Restauration und Revolution (1815 - 1848)
- Heilige Allianz
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- Die Frankfurter Nationalversammlung
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- Die Revolutionen in Europa
- Wende und Ende der Revolution
- Persönlichkeiten
- Staatsaufbau und Politik
Heilige Allianz
Vormärz
Kunst und Kultur des Vormärz
Inhaltsverzeichnis
- Brüder Grimm. Märchen über Märchen.
- Der deutsche Michel - ein invektives Autostereotyp
1. Brüder Grimm. Märchen über Märchen.
Die Brüder Grimm haben lange verheimlicht, wer ihnen ihre Geschichten zugetragen hat. Denn nicht alte Bäuerinnen erzählten die angeblichen Volksmärchen.
Die Brüder Grimm haben ihre Leser von Anfang an bewusst auf eine falsche Spur gesetzt. Sie haben dabei nicht getäuscht oder gar gelogen, aber sie haben versucht, den Anschein zu erwecken, dass die Märchenaus dem "einfachen Volk" stammen. In der Vorrede zum ersten Band der Kinder- und Hausmärchen schreiben sie: "Alles ist [...] nur in Hessen und den Main- und Kinziggegenden, in der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, nach mündlicher Überlieferung gesammelt." Diese Formulierung erweckt den Eindruck – und das sollte sie auch! –, als seien die Brüder Grimm Märchen sammelnd in ihrer Heimat umhergezogen. Das ist nachweislich nicht wahr.
Jacob und Wilhelm Grimm haben sich so gut wie alle Märchen in ihrer Kasseler Wohnung erzählen lassen. Aus eigenen Jugenderinnerungen konnten weder sie noch ihre Geschwister auch nur ein einziges zur Sammlung beisteuern. Darum schreiben sie auch nicht in der Vorrede, wir haben gesammelt, sondern "ist gesammelt". Die eigentlichen Märchenerzähler sollten anonym bleiben. Ganz im Geist der Romantikwollten die Grimms den Eindruck erwecken, ihre Märchen seien Produkte des Volkes und kollektiv überliefert. Einen einzelnen Erzähler wollten sie deshalb gar nicht erst namentlich nennen. Auch zur Herkunft der Texte machen Jacob und Wilhelm Grimm nur vage Angaben: "aus Hessen", heißt es in den Anmerkungen der Kinder- und Hausmärchen sehr allgemein oder: "aus den Maingegenden".
Im zweiten Band von 1815 wichen die Grimms davon ab. In der Vorrede stellen sie nun eine ihrer Zuträgerinnen ausführlich vor: Dorothea Viehmann (1755–1815). Ein Bildnis von ihr schmückt das Frontispiz des Buches, aber kein einziges Märchen wird ihr direkt zugewiesen. Warum nicht? Und warum haben umgekehrt die Zuträgerinnen die Zuarbeit verschwiegen? Warum haben Dorothea Viehmann, Annette und Jenny von Droste-Hülshoff, die drei Schwestern Hassenpflug und die anderen rund 20 Geschichtenzuträger, die den Grimms die meisten und wichtigsten Märchen erzählt haben, ihre Identität nicht preisgegeben? Ganz genau wissen wir das nicht. Vielleicht waren sie von den Brüdern Grimm dazu aufgefordert worden, vielleicht genierten sich die seinerzeit meist noch jungen Mädchen, die den Grimms ihre Geschichten erzählten, später, vor allem nach ihrer Heirat, sich mit solchem "Kinderkram" wie Märchenerzählen abgegeben zu haben.
Erst nach und nach fand man heraus, wer diese Beiträger gewesen sind. Fast 100 Jahre lang hatte sich die gesamte Grimm-Forschung in die Irre führen lassen. Die Identität der meisten Geschichtenerzähler konnte erst in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts aufgedeckt werden.
Das hatte mehrere Ursachen. 1895 wertete Herman Grimm, der Sohn Wilhelms, jenes Handexemplar aus, in das sein Vater die Namen der Beiträger zu ihren jeweiligen Texten geschrieben hatte. Unter vielen der wichtigsten Märchen stand der Name Marie. Herman Grimm bezog diesen Namen aber fälschlicherweise auf eine alte hessische Kinderfrau, die in der Apotheke der Familie Wild gearbeitet hatte, aus der auch Wilhelms spätere Frau Dorothea Wild stammte. Geboren wurde die Kinderfrau Marie im Jahr 1749. Tatsächlich aber bezog sich der im Handexemplar notierte Name Marie auf die junge Marie Hassenpflug, die 1788 geboren wurde. Die Hassenpflugs, eine in Hanau ansässige großbürgerliche, hugenottische Emigrantenfamilie, standen in enger Verbindung zu den Grimms. Der einzige Sohn der Familie, Ludwig, heiratete später Lotte Grimm, die Schwester von Jacob und Wilhelm. Marie Hassenpflug wuchs wie die Grimms in Hanau auf, und die Familie zog – ebenso wie die Grimms – dann nach Kassel. Dort lernte Marie Hassenpflug die Brüder Grimm 1808 kennen.
Infolge der irrigen Zuweisung durch Herman Grimm schlossen spätere Märchenforscher sogar, dass auch die Märchen, die den Grimms von den Töchtern aus der Wildschen Apotheke, nämlich Gretchen, Dorothea, Lisette und Marie-Elisabeth, übermittelt worden waren, letztlich auf deren Kinderfrau, eben die "Alte Marie", zurückgehen – was aber nicht stimmte.
So wurden bis 1975 etwa zwei Drittel der 1812 veröffentlichten Märchen dieser einfachen Kinderfrau Marie zugeschrieben. Dabei übersah man vor allem, dass die Themen der Märchen eher einer jungen Frau entsprachen – einer wie Marie Hassenpflug.
Ausgerechnet die französische Kultur beeinflusste die Grimmschen Märchen
Dass die hochgebildete Marie Hassenpflug über ein anderes Märchenrepertoire verfügte als die unbelesene, alte hessische Kinderfrau, erscheint logisch. Vor allem aber hatte eine in besten städtischen Verhältnissen aufwachsende Dame eine Vorliebe für einen bestimmten Typ von Märchen: jenen nämlich, der ihrer Lebenserfahrung und ihren Lebensumständen entspricht.
Als die Forschung die junge Marie Hassenpflug und ihre beiden Schwestern Amalie und Jeanette als wichtigste Märchenbeiträgerinnen identifiziert hatte, stellte sich heraus, dass ihre Herkunft mütterlicherseits auf hugenottische Flüchtlinge aus dem Dauphiné zurückgeht. Die Schlüsselfigur innerhalb dieser französisch geprägten familiären Märchenkultur war die Urgroßmutter der Schwestern Hassenpflug. Sie hieß Marie Madeleine Debély (1713–1791), stammte aus dem Schweizer Jura, war nach Hanau gezogen und hatte dort den aus dem Dauphiné nach Hessen geflohenen Pfarrer Etienne Droume (1695–1751) geheiratet. Ihre mit einem Offizier namens Dresen verheiratete Tochter starb jung, sodass ihre Enkelin Marie Magdalene Dresen vom vierten Lebensjahr an in ihre Obhut kam und im französischsprachigen Haushalt kein deutsches Wort mehr sprechen durfte. Die derart ganz und gar französisch geprägte Marie heiratete den späteren Kasseler Regierungspräsidenten Johannes Hassenpflug und wurde die Mutter der drei märchenerzählenden Töchter. Was Wunder also, dass deren Repertoire sich zum größten Teil aus der reichen französischen Märchentradition des 17. und 18. Jahrhunderts speiste. Und dass sich in ihren Erzählungen viele Passagen finden, die wörtlich mit ganzen Abschnitten aus der Märchensammlung Contes de Fées von Charles Perrault übereinstimmen.
Doch nicht nur diese Entdeckungen machten spät deutlich, wie sehr die Grimmschen Märchen durch die französische Erzähltradition beeinflusst sind. Selbst Dorothea Viehmann, die noch in der Vorrede von 1814 als "ächt hessische" Bäuerin charakterisiert ist, wurde später als Abkömmling hugenottischer Einwanderer namens Pierson identifiziert. Unter ihren Ahnen befinden sich nicht weniger als fünf aus Frankreich stammende Hugenotten. Es ist anzunehmen, dass Jacob und Wilhelm Grimm das wussten und dass sie es absichtlich verschwiegen haben. Sie wollten die nationale Idee ihrer Märchensammlung auf gar keinen Fall durch fremde Einflüsse verwässert sehen. Sie wollten deutsche Märchen sammeln, nicht französische!
Dorothea Viehmann schien auf den ersten Blick die ideale Märchenerzählerin nach Grimmschem Gusto abzugeben. Sie sollte von den Lesern stellvertretend für die drei Dutzend Märchenbeiträger, die den Grimms Geschichten erzählten, wahrgenommen werden. Auch das von Ludwig Emil Grimm gezeichnete Porträt mit der Unterschrift "Märchenfrau" war mit genau dieser Intention abgedruckt worden. Seit 1819 fand es sich auf dem Innentitel jeder Auflage an der Stelle, wo sonst das Porträt des Buchautors platziert wurde.
Wilhelm Grimm schrieb über Dorothea Viehmann: "Einer jener guten Zufälle aber war die Bekanntschaft mit einer Bäuerin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn, durch welche wir einen ansehnlichen Theil der hier mitgetheilten, darum ächt hessischen Märchen [...] haben. Diese Frau, noch rüstig und nicht viel über fünfzig Jahr alt, heißt Viehmännin [...] und ist wahrscheinlich in ihrer Jugend schön gewesen. Sie bewahrt diese alten Sagen fest in dem Gedächtniß [...], dabei erzählt sie bedächtig, sicher und ungemein lebendig mit eigenem Wohlgefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man will, noch einmal langsamer, so daß man ihr mit einiger Uebung nachschreiben kann. Manches ist auf diese Weise wörtlich beibehalten." Der letzte Satz belegt, dass die Grimms die Erzählungen ihrer Beiträger nicht unverändert übernommen haben. Sie haben in die Texte eingegriffen. Denn wenn vom Wortlaut der Märchen dieser Ausnahmeerzählerin nur "manches wörtlich beibehalten" ist, dann heißt das im Umkehrschluss, dass vieles nicht wörtlich übernommen worden ist – sowohl in den Geschichten von Dorothea Viehmann als auch in denen der anderen Beiträger. Doch nicht die Zahl der Texteingriffe wollte Wilhelm mit seiner Beschreibung thematisieren, sein Fokus lag auf der Beschreibung dieser idealen Märchenerzählerin: auf "Bäuerin", "Dorf", "ächt hessisch", "alt", "Gedächtniß". Und das stimmt fast alles so nicht mit der Wirklichkeit überein.
Die Behauptung, das gesamte Repertoire der Viehmann (immerhin an die 40 Texte) verdanke sich ausschließlich hessischer Tradition, haben die Grimms schon in der zweiten Auflage stillschweigend aus ihrer Vorrede gestrichen. Auch die Bezeichnung "Bäuerin" ist nicht korrekt. Zwar verkaufte Dorothea Viehmann in Kassel Gemüse und Kräuter aus ihrem kleinen Garten, aber sie war seit 1777 mit einem Schneidermeister verheiratet, nicht mit einem Bauern. Zwar lebte sie tatsächlich in dem Dorf Niederzwehren, doch hatte sie ihr Märchenrepertoire in der Jugend erworben, die sie in der Gastwirtschaft ihres Vaters, der Knallhütte im heutigen Baunatal, verbracht hatte. Dort hatte sie als Wirtstochter mehr Umgang mit städtischen als mit dörflichen Gästen. Demzufolge dürfte sich ein Teil ihrer Märchen den Erzählungen eines in der Knallhütte verkehrenden Publikums verdanken: also Kauf- und Geschäftsleuten, Fuhrknechten und Soldaten. Auch "alt" ist ein relativer Begriff, denn mit 57 Jahren war sie jedenfalls noch nicht so alt, wie man sich gemeinhin Märchen erzählende Großmütter vorstellt.
Was also von der Grimmschen Charakterisierung bleibt, ist Dorothea Viehmanns wohl in der Tat phänomenales Gedächtnis. Das belegt ein nicht für die Öffentlichkeit bestimmter Brief Wilhelms an seinen Bruder Ferdinand. Darin ist bezeichnenderweise keine Rede von "ächt hessisch" oder "Bäuerin", stattdessen wird sie beschrieben als "eine alte Frau, die uns Ramus zugewiesen haben, aus Zwern, die unglaublich viel weiß und sehr gut erzählt [...]. Sie kommt fast alle Wochen einmal [...]. Die Frau kriegt jedesmal ihren Kaffee, ein Glas Wein und Geld obendrein, sie weiß es aber auch nicht genug zu rühmen und erzählt dann bei Ramus, was ihr all für Ehre widerfahren sey, und sie habe ihr silbern Löffelchen beim Caffee so gut" wie jeder andere Gast bekommen. Das "silbern Löffelchen" scheint Dorothea Viehmann als vorübergehend verliehenes Statussymbol wichtiger gewesen zu sein als das kleine Honorar, das sie erhielt. Es ist rührend, wie sie im allerletzten der von ihr beigetragenen Märchen (Der Teufel und seine Großmutter) zweimal dezidiert von einem "silbernen Löffel" erzählt.
"Der gestiefelte Kater" und "Blaubart" waren nicht deutsch genug
Die meisten ihrer Beiträge finden sich im zweiten Band der ersten Ausgabe, der 1815 erschienen ist, denn die Brüder Grimm haben Dorothea Viehmann erst 1813, also nach Erscheinen des ersten Märchenbandes, kennengelernt. Für die Zweitauflage von 1819 tauschten Jacob und Wilhelm dann aber einige Märchen aus dem ersten Band ganz oder abschnittsweise gegen Viehmannsche Varianten aus: Diese Versionen erschienen ihnen nun endlich "ächt hessisch". Dagegen verdächtigten sie jetzt die Schwestern Hassenpflug, auf die wichtige Texte im ersten Band zurückgehen, französische Geschichten in die angeblich hessische oder jedenfalls deutsche Märchensammlung eingeschmuggelt zu haben. Angesichts des hugenottischen Einflusses auf das Viehmannsche Repertoire hieß das jedoch, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Trotzdem eliminierten die Grimms einige herrliche Geschichten der Schwestern Hassenpflug wie Der gestiefelte Kater oder Blaubart nach ihrem Erscheinen in der Erstauflage für immer aus der Sammlung, mit der Begründung: "Es ist noch einmal geprüft, was verdächtig schien, d. h. was etwa hätte fremden Ursprungs [...] seyn können, und dann alle ausgeschieden" (Vorrede von 1819).
Sicher auf hessischem Boden wähnten sich die Grimms bei ihrer frühen Beiträgerin Friederike Mannel, die bei Treysa in der Schwalm im weltabgelegenen Pfarr- und Lehrerhaus ihres Vaters aufwuchs. In ihr hat auch die auf Hessen fixierte Grimm- und Märchenforschung eine der letzten Bastionen gegen die Entdeckung des französischen Einflusses gesehen. Friederike Mannel (geboren 1783) schien eine ideale, wenn auch ein wenig zu junge Beiträgerin vom Lande ohne einen einzigen hugenottischen Vorfahren zu sein. Dabei wurde ignoriert, dass Friederike Mannels Vater als Pfarrer und Lehrer Kinder aus dem Hugenottendorf Gethsemane betreute, und da Friederike Mannel zuweilen schreibt, dass sie manche Erzählung den Schulkindern ihres Vaters verdanke, ist auch hier nicht auszuschließen, dass hugenottische Erzähltraditionen von Einfluss waren.
Bildungsfern war Friederike Mannel sicherlich nicht. In einem Brief an Wilhelm Grimm, in den sie sich verliebt hatte, schreibt die Pfarrerstochter: "Wie Sie von mir gegangen waren, weinte mein rechtes Auge, es weint zwar leichter wies andre, aber doch nicht gar zu leicht." Das ist eine raffinierte Zitat-Anspielung auf Goethes Wilhelm Meister, wo auch eine Frau einen Wilhelm anredet: "In ihrem rechten Auge blinkte eine schöne Träne. ›Glauben Sie nicht, dass ich so weich, so leicht zu rühren bin! Es ist nur das Auge, das weint.‹" Zumindest eine hohe literarische Allgemeinbildung muss dieser jungen Frau, die übrigens perfekt Französisch sprach, zugestanden werden.
Zählt man zu den genannten Beiträgern noch einige andere hinzu, etwa den norddeutschen Maler Philipp Otto Runge (Von dem Machandelboom), den Freiherrn August von Haxthausen (Die Bremer Stadtmusikanten) sowie den Schulrektor und Pfarrer Ferdinand Siebert (Der Arme und der Reiche), so repräsentieren sie fast allesamt die gebildeten Stände. Dass sie ihr Repertoire auch durch "einfache Leute" kennenlernten, ist natürlich nicht auszuschließen.
Unter den Zuträgern sind einige wenige Erzähler, die aus anderen gesellschaftlichen Schichten stammten, so wie der alte Soldat Johann Friedrich Krause. Der pensionierte Dragonerwachtmeister erzählte den Grimms zumeist raubauzige Geschichten von aus dem Dienst gejagten Soldaten, die sich ihr Märchenglück mit militärischer Gewalt erkämpfen müssen. Für jede seiner Geschichten bekam Krause im Tausch eine abgelegte Hose von den Grimms.
Aber die Behauptung, die meisten Grimmschen Märchen gingen direkt auf Erzählungen alter Bäuerinnen und einsiedlerischer Köhler und Hirten zurück, bleibt unhaltbar. Heute wissen wir, dass die Grimms nicht Volksmärchen gesammelt haben, sondern dass die Märchen vor allem in gebildeten Schichten von jungen Frauen erzählt wurden und sich oftmals aus französischen Quellen speisten.
2. Der deutsche Michel - ein invektives Autostereotyp
Der deutsche Michel ist populäre Verkörperung von Klischees des Deutschen. Man begegnet ihm in Karikaturen, Bildwitzen und humoristischen Texten. Bekannt ist die Michel-Figur seit dem 16. Jahrhundert, doch erhält sie erst im 19. Jahrhundert ihre bis heute bekannte Gestalt (vgl. Szarota 1998). Geprägt wurde sie von gesellschaftskritischen Künstlern in der Zeit des Vormärz, welche die Deutschen als spießbürgerlich, schwerfällig und passiv – insbesondere bezüglich ihres politischen Engagements – darstellen. Die politische Brisanz dieser autoinvektiven Michel-Figur erklärt sich vor dem Hintergrund des Bestrebens, die fürstlichen Kleinstaaten durch einen demokratischen und souveränen Nationalstaat zu ersetzen. Humoristisch-spöttische Anspielungen auf nationale Stereotype wie die vermeintlich typisch deutsche Trägheit sollten Gemeinschaftssinn und Gestaltungswillen aktivieren, aber auch auf aktuelle Missstände hinweisen.
Die Karikaturen Johann Richard Seels von 1842 (Kat. Nr. 15) haben den deutschen Michel in diesem Sinne bekannt gemacht (vgl. Soiné 1998). Das aktuelle Beispiel thematisiert über das Motiv des schlafenden Michels die unterstellten Feindseligkeiten der Nachbarstaaten. Zur Linken lässt ihn ein österreichischer Adliger, wahrscheinlich Metternich, zur Ader, rechts zerrt ein Franzose an ihm, wodurch die französischen Ansprüche auf das Elsass symbolisiert werden. Die das britische Empire repräsentierende Dogge stiehlt ihm einen Geldbeutel, während ihn ein Russe umschmeichelt und der Papst im Hintergrund erbost den Petrus-Schlüssel hebt. Die Soldaten des Heeres des deutschen Bundes im Hintergrund scheinen konsterniert, intervenieren jedoch nicht. Das Schloss an Michels Mund verweist auf die Zensur, die Zahlen auf seinem Lätzchen auf die 36 Fürstentümer, in die Deutschland aufgeteilt war. Michels Rolle als Opfer erscheint bemitleidenswert, aber selbstverschuldet. Mit ihr verbindet sich der Appell an die in der Michel-Figur personifizierte deutsche Bevölkerung, ‚aufzuwachen‘ und eine aktivere Rolle einzunehmen. Die Herkules-Keule deutet an, dass sie die Möglichkeit dazu hätte.
Mit der Ambivalenz von Opfer- und potenziellem Kämpfertum spielt auch eine Karikatur aus dem Eulenspiegel (Kat. Nr. 16), verkehrt den Appell aber in einen Vorwurf: Im Verlaufe des Revolutionsjahres 1848 habe sich der deutsche Michel von einem zunächst wild entschlossenen Wüterich in einen schlaffen Biedermann gewandelt. Diese Transformation zeigt sich nicht nur im Gesichtsausdruck, sondern auch in der Kopfbedeckung. An Stelle der auf die Französische Revolution verweisenden Jakobinermütze trägt er nun eine Schlafmütze.
Das Wiegenlied aus dem Simplicissimus des späten 19. Jahrhunderts (Kat. Nr. 17) ist nur ein Beispiel unter vielen, dass der schlafende Michel als Signum deutscher und insbesondere deutsch-spießbürgerlicher Passivität dominant bleibt. Dieses satirische Gedicht von Ludwig Thoma(veröffentlicht unter dem Pseudonym Peter Schlemihl) singt Michel gleich einem Kinde in den Schlaf und ermahnt ihn, der starken Hand des Vaters zu folgen und ein guter Untertan zu sein. Die lautmalerischen Wiederholungen des Refrains lullen ihn in seiner Unmündigkeit ein.
Doch signalisieren Karikatur wie Satire erneut Kritik an bestehenden politischen Verhältnissen und formulieren einen indirekten Appell an die Leser*innen, diese zu ändern. Bereits von Seel sind humoristische Darstellungen bekannt, die einen jungen und agilen Michel zeigen, keulenschwingend und furchtlos; eine Variante, die während des Ersten Weltkrieges propagandistisch eingesetzt wurde. Ob nun in der positiven oder negativen Deutung – die über die Michel-Figur kommunizierten Autostereotype dienen der Kollektivbildung und Mobilisierung, und das bis heute.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Roelleke, Heinz: Brüder Grimm. Märchen über Märchen, in: Zeitonline, online verfügbar seit 14.08.2018 unter: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2012/04/Maerchen-Brueder-Grimm-Urspruenge/komplettansicht, zuletzt geprüft am 21.05.2025.
-> Engel, Sonja: Der deutsche Michel – ein invektives Autostereotyp, in: Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, online verfügbar unter: https://www.slub-dresden.de/besuchen/ausstellungen-corty-galerie/archiv-der-ausstellungen/ausstellungen-2020/schmaehung-provokation-stigma-medien-und-formen-der-herabsetzung/stereotype-stigmata/der-deutsche-michel-ein-invektives-autostereotyp, zuletzt geprüft am 04.08.2025.
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Volkssage , zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article250582024/Die-Gebrueder-Grimm-Warmduscher-die-die-Welt-der-Maerchen-revolutionierten.html , zuletzt geprüft am 2905.2025.
Sekundärliteratur
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Politik des Vormärz
Inhaltsverzeichnis
- Das wilde Leben der Lola Montez
- Als König Friedrich Wilhelm IV. Leibesübungen wieder erlaubte
- Die Karlsbader Beschlüsse 1819
- Die Göttinger Sieben
1. Das wilde Leben der Lola Montez
Sie verstieß gegen jede Benimmregel für anständige Frauen, lüpfte auf der Bühne schamlos die Röcke und verdrehte dem König von Bayern so sehr den Kopf, dass es ihn die Krone kostete. Lola Montez war eine der berühmtesten Frauen ihrer Zeit – dabei gab es sie eigentlich gar nicht.
Lola Montez auf einer Daguerreotypie von 1851 (picture-alliance / akg-images | akg-images)
Verliebt in eine Kunstfigur
Die irische Spanierin – berühmt und berüchtigt
Mätresse des Königs von Bayern
Bald schlagen wird dein Uhr
Pfui Teufel Königshaus
Mit unserer Treu ist’s aus“
Ludwig ließ sie fallen – und stürzte selbst
2. Als König Friedrich Wilhelm IV. Leibesübungen wieder erlaubte
Am 6. Juni 1842 wurde per Kabinettsorder durch den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die sogenannte Turnsperre aufgehoben. Leibesübungen gehörten von nun an zum anerkannten „Bestandtheil der männlichen Erziehung“ – was der Turnbewegung in Deutschland zum Durchbruch verhalf.
Turnen für die Wehrhaftigkeit und Vaterlandsliebe
Gymnastik statt turnen
3. Die Karlsbader Beschlüsse 1819
Im August 1819 fand im böhmischen Karlsbad eine Konferenz mit Vertretern von Österreich, Preußen, Hannover, Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden, Nassau und beiden Mecklenburgs statt. Zu den Beratungen eingeladen hatte der österreichische Außenminister Klemens Wenzel von Metternich, ihr unmittelbarer Anlass war der Mord am populären Schriftsteller August von Kotzebue (1761-1819) durch den Burschenschaftler Karl Ludwig Sand (1795-1820) am 23. März 1819 in Mannheim. Als Verteidiger der europäischen Restaurationspolitik und einer losen Gemeinschaft der deutschen Staaten war Kotzebue für viele liberal und national Gesinnte geradezu die Personifizierung reaktionärer Politik gewesen.
Während der Mörder in studentischen und nach nationaler Einheit strebenden Kreisen geradezu hymnisch gefeiert und zu einer märtyrerischen Kultfigur erhoben wurde, erschreckte dessen Tat die politisch Verantwortlichen und große Teile der deutschen Öffentlichkeit zutiefst. Um ein Zeichen gegen gewaltbereiten Fanatismus zu setzen und um die bestehende Ordnung vor nationalen Strömungen zu schützen, nutzte Metternich den Mord an Kotzebue und die anschließende Konferenz in Karlsbad gezielt zur Etablierung repressiver Obrigkeitsmaßnahmen: Die Beschlüsse sahen die Überwachung der Universitäten mit Einschränkung der Lehrfreiheit und Entlassung revolutionär gesinnter Lehrkräfte sowie das Verbot von Burschenschaften vor, die Einschränkung der Meinungsfreiheit mit allgemeiner Pressezensur, die Einrichtung einer Zentraluntersuchungskommission in Mainz, die sich mit der Aufdeckung und Unterdrückung „demagogischer“ Verbindungen und revolutionärer Aktivitäten in Deutschland befassen sollte, sowie nicht zuletzt die Regelung des militärischen Einsatzes des Deutschen Bundes bei politischen Unruhen in den Einzelstaaten.
Zur Erhaltung der inneren Sicherheit und Zerschlagung revolutionärer Umtriebe sollte mit den Karlsbader Beschlüssen der Ruf nach Pressefreiheit, nationaler Einheit und angemessener Repräsentation des Volkes am politischen Geschehen unterdrückt werden. Der Maßnahmekatalog wurde dem Frankfurter Bundestag am 20. September 1819 zur Beschlussfassung vorgelegt und einstimmig als Bundes-Universitätsgesetz, Bundes-Preßgesetz und Bundes-Untersuchungsgesetz angenommen. Während wohl die meisten um das tägliche Brot besorgten Deutschen sich kaum um die für sie lebensfremden Beschlüsse gekümmert oder überhaupt Kenntnis davon erlangten haben dürften, waren deren befürchtete Auswirkungen in der oppositionellen Öffentlichkeit ein beliebtes Motiv auf – in der Regel illegal verbreiteter – Karikaturen: Durch die Karlsbader Beschlüsse sollte Deutschland in tiefen politischen Dämmerschlaf versinken.
4. Die Göttinger Sieben
Die Revolution von 1830 erschütterte auch das Königreich Hannover, das in Personalunion mit Großbritannien regiert wurde. Hier richteten sich die aufwallenden Proteste weniger gegen den in London residierenden König Wilhelm IV. (1765-1837), als vielmehr gegen das altständisch-feudale System seines Repräsentanten in Hannover, des leitenden Ministers Ernst Graf Münster (1766-1839). Treibende Kraft der Proteste war die liberale bürgerliche Intelligenz der Universitätsstadt Göttingen: 1831 putschte eine bewaffnete Menge von Bürgern, Studenten und Dozenten gegen die örtliche Regierung und die Polizeibehörde. Zwar wurde dieser Göttinger Aufstand militärisch niedergeschlagen, doch ließ sich der Systemwechsel nicht mehr aufhalten: Wilhelm IV. entließ seinen leitenden Minister und berief eine neue Ständeversammlung ein, in der die liberalen Stimmen dominierten.
Im September 1833 verabschiedete die Ständeversammlung nach langwierigen Verhandlungen das "Staatsgrundgesetz", das die konstitutionelle Monarchie in Hannover einführte, Bauern und Bürgertum die Zweite Kammer öffnete, den Landständen das Gesetzgebungs- und Budgetrecht übertrug und eine beschränkte Ministerverantwortlichkeit einführte. Der in Göttingen lehrende Historiker und Staatswissenschaftler Friedrich Christoph Dahlmann (1785-1860) war maßgeblich an der Abfassung dieser Verfassung beteiligt.
Nach dem Tod Wilhelms IV. 1837 endete aufgrund des männlichen Thronfolgerechts die Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover, wo Ernst August von Cumberland (1771-1851) seinem Bruder auf den Thron folgte. Der 66-jährige ausgesprochen konservative Monarch lehnte den in einer konstitutionellen Monarchie vorgeschriebenen Eid auf die Verfassung ab. Er vertagte den Landtag und erklärte die Verfassung am 1. November 1837 für ungültig und den Eid der Beamten auf die Verfassung für erloschen. Das kam einem monarchischen Staatsstreich gleich, gegen den sich Dahlmann als Mitverfasser des Staatsgrundgesetzes auflehnte. Gemeinsam mit den ebenfalls an der Göttinger Universität lehrenden Professoren Jacob Grimmund Wilhelm Grimm, Wilhelm Eduard Albrecht (1800-1876), Georg Gottfried Gervinus (1805-1871), Heinrich Georg August Ewald (1803-1875) sowie Wilhelm Eduard Weber (1804-1891) erklärte er am 18. November 1837 öffentlich, sich auch weiter an die Verfassung gebunden zu fühlen und an keinen Aktionen gegen das Staatsgrundgesetz teilnehmen zu wollen. Drei Wochen später wurden die als "Göttinger Sieben" bekannt gewordenen Professoren fristlos entlassen; Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm mussten binnen drei Tagen das Land verlassen.
Der Rechtsbruch des Königs von Hannover und sein drastisches Vorgehen gegen die sieben Professoren sowie die Tatsache, dass der Deutsche Bundestag auf Betreiben Metternichs nichts gegen die Anmaßung König Ernst Augusts unternahm, lösten in Deutschland ein gewaltiges politisches Echo aus. Die für die politischen Rechte der Bürger eingetretenen Professoren wurden als Helden und Märtyrer der Freiheit verehrt. Dies reichte von spontanen öffentlichen Sympathiebekundungen bis zur Bildung von Hilfskomitees, die Geld sammelten, um die Entlassenen finanziell zu unterstützen.
Die revidierte Verfassung, die das Königreich Hannover 1840 erhielt, fiel vor diesem Hintergrund weitaus weniger reaktionär aus, als ursprünglich erwartet. Vier der "Göttinger Sieben" blieben ihrem Verfassungseid weiter treu: Albrecht, Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm waren 1848 als Mitglieder der Nationalversammlung in der Paulskirche maßgeblich an der Abfassung der Grundrechte des Deutschen Volkes sowie an der Ausarbeitung der Verfassung des Deutschen Reiches beteiligt. Für Jahrzehnte prägten sie das Bild der "politischen Professoren" – auch in der Paulskirche, in der 49 der 830 Abgeordneten Professoren waren.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Rückert, Ulrike: Das wilde Leben der Lola Montez, in: Deutschlandfunk, online verfügbar seit 17.02.2021 unter: https://www.deutschlandfunk.de/vor-200-jahren-geboren-das-wilde-leben-der-lola-montez-100.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.geschichte.fm/podcast/gag283/, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> Ulrich, Bernd: ,,Turnsperre'' vor 175 Jahren aufgehoben. Als König Friedrich Wilhelm IV. Leibesübungen wieder erlaubte, in: Deutschlandfunk Kultur, online verfügbar seit 06.06.2017 unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/turnsperre-vor-175-jahren-aufgehoben-als-koenig-friedrich-100.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/aufsaetze/traub-turnerbewegung-turnsperre-vereinsgruendung-worms-oppenheim-bingen-turnfahrt.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Turnsperre, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> Scriba, Arnulf: Die Karlsbader Beschlüsse 1819, in: lemo (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 10.10.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund/karlsbader-beschluesse-1819, zuletzt geprüft am 10.11.2025.
-> Blume, Dorlis: Die Göttinger Sieben, in: LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 10.10.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund/goettinger-sieben, zuletzt geprüft am 16.03.2026.
Sekundärliteratur
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Gesellschaft des Vormärz
Inhaltsverzeichnis
- Der schlesische Weberaufstand 1844 (Artikel)
- Weberaufstand vor 175 Jahren. Verzweifelter Aufruhr gegen den Frühkapitalismus (Artikel)
- 3. Der Pauperismus (Artikel)
- Vor 190 Jahren: Hambacher Fest
- 200 Jahre Turnbewegung - von der Hasenheide bis heute
1. Der schlesische Weberaufstand 1844
Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts unterlagen immer mehr Kleinproduzenten der Konkurrenz der effektiver und preiswerter produzierenden Fabriken. Aufgrund des sich ausdehnenden europaweiten Handels wurden ausländische Produkte auf dem heimischen Markt nicht nur kostengünstiger angeboten, sie waren oft auch von besserer Qualität als die in mühseliger Heimarbeit hergestellten Waren. Die wirtschaftlichen Veränderungen sprengten das soziale Gefüge der Gesellschaft, da die maschinell hergestellten Waren dauerhaft handwerkliche Strukturen und Einnahmequellen untergruben. Vom Wettbewerb mit der Maschinenproduktion am härtesten betroffen waren die Weber, die von ihren Verlegern immer weniger Geld für ihre handgewebten Produkte erhielten. Trotz gesteigerter Arbeitszeit oft bis zur sprichwörtlichen Erschöpfung und der Mitarbeit sämtlicher Angehöriger lebten insbesondere die schlesischen Weberfamilien in wachsender Armut.
Da in der preußischen Provinz Schlesien die Bevölkerung von 1815 bis 1844 von rund 1,9 auf knapp 3 Millionen Menschen angewachsen war, hatte sich ein Überangebot an Arbeitskräften herausgebildet. Sinkendes Lohnniveau und steigende Lebensmittelpreise aufgrund von Missernten ließen nicht nur Elend und Verzweifelung gedeihen, sondern auch den Zorn der Weber auf Fabrikanten und Großhändler, die sie für die soziale Not verantwortlich machten. Vom 4. bis 6. Juni 1844 kam es in Peterswaldau und Langenbielau zu einer Revolte von Baumwollwebern, die im Vergleich zu den sehr viel verarmteren Leinenwebern zumeist noch besser gestellt waren: Zu Protest und Aufruhr neigt nicht, wer schon aller Hoffnung beraubt ganz unten ist, sondern wer seine Existenz bedroht sieht und Angst vor weiterem sozialen Abstieg hat.
Den weit über die Grenzen Preußens Aufsehen erregenden Weberaufstand ließ die Regierung mit elf Getöteten unverhältnismäßig blutig niederschlagen. Den politisch Verantwortlichen wie dem aufgeschreckten Bürgertum hatten die schlesischen Weber erstmals in Deutschland das Potential eines gewalttätigen Sozialprotestes vor Augen geführt. Das Medienecho war enorm, im ganzen Deutschen Bund wurde der unorganisierte Aufstand kontrovers diskutiert und verstärkt auf die Not der Weber und das Problem des Pauperismus hingewiesen. Heinrich Heine (1797-1856) veröffentlichte schon einen Monat nach der Niederschlagung des Aufstandes sein Gedicht „Die armen Weber“. Noch 50 Jahre später war das Thema vom Aufruhr verarmter Massen von so großer Brisanz, dass die Aufführung des Dramas „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann1892 vom Berliner Polizeipräsidenten verboten wurde.
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund/weberaufstand-1844
2. Weberaufstand vor 175 Jahren. Verzweifelter Aufruhr gegen den Frühkapitalismus
Die Konkurrenz aus England führte im 19. Jahrhundert dazu, dass deutsche Weber extrem niedrige Löhne erhielten. 1844 kam es zum Aufstand. © dpa / akg-images
Der schlesische Weberaufstand von 1844 ist als Akt des Widerstands gegen die frühkapitalistische Ausbeutung ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Es gab Weberromane, Weberdramen und Webergedichte zuhauf. Begonnen hatte alles eher harmlos.
„Ihr fresst der Armen Hab‘ und Gut“
Nachhaltige Wirkungen in der Publizistik
Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann widmete dem Weberaufstand ein Theaterstück.© picture alliance / dpa
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben.“
Keine Folgen für die soziale Ordnung
3. Der Pauperismus
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Armut und Hunger in Deutschland weit verbreitet. Das enorme Bevölkerungswachstum nach 1815 konnte durch einen nur sehr geringen Produktivitätsanstieg in der Landwirtschaft und der aufkommenden Industrie noch nicht aufgefangen werden. Wiederkehrende Missernten, Hungersnöte und der Niedergang des Heimgewerbes förderten das Aufkommen von Massenarmut. Die Zeitgenossen beschrieben diese Zustände mit dem Begriff „Pauperismus“, abgeleitet vom lateinischen Begriff pauper, (dt.: „arm“).
Über die Ursachen des Pauperismus waren sich die Zeitgenossen nicht einig. Ganze Schriften wurden über die möglichen Gründe der Massenarmut verfasst und bildeten den Zweig der „Pauperismusliteratur“. Konservativ-bürgerliche Publizisten sahen die Schuld bei den Armen selbst: Ein Verfall der Sitten, Faulheit und Spielsucht führten aus bürgerlicher Sicht in die Bedürftigkeit. Andere – wie Friedrich Engels - sahen die Gründe in der aufkommenden Industrialisierung, die die Arbeit mechanisierte und den Arbeitern ihre Beschäftigung und damit ihre Lebensgrundlage entzog. Im Bürgertum war die Angst vor einem sich unkontrolliert ausbreitenden Armenheer sehr ausgeprägt. Die Bürgerlichen fürchteten die Verbreitung revolutionärer Ideen unter den Mittellosen, die somit zu einem Träger eines gesellschaftlichen Umsturzes werden könnten.
''Der Notgroschen'', 1840/1860
Die größte Not herrschte in den Gebieten, in denen der Industrialisierungsprozess noch nicht eingesetzt hatte. Südwestdeutschland, Teile Nordwestdeutschlands, Hessen, Preußen und Schlesien waren besonders betroffen und Zentren des Pauperismus. In den zumeist ländlichen Gebieten arbeitete die Bevölkerung nicht in der Fabrik, sondern als Tagelöhner in der Landwirtschaft oder in Heimarbeit. Die Arbeitsbedingungen waren denkbar schlecht: Die Heimarbeiter, auch Frauen und Kinder, produzierten in feuchten, stickigen Kellern mit schlechter Lichtversorgung und unter schlimmsten Hygienebedingungen. Beispielhaft für den Verfall des Heimgewerbes stand der Aufstand der schlesischen Weber, der am 5. Juni 1844 blutig niedergeschlagen wurde.
Missernten und die daraus resultierenden Hungersnöte konnten die Situation der Armen noch erheblich verschärfen. Ein Mangel an Grundnahrungsmitteln trieb deren Preis in die Höhe. Tagelöhner mussten mehr arbeiten um sich zu ernähren, wodurch es zu einem Mehrangebot an Arbeit kam, das wiederum zu einem Verfall der Löhne führte. Viele waren so trotz schwerster körperlicher Arbeit nicht in der Lage, sich selbst zu versorgen. Auch Krankheit, Unfälle und das Alter konnten die Arbeitsfähigkeit gefährden und die Betroffenen so in die Bedürftigkeit stürzen. In England sprach man von den „labouring poor“, den arbeitenden Armen. Einen Höhepunkt der Armut bildeten die Krisenjahre 1846/1847.
Aus Verzweiflung flüchteten sich viele Arme in die „Notkriminalität“. Durch den Diebstahl von Feldfrüchten und Holz, Wilderei und Schmuggel versuchten die Bedürftigen ihre Situation zu verbessern. Um sich zu betäuben und die Not einen Augenblick zu vergessen, griff die Unterschicht zum Alkohol. In den Zeitungen fanden sich Berichte über die sich ausbreitende „Branntweinwuth“, zur Bekämpfung der Armut forderten die Publizisten eine Beschränkung des Branntweinbrennens. Auch die Zahl der Bettler und sogenannten Landstreicher stieg vor 1850 rasant an.
Waren die letzten Ersparnisse verbraucht, sah man sich gezwungen, den spärlichen Besitz zu verkaufen oder zum Pfandleiher zu bringen, da staatliche Unterstützung nicht ausreichend vorhanden war. Die in bitterster Armut lebenden Tagelöhner und Landarbeiter verpfändeten Kleidung, Hausrat und Werkzeug, wobei letzteres gegen hohe Gebühren vom Pfandleiher zurückgeliehen werden musste, um der Arbeit weiterhin nachgehen zu können. Wer Geld brauchte, bekam dieses nur zu Wucherzinsen geliehen.
Die deutschen Staaten versuchten der Armut mit Bettlerverordnungen oder Eherechtsbeschränkungen, die das Bevölkerungswachstum kontrollieren sollten, entgegenzuwirken. Vermeintlich arbeitsscheue Individuen sollten per Gesetz zur Arbeitsaufnahme gezwungen werden. Zudem wurde auch die Abwanderung in außerdeutsche Gebiete nach anfänglichem Zögern aktiv unterstützt.
Getrieben durch Armut und Hunger suchten viele Menschen ihr Glück in den Städten, um dort von der voranschreitenden Industrialisierung zu profitieren. Die Städte verzeichneten ein enormes Wachstum: Hatte Berlin 1816 noch 200.000 Einwohner, waren es 1849 bereits 450.000. Die Wohnverhältnisse in den Armenvierteln waren dramatisch: Große, kinderreiche Familien lebten zusammen auf engstem Raum. Schmutz und Gestank waren allgegenwärtig. Die mangelnde Hygiene – viele besaßen keine Wechselkleidung - begünstigte die Ausbreitung von Seuchen und Krankheiten wie Ruhr und Typhus.
Die Städte waren mit der wachsenden Armut überfordert. Während der Hungersnot im Krisenwinter von 1816/1817 lebten in der Stadt Köln 18.000 Almosenempfänger bei etwa 49.000 Einwohnern. Ein Drittel der Bevölkerung war also auf Zuwendungen aus der Armenkasse angewiesen. In den 1840er-Jahren war die Einwohnerschaft vieler deutscher Regionen nicht in der Lage, durch eigene Arbeit für ihren Lebensunterhalt aufzukommen.
Viele suchten ihr Heil außerhalb der deutschen Grenzen. In den 1840er Jahren, dem Höhepunkt der Pauperismuskrise, hatten bereits 418.000 Menschen das Land verlassen. Allein im Jahr 1847 zählte man 80.000 Auswanderer.
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/alltagsleben/pauperismus
4. Vor 190 Jahren: Hambacher Fest
Beim wegweisenden Hambacher Fest 1832 forderten zehntausende Menschen Freiheits- und Bürgerechte sowie einen deutschen Nationalstaat.

Es war eine der größten politischen Zusammenkünfte der damaligen Zeit: Am 26. und 27. Mai 1832 versammelten sich zwischen 20.000 und 30.000 Menschen an der Ruine des Hambacher Schlosses in Neustadt an der Weinstraße. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer forderten Freiheits- und Bürgerechte sowie ein geeintes Interner Link: Deutschland
Die Mehrheit der Festteilnehmerinnen und -teilnehmer entstammte dem Bildungs- und Besitzbürgertum. Darunter waren viele Anwälte, Journalisten, Buchhändler und -drucker, sowie kleine Handelsleute. Auch viele Studenten waren anwesend. Sie kämpften bereits seit Jahren für mehr Freiheitsrechte und einen deutschen Nationalstaat. Die Anliegen und Beweggründe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschieden sich: Einige zeigten ihren Unmut über die wirtschaftliche Situation in Folge von Missernten, andere thematisierten die ungeklärte Nationenfrage im deutschsprachigen Raum oder artikulierten den Wunsch nach einer liberalen Verfassung.
Entscheidenden Einfluss hatte der Anfang 1832 gegründete "Deutschen Preß- und Vaterlandsverein". Dieser hatte in kürzester Zeit etwa 5.000 Mitglieder gewonnen. Von den fast drei Dutzend Neustädtern, die zum Gedenken an den 26. Mai, den bayerischen Verfassungstag, zum Fest auf das Hambacher Schloss eingeladen hatten, gehörten viele dem "Preß- und Vaterlandsverein" an. Kurz nach seiner Gründung wurde der Verein verboten. Versuche bayerischer Behörden, das Hambacher Fest zu verbieten, scheiterten jedoch.
Konkrete Forderungen von Rednern und Demonstranten waren nationale Einheit, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit sowie die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Die Teilnehmer sprachen offen von der "Beseitigung der Fürstenherrschaft", der Schaffung "Vereinigter Freistaaten von Deutschland" und von einem "konföderierten republikanischen Europa“. Während manche Redner sich zur konstitutionellen Monarchie bekannten, warben andere für eine demokratische Regierungsform. Bei den Feierlichkeiten am Abend des 26. Mai und des 27. Mai wehten schwarz-rot-goldene Fahnen, die zum Symbol des deutschen Nationalstaats geworden waren.
Frauen demonstrierten ebenfalls mit, was für die damalige Zeit nicht selbstverständlich war. Als Hymne des Festes gilt das vom liberal-demokratischen Publizisten Philipp Jakob Siebenpfeiffer verfasste Lied "Hinauf Patrioten zum Schloß, zum Schloß!". Siebenpfeiffer rief dazu auf, dass die Deutschen sich nicht mehr wie Knechte unter das Joch ihrer Fürsten beugen sollten. Auch zahlreiche weitere Redner forderten staatliche Einheit für das deutsche Volk, liberale Bürger- und Freiheitsrechte und zum Teil auch Demokratie ein.
Das Fest markiert den Beginn des Interner Link: Vormärz auf dem Weg zur Revolution 1848/49. In den Jahren 1832 bis 1834 veranlasste das Fest die Bundesversammlung, Maßnahmen zur Eindämmung liberaler Bestrebungen vorzunehmen. Diverse Initiatoren des Hambacher Festes wurden verhaftet oder mussten ins Ausland fliehen.
Vorgeschichte
Im Zuge der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege wurden die Rechte des Individuums gegenüber dem Staat durch den 1804 eingeführten Code Civil, das im Geiste von Aufklärung und Revolution stehende Bürgerliche Gesetzbuch Frankreichs, in weiten Teilen Deutschlands ausgebaut. Nach dem Sieg deutscher Staaten über das von Napoleon geführte Frankreich und seine Verbündeten setzte in Folge des Wiener Kongresses die historische Phase der sogenannten Restauration ein – die Monarchie blieb intakt, liberale Verfassungen und Bürgerrechte lehnten die Herrschenden strikt ab und vereinbarten ein Gleichgewicht der politischen Mächte in Europa. Die politische Ordnung vor der Französischen Revolution 1789 sollte wiederhergestellt werden.
Das liberale Bürgertum war jedoch nicht gewillt, den anachronistisch erscheinenden Herrschaftsanspruch der Monarchen zu akzeptieren. Auch viele Studenten äußerten ihren Unmut gegen die vorherrschende Kleinstaaterei in Deutschland und die restaurative Politik, wie etwa beim Wartburgfest 1817, bei dem sich anlässlich des vierten Jahrestags der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 hunderte Studenten auf der Wartburg im thüringischen Eisenach versammelten, gegen die Restauration und für einen deutschen Nationalstaat mit Verfassung aussprachen und dabei auch von ihnen als "undeutsch" bezeichnete Bücher verbrannten.
Zunehmend setzte sich das Bildungsbürgertum für Freiheit und Volkssouveränität ein. Es war kein Zufall, dass das Hambacher Fest im heutigen Rheinland-Pfalz, das damals als Kurpfalz zu Bayern gehörte, stattfand. Dort war das napoleonische Erbe in Form weitgehenderer Bürgerrechte bedeutender als anderswo in Deutschland.
Anfang der 1830er-Jahre hatte die Idee eines deutschen Nationalstaates ebenso wie die Forderung nach Bürger- und Freiheitsrechten großen Zulauf. Im Zuge der Julirevolution kam in Paris der Bürgerkönig Louis Philippe auf den Thron. Dies stärkte sowohl nationale, liberale als auch demokratische Kräfte in Europa. Im August 1830 erhielt Frankreich eine neue Verfassung, die sich zur Volkssouveränität bekannte. Im Süden der Vereinigten Niederlande erreichten Katholiken und Liberale 1830 in der Belgischen Revolution die Loslösung Flanderns und Walloniens als selbständiges Königreich Belgien. Im von Russland besetzten Teil Polens versuchten sich polnische Freiheitskämpfer erfolglos gegen die reaktionäre Fremdherrschaft des russischen Zaren zu erheben.
Diese Entwicklungen bestärkten auch im Gebiet des heutigen Deutschlands den Wunsch nach Bürgerrechten. Staaten Mitteldeutschlands wie etwa Kurhessen 1830 sowie ein Jahr darauf Sachsen gaben sich Verfassungen. Diese Entwicklungen wirkten sich auf das Hambacher Fest aus. Auch die damals schlechte wirtschaftliche Situation spielte für dessen Erfolg eine Rolle.
Revolution 1848/49
Erneut von Frankreich ausgehend erfasste 1848 eine Revolutionswelle Europa. Ende Februar 1848 erreichte sie den Südwesten Deutschlands. Vielerorts kämpften in der Folge Aufständische für ein liberaleres politisches System, eine sozialere Wirtschaftsordnung und einen deutschen Nationalstaat.
Nachdem es Interner Link: in Berlin zu heftigen Straßenkämpfen gekommen war, stimmte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. am 21. März 1848 vorgeblich einem deutschen Nationalstaat zu. Um dessen Aufbau zu beschließen, tagte ab dem 18. Mai 1848 die erste relativ frei gewählte deutsche Volksvertretung in der Frankfurter Interner Link: Paulskirche. Gut drei Viertel der männlichen Deutschen waren wahlberechtigt. Auf große Zustimmung in der Nationalversammlung stieß im März 1849 der verabschiedete Grundrechtskatalog: Darin waren etwa die Gleichheit vor dem Gesetz, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie die Unverletzlichkeit der Person festgeschrieben. Die sogenannte Paulskirchenverfassung wollte einen deutschen Nationalstaat auf Basis einer konstitutionellen Erbmonarchie errichten.
Am 28. März 1849 wählten die Abgeordneten mit knapper Mehrheit König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum "Kaiser der Deutschen“. Preußen erkannte diese Wahl jedoch ebenso wie Österreich, Bayern, Hannover und Sachsen nicht an. Radikaldemokratische Kräfte versuchten in der Folge, die Reichsverfassung mit gewaltsamen Mitteln durchzusetzen. Im Juli 1849 schlugen preußische und österreichische Truppen die etwa im Südwesten aufgeflammten Aufstände blutig nieder, viele Revolutionäre mussten fliehen.
Rolle des Fests in der Erinnerungskultur
Das Hambacher Fest gilt als wichtiges Ereignis in der deutschen Demokratie- und Nationalstaatsgeschichte. Der spätere Bundespräsident Theodor Heuß nannte es 1932 bei einer Rede anlässlich der Hundertjahrfeier zum Hambacher Fest "die erste politische Volksversammlung der neueren deutschen Geschichte". Für das politische Selbstverständnis sowie die Demokratiegeschichte der Bundesrepublik spielt das Hambacher Fest bis heute eine große Rolle. Jedoch versuchen auch nationalistische, rechtspopulistische oder rechtsextreme Kräfte immer wieder, es für sich in Anspruch zu nehmen.
5. 200 Jahre Turnbewegung - von der Hasenheide bis heute
Vor 200 Jahren schuf "Turnvater" Jahn den ersten Turnplatz in der Berliner Hasenheide. Die Bewegungskultur ist immer auch ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft ist wandelt sich mit ihr.
Einleitung
Die bunte Welt von Spiel und Sport setzt sich bei genauem Hinsehen aus zahlreichen kulturspezifischen Mustern zusammen, die von den politischen, ökonomischen, soziokulturellen und materiellen Bedingungen einer Gesellschaft abhängig sind. Grundsätzlich gilt, dass die jeweilige Bewegungskultur die Werte und Normen einer Gesellschaft "verkörpert", sie aufgreift, präsentiert und verstärkt. Das bedeutet auch, dass man an Traditionen zwar anknüpfen kann (und sollte), dass sich aber die Bedingungen für turnerische und sportliche Aktivitäten verändern und dass sich deshalb auch die Ziele und Inhalte der Turn- und Sportbewegung immer wieder den aktuellen Gegebenheiten anpassen müssen. Zudem ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gefordert, die (Er)Kenntnisse über die Entstehung und Entwicklung des Turnens und des Sports voraussetzt.
Anfänge auf der Berliner Hasenheide
Einer der wichtigsten "Väter" der "Leibes-Übungen" war der Philanthrop Johann Christoph GutsMuths (1759-1839). Die von ihm entwickelte, pädagogisch begründete "Gymnastik" wurde weltweit rezipiert. Basierend auf den Ideen der Aufklärung entwickelten die Philanthropen eine revolutionäre Pädagogik, deren Ziel es war, ihre (männlichen) Schüler zu vernunftgeleiteten Bürgern zu erziehen. Da sich Vernunft nur durch Handeln und Erkenntnis, das heißt nur durch körperliche Aktivitäten und sinnliche Wahrnehmungen, entwickeln könne, hielten die Philanthropen Leibesübungen für unverzichtbar. Ihr breit gefächerter Übungskanon diente Zeitgenossen und Nachfolgern bei der Entwicklung eigener Gymnastiksysteme als "Fundgrube" in einer Zeit, in der aufgrund der Napoleonischen Kriege die körperliche Ertüchtigung der Jugend als unabdingbar erschien.
In Deutschland gilt Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) als der "Vater" des Turnens, das er zusammen mit Gleichgesinnten aus seinen Ideen der "Volkserziehung" entwickelte. Der Begriff Turnen ist eine Erfindung Jahns und markierte die Entstehung eines neuen und spezifisch deutschen Gymnastikkonzepts. Die Turnbewegung verfolgte in erster Linie politische Ziele: die Befreiung Preußens von der französischen Besatzung, die Überwindung der feudalen Ordnung und die Gründung eines deutschen Nationalstaats. Die Entwicklung des Turnens hatte aber auch eine praktische Komponente. Jahn, der als Hilfslehrer in Berlin tätig war, wanderte an Nachmittagen mit den ihm anvertrauten Jugendlichen vor das Hallesche Tor, übte mit ihnen Springen und Werfen und spielte mit ihnen Fang- und Kampfspiele. Auf diese Weise gelang es ihm, die unbändigen Jugendlichen zu disziplinieren. 1811 richtete Jahn zusammen mit der schnell wachsenden Schar seiner Anhänger einen Turnplatz auf der Hasenheide ein, einem Jagdrevier im Süden Berlins (heute Neukölln). Die Turnbewegung breitete sich rasch aus, in Preußen soll es 1818 etwa 100 Turnplätze und 6000 Turner gegeben haben.
Turnen war ein umfassendes Konzept von im Alltag und im Krieg nützlichen Bewegungsaktivitäten. Dazu zählten zahlreiche Übungen an Geräten, sogenannte volkstümliche Übungen wie Laufen, Springen und Werfen, Klettern oder Fechten, Voltigieren, Ringen, Schwimmen und Spiele. Die Einrichtung der Turnplätze spiegelt die nicht auf Höchstleistung ausgerichtete "Philosophie" des Turnens wider. Für Sprungübungen standen beispielsweise ein keilförmiger Graben für den Weitsprung und ein Hügel für den Tiefsprung zur Verfügung. Neben einer breiten Rennbahn für verschiedene Laufarten gab es eine eigene Bahn für den "dreyfachen Zirkellauf". In der Nähe der "Springanstalt" für den Hochsprung standen die Voltigierpferde, auf denen die jungen Männer das Auf- und Absitzen trainieren konnten. Die "Gerüste", auf denen das Voltigieren geübt wurde, nannte Jahn "Barren". Ein wichtiges Gerät für verschiedene Balancierübungen war der "Schwebebaum" (Heute findet der Schwebebalken ausschließlich im Frauenturnen Verwendung). Am auffälligsten waren die hohen Kletterbäume und -gerüste mit Leitern, Stangen und Tauen, die Wagemutige zu halsbrecherischen Klettereien verführten. Umliegendes Waldgelände wurde zu Kriegsspielen mit Spähtrupps und Überfällen genutzt.
Nicht die Übungen, sondern die Normen und Werte, Intentionen und Prinzipien des Jahn'schen Turnens unterschieden sich grundlegend vom modernen Turnen und Sport, was sich am besten an den Laufformen demonstrieren lässt: So führte Jahn zahlreiche Laufarten auf, unter anderem das Rennen, den Schlängellauf, den Rücklauf (Rückwärtslaufen), den Sturmlauf (Hinauflaufen auf eine Anhöhe) und den Scheinlauf (Laufen auf der Stelle). Alle konnten als Schnell- oder Dauerlauf und als Lastlauf mit Gepäck oder Lediglauf ohne Gepäck betrieben werden. Den Dauerlauf beschrieb Jahn folgendermaßen: "Beim Wettrennen auf Dauer gebührt dem der Preis, der den weitesten Raum, in der kürzesten Zeit, mit der mindesten Anstrengung zurücklegt und am Ziele unerschöpft bei guten Kräften anlangt." Im Gegensatz zum modernen Sport ließ sich das Dauerlaufen der Turner nicht operationalisieren - wie sollte sich auch messen lassen, ob jemand noch "bei guten Kräften" war? Es war daher unmöglich, Leistungen über den Wettbewerb hinaus zu vergleichen und Rekorde zu erfassen. Jahn vertrat zudem das Prinzip der relativen Leistung, das heißt, Sprungweiten oder -höhen wurden in Bezug zur Körpergröße gewertet.
Turnen war Teil der deutschen Nationalbewegung und Mittel der Nationalerziehung. Die "Pflege vaterländischer Gesinnung" fand auf dem "Thing" des Turnplatzes statt. Dort wurden patriotische Reden gehalten, Lieder gesungen und Gedenkfeiern abgehalten. Schließlich dienten auch die Turnfahrten dem Ziel, das Vaterland kennen und lieben zu lernen. Da Turnen im Dienst der Charakterbildung und der Wehrerziehung stand, wurde es von den preußischen Behörden zumindest zeitweise unterstützt. Auch Jahn betonte die militärische und staatspolitische Brauchbarkeit des Turnens, lehnte soldatischen Drill jedoch grundsätzlich ab. Nach den Befreiungskriegen (1813-1815), an denen die Turner sich unter anderem im Lützowschen Freikorps beteiligt hatten, erfüllten sich die Träume der Patrioten nicht. Bei dem Versuch, ein neues Gleichgewicht in Europa herzustellen und die liberalen Verfassungsbewegungen zu unterdrücken, entstand der aus 39 Einzelstaaten zusammengesetzte Deutsche Bund mit stark restaurativen Tendenzen. Zwar breitete sich das Turnen weiter aus, die politischen Ziele der Turner, die nach wie vor die deutsche Einheit und das politische Mitbestimmungsrecht des Volkes propagierten, erregten jetzt aber den Verdacht der Behörden. 1820 wurde das Turnen durch eine preußische Kabinettsordre verboten, die Turnplätze wurden geschlossen und Jahn, dessen Person und Wirken bis heute kontrovers beurteilt werden, wurde für einige Zeit inhaftiert.
Obwohl der Turnplatz "als Tummelplatz für die gesamte Bevölkerung und als Sammelpunkt des ganzen öffentlichen Lebens gedacht" war, wurde unter der "gesamten Bevölkerung" nur die eine, die männliche Hälfte der Menschheit verstanden. In Jahns "Deutscher Turnkunst", dem Standardwerk der Turner, werden Mädchen und Frauen nicht ein einziges Mal erwähnt. Erst als in den 1830er Jahren, in der Zeit der "Turnsperre", der gesundheitliche Wert der Leibesübungen einen neuen Stellenwert erhielt, wurden die ersten Turnkurse für Mädchen angeboten, nicht zuletzt, weil die Gesundheit des "schwachen Geschlechts" durch Bewegungsarmut bedroht schien.
Auf- und Abschwünge: "Verschulung" und bürgerliche Turnbewegung
1842 wurden die Leibesübungen in Preußen "als ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil der männlichen Erziehung förmlich anerkannt und in den Kreis der Volks-Erziehung aufgenommen". Es war vor allem die Sorge um die Volksgesundheit und um den Offiziersnachwuchs, die dem Turnen den Weg in die höheren Knabenschulen ebnete. Die "Verschulung" des Turnens veränderte seine Ziele, Inhalte und Vermittlungsformen grundlegend: Klettern und Tummeln, volkstümliche Übungen und Spiele hatten in den neu errichteten Schulturnhallen keinen Platz, dafür wurden Freiübungen nach militärischem Kommando, Ordnungsübungen (exerzierähnliche Aufmärsche im Klassenverband) und Reigen (Ordnungsübungen mit Musikbegleitung) eingeführt. Die Werte und Normen des Turnunterrichts entsprachen ebenso wie die Übungen der vom Obrigkeitsstaat geforderten Erziehung zum Untertanen. Auch außerhalb der Schulen erlebte das Turnen einen neuen Aufschwung. Im Vorfeld der bürgerlichen Revolution von 1848/49 entstanden nicht nur zahlreiche Turnvereine, sondern auch erste Turnverbände, die zu einem großen Teil die liberale und demokratische Bewegung unterstützten. Dabei war die Verbindung zwischen Turnen und Politik nicht zwangsläufig: So gab es sowohl "Maulturner", die sich nur politisch engagierten, als auch "Nur-Turner", die Turnen und Politik nicht vermischen wollten. Nach dem Scheitern der Revolution wurden zahlreiche Turnvereine jedoch wieder verboten und ihre Angehörigen politisch verfolgt. Erst in den 1860er Jahren, im Zuge der wiedererstarkten Nationalbewegung, verbreitete sich das Turnen erneut.
Mit der Reichsgründung 1871 war eines der wichtigsten Ziele der Turner verwirklicht. Die 1868 gegründete Deutsche Turnerschaft (DT) stellte sich vorbehaltlos und in vielfältiger Weise in den Dienst des Deutschen Reiches. So betonten die Turner jetzt den wichtigen Beitrag des Turnens zur Wehrerziehung. Drill und die Disziplinierung des Körpers galten "als unsterblicher Schutzgeist unseres Volksheeres", als "unentbehrlicher Bestandteil des Turnens" und als Voraussetzung zur Förderung der Wehrkraft. Haltungen und Bewegungen der Turner, verkörpert in den Massenfreiübungen auf den Turnfesten, symbolisierten die Turnerideologie, die im Einklang mit den herrschenden Denk- und Deutungsmustern auf die Einordnung des Individuums in die Gemeinschaft und deren Ausrichtung auf Gott, Kaiser und Vaterland zielte. Dies gilt allerdings nur für die sogenannte bürgerliche Turnbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts Konkurrenz durch den sozialistisch orientierten Arbeiter-Turnerbund und die jüdische Turnbewegung erhielt.
Während Frauen bis zum Ende der 1880er Jahre vom Turnen ausgeschlossen waren, bestand für Mädchen in eingeschränktem Maße die Möglichkeit, an Turnkursen teilzunehmen. Zudem nahmen manche Schulen, vor allem private höhere Töchterschulen, seit den 1850er Jahren Turnen in ihren Fächerkanon auf. Da Frauen nicht am männlichen Maßstab der Wehrhaftigkeit, Stärke und Überlegenheit gemessen wurden, schien die "körperliche Ertüchtigung des weiblichen Geschlechts" keine allzu große Bedeutung zu haben. Die Übungsauswahl im Mädchenturnen war zudem aufgrund zahlreicher Vorurteile und Vorbehalte äußerst beschränkt. Es galt die Devise: "Kopf oben, Beine unten und geschlossen." Erst gegen Ende des Jahrhunderts wurde die Ineffektivität der Übungen kritisiert und unter dem Motto "Starke werden nur von Starken geboren" eine Reform des Mädchenturnens gefordert.
Turnfeste und Turnprinzipien
Höhepunkte des Turnens waren Feste und Feiern, welche die Gemeinschaft der Turner im eigentlichen und übertragenen Sinne "verkörpern" sollten. So organisierten die Turner schon auf der Hasenheide, aber auch im Vorfeld der 1848er Revolution Feste, bei denen politische Botschaften verkündet, aber auch turnerische Leistungen gezeigt wurden. Turnfeste waren und sind bis heute eine Leistungsschau des Turnens, präsentieren die imagined community der Turnbewegung nach innen und außen und sichern so das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Loyalität ihrer Mitglieder. "Deutsche Turnfeste" finden seit 1860 in der Regel alle vier Jahre statt. Organisiert wurden und werden sie von der DT (bis 1933) bzw. dem 1950 gegründeten Deutschen Turner-Bund (DTB). Auf den Turnfesten wurden alle Register kollektiver Erinnerung gezogen, um die chaotisch erscheinende Masse der Turner zusammenzuschweißen und sie nach innen in einen Bund, nach außen in ein "Turnerheer" zu verwandeln. Mit Hilfe von Symbolen, unter anderem Farben und Fahnen, Jahnbüsten und Eichenlaubkränzen, wurde Teilnehmern und Zuschauern Begeisterung für das Turnen und darüber hinaus für das Vaterland vermittelt. Turnfeste konnten, so der Historiker George Mosse, "die Massen nationalisieren".
Die Übungen und Wettbewerbe auf den Turnfesten verdeutlichten die Prinzipien des Turnens sowie die Unterschiede zwischen Turnen und Sport. So demonstrierte das "Gemeinturnen", bei dem alle Teilnehmer die gleiche Übung turnten, dass der Einzelne als Teil eines Ganzen aufzufassen sei. Dies spiegelte sich auch in den Wettkampfprinzipien wider: Sowohl bei den Vorführungen von Musterriegen als auch bei den Massenfreiübungen mit Zigtausenden Teilnehmern kam es nicht auf Höchstschwierigkeiten, sondern vor allem auf die "richtige" Haltung und das Gleichmaß der Ausführung an.
Turnen erhält Konkurrenz - Sport wird modern
Mit der von England ausgehenden Verbreitung des modernen Sports erhielt das Turnen schon früh Konkurrenz. Die mit der Aufklärung und Industrialisierung verbundenen Normen, Werte und Strukturen, unter anderem rationales Denken, technischer Fortschritt, abstrakte Zeitordnung und eine auf Kapitalakkumulation ausgerichtete Ökonomie, spiegelten sich in dem auf Wettkampf, Überbietung und Rekorde ausgerichteten Konzept der Bewegungskultur wider. Vor allem das Streben nach Rekorden prägt das Sportsystem in spezifischer Weise. Um die Vergleichbarkeit von Leistungen auch über den Wettkampf hinaus zu gewährleisten, müssen Geräte und Strecken normiert und standardisiert, Regeln festgelegt, Leistungen möglichst genau gemessen und registriert werden. Dies wiederum zog eine Institutionalisierung des Sports, die Gründung von nationalen und internationalen Verbänden, nach sich. Folgen des Strebens nach unbegrenzter Leistungssteigerung sind ständige Ausweitung und Optimierung des Trainings, Verbesserung von Technik und Taktik, gezielte Selektion von sportlichen Talenten, Spezialisierung, Verwissenschaftlichung, Professionalisierung und Kommerzialisierung. Einer sportimmanenten Logik folgen schließlich auch die Versuche, die Leistungen durch medizinische und psychologische Beeinflussungen zu steigern.
In Deutschland begann der Siegeszug des Sports Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Import einiger wichtiger Sportarten, vor allem des Fußballs. Gleichzeitig verbreiteten sich die Logik des Sports und seine Prinzipien. Zahlreiche Übungen und Spiele des Turnens, vom Faustballspiel bis hin zu den volkstümlichen, athletischen Übungen, wurden "versportlicht".Die DT lehnte den Sport aufgrund seiner "undeutschen" Wurzeln und seiner internationale Ausrichtung ab. Im Mittelpunkt der Kritik stand jedoch die Wettkampf-, Leistungs- und Rekordorientierung, die nicht nur nutz- und sinnlos, sondern auch aufgrund von Verletzungen und Überanstrengung eine Gefahr für Leib und Leben der Beteiligten sei. Abgelehnt wurde von den Turnern auch die im Sport notwendige Spezialisierung mit dem Argument, dass die "einseitige Leistungssucht" nicht der rechte Weg sei, "um Körper und Geist den größten und nachhaltigsten Nutzen zu verschaffen".Aus der Perspektive der Turner war die sportliche, ausschließlich auf Leistungsoptimierung ausgerichtete Bewegungsausführung zudem "unrichtig" und unästhetisch. So entrüstete sich der Gymnasiallehrer Karl Planck in seiner Kampfschrift gegen die "Fußlümmelei" darüber, dass der "Hundstritt" geübt und der Sieger darin mit hohen Preisen ausgezeichnet werde.
Die Anhänger des Sports wiesen die erwähnten Vorwürfe zurück und konterten ihrerseits mit Angriffen auf das Turnen, dem sie Ineffektivität, Deutschtümelei, Spießbürgerlichkeit und Kneipenseligkeit vorwarfen. In einem Punkt waren sich die "verfeindeten Brüder" allerdings einig, nämlich in ihrer Kritik am Professionalismus, am Sporttreiben um des "Broderwerbs" willen.Allerdings konnten sich die Turner, mit Ausnahme einiger hartgesottener Funktionäre, der Faszination des Sports nicht entziehen. Zunehmend wurden in den Turnvereinen die Prinzipien des Sports übernommen und verschiedene Sportarten angeboten. Auch das Turnen an Geräten orientierte sich zunehmend am Prinzip der unbegrenzten Leistungssteigerung. Diesem Trend wurde nur im Frauenturnen bis in die 1960er Jahre Widerstand geleistet. So entsandte der DTB wegen der geforderten Höchstleistungen von 1954 bis 1961 keine Teilnehmerinnen zu internationalen Wettbewerben. Heute ist selbst die Frauengymnastik, die in den 1920er Jahren die Qualität der Bewegung, die Bildung des Körpers und die Erziehung des Menschen betonte, zu einer Wettkampfsportart geworden.
Turnfest 1913
Ein gutes Beispiel für die Haltung der Turner in der Vorkriegszeit ist das 12. Deutsche Turnfest 1913 in Leipzig. Es stand ganz im Zeichen der Völkerschlacht, die 100 Jahre zuvor vor den Toren der Stadt stattgefunden hatte und seit 1814 als Signal der Befreiung Deutschlands interpretiert wurde. Die Erinnerung an die Schlacht prägte die Festzeitung, die in zahlreichen Beiträgen, Gedichten, Aufrufen und Abbildungen den Sieg über die Franzosen und die Rolle der Turner in den Befreiungskriegen beschwor. Auch im Festzug wurde die Erinnerung an 1813 symbolisch präsentiert: Die Musiker, die an der Spitze eines der beiden Züge marschierten, trugen die Uniformen der Lützowschen Jäger. Die Massenfreiübungen, an denen 17000 (ausschließlich männliche) Turner teilnahmen, sollten ebenfalls die Wehrbereitschaft signalisierten. Erstmals wurde auf einem Turnfest Militärturnen gezeigt.
Wenige Monate nach dem Turnfest wurde mit der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals, eines bombastischen Erinnerungsortes voller kriegerischer und nationaler Symbole, das 100-jährige Jubiläum der Schlacht gefeiert. Die Turner beteiligten sich an dieser Feier mit einem Eilbotenlauf, der auf neun verschiedenen Strecken sternförmig durch ganz Deutschland nach Leipzig führte. Die Bilder, Reden und Rituale des Turnfestes von 1913 rufen heute unwillkürlich Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg wach. Allzu schnell wurde der Spruch: "Es ist der schönste Tod fürs Vaterland zu sterben", grausame Realität.
1933 begrüßte die Turnerschaft die Machtübernahme der Nationalsozialisten und strebte - vergeblich - die Führung im deutschen Sport an. Mit der Neuordnung des Sportsystems wurde die DT zum Fachamt "degradiert" und 1936 aufgelöst.
Frauen im Turnen und Sport
Turnen und Sport wurden von Männern für Männer entwickelt und dienten der Präsentation männlicher Leistungsfähigkeit. Vor, aber auch noch nach dem Ersten Weltkrieg stießen Frauen bei ihren Bestrebungen, am Sport teilzunehmen, auf zahlreiche Probleme und Barrieren. Selbst die Leichtathletik galt als Männersache, denn: "Der Kampf gebührt dem Mann, der Natur des Weibes ist er wesensfremd."chwimmen galt als gesund, warf aber moralische Bedenken auf, obwohl die Schwimmkostüme nur wenig Haut unbedeckt ließen. Bei allen Sportarten, besonders aber beim Rad- und beim Skifahren, erwies sich der obligatorische Rock als entscheidendes Hemmnis. Es waren vor allem ästhetische Normen, denen sich Frauen in Gesellschaft und Sport unterwerfen mussten. Daher wurden Frauen beispielsweise im Rudern nur zu Wettbewerben im Stilrudern zugelassen, bei denen es nicht auf die Geschwindigkeit, sondern nur auf die Bewegungsausführung ankam.
Im Frauenturnen setzte sich nach langen Auseinandersetzungen die Hose durch, den Kampf um die Mitgliederrechte und die Beteiligung auswärtiger Turnerinnen an Turnfesten gewannen die Frauen allerdings erst in der Weimarer Republik. Mit der wachsenden Akzeptanz der Frauenerwerbstätigkeit und der beginnenden Integration der Frauen in die Leistungsgesellschaft nahm in den 1920er Jahren dann auch die Beteiligung von Frauen am Leistungssport und an Turnwettkämpfen zu. 1928 wurde das Frauenturnen als Mannschaftsmehrkampf schließlich olympisch.
Turnen heute - Resümee und Ausblick
In den vergangenen Jahrzehnten hat Turnen einen entscheidenden Bedeutungswandel erfahren - Turnen ist nicht mehr eine umfassende Bewegungskultur, sondern wird in den Köpfen vieler Menschen auf akrobatische Übungen an Geräten reduziert. Nur die Begriffe "Turnhalle" und "Turnschuh" lassen die breite Ausrichtung des Turnens noch erahnen. Der DTB hat sich seit langem von der national-deutschen Orientierung seiner Vorgängerorganisation distanziert und richtet anstelle des "Deutschen" das "Internationale Deutsche Turnfest" aus. Mit etwa fünf Millionen Mitgliedern ist der DTB der größte Freizeitsportverband, mit fast vier Millionen Mädchen und Frauen die größte Frauensportorganisation in Deutschland. Durch viele spezialisierte Angebote werden die Bedürfnisse diverser Zielgruppen bedient, von Kindern bis zu Seniorinnen. Der eindrucksvolle Wandel der Turnbewegung, zeigt sich auch an den Turnfesten. Heute prägen Frauen und Mädchen das Bild dieser Großveranstaltungen, an denen jeweils etwa 100000 Menschen aktiv teilnehmen. Die Frage, die sich hier bald für die Turnbewegung insgesamt stellen wird, lautet: Wo sind die Männer?
Der Streifzug durch die deutsche Sportgeschichte hat die Abhängigkeit der Körper- und Bewegungskultur von den jeweiligen gesellschaftlichen Werten und Normen, Strukturen und Bedingungen deutlich gemacht. So entwickelte sich das Gymnastikkonzept der Philanthropen aus den Denkmustern und Idealen der Aufklärung; das Turnen mit seiner Ausrichtung auf Volkserziehung und Wehrhaftigkeit war dagegen Teil der deutschen Nationalbewegung; die "Verschulung" des Turnens und ihre Folgen - Systematisierung des Stoffes und Disziplinierung der Schüler - waren untrennbar mit den Vorstellungen des Obrigkeitsstaates verbunden. Während das Turnen im Kaiserreich Werte wie Brauchbarkeit, Gemeinschaft, "richtige" Haltung und nationale Orientierung betonten und ein eher statisches Gesellschaftskonzept vertraten, vermittelt der Sport mit seinen Prinzipien der formalen Chancengleichheit, der Überbietung und des Rekords den Anschein unbegrenzter Dynamik, Mobilität und Modernität und entspricht damit den Werten und Normen der Leistungs- und Industriegesellschaft. Heute boomen mit Risiko und Abenteuer verbundene Aktivitäten, Sportangebote, die Fitness oder wellbeing versprechen, oder auch die Sportarten der "oberen Zehntausend". Ebenso populär sind verschiedene Trendsportarten, die alle einen spezifischen Lebensstil signalisieren. Viele Zeitgenossen mögen diese gegenwärtige Sportkultur für selbstverständlich halten, der Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch, dass die Bewegungskultur ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft ist und sich mit ihr wandelt.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Scriba, Arnulf: Der schlesische Weberaufstand 1844, in: lemo (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 10.10.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund/weberaufstand-1844, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Weberaufstand, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> Madig, Bert-Oliver: Weberaufstand vor 175 Jahren. Verzweifelter Aufruhr gegen den Frühkapitalismus, in: Deutschlandfunk Kultur, online verfügbar seit 04.04.2019 unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/weberaufstand-vor-175-jahren-verzweifelter-aufruhr-gegen-102.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/pauperismus-verelendung-im-vorindustriellen-deutschland/1788015, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> Jütte, Christopher: Der Pauperismus, in: lemo (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 30.03.2025 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/alltagsleben/pauperismus, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> Vor 190 Jahren: Hambacher Fest, in: bpb online, online verfügbar seit 25.05.2022 unter: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/508682/vor-190-jahren-hambacher-fest/, zuletzt geprüft am 10.11.2025.
-> Pfister, Gertrud: 200 Jahre Turnbewegung - von der Hasenheide bis heute, in: Sport und Teilhabe, Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 16-19, 2011), Bonn 2011, S. 27-32, online verfügbar seit 18.04.2011 unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/33330/sport-und-teilhabe/, zuletzt geprüft am 07.05.2026.
Sekundärliteratur
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Bürokratisierung und Staatsbildung
Inhaltsverzeichnis
1. Entstehung des Begriffs ,,Bürokratie''
1. Die Entstehung des Begriffs ,,Bürokratie''
Der Begriff Bürokratie entstand im Frankreich der 1760er-Jahre als ironischer Kommentar zu politischen Veränderungen. Die für eine Liberalisierung des Getreidehandels eintretenden Physiokraten verspotteten die Reglementierungssucht der Regierung als bureaumanie bzw. bureaucratie. So berichtete es der deutsche Aufklärer Friedrich Melchior Grimm in seiner „Literarischen Korrespondenz”. Der Begriff entstand somit als ironisch gemeinte Aufwertung der Verwaltungstätigkeit durch ihre Verknüpfung mit der aristotelischen Herrschaftslehre. Bureaus standen einerseits metonymisch für eine Verwaltungstätigkeit, die auf Schriftlichkeit, Regelhaftigkeit und klar abgegrenzten Kompetenzen innerhalb eines hierarchischen Beziehungsgefüges beruhte. Andererseits wurden diese Schreibtische nun als der eigentliche Sitz von Macht und Herrschaft identifiziert. Der politische Witz dieses „aus Französisch und Griechisch zu sprachlicher Krüppelbildung malerisch zusammengekuppelten [Wortes]” war die Wahl eines abstrakten Prozesses als Träger einer Herrschaftsordnung. Nicht die Schreiber als Personen bzw. Funktionsträger, sondern die Schreibstuben wurden zu den Pfeilern des neuen Herrschaftssystems.
https://docupedia.de/zg/Becker_buerokratie_v1_de_2016
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Quellen:
Internetquellen
-> Becker, Peter: Bürokratie, in: docupedia-zeitgeschichte , online verfügbar seit 30.08.2018 unter: https://docupedia.de/zg/Becker_buerokratie_v1_de_2016, zuletzt geprüft am 04.08.2025.
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Sekundärliteratur
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Sozialer Protest
Revolten und Widerstand
Inhaltsverzeichnis
1. Die Kartoffelrevolution 1847
2. 1. Mai 1844 - Unruhen in München nach Bierpreiserhöhung
3. „[Haufen] aus Lehrlingen, Gesellen, Arbeitern, frechen Weibern“
Der Stuttgarter Brotkrawall am 3. Mai 1847
4.
5.
1. Die Kartoffelrevolution 1847
Es war die sogenannte Kartoffelrevolution, die die Berliner Stadtväter veranlasste, über den Bau von Markthallen nachzudenken. Diese Hallen sollten eine breitflächige Versorgung der wachsenden Bevölkerung mit preiswerten Lebensmitteln sicherstellen.
Im April 1847 war es zu Plünderungen und Massenprotesten in Berlin gekommen. Missernten hatten zu einer extremen Verteuerung der Lebensmittel geführt. Für Kartoffeln, das Grundnahrungsmittel der ärmeren Leute, musste der vierfache Preis gezahlt werden. Viele Berliner hungerten. Schließlich wehrten sich auf mehreren Berliner Wochenmärkten Kundinnen gegen die Wucherpreise. Sie warfen die Stände um, zerschnitten die Kartoffelsäcke und bedienten sich, ohne zu zahlen. In den folgenden Tagen plünderten aufgebrachte Demonstranten Bäckereien und Fleischgeschäfte. Erst nach drei Tagen konnte das Militär die Unruhen beenden.
Die Kartoffelrevolution machte deutlich, dass die alten Versorgungsstrukturen für die schnell wachsende Stadt nicht mehr ausreichend waren. Armut und Hunger großer Teile der Bevölkerung waren die Kehrseite des rapiden Wachstums. Doch es bedurfte noch mehrerer Anläufe, bis 1886 in Berlin die erste Markthalle eröffnet wurde, in der Lebensmittel unter hygienischen Bedingungen angeboten wurden. In dieser Zeit verdreifacht sich die Bevölkerung Berlins: 1849 lebten etwa 424.000 Menschen in der Stadt, 1890 hatte sie bereits mehr als 1,5 Millionen Einwohner. Die industrielle Revolution brauchte Arbeiter, für die in Kreuzberg die berühmt-berüchtigten Mietskasernen gebaut wurden.
https://markthalleneun.de/ueber/geschichte
2. 1. Mai 1844 - Unruhen in München nach Bierpreiserhöhung
Die vorerst letzte Revolution in Deutschland löst 1995 die bayerische Staatsregierung aus. Als die Sperrstunde in einem Münchener Biergarten vorverlegt werden soll, ziehen mehr als 20.000 Menschen protestierend durch die Stadt. Nach wochenlangem Tauziehen muss sich Ministerpräsident Edmund Stoiber dem Volkszorn beugen. Die selbsternannte "Bayerische Biergartenrevolution" hat gesiegt.
Wann immer sich die Obrigkeit beim Bier, Bayerns fünftem Element, einmischt, hört für die Münchener traditionsgemäß der Spaß auf. Das bekommt vor 170 Jahren bereits König Ludwig I. zu spüren. Wegen der damals herrschenden Knappheit an Rohstoffen verordnet Majestät den Brauereien eine deutliche Preiserhöhung. Die folgenden Krawalle um den Gerstensaft gehen als Münchener Bierrevolution in die Stadtgeschichte ein.
Kleinholz im Maderbräu
Vor allem die ärmere Bevölkerung trinkt im 19. Jahrhundert Bier nicht allein des Genusses wegen. "Man darf nicht vergessen, dass Trinkwasser damals nicht so sauber war wie heute", erklärt Rainhard Riepertinger vom Haus der Bayerischen Geschichte. "Nicht zuletzt wegen des Reinheitsgebotes war Bier also in der Tat als flüssiges Brot ein sauberes Grundnahrungsmittel." Entsprechend sauer reagiert deshalb der Soldat Korbinian Stiglmayr, als er am 1. Mai 1844 im Wirtshaus Maderbräu für seine Maß statt fünf plötzlich sechseinhalb Kreuzer zahlen soll.
Zum Vergleich: Ein Tagelöhner kommt zu jener Zeit gerade mal auf 40 Kreuzer im Monat. Spontan solidarisieren sich die übrigen Gäste mit dem erbosten Stiglmayr Korbinian, ein Wort gibt das anderes, bis das gesamte Mobiliar des Maderbräu zu Kleinholz verarbeitet ist. Am nächsten Tag bricht sich der Volkszorn richtig Bahn, denn erst kurz zuvor hatte Ludwig I. bereits den Brotpreis empfindlich angehoben. Tausende randalieren in Brauhäusern und Biergärten gegen die neuerliche Teuerung. Die Polizei muss das Militär zur Hilfe rufen, hat aber die Rechnung ohne die durstigen Soldaten gemacht. Die solidarisieren sich mit den Bier-Rebellen.
Bier-Schlacht mit Kavallerie
Nach vier Tagen Krawall in Brauereien und Wirtshäusern sieht sich der König gezwungen, die verordneten Preiserhöhungen zurückzunehmen. Vier Jahre später kommt es im Nachhall der deutschen Märzrevolution von 1848 erneut zu Unruhen ums Bier. Nicht nur in München, auch in anderen Großstädten wie Nürnberg und Bamberg kämpft das Volk dafür, dass das urbayerische Lebensmittel für alle bezahlbar bleibt. Ludwig I. ist da bereits nicht mehr König. Skandale um seine kostspielige Geliebte Lola Montez kosten ihn erst seine Reputation und dann den Thron.
Aller Proteste zum Trotz steigt der Bierpreis in den folgenden Jahrzehnten immer weiter. Nach mehreren kleineren Unruhen artet 1888 das traditionsreiche Starkbierfest auf dem Münchener Nockherberg zur "Salvator-Schlacht" aus. Zivilisten und Soldaten liefern sich im Keller des Brauhauses eine derart wilde Keilerei, dass eine ganze Kavallerie-Einheit mit gezückten Säbeln eingreifen muss, um die Kampfhähne zu trennen. Die letzte Bierschlacht spielt sich 1910 im oberbayerischen Dorfen ab. Nach einer deftigen Erhöhung der Malzsteuer verlangen die Brauereien zwei Pfennig mehr für eine Maß. Als Streiks und Boykottaufrufe nichts fruchten, brennen die wütenden Dorfener zwei Schänken und fünf Bürgerhäuser nieder.
https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag8298.html
3. „[Haufen] aus Lehrlingen, Gesellen, Arbeitern, frechen Weibern“
Der Stuttgarter Brotkrawall am 3. Mai 1847
Wie in vielen anderen Städten kam es auch in Stuttgart im Frühsommer 1847 zu Unruhen, die sich gegen steigende Lebensmittelpreise richteten und von den ärmeren Bevölkerungsschichten getragen wurden. Frauen, die von der Teuerung in besonderem Maße betroffen waren, waren daran maßgeblich beteiligt.„Eine Masse von Menschen zog vorbei (...). Bald darauf hörte ich (...) sagen daß man dem Bäcker Mayer bereits die Fenster einwerfen und das Haus stürmen wolle. (...) Das Lärmen und das Toben (...) wurde immer ärger." So berichtete der Kaufmann Reihlen über den Beginn der Unruhen in Stuttgart am Abend des 3. Mai 1847. Und er sagte weiter, das Militär sei „mit Steinwürfen angegriffen und gräßlich verschimpft und ausgespottet" worden.
Nach den Unruhen in Ulm am 1. Mai 1847 war befürchtet worden, dass es auch in Stuttgart am 4. Mai zu Krawallen kommen würde, falls die Kornpreise auf dem Markt nicht fallen. Aber der Zorn der Bewohner der Esslinger Vorstadt, eines Unterschichtenviertels, brach sich bereits am Vorabend Bahn. Sie zogen vor das Haus des Bäckers Mayer, um ihm eine „Katzenmusik" darzubringen. Denn er hatte schon seit einiger Zeit nicht mehr gebacken, Gerüchten zufolge deshalb, weil er auf weiter steigende Preise wartete.
Das Heranziehen von Militär verschärfte die Situation. Das brutale Vorgehen der Soldaten, die wahllos auf die Menschenmenge einstachen und Gebrauch von Schusswaffen machten, entfachte den Zorn der „Tumultanten" noch mehr. Es kam zu Straßenkämpfen, dem Bau von Barrikaden, Gaslaternen wurden durch Steinwürfe zerstört.
„Katzenmusiken", eine ohrenbetäubende Kakophonie aus Schreien, Pfiffen und Schmährufen, waren eine gängige Form der Unmutsäußerungen der ärmeren Bevölkerungsschichten, die sich gegen ein konkretes Problem richteten. Frauen der Unterschichten beteiligten sich ganz selbstverständlich daran. Sie waren es gewohnt, ihre Stimme in der Öffentlichkeit zu erheben: Die beengten Wohnverhältnisse bedingten es, dass sich das Leben weitgehend auf der Straße abspielte und auch Streitereien öffentlich ausgetragen wurden. Ihre Teilnahme an Krawallen wurde nur von der bürgerlichen Presse, nicht aber von Nachbarn des Viertels verurteilt.
Die helleren Stimmen der Frauen hoben sich aus dem Geschrei der Masse hervor und konnten von den Soldaten identifiziert werden. So fiel dem Feldjäger Humpfer Friederike Eberhard auf, von der er sagte: „diese schrie hauptsächlich". Da aber ihre Nachbarn aussagten, sie habe nur ihren Hund gerufen, konnte ihr die Ordnungsmacht nichts anhaben. Der Leibgardist Friedrich Schlotterbeck sah zwar die Akteur*innen im Dunkeln nicht, aber erkannte an der Stimme, dass eine Frau „auf die gemeinste Weise" auf den König geschimpft hatte.
Nicht nur mit Lärmen und Schreien beteiligten sich Frauen an dem Aufstand. „Weiber" bewarfen aus Hauseingängen heraus die durchreitenden Soldaten mit Steinen und trafen zumindest einen am Oberschenkel. Frauen rannten mit Latten bewaffnet den berittenen Soldaten hinterher und schlugen auf sie ein.
Etwa 130 Personen wurden in der Nacht des 3. Mai und in den darauffolgenden Tagen verhaftet, darunter vier Frauen. Unter den acht Menschen, die zu Haftstrafen verurteilt wurden, befand sich eine Frau.
Zwei Frauen wurden durch ihre sozialen Kontakte gedeckt und freigesprochen. Friederike Calwer hatte ihr ganzes Leben im Viertel gelebt und war in das soziale Gefüge gut eingegliedert. Christine Wüst wurde verhaftet, weil sie geprahlt hatte, sie habe sich an dem Krawall beteiligt und „auch geschmissen". Aber sie war schon einige Jahre in Stuttgart und in fester Anstellung. Ihre Vermieterin sagte zu ihren Gunsten aus.
Anders erging es der Dienstmagd Christine Werner, die erst seit wenigen Tagen in Stuttgart lebte. Sie wurde verhaftet, weil sie sagte „es sey dem Bäcker Mayer recht geschehen, man hätte es ihm noch viel ärger machen sollen". Werner wurde der Stadt verwiesen.
Die Wäscherin Beate Calwer schließlich lebte wie ihre Schwester Friederike schon ihr ganzes Leben im Viertel. Sie hatte drei uneheliche Kinder, für deren Unterhalt der karge Lohn nicht reichte. Beate war verschuldet und lebte deswegen in ständigem Streit mit Nachbarn und Vermietern. Während des Prozesses sagten diese gegen sie aus, sie habe das Militär beschimpft, die Soldaten mit Lattenstücken bedroht, die anderen „Tumultanten" durch Zurufe immer wieder angestachelt. Verurteilt wurde sie wegen „in fortgesetzter Handlung sich erlaubter Beleidigung der Dienst-Ehre von Militärpersonen und Störung der öffentlichen Ruhe" zu vier Wochen Kreisgefängnis.
Am 4. Mai kamen weniger Händler zum Wochenmarkt als üblich. Sie senkten zwar die Kornpreise nicht, hoben sie aber auch nicht weiter an. Stadtrat und Bürgerausschuss fassten bereits am 5. Mai den Beschluss, größere Getreidemengen zu beschaffen und Maßnahmen zu ergreifen, die eine weitere Erhöhung der Brotpreise verhindern sollten.https://frauen-und-geschichte.de/website.php?id=denktag2304051606
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> https://markthalleneun.de/ueber/geschichte, zuletzt geprüft am 27.05.2025.
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Kartoffelrevolution#:~:text=Die%20„Kartoffelrevolution“%20war%20eine%20von,Provinzen%20blieben%20davon%20weitgehend%20verschont, zuletzt geprüft am 27.05.2025.
-> https://frauen-und-geschichte.de/website.php?id=denktag2304051606, zuletzt geprüft am 28.05.2025.
-> https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag8298.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Münchner_Bierrevolution, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/friedrich-engels-berichtet-ueber-die-muenchner-bierkrawalle-102.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
Sekundärliteratur
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Migration
Auswanderung in die USA
Inhaltsverzeichnis
- Neuzeit. Auswanderer (Artikel)
- Deutsche ''Forty-Eighters'' in den USA
1. Neuzeit. Auswanderer
Im 19. Jahrhundert war das Auswandern meist eine Entscheidung fürs Leben. Heute kann man die alte Heimat in ein paar Stunden wieder erreichen. Eine große Entscheidung bleibt das Auswandern dennoch.
Gründe für das Auswandern
Die ersten deutschen Auswanderer nach Amerika wurden von religiösen, politischen oder wirtschaftlichen Gründen angetrieben. Religiöse Splittergruppen erhofften sich zum Beispiel im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" mehr Religionsfreiheit. Viele politisch Aktive hatten nach der gescheiterten Revolution im Jahre 1848 die Hoffnung auf ein demokratisches Deutschland verloren und verließen deshalb die Heimat. Hauptgrund für die meisten Auswanderer ist und war aber die wirtschaftliche Situation. Im 19. Jahrhundert bewirkten Hungersnöte in den Städten und die Landknappheit, dass viele Menschen in Deutschland kaum überleben konnten. Durch die beginnende Industrialisierung starben außerdem ganze Berufszweige aus.
Auch heute treiben drohende Arbeitslosigkeit und das Gefühl der Perspektivlosigkeit viele zur Flucht nach vorne. Es gibt natürlich auch persönliche Motive, die Heimat zu verlassen: Liebe, Liebeskummer, Abenteuerlust, die Sehnsucht nach besserem Wetter oder nach einem ruhigeren Leben.
Auswandern als Martyrium
So bequem wie heute war das Auswandern damals bei weitem nicht – im Gegenteil. Die Segelschiffe, mit denen die Menschen ab Anfang des 19. Jahrhunderts Deutschland verließen, waren eigentlich Frachtschiffe. In ihren Zwischendecks wurden Waren von Amerika nach Europa gebracht. Auf dem Rückweg war der Platz frei – Auswanderer waren für die Reedereien also ein willkommenes Zusatzgeschäft. Die Auswanderer mussten als "Fracht" mehrere Wochen dicht gedrängt unter Deck bleiben, oft ohne Tageslicht und Frischluft. Die schlechte Hygiene verursachte schwere Krankheiten wie Typhus und Mundfäule. Die Verpflegung mussten sich die Leute selbst mitbringen – doch wenn die Fahrt statt sechs Wochen zehn dauerte, verhungerten viele Passagiere. Nur rund 50 Prozent überlebten.
Zusatzgeschäft für die Reederei: Auswanderer
Da viele Auswanderer die Überfahrt nicht bezahlen konnten, ließen sie sich anwerben und verpflichteten sich, für den neuen Arbeitgeber in Übersee mehrere Jahre nur für Kost und Logis zu arbeiten. Wenn sie "entlassen" wurden, bekamen sie vom Dienstherren oft ein Stück Land dazu, das sie bewirtschaften konnten.
Komfort auf den Dampfschiffen
Anders war die Situation auf den Dampfschiffen, mit denen die Menschen ab 1880 Deutschland verließen. Selbst in der untersten Klasse, im sogenannten Zwischendeck, versetzte der sparsame Luxus mit regelmäßigen Mahlzeiten, eigener Matratze und Unterhaltungsprogramm am Abend so manch junge Dienstmagd vom Land in Erstaunen.
Auf den Dampfschiffen war es angenehmer
Auswandererschutzgesetze verpflichteten die Reedereien, die Passagiere zu verpflegen, für Hygiene zu sorgen und jedem eine Koje bereitzustellen. Die Auswanderer waren noch immer ein gutes Geschäft, doch ab 1900 machten sich die Dampfschiff-Betreiber gegenseitig mehr Konkurrenz. In der Folge wurden die Bedingungen angenehmer und die Überfahrten günstiger.
Auswanderungssziele in der Geschichte
Die meisten Auswanderer wollten in die USA. Hier gab es genügend Land sowie günstiges Wetter und guten Boden, um eigene Lebensmittel anzubauen. Anders in lateinamerikanischen Ländern wie Brasilien oder Chile. Aber hier konnte es sehr unwirtlich sein: Die Deutschen waren das subtropischen Klima nicht gewöhnt und die Infrastruktur ließ auch zu wünschen übrig.
Auf dem Weg zu einer neuen Perspektive
Zwischen 1820 und 1930 gelangten knapp sechs Millionen Deutsche in die USA. Viele bildeten in den ländlichen Gebieten deutsche Gemeinschaften, wo man den gleichen Dialekt sprach und die Orte nach aktuellen deutschen Architekturmoden errichtete. Vielerorts entstand so ein "Little Germany", und erst die Enkel dieser Einwanderer verstanden sich tatsächlich als Amerikaner.
Weitere Ziele waren Australien und Neuseeland. Dorthin verschlug es allerdings zunächst nur ganz wenige Deutsche. Neuseeland war damals britische Kolonie und hatte den Ruf, zwar deutsche Tugenden wie Fleiß und Ausdauer zu schätzen, nicht aber das Leben des Einzelnen. Ganz zu schweigen von den Ureinwohnern, den Maoris, denen man nachsagte, Menschenfresser zu sein. Erst die Goldfunde in den 1860er-Jahren ließen Neuseeland zum Auswandererland werden.
Ellis Island
Die USA wurden besonders nach den Unabhängigkeitskriegen 1775 bis 1785 bei deutschen Auswanderern beliebt. Doch Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich dort die Einwanderungspolitik. Die Einwanderungswilligen wurden stärker kontrolliert. Besonders Menschen aus Osteuropa waren nicht mehr gern gesehen, da sie als nicht assimilierungswillig wahrgenommen wurden.
Die Einwanderung nach Amerika wurde schwieriger
1892 gründete die Regierung daher vor dem Hafen von New York die Einreisebehörde "Ellis Island". Auf der vorgelagerten Insel errichteten die Behörden eine neue Sammelstelle, wo bis zu 12.000 Menschen am Tag ankamen. Allein 1907 wurden mehr als eine Million Einwanderer abgefertigt. 40 Prozent aller heutigen US-Bürger haben Vorfahren, die über Ellis Island ins Land kamen.
Mit der Quotenregelung ab 1924 begann der Niedergang von Ellis Island. 1932 war die Zahl derer, die abgewiesen wurden, zum ersten Mal größer als die der Zugelassenen. Bald lohnte sich die Bürokratie nicht mehr, so dass Ellis Island 1954 geschlossen wurde. Heute befindet sich auf der Insel ein Museum zur US-Einwanderungsgeschichte.
Auswandern heute
Neben den USA ist Kanada heute eines der beliebtesten Länder für Auswanderer – wegen der guten wirtschaftlichen Entwicklung veranstaltet das Land sogar Jobbörsen in Deutschland. Mit der Europäischen Union (EU) hat sich aber auch die Migrationsmöglichkeit innerhalb Europas verbessert. Während man für außereuropäische Länder ein Visum und eine Arbeitsgenehmigung braucht, ist es innerhalb der EU unproblematisch, den Wohnort zu wechseln. Das ist besonders praktisch für Rentner, die den Lebensabend im Süden verbringen wollen.
Für diejenigen, die Arbeit suchen, stehen Österreich und die Schweiz hoch im Kurs – auch hier finden Deutsche oft lukrativere Jobangebote als in Deutschland. Jedes Jahr verlassen rund 150.000 Deutsche ihr Heimatland. Dennoch hat sich ein Wandel in der Art der Auswanderung vollzogen: Heute zieht man eher um. Denn im Prinzip kann jede Entscheidung noch einmal rückgängig gemacht werden. Wenn der befristete Arbeitsvertrag ausgelaufen ist, die Selbstständigkeit geplatzt ist oder man im Alter die solide, deutsche Gesundheitsversorgung benötigt, können Auswanderer schnell wieder zurück in Deutschland sein.
Und für Rückkehrer gilt: Auch wenn der Aufenthalt in der Fremde nicht so glücklich gelaufen ist, wie sie es sich erträumt haben – jeder ist immerhin um die Erfahrung reicher, wie es ist, im Ausland zu leben. Und nicht selten sieht ein Rückkehrer Deutschland viel positiver als vor dem Aufbruch in die große weite Welt.
2. Deutsche ''Forty-Eighters'' in den USA
Die deutschen Achtundvierziger, die nach der Revolution in die USA auswanderten, waren eine verhältnismäßig kleine Gruppe. Aufgrund ihres vielfältigen Engagements übten sie jedoch einen beträchtlichen Einfluss auf die USA und die deutschamerikanische Community aus.
Die deutschen Achtundvierziger*innen, die nach dem Scheitern der Revolution von 1848 in die USA auswanderten, die sogenannten Forty-Eighters, wurden lange insbesondere unter Deutschamerikaner*innen glorifiziert, also unter in die USA eingewanderten Deutschen und deren Nachkommen bis etwa zur dritten Generation. Seit den 1990er Jahren beschäftigen sich Historiker*innen wieder verstärkt mit dem Thema. Biografien über Persönlichkeiten wie Friedrich Hecker, Gustav Struve, Mathilde Franziska Anneke, Carl Schurz oder Franz Sigel sind
erschienen. Zur Auflösung der Fußnote[1] In jüngster Zeit wendet sich das Interesse verstärkt vergleichenden und/oder transnationalen Perspektiven zu. Zur Auflösung der Fußnote[2] Alle Forscher*innen kommen zu dem Schluss, dass die "Forty-Eighters" eine weit über ihre geringe numerische Anzahl hinausgehende Rolle sowohl in der US-amerikanischen Politik und Gesellschaft als auch bei der Bildung einer deutschamerikanischen Ethnizität gespielt haben, urteilen dabei aber differenzierter als ihre Vorgänger*innen.
Deutsche Migration in die USA 1848–1860
Vier- bis zehntausend der weit über eine Million Deutschen, die zwischen 1848 und 1860 in die USA migrierten, waren Forty-Eighters im engen Sinne, also politische Flüchtlinge. Zur Auflösung der Fußnote[3] Eine Reihe weiterer Deutscher wanderte aus einer Mischung aus politischen und wirtschaftlichen Gründen wie der Einschränkung der Berufswahl aus, die man ebenfalls zu den Forty-Eighters zählen
kann. Zur Auflösung der Fußnote[4] 1848 war zudem ein indirekter Auslöser für viele weitere Menschen, aufgrund der Unsicherheit nach der erfolglosen Revolution länger gehegte Auswanderungspläne in die Tat umzusetzen. Waren 1847 noch 80.000 Menschen aus den deutschen Staaten in die USA ausgewandert und 1848/49 etwas über 60.000, stieg ihre Zahl 1850 auf 83.000, 1852 auf 176.000 und 1854 auf einen Höhepunkt von 239.000. Zur Auflösung der Fußnote[5] Die Migrant*innen waren Teil der zweiten Auswanderungswelle von Deutschland in die USA, die zwischen 1815 und 1865 vor allem selbstständige Bauern und Handwerker aus dem (Süd-)Westen des Deutschen Bundes, wo das geltende Realerbteilungsrecht die Höfe in nicht mehr wirtschaftliche Kleinstflächen aufteilte, in die USA brachte.
Während Deutschland unter Überbevölkerung insbesondere auf dem Lande litt und die beginnende Industrialisierung die wirtschaftliche Existenz selbstständiger Handwerker erschwerte, wurden in den USA dringend Arbeitskräfte gesucht, und Land war – nach der Vertreibung indigener Nationen – relativ kostengünstig zu erwerben. Nicht nur für politische Flüchtlinge waren die demokratische Regierungsform der USA und die mythisierte "Freiheit" attraktiv. Zudem gab es keine Einwanderungsbeschränkungen. Über diese Bedingungen waren Auswanderungswillige gut informiert – durch die Auswanderungswerbung junger US-Bundesstaaten sowie durch Auswanderungsratgeber und Briefe bereits Ausgewanderter. Ab 1835 gingen daher 80 bis 90 Prozent aller deutschen Emigrant*innen in die Vereinigten Staaten.
Deutsche, die zwischen 1848 und 1860 auswanderten, siedelten vor allem in New York, New Jersey oder Pennsylvania und im Mittleren Westen, um meist in der Landwirtschaft, als Bäcker, Metzger, Brauer, Zigarrenmacher oder Schneider tätig zu sein. Zur Auflösung der Fußnote[6] Handwerker fanden sich auch unter den häufig jungen, männlichen Forty-Eighters. Vor allem aber kamen viele Akademiker – Journalisten, Lehrer und Anwälte – sowie Künstler. Viele hatten im Lauf ihres Lebens in den USA verschiedene Berufe inne. Einige versuchten sich in der Landwirtschaft, wo sie aufgrund ihrer Bildung latin farmers genannt wurden.
Eine Reihe Forty-Eighters war zuerst ins Exil nach England, Frankreich oder in die Schweiz geflohen, in der Hoffnung, von Nachbarländern aus die politischen Verhältnisse im Deutschen Bund ändern beziehungsweise nach Deutschland zurückkehren zu können. Frustriert oder ausgewiesen, kamen sie in den frühen 1850er Jahren in die USA. Einige waren aus Gefängnissen im Deutschen Bund unter der Voraussetzung entlassen worden, dass sie in die USA auswanderten. Einige ebenfalls unter dem Sammelbegriff "Forty-Eighters" gezählte Männer hatten bereits in den USA gelebt und waren für die Revolution kurzzeitig in den Deutschen Bund zurückgekehrt. Die meisten Forty-Eighters in den Vereinigten Staaten waren auch über das deutschamerikanische Umfeld hinaus in den USA tätig.
Politisches und militärisches Engagement
Im Gegensatz zur Mehrheit der deutschamerikanischen Migrant*innen engagierten sich viele Forty-Eighters in der US-Politik. Während ein Großteil der Deutschamerikaner die Demokratische Partei wählte, weil die Republikanische Partei tendenziell gegen Einwanderung, gegen jeglichen Alkoholkonsum und für eine strikte Sonntagsruhe stand und viele deutschamerikanische Wähler mit einem Republikanischen Präsidenten Bürgerkrieg und Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt durch freigelassene Sklav*innen befürchteten, engagierten sich die meisten Forty-Eighters für die Republikanische Partei, die sich 1854 gründete. In der Fortführung ihres Kampfes für Freiheit wollten sie gegen eine Ausbreitung der Sklaverei arbeiten, auch um allen die Chance zu geben, durch "freie Arbeit" sozial aufzusteigen. Dem Einfluss der Forty-Eighters verdankte es die Republikanische Partei, dass langsam mehr Deutschamerikaner sie wählten, weil diese einerseits unter deutschen Migrant*innen für die Republikaner warben und andererseits innerhalb der Partei für ein weniger ausländerfeindliches Programm kämpften. Dies war insbesondere in Gebieten wichtig, in denen Deutschamerikaner*innen konzentriert waren. Versuche einiger Forty-Eighters, eine eigene Partei auf der Basis von deutschem Radikalismus und US-amerikanischer Unabhängigkeitserklärung zu gründen, kamen nie über Gedankenexperimente hinaus. Während des Bürgerkrieges schlossen sich viele Forty-Eighters der radikalen Fraktion der Republikaner mit ihrem Präsidentschaftskandidaten John Frémont an, weil sie sich ein entschiedeneres Engagement für die Abschaffung der Sklaverei wünschten.
Viele Forty-Eighters kämpften im amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 für den Norden und damit für den Erhalt der nationalen Einheit des Landes, das sie aufgenommen hatte. Teils konnten sie ihre militärische Erfahrung aus dem Deutschen Bund oder spezifisch aus der Revolution von 1848 nutzen. 50 bis 60 Prozent der meist bereits an Waffen ausgebildeten Anhänger der Turner-Bewegung meldeten sich zum Dienst in der Unionsarmee, teils in separaten Regimenten, wie dem 5. Wisconsin Freiwilligen Regiment der Turner-Schützen aus Milwaukee oder dem 20. New Yorker Freiwilligen Regiment, dem "Turner-Regiment". Zur Auflösung der Fußnote[7] Drei von sechs im Ausland geborenen Generalmajoren der Unionsarmee – der höchste Rang unter dem Generalleutnant Ulysses Grant – waren deutsche Achtundvierziger.
Franz Sigel war Leutnant in der badischen Armee gewesen und hatte aufgrund seiner liberalen Ansichten 1847 seinen Abschied genommen. Er hatte sich 1848/49 in der Revolution in Baden engagiert und war über die Schweiz und England 1851 in die USA geflohen, wo er in New York und St. Louis als Mathematiklehrer arbeitete. Er war der beliebteste deutschamerikanische Kommandeur im Bürgerkrieg, und deutschamerikanische Soldaten meldeten stolz: "I fights mit Sigel." Zur Auflösung der Fußnote[8] Obwohl er nicht sonderlich erfolgreich war – aus Unfähigkeit, Pech, wegen seiner schwierigen Persönlichkeit oder aufgrund von Vorurteilen –, erreichte er 1862 den Rang eines Generalmajors, auch weil Deutschamerikaner Druck ausübten. Nach dem Krieg erhielt er kleinere politische Ämter.
Carl Schurz, der ebenfalls in der badischen Revolution gekämpft hatte und in den USA als Anwalt und Politiker tätig war, bat von einem diplomatischen Posten in Spanien aus, den er aufgrund seiner Bemühungen für die Republikanische Partei und seiner Beziehungen zu Abraham Lincoln erhalten hatte, um einen militärischen Einsatz. Obwohl er nie Berufssoldat gewesen war, wurde er aus politischen Gründen 1862 Brigadegeneral und 1863 Generalmajor.
Peter Joseph Osterhaus hatte eine Militärakademie in Berlin besucht, in einem Infanterieregiment gedient und arbeitete nach seiner Flucht aufgrund seiner Teilnahme an der badischen Revolution in St. Louis als Buchhalter. Er trat der Armee als Gemeiner bei und wurde aufgrund seiner Erfolge 1862 Brigadegeneral und 1864 Generalmajor. Nach dem Krieg war er jahrelang Konsul in Lyon und Mannheim.
Brigadegeneräle wurden Alexander Schimmelfennig und Ludwig Blenker, beide im Deutschen Bund professionelle Soldaten, sowie Friedrich Salomon. Blenker hatte ein eigenes Regiment aufgestellt, dessen Oberst er wurde, Salomon diente im Regiment seines Bruders Carl als Hauptmann und organisierte auf Bitten seines Bruders Edward, der Gouverneur von Wisconsin war, ein eigenes Regiment. Friedrich Hecker wurden nacheinander zwei Regimente deutscher Soldaten angeboten, er wurde Oberst.
Wie manche dieser Beispiele illustrieren, machten einige Forty-Eighters erfolgreich Karriere in der US-Politik. Neben Gouverneur Edward Salomon oder den diplomatischen Posten für Schurz und Osterhaus galt dies auch für Lorenz Brentano, der sowohl im Badener als auch im Frankfurter Parlament gesessen und nach seiner Emigration in die USA als latin farmer sowie anschließend erfolgreich als Journalist gearbeitet hatte. Er wurde 1862 ins Parlament von Illinois gewählt und war von 1877 bis 1879 Kongressabgeordneter. Friedrich Hedde hatte einer Gruppe deutscher Landwirte, die aus der Forty-Eighters-Hochburg Davenport in Iowa migriert waren, beim Aufbau der Stadt Grand Island in Nebraska geholfen, indem er seine Kenntnisse des Englischen und des US-amerikanischen Rechts einbrachte, und wurde als Republikaner ins Parlament von Nebraska gewählt.
Das Paradebeispiel für erfolgreiche Forty-Eighters in den USA ist Carl Schurz. Nach seiner diplomatischen und militärischen Karriere war er von 1869 bis 1875 Senator für Missouri und von 1877 bis 1881 US-Innenminister. Er engagierte sich für eine Reform des öffentlichen Dienstes, um Einstellungen und Beförderungen nach Fähigkeiten statt aufgrund von Patronage vorzunehmen, sowie für Naturschutz und eine etwas weniger gewaltsame Politik gegenüber den indigenen Nationen.
Radikalere Forty-Eighters engagierten sich in der Arbeiterbewegung. So beeinflussten Friedrich A. Sorge und Wilhelm Weitling die frühe sozialistische Bewegung mit Ideen von Arbeiterkooperativen und einer Gewerbetauschbank. Joseph Weydemeyer vereinte in seinem Arbeiterbund Gewerkvereine, Turner und Sozialreformer, die freies Siedlungsland im Westen verlangten, und forderte den Zehn-Stunden-Tag und das Verbot von Kinderarbeit. Deutsche Migrant*innen in New York stellten bis zur Hälfte aller Gewerkschaftsmitglieder. Insbesondere als der US-amerikanische Westen 1854 mit dem Kansas-Nebraska-Gesetz nicht länger als sklavereifreies Gebiet und Option für eine mögliche Migration zur Verfügung zu stehen schien, arbeiteten radikalere Forty-Eighters mit der Republikanischen Partei zusammen, bis diese ab den 1870er Jahren ihr Interesse an "freier Arbeit" und preiswertem Land im Westen verlor. Zur Auflösung der Fußnote[9]
Mathilde Franziska Anneke, die in der Revolution von 1848 aktiv gewesen war, trat für direkte Demokratie und Sozialismus ein. Sie wirkte 1876 bei der Gründung der ersten sozialistischen Organisation deutschamerikanischer Frauen in Milwaukee mit. Zudem engagierte sie sich für Frauenrechte und beteiligte sich 1869 an der Etablierung der Wisconsin Woman Suffrage Association.
Aus dem Kreis der Forty-Eighters gingen auch weitere erfolgreiche Einzelpersönlichkeiten hervor, weniger in der Wirtschaft als in den (Natur-)Wissenschaften. Von den 310 Namen aus Adolf Zuckers kleiner Biografie der Forty-Eighters sind 18 in der "American National Biography" zu finden, Zur Auflösung der Fußnote[10] darunter fünf Wissenschaftler und Ingenieure: John Maisch war Apotheker und Pharmazieprofessor, Christian Peters Astronomieprofessor, Charles Anthony Schott Landvermesser und Geophysiker. Rudolf Eickemeyer erfand und baute Maschinen, Albert Fink konstruierte Eisenbahnbrücken und setzte sich für die Fusionierung von Eisenbahngesellschaften ein. Zur Auflösung der Fußnote[11]
Nicht alle Forty-Eighters hatten in den USA Erfolg. Einige kehrten nach Deutschland zurück – manche, weil sie in ihrem Beruf in den USA nicht Fuß fassen konnten, andere, weil sie ihre Karriere in Deutschland fortsetzen wollten, besonders nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871. Von zwölf Forty-Eighters aus Ostwestfalen kehrte beispielsweise die Hälfte in die Heimat zurück, insgesamt scheinen etwa zehn Prozent zurückgekehrt zu sein. Zur Auflösung der Fußnote[12]
Engagement im deutschamerikanischen Umfeld
Forty-Eighters hatten überproportional großen Einfluss unter Deutschamerikaner*innen: durch ihre bildungspolitischen Reformideen, aber auch durch ihre Tätigkeit im Zeitungswesen. Ferner dominierten Forty-Eighters das deutschamerikanische Vereins- und Kulturleben und förderten so die Bildung einer deutschamerikanischen Identität.
Bildungswesen
Im Bildungsbereich reichte der Einfluss der Forty-Eighters über das deutschamerikanische Umfeld hinaus. So engagierten sich einzelne Forty-Eighters in der frühkindlichen Bildung, wo sie die Reformideen und Publikationen insbesondere von Friedrich Fröbel in die USA transferieren wollten. Das Interesse – auch von Frauen – an Kindergärten war mit der Revolution 1848 stärker geworden. Gerade nach dem Verbot von Kindergärten in Preußen in den 1850er Jahren plädierten Forty-Eighters in den USA für frühkindliche Förderung durch Spielen statt durch Disziplin und Gehorsam. Zur Auflösung der Fußnote[13] So gründete Margarethe Schurz, die Frau von Carl Schurz, 1856 den ersten privaten Kindergarten der USA in Watertown, Wisconsin. Der erste öffentliche Kindergarten entstand auf Initiative des Forty-Eighters Adolf Douai 1859 in Boston, der 1871 auch ein englischsprachiges Lehrbuch für frühkindliche Bildung publizierte. Dennoch weisen einige Forscher*innen darauf hin, dass von einem Ideenaustausch auszugehen sei statt von einem entscheidenden Einfluss von Deutschamerikaner*innen auf die Gründung von Kindergärten in den USA. Zur Auflösung der Fußnote[14]
Einen starken Einfluss übten Forty-Eighters auf das deutschamerikanische Schulwesen aus. Viele von ihnen waren Lehrer*innen, die – aufgrund fehlender Englischkenntnisse – in deutschsprachigen Schulen tätig wurden. Auch im Schulwesen wünschten sich Forty-Eighters, dass der Unterricht mehr auf die Kinder eingehen sollte. Sie plädierten für Diskussionen statt für Auswendiglernen, für die (Aus-)Bildung freier Bürger*innen und für Musik-, Zeichen- und Turnunterricht über das Lernen von Schreiben, Lesen und Rechnen hinaus. Zudem sollte neben Englisch auch Deutsch Unterrichtssprache sein. Gleichzeitig sollten Schulen frei von kirchlichem Einfluss sein. Daher gründete das Ehepaar Struve in New York mit dem freireligiösen, freidenkerischen Forty-Eighter Anton Füster 1849 die Freie Deutsche Schule. In New York etablierte zudem der Forty-Eighter Rudolf Dulon 1853 eine deutsche Reformschule, an der auch sein Schwiegersohn Franz Sigel unterrichtete. Adolf Douai war bei Schulreformprojekten in Texas und New York aktiv. Der Forty-Eighter Karl Heinzen schrieb Statuten für den Deutsch-Englischen Schulverein in Boston, in denen er unter anderem für die Aufnahme von Kindern aller Nationalitäten und für das gemeinsame Unterrichten von Jungen und Mädchen eintrat.

In Milwaukee gründete sich 1851 die Deutsch-Englische Akademie nach dem Vorbild einer deutschen Realschule, ihr Leiter wurde der Forty-Eighter Peter Engelmann. Die Schule wuchs bis in die 1860er Jahre, und fünf weitere deutsch-englische Schulen wurden etabliert. Dennoch besuchten 1865 in Milwaukee rund 9.000 Kinder öffentliche US-amerikanische Schulen, 3.000 kirchliche Schulen und nur etwa 1.100 eine deutsch-englische
Schule. Zur Auflösung der Fußnote[15] Mathilde Franziska Anneke gründete 1865 das Milwaukee Töchter-Institut, das eine gleichberechtigte Erziehung für Mädchen auch in Physik und anderen Naturwissenschaften bot. Zudem glaubte Anneke, in Anlehnung an Fröbel, an Lernen durch selbstständiges Denken. Die Schule genoss einen exzellenten Ruf, war aber wirtschaftlich nicht sehr erfolgreich.
In noch jungen Staaten wie Wisconsin fehlten neben Schulen und Lehrmaterial auch Lehrer*innen. Da es nicht genügend gut ausgebildete Lehrer*innen gab, die auf Deutsch und auf Englisch unterrichten konnten, wirkten Forty-Eighters bei der Gründung eines Deutsch-Amerikanischen Lehrervereins mit. Dieser gründete nach zehn Jahren Vorbereitung 1878 in Milwaukee das Nationale Deutsch-Amerikanische Lehrerseminar, das eine zweisprachige "naturgemäße" Ausbildung freier Bürger*innen vertrat, Zur Auflösung der Fußnote[16] allerdings in den ersten zehn Jahren nur 36 Lehrer*innen ausbildete. Zur Auflösung der Fußnote[17] Das Seminar, das bald zu einer Schule wurde, veröffentlichte von den 1870er bis zu den 1890er Jahren die "Amerikanische Schulzeitung", durch die Reformideen im US-amerikanischen Schulwesen bekannt gemacht werden sollten. Auch in anderen Städten mit großer deutscher Bevölkerung bildeten sich Lehrerseminare und -vereine. Reformpädagogik dominierte in deutschamerikanischen Schulen, solange Forty-Eighters dort aktiv waren. Allerdings waren deutsche Reformideen auch schon vor der Ankunft der deutschen Achtundvierziger bekannt gewesen, und deutschamerikanische und andere Pädagogen arbeiteten gemeinsam an einer Verbesserung des amerikanischen Schulsystems. Zur Auflösung der Fußnote[18]
Zeitungswesen
Die meisten bekannteren Forty-Eighters waren im Journalismus tätig. Zur Auflösung der Fußnote[19] Einerseits gründeten manche von ihnen einflussreiche deutschamerikanische Zeitungen, so Carl Schnauffer den "Wecker" in Baltimore und Heinrich Börnstein den "Anzeiger des Westens" in St. Louis. Andererseits machten Forty-Eigthers existierende Zeitungen durch ihre Herausgeberschaft auflagenstärker, wozu allerdings auch die einwanderungsbedingt wachsende Leserschaft beitrug. Zu nennen wären hier Lorenz Brentano und Georg Schneider für die "Illinois Staats-Zeitung", Friedrich Lexow für die "New Yorker Criminal-Zeitung", der er den Zusatz "und Belletristisches Journal" hinzufügte, sowie Oswald Ottendorfer für die "New Yorker Staats-Zeitung" – eine der wenigen Zeitungen, die der Demokratischen Partei nahe stand. Adolf Douai war an der Herausgeberschaft mehrerer größerer sozialistischer Zeitungen beteiligt, so der "New Yorker Volkszeitung".
Bemerkenswert sind die Aktivitäten von zwei Frauen im publizistischen Bereich: Mathilde Franziska Anneke und Amalie Struve. Beide waren an der Revolution von 1848 beteiligt gewesen und mit ihren Ehemännern in die USA ausgewandert. Beide veröffentlichten sowohl Artikel in Zeitungen als auch selbstständige Schriften und setzten sich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein.
Vereinswesen
Im deutschamerikanischen gesellschaftlichen Leben engagierten sich Forty-Eighters vor allem bei der Gründung von Turnvereinen, Männerchören und in der Organisation der ersten größeren deutschamerikanischen Feste. Einerseits trugen sie aufgrund ihrer teils "radikaleren" Gesinnung zur Fragmentierung der Deutschamerikaner*innen bei. Andererseits begannen sie aber, "die" deutschen Einwander*innen zu vereinen, die sich in regionaler und staatlicher Herkunft, sozialer Schicht, Religion, Geschlecht oder Generation unterschieden.
Die ersten deutschamerikanischen Turnvereine wurden zwischen 1848 und 1852 gegründet, häufig auf Initiative von Forty-Eighters. Friedrich Hecker und Wilhelm Rothacker waren einflussreich bei der Gründung des Turnvereins in Cincinnati; August Willich, Hans Balatka, Peter Engelmann, Christian Esselen und Heinrich Loose in Milwaukee; Franz Sigel, Gustav Struve, Germain Metternich und Sigismund Kaufmann in New York. Forty-Eighters – Akademiker und Handwerker – dominierten auch den 1850 gegründeten Dachverband der Turner, den Nordamerikanischen Turnerbund, 1851 bis 1865 unter dem Namen "Socialistischer Turnerbund". Dieser versuchte anfangs, eine politische Vereinigung Deutschlands finanziell zu unterstützen, wandte sich jedoch ab 1852 verstärkt US-amerikanischen Themen zu, insbesondere dem Kampf gegen die Sklaverei. Zudem befürworteten Turnvereine die Direktwahl von Präsident und Senat, Arbeitsschutzgesetze, frei zugängliche Bildung, günstiges Land für Siedler*innen und eine Reform des öffentlichen Dienstes. Wie im Deutschen Bund wollten die Turner starke, gesunde, freie und kampfbereite nun US-amerikanische Bürger ausbilden, zugleich jedoch deutsche Traditionen erhalten und Deutschamerikaner*innen vereinigen. Der Turnerbund veranstaltete regelmäßig nationale Feste, an denen prominente Forty-Eighters teilnahmen, beispielsweise Gustav Struve und Gottfried Kinkel in Philadelphia 1851 oder abermals Gustav Struve, August Willich, Wilhelm Rothacker, Friedrich Hecker, Fritz Anneke und Wilhelm Weitling in Cincinnati 1852. Diese erinnerten in ihren Reden an die Revolution von 1848 als Vorbild für das Streben nach Freiheit in Deutschland und den USA sowie für die Einung von Turnern und allen Deutschamerikaner*innen. In rund 60 Städten wurde Turnunterricht nach deutschem Vorbild in den öffentlichen Schulen eingeführt. Nach dem Bürgerkrieg sank die Bedeutung der Forty-Eighters in den Turnvereinen.
Die Ankunft der deutschen Achtundvierziger und die Masseneinwanderung in die USA in den 1850er Jahren führten ebenfalls zum Wachstum deutschamerikanischer Männerchöre, die seit den späten 1830er Jahren entstanden waren. Aufgrund der Gründung vieler neuer Chöre und durch die Initiative von Forty-Eighters wurden ab 1849 regionale Sängerbünde organisiert, so im Mittleren Westen, Nordosten oder an der Pazifikküste. Diese feierten regelmäßige große Feste, auf denen wiederum Forty-Eighters Reden hielten, etwa Metternich, der Freidenker Friedrich Schünemann-Pott, der Journalist August Thieme, der Rechtsanwalt und Politiker Friedrich Kapp oder der Arzt Christian Fessel. Die Redner betonten ihre drei ethnischen Identitäten: deutsch, deutschamerikanisch und US-amerikanisch. Einerseits drückten sie ihre Hoffnung für einen fortdauernden Kampf um Freiheit in Deutschland aus. Andererseits lobten sie die USA als Ort der Freiheit, an dem Deutschamerikaner*innen als Vermittler*innen zwischen den beiden Ländern die Freiheit voranbringen würden, nicht zuletzt durch einen stärkeren Zusammenhalt unter Deutschamerikaner*innen. Deutschamerikanische Männerchöre machten das US-amerikanische Publikum in ihren Konzerten und Festen mit europäischer und speziell deutscher Choral- und Symphonieliteratur bekannt. Forty-Eighters waren auch bei der Gründung von Orchestern beziehungsweise Operngesellschaften aktiv, wie Hans Balatka in Milwaukee oder Carl Bergmann, Carl Anschütz und Carl Zerrahn in New York.
Fest- und Erinnerungskultur
Forty-Eighters organisierten in Städten mit größerer deutschamerikanischer Bevölkerung auch Feierlichkeiten zur Ehrung von deutschen und deutschamerikanischen Personen, die als Vorbilder für die Einung der Deutschamerikaner*innen gelten und für eine Anerkennung der deutschamerikanischen Migrant*innen in den USA sorgen sollten. So waren Hans Balatka, Christian Fessel oder Carl Schurz bei den Feiern anlässlich Friedrich von Schillers 100. Geburtstag 1859 und Alexander von Humboldts Tod 1859 beziehungsweise seines 100. Geburtstags 1869 aktiv. Schiller und Humboldt galten wegen ihres Eintretens für Freiheit, aber auch wegen ihres Einsatzes für die deutsche Sprache, als ideale Symbole für die Vereinigung Deutschlands und des "deutschen Amerikas". Die Feiern hatten auch längerfristige Folgen, so in Form eines Festspiels von Germain Metternich über Schillers Geburt, einer Schiller-Statue im New Yorker Central Park oder der Gründung der deutsch-englischen Schule in San Antonio, die vom Forty-Eighter Julius Berends geleitet wurde. Versuche von Forty-Eighters wie Carl Schurz, Anton Füster oder Oswald Ottendorfer, mit General Friedrich von Steuben einen Deutschamerikaner zu ehren, verliefen weniger erfolgreich.
1848 und die Forty-Eighters blieben innerhalb der deutschamerikanischen Gemeinschaft lange wichtig. Zu größeren Jahrestagen erinnerte man feierlich an die Revolution von 1848. Zugleich verschob sich das Augenmerk vom Kampf um Freiheit und Einheit in Deutschland allmählich auf den Kampf der Forty-Eighters gegen die Sklaverei in den USA. Insbesondere die Turner gedachten ihres Engagements im Bürgerkrieg. Bei der Errichtung von Denkmälern für bekannte Forty-Eighters wie Friedrich Hecker in Cincinnati und St. Louis oder für Franz Sigel in St. Louis und New York vermischten sich Erinnerungen an die Leistungen der Forty-Eighters für die Freiheit in Deutschland und den USA zu einem deutsch-amerikanischen kulturellen Gedächtnis. In den Feiern zu den Denkmalsenthüllungen kamen deutschamerikanische Vereine zusammen. Gleichzeitig erhielten die Forty-Eighters und die Deutschamerikaner*innen Anerkennung für ihre Leistungen durch die Anwesenheit von Angloamerikaner*innen bei den Feiern und Reden bekannter US-amerikanischer Politiker. Dies galt insbesondere für Carl Schurz, den bekanntesten Forty-Eighter, der sowohl zu Lebzeiten, so zu seinem 70. Geburtstag, als auch nach seinem Tod geehrt wurde. Zu einer Gedenkveranstaltung 1906 kamen der deutsche Botschafter und ein ehemaliger US-Präsident, zur Einweihung eines Denkmals in New York 1913 der deutsche und ein ehemaliger US-amerikanischer Botschafter in Deutschland, ebenso wie der deutschamerikanische Kongressabgeordnete Richard Bartholdt, um Schurz als Bürger zweier Welten und als Vorbild zu ehren. Zur Auflösung der Fußnote[20]
Fazit
Die Forty-Eighters waren eine verhältnismäßig kleine Gruppe von deutschen Migrant*innen in der Zeit der beginnenden Massenmigration in die USA. Sie übten jedoch aufgrund ihres vielfältigen Engagements einen über ihre numerische Zahl hinausgehenden Einfluss auf Deutschamerikaner*innen, auf die USA insgesamt und indirekt auch auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen aus. Sie wurden selbst Teil des deutschamerikanischen Gedächtnisses.

Die in die Vereinigten Staaten geflüchteten Forty-Eighters halfen beim Aufbau einer deutschamerikanischen Wählerbasis für die Republikanische Partei und trugen zur Formierung von Gewerkschaften und sozialistischen Parteien bei. Zudem kämpften sie im Amerikanischen Bürgerkrieg für die Union und gegen die Sklaverei. In ihrem deutschamerikanischen Umfeld waren Forty-Eighters an der Gründung und Weiterentwicklung von Schulen, Zeitungen, Männerchören und Turnvereinen beteiligt, engagierten sich bei Sänger- und Turnfesten und stießen Feiern zu Ehren deutscher und deutschamerikanischer "Kulturhelden" an. Dadurch trugen sie maßgeblich zur Schaffung einer deutschamerikanischen Ethnizität bei und beeinflussten auch das kulturelle und gesellschaftliche Leben in den USA, das sie, wie viele andere deutsche Migrant*innen (und Deutsche) durch den Import deutscher "Kultur" "kultivieren" wollten. Schließlich wurden die revolutionär-freiheitlichen Traditionen der Forty-Eighters nach ihrem Tod als "erfundene Traditionen" benutzt, um Deutschamerikaner*innen als gute Bürger der Vereinigten Staaten darzustellen und eine angemessene Position für sie in der angloamerikanischen Gesellschaft zu fordern.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Gorse, Christiane: Neuzeit. Auswanderer, in: planetwissen online, online verfügbar seit 19.11.2024 unter: https://www.planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/auswanderer/index.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/das-19-jahrhundert-315/142105/1800-bis-1850/, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/aufsaetze/noeldeke-marion/noeldeke-push-und-pull-faktoren-der-rheinland-pfaelzischen-auswanderung/i-ueberblick-ueber-die-rheinland-pfaelzische-auswanderung-im-19-jahrhundert.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.ardmediathek.de/video/planet-schule/von-auswanderern-und-wandermusikanten-die-pfalz/swr/Y3JpZDovL3BsYW5ldC1zY2h1bGUuZGUvQVJEXzk5MzJfdmlkZW8?isChildContent=, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://www.auswanderung-rlp.de/ziele-der-auswanderung/auswanderung-nach-nordamerika/19-jahrhundert/sonstige-auswanderungsgruende.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> Bungert, Heike: Deutsche ''Forty-Eighters'' in den USA, in: APuZ (Aus Politik und Zeitgeschichte, bpb 7-9/2023), Bonn 2023, S. 31-38, online verfügbar seit 10.02.2023 unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/1848-49-2023/518141/deutsche-forty-eighters-in-den-usa/, zuletzt geprüft am 31.07.2026.
Sekundärliteratur
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Arbeitsmigration nach Deutschland
Inhaltsverzeichnis
1. Die "Schwabenkinder"
1. Die "Schwabenkinder"
Im 17. Jahrhundert führte bitterste Not in Vorarlberg, Tirol und dem schweizerischen Graubünden dazu, dass zahlreiche Kinder nach Oberschwaben, Bayerisch-Schwaben und Baden geschickt wurden, um dort zu arbeiten.
Holzstich, Ravensburg 1895: Verdingung von Kindern aus Tirol als landwirtschaftliche Hilfskräfte in Oberschwaben. (© picture-alliance/akg)
Diese acht- bis 14-jährigen Arbeitskräfte werden meist als "Schwabenkinder" bezeichnet. In den Herkunftsregionen sorgte die Realteilung für zersplitterten landwirtschaftlichen Besitz, der eine Familie auch bei bescheidensten Ansprüchen nicht ernähren konnte. Bei der Realteilung handelt es sich um ein (historisches) Erbrecht, wonach der Grundbesitz einer Familie gleichmäßig unter den Erbberechtigten aufgeteilt wird. In der Landwirtschaft sorgt dies dafür, dass immer kleinere Parzellen entstehen, da die Landaufteilung bei jedem Erbgang stattfindet.
Seit dem 17. Jahrhundert strömten daher Jahr für Jahr Tausende Kleinbauern zur Saisonarbeit in Gebiete nördlich der Alpen. Diese brachten die Kunde mit, dass die Landwirte des Bodenseeraumes auch Kindern Arbeit bieten könnten. Vor diesem Hintergrund ist vermutlich bereits eine erste Nachricht über die weiblichen und männlichen Kinderarbeiter aus dem Vorarlberger Montafon im Jahr 1625 zu sehen. Im 18. Jahrhundert kamen die Kinderwanderungen richtig in Schwung, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Höhepunkt erreicht: Um 1800 gab es ca. 3.000 Schwabengänger_innen aus Westösterreich, Schätzungen für die Jahre um 1830 gehen von 1.800–2.000 Vorarlberger und 2.500 Tiroler Kindern aus. Zur Jahrhundertmitte dürften es neben 1.500 Kindern aus Österreich noch 700 aus Graubünden gewesen sein, um 1900 gab es immer noch 600-800 Schwabengänger_innen aus Österreich. Durch den Interner Link: Ersten Weltkrieg zum Erliegen gebracht, lebten die Wanderungen nach 1918 in bescheidenerem Umfang wieder auf, erlebten aber dann noch vor dem Interner Link: Ausbruch des Zweiten Weltkrieges das endgültige Aus; der Einsatz von minderjährigen Arbeitskräften galt zu diesem Zeitpunkt als unzeitgemäß.
Die Kinder aus Vorarlberg und dem Tiroler Außerfern hatten den kürzesten Weg ins 'Schwabenland', aber selbst sie waren ein bis zwei Tage unterwegs. Den weitesten Weg hatten Kinder aus dem Südtiroler Vinschgau vor sich. Entfernungen von bis zu 200 km mussten auf Wegen zurückgelegt werden, die mit heutigen Straßen wenig gemeinsam hatten und in einer Jahreszeit zu passieren waren, in der mit schlechten Witterungsverhältnissen zu rechnen war. Denn der Dienstantritt erfolgte in der zweiten Märzhälfte, die Rückkehr in die Herkunftsregionen Ende Oktober/Anfang November. Erst die Eröffnung der Arlbergbahn (1884) brachte eine Erleichterung.
Als Sonderform der Gesindemärkte, die am Rande eines allgemeinen Marktes entstanden waren und auf denen Männer und Frauen ihre Dienste als Knechte und Mägde anboten, entwickelten sich in den Zielregionen eigene Kindermärkte. Die dort vereinbarte Entlohnung stieg allmählich im Laufe der Jahrzehnte. Sie bestand neben der freien Unterkunft und Verpflegung aus einer Sachleistung in Form einer Einkleidung und einem geringen Geldbetrag.
Vor allem die Kinder ab zwölf Jahren mussten dafür Arbeiten erledigen, die auch erwachsenen Knechten und Mägden aufgetragen wurden. Dazu gehörte neben der Stallarbeit die Milchverarbeitung, das Entfernen der Steine auf den Wiesen, das Torfstechen, bei Mädchen (zu einem Fünftel bis einem Drittel an den Wanderungen beteiligt) die Mitarbeit in der Küche. Der Arbeitstag begann zwischen vier und sechs Uhr morgens und dauerte bis in die Abendstunden.
Obwohl in den Zielregionen eine allgemeine Schulpflicht bestand, blieben die jungen ausländischen Arbeitskräfte vom Schulbesuch ausgeschlossen. Die österreichischen Kinder besuchten zwar in der Heimat die 'Winterschule', von der sie allerdings acht Wochen versäumten. Die für drei bis vier Monate angesetzte 'Sommerschule' war aber durch generelle Abwesenheit gekennzeichnet. In den Zielregionen waren die Kinder nicht integriert; sie blieben verachtete Wanderarbeiter_innen, von denen man geduldige Einfügung erwartete. Daher schlossen sie sich zusammen und trafen sich in der spärlichen Freizeit mit Leidensgenossinnen und -genossen. Verachtet und ausgenützt entwickelte sich unter ihnen zwar einerseits ein Gruppenbewusstsein, andererseits blieb aber das Gefühl einer konstanten Fremdheit.
Der "Verein zum Wohle der Schwabenkinder und jugendlichen Arbeiter überhaupt" (gegründet 1891) bekam zumindest im Tiroler Oberland die ärgsten Auswüchse der Kinderarbeitsmigration in den Griff. Er ordnete die Meldung der Kinder, Hin- und Rückreise und den Verdienst. Unter der Führung von Pfarrer Alois Gaim, der Kontrollfahrten in die Dienstorte mit dem Fahrrad unternahm, wurden den Dienstgebern auch humanitäre Pflichten auferlegt. Für die große Mehrheit der Externer Link: Schwabenkinder kamen diese Aktivitäten aber zu spät: Über viele Jahrzehnte hatten sie einen wesentlichen Beitrag geleistet, die überholten Wirtschafts- und Sozialstrukturen ihrer Heimat zu konservieren.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Spiss, Roman: Die ,,Schwabenkinder'', in: bpb online, online verfügbar seit 06.11.2028 unter: https://www.bpb.de/themen/migration-integration/kurzdossiers/278849/die-schwabenkinder/, zuletzt geprüft am 24.03.2026.
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Sekundärliteratur
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Politische Strömungen
Nationalismus
Liberalismus
Inhaltsverzeichnis
- Hambacher Fest. Eine Feier für die Freiheit.
- Vor 190 Jahren: Hambacher Fest
1. Hambacher Fest. Eine Feier für die Freiheit.
Nie zuvor hat es eine größere politische Versammlung in Deutschland gegeben: Nach Jahren der Zensur und Unterdrückung strömen im Mai 1832 mehr als 20000 Menschen vor die Ruine des Hambacher Schlosses in der Rheinpfalz. Publizisten, Bauern, Handwerker fordern die deutsche Einheit. Doch den Umsturz wagen sie nicht
Dass so viele kommen würden! Staunend blickt der Anwalt und Journalist Johann Georg August Wirth am Vormittag des 27. Mai 1832 auf die Menge vor der Hambacher Schlossruine. Überall blitzen schwarz-rot-goldene Kokarden. Ganz vorn eine große Fahne mit den Worten: „Deutschlands Wiedergeburt“. Seit acht Uhr strömen Menschen zur Schlossruine herauf: Kaufleute, Handwerker, Ärzte, Juristen und Studenten, aber auch Winzer, Kleinbauern, Gesellen sowie – und das ist neu – Frauen. Im Aufruf zu dem Fest hatten die Organisatoren ausdrücklich darauf hingewiesen, dass deren „politische Missachtung in der europäischen Ordnung“ ein Fehler sei. Gemeinsam mit dem Publizisten Philipp Jakob Siebenpfeiffer hat Wirth auf Flugblättern und in Zeitungen die Hauptforderungen der zusammenkommenden Reformwilligen formuliert: nationale Einheit in einem deutschen Verfassungsstaat, mit Presse-, Meinungs-, Versammlungs- und Handelsfreiheit, eingebunden in ein republikanisches Europa. Diese Ziele sollen heute öffentlich verkündet werden. Weit mehr als 20000 Menschen stehen auf dem Schlossberg von Hambach bei Neustadt. Damit ist das „Hambacher Fest“ die größte politische Versammlung, die es in Deutschland je gegeben hat. Es zeigt, dass sich die Sehnsucht nach einem Nationalstaat mit liberaler Verfassung immer weiter in der Bevölkerung verbreitet – über das Bürgertum hinaus.
SEIT 1819 unterbinden die Herrscher jede kritische Regung mit Zensur, ächten die Verbreitung aufrührerischen Schriftguts. Daher weichen die Aktivisten in das gesellschaftliche Leben aus, treffen sich auf Festen, gründen Vereine. 1830 kommt es zu einer Wirtschaftskrise: Die Brotpreise steigen, Händler leiden unter Zöllen zwischen den Einzelstaaten. Missernten verschlimmern Armut und Elend. Zur gleichen Zeit rütteln mehrere Ereignisse die unzufriedene Bevölkerung und die liberalen Bürger auf: Im Juli vertreibt in Paris das Volk den selbstherrlichen König Karl X. Und im Herbst führen Aufständische in Brüssel die Belgier in die Unabhängigkeit. Wenige Wochen später erheben sich die Polen gegen ihre russischen Herrscher.
An vielen Orten in Deutschland sammeln national gesinnte Bürger Geld und Verbandszeug für die Rebellen im Osten. Als der Aufstand ein Jahr später scheitert und polnische Freiheitskämpfer auf dem Weg ins französische Exil durch deutsche Gebiete ziehen, werden sie begeistert gefeiert. Ermutigt vor allem durch das Pariser Vorbild, begehren ab 1830 in deutschen Staaten die Untertanen auf und setzen etwa in Braunschweig und Kurhessen Verfassungen durch. Nicht überall unterdrücken die Herrschenden kritische Regungen. Im Südwesten wirkt das Erbe der napoleonischen Zeit nach, das den Menschen ein liberaleres Justizsystem zugesteht. So auch im „Rheinkreis“, einem Territorium, das erst seit 1816 zum Königreich Bayern gehört. In dieser Region, in der auch der Weinort Neustadt liegt, dürfen sich die Menschen unter gewissen Bedingungen frei versammeln, können Zeitungen und eigene Schriften herausgeben.
Und so verbreiten hier viele Liberale ihren Protest gegen Willkür, soziales Elend, das Steuer- und Zollsystem. Auch Wirth zieht aus dem bayerischen Kernland mit seinem Blatt „Deutsche Tribüne“ hierher, greift in Artikeln die Zensur an. Er lernt Siebenpfeiffer kennen, der ebenfalls eine Zeitung herausbringt, die sich für einen deutschen Nationalstaat und eine Verfassung des „Gesamtvaterlandes“ einsetzt. Doch nach der Pariser Revolution von 1830 wächst auch im Rheinkreis der Druck. Die bayerischen Behörden versuchen, oppositionelle Journalisten einzuschüchtern, beschlagnahmen Zeitungen, versiegeln Druckpressen, verhaften Redakteure. Daraufhin organisieren sich Ende Januar 1832 die drangsalierten
Publizisten, darunter Wirth und Siebenpfeiffer, und gründen den „Deutschen Vaterlandsverein zur Unterstützung der freien Presse“, bald „Press- und Vaterlandsverein“ genannt. Rasch wächst der Bund auf mehr als 5000 Mitglieder an. Er unterstützt von der Obrigkeit bedrängte Blätter, gibt eigene Flugschriften heraus, veranstaltet Treffen, auf denen die Teilnehmer diskutieren und politische Reden bejubeln. Mitte April buchen Mitglieder des im Monat zuvor bereits wieder verbotenen Vereins in der „Neuen Speyerer Zeitung“ eine Anzeige, in der sie zu einem großen Volksfest am 27. Mai an der Hambacher Schlossruine aufrufen. Doch der oberste Beamte des Rheinkreises verbietet die geplante Veranstaltung. Erst als empörte Bürger ein Gutachten veröffentlichen mit dem Nachweis, dass das Verbot den Versammlungsrechten widerspricht, muss er die Feier zulassen. So ist das Fest von Hambach bereits ein symbolischer Erfolg, noch ehe es überhaupt stattfindet.
GEGEN MITTAG BEGINNT auf einer hölzernen Bühne die Kundgebung. Siebenpfeiffer ruft den Versammelten zu: „Vaterland – Freiheit – ja! Ein freies deutsches Vaterland – dies ist der Sinn des heutigen Festes!“ Und Wirth beschwört die Festteilnehmer, die freie Presse zu unterstützen, da die „Allmacht der öffentlichen Meinung“ Deutschland zu Freiheit und Frieden verhelfen werde. Weiter hinten steht das Publikum in Gruppen zusammen und lässt sich von Boten aus den ersten Reihen berichten, was vorn deklamiert wird. Am Abend ziehen die Menschen zurück nach Neustadt. „Die ganze Nacht wurde geschossen, gefressen, gesoffen und jubiliert“, berichtet später ein Augenzeuge. Viele Teilnehmer bleiben länger als geplant und nehmen an den langwierigen politischen Debatten der nächsten Tage teil – das Fest endet erst am 1. Juni. Einen gemeinsamen Schlussappell aber, eine klare Forderung gar gibt es nicht. Auch die Frage, ob man tatsächlich einen Umsturz wagen oder langsam und demokratisch vorgehen solle, bleibt offen: Zu unsicher sind sich die Versammelten, ob sie im Namen aller Deutschen handeln dürfen.
Aber sie tragen ihre Begeisterung für Nation und Freiheit in die Regionen zurück. Schon begehren hungrige Städter in Worms und Frankenthal auf und plündern Getreidemagazine. Zu einer breiten Revolte kommt es jedoch nicht. Die bayerische Regierung reagiert: Bis zum 24. Juni 1832 rücken 8500 Mann in den Rheinkreis ein. Die Verantwortlichen des Press- und Vaterlandsvereins fliehen nach Frankreich. Wirth und Siebenpfeiffer, von der Regierung als Rädelsführer ausgemacht, werden verhaftet und zusammen mit mehreren Mitstreitern wegen „versuchter Aufreizung zum Sturz der Staatsregierung“ angeklagt. Trotz sensationeller Freisprüche erreicht die bayerische Justiz kurz darauf Verurteilungen zu jeweils zwei Jahren Haft wegen Beamtenbeleidigung und ähnlicher Vergehen. Siebenpfeiffer flieht nach dem Urteil in die Schweiz, Wirth sitzt seine Strafe in Kaiserslautern ab.
Auch der Bundestag in Frankfurt geht nun auf Druck Preußens und Österreichs entschieden gegen die liberale Bewegung vor: Die Zensur wird nochmals deutlich verschärft, politische Versammlungen und Vereine verboten. In Frankfurt entsteht eine Zentralbehörde, die „revolutionäre Umtriebe“ in allen deutschen Staaten verfolgen soll. Das Fest von Hambach bleibt dennoch nicht ohne Wirkung. Es ist ein Fanal, ein Kristallisationspunkt und Verstärker des weiter wachsenden Unmuts. Am 3. April 1833 können Soldaten in Frankfurt gerade noch verhindern, dass radikale Studenten, die bereits Polizeiwachen erstürmt haben, Bundesgebäude besetzen und – so ihr Plan – die Republik ausrufen. Noch schaffen es Richter, Gendarmen und Soldaten, das Aufbegehren der national gesinnten Reformer sowie des unzufriedenen Volkes zu unterdrücken. Bis zum März 1848.
2. Vor 190 Jahren: Hambacher Fest
Beim wegweisenden Hambacher Fest 1832 forderten zehntausende Menschen Freiheits- und Bürgerechte sowie einen deutschen Nationalstaat. Es war eine der größten politischen Zusammenkünfte der damaligen Zeit: Am 26. und 27. Mai 1832 versammelten sich zwischen 20.000 und 30.000 Menschen an der Ruine des Hambacher Schlosses in Neustadt an der Weinstraße. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer forderten Freiheits- und Bürgerechte sowie ein geeintes Interner Link: Deutschland
Die Mehrheit der Festteilnehmerinnen und -teilnehmer entstammte dem Bildungs- und Besitzbürgertum. Darunter waren viele Anwälte, Journalisten, Buchhändler und -drucker, sowie kleine Handelsleute. Auch viele Studenten waren anwesend. Sie kämpften bereits seit Jahren für mehr Freiheitsrechte und einen deutschen Nationalstaat. Die Anliegen und Beweggründe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschieden sich: Einige zeigten ihren Unmut über die wirtschaftliche Situation in Folge von Missernten, andere thematisierten die ungeklärte Nationenfrage im deutschsprachigen Raum oder artikulierten den Wunsch nach einer liberalen Verfassung. Entscheidenden Einfluss hatte der Anfang 1832 gegründete "Deutschen Preß- und Vaterlandsverein". Dieser hatte in kürzester Zeit etwa 5.000 Mitglieder gewonnen. Von den fast drei Dutzend Neustädtern, die zum Gedenken an den 26. Mai, den bayerischen Verfassungstag, zum Fest auf das Hambacher Schloss eingeladen hatten, gehörten viele dem "Preß- und Vaterlandsverein" an. Kurz nach seiner Gründung wurde der Verein verboten. Versuche bayerischer Behörden, das Hambacher Fest zu verbieten, scheiterten jedoch.
Konkrete Forderungen von Rednern und Demonstranten waren nationale Einheit, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit sowie die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Die Teilnehmer sprachen offen von der "Beseitigung der Fürstenherrschaft", der Schaffung "Vereinigter Freistaaten von Deutschland" und von einem "konföderierten republikanischen Europa“. Während manche Redner sich zur konstitutionellen Monarchie bekannten, warben andere für eine demokratische Regierungsform. Bei den Feierlichkeiten am Abend des 26. Mai und des 27. Mai wehten schwarz-rot-goldene Fahnen, die zum Symbol des deutschen Nationalstaats geworden waren. Frauen demonstrierten ebenfalls mit, was für die damalige Zeit nicht selbstverständlich war. Als Hymne des Festes gilt das vom liberal-demokratischen Publizisten Philipp Jakob Siebenpfeiffer verfasste Lied "Hinauf Patrioten zum Schloß, zum Schloß!". Siebenpfeiffer rief dazu auf, dass die Deutschen sich nicht mehr wie Knechte unter das Joch ihrer Fürsten beugen sollten. Auch zahlreiche weitere Redner forderten staatliche Einheit für das deutsche Volk, liberale Bürger- und Freiheitsrechte und zum Teil auch Demokratie ein.
Das Fest markiert den Beginn des Vormärz auf dem Weg zur Revolution 1848/49. In den Jahren 1832 bis 1834 veranlasste das Fest die Bundesversammlung, Maßnahmen zur Eindämmung liberaler Bestrebungen vorzunehmen. Diverse Initiatoren des Hambacher Festes wurden verhaftet oder mussten ins Ausland fliehen.
Vorgeschichte
Im Zuge der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege wurden die Rechte des Individuums gegenüber dem Staat durch den 1804 eingeführten Code Civil, das im Geiste von Aufklärung und Revolution stehende Bürgerliche Gesetzbuch Frankreichs, in weiten Teilen Deutschlands ausgebaut. Nach dem Sieg deutscher Staaten über das von Napoleon geführte Frankreich und seine Verbündeten setzte in Folge des Wiener Kongresses die historische Phase der sogenannten Restauration ein – die Monarchie blieb intakt, liberale Verfassungen und Bürgerrechte lehnten die Herrschenden strikt ab und vereinbarten ein Gleichgewicht der politischen Mächte in Europa. Die politische Ordnung vor der Französischen Revolution 1789 sollte wiederhergestellt werden.
Das liberale Bürgertum war jedoch nicht gewillt, den anachronistisch erscheinenden Herrschaftsanspruch der Monarchen zu akzeptieren. Auch viele Studenten äußerten ihren Unmut gegen die vorherrschende Kleinstaaterei in Deutschland und die restaurative Politik, wie etwa beim Wartburgfest 1817, bei dem sich anlässlich des vierten Jahrestags der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 hunderte Studenten auf der Wartburg im thüringischen Eisenach versammelten, gegen die Restauration und für einen deutschen Nationalstaat mit Verfassung aussprachen und dabei auch von ihnen als "undeutsch" bezeichnete Bücher verbrannten. Zunehmend setzte sich das Bildungsbürgertum für Freiheit und Volkssouveränität ein. Es war kein Zufall, dass das Hambacher Fest im heutigen Rheinland-Pfalz, das damals als Kurpfalz zu Bayern gehörte, stattfand. Dort war das napoleonische Erbe in Form weitgehenderer Bürgerrechte bedeutender als anderswo in Deutschland.
Anfang der 1830er-Jahre hatte die Idee eines deutschen Nationalstaates ebenso wie die Forderung nach Bürger- und Freiheitsrechten großen Zulauf. Im Zuge der Julirevolution kam in Paris der Bürgerkönig Louis Philippe auf den Thron. Dies stärkte sowohl nationale, liberale als auch demokratische Kräfte in Europa. Im August 1830 erhielt Frankreich eine neue Verfassung, die sich zur Volkssouveränität bekannte. Im Süden der Vereinigten Niederlande erreichten Katholiken und Liberale 1830 in der Belgischen Revolution die Loslösung Flanderns und Walloniens als selbständiges Königreich Belgien. Im von Russland besetzten Teil Polens versuchten sich polnische Freiheitskämpfer erfolglos gegen die reaktionäre Fremdherrschaft des russischen Zaren zu erheben. Diese Entwicklungen bestärkten auch im Gebiet des heutigen Deutschlands den Wunsch nach Bürgerrechten. Staaten Mitteldeutschlands wie etwa Kurhessen 1830 sowie ein Jahr darauf Sachsen gaben sich Verfassungen. Diese Entwicklungen wirkten sich auf das Hambacher Fest aus. Auch die damals schlechte wirtschaftliche Situation spielte für dessen Erfolg eine Rolle.
Revolution 1848/49
Erneut von Frankreich ausgehend erfasste 1848 eine Revolutionswelle Europa. Ende Februar 1848 erreichte sie den Südwesten Deutschlands. Vielerorts kämpften in der Folge Aufständische für ein liberaleres politisches System, eine sozialere Wirtschaftsordnung und einen deutschen Nationalstaat.
Nachdem es in Berlin zu heftigen Straßenkämpfen gekommen war stimmte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. am 21. März 1848 vorgeblich einem deutschen Nationalstaat zu. Um dessen Aufbau zu beschließen, tagte ab dem 18. Mai 1848 die erste relativ frei gewählte deutsche Volksvertretung in der Frankfurter Paulskirche. Gut drei Viertel der männlichen Deutschen waren wahlberechtigt. Auf große Zustimmung in der Nationalversammlung stieß im März 1849 der verabschiedete Grundrechtskatalog: Darin waren etwa die Gleichheit vor dem Gesetz, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie die Unverletzlichkeit der Person festgeschrieben. Die sogenannte Paulskirchenverfassung wollte einen deutschen Nationalstaat auf Basis einer konstitutionellen Erbmonarchie errichten.
Am 28. März 1849 wählten die Abgeordneten mit knapper Mehrheit König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum "Kaiser der Deutschen“. Preußen erkannte diese Wahl jedoch ebenso wie Österreich, Bayern, Hannover und Sachsen nicht an. Radikaldemokratische Kräfte versuchten in der Folge, die Reichsverfassung mit gewaltsamen Mitteln durchzusetzen. Im Juli 1849 schlugen preußische und österreichische Truppen die etwa im Südwesten aufgeflammten Aufstände blutig nieder, viele Revolutionäre mussten fliehen.
Rolle des Fests in der Erinnerungskultur
Das Hambacher Fest gilt als wichtiges Ereignis in der deutschen Demokratie- und Nationalstaatsgeschichte. Der spätere Bundespräsident Theodor Heuß nannte es 1932 bei einer Rede anlässlich der Hundertjahrfeier zum Hambacher Fest "die erste politische Volksversammlung der neueren deutschen Geschichte". Für das politische Selbstverständnis sowie die Demokratiegeschichte der Bundesrepublik spielt das Hambacher Fest bis heute eine große Rolle. Jedoch versuchen auch nationalistische, rechtspopulistische oder rechtsextreme Kräfte immer wieder, es für sich in Anspruch zu nehmen.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Vor 190 Jahren: Hambacher Fest, in: kurz & knapp (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 25.05.2022 unter: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/508682/vor-190-jahren-hambacher-fest/, zuletzt geprüft am 17.05.2026.
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Sekundärliteratur
-> Hopp, Helge: Hambacher Fest. Eine Feier für die Freiheit, in: Die Deutsche Romantik (GEO Epoche Jg. 2014, Heft Nr. 37), Hamburg 2014.
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Konservatismus
Biedermeier
Kultur des Biedermeiers
Inhaltsverzeichnis
- Queen Victorias Rheinreise anno 1845 im Spiegel der internationalen Presse (Artikel portalrheinischegeschichte)
- Carl Spitzweg. Ein Mann des leisen Witzes
1. Queen Victorias Rheinreise anno 1845 im Spiegel der internationalen Presse
1. Einleitung
Sie war ein großes Medienereignis, die Deutschland-Reise der englischen Queen Victoria (1819-1901, Regentschaft ab 1837) im Jahre 1845. Überall in der Presse finden sich darüber Meldungen und Berichte, allerdings in unterschiedlicher Ausführlichkeit und Qualität. So bietet unter den deutschen Zeitungen vor allem der „Coblenzer Anzeiger“, der doch am Sitz der zuständigen preußischen Provinzialregierung aus erster Hand hätte informiert sein müssen, nicht immer genaue Angaben. Große Resonanz fand das Ereignis auch in der ausländischen Presse, ebenfalls mit unterschiedlichen Akzenten. Die englischen Journalisten konzentrierten sich vornehmlich auf die Sehenswürdigkeiten und den Landstrich, der schon seit einigen Jahrzehnten große Anziehungskraft auf ihre reiselustigen Landsleute ausübte. Außerdem blickten sie durchaus kritisch auf die dort wohnenden Menschen, die ihrer Ansicht nach manchmal doch ein wenig im Kontrast zur schönen Landschaft standen. Die Franzosen richteten ihren Blick mehr auf das militaristische Gebaren ihres nicht sonderlich geliebten preußischen Nachbarn. Und da damals auch Sachsen, vom rheinischen Preußen aus gesehen, zum „Ausland“ gehörte, ist die Leipziger „Illustrirte Zeitung“ von Interesse, deren umfangreiche Berichterstattung überdeutlich betont, dass ihr Nachbarland Preußen ein „Militärstaat“ sei. Da die unterschiedlichen Akzente der Berichte aus den einzelnen Texten herauszulesen sind, werden hier vorzugsweise Zitate aus den englischen und französischen Zeitungen in deutscher Übersetzung geboten.
2. Die Vorgeschichte
Here we are in Germany, a very delightful, but quite to me extraordinary feeling. (Da sind wir nun in Deutschland, ein sehr wunderbares, doch ganz besonders für mich außergewöhnliches Gefühl). Mit diesem Satz begann Queen Victoria (1819-1901, Regentschaft ab 1837) in ihrem Tagebuch die Aufzeichnungen über ihre Deutschlandreise vom Sommer 1845, wobei vor allem die Unterstreichungen in diesem Satz deutlich machen, wie sehr sie sich ganz offensichtlich darauf gefreut hatte. Es sollte zwar hauptsächlich eine Reise in die Geburtsstadt Coburg ihres Gatten Franz August Carl Albrecht Emanuel, genannt Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (1819-1861) und in die Heimat ihrer Mutter Victorine von Sachsen-Coburg-Saalfeld (1786-1861), einer Schwester von Alberts Vater, werden, doch die Hinreise wurde durch eine Einladung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861, Regentschaft ab 1840) auch zu einer Art „Staatsbesuch“ in der Preußischen Rheinprovinz. Dazu ist voranzuschicken, dass die englische Königin am 9. November 1841 als zweites Kind einen Thronfolger zur Welt gebracht hatte, den Prince of Wales Albert Edward, genannt Bertie (1841-1910, Regentschaft als Edward VII. ab 1901), zu dessen Taufe auch der preußische König nach London gereist war. Bei dieser Gelegenheit dürfte er die Queen dazu animiert haben, doch einmal das bei ihren englischen Landsleuten so überaus beliebte Rheintal zu besuchen und sich dabei von ihm persönlich dessen Schönheiten und Sehenswürdigkeiten zeigen zu lassen. Die sprichwörtliche englische Rhein-Begeisterung hatte zu Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen, spätestens nach der Niederlage Napoleons in der Schlacht bei Waterloo (1815), wobei vor allem von Künstlern, so dem Maler William Turner oder dem Dichter Lord Byron, wesentliche Impulse ausgegangen waren. Dem Tourismus war zudem bald die Tatsache zugutegekommen, dass ab 1818 Dampfschiffe die Überfahrt über den Ärmelkanal erheblich leichter machten, wo hinzu dann der seit 1835 betriebene Ausbau der belgischen Eisenbahn kam, die schließlich 1843 mit der preußischen Strecke so verknüpft wurde, dass es eine durchgehende Verbindung von Antwerpen nach Köln gab. Und auch auf dem Rhein spielte die seit 1824 systematisch betriebene Dampfschifffahrt eine wesentliche Rolle. Diese bequemen Möglichkeiten dürften auch bei der Entscheidung der Queen mitgespielt haben, diese Reise zu unternehmen.
3. Die Anreise
Am Beginn stehe ein Zitat aus einem in Coburg am 25. August quasi als Resümee der „Rheinreise“ geschriebenen Bericht des Pariser „Journal des débats“:
Schon in der Ankündigung der Reise im „Coblenzer Anzeiger“ unter dem Datum „Koburg, 21. Juli“ hatte es geheißen: Victoria wird, wie man hört, bis zu ihrem königlichen Wirthe am Rhein als Königin mit allem königlichen Glanz und Ehrengeleite reisen und als solche bei ihm verweilen, während der Reise zu uns und bei uns aber der Monarchin Incognito auflegen und nur die Gemahlin des Prinzen Albert von Coburg gelten lassen.
Und so hoben „The illustrated London News“ in ihrem Bericht vom Landgang der Queen in Antwerpen denn auch ausdrücklich hervor:
Es war Ihrer Majestät Wunsch, dass jegliches Arrangement in einer möglichst privaten Art durchgeführt werde. Sie reist inkognito [im Original kursiv], soweit dies Königinnen können, befreit von jeglicher öffentlicher Ansprache und so weit als möglich nur mit Ehrengeleit.
Und folgerichtig bemerkte die Leipziger „Illustrirte Zeitung“ vom Antwerpener Empfangskomitee: Keiner dieser Herren trug auf den ausdrücklichen Wunsch der Königin eine amtliche Uniform.
Trotz des nachdrücklich betont privaten Charakters wäre diese Reise fast zu einer englischen Staatsaffäre geworden, wie in dem zitierten Bericht in „The illustrated London News“ auch zu lesen war:
Auf die rechtliche Schwierigkeit, welche, laut Lord Campbell, die Frage der Abwesenheit des Herrschers von seinem Reich betrifft, ist von Ihrer Majestät auf die wirkungsvollste Weise eine Antwort gegeben worden. Noch während die größten Rechtsgelehrten stritten, ob die Queen reisen dürfe oder nicht – ist sie gefahren; und bevor das ganze Land vertraut war mit all den Argumenten gegen Ihre Majestät, verließ sie England in ein Land außerhalb ihrer Herrschaftsbereiche, es flatterte die königliche Standarte schon auf der Schelde, und der königliche Fuß drückte bereits die Erde Deutschlands.
Die Queen hatte nebst Prinzgemahl und Gefolge am Samstag, 9.8.1845, spätnachmittags nach der Prorogation (Vertagung) des Parlaments, London an Bord der königlichen Dampfyacht Victoria and Albert verlassen, die für die Nacht in der Themse-Mündung vor Anker ging. Am Sonntag, 10. August, erfolgte bei stürmischem und regnerischem Wetter die Überfahrt über den Ärmelkanal und die Weiterfahrt nach Antwerpen. Die raue See hinterließ offenbar so deutliche Spuren bei Prinzgemahl Albert, dass dies noch der preußische König bei der Begrüßung in Aachen bemerkte, wie die „Morning Post“ berichtete:
Seine Majestät machte der Queen Komplimente über ihr gesundes Aussehen nach der ermüdenden Reise und merkte an, dass er denke, sie sei eine bessere Seefahrerin als Prinz Albert, der bleich und ausgezehrt aussähe, als ob er nur krank das Toben heftiger „Boreas“ ertragen könne.
Antwerpen war gegen 18 Uhr erreicht worden, worüber im „Journal des débats“ stand:
Das Militärorchester, aufgestellt am Quai, ließ die Nationalhymne God save the Queen hören. Auf Wunsch der Königin hatten die Batterien ihr Feuer bei der Ankunft des königlichen Schiffes eingestellt.
Natürlich war nicht nur die königliche Yacht Victoria and Albert über den Kanal gedampft, sondern auch deren Tender, die Fairy, die dann später auf dem Rhein zur Verfügung stehen sollte, außerdem noch Schiffe mit dem Gefolge sowie einige „Frachtschiffe“ mit den königlichen Kutschen, die allesamt für die folgende Nacht erst einmal auf der Schelde vor Anker gingen. Erst am Montagmorgen, 11. August, wurde die königliche Gesellschaft an Land gebracht, um per Sonderzug durch Belgien, von Mecheln bis Verviers begleitet vom belgischen Königspaar, nach Köln zu fahren. Über die Vorbereitungen an der Bahnstrecke hatte die „Morning Post“ berichtet:
Die schläfrigen Belgier machten den Eindruck, als ob sie nichts aus ihrer gewohnten Lethargie holen könne. Es gab gestern keinerlei äußeres Zeichen für irgendeine Absicht ihrerseits, sich zu rühren, und alle Aufmerksamkeit war wahrscheinlich nur auf ihren Hafer und ihre Gerste (oder besser auf ihre Pfeifen und ihr Bier) gerichtet anstatt auf unseren Herrscher. Es gab, wie auch immer, einen bemerkenswerten Unterschied beim Übertritt über die preußische Grenze in Herbesthal, jenseits von Verviers. Legionen von Malern und Zimmerleuten waren in den Bahnhöfen pinselnd und hämmernd in jeglicher Art tätig. Die Eisenbahn ist bemalt und dekoriert worden mit einer Vielzahl an Devisen und Ornamenten, deren alle, mehr oder minder, herzliche Anspielungen oder Komplimente an die Queen von Großbritannien entbieten; kleine Bäume und Maien waren die Strecke entlang sowie an den Eingängen der Tunnels aufgepflanzt worden – kurz und gut, keine Mühe war gescheut worden seitens des Königs von Preußen und seiner Untertanen, seinen hohen Gästen Ehrerbietung entgegen zu bringen. Seine Majestät persönlich hat viele der Vorbereitungen überwacht, die jetzt vor sich gehen, und hat aufmunternde Befehle gegeben, damit an keinem Aufwand und keiner Mühe gespart werde, auf dass unser Herrscher mit all dem ihm gebührenden Glanz empfangen werde; und seine Befehle wurden bewundernswert ausgeführt von seinen Untertanen.
Diese etwas unfreundlichen Bemerkungen über die Belgier sind allerdings zu relativieren, denn zumindest die Bahnhöfe waren durchaus geschmückt worden. Und in Verviers wurde es sogar richtig festlich, weil das belgische Königspaar hier den Zug der Queen wieder verließ, um nach Mecheln zurückzufahren. „The illustrated London News“ und auch die Leipziger „Illustrirte Zeitung“ berichteten von dort:
Auch eine Abtheilung preußisches Militair befand sich hier. Unter vielen anderen Anzeichen der Nähe eines Militairstaates war nicht das geringste eine ächte – Marketenderin mit rundem schwarzen Glanzhut, das volle Fäßchen am Brustriemen, in grüner Uniform, Beinkleidern und Stiefeln, mitten unter den Soldaten und ordengeschmückten Offizieren.
Der preußische Kronprinz Wilhelm (1797-1888, ab 1858 Prinzregent, 1861 König, ab 1871 Kaiser Wilhelm I.) war dem Zug an die preußisch-belgische Grenze bei Herbesthal entgegen gefahren und hatte die Queen und ihr Gefolge bis Aachen begleitet. Im dortigen Bahnhof nahm König Friedrich Wilhelm IV. seine Gäste in Empfang. Anschließend wurden im Dom die Erinnerungsstätten an Karl den Großen besichtigt, danach eine Stadtrundfahrt gemacht und ein „Déjeuner“ eingenommen. Über diese Stadtrundfahrt vermerkte die Leipziger „Illustrirte Zeitung“:
Eine Schar von berittenen und uniformierten Bürgern bildete eine Art freiwilliger Ehrenwache, was die „Morning Post“ allerdings so kommentierte: Die Kutschen wurden eskortiert von einer Truppe des Landadels der Umgebung; viele von ihnen waren auf Klepper gestiegen, die Rotton-row[1] keine Schande bereitet hätten: aber es gab keine berittene Militäreskorte außer den Adjutanten der Majestät. Die Queen ihrerseits hielt in ihrem Tagebuch fest (hier ausnahmsweise auf Englisch zitiert): Some young “Kaufleute” escorted us on horseback, but who could not ride at all. (Einige junge „Kaufleute“, die nun nicht wirklich reiten konnten, eskortierten uns zu Pferd).
4. Umsteigen in Köln
Noch am Nachmittag wurde die Zugfahrt nach Köln fortgesetzt. Über die dortige Ankunft schrieb der „Morning Chronicle“:
Der Bahnhof war farbenfroh durch die Girlanden und Flaggen – die Bahnsteige durch die unterschiedlichen Kleider der Damen und die etwas lustigen Roben der zivilen Funktionäre, die zurechtgestutzt waren in einem hohen Stil amtlichen Dandyismus‘, das heißt mit Röcken und Stehkragen und Manschetten, wie wir sie üblicherweise eher an Honoratioren und Bürgermeistern in Opern zu sehen bekommen als im wirklichen Leben. Wie auch immer, die melodramatische Gesellschaft war komplett zugegen, und hielt tatsächlich nicht wenig auf sich. Es gab leider nicht mehr Zeit für Reden, als höchstens fünf Minuten von dem Zeitpunkt an, da der Zug anhielt, bis die königliche Gesellschaft weitereilte, so schnell als Pferde sie tragen konnten, vom Bahnhof der Rheinischen Eisenbahn zu der, die von Köln nach Bonn geht.
Immerhin konnte der Kölner Oberbürgermeister eine kleine Begrüßungsansprache halten, deren Text in der „Kölnischen Zeitung“ nachzulesen war. Über diesen damals in Köln noch notwendigen Bahnhofswechsel berichteten „The illustrated London News“ mit Bild:
Die königliche Gesellschaft verließ die Eisenbahn zu den privaten Kutschen, die außerhalb der Station aufgestellt waren und sofort zur Haltestelle der Bonner Eisenbahn davonfuhren. Dazu mussten sie durch den größten Teil der Innenstadt von Köln fahren. Dies war ein fröhliches und glänzendes Schauspiel. Die alten Häuser, genauso malerisch wie die von Gent oder Antwerpen, waren mit Girlanden über und über behängt, und, was das beste von allem war, besetzt mit den lächelnden Gesichtern der begeisterten deutschen Mädchen, die, obwohl sie ernst und phlegmatisch aussehen mögen, alle Welt mit ihrem Enthusiasmus übertreffen dürften. Flaggen überspannten die Straßen, so dass diese allesamt erschienen, als ob sie ein großer Bogen wären, und die Glocken läuteten ein fröhliches Klingen von den vielen umstehenden Kirchen. Dichte Menschenmassen säumten den Weg und straften den nationalen Charakter Lügen durch laute und lebendige Hochrufe, mit denen sie die neuen Gäste ihres Souveräns begrüßten. Es liegt etwas Großartiges im deutschen Enthusiasmus. Er ist nicht veranlagt, sich auszubreiten, doch wenn er kommt, so kommt er so tiefgehend, so stark und heftig hervor. Geleitet von dieser besten Armee der Könige fuhren die Souveräne von Preußen und England durch Köln an die Ufer des Rheins, von wo die Bahn nach Bonn abfuhr. In und um die Station breitete sich eine weitere Szene des militärischen Pomps und der Volks-Begeisterung aus, nicht geringer als sie andernorts stattgefunden hatte. Hoch- und Willkommens-Rufe, vermischt mit dem Wirbeln der Trommeln, dem Dröhnen der Kanonen und der martialischen Musik der Kapellen, fügten seinem Strom diese rollende Flut enthusiastischen Willkommens hinzu, welche die Queen von England und ihren Gemahl vom ersten Augenblick an begrüßt hatte, als sie im Territorium des Königs von Preußen angekommen waren.
Als Ergänzung sei zitiert, was in der „Morning Post“ über die Zustände in Köln zu lesen war:
Köln behält, wie auch immer, ihren Ruf als schmutzigste Stadt in Europa, und, wie Coleridge[2] sagt, die „Nymphe, die über Kanäle und Pfühle regiert“, hält dort nie ein Treffen ab. Letzten Abend war das weitberühmte Eau [de Cologne] sicherlich nicht der vorherrschende Duft, und Herkules mag sich selber glücklich geschätzt haben, nicht beauftragt worden zu sein, diesen dreckigen Ort von seinem Mist zu befreien anstelle des Stalls des Augias.
Auch die Queen hielt dazu in ihrem Tagebuch fest: Auf den Plätzen besprühten sie das Straßenpflaster mit Eau de Cologne.
Die kurze Strecke von Köln nach Brühl war schnell zurückgelegt. Hier empfing dann auch die preußische Königin Elisabeth (1801-1873) die Gäste von der Insel. Über die Ankunft berichtete „The Times“:
Die Aufregung und der Enthusiasmus, die Ihrer Majestät Ankunft entgegengebracht wurden, hielten inzwischen weiter an. Der Palast von Brühl, der unmittelbar gegenüber der Station der Köln-Bonner Eisenbahn liegt, bildete, als der Zug mit der königlichen Gesellschaft gestern Abend ankam, die Szenerie für einen Empfang, der so nicht oft selbst Königen geboten wird.
Und der Korrespondent von „The illustrated London News“ hob verwundert hervor:
Es ist höchst bemerkenswert, dass direkt gegenüber dem Schloss die Eisenbahn-Station liegt – ein Beispiel dafür, wie wenig die preußische Royalität und die Aristokratie darüber besorgt sind, ignoriert zu werden – ein Horror für den englischen Adel.
Zur Begrüßung der Queen war ein großes Militärkonzert mit anschließendem Zapfenstreich arrangiert worden, worüber die „Kölnischen Zeitung“ Einzelheiten berichtete:
Während die hohen Herrschaften nun einige Erfrischungen einnahmen, wurde vor dem Schlosse nach der Seite des Bahnhofs hin der Große Zapfenstreich vorbereitet. An demselben nahmen dreizehn Musikchöre und die sämtlichen Tamboure der 15. und 16. Infanterie-Brigade, unter Leitung des Chefs der Musik des Gardecorps, Herrn Wieprecht,[3] Theil. Links vom Schlosse standen die Trompeter des 8. Husaren-, 4. Dragoner-, 5. und 7. Ulanen-Regiments, so wie der 8. Reitenden Artillerie-Brigade; dem Schloss gegenüber die Musik des 16., 25., 28., 29., 35., 38. und 40. Infanterie-Regiments, nebst der 8. Artillerie-Brigade zu Fuß; rechts die Tamboure. Nahe vor der Infanterie-Musik befanden sich die Schlag-Instrumente derselben, und in der Mitte die Direction. Umgeben war das Ganze von mehren Fackelträgern und zahlreichen Militär-Mannschaften. Gegen 9 Uhr begann die Ausführung der Musikstücke, […]. Bei Beginn […] verließen die hinter den Infanterie-Musikchören aufgestellten Fackelträger ihre Plätze und traten in den innern freien Raum, wo sie sich aufstellten, daß sie den Namenszug V bildeten, was besonders vom Schlosse aus gesehen, an dessen Fenstern die hohen Bewohner wiederholt erschienen, eine sehr schöne Wirkung gemacht haben muß. Die einzelnen Musikstücke wurden mit wirklich meisterhafter Präcision ausgeführt und einen ganz eigenthümlichen Eindruck übte die große Masse der Trommeln, welche bei mehren Nummern mitwirkten. An die Harmonie-Musik reihte sich das „Locken zum Zapfenstreich“, die Retraite, der Zapfenstreich selbst von großartigster Wirkung, und den Schluß machte das „Gebet“.
Im entsprechenden Artikel in „The illustrated London News“ war von nicht weniger als 600 Musikern, zusammen gestellt aus 30 Kapellen verschiedener Regimenter zu lesen, was reichlich übertrieben war. Aber auch wenn es „nur“ die Musiker aus acht Militärkapellen waren, so kamen wohl doch an die 600 Mann zusammen, rechnet man die große Zahl an Trommlern und Trompetern sowie weitere fünf Regimenter bzw. Brigaden mit. Der solcherart gebotene militärische Pomp stieß besonders den Franzosen auf, wie dem Brief Jules Janins[4] aus Bonn an den Redakteur des „Journal des débats“ anzumerken ist. Nachdem Janin über das Schloss und dessen Zuckerbäcker-Rokoko-Stil gelästert hatte, schrieb er:
Wenn Sie wissen wollen, warum wir heute Abend dorthin gehen wollen, obwohl die Nacht herabsinkt und der Regen droht; wir wollen dorthin gehen, weil sich unter den Schnörkeln dieser gekreuzten Verzierungen, dieses Balkons aus Koketterie und Geschmeide ein großartiges Konzert vorbereitet, dazu angetan, den alten Kaiser Barbarossa aus seiner Höhle hervorzulocken. Vierhundert Trommler und zweihundert Trompeter werden an diesen Gestaden kämpfen, dass die alten Heroen des alten Germaniens aus ihrem schrecklichen Staub aufwachen werden. Nein! Die Trompete des letzten Gerichts kann nicht im Entferntesten ein großartigeres Getöse erzeugen.
Das trommelte, das tönte mit einem stetig anwachsenden Furor; der Rhein schwieg vor Bewunderung und vor Schreck. Wilde und dennoch liebliche Harmonie, von der man sich keine Vorstellung machen kann, wenn man weiß, was dies für ein Instrument ist, das man eine Trommel nennt, und welches dieses andere Instrument ist, das man eine Trompete nennt! In jedem Augenblick schien es mir, als ob der Schatten des großen Friedrich, gerufen von diesem übernatürlichen Lärm, aus dem Grabe aufsteigen würde, und Kaiser Napoleon ihn besuchen würde im ganzen Pomp seiner Herrlichkeit, zwei große Gespenster, heute erkennbar, der eine wie der andere, in der Menge der königlichen Schatten, an ihrer in den Schlachten getragenen Uniform und an ihrem kleinen Hut.
Sie gehen schließlich fort, und Sie haben schon die Stadt [Bonn] wieder erreicht, doch dies großartige Konzert folgt Ihnen noch immer; Sie tragen es atemlos keuchend in ihrem geplatzten Schädel mit sich, wie man einen Traum, ein Traumbild, einen Alb oder irgendwen aus diesen gigantischen Fabeln, von denen Deutschland erfüllt ist, mit sich trägt. Vierhundert Trommler und zweihundert Trompeter die rollen und klingen wie kein Donner rollt! Schlafen Sie unterdessen, und Sie müssen um jeden Preis schlafen, denn wir sind noch am Montag, dem 11. August, und Sie brauchen all ihre Kräfte für die Zeremonie des nächsten Tages.
Was die Anzahl der Trommler betrifft, übertrieb Janin ganz offensichtlich; die Leipziger „Illustrirte Zeitung“ zählte jedenfalls „nur“ 156, aber auch die dürften für den beschriebenen Effekt mehr als ausgereicht haben. Die Queen selber notierte nur wenige Worte über dieses militärische Schauspiel in ihr Tagebuch:
[Wir] gingen in einen der Räume, um dem großartigen Zapfenstreich zuzuhören, der vor dem Schloss von 500 Musikern (Militär) geboten wurde – mit Fackeln (Leuchten aus farbigem Glas), was einen wunderbaren Effekt gemacht hat.
5. Beethovenfest in Bonn
Als der Aufenthalt der Queen im Rheinland bekannt geworden war, hatte das Komitee des in Bonn für die Tage vom 10. bis 13. August aus Anlass der Einweihung des Beethoven-Denkmals anberaumten ersten Beethovenfestes alles darangesetzt, dass die Queen diese Feierlichkeiten mit ihrer Gegenwart beehren möge. Dazu war eine eigene Deputation seitens des Comitee’s nach Brühl gefahren, um Sr. Majestät dem König die desfallsige unterthänigste Bitte vorzutragen, wie das „Bonner Wochenblatt“ meldete. So kam es, dass die Zeitpläne beider Ereignisse kurzfristig geändert wurden. Zum einen blieb die Queen länger als geplant in Brühl – darum war sie dann nur noch für zwei Nächte und einen Tag auf Schloss Stolzenfels – und zum anderen wurden in Bonn zwei Veranstaltungen getauscht. Die Enthüllung des Denkmals fand einen Tag später statt als geplant, und die Taufe eines Rheindampfers auf den Namen Beethoven mit einem sich daran anschließenden Ausflug mit Picknick zur Insel Nonnenwerth gab es infolgedessen nicht nach, sondern schon am Tag vor der Einweihung des Denkmals. So konnten der preußische König und die Queen nebst Gefolge am Dienstagvormittag, 12. August, an der Einweihung des Denkmals in Bonn teilnehmen, wozu die „Kölnische Zeitung“ unter anderem bemerkte:
Von ganz außerordentlichem Volksjubel wurden Allerhöchstdieselben begrüßt, wie Sie zu Wagen über den Münsterplatz nach dem gräflich Fürstenberg’schen Palais von der bonn-kölner Eisenbahn fuhren; Kanonen erdonnerten und alle Glocken ließen gleichzeitig Töne der freudigsten Begrüßung und Verehrung erschallen. Bei dem Grafen von Fürstenberg angekommen, wurde den allerhöchsten und höchsten Herrschaften die Stiftungs-Urkunde des Denkmals ehrerbietigst von einer Deputation des Comite’s in zweifacher Ausfertigung auf Pergament (eine bestimmt zur Niederlegung im Monumente selbst, die andere aber für das Archiv der Stadt) zur Unterzeichnung vorgelegt.
Die Queen selbst hielt etwas enttäuscht in ihrem Tagebuch fest:
Wir gingen auf den Balkon, um der Enthüllung von Beethovens Statue zuzusehen, zu dessen Ehren viele große Festlichkeiten stattfanden. Unglücklicherweise bekamen wir, als die Statue unbedeckt war, nur eine Rücken-Ansicht zu sehen.
Im Anschluss an die Feier gab es in Erinnerung an die Bonner Studentenzeit Prinz Alberts 1837-1838 einen Empfang für die Professoren der Universität, und die Queen ließ es sich nicht nehmen, das (heute nicht mehr existierende) Haus am Martinsplatz 62 zu besichtigen, in dem Prinz Albert seinerzeit gewohnt hatte, worüber die „Morning Post“ berichtete:
Ihre Majestät stieg aus und bestand darauf, den Raum gezeigt zu bekommen, den der Prinz früher bewohnt hatte, und sie besichtigte die Wohnung genau und mit dem größten Interesse. Ihre Majestäten, gefolgt von den anderen Kutschen mit den Mitgliedern ihrer ansehnlichen Gefolge und den berühmten Besuchern von Brühl, fuhren dann zum Observatorium, und von dort zur Eisenbahn, mit der sie sofort zum Palast von Brühl starteten, um an einem frühen Dinner um vier Uhr teilzunehmen, damit es ihnen möglich sei, sich nach Köln zu begeben, um die Feuerwerke am Abend zu sehen.
Bei dem hier angesprochenen „frühen Diner“ brachte der preußische König dann folgenden Toast aus, den die „Kölnische Zeitung“ im Wortlaut veröffentlichte:
_„Meine Herren! – „Füllen Sie die Gläser bis an den Rand! „Es gilt einem Klang, der unaussprechlich süß klingt in britischen und deutschen Herzen; er ertönte einst über mühsam errungener Wahlstatt als ein Zeichen gesegneter Waffenbrüderschaft _ [er meint damit Waterloo]. Heute ertönt er nach dreißigjährigem Frieden, einer Frucht der mühsamen Arbeit jener Tage, hier in den deutschen Gauen, an den Ufern des schönen Rheinstromes. Er lautet: VICTORIA! Meine Herren! „Leeren Sie die Gläser bis auf den Grund! „Es gilt Ihrer Majestät der Königin von Großbritannien und Irland! „Es lebe die Königin Victoria und Ihr durchlauchtigster Gemahl!“
Für den Abend des 12. August war in Köln „Rhein in Flammen“ angesetzt, von den königlichen Herrschaften per Schiff besucht, worüber der Korrespondent von „The illustrated London News“ ausführlich berichtete:
Köln zeigt viele Anzeichen davon, dass sie eine streng befestigte Stadt ist; entlang der Rheinfront verläuft eine Mauer, nur unterbrochen von den Fassaden von Häusern oder großen Hotels; zwischen der Mauer und dem Wasser gibt es einen leidlich großen Freiraum, der als Quai dient oder als Werft, wo die Schiffe ihre Ladung löschen. […] Bei dieser Gelegenheit war der Rand des Stadt-Kais, oberhalb und unterhalb der Brücke, auf einer Länge von etwa zwei Meilen von einer Infanterie-Kompanie in Einser-Reihe besetzt; eine gleiche Linie war auf dem gegenüberliegenden, dem Deutzer Ufer des Flusses aufgezogen; […].
Der weiteren Beschreibung ist zu entnehmen, dass mehrere Dampfer flussaufwärts fuhren, um die königlichen Zuschauer abzuholen, dann heißt es: Eine Stunde oder etwas mehr waren vergangen, als ein Salutschuss einer Kanone anzeigte, dass Ihre Majestät an Bord ging, und kurz danach erschien der Dampfer langsam den Fluss herabkommend. Sobald er gegenüber der Stadt ankam, wurden die Soldaten in Reihe befohlen, eine Rakete wurde als Signal hochgeschossen, und in diesem Augenblick begann eine fête de joie auf einer selten vergleichbaren Höhe; sie erstreckte sich über zwei Meilen auf beiden Seiten des Rheins und dauerte mehr als eine halbe Stunde lang, indem die Männer in schneller Folge luden und feuerten; zur gleichen Zeit war der Rhein glänzend beleuchtet von auf Booten abgebrannten Hafen-Feuern mitten auf dem Strom; über dem Turmmarkt schossen Schauer von Raketen empor in bunter Mischung. Während das Schiff weiter abwärts glitt, ging das Feuern weiter; und das dauernde Rattern der Gewehr-Salven, im Wechsel mit Kanonendonner, gab dem Zuschauer einen Eindruck von einem Nacht-Angriff. Als der Dampfer sich der Öffnung der Brücke näherte, wurde die ganze Konstruktion – wenn denn solch eine Brücke aus Booten so genannt werden mag – von einer Reihe von Feuerwerken erleuchtet, die Garben brillanter Funken empor schleuderten wie Fontänen aus Licht, deren glühende Tropfen in hübscher Form herabfielen, um im dunkeln hinab rollenden Fluss gelöscht zu werden. Im gleichen Augenblick barst das Äußere der Kathedrale, deren Türme über die Stadt aufragen, in Licht wie der Dom von St. Peter in der Heiligen Woche, jede Nische, jeder Pfeiler, jede Spitze glühte in der Flut von Licht, und die Wirkung der ganzen Szene war in diesem Augenblick die größte und prächtigste ihrer Art, die wir je erblickten. Das Spiel von Licht und Schatten auf der Masse der gotischen Architektur und den Dächern und Türmen in der Nachbarschaft war richtiggehend magisch.
6. Dombesichtigung in Köln
Am folgenden Mittwoch, 13. August, wurde vormittags das Abschlusskonzert des Bonner Beethovenfestes besucht, ehe am Nachmittag eine Dombesichtigung in Köln anstand, worüber „The Times“ schrieb:
Als die Kathedrale am Dienstag beleuchtet war, war die Wirkung, gesehen vom Fluss aus, beeindruckend und glänzend, doch, gesehen von einem näheren Blickpunkt, war sie ausnehmend wundervoll. Sie war beleuchtet gewesen, nicht bloß mit schlichten, sondern mit farbigen Lichtern, und durch einem kleinen Trick, floss eine einheitliche Farbe über das Gebäude, eine Art pink mit einem Schimmer von hellem orange. Das ganze ausnehmend feine Maßwerk der Architektur wurde so klar hervorgehoben, und das Gebäude sah luftiger und eleganter aus als bei Tage. Es sah aus, als sei es aus sehr dünnen transparenten Steinen gemacht, und leicht in jedem Maße. Die gesamte Wirkung war wunderbar bis ins Extreme.
Als die Queen jetzt um die Kathedrale fuhr, säumte eine große Menschenmenge den Weg. Sie benahm sich mit höchstem Anstand. Sobald die Rundfahrt um das Äußere zu Ende war, verließen Ihre Majestät und die anderen hohen Persönlichkeiten ihre Kutschen und gingen in die Kathedrale. Zu gleicher Zeit wurden die Glocken geläutet, und ihre verschmelzenden Töne, eher tief und zugleich sanfter als die der zartesten Orgel, erzeugten die größte vorstellbare Harmonie. Der Chor der Kathedrale ist bemerkenswert als ein perfektes Beispiel gotischer Architektur überhaupt. Hier gibt es auch den berühmten Schrein der drei Könige von Köln. Alle diese Dinge, und viele mehr, die den Reisenden bekannt sind, und die zahlreichen Einzelheiten, die in den Führer-Büchern zu finden sind, wurden von der königlichen Gesellschaft besichtigt.
Nachdem der Reporter des „Morning Chronicle“ die Teufelslegende des Kölner Doms erzählt hatte, hielt er fest:
_ Nach der Besichtigung des heiligen Gebäudes gingen die Queen und ihr königlicher Gastgeber durch die Stadt. Große Menschenmassen, wirklich, erwarteten ihren Weg. Sie gingen langsam durch das Labyrinth der unvorstellbar engen Straßen, die Köln bilden, gingen vorbei an den zahlreichen alten Kirchen die sie schmücken – [besichtigten] den Schrein, unter anderen, in dem die Gebeine von St. Ursulas elf tausend Jungfrauen liegen – (arme Lady! Eine grauenvolle Familie muss sie zu managen gehabt haben) – und die Kirche, in der der alte Duns Scotus von seiner Wortklauberei ausruht und nicht mehr darüber nachdenkt, herauszufinden, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können.[5] Die königliche Gesellschaft, glaube ich, besuchte auch das Museum mit Gemälden, die hauptsächlich gleichzeitig mit den frühen italienischen Meistern gemalt wurden. Die Gesellschaft kehrte früh am Abend nach Brühl zurück, Köln unter einem Artillerie-Salut der Batterien verlassend._
Dem dritten und letzten Brief Jules Janins für das Pariser „Journal des débats“ ist zu entnehmen, dass die Queen für den Weiterbau des Kölner Doms 520 Pfund Sterling (14.000 Francs) gespendet habe, so dass auch ihr Name in die Liste der Stifter aufgenommen worden sei.
7. Hofkonzert in Schloss Brühl
Wieder in Brühl zurück, gab es ein großes Bankett mit begleitender Tafelmusik, über das die „Morning Post“ ausführlich berichtete. An das Bankett schloss sich ein festliches „Hofkonzert“ an, für das der preußische König die „Crème de la Crème“ der damaligen Opernwelt hatte verpflichten lassen, an der Spitze die „schwedische Nachtigall“, die Sopranistin Jenny Lind (1820-1887). Geboten wurden eine eigens vom preußischen Generalmusikdirektor Giacomo Meyerbeer (1791-1864) zu Ehren der Queen komponierte Kantate für vier Männerstimmen und Chor sowie populäre und aktuelle Opern-Ausschnitte. Wer dabei die Begleitung am Klavier übernahm - auch in den späteren Hofkonzerten von Stolzenfels und Koblenz -, unterlag bislang wilden Spekulationen, bis hin zu der Vermutung, es sei Franz Liszt (1811-1886) gewesen. Der französischen Presse ist jedoch eindeutig zu entnehmen, dass Meyerbeer am Klavier saß, und auch die Queen notierte sich in ihr Tagebuch:
_ Meyerbeer begleitete, und eine schöne Kantate, von Meyerbeer, mir zur Ehre, wurde gesungen von Staudigl, Pischek und anderen sowie dem Chor. Fräulein Lind sang bezaubernd eine Nummer aus Meyerbeers neuer Oper „Das Nachtlager in Schlesien“, auch Frau Viardot sang sehr gut und Liszt spielte._[6]
Diese Mitwirkung hatte für Liszt – er trat zweimal als Solist eigene Stücke auf - sogar ein dramatisches Vorspiel gehabt. Als er nämlich am Ankunftstag der Queen zu deren Begrüßung nach Brühl fahren wollte, wäre er fast verhaftet worden, wie der „Morning Chronicle“ berichtete:
Er wollte nach Brühl gelangen, um die königlichen Persönlichkeiten dort zu treffen; aber die Militärmusik bedingte einen solchen Zustrom, dass es vielen (von denen auch ich einer war) unmöglich war, eine Beförderung durch die Eisenbahn zu erreichen. Als LISZT an die Station kam, wurde ihm bedeutet, dass alle Wagen voll seien und dass keine weiteren Fahrkarten ausgegeben werden könnten. Er rannte augenblicklich aus dem Gebäude und sprang über das Geländer zwischen ihm und den Waggons. Eine Anzahl Studenten riefen seinen Namen und machten Platz zwischen sich, doch als er hineinkam, wurde er festgenommen und herausgestoßen von einer Gruppe Polizisten, die entschlossen waren, ihn ins Gefängnis zu schleppen, doch wurden sie überredet, ihn laufen zu lassen, als sie den magischen Namen LISZT hörten. Seine Reise, wie auch immer, war aber vereitelt, denn ihm war es nicht erlaubt mitzufahren, nachdem er ein Beispiel von solch verwegener Überschreitung der Gesetze gegeben hatte.
8. Rheinfahrt nach Koblenz und Stolzenfels
Der Donnerstag, 14. August, war der Dampferfahrt auf dem Rhein von Bonn nach Koblenz vorbehalten. Dies geschah später als ursprünglich geplant, so dass der „Coblenzer Anzeiger“ am Tage vorher enttäuscht meldete:
So eben vernehmen wir, daß JJ. MM. mit der Königin Viktoria erst am 14. d. hier ankommen und am folgenden Freitag den 15. d. Abends im hiesigen Theater zur Ehre der britischen Majestät die Oper „Norma“ aufgeführt werde. Jenny Lind wird in der Titelrolle auftreten und ist der Direktor Spielberger in Cöln mit der Leitung des Ganzen beauftragt. Zur gehörigen Decoration des Theaters hat man eiligst den Maler Herrn Nolten hierhin berufen.
Zu ihrem Bericht über diese Rheinfahrt der Queen druckten „The illustrated London News“ auf zwei ganzen Seiten je zweispaltig ein PANORAMA OF THE RHINE, eine Karte des Rheinlaufs nebst allen Sehenswürdigkeiten von Köln bis Stolzenfels. Außerdem veröffentlichten sie zwei Stiche, über die es hieß:
Zwei der Stiche auf Seite 124 zeigen besonders interessante Stellen der Rhein-Szenerie, − die „Seven Mountains and the Drachenfels from Godesberg“ und „The Royal Yacht passing the Drachenfels“. Das Dorf Godesberg ist einer der bezauberndsten Plätze für Sommer-Aufenthalte am Rhein; und seine Burg Bergfried [die Godesburg] auf dem Gipfel des Hügels bietet einen der schönsten Ausblicke auf den Fluss. Die Gruppe der Hügel, genannt die Sieben Berge, besteht in Wirklichkeit aus mehr als sieben an der Zahl und bildet den Beginn der schönen Szenerie des Rheins; sie sind die höchsten und wildesten Hügel an seinen Ufern, und sind alle gekrönt von den Ruinen eines alten Turmes, einer Kapelle, oder einer Eremiten-Klause, die viel zu ihrem malerischen Flair beitragen; der höchste, der Owelberg [gemeint ist der Oelberg] ist 1453 Fuß hoch. Der am meisten interessierende der ganzen Gruppe, bezüglich seiner Gestalt und Position, doch mehr noch als durch all dies durch die Verse Byrons, ist der berühmte Drachenfels (Dragon Rock), dessen Klippe schroff vom Ufer aufsteigt, gekrönt von einer Ruine; […] Vom Gipfel des Drachenfels weitet sich der Blick den Rhein abwärts bis Köln, zwanzig Meilen entfernt; aufwärts ist der Rhein versperrt durch Felsen, die, wie auch immer, sehr groß sind; während Bonn und seine Universität, mit alten Burgen, Dörfern und Bauernhäusern den Vordergrund der Landschaft ausfüllen.
Über die Ankunft in Koblenz und Stolzenfels gab „L’Émancipation“ von Brüssel folgenden Bericht:
Die Königin von England ist in Stolzenfels angekommen. Das königliche Schiff Der König, an deren Bord sich Ihre britannische Majestät, der König und die Königin von Preußen, der König von Belgien, Prinz Albert und der Kronprinz von Preußen befanden, ist an Koblenz um vier ein halb Uhr vorbeigefahren. Die ganze Bevölkerung der Stadt und zahlreiche Fremde, die sich in ihren Mauern befanden, hatten sich an die Quais begeben, um dem Spektakel des Empfangs beizuwohnen, den man der Königin von Großbritannien bereitete. Sobald das Dampfschiff in Sichtweite der Stadt kam, etwa eine Viertel (französische) Meile stromabwärts, eröffnete die Festung Ehrenbreistein das Feuer aus allen Rohren. Die umliegenden Forts und die Geschütze vor Ort haben ihnen geantwortet, und diese Detonationen, mit denen sich die Mannschaftsfeuer all der Truppen mischten, die an den Quais, in den Festungen und ganz entlang der Ufer aufgestellt waren, erzeugten ein Konzert, wie das menschliche Ohr selten etwas vergleichbares zu hören bekam. Das war ein Rollen ohne Unterbrechung, dem die angrenzenden Täler mit großartigen Akkorden antworteten. Nachdem das königliche Schiff am Quai von Koblenz angekommen war, wo es für einige Augenblicke festgemacht wurde, hat die Menschenmenge, die die beiden Ufer des Rheins bevölkerten, ihre Hurra-Rufe unter den Donner der Kanonen gemischt, um auch ihrerseits die Herrscherin einer befreundeten Nation zu feiern. Der König, am Bug des königlichen Schiffes mit seinen erlauchten Gästen stehend, hatte sein Taschentuch geschwenkt, und seine Untertanen haben dieses Zeichen verstanden. Nach kurzem Halt vor Koblenz hat das königliche Schiff seine Fahrt nach Stolzenfels fortgesetzt; der Beifall und die Salven haben nicht eher geendigt, bis das Schiff den Bogen umfahren hatte, den der Rhein eine Viertelmeile stromaufwärts von der Stadt macht.
9. Aufenthalt auf Stolzenfels
Über Schloss Stolzenfels berichteten „The illustrated London News“:
Stolzenfels, wo Majestät letzte Nacht ankam, war eine der tausend zerstörten Burgen, mit denen beide Ufer des Rheins übersät sind. Das Schloss liegt drei deutsche Meilen oberhalb von Coblentz. Es wurde vor einigen Jahren für den jetzigen König von Preußen gekauft für eine handelsübliche Summe,[7] und er hat es restauriert – nicht in bestem Geschmack – mit einem enormen Kostenaufwand, und es ist eine gefällige Residenz, doch kleiner als was üblicherweise unter dem Namen eines Schlosses verstanden wird. Es ist wunderschön gelegen auf einer dichtbewaldeten Anhöhe, die sich zum Rhein hinab neigt – andere Hügel, höher als der, auf dem das Schloss steht, erheben sich im Hintergrund. Auf dem gegenüberliegenden Ufer, im Blick von der Terrasse und den Fenstern, sind die Dörfer von Oberlahnstein, Niederlahnstein, Horchheim und Lahneck.
Aus „L’Emancipation“ aus Brüssel erfahren wir:
_ Gestern war großes Diner auf Schloss Stolzenfels. Die Tafel bestand aus dreißig Gedecken. Der Fürst von Metternich zählte zu den Gästen. Dem Diner folgte ein brillantes Konzert, in dem, neben anderen großen Künstlern, sich Fräulein Lind hören ließ, die heute nach Meinung der Kenner die erste Sängerin Deutschlands ist._
Hierzu ist anzumerken, dass der Berichterstatter sich offensichtlich irrte und das Konzert des nächsten Tages meinte. In allen anderen Berichten, vor allem auch im Tagebuch der Queen, ist nicht von einem Konzert zwischen Diner und Feuerwerk die Rede, einmal davon abgesehen, dass der zeitliche Rahmen kaum dafür ausgereicht hätte. In „L’Emancipation“ heißt es dann weiter:
Gegen elf Uhr […] wurde auf ein aus einem der Fenster des Schlosses gegebenes Signal ein mehrteiliges Feuerwerk abgeschossen. Leider hatte der Regen des Nachmittags das Pulver nass gemacht, so dass ein Teil nicht gelang. Aber das hinderte nicht daran, einen hinreißenden Effekt zu erzielen; eine bengalische Beleuchtung der umliegenden Ruinen und Schlösser und der Festung Ehrenbreitstein in der Ferne ahmte eine riesige Feuersbrunst nach. Während der ganzen Zeit, den diese märchenhafte Beleuchtung dauerte, hörte die Kanone nicht auf zu donnern. Die Glocken aller umliegenden Dörfer waren ins Schwingen gebracht, so dass zu dem, das die Szene imposant machte, das Wunderbare noch hinzukam; fünf oder sechs Dampfschiffe hatten eine große Zahl von Einwohnern von Koblenz und neugierige Fremde nach Stolzenfels gebracht, um diesen Augenblick zu genießen. Die Schiffe waren von Koblenz um acht Uhr am Abend abgefahren, doch das Feuerwerk wurde erst um elf Uhr abgeschossen, also mussten sie auf dem Rhein, eingezwängt die einen mit den anderen, und ausgesetzt einem feinen und durchdringenden Regen, mehr als drei Stunden zuwarten, ehe das Signal gegeben wurde; aber das Schauspiel, das sie vor Augen geführt bekamen, hat sie letztlich entschädigt für diese kleine Unannehmlichkeit.
Der Redakteur des „Coblenzer Anzeigers“ hatte etwas genauer gezählt:
Auf sieben Dampfbooten, wovon 1 von Frankfurt und 1 von Mainz gekommen waren, sowie in einer unzählbaren Wagenreihe und zu Fuß war man nach dem Orte der Festlichkeit geströmt, bei welcher die Beleuchtung der so romantisch gelegene Johanniskirche besonders sich auszeichnete.
Einen Tag später berichtete „L’Emancipation“ dann, was ebenfalls dagegen spricht, dass es schon am Vortag ein Konzert gegeben habe:
Man sollte gestern Abend im Theater von Koblenz eine außergewöhnliche Vorstellung aus Anlass der Anwesenheit der Königin von England geben. Diese Vorstellung war organisiert worden von Meyerbeer auf Anordnung des Preußischen Königs; doch Königin Victoria fand sich ein wenig indisponiert, […], und so hat man die Arbeiten eingestellt, die man seit zwei Tagen im Theater-Saal gemacht hat, um ihn so würdig als möglich dem hohen Auditorium, das er empfangen sollte, angemessen zu gestalten. Man kann sich die Enttäuschung derer vorstellen, die eine Einladung zu dieser musikalischen Feierlichkeit erhalten hatten, und die dazu all ihre Vorkehrungen getroffen hatten.
Die Vorstellung wurde ersetzt durch ein Konzert auf Schloss Stolzenfels in Gegenwart der Majestäten und einer sehr kleinen Zahl geladener Gäste. Meyerbeer leitete dieses Konzert, in dem die größten Künstler Deutschlands miteinander wetteiferten, Frau Pauline Garcia und der berühmte belgische Geiger Henri Vieuxtemps.[8]
Der preußische König soll für diese Theateraufführung 30.000 Thaler angewiesen haben, wie die Leipziger „Illustirte Zeitung“ zu melden wusste, wobei sich diese Summe doch wohl eher insgesamt auf alle drei „Hofkonzerte“ bezieht und nicht nur auf diese eine ausgefallene Opernvorstellung beziehungsweise deren Ersatz-Konzert.
In ihr Tagebuch notierte sich die Queen über das Konzert:
_ Nach dem Tee gingen wir in den Speisesaal, wo wir ein schönes Konzert hatten; Meyerbeer begleitete und Fräulein Lind und Frau Viardot sangen und Pischek sang “Die Fahnenwacht”._[9]
In seinem dritten Brief an das „Journal des débats“ gab Jules Janin eine ausführliche Beschreibung von Schloss Stolzenfels und den dortigen Ereignissen, aus der nur der Abschnitt über diesen „gemütlichen Abend“ zitiert sei:
Im Schloss fand ein intimes Fest statt; wenige Leute waren eingeladen zu diesem Fest, wo die Könige, die Königinnen und die Prinzen sich daran erfreuten, nicht mehr zu sein als einfache Sterbliche. Die Männer trugen bürgerliche Kleidung und ohne äußerlichen Schmuck, die Damen waren mit der eleganten Einfachheit junger Frauen gekleidet, die sich von den Zwängen der Etikette erholen. Die Konversation war lebhafter und freier. Der König von Preußen, glücklich über das Wohl seiner Gäste, hatte für jeden ein freundschaftliches Wort. Natürlich war die Musik an diesem Abend willkommen und die Künstler waren die allbekannten.
Auch die Queen hielt diese zwanglose Atmosphäre für so wichtig, dass sie noch zwei Tage später darüber in ihr Tagebuch schrieb:
Ich vergaß zu erwähnen, dass in Brühl alle Gentlemen (König, Prinzen und andere) in Uniform waren, und dass in Stolzenfels alle in Zivil waren.
10. Wetterleiden der Touristen in Koblenz
An diesem Freitag, 15. August, herrschte am Rhein offenbar das übelste Wetter, wenn wir dem Bericht in „The Times“ glauben:
Regen, unaufhörlicher, unabgeschwächter Regen, der seit dem frühen Morgen in Bächen herab rauschte, hat diesen Ort all seiner Romantik beraubt, und enthob die königlichen Gäste des Königs und der Königin jeglichen Ausgangs über den ganzen Tag. Der Rhein sieht aus wie ein schmutziger Abwasserkanal, Stolzenfels ist eine Pfütze, Koblenz ein Misthaufen und all die schönen Schlösser und Klippen und Festungen, die so hell und beeindruckend gestern aussahen, waren jetzt nur undeutlich durch den Nebel zu erkennen, der vom aufgewühlten Fluss aufstieg. Niemand kann sich hinaus rühren weder in Stolzenfels noch in Koblenz, und die Besucher und Reisenden, die, als sie hierher kamen im Vertrauen auf das sprichwörtliche Wetterglück unserer Queen, sind mehr ein Schauspiel des Leidens, als dass man darüber lachen könnte. Jeder der weiß, wie das Leben in einem deutschen Wirtshaus abgeht, selbst bei bestem Wetter, mag die Leiden von mehreren hundert Menschen verstehen, eingepfercht zu sein in Kneipen, in denen niemandem erlaubt ist, sein Wohlbehagen zu finden, und wo er keine andere Beschäftigung hat als zu rauchen, um zu verhindern, dass er erstickt wird von den paffenden und dampfenden Tieren mit langen Pfeifen und ganzen Wäldern aus Schnurrbärten und Bärten um sich herum. Wie diese unglücklichen Menschen schlafen, ist eine unbekannte Angelegenheit, vielleicht sogar für sie selber. Koblenz ist derart bevölkert, dass kein Bett mehr zu bekommen ist. Wer noch zu später Stunde ankam lief in Verzweiflung durch die Straßen, und viele bekamen zu allem Unglück kein Bett mehr und mussten auf Stühlen schlafen. Eine englische Lady schlief sogar in ihrer eigenen Kutsche.
Noch drastischer beschreibt der „Morning Chronicle“ die Situation:
Ich wurde von allen Seiten mit Geschichten überschüttet über beispiellose Leiden von unglücklichen Individuen, die gestern Abend zu spät hier eintrafen, um noch sowohl Betten oder Sofas zu finden. Ein schrecklich von Wanzen zerbissener Herr berichtete heute Morgen im Salon des Hotels, dass er drei Thaler gegeben habe, um auf Stroh in einem Wein-Keller schlafen zu können, und eine englische Dame neben ihm toppte das Abenteuer, indem sie berichtete, dass sie die ganze Nacht eingesperrt in ihrer Kutsche im Hof des Hotels habe ruhen müssen. Andere, so wurde mir berichtet, sind durch die lange regnerische Nacht untröstlich herumgewandert, wie die Geister verstorbener Handelsreisender, vergeblich an die Türen jedes Gasthofes klopfend, um schließlich genötigt zu sein, Obdach unter porte cocheres [Kutscheinfahrten] und anderen gleich ständig zugigen Plätzen zu suchen. Die Hotels leisteten, wahrhaftig, große Arbeit, aber die unglücklichen Kellner, so überrascht aus dem üblichen halb-schläfrigen Zustand des deutschen Kellners herausgerissen, waren so völlig am Ende ihrer Weisheit,− nicht dass sie weit gehen mussten um dahin zu kommen – dass, um einen Bissen oder eine Suppe zu bekommen, es die größte arbeitsmäßige [„job-like“] Ausdauer erforderte, die jemals erbracht wurde, […].
Vorher hatte der Reporter schon berichtet:
Der Morgen begann mit Regen, der Tag ging weiter mit Regen, und er scheint tatsächlich mit Regen enden zu wollen. Ein schwerer grauer Nebel liegt auf den Hügeln; der Rhein, trübe und verfärbt, sieht nach allem aus nur nicht romantisch; und die engen, rinnenlosen Straßen sind überschwemmt von dem ununterbrochenen Niederschlag. Alles sieht erstarrt und deprimiert aus auf den Kais – die durchnässten Flaggen, die gestern so fröhlich flatterten, kleben schlaff um die Masten, und Koblenz erscheint alles in allem hinlänglich miserabel.
Die königliche Gesellschaft bleibt heute ruhig auf dem Schloss von Stolzenfels, um auszuruhen von den Anstrengungen der Reise. Es gibt keine Parade, kein Konzert, obwohl von beiden Vorführungen sehr viel geredet wurde. Vom König wird gesagt, dass er zu einem gut Teil müde sei und dass er, entsprechend dem schlechten Zustand des Wetters, alle Freiluft-Veranstaltungen verbeten habe.
Morgen am frühen Vormittag wird Ihre Majestät auf jeden Fall nach Mainz abreisen, wo sie über Nacht schlafen und vielleicht über Sonntag bleiben wird. Sie wird in Mainz von Prinz Wilhelm von Preußen, dem Gouverneur, empfangen werden und in seiner Residenz verweilen. Am Montagmorgen setzen die königlichen Reisenden ihre Fahrt nach Darmstadt fort, wo der Großherzog dieses gleichnamigen Ortes die Ehrungen erbringen wird. Würzburg wird der nächtliche Rastplatz sein, und eine eines langen Tages Reise wird die Gesellschaft am Dienstag abends nach Coburg bringen.
Nur Prinz Albert raffte sich offenbar aber dann doch zu einer Besichtigung der Festung Ehrenbreitstein auf, wie die Leipziger „Illustirten Zeitung“ meldete.
Zudem sei hier erwähnt, dass für Samstag, 16. August, im ehemaligen kurfürstlichen Schloss von Koblenz ein weiteres, also drittes „Hofkonzert“ angesetzt war. Es fand trotz der schon erfolgten Abreise der Queen auch statt. Es wurden dazu alle die Ehrengäste eingeladen, die tags zuvor über die Absage der Opernvorstellung enttäuscht gewesen sein dürften. In diesem Konzert spielte auch wieder Franz Liszt zwei eigene Stücke; auf Stolzenfels war er mit Sicherheit nicht dabei! Und noch ein zweites Gerücht gilt es auszuräumen: Jenny Lind sollte zwar im Koblenzer Theater die Norma singen, aber in allen drei Hofkonzerten hat sie keinen einzigen Ton aus dieser Oper hören lassen, entgegen der immer wieder zu lesenden Behauptung.[10]
11. Die Weiterfahrt nach Mainz
Die Fahrt der Queen von Stolzenfels nach Mainz erfährt in “The illustrated London News“ eine ausführliche Beschreibung, aus der einige Abschnitte zitiert seien:
Welche Höhe an Zweifeln auch im Geiste des Reisenden, der in Coblentz Halt macht, bestehen mag, ob der Rhein nicht ein wenig – ein klein wenig überbewertet sei – hegt einen Zweifel, der verschwindet, wenn er die Fahrt bis Mainz vollendet hat. […] Ihre Majestät verließ das Schloss Stolzenfels auf der Fairy; und der kleine galante Dampfer spielte seinen Part richtig gut. Sie dampfte an gegen den stetig dahinfließenden Lauf des Rheins; obwohl sie für den Ozean zu Wasser gelassen wurde, konnte sie mit der Kraft eines Flusses wetteifern, wie mächtig er auch sein mochte; sie trug die Standarte von England, als ob sie stolz darauf sei und darüber, dass sie über ihrem Kopf flatterte. Sie pflügte dahin gegen den Strom ohne jede sichtbare Anwendung von Kraft in galantestem Stil und erregte großes Staunen, weil alle Rhein-Dampfer – und das sind sehr gute – von alter Bauart[11] sind. Die königliche Yacht verließ Stolzenfels zwischen elf und zwölf Uhr und kam gegen sechs in Mainz an, eines der besten Rheinschiffe überholend, das zwei Stunden vor ihr abgefahren war; die Geschwindigkeit der Fairy wurde verlangsamt vor allen hauptsächlichen Städten und Dörfern, damit die Leute, die ans Ufer und die Landebrücken herabgeströmt waren, an jedem Punkt Gelegenheit bekamen, Ihre Majestät zu sehen. […] Der Morgen der Einschiffung war alles andere als freundlich; heftiger Regen, Wind, eine außerordentliche Kälte für die Jahreszeit, und ein Himmel so grau und trübe wie der November auf der Themse statt des strahlenden Blau des August auf dem Rhein gaben wenig Aussicht auf ein Vergnügen, doch der Tag erwies sich besser als er versprach; zu Mittag klarte es auf und eine strahlende Sonne trug den einzigartigen Zauber bei, die Szene zu vervollkommnen.
Nach einer keineswegs vollständigen Aufzählung der Sehenswürdigkeiten auf dieser Rhein-Passage ergeht sich der Autor in historischer Betrachtung:
Die Burgen des Rheins sind heute malerische Attraktionen der Szenerie; ruiniert und verfallen, sind sie Relikte einer anderen Epoche, die lange vergangen ist. Aber sie waren einst von schrecklicher Wichtigkeit; sie waren der Sitz von Räuber-Hauptmännern – denn diese können kaum anders genannt werden -, die keine Grenze für ihr gesetzloses Tun hatten aus Mangel an Kraft sie zu bezwingen, und die nur in Schach gehalten wurden durch ihre wechselseitigen Gegner und Feindschaften. Eine der großen Quellen ihrer Einkünfte war der Handel auf dem Rhein; und, zerstörerisch, wie die Tatsachen für alle Romantik sein mögen, die meisten dieser Burgen waren nichts anderes als Zollhäuser – feudale „Maut-stellen“ – an denen schwarzes Porto erhoben wurde von allen den Strom auf- wie abwärts fahrenden Schiffen und der Händler musste „anhalten und abliefern“,[…]. Der Rest der Fahrt war schnell geschafft. Oberhalb Bingen öffnet sich der Fluss, die Berge ziehen sich von den Ufern zurück und sein Bett ist beinahe eine Ebene; und so geht es weiter bis Mainz, wo der Charakter der Szenerie wieder beinahe so platt und uninteressant wird wie im Flachland von Holland.
Der Empfang Ihrer Majestät in Mainz erfolgte in würdiger Form; eine große Formation aus der österreichischen und der preußischen Garnison (weil sie von den Truppen beider Nationen besetzt ist) war unter Waffen; die Quais am Fluss entlang waren bevölkert; sogar die Arbeiter auf der Reihe der im Fluss vertäuten Wassermühlen verließen ihre Arbeit und standen auf den Barkassen, um die „Queen von England“ zu sehen. Es gibt dort keine so großen Forts und Batterien, um ihren Donner zu versenden, wie in Ehrenbreitstein; dennoch wurden einige Kanonen an verschiedenen Punkten abgefeuert; einige hundert Flaggen und Banner flatterten lustig im Wind, die Sonne strahlte hell auf den breiten Fluss, die roten Türme der Kathedrale und die hohen Dächer der Stadt sahen anheimelnd und malerisch aus; und, alles in allem, war die Szenerie eine der schönsten ihrer Art während der königlichen Reise.
Die Fairy fuhr an einen temporären Landungs-Steg, überdacht von einem Baldachin und geschmückt von Flaggen, und nach wenigen Minuten war Ihre Majestät Gast des Prinzen von Preußen in der offiziellen Residenz des Militär-Kommandanten der Stadt. Die Menge der Neugierigen war sehr groß. […] Militärisch wie es ist, hat Mainz auch Sehenswürdigkeiten, die anderer Kunst verbunden sind als der des Krieges; unter diesen sollte der erste Platz dem Denkmal Gutenbergs eingeräumt werden, des Erfinders des Druckens.
Mainz ist sauber und hell entgegen den meisten Städten Deutschlands und macht dem Fürstentum von Hessen-Darmstadt alle Ehre. Neue Gebäude erheben sich in mehreren Stadtteilen und die älteren sind gut restauriert, oder im Begriff es zu werden; dies ist leider auch der Fall beim Turm der Kathedrale, dessen Äußeres von einem Gerüst verdeckt ist. Die Gebäude, alt oder neu, haben einen rötlichen Farbton, weil das Material ein Sandstein dieser Farbe ist. Die Steinmetzarbeit der neueren ist bewundernswert ausgeführt und zeigt, dass die Deutschen noch nicht jene Fertigkeit verlernt haben, die sie zu den besten Kirchenbauern Europas gemacht hat.
In Mainz machte die Queen einen Tag Pause, weil Sonntag war; einzige „Programmpunkte“ waren die Besichtigung des Gutenberg-Denkmals und der Besuch eines Gottesdienstes nach anglikanischem Ritus. Die Weiterfahrt per Kutsche erfolgte über Frankfurt, dessen Bewohner enttäuscht darüber waren, dass die Queen nicht ausstieg, sondern nur den Pferdewechsel abwartete. Übernachtet wurde in Würzburg, von wo es in einer langen Tagesreise nach Coburg weiterging.
Zum Abschluss sei hier nur noch zitiert, was das „Journal des débats“ zu den Kosten der ganzen Geschichte berichtete:
Der Aufenthalt Ihrer britischen Majestät am Rhein, der nur drei Tage dauern sollte, war um drei weitere Tage verlängert worden. Die Königin ist Montag in Brühl angekommen und reist heute [Samstag] von Stolzenfels ab, das waren insgesamt sechs Tage. Sie hat allen Grund zufrieden zu sein mit dem Empfang, der ihr in diesem gastlichen Landstrich bereitet wurde, und zudem mit der ganzen königlichen Art und Weise, mit der sie von ihrem königlichen Verbündeten, dem König von Preußen behandelt wurde. Man hat mehr als eine Million Thaler (rund vier Millionen Francs) berechnet für die Kosten der zu Ehren der britischen Majestät von Friedrich Wilhelm angeordneten Feste, nicht zu rechnen, was alles die Städte Aachen, Köln und Koblenz aufgewandt haben, um den Empfang der mächtigen Verbündeten ihres Herrschers strahlender zu gestalten.
12. Coburg, Gotha und die Rückfahrt
War die Queen am Rhein „Staatsgast“ des preußischen Königs gewesen, so war der anschließende Aufenthalt in Coburg und Gotha ein rein privater Familienbesuch, der dennoch festlich begangen und für zahlreiche Ausflüge in die Umgebung genutzt wurde. Natürlich galt dieser Besuch vornehmlich der Geburtsstadt Prinz Alberts, dessen Geburtstag denn auch am 26. August in Coburg gefeiert wurde.
Die Rückreise wurde dann Anfang September angetreten und führte zunächst per Kutsche nach Frankfurt/Main, wo Prinz Albert u.a. zum „shopping“ auf die Zeil ging. Mit dem Zug ging es dann nach (Wiesbaden-)Biebrich und von dort mit einem „normalen“ Rheindampfer nach Bingen, wo die eigene Dampfyacht Fairy gewartet hatte, auf der es dann weiter rheinabwärts ging, worüber die Queen in ihr Tagebuch notierte:
Wir kamen schnell voran, aber sonderbar ― der Rhein, schön wie er ist, hatte für uns all seinen Reiz verloren. Vor allem, die Begeisterung war vorbei, ― für mich ― lag alles in trauriger Mattheit ― und zudem waren wir vom Thüringerwald verwöhnt ― Stolzenfels sah sehr gut aus, und so auch Ehrenbreitstein ― und dieses schöne Siebengebirge, doch nachdem wir an Bonn vorbei waren, gingen wir in den Salon und saßen beieinander. Albert las mir vor.
Ziel war zunächst (Köln-) Deutz, dann ging es mit einem preußischen Sonderzug von Köln nach Antwerpen, wo die Staats-Yacht Victoria and Albert gewartet hatte und am 7. September zur Überfahrt nach England ablegte.
2. Carl Spitzweg. Ein Mann des leisen Witzes.
Nach einer reichen Erbschaft wendet sich der Apotheker Carl Spitzweg seiner wahren Passion zu – und wird zu einem der bekanntesten Maler Bayerns
Die Pharmazie habe er „totaliter an den Nagel gehängt“, schreibt Carl Spitzweg im Juli 1833 an seinen jüngeren Bruder Eduard. Denn sein Entschluss steht fest: Der 1808 geborene Sohn eines angesehenen Münchner Kaufmanns wird fortan als Maler leben – obwohl Künstler in den großbürgerlichen Kreisen der bayerischen Hauptstadt nicht viel gelten. Auch deshalb hat sich Spitzweg zunächst dem Willen seines Vaters gebeugt und ist Apotheker geworden. Die erste Anstellung hat ihn in die Provinz geführt, nach Straubing an der Donau. Dort drehte der 21-Jährige Pillen, mischte Tinkturen und Salben an – und studierte gründlich das Kleinstadtpublikum, das nun täglich vor seinem Ladentresen stand: die stolzen Kaufleute und streitenden Laufburschen, die tratschenden Hausfrauen, die echten und die eingebildeten Kranken.
In seinen Mußestunden zeichnete der künstlerisch begabte Autodidakt dann Skizzen von den Gesichtern seiner Kunden, wie er es auch schon in München getan hat. Noch war dies für ihn bloß Zeitvertreib. Doch 1833 erbt Spitzweg ein kleines Vermögen und hat wirtschaftlich ausgesorgt. Er kann sich nun vollständig seiner Leidenschaft widmen, bildet sich fort, fragt befreundete Maler um Rat, füllt Skizzenbücher, reist der Kunst wegen nach Italien. Den Besuch der Münchner Kunstakademie aber hält er für unnötig. Sein Thema hat er in seiner Straubinger Zeit gefunden: Fortan bannt er seine Mitmenschen in kleinformatige Ölbilder voller liebevoller Ironie.
Bevorzugtes Motiv sind jene Vertreter des bayerischen Bürgertums, die sich im Biedermeier – den Jahren zwischen dem Ende der Napoleonischen Kriege 1815 und der Revolution von 1848, zwischen Restauration und Angst vor einem neuen Umsturz – ins Private, in Hausmusik, Sonntagsjagd und Gartenpflege zurückgezogen haben. Sein „Schmetterlingsfänger“ etwa ist ein armer Tropf, den er gerade im Moment des Scheiterns zeigt, denn dessen Netz ist für die zwei Prachtexemplare viel zu klein.
Dieses 1839 vollendete Bild ist sein erstes öffentlich ausgestelltes Werk überhaupt. Und es bringt ihm wegen des spöttischen Umgangs mit dem hehren Kunstideal seiner Zeitgenossen gleich erbitterte Kritik ein. Spitzweg lernt schnell, wie weit er gehen kann, malt oft entlarvend, aber niemals ohne Empathie – eine Fähigkeit, die seine wachsende Käuferschaft an ihm schätzt (etwa 480 seiner mehr als 1400 Ölgemälde wird er zu Lebzeiten veräußern).
Selbst wenn er Wachposten gähnend zeigt und damit ein provokatives Zeichen gegen den Militarismus setzt, ist dem zurückhaltenden Spitzweg wirklich Aufrührerisches fremd. Ihn interessiert vielmehr der leise Witz des Alltags. Denn trotz aller Ironie bleibt Spitzweg seiner Heimatstadt und den Menschen eng verbunden. Er lebt jahrzehntelang in seiner Wohnung am Münchner Heumarkt, in der er schließlich auch 1885, im Lehnstuhl sitzend, sterben wird.
In seinen späteren Jahren malt er nur mehr aus der Erinnerung, bringt immer wieder Szenen aus Straubing auf die Leinwand, etwa im Bild des „Verliebten Provisors“, der vor seiner Apotheke einer vorbeigehenden Wäscherin nachschaut. Das Land hat sich dramatisch gewandelt; wo einst Fuhrwerke Menschen und Waren transportierten, dampfen nun Eisenbahnen. Spitzweg bedauert das Verschwinden dieses einfachen, langsameren Lebens. Schon 1848 hat er Bayerns große Veränderungen vorausgeahnt, als er einen Zwerg malte, der wehmütig aus einer Berghöhle einem Zug nachschaut – und so das Märchenhafte dem unaufhaltsamen Fortschritt gegenüberstellte.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Baur, Uwe: Queen Victorias Rheinreise anno 1845 im Spiegel der internationalen Presse, in: portalrheinischegeschichte online verfügbar seit 09.08.2016 unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/queen-victorias-rheinreise-anno-1845-im-spiegel-der-internationalen-presse/DE-2086/lido/57d12cabcf5ef5.70298481, zuletzt geprüft am 04.08.2025.
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Sekundärliteratur
-> Dillhof, Raphael: Carl Spitzweg. Ein Mann des leisen Witzes, in: Bayern. Die Geschichte eines ganz besonderen deutschen Staates 1806-2018 (GEO Epoche, Jg 2018, Heft Nr. 92), in: Hamburg 2018, S. 48-49.
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Märzrevolution
Die badische Revolution
Inhaltsverzeichnis
1. Friedrich Hecker: Freiheitskämpfer und Mythos
1. Friedrich Hecker: Freiheitskämpfer und Mythos
Fast wie ein Räuberhauptmann muss Friedrich Hecker im April 1848 ausgesehen haben. In blauer Bluse, Stulpenstiefeln und einem breitkrempigen Hut führt er seine Anhänger von Konstanz Richtung Karlsruhe. Ein seltsamer Aufzug für einen Anwalt und Parlamentarier…
Ziel des sogenannten Heckerzugs ist es, in Konstanz mit dem Sturz des Großherzogs die Revolution in Baden auszulösen. Ist das erstmal geschafft, denkt Hecker, dann werden auch die restlichen deutschen Länder bald folgen. Circa 800 Menschen schließen sich seinem Zug an, die meisten bewaffnet und zur Revolution bereit. Doch der Heckerzug wird nie in Karlsruhe ankommen. Wenige Tage nach ihrem Aufbruch wird die Freischar von Truppen des Deutschen Bundes beim Scheideckpass geschlagen. Hecker flieht nach Basel, von dort nach Straßburg und letztlich in die USA. Dort, wo die Revolution bereits siegreich war, hofft er auf einen Neuanfang. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass ein Jurist und langjähriger Parlamentarier wie Hecker zu den Waffen griff?
Frühe Jahre
Friedrich Karl Franz Hecker wird am 28. September 1811 in Eichtersheim im Großherzogtum Baden geboren. Nach Abschluss des neuhumanistischen Gymnasiums zieht es Hecker 1830 nach Heidelberg. Dort studiert er mehrere Jahre Rechtswissenschaften. Viele der dort lehrenden Wissenschaftler waren aufgeklärt und liberal. Sie dürften den jungen Juristen ebenso in seiner Abneigung der politischen Zustände bestärkt haben wie seine Teilnahme an der studentischen Progressbewegung. Vermutlich nahm Hecker 1832 auch am Hambacher Fest teil.
Nach dem Jurastudium lässt er sich als freier Anwalt in Mannheim nieder. Dort verteidigte Hecker die Rechtsansprüche armer Bauern gegen adlige Grundbesitzer. Außerdem macht er in Mannheim gleich zwei wichtige Bekanntschaften: Gustav Struve wird ihn später vielen frühsozialistischen und radikaldemokratischen Oppositionellen vorstellen und während der Revolution begleiten. Adam von Itzstein führt ihn in die liberale Oppositionspolitik ein.
Politische Karriere
1842 fügt Friedrich Hecker seiner juristischen noch eine parlamentarische Tätigkeit zu. Er wird als Abgeordneter in die Zweite Badische Kammer gewählt. Diese gilt heute – insbesondere der von Itzstein initiierte Hallgartenkreis – als eine der Keimzellen der liberalen Frankfurter Nationalversammlung. Schnell wird Hecker auch überregional bekannt. Er hat ein großes politisches Talent, ist außerdem ein begeisternder Redner und drückt sich juristisch präzise aus. So wird er schnell zum Wortführer der Opposition, viele Forderungen der Liberalen stammen aus seiner Feder. Das einzige, was ihm fehlt: Kompromissbereitschaft. Sowohl mit Worten im Plenarsaal als auch mit dem Degen im Duell schlägt er zu, wenn er sich beleidigt fühlt. Und immer wieder macht Hecker von sich Reden, wenn er durch seine Herrschaftskritik und Reformforderungen auffällt. Einmal werden Itzstein und er während einer Reise deshalb aus Preußen ausgewiesen.
Radikalisierung im Vormärz
Zwar forderte Friedrich Hecker umfassendere Reformen als viele seiner Zeitgenossen. Doch stand er lange Zeit auf dem Boden des Rechts, um Revolution ging es ihm (noch) nicht.Das ändert sich in der unmittelbaren Zeit des Vormärz. 1847, nach 5 Jahren im Landtag, gibt Hecker sein Amt genervt auf. Sogar gemäßigte Liberale blockieren seine Reformversuche, von denen die unteren Bevölkerungsschichten profitieren sollen. Daher sieht er keinen Sinn in der Fortsetzung seiner parlamentarischen Arbeit.
Im Herbst 1847 beginnt seine außerparlamentarische politische Arbeit. Immer häufiger tritt er auf öffentlichen Veranstaltungen auf und fordert in Reden eine grundlegende Veränderung der Politik. So verfasst er gemeinsam mit Struve bei einer Versammlung in Offenburg die 13„Forderungen des Volkes“. Erstmals wird hier ein allgemeiner Grundrechtekatalog, verbunden mit einem Nationalstaat, gefordert. Hecker gilt von nun an als potenzieller Hochverräter.
Hecker in der Revolution
Doch dann kommt sie: Die Revolution! Ausgehend von Frankreich geben die deutschen Fürsten im März 1848 nach und nach den Reformforderungen nach. Endlich haben die Liberalen der Zeit eine Chance. Schon am 5. März versammeln sich 51 Vertreter südwestdeutscher Staaten in Heidelberg, unter ihnen auch Hecker und Struve. Sie vereinbaren die Einberufung eines Vorparlaments mit dem Ziel, eine deutsche Nationalversammlung vorzubereiten. Tagungsort wird Frankfurt.
Hecker und Struve jedoch sind bald von der Arbeit des Vorparlaments enttäuscht. Es lehnt ihre Forderung, das Parlament zu einem dauerhaften, von den Monarchien unabhängigen politischen Akteur zu machen, ab. Für die Revolution, den entscheidenden Bruch mit den Fürsten, scheint man in Frankfurt nicht bereit zu sein. Und es kommt noch schlimmer: Weder Hecker noch Struve werden in den 50er-Ausschuss des Vorparlaments gewählt, der eine Nationalversammlung vorbereiten soll. Für Hecker ist damit die Causa Frankfurt abgeschlossen. Er macht sich auf nach Baden, um dort der Revolution Schwung zu verleihen.
Hecker weiß um seine Popularität im Südwesten. Noch einmal versucht er die Massen zu bewegen, als er in Konstanz von einem Balkon aus zu einem gemeinsamen Zug nach Karlsruhe aufruft. Doch trotz der günstigen Stimmung kann er die Massen nicht mobilisieren. Statt der erwarteten Tausenden zieht nur eine kleine Gruppe von 50 Freiwilligen los. Aus den umliegenden Dörfern schließen sich zwar noch weitere Menschen an, doch bleibt die Schar mit circa 800 Leuten deutlich hinter Heckers Erwartungen zurück.
Das Scheitern des Heckerzugs und das Danach
Womit wir wieder beim Beginn des Artikels wären. Und gleichzeitig am Ende Friedrich Heckers Lebens in Deutschland. Wie viele der gescheiterten Revolutionäre flieht er in die USA, die Generation wird als „Forty-Eighters“ bekannt.
Dort wird er zu einem der einflussreichsten deutschen Einwanderer seiner Zeit: Er baut eine Farm auf, wirkt als Journalist in deutschsprachigen Zeitungen mit. Außerdem kämpft er als Offizier und Kommandeur einer eigenen Einheit im Amerikanischen Bürgerkrieg für die Union und gegen die Sklavenhalterei. Bald wird Hecker zu einem der wichtigsten deutschen Protagonisten der neuen Republikanischen Partei. Er macht Wahlkampf für Abraham Lincoln und tourt auf Vortragsreisen durch die USA. Dabei agitiert er, wie viele andere Liberale dieser Zeit, in schrillen Tönen gegen das Frauenwahlrecht. So viel Fortschritt war dann vielleicht doch zu viel. Und Deutschland?
1849 wäre Hecker fast noch einmal in die alte Heimat zurückgekehrt. Als es aussah, als könnte die Revolution sich doch durchsetzen, überquert er den Atlantik. Doch wenige Wochen später ist die Revolution niedergeschlagen, Hecker kehrt um. Erst 1873 reist er noch einmal durch Deutschland, kehrt aber bald in die USA zurück.
Mythos Hecker
Vergessen ist er in Deutschland allerdings nicht. Gerade in Baden entwickelt sich Friedrich Hecker zu einer Art Mythos. Er wird zu dem Symbol der Revolution und radikalen Demokratie. Gedacht wird ihm unter anderem im Heckerlied: „Wenn die Leute fragen, lebt der Hecker noch, / dann könnt ihr ihnen sagen, ja, er lebet noch, / Er hängt an keinem Baume und er hängt an keinem Strick, / er hängt an seinem Traume von der freien Republik.“
Besonders in Baden wird auch heute noch Heckers gedacht. Einige Schulen sind nach ihm benannt, Heckerhut und Heckerlied sind weiterhin ein Begriff. Der SPD-Kreisverband Konstanz verleiht seit 2005 sogar den Heckerhut an Persönlichkeiten, die sich um die soziale Demokratie verdient gemacht haben.
Und noch an anderer Stelle findet sich eine Erinnerung an Hecker. Der Struwwelpeter, eine weitere bunte Gestalt des 19. Jahrhunderts, trägt seit der 4. Ausgabe den sogenannten Heckerkragen. Seinen Autor, Heinrich Hoffmann, kannte Hecker aus Studienzeiten in Heidelberg.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> https://www.landeskunde-baden-wuerttemberg.de/revolution-1848, zuletzt geprüft am 28.05.2025.
-> https://www.landesarchiv-bw.de/de/aktuelles/nachrichten/75192, zuletzt geprüft am 28.05.2025.
-> https://www.demokratiegeschichten.de/friedrich-hecker-freiheitskaempfer-und-mythos/#comments, zuletzt geprüft am 28.05.2025.
Sekundärliteratur
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Die Frankfurter Nationalversammlung
Inhaltsverzeichnis
- Die Regierung der Paulskirche: Reichsverweser Erzherzog Johann und die Provisorische Zentralgewalt 1848/49
- Der "Reichsverfauler": Erzherzog Johann
- Revolution und Frankfurter Nationalversammlung 1848/1849
- Bürger, Revolutionäre, Militärs: Die Reichsverfassungskampagne
1. Die Regierung der Paulskirche: Reichsverweser Erzherzog Johann und die Provisorische Zentralgewalt 1848/49
Am 29. Juni 1848 wählte die Frankfurter Nationalversammlung den Habsburger Erzherzog Johann von Österreich zum deutschen Reichsverweser und damit zum ersten demokratisch legitimierten Staatsoberhaupt Deutschlands. Im Zusammenspiel zwischen den Abgeordneten und Fraktionen der Paulskirche, dem Staatsoberhaupt und den neuen Reichsministern etablierte sich eine moderne parlamentarische Regierungspraxis, in der die Zusammensetzung der Exekutive und ihre Politik erstmals von der Mehrheitsbildung in der Volksvertretung abhängig waren.
Die am 18. Mai in der Frankfurter Paulskirche zusammengetretene Nationalversammlung hatte die zentrale Aufgabe, eine Verfassung für Deutschland zu erarbeiten. Zugleich sah sie sich dazu verpflichtet, die Revolution in rechtlich geregelte Bahnen zu lenken und nationale Interessen gegenüber dem Ausland wie den Einzelstaaten zu wahren. Dafür bedurfte es einer vorläufigen nationalen Staatsgewalt, über deren Einsetzung und Form in der Versammlung jedoch unterschiedliche Vorstellungen bestanden: Durfte die Nationalversammlung ohne die Zustimmung der Regierungen der Einzelstaaten überhaupt über die Staatsspitze bestimmen? Sollte ein Präsident, ein Statthalter oder ein Direktorium eingesetzt werden und sollte das Staatsoberhaupt selbst oder lediglich die Minister dem Parlament gegenüber verantwortlich sein? Erst nach einwöchigen hitzigen Debatten fand sich ein lagerübergreifender, mehrheitsfähiger Kompromiss, mit dem sich das Parlament auf den „Boden praktizierter Volkssouveränität“ (W. Siemann) stellte. Entscheidend war dafür die Intervention des Parlamentspräsidenten Heinrich von Gagern, der in einem „kühnen Griff“ vorschlug, die sogenannte Zentralgewalt selbst zu schaffen und Erzherzog Johann von Österreich bis zur Fertigstellung der Verfassung mit der Leitung der nationalen Exekutive zu betrauen – „nicht weil, sondern obgleich es ein Fürst sei“. Die Lösung verband den Souveränitätsanspruch der Volksvertretung mit einer Anerkennung des dynastischen Prinzips und sicherte der neuen Exekutive eine breite parlamentarische Basis. Mit 450 zu 100 Stimmen beschloss die Nationalversammlung am 28. Juni das „Reichsgesetz über die Einführung einer provisorischen Zentralgewalt für Deutschland“ und wählte am folgenden Tag mit 436 von 548 Stimmen Erzherzog Johann zum Reichsverweser.
Erzherzog Johann von Österreich – Kaiserbruder und ‚Bürgerfürst‘
Der Erzherzog eignete sich nicht nur deshalb als Kompromisskandidat, weil er der Bruder des letzten deutschen Kaisers war, was – ebenso wie die mittelalterliche Bezeichnung „Reichsverweser“ – auf die Tradition des untergegangenen Heiligen Römischen Reiches verwies. Er war zudem als ein freisinniger ‚Bürgerfürst‘ bekannt: Verheiratet mit einer Postmeisterstochter führte der Habsburger ein hoffernes Leben in der Steiermark und galt ebenso als volksnaher und naturverbundener Förderer der Wissenschaften und Technik wie als Verfechter der deutschen Einheit und als Gegner der vormärzlichen Repressionspolitik Metternichs. Gebildet wurde die Provisorische Zentralgewalt aus dem Reichsverweser, einem Ministerpräsidenten und Reichsministern für das Äußere, Innere, die Finanzen, Justiz, den Handel und Krieg; den einzelnen Ressorts waren Unterstaatssekretäre zugeordnet. Bei der Besetzung spielten neben der persönlichen Eignung auch politische Aspekte eine wichtige Rolle, von der Einbindung verschiedener Fraktionen bis zu einem regionalen Proporz, der insbesondere ein Übergewicht preußischer oder österreichischer Amtsträger vermeiden sollte.
Die Provisorische Zentralgewalt – eine Regierung für Deutschland
Das Reichsgesetz stattete die Zentralgewalt mit umfangreichen Befugnissen aus: Sie sollte die vollziehende Gewalt in Fragen der allgemeinen Sicherheit und Wohlfahrt Deutschlands ausüben, die Oberleitung über das gesamte Militär und die völkerrechtliche und handelspolitische Vertretung übernehmen und – gemeinsam mit der Nationalversammlung – über Krieg und Frieden entscheiden. Darüber hinaus war ein umfassendes Interpellationsrecht der Abgeordneten festgeschrieben und ein eigenes Gesetz zur Ministerverantwortlichkeit angekündigt. Obwohl ein solches Gesetz nicht erlassen wurde, war weithin unumstritten, dass „das Ministerium […] ohne Majorität der Nationalversammlung nicht Einen [!] Tag fortregieren kann“, wie es der spätere Justiz- und Außenminister Johann Gustav Heckscher bereits in der Debatte formuliert hatte. Auch wenn der Reichsverweser gegenüber der Nationalversammlung „unverantwortlich“ war, richteten sich die Reichskabinette unter Karl Fürst zu Leiningen, Anton von Schmerling und Heinrich von Gagern bis zum Mai 1849 nach den wechselnden Mehrheitsverhältnissen im Parlament. Über die Regierungsbildung entschied formell der Reichsverweser, in der Praxis bestimmte jedoch eine „Neunerkommission“ aus Abgeordneten als eine Art Koalitionsausschuss über deren Zusammensetzung. Erst als sich nach der Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. ein Bürgerkrieg um die Reichsverfassung anzubahnen schien, setzte Erzherzog Johann ein konservatives Ministerium ein, das in der Nationalversammlung über keinerlei Mehrheit verfügte – und dennoch bis zum Dezember 1849 im Amt blieb. Bis zur Wiedereinsetzung der Bundesversammlung 1851 übernahm eine österreichisch-preußische Zentralkommission die Befugnisse der Zentralgewalt.
Die Ministerien, die ohne personelle Ausstattung und nachgeordnete Behörden größtenteils „aus dem Nichts“ (T. Stockinger) entstanden, konnten die hohen Ansprüche des Parlaments und der Öffentlichkeit kaum einlösen: Außenpolitisch erkannten immerhin die USA und einige kleinere europäische Staaten die neuberufenen Gesandten der Zentralgewalt förmlich an, während innenpolitisch insbesondere die Königreiche auf ihrer Eigenständigkeit beharrten. Schon Zeitgenossen spotteten über die scheinbare Machtlosigkeit der Zentralgewalt und bezeichneten Erzherzog Johann etwa als „Reichsvermoderer“ oder „Johann Ohneland“. In der Geschichtswissenschaft ist diese Sichtweise mittlerweile aus mehreren Gründen relativiert worden: Erzherzog Johann war weder nach heutigem noch damaligem Verständnis ein Demokrat, hielt sich aber bis Mai 1849 pflichtbewusst an die demokratischen parlamentarischen Verfahrensweisen. Darüber hinaus ist an der Effizienz und dem Einfluss der Reichszentralgewalt kaum zu zweifeln, solange sie im Dienst für Ruhe und Ordnung agierte und etwa im September 1848 oder in der Reichsverfassungskampagne revolutionäre Aufstände bekämpfte. Auch der Einsatz für eine deutsche Flotte oder einzelne Gesetze, wie etwa eine nationale Wechselordnung, wirkten durchaus nach. Schließlich markierte schon die eigenmächtige Einsetzung der Zentralgewalt durch die Nationalversammlung einen parlamentarischen Aufbruch, der in Regierungsprogrammen, Koalitionsausschüssen, Vertrauensfragen und nicht zuletzt einem institutionalisierten Gesetzgebungsverfahren seinen sichtbaren Ausdruck fand. Dementsprechend wurden die wegweisenden „Grundrechte des deutschen Volkes“ und das demokratische „Reichswahlgesetz“ als eigene Reichsgesetze ausgefertigt und tragen die Unterschriften des Reichsverwesers und der gegenzeichnenden Minister.
https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/paulskirche/regierung-955572
2. Der "Reichsverfauler": Erzherzog Johann
Als "Habsburgs grüner Rebell" wird Erzherzog Johann heute dargestellt. Die in ihn gesetzten großen Hoffnungen konnte er aber nicht ganz erfüllen.
"Deutsche! Eure in Frankfurt versammelten Vertreter haben mich zum deutschen Reichsverweser erwählt", beginnt Erzherzog Johann seine Proklamation vom 15. Juli 1848 nach der Übernahme der Provisorischen Zentralgewalt.
Johann, ein Bruder von Kaiser Franz II./I., hatte in den 1810er Jahren eine wichtige Rolle im Tiroler Freiheitskampf Andreas Hofers gegen Napoleon gespielt. Aufgrund seiner Teilnahme am Alpenbund, einer Tiroler Widerstandsbewegung, die der Kaiser und Metternich als inopportune Verschwörung betrachteten, war er jedoch von seinen politischen Ämtern zurückgetreten, was zu seiner volkstümlichen Popularität beitrug – etwa als "Habsburgs grüner Rebell" wird er in einer 1981 erschienenen Biografie präsentiert. Dabei wird gerne übersehen, dass er trotz aller Meinungsverschiedenheiten loyal zu seinem Bruder, dem Kaiser, stand. Nach 1813 hielt sich Johann zunächst aus dem politischen Leben weitgehend fern. Er wandte sich der Steiermark zu, wo er besondere Beliebtheit in der Bevölkerung erlangte. An dieser Popularisierung hatte seine Ehe mit der Postmeisterstochter Anna Plochl großen Anteil.
Während der Revolution 1848 wurde Johann nochmals politisch aktiv: Am 29. Mai wurde er von den Vertretern der deutschen Staaten in der Frankfurter Paulskirche zum Reichsverweser gewählt. Auch in Wien und Graz bemühte sich der Erzherzog, zwischen den Konfliktparteien schlichtend zu vermitteln: Er eröffnete in Wien am 22. Juli den Reichstag, das Parlament der revolutionären Monarchie. Das Amt des Reichsverwesers, also des Vertreters des Monarchen, sollte er ausüben, bis die Nationalversammlung einen Kaiser als Staatsoberhaupt gewählt hätte – wozu es allerdings nicht kam. Erzherzog Johann konnte keinen echten Einfluss auf eine Umgestaltung Deutschlands nehmen, zu groß waren die Konflikte innerhalb des Bürgertums und zwischen den reaktionären und revolutionären Kräften. Aufgrund seiner politischen Ohnmacht wurde er deswegen als "Reichsverfauler" verspottet. Er legte sein Amt im Dezember 1849 in Frankfurt nieder und ging zurück in die Steiermark, wo er 1850 Bürgermeister von Stainz wurde.
Erzherzog Johanns Optimismus und seine Hoffnungen auf Fortschritt sind in seiner Proklamation "An das deutsche Volk" erkennbar. Gleichzeitig war er jedoch ein Skeptiker, der sich aufgrund seines praktischen Scheiterns in idyllische Gegenwelten zurückzog. Jedenfalls steht der "Reichsverfauler" Johann als deutliches Beispiel dafür, dass die habsburgische Dynastie nicht als geschlossener Block betrachtet werden kann: In der Persönlichkeit Johanns werden zahlreiche Widersprüche zwischen dynastischen Herrschaftsansprüchen und liberalem Gedankengut, zwischen Fortschrittsglaube und Pessimismus erkennbar.
https://www.habsburger.net/de/kapitel/der-reichsverfauler-erzherzog-johann
3. Revolution und Frankfurter Nationalversammlung 1848/1849
Wirtschaftliche Krisen, Massenarmut und allgemeine politische Unzufriedenheit destabilisierten seit Beginn der 1840er-Jahre die soziale und politische Ordnung in zahlreichen europäischen Staaten und mündeten 1848 schließlich in eine ganz Europa erfassende revolutionäre Welle. Auch in Deutschland wurden auf Versammlungen und Demonstrationen die Gewährung von Grund- und Freiheitsrechten und nationale Einheit gefordert. Unter dem Eindruck der revolutionären Dynamik gaben die restaurativen Kräfte schließlich ihren Widerstand auf und machten der von breiten Schichten getragenen Bewegung wesentliche Zugeständnisse: Die Zensur wurde aufgehoben, politische Aktivitäten zugelassen und reformbereite Regierungen ernannt. Auch der Einberufung einer Nationalversammlung, die die Errichtung eines deutschen Nationalstaats in die Wege leiten sollte, stimmten die Machthaber in den deutschen Einzelstaaten zu.
Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt am Main
Ende März 1848 entschied das aus Landtagsabgeordneten und führenden Vertretern der liberalen und demokratischen Opposition zusammengesetzte Vorparlament, die Mitglieder der Deutsche Nationalversammlung nach einem allgemeinen und gleichen Mehrheitswahlrecht von volljährigen, „selbständigen“ Männern wählen zu lassen. Die Durchführung der Wahlen oblag den Einzelstaaten und wurde höchst unterschiedlich gehandhabt. Die gesetzliche Mitgliederzahl des Paulskirchenparlaments betrug 649 Abgeordnete; aufgrund von Wahlboykotten gab es aber nur 587 reguläre Parlamentarier. Einschließlich aller Stellvertreter bzw. nachrückenden Abgeordneten haben bis zur Auflösung des sogenannten Stuttgarter Rumpfparlaments am 18. Juni 1849 insgesamt 809 Abgeordnete an den Verhandlungen des ersten deutschen Nationalparlaments teilgenommen.
Am 18. Mai 1848 versammelten sich in der Frankfurter Paulskirche die Mitglieder des ersten gesamtdeutschen Parlaments, um über eine freiheitliche Verfassung und die Bildung eines deutschen Nationalstaats zu beraten. Zu ihrem ersten Präsidenten wählte die Nationalversammlung den angesehenen liberalen Politiker Heinrich von Gagern. Das Parlament gab sich eine Geschäftsordnung und setzte zur vorbereitenden Beratung Ausschüsse und Kommissionen ein. Unter diesen ragt insbesondere der Verfassungsausschuss hervor, der maßgeblich die später von der Paulskirche verabschiedete Verfassung konzipiert hat.
Fraktionsgründungen
Zur Vorbereitung der Arbeit in Plenum und Ausschüssen kamen Abgeordnete mit ähnlichen politischen Zielvorstellungen und Interessen in Klubs zusammen, um über die anstehenden Fragen zu beraten und das weitere Vorgehen abzustimmen. Diese nach den jeweiligen Tagungslokalen benannten Klubs gelten als Vorformen parlamentarischer Fraktionen, die zwar noch nicht die Geschlossenheit und Verbindlichkeit späterer Parlamentsfraktionen aufwiesen, sich aber gleichwohl für die Organisation und Strukturierung der Debatten und Entscheidungen als unerlässlich erwiesen.
Die parlamentarischen Klubs der Paulskirche repräsentierten maßgebliche politische Strömungen der Zeit: Die monarchistische Rechte (Steinernes Haus, Café Milani) setzte sich für die Wahrung der Vorrechte der Einzelstaaten und der Monarchen ein. Die verschiedenen liberalen Gruppierungen des sogenannten rechten und linken Zentrums (Casino, Augsburger Hof, Landsberg, Pariser Hof, Württemberger Hof) befürworteten eine föderal strukturierte, konstitutionelle Monarchie mit einem Parlament und einem erblichen Kaiser als Staatsoberhaupt. Demgegenüber forderten die Fraktionen der demokratischen Linken (Deutscher Hof, Donnersberg, Nürnberger Hof, Westendhall) die Errichtung einer auf dem Prinzip der Volkssouveränität gründenden parlamentarisch-demokratischen Republik.
Grundrechte und Reichsverfassung
Zu den historisch herausragendsten Leistungen der Frankfurter Nationalversammlung gehört das am 21. Dezember 1848 verabschiedete „Reichsgesetz betreffend die Grundrechte des deutschen Volkes“. Zum ersten Mal erlangten damit Menschen- und Bürgerrechte Gesetzeskraft in Deutschland. Der auch die Weimarer Verfassung und das Grundgesetz maßgeblich beeinflussende Grundrechtskatalog enthielt als Kernelemente die Gleichheit aller vor dem Gesetz, die Aufhebung aller Standesvorrechte, die Gewährleistung persönlicher und politischer Freiheitsrechte (wie Presse-, Meinungs-, Versammlungs-, Gewerbefreiheit, Freizügigkeit etc.) sowie die Abschaffung der Todesstrafe.
Die am 27. März 1849 verabschiedete Reichsverfassung sollte einen föderalen deutschen Einheitsstaat konstituieren, dem mit Ausnahme des Kaisertums Österreich alle Staaten des Deutschen Bundes angehörten (kleindeutsche Lösung). Sie sah einen erblichen Kaiser als Staatsoberhaupt vor, der auch das Recht zur Einsetzung der Regierung hatte. Dem Reichstag, der sich aus einem Staatenhaus und einem demokratisch zu wählenden Volkshaus zusammensetzte, oblagen vor allem die Gesetzgebung, das Budgetrecht und die Kontrolle der Exekutive. Die zentrale Frage der Verantwortlichkeit der Regierung gegenüber dem Parlament blieb allerdings offen und sollte später geregelt werden.
Scheitern der Revolution
Als im April 1849 der von der Nationalversammlung zum „Kaiser der Deutschen“ gewählte preußische König Friedrich Wilhelm IV. das ihm angetragene Amt unter Berufung auf seine im Gottesgnadentum begründete monarchische Legitimation ablehnte, waren die Bemühungen der Paulskirche um eine Verfassung und die Errichtung eines deutschen Nationalstaats praktisch gescheitert. Angesichts des Wiedererstarkens der monarchisch-restaurativen Kräfte in den deutschen Einzelstaaten resignierte das auch in der Bevölkerung schnell an Rückhalt verlierende Parlament und löste sich Ende Mai selbst auf.
Auch das nach Stuttgart verlegte, vorwiegend aus linken Paulskirchenabgeordneten bestehende Rumpfparlament und die auch mit gewaltsamen Mitteln betriebene Kampagne zur Verteidigung der Reichsverfassung im südwestdeutschen Raum konnten die konterrevolutionäre Entwicklung nicht wirksam aufhalten. Mit der Auflösung des Stuttgarter Rumpfparlaments und der Eroberung der badischen Festung Rastatt im Sommer 1849 war auch der letzte revolutionäre Widerstand gebrochen und die mit großen Hoffnungen angetretene liberale und demokratische Einheits- und Freiheitsbewegung von 1848/49 endgültig gescheitert.
4. Bürger, Revolutionäre, Militärs: Die Reichsverfassungskampagne
1. Einleitung
Mit der endgültigen Ablehnung der Kaiserkrone durch den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. (1840-1861) am 28.4.1849 begann die letzte Phase der Märzrevolution. Dabei ging es um eine Durchsetzung der Reichsverfassung „von unten“. Die von Mai bis Juli 1849 andauernden Kämpfe werden in der Forschungsliteratur in der Regel nur oberflächlich behandelt, obwohl ihnen eine entscheidende Bedeutung zukommt. Sie stellten den letzten Versuch dar, die in der Deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche erarbeitete Verfassung doch noch zu retten. Dieser Kampf hatte keinen zentralen Ort, sondern fand regional in unterschiedlichen Konstellationen und mit unterschiedlichen Motivlagen statt. Diese regionale Beschränkung der Aufstände bot den preußischen Truppen die Chance, ausgehend von Sachsen Anfang Mai bis nach Baden im Juli 1849 die Aufstände sukzessive niederzuschlagen.
Für diese letzte Phase der Revolution hat sich der Begriff der „Reichsverfassungskampagne“ etabliert. Diesen prägte der aus Barmen (heute Stadt Wuppertal) stammende Friedrich Engels in einer Artikelserie von 1850. Darin charakterisierte er die „Reichsverfassungskampagne“ folgendermaßen:
Der Kampf in Dresden kam eben zum Ausbruch; in der Pfalz konnte er jeden Augenblick losbrechen. In Baden, in Württemberg, in Franken wurden Monsterversammlungen angesetzt, und man verhehlte kaum noch, daß man entschlossen sei, es auf Entscheidung durch die Waffen ankommen zu lassen. In ganz Süddeutschland waren die Truppen schwankend. Preußen war nicht minder aufgeregt. […] Die Schwüre, mit der Frankfurter Versammlung zu stehen und zu fallen, Gut und Blut für die Reichsverfassung einzusetzen, füllten alle Zeitungen, ertönten in allen Klubsälen und Bierlokalen. Da eröffnete die preußische Regierung die Feindseligkeiten, indem sie einen großen Teil der Landwehr, namentlich in Westfalen und am Rhein, einberief. Die Einberufungsordre war mitten im Frieden ungesetzlich, und nicht nur die kleine, auch die größere Bourgeoisie erhob sich dagegen.[1]
Engels zeichnete den Kampf um die Reichsverfassung auf diese Weise als Kampf gegen die Ungesetzlichkeit der Regierung. Im weiteren Verlauf seiner Artikelserie identifizierte er dann vor allem das Kleinbürgertum und das Proletariat als die zentralen Trägerschichten dieser Endphase der Revolution.
Diese „Reichsverfassungskampagne“ steht im Folgenden im Fokus. Aufgrund des regionalen Charakters der Aufstände lassen sich aus der Analyse dieser letzten Phase der Märzrevolution auch Erkenntnisse über die Machtverhältnisse in den Regionen, über regionale Identitäten und Wahrnehmungen gewinnen. Dabei hat sich die Forschung überwiegend auf die Kernregionen dieser Aufstände, Sachsen, Baden und die bayerische Pfalz konzentriert. Die preußische Rheinprovinz kommt dagegen meistens nur am Rande vor.[2]
Insofern soll im Folgenden beleuchtet werden, wie diese letzte Phase der Revolution im Rheinland verlief. Wer waren die zentralen Akteure? Was waren ihre Ziele? Warum konnten sie diese nicht durchsetzen? Diese Fragen werden hier anhand von Beispielen aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf, aber auch mit Seitenblicken auf den Regierungsbezirk Köln, beleuchtet.
2. Das Paulskirchenparlament, König Friedrich Wilhelm IV. und die Reichsverfassung
In der Deutschen Nationalversammlung waren neben dem Zuschnitt des zukünftigen Reiches vor allem die Staatsform und das Wahlrecht umstritten. Dabei gelang ein Kompromiss, indem Teile der Linken einem Erbkaisertum zustimmten und dafür die gemäßigt Liberalen das allgemeine Männerwahlrecht akzeptierten. Nach der erfolgreichen Abstimmung trat am 28.3.1849 die Reichsverfassung für das kleindeutsche Reich in Kraft.
An diesem Tag stimmte man auch darüber ab, wer das Erbkaisertum antreten sollte. Dabei sprach sich eine Mehrheit für den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. aus. Das Paulskirchenparlament entsandte daraufhin eine Delegation zum preußischen König nach Berlin, die ihm die Kaiserwürde antragen sollte. Die Delegation der Paulskirche wurde am 3.4.1849 von Friedrich Wilhelm IV. empfangen. Der König reagierte verhalten. Er bedankte sich zwar für das Angebot, wies aber gleichzeitig darauf hin, dass es jetzt an den Regierungen der einzelnen Staaten liege, zu prüfen, ob die Reichsverfassung den Anforderungen genüge und ob die ihm zugedachten Rechte es ihm ermöglichen würden, mit starker Hand zu regieren.[3]
Das lag auf der Linie, die er auch vorher immer vertreten hatte, denn er wollte die Kaiserkrone nicht aus den Händen der Nationalversammlung empfangen, sondern war höchstens bereit, sie aus den Händen legitimer Fürsten und Regierungen entgegenzunehmen. So hatte er bereits im Dezember 1848 an den Gesandten Christian Karl Josias Freiherrn von Bunsen (1791-1860) geschrieben, dass der Kaiserkrone der Ludergeruch der Revolution von 1848 anhafte und er nicht bereit sei [e]inen solchen imaginären Reif, aus Dreck und Letten gebacken als legitimer König von Gottes Gnaden anzunehmen.[4]
In der preußischen Regierung war man sich allerdings nicht ganz so sicher, wie man mit dem Angebot umgehen sollte, denn es bedeute ja auch einen Machtzuwachs für Preußen. Daher taktierte man in verschiedene Richtungen und sandte widersprüchliche Signale. Zudem hatten bis zum 14.4.1849 bereits 28 einzelstaatliche Regierungen von insgesamt 39 die Reichsverfassung anerkannt. Langsam setzten sich die Hardliner in der preußischen Regierung durch. Am 27.4.1849 löste Friedrich Wilhelm IV. zunächst die zweite preußische Kammer auf, da sie die Legalität der Reichsverfassung anerkannt hatte. Einen Tag später gab die preußische Regierung bekannt, dass der König die Kaiserkrone endgültig ablehne.[5] Gleichzeitig bot man denjenigen Staaten militärische Unterstützung an, die sich auch gegen die Reichsverfassung wandten.
Arbeiter vor dem Magistrat, Gemälde von Johann Peter Hasenclever, 1848/1849. (Museum Schloss Burg an der Wupper Solingen)
Damit standen die Zeichen auf Sturm. Eine Konfrontation zwischen den gegenrevolutionären Gewalten und den Verteidigern der Reichsverfassung schien unvermeidbar. Dadurch geriet die Mehrheit der Paulskirchenversammlung in ein Dilemma. Die eher gemäßigten Abgeordneten, die auf eine legale Verständigung zwischen der Nationalversammlung und den regierenden Fürsten über die Verfassung gesetzt hatten, wussten nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Der Historiker Veit Valentin hat die entscheidende Frage, die viele Abgeordnete umtrieb, auf den Punkt gebracht: „[S]ollen und können sie das Bündnis mit der Revolution eingehen, dürfen sie ihr heiliges Recht mit den Mitteln der Gewalt durchfechten?“[6]
Aus dem Zwiespalt zwischen Legalitätsdenken und Revolution konnte sich das Paulskirchenparlament nicht mehr befreien. Am 4.5.1849 verabschiedete eine hauchdünne Mehrheit noch einen Aufruf, in dem die Regierungen, gesetzgebenden Körperschaften und das deutsche Volk aufgefordert wurden, die Reichsverfassung anzuerkennen und in dem bereits ein Termin für die Wahlen und die konstituierende Sitzung des neuen Reichsparlaments genannt wurden.[7] Dann zerfiel das Parlament, als immer mehr Abgeordnete der Mitte-Rechts-Gruppierungen aus der Paulskirche austraten und die Linken dadurch eine Mehrheit erhielten. Diese zogen als sogenanntes Rumpfparlament nach Stuttgart um, wo sie nach wenigen Wochen von der württembergischen Regierung gewaltsam vertrieben wurden. Doch wie sah die Situation im Rheinland aus?
3. Gegen die Ungesetzlichkeit der Regierung: Die Reaktion auf die preußische Ablehnung im Rheinland
Im Rheinland flammten nach der Ablehnung der Kaiserkrone viele lokale Proteste auf. Es gelang jedoch nicht, die Aufstände zu koordinieren und damit die preußische Regierung unter Druck zu setzen. Das wird deutlich, wenn wir uns einige herausragende Punkte der Reichsverfassungskampagne im Rheinland anschauen.
3.1 Der Rheinische Städtetag in Köln am 8.5.1849
Am 29.4.1849 berichtete der Kölner Oberregierungsrat Johann Baptist Birck (1804-1869), der Stellvertreter des Regierungspräsidenten, an den preußischen Innenminister Otto von Manteuffel (1805-1882), dass die Auflösung der zweiten preußischen Kammer bei den wohlhabenden Bürgern für großen Unmut gesorgt habe. Zudem hätten diese mit den Verfassungsbeschlüssen der Nationalversammlung sympathisiert und eine Übernahme der Kaiserwürde durch Friedrich Wilhelm IV. erwartet. Die wohlhabenden Bürger befürchteten nun eine Radikalisierung weiter Bevölkerungskreise und zahlreiche Unruhen.[8]
Am Abend desselben Tages fand daher eine Sitzung des eher gemäßigten Kölner Bürgervereins statt, der dem preußischen Staatsministerium das Misstrauen aussprach. Dieses Votum sandte man an den Kölner Gemeinderat, damit sich dieser und die Gemeinderäte der anderen größeren Städte der Rheinprovinz den Beschlüssen anschließen konnten.[9]
Der Gemeinderat und der Kölner Oberbürgermeister riefen daraufhin zu einer Versammlung der Gemeinderäte der Rheinprovinz für den 5.5.1849 auf, die eine Adresse an den König verabschieden sollte. Die preußische Regierung verbot diese Versammlung. Dieses Verbot konnte man jedoch geschickt umgehen: Die Einladung wurde offiziell zurückgenommen. Gleichzeitig luden elf Mitglieder des Stadtrates als Privatpersonen zu einer Versammlung auf den 8.5. ein.[10]
Bei der Versammlung kamen ungefähr 400 Delegierte zusammen. Dabei wurden zum Teil recht weitgehende Beschlüsse gefasst, die sofort gedruckt und verteilt wurden. So bezeichnete man die Reichsverfassung vom 28.3. als endgültiges Gesetz und schlug sich im Konflikt zwischen der preußischen Regierung und der Nationalversammlung auf die Seite des Paulskirchenparlaments. Die Bevölkerung der Rheinlande wurde aufgefordert, in Kollektiverklärungen deutlich zu machen, dass man an der Reichsverfassung festhalten und den Anordnungen der Nationalversammlung Folge leisten wolle. Das Paulskirchenparlament sollte sich an die Spitze der Bewegung stellen und ihr Einheit und Stärke geben. Zudem sollten der Reichsverweser und seine Regierung die Reichstruppen zusammenziehen und auf die Verfassung vereidigen. In Bezug auf die preußische Regierung forderte man die Entlassung des Ministeriums von Ministerpräsident Friedrich Wilhelm Graf von Brandenburg (1792-1850) und Innenminister Manteuffel sowie Wahlen zu den Kammern auf der Basis des bisherigen allgemeinen Wahlrechts (also des Männerwahlrechts und unter Ausschluss derjenigen, die Armenunterstützung erhielten). Heftig wandte sich die Versammlung gegen die Einberufung der Landwehr. Dies gefährde den Frieden in der Rheinprovinz und müsse sofort zurückgenommen werden. Warnend schlossen die Gemeindevertreter, dass der Bestand Preußens gefährdet sei, wenn diese Beschlüsse missachtet würden.[11]
Der Kölner Regierungspräsident Eduard von Moeller wies gegenüber Innenminister von Manteuffel darauf hin, dass viele Gemeinderäte mit den Beschlüssen nicht einverstanden seien. Es habe ihnen jedoch der Mut gefehlt, gegen die radikalen Forderungen zu stimmen. Lakonisch kommentierte er: Die Konservativen sind wieder von den Demokraten ins Schlepptau genommen, wie es bei solchen Gelegenheiten in der Regel geht.[12] Dem letzten Satz der Erklärung, der eine Loslösung der Rheinprovinz von Preußen andeutete, hielt von Moeller entgegen, dass man diese Entwicklung nur durch eine genügende materielle Macht verhindern könne. Das hieß nichts anderes als das Militär einzusetzen. Dementsprechend veröffentlichte der Oberpräsidentder Rheinprovinz, Franz Eichmann, eine Erklärung, die in den Zeitungen parallel zu den Beschlüssen der Gemeindevertreter veröffentlicht wurde, und in der er betonte, dass man bei gewaltsamen Versuchen, die Rheinprovinz von Preußen zu lösen, von Mitteln der Gewalt Gebrauch[13] machen werde. Aufgrund der starken militärischen Präsenz durch die Garnison in Köln blieb es dort auch in der Folge relativ ruhig, im Gegensatz zu Düsseldorf.
Die Frankfurter Paulskirche im Jahr 1848, Aquarell von Jean Nicolas Ventadour (1822- um 1880). (Historisches Museum Frankfurt)
3.2 Die Barrikadenkämpfe in Düsseldorf
Die Ereignisse in Düsseldorf entzündeten sich an einem Gerücht, wie überhaupt die Bedeutung des Gerüchts in der Revolution von 1848/49 nicht überschätzt werden kann. Dieses Gerücht besagte, dass von Düsseldorf nach Elberfeld (heute Stadt Wuppertal) abgesandte Truppen dort besiegt worden seien und man in Elberfeld die Republik ausgerufen habe. Daraufhin entstand der Plan, den im Düsseldorfer Gefängnis inhaftierten Ferdinand Lassalle[14] zu befreien und das Regierungsgebäude sowie das Rathaus zu stürmen. Insbesondere der ehemalige Chef der Düsseldorfer Bürgerwehr, der Kaufmann Laurenz Cantador, spielte hierbei eine prominente Rolle.
Gegen Abend des 9.5.1849 versammelte sich eine große Volksmenge vor dem Rathaus, stimmte dort revolutionäre Lieder an und ließ die Republik hochleben. Einem preußischen Truppenkontingent gelang es zwar, die Protestierenden von dort zu vertreiben, diese zogen jedoch weiter durch die Straßen und versuchten, weitere Düsseldorfer zu aktivieren. Da preußische Truppen bereits nach Elberfeld und in die umliegenden Orte unterwegs waren, um dort für Ruhe zu sorgen, reichten die in Düsseldorf vorhandenen Soldaten nicht aus, um alle neuralgischen Punkte zu besetzen. Daher entschloss sich der ranghöchste preußische Beamte vor Ort, Regierungsrat Otto von Mirbach (1804-1867), zunächst die Soldaten zur Verteidigung des Regierungsgebäudes heranzuziehen. Dort wurden auch bereits Barrikaden von den Aufständischen errichtet. Als das Militär versuchte, eine Barrikade zu räumen, kam es zum Schusswechsel. Die sich daran anschließenden heftigen Kämpfe rund um das Regierungsgebäude dauerten bis morgens um 5 Uhr. Während dieser Zeit läuteten die Glocken Sturm, um weitere Kämpfer aus den umliegenden Orten herbeizurufen. Dies gelang nicht. Regierungsrat von Mirbach hielt in seinem Bericht vom 10.5.1849 über die Ereignisse fest, dass der Aufruhr in der Stadt [...] vollständig unterdrückt[15] sei. Insgesamt waren fünf Soldaten verwundet und 16 Zivilisten getötet worden. Außerdem wurden zahlreiche Beteiligte verhaftet. Schaut man sich die Berufe der getöteten Aufständischen an, so erhält man einen Eindruck davon, welche Schichten bei den Kämpfen vor allem beteiligt waren: Neben fünf Tagelöhnern starben unter anderem ein Eisenbahnschaffner, ein Fuhrmann, ein Schuhmacher und ein Orgelbauer. Auch die künstlerischen Berufe waren vertreten. So starb neben einem Musiker auch der Maler Ludwig Milewsky (1825-1849). Diese Auflistung passt gut zu dem Befund Friedrich Lengers, der die Bedeutung der Handwerker und des Kleinbürgertums für die demokratische Bewegung während der Märzrevolution in Düsseldorf herausgearbeitet hat[16] Die Tagelöhner, die immer von Arbeitslosigkeit bedroht waren und zum Teil von städtischen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen lebten, sieht er vor allem bei spontanen Aktionen aktiv werden.
Laurenz Cantador, Lithographie von Oswald Achenbach, undatiert. (Stadtmuseum Düsseldorf)
Entscheidend für den Sieg der preußischen Truppen war insbesondere die waffentechnische Überlegenheit, denn die Düsseldorfer Bürgerwehr war bereits im Zuge der Unruhen im November 1848 aufgelöst worden. Bei dieser Gelegenheit hatte man auch ihre Waffen beschlagnahmt.[17]
Nach dem Sieg der preußischen Truppen wurde am 10.5.1849 der Belagerungszustand verhängt. Das bedeutete ein Versammlungsverbot für politische Vereine, die man unter anderem für den Aufruhr verantwortlich machte. Kneipen und Gasthäuser mussten um acht Uhr abends schließen. Die wichtigsten Zeitungen wie die Düsseldorfer Zeitung, das Düsseldorfer Journal oder die linke Neue Rheinische Zeitung durften nicht mehr verkauft werden. Außerdem war es verboten, gedruckte Bekanntmachungen ohne Genehmigung der Polizei zu verteilen. Als härteste und abschreckendste Maßnahme war die standrechtliche Erschießung erlaubt. Diese war für Personen vorgesehen, die bewaffneten Widerstand gegen gesetzliche Anordnungen leisteten oder deren Verhalten Gefahr für die preußischen Truppen bedeutete.[18]
So gelang es der preußischen Regierung, die Unruhen in Düsseldorf schlagartig zu beenden. Die Düsseldorfer Zeitung hielt am 12.5.1849 fest: Das Militär ist vollständig Herr der Stadt.[19] Der Belagerungszustand wurde erst am 16.8.1849 wieder aufgehoben.[20] Der amerikanische Historiker Jonathan Sperber hat dieser Straßenschlacht in Düsseldorf für die Reichsverfassungskampagne im Rheinland entscheidende Bedeutung beigemessen. Die preußischen Truppen seien zahlenmäßig deutlich unterlegen gewesen, und eine Niederlage in diesen Kämpfen hätte sicherlich Auswirkungen auf die Umgegend gehabt.[21] Diese Sicht ist durchaus plausibel, wenn man sich die Ereignisse in den umliegenden Städten wie zum Beispiel Krefeld anschaut.
3.3 Der Aufstand in Krefeld
Der Aufstand in Krefeld ist insofern charakteristisch für die Unruhen im Rheinland, als bei ihm die preußische Landwehr eine wichtige Rolle spielte. Diese militärische Organisation war 1813 gegründet worden. In ihr sollten nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht alle wehrfähigen Männer dienen, die zunächst zwei bis drei Jahre bei den Linientruppen im Einsatz gewesen waren und anschließend zwei Jahre der Reserve angehört hatten. Das heißt die Landwehrmänner gingen zivilen Berufen nach und mussten nur regelmäßig an Übungen und Appellen teilnehmen, um für den Ernstfall gewappnet zu sein.[22]
Als sich Anfang Mai 1849 die Aufstände der Reichsverfassungskampagne immer weiter ausdehnten und Preußen Staaten wie Sachsen militärische Unterstützung zukommen ließ, wurde auch die Landwehr mobilisiert.[23] Dies förderte den Unmut in der Bevölkerung, denn durch die Einberufung mussten die Soldaten ihre Familien verlassen und erlitten wirtschaftliche Einbußen, da sie ihrem regulären Beruf zunächst nicht mehr nachgehen konnten. Das traf die Landwehrmänner besonders hart, denn die Landwehr rekrutierte sich vor allem aus den Unterschichten. In seiner Analyse der Landwehr am linken Niederrhein kommt Robert Sackett zu dem Schluss, dass dort vor allem Weber, Ackerer, Tagelöhner, Kleinhändler und Handwerker dienten, die sich einen Einkommensverlust nicht leisten konnten.[24] Zudem drohte ihnen die wenig komfortable Aussicht, mit Waffengewalt gegen die Verteidiger der Reichsverfassung vorgehen zu müssen, obwohl sie die Reichsverfassung zum Großteil selbst für sinnvoll erachteten. Wie sich die Mobilmachung der Landwehr auswirkte, schilderte der Regierungspräsident von Aachen Friedrich Kühlwetter (1809-1882). Er schrieb an das Innenministerium, daß die Einberufung der Landwehr die ,Aufregung’ selbst in die kleinen Landgemeinden hineingetragen hätte. Es gebe außerordentlich viele ,Reklamationen‘, da fast alle Landwehrleute Frauen und Kinder hätten, die durch die Einberufung der Landwehr in wirtschaftliche Not gerieten.[25]
Es kam daher im Rheinland in vielen Orten zu Versammlungen der Landwehrmänner, die darüber debattierten, wie man auf die Mobilmachung reagieren solle. Einige Versammlungen endeten ohne Ergebnis. In einigen Städten gelang es jedoch, eine Verbindung von Landwehrprotest und dem Protest gegen die Reichsverfassung herzustellen.
In Krefeld kam es nach der Einberufung zu mehreren Versammlungen der Landwehr.[26] So verweigerten die Landwehrsoldaten auf einer Versammlung am 5.5.1849, der Einberufung Folge zu leisten. Stattdessen wollte man nur eine entsprechende Aufforderung der Nationalversammlung in Frankfurt akzeptieren. Der Vorschlag, die Waffen aus den Zeughäusern in Neuss und Geldern zu requirieren, fand keine Mehrheit. Am 7.5.1849 versammelte sich die Landwehr auf dem Appellplatz, verhöhnte und schlug die dort anwesenden Offiziere, bis diese die Flucht ergriffen. Am 8.5.1849 erklärten die Landwehrmänner dem Krefelder Oberbürgermeister, dass man nicht bereit sei, gegen Revolutionäre vorzugehen. Als die regulären preußischen Truppen am 10.5.1849 nach Düsseldorf abgezogen wurden, eskalierte die Situation. Unter Führung des Webermeisters Peter Grüter versuchte die Landwehr, die Kontrolle über die Stadt zu erlangen. Landrat Peter Leysner (1805-1880) beschrieb die Situation als dramatisch. Mehrere hundert Landwehrmänner würden die Waffen und Pferde der Krefelder Bürger beschlagnahmen und Geld von Krefeldern fordern. Die Bürgerwehr sei zu schwach, um die Stadt gegen die Landwehr zu verteidigen. Jetzt habe die Landwehr bereits Boten zu den umliegenden Gemeinden gesandt, um von dort Unterstützung anzufordern. Der Landrat hielt nur ein großes Truppenkontingent mit Geschütz für ausreichend, um die irreguläre Truppe zu besiegen.
Das erwies sich als nicht mehr notwendig, denn der Aufstand brach bereits am Abend des 11.5.1849 zusammen. Die Krefelder Stadtchronik schreibt diesen Erfolg dem Oberbürgermeister zu, der in dieser Situation besonnen verhandelt habe.[27] Dieser isolierte Blick kann jedoch den plötzlichen Zusammenbruch des Aufstands nur zum Teil erklären. Erst der Blick auf die anliegenden Städte und die Situation in Düsseldorf macht deutlich, wieso der Aufstand so schnell endete und wo aus Sicht der Landwehr das Problem lag. So hatten zunächst andere Landwehrsoldaten gemeinsam mit Demokraten die Zeughäuser unter anderem in Neuss gestürmt und die Waffen beschlagnahmt.[28] In der gesamten Gegend läutete man die Glocken und sandte Boten aus, um den Aufstand weiterzutragen. Am 10.5.1849 zogen mehrere tausend Aufständische in Richtung Düsseldorf. Auf dem Weg dorthin erfuhren sie vom dortigen Sieg der preußischen Truppen, die sich bereits auf dem Weg nach Neuss befanden und die Stadt am Morgen des 11.5.1849 auch einnahmen. Die Aufständischen kehrten daher wieder um. Am 11.5.1849 zogen auch 500-1000 Aufständische aus der Kempener Gegend nach Viersen und Krefeld, um gemeinsam mit den revolutionären Krefelder Truppen weiter nach Düsseldorf zu ziehen. Als auch dort die Nachrichten vom Sieg der preußischen Truppen in Düsseldorf und Neuss und vom erfolglosen Zug nach Düsseldorf eintrafen, lösten sich die Truppen der Aufständischen auf und der Krefelder Oberbürgermeister konnte sein Amt wieder übernehmen.
Peter Kriedte hat in seiner sozialgeschichtlichen Studie über Krefeld im 19. Jahrhundert die soziale Zusammensetzung der Befürworter der Reichsverfassung in Krefeld genau analysiert und kommt zu einem interessanten Befund. 84,5 Prozent der Unterzeichner einer Eingabe an die Paulskirchenversammlung vom 1.5.1849, in der die Reichsverfassung unterstützt wurde, waren katholisch, nur 13 Prozent evangelisch. Dabei dominierten die Seidenweber und Handwerker. Das kontrastiert scharf mit seiner Auswertung der Mitglieder des Preußen-Vereins, der sich gegen demokratische und republikanische Tendenzen wandte. Dort waren 80,4 Prozent der Mitglieder evangelisch beziehungsweise mennonitisch und nur 18,5 Prozent katholisch und wesentlich mehr Verleger organisiert.[29]
Ludwig von Milewsky, Lithographie von W. Kersten, 1849. (Stadtmuseum Düsseldorf. Foto: LVR-Zentrum für Medien und Bildung)
Hier drängt sich die Vermutung auf, dass die katholische Unter- bis Mittelschicht in Krefeld den Kampf um die Reichsverfassung unterstützte, wohingegen der protestantisch-mennonitischen Oberschicht diese Bewegung zu weit ging. Das bestätigt sich zum Beispiel auch bei dem mennonitischen Krefelder Paulskirchenabgeordneten und Reichsfinanzminister Hermann von Beckerath. Der Bankier hatte sein Ministeramt und sein Mandat am 4.5.1849 niedergelegt, als die Mehrheit des Paulskirchenparlaments zu allgemeinen Wahlen aufgerufen hatte. Da er von den Krefelder Aufständischen als Verräter gebrandmarkt wurde, konnte er zunächst nicht in seinen Heimatort zurückkehren. In einem Brief an seinen Bruder vom 17.5.1849 registrierte er erleichtert das Ende der widerwärtigen Bewegung. Daran schloss er seine Wünsche für die Zukunft an: Möchte nun die Ruhe und Sicherheit dort baldigst ganz wiederhergestellt und unser Rheinland vor größerer Zerrüttung bewahrt werden.[30]
3.4 Die Vorgänge in Elberfeld
Am längsten hielt sich der Aufstand in Elberfeld.[31] Der Protest wurde zunächst von breiten Schichten und insbesondere auch wieder von der Landwehr getragen und richtete sich vor allem gegen die Ablehnung der Reichsverfassung durch Friedrich Wilhelm IV. Als am 9.5.1849 preußische Truppen aus Düsseldorf eintrafen, um in Elberfeld für Ruhe und Ordnung zu sorgen, eskalierte die Situation. Es kam zu Straßenschlachten, wobei das Militär am Morgen des 10.5.1849 unverrichteter Dinge nach Düsseldorf zurückkehren musste, um zunächst die dortigen Truppen zu unterstützen. Daraufhin bildete sich in Elberfeld ein Sicherheitsausschuss aus Mitgliedern des Politischen Klubs und den Führern der Landwehr, der auch die Amtsgeschäfte der geflohenen Verwaltungsspitze in Elberfeld übernahm. Der Sicherheitsausschuss versuchte einerseits für Ruhe und Ordnung zu sorgen und andererseits die Aufständischen auf den bevorstehenden Kampf gegen die erwarteten preußischen Truppen vorzubereiten.
Mittlerweile strömten zahlreiche Freischärler und Revolutionäre wie Friedrich Engels nach Elberfeld, und die Entwicklung drohte zu entgleiten. Im Sicherheitsausschuss gingen die Meinungen über das weitere Vorgehen auseinander. Am 14.5.1849 wurde ein Aufruf zur Unterstützung der Kämpfer in Elberfeld verteilt, in dem der Sicherheitsausschuss deutlich machte, dass man vor allem für die Reichsverfassung kämpfe. Unter Bezugnahme auf die Mobilisierung der Landwehr hielt der Aufruf fest: Es [Elberfeld, H.T.] hat nicht dulden wollen, daß seine Söhne im Dienste der undeutschen Bestrebungen der Regierung gegen ihre eigene Freiheit und gegen ihre eigenen Brüder kämpfen.[32]
Gleichzeitig sandte man eine Delegation von Elberfelder Honoratioren nach Berlin, um den König doch noch zur Annahme der Reichsverfassung zu bewegen. Von dort traf am 16.5.1849 ein Telegramm in Elberfeld ein, in dem behauptet wurde, dass es Preußen gelungen sei, die deutschen Fragen unter wesentlicher Zugrundelegung der Frankfurter Verfassung zur vollständigen Einigung mit den bisher widerstrebenden Königreichen zu führen[33]. Das bezog sich offensichtlich auf die Verhandlungen Preußens mit Hannover und Sachsen, die am 26.5.1849 in das sogenannte Dreikönigsbündnis mündeten. Diese Nachricht nahm der Aufstandsbewegung den Schwung, zumal noch am selben Tag ein Ultimatum des preußischen Kriegs- und Innenministers in Elberfeld eintraf, in dem die Aufständischen aufgefordert wurden, sich der rechtmäßigen Gewalt und dem Gesetze unbedingt zu unterwerfen[34]. Der Aufstand löste sich daraufhin auf, wobei ein Teil der Freischärler Richtung Pfalz weiterzog, um die dortigen Revolutionäre zu unterstützen.
Jetzt versuchte man, das Gemeindeleben wieder zu ordnen. Der Gemeinderat trat zusammen, wobei diejenigen Gemeinderatsmitglieder, die im Sicherheitsausschuss mitgewirkt hatten, zurücktraten. Die Stadt Elberfeld sandte eine Delegation mit einem Unterwerfungsbeschluss zum Oberpräsidenten der Rheinprovinz und dem preußischen General Hermann von Hanneken (1810-1886). Am 19.5.1849 besetzten dann preußische Truppen die Stadt.
4. Fazit
Die Analyse der Reichsverfassungskampagne an den verschiedenen Orten der Rheinprovinz hat gezeigt, dass diese im Rheinland durchaus auch eine große Rolle gespielt hat und zu Unrecht von der historischen Forschung vernachlässigt worden ist. Zudem lassen sich aus den Ereignissen einige Spezifika für das Rheinland herausarbeiten.
So ist vor allem die wichtige Rolle der Landwehr deutlich geworden. Das ist ein Punkt, den bereits Friedrich Engels aus seinen eigenen Erfahrungen heraus betont hatte. In der Landwehr waren überwiegend die Unterschichten vertreten, die sich einerseits gegen die wirtschaftlichen Einbußen durch die Einberufung wehrten und andererseits nicht bereit waren, gegen die Reichsverfassung zu Felde zu ziehen. Bei den Aufständen in Düsseldorf, Krefeld oder Elberfeld waren daher auch immer zahlreiche Landwehrmänner vertreten, die sich mit den regionalen Demokraten verbanden.
Darüber hinaus ist bisher unterschätzt worden, dass es gerade für diese Schicht auch um politische Partizipations- und Einflussmöglichkeiten ging, die durch das allgemeine Wahlrecht eingeräumt wurden. Als das Wahlrecht in der Paulskirche diskutiert wurde, ging zum Beispiel eine Petition mit der Unterschrift von 700 Unterstützern des allgemeinen Wahlrechts aus Elberfeld an die Nationalversammlung. Diese politischen Partizipationsmöglichkeiten waren durch das Scheitern der Reichsverfassung bedroht, was den politischen Protest auch befeuert haben dürfte.
Deutlich geworden ist auch, dass die Taktik der preußischen Regierung, sich zunächst auf die Verteidigung Düsseldorfs zu konzentrieren, aufgegangen war. Als man dort die Aufständischen niedergerungen hatte, konnte man sich wieder auf die Niederschlagung der Aufstände in den anderen Orten konzentrieren. Das wurde durch das unkoordinierte Vorgehen der Landwehrmänner und Verteidiger der Reichsverfassung erleichtert. Die lokalen Ereignisse blieben in der Regel lokal und mit der Niederlage der Aufständischen in Düsseldorf fehlten den Revolutionären in den umliegenden Städten und Dörfern der Elan und die Zuversicht, um weiter für die Reichsverfassung zu kämpfen. Unter dieser Perspektive wird somit auch deutlich, dass die Barrikadenkämpfe in Düsseldorf ein zentrales Ereignis der Reichsverfassungskampagne darstellen und den Sieg der preußischen Truppen im Rheinland sicherstellten.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/paulskirche/regierung-955572, zuletzt geprüft am 28.05.2025.
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsverweser#Reichsverweser_1848/49, zuletzt geprüft am 28.05.2025.
-> https://www.habsburger.net/de/kapitel/der-reichsverfauler-erzherzog-johann, zuletzt geprüft am 28.05.2025.
-> Revolution und Frankfurter Nationalversammlung 1848/1849, in: bundestag.de, online verfügbar unter: https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/parlamentarismus/1848, zuletzt geprüft am 07.05.2026.
-> Türk, Henning, Bürger, Revolutionäre, Militärs: Die Reichsverfassungskampagne im Rheinland 1849, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/buerger-revolutionaere-militaers-die-reichsverfassungskampagne-im-rheinland-1849/DE-2086/lido/668d1804d16999.69545537 (abgerufen am 26.07.2026)
Sekundärliteratur
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Der pfälzische Aufstand
Inhaltsverzeichnis
- 175 Jahre Pfälzer Aufstand: Freiheitskämpferin Mathilde Hitzfeld im Fokus
- Vor 175 Jahren: Der Pfälzische Aufstand von 1849
1. 175 Jahre Pfälzer Aufstand: Freiheitskämpferin Mathilde Hitzfeld im Fokus (Artikel)
Speyer. Im Frühjahr 2024 jährt sich der Pfälzer Aufstand zum 175. Mal. Vor dem Hintergrund der Märzrevolution von 1848 hatten im Mai 1849 die Bürgerinnen und Bürger in der Pfalz für die Paulskirchenverfassung gestritten und für die Loslösung der Pfalz vom Königreich Bayern gekämpft.
Am Mittwoch, 10. April 2024 steht um 19 Uhr im Foyer des Landesbibliothekzentrums / Pfälzische Landesbibliothek (LBZ) in Speyer das Gedenken an eine aktive Freiheitskämpferin in dieser Zeit im Mittelpunkt: Die in Kirchheimbolanden geborene Mathilde Hitzfeld. Sie gehört auch zu den „Starken Frauen in 1000 Jahren Pfälzer Geschichte“, die in der aktuellen Ausstellung in der Pfälzischen Landesbibliothek porträtiert werden. Die Kuratorin der Ausstellung und Leiterin des Ludwigshafener Stadtmuseums, Dr. Regine Heilmann, wird in das aufregende Leben dieser faszinierenden Frau einführen. Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit der Hambach-Gesellschaft für historische Forschung und politische Bildung e.V. statt.
Anna Mathilde Hitzfeld wurde am 1. September 1826 in Kirchheimbolanden geboren und starb 1905 in den USA. Über ihren Vater, den Arzt Ludwig Hitzfeld, kam sie früh
mit liberalem Gedankengut in Berührung und wurde Mitbegründerin des „Frauen-Comites“ in Kirchheimbolanden. Das Comté versorgte die Freiheitskämpfer während
des Pfälzer Aufstands 1849 mit Kleider- und Nahrungsspenden. Auf Festen und Kundgebungen trat Mathilde Hitzfeld als feurige Rednerin auf. Am 14. Juni 1849 war sie aktiv an den Barrikadenkämpfen gegen die preußischen Truppen im Kirchheimbolander Schlossgarten beteiligt. Nach der Niederlage der Aufständischen des Hochverrats angeklagt, konnte sie nach einer Amnestie 1850 in die USA auswandern. Heute sind in Rheinland-Pfalz mehrere Schulen nach der Freiheitskämpferin benannt.
2. Vor 175 Jahren: Der Pfälzische Aufstand von 1849
Teil 1: Der Landesverteidigungsausschuss
Im Frühjahr 1848 brachen im gesamten mitteleuropäischen Raum beinahe zeitgleich politische Unruhen aus: Von Frankreich bis fast an das Schwarze Meer, den skandinavischen Ländern bis nach Palermo reichten die auflodernden Konflikte. Europa war im März 1848 im revolutionären Taumel. Doch im linksrheinischen Bayern, dem bayrischen Rheinkreis, blieb es zunächst verhältnismäßig ruhig.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Bevölkerung unbeteiligt war. Im Gegenteil, die Pfalz nahm eine besondere Rolle ein, da dort bereits politische Verhältnisse herrschten, nach denen sich viele Bürger in anderen deutschen Ländern sehnten. Die Menschen verfolgten mit großem Interesse die Entwicklungen der Nationalversammlung in Frankfurt und beobachteten aufmerksam die Situation im Königreich Bayern.
Reichsverfassung und Grundrechte des Deutschen Volkes
Die Hoffnungen im Frühjahr 1848 lagen in einem vereinten Deutschland, dessen Bürger durch eine Verfassung abgesicherte Freiheitsrechte genießen sollten. Diese Vision schien mit der Reichsverfassung vom 28. März 1849, die in der Frankfurter Paulskirche ausgehandelt wurde, zum Greifen nahe. Der Deutsche Bund sollte in einen konstitutionellen Bundesstaat übergehen, geführt von einem erblichen Kaiser, gewählt durch die Nationalversammlung.
Ein zentraler Bestandteil dieser Verfassung waren die Grundrechte des deutschen Volkes, die bereits am 21. Dezember 1848 verkündet wurden. Diese Grundrechte hätten Deutschland zu einem der fortschrittlichsten Verfassungsstaaten der damaligen Zeit gemacht. Sie umfassten unter anderem die Unverletzlichkeit der Person, die Abschaffung der Todesstrafe (außer nach Kriegs- und Seerecht), Pressefreiheit, Glaubensfreiheit und die Freiheit der Wissenschaft und Lehre. Viele dieser Rechte waren wegweisend und wurden später in das Grundgesetz von 1949 übernommen. Die Paulskirchenverfassung legte somit den Grundstein für moderne demokratische Grundrechte in Deutschland.
Obwohl der Pfalz viele Freiheitsrechte gewährt worden waren, darunter ab März 1848 auch die Pressefreiheit für ganz Bayern, hatten diese Zugeständnisse keinen Verfassungsrang und konnten jederzeit entzogen werden. Eine Verankerung der Freiheitsrechte in der Verfassung hätte größere Rechtssicherheit geboten. Die Linke in Bayern, zu der im ›Revolutionslandtag‹ von Dezember 1848 alle Abgeordneten der Pfalz gehörten, wollte die fortschrittlichen Gesetze der Pfalz auf ganz Bayern übertragen. Trotz ihrer Erfolge im bayrischen Landtag wäre die Annahme der Reichsverfassung der schnellere und sicherere Weg gewesen.
Ablehnung der Reichsverfassung
Entsprechend schockiert reagierte man in der Pfalz, als sich die bayrische Regierung am 26. April 1849 förmlich weigerte, die Reichsverfassung anzuerkennen. Je nach politischem Lager variierte allerdings die Schärfe, mit der die Kritik der Ablehnung formuliert wurde: Die Neue Speyerer Zeitung des Abgeordneten der Nationalversammlung und des bayrischen Landtags, Georg Friedrich Kolb (1808–1884), hob das Beispiel Württemberg hervor, wo die Reichsverfassung von Regierung und Landtag ausgehend angenommen wurde und sich der württembergische König Wilhelm I. (1781–1864) der Entscheidung als einziger Monarch – wenn natürlich nur unwillig – beugte.
Während Kolb den parlamentarischen Weg favorisierte, war der in Kaiserslautern erscheinende Bote für Stadt und Land unter Nikolaus Schmitt (1806–1860) weitaus radikaler. Am 29. April 1849 rief diese Zeitung die Pfälzer auf, den König zu zwingen, die Verfassung anzuerkennen, und erwog sogar eine Abtrennung von Bayern, falls der König seine Meinung nicht ändern sollte. Schmitt betonte die Volkssouveränität und kritisierte den König scharf.
Der pfälzische Volksverein
Eine Besonderheit der politischen Kultur in der Pfalz stellte der pfälzische Volksverein dar. Die Gründung einer zentralen Organisation in Kaiserslautern im Jahr 1848 schuf die Grundlage, um lokale Zweigvereine zu etablieren und ideologisch zu beeinflussen. Diese Struktur ermöglichte eine flexible, aber einheitliche politische Agitation, die sich bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1848 zeigte. Die politischen Strukturen des Volksvereins in den jeweiligen Kreisen hatten sich im Laufe des Jahres 1848 weiter ausdifferenziert, sodass neben den Volksvereinen weitere radikal-demokratische Vereinigungen gegründet wurden. Diese wirkten auf die lokalen Ableger des Volksvereins ein oder übernahmen diese einfach.*
Eine derartige Übernahme war in Kaiserslautern geschehen, aber auch in Frankenthal, dessen Vorstand im April 1849 turnusgemäß den geschäftsführenden Kreisausschuss leitete. Deswegen ging die Reaktion auf die bayrische Ablehnung der Reichsverfassung von Frankenthal aus: Der bayrische König und alle deutschen Fürsten würden »die heiligsten Gesetze der Nation mit Füßen […] treten« (Q1) und damit Hochverrat begehen.
Die vorbereitende Versammlung am 1. Mai in Kaiserslautern
Daher wurde für den 1. Mai, einem Dienstag, nach Kaiserslautern eingeladen, um dort in einer vorbereitenden Versammlung zu beraten, welche Mittel das bayrische und besonders »das pfälzische Volk zu ergreifen [habe], um die Krone und ihr Ministerium zur sofortigen unbedingten Anerkennung der deutschen Reichsverfassung, und zur Unterwerfung unter die Reichsgewalt zu zwingen.« (Q1)
Während dieser Vorversammlung standen sich drei Positionen gegenüber: Eine zurückhaltendere Fraktion wollte nochmals an den König in München appellieren, die Reichsverfassung doch anzunehmen. Die Gegenseite, unter anderem vertreten durch Peter Fries (1820–1851) vom Frankenthaler Volksverein und Heinrich Loose (1812–1862) vom Volksverein aus Neustadt, wollten die sofortige Einsetzung einer provisorischen Regierung. Ein weiterer Vorschlag aus Kaiserslautern, wo sich am Vortag bereits dieselben Positionen gegenüberstanden hatten, sah die Gründung eines Landesverteidigungsausschusses (LVA) vor.*
Nach einer hitzigen Debatte wurde der radikalere Vorschlag knapp abgelehnt und stattdessen ein Plan zur Gründung des LVA beschlossen, der der Volksversammlung am nächsten Tag vorgelegt werden sollte. Über Handzettel wurde verkündet, dass die bayrische Regierung als rebellisch betrachtet werde, da sie die Reichsverfassung missachte. Daher sei die Pfalz zum Widerstand verpflichtet, bis Bayern sich den Reichsgesetzen unterwerfe. Der LVA sollte so lange tätig sein, »bis die gefahrdrohende Lage des Vaterlandes vorüber ist.« (Q2)
Die Volksversammlung stimmt für den Landesverteidigungsausschuss
Die Volksversammlung am 2. Mai fand auf dem Platz vor der Stiftskirche in Kaiserslautern statt. Je nach Quelle wird die Teilnehmerzahl zwischen 5000 und 13 000 Personen angegeben. Um Manipulationen zu vermeiden, wurde durch das Heben beider Hände abgestimmt und die Stimmen von der Tribüne geschätzt. Bayrische Beamte berichteten empört, dass auch Frauen abstimmten.
Nach seiner Niederlage am Vortag erklärte Peter Fries aus Frankenthal, eine Spaltung vermeiden zu wollen und verzichtete darauf, seinen Antrag erneut vorzubringen. Er rief seine Anhänger auf, ihm zu folgen. Heinrich Loose aus Neustadt hielt sich jedoch nicht daran und forderte offen die Revolution, was von der Menge begeistert aufgenommen wurde: Die Pfalz solle sich sofort von Bayern loslösen und eine Revolutionsregierung einsetzen. Joseph Martin Reichard (1803–1872), Abgeordneter der Nationalversammlung für Kirchheimbolanden, setzte sich knapp durch und der LVA wurde beschlossen. Die unterlegene Seite verließ unter Protest die Versammlung, sang die Marseillaise und rief an einem anderen Platz in Kaiserslautern die Republik aus.
Ungeachtet dessen wurden die Mitglieder des LVA am 3. Mai durch Delegierte gewählt und eine pfälzische Bürgerwehr, die sogenannte Volkswehr, gegründet. Bemerkenswert war, dass Friedrich Schüler (1791–1873), der der Veranstaltung in Kaiserslautern ferngeblieben war, um seine Tätigkeit im Landtag nicht zu gefährden, die meisten Stimmen erhielt, die Wahl jedoch ablehnte.
Dies war keine Revolution, da die politische Elite den Bruch mit Bayern ablehnte. Aus Sicht des LVA lag die Rolle des Aufständischen beim Monarchen, der sich dem Willen der Nationalversammlung widersetzte. Überzeugt von der Legitimität der Volkssouveränität, forderte der LVA am 3. Mai die Regierung des Rheinkreises, die Gerichte und alle Beamten auf, die Rechtsgültigkeit der Reichsverfassung und die Beschlüsse der Nationalversammlung schriftlich anzuerkennen. Als Druckmittel wurde angekündigt, die Steuerzahlungen zu verweigern, sollten sie sich den Forderungen widersetzen.
Vorbereitung auf militärische Reaktionen
Den Mitgliedern des LVA war bewusst, dass ihr Handeln von Bayern mit Zwangsmaßnahmen beantwortet werden könnte und der Konflikt damit potenziell auf eine militärische Konfrontation herauslief. Diese Befürchtung war nicht unbegründet, denn bereits Ende April hatte der bayrische Regierungspräsident der Pfalz, der aus Börrstadt stammende Franz Alwens (1792–1871), sich mit Bitten nach München gewandt: Weitsichtig nahm er die sich potenziellen Unruhen wahr, die sich aus der ablehnenden Haltung der Regierung bezüglich der Reichsverfassung ergeben konnten und erbat sich Verstärkung durch zuverlässigere Soldaten – also Soldaten aus nicht-pfälzischen Haushalten, die keine familiären oder freundschaftlichen Verbindungen mit der einheimischen Bevölkerung verband. Weshalb in München Alwens’ mehrfaches, immer vehementer werdendes Bitten um Unterstützung ignoriert wurde, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Die einzige und schlichte Reaktion der Landesregierung vom 7. Mai 1849, Alwens solle die Ruhe und Ordnung wahren, wurde in Speyer, dem Sitz der Kreisregierung, empört aufgenommen. Selbst die dringende Bitte vom 12. Mai, die Lage im Land bitte realistisch wahrzunehmen, wurde – wie der entsprechenden Aktennotiz zu entnehmen ist – vom Innenminister persönlich am 17. Mai ad acta gelegt.*
In einer seiner ersten Veröffentlichungen (Q3) versuchte der LVA die von Alwens gesehene Schwachstelle, die lokale Verbundenheit der pfälzischen Soldaten, zu nutzen: Soldaten sollten nicht gegen das eigene Volk, ihre Brüder und Familien für eine meineidige und verblendete Regierung kämpfen. Aus Sicht der Aufständischen wird in diesem Flugblatt die Genese des Gesamtkonfliktes seit Anfang des Jahres 1848 skizziert. Aus dieser Darstellung geht eindrucksvoll das neue Selbstverständnis der bürgerlichen Schicht der damaligen Zeit hervor: Das Volk habe den Königen »im Freiheitsmärz großmüthig die Krone nicht vom Haupte« gerissen »[u]nd trotzdem erfrechen sich« diese nun, die »Reichsverfassung für ungültig zu nennen.« Das Volk dürfe »zu diesem neuen Treuebruche« und »zu dieser neuen unerhörten Rechtsverhöhnung« nicht schweigen und dürfe sich nicht »zurückbeugen lassen unter das alte Joch der Knechtschaft, welches wir auf immer zerbrochen zu haben wähnten« (Q3). Hier trifft das moderne Verständnis der Volkssouveränität, das während der Zeit der Aufklärung entstand und sich in der amerikanischen Unabhängigkeit sowie der Französischen Revolution quasi manifestierte, auf die alte Vorstellung der königlichen Herrschaft.
Reichskommissar Bernhard Eisenstuck
Auf Wunsch der bayrischen Regierung entsandte der Präsident der Frankfurter Nationalversammlung, Heinrich von Gagern (1799–1880), den sächsischen Abgeordneten und zweiten Vizepräsidenten der Nationalversammlung Bernhard Eisenstuck (1805–1871) als Reichskommissar in die Pfalz. Eisenstuck kam am 6. Mai in der Pfalz an, suchte direkt das Gespräch mit Alwens, aber auch mit dem LVA in Kaiserslautern. Die Erwartung in München, Eisenstuck könne die Situation in der Pfalz zu bayrischen Gunsten befrieden, erfüllte sich nicht: »Für den Landesausschuß war die Ankunft des Reichskommissars der politische Höhepunkt. Jetzt genoß er – so zumindest nach seiner eigenen Interpretation und Propaganda – die ersehnte Legitimation durch die Zentralgewalt, der man sich ja unterstellen wollte.«*
Da nach Ansicht des bayrischen Gesandten Joseph von Xylander(1794–1854) sich Eisenstuck mit der Anerkennung des LVA auf die Seite der Revolte geschlagen habe (Q4), forderte er von der Zentralgewalt in Frankfurt Eisenstucks Abberufung. Die Zentralgewalt kam der bayrischen Forderung nach und Eisenstuck verließ am Morgen des 11. Mai Kaiserslautern. Durch den Rücktritt von Gagerns keimte zwar noch einmal die Hoffnung auf, Eisenstuck könne sei Mandat zurückerhalten. Dies verzögerte die Abreise des ehemaligen Reichskommissars allerdings nur um zwei Tage.
Die zu dieser Zeit eintreffenden Nachrichten aus Sachsen, wo der dortige Aufstand von preußischen Truppen blutig niedergeschlagen wurde, der Einmarsch rheinhessischer Freikorpstruppen in Ludwigshafen sowie rheinhessischer Freischärler in Kirchheimbolanden und der Ausbruch der Aufstände in Baden am 13. Mai hatte zusammen mit der Abberufung Eisenstucks die Stimmung in der Pfalz weiter angeheizt. Hierdurch ging der Aufstand in der Pfalz in eine neue Phase über.
Teil 2: Die provisorische Regierung der Rheinpfalz
Durch die sich verschärfende Lage in und außerhalb der Pfalz wurde das Mandat des Landesverteidigungsausschusses (LVA) nicht mehr als ausreichend angesehen. Die Akteure der demokratischen Vereine, aber besonders die Mitglieder des LVA waren der Meinung, die königlich bayrische Regierung in Speyer habe ihre Legitimität verspielt, indem sie sich nicht für die Reichsverfassung ausgesprochen und das Begehren der pfälzischen Bürger nicht anerkannt habe. Der LVA argumentierte, dass eine Regierung, die keinen legitimen Rückhalt besitze, das Land auch nicht vor einer dadurch drohenden Anarchie schützen könne. Um auf diese Gefahr reagieren zu können, wurden die pfälzischen Kantonalausschüsse des Volksvereins am 13. Mai 1849 aufgefordert, für den 17. Mai Deputierte nach Kaiserslautern zu entsenden.
Dass diese Aufforderung, Deputierte zu wählen, recht kurzfristig verschickt wurde, löste bei einigen lokalen Vereinen und ihren verschiedenen Fraktionen Unmut aus. So standen beispielsweise Teile des Volksvereins in Neustadt dem LVA und seinem Führungsanspruch skeptisch gegenüber. Die Deputiertenwahl, deren Ablauf nicht vorgegeben war und daher von den Kantonalausschüssen frei gestaltet werden konnte, führte daher in Neustadt dazu, dass aufgrund einer Grundsatzdiskussion über das Für und Wider der Linie des LVA kein Deputierter gewählt wurde.
Finanzielle Absicherung der Volkswehr
Am 16. April, einen Tag vor der anberaumten Versammlung in Kaiserslautern, wurden vom LVA 104 vermögende pfälzische Bürger in der Fruchthalle versammelt, um die Verteidigung der Pfalz auch finanziell abzusichern. Einerseits sollte ein Modus gefunden werden, der gesamten Bevölkerung zumutbare Abgaben aufzuerlegen. Andererseits sollten sich gerade wohlhabende Bürger durch freiwillige Beiträge besonders an der Finanzierung der Volkswehr beteiligen können (Q5a). Neben der Notwendigkeit der Verteidigungsfinanzierung kann dies auch als innerpfälzischer Loyalitätstest betrachtet werden, der mit Bravour bestanden wurde: »Die Gesamtsumme hätte ausgereicht, um sechs Bataillone einen Monat zu unterhalten oder, um ca. 1200 gebrauchte, bzw. 1150 neue Perkussionsgewehre zu kaufen.«* (Q5b).
Noch am selben Abend wurde in der Fruchthalle eine Volksversammlung organisiert. Die Redner dieser Veranstaltung warnten unter anderem vor der Wankelmütigkeit der gewählten Kantonalvertreter der anberaumten Versammlung des kommenden Tages: Diese hätten ihre Wahl womöglich nur aus Prestigegründen angenommen und nicht aus Überzeugung, weshalb sie eventuell nicht zu entschiedenen Entschlüssen bereit seien. Daher wurde eine Überwachung der Versammlung vorgeschlagen, um die Einsetzung einer provisorischen Regierung notfalls zu erzwingen. Letztendlich einigte man sich darauf, eine Deputation zu wählen, die am nächsten Tag den Kantonalvertretern das mitteilen sollte, was man als den allgemeinen Volkswillen erachtete.
Die Versammlung vom 17. Mai 1849
Für den darauffolgenden Tag, den 17. Mai, waren aus den 31 Kantonen 28 gewählte Delegierte in Kaiserslautern eingetroffen. Die am Vortag bestimmte Deputation teilte den anwesenden Delegierten mit, die gesamte Stadt habe sich dafür ausgesprochen, die Pfalz in einen reichsunmittelbaren Status zu überführen. Dies hätte bedeutet, dass sie zu einem eigenständigen, von Bayern losgelösten Land geworden wäre. Auf der darauffolgenden Besprechung der Delegierten zeichnete sich allerdings eine Mehrheit für ein vorsichtigeres Vorgehen ab, sodass sich die Warnungen des vorangegangenen Tages, den Delegierten könnte es an Entschlossenheit mangeln, zu bewahrheiten schien: Die Vertreter der verschiedenen Kantone sprachen sich mehrheitlich dafür aus, mit der Einsetzung einer provisorischen Regierung abzuwarten, »bis man wisse, was die pfälzischen Abgeordneten im soeben wiedereröffneten Landtag«* ausrichten könnten.
Noch bevor es zu einer Abstimmung kommen konnte, wurden die Delegierten von Mitgliedern des LVA in den Saal der Fruchthalle gerufen, wo ihnen von Nikolais Schmitt ein Rechenschaftsbericht des LVA dargelegt wurde. Als Fazit stellte Schmitt fest, dass die Kreisregierung in Speyer keine Anerkennung und daher auch keine Legitimation mehr besäße und eine Anarchie in der Pfalz nur durch das Einsetzen einer provisorischen, dem allgemeinen Volkswillen verpflichteten Regierung verhindert werden könne. Nach Schmitt trat der Gesandte der revolutionären badischen Regierung, Friedrich Jacob Schütz (1813–1877), auf. Er warb dafür, dass auch die Pfalz die Regierung selbst in die Hand nehme und bot der Pfalz ein Schutz- und Trutzbündnis mit den badischen Aufständischen an.
In der sich direkt an diesen Vortrag entwickelnden Diskussion standen sich zwei Positionen gegenüber, die sich allerdings im Endeffekt beide für die Einsetzung einer provisorischen Regierung aussprachen. Der einzige Unterschied lag im Zeitpunkt, ab welchem eine solche Regierung gegründet werden sollte: Während ein Teil der Deputierten für eine sofortige Ersetzung der Kreisregierung in Speyer durch eine provisorische Regierung war, wollte ein anderer Teil mit der Einsetzung noch drei Tage warten. Ihr Vorschlag sah vor, zuerst eine Depesche an die Landtagsabgeordneten in München zu schicken und erst nach einer ausbleibenden oder unbefriedigenden Antwort die provisorische Regierung einzusetzen. Am Faktum, die Kreisregierung in Speyer ersetzen zu wollen, hätte sich folglich nichts geändert; der Prozess wäre lediglich verzögert worden.
Trotz dieses marginalen Unterschieds war die geführte Diskussion erbittert, da die Befürworter einer provisorischen Regierung – allen voran die Mitglieder des LVA –, keine weitere Verzögerung akzeptieren wollten. »Man glaubte jetzt, die Revolution nicht anders retten zu können als mit dem Mittel der Lüge und Drohung: Es wurde behauptet, und das machte sichtlich Eindruck, Eisenstuck habe zu einer provisorischen Regierung geraten; und man schlug vor, was einen ebenso großen Eindruck machte, nötigenfalls das Volk entscheiden zu lassen.«* Nachdem sich am 2. Mai bereits gezeigt hatte, dass radikale Vorschläge in einer Volksversammlung ein großes Potenzial entwickeln konnten, wollte man dieses erweiterte Risiko nicht eingehen und schritt zur Abstimmung. Doch auch diese kann – selbst nach damaligen Maßstäben – nicht als frei und unabhängig bezeichnet werden. Die Abgesandten aus den Kantonen »wurden einzeln laut gefragt, ob sie die sofortige Einsetzung einer provisorischen Regierung wünschten. Bei jedem ›Ja‹ brach das Publikum in Bravorufe aus, bei jedem ›Nein‹ wurde gezischt, Gewehr und Säbel auf den Boden gestoßen, ›pfui‹, ›Schande‹ und ›nieder mit den Verrätern, den Geldsäcken‹ geschrien. Einige der Abgeordneten zögerten mit der Antwort so, daß sie wiederholt gefragt werden mußten.«* Das Ergebnis war mit 15 zu 13 Stimmen äußerst knapp.
Die provisorische Regierung
Nachdem die Einsetzung einer provisorischen Regierung beschlossen war, wurden ihre Mitglieder gewählt. Wie bereits bei der Wahl zum LVA einige Wochen zuvor, wurden auch hier Personen gewählt, die nicht gewählt werden wollten und auf größtmöglichen Abstand zum LVA gegangen waren: die Abgeordneten Kolb, Schüler und der – wie Schüler – aus Bergzabern stammende und auch am Appellationsgericht Zweibrücken arbeitende August Ferdinand Culmann (1804–1891). Sie wurden vermutlich zur Wahl aufgestellt, um aufgrund ihres großen allgemeinen politischen Ansehens, das sie als langjährige Mitglieder der pfälzischen Politikelite genossen, zur allgemeinen Akzeptanz der provisorischen Regierung beizutragen. Dass es sich jedoch stattdessen um einen geschickten Schachzug handelte, der eine Radikalisierung quasi als Automatismus in die provisorische Regierung einbaute, wird durch die angeschlossene Wahl von genau drei Ersatzkandidaten für Kolb, Schüler und Culmann deutlich. Neben dem regulär gewählten, überzeugten Republikaner Joseph Martin Reichard, der als Präsident und Kriegsminister agierte, und dem in Neustadt wohnenden Hambach-Veteranen Dr. Philipp Hepp (1797–1867), der das Amt des Finanzministers übernahm, kamen drei Nachrücker in die Regierung, die ebenfalls ein strikteres Vorgehen favorisierten: Nikolaus Schmitt als Innenminister, der seine demokratisch-republikanische Überzeugung früh im Boten für Stadt und Land verdeutlicht hatte, der Frankenthaler Peter Fries als Justizminister, der Anfang Mai bereits für eine Loslösung der Pfalz plädiert hatte und Dr. Ludwig Greiner (1814–1874) als Außenminister, der seit 1849 für Pirmasens und Zweibrücken im bayrischen Landtag saß. Diese fünf Personen hatten in dieser Konstellation bereits den LVA dominiert.
Dass es sich nicht um eine Loslösung von Bayern handelte, sondern um das Ersetzen einer dysfunktionalen Regierung durch eine legitimierte, provisorische Regierung, wurde weiterhin betont. Mit dieser Argumentation forderte man die Kreisregierung in Speyer auf, den Eid auf die Reichsverfassung zu leisten. Am 19. Mai lehnten der Kreisregierungspräsident Franz Alwens und die anderen Mitglieder der Regierung die Eidesleistung endgültig ab und flohen mitsamt der Regierungskasse in die Festung Germersheim. Die provisorische Regierung residierte daraufhin kurzzeitig in Speyer; verlegte allerdings ihren Sitz am 23. Mai zurück nach Kaiserslautern (Q6).
Die Situation im bayrischen Landtag
Trotz der Ausnahmesituation in ihrer Heimat konnten die pfälzischen Abgeordneten im bayrischen Landtag ihre Arbeit fortsetzten. Der Landtag wurde, nach langer Vertagung, am 17. Mai wieder einberufen. Die Regierung konnte sich anfangs noch durchsetzen und beispielsweise ein Misstrauensvotum der linken Abgeordneten abwehren. Danach geriet sie deutlich unter Druck, denn bereits am 21. Mai konnte sich die Linke mit einer klaren Mehrheit durchsetzen, eine Adresse an den Monarchen zu verfassen, in welcher dieser erneut zur Annahme der Reichsverfassung aufgefordert wurde. Der bayrischen Regierung war bewusst, dass sie den linken Abgeordneten unter der Führung der Pfälzer nichts entgegensetzen konnte. Daher nahm sie die Gründung der provisorischen Regierung in der Pfalz für den Versuch zum Anlass, die pfälzischen Abgeordneten aus dem Landtag auszuschließen, solange sich dieser Landesteil im Aufstand befinde. Doch auch dieses Vorhaben scheiterte: Als am 24. Mai der Antrag der Regierung auf Ausschluss der pfälzischen Abgeordneten zur Abstimmung gebracht werden sollte, verließen die linken Abgeordneten unter Protest den Saal, sodass der Landtag beschlussunfähig war.
Auch wenn der Versuch, die pfälzischen Abgeordneten aus dem Landtag zu verbannen, gescheitert war, instrumentalisierte die provisorische Regierung die Nachrichten aus München für ihre eigenen Zwecke. Dass die Landtagsabgeordneten am 27. Mai über die Pfingstferien in die Heimat reisten, wurde in Flugblättern umgedeutet: Den pfälzischen Abgeordneten sei die Teilnahme am Landtag gewaltsam untersagt worden, sodass eine Trennung der Pfalz von Bayern deutlich vonseiten der bayrischen Regierung ausgesprochen worden sei.
Die Frage nach Unabhängigkeit
Eine Trennung von Bayern wurde damit zwar weder von pfälzischer noch von bayrischer Seite offiziell proklamiert. Die Pfalz als souveräner Staat schwebte dennoch, so darf vermutet werden, allen fünf Mitgliedern der provisorischen Regierung als Ideal vor. Bezeichnend ist eines der ersten Dekrete der neuen Regierung, das besagte, dass in Zukunft alle Veröffentlichungen und Anordnungen der provisorischen Regierung mit der Formel ›Im Namen des Pfälzischen Volkes!‹ eingeleitet werden solle.
Die unklare Lage nutze die provisorische Regierung, der bayrischen Regierung den Vorwurf zu machen, eine Trennung bereits einseitig vollzogen zu haben. Auch wenn über ihre Motive hierbei nur spekuliert werden kann, ist es wahrscheinlich, dass sie einer späteren, offiziellen Loslösung mit dem Argument vorsorgen wollten, die Trennung sei zuerst von bayrischer Seite vollzogen worden. Offiziell wurde eine Loslösung von Bayern – egal von welcher Seite – bis zur Niederschlagung des Aufstandes nicht proklamiert oder vollzogen.
Stets, selbst noch im zwölften und letzten Amtsblatt der provisorischen Regierung, wurde der provisorische Charakter der Übergangsregierung betont: All ihre Entscheidungen seien vorläufig und über ihre Rechtmäßigkeit werde auf einer allgemeinen Volksversammlung geurteilt werden müssen (Q8). Dieses Zugeständnis war allerdings auch der allgemeinen Uneinigkeit geschuldet, die sich in den lokalen Vereinigungen des Volksvereins mit ihren unterschiedlich radikalen, demokratischen Ablegern gebildet hatte: Aus diesen kam gegen Ende Mai und Anfang Juni immer häufiger der Vorwurf, auch die provisorische Regierung und ihre Entscheidungen besäßen keine Legitimität.
Besonders harsche Kritik wurde beispielsweise aus Neustadt an der provisorischen Regierung geübt. Nachdem man sich dort aufgrund von Richtungsstreitigkeiten nicht auf die Entsendung eines Deputierten zur Versammlung am 17. Mai nach Kaiserslautern einigen konnte, erschien hier ab dem 20. Mai 1849 die Zeitung Der Pfälzer Volksmann. Beteiligt an diesem Blatt, das sich auch als demokratisches Kreuzerblattbezeichnete, war Heinrich Loose, der bereits am 2. Mai in Kaiserslautern offen zur Revolution aufgerufen hatte. In den fünf Ausgaben des Volksmanns, die bis zum 11. Juni erschienen, wurden mehrfach kritische Fragen an die provisorische Regierung gerichtet, aus denen deutlich hervorgeht, dass die getroffenen Maßnahmen Loose noch lange nicht weit genug gingen.
Parlamentarisch gab es vorerst keinen Bruch, denn der bayrische Landtag konnte nach der Pfingstpause seine Arbeit wieder aufnehmen. Er wurde erst spät aufgelöst – und auch nicht direkt wegen der Einsetzung der provisorischen Regierung in der Pfalz. Die linken Abgeordneten strebten die Untersuchung des vorangegangenen Ausschlussversuchs der Pfälzer vor einem Ausschuss an. Als dieser Ausschuss, der schließlich die Missachtung der parlamentarischen Eigenständigkeit untersuchen sollte, vom Parlament einstimmig angenommen wurde, wusste sich die Regierung nicht anders zu helfen, als den König um die Auflösung des Parlamentes zu bitten. Auch, wenn Machtlosigkeit des Königs und seiner Minister dadurch erst recht deutlich wurde, ließ sich der Monarch nicht lange bitten und löste den Landtag am 11. Juni auf.
Die Niederschlagung durch Preußen
Weder zur Klärung der kritischen Fragen, noch zu einer final urteilenden Volksversammlung, wie es die provisorische Regierung versprochen hatte, ist es in der Pfalz gekommen. Stattdessen überschritten am 13. Juni 1849 Teile der preußischen Armee die Grenze zur Pfalz. Um auf eine feindliche Invasion vorbereitet zu sein, hatte die provisorische Regierung bereits am 8. Juni den Kriegszustand ausgerufen. Ein Gefecht mit bewaffneten Truppen bei Kirchheimbolanden am 14. Juni lieferte dem Oberkommandierenden der Preußen, dem späteren König und Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) den Vorwand, seinerseits den Kriegszustand über die Pfalz zu erklären und militärisch hart durchzugreifen.*
Die pfälzische Volkswehr, die trotz aller Anstrengungen der provisorischen Regierung schlecht gerüstet und ebenso wenig erfahren war, konnte der preußischen Kriegsmaschinerie nichts entgegensetzen. Beinahe kampflos, mit einem letzten Gefecht – keiner Schlacht! – nahe Rinnthal bei Annweiler am 17. Juni zogen sich die Truppen bis zum 18. Juni über den Rhein nach Baden zurück. Auch die Mitglieder der provisorischen Regierung konnten ins Exil fliehen; keiner von ihnen sollte in die Pfalz zurückkehren.
Das Revolutionäre des Aufstands
Auch wenn es im Mai und Juni 1849 formell in der Pfalz zu keiner Revolution kam, weil niemals die Loslösung von Bayern oder die Umwandlung der Regierungsform proklamiert wurde, passierte hier in diesen knapp sechs Wochen doch etwas Revolutionäres, indem unmittelbar zwei politische Welten aufeinanderprallten: die alte Ordnung des Gottesgnadentums und die Volkssouveränität der Aufklärung. In diesem Grundkonflikt des späten 18. Jahrhunderts, der die europäische Geschichte noch bis in das 20. Jahrhundert hinein beschäftigen sollte, hatte sich eine breite Basis der pfälzischen Bevölkerung eindeutig positioniert, indem sie sich – wenigstens für einige Wochen – hinter eine provisorische Regierung stellten, die selbstbewusst ihre Entscheidungen ›im Namen des Pfälzischen Volkes‹ verkündete.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> https://lbz.rlp.de/ueber-uns/presse/detail/175-jahre-pfaelzer-aufstand-freiheitskaempferin-mathilde-hitzfeld-im-fokus, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Mathilde_Hitzfeld, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> https://frauenspuren-westpfalz.de/donnersbergkreis/mathilde-hitzfeld-kirchheimbolanden, zuletzt geprüft am 29.05.2025.
-> Lässig, Maximilian: Vor 175 Jahren: Der Pfälzische Aufstand von 1849, in: pfalzgeschichten.de, online verfügbar seit 11.06.2024 unter: https://www.pfalzgeschichte.de/de/schlaglichter/2024/06/11/pfaelzische-aufstand-1849/, zuletzt geprüft am 03.09.2026.
Sekundärliteratur
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Frauen in der Revolution
Inhaltsverzeichnis
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Frauen in der Revolution 1848/49
- Frauen und die Revolution. 1848 als Frauenaufbruch
1. Frauen in der Revolution von 1848/49
Am 27. März 2024 jährt sich die Verabschiedung der ersten gesamtdeutschen Verfassung zum 175. Mal. Was wäre gewesen, wenn der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die ihm von der deutschen Nationalversammlung angetragene Kaiserkrone angenommen hätte? Dieser Frage widmet sich eine Sektion in der Ausstellung „Roads not Taken. Oder: Es hätte auch anders kommen können“. Dort sieht man unter anderem den Stich von Paul Bürde (Abb. 1), der das in der Frankfurter Paulskirche tagende Parlament von 1848 zeigt und auf dem insgesamt 81 Abgeordnete porträtiert sind. Neben den Abgeordneten erkennt man auf den Besuchertribünen auch einige Frauen. Mit deren Rolle in der Revolution von 1848/49 beschäftigt sich in diesem Blogbeitrag Prof. Dr. Daniel Morat, Kurator am Deutschen Historischen Museum für das 19. Jahrhundert in der in Vorbereitung befindlichen neuen Ständigen Ausstellung.
Was wäre gewesen, wenn sich Frauen 1848 nicht mit den Zuschauerplätzen hätten begnügen müssen und ins Parlament hätten gewählt werden können? Diese Frage ist wohl falsch gestellt, denn das passive Wahlrecht für Frauen lag tatsächlich sehr weit außerhalb des politischen Vorstellungsvermögens der meisten Männer und auch Frauen in den 1840er Jahren. Die allgemeine Politisierung der Gesellschaft im sogenannten Vormärz, den Jahren zwischen dem Wiener Kongress 1815 und der Märzrevolution 1848, hatte jedoch auch viele Frauen ergriffen. Obwohl die (von Männern formulierte) Idee der bürgerlichen Gesellschaft eine klare Trennung zwischen der privaten Sphäre der Frauen und der öffentlichen Sphäre der Männer vorsah, wurde diese Trennung in der gesellschaftlichen Wirklichkeit vielfach aufgebrochen. So konnten sich auch bürgerliche Frauen an der politischen Publizistik im Vormärz beteiligen und in semi-öffentlichen Salons das politische Gespräch organisieren. Schon vor 1848 erstritten sie sich den Zugang auf die Besuchertribünen vieler Landesparlamente.
In der Paulskirche war die Zulassung von Zuschauerinnen dann wenig kontrovers. Frauen wurden durchaus als Teil der sich hier formierenden Nation wahrgenommen, selbst wenn ihre politische Repräsentation allein durch die Männer erfolgen sollte. Auf der sogenannten Damengalerie fungierten sie als „teilnehmende Beobachterinnen“ (Alexa Geisthövel), unterrichteten Freundinnen, Freunde und Familie per Brief über die Verhandlungen und hielten ihre Beobachtungen in Parlamentstagebüchern fest. Das gilt etwa für die Frankfurter Publizistin Clotilde Koch-Gontard, die zugleich einen wichtigen Salon unterhielt, in dem viele Abgeordnete ein und aus gingen und der so die politische Kommunikation zwischen Parlament und Stadtgesellschaft beförderte.
Während die Aktivität von Frauen in den Parlamenten und politischen Clubs (den Vorformen der heutigen Parteien) auf das Zuschauen und Kommentieren von der Galerie aus beschränkt blieb (Abb. 2), konnten sie auf den Barrikaden auch mitkämpfen. Viele der Revolutionärinnen, deren Namen man heute noch kennt, haben sich durch ihre Beteiligung an den bewaffneten Kämpfen in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben.
Das gilt für Emma Herwegh und Amalie Struve in Baden ebenso wie für Lucie Lenz, die beim Zeughaussturm im Juni 1848 in Berlin dabei war. Oder für Henriette Zobel, die in Frankfurt für schuldig befunden wurde, den preußischen General Hans von Auerswald beim Barrikadenkampf mit ihrem Regenschirm erstochen zu haben. (Der Regenschirm wird heute im Historischen Museum Frankfurt ausgestellt.) Das Dienstmädchen Pauline Wunderlich erlangte traurige Bekanntheit, weil sie in einem Aufsehen erregenden Prozess für ihre Beteiligung am Maiaufstand 1849 in Dresden zu lebenslanger Zuchthaushaft verurteilt wurde. Ob sie es ist, die auf dieser Bilderzeitung aus Dresden (Abb. 3) unten rechts verewigt wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Das Bild der Barrikadenkämpferin übt jedoch noch heute eine gewisse Faszination aus, gerade weil es den im 19. Jahrhundert etablierten Geschlechterzuschreibungen widerspricht.
Die Frauen auf den Barrikaden stellten allerdings die Ausnahme dar. Es ist in der Forschung wiederholt darauf hingewiesen worden, dass Parlamente und Barrikaden primär männliche Orte waren und dass eine Fokussierung auf diese Orte bei der Beschäftigung mit der Revolution von 1848/49 die Frauen systematisch aus dem Blick bzw. an den Rand geraten lässt. Wendet man sich jedoch allgemeiner den Reformbemühungen der Zeit zu, etwa auf dem Feld der Erziehung und der Bildung, begegnet man einer Vielzahl politisch engagierter Frauen, die das Freiheitsversprechen der Revolution auch für sich und ihre Geschlechtsgenossinnen in Anspruch nehmen wollten. Zu den bekanntesten unter ihnen gehört Louise Otto (ab 1858 Otto-Peters). Die aus Meißen stammende Publizistin war schon vor 1848 mit dem demokratischen Politiker und Publizisten Robert Blum im engen Austausch (Abb. 4), in dessen „Sächsischen Vaterlandsblättern“ sie bereits 1843 feststellte: „Die Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates ist nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht“.1 1848/49 setzte sie sich dann auf vielfältige Weise für die Verbesserung der Stellung der Frauen ein, vor allen Dingen was ihr Recht auf Bildung und auf freie Erwerbstätigkeit anbelangte.
Im Zuge der Revolution von 1848/49 wurde einer wachsenden Anzahl von Frauen bewusst, dass das politische Freiheitsversprechen nur unzureichend eingelöst wird, wenn es ausschließlich den Männern zugutekommt, ja dass dann eine Hälfte des Menschengeschlechts, wie Louise Otto es ausdrückte, in Knechtschaft belassen werde. Die Enttäuschung darüber, dass es nur sehr wenige Männer waren, denen das ebenfalls bewusst wurde, veranlasste Louise Otto und andere dazu, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, eigene Vereine zu gründen und eigene Zeitschriften herauszugeben. Selbst wenn nach dem Ende der Revolution 1849 viele davon wieder eingingen oder verboten wurden und selbst wenn der Allgemeine Deutsche Frauenverein erst 1865 gegründet wurde, lässt sich der eigentliche Beginn der organisierten Frauenbewegung in Deutschland auf die Revolution von 1848/49 zurückführen.
2. Frauen und die Revolution. 1848 als Frauenaufbruch
Bis heute wird die Geschichte der Demokratie und damit auch der Revolution von 1848 häufig auf mutige Männer und ihre Taten verkürzt. Wo und wie waren Frauen 1848 an der Revolution beteiligt und an welchen konkreten Orten war weibliches Engagement zu finden?
"Aber als Schmach empfand ich es doch, daß Frauen nach wie vor von politischen Versammlungen ausgeschlossen waren", schrieb die Schriftstellerin und Lyrikerin Louise Otto 1848 über die Damengalerie in der Paulskirche, von der aus Frauen die Parlamentssitzungen verfolgen durften. Die Enttäuschung saß tief: Sie konnte weder einen Abgeordneten für die Paulskirche wählen noch konnte sie selbst als Abgeordnete einziehen.
Bis heute wird die Geschichte der Demokratie, die zu Recht auch mit der Revolution von 1848 verknüpft wird, häufig auf mutige Männer und ihre Taten verkürzt. Es sind vorzugsweise Revolutionäre, Parlamentarier und angehende Politiker, an die erinnert wird, wenn es um die Demokratiegeschichte im 19. Jahrhundert geht. Die "Männerzentriertheit" von Revolutions- und Demokratieerzählungen beschränkt sich allerdings nicht auf die Ereignisse um 1848. Die Historikerin Hedwig Richter hat darauf hingewiesen, dass auch und gerade demokratische Staaten dazu neigen, alle Revolutionen als ihr Erbe zu zelebrieren. "Der zentrale Topos eines globalen Demokratienarrativs lautet: Demokratiegeschichte ist ein revolutionärer Kampf von unten gegen oben, und es liegt auf der Hand, dass diese Geschichte in aller Regel eine Männergeschichte ist."
Diese Überlegungen dienen als Ausgangspunkt für die Frage, ob das nachträgliche Revolutionsnarrativ den Blick auf die Erfolge und den partiellen Aufbruch von Frauen rund um die Revolution von 1848 verstellt hat. Hat die starke Konzentration der Forschung auf den parlamentarischen Arm der Revolution dazu geführt, dass Frauen viel stärker als ausgeschlossen gedacht werden, als sie es waren? Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Behinderungen und Diskriminierungen von Frauen als politische Bürgerinnen waren enorm. Diese fußten auf einem polar gedachten Geschlechterverhältnis, das Frauen in den unpolitisch-privaten Bereich verwies. So wurde auch der Ausschluss aus der Paulskirche begründet. Allerdings zeigt die Tatsache, dass die Verhandlungen vor den Augen und Ohren anwesender Frauen abgehalten wurden, dass Frauen als Mitglieder der Nation wichtig waren.
In diesem Artikel möchte ich aufzeigen, wo und wie Frauen an der Revolution beteiligt waren und an welchen konkreten Orten weibliches Engagement zu finden war.
Orte der Gewalt: Barrikadenkämpfe und ein Attentat

Der Barrikadenkampf scheint ein typisch männlicher Revolutionsort zu sein. Schließlich wird hier mit Waffengewalt verteidigt, und Waffen gelten als ein männliches Werkzeug. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass auch Frauen auf den Barrikaden waren. So kämpften Frauen auf den Barrikaden in Dresden und Berlin, und auch die Festung in Rastatt wurde gemeinsam von Männern und Frauen verteidigt. Von den Berlinerinnen etwa ist bekannt, dass sie Steine als Wurfgeschosse beschafften und auf Hausdächer und Kirchen hochtrugen – auf der Liste der Märzgefallenen sind elf Frauen mit Namen bekannt. Auch in Trier, Elberfeld und Frankfurt am Main beteiligten sich Frauen aktiv am Barrikadenbau, ebenso in Wien. Dabei handelte es sich sowohl um Bürgerliche als auch um Frauen aus der Unterschicht. Dass das gemeinsame Wachen an den Barrikaden Vorstellungen von Geschlechterrollen erheblich störte, zeigt die Tatsache, dass es in Wien zu massiven Abwertungen in der Presse kam. Die in den Berichten formulierten Ängste beziehungsweise sexuellen Fantasien spiegeln dabei nicht nur die Irritation der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung wider, sondern vor allem die ansonsten strenge Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit und außerhalb von Familien.
Besonders "aufregend" und grenzensprengend waren Frauen, die sich entschlossen, mitzukämpfen oder Kampfhandlungen zu unterstützen. So beteiligte sich in Baden etwa Amalie Struve am sogenannten Heckerzug und erlebte auch das Gefecht auf der Scheideck bei Kandern. Sie versuchte zusammen mit ihrem Mann Gustav, beim sogenannten Struve-Putsch eine Republik auszurufen, was misslang, wurde verhaftet und musste im Freiburger Turm einsitzen. Das hielt sie allerdings nicht davon ab, sich 1849 der badischen Revolutionsarmee anzuschließen, die vom preußischen Militär aufgerieben und in der Festung Rastatt eingeschlossen wurde, wo sie schließlich am 23. Juli 1849 kapitulieren musste. Es waren nicht viele Frauen, die sich Kampfhandlungen zutrauten, und auf ihre Sonderposition innerhalb der Revolution ist immer wieder hingewiesen worden. Doch was bedeutet es auf lange Sicht betrachtet, dass es die reitenden, schießenden und kämpfenden Revolutionärinnen gab – und diese auch ihren Zeitgenoss:innen sehr gut bekannt waren?
Obwohl diese Frauen Ausnahmen waren, sollte ihre Bedeutung für die revolutionären Ereignisse auf einer symbolischen Ebene nicht unterschätzt werden. Ihre Handlungen dienten auf der einen Seite der Reaktion als warnendes Beispiel dafür, dass eine Frau durch die Beschäftigung mit Politik für ihren angestammten Beruf, nämlich Ehefrau und Mutter zu sein, nicht mehr infrage komme. Auf der anderen Seite befeuerten solche Aktivitäten aber auch die Hoffnungen bei denen, die sich nicht nur eine Veränderung der Staatsform wünschten, sondern auch andere Geschlechterrollen. Dazu gehörten durchaus auch manche Männer. 1848 kam es "vorübergehend – zu einer (begrenzten) Aufspaltung des Konzepts der Geschlechtseigentümlichkeiten 'des Mannes'. Demokraten und Liberale vertraten andere Vorstellungen von Männlichkeit als die Militärpartei und zivile Konservative."
Dass männliche Vorurteile gegen "politisierende Frauen" in und vor allem nach der Revolution einen breiten Raum einnahmen, zeigt sich auch an dem Fall der Henriette Zobel, die als "schirmschwingende 'Megäre', 'Furie' und mutmaßliche Fürstenmörderin in die Frankfurter Geschichte" einging. Dieses Bild zeichnete Christian Reinhold Köstlin, der 1853 als Gerichtsgutachter über die Ermordung der beiden Abgeordneten Hans Adolf Auerswald, preußischer Generalmajor, und Fürst Felix von Lichnowsky 1848 in Frankfurt am Main einen Bericht vorlegte. Mit ihrem Regenschirm soll die Ehefrau des Lithografen Karl Zobel auf die beiden Abgeordneten eingeprügelt und so ihren Tod mit verursacht haben. Die Tat trug sich am 18. September 1848 zu, bereits am nächsten Tag wurde sie verhaftet und 1853, nach Jahren in Untersuchungshaft, wegen Teilnahme an einem Komplott zu 16 Jahren Zuchthaus verurteilt. Es ist im Nachhinein nicht zu rekonstruieren, ob und wie Henriette Zobel in die Ermordung der beiden Abgeordneten verwickelt war – aber darum ging es damals auch nicht. Vielmehr sollte ein Exempel statuiert werden, denn Zobels politisches Engagement wurde im Gerichtsgutachten dezidiert geschildert und ihr zulasten ausgelegt. So führte der Gutachter aus: "Um Politik will sich die Angeschuldigte gar nicht bekümmert haben. Allein der Vertheidiger führte (…) sehr treffend aus, daß dieser ihrer Behauptung ganz und gar nicht zu glauben sei, vielmehr zusammentreffende Gründe für das gerade Gegentheil sprechen, und zwar namentlich: das (…) über sie im Umlauf gewesene Gerücht, daß sie täglich die Paulskirche besucht habe, ihr Zugeständniß am Sonntag (17. Sept.) auf der Pfingstwaide bei den Reden von Zitz und Genossen anwesend gewesen zu sein." Die Beschäftigung von Frauen mit Politik im Kontext der Revolution von 1848 konnte also strafverschärfend wirken.
Orte des Handelns: Vereine und Feste
Vereine, gesellschaftliche Zusammenschlüsse und Parteien waren sowohl im Vorfeld als auch während und nach der Revolution wichtige politische Orte. Deshalb ist es nicht weiter erstaunlich, dass auch Frauen während der Revolution Vereine gründeten. Einer der wichtigsten und bekanntesten dürfte der von Kathinka Zitz gegründete Mainzer Frauenverein Humania gewesen sein. Der Verein wollte politisch Verfolgte unterstützen, Verwundete pflegen und Geld sammeln, um weitere Waffen zu kaufen. Trotz und vielleicht auch gerade wegen dieses klar politischen Programms war die Beteiligung an der Gründungsversammlung am 17. Mai 1848 enorm. Viele Frauen fühlten sich angesprochen, vermutlich auch deshalb, weil Zitz es verstand, ihnen eine Möglichkeit aufzuzeigen, die Revolution zu unterstützen, ohne ihren angestammten Platz in der Gesellschaft völlig aufgeben zu müssen, da die Ziele des Vereins mit der bürgerlichen Frauenrolle in Einklang zu bringen waren. Trotzdem sprach Zitz Frauen als Staatsbürgerinnen an und machte ihnen ihre politische Rolle in diesen Zeiten klar. Ihr ging es "vorrangig um einen weiblichen Zusammenschluss, der den Bürgerinnen bei der Erfüllung ihrer gesellschaftlichen Pflichten helfen, ihnen aber auch ein Engagement in der Revolution ermöglichen sollte. Auf diese Weise wollte sie die Frauen befähigen, nicht nur ihre Pflichten als Hausfrau, Mutter und Ehefrau zu erkennen und zu erfüllen, sondern auch diejenigen als 'Bürgerin' und 'Vaterlandsfreundin'." Der Gründung in Mainz folgten weitere Frauenvereinsgründungen, so in Kastel, Alzey, Bonn, Darmstadt, Frankfurt am Main und Worms.
Durch diese Vereinsgründungen eroberten Frauen den öffentlichen Raum. Sie überschritten damit die ihnen zugesprochene Sphäre und begannen, als Staatsbürgerinnen zu handeln. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese Erfahrung bei einigen der Frauen dazu führte, dass sie sich auch in den zahlreichen Frauenvereinen engagierten, die ab den 1860er Jahren entstanden.
Eine weitere Möglichkeit, sich für die Revolution zu engagieren und das bestehende Geschlechterverhältnis zu akzeptieren, boten die ausgesprochen beliebten Fahnenweihen. Dabei stickten die meist bürgerlichen Frauen für die überall entstehenden Bürgerwehren Fahnen, die diesen dann in feierlichen Prozessionen überreicht wurden. Die Organisation lag dabei vollständig in den Händen von Frauen, wobei sich ihnen "für ein paar Stunden Türen zu Räumen [öffneten], die lange der bürgerlich-männlichen Öffentlichkeit vorbehalten gewesen waren", etwa Rathäuser oder Bürgergesellschaften. Auch hierbei lernten Frauen das Agieren in der Öffentlichkeit kennen und schätzen. Zusätzlich konnten sie sich mit Schwestern im Geiste vernetzen und damit die Grundvoraussetzung für weitere politische Frauenarbeit schaffen. Bei den feierlichen Fahnenübergaben, die meistens nach dem Morgengottesdienst stattfanden, holten die Bürgerwehren die Frauen von einem zentralen Gebäude ab, beispielsweise vom Rathaus, und gemeinsam marschierte die Gruppe zum Festplatz. Dabei waren die Frauen mit schwarz-rot-goldenen Bändern geschmückt und nahmen auf dem Festplatz besondere Ehrenplätze ein. Der Höhepunkt war dann die feierliche Übergabe der Fahne und der Treueschwur auf diese, der vor den Augen der anwesenden Frauen abgelegt wurde. Darin verpflichteten sich die Männer der Bürgerwehr, das Vaterland, die Nation und die Freiheit zu verteidigen und die Frauen zu beschützen. Hierbei wurde das Geschlechterverhältnis "von weiblicher Ehre und männlichem Schutz" festgeschrieben. Viele Frauen identifizierten sich bei diesen Feiern mit den nationalen Zielen der Revolution. Sie versuchten, sich – gemäß ihrer festgeschriebenen Rolle – politisch selbstständig einzubringen und unterstützten so den Willen zur Veränderung. Allerdings stabilisierten sie durch dieses Engagement auch das Geschlechterverhältnis, das Frauen aus dem öffentlich-politischen Raum ausschloss.
Orte des Schreibens: Zeitungen, Briefe, Erlebnisberichte
Die revolutionären Erhebungen der 1830er und vor allem der 1840er Jahre sind ohne die Entwicklung einer freieren Presselandschaft nicht denkbar. Und so steht neben der Forderung nach einer Verfassung, nach Vereins- und Versammlungsfreiheit vor allem die Idee der Pressefreiheit. Der Historiker Günter Wollstein geht von rund 1.700 Zeitungen aus, die die revolutionären Umbrüche begleiteten, kommentierten und befeuerten. Dabei waren diese Blätter sehr unterschiedlich, von sehr großen auflagenstarken Organen bis hin zu "improvisierten Blättern mit wenigen Erscheinungsnummern". Bei der Einschätzung darüber, wie einflussreich sie waren, muss bedacht werden, dass das Lesen vor allem in der Öffentlichkeit stattfand. Die Blätter zirkulierten in Lesegesellschaften, Lesehallen und auch in Kneipen; Maueranschläge wurden teilweise laut vorgelesen, sodass auch Analphabet:innen, die in der damaligen Bevölkerung geschätzt etwa 20 Prozent ausmachten, mit den neuen Inhalten vertraut waren.

In dieser Medienrevolution kam es sowohl zum Aufbruch von Frauen als Herausgeberinnen eigener Zeitungen als auch zu Debatten um die Frauenfrage in der allgemeinen Presse. Das bekannteste Beispiel einer solchen Debatte ist in den "Sächsischen Vaterlandsblättern"
nachzulesen. 1843 reagierte die damals bereits bekannte Louise Otto auf einen dort erschienenen Artikel des Demokraten und Publizisten Robert Blum, der in seinem Beitrag "Über die Theilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben" nach der politischen Partizipation von Frauen fragte und sich von seinen Lesern und Leserinnen wünschte, darüber in der Zeitschrift zu debattieren. Neben Louise Otto, die sich für eine selbstverständliche Teilnahme von Frauen am Staatsleben aussprach und damit auch das Frauenwahlrecht meinte, antworteten noch andere Frauen und ein Mann, meist anonym, die sich ebenfalls für ein politisches Engagement von Frauen aussprachen. Daraus ist zu folgern, "daß Frauen die politische Aufbruchstimmung im Vormärz nutzten und sich in den öffentlichen Kommunikationsprozeß einmischten".
Noch deutlicher wird diese weibliche Einmischung, wenn man die vier eigenständigen Frauenzeitschriften dieser Zeit bedenkt. Diese waren die "Frauen-Zeitung" von Mathilde Franziska Anneke, die im September 1848 das erste Mal erschien und nur zwei Nummern umfasste; ferner "Der Freischärler", herausgegen von Louise Aston, der es 1848 immerhin auf sechs Nummern brachte; die "Soziale Reform" von Louise Dittmar, die zwischen Januar und April 1849 erschien; und schließlich die "Frauen-Zeitung" von Louise Otto, die zwischen 1849 und 1852 erscheinen konnte. In Letzterer publizierten übrigens auch Männer. Louise Otto begründete dies damit, dass es nicht darum gehen könne, ein Blatt nur für Schriftstellerinnen aufzubauen. Vielmehr gelte es, Frauenrechte zu verteidigen, und dies könne tun, "wer es will und kann". Diese Briefpassage, die Otto vermutlich zu Beginn des Jahres 1848 an den Schriftsteller Julius Schanz schrieb, verdeutlicht sehr gut, dass für sie politische und gesellschaftliche Frauenrechte ein selbstverständlicher Teil der liberalen Forderungen der Vormärzzeit und der Revolution waren. Sie setzte zuversichtlich auf die Unterstützung von liberalen und fortschrittlichen Männern – eine Unterstützung, die jedoch nicht immer gewährt wurde.
Die Frauenzeitungen der 1840er und beginnenden 1850er Jahre wurden alle verboten. Bis auf die "Frauen-Zeitung" von Louise Otto konnten sie nur wenige Nummern lang erscheinen, bevor sie eingestellt werden mussten oder die Herausgeberinnen durch Ausweisung oder Flucht an der weiteren Veröffentlichung gehindert wurden. Trotzdem sind diese Publikationen wichtige Zeugnisse eines erwachenden weiblichen politischen Bewusstseins. Durch ihre Mitarbeit an diesen frühen Zeitschriften hatten Frauen "einen der wichtigsten Schritte auf dem Weg zu ihrer Selbstbestimmung" getan. "Sie schufen sich nicht nur durch die Forcierung ihrer Bildung und die damit verbundene Vereinsbewegung neue Handlungsräume, sondern ihre Freiheit begann bereits mit der aktiven Beteiligung an der 'Frauen-Zeitung'."

Eine besonders spannende Quelle sind die nachträglichen Berichte der Zeitgenoss:innen, die damit begannen, das Bild der Revolution zu prägen. Unter ihnen waren auch Frauen. Vor allem Emma Herwegh, Amalie Struve und Mathilde Franziska Anneke sind hier zu nennen. Wie viele der liberalen Männer auch, versuchten Frauen in diesen Werken ihr Engagement zu rechtfertigen. So geht es Emma Herwegh in ihrer Schrift vorzugsweise darum, die Entscheidungen ihres Mannes Georg, der Vorsitzender der Deutschen Demokratischen Legion war und mit einer kleinen bewaffneten Gruppe im April 1848 den Heckerzug unterstützen wollte, zu erklären und den von konterrevolutionärer Seite "verfälschenden" Darstellungen entgegenzutreten: "daß es mir im Interesse der Wahrheit nicht unwichtig scheint, die Sache in ihrem rechten Lichte hinzustellen, so wies eben nur der vermag, der wie ich vom Anfang bis zum Schluß dem ganzen Unternehmen Schritt für Schritt mit Sympathie und thätiger Theilnahme gefolgt ist". Sie agiert hier "typisch" weiblich, stützt und stärkt ihren Mann, nimmt sich selbst zurück und stellt ihr eigenes Dabeisein beim bewaffneten Feldzug nicht in den Vordergrund. Die weibliche Charaktereigenschaft der Unterstützung des geliebten Mannes wurde auch in ihren Nachrufen präsentiert, etwa im "Neues Wiener Journal", in dem 1904 anlässlich ihres Todes eine Passage aus den Erinnerungen des Otto von Corvin zitiert wurde, der zusammen mit den Herweghs das Gefecht bei Dossenbach erlebt hatte. "Für sich fürchtete, für sich sorgte sie nie, nur für ihren Mann, den sie mit außerordentlicher Zärtlichkeit liebte und auf dessen Talent und Ruf sie mit Recht stolz war."
Die Liebe zu einem Revolutionär war das zeitgenössische Argument, sich das politische Handeln von Frauen zu erklären. Es ist spannend zu sehen, dass dies sogar von der unerschrockenen Revolutionärin Emma Herwegh in ihren Erinnerungen selbst vorgebracht wurde. Mit dieser Diskursfigur "unterschätzte oder verkannte sie (…) die Bedeutung einer spezifisch weiblichen Interessenvertretung (…). [Sie] vertrat damit im Grunde eine Position, mit der sie zwar ihrem partnerschaftlichen Ideal von den Geschlechterbeziehungen verhaftet blieb (…), aber eine Verrechtlichung der weiblichen Gleichstellung offenbar nicht, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt, in Erwägung zog."
Mit dieser Literatur eng verbunden sind die teilweise publizierten Briefe, die die Achtundvierziger in einem ausgefeilten Netzwerk miteinander verband. Briefe waren "das geeignetste Kommunikationsmittel zwischen den versprengten Achtundvierzigern, zumal sie häufig nicht weiter an ihren Heimat- oder ursprünglichen politischen Wirkungsorten leben konnten, sondern inhaftiert waren, sich versteckten, innerhalb des Deutschen Bundes in liberalere Staaten ausgewichen waren oder in die Nachbarländer Schweiz, Frankreich oder Belgien emigriert und von dort meist weiter nach Großbritannien und in die USA vertrieben worden waren". Wenn man sich den hinterlassenen Briefen von Frauen zuwendet, die noch weit weniger erforscht sind als die der Männer, ist es interessant zu sehen, dass darin nicht zwischen "öffentlich" und "privat", zwischen Geschäftsbrief oder Privatbrief und auch nicht zwischen "öffentlicher Person" und "privater Person" unterschieden wird. Allerdings werden hier auch keine reinen Freundschaftsbriefe ausgetauscht. Vielmehr werden alle Bereiche miteinander verbunden und dezidiert politische Positionen verhandelt.
Exemplarisch kann dies an den Briefen der Frankfurterin Clotilde Koch-Gontard gezeigt werden, die 1969 herausgegeben wurden. In diesen Briefen beschrieb die Unternehmergattin und politische Saloniere ihr leidenschaftliches Engagement für die Paulskirche. Sie hatte den "Deidesheimer Kreis" kennen gelernt, in dem führende Vertreter des rheinisch-südwestdeutschen Liberalismus und der deutschen Einheitsbewegung zusammengeschlossen waren. Neben sehr dezidierten politischen Stellungnahmen, die sie als Besucherin der Paulskirche abgab, schilderte sie in diesen Briefen auch den Haushalt, den Gesundheitszustand von Familienangehörigen oder andere scheinbar "private" Angelegenheiten. Dass diese Passagen lange nicht als das erkannt wurden, was sie sind, nämlich der gesellschaftliche "Klebstoff", der die Beziehungen der Protagonist:innen zusammenhielt, zeigt die Tatsache, dass sie nicht wortgetreu in die Briefsammlung aufgenommen wurden, sondern zusammengefasst: "Familienverhältnisse Gagerns; Ausflug nach Eppstein; Besuch in Hornau; dankt für Pfirsiche und Trauben". Diese Auslassungen verkennen aber auch lebenspraktische Bezüge, die für jede Art von (politischer) Handlung zwingend notwendig sind, etwa die Frage nach Unterbringung und Verpflegung. Im Hause Koch-Gontard wohnte fast der gesamte Deidesheimer Kreis und wurde hier auch verpflegt. Damit wurde praktische Politik in Frankfurt für diese Männer möglich – durch eine Frau, die sich und ihre Familienressourcen in den Dienst der Revolution stellte. Dies tat sie aus Überzeugung als Demokratin, obwohl sie selbst immer wieder darüber reflektierte, dass es ihr eigentlich nicht zustehe, sich politisch zu engagieren. So schreibt sie am 22. März 1848 an Karl Mittermaier: "Jetzt weniger als jemals noch mag ich meine Stellung in dieser Beziehung begreifen, und es macht mir recht viel Mühe, die Küche als den Hauptschauplatz meiner Tatkraft anzusehen." Oder am 20. Juni 1848 an Josefine Buhl: "Ich habe es in den letzten Zeiten recht schmerzlich empfunden, nur eine Frau sein zu müssen, die das Zusehen hat, und doch mit Gefühl und Tatkraft im Leben begabt
ist."
Vorbereitung der organisierten Frauenbewegung
Nicht viele Frauen standen 1848 auf den Barrikaden, nahmen ein Gewehr in die Hand oder schwangen den Regenschirm. Nicht viele gaben Zeitungen heraus, schrieben Erinnerungen oder beteiligten sich am Briefnetzwerk der Achtundvierziger. Und auch nicht alle gründeten Vereine, sammelten Geld für die Hinterbliebenen oder stickten Fahnen für den Freiheitszug. Aber es gab sie, sie waren öffentlich wahrnehmbar, über sie wurde – bewundernd oder ablehnend – gesprochen, und sie zeigten deutlich auf, dass es viele Wege gab, sich politisch zu engagieren. Die Erfahrungen, die diese Frauen in der Revolution von 1848 machten, trugen reichlich Früchte. Denn in den 1860er Jahren gründete die ehemalige Revolutionärin Louise Otto-Peters in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Frauenverein und stieß damit die organisatorische Phase der bürgerlich-liberalen Frauenbewegung an. Überspitzt gesagt: Das vielfältige weibliche Engagement in den 1840er Jahren hatte die Gründung der Frauenbewegung vorbereitet – der Kampf um die weibliche Seite der Demokratie ging in eine neue Runde.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Morat, Daniel: Frauen in der Revolution 1848/49, in: DHM-Blog, online verfügbar seit 27.03.2024 unter: https://www.dhm.de/blog/2024/03/27/frauen-in-der-revolution-von-1848-49/, zuletzt geprüft am 07.12.2025.
-> Wolff, Kerstin: Frauen und die Revolution. 1848 als Frauenaufbruch, in: bpb.de, online verfügbar seit 10.02.2023 unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/1848-49-2023/518140/frauen-und-die-revolution/, zuletzt geprüft am 02.02.2026.
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Sekundärliteratur
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Die Revolutionen in Europa
Inhaltsverzeichnis
1. Aufstände in Europa. 1848 Jahr der Hoffnung.
1. Aufstände in Europa. 1848 Jahr der Hoffnung.
Ein beispielloser politischer Sturm fegt ab Februar 1848 über Europa: Ausgehend von Paris, lehnen sich vielerorts auf dem Kontinent Menschen auf gegen das eiserne Bollwerk der Monarchien, begehren Freiheiten, Demokratie und nationale Selbstbestimmung. Die heftige Kaskade der Revolutionen lässt die alten Regime taumeln. Doch die schlagen brutal zurück
Eine trügerische Ruhe liegt in den ersten Tagen des Jahres 1848 über Europa. Fürsten und Könige gebieten über den Kontinent, vielerorts mit nahezu unumschränkter Macht. Gut drei Jahrzehnte zuvor haben sie die alte Herrschafts ordnung wiederhergestellt – nach dem Sieg über Napoleon, der mit seinen Eroberungen das politische Gefüge vom Atlantik bis zum Ural durcheinandergewirbelt hatte. Wer öffentliche Kritik wagt oder sich umstürzlerischer Bestrebungen verdächtig macht, dem drohen Gefängnisstrafen oder Verbannung. Und in den wenigen Ländern, in denen überhaupt ein Parlament existiert, ist nur eine kleine Elite wahlberechtigt.
Doch die Französische Revolution hat eine Idee verbreitet, die kaum mehr aus der Welt zu schaffen ist: Auf dem Willen des Volkes sollen Staaten gründen, nicht auf der Autorität von Fürsten. Immer stärker verstehen sich zudem Menschen mit gemeinsamer Sprache und Kultur als Angehörige einer Nation, der ein eigenes Land zusteht. Etwa die Deutschen, deren Heimat in zahlreiche Staaten zersplittert ist – oder die Ungarn und Tschechen, deren Gebiete seit Generationen dem Vielvölkerreich der Habsburger angehören. Zudem gibt es im Bürgertum viele Anhänger des Liberalismus, der die Freiheit des Individuums propagiert. Sie hoffen auf Verfassungen, die Rechte wie Meinungs und Pressefreiheit garantieren sowie die Macht der Könige begrenzen. Radikale Republikaner träumen sogar von der völligen Abschaffung der Monarchie: Die Staatsgewalt soll in der Hand von Parlamenten liegen, die von Armen und Reichen gleichermaßen gewählt werden.
Die Industrielle Revolution hat überdies eine neue gesellschaftliche Klasse hervorgebracht, deren Unzufriedenheit ebenfalls wächst: die Arbeiter. Sie schuften viele Stunden täglich in Fabriken, hausen in den Elendsvierteln der Großstädte und müssen hungern, wenn sie ihre Anstellung verlieren. Immer wieder ist es zu vereinzelten Aufständen gekommen. Aber die Obrigkeiten haben sie blutig niedergeschlagen; die Lage scheint unter Kontrolle.
Doch schon bald wird ein Sturm über Europa hereinbrechen, der kaum einen Staat des Kontinents unberührt lässt. Franzosen und Deutsche, Italiener, Tschechen und andere werden aufbegehren gegen Tyrannei und Unterdrückung – und für eine bessere, freiere Zukunft. Sie werden Schlachten schlagen, Parlamente gründen und Monarchen vertreiben. Die Revolutionen der Jahre 1848 und 1849 lassen plötzlich greifbar erscheinen, was lange nur ein ferner Traum war – ein Europa demokratischer Staaten und freier Völker. Dies ist eine Chronik jener 17 Monate der Hoffnung und der Gewalt.
22. FEBRUAR 1848, PARIS: So harmlos beginnt dieser kalte, nasse Dienstag, dass die Wucht der Ereignisse alle Beteiligten überraschen wird. Um 9 Uhr versammeln sich rund 5000 Unzufriedene an mehreren Orten der Stadt zu Demonstrationen – Studenten, Arbeitslose, Handwerker, Frauen, auch Kinder. Nachdem sich die verschiedenen Züge vereinigt haben, versuchen die Protestierenden zum Parlament in der Nähe der Place de la Concorde zu ziehen.
Die unteren Schichten leiden besonders unter der Wirtschaftskrise, die gerade viele Länder Europas plagt. Frankreich hat zwar ein Parlament, doch es repräsentiert allein die Elite: Wahlberechtigt sind nur Männer, die pro Jahr mindestens 200 Francs direkte Steuern entrichten – nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung. Als Soldaten den Weg zum Parlament versperren, stemmen die Demonstranten Steine aus dem Pflaster und werfen sie auf die Uniformierten. Angehörige der Städtischen Garde drängen die Menschen zurück. Dabei fällt eine Frau zu Boden, prallt mit dem Kopf auf die Straße und stirbt.
ES GEHT UM FREIHEIT — UND UM EINHEIT
Nun entlädt sich die lange aufgestaute Wut auf den Staat. Immer mehr Pariser schließen sich den Demonstranten an, sie rauben Säbel, Degen und Gewehre aus Waffenläden. Zweieinhalb Tage lang erschüttern blutige Kämpfe die Stadt. Viele Nationalgardisten laufen zu den Aufständischen über oder weigern sich, gegen sie zu kämpfen. Näher und näher dringen die Rebellen zum Tuilerienpalast vor, und am Mittag des 24. Februar erscheint König Louis-Philippe die Lage aussichtslos. Er verfasst eine Abdankungserklärung und rasiert sich den Schnurrbart ab, um nicht erkannt zu werden. Dann flieht der Monarch nach England ins Exil.
In den frühen Morgenstunden betritt Alphonse de Lamartine, ein führender Gegner der Monarchie, den Balkon des Pariser Rathauses. Unter dem Jubel der Menge verkündet er: Das Land sei von nun an eine Republik. Und mit der Geschwindigkeit von Eisenbahn und Telegrafen verbreitet sich die Nachricht von Frankreichs Revolution in Europa.
27. Februar, Mannheim: Gustav Struve zögert nicht, als er die Neuigkeiten erfährt. Sogleich organisiert der Anwalt und überzeugte Republikaner im Herzogtum Baden eine Versammlung, zu der rund 1000 Menschen kommen. Sie schreiben eine Petition, fordern darin Pressefreiheit und andere Rechte, Verfassungen für alle deutschen Staaten – und die Wahl eines gemeinsamen Parlaments für die gesamte Nation. Denn die verteilt sich zu dieser Zeit auf 38 eigenständige Fürstentümer und freie Städte, die zusammen den Deutschen Bund bilden, eine lockere Union ohne eigenes Staatsoberhaupt oder Regierung. Die Behörden können nicht verhindern, dass auch anderswo Aktivisten die Mannheimer Schrift nachdrucken und als Flugblatt verteilen: So verbreiten sich die „Märzforderungen“ in den deutschen Landen. Demonstrationen und lokale Aufstände brechen aus, unter anderem im Schwarzwald rebellieren Bauern gegen adelige Großgrundbesitzer.
Aus Furcht vor einem Umsturz geben etliche der kleineren Staaten nach: Die Herrscher von Württemberg, Baden und Nassau etwa lassen sich in den folgenden Tagen auf zahlreiche Forderungen der Demokraten ein, gewähren Pressefreiheit und setzen teils auch neue, liberalere Regierungen ein. Doch die großen Mächte Preußen und Österreich verweigern jegliche Zugeständnisse. 2. März, Brüssel: Nach Aufständen von Arbeitern beschließt die belgische Regierung, das Wahlrecht und die Armenhilfe auszuweiten. So gelingt es ihr, den Unmut zu beschwichtigen. 13. März, Wien: „Verfassung, Verfassung!“ rufen Tausende Demonstranten in der österreichischen Kapitale. Und: „Nieder mit Metternich!“
Niemand verkörpert das reaktionäre Herrschaftssystem so wie Klemens Fürst von Metternich. Nach dem Sieg über Napoleon wurde er 1814 auf dem Wiener Kongress zum Architekten jener Ordnung, die in Europa den Frieden sichern und die Macht der Fürsten garantieren sollte. Als Kanzler hat er Österreich zudem in einen Polizeistaat verwandelt.
BALD ENTZWEIEN SICH DIE REVOLUTIONÄRE
Doch wie in Paris schlagen nun auch hier die Proteste in Gewalt um: Demonstranten werfen Steine auf Soldaten, die für Ruhe sorgen sollen. Die Truppen er öffnen das Feuer, mindestens fünf Menschen sterben. Daraufhin errichten Arbeiter in der ganzen Stadt Barrikaden aus zweckentfremdeten Baumaterialien und Pflastersteinen, aus Kutschen, Möbelstücken und Fässern, reißen Gasleitungen aus dem Boden und zünden sie an. Ein Umsturz droht. Am Nachmittag stellen die Aufständischen ein Ultimatum: Bis um 21 Uhr soll Metternich entlassen werden. In der Wiener Hofburg treffen sich Metternich und die kaiserliche Familie zu einem Krisengespräch. Fast 40 Jahre lang war Metternich einer der einflussreichsten Staatsmänner Europas. Doch nun lässt ihn die Kaiserfamilie fallen, um sich selbst zu retten. Er muss zurücktreten. Zwei Tage später verspricht Kaiser Ferdinand I., die Pressezensur abzuschaffen, ein Parlament wählen zu lassen und eine Verfassung einzuführen – es wäre das Ende der absolutistischen Monarchie.
DER STURZ METTERNICHS erschüttert das habsburgische Imperium, das neben Österreich unter anderem auch Ungarn, Böhmen, Mähren, einen Teil Schlesiens, Kroatien, Gebiete Polens und Italiens umfasst. Viele der dortigen Nationen sehen nun die Chance für mehr Unabhängigkeit gekommen – oder gar für eigene Staaten.
15. März, Prag: Ein von Tschechen dominierter Bürgerausschuss verlangt in einer Petition zunächst Pressefreiheit und weitere Reformen. Doch nachdem die Nachrichten aus Wien eingetroffen sind, erhebt das Gremium eine drastischere Forderung: ein eigenes Parlament für Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien – jene Region, in der viele Tschechen leben. So soll sie im Habsburgerreich mehr Autonomie erlangen. Auch in Budapest, Zagreb und Krakau marschieren in diesen Tagen Demonstranten vor Regierungsgebäuden auf, tragen ähnliche Forderungen vor – mancherorts kommt es zu gewaltsamen Aufständen.
18. März, Mailand: Eine Menschenmenge stürmt das Rathaus und nimmt den Statthalter der Habsburger als Geisel. Seit 1815 gehören große Teile Nordund Mittelitaliens zum österreichischen Imperium – der Rest der Apenninenhalbinsel ist zersplittert in mehrere Fürstentümer und Königreiche. Doch ähnlich wie die Deutschen träumen viele Italiener von einem vereinten Staat.
Binnen Stunden schlagen die 13 000 in der Stadt stationierten habsburgischen Soldaten zurück. Die Bürger bekämpfen sie mit Eisenstangen und erbeuteten Gewehren. Aus den Fenstern schütten Frauen kochendes Wasser auf vorbeilaufende Truppen. Noch während die Gefechte in den Straßen andauern, setzen die Revolutionäre eine provisorische Regierung ein. Nach fünf Tagen zieht sich die Armee zurück. Und am 23. März gelingt es auch den Bewohnern Venedigs, die österreichische Besatzungsmacht zu vertreiben und eine Republik auszurufen. Das gewaltige Reich der Habsburger droht zu zerfallen.
18. MÄRZ, BERLIN: Sturmgeläut erschallt über den Dächern, Kanonendonner in den Straßen. Die Revolution erfasst nun auch die preußische Hauptstadt, die Metropole der Unzufriedenen, in der 30 000 Menschen von der Armenfürsorge leben und jede vierte Familie vom Hunger bedroht ist. In den Tagen zuvor hat das Militär Teilnehmer von Protestversammlungen und Passanten drangsaliert. Dann haben Kavalleristen auch noch gewaltsam den Schlossplatz geräumt, wo sich eine Menschenmenge eingefunden hatte. Doch nun schlägt die Bevölkerung zurück, vor allem Handwerker und Arbeiter, die von der Wirtschaftskrise am heftigsten betroffen sind und sich die Ziele des Bürgertums zu eigen gemacht haben – Freiheit, Demokratie, ein vereintes Deutschland. Mit geraubten Waffen kämpfen sie gegen die Armee. Nachts gießen die Kinder der Aufständischen ihren Eltern neue Kugeln.
Die Truppen werden der Lage nicht Herr, und am folgenden Vormittag beordert Preußens König Friedrich Wilhelm IV. sie zurück in die Kasernen. Die Leichen von knapp 300 Rebellen und 60 Soldaten liegen auf den Straßen, in denen Fahnen in den Farben der nationalen Freiheitsbewegung wehen: Schwarz, Rot und Gold. Der Herrscher weiß, dass vor allem der Armee der Zorn seiner Untertanen galt, nicht ihm. Am 21. März erklärt er sich vor versammeltem Volk demütig selbst zu einem Verfechter der deutschen Einheit: Auch er wolle „die innigste Vereinigung der deutschen Fürsten und Völker unter einer Leitung“. Jubel bricht aus. Nach den meisten anderen deutschen Staaten zeigt sich nun auch Preußen zu Zugeständnissen bereit. Der Weg ist frei für die Wahl einer Nationalversammlung, des ersten gemeinsamen Parlaments für die gesamte Nation.
21. März, Kopenhagen: Nach Demonstrationen entlässt der König von Dänemark die konservative Regierung und weitet das Wahlrecht stark aus. Alle Männer über 30, denen „ihre eigenen Kleider und ihr eigener Tisch“ gehören, dürfen künftig mitbestimmen, wer im Parlament sitzt.
27. März, Sankt Petersburg: Zar Nikolaus I. verbietet die Veröffentlichung jeglicher Nachrichten über Revolutionen in anderen Staaten. Bereits einige Tage zuvor hat er die Westgrenze Russlands weitgehend schließen und von zusätzlichen Truppen bewachen lassen. Statt auf Zugeständnisse setzt der Monarch auf Härte – mit Erfolg: Das Zarenreich bleibt von Umstürzen verschont.
10. April, London: An Großbritannien geht das Feuer der Revolution ebenfalls vorüber. In der Hauptstadt demonstrieren zwar rund 200 000 Menschen für ein allgemeines Männerwahlrecht. Doch obwohl die Forderung nicht erfüllt wird, bleiben die Proteste friedlich. Seit einem Reformgesetz von 1832 gibt es hier anders als im Rest Europas ein Parlament, für das auch Teile der Mittelschicht stimmberechtigt sind.
18. Mai, Frankfurt: Rund 600 Abgeordnete drängen sich in der Paulskirche, angereist aus dem ganzen Land. Die Nationalversammlung tritt zusammen: das erste gesamtdeutsche Parlament der Geschichte. Vertreten sind darin vor allem liberale Intellektuelle, Adelige, Bürger, nicht die Arbeiter und Handwerker, die in den Straßen gekämpft haben. Sogleich machen sich die Abgeordneten daran, eine Verfassung für ganz Deutschland auszuarbeiten.
12. Juni, Prag: Die Habsburger haben Zugeständnisse machen müssen – doch nun schlagen sie zurück. Der kaiserliche General Alfred von Windisch-Grätz lässt zusätzliche Truppen in den Straßen Prags patrouillieren. Eine bewusste Provokation: Wie erwartet demonstrieren wütende tschechische Nationalisten, die nach wie vor auf Autonomie hoffen, und es kommt zu gewaltsamen Ausschreitungen. Als die Tschechen in den Straßen Barrikaden errichten, befiehlt der General den Rückzug und ordert, die Stadt mit Artillerie zu bombardieren, bis die Aufständischen kapitulieren. Nach fünf Tagen ist Prag wieder in der Hand der Habsburger; viele Nationalisten werden verhaftet.
23. Juni, Paris: Es ist, als wiederholte sich die Geschichte. Wie im Februar sammeln sich Demonstranten in den Straßen: Nun begehren Arbeiter gegen die neue republikanische Regierung auf, die vom Besitzbürgertum dominiert ist und kaum Interesse zeigt, die Not der unteren Schichten zu beheben. „Die Revolution fängt aufs Neue an“, rufen die Wütenden. „Freiheit oder Tod!“ Doch die Regierung reagiert mit brutaler Härte, schickt ihnen die Nationalgarde mit Kanonen entgegen. Bis zu 5000 Aufrührer sterben im Kampf oder werden nach ihrer Gefangennahme ohne Prozess erschossen. Der Versuch, dem Sturz der Monarchie eine soziale Revolution folgen zu lassen, verblutet auf den Straßen von Paris.
AUCH ITALIENER TRÄUMEN VON DER GEEINTEN NATION
22. Juli, Wien: Erstmals tritt der österreichische Reichstag zusammen, gewählt von einem Großteil der Männer des Kaiserreichs. Zwei Tage später stellt der Abgeordnete Hans Kudlich, ein 24-jähriger Bauernsohn, den Antrag, die Leibeigenschaft sowie die Fronarbeit abzuschaffen, die Landleute den Grundherren unentgeltlich leisten müssen. Im September wird das Parlament zustimmen. Ähnliche Entlastungen für die Bauern beschließen in diesem Jahr auch die Regierungen oder Abgeordnetenhäuser in einigen deutschen Staaten, Ungarn, Galizien und Dänemark.
7. August, Mailand: Der österreichische General Josef Graf Radetzky erobert die Stadt in der Po-Ebene zurück. Schlacht für Schlacht stellt er die kaiserliche Herrschaft in den italienischen Provinzen wieder her.
AUCH ANDERSWO wird sich zeigen: Zwar sind den Revolu tionären schnelle, überraschende Erfolge gelungen. Doch das Gewonnene zu verteidigen, erweist sich vielerorts als unmöglich. Denn die alten Eliten nutzen die eigene militärische Überlegenheit – und die Uneinigkeit ihrer Gegner.
17. September, Frankfurt: Die deutsche Revolutionsbewegung entzweit sich. Viele Nationalisten wenden sich gegen die eigene Nationalversammlung, der sie vorwerfen, das umkämpfte Schleswig an Dänemark preisgegeben zu haben. Der Konflikt um das Herzogtum im Norden ist so komplex, dass auch die meisten Abgeordneten ihn nicht völlig durchschauen. Wichtig ist seine Wirkung: Wütende Demonstranten geißeln die Parlamentarier als Verräter, versuchen die Paulskirche zu stürmen.
Am 18. September ermorden sie zwei liberal-konservative Abgeordnete in den Straßen Frankfurts. Preußische und österreichische Truppen folgen dem Hilferuf der Nationalversammlung – und schlagen den Aufstand nieder. Das Parlament ist zwar gerettet, aber diskreditiert: Die angebliche Stimme des Volkes braucht zum Schutz vor den Massen die Bajonette der Fürsten.
6. Oktober, Wien: Radikale Demokraten begehren gegen die gemäßigte Regierung auf, die die ungarische Unabhängigkeitsbewegung niederschlagen will. Als eine Menschenmenge den Kriegsminister lyncht, flüchten viele Politiker und die Kaiserfamilie aus Wien. Doch nur wenige Wochen bleibt die Stadt in der Hand der Revolutionäre: Bis zum 30. Oktober erobern 70 000 kaiserliche Soldaten die Kapitale zurück – und behandeln sie wie Feindesland. Die Truppen plündern, vergewaltigen und morden. Der zurückgekehrte Kaiser setzt eine neue Regierung ein, geführt von Felix Fürst zu Schwarzenberg – einem Zögling Metternichs und überzeugten Gegner der Revolution. Bald darauf marschiert eine Armee von 52 000 Mann nach Ungarn. Die von General Windisch-Grätz geführten Truppen treffen zunächst auf wenig Widerstand und beziehen in Budapest ihr Winterquartier.
12. November, Berlin: Ermutigt von den Ereignissen in Wien, gibt nun auch der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. seine Kompromisshaltung auf. Er lässt demokratische Vereine zerschlagen, löst wenige Wochen später das Parlament auf und erlässt eigenmächtig eine durch keine Volksvertretung legitimierte Verfassung. Sie sieht ein Dreiklassenwahlrecht vor, das den Stimmen der Reichsten am meisten Gewicht verleiht. Und erlaubt es dem Monarchen nicht nur, die Regierung einzusetzen und zu entlassen, sondern auch gegen jedes Gesetz sein Veto einzulegen.
15. November, Rom: Ein Mord erschüttert den Kirchenstaat, den Papst Pius IX. de facto als Monarch beherrscht. Auf offener Straße erstechen radikale Republikaner den Premierminister Pellegrino Rossi. Dann versuchen sie, den Palast des Pontifex zu stürmen. Als die Angreifer eine Kanone in Position rollen, lenkt der Heilige Vater ein und ernennt eine mit Demokraten besetzte Regierung. Wenige Tage später flieht Pius nach Süditalien. Im Dezember wählen die männlichen Römer – unabhängig von Stand oder Besitz – eine verfassungsgebende Versammlung: Sie soll Fundament für das Parlament eines künftigen vereinten Italien sein. Im Februar 1849 werden die Revolutionäre den Kirchenstaat zur „Römischen Republik“ erklären.
10. Dezember, Paris: Die Franzosen stimmen für einen neuen Präsidenten – Louis-Napoleon Bonaparte, den Neffen des ehemaligen Herrschers. Arbeiter votieren aus Protest für ihn, weil der republikanische Gegenkandidat als Kriegsminister für die blutige Niederschlagung der Juni-Aufstände verantwortlich war. Und die Landbevölkerung erhofft sich unter anderem Steuersenkungen und eine Rückkehr Frankreichs zu alter Größe. Sein Sieg ist eine fatale Niederlage für die Republik: Der Präsident beruft eine monarchistisch gesinnte Regierung, die politische Klubs und oppositionelle Vereinigungen verbietet. Zudem wird später das Stimmrecht reformiert, um bei Wahlen gezielt arme Arbeiter auszuschließen. So bricht Bonaparte die Macht der Massen, die ihm ins Amt verholfen haben – 1852 wird er sich sogar zum Kaiser krönen lassen.
DIE GEGENREVOLUTION WIRD IMMER MÄCHTIGER
7. März 1849, Wien: Ministerpräsident Felix Schwarzenberg löst das Parlament auf und diktiert eine neue Verfassung: Nahezu alle Macht soll beim Kaiser liegen, kein Volk im Reich der Habsburger einen eigenen Staat erhalten.
27. März, Frankfurt: Die Nationalversammlung verabschiedet die „Verfassung des Deutschen Reichs“. Sie garantiert Grundrechte wie Glaubens-und Pressefreiheit, „jeder unbescholtene Deutsche“ ab 25 Jahren soll bei Parlamentswahlen stimmberechtigt sein (allerdings nur Männer). An der Spitze des vereinten Landes soll ein Kaiser stehen – Friedrich Wilhelm IV., der bislang als König von Preußen über den größten Teilstaat herrscht. Doch im April lehnt der Monarch die Kaiserkrone ab. Sie sei wie ein „Hundehalsband, mit dem man mich an die Revolutionen ketten will“, sagt er zu Vertrauten – eine „Krone aus der Gosse.“
MIT DER ABSAGE ist die Vision eines deutschen Nationalstaates gescheitert. Ohne das große Preußen wäre ein vereintes Land undenkbar. In den folgenden Wochen zerfällt die Nationalversammlung, viele Abgeordnete reisen ab aus Frankfurt. Der preußische König setzt sich nun an die Spitze der Gegenrevolution und lässt seine Truppen überall dort einmarschieren, wo noch Demokraten im Amt sind oder Widerstand leisten, im Rheinland etwa, in Sachsen und der Rheinpfalz.
12. April, Budapest: Der Revolutionsführer Lajos Kossuth verkündet Ungarns Unabhängigkeit von der Herrschaft der Habsburger. Deren Tyrannei zwinge die „bis zu Tode gehetzte ungarische Nation“ zu diesem Schritt. In den Wochen zuvor haben die Freiheitskämpfer den österreichischen Truppen schwere Niederlagen zugefügt. Allein im Westen des Landes können sich die Soldaten noch halten. Die Habsburger sehen nur noch einen Ausweg – und bitten Nikolaus I. um Waffenhilfe. Denn der Zar versteht sich als „Gendarm Europas“ und sein Reich als wichtigstes Bollwerk gegen die Revolution. Und so rücken im Juni 200 000 russische Soldaten von Osten gegen die ungarischen Rebellen vor – während österreichische Truppen von Westen in Richtung Budapest ziehen.
24. April, Civitavecchia: In der italienischen Hafenstadt gehen 6000 französische Soldaten an Land. Louis-Napoleon Bonaparte, Frankreichs Präsident, hat sie geschickt, um die Römische Republik zu vernichten und den gestürzten Papst wieder als Machthaber einzusetzen. So will er die katholischen Konservativen Frankreichs auf seiner Seite halten, auf deren Stimmen er angewiesen ist.
30. Juni, Rom: Kanonenkugeln schlagen in den Straßen der Ewigen Stadt ein, während die Verfassungsgebende Versammlung der Römischen Republik die neue Konstitution ratifiziert. Sie sieht ein demokratisches Regierungssystem sowie völlige Religionsfreiheit vor und verbietet sogar die Todesstrafe. Doch ihre Verabschiedung ist kaum mehr als ein symbolischer Akt. Fast einen Monat dauert die Belagerung durch die Franzosen schon, der Gegner ist überlegen, die Versorgungslage katastrophal. Die Revolutionäre sind am Ende. Noch am selben Tag sprechen sie die Kapitulation aus – und die Republik geht unter.
23. Juli, Rastatt: Seit Wochen schon hält in der badischen Stadt das letzte Aufgebot deutscher Revolutionäre den Truppen Preußens stand. Einige der rund 6000 radikalen Demokraten wollen kämpfen bis zum letzten Mann. Aber die meisten sind nun dafür, Rastatt vor der Zerstörung zu bewahren. Wohl auch in der Hoffnung auf Gnade ergeben sich die Aufständischen. Doch der preußische Oberbefehlshaber lässt sie zu Hunderten erschießen; viele andere kommen ins Gefängnis.
13. August, Világos: An zwei Fronten haben die Ungarn gekämpft, erbitterten Widerstand geleistet – doch die russisch-österreichische Übermacht ist zu groß. Der Revolutionsführer Lajos Kossuth hat sich bereits ins Ausland abgesetzt. Nun unterzeichnet der Befehlshaber der Rebellen in einem Dorf nahe der Stadt Arad eine Kapitulationserklärung. 13 Generäle und der zeitweilige Premierminister des freien Ungarn werden später von den Habsburgern hingerichtet. Die meisten sterben am Galgen – ein besonders schmachvoller Tod.
Mit dem Scheitern des ungarischen Aufstands sind die Revolutionäre nun überall geschlagen. Nach anderthalb Jahren herrscht wieder Ruhe auf dem Kontinent – eine blutig erzwungene Ruhe.
DER TRAUM von einem freieren Europa, dessen Verwirklichung so nah schien, ist im Pulverdampf verblasst. Zu groß waren die Unterschiede zwischen bürgerlichen Eliten und hungernden Arbeitern, zwischen Liberalen und Radikalen, als dass ein starkes Bündnis hätte entstehen können. Zudem lag die militärische Macht stets in den Händen der Fürsten.
Dennoch: Die gescheiterten Revolutionen wirken nach. Nahezu auf dem gesamten Kontinent sind Leibeigenschaft und Frondienste abgeschafft, die Reste des Feudalismus beseitigt. Preußen und weitere deutsche Staaten haben Verfassungen, die Presse- und Meinungsfreiheit garantieren (wenngleich diese Rechte in der Praxis teilweise noch eingeschränkt werden). Es wird Generationen dauern, doch mit der Zeit werden sich auch die meisten anderen Forderungen der „Achtundvierziger“ erfüllen. In Italien etwa verschmelzen 1861 die Fürstentümer zu einem Nationalstaat mit konstitutioneller Monarchie. In Preußen erkennt der eigentlich erzkonservative Fürst Otto von Bismarck, wie groß die Sehnsucht nach nationaler Einheit ist: Als Preußens Ministerpräsident wird er bis 1871 in mehreren Kriegen aus dem zersplitterten Deutschland ein Reich schmieden.
Schließlich wird das Imperium der Habsburger im Ersten Weltkrieg zerbrechen, was vielen Völkern die Unabhängigkeit bringt. Und nach und nach wird sich Europa in einen Kontinent der Demokratien verwandeln.
1848/49 haben die Fürsten noch einmal gesiegt. Aber klar wie niemals zuvor hat der Sturm der Revolutionen offenbart, dass sich ihre Zeit dem Ende neigt.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Schrader, Hannes: Aufstände in Europa. 1848 Jahr der Hoffnung, in: Die Geschichte der Demokratie (GEO Epoche Jg. 2021, Heft Nr. 110), Hamburg 2021, S. 96-105.
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Wende und Ende der Revolution
Persönlichkeiten
Inhaltsverzeichnis
- Emma und Georg Herwegh
- Friedrich Hecker
- Amalie und Gustav Struve
- Robert Blum
- Lorenz Peter Karl Brentano
- Ernst Moritz Arndt
- August von Kotzebue
- Carl Ludwig Sand
- Gebrüder Grimm
- Clara Schumann
- Friedrich Ludwig Jahn
- Ludwig Feuerbach
- Carl Spitzweg
- Heinrich von Gagern
- Johann Gustav Droysen
- Friedrich Daniel Bassermann
- Felix Mendelssohn Bartholdy
- Ludwig Richter
- Heinrich Heine
- Georg Büchner
- Friedrich Wilhelm IV.
- Robert Schumann
- Philipp Jakob Siebenpfeiffer
- Ferdinand Freiligrath
- Louise von Gall
- Levin Schücking
- Annette v. Droste-Hülshoff
- Karl Baedeker
- Ludwig Uhland
- August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
1. Emma und Georg Herwegh
* 10.03.1817 in Stuttgart † 24.03.1904 in Lichtental /
* 31.05.1817 in Berlin † 07.04.1875 in Paris
Georg Herwegh gehörte zu den bedeutendsten Literaten des Vormärz, mit seiner Ehefrau Emma kämpfte er zudem auf Seiten der Radikaldemokraten während der badischen Revolution 1848. Ihre gemeinsame Biographie zeigt die Zerrissenheit der frühen demokratischen Opposition zwischen Exil und Heimat, ebenso wie die Schwierigkeit einer konkreten Umsetzung revolutionärer Forderungen.
Als Tochter eines Berliner Kaufmanns erhielt Emma Siegmund eine außergewöhnlich umfassende Bildung und kam so in Berührung mit verschiedenen Teilen der Vormärzbewegung, unter anderem auch mit den Schriften Georg Herweghs. Herwegh, der nach einem abgebrochenen Studium der Theologie und der Jurisprudenz sich ganz dem Schreiben widmete, galt vielen als einer der herausragenden Literaten des Vormärz. Neben französischen Einflüssen spiegelte sich in seinen Werken auch aufkommende Sozialkritik und politischer Utopismus. 1842 übernahm er die Redaktion des Deutschen Boten aus der Schweiz, ein politisches Exilblatt. Während er für die Zeitschrift auf einer Deutschlandreise warb, lernte er in Berlin Emma Siegmund kennen. Eine Woche später verlobten sich beide. Für Emma war die Heirat zwar ein standesmäßiger Abstieg aus großbürgerlichen Verhältnissen, dafür gewann sie mit Georg Herwegh einen unterstützenden Partner, der sie in ihren politischen Interessen bestärkte.
Die Bedeutung ihrer neuen Verbindung erfuhr Emma Herwegh bereits kurz darauf: Als in Preußen der Deutsche Bote verboten wurde, wurde sie gemeinsam mit ihrem Mann ausgewiesen. Schließlich führte sie ihr Weg über die Schweiz nach Paris, wo beide in politisch-intellektuellen Kreisen mit anderen Emigranten wie Karl Marx und Heinrich Heine weiter das deutsche vorrevolutionäre Geschehen verfolgten. In den Revolutionsmonaten von 1848 wurden sie schließlich erneut politisch aktiv: In Baden bemühten sie sich als Anführer einer bunten Schar aus Gleichgesinnten, die Aufständischen Friedrich Hecker und Gustav Struve zu unterstützen. Besonders Emma Herwegh erwarb sich den Ruf der unerschrockenen Kämpferin, die in Männerkleidung und bewaffnet den Kontakt zu Hecker suchte. Unkoordiniert verliefen jedoch beide Kampfzüge getrennt voneinander. Als württembergische Truppen ihre „Legion“ zerschlugen, konnte sich das Ehepaar Herwegh getarnt als Bauern zurück ins Exil retten. Wie Gustav Struve kehrte Georg Herwegh in den 1860er Jahren nach Deutschland zurück, um sich der Arbeiterbewegung anzuschließen.
2. Friedrich Hecker
In der Figur des badischen Demokraten H. lebte die Erinnerung an die Revolution von 1848 im deutschen Südwesten bis in unser Jahrhundert hinein fort. Das Volkslied und die politische Karikatur nahmen sich im „Heckerlied“ und im „Heckerhut“ (als revolutionärem Emblem) schon zu Lebzeiten seiner an. H. erlangte diese seinen geistigen und politischen Fähigkeiten nicht unbedingt entsprechende Volkstümlichkeit, weil er unter den Führern der 48er Bewegung als Mann der Tat herausragte.
H. studierte 1830-34 in Heidelberg und München Rechtswissenschaften. Nach Examen und Promotion (1834) trat er zunächst in den badischen Staatsdienst. 1838 wurde er am Badischen Oberhofgericht in Mannheim als Advokat zugelassen. Sobald er das vorgeschriebene Mindestalter erreicht hatte, ließ er sich 1842 im Wahlkreis Weinheim-Ladenburg in die Badische 2. Kammer zum Abgeordneten wählen. Er gehörte dort bald zu den Führern der liberalen Opposition. Unbestreitbar besaß er ein natürliches Redetalent, das ihn in Baden bei breiten Kreisen des politisch interessierten Volkes populär machte. Als er im Mai 1845 während einer Reise zusammen mit J. A. von Itzstein aus Preußen ausgewiesen wurde, drang sein Ruf erstmals über Baden hinaus.
H. vertrat bis 1848 einen entschiedenen Liberalismus, der sich von dem politischen Programm der Mehrheit der badischen Liberalen nur dadurch unterschied, daß er eindeutig die Forderung nach einer deutschen Nationalrepräsentation miteinschloß. (Vgl. seine „Ideen und Vorschläge zu einer Reform des Gerichtswesens“ von 1844, in denen er für die Ausbildung eines nationalen Rechts in Deutschland eintritt, und seine Schrift über die Deutschkatholiken, in der er das Prinzip der Religionsfreiheit entwickelt.) Unter dem Einfluß Gustav Struves wandelte er sich 1848/49 zum Demokraten. Nach dem Ausbruch der Februarrevolution bekannte er sich auf den von ihm und Struve einberufenen Volksversammlungen in Offenburg, Freiburg und Heidelberg im März 1848 erstmals öffentlich zur republikanischen Staatsform. Auf dem Frankfurter Vorparlament gehörte er zu der kleinen, aber zielbewußten Minderheit, die die Versammlung zu einem revolutionären Volkskomitee in Permanenz erheben wollte und die Abschaffung der Monarchien verlangte. Obwohl H. von den Radikalen die meisten Stimmen erhielt, wurde er als 51. gerade nicht mehr in den Fünfzigerausschuß gewählt, der das Vorparlament ablösen sollte. Unter H.s Vorantritt verließ die radikale Minderheit das Vorparlament, als die Mehrheit der Versammelten die künftige Reichsverfassung mit den Fürsten vereinbaren wollte.
Nach seiner Rückkehr aus Frankfurt begann H. in Mannheim mit der Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes. Am 12.4. erließ er gemeinsam mit Struve eine Ausschreibung für eine bewaffnete Zusammenkunft in Donaueschingen. Die in völliger Verkennung der politischen Gegebenheiten von H. erwartete levée en masse blieb jedoch aus. Es kamen nur einige Hundert schlechtbewaffneter und mangelhaft geführter Freischärler zusammen, die am 20.4. bei Kandern nach dem ersten Zusammenstoß mit regulären württembergischen Truppen wieder auseinanderliefen. H. floh in die Schweiz, wo er in Muttenz im liberalen Kanton Basel-Land eine Schrift über die „Volkserhebung in Baden“ verfaßte. Diese Selbstdarstellung enthüllt gründlich, wie wenig sein Revoluzzertum mit echter revolutionärer Begabung zu tun hatte.
Im September 1848 wanderte H. in die Vereinigten Staaten aus, wo er nach einer vorübergehenden Rückkehr 1849 wie so viele 48er eine zweite Heimat fand. Er erwarb im Staate Illinois eine Farm und beteiligte sich rege am gesellschaftlichen und politischen Leben der Deutschen in Amerika. Im amerikanischen Bürgerkrieg kämpfte er auf der Seite der Union mit. Seit 1866 nahm er an der Entstehung des deutschen Nationalstaats lebhaften Anteil. Er veröffentlichte 1868 in Mannheim „Gepfefferte Briefe“, in denen er die Beseitigung der Kleinstaaterei durch Preußen begrüßte, zugleich aber forderte, „durch Einheit zur Republik“ zu gelangen. Sosehr er deshalb der deutschen Reichsgründung von 1871 zustimmte, sowenig konnte er sich 1873 auf einer Reise durch deutsche Städte mit der politischen Führung Preußens im Reich befreunden. H. war der alte Gesinnungspolitiker geblieben, der er 1848 gewesen war. Enttäuscht kehrte er nach Amerika zurück.
3. Amalie und Gustav Struve
*02.10.1824 in Mannheim † 13.02.1862 in New York (USA) /
*11.10.1805 in München † 21.08.1870 in Wien (Österreich)
Als Anführer der badischen Revolution 1848 gehörten Amalie und Gustav Struve zum radikalen Flügel der Vormärzbewegung. Dass sie häufig als gescheitertes Revoluzzer-Paar beschrieben werden, verdeckt die vielfältigen demokratischen Tätigkeitsfelder vor und nach 1848, in denen sich beide für politische wie gesellschaftliche Teilhabe einsetzten.
Über sein Amt als Verwaltungsbeamter radikalisierte sich der Jurist Gustav Struve im Vormärz. In regelmäßigen Schriften versuchte er, seine Vorgesetzten auf die Notwendigkeit rechtlicher wie politischer Reformen aufmerksam zu machen. Ab 1834 als Rechtsanwalt in Mannheim tätig, forderte er in eigenen Schriften etwa die verfassungsmäßig zugesicherte Bildung auch für die unteren Schichten ein oder drängte, die Menschenrechte unabhängig von Stand, Bildung und Vermögen gelten zu lassen. 1845 heiratete Struve Amalie Düsar, Tochter aus einem gebildeten, jedoch verarmten Elternhaus, die ihre Familie zunächst als Erzieherin finanziell versorgt hatte. Da Düsar zudem unehelich geboren worden war, rieten viele Weggefährten wie etwa Friedrich Hecker dem adeligen Struve von einer Heirat ab. Beide setzten sich über diese Widerstände hinweg, und auch in Folge verband sie eine fortschrittliche Partnerschaft. Neben ihrem Einsatz für politische Veränderungen pflegten beide auch andere Bereiche ihres Lebens reformerisch zu gestalten. So engagierten sie sich im Deutschkatholizismus und lebten vegetarisch.
In seinen staatswissenschaftlichen Schriften, aber auch in Versammlungen wie 1847 in Offenburg forderte Struve immer wieder Gleichheit und Freiheit vor dem Gesetz ebenso wie einen Nationalstaat. Jedoch scheiterte er mit diesen Forderungen zusammen mit seinem Mitstreiter Friedrich Hecker sowohl im badischen Landtag als auch in der Frankfurter Paulskirche. Auch beim anschließenden Versuch des Ehepaars Struve, die Revolution gewaltsam herbeizuführen, waren sie erfolglos. In verschiedenen Anläufen eines Volksaufstandes scheiterten sie und wurden schließlich gefangen genommen. Früher entlassen, konnte Amalie Struve durch einen geschickten Aufruhr ihren Mann aus dem Gefängnis befreien, doch die Revolution wurde durchs preußische Militär im Anschluss endgültig zerschlagen. Amalie Struve hatte ihre Teilnahme an der Revolution auch immer als einen Akt der Emanzipation und einen Beitrag zur Änderung der bestehenden Geschlechterrollen verstanden, die sie in der Verlängerung der Forderung nach Gleichheit und Freiheit mit verwirklichen wollte.
Nach dem Scheitern des Aufstandes emigrierte das Ehepaar Struve über Umwege in die USA, wo sie ihre revolutionären Thesen im Bürgerkrieg einzubringen versuchten. Während Amalie bereits 1862 starb, kehrte ihr Mann noch einmal nach Deutschland zurück und engagierte sich in der Frühphase der Arbeiterbewegung.
4. Robert Blum
* 10.11.1807 in Köln † 09.11.1848 in Brigittenau (hingerichtet)
Robert Blum gilt als einer der herausragenden Streiter der Demokratie während der Märzrevolution und der Frankfurter Nationalversammlung von 1848. Seine Hinrichtung in Wien während der dortigen Märzunruhen machte ihn zum Märtyrer einer ganzen Generation.
Robert Blum wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und konnte so trotz hoher Begabung nur bedingt einen Bildungsweg abschließen. Nach einer Ausbildung zum Gelbgießer 1825 betätigte er sich zunächst als Schriftsteller und Theatersekretär in Leipzig, das Wissen dafür hatte er sich autodidaktisch angeeignet. In den frühen 1840er Jahren begann er sich immer mehr politisch zu engagieren. Als Herausgeber der kritischen Zeitschrift Sächsische Vaterlands-Blätter eröffnete er mit Mitstreitern immer wieder Diskussionen zu aktuellen Fragenstellungen und bot so auch ersten politisch aktiven Frauen wie Louise Otto-Peters eine Plattform, Kritik an der Obrigkeit zu nehmen und Reformen einzufordern. Die Zeitung wurde bald in weiten Teilen Deutschlands verboten und Blum dafür in Sachsen überwacht sowie mit restriktiven Maßnahmen belegt. Die sächsische Regierung verhinderte u. a. seine Wahl zum Leipziger Stadtrat. Während er gerade durch die Kontakte zu Adam von Itzstein immer mehr zum Fürsprecher der liberalen Bewegung aufstieg, irritierte er diese Bewegung bisweilen, etwa über seinen Einsatz für die polnische Nationalbewegung und den Deutschkatholizismus. Gleichzeitig erwarb sich Blum immer mehr den Ruf eines populären Anführers: Als 1845 eine Demonstration in Leipzig blutig niedergeschlagen wurde, formulierte er im Anschluss die Forderungen der Bevölkerung nach einer Aufklärung und Beilegung der Unruhen.
1848 war Blums Jahr der Entscheidung: Zunächst war er Teil des Frankfurter Vorparlaments und des sogenannten Fünfzigerausschusses, der die Nationalversammlung vorbereiten sollte. In der Paulskirche gehörte Blum zum linksliberalen Spektrum durch die von ihm begründete Fraktion des Deutschen Hofes, ging aber auch immer wieder mit radikaldemokratischen Forderungen mit. Als im Oktober 1848 in Wien Menschen auf die Barrikaden gingen, sprach Blum sich mit anderen für eine symbolische Unterstützung der Aufständischen aus. Als Frankfurter Delegierte reisten sie nach Wien, um eine Solidaritätsnote zu überbringen. Da sich Blum jedoch auch am Revolutionsgeschehen Wiens beteiligte, wurde er von kaiserlichen Truppen festgenommen. Entgegen seiner Immunität als Abgeordneter wurde er vor ein Gericht gestellt, als Aufrührer verurteilt und am 9. November 1848 standrechtlich hingerichtet.
4. Lorenz Peter Karl Brentano
Politiker, * 14.11.1813 Mannheim, † 17.9.1891 Chicago. (katholisch)
Genealogie
V Johann Peter Paul Bartholomäus (1740–1813), kurpfälzischer Kommerzienrat, Großkaufmann in Frankfurt/Main, S des Peter Ant., Frankfurter und Mannheimer Großkaufmann (aus Tremezzo eingewandert);
M Helene Heger (1784–1831);
⚭ 1) Mannheim 1837 Caroline Leutz (gestorben 1870), aus Eberbach/Neckar, 2) Caroline Aberle (1819–93);
3 K aus 2), u. a. Theodor, Gesandter der USA in Ungarn.
Biographie
B. war seit 1837 Rechtsanwalt in Mannheim und, vom Kreise A. v. Itzsteins her, 1845 in der badischen zweiten Kammer. Führend in der Opposition, doch kein revolutionärer Querkopf wie →Hecker oder Sozialtheoretiker wie →Struve, sondern eine Jakobinernatur mit viel praktischem Instinkt, belächelte er noch 1848 skeptisch →Heckers Putsch, kannte aber, nachdem seine Wahl zum Mannheimer Oberbürgermeister von der Regierung nicht bestätigt worden war, keine Versöhnung mehr. B. gehörte 1848 der Paulskirche an, verschwand aber schon im Spätsommer 1848, um sich ganz den badischen Dingen zu widmen. Im badischen Volksaufstande (4.5.1849) trat B. an die Spitze der vierzigtägigen, provisorischen Regierung und versuchte mit den alten Gewalten über ein Kompromiß zu verhandeln. Seine Bemühungen aber scheiterten am Widerstand der Radikalen unter →Struve. B. entfloh in die Schweiz, wurde als Verräter in contumaciam zum Tode verurteilt und ging, da ihm die Schweiz das Asylrecht verweigerte, 1850 nach den Vereinigten Staaten. Zunächst als Journalist („Leuchtturm“, Pottsville, Pennsylvania), Farmer (Kalamazoo, Wisc.) und Rechtsanwalt (Chicago) wenig erfolgreich, trat er 1860 in die „Illinois Staatszeitung“ (Chicago) ein und führte sie als Chefredakteur und Mitherausgeber bald zur bedeutendsten deutsch-republikanischen Tageszeitung des Westens. 1872 bis 1876 amerikanischer Konsul in Dresden, gehörte B. nach seiner Rückkehr dem Kongreß an, trennte sich aber 1884 von der Partei und unterstützte als Unabhängiger die Wahl Clevelands zum Präsidenten. B. beschäftigte sich auch mit rechtshistorischen und vergleichenden Arbeiten über die amerikanischen und europäischen Methoden des Ermittlungsverfahrens, sowie staatsrechtlichen Fällen.
6. Ernst Moritz Arndt
Ernst Moritz Arndt war ein entschiedener Gegner Napoleon Bonapartes (1769-1821) und stieg als solcher während der Befreiungskriege zu einem der populärsten Verfasser patriotischer Schriften auf. Er gilt neben Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) und Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) als einer der geistigen Väter der burschenschaftlichen Bewegung im frühen 19. Jahrhundert. Im Revolutionsjahr 1848 war er Abgeordneter und Alterspräsident in der deutschen Nationalversammlung. Seine Forderungen zur Schaffung eines deutschen Nationalstaates basierten neben chauvinistischen nicht zuletzt auf rassischen und antisemitischen Argumentationen, die sich auch die Nationalsozialisten zu eigen machten. Der Wert seiner Verdienste und Leistungen wird daher heute kontrovers diskutiert.
Seine 1803 veröffentlichte Schrift „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen" trug maßgeblich zur Aufhebung der in Schwedisch-Pommern noch bestehenden Leibeigenschaft durch den schwedischen König Gustav IV. (1778-1837) im Jahr 1806 bei. Am 11.4.1806 wurde Arndt zum außerordentlichen Professor ernannt. Seit der Veröffentlichung seiner Flugschrift „Geist der Zeit" im Jahr 1805, in der er die nationalstaatliche Einigung der deutschen Staaten gefordert und die Expansionspolitik Frankreichs angeprangert hatte, galt er als einer der vehementesten Kritiker Napoleons.
Aus Angst vor Verhaftung durch die herannahenden französischen Truppen flüchtete Arndt im Dezember 1806 nach Schweden. 1808 kehrte er unter falschem Namen nach Pommern zurück und dozierte nach dem Abzug der Franzosen von 1810 bis 1811 erneut an der Greifswalder Universität. Vor dem Russlandfeldzug Napoleons entzog sich Arndt dem Zugriff der Franzosen wiederum durch Flucht. Er gelangte auf Irrwegen nach St. Petersburg, wo er als Sekretär in den Dienst des Reichsfreiherrn Heinrich Karl Friedrich vom Stein (1757-1831) trat.
In den folgenden Jahren erlangte er durch seine patriotischen Schriften und Kampflieder einen hohen Bekanntheitsgrad. In seinen Texten predigte er den Hass gegen die Franzosen, den er zur „Religion des deutschen Volkes" erklärte, forderte den Zusammenschluss aller Deutschen und rief auch zum Ungehorsam gegen die regierenden Fürsten auf. Diese Inhalte gaben nicht zuletzt der Entstehung der studentischen Burschenschaften entscheidende Impulse. Die Jenaische Burschenschaft leitete ihre Verfassung des Jahres 1815 mit der ersten Strophe seines populären Liedes „Des Deutschen Vaterland" ein. 1818 wurde Arndt als Professor an die in diesem Jahr eröffnete preußische Universität Bonn berufen, zu deren Gründung er mit einer 1815 verfassten Denkschrift maßgeblich beigetragen hatte. Den ursprünglich vorgesehenen Standort Köln hatte er aufgrund der katholischen Tradition der Rheinmetropole vehement abgelehnt. Seine Lehrtätigkeit fand jedoch bereits 1819 ein jähes Ende. Die nach den Karlsbader Beschlüssen einsetzenden Demagogenverfolgungen boten der preußischen Regierung die Gelegenheit, auch den populären, in Friedenszeiten aber unbequemen Arndt, auszuschalten. Nach vorübergehender Verhaftung und Hausdurchsuchung wurde er im November 1819 von seinem Amt suspendiert und durfte trotz erwiesener Unschuld bis 1840 keine Vorlesungen mehr abhalten. Da er zudem befürchtete aus Bonn entfernt zu werden, stellte er auch seine Aktivitäten als Schriftsteller politischer Texte vollständig ein. Erst die Instabilität der Verhältnisse in Frankreich und Polen veranlassten ihn ab 1830 dazu, seinen Forderungen nach einer Einigung der deutschen Staaten unter Preußens Führung wieder öffentlich Nachdruck zu verleihen.
In der Bonner Bevölkerung genoss Arndt ein hohes Ansehen und galt als ein Opfer staatlicher Willkür. Die Nachricht von seiner Rehabilitierung durch König Friedrich Wilhelm IV. (Regierungszeit 1840-1858) am 2.7.1840 löste in Bonn daher eine Welle von Beifallsbekundungen und Ehrungen aus. Vom Senat der Universität im August 1840 zum Rektor für das Amtsjahr 1840/1841 gewählt, konnte Arndt seinen Pflichten nach einer Unterbrechung von mehr als zwei Jahrzehnten wieder nachkommen.
Obwohl er weiterhin als politischer Märtyrer und Vorkämpfer des deutschen Einheitsgedankens gefeiert wurde, erwies sich Arndts Lehrer- und Forschertätigkeit an der Universität bald von geringem Wert. Seine Methodik galt als veraltet, und auch die von ihm gehaltenen Vorlesungen erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen nicht mehr.
In den folgenden Jahren mehrten sich kritische Stimmen. Der Student Napoleon Osmolski verspottete Arndt als „wahren, aber beschränkten deutschen Mann" sowie als „intoleranten Protestanten" und „fanatischen Franzosen-, Polen- und Katholikenfresser". Bei der Mehrheit der Studenten war seine Popularität bei Ausbruch der Revolution 1848/1849 jedoch ungebrochen. Am Abend des 17.3.1848 wurde er von der Studentenschaft mit einem Fackelzug geehrt und noch im Alter von 85 Jahren zum Hauptmann einer Studentenkompanie gewählt. Als Arndt sich jedoch gegen den politischen Radikalismus der demokratischen Bewegung wandte und sich für die konstitutionelle Monarchie aussprach, wurde ihm „Zaghaftigkeit" vorgeworfen.
Arndt wurde als Abgeordneter der Stadt Solingen neben weiteren sechs Professoren der Universität Bonn in die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche gewählt. Seine Tätigkeit als Parlamentarier blieb allerdings ohne nachhaltige Wirkung. Die Neue Rheinische Zeitung verspottete ihn als „liebenswürdigen Schwätzer", der „durch die Erzählung kindlicher Anekdoten und Schnurren nur der Unterhaltung diene." Nach der Ablehnung der Kaiserwürde durch Friedrich Wilhelm IV. (1849) trat Ernst Moritz Arndt enttäuscht von seinen politischen Ämtern zurück. Er kehrte nach Bonn zurück, wo er am 29.1.1860 an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof in Bonn.
Die Diskussion über die Bedeutung und das Vermächtnis des Patrioten Ernst Moritz Arndt setzte bereits zu seinen Lebzeiten ein und dauert bis heute an. Im Kaiserreich zum Nationalhelden stilisiert, wurden seine Werke nach dem Ersten Weltkrieg durch die Nationalsozialisten ideologisch vereinnahmt. Seit 1945 wird Arndt einer zunehmend kritischeren Betrachtung unterzogen. Es würde der Vielschichtigkeit seines Wirkens jedoch nicht gerecht, Arndt lediglich zu einem Vorkämpfer der rassistischen Ideenwelt des Nationalsozialismus zu degradieren. Auch wenn seine Werke in vielen Passagen heute als überholt gelten, bleiben sein uneigennütziger Einsatz gegen die napoleonische Fremdherrschaft und den preußischen Polizeistaat davon unberührt. Seine Forderungen nach einer geistigen und politischen Überwindung deutscher Kleinstaaterei, an deren Stelle ein Nationalstaat moderner Prägung entstehen sollte, machen ihn trotz aller Schwächen zu einem wichtigen Visionär und Impulsgeber der deutschen Einheitsbewegung.
7. August von Kotzebue
K. ließ sich nach einem juristischen Studium als Advokat in Weimar nieder. 1781 ging er als Sekretär nach Petersburg, heiratete dort in den Adel, wurde Präsident des Gouvernements-Magistrats der Provinz Estland und erhielt den persönlichen Beamtenadel. Nebenbei beschäftigte er sich an einem Liebhabertheater. Sein erster Welterfolg wurde „Menschenhaß und Reue“ (1789), ein Stück, in dem die Themen Gattenliebe, Mutterliebe, Ehebruch, Standesunterschiede, Großmut, Landleben im hohen, im rührenden und im komischen Ton so haargenau den Publikumserwartungen entsprechend dosiert sind, daß der kalkulierte Erfolg vollständig eintraf. Nach diesem – aller Trivialliteratur zugrundeliegenden – Rezept, den Zuschauer niemals zu brüskieren, ihn immer etwas klüger als die Helden sein zu lassen, tragische Katastrophen zu vermeiden oder im letzten Moment aufzulösen, schrieb K. ein Stück nach dem anderen, insgesamt weit über 200.
Nach dem Tode seiner ersten Frau (1790) führte er ein unruhiges Reiseleben, hielt sich in Mannheim und Paris auf und lebte seit 1795 in Narva, 1798 in Wien. 1799 kehrte er nach Weimar zurück, wo er mit den Literaturgrößen der Zeit aneinandergeriet. 1800 wurde er auf einer Reise nach Rußland an der Grenze als vermeintlicher Jakobiner verhaftet und ohne Verurteilung nach Sibirien verbannt, aber schon nach 4 Monaten freigelassen und zum Direktor des Deutschen Hoftheaters in Petersburg ernannt. Sein zarenfreundliches Rührstück „Der alte Leibkutscher Peters des Dritten“ (1799) hatte wohl Zar Paul I. für ihn eingenommen. Nach der Ermordung des Zaren 1801 lebte K. in Weimar, Jena und später in Berlin. Nach dem Tod seiner zweiten Frau unternahm er wiederum etliche Reisen und heiratete zum dritten Mal in Estland. Als politischer Publizist kämpfte er in zum Teil von ihm mitherausgegebenen Zeitschriften – „Der Freimütige“ (1804-06), „Die Biene“ (1808-09), „Die Grille“ (1811-12) – gegen →Napoleon. Seit 1813 wirkte er als russischer Staatsrat und Generalkonsul in Königsberg, seit 1817 gab er sein „Literarisches Wochenblatt“ heraus (2 Bände, 1818–19) und schrieb für den Zaren von Weimar aus als literarisch-wissenschaftlicher Korrespondent geheime „monatliche Berichte“ zu politischen und öffentlichen Ereignissen. Dies brachte ihn durch Indiskretion in den Verdacht, russischer Spion zu sein. Ein historisches Werk: „Geschichte des Deutschen Reiches von dessen Ursprüngen bis zu dessen Untergange“ (2 Bände, 1814 folgende) wie seine antiliberalen Beiträge in seinem „Literarischen Wochenblatt“ bekunden seine veränderte politische Haltung: Er lobt die Monarchie vor der Demokratie, rückt von der unbedingten Forderung nach Freiheit und Gleichheit ab, verteidigt die Pressezensur, wettert gegen den neuen Geist der Universitäten, verspottet Turnvater Jahn, das Idol der damaligen Jugend, und macht sich so bei ihr verhaßt. Im Oktober 1817 wurden auf dem Wartburgfest auch Schriften K.s verbrannt. Von diesem politisch motivierten Haß geleitet, ermordete ihn der Jenaer Theologiestudent Karl Ludwig Sand am 23.3.1819 in Mannheim und wurde dafür selbst hingerichtet. Das Ereignis diente als Vorwand, die Karlsbader Beschlüsse in Kraft zu setzen, der staatliche Dirigismus wurde verstärkt, die Burschenschaften verboten, die Autonomie der Universitäten weitgehend zerstört.
Dieser gewaltsame Tod hat den ohnehin bekannten K. noch populärer gemacht. Er blieb im 19. Jahrhundert der am meisten gespielte Autor in Europa. Freilich wurde er schon von der Literaturkritik seiner Zeit als modischer und seichter Vielschreiber angegriffen, er geriet in massive Auseinandersetzungen mit den Frühromantikern, mit Goethe und Schiller. Auf sein Pamphlet: „Der hyperboräische Esel, oder: Die heutige Bildung. Ein drastisches Drama und philosophisches Lustspiel für Jünglinge, Literatursatire in einem Akt“ (1799), einer böswilligen Zitatkollage aus Friedrich Schlegels Schriften, antwortete August Wilhelm Schlegel in einer höhnischen Parodie: „Ehrenpforte und Triumphbogen für den Theaterpräsidenten von Kotzebue bei seiner gehofften Rückkehr ins Vaterland“ (1800). Goethe, den er wiederholt angriff, verteidigte doch in ihm den versierten Theaterpraktiker und konnte auf seine Stücke an der eigenen Bühne nicht verzichten. Den Vorwurf der Unmoral in seinen Stücken hat K. mit einem ordinären und bösen, zudem unter dem Namen eines anderen veröffentlichten Pamphlet: „Doktor Bahrdt mit der eisernen Stirn, oder Die deutsche Union gegen Zimmermann. Ein Schauspiel in vier Aufzügen, von Freiherr von Knigge“ selbst verschuldet. Aber auch Konfliktlösungen wie das Verzeihen eines Ehebruchs („Menschenhaß und Reue“), die keusche Ehe zu dritt als letzte Möglichkeit in einer sonst ausweglosen Situation („La Peyruse“) und ähnliches stießen auf heftige Kritik.
K.s Erfolg beruhte auf der virtuosen Handhabung bewährter Theater- und Komödienmittel: Verkleidung, unwahrscheinliche Zufälle, Typisierung der Personen, unablässiger Gebrauch der Rührmotivik, geschickter Einsatz spannender Effekte. Seine Thematik kam den Wunschvorstellungen des Publikums entgegen: Es durfte wunderbare Mesalliancen geben, die Moral des Herzens siegte über die gesellschaftliche, man konnte aus ausweglosen Situationen in exotische Länder mit freien Gesetzen ohne die Zwänge des alten Europa und seiner Gesellschaft fliehen. Die Kritik an der Gesellschaft, an den Standesunterschieden, am Reichtum, an den engen Tugendidealen war erhebend, solange sie auf der Bühne blieb.
Am bekanntesten ist bis heute K.s Lustspiel „Die deutschen Kleinstädter“ (1803) geblieben, das äußerst geschickt mit Witz, Spott, Komik und der Verhöhnung menschlicher Schwächen arbeitet. Die Personen sind aber so stark karikiert, daß sich der Zuschauer nicht selbst getroffen zu fühlen braucht. Krähwinkel, der Ort des Geschehens, mit seinen kleinkarierten, titelsüchtigen, klatschenden Bewohnern hat das Deutschlandbild im Ausland mitgefärbt.
8. Carl Ludwig Sand
Nach dem Besuch des Lyzeums in Wunsiedel und des Gymnasiums in Hof und Regensburg studierte S. 1814 ev. Theologie in Tübingen, wo er 1815 der Landsmannschaft Teutonia, 1817 der Burschenschaft Arminia beitrat. Nach einer Reise in die Schweiz 1815 und der Teilnahme am Befreiungskrieg setzte er 1816 sein Studium in Erlangen fort, wo er intensiv für burschenschaftliche Ideen warb und die „Teutsche Burschenschaft“, später Teutonia, mitbegründete, deren Führer er bis Mitte 1817 blieb. Aus der Landsmannschaft Franconia trat er nach dem fehlgeschlagenen Versuch, sie dem burschenschaftlichen Gedanken zuzuführen, wieder aus und wurde von dieser in Verruf erklärt. Im Okt. 1817 nahm S. am Wartburgfest in Eisenach teil (Mitgl. d. Festausschusses u. Fahnenbegleiter). Hier verteilte er seine Flugschrift zur Gründung einer „allgemeinen freien Burschenschaft“, die erst 1818 größere Wirkung entfaltete, und nahm teil an der Bücherverbrennung auf dem Wartenberg, der u. a. →August v. Kotzebues (1761–1819) „Geschichte des dt. Reichs“ zum Opfer fiel. Anschließend studierte S. in Jena und wurde Mitglied der (Ur-)Burschenschaft und ihres Ausschusses, im Sommer 1818 auch des inneren Zirkels, des „engeren Vereins“, und des Vorsteherkollegiums. Unter dem Einfluß →Karl Follens (1796–1840) entwickelte sich S. zum Anhänger der „Unbedingten“, des radikalen, politischen Mord nicht ausschließenden Flügels der Burschenschaft. S.s auf dem 2. Burschentag in Jena verbreitetes Flugblatt „Teutsche Jugend an die teutsche Menge, zum 18. October 1818“ fand keine Resonanz. Im Herbst 1818 besuchte S. Friedrich Ludwig Jahn in Berlin und verteilte sein Flugblatt unter den Studenten.
Den Tod Kotzebues, den er als „Landesverräter“, „Volksverführer“ und Feind der Burschenschaft betrachtete, erwog S. schon am 5. Mai 1818 in seinem Tagebuch. Nach dem formalen Austritt aus der Burschenschaft im Febr. 1819 mit dem Zweck, die gegenseitigen Beziehungen verleugnen zu können, erstach S. am 23. März Kotzebue in dessen Mannheimer Wohnung. Sein anschließender Selbstmordversuch scheiterte. Bei sich trug er seine Schrift „Todesstoß dem →August von Kotzebue“, zu der er sich auch in seinem Prozeß bekannte, in dem er vom Hofgericht Mannheim am 5. Mai 1820 zum Tode verurteilt wurde.
S. galt als fleißiger Student und gläubiger Christ, aber mit verworrenen Gefühlen und ungeordneten politischen Ideen. Bereits bei seiner Hinrichtung war S. ein Symbol für Einheit und Freiheit geworden, sein Grab wurde ein Wallfahrtsort. Im Vormärz wurde S. zum politischen Heiligen stilisiert und stieg zur Identifikationsfigur v. a. im radikaldemokratischen und -nationalen Flügel der Burschenschaft auf. Seine von der Mehrheit der Burschenschafter nicht gebilligte Tat bildete dagegen nicht den von ihm erhofften Anstoß für eine allgemeine Freiheits- und Einheitsbewegung, sondern lieferte dem Dt. Bund den Anlaß für die Karlsbader Beschlüsse (20.9.1819) und das daraus folgende scharfe Vorgehen gegen die bürgerliche Nationalbewegung.
Dem „Mörder aus Vaterlandsliebe“ (K. A. v. Müller) wurde eine Unzahl von Aufsätzen, Gedichten, Flugschriften, Schauspielen, Romanen und bildlichen Darstellungen gewidmet. Alexander Puschkin dichtete etwa auf S. „Der Dolch“, Aurore Dupin Baronin Dudevant wählte ihr Pseudonym „George Sand“ angeblich nach S., Alexandre Dumas widmete ihm eine Novelle, Karl Hans Strobl ein Schauspiel, 1873, 1921, 1924, 1926, 1993 und 1998 erschienen umfangreichere S.-Romane.
9. Gebrüder Grimm
Steinau, Hanau
Jacob Grimm und Wilhelm Grimm werden 1785 und 1786 im hessischen Hanau geboren. Es folgen vier Geschwister. Kindheit und frühe Schulzeit verbringen sie in Steinau. 1796 stirbt der Vater. Unterstützung leistet fortan eine Tante, die in Kassel Hofdame ist.
Kassel
Zur Vorbereitung auf das noch vom Vater gewünschte Jurastudium gehen die Brüder Grimm 1798 an das Lyceum Fridericianum in Kassel.
Marburg
Jacob Grimm immatrikuliert sich 1802 an der Universität Marburg. Wilhelm folgt 1803. Prägend ist die Ausbildung durch Friedrich Carl von Savigny, der sie in seinen romantischen Freundeskreis aufnimmt.
Paris
Im Januar 1805 lädt Savigny Jacob Grimm als Helfer beim Quellenstudium nach Paris ein. Während dieser Trennung schließen die Brüder Grimm die Verabredung über ihre Lebensgemeinschaft.
Kassel
Die Mutter mietet mit den sechs Kindern 1805 eine Wohnung in der Kasseler Marktgasse. Gegenüber lebt die Apothekerfamilie Wild, mit der ein enges Verhältnis entsteht. (Die Apothekertochter Dortchen Wild heiratet Wilhelm Grimm 1825.) 1808 stirbt die Mutter der Brüder Grimm. Um die Brüder Grimm bildet sich ein Freundschafts- und Lesezirkel. Hier beginnen sie mit der Sammlung ihrer Märchen. 1807 macht Napoleon Kassel zur Hauptstadt des „Königreichs Westphalen“ mit seinem Bruder Jérôme als König. Jacob Grimm wird dessen Bibliothekar im Schloss Wilhelmshöhe, damals „Napoleonshöhe“. 1811 erscheinen die ersten eigenen Bücher der Brüder Grimm, 1812 mit dem althochdeutschen Hildebrandlied das erste gemeinsame Werk und im Dezember Band 1 der Märchen.
Paris und Wien
Nach dem Untergang des Königreichs Westphalen Ende Oktober 1813 wird Jacob Grimm kurhessischer Diplomat und hält sich 1814/1815 längere Zeit in Paris und Wien auf.
Kassel
1814/1815–1829 arbeiten die Brüder Grimm an der Kurfürstlichen Bibliothek in Kassel. Der Dienst lässt ihnen Zeit für eigene Arbeiten. Die reichhaltigen Bestände können sie dafür nutzen. Ab 1819 wird Jacob Grimm mit seiner Deutschen Grammatik in Europa und Nordamerika bekannt. 1829 werden die Brüder Grimm nach Göttingen berufen.
Göttingen
1830–1837: Als Bibliothekare und Professoren an der Universität Göttingen sollen die Brüder Grimm eine Modernisierung der berühmten Universitätsbibliothek bewirken und halten Vorlesungen über die frühe deutsche Sprach-, Literatur- und Kulturgeschichte. Durch politische Entwicklungen des Jahres 1837 (Protest der „Göttinger Sieben“ gegen die Aufhebung der hannoverschen Landesverfassung durch den neuen König Ernst August) müssen sie die Universität unerwartet wieder verlassen.
Kassel
Zur Vorbereitung auf das noch vom Vater gewünschte Jurastudium gehen die Brüder Grimm 1798 an das Lyceum Fridericianum in Kassel.
wieder Kassel
1837–1841 sind die Brüder Grimm ohne Anstellung. Der Landesverwiesene Jacob Grimm geht gleich nach Kassel, Wilhelm folgt ein Jahr später. In diese Zeit fällt die Vereinbarung mit der Weidmann'schen Buchhandlung über das Deutsche Wörterbuch, durch die man die Brüder Grimm materiell sicherstellen und ihre Kompetenz für ein monumentales wissenschaftliches Werk nutzen will, das ein Symbol bürgerschaftlichen Engagements für ein künftiges geeintes, freiheitliches Deutschland sein soll.
schließlich Berlin
Im Herbst 1840 lässt der neue preußische König Friedrich Wilhelm IV. die Brüder Grimm nach Berlin berufen und gewährt ihnen ein gemeinsames Gehalt aus seinen Privatmitteln, mit dem sie frei ihren wissenschaftlichen Arbeiten nachgehen sollen. Als Mitglieder der Königlichen Akademie der Wissenschaften sind sie berechtigt, an der Universität Vorlesungen zu halten, was Jacob bis 1848 und Wilhelm bis 1852 wahrnimmt. 1841–1846 wohnt die Familie am Rand des Tiergartens in der kurz vorher angelegten Lennéstraße, 1846/1847 näher zu Akademie, Universität und Bibliothek in der Dorotheenstraße und ab 1847 in der Linkstraße, unmittelbar am damaligen Potsdamer Bahnhof. Fast täglich haben die Grimms in ihrer Wohnung Gäste. Im Sommer unternehmen sie meist ausgedehnte Reisen. Jacob Grimm fügt seinen Hauptwerken noch die Geschichte der deutschen Sprache (1848) hinzu. 1848 ist er Abgeordneter der Nationalversammlung, tritt im Herbst jedoch aus Unzufriedenheit über den Verlauf der parlamentarischen Arbeit zurück. Die 1850er Jahre sind durch die Arbeit am Deutschen Wörterbuch gekennzeichnet. Jacob Grimm arbeitet A, B und C aus, Wilhelm Grimm folgt mit dem D, und Jacob übernimmt wiederum E und F. Wilhelm Grimm vollendet gerade noch das D, ehe er im Dezember 1859 stirbt. Jacob Grimm gelangt bis zu seinem Tod im September 1863 bis zum Stichwort „Frucht“.
10. Clara Schumann
Nach der Scheidung der Eltern wuchs S. bei ihrem Vater →Friedrich Wieck auf, der ihr seit ihrem fünften Lebensjahr Klavierunterricht erteilte. S. genoß bei ihm eine exzellente Musikausbildung nach dessen selbst entwickelter Lehrmethode, die auch eine gezielte Schulung der Anschlagskultur, Gehörbildung und Partiturstudium umfaßte. Studien in Musiktheorie und Komposition bei Thomaskantor →Theodor Weinlig (1780–1842) und →Heinrich Dorn (1800–92), dem Musikdirektor am Hoftheater, ergänzten den Unterricht beim Vater. Der systematischen Vorbereitung auf die Virtuosenkarriere dienten zudem eine allgemeine körperliche Ertüchtigung durch lange Spaziergänge, die S. ihr Leben lang pflegte, sowie Unterricht durch Hauslehrer in Englisch und Französisch.
Nach ersten Auftritten im Rahmen der von ihrem Vater veranstalteten Abendunterhaltungen debutierte S. am 8.11.1830 im Leipziger Gewandhaus als Solistin u. a. mit Kalkbrenners „Rondo brillant“ und eigenen Variationen über ein Originalthema. 1831 unternahm der Vater mit S. erste Konzertreisen nach Dresden und Weimar sowie im Februar 1832 nach Paris. Repertoire, Konzertprogramme, Kontakte zu namhaften Musikern der Zeit wie L. Spohr, F. Chopin und F. Liszt wurden vom Vater sorgfältig ausgewählt. 1831 erschienen 4 Polonaisen von S. als opus 1 im Druck. Die „Romance varié“ opus 3 widmete sie →Robert Schumann, der seit 1830 bei Wieck als dessen Schüler wohnte. Am 9.11.1835 kam S.s Klavierkonzert op. 7 unter der Leitung von F. Mendelssohn Bartholdy im Leipziger Gewandhaus zur Uraufführung. Einen ersten Höhepunkt ihrer Karriere markiert der Aufenthalt in Wien vom Herbst 1837 bis März 1838, wo S. u. a. mit der Klaviersonate f-Moll op. 57 von L. v. Beethoven die Kritiker begeisterte und vom Kaiser zur k. k. Kammervirtuosin ernannt wurde.
Zum Konflikt mit dem Vater kam es aufgrund der sich seit 1835 entwickelnden Liebesbeziehung zu →Robert Schumann. 1839 unternahm S. erstmals eine Konzertreise ohne den Vater nach Paris. Da Wieck seine zur Heirat gesetzlich notwendige Zustimmung verweigerte, wurde der Streit schließlich vor dem Appellationsgericht entschieden. Nach der Hochzeit am 12.9.1840 nahm das Ehepaar S. seinen Wohnsitz zunächst in Leipzig, übersiedelte 1844 nach Dresden und 1850 nach Düsseldorf.
Die von der Nachwelt oft verklärte und von Robert und Clara mit hohen, dabei teils konträren Erwartungen eingegangene Ehe barg reichlich Konfliktstoff. Da Claras Klavierspiel Robert beim Komponieren störte, wurde ihre künstlerische Tätigkeit deutlich eingeschränkt. Das gemeinsame Studium von Partituren und die Bewunderung für das Werk Roberts entschädigten sie nur teilweise für das fehlende eigene Schaffen. Erst 1853,|an ihrem letzten gemeinsamen Wohnsitz in Düsseldorf, ermöglichte S. ein eigenes Musikzimmer in ausreichender Distanz zum Zimmer Roberts, wieder regelmäßig zu üben und zu komponieren.
Dennoch betrachtete S. selbst im zunächst wechselseitig geführten Ehetagebuch und in Briefen ihre Ehe als glücklich und entschied sich bewußt für den Namen Schumann, unter dem sie am 31.3.1841 im Leipziger Gewandhaus erstmals auftrat. Mit staunenswerter Energie meisterte S. die Belastungen durch insgesamt 10 Schwangerschaften in 14 Ehejahren und organisierte den Haushalt ebenso wie die Tourneepläne für gemeinsame Konzertreisen nach Norddeutschland (1842), Rußland (1844), Wien (1846) und Holland (1853), die für S. künstlerisch und finanziell überwiegend erfolgreich verliefen, für Robert aber hohe psychische und physische Strapazen darstellten. Noch ohne den sich verschlechternden Gesundheitszustand ihres Mannes zu erkennen, unterstützte ihn S. in Düsseldorf bei Chor- und Orchesterproben, übernahm Korrespondenzen und fertigte Abschriften seiner Werke an. Im Herbst 1854, ein halbes Jahr nach dem Zusammenbruch Roberts und seiner Einlieferung in die Heilanstalt Endenich bei Bonn, nahm Clara ihre Konzerttätigkeit in vollem Umfang wieder auf. Ihren Mann sah sie aufgrund eines strikten ärztlichen Besuchsverbots, das in der Literatur teilweise bezweifelt, durch einen Quellenfund in jüngerer Zeit aber bestätigt worden ist, erst zwei Tage vor seinem Tod noch einmal wieder.
Die folgenden Jahrzehnte waren für S. geprägt durch ausgedehnte, eng aufeinanderfolgende Konzerttourneen, die sie jeweils vom Herbst bis in das Frühjahr in wichtige Musikzentren Deutschlands, nach Holland, Belgien, Frankreich, Österreich, Ungarn und in die Schweiz führten. Zu einem Schwerpunkt ihrer Konzerttätigkeit wurde England, das sie von ihrem ersten Aufenthalt 1856 bis zum Ende ihrer Laufbahn – häufig begleitet von ihrer Tochter Marie – 19mal besuchte. In London feierte S. ihre vielleicht größten Erfolge. Die Sommermonate dienten der Vorbereitung der anschließenden Tourneen, aber auch der Erholung und dem Familienleben. Dies gilt besonders für die Jahre 1863–73, in denen S. ein Haus in Lichtental bei Baden-Baden besaß und hier auch regen Kontakt zu vielen befreundeten Künstlern wie der Sängerin →Pauline Garcia-Viardot (1821–1910), →Hermann Levi (1839–1900) und →Johannes Brahms (1833–97) pflegte. Die übrige Zeit des Jahres wurden die Kinder bei Verwandten und in Pensionaten untergebracht. 1878 nahm S. eine Berufung durch →Joachim Raff (1822–82) an das Dr. Hoch's Konservatorium in Frankfurt als Erste Klavierlehrerin an. Sie verlegte ihren Wohnsitz nach Frankfurt und lebte dort bis zu ihrem Tod zusammen mit ihren Töchtern Marie und Eugenie, die die technische Unterweisung der Schüler übernahmen, während S. selbst sich ganz der Interpretation widmete. Sie konzertierte – zunehmend von nervösen Zuständen, Nervenschmerzen und Gehörproblemen geplagt – noch bis 1891 öffentlich und zog sich 1892 auch von ihrer Tätigkeit am Konservatorium zurück.
S. war die bedeutendste Pianistin ihrer Zeit. Ihr Erfolg gründete auf ihrem ausdrucksvollem Spiel, ihrer in jungen Jahren zarten, später würdevollen Erscheinung – sie trat seit 1856 nur in schwarzer Kleidung auf – und einer sorgfältig durchdachten Programmdisposition: Ihr Repertoire wandelte sich von typischen gemischten Virtuosenprogrammen seit den 40er Jahren hin zu anspruchsvoller klassischer Literatur und stand in Wechselwirkung mit dem sich gleichfalls verändernden Publikumsgeschmack. Die Auswahl ihrer Stücke prägte das Konzertleben bis in unsere Zeit. Berühmt waren ihre Beethoven-Interpretationen, die auch im Zentrum ihres pädagogischen Wirkens standen. Mit Vorliebe spielte S. Beethovens Klaviersonaten op. 53 und op. 57 sowie das Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur, zu dem sie auch zwei Kadenzen schrieb. Nahm sie in der Frühzeit ihrer Ehe nur sparsam Werke ihres Mannes in ihre Programme auf, da diese noch keine Erfolgsgarantie boten, so wurde sie nach seinem Tod eine unermüdliche Protagonistin seines Werks. Ferner trug sie Stücke von Mendelssohn Bartholdy, Chopin, Schubert, aber auch von Bach regelmäßig vor sowie Werke von →Johannes Brahms.
Als Komponistin geriet S. nach ihrem Tod rasch in Vergessenheit und wurde erst von der Frauenmusikforschung in den 1970er Jahren wiederentdeckt. Ihre frühen Werke entstanden für den eigenen Vortrag, wie dies dem Selbstverständnis der Klaviervirtuosen jener Zeit entsprach. Besonders ihr Klavierkonzert überzeugt durch seinen lebhaften, teils schwärmerischen Gestus und hat Spuren im Klavierkonzert Robert S.s hinterlassen. Der künstlerische Austausch mit dem Ehemann zeigt sich auch in S.s Klavierliedern, die durch phantasievolle melodische Erfindung und einfühlsam auf den Text bezogene Klavierbegleitung gekennzeichnet sind. Wiederholt äußerte S. allerdings Selbstzweifel an ihren Werken und gab, möglicherweise aus einem gestiegenen Qualitätsanspruch heraus, 1856 das eigene Komponieren auf.
Besonders seit den Frankfurter Jahren betätigte sich S. verstärkt als Herausgeberin, sah für den Musikverleger →Hermann Härtel (1803–75), dem sie freundschaftlich verbunden war, zahlreiche Druckfahnen durch und zeichnete auch für die Gesamtausgabe der Werke Robert S.s verantwortlich, die 1879-86 bei Breitkopf & Härtel erschien. 1886 gab S. eine sog. „Instruktive Ausgabe“ der Klavierwerke Robert S.s heraus, in der sie in Vortragsangaben ihre Interpretation für Schüler festschrieb.
Zeit ihres Lebens stand S. in regem Kontakt zu vielen Musikern und namhaften Persönlichkeiten, wie z. B. →Felix Mendelssohn Bartholdy, →Julius Stockhausen (1826–1906), →Joseph Joachim (1831–1907), →Franz Wüllner (1832–1902) u. a. Am wichtigsten für S. war zweifellos die Freundschaft mit→Johannes Brahms, der S. 1854-56 vielfach unterstützte und zeitweise bei ihr wohnte, woraus sich eine lebenslange vielschichtige, spätestens seit Sommer 1856 aber rein platonische Beziehung entwickelte.
Viele Briefe aus der umfangreichen Korrespondenz, die S. manchmal mehrere Stunden am Tag beschäftigte, erschienen mit dem neu erwachten Interesse an ihrer Person seit den 1990er Jahren im Druck und geben ein genaueres Bild ihrer Persönlichkeit. Im schriftlichen Austausch mit Freundinnen und Kollegen, ihren Kindern und Enkeln zeigt S. sich als ungemein selbstdiszipliniert, ernsthaft, manchmal bis an die Grenzen der Humorlosigkeit, aber auch voller teilnehmender Fürsorge. Ihre Kraft schöpfte sie aus ihrem Künstlerdasein, in das sie sich in krisenhaften Lebenslagen flüchtete.
11. Friedrich Ludwig Jahn
J. wurde bis zu seinem 13. Lebensjahr von seinem Vater unterrichtet, besuchte dann 3 Jahre das Gymnasium in Salzwedel und ½ jahr das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, das er Ostern 1795 ohne Abschluß verließ. Seit 1796 betrieb er theologisch-historische und deutschkundliche Studien an den Universitäten Halle, Frankfurt/Oder, Greifswald, Göttingen; 1798 trat er in einen freimaurerischen Studentenorden (Unitistenorden) in Halle ein. Er erhielt in Greifswald 1803 das „consilium abeundi“ wegen einer Prügelei. J. siedelte nach längerer Hauslehrertätigkeit, mehreren Reisen und weiteren Studienversuchen in Göttingen und Jena 1809 nach Berlin über, wo er am Friedrich-Werderschen Gymnasium für einige Monate als Hilfslehrer eine Beschäftigung fand. Ein Anstellungsgesuch scheiterte, da er das „examen pro facultate docendi“ nicht bestand. Dennoch lehrte er weiter am Gymnasium zum Grauen Kloster und der Plamannschen Erziehungsanstalt. 1810 gründete er gemeinsam mit Frdr. Friesen den „Deutschen Bund“, den Vorläufer der Burschenschaften.|Die Mitglieder des Deutschen Bundes stammten vorwiegend aus Offiziers- und Lehrerkreisen. Wichtigste Ziele des Bundes, die im „Bundesbuch“ festgehalten wurden, waren die Befreiung Deutschlands von der franz. Herrschaft und die nationale Einheit. – Anfang Juni 1811 eröffnete J.nach dem Vorbild GutsMuths’ den ersten Turnplatz auf der Hasenheide in Berlin.
Das Turnen hatte mit Spaziergängen und Spielen im Kreise der Schüler zwanglos begonnen. 1811-13 nahm das Turnen auf der Hasenheide unter J.s Leitung einen starken Aufschwung. Der Turnbetrieb wurde straff organisiert, das Übungsgut beträchtlich erweitert. Während der Kriegszeit (1813–15), die J.bei dem von ihm mitbegründeten Lützowschen Freikorps verbrachte, leitete Eiselen den Turnbetrieb in Berlin. Nach Kriegsende kam es 1815-19 zu Spannungen zwischen J. und den Behörden, die auf die unterschiedliche Bewertung des Turnens zurückzuführen sind. Während das Kultusministerium das Turnen als Erziehungsgegenstand in das schulische Erziehungswesen eingebaut wissen wollte, betrachtete J. das „vaterländische Turnen“ als einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung seiner Volkstumsideen, mit denen er das deutsche Nationalgefühl stärken wollte. Sein „Deutsches Volkstum“ (1810) enthält wichtige Gedanken über Volk und Staat, Sprache und Brauchtum, Erziehung und Bildung, aber auch gefährliche nationalistische, rassistische und antisemitische Äußerungen. Galt das Turnen zuerst als Vorbereitung auf den Freiheitskampf, so sollte es nach den Befreiungskriegen dazu dienen, „im Herzen das neue Deutschland aufzubauen“, das heißt, den Kampf um Einheit, Freiheit und liberale Verfassung mitzuunterstützen. Dem diente insbesondere die von J. mitinspirierte Burschenschaftsbewegung, die am 12.6.1815 in Jena gegründet wurde. Die Verbindung Turnen-Burschenschaft war so eng, daß bald der Name „Burschenturner“ geprägt wurde. Die Burschenschaftsbewegung und das „vaterländische Turnen“ gerieten seit 1816 immer stärker in die politische Auseinandersetzung mit der einsetzenden Reaktion.
Im Frühjahr 1817 hielt J. in Berlin öffentliche Vorträge über sein „Deutsches Volkstum“, mit denen er die Obrigkeit provozierte. Das Wartburgfest am 18.10.1817, die Sperrung des Breslauer Turnplatzes nach der dortigen „Turnfehde“ 1818 und die Ermordung Kotzebues durch den Burschenturner Sand 1819 – drei Ereignisse, die alle direkt oder indirekt mit dem Wirken J.s zusammenhingen – führten schließlich in Verbindung mit persönlichen Schwierigkeiten, die J. dem preuß. Kultusministerium bereitete, zur vorläufigen Einstellung des Turnbetriebes im Sommer 1819. Am 2.1.1820 erfolgte dann aufgrund der Karlsbader Beschlüsse der entscheidende Erlaß des Innen- und Polizeiministers: „Da es Seiner Majestät ernstlicher Wille ist, daß das Turnwesen ganz aufhört, so hat die Königl. Regierung von Polizei wegen nachdrücklich darauf zu halten, daß alles Turnen schlechterdings unterbleibe.“ Am 3.3.1820 verfügte Hardenberg, daß alle außerhalb der Städte errichteten Turngeräte wegzuschaffen und zu zerstören seien. – J. war bereits in der Nacht vom 13. zum 14.7.1819 „als geheimer, hochverrätherischer Verbindung verdächtig“ in seiner Wohnung verhaftet und auf die Festung Spandau, dann Küstrin gebracht worden. (Während der Haftzeit starben zwei seiner 3 Kinder). Am 22.5.1820 wurde er zwar aus der Haft entlassen, als einstweiliger Aufenthaltsort aber die Festungsstadt Kolberg bestimmt, wo er unter die Aufsicht des Festungskommandanten gestellt wurde. 1825 erfolgte die völlige Freisprechung, doch wurde ihm ein Aufenthalt in einer Universitäts- oder Gymnasialstadt untersagt. Er wählte Freyburg/Unstrut (1829–36 Kölleda) zum Aufenthaltsort. Die Beschränkung seiner politischen Tätigkeit wurde 1840 durch Friedrich Wilhelm IV. aufgehoben, der J. nachträglich das Eiserne Kreuz II. Kl. verlieh. 1848 wurde J. als Abgeordneter in das Parlament der Frankfurter Paulskirche gewählt, aber hier ist er – sieht man von seiner (nur gedruckten) „Schwanenrede“ ab – kaum hervorgetreten. – Dr. h. c. (Jena u. Kiel 1817).
J.s Turnen in seiner Verbindung von Volkstumsgedanke und Patriotismus muß als politische Erscheinung begriffen werden. Nur so ist es zu verstehen, daß mit der Reichsgründung, als sich die Deutsche Turnerschaft wieder auf J. besann, dieser als nationaler Herold, als Kämpfer für die deutsche Einheit unter Preußens Führung glorifiziert wurde. Nach dem 1. Weltkrieg kam es zu einer J.-Renaissance, als die Deutsche Turnerschaft versuchte, sich nach Deutschlands Niederlage an einem idealisierten und heroisierten J.-bild aufzurichten. Gefälscht wurde dieses dann nach 1933 von Alfred Baeumler, der J.zum „politischen Soldaten“ und Wegbereiter des Nationalsozialismus machte. Eine solche Verfälschung war aber nur möglich, weil man sich auf rassistische und nationalistische Aussagen J.s berufen konnte.
12. Ludwig Feuerbach
F. studierte ab 1823 in Heidelberg bei dem Hegelianer →K. Daub Theologie, 1824-26 in Berlin bei →Hegel selbst Philosophie. 1825 ging er ganz zur Philosophie über. 1828 promovierte er in Erlangen und habilitierte sich dort im gleichen Jahr mit der nur wenig umgearbeiteten Dissertation, die als Habilitationsschrift den Titel trug „De ratione una, universali, infinita“. Diese sowie eine spätere Schrift, „Kritik des Anti-Hegel“ (1835), eine Auseinandersetzung mit C. F. Bachmann, bezeugen F.s gründliches Hegel-Verständnis. 1830 veröffentlichte er eine anonyme Schrift „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ mit einem Anhang: „Satirisch-theologische Distichen“. Daß er In dieser Schrift die persönliche Unsterblichkeit leugnete, entschied über seine fernere Zukunft: dreimal bewarb er sich vergeblich um eine außerordentliche Professur. Auch Versuche, durch V. Cousin eine Stellung in Paris zu finden, scheiterten, ebenso Bemühungen um einen Lehrstuhl in Bern oder eine passende Tätigkeit in Griechenland. Da ihm die akademische Lehrtätigkeit ohnedies nicht zusagte, zog er sich 1836 endgültig von der Universität zurück. Auf Schloß Bruckberg bei Ansbach, wo seine Frau Mitbesitzerin einer ererbten Porzellanfabrik war, führte er ab 1837 ein stilles, genügsames Leben. Hier schrieb er „Das Wesen des Christentums“ (1841) und die selbständigen philosophischen Werke der 40er Jahre: „Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie“ (1842); „Grundsätze der Philosophie der Zukunft“ (1843). Durch A. Rüge, G. Herwegh, Christian Kapp, K. Marx mit den revolutionären Bewegungen vor und nach 1848 verbunden, hielt er sich doch von der Tagespolitik fern. Im Revolutionsjahr hielt er auf Einladung von Studenten öffentliche Vorlesungen im Heidelberger Rathaus (Wintersemester 1848/49). Der Physiologe J. Moleschott und der Dichter Gottfried Keller zählten zu seinen Hörern. 1860 zwang ihn der Bankrott der Porzellanfabrik zur Übersiedlung nach Rechenberg. Dort lebte er unter ungünstigen Verhältnissen, zum Teil auf Spenden angewiesen, die unter anderem die Sozialdemokratische Partei für ihn sammelte, bis zu seinem Tode.
In seiner Philosophie geht F. davon aus, daß der Geist der Neuzeit die Auflösung der Theologie sei, – in der Naturwissenschaft praktisch, durch ihren von theologischen Rücksichten befreiten Empirismus; im Protestantismus religiös-praktisch, durch die Verlagerung des Interesses von Gott-an-sich auf den Gott-für-uns, Christus, den menschgewordenen Gott; im Deutschen Idealismus theoretisch: Hegels Logik erfaßt die metaphysischen Wesensbestimmungen Gottes, die im Laufe der Geschichte hervorgetreten sind, als die Kategorien des Denkens selbst. Was im Theismus Objekt ist, – das gedachte Wesen der Vernunft, – das ist in der spekulativen Philosophie Subjekt, – das denkende Wesen der Vernunft: durch diese Subjektivierung Gottes wird seine Jenseitigkeit aufgelöst, allerdings nur erst „im Kopf“. Der absolute Geist der Hegelschen Logik ist seinerseits noch ein Jenseits gegenüber dem wirklichen Menschen; darin bezeugt sich die Herkunft der idealistischen Philosophie aus der christlichen Theologie. Es gilt nun, diesen Auflösungsprozeß kritisch zu vollenden und Gottes Jenseitigkeit auch „im Herzen“ aufzulösen. F.s Anliegen ist die Aufhebung aller Theologie und metaphysischen Philosophie in Anthropologie. In aller Religion sieht F. eine Selbstentfremdung des Menschen: was als Gott vorgestellt wird, ist nur die Personifizierung unserer eigenen Wesensakte, die dabei von den Schranken, die ihnen in jedem Individuum anhaften, befreit werden, und so – als All-Wissen, All-Macht und so weiter – einem höheren Wesen als dessen Akte zugeschrieben werden. In Wahrheit haben die Menschen mit dieser Entschränkung des konkreten Denkens, Fühlens und so weiter zum „actus purus“ zwar sich als Individuen, nicht aber die Allgemeinheit der menschlichen Gattung überschritten. Aber das durchschauen sie zunächst nicht. Die Spannung zwischen dem endlichen „Ich“ des Einzelnen und dem unendlich-überindividuellen „Wir“ der Gattung wird vielmehr vergegenständlicht zur Spannung zwischen dem menschlichen „Ich“ und dem göttlichen „Du“, an das sich der Mensch in Liebe hingibt. In solcher religiösen Vergegenständlichung der Gattung liegt freilich eine tiefe anthropologische Wahrheit verborgen, – eine Wahrheit, die die spekulative Philosophie mit ihrer Umwandlung des gefühlten göttlichen Du in die Allgemeinheit des Denkens nicht festzuhalten vermochte – die Wahrheit nämlich, daß der Mensch nicht nur ein Ich ist, sondern immer schon Ich und Du; daß er ein Sinnenwesen und darum auf Gegenstände angewiesen ist; und daß er schon durch den Geschlechtsunterschied auf ein mitmenschliches Du verwiesen ist, mit welchem zusammen er in der (Gatten-)Liebe die Gattung schon fühlt und leibhaftig vollbringt, bevor er Gattungen im Sinne von Allgemeinbegriffen in gedanklicher Abstraktion aus der Totalität des Lebens herauslöst. Auf dem Umweg über die religiöse Selbstentfremdung und ihre Aufhebung kommt der Mensch zur Bejahung seiner selbst als Sinnenwesen. – Wenn F. somit den Sensualismus erneuert, so fällt ihm dabei die Aufgabe zu, zu erklären, wieso ein solches Sinnenwesen wie der Mensch überhaupt dazu kommt, seine sinnliche Unmittelbarkeit theologisch und logisch zu transzendieren, anstatt bei der sinnlichen Gewißheit, die das Prinzip der Philosophie der Zukunft sein soll, von vornherein einfach stehen zu bleiben; besaß er sie doch schon immer. F. löst diese Aufgabe, indem er an die Stelle des alten Dualismus zwischen Sinnlichkeit und Geist einen anderen Unterschied setzt: den durchgängigen Unterschied zwischen tierischer, beziehungsweise roher Sinnlichkeit und menschlicher, wahrhaft humaner Sinnlichkeit. In Fortführung des anthropologischen Ansatzes eines J. G. Herder sieht F. die menschliche Sinnlichkeit durchwaltet von Bewußtsein und Freiheit. Die Freiheit von den Trieben ermöglicht Bewußtsein insofern, als der Mensch sich nicht unmittelbar auf die einzelnen Gegenstände seines jeweiligen Fühlens und Wollens stürzt; indem er vielmehr dies oder jenes fühlt und will, fühlt er zugleich auch sein Gefühl und will er auch seinen Willen entfalten. Auf Grund dieses Selbstbezuges, auf den die Sinnlichkeit des Menschen angelegt ist, weiß der Mensch in jedem besonderen Bezug zugleich um sich als Allgemeines, als Gattungswesen, sowie auch um die Gattungen der Dinge. Auf die so verstandene humane Sinnlichkeit läßt sich nun die Hegelsche Geschichtsauffassung anwenden: Geschichte als Weg der Selbst-Werdung, jedoch nicht des Geistes, sondern des Menschen. Wie der Geist in Hegels Geschichtsmetaphysik nicht von vornherein da ist, sondern erarbeitet werden, beziehungsweise sich herausarbeiten muß, so ist auch der Mensch als wahrhaft menschliches Naturwesen nicht von vornherein da. Religion und Metaphysik sind umwegige Stadien im Selbstunterschei- dungsprozeß der humanen von der inhumanen Natur. Das wahrhaft Menschliche ist das Göttliche: erst wenn der Mensch dies bis in seine naturhafte Sphäre, in Leiblichkeit und Sinnlichkeit hinein, begriffen hat, kann er sich als Naturwesen fühlen. Die Geschichte ist der Umweg des Menschen zu seiner eigenen Natur und damit zugleich zur Natur überhaupt.
Die Wirkung F.s war zwiespältig: F.s kritische Arbeiten schlugen bei den Zeitgenossen durch, aber seinem positiven Ansatz blieb größere Anerkennung versagt. Die Selbstbestätigung des Menschen in seiner Sinnlichkeit als Resultat der gesamten Religions- und Geistesgeschichte: das wirkte wie der enttäuschend banale Schluß eines gewaltigen Dramas. K. Marx und K. Barth, die F.s kritische Ergebnisse übernahmen, kamen zu einer dialektischen Fortführung. Was bei F. Objekt sinnlicher Anschauung ist, wird von Marx als Vergegenständlichung sinnlich-materieller Tätigkeit gefaßt; F.s Uminterpretation von Religion und Metaphysik in Anthropologie wird von Marx weitergeführt zur Forderung einer Veränderung und Humanisierung der Welt selbst, durch die dem Bedürfnis nach Religion und Metaphysik die materielle Basis entzogen werden soll (dialektischer Materialismus). F.s Auflösung der Religion in ihren Gefühlsgrund hinein wird für K. Barth zum Anlaß eines Neuverständnisses des Wortes Gottes: als das „ganz Andere“ steht es im Angriff auf alle Religion und Metaphysik samt ihrem menschlichen Gefühlsgrund (dialektische Theologie).
13. Carl Spitzweg
S. verließ 1825 das Wilhelmsgymnasium in München ohne Abschluß und begann eine pharmazeutische Lehre bei dem Münchner Hofapotheker →Franz Xaver Pettenkofer (1783–1850). Nach einer weiteren Station in der Löwenapotheke in Straubing nahm er 1829 das Studium der Pharmazie an der Univ.München auf, das er 1832 erfolgreich abschloß. Bereits nach dem Tod des Vaters 1828 und des älteren Bruders Simon im Jahr darauf waren die Erbangelegenheiten so geregelt worden, daß S. und sein jüngerer Bruder Eduard sichere Einkünfte aus dem väterlichen Vermögen hatten. Für S. eröffnete sich damit nach einer gesundheitlichen Krise 1833 die Möglichkeit, sich ausschließlich der Malerei zu widmen. Anregung und Ermunterung erhielt er aus dem Freundeskreis, zu dem u. a. der holstein. Maler →Christian Heinrich Hanson (1790–1863) gehörte. Von diesem sowie weiteren Freunden und Kollegen angeleitet, jedoch ohne eine förmliche Ausbildung absolviert zu haben, malte S. um die Mitte der 1830er Jahre die ersten eigenständigen Bilder, Landschaften und Genredarstellungen. Diesen beiden Gattungen blieb S. im Laufe seiner weiteren künstlerischen Tätigkeit nahezu ausschließlich verpflichtet.
Schon in den ersten Jahren eroberte S. das Feld der humorvollen Genremalerei für sich und schuf realistisch anmutende Darstellungen biedermeierlicher Lebenswelten. 1839 entstanden die beiden Fassungen des „Armen Poeten“ (München, Neue Pinakothek, u. Berlin, Alte Nat.gal., 1989 gestohlen), eine der populärsten Bildschöpfungen S.s.: ein skeptischer Blick auf einen von der Welt abgeschiedenen Sonderling, auf einen erfolglosen Dichter, der in seiner ärmlichen Dachstube Verse niederschreibt, die nicht gedruckt und gelesen, sondern letztlich nur zum Heizen des Ofens verwendet werden. 1841 vollendete S. den „Sonntagsspaziergang“ (Salzburg, Mus. Carolino Augusteum), in dem die Atmosphäre eines Sommertages mit dem beschaulichen und zugleich decouvrierenden Idyll eines Familienausflugs verknüpft ist. Die ironische Behandlung von Individualisten und Intellektuellen ist ein häufig wiederkehrendes Thema: Der „Bücherwurm“ (Schweinfurt, Mus. Georg Schäfer) zeigt einen Leser, der sich auf der Bibliotheksleiter stehend mit mehreren Büchern zugleich beschäftigt, ein Sinnbild für die geistigen Anregungen, die durch Lektüre zu gewinnen sind, gleichzeitig aber auch für ein sich verzettelndes, letztlich unproduktives Gelehrtentum. Gegenstand von S.s hintergründigem Humor sind immer wieder ältere Männer wie der „Ewige Hochzeiter“ oder solche, die sich besonderen Interessen verschrieben haben und darüber die Welt vergessen wie der „Kaktusliebhaber“ oder der „Geologe“ (beide Schweinfurt, Mus.Georg Schäfer).
Bis in die Mitte der 1860er Jahre unternahm S. viele Reisen, oft in Begleitung von Freunden wie dem Münchner Landschaftsmaler Eduard Schleich d. Ä.Häufige Wanderungen im bayer. Bergland, in Nord- und Südtirol, aber auch in Franken und Schwaben nutzte er zu Naturstudien. 1833 führte ihn eine längere Italienreise über Venedig und Florenz bis nach Rom und Neapel. Oberitalien und Venetien besuchte er mehrfach, so 1834, 1837, 1839, 1842 und 1850. Die Schweiz erkundete S. auf teilweise ausgiebigen Wanderungen in den Jahren 1838, 1841 und 1843. 1849 reiste er nach Prag, 1851 gemeinsam mit Schleich nach Paris und zur Weltausstellung nach London. 1856 war er in Dresden und in Berlin, 1862 in Wien. Die Erfahrungen dieser Reisen fanden nur bedingt Eingang in die Bildwelten S.s. Die kleinstädtische Idylle und die bayer. Berglandschaft seiner Bilder erscheinen geradezu als Gegenpole zu der Betriebsamkeit des modernen Großstadtlebens. Die Welt des Orients hingegen, der S. in Venedig und auf der Weltausstellung 1851 in London mit Interesse begegnete, findet sich u. a. in Bildern von Tabak rauchenden Türken, deren bedeutendstes Beispiel der Münchner Sammler und Orientalist Adolf Friedrich v. Schack erwarb (München, Schack-Gal.).
Seit seiner Jugend war S. als Zeichner tätig. Während der Reisen entstanden zahlreiche Studien, die er für spätere Gemälde verwendete. Von 1844 bis 1852 lieferte er Zeichnungen für die von Caspar Braun begründeten „Fliegenden Blätter“, in denen sich der Einfluß der zeitgenössischen franz. Karikatur zeigt.
Als Landschaftsmaler nahm S. zunächst Anregungen aus dem Kreis der skandinav. und norddt. Künstler auf, die in den 1830er Jahren die Münchner Malerei mit ihrer realistischen Auffassung und der Praxis des intensiven Naturstudiums beeinflußten. Anregungen bezog S. aber auch aus der älteren Kunst, v. a. aus der niederl. Genre- und Landschaftsmalerei des 17. Jh. In den 1840er und 1850er Jahren war er mehrfach in Pommersfelden und kopierte in der Schönbornschen Galerie holländ. Gemälde, aber auch Landschaften von Zeitgenossen wie Eugène Isabey (Kopie d. „Badenden Frauen am Meer bei Dieppe“ nach Isabey, Berlin, Alte Nat.gal.). Die Malerei der Schule von Barbizon wirkte nachhaltig auf S.s Landschaftsauffassung. Wie auch Schleich adaptierte S. die in Frankreich entwickelte „paysage intime“, von Nahem gesehene Naturausschnitte, die ausschließlich mit Mitteln der Farbe gestaltet sind und die dem Licht und der Stimmung in der Landschaft besondere Aufmerksamkeit widmen („Irrlichter“, München, Neue Pinakothek). Als Maler gehörte S.zu den bedeutenden Koloristen seiner Zeit in Deutschland, eine Leistung, die durch die Popularität seiner Bildthemen in den Hintergrund gedrängt wurde. Mit seinem Witz, der menschliche Unzulänglichkeiten und bürgerliche Doppelmoral ebenso aufgreift wie das kleine Malheur, zählt S. zu den wenigen bedeutenden Humoristen in der dt. Kunst des 19. Jh.
Seit 1837 führte S. ein Verzeichnis, in dem er seine Bilderverkäufe dokumentierte. In den ersten Jahren wurden seine Gemälde v. a. über die Ausstellungen der Kunstvereine vermittelt, später übernahmen Händler diese Funktion. Die Käufer stammten aus dem Bürgertum und dem Adel, und wie andere Münchner Maler auch hatte S. in den späteren Jahren einen Kreis von Sammlern in den USA. Er signierte seine Bilder im allgemeinen und verwendete dazu ein Monogramm mit dem Buchstaben S im Rhombus. Da er keine große stilistische Entwicklung durchlief und viele Motive auch in größeren Zeitabständen wiederholte und variierte, sind eine chronologische Ordnung seines Œuvres und die Datierung einzelner Werke problematisch. Seit 1863 lebte und arbeitete S. zurückgezogen in einer Wohnung im vierten Stock des Hauses am Heumarkt 3, dem heutigen St. Jakobsplatz in München. Dort starb er an den Folgen eines Schlaganfalls.|Nach S.s Tod setzte eine große Nachfrage nach seinen Werken ein, die in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg einen Höhepunkt erreichte und sich nach dem 2. Weltkrieg erneut belebte. Die andauernde Popularität und Wertschätzung in weiten Kreisen machten S.s Werk für Nachahmer und Fälscher attraktiv. So existiert eine kaum überschaubare Zahl von Kopien, Nachahmungen und Fälschungen unterschiedlichster Qualität, während andererseits die Konturen seines Œuvres durch fragwürdige Zuschreibungen und den extensiven Gebrauch des Nachlaßstempels aufgeweicht wurden. Die Sicherung des Œuvres, die Unterscheidung zwischen Originalen und Bildern von fremder Hand ist die Aufgabe einer primär auf kennerschaftlichen Methoden fußenden kunsthistorischen Forschung. Dagegen wurden die geistesgeschichtlichen und kulturhistorischen Implikationen der erstaunlichen, alle Moden überdauernden Popularität des Künstlers bisher nur in Ansätzen ergründet.
14. Heinrich von Gagern
Biografie:
Der bedeutendste der „politischen“ Söhne von Hans ist nicht in Weilburg, wie die|5 Brüder, sondern in der Neuen Eremitage zu Bayreuth geboren, als der Vater seine Familie während der Franzosennot in das neutrale Nebenland des preußischen Staates flüchtete. Nach der Rückkehr der Ruhe in Weilburg unterrichtet, wurde er beim Austritt des Vaters aus dem nassauischen Dienst 1812 Kadett in München und kam 1814 nach Weilburg zurück, wo er sich dem nassauischen Kontingent der Verbündeten anschloß. 1815, wie Bruder Fritz, auf den Schlachtfeldern von Waterloo leicht verwundet, war ihm der Einzug in Paris das erste große Erlebnis; er wurde bis 1820 als Unterleutnant zum Studium beurlaubt, dann verabschiedet. In Heidelberg fand er mit dem Beitritt zur Burschenschaft Anschluß an die Einheits- und Reformbewegung, die er in Göttingen vergeblich durchzusetzen suchte, um so erfolgreicher war er in Jena, wo G. in der Urburschenschaft dem „engeren“, politisch aufgeschlossenen Verein angehörte; als Vorsteher hatte er dank einer glänzenden Rednergabe maßgebenden Anteil an der Begründung der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft: nach eigener Angabe der bedeutungsvollste Auftakt für sein Streben nach Einheit und bürgerlicher Freiheit. Daß er sich seiner „aristokratischen“ Herkunft durchaus bewußt blieb, gehört ebenso in die hier gewonnenen Eindrücke wie der Verzicht auf das Adelsprädikat in seiner Unterschrift. Um seine weltmännische Ausbildung abzurunden, schloß sich ein Studienaufenthalt in Genf an. Dank der vom Vater eingeleiteten Beziehungen zum Großherzogtum Hessen folgten 1820 juristische Prüfungen in Gießen und Darmstadt sowie der Eintritt in die hessische Verwaltung, zunächst in Lorsch, dann in der Hauptstadt. Im näheren Verkehr mit vormaligen Burschenschaftern, unter denen ihm →Reinhard Eigenbrodt Vertrauensmann fürs Leben wurde, bildete sich eine lebhafte Teilnahme für die in den früheren Rheinbundstaaten vordringlichen Verfassungsfragen aus, wesentlich gefördert durch den Gedankenaustausch mit dem ältesten Bruder. In einem lebhaften Briefwechsel bekennt sich der Sohn des Reichsfreiherrn zum liberalen Gedankengut des Vormärz, 1827 verteidigt eine kleine finanzpolitische Schrift die von der Regierung bedrohten Rechte, die die Verfassungsurkunde den Landständen gab; im folgenden Jahr sah er in einem Aufsatz in der Augsburger Allgemeinen Zeitung in den ersten preußischen Provinzialständen eine Vorstufe künftiger Reichsstände, ohne damit den Beifall des Vaters sowie des von ihm angesprochenen Stein zu gewinnen. Trotzdem schien, seit ihn die erste Heirat sowie die Ernennung zum Regierungsrat und Kammerherrn an Hof und Verwaltung fesselten, eine durchaus staatstreue Laufbahn gesichert. Um so heftiger brach nach dem Tod der Gattin der seit langem vorbereitete Konflikt mit dem neuen leitenden Minister, dem Freiherrn Du Bos du Thil, aus, der sich um eine Verwaltungs- und Rechtsgemeinschaft der 3 völlig verschieden gearteten Provinzen des Großherzogtums bemühte, ohne die für den südwestdeutschen Liberalismus vorbildlichen Sonderrechte des linksrheinischen Rheinhessen zu berücksichtigen. 1832 sandte sein alter Amtsbezirk Lorsch den Regierungsrat in die 2. Kammer des Landtags; eine seit langem erstrebte „ständische“ Laufbahn begann.
Als Berichterstatter des besonders wichtigen Finanzausschusses trat G. sehr scharf für die konstitutionelle Gewaltenteilung ein und bekämpfte die insbesondere von dem Österreich Metternichs gestützte „Reaktion“. Aussprachen mit Abgeordneten der besonders „fortschrittlichen“ württembergischen und badischen Landtage führten zu einer wechselseitigen Bindung des Liberalismus. In Darmstadt vertieften Auflösung des Landtags und Neuwahl die Spannung und führten 1833 zum Austritt aus dem Staatsdienst; da die Regierung die Oberhand behielt, verzichtete G. 1836 auf eine weitere Kandidatur und ließ sich als Pächter, später als Besitzer auf dem Familiengut Monsheim nieder. Die Vermählung mit der katholischen 2. Gattin, die ihn zur Erziehung aller Kinder in der Konfession der Mutter verpflichtete, sowie der Ausbau seines landwirtschaftlichen Betriebs drängten die politische Teilnahme nur für kurze Zeit zurück. Eifrige Tätigkeit im landwirtschaftlichen Verein sowie der ständige Meinungsaustausch mit den Darmstädter Freunden und mit den Vertretern des pfälzischen und badischen Liberalismus, vor allem mit Bruder Fritz, brachten dem Gedanken an Einheit und Freiheit neue Nahrung; seit dem Thronwechsel in Preußen (1840) wuchs der Wille, aufs neue in den Kampf einzutreten. Während Bruder Fritz eindeutig auf Preußen als den Regulator der Zukunft verwies, forderte G. 1844 eine friedliche Auseinandersetzung mit Österreich, „um dann umso fester das übrige Deutschland zur staatlichen Einheit zusammenzufügen“. Neben den Forderungen der jüngeren, in der Burschenschaft aufgewachsenen Generation behielt der vom Vater überlieferte Reichspatriotismus eine überraschend starke Kraft. Vor diesem Hintergrund führte wiederum eine gegen die Regierung gerichtete Schrift den Gutsbesitzer von Monsheim, den die Standesgenossen in Rheinhessen durch die Wahl zum Präsidenten ihres landwirtschaftlichen Vereins geehrt hatten, in die aktive|Politik zurück. 1847 wurde er im Darmstädter Landtag zum Sprecher des Liberalismus und unterschrieb zusammen mit dem Vater und Bruder Max das Programm der in Heidelberg gegründeten „Deutschen Zeitung“. Im Herbst des gleichen Jahres durfte er in seinem ersten Amts- und Wahlbezirk Heppenheim Preußen und „Deutsche“, das heißt nach dem Sprachgebrauch der Zeit Mitglieder der südwestdeutschen Opposition, zu gemeinsamer Beratung begrüßen. Die Frage, ob man sich mit einem politischen Ausbau des preußisch-deutschen Zollvereins begnügen oder auch Österreich heranziehen sollte, blieb ungelöst. Unter den Schlägen einer europäischen Revolution brachen alle Voraussetzungen der bisherigen Gesellschaftsordnung und Machtverteilung zusammen. In der Südwestecke des Deutschen Bundes erhielt das in der Verfassungsurkunde der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft festgelegte Ziel neue Vorzeichen.
Wie die Gesinnungsfreunde in Württemberg und Baden, in Kurhessen und Nassau sah sich G. aus dem Gegensatz zur Regierung zur Verantwortung berufen. Am 5.3.1848 nahm er an der Heidelberger Versammlung von 50 liberalen Persönlichkeiten teil, die die große Welle der nationalen Bewegung auslöste; am gleichen Tage betraute ihn der zum Mitregenten erhobene Erbgroßherzog Ludwig (III.) von Hessen mit der Leitung des Staatsministeriums sowie der inneren und auswärtigen Angelegenheiten. In dieser Eigenschaft gab er seinem Bruder Max Vollmacht, durch eine weitgehende Vereinbarung das Verhältnis Preußens zu den übrigen Staaten enger zu gestalten. Der Ausbruch der Märzrevolution in Berlin durchkreuzte den Plan. Friedrich Wilhelm IV. forderte das unbedingte Einverständnis Österreichs und gab damit den Zweifeln, die G. dem Hegemonieanspruch Preußens entgegengestellt hatte, recht. Sie auszutilgen müsse sich, wie er im Darmstädter Landtag ausführte, das übrige Deutschland unverzüglich mit Preußen über eine gemeinsame Verfassung einigen, ohne darüber Österreich aufzugeben. Im Gegensatz zu anderen Plänen, die die bisherige Dreiteilung des Deutschen Bundes beibehalten wollten, zeichnet sich hier das künftige Programm vom engeren und weiteren Bund ab; es durchzuführen war die Aufgabe einer gesamtdeutschen Volksvertretung.
Im Vorparlament ist G. nur vorübergehend aufgetreten. In der Frankfurter Paulskirche übertrug ihm die mehrfach erneute Wahl zum Präsidenten der konstituierenden deutschen Nationalversammlung Verantwortung und Führung. Den ersten Sieg auf dem Wege zu einem Bundesstaat mit monarchischer Spitze bezeichnete die Erhebung Erzherzog Johanns, des alten Kampfgenossen des Vaters, zum Reichsverweser. Die schnelle Durchführung der Reichsverfassung verhinderte der allzu berechtigte Wunsch, zunächst in Grundrechten des deutschen Volkes eine Wiederkehr der vormärzlichen Reaktion unmöglich zu machen. Erst die blutigen Septemberereignisse in Frankfurt, die der Innenminister der provisorischen Zentralgewalt, A. von Schmerling, in Zusammenarbeit mit G. unterdrückte, erzwangen Stück für Stück die Vorlage des vom wichtigsten Ausschuß ausgearbeiteten Entwurfs einer Reichsverfassung. Da das seit langem umstrittene Verhältnis zu Österreich zum Rücktritt des bisherigen, nach persönlichen und landsmannschaftlichen Rücksichten berufenen Reichsministeriums führte, kam als Nachfolger lediglich der Präsident der Paulskirche als Führer der Mehrheitsparteien in Frage. Mit seinem „Programm vom engeren und weiteren Bund“, das den Einfluß des Vaters und des gefallenen Bruders Fritz zeigt, stellte er den unverzüglichen Zusammenschluß Preußens mit dem übrigen Deutschland voran, ohne Österreich aus den älteren Verpflichtungen zu lösen. Während seine norddeutschen Anhänger bereits auf den habsburgischen Kaiserstaat verzichten wollten, zumal dieser aufs neue der Reaktion verfallen schien, blieb ihm eine wesentliche Voraussetzung, „Österreichs Unionsverhältnis zu Deutschland mittels einer besonderen Unionsakte zu ordnen und damit alle die verwandtschaftlichen, geistigen, politischen und materiellen Bedürfnisse nach Möglichkeit zu befriedigen, welche Deutschland und Österreich von je her verbunden haben und im gesteigerten Maße verbinden können“. Als diese Fassung eine stattliche Stimmenzahl erhielt, trat am 18.12.1848 die erste parlamentarische Regierung Deutschlands, in der dem Vorsitzenden Reichsminister die auswärtigen wie die inneren Angelegenheiten zufielen, ihr Amt an.
Eine ausreichende, in sich geschlossene Mehrheit hat die Reichszentralgewalt nie erreicht. Unter dem Druck der Einzelregierungen ging die Beratung der Reichsverfassung in erregendem Wechsel weiter. Ein Staatsstreich des vom Fürsten Schwarzenberg geführten Wiener Ministeriums, das mit der Verkündigung einer neuen, selbständigen Verfassung alle Bemühungen des deutschen Liberalismus abschnitt, führte zum dramatischen Ende. Ein Ausgleich mit der Linken, die als Gegengabe für ihre Zustimmung das allgemeine Stimmrecht einsetzte, gewann der Mitte einen knappen Sieg. Am 28.3.1849 vereinigte sich eine verschwindend geringe|Mehrheit zur Wahl Friedrich Wilhelms IV. zum Kaiser der Deutschen. Als dieser ablehnte, kämpfte das Reichsministerium verbissen um einen Ausweg. Hatte sich der begnadete Redner vordem durch den Zuruf einer begeisterten Menge emportragen lassen, – jetzt zeigte er in der Wirrnis der parteipolitischen Gegensätze eine wahrhaft bewundernswerte Größe, ohne in der Nationalversammlung eine feste Mehrheit, beim Reichsverweser Hilfe und Vertrauen zu finden. Am 10.5. entließ Erzherzog Johann das seit langem nur provisorisch amtierende Reichsministerium und gab damit auch der Paulskirche den Todesstoß. Schweren Herzens unterschrieb G. am 21.5. die Austrittserklärung der Mitte, die seiner „Standarte“ gefolgt war. Über die Zusammenkunft in Gotha, die Bruder Max vorbereitete, und über das Erfurter Unionsparlament ging der Weg in die einsame Welt des geschlagenen Kämpfers.
Ein Zwischenspiel zeigte den tiefen Ernst seines Willens: Als Preußen nach seinem Verzicht im Ringen um die Einheit auch Schleswig-Holstein fremder Willkür preiszugeben drohte, zog es den einstigen Waterloo-Kämpfer als Volontär-Major an die Front, „der Nation den Weg zur Pflicht zu weisen“. Wie in der deutschen Revolution zerbrach der Versuch am Widerstand der großen Mächte. Verbittert nahm sich der einstige Herold der Paulskirche, den mancherlei Ehrungen als den Wegbereiter von Einheit und Freiheit gefeiert hatten, „völlige Enthaltsamkeit von jedem öffentlichen Wirken“ vor. Zunächst im heimatlichen Monsheim, dann in Heidelberg gingen seine Gedanken in die Vergangenheit. Das groß angelegte Werk „Das Leben des Generals Friedrich von Gagern“ ist 1856 ein Ergebnis dieser Überlegungen geworden. Preußen und seinem König gilt der Vorwurf der Untreue. Persönliche Mißachtung, die ihm das Berliner Ministerium entgegenbrachte, vertiefte die Abkehr. Wie einst dem Vater erschien auch ihm jetzt Österreich gleichberechtigt im Wettlauf um die Gunst der Nation.
1859 eröffneten sich für die deutsche Einheitsbewegung wie für G. persönlich neue Aussichten. Kurz zuvor war Bruder Max nach Wien übergesiedelt; nicht allein 2 Neffen, die Söhne der ebenfalls politisch interessierten Schwester Amalie von Breidbach, folgten und sind bei Solferino gefallen, auch der älteste Sohn G.s, nach dem unvergessenen Mentor (Seefritz) Fritz genannt, fand, zumal Preußen einem katholischen Gagern verschlossen war, in der österreichischen Marine Aufnahme. Die Berliner Regierung dagegen versagte in den Augen vieler Reichspatrioten dem Bruderstaat aus eigennützigen Gründen ihre Hilfe und drohte nach einer kurzen liberalen Aera aufs neue der Reaktion zu verfallen. Im Wettstreit zwischen dem von R. von Bennigsen als einem „zweiten Gagern“ geleiteten Nationalverein und der großdeutschen Reformpartei, die die Wunschträume der alten Burschenschaft auf anderem Wege durchzusetzen hoffte, entschied sich G. 1862 für „eine Einigung der Nation unter der Zentralgewalt von Österreich und Preußen mit paritätischen Bedingungen“, – unter der unerläßlichen Voraussetzung, daß diese Führung von einem Parlament beraten und kontrolliert werde. Damit das eigene Programm vom Spätherbst 1848 durchgeführt werden konnte, war der „weitere Bund für die österreichischen gesamtstaatlichen Verhältnisse so vorteilhaft als möglich zu gestalten“.
Während er persönlich den Vorwurf des „Abfalls“ schmerzlich empfand, entschieden sich die vordem treuesten Anhänger für die kleindeutsche Lösung. Der Kreis der Freunde wurde enger und enger. Da finanzielle Sorgen hinzutraten, übernahm G. im Herbst 1863 die diplomatische Vertretung des Großherzogtums Hessen in Wien. Bald darauf rief ihn eine Neuwahl in die 2. Kammer des Darmstädter Landtages zurück. Hier wie dort hoffte er, dem Einheitsgedanken und den bürgerlichen Freiheitsbestrebungen zu dienen; hier wie dort sah er sich einer verwandelten Zeit gegenüber. Der Abgeordnete trat erst hervor, als er die Begründung des Reichs durch →Bismarck aufs freudigste begrüßte; der Diplomat verfolgte das wechselvolle Verhältnis der deutschen Vormächte zu den Mittel- und Kleinstaaten des Deutschen Bundes, ohne irgendwelchen Einfluß zu erhalten. Mit dem Abschluß eines engeren deutsch-österreichischen Bündnisses, das der neue Kanzler des Deutschen Reichs als eine Verwirklichung „Gagernscher Träume“ und als ein organisches, von den Launen der Regenten unabhängiges Verhältnis auslegte, schien ihm, der 1872 aus dem Staatsdienst ausschied und Darmstadt zum Alterssitz wählte, ein wesentliches Ziel seiner Lebensarbeit erfüllt. Für das nach seiner Meinung ausstehende Mitbestimmungsrecht einer Volksvertretung einzustehen, verbot längere Krankheit. Der Nachruf, daß kein deutscher Mann größere Vaterlandsliebe im Herzen getragen habe, verhallte; die Zeitungen hatten ihn vergessen. In der Geschichte der deutschen Einheitsbewegung dagegen verkörpern sein Leben und sein Wirken die Bestrebungen des im Dritten Deutschland wurzelnden Liberalismus und dürfen damit eine Stellung zwischen den Vertretern der beiden „Vormächte“, zwischen Metternich und→Bismarck, beanspruchen.
15. Johann Gustav Droysen
D.s früheste Kindheitserinnerungen reichten an die Männer und Ereignisse der Freiheitskriege heran. Jugend, Schulzeit und Studium standen im Zeichen von Kargheit und materieller Not. 1826 absolvierte er das Gymnasium in Stettin und bezog die Universität Berlin, wo er Philologie und Philosophie studierte. Die gleichzeitige Begegnung mit der großen Altertumswissenschaft, vor allem mit August Böckh und mit der Philosophie Hegels schuf bei diesem ungemein lebendigen, vom Geiste durchglühten Jüngling die Voraussetzungen für die fruchtbare Spannung empirischer und spekulativer Elemente, die ihn von Anfang an auszeichnete. Seit 1831 am Gymnasium zum Grauen Kloster und nach seiner Habilitation für klassische Philologie (1833) zugleich an der Berliner Universität wirkend, ragte der junge D. sofort durch seine erstaunliche Produktivität hervor. Nach einem Beitrag zur Papyrus-Forschung und Übersetzungen von Aeschylus und →Aristophanes wurde die entscheidende Tat des 25jährigen, die ihn mit einem Schlage in die erste Reihe der Historiker seiner Zeit stellte, seine „Geschichte Alexanders des Großen“ (1833), ein Werk von höchster Kraft der Anschauung und Gestaltung, in seiner Sprache am ehesten an den Historiker Schiller gemahnend, bedeutsam aber vor allem durch die Kühnheit seiner Konzeption: D. bricht hier mit der von Demosthenes her gesehenen Auffassung vom Untergang der griechischen Freiheit durch die Makedonen-Könige, wie sie auch vom nationalen Idealismus der Freiheitskriege – zuletzt von Niebuhr – vertreten worden war. Der Sieg Philipps bei Cheironea ist für ihn nicht das Ende, sondern das Öffnen der Tür für die Vollendung der griechischen Geschichte: für die Überwindung des zähen Partikularismus des Griechentums und für die Lenkung ihres „kosmopolitischen Zuges“ „in geordnete Bewegung“, zum großen nationalen Kampf gegen die Perser. Die Darstellung ist beherrscht von der universalhistorischen Anschauung im Geiste Hegels, dessen Urteil über Alexander sichtlich auf D. gewirkt hat; sie bestimmt das Bild von der Rolle des großen Genius Alexander ebenso wie die „dialektische“ Deutung des „Hellenismus“ – ein Begriff, den erst D. zur umfassenden Epochenbezeichnung erhoben hat –, der die Menschen des Heidentums zu „tiefster Verlorenheit und Trostlosigkeit“ geführt und damit das Christentum erst ermöglicht habe. D. hat sein Bild vom Hellenismus über Alexander hinaus weiter ausgestaltet (1836, 1843) und in der 2. Auflage (1877/78) drei Bände unter dem Titel „Geschichte des Hellenismus“ zusammengefaßt, allerdings ohne den Plan, die Darstellung bis zur Stiftung des Christentums fortzuführen, vollenden zu können.
Als D. 1840 einen Ruf nach Kiel annahm, wurde die erste Lebensphase, die im Zeichen eines gelehrten und künstlerischen Neuhumanismus stand, abgeschlossen. In der politisch bewegten Atmosphäre Schleswig-Holsteins fiel der deutschen Universität Kiel eine bedeutsame Rolle im Werden des deutschen Nationalbewußtseins zu. D. hielt und veröffentlichte „Vorlesungen über die Freiheitskriege“ (2 Bände, 1846), kein Werk gelehrter Aktenforschung, sondern ein Dokument politisch-nationaler Erziehung, das den inneren Zusammenhang des nationalstaatlichen Liberalismus mit der großen Reformzeit Preußens zeigt. Als 1846 der Offene Brief Christians VIII. von Dänemark den nationalen Kampf um die Herzogtümer eröffnete, war D.s Weg vom nationalen Historiker zum nationalen Politiker gewiesen. Er beteiligt sich an der publizistischen Abwehr der dänischen Ansprüche, nimmt am Aufstand vom März 1848 teil und tritt dann als bedeutender geistiger Mitgestalter der deutschen Verfassungsfrage in der deutschen Revolution von 1848 hervor: als Mitglied des 17er-Ausschusses, schließlich als Abgeordneter der Nationalversammlung und in ihr vor allem als Mitglied des Verfassungsausschusses, dessen Protokolle er mit der meisterhaften Kunst eines alle Politik als Geisteskampf deutenden Kopfes führte. D. gehörte dem „rechten Zentrum“ in der Nationalversammlung an, von dem die Politik der kleindeutschen-preußischen Führung vor allem getragen wurde. Sein Eintreten für Preußen, seine mit Dahlmann zusammen gestellte „Frage an Österreich“, sein schon im Alexander-Werk anklingender Machtsinn waren Ausfluß der Hegelischen Staatsidee, in der sein Freiheitsgedanke gipfelte.
Bis zur Punktation von Olmütz war D. dann noch Abgeordneter der Kieler Landesversammlung gewesen. Nach 1850 trat er nicht mehr politisch hervor. Unter dem Druck der Verhältnisse nahm er einen Ruf nach Jena an, wo er bis zu seiner Übersiedlung nach Berlin 1859 blieb. Hier im Zentrum des preußischen Staates, mit dem er innerlich untrennbar verwachsen war, hat er bis zu seinem Tode an der Universität gelehrt. In dieser letzten Lebensphase bildet sich eine eigenartige Spaltung seiner wissenschaftlichen Interessen, ein Nebeneinander der ins Methodische, Geschichtsphilosophische gewendeten universalhistorischen Tendenz der Frühzeit und des sich auf die Erforschung des geschichtlichen Phänomens Preußen konzentrierenden nationalen Idealismus aus. Die Enttäuschungen über die Abkehr Preußens von den liberalen und nationalen Idealen riefen in dem Anhänger der Reformzeit von 1813 nicht eine innere Abwendung von dem Staat seiner Geburt und geistigen Wahl hervor, sondern sie trieben eher seine geistigen Energien an, angesichts der Verfälschungen der Gegenwart die reine Idee des preußischen Staates und seiner Politik aufzuspüren. D. nähert sich dabei immer mehr dem alten Preußen mit seinen konservativen, militärischen Zügen. So schreibt er „Das Leben des Feldmarschalls Grafen Yorck von Wartenburg“ (3 Bände, 1851/52), in dem er die Verkörperung des alten friderizianischen Geistes der preußischen Armee sah und den er zweifellos stilisiert, wenn nicht heroisiert hat (Kontroverse mit dem Oberpräsidenten von Ostpreußen Theodor von Schön). Die große Wirkung dieses Buches beruhte wohl in erster Linie darauf, daß hier ein besonderer Beitrag zur Entstehung des deutschen Nationalbewußtseins mit seiner Verschmelzung nationalstaatlicher, idealistischer und altpreußisch-militärischer Elemente geleistet war. Das Hauptwerk D.s, um dessen Vollendung er fast 30 Jahre gerungen hat, wurde aber die „Geschichte der preußischen Politik“ (14 Bände, 1855-86). Sie ist die umfassendste Darstellung der borussischen Geschichtsidee und zeigt, wie die konstruktiv-spekulative Begabung des Verfassers nun ganz im Dienste einer politischen Anschauung der Geschichte steht. D. unternimmt den Versuch, eine Kontinuität der deutschen Politik der Hohenzollern vom 15. bis ins 19. Jahrhundert zu unterstellen, der längst als ein Irrtum erwiesen ist. D. interessiert dabei nicht das Mit- und Gegeneinander der Staaten wie Ranke, sondern die konsequente Verfolgung der einen Linie der preußischen Politik. Sie ist ihm ein Erweis der „Kontinuität der fortschreitenden geschichtlichen Arbeit“, wie er es in seiner „Historik“ nannte.
Man wird ein Jahrhundert nach dem Erscheinen des 1. Bandes der „Preußischen Politik“ die ungeheure geistige Anstrengung bewundern, aber in dem Werke doch eine fast tragisch anmutende Verirrung und Verarmung erkennen müssen. Daß aber in deren Schöpfer der innere Reichtum der Frühzeit noch nicht verloren war, der ihn in seiner Jugend zu fast verschwenderischer Produktivität befähigt hatte, zeigen die „Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte“, die D. zuerst im Sommersemester 1857 gelesen und dann noch 17mal wiederholt hat. Sie sind uns seit 1937 unter dem Titel „Historik“ (²1943) in der Ausgabe von Rud. Hübner zugänglich. Dieses Werk stellt einen der wenigen Anläufe dar, die ein praktizierender Historiker unternommen hat, einen systematischen Standort für die Geschichtswissenschaft zu finden. D. hat darin den Grund für die Verstehenslehre gelegt, die|später vor allem von Dilthey und Rickert weiterentwickelt wurde. („Unsere Methode ist, forschend zu verstehen.“) Dieses Selbstbewußtsein des geschichtlichen Erkennens ist gereift in der Auseinandersetzung mit dem Anspruch des westeuropäischen Positivismus, die Geschichte zum Rang einer Wissenschaft zu erheben, indem sie naturgesetzlichen Determiniertheiten unterworfen wird. Er hat seine Einsichten aber auch aus dem Gegensatz zur „kritischen Schule“ Rankes und zu dem vor ihr aufgestellten Begriff der objektiven Tatsache gewonnen. D. unterscheidet scharfsinnig „die sogenannten Tatsachen in ihrer einstigen Wirklichkeit“ und das, was von ihnen noch unvergangen und gegenwärtig ist.
D. wird getragen von einem ethischen Optimismus, der ganz im idealistischen Erdreich wurzelt. Inhalt der Geschichte ist ihm „die rastlos werdende Humanitas, die fortschreitende Bildung“, die in den „sittlichen Gemeinsamkeiten“ – Hegels objektivem Geist – sich realisiert. Die Ethik ist ihm das Gesetz der Geschichte, „die sittliche Weltordnung, die Herrschaft und Ausgestaltung der sittlichen Mächte“. In diesen Anschauungen ist neben Burckhardts historischem Skeptizismus und Nietzsches Leugnung des Nutzens der Geschichte für das Leben noch bis ins späte 19. Jahrhundert ein tiefer Glaube an die Macht des sittlichen Willens in der Geschichte lebendig, der sich nicht nur in Staat und Nation, sondern in allen „sittlichen Gemeinsamkeiten“ zu bewähren hat. D. verfügt auch als philosophischer Schriftsteller über das Wort mit souveräner Sicherheit. In seinen Abstraktionen bleibt immer das lebendige Wesen der Geschichte und ihrer Gestalten erhalten; manche seiner Formulierungen weisen in die Nähe neuester existenzphilosophischer Begriffe. Am größten ist er immer da, wo er die historischen Phänomene zugleich anschaulich zu beschreiben und geistig zu durchdringen versucht.
16. Friedrich Daniel Bassermann
Nach kaufmännischer Ausbildung, Auslandsreisen und naturwissenschaftlichen sowie historischen Studien in Heidelberg (→Friedrich Christoph Schlosser) betrieb B. 1833-41 ein Drogengeschäft und gründete 1843 mit seinem Freunde →Karl Mathy einen Verlag, in dem u. a. 1847/48 die von Georg Gottfried Gervinus redigierte „Deutsche Zeitung“ als Organ des preußenfreundlichen gemäßigten Liberalismus erschien. Nach reger kommunalpolitischer Tätigkeit wurde er 1841 in die II. Kammer des badischen Landtags gewählt, wo er, ein ungewöhnlich geschickter Redner, sich bald einen Namen machte als einer der gemäßigten und doch entschiedenen Führer der Opposition („Urlaubsstreit“, Militärverfassung, Steuerreform). Auf einer Versammlung süd- und westdeutscher Liberaler in Heppenheim (10.10.1847) vertrat er, in der Erwartung einer baldigen Krise, gegen →David Hansemann und Mathy, die den Ausbau des Zollvereins wünschten, das Programm einer Umwandlung des Deutschen Bundes in einen konstitutionellen Bundesstaat; in diesem Sinne begründete er dann am 12.2.1848 im badischen Landtag seine berühmte Motion auf „Vertretung der deutschen Ständekammern am Bundestage“. B., der seit dem Aufkommen des Radikalismus in Baden immer mehr nach rechts neigte, aber doch an den liberalen Forderungen festhielt, wurde im März 1848 als badischer Vertrauensmann in den zur Ausarbeitung eines Verfassungsentwurfes bestimmten 17er-Ausschuß beim Frankfurter Bundestag entsandt. Als Abgeordneter im Vorparlament, im 50er-Ausschuß und in der Nationalversammlung (Vorsitzender des Verfassungsausschusses) sowie als Unterstaatssekretär im Reichsministerium des Inneren suchte er im Sinne der „Kasinopartei“ bzw. der „Erbkaiserlichen“ zu wirken. Im November 1848 war B. als Reichskommissar in Berlin, um die preußische Regierung zum Zusammengehen mit der Zentralgewalt zu bestimmen; an seinen Bericht in der Paulskirche, in dem er von unheimlichen Gestalten gesprochen hatte, die in Berlin das Straßenbild bestimmten, knüpft das geflügelte Wort von den „B.schen Gestalten“ an. Eine zweite Reise Ende April 1849 diente dem vergeblichen Versuch, Friedrich Wilhelm IV. zur Annahme der Reichsverfassung und der Kaiserkrone zu bewegen. Nach dem Scheitern der Nationalversammlung und des Erfurter Parlaments, dem er ebenfalls angehört hatte, zog sich B.enttäuscht ins Privatleben zurück und beging schließlich unter dem Eindruck eines langwierigen konstitutiven Nervenleidens Selbstmord.
17. Felix Mendelssohn Bartholdy
Nachdem die Familie 1811 wegen der franz. Besatzung aus Hamburg nach Berlin übersiedelt war, wuchs M. dort in der kulturell aufgeschlossenen Atmosphäre des wohlhabenden, assimilierten Judentums auf. Seine musikalische Begabung wurde, wie die der Schwester Fanny, bereits früh nachhaltig gefördert. Ersten Klavierunterricht erhielt er von der Mutter, die aus einer musikbegeisterten Familie stammte, in der besonders die Musik Bachs gepflegt wurde. M., der nie eine Schule besuchte, wurde zunächst von seinen Eltern und später von Hauslehrern unterrichtet. Bei →Karl Heyse, dem Vater des Dichters →Paul Heyse, lernte er Griechisch und Latein sowie die allgemeinen Fächer; Klavierunterricht erhielt er bei →Ludwig Berger. 1816 ließ der Vater, enttäuscht über die nicht wirklich vollzogene Emanzipation der Juden, seine Kinder evangelisch taufen. Seither führte die Familie den Doppelnamen Mendelssohn Bartholdy nach dem Bruder von M.s Mutter, der diesen Schritt entscheidend gefördert hatte. M. selbst war sein Leben lang ein gläubiger Christ, der jedoch seine jüd. Abstammung nie|verleugnete, sich vielmehr mit dem Schicksal der Juden solidarisch fühlte.
Als die Familie 1816 zu einem mehrmonatigen Aufenthalt nach Paris ging, erhielt M. dort Klavierunterricht bei Marie Bigot. Seit 1819 unterrichtete ihn Carl Friedrich Zelter in Harmonielehre und Kontrapunkt. Dessen Eintreten für Bach und sein Wirken an der Berliner Singakademie, in deren Chor M. seit seinem elften Lebensjahr regelmäßig mitwirkte, haben seine Musikerlaufbahn entscheidend beeinflußt. Bei dem Konzertmeister Carl Wilhelm Henning erhielt M.Unterricht in Violine und Bratsche, später bei Eduard Rietz, seinem Jugendfreund. Bereits 1820 waren die ersten Kompositionen, Symphonien für Streichorchester sowie Kammermusiken, entstanden. Nachhaltigen Eindruck machte auf M. →Carl Maria v. Weber während dessen Berliner Aufenthalts 1821, vor allem mit der Musik des „Freischütz“. Im selben Jahr lernte er als Reisebegleiter Zelters in Weimar Goethe kennen, der an der Aufführung eines Klavierquartetts des Zwölfjährigen sowie an dessen Fähigkeiten als virtuoser Improvisator großen Gefallen fand. Zwischen dem alten Dichter und dem jungen Musiker entstand eine enge Vertrautheit, die bis zu Goethes Tod andauerte.
Nach der Rückkehr von einer Familienreise in die Schweiz, an der auch der Lehrer →Heyse teilgenommen hatte, begannen 1822 in M.s Elternhaus die regelmäßigen „Sonntagsmusiken“, für die ein kleines Orchester zusammengestellt wurde. Zu den Zuhörern zählten außer Zelter auch Alexander v.Humboldt, Hegel und der Altphilologe →Philipp August Boeckh. Für das Ensemble schrieb M. kleine Stücke, im Oktober 1822 entstand sein Klavierquartett c-Moll, das als op. 1 gedruckt wurde; außerdem verfaßte er einige Operetten, von denen „Die beiden Neffen oder Der Onkel aus Boston“ an seinem 15. Geburtstag bei der „Sonntagsmusik“ uraufgeführt wurde. Außer mehreren Klavierquartetten hatte M. damals bereits neun Symphonien für Streichorchester und zahlreiche andere Stücke verfaßt. Seine erste eigentliche Symphonie (op. 11, c-Moll) vollendete er 1824. Nach Beendigung des Unterrichts bei Zelter reiste der Vater 1825 mit M. nach Paris, um ihn Cherubini vorzustellen und dessen Urteil über seine Befähigung als Musiker einzuholen. Dieser äußerte sich begeistert und empfahl, den Sohn die Musikerlaufbahn einschlagen zu lassen. Während des Aufenthalts in Paris lernte M. auch andere bekannte Musiker kennen, unter ihnen Liszt, Rossini, Kreutzer, Auber und Meyerbeer.
Im Spätsommer 1825 bezog die Familie ihr neues Haus in Berlin, Leipziger Straße (später Preuß. Herrenhaus), in dessen Garten sich ein mehrere hundert Personen fassender Saal befand, wo seither die „Sonntagsmusiken“ stattfanden. Zu M.s Freundeskreis gehörten nun auch der Historiker Gustav Droysen, der nachmalige Diplomat Karl Klingemann sowie der Musiktheoretiker →Adolph Bernhard Marx, der M. bei der Komposition der Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ (op. 21) beraten hatte. Die 1826 vollendete Ouvertüre zu Shakespeares Theaterstück entstand im Zuge der Begeisterung für Schlegels und Thiecks Shakespeareübersetzungen und kam unter M.s Leitung am 29.4.1827 in Stettin zur Uraufführung. Ebenfalls 1826 war das meisterhafte Oktett op. 20 entstanden. Mit der Oper „Die Hochzeit des Camacho“ (Libretto nach Cervantes von Ebert), die 1827 in Berlin unter der Leitung des Generalmusikdirektors Gasparo Spontini aufgeführt wurde, hatte M. allerdings nur geringen Erfolg.
Um seine Studien fortzusetzen, bewarb sich M. 1827 um die Aufnahme an der Berliner Universität. Da er keine Schule besucht hatte, reichte er auf Anraten Heyses eine in Versform erstellte Übertragung der Komödie „Das Mädchen von Andros“ von Terenz ein, die er im Druck vorlegte. Er hörte Vorlesungen bei Hegel, dem Geographen →Carl Ritter und dem Juristen →Eduard Gans. Neben dem Studium wurden die regelmäßigen Sonntagsmusiken und der Besuch der Singakademie fortgesetzt. Zu seiner Erholung spielte M. gerne Schach und Billard, er galt als ein hervorragender Reiter, Schwimmer und Tänzer. In seinem Tagesablauf stand er in seiner Jugend unter der strengen Aufsicht seiner Eltern, die große Anforderungen an seine Leistungen stellten. Dieses hohe Arbeitsethos behielt M. sein Leben lang bei.
In seinem kompositorischen Schaffen wurde M. durch die Schrift „Über Reinheit der Tonkunst“ (1825) von Anton Friedrich Justus Thibaut beeinflußt, den er auf einer sommerlichen Reise an den Rhein 1827 in Heidelberg besuchte. Dessen Programmschrift zur Wiederbelebung der altital. Vokalmusik hatte die Wiederverwendung des a-cappella-Stils zum Ziel, was bei M. zur verstärkten Beschäftigung mit der Vokalmusik führte. Wichtiger noch wurde für ihn die systematische Beschäftigung mit den Werken Bachs. Nachdem er bereits 1823 eine von E. Rietz angefertigte Abschrift der „Matthäus-Passion“ von seiner Großmutter mütterlicherseits zum Geburtstag erhalten hatte, machte er sich nun daran, eine Aufführung dieses Werkes zu realisieren Er versuchte, Zelter für seinen Plan zu gewinnen, und nach anfänglichem Widerstand sicherte dieser die Mitwirkung seiner Singakademie zu. Im Herbst 1827 begann M.zunächst mit privaten Proben, am 11.3.1829 fand schließlich, 100 Jahre nach der Uraufführung, unter M.s Leitung in der Berliner Singakademie die erste von drei Aufführungen statt. Die Partie des Jesus hatte →Eduard Devrient übernommen, den Evangelisten sang der Hofopernsänger Stürmer. Damit leitete M. eine Bach-Renaissance ein, die bis heute anhält und in ihren Auswirkungen auf das Musikleben des 19. Jh. kaum zu überschätzen ist.
Zur Vervollständigung von M.s Ausbildung als Musiker und Komponist gewährte ihm der Vater eine dreijährige Reisezeit, die er im April 1829 zunächst mit einem Aufenthalt in England begann. In der Londoner Philharmonie führte er seine Symphonie in c-Moll und die Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ auf und trat auch als Pianist hervor. Bereits damals wurde er zum Ehrenmitglied der Philharmonie Society ernannt. Bei diesem Aufenthalt entstand die enge Bindung an das engl. Musikleben, die im Laufe seines Lebens zu neun weiteren Reisen nach England führen sollte. Die engl. Mendelssohn-Tradition, die unbeeinflußt blieb durch ästhetischen Wertewandel und durch antisemitische Verketzerung, nahm damals ihren Anfang. M. war einer der wenigen deutschen Komponisten, die die engl. Musik des 19. Jh. prägend beeinflußt haben.
Nach dem Ende der Londoner Konzertsaison, in der er noch in einem Wohltätigkeitskonzert zugunsten notleidender Schlesier aufgetreten war, unternahm M. zusammen mit seinem Freund Klingemann eine längere Wanderung durch das schott. Hochland. Beim Anblick der Kapelle Maria Stuarts entstand das Urmotiv der erst 1842 vollendeten Schottischen Symphonie. Ein Ausflug auf die Hebriden führte zu ersten Skizzen zur „Hebriden-Ouvertüre“. Neben weiteren kompositorischen Entwürfen entstand nach der Rückkehr in London, wo er durch eine Beinverletzung aufgehalten war, das Liederspiel „Die Heimkehr aus der Fremde“, das er seinen Eltern zur Silberhochzeit widmete. Im Spätherbst 1829 kehrte M. nach Berlin zurück, wo er mit der Komposition seiner Reformationssymphonie als Beitrag zur 300-Jahr-Feier der Augsburger Konfession begann. Zu dieser Zeit soll er laut E. Devrient eine Professur für Musik an der Berliner Unversität angeboten erhalten haben, für die er jedoch seinen Freund Marx empfohlen habe.
Die Fortsetzung von M.s Reise erfolgte schließlich Mitte Mai 1830. Sie begann mit einem Besuch bei Goethe in Weimar und dauerte bis Juli 1832. Zwei Monate hielt M. sich in München auf, wo er das 1. Klavierkonzert g-Moll op. 25 komponierte und zur Uraufführung brachte. In Wien blieb er über einen Monat; er war vom dortigen Musikleben wenig angetan, schloß jedoch lebenslange Freundschaft mit den Musikern →Aloys Fuchs und →Franz Hauser. Fuchs war als Antiquar M. wiederholt bei der Suche nach Musikautographen behilflich. Über Venedig und Florenz gelangte M. nach Rom, wo er vor allem die altital. Vokalmusik studierte. Hier traf er mit Berlioz zusammen, der damals Stipendiat in der Villa Medici war. Er schätzte Berlioz als Persönlichkeit, hielt jedoch nur wenig von dessen Musik. In Rom arbeitete M. an der Goethe-Kantate „Die erste Walpurgisnacht“ sowie an der „Italienischen Sinfonie“. Über die Schweiz reiste er im Sommer 1831 zurück nach München, wo er im Kreis um Delphine v. Schauroth verkehrte, der er das Klavierkonzert widmete. Kg.Ludwig I. hatte sich sogar darum bemüht, sie mit M. ehelich zu verbinden. Mit einem Opernauftrag des Münchener Hoftheaters reiste M. über Düsseldorf, wo er mit Immermann das Projekt einer Oper nach Shakespeares „Sturm“ erörterte, nach Paris. Hier traf er im Dezember ein, verkehrte häufig mit Chopin, Hiller, Habeneck und Liszt, auch mit den anderen Größen des Pariser Musiklebens. Seine Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“ war in Paris ein Mißerfolg, die „Reformationssymphonie“ wurde geprobt, kam jedoch nicht zur Aufführung. Er selbst beurteilte das damalige Pariser Musikleben sehr negativ. Nach der Genesung von einer schweren Erkrankung reiste er im Frühjahr 1832 nach London. Hier spielte er mit großem Erfolg sein Klavierkonzert, dirigierte die Hebridenouvertüre und konzertierte in der St. Pauls-Kathedrale an der Orgel. Nach dem Tod Goethes und Zelters, durch den er tief erschüttert wurde, kehrte M. im Juli 1832 wieder nach Berlin zurück. Auf Drängen der Familie bewarb er sich um die Nachfolge Zelters als Leiter der Singakademie, doch wurde ihm der unbedeutende Carl Friedrich Rungenhagen vorgezogen, wobei deutlich antisemitische Tendenzen im Spiel waren. Unter Rungenhagen verlor die Singakademie an Ansehen und wurde schließlich in ihrem Rang von anderen Berliner Chorvereinigungen übertroffen.
Anfang 1833 nahm M. das Angebot an, das 15. Niederrhein. Musikfest in Düsseldorf zu leiten. Doch zunächst reiste er im Frühjahr|erneut nach London, wo er am 13. Mai die Uraufführung seiner „Italienischen Symphonie“ leitete. Beim Niederrhein. Musikfest brachte er außer Beethovens Pastoralsymphonie und der dritten Leonoren-Ouvertüre die erste deutsche Aufführung von Händels „Israel in Ägypten“ in der Urfassung, deren Originalhandschrift er in London selbst kopiert hatte. Auch mit dieser Aufführung trug M. entscheidend zur Renaissance der deutschen Barockmusik bei. Der große Erfolg des Musikfestes brachte M. die Anstellung als Musikdirektor der Stadt Düsseldorf. Er hatte hier die Oberleitung über die Kirchenmusik der Katholiken und der Protestanten sowie die Direktion des Düsseldorfer Musikvereins inne. Von Ende 1833 bis Ende 1834 wirkte er neben Immermann auch am Düsseldorfer Theater als Kapellmeister, wo er in erster Linie Opern dirigierte.
In dieser Zeit entstanden die ersten von M.s „Liedern ohne Worte“, mit denen er ein neues, sehr erfolgreiches Genre schuf. Von vergleichbarer Wirkung waren die später entstandenen „Sechs Lieder, im Freien zu singen“ (1839) sowie seine meisterhaften Männerchöre. 1834 leitete M. das 16. Niederrhein. Musikfest in Köln, an dem auch Chopin und Hiller teilnahmen. In diesem Jahr wurde er zum Mitglied der Berliner Kunstakademie ernannt und damit zum ersten Mal in Deutschland offiziell geehrt. Es entstand eine Reihe von Konzertouvertüren, und das Oratorium „Paulus“ wurde vollendet, das bereits 1831 vom Frankfurter Cäcilienverein bestellt worden war. Zu Pfingsten 1835 leitete er das 17. Niederrhein. Musikfest in Köln, bei dem auch seine Familie und Berliner Freunde anwesend waren. Aufsehen erregte diesmal die Aufführung von Händels „Salomo“. Im Januar 1835 hatte M. das Angebot erhalten, Musikdirektor des Gewandhauses in Leipzig zu werden, und am 1.9. trat er diese Stelle an. Unter seiner Leitung gewannen die Konzerte dieser Institution einen hohen Rang. M. führte die systematische Schulung des Orchesters ein und engagierte herausragende Solisten als Gäste. Neben der zeitgenössischen deutschen Musik pflegte er besonders die damals wenig bekannten Werke Bachs und Händels sowie die Symphonien Beethovens. In den Leipziger Jahren entwickelte sich eine enge Freundschaft mit →Robert Schumann und seiner Frau Clara.
Der Tod des Vaters im November 1835 stürzte M. in eine tiefe Depression, von der er sich nur langsam erholte. Sein Zustand besserte sich erst, als er im Sommer 1836 in Frankfurt seine spätere Frau, →Cécile Jeanrenaud, kennenlernte. Im Frühling dieses Jahres hatte er beim Niederrhein. Musikfest in Düsseldorf die Uraufführung des „Paulus“ dirigiert, nachdem sich die geplante Aufführung durch den Frankfurter Cäcilienverein wegen der Erkrankung dessen Leiters, →Johann Nepomuk Schelble, verzögert hatte; für den Freund übernahm er im Sommer dieses Jahres die Leitung des Cäcilienvereins. In Frankfurt traf er auch mit Hiller und Rossini zusammen. Nach der Hochzeit im März 1837 und der anschließenden Hochzeitsreise, während der M. seine Streichquartette op. 44 komponierte, ging er im Sommer nach Birmingham, wo er den „Paulus“ dirigierte, der auch in zahlreichen deutschen Städten aufgeführt wurde. Der überragende Erfolg dieses Werkes machte M. endgültig zu einem der führenden Komponisten Europas.
In Leipzig begann M. 1838 mit der Reihe der „Historischen Konzerte“, bei denen er den Zuhörern die Musik von Bach und Händel und in chronologischer Folge die Werke weiterer Komponisten bis hin zu den Zeitgenossen vorführte. Zu den Verdiensten M.s gehört auch sein Eintreten für die Musik Schuberts, dessen große Symphonie in C-Dur er 1839 aus dem Nachlaß aufführte, nachdem Schumann sie in Wien entdeckt hatte. Das kompositorische Ergebnis dieses Jahres, in welchem M. wiederum die Leitung des Niederrhein. Musikfestes hatte, waren insbesondere die Lieder für gemischten Chor „Im Freien zu singen“ sowie die geistliche Komposition „Da Israel aus Ägypten zog“. In dieser Zeit vollendete er zum Gutenberg-Jubiläum die Symphoniekantate „Lobgesang“, ein Werk, das von ihm selbst sehr geschätzt, aber noch zu seinen Lebzeiten stark kritisiert wurde. Im folgenden Jahr entwickelte er Pläne zur Gründung eines Konservatoriums in Leipzig und war Mitinitiator eines dort zu errichtenden Bach-Denkmals. Auch im Sommer 1840 hielt sich M. wieder beim Musikfest in Birmingham auf.
Kg. Friedrich Wilhelm IV. von Preußen berief M. auf Vorschlag von K. Bunsen und A. v. Humboldt 1841 als Preuß. Generalmusikdirektor und Leiter der Musikabteilung der neuerrichteten Akademie der Künste nach Berlin, worauf dieser erst nach längerem Zögern einging. Seine Ideen zur allgemeinen Verbesserung der musikalischen Ausbildung konnte er dort nicht realisieren, die Bestrebungen, die musikalische Klasse der Akademie der Künste zu reorganisieren, scheiterten. Statt seinen Verpflichtungen weiterhin nachgehen zu müssen, sollte M. von nun an im persönlichen Auftrag des Königs als Komponist frei arbeiten können; er schuf für Ludwig Tiecks Wiederaufführungen der Dramen von Sophokles und Euripides Schauspielmusiken zu „Antigone“ und „Oedipus auf Kolonos“ sowie die „Sommernachtstraum“-Musik. Eine Musik zu den „Eumeniden“ zu schreiben, hielt er allerdings für zu gewagt, weshalb er diesen Auftrag ablehnte und dadurch einen Zwiespalt mit dem König hervorrief. Schließlich wurde eine Einigung dahingehend getroffen, daß M. weiterhin zur Verfügung stehen sollte, aber nicht mehr an Berlin fest gebunden war. Eine der ihm verbliebenen Aufgaben war die Reorganisation und Leitung des Berliner Domchors, für die M. zum Generalmusikdirektor ernannt wurde. Von Dezember 1842 bis August 1843 wurde er jedoch zunächst beurlaubt und hielt sich vorwiegend in Leipzig auf. Hier hatte er im März 1842 die Uraufführung der „Schottischen Symphonie“ dirigiert. Zu dieser Zeit erhielt er das Angebot, Leipziger Thomaskantor zu werden, was er jedoch ablehnte. Im Sommer 1842 hielt er sich erneut in England auf, wo er häufig mit Kgn.Victoria und Prinz Albert zusammentraf.
Ein lange gehegter Plan konnte im Frühjahr 1843 verwirklicht werden: Aus einem dem sächs. König zugedachten Legat erhielt M. die Mittel zur Einrichtung eines Konservatoriums in Leipzig, das am 3.4. als „Musikschule“ im Gebäude des Gewandhauses eröffnet wurde. Die ersten Lehrer waren M. selbst für Klavier und Komposition, →Moritz Hauptmann für Musiktheorie, →Ferdinand David für Violine. →Robert Schumann für Klavier und Komposition, Carl Ferdinand Becker für Orgel und Christian August Pohlenz für Gesang. Nach dem Weggang Schumanns aus Leipzig 1843 unterrichtete →Ignaz Moscheles am Konservatorium. Aus dieser Gründung wurde bald die angesehenste Musikhochschule Deutschlands im 19. Jh.
In Berlin leitete M. in diesem Jahr die Aufführung seiner Schauspielmusiken, die jedoch geteilte Aufnahme fanden. Trotz erheblicher Schwierigkeiten mit der rigiden prot. Liturgie seiner Zeit hat M. eine Reihe hervorragender Kompositionen für den Berliner Domchor geschaffen. Im Frühjahr 1844 hielt er sich wieder in London auf, wo er sechs Konzerte der Philharmonie dirigierte; damit wurde das gesunkene Ansehen des Orchesters wieder gehoben sowie das bis dahin entstandene finanzielle Defizit ausgeglichen. Währenddessen arbeitete M. an seinem Violinkonzert e-Moll op. 64, das David im März 1845 in Leipzig zum erstenmal spielte. Außerdem schuf er hier die Musik zu „Athalie“ von Racine und die sechs Orgelsonaten op. 65. Daneben bereitete er für die „Handel Society“ eine Partiturausgabe von Händels „Israel in Egypt“ vor. Im Herbst dieses Jahres kehrte M. zunächst nach Berlin zurück, wurde jedoch bald auf seinen Wunsch hin von seinen dortigen Pflichten entbunden und ging Anfang Dezember nach Frankfurt, wo er sich mehr seiner Familie widmen konnte und komponierte. In erster Linie arbeitete er hier an dem „Elias“, seinem zweiten großen Oratorium. Eine vielversprechende Einladung nach New York schlug er aus, auch bei der Uraufführung seines Violinkonzerts in Leipzig war er nicht zugegen.
Erst im Herbst 1845 nahm er seine Tätigkeit für Leipzig wieder auf. Im Dezember sang die schwed. Sopranistin Jenny Lind im Gewandhaus, und eine enge künstlerische Freundschaft entstand zwischen ihr und M. Beim zweiten Konzert des Gewandhausorchesters dirigierte M. die Uraufführung von Schumanns Klavierkonzert a-Moll. In dieser Zeit fand auch ein Gedankenaustausch mit →Richard Wagner statt, dessen Tannhäuser-Ouvertüre M. am 14.2.1846 in Leipzig aufführte. Im Mai dieses Jahres leitete er erneut das Niederrhein. Musikfest, das diesmal in Aachen stattfand. Nach der Fertigstellung des „Elias“ wurde dieses Oratorium unter seiner Leitung am 26.8.1846 auf dem Musikfest in Birmingham mit großem Erfolg uraufgeführt.
Mittlerweile machte sich bei M. die übermäßige Anstrengung durch seine ungeheure Arbeitsleistung gesundheitlich bemerkbar. Er litt zunehmend an Migräne, sein angeborener Jähzorn nahm zu. M. wollte nun seine Ämter aufgeben und sich in Frankfurt ganz dem Komponieren widmen. Am 18.3.1847 leitete er zum letzten Mal eine Aufführung des Gewandhaus-Orchesters, dessen Leitung er anschließend niederlegte. In London dirigierte er im Sommer in Anwesenheit des Königspaares die Neufassung seines „Elias“. Die Nachricht vom Tod seiner Schwester Fanny am 14.5.1847 hatte ihn tief erschüttert. Als eine Art instrumentales Requiem für die Schwester entstand im September sein Streichqartett f-Moll op. 80. Am 7.10. schrieb er die Vertonung eines Gedichtes von Eichendorff nieder, das „Nachtlied“, das wie eine Vorahnung seines Todes erscheint. Für den Winter 1847 hatte M. eine Aufführung des „Elias“ mit Jenny Lind in Wien geplant, zu der es nicht mehr kam. Am 4.11. starb M. in Leipzig, nachdem er am 28.10. einen ersten Schlaganfall erlitten hatte, durch den er teilweise gelähmt wurde und das Bewußtsein verlor, ein zweiter Gehirnschlag war am|3.11. erfolgt. M.s Leichnam wurde nach Berlin überführt und an der Seite seiner Schwester Fanny auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof beigesetzt.
In der Mitte des 19. Jh. galt M. unbestritten als der bedeutendste deutsche Komponist seiner Zeit. Mit seinen Oratorien und Symphonien, mit den Ouvertüren und dem Violinkonzert, der Kammermusik, den Chor- und Kirchenwerken und auch mit den „Liedern ohne Worte“ für Klavier war er Repräsentant eines bürgerlichen Musiklebens, wie es während der ersten Hälfte des Jahrhunderts mit der Loslösung von höfischen Strukturen entstanden war. M.s Werk vereinigt musikalische Elemente aus den verschiedensten Epochen und Richtungen, was das Urteil über seine Kompositionen von Anfang an zwischen emphatischem Lob, wie etwa durch Schumann, Liszt und Chopin, und heftiger Ablehnung, etwa durch Wagner und seine Anhänger, schwanken ließ, obwohl auch dieser zunächst etwa die Hebriden-Ouvertüre und den „Paulus“ sehr geschätzt hatte. Bis zum 1. Weltkrieg nahm M.s Werk im Repertoire der Chorvereinigungen, Orchester und Kammermusikensembles einen großen Raum ein. Initiiert durch Richard Wagners 1851 anonym veröffentlichten Aufsatz über das „Judentum in der Musik“, erfolgten immer mehr antisemitische Angriffe auf M., in denen seine Musik als kalt, glatt und oberflächlich abgetan wurde. In unserem Jahrhundert führte die Verketzerung des Komponisten und seiner Werke bis zum Verbot ihrer Aufführung während des Dritten Reichs. Erst allmählich, diesmal auf den Weg gebracht durch die musikwissenschaftliche Forschung, begann eine Mendelssohn-Renaissance in Deutschland, während die Mendelssohn-Tradition zumal in England und den USA, aber auch in den skandinav. Ländern nie abgerissen war.
Eine heutige Wertung des Werkes zielt auf die Mittlerposition M.s zwischen Beethovens Formstrenge und einem romantischen Subjektivismus; man kann ihn wohl am ehesten als „romantischen Klassizisten“ bezeichnen. Sein Werk ist gekennzeichnet durch eine Gestaltung, die immer wieder die Balance zwischen klassisch gefügter Struktur und romantisch schweifender oder liedhaft geschlossener Melodik zu erreichen sucht. Eine unvergleichliche Subtilität und Farbkraft in der Instrumentation und eine bei deutschen Komponisten seltene Leichtigkeit und Eleganz in der Satzfügung zeichnen es aus. Darüber hinaus war M. der Initiator einer bis heute andauernden Bach-Renaissance. Neben Hector Berlioz kann er als der erste Dirigent im modernen Sinne gelten, der auch durch sein organisatorisches Wirken bedeutenden Einfluß auf das Musikleben seines Jahrhunderts genommen hat. Die Gründung des Leipziger Konservatoriums schließlich führte in der Mitte des 19. Jh. zur europaweiten Verbreitung eines „Leipziger Stils“, der stark durch M.s Werk beeinflußt und teilweise bis ins 20. Jh. hinein, etwa in der Musik Skandinaviens und Englands, spürbar ist. –
18. Ludwig Richter
R. erhielt ersten Unterricht bei seinem Vater, einem hauptsächlich als Vedutenzeichner tätigen Schüler Adrian Zinggs, und besuchte 1816-23, zuletzt als Schüler →Johann David Schuberts (1761–1822) die Dresdner Kunstakademie. An deren Ausstellungen nahm er seit 1814, zunächst mit Kopien, teil. Zusammen mit seinem Vater schuf er eine 1820 erschienene Serie von 100 radierten Ansichten von Dresden und seiner Umgebung, eine Leistung, die den russ. Fürsten Narischkin bewog, den jungen R. als Zeichner auf eine Reise nach Südfrankreich 1820/21 mitzunehmen. Genaue Naturbeobachtung, treffsichere Zeichnung und gewissenhafte Umsetzung in die Druckgraphik wurden somit neben hingebendem Fleiß Merkmale seiner Haltung als Künstler. Prägend wurde ein von dem Verleger Christoph Arnold ermöglichter Aufenthalt in Italien 1823–26, wo er engen Kontakt mit Julius Schnorr v. Carolsfeld, Ernst Ferdinand Oehme, →Carl Wagner und →Carl Wilhelm Götzloff pflegte, aber auch im Austausch mit Karl Bunsen und →Richard Rothe das geistige Fundament seiner Kunst befestigte: Ehrfurcht vor der Natur und die Einordnung der Menschen in ihr Regelwerk, was er durch die Staffierung seiner Landschaften ausdrückte. Befruchtend wirkte schon das Erlebnis des Salzkammergutes und Tirols, wie das erste noch ganz an Joseph Anton Koch orientierte Hauptwerk „Der Watzmann“ von 1824 und spätere Salzburger Landschaften belegen. Sonst sind bis 1834 hauptsächlich italien. Motive der Gegenstand seiner Ölgemälde und Radierungen. Bei den späteren, nun seltenen Gemälden bevorzugte R. dt. und böhm. Mittelgebirgslandschaften mit stärkerer Gewichtung einer idyllischen Staffage. Den Wendepunkt bezeichnen die Gemälde „Aufsteigendes Gewitter am Schreckenstein“ 1835 und „Überfahrt am Schreckenstein“ 1837, die auch Ausdruck einer von Besorgnis erfüllten Zeitstimmung sind. Seit 1828 wirkte R. in Meißen als Zeichenlehrer an der Porzellanmanufaktur, bis er 1836 Lehrer für Landschafts- und Tiermalerei an der Dresdner Akademie wurde. 1841 erhielt er die Professur für Landschaftsmalerei. Bis zu seiner Pensionierung 1876 bildete er hier Schüler aus, die seine konservative Richtung auch im Zeichenstil bis in den Anfang des 20. Jh. lebendig erhielten, so →Heinrich Dreber, Eduard Leonardi, Carl Wilhelm Müller, Albert Venus und Viktor Paul Mohn.
Mit der Rückkehr zur dt. Landschaft wandte sich R., auch wegen der Schwierigkeit, seine sorgfältig durchgeführten Gemälde zu verkaufen, wieder verstärkt der Illustration zu, die den Hauptteil seines späteren Werkes ausmacht. Diesen Arbeiten verdankt er hauptsächlich seine Popularität; besonders hier konnte er seine pädagogischen Absichten verwirklichen. Fruchtbar war zunächst die Verbindung mit dem Leipziger Verleger →Georg Wigand, für dessen Serie „Das malerische und romantische Deutschland“, und zwar für die Bände „Sächs. Schweiz“, „Der Harz“, „Riesengebirge“ (mit Böhmen) sowie „Franken“ er 133 Zeichnungen mit Betonung einer erzählenden Staffage als Vorlage für Stahlstiche lieferte. Das führte ihn 1836-38 zu Reisen in diese Gegenden. Auch später hat R. fast jährlich Reisen unternommen, mit Vorliebe nach Böhmen, 1849 und 1851 nach Ostende, 1859, 1861 und 1867 in die Schweiz sowie 1869 nach Venedig und Mailand, auf denen ihn nun fast ausschließlich das Leben der einfachen Menschen, besonders der Landleute und namentlich der Kinder im Zusammenhang mit Illustrationen für Bücher beschäftigte. Angeregt durch →Otto Wigand, der ihn 1838 für die Illustration seiner Volksbücher gewann, lieferte er bis 1879, als Krankheit ihn lähmte, Vorlagen zu 2660 Holzschnitten zu 59 Publikationen, so zu Märchen und anderen Büchern für die Jugend, zu Erzählungen, Erbauungsbüchern, Kalendern, Zeitschriften sowie – für seine Darstellungsart wenig geeignet – zu Geschichtsbüchern und Werken der großen Dichtung. Hinzu kommen zwölf selbständige Folgen und 31 Einzelblätter. 1853 setzten die öffentlichen Ehrungen ein, 1878 fand eine größere Ausstellung seiner Werke in der Berliner Nationalgalerie statt. 1879 schloß er das 1885 von seinem Sohn Heinrich herausgegebene Manuskript seiner „Lebenserinnerungen“ ab, die dank des hohen Ansehens ihres Autors, ihres Quellenwerte und ihrer schriftstellerischen Qualität weite Verbreitung bis in die Gegenwart fanden.|
19. Heinrich Heine
H. wuchs in Düsseldorf auf, einer damals kleinen Residenzstadt, in der den Juden eine gewisse Gleichberechtigung mit den Christen zugebilligt war. Die französische Herrschaft im Rheinland, die mit Unterbrechungen 1795-1815 währte, wurde für ihn von großer Bedeutung. Durch sie wurde nicht nur eine Reihe noch bestehender Behinderungen für die jüdische Bevölkerung aufgehoben, es zog auch ein neuer freiheitlicherer Geist in die Stadt ein, der sich bis in die Schulstuben auswirkte. H.s Hinneigung zum französischen Geist und speziell zur Gestalt →Napoleons wurde in dieser Zeit in ihm angelegt. Nach seiner Schulzeit begann er 1815 eine kaufmännische Lehrzeit zunächst in Frankfurt und dann in Hamburg unter Aufsicht seines Onkels →Salomon. Da er im Grunde keine kaufmännische Fähigkeit und Neigung besaß, endete diese Periode 1819 mit dem Konkurs seines Manufakturwarengeschäfts „Harry Heine & Co.“. Er begann noch 1819 mit Unterstützung seines Onkels sein juristisches Studium in Bonn, das er in Göttingen und Berlin fortsetzte. Zeitweise hörte er neben seinen juristischen Vorlesungen eifrig philosophische und historische Kollegs. 1825 beendete er sein Studium mit der Erlangung der Doktorwürde vor der juristischen Fakultät in Göttingen. Kurz vor der Promotion trat H. in Heiligenstadt im Eichsfeld zur evangelischen Kirche über. Er folgte mit diesem Schritt dem Vorbild so vieler bedeutender Juden seiner Zeit, um sich aus der geistigen und sozialen Isolierung der Juden zu lösen und als gleichberechtigtes Glied am kulturellen und öffentlichen Leben seiner Zeit teilnehmen zu können. Er selbst nennt die Konversion das „Entreebillett zur europäischen Kultur“. – H.s verschiedentliche Versuche in den Jahren 1825–31, nach dem Abschluß seines Studiums einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, als Advokat oder als Syndikus in Hamburg, als Professor in München oder Berlin, scheiterten alle. Diese beruflichen Mißerfolge hatten ihre Ursache wohl weniger in seiner jüdischen Abstammung als in einer Abneigung gegen seine extrem liberale und darum für diese Zeit politisch verdächtige Gesinnung.
Nach ersten dichterischen Versuchen während seiner kaufmännischen Lehrzeit in Hamburg als Ausdruck der aufkeimenden unglücklichen Neigung zu seiner Cousine Amalie entstanden seine ersten bedeutenden schöpferischen Leistungen in seiner Bonner Studentenzeit (1819–20), zum Beispiel „Belsazar“ und die Tragödie „Almansor“. H. hatte in Bonn nach eigener Aussage die beratende und fördernde Hilfe seines Universitätslehrers →A. W. Schlegel gefunden. Der eigentliche Durchbruch seines Dichtertums erfolgte aber erst in Berlin, wo er in den Salons von →Rahel Varnhagen, →Friederike Robert und →Elise von Hohenhausen für sein Schaffen Anregung, wohlwollende Kritik und Anerkennung fand. 1821 erschien sein erstes selbständiges Werk, „Gedichte“, das er später überarbeitet in sein „Buch der Lieder“ aufnahm. 1823 folgten die „Tragödien nebst einem lyrischen Intermezzo“. Das gute Echo, das der 1. Gedichtband gefunden hatte, öffnete H. die Spalten einer Reihe bekannter Zeitschriften, in denen er nun ziemlich regelmäßig Gedichte, Rezensionen und kleinere Prosaartikel erscheinen ließ, etwa die „Briefe aus Berlin“ und „Über Polen“. Schon bei der Veröffentlichung dieser zum Teil recht kritischen persönlichen Erlebnisberichte mußte er die ersten Erfahrungen mit den Schikanen staatlicher Behörden machen.
1826 erschien bei →Julius Campe, der H.s Werk von da an durch alle schwierigen Zensurhindernisse hinweg treu verwaltet hat, der 1. Band der „Reisebilder“. Mit diesem Werk und dem im nächsten Jahre folgenden „Buch der Lieder“, das zu seinen Lebzeiten noch 13 Auflagen erleben sollte, wurde H. in der breiten Öffentlichkeit bekannt und als einer|der bedeutendsten Dichter der jungen Generation gefeiert. Doch schon bald meldeten sich die Gegenstimmen. Der leicht mokante Plauderton seiner „Harzreise“, der Bedeutendes und Banales, Gefühlvolles und ironisch Witziges scheinbar beziehungslos mischte, erregte wie die ironisch desillusionierenden Schlüsse mancher Gedichte die Kritik besonders konservativer Rezensenten. Die Kritik wurde mit dem Erscheinen jedes neuen Bandes der „Reisebilder“ und späterer theoretischer Schriften mit ihren deutlicher werdenden Angriffen auf die bestehenden Ordnungen in Staat und Gesellschaft immer schärfer. – In den 4 „Reisebilder“-Bänden (1826–31) brachte H. Berichte von Reisen im Harz (1824), nach England (1827) und Oberitalien (1828) sowie von einem Sommeraufenthalt an der Nordsee. Zu diesen echten Reisebildern stellte er im 2. Band das Werk „Ideen. Das Buch Le Grand“, das in lockerem Plauderton von einem romantischen Liebeserlebnis, von Jugenderinnerungen und seiner wieder erwachten Napoleonschwärmerei berichtet, die er in der Figur des französischen Kriegsveteranen, des Trommlers Le Grand, personifiziert. Der lockere Erlebnisbericht der „Reisebilder“ ermöglichte es ihm, Novellistisches, Anekdotisches mit kürzeren und längeren Abschnitten über Eindrücke aus dem Alltagsleben der bereisten Gegend zu mischen. Sogar pamphletartige Abschweifungen – wie die gegen →Platen – sind ihm in dieser damals in der deutschen Literatur noch wenig bekannten Dichtungsform möglich. 1828 war H. einige Monate für den Verleger Cotta als Herausgeber von dessen Zeitschrift „Politische Annalen“ in München tätig, gab diese Arbeit aber aus Anlaß einer Italienreise auf, die ihn nach Lucca, Florenz und Venedig führte. Der Tod des Vaters rief ihn im Dezember 1828 aus Venedig wieder nach Deutschland zurück, wo er dann 1829/30 die letzten beiden „Reisebilder“-bände vollendete.
Als bald nach der Pariser Julirevolution seine letzten Versuche in Hamburg, einen ihm zusagenden Beruf zu ergreifen, scheiterten, ging H. im Mai 1831 nach Paris, wo er bis zu seinem Tode bleiben sollte. Er hatte die Pariser Revolution begeistert begrüßt, erhoffte er sich doch von ihr die endgültige Befreiung der Menschen aus den staatlichen und gesellschaftlichen Fesseln, die Beseitigung der Vorrechte der privilegierten Stände und die Freiheit von Wort und Schrift. Er ging nach Paris, um von hier Berichte über das kulturelle und politische Leben in der französischen Hauptstadt zu schreiben, die er dann seit Ende 1831 in Cottas Augsburger „Allgemeiner Zeitung“ erscheinen ließ, aber schon Anfang 1832 auf Grund eines Einspruchs von →Metternich einstellen mußte. Diese Berichte veröffentlichte er noch im gleichen Jahr geschlossen als „Französische Zustände“.
In Paris war H. sehr schnell in der literarischen Welt bekannt geworden und fand Eingang in die Zirkel der geistigen und gesellschaftlichen Elite. Übersetzungen seiner Werke erschienen in den wichtigsten französischen Zeitschriften. In den Pariser Salons war er ein gern gesehener Gast und verkehrte freundschaftlich mit →Balzac, dem älteren →Dumas, →George Sand, →Musset, →Alfred de Vigny, mit den Politikern →Guizot und →Thiers, mit den großen Bankiers Rothschild, Fould und vielen anderen. Diesen Kreisen wollte H. nun ein neues, zutreffendes Bild von den Deutschen, von ihrer Dichtung und Philosophie als Gegenstück zu den auf die jüngere Generation nicht mehr zutreffenden Eindrücken in den Schriften der Madame de Staël geben. So schrieb er eine Reihe von Aufsätzen über die Entwicklung der deutschen Dichtung für die Zeitschrift „L'Europe littéraire“ (Paris 1833), die er dann zwei Jahre später den Deutschen als „Die Romantische Schule“ vorlegte. Diesen Berichten folgte – auch zunächst für die Franzosen geschrieben – die „Geschichte der Religion und Philosophie“ in Deutschland. In seiner sehr eigenwilligen und persönlichen Deutung verkündet er in diesen Werken für die Dichtung das Ende der Romantik und für die Philosophie das Ende des Idealismus, für das er die Gedankenwelt seines Berliner Lehrers →Hegel verantwortlich macht. Die Deutung beziehungsweise Umdeutung der Hegelschen Lehre etwa im Sinn der Hegelschen Linken war bei H. stark von den Saint-Simonisten beeinflußt, in deren Zirkeln er zeitweise sehr interessiert verkehrte. Besonders von ihren pantheistischen Ideen, ihrer Lehre von der Emanzipation des Fleisches fühlte er sich angezogen und vertrat, wie er es nannte, die Partei der Sensualisten gegenüber den Spiritualisten, der Hellenen gegenüber den Nazarenern. Diesen Vorstellungen, die allen seinen Werken bis Ende der 40er Jahre zugrunde liegen, entsagte er erst auf seinem letzten Krankenlager, wie aus Äußerungen im Nachwort zum „Romanzero“ und den „Geständnissen“ hervorgeht. Deren Glaubwürdigkeit, die wegen ihrer ironisierenden Sprache manchmal angezweifelt worden ist, wird durch die letzten Gedichte und manche Brief- und Gesprächsbemerkungen bestätigt. – Es ist bemerkenswert, daß H. diese und auch noch spätere|zunächst für die Franzosen geschriebene Werke trotz seiner guten Kenntnis der französischen Sprache immer deutsch konzipierte und auch die französische Übersetzung anderen überließ. Nur die nachträgliche Durchsicht und Überarbeitung der französischen Texte behielt er sich vor.
Von den deutschen politischen Emigranten in Paris, die zu dieser Zeit zu Zehntausenden in Paris lebten, besonders von →Ludwig Börne und dessen Kreis, löste sich H. schon bald. Mögen es anfangs zwischen ihm und Börne wohl mehr Charakter- und Temperamentsunterschiede gewesen sein, die beide trennten, vielleicht auch gewisse politisch-taktische Divergenzen, mehr als echte politische Gegensätze, so wuchsen sie sich im Laufe der 30er Jahre doch zu einer schroffen gegenseitigen Ablehnung aus, der H. schließlich 1840 in seinem Buch „Über Börne“ unverhohlen Ausdruck gab. Dieses Werk machte ihm gerade in dem ihm bisher nahestehenden Kreis der Liberalen viele Feinde. – 1835 wurden vom Deutschen Bundestag in Frankfurt H.s Schriften zusammen mit denen des „Jungen Deutschland“ verboten beziehungsweise unter strenge Zensur gestellt. H. wurde dadurch gezwungen, seine politisch-weltanschaulichen Gedanken nicht mehr so offen und aggressiv zu äußern, um nicht in ständigen Konflikt mit der Zensur zu geraten. Seine in diesen Jahren erscheinenden 4 Bände des „Salon“ (1834-40) sowie die selbständig veröffentlichten Werke „Shakespeares Mädchen und Frauen“ und die Don-Quixote-Ausgabe mit H.s längerem Vorwort bewegten sich auf politisch harmloseren Wegen. Dafür fließen in diesen Jahren neue rein dichterische Produktionen wieder reichlicher: die novellistischen Prosastücke „Florentinische Nächte“, die „Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“ und der „Rabbi von Bacherach“, dazu eine Reihe neuer Liebesgedichte. – Die dichterische Gestaltung seiner Anschauungen im politischen und literarischen Streit gab H. in seinen beiden Versepen „Atta Troll“ (entstanden 1841/42, 1. Buchveröffentlichung 1847) und „Deutschland. Ein Wintermärchen“ (1844). Persönliche Erlebnisse – ein Aufenthalt im Pyrenäenbad Cauterets 1840 und eine Reise nach Hamburg 1843 – verflocht er mit Traumbildern und Begegnungen mit Sagen- und Märchengestalten zu epischen Reisebildern, in denen er voller Ironie ein Bild Deutschlands, seiner literarischen wie politisch gesellschaftlichen Gegensätze gab. Gleichzeitig brachte er seinen zweiten großen Gedichtband, die „Neuen Gedichte“, heraus (1844). In diesem Band vereinigte er, außer den schon früher vereinzelt erschienenen Liebesgedichten, Balladen und Zeitgedichte mit zum Teil deutlich politischer Zielsetzung, wie er sie in dieser Offenheit und Schärfe wohl erst auf Grund seiner zeitweiligen Verbindung mit →Karl Marx und dessen Kreis in Paris 1843/44 aussprechen konnte. Das bedeutendste dieser politischen Gedichte, „Die schlesischen Weber“, erschien damals allerdings zunächst nur als Flugblatt. – Dieser Begegnung mit Marx hat H. vieles an Intensität und Zielgerichtetheit seiner politischen Dichtung zu verdanken, wenn er auch durch seine Berührung mit dem französischen Sozialismus der Saint-Simonisten, →Proudhons, →Fouriers und →Louis Blancs auf sie vorbereitet war. Da Marx und seine Freunde schon 1844 aus Paris ausgewiesen wurden, war es für H. nur eine zeitlich kurze, aber recht entscheidende Begegnung, deren Eindruck ihn noch bis in seine letzten Lebensjahre beschäftigte. Doch trotz seiner Überzeugung von der ungeheuren Wirkung dieser neuen Ideen für die Zukunft der Welt und seiner inneren Anteilnahme an vielen ihrer Gedanken wuchs in ihm immer stärker die Angst vor der unheimlichen Konsequenz dieser „Doktoren der Revolution“, wie er sie nannte, die ihrem Kampf alles unterordnen würden, alles Schöne und alle Kunst, der sich H. im letzten allein verpflichtet fühlte.
Anfang der 40er Jahre hatte H. wieder begonnen, für die Augsburger „Allgemeine Zeitung“ Berichte aus dem politischen und kulturellen Leben in Paris zu schreiben. Mit seinem sehr wachen kritischen Blick beurteilte er darin die politischen Gegebenheiten und die führenden Persönlichkeiten des politischen und kulturellen Lebens mit einer Treffsicherheit, deren Gültigkeit noch heute in Erstaunen versetzt. – Im August 1841 vor einem Duell, das H. auf Grund seines Buches über Börne austragen mußte, heiratete er Crescencia Eugenie Mirat – er nannte sie selbst Mathilde –, mit der er schon mehrere Jahre zusammenwohnte. Er hatte sie 1834 als Verkäuferin in einem Schuhgeschäft kennengelernt und sie dann bald ganz zu sich genommen. Sie war ein hübsches, unkompliziertes, lebenslustiges Mädchen, aber ohne große geistige Fähigkeiten, die treu an ihrem Henri hing, ihm aber für sein Schaffen nichts geben konnte. – Seit seiner Übersiedlung nach Paris hat H. nur 1843 und 1844 zwei Reisen nach Deutschland unternommen, zum Besuch seiner Mutter in Hamburg und zu Verhandlungen mit seinem dortigen Verleger Campe. Ende 1844, nach dem Tode seines Onkels Salomon, der ihn bis zuletzt trotz mancher Unstimmigkeiten immer wieder|großzügig mit Geld unterstützt hatte und mit dessen Erben quälende Auseinandersetzungen folgten, kam eine seit langer Zeit schleichende Krankheit, wohl Lues cerebrospinalis, zum Ausbruch und fesselte ihn von 1848 an für volle 8 Jahre ans Bett, an seine „Matratzengruft“. Trotz größter Schmerzen und immer fortschreitender Lähmung blieben sein Geist und seine Schaffenskraft lebendig. 1851 erschien ein neuer Band seiner Gedichte, der „Romanzero“, Schöpfungen der vergangenen 7 Jahre. Sowohl in den Balladen und Zeitgedichten wie in den „Lamentationen“ und den „Hebräischen Melodien“ traten neue Töne auf, bitterer und schmerzerfüllter als die früheren. Die persönlichen Erfahrungen seines schweren Krankenlagers hatten ihn so manche kühn selbstbewußten und aufklärerisch optimistischen Vorstellungen überdenken und revidieren lassen, wie er es selbst in der Nachrede zum „Romanzero“ erzählt. Großer Ernst und menschliche Tiefe kennzeichnen erschütternd die Gedichte seiner letzten Lebensjahre, die später als „Nachlese zum Romanzero“ von dem ersten Herausgeber seiner Werke, Strodtmann, zusammengestellt wurden.
Neben der Bearbeitung seiner politischen Zeitungsberichte aus den Jahren 1840-44 unter dem Titel „Lutezia“, zwei Tanzpoemen – „Donna Diana“ und „Doktor Faust“, dem Vorbild von →Egks „Abraxas“ –, die er auf Wunsch des Londoner Theaterdirektors →Lumley verfaßt hatte, legte H. 1854 in den Sammelbänden „Vermischte Schriften“ seine letzte große Prosaarbeit vor, die „Geständnisse“. Hier versucht er seinen geistigen Weg von der Kindheit an zu schildern und setzt sich dabei mit den großen politischen und weltanschaulichen Fragen auseinander, die ihn und sein Werk bestimmt hatten. Seine Memoiren, an denen er nach eigenen Äußerungen schon seit vielen Jahren gearbeitet hatte, vollendete er nicht mehr. Wenigstens ist das, was fast 30 Jahre nach seinem Tode davon erschien, nur ein Torso des Werkes, dessen ganze Veröffentlichung, soweit es bei seinem Tode vorlag, von Familienmitgliedern, wie man annimmt, verhindert wurde. - Er starb in seinem Pariser Exil, von seinen Zeitgenossen halb vergessen, eine fast schon legendäre Gestalt, geliebt von nur wenigen, mißachtet von vielen.
Die literargeschichtliche Bedeutung H.s und seines Werks liegt in seiner Stellung zwischen Romantik und Realismus. Seine Dichtung war auf dem Boden der Romantik erwachsen. Für die Lyrik war er zunächst →Fouqué und →Uhland, sehr stark auch dem deutschen Volkslied verpflichtet – der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ verdankt er wesentliche Anregungen –, für die Prosa →Jean Paul und dessen Ahnherrn →Laurence Sterne sowie →E. T. A. Hoffmann. Doch bald schon fühlte er sich als Überwinder der Romantik und als Verkünder eines neuen Anfangs. In seiner Aufgeschlossenheit gegenüber der modernen Welt, einer im Umbruch befindlichen Zeit, wurde ihm die Dichtung zur Arena seines Kampfes gegen die überkommenen Ordnungen in Politik und Gesellschaft. Er löste sich aus der Isoliertheit der Gefühls- und Gedankenwelt des Dichters vergangener Epochen und stellte sich den Problemen seiner Zeit nicht nur als Berichterstatter der Zeitungen, sondern auch als Dichter. Er wich in seinem Werk bis zur Wortwahl von der überlieferten Vorstellung von Lyrik ab und schuf sich eine Dichtungssprache, die der modernen Zeit gerecht werden konnte. Er hat damit in Inhalt, Form und Sprache eine Dichtung geschaffen, die noch heute vielfach als lyrikfremd angesehen und darum abgelehnt wird, in der er aber gerade im 20. Jahrhundert entscheidende Nachfolger und Fortführer gefunden hat. Sein Werk wurde aber nicht nur in seinem Inhalt als Neubeginn begeistert begrüßt, besonders von der Jugend, sondern auch in seiner Form, in der er die klassische Geschlossenheit lokkerte oder sogar auflöste. Man denke an die freien Rhythmen seiner Nordseelieder und die Überwindung der musikalisch-rhythmisch gebundenen Liedform in seiner späten Lyrik, an das Fragmentarische seiner Novellen und an die locker aneinandergereihten Erlebnisberichte seiner „Reisebilder“. Allein in dieser spielerisch leichten, ironischen, scheinbar unverbindlichen Form konnte er seine politisch weltanschaulich engagierte Aussage zu echter Dichtung gestalten. Durch das Assoziative in seinem Prosastil, seine scheinbar abschweifenden Wortwitze, durch die Zusammenstellung und Vergleiche von offensichtlich Unvergleichbarem und der daraus entstehenden Paradoxie seiner Sätze gelingt es H., seine Aussage in scheinbarer Unverbindlichkeit um so treffender und einprägsamer zu machen, überzeugender als durch jede sachlich nüchterne logische Erörterung. Er hat damit die feuilletonistische Berichterstattung zu einer Kunstgattung erhoben, wie sie in dieser Höhe vor ihm unbekannt war und nach ihm nur selten erreicht wurde. Daß er bei all seinem Engagement doch den inneren Abstand des Dichters wahrte, seine Kritik nach außen immer mit einer Kritik|gegen sich selbst verband, verleiht H.s Werk vor allem in seinen letzten Lebensjahren die Aussagekraft eines Menschen, der durch Leid und Not zu den letzten Fragen menschlichen Suchens durchgestoßen war. – H.s Abstand vom Realismus ist noch deutlicher als zur Romantik. Er gibt nirgendwo eine objektive Schilderung der Außenwelt und tritt auch nicht als Erzähler hinter seinen Stoff zurück. Ganz im Gegenteil sieht er sich immer im Mittelpunkt des Geschehens und schildert es in der Spiegelung seines Ichs. Selbst sein eigenes Fühlen erlebt und schildert er in dem ironisierenden Licht seines Intellekts. Damit stand er im Grunde der Dichtung um 1900 viel näher als der seiner eigenen Epoche.
Die Wirkung und das Nachleben des H.schen Werks ist durchaus unterschiedlich. In Deutschland waren zunächst die negativen Stimmen, die schon zu seinen Lebzeiten überwogen, bestimmend. Seine Lyrik, besonders das „Buch der Lieder“, das durch die zahlreichen Vertonungen →Schuberts, →Schumanns, →Brahms', →Wolfs und vieler anderer eine Popularität wie kaum je ein anderes lyrisches Werk gefunden hatte, wurde, wenn auch meistens in romantischer Fehlbeurteilung, sehr geschätzt. Doch seine Prosa, seine Epen und seine späteren Gedichte, besonders die Zeitgedichte, lehnte man weithin ab, sofern man sie überhaupt noch zur Kenntnis nahm. Mit seinem politisch-weltanschaulichen Kampf gegen die herrschenden Mächte hatte er konservative und kirchlich orthodoxe Kreise verärgert. Die ironische Grundhaltung vieler seiner Werke ließ ihn als den frivolen Spötter erscheinen, dem nichts heilig sei. So versuchte man in Deutschland weithin gar nicht erst, zu einem wirklichen Verständnis H.s und seiner Dichtung zu kommen. Man lehnte ihn als charakterloses Talent ab.
Die Versuche, seit etwa 1890, für H. in Düsseldorf und später in Hamburg und Frankfurt Denkmäler zu errichten, trieben erst recht seine Gegner aus nationalistischen, aus kirchlich konservativen und antisemitischen Kreisen auf den Plan und führten unter dem Nationalsozialismus schließlich zu der wilden Hetze gegen den rassefremden Juden H. bis zur Verbrennung seiner Bücher. Die wenigen öffentlichen Stimmen für H. wie die →Nietzsches, →Thomas Manns und anderer und die Wirkung seines Werkes auf die Kreise des Münchener Brettls bis hin zu →Tucholsky und Brecht vermochten wenig gegenüber der weit verbreiteten Abneigung gegen den Dichter und sein Werk. Ein wirklicher Wandel in der Wertung H.s konnte erst nach 1945 einsetzen, wenn auch noch immer eine verbreitete Unkenntnis und eine erneute politisch verfälschende Interpretation seines Werkes im Sinn des Vulgär-Marxismus einer wertentsprechenden Schätzung im Wege stehen mögen. Anders stand es und steht es mit H.s Wirkung und Anerkennung im Ausland. Schon zu seinen Lebzeiten beginnend, verstärkt erst nach seinem Tod, besonders von den 70er Jahren an, erschienen Übersetzungen seiner Werke in fast alle lebenden Sprachen. Noch heute finden seine Dichtungen immer wieder neue Übersetzer in der ganzen Welt. Weithin gilt im Ausland H. nach Goethe als bedeutendster deutscher Lyriker. Sein Werk hat auf viele bedeutende Dichter aus aller Welt großen Einfluß ausgeübt und hat ihnen geholfen, sich in Stoff und Form aus der Gebundenheit von Konvention und Tradition zu lösen. Es erlangte dadurch eine Wertschätzung, die ihm bis heute erhalten blieb.
20. Georg Büchner
Nach Besuch des Gymnasiums in Darmstadt 1825-31 studierte B. von Herbst 1831 bis Sommer 1833 Naturwissenschaften, insonderheit Zoologie und vergleichende Anatomie in Straßburg. In jener Zeit verlobte er sich mit Luise Wilhelmine (Minna, 1810–80), der Tochter des Pfarrers Johann Jakob Jaeglé, in dessen Haus er wohnte. Seine fortgesetzte Ausbildung, die sich nun vorwiegend der praktischen Medizin zuwendete, betrieb er an der hessischen Landesuniversität Gießen. Im Zusammenhang mit dem in Gießen sich manifestierenden politischen Interesse linksradikaler Art beteiligte sich B. an der Gründung der „Gesellschaft für Menschenrechte“. Gemeinsam mit August Becker und dem Butzbacher Rektor Friedrich Ludwig Weidig gab er im Juni 1834 anonym den „Hessischen Landboten“ heraus, eine an die Bauernschaft sich richtende revolutionäre Flugschrift. Eine infolge dieser Publikation eingeleitete polizeiliche Untersuchung ergab die Autorschaft B.s, der im März 1835 nach Straßburg floh und seit Juli steckbrieflich verfolgt wurde, zur großen Erbitterung des freiheitlich denkenden, aber unrevolutionär sich verhaltenden Vaters. In Straßburg führte B.die medizinischen Studien fort, beschäftigte sich mit Cartesius und →Spinoza, verdeutschte die Dramen Victor Hugos „Lucretia Borgia“ und „Marie Tudor“ (erschienen 1835). Gegen Jahresende begann die Arbeit an der Abhandlung „Mémoire sur le système nerveux du barbeau“, die er im April und Mai 1836 in der Société d'Histoire Naturelle, deren Mitglied er geworden war, vorlas. Die Vorlage dieser Arbeit bewirkte vier Monate später die Promotion B.s zum Dr. phil. der Universität|Zürich, wo er nach Abhaltung einer Probevorlesung („Über Schädelnerven“) zur Privatdozentur auf dem Gebiet der Naturgeschichte zugelassen wurde. Eine am 2.2.1837 sich bemerkbar machende typhöse Erkrankung endete tödlich (als Todesursache wurde „Nervenfieber“ angegeben). Die Bestattung erfolgte am 21.2. auf dem Zürcher Friedhof Zum Krautgarten.
Das Schicksal von B.s Nachruhm wurde stark bestimmt durch die Politisierung der ihn betreffenden Auffassungen. Konservative Betrachter haben lange B.s Werk, sofern es nicht ganz oder halb verschwiegen wurde, eher unterschätzt als gewertet, linksradikale Kritiker es als frühe sozialistische Kampfdichtungen unter Verzicht auf jede ästhetische Kritik vorbehaltlos gepriesen. Solche vorurteilsvolle Einschätzung übersah die Tatsache, daß sich B.s kurzes Leben zu einer Ganzheit gerundet haben dürfte, die zwar intensiven revolutionären Elan in sich schloß, aber auch dessen schöpferische Überwindung. B., der Herausgeber der ersten kommunistischen Zeitschrift Deutschlands, scheint im Ablauf seiner dichterischen Entwicklung das Fazit jugendlicher Revolutionsträume gezogen zu haben und gab vielleicht schon mit seinem ersten Drama eine Antwort auf diese, die Selbstanklage war. Aus dem letzten Lebensabschnitt B.s liegen schwerwiegende Briefstellen sowie Zeugnisse von ihm nahestehenden Personen vor, die zum mindesten die Vermutung rechtfertigen, daß er sich einem eher konservativ gearteten Weltbild zugewendet habe, welches in Widerspruch mit den früheren politischen (doch nicht mit seinen antiidealistisch-naturwissenschaftlichen, von Tendenzen zum Nihilismus durchsäuerten) Anschauungen stand. In engster Bahn hat er den vollen Kreis des Daseins durchstürmt. Es dürfte daher kaum zutreffend sein, die Episoden des „Hessischen Landboten“ und der politischen Emigration vorbehaltlos zu verabsolutieren.
Das von sehr realistischer Gesinnung erfüllte, alle deutschen veristischen Bestrebungen auf dem Gebiet des Dramas vor dem Ausbruch des Naturalismus übertreffende Stück „Dantons Tod“ (1835, Erstaufführung 1902 im Berliner Belle Alliance-Theater) hat trotz gewissen Unvollkommenheiten geniale Züge. Ziel dieses Dramas ist es, die Geschichte unmittelbar, so wie sie wirklich gewesen, widerzuspiegeln, ohne Rücksicht auf Sittlichkeit oder Unsittlichkeit. Der Held Danton ist ein kraftvoller Mensch, der alle Lüste der Macht und des Daseins genossen hat und dem, leidenschaftlich im Leben verhaftet, vor dem revolutionären Fanatismus des selbstgerechten Moralideologen Robespierre zu grauen beginnt. Das nächste Werk, das Lustspiel „Leonce und Lena“ (etwa 1836 entstanden, Erstaufführung durch eine Liebhabertruppe in München 1885) hat geringeren politischen und sozialkritischen Einschlag, ist vor allem eine an Shakespearesche Spielkunst erinnernde serene Komödie romantischer Artung, die mit den keineswegs Sozialrevolutionären - allerdings ebensowenig bürgerlichen oder jungdeutschen - Worten ausklingt: „Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht.“ Die vermutlich 1836 in Straßburg niedergeschriebene Szenenreihe „Woyzeck“ (nicht „Wozzeck“, Erstaufführung 1913 im Residenztheater zu München) ist trotz ihrem fragmentarischen Charakter voll stärkster dramatischer Schlagkraft, hintergründig-dynamische Gestaltung des Schicksals eines armen und dumpfen Menschen, dessen naiv-opferwilliges Ethos in einer elementaren Verwirrung der Gefühle verströmt. Bei stärkster Wirklichkeitsbezogenheit der meisten Szenen verdichtet sich die magische Kraft eines „panischen Grauens“ so sehr, daß man hier weniger von einem Werk verfrühten Naturalismus' als von einem Zeugnis vorweggenommener, Menschen und Dinge von innen erhellender Überwirklichkeitskunst sprechen muß. Ebenso stark hat auf die jungen Generationen seit Anbruch des Expressionismus das stilistisch überaus verdichtete, Temposteigerung des Vortrags und Präzision der Einlebung verbindende Novellenbruchstück „Lenz“ (etwa 1836 entstanden) gewirkt, welches von einem Maximum an Modernität erfüllt ist und nach Jahrzehnten der Nichtbeachtung ein eifersüchtig umworbenes Vorbild ehrgeiziger Erzähler wurde. Ein als Meisterleistung geschildertes „Pietro Aretino“-Drama hat B.s Braut viele Jahre nach seinem Tod aus Abneigung gegen die Familie B. vernichtet.
21. Friedrich Wilhelm IV.
F. ist nach einem geflügelten Wort D. F. Strauß' als „Romantiker auf dem Thron“ in das Bewußtsein der Nachwelt eingegangen. Aber das komplexe, schwer faßbare Wesen des Königs, der seinen Zeitgenossen so viele ungelöste Rätsel aufgab, läßt sich mit einer knappen, wenn auch bestechenden Formel nicht befriedigend erklären. Romantisch war der hohe Geistesflug des Königs und die Ironie, deren er sich oft und vorzugsweise im Berliner Dialekt bediente, um dem Andrang überquellender Gemütskräfte zu entfliehen Als romantisch mag auch sein ausgeprägter Sinn für alles historisch Gewordene hingehen, das rückwärts gekehrte Prophetentum. Jedoch schon sein nicht minder ausgeprägtes künstlerisches Empfinden zeigt mehr eine klassische als eine romantische Note; der König liebte die hellen Töne, die sanften, dem Auge leicht faßbaren Konturen der heimischen Havellandschaft oder der italienischen Toscana. Was ihm vorschwebte, war eine Synthese von antiker und christlicher Kunst, wie sie in den Bauten Schinkels zu Tage trat: das vom Geist beflügelte, aber auch gebändigte stille und melancholisch-heitere Ebenmaß.
So war ihm auch in der Politik alles Gewaltsame und Umstürzlerische fremd und zuwider. Er wollte nichts willkürlich machen, sondern organisch Gewachsenes mit kundiger Hand schonend fortbilden. Dabei hatte er ein deutliches, nicht ohne Überheblichkeit sich äußerndes Bewußtsein seines hohen, von Gott ihm verliehenen Amtes, aber zugleich ein feines Gefühl für das Dämonische, Verführerische, das Gewissenlose der Macht, deren Grenzen man nicht ungestraft überschreitet. Die Berufung Bismarcks in das Ministerium lehnte er im Sturmjahre 1848 kategorisch ab („Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schrankenlos waltet“), um ihn 3 Jahre später als Bundestagsgesandten in Frankfurt auf den damals wichtigsten Posten der preußischen Diplomatie zu stellen. Aus einer umfassenden Bildung erwuchs ihm die Sicherheit einer, man möchte sagen, divinatorischen Voraussicht, aber zwischen Hoffnung und Erinnerung fand er nur selten den einfachen Entschluß zur Tat.
Das Geburtsjahr des ältesten Sohnes der Königin Luise war das Jahr des Baseler Friedens von 1795, mit dem Preußen die erste Koalition gegen das revolutionäre Frankreich verließ und um seiner Ostgebiete willen eine schwächlichet Neutralitätspolitik einleitete, die es 1806 mit der vernichtenden Niederlage von Jena und Auerstedt bezahlen mußte. Der herbe Sturz des Staates von der Höhe seines militärischen Ruhmes, die Flucht der königlichen Familie nach Memel und der frühe Tod der geliebten Mutter 1810 prägten sich dem damals 15jährigen unverlöschlich in die Seele; der Abscheu gegen die Revolution und ihre die überkommenen Ordnungen sprengende politische Ideologie wurde zu einer geistigen Dominante seines Lebens.
Unter den Erziehern des hochbegabten, aber zu jähen Gefühlsausbrüchen neigenden Knaben verkörperte der spätere Außenminister Ancillon, ein Refugié von universaler Bildung und Weltkenntnis, die friderizianische Tradition, das diplomatische Wesen alten Stils, die Politik des europäischen Gleichgewichts. Das wurde nun überdeckt von den aufwühlenden Ereignissen des Jahres 1813, dem hinreißenden Erlebnis des Volkes in Waffen, das die Einheit von Staat und Nation zum ersten Male sichtbar werden ließ. Die großen Männer der preußischen Reform, Clausewitz, Scharnhorst und Gneisenau, der Freiherr vom Stein, Niebuhr, Savigny, treten handelnd und lehrend dem jungen Prinzen leibhaft vor das Auge, und mit dem konkreten Ideal der Freiheit verbindet sich ihm ein schöner Traum von deutscher Einheit. „Ich baue mir nicht goldene Schlösser, aber Zeiten träume ich, wo in Deutschland viel herrliche Saat für den Himmel aufkeimen soll.“ Hier zeigt sich der religiöse Hintergrund dieser auf das altdeutsche Reich bezogenen politischen Romantik, das Gegenbild und Gegengewicht zu der von Ancillon vermittelten Gedankenwelt: eine von den Sinnen, nicht vom Verstande her bestimmte künstlerische Gesamtschau der Dinge und ein im lutherischen Erlösungsglauben wurzelndes Christentum ohne konfessionelle Enge, das die una sancta ecclesia catholica in der Vielheit ihrer Gestalten sah. Daraus erwuchs allmählich, in selbständiger Auseinandersetzung mit Gedankengängen Schleiermachers und Bunsens, der Brüder Gerlach und F. J. Stahls, ein festumrissenes kirchliches Reformprogramm des Königs: er wollte die Reformation vollenden und die preußische Landeskirche aus der Obergewalt des Staates entlassen, damit sie ihren apostolischen Auftrag, das Gottesreich auf Erden zu bauen, reiner und besser erfüllen könne. An eine wirkliche Trennung von Staat und Kirche hat er dabei nicht gedacht, die kirchliche sollte die staatliche Ordnung von innen her mittragen und durchleuchten („christlicher Staat“). In dieser Ewigkeitsperspektive verschob sich das nüchterne Ethos des preußischen Staates auf das weite Feld seiner deutschen Sendung und erzeugte eine seltsam oszillierende Polarität, die mit den konkurrierenden konstitutionellen Ideen der Zeit in ein weiteres spannungsreiches Verhältnis trat.
Nach dem Wiener Kongreß gab das patriarchalische und hausbackene Regime Friedrich Wilhelms III., gestützt auf eine tüchtige, aber ideenlose Ministerialbürokratie, dem Kronprinzen nur wenig Raum zur eigenen schöpferischen Initiative und Tätigkeit. Das Versprechen der Krone von 1815, dem Lande eine neue ständische und repräsentative Verfassung zu geben, suchte er an der Spitze einer Kommission zur Einführung provinzialständischer Institutionen in seinem Sinne einzulösen. Er vertrat dabei die Auffassung, die er stets festgehalten hat, daß dem Volke das Recht auf Mitregierung und Selbstverwaltung nicht prinzipiell, sondern nur als Geschenk aus der Fülle der königlichen Macht und Gnade zugestanden werden könne. 1828 wurde ihm die Erfüllung eines langjährigen Herzenswunsches zuteil, eine Reise nach Italien, die als Erlebnis einer bezaubernden Landschaft und ihrer künstlerischen Bewältigung nachhaltige Spuren in der eigenen Betätigung als Bauherr in Berlin und Potsdam hinterließ (Altes Museum, Schloßkuppel, Domentwurf; Friedenskirche, Orangerie, Pfingstberg).
Nach dem Tode des Vaters (1840) ergriff der pietätvolle Sohn die Zügel der Regierung nicht in der Form eines abrupten Systemwechsels, jedoch wurden die Rehabilitierung verdienter, in der Reaktionszeit kaltgestellter oder gemaßregelter Freiheitskämpfer wie Boyens, Arndts, Jahns und der Brüder Grimmund die Liquidierung des Kölner Kirchenstreites durch die Freilassung des inhaftierten Erzbischofs Droste-Vischering als verheißungsvoller Aufbruch zu liberalen Auffassungen und Methoden gedeutet, vollends der Akt der Huldigung selbst, bei dem der König die versammelten Stände mit einer improvisierten, aber wohlgezielten und zündenden Rede überraschte. Dasselbe wiederholte sich bald darauf bei dem Kölner Dombaufest, und mindestens bekundete sich darin ein bemerkenswerter Stilwandel, nicht ohne Gefahren für die Krone, deren Träger sich damit unmittelbar der öffentlichen Kritik aussetzte.
Über diesen Anfängen lag schon der Schleier verhängnisvoller Mißverständnisse. Der König war geneigt, aus den Provinziallandtagen eine reichsständische Versammlung zu bilden und ihr eine beratende Funktion bei der Aufstellung des staatlichen Haushaltsplanes einzuräumen; für weitere Zugeständnisse, wie die Versammlung sie forderte, die Periodizität der Sitzungen und das Steuerbewilligungsrecht, die eine fühlbare Einschränkung der königlichen Prärogative bedeutet hätten, war er nicht zu haben. Der Konflikt war also unausbleiblich und kam über Nacht mit dem Ausbruch der Februarrevolution in Paris. Ihr Übergreifen nach Deutschland warf mit der konstitutionellen sofort die deutsche Frage auf, die ja niemals aus dem Gesichtskreis des Königs entschwunden war: vielleicht ließ sie sich jetzt zusammen mit der preußischen Verfassungsfrage lösen, aber nicht im Sinne der „Satansideologie“ von 1789, sondern mit „der festen Treue des Landesherrn, der unerschütterlichen Ehre des Heeresfürsten“. Schimmernde Worte – aber was den König daran hinderte, mit der Revolution „aus dem Baß zu reden“, war seine Überzeugung, daß Preußen nur moralische, keine machtpolitischen Eroberungen in Deutschland machen dürfe. So stellte er sich in dem berühmten Manifest vom 21.3.1848 als „konstitutioneller Fürst an die Spitze des Gesamtvaterlandes“. Das wurde von allen Seiten mißverstanden. Österreich und die deutschen Fürsten glaubten darin eine opportunistische deutsche Hegemonialpolitik Preußens zu erkennen; die Paulskirche in Frankfurt legte das Wort „konstitutionell“ in ihrem Sinne aus und bot dem Preußenkönige die deutsche Kaiserkrone an. Dieser aber lehnte sie ab, er wollte die ehrwürdige|Krone des tausendjährigen Reiches nicht aus den Händen einer Volksversammlung entgegennehmen. Sie gebührte nach seiner Auffassung allein dem Hause Österreich. Was von all diesen einfallsreichen, aber wirklichkeitsfremden Gedankenspielen und Tatansätzen übrigblieb – ein engerer deutscher Bund unter preußischer Führung – scheiterte an dem Einspruch Österreichs und Rußlands (Punktation von Olmütz 1850).
In der letzten großen Krise seiner Regierung, dem Krimkriege zwischen Rußland und den Westmächten (1853–56), befolgte der König trotz heftiger Widerstände auch in seiner nächsten Umgebung eine Politik strikter Neutralität, die in der Hauptsache doch seinen religiösen, jedem „ungerechten Kriege“ abholden Überzeugungen entsprang. Er träumte ferner von einer Emanzipation der Christen in der Türkei, die er – anknüpfend an das preußisch-anglikanische Bistum in Jerusalem – unter der Mithilfe Englands und des preußischen Gesandten in London Ch. K. J. Bunsen zu erreichen hoffte. Dieser jedoch, nicht minder phantastisch als sein königlicher Freund, liberal und ganz westmächtlich gesinnt, setzte sich im Gegenteil für einen Strafkrieg gegen Rußland und die Wiederherstellung Polens ein und mußte daraufhin seinen Posten räumen. Das völlig unpolitische Manövrieren des Königs zwischen den streitenden Parteien förderte das Ansehen Preußens weder innerhalb noch außerhalb Deutschlands, schonte aber seine Kräfte und schuf in dem freilich ganz unbeabsichtigten Endergebnis, der nachhaltigen Verstimmung zwischen Rußland und Österreich, die Voraussetzungen für die deutsche Einigung durch Bismarck.
Gegen das Ende hin verschärfte sich das persönliche Regiment des Königs. In einem politischen Testament verpflichtete er seine Nachfolger, die preußische Verfassung wieder aufzuheben. Er korrespondierte hinter dem Rücken seiner Minister, geistvoll und wertreich, aber ungenau, gefühlsbetont und stets mißverständlich, mit den gekrönten Häuptern in aller Welt; er regierte mit der „Kamarilla“, Männern seines langjährigen persönlichen Vertrauens, die wie Senfft von Pilsach, die Gerlachs, die Grafen Gröben und Anton Stolberg der pietistischen Erweckungsbewegung angehörten; hingegen war J. M. von Radowitz, der bevorzugte Ratgeber und Gehilfe seiner deutschen Politik, ein Katholik ungarischer Abkunft. Daneben gewannen auch Schmeichler und Unwürdige sein Ohr. Aber um ihn, der den Orden Pour le mérite für Künste und Wissenschaften stiftete, sammelte sich die Blüte des geistigen Lebens, und inmitten dieser illustren Gesellschaft konnte Ranke von dem Könige sagen: „Er war unser aller Meister.“
Um so tragischer war der Ausgang. Der König erkrankte 1858 an einer Gesichtsrose, die eine partielle Lähmung wichtiger Gehirnzellen, darunter des Sprechvermögens, nach sich zog und die Einsetzung der Regentschaft seines Bruders Wilhelm notwendig machte. In langsamem, qualvollem Siechtum erlosch dieses begnadete, von der Bewunderung im Mißerfolge, von dem Haß und Spott seiner Widersacher begleitete Leben, über das unser größter Historiker das nachdenklich stimmende Motto gesetzt hat: „Er hatte vielleicht mehr Gemüt, als der Staat ertragen kann.“
22. Robert Schumann
S. empfing im Elternhaus umfassende literarische Anregungen. Nach einer Vorbereitungsschule besuchte er 1820-28 das Lyzeum in Zwickau, wo er schriftstellerische Versuche unternahm und einen literarischen Schülerverein gründete. Klavier- und musiktheoretischien Unterricht erhielt er durch den Organisten der Zwickauer Marienkirche Johann Gottfried Kuntsch (1775–1855), wirkte des öfteren als Klavierspieler sowie Rezitator bei den Musikalischdeklamatorischen Abendunterhaltungen des Lyzeums mit und schuf etwa seit dem 11. Lebensjahr eigene Kompositionen (Le psaume cent cinquantième, später vorwiegend Lieder). S. schwankte eine gewisse Zeit, ob er zum Dichter oder Musiker berufen sei, doch waren damit keine Berufspläne verbunden. Der Vater hatte allerdings 1824 Verbindung mit Carl Maria v. Weber in London aufgenommen, um ihn als Lehrer für den Sohn zu gewinnen, doch zerschlugen sich die Pläne durch Webers Tod 1826. Die Mutter und der als Vormund eingesetzte Kaufmann Johann Gottlob Rudel bestimmten S. zum Jurastudium, das er nach dem Schulabschluß 1828 in Leipzig begann und 1829 in Heidelberg fortsetzte; von dort aus führten ihn Reisen in die Schweiz und nach Oberitalien.
Ostern 1830 wurde der Besuch eines Konzerts von Niccolò Paganini in Frankfurt/M. für S. zum „Schlüsselerlebnis“. Mit Zustimmung der Mutter und auf Empfehlung von Friedrich Wieck (1785–1873), der ihn zum Klaviervirtuosen auszubilden versprach, brach S. sein Studium ab und kehrte im Herbst nach Leipzig zurück, um bei Wieck Unterricht zu nehmen. Dort wie schon in Heidelberg entstanden seine ersten veröffentlichten Kompositionen (Abegg-Variationen op. 1, Papillons op. 2), von denen nicht wenige literarisch beeinflußt waren (z. B. op. 2; Jean Paul, Flegeljahre; Kreisleriana op. 16; E. T. A. Hoffmann) oder eigene poetische Erfindungen ausdrückten (Davidsbündlertänze op. 6). Der Kreis der „Davidsbündler“ (AT, 1. Sam. 17) entsprang vorwiegend S.s Phantasie, doch verkörperten einzelne Gestalten auch reale Personen oder personifizierten Wesenszüge ihres Schöpfers – so Florestan, Eusebius und Meister Raro, die für Leidenschaft, Kontemplation und Ratio standen; sie erschienen sowohl in Kompositionen als auch in musikliterarischen Aufsätzen S.s (1831 ff.) und zogen gegen die als „Philister“ verspotteten kunstfeindlichen Spießbürger zu Felde. Im April 1834 gründete S. mit Freunden die „Neue [Leipziger] Zeitschrift für Musik“ (NZfM), die er bis 1844 als Redakteur leitete und zum wichtigsten Organ des musikalischen Fortschritts in Deutschland machte.
Die Pianistenkarriere mußte S. 1832 aufgrund eines selbstverschuldeten Handleidens aufgeben und konzentrierte sich nun auf Komposition und musikliterarische Tätigkeit. 1834 verlobte er sich heimlich mit Wiecks Schülerin Ernestine v. Fricken (1816–44), doch entwickelte sich seit 1835/36 eine Liebesbeziehung zu der hochbegabten Tochter seines Lehrers, Clara. Die von Wieck heftig bekämpfte Beziehung (S. versuchte zwischenzeitlich vergeblich in Wien Fuß zu fassen, um Bedingungen Wiecks zu erfüllen) führte nach langwierigem Gerichtsprozeß Mitte Sept. 1840 zur Heirat; das Paar ließ sich danach in Leipzig nieder.
S.s Kompositionstätigkeit, die seit etwa 1830 ganz auf Klavierwerke konzentriert war (außer den genannten: Carnaval op. 9, Fantasie C-Dur op. 17, 3 Klaviersonaten op. 11, 14 und 22, Humoreske op. 20, Novelletten op. 21 u. a.), verlagerte sich im Frühjahr 1840 auf intensive Liedproduktion; sie zeugt mit der Vertonung von Texten u. a. Heines, Rückerts, Kerners, Goethes, Eichendorffs, Chamissos von S.s umfassendem Verständnis der zeitgenössischen Dichtung und seiner Fähigkeit zu außerordentlicher musikalischpsychologischer Durchdringung in der Nachfolge Schuberts. In den nächsten Jahren widmete sich S. der Komposition von Orchester- und Kammermusikwerken: 1841 wurden zwei Sinfonien (B-Dur op. 38, d-Moll, in 2. Fassung op. 120) vollendet, eine dritte (c-Moll) skizziert; ferner entstanden ein kleineres sinfonisches Werk (Ouvertüre, Scherzo und Finale op. 52) und eine Fantasie für Klavier und Orchester (1845 zum Klavierkonzert op. 54 erweitert). Die 1. Sinfonie (Frühlingssinfonie) B-Dur wurde S.s größter Publikumserfolg zu Lebzeiten. 1842 schrieb S. die drei Streichquartette op. 41, das Klavierquintett (op. 44) und -quartett (op. 47) sowie ein Trio (als Fantasiestücke op. 88 erschienen). Nach einer Dichtung von Thomas Moore (1779–1852) entstand 1843 das Oratorium „Das Paradies und die Peri“ op. 50, mit dem S. gleichfalls große Erfolge bis hin nach New York, Kapstadt und Dublin erzielte und das zu einem Höhepunkt der Gattung neben Mendelssohns „Paulus“ und „Elias“ wurde. Mit Felix Mendelssohn Bartholdy verband S. eine achtungsvolle Künstlerfreundschaft; ihm widmete er die Quartette op. 41 und hinterließ Aufzeichnungen zu seinem Gedenken. An dem auf Initiative Mendelssohns 1843 gegründeten Leipziger Konservatorium gehörte S. zu den ersten Lehrern.
1842 hatte Clara ihre Pianistentätigkeit durch eine Tournee nach Kopenhagen fortgesetzt; Anfang 1844 unternahm das Ehepaar eine Konzertreise nach Rußland, wo S. in St. Petersburg seine B-Dur-Sinfonie dirigierte und Clara dort und in Moskau Erfolge feierte. Im Sommer desselben Jahres begann S. mit der Komposition seiner „Scenen aus Göthe's Faust“ (WoO 3; 1853 in Düsseldorf vollendet), deren Schlußteil zur Goethe-Säkularfeier 1849 in Dresden, Leipzig und Weimar (unter Franz Liszt) aufgeführt wurde.
Ende 1844 zog die Familie nach Dresden, wo Friedrich Wieck, mit dem im Jahr zuvor eine Versöhnung stattgefunden hatte, ansässig war. S. gelang es in den sechs Jahren seines dortigen Aufenthalts nicht, eine öffentliche Anstellung zu erhalten, doch wurden seine Werke vielfach in Privatkonzerten aufgeführt. Nach Verkauf der Neuen Zeitschrift für Musik an Franz Brendel (1811–68) und weitgehender Aufgabe der musikschriftstellerischen Tätigkeit widmete S. sich ganz der|Komposition und schrieb 1845 vorwiegend kontrapunktische Werke (Pedalflügelstücke op. 56 u. 58, Orgel- u. Klavierfugen op. 60 u. 72), 1846 die 2. Sinfonie C – Dur op. 61, 1847/48 die Oper „Genoveva“ op. 81 und die Musik zu Byrons „Manfred“ op. 115, 1847-49 zahlreiche Werke der (vokalen u. instrumentalen) Kammermusik, Lieder und Klavierstücke (Klavier-Album f. d. Jugend op. 68 u. Lieder-Album op. 79) sowie die Musik zu Goethes „Wilhelm Meister“ op. 98 a/b. Seit 1847 leitete S. den Männerchor „Dresdner Liedertafel“, seit Jan. 1848 einen von ihm gegründeten gemischten Chorgesangverein. In Dresden hatte er Umgang mit Richard Wagner und zahlreichen bildenden Künstlern, unter ihnen Ludwig Richter und Ernst Rietschel.
1849 erreichte S. die durch Ferdinand Hiller vermittelte Berufung als Städt. Musikdirektor nach Düsseldorf, der er im Sept. 1850 nachkam. Anfangs mit Auszeichnung aufgenommen und erfolgreich, erlebte S. bald Enttäuschungen in seinem Amt, die durch seine mangelnde Befähigung und Erfahrung als Dirigent, aber auch durch gesundheitliche Probleme verursacht waren. Im Herbst 1853 legte er de facto seinen Posten nieder (der erst 1855 durch Julius Tausch, 1827–95, neu besetzt wurde). In den Düsseldorfer Jahren 1850-53 komponierte S. etwa ein Drittel seines Œuvres: 1850 entstanden die 3. Sinfonie (Rheinische) op. 97 und das Cellokonzert op. 129, 1851 u. a. das Oratorium „Der Rose Pilgerfahrt“ op. 112, die beiden Violinsonaten op. 105 und 121, das 3. Trio op. 110 und weitere Kammermusikwerke. 1852 schrieb S. die „Missa sacra“ op. 147 und das Requiem op. 148, 1853 mehrere konzertante Werke mit Orchester (Fantasie [Violine] op. 131, Konzert-Allegro [Klavier] op. 134, Violinkonzert WoO 1) sowie das zukunftsweisende, auf Hölderlins Diotima-Gestalt bezogene und Bettine v. Arnim gewidmete Klavierwerk „Gesänge der Frühe“ op. 133 und die 3. Violinsonate WoO 2. Zu Pfingsten 1853 nahm S. an der Leitung des Niederrhein. Musikfests teil und erlebte einen großen Erfolg mit seiner neubearbeiteten d-Moll-Sinfonie (als 4. Sinfonie op. 120 veröff.). Im Herbst dieses Jahres lernte er durch den befreundeten Geiger Joseph Joachim den jungen Johannes Brahms kennen und widmete ihm, den er als eine Art künstlerischen „Nachfolger“ empfand, seinen letzten Aufsatz „Neue Bahnen“ (in: NZfM, Okt. 1853). Erfolgreiche Konzertreisen führten ihn durch Holland (Okt.-Dez. 1853) und an den hann. Königshof (Jan. 1854); nach Düsseldorf zurückgekehrt, erlebte S. schwere depressive Störungen und suchte durch einen Sturz in den Rhein am 27.2.1854 seinem Leben ein Ende zu setzen. Am 4.3.1854 wurde er auf eigenen Wunsch in die Privat-Heilanstalt des Dr.Franz Richarz in Endenich bei Bonn gebracht, die er bis zu seinem Tod 1856 nicht mehr verließ. Das vermutlich durch eine luetische Infektion während der Studentenzeit verursachte Leiden (Aufnahmediagnose: Melancholie mit Wahn) verlief nicht kontinuierlich negativ, doch erwies sich eine Besserung 1854/55 als trügerisch; S. stellte danach seine Kommunikation mit der Außenwelt ein und starb nach fortgesetzter Nahrungsverweigerung. Zum Besuch zugelassen wurden in der Anstalt nur die Freunde Joachim und Brahms; Clara durfte S. erst zwei Tage vor seinem Tod wiedersehen. In der Folge setzte v. a. sie sich für das Werk ihres Mannes ein, indem sie selbst seine Kompositionen mit Klavier aufführte und für Aufführungen der übrigen sorgte.
S.s reiches kompositorisches und musikliterarisches Schaffen wurde nach seinem Tod allmählich erschlossen, wobei sich bald eine durch sein tragisches persönliches Schicksal bedingte Zurücksetzung der „späten“ Werke abzeichnete, die erst gegen Ende des 20. Jh. (Dissertationen v. R. Kapp u. M. Struck) überwunden werden konnte. Während S. lange Zeit als Meister der „kleinen Form“ gesehen und vorwiegend seine poetische Klaviermusik und sein Liedschaffen geschätzt wurden, setzte sich seit etwa 1960 eine umfassendere und ausgewogenere Betrachtungsweise durch, die die Eigenart und den hohen Wert seiner Kammer- und Orchestermusik, aber auch der Kantaten und Oratorien sowie der großen „dramatischen“ Werke (Genoveva, Manfred u. Faust) erkannte. Die Vorstellung von einem abrupten Stilwandel besonders hin zum Spätwerk wurde korrigiert und durch die Erkenntnis einer „Kontinuität im Wandel“ ersetzt. Obwohl S. nicht eigentlich schulbildend wirkte, wurde insbesondere sein Einsatz für Bestand und Fortentwicklung der Gattung der Sinfonie von Brahms, Tschaikowski, Mahler u. a. aufgenommen. Die dort sowie in den Klavierwerken, Liedern und weiteren Werkgruppen geleistete „Poetisierung“ der Musik jenseits von vordergründiger Programmatik sicherte S. eine Vorbildwirkung bis ins 20./21. Jh. hinein, zu der sich zahlreiche Komponisten wie Carl Reinecke, Theodor Kirchner, Nils W. Gade, Max Reger, Hans Pfitzner, B. A. Zimmermann, Dieter Schnebel, Wolfgang Rihm, György Kurtág und Aribert Reimann durch|Übernahme von Themen und Motiven S.s bekannten und bekennen.
Die von Clara 1879 initiierte erste S.-Gesamtausgabe wird seit 1991 durch eine neue Ausgabe Sämtlicher Werke (RSA) ersetzt. Mit der Biographie und dem Werk S.s beschäftigt sich ein reiches, seit den 1980er Jahren ständig anwachsendes Schrifttum; das musikalische Œuvre einschließlich der bisher vernachlässigten Werke verbreitet sich in Aufführungen und auf Tonträgern weltweit.
23. Philipp Jakob Siebenpfeiffer
Seit 1799 Vollwaise, wuchs S. bei seiner Tante Catharina Salome Rost in Lahr auf. Nach der Lateinschule besuchte er das Pädagogium in Lahr und arbeitete seit 1808 in der Verwaltung der Rentkammer Freiburg (Br.). Durch seine Tätigkeit als Steuercommissär in Gengenbach seit 1811 finanzierte S.sein nebenberufliches Studium der Rechtswissenschaften an der Univ. Freiburg (1. jur. Staatsexamen u. Dr. iur. 1813), wo ihn Karl v. Rotteck (1775–1840)nachhaltig prägte. Anschließend begann er ein „Wanderleben“ in der bayer.-österr. Verwaltung in Kreuznach, Trier, Ottweiler, Speyer, Landau und Frankenthal. Nach der Zuordnung des linkrhein. Gebiets an das Kgr. Bayern 1816 wurde S. 1818 Landcommissär des neuen Landcommissariats Homburg. Neben seiner praktischen Tätigkeit im Gemeinde-, Verwaltungs-, Rechnungs- und Schulwesen verfaßte er hier ein „Handbuch der Verfassung, Gerichtsordnung und gesamten Verwaltung Rheinbayerns“ (5 Bde., 1831–33), das lange in Gebrauch blieb.
1830 artikulierte S. erstmals öffentlich seine Kritik an ökonomischen, sozialen und politischen Mißständen und unterbreitete seine Reformvorschläge in der Zeitschrift „Rheinbayern“. Sie brachten den staatsloyalen S. in Konflikt mit Kg. Ludwig I. und trugen ihm eine (Straf-)Versetzung als Vorstand der Zwangsarbeitsanstalt in Kaisheim (Donauwörth) ein, die aber nach einer Klage S.s 1831 an einem Urteil des Bezirksgerichts Zweibrücken scheiterte. Um seine politischen Forderungen in die Öffentlichkeit zu tragen, gab S. seit April 1831 die Zeitung „Der Bote aus dem Westen“ (1832 u. d. T. „Westbote“) heraus und regte bereits vor dem „1. Schülerfest“ 1832 in Zweibrücken die Gründung des „Preß- und Vaterlandsvereins“ an, der ersten „Journalisten-Gewerkschaft“ in Deutschland.
Auf S.s und Johann Georg August Wirths (1798–1848) Initiative wurde am 27.5.1832 das „Hambacher Fest“ veranstaltet, das S. mit seiner Rede „Der Deutschen Mai“ (gedr. 1832) eröffnete, in der er Pressefreiheit, die Gleichberechtigung der Frau und andere zentrale demokratische Rechte forderte. Zur Erfüllung dieser Ziele rief S. zu einer friedlichen Revolution auf. Bald nach dem Fest wurde er wegen „Aufreizung zum Aufruhr“ in Haardt verhaftet, 1833 angeklagt, aber vom Assisengericht in Landau freigesprochen. Ebenfalls in diesem Jahr endete ein Prozeß wegen Beamtenbeleidigung am Zuchtpolizeigericht Frankenthal gegen ihn mit einer Verurteilung zu zwei Jahren Haft. S. entzog sich der Inhaftierung durch Emigration in die Schweiz (schweizer. Staatsbürger 1834), wo er nicht mehr politisch aktiv wurde, aber mit seinen „Ideen zu einer Grundreform der Erziehungs- und Unterrichtsanstalten“ 1834 eine grundlegende Pädagogik mit liberal-demokratischen Implikationen veröffentlichte. 1834 zum kommissarischen Stellvertreter des Lehenskommissärs bestellt, wurde S. noch im selben Jahr zum ao. Professor für das gerichtliche Verfahren, Polizeirecht und Staatswissenschaft berufen und 1840 zum Sekretär der Justizdirektion ernannt. 1842 wurde S. infolge einer unheilbaren Geisteskrankheit in die Irrenanstalt Bümpliz eingewiesen. – S. ist ein markanter Exponent des frühen Liberalismus im Südwesten Deutschlands.
24. Ferdinand Freiligrath
F. trat nach Abbruch seiner Schulbildung 1825 in Soest in die kaufmännische Lehre ein. Schon an dem 1826 geschriebenen Gedicht „Moostee“ erweist sich hinsichtlich der Fülle der elementar empfundenen Bilder und des leidenschaftlichen Klanges der Sprache die Besonderheit seines gesamten späteren lyrischen Schaffens. Die während seiner Amsterdamer Kaufmannsjahre von 1832-36 im Anschluß an die zeitgenössische französische Dichtung vor allem Victor Hugos geschriebene und wie diese orientalische Themen bevorzugende Lyrik (Der Mohrenfürst; Löwenritt) verhalf ihm zu früher Berühmtheit; er fand Förderer wie Chamisso und Schwab, in deren „Deutschem Musenalmanach“ einige seiner frühen Dichtungen erschienen (1835) – später, während seines Barmer Aufenthaltes 1837–39, auch Immermann – und in Cotta den Verleger einer ersten Auswahl seiner Gedichte (1838). Der zwar von F. schon als revolutionär empfundene, vielfach aber noch in der Romantik wurzelnde Exotismus seiner Dichtung wich während der 1839-44 ohne berufliche Bindung vor allem in Unkel, Darmstadt und Sankt Goar verlebten Jahre zunehmend einer realistischen, sozial geprägten Thematik, die sich ihm aus der wachsenden Anteilnahme am politischen Tages- und Meinungskampf ergab und seiner Sprache fortan stark kritische, streitbare Akzente verlieh. In offene Opposition zu Preußen stellte sich F. mit seiner 1844 erschienenen Gedichtsammlung „Ein Glaubensbekenntnis“, mit deren Erscheinen er gleichzeitig einen ihm seit 1842 von Friedrich Wilhelm IV. auf Veranlassung A. von Humboldts ausgesetzten Ehrensold zurückgab. In dem durch das „Glaubensbekenntnis“ veranlaßten ersten Exil in Belgien, der Schweiz und England gewann das lyrische Schaffen F.s revolutionäre Züge; die Sammlung „Ça ira“ (1846) und die in den beiden Heften der „Neueren politischen und sozialen Gedichte“ (1849, 1851) gesammelten politischen Kampflieder riefen radikal zur Beseitigung des Absolutismus auf und trugen durch ihre aufrührerische sprachliche Kraft erheblich zu den Geschehnissen des Jahres 1848 bei. Einen Höhepunkt im Schaffen des zur Revolution nach Deutschland zurückgekehrten Dichters bietet der seine Fähigkeit zu wirksamer Massenansprache beispielhaft verdeutlichende, die politischen Leidenschaften entzündende Kampfgesang „Die Toten an die Lebenden“ (Juli 1848), der den Märzaufstand verherrlicht und F. eine erfolglose Anklage wegen Aufreizung zum Umsturz einbrachte. Das Scheitern der Revolution – F.s Mitarbeit an der 1849 verbotenen „Neuen Rheinischen Zeitung“, die der aus der Zeit des Brüsseler Exils ihm bekannte Karl Marx leitete, führte erneut zu polizeilichen Verfolgungen – zermürbte die mitreißende Kraft des Dichters; 1851 verließ er Deutschland und begab sich bis 1868 in sein zweites Exil nach England. Während seiner Londoner Zeit, die er als Kaufmann und ab 1856 als Leiter der General Bank of Switzerland verbrachte, beschränkte sich seine literarische Tätigkeit, abgesehen von Gelegenheitsdichtungen und einer zeitweiligen Mitarbeit an der schöngeistigen englischen Zeitschrift „Athenaeum“, auf Nachdichtungen, mit denen er bereits in Soest begonnen hatte und die vor allem Werken V. Hugos, Byrons, Th. Moores, W. Scotts, Felicia Hemans und des von ihm zeitlebens verehrten Robert Burns gewidmet waren. Die bedeutendste Leistung seiner Verbannungsjahre stellt die Übertragung des Indianerepos „The Song of Hiawatha“ (1857) des ihm befreundeten Longfellow dar. Daneben schuf er Übersetzungen englischer Sonettisten des 16. und 17. Jahrhunderts und, nach dem Exil, von Gedichten Bret Hartes und R. Herricks. Bleibendes Verdienst erwarb er sich mit der Entdeckung und ersten Verdeutschung lyrischer Dichtungen des ihm wesensverwandten, leidenschaftlichen Demokraten Walt Whitman (Grashalme in Auswahl, 1868). Erst das Angebot|einer von Barmer Freunden veranstalteten Nationalspende konnte den aufrechten F. bewegen, 1868 nach Deutschland zurückzukehren, wo ihm ein triumphaler Empfang bereitet wurde. Die Begeisterung des Jahres 1870 brachte stark patriotische Züge in die ein letztes Mal aufflammende politische Lyrik des Dichters (Hurra, Germania!, Die Trompete von Vionville, 1870), ohne daß die Heimkehr zu einer völligen Aussöhnung mit seinen Gegnern geführt hätte. Sein rein lyrisches Lebenswerk, das nur wenige Gedichte von überzeitlicher Geltung umfaßt (unter anderem Die Auswanderer, 1832; Prinz Eugen, 1833; O lieb, solang du lieben kannst! 1838), erwuchs überwiegend aus dem Kampf um die demokratischen Grundrechte und um eine Neuordnung der sozialen Verhältnisse seiner Zeit und kann somit als ein bedeutendes Beispiel der auf die Beeinflussung der öffentlichen Meinung und Gewinnung der Massen gerichteten deutschen politischen Lyrik des 19. Jahrhunderts gelten. F., der sich selbst „Trompeter der Revolution“ nannte und jahrelang freundschaftliche Beziehungen zu Marx und Engels unterhielt, blieb seiner politischen Gesinnung bis zum Ende treu. Er verschmähte noch im Tode, in preußischer Erde zu ruhen.
25. Louise von Gall
In das enge, ständisch und ideologisch wohlgeordnete münsterländische Beziehungssystem der Annette von Droste-Hülshoff einzudringen, kann nicht gut gehen. Auch wenn die Droste mittlerweile fast ganzjährig am Bodensee wohnt und wirkt, muss sie die Entfremdung und der Verlust des liebsten Gespielen Levin Schücking verletzen.
Louise von Gall heiratet Levin Schücking und versucht mit ihm ab 1852 im münsterländischen Sassenberg Fuß zu fassen. Eine lebenslustige, bekannte und beliebte protestantische Schriftstellerin, die in den städtischen Salons in Darmstadt, Wien und Köln eine Rolle spielt, im dörflich-dumpfen, katholischen Sassenberg – im literarischen Umfeld nur Münster und die nicht gerade weltoffenen Kreise um die Droste, Elise Rüdiger und den blinden konservativen Philosophiedozenten Christoph Bernhard Schlüter. Das kann nicht gut gehen. Der Vater Louise von Schückings ist der in den napoleonischen Freiheitskriegen ruhmreiche hessische Generalmajor und Kammerherr Ludwig Freiherr von Gall, der kurz vor Louises Geburt auf dem Weg nach Frankreich an einem Unfall verstirbt. Mit ihrer Mutter Friedericke von Gall versteht sich Louise bis zu deren überraschendem Tod in Wien ausgezeichnet, sie spricht von ihr wie von einer liebevollen älteren Schwester.
Louise erhält in Darmstadt eine gute Erziehung und Bildung, lernt Fremdsprachen, malt und hat Gesangsunterricht. Im Mannheimer Pensionat Schenkendorf, einem Institut für höhere Töchter wird ihr 1831/32 das nötige Rüstzeug einer Dame der Gesellschaft beigebracht, bevor sie mit ihrer Mutter nach Wien zieht, auch um ihre Gesangsausbildung zu vervollkommnen. Dort führt Friedericke von Gall – wie schon in Darmstadt – einen Salon, in dem Louise in das kulturelle Wien eingeführt wird. Sie schwankt zwischen einer Gesangskarriere - erste Auftritte in der Öffentlichkeit bestätigen ihr großes Talent - und der Schriftstellerei. Friedrich Witthauer, Redakteur der „Wiener Zeitung“ druckt erste Erzählungen, noch unter dem Pseudonym Ludwig Leo.
Ein sorgenfreies Leben der freiheitsliebenden Louise, das sie durch den plötzlichen Tod der Mutter 1841 nach Darmstadt zurückführt. Sie erholt sich von dem existenziellen Schock auf einer Reise durch Ungarn, zu der sie eine befreundete Familie einlädt. Es erscheinen einige Novellen in der „Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode“, im „Frankfurter Korrespondenzblatt“ und in Cottas Stuttgart/Tübinger „Morgenblatt“. Schnell ist Louise von Gall als Novellistin eine beachtete und gern gelesene Autorin. Im Darmstädter Salon der Luise von Ploennies lernt sie die frisch verheirateten Freiligraths kennen. Ida und Ferdinand befreunden sich rasch mit der selbstbewussten, für sie fast etwas zu emanzipierten Louise und laden sie zum Sommer 1942 in ihr Sommerrefugium unweit des Loreley-Felsens am Rhein ein, ins „Ihlium“ in Sankt Goar zu einem Poetentreffen in der durchaus kleinen Wohnung der Freiligraths im Haus des Apothekers Ihl, die allerdings einen großen terrassenförmigen Garten für gesellige Anlässe hat. Sie lässt für den Aufenthalt eigens ihren Flügel von Darmstadt per Schiff nach St. Goar transportieren, um für die Freunde musizieren zu können.
Louise lernt unter anderen den Landrat Karl Heuberger, die Autorin Adelheid von Stolterfoth, Karl Simrock, Emanuel Geibel und den amerikanischen Romantiker Henry Wadsworth Longfellow, der sich gerade in Europa aufhält, kennen. Dort erzählt ihr Freiligrath von seinem Freund Levin Schücking, und sie entschließt sich Ende des Jahres, mit diesem brieflich in Kontakt zu treten – etwas ungewöhnlich für eine junge Frau der guten Gesellschaft. Freiligrath hat seinem Freund Schücking die Louise von Gall wohl äußerst positiv dargestellt. Louise und Levin verstehen sich, und ohne eine persönliche Begegnung findet schnell brieflich die ferne Verlobung statt. Endlich ein erstes Kennenlernen in Darmstadt und ein gemeinsamer zweiter „Poetensommer“ bei den Freiligraths in St. Goar. Welch illustre Gesellschaft diesmal: natürlich wieder Emanuel Geibel, von Frankreich kommend ist Hans Christian Andersen zu Gast, die EngländerInnen Mary und William Howitt von ihrem Aufenthalt in Heidelberg, Justinus Kerner und Heinrich Hofmann von Fallersleben, der Musiker Ferdinand Hiller, Willibald Alexis, Berthold Auerbach, der österreichische Satiriker Moritz Gottlieb Saphir, der Balte Wilhelm Smets, Gottfried Kinkel und noch einige weitere Freunde genießen die Sommerfrische, das gute Essen und den Wein bei Freiligraths am Rhein. Neben Ida Freiligrath und der älteren Darmstädter Schriftstellerkollegin Louise von Ploennies ist Louise von Gall eine der wenigen Frauen in diesem Kreis berühmter Autoren und Kulturschaffender der 40er-Jahre. Was hier besprochen und verhandelt, welche politischen Themen diskutiert werden, wissen wir nicht. Dass Freiligraths Wende zum politischen Vormärzdichter 1844 hier einen Anstoß bekommt, ist wahrscheinlich. Zurück in Darmstadt heiraten Louise von Gall und Levin Schücking am 7. Oktober 1843, kein Jahr nach dem ersten brieflichen Kontakt. St. Goars Landrat Heuberger hat das dem in Louise ein wenig verliebten Henry Longfellow brieflich so beschrieben: „Das Merkwürdigste aber ist, dass das junge Paar nicht durch Blick und Wort und warmen Hauch ins Liebesfeuer geraten, sondern durch – Tinte.“
An den Haupt-Beteiligten der „Poetensommer am Rhein“ ist gut abzulesen, in welche auch gesellige und durchaus europäische und überseeische Gäste einbeziehende Netzwerke die Schriftstellerinnen und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts häufig eingebunden sind. Hinter Erwähnungen, in welchem Salon eine verkehrt, an welcher Versammlung jemand teilnimmt, eröffnet sich häufig ein großes Beziehungsgefüge innerhalb der überschaubaren Kultureliten der Zeit. Durch „Tinte“, im Briefwechsel, sind Louise und Levin ein Paar geworden und „Tinte“ wünschen die beiden sich als verbindendes Element der Ehe, sie wollen eine gleichberechtigte „Poetenehe“ führen. Doch dies ist leichter gesagt als getan.
Da ist Levin Schücking, der durch die Einkünfte in guten Redakteursstellen den Lebensunterhalt bestreitet, von 1843-45 in der „Allgemeinen Zeitung“ von Cotta in Augsburg und von 1845-52 als Feuilletonchef der „Kölnischen Zeitung“. Sein schriftstellerischer Erfolg kommt nach „Das malerische und romantische Westphalen“ gemeinsam mit Ferdinand Freiligrath, und „Der Dom zu Köln und seine Vollendung“ 1842, zu beidem hat die mütterliche Freundin Annette von Droste-Hülhoff anonym Beiträge geliefert, und „Ein Schloß am Meer“ das in 2 Bänden bei Cotta in Stuttgart 1843 erscheint, zum Teil in Zusammenarbeit mit seiner Louise. Das ungeklärte Verhältnis zur Droste, die den Verlust ihres „Pferdchens“ befürchtet und ihn vor der Ehe mit Louise von Gall warnt – er solle sich zehnmal bedenken, ehe er sich bindet – belastet natürlich das Verhältnis zwischen Levin und Louise. Diese ist durch ihre Pflichten als Hausfrau und sehr schnell als Mutter von 5 Kindern gebunden – der erste Sohn Lothar Carl Levin kommt 1844 zur Welt. Mit ihrem Mann in Augsburg und Köln sowie auf seinen längeren Auslandsreisen nach Rom und Paris ist sie voll ausgelastet.
Trotzdem findet sie Zeit, zu schreiben. Neben Novellen und den drei Lustspielen „Ich hab’s gewagt“, „Die gnädige Frau“, „Ein schlechtes Gewissen“ entstehen die Romane „Gegen den Strom“ 1851, und „Der neue Kreuzritter“ 1853, sowie mit Levin Schücking zusammen die Erzählbände „Familienbilder“ und „Familien-Geschichten“, jeweils in 2 Bänden 1854. Die Werke, die sie in den etwa 15 schriftstellerisch fruchtbaren Jahren verfasst, gehören zu den literarischen Schätzen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die unbedingt größere Beachtung verdienen. Als Louise versucht, dem Sassenbergischen Familiensitz der Schückings wieder nach Darmstadt oder Köln zu entkommen, wird ihre Tochter Adolfine geboren, die schon nach drei Monaten, am 9. Dezember 1854 stirbt. Louise ist in der nebelfeuchten Luft Sassenbergs und dem Kindbett krank geworden und stirbt am 16. März 1855. Gegen ihren Willen wird sie auf dem Sassenberger Friedhof an der Kirche beigesetzt.
26. Levin Schücking
S. verlebte seine Jugend im Emsland. Nach dem Gymnasialbesuch in Münster und Osnabrück studierte er seit 1833 Jura in München, Heidelberg und Göttingen. 1837 kehrte er nach Münster zurück, wo er als Privatlehrer und Journalist u. a. für Karl Gutzkows (1811–78) „Telegraph für Deutschland“ und den „Westphälischen Merkur“ arbeitete, da es ihm als hann. Staatsbürger nicht möglich war, in Preußen ein jur. Examen abzulegen. Durch Vermittlung Annette v. Droste-Hülshoffs (1797–1848) wurde S. im Winter 1841/42 Bibliothekar ihres Schwagers Joseph v. Laßberg (1770–1855) auf der Meersburg/Bodensee. Im Frühjahr 1842 verhalf ihm Ferdinand Freiligrath (1810–76), mit dem S. seit 1839 eng befreundet war, zu einer Hofmeisterstelle bei Fürst Carl Theodor Wrede in Ellingen (Bayern) und später in Mondsee bei Salzburg. 1843-45 war S. Redakteur der von Cotta herausgegebenen „Allgemeinen Zeitung“ in Augsburg. Anschließend leitete er – abgesehen von journalistischer Tätigkeit in Ostende, Paris, Rom und Neapel 1846-48 – das Feuilleton der „Kölnischen|Zeitung“. Nach seiner Entlassung 1852 zog er sich als freier Schriftsteller auf sein Anwesen in Sassenberg (Westfalen) zurück. Später nahm der unter ständiger Finanznot und Vereinsamung leidende S. seinen Wohnsitz in Münster und verbrachte seit 1874 die Winter in Italien.
Wegweisend für S. wurde seine Arbeit an dem von Freiligrath begonnenen Landschaftsbildband „Das malerische und romantische Westphalen“ (10 Lfgg., 1841, ²1872), den S. vollendete. Seit dieser Zeit erweiterte er systematisch seine Kontakte zu Personen des Literaturbetriebs, u. a. zu Ludwig Bauer, Georg v. Cotta, Franz Dingelstedt, Emanuel Geibel, Hermann Hauff, Heinrich Heine, Justinus Kerner, Wolfgang Menzel und Wilhelm Smets – Verbindungen, die seinen raschen literarischen Aufstieg maßgeblich begünstigten. Die Droste, mit der ihn seit 1839 eine enge Freundschaft verband, bescheinigte ihm eine „inspirierende Macht“ beim Zustandekommen ihrer reichen Lyrikproduktion im Winter 1841/42, den beide auf der Meersburg verbrachten. Die Freundschaft wurde später zu einer Liebesbeziehung verklärt, wobei schwärmerische Passagen in den Briefen der Dichterin als Belege dienten. Als Rezensent, Biograph (Annette v. Droste, Ein Lb., 1862) und Editor (Annette v. Droste Hülshoff, Ges. Schrr., hg. v. L. S., 3 T., 1878/79) trug S. maßgeblich zur Verbreitung des Droste-Werks bei. Seine literarische Popularität fußt bis heute wesentlich auf dieser zum Skandal stilisierten Dichterbeziehung.
S. verfügte über ein bedeutendes kritisches, jedoch nur mäßiges literarisches Talent. In seiner auf Effekt berechneten literarischen „Fließbandproduktion“ erweist er sich als gefälliger Erzähler, seinen Novellen und Romanen mangelt es jedoch oft an Stringenz in Handlungsaufbau und Charakterisierung. Gleichwohl avancierte S. seit 1850 zu einem der meistgelesenen dt. Literaten. Der lokalhistorische Hintergrund seiner Westfalenromane trug ihm den Ruf eines dt. Walter Scott ein. Seine auf genauen landeskundlichen Kenntnissen beruhenden westfäl. „Sittenbilder“ (u. a. Die Ritterbürtigen, Roman, 3 T., 1846; Paul Bronckhorst oder Die neuen Herren, Roman, 3 T., 1858; Die Hll. u. die Ritter, 4 Bde., 1873) ragen qualitativ aus einem Œuvre heraus, das alle Genres umfaßt und häufig nachgedruckt wurde. In weltanschaulicher Hinsicht (und je nach Leserschaft) pendelte S. in seinem Werk zwischen Konservatismus und (pol.) Moderne, biedermeierlichem Gemüt und jungdt. Rationalismus und versuchte sowohl Aufklärung als auch Geisterglaube miteinander zu versöhnen. Bis heute lesenswert sind S.s „Lebenserinnerungen“ (1886), die, abgesehen von den bei S. häufig anzutreffenden Selbststilisierungen, literarhistorische Bezüge aufhellen.
27. Annette v. Droste-Hülshoff
Zusammen mit ihren Brüdern erhielt D. Privatunterricht, der sich auch auf Mathematik, Latein, Griechisch, Niederländisch und Italienisch erstreckte. Früh zeigten sich Neigungen zum Geheimnisvollen und zur Vergangenheit, nicht minder zur Musik, in der sie zu schöpferischer Betätigung befähigende Ausbildung empfing (wovon Kompositionen eigener Texte [1877] zeugen). Anregungen gaben L. Uhland und die Grimms. Als fördernd und kritische Fähigkeiten steigernd erwies sich der Einfluß des schöngeistigen Juristen A. M. Sprickmann; in Münster machte D. Bekanntschaft mit der versunkenen Poesie des Göttinger Hains. Unerfüllte Liebe zu August von Arnswaldt und Heinrich Straube bewirkte seit 1818 einsetzende und erst 1825 auf einer Reise nach Köln und Bonn verklingende seelische Krisen. Nach dem Tode des Vaters übersiedelte D. zusammen mit ihrer Mutter 1826 auf das Gut Rüschhaus bei Münster. Dort lebte sie nach der Verheiratung ihrer Schwester Jenny vereinsamt, aber in innigster Fühlung mit der Natur und dem Volkstum der Landschaft, angeregt durch Reisen ins Rheinland, durch Besuche bei Jenny (Eppishausen im Thurgau, ab 1838 auf Schloß Meersburg), jedoch bedrückt durch Augenleiden und eine schwindsuchtartige Krankheit. Die Freundschaft mit dem erblindeten Münsterer Akademieprofessor Ch. B. Schlüter – dem ersten Herausgeber ihrer Verse – klärte die Kunstanschauungen der heranreifenden, unruhig suchenden Dichterin; er gab ihr durch verinnerlichte Religiosität und vorgelebte Harmonie seelisches Geleit. Im Alter von 41 Jahren trat sie erfolglos und nicht ohne demütigende Begleitumstände vor die Öffentlichkeit. Levin Schücking, schon früher Berater und Anreger der Dichterin, wurde „Befreier ihrer Lieder“. Ihm galt 1841/42 zu Meersburg ihre leidenschaftliche Liebe, bewahrt auch nach seiner Heirat mit Luise von Gall (1843). Erst nach dem Erscheinen seines adelsfeindlichen Romans „Die Ritterbürtigen“ (1845) – zu dem D. unfreiwillig Empfindungen der Familie kränkende Materialien beigebracht hatte – erlosch die Neigung. – Der Erfolg der bei Cotta erschienenen „Gedichte“ (1842, 1. Gesamtausgabe 1844) ermöglichte den Ankauf des in einem Weinberg gelegenen „Fürstenhäuschens“ in Meersburg (November 1843). Beginnendes schweres Siechtum verdüsterte den in der Heimat verbrachten Winter 1844/45, den in Rüschhaus verlebten Sommer 1846 und die im Oktober des gleichen Jahres anhebende Seßhaftigkeit in Meersburg. Schmerzlich bedrückten auch die Ereignisse der Märzrevolution 1848 die in einem konservativen Weltbild stehende Dichterin.
D. hat bei aller Sicherheit der äußeren Lebensbedingungen ein innerlich sehr gefährdetes Leben geführt. Alte Leidenschaften der Ahnen standen in ihr, der Späten eines uradeligen Geschlechtes auf, seltsame Laune der Natur vermischte in ihr weibliches und männliches Empfinden und machte ihr jedes Gefühl zwiespältig, fragwürdig und peinigend. So blieben ihr unmittelbare Glücksmöglichkeiten des Daseins verschlossen. Aber die Gnade war gewährt, ihr chaotisches Herz durch ehrwürdige Bindungen und Ordnungen zu bändigen: durch die Tradition und Haltung adeliger Sippe, die verpflichtende Verwurzelung in zeitloser westfälischer Landschaft, die Sakramente katholischen Glaubens und die strengen Forderungen sinngebender Gebote. Ohne diese Hilfen wäre sie nicht die geniale Dichterin geworden, welche – trotz ihrer Selbstverkennung als Künstlerin – die Qual des Lebens im Liede überwand. So vermochte sie jede Bresthaftigkeit in Blüte und Frucht zu wandeln, alle panische Naturangst in francisceische Sonnenhymnen zu läutern, alle Mächte, Schrecken und Spuk-Gewalten in metaphysische Horizonte auszuweiten. Den meist dem Frühwerk angehörenden erzählenden Gedichten und Balladen ist ein ausgesprochen männlicher Zug eigen, der sich in der Herbheit der Stoffe und der dichten Ballung des Vortrags äußert; weiblich indes wirkt die Zerfahrenheit der Komposition sowie intensive Betonung jeder Einzelheit. Die Technik der künstlerischen Verkürzung, die das thematisch bedingte Halbdunkel noch vertieft, haben wenige Lyriker so kühn gehandhabt. Für ihre durchaus nordische Seelenlage waren Vorbilder aus der romantischen englischen Lyrik und den Dichtungen Walter Scotts, der Kunst eines verwandten Sprachraumes, nur als Weiser auf einem Weg ohne Wahl bedeutsam. Die Vergleiche ihrer Sehweise mit der Optik Rembrandts sind zutreffend das Helldunkel, die handelnden Personen als Lichtträger in der Finsternis der Welt, die eigentümliche Mischung von transzendentaler Phantastik und rücksichtslosem Realismus, der auf alle herkömmlichen Schönheitsideale (besonders klassisch-südlicher Art) verzichtende, das letzthin Charakteristische fast überbetonende Vortrag, die neben verblüffender Virtuosität in der Beherrschung der Kunstmittel auftauchenden Verzeichnungen und technischen Schwächen. Das stark impressionistische Moment ist in den Balladen und kleinen Epen zurückgedrängt durch die Vertiefung in die hintergründigen Geheimnisse der Welt und eines nur durch Ahnungen erfaßbaren Zwischenreiches. Naturangst und undurchdringliches Walten von Schicksalsmächten geben den besten Balladen: „Der Geierpfiff“, „Die Vergeltung“, „Der Mutter Wiederkehr“ (1840–42) ihren besonderen Charakter. In noch höherem Maße gilt dies von den erzählenden Gedichten, für die düsteren Fieber- und Angstvisionen „Des Arztes Vermächtnis“ und für die Alraun-Teufelspaktgeschichte vom „Spiritus familiaris des Roßtäuschers“ (1842). Diesen Werken steht gegenüber „Die Schlacht im Loener Bruch“ (1837–38), männlich-herb und realistisch: Wirklichkeit des Dreißigjährigen Krieges lebt in heimatnaher Bindung wieder auf. Den Höhepunkt ihrer Kunst erreicht die Dichterin in der Naturlyrik. Nie zuvor wurde in deutscher Poesie unter Vermeidung der herkömmlichen, abgegriffenen „poetischen“ Mittel sowie der melodischen Reize der Wortmusik, durch Heranziehung des Sprachschatzes des Alltags, der Mundart und der Wissenschaft mit größerer lyrischer Vollkommenheit Natur mit jeder ihrer Formen und Erscheinungen in Worte gefaßt. Unter allen Dichterinnen hat einzig und allein D. der Natur gegenüber eine an sich durchaus männliche Gemütsstimmung, die sie weiblich abwandelt, nicht nur durch die liebevolle Hingabe an Halm und Käfer, Knospe und Stein, sondern noch mehr durch ein mütterliches Umfangen des Belebten und Unbelebten. Immer lauscht sie der heimlichen und doch tosenden Stimme des Erdgeistes, dem schweren Gesang unterirdischer Ströme, sieht sie die Mittagsgespenster im Sonnenglast und Dämonen in der spukhaften Wende zwischen Tag und Nacht – oft dargestellt durch das Medium kindlicher Naturangst. Die Ausdrucksweise entfernt sich sehr von der in der Zeit üblichen Sprache und gewinnt einen scheinbar impressionistischen, eigentlich aber überwirklichen Klang. In ganz großen Augenblicken wird die Dichterin zur „Seherfrau“ (F. Gundolf), sinkt sie am Hünenstein und in der Mergelgrube in den Mythos urweltferner Vorzeit, steigt in ihr erbbedingte Rückerinnerung an präindividuelle Erlebnisse auf. Ein heidnischer Unterton ist in ihrer Naturlyrik nicht zu verkennen. Aus der abgründigen Bedrängnis, die ihr Wesen erschütterte und in der Spätzeit reif zur Bereitschaft für die Gnade des Todes machte, rettete sie allein ihr Glaube – kein Kinderglaube, sondern eine verzweifelte Umklammerung des Kruzifixes. In entscheidenden Jahren entstand „Das Geistliche Jahr“ (I 1820, II 1839), mehr Beichte als Kunstwerk. Ursprünglich für die Großmutter als poetischer Gang durch das Kirchenjahr gedacht, wurde es, mittelalterlichen Gebetsreihen verwandt, zum Gefäß der Reuetränen einer heimlichen Sünderin. Die Spannung zwischen den Forderungen der Dogmen und der Heilsgeschichte einerseits, der Zerrissenheit einer unerfüllten und doch nicht einmal der Weiblichkeit ihrer Gefühle vollkommen sicheren Frau andererseits ist so groß, daß in diesem qualvollen Ringen um Gott die Form zerbricht. In gläubiger Demut unterwirft sich dieses stolze, törichte Herz dem Gerichtsschluß Gottes: „Jetzt kann ich stammeln nur: ‚Erlöser,/Ich gebe mich in dein Gericht!'“
D. ist Schöpferin einer Erzählung, halb Dorf-, halb Kriminalgeschichte, bis heute einmalig im deutschen Schrifttum durch ihre dämonisch geballte Kraft, in der mehr als Realismus geboten wird: „Die Judenbuche“ (1842). Umfassende, durch Blut und Beobachtung erworbene Kenntnis von Land und Leuten verbündet sich in diesem „Sittengemälde aus dem gebirgigen Westfalen“ mit hellseherischem Wissen um Schicksal. Unfaßliches wird sichtbar, die scharf konturierten und doch geheimnisvollen Ereignisse dieser Gruselgeschichte stoßen ins Zeitlose und verdichten sich zur Ewigkeit einer Landschaft, die alle Wandlungen übersteht. Die der „Judenbuche“ vorhergehenden erzählerischen Versuche, die Fragmente „Ledwina“ (1819–24) und „Joseph“ (1844–45), lassen bei aller Unvollkommenheit die hohe Berufung ihrer Urheberin erkennen; noch mehr das Bruchstück eines Romans „Bei uns zu Lande auf dem Lande. Nach der Handschrift eines Edelmannes aus der Lausitz“ (1841–42). Dieses Fragment voll Humor und Laune ist ein Dokument unzerstörbarer Verwurzelung in dem patriarchalischen, noch aus ungebrochener Vergangenheit lebenden, aber von geschäftiger Gegenwart und industrieller Zukunft bedrohten Westfalen. Das reiflich durchdachte Werk scheint nur deshalb sich|nicht gerundet zu haben, weil die Dichterin nach bitteren Erfahrungen befürchtete, Anstoß durch die ebenso wahren wie liebevollen Schilderungen zu erregen. Viel Stoff aus dem unvollendeten Buch verwendete sie in den etwa gleichzeitig (1842) und wohl als Ersatz geschriebenen „Bildern aus Westfalen“, die 1845 in den „Historisch-politischen Blättern“ des Guido Görres als „Westfälische Schilderungen aus einer westfälischen Feder“ erschienen. Dieser Essay hat an Reichtum der Charakteristiken und Stimmungen sowie an Wissen um volkskundliche Einzelheiten kaum seinesgleichen in jener heimatentdeckungsfrohen Zeit. Die Gegenüberstellung der verschiedenen Gaue Westfalens ist meisterhaft. Das Bild von Natur, Volk und Sitten im Paderbornschen insonderheit erhebt sich zu schlechthin klassischer Höhe. Hier ist dem Wesen einer Provinz und ihrer Landschaften ein bleibendes Denkmal errichtet, und zwar mit der fast tragischen Überzeugung der unausweichlichen Auflösung eines in sinnvollen Ordnungen gewordenen und bestehenden Volkstums. – Die entscheidende Komponente der Dichtung D.s ist indes nicht Realismus, sondern Gestaltung dessen, was hinter der Wirklichkeit steht. Als Überwirklichkeitskunst hebt sich ihr Werk, ganz als Seelenerlebnis ohne äußere materielle Rücksichten entstanden, aus dem Wesensgefüge des 19. Jahrhunderts bedeutungsvoll heraus und weist hinüber in unsere Gegenwart.
28. Karl Baedeker
Karl Baedeker war ein erfolgreicher Verleger von Reisehandbüchern, dessen Name weltweit zum Synonym von Reiseführern wurde. Karl Baedeker, geboren am 3.11.1801 in Essen, stammte aus einer Familie, die seit dem frühen 18. Jahrhundert im Buchdruck und Buchhandel tätig war. Sein Großvater Zacharias, der aus Dortmund kam, war seit 1775 in Essen ansässig und betrieb neben der Druckerei einen Verlag und gab die „Essendische Zeitung" heraus. Auch Karl bereitete sich auf eine Tätigkeit im Buchhandel vor. Nach seiner Schulzeit in Essen und Hagen absolvierte er eine Lehre bei J. C. B. Mohr in Heidelberg und arbeitete von 1823 bis 1825 bei dem Buchhändler Georg Andreas Reimer in Berlin. Obwohl er der älteste Sohn von Gottschalk Baedeker und der Buchhändlerstochter Marianne Gehre aus Neuwied war, trat er nicht ins elterliche Unternehmen ein, sondern eröffnete am 1.7.1827 eine eigene Verlagsbuchhandlung in Koblenz. Verlegt wurden – wie im Essener Geschäft – vor allem Schulbücher.
Als Baedeker 1832 die Verlagsbuchhandlung seines in Konkurs gegangenen Koblenzer Kollegen Friedrich Röhling übernahm, erweiterte sich die Angebotspalette erheblich. Neben belletristischen Werken wurden Gesetz- und Verordnungsblätter sowie balneologische und religiöse Schriften gedruckt. Zum Verlagsprogramm gehörte auch die 1828 erschienene „Rheinreise von Mainz bis Cöln. Handbuch für Schnellreisende", die der Koblenzer Gymnasialprofessor Johann August Klein erstellt hatte und die zum Vorläufer der Baedekerschen Reisehandbücher werden sollte.
Baedeker erkannte die Marktlücke, als sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Vorform des modernen Tourismus entwickelte. Immer mehr Bürger gingen auf Reisen, und sie benötigten nicht nur Informationen zu den auf der Strecke liegenden Sehenswürdigkeiten, sondern vor allem zuverlässige praktische Hinweise zu den Verkehrsverbindungen, zu Hotels und Gasthöfen, zu den örtlichen Gepflogenheiten und Informationen über die anfallenden Kosten. All das boten die von Baedeker verlegten Reisehandbücher, die ab 1846 vermehrt in ihrem charakteristischen roten Leineneinband mit goldener Schrift erschienen.
Baedeker hatte kein Monopol auf Reiseführer, diese erschienen auch bei Grieben oder bei Meyer – und in England war John Murray der wichtigste Herausgeber –, doch seine Bücher zeichneten sich durch die Vielzahl der Informationen und vor allem durch ihre Zuverlässigkeit aus, denn Baedeker verband die Herausgeberschaft mit seiner Reiseleidenschaft. Er blieb sein Leben lang ein wissbegieriger Reiseschriftsteller, der die Einheimischen befragte, die Fahrpläne studierte, Entfernungen maß, die Stufen zählte und der alle seine Beobachtungen penibel notierte. Diese Genauigkeit, die seine Leser so schätzten, feierte Jacques Offenbach in seiner Operette „La Vie Parisienne" mit dem oft zitierten Spruch: „Kings and governments may err, but never Mr. Baedeker." (Könige und Regierungen können sich irren, aber niemals Herr Baedeker.)
Da alle Informationen von Baedeker – oder von ausgesuchten Vertrauenspersonen – zusammengetragen wurden, beschränkten sich die ersten Reisebücher auf Mitteleuropa. Neben der mehrfach überarbeiteten Rheinreise – Aktualität war ein weiteres Kennzeichen der Baedekerschen Bücher – erschienen zunächst die Bände über Belgien und Holland. Dann folgte 1842 das „Handbuch für Reisende durch Deutschland und den Oesterreichischen Kaiserstaat", das in der Folgezeit wegen seines Umfangs in mehrere Bände aufgeteilt werden musste, und 1844 der Reiseführer zur Schweiz.
Ferner liegende Länder wurden erst nach dem Tode Karl Baedekers behandelt. Auch die Übersetzungen ins Englische setzten erst 1861 ein. Eine französischsprachige Ausgabe der Rheinreise war allerdings bereits 1832 erschienen. Als Karl Baedeker am 4.10.1859 in Koblenz verstarb (sein Grab befindet sich auf dem dortigen Hauptfriedhof), hatte sich der Ruf seiner Handbücher als übersichtlich aufgebaute, informationsreiche und zuverlässige Reisebegleiter verfestigt.
29. Ludwig Uhland
U. entstammte einer Familie der württ. „Ehrbarkeit“, des die Ständekammer dominierenden gehobenen Bürgertums. Er besuchte seit 1793 die Tübinger Lateinschule (Schola Anatolica), bevor er sich 1801 als Stipendiat einer Familienstiftung an der Universität einschrieb. Bis zum Beginn seines jur.Fachstudiums 1805 belegte er allgemeinbildende Kurse in der Artistenfakultät und erhielt philologische und literarische Impulse von David Christoph Seybold, Christian Friedrich Roesler und Karl Philipp Conz. Aus der Studienzeit stammt U.s Vorliebe für einige Werke, die ihn lebenslang beschäftigten: das Walthariuslied, Veit Webers „Sagen der Vorzeit“, die „Gesta Danorum“ des Saxo Grammaticus, Herders Volksliedersammlung und das mittelhochdt. „Heldenbuch“.
Um Justinus Kerner (1786–1862), der 1804 sein Medizinstudium begann, und U. bildete sich ein Tübinger Freundeskreis, der sich für „altdt.“ Literatur und „Volkspoesie“ interessierte und sich die Ideen und Formen der Romantik erschloß. Im „Sonntagsblatt für gebildete Stände“ unternahmen die Studenten von Januar bis März 1807 ihre ersten dichterischen Versuche. Auch an Achim v. Arnims „Zeitung für Einsiedler“ beteiligten sie sich mit Gedichten. Nach lyrischen Anfängen in wehleidigem und ossianisch-schwermütigem Stil fand U. 1805 seinen eigenen Ton mit Gedichten wie „Die Kapelle“ und „Schäfers Sonntagslied“. U.s künstlerische Sicherheit in Stoffwahl und dichterischer Form sowie seine glaubwürdige Volkstümlichkeit wurden schon früh erkannt, etwa von Karl August Varnhagen v. Ense und Friedrich de la Motte-Fouqué. 1815 erschienen U.s „Gedichte“ bei Cotta. Sie erlebten in den kommenden 70 Jahren 64 Auflagen. Substantielle Ergänzungen gab es wegen U.s von der Stimmung abhängigem, unregelmäßigem Dichten nur in den Auflagen von 1820, 1829 und 1834. Die in dieser Sammlung veröffentlichten historischen Balladen trugen neben den stimmungsintensiven Liedern zur enormen Popularität U.s bei. Das Gedicht „Der gute Kamerad“ wurde mit einer Melodie (1825) von Friedrich Silcher (1789–1860) zu einem dt. Nationallied.
1810 mit der Dissertation „De juris romani servitutum natura dividua vel individua“ zum Dr. iur. promoviert, hielt sich U. von Mai 1810 bis Jan. 1811 zum Studium des Code civile in Paris auf und nutzte die Zeit zum Lesen und Kopieren dt. und franz. mittelalterlicher Manuskripte in der Nationalbibliothek. Nach einigen Jahren beruflicher Unsicherheit als Advokat wurde er nach dem Ende des württ. Verfassungsstreits, in den er mit seinen oppositionellen „Vaterländischen Gedichten“ (1817, Neuausg. 1831) eingegriffen hatte, 1819 in den württ. Landtag gewählt, dem er bis 1826 und erneut 1833–38 angehörte. Politische Töne erklingen auch in den historischen Dramen „Ernst, Herzog von Schwaben“ (1818; über 100 Aufll.) und „Ludwig der Baier“ (1819), letzteres laut Tagebuch als „Symbol der dt. Stammeseinheit“ konzipiert. Aus staatsbürgerlichem Pflichtbewußtsein erneut politisch tätig, vertrat U. 1848/49 als Abgeordneter in der Paulskirche großdt. und republikanisch-demokratische Ideen. Berühmt wurden seine Reden gegen den Ausschluß Österreichs aus dem Reichsverband und für die Kaiserwahl. „Er stimmte konsequent mit der Linken, soweit sie nicht unpatriotisch war“ (H. Laube).
U.s literaturwissenschaftliches Interesse erwachte schon während des Studiums und dauerte ein Leben lang an. Er publizierte „Über das altfranz. Epos“ (1812), „Walther von der Vogelweide“ (1822) und „Der Mythos von Thor“ (1836). Seine Vorlesungen, die U. seit 1830 als Professor für Germanistik in Tübingen hielt, bevor er dieses Amt 1832 nach der Annahme des Landtagsmandats niederlegen mußte, erschienen postum als Bd. 1 (1865), Bd. 2 (1866) und Bd. 7 (1868) der „Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage“. Nach dem politischen Scheitern 1849 widmete er sich als Privatgelehrter in seinem Tübinger Haus ganz der Wissenschaft. Das groß angelegte Volksliedwerk (Alte hochu. niederdt. Volkslieder, 5 Bücher, 1844/45, Nachdr. 1968) blieb unvollendet, Abhandlung und Anmerkungen wurden postum gedruckt.
U. galt 100 Jahre lang quer durch die sozialen Schichten und parteipolitischen Lager als Idealgestalt: im Politischen durch sein lebenslanges unerschütterliches Eintreten für staatsbürgerliche Rechte und Freiheiten sowie seinen glaubwürdigen, unpathetischen Patriotismus, im Poetischen durch seine volkstümlich-schlichte, formal gebändigte, klare und ethisch fundierte Romantik. Nachrufe bezeichneten ihn als „Gewissen Deutschlands“ und „Hausgeist des dt. Volkes“. U. zählt maßgeblich zu jenen dt. Dichtern, die mit ihren Werken zur inneren Nationwerdung der Deutschen im 19. Jh. beitrugen. Wurde er früher v. a. als Dichter und mutiger Demokrat bewundert, so ist er heute auch als Pionier der Romanistik, der Minnesangforschung sowie der Sagen- und der Volksliederforschung anerkannt.
30. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
Nach dem durch Privatstunden ergänzten Besuch der Bürgerschule in Fallersleben kam H. 1812 auf das Gymnasium in Helmstedt und anschließend 1814 auf das Katharineum in Braunschweig. Ostern 1816 ließ er sich in Göttingen als Student der Theologie einschreiben, wechselte jedoch schon im folgenden Semester zur klassischen Philologie und Archäologie über, mit dem Vorsatz, durch Reisen nach Italien und Griechenland sich zu einem zweiten Winckelmann heranzubilden. Die entscheidende Lebenswende brachte für ihn im Herbst 1818 die Begegnung mit Jakob Grimm in Kassel. Sie führte H. zu dem schnell gefaßten Entschluß, sich künftig ganz der noch in ihren Anfängen stehenden Germanistik zu widmen. Seinem Lehrer Friedrich Wilhelm Welcker folgte er 1819 nach Bonn, wo er der burschenschaftlichen Bewegung nahe trat, die auch für die spätere Zeit einen bleibenden Einfluß auf seine politischen Anschauungen ausgeübt hat. Enttäuscht von den Vorlesungen, wandte er sich einem intensiven Selbststudium zu, das durch seine auf Vorschlag Welckers erfolgte Anstellung als Bibliotheksassistent in einer für seine gesamte wissenschaftliche Lebensarbeit charakteristischen Weise begünstigt wurde. Anfang 1821 gelang ihm der erste Fund, als er in einem Exemplar der Summa Theologiae des Thomas von Aquin Bruchstücke von Otfrieds Evangelienbuch entdeckte. Der Besuch des Kölner Doms, der Wallrafschen Gemäldesammlung und der zeitweilige Aufenthalt im Hause Werner von Haxthausens in Köln ließen ihn an dem romantisch-altdeutschen Wesen jener Jahre teilnehmen. Eine Reise nach Holland und Belgien April-Oktober 1821 lenkte sein Interesse auf die alt- und mittelniederländische Dichtung. In der folgenden Zeit wohnte er bei seinem Bruder in Berlin, wo er durch den freundschaftlichen Umgang mit dem gelehrten Bibliophilen K. Hartwig Gregor von Meusebach vielfache Anregungen, insbesondere für die Kenntnis der Literatur des 15.-17. Jahrhunderts, empfing. 1823 erhielt er die Stelle eines Kustos an der Zentralbibliothek in Breslau, die er unter immer neuen, zu erheblichem Teil von ihm selbst verschuldeten Mißhelligkeiten bis 1838 innehatte. Gegen den Willen der Fakultät berief ihn der preußische Minister von Altenstein 1830 zum außerordentlichen und 1835 zum ordentlichen Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Breslau. Für Bibliotheksreisen nach Österreich, Holland, Belgien, Frankreich, die Schweiz und Skandinavien wurden ihm viele längere Urlaubszeiten bewilligt. Die restaurativen Zustände in Deutschland erregten seinen Unmut und veranlaßten ihn zu polemisch-satirischen Gedichten, die er 1840 und 1841 in 2 Teilen unter dem Titel „Unpolitische Lieder“ veröffentlichte. Am 26.8.1841 entstand auf Helgoland das Deutschlandlied, das schon am 4.9. von dem Verleger Campe in Hamburg mit Hinzufügung der Kaiserhymne von Joseph Haydn als Einzeldruck veröffentlicht wurde. Nach dem Verbot der „Unpolitischen Lieder“ kam es zu einem Verfahren gegen H., das Ende 1842 zu seiner pensionslosen Entlassung führte. Überall von der Polizei beobachtet, von Ausweisungen bedroht, aber auch an vielen Orten spontan gefeiert, verbrachte H. 6 ruhelose Jahre in einer Art innerer Emigration. An der Revolution von 1848 nahm er keinen tätigen Anteil. Der Amnestieerlaß des preußischen Königs erbrachte ihm ein Wartegeld, das ihm die Heirat ermöglichte. 1849 zog er nach Bingerbrück, 1851 nach Neuwied. Als Großherzog Karl Alexander in Weimar einen neuen Mittelpunkt geistigen Lebens zu schaffen suchte, bemühte sich zunächst Bettina von Arnim um die Vermittlung der Stelle eines Oberbibliothekars für H.; nach dem Scheitern dieses Plans erreichte dann 1854 Franz Liszt die Beauftragung H.s mit der Herausgabe des „Weimarer Jahrbuchs“ in Gemeinschaft mit Oskar Schade. Die Freundschaft mit Liszt und der Fürstin Karoline von Sayn-Wittgenstein war für H. und seine Frau der schönste Gewinn der Weimarer Jahre. Prinzessin Maria, die Tochter der Fürstin, veranlaßte ihren Schwager Herzog Viktor von Ratibor, H. die Verwaltung seiner Schloßbibliothek in Corvey zu übertragen. Dort hat H. von 1860 bis zu seinem Tode gelebt, in den letzten Jahren vornehmlich mit der Ausarbeitung seiner umfangreichen Autobiographie beschäftigt.
Als Lyriker stand H. in der Tradition der romantischen Lieddichtung, wobei er deren Streben nach Einfachheit und Volkstümlichkeit unkritisch mit den begrenzten eigenen Ausdrucksmöglichkeiten gleichsetzte. Die überkommenen Motive hat er aufgegriffen und sorglos verwendet, wann immer sich ihm ein persönlicher Anlaß dazu bot. Auf Sangbarkeit kam es ihm vor allem an. Viele Gedichte hat er nach schon vorhandenen Melodien geschrieben, zu anderen sich durch eigenes und fremdes musikalisches Improvisieren anregen lassen; viele haben auch ihre weite Verbreitung erst durch die spätere Vertonung erlangt. Das Familienleben seiner Freunde und von Ludwig Erk gesammelte Volksweisen führten ihn zu seinen Kinderliedern, die aus dem Geist der Biedermeierzeit für viele Jahrzehnte in das Schulleben eingegangen sind (unter anderem „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum“, „Wer hat die schönsten Schäfchen“, „Alle Vögel sind schon da“, „Ein Männlein steht im Walde“). Am erfolgreichsten war H. mit seiner politischen Lyrik, die, obwohl weit weniger angreiferisch und programmatisch, doch der Dingelstedts, Freiligraths und Herweghs voranging. Ihre positiven Antriebe waren die Gedanken der deutschen Einheit, der verfassungsmäßigen Rechtsstaatlichkeit und der persönlichen Freiheit. H.s von innenpolitischen Tendenzen ebenso wie von außenpolitischem Chauvinismus freie vaterländische Lieder müssen hiervon unterschieden werden (unter anderem „Zwischen Frankreich und dem Böhmerwald“, „Wie sehn' ich mich nach deinen Bergen wieder“, „Treue Liebe bis zum Grabe“). Zu ihnen gehört seiner Thematik nach auch das Deutschlandlied. Als Ausdruck imperialistischen Machtstrebens wurde es zuerst 1867 von dem Abgeordneten Liégeard in der Militärdebatte des französischen Parlaments bezeichnet. Diese Auffassung setzte sich im Ausland vor dem 1. Weltkrieg weitgehend durch, während es in Deutschland bei Kriegsausbruch zum nationalen Bekenntnislied wurde. 1922 erklärte Reichspräsident Ebert das „Lied der Deutschen“ zur Nationalhymne. Als nachdem 2. Weltkrieg R. A. Schröders „Hymne an Deutschland“ sich nicht durchsetzen konnte, entschied auf Veranlassung der Bundesregierung am 2.5.1952 Bundespräsident Heuss, daß künftig die 3. Strophe des Deutschlandliedes als Nationalhymne gesungen werden solle.
Auf seinen vielen Forschungsreisen war H. vom Finderglück begünstigt. Seine wissenschaftlichen Leistungen bestehen vornehmlich in der Veröffentlichung von ihm entdeckter Handschriften und seltener Frühdrucke, sowie in der Veranstaltung von Sammelwerken und der Erarbeitung von Bibliographien. An Editionen aus dem Bereich der althochdeutschen Literatur folgten den Bonner Otfried-Bruchstücken Willirams Paraphrase des Hohen Liedes (1827), die poetische Erdbeschreibung „Merigarto“ (1834), Fragmente der ältesten Übersetzung des Matthäusevangeliums (1834) und das von H. in Valenciennes wiedergefundene, zusammen mit Jan Frans Willems herausgegebene „Ludwigslied“ (Elnonensia …, 1837). Größte Verdienste erwarb sich H. um die Erschließung der altniederländischen und -flämischen Literatur mit seinen Jahrzehnte hindurch fortgesetzten Quellenpublikationen der „Horae Belgicae“ (1830-62). Sprachgeschichtliche und kulturkundliche Interessen führten ihn zur Beschäftigung mit den Mundarten, der Namenforschung und der Volksdichtung. Von niederdeutschen Texten veröffentlichte er zum erstenmal das Mysterienspiel „Theophilus“ nach 3 Handschriften (1853/54) sowie Teile des Wolfenbütteler „Aesopus“ (1870), ferner Neudrucke des „Reineke Vos“ (1834) und der ältesten niederdeutschen Sprichwörtersammlung von Antonius Tunnicius (1870). Schon während seiner Studienzeit begann er rheinische, holländische und, angeregt durch einen Besuch bei August von Haxthausen in Bökendorf, westfälische Volkslieder vorwiegend aus mündlicher Überlieferung zu sammeln. Die 1842 mit Ernst Richter veranstaltete Ausgabe der „Schlesischen Volkslieder“ gab ein frühes Beispiel für regionale Sammlungen. H. übersetzte auch dänische, schwedische und polnische Volkslieder und dichtete selber altniederländische „Loverkens“.Für das zwischen Volkslied und Kunstlied stehende, in häuslich-geselligen Kreisen des Bürgertums im 16. und frühen 17. Jahrhundert mehrstimmig gesungene Lied prägte er die Gattungsbezeichnung Gesellschaftslied. Aus Liederbüchern der Zeit stellte er die erste Anthologie deutscher Gesellschaftslieder zusammen. Kunstlieder des 18. und der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die durch ihre Melodien anonymes Allgemeingut geworden sind, nannte er „volkstümliche Lieder“. In einer Bibliographie, die zuerst im „Weimarer Jahrbuch“ erschien, wies er für diese Lieder Verfasser, Erstdruck, spätere Drucke und Komponisten nach. Seine „Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis auf Luthers Zeit“ (1832, ³1861, Nachdruck 1965) gab eine literarhistorische Darstellung der Entstehung deutschsprachiger geistlicher Lyrik mit vielen eingefügten Textbeispielen. Geistliche und weltliche Gedichte enthält seine Auswahl lateinisch-deutscher Mischpoesie („In dulci jubilo“, 1854), die mit|„De Heinrico“ und den „Carmina burana“ beginnt und bis zu zeitgenössischen Studenten- und Trinkliedern von Wilhelm Wackernagel und H. reicht. Die germanistische Bücher- und Quellenkunde hat H.durch seine „Deutsche Philologie im Grundriß“ (1836) und durch Handschriftenverzeichnisse gefördert. Sein Briefwechsel bietet reichhaltiges Material zur Geschichte der deutschen Philologie im 19. Jahrhundert.
Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
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Staatsaufbau und Politik
Der Deutsche Bund 1815-1866
Inhaltsverzeichnis
- Der Deutsche Bund
- Deutscher Bund und ''nationale Frage''
1. Der Deutsche Bund
Ein zentrales Ergebnis der Beratungen auf dem Wiener Kongress war neben vielen territorialen Veränderungen die neue staatsrechtliche Form Deutschlands, die in der Bundesakte vom 8. Juni 1815 verankert wurde. Der neu aus der Taufe gehobene Deutsche Bund bestand zunächst aus 35 souveränen Fürstentümern und vier Freien Städten. Österreich und Preußen gehörten ihm nur mit denjenigen Staatsgebieten an, die auch schon Bestandteil des 1806 aufgelösten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewesen waren. Unter Führung Österreichs entwickelte sich der Staatenbund zu einem Vollzugsorgan der Restauration zur Aufrechterhaltung der monarchischen Legitimität und Ordnung. In vielen deutschen Staaten wurden liberale, nationale und demokratische Ideen mit polizeilichen Mitteln bekämpft und die vielschichtig verzweigte politische Opposition mit ihren Forderungen nach Einheit und Freiheit durch eine restriktive Gesetzgebung unterdrückt.
Der Deutsche Bund besaß weder ein Staatsoberhaupt noch eine Regierung oder eine Volksvertretung. Einziges Bundesorgan war die aus weisungsgebundenen Gesandten der Mitgliedsstaaten bestehende Bundesversammlung in Frankfurt am Main unter dem Vorsitz Österreichs. Aufgrund des schleppenden Geschäftsganges der Bundesversammlung und seiner schwerfälligen Verfassungsstruktur entwickelte der Deutsche Bund zu keinem Zeitpunkt eine eigene Wirkung. Zu sehr stand er unter dem Einfluss von Österreich und Preußen, die ihre eigenen Interessen zu verwirklichen und gemeinsam den Status quo beizubehalten suchten. Dafür ließen die beiden Großmächte ihren machtpolitischen Dualismus weitgehend ruhen. Entsprechend der Maßgaben des österreichischen Staatsmannes Klemens Wenzel von Metternich passte sich der Deutsche Bund schon bald der restaurativen Politik Wiens an, indem er sich gegen die konstitutionellen Entwicklungen in den Einzelstaaten wandte.
Im August 1819 einigten sich führende deutsche Staatsmänner auf einer Ministerialkonferenz im böhmischen Karlsbad auf schärfere Maßnahmen, um die von ihnen gefürchteten „revolutionären Umtriebe“ wirksamer bekämpfen zu können. Die Beschlüsse wurden am 20. September von der Bundesversammlung willfährig bestätigt und als Bundesgesetze in Kraft gesetzt. Zwar griffen diese „Karlsbader Beschlüsse“ tief in die Souveränitätsrechte der Bundesstaaten ein, die Umsetzung und Wirksamkeit von Bundesgesetzen in den Einzelstaaten waren jedoch während der gesamten Epoche nach 1815 höchst unterschiedlich: In den beiden verfassungslosen Vormächten Österreich und Preußen wurde die Ausführung mit sehr viel größerer Intensität betrieben als in den süddeutschen Verfassungsstaaten Württemberg, Bayern und Baden. In den meisten Kleinstaaten spielten die im fernen Frankfurt verabschiedeten Bundesgesetze ohnehin nur eine untergeordnete Rolle oder stießen auf keinerlei Interesse – zu weit war die Tätigkeit der Bundesversammlung von kleinstaatlicher Lebenswirklichkeit entfernt.
Im politisch weitgehend wirkungslosen städtisch-liberalen Bürgertum breitete sich hingegen zunehmend Kritik an der österreichisch-preußischen Dominanz im Deutschen Bund aus, der Freiheitsrechte unterdrückte und die konstitutionelle Entwicklung hemmte. Die revolutionären Erschütterungen des Jahres 1830 schienen die Mahnungen führender liberaler Vordenker zu bestätigen, dass politische Stabilität auf Dauer nur durch Verabschiedung repräsentativer Verfassungen und durch eine angemessene politische Mitsprache von Männern mit Bildung und Besitz errungen werden könne. Insbesondere in Preußen mahnten Liberale, allein konstitutionelle Reformen verhinderten Revolutionen – womit aus bürgerlicher Sicht der angsteinflößende Aufstand unterer Volksschichten und die gewalttätige „Herrschaft des Pöbels“ gemeint waren. Die Revolution von 1830 gab der einzelstaatlichen Verfassungsentwicklung und dem liberalen Freiheitsdrang neue Impulse – zugleich aber auch dem Repressionswillen konservativer Kräfte neue Nahrung. Schon kurz nach der Aufmerksamkeit erregenden Zusammenkunft von bis zu 30.000 Menschen auf der Hambacher Schlossruine 1832 erhöhte die Bundesversammlung die Interventionsmöglichkeiten des Bundes in innenpolitischen Angelegenheiten der Mitgliedsstaaten, und sie verbot politische Vereine, Versammlungen und nicht traditionsgebundene Volksfeste, politische Aufrufe sowie das Tragen politischer Abzeichen und Fahnen.
Durch Intensivierung der politischen Unterdrückung ließen sich liberale und nationale Bestrebungen aber nicht beseitigen. Vielmehr radikalisierte sie vor allem Teile der Studentenschaft, die den ihnen verhassten Deutschen Bund durch einen allgemeinen Volksaufstand zu bekämpfen bereit waren. Das Signal dazu sollte am 3. April 1833 vom so genannten Frankfurter Wachensturm ausgehen, bei dem rund vier Dutzend Burschenschaftler Wachlokale der Frankfurter Stadtpolizei angriffen. Allerdings war der nur unzureichend vorbereitete und dilettantisch durchgeführte Aufstandsversuch bald beendet. Dem Deutschen Bund lieferte er dennoch den Anlass für weitere Unterdrückungsmaßnahmen und Verfolgungen. Die wegen ihrer Bezahlung im Volksmund verächtlich „Achtgroschenjungen“ genannten Polizeispitzel denunzierten insbesondere in Preußen erfolgreich tatsächlich oder vermeintlich revolutionär gesinnter Bürger. Doch die mit Zensur, Verhaftungen und Gefängnisstrafen erzielte Ruhe und Ordnung im obrigkeitsstaatlichen Sinne war nur oberflächlich und vorübergehend. Der im Februar 1848 aus Frankreich über den größten Teil des europäischen Kontinents hereinbrechenden revolutionären Eruption hatte der Deutsche Bund keine systemerhaltenden Mechanismen mehr entgegenzusetzen.
2. Deutscher Bund und ''nationale Frage''
Am 28. März 1849 war der preußische König Friedrich Wilhelm IV. von der Mehrheit der Abgeordneten des Frankfurter Paulskirchenparlamentes zum Kaiser der Deutschen gewählt worden. Doch die ihm "von unten" angebotene Krone lehnte Friedrich Wilhelm IV. aus Überzeugung ab, ihr haftete seiner Auffassung nach der "Ludergeruch der Revolution" an. Das Ringen um die innere und äußere Gestalt Deutschlands war mit dem Scheitern des Einigungsprozesses durch die Nationalversammlung in der Paulskirche 1849 nicht beendet. Während Preußen die Gründung eines monarchisch legitimierten kleindeutschen Reiches plante, drängte Österreich erfolgreich auf Wiederherstellung des Deutschen Bundes, der sich in den 1850er Jahren zu einem Instrument antiliberaler Unterdrückungspolitik entwickelte.
Friedrich Wilhelm IV. verfolgte 1849 ein eigenes Neuordnungskonzept: Bis Ende des Jahres schlossen sich auf Initiative Preußens 26 Staaten zur "Deutschen Union" zusammen, um einen kleindeutschen Nationalstaat durch souveräne Fürsten "von oben" zu gründen.
Demgegenüber sah die Politik Österreichs unter Kaiser Franz Joseph I. die Stärkung der alten Institutionen des Deutschen Bundes und dessen engere Kontrolle durch Wien vor. Unter österreichischem Vorsitz trat die Bundesversammlung in Frankfurt am 2. September 1850 nach über zwei Jahren erstmals wieder zusammen. Vertreten waren Österreich, Bayern, Württemberg, Sachsen, Hannover, Kurhessen, Hessen-Darmstadt, Mecklenburg-Strelitz, Luxemburg, Limburg, Holstein, Lauenburg, Lippe, Liechtenstein und Hessen-Homburg.
Im Dualismus der beiden Großmächte erlangte der schwere Verfassungskonflikt in Kurhessen deutschlandweite Bedeutung, der wegen divergierender Machtinteressen Preußen und Österreich an den Rand eines Krieges führte. Die unmittelbare Kriegsgefahr wendeten beide Staaten durch Unterzeichnung der "Olmützer Punktation" vom 29. November 1850 ab. Preußen verzichtete darin auf ein Eingreifen im Kurfürstentum Hessen und auf die Fortführung sämtlicher Unionspläne. Zugleich einigten sich Preußen und Österreich auf die Wiederherstellung des Deutschen Bundes, der im Revolutionsjahr 1848 für aufgelöst erklärt worden war. Um über dessen Zukunft und die von den Mittelmächten geforderten Reformen zu beraten, wurde am 23. Dezember 1850 die Dresdener Ministerialkonferenz einberufen. Dort fand keiner der vorgebrachten Reformvorschläge eine Mehrheit, so dass im Deutschen Bund der vorherige Zustand beibehalten wurde.
Die erste Sitzung der Bundesversammlung unter Teilnahme aller 37 deutschen Staaten fand am 13. Juni 1851 in Frankfurt statt. Mit dem wenige Wochen später erlassenen "Bundesreaktionsbeschluss" sollten die in den einzelnen Bundesstaaten seit 1848 erlassenen Verfassungsbestimmungen und liberalen Einrichtungen geändert oder aufgehoben werden, sofern sie nicht mit der Bundesakte von 1815 vereinbar waren. Zur Disposition standen die Vereidigung des Heeres auf die jeweilige Landesverfassung, das demokratische Wahlrecht, die Budgetgewalt einzelstaatlicher Landtage, das Vereinsrecht mit der Möglichkeit zur Bildung politischer Parteien sowie die Pressefreiheit.
Als zentrale Kontrollinstanz diente der "Reaktionsausschuss". Ausgestattet mit weitreichenden Befugnissen sicherte er insbesondere Preußen und Österreich einen maßgeblichen Einfluss auf die Politik des Deutschen Bundes, da viele landesspezifische Angelegenheiten nun als Fragen der "öffentlichen Sicherheit und Ordnung" betrachtet werden konnten. Den vom Deutschen Bund in Kooperation von Österreich und Preußen vorgegebenen Repressionsmaßnahmen folgten die Einzelstaaten aber in sehr unterschiedlichem Maße: Viele Mittel- und Kleinstaaten setzten reaktionäre Bundesbeschlüsse nur auf dem Papier um - sei es aus liberalerer Grundüberzeugung oder als Abwehr der zentralistischen Bundespolitik.
Der 1851 zum preußischen Bundestagsgesandten in Frankfurt ernannte Otto von Bismarck arbeitete bei der Wahrung konservativer Prinzipien eng mit Österreich zusammen, einer machtpolitischen Vorrangstellung des Kontrahenten im Deutschen Bund trat er jedoch entschieden entgegen. Die Versuche der beiden Großmächte, die Bundesinstitutionen zugunsten eigener machtpolitischer Ambitionen zu instrumentalisieren, führten weitgehend zum Stillstand innerer Reformtätigkeiten des Bundes. Gleichzeitig bemühten sich die Königreiche Bayern, Sachsen, Württemberg und Hannover, als "Drittes Deutschland" die föderative Gestalt des Deutschen Bundes zu stärken und die Vormachtsstellung der beiden Großmächte zumindest teilweise zu brechen. Die von den Mittelmächten angestrebte Trias-Politik nahm allerdings zu keinem Zeitpunkt konkrete Gestalt an.
Durch Erfolge der italienischen Einigungsbewegung Ende der 1850er Jahre gewann der nationale Gedanke in Deutschland erneut enormen Auftrieb. Nachdem die Verbindung von Machtpolitik und Volkswillen 1861 zur Proklamation des vereinten Königreichs Italien geführt hatte, wirkte sich dies ermutigend auf die deutsche Nationalbewegung aus. Der 1859 entstandene "Deutsche Nationalverein" gab die Richtung vor: den kleindeutschen Nationalstaat auf parlamentarischer Grundlage. Die Schubkraft der nationalen Idee aufgreifend, forcierte der 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten ernannte Otto von Bismarck die Machterweiterung Preußens und die Gründung eines kleindeutschen Nationalstaates unter preußischer Führung. Bismarcks Politik, die Einigung Deutschlands notfalls auch gegen Österreich voranzutreiben, führte zu einer fortschreitenden Polarisierung innerhalb des Deutschen Bundes.
Trotz des gemeinsamen entschlossenen Vorgehens von Preußen und Österreich im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 nahmen die Unstimmigkeiten zwischen den beiden Vormächten weiter zu. Die angestauten machtpolitischen Spannungen entluden sich 1866: Am 7. Juni marschierten preußische Truppen in das seit 1864 unter österreichischer Verwaltung stehende Holstein ein. Dem Antrag Österreichs auf Mobilisierung des gesamten nichtpreußischen Bundesheeres stimmten die größeren deutschen Staaten zu. Daraufhin erklärte Preußen den Bundesvertrag für nichtig. Nachdem preußische Truppen in Sachsen, Hannover und Kurhessen einmarschiert waren, forderte Bismarck die norddeutschen Bundesmitglieder auf, sich im Deutschen Krieg mit Preußen zu verbünden. Acht Staaten folgten dem "Bündnisangebot" sofort, weitere neun nach der kriegsentscheidenden Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866. Damit war der Deutsche Bund gesprengt. Nach seiner Niederlage musste Österreich der Neuordnung der staatlichen Verhältnisse im Norddeutschen Bund zustimmen.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Scriba, Arnulf: Der Deutsche Bund, in: LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 15.09.2024 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund, zuletzt geprüft am 16.03.2026.
-> Scriba, Arnulf: Deutscher Bund und ''nationale Frage'', in: LeMO (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 06.09.2024 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/reaktionszeit/deutscherbund, zuletzt geprüft am 16.03.2026.
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Sekundärliteratur
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