Vormärz
- Kunst und Kultur des Vormärz
- Politik des Vormärz
- Gesellschaft des Vormärz
- Bürokratisierung und Staatsbildung
Kunst und Kultur des Vormärz
Inhaltsverzeichnis
- Brüder Grimm. Märchen über Märchen.
- Der deutsche Michel - ein invektives Autostereotyp
1. Brüder Grimm. Märchen über Märchen.
Die Brüder Grimm haben lange verheimlicht, wer ihnen ihre Geschichten zugetragen hat. Denn nicht alte Bäuerinnen erzählten die angeblichen Volksmärchen.
Die Brüder Grimm haben ihre Leser von Anfang an bewusst auf eine falsche Spur gesetzt. Sie haben dabei nicht getäuscht oder gar gelogen, aber sie haben versucht, den Anschein zu erwecken, dass die Märchenaus dem "einfachen Volk" stammen. In der Vorrede zum ersten Band der Kinder- und Hausmärchen schreiben sie: "Alles ist [...] nur in Hessen und den Main- und Kinziggegenden, in der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, nach mündlicher Überlieferung gesammelt." Diese Formulierung erweckt den Eindruck – und das sollte sie auch! –, als seien die Brüder Grimm Märchen sammelnd in ihrer Heimat umhergezogen. Das ist nachweislich nicht wahr.
Jacob und Wilhelm Grimm haben sich so gut wie alle Märchen in ihrer Kasseler Wohnung erzählen lassen. Aus eigenen Jugenderinnerungen konnten weder sie noch ihre Geschwister auch nur ein einziges zur Sammlung beisteuern. Darum schreiben sie auch nicht in der Vorrede, wir haben gesammelt, sondern "ist gesammelt". Die eigentlichen Märchenerzähler sollten anonym bleiben. Ganz im Geist der Romantikwollten die Grimms den Eindruck erwecken, ihre Märchen seien Produkte des Volkes und kollektiv überliefert. Einen einzelnen Erzähler wollten sie deshalb gar nicht erst namentlich nennen. Auch zur Herkunft der Texte machen Jacob und Wilhelm Grimm nur vage Angaben: "aus Hessen", heißt es in den Anmerkungen der Kinder- und Hausmärchen sehr allgemein oder: "aus den Maingegenden".
Im zweiten Band von 1815 wichen die Grimms davon ab. In der Vorrede stellen sie nun eine ihrer Zuträgerinnen ausführlich vor: Dorothea Viehmann (1755–1815). Ein Bildnis von ihr schmückt das Frontispiz des Buches, aber kein einziges Märchen wird ihr direkt zugewiesen. Warum nicht? Und warum haben umgekehrt die Zuträgerinnen die Zuarbeit verschwiegen? Warum haben Dorothea Viehmann, Annette und Jenny von Droste-Hülshoff, die drei Schwestern Hassenpflug und die anderen rund 20 Geschichtenzuträger, die den Grimms die meisten und wichtigsten Märchen erzählt haben, ihre Identität nicht preisgegeben? Ganz genau wissen wir das nicht. Vielleicht waren sie von den Brüdern Grimm dazu aufgefordert worden, vielleicht genierten sich die seinerzeit meist noch jungen Mädchen, die den Grimms ihre Geschichten erzählten, später, vor allem nach ihrer Heirat, sich mit solchem "Kinderkram" wie Märchenerzählen abgegeben zu haben.
Erst nach und nach fand man heraus, wer diese Beiträger gewesen sind. Fast 100 Jahre lang hatte sich die gesamte Grimm-Forschung in die Irre führen lassen. Die Identität der meisten Geschichtenerzähler konnte erst in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts aufgedeckt werden.
Das hatte mehrere Ursachen. 1895 wertete Herman Grimm, der Sohn Wilhelms, jenes Handexemplar aus, in das sein Vater die Namen der Beiträger zu ihren jeweiligen Texten geschrieben hatte. Unter vielen der wichtigsten Märchen stand der Name Marie. Herman Grimm bezog diesen Namen aber fälschlicherweise auf eine alte hessische Kinderfrau, die in der Apotheke der Familie Wild gearbeitet hatte, aus der auch Wilhelms spätere Frau Dorothea Wild stammte. Geboren wurde die Kinderfrau Marie im Jahr 1749. Tatsächlich aber bezog sich der im Handexemplar notierte Name Marie auf die junge Marie Hassenpflug, die 1788 geboren wurde. Die Hassenpflugs, eine in Hanau ansässige großbürgerliche, hugenottische Emigrantenfamilie, standen in enger Verbindung zu den Grimms. Der einzige Sohn der Familie, Ludwig, heiratete später Lotte Grimm, die Schwester von Jacob und Wilhelm. Marie Hassenpflug wuchs wie die Grimms in Hanau auf, und die Familie zog – ebenso wie die Grimms – dann nach Kassel. Dort lernte Marie Hassenpflug die Brüder Grimm 1808 kennen.
Infolge der irrigen Zuweisung durch Herman Grimm schlossen spätere Märchenforscher sogar, dass auch die Märchen, die den Grimms von den Töchtern aus der Wildschen Apotheke, nämlich Gretchen, Dorothea, Lisette und Marie-Elisabeth, übermittelt worden waren, letztlich auf deren Kinderfrau, eben die "Alte Marie", zurückgehen – was aber nicht stimmte.
So wurden bis 1975 etwa zwei Drittel der 1812 veröffentlichten Märchen dieser einfachen Kinderfrau Marie zugeschrieben. Dabei übersah man vor allem, dass die Themen der Märchen eher einer jungen Frau entsprachen – einer wie Marie Hassenpflug.
Ausgerechnet die französische Kultur beeinflusste die Grimmschen Märchen
Dass die hochgebildete Marie Hassenpflug über ein anderes Märchenrepertoire verfügte als die unbelesene, alte hessische Kinderfrau, erscheint logisch. Vor allem aber hatte eine in besten städtischen Verhältnissen aufwachsende Dame eine Vorliebe für einen bestimmten Typ von Märchen: jenen nämlich, der ihrer Lebenserfahrung und ihren Lebensumständen entspricht.
Als die Forschung die junge Marie Hassenpflug und ihre beiden Schwestern Amalie und Jeanette als wichtigste Märchenbeiträgerinnen identifiziert hatte, stellte sich heraus, dass ihre Herkunft mütterlicherseits auf hugenottische Flüchtlinge aus dem Dauphiné zurückgeht. Die Schlüsselfigur innerhalb dieser französisch geprägten familiären Märchenkultur war die Urgroßmutter der Schwestern Hassenpflug. Sie hieß Marie Madeleine Debély (1713–1791), stammte aus dem Schweizer Jura, war nach Hanau gezogen und hatte dort den aus dem Dauphiné nach Hessen geflohenen Pfarrer Etienne Droume (1695–1751) geheiratet. Ihre mit einem Offizier namens Dresen verheiratete Tochter starb jung, sodass ihre Enkelin Marie Magdalene Dresen vom vierten Lebensjahr an in ihre Obhut kam und im französischsprachigen Haushalt kein deutsches Wort mehr sprechen durfte. Die derart ganz und gar französisch geprägte Marie heiratete den späteren Kasseler Regierungspräsidenten Johannes Hassenpflug und wurde die Mutter der drei märchenerzählenden Töchter. Was Wunder also, dass deren Repertoire sich zum größten Teil aus der reichen französischen Märchentradition des 17. und 18. Jahrhunderts speiste. Und dass sich in ihren Erzählungen viele Passagen finden, die wörtlich mit ganzen Abschnitten aus der Märchensammlung Contes de Fées von Charles Perrault übereinstimmen.
Doch nicht nur diese Entdeckungen machten spät deutlich, wie sehr die Grimmschen Märchen durch die französische Erzähltradition beeinflusst sind. Selbst Dorothea Viehmann, die noch in der Vorrede von 1814 als "ächt hessische" Bäuerin charakterisiert ist, wurde später als Abkömmling hugenottischer Einwanderer namens Pierson identifiziert. Unter ihren Ahnen befinden sich nicht weniger als fünf aus Frankreich stammende Hugenotten. Es ist anzunehmen, dass Jacob und Wilhelm Grimm das wussten und dass sie es absichtlich verschwiegen haben. Sie wollten die nationale Idee ihrer Märchensammlung auf gar keinen Fall durch fremde Einflüsse verwässert sehen. Sie wollten deutsche Märchen sammeln, nicht französische!
Dorothea Viehmann schien auf den ersten Blick die ideale Märchenerzählerin nach Grimmschem Gusto abzugeben. Sie sollte von den Lesern stellvertretend für die drei Dutzend Märchenbeiträger, die den Grimms Geschichten erzählten, wahrgenommen werden. Auch das von Ludwig Emil Grimm gezeichnete Porträt mit der Unterschrift "Märchenfrau" war mit genau dieser Intention abgedruckt worden. Seit 1819 fand es sich auf dem Innentitel jeder Auflage an der Stelle, wo sonst das Porträt des Buchautors platziert wurde.
Wilhelm Grimm schrieb über Dorothea Viehmann: "Einer jener guten Zufälle aber war die Bekanntschaft mit einer Bäuerin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn, durch welche wir einen ansehnlichen Theil der hier mitgetheilten, darum ächt hessischen Märchen [...] haben. Diese Frau, noch rüstig und nicht viel über fünfzig Jahr alt, heißt Viehmännin [...] und ist wahrscheinlich in ihrer Jugend schön gewesen. Sie bewahrt diese alten Sagen fest in dem Gedächtniß [...], dabei erzählt sie bedächtig, sicher und ungemein lebendig mit eigenem Wohlgefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man will, noch einmal langsamer, so daß man ihr mit einiger Uebung nachschreiben kann. Manches ist auf diese Weise wörtlich beibehalten." Der letzte Satz belegt, dass die Grimms die Erzählungen ihrer Beiträger nicht unverändert übernommen haben. Sie haben in die Texte eingegriffen. Denn wenn vom Wortlaut der Märchen dieser Ausnahmeerzählerin nur "manches wörtlich beibehalten" ist, dann heißt das im Umkehrschluss, dass vieles nicht wörtlich übernommen worden ist – sowohl in den Geschichten von Dorothea Viehmann als auch in denen der anderen Beiträger. Doch nicht die Zahl der Texteingriffe wollte Wilhelm mit seiner Beschreibung thematisieren, sein Fokus lag auf der Beschreibung dieser idealen Märchenerzählerin: auf "Bäuerin", "Dorf", "ächt hessisch", "alt", "Gedächtniß". Und das stimmt fast alles so nicht mit der Wirklichkeit überein.
Die Behauptung, das gesamte Repertoire der Viehmann (immerhin an die 40 Texte) verdanke sich ausschließlich hessischer Tradition, haben die Grimms schon in der zweiten Auflage stillschweigend aus ihrer Vorrede gestrichen. Auch die Bezeichnung "Bäuerin" ist nicht korrekt. Zwar verkaufte Dorothea Viehmann in Kassel Gemüse und Kräuter aus ihrem kleinen Garten, aber sie war seit 1777 mit einem Schneidermeister verheiratet, nicht mit einem Bauern. Zwar lebte sie tatsächlich in dem Dorf Niederzwehren, doch hatte sie ihr Märchenrepertoire in der Jugend erworben, die sie in der Gastwirtschaft ihres Vaters, der Knallhütte im heutigen Baunatal, verbracht hatte. Dort hatte sie als Wirtstochter mehr Umgang mit städtischen als mit dörflichen Gästen. Demzufolge dürfte sich ein Teil ihrer Märchen den Erzählungen eines in der Knallhütte verkehrenden Publikums verdanken: also Kauf- und Geschäftsleuten, Fuhrknechten und Soldaten. Auch "alt" ist ein relativer Begriff, denn mit 57 Jahren war sie jedenfalls noch nicht so alt, wie man sich gemeinhin Märchen erzählende Großmütter vorstellt.
Was also von der Grimmschen Charakterisierung bleibt, ist Dorothea Viehmanns wohl in der Tat phänomenales Gedächtnis. Das belegt ein nicht für die Öffentlichkeit bestimmter Brief Wilhelms an seinen Bruder Ferdinand. Darin ist bezeichnenderweise keine Rede von "ächt hessisch" oder "Bäuerin", stattdessen wird sie beschrieben als "eine alte Frau, die uns Ramus zugewiesen haben, aus Zwern, die unglaublich viel weiß und sehr gut erzählt [...]. Sie kommt fast alle Wochen einmal [...]. Die Frau kriegt jedesmal ihren Kaffee, ein Glas Wein und Geld obendrein, sie weiß es aber auch nicht genug zu rühmen und erzählt dann bei Ramus, was ihr all für Ehre widerfahren sey, und sie habe ihr silbern Löffelchen beim Caffee so gut" wie jeder andere Gast bekommen. Das "silbern Löffelchen" scheint Dorothea Viehmann als vorübergehend verliehenes Statussymbol wichtiger gewesen zu sein als das kleine Honorar, das sie erhielt. Es ist rührend, wie sie im allerletzten der von ihr beigetragenen Märchen (Der Teufel und seine Großmutter) zweimal dezidiert von einem "silbernen Löffel" erzählt.
"Der gestiefelte Kater" und "Blaubart" waren nicht deutsch genug
Die meisten ihrer Beiträge finden sich im zweiten Band der ersten Ausgabe, der 1815 erschienen ist, denn die Brüder Grimm haben Dorothea Viehmann erst 1813, also nach Erscheinen des ersten Märchenbandes, kennengelernt. Für die Zweitauflage von 1819 tauschten Jacob und Wilhelm dann aber einige Märchen aus dem ersten Band ganz oder abschnittsweise gegen Viehmannsche Varianten aus: Diese Versionen erschienen ihnen nun endlich "ächt hessisch". Dagegen verdächtigten sie jetzt die Schwestern Hassenpflug, auf die wichtige Texte im ersten Band zurückgehen, französische Geschichten in die angeblich hessische oder jedenfalls deutsche Märchensammlung eingeschmuggelt zu haben. Angesichts des hugenottischen Einflusses auf das Viehmannsche Repertoire hieß das jedoch, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Trotzdem eliminierten die Grimms einige herrliche Geschichten der Schwestern Hassenpflug wie Der gestiefelte Kater oder Blaubart nach ihrem Erscheinen in der Erstauflage für immer aus der Sammlung, mit der Begründung: "Es ist noch einmal geprüft, was verdächtig schien, d. h. was etwa hätte fremden Ursprungs [...] seyn können, und dann alle ausgeschieden" (Vorrede von 1819).
Sicher auf hessischem Boden wähnten sich die Grimms bei ihrer frühen Beiträgerin Friederike Mannel, die bei Treysa in der Schwalm im weltabgelegenen Pfarr- und Lehrerhaus ihres Vaters aufwuchs. In ihr hat auch die auf Hessen fixierte Grimm- und Märchenforschung eine der letzten Bastionen gegen die Entdeckung des französischen Einflusses gesehen. Friederike Mannel (geboren 1783) schien eine ideale, wenn auch ein wenig zu junge Beiträgerin vom Lande ohne einen einzigen hugenottischen Vorfahren zu sein. Dabei wurde ignoriert, dass Friederike Mannels Vater als Pfarrer und Lehrer Kinder aus dem Hugenottendorf Gethsemane betreute, und da Friederike Mannel zuweilen schreibt, dass sie manche Erzählung den Schulkindern ihres Vaters verdanke, ist auch hier nicht auszuschließen, dass hugenottische Erzähltraditionen von Einfluss waren.
Bildungsfern war Friederike Mannel sicherlich nicht. In einem Brief an Wilhelm Grimm, in den sie sich verliebt hatte, schreibt die Pfarrerstochter: "Wie Sie von mir gegangen waren, weinte mein rechtes Auge, es weint zwar leichter wies andre, aber doch nicht gar zu leicht." Das ist eine raffinierte Zitat-Anspielung auf Goethes Wilhelm Meister, wo auch eine Frau einen Wilhelm anredet: "In ihrem rechten Auge blinkte eine schöne Träne. ›Glauben Sie nicht, dass ich so weich, so leicht zu rühren bin! Es ist nur das Auge, das weint.‹" Zumindest eine hohe literarische Allgemeinbildung muss dieser jungen Frau, die übrigens perfekt Französisch sprach, zugestanden werden.
Zählt man zu den genannten Beiträgern noch einige andere hinzu, etwa den norddeutschen Maler Philipp Otto Runge (Von dem Machandelboom), den Freiherrn August von Haxthausen (Die Bremer Stadtmusikanten) sowie den Schulrektor und Pfarrer Ferdinand Siebert (Der Arme und der Reiche), so repräsentieren sie fast allesamt die gebildeten Stände. Dass sie ihr Repertoire auch durch "einfache Leute" kennenlernten, ist natürlich nicht auszuschließen.
Unter den Zuträgern sind einige wenige Erzähler, die aus anderen gesellschaftlichen Schichten stammten, so wie der alte Soldat Johann Friedrich Krause. Der pensionierte Dragonerwachtmeister erzählte den Grimms zumeist raubauzige Geschichten von aus dem Dienst gejagten Soldaten, die sich ihr Märchenglück mit militärischer Gewalt erkämpfen müssen. Für jede seiner Geschichten bekam Krause im Tausch eine abgelegte Hose von den Grimms.
Aber die Behauptung, die meisten Grimmschen Märchen gingen direkt auf Erzählungen alter Bäuerinnen und einsiedlerischer Köhler und Hirten zurück, bleibt unhaltbar. Heute wissen wir, dass die Grimms nicht Volksmärchen gesammelt haben, sondern dass die Märchen vor allem in gebildeten Schichten von jungen Frauen erzählt wurden und sich oftmals aus französischen Quellen speisten.
2. Der deutsche Michel - ein invektives Autostereotyp
Der deutsche Michel ist populäre Verkörperung von Klischees des Deutschen. Man begegnet ihm in Karikaturen, Bildwitzen und humoristischen Texten. Bekannt ist die Michel-Figur seit dem 16. Jahrhundert, doch erhält sie erst im 19. Jahrhundert ihre bis heute bekannte Gestalt (vgl. Szarota 1998). Geprägt wurde sie von gesellschaftskritischen Künstlern in der Zeit des Vormärz, welche die Deutschen als spießbürgerlich, schwerfällig und passiv – insbesondere bezüglich ihres politischen Engagements – darstellen. Die politische Brisanz dieser autoinvektiven Michel-Figur erklärt sich vor dem Hintergrund des Bestrebens, die fürstlichen Kleinstaaten durch einen demokratischen und souveränen Nationalstaat zu ersetzen. Humoristisch-spöttische Anspielungen auf nationale Stereotype wie die vermeintlich typisch deutsche Trägheit sollten Gemeinschaftssinn und Gestaltungswillen aktivieren, aber auch auf aktuelle Missstände hinweisen.
Die Karikaturen Johann Richard Seels von 1842 (Kat. Nr. 15) haben den deutschen Michel in diesem Sinne bekannt gemacht (vgl. Soiné 1998). Das aktuelle Beispiel thematisiert über das Motiv des schlafenden Michels die unterstellten Feindseligkeiten der Nachbarstaaten. Zur Linken lässt ihn ein österreichischer Adliger, wahrscheinlich Metternich, zur Ader, rechts zerrt ein Franzose an ihm, wodurch die französischen Ansprüche auf das Elsass symbolisiert werden. Die das britische Empire repräsentierende Dogge stiehlt ihm einen Geldbeutel, während ihn ein Russe umschmeichelt und der Papst im Hintergrund erbost den Petrus-Schlüssel hebt. Die Soldaten des Heeres des deutschen Bundes im Hintergrund scheinen konsterniert, intervenieren jedoch nicht. Das Schloss an Michels Mund verweist auf die Zensur, die Zahlen auf seinem Lätzchen auf die 36 Fürstentümer, in die Deutschland aufgeteilt war. Michels Rolle als Opfer erscheint bemitleidenswert, aber selbstverschuldet. Mit ihr verbindet sich der Appell an die in der Michel-Figur personifizierte deutsche Bevölkerung, ‚aufzuwachen‘ und eine aktivere Rolle einzunehmen. Die Herkules-Keule deutet an, dass sie die Möglichkeit dazu hätte.
Mit der Ambivalenz von Opfer- und potenziellem Kämpfertum spielt auch eine Karikatur aus dem Eulenspiegel (Kat. Nr. 16), verkehrt den Appell aber in einen Vorwurf: Im Verlaufe des Revolutionsjahres 1848 habe sich der deutsche Michel von einem zunächst wild entschlossenen Wüterich in einen schlaffen Biedermann gewandelt. Diese Transformation zeigt sich nicht nur im Gesichtsausdruck, sondern auch in der Kopfbedeckung. An Stelle der auf die Französische Revolution verweisenden Jakobinermütze trägt er nun eine Schlafmütze.
Das Wiegenlied aus dem Simplicissimus des späten 19. Jahrhunderts (Kat. Nr. 17) ist nur ein Beispiel unter vielen, dass der schlafende Michel als Signum deutscher und insbesondere deutsch-spießbürgerlicher Passivität dominant bleibt. Dieses satirische Gedicht von Ludwig Thoma(veröffentlicht unter dem Pseudonym Peter Schlemihl) singt Michel gleich einem Kinde in den Schlaf und ermahnt ihn, der starken Hand des Vaters zu folgen und ein guter Untertan zu sein. Die lautmalerischen Wiederholungen des Refrains lullen ihn in seiner Unmündigkeit ein.
Doch signalisieren Karikatur wie Satire erneut Kritik an bestehenden politischen Verhältnissen und formulieren einen indirekten Appell an die Leser*innen, diese zu ändern. Bereits von Seel sind humoristische Darstellungen bekannt, die einen jungen und agilen Michel zeigen, keulenschwingend und furchtlos; eine Variante, die während des Ersten Weltkrieges propagandistisch eingesetzt wurde. Ob nun in der positiven oder negativen Deutung – die über die Michel-Figur kommunizierten Autostereotype dienen der Kollektivbildung und Mobilisierung, und das bis heute.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Roelleke, Heinz: Brüder Grimm. Märchen über Märchen, in: Zeitonline, online verfügbar seit 14.08.2018 unter: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2012/04/Maerchen-Brueder-Grimm-Urspruenge/komplettansicht, zuletzt geprüft am 21.05.2025.
-> Engel, Sonja: Der deutsche Michel – ein invektives Autostereotyp, in: Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, online verfügbar unter: https://www.slub-dresden.de/besuchen/ausstellungen-corty-galerie/archiv-der-ausstellungen/ausstellungen-2020/schmaehung-provokation-stigma-medien-und-formen-der-herabsetzung/stereotype-stigmata/der-deutsche-michel-ein-invektives-autostereotyp, zuletzt geprüft am 04.08.2025.
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Volkssage , zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article250582024/Die-Gebrueder-Grimm-Warmduscher-die-die-Welt-der-Maerchen-revolutionierten.html , zuletzt geprüft am 2905.2025.
Sekundärliteratur
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Politik des Vormärz
Inhaltsverzeichnis
- Das wilde Leben der Lola Montez
- Als König Friedrich Wilhelm IV. Leibesübungen wieder erlaubte
- Die Karlsbader Beschlüsse 1819
- Die Göttinger Sieben
1. Das wilde Leben der Lola Montez
Sie verstieß gegen jede Benimmregel für anständige Frauen, lüpfte auf der Bühne schamlos die Röcke und verdrehte dem König von Bayern so sehr den Kopf, dass es ihn die Krone kostete. Lola Montez war eine der berühmtesten Frauen ihrer Zeit – dabei gab es sie eigentlich gar nicht.
Lola Montez auf einer Daguerreotypie von 1851 (picture-alliance / akg-images | akg-images)
Verliebt in eine Kunstfigur
Die irische Spanierin – berühmt und berüchtigt
Mätresse des Königs von Bayern
Bald schlagen wird dein Uhr
Pfui Teufel Königshaus
Mit unserer Treu ist’s aus“
Ludwig ließ sie fallen – und stürzte selbst
2. Als König Friedrich Wilhelm IV. Leibesübungen wieder erlaubte
Am 6. Juni 1842 wurde per Kabinettsorder durch den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die sogenannte Turnsperre aufgehoben. Leibesübungen gehörten von nun an zum anerkannten „Bestandtheil der männlichen Erziehung“ – was der Turnbewegung in Deutschland zum Durchbruch verhalf.
Turnen für die Wehrhaftigkeit und Vaterlandsliebe
Gymnastik statt turnen
3. Die Karlsbader Beschlüsse 1819
Im August 1819 fand im böhmischen Karlsbad eine Konferenz mit Vertretern von Österreich, Preußen, Hannover, Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden, Nassau und beiden Mecklenburgs statt. Zu den Beratungen eingeladen hatte der österreichische Außenminister Klemens Wenzel von Metternich, ihr unmittelbarer Anlass war der Mord am populären Schriftsteller August von Kotzebue (1761-1819) durch den Burschenschaftler Karl Ludwig Sand (1795-1820) am 23. März 1819 in Mannheim. Als Verteidiger der europäischen Restaurationspolitik und einer losen Gemeinschaft der deutschen Staaten war Kotzebue für viele liberal und national Gesinnte geradezu die Personifizierung reaktionärer Politik gewesen.
Während der Mörder in studentischen und nach nationaler Einheit strebenden Kreisen geradezu hymnisch gefeiert und zu einer märtyrerischen Kultfigur erhoben wurde, erschreckte dessen Tat die politisch Verantwortlichen und große Teile der deutschen Öffentlichkeit zutiefst. Um ein Zeichen gegen gewaltbereiten Fanatismus zu setzen und um die bestehende Ordnung vor nationalen Strömungen zu schützen, nutzte Metternich den Mord an Kotzebue und die anschließende Konferenz in Karlsbad gezielt zur Etablierung repressiver Obrigkeitsmaßnahmen: Die Beschlüsse sahen die Überwachung der Universitäten mit Einschränkung der Lehrfreiheit und Entlassung revolutionär gesinnter Lehrkräfte sowie das Verbot von Burschenschaften vor, die Einschränkung der Meinungsfreiheit mit allgemeiner Pressezensur, die Einrichtung einer Zentraluntersuchungskommission in Mainz, die sich mit der Aufdeckung und Unterdrückung „demagogischer“ Verbindungen und revolutionärer Aktivitäten in Deutschland befassen sollte, sowie nicht zuletzt die Regelung des militärischen Einsatzes des Deutschen Bundes bei politischen Unruhen in den Einzelstaaten.
Zur Erhaltung der inneren Sicherheit und Zerschlagung revolutionärer Umtriebe sollte mit den Karlsbader Beschlüssen der Ruf nach Pressefreiheit, nationaler Einheit und angemessener Repräsentation des Volkes am politischen Geschehen unterdrückt werden. Der Maßnahmekatalog wurde dem Frankfurter Bundestag am 20. September 1819 zur Beschlussfassung vorgelegt und einstimmig als Bundes-Universitätsgesetz, Bundes-Preßgesetz und Bundes-Untersuchungsgesetz angenommen. Während wohl die meisten um das tägliche Brot besorgten Deutschen sich kaum um die für sie lebensfremden Beschlüsse gekümmert oder überhaupt Kenntnis davon erlangten haben dürften, waren deren befürchtete Auswirkungen in der oppositionellen Öffentlichkeit ein beliebtes Motiv auf – in der Regel illegal verbreiteter – Karikaturen: Durch die Karlsbader Beschlüsse sollte Deutschland in tiefen politischen Dämmerschlaf versinken.
4. Die Göttinger Sieben
Die Revolution von 1830 erschütterte auch das Königreich Hannover, das in Personalunion mit Großbritannien regiert wurde. Hier richteten sich die aufwallenden Proteste weniger gegen den in London residierenden König Wilhelm IV. (1765-1837), als vielmehr gegen das altständisch-feudale System seines Repräsentanten in Hannover, des leitenden Ministers Ernst Graf Münster (1766-1839). Treibende Kraft der Proteste war die liberale bürgerliche Intelligenz der Universitätsstadt Göttingen: 1831 putschte eine bewaffnete Menge von Bürgern, Studenten und Dozenten gegen die örtliche Regierung und die Polizeibehörde. Zwar wurde dieser Göttinger Aufstand militärisch niedergeschlagen, doch ließ sich der Systemwechsel nicht mehr aufhalten: Wilhelm IV. entließ seinen leitenden Minister und berief eine neue Ständeversammlung ein, in der die liberalen Stimmen dominierten.
Im September 1833 verabschiedete die Ständeversammlung nach langwierigen Verhandlungen das "Staatsgrundgesetz", das die konstitutionelle Monarchie in Hannover einführte, Bauern und Bürgertum die Zweite Kammer öffnete, den Landständen das Gesetzgebungs- und Budgetrecht übertrug und eine beschränkte Ministerverantwortlichkeit einführte. Der in Göttingen lehrende Historiker und Staatswissenschaftler Friedrich Christoph Dahlmann (1785-1860) war maßgeblich an der Abfassung dieser Verfassung beteiligt.
Nach dem Tod Wilhelms IV. 1837 endete aufgrund des männlichen Thronfolgerechts die Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover, wo Ernst August von Cumberland (1771-1851) seinem Bruder auf den Thron folgte. Der 66-jährige ausgesprochen konservative Monarch lehnte den in einer konstitutionellen Monarchie vorgeschriebenen Eid auf die Verfassung ab. Er vertagte den Landtag und erklärte die Verfassung am 1. November 1837 für ungültig und den Eid der Beamten auf die Verfassung für erloschen. Das kam einem monarchischen Staatsstreich gleich, gegen den sich Dahlmann als Mitverfasser des Staatsgrundgesetzes auflehnte. Gemeinsam mit den ebenfalls an der Göttinger Universität lehrenden Professoren Jacob Grimmund Wilhelm Grimm, Wilhelm Eduard Albrecht (1800-1876), Georg Gottfried Gervinus (1805-1871), Heinrich Georg August Ewald (1803-1875) sowie Wilhelm Eduard Weber (1804-1891) erklärte er am 18. November 1837 öffentlich, sich auch weiter an die Verfassung gebunden zu fühlen und an keinen Aktionen gegen das Staatsgrundgesetz teilnehmen zu wollen. Drei Wochen später wurden die als "Göttinger Sieben" bekannt gewordenen Professoren fristlos entlassen; Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm mussten binnen drei Tagen das Land verlassen.
Der Rechtsbruch des Königs von Hannover und sein drastisches Vorgehen gegen die sieben Professoren sowie die Tatsache, dass der Deutsche Bundestag auf Betreiben Metternichs nichts gegen die Anmaßung König Ernst Augusts unternahm, lösten in Deutschland ein gewaltiges politisches Echo aus. Die für die politischen Rechte der Bürger eingetretenen Professoren wurden als Helden und Märtyrer der Freiheit verehrt. Dies reichte von spontanen öffentlichen Sympathiebekundungen bis zur Bildung von Hilfskomitees, die Geld sammelten, um die Entlassenen finanziell zu unterstützen.
Die revidierte Verfassung, die das Königreich Hannover 1840 erhielt, fiel vor diesem Hintergrund weitaus weniger reaktionär aus, als ursprünglich erwartet. Vier der "Göttinger Sieben" blieben ihrem Verfassungseid weiter treu: Albrecht, Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm waren 1848 als Mitglieder der Nationalversammlung in der Paulskirche maßgeblich an der Abfassung der Grundrechte des Deutschen Volkes sowie an der Ausarbeitung der Verfassung des Deutschen Reiches beteiligt. Für Jahrzehnte prägten sie das Bild der "politischen Professoren" – auch in der Paulskirche, in der 49 der 830 Abgeordneten Professoren waren.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Rückert, Ulrike: Das wilde Leben der Lola Montez, in: Deutschlandfunk, online verfügbar seit 17.02.2021 unter: https://www.deutschlandfunk.de/vor-200-jahren-geboren-das-wilde-leben-der-lola-montez-100.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.geschichte.fm/podcast/gag283/, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> Ulrich, Bernd: ,,Turnsperre'' vor 175 Jahren aufgehoben. Als König Friedrich Wilhelm IV. Leibesübungen wieder erlaubte, in: Deutschlandfunk Kultur, online verfügbar seit 06.06.2017 unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/turnsperre-vor-175-jahren-aufgehoben-als-koenig-friedrich-100.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/aufsaetze/traub-turnerbewegung-turnsperre-vereinsgruendung-worms-oppenheim-bingen-turnfahrt.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Turnsperre, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> Scriba, Arnulf: Die Karlsbader Beschlüsse 1819, in: lemo (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 10.10.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund/karlsbader-beschluesse-1819, zuletzt geprüft am 10.11.2025.
-> Blume, Dorlis: Die Göttinger Sieben, in: LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 10.10.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund/goettinger-sieben, zuletzt geprüft am 16.03.2026.
Sekundärliteratur
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Gesellschaft des Vormärz
Inhaltsverzeichnis
- Der schlesische Weberaufstand 1844 (Artikel)
- Weberaufstand vor 175 Jahren. Verzweifelter Aufruhr gegen den Frühkapitalismus (Artikel)
- 3. Der Pauperismus (Artikel)
- Vor 190 Jahren: Hambacher Fest
- 200 Jahre Turnbewegung - von der Hasenheide bis heute
1. Der schlesische Weberaufstand 1844
Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts unterlagen immer mehr Kleinproduzenten der Konkurrenz der effektiver und preiswerter produzierenden Fabriken. Aufgrund des sich ausdehnenden europaweiten Handels wurden ausländische Produkte auf dem heimischen Markt nicht nur kostengünstiger angeboten, sie waren oft auch von besserer Qualität als die in mühseliger Heimarbeit hergestellten Waren. Die wirtschaftlichen Veränderungen sprengten das soziale Gefüge der Gesellschaft, da die maschinell hergestellten Waren dauerhaft handwerkliche Strukturen und Einnahmequellen untergruben. Vom Wettbewerb mit der Maschinenproduktion am härtesten betroffen waren die Weber, die von ihren Verlegern immer weniger Geld für ihre handgewebten Produkte erhielten. Trotz gesteigerter Arbeitszeit oft bis zur sprichwörtlichen Erschöpfung und der Mitarbeit sämtlicher Angehöriger lebten insbesondere die schlesischen Weberfamilien in wachsender Armut.
Da in der preußischen Provinz Schlesien die Bevölkerung von 1815 bis 1844 von rund 1,9 auf knapp 3 Millionen Menschen angewachsen war, hatte sich ein Überangebot an Arbeitskräften herausgebildet. Sinkendes Lohnniveau und steigende Lebensmittelpreise aufgrund von Missernten ließen nicht nur Elend und Verzweifelung gedeihen, sondern auch den Zorn der Weber auf Fabrikanten und Großhändler, die sie für die soziale Not verantwortlich machten. Vom 4. bis 6. Juni 1844 kam es in Peterswaldau und Langenbielau zu einer Revolte von Baumwollwebern, die im Vergleich zu den sehr viel verarmteren Leinenwebern zumeist noch besser gestellt waren: Zu Protest und Aufruhr neigt nicht, wer schon aller Hoffnung beraubt ganz unten ist, sondern wer seine Existenz bedroht sieht und Angst vor weiterem sozialen Abstieg hat.
Den weit über die Grenzen Preußens Aufsehen erregenden Weberaufstand ließ die Regierung mit elf Getöteten unverhältnismäßig blutig niederschlagen. Den politisch Verantwortlichen wie dem aufgeschreckten Bürgertum hatten die schlesischen Weber erstmals in Deutschland das Potential eines gewalttätigen Sozialprotestes vor Augen geführt. Das Medienecho war enorm, im ganzen Deutschen Bund wurde der unorganisierte Aufstand kontrovers diskutiert und verstärkt auf die Not der Weber und das Problem des Pauperismus hingewiesen. Heinrich Heine (1797-1856) veröffentlichte schon einen Monat nach der Niederschlagung des Aufstandes sein Gedicht „Die armen Weber“. Noch 50 Jahre später war das Thema vom Aufruhr verarmter Massen von so großer Brisanz, dass die Aufführung des Dramas „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann1892 vom Berliner Polizeipräsidenten verboten wurde.
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund/weberaufstand-1844
2. Weberaufstand vor 175 Jahren. Verzweifelter Aufruhr gegen den Frühkapitalismus
Die Konkurrenz aus England führte im 19. Jahrhundert dazu, dass deutsche Weber extrem niedrige Löhne erhielten. 1844 kam es zum Aufstand. © dpa / akg-images
Der schlesische Weberaufstand von 1844 ist als Akt des Widerstands gegen die frühkapitalistische Ausbeutung ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Es gab Weberromane, Weberdramen und Webergedichte zuhauf. Begonnen hatte alles eher harmlos.
„Ihr fresst der Armen Hab‘ und Gut“
Nachhaltige Wirkungen in der Publizistik
Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann widmete dem Weberaufstand ein Theaterstück.© picture alliance / dpa
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben.“
Keine Folgen für die soziale Ordnung
3. Der Pauperismus
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Armut und Hunger in Deutschland weit verbreitet. Das enorme Bevölkerungswachstum nach 1815 konnte durch einen nur sehr geringen Produktivitätsanstieg in der Landwirtschaft und der aufkommenden Industrie noch nicht aufgefangen werden. Wiederkehrende Missernten, Hungersnöte und der Niedergang des Heimgewerbes förderten das Aufkommen von Massenarmut. Die Zeitgenossen beschrieben diese Zustände mit dem Begriff „Pauperismus“, abgeleitet vom lateinischen Begriff pauper, (dt.: „arm“).
Über die Ursachen des Pauperismus waren sich die Zeitgenossen nicht einig. Ganze Schriften wurden über die möglichen Gründe der Massenarmut verfasst und bildeten den Zweig der „Pauperismusliteratur“. Konservativ-bürgerliche Publizisten sahen die Schuld bei den Armen selbst: Ein Verfall der Sitten, Faulheit und Spielsucht führten aus bürgerlicher Sicht in die Bedürftigkeit. Andere – wie Friedrich Engels - sahen die Gründe in der aufkommenden Industrialisierung, die die Arbeit mechanisierte und den Arbeitern ihre Beschäftigung und damit ihre Lebensgrundlage entzog. Im Bürgertum war die Angst vor einem sich unkontrolliert ausbreitenden Armenheer sehr ausgeprägt. Die Bürgerlichen fürchteten die Verbreitung revolutionärer Ideen unter den Mittellosen, die somit zu einem Träger eines gesellschaftlichen Umsturzes werden könnten.
''Der Notgroschen'', 1840/1860
Die größte Not herrschte in den Gebieten, in denen der Industrialisierungsprozess noch nicht eingesetzt hatte. Südwestdeutschland, Teile Nordwestdeutschlands, Hessen, Preußen und Schlesien waren besonders betroffen und Zentren des Pauperismus. In den zumeist ländlichen Gebieten arbeitete die Bevölkerung nicht in der Fabrik, sondern als Tagelöhner in der Landwirtschaft oder in Heimarbeit. Die Arbeitsbedingungen waren denkbar schlecht: Die Heimarbeiter, auch Frauen und Kinder, produzierten in feuchten, stickigen Kellern mit schlechter Lichtversorgung und unter schlimmsten Hygienebedingungen. Beispielhaft für den Verfall des Heimgewerbes stand der Aufstand der schlesischen Weber, der am 5. Juni 1844 blutig niedergeschlagen wurde.
Missernten und die daraus resultierenden Hungersnöte konnten die Situation der Armen noch erheblich verschärfen. Ein Mangel an Grundnahrungsmitteln trieb deren Preis in die Höhe. Tagelöhner mussten mehr arbeiten um sich zu ernähren, wodurch es zu einem Mehrangebot an Arbeit kam, das wiederum zu einem Verfall der Löhne führte. Viele waren so trotz schwerster körperlicher Arbeit nicht in der Lage, sich selbst zu versorgen. Auch Krankheit, Unfälle und das Alter konnten die Arbeitsfähigkeit gefährden und die Betroffenen so in die Bedürftigkeit stürzen. In England sprach man von den „labouring poor“, den arbeitenden Armen. Einen Höhepunkt der Armut bildeten die Krisenjahre 1846/1847.
Aus Verzweiflung flüchteten sich viele Arme in die „Notkriminalität“. Durch den Diebstahl von Feldfrüchten und Holz, Wilderei und Schmuggel versuchten die Bedürftigen ihre Situation zu verbessern. Um sich zu betäuben und die Not einen Augenblick zu vergessen, griff die Unterschicht zum Alkohol. In den Zeitungen fanden sich Berichte über die sich ausbreitende „Branntweinwuth“, zur Bekämpfung der Armut forderten die Publizisten eine Beschränkung des Branntweinbrennens. Auch die Zahl der Bettler und sogenannten Landstreicher stieg vor 1850 rasant an.
Waren die letzten Ersparnisse verbraucht, sah man sich gezwungen, den spärlichen Besitz zu verkaufen oder zum Pfandleiher zu bringen, da staatliche Unterstützung nicht ausreichend vorhanden war. Die in bitterster Armut lebenden Tagelöhner und Landarbeiter verpfändeten Kleidung, Hausrat und Werkzeug, wobei letzteres gegen hohe Gebühren vom Pfandleiher zurückgeliehen werden musste, um der Arbeit weiterhin nachgehen zu können. Wer Geld brauchte, bekam dieses nur zu Wucherzinsen geliehen.
Die deutschen Staaten versuchten der Armut mit Bettlerverordnungen oder Eherechtsbeschränkungen, die das Bevölkerungswachstum kontrollieren sollten, entgegenzuwirken. Vermeintlich arbeitsscheue Individuen sollten per Gesetz zur Arbeitsaufnahme gezwungen werden. Zudem wurde auch die Abwanderung in außerdeutsche Gebiete nach anfänglichem Zögern aktiv unterstützt.
Getrieben durch Armut und Hunger suchten viele Menschen ihr Glück in den Städten, um dort von der voranschreitenden Industrialisierung zu profitieren. Die Städte verzeichneten ein enormes Wachstum: Hatte Berlin 1816 noch 200.000 Einwohner, waren es 1849 bereits 450.000. Die Wohnverhältnisse in den Armenvierteln waren dramatisch: Große, kinderreiche Familien lebten zusammen auf engstem Raum. Schmutz und Gestank waren allgegenwärtig. Die mangelnde Hygiene – viele besaßen keine Wechselkleidung - begünstigte die Ausbreitung von Seuchen und Krankheiten wie Ruhr und Typhus.
Die Städte waren mit der wachsenden Armut überfordert. Während der Hungersnot im Krisenwinter von 1816/1817 lebten in der Stadt Köln 18.000 Almosenempfänger bei etwa 49.000 Einwohnern. Ein Drittel der Bevölkerung war also auf Zuwendungen aus der Armenkasse angewiesen. In den 1840er-Jahren war die Einwohnerschaft vieler deutscher Regionen nicht in der Lage, durch eigene Arbeit für ihren Lebensunterhalt aufzukommen.
Viele suchten ihr Heil außerhalb der deutschen Grenzen. In den 1840er Jahren, dem Höhepunkt der Pauperismuskrise, hatten bereits 418.000 Menschen das Land verlassen. Allein im Jahr 1847 zählte man 80.000 Auswanderer.
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/alltagsleben/pauperismus
4. Vor 190 Jahren: Hambacher Fest
Beim wegweisenden Hambacher Fest 1832 forderten zehntausende Menschen Freiheits- und Bürgerechte sowie einen deutschen Nationalstaat.

Es war eine der größten politischen Zusammenkünfte der damaligen Zeit: Am 26. und 27. Mai 1832 versammelten sich zwischen 20.000 und 30.000 Menschen an der Ruine des Hambacher Schlosses in Neustadt an der Weinstraße. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer forderten Freiheits- und Bürgerechte sowie ein geeintes Interner Link: Deutschland
Die Mehrheit der Festteilnehmerinnen und -teilnehmer entstammte dem Bildungs- und Besitzbürgertum. Darunter waren viele Anwälte, Journalisten, Buchhändler und -drucker, sowie kleine Handelsleute. Auch viele Studenten waren anwesend. Sie kämpften bereits seit Jahren für mehr Freiheitsrechte und einen deutschen Nationalstaat. Die Anliegen und Beweggründe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschieden sich: Einige zeigten ihren Unmut über die wirtschaftliche Situation in Folge von Missernten, andere thematisierten die ungeklärte Nationenfrage im deutschsprachigen Raum oder artikulierten den Wunsch nach einer liberalen Verfassung.
Entscheidenden Einfluss hatte der Anfang 1832 gegründete "Deutschen Preß- und Vaterlandsverein". Dieser hatte in kürzester Zeit etwa 5.000 Mitglieder gewonnen. Von den fast drei Dutzend Neustädtern, die zum Gedenken an den 26. Mai, den bayerischen Verfassungstag, zum Fest auf das Hambacher Schloss eingeladen hatten, gehörten viele dem "Preß- und Vaterlandsverein" an. Kurz nach seiner Gründung wurde der Verein verboten. Versuche bayerischer Behörden, das Hambacher Fest zu verbieten, scheiterten jedoch.
Konkrete Forderungen von Rednern und Demonstranten waren nationale Einheit, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit sowie die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Die Teilnehmer sprachen offen von der "Beseitigung der Fürstenherrschaft", der Schaffung "Vereinigter Freistaaten von Deutschland" und von einem "konföderierten republikanischen Europa“. Während manche Redner sich zur konstitutionellen Monarchie bekannten, warben andere für eine demokratische Regierungsform. Bei den Feierlichkeiten am Abend des 26. Mai und des 27. Mai wehten schwarz-rot-goldene Fahnen, die zum Symbol des deutschen Nationalstaats geworden waren.
Frauen demonstrierten ebenfalls mit, was für die damalige Zeit nicht selbstverständlich war. Als Hymne des Festes gilt das vom liberal-demokratischen Publizisten Philipp Jakob Siebenpfeiffer verfasste Lied "Hinauf Patrioten zum Schloß, zum Schloß!". Siebenpfeiffer rief dazu auf, dass die Deutschen sich nicht mehr wie Knechte unter das Joch ihrer Fürsten beugen sollten. Auch zahlreiche weitere Redner forderten staatliche Einheit für das deutsche Volk, liberale Bürger- und Freiheitsrechte und zum Teil auch Demokratie ein.
Das Fest markiert den Beginn des Interner Link: Vormärz auf dem Weg zur Revolution 1848/49. In den Jahren 1832 bis 1834 veranlasste das Fest die Bundesversammlung, Maßnahmen zur Eindämmung liberaler Bestrebungen vorzunehmen. Diverse Initiatoren des Hambacher Festes wurden verhaftet oder mussten ins Ausland fliehen.
Vorgeschichte
Im Zuge der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege wurden die Rechte des Individuums gegenüber dem Staat durch den 1804 eingeführten Code Civil, das im Geiste von Aufklärung und Revolution stehende Bürgerliche Gesetzbuch Frankreichs, in weiten Teilen Deutschlands ausgebaut. Nach dem Sieg deutscher Staaten über das von Napoleon geführte Frankreich und seine Verbündeten setzte in Folge des Wiener Kongresses die historische Phase der sogenannten Restauration ein – die Monarchie blieb intakt, liberale Verfassungen und Bürgerrechte lehnten die Herrschenden strikt ab und vereinbarten ein Gleichgewicht der politischen Mächte in Europa. Die politische Ordnung vor der Französischen Revolution 1789 sollte wiederhergestellt werden.
Das liberale Bürgertum war jedoch nicht gewillt, den anachronistisch erscheinenden Herrschaftsanspruch der Monarchen zu akzeptieren. Auch viele Studenten äußerten ihren Unmut gegen die vorherrschende Kleinstaaterei in Deutschland und die restaurative Politik, wie etwa beim Wartburgfest 1817, bei dem sich anlässlich des vierten Jahrestags der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 hunderte Studenten auf der Wartburg im thüringischen Eisenach versammelten, gegen die Restauration und für einen deutschen Nationalstaat mit Verfassung aussprachen und dabei auch von ihnen als "undeutsch" bezeichnete Bücher verbrannten.
Zunehmend setzte sich das Bildungsbürgertum für Freiheit und Volkssouveränität ein. Es war kein Zufall, dass das Hambacher Fest im heutigen Rheinland-Pfalz, das damals als Kurpfalz zu Bayern gehörte, stattfand. Dort war das napoleonische Erbe in Form weitgehenderer Bürgerrechte bedeutender als anderswo in Deutschland.
Anfang der 1830er-Jahre hatte die Idee eines deutschen Nationalstaates ebenso wie die Forderung nach Bürger- und Freiheitsrechten großen Zulauf. Im Zuge der Julirevolution kam in Paris der Bürgerkönig Louis Philippe auf den Thron. Dies stärkte sowohl nationale, liberale als auch demokratische Kräfte in Europa. Im August 1830 erhielt Frankreich eine neue Verfassung, die sich zur Volkssouveränität bekannte. Im Süden der Vereinigten Niederlande erreichten Katholiken und Liberale 1830 in der Belgischen Revolution die Loslösung Flanderns und Walloniens als selbständiges Königreich Belgien. Im von Russland besetzten Teil Polens versuchten sich polnische Freiheitskämpfer erfolglos gegen die reaktionäre Fremdherrschaft des russischen Zaren zu erheben.
Diese Entwicklungen bestärkten auch im Gebiet des heutigen Deutschlands den Wunsch nach Bürgerrechten. Staaten Mitteldeutschlands wie etwa Kurhessen 1830 sowie ein Jahr darauf Sachsen gaben sich Verfassungen. Diese Entwicklungen wirkten sich auf das Hambacher Fest aus. Auch die damals schlechte wirtschaftliche Situation spielte für dessen Erfolg eine Rolle.
Revolution 1848/49
Erneut von Frankreich ausgehend erfasste 1848 eine Revolutionswelle Europa. Ende Februar 1848 erreichte sie den Südwesten Deutschlands. Vielerorts kämpften in der Folge Aufständische für ein liberaleres politisches System, eine sozialere Wirtschaftsordnung und einen deutschen Nationalstaat.
Nachdem es Interner Link: in Berlin zu heftigen Straßenkämpfen gekommen war, stimmte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. am 21. März 1848 vorgeblich einem deutschen Nationalstaat zu. Um dessen Aufbau zu beschließen, tagte ab dem 18. Mai 1848 die erste relativ frei gewählte deutsche Volksvertretung in der Frankfurter Interner Link: Paulskirche. Gut drei Viertel der männlichen Deutschen waren wahlberechtigt. Auf große Zustimmung in der Nationalversammlung stieß im März 1849 der verabschiedete Grundrechtskatalog: Darin waren etwa die Gleichheit vor dem Gesetz, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie die Unverletzlichkeit der Person festgeschrieben. Die sogenannte Paulskirchenverfassung wollte einen deutschen Nationalstaat auf Basis einer konstitutionellen Erbmonarchie errichten.
Am 28. März 1849 wählten die Abgeordneten mit knapper Mehrheit König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum "Kaiser der Deutschen“. Preußen erkannte diese Wahl jedoch ebenso wie Österreich, Bayern, Hannover und Sachsen nicht an. Radikaldemokratische Kräfte versuchten in der Folge, die Reichsverfassung mit gewaltsamen Mitteln durchzusetzen. Im Juli 1849 schlugen preußische und österreichische Truppen die etwa im Südwesten aufgeflammten Aufstände blutig nieder, viele Revolutionäre mussten fliehen.
Rolle des Fests in der Erinnerungskultur
Das Hambacher Fest gilt als wichtiges Ereignis in der deutschen Demokratie- und Nationalstaatsgeschichte. Der spätere Bundespräsident Theodor Heuß nannte es 1932 bei einer Rede anlässlich der Hundertjahrfeier zum Hambacher Fest "die erste politische Volksversammlung der neueren deutschen Geschichte". Für das politische Selbstverständnis sowie die Demokratiegeschichte der Bundesrepublik spielt das Hambacher Fest bis heute eine große Rolle. Jedoch versuchen auch nationalistische, rechtspopulistische oder rechtsextreme Kräfte immer wieder, es für sich in Anspruch zu nehmen.
5. 200 Jahre Turnbewegung - von der Hasenheide bis heute
Vor 200 Jahren schuf "Turnvater" Jahn den ersten Turnplatz in der Berliner Hasenheide. Die Bewegungskultur ist immer auch ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft ist wandelt sich mit ihr.
Einleitung
Die bunte Welt von Spiel und Sport setzt sich bei genauem Hinsehen aus zahlreichen kulturspezifischen Mustern zusammen, die von den politischen, ökonomischen, soziokulturellen und materiellen Bedingungen einer Gesellschaft abhängig sind. Grundsätzlich gilt, dass die jeweilige Bewegungskultur die Werte und Normen einer Gesellschaft "verkörpert", sie aufgreift, präsentiert und verstärkt. Das bedeutet auch, dass man an Traditionen zwar anknüpfen kann (und sollte), dass sich aber die Bedingungen für turnerische und sportliche Aktivitäten verändern und dass sich deshalb auch die Ziele und Inhalte der Turn- und Sportbewegung immer wieder den aktuellen Gegebenheiten anpassen müssen. Zudem ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gefordert, die (Er)Kenntnisse über die Entstehung und Entwicklung des Turnens und des Sports voraussetzt.
Anfänge auf der Berliner Hasenheide
Einer der wichtigsten "Väter" der "Leibes-Übungen" war der Philanthrop Johann Christoph GutsMuths (1759-1839). Die von ihm entwickelte, pädagogisch begründete "Gymnastik" wurde weltweit rezipiert. Basierend auf den Ideen der Aufklärung entwickelten die Philanthropen eine revolutionäre Pädagogik, deren Ziel es war, ihre (männlichen) Schüler zu vernunftgeleiteten Bürgern zu erziehen. Da sich Vernunft nur durch Handeln und Erkenntnis, das heißt nur durch körperliche Aktivitäten und sinnliche Wahrnehmungen, entwickeln könne, hielten die Philanthropen Leibesübungen für unverzichtbar. Ihr breit gefächerter Übungskanon diente Zeitgenossen und Nachfolgern bei der Entwicklung eigener Gymnastiksysteme als "Fundgrube" in einer Zeit, in der aufgrund der Napoleonischen Kriege die körperliche Ertüchtigung der Jugend als unabdingbar erschien.
In Deutschland gilt Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) als der "Vater" des Turnens, das er zusammen mit Gleichgesinnten aus seinen Ideen der "Volkserziehung" entwickelte. Der Begriff Turnen ist eine Erfindung Jahns und markierte die Entstehung eines neuen und spezifisch deutschen Gymnastikkonzepts. Die Turnbewegung verfolgte in erster Linie politische Ziele: die Befreiung Preußens von der französischen Besatzung, die Überwindung der feudalen Ordnung und die Gründung eines deutschen Nationalstaats. Die Entwicklung des Turnens hatte aber auch eine praktische Komponente. Jahn, der als Hilfslehrer in Berlin tätig war, wanderte an Nachmittagen mit den ihm anvertrauten Jugendlichen vor das Hallesche Tor, übte mit ihnen Springen und Werfen und spielte mit ihnen Fang- und Kampfspiele. Auf diese Weise gelang es ihm, die unbändigen Jugendlichen zu disziplinieren. 1811 richtete Jahn zusammen mit der schnell wachsenden Schar seiner Anhänger einen Turnplatz auf der Hasenheide ein, einem Jagdrevier im Süden Berlins (heute Neukölln). Die Turnbewegung breitete sich rasch aus, in Preußen soll es 1818 etwa 100 Turnplätze und 6000 Turner gegeben haben.
Turnen war ein umfassendes Konzept von im Alltag und im Krieg nützlichen Bewegungsaktivitäten. Dazu zählten zahlreiche Übungen an Geräten, sogenannte volkstümliche Übungen wie Laufen, Springen und Werfen, Klettern oder Fechten, Voltigieren, Ringen, Schwimmen und Spiele. Die Einrichtung der Turnplätze spiegelt die nicht auf Höchstleistung ausgerichtete "Philosophie" des Turnens wider. Für Sprungübungen standen beispielsweise ein keilförmiger Graben für den Weitsprung und ein Hügel für den Tiefsprung zur Verfügung. Neben einer breiten Rennbahn für verschiedene Laufarten gab es eine eigene Bahn für den "dreyfachen Zirkellauf". In der Nähe der "Springanstalt" für den Hochsprung standen die Voltigierpferde, auf denen die jungen Männer das Auf- und Absitzen trainieren konnten. Die "Gerüste", auf denen das Voltigieren geübt wurde, nannte Jahn "Barren". Ein wichtiges Gerät für verschiedene Balancierübungen war der "Schwebebaum" (Heute findet der Schwebebalken ausschließlich im Frauenturnen Verwendung). Am auffälligsten waren die hohen Kletterbäume und -gerüste mit Leitern, Stangen und Tauen, die Wagemutige zu halsbrecherischen Klettereien verführten. Umliegendes Waldgelände wurde zu Kriegsspielen mit Spähtrupps und Überfällen genutzt.
Nicht die Übungen, sondern die Normen und Werte, Intentionen und Prinzipien des Jahn'schen Turnens unterschieden sich grundlegend vom modernen Turnen und Sport, was sich am besten an den Laufformen demonstrieren lässt: So führte Jahn zahlreiche Laufarten auf, unter anderem das Rennen, den Schlängellauf, den Rücklauf (Rückwärtslaufen), den Sturmlauf (Hinauflaufen auf eine Anhöhe) und den Scheinlauf (Laufen auf der Stelle). Alle konnten als Schnell- oder Dauerlauf und als Lastlauf mit Gepäck oder Lediglauf ohne Gepäck betrieben werden. Den Dauerlauf beschrieb Jahn folgendermaßen: "Beim Wettrennen auf Dauer gebührt dem der Preis, der den weitesten Raum, in der kürzesten Zeit, mit der mindesten Anstrengung zurücklegt und am Ziele unerschöpft bei guten Kräften anlangt." Im Gegensatz zum modernen Sport ließ sich das Dauerlaufen der Turner nicht operationalisieren - wie sollte sich auch messen lassen, ob jemand noch "bei guten Kräften" war? Es war daher unmöglich, Leistungen über den Wettbewerb hinaus zu vergleichen und Rekorde zu erfassen. Jahn vertrat zudem das Prinzip der relativen Leistung, das heißt, Sprungweiten oder -höhen wurden in Bezug zur Körpergröße gewertet.
Turnen war Teil der deutschen Nationalbewegung und Mittel der Nationalerziehung. Die "Pflege vaterländischer Gesinnung" fand auf dem "Thing" des Turnplatzes statt. Dort wurden patriotische Reden gehalten, Lieder gesungen und Gedenkfeiern abgehalten. Schließlich dienten auch die Turnfahrten dem Ziel, das Vaterland kennen und lieben zu lernen. Da Turnen im Dienst der Charakterbildung und der Wehrerziehung stand, wurde es von den preußischen Behörden zumindest zeitweise unterstützt. Auch Jahn betonte die militärische und staatspolitische Brauchbarkeit des Turnens, lehnte soldatischen Drill jedoch grundsätzlich ab. Nach den Befreiungskriegen (1813-1815), an denen die Turner sich unter anderem im Lützowschen Freikorps beteiligt hatten, erfüllten sich die Träume der Patrioten nicht. Bei dem Versuch, ein neues Gleichgewicht in Europa herzustellen und die liberalen Verfassungsbewegungen zu unterdrücken, entstand der aus 39 Einzelstaaten zusammengesetzte Deutsche Bund mit stark restaurativen Tendenzen. Zwar breitete sich das Turnen weiter aus, die politischen Ziele der Turner, die nach wie vor die deutsche Einheit und das politische Mitbestimmungsrecht des Volkes propagierten, erregten jetzt aber den Verdacht der Behörden. 1820 wurde das Turnen durch eine preußische Kabinettsordre verboten, die Turnplätze wurden geschlossen und Jahn, dessen Person und Wirken bis heute kontrovers beurteilt werden, wurde für einige Zeit inhaftiert.
Obwohl der Turnplatz "als Tummelplatz für die gesamte Bevölkerung und als Sammelpunkt des ganzen öffentlichen Lebens gedacht" war, wurde unter der "gesamten Bevölkerung" nur die eine, die männliche Hälfte der Menschheit verstanden. In Jahns "Deutscher Turnkunst", dem Standardwerk der Turner, werden Mädchen und Frauen nicht ein einziges Mal erwähnt. Erst als in den 1830er Jahren, in der Zeit der "Turnsperre", der gesundheitliche Wert der Leibesübungen einen neuen Stellenwert erhielt, wurden die ersten Turnkurse für Mädchen angeboten, nicht zuletzt, weil die Gesundheit des "schwachen Geschlechts" durch Bewegungsarmut bedroht schien.
Auf- und Abschwünge: "Verschulung" und bürgerliche Turnbewegung
1842 wurden die Leibesübungen in Preußen "als ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil der männlichen Erziehung förmlich anerkannt und in den Kreis der Volks-Erziehung aufgenommen". Es war vor allem die Sorge um die Volksgesundheit und um den Offiziersnachwuchs, die dem Turnen den Weg in die höheren Knabenschulen ebnete. Die "Verschulung" des Turnens veränderte seine Ziele, Inhalte und Vermittlungsformen grundlegend: Klettern und Tummeln, volkstümliche Übungen und Spiele hatten in den neu errichteten Schulturnhallen keinen Platz, dafür wurden Freiübungen nach militärischem Kommando, Ordnungsübungen (exerzierähnliche Aufmärsche im Klassenverband) und Reigen (Ordnungsübungen mit Musikbegleitung) eingeführt. Die Werte und Normen des Turnunterrichts entsprachen ebenso wie die Übungen der vom Obrigkeitsstaat geforderten Erziehung zum Untertanen. Auch außerhalb der Schulen erlebte das Turnen einen neuen Aufschwung. Im Vorfeld der bürgerlichen Revolution von 1848/49 entstanden nicht nur zahlreiche Turnvereine, sondern auch erste Turnverbände, die zu einem großen Teil die liberale und demokratische Bewegung unterstützten. Dabei war die Verbindung zwischen Turnen und Politik nicht zwangsläufig: So gab es sowohl "Maulturner", die sich nur politisch engagierten, als auch "Nur-Turner", die Turnen und Politik nicht vermischen wollten. Nach dem Scheitern der Revolution wurden zahlreiche Turnvereine jedoch wieder verboten und ihre Angehörigen politisch verfolgt. Erst in den 1860er Jahren, im Zuge der wiedererstarkten Nationalbewegung, verbreitete sich das Turnen erneut.
Mit der Reichsgründung 1871 war eines der wichtigsten Ziele der Turner verwirklicht. Die 1868 gegründete Deutsche Turnerschaft (DT) stellte sich vorbehaltlos und in vielfältiger Weise in den Dienst des Deutschen Reiches. So betonten die Turner jetzt den wichtigen Beitrag des Turnens zur Wehrerziehung. Drill und die Disziplinierung des Körpers galten "als unsterblicher Schutzgeist unseres Volksheeres", als "unentbehrlicher Bestandteil des Turnens" und als Voraussetzung zur Förderung der Wehrkraft. Haltungen und Bewegungen der Turner, verkörpert in den Massenfreiübungen auf den Turnfesten, symbolisierten die Turnerideologie, die im Einklang mit den herrschenden Denk- und Deutungsmustern auf die Einordnung des Individuums in die Gemeinschaft und deren Ausrichtung auf Gott, Kaiser und Vaterland zielte. Dies gilt allerdings nur für die sogenannte bürgerliche Turnbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts Konkurrenz durch den sozialistisch orientierten Arbeiter-Turnerbund und die jüdische Turnbewegung erhielt.
Während Frauen bis zum Ende der 1880er Jahre vom Turnen ausgeschlossen waren, bestand für Mädchen in eingeschränktem Maße die Möglichkeit, an Turnkursen teilzunehmen. Zudem nahmen manche Schulen, vor allem private höhere Töchterschulen, seit den 1850er Jahren Turnen in ihren Fächerkanon auf. Da Frauen nicht am männlichen Maßstab der Wehrhaftigkeit, Stärke und Überlegenheit gemessen wurden, schien die "körperliche Ertüchtigung des weiblichen Geschlechts" keine allzu große Bedeutung zu haben. Die Übungsauswahl im Mädchenturnen war zudem aufgrund zahlreicher Vorurteile und Vorbehalte äußerst beschränkt. Es galt die Devise: "Kopf oben, Beine unten und geschlossen." Erst gegen Ende des Jahrhunderts wurde die Ineffektivität der Übungen kritisiert und unter dem Motto "Starke werden nur von Starken geboren" eine Reform des Mädchenturnens gefordert.
Turnfeste und Turnprinzipien
Höhepunkte des Turnens waren Feste und Feiern, welche die Gemeinschaft der Turner im eigentlichen und übertragenen Sinne "verkörpern" sollten. So organisierten die Turner schon auf der Hasenheide, aber auch im Vorfeld der 1848er Revolution Feste, bei denen politische Botschaften verkündet, aber auch turnerische Leistungen gezeigt wurden. Turnfeste waren und sind bis heute eine Leistungsschau des Turnens, präsentieren die imagined community der Turnbewegung nach innen und außen und sichern so das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Loyalität ihrer Mitglieder. "Deutsche Turnfeste" finden seit 1860 in der Regel alle vier Jahre statt. Organisiert wurden und werden sie von der DT (bis 1933) bzw. dem 1950 gegründeten Deutschen Turner-Bund (DTB). Auf den Turnfesten wurden alle Register kollektiver Erinnerung gezogen, um die chaotisch erscheinende Masse der Turner zusammenzuschweißen und sie nach innen in einen Bund, nach außen in ein "Turnerheer" zu verwandeln. Mit Hilfe von Symbolen, unter anderem Farben und Fahnen, Jahnbüsten und Eichenlaubkränzen, wurde Teilnehmern und Zuschauern Begeisterung für das Turnen und darüber hinaus für das Vaterland vermittelt. Turnfeste konnten, so der Historiker George Mosse, "die Massen nationalisieren".
Die Übungen und Wettbewerbe auf den Turnfesten verdeutlichten die Prinzipien des Turnens sowie die Unterschiede zwischen Turnen und Sport. So demonstrierte das "Gemeinturnen", bei dem alle Teilnehmer die gleiche Übung turnten, dass der Einzelne als Teil eines Ganzen aufzufassen sei. Dies spiegelte sich auch in den Wettkampfprinzipien wider: Sowohl bei den Vorführungen von Musterriegen als auch bei den Massenfreiübungen mit Zigtausenden Teilnehmern kam es nicht auf Höchstschwierigkeiten, sondern vor allem auf die "richtige" Haltung und das Gleichmaß der Ausführung an.
Turnen erhält Konkurrenz - Sport wird modern
Mit der von England ausgehenden Verbreitung des modernen Sports erhielt das Turnen schon früh Konkurrenz. Die mit der Aufklärung und Industrialisierung verbundenen Normen, Werte und Strukturen, unter anderem rationales Denken, technischer Fortschritt, abstrakte Zeitordnung und eine auf Kapitalakkumulation ausgerichtete Ökonomie, spiegelten sich in dem auf Wettkampf, Überbietung und Rekorde ausgerichteten Konzept der Bewegungskultur wider. Vor allem das Streben nach Rekorden prägt das Sportsystem in spezifischer Weise. Um die Vergleichbarkeit von Leistungen auch über den Wettkampf hinaus zu gewährleisten, müssen Geräte und Strecken normiert und standardisiert, Regeln festgelegt, Leistungen möglichst genau gemessen und registriert werden. Dies wiederum zog eine Institutionalisierung des Sports, die Gründung von nationalen und internationalen Verbänden, nach sich. Folgen des Strebens nach unbegrenzter Leistungssteigerung sind ständige Ausweitung und Optimierung des Trainings, Verbesserung von Technik und Taktik, gezielte Selektion von sportlichen Talenten, Spezialisierung, Verwissenschaftlichung, Professionalisierung und Kommerzialisierung. Einer sportimmanenten Logik folgen schließlich auch die Versuche, die Leistungen durch medizinische und psychologische Beeinflussungen zu steigern.
In Deutschland begann der Siegeszug des Sports Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Import einiger wichtiger Sportarten, vor allem des Fußballs. Gleichzeitig verbreiteten sich die Logik des Sports und seine Prinzipien. Zahlreiche Übungen und Spiele des Turnens, vom Faustballspiel bis hin zu den volkstümlichen, athletischen Übungen, wurden "versportlicht".Die DT lehnte den Sport aufgrund seiner "undeutschen" Wurzeln und seiner internationale Ausrichtung ab. Im Mittelpunkt der Kritik stand jedoch die Wettkampf-, Leistungs- und Rekordorientierung, die nicht nur nutz- und sinnlos, sondern auch aufgrund von Verletzungen und Überanstrengung eine Gefahr für Leib und Leben der Beteiligten sei. Abgelehnt wurde von den Turnern auch die im Sport notwendige Spezialisierung mit dem Argument, dass die "einseitige Leistungssucht" nicht der rechte Weg sei, "um Körper und Geist den größten und nachhaltigsten Nutzen zu verschaffen".Aus der Perspektive der Turner war die sportliche, ausschließlich auf Leistungsoptimierung ausgerichtete Bewegungsausführung zudem "unrichtig" und unästhetisch. So entrüstete sich der Gymnasiallehrer Karl Planck in seiner Kampfschrift gegen die "Fußlümmelei" darüber, dass der "Hundstritt" geübt und der Sieger darin mit hohen Preisen ausgezeichnet werde.
Die Anhänger des Sports wiesen die erwähnten Vorwürfe zurück und konterten ihrerseits mit Angriffen auf das Turnen, dem sie Ineffektivität, Deutschtümelei, Spießbürgerlichkeit und Kneipenseligkeit vorwarfen. In einem Punkt waren sich die "verfeindeten Brüder" allerdings einig, nämlich in ihrer Kritik am Professionalismus, am Sporttreiben um des "Broderwerbs" willen.Allerdings konnten sich die Turner, mit Ausnahme einiger hartgesottener Funktionäre, der Faszination des Sports nicht entziehen. Zunehmend wurden in den Turnvereinen die Prinzipien des Sports übernommen und verschiedene Sportarten angeboten. Auch das Turnen an Geräten orientierte sich zunehmend am Prinzip der unbegrenzten Leistungssteigerung. Diesem Trend wurde nur im Frauenturnen bis in die 1960er Jahre Widerstand geleistet. So entsandte der DTB wegen der geforderten Höchstleistungen von 1954 bis 1961 keine Teilnehmerinnen zu internationalen Wettbewerben. Heute ist selbst die Frauengymnastik, die in den 1920er Jahren die Qualität der Bewegung, die Bildung des Körpers und die Erziehung des Menschen betonte, zu einer Wettkampfsportart geworden.
Turnfest 1913
Ein gutes Beispiel für die Haltung der Turner in der Vorkriegszeit ist das 12. Deutsche Turnfest 1913 in Leipzig. Es stand ganz im Zeichen der Völkerschlacht, die 100 Jahre zuvor vor den Toren der Stadt stattgefunden hatte und seit 1814 als Signal der Befreiung Deutschlands interpretiert wurde. Die Erinnerung an die Schlacht prägte die Festzeitung, die in zahlreichen Beiträgen, Gedichten, Aufrufen und Abbildungen den Sieg über die Franzosen und die Rolle der Turner in den Befreiungskriegen beschwor. Auch im Festzug wurde die Erinnerung an 1813 symbolisch präsentiert: Die Musiker, die an der Spitze eines der beiden Züge marschierten, trugen die Uniformen der Lützowschen Jäger. Die Massenfreiübungen, an denen 17000 (ausschließlich männliche) Turner teilnahmen, sollten ebenfalls die Wehrbereitschaft signalisierten. Erstmals wurde auf einem Turnfest Militärturnen gezeigt.
Wenige Monate nach dem Turnfest wurde mit der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals, eines bombastischen Erinnerungsortes voller kriegerischer und nationaler Symbole, das 100-jährige Jubiläum der Schlacht gefeiert. Die Turner beteiligten sich an dieser Feier mit einem Eilbotenlauf, der auf neun verschiedenen Strecken sternförmig durch ganz Deutschland nach Leipzig führte. Die Bilder, Reden und Rituale des Turnfestes von 1913 rufen heute unwillkürlich Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg wach. Allzu schnell wurde der Spruch: "Es ist der schönste Tod fürs Vaterland zu sterben", grausame Realität.
1933 begrüßte die Turnerschaft die Machtübernahme der Nationalsozialisten und strebte - vergeblich - die Führung im deutschen Sport an. Mit der Neuordnung des Sportsystems wurde die DT zum Fachamt "degradiert" und 1936 aufgelöst.
Frauen im Turnen und Sport
Turnen und Sport wurden von Männern für Männer entwickelt und dienten der Präsentation männlicher Leistungsfähigkeit. Vor, aber auch noch nach dem Ersten Weltkrieg stießen Frauen bei ihren Bestrebungen, am Sport teilzunehmen, auf zahlreiche Probleme und Barrieren. Selbst die Leichtathletik galt als Männersache, denn: "Der Kampf gebührt dem Mann, der Natur des Weibes ist er wesensfremd."chwimmen galt als gesund, warf aber moralische Bedenken auf, obwohl die Schwimmkostüme nur wenig Haut unbedeckt ließen. Bei allen Sportarten, besonders aber beim Rad- und beim Skifahren, erwies sich der obligatorische Rock als entscheidendes Hemmnis. Es waren vor allem ästhetische Normen, denen sich Frauen in Gesellschaft und Sport unterwerfen mussten. Daher wurden Frauen beispielsweise im Rudern nur zu Wettbewerben im Stilrudern zugelassen, bei denen es nicht auf die Geschwindigkeit, sondern nur auf die Bewegungsausführung ankam.
Im Frauenturnen setzte sich nach langen Auseinandersetzungen die Hose durch, den Kampf um die Mitgliederrechte und die Beteiligung auswärtiger Turnerinnen an Turnfesten gewannen die Frauen allerdings erst in der Weimarer Republik. Mit der wachsenden Akzeptanz der Frauenerwerbstätigkeit und der beginnenden Integration der Frauen in die Leistungsgesellschaft nahm in den 1920er Jahren dann auch die Beteiligung von Frauen am Leistungssport und an Turnwettkämpfen zu. 1928 wurde das Frauenturnen als Mannschaftsmehrkampf schließlich olympisch.
Turnen heute - Resümee und Ausblick
In den vergangenen Jahrzehnten hat Turnen einen entscheidenden Bedeutungswandel erfahren - Turnen ist nicht mehr eine umfassende Bewegungskultur, sondern wird in den Köpfen vieler Menschen auf akrobatische Übungen an Geräten reduziert. Nur die Begriffe "Turnhalle" und "Turnschuh" lassen die breite Ausrichtung des Turnens noch erahnen. Der DTB hat sich seit langem von der national-deutschen Orientierung seiner Vorgängerorganisation distanziert und richtet anstelle des "Deutschen" das "Internationale Deutsche Turnfest" aus. Mit etwa fünf Millionen Mitgliedern ist der DTB der größte Freizeitsportverband, mit fast vier Millionen Mädchen und Frauen die größte Frauensportorganisation in Deutschland. Durch viele spezialisierte Angebote werden die Bedürfnisse diverser Zielgruppen bedient, von Kindern bis zu Seniorinnen. Der eindrucksvolle Wandel der Turnbewegung, zeigt sich auch an den Turnfesten. Heute prägen Frauen und Mädchen das Bild dieser Großveranstaltungen, an denen jeweils etwa 100000 Menschen aktiv teilnehmen. Die Frage, die sich hier bald für die Turnbewegung insgesamt stellen wird, lautet: Wo sind die Männer?
Der Streifzug durch die deutsche Sportgeschichte hat die Abhängigkeit der Körper- und Bewegungskultur von den jeweiligen gesellschaftlichen Werten und Normen, Strukturen und Bedingungen deutlich gemacht. So entwickelte sich das Gymnastikkonzept der Philanthropen aus den Denkmustern und Idealen der Aufklärung; das Turnen mit seiner Ausrichtung auf Volkserziehung und Wehrhaftigkeit war dagegen Teil der deutschen Nationalbewegung; die "Verschulung" des Turnens und ihre Folgen - Systematisierung des Stoffes und Disziplinierung der Schüler - waren untrennbar mit den Vorstellungen des Obrigkeitsstaates verbunden. Während das Turnen im Kaiserreich Werte wie Brauchbarkeit, Gemeinschaft, "richtige" Haltung und nationale Orientierung betonten und ein eher statisches Gesellschaftskonzept vertraten, vermittelt der Sport mit seinen Prinzipien der formalen Chancengleichheit, der Überbietung und des Rekords den Anschein unbegrenzter Dynamik, Mobilität und Modernität und entspricht damit den Werten und Normen der Leistungs- und Industriegesellschaft. Heute boomen mit Risiko und Abenteuer verbundene Aktivitäten, Sportangebote, die Fitness oder wellbeing versprechen, oder auch die Sportarten der "oberen Zehntausend". Ebenso populär sind verschiedene Trendsportarten, die alle einen spezifischen Lebensstil signalisieren. Viele Zeitgenossen mögen diese gegenwärtige Sportkultur für selbstverständlich halten, der Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch, dass die Bewegungskultur ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft ist und sich mit ihr wandelt.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Scriba, Arnulf: Der schlesische Weberaufstand 1844, in: lemo (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 10.10.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund/weberaufstand-1844, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Weberaufstand, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> Madig, Bert-Oliver: Weberaufstand vor 175 Jahren. Verzweifelter Aufruhr gegen den Frühkapitalismus, in: Deutschlandfunk Kultur, online verfügbar seit 04.04.2019 unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/weberaufstand-vor-175-jahren-verzweifelter-aufruhr-gegen-102.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/pauperismus-verelendung-im-vorindustriellen-deutschland/1788015, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> Jütte, Christopher: Der Pauperismus, in: lemo (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 30.03.2025 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/alltagsleben/pauperismus, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> Vor 190 Jahren: Hambacher Fest, in: bpb online, online verfügbar seit 25.05.2022 unter: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/508682/vor-190-jahren-hambacher-fest/, zuletzt geprüft am 10.11.2025.
-> Pfister, Gertrud: 200 Jahre Turnbewegung - von der Hasenheide bis heute, in: Sport und Teilhabe, Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 16-19, 2011), Bonn 2011, S. 27-32, online verfügbar seit 18.04.2011 unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/33330/sport-und-teilhabe/, zuletzt geprüft am 07.05.2026.
Sekundärliteratur
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Bürokratisierung und Staatsbildung
Inhaltsverzeichnis
1. Entstehung des Begriffs ,,Bürokratie''
1. Die Entstehung des Begriffs ,,Bürokratie''
Der Begriff Bürokratie entstand im Frankreich der 1760er-Jahre als ironischer Kommentar zu politischen Veränderungen. Die für eine Liberalisierung des Getreidehandels eintretenden Physiokraten verspotteten die Reglementierungssucht der Regierung als bureaumanie bzw. bureaucratie. So berichtete es der deutsche Aufklärer Friedrich Melchior Grimm in seiner „Literarischen Korrespondenz”. Der Begriff entstand somit als ironisch gemeinte Aufwertung der Verwaltungstätigkeit durch ihre Verknüpfung mit der aristotelischen Herrschaftslehre. Bureaus standen einerseits metonymisch für eine Verwaltungstätigkeit, die auf Schriftlichkeit, Regelhaftigkeit und klar abgegrenzten Kompetenzen innerhalb eines hierarchischen Beziehungsgefüges beruhte. Andererseits wurden diese Schreibtische nun als der eigentliche Sitz von Macht und Herrschaft identifiziert. Der politische Witz dieses „aus Französisch und Griechisch zu sprachlicher Krüppelbildung malerisch zusammengekuppelten [Wortes]” war die Wahl eines abstrakten Prozesses als Träger einer Herrschaftsordnung. Nicht die Schreiber als Personen bzw. Funktionsträger, sondern die Schreibstuben wurden zu den Pfeilern des neuen Herrschaftssystems.
https://docupedia.de/zg/Becker_buerokratie_v1_de_2016
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Quellen:
Internetquellen
-> Becker, Peter: Bürokratie, in: docupedia-zeitgeschichte , online verfügbar seit 30.08.2018 unter: https://docupedia.de/zg/Becker_buerokratie_v1_de_2016, zuletzt geprüft am 04.08.2025.
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Sekundärliteratur
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