Gesellschaft des Vormärz

Inhaltsverzeichnis

  1. Der schlesische Weberaufstand 1844 (Artikel)
  2. Weberaufstand vor 175 Jahren. Verzweifelter Aufruhr gegen den Frühkapitalismus (Artikel)
  3. 3. Der Pauperismus (Artikel)
  4. Vor 190 Jahren: Hambacher Fest
  5. 200 Jahre Turnbewegung - von der Hasenheide bis heute 

1. Der schlesische Weberaufstand 1844 

Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts unterlagen immer mehr Kleinproduzenten der Konkurrenz der effektiver und preiswerter produzierenden Fabriken. Aufgrund des sich ausdehnenden europaweiten Handels wurden ausländische Produkte auf dem heimischen Markt nicht nur kostengünstiger angeboten, sie waren oft auch von besserer Qualität als die in mühseliger Heimarbeit hergestellten Waren. Die wirtschaftlichen Veränderungen sprengten das soziale Gefüge der Gesellschaft, da die maschinell hergestellten Waren dauerhaft handwerkliche Strukturen und Einnahmequellen untergruben. Vom Wettbewerb mit der Maschinenproduktion am härtesten betroffen waren die Weber, die von ihren Verlegern immer weniger Geld für ihre handgewebten Produkte erhielten. Trotz gesteigerter Arbeitszeit oft bis zur sprichwörtlichen Erschöpfung und der Mitarbeit sämtlicher Angehöriger lebten insbesondere die schlesischen Weberfamilien in wachsender Armut. 

Da in der preußischen Provinz Schlesien die Bevölkerung von 1815 bis 1844 von rund 1,9 auf knapp 3 Millionen Menschen angewachsen war, hatte sich ein Überangebot an Arbeitskräften herausgebildet. Sinkendes Lohnniveau und steigende Lebensmittelpreise aufgrund von Missernten ließen nicht nur Elend und Verzweifelung gedeihen, sondern auch den Zorn der Weber auf Fabrikanten und Großhändler, die sie für die soziale Not verantwortlich machten. Vom 4. bis 6. Juni 1844 kam es in Peterswaldau und Langenbielau zu einer Revolte von Baumwollwebern, die im Vergleich zu den sehr viel verarmteren Leinenwebern zumeist noch besser gestellt waren: Zu Protest und Aufruhr neigt nicht, wer schon aller Hoffnung beraubt ganz unten ist, sondern wer seine Existenz bedroht sieht und Angst vor weiterem sozialen Abstieg hat.

Den weit über die Grenzen Preußens Aufsehen erregenden Weberaufstand ließ die Regierung mit elf Getöteten unverhältnismäßig blutig niederschlagen. Den politisch Verantwortlichen wie dem aufgeschreckten Bürgertum hatten die schlesischen Weber erstmals in Deutschland das Potential eines gewalttätigen Sozialprotestes vor Augen geführt. Das Medienecho war enorm, im ganzen Deutschen Bund wurde der unorganisierte Aufstand kontrovers diskutiert und verstärkt auf die Not der Weber und das Problem des Pauperismus hingewiesen. Heinrich Heine (1797-1856) veröffentlichte schon einen Monat nach der Niederschlagung des Aufstandes sein Gedicht „Die armen Weber“. Noch 50 Jahre später war das Thema vom Aufruhr verarmter Massen von so großer Brisanz, dass die Aufführung des Dramas „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann1892 vom Berliner Polizeipräsidenten verboten wurde. 

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund/weberaufstand-1844

2. Weberaufstand vor 175 Jahren. Verzweifelter Aufruhr gegen den Frühkapitalismus

image.jpegDie Konkurrenz aus England führte im 19. Jahrhundert dazu, dass deutsche Weber extrem niedrige Löhne erhielten. 1844 kam es zum Aufstand. © dpa / akg-images

Der schlesische Weberaufstand von 1844 ist als Akt des Widerstands gegen die frühkapitalistische Ausbeutung ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Es gab Weberromane, Weberdramen und Webergedichte zuhauf. Begonnen hatte alles eher harmlos.

Proteste der Heimarbeiter gegen ihre Ausbeutung durch Textilfabrikanten hatte es in Schlesien schon oft gegeben. Doch im Juni 1844 war vieles anders: Diesmal schlugen nicht die bitterarmen Leinenweber, sondern die Baumwollweber Krawall, deren Löhne aufgrund der überlegenen Konkurrenz sächsischer und englischer Großbetriebe beständig sanken. Neu war außerdem die überregionale Resonanz des Konflikts. In Berlin notierte der Schriftsteller Karl August Varnhagen von Ense:
„Traurige Nachrichten aus Schlesien, der Aufstand der Weber im Gebirge nimmt zu, die Truppen sind zurückgedrängt worden, ungeachtet sie scharf geschossen und viele der Gegner getötet oder verwundet hatten. Man hat eiligst Verstärkungen herangezogen. Dass man den Aufstand bewältigt, ist nicht zu bezweifeln, aber welch ein Elend muss geherrscht haben!“

„Ihr fresst der Armen Hab‘ und Gut“

Der Beginn des drei Tage dauernden Aufruhrs war eher harmlos: Am 3. Juni 1844 zog ein Haufen junger Männer im Fabrikdorf Peterswaldau vor die Villa der Fabrikantenfamilie Zwanziger und sang dort ein Schmählied, in dem Lohndrückerei und das neureiche Luxusleben des verhassten Arbeitgebers angeprangert wurden.
„Ihr Schurken all‘/Ihr Satansbrut/Ihr höllischen Dämone/Ihr fresst der Armen Hab‘ und Gut/und Fluch wird Euch zum Lohne“
Zwanzigers Bedienstete vertrieben die Protestierer, von denen einer verhaftet wurde. Empört marschierten daraufhin am Morgen des 4. Juni mehrere 100 Weber zur Zwanziger-Villa, um die Freilassung des Inhaftierten und Lohnerhöhungen zu erwirken. Doch der Fabrikant war geflohen. Die Protestierer erstürmten daraufhin die Geschäftsräume, verwüsteten das Warenlager und zerrissen die Handelsbücher. Der Ortspolizist wurde zur Freilassung des inhaftierten Webers gezwungen.
Anschließend zog die Menge zur Villa des Fabrikanten Wagenknecht, der beliebter und geschmeidiger war als Zwanziger: Er ließ Schnaps verteilen und bezahlte jedem Protestierer einen Silbergroschen aus, woraufhin die Menge zufrieden nach Hause ging. Doch die Ruhe trog.
Am selben Abend setzten Weber aus Nachbargemeinden die Zerstörung der Zwanziger-Villa fort. Der herbeigeeilte Landrat berichtete:
„Ich wurde von einem mir unbekannten Manne von Stube zu Stube geleitet, wo ich viele Menschen von jedem Alter beschäftigt fand, das luxurieuse Ameublement des Haus-Eigenthümers zu vernichten … Es war eine bemerkenswerthe Ruhe vorherrschend, denn außer dem Zerbrechen und Zerschlagen der Zwanzigerschen Effecten und Meubles war nichts hörbar und es erschien, als wenn das Werk der Zerstörung ganz methodisch ausgeführt würde.“

Nachhaltige Wirkungen in der Publizistik

Am nächsten Tag, dem 5. Juni, kam es auch im benachbarten Langenbielau zu Protestaktionen der Weber. Als ein Militärkommandant scharf schießen ließ und elf Arbeiter starben, griffen die aufgebrachten Protestierer die Soldaten an und schlugen sie mit einem Steinhagel in die Flucht.
Doch schon tags darauf konnte das rasch verstärkte Militär Ruhe und Ordnung wieder herstellen. Aus Furcht vor neuerlichen Krawallen erhöhten die Fabrikanten nach dem Aufstand die Löhne. In einem Strafprozess wurden 80 Weber zu Zuchthausstrafen verurteilt. Bis auf drei Rädelsführer wurden sie nach einem Jahr Haft begnadigt.

image.jpegDer Schriftsteller Gerhart Hauptmann widmete dem Weberaufstand ein Theaterstück.© picture alliance / dpa

Nachhaltiger waren die Wirkungen des Aufstands in der Publizistik: Weberromane, Weberdramen, Gedichte und Berichte über die schlesischen Ereignisse erschienen seit 1844 zuhauf.
Die deutschen Republikaner sahen im Weberaufstand einen Vorboten künftiger Umwälzungen. Der junge Kommunist Karl Marx interpretierte ihn sogar als den ersten Ausdruck eines revolutionären Klassenbewusstseins des Proletariats. Ganz auf dieser Linie lag Heinrich Heines „Weberlied“, das den Webern einen dreifachen Fluch auf Gott, König und Vaterland in den Mund legte und mit der düsteren Prophezeiung endete:
„Altdeutschland, wir weben Dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben.“

Keine Folgen für die soziale Ordnung

Doch vom schlesischen Aufstand führte kein direkter Weg zur Revolution von 1848. Der Protest der Weber zielte auf Lohnerhöhungen und die Abstrafung maßloser und ungerechter Fabrikherren. Die soziale Ordnung stellten sie nicht in Frage.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/weberaufstand-vor-175-jahren-verzweifelter-aufruhr-gegen-102.html
3. Der Pauperismus

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Armut und Hunger in Deutschland weit verbreitet. Das enorme Bevölkerungswachstum nach 1815 konnte durch einen nur sehr geringen Produktivitätsanstieg in der Landwirtschaft und der aufkommenden Industrie noch nicht aufgefangen werden. Wiederkehrende Missernten, Hungersnöte und der Niedergang des Heimgewerbes förderten das Aufkommen von Massenarmut. Die Zeitgenossen beschrieben diese Zustände mit dem Begriff „Pauperismus“, abgeleitet vom lateinischen Begriff pauper,  (dt.: „arm“).

Über die Ursachen des Pauperismus waren sich die Zeitgenossen nicht einig. Ganze Schriften wurden über die möglichen Gründe der Massenarmut verfasst und bildeten den Zweig der „Pauperismusliteratur“. Konservativ-bürgerliche Publizisten sahen die Schuld bei den Armen selbst: Ein Verfall der Sitten, Faulheit und Spielsucht führten aus bürgerlicher Sicht in die Bedürftigkeit. Andere – wie Friedrich Engels -  sahen die Gründe in der aufkommenden Industrialisierung, die die Arbeit mechanisierte und den Arbeitern ihre Beschäftigung und damit ihre Lebensgrundlage entzog. Im Bürgertum war die Angst vor einem sich unkontrolliert ausbreitenden Armenheer sehr ausgeprägt.  Die Bürgerlichen fürchteten die Verbreitung revolutionärer Ideen unter den Mittellosen, die somit  zu einem Träger eines gesellschaftlichen Umsturzes werden könnten.

image.jpeg''Der Notgroschen'', 1840/1860

Die größte Not herrschte in den Gebieten, in denen der Industrialisierungsprozess noch nicht eingesetzt hatte. Südwestdeutschland, Teile Nordwestdeutschlands, Hessen, Preußen und Schlesien waren besonders betroffen und Zentren des Pauperismus. In den zumeist ländlichen Gebieten arbeitete die Bevölkerung nicht in der Fabrik, sondern als Tagelöhner in der Landwirtschaft oder in Heimarbeit. Die Arbeitsbedingungen waren denkbar schlecht: Die Heimarbeiter, auch Frauen und Kinder, produzierten in feuchten, stickigen Kellern mit schlechter Lichtversorgung und unter schlimmsten Hygienebedingungen. Beispielhaft für den Verfall des Heimgewerbes stand der Aufstand der schlesischen Weber, der am 5. Juni 1844 blutig niedergeschlagen wurde.

Missernten und die daraus resultierenden Hungersnöte konnten die Situation der Armen noch erheblich verschärfen. Ein Mangel an Grundnahrungsmitteln trieb deren Preis in die Höhe. Tagelöhner mussten mehr arbeiten um sich zu ernähren, wodurch es zu einem Mehrangebot an Arbeit kam, das wiederum zu einem Verfall der Löhne führte. Viele waren so trotz schwerster körperlicher Arbeit nicht in der Lage, sich selbst zu versorgen. Auch Krankheit, Unfälle und das Alter konnten die Arbeitsfähigkeit gefährden und die Betroffenen so in die Bedürftigkeit stürzen. In England sprach man von den „labouring poor“, den arbeitenden Armen. Einen Höhepunkt der Armut bildeten die Krisenjahre 1846/1847.

Aus Verzweiflung flüchteten sich viele Arme in die „Notkriminalität“. Durch den Diebstahl von Feldfrüchten und Holz, Wilderei und Schmuggel versuchten die Bedürftigen ihre Situation zu verbessern. Um sich zu betäuben und die Not einen Augenblick zu vergessen, griff die Unterschicht zum Alkohol. In den Zeitungen fanden sich Berichte über die sich ausbreitende „Branntweinwuth“, zur Bekämpfung der Armut forderten die Publizisten eine Beschränkung des Branntweinbrennens. Auch die Zahl der Bettler und sogenannten Landstreicher stieg vor 1850 rasant an.

Waren die letzten Ersparnisse verbraucht, sah man sich gezwungen, den spärlichen Besitz zu verkaufen oder zum Pfandleiher zu bringen, da staatliche Unterstützung nicht ausreichend vorhanden war.  Die in bitterster Armut lebenden Tagelöhner und Landarbeiter verpfändeten Kleidung, Hausrat und Werkzeug, wobei letzteres gegen hohe Gebühren vom Pfandleiher zurückgeliehen werden musste, um der Arbeit weiterhin nachgehen zu können. Wer Geld brauchte, bekam dieses nur zu Wucherzinsen geliehen.

Die deutschen Staaten versuchten der Armut mit Bettlerverordnungen oder Eherechtsbeschränkungen, die das Bevölkerungswachstum kontrollieren sollten, entgegenzuwirken. Vermeintlich arbeitsscheue Individuen sollten per Gesetz zur Arbeitsaufnahme gezwungen werden. Zudem wurde auch die Abwanderung in außerdeutsche Gebiete nach anfänglichem Zögern aktiv unterstützt.

Getrieben durch Armut und Hunger suchten viele Menschen ihr Glück in den Städten, um dort von der voranschreitenden Industrialisierung zu profitieren. Die Städte verzeichneten ein enormes Wachstum: Hatte Berlin 1816 noch 200.000 Einwohner, waren es 1849 bereits 450.000. Die Wohnverhältnisse in den Armenvierteln waren dramatisch: Große, kinderreiche Familien lebten zusammen auf engstem Raum. Schmutz und Gestank waren allgegenwärtig. Die mangelnde Hygiene – viele besaßen keine Wechselkleidung - begünstigte die Ausbreitung von Seuchen und Krankheiten wie Ruhr und Typhus.

Die Städte waren mit der wachsenden Armut überfordert. Während der Hungersnot im Krisenwinter von 1816/1817 lebten in der Stadt Köln 18.000 Almosenempfänger bei etwa 49.000 Einwohnern. Ein Drittel der Bevölkerung war also auf Zuwendungen aus der Armenkasse angewiesen. In den 1840er-Jahren war die Einwohnerschaft vieler deutscher Regionen nicht in der Lage, durch eigene Arbeit für ihren Lebensunterhalt aufzukommen.

Viele suchten ihr Heil außerhalb der deutschen Grenzen. In den 1840er Jahren, dem Höhepunkt der Pauperismuskrise, hatten bereits 418.000 Menschen das Land verlassen. Allein im Jahr 1847 zählte man 80.000 Auswanderer.

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/alltagsleben/pauperismus

4. Vor 190 Jahren: Hambacher Fest

Beim wegweisenden Hambacher Fest 1832 forderten zehntausende Menschen Freiheits- und Bürgerechte sowie einen deutschen Nationalstaat.

Aquarell vom Hambacher Fest am 27. Mai 1832.
Aquarell vom Hambacher Fest am 27. Mai 1832. (© picture-alliance, akg-images)

Es war eine der größten politischen Zusammenkünfte der damaligen Zeit: Am 26. und 27. Mai 1832 versammelten sich zwischen 20.000 und 30.000 Menschen an der Ruine des Hambacher Schlosses in Neustadt an der Weinstraße. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer forderten Freiheits- und Bürgerechte sowie ein geeintes Interner Link: Deutschland

Ein Großteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Hambacher Fests stammte aus der Pfalz. Viele Menschen waren jedoch aus Hessen, Bayern oder dem Elsass angereist, auch Delegationen aus Interner Link: Frankreich und polnische Freiheitskämpfer nahmen teil.

Die Mehrheit der Festteilnehmerinnen und -teilnehmer entstammte dem Bildungs- und Besitzbürgertum. Darunter waren viele Anwälte, Journalisten, Buchhändler und -drucker, sowie kleine Handelsleute. Auch viele Studenten waren anwesend. Sie kämpften bereits seit Jahren für mehr Freiheitsrechte und einen deutschen Nationalstaat. Die Anliegen und Beweggründe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschieden sich: Einige zeigten ihren Unmut über die wirtschaftliche Situation in Folge von Missernten, andere thematisierten die ungeklärte Nationenfrage im deutschsprachigen Raum oder artikulierten den Wunsch nach einer liberalen Verfassung.

Entscheidenden Einfluss hatte der Anfang 1832 gegründete "Deutschen Preß- und Vaterlandsverein". Dieser hatte in kürzester Zeit etwa 5.000 Mitglieder gewonnen. Von den fast drei Dutzend Neustädtern, die zum Gedenken an den 26. Mai, den bayerischen Verfassungstag, zum Fest auf das Hambacher Schloss eingeladen hatten, gehörten viele dem "Preß- und Vaterlandsverein" an. Kurz nach seiner Gründung wurde der Verein verboten. Versuche bayerischer Behörden, das Hambacher Fest zu verbieten, scheiterten jedoch.

Konkrete Forderungen von Rednern und Demonstranten waren nationale Einheit, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit sowie die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Die Teilnehmer sprachen offen von der "Beseitigung der Fürstenherrschaft", der Schaffung "Vereinigter Freistaaten von Deutschland" und von einem "konföderierten republikanischen Europa“. Während manche Redner sich zur konstitutionellen Monarchie bekannten, warben andere für eine demokratische Regierungsform. Bei den Feierlichkeiten am Abend des 26. Mai und des 27. Mai wehten schwarz-rot-goldene Fahnen, die zum Symbol des deutschen Nationalstaats geworden waren.

Frauen demonstrierten ebenfalls mit, was für die damalige Zeit nicht selbstverständlich war. Als Hymne des Festes gilt das vom liberal-demokratischen Publizisten Philipp Jakob Siebenpfeiffer verfasste Lied "Hinauf Patrioten zum Schloß, zum Schloß!". Siebenpfeiffer rief dazu auf, dass die Deutschen sich nicht mehr wie Knechte unter das Joch ihrer Fürsten beugen sollten. Auch zahlreiche weitere Redner forderten staatliche Einheit für das deutsche Volk, liberale Bürger- und Freiheitsrechte und zum Teil auch Demokratie ein.

Das Fest markiert den Beginn des Interner Link: Vormärz auf dem Weg zur Revolution 1848/49. In den Jahren 1832 bis 1834 veranlasste das Fest die Bundesversammlung, Maßnahmen zur Eindämmung liberaler Bestrebungen vorzunehmen. Diverse Initiatoren des Hambacher Festes wurden verhaftet oder mussten ins Ausland fliehen.

Vorgeschichte

Im Zuge der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege wurden die Rechte des Individuums gegenüber dem Staat durch den 1804 eingeführten Code Civil, das im Geiste von Aufklärung und Revolution stehende Bürgerliche Gesetzbuch Frankreichs, in weiten Teilen Deutschlands ausgebaut. Nach dem Sieg deutscher Staaten über das von Napoleon geführte Frankreich und seine Verbündeten setzte in Folge des Wiener Kongresses die historische Phase der sogenannten Restauration ein – die Monarchie blieb intakt, liberale Verfassungen und Bürgerrechte lehnten die Herrschenden strikt ab und vereinbarten ein Gleichgewicht der politischen Mächte in Europa. Die politische Ordnung vor der Französischen Revolution 1789 sollte wiederhergestellt werden.

Das liberale Bürgertum war jedoch nicht gewillt, den anachronistisch erscheinenden Herrschaftsanspruch der Monarchen zu akzeptieren. Auch viele Studenten äußerten ihren Unmut gegen die vorherrschende Kleinstaaterei in Deutschland und die restaurative Politik, wie etwa beim Wartburgfest 1817, bei dem sich anlässlich des vierten Jahrestags der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 hunderte Studenten auf der Wartburg im thüringischen Eisenach versammelten, gegen die Restauration und für einen deutschen Nationalstaat mit Verfassung aussprachen und dabei auch von ihnen als "undeutsch" bezeichnete Bücher verbrannten.

Zunehmend setzte sich das Bildungsbürgertum für Freiheit und Volkssouveränität ein. Es war kein Zufall, dass das Hambacher Fest im heutigen Rheinland-Pfalz, das damals als Kurpfalz zu Bayern gehörte, stattfand. Dort war das napoleonische Erbe in Form weitgehenderer Bürgerrechte bedeutender als anderswo in Deutschland.

Anfang der 1830er-Jahre hatte die Idee eines deutschen Nationalstaates ebenso wie die Forderung nach Bürger- und Freiheitsrechten großen Zulauf. Im Zuge der Julirevolution kam in Paris der Bürgerkönig Louis Philippe auf den Thron. Dies stärkte sowohl nationale, liberale als auch demokratische Kräfte in Europa. Im August 1830 erhielt Frankreich eine neue Verfassung, die sich zur Volkssouveränität bekannte. Im Süden der Vereinigten Niederlande erreichten Katholiken und Liberale 1830 in der Belgischen Revolution die Loslösung Flanderns und Walloniens als selbständiges Königreich Belgien. Im von Russland besetzten Teil Polens versuchten sich polnische Freiheitskämpfer erfolglos gegen die reaktionäre Fremdherrschaft des russischen Zaren zu erheben.

Diese Entwicklungen bestärkten auch im Gebiet des heutigen Deutschlands den Wunsch nach Bürgerrechten. Staaten Mitteldeutschlands wie etwa Kurhessen 1830 sowie ein Jahr darauf Sachsen gaben sich Verfassungen. Diese Entwicklungen wirkten sich auf das Hambacher Fest aus. Auch die damals schlechte wirtschaftliche Situation spielte für dessen Erfolg eine Rolle.

Revolution 1848/49

Erneut von Frankreich ausgehend erfasste 1848 eine Revolutionswelle Europa. Ende Februar 1848 erreichte sie den Südwesten Deutschlands. Vielerorts kämpften in der Folge Aufständische für ein liberaleres politisches System, eine sozialere Wirtschaftsordnung und einen deutschen Nationalstaat.

Nachdem es Interner Link: in Berlin zu heftigen Straßenkämpfen gekommen war, stimmte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. am 21. März 1848 vorgeblich einem deutschen Nationalstaat zu. Um dessen Aufbau zu beschließen, tagte ab dem 18. Mai 1848 die erste relativ frei gewählte deutsche Volksvertretung in der Frankfurter Interner Link: Paulskirche. Gut drei Viertel der männlichen Deutschen waren wahlberechtigt. Auf große Zustimmung in der Nationalversammlung stieß im März 1849 der verabschiedete Grundrechtskatalog: Darin waren etwa die Gleichheit vor dem Gesetz, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie die Unverletzlichkeit der Person festgeschrieben. Die sogenannte Paulskirchenverfassung wollte einen deutschen Nationalstaat auf Basis einer konstitutionellen Erbmonarchie errichten.

Am 28. März 1849 wählten die Abgeordneten mit knapper Mehrheit König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum "Kaiser der Deutschen“. Preußen erkannte diese Wahl jedoch ebenso wie Österreich, Bayern, Hannover und Sachsen nicht an. Radikaldemokratische Kräfte versuchten in der Folge, die Reichsverfassung mit gewaltsamen Mitteln durchzusetzen. Im Juli 1849 schlugen preußische und österreichische Truppen die etwa im Südwesten aufgeflammten Aufstände blutig nieder, viele Revolutionäre mussten fliehen.

Rolle des Fests in der Erinnerungskultur

Das Hambacher Fest gilt als wichtiges Ereignis in der deutschen Demokratie- und Nationalstaatsgeschichte. Der spätere Bundespräsident Theodor Heuß nannte es 1932 bei einer Rede anlässlich der Hundertjahrfeier zum Hambacher Fest "die erste politische Volksversammlung der neueren deutschen Geschichte". Für das politische Selbstverständnis sowie die Demokratiegeschichte der Bundesrepublik spielt das Hambacher Fest bis heute eine große Rolle. Jedoch versuchen auch nationalistische, rechtspopulistische oder rechtsextreme Kräfte immer wieder, es für sich in Anspruch zu nehmen.

5. 200 Jahre Turnbewegung - von der Hasenheide bis heute

Vor 200 Jahren schuf "Turnvater" Jahn den ersten Turnplatz in der Berliner Hasenheide. Die Bewegungskultur ist immer auch ein Spiegel der jewei­ligen Gesellschaft ist wandelt sich mit ihr.

Einleitung

Die bunte Welt von Spiel und Sport setzt sich bei genauem Hinsehen aus zahlreichen kulturspezifischen Mustern zusammen, die von den politischen, ökonomischen, soziokulturellen und materiellen Bedingungen einer Gesellschaft abhängig sind. Grundsätzlich gilt, dass die jeweilige Bewegungskultur die Werte und Normen einer Gesellschaft "verkörpert", sie aufgreift, präsentiert und verstärkt. Das bedeutet auch, dass man an Traditionen zwar anknüpfen kann (und sollte), dass sich aber die Bedingungen für turnerische und sportliche Aktivitäten verändern und dass sich deshalb auch die Ziele und Inhalte der Turn- und Sportbewegung immer wieder den aktuellen Gegebenheiten anpassen müssen. Zudem ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gefordert, die (Er)Kenntnisse über die Entstehung und Entwicklung des Turnens und des Sports voraussetzt.

Anfänge auf der Berliner Hasenheide

Einer der wichtigsten "Väter" der "Leibes-Übungen" war der Philanthrop Johann Christoph GutsMuths (1759-1839). Die von ihm entwickelte, pädagogisch begründete "Gymnastik" wurde weltweit rezipiert. Basierend auf den Ideen der Aufklärung entwickelten die Philanthropen eine revolutionäre Pädagogik, deren Ziel es war, ihre (männlichen) Schüler zu vernunftgeleiteten Bürgern zu erziehen. Da sich Vernunft nur durch Handeln und Erkenntnis, das heißt nur durch körperliche Aktivitäten und sinnliche Wahrnehmungen, entwickeln könne, hielten die Philanthropen Leibesübungen für unverzichtbar. Ihr breit gefächerter Übungskanon diente Zeitgenossen und Nachfolgern bei der Entwicklung eigener Gymnastiksysteme als "Fundgrube" in einer Zeit, in der aufgrund der Napoleonischen Kriege die körperliche Ertüchtigung der Jugend als unabdingbar erschien.

In Deutschland gilt Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) als der "Vater" des Turnens, das er zusammen mit Gleichgesinnten aus seinen Ideen der "Volkserziehung" entwickelte. Der Begriff Turnen ist eine Erfindung Jahns und markierte die Entstehung eines neuen und spezifisch deutschen Gymnastikkonzepts. Die Turnbewegung verfolgte in erster Linie politische Ziele: die Befreiung Preußens von der französischen Besatzung, die Überwindung der feudalen Ordnung und die Gründung eines deutschen Nationalstaats. Die Entwicklung des Turnens hatte aber auch eine praktische Komponente. Jahn, der als Hilfslehrer in Berlin tätig war, wanderte an Nachmittagen mit den ihm anvertrauten Jugendlichen vor das Hallesche Tor, übte mit ihnen Springen und Werfen und spielte mit ihnen Fang- und Kampfspiele. Auf diese Weise gelang es ihm, die unbändigen Jugendlichen zu disziplinieren. 1811 richtete Jahn zusammen mit der schnell wachsenden Schar seiner Anhänger einen Turnplatz auf der Hasenheide ein, einem Jagdrevier im Süden Berlins (heute Neukölln). Die Turnbewegung breitete sich rasch aus, in Preußen soll es 1818 etwa 100 Turnplätze und 6000 Turner gegeben haben. 

Turnen war ein umfassendes Konzept von im Alltag und im Krieg nützlichen Bewegungsaktivitäten. Dazu zählten zahlreiche Übungen an Geräten, sogenannte volkstümliche Übungen wie Laufen, Springen und Werfen, Klettern oder Fechten, Voltigieren, Ringen, Schwimmen und Spiele. Die Einrichtung der Turnplätze spiegelt die nicht auf Höchstleistung ausgerichtete "Philosophie" des Turnens wider. Für Sprungübungen standen beispielsweise ein keilförmiger Graben für den Weitsprung und ein Hügel für den Tiefsprung zur Verfügung. Neben einer breiten Rennbahn für verschiedene Laufarten gab es eine eigene Bahn für den "dreyfachen Zirkellauf". In der Nähe der "Springanstalt" für den Hochsprung standen die Voltigierpferde, auf denen die jungen Männer das Auf- und Absitzen trainieren konnten. Die "Gerüste", auf denen das Voltigieren geübt wurde, nannte Jahn "Barren". Ein wichtiges Gerät für verschiedene Balancierübungen war der "Schwebebaum" (Heute findet der Schwebebalken ausschließlich im Frauenturnen Verwendung). Am auffälligsten waren die hohen Kletterbäume und -gerüste mit Leitern, Stangen und Tauen, die Wagemutige zu halsbrecherischen Klettereien verführten. Umliegendes Waldgelände wurde zu Kriegsspielen mit Spähtrupps und Überfällen genutzt.

Nicht die Übungen, sondern die Normen und Werte, Intentionen und Prinzipien des Jahn'schen Turnens unterschieden sich grundlegend vom modernen Turnen und Sport, was sich am besten an den Laufformen demonstrieren lässt: So führte Jahn zahlreiche Laufarten auf, unter anderem das Rennen, den Schlängellauf, den Rücklauf (Rückwärtslaufen), den Sturmlauf (Hinauflaufen auf eine Anhöhe) und den Scheinlauf (Laufen auf der Stelle). Alle konnten als Schnell- oder Dauerlauf und als Lastlauf mit Gepäck oder Lediglauf ohne Gepäck betrieben werden. Den Dauerlauf beschrieb Jahn folgendermaßen: "Beim Wettrennen auf Dauer gebührt dem der Preis, der den weitesten Raum, in der kürzesten Zeit, mit der mindesten Anstrengung zurücklegt und am Ziele unerschöpft bei guten Kräften anlangt." Im Gegensatz zum modernen Sport ließ sich das Dauerlaufen der Turner nicht operationalisieren - wie sollte sich auch messen lassen, ob jemand noch "bei guten Kräften" war? Es war daher unmöglich, Leistungen über den Wettbewerb hinaus zu vergleichen und Rekorde zu erfassen. Jahn vertrat zudem das Prinzip der relativen Leistung, das heißt, Sprungweiten oder -höhen wurden in Bezug zur Körpergröße gewertet.

Turnen war Teil der deutschen Nationalbewegung und Mittel der Nationalerziehung. Die "Pflege vaterländischer Gesinnung" fand auf dem "Thing" des Turnplatzes statt. Dort wurden patriotische Reden gehalten, Lieder gesungen und Gedenkfeiern abgehalten. Schließlich dienten auch die Turnfahrten dem Ziel, das Vaterland kennen und lieben zu lernen. Da Turnen im Dienst der Charakterbildung und der Wehrerziehung stand, wurde es von den preußischen Behörden zumindest zeitweise unterstützt. Auch Jahn betonte die militärische und staatspolitische Brauchbarkeit des Turnens, lehnte soldatischen Drill jedoch grundsätzlich ab. Nach den Befreiungskriegen (1813-1815), an denen die Turner sich unter anderem im Lützowschen Freikorps beteiligt hatten, erfüllten sich die Träume der Patrioten nicht. Bei dem Versuch, ein neues Gleichgewicht in Europa herzustellen und die liberalen Verfassungsbewegungen zu unterdrücken, entstand der aus 39 Einzelstaaten zusammengesetzte Deutsche Bund mit stark restaurativen Tendenzen. Zwar breitete sich das Turnen weiter aus, die politischen Ziele der Turner, die nach wie vor die deutsche Einheit und das politische Mitbestimmungsrecht des Volkes propagierten, erregten jetzt aber den Verdacht der Behörden. 1820 wurde das Turnen durch eine preußische Kabinettsordre verboten, die Turnplätze wurden geschlossen und Jahn, dessen Person und Wirken bis heute kontrovers beurteilt werden, wurde für einige Zeit inhaftiert.

Obwohl der Turnplatz "als Tummelplatz für die gesamte Bevölkerung und als Sammelpunkt des ganzen öffentlichen Lebens gedacht" war, wurde unter der "gesamten Bevölkerung" nur die eine, die männliche Hälfte der Menschheit verstanden. In Jahns "Deutscher Turnkunst", dem Standardwerk der Turner, werden Mädchen und Frauen nicht ein einziges Mal erwähnt. Erst als in den 1830er Jahren, in der Zeit der "Turnsperre", der gesundheitliche Wert der Leibesübungen einen neuen Stellenwert erhielt, wurden die ersten Turnkurse für Mädchen angeboten, nicht zuletzt, weil die Gesundheit des "schwachen Geschlechts" durch Bewegungsarmut bedroht schien. 

Auf- und Abschwünge: "Verschulung" und bürgerliche Turnbewegung

1842 wurden die Leibesübungen in Preußen "als ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil der männlichen Erziehung förmlich anerkannt und in den Kreis der Volks-Erziehung aufgenommen". Es war vor allem die Sorge um die Volksgesundheit und um den Offiziersnachwuchs, die dem Turnen den Weg in die höheren Knabenschulen ebnete.  Die "Verschulung" des Turnens veränderte seine Ziele, Inhalte und Vermittlungsformen grundlegend: Klettern und Tummeln, volkstümliche Übungen und Spiele hatten in den neu errichteten Schulturnhallen keinen Platz, dafür wurden Freiübungen nach militärischem Kommando, Ordnungsübungen (exerzierähnliche Aufmärsche im Klassenverband) und Reigen (Ordnungsübungen mit Musikbegleitung) eingeführt. Die Werte und Normen des Turnunterrichts entsprachen ebenso wie die Übungen der vom Obrigkeitsstaat geforderten Erziehung zum Untertanen. Auch außerhalb der Schulen erlebte das Turnen einen neuen Aufschwung. Im Vorfeld der bürgerlichen Revolution von 1848/49 entstanden nicht nur zahlreiche Turnvereine, sondern auch erste Turnverbände, die zu einem großen Teil die liberale und demokratische Bewegung unterstützten. Dabei war die Verbindung zwischen Turnen und Politik nicht zwangsläufig: So gab es sowohl "Maulturner", die sich nur politisch engagierten, als auch "Nur-Turner", die Turnen und Politik nicht vermischen wollten. Nach dem Scheitern der Revolution wurden zahlreiche Turnvereine jedoch wieder verboten und ihre Angehörigen politisch verfolgt. Erst in den 1860er Jahren, im Zuge der wiedererstarkten Nationalbewegung, verbreitete sich das Turnen erneut.

Mit der Reichsgründung 1871 war eines der wichtigsten Ziele der Turner verwirklicht. Die 1868 gegründete Deutsche Turnerschaft (DT) stellte sich vorbehaltlos und in vielfältiger Weise in den Dienst des Deutschen Reiches. So betonten die Turner jetzt den wichtigen Beitrag des Turnens zur Wehrerziehung. Drill und die Disziplinierung des Körpers galten "als unsterblicher Schutzgeist unseres Volksheeres", als "unentbehrlicher Bestandteil des Turnens" und als Voraussetzung zur Förderung der Wehrkraft. Haltungen und Bewegungen der Turner, verkörpert in den Massenfreiübungen auf den Turnfesten, symbolisierten die Turnerideologie, die im Einklang mit den herrschenden Denk- und Deutungsmustern auf die Einordnung des Individuums in die Gemeinschaft und deren Ausrichtung auf Gott, Kaiser und Vaterland zielte. Dies gilt allerdings nur für die sogenannte bürgerliche Turnbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts Konkurrenz durch den sozialistisch orientierten Arbeiter-Turnerbund und die jüdische Turnbewegung erhielt.

Während Frauen bis zum Ende der 1880er Jahre vom Turnen ausgeschlossen waren, bestand für Mädchen in eingeschränktem Maße die Möglichkeit, an Turnkursen teilzunehmen. Zudem nahmen manche Schulen, vor allem private höhere Töchterschulen, seit den 1850er Jahren Turnen in ihren Fächerkanon auf. Da Frauen nicht am männlichen Maßstab der Wehrhaftigkeit, Stärke und Überlegenheit gemessen wurden, schien die "körperliche Ertüchtigung des weiblichen Geschlechts" keine allzu große Bedeutung zu haben. Die Übungsauswahl im Mädchenturnen war zudem aufgrund zahlreicher Vorurteile und Vorbehalte äußerst beschränkt. Es galt die Devise: "Kopf oben, Beine unten und geschlossen." Erst gegen Ende des Jahrhunderts wurde die Ineffektivität der Übungen kritisiert und unter dem Motto "Starke werden nur von Starken geboren" eine Reform des Mädchenturnens gefordert.

Turnfeste und Turnprinzipien

Höhepunkte des Turnens waren Feste und Feiern, welche die Gemeinschaft der Turner im eigentlichen und übertragenen Sinne "verkörpern" sollten. So organisierten die Turner schon auf der Hasenheide, aber auch im Vorfeld der 1848er Revolution Feste, bei denen politische Botschaften verkündet, aber auch turnerische Leistungen gezeigt wurden. Turnfeste waren und sind bis heute eine Leistungsschau des Turnens, präsentieren die imagined community der Turnbewegung nach innen und außen und sichern so das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Loyalität ihrer Mitglieder. "Deutsche Turnfeste" finden seit 1860 in der Regel alle vier Jahre statt. Organisiert wurden und werden sie von der DT (bis 1933) bzw. dem 1950 gegründeten Deutschen Turner-Bund (DTB). Auf den Turnfesten wurden alle Register kollektiver Erinnerung gezogen, um die chaotisch erscheinende Masse der Turner zusammenzuschweißen und sie nach innen in einen Bund, nach außen in ein "Turnerheer" zu verwandeln. Mit Hilfe von Symbolen, unter anderem Farben und Fahnen, Jahnbüsten und Eichenlaubkränzen, wurde Teilnehmern und Zuschauern Begeisterung für das Turnen und darüber hinaus für das Vaterland vermittelt. Turnfeste konnten, so der Historiker George Mosse, "die Massen nationalisieren".

Die Übungen und Wettbewerbe auf den Turnfesten verdeutlichten die Prinzipien des Turnens sowie die Unterschiede zwischen Turnen und Sport. So demonstrierte das "Gemeinturnen", bei dem alle Teilnehmer die gleiche Übung turnten, dass der Einzelne als Teil eines Ganzen aufzufassen sei. Dies spiegelte sich auch in den Wettkampfprinzipien wider: Sowohl bei den Vorführungen von Musterriegen als auch bei den Massenfreiübungen mit Zigtausenden Teilnehmern kam es nicht auf Höchstschwierigkeiten, sondern vor allem auf die "richtige" Haltung und das Gleichmaß der Ausführung an.

Turnen erhält Konkurrenz - Sport wird modern

Mit der von England ausgehenden Verbreitung des modernen Sports erhielt das Turnen schon früh Konkurrenz. Die mit der Aufklärung und Industrialisierung verbundenen Normen, Werte und Strukturen, unter anderem rationales Denken, technischer Fortschritt, abstrakte Zeitordnung und eine auf Kapitalakkumulation ausgerichtete Ökonomie, spiegelten sich in dem auf Wettkampf, Überbietung und Rekorde ausgerichteten Konzept der Bewegungskultur wider. Vor allem das Streben nach Rekorden prägt das Sportsystem in spezifischer Weise. Um die Vergleichbarkeit von Leistungen auch über den Wettkampf hinaus zu gewährleisten, müssen Geräte und Strecken normiert und standardisiert, Regeln festgelegt, Leistungen möglichst genau gemessen und registriert werden. Dies wiederum zog eine Institutionalisierung des Sports, die Gründung von nationalen und internationalen Verbänden, nach sich. Folgen des Strebens nach unbegrenzter Leistungssteigerung sind ständige Ausweitung und Optimierung des Trainings, Verbesserung von Technik und Taktik, gezielte Selektion von sportlichen Talenten, Spezialisierung, Verwissenschaftlichung, Professionalisierung und Kommerzialisierung. Einer sportimmanenten Logik folgen schließlich auch die Versuche, die Leistungen durch medizinische und psychologische Beeinflussungen zu steigern.

In Deutschland begann der Siegeszug des Sports Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Import einiger wichtiger Sportarten, vor allem des Fußballs. Gleichzeitig verbreiteten sich die Logik des Sports und seine Prinzipien. Zahlreiche Übungen und Spiele des Turnens, vom Faustballspiel bis hin zu den volkstümlichen, athletischen Übungen, wurden "versportlicht".Die DT lehnte den Sport aufgrund seiner "undeutschen" Wurzeln und seiner internationale Ausrichtung ab. Im Mittelpunkt der Kritik stand jedoch die Wettkampf-, Leistungs- und Rekordorientierung, die nicht nur nutz- und sinnlos, sondern auch aufgrund von Verletzungen und Überanstrengung eine Gefahr für Leib und Leben der Beteiligten sei. Abgelehnt wurde von den Turnern auch die im Sport notwendige Spezialisierung mit dem Argument, dass die "einseitige Leistungssucht" nicht der rechte Weg sei, "um Körper und Geist den größten und nachhaltigsten Nutzen zu verschaffen".Aus der Perspektive der Turner war die sportliche, ausschließlich auf Leistungsoptimierung ausgerichtete Bewegungsausführung zudem "unrichtig" und unästhetisch. So entrüstete sich der Gymnasiallehrer Karl Planck in seiner Kampfschrift gegen die "Fußlümmelei" darüber, dass der "Hundstritt" geübt und der Sieger darin mit hohen Preisen ausgezeichnet werde.

Die Anhänger des Sports wiesen die erwähnten Vorwürfe zurück und konterten ihrerseits mit Angriffen auf das Turnen, dem sie Ineffektivität, Deutschtümelei, Spießbürgerlichkeit und Kneipenseligkeit vorwarfen. In einem Punkt waren sich die "verfeindeten Brüder" allerdings einig, nämlich in ihrer Kritik am Professionalismus, am Sporttreiben um des "Broderwerbs" willen.Allerdings konnten sich die Turner, mit Ausnahme einiger hartgesottener Funktionäre, der Faszination des Sports nicht entziehen. Zunehmend wurden in den Turnvereinen die Prinzipien des Sports übernommen und verschiedene Sportarten angeboten. Auch das Turnen an Geräten orientierte sich zunehmend am Prinzip der unbegrenzten Leistungssteigerung. Diesem Trend wurde nur im Frauenturnen bis in die 1960er Jahre Widerstand geleistet. So entsandte der DTB wegen der geforderten Höchstleistungen von 1954 bis 1961 keine Teilnehmerinnen zu internationalen Wettbewerben. Heute ist selbst die Frauengymnastik, die in den 1920er Jahren die Qualität der Bewegung, die Bildung des Körpers und die Erziehung des Menschen betonte, zu einer Wettkampfsportart geworden.

Turnfest 1913

Ein gutes Beispiel für die Haltung der Turner in der Vorkriegszeit ist das 12. Deutsche Turnfest 1913 in Leipzig. Es stand ganz im Zeichen der Völkerschlacht, die 100 Jahre zuvor vor den Toren der Stadt stattgefunden hatte und seit 1814 als Signal der Befreiung Deutschlands interpretiert wurde. Die Erinnerung an die Schlacht prägte die Festzeitung, die in zahlreichen Beiträgen, Gedichten, Aufrufen und Abbildungen den Sieg über die Franzosen und die Rolle der Turner in den Befreiungskriegen beschwor. Auch im Festzug wurde die Erinnerung an 1813 symbolisch präsentiert: Die Musiker, die an der Spitze eines der beiden Züge marschierten, trugen die Uniformen der Lützowschen Jäger. Die Massenfreiübungen, an denen 17000 (ausschließlich männliche) Turner teilnahmen, sollten ebenfalls die Wehrbereitschaft signalisierten. Erstmals wurde auf einem Turnfest Militärturnen gezeigt.

Wenige Monate nach dem Turnfest wurde mit der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals, eines bombastischen Erinnerungsortes voller kriegerischer und nationaler Symbole, das 100-jährige Jubiläum der Schlacht gefeiert. Die Turner beteiligten sich an dieser Feier mit einem Eilbotenlauf, der auf neun verschiedenen Strecken sternförmig durch ganz Deutschland nach Leipzig führte. Die Bilder, Reden und Rituale des Turnfestes von 1913 rufen heute unwillkürlich Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg wach. Allzu schnell wurde der Spruch: "Es ist der schönste Tod fürs Vaterland zu sterben", grausame Realität.

1933 begrüßte die Turnerschaft die Machtübernahme der Nationalsozialisten und strebte - vergeblich - die Führung im deutschen Sport an. Mit der Neuordnung des Sportsystems wurde die DT zum Fachamt "degradiert" und 1936 aufgelöst.

Frauen im Turnen und Sport

Turnen und Sport wurden von Männern für Männer entwickelt und dienten der Präsentation männlicher Leistungsfähigkeit. Vor, aber auch noch nach dem Ersten Weltkrieg stießen Frauen bei ihren Bestrebungen, am Sport teilzunehmen, auf zahlreiche Probleme und Barrieren. Selbst die Leichtathletik galt als Männersache, denn: "Der Kampf gebührt dem Mann, der Natur des Weibes ist er wesensfremd."chwimmen galt als gesund, warf aber moralische Bedenken auf, obwohl die Schwimmkostüme nur wenig Haut unbedeckt ließen. Bei allen Sportarten, besonders aber beim Rad- und beim Skifahren, erwies sich der obligatorische Rock als entscheidendes Hemmnis. Es waren vor allem ästhetische Normen, denen sich Frauen in Gesellschaft und Sport unterwerfen mussten. Daher wurden Frauen beispielsweise im Rudern nur zu Wettbewerben im Stilrudern zugelassen, bei denen es nicht auf die Geschwindigkeit, sondern nur auf die Bewegungsausführung ankam.

Im Frauenturnen setzte sich nach langen Auseinandersetzungen die Hose durch, den Kampf um die Mitgliederrechte und die Beteiligung auswärtiger Turnerinnen an Turnfesten gewannen die Frauen allerdings erst in der Weimarer Republik. Mit der wachsenden Akzeptanz der Frauenerwerbstätigkeit und der beginnenden Integration der Frauen in die Leistungsgesellschaft nahm in den 1920er Jahren dann auch die Beteiligung von Frauen am Leistungssport und an Turnwettkämpfen zu. 1928 wurde das Frauenturnen als Mannschaftsmehrkampf schließlich olympisch.

Turnen heute - Resümee und Ausblick

In den vergangenen Jahrzehnten hat Turnen einen entscheidenden Bedeutungswandel erfahren - Turnen ist nicht mehr eine umfassende Bewegungskultur, sondern wird in den Köpfen vieler Menschen auf akrobatische Übungen an Geräten reduziert. Nur die Begriffe "Turnhalle" und "Turnschuh" lassen die breite Ausrichtung des Turnens noch erahnen. Der DTB hat sich seit langem von der national-deutschen Orientierung seiner Vorgängerorganisation distanziert und richtet anstelle des "Deutschen" das "Internationale Deutsche Turnfest" aus. Mit etwa fünf Millionen Mitgliedern ist der DTB der größte Freizeitsportverband, mit fast vier Millionen Mädchen und Frauen die größte Frauensportorganisation in Deutschland. Durch viele spezialisierte Angebote werden die Bedürfnisse diverser Zielgruppen bedient, von Kindern bis zu Seniorinnen. Der eindrucksvolle Wandel der Turnbewegung, zeigt sich auch an den Turnfesten. Heute prägen Frauen und Mädchen das Bild dieser Großveranstaltungen, an denen jeweils etwa 100000 Menschen aktiv teilnehmen. Die Frage, die sich hier bald für die Turnbewegung insgesamt stellen wird, lautet: Wo sind die Männer?

Der Streifzug durch die deutsche Sportgeschichte hat die Abhängigkeit der Körper- und Bewegungskultur von den jeweiligen gesellschaftlichen Werten und Normen, Strukturen und Bedingungen deutlich gemacht. So entwickelte sich das Gymnastikkonzept der Philanthropen aus den Denkmustern und Idealen der Aufklärung; das Turnen mit seiner Ausrichtung auf Volkserziehung und Wehrhaftigkeit war dagegen Teil der deutschen Nationalbewegung; die "Verschulung" des Turnens und ihre Folgen - Systematisierung des Stoffes und Disziplinierung der Schüler - waren untrennbar mit den Vorstellungen des Obrigkeitsstaates verbunden. Während das Turnen im Kaiserreich Werte wie Brauchbarkeit, Gemeinschaft, "richtige" Haltung und nationale Orientierung betonten und ein eher statisches Gesellschaftskonzept vertraten, vermittelt der Sport mit seinen Prinzipien der formalen Chancengleichheit, der Überbietung und des Rekords den Anschein unbegrenzter Dynamik, Mobilität und Modernität und entspricht damit den Werten und Normen der Leistungs- und Industriegesellschaft. Heute boomen mit Risiko und Abenteuer verbundene Aktivitäten, Sportangebote, die Fitness oder wellbeing versprechen, oder auch die Sportarten der "oberen Zehntausend". Ebenso populär sind verschiedene Trendsportarten, die alle einen spezifischen Lebensstil signalisieren. Viele Zeitgenossen mögen diese gegenwärtige Sportkultur für selbstverständlich halten, der Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch, dass die Bewegungskultur ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft ist und sich mit ihr wandelt.

Verlinkungen:

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Quellen:

Internetquellen

-> Scriba, Arnulf: Der schlesische Weberaufstand 1844, in: lemo (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 10.10.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund/weberaufstand-1844, zuletzt geprüft am 29.05.2025. 

-> https://de.wikipedia.org/wiki/Weberaufstand, zuletzt geprüft am 29.05.2025.

-> Madig, Bert-Oliver: Weberaufstand vor 175 Jahren. Verzweifelter Aufruhr gegen den Frühkapitalismus, in: Deutschlandfunk Kultur, online verfügbar seit 04.04.2019 unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/weberaufstand-vor-175-jahren-verzweifelter-aufruhr-gegen-102.html, zuletzt geprüft am 29.05.2025.

-> https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/pauperismus-verelendung-im-vorindustriellen-deutschland/1788015, zuletzt geprüft am 29.05.2025. 

-> Jütte, Christopher: Der Pauperismus, in: lemo (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 30.03.2025 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/alltagsleben/pauperismus, zuletzt geprüft am 29.05.2025. 

-> Vor 190 Jahren: Hambacher Fest, in: bpb online, online verfügbar seit 25.05.2022 unter: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/508682/vor-190-jahren-hambacher-fest/, zuletzt geprüft am 10.11.2025.

-> Pfister, Gertrud: 200 Jahre Turnbewegung - von der Hasenheide bis heute, in: Sport und Teilhabe, Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 16-19, 2011), Bonn 2011, S. 27-32, online verfügbar seit 18.04.2011 unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/33330/sport-und-teilhabe/, zuletzt geprüft am 07.05.2026.

Sekundärliteratur

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Revision #11
Created 29 May 2025 06:37:29 by Marlon Zimmermann
Updated 16 May 2026 13:40:00 by Marlon Zimmermann