieder eindeutig Rousseaus Vermächtnis: die radikale Zivilisationskritik. So machte Pudor der wilhelminischen Gesellschaft zum Vorwurf, dass sie mit der Entwicklung von Wissenschaft und Technik, dem Ausbau von Telefon und S-Bahn, gerade in den Städten auf den ungebremsten Ausbau der Verkehrs- und Kommunikationsströme setze, ohne danach zu fragen, welche Folgen die vollständige Technisierung und Urbanisierung für die in Steinwüsten zusammengedrängten Massen zeitige. In seinen Augen waren die Jahrzehnte um die Jahrhundertwende – in denen die Bevölkerungszahl mancher deutscher Städte teils um ein Vielfaches anwuchs – nicht von Segnungen erfüllt. Gebracht hätten sie nur Hektik, Nervosität, Reizüberflutung und Dreck.
Dass im wilhelminischen Kaiserreich auch mehr und mehr Menschen, sogar Arbeiter, im Rahmen der jetzt regelmäßig stattfindenden Reichstagswahlen am politischen Geschehen teilnehmen konnten, interessierte den antidemokratisch eingestellten Pudor nicht. Die Resultate der Moderne, das waren für ihn ausschließlich die verabscheuungswürdigen Degenerationserscheinungen der Industrie- und Massengesellschaft. "Der Mensch", forderte Pudor daher, "muss die Kleider ausziehen", ehe er wieder "vollkommen werden kann". Auch Ungewitter verbreitete ähnliche Thesen, vermengt mit völkischem und antisemitischem Gedankengut, denn er hielt auf strenge, rassereine Leibeszucht der Deutschen und träumte von "nackter Gattenwahl".
Um ihre Vorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen, organisierten sich die Befürworter der radikalen Nacktkultur in zahlreichen Vereinen. 1906 gründete Ungewitter in Stuttgart einen Freikörperkulturbund, dessen Mitglieder sich in als Logen bezeichneten Zweigvereinen formierten, auf gepachteten Waldwiesen Lichtluftbäder praktizierten und sich der sittlichen wie körperlichen Erneuerung des deutschen Volkes durch Nacktkultur und Nacktsport widmeten. In Berlin wurde der einflussreiche Verein für Körperkultur aus der Taufe gehoben. Bereits 1912 gab es deutschlandweit etwa 500 Stätten, an denen man der Nacktkultur als Mitglied eines entsprechenden Vereins frönen konnte.
Sogar die Reformpädagogik entdeckte die Freude am Nacktsein als vielversprechenden Weg und wichtiges Ziel einer runderneuerten Erziehung. In der 1910 eröffneten Odenwaldschule etwa, einem der bekanntesten Landerziehungsheime Deutschlands, sah man Luftbäder als wertvolles Mittel der Erziehung "zur seelischen Reinheit" an. Den Schülern und Schülerinnen sollte jede "falsche" Schamhaftigkeit ausgetrieben werden. Allmorgendlich mussten sie sich – nach Geschlechtern getrennt – am Rand des Waldes, der die Schule umgab, nackt ausziehen, um sich in der Gruppe zu dehnen und zu strecken. Den Kindern, die sich dabei trotz allem bleibend schämten, empfahl Schulleiter Paul Geheeb umstandslos den Abgang von seinem Reforminstitut.
In dieser Kompromisslosigkeit spiegelt sich auch das Verhalten und Ansinnen vieler anderer Wortführer der Nacktkultur im Kaiserreich. Egal, ob Diefenbach, Fidus, Pudor oder Ungewitter: Bei aller sportlichen Freude an der heilsamen Bewegung in freier Natur war für sie das Nacktsein doch immer höchster Ausdruck eines heiligen, oft zwanghaften Ernstes. Die von ihnen propagierte Freikörperkultur glich vielfach einer Erlösungslehre, die sich aus der tief sitzenden Angst vor der Moderne speiste. Sie trat damit ganz bewusst das Erbe der fundamentalen Zivilisationskritik Rousseaus an, die sie jedoch, wann immer sich völkische oder rassistische Ideen in den Vordergrund drängten, aus ihrem aufklärerischen Entstehungszusammenhang löste.
Erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Auflösung des Kaiserreichs begannen sich die Befürworter der Freikörperkultur ideologisch zu entkrampfen. Wichtiger als die FKK-Logen und Nacktkörperkulturvereine wurden für die Geschichte des Nudismus nun die vielen ganz gewöhnlichen Badenden, die sich vorzugsweise am Ostseestrand oder in den zahlreichen Berliner Seen an heißen Sommertagen nackt ins Wasser stürzten – aus purer Lebensfreude, frei von ideologischem Ballast.
Die Nationalsozialisten beäugten das Treiben der nicht in einer Organisation zusammengeschlossenen Nackten zunächst mit großer Skepsis. 1942 schließlich wurde eine neue Badeverordnung erlassen, die in der Bundesrepublik Deutschland (mit Ausnahme Bayerns) bis in die 1960er Jahre in Kraft blieb, in der DDR gar bis 1990. Gemäß dieser Verordnung wurde das Nacktbaden an öffentlichen Stränden erlaubt, ganz ohne Zäune und Hecken, sofern die Badenden sich in versteckt liegende Buchten zurückzogen.
Heute, in einer Zeit, in der sich sieben Millionen Deutsche im Sommerurlaub nackt sonnen und in der Nacktrodelevents den launigen Höhepunkt einer jeden Wintersportsaison darstellen, mutet es fast schon unwirklich und kaum glaublich an, dass die Nacktkultur hierzulande einst ein mit reformatorischem Eifer betriebenes Geschäft zur Erlösung der Welt gewesen ist, ein sehr ernstes dazu. Es ist aber die nackte Wahrheit.
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Quellen:
Internetquellen
-> Oberhof Jürgen: Im Lichtkleid zum Lebensglück, in: Zeit online, online verfügbar seit 10.06.2013 unter: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/02/freikoerperkultur-nudismus-lebensreform-kaiserreich/komplettansicht#print, zuletzt geprüft am 16.02.2026.
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Sekundärliteratur
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Technikgeschichte
Fotografie und Film
Inhaltsverzeichnis
1. Neuer Fund. Ältestes Foto Deutschlands zeigt Münchner Frauenkirche (Artikel)
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1. Neuer Fund. Ältestes Foto Deutschlands zeigt Münchner Frauenkirche (Artikel)
Die Geschichte der Fotografie muss um ein entscheidendes Kapitel erweitert werden: Das erste Foto Deutschlands ist zwei Jahre älter als bisher angenommen. Nach Forschungen des Deutschen Museums stammt es aus dem Jahr 1837 und zeigt die Münchner Frauenkirche.
Das Museum spricht von einer kleinen Sensation. Das nur vier mal vier Zentimeter große Foto des Mineralogen Franz von Kobell schlummerte in den Archiven, bis die Wissenschaftlerin Cornelia Kemp es bei Recherchen für ihr Buch "Licht – Bild – Experiment" entdeckte.
Bisher sei man davon ausgegangen, dass die ersten Fotos Deutschlands aus dem Jahr 1839 stammen – aus demselben Jahr, in dem Louis Daguerre seine Erfindung in Paris mit großer Öffentlichkeitswirkung bekannt machte, erläuterte das Museum. Nun ist klar: Die erste Fotografie Deutschlands - ein Salzpapier-Negativ - entstand im März 1837. Kobell hatte sein Werk handschriftlich auf der Rückseite mit Monat und Jahreszahl versehen. "Es ist das älteste deutsche Foto, das ist eindeutig", sagte Kemp am Dienstag.
"Kobell hat kein Wort über diese Aufnahmen verloren"
Die Frauenkirche hebt sich darauf fast schemenhaft hell gegen den dunklen Himmel ab: Damals gab es keine Positive. Das Salzpapier, auf das Kobell seine Bilder bannte, war zu dick, um Abzüge davon herzustellen. Zudem ist das Foto seitenverkehrt. Um welche Uhrzeit es aufgenommen wurde, bleibt offen, die Zeiger der Turmuhren sind nicht zu erkennen. Die Belichtung habe sich über mehrere Stunden hingezogen, berichtete Kemp.
Bisher galten die Bilder von Franz von Kobell und von dem Physiker Carl August von Steinheil von 1839 als die ersten Fotos in Deutschland. Anders als dem Franzosen Daguerre sei es den beiden um "eine rein experimentelle Beschäftigung" gegangen. "Kobell hat kein Wort über diese Aufnahmen verloren", sagte Kemp.
Steinheil und Kobell hätten die Bayerische Akademie der Wissenschaften über ihre Versuche erst im Jahr 1839 informiert - als in Paris Daguerres Erfindung der Fotografie auf Metall als Daguerreotypie vorgestellt wurde. Zudem berichtete der Engländer Henry Fox Talbot von seiner Entwicklung der Fotografie auf Papier, der Kalotypie.
Unbekannte Kamera
Das Thema beschäftigte damals Dutzende Wissenschaftler und Forscher. Die Entwicklung der Fotografie zog sich über Jahre. Es gebe Lichtbilder, die noch früher entstanden seien. "Eine Aufnahme von einem Fenster in seinem Wohnsitz in Lacock Abbey hat Talbot bereits 1835 datiert und im gleichen Jahr erschien auch ein erster Pressebericht über Aufnahmen von Daguerre", sagte Kemp. Die älteste erhaltene Kamerafotografie von Nicéphore Niépce stamme von 1826.
Neben den Türmen der Frauenkirche lichtete Kobell 1837 unter anderem das Bazargebäude am Odeonsplatz mit dem Café Tambosi ab. 1839 folgten Aufnahmen von der Glyptothek und von Schloss Nymphenburg. Unbekannt ist, mit welcher Kamera er die Aufnahmen fertigte.
Dass 1839 als Geburtsjahr der Fotografie gilt, erklärt Kemp mit dem geschäftstüchtigen Vorgehen des Franzosen Daguerre. "Daguerre war ein sehr schlauer Geschäftsmann. Er hatte seinen Schwager Alphonse Giroux damit beauftragt, Kameras zu bauen und sorgte dafür, dass es auch eine Gebrauchsanweisung für seine Art der Fotografie gab. Ab dem Moment, in dem die Erfindung in der Akademie der Wissenschaften in Paris bekanntgegeben war, konnten die Leute daher in den Laden gehen und eine Kamera und alles übrige Equipment kaufen."
Zu fragil für die Öffentlichkeit
Steinheil und Kobell hingegen hätten sich wieder anderen Themen zugewendet, als sie das Prinzip der Fotografie verstanden hatten. Kobell sei heute eher bekannt als Autor des "Brandner Kaspar", in dem ein Bayer dem Tod ein Schnippchen schlägt - und nicht als Vater der deutschen Fotografie. "Für Franz von Kobell aus der berühmten Malerfamilie der Kobells besaß die Fotografie offensichtlich künstlerisch keine Bedeutung", vermutete Kemp. "Er hat genau in dem Jahr angefangen zu dichten, als er mit der Fotografie aufgehört hat."
Seine Rolle bei der Entwicklung der deutschen Fotografie sei bisher unterschätzt worden, man habe die Hauptrolle Steinheil zugeschrieben. Die ersten Papieraufnahmen seien aber von Kobell allein gemacht worden.
Dauerhaft ausgestellt werden kann seine älteste Fotografie Deutschlands aus konservatorischen Gründen allerdings nicht. Sie muss in einem Kühl-Depot aufbewahrt werden. Für die Öffentlichkeit wird sie deshalb im Original nicht zu sehen sein.
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Quellen:
Internetquellen
-> https://www.monopol-magazin.de/aeltestes-foto-deutschlands-zeigt-muenchner-frauenkirche, zuletzt geprüft am 21.05.2025.
Sekundärliteratur
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Kommunikation
Inhaltsverzeichnis
- Die Linie der Optischen Telegrafen der Linie Berlin - Koblenz
- Kleine Geschichte der ersten Briefmarke und einer unklugen Farbwahl (Artikel)
- Oktober 1861: Die Erfindung des Telefons
- Die Einführung der fünfstelligen Postleitzahl
- Post- und Telegrafenwesen (19./20. Jahrhundert)
1. Die Linie der Optischen Telegrafen der Linie Berlin - Koblenz
Die Linie der Optischen Telegrafen der Linie Berlin - Koblenz führt im heutigen Rheinland von von Radevormwald bis Hennef/Sieg. Im Jahr 1832 wurde mit dem Bau der Telegrafenlinie begonnen. Die Entscheidung zur Errichtung einer Linie Optischer Telegrafen zwischen Berlin und Koblenz fiel in einer Zeit äußerer und innerer Bedrohungen für den Staat Preußen.
Wie Dieter Herbarth schreibt (ders. 1978, S. 45f):
„Man hielt es aus militärstrategischen Gesichtspunkten auf dem Hintergrund der geographischen Gegebenheiten und der außenpolitischen Bedingungen für notwendig, den derzeitig langen Informationsfluss und die dadurch bedingten Entscheidungsverzögerungen zwischen dem Rheinland und der Zentrale in Berlin durch das neue Kommunikationsmittel zu beschleunigen [...], um auf diese Weise eine höchste Effizienz kommender militärischer Aktionen zu erreichen. [...]
Die innen- und verwaltungspolitische Notwendigkeit waren mit der Zuweisung der Westprovinzen Rheinland und Westfalen 1815 an Preußen territoriale Streitigkeiten an der Westgrenze für den Augenblick beigelegt und die außenpolitische Ordnung in Europa einigermaßen gefestigt, so regelten diese Beschlüsse innenpolitisch jedoch gar nichts, selbst wenn man in der Wiener Bundesakte von landständischen Verfassungen für alle Länder des deutschen Bundes sprach. [...] Für Preußen ergaben sich in den folgenden Jahren erhebliche verfassungspolitische Probleme, die einmal in der allgemeinen liberalen Strömung, die weitgehend das politische Leben Europas prägte, zum anderen aber aus der heterogenen Zusammensetzung des neuen preußischen Staates resultierten. [...]
Besondere Probleme bargen dabei die Westprovinzen. Unterschiedliche historische Voraussetzungen [...] und eine daraus für den preußischen Staat resultierende unbequeme selbstbewusste Eigenständigkeit führten [...] nicht nur zu spezifischen verfassungs- und verwaltungspolitischen Forderungen, sondern auch zu soziologisch bedingten Auseinandersetzungen innerhalb der Rheinprovinz selbst. [...] Rheinische Liberale [...], der niederrheinische Adel [...] und der rheinisch-katholische Adel [...] bildeten auf der Basis eines landsmannschaftlichen Gemeinschaftsgefühls eine einheitliche Opposition gegenüber der landschaftsfremden Staatsverwaltung, so daß sich hier [...] in den ersten Jahrzehnten nach 1815 [...] ein [...] der Berliner Zentrale entgegengesetztes Selbstbewußtsein manifestierte. [...] Gerade diese Verfassungsbewegung, die sich im Rheinland und in Westfalen kräftig entfaltete, erhielt starken Auftrieb, als im Sommer 1830 durch die Revolution in Frankreich und Belgien eine neue politische Lage geschaffen wurde. [...] Die westfälischen Provinzialstände verhandelten auf dem 3. Provinziallandtag im Winter 1830/31 als erste gesetzlich berufene politische Korporation über ein Verfassungsbegehren. [...]“
Dennoch dauerte es noch bis 1832, ehe mit dem Bau der Telegrafenlinie begonnen wurde. Man entschied sich für ein System der optischen Kommunikation basierend auf sechs Flügeln (Indikatoren), die paarweise an einem ca. 6,30 Meter hohen Mast angebracht waren. Diese konnten durch Seilzüge in verschiedene Positionen gebracht werden (ebd., S. 51).
Die jeweilige Stellung der Flügel entsprach einem (chiffrierten) Buchstaben, einer Zahl oder einem feststehenden Begriff, die mittels eines Fernrohrs am nächsten Standort beobachtet, notiert und in gleicher Weise weiter gegeben werden konnten. Das Weitergeben von Informationen war streng geregelt und in einem Telegrafistenwörterbuch sowie zwei Instruktionsbüchern festgehalten.
„Es kam vor allem auf kurze Ausdrücke und möglichst wenige Zeichen an. Interpunktionszeichen durften nur mitchiffriert werden, wenn sie zum Verständnis notwendig waren. [...] Ein solches Wörterbuch war auf jeder Telegrafenstation vorhanden [...] und [...] enthielt 2250 Zeichen und [...] auf achtzehn Seiten verschiedene Wörter: Hilfsverben, Orts- und Flußnamen, Personennamen, Namen und Titel, Telegrafenteile, Werkzeuge, Materialien, Monate, Wochentage, Stunden, Zahlen, allgemeine Redesätze und Redesätze für das Telegrafieren. [...]
Bei der Übermittlung von Depeschen war eine genaue Aufgabenteilung vorgeschrieben. Nachdem zunächst den beiden Telegrafisten einer Station die Nachbarstation beobachtet hatte, teilte sich das Übermitteln selbst in das Beobachten und Diktieren und in das Stellen der Zeichen auf. [...] Hatte der Telegrafist das Zeichen gestellt, kontrollierte dieser nun seinerseits das Zeichen der nachfolgenden Station. Der zweite Telegrafist verglich das gestellte Zeichen an der Steuerungsmaschine mit dem Vorgänger und trug es in das Journal ein. [...]
Sehr genau festgelegt war die Reihenfolge der Zeichen beim Telegrafieren einer Depesche. Zusätzlich mußte die Zeit des Abgangs und das Datum angegeben werden. Bei den ankommenden Depeschen hatten die Telegrafisten zu unterscheiden zwischen einer normalen ‚Meldung von Stationen Nr ...‘ und einem ‚Citissime! Es wird gemeldet von Station Nr. ...‘, womit eine vorzugsweise zu befördernde Depesche angekündigt wurde. [...]
Um Überschneidungen möglichst zu vermeiden, war auch der Depeschengang genau geregelt. So sollte den ganzen Tag über zu jeder vollen Stunde eine Meldung von der Endstation nach Berlin abgehen. Lag keine Depesche vor, wurde zumindest das Zeichen ‚Nichts Neues‘ telegrafiert. Hiernach hatten die Zwischenstationen sukzessive die Möglichkeit, Meldungen nach Berlin zu senden. War auf diese Weise die nach Berlin zu übermittelnde Korrespondenz erledigt, folgte die Meldung in umgekehrter Richtung. War danach ebenfalls nichts mehr zu berichten, blieb die Linie bis zur nächsten vollen Stunde in Ruhe.“ (ebd., S. 56)
Nimmt man die heutige Grenzziehung der Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz als Grundlage, so beginnt der rheinländische Teil der Telegrafenlinie Berlin – Koblenz in der Nähe von Radevormwald, überquert zweimal den Rhein bei Köln und verlässt bei Hennef/Sieg das NRW-Rheinland. Auf dieser Strecke von ca. 90 Kilometern befanden sich in preußischer Zeit insgesamt neun Stationen:
- Station 46 – Radevormwald
- Station 47 – Buchholzen auf dem Rattenberg
- Station 48 – Strasserhof
- Station 49 – Schlebusch
- Station 50 – Flittard
- Station 51 – Köln - Sankt Pantaleon
- Station 52 – Niederzündorf
- Station 53 – Spich
- Station 54 – Söven
https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-245768
2. Kleine Geschichte der ersten Briefmarke und einer unklugen Farbwahl
Heute sind die ersten Briefmarken Millionen wert, doch einst machten sie den Briefversand erst erschwinglich. Nur die Farbwahl, so unsere Kolumnisten, war nicht immer die klügste.
In den Weihnachtsferien 1885 durchstöberte Georg Wilhelm Backman, ein damals 14-jähriger Schüler aus Stockholm, den Dachboden seiner Großmutter. Dabei stieß er auf einen Brief, der ihn neugierig machte. Doch nicht der Inhalt des Briefs ließ ihn aufhorchen, sondern ein kleines Stück Papier, das darauf klebte: eine gelbe Briefmarke. Etwa 30 Jahre zuvor hatte sein Großonkel damit das Porto für das Schreiben an Backmans Großmutter bezahlt. Da sie ihrem Enkel den Brief aber nicht überlassen wollte, löste dieser vorsichtig die Marke ab.
Diese Briefmarke war nicht irgendein Postwertzeichen. Es handelt sich um den so genannten Tre-Skilling-Banco-Fehldruck – die wohl wertvollste Briefmarke der Welt. Nur ein einziges Exemplar ist bekannt. Und es ist ihre Farbe, die die Marke so besonders macht: Sie ist gelb. An sich keine ungewöhnliche Farbe, aber Gelb war bei Schwedens erster Briefmarkenserie für die 8-Skilling-Marke vorgesehen, nicht die 3-Skilling. Sie hätte grün sein sollen. Der Fehldruck kam unbemerkt in Umlauf – und erzielte unter Philatelisten schon bald Rekordpreise.
Wer an teure Briefmarken denkt, hat wahrscheinlich nicht den »Tre-Skilling-Banco-Fehldruck« vor Augen, sondern eher die »Blaue Mauritius«, die ab 1847 von der britischen Kronkolonie ausgegeben wurde. Den höchsten Preis allerdings erzielte – Stand Februar 2024 – eine »Rote Mauritius«, die 2021 für mehr als acht Millionen Euro versteigert wurde. Der letztmalige Auktionserlös des »Tre-Skilling-Banco-Fehldrucks« blieb bislang unveröffentlicht, doch die Philatelieszene munkelt, dass der jetzige Eigentümer einen Rekordpreis dafür zahlte.
Anfangs kam ein Stempel auf den Brief
Briefmarken sind das Ergebnis einer radikalen Postreform, die im Jahr 1680 in London begann. Damals wurde noch nicht die erste Briefmarke ausgegeben; aber die Kaufleute William Dockwra und Robert Murray eröffneten die London Penny Post. Das Unternehmen stellte innerhalb Londons Briefe zu – für die geringe Gebühr von nur einem Penny.
Heute unvorstellbar: Dockwra führte stündliche Abholungen ein. Bis zu zehn Lieferungen erfolgten pro Tag in London, mindestens sechs Lieferungen in die Londoner Vororte. Und dabei war garantiert, dass die Post innerhalb von vier Stunden zugestellt werden würde. Die London Penny Post wurde zu einem großen Erfolg und die Portopauschale von einem Penny legendär. Aber für die Erfindung der Briefmarke war eine andere Innovation entscheidend: Die Person, die den Brief verschicken wollte, entrichtete das Porto im Voraus. Zuvor lagen die Kosten nämlich beim Empfänger. Nun markierte ein spezieller Stempel den Brief als bezahlt. Und dieser Stempel war der direkte Vorläufer der Briefmarke.
Als aus dem Stempel eine Marke wurde
Als es dann 1835 darum ging, die marode Royal Mail zu reformieren, die als schlecht verwaltet, verschwenderisch, teuer und langsam galt, nahm sich Rowland Hill (1795–1879) der Sache an und legte ein Konzept vor, das sich an der London Penny Post orientierte. Der ehemalige Schulleiter schlug einen landesweit einheitlichen Postpreis von einem Penny pro halbe Unze Briefgewicht vor.
Den Penny sollte die Person, die den Brief aufgab, im Voraus bezahlen: indem sie einen vorgedruckten Umschlag oder vorfrankierte Briefbögen verwendete oder die Post mit einer Briefmarke versah. Die britische Regierung nahm Hills Vorschlag an, und so startete am 10. Januar 1840 die Universal Penny Post – allerdings ohne Briefmarken. Die ließen noch ein bisschen auf sich warten. Hill war nämlich der Meinung, dass Menschen lieber vorfrankiertes Papier verwenden würden.
Im Mai 1840 erfolgte dann die erste Ausgabe einer Briefmarke: die »One Penny Black«. Eine Marke in Schwarz mit dem Profil von Queen Victoria. Die ersten Exemplare waren nicht perforiert und mussten aus einem Bogen ausgeschnitten werden. Gleichzeitig kam eine blaue Variante auf den Markt: die »Two Pence Blue« für Briefe mit einem Gewicht von bis zu einer Unze, also etwas mehr als 28 Gramm. Im Februar 2024 versteigerte Sotheby’s in New York den womöglich allerersten Brief, der mit einer Penny Black verschickt wurde. Die Marke wurde am 2. Mai 1840 abgestempelt. Sie ist nicht aufgeklebt, sondern auf das vorfrankierte Kuvert aufgedruckt.
Die »One Penny Black« zählt heute nicht gerade zu den seltensten Briefmarken, auch wenn sie nur kurz auf dem Markt war. Fast 70 Millionen Mal wurde sie gedruckt, aber bereits 1841 durch die »One Penny Red« ersetzt. Denn anfangs entwertete man die schwarze Marke mit einem roten Stempel. Bald stellte sich jedoch heraus, dass die rote Tinte auf dem schwarzen Papierquadrat nicht zu erkennen war und sich noch dazu unauffällig von der Marke entfernen ließ. Also tauschte die Universal Penny Post die Farben – die Marke wurde rot, der Stempel schwarz.
Die »One Penny Red« blieb bis 1879 im Umlauf und genießt heute keinen Seltenheitswert. Schließlich waren davon 21 Milliarden Stück gedruckt worden.
Mit Portosystem und Briefmarke – ging die Post ab
Das Volumen des britischen Briefverkehrs vervielfachte sich durch die Postreform enorm. Sie löste eine regelrechte Kommunikationsrevolution aus, die zudem die viktorianische Gesellschaft prägte, wie die Literaturwissenschaftlerin Catherine Golden vom amerikanischen Skidmore College in ihrem Buch »Posting It: The Victorian Revolution in Letter Writing« erläutert. Briefe schreiben gehörte bald für weite Teile der Gesellschaft zum Alltag, denn eine »One Penny Black« konnten sich so ziemlich alle, nicht nur Reiche, Adlige oder Geschäftsleute leisten.
Mit der Postreform in England etablierte sich bald auch international das noch heute gültige Portosystem. Und Briefmarken kamen in den nächsten Jahrzehnten fast weltweit in Gebrauch.
Die erste deutsche Briefmarke stammt übrigens aus Bayern. Sie war ebenfalls schwarz. Der »Schwarze Einser« mit einem Nominalwert von einem Kreuzer wurde erstmals 1849 ausgegeben. Was die Farbwahl betrifft, hätte es nicht geschadet, wenn die bayerischen Behörden bei der britischen Royal Mail ein paar Erfahrungswerte eingeholt hätten. Denn auch in Bayern stellte sich die schwarze Farbe als unpraktisch heraus – zumal die Stempelfarbe ebenfalls schwarz war. So ersetzten die Bayern die Marke schon bald durch die rosafarbene 1-Kreuzer.
https://www.spektrum.de/kolumne/kleine-geschichte-der-ersten-briefmarke-der-welt/2206345
3. Oktober 1861: Die Erfindung des Telefons
Am 26. Oktober 1861 präsentierte der 27jährige Physiklehrer Philipp Reis (1834-1874) im Physikalischen Verein zu Frankfurt am Main erstmals einen Apparat, der Sprache mit Hilfe des elektrischen Stromes in die Ferne übertragen konnte - er nannte ihn "Telephon". Da die Tonübertragung noch erhebliche Schwankungen aufwies, wurde seine Erfindung zunächst unterschätzt. So meldete 15 Jahre später Alexander Graham Bell (1847-1922) in den USA das erste Telefon zum Patent an. 1881 wurden in Berlin und Mülhausen im Elsass erste Ortsvermittlungsstellen für Telefongespräche eingerichtet.
Zur Veranschaulichung seines Unterrichts baute Reis einfache Modelle für seine Schüler. Der Nachbau einer Ohrmuschel regte ihn zur Erfindung des Telefons an: "Durch meinen Physikunterricht dazu veranlasst, griff ich im Jahre 1860 eine schon früher begonnene Arbeit über die Gehörwerkzeuge wieder auf und hatte bald die Freude, meine Mühen durch Erfolg belohnt zu sehen, indem es mir gelang, einen Apparat zu erfinden, durch welchen es möglich wird, die Funktionen der Gehörwerkzeuge klar und anschaulich zu machen; mit welchem man aber auch Töne aller Art durch den galvanischen Strom in beliebiger Entfernung reproducieren kann. - Ich nannte das Instrument Telephon", berichtete Reis in seinen Lebenserinnerungen. Den Namen "Telephon" leitete er aus den griechischen Begriffen "tele" (deutsch: fern) und "phonae" (deutsch: Ton, Stimme) ab.
Reis gestaltete sein Telefon in Anlehnung an das menschliche Ohr: Über die Ausgangsöffnung einer aus Holz geschnitzten Ohrmuschel spannte er eine Membran aus Schweinsdarm, die als Trommelfell diente. Das auf der Membran befestigte Platinplättchen und ein Platinstift simulierten die Gehörknöchelchen. Dieser Platinkontakt war Teil eines durch eine Batterie betriebenen Stromkreises. Sprach man in dieses Ohr hinein, geriet die Membran in Schwingungen und erzeugte eine Modulation des Stromes. Die so erzeugten akustischen Schwingungen wurden in Stromimpulse übertragen und über eine Spule und einen Stab empfangen. "Das Pferd frisst keinen Gurkensalat" gilt als erster telefonisch gesprochener Satz von Philipp Reis bei Versuchen in seinem Haus. Mit solch skurrilen spontan gesprochenen Sätzen wollte er dem Verdacht begegnen, die Texte zur Übertragung seien abgesprochen oder auswendig gelernt.
"Über Telephonie durch galvanischen Strom" lautete der Vortrag, den Reis im Oktober 1861 vor dem Physikalischen Verein in Frankfurt am Main hielt und den er auch in der Vereinszeitschrift publizierte. Bei dieser ersten öffentlichen Vorführung seiner Erfindung übertrug er neben Stimmproben den damaligen Gassenhauer "Muss i denn zum Städtele hinaus...", da er bei seinen häuslichen Versuchen festgestellt hatte, dass sich instrumentale Musik wesentlich leichter übertragen ließ als die menschliche Stimme. Dennoch: Der Apparat übertrug zwar einige Töne, aber es traten erhebliche Schwankungen auf. Aufgrund der Unzuverlässigkeit seines Telefons wurde die Erfindung insgesamt unterschätzt und der Apparat mehr oder weniger als Spielzeug betrachtet, das bestenfalls zur Übertragung von Musik geeignet sei. Zwischen 1861 und 1863 verbesserte Reis zwar sein Telefon, und verkaufte nach seinen Entwürfen gefertigte Apparate an Physikalische Sammlungen und Institute in aller Welt. Aber ein durchschlagender Erfolg blieb ihm zu Lebzeiten verwehrt. Am 14. Januar 1874 starb Philipp Reis an Tuberkulose.
Die Weiterentwicklung des Telefons verlagerte sich nach Übersee. Am 14. Februar 1876 meldete der schottische Taubstummenlehrer Bell in Boston seinen Telefonapparat zum Patent an. Am selben Tag, nur zwei Stunden später, ging der Patentanspruch von Elisha Gray (1835-1901) ein, dem leitenden Mitarbeiter und Anteilseigner des größten Herstellers von telegraphischem Gerät in den USA, der Western Electric Manufacturing Company. Bell trug nicht zuletzt deswegen den Sieg bei diesem Wettlauf um das Telefon-Patent davon, weil er fest an die kommerziellen Nutzungsmöglichkeiten der sprachlichen Kommunikation glaubte. Und er sollte recht behalten: Bereits 1879 bestanden weltweit in 20 Städten Fernsprechvermittlungseinrichtungen.
Erst 1881, als in den USA bereits fast alle Städte über 15.000 Einwohner ein Telephonnetz besaßen, wurde in Berlin die erste Fernsprechvermittlungsstelle in Deutschland mit acht Teilnehmern versuchsweise in Betrieb genommen. Von da an ging die Entwicklung auch in Deutschland rasant voran. Im Jahr 1910 waren weltweit 10 Millionen Fernsprecher an die Vermittlungsstellen angeschlossen, davon allein in Deutschland 941.000. 1930 gab es in Deutschland rund 3,2 Millionen Telefonanschlüsse. Das erste schnurlose Mobiltelefon kam im Juni 1983 auf den Markt. Es war über 20cm lang und der Akku nach einer halben Stunde Sprechzeit leer. Heute bestehen allein in Deutschland rund 100 Millionen Handy-Verträge und 39 Millionen Festnetzanschlüsse.
4. Die Einführung der fünfstelligen Postleitzahl
1. Juli 1993
In der Bundesrepublik Deutschland und der DDR gab es bis 1993 zwei getrennte vierstellige Postleitsysteme. Ab dem 1. Juli 1993 mussten sich die Bürger Deutschlands an das neue fünfstellige Postleitsystem gewöhnen.
Ab dem 1. Juli 1993 mussten sich die Bürger Deutschlands an das neue fünfstellige Postleitsystem gewöhnen, mit dem beabsichtigt wurde, die Postzustellung zu erleichtern. Das neue Postleitsystem sollte für die Bürger übersichtlicher sein und eine rationelle und zuverlässige Bearbeitung ermöglichen. In der Bundesrepublik Deutschland und der DDR gab es bis 1993 zwei getrennte vierstellige Postleitsysteme. Die Wiedervereinigung 1990 hatte zur Folge, dass in den beiden Postleitsystemen rund 800 Dopplungen auftraten. So kam es, dass z. B. Bonn und Weimar – oder auch Hannover und Magdeburg – die gleichen Postleitzahlen besaßen. Bis zu der Reform wurden den Ziffern ein „W“ für West oder ein „O“ für Ost vorangestellt, um die Orte auseinander halten zu können.
Bei dem neuen fünfstelligen System handelt es sich um ein reines Zahlensystem, welches aus fünf Ziffern besteht. Die ersten beiden Ziffern stehen für die genaue geografische Zuordnung. Die dritte bis fünfte Ziffer zeigt an, wo der Empfänger lebt und ob es sich um einen Großkunden oder ein Postfach handelt. Die vierstelligen Postleitzahlen wurden ab dem 1. Juli 1993 ungültig. Um eine reibungslose Umstellung zu gewähren, wurde ein genauer Zeitplan entwickelt, indem bis Ende 1992 die neuen Postleitzahlen zugewiesen, ab Januar 1993 die Postleitzahlen für den Datenabgleich bereitgestellt und ab Mai 1993 die neuen Verzeichnisse den Haushalten zugeliefert wurden, damit am 1. Juli des Jahres die Reform in Kraft treten konnte.
5. Post- und Telegrafenwesen (19./20. Jahrhundert)
Im 19. und 20. Jahrhundert entstanden durch organisatorische Neuerungen des Postbetriebs, neue Transporttechnik, Telegrafie, Telefonie, Rundfunk und Fernsehen gänzlich neue Möglichkeiten von Kommunikation und Mobilität. Das staatliche Postwesen, das diese neuen Techniken entwickelte, nutzte und vor allem dem Publikum die daraus resultierenden Dienstleistungen anbot, leistete damit zentrale Beiträge zur Umwälzung von Wirtschaft und Gesellschaft im Zuge der industriellen Revolution.
Staatliche Organisation
Bayern verstaatlichte am Beginn des 19. Jahrhunderts das Postwesen. Bis dahin lag die Beförderung von Briefen, Personen und Gütern weitgehend in den Händen des seit 1748 in Regensburg ansässigen Hauses Thurn und Taxis, das seit 1615 das Postregal als kaiserliches Erblehen im Reich ausgeübt hatte. Nach der Erhebung zum Königreich übernahm Bayern zwischen 1806 und 1808 das Postwesen vollständig. Dadurch wurden die höheren Postbediensteten zu königlichen Beamten, an den Posthäusern wurde das Wappen des Königreichs angebracht und die Uniformen der Postillione wechselten die Farbe von gelb zu blau.
Zuständig für das Postwesen waren nacheinander verschiedene Staatsministerien: das Finanzministerium, das Staatsministerium des Äußern und des königlichen Hauses, das Staatsministerium des Handels und der öffentlichen Arbeiten und schließlich, ab 1904, das (bis 1918: königlich bayerische) Staatsministerium für Verkehrsangelegenheiten. Post und Eisenbahn ressortierten seit den späten 1840er Jahren in einer gemeinsamen Generaldirektion; auch gab es z. T. gemeinsame Organe der mittleren und unteren Verwaltung (Oberpost- und Bahnämter bzw. Post- und Bahnexpeditionen). Die Trennung erfolgte wegen des rasch wachsenden Umfangs der beiden Verkehrsanstalten ab der zweiten Hälfte der 1870er Jahre.
Das stürmische Wachstum des Postwesens schlug sich unter anderem in der Zahl der Postanstalten (Ämter, Agenturen und Posthilfsstellen) nieder. Diese wuchs von 229 im Jahr 1808 auf 813 im Jahr 1858 und auf 5.151 im Jahr 1908. Noch deutlicher war die Entwicklung im Bereich des Personals, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts ca. 440 Personen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast 20.000 Personen umfasste. Zu den Verwaltungsbeamten des höheren und mittleren Dienstes und den einfachen Postbediensteten wie Konducteure, Packer, Postillione, Briefträger und Paketboten hatten sich nun zahlreiche Angehörige technischer Berufe wie Ingenieure, Telegrafisten, Mechaniker und Motorwagenführer gesellt. Frauen waren in größerer Zahl erst seit 1873 für den Postdienst zugelassen; um die Jahrhundertwende waren sie vor allem als Telefonistinnen, d.h. in der Telefonvermittlung tätig.
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Postamt München 19 in der Nymphenburger Straße. (Fotografie um 1927 aus: Das Reichspostministerium, in: Das Land Bayern. Seine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung für das Reich, München 1927, 372)
Post und Telegrafie erwirtschafteten während des 19. Jahrhunderts fast durchweg Überschüsse zugunsten des Staatshaushalts, die sich für die Zeit zwischen 1808 und 1908 (umgerechnet in Mark) auf über 150 Mio. Mark beliefen. Sowohl Einnahmen als auch Ausgaben wuchsen in der zweiten Hälfte des genannten Zeitraums deutlich stärker als in den vier bis fünf Jahrzehnten zuvor. Allerdings wuchsen die Einnahmen in Folge mehrerer Tarifsenkungen erheblich langsamer als die Ausgaben, wodurch die Ertragsquote langfristig sank. In dieser Entwicklung spiegelt sich auch eine geänderte Einstellung der Staatsverwaltung zum Postwesen wider: Lag das Interesse zu Beginn vornehmlich auf der Erzielung von Einnahmen, verlagerte sich dieses nun auf die Förderung von Handel und beginnender Industrie.
Die eigenständige königlich bayerische Post überstand auch die Reichsgründung von 1870/71, denn als besonderes Zugeständnis an die süddeutschen Staaten konnten Bayern und Württemberg im Rahmen der so genannten Reservatrechte ihre eigenen Postverwaltungen weitgehend unabhängig von der Reichspost weiterführen.
Die bayerische Posthoheit endete nach den Bestimmungen der Weimarer Verfassung von 1919 (Art. 88, 89) mit dem Poststaatsvertrag zwischen Bayern und dem Reich am 1. April 1920. Immerhin sah der Vertrag noch den Fortbestand einer partiellen bayerischen Eigenständigkeit auf dem Gebiet des Postwesens vor. Zu diesem Zweck entstand eine eigene, für Bayern zuständige Abteilung des Reichspostministeriums unter der Leitung eines Staatssekretärs mit Sitz in München, der für alle inneren Angelegenheiten der Post in Bayern, für die Vereinheitlichung der Betriebsformen, wesentliche Veränderungen der Dienstvorschriften und Teile des Personalwesens zuständig war. Insbesondere wurde bestimmt, dass "der Vorstand und mindestens drei Viertel der Mitglieder und Beamten der Abteilung München des RPM [...] die bayerische Staatsbürgerschaft besitzen oder durch langjährigen Aufenthalt in Bayern mit den bayerischen Verhältnisse genau vertraut sein" sollten; gleiches galt für die Vorstände der Oberpostdirektionen (Staatsvertrag zwischen dem deutschen Reiche und dem Freistaat Bayern über den Übergang der Post- und Telegraphenverwaltung Bayerns an das Reich sowie dazugehöriges Schlussprotokoll, abgedruckt in: Reichsgesetzblatt 1920, 644-656). Vereinbart wurde auch eine Entschädigung für Bayern, die nach langwierigen Verhandlungen auf 650 Mio. Mark festgesetzt wurde. Da indessen keine Tilgungsmodalität festgelegt wurde, wirkte sich insbesondere die Inflation sehr nachteilig für Bayern aus. Die für Bayern zuständige Abteilung des Reichspostministeriums bestand bis zum 1. April 1934.
Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 kam der Postbetrieb im Sommer 1945 zunächst nur auf lokaler und regionaler Ebene wieder in Gang. Die Militärregierungen der Amerikaner und Briten organisierten bis Ende 1946 unter der Bezeichnung „Deutsche Post“ ein gemeinsames Post- und Fernmeldewesen mit Sitz in Frankfurt am Main. Das Grundgesetz konstituierte mit Wirkung vom 23. Mai 1949 eine unter deutscher Souveränität stehende "Deutsche Bundespost" als bundeseigene Verwaltung. Als regionale Mittelbehörden entstanden in teilweiser Fortführung der ehemaligen Reichspostdirektionen auf bayerischem Gebiet Oberpostdirektionen in München, Nürnberg und Regensburg. Im Zuge der Postreform der Jahre 1989 und 1995 wurde die Bundespost in die Bereiche Postdienst, Telekom und Postbank aufgeteilt, die schließlich in Aktiengesellschaften umgewandelt wurden.
Frühe Reformen
Das 19. und 20. Jahrhundert präsentieren sich in Bayern als die Epoche der staatlichen Postverwaltung. Dennoch ist die Frage, ob die politische Umwälzung zu Beginn des 19. Jahrhunderts Voraussetzung der danach einsetzenden technischen und organisatorischen Umwälzungen war oder diese zumindest begünstigte, nach heutigem Kenntnisstand nicht eindeutig zu beantworten. Tatsache ist, dass sich die königlich bayerische Post anfangs mit Reformen schwer tat und sowohl den Eilpostwagen, einen neuartigen Postkutschentypus, der die Fahrtzeiten um ein Drittel reduzierte, als auch die Stadtbriefkästen, welche die Versendung von Briefen erheblich vereinfachten, später als andere Postverwaltungen in Deutschland einführte. 1849 indessen setzte sich die königlich bayerische Post erstmals an die Spitze des postalischen Fortschritts und führte zum 1. November 1849 mit dem "Schwarzen Einser" die erste Briefmarke in Deutschland überhaupt ein. Zusammen mit der Vereinfachung und Reduzierung der Tarife und der flächendeckenden Versorgung mit Briefkästen war damit die Voraussetzung für die Entwicklung des Briefes zum Massenkommunikationsmittel erfüllt. So konnte die Zahl der Briefsendungen von 15,8 Mio. im Jahr 1852 auf 771,5 Mio. im Jahr 1908 anwachsen - bei einer Einwohnerzahl von ca. 6,2 Mio.
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Stadtbriefkasten der königlich bayerischen Post. Älteste Bauart, ab 1845. Holz, Entleerung mittels Einsatzkasten. (Museumsstiftung Post und Telekommunikation)
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Bayerische Briefmarke mit dem Aufdruck "Deutsches Reich", 5 Pfennige, Abschiedsserie von 1920. Der Aufdruck illustriert den Übergang der Post von Bayern an das Reich. (Privatbesitz)
Eisenbahn
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts konnten Nachrichten, Personen und Güter nur mit menschlicher oder tierischer Muskelkraft befördert werden und daher im günstigsten Fall eine Geschwindigkeit von ca. 10 km pro Stunde erreichen. Gleichzeitig waren die Mengenkapazitäten begrenzt und die Transport- und Reisetarife entsprechend hoch. Die Eisenbahn sprengte diese Grenzen und schuf erstmals die Möglichkeit von massenhafter, schneller und billiger Kommunikation und Mobilität. Die Post nutzte das neue Transportmittel wahrscheinlich seit 1835, indem der Poststallhalter von Nürnberg die Briefe nach Fürth auf der Schiene transportieren ließ. In England ging die Post schon wenig später dazu über, die Fahrtzeit für das Sortieren der Briefe zu nutzen, indem sie Postbedienstete in eigens zu diesem Zweck konstruierten Wagen einsetzte. Diese Neuerung, die Bahnpost, verkehrte in Bayern seit 1851 und wurde rasch zum Rückgrat der Postbeförderung. Erst die Konkurrenz durch Straßen- und Luftverkehr, vor allem aber der fortschreitende Einsatz der maschinellen Sortiertechnik in den 1980er Jahren, führte im Jahr 1997 zur Einstellung der Bahnpost in Deutschland.
Kraftpost
Die Post profitierte von der Eisenbahn beim Transport von Briefen und Paketen, doch sie verlor das Monopol bei der Beförderung von Personen. Die Postkutsche hatte Jahrhunderte lang die Reisenden in die Ferne gebracht. Nun trat der Zug an ihre Stelle. Immerhin verblieben der Post die Erschließung der Gebiete abseits der Gleise und der Zubringerdienst zur Eisenbahn, wofür eine Vielzahl von kleinen pferdebespannten Fahrzeugtypen entwickelt wurde.
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Kraftpostbus der königlich bayerischen Post: Kraftpostlinie Kochel - Mittenwald 1913, hier bei der Fahrt auf der Kesselbergstraße. (Museumsstiftung Post und Telekommunikation)
Im Jahr 1905 schrieb die königlich bayerische Post erneut deutsche Postgeschichte, als sie auf der Strecke zwischen Bad Tölz und Lenggries die erste deutsche Kraftpostlinie einrichtete. Noch vor dem Ersten Weltkrieg entstand in Bayern ein Netz von über 100 Motorwagenlinien, das jährlich mehr als 3 Mio. Passagiere beförderte – rund zehnmal mehr als alle Linien im gesamten Gebiet der Reichspost. Gleichzeitig ergaben sich aus den von der Postverwaltung formulierten Anforderungen zahlreiche Impulse für die deutsche Fahrzeugindustrie. Die gelben Postomnibusse gehörten jahrzehntelang zum Alltag auf dem flachen Land, bis sie bis 1985 aus Kostengründen in den Bahnbusdienst übergeführt wurden.
Telegrafie
Noch tief greifender war die Erfindung der Telegrafie, die es ermöglichte, Nachrichten als elektrische Impulse zum Empfänger zu senden, wo sie praktisch zum gleichen Zeitpunkt eintrafen. Zu dieser komplexen Entwicklung auf der Grundlage des Elektromagnetismus hatte der bayerische Naturwissenschaftler Carl August Steinheil (1801-1870) entscheidende Beiträge geliefert, vor allem durch die Entdeckung des Prinzips der Rückleitung des elektrischen Impulses durch das Erdreich, auf das er 1838 bei Feldversuchen entlang der Eisenbahnlinie Nürnberg–Fürth gestoßen war.
Die Telegrafie hing auch in anderer Hinsicht eng mit der Eisenbahn zusammen, denn zum ersten Einsatz kam die neue Technik als internes Nachrichtensystem zur Weitermeldung von ein- und auslaufenden Zügen. Doch bereits die erste funktionierende Verbindung in Bayern, 1850 entlang der Linie Salzburg–München in Betrieb genommen, wurde sogleich für den öffentlichen Gebrauch geöffnet.
Anfänglich betrieben sowohl Bahn als auch Post Telegrafielinien, während der Bau privater Linien gesetzlich weitgehend eingeschränkt wurde. Das Netz vergrößerte sich dennoch rasch, weil der bayerische Staat beträchtliche Summen investierte. So entstanden noch 1850 eine Linie von München über Augsburg, Nürnberg und Bamberg bis nach Hof mit Abzweigungen nach Leipzig bzw. von Bamberg über Würzburg nach Aschaffenburg sowie zwei weitere Linien von München über Landshut nach Regensburg und von Augsburg nach Kaufbeuren. Insgesamt erstreckte sich das Netz über eine Länge von 101 Meilen (in Bayern galt die deutsche geografische Meile mit einer Länge von 7.420,44 m). In einer zweiten Ausbauphase in den Jahren bis 1865 wurde der Umfang der Leitungen auf über 989 Meilen (inklusive der Bahntelegrafenleitungen) erhöht, im Jahr 1880 erreichte man eine Gesamtlänge von 35.266 km, 1910 knapp 95.000 km – damit war auch das flache Land flächendeckend mit Telegrafenstationen versorgt.
Die Zahl der versandten Telegramme entwickelte sich entsprechend: von etwas mehr als 11.000 in den Jahren 1851/52 über 190.000 in den Jahren 1859/60 und knapp 1,8 Mio. im Jahr 1874 auf 5,355 Mio. Depeschen im Jahr 1908. Einen wichtigen Beitrag zum stürmischen Aufschwung des Mediums lieferten zweifellos auch die drastisch reduzierten Tarife: Kostete eine einfache Depesche (bis 25 Worte) bei einer Entfernung bis 90 km anfangs 3 Gulden, so sank der Tarif bis zum Vorabend der Währungsumstellung auf 17 ½ Kreuzer. Dennoch legen Ergebnisse aus anderen Ländern die Vermutung nahe, dass auch in Bayern der Anteil der privaten Korrespondenz am Telegrammverkehr nur eine untergeordnete Rolle spielte und der Hauptanteil neben dem Austausch zwischen Behörden auf Banken, Handel und Gewerbe entfiel.
Die Presse bezog in einigen Teilen Deutschlands vereinzelt schon um 1850 Nachrichten über den Telegrafen. Seit den 1930er Jahren zählten Fernschreiber mit Verbindung zu den Nachrichtenagenturen zur festen Ausstattung jedes Redaktionsbüros. Die Fernschreiber waren eine Weiterentwicklung der alten Telegrafen, die den großen Vorteil boten, dass sie die einlaufenden elektrischen Signale gleich in Klarschrift umsetzten. Die Reichspost bot auf dieser technischen Basis seit 1933 den „öffentlichen Fernschreibdienst Telex“ an, der für Jahrzehnte die wichtigste Textübertragungstechnik war und erst in den 1970er/1980er Jahren durch die Telefaxtechnik abgelöst wurde.
Telefonie
In der Zeit zwischen 1900 und 1908 war die Zahl der innerhalb Bayerns versandten Telegramme erstmals rückläufig – offenkundig eine Folge des aufkommenden Telefons. Das erste Telefonnetz in Bayern war im August 1882 in Ludwigshafen mit neun Teilnehmeranschlüssen entstanden; München folgte mit 263 privaten Anschlüssen, 67 amtlichen und drei öffentlichen Sprechstellen am Jahresende 1883. Ein privates „Komitee für eine Telephon-Einrichtung in Nürnberg-Fürth“ erreichte durch eine Eingabe an das zuständige Staatsministerium den Aufbau eines Netzes für die beiden Städte, das am 1. August 1885 mit 192 Teilnehmern in Betrieb ging. Augsburg, Bamberg, Würzburg, Roth, Schwabach, Kaiserslautern und Hof folgten zwischen 1886 und 1890. Gleichzeitig entstanden die ersten Verbindungslinien zwischen den Städten.
In München stellten die Banken fast ein Viertel der ersten Teilnehmer; in Nürnberg und Fürth hatten die Hopfenhandlungen mit 39 Abonnenten den größten Anteil, es folgten 18 Banken, sieben Eisen- und Metallhandlungen, sechs Bierbrauereien sowie ein Arzt. Privatpersonen tauchten vor den späten 1890er Jahren in den Telefonbüchern überhaupt nicht auf – die Jahresgebühr für einen Anschluss (die Gespräche wurden nicht berechnet) betrug mindestens 150 Mark, was etwa der Jahresmiete für eine Dreizimmerwohnung in Nürnberg entsprach. Hinzu kamen die Kosten für das Telefongerät mit weiteren 90 Mark. Auch wenn die Gebühren rasch sanken, blieb das eigene Telefon lange Zeit fast ausschließlich geschäftlichen Belangen vorbehalten. Noch zu Beginn der 1960er Jahre hatten lediglich 10 % der Privathaushalte in der Bundesrepublik einen eigenen Anschluss; erst in den beiden folgenden Jahrzehnten stieg diese Rate in Westdeutschland auf praktisch 100 %.
In Bayern war es der staatlichen Verkehrsverwaltung, wie zuvor schon im Falle der Telegrafie, wiederum gelungen, entgegen den Bestrebungen zum Aufbau privater Netze ein weitgehendes Monopol für Telefonnetze durchzusetzen. Allerdings bedingte dieser Erfolg, dass große Summen für den Netzausbau aufgebracht werden mussten.
Gleichzeitig entstand in Bayern frühzeitig eine fernmeldetechnische Industrie. Der Nürnberger Mechaniker und Fabrikant Friedrich Heller(1836-1911) zählt zusammen mit dem Münchner Friedrich Reiner (1858-1918) zu den Pionieren des neuen Mediums. Heller präsentierte bereits im Sommer 1877, noch vor den entsprechenden Versuchen des Reichspostamts in Berlin, Nachbauten der Bell'schen Telefonapparate und avancierte rasch zu einem der Hauptlieferanten der bayerischen Postverwaltung. Da die postalische Eigenständigkeit Bayerns auch nach dem Ende des Königreiches 1918 partiell fortbestand, konnten bayerische Hersteller weiterhin eigene Entwicklungen vorantreiben. Bekanntestes Beispiel ist der Tischapparat W 25 des Münchner Herstellers F. Merk Telefonbau, ein elegantes Tischgerät aus dem Jahr 1925, das von der Reichspost zwar nicht als Standardgerät angenommen wurde, im Freistaat jedoch zugelassen war und eine Stückzahl von 8.000 erreichte. Eine weitere bemerkenswerte bayerische Eigenentwicklung war 1923 die Einrichtung der so genannten Netzgruppe Weilheim, die das weltweit erste Telefonamt mit automatischer Vermittlung von Ferngesprächen war.
Rundfunk und Fernsehen
Aufgrund der im Reichstelegrafengesetz von 1892 formulierten Fernmeldehoheit spielte die Post auch beim Aufbau und Betrieb des Rundfunks in Deutschland eine zentrale Rolle. Weil frühzeitig die Entscheidung zugunsten eines dezentralen Netzes fiel, entstand in München eine regionale Rundfunkgesellschaft, die „Deutsche Stunde in Bayern G.m.b.H.“, die am 30. März 1924 den Sendebetrieb aufnahm. Die Konzession hatte die in München ansässige Abteilung des Reichspostministeriums erteilt, die auch die Funkanlage zur Verfügung stellte. Post und Staatsregierung übten die inhaltliche und seit Anfang 1932 auch die wirtschaftliche Kontrolle über die Sendegesellschaft aus.
Die Reichweite des Senders betrug anfangs nur 1-2 km, doch erhöhte sich die Zahl der Rundfunkempfänger rasch durch die Verstärkung der Sendeleistung, Verbesserung der Empfangsgeräte und den Aufbau von Nebensendern in Nürnberg, Augsburg und Kaiserslautern und schließlich des Großsenders Ismaning. Zu Beginn der 1930er Jahre bot der Sender täglich 13 Stunden Programm an, die von über 300.000 Teilnehmern in Bayern gehört werden konnten.
Die Nationalsozialisten, für die der Rundfunk eines der zentralen Propagandamedien war, übernahmen nach dem 30. Januar 1933 rasch die personelle und programmatische Kontrolle über die Bayerische Rundfunk GmbH, die sie am 1. April 1934 durch die Umwandlung zum „Reichssender München“ auch formal gleichschalteten. Durch die massenhafte Herstellung von billigen Kleinradios, den sog. Volksempfängern, stieg die Zahl der Rundfunkteilnehmer in Bayern bis Ende 1941 auf fast 1,15 Mio.
In die NS-Zeit fallen auch die Eröffnung des ersten Fernsehrundfunks am 22. März 1935 in Berlin sowie die Anfänge von Kabelfernsehen und Fernsehtelefon zwischen Berlin und Nürnberg (1937) sowie nach München (1938). Die Bedeutung der neuen Bildübertragungstechnik war angesichts der geringen Zahl der Teilnehmer aber begrenzt. Nach 1945 wurden Rundfunk und Fernsehen in Deutschland im Rahmen von öffentlich-rechtlichen Anstalten organisiert; die Rolle des Staates, d.h. der Post, beschränkte sich auf die Bereitstellung der technischen Infrastruktur.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Buchholz, Karl-Heinz: Die Optischen Telegrafen der Linie Berlin-Koblenz, in: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital., online verfügbar unter: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-245768, zuletzt geprüft am 21.05.2025.
-> Hammer, Richard; Meßner, Daniel: Kleine Geshiche der ersten Briefmarke und einer unklugen Farbwahl, in: Spektrum.de, online verfügbar seit 07.02.2024 unter: https://www.spektrum.de/kolumne/kleine-geschichte-der-ersten-briefmarke-der-welt/2206345, zuletzt geprüft am 21.05.2025.
-> Blume, Dorlis: Oktober 1861. Die Erfindung des Telefons, in: LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 2011 unter: https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/lemo-rueckblick-oktober-2011-1861-die-erfindung-des-telefons-vor-150-jahren, zuletzt geprüft am 24.03.2026.
-> Hermani, Lea-Celine: Die Einführung der fünfstelligen Postleitzahl, in: Das Bundesarchiv, online verfügbar unter: https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/dokumente-zur-zeitgeschichte/die-einfuehrung-der-fuenfstelligen-postleitzahlen/, zuletzt geprüft am 09.04.2026.
-> Stefan Kley, Post- und Telegrafenwesen (19./20. Jahrhundert), publiziert am 09.01.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Post-_und_Telegrafenwesen_(19./20._Jahrhundert)> (4.08.2026)
Sekundärliteratur
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Transport
Inhaltsverzeichnis
- Automobil. Die treibende Kraft
- Das Luftschiff LZ 129 „Hindenburg“
- 1817 Laufmaschine. Karl Friedrich Freiherr von Drais
- Erste Eisenbahn. Im Tempo des Fortschritts
- Hoch hinaus: Melli Beese
- Flugpionier Otto Lilienthal. Der Mensch als Vogel
- Vom Wind getragen
- Tauerei (Seil-Schleppschifffahrt) auf dem Rhein 1871-1905
1. Automobil. Die treibende Kraft
Benzin, ein eher unbedeutendes Nebenprodukt der frühen Erdölindustrie, weckt das Interesse von Erfindern, die um 1880 an neuartigen Motorwagen arbeiten. Lange werkelt auch der Ingenieur Carl Benz in Mannheim an so einem Vehikel. Doch erst eine Testfahrt seiner Frau Bertha bringt den Durchbruch – dem bald darauf eine weltweite Verkehrsrevolution folgt
Ein Sommermorgen, August 1888: Knatternd rollt das seltsame Gefährt die Straße entlang. Seine drei hölzernen Speichenräder wirbeln Staub auf, stechender Benzingeruch legt sich über die Frische der noch mit Tau benetzten Wiesen. Nur wenige Menschen sind unterwegs, Kutscher, die Milch auf Pferdefuhrwerken ausliefern, Fabrikarbeiter auf dem Weg zur Schicht. Voller Erstaunen, vielleicht auch mit Angst betrachten sie das Konstrukt, das da im Tempo eines trabenden Pferdes an ihnen vorüberfährt: eine Art Kutsche auf drei Rädern – aber ohne Zugtiere und Dach, dafür mit einem lauten Motor, der das Vehikel antreibt. Und oben, auf der mit Leder bezogenen Fahrerbank, sitzt nicht etwa ein kräftiger Fuhrmann – sondern eine Frau, neben ihr ein Jugendlicher, ein weiterer Junge auf dem kleinen Sitz gegenüber. Die Dame trägt ihre braunen Locken unter einem Hut zurückgesteckt, ihr Gesicht wirkt angespannt, der Blick konzentriert. Ihr Name: Bertha Benz.
Früh am Morgen ist die 39-Jährige mit ihren beiden Söhnen, dem 15-jährigen Eugen und Richard, 13 Jahre, von ihrem Wohnsitz in Mannheim aufgebrochen. Ihr Ziel ist Berthas Elternhaus im etwa 100 Kilometer entfernten Pforzheim. Doch diese Reise ist viel mehr als ein Familienbesuch. Für einen Vorläufer des Gefährts, das Bertha Benz und ihre Söhne mithilfe einer einfachen Lenkkurbel rund 16 km/h schnell über die unebenen Wege im Südwesten Deutschlands steuern, hat ihr Ehemann, der Ingenieur Carl Benz zwei Jahre zuvor ein Patent erhalten – und wurde oft belächelt. Mit dieser Fahrt nun will seine Frau der Öffentlichkeit beweisen, dass die Erfindung reif für die Straße ist.
Rechtlich gesehen hätte sie ihre Reise wohl gar nicht antreten dürfen. Sie besitzt keine Fahrerlaubnis für das Dreirad, anders als ihr Mann, der wenige Tage zuvor vom Großherzoglich-Badischen Bezirksamt eine Sondergenehmigung für Versuchsfahrten in Mannheim und der näheren Umgebung erhalten hat. Von ihrem bevorstehenden Ausflug hat sie ihn gar nicht erst unterrichtet: Carl Benz schläft noch, als sich seine Frau am Morgen mit den Jungen davonschleicht.
Lange hat Bertha mit ihm an der Konstruktion gearbeitet, ist bestens damit vertraut. Sie weiß etwa, dass sie regelmäßig das Kühlwasser des Motors erneuern muss. Immer wieder hält sie an Brunnen oder Bächen an, schöpft mit den Jungen in Eimern Wasser für die Kühlung der Maschine. Als der Benzinzufluss verstopft ist, reinigt sie ihn kurzerhand mit ihrer Hutnadel, als an anderer Stelle das Kabel der elektrischen Zündung beschädigt ist, nimmt sie ihr Strumpfband als Isoliermaterial.
So rollen die drei an diesem Morgen Meter um Meter in ein neues Zeitalter. Denn Bertha Benz läutet mit ihrer Fahrt eine Verkehrswende ein, die Hunderte, Tausende, schließlich Millionen Menschen auf die Straßen und an Tankstellen bringen, Erdöl zur begehrtesten Energiequelle des Globus machen und die Welt für immer verändern wird: den Siegeszug des Automobils. Erst mal aber geht es nicht weiter. Denn Bertha Benz ist auch der erste Mensch, dem unterwegs das Benzin ausgeht. Im Städtchen Wiesloch hinter Heidelberg, nach etwa 35 Kilometern gefahrener Wegstrecke, kommt der Wagen zum Stehen: Der Tank ist leer.
Die Benz-Kutsche ist das erste Gefährt der Geschichte, das ein Verbrennungsmotor über eine weite Strecke voranbringt. Doch das erste selbst fahrende Vehikel, das erste „Automobil“ (von griechisch autós, selbst, und lateinisch mobilis, beweglich), ist sie nicht. Das entwickelt der Ingenieur Nicolas Joseph Cugnot bereits 1769 im Auftrag des französischen Kriegsministeriums. Die Konstruktion des fünf Tonnen schweren Fahrzeugs ist für seine Zeit hochmodern: Das vier km/h schnelle Dreirad bewegt sich mit der mittlerweile nutzbar gemachten Dampfkraft fort. Es soll Kanonen befördern, aber zu einem Einsatz kommt es nie: Der unförmige Wagen mit dem riesigen, vor dem Vorderrad platzierten Dampfkessel lässt sich kaum steuern, und sein Kessel muss bereits nach zwölf Minuten mit neuem Wasser befüllt werden.
Auf der Schiene hingegen geht es dank der Kraft des Wasserdampfes bald voran: Ab 1825 fährt in Großbritannien der erste Personenzug der Welt, der von einer Dampflokomotive gezogen wird, schnell breitet sich die Erfindung in Europa und Nordamerika aus. Dampfmaschinen treiben bald auch Schiffe an, die zwischen der Alten und Neuen Welt verkehren.
Ein Siegeszug beginnt
Auf der Straße aber ist dem neuen Antrieb weiter kein großer Erfolg vergönnt. Dampfomnibusse, wie sie ab 1830 in England, später auch in Frankreich konstruiert werden, gelten als gefährlich und als große Belästigung: Immer wieder explodieren Kessel, Leitungen lecken, und der umherfliegende Kohlenstaub nimmt Reisenden die Sicht. Bald bremsen zudem strikte Geschwindigkeitslimits und andere gesetzliche Einschränkungen die Entwicklung der Dampffahrzeuge zumindest in Großbritannien. Ohnehin nicht das Richtige sind die Dampfgefährte für all jene, die im eigenen Vehikel von einem Ort zum anderen gelangen möchten: Sie bleiben auf Pferdekutschen angewiesen, solange niemand einen geeigneten Antriebsmotor für kleinere Fahrzeuge erfindet. Der müsste, da sind sich viele Zeitgenossen einig, leicht, klein, sicher und hochleistungsfähig sein.
Bertha stiftet Hoffnung
Um 1860 schürt der im heutigen Belgien geborene Jean-Joseph Étienne Lenoir diese Hoffnung mit einer kleinen Sensation: Er konstruiert den ersten funktionierenden Verbrennungsmotor der Welt. Ein Gemisch aus Leuchtgas, das unter anderem bei der Vergasung von Steinkohle entsteht, und Luft wird entzündet, explodiert und bewegt so einen Kolben, dessen Schubkraft eine Welle antreibt. Anders als bei einer Dampfmaschine wird der Treibstoff im Motor selbst verbrannt. Die Maschine ist kleiner, leiser und flexibler und damit – zumindest theoretisch – dazu geeignet, in ein Einzelfahrzeug eingebaut zu werden.
Zunächst kommt Lenoirs Erfindung in einigen Betrieben in Paris zum Einsatz, setzt dort, angeschlossen an das Gasnetz, Druckmaschinen oder Webstühle in Bewegung. Dann aber baut der Erfinder sie in einen Wagen ein und befüllt den Motor mit einem Kraftstoff auf der Basis von aus Baumharz gewonnenem Terpentin. Doch sein Automobil verbraucht Unmengen an Treibstoff und frisst so viel Schmieröl, dass es Zeitgenossen scherzhaft „rotierender Ölklumpen“ nennen.
Nicht zuletzt inspiriert von Lenoirs Erfindung, gelingt einem deutschen Unternehmer anderthalb Jahrzehnte später der wohl entscheidende Durchbruch: 1876 glückt Nicolaus August Otto die Konstruktion eines Motors nach dem Vier-Takt-Prinzip, der seinen Namen tragen wird. Auch bei dieser Maschine wird ein Gasluftgemisch entzündet: Nach dem Ansaugen des Gases (1) wird es zunächst durch einen Kolben in einem Zylinder verdichtet (2), dann zur Explosion gebracht (3) und schließlich das entstandene Abgas ausgestoßen (4).
Es ist der zweite Arbeitsschritt, der den Zauber des Motors ausmacht. Denn durch die Kompression verbraucht er nur ein Drittel der bislang benötigten Kraftstoffmenge. Weil es zudem keinen Kessel gibt, der unter Druck steht, ist die Maschine sicherer als die Dampfantriebe, sie läuft leiser und stößt keine großen Schmutzpartikel in die Luft. Nur ist der erste Ottomotor viel zu groß, als dass er in ein Fahrzeug passen würde; auch benötigt die Maschine den Zugang zu einer Gasleitung. Mag Otto auch mit flüssigen und damit leicht zu transportierenden Kraftstoffen experimentiert haben: Er hat wohl nie die Konstruktion eines Automobils im Sinn, sondern fertigt seinen Motor allein für den stationären Gebrauch.
Und so ist es ein anderer, der bald darauf mit dieser Erfindung an die Öffentlichkeit tritt: Carl Benz. Der 1844 bei Karlsruhe geborene Sohn eines Lokomotivführers hat bereits mehrere eher erfolglose Jahre als Maschinenbauer hinter sich, als er sich, beeindruckt von den Möglichkeiten der Verbrennungsmotoren, seinem Lebensprojekt zuwendet: Der Ingenieur will ein Motorfahrzeug entwickeln, das tatsächlich lange Strecken fahren kann.
Unterstützt wird Carl Benz von seiner Frau Bertha. Die Tochter eines wohlhabenden Zimmerermeisters hat ihn Ende der 1860er Jahre in ihrer Heimstadt Pforzheim kennengelernt, sein technisches Talent schnell erkannt. Mehr noch: Bertha investiert ihr Vermögen in ihn, lässt sich noch vor der Hochzeit 1872 einen Teil ihres Erbes auszahlen, um ihrem zukünftigen Ehemann die Alleinübernahme jener Firma zu ermöglichen, die er zuvor mit einem Teilhaber in Mannheim betrieben hatte.
Die Benz-Werkstatt stellt vor allem Maschinen zur Blechbearbeitung her. Doch nebenher beginnt Carl bald mit den Berechnungen für einen neuen Motor. Für ihn steht fest: Die Maschine muss leichter und leistungsfähiger sein als die bisher bekannten Modelle. Bis tief in die Nacht tüftelt Benz, jahrelang.
Es ist Bertha Benz, die ihrem Mann in dieser Zeit zur Seite steht. Mit ihr teilt der Ingenieur seine Ideen, zeitweise arbeitet sie sogar selbst mit, bringt bei Problemen eigene Lösungen ein: So stellt sie etwa ihre Nähmaschine in die Werkstatt und wickelt damit Drähte für die Zündung des Motors auf.
Silvesterabend 1879: Ein bescheidenes Weihnachtsfest liegt hinter dem Ingenieur und seiner Frau – beinahe sein gesamtes Geld hat das Paar in die Entwicklung des neuen Motors gesteckt. Nun begehen die Eheleute den Jahresausklang in ihrem Haus in Mannheim mit einem schlichten Essen. Die Stimmung ist gedrückt. Noch immer ist es ihnen nicht gelungen, den neuen Zweitaktmotor wirklich laufen zu lassen. Was, wenn er nie funktionieren wird?
Plötzlich aber springt Bertha Benz vom Tisch auf, wie ihr Mann Carl in seinen Memoiren später berichten wird. „Wir müssen doch noch einmal hinüber in die Werkstatt und unser Glück versuchen“, sagt sie entschieden.
Wenig später steht das Paar vor der Maschine, von der seine Zukunft abhängt. Carl Benz spürt vor Aufregung sein Herz schlagen, als er das Schwungrad des Motors in Bewegung setzt. Und tatsächlich: Dieses Mal arbeitet die Kraftanlage in regelmäßigem Takt. Andächtig lauschen die Eheleute dem Rhythmus. Sie sind so verzückt, dass erst die Kirchenglocken, die um Mitternacht das neue Jahr ankündigen, sie aus ihrer Versunkenheit reißen. „Alle meine Hoffnungslosigkeit, mit der ich in der letzten Zeit in die Zukunft gesehen hatte, war verschwunden“, erinnert sich Bertha Benz später an diesen Abend.
Tatsächlich wird der neue Motor ein voller Erfolg: Fabrikbesitzer reißen sich darum, wollen den handlichen Benz’schen Antrieb für ihre bisher mit Dampf arbeitenden Anlagen. Im Oktober 1883 kann Carl Benz mit zwei Partnern die „Benz & Cie. Rheinische Gasmotoren-Fabrik Mannheim“ gründen. Der Verkauf läuft so gut, dass der Ingenieur endlich an seinem größten Traum arbeiten kann, dem Automobil.
Längst hat er den Platz jedes Zahnrades, jeder Schraube und Riemenscheibe seines Wagens bestimmt. Die Herausforderung: Bei aller Stabilität muss das Fahrgestell möglichst leicht sein, schließlich bringt der Motor zunächst nur eine Leistung von knapp einer Pferdestärke (etwa 735,5 Watt).
Benz findet seine Lösung im Fahrrad. Die zwei-, mitunter dreirädrigen Vehikel werden in dieser Zeit immer beliebter – und der Ingenieur kopiert ihre Leichtbauweise aus Stahlrohren, kauft Teile seines Gestells in Fahrradwerken. Als Treibstoff wählt Carl Benz eine eher unbedeutende, aber gut erhältliche Substanz: Benzin.
Das Gemisch aus leicht siedenden Kohlenwasserstoffen entsteht als Nebenprodukt bei der Destillation von Erdöl zur Gewinnung von Petroleum, das man zu jener Zeit für Lampen und Straßenlaternen nutzt (siehe Seite 22). In Raffinerien wird das Rohöl schrittweise auf eine Temperatur von bis zu 400 Grad Celsius erhitzt, wobei nach und nach die verschiedenen Anteile verdampfen. Nach dem Abkühlen kondensieren sie voneinander getrennt zu Petroleum, zu Schmieröl, Paraffin – oder zu Benzin.
Aufgrund seiner desinfizierenden und fettlösenden Wirkung wird das Benzin (das wie alle Erdölprodukte in Deutschland fast ausschließlich als Importware im Handel ist) zunächst vor allem in Wäschereien verwendet. Apotheken, Drogerien und Kolonialwarenhändler verkaufen es zudem in kleineren Mengen als Reinigungsmittel. Benz macht sich nun weitere Eigenschaften des Stoffes zunutze: Benzin ist so flüchtig, dass es schon bei gewöhnlichen Temperaturen, sogar bei Kälte, verdunstet. Es verbrennt zudem nahezu komplett, sodass der Stoff im Motor eine gewaltige Kraft entfesselt – dabei aber keinerlei Rückstände entstehen.
Wohl im Herbst 1885 setzt er seinen Motor in die Wagenkonstruktion ein. Drei Räder hat das offene Gefährt, die hölzernen Hinterräder sind mit Stahl beschlagen, das kleinere Vorderrad rollt auf Gummi. Doch die ersten Fahrversuche enden aufgrund der schwierigen Lenkung des Wagens an der Hofmauer. Benz aber gibt nicht auf, experimentiert weiter.
Am 29. Januar 1886 schließlich meldet der Ingenieur seinen Motorwagen zum Patent an – und erhält im November eine Urkunde mit der Nr. 37435 für sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“. Vier Monate zuvor hatte er auf der Ringstraße in Mannheim eine erste öffentliche Ausfahrt unternommen, weitere kleinere Touren folgten.
Doch die „pferdelose Kutsche“ wird zunächst eher belächelt als bejubelt. Vielen missfällt besonders der stechende Geruch, den sie absondert. „Wenn ich einen solchen Stinkekasten hätte, würde ich zu Hause bleiben“, sagt einmal ein Passant zu Benz. Andere fragen sich, wie man sich in ein laut lärmendes Gefährt setzen kann, wenn es doch Pferde gibt, elegante Kutschen und Droschken. Auch das deutsche Straßennetz ist für so ein Konstrukt nicht ausgebaut, die Wege zu uneben. Das „Fahren mit elementarer Kraft“ – also ohne Zugtiere – ist im Großherzogtum Baden zu jener Zeit sogar untersagt (erst ab 1894 sind Automobile versuchsweise erlaubt, mit Geschwindigkeiten von sechs km/h in und zwölf außerhalb von Ortschaften). Und einzig Carl Benz besitzt eine Sondergenehmigung des Bezirksamts.
Die Pioniere ernten oft Spott
Und dann ist der Motorwagen auch noch anfällig für Pannen. In solchen Momenten sammeln sich Schaulustige um das Fahrzeug, lachen oder spotten über die Erfindung und den Ingenieur, der vor dem rauchenden Vehikel kniet, bastelt und flickt.
Zwar entwickelt Carl Benz, inzwischen vierfacher Vater, sein Modell weiter. Doch das Unverständnis seiner Zeitgenossen lässt den Erfinder verzagen. Bis Bertha Benz den Entschluss fasst, ihrem Mann und der Welt zu zeigen, was in dem „Benz Patent-Motorwagen“ – mittlerweile in der dritten Version – steckt, und am Morgen des 5. August 1888 heimlich mit ihren Söhnen nach dem gut 100 Kilometer entfernten Pforzheim aufbricht.
Rund 35 Kilometer haben die drei hinter sich gebracht, als das Automobil bald nach Heidelberg im Städtchen Wiesloch mit leerem Tank liegen bleibt. Der Kanister mit Benzin zum Nachfüllen, den Bertha Benz mitgenommen hat, ist wider Erwarten bereits leer. Doch sie weiß sich auch dieses Mal zu helfen: Mit festen Schritten steuert sie die Stadt-Apotheke am Marktplatz an. Der Verkaufsraum ist mit edlem Holz vertäfelt, auf Regalen stehen Glasfläschchen und Dosen aus weißer Emaille. Benz er wirbt knapp drei Liter Ligroin, eine Art Waschbenzin in einer Glasflasche. Unter den staunenden Augen der umstehenden Menschen befüllen sie und ihre Söhne den glänzenden Messing tank ihres Wagens – und setzen die Reise fort.
Doch bis sie Pforzheim erreichen, ist es noch ein beschwerlicher Weg. Immer wieder schieben alle drei das Gefährt Hügel hinauf. An anderer Stelle müssen die Reisenden bei einem Dorfschmied halten: Die Ketten, die die Kraft vom Motor auf die Hinterräder übertragen, haben sich geweitet. Der Handwerker kürzt die Metallstränge.
Dann, nach fast 13 Stunden Fahrt, erblicken die Autofahrer von einer An höhe aus endlich die Lichter von Pforzheim. Mit der Eisenbahn hätten sie für die Strecke nur einen Bruchteil der Zeit gebraucht. Ihre Kleider sind staubig, die Gesichter mit Schmutz bedeckt. Doch aus den Häusern kommen Anwohner herbeigerannt und bestaunen den Motorwagen wie ein Weltwunder. „In Pforzheim glücklich angekommen“, lässt Bertha Benz kurz darauf an ihren Mann telegrafieren.
Der ist zunächst verärgert über die unerlaubte Fahrt, schickt seiner Familie aber nach einigen Tagen Ersatzteile zu, sodass sie per Automobil auch zurückreisen kann. Mehr noch: Die gelungene Fernfahrt verleiht dem Erfinder neue Energie. Er nimmt nach den Berichten seiner Frau Änderungen vor, fügt dem Wagen etwa einen weiteren Gang hinzu, um Steigungen bewältigen zu können. Wenige Wochen später, auf der „Kraft- und Arbeitsmaschinenausstellung “ in München, führt Carl Benz den Wagen dann im Stadtzentrum selbst vor und gewinnt die begehrte „Große Goldene Medaille“: Endlich berichtet die Presse begeistert. „Der unter dem Sitz angebrachte Benzinmotor ist die treibende Kraft, die sich nach den mit eigenen Augen gesehenen wohlgelungenen Versuchen aufs Beste bewährt hat“, schreibt etwa das „Münchener Tageblatt“.
Der Absatz der ersten Motor wagen verläuft dennoch schleppend. Bis 1893 verkauft Benz & Cie lediglich 69 Automobile, die Firma hält sich nur, weil sie weiter Industriemotoren vertreibt. Und ein Großteil der Fahrzeuge wird ins Ausland geliefert, nach England, in die USA, vor allem aber nach Frankreich. Dort gibt es bessere Straßen und eine entwickelte Industrie für Stahl- und Aluminiumproduktion, für Zubehör und Werkzeug und in der fortschrittsbegeisterten Hauptstadt Paris eine kauf willige Kundschaft, die sich die Wagen auch leisten kann. Dazu machen in Frankreich bald Ausstellungen und Autorennen, etwa auf der knapp 1200 Kilometer langen Strecke von Paris nach Bordeaux und zurück, die Fahrzeuge bei einem breiten Publikum populär, während es in Deutschland bis zur Jahrhundertwende keinen Autosport gibt.
Viele Ingenieure versuchen nun, Automobile zu konstruieren, und zwei der bedeutendsten kommen wie Carl Benz aus dem Deutschen Reich: Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Schon im Herbst 1886, nur wenige Monate nach Benz, haben sie eine Motorkutsche fertiggestellt, in der ebenfalls ein zu einem schnell laufenden Benzinmotor weiterentwickelter Otto-Viertakter steckt – und ihre Firma wird in den folgenden Jahrzehnten immer neue Modelle auf den Markt bringen. 1900, im Todesjahr Daimlers, entsteht jenes Fahrzeug, das bald wie kaum ein anderes für die deutsche Autoproduktion stehen wird : der „Mercedes“, benannt nach der Tochter des wichtigen Vertreters der Daimler-Motoren-Gesellschaft Emil Jellinek. Und auch eine andere Antriebstechnik ist nun im Verkauf: der 1893 von Rudolf Diesel entwickelte Motor, der mit Schweröl statt Benzin betrieben werden kann.
Nach der Jahrhundertwende setzen auch immer mehr Deutsche auf motorisierte Vehikel. Es entstehen die ersten Motorrad- und Automobilclubs wie 1903 der spätere ADAC, die sich für die Belange der Fahrzeugbesitzer einsetzen. Gleichzeitig werden Gesetze erlassen, die den motorisierten Verkehr auf den Straßen berücksichtigen. In Preußen etwa müssen Automobile beim Aufeinandertreffen mit Pferdefuhrwerken besonders langsam fahren, damit die Tiere nicht scheuen. Das erste Tankstellenverzeichnis listet 1909 rund 2500 Drogerien, Hotels, Gaststätten, Kolonialwarenhändler und Fahrradhandlungen, die Benzin verkaufen. Sogar der deutsche Kaiser Wilhelm II. legt sich drei Automobile zu (es sind strombetriebene Modelle, wie sie zeitgleich entwickelt werden), macht die Motorwagen im Adel salonfähig.
Für normale Bürger bleiben sie hingegen noch lange unerschwinglich: Zwischen 20 000 und 30 000 Reichsmark kostet etwa ein Modell der Opel-Werke in dieser Zeit. Dazu kommen jährliche Ausgaben für Benzin, Versicherung, Chauffeur und Ersatzteile von etwa 9000 Mark – mehr als das Achtfache dessen, was ein Arbeiter durchschnittlich pro Jahr verdient. Als Statussymbol der Reichen ist das Automobil bei ärmeren, vor allem ländlich wohnenden Menschen entsprechend verhasst, zumal es den Verkehr der Fuhrwerke behindert. Besonders in Regionen mit wachsendem Autoverkehr wie der preußischen Rheinprovinz oder Bayern werden Autofahrer mitunter mit Steinen beworfen oder mit Jauche bespritzt, werden Barrikaden auf den Straßen errichtet.
Das Rezept, das aus einer Autofahrerin schließlich mehrere Millionen macht, wird knapp zwei Jahrzehnte nach Bertha Benz’ großer Fahrt jenseits des Atlantiks entwickelt: 1908 bringt der US-amerikanische Unternehmer Henry Ford mit dem „Modell T“ einen Wagen heraus, den sich fast jeder leisten kann. Nur 850 Dollar kostet das Automobil, das ab 1913 als erstes Fahrzeug der Welt am Fließband montiert wird.
Nach dem Ersten Weltkrieg werden Fords Automobile auch nach Europa exportiert. Bald schon rollen über deutsche Straßen Tausende Wagen, aus den USA, aber auch aus Frankreich oder von heimischen Herstellern. Weltweit hat der Autoverkehr einen solchen Umfang angenommen, dass die Nachfrage nach Benzin die Menge, die bei der Petroleumgewinnung abfällt, übersteigt. Von nun an verarbeiten die Konzerne Erdöl gezielt zu Benzin, ist die Gewinnung des einstigen Nebenprodukts der wichtigste Teil des Raffinationsprozesses, kommen neuartige Verfahren zur Anwendung. Auch der Vertrieb des Treibstoffs wandelt sich auf revolutionäre Weise: Schon zu Beginn des neuen Jahrhunderts entstehen in den USA die ersten Tankstellen, bald mit Zapfsäulen unter einem frei stehenden Dach, Kassenhäuschen und einem „Preismast“ in Blickrichtung der Straße. 1923 eröffnet in Hannover schließlich die erste Tankstelle Deutschlands.
Carl Benz erlebt die Anfänge der Massenmotorisierung noch mit. Er stirbt 1929, drei Jahre nach der Vereinigung seines Unternehmens mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft zur Daimler-Benz AG, an den Folgen einer Bronchitis. Bertha Benz überlebt ihren Mann um 15 Jahre. Sie lässt sich in ihrer letzten Lebenszeit zunächst von den Nationalsozialisten vereinnahmen, distanziert sich aber lange vor ihrem Tod 1944 wieder von Adolf Hitler und seinen Anhängern.
Zehn Jahre später gibt es allein in Deutschland knapp 4,5 Millionen Autos. Und wo immer auf der Welt nun bescheidener Wohlstand aufkeimt, setzen sich die Menschen hinters Steuer. An die Frau aber, die mit ihrer Fahrt die Ära der Massenmotorisierung einläutete, erinnern heute lediglich ein paar Denkmäler entlang ihrer Route in der badischen Provinz. So steht etwa in Wiesloch, wo Bertha Benz einst Kraftstoff-Nachschub kaufte, eine Skulptur zu ihren Ehren. Und an dem Haus, in dem sich einst die Apotheke der Stadt befand, prangt heute ein Schild mit der Aufschrift: „1. Tankstelle der Welt“.
2. Das Luftschiff LZ 129 „Hindenburg“
Das im Jahr 1936 fertiggestellte deutsche Starrluftschiff LZ 129 „Hindenburg“ galt zu seiner Zeit als schnellstes und komfortabelstes Verkehrsmittel für die Nordatlantikstrecke. Das NS-Regime nutzte den größten Zeppelin der Welt für Propagandazwecke – u. a. während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Sein Absturz im amerikanischen Lakehurst im Mai 1937 leitete das Ende der Luftschiff-Ära ein.
Konstruktion und Bau
Der Bau des bis heute weltweit größten Verkehrsluftschiffes LZ 129 „Hindenburg“ begann im Januar 1932. Mit einer Länge von 245 Metern und einem Traggasvolumen von 200.000 Kubikmetern war der Zeppelin dafür konzipiert, mit Helium betrieben zu werden. Leicht entzündlicher Wasserstoff als Traggas war nach dem Absturz des britischen Verkehrsluftschiffs R101 im Oktober 1930 in die Kritik geraten. Da die USA jedoch das weltweite Helium-Monopol besaßen und ein Ausfuhrverbot für Deutschland anordneten, musste die „Hindenburg“ dennoch mit Wasserstoff gefüllt werden.
Auf zwei- bis dreitägigen Linienflügen nach Nord- und Südamerika konnte die „Hindenburg“ anfangs 50 und später bis zu 72 Passagiere sowie Post und Fracht befördern. Die Fahrgasträume lagen erstmalig im Inneren des Luftschiffes und beinhalteten neben den 25 Doppelkabinen einen Gesellschaftsraum, einen Speisesaal, eine Bar und einen Rauchsalon.
NS-Propaganda
Der NS-Staat war früh im Luftschiffbau involviert und nahm Einfluss auf die Verwendung der Zeppeline. Ende 1933 vergab das Reichsluftfahrtministerium an die Luftschiffbau Zeppelin GmbH ein unverzinsliches Darlehen in Höhe von drei Millionen Reichsmark und sicherte damit die restliche Finanzierung des Baus von LZ 129. Im Gegenzug forderten die Nationalsozialisten die staatliche Beteiligung an einer Luftschiffreederei, die 1935 mit Gründung der Deutschen Zeppelin-Reederei GmbH (DZR) erfolgte. Den Namen „Hindenburg“ zu Ehren des ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg segnete Reichskanzler Adolf Hitler persönlich ab – auch „Germania“ war als möglicher Name für das neue Luftschiff vorgeschlagen worden.
LZ 129 „Hindenburg“ war von Beginn an auch für Propagandafahrten vorgesehen – auf seinen Heckfinnen prangten große Hakenkreuzflaggen. Bereits kurz nach seiner Indienststellung am 16. März 1936 verteilte das Luftschiff gemeinsam mit LZ 127 „Graf Zeppelin“ vom 26. bis 29. März 1936 über mehreren deutschen Städten Propagandamaterial anlässlich der bevorstehenden Reichstagswahl. Das NS-Regime nutzte diese Scheinwahl, um die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes durch die Wehrmacht nur wenige Wochen zuvor zu legitimieren. Ebenfalls flog der Zeppelin zur Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele am 1. August 1936 über die Zuschauerränge des Olympiastadions in Berlin.
Am 6. Mai 1937 geriet LZ 129 „Hindenburg“ bei der Landung in Lakehurst südlich von New York in Brand und stürzte aus 60 Metern Höhe ab. 22 Besatzungsmitglieder und 13 Fahrgäste der insgesamt 97 Menschen an Bord des Luftschiffes starben bei dem Unglück. Als Reaktion darauf stellte Deutschland den Luftschiffverkehr ein. Weitere Pläne und Bauvorhaben für heliumbetriebene Zeppeline kamen spätestens mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zum Erliegen. Nach 1945 machte die Weiterentwicklung von leistungsfähigeren Hubschraubern und Langstreckenflugzeugen den Luftschiffbau schließlich obsolet.

3. 1817 Laufmaschine. Karl Friedrich Freiherr von Drais
Der gelernte badische Forstmeister Karl Friedrich Freiherr von Drais war einer der genialsten und eigenwilligsten Erfinder seiner Zeit. Er baute unter anderem die erste Tastenschreibmaschine. Seine bedeutendste Erfindung aber ist das „Ur-Fahrrad“. Mit der hölzernen Laufmaschine fuhr er am 12. Juni 1817 in nur einer Stunde vom Schloss bis zur Pferdewechselstation in der Relaisstraße und zurück. Er begründete damit den modernen Individualverkehr.
Karl Drais wird am 29. April 1785 als Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn in Karlsruhe geboren. Sein Vater ist der badische Oberhofrichter Karl Wilhelm von Drais und sein Taufpate kein Geringerer als der Markgraf Carl Friedrich von Baden. Der junge Drais genügt während der Schulzeit nicht unbedingt den Erwartungen seiner Familie. Vor allem das Fach Latein langweilt ihn. Stattdessen beschäftigt er sich lieber mit mathematischen und mechanischen Problemen. Nach dem Realschulabschluss schickt ihn sein Vater zum Onkel in die Forstlehranstalt nach Schwetzingen. Danach studiert Drais Baukunst, Landwirtschaft und Physik in Heidelberg, kehrt dann aber zur praktischen Ausbildung an die Forstlehranstalt zurück und wird Forstmeister. Schon bald wird er von dieser Tätigkeit freigestellt und kann sich seinen zahlreichen Tüfteleien widmen. Als das Oberhofgericht im Jahre 1810 nach Mannheim verlegt wird, zieht er mit dem Vater dorthin um.
Die Liste seiner Erfindungen ist lang. Drais stellt nicht nur eine Formel zur Lösung komplizierter mathematischer Gleichungen auf (1810), sondern konstruiert 1812 eine Maschine, die während des Klavierspielens auf einer sich drehenden Walze die Noten aufschreibt. Im Jahre 1813 entwickelt er eine Rechenart im dualen Zahlensystem und 1814 einen "Wagen ohne Pferde". Seine "Schnellschreibmaschine" von 1825 nimmt mit ihrer Codierung das spätere Morsealphabet vorweg. Sogar ein neuartiger "Holzsparherd" (1833) und eine "Kochmaschine" (1834) gehören zu den Erfindungen des einfallsreichen Freiherrn.
Die bedeutendste Erfindung jedoch ist ein zweirädriges, hölzernes Fahrzeug, das von der Muskelkraft seines Fahrers angetrieben wird: die Laufmaschine. Mit ihr fährt Drais am 12. Juni 1817 in nur einer knappen Stunde vom Mannheimer Schloss bis zur Schwetzinger Pferdewechselstation in der heutigen Relaistraße und zurück. Die Pferdepost braucht für die gleiche Strecke vier Stunden! Trotz dieser eindrucksvollen Demonstration reagieren die Mannheimer höhnisch und ablehnend auf die Laufmaschine. Drais wird als Sonderling verspottet. Später wird die Laufmaschine in ganz Europa erfolgreich nachgebaut. Drais selbst aber kann aus seiner genialen Erfindung keinen wirtschaftlichen Nutzen ziehen.
Er hat darunter zu leiden, dass unter dem Vorsitz seines Vaters der radikale Burschenschaftler Carl Ludwig Sand wegen der politisch motivierten Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue 1820 zum Tode verurteilt wurde. Als überzeugter Demokrat bekennt sich Drais 1838 öffentlich zu seiner Überzeugung und wird bei der badischen Revolution 1848/1849 Mitglied der Bürgerwehr. Er legt seinen Adelstitel ab und muss dafür seine gesellschaftliche Ächtung in Kauf nehmen. Am Ende seines Lebens droht ihm sogar die Entmündigung. Völlig verarmt stirbt Karl Drais, krank an Körper und Geist, am 10. Dezember 1851 in Karlsruhe und wird dort still und unbeachtet beigesetzt.
Der Wert seiner Hinterlassenschaft, darunter die Kochmaschine, das Ofenmodell, und die Schnellschreibmaschine werden auf 30 Gulden geschätzt. Davon entfallen drei Gulden auf die Laufmaschine. Der aber ist eine glänzende Zukunft beschieden. Sie mausert sich zum Fahrrad und tritt einen Siegeszug ohnegleichen rund um den Globus an. Mit seinem Geistesblitz hat Karl Drais der Menschheit eine der nützlichsten Erfindungen der Geschichte geschenkt.
4. Erste Eisenbahn. Im Tempo des Fortschritts.
Wer um 1830 in Bayern verreisen will, ist auf Postkutschen und Pferdewagen angewiesen. Doch 1835 hält der technische Fortschritt Einzug ins Königreich: Der »Adler«, eine in England gebaute Lokomotive, zieht einen Zug von Nürnberg nach Fürth. Es ist die erste deutsche Eisenbahnfahrt unter Dampf – und der Beginn einer neuen Ära
Jung ist das Königreich Bayern. Und doch bahnt sich in Nürnberg 1835 eine Revolution an, die den Staat, ja ganz Deutschland tief greifend verändern wird. Seit der Proklamation des Kurfürsten Maximilian Joseph zu Bayerns erstem König hat sich das Land ohnehin schon drastisch gewandelt. Es hat Gebiete verloren und hinzugewonnen, hat sich eine Verfassung und eine einheitliche Steuergesetzgebung gegeben.
Auf dem Papier ist Bayern geeint. Doch wirtschaftlich zerfällt der Flächenstaat noch immer in die alten Regionen. Es fehlt an der nötigen Infrastruktur, die Franken, Bayerisch-Schwaben, die Oberpfalz sowie Ober- und Niederbayern miteinander verbindet. Die Straßen sind schlecht, und Pferdefuhrwerke reichen nicht mehr aus für die Bedürfnisse des wachsenden Handels. Visionäre Kaufleute träumen von modernen Verkehrsmitteln, wie sie in England bereits erfolgreich eingesetzt werden. Im Dezember 1835 soll dieser Traum wahr werden: mit der Jungfernfahrt von Deutschlands erster dampfgetriebener Eisenbahn.
Der Start wird erfolgreich sein und das junge Königreich an die Spitze eines technischen, ökonomischen, sozialen und politischen Wandels setzen, dessen Geschwindigkeit und Ausmaße nie da gewesene Dimensionen erreichen. Die Eisenbahn wird die gesamte Wirtschaft auf neue Grundlagen stellen, zur Gründung unzähliger Fabriken führen und alten Schichten angestammte Privilegien rauben. Sie wird die Landschaft verändern, Berge und Täler überwinden. Wird Arbeitswelt und Nachrichtentechnik revolutionieren – und sogar die Zeitrechnung.
NÜRNBERGS TURMUHREN zeigen noch nicht sieben Uhr an diesem dunklen, kalten Montagmorgen 1835, und doch sind schon Tausende auf den Beinen. Familien mit Kindern, Bürger, Honoratioren. Aus vielen deutschen Staaten sind Zeitungskorrespondenten in die Stadt gereist, die erst seit 1806 zum Königreich Bayern gehört.
Die Menschen ström zu einem Platz vor der Stadtmauer, wo früher Marktschreier ihre Waren anpriesen. Gleich daneben liegt der neue Bahnhof, erbaut von der „Königlich privilegierten Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft“, dem ersten deutschen Unternehmen, das es wagt, einen Zug auf die Reise zu schicken: eine dampfgetriebene Maschine und neun Passagierwagen auf den sechs Kilometer langen Schienenweg entlang der Chaussee von Nürnberg nach Fürth. Es ist der 7. Dezember 1835. Um neun Uhr, eine Stunde nach Sonnenaufgang, soll der Zug, dessen Lokomotive man „Adler“ getauft hat, zu seiner neunminütigen Jungfernfahrt aufbrechen. Am Startplatz hat die Bahngesellschaft für Aktionäre und Gäste eine Tribüne aufbauen lassen, Fahnen flattern, eine Kapelle spielt auf.
Alle wollen den »ADLER« sehen
Neugierig drängt sich die Menge um die Passagierwagen – Fahrgestelle mit eisernen Rädern, auf die Kutschabteile samt Fahrerböcken montiert sind: Denn die Eisenbahn soll nur zwei- bis dreimal täglich vom Dampfwagen gezogen werden, sonst aber von Pferden. Zu teuer ist die Kohle, mit der die Lokomotive befeuert wird.
Der zischende „Adler“ steht am Anfang des Schienenwegs. Die Lokomotive ist rund sechs Tonnen schwer, gebaut von der Firma Robert Stephenson & Co. in Newcastle upon Tyne, dem führenden britischen Dampfwagenhersteller. Fast sieben Meter misst die Zugmaschine samt dem angehängten Tender, auf dem Kohle und Wasser mitgeführt werden. Sie steht auf sechs roten Eisenrädern, von denen die beiden mittleren deutlich größer sind: die Antriebsräder. Längs darüber liegt der grün gestrichene Dampfkessel, an seinem vorderen Ende ragt etwa zwei Meter hoch ein schwarzer Schornstein in den Himmel.
Die Dampfmaschine verleiht dem „Adler“ die Zugkraft von 41 Pferdestärken und macht die Lokomotive damit zum größten, schwersten, stärksten und schnellsten Fahrzeug in Deutschland. Im Führerstand steht ein junger Mann an Hebeln und Ventilrädern. Er trägt Frack, Zylinder, weiße Handschuhe: William Wilson, 26, schottischer Maschineningenieur, ist von seiner Firma nach Nürnberg geschickt worden. Kurz vor neun Uhr erhöht Wilson den Druck im Kessel. Der „Adler“ ist bereit zu seiner ersten Fahrt. Deutschland ist zu dieser Zeit noch ein rückständiges Agrarland, häufig geschüttelt von Missernten und Hungerkrisen. Die meisten Menschen leben auf dem Land, die Städte sind bis auf wenige Ausnahmen provinziell.
Ein großes Hindernis für die Entwicklung von Industrie und Handel ist die politische und wirtschaftliche Zerrissenheit. Der Deutsche Bund, 1815 auf dem Wiener Kongress gegründet, besteht aus fast 40 autonomen Fürstenstaaten und freien Städten – und alle prägen eigene Münzen, haben eigene Steuer- und Rechtsordnungen. Dazu gibt es etliche Maßund Gewichtssysteme, selbst unterschiedliche Uhrzeiten: Schlägt es vom Rathausturm in Görlitz 12.00 Uhr, zeigen die Uhren in Berlin 11.53 Uhr und die in Bonn 11.28 Uhr.
Doch seit 1815 kämpfen viele Fabrikanten und Kaufleute für Handelsfreiheit. Einer ihrer Vordenker ist der Ökonom Friedrich List. „38 Zoll- und Mautlinien in Deutschland lähmen den Verkehr im Innern“, zürnt er in einer Schrift 1819, „und bringen ungefähr dieselbe Wirkung hervor, wie wenn jedes Glied des menschlichen Körpers unterbunden wird, damit das Blut ja nicht in ein anderes überfließe.“ Wie hinderlich Binnenzölle sind, haben die Bayern da längst erkannt. Montgelas, wichtigster Minister des ersten bayerischen Königs Maximilian I. Joseph, hat bereits 1807 die letzten Maut-, Zoll- und Brückengelder innerhalb der eigenen Grenzen abgeschafft, um damit den Handel zu stärken und das Königreich konkurrenzfähig zu halten im wachsenden internationalen Wettbewerb (siehe Seite 22).
Viele Reformer setzen auf die Eisenbahn, um Deutschland aus der Rückständigkeit zu führen – und blicken dabei bewundernd auf Großbritannien. Dort rollen schon seit einigen Jahren Lokomotiven.
Im Februar 1804 hat der Bergwerksingenieur und Maschinenbauer Richard Trevithick für den Besitzer einer Eisenhütte erstmals eine Dampfmaschine auf Schienen gesetzt – eine Lokomotive, die eine Ladung von zehn Tonnen befördern und so die bis dahin üblichen Transportpferde ersetzen sollte. Trevithicks Lokomotive bewältigt zwar die Last, doch die gusseisernen Gleise waren zu spröde für das Gewicht von Lok und Ladung. Erst der Ingenieur John Blenkinsop konstruierte 1812 eine Bahn, die für den Transport schwerer Lasten geeignet ist.
Schnell zeigte sich, dass die neue Technik auch zur Beförderung von Menschen eingesetzt werden kann. 1830 ging die erste Fernbahnlinie für Waren und Fahrgäste auf einer etwa 50 Kilometer langen Strecke zwischen dem Baumwollhafen Liverpool und der Textilstadt Manchester in Betrieb. Gezogen wurden die Waggons von Lokomotiven aus den Werkstätten George Stephensons, der zuvor einen Wettbewerb um die beste Zugmaschine für die Liverpool-Manchester-Strecke gewonnen hatte. Schnell machten die rollenden Dampfmaschinen Stephensons Fabrik berühmt, auch auf dem Kontinent erhielt er nun Aufträge zur Planung einer Eisenbahn, etwa in Belgien.
In Deutschland dagegen sind Reisende und Händler noch lange Zeit auf Postkutschen und Pferdewagen angewiesen. Zwar versuchen Ingenieure der Königlichen Eisengießerei in Berlin bereits 1816, einen funktionsfähigen Dampfwagen zu bauen: Die Preußen haben zwei Beamte nach Großbritannien entsandt, um Eisenbahnen zu studieren. Doch ihre Lokomotive kommt über eine Testphase nicht hinaus.
Etwas früher ersinnt der bayerische Bergbaudirektor Joseph von Baader eine Pferdebahn auf Schienen. 1814 verblüfft er Zuschauer in München bei einer Vorführung damit, dass die Kraft eines kleinen Hundes ausreicht, um einen mit drei Menschen besetzten Modellwagen über ein Gleis zu bewegen – so gering ist der Reibungswiderstand von Metallrädern auf Metallschienen. 1826 baut er eine 250 Meter lange Versuchsstrecke im Maßstab 1:1 im Nymphenburger Schlosspark auf. König Ludwig I., seit einem Jahr auf dem bayerischen Thron, ist beeindruckt von der neuen Technik.
Doch Baaders „System der fortschaffenden Mechanik“, wie er es selbst nennt, hat einen gewaltigen Nachteil: Es ist für den tatsächlichen Einsatz viel zu kompliziert. Die Schienen ruhen auf Stützen und Stelzen, die Wagen werden durch ein zusätzliches großes Rad an der Seite auf den Gleisen gehalten, an Steigungen sollen stationäre, mit Dampf betriebene Bergwinden die Waggons ziehen. Baaders System, so wird es sich bald erweisen, ist ein Irrweg.
Die Eisenbahn selbst aber ist es nicht. Unter anderem mit ihrer Hilfe will Friedrich List, der frühliberale Ökonom, aus den deutschen Kleinstaaten einen einheitlichen Markt formen: Ein grenzüberschreitender Bahnverkehr könnte zur Aufhebung aller Binnenzölle führen. 1833 entwirft er ein Streckennetz, das zwischen dem bayerischen Lindau und der Hansemetropole Lübeck die wichtigsten Städte miteinander verbindet – mit Berlin und Leipzig als Knotenpunkten. Und tatsächlich schließen sich 1834 18 Königreiche, Fürsten und Herzogtümer mit insgesamt 23 Millionen Einwohnern zum Deutschen Zollverein zusammen, um die ärgsten Handelshemmnisse aus der Welt zu schaffen.
AUCH BAYERN GEHÖRT zu diesem Verbund. Vor allem die Händler in Nürnberg sind erfreut über die neuen Entwicklungen. Denn die Geschäfte laufen schlecht.
Der Fernhandel mit Kolonial-, Metall-, Holz- und Spielwaren, mit Tabak, Spiegeln und Kämmen, der die Stadt reich gemacht hat, ist rückläufig. Die Schutzzölle, mit denen die europäischen Regierungen ausländische Waren verteuern, sind hoch, der Warentransport kostet viel Geld. Seit Jahren suchen die Kaufleute nach einem Ausweg aus der Krise. Nürnberg liegt auf halber Strecke zwischen Main und Donau – und damit zwischen zwei gewaltigen Wirtschaftsräumen, dem Schwarzen Meer und der Nordsee.
Eine schnelle Verbindung zwischen beiden Flüssen könnte Ströme ausländischer Waren wieder in die Stadt lenken, den Absatz eigener Produkte erleichtern. Zudem ist Eile geboten. Seit 1832 verbindet eine Pferdebahn das oberösterreichische Linz an der Donau mit dem böhmischen Budweis an der Moldau. Die Warenströme aus Südosteuropa laufen damit nicht nur an Nürnberg, sondern an ganz Bayern vorbei.
Die Nürnberger Kaufleute wollen deshalb die Eisenbahn. Ihr Landesherr, König Ludwig I. von Bayern, bevorzugt dagegen – wie auch etliche seiner Berater – einen Kanal. Die Ernüchterung über das Baadersche System hat seine anfängliche Begeisterung für die Bahn erst einmal abkühlen lassen (ab 1846 wird der 172 Kilometer lange Ludwig-Donau-Main-Kanal Kelheim an der Donau und Bamberg an einem Zufluss des Mains miteinander verbinden). Landtag und Regierung stellen sich der privaten Initiative für eine Bahn aber auch nicht in den Weg und lassen die Nürnberger Kaufleute machen.
Die streben als Erstes den Bau einer sechs Kilometer langen Verbindung nach Fürth an. Denn das Verkehrsaufkommen zwischen den beiden fränkischen Handelsstädten ist gewaltig. Eine Zählung im Frühjahr 1833 hat ergeben, dass jährlich 612.470 Personen und 39.420 Fuhrwerke mit 86.140 Pferden auf der Strecke unterwegs sind. Und so gründen die Nürnberger noch im gleichen Jahr die erste Eisenbahn-Aktiengesellschaft Deutschlands. 100 Gulden kostet eine Aktie, und in kurzer Zeit zeichnen 207 Gesellschafter Anteile an der Bahn. Auch das Königshaus beteiligt sich – mit zwei Papieren (die 200 Gulden für den Kauf fließen allerdings erst nach mehrmaliger Mahnung).
Immerhin: 1834 stellt die Regierung einen Vermessungsingenieur frei, der die Trasse projektiert und auch die Bauleitung übernimmt. Zudem erhält das Konsortium von Ludwig I. das Privileg der Personenbeförderung auf der Strecke. Die Kaufleute taufen ihre Unternehmung daraufhin „Königlich privilegierte Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft“. Mühe macht der Landerwerb für die Trasse. Manche der 90 Grundbesitzer zwischen Nürnberg und Fürth wollen nicht an das Konsortium verkaufen, jedenfalls nicht für diesen Zweck. So treiben sie die Preise in die Höhe und damit die Kosten für die Bahnpioniere.
EIN WEITERES PROBLEM sind die Gleise. Gusseisen ist zu spröde für Schienen. Die Stränge müssen aus gewalztem Eisen gelegt werden. Doch diese Technik beherrschen nur wenige Eisenwerke in Deutschland. Fündig werden die Pioniere schließlich bei einer Firma in Rasselstein bei Neuwied. Den Bau der Lokomotive müssen die Ludwigs-Eisenbahner notgedrungen in Großbritannien in Auftrag geben. Zwar haben sich die Direktoren zuvor in den deutschen Ländern nach einem Konstrukteur umgetan. Doch gemeldet haben sich nur zwei Hochstapler aus Württemberg. Sie hatten sich erboten, für 4500 Gulden eine Dampflok zu bauen, ließen jedoch nichts mehr von sich hören, als sie den Auftrag tatsächlich erhielten.
Viele haben ANGST vor der Eisenbahn
Die Lokomotivbauer bei George Stephenson verlangen für die Zugmaschine samt Tender rund 14.000 Gulden. Am 16. Mai 1835 geben die Nürnberger ihre Bestellung ab, am 3. September geht der „Adler“ mit der Seriennummer 118 in die Fracht. Zerlegt in 100 Teile, in 19 Kisten verpackt, tritt die Lokomotive ihre Reise an: zunächst von Newcastle auf dem Wasserweg über Rotterdam bis nach Köln. In der Domstadt werden die Maschinenteile auf acht Pferdefuhrwerke umgeladen und rumpeln schließlich auf dem Landweg nach Nürnberg.
Mit dem „Adler“ wird die noch heute in fast ganz Europa gebräuchliche Spurweite von vier Fuß und acht Zoll eingeführt – wie zu jener Zeit für englische Dampfloks vorgeschrieben: 143,5 Zentimeter. Auch die Schienen, auf denen der Zug von Nürnberg nach Fürth rollen soll, werden in exakt diesem Abstand verlegt. Am 26. Oktober treffen die Kisten am Ziel ein. Einen Tag zuvor ist William Wilson angekommen. Der künftige Zugführer hat ein Zimmer im Nürnberger Gasthaus „Wilder Mann“ bezogen.
Der britische Ingenieur soll zunächst darüber wachen, dass die Einzelteile des „Adler“ richtig zusammengefügt werden. Die Bahngesellschaft zahlt ihm für seine Dienste 1500 Gulden Honorar im Jahr – 20 Prozent mehr, als der Bahndirektor erhält. Wilson soll eigentlich nach acht Monaten seine Entwicklungshilfe in Nürnberg beenden und in die Heimat zurückkehren; tatsächlich aber wird sich der Schotte in eine Fränkin verlieben und bis zu seinem Tod 1862 in Nürnberg bleiben – hochgeachtet als Nestor der deutschen Lokführer.
Nürnberg, 7. Dezember 1835, 9.00 Uhr: Honoratioren sprechen zum Publikum, dann Jubel und Hochrufe auf den König, der freilich gar nicht anwesend ist. Auch kein anderer Vertreter aus dem Hause Wittelsbach wohnt der Premiere bei, die zur Initialzündung der Industrialisierung in Bayern und nahezu umgehend auch in den restlichen deutschen Staaten werden wird. William Wilson bringt den Kessel auf Betriebstemperatur. Auf dem Tender assistiert ihm der Nürnberger Johann Georg Hieronymus. Der Schornstein pafft jetzt weiße Dampfwolken, die in der kühlen Winterluft kondensieren und feinen Regen auf die Umstehenden niedergehen lassen. In den neun gelben Wagen haben rund 200 Passagiere Platz genommen.
Die Bahngründer rechnen mit Reisenden überwiegend aus dem Adel und dem Bürgertum. Also haben sie drei Waggons der 1. Klasse bauen lassen, ausgeschlagen mit feinem Tuch und mit Glasfenstern; außerdem vier Wagen der 2. Klasse, in deren Fenstern nur Vorhänge wehen, und zwei Wagen für die 3. Klasse – offen, ohne Türen und mit Holzbänken.
Dann donnert ein Kanonenschuss: das Signal zum Aufbruch. Langsam setzt sich Deutschlands erster Dampfzug in Bewegung. Schließlich rattert der „Adler“ mit mehr als 40 km/h übers Land, vorbei an Feldern und Weiden. Die Waggons sind mit bayerischen Fahnen behängt, und rechts und links des Bahndammes stehen zahllose Neugierige in sicherem Abstand. Viele winken und applaudieren.
Es ist Wilsons großer Tag. Bedächtig schaufelt der Mann auf dem Führerstand des „Adler“ die Kohle in die Feuerbüchse. Die Zugmaschine schnaubt und schüttelt sich auf der Fahrt, doch der Mann im Frack ist die Ruhe selbst. Nach neun Minuten Fahrt erreicht der „Adler“ Fürth. Es hätte schneller gehen können, doch Wilson ist vom Direktorium angehalten worden, langsam zu fahren, um „die köstliche Maschine tunlichst zu schonen“. In Fürth nehmen die Premierengäste ein kurzes Frühstück im Gasthof „Kronprinz von Preußen“ ein, dann treten sie die Rückfahrt an.
Wohl keiner der Fahrgäste hat je zuvor ein solches Tempo erlebt – selbst die leichten Eilkutschen der Bayerischen Post bringen es nur auf eine Reisegeschwindigkeit von zwölf km/h. Ein mitreisender Korrespondent des „Stuttgarter Morgenblatts“ berichtet seinen Lesern, „dass die Bewegung durchaus angenehm, ja wohltuend ist“. Jedoch: „Wer zum Schwindel neigt, muss es freilich vermeiden, die vorüberfliegenden, näher gelegenen Gegenstände ins Auge zu fassen.“
Aber nicht überall löst das neue Gefährt Begeisterung aus. Viele Adelige, notiert ein Unternehmer, sähen in der Eisenbahn den „Leichenwagen, der Absolutismus und Feudalismus zum Kirchhofe“ fährt. Kutscher, Schmiede, Sattler und Seiler fürchten die „Vernichtung ihrer Gewerbe“. Und in einer Petition an König Ludwig I. verlangen 27 Nürnberger Fuhrunternehmer von den Eisenbahngesellschaftern eine Entschädigung dafür, „dass sie uns die Ausübung unserer Rechte fortan unmöglich machen“ – allerdings vergebens.
Die Besitzer der Eisenbahn-Aktien scheinen eine glänzende Investition gemacht zu haben: Nach nur drei Monaten bilanziert die Gesellschaft eine Rendite von 13,5 Prozent auf das Anlagekapital. Die Bahn hat da bereits 74.512 Menschen befördert, mehr als 800 pro Tag. Nur etwas mehr als die Hälfte der Passagiere nutzt die Bahn im Dampfbetrieb – der Rest fährt mit dem Zug, wenn Pferde den „Adler“ ersetzen. Neun Kreuzer kostet eine Fahrt in der 2. Klasse, etwa ein Drittel dessen, was ein Bauarbeiter pro Tag verdient.
Vor allem die Abteile der 3. Klasse sind, so ein Beobachter, „ständig gefüllt mit Weibern, Israeliten, Handwerksburschen, beurlaubten Soldaten und Hunderten in ihren Mitteln beschränkten Personen“. Viele versuchen, außerhalb des Bahnhofs auf die offenen Wagen zu springen. So einträglich ist das Geschäft, dass die Gesellschaft noch im ersten Betriebsjahr beschließt, „zur Vermehrung des Transports eine neue Dampfmaschine und drei neue Transportwagen“ anzuschaffen – vor allem, um den „Adler“ zu ersetzen, wenn er repariert oder gewartet wird. Von weit her reisen jetzt Interessierte an, die sich über die neue Technik informieren: Ingenieure, Militärs, Ökonomen, Mediziner. Selbst der preußische Thronfolger Friedrich Wilhelm besucht Nürnberg für eine Fahrt nach Fürth.
Als einer der letzten in der Reihe der Honoratioren kommt der bayerische König: Am 17. August 1836, gut acht Monate nach Inbetriebnahme, inspiziert Ludwig die Dampfbahn. Und ist beeindruckt. Im Anschluss an eine erste, gemächliche Testfahrt verlangt er nach einer Extratour. Diesmal dauert die Reise bei einer Spitzengeschwindigkeit von annähernd 70 km/h nur fünfdreiviertel Minuten. Vielleicht ahnt der König da schon, was diese Maschine für die politische Ordnung in seinem Reich bedeutet. Denn er formuliert nach der Fahrt in düsteren Versen: „Jetzo lösen in Dampf sich auf die Verhältnisse alle / und die Sterblichen treibt jetzo des Dampfes Gewalt, / allgemeiner Gleichheit rastloser Beförd’rer. Vernichtet wird / die Liebe des Volkes nun zu dem Land der Geburt.“
Preußens Kronprinz Friedrich Wilhelm hingegen stellt nüchtern fest: „Diesen Karren, der durch die Welt rollt, hält kein Menschenarm mehr auf.“
UND TATSÄCHLICH: Der Erfolg der Nürnberger Eisenbahner beflügelt die Verfechter des neuen Transportmittels. In vielen deutschen Staaten werden nun Bahnunternehmen gegründet, Strecken gebaut. 1838 dampft ein Zug von Berlin nach Potsdam, im Jahr darauf wird in Sachsen die erste Fernbahn eingeweiht: Sie führt über 116 Kilometer von Leipzig nach Dresden – und bei Oberau sogar durch den ersten Eisenbahntunnel Deutschlands.
Fünf Jahre nach der Jungfernfahrt der ersten deutschen Eisenbahn sind in den Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes 541 Kilometer Gleise verlegt. Und bis 1845 nehmen 28 Eisenbahnunternehmen ihre Strecken in Betrieb – meist Aktiengesellschaften. Nicht selten werden die Wertpapiere binnen weniger Tage mehrfach überzeichnet. „Das Eisenbahnfieber“, schreibt ein rheinischer Unternehmer, „grenzt an Wahnsinn.“
Das Potenzial erkennt auch die bayerische Regierung. Die Ludwigsbahn ist kaum ein Jahr in Betrieb, da sichert sich München ab gegen unternehmerischen Wildwuchs. Ohne offizielle Genehmigung darf in Bayern keine Strecke gebaut werden, auch die Spurweite wird festgeschrieben. 1837 verfügt ein Enteignungsgesetz, dass Grundstücke requiriert werden können, wenn ein öffentliches Interesse daran besteht.
Vier Jahre später schließen Bayern, Sachsen sowie Sachsen-Altenburg einen Vertrag über einen grenzüberschreitenden Eisenbahnverkehr. Die neue Strecke soll von Nürnberg über Bamberg und Hof nach Leipzig führen. Das Abkommen führt zum Bau der Ludwigs-Süd-Nord-Bahn, der ersten bayerischen Staatsbahn, die 1853 Lindau am Bodensee mit Hof verbindet. Dicht gefolgt von der Ludwigs-Westbahn, die im Jahr darauf von Bamberg nach Frankfurt fährt. Der Osten Bayerns wird schließlich 1859 für die Eisenbahn erschlossen.
Nach und nach breiten sich die Schienenstränge auch in den anderen deutschen Staaten aus, immer mehr Menschen nutzen die Züge als Verkehrsmittel: Aus den sechs Kilometern für den „Adler“ sind zehn Jahre später 2150 geworden, nach weiteren fünf Jahren fast 6000 Kilometer. Vor allem auf Wunsch Preußens verknüpfen die Betreiber ihre Trassen im Norden Deutschlands schon bald zu einem großmaschigen Netz: Bereits 1851 können Reisende mit dem ersten durchgehenden Schnellzug in 17 Stunden von Berlin aus Köln erreichen.
1854 verkehren Züge zwischen München und den Metropolen Frankfurt, Stuttgart und Leipzig. Allein das bayerische Eisenbahnnetz umfasst jetzt 1000 Kilometer. 1871 ziehen sich Schienenwege von 20.000 Kilometer Länge durch das neu gegründete Deutsche Reich.
DIE ENTWICKLUNG zwingt die Unternehmen, sich abzustimmen – was vor allem bei der Erstellung der Fahrpläne ein Problem ist. „Die Fahrpläne sind aufgestellt“, heißt es in einem Kursbuch: „in Bayern nach Münchner Zeit, in der Bayerischen Pfalz nach Ludwigshafener Zeit, in Württemberg nach Stuttgarter Zeit, in Baden nach Karlsruher Zeit, im übrigen Deutschland nach der mittleren Ortszeit jeder Station.“ So wird jede längere Reise zur Rechenaufgabe, obwohl die Eisenbahnzeiten im Fahrplan bereits deutlich vereinfacht sind – im Alltag außerhalb der Bahnhöfe gelten häufig noch die tatsächlichen, nach dem Sonnenstand festgesetzten Ortszeiten.
An vielen Bahnstationen hängen deshalb Uhren, die auf dem Ziffernblatt die Differenz zwischen der Eisenbahnzeit und der Ortszeit anzeigen: „+ 19 Min. Berliner Zeit“ ist etwa auf der Uhr am Hauptbahnhof von Frankfurt am Main zu lesen. Denn die auf dem Bahnhof geltende Berliner Zeit ist der Frankfurter Ortszeit um 19 Minuten voraus. Die Eisenbahn verändert das Gefüge der Wirtschaft und lässt gewaltige Industrien heranwachsen: den Steinkohlebergbau, die Eisen- und Stahlproduktion, den Maschinenbau.
Denn für den Bau eines einzigen Bahnkilometers werden rund 160 Tonnen Eisen benötigt. Zur Produktion von Eisen aber braucht es Kohle – einen Rohstoff, über den beispielsweise Bayern kaum verfügt. Erst der Bahnanschluss nach Böhmen (und damit der Zugang zu den dortigen Kohlelagern) ermöglicht es den Hüttenwerken, wie etwa der nach König Maximilian II. benannten Maxhütte in Haidhof und Sulzbach-Rosenberg, die Produktion hochzufahren.
Immer mehr deutsche Firmen spezialisieren sich auf den Lokomotivenbau. Bei einer Wettfahrt von Berlin in die brandenburgische Stadt Jüterbog im Juli 1841 schlägt eine Lokomotive der Berliner Borsig-Werke selbst die Konkurrenz aus England. Im gleichen Jahr fertigt der Maschinenbauer Maffei in München die erste bayerische Lokomotive, wenn auch nach englischem Vorbild. Doch davon lösen sich die Münchner Konstrukteure schnell und entwickeln hochqualitative Zugmaschinen, die an die Herausforderungen des bayerischen Berglandes mit seinen Steigungen und engen Kurven angepasst sind. 1850 produziert die führende deutsche Waggonfabrik des Nürnbergers Johann Friedrich Klett 150 Eisenbahnwagen; 20 Jahre später sind es bereits 2500.
Bald schon stammen fast zwei Drittel der in Deutschland eingesetzten Lokomotiven von einheimischen Herstellern. Die Produktion von Eisen und Stahl steigt in manchen Jahren um 30, zuweilen gar um 50 Prozent. Bereits 1875 beschäftigen nur noch Textilfabrikanten mehr Industriearbeiter als die Direktoren von Maschinenfabriken, Hütten- und Stahlwerken. Der Eisenbahnbau prägt die Landschaft wie kein Verkehrsmittel zuvor, Hügel werden abgetragen, Berge durchstoßen, Täler und Flüsse überwunden.
Ingenieure stehen vor neuen Herausforderungen. Friedrich August von Pauli konstruiert 1853 Bayerns erste Eisenbahnbrücke komplett aus Metallträgern. Nach sechs Jahren Bauzeit überspannt sie auf einer Gesamtlänge von gut 260 Metern in 31 Meter Höhe das Isartal bei Großhesselohe. Doch das schnelle Wachstum der Industrie fordert einen hohen Preis – vor allem von der verarmten Landbevölkerung: Zu Tausenden ziehen Familien aus den Dörfern in die Nähe der deutschen Eisenbahngesellschaften, wo sich die Männer im Gleisbau verdingen.
Im Jahr 1841 verlegen 30.000 Menschen Schienen, graben Tunnel, bauen Brücken; fünf Jahre später sind es schon 178.000. Die Arbeit ist schlecht bezahlt – und hart. Morgens, mittags und abends müssen die Beschäftigten zum Appell antreten, wer während der Arbeitszeit die Baustelle verlässt, wird „arretiert“. Der Tageslohn beträgt zwischen 24 und 36 Kreuzer, der tägliche Grundbedarf eines Bauarbeiters hingegen 31 Kreuzer.
Beim Bau einer Brücke nahe Bielefeld protestieren Arbeiter wegen der geringen Löhne. Häufig kommt es nun zu Unfällen, allein während der Errichtung der 77 Meter hohen Göltzschtalbrücke in Sachsen sterben 31 der 1500 eingesetzten Arbeiter, zahllose weitere erleiden zum Teil schwerste Verletzungen. So kritisch wird die Lage, dass einige Bahngesellschaften beginnen, ihre Arbeiter gegen Unfälle und Krankheiten zu versichern. Die wöchentlich vier Kreuzer für die Krankenkasse werden den Beschäftigten vom Lohn abgezogen.
Schleichend verändert das neue Verkehrsmittel auch die Sicht der Menschen auf die Welt, mehr noch: auch ihr Gefühl für Raum, Zeit und Geschwindigkeit. Informationen, Meinungen, Ideen verbreiten sich nun im Takt der Fahrpläne. Und die Telegraphenleitungen, die bis 1847 an mehr als 40 Eisenbahnstrecken gezogen sind, übertragen Nachrichten nun sekundenschnell.
Als Preußens Kanzler Otto von Bismarck 1871 die deutschen Länder unter Berlins Führung im Kaiserreich eint (siehe Seite 50), rollen über die Gleise des neuen Staates bereits Hunderte spezialisierte Dampflokomotiven: Zugmaschinen für Lokalbahnen, Personenzüge, Schnellzüge und Güterzüge. Manche leisten mehr als 300 PS, die schnellsten erreichen 90 km/h. Doch lange Zeit noch verfügt jede der privat geführten Eisenbahngesellschaften über eigene Strecken, eine eigene Verwaltung, eigenes Betriebspersonal und ein eigenes Preissystem.
Das aber erschwert die dringend nötige Abstimmung und Vernetzung. Und manche Unternehmen, die zu riskant investiert haben, stehen nach einem Börsencrash im Jahr 1873 sogar vor dem Kollaps. Daher kaufen viele Landesregierungen nach und nach die wichtigsten Bahngesellschaften auf – Bayern etwa verstaatlicht das rund 800 Kilometer lange Streckennetz der Ostbahnen. Und ab 1. April 1893 gilt in Deutschland eine neue Zeitrechnung: Bis dahin hat es im Reich noch etliche verschiedene Zeitzonen und Ortszeiten gegeben – sehr zum Ärger der Zugpassagiere. Selbst adelige Reichstagsabgeordnete, jedes Reformeifers unverdächtig, protestierten gegen diese „Ruinen aus der Zeit der Zersplitterung“.
Daher führt die Regierung nun – wie zuvor Österreich-Ungarn, Malta und Italien – die Zeit des 15. Längengrades als allgemein gültige Uhrzeit ein: die Mitteleuropäische Zeit. Auf der Strecke Nürnberg– Fürth aber, wo fast 60 Jahre zuvor mit der Jungfernfahrt des „Adler“ die gewaltigen Umwälzungen ihren Anfang genommen haben, dauert die neue Zeit nicht lange an. Der nur sechs Kilometer lange Eisenstrang verliert zunehmend an Bedeutung, als immer mehr Fahrgäste ab 1896 ein neues Verkehrsmittel nutzen: die elektrische Straßenbahn. So bleibt ihren Betreibern eines Tages nichts anderes übrig, als Deutschlands erste Eisenbahnstrecke stillzulegen. Für immer.
BAYERNS EISENBAHNNETZ, 1864
5. Hoch hinaus: Melli Beese
Deutschlands erste Pilotin
Melli Beese hob ab: Als erste Frau erwarb sie die „Flugzeugführerlizenz“. Deutschlands erste Pilotin musste enorme Widerstände überwinden, ehe sie am 13. September 1911 – am Tag ihres 25. Geburtstages – die Prüfung bestand. Die Flugpionierin, Konstrukteurin und Unternehmerin erkämpfte sich ihren Platz in der Geschichte - als ebenso tapfere wie tragische Figur.
Amelie Hedwig Beese, geboren 1886 als „höhere Tochter“ nahe Dresden, ging nie den leichten Weg: In einer Zeit, in der für Frauen immer noch in erster Linie „Kinder-Küche-Kirche“ als Lebenszweck vorgesehen war, verfolgte sie unbeirrt höhere Ziele. Bildhauerei konnte sie im Kaiserreich als Frau nicht studieren, also ging sie nach Stockholm. Dort begeisterte sie sich nebenbei für das Segeln und verfolgte fasziniert die Berichte über die Fortschritte in der Fliegerei.
Zurück in Deutschland, besuchte sie 1910 als Gasthörerin Vorlesungen in Mathematik und Mechanik am Technikum Dresden. Aber die Theorie genügte ihr nicht – sie wollte selbst fliegen. Das war seinerzeit unerhört: Frauen durften nicht wählen und galten nicht als voll geschäftsfähig. Die noch junge Fliegerei war die Domäne tollkühner Männer. Aber es gab Vorbilder für Beese: die Französin Élise Deroche bestand am 8. März 1910 als erste Frau der Welt die Pilotenprüfung.
Nur tollkühne Männer in die fliegenden Kisten?
Die „Flugmaschinen Wright GmbH“ der amerikanischen Motorflug-Pioniere Orville und Wilbur, die sich am Flughafen Johannistal in Berlin angesiedelt hatte, war bereits einmal mit einer weiblichen Flugschülerin in Berührung gekommen: der berühmten Luftakrobatin und Fallschirm-Erfinderin Käthe Paulus. Dennoch schickte Wright Beese weiter zu „Ad Astra“, wo Robert Thelen (der spätere Konstrukteur des „Albatros D“-Jagdflugzeugs) sie widerstrebend als Flugschülerin annahm.
Bei einem Flug im Dezember 1910 verunglückten Beese und Thelen nach einem technischen Defekt. Die Schülerin brach sich den Fuß. Gegen die Schmerzen erhielt sie Morphin, was zu einer lebenslangen Abhängigkeit geführt haben soll.
Nach dem Crash weigerte sich Robert Thelen, sie weiter zu unterrichten; Frauen an Bord brächten offensichtlich Unglück, soll er gesagt haben. Beese suchte monatelang eine neue Flugschule und fand sie 1911 schließlich bei den Rumpler-Werken. Edmund Rumpler, Besitzer der Werke und später Schöpfer des legendären „Tropfenwagens“, dessen cw-Wert noch heute Autodesigner staunen lässt, versprach sich von einer weiblichen Pilotin mehr öffentliche Aufmerksamkeit für sein Unternehmen.
Lebensgefährliche „Streiche“ gegen den weiblichen „Eindringling“
"Zerlegbares Flugzeug", Patentanmeldung von Beese (DE278879)
Nun erst lernte Beese so richtig, was es damals bedeutete, sich als Frau in eine Männerwelt gewagt zu haben: sie wurde von ihren Mitschülern belächelt, ignoriert, angefeindet und sogar sabotiert. Ihre Flugstunden wurden kurzfristig abgesagt oder von anderen belegt, die Flugzeuge hatten plötzlich kein Benzin mehr oder waren angeblich defekt. Einmal bemerkte Beese gerade noch rechtzeitig, dass die Tragflächen-Verspannung ihres Flugzeugs gelöst worden war, was zu einem Absturz geführt hätte. Ihr Ausbilder Hellmuth Hirth tat das als „Streich“ ab und gab indirekt ihr die Schuld; schließlich sei sie in ein „Männer-Revier“ eingedrungen.
Kein Wunder, dass sich Melli Beeses enorm teure Ausbildung monatelang hinzog. Am 13. September 1911 aber traf sie am frühen Morgen lange vor den anderen Flugschülern in Begleitung von eigens bestellten Zeugen am Flugplatz Johannistal ein, flog mit ihrer Rumpler-Taube die vorgeschriebenen Manöver und bestand ihre Prüfung. Sie erhielt die „Flugzeugführerlizenz“ Nummer 115, war also die 115. Person und erste Frau, die in Deutschland offiziell fliegen durfte. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs schafften das in Deutschland nur noch eine Handvoll weiterer Frauen; weltweit sollen es 34 gewesen sein.
Beese gehörte somit zu den "Alten Adlern", wie man später den exklusiven Kreis jener nannte, die vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Pilotenlizenz erworben hatten (dazu gehörte unter anderem auch der Gelegenheits-Erfinder Prinz Heinrich von Preußen).
Eigene Schule, eigene Flugzeugfabrik
Melli Beese und Charles Boutard
Beese erzielte Achtungserfolge bei Flugwettbewerben und setzte eine neue Höhenbestmarke für Frauen. Dann gründete sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Charles Boutard (Flugführerlizenz Nr. 176) und einigen Unterstützern wie dem „Odol“-Hersteller August Lingner die „Flugschule Melli Beese GmbH”. Die straffe und fundierte Ausbildung, die dort geboten wurde, sorgte für einen guten Ruf und wirtschaftlichen Erfolg der Schule.
Beese und Boutard, die 1913 heirateten, produzierten ein eigenes Flugzeug, die „Melli Beese Taube“. Sie war eine Weiterentwicklung der Rumpler-Taube, die ihrerseits auf einer Konstruktion des österreichischen Ingenieurs Igo Etrich basierte (
FR410711), die im Deutschen Reich keinen Patentschutz hatte. Beese bot ihren „Taube“-Eindecker wesentlich günstiger auf dem Markt an als Rumpler – zu dessen Verdruss.
Aus DE306635
Beese profilierte sich nicht nur als Pilotin und Unternehmerin, sondern auch als Ingenieurin: Sie konstruierte unter anderem ein „zerlegbares Flugzeug“, das sie 1912 zum Patent anmeldete (
DE278879). Außerdem legte sie ein „Verfahren und Vorrichtung zur automatischen Bestimmung der Abtrift von Flugzeugen und Luftschiffen“ vor (1915;
DE306635), einen bemerkenswerten Mechanismus zur sicheren Navigation in der Luft. Darüber hinaus arbeiteten Boutard und Beese an der Konstruktion eines Flugbootes.
Am Vorabend des Ersten Weltkrieges wurden das Ehepaar Beese-Boutard wegen seiner französischen Staatsbürgerschaft von den Behörden schikaniert. Bei Kriegsausbruch mussten sie dann ihre Flugzeugfabrik und Schule schließen und durften den Flugplatz nicht mehr betreten. Boutard wurde als „feindlicher Ausländer“ zunächst interniert, später stellte man beide unter Hausarrest.
Das traurige Ende der Pionierin
Kein Bärenkostüm, sondern ein damals gebräuchlicher "Fliegerpelz"
Gesundheitlich schwer angeschlagen und wirtschaftlich ruiniert, versuchten beide nach dem Krieg, eine Entschädigung für ihre beschlagnahmten Betriebe zu erhalten. Nach jahrelangem Rechtsstreit erhielten sie inflationsbedingt wenig, und selbst das ging durch Fehlinvestitionen verloren. Sie planten noch als verzweifeltes PR-Projekt einen Flug um die Welt mit zwei Flugzeugen, bekamen aber nicht die nötige finanzielle Unterstützung. Als schließlich auch noch ihre Ehe scheiterte und ihr Versuch, die Fluglizenz zu erneuern, missglückte, nahm sich Melli Beese vor 100 Jahren, am 21. Dezember 1925, das Leben.
Charles Boutard (1884-1952) schlug sich später als Chauffeur durch und lebte bis zu seinem Tod in Berlin. Heute sind nach beiden Schulen und Straßen in Deutschland und Frankreich benannt. Eine schweizerische Uhrenfirma hat Melli Beeses Namen als Marke angemeldet (015963275).
Text: Dr. Jan Björn Potthast; Bilder: Bundesarchiv Bild 183-R20273, Archiv Museum Treptow / Deutsches Museum, DEPATISnet, Archiv Museum Treptow / Deutsches Museum, Bundesarchiv Bild 183-1983-0617-302 CC by SA 3.0DE via Wikimedia Commons
6. Flugpionier Otto Lilienthal. Der Mensch als Vogel.
Der Deutsche Otto Lilienthal ist 1891 der erste Mensch, der sich erfolgreich mit Flügeln in die Lüfte erhebt. Der gelernte Ingenieur entschlüsselt die Grundlagen der Aerodynamik, baut immer raffiniertere Apparate, die ihn schließlich mehrere Hundert Meter weit tragen, wagt mehr als 1000 Startversuche. Bis ihn eines Tages eine gefährliche Böe erfasst.
Der Tag, an dem Otto Lilienthal in den Tod stürzt, beginnt heiter. Schönwetterwolken ziehen über den Himmel, Nordostwind weht, am Mittag sollen es rund 20 Grad werden – übliche Bedingungen für einen Flugversuch. Von Berlin reist Lilienthal an diesem 9. August 1896 mit der Bahn zum Dorf Stölln, rund 75 Kilometer westlich der Hauptstadt. Daheim hat sein Bruder Gustav ihn bekniet, die waghalsigen Flüge endlich sein zu lassen. Er solle an seine Ehefrau und die vier Kinder denken. Aber Lilienthal hat nur abgewinkt und gelacht. Mehr als 1000 Mal hat sich der Maschinenfabrikant mit Flugapparaten bereits in den Wind gestürzt und sich dabei nie ernsthaft verletzt. So wird es auch heute sein, davon ist er überzeugt. Lilienthal steigt aus dem Zug und fährt per Droschke zum Gollenberg, einem 109 Meter hohen Hügel. Oft begleiten ihn Freunde oder Flugbegeisterte; an diesem eher kühlen Sommertag erwarten ihn aber nur wenige Zuschauer. Der 48-jährige Lilienthal, Locken und blonder Vollbart, klettert auf die Anhöhe. Oben angekommen, grüßt er einen Assistenten, der schon eines der sperrigen Fluggeräte vorbereitet hat. Heute will der Erfinder das bewährteste von allen nutzen, den „Normal-Segelapparat“.
Knapp sieben Meter Spannweite messen dessen Flügel aus leichtem Baumwollgewebe. In der Mitte hängt der Pilot. Hinter ihm sorgen ein Schwanz und an dessen Ende ein Kreuzsteuer, von Lilienthal als „Schweif“ bezeichnet, für Stabilität. Von unten betrachtet, ähnelt die hölzerne Konstruktion einem riesigen Vogel, der seine Schwingen ausbreitet. Und Vögel sind auch Lilienthals Vorbilder bei seinem großen Ziel: dem Menschen das Fliegen zu ermöglichen.
Was der Berliner Unternehmer in den Jahren zuvor vollbracht hat, ist noch keinem gelungen. Zwar hat der Brite George Cayley schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts Flügel getestet, hat ein Seiten- und ein Höhensteuer entworfen und so die Grundlagen für einen stabilen Flug gelegt. Er soll sogar zweimal einen bemannten Flugapparat zum Gleiten gebracht haben, allerdings ohne Zeugen und mit einem Absturz am Ende: Dass es ihm oder einem anderen je gelungen ist, kontrolliert und wiederholt durch die Luft zu segeln, dafür gibt es keine Belege.
Stattdessen konzentrieren sich die Forscher auf die Ballonfahrt. Seit 1783 die französischen Brüder Montgolfier bei Paris erstmals Menschen mit einem Heißluftballon haben aufsteigen lassen (siehe Seite 28), scheint diesem Prinzip die Zukunft zu gehören. Denn Gefährte, die durch erwärmte Luft leichter sind als die umgebende Luft, haben sich bewährt; viel Geld fließt in die Entwicklung von Ballons, um sie im Krieg oder beim Transport von Post einzusetzen. Aber Pioniere wie der Franzose Henry Giffard bemühen sich Mitte des 19. Jahrhunderts vergebens, Ballons mithilfe einer Dampfmaschine verlässlich lenkbar zu machen. Die Gefährte treiben meist weiter dorthin, wohin der Wind sie schiebt.
Andere versuchen sich deshalb doch am Bau von Geräten mit Flügeln und eigenem Antrieb. 1842 lässt sich der Engländer William Samuel Henson den Entwurf eines riesigen Drachenflugzeuges mit fast 46 Meter Spannweite und zwei von einer Dampfmaschine beschleunigten Propellern patentieren. Doch gebaut wird am Ende nur ein viel kleineres Modell mit rund sechs Meter Breite, das sich nicht in der Luft halten kann. Denn noch weiß niemand genau, wie es Vögeln gelingt, sich in die Höhe zu erheben und dort aus eigener Kraft zu bleiben: Weshalb können sie fliegen, obwohl sie schwerer als Luft sind? Und: Könnten die Menschen das auch?
Um das zu beantworten, entstehen in Frankreich, Großbritannien, Russland und den USA Mitte des 19. Jahrhunderts Flugvereine. Anders in den deutschen Staaten. Dort setzt der preußische Kriegsminister 1867 eine Regierungskommission durch. Sie soll die „Bewegungswiderstände im Medium Luft“ entschlüsseln, also Grundlagenforschung betreiben. Auch Otto Lilienthal will herausfinden, wieso Vögel fliegen können. Und anders als der zweifelnde Leiter der preußischen Kommission glaubt er auch fest an den vogelgleichen Menschenflug. Sein Ziel ist die Entwicklung eines Gefährts, das stabil in der Luft gleitet. Und dann will er die Frage klären, wie man es antreibt, damit es möglichst lange oben bleibt. So entwirft und baut er ständig Apparaturen aus Stahl und Weidenruten. Setzt ganze Versuchsreihen unter gleichbleibenden Bedingungen auf und wertet die Daten aus.
Auch am 9. August 1896 spannt sich Otto Lilienthal – wie so oft in den Jahren zuvor – gegen Mittag in den bewährten „Normal-Segelapparat“. Gewöhnlich bringt er als Schutzvorrichtung einen Prellbügel an: eine gebogene, daumendicke Weidenrute vor dem Oberkörper des Fliegers. Sie soll bei einem Aufschlag den ersten Stoß auffangen. Doch heute verzichtet er darauf, vertraut wohl auf seine große Erfahrung und das erprobte Gerät. Und tatsächlich segelt er dreimal über die Wiese ins Tal. Um 14.15 Uhr macht er sich erneut bereit zum Start.
Mit gesenkten Flügeln läuft er gegen den Wind, richtet die Flügel horizontal auf – und fliegt. Ist er bei seinen frühen Versuchen noch in geringer Höhe über den Hang gesegelt, die Beine nach vorn gestreckt, den Oberkörper nach hinten werfend, um dann wie eine Krähe zu landen, so wagt er sich mittlerweile bis in 20 Meter Höhe, sofern die Luft ihn trägt. Jetzt ist er 15 Meter über dem Boden, wieder scheint alles gut zu gehen. Doch dann erfasst ein Windstoß den Apparat, und er kommt mitten in der Luft beinahe zum Stehen.
Lilienthal kennt das, wirft Oberkörper und Beine nach vorn, um wieder Schwung zu bekommen. Plötzlich aber springt der Wind um, vermutlich wegen einer Sonnenböe, bei der sich heiße Luft in Bodennähe unvermittelt löst und besonders rasch aufsteigt. Dadurch verliert Lilienthal den Auftrieb, den er zum Segeln braucht. Sein Apparat stürzt ab, mit der Vorderseite steil nach unten. Vielleicht glaubt Lilienthal auch jetzt noch, er könnte den Segler wieder unter Kontrolle bringen. Hat er bisher nicht für jedes Problem eine Lösung gefunden? Seit er denken kann, ist er so an die Dinge herangegangen, positiv, selbstsicher, das Ziel immer fest im Blick.
Schon als Kind beobachtet der 1848 geborene Lilienthal Schwäne und Störche, fängt in seiner Heimatstadt Anklam Schmetterlinge und studiert sie. Auf dem Garnisonsschießplatz macht er mit seinem jüngeren Bruder Gustav erste Flugversuche mit Flügeln aus Brettern. Danach basteln sie künstliche, drei Meter lange Federkiele aus Palisander, auf die sie Gänsefedern nähen, bis ihnen die Fingerspitzen bluten.
Auf dem heimischen Dachboden schnallen sie die Arme an die Flügel, stecken die Füße in damit verbundene Schlingen und strecken beide Beine, um die Flügel hinabzuziehen. Sie wollen aus dem Stand in die Luft emporsteigen wie Vögel – und heben natürlich keinen Zentimeter ab. Ab 1867 besucht Otto die Königliche Gewerbeakademie in Berlin, lernt als angehender Ingenieur mathematische Formeln, Physik, Chemie und Zeichnen, sammelt Wissen über Dampfmaschinen und Eisenbahnen. Doch sogar innerhalb der fortschrittlichen Akademie gilt er wegen seiner Idee, ein Mensch könne fliegen, als Spinner.
In den Ferien experimentieren Gustav und er. Die zwei bauen ein kleines Modell, dessen Flügel wie bei Vögeln auf- und abschlagen sollen; eine aufgezogene Feder liefert die Kraft dafür. Das Modell flattert kurz, stürzt aber, sobald die Feder abgelaufen ist, zu Boden. Eine andere Konstruktion hat Form und Größe eines Storches. Die Spannweite beträgt fast zwei Meter, eine winzige Dampfmaschine aus Messing bringt die Schwingen zum Schlagen. Doch die Flügel sind dem Luftwiderstand nicht gewachsen und gehen schon beim ersten Versuch zu Bruch. Lilienthal nimmt sich die Beantwortung der zwei zentralen Fragen vor: Wie funktioniert ein Flügel? Und was geschieht mit dem Wind, der an ihm entlangstreicht?
In Berlin, wo Otto und Gustav seit 1872 gemeinsam leben, lassen die Brüder in einer Turnhalle zahllose Testreihen ablaufen – sie wollen genau wissen, welche Kräfte auf Flächen wirken, die sich durch die Luft bewegen. An den Enden einer waagerecht stehenden Stange befestigen sie zunächst zwei Flügel aus Pressspan.
Die Stange lassen sie um die eigene Achse drehen wie der Rotor eines Hubschraubers. Mit Federwaagen messen sie den entstehenden Luftwiderstand, wiederholen den Vorgang mit Flügeln aus massivem Holz und aus Messingblech. Bald sehen sie sich in ihrer Vermutung bestätigt, dass schräge und gewölbte Flächen viel besser zum Fliegen geeignet sind als ebene, weil sie stärkere Tragwirkung freisetzen. Am besten ist das Ergebnis, wenn die Wölbung etwa ein Zwölftel so hoch ist wie der Flügel tief. Zwar sind auch andere zeitgenössische Forscher auf die Wölbungen und die schräge Stellung, den sogenannten Anstellwinkel, der Vogelflügel aufmerksam geworden. Aufgezeichnete Messwerte, gar eine dazu passende Theorie aber hat vor den Lilienthals niemand präsentieren können.
Ihre Erkenntnisse werden Jahrzehnte später zur Basis einer neuen Wissenschaft: der Aerodynamik von Tragflächen. Auch durch sie versteht man schließlich, dass Flügel an der Oberseite stärker gewölbt sein müssen als an der Unterseite. Denn so hat die Luft oben einen längeren Weg zurückzulegen, strömt schneller und verliert deswegen an Druck. Oben entsteht also Unterdruck, auf der Unterseite Überdruck. Das gibt dem Flugzeug Auftrieb – und ist der entscheidende Grund dafür, dass Vögel fliegen können. Doch als Lilienthal 1874 seine Untersuchungen macht, fehlt ihm noch immer das Kapital, um sie in einer eigenen Publikation zu veröffentlichen. Er braucht Geld. Auf der Basis des Antriebs für den „Storch“ entwickelt er einen Dampfkessel, lässt sich die Erfindung 1881 patentieren und gründet eine Fabrik zu deren Herstellung.
Seine Kessel sind kleiner und weit weniger explosionsgefährdet als herkömmliche Modelle. Auch weniger wohlhabende Handwerker und Firmen können sie sich leisten, um ihre Maschinen anzutreiben. Mitte der 1880er Jahre beschäftigt Lilienthal bereits 15, bald 60 Mitarbeiter. Erst 1888 hat der inzwischen verheiratete Familienvater Zeit, seine Versuchsreihen zum Flug noch einmal zu wiederholen. Die Resultate bestätigen die Messdaten. Die Ergebnisse veröffentlicht er 1889 in einem Buch mit dem Titel „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“.
Im selben Jahr beginnt Lilienthal mit neuen Versuchen. Anfangs unterstützt ihn dabei wieder sein Bruder. Gemeinsam stehen sie im Garten von seinem neuen Wohnhaus in Lichterfelde bei Berlin und testen, wie der Wind auf ein Flügelpaar von zehn Quadratmeter Größe trifft. Die Umrisse des Apparats ähneln denen eines Vogels mit ausgebreiteten Schwingen. Die Flügel berücksichtigen bereits Ottos Erkenntnisse über den Anstellwinkel.
Die Hebewirkung des Windes ist so groß, dass sich das Gestell überschlägt und Gustav, der in einer schmalen Öffnung der Flügelfläche steckt, kopfüber in den Sand geschleudert wird. Bald wiederholt Otto die Übungen auf einem Hügel in Lichterfelde. Um nicht ständig vom Wind umgerissen zu werden und seinen Apparat besser steuern zu können, befestigt er an dessen Ende einen vertikalen Schweif.
Immer mehr Zeit investiert Lilienthal in seine Tests, beschäftigt auch Fabrikmitarbeiter mit Messungen. Rasch werden die Segler besser. Gustav hingegen sieht die risikoreiche „Flugsache“ zunehmend kritisch. Seinen Bruder begleitet er nur noch selten bei dessen Versuchen. Zu Beginn des Frühjahrs 1891 teilt Otto die Flügelfläche in zwei starre Schwingen – und hat in der Mitte mehr Bewegungsfreiheit. Die Unterarme legt er auf gepolsterte Stangen, seine Hände umfassen Griffe. Gerät er bei einem Versuch in Gefahr, kann er sich so einfach aus dem Apparat herausfallen lassen. Den vertikalen Schweif ergänzt Lilienthal durch einen horizontalen, ähnlich dem Leitwerk eines modernen Flugzeugs, und erhält so noch mehr Stabilität im Wind.
Im Sommer verbringt er fast jeden Sonntag mit Flugversuchen in den Hügeln von Derwitz bei Potsdam. Von der Hügelkuppe aus nimmt er bei leichtem Wind Anlauf und hebt ab. Schon nach wenigen Metern setzt er wieder auf. Um nicht vornüber zu fallen, hebt er dabei die vordere Seite der Flügel an. Etliche Male geht das so – bis er schließlich 25 Meter weit segelt. Von nun an lässt Lilienthal seine Versuche fotografieren. Am 16. November 1891 präsentiert er die Ergebnisse bei einem Vortrag im Verein zur Förderung der Luftschifffahrt, veröffentlicht sie in einer Fachzeitschrift: Stolz erklärt er, dass sich der „schräg abwärts geführte Segelflug mit einem sehr einfachen Apparat gefahrlos einüben lässt“.
In den Jahren darauf sucht Lilienthal höher gelegene Versuchsorte, experimentiert mit doppelten Tragflächen, lernt ständig dazu – und fliegt immer weiter. Dabei entstehen Fotos, auf denen er, in schwarzer Hose und mit Strohhut, zwischen den sieben Meter breiten Fledermausflügeln eines Flugapparats in der Luft hängt. Bis zu 250 Meter legt er jetzt zurück. Als die eindrucksvollen Bilder im September 1893 in einem populären Wissenschaftsmagazin erscheinen, wird der Berliner zur Berühmtheit. Zeitungen berichten über seine Flugversuche, er hält Vorträge. Deutsche und internationale Fachleute besuchen seine Vorführungen, segeln mitunter selbst den Hügel hinab.
Und Lilienthal versucht nun, seine Erfindungen zu Geld zu machen. 1893 meldet er ein Patent an. Sein darauf basierendes Fluggerät nennt er „Normal-Segelapparat“ und verkauft mindestens acht Exemplare, die meisten zu 500 Mark – so viel kostet ein erstklassiges Fahrrad –, an wohlhabende Enthusiasten in Europa und den USA. Zufrieden aber ist Lilienthal noch immer nicht. Ihm geht es darum, „sich mit einer Flugmaschine vom Boden in die Luft“ zu erheben, wie er im November 1894 bei einem Vortrag erläutert. Bisher bestehe sein „größtes flugtechnisches Verdienst“ darin, sich bei seinen vielen Versuchen „keine Knochen gebrochen“ zu haben.
Dann kommt der Nachmittag des 9. August 1896. Lilienthal hängt im „Normal-Segelapparat“, als das Gerät plötzlich seinen Auftrieb verliert. Vergebens streckt der Pilot Oberkörper und Beine ruckartig nach vorn, um wieder schneller zu werden. Steil rast er auf Gras und Sand zu. Schließlich prallt er auf, ein Flügel des Seglers bricht.
Sein Assistent eilt zur Absturzstelle. Für einen Moment ist Lilienthal ohnmächtig. Als er erwacht, erklärt er seinem erschrockenen Helfer, er wolle sich kurz ausruhen und danach abermals starten. Er spürt offenbar keinen Schmerz, ahnt nicht, wie schwer seine Verletzungen sind.
Sein dritter Halswirbel ist gebrochen, der Unterleib gelähmt. Ein Pferdewagen wird herangekarrt und trägt ihn zu einem nahe gelegenen Gasthaus. Die Nacht verbringt er auf einem eisernen Feldbett. Am nächsten Morgen lässt der benachrichtigte Gustav seinen Bruder mitsamt dem Bett auf einen Leiterwagen hieven und zum Bahnhof fahren. Gemeinsam reisen sie in einem lärmenden Güterwaggon zurück nach Berlin. Otto erkennt Gustav, will ihm noch etwas sagen, doch die Worte bleiben unverständlich. Dann verliert er das Bewusstsein. Lilienthal wird in eine Klinik eingeliefert, doch die Ärzte können nichts mehr für ihn tun. Am 10. August 1896 gegen 17.30 Uhr stirbt er.
Die Nachricht ist ein Schock für die Anhänger der Luftfahrt weltweit. „Durch dieses beklagenswerte Unglück wurde der Mann von uns genommen“, heißt es in einer US-Zeitschrift für Flugbegeisterte, „der bisher das meiste zum Beweis beigetragen hat, dass der Mensch wahrscheinlich fliegen kann; und der in jeder Hinsicht so begabt war, dass ihm, wäre er am Leben geblieben, der Erfolg wahrscheinlich nicht versagt geblieben wäre.“
Berichte über den Tod des berühmten Deutschen erreichen auch zwei fluginteressierte Fahrradhersteller aus Ohio. Sie nehmen die Nachricht zum Anlass, eigene Forschungen anzufangen. Von Lilienthals Buch sind sie begeistert. Das Werk sei „außerordentlich“, notieren sie, „das Beste, was gedruckt vorliegt“. Ihre Namen: Wilbur und Orville Wright.
7. Vom Wind getragen
Weil ihnen ab 1920 Motorflugzeuge verboten sind, entdecken viele Deutsche den Segelflug.
Trifft ein Luftstrom auf einen Hang, wird er nach oben abgelenkt; Experten sprechen vom „Aufwind“. Sie gehen schon länger davon aus, dass die Strömung stark genug ist, um ein Flugzeug auch ohne Motor in die Höhe zu tragen. Doch erst wagemutige Piloten werden dieses Phänomen nachweisen. Männer wie Arthur Martens. Am 18. August 1922 steuert der 25-jährige Maschinenbaustudent auf den steilen Westhang der Wasserkuppe zu, der höchsten Erhebung der Rhön, eines hessischen Mittelgebirges. Der ehemalige Frontflieger sitzt in einer fünf Meter langen, 120 Kilogramm schweren Sperrholzkonstruktion namens „Vampyr“ – einem Segelflugzeug, das er gemeinsam mit Hannoveraner Kommilitonen der „Akademischen Fliegergruppe“ entworfen hat.
Er will einen Preis gewinnen, den die deutsche Industrie ausgelobt hat: 50.000 Mark für denjenigen, der 40 Minuten motorlos in der Luft bleibt und dabei eine Flugstrecke von fünf Kilometern zurücklegt. Die bis dahin erzielten Höchstleistungen liegen bei kaum mehr als einer Viertelstunde. Ein erfolgreicher Rekordflug würde Martens zum Idol einer Bewegung machen, die in Deutschland so populär ist wie nirgendwo sonst. Denn da die Siegermächte des Weltkriegs Deutschland den Bau aller Motorflugzeuge verboten haben, haben sich einstige Militärflieger wie Martens und andere Abenteuerlustige aufs Segelfliegen verlegt.
An der Wasserkuppe, die einsam liegt und optimale Flugbedingungen bietet, entsteht zu Beginn der 1920er Jahre das bedeutendste Segelflugrevier der Welt. Dutzende Piloten kommen hier zu Wettbewerben zusammen, schlafen in alten Militärzelten, feiern im nahen Berggasthof ihre Erfolge. Hilfsmannschaften ziehen die Segler auf Transportkarren Hänge hinauf, von denen sie dann hinabgleiten. Die Flüge sind kurz – bis Arthur Martens am Nachmittag des 18. August 1922 in seinen Vampyr steigt.
Zwei Helfertrupps spannen auf dem Westhang ein Gummiseil V-förmig vor den Flieger; mit dieser Art Katapult wird das Segelflugzeug beschleunigt. Martens hebt ab und dreht dann wieder gegen die steile Westwand. Und tatsächlich erfasst der Aufwind sein Flugzeug. Wie ein großer Raubvogel immer wieder Achten fliegend, schraubt sich der Vampyr empor bis auf eine Höhe von gut 108 Metern über dem Startpunkt: Erstmals gelingt es einem Piloten damit, die stetige Kraft des Aufwinds zum dauerhaften Segeln zu nutzen.
Martens gewinnt den Preis, Zeitungen feiern seine Pionierleistung. 1925 eröffnet er an der Wasserkuppe die erste Segelflugschule der Welt. In Deutschland wird Segelfliegen immer populärer, Dutzende Flugplätze entstehen. Auch die Technik entwickelt sich weiter. Die Segler werden stromlinienförmiger und im Windkanal stetig verbessert. Als Starthilfe werden neben dem Gummiseil Pkw und Motorwinden sowie ab etwa 1930 vermehrt auch (inzwischen wieder erlaubte) Motorflugzeuge eingesetzt.
Piloten erjagen nun immer neue Rekorde, fliegen drei, acht, 14 Stunden lang – und sind 50, 100, 500 Kilometer weit unterwegs. Sie erforschen die Thermik, also aufsteigende Luftmassen über sonnenerwärmtem Boden, und entdecken so die Voraussetzung für langes Segeln über der Ebene. Denn im Zentrum solch thermischer Aufwinde kann ein Flieger auch im Flachland rasch an Höhe gewinnen, indem er in engen Kreisen emporsteigt. Lässt die Thermik nach, lenkt er das Flugzeug dann in Richtung seines Ziels, das umso weiter entfernt sein kann, je größer die zuvor gewonnene Höhe ist. Auf langen Strecken muss er allerdings immer wieder neue Aufwinde suchen.
Bald nutzen Segelflieger auch jene kräftigen Wellen aus Wind, die entstehen, wenn große Luftmassen über Gebirgskämme streichen; so können sie bis in extreme Höhen klettern. 1940 bricht ein Pilot seinen Flug über dem Großglocknermassiv erst ab, als ihm in 11.400 Meter Höhe bei minus 56 Grad Ohren und Finger erfrieren. Diesen Rekord erlebt Arthur Martens nicht mehr. Er stirbt 1937 im Alter von 40 Jahren – beim Absturz einer Passagiermaschine.
8. Tauerei (Seil-Schleppschifffahrt) auf dem Rhein 1871-1905
1. Die Idee
Auf den ersten Blick mutete die Vorstellung unzeitgemäß an: Kaum hatte das Aufkommen frei navigierender Dampfboote den Fluss- und Kanalverkehr von den Beschränkungen der traditionellen Treidelschifffahrt befreit, sollte die Einführung der Tauerei (von franz. touage beziehungsweise engl. towing) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Schlepper wieder ans Seil oder an die Kette legen. Angestoßen wurden derartige Überlegungen durch den Bau der Eisenbahnen. Im Wettbewerb zwischen den beiden Verkehrsträgern - am Rhein besonders augenfällig durch die über weite Strecken an beiden Ufern parallel verlaufenden Linien - holte der Frachtverkehr auf der Schiene schnell auf. Zwischen 1845 und 1860 verzehnfachte sich sein Anteil am gesamten per Binnenschiff oder Bahn bewegten Güteraufkommen in Deutschland. Besonders beim Transport von Ruhrkohle zu den rheinaufwärts liegenden Verbrauchern fand ein aus Sicht der Schiffseigner ruinöser Preiskampf statt: Zwischen 1855 und 1870 senkte zum Beispiel die Rheinische Eisenbahngesellschaft den durchschnittlichen Frachttarif für Kohle und Koks um mehr als 40 Prozent.
Was die Eisenbahn den zeitgenössischen Radschleppern oder Schraubendampfern voraus hatte, war vor allem eine günstigere Umsetzung der Maschinenleistung beim Vortrieb. Während die Räder der Lokomotive die Kraft fast verlustfrei auf die fest installierten Schienen brachten, ging auf Flüssen und Kanälen ein beträchtlicher Teil der Wirkung durch den unvermeidlichen Schlupf verloren. Im nachgiebigen Medium Wasser fanden Radschaufeln oder Schiffspropeller weit weniger Halt als Antriebsräder auf der Schiene oder Pferdehufe auf dem Leinpfad. Ganz ausgeprägt war dieses Phänomen bei Bergfahrten gegen starke Strömung, also im Mittelrheintal, insbesondere dem “Binger Loch”, wo bei Strömungsgeschwindigkeiten von bis zu 3,5 Metern pro Sekunde Schleppschiffe noch lange Zeit Treidelpferde als Vorspann anfordern mussten. Die Idee lag also nahe, an den unbestreitbaren Vorteilen des Wassertransports von Massengütern festzuhalten, jedoch die eingesetzte Energie effizienter zu nutzen, indem die Maschine das Schiff unmittelbar an einem fest verankerten Seil oder einer Kette gegen die Strömung zu Berge zog.
Neben einer Kohleersparnis von bis zu 80 Prozent und einer kleineren Bedienungsmannschaft (Kapitän, je zwei Steuerleute, Maschinisten und Heizer, drei Matrosen) versprach das neue System zwei weitere Vorteile: Als Folge der wesentlich bescheidener dimensionierten Maschinen- und Kesselanlage hatten die Tauer einen deutlich geringeren Tiefgang als ein Radschlepper der 1870er Jahre, der es einschließlich Kohlevorrat auf eine Eintauchtiefe von 1,80 bis 2 Metern brachte. Der Tauer konnte also während periodisch auftretender Niedrigwasserstände auch die noch nicht künstlich vertieften Stromabschnitte befahren, so dass in diesen Zeiten allein die Seilschlepper den Betrieb aufrecht erhielten. Konstruktionsbedingt entfielen bei ihnen zudem die Wellenberge, wie sie die großen Räderboote verursachten. Das machte sie besonders geeignet zum Ziehen jener primitiven Kohlennachen aus Holz, die in den Anfangsjahren der Tauerei noch in großer Zahl den Rhein befuhren. Deren Mannschaften waren dankbar, wenn sie nicht zusätzlich zur anstrengenden Steuerarbeit noch stundenlang eindringendes Wasser abzupumpen hatten.
Seilschiffe im Hafen, um 1900.
2. Von Belgien an den Rhein
Im Sommer 1867 gründete der belgische Diplomat Baron Oscar de Mesnil (1836-1897) eine Gesellschaft zur Aufnahme der Seilschleppschifffahrt auf der Maas. Zur Unterstützung in technischen Fragen sicherte er sich die Mitarbeit des Dampfpflugpioniers Max Eyth (1836-1906). Die ersten Probefahrten konnten im darauffolgenden Frühjahr stattfinden. An der im April 1868 gegründeten “Société anonyme de touage de Liège” beteiligte sich Friedrich von Holstein (1837-1909), ein weiterer Diplomat. Für seine Tätigkeit als Schifffahrtsunternehmer unterbrach der Botschaftssekretär, der 1890 bis 1906 als “Graue Eminenz” großen Einfluss auf die wilhelminische Außenpolitik nehmen sollte, mehrere Jahre lang die eingeschlagene Laufbahn im Auswärtigen Dienst. Vor einem internationalen Fachpublikum demonstrierten die Verfechter der Tauerei in Belgien die Zuverlässigkeit des Systems, doch waren die Anhänger der Kettenschifffahrt nicht völlig überzeugt. Eine Übertragung der auf der nahezu geradlinig verlaufenden und strömungsarmen Maas erzielten Ergebnisse auf den schneller fließenden Rhein mit seinen ausgeprägten Flusskrümmungen erschien fragwürdig, und so verlangten auch die preußischen Behörden vor Erteilung einer Konzession an die 1869 gegründete “Société centrale de touage” weitere praktische Versuche an Ort und Stelle.
Vor der eigentlichen Bewährung im Binger Loch wurde am 27.11.1869 das Zusammenwirken von Seil und Schlepper einem ersten vorsichtigen Test unterzogen. Als Ort wählte man einen kurzen gekrümmten Stromabschnitt zwischen der Kölner Rheinbrücke und der Frohngasse (in Höhe der heutigen Zoobrücke). Das Seil aus verzinktem Eisendraht wies einen Durchmesser von 32 Millimetern aus und stammte aus der Produktion der ortsansässigen Firma Felten & Guilleaume. Lange bevor das neuerbaute “Carlswerk” im damals noch selbständigen Mülheim 1874 den Betrieb aufnahm, hatte sich die ehemalige Hanfseilerei als Hersteller von Grubenseilen und Schlepptrossen für die Binnenschifffahrt erhebliche Marktanteile gesichert. In der aufkommenden Tauerei sah man eine zukunftsträchtige neue Anwendung, die kontinuierlichen Ersatzbedarf versprach.
Tauereiseil von 50 Kilometern Länge, direkt von der Fabrikationsmaschine auf den Hof des Carlswerks gelegt.
Der für den ersten Versuch auf dem Rhein ausgewählte Seilschlepper “Die Kathedrale” hatte vor seinem Eintreffen in Köln eine wahre Odyssee hinter sich gebracht: Bei der Überführung aus Lüttich zum Umbau nach Antwerpen war er während der Fahrt durch Kollision gesunken, nach der Hebung und Umrüstung über Rotterdam mittels seiner beiden kleinen Schrauben rheinaufwärts in die Domstadt gefahren. Für den Versuch konnten nur drei Kähne mit zusammen circa 500 Tonnen Belastung angehängt werden, so groß war die Scheu der örtlichen Schiffer, ihre Boote für das Experiment zur Verfügung zu stellen. Bei stark gedrosseltem Dampfzutritt zog der Tauer die Last mühelos über die Teststrecke.
Für den entscheidenden Schleppversuch wählte man die strömungsreiche Strecke zwischen dem Rüdesheimer Trajekt und der Burg Rheinstein. Das Seilschiff, das auf einer hölzernen Ponte 4.000 Meter F&G-Drahtseil mit sich führte, wurde zur Unterstützung der für die Bergfahrt unzureichenden Schraubenleistung von einem Radschlepper rheinaufwärts gezogen. Im Binger Loch spannte man zusätzlich zehn Pferde vor. Nach erfolgreicher Verlegung des Seils machte sich die Mannschaft auf mehreren Probefahrten mit den örtlichen Verhältnissen vertraut. Zum Hauptversuch am 9.12.1869 erschienen zahlreiche Experten, nicht jedoch der für die Aktion verpflichtete Räderdampfer samt Lastzug. Schon hatte man als Ersatz diverse Schiffer angeheuert, als die “Haniel I” mit zwei Kohleschiffen von circa 850 Tonnen Ladung eintraf. Der Kapitän ließ sich überreden, seinen Schleppzug dem Seilschiff anzuvertrauen. Mit circa 2,6 Stundenkilometern zog der Tauer die Last gleichmäßig stromauf. Ein gebrochenes Transmissionsrad im Maschinenraum beendete zwar die bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreich verlaufene Demonstration, richtete aber keinen weiteren Schaden an. Das Zugseil hielt das antriebslose Schleppboot problemlos gegen die starke Strömung fest, die ”Haniel I” konnte sich von ihm lösen. Da der Zwischenfall nicht die Tauglichkeit des Systems widerlegte, erteilte das Berliner Handelsministerium im Januar 1870 der “Société centrale de touage“ in Brüssel eine Konzession für die preußische Rheinstrecke. Die entsprechenden Zusagen der Staaten Hessen, Baden und Bayern folgten.
3. Die “Central-Actien-Gesellschaft für Tauerei” in Köln
Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/1871 verzögerte die bereits angelaufene Gründung einer eigenen Tauereigesellschaft für den Rhein. Federführend bei den Verhandlungen mit der Brüsseler Gesellschaft (als Inhaberin der Konzession) waren bekannte Kölner Bankiers- und Unternehmerfamilien, unter anderem Wilhelm Deichmann, sein Sohn und Nachfolger Theodor (1837-1895), der Ingenieur und Erfinder Eugen Langen, Mitgründer des Zuckerkonzerns Pfeiffer & Langen, der preußische Bergreferendar und Gutsbesitzer Felix Mallinckrodt (1834-1880) sowie der Bankier und Fabrikant Emil vom Rath (1833-1923). Sitz der Gesellschaft wurde Köln, Heimat der maßgeblich beteiligten Firma Felten & Guilleaume, von der bereits alle in belgischen Flüssen verwendeten Seile stammten. Sie machte ihre Bereitschaft zur Zeichnung eines größeren Aktienpakets von ihrer Stellung als Alleinlieferantin abhängig. Das am 5.12.1871 gegründete und eine Woche später als “Central-Actien-Gesellschaft für Tauerei” ins Handelsregister eingetragene Unternehmen besaß ein Grundkapital von 1,2 Millionen Talern. Die Hälfte der Anteile hielten die Gründungsmitglieder, der Rest der Aktien lag bei Banken in Köln, Duisburg, Koblenz, Mainz, Mannheim, Frankfurt am Main und Straßburg zur Zeichnung auf. 1873 erwarben mehrere Ruhrzechen Anteile, wohl in der Hoffnung, Einfluss auf die Frachttarife nehmen zu können. Erster Vorsitzender des Aufsichtsrates wurde Theodor Deichmann, zu seinem Stellvertreter bestellte man Felix Malinckrodt. Die Geschäftsleitung übernahmen unter Führung des Generaldirektors Theodor Schwarz, eines Jugendfreundes des Erfinders Max Eyth, bewährte Kräfte aus der Brüsseler “Société centrale de touage“.
4. Die technische Erstausstattung
Angesichts der Länge der Strecke - die erworbenen Konzessionen reichten von Emmerich bis Straßburg - und fehlender Erfahrungen im Alltagsbetrieb entschied man sich in Köln, den Schleppbetrieb abschnittsweise aufzunehmen. Um auch jene Strecken bedienen zu können, auf denen noch kein Seil lag, gab man im Februar/April 1872 zwei moderne Räderboote in Auftrag. In der konjunkturellen Überhitzung der Gründerjahre war die gewünschte schnelle Lieferung der benötigten vier Tauer illusorisch. Während ihre eisernen Rümpfe auf den Duisburger Werften Berninghaus und Kriens entstanden, bezog man Kessel und Maschinenanlagen für die ersten beiden Boote von Escher Wyss & Co (Zürich), für die Tauer 3 und 4 von den Gebrüdern Sulzer (Winterthur), welche auch die zweite Serie der wesentlich größeren und antriebsstärkeren Tauer (Nummer 5 bis 8) der Baujahre 1875/1876 ausrüsteten.
Carlswerk der Firma Felten & Guilleaume in Mülheim, 1885.
Leicht zu erkennen waren die Spezialboote an ihrem an der äußersten Backbordseite angebrachten Seilführungswerk. Anders als die auf einigen europäischen Flüssen verwendeten Ketten konnten die relativ steifen Drahtseile nicht um Winden von kleinem Durchmesser laufen. Die beiden ersten der vier circa 3 Meter hohen Räder dienten lediglich als Führungs- und Leittrommeln. Die Kraft der liegenden Dampfmaschine wirkte allein auf die dritte Scheibe. Sie war in der Rille, in die das Kabel gelegt wurde, mit “Fowlerschen Klappen” versehen, die das Seil selbsttätig einklemmten und ein Durchrutschen verhinderten. Die vierte Seilscheibe des Apparats diente wiederum als Leitrad. Um das Gewicht des Räderwerks von circa 14 Tonnen auszugleichen, saßen Hauptmaschine und Kessel nicht in der Bootsmitte, sondern auf der Steuerbordseite. Im Gegensatz zu Kettenschiffen fuhren die Tauer nur während der Bergfahrt am Seil, benötigten also zwei weitere Dampfmaschinen zum Antrieb der beiden vierflügeligen Schiffsschrauben. Insgesamt lag die für die Talfahrt installierte Maschinenleistung beträchtlich über den Anforderungen zum Antrieb des stromauf benutzten Seilapparats.
Gewichtsersparnis bei gleicher Zugfestigkeit war ein wesentlicher Vorteil der Seilschifffahrt, schränkten doch die schweren Ketten die Manövrierfähigkeit der Schlepper ein. Ein solcher Nachteil war auf wenig befahrenen Flüssen oder Kanälen hinnehmbar, nicht jedoch auf dem Rhein mit seinem beträchtlichen Schiffs- und Floßverkehr. Das Mitte 1872 von Felten & Guilleaume erstmalig ausgelieferte Seilstück mit einem Durchmesser von 36 Millimetern wog 4,9 Kilogramm pro Meter, weniger als ein Drittel des Gewichts einer gleich langen Kette. Um die weiteren Bestellungen fristgerecht ausführen zu können, orderte die Firma im englischen Newcastle moderne Drahtseilmaschinen. Es spricht für die geschäftliche Weitsicht der Unternehmerfamilie, dass sie durch ihre finanzielle Beteiligung an der “Central AG” die Tauerei und damit die weitere Verbreitung von Drahtseilen förderte, also flexibel genug war, den sinkenden Absatzchancen für die traditionellen Hanfleinen rechtzeitig durch Umstellung der Produktion zu begegnen und sich über Jahrzehnte große Liefermengen zu sichern.
5. Betriebsaufnahme mit Hindernissen
Aus der angestrebten Betriebsaufnahme im Herbst 1872 wurde nichts. Die konjunkturelle Überhitzung (“Gründerboom”) führte zur verzögerten Auslieferung der ersten Tauer. Zudem musste das Problem der zahlreichen Querseilfähren auf der Strecke gelöst werden, zum Beispiel durch deren Umrüstung auf ein Längsseilsystem. Obwohl die Konzessionsbedingungen jeglichen Zwang der Tauereigesellschaft ausschlossen, leisteten die preußischen Aufsichtsbehörden bei solchen Bemühungen immer wieder Hilfe: Schließlich postulierte auch die gerade revidierte Rheinschifffahrtsakte von 1868 das Vorrecht der durchgehenden Berg- und Talfahrt gegenüber dem Quer- und Lokalverkehr. Umso ärgerlicher für das junge Unternehmen war es da, wenn ausgerechnet der Konkurrent Eisenbahn neue Hindernisse aufrichtete. Im Juli 1870 war das Trajekt zwischen Oberkassel (heute Stadt Bonn) und der Bonner Gronau in Betrieb gegangen, dessen 70 Meter lange Fährboote Züge der Rheinischen Eisenbahn über den Strom setzten. Die Lokomotiven verblieben am jeweiligen Ufer. Leitseil und Treibseil verliefen quer zum Strom, so dass für die Tauer eigens eine Haltestelle angelegt werden musste. Eine ähnliche Flussquerung zwischen (Duisburg-)Rheinhausen und Hochfeld wurde 1874 durch den Bau einer festen Brücke entschärft.
Im Frühjahr 1873 wurden die ersten beiden Seilstücke mit einer Gesamtlänge von 77, 5 Kilometern verlegt, so dass am 1.5.1873 der Tauereibetrieb zwischen Emmerich und Duisburg versuchsweise aufgenommen werden konnte. In zwei Monaten wurden 15 Schleppzüge mit einer Ladung von knapp 12.000 Tonnen abgefertigt; die Festigkeit des Seils hätte die doppelte Nutzlast zugelassen. Die errechnete Brennstoffersparnis entsprach den Erwartungen der Initiatoren: Der Kohleverbrauch der Tauer belief sich auf ein Fünftel dessen, was die Räderboote der “Ruhrorter Schleppschiffahrtsgesellschaft” im Durchschnitt benötigten. Ein solcher Wettbewerbsvorteil war für die Profitabilität des Pionierunternehmens unabdingbar, da man um Kunden zu gewinnen die Tarife der Konkurrenz um 20 Prozent unterbot, vor allem zusätzlich zu den Aufwendungen für die Schlepper das teure Seil amortisieren musste. Dieses wurde im Frühjahr 1874 rheinaufwärts nach Köln verlängert und lag im Herbst 1875 bis Oberkassel. Doch während man im Frühjahr 1876 das vorerst letzte Teilstück bis Bingen verankerte, war die Tauerei am Niederrhein bereits Ende 1875 eingestellt worden. Immer wieder hatte starkes Sandgeschiebe die Aufnahme des Seils durch die Schleppboote behindert. Dies führte zu untragbaren Verzögerungen für die Kunden, so dass zuerst der Abschnitt Emmerich-Ruhrort, ein Jahr später auch das Teilstück bis Oberkassel aufgegeben wurde. Die sich rheinaufwärts anschließende Gebirgsstrecke wies dagegen einen festeren, teilweise sogar felsigen Untergrund auf. Gleichzeitig löste der neue Startpunkt auch das Problem der hier verlaufenden Querseile, da die Schleppzüge jetzt erst oberhalb des Bonner Eisenbahntrajekts zusammengestellt wurden.
Schiffsmodell des Rhein-Tauer VII, Schleppdampfer der Central Actien Gesellschaft für Tauerei in Köln vom Ende des 19. Jahrhunderts, Backbordseite, Kölnisches Stadtmuseum. (Rheinisches Bildarchiv Köln)
Es waren indes nicht allein technische Gründe, die zur schnellen Aufgabe der wichtigen Strecke Emmerich-(Bonn-)Oberkassel führten. Die Auswirkungen der 1873 einsetzenden Gründerkrise zwang die kapitalschwache Gesellschaft dazu, ihre Kräfte auf jene circa 120 Rheinkilometer zu konzentrieren, auf denen die höhere Fließgeschwindigkeit den Systemvorteil der Seilschifffahrt gegenüber den frei fahrenden Schleppern am deutlichsten herausbrachte. Das Betriebsjahr 1874 hatte zwar mit einem bescheidenen Überschuss abgeschlossen, doch massiv fallende Kohlepreise erschütterten das Geschäftsmodell gleich in doppelter Hinsicht. Das krisenbedingt geringere Frachtaufkommen erhöhte wegen der Überkapazitäten an Schleppleistung den Druck auf die Tarife, während der größte Wettbewerbsvorteil, die geringeren Brennstoffkosten, durch die von niemandem vorausgesehene Verbilligung dahinschmolz. Die 1872 notierten Höchstpreise für Kohle hatten die Gründer in ihrem Glauben bestätigt, dass sich allen Anfangsschwierigkeiten zum Trotz eine befriedigende Rentabilität einstellen würde. Diese Annahme hatte sich als Illusion erwiesen, mit der Konsequenz, dass unter den veränderten Bedingungen die geplante Verlängerung der Seillinie bis Mannheim sowie den Kauf zusätzlicher Boote nicht zu stemmen waren. Bevor neues Kapital aufgebracht werden konnte, galt es, durch Verständigung mit der Konkurrenz die Auslastung zu erhöhen und die Schlepp-Erlöse auf dem Rhein zu stabilisieren.
6. Die Fusion von 1876
Die 1873 zusammengeführte “Vereinigte Ruhrorter und Mülheimer Dampfschleppschiffahrts-Gesellschaft” betrieb 15 Radschlepper und litt nicht minder unter dem ruinösen Preiskampf zu Wasser und auf der Schiene. Die ausgeschüttete Dividende sank von durchschnittlich 7 bis 8 Prozent auf 1 Prozent (1874) und 1 1/3 Prozent (1875). Der Zeitpunkt für eine Verständigung mit der “Central-AG für Tauerei” war auch in sofern günstig, als zum Ende des Jahres 1875 ein großer Teil der Schleppverträge auslief, darunter auch solche mit Kunden, die inzwischen Aktionäre der Kölner Konkurrenz geworden waren, mit deren baldigem Wechsel zur Seilschifffahrt also zu rechnen war. Die Kontakte zwischen den beiden Unternehmen liefen über den A. Schaaffhausenschen Bankverein sowie den Direktor des Rhein-Ruhr-Kanal-Aktienvereins in Duisburg, Dr. Feodor Goecke (1836-1907). Der Jurist, 1870-1873 als nationalliberaler Abgeordneter Mitglied des Provinziallandtages, war 1874 an Stelle des 1873 ausgeschiedenen Holstein in den Aufsichtsrat der “Central-AG für Tauerei” gewählt worden. Ab 1877 betrieb er als Generalbevollmächtigter die Sanierung der Rheinischen Stahlwerke AG.
Am 8.6.1876 konstituierte sich das fusionierte Unternehmen unter dem Namen “Central-Actien-Gesellschaft für Tauerei und Schleppschiffahrt”. Zum Firmensitz wurde, Tribut an den Hauptumsatzträger Kohle, Ruhrort bestimmt: Zwischen 1875 und 1905, als die Stadt nach Duisburg eingemeindet wurde, verfünffachte sich die im Ruhrorter Hafen abgefahrene Kohlen- und Koksmenge auf über 5 Millionen Jahrestonnen. Nach der Fusion wurden die beiden Altgesellschaften liquidiert, ihre Aktien in Papiere der neuen Firma getauscht. Von den 3,8 Millionen Mark Grundkapital entfielen 2,4 Millionen Mark auf die Aktionäre der Kölner Tauereigesellschaft. Im Vergleich zu deren ursprünglicher Ausstattung (1,2 Millionen Taler = 3,6 Millionen Mark) entsprach dies einem Kapitalschnitt im Verhältnis drei zu zwei. Der erste Aufsichtsrat war paritätisch besetzt, weist aber in der regionalen Zuordnung seiner Mitglieder die Ruhrmündung als neuen Schwerpunkt aus. Von den zehn Mitgliedern stammten Dr. Feodor Goecke sowie der Fabrikant und langjährige Beigeordnete Julius Brockhoff (1825-1898) aus Duisburg. Aus dem benachbarten Ruhrort kamen die Kaufleute und Zechenbesitzer Hugo Haniel (1810-1893), seit 1868 Chef der Firma Franz Haniel und Julius Liebrecht (gestorben 1895) sowie der Fabrikant Gustav Georg Stinnes (1826-1878). In Mülheim waren Hermann Becker und Carl Krabb (1808-1877) ansässig, beide Kaufleute. Theodor Deichmann, Felix Mallinckrodt und Eugen Langen repräsentierten das Kölner Element - letzterer als Ingenieur vorwiegend aus technischem Interesse.
Modell des Rhein-Tauer VII, Steuerbordseite, Kölnisches Stadtmuseum. (Rheinisches Bildarchiv Köln)
7. Mangelnde Rentabilität
Im Fusionsjahr 1876 wandten die beiden Altgesellschaften zwar einen gemeinsamen Schlepptarif an, wirtschafteten aber ansonsten noch auf eigene Rechnung, so dass sich die Rentabilität der beiden Systeme vergleichen lässt. Den insgesamt größeren Einnahmen der Ruhrort-Mülheimer Räderboote standen höhere Betriebskosten und Abschreibungen gegenüber: Per saldo trugen die Tauer aus dem Bestand der Kölner Gesellschaft mehr zum Gewinn bei. Auch im Folgejahr lagen die Selbstkosten der Seilboote pro Tonnenkilometer um 19 Prozent unter denen der Radschlepper. 1877 ging man endgültig zum arbeitsteiligen Einsatz der Flotte über. Die acht Tauer konzentrierten sich auf den Mittelabschnitt Oberkassel-Bingen. Unter- und oberhalb dieser Kernstrecke operierten die 17 Räderboote. In der Realität lagen wegen des schlechten Kohlegeschäfts meist ein Viertel der Schlepper still. Ein Überangebot an Schleppleistung und die Kampfpreise der Eisenbahn, die zu hohen Rabatten auf den Normaltarif zwangen, ließen die Einnahmen weiter absinken. Die Vorteile des Wasserweges kamen am deutlichsten über die längere Distanz zum Tragen; auf kürzeren Entfernungen profitierte die Schienenkonkurrenz auch davon, dass ein zeitraubendes Umladen zwischen Zeche und Verbraucher entfiel, außerdem das Frachtgut geschont wurde.
Als 1877 die Mülheimer Kohlehandlung Friedrich Becker illiquide wurde, verlor die “Central-AG für Tauerei und Schleppschiffahrt” auf einen Schlag circa 30 Prozent ihrer Aufträge und musste 107.000 Mark ausstehender Kredite abschreiben. Große Hoffnungen setzte man in das im Winter 1879/1880 zwischen Oberkassel und Bingen verlegte stärkere (43 Millimeter Querschnitt) F&G-Seil aus Siemens-Martin-Stahl. Mit einem Gewicht von sieben Kilogramm pro Meter wies es eine höhere Bruchfestigkeit und Lebensdauer auf. Statt viereinhalb Jahren rechnete man mit bis zu sechs Jahren Nutzungsdauer. Zwecks gleichmäßiger Abnutzung wurden höher beanspruchte Teilstücke nach einiger Zeit herausgenommen und an Flussstrecken mit weniger Verschleiß weiter verwendet. Ausgemusterte Seile erzielten beim Weiterverkauf noch circa 10 Prozent des Neupreises.
8. Veränderte Bedingungen in der Rheinschifffahrt
In den frühen 1880er Jahren war der hohe Anteil betagter Räderboote (Durchschnittsalter 1885: 24 Jahre) Hauptursache für die unbefriedigende Rentabilität des vereinigten Unternehmens. Zwischen 1876 und 1884 hatte sich die Zahl der Schraubendampfer auf dem Rhein verdreifacht. Billiger in Betrieb und Anschaffung und trotz kleinerer Mannschaft leichter zu manövrierten, waren sie eine Alternative für Kohlekaufleute, die den Transport in Eigenregie betreiben wollten. Auch wenn die neuartigen Fahrzeuge in der Praxis nicht alle Erwartungen erfüllten und einige Reeder wieder vermehrt auf Radantrieb setzten, erhöhte ihre Existenz doch die Schleppkapazitäten auf dem Rhein insgesamt und verstärkte den Druck auf die Tarife, zumal jetzt auch neu eingesetzte Güterdampfer einen Teil des Transportvolumens an sich zogen. Im Geschäftsjahr 1884 lag die Auslastung der “Central AG für Tauerei und Schleppschiffahrt” bei weniger als 60 Prozent. Der Betriebsüberschuss aus einem Umsatz von circa 1 Million Mark deckte gerade die Abschreibungen. Aus Geldmangel fiel die Modernisierung der Flotte bescheiden aus. 1883/1884 wurden die ersten beiden Schraubendampfer bestellt, ältere Räderboote stillgelegt oder mit effizienteren Dampfmaschinen nachgerüstet. In der Bilanz summierten sich die realistische Bewertung des Schiffsbestandes und nachgeholte Abschreibungen auf sonstige Aktiva zu einem Abwertungsbedarf von circa 1 Million Mark, umgesetzt in Form eines drastischen Kapitalschnitts: Das vorher durch Aktienrückkauf und Verzicht der “Société centrale de touage” auf Konzessionsgebühren bereits auf 3,6 Millionen Mark reduzierte Grundkapital wurde auf die Hälfte herabgesetzt.
Modell des Rhein-Tauer VII, Maschinerie, Kölnisches Stadtmuseum. (Rheinisches Bildarchiv Köln)
Auch nach der Sanierung fiel der Lohn für die Aktionäre mager aus. Mehr als 5 Prozent Dividende auf das herabgesetzte Kapital waren auf dem Rhein nicht zu erzielen. Ohne den durch eine Anleihe finanzierten Erwerb von 17 modernen Schleppkähnen wäre das Ergebnis sogar negativ gewesen, denn der Markt zeigte sich Mitte der 1880er Jahre tief gespalten: Einem Überangebot an Schleppkapazität stand ein ausgeprägter Mangel an Laderaum gegenüber. Wollte man an den Steigerungen des Rheinverkehrs teilhaben, musste die Gesellschaft das angestammte Geschäft durch das Angebot ausreichenden Frachtraums ergänzen. Die Folgen des Bergarbeiterstreiks im Ruhrgebiet 1889 konnten nur teilweise durch Transporte von Rotterdam an den Oberrhein kompensiert werden, so dass das Geschäftsjahr wiederum nur eine Kapazitätsauslastung von 60 Prozent aufwies. 1892 bis 1894 stieg die zu Berg geschleppte Frachtmenge auf über 800.000 Jahrestonnen an, bevor ein “zügelloser Wettbewerb” (Geschäftsbericht 1895) zu rückläufigen Umsätzen und einer auf 3 Prozent gekürzten Dividende führte. Insgesamt ging das Umsatzwachstum in den 1890er Jahren vor allem auf Konto der eigenen Kähne, bestätigte also die Richtigkeit der Diversifikation. Die Tauer blieben schlecht beschäftigt: Von den acht Booten waren meist nur fünf zum selben Zeitpunkt im Einsatz.
9. Gescheiterte Konsolidierung
Stimuliert durch die 1895 einsetzende Hochkonjunktur baute die ”Central-AG für Tauerei und Schleppschiffahrt” ihr Transport- und Speditionsgeschäft stärker aus. Das älteste Seilboot und einige Radschlepper wurden modernisiert, zwei PS-starke und verbrauchsgünstige Schlepper sowie mehrere neue Kähne bestellt. Zu Lande investierte die Gesellschaft in den Ausbau von Verladeanlagen und Lagerraum in Ruhrort und Mannheim. Das Geschäftsjahr 1896 schloss mit Rekordzahlen ab: Das zu Berg transportierte Frachtvolumen erreichte knapp eine Million Tonnen, circa 660 Tonnen pro geschlepptem Kahn. Mit 7 Prozent kam die höchste Dividende der Firmengeschichte zur Auszahlung. Eine für 1899 geplante Kapitalerhöhung sollte die Ablösung der aufgenommenen Kredite ermöglichen. Sie scheiterte an der fehlenden Dreiviertelmehrheit in der Generalversammlung. Die Furcht der widerstrebenden Aktionäre vor einer Verwässerung des Kapitals erscheint verständlich, lagen doch die 1892-1899 ausgeschütteten Dividenden mit durchschnittlich 4,5 Prozent deutlich unter den Ergebnissen der Konkurrenz. Auch die Alternative einer großen Anleihe zerschlug sich, da die beteiligten Banken auf einer langfristigen Lösung des Rentabilitätsproblems in der Rheinschifffahrt bestanden. Unter Federführung von Deichmann & Co. (Köln) trieben sie die Vereinigung der größten Unternehmen (mit Ausnahme der Zechenreedereien Franz Haniel und Mathias Stinnes) unter dem Dach einer Trustgesellschaft voran. Als auch dieser Rettungsversuch Ende 1900 scheiterte und für die Geschäftsjahre 1902 und 1903 keine Dividenden erwirtschaftet werden konnten, verloren zahlreich Anteilseigner die Geduld und verkauften ihre Papiere an den Großaktionär Louis Kannengießer (1852-1919). Im April 1904 ging die Aktienmehrheit an dessen “Bergbau AG vorm. Gebr. Kannengießer” in Mülheim an der Ruhr über. Drei Monate später gab der Alleinbesitzer die Selbständigkeit auf und brachte sein umfangreiches Bergbau- und Schifffahrtsunternehmen in die “Harpener Bergbau AG” (Dortmund) ein, für die er weitere zehn Jahre als Generaldirektor tätig war. Mit 26 Dampfern und 75 Schleppkähnen waren die neuen Besitzer die größte Kohlereederei auf dem Rhein. Sie erwarben die restlichen Aktien der “Central-AG”, stellten jedoch den Tauereibetrieb Anfang 1905 ein und ließen das Seil aus dem Rhein entfernen. Die stillgelegten Boote warteten noch jahrelang im Hafen von St. Goar auf eine neue Verwendung, bevor sie endgültig verschrottet wurden.
10. Konflikte mit der übrigen Rheinschifffahrt
Von der Wasseroberfläche in der Regel unsichtbar, irritierte das Seil im Rhein von Anfang an andere Nutzer. Die zahlreichen Zugnetzfischer sahen sich in ihrer Arbeit behindert, ebenso jene Schiffsbesatzungen, deren Anker sich in dem Hindernis verfingen, so dass beim morgendlichen Einholen ein ungleich höheres Gewicht zu heben war. Gleich nach der Betriebsaufnahme kam es zu Sabotageakten: Im Schutze der Dunkelheit trennten unbekannte Täter das Seil einmal vollständig und ein weiteres Mal zu einem Drittel durch. Die als Folge von Verschleiß auftretenden Seilbrüche - pro Jahr bis zu 25 - bedeuteten in jedem Fall lästige Zusatzarbeit für die Besatzung des jeweiligen Schleppers. Lag der Tauer jedoch während des Spleißens stundenlang an einer Engstelle fest, behinderte sein Zwangsaufenthalt auch unbeteiligte Schiffe in diesem Flussabschnitt. Ähnliches galt an schwierig zu passierenden Krümmungen, wo die Tauer gelegentlich auf Grund liefen und von anderen Schleppern wieder ins Fahrwasser bugsiert werden mussten.
Schwere Unfälle waren eher selten. Auch im wohl spektakulärsten Fall, der Kollision des Tauers 4 mit einem Floß im September 1886 hinter dem Binger Loch, war die Besatzung des Seilschiffs schuldlos: Das Floß war mit 63 Metern Breite und 200 Metern Länge eindeutig zu groß dimensioniert, der zur Warnung der Schifffahrt vorausgeschickte Wahrschauernachen zu spät losgefahren, als dass der Tauer mit angehängtem Schleppzug noch hätte ausweichen können. 6.000 Holzstämme trieben auf dem Rhein und rissen vor Niederheimbach ein Badehaus fort. In Koblenz rückten zwei Kompanien Pioniere aus, um die Schiffsbrücke zu schützen.
Modell des Rhein-Tauer VII, Heck mit Schrauben, Kölnisches Stadtmuseum. (Rheinisches Bildarchiv Köln)
Mochte die Antipathie vieler Rheinschiffer gegenüber den Tauern auf Konto ihrer sonderbaren Erscheinung, des Brummens und Krächzens ihres Räderwerks oder ihrer ungewöhnlichen Lage zur Fahrtrichtung gehen, so waren die “Hexen” seit den 1890er Jahren auch objektiv zu einem Verkehrshindernis geworden. Besonders bei niedrigem Wasserstand konnten die zahlreichen modernen Schrauben- und Räderboote ihre höhere Fahrgeschwindigkeit nicht entfalten; stundenlang harrten sie mit gedrosselter Motorleistung hinter einem Seilschleppzug aus, bevor eine geeignete Ausweichstelle ihnen ein Überholen ermöglichte. Die preußische Wasserbau-Verwaltung wiederum, die zwischen 1880 und 1900 zur Entschärfung der Engstelle zwischen St. Goar und Bingen fast 7 Millionen Mark aufgewendet hatte, kostete die Existenz des Seils in diesem Abschnitt viel Zeit und Mühe, gefährdete es doch häufig die Verlegung der eingesetzten Baufahrzeuge und deren sichere Verankerung im Strom.
11. Fazit
30 Jahre ununterbrochener, weitgehend unfallfreier Tauereibetrieb am Mittelrhein untermauern die prinzipielle Tauglichkeit des Systems und bewiesen die Haltbarkeit der von Felten & Guilleaume gelieferten Zugseile. Das Kölner Unternehmen profitierte von diesem Beweis seiner Leistungsfähigkeit, doch den übrigen Aktionären hat die Seilschifffahrt nicht den erhofften finanziellen Gewinn eingebracht, so dass die Tauerei als Sonderform des Gütertransports auf dem Rhein nur eine Episode blieb. Bei der Suche nach den Ursachen stößt man an erster Stelle auf die chronische Unterkapitalisierung des Unternehmens. Die Gründer hatten ihre Planungen für den Mittelbedarf auf das Preisniveau von 1870 abgestellt. Die Verzögerungen durch den deutsch-französischen Krieg und die Kostensteigerungen des kurzen, aber heftigen Gründerbooms strapazierten das aufgebrachte Kapital, so dass keine ausreichenden Reserven für die naturgemäß schwierigen Anfangsjahre blieben. Als dann die ersten Kunden überzeugt werden konnten und der erfolgreich aufgenommene Schleppbetrieb Einnahmen erzielte, waren diese durch die Krise dermaßen gedrückt, dass die ursprüngliche Kalkulation nicht aufging. Dagegen konnte die Konkurrenz, sofern sie schon 1871 im Geschäft war, auf die in den Boomjahren gebildeten Reserven zurückgreifen. Bei Börsenkursen von unter 30 Prozent für die Altaktien war der Weg einer Kapitalerhöhung nicht gangbar. Die daraufhin ausgegebene fünfprozentige Anleihe stellte mit einem Disagio von 5 Prozent und einem Rückzahlungskurs von 105 Prozent eine ausgesprochen teure Art der Finanzierung dar.
Die Fusion mit der Ruhrort-Mülheimer Konkurrenz nach nur kurzer Selbständigkeit produzierte eine Mischform aus Tauerei und konventioneller Schleppschifffahrt, in der der Seilbetrieb zunehmend an Gewicht verlor. Obwohl Vergleichskalkulationen den Tauern eine bessere Rentabilität bescheinigten und diese auch in langen Niedrigwasserperioden das Rückgrat des Schleppbetriebs am Mittelrhein bildeten, erwies sich die Strecke Oberkassel-Bingen schlicht als zu kurz, um die Vorteile ausspielen zu können. Theoretisch hätten hier 20 Seilschiffe gleichzeitig unterwegs sein können. Im täglichen Geschäft waren noch nicht einmal die vorhandenen acht Tauer ausgelastet, denn der zweimalige Wechsel der Schlepper bei Oberkassel und hinter Bingen war aufwändig und zeitraubend. Der Seilabschnitt stellte in den allermeisten Fällen ja lediglich den Mittelteil einer viel längeren Fahrstrecke dar, so dass sich alternativ eine durchgängige Bedienung durch frei fahrende Schlepper anbot. Im Geschäftsjahr 1884 hatten zum Beispiel 36 Prozent der von Duisburg-Hochfeld oder Ruhrort ausgehenden Frachten der Gesellschaft Ziele bis hinauf nach Mannheim, nur 17 Prozent waren für Orte bis Mainz bestimmt. 22 Prozent der transportierten Güter gingen von den Niederlanden über Duisburg rheinaufwärts, legten also eine lange Strecke auf dem Niederrhein zurück, wo schon lange kein Seil mehr lag.
Während die acht Tauer der “Central AG für Tauerei und Schleppschiffahrt” seit 1873 nur leicht modifiziert worden waren, übertrafen die über 700 sonstigen Rheinschlepper des Jahres 1901 hinsichtlich Motorisierung, Geschwindigkeit, Zugkraft und Brennstoffeffizienz die Leistungen jener 50 deutschen und acht holländischen “Remorqueure”, die 1870 die Strecke Rotterdam-Straßburg befahren hatten. Gleichzeitig verbesserten umfangreiche Regulierungsmaßnahmen der Rheinanliegerstaaten das Fahrwasser, auch im berüchtigten Binger Loch. Die ursprüngliche Überlegenheit der Seilschifffahrt verschwand. Beträchtlichen Anteil an dieser Entwicklung hatte die veränderte Zusammensetzung der geschleppten Fahrzeuge. 1901 erreichte die Zahl der auf dem Rhein verkehrenden Eisenkähne (4.057) fast die der hölzernen; mit durchschnittlich 526 Tonnen lag ihre Tragfähigkeit mehr als dreimal so hoch. Zudem wiesen sie gegenüber den Holzschiffen einen geringeren Wasserwiderstand auf. Die schleppstarken modernen Rad- und Schraubenboote waren mit solchem Anhang ohne Einschränkung selbst dem strömungsreichen Mittelrhein gewachsen.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Das Luftschiff LZ 129 „Hindenburg“, in: Das Bundesarchiv, online verfügbar unter: https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/themenbeitraege/das-luftschiff-lz-129-hindenburg/, zuletzt geprüft am 09.04.2026.
-> 1817 Laufmaschine, Karl Friedrich Freiherr von Drais, in: Kurpfälzer Meile der Innovationen, online verfügbar unter: https://www.meile-der-innovationen.de/innovationen/1817-laufmaschine-karl-friedrich-freiherr-von-drais, zuletzt geprüft am 09.04.2026.
-> Potthast, Jan-Björn: Hoch hinaus. Melli Beese, in: DPMA online, online verfügbar seit 02.03.2026 unter: https://www.dpma.de/dpma/veroeffentlichungen/patentefrauen/mellibeese/index.html, zuletzt geprüft am 31.07.2026.
-> Vogt, Helmut, Tauerei (Seil-Schleppschifffahrt) auf dem Rhein 1871-1905, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/tauerei-seil-schleppschifffahrt-auf-dem-rhein-1871-1905/DE-2086/lido/57d12db591ce52.01038308 (abgerufen am 03.09.2026)
Sekundärliteratur
-> Sedlmair, Katrin Maike: Automobil. Die treibende Kraft, in: Öl. Wie ein Rohstoff die Welt eroberte (GEO Epoche. Jg. 2024, Heft Nr. 129), Hamburg 2024, S. 34-39.
-> Bischoff, Jürgen; Fries, Anja: Erste Eisenbahn. Im Tempo des Fortschritts, in: Bayern. Die Geschichte eines ganz besonderen deutschen Staates 1806-2028 (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 92), Hamburg 2018, S. 36-47.
-> Lohre, Matthias: Flugpionier Otto Lilienthal. Der Mensch als Vogel, in: Der Traum vom Fliegen (GEO Epoche Jg. 2017, Heft Nr. 17), Hamburg 2017, S. 38-45.
-> Hempel. Dirk: Vom Wind getragen, in: Der Traum vom Fliegen (GEO Epoche Jg. 2017, Heft Nr. 17), Hamburg 2017, 92f.
Sicherheit
Unterhaltungskultur
Inhaltsverzeichnis
1. Konsum auf Knopfdruck
1. Konsum auf Knopfdruck
Darfs ein Likörchen sein, ein Spritzer Parfüm? Oder ein neuer Lover? Schon früh kamen Tüftler auf die verwegensten Ideen für Automaten. Hier sehen Sie vergessene Münzmaschinen - manche waren tödlich. Wieder nur eine Niete? Oder diesmal das ganz große Los? Gespannt überfliegen die jungen Frauen das Schreiben, das sie soeben aus dem Automaten gezogen haben. Ist es der Mann fürs Leben, der sich hier auf einem schnöden Din-A4-Bogen präsentiert? Ihr Einsatz ist nicht allzu hoch: Zwei Mark haben die beiden in den wuchtigen Apparat geworfen, der ab Januar 1955 am Lübecker Bahnhof für Aufsehen sorgte. Im Gegenzug spuckte er die Personalien eines paarungswilligen Schleswig-Holsteiners aus, inklusive Umschlag mit Chiffre-Adresse.
Als "Heiratsvermittlungsautomaten" bezeichnete die "Zeit" diese erstmals auch in Deutschland zu bestaunende "amerikanische Erfindung". Eine kleine Revolution, ging es doch um die Rationalisierung der oft so umständlichen Partnerwahl, frei nach dem Motto: Tausche zwei Geldstücke gegen einen neuen Lover.
Naschsucht und Unmoral
Ganz so einfach wars nicht, die Lübecker mussten auch weiterhin kostbare Lebenszeit bei Dates verschwenden. Doch der Anbahnungsapparat zeigt: Die Automatisierung des Alltags treibt nicht erst im 21. Jahrhundert bizarre Blüten, sie griff schon viel früher um sich. Während manche der stummen Verkäufer schnell wieder verschwanden, lösten andere regelrechte Kulturkämpfe aus. Der Schokoladenautomat zum Beispiel. Ab Ende des 19. Jahrhunderts beglückte der Kölner Schokoladenfabrikant Ludwig Stollwerck die Deutschen mit gusseisernen Süßwaren-Ungetümen. "Jugendverderber", schimpften vor allem Pädagogen: Die Apparate würden Kinder zu Naschsucht verleiten, obendrein zu Unmoral durch die Verführung, Hosenknöpfe statt echter Münzen einzuwerfen. Geistliche sahen in den Schoko-Automaten eine Bedrohung der Sonntagsruhe und der gottesdienstlichen Andacht; die Konkurrenz wiederum witterte unlauteren Wettbewerb.
Vielerorts erließen die Behörden laut Stollwerck-Chronik von 1939 Sondersteuern oder versuchten, die Aufstellung gleich ganz zu verhindern. Vergebens: Der Siegeszug der Groschengräber, Inbegriff von Modernität und Rationalisierung, war nicht aufzuhalten. 1893 gab es bereits 15.000 Stollwerck-Automaten in Deutschland, ein Jahr später allein in New York bereits 4000. Zahnstocher und Nähnadeln, Briefpapier und Klopapier, Seife und Bleistifte - schon um die Jahrhundertwende spuckten die Automaten eine wachsende Produktpalette industriell gefertigter Massenware aus.
"Neue Waffe gegen Schundliteratur"
Ob an Bahnhöfen oder auf Ozeandampfern, in Seebädern, Kaufhäusern oder Cafés: Ab sofort konnte jeder für ein paar Münzen am Segen des Kapitalismus teilhaben. Und dabei sogar noch ein besserer Mensch werden: Als "neue Waffe gegen die Schundliteratur" an Kiosken pries der Reclam-Verlag Anfang des 20. Jahrhunderts seine Bücherautomaten. 1914 standen sie bereits an 1600 deutschen Bahnhöfen. Mit fortschreitender Technik wurden die Automatenerfinder immer kreativer. Sie entwickelten die abstrusesten Konsum-to-go-Ideen: Bald gab es Parfümautomaten, Münzrasierer und "Likörtankstellen", die auf Knopfdruck Hochprozentiges ausschenkten. Ab 1896 eroberten Automatenrestaurants von Deutschland aus die Welt und machten Kellner arbeitslos.
Jahrzehnte später konnten sich Angler im US-Bundestaat Colorado Würmer aus dem Automaten fischen. In England spuckte ein Apparat bereits glimmende Zigaretten aus. Ein anderer versprach, die eilige Frau zu schminken: Farbtöne einstellen, Kopf in die Öffnung stecken, Kurbel nach rechts drehen - und beten, dass das Make-up an den richtigen Stellen im Gesicht landet. Großer Beliebtheit erfreuten sich auch die Kraftmesser-, Foto- und Wahrsageautomaten auf den Jahrmärkten.
Zeitbombe im Koffer
Weit weniger harmlos: der "Prof. Röntgens X-Strahlen-Automat", 1896 von Carl Buderus aus Hannover entwickelt. Der Kasten versprach, "nach Einwurf eines 10-Pfennig-Stückes nicht nur seine eigene Hand, sondern auch fremde Gegenstände wie Holz, Leder, Papier usw. durchleuchten zu lassen", so die "Zeitschrift für Instrumentenbau" von 1897. Von den verheerenden Folgen früher Röntgengeräte wusste man anfangs wenig, und auch als Röntgenpioniere längst an Strahlenschäden gestorben waren, blieb der Automat noch lange im Einsatz, laut Historikerin Cornelia Kemp bis nach dem Zweiten Weltkrieg.
Nur eine Münzmaschine war ebenso gefährlich - obwohl sie den Menschen doch die Angst vorm Fliegen nehmen sollte. In den Fünfzigerjahren konnten Reisende vor dem Abflug Versicherungspolicen aus Automaten in den Wartehallen zahlreicher Flughäfen ziehen. Genau so einen Apparat steuerte am Morgen des 1. November 1955 Jack Gilbert Graham am Flughafen von Denver an, warf sechs 25-Cent-Stücke ein und schloss für seine Mutter Daisie eine Lebensversicherung im Gegenwert von 37.500 Dollar ab. Am Vorabend hatte der Mechaniker, damals 23, eine Bombe in Daisies Koffer gelegt und als Weihnachtsgeschenk getarnt. Sie detonierte um 7.03 Uhr, alle 39 Passagiere und die fünf Crewmitglieder starben. Im FBI-Verhör gab Graham zu, dass er die Versicherungssumme für die tote Mutter kassieren wollte - er landete in der Gaskammer.
Belletristik per Knopfdruck: Der Lesomat
Die Versicherungsautomaten schafften es nicht ins 21. Jahrhundert. Auch der Lübecker Heiratsvermittlungsautomat erwies sich als kein zukunftstaugliches Geschäftsmodell, ebenso eine 1993 in Japan aufgestellte Maschine mit gebrauchter Mädchenunterwäsche. Was Tüftler nicht von immer neuen, noch abgefahreneren Apparaten abhält. Zum Beispiel der französische Automat für Kurzgeschichten: Seit Oktober 2015 werden die weltweit ersten Lesomaten in Grenoble getestet. Je nach Lesezeit (eine, drei oder fünf Minuten) drückt man die Ziffern 1, 3 oder 5 und bekommt per Zufallsprinzip einen der rund 600 Texte auf einer Art Riesenkassenbon ausgedruckt. Angetreten sind die Macher der Geschichtenmaschine mit dem gleichen hehren Anspruch wie einst Reclam vor gut 100 Jahren: "Wir versuchen, die Literatur zu retten", so Mitbegründer Christophe Sibieude.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Iken, Katja: Konsum auf Knopfdruck, in: SPIEGEL online, online verfügbar seit 04.05.2026 unter: https://www.spiegel.de/geschichte/erfindungen-die-schraegsten-historischen-automaten-a-1088463.html, zuletzt geprüft am 31.07.2026.
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Sekundärliteratur
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Musik und Ton
Inhaltsverzeichnis
- Der Sound aus dem Trichter. Kulturgeschichte des Phonographen und des Grammophons
- Antiphon und Ohropax. Die Erfindung der Stille.
1. Der Sound aus dem Trichter. Kulturgeschichte des Phonographen und des Grammophons
Auf der Tagesordnung der Monatssitzung des Elektrotechnischen Vereins stand am 26. November 1889 der erste nachweisbare Vergleich zwischen dem Phonographen und dem Grammophon. Versammelt hatten sich im Großen Hörsaal des Kaiserlichen Postfuhramts der Staatssekretär des Reichspostamts Heinrich von Stephan, der Geheime Regierungsrat Werner von Siemens, der Ober-Telegraphen-Ingenieur Grahwinkel sowie weitere Berliner Unternehmer, Ingenieure, Offiziere und Wissenschaftler. Der Telegraphen-Ingenieur des Reichspostamts Müller stellte dem Auditorium den Phonographen vor. Er sprach einige Sätze hinein, die auf eine Wachswalze aufgezeichnet wurden, und spielte diese wieder ab. Über das Hörerlebnis berichtet Költzow, Werkmeister in einer elektrotechnischen Fabrik: "Die Sprache war rein und klar mit etwas Nebengeräusch, jedoch sehr leise, sodass nur die Umstehenden, die sich in nächster Nähe befanden, etwas hören konnten." Emile Berliner führte das von ihm konstruierte Grammophon vor. Költzow schrieb über den Höreindruck: "Als Berliner seinen Apparat in Tätigkeit setzte, entstand ein fürchterliches Geräusch, welches fast unerträglich war, bald aber ertönte eine vollständige Orchestermusik, aus welcher man trotz des Geräusches fast jedes einzelne Instrument heraushören konnte."
Der Ingenieur und Unternehmer Emile Berliner, der 1870 von Hannover in die USA ausgewandert war, hatte sein Grammophon zum ersten Mal am 16. Mai 1888 vorgestellt, und zwar vor Wissenschaftlern des Franklin-Instituts in Philadelphia. Ab Anfang September 1889 befand er sich in Deutschland. Es war seine Absicht, den Bekanntheitsgrad seiner "Erfindung" zu erhöhen und Investoren zu finden. Dazu hielt er Vorträge in Hannover, Berlin und Frankfurt a. M., in welchen er die Funktionstüchtigkeit und den Gebrauchswert des Grammophons demonstrierte und die Technik erläuterte.
Nahezu zur selben Zeit waren der US-amerikanische "Erfinder" und Unternehmer Thomas Alva Edison und sein Assistent Theo Wangemann auf Werbereise für den von Edison entwickelten Phonographen. Er wurde gerade in Paris auf der Weltausstellung gezeigt, wo Edison ihn auch seinem Freund und Geschäftspartner Werner von Siemens vorstellen wollte. Da dieser jedoch verhindert war, schickte Edison Wangemann nach Berlin. Die erste Vorführung des Phonographen vor deutschen Wissenschaftlern fand in den Räumen der Firma Siemens & Halske am 15. September 1889 in Anwesenheit von Edison statt. Wie die Berliner Presse tags darauf berichtete, verwies Edison bei dieser Vorführung auf die Rationalisierungseffekte, die mit dem Gebrauch des Phonographen zum Zweck der geschäftlichen Kommunikation verbunden seien. Wangemann ergänzte, dass die Tonwalze als Ersatz für den geschriebenen Brief dienen könne; er selbst habe in Paris eine Tonaufnahme angefertigt und diese als postillon d’amour an seine Ehefrau in New York geschickt. Wenige Tage nach der Vorführung verließ Edison Deutschland wieder Richtung USA.
Edison hatte gehofft, Kaiser Wilhelm II., Kanzler Otto von Bismarck und Generaloberst Helmuth von Moltke persönlich den Phonographen vorstellen zu können; ein Treffen kam jedoch nicht zustande. Allerdings bekundeten die drei telegrafisch ihr Interesse und so beauftragte Edison Wangemann, seine Promotion-Tour abzubrechen und in Berlin Sprachaufnahmen von Wilhelm II., Bismarck und Moltke zu machen. Edison hatte bereits in den USA damit begonnen, berühmte Personen in den Aufnahmetrichter sprechen zu lassen. Es gehörte zu seinem strategischen Kalkül als Unternehmer, seine "Erfindung" mit diesem PR-Mittel populär zu machen und mit sozialem Prestige aufzuladen. Schließlich war mit dem Phonographen noch keine kulturell legitime und gesellschaftlich verankerte Praktik verbunden, die dem neuen Objekt eine dauerhafte Nutzung und eine wirtschaftlich tragfähige Kommerzialisierung gesichert hätte.
Am 23. September war es so weit. Wangemann traf Wilhelm II., der sich vom Phonographen begeistert zeigte, sich den Apparat erläutern ließ und Tonaufnahmen anhörte. Allerdings wollte er sich nicht aufnehmen lassen, auch nicht beim zweiten Treffen am übernächsten Tag. Stattdessen zeichnete Wangemann die Stimme des 7-jährigen Kronprinzen Wilhelm, der das Lied Heil dir im Siegerkranz zum Besten gab, und die seiner jüngeren Brüder Eitel Friedrich und Adalbert auf jeweils einer Walze auf. Die Reproduktion des vom Kronprinzen intonierten Liedes hörte zwei Wochen später Bismarck, als ihn das Ehepaar Wangemann auf seinem Schloss in Friedrichsruh bei Hamburg besuchte. Nachdem Bismarck verschiedene Tonaufnahmen angehört hatte, sprach er selbst in den Aufnahmetrichter.
"Diese neue Erfindung des Herrn Edison ist in der Tat staunenswert"
Moltke hörte die Aufnahme von Bismarck am 21. und 22. Oktober. Das Ehepaar Wangemann befand sich auf der Reise nach Wien und legte bei Moltke einen Zwischenstopp ein. Moltke besprach mehrere Walzen. Unter anderem sprach er das neue Handlungspotenzial an, das mit der technischen Reproduktion von Schall verbunden war: "Diese neue Erfindung des Herrn Edison ist in der Tat staunenswert. Der Phonograph ermöglicht, dass ein Mann, der schon lange im Grabe ruht, noch einmal seine Stimme erhebt und die Gegenwart begrüßt."
Das Neue an Phonograph und Grammophon war, dass sie den flüchtigen Schall in eine materielle, dauerhafte und reproduzierbare Spur verwandelten. Dies bedeutete zugleich, dass der Schall in der technischen Reproduktion die Bindung an seinen Ursprung verlor: Der Apparat spaltet das gesprochene Wort vom Körper des Sprechers ab, die Musik aus einer Posaune vom Instrument und das Geklapper der Pferdehufe von den Pferden, dem Straßenpflaster und dem Stadtraum, in dem sich dies alles abspielt. Zeit und Raum wurden neu geordnet. Einige der Zeitgenossen, die die Spezifik der technischen Reproduktion von Schall zu bestimmen versuchten, verglichen den Phonographen und das Grammophon mit dem Planspiegel, dem Telefon, der optischen Linse oder dem mechanischen Musikapparat.
Der technischen Reproduktion von Schall wurde zugeschrieben, sie überwinde Raum und Zeit, die Zeit jedoch nur in Richtung Zukunft, da Aufnahmen von bereits vergangenen akustischen Ereignissen nicht möglich waren. Obschon die modernen Verkehrsmittel Eisenbahn und Automobil das Verhältnis von Raum und Zeit gleichfalls revolutionierten, erschien den Zeitgenossen der Phonograph und das Grammophon mehr als eine Art "Zeitmaschine", die einen zeitlosen Raum der Ewigkeit erzeugt. Dieser "Raum der Ewigkeit" sichert der von Moltke angeführten "Stimme aus dem Grab" ihre die Zeit überdauernde Aktualität, so wie allen anderen Stimmaufzeichnungen, die als historische Spur bis heute erhalten geblieben und für uns wie für zukünftige Generationen von Hörern gegenwärtig sind – zeitgemäß technisch "up to date" als MP3-Files im Internet zugänglich gemacht.
Der Weg in die Kommerzialisierung
Während Wangemann seine Reise fortsetzte und weitere Stimmporträts berühmter Personen sammelte, verkündete Berliner dem Auditorium im Berliner Postfuhramt, dass Edisons Phonograph technisch bereits am Ende sei, sein Grammophon hingegen noch ganz am Anfang der Entwicklung stehe. Er führte in seiner Betrachtung die von Költzow geschilderten Höreindrücke auf die unterschiedlichen technischen Bedingungen der beiden Apparate zurück.
Die Unterschiede in den technischen Funktionsprinzipien wie in der Form des Tonträgers hatten für die Nutzungskonzepte und die Vermarktungschancen der zwei Apparate weitreichende Folgen. Edison sah im Phonographen in erster Linie einen neuen Büroapparat, der in der Lage sein würde, im Verbund mit Telefon und Schreibmaschine die Kommunikation zu rationalisieren. Als sein Apparat in den USA erfolgreich als Münzphonograph vermarktet wurde, protestierte Edison dagegen; der Münzphonograph spielte, nachdem man Geld eingeworfen hatte, vorbespielte Tonwalzen ab, die mit Hilfe von Hörschläuchen angehört werden konnten. Berliner wiederum war der Ansicht, dass die Zukunft der Tonaufzeichnung im Unterhaltungsbereich liege. Deshalb sah er in der umständlichen und teuren Vervielfältigung der Tonwalzen den entscheidenden Schwachpunkt des Phonographen und verzichtete beim Grammophon auf die Funktion der Selbstaufnahme.
Wenngleich sich Berliners Standpunkt im Nachhinein als hellsichtig erwies, blieb aus Sicht seiner Zeitgenossen, die sich an der Kommerzialisierung der Apparate beteiligten, offen, welches der beiden Nutzungskonzepte sich zukünftig als marktfähig erweisen würde. Das Beispiel des Werkmeisters Költzow kann das Problem verdeutlichen. Költzow, seit besagter Monatssitzung des Elektrotechnischen Vereins enthusiastischer Protagonist der Tonaufzeichnung, experimentierte zunächst mit dem Grammophon, entschied sich letztlich jedoch für den Phonographen, weil er einem Gerät, das Schall sowohl aufnehmen als auch wieder abspielen konnte, bessere Marktchancen zuschrieb als einem bloßen Wiedergabeapparat. Also konstruierte er einen eigenen Phonographen und eröffnete 1890, wie er 1913 rückblickend berichtete, die "erste deutsche Phonographenfabrik in Berlin".
Die Zwei-Mann-Firma, zu der neben Költzow noch der Klavierspieler Bahre gehörte, kaufte von der Columbia Phonograph Company "Baby"-Apparate und versah diese mit einem Glasgehäuse und einer umlaufenden Halterung, an die ein Dutzend Hörschläuche angebracht wurden. Die so ausgestatteten Apparate wurden dann an Schausteller teuer weiterverkauft. Als Költzows und Bahres rechte Hand fungierte der Schlosser Paul Pfeiffer. Dieser gründete gemeinsam mit seinem Schwager, dem Mechaniker Carl Lindström, in den 1890er Jahren die Firma "Pfeiffer & Lindström, Mechanische Werkstatt für Neuheiten und Massenartikel jeder Art". Aus der Werkstatt ging 1908 die Lindström AG hervor, ein als Global Player auf dem Weltmarkt agierender Konzern.
Das enorme Wachstum der Phonoindustrie war eingelagert in den Kontext der zweiten Industriellen Revolution mit ihren Leitsektoren Elektrotechnik und Chemie. Seit den 1880er Jahre herrschte eine allgemeine Prosperitätsphase und die zunehmende Verbreitung der modernen Kommunikations- und Transportmittel sorgte für einen Globalisierungsschub. Der Aufstieg der Phonoindustrie vollzog sich in mehreren Ländern gleichzeitig, vor allem aber in den USA, in Frankreich, in England und in besonderem Maße in Deutschland. Denn die deutsche Phonoindustrie stieg als Teil der "New Economy" der Kaiserzeit vor 1914 zum Weltmarktführer und Exportweltmeister auf. Konzerne wie die Lindström AG und die Deutsche Grammophon-Gesellschaft unterhielten zahlreiche internationale Produktionsstätten und ein weltumspannendes Handelsnetz.
Berlin war die Hauptstadt der Phonoindustrie. Hier, im Exportviertel rund um die Ritterstraße hatte sich eine große Zahl an Betrieben angesiedelt oder eine Niederlassung eröffnet. Zudem bot die Musikkultur Berlins genügend Gelegenheiten für Tonaufnahmen – beispielsweise nahm die Deutsche Grammophon den Star-Tenor Enrico Caruso bei einem Gastaufenthalt auf – und die Berliner Bevölkerung eignete sich als Testmarkt für die neuen Produkte.
Der Phonograph spielte für das Wachstum der Phonobranche indes kaum eine Rolle. Zwar verbesserten technische Innovationen die Möglichkeit, Tonwalzen in industrieller Fertigungsweise zu vervielfältigen, und relativierten so den Vorteil der Schallplatte in diesem Punkt ein wenig. Jedoch glichen umgekehrt technische Verbesserungen, insbesondere die Verwendung von Schellack ab Oktober 1896, Schwächen der Schallplatte gegenüber der Tonwalze aus. Die Möglichkeit, Aufnahmen anzufertigen, blieb zwar weiterhin die Domäne des Phonographen. Jedoch machten die Konsumenten davon kaum Gebrauch, weshalb die technische Vorrichtung für die Selbstaufnahme schließlich nur noch auf Wunsch geliefert wurde.
Der Absatz des Phonographen ging nach 1900 kontinuierlich zurück. Die Lindström AG nahm ihn 1907 aus ihrem Angebot und Edison stellte die Herstellung 1913 ganz ein. Lediglich bei Diktierapparaten und anderen Spezialkonstruktionen wurde das System des Phonographen mit Selbstaufnahmemöglichkeit fortgeführt.
Neue Handlungsmöglichkeiten und der Zwang zur Perfektion
Die Ausbreitung und Etablierung der Phonoindustrie hatte massive Auswirkungen, und zwar vor allem auf die Musikkultur. Mit der Verbreitung der Schallplatte ließ sich die Popularität eines Komponisten, Sängers oder Musikers in bislang unbekannter Weise steigern und mit den Tantiemen aus dem Verkaufserlös eines "Schlagers" konnte man über Nacht reich werden. Zugleich hatten sich die Künstler den Bedingungen des Aufnahmeverfahrens im Tonstudio und dem Toningenieur als bestimmendem Akteur zu unterwerfen. Für die Künstler bedeutete die Tonaufnahme zunächst die Aneignung und Einübung von Disziplin und die Kontrolle ihrer Affekte. Die gewohnten wie spontanen Bewegungen des Körpers, die selbstverständlicher Teil des künstlerischen Ausdrucks waren, hatten meist Schwankungen in der Lautstärke zur Folge und in einigen Fällen beendeten ausufernde Armbewegungen vorzeitig die Aufnahme, weil dadurch die Aufnahmeapparatur in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Eine Aufnahme ließ sich weder wie der Film "schneiden" und neu montieren noch nachbearbeiten. Daher durften den Beteiligten über die gesamte Aufnahmedauer keine Fehler unterlaufen. Da man die unterschiedlichen Lautstärken und Dynamiken der Instrumente und des Gesangs nicht "aussteuern" konnte, mussten die Akteure je nach Klangintensität ihrer Instrumente in unterschiedlichen Abständen zum Aufnahmetrichter stehen; zugleich mussten sie alle möglichst nahe an diesen heranrücken, was zu äußerst gedrängten Anordnungen führte. Noch schwieriger wurde es für die Musiker, wenn die Anordnung, bedingt durch die vom Musikstück geforderte wechselnde Tondynamik, im Laufe der Aufnahme geändert werden musste.
Die Sängerin Frieda Hempel, von 1907 bis 1912 an der Berliner Hofoper engagiert, schilderte ihre Erlebnisse während ihrer allerersten, 1907 für die Odeon eingespielten Aufnahme. Als sie singen sollte, so Hempel, habe ihr jemand als Zeichen in den Rücken "geknufft" und wenn ihre Partitur kräftigere Töne verlangte, habe einer der Techniker sie am Rock gezogen, damit sie vom Aufnahmetrichter zurücktrat. Bei leiseren Tönen sei sie dann mit entsprechender Energie wieder an den Trichter herangeschoben worden: "Bei diesem handgreiflichen Verfahren die musikalische Kontinuität zu wahren, fiel nicht leicht. Die Aufnahmen mussten sehr oft wiederholt werden, weil die Stimme nicht gleichmäßig war. Und wenn eine Aufnahme wirklich glückte, dann zerbrach womöglich die Platte."
Ferner bedeutete die Tonaufzeichnung für die Künstler, dass sie nicht, wie im Konzert, für ein begrenztes und präsentes Publikum spielten. Der "ewig" auf dem Tonträger aufgezeichnete Schall richtete sich nunmehr an ein imaginäres Publikum, das für den Künstler örtlich und zeitlich entgrenzt, sozial indifferent und quantitativ unbestimmt erschien. Man sang, musizierte und rezitierte vor einem potenziell in die Zukunft kommender Generationen verlängerten Weltpublikum. Einer Mehrheit der Künstler schien dies nichts auszumachen, ein Teil reagierte jedoch mit einer "Trichterfurcht"; eine Furcht, die selbst bühnenerprobte und im Repertoire gefestigte Künstlerinnen und Künstler ereilte, sodass sie, als es darauf ankam, versagten. Toningenieure berichteten von Fällen, die an einen Blackout erinnern, einem durch Stresserfahrung blockierten Gedächtnis.
Das Spielen für die "Ewigkeit", gepaart mit der Unmöglichkeit, eine fehlerhafte Aufnahme wiederholen zu können, zwang zur künstlerischen Perfektion. Besonders eindrucksvoll schildert der Pianist Artur Schnabel 1932 sein Leiden während der Aufnahmen von Beethovens Sonaten in London. Für Schnabel war es das erste Mal, dass er Aufnahmen für Tonträger einspielte. Den "Verplattungsvorgang" hielt der Pianist für eine "Zerstörung durch Erhaltung". Was nicht sterben könne, habe nie gelebt, so Schnabel. Die Unvollkommenheit der vom Menschen erschaffenen Maschine tue dem Menschen Gewalt an, indem die "armselige Technik" ihn zwinge, fehlerfrei zu sein, was aber nicht gelingen könne. Schnabel schrieb, dass er sich nach den Aufnahmen nahe am Nervenzusammenbruch befunden habe. Ihn überfiel das Gefühl der Scham angesichts seiner menschlichen Leistung, die er gegenüber der unbedingten Perfektion, zu der ihn die Maschine zwang, nur noch als unzulänglich wahrnehmen konnte.
Der Hörer vor dem Trichter
Der Phonograph und das Grammophon veränderten nachhaltig die Möglichkeiten, Musik zu hören. Sie erlaubten das Hören in gänzlich neuen Bezugsverhältnissen und eröffneten damit Hörformen, die der konzertanten Aufführung verschlossen blieben. So ließ sich das Hören von Musik individualisieren und intensivieren; Musik wurde "näher" erlebt.
Phonograph und Grammophon nahmen den Schall nicht einfach auf und gaben ihn wieder, sondern formten die akustische Wirklichkeit um und ersetzten sie durch eine neue. In Frage gestellt wurden mit der reproduzierten akustischen Wirklichkeit die überkommenen Wahrnehmungsweisen. Was war eine angemessene Wahrnehmung? Nach welchen Maßstäben sollte der Sound aus dem Trichter beurteilt werden? Was ist ein schöner Ton? Zunächst wurde die Reproduktion nach dem Grad ihrer Übereinstimmung mit dem Original beurteilt. Aus diesem Blickwinkel versprachen Phonograph und Grammophon Wiedergabetreue im Sinne von Authentizität und Detailgenauigkeit. Doch ist dieses Ideal prinzipiell nicht erreichbar. Die Reproduktion repräsentiert das Original lediglich aufgrund der Ähnlichkeit, die sie mit ihm hat.
Zur "Treue zum Original" wurde um 1910 eine Gegenposition entworfen, deren Apologeten dafür eintraten, dass der "Phonographenton" als etwas Eigenständiges zu betrachten sei und nicht am Original gemessen werden dürfe. Vielmehr stünde er für sich und besitze das Potenzial zu einer eigenen Schönheit, die unter bestimmten Umständen sogar geeignet sei, diejenige des Originals zu übertreffen.
Was als "schön" empfunden werden konnte, hing nicht nur vom Klang der Apparate ab, sondern in hohem Maße auch vom Gebrauch, den der Hörer von seinen Sinnen machte. Besonders die Imagination beeinflusste das Hörerlebnis. So plädierte 1924 der österreichische Dramatiker und Journalist Rudolf Lothar in seiner Abhandlung Die Sprechmaschine dafür, dass der Hörer für die genussvolle Aneignung von Schallplattenmusik seine "Illusionskraft" ausbilden und nutzen solle. Mit dieser Kraft ließen sich die unerwünschten Nebengeräusche des Apparats unterdrücken und gleichzeitig das Gehörte mit den Genuss steigernden Vorstellungen, inneren Bildern und Phantasien anreichern. Lothar ebnete mit seinem Konzept der "Illusionskraft" – zumindest theoretisch – dem Bildungsbürgertum den Weg zur Schallplattenmusik, der es eher zurückhaltend bis ablehnend gegenüberstand.
Der Gebrauch der Sinne bildete nicht nur die Voraussetzung für die Aneignung von Schallplattenmusik, sondern konnte im Kontext des Habitus des Musikhörers auch als Ausdruck der musikalischen Bildung und sozialen Distinktion gelesen werden. Vor allem der Blick des Hörers galt als ein Indikator für die Zugangsweise zur Musik: Der musikalisch ungebildete Hörer bevorzuge Apparate mit großem Schalltrichter, den er mit dem Besitzerstolz des "kleinen Mannes" anstarre, während man den kunstsinnig genießenden Musikkenner daran erkenne, dass er den Blick zum Apparat vermeide, womöglich sogar wie im Konzert zur Intensivierung des Erlebnisses die Augen schließe und Apparate bevorzuge, die sich als Möbel visuell in den Stil der Wohnungseinrichtung einfügten, ohne ihren eigentlichen Zweck preiszugeben. Insbesondere die sogenannten trichterlosen Apparate mit einer im Gehäuse integrierten Schallführung kamen dem Bedürfnis nach der Unsichtbarkeit der Schallquelle entgegen.
Rationalisieren, Analysieren, Archivieren, Lernen
Die mit dem Phonograph und dem Grammophon verbundenen Aneignungs- sowie Umgangsweisen erstreckten sich nicht allein auf den Zweck der Unterhaltung. Parallel hatten sich eine Vielzahl weiterer Nutzungen unterschiedlichster Art in verschiedenen Bereichen des Arbeitslebens, der Wissenschaft und der Bildung herausgebildet. Im Arbeitsleben wurde der Phonograph als Diktierapparat eingesetzt, in Parlamenten zur Aufzeichnung und Transkription von Reden, in Unternehmen und von Selbstständigen zur Flexibilisierung und Rationalisierung von Schreibarbeit. In den Fabriken diente Grammophonmusik zum Eintakten zumeist eintöniger Arbeiten sowie zur Zerstreuung der Arbeiter und Angestellten.
In den Wissenschaften verwendeten Forscher den Phonographen als ein neues Medium zur Fixierung akustischer Phänomene, die sich mithilfe der Apparatur mit neuen Methoden eingehend analysieren ließen. Die Forschungen in der vergleichenden Musikwissenschaft basierten auf dem Phonographen, der die Möglichkeit zu neuartigen ethnologischen Studien bot. Die Tonwalze als neue Quellengattung gestattete das Sammeln und Archivieren akustischen Materials; die Notwendigkeit dazu begründeten Vertreter der Volkskunde beispielsweise mit dem Hinweis auf das drohende Verschwinden ursprünglicher kultureller Ausdrucksformen. Sie argumentierten kulturpolitisch, dass gerettet werden müsse, "was zu retten ist", bevor der unaufhaltsame technische Fortschritt weltweit die egalitäre westliche Zivilisation verbreitet und alle regionalen Eigentümlichkeiten hinweggefegt habe.
Sprachwissenschaftler hofften indes, mit dem Phonographen auf das generative Prinzip der Sprache zu stoßen; Ärzte nahmen Körpergeräusche zu Schulungszwecken auf. Zahnärzte wiederum boten ihren Patienten an, sie mit Musikbegleitung vom Grammophon zu behandeln, da dies die Schmerzwahrnehmung reduziere.
Im Bildungsbereich dienten Sprachschallplatten zur Schulung der richtigen Aussprache beim Erwerb von Fremdsprachen; Musik- und Gesangslehrer nutzten Phonograph und Grammophon, um ihre Schüler besser auf Fehler aufmerksam machen zu können oder um ihnen Beispiele vorbildhafter Musik vorzuspielen.
In der Ausbildung von Stenotypistinnen diente Grammophonmusik als Taktgeber für das Tippen. In den frühen Kinos setzte man besonders laut spielende "Starktonapparate" zur Pausengestaltung, Vertonung oder akustischen Begleitung der Filmvorführungen ein. Und im Berliner Öffentlichen Nahverkehr dachte man darüber nach, ob nicht ein Phonograph die Ansagen des Schaffners übernehmen könne.
Vom ersten funktionstüchtigen Phonographen von 1877 und den darauf folgenden Objekten zur technischen Reproduktion von Schall, von ihrer industriellen Herstellung wie ihrer massenhaften Aneignung und ihrem Gebrauch sind tief greifende und alltagsbezogene Veränderungen ausgegangen. Die Fähigkeit, Schall aufzeichnen und wiedergeben zu können, ist seither auf immer neue Objektgenerationen übergegangen – bis zu den heutigen digitalen Abspielgeräten. Die Geschichte dieser Objekte der "industriellen Massenkultur" (Wolfgang Ruppert) verdeutlicht, wie sich an ihnen Prozesse der Produktion, der Nutzung und der Sinngebung festmachen, die in neue Lebensweisen und Lebenswelten münden.
2. Antiphon und Ohropax. Die Erfindung der Stille.
Immer dringender wurden zur Jahrhundertwende in den Großstädten wirksame Strategien zur Eindämmung des Lärms gesucht. Der Spielraum dafür erwies sich allerdings schon bald als ziemlich beschränkt, wie der Berliner Stadtbauinspektor Georg Pinkenburg in einer Studie unmissverständlich feststellte. Insbesondere den Straßenlärm konnte man seiner Meinung nach bestenfalls verringern, keinesfalls aber völlig beseitigen. Und auch die oberste Gesundheitsbehörde in Wien, das Stadtphysikat, prognostizierte, dass "dessen erfolgreiche Bekämpfung in Großstädten wohl für lange Zeit nur ein frommer Wunsch bleiben dürfte". Was blieb, waren individuelle Schutzvorrichtungen, Ohrstöpsel, mit denen man sich zu jeder Zeit und an jedem Ort vom Lärm der Außenwelt abzuschotten suchte.
Im Jahr 1885 kam das Antiphon auf den Markt, eine kleine Kugel mit Bügel, die man im Ohr applizierte. Sein Erfinder, der deutsche Hauptmann a. D. Maximilian Pleßner, pries es in einer Werbebroschüre, die er "allen Leidensgenossen" widmete, als "Apparat zum Unhörbarmachen von Tönen und Geräuschen". Als überzeugter Angehöriger des bürgerlichen Standes gelte es, so Pleßner recht arrogant, aufzutreten gegen die akustische "Misshandlung der Gebildeten durch die Ungebildeten, der Gesitteten durch die Rohen, der Erwachsenen durch die Unmündigen, der der Gesamtheit Nützlichsten durch die der Menschheit Entbehrlichsten". Mit Antiphon lege er eine Erfindung vor, mittels derer "jedermann in den Stand gesetzt wird, böswillig oder unabsichtlich erzeugte akustische Unflätereien sich vom Leibe zu halten".
Pleßner hatte erkannt, dass vor allem die Bewohner der Städte zunehmend das Bedürfnis verspürten, sich gegen die zahlreichen "akustischen Projektile" auf den Straßen zu wehren, sich vor "akustischem Schmutz" zu schützen und "inmitten von Geräuschen Stille um sich herum zu schaffen". Die aus Metall oder Hartgummi bestehende Kugel des Antiphons schloss den Gehörgang luftdicht ab und konnte mit dem Bügel in der Ohrmuschel befestigt werden. Zur Optimierung der Passform wurden unterschiedliche Größen und Längen angeboten. Mit einem im Bügel befindlichen Loch konnte ein Antiphonpaar mit einem Karabinerhaken an einer Uhrkette befestigt und so stets bereitgehalten werden. Mit einer Uhr wurde auch der richtige Sitz des Antiphons kontrolliert. Perfekt saß es, wenn das Ticken einer an das Ohr gehaltenen – aber nicht angedrückten! – Taschenuhr nicht mehr zu hören war.
Nach dem Willen von Pleßner sollte das neue Instrument vor allem helfen, die Nachtruhe wiederzuerlangen, etwa als Mittel gegen Schnarchgeräusche. Daneben sollte es den oft unzumutbaren Lärm auf Reisen oder die durch Musikinstrumente oder Schießübungen verursachten Belästigungen vermindern. Zudem sah er es als ideales Hilfsmittel für Schmiede, Böttcher oder Arbeiter in Maschinenfabriken, die alle einer ohrenbetäubenden Tätigkeit nachgingen.
Nervenschonend und zudem relativ kostengünstig fand das Antiphon viele Interessenten. Besonders für nervöse Menschen gehörte es, wie der bekannte Wiener Schriftsteller Peter Altenberg rückblickend bemerkte, schon bald zu den unentbehrlichen Dingen. Die Handhabung des neuartigen "Schalldämpfers" erwies sich jedoch als zu umständlich. Seine Fixierung erzeugte unangenehme Druckgefühle oder misslang. Vor allem in der Nacht fiel das Antiphon häufig heraus, was auch Altenberg erlebte. Auch andere stellten fest, dass es bestenfalls im Sitzen oder auf dem Rücken liegend zu gebrauchen sei.
Die Alternative
Eine neue Erfindung versprach Abhilfe: Ohropax, das der erfinderische Berliner Apotheker Maximilian Negwer im Jahr 1907 der Öffentlichkeit vorstellte. Negwer war 1900 aus Schlesien in die deutsche Hauptstadt zugewandert, wo er ein Jahr später eine Apotheke eröffnete. Hier bot er neben dem üblichen Sortiment auch Eigenkreationen an, wie das Fleckenwasser Helgalin oder spezielle Hustenbonbons. Auf der Suche nach neuen Produkten stieß er auf das Thema Lärmschutz – eine Marktlücke, wie er sogleich erkannte. Die zündende Idee entdeckte er, angeblich auf Anregung von Freunden, in der griechischen Mythologie: Wie Homer in der Odyssee berichtet, verschließt Odysseus die Ohren seiner Gefährten mit Wachs, damit sie dem so betörenden wie gefährlichen Gesang der Sirenen widerstehen können.
Negwer unternahm zunächst Versuche mit Bienenwachs, musste jedoch feststellen, dass das Material schnell ranzig und bröckelig wurde und überdies Hautreizungen hervorrief. Nach jahrelangem Experimentieren fand er schließlich die Lösung: in einer Mischung aus Vaseline und Paraffinwachs getränkte Baumwollwatte. Negwers geschmeidige Kügelchen waren leichter zu handhaben als das Antiphon und zudem wirksamer. Sie passten sich jedem Gehörgang an, erzeugten kein Druckgefühl, hielten in jeder Lage, waren hautverträglich und ließen sich rückstandsfrei wieder herausnehmen.
Wenngleich in jenen Jahren auch andere mit Wachs-Baumwoll-Mischungen experimentierten, sollte sich Negwers Erfindung durchsetzen. Er gab seine Apotheke auf und gründete im Herbst 1907 in Berlin-Schöneberg die "Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten Max Negwer". Hier erzeugte er fortan neben diversen Salben, Tinkturen und Riechsäckchen die neuartigen "Ohropax Geräuscheschützer". Im Herbst des Folgejahres erhielten sie ihre berühmt gewordene Verpackung: kleine gelbe Blechdosen. Zu kaufen gab es sie bestückt mit sechs Paar Wachskugeln zum Preis von einer Mark. Die Ohrstöpsel etablierten sich auf dem Markt und als im Ersten Weltkrieg auch die Soldaten damit ausgestattet wurden, war dies der Durchbruch.
Zu den ersten Anhängern des Produkts gehörte erneut Peter Altenberg. Nach seinen unglücklichen Erfahrungen mit dem Antiphon jubelte er nun: "Vor drei Jahren brachte der Apotheker Max Negwer in Berlin die absolut idealen Ohr-Verschlüsse, Geräusche-Schutz, Ohropax, Ohr-Friede, in den Handel. Es waren knetbare Wachs-Watte-Kugeln. Man schlief damit sogar fest, wenn vor dem natürlich offenen Fenster ein Kutscher seine Pferde eindringlich und mit belebenden Worten ersuchte, sich in Trab zu setzen, wozu sie momentan freilich nicht ganz in Stimmung waren." Der expressionistische Dramatiker Carl Sternheim verwendete die Wachskugeln vor allem zur sozialen Abschottung: "Sie […] werden gruppenhafter immer urteilsloser, schwatzen Rundfunk, Grammophon und Phonola, für alle misera plebs selbstverständlich. Ich trage im Umgang mit ihnen Ohropax."
Auch Franz Kafka gehörte zu den vorbehaltlosen Anhängern des neuen Wundermittels. In seinen Briefen kam er gleich mehrmals darauf zu sprechen. "Für den Tageslärm habe ich mir aus Berlin […] eine Hilfe kommen lassen, Ohropax, eine Art Wachs von Watte umwickelt. Es ist zwar ein wenig schmierig, auch ist es lästig, sich schon bei Lebzeiten die Ohren zu verstopfen, es hält den Lärm auch nicht ab, sondern dämpft ihn bloß – immerhin", teilte er Felice Bauer im Juni 1915 mit. Und Jahre später gestand er verzweifelt ein: "Ohne Ohropax bei Tag und Nacht ginge es gar nicht."
Ohropax in der Literatur
Neben den Zeugnissen von Altenberg, Sternheim und Kafka sind zahlreiche weitere Belege für die (gelegentlich auch metaphorische) Verwendung von Ohropax überliefert. So griff etwa Arno Schmidt, der Eigenbrötler aus Bargfeld, in seinen Großbritannischen Gemütsergetzungen direkt auf den griechischen Mythos zurück: " 'Ohropax' war doch schon zu Homer’s Zeiten keine Schande. – (zitierend): 'Aber ich selbst nahm itzo die mächtige Scheibe des Wachses; / schnitt mit dem Erze sie klein, und drückt’ in nervigen Händen // drauf, in der Reih’ umgehend, / verklebt’ ich die Ohren der Freunde.' " Der überzeugte Atheist kreierte auch den seither oft zitierten Spottvers "Ohropax vobiscum".
Der Protagonist in Alois Brandstetters 1977 erschienenem Roman Die Abteibesucht zwar den Gottesdienst, aber er schützt sich dabei mit Ohropax, "denn das Ohr wird ja nicht nur durch diese laschen und schwachen, wenn auch leider elektronisch verstärkten Predigten, durch das dröhnende Beiseitesprechen, sondern auch durch die traurige Musik und überhaupt durch die bescheidenen Worte dieser sogenannten Wortgottesdienste beleidigt, schwer beleidigt".
Als unverzichtbare Hilfe bei schwerer körperlicher Arbeit erwähnt Heinar Kipphardt in seinem ein Jahr früher erschienenen Roman März die Kugeln: "Schutzbrille, Schutzhelm, Ohropax. Rata rata ratata, schon sind die Hände umrändert, gehen am Faden die Gliedmaßen. Band, Kantine und Band, Abort, Kantine und Band." Der Grafiker und Karikaturist George Grosz kalauert in einem Brief: "Ohren sind zugestoppopft mit Ohropax." Oropax oder Friede den Ohrenist der Titel eines 1971 gesendeten Hörspiels von Peter Turrini und "Ohropax" lautet der Spitzname eines Protagonisten in Theodor Weißenborns 1992 erschienenem Roman Hieronymus im Gehäus: "Dem Ohropax sind in der Nacht alle Hunde verbrannt bei lebendigem Leib und man weiß nicht, was die Ursache des Feuers gewesen."
Ohne Ohropax kein Roman – Besuch bei Walter Kempowski, lautete die Überschrift eines Artikels vom 8. Juli 1972 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Ob in Alkor ("Im Großraumwagen zwei überlaut sprechende Proleten (trotz Ohropax jedes Wort zu verstehen)"), in Sirius ("Ohropax, das ist ein Walkman in pianissimo"), in der Episode Mark und Bein oder in dem Roman Hundstage – die Wachskügelchen hat Kempowski ständig zur Hand, wenngleich er sie gelegentlich mit einer gewissen Skepsis betrachtet: "Das einzige, was mich von Ohropax abhalten könnte, ist der Fußpilz: Harry W. hat erzählt, dass er sich durch Ohropax Fußpilz in die Ohren verpflanzt hat, die Behandlung sei sehr schmerzhaft."
"Das Volk soll immer schön Ohr sein!"
Als Peter Rühmkorf im September 1989 durch die DDR tourte, wollte er unterwegs die gewohnten Utensilien erwerben, aber offenbar fand er keine. So zog er in seinen Tagebüchern 1989 – 1991 unter dem Eindruck, dass "es in diesem lärmintensiven Land kein Ohropax zu kaufen gibt", folgende Schlussfolgerung: "Man kommt dabei immer gleich auf schlechte Gedanken und vermutet Absicht hinter der Mangelerscheinung. Z. B. das Volk soll immer hübsch Ohr sein und sich bei zahlreich verfügten Sammel-, Demonstrations- und Ergebenheitsappellen nicht einfach nach innen abwenden dürfen."
Doch auch in der DDR war der Negwer’sche Ohrenschutz erhältlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Firma geteilt: In Ostdeutschland wurden die Wachskugeln (übrigens im gleichen Design verpackt) in einem volkseigenen Betrieb im thüringischen Königsee (Kreis Schwarza) hergestellt. Deshalb war es auch keine Anspielung auf die BRD, als Joachim Seyppel in seinem Roman Die Wohnmaschine über einen berühmten Kollegen spottete: "Es spricht der Dichter Peter Hax: / Beim Dichten nimmt man Ohropax!"
"Ein königreich für ein ohropax!", proklamierte – in aufrührerischer Kleinschreibung – H. C. Artmann und der Reiseschriftsteller Rudolf Walter Leonhardt (Xmal Deutschland) empfahl ganz allgemein: "Wer nach Deutschland reisen will, versorge sich mit Ohropax." Nino Erné hingegen hielt die "Knöpfe vom Walky Talky" (er meinte vermutlich einen Walkman) für das "Ohropax der jüngsten Generation" (Alter Mann in Manhattan).
Bei Peter Handke dominiert die auch durch Ohrenstöpsel nicht zu lindernde Verzweiflung: "Wie […] halten die anderen den Weltlärm aus? […] Nehmen sie […] Ohropax? Das ist ja auch nicht gut. Man muss sich selber atmen spüren, ein bisschen den Wind hören, das ist wunderbar fürs Schreiben, wenn ich da […] aufschaue, das geht in die Sätze ein, was da durchweht."
Klagen gegen Ohropax – wegen Lärmbelästigung
Genaue Absatzzahlen für die erste Phase der Produkteinführung sind nicht überliefert, die Firma Ohropax expandierte allerdings und verlegte 1924 ihren Standort nach Potsdam. Firmeninterne Schätzungen für die 1930er Jahre gehen von einer jährlichen Produktion von 200.000 bis 300.000 Zwölferdosen aus. Der in der BRD gebliebene Zweig des Unternehmens siedelte zunächst nach Frankfurt am Main und 1951 nach Bad Homburg um. Bis 1990 rollte man die bis in die 1980er Jahre in Blechdosen angebotenen, dann in Dosen aus Plastik verpackten Wachskugeln mit der Hand, seither werden sie vollautomatisch auf zwei computergestützten High-Tech-Fertigungsstraßen hergestellt. Die neue Produktionsweise trug dem Unternehmen allerdings prompt Klagen von Anwohnern wegen der erheblich gestiegenen Lärmbelästigung ein. So siedelte der Familienbetrieb, der heute vom Enkel des Gründers geleitet wird, mit seinen 30 Mitarbeitern in die wenige Kilometer entfernt liegende Gemeinde Wehrheim um. Die jährliche Produktionsmenge beträgt heute rund 30 Mio. Wachskugeln. Tendenz steigend.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Gauß, Stefan: Der Sound aus dem Trichter. Kulturgeschichte des Phonographen und des Grammophons, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 05.07.2016 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209556/der-sound-aus-dem-trichter/, zuletzt geprüft am 30.08.2026.
-> Payer, Peter u. Schock, Ralph: Antiphon und Ohropax. Die Erfindung der Stille, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 05.07.2016 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209560/antiphon-und-ohropax/, zuletzt geprüft am 30.08.2026.
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Sekundärliteratur
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![[Skizze des Reis-Telephons, 1863] [Skizze des Reis-Telephons, 1863]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/reis_telefon.jpg)
![[Wandtelefon mit Dosenfernhörer, um 1895] [Wandtelefon mit Dosenfernhörer, um 1895]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/ak601033.jpg)
![[Technik: Tischtelephon "OB 05", um 1905] [Technik: Tischtelephon "OB 05", um 1905]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/neg00024.jpg)
![[Telefon, um 1930] [Telefon, um 1930]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/rb001623.jpg)




