Revolution von oben (1849 - 1871)
- Industrielle Revolution
- Eisenbahngeschichte
- Geschichte der Dampfschifffahrt
- Entstehung der Massenmedien
- Die Frühindustrialisierung
- Soziale Frage und Sozialismus
- Konservatismus und politischer Katholizismus
- Entstehung des Parteiensystems
- Reaktionsära
- Norddeutscher Bund
- Doppelmonarchie Österreich-Ungarn
- Kriege und Konflikte
- Persönlichkeiten
Industrielle Revolution
Eisenbahngeschichte
Inhaltsverzeichnis
1. 1835: Die erste Eisenbahnfahrt Deutschlands zwischen Nürnberg und Fürth
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1. 1835: Die erste Eisenbahnfahrt Deutschlands zwischen Nürnberg und Fürth
Am 7. Dezember 1835 wurde mit der sechs Kilometer langen Strecke von Nürnberg nach Fürth die erste deutsche Eisenbahnverbindung eröffnet. Damit begann der Triumphzug der Eisenbahn in Deutschland: Bereits fünf Jahre später waren rund 500 km Schienen verlegt, bis 1850 verzehnfachte sich das Streckennetz auf 5.700 km. Es war damit das nach den USA und Großbritannien drittgrößte Eisenbahnnetz der Welt. Zur Zeit der Reichsgründung 1871 umfasste es 20.500 km. Das Streckennetz der Deutschen Bahn hat heute eine Länge von rund 37.000 km.
Die nach dem bayerischen König Ludwig I. benannte Ludwigsbahn von Nürnberg nach Fürth wurde mit der englischen Dampflokomotive "Adler" eröffnet. Mehrere Tausend Zuschauer fanden sich am 7. Dezember 1835 an der neuen Eisenbahnstrecke ein. An der ersten Fahrt der Ludwigsbahn nahmen 200 geladene Gäste teil, darunter über 100 Aktienbesitzer der 1833 von Nürnberger Kaufleuten und Honoratioren gegründeten "Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft zu Nürnberg".
Beim Bau der Eisenbahnstrecke waren die Konstrukteure dem englischen Vorbild gefolgt: Die Trasse wurde gerade und eben geführt. Die Spurweite der massiven Schienen aus gewalztem Eisen betrug 1435 mm - dieses Maß stellt bis heute weltweit die gängige "Normalspur" dar. Zwischen den Schienen war ein aus gestampftem Kies bestehender Weg für Pferde eingerichtet worden, denn die Ludwigsbahn wurde im wechselnden Betrieb von Pferden und Dampfwagen gezogen. Schon im ersten Betriebsjahr hatte die Ludwigsbahn 475.219 Passagiere. Zwei Drittel der laut Verkehrszählung von 1833 auf der Strecke von Nürnberg nach Fürth zu Fuß oder mit Pferdewagen verkehrenden Personen waren auf das neue Verkehrsmittel umgestiegen. Entsprechend hoch fiel der Gewinn aus: Im ersten Geschäftsjahr erhielten die Aktionäre eine Dividende von 20 Prozent. Damit hatte die Ludwigsbahn den Beweis erbracht, dass sich Investitionen in den Eisenbahnbau auch wirtschaftlich lohnten.
In nur wenigen Jahren entstanden überall in Deutschland Eisenbahnstrecken:
1838 nahmen im Königreich Preußen die Städteverbindungen Berlin-Potsdam und Düsseldorf-Erkrath den Betrieb auf und im Herzogtum Braunschweig entstand die Eisenbahnstrecke von Braunschweig nach Wolfenbüttel. Am 8. April 1839 wurde nach dreijähriger Bauzeit die erste deutsche Fernverbindung von Leipzig nach Dresden eröffnet. Die 120 Kilometer lange Strecke war die erste ausschließlich dampfbetriebene Eisenbahn in Deutschland. Mit der von Johann Andreas Schubert (1808-1870) in der Maschinenbauanstalt Dresden-Übigau entwickelten "Saxonia" konnte am selben Tag die erste in Deutschland hergestellte Lokomotive bestaunt werden. Die "Saxonia" war mit ihren zwei Triebachsen für Fahrten auf hügeligen Strecken gut geeignet.1840 waren die Königreiche Preußen und Sachsen über die Eisenbahnstrecke Magdeburg-Leipzig verbunden und Frankfurt und Nassau im selben Jahr über die Verbindung Frankfurt-Wiesbaden.
Die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft realisierte 1843 mit der Strecke von Aachen in die belgische Handelsmetropole Antwerpen eine erste Verbindung über die Grenzen des Deutschen Bundes hinaus. Das Großherzogtum Baden schuf bis 1847 eine große Nord-Süd-Verbindung von Mannheim über Karlsruhe und Freiburg bis zur Schweizer Grenze. Das Königreich Württemberg eröffnete nach zehnjähriger Bauzeit 1850 die Nord-Süd-Verbindung von Heilbronn über Stuttgart und Ulm nach Friedrichshafen am Bodensee. Der Albaufstieg bei Geislingen war dabei die erste Gebirgsüberquerung auf dem europäischen Kontinent. In Thüringen verständigten sich 1840 die drei Herzogtümer Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Coburg und Gotha sowie Sachsen-Meiningen mit einem Staatsvertrag auf eine gemeinsame Streckenführung durch ihre Gebiete und sicherten durch Verträge mit dem Kurfürstentum Hessen und mit Preußen den Anschluss der Thüringischen Eisenbahn an das deutsche Eisenbahnnetz. Die wichtige Handelsverbindung Hamburg-Lübeck entstand erst 1865 unter preußischer Herrschaft. Zuvor hatte sich der dänische König gegen eine solche Streckenführung durch sein Hoheitsgebiet verwahrt, weil er die holsteinischen Häfen und Handelsverbindungen schützen wollte. Als letzte deutsche Staaten erhielten das Fürstentum Lippe 1878 und das Fürstentum Waldeck 1884 Anschluss an das Eisenbahnnetz.
Die Ludwigsbahn selbst wurde nicht zum Ausgangspunkt eines deutschen Eisenbahnnetzes. Im wachsenden Eisenbahnverkehr blieb sie unbedeutend und wurde 1922 eingestellt. Aber durch ihren erfolgreichen Bau und den gewinnbringenden Betrieb gab sie einen Impuls für den Eisenbahnbau in Deutschland. Mit dem schnell voranschreitenden Eisenbahnbau war eine Entwicklung in Gang gesetzt, die nicht nur das Verkehrswesen revolutionierte, sondern auch die Industrialisierung Deutschlands einleitete.
https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/lemo-rueckblick-erste-eisenbahnen-in-deutschland
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> https://stadtarchive-metropolregion-nuernberg.de/10-fakten-ueber-die-erste-eisenbahnfahrt-in-deutschland/
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwigseisenbahn#
-> https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/lemo-rueckblick-erste-eisenbahnen-in-deutschland
Sekundärliteratur
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Geschichte der Dampfschifffahrt
Inhaltsverzeichnis
1. Mit dem Dampfschiff „Concordia“ ging es los
1. Mit dem Dampfschiff ,,Concordia'' ging es los
Peter Heinich Merkens war zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein bedeutender Kölner Unternehmer. Zeitgenossen schätzten ihn als Politiker und Wirtschaftsführer. Von 1810 bis 1833 und erneut von 1835 bis 1837 war er Mitglied der Kölner Handelskammer, der er in den genannten Zeitabschnitten auch als Präsident vorstand. Er förderte die Wirtschaft der Stadt auf vielfältige Weise. Vor allem setzte sich Merkens für den freien Handel auf dem Rhein ein.
Unter der Leitung des Kaufmanns konstituierte sich am 3. Oktober 1825 in Köln die PreußischRheinische Dampfschiffahrts-Gesellschaft (PRDG). Deren Statuten genehmigte der preu- ßische Innenminister Friedrich von Schuckmann am 11. Juni 1826. Dies ist das offizielle Gründungsdatum der Gesellschaft und damit auch das Gründungsdatum des Nachfolgeunternehmens Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt GmbH (KD). An dieser Stelle noch einmal der Hinweis, dass gelegentlich das Jahr 1853 als „Geburtsjahr“ der KD auftaucht. Dieses Datum markiert die Bildung der Betriebsgemeinschaft Kölnische und Düsseldorfer Gesellschaft für Rhein-Dampfschiffahrt. Zuvor waren dies zwei getrennte Reedereien.
Schiffsrumpf aus Eichenholz
Als erstes Dampfschiff der PRDG nahm 1827 der hölzerne Raddampfer „Concordia“ den Linienverkehr zwischen Köln und Mainz auf. Gebaut wurde es auf einer Werft in den Niederlanden nach den Plänen des deutschen Ingenieurs Gerhard Moritz Roentgen. Der Rumpf des Schiffes bestand aus Eichenholz, der Schiffsboden war mit Eisenblech beschlagen. Es gab mit dem Dampfer Friedrich Wilhelm ein baugleiches Schiff. Beide wurden im Jahr 1841 für insgesamt 50.000 Thaler verkauft.
Handelskammerpräsident Merkens hatte im Herbst 1825 einen Aufruf an alle Kölner Kaufleute zu einer Beteiligung an der Gründung der Dampfschiffahrts-Gesellschaft gerichtet. Sein Wort besaß zu diesem Zeitpunkt bereits großes Gewicht. Er hatte 1818 die Versicherung „Rheinschiffahrts-Assecuranzgesellschaft“, die erste eigenständige Versicherungs-AG für Warentransporte auf dem Rhein, gegründet. Aus ihr ging 1845 die Agrippina-Versicherung hervor. 1838/39 beteiligte er sich an der Kölnischen Feuerversicherungs-Gesellschaft, die sich unter seiner Leitung ab 1841 Colonia nannte. Merkens gehörte viele Jahre dem Kölner Stadtrat an, 1826 wurde er von der preußischen Regierung in den Provinziallandtag in Düsseldorf berufen
“Freiheit des Rheins erobern”
In einem 1951 auf Schreibmaschine verfassten, nicht gedruckten Dankesschreiben an Karl Haus, den damaligen Generaldirektor der Colonia Kölnische Versicherungs-Aktiengesellschaft, wird die Rolle von Peter Heinrich Merkens sehr wohlwollend beschrieben und auch an die Anfänge der Dampfschifffahrt erinnert. Merkens habe darin ein geeignetes Mittel gesehen, die „Freiheit des Rheins zu erobern, am Welthandel teilzunehmen und damit Kölns Bedeutung als großen Handelsplatz wieder zu erlangen.“ Die Dampfschlepp-Schifffahrt sei für diese hehren Ziele nicht geeignet, da sie sich „wegen des Widerstandes der gemächlichen Spediteure und faulen Schiffer“ nicht positiv entwickelt habe.
Heutzutage würde man Peter Heinrich Merkens als eine Art „Selfmademan“ bezeichnen. Er wurde am 29. Dezember 1777 in Mülheim am Rhein – damals noch kein Stadtteil von Köln – geboren. Sein Vater war Bäckermeister. Nach Beendigung der Volksschule besuchte Merkens in Mülheim das protestantische Handelsinstitut von Wilhelm Anton Ising, bevor er 1792 im Alter von 14 Jahren eine kaufmännische Lehre bei Everhard Caspar Schüll, einem erfolgreichen Speditionskaufmann und Gewürzhändler in Köln, absolvierte. Nach der Lehrzeit wechselte Merkens in die Gewürzund Weinhandlung von Johann Jacob Schüll.
Erst Kaufmann, dann Banker
1808 machte er sich selbstständig und gründete gemeinsam mit dem aus Maastricht stammenden Jacob Seydlitz eine Kolonialwaren- und Gewürzhandlung. Nach Seydlitz Tod im Jahre 1810 führte er das Unternehmen gemeinsam mit dessen Witwe weiter und baute es zu einem der größten Handelshäuser Köln saus. Während der Kontinentalsperre verlegteer den Schwerpunkt seines Handelshauses auf das Bankgeschäft. Die Kontinentalsperre war eine von Napoleon verfügte Wirtschaftsblockade über das Vereinigte Königreich und dessen Kolonien. Sie bestand von 1806 bis1813. Da Köln seit 1794 unter französischer Herrschaft stand, waren die Kölner Unternehmen ebenfalls von der Blockade betroffen. Zuletzt agierte das Unternehmen Seydlitz & Merkens nur noch als Bankhaus. Die Bank, die um 1850 bei zahlreichen Neugründungen und Umwandlungen von Unternehmen des Rheinlands beteiligt war, ging später in der Deutschen Bank auf.
Flaggen sechs Wochen auf Halbmast
Bis zu seinem Tod im Januar 1854 blieb Peter Heinrich Merkens Präsident sowohl des Verwaltungsrats der Köln-Düsseldorfer wie der Colonia. Nach seinem Tod setzten die 22 Schiffe der Köln-Düsseldorfer ihre Flaggen für sechs Wochen auf Halbmast. Ihm zu Ehren wurde eins der Schiffe in „Merkens“ umbenannt. Das war die „Ariadne“. Dieser Dampfer hatte bereits bei ihrem ersten Einsatz für Furore gesorgt. Denn die „Ariadne“ war flott. Für die Strecke von Köln nach Bonn brauchte der Raddampfer am 18. August 1852 zwei Stunden und 43 Minuten. Zum Vergleich: Heute erreichen die KD Ausflugsschiffe von Köln aus die Bundesstadt Bonn in etwa drei Stunden. Allerdings hatte die „Ariadne“ seinerzeit nur wenige Passagiere an Bord und legte auch keine Zwischenstopps in Köln-Porz und Wesseling ein
Aus der “Ariadne” wurde die “Merkens”
Die gute Zeit war der entscheidende Faktor dafür, dass der Verwaltungsrat der PreußischRheinischen Dampfschiffahrts-Gesellschaft zustimmte, den Dampfer zu kaufen. Der Trip nach Bonn war gleichsam die Probefahrt. Eingesetzt wurde das Glattdeckschiff für Personen und Güter mit zwei Schornsteinen auf der Mittelrheinstrecke. Zahlreiche im 19. Jahrhundert gebaute Dampfschiffe waren Glattdeckschiffe. Dieser Schiffstyp hatte keine Aufbauten auf dem Hauptdeck, nur Radkästen und überdachte Treppenabgänge. Bis Anfang 1889 war das Schiff in Betrieb. Wegen des sehr hohen Kohlenverbrauchs wurde es am 20. Juli 1889 aus dem Fahrdienst genommen und im Kölner Rheinauhafen als Reserve-Schiff stillgelegt. Seine Zeit war endgültig abgelaufen, als 1890 die beiden Neubauten „Lohengrin“ und „Overstolz“ in Betrieb genommen wurde. Sechs Jahre später wurde die „Merkens“ zum Abwracken nach Holland verkauft.
„Für die Strecke von Köln nach Bonn brauchte der Raddampfer am 18. August 1852 zwei Stunden und 43 Minuten.“
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Mit dem Dampfschiff ,,Concordia'' gin es los, in: KD Magazin vom 03.07.2025, online verfügbar unter: https://www.k-d.com/2025/07/mit-dem-dampfschiff-concordia-ging-es-los/, zuletzt geprüft am 12.04.2026.
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Sekundärliteratur
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Entstehung der Massenmedien
Inhaltsverzeichnis
- Kurzbeschreibung: Die erste Nachrichtenagentur Deutschlands ,,Telegraphische Correspondenz-Bureau'
- Wie Zeitungen zum Massenmedium wurden. Die Welt im Leserausch.
1. Kurzbeschreibung: Die erste Nachrichtenagentur Deutschlands ,,Telegraphische Correspondenz-Bureau'
Wolffs Telegraphisches Bureau (WTB)
Bernhard Wolff, Verleger der Berliner National-Zeitung, teilt 1849 den Leser:innen mit, dass die Zeitung ab sofort aus dem Ausland telegrafierte Nachrichten enthält. Der Grund dafür ist seine neu gegründete Nachrichtenagentur: Wolffs Telegraphisches Bureau (WTB). Zu Beginn ist das WTB ein Zusatzangebot der National-Zeitung, später werden die Nachrichten auch anderen Zeitungen und Interessierten aus der Privatwirtschaft angeboten. Die Zeitungen drucken die Agenturnachrichten in der Rubrik „Telegraphische Depeschen“ ab.
Das WTB wählt seinen Standort in Berlin strategisch aus und befindet sich ab 1865 in der Jägerstraße auf der Rückseite des Haupttelegrafenamts.
Wolffs Telegraphisches Bureau existiert bis 1933.
2. Wie Zeitungen zum Massenmedium wurden. Die Welt im Leserausch.
Überangebot, um 1920: Eine sehr ernste Berliner Zeitungshändlerin mit Faschingshütchen, Reklameschirm und reichhaltigem Angebot – auf dem Zenit des Zeitungsbooms erschienen in der Hauptstadt 147 Tageszeitungen, dazu etliche Wochentitel.
Gegen sechs Uhr wurden die Arbeiter im Druckhaus der »Times« unruhig. Sonst ratterten und klackerten am frühen Morgen die handbetriebenen Druckmaschinen längst auf Hochtouren, um die Zeitung rechtzeitig für den Morgenverkauf fertigzustellen. Drucken war ein behäbiges Geschäft, das jede Menge Arbeitskraft erforderte und sich seit Gutenbergs Zeiten nur graduell verändert hatte. Wenn drei Arbeiter auf einer Druckerpresse 250 Seiten pro Stunde schafften, galt das als höchst effizient und schnell. Kein Wunder, dass Zeitungen teuer waren und nur in kleinen Auflagen erschienen. Die »Times« gehörte mit täglich 1500 Exemplaren zu den größten Europas.
Sollte sie etwa ausfallen an diesem Dienstag, dem 29. November 1814? Den Arbeitern hatte man gesagt, sie sollten warten, da kämen noch brisante Nachrichten vom Kontinent. Das klang plausibel, denn Europa war damit beschäftigt, sich nach den blutigen Befreiungskriegen gegen Napoleon neu zu sortieren, noch immer tagte der Wiener Kongress. Nun aber wurde die Zeitung selbst zur Nachricht: Auch sie leitete eine Revolution ein, die die Welt verändern würde.
Arbeiter unter Druck
Kurz nach sechs Uhr betrat John Walter II. den Saal. Der Verleger war euphorisch, und in der Hand hielt er die Ausgabe, von der die Drucker glaubten, dass sie diese erst herstellen sollten. »Die ›Times‹ ist bereits gedruckt«, rief er in den Saal, »mithilfe der Dampfkraft!« Es war ein Schock, der vielleicht nur deshalb nicht sofort zu wütenden Protesten führte, weil Walter das Druckwerk herumgehen ließ: Keine Frage, was die Männer da in den Händen hielten, war viel besser als das, was sie selbst bis zum Vortag produziert hatten.
Walter erklärte derweil mit lauter Stimme und voluminösem Pathos, wie es dazu gekommen war: Heimlich hatte er in einem Gebäude in der »Times«-Nachbarschaft zwei dampfbetriebene Zylinderdruckmaschinen, entwickelt von den deutschen Ingenieuren Friedrich Koenig und Andreas Friedrich Bauer, aufstellen lassen. Damit, sagte er nun den Männern, hatten in den zurückliegenden Stunden nur zweimal sechs Arbeiter je 1100 Seiten pro Stunde produziert! Eine Vervierfachung der höchstmöglichen Geschwindigkeit mit nur doppelter Mannstärke? Jeder Arbeiter begriff sofort, wie bedrohlich das war.
Rotationsdruck: Richard March Hoe erfand 1844 eine Druckmaschine, bei der eine Walze den Druck aufs Papier übertrug. So stieg das Tempo.
Es war nur eine Frage der Zeit gewesen. Vor allem in England, der Hightech-Nation des 19. Jahrhunderts, hatten Arbeiter erleben müssen, wie die dampfbetriebene Automatisierung eine neue Kaste von Industriellen sehr reich und Heerscharen von Menschen gleichzeitig bitterarm machte. Viele stürzten in Arbeitslosigkeit und Elend. In den überall entstehenden »Armenhäusern« mussten die Mittellosen weiter manuellen Tätigkeiten nachgehen – nur erheblich schlechter bezahlt. »Maschine« wurde zum Angstbegriff.
In Nordengland hatte sich deshalb drei Jahre zuvor eine Protestbewegung von Webern formiert, die sich Ludditen nannten und als »Maschinenstürmer« Geschichte schrieben: Sie brachen in Fabriken ein und zerstörten Dampf-Webstühle. Der Massenaufstand kam erst zu einem vorläufigen Halt, als 23 der Anführer öffentlich aufgehängt wurden. Doch die Wut auf die Maschinen blieb. Und das war der Grund für John Walters heimliches Vorgehen.
An diesem Morgen aber gelang es dem Verleger, Proteste zu vermeiden. Ab sofort, erklärte er den Arbeitern, werde die »Times« zwar mit Dampfkraft gedruckt, doch kein Mann werde ohne Job dastehen. Wer wirklich nicht mehr gebraucht würde, solle weiter sein Geld beziehen, bis er neue Beschäftigung gefunden habe. Im Grunde aber würden die neuen Maschinen mehr Arbeit bedeuten – weil sie mehr Zeitung möglich machten.
Jetzt machte Zeitung Masse
Es waren prophetische Worte: Der 24. November 1814 gilt als Geburtsstunde der Massenpresse, somit auch der Massenmedien. Innovation folgte nun auf Innovation. Nach drei Jahren schon ersetzte Walter seine ersten Zylinderdruckmaschinen durch doppelt so schnelle. 1844 erfand Richard March Hoe die Rotationspresse; mit einem optimierten Modell erhöhte Augustus Applegath 1846 das Drucktempo der »Times« auf 8000 Drucke pro Stunde und Maschine.
Die Amerikaner Hoe und William Bullock (der 1867 bei einem Unfall an seiner eigenen Erfindung starb) steigerten diesen Output noch auf 12.000 Drucke, bis das technische Konzept der Rotationspresse, die über mehrere Rahmen mit Bögen befüttert wurde, an seine Grenzen stieß. Doch schon 1853 erfand Jeptha Avery Wilkinson eine Rotationspresse, die über eine »endlose« Papierrolle gefüttert wurde – bald fiel die Rekordmarke von 20.000 Drucken pro Stunde. Und weiterhin kamen auch viele Druck-Innovationen aus Deutschland (siehe Bildergalerie oben).
Nach Deutschland kamen sie allerdings mit Verzögerung. Denn die technischen Voraussetzungen allein reichten nicht, allerorten die Zeit der Massenmedien einzuläuten: Man musste auch dürfen, was man nun konnte. In den deutschen Kleinstaaten herrschte eine rigide Zensur mit drakonischen Strafen gegen alle, die sie brachen. Das galt besonders im Norddeutschen Bund, der vom autoritären Preußen dominiert wurde.
August 1914, Berlin-Tiergarten: Kommen Sie, lesen Sie, die Herren und die Dame – Zeitungen waren die einzige aktuelle Nachrichtenquelle dieser Zeit.
Presse braucht Freiheit
Auch dagegen richtete sich der bürgerliche Revolutionsversuch von 1848. Karl Marx machte erstmals von sich reden: als Zeitungsverleger; Friedrich Engels war einer seiner Reporter. Die deutsche Revolution scheiterte unter den Säbeln der Restauration . Doch die Idee der freien Presse und Meinungsäußerung war nun in der Welt, so wie die des Nationalstaats.
Der nahm 1871 erstmals Gestalt an, zwar nur als Kaiserreich , aber immerhin mit einem Parlament mit bürgerlicher Beteiligung. Der Staat lockerte seinen Würgegriff. Die Zensur hatte sich schon ab 1848 nicht wieder flächendeckend durchsetzen lassen, 1874 machte der Reichstag die Pressefreiheit zum Gesetz. Da liefen in Deutschland längst die ersten beidseitig druckenden Rotationspressen, bald schnitten und falteten die Maschinen ihr Produkt gleich mit.
Jetzt gab es kein Halten mehr. Noch um 1850 hatten im heutigen Deutschland nur rund 400 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 500.000 existiert, viele Regionaltitel waren mit dreistelligen Auflagen erschienen. Zeitung war teuer, erreichte aber auch zahlreiche Menschen, die sie im öffentlichen Raum teilten. Für Arbeiter ohne reguläre Schulbildung waren öffentliche Zeitungslesungen oft die erste Begegnung mit den Ereignissen der großen, weiten Welt.
Zur Jahrhundertwende aber waren endlich alle Voraussetzungen erfüllt, um die Massen mit Informationen zu erreichen – durch freie Presse, industrielle Druckmethoden, die niedrige Preise ermöglichten, und dank Schulpflicht immer mehr Lesefähigen . Jetzt gab es eine Zeitungsschwemme, ein schier unfassbares Überangebot. In über 1800 Orten druckten eigenständige Verlage Periodika. Im Jahr 1897 sollen es rund 3500 Titel gewesen sein; die Auflagen hatten sich gegenüber 1850 etwa vervierundzwanzigfacht. Schätzungen gehen allein bei Tageszeitungen von Druckauflagen über zwölf Millionen aus. Doch auch das war erst der Anfang. 15 Jahre später erreichte allein die Zahl der eigenständigen Tageszeitungen fast 4000 Titel, die Auflagen näherten sich 35 Millionen.
Zeitungsstadt Berlin
Vor allem Berlin wurde zur »Zeitungsstadt«, wie Oliver Ohmann in seinem frisch erschienenen Bildband »Unter Druck« dokumentiert (siehe Bildergalerie). 1904 wurde dort der Straßenverkauf von Zeitungen legalisiert – und die Straße wollte Zeitungen. Der neue Wirtschaftszweig Massenpresse wuchs rasant. Noch 1905 zählte man in Berlin 59 Periodika. 1912 waren es schon über 100 Tageszeitungen, dazu rund 60 Wochentitel. Auf dem Höhepunkt des Booms erschienen 1929 in Berlin 147 Tageszeitungen, und das mit meist mehreren Ausgaben: Neben der Morgen-, Mittag- und Abendzeitung gab es vereinzelt sogar noch Nachtausgaben.
Vorher lasen viele eine Zeitung. Nun lasen Einzelne viele Zeitungen. Und zwar jeden Tag. Zu vergleichen ist das allenfalls mit dem Boom der Internetkommunikation ab Beginn des neuen Millenniums: Eine solche Informationsfülle braucht regelrechte News- und Medienjunkies, um eine Refinanzierung finden zu können. Gieriger hätte der Nachrichten-Hunger in der großen Ära der Zeitungen kaum sein können. Auch die von Ohmann gesammelten Bilder zeigen das eindrucksvoll. Es sind ikonische Aufnahmen ihrer Zeit: der mit Papierstapeln bepackte Zeitungsjunge. Die Dutzende Titel feilbietende Zeitungsfrau. Und Menschen, die ihre Nasen in die Seiten tauchten, immer auf der Suche nach Neuigkeiten und Sensationen, nach amüsanten und provokanten Informationen.
Vielleicht braucht die Welt das in Zeiten des Wandels. Heute hat sie dafür andere Medien, die Tagespresse ist auf dem Rückzug. In Deutschland sorgten erst die Nazis mit Verboten und Zensur für ein Zeitungssterben, nach dem Krieg dann verteilte sich die Aufmerksamkeit auf neue Medien, neue Rivalen am Markt – nie wieder erreichten Zeitungen das Niveau der 1920er-Jahre. Und heute? Statt einst fast 150 erscheinen in Berlin noch sieben Tageszeitungen und zwei Boulevardzeitungen, dazu Springers »Bild« mit einer Berlin-Ausgabe. Selbst damit ist Berlin bis heute die Stadt mit der höchsten Zeitungsdichte im Lande: die Stadt der Newsjunkies und Leseratten. Deutschlands Zeitungsstadt.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> https://de.wikipedia.org/wiki/Wolffs_Telegraphisches_Bureau, zuletzt geprüft am 28.05.2025.
-> https://nachrichten-news.museumsstiftung.de/project/wolffs-telegraphisches-bureau-wtb/?utm_source=chatgpt.com, zuletzt geprüft am 28.05.2025.
-> Patalong, Frank: Wie Zeitungen zum Massenmedium wurden. Die Welt im Leserausch, in: Spiegel Geschichte online, online verfügbar seit 16.03.2021 unter: https://www.spiegel.de/geschichte/wie-zeitungen-zum-massenmedium-wurden-die-welt-im-leserausch-a-466b1a31-3488-4e96-97c5-583d07b61789, zuletzt geprüft am 12.05.2026.
Sekundärliteratur
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Die Frühindustrialisierung
Inhaltsverzeichnis
- Frühindustrialisierung. Pioniere einer neuen Welt.
- Wegbereiterin eines Weltkonzerns. Helene Amalie Krupp
1. Frühindustrialisierung. Pioniere einer neuen Welt.
Eine stille, von holprigen Wegen und verschlungenen Flüssen durchzogene Gegend ist das Land zwischen Duisburg und Dortmund noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Doch dann entfachen die Menschen mit Kohle und Dampfkraft eine Ära radikaler Veränderungen: Binnen Jahrzehnten verwandelt sich die beschauliche Region in eine Landschaft der Zechen und Hüttenwerke, in der visionäre Unternehmer wie Franz Haniel nach Gewinnen streben
DER KAUFMANN FRANZ HANIEL (links) treibt die Entwicklung des Ruhrgebiets entscheidend voran. Als Erster versucht er sich um 1830 im Kohletiefbau, mit Verwandten dominiert er auch die Eisenbranche vor Ort. So gehören der Familie unter anderem Werke im heutigen Oberhausen (unten)
Dies ist die Geschichte einer Verwandlung. Einer gewaltigen Metamorphose, bei der Bauern zu Arbeitern werden und auf Äckern Fabriken emporwachsen. Bei der in Wiesen und Feldern Schächte aufklaffen, die tief in die Erde führen, das Donnern von Lokomotiven und das Stampfen von Dampfschiffen durch einst stille Landschaften dringen. Ein Umbruch, der eine ganze Region so sehr verändert, dass sie gleichsam neu geboren wird. Es ist die Geschichte der Gegenden von Duisburg bis Dortmund, dereinst Ruhrgebiet genannt, die in nur ein paar Jahrzehnten vom beschaulichen Landstrich zu einer der leistungsstärksten Industrieregionen Europas werden.
Angetrieben wird dieser Wandel von Kohle – jener Substanz, die die Epoche prägt, die Hitze liefert, Maschinen, Züge, Schiffe in Bewegung setzt und Eisen zum Schmelzen bringt. Aber auch von vielen Tausend Menschen, die Tag für Tag in einem mühsamen Ringen die schwarzen Brocken aus unterirdischem Gestein brechen. Ebenso von Beamten, die die Region mit Macht zu modernisieren suchen. Und vor allem von cleveren, ehrgeizigen Kaufleuten auf der Suche nach hohen Gewinnen. Menschen wie Franz Haniel.
Ende März 1834, in Ruhrort, einem Städtchen mit knapp 2000 Einwohnern an der Mündung der Ruhr in den Rhein, unweit von Duisburg (in das es später eingemeindet wird). Franz Haniel wartet in seinem imposanten Wohn- und Lagerhaus vermutlich ungeduldig auf eine Nachricht. Er ist ein energischer Mann von 54 Jahren, mit hoher Stirn und spitzem Kinn, ein seit Langem erfolgreicher Unternehmer, der einen Kohlenhandel, mehrere Eisenhütten und eine Werft betreibt. Doch seine Gedanken gehen wohl zu einem Grubenfeld knapp 15 Kilometer entfernt auf dem Gebiet des heutigen Essen, in das er schon Tausende Reichstaler investiert hat – bisher ohne Ertrag. Seit eineinhalb Jahren arbeitet dort in Haniels Auftrag eine Gruppe von Bergleuten. Das Ziel, das der Unternehmer ihnen vorgegeben hat, ist ambitioniert: Sie sollen die sogenannte Mergeldecke durchstoßen, eine bislang als undurchdringlich geltende Gesteinsschicht aus Ton und Kalk, die mal wenige, mal Dutzende Meter unter der Erdoberfläche beginnt.
Darunter, so vermuten Experten, sollen sich gigantische, noch unerschlossene Kohlevorkommen erstrecken – die zudem von deutlich höherer Qualität seien als die meisten Lagerstätten nahe der Oberfläche, die Bergleute an der Ruhr seit langer Zeit abbauen. Haniels Männer haben zunächst ein Bohrgerüst aufgebaut, anschließend mit Hacken und Schaufeln einen senkrechten Schacht bis zum Anfang der Mergelschicht gegraben und dessen Wände mit Ziegelmauern stabilisiert. Sind dann tiefer und tiefer in das Gestein eingedrungen. Haben die größte Gefahr im Mergel – das immer wieder einbrechende Wasser – mit Pumpen bekämpft; um sie anzutreiben, nutzen sie eine der neuartigen Dampfmaschinen. So können sie schließlich, im Spätsommer 1833, in gut 50 Meter Tiefe das untere Ende der Mergelschicht erreichen. Ein erster Erfolg.
Doch noch sind die Männer nicht auf die erwarteten Kohleflöze gestoßen. Und so schlagen sie nun einen horizontalen Gang in die Unterwelt, stützen dessen Decke mit Holzstreben ab. Immer wieder treiben sie von dort aus Löcher in Boden und Wände, in der Hoffnung, den begehrten Stoff zu finden. Mehrere Monate, einen ganzen Herbst und einen Winter lang, mühen sie sich im kargen Licht ihrer Öllampen. Dann, am 27. März 1834, sehen sie in einem am Ende des Ganges nochmals zwei Meter in die Tiefe gegrabenen Schacht nachtschwarzes Gestein schimmern. Endlich haben sie die Kohle getroffen!
Noch am selben Tag schickt der Leiter des Bergmannstrupps eine Nachricht nach Ruhrort: „Es freud mier daß ich die ehre haben kann Herrn Haniel die Anzeige zu machgen das wier ein Flötz an gebort haben von zwei Fuß machtigkeit.“ Haniel dürfte die Botschaft mit allergrößter Freude entgegennehmen: Es ist vollbracht. Als erster Unternehmer an der Ruhr hat er einen Weg zu den riesigen, bislang ungenutzten Kohlereservoirs gefunden, ist förmlich in neue Dimensionen vorgedrungen – in die ihm viele Geschäftsleute der Region folgen werden. Bei der Feier, die Haniel für die Bergleute ausrichtet, fließen denn auch fast 20 Liter Branntwein und an die 140 Liter Bier.
So ist Haniels Vorstoß von 1834 einer der Schlüsselmomente in der großen Verwandlung des Landes an der Ruhr: jener technischen, sozialen und ökologischen Revolution, die ihre Wucht fast genau in jener Spanne Zeit entwickelt, in der Franz Haniel lebt. Und zu der kaum einer so viel beiträgt wie er.
Als Franz Haniel 1779 in Ruhrort geboren wird, ist die Stadt bereits ein bekannter Umschlagplatz für Kohle. Am Hafen, nur gut 150 Meter von Haniels Elternhaus entfernt, legen häufig schmale Flussschiffe an, die, beladen mit dem schwarzen Gestein, die Ruhr hinabgefahren sind. Arbeiter steigen auf die Boote, schleppen die Brocken zu den Lagerplätzen der Kohlenhändler am Ufer – von wo aus sie später auf die größeren Rheinschiffe umgeladen und in die flussabwärts gelegenen Teile des Herzogtums Kleve oder weiter bis in die Niederlande transportiert werden. Doch anders als etwa in Großbritannien und in der Region um Lüttich im heutigen Belgien ist der Abbau der Kohle an der Ruhr ein noch zaghaftes Geschäft, das gerade erst aufblüht. Die Gegend ist geprägt von einsamen Heidelandschaften, von Wiesen, über die Wildpferde ziehen. Schlechte, im Winter kaum passierbare Straßen führen zu Bauerndörfern, deren Einwohner in ärmlichen Hütten leben und wenig ertragreiche Äcker bestellen.
Dass es größere Mengen des schwarzen Bodenschatzes im Erdreich der Region gibt, wissen die Einheimischen, aber nur gut 1000 Menschen arbeiten in den kleinen Gruben im Ruhrtal, pro Anlage oft nur acht oder zehn Mann. Wie seit dem Mittelalter graben sie mit einfachem Gerät die nur wenige Meter, manchmal sogar nur Zentimeter unter der Oberfläche liegende Kohle aus dem Boden oder schlagen Stollen, waagerechte Gänge, in die Hänge am Flussufer. Wer durch die Landschaft streift, dem dürften die Zechen kaum auffallen: ein einsamer Stollenmund am Hang oder die Öffnung eines schmalen Schachts, drumherum vielleicht ein paar Schuppen und Kohlenhaufen – viel mehr ist von den Anlagen wohl nicht zu sehen. Doch sie werden zahlreicher.
Auch weil der Staat den Bergbau fördert. Lange war die Regierung des brandenburgischen Staatengebildes (später Preußen genannt), zu dem seit 1614 ein großer Teil des Landes an der Ruhr gehört, unzufrieden mit dem rückständigen Kohlerevier in ihrem westlichen Territorium. Deshalb unterstützt sie nun von Berlin aus gezielt den Abbau von Kohle, um Handel und Gewerbe zu beleben und mehr Steuern einzunehmen.
Steinkohle birgt gewaltige Mengen an Energie, mit der man etwa Salzsiedereien und Schmelzöfen betreiben kann – und die traditionellen Brennstoffe, Holz und Holzkohle, sind vielerorts knapp geworden. Bei Lüttich, nur rund 150 Kilometer von der Ruhr entfernt, gibt es bereits prosperierende Zechen, in denen Hunderte Bergleute Kohle aus der Tiefe fördern – wie vorteilhaft wäre es, wenn man auch die Ruhrgegend zu einer solchen Blüte führen könnte!
Da das größte Hindernis für einen wachsenden Absatz von Kohle aus der Region die schlechten Straßen und Wege sind, lassen die preußischen Beamten befestigte Chausseen anlegen. Und der Staat baut die Ruhr ab 1774 zu einem durchgängig schiffbaren Wasserweg mit 16 Schleusen aus. Tatsächlich beleben die verbesserten Transportwege bald spürbar das Geschäft, verstärkt noch durch die wachsende Nachfrage in den benachbarten Niederlanden.
Gleichzeitig gibt die Obrigkeit den Zechenbetreibern klare Regeln vor. Lange haben sie oft nur die ohne viel Mühe abbaubare Kohle dicht unter der Erde geschlagen, den Rest einfach stehen lassen und waren zur nächsten Lagerstätte gezogen. Um solchen Wildwuchs zu bekämpfen und die Kohle systematischer und effizienter abzubauen, hat der Staat einige Jahre zuvor eine neue „Bergordnung“ erlassen: Unternehmer müssen nun zwingend eine Konzession erwerben, bevor sie ein Bergwerk eröffnen. Die Behörden legen jährliche Fördermengen und den Preis für die Kohle fest, bestimmen die Arbeitszeiten der Bergleute – zwischen acht und zwölf Stunden pro Tag – sowie deren Löhne.
Die Eigentümer der Zechen sind daher keine freien Unternehmer, sondern vor allem dafür zuständig, die Vorgaben der Regierung umzusetzen. Zwar erhalten sie etwaige Gewinne, aber sie sind auch verpflichtet, laufend Investitionen vorzunehmen. Doch trotz dieser Gängelung strebt eine zunehmende Zahl von Menschen in die vielversprechende Branche. Auch in Ruhrort lassen sich mehr und mehr Kohlenhändler nieder, legen immer häufiger Schiffe im Hafen an.
In dieser Zeit des allmählichen Aufschwungs wird Franz Haniel groß. Wie viele Industriepioniere der Gegend stammt er aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, das große Haus, in dem er aufwächst, hat bereits sein Großvater gebaut. Sein Vater stirbt, als Franz gerade zwei Jahre alt ist. Danach führt die Mutter den Familienbetrieb, treibt Handel mit Wein, Kaffee und Zucker, Holz und Munition. Zudem besitzen sie und ihre Angehörigen bereits einige Anteile an Zechen in der Region. Franz ist das elfte und jüngste ihrer Kinder und schon als kleiner Junge beeindruckt von der Kohle. Später wird er sich erinnern, wie er gebannt zuschaut, als im Elternhaus zum ersten Mal im Ofen Steinkohle verfeuert wird.
Und Franz scheint ein geborener Unternehmer zu sein, zeigt früh merkantiles Geschick. Bereits mit 15 Jahren arbeitet er in der Firma der Mutter mit. Zudem baut er mit seinen Brüdern einen Postdienst auf, der per Ruderboot Briefe über den Rhein befördert. Kurz nach 1800, mit Anfang 20, eröffnet er einen eigenen Kohlenhandel in Ruhrort. Das Unternehmen wächst rasch, mit sechs Kähnen lässt er bald schon Ware von den Gruben ruhrabwärts transportieren – und ebenso rasch denkt Haniel weiter: Ab Ende 1803 beteiligt er sich an Bergwerken im Ruhrtal, um eine verlässliche Quelle für Nachschub zu haben. So bringt er gleich mehrere Glieder der Wertschöpfungskette unter seine Kontrolle. Eine Strategie, die er in den folgenden Jahrzehnten noch verfeinern wird.
Bei seinem Aufstieg hilft die umsichtige Heiratspolitik seiner Familie: Im Hause Haniel vermählt man sich entweder mit nahen Verwandten, damit das Geld in der Familie bleibt. Oder mit Abkömmlingen anderer wohlhabender Geschäftsleute, die neue Finanzmittel mitbringen, an prosperierenden Firmen beteiligt sind oder nützliche Informationen über Konkurrenten haben. Zu den lukrativen Neuverwandten zählt zum Beispiel Haniels Schwager Gottlob Jacobi. Er ist Mitbesitzer von zwei der drei Eisenhütten, die es zu dieser Zeit in der Region gibt; alle liegen auf dem Gebiet des heutigen Oberhausen.
Erst knapp 50 Jahre zuvor hatte ein Geistlicher den ersten derartigen Betrieb der Gegend, die nördlich der Emscher beim Ort Osterfeld gelegene St.-Antony-Hütte, gegründet, nachdem in der Umgebung Raseneisenerz entdeckt worden war – gesteinsartige Brocken im Erdboden mit hohem Eisengehalt, aus denen sich das robuste, vielseitig verwendbare Metall gewinnen lässt. Wanderer oder Reisende, die sich den Eisenhütten nähern, könnten sie auf den ersten Blick für Bauernhöfe halten: Ansammlungen von zwei, drei größeren Häusern, teils aus Fachwerk, dazu Schuppen und Scheunen – nur dass neben einigen der Gebäude mächtige Schornsteine aufragen.
Dort schmelzen der Hüttenmeister und seine Gehilfen in sieben, acht Meter hohen Öfen – später „Hochöfen“ genannt – das Erz, trennen das Eisen unter großer Hitze von anderen Bestandteilen. Aus dem flüssigen Metall gießen Spezialisten gleich vor Ort vielfältige Gegenstände wie Töpfe, Pfannen und Bügeleisen, Dachrinnen und Treppengeländer – gut verkäufliche Waren in dieser Zeit, in der in Europa der Wohlstand und damit der Bedarf nach hochwertigen Alltagsgütern wächst. 80 Menschen arbeiten bereits 1804 allein in der St.-Antony-Hütte. Um diese Zeit sucht Gottlob Jacobi neue Teilhaber für die beiden Hütten, an denen er selbst jeweils ein Viertel hält. Sein Schwager Franz Haniel ist interessiert – er stellt Berechnungen über sämtliche Kosten und potenzielle Erträge auf und kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Investition auszahlen würde.
Womöglich bezieht Haniel in sein Kalkül bereits jetzt ein, dass die Hütten, die bislang Holzkohle zur Befeuerung der Öfen nutzen, irgendwann auf Steinkohle umgestellt werden könnten. Sie würden sich dann umso besser in das Firmengeflecht des erfolgreichen Kohlenhändlers einfügen: Haniel würde Brennstoff an sein eigenes Werk liefern – also von einem Geschäft mit einem Betrieb profitieren, dessen Mitbesitzer er ist.
Gemeinsam mit seinem Bruder Gerhard (der eine weitere Kohlenhandlung in Ruhrort führt) übernimmt Haniel 1805 tatsächlich drei Viertel der Anteile an den beiden Eisenwerken. Einige Jahre später erwerben die Brüder zusammen mit Jacobi und Heinrich Huyssen zudem die Hütte „Gute Hoffnung“. Huyssen ist der Sohn eines Essener Ratsherrn und Bergwerksbesitzers – und ebenfalls Schwager von Franz Haniel: Letzterer hat 1806 Huyssens Schwester Friederike geheiratet.
Verkäuferin der Gute-Hoffnung-Hütte ist die Witwe Helene Amalie Krupp (siehe Seite 36), deren Enkel in Essen den späteren Weltkonzern Krupp gründen wird. Helene Amalie gehört – wie Franz Haniels Mutter Aletta – zu den wenigen Frauen, die in dieser Zeit Unternehmen führen. Im Aachener Steinkohlerevier wird wenig später Christine Englerth, Tochter eines Zechenbesitzers, die vom Vater geerbte Bergwerksfirma übernehmen und erheblich vergrößern. Als Geschäftsfrau betätigt sich außerdem die Essener Fürstäbtissin Maria Kunigunde: Sie war als private Investorin zeitweise Eigentümerin jener ersten beiden Hütten, deren Anteile Gottlob Jacobi und die Haniel-Brüder erworben haben, betrieb dazu – ebenfalls privat finanziert – längere Zeit eine gebührenpflichtige Fernstraße in der Gegend.
Mit dem Erwerb der Gute-Hoffnung-Hütte 1808 besitzen Franz Haniel und seine Verwandten jetzt ein Monopol: Fast 20 Jahre lang sind ihre nunmehr drei Hütten die einzigen Eisenwerke im späteren Ruhrgebiet. Und die neuen Eigentümer fassen sie zu einem Unternehmen zusammen: der „Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen“.
Um 1810, mit gerade mal 30 Jahren, ist Franz Haniel zur bedeutenden Gestalt in zwei zukunftsträchtigen Branchen geworden. Doch er ist bei Weitem nicht der einzige aufstrebende Unternehmer und Industriepionier an der Ruhr. Da ist etwa Mathias Stinnes. Der lebt ein paar Kilometer weiter östlich in Mülheim an der Ruhr, das sich nach dem Ausbau des Flusses als betriebsamer Handelsort etabliert hat. Stinnes, Sohn eines Ruhrschiffers, verfolgt ein ähnliches Geschäftsmodell wie Haniel. Auch Stinnes hält Anteile an vielen Bergwerken, organisiert in großem Stil Handel mit der Kohle, die er mit einer eigenen Flotte von Schiffen transportieren lässt. Später gründet sein Enkel Hugo ein Unternehmen, das zu einem der bedeutendsten Konzerne Deutschlands aufsteigt.
Noch weiter ruhraufwärts betreibt der bei Hagen geborene Friedrich Harkort in einer alten Burg eine Fabrik, die neben Waren wie Kugelöfen und Heizapparaten vor allem Dampfmaschinen fertigt und bald zu den größten in der Gegend zählt. Doch Harkort ist mehr idealistischer Tüftler als Unternehmer, teilt sein Wissen gern mit anderen. Etwa seine Erkenntnisse über das sogenannte Puddelverfahren, das er bei einer Reise nach England erkundet hat: Um das im Hochofen gewonnene Roheisen, das sich zwar gut gießen lässt, aber relativ viel Kohlenstoff enthält und daher spröde ist, schmiedbar zu machen, bringen die Briten das Metall in einem speziellen Ofen erneut zum Schmelzen und rühren es so lange mit Stangen durch, bis der Kohlenstoff größtenteils verbrannt ist. Das auf diese Weise veredelte Eisen lässt sich zu hochbelastbarem Stahl weiterverarbeiten.
Mithilfe abgeworbener britischer Arbeiter wendet Harkort diese Technik als erster Unternehmer an der Ruhr an – und wird, weil er das Verfahren an andere Geschäftsleute vermittelt, zum wichtigen Antreiber des Fortschritts in der Region. Mit einigen anderen Ruhrpionieren machen Jacobi, Haniel & Huyssen Geschäfte, liefern etwa Gussteile an die Brüder Dinnendahl. Franz Dinnendahl ist es 1803 in Essen gelungen, die erste in Deutschland gebaute Dampfmaschine fertigzustellen, nach dem Vorbild jener Anlage, die der britische Ingenieur James Watt drei Jahrzehnte zuvor entworfen hatte. In einer Werkstatt in Essen fertigt Dinnendahl – zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Johann, der sich dann aber in Mülheim selbstständig macht – zahlreiche dieser Antriebsapparate, die Arbeit und Alltag, ja, das ganze Leben radikal verändern werden.
November 1817. An den Kais von Ruhrort laufen Scharen von Menschen zusammen. Ein Schiff mit Schaufelrädern und Schornstein, aus dem eine lange Rauchfahne zieht, fährt in den Hafen ein. Es ist eines der ersten Dampfschiffe, die die Einwohner vor ihrer Stadt erblicken. Und an Bord ist der Sohn eines der größten Erfinder der Zeit: James Watt junior.
Der Brite hat gerade eine Rheinfahrt hinauf bis nach Koblenz gemacht, doch nun ist auf der Rückreise ein Maschinenteil geborsten. Und ein Lotse hat ihn auf einen nahe gelegenen Hüttenund Gießereibetrieb aufmerksam gemacht: Jacobi, Haniel & Huyssen. Haniel weiß, wie wichtig gute Kontakte sind, immer wieder hat er in der Vergangenheit von der geschickten Pflege seiner Bekanntschaften profitiert. Er lädt Watt junior während der Wartezeit zum Mittagessen auf sein Anwesen. Als die Arbeiter der Hütte das gebrochene Teil nach mehreren Tagen (und einigen Problemen) schließlich nachgegossen haben, revanchiert sich Watt mit einer Einladung auf sein Schiff. In einem Brief nach England nennt er die Verantwortlichen des Eisenwerks „sehr entgegenkommend und klug“.
Es dauert acht Jahre, ehe sich der Kontakt mit Watt junior auszuzahlen scheint. 1825 reist Haniel mit seinem Bruder nach Großbritannien, das in Bergbau und Maschinentechnik allen anderen Staaten Europas weit voraus ist. Auf der Insel angekommen, bittet er Watt per Brief, dessen Maschinenfabrik bei Birmingham besichtigen zu dürfen. Doch der Erfindersohn lehnt ab. Er fürchtet – wohl zu Recht –, dass der Deutsche auf Industriespionage aus ist (viel technisches Know-how ist auf diesem Weg auf den europäischen Kontinent gelangt). Stattdessen lädt er Haniel zum Lunch ein – was der wiederum gekränkt ausschlägt.
Für den Unternehmer zahlt sich die Reise trotzdem aus. Mit seinen Begleitern kann Haniel eine nahe gelegene Zeche besichtigen – und lernt dort eine Art des Bergbaus kennen, wie es sie zu Hause an der Ruhr so nicht gibt: In Förderkörben, die von einer Dampfmaschine in Bewegung gesetzt werden, schweben die Männer durch einen Schacht mehr als 200 Meter in die Tiefe. Ebenfalls mit Dampfkraft betriebene Wasserpumpen machen es möglich, derart weit unter dem Grundwasserspiegel zu arbeiten.
Der Besuch in der englischen Tiefbauzeche muss den Reisenden erscheinen wie ein Blick in die Zukunft. Gut möglich, dass Franz Haniel daran zurückdenkt, als er einige Jahre später einen überaus kühnen Plan fasst: als erster Ruhrunternehmer die bisher unpassierbare Mergelschicht zu durchdringen. Denn die nahe der Oberfläche liegenden, nicht von Mergel überdeckten Vorkommen im Ruhrtal sind mittlerweile vollkommen erschlossen und werden in absehbarer Zeit erschöpft sein. Nur wenn es gelingt, die Kohleflöze tiefer in der Erde zu erreichen, kann die Industrie an der Ruhr weiter aufblühen. Im Frühjahr 1834 schafft Franz Haniel tatsächlich den großen Durchbruch. Doch bald stellt sich heraus: Die Expedition unter die zähe Erdschicht mag historisch sein – für den Mann aus Ruhrort ist sie ein finanzielles Desaster.
Das im Untergrund bei Essen neu entdeckte Flöz ist viel zu dünn, als dass sich die Kohle dort rentabel abbauen ließe. Und in einer weiteren Tiefbauzeche, die Haniel kurz darauf anlegt, ist die Kohle von schlechterer Qualität als erwartet; weil immer wieder Wasser einbricht, muss er die Anlage nach wenigen Jahren aufgeben. Über 130 000 Reichstaler verliert er bei diesen Versuchen. Und ausgerechnet seinem Mülheimer Konkurrenten Mathias Stinnes gelingt es 1842 als erstem Unternehmer, einen Schacht durch die Mergeldecke zu graben und mit Kohle aus der Tiefenzone auch wirklich Gewinn zu machen.
Doch es ist Haniel, inzwischen Anfang 60, der dem Kohleabbau im Ruhrgebiet dank seines mutigen Vorstoßes in die Tiefe einen beispiellosen Schub verliehen hat. Der Bergbau, bislang vor allem im Tal der Ruhr ansässig, wandert nun gen Norden: Um die Städte Essen, Bochum, Dortmund und Unna sowie noch darüber hinaus bis an die Lippe erstrecken sich ergiebige Kohlevorkommen von ungeahnter Größe unter dem Mergel, werden Unternehmer bald immer neue Tiefbauzechen anlegen, in denen wie in Großbritannien von Dampfkraft betriebene Förderanlagen und Pumpen installiert sind.
So wachsen die neuen Industrien nun mit Macht. Bauernsöhne aus der Umgebung, aus dem Rheinland und aus Westfalen verlassen ihre Felder in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Lange Stunden schuften sie unter Tage, in Hütten oder in anderen Fabriken. Dort verdingen sich auch viele Kinder: Zwar verbietet seit 1839 ein Gesetz die Arbeit im Alter unter neun Jahren, doch selbst gegen diese Auflage wird oft verstoßen. Immerhin garantiert die alte Bergordnung der preußischen Regierung den Arbeitern der Zechen verlässliche Löhne; dazu gewähren die Knappschaften – vom Staat organisierte Berufsverbände, denen sich alle hauptberuflich tätigen Bergleute anschließen müssen – ihnen und ihren Familien bei Krankheit und Tod Unterstützung.
Franz Haniel feiert inzwischen neue Erfolge. Er erwirbt Anteile an zahlreichen weiteren Zechen, ist Anfang 1842 an mehr als 120 Bergwerken beteiligt. Und weiterhin Mitbesitzer der Hüttenwerke, in denen bereits mehr als 2000 Menschen arbeiten. Anders als früher stellen sie nun vermehrt schwere Gerätschaften her: Dampfmaschinen, Schiffe, Brückenteile. Und bald auch Lokomotiven und Schienen für die Eisenbahn. Denn der Unternehmer ist an dem wahrscheinlich größten Infrastrukturprojekt der Region beteiligt, dem Bau der „Köln-Mindener Eisenbahn“, nur wenige Jahre nach der ersten Fahrt einer dampfbetriebenen Schienenbahn in Deutschland.
1842 ist Haniel mit einer Delegation nach Schloss Sanssouci in Potsdam gereist, um König Friedrich Wilhelm IV. vom Nutzen einer Trasse zwischen Weser und Rhein zu überzeugen. Und hat sich dafür eingesetzt, dass diese auf einer eher nördlichen Route verläuft – dort nämlich, wo seine Eisenhütten und mehrere seiner Bergwerke liegen. Haniel triumphiert schließlich doppelt: Der Staat erteilt der zu diesem Zweck gegründeten Aktiengesellschaft tatsächlich die Konzession, die Bahnlinie entlang der Nordroute zu bauen, und Haniels Hüttenwerke erhalten in der Folge Aufträge über zwölf Millionen Tonnen Schienen.
1847 wird die gut 250 Kilometer lange Bahnstrecke fertiggestellt. Auf ihren Gleisen, und auf denen einer rasch wachsenden Zahl weiterer Routen, gelangt Kohle in größeren Mengen als je zuvor an den Rhein und von dort in die Niederlande sowie flussaufwärts Richtung Süden, über Anschlussstrecken zudem bald auch nach Norden und Osten. Nicht zuletzt dank der neuen Eisenbahnen, mit denen die Kohle rascher und kostengünstiger vermarktet werden kann, wagen Unternehmer den Bau vieler neuer Zechen, ziehen weitere Arbeiter und Ingenieure in die Region. Haniel hat sich unterdessen weitere vielversprechende Grubenfelder nahe der Strecke der Köln-Mindener Eisenbahn verschafft. Er errichtet dort die Zeche Zollverein: Sie wird mehr Kohle fördern als jedes andere Bergwerk im Ruhrgebiet.
In der ganzen Region wächst das Geschäft mit dem schwarzen Gestein um die Mitte des 19. Jahrhunderts nun rasant. Innerhalb von zehn Jahren verdoppeln die Zechenbetreiber in etwa die Menge der jährlich abgebauten Kohle. Und von der altmodischen Bergordnung mit ihren bürokratischen Vorschriften wollen sich die erfolgreichen Unternehmer nicht länger einengen lassen; selbstbewusst fordern sie von der preußischen Regierung Änderungen.
So auch Franz Haniel. 1848 schickt er seinen Sohn und designierten Nachfolger Hugo in eine staatliche Kommission in Berlin, die an einer Reform des Bergrechts arbeitet. Die Zechenbetreiber protestieren zunehmend heftiger gegen die Einschränkungen. Und schließlich gibt die Regierung nach. Ein Bündel von 14 neuen Gesetzen hebt die ungeliebten Regeln nach und nach auf. Die Bergwerksbesitzer können nun ungehindert über ihr Eigentum verfügen, müssen sich weder Fördermengen noch Preise von den Beamten genehmigen lassen. Und da sie keine Eingriffe der Behörden mehr zu fürchten haben, wagen sie weit größere Investitionen, bauen immer neue Bergwerke.
Für die Bergleute dagegen bedeuten die Reformen einen Verlust: Nicht mehr der Staat legt ihre Löhne und Arbeitszeiten fest, diese werden vielmehr frei zwischen Arbeitern und Unternehmer vereinbart – wobei Letztere oft die Bedingungen diktieren können. Immerhin bleiben die Knappschaften erhalten, die den Bergleuten in Notlagen Geld zahlen.
Franz Haniel betreibt schon länger, ebenso wie einige andere Firmenchefs, eigene „Unterstützungskassen“. Sie bieten kostenlose Arztbesuche, Schulgeld für Waisen und Witwenrenten – werden aber, wie die Knappschaften, zu einem beträchtlichen Teil durch Beiträge der Arbeiter finanziert.
Die frisch erschlossenen Grubenfelder nördlich der Ruhr, der Siegeszug der Eisenbahn, die Abkehr von der alten Bergordnung : All das entfesselt eine ungeheure ökonomische Dynamik. Weil der Tiefbau meist zu kostspielig ist, um neue Werke allein aus familiären Firmenmitteln zu finanzieren, schließen sich Unternehmer vor Ort immer häufiger zu Aktiengesellschaften zusammen, an denen sich auch Investoren aus Großbritannien, Frankreich oder Belgien beteiligen. Und nach dem Vorbild Franz Haniels erschaffen viele Geschäftsleute branchenübergreifende Unternehmen, bei denen Kohleförderung sowie Metallgewinnung und -verarbeitung in einer Hand liegen.
Beide Sparten befeuern sich gegenseitig immens: Denn die Eisenwerke benötigen Kohle für ihre Öfen – die von Lokomotiven zu den Hütten gebracht wird. Die Lokomotiven werden selbst aus dem in den Hütten produzierten Eisen gefertigt, werden zudem mit Dampf betrieben.
Und so steigt mit jeder neuen Lokomotive für den Transport wiederum die Nachfrage nach dem schwarzen Gestein. Dazu fertigen die Hütten auch Dampfschiffe und Dampfwebstühle, die ebenfalls sowohl in Herstellung wie Betrieb gewaltige Mengen Kohle verschlingen und so ihrerseits die Dynamik speisen: Noch mehr Brennstoff muss befördert werden, noch mehr Lokomotiven, Waggons, Schienen, Brücken, Schiffe sind dafür notwendig. Es ist ein gigantischer, von den scheinbar unerschöpflichen Kohlevorräten befeuerter Kreislauf, der die große Verwandlung des Ruhrgebiets immer weiter vorantreibt, die Region trotz mancher Krisen und Rückschläge im Laufe des 19. Jahrhunderts endgültig zum wirtschaftlichen Herz Deutschlands macht.
Ein Kreislauf, den Franz Haniel mit in Gang gesetzt hat – und der ihn reicher und reicher macht: Gegen Ende seines Lebens ist er der größte Bergwerksbesitzer an der Ruhr. Allein die Zeche Zollverein fördert mit jährlich rund 200 000 Tonnen mehr als doppelt so viel Kohle wie die gesamte Gegend im Jahr seiner Geburt. Zudem gehört ihm weiterhin ein zwischenzeitlich noch gewachsener Anteil an der Firma Jacobi, Haniel & Huyssen. Deren Fabriken bedecken, 60 Jahre nach ihrer Gründung, in Oberhausen und anderen Orten große Areale mit lang gezogenen Hallenbauten und beschäftigen rund 5000 Menschen.
Franz Haniel stirbt am 24. April 1868 im Alter von 88 Jahren, wenige Monate nach seiner Frau. Der Mann, der so viele Veränderungen angestoßen hat, ist selbst immer auf demselben Fleck geblieben: Der Tod ereilt ihn in jenem Haus, in dem er zur Welt kam, in dem er vermutlich die Nachricht vom Mergeldurchbruch erhalten, in dem er die meisten seiner Entscheidungen getroffen hat. Und in dessen Nähe Millionen Tonnen des brennbaren schwarzen Gesteins umgeschlagen wurden, das sein Leben wohl mehr bestimmt hat als alles andere.
2. Wegbereiterin eines Weltkonzerns. Helene Amalie Krupp.
Im März 1799 erhält die Hütte „Gute Hoffnung“, eines der ersten Eisenwerke des Ruhrgebiets, einen neuen Besitzer, genauer gesagt: eine Besitzerin. Helene Amalie Krupp, Oberhaupt ihrer Familie, erwirbt die Energisch führt die Witwe Helene Amalie Krupp ab 1757 die Kolonialwarenhandlung der Familie in Essen, investiert auch in Zechen und kauft sogar eine Eisenhütte. Ihr Vermögen legt den Grund für eines der größten Stahlunternehmen der Erde Anlage in Sterkrade, einem Teil des heutigen Oberhausen. Es ist der erste Schritt in das Geschäft mit Eisen und Stahl, mit dem die Krupps zu einer der mächtigsten Industriellendynastien in Deutschland aufsteigen werden. Gegründet auf Helene Amalie Krupps Tatkraft – und auf ihren Handel mit Pfeffer, Porzellan und anderen Dingen.
Durch Heirat wird Helene fast fünf Jahrzehnte zuvor, 19-jährig, Teil der Familie. 1751 ehelicht sie, selbst aus wohlhabendem Hause, den 26 Jahre älteren Friedrich Jodocus Krupp, dessen Familie bereits seit dem 16. Jahrhundert in Essen lebt und der einen profitablen Kolonialwarenladen betreibt. Und wohl schon bald danach hilft Helene Amalie ihrem Mann bei der Führung des Geschäfts. So ist sie vorbereitet, als ihr Gatte wenige Jahre später stirbt. Als Witwe leitet sie den Betrieb nun allein, in dieser Zeit auch als Frau nicht ungewöhnlich.
Wie schon ihr Ehemann verkauft sie Lebensmittel an die Oberschicht in Essen und Umgebung sowie an dort ansässige Läden: Kaffee, Stockfisch und Rosinen, dazu exotische Gewürze wie Anis, Zimt oder Pfeffer. Zum Sortiment zählen zudem Farben, Malutensilien und Leinentuche. Ihre Hauptlieferanten sind Händler aus den Niederlanden, denn deren Waren lassen sich über Rhein und Ruhr vergleichsweise einfach nach Essen transportieren. Über die Jahre allerdings erweitert Helene Amalie Krupp den Umfang des Geschäftes erheblich, arbeitet zunehmend auch mit Bremer, Hamburger, sogar Londoner Kaufleuten zusammen.
Bei all ihren Aktivitäten beweist sie Entschlossenheit und Durchhaltevermögen. In Briefwechseln feilscht sie mit Lieferanten über Preise, fordert energisch bessere Qualität. Ihre hohen Gewinne investiert sie in Grundbesitz. Die Eisenhütte „Gute Hoffnung“ erwirbt sie wohl eher notgedrungen: Der Vorbesitzer ist bei der Witwe stark verschuldet. Einige Jahre betreibt Helene Amalie die Hütte mit einigem Erfolg, lässt etwa Öfen, Töpfe oder Gewichte aus Eisen fertigen. Immer wieder aber gibt es Probleme mit der unzuverlässigen Belegschaft und Streitigkeiten mit der konkurrierenden St.-Antony-Hütte.
Das Potenzial der noch neuen Branche sieht vor allem ihr Enkel Friedrich Krupp, ein Sprössling von Helene Amalies bereits verstorbenem Sohn. Seit 1805 in der Hütte tätig, will er Teile für Dampfmaschinen herstellen. Doch die Qualität der Produkte, die er auf einen ersten Auftrag hin gießen lässt, ist nicht zufriedenstellend. Und bereits 1808 verkauft die Großmutter das Werk wieder.
Als Helene Amalie Krupp am 9. Mai 1810 stirbt, hinterlässt sie ihren Erben Besitz im Wert von rund 120 000 Reichstalern, ungefähr das 300-fache Jahreseinkommen eines wohlsituierten Stadtbürgers. Mit seinem Anteil an dem Vermögen knüpft ihr Enkel Friedrich an das kurzzeitige Metallgeschäft der Familie an. Er investiert fast alles in den Versuch, hochwertigen Gussstahl herzustellen, ist allerdings lange glücklos. Erst seinem Sohn Alfred wird es im Laufe des 19. Jahrhunderts gelingen, die Gussstahlproduktion wirklich profitabel zu machen – und einen Großkonzern der Schwerindustrie aufzubauen, den es ohne das Kapital und die Pioniertaten von Helene Amalie Krupp nie gegeben hätte.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Fischer, Oliver: Frühindustrialisierung. Pioniere einer neuen Welt, in: Das Ruhrgebiet. Von Menschen und Maschinen, Fortschritt und Drama (GEO Epoche, Jg. 2022, Heft Nr. 114), Hamburg 2022, S. 26-35.
-> Bauer, Jakob: Wegbereiterin eines Weltkonzerns. Helene Amalie Krupp, in: as Ruhrgebiet. Von Menschen und Maschinen, Fortschritt und Drama (GEO Epoche, Jg. 2022, Heft Nr. 114), Hamburg 2022, S. 36-41.
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Soziale Frage und Sozialismus
Die deutsche Frauenbewegung
Inhaltsverzeichnis
- Die Anfänge und Entwicklung der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert (Interview)
-
Die deutsche Frauenbewegung
- Erste feministische Bestrebungen: Statuten des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (Quelle)
- Konservative Kritik am Frauenaktivismus (Quelle)
1. Die Anfänge und Entwicklung der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert
DDF: Wo liegen die Anfänge der Frauenbewegung in Deutschland?
Susanne Schötz: Die Anfänge der Frauenbewegung lagen bekanntlich nicht erst im Kaiserreich. Nach einer Verstärkung frauenemanzipatorischer Aktivitäten im Vormärz und in der Revolution von 1848/49 gilt die Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) 1865 in Leipzig als Geburtsstunde der organisierten Frauenbewegung Deutschlands. Der ADF unter Vorsitz von Louise Otto-Peters war die erste gesamtnational ausgerichtete Frauenorganisation, deren Ziel die Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern war, die damals weder in Ehe und Familie, noch in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik existierte. Frauen besaßen auf fast keinem Gebiet die gleichen Rechte wie Männer und lebten zumeist in Abhängigkeit vom männlichen Willen und Letztentscheidungsrecht. Doch aufgrund des deutsch-deutschen Bruderkrieges von 1866, der Schaffung des Norddeutschen Bundes 1867 sowie des deutschen Nationalstaats 1870/71 unter Ausschluss Österreichs geriet der ADF gleich in seiner Anfangszeit in schweres Fahrwasser. Er verlor seine österreichischen Mitglieder und fürchtete in den Kriegswirren um seinen Bestand. Nichtsdestotrotz gelang es ihm nach der Reichsgründung rasch, sich zu konsolidieren, neue Mitglieder zu gewinnen – 1877 sollen es etwa 12.000 gewesen sein – und sich in Deutschland auszubreiten.
Kurz nach dem ADF entstanden in einer ersten Welle zwischen 1866 und 1869 auch andere Vereine, die von Frauen gegründet, geleitet oder dominiert wurden und auf unterschiedlichen Feldern die Lebenssituationen von Frauen verbessern wollten. Einige traten dem ADF als Lokalvereine bei, andere nicht. Sie alle lassen sich zur entstehenden Frauenbewegung zählen.
Wie entwickelte sich die Frauenbewegung nach der Reichsgründung 1871 weiter?
Diese Anfangs- oder Formierungsphase der Frauenbewegung endete zu Beginn der 1890er-Jahre. Zum einen durften sich mit dem Fall des Sozialistengesetzes und einer gewissen Liberalisierung der Innenpolitik jetzt auch sozialdemokratisch ausgerichtete Arbeiterinnenvereine gründen, wenngleich sie weiterhin scharf überwacht wurden. Zum anderen trat nun stärker eine jüngere Frauengeneration hervor, die mit dem entstehenden Frauenvereinswesen bereits aufgewachsen war, mitunter im Ausland studiert hatte, manchmal in Kontakt zu ausländischen oder internationalen Fraueninitiativen stand und von dort Anregungen empfing. Für sie war es selbstverständlicher als noch für die Müttergeneration, am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen, sich in Vereinen zusammenzuschließen und eigene Interessen zu vertreten.
In der Folge entstand eine Vielzahl von Frauenvereinen mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen, von den Bildungs- und Berufsvereinen über karikative und sozialfürsorgerische Vereine, Mutterschutz- und Sittlichkeitsvereine, Rechtsschutzvereine, Sportvereine, Damenclubs, Hausfrauenvereine, proletarische und sozialdemokratische Frauenvereine, gewerkschaftliche Interessenvertretungen, konfessionelle Frauenvereine, sogenannte Fortschrittliche Frauenvereine bis hin zu patriotisch-nationalistischen und kolonialen Frauenvereinen sowie solchen, die ein eng umrissenes Ziel, wie zum Beispiel die Popularisierung von Reformbekleidung, verfolgten. Als es schließlich 1908 für Frauen reichsweit möglich wurde , in politischen Organisationen Mitglied zu sein, bildeten sich schnell auch Frauenwahlrechtsvereine.
Als gemeinsame Dachorganisation der bürgerlichen Frauenbewegung entstand bereits 1894 unter Führung des ADF der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) in Berlin, dessen Vorsitzende bis 1899 Auguste Schmidt war. Er folgte dem amerikanischen Vorbild und verdeutlicht die beginnende Rezeption und internationale Vernetzung der Frauenbewegungen. Sein Ziel war es, bei aller Vielfalt die Einheit der deutschen Frauenbewegung in grundlegenden Fragen zu stärken. Dem entsprach der Grundsatz, nicht das Trennende, sondern das Verbindende zu betonen und sich als großer Verband für solche Ziele einzusetzen, die mehrheitsfähig waren. Doch immer wieder bröckelte die Einheitsfront, denn es kam zu Richtungskämpfen, Meinungsverschiedenheiten, Abspaltungen. Die unterschiedlichen Auffassungen über zu verfolgende Ziele und einzuschlagende Wege ließen sich in einem Verband, dem entschiedene Verfechterinnen des Frauenstimmrechts ebenso angehörten wie absolute Gegnerinnen, ja in dem es auf nahezu sämtlichen Arbeitsgebieten ‚Radikale‘ und ‚Gemäßigte‘ gab, nur schwer in Einklang zu bringen. Dennoch gingen von den Bundestagungen, Publikationen und den Kommissionen des BDF wichtige Impulse in die Gesellschaft des Kaiserreichs aus, die das wachsende Selbstbewusstsein und die zunehmende Gestaltungskraft der Bewegung verdeutlichten. Spätestens 1904, als die Presse breit über den vom BDF ausgerichteten Internationalen Frauenkongress des Internationalen Frauenbundes ICW (International Council of Women) in Berlin berichtete und international prominente Feministinnen wie Susan B. Anthony von Reichskanzler von Bülow, verschiedenen Ministern und Kaiserin Augusta empfangen wurden, konnte die Frauenbewegung einen bedeutenden Aufmerksamkeits- oder Achtungserfolg verbuchen.
Welche Ziele verfolgte die Frauenbewegung im Kaiserreich?
Insgesamt erlebte die deutsche Frauenbewegung im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg ihre größte Blüte. Sie verfügte über eine vielfältige Vereinskultur mit eigenen Publikationsorganen, Vereinshäusern, Beratungsstellen und konkreten Angeboten zur Verbesserung der Situation von Mädchen und Frauen. Ihre Akteurinnen riefen für Frauen beispielsweise Sonntags- und Fortbildungsschulen, Lesezimmer und Bibliotheken, Haushalts-, Landwirtschafts- und Handelsschulen, Nähmaschinenunterricht, Mägdeherbergen, Speiseanstalten, Stellenvermittlungsbüros, Kindergärten, Kindergärtnerinnenseminare und Mädchenhorte ins Leben. Sie forderten die Öffnung neuer Erwerbsfelder für Frauen durch den Staat und in den Gemeinden, so in Krankenhäusern, Strafanstalten, in der Armenpflege und Kinder- und Jugendfürsorge. Dort, wo sie nicht selbst tätig werden konnten, wandten sie sich auf den Weg von Petitionen an Länderregierungen und Reichstag. Petitionsziele waren zum Beispiel die Anstellung von Frauen im Post- und Telegraphendienst, die Schaffung von Seminaren für Volksschullehrerinnen, die Öffnung der Universitäten für Frauen, die Verbesserung ihrer privatrechtlichen Stellung in Ehe und Familie oder die Abschaffung der reglementierten Prostitution. Darüber hinaus engagierten sich ihre Vertreterinnen in kommunalen Ehrenämtern, beispielsweise Schulausschüssen oder auf dem Gebiet der Armenpflege – diesen Punkt hat unter anderem Kerstin Wolff stark gemacht – und in internationalen Frauenorganisationen, wie dem bereits genannten Internationalen Frauenbund.
Diese zunehmende Einflussnahme im Interesse von Frauen und Mädchen beeindruckte unter anderem den Sozialdemokraten Augst Bebel, der 1910 meinte, dass es keine zweite Bewegung wie die Frauenbewegung gebe, „und zwar die bürgerliche wie die proletarische“, die in so kurzer Zeit so große Fortschritte in allen „Kulturländern“ der Erde erreicht habe. 1913 gehörten dem BDF 2200 Vereine mit zwischen 500.000 und einer Million Mitgliedern an, die bürgerliche Frauenbewegung war zur Massenbewegung geworden. Da das sozialistische Lager im BDF nicht vertreten war, ist die Zahl frauenbewegter Organisationen und Personen im Kaiserreich weitaus größer gewesen. Diese wachsende Bewegung rief natürlich Gegner auf den Plan, deren ‚harter Kern‘ sich 1912 im Deutschen Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation vereinte.
Wie bewerten Sie die erreichten Ziele/den Erfolg der Frauenbewegung?
Im Fazit möchte ich festhalten: Der 1865 in Leipzig von 35 Frauen gegründete ADF setzte nicht weniger als Frauenpolitik in Deutschland in Gang. Über das organisatorische Mittel des Vereins gelang es den Frauen Jahrzehnte vor der Erlangung des allgemeinen Wahlrechts, eigene Anliegen in die öffentliche Diskussion einzubringen und für ihre Durchsetzung zu wirken. So klein mancher Schritt gewesen sein mag − in der Summe erzeugten all diese Schritte eine innovative gesellschaftspolitische Wirkung und veränderten die Gesellschaft des Kaiserreichs nachhaltig. Die ungleichen Rechte der Frauen und die Forderung, dem ein Ende zu machen, wurden ein Thema, das aus der öffentlichen Debatte nicht mehr verschwand. Das revolutionierte jahrtausendealte patriarchale Denktraditionen und Geschlechterbeziehungen.
Erste Erfolge erzielte die Frauenbewegung auf dem Gebiet der sozialen Arbeit für Mädchen und Frauen im kommunalen Raum sowie auf dem Feld der Bildung und Erwerbsarbeit. Der größte war die schrittweise Öffnung der deutschen Universitäten seit 1900 und die allmähliche Zulassung von Frauen zu akademischen Berufen. Doch nicht mehr das Kaiserreich, sondern erst die Novemberrevolution brachte 1918 das Frauenwahlrecht. Gleiche Rechte in Ehe und Familie aber ließen weitere Jahrzehnte auf sich warten und wurden zuerst in der DDR und etwas später in der Bundesrepublik gewährt.
2. Die Deutsche Frauenbewegung
Mit der 1865 erfolgten Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) durch Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt begann die organisierte Form der Frauenbewegung in Deutschland. Frauen hatten bereits mit der Märzrevolution von 1848 Mündigkeit und Selbständigkeit gefordert, wurden aber durch das Versammlungs- und Vereinigungsrecht daran gehindert, sich zusammenzuschließen. Der ADF trat besonders für das Recht auf Bildung und Erwerbsarbeit für bürgerliche Frauen ein. Bis dahin war es Frauen nach Abschluss der Höheren Töchterschule nur möglich, Lehrerin zu werden. Helene Lange gründete dazu verschiedene Ausbildungsinstitute und versuchte über Petitionen, die wissenschaftliche und schulische Ausbildung für Mädchen und Frauen an die der Männer anzugleichen.
Gegen steife Ordnungen in Familie und Gesellschaft formierte sich im wilhelminischen Deutschland eine vielschichtige Reformbewegung. Über Generationen hinweg galt beispielsweise die durch das Korsett hervorgerufene Wespentaille als weibliches Ideal. Seit der Jahrhundertwende bekämpften nun neben Ärzten zumeist Frauenrechtlerinnen das traditionelle Korsett als Gefahr für die Gesundheit, aber auch als Symbol der Unfreiheit der Frauen. Für die meisten Frauen, insbesondere für die Fabrikarbeiterinnen, aber standen wirtschaftliche und soziale Probleme im Vordergrund.
Die Belange der Fabrik- und Lohnarbeiterinnen wurden von der proletarischen Frauenbewegung mit ihrer Führerin Clara Zetkin vertreten. Die proletarische Frauenbewegung war in die internationale sozialistische Arbeiterbewegung eingebettet und wollte daher die volle Frauenemanzipation durch eine Revolution erreichen. Die Frauenerwerbstätigkeit, das "Recht auf Arbeit", war für sie kaum ein Thema. Da die Zahl der Fabrikarbeiterinnen im 19. Jahrhundert kontinuierlich stieg, standen vielmehr die Verbesserung der harten Arbeitsbedingungen und die im Vergleich zu den männlichen Kollegen weitaus schlechtere Bezahlung sowie Arbeiterinnen- und Mutterschutz auf dem Programm.
Zur Vernetzung der vielen unterschiedlichen Frauenvereine wurde 1894 der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) als Dachverband gegründet, der sich außerdem dem "International Council of Women" (ICW) anschloss. Die Vereine der proletarischen Frauenbewegung blieben wegen politischer Differenzen ausgeschlossen.
Im Zuge der Ausarbeitung des Bürgerlichen Gesetzbuchs um die Jahrhundertwende setzten sich die Frauenbewegungen gemeinsam für die Verbesserung der privatrechtlichen Stellung der Frau ein. Der BDF tastete jedoch die bürgerliche Ehe- und Familienform nicht an. Die Diskussion um die Stellung lediger Mütter und den Abtreibungsparagraph 218 StGB führte innerhalb des BDF zu Richtungsstreitigkeiten zwischen dem konservativen Flügel und reformerischen Vereinen, die die Streichung des Paragraphen forderten. Im BDF setzte sich die konservative Richtung unter Gertrud Bäumer durch, was zu einer weiteren Spaltung der Frauenbewegung führte. Diese Spaltung manifestierte sich im Ersten Weltkrieg, als der BDF aus patriotischen Gründen die Teilnahme am Internationalen Frauenfriedenskongreß in Den Haag verweigerte und sich mit einer vaterländischen Gesinnung beispielsweise in dem von Bäumer organisierten "Nationalen Frauendienst" engagierte.
Die bürgerliche Frauenbewegung mit dem BDF kämpfte weiterhin für das Recht auf Bildung, für freie Berufswahl und die Zulassung zum Universitätsstudium. Das Immatrikulationsrecht wurde zwischen 1900 und 1909 in den Ländern durchgesetzt, 1920 erhielten Frauen das Habilitationsrecht, ab 1924 die Möglichkeit, Richterin zu werden. Außerdem trat 1908 die lang umkämpfte Vereinsfreiheit für Frauen in Kraft, die es Frauen ermöglichte, Mitglieder einer Partei zu werden.
Die Forderung nach politischer Gleichberechtigung blieb innerhalb des BDF umstritten. Erst dem 1902 von Mitgliedern des radikalen Flügels wie Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann und Minna Cauer gegründete "Verband für Frauenstimmrecht" gelang es, eine Resolution zum Frauenstimmrecht innerhalb des BDF durchzusetzen. Für die proletarische Frauenbewegung war das Frauenwahlrecht schon immer eine zentrale Forderung gewesen.
Mit der Gründung der Weimarer Republik erhielten Frauen das aktive und passive Wahlrecht. An den Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung beteiligten sich 78 Prozent der wahlberechtigten Frauen, 9,6 Prozent der Abgeordneten waren weiblich. Frauen blieben aber auch in den zwanziger Jahren in allen Parteien weiterhin unterrepräsentiert und waren kaum in hohen Parteiämtern vertreten.
Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler löste sich der BDF auf, um der Gleichschaltung zu entgehen. Dies bedeutete das Ende einer eigenständigen Frauenbewegung in Deutschland und die Loslösung aus internationalen Verflechtungen. Viele der erkämpften Rechte, so das passive Wahlrecht oder der Lohngleichheitsgrundsatz wurden wieder abgeschafft.
Die Tendenz der Zersplitterung setzte sich in der Frauenbewegung in den zwanziger Jahren weiter fort. Der BDF wurde in seiner Ausrichtung konservativer und widmete sich der Bewahrung traditioneller Frauenrollen, während sich die proletarische Frauenbewegung durch die Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands(KPD) weiter zersplitterte. Die Frauen in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands(SPD) gründeten 1919 die "Arbeiterwohlfahrt" (AWO). Die pazifistischen Feministinnen schlossen sich wiederum in der "Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit" (IFFF) zusammen. Helene Stöckers "Bund für Mutterschutz und Sexualreform" setzte sich für Sexualaufklärung ein und kämpfte gegen den das Verbot der Abtreibung. Für Frauen aller politischen Richtungen wurde in der Weimarer Republik Sozialarbeit das wichtigste politische Arbeitsgebiet.
3. Erste feministische Bestrebungen: Statuten des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (1865)
Kurzbeschreibung
Der 1865 gegründete Allgemeine Deutsche Frauenverein bemühte sich vor allem um die Verbesserung der schulischen und der beruflichen Frauenbildung, womit er ihre überkommene Rolle als Hausfrau und Versorgerin der Familie in Frage stellte. Männer und verdiente Frauen aus dem Ausland durften nur Ehrenmitglieder mit Beratungsfunktion sein; finanziert wurde der Verein über Jahresbeiträge, freiwillige Beiträge von Männern und Einkünfte aus verschiedenen Veranstaltungen.
Quelle
STATUTEN DES ALLGEMEINEN DEUTSCHEN FRAUENVEREINS
angenommen am 17.10. 1865 auf der Frauenkonferenz in Leipzig
§ 1. Der Allgemeine deutsche Frauenverein hat die Aufgabe, für die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung entgegenstehenden Hindernissen mit vereinten Kräften zu wirken.
§ 2. Frauen und Mädchen, welche die Großjährigkeit erreicht, erlangen die Mitgliedschaft durch Eintrittserklärung, eine einmalige Eintrittsgebühr von 1/2 Thaler und einen jährlichen Beitrag von 2 Thalern. Jüngere Mädchen können gegen einen Jahresbeitrag von 1 Thaler als Zuhörerinnen ohne Stimmrecht zugelassen werden und an allen Vorteilen der Vereinigung teilnehmen. Männer, die sich für die Zwecke des Vereins interessieren und dies bestätigen, können als Ehrenmitglieder mit beratender Stimme aufgenommen werden, ebenso solche Frauen im Auslande, die für die Frauensache in rühmlicher Weise tätig waren.
§ 3. Die Einnahmen bestehen
a) aus den Jahresbeiträgen der Mitglieder,
b) aus den freiwilligen Beiträgen der Männer,
c) aus den Erträgen von Abendunterhaltungen, Concerten, Lotterien usw.
§ 4. Die Mitglieder, welche in einzelnen Orten in größerer Zahl wohnen, sind dringend eingeladen, Lokalvereine zu bilden, welche mit dem Vorstande in regem Verkehr zu bleiben haben.
§ 5. Mit der Leitung wird ein Vorort beauftragt, der jedes Jahr wieder ernannt werden kann.
Am Vororte wird ein Vorstand, der die laufenden Geschäfte zu besorgen hat, aus fünf Mitgliedern bestehend, bestellt.
Der Vorstand kann auch männliche Ehrenmitglieder beiziehen; sie haben beratende Stimme.
Der Vorstand bildet mit zehn auswärtigen Mitgliedern einen weiteren Ausschuß, der in wichtigen Fragen zusammenberufen wird und sich andere Mitglieder kooptieren kann.
Der Vorstand und Ausschuß werden jedes Jahr neu gewählt.
§ 6. Womöglich tritt jedes Jahr ein vom Vororte einberufener Frauentag zusammen; der Sitz desselben wechselt jährlich.
Die Lokalvereine sind gehalten, zu dem Frauentag Vertreter zu schicken.
Doch steht die Teilnahme jedem einzelnen Mitgliede des Allgemeinen deutschen Frauenvereins frei.
§ 7. Eine Revision der Statuten kann, wenn sie wünschenswert erscheint, an jedem Frauentage vorgenommen werden, jedoch sind zu jeder Änderung 3/4 der Stimmen der Anwesenden erforderlich."
4. Konservatike Kritik am Frauenaktivismus (Quelle)
Kurzbeschreibung
In diesem Auszug aus seinem Werk Die Familie (1852) übt Wilhelm Heinrich Riehl (1823–1897) scharfe Kritik an „emanzipierten“ Frauen und jeglicher Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben. Unter Hinweis auf die natürlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern fordert er die Frauen auf, neuen Stolz auf ihren „ächten Stand“ als Gattinnen und Hausfrauen zu entwickeln anstatt Frauenvereine zu gründen.
Quelle
[…]
Auch in Deutschland traten Frauen auf und machten Profession aus der Lehre der Entfesselung weiblicher Art und Sitte. Wir sehen nicht bloß in Paris, sondern auch in norddeutschen Städten, namentlich in den Jahren 1842–1848, Damen in Männerrock und Hosen, mit Sporen und Reitpeitsche, die wogende Feder auf dem Hut, die brennende Cigarre im Mund durch die Straßen stolziren und in den Bierkneipen zechen. Wir sehen Luise Aston – vor andern der „öffentliche Charakter“ unter dieser Gruppe – ausgewiesen, eine „Märtyrerin“. Sie wird wegen Preßvergehen angeklagt, weil ihre „wilden Rosen“ als zu stacheligt erschienen waren, und steht mannhaft dem Berliner Polizeipräsidenten, Herrn von Puttkammer, Rede, und entwickelt ihm in großer Geläufigkeit ihre politischen, religiösen und socialen Ansichten, nicht ohne einige theoretische Excurse über die Ehe und die Freigebung der Naturrechte der Frauen. Nachgehends wird sie wieder ein Weib und geht mit in den schleswig-holsteinischen Feldzug, um in den Spitälern zu helfen und die verwundeten Krieger zu pflegen. Und diese vielbesprochene Dame war nicht etwa ein tolles Mädchen oder eine alte Jungfer, sondern eine, wenn auch geschiedene Gattin, eine Mutter. Die Ehe wirkt sonst am tiefsten dahin, das Weib weiblich zu bewahren. Die Ueberweiblichkeit aber begreift den Ernst der Ehe nicht mehr; wie in ihr das Geschlecht schrankenlos in seiner Eigenart sich gehen läßt, so auch das Individuum. Da bleibt kein Raum mehr zur Opferwilligkeit für die große Idee der Familie und des Hauses. Jene emancipirte Frau war die Tochter eines deutschen Landpfarrers, in der Einsamkeit des Dorfes erzogen, von früh auf nur ein schwärmerisches Gemüthsleben führend, dann einem reichen, nüchternen englischen Maschinenfabrikanten angetraut, aus ihrer Einsamkeit plötzlich in die fremde große Welt gestoßen. Da waren alle Vorbedingungen zur Ueberweiblichkeit gegeben.
Wenn Tausende von Männern gegenwärtig aus dem socialen Geleise kommen, weil sie, in zärtlichster Besorgniß um sich selbst, die „rechte Existenz“ und den „rechten Beruf“ verfehlt zu haben wähnen: dann werden Tausende von Frauen irre an der natürlichen Stellung des Weibes, weil sie, bei gleicher Selbstverhätschelung in den falschen Ehebund getreten zu seyn glauben. Gerade für den Ernst der Ehe sind wir im Durchschnitt viel zu sentimental gegenüber unserm werthen Ich, zu zärtlich gegen uns selbst. Das wirkt die Ueberweiblichkeit, die auch Männer weibisch macht. Vordem war man fatalistischer, oder, wenn man will, gottergebener, biß die Zähne zusammen und hielt den einmal erwählten Beruf, die einmal geschlossene Ehe als eine in Gottes Rathschluß vollendete Thatsache fest, und so gab es gar keine communistischen Männer und nur wenige emancipirte Frauen. Das ist ja eben das eigentliche Salz der Ehe, daß man, wenn man einmal Ja gesagt hat, nicht wieder Nein sagen kann.
In solchen Erscheinungen wie Luise Aston sehen wir die Frucht unserer ungesunden literarischen Entwickelungen. Aus Ueberweiblichkeit copirt die Dame die Männer, zeigt aber auch zugleich den Männern, wie weibisch sie geworden sind. Die Frau besitzt einen ungleich mächtigeren Nachahmungstrieb als der Mann. Er muß ihr zum Theil die mindere Schöpfungskraft ersetzen. Die Gier, mit welcher so viele literarische Damen gerade der blasirtesten, zerrissensten, innerlich faulsten Poesie der Zeit nachahmend sich zuwenden, gemahnt mich an die russischen Poeten und Künstler, die auch nur solche Schöpfungen des abendländischen Europa, welche tüchtig von der Verderbniß veräußerlichter Cultur angefressen sind, nachzuahmen pflegen.
Es ist sehr verführerisch, hier eine Parallele zwischen den Slaven und den Frauen zu ziehen. Die Slaven sind ein gemüthliches, häusliches, in der Selbstbeschränkung zufriedenes Volk, ganz nach guter Frauen Art, singen gern und gut und tanzen noch besser, halten fest an väterlicher Sitte und haben viel passive Tapferkeit, wie das alles auch bei guten Frauen seyn soll. Aber es fehlt ihnen der erfinderische und künstlerisch selbstschöpferische Geist. Dafür sind sie wunderbare Virtuosen in der Nachahmung; gerade wie die Frauen. Wenn sie – die Slaven – aber einmal beginnen, fremde Art nachzuahmen, dann werden sie wahrhaft zügellos in der Aufnahme des Ausländischen, vor dem sie sonst spröde sich abschließen. Also: national und conservativ in den Sitten, im ruhenden Seyn und Wesen; fessellos dem Fremden hingegeben in der Productivität. Das ist auch Frauen-Art, und bei diesem Geschlecht so wenig ein innerer Widerspruch wie bei jenem Volk.
Aber nicht bloß bei den sogenannten emancipirten Damen, auch bei Frauen ganz entgegengesetzter Art bricht die Ueberweiblichkeit hervor und steckt uns mit ihrem marklosen Wesen an. Als im vorigen Jahrhundert der Pietismus von einem deutschen Schloß und Herrenhause zum andern zog, waren es vorzugsweise die Gräfinnen und Baronessen, welche die neue weiche, schwärmerische Gemüthsstimmung hegten, dieselbe dann noch weicher und kranker auf die Männer wieder zurück leiteten, den Pfarrer spielten, als seyen sie ordinirt und nach Außen auf‘s trefflichste Propaganda machten für ihre Partei. Das war auch Ueberweiblichkeit, die in‘s Männliche umschlug und unter deren Einfluß die ganze Sache verdarb.
Viele unserer heutigen milden und frommen Frauenvereine zur Heilung von allen möglichen sittlichen und socialen Schäden trifft derselbe Vorwurf. Der rechte Frauenverein ist das Haus. Wenn eine wohlhabende Frau einsam steht, dann soll sie sich vorerst umschauen, ob in ihrer Sippe keine Familie ist, bei der sie als „alte Tante“ einziehen kann und mitarbeiten am Hause. Es ist dieß immer noch ein stolzerer und weiblicherer Wirkungskreis denn Präsidentin mehrerer Frauenvereine zu seyn. Kann sie nicht alte Tante werden, dann gibt es vielleicht ein Kloster, wo sie arme Kinder erziehen und als in einem großen Hause mit den andern Nonnen zusammenleben und wirken kann. Schickt es sich aber auch mit dem Kloster nicht, dann möge sie in Gottes Namen Frauenvereine gründen und leiten. Ich weiß recht wohl, wie viel Frauenmilde, Frauenbarmherzigkeit, Frauenaufopferung in solchen Vereinen als in einem köstlichen Gefäß geborgen liegt. Ich weiß aber auch, daß gar oft das überweibliche Gelüsten die Männer nachzuahmen dahinter spuckt und daß die großartigsten Gedanken umfassender Association zur Hülfe in unsern socialen Nöthen häufig travestirt werden in diesem weiblichen Vereinswesen und dadurch unmöglich gemacht. Es gibt auch viele Frauen, die dadurch ihrem Hause ohne Gewissensbisse zu entschlüpfen wähnen, daß sie in einen milden, frommen Verein gehen. Aber ihr Gewissen wird eines Tages wach werden und wird ihnen sagen, daß eine Frau nicht gerecht werden kann vor dem Herrn, wenn sie nicht vorher gerecht worden ist vor ihrem Hause. Es ist am Ende bloß ein kleiner Unterschied, durch Erziehung und Lebensgewohnheit bedingt, ob man sich dem Hause entzieht, indem man im Verein sich mit Plänen zur Aufhülfe der nothleidenden Klassen unterhält oder im Literatenklubb über Freiheit und Gleichheit räsonnirt.
Ein merkwürdiges Zeugniß, wie ganz und gar der Begriff von dem Ernst und der Würde des Eheberufs in der zimperlichen Ueberweiblichkeit untergegangen ist, liegt darin, daß sich feine Damen am meisten geschmeichelt fühlen, wenn sie Einer gar nicht für Hausfrauen oder Mütter hält. Es ist hier bei dem weiblichen Berufe ganz dieselbe Erscheinung, wie wenn der Schneider sich schämt, ein Schneider zu heißen – ächtes sociales Philisterthum! Wo ist doch der Stolz der Frauen hingekommen auf den Ehestand als den „ächten Stand“, auf den Segen einer zahlreichen Familie und Verwandtschaft, auf das Haus mit allem was dazugehört, auf die selbstgesponnene Leinwand, auf deren Menge die Frauen vordem so ehrgeizig erpicht waren, wie der Bauer auf den größten Misthaufen. Denn beides war das sicherste Wahrzeichen glänzender Wirthschaft.
[…]
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Prof. Dr. Susanne Schötz (2024): Die Anfänge und Entwicklung der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert , in: Digitales Deutsches Frauenarchiv URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/die-anfaenge-und-entwicklung-der-frauenbewegung-im-19-jahrhundert, zuletzt besucht am: 27.05.2025.
-> https://www.youtube.com/watch?v=vCHVlxqfGv8, zuletzt geprüft am 27.05.2025.
-> Albrecht, Kai-Britt: Die Deutsche Frauenbewegung, in: LeMO Zeitstrahl (Lebendiges Museum Online), online verfügbar seit 14.09.2024 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/frauen, zuletzt geprüft am 15.07.2026.
-> Erste feministische Bestrebungen: Statuten des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (1865), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/vom-vormaerz-bis-zur-preussischen-vorherrschaft-1815-1866/ghdi:document-450> [06.06.2026], zuletzt geprüft am 17.09.2026.
-> Konservative Kritik am Frauenaktivismus (1852), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/vom-vormaerz-bis-zur-preussischen-vorherrschaft-1815-1866/ghdi:document-447> [06.06.2026], zuletzt geprüft am 17.09.2026.
Sekundärliteratur
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Die Arbeiterbewegung
Inhaltsverzeichnis
- Die Arbeiterbewegung
- Rebell im Rheinland. Ferdinand Lassalle, die Revolution 1848/1849 und die Arbeiterbewegung
1. Die Arbeiterbewegung
Für den 1847 in London entstandenen "Bund der Kommunisten" stellten Karl Marx und Friedrich Engels mit dem "Kommunistischen Manifest" von 1848 das erste Grundsatzprogramm der Arbeiterbewegung auf: Sie forderten den Klassenkampf des internationalen Proletariats als Mittel zur Überwindung des Kapitalismus. Das Manifest endet mit den Worten: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Diese Losung verdeutlicht das transnationale Leitbild der europäischen Arbeiterbewegung im beginnenden industriellen Zeitalter, eine bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 von den meisten führenden Sozialdemokraten und Sozialisten ernsthaft verfolgte Wunschvorstellung.
Am Anfang der organisierten Arbeiterbewegung standen zumeist Arbeiterbildungsvereine, die Bildungsarbeit mit kulturellen Angeboten und politischen Zielen verbanden. In Deutschland war es maßgeblich Ferdinand Lassalle, der immer wieder demokratische und sozialökonomische Reformen zum Wohl der Arbeiterklasse forderte, die sich mehrheitlich aus lohnabhängigen und zumeist ungelernten Arbeitern, Tagelöhnern und verarmten Handwerkern zusammensetzte. Lassalle gründete als ersten zentralen Verein 1863 in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV), der von dem Grundsatz ausging, dass die Durchsetzung des gleichen und allgemeinen Wahlrechts eine parlamentarische Vertretung der sozialen Interessen der Arbeiter und die Beseitigung der Klassengegensätze ermöglichen würde. Demgegenüber vertrat die 1869 unter Führung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei strenger an Marx orientierte revolutionäre Grundsätze.
Die darstellende Kunst bildete mit Gemälden wie "Der Sozialist" eine Bühne zur Formung des Selbstverständnisses der sozialdemokratischen Bewegung nach der Reichseinigung 1871. Neben dem Leipziger "Vorwärts" und dem "Hamburg-Altonaer Volksblatt" gehörte die ab 1876 erscheinende "Berliner freie Presse" zu den drei großen sozialdemokratischen Tageszeitungen im Deutschen Reich. Ihr Titelmotto "Freiheit, Gerechtigkeit" stand allerdings in krassem Widerspruch zur Lebenswirklichkeit politisch engagierter Arbeiter: Hausdurchsuchungen, Verbote, Beschlagnahmungen und Verhaftungen waren auch schon vor Erlass des Sozialistengesetzes 1878 an der Tagesordnung. Sie steigerten die Unzufriedenheit und den Hass vieler Arbeiter und anderer Menschen auf den konservativen Staat und seine Gesellschaftsordnung.
Unter dem Eindruck gemeinsamer politischer Verfolgung durch Reichskanzler Otto von Bismarck hatten sich der ADAV und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei 1875 in Gotha trotz programmatischer Differenzen zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) zusammengeschlossen. Aufgrund des Sozialistengesetzes wurde die SAP 1878 verboten, gründete sich aber nach dessen Aufhebung 1890 als Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) neu. Noch immer bestand ein deutlicher Widerspruch zwischen den bei vielen Arbeitern auf Sympathie stoßenden revolutionären Theorien von Marx und den realen Möglichkeiten ihrer Umsetzung. Innerhalb der SPD-Führung setzte sich in den 1890er Jahren die Überzeugung durch, eine "revolutionäre, nicht aber Revolutionen machende Partei" zu sein.
Innerhalb der Arbeiterschaft sah sich die SPD einem starken Gegner in Gestalt der christlichen Gewerkschaften gegenüber. Viele Arbeiter fühlten sich von sozialistischen Ideen angezogen und hatten sich von der Kirche abgewandt. Die Kirchen unternahmen daher Anstrengungen, diesen Tendenzen entgegenzuwirken: Mit Wanderarbeiterstätten, Arbeiterkolonien und karitativer Unterstützung versuchten sie, Arbeiter an sich zu binden. Sozialpolitische Aktivitäten ließen den deutschen Katholizismus nach der Sozialdemokratie zur zweiten großen Kraft innerhalb der Arbeiterbewegung werden. Die ab 1894 gegründeten christlichen Gewerkschaften besaßen annähernd 350.000 Mitglieder. Ihre Hochburgen lagen in den Industriezentren an Rhein, Ruhr und Saar sowie in Schlesien. Aufgrund der starken konfessionellen Bindungen an die Katholische Kirche waren viele dort ansässige Arbeiter auch Mitglied in einem der christlichen Arbeitervereine.
Die Forderungen der Arbeiterbewegung galten vor allem sozialen Maßnahmen, denen häufig auch durch Streiks Nachdruck verliehen wurden. Gegenüber Krankheit, Unfall oder Arbeitslosigkeit waren Arbeiter nicht abgesichert. Sie raubten den Menschen ihre Existenzgrundlage und konnten Familien schnell in den Ruin treiben. Als die Forderungen nach Schutz vor dem Abstieg in die Armut immer lauter wurden, reagierte Bismarck ab 1883 mit der Einführung von Sozialgesetzen. Bismarck hatte erkannt, dass die unübersehbare soziale Not in Deutschland ein staatliches Eingreifen erforderte. Zugleich wollte er mit der Sozialgesetzgebung die Arbeiter der Sozialdemokratie entfremden und an den Staat binden. Ein Hauptziel der Arbeiterschaft war die Einführung des Achtstundentags. Diese Forderung wurde allerdings erst im Zuge der Revolution von 1918/19 verwirklicht.
2. Rebell im Rheinland. Ferdinand Lassalle, die Revolution 1848/1849 und die Arbeiterbewegung
1. Einleitung
An drei bedeutende Gedenktage erinnert dieser Beitrag: 165 Jahre sind seit der Revolution von 1848/1849 mit dem Rheinland als einem der Zentren vergangen, vor 150 Jahren, am 23.5.1863, wurde in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) gegründet, ein Vorläufer der SPD. Für beide Daten steht prominent Ferdinand Lassalle, der als Anwalt und politischer Agitator während der 48er Revolution maßgeblich im Rheinland gewirkt und den ADAV mitgegründet hat.[1] Sein Todestag jährt sich am 31.8.2014 zum 150. Mal.
Lassalle setzte sich für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen ein: Als mitreißender Redner im Gerichtssaal und auf den Straßen von Barmen (heute Stadt Wuppertal), Duisburg, Köln, Neuss, Ronsdorf (heute Stadt Wuppertal), Solingen, Wermelskirchen, als einer der Führer des Barrikadenbaus in Düsseldorf sowie als führendes Mitglied des Düsseldorfer Volksklubs. Er hatte sich in jungen Jahren die Anerkennung Heinrich Heines erworben, stand in engem Kontakt mit Karl Marx, und selbst Bismarck (1815-1898) zollte ihm Respekt. Sein politisches Engagement brachte ihm mehrfach Haftzeiten ein, zuletzt eine Anklage wegen Hochverrats. Zu dieser Zeit war er bereits der erste Präsident des ADAV. Sein bewegtes Leben endete in einem Duell.
Dass ausgerechnet der Spross einer gut situierten jüdischen Kaufmannsfamilie zu einem Protagonisten der Revolution am Rhein und der Arbeiterbewegung in Deutschland wurde, ist bezeichnend. Denn nicht von ungefähr ist die 48er Revolution als „bürgerlich“ und die Frankfurter Nationalversammlung als „Akademikerparlament“ charakterisiert worden.[2] Vor diesem Hintergrund fällt Lassalles biographisches Profil weniger aus dem Rahmen, als man es bei einem bürgerlich-akademischen Führer der Arbeiterbewegung erwarten würde.
2. Ferdinand Lassalle: Herkunft, Ausbildung, Einflüsse
Lassalle, mit blauen Augen, blonden krausen Haaren, schlank und möglicherweise kurzsichtig, kam aus betuchtem Hause: Sein Vater Heyman Lassal (1791-1862) war ein wohlhabender Seidenhändler und Stadtrat in Breslau, seine Mutter Rosalie Heitzfeld (1797-1870) stammte aus einer Händlerfamilie. Der am 11.4.1825 in Breslau geborene Sohn Ferdinand folgte nicht der Familientradition, sondern brach den Besuch der Handelsschule ab und eignete sich selbst philosophische Kenntnisse an, die er 1843 bis 1846 im Studium in Breslau und Berlin vertiefte. Früh interessierte er sich für politische und soziale Fragen. Seine Ideen reichten von einer Reform des Judentums, um dessen gesellschaftliche Sonderstellung zu beenden, bis hin zur Demokratisierung der Gesamtgesellschaft. Er selbst maß der Religion offenbar keine übermäßige Bedeutung bei.[3]
Eine Reise nach Paris 1845/1846 brachte ihn mit Heinrich Heine zusammen, der ihm „größten Scharfsinn“[4] bescheinigte, sowie mit Georg Herwegh (1817-1875), dem späteren Führer der 48er Revolution in Baden. Diese Begegnungen bereiteten den Weg für Lassalles politische Aktivitäten. Aus Bewunderung für den französischen Revolutionsgeneral Antoine La Salle (1775-1809) änderte Ferdinand zudem seinen Nachnamen 1846 in Lassalle. Während er Heine bei einer Erbschaftsauseinandersetzung unterstützte, entdeckte Lassalle die Rechtsmaterie als Mittel des gesellschaftlich-politischen Kampfes – eines Kampfes, der ihn 1848/1849 wechselweise auf die Barrikaden und ins Gefängnis führte.
3. Lassalle im revolutionären Rheinland
Zunächst führte ihn das Interesse am Recht im Sommer 1846 nach Düsseldorf, wo er in einer acht Jahre dauernden Serie von Prozessen die Gräfin Sophie von Hatzfeldt vertrat. Das Private nahm in der revolutionären Atmosphäre rasch politische Züge an. Dazu trug Lassalle maßgeblich bei. Im Scheidungsprozess gegen Sophies Mann Edmund (1796-1874) erkannte Lassalle eine Gelegenheit, sich – wie er im nachhinein pathetisch schrieb – als junger, machtloser Jude […] gegen die Macht des Ranges und der ganzen Aristokratie, gegen die Macht eines unbegrenzten Reichtums, gegen die Regierung, […] gegen alle nur möglichen Vorurteile[5] zu engagieren.
Die Aufsehen erregenden Prozesse nutzte Lassalle als Bühne für politische Auftritte. Mit der für ihn typischen Selbstgewissheit berichtete er später, wie er es als juristischer Laie geschafft habe, der Gräfin zum Sieg zu verhelfen: Indem ich die Prozesse führte, wurde ich selbst Jurist; […] und nach zwei Jahren [...] übertraf ich sie alle.[6] Andererseits trugen ihm die Prozesse nicht ganz von der Hand zu weisende Beschuldigungen wegen illegaler Praktiken bei der Beweismittelbeschaffung ein. Er wurde vor dem königlichen Assisenhof in Köln als intellektueller Urheber eines Diebstahls angeklagt und verbrachte die erste Jahreshälfte 1848 in Untersuchungshaft. So konnte er nicht an der Märzrevolution teilnehmen.
Mit einer eloquenten Verteidigungsrede gelang es ihm schließlich, die Geschworenen zu überzeugen und im August 1848 seine Freilassung zu erreichen. Aus der zeitlichen Distanz beurteilte er diesen gewonnenen Prozess als Meilenstein für seine politische Karriere: Seit diesem Tag erkannte mich die demokratische Partei in der Rheinprovinz als einen ihrer Hauptführer an.[7] Ganz unrecht hatte er damit nicht, wurde ihm doch am 31. August der Vorsitz des Düsseldorfer Volksklubs angetragen.[8] Er lehnte ihn jedoch ab, um sich dem Gebiet widmen zu können, auf dem er seine größte Begabung sah: der Rede vor Publikum. So trat er am 9. September in Neuss bei einer öffentlichen Versammlung vor rund 6.000 Menschen, angeführt von etwa 200 Mitgliedern des Volksklubs und des demokratischen Vereins, gegen die preußische Regierung auf.[9]
Als sich im Herbst 1848 die Fronten verhärteten und die revolutionäre Bewegung sich weiter radikalisierte, spiegelte sich dies auch im nördlichen Rheinland und in Lassalles Engagement wider. Im November unterstützte er, einem Vorschlag seines Freundes Karl Marx folgend, in Düsseldorf einen Aufruf an alle Steuerpflichtigen zur Verweigerung der Steuerzahlungen.[10] Diese Protestform sollte der Regierung die finanzielle Basis entziehen. Und Lassalle ging noch weiter: Am 21. November rief er auf einer Volksversammlung in Neuss zum bewaffneten Kampf gegen die drohende Belagerung auf.[11] Daraufhin wurde er erneut verhaftet und musste sich vor dem Landgericht Düsseldorf verantworten. Es gelang ihm auch diesmal zunächst, sich erfolgreich zu verteidigen. Er wurde am 6.5.1849 von der Anklage zum Gewaltaufruf freigesprochen, dann aber wegen Beleidigung des Generalprokurators (Staatsanwalts) in Haft genommen und am 5. Juli des Jahres zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt.[12]
Auch nach dem Scheitern der Revolution blieb Lassalle seinen revolutionären Idealen und der Arbeiterbewegung verbunden, und damit auch im Visier der Obrigkeit. Ein Denunziant berichtete der Düsseldorfer Polizei von den politischen Äußerungen während Lassalles Geburtstagsfeier im April 1853, bei der auch Arbeiter zugegen waren: Die ganze Unterhaltung drehte sich lediglich um Politik in der krassesten Bedeutung, um Mordbrennerei und Totschlägerei, namentlich der besitzenden und regierenden Klasse, und es fand eine lebhafte Debatte darüber statt, ob es recht sei die Fürsten zu massakrieren? Dies wurde aber als recht anerkannt […].[13]
Nach dem Ende der Prozesse um Sophie von Hatzfeldt zog es Lassalle nach Berlin. Als sein Aufenthaltsverbot 1857 aufgehoben wurde, übersiedelte er mit Sophie, die seine politischen Aktivitäten nach Kräften unterstützte, dorthin. Ob die Beziehung je über eine Arbeits- und platonische Freundschaft hinausging, ist nicht geklärt; für die politische Geschichte ist dies ohnehin von untergeordneter Bedeutung. Es folgten einige Auslandsreisen in die Schweiz und nach Italien, wo sich Lassalle von Giuseppe Garibaldi (1807-1892), dem Kämpfer für die nationale Einigung, inspirieren ließ. Lassalles Unterstützung für die Idee, dass Preußen eine starke Stellung innerhalb eines gesamtdeutschen Staates einnehmen solle, wird dieser Begegnung mit dem italienischen Revolutionär zugeschrieben. Zurück in Berlin trat Lassalle mit einem Programm auf, das eine Arbeiterpartei als politische Interessenvertretung vorsah. Sein Eintreten für eine sozialistische Gesellschaft durch Evolution statt Revolution bewirkte zweierlei: die Abwendung der Marxisten von ihm und das Angebot aus Leipzig, einen noch zu gründenden deutschen Arbeiterverein zu leiten. Lassalle stellte in seiner Antwort auf dieses Angebot seine Ziele vor: das allgemeine und gleiche Wahlrecht sowie die Bildung von Produktionsgenossenschaften. Am 23.5.1863 erfolgte dann in Leipzig die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins und die Wahl Lassalles zu dessen erstem Präsidenten.
In dieser Funktion reiste Lassalle noch einmal zur Agitation ins Rheinland. Als die Polizei eine Versammlung von etwa 5.000 Arbeitern in Solingen auflöste, protestierte Lassalle in einem Telegramm an Bismarck.[14] Tatsächlich hatte es schon zuvor Kontakte zwischen beiden Politikern gegeben, trotz ihrer konträren Standpunkte: Bismarck hatte am 11.5.1863 Lassalles Expertenmeinung zur Arbeiterfrage angefragt.[15] Die beiden trafen sich seit September 1863 mehrfach im geheimen, um Möglichkeiten der Einflussnahme aufeinander auszuloten, doch ohne nachhaltige Folgen. Jahre nach Lassalles Tod, 1878, äußerte sich Bismarck im Reichstag lobend über Lassalles Intellekt und die langen interessanten Gespräche.[16]
4. Tod und Nachleben
Bereits ein Jahr nach der Gründung des ADAV starb Lassalle am 31.8.1864 an den Folgen eines Duells. Dieser ungewöhnliche Tod für einen Revolutionär und Arbeiterführer zeigte deutlich, wie sehr er bürgerlichen Werten verhaftet geblieben war. Er selbst hatte das Duell als überkommenes Ritual bezeichnet und sah sich darin von Marx bestätigt. Anlass für die tödliche Auseinandersetzung war ein Streit um eine Frau, nicht etwa die langjährige Freundin Sophie von Hatzfeldt, sondern Helene von Dönniges (1843-1911), die Tochter eines bayerischen Diplomaten. Lassalle wurde auf dem jüdischen Friedhof seiner Geburtsstadt Breslau beigesetzt. Der Leichenzug schlug im Rheinland noch einmal hohe Wogen.
Um das politische Erbe bemühte sich unter anderem Sophie von Hatzfeldt; sie erlangte jedoch keinen entscheidenden Einfluss. Der von Lassalle geführte Arbeiterverein schloss sich 1875 mit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammen, die sich 1890 in Sozialdemokratische Partei Deutschlands umbenannte.
Lassalle blieb mit seinen vielfältigen Begabungen und Aktivitäten in der Wahrnehmung der Nachwelt wohl am ehesten so in Erinnerung wie er sich 1860 selbst beschrieb, als Mann der Politik.[17]
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Rogasch, Wilfried; Scriba, Arnulf: Die Arbeiterbewegung, in: Lebendiges Museum Online (lemo), online verfügbar seit 25.08.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/arbeiterbewegung, zuletzt geprüft am 12.05.2026.
-> Boden, Ragna, Rebell im Rheinland. Ferdinand Lassalle, die Revolution 1848/1849 und die Arbeiterbewegung, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/rebell-im-rheinland.-ferdinand-lassalle-die-revolution-18481849-und-die-arbeiterbewegung/DE-2086/lido/57d12cf49c8909.43544228 (abgerufen am 03.09.2026)
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Sekundärliteratur
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Konservatismus und politischer Katholizismus
Entstehung des Parteiensystems
Reaktionsära
Norddeutscher Bund
Doppelmonarchie Österreich-Ungarn
Kriege und Konflikte
Deutsch-Dänischer Krieg 1864
Deutscher Krieg 1866
Inhaltsverzeichnis
- Die Schlacht bei Königgrätz 1866
- Der Deutsche Krieg 1866
- Der Prager Frieden 1866
1. Die Schlacht bei Königgrätz 1866
Vor mehr als 150 Jahren, am 3. Juli 1866, besiegten preußische Truppen die Armeen Österreichs und Sachsens in der Schlacht bei Königgrätz im damaligen böhmischen Teil Österreichs (heute Hradec Králové, Tschechien). Diese militärische Entscheidung bedeutete nicht nur den Sieg Preußens über Österreich, sie machte in den weiteren Auseinandersetzungen des „Bruderkrieges“ Preußen zur Führungsmacht unter den deutschen Territorialmächten und kann mittelbar als Wegbereiter für die deutsche Reichsgründung von 1871 angesehen werden. Die Schlacht bei Königgrätz stellt somit einen Schlüsselmoment der deutschen Geschichte dar.
Dieser Krieg stand zusammen mit dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 und dem Deutsch- Französischen Krieg von 1870/71 unter den Vorzeichen der vom preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck aggressiv betriebenen Bündnis- und Außenpolitik. Bereits mit der Kapitulation der hannoverschen Truppen gegenüber den Preußen nach der Schlacht von Langensalza (27. Juni 1866) wurde das eng mit dem englischen Königshaus verbundene Königreich Hannover als politischer Gegner Preußens ausgeschaltet. Mit dem darauf folgenden Sieg gegen die Österreicher und Sachsen bei Königgrätz konnte Preußen sich erfolgreich gegen seine bis dahin stärksten Konkurrenten behaupten. Die endgültige Durchsetzung der preußischen Führungsmacht gelang indes erst in den weiteren Kämpfen des „Bruderkrieges“ gegen die deutschen Bundestruppen, so etwa in der Schlacht bei Kissingen am 10. Juli 1866. Die Schlacht bei Königgrätz wird zu Recht als „Zeitenwende“ (Frank Becker) beschrieben, die letztlich an der Innovationsfähigkeit des preußischen Militärs festgemacht werden kann. Im Fokus steht das Modernitätsstreben der preußischen Armee – und das Fehlen desselben auf österreichischer Seite. Die preußische Armee wurde durch technische, strategisch-taktische, organisationelle wie politische Neuerungen zur modernsten Streitkraft ihrer Zeit. Hierzu zählen die allgemeine Wehrpflicht, die Etablierung des Generalstabs, die Aufrüstung der Heeresreformen, die Einführung der Auftragstaktik, die Nutzung von Telegrafentechnik und der Eisenbahn sowie die beständige Weiterentwicklung der Waffentechnik (Zündnadelgewehr). Diese Entwicklungen werden durch das Österreichische Heer kontrastiert, das, bedingt durch Sparmaßnahmen der Regierung, schlecht ausgerüstet und, vor allem im Bereich der Unteroffiziere, personell schlecht ausgestattet war, was zu einer Überlastung der Stäbe führte. Während in Preußen mit Bismarck und Moltke zwei Vertreter des niederen Adels in führenden Positionen zu großer Macht kamen, wurde dem österreichischen Oberbefehlshaber Benedek, ebenfalls niederen Adels, die Durchsetzung seiner Autorität durch das konservativ-ständische Offizierskorps erheblich erschwert. Insubordination ließ den taktischen Plan Benedeks nicht aufgehen und trug entscheidend zur österreichischen Niederlage bei.
Königgrätz war die quantitativ größte Schlacht der Menschheitsgeschichte vor dem Ersten Weltkrieg, gemessen an der Zahl der unmittelbar involvierten Individuen (Kombattanten). Gleichzeitig handelte es sich um eine der letzten Großschlachten, in denen es zum kriegsentscheidenden Einsatz der Kavallerie alten Types kam.
Das Thema bietet in vielfacher Hinsicht die Möglichkeit einer weiterführenden Differenzierung traditioneller und neuerer Perspektiven: Lange Zeit berief sich die wissenschaftliche Forschung auf den Einfluss technischer Neuerungen, wie das Zündnadelgewehr oder die Telegraphentechnik, und logistischer Revolutionen, wie die hauptsächliche Nutzung der Eisenbahn für die Truppenverlegungen. Diese hätten entscheidend zur Einführung der Auftragstaktik beigetragen und seien der Grundstein des preußischen Sieges gewesen. Die schlachtentscheidende Bedeutung des Zündnadelgewehrs wird in der modernen Forschung vermehrt in Frage gestellt. Das Gewehr bestach durch eine enorm hohe Schusskadenz und konnte im Liegen nachgeladen werden, war letztlich aber sehr wetteranfällig und nur mit speziellem Werkzeug zu warten. Ähnlich verhält es sich mit der Tragweite des Eisenbahneinsatzes durch Helmuth von Moltke d.Ä. als Haupttransportmittel für Truppen, militärisches Gerät und Nachschub, das mittlerweile eher als Risikounternehmen denn als genialische Planungsleistung eingeschätzt wird. Zur Entscheidung der Schlacht wird grundsätzlich diskutiert, inwiefern rein militärische Entwicklungen oder die politische Einflussnahme der österreichischen Regierung für einen Ausgang der Schlacht zugunsten Preußens ursächlich waren. Der Deutsche Krieg und die Schlacht von Königgrätz zeigen nicht nur einen Wandel in den militärischen Strukturen sondern beleuchten auch eine Veränderung in der öffentlichen Wahrnehmung. Durch die oben beschriebene Durchmischung des preußischen Heeres treten nun erstmals auch Schriftquellen auf, die nicht von kommandierenden Adligen verfasst wurden. Die „Medienrevolution“ des 19. Jahrhunderts entfaltete in diesem Zeitraum ihre Wirkung. Korrespondenten folgten den Heeren in die Schlacht und konnten bereits wenige Tage später detaillierte Berichte publizieren – vornehmlich über das neue Massenmedium der Zeitung.
2. Der Deutsche Krieg 1866
Im Deutschen Bund herrschte ein labiles Gleichgewicht zwischen den sich gegenseitig misstrauenden Rivalen Preußen und Österreich. Ihr gemeinsam erfochtener Sieg im Deutsch-Dänischen-Krieg 1864 überdeckte den jahrzehntelangen Dualismus nur oberflächlich. Im Frühjahr 1866 spitzte sich der preußisch-österreichische Gegensatz zu. Beiderseitige Rüstungsanstrengungen und Geheimverträge mit europäischen Staaten hatten die Spannungen verstärkt, die schließlich wegen des Verwaltungskonflikts um Holstein und Schleswig eskalierten. Österreich wollte die endgültige Regelung der schleswig-holsteinischen Frage dem Bundestag in Frankfurt überlassen, der von beiden Seiten immer öfter zum öffentlichen Austragungsort ihrer machtpolitischen Gegensätze geworden war.
Da Preußen Gefahr lief, von Österreich und antipreußisch eingestellten Staaten in die Defensive gedrängt zu werden, warf der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck Österreich den Bruch der 1865 unterzeichneten "Gasteiner Konvention" vor. Sie hatte Schleswig preußischer und Holstein österreichischer Verwaltung unterstellt. Am 7. Juni 1866 marschierten preußische Truppen in Holstein ein, das von Österreich zuvor kampflos geräumt worden war. Daraufhin stimmten die größeren deutschen Staaten im Bundestag dem Antrag Wiens auf Mobilisierung eines Bundesheers zu. Preußen wiederum deklarierte dies als unzulässige Kriegserklärung und trat aus dem Deutschen Bund aus, den es für erloschen erklärte.
Die Armeen aus Österreich, Bayern, Württemberg, Hannover, Sachsen, Baden, Kurhessen, Hessen-Darmstadt, Nassau, Sachsen-Meiningen, Liechtenstein, Reuß ältere Linie sowie Frankfurt bildeten die offiziell vom Deutschen Bund aufgestellten Koalitionstruppen. Preußen erhielt Unterstützung von Oldenburg, beiden Mecklenburgs, Braunschweig, den mittel- und norddeutschen Kleinstaaten, den Städten Hamburg, Bremen und Lübeck sowie vom 1861 neu gegründeten Königreich Italien, mit dem Preußen am 8. April 1866 ein gegen Österreich gerichtetes Bündnis eingegangen war.
Georg Bleibtreu: Merseburger Husaren im Angriff bei der Schlacht von Königgrätz 1866
Weder Preußen noch Österreich sprachen 1866 offiziell Kriegserklärungen aus. Stattdessen überreichten preußische Parlamentäre den Österreichern im Juni Notifikationen, aus denen hervorging, dass Preußen sich mit Österreich nun im Kriegszustand befinde. Entschieden wurde der Krieg nach nur wenigen Wochen in der Schlacht von Königgrätz am 3. Juli 1866. Im europäischen Ausland wurde der überraschend schnell errungene Sieg Preußens mit Misstrauen betrachtet. Nach diplomatischen Verhandlungen akzeptierte der selbst auf Ausdehnung seines Einflusses in Deutschland bestrebte französische Kaiser Napoleon III. zwar die Machtverschiebung zugunsten Preußens. Frankreich machte aber deutlich, dass die territorialen Einverleibungen nicht über die Mainlinie hinaus gehen dürften.
Der Friede von Prag vom 23. August 1866 hatte für Österreich ein vergleichsweise glimpfliches Ergebnis: Abgesehen von dem an Italien fallenden Venetien sicherte ihm der Vertrag zumindest territoriale Unversehrtheit zu. Ungleich härter traf es Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt, die ohne Rücksicht auf dynastische Gesichtspunkte von Preußen annektiert wurden. Damit schloss Preußen die letzte Lücke zu einem zusammenhängenden Staatsterritorium zwischen der Memel im Osten und dem Rhein im Westen. Zugleich war mit dem Prager Frieden das Ende des seit 1815 bestehenden Deutschen Bundes besiegelt und Österreich aus Deutschland herausgedrängt. Preußen besaß nun die uneingeschränkte Vormachtstellung und gründete den Norddeutschen Bund.
3. Der Prager Frieden 1866
Mit dem Prager Frieden vom 23. August 1866 endete der Deutsche Kriegzwischen Preußen und Österreich. Den zuvor von der preußischen Armee in der Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866 gegen Österreich errungenen triumphalen Sieg hatten die europäischen Nachbarn, insbesondere der französische Kaiser Napoleon III., mit Misstrauen zur Kenntnis genommen. In dem Wissen, dass er seine politischen Forderungen nur mit Rückendeckung der europäischen Vormacht Frankreich durchsetzen konnte, verständigte sich der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck am 14. Juli mit Napoleon III. über die zentralen Punkte eines Friedensvertrags mit Österreich.
Der Vertrag sah weitreichende Annexionen Preußens in Norddeutschland, die Auflösung des Deutschen Bundes und Gründung eines von Preußen geführten Norddeutschen Bundes, das Recht der süddeutschen Staaten, einen Südbund zu bilden, sowie den Anschluss Venetiens an Italien vor. Damit erreichte Bismarck die von ihm angestrebte Machterweiterung Preußens. Napoleon III. hingegen wertete die Dreiteilung des ehemaligen Deutschen Bundes und die Beschränkung der preußischen Ausdehnung bis zur Mainlinie als strategische Sicherung französischer Interessen.
Auf Grundlage dieser Verständigung mit Frankreich gelang es Bismarck, seine Ziele im Vorfrieden von Nikolsburg vom 26. Juli 1866 gegenüber Österreich durchzusetzen. Weit schwieriger gestaltete sich für den preußischen Ministerpräsidenten, das Einverständnis der eigenen Staatsführung zu den mit Frankreich abgestimmten Plänen zu erhalten. Unterstützt von hochrangigen Militärs befürwortete der preußische König Wilhelm I. nämlich eine deutliche Demütigung des besiegten Österreich durch umfangreiche Gebietsabtretungen. Zugleich widerstrebte es seiner dynastischen Denkweise, Mitfürsten zu entthronen und ihre Länder zu annektieren. Nur mit Hilfe von Rücktrittsdrohungen und nach der ausdrücklichen Fürsprache des Kronprinzen Friedrich erhielt Bismarck die Zustimmung des preußischen Königs. Im Prager Frieden bestätigten Preußen und Österreich schließlich die Ergebnisse des Vorfriedens von Nikolsburg.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Jütte, Christopher u.a.: Die Schlacht bei Königgrätz 1866, in: LeMO online verfügbar seit 15.02.2016, unter: https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/rueckblick-schlacht-bei-koeniggraetz, zuletzt geprüft am 02.08.2025.
-> Scriba, Arnulf: Der Deutsche Krieg, in: LeMO online verfügbar seit 06.09.2014, unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/reaktionszeit/deutscherbund/deutschekrieg, zuletzt geprüft am 26.04.2026.
-> Leicht, Johannes: Der Prager Frieden 1866, in: LeMO online verfügbar seit 14.09.2014, unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/reaktionszeit/deutscher-bund-und-nationale-frage/prager-frieden-1866, zuletzt geprüft am 26.04.2026.
Sekundärliteratur
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Deutsch-Französischer Krieg 1870/1871
Inhaltsverzeichnis
- Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71
- Das ''Reichsland'' Elsass-Lothringen
1. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71
Nach dem preußischen Sieg über Österreich 1866 betrachtete Frankreich die zunehmende Machtballung Preußens in Deutschland mit Sorge und bangte um seine Vormachtstellung auf dem europäischen Kontinent. Otto von Bismarck, der Kanzler des Norddeutschen Bundes, war überzeugt, dass sich ein militärischer Konflikt mit Frankreich auf Dauer nicht vermeiden lassen werde. Er sah in einem Krieg das geeignete Mittel, die nationale Einigung Deutschlands unter Führung Preußens durch "Eisen und Blut" zu vollenden. Da sich die süddeutschen Staaten zur Waffenbrüderschaft mit Preußen verpflichtet hatten, sollten sie in einem gemeinsam gegen Frankreich geführten Krieg auch politisch in das neu zu gründende Reich eingebunden werden.
Anlass zum Krieg bot die Kandidatur des Erbprinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen (1835-1905), einer katholischen Nebenlinie der Hohenzollern, um die vakante spanische Krone im Juli 1870. Preußen erkannte für sich machtpolitische Vorteile durch Inthronisierung eines Hohenzollern in Spanien, Frankreich musste sich dagegen an seiner Südwest-Flanke bedroht fühlen. Obwohl Prinz Leopold aufgrund französischer Proteste seinen Anspruch am 12. Juli 1870 zurück zog, brüskierte Bismarck den französischen Kaiser Napoleon III. mit der provozierenden "Emser Depesche" vom 13. Juli so stark, dass sich dieser - auch durch innenpolitischen Druck getrieben - am 19. Juli 1870 zur Kriegserklärung gegen Preußen veranlasst sah.
In Deutschland schlug die patriotische Begeisterung ähnlich hohe Wellen wie in den Befreiungskriegen gegen Napoleon I. (1769-1821). Entgegen den französischen Erwartungen zögerten die süddeutschen Staaten nicht, sich an die Seite des Norddeutschen Bunds unter preußischer Führung zu stellen. Bayern, Württemberg, Baden und Hessen hatten nach dem Deutschen Krieg von 1866 geheime "Schutz-und-Trutz-Bündnisse" mit Preußen abgeschlossen. Sie unterstellten ihre Armeen 1870 dem preußischen Oberbefehl. Die Nachbarstaaten Deutschlands blieben neutral.
Der deutsche Aufmarsch im Westen erfolgte mit Hilfe der Eisenbahn zügig. Die vereinigten deutschen Armeen umfassten schon bald rund 519.000 Soldaten. Das französische Berufsheer verfügte über 336.000 Mann. Im Verlaufe des Krieges wuchsen beide Heere über die Millionengrenze. Der Charakter der Kriegführung hatte sich im 19. Jahrhundert grundlegend geändert und trat mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 endgültig in das Zeitalter des industrialisierten Volkskriegs ein. Nun standen sich Heere von mehreren hunderttausend Mann gegenüber. Der Einsatz von Eisenbahnen, Industrie und moderner Waffentechnik wie weitreichender Artillerie bestimmte den Verlauf der Feldzüge. Kopf der deutschen Kriegführung war der Chef des preußischen Generalstabs, Helmuth Graf von Moltke (1800-1891). Unter seiner strategischen Leitung verlief die deutsche Offensive ab August 1870 erfolgreich.
Nach Erfolgen bei Weißenburg und Wörth sowie der Erstürmung der Spicherer Höhen gelang der deutschen II. Armee unter Prinz Friedrich Karl von Preußen (1828-1885) am 16. August 1870 bei Vionville der Sieg in der ersten großen Entscheidungsschlacht des Kriegs. Zwei Tage später erfolgte bei Gravelotte die größte Schlacht des gesamten Kriegs. Die von der deutschen I. und II. Armee geschlagene französische Rheinarmee unter Marschall François Achille Bazaine (1811-1888) musste sich anschließend auf die Festung Metz zurück ziehen. Ein Entsatzversuch unter Marschall Edme Patrice Maurice de Mac-Mahon (1808-1893) endete für die französischen Truppen in einer katastrophalen, kriegsentscheidenden Niederlage bei Sedan am 2. September 1870. Beim triumphalen Sieg der deutschen III. Armee unter Kronprinz Friedrich von Preußen und der neu zusammen gestellten Maasarmee unter Kronprinz Albert von Sachsen (1828-1902) geriet auch Napoleon III. in deutsche Gefangenschaft. Er war per Eisenbahn zu den französischen Truppen geeilt, um deren Moral nach den schweren Verlusten bei Vionville und Gravelotte aufzurichten. Als Kriegsgefangener wurde Napoleon III. nach Wilhelmshöhe bei Kassel gebracht und musste später ins englische Exil gehen.
2. Das ''Reichsland'' Elsass-Lothringen
Durch Unterzeichnung des Frankfurter Friedensvertrags am 10. Mai 1871 im Anschluss an den Deutsch-Französischen Krieg musste Frankreich Elsass und Lothringen an das neu gegründete Kaiserreich abtreten. Nachdem die Eingliederung der französischen Gebiete in das Deutsche Reich als preußische Provinz, als Teil eines deutschen Bundesstaates oder als eigenständiger Bundesstaat verworfen worden war, nahm Elsass-Lothringen schließlich durch das Vereinigungsgesetz vom 9. Juni 1871 eine Zwischenstellung im föderativen Deutschen Reich ein: Als so genanntes Reichsland mit eigenständiger Verwaltung war es unmittelbar dem Kaiser unterstellt.
Elsass und Lothringen mussten Mitte des 17. Jahrhunderts vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation an das französische Königreich abgetreten werden und galten seitdem bei vielen Deutschen als "verlorene Reichsgebiete". Trotz der Doppelbezeichnung Elsass-Lothringen handelt es sich bei dem "Reichsland" weder um ein homogenes noch um ein geschichtlich gewachsenes Gebiet, sondern um ein vom Deutschen Reich geschaffenes künstliches Konstrukt. Nie zuvor hatten Elsass und Lothringen ein staatsähnliches oder verwaltungsmäßig zusammengehöriges Gebiet geformt, was sich in ihrer voneinander zum Teil sehr abweichenden sprachlichen, kulturellen, wirtschaftlichen, konfessionellen und politischen Entwicklung widerspiegelte. In Deutschland spielten 1871 militärstrategische Überlegungen zur Grenzsicherung gegenüber Frankreich sowie nationale Forderungen zur Rückeingliederung der ehemals deutschen Gebiete eine zentrale Rolle. Darüber hinaus lag vor allem das Elsass an einem der wichtigsten westeuropäischen Verkehrsnetze. Die Vielfalt seiner Bodenschätze und seine fortgeschrittene Industrialisierung machten es für Deutschland zu einer besonders attraktiven "Kriegsbeute".
Die Annexion 1871 führte in ganz Frankreich zu einer Welle nationaler Entrüstung. Aus französischer Sicht gehörte das Gebiet zur "Grande Nation", die Zwangsabtretung war demzufolge ein nicht hinnehmbarer Verlust. So verurteilte der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) den Versuch, "aus einem Elsässer oder einem Lothringer einen preußischen Untertan machen zu wollen". Das Gemälde Albert Bettanniers (1851-1932) von 1887 illustriert eindrucksvoll den Schmerz und den verletzten Stolz Frankreichs: Elsass-Lothringen war für viele Franzosen "der schwarze Fleck" auf der Landkarte, den es langfristig zurückzuerobern galt. Auch in den annektierten Gebieten kam es unmittelbar vor und verstärkt nach der Annexion zu heftigem Protest. Viele Bewohner Elsass-Lothringens nutzten die Möglichkeit, die französische Staatsangehörigkeit zu behalten und ihren Wohnsitz nach Frankreich zu verlegen. Bis zum Stichtag am 1. Oktober 1871 optierte rund 10 Prozent der Bevölkerung für Frankreich.
Während viele Elsässer und Lothringer ihre Heimat verließen, wanderten zahlreiche Deutsche ins "Reichsland" ein, insbesondere Beamte und Militärs. Schon 1875 stellten die Einwanderer rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung, 1890 etwa zehn Prozent und 1910 rund 15 Prozent. Die neue deutsche Verwaltung, welche die französische auf allen Ebenen abgelöst hatte und häufig als Fremdherrschaft wahrgenommen wurde, verfolgte eine stark repressive Germanisierungspolitik, was immer wieder zu schweren Konflikten führte. Verboten war das Singen der Marseillaise und die Verwendung französischer Hoheitssymbole. Dennoch wurde die Trikolore als Zeichen des Protests gehisst und eine bewusst französische Kultur beispielsweise in Gesangs- und Turnvereinen praktiziert, die deshalb oft von Verboten betroffen waren. Der so genannte Festtagstourismus einiger Bewohner zum französischen Nationalfeiertag am 14. Juli ins grenznahe Belfort oder Nancy war ebenso Ausdruck eines Zugehörigkeitsgefühl zu Frankreich. Außer in den rein französischsprachigen Orten wurde das in Elsass-Lothringen mehrheitlich gesprochene Deutsch als Verwaltungs- und Amtssprache und als alleinige Unterrichtssprache eingeführt. Die französische Sprache wurde zwar zurückgedrängt, jedoch nicht gänzlich unterdrückt. Festtage wie die Geburtstage des Kaisers, aber auch die kaiserlichen Besuche sollten gezielt deutsche Identität und Loyalität gegenüber dem Reich stiften und die gewünschte kulturelle Einheit herstellen. Der allmähliche Prozess der Annäherung und Abbau von Animositäten wurde einerseits von einer gewissen Distanz und wahrnehmbaren Kluft zwischen Einheimischen und "Reichsdeutschen" im gesellschaftlichen Leben geprägt, andererseits von Formen der Annäherung und Assimilation im Bereich der Wirtschaft und der Parteienlandschaft.
Als "Reichsland" unter kaiserlichem Oberpräsidium mit Sitz in Straßburg genoss Elsass-Lothringen nicht den gleichen Status wie die anderen deutschen Staaten, im Reichstag und im Bundesrat war es zunächst nicht vertreten. Nach einem Gesetz vom 30. Dezember 1871 war das "Reichsland" in drei Bezirkspräsidien eingeteilt: Unter-Elsass mit Sitz in Straßburg, Ober-Elsass mit Colmar und Lothringen mit Metz. Darüber hinaus wurde es in 22 Stadtkreise unterteilt. Mit der in Elsass-Lothringen erst 1874 in Kraft getretenen Reichsverfassung wurde ein so genannter Landesausschuss als indirekt gewähltes Gremium mit lediglich beratender Funktion geschaffen und den Elsaß-Lothringern das Wahlrecht zum deutschen Reichstag zugesprochen. Bei der Teilnahme an der lag die Wahlbeteiligung in Elsaß-Lothringen mit 77 Prozent deutlich über dem Reichsdurchschnitt von 61 Prozent. Aus dem Reichsland wurden 15 Abgeordnete nach Berlin entsandt. Im Jahre 1879 ersetzte das neue Ministerium für Elsass-Lothringen unter der Leitung eines Staatssekretärs mit Sitz in Straßburg als höchste Regierungsbehörde die Abteilung Elsass-Lothringen im Reichskanzleramt in Berlin. Der Kaiser übertrug seine landesherrlichen Befugnisse auf einen Statthalter. Kompetenzen wurden so allmählich von Berlin nach Straßburg abgegeben. Erst 40 Jahre nach der Annexion verabschiedete der deutsche Reichstag am 26. Mai 1911 eine Verfassung für das "Reichsland": Das bis dahin unter der Verwaltung der Reichsregierung stehende "Reichsland" erhielt den Status eines deutschen Bundesstaates sowie drei Stimmen im Bundesrat, eine Landesregierung und eine repräsentative Volksvertretung.
Die sogenannte elsaß-lothringische Frage erhielt mit Beginn des Ersten Weltkriegs neue Brisanz und Aktualität. Gemäß der unnachgiebigen Forderung Frankreichs nach Rückgabe seiner verlorenen Ostprovinzen konzentrierten sich die französischen Angriffe nach Kriegsbeginn auf Elsaß-Lothringen. Doch konnte die französische Armee in der Schlacht bei Mülhausen (19. August) sowie in den Schlachten in den Vogesen und in Lothringen (20. bis 22. August) keine nachhaltigen Erfolge erzielen und musste sich nach der deutschen Gegenoffensive hinter die Staatsgrenze zurückziehen. Fortan regulierte die Militärverwaltung der Obersten Heeresleitung (OHL) den Alltag des frontnahen Gebiets. Das zunehmend harte Eingreifen der Militärbefehlshaber in das öffentliche und private, das kirchliche und das politische Leben trug entscheidend dazu bei, die Reichsloyalität des Grenzlandes zu untergraben. Die pro-französische Stimmung im "Reichsland" nahm mit Internationalisierung der elsass-lothringischen Frage weiter zu. In seinem 14-Punkte-Programm forderte der US-amerikanische Präsident Woodrow Wilson die Klärung des Problems zugunsten Frankreichs. Letzte Versuche der deutschen Regierung im Frühherbst 1918, durch Versprechen einer weitgehenden Autonomie das Land als Bundesstaat im Reich zu halten, scheiterten spätestens Mitte November 1918, als unter dem Jubel der Bevölkerung französische Truppen in Elsass-Lothringen einrückten. Dessen Landtag stimmte am 6. Dezember 1918 für den Anschluss an Frankreich. Der Versailler Vertrag regelte schließlich die Eingliederung von Elsass-Lothringen an Frankreich endgültig. Die anfängliche Freude und Begeisterung vieler Elsass-Lothringer wurde durch die rigide Assimilationspolitik Frankreichs allerdings erheblich gedämpft. Elsass-Lothringen blieb über Generationen hinweg ein "Zankobjekt" der beiden benachbarten Staaten und seine Bewohner wechselten so innerhalb von drei Generationen viermal ihre Staatsangehörigkeit.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Hennicke, Steffen: Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71, in: Lebendiges Museum Online (lemo), online verfügbar seit 14.09.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/reich/krieg1870, zuletzt geprüft am 26.04.2026.
-> Dittrich, Viviane: Das ''Reichsland'' Elsass-Lothringen, in: Lebendiges Museum Online (lemo), online verfügbar seit 20.02.2007 unter https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/das-reich/elsass-lothringen, zuletzt geprüft am 26.04.2026.
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Persönlichkeiten
Persönlichkeiten
Inhaltsverzeichnis
- Ludwig II. (Bayern)
- Karl Marx
- Johannes Brahms
- Richard Wagner
- Friedrich Engels
- Nicolaus August Otto
- Philipp Reis
- Louise Otto-Peters
- Franz Haniel
- Friedrich Harkort
- Max Bruch
- Ferdinand Lassalle
- Wilhelm Liebknecht
- Sophie von Hatzfeldt
1. Ludwig II. (Bayern)
Biographie
Der phantasievolle und weiche L. litt schwer unter der strengen Zucht seines an Verstand und Pflicht orientierten Vaters, der wenig Interesse an seiner Erziehung nahm und dem er schließlich mit Abneigung, ja Haß gegenüberstand. Auch das Verhältnis zu seiner Mutter, einer Frau ohne geistige Interessen, war die längste Zeit distanziert. So baute sich der einsame Jüngling eine eigene Welt, in der sich fortwährend die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischten. L.s Erzieher waren ohne spezifische Qualifikation, seine humanistische Schulbildung ohne Vertiefung, vor allem ohne jede Ausrichtung auf seinen künftigen Beruf; von neueren Sprachen beherrschte er nur das Französische. Die Erinnerung an seine freudlose Jugend und seinen verfehlten Bildungsgang lastete zeitlebens auf ihm. Als der Vater am 10.3.1864 starb, wurde der noch nicht 19jährige L. gleichwohl mit hohen Erwartungen begrüßt: Ein blendendes, romantisches Äußeres, jünglingshafter Charme und ungezwungene Liebenswürdigkeit bezauberten breite Kreise; rasche Auffassungsgabe, gutes Gedächtnis, anfänglicher Arbeitswille und umfangreiche literarische Kenntnisse wirkten auf seine nähere Umgebung. →Bismarck sprach von „begabter Lebhaftigkeit“ des jungen Mannes. Jedoch war L. offensichtlich zu früh auf den Thron gelangt, persönlich unfertig und sachlich unvorbereitet, ohne die Autorität soliden Sachverstandes gegenüber seinen Ministern, auch ohne familiären und freundschaftlichen Umkreis, auf den er sich hätte stützen können. Solche Voraussetzungen vereinten sich jedoch mit einem hohen, ja vielfach phantastisch überspannten monarchischen Selbstgefühl. Die Zwangslagen, in denen sich die bayer. Politik der Jahre 1864-71 befand, waren dazu angetan, dieses Selbstbewußtsein fortwährend zu tangieren und zu verletzen. Ihnen wäre auch ein anderer Monarch nicht entkommen. Jedoch hat L. aus politischer Schwäche auch selbst zu den von ihm beklagten Entwicklungen beigetragen.
Das politische Programm L.s 1864 war durchaus konservativ. In der deutschen Frage zielte es auf Aufrechterhaltung der Selbständigkeit und Integrität Bayerns, das die Führungsrolle unter den deutschen Mittelstaaten behalten sollte. Innenpolitisch forderte es die Aufrechterhaltung des monarchischen Prinzips und des unbedingten Vorranges der Krone vor dem Parlament. Jedoch konnte das außenpolitische Konzept in den folgenden Jahren nicht realisiert werden. Dem im Dez. 1864 ernannten Außenminister Ludwig v. der Pfordten gelang es weder, zwischen Preußen und Österreich auf der Basis des Bundesrechts zu vermitteln, noch eine Politik der bewaffneten Neutralität zu betreiben; vielmehr verlor Bayern den Krieg von 1866 an der Seite Österreichs. Im Friedensvertrag mit Preußen vom 22.8.1866 war Bayern zu Gebietsabtretungen und zur Zahlung einer Kriegsentschädigung gezwungen; der gleichzeitige Bündnisvertrag mit Preußen verpflichtete es im Kriegsfall zu Waffenhilfe unter preuß. Oberbefehl, was von L. als erheblichen Eingriff in die bayer. Souveränität empfunden wurde. Nach dem Scheitern v. der Pfordtens berief L. Ende 1866 Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst als|Außen- und leitenden Minister, obwohl klar war, daß dieser auf ein Verfassungsbündnis mit Preußen und den übrigen deutschen Staaten zusteuerte, das entgegen den Wünschen L.s die bayer. Souveränität beeinträchtigen mußte, wie schon das Militärbündnis mit Preußen und ebenso die Modalitäten des neuen Zollbundes, dem Bayern 1867 beizutreten veranlaßt war. Wie in der deutschen Frage, so wurde Hohenlohe auch in seiner Kritik am Vatikanischen Konzil von L. gedeckt, ebenso auch innenpolitisch bezüglich einer Reihe liberalisierender Gesetze der Jahre 1868/69 (Gewerbefreiheit, Heimat und Verehelichung, Armen- und Krankenpflege, Gemeindeordnung); der liberale Schulgesetzentwurf des Kultusministers Franz v. Gresser scheiterte zum Bedauern des Königs an der Reichsratskammer. L. erkannte nicht, daß die breite Volksbewegung, die sich gegen die national-liberale Politik Hohenlohes erhob, sich 1868 in der bayer.-patriotischen Partei formierte und in den patriotischen Landtagswahlsieg von 1869 mündete, in ihrer bayer.-monarchisch-kath. Grundstruktur weit mehr mit seinen Zielen übereinstimmte als das Ministerium Hohenlohe und die es stützende Fortschrittspartei. Nur gezwungen entließ er zunächst Gresser, dann im März 1871 auch Hohenlohe.
Im preuß.-franz. Konflikt des Sommers 1870, dessen friedliche Beilegung er an sich wünschte, sah L. schließlich den Bündnisfall für Bayern gegeben und entschied am 16.7. den Antrag des Ministerrats auf Mobilmachung ohne Einschränkung. Ein eventueller Widerstand des Landtags gegen die notwendigen Kriegskredite sollte durch Landtagsauflösung gebrochen werden. Man hat als Motiv L.s, unzweideutig auf die preuß. Seite zu treten, das Bemühen bezeichnet, keinen Anlaß zu erneuter Schmälerung der bayer. Selbständigkeit nach dem Krieg zu bieten. Mit der Existenz einer solchen Zwangslage argumentierte auch der Nachfolger Hohenlohes, Otto Gf. Bray. Jedoch ist dieser Wunsch nur bedingt in Erfüllung gegangen, ganz zu schweigen von der Hoffnung L.s auf eine Alternation der Kaiserkrone zwischen Preußen und Bayern und auf territorialen Gewinn (Elsaß). Zwar konnte sich Bayern durch die Versailler Verträge vom 23.11.1870 Sonderrechte sichern, verlor aber durch den von L. akzeptierten Beitritt zum zweiten Kaiserreich zentrale Souveränitätsrechte, insbesondere das Bündnisrecht und die Entscheidung über Krieg und Frieden – „finis Bavariae“, wie Edmund Jörg, der Führer der Patrioten, formulierte. Gleichzeitig hat L. durch den von →Bismarck initiierten sog. Kaiserbrief vom 30.11.1870, mit dem er Kg. Wilhelm I. zur Übernahme des erblichen Kaisertitels aufforderte, dazu beigetragen, das unitarische Moment im neuen Reich zu verstärken, auch wenn er – in für ihn typischer Weise – kurz danach seinen Schritt bereute und zu revidieren suchte.
In den folgenden 15 Jahren bis zu seinem Tod hat L. im Verhältnis zum Reich dieses ambivalente Verhalten in charakteristischer Weise fortgesetzt. Einerseits beklagte er immer wieder die Beschränkung seiner Souveränitätsrechte durch die Reichsgründung und war ständig darauf bedacht – u. a. durch seinen Briefwechsel mit →Bismarck –, den föderativen Charakter des Reiches und die Rechte der einzelstaatlichen Monarchen (sowie die Gefahren des Parlamentarismus und des Sozialismus) zu beschwören. Auf der anderen Seite deckte er fortgesetzt die liberalkonservativen reichsfreundlichen Ministerien in Bayern seit 1871 und wies die wiederholte Forderung der Patriotenpartei, welche im Landtag die Mehrheit bildete, nach einem Systemwechsel entschieden zurück. Nur einmal, im April 1875, schien eine Wende erreicht, als L. den Zentrumsabgeordneten Georg Frhr. v. Franckenstein mit der Regierungsbildung beauftragte. Dieser lehnte jedoch ab, um keine „feindliche Stellung der Reichsregierung“ gegenüber Bayern zu provozieren. Damit war→Bismarck gemeint, der seinen starken Einfluß auf L. zur Stützung reichsfreundlicher Ministerien nützte. L. ist als König →Bismarck nie persönlich begegnet, hat ihn aber ohne Schwankungen als Vaterfigur verehrt. Von dem Rückhalt L.s und →Bismarcks hat insbesondere Johann v. Lutz profitiert, der als Kultusminister 1870-90 (1880-90 zugleich Vorsitzender im Ministerrat) die stärkste politische Kraft in Bayern bildete. Lutz gelang es auch, sich den Rückhalt L.s zu sichern, als er in jahrelangen Auseinandersetzungen mit der kath. Kirche und der patriotischen Landtagsfraktion den Kulturkampf in Bayern führte und diesen durch die Einbringung des Kanzelparagraphen im Reichstag (1871) auf das Reich übertrug. Die Frage ist allerdings, inwieweit die bayer.Innen- und Außenpolitik der 70er Jahre tatsächlich auf eigenständige politische Auffassungen und freie Willensentscheidungen des Königs zurückgeführt werden darf.
Tatsächlich hatte sich im Verhältnis L.s zu seiner Umwelt und seinen Regierungsaufgaben schon seit dem Ende der 60er Jahre ein bemerkenswerter Wandel vollzogen.|Schon bald nach der Thronbesteigung zeigte der König auffallende Scheu vor der Öffentlichkeit, Abneigung vor offiziellen Verpflichtungen, vor den Anforderungen menschlichen Gemeinschaftslebens überhaupt. Die Menschenscheu äußerte sich alsbald in immer schrofferen, vielfach auch in grotesken Formen, in steter Flucht in die Schlösser und Jagdhäuser im Oberland, aus denen er schließlich nur noch wenige Wochen im Frühjahr und Herbst nach München zurückkehrte, auch dort meist unerreichbar. Gleichzeitig wandte sich L. immer mehr von den Regierungsgeschäften ab, der realen Basis seines so stark entwickelten monarchischen Selbstgefühls. Zur Politik fehlten ihm, trotz mancher Bemühungen in den Anfangsjahren, Kenntnisse und vor allem Neigung; seine politischen Vorstellungen waren relativ einfach strukturiert und stießen sich deshalb immer wieder mit der Realität. Wenn er auch nach 1871 verschiedentlich in die bayer. Innenpolitik (etwa mildernd in den Kulturkampf) eingriff, so bestand die wesentliche Einflußnahme doch darin, das Ministerium gewähren zu lassen und es gegenüber konservativen Angriffen zu stützen. Seit dem Ende der 70er Jahre zog sich L. aber nahezu vollständig aus dem politischen Geschehen zurück. Die Minister erreichten ihn nur noch über die Zwischenstelle des Kabinettssekretariats, das hierdurch zu einer starken Stellung gelangte. Da die Kabinettssekretäre mit den Ministern, insbesondere mit Lutz, politisch weitgehend übereinstimmten, ergab sich aus der Schwäche L.s die Situation, daß Ministerium und Kabinettssekretariat gemeinsam jahrelang die Linie der bayer. Politik bestimmten. Seit 1883 verkehrte L. auch mit dem Kabinett nur mehr über untergeordnete Hofbedienstete und Lakaien. Wichtiger war ihm überhaupt das Hofsekretariat, das mit der Hofkasse, den Theaterangelegenheiten und den kgl. Bauten befaßt war. Denn nicht so sehr in Politik und Staatsverwaltung, als vielmehr in der Kunst, vor allem in Musik und Architektur, suchte und fand die phantasievolle, ja phantastische Natur des Königs ihre eigentliche Erfüllung.
Schon als Knabe war L. mit Texten und Musik Richard Wagners vertraut. Bei der Lektüre von Wagners „Kunstwerk der Zukunft“ berauschte sich der Jüngling an dem Gedanken, dereinst das Musikdrama mit aus der Wiege zu heben. So gehörte es zu den ersten Taten L.s als König, den Komponisten im Mai 1864 nach München zu holen und den 30 Jahre älteren mit schwärmerisch-überspannten Freundschaftsbeweisen zu überschütten, die von Wagner als Rettung aus schwierigster Lebenssituation dankbar aufgenommen wurden. Durch erhebliche regelmäßige Zuwendungen aus der Kabinettskasse (für die er die Rechte an einer Reihe Wagnerscher Werke erhielt) gab er Wagner die Möglichkeit ungestörter künstlerischer Arbeit und adäquater Aufführungen seiner Musikdramen. Im Juni 1865 wurde der „Tristan“ im Münchener Hoftheater uraufgeführt. Die ungewöhnliche Bevorzugung und finanzielle Förderung Wagners und der von ihm nachgezogenen Künstler (u. a. H. v. Bülow, P. Cornelius) rief jedoch in breiten Kreisen Münchens Kritik hervor. Aber erst als sich Wagner publizistisch in die öffentlichen Verhältnisse Bayerns einzumischen begann, dem König politische Ratschläge erteilte und damit das Ministerium herausforderte, sah auch L. die Grenzen zwischen Künstler und König überschritten und forderte (wenn auch mit innerem Widerstreben) Wagner im Dez.1865 zum Verlassen Bayerns auf. Diese erste Entfremdung schien überwunden, nachdem L. im Mai 1866 Wagner in Tribschen (b. Luzern) besucht hatte und als schließlich im Juni 1868 in München die triumphale Uraufführung der „Meistersinger“ vor L. und Wagner gemeinsam stattfand. Als aber L. kurz darauf von der Liebesbeziehung Wagners zu Cosima v. Bülow erfuhr, war er nicht mehr imstande, das ursprüngliche Freundschaftsverhältnis aufrechtzuerhalten; die Entfremdung blieb, auch wenn er Wagner anläßlich der Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses 1876 und noch einmal 1880 sah. Unabhängig davon hat L. das Wagnersche Werk weiterhin gefördert, denn seit je galt die Faszination L.s nicht eigentlich dem Komponisten, sondern dem Werk, in dessen Zauber er sich willenlos verlor, und an dem ihn der Text und die Form der Darstellung mindestens ebensosehr faszinierten wie die Musik. So ließ er (gegen den Willen Wagners) 1869 „Rheingold“ und 1870 „Walküre“ in München zur Uraufführung gelangen und beteiligte sich durch erhebliche Beträge am Bau des Bayreuther Festspielhauses. L. war sich seiner Verdienste um Wagner durchaus bewußt. Auch Wagner wußte, was er L. verdankte; wenn er auch verschiedentlich die finanzielle Abhängigkeit als „unerhört und unerträglich“ für einen Künstler beklagte, so nahm er sie im Interesse seines Werkes und aufwendigen Lebensstils doch in Kauf.
Bereits Ende 1864 faßte L. den Plan zu einem großen Theaterbau in München, „damit die Aufführung des Ring des Nibelungen eine vollkommene werde“. Der von Wagner vorgeschlagene Architekt G. Semper projektierte den Bau, der jedoch wegen der ungesicherten Finanzierung und des Widerstands der Stadt München nicht ausgeführt wurde. 1867 zog sich auch Wagner von dem Projekt zurück, um einige Jahre später den Bau eines Festspielhauses in Bayreuth zu betreiben. Im selben Jahr 1867 besuchte L. auf zweien seiner ganz wenigen größeren Reisen Paris und Versailles sowie die Wartburg bei Eisenach. Seitdem schob sich in seiner Gedankenwelt die Bauleidenschaft neben die Faszination durch das Wagnersche Werk, um schließlich innerhalb weniger Jahre – parallel zur Abkühlung des Verhältnisses zu Wagner und zu den politischen Ereignissen bis 1871 – zum alles beherrschenden Mittelpunkt seines Denkens und Planens, zur „Hauptlebensfreude“ (Ludwig 1886) zu werden. Wie manchem seiner Vorgänger galt auch L. die Bauleidenschaft als eine fürstliche Qualität. Aber anders als Ludwig I. und Max II. errichtete er (nach dem Scheitern des Semperschen Projekts, das er tief empfand und das seine Abneigung gegen München befestigte) seine Bauten nicht in der Stadt, sondern nahezu durchwegs im einsamen Voralpengebiet; sie waren auch nicht für die Allgemeinheit bestimmt, sei es als Zweckbau, sei es als Denkmal, sondern ausschließlich für ihn allein. L. baute historistisch, wie seine Zeit überhaupt. Seine Bauten lassen sich drei historischen Epochen und Stilen zuordnen: Dem Spätbarock und Rokoko (Königswohnung in der Münchner Residenz, Linderhof, Herrenchiemsee); dem Mittelalter (Neuschwanstein, Pläne für Falkenstein); dem orientalischbyzantin. Kulturkreis (Jagdhaus auf dem Schachen, Marokkan. Haus, Arab. Pavillon und Kiosk in Linderhof). Schließlich findet sich auch gebautes Theater (Grotte, Hundinghütte und Eremitage in Linderhof). Von den projektierten Bauten wurden nur das Jagdhaus auf dem Schachen (1870) und das von Georg v. Dollmann errichtete, Klein-Trianon nachempfundene Schloß Linderhof (1869–74) zu Lebzeiten L.s fertiggestellt; der an Versailles orientierte Bau von Herrenchiemsee, ebenfalls von Dollmann (1878 begonnen), wurde weit vorangetrieben, aber wegen Geldmangels nicht vollendet. Linderhof und Herrenchiemsee standen in Baugedanken, Architektur und Innenausstattung in engstem Zusammenhang mit einer emphatischen Verehrung L.s für Kg. Ludwig XIV. von Frankreich und seine Zeit. L.s Großvater und Pate war 1786 von Kg. Ludwig XVI. aus der Taufe gehoben worden, L. selbst am Tage des hl. Ludwig von Frankreich (25.8.) geboren. L. sah in Ludwig XIV. das Ideal monarchischer Selbstherrschaft verkörpert. Er hat es um so mehr vergöttert, je weniger er selbst zu Leistungen fähig war, auf denen dieses Königtum eigentlich beruhte. Auch das seit 1868 von mehreren Architekten aufgeführte Burgschloß Neuschwanstein wurde erst nach L.s Tod vollendet. Der die Innenausstattung beherrschende Minnesänger- und Lohengrin-Stoffkreis war L. nicht erst durch Wagner nahegebracht worden, sondern bereits durch die Fresken des Schlosses Hohenschwangau, in dem L. einen Teil seiner Jugend verbracht hatte. Das Projekt einer weiteren Schloßburg Falkenstein bei Pfronten (durch Max Schultze) wurde ebensowenig verwirklicht wie dasjenige eines weitläufigen Schlosses in byzantin. Stil. Die Gartenanlagen um Linderhof und Herrenchiemsee sowie ein großer Dachgarten auf der Münchener Residenz wurden von Karl v. Effner gestaltet. Dekoration und Ausstattung der Schlösser haben die Entwicklung des bayer. Kunsthandwerks sehr gefördert. L. selbst hat an den Bauten lebhaftesten Anteil genommen und deren Programm und Ausführung bis in Einzelheiten bestimmt. Dabei ging es ihm nicht um künstlerische Hochleistung, sondern um penible historische Treue und um die atmosphärische Gesamtwirkung, um die Schöpfung einer Welt für sich. Je weniger er mit der realen Welt zurechtkam, desto mehr wurde die bizarre Scheinwelt der Schlösser, eines künstlichen Mittelalters und Absolutismus, zur Realität seines Lebens und seines Königtums.
Diese Atmosphäre hat wiederum dazu beigetragen, L.s überhöhte Auffassung von sich und seinem Herrschertum um so mehr zu steigern, je mehr er seine wirkliche Herrschaft als Last betrachtete und vernachlässigte. Dabei war kennzeichnend, daß die teils ängstliche, teils hochmütige und humorlose Distanzierung von den Untergebenen wie der eigenen Familie, ja deren kalte Demütigung, nicht selten abwechselte mit gewinnender Leutseligkeit gegenüber den Menschen, denen er auf seinen einsamen Fahrten begegnete, und mit überschwänglicher Freigebigkeit gegenüber Künstlern (wie den Schauspielern Ernst v. Possart und Josef Kainz) oder auch gegenüber den Bediensteten in seiner isolierten Welt. Mit intensiver Lektüre, auf die er viel Zeit verwendete und die vor allem historischen Themen galt, hat sich L. noch weiter in seine Scheinwelt versponnen. Dem entsprach, daß in das Repertoire des Hoftheaters zunehmend Themen des Ancien Régime aufgenommen werden mußten, wofür L. u. a. durch K. v. Heigel eine|Reihe neuer Stücke schreiben ließ. Zahlreiche dieser Werke wurden – neben Opern Wagners und anderer – dem König allein in Separatvorstellungen vorgeführt (1872-85 insgesamt 209).
Spätestens seit Beginn der 80er Jahre konnten die Verhaltensweisen L.s auch dann nicht mehr als bloße Eigenarten eines exzentrischen Romantikers bezeichnet werden, wenn man entschuldigend einräumte, daß ein König nicht mit bürgerlichen Maßstäben gemessen werden dürfe. Die schon früh auftretende geistige Erkrankung L.s (paranoide Schizophrenie) machte sich fortschreitend deutlicher bemerkbar. Wahnvorstellungen gewannen die Oberhand, auch wenn L. daneben zu ungezwungenem Verhalten und rationaler Argumentation fähig blieb. Der fortschreitende Zerfall seiner Persönlichkeit blieb kritischen Zeitgenossen nicht verborgen. Er wurde vorangetrieben durch L.s homoerotische Veranlagung, die ihm selbst wohl erstmals 1867 bei seiner alsbald aufgelösten Verlobung mit Hzgn. Sophie in Bayern (der Schwester der von ihm so sehr verehrten Kaiserin Elisabeth von Österreich) deutlich wurde. In zerfleischenden Selbstanklagen, religiösen Übungen und dem Kult eines „reinen Grals“ versuchte er vergeblich seine Veranlagung zu überwinden.
Die Finanzlage L.s war seit Anfang der 80er Jahre äußerst bedrohlich. Da er aus den regulären Einnahmen der Hof- und Kabinettskasse auch alle seine Bauten zu finanzieren hatte, geriet er seit 1877 in Schulden, Anfang 1884 betrugen sie 8,25 Mill. Mark. Daß sie nicht höher waren, verdankte L. den Geldern, die er seit 1871 von →Bismarck aus dem Welfenfonds erhielt. Diese waren gewiß nicht die Bedingung L.s für den Beitritt Bayerns zum Reich gewesen. Ob er für den Kaiserbrief ultimative Geldforderungen gestellt hatte, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit behaupten. Jedenfalls hatte er im Nov.1870 in engstem, allen Beteiligten überaus deutlichem Zusammenhang mit Kaiserfrage und Kaiserbrief →Bismarck seine damalige große Geldverlegenheit nachdrücklich zum Ausdruck bringen lassen. So wurden aus dem Welfenfonds zunächst jährlich 300 000 Mark, später erheblich mehr, bis 1885 insgesamt 5 Mill. Mark an L. gegeben, wovon der vermittelnde Oberststallmeister Max Gf. v. Holnstein 10% erhielt. Weiterhin gab →Bismarck im Februar 1884 einen einmaligen Betrag von einer Mill. Mark, der wohl nicht auf die laufenden Zahlungen verrechnet wurde.
Das Ministerium begegnete den Schulden des Frühjahrs 1884, indem es (neben der Bismarckschen Million) im Mai 1884 eine Bankanleihe von 7,5 Mill.Mark vermittelte, die dann bis 1901 durch die Zivilliste verzinst und amortisiert wurde. Jedoch war die Kabinettskasse im Sommer 1885 erneut mit sechs Mill. Mark verschuldet. Nunmehr forderte das Ministerium von L. unverblümt die Einstellung der Bauten. Eine darauf von L. im April 1886 geforderte Finanzvorlage an den Landtag lehnte das Ministerium rundweg ab. Angesichts der Unnachgiebigkeit des Königs und der Gefährdung des Ministeriums steuerte dieses schließlich auf die Erklärung der Regierungsunfähigkeit L.s und die Einsetzung einer Regentschaft zu; →Bismarck hatte den Eindruck, daß die Minister, „weil sie sich nicht mehr halten könnten, den König ‚schlachten' wollten“. Am 8.6.1886 erklärte der Psychiater B. v. Gudden aufgrund schriftlicher Äußerungen L.s sowie von Zeugenaussagen den König für unheilbar geisteskrank; am 9.6. stellte eine Konferenz des Ministeriums mit dem Onkel L.s, Prinz Luitpold, die Regierungsunfähigkeit L.s fest und vollzog seine Entmündigung. Luitpold übernahm die Regentschaft und gab sie am 10.6. durch Proklamation bekannt. Am 12.6. ließ sich L. widerstandslos, wenngleich tiefverletzt und mit Selbstmordgedanken und Angst vor Ermordung, von Neuschwanstein nach Schloß Berg am Starnberger See überführen, das in der Vergangenheit seinen häufigsten Aufenthaltsort gebildet hatte. Am folgenden Tag fand er auf ungeklärte Weise zusammen mit Gudden den Tod im See. Vermutlich hatte er selbst den Tod gesucht und den ihn zurückhaltenden Gudden ertränkt, war aber dann nicht ertrunken, sondern einem Herzschlag erlegen. Am 14.6. verkündete ein Thronfolge- und Regentschaftspatent, daß die Krone auf Prinz Otto übergegangen sei, der aber durch Krankheit regierungsunfähig sei, so daß Prinzregent Luitpold vorbehaltlich der Zustimmung des Landtags (die am 21. bzw. 26.6. erfolgte) die am 10.6. übernommene Regentschaft fortsetze. Am 28.6. leistete Luitpold den in der Verfassung vorgeschriebenen Regenteneid.
Kein bayer. König, ja kaum ein anderer Monarch des 19. Jh., ist im Bewußtsein breiter Kreise derart lebendig geblieben wie L., wenngleich verkürzt auf den Märchenkönig der Königsschlösser. Paul Verlaine hat ihn als „le seul vrai roi de ce siècle“ bezeichnet. Bestehen bleibt, daß L. das Genie Richard Wagners erkannt und seinem Werk entscheidende ideelle Förderung und materielle Sicherung verliehen hat; hierin liegt seine zeitüberdauernde Bedeutung. Unter dem Gesichtspunkt der verfassungsmäßig verankerten Kompetenzen des Monarchen und der ihm gestellten staatspolitischen Aufgaben jedoch bedeutete das Königtum L.s ein Verhängnis für den bayer. Staat. In einer Zeit folgenreicher außenpolitischer Entscheidungen und eines weitreichenden innenpolitischen, sozialen und ökonomischen Wandels besaß das Land keinen handlungsfähigen König. Selbst eine ausgleichende und integrierende Funktion, wie sie dem konstitutionellen Monarchen des 19. Jh. zumindest zukam, ist von L. nicht oder kaum wahrgenommen worden. Jedoch kann die Verantwortlichkeit L.s für sein Handeln und Nichthandeln angesichts seiner Krankheit nicht exakt abgegrenzt werden.
2. Karl Marx
Karl Heinrich Marx wurde am 5.5.1818 in Trier als Sohn eines Rechtsanwalts geboren, der einer traditionsreichen jüdischen Rabbinerfamilie entstammte. Den größten Teil seines Lebens verbrachte Marx als Staatenloser im Exil. Nachdem er 1845 auf seine preußische Staatsbürgerschaft verzichtet hatte, um politischen Repressionen zu entgehen, blieben seine späteren Bemühungen vergeblich, eine Wiedereinbürgerung in Preußen (1861) zu erreichen oder die britische Staatsbürgerschaft (1874) zu erhalten. In der Revolution von 1848 stellte die französische Regierung ihm einen auf ein Jahr befristeten Reisepass aus.
1835 begann er in Bonn Rechtswissenschaften zu studieren und schloss sich dem „Poeten-Bund" sowie der Bonner Tischgesellschaft der „Treveraner" (ab 1838 Corps Palatia) an. Seine studentische Ehre verteidigte er mehrfach in Duellen, was seinen Vater zu der Frage verleitete: „Und ist denn Duelliren so sehr mit der Philosophie verwebt?" (Mai – Juni 1836). 1836 setzte er in Berlin seine Studien fort, nun vor allem in Philosophie und Geschichte, und wurde 1841 an der Universität Jena mit einer Dissertation „Über die Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie" promoviert. In Berlin schloss sich Marx dem Kreis der politisch und zeitkritisch engagierten Jung- oder Linkshegelianer an.
Da Marx aus politischen Gründen eine Universitätskarriere in Bonn verschlossen blieb, arbeitete er 1842 an der in Köln erscheinenden liberalen „Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe" zunächst als freier Journalist und ab Oktober als Chefredakteur mit. Mehr als 15 Jahre später schrieb der Kölner Unternehmer Gustav Mevissen über die Bedeutung der Zeitung: „Die Rheinische Zeitung ist deshalb [...] folgenreich gewesen, weil sie zuerst [...] das Zeitbewußtsein überall [...] zum Hervortreten anregte."
Marx' Artikel, in denen er das „geheime Staatswesen" in Preußen angriff und verlangte, das „mysteriöse priesterliche Wesen des Staates" solle „in das Fleisch und Blut der Staatsbürger" verwandelt werden, erregten Aufsehen. Er verteidigte das von Frankreich übernommene Rheinische Recht sowie die öffentlichen Schwurgerichte und schrieb flammende Rechtfertigungen der Pressefreiheit. Eine „freie Presse" bezeichnete er als „die inkorporierte Kultur". Auch kam er in der Zeitung „zuerst in Verlegenheit über sogenannte materielle Interessen mitsprechen zu müssen". „Die Verhandlungen des Rheinischen Landtags über Holzdiebstahl" und Artikel „über die Zustände" der Moselwinzer, schrieb er 1859, „gaben die ersten Anlässe zu meiner Beschäftigung mit ökonomischen Fragen."
Als die „Rheinische Zeitung" in zahlreichen Artikeln für die Emanzipation der Juden im preußischen Staat Stellung bezog, wollte sich auch Marx mit den in der „Kölnischen Zeitung" erschienenen Aufsätzen „gegen das Judenthum" auseinandersetzen. Er kündigte einen Artikel an, der die Diskussion „in eine andre Bahn bringen" werde. Als im März 1843 die Liberalen in Köln eine Petition an den rheinischen Provinziallandtag planten, in der sich für die Emanzipation der Juden eingesetzt werden sollte, wollte Marx dies unterstützen und erklärte sich gegenüber der jüdischen Gemeinde bereit, einen entsprechenden Text zu entwerfen. Die schließlich zustande gekommene Petition hat er nicht verfasst., sonder der aus Elberfeld stammende Maschinenbauunternehmer und Politiker Heinrich Kamp (1786-1853), Mitbegründer und erster Direktor der Feuerversicherungsgesellschaft Colonia.
Ende 1842 schritt die preußische Regierung gegen die Zeitung ein und verbot diese „Hure am Rhein" (Friedrich Wilhelm IV.). Am Rande des Kölner Dombaufestes von 1842 hatte der österreichische Staatskanzler Metternich (1773-1859) gegenüber dem preußischen König die Presse als „ein lebendiges Werkzeug des Bösen" bezeichnet. Nachdem Ende März 1843 die letzte Ausgabe erschienen war, heiratete Marx in Bad Kreuznach seine Jugendliebe Jenny von Westphalen (1814-1881) und ging ins Ausland, zuerst nach Paris, dann nach Brüssel, wo er Ende 1847 / Anfang 1848 gemeinsam mit Friedrich Engels für den Bund der Kommunisten das „Manifest der Kommunistischen Partei" verfasste. Er wurde Mitbegründer und Vizepräsident der „Association Démocratique", die eine europäische Föderation anstrebte und im Herbst 1848 einen „Congreß der Demokraten aller europäischen Nationen" abhalten wollte.
In der Revolution von 1848/1849 gab Marx von Juni 1848 bis Mai 1849 in Köln die „Neue Rheinische Zeitung" heraus, die er zum bedeutendsten Sprachrohr der demokratischen Bewegung machte. Hatte Marx die französische Februarrevolution von 1848 zunächst „nur als einen oberflächlichen Anfang der europäischen Bewegung" betrachtet, so musste er sich, als er am 11. April nach Köln kam, rasch davon überzeugen, dass seine radikalen Vorstellungen an den deutschen Realitäten vorbeigingen. Statt der proletarischen Revolution wurde sein politisches Ziel die Herstellung einer einheitlichen Republik auf der Basis einer breiten, den Mittelstand und die Arbeiterschaft umfassenden Volksbewegung. Im November 1848 trat er als einer der Initiatoren der Steuerverweigerungskampagne im Rheinland hervor.
Nach dem Scheitern der Revolution emigrierte er mit seiner Familie nach London, wo er von 1852 bis 1862 als Europakorrespondent der „New York Tribune" arbeitete und 1867 „Das Kapital", seine berühmte Kritik des modernen Kapitalismus, veröffentlichte.
In seinen politischen und insbesondere in seinen außenpolitischen Überlegungen bezog Marx sich immer wieder auf das Rheinland. 1852 verfolgte er von London aus mit Hilfe der in der „Kölnischen Zeitung" veröffentlichten Protokolle den Kölner Kommunistenprozess und beschaffte Entlastungsmaterial für die Angeklagten. In dem mehrere Wochen dauernden Geschworenenprozess waren Mitglieder des Bundes der Kommunisten des Hochverrats angeklagt worden. Schließlich widmete er dem Prozess die Schrift „Enthüllungen über den Kommunistenprozeß zu Köln". In den fünfziger und sechziger Jahren befürchtete er mehrfach, dass Preußen, gedrängt von Russland, das westliche Rheinland aufgeben werde. Er ging davon aus, dass die preußischen Könige die „Abtretung der Rheinprovinz an Frankreich" nicht als „Verminderung" ihrer „Hausmacht" betrachten würden.
1864 war er Mitbegründer der Internationalen Arbeiterassoziation, der so genannten ersten Internationale, deren Generalrat er bis 1872 als korrespondierender Sekretär für Deutschland angehörte. Auf den Kongressen der Internationale, 1866 in Genf, 1867 in Lausanne, 1868 in Brüssel, 1869 in Basel und 1872 in Den Haag, wurden die Grundforderungen diskutiert und in Beschlüsse gefasst, die über Jahrzehnte hinweg die Programmatik sozialistischer und kommunistischer Bewegungen in Europa bestimmten. Für die Internationale schrieb Marx das Gründungsprogramm, die so genannte Inauguraladresse, ein mit dem Kommunistischen Manifest vergleichbares Dokument. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 wandte sich Marx vehement gegen die Annexion von Elsass und Lothringen durch Deutschland.
Marx’ Leben war reich an persönlichen Tragödien. Vier seiner sieben Kinder starben schon bald nach ihrer Geburt. Frederick, den wahrscheinlich mit seiner fast lebenslangen Haushälterin Helene Demuth 1851 gezeugten Sohn, hat Marx nie anerkannt. Seine Frau Jenny, die seit 1860 von den Folgen einer Pockenerkrankung gezeichnet war, starb im Dezember 1881 an Leberkrebs, seine älteste Tochter Jenny im Januar 1883 im Alter von 38 Jahren, wahrscheinlich an Blasenkrebs. Seine beiden jüngeren Töchter gingen 1898 und 1911 in den Freitod, Eleanor mit 42 Jahren und Laura, gemeinsam mit ihrem Mann, mit 66 Jahren. Marx selbst starb am 14.3.1883 in seinem langjährigen Londoner Exil. Beigesetzt wurde er dort auf dem im Norden Londons gelegenen Highgate-Friedhof, auf dem neben Marx eine Reihe weiterer Exilanten ihre letzte Ruhestätte fanden.
Das barocke Wohnhaus, in dem Marx 1818 in Trier geboren wurde, ist heute ein Museum, in dem die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Daueraustellung zu Leben und Werk von Karl Marx zeigt.
3. Johannes Brahms
Das Talent von B. zeigt sich in früher Jugend, so daß der Vater ihn von Anfang an für den Musikerberuf bestimmte. Mit 10 Jahren war er so weit, daß er in einem Konzert als Klavierspieler auftreten konnte. Sein Lehrer, der selbstlose F. W. Cossel, erreichte, daß der hochangesehene Theoretiker →Eduard Marxsen ihn ohne Entgelt als Schüler annahm. Von seinem 13. Jahre an mußte er nachts in Kneipen spielen, um zum Unterhalt der Familie beizutragen. Bald fing er an zu komponieren, hatte auch Gelegenheit, sich im Dirigieren zu üben, und erwarb sich daneben durch eifriges Lesen ernster Bücher eine tief fundierte Bildung. Mit 20 Jahren unternahm B. eine Konzertreise mit dem ungarischen Geiger Eduard Reményi, besuchte Jos. Joachim in Hannover, der ihn an Franz Liszt in Weimar empfahl. 1853 erfolgte der schicksalhafte Besuch bei →Robert Schumann in Düsseldorf, der von der Fülle und Bedeutung der mitgebrachten Kompositionen tief ergriffen war und in der „Neuen Musikzeitung“ (1854) den berühmten Aufsatz „Neue Bahnen“ erscheinen ließ. Engste Freundschaft verband ihn nun mit Schumann und nach dessen geistiger Erkrankung mit Frau Clara, der er in den schweren Jahren treulich beistand und bis zu ihrem Tode (1896) eng verbunden blieb. Von nun an zeigte sich bei B. eine fast gradlinige Entwicklung: reichstes Schaffen, von Anfang an unter der Kontrolle einer unbestechlichen Selbstkritik, Konzertreisen als Pianist, nur in den ersten Jahren auch Unterricht. Drei Jahre lang wirkte er als Chordirigent und Hofpianist in Detmold, 1859 übernahm er die Leitung eines Frauenchors in Hamburg. Sein erstes großes Werk, das Klavierkonzert in d-moll, war zuerst ein Mißerfolg, durch den sich →Clara Schumann nicht abhalten ließ, es immer wieder zu spielen. 1860 erschien auf Veranlassung und mit der Unterschrift von B. das unselige Manifest gegen die „Neudeutschen“, das Liszt und seine Schule treffen sollte und auf Wagner bezogen wurde. Von nun an galt B. als das Haupt der gegen Wagner kämpfenden Partei, sehr zu seinem Mißvergnügen, da er um die Größe Wagners sehr wohl wußte, so fern ihm auch dessen Art lag. Nur Brückner lehnte, er bis zum Ende seines Lebens aufs schärfste ab. 1862 war B. zum erstenmal in Wien, wo er Wagner kennenlernte, der sich günstig über seine Kompositionen geäußert haben soll. 1863 wurde ihm die Leitung der Wiener Singakademie übertragen, die er schon nach einem Jahr wieder aufgab. Wiederholte Bemühungen um einen Dirigentenposten in Hamburg scheiterten. Immer wieder lockte ihn Wien, wo er als Klavierspieler und Komponist große Erfolge hatte. Das Verständnis für seine Werke wuchs rasch, Rückschläge waren nur mehr vereinzelt, wie bei der ersten Aufführung des „Deutschen Requiems“, das dann bald seinen Ruhm überallhin trug. Nur die Wagnerstadt München blieb bis nach 1900 kühl. 1872 siedelte B. endgültig nach Wien über, leitete 3 Jahre lang die Konzerte der „Gesellschaft der Musikfreunde“, in der er später noch organisatorisch tätig war, wie auch als Präsident des 1885 gegründeten „Wiener Tonkünstlervereins“. Seine selbstlos hilfsbereite, äußerst aktive Natur verlangte nach einer solchen Wirksamkeit. Daneben aber nahmen ihn die Konzertreisen, auf denen er als Pianist und Dirigent seine Werke der Welt darbot, immer intensiver in Anspruch, ohne daß darüber seine schöpferische Kraft gelitten hätte. Werk entstand auf Werk, kaum eines von geringerem Gewicht. Der Erfolg blieb ihm treu. Wenn einmal ein Werk nicht gleich verstanden wurde, kam die Wirkung sehr bald nach. Sein Ansehen wuchs mit jedem Jahre, auch im Ausland, vor allem in England, Holland und Amerika. B. ist der erste Komponist ernster Musik, der vom Ertrag seiner Werke lebte, ja reich wurde: er hinterließ ein Vermögen von rund 400 000 Mark. In Fritz Simrock fand er einen Verleger, der freiwillig, oft gegen die Warnung des Komponisten, hohe Honorare zahlte. Doch führte B. sein einfaches Leben weiter, war aber sehr freigebig und half, wo er konnte, seiner Familie, an der er rührend hing, und Freunden, die er in Not wußte. Er blieb unverheiratet, hat wohl schwer darunter gelitten, und es mag sein, daß sein zu Zeiten schwieriges, schroffes Wesen damit zusammenhing. Doch war er schon von Natur schwerblütig und verschlossen, eine „hartnäckig versperrte Seele“ (R. Specht). Dabei aber hatte er Sinn für Behagen, bedurfte der Geselligkeit und vor allem der Freundschaft.
Die Freundschaft mit →Clara Schumann, die dem Musiker ebenso wie dem Menschen verbunden war, begleitete ihn durch sein ganzes Leben. Dazu trat später Elisabeth v. Herzogenberg, eine geistig bedeutende Frau von größtem weiblichen Reiz. B. hat sie wohl heimlich geliebt. Seine Jugendliebe galt der Göttinger Professorentochter Agathe v. Siebold, doch fühlte er sich der ehelichen Bindung nicht gewachsen. In späteren Jahren fesselten ihn die Sängerinnen →Hermine Spieß und Alice Barbi. Zahlreich waren die Männer, die ihm freundschaftlich nahestanden. Von Musikern Jos. Joachim, →Hermann Levi, Hans v. Bülow, der Sänger Julius Stockhausen, die Komponisten K. Goldmark, Fr. Hegar, Th. Kirchner und der von ihm besonders geschätzte Johann Strauß, die Theoretiker →Eusebius Mandyczewski, G. Nottebohm und der Bachforscher Ph. Spitta, ferner u. a. der berühmte Arzt Th. Billroth, der Schweizer Dichter J. W. Widmann, der Maler →Anselm Feuerbach und dessen Biograph J. Allgeyer. Seine Freundschaften, die freilich, besonders bei den nächsten, →Clara Schumann, Jos. Joachim und H. v. Bülow, nicht ohne schwere Krisen blieben, pflegte er vor allem in den Sommerferien, die er stets auf dem Lande zubrachte, meistens in der Schweiz (Thun), zuletzt im Salzkammergut (Ischl). Achtmal fuhr er, stets mit Freunden, nach Italien, das er heiß liebte. Er war bis in das letzte Lebensjahr niemals krank. Er vertraute seiner robusten Natur - „ich bin ein Dauermensch“, pflegte er zu sagen -, doch wurde ihm eine vom Vater ererbte Anlage zum Krebs verhängnisvoll. Im gleichen Alter wie dieser starb er an Leberkrebs.
Im Schaffen von B. sind sämtliche Gattungen der Musik, soweit sie im Gesichtskreis eines Komponisten des 19. Jahrhunderts lagen, in ungefähr gleicher Dichte vortreten, mit einziger Ausnahme der Oper. Von dem offenbar sehr reichen Schaffen der ersten Jugend ist nichts erhalten. Auch von den Werken, die er Schumann vorlegte, hat er, gegen dessen Willen, mehrere vernichtet. Erhalten blieben, außer einer Reihe von Liedern (op. 3), nur die beiden Klaviersonaten op. 1 (C) und 2 (fis), die letztere früher entstanden, und das Scherzo für Klavier op. 4, drei Werke von bereits ausgeprägter Eigenart, die sich, trotz mancher Anklänge an Beethoven, einstweilen noch rein romantisch, maßlos und ungezügelt äußert. Dies gilt auch noch für die - bedeutendere - Sonate in f-moll op. 5 (1854) mit dem herrlich schwärmerischen Andante. Das reichste und beglückendste Jugendwerk, das Trio in H op. 8 (1854) zeigt die formalen Schwächen so deutlich, ist dabei aber so voll von melodischen Einfällen, daß B. in den Jahren der Reife, 1891, das Werk neu herausgab, von den Schwächen gereinigt und in klassische Form gebracht - ein in der Musikgeschichte fast vereinzelter Fall, an dem man die Entwicklung des Komponisten von dem romantisch schwärmenden, um die Gestaltung nicht weiter besorgten Jüngling zum reifen Meister deutlich ablesen kann. Bald wagte er sich an die Konzeption einer Sinfonie, aber während der Arbeit fühlte er sich, in einer bei seiner Jugend erstaunlichen Selbstkritik, diesem größten Gestaltungsproblem doch noch nicht gewachsen, schmolz das thematische Material um in eine Sonate für zwei Klaviere - um sich schließlich für die Form des Klavierkonzerts zu entscheiden. So entstand das 1. Klavierkonzert in d-moll op. 17, das zuerst nicht verstanden wurde, aber nun seit langem zu den großen Werken dieser Gattung zählt. Die ersten reinen Orchesterwerke sind zwei Serenaden in D und A op. 11 und 16 (1859), kurz gefaßte Werke von konfliktloser, melodischer Haltung. Hier wie in dem wenig später entstandenen Streichquartett in B op. 18 wird das Vorbild Schubert deutlich. 1862 entstand der 1. Satz der Sinfonie in c-moll (ohne die erst später hinzugefügte Einleitung), sein erstes Meisterwerk in großem Stil, in dem er die Leidenschaft seiner Jugend mit einer grandiosen sinfonischen Kraft bändigte, an Reichtum der thematischen Arbeit und Konzentration der Gestalt den größten Werken Beethovens ebenbürtig. In den nächsten Jahren entstanden die beiden Klavierquartette op. 25 (g) und 26 (A), deren erstes zum Finale jenes hinreißende „Rondo alla Zingaresa“ hat, in dem B. zum erstenmal Anregungen aus der ungarischen Musik verarbeitet, die 1. Sonate für Cello und Klavier op. 38 (e) und, als Krönung des frühen kammermusikalischen Schaffens, das berühmte Klavierquintett in f-moll op. 34, zuerst als Streichquartett geplant, dann als Sonate für 2 Klaviere ausgearbeitet (so auch später erschienen), bis es in der Fassung für Klavier und Streichquartett seine endgültige Form erhielt, ein Werk großen Stils. Das gewichtigste aber der frühen Werke, zugleich eins der berühmten und allgemein bewunderten, ist das 1866 vollendete, einige Jahre später noch um den Satz mit Sopransolo erweiterte „Deutsche Requiem“ für Soli, Chor und Orchester op. 45, komponiert auf Worte der Heiligen Schrift, ein Werk, das trotz aller Traditionsgebundenheit in den etwas klassizistisch anmutenden Fugen eine neue Welt religiöser Empfindung erschließt, monumental und doch voll von großer Zartheit des Menschlichen. Vorausgegangen waren an Vokalwerken, abgesehen von vielen Liedern, in denen sich der Typus des B.schen Meisterlieds allmählich herausbildet, weltliche und geistliche Chöre mit und ohne Begleitung. Auf das Requiem folgten bald: die „Rhapsodie“, Fragment aus|Goethes Harzreise für Altstimme, Männerchor und Orchester op. 53 und das „Schicksalslied“ (Hölderlin) für Chor und Orchester op. 54, sowie das „Triumphlied“ für achtstimmigen Chor und Orchester op. 55, das im Gegensatz zu jenen höchst persönlichen, tief empfundenen Werken sich mit mehr äußerlichen Wirkungen begnügt, mit deutlichen Anklängen an den allerdings mit Meisterschaft frei behandelten Stil Händels. Es ist geschrieben zur Feier des deutschen Sieges im Kriege 1870/71. Auch die kurz vorher entstandene Kantate „Rinaldo“ (Text von Goethe) für Tenorsolo, Chor und Orchester hat nicht das innere Gewicht der übrigen Werke B.s, es ist formalistisch glatt und ermangelt doch des rechten Glanzes.
In dem Jahrzehnt nach 1870 sind nur wenige Werke reiner Instrumentalmusik entstanden, diese allerdings von größtem Gewicht. Zuerst die „Variationen über ein Thema von Jos. Haydn“ für Orchester op. 56a (als op. 56b in einer Bearbeitung für 2 Klaviere erschienen), eines der größten Variationswerke der gesamten Musik. B. hatte bereits sehr früh Klaviervariationen von hoher Bedeutung geschrieben, op. 9, 21,1 und 2, 23, Werke, in denen der von Beethoven vor allem in den „Diabellivariationen“ op. 120 geschaffene Typus der „Strukturvariationen“ weiter in die Sphäre des Monumentalen entwickelt wird. Sodann ein schon früher begonnenes Klavierquartett in c op. 60 und die 3 Streichquartette op. 51,1 und 2 und op. 67, Werke von wahrhaft Beethovenscher Reife des Stils, denen, wie man erzählt, 20 andere Werke der gleichen Art vorhergegangen sind, die B. als noch nicht ausgereift vernichtet hat. 1876 vollendete er endlich die Sinfonie op. 68 in c-moll, deren erstem, 14 Jahre vorher entstandenen Satz erst jetzt die monumentale Einleitung hinzugefügt wurde. Auch das wiederum in größtem Stil gehaltene Finale hat eine breite Einleitung, in der sich das thematische Material gleichsam durch Nebelschwaden zum klaren Tage durchringt. Die beiden Mittelsätze zeigen, wie meistens bei B., einen etwas kleineren Stil, der dritte Satz ist kein sinfonisches Scherzo der Beethovenschen Art, sondern mehr ein „Intermezzo“. Ein breit entwickeltes, sinfonisches Adagio findet sich nur in der 2., gleich nach der 1. geschaffenen Sinfonie in D op. 72, die nach der 1. die Spannweite der künstlerischen Natur von B. zeigt: an Stelle düsterer Leidenschaft eine heitere Gelöstheit, an Stelle konzentrierter Ballungen breit ausladende Entwicklungen. Dei gleichen D-dur-Welt entstammt das bald darauf entstandene Violinkonzert, heute als eines der größten Werke dieser Art anerkannt. Die gleiche Höhe hält das 1881 entstandene, gewaltige 2. Klavierkonzert in B op. 83, dem dann 6 Jahre später das Doppelkonzert für Violine und Violincello op. 102 folgte, ein fast überreifes, edles, aber etwas sprödes Werk. Zwei Ouvertüren: die „Akademische Festouvertüre“ op. 80, in der Studentenlieder sinfonisch verarbeitet sind, und die „Tragische“ op. 81, geschaffen auf die Nachricht vom Tode des Freundes→Anselm Feuerbach, in der Haltung dem edlen, etwas blassen Klassizismus von dessen Bildern verwandt.
In den folgenden Jahren entstanden die letzten großen sinfonischen Werke, die 3. (in F, op. 90) und 4. (in e, op. 98) Sinfonie. Der erste Satz der dritten, mit seinem leidenschaftlich enthusiastischen, energiegeladenen Hauptthema und dem stark gegensätzlichen, fast pastoralen 2. Thema ist mit unbegreiflicher Kunst in eine klassische Einheit gezwungen. Nicht geringer ist die Kunst, mit der im Finale der Vierten die aus dem Barock übernommene statische Form der Passacaglia (30 Variationen über eine aus einem Bachschen Baßmotiv entwickelte Akkordfolge) mit stärksten dynamischen Spannungen geladen und zu einer echt sinfonischen Gestalt entwickelt wird. Neben diesen monumentalen Werken entstanden 3 Violinsonaten op. 78, 100 und 108, die beiden ersten von intimem Zauber, die letzte leidenschaftlich und in großem Stil, die 2. Cellosonate op. 99 und 2 Klaviertrios op. 87 und 101, das letztere ein düsteres c-moll-Stück von größter Gedrängtheit der Gestaltung, ein Streichquintett op. 88, und als letztes Chorwerk mit Orchester der „Gesang der Parzen“ op. 89.
1889 hat B. sein Liederwerk (200 Lieder für eine Singstimme, außerdem Duette, Soloquartette u. ä.), mit dem er sich ebenbürtig neben die Meister des Kunstliedes Schubert und Schumann gestellt hat, abgeschlossen. Von den Tendenzen der „Neudeutschen Schule“ hielt er sich auch hier fern. Die Übertragung des Wagnerischen „Sprechgesangs“ auf das Lied und die damit verbundene Verlagerung des musikalischen Schwerpunktes aufs Klavier hielt er für falsch. Auch die Liedmelodie folgt bei ihm absolut musikalischen Gesetzen, ist aber trotzdem stets echte Gesangsmelodie. Sie ist so sehr „absolute Musik“, daß bei den „Liebeslieder-Walzern“ für Soloquartett und Klavier zu 4 Händen (op. 52) die Singstimmen ausdrücklich als „ad libitum“ bezeichnet sind. Die Gedichte gehen ohne Rest in der Musik auf. Doch bleiben grundsätzlich Versmaß des Gedichts und strophische Gliederung erhalten, ein Beweis,|wie wichtig er das Gedicht als geformtes Gebilde nahm. Dabei hat er verhältnismäßig wenige Gedichte ersten Ranges vertont, aber kaum eines von nichtigem Inhalt. Am geeignetsten zur Vertonung erschienen ihm Gedichte von ausgeprägtem Gefühlsinhalt und einer musikalisch fruchtbaren Rhythmik. Die Intensität, mit der der Gefühlsinhalt der Gedichte in Musik verwandelt wird, ist außerordentlich, nicht minder die Kraft der Verdeutlichung und zugleich Beseelung des Bildlichen im Gedicht: „Feldeinsamkeit“ (op. 86,2) etwa ist in dieser Hinsicht Schumanns „Mondnacht“ ebenbürtig. Das Klavier „begleitet“ dabei nicht, dient aber auch nicht nur der Verdeutlichung des Stimmungsgehalts, sondern verbindet sich mit dem Gesang zu einer vollkommenen Einheit. Nur ausnahmsweise beschränkt sich das Klavier auf einfache Begleitung, die aber auch dann sehr kunstvoll gesetzt ist, wie etwa in dem berühmten „Wiegenlied“, einer der wenigen Melodien hohen Ranges, die im wahrsten Sinne des Wortes „volkstümlich“ sind. Auch im Lied hat B. da und dort, aber nur sehr selten, „archaistischen“ Tendenzen Raum gegeben: in op. 43,3 und 48,6 hat er zwei altdeutsche Gedichte, im Stil des frühen Barocks, etwa von H. L. Hasler, vertont. Häufiger sind Anklänge an osteuropäische Volksmusik, die ja auch in seinen Instrumentalwerken manchmal deutlich werden. Bei den „Zigeunerliedern“ op. 103 ist nicht immer klar, ob sich hier B. (wie bei den „Ungarischen Tänzen“, die er nur in meisterhafter Weise bearbeitet hat, ohne die melodische Substanz anzutasten) darauf beschränkt hat, zu den Melodien eine kunstvolle Begleitung zu finden, oder ob er auch an der Gestaltung der Melodien mit beteiligt ist. Als reine „Bearbeitungen“ haben die „deutschen Volkslieder“ zu gelten, an denen er Zeit seines Lebens gearbeitet hat; unter vielen ähnlichen Sammlungen ragen sie durch die Meisterschaft, mit der die Begleitung gestaltet ist, hervor. Nicht alle Stücke sind echte „Volkslieder“, manches stammt aus dem Kreis der Romantiker - das schönste Stück aber, „In stiller Nacht“, das mit der kunstvollsten Begleitung ausgestattet ist, scheint von B.eingeschmuggelt zu sein - ein Beweis, wie nahe er als Melodiker der Welt des echten Volksliedes war.
1890 wollte er sein Schaffen mit dem Streichquintett op. 111 beschließen, dessen Ecksätze zum Heitersten gehören, das er geschrieben hat; vor allem der letzte ist von einer Differenziertheit der Polyphonie, die an die letzten Quartette Beethovens erinnert. Aber kaum hatte er damit sein, wie er glaubte, letztes Wort gesprochen, floß sein schöpferischer Quell von neuem, hervorgelockt durch das Spiel des Klarinettisten Rich. Mühlfeld vom Meininger Orchester. Diesem verdanken wir vier der schönsten Kammermusikwerke (1891–93): das Trio für Klavier, Klarinette und Violoncell op. 114, das Quintett für Klarinette und Streichquartett op. 115 und die beiden Sonaten für Klarinette und Klavier op. 120, vier Werke höchster Reife und Abgeklärtheit, vollkommen gelöst, wie mit leichter Hand hingeschrieben und doch voll tiefen Gehalts, am tiefsten wohl das berühmte Klarinettenquintett, in dessen Adagio noch einmal die Erinnerung an die Zigeunermusik auftaucht. Dann kehrte er zurück zur Liebe seiner Jugend, dem Klavier als Soloinstrument. (Einzige Werke der mittleren Zeit die Klavierstücke op. 76 von 1878, und die beiden bedeutenden Rhapsodien op. 79 von 1879.) Nun gab er als op. 116-119 in den Jahren 1892 und 1893 zwanzig Klavierstücke unter verschiedenen, nicht sehr bezeichnenden Titeln heraus, die meisten erst damals entstanden, mit denen er sich als Meister des „Klavierstücks“ neben Schubert, Schumann und Chopin stellt. Die gleiche reife Meisterschaft zeigen die „Vier ernsten Gesänge“ (auf Worte der Bibel) op. 121, geschrieben Anfang Mai 1896, kurz vor dem Tode Clara Schumanns, wohl in der Vorahnung eigener Todesnähe, ein erhabener Abschluß reichen Schaffens, ohne eine Spur von Nachlassen der schöpferischen Kraft, nur letzte Vergeistigung. Es folgten noch, als op. 122 nach dem Tode des Meisters herausgegeben, elf Choralvorspiele für Orgel, in denen der Stil Johann Sebastian Bachs aus der Individualität von B. wiedergeboren erscheint. Das letzte Stück, die letzten Noten, die er schrieb, geht über den Choral „O Welt, ich muß Dich lassen“.
In den Jahrzehnten, da die Werke von B. entstanden, war die musikalische Welt durch das Auftreten und den Siegeszug Richard Wagners tief erregt. Lange Zeit standen sich die Anhänger des einen und des anderen als feindliche Parteien gegenüber, wobei allmählich von den „Wagnerianern“ auch →Anton Bruckner als der echte Sinfoniker gegen B. auf den Schild gehoben wurde. In der Wiener Presse kämpfte →Eduard Hanslick mit der gleichen verbissenen Leidenschaft für B. gegen Wagner und Bruckner, wie Hugo Wolf für diese beiden gegen B.. Auch bei den Musikern gab es die beiden Parteien. Hans Richter, der Wagner und B. mit der gleichen Hingabe und größtem Verständnis dirigierte, war eine Ausnahme. Bei Hans v. Bülow, der sich aus einem Jünger Wagners in einen|fanatischen B.anhänger verwandelte, mögen persönliche Schicksale mitbestimmend gewesen sein. Allmählich haben sich die Gegensätze abgeschliffen, nur B. und Bruckner gelten noch immer als fast unvereinbare Größen. (Doch steht ein Dirigent wie W. Furtwängler beiden Meistern gleich nahe.) Auch das Neue, Vorwärtsweisende an B. wird heute deutlicher gesehen als zu seinen Lebzeiten. Bezeichnend ist, daß ein Vertreter der extremen Moderne behauptet, daß B. „in allen Fragen der Konstruktion →Arnold Schönberg antizipiere“ (Th. Wiesengrund-Adorno, Philosohpie d. neuen Musik, 1949, S. 48 Anmerkung). Von den Komponisten der auf B. folgenden Generation sind nur diejenigen von ihm unbeeinflußt geblieben, die von Anfang an →Richard Wagner folgten, am wenigsten noch →Hans Pfitzner, der in Schumanns Art begann, während Richard Strauß vor seiner Bekehrung zu Wagner brahmsisch komponiert hat. →Max Reger steht, trotz der Maßlosigkeit seines künstlerischen Wesens, in seinen Anfängen B. am nächsten und ist ihm, vor allem im Klavierstil, Zeit seines Lebens verpflichtet geblieben. Durch ihn wirkte die B.’sche Kunst weiter auf seine Schüler, vor allem auf deren begabtesten, Josef Haas. Aber auch außerhalb der Regerschule ist überall da, wo das klassisch-romantische Ideal noch etwas gilt, das Vorbild von B.deutlich. Dies trifft auch für das Ausland zu, dessen Verständnis für B. immer mehr wächst. Vor allem die Tatsache, daß B., der einzige rein nordisch-deutsche unter den großen Meistern, im Konzertleben Frankreichs und Italiens von Jahr zu Jahr mehr verlangt wird, zeigt, wie echt und reich der menschliche Gehalt, wie groß die objektive Gestaltungskraft seiner Musik ist.
4. Richard Wagner
W.s windungsreicher Lebensgang weist neben wenigen Strecken einer relativen, an zentrale Wohnorte gebundenen Stabilität überwiegend eine Folge kürzerer Abschnitte auf, deren konstantes Merkmal räumliche Unbeständigkeit als Ausdruck existentieller Ungewißheit darstellt. Eine starke Strebe in dieser an Fährnissen reichen Biographie bildete die Klarheit eines künstlerischen Lebensprogramms, das spätestens in den 1840er Jahren feste Konturen gewann. Der Kreis an literarischen und mythischen Stoffen, die W. zu Opern und musikalischen Dramen formen wollte, wurde zu dieser Zeit fixiert und bis zum Lebensende konsequent ausgeschritten. Das künstlerische Schaffen strukturierte als stets präsentes Movens den Lebenslauf, und daß Biographie und Werk wechselseitig aufeinander bezogen seien, reflektierte W. von früh auf; er vergewisserte sich dieses Bezugs unentwegt in Briefen und Schriften und inszenierte das fragile Verhältnis beinahe zeitlebens in teleologischer Perspektive, wie die 1870, 1875 und 1880 gedruckten vier Bände der Autobiographie „Mein Leben“ belegen.
Kindheit und Jugend W.s standen bis 1833 unter der prägenden Erfahrung einer Irritation hinsichtlich der eigenen Herkunft sowie häufiger Ortswechsel (Dresden 1814–20, Possendorf 1820 / 21, Eisleben 1821 / 22, Dresden 1822–27, Leipzig 1827–33). Nachdem der leibliche →Vater ein halbes Jahr nach der Geburt des Sohnes gestorben war, übernahm die verwaiste Stelle 1814 der Schauspieler, Portraitmaler und Dichter →Ludwig Geyer, dessen Name W.bis Ende 1827 trug. Seit 1822 besuchte W. die Dresdner Kreuzschule, seit 1828 das Nikolai-Gymnasium in Leipzig; einen förmlichen Schulabschluß erreichte er nicht. Herausragende musikalische Begabung war nicht zu erkennen, doch erwachte früh das Interesse für Literatur (beeinflußt durch seinen Onkel →Adolf), Theater und in der Folge dramatische Komposition. W. versuchte sich zunächst autodidaktisch mit dem „System der Musikwissenschaft“ von →Johann Bernhard Logier (1777–1846) zu bilden; geregelten Kompositionsunterricht erhielt er seit Spätsommer 1831 für wenige Monate bei dem Thomaskantor →Theodor Weinlig (1780–1842). Aufführungen erster Orchesterwerke erregten lokale Aufmerksamkeit, v. a. die Symphonie in C-Dur WWV 29 (1832). Im Jan. 1833 trat W. für kurze Zeit eine Stelle als „Choreinstudierer“ am Würzburger Theater an, wo sein Bruder →Albert als Sänger wirkte. Das Jahr stand jedoch ganz im Zeichen von Dichtung und Komposition des an dt. Vorbildern wie →Carl Maria v. Weber (1786–1826) und →Heinrich Marschner (1795–1861) orientierten Bühnenerstlings „Die Feen“ WWV 32 (UA postum München 1888) und damit der Selbstfindung als Opernkomponist. Es gelang ihm jedoch nicht, sich dauerhaft beruflich zu etablieren: Kurzfristige Theaterengagements (1834–36 Lauchstädt, Rudolstadt, Magdeburg; 1837 Königsberg; 1837–39 Riga) brachten zwar praktische Erfahrungen ein, aber die zweite, nun an ital. Vorbildern ausgerichtete Oper „Das Liebesverbot oder Die Novize von Palermo“ WWV 38 (erfolglose UA Magdeburg 1836) führte schließlich zu einer bedrohlichen Schuldenlage; dieser konnten sich W. und seine Frau →Minna 1839 nur durch eine abenteuerliche Flucht über London nach Paris entziehen. Die entbehrungsreichen Jahre bis 1842 brachten nicht den erhofften Durchbruch, doch erkundete W. mit „Rienzi, der Letzte der Tribunen“ WWV 49 nach dem Modell der franz. Grand opéra sowie der stilistisch eigenständigeren romantischen Oper „Der fliegende Holländer“ WWV 63 weitere Spielarten musikdramatischer Genres. Erst die triumphale Uraufführung des „Rienzi“ im Okt. 1842 am Hoftheater Dresden und der dortige Achtungserfolg der „Holländer“-Premiere Anfang des Folgejahrs führten im Febr. 1843 zu einer Anstellung als Zweiter kgl. sächs. Hofkapellmeister. Sofort stürzte sich W. in eine rastlose Tätigkeit als Dirigent (neben Opern v. a.Musteraufführungen klassischer Orchesterwerke, u. a. 1846 die 9. Symphonie Beethovens), als Operndichter und als Komponist; es entstanden „Das Liebesmahl der Apostel“ WWV 69 (UA Dresden 1843), 1843–45 „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ WWV 70 (UA Dresden 1845), 1845 die Prosaskizze zu „Die Meistersinger von Nürnberg“ und 1845–48 „Lohengrin“ WWV 75 (UA Weimar 1850). Dringendes Anliegen war ihm überdies die künstlerische Reorganisation des Musik- und Theaterwesens. W.s unbedingter Reformwille machte ihn empfänglich für die politischen Anliegen der Revolutionäre von 1848 / 49; er beteiligte sich am Dresdner Maiaufstand 1849, geriet unter Verdacht, wurde fortan steckbrieflich gesucht und floh außer Landes.
Seit Ende Juli 1849 mit seiner Frau im Zürcher Exil lebend, richtete W. sein Selbstverständnis neu aus und legte seine Kunst- und Weltsicht umfassend in Schriften nieder, so in „Die Kunst und die Revolution“ und „Das Kunstwerk der Zukunft“ (beide 1849), dann im theoretischen Hauptwerk „Oper und Drama“ (1850 / 51), schließlich in der autobiographischen Notiz „Eine Mittheilung an meine Freunde“ (1851). In diesen Kontext gehört auch der hochproblematische Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ (1850). Dramatisch-musikalische Verwirklichung fanden die entwickelten Gedanken in einer großangelegten, den Nibelungen-Mythos entfaltenden Tetralogie: Bis 1852 waren die Dichtungen zu „Das Rheingold“ WWV 86A, „Die Walküre“ WWV 86B, „Siegfried“ WWV 86C und „Götterdämerung“ WWV 86D abgeschlossen. Die Komposition der vier Teile erstreckte sich, mit großen Unterbrechungen, über mehr als 20 Jahre (Abschluß in der Reihenfolge der Werke: 1854, 1856, 1865 [bis 2. Akt]/ 1871, 1874). Da W. der Weg nach Deutschland abgeschnitten war – eine Teilamnestie wurde erst 1860, die völlige Aufhebung 1862 erlassen –, versuchte er sein Wirkungsfeld im Ausland zu erweitern, namentlich durch Konzertreisen (1855 London; 1860 Paris, Brüssel; 1862 / 63 Wien, Prag, St. Petersburg, Moskau, Budapest u. a.) und Opernaufführungen (Fiasko des „Tannhäuser“ 1861 in Paris). Auch in Zürich trat er als Dirigent auf. Die Lebensverhältnisse blieben angespannt, obwohl vermögende Bürger ihn großzügig unterstützten. Im April 1857 bezogen die Wagners ein „Asyl“ genanntes Domizil neben der Villa des Mäzenaten-Ehepaars →Otto (1815–96) und →Mathilde Wesendonck (1828–1902). Hier unterbrach W. die Arbeit am „Ring“ zugunsten von „Tristan und Isolde“ WWV 90. Nach familiären Mißhelligkeiten verließ W.ein Jahr später Zürich und begann erneut ein unstetes Wanderleben (1858 / 59 Venedig; 1859–62 Luzern, Paris, Wien, Karlsruhe; 1862–64 Biebrich b.Wiesbaden, Wien), das ihn unaufhaltsam in den finanziellen Ruin trieb. Trotz aller Unruhe arbeitete W. seit 1861 an „Die Meistersinger von Nürnberg“ WWV 96 (UA München 1868).
Einer drohenden Schuldhaft in Wien entging W. im Frühjahr 1864 durch Ausweichen in die Schweiz und nach Deutschland. Ein erhofftes „gutes, wahrhaft hilfreiches Wunder“ (Brief v. 8. 4. 1864 an →Peter Cornelius, 1824–74) ereignete sich am 3. Mai des Jahres, als der gerade gekrönte bayer. Kg. →Ludwig II. (1845–86) den Komponisten nach München rufen ließ. Die nun wie im Rausch erlebte Zeit in der Residenzstadt, in der sich W. schlagartig aller materiellen Sorgen enthoben sah und beinahe uneingeschränkten Einfluß auf den jungen Monarchen ausüben konnte, fand ihren Höhepunkt in der Uraufführung von „Tristan und Isolde“ im Juni 1865. W.s hochfliegende organisatorische, kunstpolitische und künstlerische Pläne, wie z. B. der Bau eines monumentalen Festtheaters oder die Gründung einer Musikschule für die Heranbildung fähiger Sänger, blieben allerdings weitgehend unverwirklicht (außer Prosaentwurf des „Parzival“), da der →König sich im Dez. 1865 genötigt sah, seinen maßlosen Protegé des Landes zu verweisen. W. siedelte nach Tribschen nahe Luzern über und gründete hier einen Haushalt mit der ihm bereits seit längerem intim verbundenen →Cosima v. Bülow, der Tochter →Franz Liszts und Ehefrau seines Freundes →Hans v. Bülow (1830–94). Die Ehe mit →Minna war seit langem zerrüttet gewesen. Von 1866 bis 1872 vollendete W.zunächst die „Meistersinger“, dann „Siegfried“, förderte die Skizze der „Götterdämmerung“ bis weit in den 3. Akt hinein, stellte die Ausgabe seiner „Gesammelten Schriften und Dichtungen“ zusammen und führte die Pläne von Festspielen in Bayreuth bis zur endgültigen Entscheidung über ihre Realisierung und bis zur Grundsteinlegung für das Festspielhaus. Ein intensiver persönlicher Austausch bestand zeitweilig mit →Friedrich Nietzsche (1844–1900).
Die Übersiedlung mit →Cosima und den drei gemeinsamen Kindern Isolde, Eva und Siegfried nach Bayreuth 1872 markiert den Beginn der letzten Lebensperiode W.s. Im Aug. 1873 wurde das Richtfest des Festspielhauses gefeiert; seit April 1874 lebte die Familie im eigenen, neu errichteten Haus Wahnfried. Die „Ring“-Partitur konnte W. im Nov. dieses Jahres abschließen. Sogleich liefen die Vorbereitungen für die ersten Festspiele an: Im Aug. 1876 ging erstmals vor internationalem Publikum die Tetralogie über die Bühne. Ungeachtet des künstlerischen Triumphs endeten die Festspiele in einem Finanzdebakel, das eine Wiederholung vorerst unmöglich machte – die nächsten Gesamtaufführungen des „Rings“ fanden 1878 in München sowie 1879 in Leipzig und Wien statt. Trotz aller Aussichtslosigkeit und fortdauernder Mühsal bei der Aufrechterhaltung seiner Festspielidee begann W. im Frühjahr 1877 mit Dichtung und Komposition des „Parsifal“ WWV 111, den er – immer wieder unterbrochen durch längere Auslandsreisen – bis Anfang 1882 beendete. Diese letzte Schöpfung stand im Mittelpunkt der zweiten Bayreuther Festspiele im Juli/ Aug. 1882. Inzwischen gesundheitlich angeschlagen, übersiedelte W. mit seiner Familie im September nach Venedig, um dort Erholung zu suchen. Wenige Monate vor seinem 70. Geburtstag erlag er hier im Palazzo Vendramin am Canal Grande einem Herzanfall.
W. ist neben →Ludwig van Beethoven (1770–1827) der wirkungsmächtigste Komponist des 19. Jh. Im Zentrum von Denken und Schaffen steht das Theater und hier das Drama in einem allumfassenden Sinn als Medium des Zusammenspiels aller Künste. Für dieses neuartige Verständnis verwendete W.erstmals in seiner Schrift „Die Kunst und die Revolution“ (1849) den schon Jahrzehnte vor|ihm geprägten Begriff „Gesamtkunstwerk“ (den Ausdruck „Musikdrama“ lehnte er als zu eng ab). Instrumentalmusik spielt, abgesehen vom Frühwerk, nur am Rande eine Rolle („Eine Faust-Ouvertüre“ WWV 59, 1839 / 40; „Siegfried-Idyll“ WWV 103, 1870). Das historische Widerlager seiner die ganze europ. Geschichte umspannenden Theorie bildet das antike Theater und hier die Tragödie. Die in ihr vorhandene Einheit von Sprache, Bewegung („Gebärde“) und Musik, war, so W., zerbrochen und müsse wiederhergestellt werden, freilich nicht im Sinne eines restauratorischen Aktes, sondern in Form und Funktion eines „Kunstwerks der Zukunft“. Dessen Hervorbringung ist an den Künstler gebunden, der Dichter- und Musikertum in sich vereinigt; von Beginn an schrieb W. die Textbücher seiner musikalischen Dramen selbst. Von dieser Position aus brach er nach 1850 endgültig mit der herkömmlichen Oper, in der die Musik – ein Mittel des Dramas – irrigerweise zu dessen Zweck erhoben worden sei. Entscheidend für die Erneuerung des Dramas war für W. neben einem neuen, stark an der Sprachdeklamation orientierten Gesangsstil die Rolle des Orchesters. Es trat in die Stellung des allwissend-kommentierenden antiken Tragödienchors ein und garantierte durch u. a. →von Beethoven herrührende symphonische Durchführungsverfahren den strukturellen Zusammenhang in dramatischen Verläufen („Leitmotiv“; „dichterischmusikalische Periode“, „unendliche Melodie“, „Kunst des Übergangs“); herkömmliche Arien- und Ensembleformen verschwanden weitgehend. Die Stoffe des Dramas fand W. vornehmlich im mittelhochdt. Epos (Ausnahmen u. a. „Die Feen“, „Rienzi“ und „Meistersinger“); aus diesem nährt sich auch der synkretistische Mythos des Nibelungen-Rings. Das grundlegende Motiv in W.s Gedankenwelt stellt „Erlösung“ dar, ein Begriff, den er über die Kunst hinaus für Mensch und Gesellschaft als zunehmend verabsolutierte Maxime geltend macht; deren Problematik tritt in der „Judenthum“-Schrift (1850) eklatant hervor.
Die genannten kunsttheoretischen Grundüberzeugungen W.s und deren ästhetische Ausformungen sowie die kompositorischen Merkmale der Werke erzeugten einen enormen Widerhall bei den künstlerischen Zeitgenossen wie auch beim Publikum. Die schon früh in beinahe bedingungslose Gefolgschaft einerseits, unerbittliche Gegnerschaft andererseits gespaltene Öffentlichkeit bildete den weiten Resonanzraum für einen Bühnendichter, Komponisten und Musikdenker, der sich selbst und seine Imaginationskraft für letztlich inkommensurabel hielt. Tatsächlich orientierten sich viele schöpferische Musiker im In- und Ausland an Kompositionstechniken und -verfahren W.s, was nicht pauschal als epigonales Nachahmen abgetan, sondern vielmehr als produktive Aufnahme fortzeugungsfähiger Modelle verstanden werden sollte – jenes gab es, doch dieses allein ist, schaut man auf Namen wie →Bruckner, →Debussy, Wolf, →Humperdinck, Strauss, →Pfitzner oder →Schönberg, von historischer Relevanz. Darin liegt auch der Grund, daß die Vorbildfunktion und Einflußkraft W.s für die Entwicklung der Musik in der zweiten Hälfte des 19. Jh. und weit darüber hinaus nicht hoch genug einzuschätzen ist.
Zu W.s Selbstverständnis gehört untrennbar eine lebenslange publizistische Tätigkeit als – im weitesten Sinne verstandener – Kommentator seines musikalischen Schaffens, aber auch des Geschehens in Kunst, Geschichte, Philosophie, Religion, Politik und Gesellschaft seiner Zeit. Wirkungsgeschichtlich höchst effektiv waren und sind die auf W. selbst zurückgehenden Vereine und Gemeinden, die weltweit für die Pflege des Werks, das als Träger einer Weltanschauung verstanden wird, eintreten. Ihre Mitte finden sie in der langen Tradition sommerlicher Festspiele in Bayreuth.
Der Einfluß von W.s Persönlichkeit und Œuvre zeitigte mächtige Folgen für die europ. Kulturgeschichte im allgemeinen, für das Theater, die Literatur („Wagnérisme“: →Baudelaire, →Mallarmé, →Verlaine, →d’Annunzio, →Wilde, →Joyce, →Ibsen, →Strindberg, →Mann u. a. m.), den Film und die bildende Kunst (→Makart, →Beardsley, →Kandinsky u. a. m.). Neben dieser kulturgeschichtlichen Dimension ist im besonderen auch die fatale politische Rezeption W.s zu erwähnen. Sie läßt sich nicht vom Werk trennen, sondern liegt, jedenfalls in manchen Teilen, in ihm begründet. Wohl bei keinem anderen Künstler des 19. Jh. sind Person und Bühnenkunst derart ideologisch aufgeladen wie bei W. Dessen Hegemonialanspruch in Theater und Musik korrelierte mit demjenigen des jungen Dt. Reichs und der Überzeugung, in der Welt der Dichter, Denker und Musiker die Führung innezuhaben. Diese Hybris befeuerte sich wechselseitig und schuf den Nährboden für spätere Vereinnahmungen, v. a. im „Dritten Reich“. Die Meinung, es sei „viel Hitler in Wagner“ (Th. Mann), berührt einen ebenso problematischen wie ambivalenten Sachverhalt. W. ist|kein Nationalsozialist „avant la lettre“. Aber mit Elementen seiner Weltsicht, insbesondere seinem Antisemitismus, stieß er bei Hitler und im NS-Staat auf begierige Rezipienten, aufs eifrigste befördert vom Bayreuther Familien-Wagnerismus um →Winifred Wagner und →Houston Stewart Chamberlain. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Widerspruch zwischen nach wie vor faszinierender künstlerischer Leistung auf der einen Seite, abgründiger Unterminierung des Œuvres auf der anderen gehört auch im 21. Jh. zu den großen Herausforderungen, vor die W. die Nachwelt stellt.
5. Friedrich Engels
E. Leben und Bedeutung ist bestimmt durch seine 1844 in Paris geschlossene Freundschaft mit Karl Marx. Sie basiert auf einer bemerkenswerten Übereinstimmung der Ansichten, die selbst wieder das Resultat einer parallelen Entwicklung in den revolutionären Jahren 1839-43 und einer regen Anteilnahme an den theologischen und politischen Auseinandersetzungen der Junghegelianer und den damals einströmenden kommunistischen Theorien ist.
Als noch nicht 18jähriger kam E. im Juli 1838 aus einer pietistischen Umwelt in die kaufmännische Lehre nach Bremen. Seine Neigungen galten jedoch dem Dichten, der Musik und der Schriftstellerei. Seine ersten Versuche erschienen meist unter dem Pseudonym Friedrich Oswald, Gedichte und zeitkritische Beiträge in liberalen Blättern (Briefe aus dem Wuppertal, in: Gutzkows Literaturzeitschrift „Telegraph für Deutschland“, März 1839). E. war begeistert von Freiligrath, Gutzkow, dem Jungen Deutschland, E. M. Arndt, vor allem aber von Börne. Seine entscheidende Wandlung vollzog sich 1839, als der durchaus noch kirchliche E. sich durch Schleiermacher, vor allem aber durch D. F. Strauß aus der Orthodoxie löste und zur nach- und junghegelianschen Theologie und Geschichtsphilosophie kam und Börne ihn zum politischen Radikalismus führte. E. Ideal wurde eine Durchdringung von Börne und Hegel als Vermittlung von Leben und Philosophie. Auch das Zeitgeschehen erregte E. jetzt stärker; schon in seinen ersten zeitkritischen Beiträgen zeigten sich soziale Interessen, um 1840 auch schon sozialistische Züge.
Zum Herbst 1841 ging E. als Einjährig-Freiwilliger zum Garde-Fußartillerie-Regiment nach Berlin, wohin ihn die rege Universität und der Junghegelianerkreis lockte, dem auch Marx in seiner Studentenzeit noch bis April 1841 angehört hatte. E. hörte Schellings Antrittsvorlesung (15.11.1841) und dessen erste gegen Hegel gerichtete Vorlesung über die Philosophie der Offenbarung, und er nahm sofort führend Anteil am junghegelianischen Kampf gegen Schelling („Schelling über Hegel“, Mitte Dezember im „Telegraph“, ferner die anonymen Broschüren „Schelling und die Offenbarung, Kritik des neuesten Reaktionsversuchs gegen die freie Philosophie“, März 1842, und „Schelling, der Philosoph in Christo, oder Die Verklärung der Weltweisheit zur Gottesweisheit“, Mai 1842), an der sich damals radikalisierenden Hegelkritik der linken Junghegelianer, der sogenannten „Freien“ (durch Mitarbeit an der „Rheinischen Zeitung“ April/Juli 1842) und an deren Kampf gegen den neuen reaktionären Kurs in Preußen anläßlich des Vorgehens gegen →Bruno Bauer (travestierendes Pamphlet „Die frech bedräute, jedoch wunderbar befreite Bibel oder Triumph des Glaubens“, Sommer 1842, das bereits den starken Einfluß Feuerbachs und den betonten Atheismus zeigte). Bald aber distanzierte sich E. von der ihm zu theoretisch und zu individualistisch-anarchisch werdenden Entwicklung der „Freien“ (Kritik an Alexander Jungs „Vorlesungen über die moderne Literatur der Deutschen“, in: Deutsche Jahrbücher, Juli 1842), von denen sich auch Marx damals bereits entschiedener getrennt hatte. In diesen Berliner Kreis drangen 1842 Gedanken über soziale Revolution.
Nach Beendigung der Militärzeit sollte E. in Manchester bei der Firma Ermen und Engels, an der sein Vater Mitinhaber war, die Lehre abschließen. In Köln suchte E. die Redaktion der Rheinischen Zeitung auf. Moses Heß wies ihn auf Englands Bedeutung für die künftige soziale Revolution und auf das Problem des Klassenkampfes hin; ein Halbjahr später nahm er für sich in Anspruch, E. zum Kommunismus bekehrt zu haben. Hier fand auch eine erste, etwas kühle Begegnung mit Marx statt, der diesem Berliner „Freien“ gegenüber sich mißtrauisch zurückhielt. In der Überzeugung, daß die Emanzipation der Menschheit nur durch Überwindung des Privateigentums durch die nahe soziale Revolution und nicht auf dem Wege der politischen Demokratie möglich sei, kam E. im November 1842 nach Manchester, dem Geburtsort der Anti-Kornzoll-Liga, einem Zentrum des Chartismus, den damaligen Brennpunkt des industriellen Fortschritts, der proletarischen Verelendung und der politischen und sozialen Spannungen Englands in den letzten Jahren, in einem Augenblick, als dort gerade der erste große Massenstreik zusammengebrochen war. E. studierte die Chartisten- und Arbeiterbewegung, kam mit O'Connor, Harney, O'Brien, Watts zusammen, besuchte|Owensche Massenversammlungen, Fabriken, Arbeiterviertel, beobachtete O'Connels irische Bewegung, suchte 1843 in London die deutschen Kommunisten →Karl Schapper, Joseph Moll, Heinrich Bauer vom „Bund der Gerechten“ auf, studierte die englische sozialkritische Literatur (Shelley, Disraeli, Carlyle), das nationalökonomische Schrifttum und die sozialistischen Theoretiker und sammelte Material für eine Sozialgeschichte Englands. In der „Rheinischen Zeitung“, dem „Schweizer Republikaner“, dem Pariser „Vorwärts“ (1844) stellte er die englische Krisensituation dar, im Owen-Blatt „The New Moral World“ entwickelte er die Fortschrittlichkeit des theoretischen Kommunismus in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. In den 1½ Jahren in Manchester (bis August 1844) vollzog E. – spürbar schon seit den ersten Wochen – die entscheidende Wandlung zum unutopischen Kommunismus und revolutionären Aktivismus, und er betrachtete die ökonomischen Verhältnisse als Grundlage der politischen Spannungen. Die literarische Frucht dieser Zeit sind die Vorarbeiten für „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845) und die Beiträge für die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ aus dem Winter 1843/44: „Die Lage Englands, ‚Past and Present' by Thomas Carlyle“ und vor allem die „geniale Skizze“ (Marx 1859) „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“. Diese Arbeit führte zum zunächst brieflichen Kontakt mit Marx.
Die entscheidende Begegnung, die die bleibende enge Freundschaft und Zusammenarbeit begründete, fand Anfang September 1844 in Paris statt, wo E.seine Rückreise zehn Tage unterbrach. Beide stellten fest, wie nahe sie sich in ihren Anschauungen und Zielen gekommen seien und wie gut sie einander ergänzen könnten, der grüblerische, radikale Theoretiker und der dem praktischen Leben und der Ökonomie zugewandte, begabte Dilettant. Für ein gemeinsames Werk, das unter starkem Einfluß Feuerbachs vom Boden des „realen Humanismus“ den abstrakten Subjektivismus der Junghegelianer, insbesondere der Brüder Bauer und anderer Gefährten der Berliner Zeit, deren Organ 1843/44 die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ war, aber auch Hegel selbst kritisieren sollte, steuerte E. noch in Paris einige Abschnitte (noch nicht ein Zehntel des Umfangs) bei (E. und K. Marx, „Die Heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik“, 1845). Im Winter 1844/45 schrieb E. in Barmen „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845, 2. Auflage mit neuem Vorwort 1892). Es beruht auf dem in Manchester gesammelten Material, eigenen Beobachtungen, dem englischen sozialkritischen Schrifttum und den parlamentarischen Enqueten, und es ist wohl E. bedeutendstes Werk geblieben, das für seine geistige Entwicklung von besonderem Interesse ist, weil es noch nicht ganz die Übereinstimmung mit Marx zum Ausdruck bringt und – wie schon „Die Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“ – Besonderheiten zeigt, die E. weitgehend bewahrt hat.
In seiner Heimat trieb E. kommunistische Propaganda („Zwei Reden in Elberfeld“, Februar 1845, in: Rheinische Jahrbücher, 1845) zusammen mit Moses Heß, aber ohne Widerhall im Proletariat. Als es zu Konflikten mit den Behörden und seinem Vater kam, ging E. gegen Ostern nach Brüssel, wo der aus Paris ausgewiesene Marx schon seit Februar lebte. Im Sommer (Juli/August) unternahmen beide eine Studienreise nach London und Manchester; dann begann die gemeinsame „Selbstverständigung“ (bis August 1846), ihre Abrechnung mit den Junghegelianern und vor allem die Auseinandersetzung mit Feuerbach (das umfangreiche Manuskript „Die deutsche Ideologie, Kritik der nachhegelschen Philosophie in deren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten“ wurde erst seit 1926 beachtet, 1932 erstmalig vollständig herausgegeben, maßgeblich in MEGA I, 5; Abdruck mit verkürztem wissenschaftlichem Apparat, Berlin 1957). Hier wurde von beiden der „historische Materialismus“ nach den verschiedensten Seiten bis in die praktisch-politischen Konsequenzen durchdacht. Sie suchten jetzt Einfluß auf die aufkeimende sozialistisch-kommunistische Bewegung durch ein von ihnen in Brüssel begründetes Korrespondenzbüro; sie kritisierten die verschiedensten „utopischen“ Richtungen, verkündeten ihren wissenschaftlich-kritischen Kommunismus als die Lehre von den wirklichen Bedingungen der Befreiung des Proletariats und wandten sich scharf gegen Hermann Kriege, Wilhelm Weitling, Moses Heß, →Karl Grün, →Karl Heinzen.
Im August 1846 zog E. nach Paris, wo er unter den „Straubingern“, den dortigen deutschen Handwerkerkommunisten, die Proudhon-, Grün-, Heß- und Weitling-Einflüsse bekämpfte und Kontakt zu den französischen Theoretikern Proudhon, Cabet, Blanc, Flocon suchte. Er vertrat radikal die Notwendigkeit der gewaltsamen demokratischen Revolution. Ein Erfolg des Kampfes dieser Zeit war|Marx' Einfluß auf den Londoner „Bund der Gerechten“, dessen führende Köpfe sich im Winter 1846/47 zur neuen Theorie des Kommunismus von Marx und E. bekannten. E. sprengte im Juni 1847 den bisherigen „Bund der Gerechten“ und wirkte an seiner Umgestaltung zum „Bund der Kommunisten“ mit. Als Programm entwarf er im November 1847 die „Grundsätze des Kommunismus“. Anfang Dezember nahmen Marx und E. am Bundeskongreß in London teil, wo Marx sich endgültig durchsetzte und den Auftrag zur Abfassung des „Manifestes der kommunistischen Partei“ erhielt, für das dieser E. „Grundsätze“ verwendete und das dann unter beider Namen Anfang Februar 1848 in London erschien.
Ende Januar 1848 wurde E. aus Frankreich ausgewiesen, kehrte Ende März von Brüssel nach Paris, wohin bereits das Londoner Zentralkomitee des Kommunistenbundes verlegt war, und Ende April ins Rheinland zurück, wo Marx und er seit Juni aus der Neuen Rheinischen Zeitung ein Organ zur Aufrüttelung des liberalen Bürgertums schufen. E. verfolgte besonders das revolutionäre Geschehen im Ausland. Er erwartete von einem deutschen Volkskrieg gegen Rußland den Sturz der alten Mächte; er hoffte vergebens auf den Ausbruch der Revolution in England, auf den Sieg der Pariser Arbeiter, auf Widerstand der Frankfurter und Berliner Nationalversammlung gegen die erstarkende Reaktion. Im September trat E. stärker im Rheinland hervor – dabei auch erste Begegnung mit Lassalle –, mußte dann fliehen und ging über Brüssel und Paris in die Schweiz, wo er Kontakte mit den dortigen Arbeitervereinen suchte; Januar 1849 kehrte er nach Köln zurück. Als im Rheinland im Frühjahr die Revolution neu aufflackerte, beteiligte er sich führend in Wuppertal. Drohender Verhaftung entzog er sich Mitte Mai und ging ins pfälzisch-badische Aufstandsgebiet. Nach kurzer Festnahme beteiligte er sich als Adjutant August von Willichs am weiteren Aufstand – damals Begegnung mit Gottfried Kinkel – und nahm am letzten Rückzug in die Schweiz teil. In Genf lernte er Wilhelm Liebknecht kennen. Oktober/November gelangte er über Genua zu Schiff nach London, wo sich Marx bereits niedergelassen hatte, um in der „Revue“ der Neuen Rheinischen Monatsschrift die bürgerliche Demokratie zu bekämpfen und die zweite Revolution zu schüren. In London sammelten sich die revolutionären Emigranten und die alten Mitglieder der Zentralbehörde des Kommunistenbundes. Marx und E. gerieten hier bald in die völlige Isolierung; die „Revue“ ging 1850 ein. Vergebens hoffte E. auf eine neue Wirtschaftskrise und mit ihr auf den Ausbruch der von ihm schon seit Jahren erwarteten englischen Revolution. In diesem Londoner Jahr stellte E. kritische Betrachtungen zur jüngsten Vergangenheit an: „Die deutsche Reichs-Verfassungskampagne“ (gleichzeitig mit Marx' „Klassenkämpfe in Frankreich“ in der „Revue“ erschienen), „Der englische Zehnstundentag“ und als historische Erläuterung „Der deutsche Bauernkrieg“. Für die nächsten 20 Jahre kehrte E. nach Manchester in den „hündischen Commerz“ zurück; er war als Prokurist der deutschen Firma, seit 1864 als Teilhaber mit guten Einkünften tätig, so daß er Marx kräftig unterstützen konnte. Er entlastete ihn auch dadurch, daß er weitgehend dessen journalistische Verpflichtungen übernahm, unter anderem für New York Tribune, die Neue Oder-Zeitung und die Wiener Presse. Die wichtigsten Artikel sind in „Gesammelte Schriften von Marx und E. 1852-62“ (herausgegeben von D. Rjasanow, 1917) enthalten (erschienen nur 2 Bände bis 1855). Die Artikelserie „Revolution und Kontre-Revolution in Deutschland“, die noch 1896 von Kautsky und Marx' Tochter als Schrift von diesem in Übersetzung herausgebracht wurde, stammte aus E. Feder (1851/52 im New York Tribune).
Die Auflösung des Kommunistenbundes (1852) gab Marx und E. größere Freiheit für eigene Arbeit. E. beschäftigte sich mit militärischen Fragen und verfolgte aufmerksam die Weltpolitik, den Aufstieg →Napoleons III., die orientalische Frage, den Panslawismus, den Krimkrieg, die Nationalitätenprobleme. 1854/55 bereitete er eine Arbeit „Deutschland und das Slawentum“ gegen Panslawismus und russischen Revolutionsoptimismus vor; damals beschäftigten ihn auch Fragen des frühen Agrarkommunismus und der ökonomischen Grundlage der orientalischen Reiche. Seit der Neuen Ära in Preußen nahm er wieder lebhafteren Anteil an den deutschen Verhältnissen. Als der italienische Krieg drohte, nahm er im Februar/März 1859 in der anonymen Schrift „Po und Rhein“ im großdeutsch-nationalen Sinne gegen die populäre proösterreichische Politik Stellung und trat für Preisgabe der Lombardei an ein geeintes Italien ein. Nachdem sich Lassalle für →Napoleon III. und eine „friderizianische“ Politik gegen Österreich zum Erwerb Schleswig-Holsteins eingesetzt hatte, warnte E. (Februar 1860, „Savoyen, Nizza und der Rhein“) vor Bonapartismus und Zarismus. Aufmerksam verfolgte E. dann den amerikanischen Sezessionskrieg, sowohl von der militärischen Seite her (Volkskriegsprobleme|in „Essays addressed to Volunteers“, London 1861) als auch wegen der wirtschaftlichen Folgen, die Marx und Engels selbst finanziell deutlich zu spüren bekamen. Beim polnischen Aufstand 1863 setzte E. Hoffnungen auf Polens Wiederherstellung; er plante zusammen mit Marx eine Schrift „Deutschland und Polen“. Im Londoner „Commonwealth“ griff E. im Frühjahr 1866 die Polenfrage im Zusammenhang mit dem Nationalitätenproblem und der Verneinung des Panslawismus erneut auf (nur die ersten Teile gedruckt). 1864 machte E. eine Reise durch Schleswig-Holstein.
Nach Lassalles Tod (1864) und der Gründung des „Sozialdemokrat“, herausgegeben von J. B. von Schweitzer und Liebknecht, nahmen Marx und E. wieder stärkeren Anteil an der deutschen Arbeiterbewegung. E. wandte sich zur Beeinflussung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gegen den Lassalle-Kurs, den von Schweitzer und Sophie Gräfin Hatzfeld diktatorisch fortsetzten, in „Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei“ (1865): Marx und E. blieben – außer bei Liebknecht – ohne Widerhall in Deutschland.
In seiner Preußen- und Bismarckabneigung irrte sich E. in Beiträgen für Manchester Guardian in seinen Kriegsprognosen von 1866, erkannte aber nach Königgrätz schnell die Aussichten der Arbeiterbewegung im entstehenden Reich. Nach Erscheinen des „Kapital“ suchte E. 1867/68 durch mehrere anonyme Anzeigen in großen Tageszeitungen die Aufmerksamkeit des deutschen Bürgertums auf dies Werk zu lenken; eine kleine ursprünglich für die „Gartenlaube“ bestimmte Marx-Biographie erschien 1869 in der „Zukunft“. Die Beziehungen zu der 1868/69 entstehenden deutschen Sozialdemokratie blieben trotz starker Anteilnahme gering.
Nachdem E. zum 1.7.1869 aus der Firma ausgeschieden war, unternahm er eine Irlandreise und bereitete ein geschichtlich-soziologisches Werk über die irische Frage vor. Im Herbst 1870 siedelte er nach London über, wo er nur wenige Minuten von Marx entfernt wohnte. Für die Pall Mall Gazette schrieb E.60 Artikel über die Kriegsvorgänge (in deutscher Übersetzung „Der Deutsch-Französische-Krieg 1870/71“, Berlin 1957). Nach dem Sturze →Napoleons wechselten seine Sympathien auf die französische Seite; er warnte dringend vor der Annexion Elsaß-Lothringens und vor einer vorzeitigen Erhebung des französischen Proletariats gegen die bürgerliche Republik. Er setzte Hoffnungen auf den französischen Volkskrieg und auf englisches Eingreifen gegen Rußland. Für diese Ziele trat E. Februar/März 1871 auch im Generalrat der Internationale ein, dem er seit kurzem angehörte. Der fast aller europäischer Sprachen Kundige versah dort das Sekretariat für Belgien, Dänemark und Portugal, 1871 auch für Spanien und Italien.
Seitdem im Süden Europas Bakunins Einfluß nach 1868 und besonders nach Mazzinis Tod (1872) gewachsen war, drohte eine Spaltung der Internationale, die Marx und E. zentraler im Londoner Generalrat zusammenzufassen suchten. Sie erreichten 1872 Bakunins Ausschluß und die Verlegung des Generalrats nach New York. 1873 suchte E. durch die „Allianz“-Broschüre („L'Alliance de la demokratie socialiste et l'Assoziation internationale des travailleurs“), ein bissiges Pamphlet gegen Bakunin, diesen als russischen Lockspitzel bloßzustellen, der sich jetzt ganz aus dem politischen Leben zurückzog. Eine Rettung der Internationale wurde nicht mehr erreicht (letzte Sitzung in New York 1876). Als Johann Philipp Becker 1876 und 1882 die (2.) Internationale als Föderation der sozialistischen Arbeiterorganisation der verschiedenen Länder neu gründen wollte, widersetzte sich E.; er schaltete sich erst ein, als seit 1888 die deutschen Sozialisten und die britischen Gewerkschaften internationale Arbeiterkongresse zur Erörterung des Arbeiterschutzes planten, ohne eine Einigung zu erzielen. E. suchte die drohende Spaltung zu verhindern und das Kommunistische Manifest als Programm der 2. Internationale durchzusetzen. Erst in Brüssel gelang 1891 die Einigung mit den englischen Gewerkschaften und den belgischen Possibilisten gegen die Anarchisten, nicht ohne den Einfluß, den E. auf die deutschen und französischen Marxisten von London her ausübte.
Wegen der Gefahren, die E. für die sozialistische Arbeiterbewegung nach 1871 sah, bemühte er sich jetzt um so mehr, die theoretischen Grundlagen des Kommunismus zu verbreitern, indem er Marx zur Vollendung des „Kapital“ drängte und selbst – auch zu dessen Entlastung – stärker brieflich und publizistisch hervortrat. Er bekämpfte 1872 im Leipziger „Volksstaat“ den Proudhonismus, der in Deutschland durch Arthur Mülberger (Die Wohnungsfrage, 1872) wieder auflebte, durch eine Artikelserie „Zur Wohnungsfrage“ (überarbeiteter Neudruck mit neuem Vorwort 1887), in der E. die Zwangsläufigkeit der Proletarisierung von Stadt und Land betonte, die auch durch Eigenheim-|und Wohnungsbesitz nicht kleinbürgerlich aufzuhalten sei.
Nach der Verlegung des Generalrats (1872) gewann E. wieder Zeit zu eigenen wissenschaftlichen Arbeiten, die aber stark durch die inneren Kämpfe der deutschen Sozialdemokratie abgelenkt und mitbestimmt wurden. Er strebte ein universales, wissenschaftlich-philosophisches System des dialektischen Materialismus an, durch das er Marx' „politische Ökonomie“ naturwissenschaftlich zu fundieren und zu einer allgemeinen, Natur, Geschichte und Gesellschaft umfassenden Wissenschaftslehre auszubauen suchte; zugleich wollte er das Weltanschauungsbedürfnis der Arbeiterbewegung vor einer materialistischen Popularphilosophie bewahren – dahin gehört der 1873 gefaßte Plan eines „Anti-Büchner“ – die noch starken Reste des „Lassalle-Kults“ ausrotten und das Gothaer Einigungsprogramm von 1875 bekämpfen, besonders als nach dem Verbot des Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (Juni 1874) dessen Anhänger auf Fusion mit den Eisenachern und zu Kompromissen mit dem Staat drängten und der Einfluß von →Eugen Dühring auf die jungen Köpfe der Berliner Sozialdemokratie bedrohlich wurde.
Nur mühsam konnten Marx und E., die von den deutschen Freunden als nörgelnde und die Verhältnisse nicht mehr genügend kennende Emigranten empfunden wurden, ihren theoretischen Einfluß behaupten. 1876/78 schrieb E. den „Anti-Dühring“, zunächst als Beiträge im „Vorwärts“, 1878 als Buch erschienen („Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft"); erst 1882 erschien die Sonderausgabe von drei Kapiteln („Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“), übte eine Breitenwirkung aus und half den „Marxismus“ formen. Aus den Jahren 1873/76 stammten auch die ersten Vorarbeiten zur „Dialektik der Natur“, die E. 1881/82 weiterführte; sie wurden erst seit 1925 aus dem Nachlaß veröffentlicht (sorgfältig in der MEGA und in der „Bücherei des Marxismus-Leninismus“, 18, 1952). Dieser Torso von etwa 120 Entwürfen blieb nicht ohne Einfluß auf den Stalinismus.
Seit dem Sozialistengesetz (1878) nahm E. besonderen Anteil an parteitaktischen Fragen, aber erst nach Jahren gewann er stärkeres Vertrauen zur deutschen Parteiführung. Seine Kritik kam scharf in dem „Zirkular an die Parteiführer“ vom 21.10.1879 zum Ausdruck, in dem E. sich entschieden gegen den sogenannten „Dreisternartikel“ wandte, der anonym – unter Beteiligung von →Eduard Bernstein – im 1. Bande des „Jahrbuch für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ 1879 erschienen war.
Nach Marx' Tode (14.3.1883) blieb E. in England, um sich dort ungestörter vom politischen Kampf theoretischen Arbeiten – zunächst dem Abschluß des 2. Bandes des „Kapital“ – widmen zu können.
So konnte er im Juni 1884 das umfangreiche Werk „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Im Anschluß an Morgans Forschungen“ abschließen, dessen Vorarbeiten – zusammen mit Studien zu einer Urgeschichte der Deutschen (1952 als Band 35 der „Bücherei des Marxismus-Leninismus“ unter dem Titel „Zur Geschichte und Sprache der deutschen Frühzeit“ veröffentlicht) – schon in die Jahre 1881/82 gehören. Es ist die instruktivste Anwendung der materialistischen Geschichtsauffassung auf die Frühformen der menschlichen Gesellschaft. 1886 beschäftigte sich E.anläßlich einer Besprechung der Dissertation von C. N. Starcke, „→Ludwig Feuerbach“ (1885) für die Neue Zeit (1888 überarbeitet zu E. wohl bekanntester und wirksamster Schrift „→Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“) erneut mit den Ausgangsfragen des wissenschaftlichen Sozialismus. Er versuchte hier, den ursprünglichen Ansatz der „materialistischen Geschichtsauffassung“ im Feuerbach-Teil der Deutschen Ideologie von 1845/46 zu einer auf dem neuesten Erkenntnisstand der Wissenschaft beruhenden, Natur und Geschichte umfassenden materialistischen Dialektik auszubauen, die, durch mancherlei Zeitströmungen beeinflußt, sich in den Grundgedanken kaum mehr mit den früheren charakteristischen Anschauungen von Marx und E. vereinbaren läßt. Diese Neuerungen, die bei E. nach Marx' Tod immer stärker wieder hervortreten und die sich nicht ohne weiteres als folgerichtige Weiterführung auffassen lassen, haben sowohl dem „Marxismus“ der deutschen Sozialdemokratie als auch dem dialektischen und historischen Materialismus Lenins und Stalins ein eigentümliches Engels-Gepräge verliehen.
Im Winter 1887/88 plante E. eine Darstellung der deutschen Entwicklung in den letzten 30 Jahren und arbeitete zunächst an einer aufreizenden Schrift über die Rolle der politischen Gewalt in der Geschichte, ein Problem, das er von der ökonomischen und soziologischen Seite schon im Anti-Dühring dargestellt hatte und jetzt auf die deutsche Gegenwart und „ihre Gewaltpraxis von Blut|und Eisen“ anwandte; die unvollendete Arbeit hat Bernstein unter dem Titel „Gewalt und Ökonomie bei der Herstellung des neuen Deutschen Reiches“ in der „Neuen Zeit“ 1896 veröffentlicht (Neuausgabe in „Über die Gewaltstheorie“, 1946).
Nach →Bismarcks Sturz und dem Erlöschen der Sozialistengesetze nahm E. an der neuen Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie, der er selbst nie angehört hat, und der 2. Internationale regen Anteil, wobei er besorgt war, die Marxsche Linie sowohl gegen staatssozialistisch-reformistische (→Eduard Bernstein) als auch gegen zu radikale und anarchistische Strömungen zu stärken. Er hatte besonderes Vertrauen zu Bebel und Kautsky, weniger zu Liebknecht. Er gewann den vorherrschenden Einfluß auf das Erfurter Programm (Oktober 1891), unter anderem durch Veröffentlichung von Marx' Randglossen zum Gothaer Kompromißprogramm (Neue Zeit IX, 1, 1891). Er förderte den Bruch mit G. von Vollmar, der in Bayern das kleine und mittlere Bauerntum für die Sozialdemokratie gewinnen wollte, durch die Schrift „Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland“ (Neue Zeit XIII, 1, 1894). E. warnte vor offenem Kampf gegen den Staat und hoffte auf die zunehmende sozialistische Unterwanderung der Armee. Sein „Testament“ an die Arbeiterbewegung stellte sein für den Druck etwas entgiftetes Vorwort vom März 1895 für die Neuausgabe von Marx' „Klassenkämpfe in Frankreich“ dar. Seit der französisch-russischen politischen Annäherung befürchtete er den Ausbruch eines Weltkrieges, der sich vielleicht durch Stärkung der internationalen, besonders der deutsch-französischen Solidarität der Arbeiterschaft, durch Demokratisierung und Systemsturz in Rußland und auch durch europäische Abrüstung verhindern ließe. E. sah aber durchaus die Schwierigkeiten und warnte vor einem Kriege, an dem sich das deutsche Proletariat zur Verteidigung der nationalen Existenz Deutschlands beteiligen müsse. Diese Probleme sind erörtert in E. Vorwort vom März 1891 zur Neuausgabe von Marx' „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ (die Adressen des Generalrats von 1870/71) und „Der Sozialismus in Deutschland“ (Neue Zeit X, 1, 1892) und „Kann Europa abrüsten?“ (ebenda März 1893).
An dem Züricher Kongreß der 2. Internationale 1893 nahm E. als Ehrenvorsitzender kurz und ohne besondere Mitwirkung teil. Nach der Rückkehr von dieser Reise auf den Kontinent, die ihn noch bis Wien geführt hatte, brachte er die Bearbeitung des 3. Bandes des „Kapital“ im November 1894 zum Abschluß. Nach kurzer Krankheit starb er in London. Von seinem beträchtlichen Vermögen hatte er eine erhebliche Summe für die deutsche Sozialdemokratie bestimmt, der auch seine Bibliothek und sein und Marx' literarischer Nachlaß zufielen; dieser befindet sich heute im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam, nicht – wie oft behauptet wird– im Moskauer Marx-Engels-Lenin-Archiv.
6. Nicolaus August Otto
O. verlor früh seinen Vater; er besuchte 1846-48 die Realschule in Langenschwalbach und absolvierte dann eine kaufmännische Lehre. 1851-62 arbeitete er als reisender Handelsvertreter für Kaffee, Tee, Reis, Zucker und Strohballen in ganz Westdeutschland. Als er von einer neuartigen, von →Etienne Lenoir (1822–1900) konstruierten Maschine erfuhr, die mit Gas betrieben wurde, ohne Schornstein und Kessel auskam und nicht genehmigungspflichtig war, erschien ihm diese als eine ideale Kraftquelle für das Kleingewerbe. O. gab seine Tätigkeit als Vertreter auf, um selbst einen weiter verbesserten Motor zu entwickeln. 1861 ließ er von dem Kölner Mechaniker Michael Joseph Zons eine kleine Kolbenmaschine für die Verbrennung eines Gas/Luft-Gemisches mit elektrischer Zündung bauen. Er verwendete ein fettes Gemisch und legte den Zündzeitpunkt an das|Ende des Verdichtungshubes. Als sich das Schwungrad daraufhin mehrmals drehte, teilte O. sein Verbrennungsverfahren in Ansaugen, Verdichten, Zünden/Expandieren und Ausschieben des Gases ein. Zons baute ihm danach eine Vierzylinder-Boxermaschine, versetzt um einen Hub, so daß in allen vier Zylindern nacheinander einer der vier Takte erfolgte. Damit hatte O. das Viertakt-System erfunden, der Motor aber zerbarst. Eine Patentierung des Motorprinzips wurde 1861 abgelehnt. O. kehrte daraufhin 1863 zu seiner Idee einer atmosphärischen Flugkolbenmaschine zurück, die ein Drittel weniger Gas verbrauchte als →Lenoirs Konstruktionen. Der Kinematiker Franz Reuleaux (1829–1905) half in dieser Zeit ratend und anregend. Mit dem Ingenieur →Eugen Langen (1833–95, v. d. Zuckerfabrik J. J. Langen u. Söhne) gründete O. als persönlich haftender Gesellschafter und mit Langen als Kommanditisten 1864 in Köln die Firma „N. A. Otto & Cie.“ als KG. Der Start war schwierig, Langens Einlage war 1865 zur Hälfte verloren, an einen Verkauf von Maschinen war nicht zu denken, aber die Flugkolbenmaschine wurde weiter verbessert. 1866 ersetzte O. die elektrische Zündung durch die 1794 von Robert Street erfundene Flammenzündung. Langen erfand außerdem einen Freilauf. Anstelle der Kurbel, die die Kolbenbewegung auf die Achse übertrug, trat 1865 eine Zahnstange, die ein Zahnrad auf der Achse antrieb. Dieser säulenartige Aufbau war kennzeichnend für die erste betriebsfähige atmosphärische Verbrennungsmaschine, die mit Leistungen von ½, 1 und 2 PS angeboten wurde (1866 preuß. Patent). Nach dem Sieg gegen Österreich 1866 nahmen die Bestellungen so zu, daß Langen eine leistungsfähigere Maschinenfabrik bauen wollte. 1867 präsentierten O. und Langen ihre Maschine auf der Weltausstellung in Paris. Anfangs noch nicht sehr beachtet, ging die Maschine als Sieger aus einem Verbrauchswettbewerb hervor, erhielt eine Goldmedaille und wurde zur besten Gasmaschine der Welt erklärt Dennoch wollte niemand investieren. 1869 übernahm der Hamburger Kaufmann L. A. Roosen-Runge die Geschäftsführung der „OHG Langen, Otto & Roosen“ und brachte weiteres Kapital ein. Roosen kaufte ein Grundstück in Köln-Deutz und baute eine Werkstatt, die 110 Maschinen pro Jahr fertigen konnte. Trotz des deutsch-franz. Krieges 1870/71 stieg die Produktion auf 200 Stück und auch Lizenzgebühren gingen ein. Roosen kündigte 1871 den Gesellschaftsvertrag. Nach dem Tode von Langens Vater (→Johann Jakob Langen, 1794–1869) beteiligten sich →Emil (1806–89) und Valentin Pfeifer (1837-1909) an der Firma. Sie gründeten 1872 die „Gasmotorenfabrik Deutz A.G.“ mit 300 000 Taler Grundkapital. Davon brachten Eugen, Gustav und Jakob Langen 170 000, Emil und Valentin Pfeifer 100 000 und O. 30 000 Taler ein. O. wurde als gewinnberechtigter Aktionär kaufmännischer Direktor,→Eugen Langen Aufsichtsratsvorsitzender, Betriebsleiter wurde →Gottlieb Daimler (1834–1900), Konstrukteur →Wilhelm Maybach (1846–1929). Bis 1874 hatte man 80 Maschinen pro Monat gebaut, dann sank der Verkauf auf die Hälfte ab, weil die Kunden höhere Leistungen verlangten, die mit einer atmosphärischen Maschine nicht mehr erbracht werden konnten. Hinzu kam die Konkurrenz der Heißluftmaschine, die bis zu 8 PS leistete und unabhängig von einer Leuchtgasleitung war. Reuleaux riet zum Bau solcher Aggregate. Die Suche nach einer Maschine höherer Leistung ging indes weiter. Wegen andauernder Zwistigkeiten zwischen O. und Daimler richtete Langen für O. eine betriebsunabhängige Versuchsabteilung ein und stellte dafür Franz Rings als Konstrukteur ein. Es gab demnach 1875 zwei konkurrierende Konstruktionsgruppen, nämlich O. und Rings sowie Daimler und Maybach. Dieser entwickelte 1876 eine atmosphärische Maschine mit Benzinantrieb, kam aber nicht über eine Leistung von drei PS; Daimler schlug eine doppeltwirkende atmosphärische Maschine vor. O. versuchte sich 1871-73 (von Reuleaux beeinflußt) mit einem stehenden, einfach wirkenden Heißluftmotor mit gesteuertem Feuer aus einer Bunsenflamme und Schleifkurbel-Antrieb mit variabler Kolbengeschwindigkeit. Aber der Verbrauch verdoppelte sich, die Haltbarkeit schien bedenklich, die Leistung war unzureichend. Letztlich waren alle Bemühungen fehlgeschlagen. O. und Rings erzeugten die Verdichtung des Kraftstoff-Luft-Gemisches nicht in einem getrennten Verdichter, sondern im Arbeitszylinder, entsprechend der sog. Hochdruckmaschine von 1862, die bereits alle wesentlichen Merkmale des Viertakt-Otto-Motors aufgewiesen hatte, aber im Probebetrieb explodiert war. Rings konstruierte eine Steuerwelle mit halber Drehzahl der Hauptwelle, ein Ausströmventil und einen Kolben mit selbstspannenden Ringen. Die wichtigste und empfindlichste Komponente war der Schieber, der den Motor erst funktionsfähig machte, weil er Gemischbildung, Einlaß und Flammenzündung regelte. Der neue Motor lief erstmalig Anfang März 1876. Mitte Mai 1876 trug Rings das erste Diagramm eines Viertaktmotors in sein Versuchsbuch ein, das sich mit O.s Berechnungen deckte. Die Direktion|sowie Daimler und Maybach waren vom Viertaktmotor immer noch nicht überzeugt, erstellten aber Ende 1876 die Konstruktionszeichnungen für Motoren bis 8 PS Leistung, legten Verkaufspreise fest und begannen mit der Werbung für „Ottos neuen Motor“. Die konstruktive Ausführung führte 1876 →Hermann Schumm (1841–1901) in Maybachs Büro durch. Das war der technische Durchbruch für O.s Motor, der die Grundlage aller späteren Kolbenmotoren bildet. Mit O.s Namen verbundene Begriffe bürgerten sich erst wesentlich später ein: „the Otto-Cycle“ (für die Viertaktabfolge) 1932, „Otto-Motor“ und „Otto-Kraftstoff' (Benzin) 1936. O. ist der Schöpfer des modernen Verbrennungsmotors schlechthin. 1877 wandte sich →Eugen Langen wegen der Entwicklung einer elektromagnetischen Zündung an →Werner Siemens (1816–92), indes ohne Erfolg. O. schlug 1878 eine elektromagnetische Abreißzündung vor und experimentierte 1884 mit einem Minenzünder von Siemens. Ein Jahr später baute er den ersten betriebsfähigen Zündapparat für ortsfeste Benzinmotoren, der 1887 patentiert wurde.
1878 kam der große Erfolg für O. auf der Pariser Weltausstellung. „Ottos Neuer Motor“ erregte großes Aufsehen. Unter 75 Modellen von 32 Firmen schnitt er am besten ab. Man schätzte seinen ruhigen, sparsamen Lauf, die Raum- und Gewichtsersparnis. Reuleaux nannte ihn „die größte Erfindung im Kraftmaschinenfach seit Watt“. Trotz ungünstiger Wirtschaftslage setzte sofort eine starke Nachfrage ein. O. glaubte, daß er die Dampfmaschinen in den städtischen Gaswerken verdrängen könne, da Gas billiger sei als Kohle. 1879 konnten schon Zwillingsmaschinen angeboten werden, 1885 mit einer Leistung von 50 PS. Der Hauptbedarf kam aber durch den Siemensschen Generator, der den Städten Licht spendete.
Mit dem Erfolg des Otto-Motors kam es jedoch auch zu zahlreichen und langwierigen Auseinandersetzungen um Patentrechte und Lizenzen, vor allem als diese 1877 von preuß. in Reichspatente umgewandelt wurden. Es begann damit, daß die Darmstädter Maschinenfabrik Gebr. Loßen mit gestohlenen Deutzer Zeichnungen O.s Viertaktmotor nachbaute. 1879 meldeten die Ingenieure Wilhelm Wittig und Wilhelm Hees in Hannover und die Hanomag Umgehungspatente auf Zweitaktmotoren an. C. M. Sombart (Maschinenfabrik Buss, Sombart & Co Magdeburg) erfand 1879/80 Verbesserungen am Gasmotor, durch die O. eigene Patente verletzt sah. Nachdem die Hanomag 1880, →Ernst Körting und Buss-Sombart neben ihren Zweitaktauch Viertaktmotoren bauen wollten, O. und Langen jedoch inländische Lizenzen verweigerten und ihre Angriffe auf die Konkurrenz fortsetzten, reichten diese 1882 eine Nichtigkeitsklage beim Patentamt ein. Unzufrieden mit der Entscheidung des Patentamtes brachten die Parteien eine zweite Nichtigkeitsklage ein, die bis zum Reichsgericht ging, das 1886 die meisten Ansprüche O.s als vorbekannt ansah und für nichtig erklärte, darunter auch den Viertaktmotor. In Großbritannien und Österreich blieben die Patente in Kraft.|
7. Philipp Reis
R. kam mit elf Jahren an das Knabeninstitut Garnier in Friedrichsdorf und 1848 an das Hassel’sche Institut in Frankfurt/M. Zwei Jahre später trat er eine kaufmännische Lehre in einer Frankfurter Farbwarenhandlung an. Nebenher bildete er sich durch Privatunterricht in Mathematik sowie an der Gewerbeschule in Mechanik weiter und erlernte auch das Drechseln. Nach einem Jahr an der Polytechnischen Vorschule von Poppe führte er seine Studien selbst weiter, bis er 1855 bei den hess. Jägern in Kassel seine Militärpflicht ableistete. Reisen und naturwiss. Studien in verschiedenen Laboratorien schlossen sich an. Im Frühjahr 1858 erhielt R. eine Stelle als Lehrer im Knabeninstitut Garnier, wo er zunächst Französisch, dann auch Mathematik sowie Physik und Chemie unterrichtete. Als begeisterter Bastler und Experimentator erfand und entwickelte er diverse Geräte, u. a.Rollschlittschuhe und ein Veloziped, das über Hebel mit den Händen in Bewegung zu setzen war. Schließlich wurde das Problem der elektrischen Sprachübertragung bei R. zur Obsession. Wie andere vor ihm scheiterte er anfänglich, bis ihm 1860 durch das Studium von physiologischen und physikalischen Schriften, u. a. von Hermann v. Helmholtz, der Durchbruch gelang. Auf der Grundlage der Anatomie des Ohrs und der Erkenntnisse über Tonempfindungen konstruierte er 1861-64 verschiedene Formen eines Apparats, den er – in Anlehnung an den Telegraphen – „Telephon“ nannte. Dieses funktionierte nach dem Relaisprinzip, d. h. durch Änderung des Kontaktwiderstands zwischen einem Platinplättchen und einem Platindraht, wobei der Strom in einem geschlossenen Stromkreis analog zu den Tonschwingungen variierte. Dieses Prinzip fand später beim Kohlemikrophon weite Verbreitung. Bei R.s Konstruktion waren jedoch Sender und Empfänger so schlecht aneinander angepaßt, daß Musik zwar relativ gut, Sprache aber nur bedingt übertragen werden konnte. R. ließ seinen Apparat in vielen Ländern von renommierten Instrumentenbauern produzieren und vertreiben und machte ihn so international bekannt. Weder dadurch noch durch seine eher laienhaften Vorträge bei naturwissenschaftlichen Gesellschaften erlangte er die von ihm gewünschte Anerkennung. R. dachte zwar an eine technische Weiterentwicklung und an eine industrielle Verwertung seiner Apparate, forcierte sie aber nicht. Auch bekundeten damals weder Telegraphenverwaltungen noch -hersteller Interesse an einem zusätzlichen Nachrichtenmittel. Nach 1864 beschäftigte sich R.nur noch sporadisch mit Verbesserungen seines Telephons. Zwei Jahre nach seinem Tod meldeten in den USA Alexander Graham Bell (1847–1922) und Elisha Gray von ihnen entwickelte Telephone zum Patent an, welche nach anderen Prinzipien funktionierten. Obwohl Bell stets bestritt, daß R.s Telephon ihn beeinflußt habe, ist es doch wahrscheinlich, daß er es zumindest gekannt hat.
8. Louise Otto-Peters
Kindheit und Jugend in Meißen, erste Veröffentlichungen
Louise Otto wurde am 26. März 1819 als jüngste Tochter des Gerichtsdirektors Fürchtegott Wilhelm Otto (1776–1836) und seiner Frau Christiane Charlotta, geb. Matthäi (1781–1835), in Meißen geboren und wuchs mit ihren Geschwistern im elterlichen Haus am Baderberg in bürgerlichen Verhältnissen auf. Einblick in Kindheitserlebnisse geben autographe Aufzeichnungen aus der Zeit nach 1871.
Weil für Mädchen ihrer Zeit der Schulbesuch nur bis zur Konfirmation möglich war, nahm sie an dieser ein Jahr später teil, um länger lernen zu können. Danach konnte sie sich nur noch autodidaktisch weiterbilden.
Ihre Eltern starben, als sie 16 Jahre alt war; 22-jährig verlor sie den Verlobten Gustav Müller, Advokat und Dichter in Dresden. Durch ihr kleines elterliches Erbe war sie zunächst finanziell abgesichert. Früh wandte sie sich dem Schreiben zu. Zuerst entstanden Gedichte. Ab 1843 trat sie mit Romanen und journalistischen Beiträgen an die Öffentlichkeit. Sie nahm Verbindung zu Literaten in Leipzig auf und kam mit der freireligiösen Bewegung, die Frauen Mitspracherechte gewährte, in Berührung. In ihrem Buch Schloß und Fabrik, das zu den wichtigen sozialkritischen Romanen des Vormärz zählt, zeigte sie die Folgen der Industrialisierung für alle Stände auf; es durfte 1846 nur zensiert erscheinen. Die erste unzensierte, vollständige Ausgabe erschien nach dem Auffinden und Einfügen der zensierten Stellen durch Johanna Ludwig 1996 in Leipzig.
Schon damals sah Louise Otto in der Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht. 1847 erregte ihre politisch brisante Gedichtsammlung Lieder eines deutschen Mädchens Aufsehen.
Revolutionszeit und Frauen-Zeitung
In der Revolutionszeit 1848/49 veröffentlichte Louise Otto zahlreiche Artikel und Gedichte. Dazu zählte ihre Adresse eines Mädchens an den hochverehrten Minister Oberländer, an die von ihm berufene Arbeiterkommission und an alle Arbeiter vom Mai 1848, in der sie von der sächsischen Regierung forderte, bei der Organisation der Arbeit die Frauen nicht zu vergessen. In darauffolgenden persönlichen Gesprächen mit den Ministern Martin Gotthard Oberländer (1801–1868) und Robert Georgi (1802–1869) wies Louise Otto auf das Recht der Frauen auf Erwerbsarbeit und auf die dafür notwendige Kinderbetreuung hin. In dieser Zeit organisierte sie Versammlungen und empfing Abordnungen von Arbeitern. Eine Besonderheit Louise Ottos ist es, dass ihr Engagement trotz bürgerlicher Sozialisation von Anfang an der Verbesserung der Lage aller Frauen galt, auch der proletarischen.
Ab 1849 erschien ihre Frauen-Zeitung. Unter dem Motto ‚Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen‘ bot sie Frauen aller Klassen ein Podium zum Informationsaustausch. Das Königreich Sachsen reagierte darauf Ende 1850 mit einem neuen Pressegesetz, das Frauen die Herausgabe und Mitredaktion von Zeitungen verbot (Lex Otto). Danach erschien die Frauen-Zeitung noch bis Mitte 1852 im reußischen Gera (Fürstentum Reuß) (und von April bis Juni 1853 als Deutsche Frauen-Zeitung in Leipzig). Sie war damit die erste langlebigere Frauenzeitung dieser Zeit.
Ebenfalls 1849 lernte Louise Otto bei einem Besuch ihrer Schwester Antonie in Oederan den Schriftsteller und Journalisten August Peters (1817–1864) kennen. Als Teilnehmer an den Revolutionskämpfen 1848/49 musste dieser sieben Jahre Kerkerhaft verbüßen. Sie verlobten sich während der Haftzeit und heirateten 1858 im Dom zu Meißen. 1860 folgte Louise Otto ihrem Mann nach Leipzig, wo sie das Feuilleton der von ihm geleiteten Mitteldeutschen Volks-Zeitungbetreute. 1864 starb August Peters.
Einen Einblick in Lebensverhältnisse, Ansichten und Ziele Louise Ottos geben ihre Tagebuchaufzeichnungen 1849–1857.
Begründung der organisierten deutschen Frauenbewegung
Im Februar 1865 gründeten Louise Otto-Peters, die Lehrerin Auguste Schmidt (1833–1902), die Schulvorsteherin Ottilie von Steyber (1804–1870), die Fröbel-Pädagogin Henriette Goldschmidt (1825–1920) und andere den Frauenbildungsverein, der den Beschluss fasste, im Oktober eine gesamtdeutsche Frauenkonferenz einzuberufen. Auf der vom 15. bis 18. Oktober 1865 in Leipzig abgehaltenen Konferenz wurde der Allgemeine Deutsche Frauenverein ADF gegründet. Erste Vorsitzende beider Vereine war Louise Otto-Peters, ihre Stellvertreterin war Auguste Schmidt. Im überregional agierenden ADF wagten Frauen die Selbstorganisation; Männer waren wichtige Berater, aber im Verein nur als Ehrenmitglieder zugelassen. Ziel war nicht Wohltätigkeit, sondern Hilfe zur Selbsthilfe: der Zugang von Frauen zur schulischen, beruflichen und universitären Bildung und damit zur eigenständigen Erwerbsarbeit. 1866 erschien Louise Ottos Schrift Das Recht der Frauen auf Erwerb. So wichtig wie wirkungsvoll für die Verbreitung der Ideen des ADF war dessen Zweiwochen-Zeitschrift Neue Bahnen, die ab 1866 erschien. In diesem Jahr hatte der ADF 75 Mitglieder, 1870 waren es bereits mehr als 10.000. Louise Otto-Peters war bis zu ihrem Tod 1895 gemeinsam mit Auguste Schmidt Herausgeberin und Redakteurin des Blattes.
Berufstätigkeit und Vereinsarbeit
Ihr jahrzehntelanges verantwortliches Wirken in den Frauenvereinen leistete Louise Otto-Peters ehrenamtlich; ihren Lebensunterhalt verdiente sie erfolgreich als Schriftstellerin und Journalistin. Sie veröffentlichte etwa 60 Bücher, darunter 28 meist mehrteilige Romane, Erzählungen, Novellen, Opernlibretti, historische Reflexionen, Streitschriften und Essays, dazu ungezählte Gedichte sowie journalistische Beiträge, war Mitglied des Schriftstellerverbandes und des von ihr mitgegründeten Leipziger Schriftstellerinnen-Vereins. 1868 wurde ihr 25-jährige Schriftstellerinnen-Jubiläum feierlich begangen. Den Festvortrag im großen Saal der Buchhändlerbörse zu Leipzig hielt Henriette Goldschmidt.
Aus der Zeit nach 1871 sind autographe Aufzeichnungen Louise Ottos zu ihren Erlebnissen und Erfahrungen erhalten – Vorarbeiten zu einem Lebensrückblick.
1892 übergab Louise Otto-Peters die Leitung des Frauenbildungsvereins an Auguste Schmidt. Ihren letzten öffentlichen Auftritt hatte sie Ostern 1894 zur Einweihung der von Dr. Käthe Windscheid (1859–1943) in Leipzig geleiteten Gymnasialkurse des ADF, welche Mädchen als Voraussetzung eines Universitätsstudiums auf das Abitur vorbereiteten.
Am 13. März 1895 starb Louise Otto-Peters 76-jährig an den Folgen einer Lungenentzündung in ihrer Mietwohnung Kreuzstraße 29. Bei ihr waren in den letzten Stunden ihre Nichte Anna Niedermüller (1857–1936) und Dr. Anna Marie Kuhnow (1859–1923), Leipzigs erste approbierte Ärztin, die beide zur ‚Töchtergeneration‘ der Begründerinnen des ADF gehören.
Erinnerung, Gedenken, Namensgebungen
In Leipzig erinnern im öffentlichen Raum und in Gebäuden an Louise Otto-Peters:
- der Grabstein August Peters und Louise Otto-Peters (Alter Johannisfriedhof);
- das Louise-Otto-Peters-Denkmal im Rosental von 1900 mit der Gedenktafel der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. von 2000/2017;
- der Louise-Otto-Peters-Gedenkstein der LOP-Gesellschaft e.V. von 1995 (Kreuzstraße 31);
- die ADF-Gedenktafel der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. von 2015;
- der Baum der LOP-Gesellschaft für Louise und Auguste im Friedenspark (vorm. Neuer Johannisfriedhof) von 2016;
- die Gedenktafel für Louise Otto-Peters in der Zentrale der Deutschen Bank (Straße des 18. Oktober, 04103 L.);
- das Porträt Louise Otto-Peters von Klaus H. Zürner (1932–2010), von 1998 in der Porträtgalerie der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (Senatssaal, 04275 L.).
Auch am Geburtshaus in Meißen befindet sich eine Gedenktafel für Louise Otto-Peters. Zum 200. Geburtstag wurde am 26.03.2019 eine frauenorte sachsen-Gedenktafel des Landesfrauenrates Sachsen e.V. für Louise Otto-Peters in der Roten Schule Meißen, in der sie einige Jahre gelernt hatte, eingeweiht. Folgende Straßen, Plätze und Einrichtungen wurden bisher nach ihr benannt
- Louise-Otto-Peters-Platz seit 1934 (04105 Leipzig);
- Louise-Otto-Peters-Allee seit 2006 (04159 Leipzig);
- Louise-Otto-Peters-Straße in Halle/S. und Freiburg/Br.;
- Louise-Otto-Straße in Meißen;
- Luise-Otto-Peters-Weg in Hamburg-Bergedorf; (dortige Schreibweise)
- Senior/innen-Wohnpark Louise Otto-Peters in Annaberg-Buchholz;
- Seniorenzentrum Louise Otto-Peters in Meißen;
- Louise-Otto-Peters-Schule, Gymnasium der Stadt Leipzig seit 2013;
- Louise-Otto-Peters-Schule Hockenheim und Wiesloch, Berufsfachschule.
Seit 1993 widmet sich die gemeinnützige Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. dem Ziel, Leben und Werk von Louise Otto-Peters weiter bekannt zu machen und zu würdigen. In ihrem 1997 gegründeten Louise-Otto-Peters-Archiv werden alle Veröffentlichungen von sowie über Louise Otto-Peters gesammelt, erschlossen und Interessierten zugänglich gemacht.
Seit 2015 vergibt die Stadt Leipzig den mit 5.000 € dotierten Louise-Otto-Peters-Preis in Würdigung herausragender Leistungen zur Gleichstellung von Frauen und Männern.
9. Franz Haniel
Als H. 1782 seinen Vater verlor, lag die Sorge für seine Erziehung in den Händen seiner tatkräftigen Mutter, die das Hanielsche Geschäft und das ihres Vaters bedeutsam ausbaute. Hierbei stand ihr H. bereits als Knabe zur Seite. Mit 21 Jahren machte er sich mit der Eröffnung einer Steinkohlenhandlung in Ruhrort selbständig, einige Jahre später bemühte er sich gemeinsam mit seinem Bruder Gerhard und seinem Schwager Gottlob Jacobi um den Zusammenschluß der „Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen“ zum Erwerb der Gutehoffnungshütte von der Witwe Krupp, was sich zunächst allerdings als ein schlechtes Geschäft für die Brüder erwies, da Huyssen sie übervorteilte. Unterdessen baute H. seine Handlung aus, beteiligte sich auch an dem heimlichen Transport von Getreide aus Frankreich heraus über den Rhein. Nach den Napoleonischen Kriegen verfrachtete er zeitweise Ruhrkohle nach Holland, bis die hohen Zölle dem ein Ende setzten, ähnliches widerfuhr ihm mit dem Handel anderer Güter. Einen Ersatz fand H., bald nachdem Preußen und Hessen-Darmstadt einen Zollverein geschlossen hatten (1828), im Handel mit Kohlen den Oberrhein bis Basel hinauf. Gewinne, die er zuvor auch durch den Betrieb einer eigenen Ölmühle und durch Holzhandel mit England erzielte, suchte er nach 1815 stärker als bisher in Beteiligungen an Zechenbetrieben anzulegen. 1821 führte H. als erster an der Ruhr den bereits an der Saar betriebenen geschlossenen Koksofen ein, der daraufhin den alten Koksmeiler verdrängte. 1841 ließ er den ersten Doppel-Koksofen bauen, der größer als alle bisher verwendeten Koksöfen an der Ruhr war; Ende 1842 beschäftigte er bereits 184 Mann insgesamt bei der Kokserzeugung und lag damit an führender Stelle. Trotzdem gelang es erst sehr viel später, 1850, und von anderer Seite, den Ruhrkoks zur Verhüttung von Eisenerz zu verwenden – bis dahin war noch mit Holzkohle gearbeitet worden. – In Ruhrort war eine von der „Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel & Huyssen“ betriebene Schiffswerft errichtet worden, auf der 1830 der erste eiserne deutsche Rheindampfer gebaut wurde. In der Folgezeit betrieb die Hüttengewerkschaft Dampfschiffahrt zwischen der niederländischen Grenze und Köln.
1833 gelang es H. in einem Prozeß um die Gewerkschaft Schölerpad, an der er maßgeblich beteiligt war, sich gegen das von den Bergbehörden ausgeübte Direktionsprinzip durchzusetzen, so daß der Gewerkschaft das Vorzugsrecht zum Tiefbau zugestanden wurde. Einen ähnlichen Schritt erwirkte er zur gleichen Zeit bei der Zeche Hagenbeck, der ältesten, seit 1575 bestehenden Zeche des Ruhrreviers, wobei ihr wichtige Kohlenflöze zugesprochen wurden. Bei Mülheim begann H. 1830 einen Schacht abzuteufen, der eine starke Mergelschicht zu durchstoßen hatte. Zur Inbetriebnahme war jedoch der Schacht für damalige Verhältnisse bereits zu tief geworden, so daß sich H. 1833 entschloß, einen neuen Schacht abzuteufen, der sich allerdings ebenfalls als eine Fehlkalkulation erwies, denn die Qualität der Kohle, auf die er gestoßen war, lohnte den Abbau nicht. Neben dieser langwierigen und kostspieligen technischen Pionierleistung, seiner größten, arbeitete H. an der Ausweitung seines Zechenbesitzes, der seiner Stimme in wirtschaftspolitischen Fragen und in den Erörterungen um eine Reform der Berggesetzgebung in zunehmendem Maße Gewicht verlieh. 1848 wurde er in die Kommission berufen, die ein neues Berggesetz entwerfen sollte. 1847 begann eine von H. ins Leben gerufene Bohrgesellschaft mit der Erschließung der Zeche Zollverein bei Essen. Ende 1849 war man in einem Hauptschacht auf einer Tiefe von 114m auf Kohle gestoßen. Ein Jahr später war auch ein zweiter Schacht abgeteuft worden, so daß 1851 die Förderung aufgenommen werden konnte. Schon 1853 betrug sie gegen 100 000 t, und nach anderthalb Jahrzehnten war die Zeche Zollverein unter die führenden Zechen des Ruhrreviers aufgestiegen. Eine weitere Tat war die Erschließung der Hüttenzeche Oberhausen, die von H.vorangetrieben wurde, nachdem es 1853 zwischen den daran Beteiligten zu einem Vertrage gekommen war. 1856 stießen die den Schacht abteufenden Bergleute auf Kohle; trotz der Wirtschaftskrise des Jahres 1857 wurde weitergearbeitet, so daß 1858 mit der Förderung begonnen werden konnte. Zugleich gelang H. die Konsolidierung, die Übertragung des gesamten Bergwerksbesitzes auf die Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel und Huyssen. Oberhausen wurde zur ersten Hüttenzeche im Ruhrgebiet. Wohl das gewagteste und schwierigste Bergbauunternehmen H.s war die Erschließung des linken Niederrheins durch die Zeche Rheinpreußen. 1857 wurde mit der Niederbringung des ersten Schachtes begonnen. 1861 drohte in großer Tiefe eindringender Schwimmsand das gesamte Vorhaben scheitern zu lassen, erst 1877, schon nach H.s Tode, wurde nach größten Schwierigkeiten wieder festes Gebirge erreicht. Ein zweiter Schacht hingegen, der 1867 in der Nähe in Angriff genommen wurde, stieß bereits 1872 auf Kohle.
Mit der Zunahme der Kohlenförderung im Ruhrgebiet und der Verkokung der Kohle wurde auch die Frage des Transportes dringlicher. H. gehörte seit 1832 mit Friedrich Harkort zu den ersten Befürwortern von Eisenbahnen in den Rheinprovinzen. Erst nach dem Fehlschlagen verschiedener Projekte H.s konnte 1848 die hauptsächlich auf sein Betreiben hin gebaute Strecke Ruhrort–Oberhausen in Betrieb genommen werden, die danach als Zweigbahn zu der bereits bestehenden Köln–Mindener Bahn gehörte. Bald danach kam auch eine Verbindung zwischen Ruhrort und Gladbach hinzu. Daneben beteiligte sich H. am Straßenbau, am Ausbau des Hafens von Ruhrort und am Bau einer Trajektanstalt zum Übersetzen von Bahnwagen nach Homberg auf der gegenüberliegenden Rheinseite.
H. war der Urtyp einer patriarchalischen Gründergestalt – wichtig war für ihn vor allem sein Ruf und der seiner Familie. Ihn zu mehren, setzte er Zähigkeit und Tatkraft ein; die Fähigkeit, neue Strömungen des Zeitgeistes zu erfassen und sie sich nutzbar zu machen, kam ihm dabei zu Hilfe.
10. Friedrich Harkort
Nach Besuch der Hagener Handlungsschule und Kaufmannslehre in der Firma Wuppermann & Mohl nahm H. als freiwilliger Landwehroffizier an den Befreiungskriegen teil. Dann leitete er einen Kupferhammer im Deilbachtal bei Hattingen und eine Gerberei auf Harkorten. 1819 gründete er gemeinsam mit dem Elberfelder Kaufmann und Bankier Johann Heinrich Daniel Kamp und dem englischen Ingenieur Thomas die „Mechanische Werkstätte“ in Wetter/Ruhr für den Dampf- und Textilmaschinenbau. Das Unternehmen wurde 1822 durch den Kauf des Erzbergwerks Valberger Zug bei Olpe, 1826 durch Einrichtung eines Puddel- und Walzwerks und einer Kesselschmiede in Wetter und 1830 durch die „Henriettenhütte“ bei Olpe erweitert; damit entstand eine Unternehmenskonstruktion, die den späteren großen Vertikalkonzernen des Ruhrgebiets entsprach, allerdings 1832 insgesamt nur 147 Arbeiter beschäftigte. Für den Aufbau mußten vor allem englische Arbeitskräfte, die H. auf zwei Englandreisen 1819 und 1826 anwarb, eingesetzt werden, doch widmete er sich von Anfang an besonders der Ausbildung deutscher Facharbeiter. Anfangserfolge im Maschinenbau – Abnehmer waren neben den Zechen des Ruhrgebiets (Pumpanlagen) und den Wuppertaler Textilfabriken auch schlesische, sächsische und böhmische Firmen – sicherten der „Mechanischen Werkstätte“ in Wetter die Unterstützung der preußischen Regierung, die ihr jedoch entzogen wurde, als nach dem Ausscheiden Thomas’ (1826) die Leistungen nachließen. Vom Glauben an den notwendigen technischen und industriellen Fortschritt besessen, vernachlässigte H. zugunsten des weiteren Ausbaus seines Unternehmens die Maschinenfabrik, vergaß über den Entwicklungsmöglichkeiten, die er sah und richtig einschätzte, die realen Gegebenheiten, die einen langsamen und schrittweisen Ausbau verlangt hätten. Als 1831/32 Liquiditätsschwierigkeiten auftraten, erzwang Kamp, dessen Söhne dann das Unternehmen erfolgreich weiterführten (eine Stammfirma der DEMAG), das Ausscheiden H.s (1834). Mit einer kleinen eigenen Maschinenfabrik und einem Eisenwerk in Hombruch bei Dortmund hatte H. keinen Erfolg.
Seit 1825 widmete H. sich auch Eisenbahnplänen. Zuerst trat er mit einem berühmt gewordenen Aufruf „Eisenbahnen-Railroads“ im „Hermann“ für den deutschen Eisenbahnbau ein, stellte dann auch eigene Versuche an und beteiligte sich maßgeblich am Bau der westdeutschen Kohlenbahnen (Schmalspurbahnen mit Zugpferden); einen großen Plan für ein westdeutsches Eisenbahnnetz, der weitgehend den späteren Streckenverlauf vorzeichnete, veröffentlichte er 1833, hatte jedoch danach am westdeutschen Bahnbau keinen Anteil mehr. Dann wandte er sich dem Schiffsbau zu. In Verbindung mit der Duisburger Werft Westphal, Strack & Co. baute er 1836 ein Dampfschiff für die Weser, das aber den Anforderungen nicht genügte, und dann 1836/37 die Schonerbrigg „Rhein“ für den Rhein-See-Verkehr. Auch dieses Projekt scheiterte; seine Kölner Geldgeber trieben ihn daraufhin 1838 zum Bankrott. Zwar verfolgte er danach noch weitere industrielle Projekte, konnte sie aber ebenfalls nicht verwirklichen. So gehörte er zwar zu den großen Anregern der westdeutschen Industrialisierung, sein Anteil an diesem Prozeß ist aber kleiner, als gemeinhin angenommen wird.
1823 wurde H. Beigeordneter für Wetter und leitete die Gemeindegeschäfte bis 1839. Bereits 1826 in den Westfälischen Provinziallandtag gewählt, dort aber nicht zugelassen, weil er der für das passive Wahlrecht vorgeschriebenen Bedingung des zehnjährigen Grundbesitzes nicht entsprach und ein Antrag des westfälischen Oberpräsidenten von Vincke auf Erteilung einer Ausnahmegenehmigung abgelehnt wurde, nahm er zuerst 1830/31 als Abgeordneter des Standes der Landgemeinden (4. Stand) des Kreises Hagen am Provinziallandtag teil. Nach dem Zusammenbruch seiner Unternehmungen mußte er wieder ausscheiden. 1848 wurde er als Abgeordneter in die konstituierende preußische Nationalversammlung gewählt und gehörte dem preußischen Abgeordnetenhause (2. Kammer) ununterbrochen als Vertreter westwestfälischer Wahlkreise bis 1870 an, 1871-74 als Vertreter des Wahlkreises Hagen auch dem 1. deutschen Reichstag. Während der Revolutionsjahre Abgeordneter der antirevolutionären bürgerlichen Rechten, gehörte er später zur liberalen Linken des Abgeordnetenhauses. Konsequent und kompromißlos vertrat er die parlamentarische Verfassung gegen Revolution und Reaktion. Als Abgeordneter äußerte er sich vor allem sachverständig zu Verkehrs- und Sozialfragen und befaßte sich besonders mit Fragen der Schul- und Bildungspolitik.
Bedeutender als sein parlamentarisches Wirken ist seine Leistung als politischer Publizist. Beginnend mit den „Bemerkungen über die preußische Volksschule und ihre Lehrer“ (1842) bis hin zum „Arbeiterspiegel“ (1875), nahm er in einer Vielzahl von Aufsätzen und selbständigen Schriften zur Innenpolitik Stellung. Vor allem entwickelte er ein Modell der sozialen Integration des neuen „Vierten Standes“, der späteren Arbeiterschicht, in eine bürgerlich-industrielle Gesellschaft, das, auf Erfahrungen und nicht auf theoretischen Folgerungen basierend, ausführlicher und umfassender ist als die gleichzeitigen Vorschläge anderer bürgerlicher Sozialpolitiker. Es weist vier Bereiche aktiver Sozialpolitik auf: 1. Sicherung der Existenz in Notzeiten durch Einführung von Kranken-, Alters- und Invalidenversicherungen; 2. die Förderung von Eigentumserwerb und Seßhaftigkeit durch Sparkassen, Mobilisierung des Grundbesitzes und Kleinsiedlung, wobei er sogar bereits Fertigbauweisen für Reiheneigenheime und Ausbildung eines Arbeiterberufsverkehrs in Erwägung zog; 3. Ausbau der Betriebsverfassung im Sinne einer Mitberatung (noch nicht Mitbestimmung) der Arbeitnehmer; 4. ein Bildungssystem, das vom Kindergarten über die Volksschule und die Berufsund Hauswirtschaftsschule zum Beruf, über Arbeiterbildungsvereine und Volksbüchereien zur Fortbildung führte, wobei er nicht nur fachliche Ausbildung vorsah, sondern auch politische Bildung, die auch die Angehörigen der Unterschichten befähigen sollte, bewußte Staatsbürger zu werden und damit an den Rechten und Pflichten des Staatsbürgers teilzuhaben. Dieser sozialpolitische Entwurf zeichnet weitgehend die sozialpolitische Entwicklung bis zur Gegenwart vor. Schon darum gehört H. zu den bedeutenden bürgerlichen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Daneben ist seine hohe Auffassung von dem Wesen der Politik hervorzuheben. Als ein unbeirrbarer Verfechter der bürgerlichen Freiheit als des wichtigsten und höchsten Gutes und echter Liberalität in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, für ihn die Grundlage jeglichen Fortschritts, erkannte er seinen politischen Auftrag in der konsequenten und kompromißlosen Bewahrung solcher Freiheit, wie er, wie kaum einer seiner Zeitgenossen, die Notwendigkeit der Industrialisierung erkannt hatte. Bürgerliches Selbstbewußtsein, Verantwortungsbereitschaft gegenüber Volk und Staat und Glaube an den Fortschritt in Technik, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, den er in Wort und Schrift vertrat, prägten seine Persönlichkeit und begründeten – jenseits aller äußeren Mißerfolge – seinen Nachruhm, der den „alten Harkort“ vor allem in seiner engeren Heimat zur fast legendären Gestalt werden ließ.
11. Max Bruch
Der Komponist und Dirigent Max Bruch gab dem Erbe des romantischen Klassizismus seine letzte gültige Prägung. Musikalisch frühbegabt hatte Bruch sein musiktheoretisches Rüstzeug in Bonn und Köln erlernt, ehe er wechselnde Lehrpositionen und Kapellmeisterstellen im In- und Ausland einnahm. Sein Schaffen zeichnete sich durch den lyrischen Zauber oratorischer Gesänge und zahlreiche instrumentale Solopartien aus. Von der Musikwelt mit hohen Auszeichnungen und Ämtern geehrt, verlieh Bruch der Tradition Mendelssohns neue und zum Teil bis in die Gegenwart fortwirkende Impulse.
Geboren wurde Max Christian Friedrich Bruch am 6.1.1838 in Köln. Die Familie väterlicherseits stammte aus dem Raum Saarbrücken/Zweibrücken, von wo sein Großvater Christian Gottlieb Bruch (1771-1836) 1803 als Superintendent und Vorsteher der protestantischen Gemeinde nach Köln berufen worden war. Dessen Sohn August Carl Friedrich Bruch (1799-1861), Max Bruchs Vater, hatte Jura studiert und war Vizepräsident der Kölner Polizei. Die Mutter Wilhelmine geborene Almenräder (1799-1867) stammte aus einer Musikerfamilie und war eine bekannte Sängerin. Ihre Familie stammte aus dem Bergischen Land; ihre drei Brüder waren Musikalienhändler und Instrumentenbauer (Fagott) in Köln und wurden gemeinsam mit ihrem Vater 1821 die Mitbegründer der Kölner Musikalische Gesellschaft.
Als Kind zeigte Max Bruch zunächst Talent zur Malerei, aber nachdem er im Alter von neun Jahren sein erstes Lied komponiert hatte, wendete sich das Blatt. Jetzt schrieb er in einem plötzlichen kreativen Ausbruch zahlreiche kleinere und größere Kompositionen bis hin zur Ouvertüre für eine geplante Oper Jungfrau von Orleans. Die einzige erhaltene Jugendkomposition ist ein 1849 geschriebenes Septett, das sich naturgemäß an den einschlägigen Werken Ludwig van Beethovens (Septett Es-Dur op. 20) und Franz Schuberts (1797-1828) (Oktett F-Dur D 803) orientierte.
Einen ersten musiktheoretischen Unterricht erhielt Max Bruch bei Heinrich Breidenstein, seit 1822 Musikdirektor der Bonner Universität, bald ergänzt und dann abgelöst von Ferdinand Hiller (1811-1885), seit 1850 beziehungsweise 1853 Direktor des Kölner Konservatoriums und des Gürzenich-Orchesters. Unter Hillers Leitung gewann das Kölner Musikleben internationale Geltung, von der auch Max Bruch profitierte. Durch dessen Vermittlung erhielt Bruch 1852 ein Stipendium der Frankfurter Mozart-Stiftung, das ihm ermöglichte, 1853-1857 sorgenfrei zu studieren, Komposition bei Hiller, Klavier bei Carl Reinecke (1824-1910), und zu reisen. Mit einer Vertonung des Singspiels Scherz, List und Rache von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), uraufgeführt in Köln 1858, legte er sozusagen sein Opus 1 vor. Die nächsten Jahre waren Studienjahre, die Bruch trotzdem nicht ohne weitere Kompositionen verbrachte. Schwerpunkt wurde bald seine Vertonung des von Emanuel Geibel (1815-1884) ursprünglich für Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) geschriebenen Textes zu einer Oper Loreley, von deren Komposition bei Mendelssohns Tod nur wenige Fragmente vorlagen. Geibel hatte daraufhin jahrelang jegliche Anfragen verschiedener Komponisten abgelehnt, und auch Max Bruch konnte erst bei einer persönlichen Vorsprache in Wien die Freigabe des Librettos erreichen. Nach erfolglosen Bemühungen in München wurde die Oper Loreley op. 16 am 14.6.1864 in Mannheim uraufgeführt und in den nächsten beiden Spielzeiten in Hamburg, Leipzig, Köln, Mainz, Weimar und Coburg gegeben. Obwohl er von dem Mannheimer Konzertmeister Johann Naret-Koning (1838-1905) dazu animiert worden war, ein Violinkonzert zu schreiben, richtete sich sein kompositorisches Augenmerk zunächst auf diverse Chorwerke, deren Gipfel Frithjof op. 23 bildet, eine Kantate für Soli, Männerchor und Orchester, die sein Ansehen in der deutschen Musikwelt erheblich steigerte (Uraufführung 20.11.1864). Dieses Renommee führte schließlich mit dazu, dass er 1865 als einer von 49 Bewerbern auf die vakant gewordene Stelle des Musikdirektors beim Koblenzer Musik-Institut berufen wurde. Hier entstand neben kleineren Chorwerken sein bis heute populäres erstes Konzert für Violine und Orchester op. 26, das am 24.4.1864 mit Otto von Königslöw (1824-1898) als Solisten aus dem Manuskript zum ersten Mal erklang. Nachfolgende Revisionen, vor allem am Solo-Part in Zusammenarbeit mit Joseph Joachim (1831-1907) im Oktober 1867 in Hannover, führten zur endgültigen Fassung, die Joachim am 7.1.1868 in Bremen zum ersten Mal spielte. Über die übergroße Popularität, die das Werk schnell erreichte, ärgerte sich Bruch später, vor allem mit Blick auf seine weiteren Kompositionen für Solo-Violine, derart, dass er sich ernstlich mit dem Gedanken trug, weitere Aufführung gar polizeilich verbieten zu lassen.
Max Bruch. (Wikipedia / Patricia.topa / CC BY-SA 4.0)
Max Bruch blieb nur zwei Jahre in Koblenz und nahm die schon früh ihm angetragene Berufung zum Hofkapellmeister im thüringischen Sondershausen an; der Vertrag datiert vom 6.6.1867, die Ernennung erfolgte am 19. Juli. Hier stellte er am 26.7.1868 seine erste Sinfonie op. 28 vor, deren Komposition er wohl schon in Koblenz begonnen hatte. Da es innerhalb eines halben Jahres zu zahlreichen Aufführungen deutschlandweit kam, fühlte sich Bruch animiert, gleich noch eine zweite Sinfonie (op. 36) zu Papier zu bringen (Uraufführung 4.9.1870). Zwischen beiden Sinfonien befasste er sich wieder mit etlichen Chorwerken. Darunter sind besonders die drei Messesätze (Kyrie, Sanctus, Agnus Dei) op. 35 zu nennen, mit denen er sich seinen „Liebeskummer“ von der Seele schrieb. Er hatte sich in Koblenz verliebt, war dann nach Sondershausen gezogen und hatte sich bei der jungen Frau erst nach über einem Jahr wieder gemeldet, was dieser aber gar nicht gefiel, so dass aus der sich noch recht lange hinziehenden Angelegenheit zu Bruchs Leidwesen nichts wurde.
Im Herbst 1870 entschloss sich Max Bruch, ein unabhängiger, freischaffender Künstler zu werden, wozu er sich in Berlin niederließ. Noch in Sondershausen hatte er an seiner dritten Oper Hermione op. 40 gearbeitet, die am 21.3.1872 in Berlin zur Uraufführung kam, nachgespielt in Bremen, Köln und Dresden, jeweils mit mäßigem Erfolg. Seit September 1871 beschäftigte ihn die Idee zu einem Oratorium, zu Odysseus op. 41 (Untertitel: Scenen aus der Odyssee), das am 8.2.1873 in Barmen (heute Stadt Wuppertal) unter Bruchs eigener Leitung erstmals erklang. Das Werk wurde sofort von vielen Gesangvereinen ins Repertoire aufgenommen und verschaffte Bruch auch im Ausland (Niederlande, England und USA) hohes Ansehen. Außerdem regte es ihn an, weitere Werke dieses Genres zu verfassen, darunter eine Vertonung von Friedrich Schillers (1759-1805) Das Lied von der Glocke op. 45.
Aus Ärger über den Misserfolg der Oper Hermione in Berlin siedelte er 1873 nach Bonn über. Hier entstand sein zweites Oratorium, ein Produkt des Zeitgeistes unmittelbar nach dem Deutsch-Französischen Krieg, Hermannsschlacht, das nach ersten Aufführungen in Barmen (Uraufführung 4.12.1875), Bonn und Bergisch Gladbach mehrmalige Revisionen erfuhr und schließlich am 21.1.1877 in Zürich unter dem Titel Arminius in einer endgültigen Fassung als op. 43 herauskam. Auf der Heimreise von dieser Aufführung lernte Bruch den Geiger Pablo de Sarasate (1844-1908) kennen, der in Frankfurt und Wiesbaden Bruchs erstes Violinkonzert spielte (am 2. und 8.2.1877). Von Sarasates Spiel war Bruch derart angetan, dass er sich entschloss, ihm bis Herbst für dessen geplante nächste Tournee ein neues Konzert zu schreiben. Es wurde Bruchs zweites Violinkonzert op. 44, dessen erste Aufführung er am 4.11.1877 im Crystal Palace in London selber dirigierte. Fünf Tage später, am 9.11.1877, wiederholten die beiden die Aufführung in Koblenz, sicherlich in Erinnerung an die dortige Premiere des ersten Konzertes.
Max Bruch, Porträt im Shakespear Memorial Album. (Das Digitale Shakespeare Memorial Album / Library of Birmingham / CC BY-ND 3.0 DE)
Im August 1878 wurde Max Bruch zum Musikdirektor des Sternschen Gesangvereins in Berlin berufen, eine Verpflichtung, die ihm viel Zeit zum Reisen ließ, vor allem nach England (Liverpool, Birmingham). Bruch war 1877 zum ersten Mal nach Liverpool eingeladen worden, um eine Aufführung des Odysseus zu dirigieren, dann neuerlich 1879 für Das Lied von der Glocke, was letztlich dazu führte, dass er im Frühjahr 1880 zum Leiter der Liverpool Philharmonic Society berufen wurde. Über Weihnachten und Neujahr 1880/1881 kam er noch einmal nach Berlin zurück, um am 3.1.1881 die Sängerin Clara Tuczek (1854-1919) zu heiraten. 1882 kam Tochter Margarethe (gestorben 1963) als erstes von vier Kindern zur Welt.
In den drei Jahren, die Bruch in Liverpool tätig war, dirigierte er 35 Konzerte, in deren Programmen er hinsichtlich der eigenen Werke ziemliche Zurückhaltung übte. Immerhin brachte er die Schottische Fantasie für Violine op. 46 und Kol Nidrei für Violoncello op.47 hier heraus. Nachdem sich das Projekt, ein in Edinburgh zu gründendes Konservatorium und die dortigen Orchesterkonzerte zu leiten, zerschlagen hatte, kehrte Bruch Liverpool den Rücken. Während einer Amerikareise März bis Juni 1883 dirigierte er im April in New York seine dritte Sinfonie, deren Auftrag er seinerzeit von dort erhalten hatte und wo sie am 17.12.1882 uraufgeführt worden war.
Schon im Januar 1883 hatte er sich nach Breslau verpflichtet, auf eine Stelle, die er erst nach der Rückkehr aus Amerika im September antrat. Darüber schrieb er zufrieden an Fritz Simrock (1837-1901): „Ich habe meine feste Burg, mein Haus, mein liebes Weib, mein Kind, und in allen Teilen der Welt gute Freunde — in Deutschland sowohl als in England und Amerika. Um die falschen und halben Freunde oder Gegner kümmere ich mich je länger je weniger; ich lasse sie laufen und lache über ihre Affenkomödie“. Neben eigenen Werken machte er sein Breslauer Publikum mit Werken von Hector Berlioz (1803-1869), Camille Saint-Saëns (1835-1921), Michail Glinka (1804-1857), Antonìn Dvořak (1841-1904) und Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840-1893) durchaus mit Werken neuester Musik vertraut bis hin zu Richard Strauss‘ (1864-1949) Aus Italien op. 16. Als im Frühjahr 1884 Ferdinand Hiller 72-jährig in Köln zurücktrat, favorisierte dieser zunächst Johannes Brahms (1833-1897), nach dessen Absage Max Bruch als seinen Nachfolger, den das Kölner Komitee allerdings nicht wählte, weil man ihn für ehrgeizig, egoistisch, intrigant und eingebildet hielt.
Bruch blieb sieben Jahre lang in Breslau. Von den nicht gerade vielen Kompositionen, die er dort fertigstellte, sind das Oratorium Achilleus op. 50, dessen Uraufführung er am 28.6.1885 in Bonn selber dirigierte, die Kantate Das Feuerkreuz, die er am 26.2.1889 in Breslau herausbrachte, und der Liederzyklus auf die Novelle Siechentrost op. 54 von Paul Heyse (1830-1914) zu nennen, die auf den Bericht einer Limburger Chronik zurückgeht und deren Handlung an Rhein (St. Goar) und Mosel spielt.
Max Bruch, mit Signatur. (Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste)
Bruchs Weggang aus Breslau wurde unter anderem bedingt durch Unstimmigkeiten mit politischen Gruppierungen in der Stadt, die ihm seine leidenschaftliche Parteinahme für Otto von Bismarck (1815-1898) übel nahmen. So zog er Anfang 1890 mit ungewissen Aussichten wieder einmal nach Berlin, diesmal mit Frau und Kindern. Als erstes vollendete er hier in Zusammenarbeit mit Joseph Joachim (1831-1907) sein drittes Violinkonzert op. 58, die Uraufführung spielte jedoch Pablo de Sarasate am 31.5.1891 in Düsseldorf. Joachim hatte an der Königlichen Akademie der Künste, der er seit 1869 als Direktoriumsmitglied angehörte, eine Meisterklasse für Komposition eingerichtet. Als Heinrich von Herzogenberg (1843-1900), der seit 1886 diese Stelle innehatte, 1891 seinen Rücktritt einreichte, wurde Bruch mit Wirkung vom 1.4.1892 berufen, verbunden mit der Mitgliedschaft im Senat der Akademie und dem Titel Professor. Aller materiellen Sorgen ledig konnte Bruch jetzt viel Zeit mit Komponieren verbringen, so dass er mehrere Vokal- und Instrumentalwerke zu Papier brachte, Lieder, kürzere Chorwerke, Kammermusik.
1890 wurde ihm vom bayerischen Prinzregenten der Maximiliansorden verliehen und 1893 die Ehrendoktorwürde der Universität Cambridge, die er allerdings 1914 aus Empörung über Englands Kriegserklärung zurückgab. Aus Anlass der Wiener Uraufführung seiner Kantate Leonidas op. 66, seiner ersten größeren Männerchor-Komposition seit Frithjof, im Oktober 1893, wurde er Ehrenmitglied des Wiener Männer-Gesangvereins. 1894 nahm er die Arbeit an einem seit 1889 geplanten neuen Oratorium auf, Moses op. 67, das am 19.1.1895 in Barmen unter seiner eigenen Leitung uraufgeführt wurde. Gegen Ende 1898 wurde Bruch sogar zum korrespondierenden Mitglied der Académie des Beaux Arts in Paris ernannt. Im folgenden Jahr wurde er Mitglied des Direktoriums der Königlichen Hochschule für Musik, 1907 Vorsitzender des Senats und Vizepräsident als Nachfolger Joseph Joachims. Ehrungen erfuhr er auch durch die Akademie in Stockholm, die Schweizer Musikgesellschaft, die Niederländische Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst und die philharmonische Gesellschaft in London. Schon 1898 war er aufgrund seines Oratoriums Gustav Adolf op. 73 beim deutschen Kaiser und seiner Gattin persona grata geworden. Das Werk war am 22.5.1898 unter Bruchs Leitung in Barmen herausgekommen; es sollte sein letztes großes Chorwerk sein. Den Winter 1903/1904 verbrachte er auf Anraten seiner Ärzte in Italien, besuchte Rom und Neapel, schließlich für einen Monat Capri, wo er die Anregung für seine Suite für Orchester und Orgel op. 88b empfing, die später in nicht ganz glücklichen Bearbeitungen als Konzert für zwei Klaviere op.88a bekannt wurde.
1910 wurde er von der Königlichen Akademie der Künste in den wohlverdienten Ruhestand entlassen. Wie sehr er mittlerweile ins Abseits geraten war, zeigte sich beispielsweise an der Reaktion der Presse auf seine Serenade für Violine und Orchester op. 75, die man als „widerwärtig süß“ empfand, deren „Saccharin-Zauber“ Unbehagen hervorgerufen habe, wozu man lakonisch festhielt: „Wir ändern uns und die Musik mit uns“. Der Ruhestand sorgte zunächst noch für einen Schub neuer Kompositionen. Es entstanden Lieder, ein Chorwerk auf Schillers Die Macht des Gesanges op. 87, acht Stücke für Klarinette, Bratsche und Klavier op. 83 und als letztes größeres Werk das Doppelkonzert für Klarinette und Bratsche mit Orchester op. 88. Abgesehen von Reisen zur Erholung oder zu Aufführungen seiner Werke verbrachte Bruch seine letzten Jahre im Wesentlichen in Berlin, nörgelte an allem und jedem herum, an den Dirigenten und vor allem an der Musik der jüngeren Komponisten-Kollegen, reagierte verbittert auf die Zeit-Umstände - es herrschte schließlich der Erste Weltkrieg -, feierte aber trotzdem am 6.1.1918 hochgeehrt seinen 80. Geburtstag. Die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) verlieh ihm 1918 die Ehrendoktorwürde.
Max Bruch und Joseph Joachim, 1907. (Signale für die Musikalische Welt, Vol. 65, November 1907, pp. 1172-1175)
Am 27.8.1919 starb seine Frau Clara nach langem Leiden, und auch Bruchs eigene Gesundheit nahm stetig ab, bis er am 2.10.1920 in Berlin-Friedenau verstarb (nicht am 20.10.1920, wie in etlichen Lexika zu lesen ist). Seine Grabstätte befindet auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin (Ehrengrab). In verschiedenen deutschen Städten, darunter in Bergisch Gladbach, Bonn, Koblenz, Köln, München und Sondershausen, tragen Straßen seinen Namen. In Bergisch Gladbach ist nicht nur die Städtische Musikschule nach ihm benannt, sondern auf der Margartenhöhe erinnert seit 1935 ein Denkmal nach einem Entwurf des Kölner Bildhauers Wolfgang Wallner (1884-1964) an ihn. In Köln wurde er 1990 mit einer Figur am Rathausturm verewigt, die Figur schuf der Bildhauer Olaf Höhnen (1933-2009). Seit 1966 ist das 1949 von Ewald Bruch (geboren 1890), einem Sohn des Komponisten, gegründete Max-Bruch-Archiv dem Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln angeschlossen. Es sammelt und verwahrt Dokumente zum Leben und Werk des Komponisten und stellt sie der Forschung zur Verfügung.
12. Ferdinand Lassalle
Die geistige Entwicklung L.s wurde außerordentlich früh abgeschlossen. Als ihm zu Ostern 1842 das Zeugnis der Reife aus bürokratischer Willkür verweigert wurde, stürzte er sich für ein Jahr auf die intensive Lektüre philosophischer Schriften, vor allem derjenigen Hegels, und übernahm die – revolutionär gewendete – Geschichtsphilosophie Hegels als unverrückbaren Maßstab seiner Orientierung. In einem Brief an den Vater, der ihn – wenn auch widerstrebend – seinen eigenen Weg gehen ließ, schreibt er: „Es gibt keine (gemeint: neue) Phase mehr für mich, denn ich habe die höchste des gegenwärtigen Geistes erreicht und kann mich nur innerhalb dieser, d. h. quantitativ, ausbilden.“ Diese Einschätzung verdanke er der Philosophie Hegels, sie habe ihm „alles gegeben, Klarheit, Selbstbewußtsein, zum Inhalt die absoluten Mächte des menschlichen Geistes, die objektiven Substanzen der Sittlichkeit, der Vernunft etc.“, kurz, sie habe ihn zum selbstbewußten Gott, d. h. zu dem sich als Erscheinungsform und Verwirklichung des Göttlichen begreifenden Geist gemacht. Und „wer einmal Gott war, wird nie wieder ein dummer Junge“. L. akzeptierte nicht nur die Hegelsche Philosophie, er identifizierte sich auch mit ihr und verstand sie – in enthusiastischem Überschwang – als Bestätigung für die Übereinstimmung seines subjektiven Selbstbewußtseins mit dem „objektiven Geist“.
Während der ersten Semester des Studiums der Philosophie und Geschichte in Breslau (1843/44) entwarf L. den Plan einer Reformbewegung des Judentums, die dessen Partikularität – im Geiste Hegels – in der allgemeinen Philosophie überwinden und aufheben sollte. Trotz einer oft zitierten Tagebuchstelle aus dem Jahre 1840, in der L. davon gesprochen hatte, es sei immer seine Lieblingsidee gewesen, „an der Spitze der Juden, mit der Waffe in der Hand, sie selbständig zu machen“, hat sich L. für die Judenemanzipation nur wenig interessiert. Ähnlich wie Marx kam es ihm bei seiner demokratisch-revolutionären Zielsetzung letztlich auf die „Befreiung der Menschheit“ an, wobei er allerdings – analog zu Fichte – die Hoffnung hegte, die Deutschen würden zu den erfolgreichen Wegbereitern dieser Befreiung werden. In Breslau suchte L. – im Rahmen der Burschenschaft – für die Demokratie zu agitieren und bildete einen ersten Freundeskreis. 1844/45 studierte er in Berlin und kam in ausführlichen Manuskriptbriefen an die Eltern zu einer Art Abschluß seiner Bildung. Im Sommersemester 1845 studierte er wieder in Breslau. Grundzüge der erst 1857 publizierten Schrift „Die Philosophie Herakleitos des Dunklen von Ephesos, nach einer neuen Sammlung seiner Bruchstücke und der Zeugnisse der Alten“ entstanden in dieser Zeit. In einem „Kriegsmanifest an die Welt“ formulierte er erstmals seine Vorstellung vom „Reich des freien Geistes“ – seinem Reich – und schwor einige Freunde auf es ein.
Da L. als Jude an eine Universitätslaufbahn nicht denken konnte (er wäre lebenslänglich Privatdozent geblieben) und da er sich nicht (etwa als Journalist) „verkaufen“ wollte, strebte er zugleich nach finanzieller Unabhängigkeit. Der beginnende Industrialismus sollte ihm die Mittel liefern, sich in voller Freiheit der Sache der entschiedenen Demokratie widmen zu können. Aus diesem Grunde wirkte er auch am Zustandekommen der Prager Gasgesellschaft (im Winter 1845/46) mit und suchte bei einem Besuch in Paris, zusammen mit seinem Schwager Friedländer, Heinrich Heine für seine Beteiligung zu gewinnen. Heine, der durch den Tod seines Onkels Salomon Heine, von dem er eine testamentarisch nicht abgesicherte Rente bezogen hatte, in Schwierigkeiten gekommen war, wollte sich gern der Hilfe des aktiven jungen Mannes in seinen Erbschaftsangelegenheiten bedienen und schickte ihn mit einem berühmt gewordenen Empfehlungsschreiben an Varnhagen von Ense. Anfang 1849 – als L. inhaftiert war – hat Marx diesen Brief in der „Neuen Rhein. Zeitung“ zusammen mit einem Kommentar publiziert und damit ungewollt wesentlich dem späteren Lassalle-Kult die Wege geebnet. Heine schrieb u. a.: „Herr Lassalle, der Ihnen diesen Brief bringt, ist ein junger Mann von den ausgezeichnetsten Geistesgaben: mit der gründlichsten Gelehrsamkeit, mit dem weitesten Wissen, mit dem größten Scharfsinn, der mir je vorgekommen; mit der reichsten Begabnis in der Darstellung verbindet er eine Energie des Willens und eine Habilité im Handeln, die mich in Erstaunen setzen.“ Zugleich spürte Heine freilich auch in diesem jungen Mann den Boten einer Zeit, mit der er sich – bei allem Wohlwollen – doch nicht ganz einverstanden wußte: „Herr Lassalle ist nun einmal so ein ausgeprägter Sohn der neuen Zeit, der nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wissen will, womit wir uns mehr oder minder heuchlerisch in unserer Zeit hindurchgelungert und hindurchgefaselt. Dieses neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im Sichtbaren; wir die Alten waren doch vielleicht glücklicher als jene harten Gladiatoren, die so stolz dem Kampftode entgegengehen.“
L.s Wirken für Heine war nicht ganz ohne Wirkung; da Heine jedoch selbst immer wieder taktische Wendungen machte, von denen L. nichts wußte, hatte er keinen durchschlagenden Erfolg, auch gelang es ihm nicht, Heine nach Berlin zu bringen. Immerhin kam durch L. eine Versöhnung mit Giacomo Meyerbeerzustande, der bereit war, eine Rentenzusage des reichen Onkels zu beeiden, und Hermann Fürst Pückler-Muskau schrieb einen ausgezeichneten, hochherzigen Brief an den Erben Karl Heine, den er auch zur Veröffentlichung freigab. L. hat die Angelegenheit der Heineschen Erbauseinandersetzung immer auch als politisch angesehen. Die Art und Weise, wie das wohlhabende, liberale Bürgertum mit dem größten lebenden deutschen Dichter umging, war ihm ein Lehrstück, das der Aufklärung des Volkes und seiner Abkehr von den Liberalen dienen sollte.
Der Heinesche Erbschaftsstreit war noch nicht vergessen, da nahm sich L. der Auseinandersetzung der Gräfin Sophie Hatzfeldt mit ihrem Gatten Edmund an. Die zahlreichen Prozesse, in denen L. als Bevollmächtigter der Gräfin fungierte, und die Verfolgungen, denen er ihretwegen ausgesetzt war, haben ihn im Rheinland populär gemacht. Motiv für dieses – erst mit einem im Aug. 1854 abgeschlossenen Vergleich beendete – Engagement war einmal die Möglichkeit, am Beispiel des skrupellosen Lebemanns und geldgierigen Grafen die „Fäulnis“ der bestehenden Gesellschaft aufzuzeigen und zum anderen durchaus auch die finanzielle Sicherung der eignen Existenz, die L., der bis dahin vom Vater geldlich unterstützt worden war, schließlich auf diesem Weg erreicht hat. Im Verlauf dieser Prozesse erwarb sich L. eine profunde Kenntnis der existierenden Rechtsordnung und -praxis und wurde zum brillanten Verteidigungsredner in fremder wie in eigener Sache. Als im Zusammenhang mit dem Versuch, Belege für finanzielle Zusicherungen des Grafen an seine Mätresse Meyendorf(f) zu beschaffen, Felix Alexander Oppenheim, ein Freund und zeitweiliger „Jünger“ L.s, eine Kassette aus deren Besitz entwendet hatte, wurde L. selbst wegen „intellektueller Urheberschaft des Kassettendiebstahls“ vor Gericht gestellt. Von Februar bis August 1848 war L. wegen dieses angeblichen Delikts in Untersuchungshaft. Die Gräfin Hatzfeldt, ihr Sohn Paul und die Neue Rhein. Zeitung sowie demokratische Vereinigungen in Düsseldorf und Köln bemühten sich um eine Beschleunigung des Verfahrens, das – wie man gewiß war – mit dem Freispruch enden mußte. In seiner Gerichtsrede suchte L. den Tendenzcharakter der Anklage und ihre politische Bedeutung herauszuarbeiten, während es dem Staatsanwalt wie dem Gericht darauf ankam, ihn als „gewöhnlichen Verbrecher“ abzustempeln. Während die Geschworenen zu keinem eindeutigen Entlastungsspruch kamen, mußte das Gericht schließlich auf Freispruch erkennen. Der Makel eines zweifelhaften Ehrenmannes sollte L. jedoch zeitlebens bleiben. Daran hatten auch die besten Zeugenaussagen zu seinen Gunsten und die Selbstwidersprüche der Belastungszeugen nichts ändern können.
Während der Revolution von 1848/49 stand L., wie auch die Gräfin Hatzfeldt und ihr Sohn, eindeutig auf Seiten der entschiedenen Demokratie, wie sie auch die Neue Rhein. Zeitung von Marx vertrat. L. lernte Marx damals kennen und wurde einer seiner wenigen Duzfreunde, was jedoch die spätere Entfremdung nicht verhindert hat. Beide waren überzeugt, daß in Deutschland erst die „bürgerliche Revolution“ auf der Tagesordnung stehe, daß es aber nötig und nützlich sei, wenn „das Volk“ (Kleinbürger und Arbeiter) einen entsprechenden Druck auf Volksvertretung und Regierung ausübte. In Düsseldorf arbeitete L. eng mit dem angesehenen Kaufmann und Kommandanten der Bürgerwehr Lorenz Cantador (1810–83) zusammen. Im Herbst 1848 lag die reale politische Macht in Düsseldorf vorübergehend ganz in den Händen der Demokraten und ihrer Bürgerwehr, selbst der Regierungspräsident nahm die Anordnungen der Bürgerwehr hin, die Sache der Demokraten und ihres Widerstands gegen „illegale Maßnahmen der preuß. Regierung“ wurde sogar von einer Reihe leitender Beamter unterstützt. Mit der Verhängung des Belagerungszustands und der Verhaftung L.s am 22.11. war alles zu Ende. Auf einer Massenversammlung unter freiem Himmel in Neuß hatte L. noch am Tag zuvor Unterstützung für die Düsseldorfer Demokraten zu mobilisieren gesucht. Erst im Mai 1849 wurde er von der Anklage, „die Bürger zur Bewaffnung gegen königliche Gewalt“ aufgereizt zu haben, freigesprochen, jedoch sofort „wagen Beleidigung des Generalprokurators“ erneut in Untersuchungshaft genommen sowie schließlich zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt, deren Vollzug zeitweilig ausgesetzt wurde.
Durch seine Reden und mehr wohl noch durch die Verfolgungen, denen er ausgesetzt war, ist L. zu einer Art Volksheld der demokratischen Revolution im Rheinland geworden. Obwohl er bereits seit langem zutiefst von der Sache des „Kommunismus“ überzeugt war, hat er sich während dieser Jahre jeder über das Ziel der Demokratie und des „allgemeinen und gleichen Wahlrechts“ hinausgehenden Forderung enthalten. Seine Plädoyers verbanden stets die Respektierung geltenden Rechts mit geschichtsphilosophischen Reflexionen, deren Tragweite freilich viele seiner Zuhörer nicht verstanden haben dürften. So lehnte L. die Legitimität der gegen ihn erhobenen Anklage im Mai 1849 mit der Begründung ab, die vom König faktisch – wider geltendes Recht – oktroyierte Verfassung vom 18.3.1849 sei eine Revolution gewesen. Daher sei er auch nur bereit, einem Revolutionstribunal Rede zu stehen. Auf diesem demokratischen Rechtsformalismus beharrte L. auch in den folgenden Jahren. Jede Wahl, die nach dem oktroyierten Dreiklassen-Wahlrecht erfolgte, blieb für ihn ein Verrat an der Demokratie und stand nicht auf dem Boden des Rechts.
Während seiner Haft zwischen Okt. 1850 und April 1851 arbeitete L. eine „Geschichte der sozialen Entwicklung“ aus, die er wenig später Arbeitern in Düsseldorf vortrug. In dieser Arbeit sind zweifellos Gedanken des „Kommunistischen Manifestes“ von Marx und Engels verarbeitet, aber im Unterschied zu Marx hält L. an „einem Begriff des Rechts und Staats überhaupt“ fest, der mit seinem jeweiligen zeitbedingten Inhalt in Widerspruch stehe. Während Staat und Recht „Selbstverwirklichung des menschlichen Geistes“ sein sollten, sind sie – bislang – „Unrecht“ und „Unfreiheit“. Vor allem sei die Bourgeoisie nicht imstande, den „sittlichen Staat“ zu realisieren, weil in ihr „jeder für sich lebt“ und "die Unbeschränktheit des einzelnen das Höchste“ ist. Aus diesem Grunde konnte die bürgerliche Revolution die Freiheit und Unabhängigkeit des Volkes, der ärmeren Mehrheit der Bevölkerung, nicht realisieren. „Diese Freiheit selbst, welche die Aufhebung aller Privilegien zu sein vorgibt und auch zuerst zu sein glaubt, ist selbst nichts als die Errichtung eines neuen, und zwar des härtesten Privilegs, des Kapitalbesitzes“. Die Entwicklung werde daher erst dann ihr Ziel erreichen, wenn durch den „Arbeiterkommunismus“ die Solidarität aller verwirklicht sei. Ein König könne die soziale Gleichheit – auch wenn er wollte – nicht realisieren, weil mit der Beseitigung aller anderen Privilegien „der Thron als das einzige Privileg“ übrigbliebe, „gegen den sich nun alle Angriffe des neuen Gleichheitsprinzips richten müßten“. Das Volk könne daher seine Freiheit nur „aus seinen eignen Händen und eigner Machtvollkommenheit erhalten“.
L. korrigiert in dieser Arbeit Hegels Geschichtsphilosophie dahingehend, daß die von Hegel als bereits realisiert unterstellte Verwirklichung der Sittlichkeit im modernen, konstitutionellen Staat erst im künftigen demokratischen Staat erreicht werden wird und daß dann an die Stelle der zeitgenössischen bürgerlichen Klassengesellschaft eine solidarische Gesellschaft von Gleichen treten wird, wie sie von den utopischen Sozialisten erträumt wurde. L. fühlt sich im Besitz der Einsicht in den objektiv notwendigen Gang der historischen Entwicklung jenen Träumen und Spekulationen, aber auch den liberalen Kompromißlern überlegen. Die „sozialökonomische Basis“ der historischen Entwicklung, die Marx herausgearbeitet hat und die schon im „Manifest“ von 1848 skizziert wird, tritt bei L. hinter dem ideellen Widerspruch zwischen der „Idee des sittlichen Staates“ und des „Rechts“ und den historischen Realitäten zurück. Dieser ideelle Widerspruch ist es aber, der nach L. sowohl die Dynamik der Geschichte bewirkt als auch die Garantie der Erreichung des Zieles darstellt. Gerade weil ihm das Ziel der Entwicklung, die egalitäre Demokratie in Gestalt einer „Diktatur der Einsicht“, so klar vor Augen stand, glaubte er sich in der praktischen Tagespolitik alles erlauben zu können. Hierher gehören seine Geheimgespräche mit Bismarck (1863, 1864) und seine Propagierung des „sozialen Königtums“ (1864), dessen Realisierung er schon aus begrifflich-logischen Gründen für unmöglich hielt, das aber Hoffnungen erwecken sollte, die zur Revolution der Enttäuschten führen konnten.
In den Jahren nach der Niederlage der Revolution von 1848/49 war L. – nicht nur in seinen eigenen Augen – einer der wenigen, die den alten Idealen der Demokratie treu blieben. Trotz seiner wiederholten Verhaftungen und Gefängnisstrafen dachte er nicht an Auswanderung. Vielmehr zog er – aus der Erkenntnis der definitiven Niederlage der Revolution im Rheinland und der Konsolidierung Preußens in der „Neuen Ära“ – die Folgerung, das Zentrum der Auseinandersetzung müsse nun nach Berlin verlegt werden. Ähnlich wie Marx kam es ihm dabei zunächst auf die Bildung und Schulung einer „Kadertruppe“ überzeugter Anhänger an. Diesem Zweck dienten auch die Vorträge, die L. auf der Basis der „Geschichte der sozialen Entwicklung“ vor Düsseldorfer Arbeitern hielt. Wenn er nunmehr offen vom „Arbeiterstand“ (oder gelegentlich auch vom „Proletariat“) und nicht mehr einfach vom „Volk“ redete, so entsprach diesem terminologischen Wechsel keine begriffliche Änderung. Gemeint war nach wie vor die Mehrheit der handarbeitenden Bevölkerung, die – angesichts des wachsenden Reichtums der industriellen Unternehmer – allerdings immer weniger Chancen hat, zu wirtschaftlicher Selbständigkeit sich emporzuarbeiten. L. hat zweifellos die Bedeutung der Ökonomie für die politischen Auseinandersetzungen erkannt und sich um eine eigene Kritik der Ökonomie bemüht, ist aber erst in seinem Todesjahr 1864 mit seiner Schrift „Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian oder: Kapital und Arbeit“ hervorgetreten. Der Kern der ökonomischen Auffassungen von L. läßt sich auf die Behauptung des sogenannten „ehernen Lohngesetzes“ und die logische Ableitung der Notwendigkeit von Arbeiterassoziationen als einzig mögliches Rettungsmittel der Lohnarbeiter reduzieren. Als „ehernes Lohngesetz“ hat L. seine Auffassung der ricardianischen Lohntheorie bezeichnet. Ihr zufolge kann die Arbeiterklasse prinzipiell keinen höheren Anteil am Sozialprodukt erhalten, als ihren reinen Selbsterhaltungskosten entspricht. Auch wenn es einen gewissen „kulturellen Spielraum“ für dieses Minimum gibt, bleibt die Schranke als solche unter der gegebenen Eigentumsordnung absolut. Der Liberalismus und sein „Nachtwächterstaat“ können daher niemals eine wirkliche Abhilfe schaffen. Nur wenn die Arbeiter als Genossenschafter zu ihren eigenen Unternehmern werden und ihnen der Staat dabei die notwendige Starthilfe gibt, kann das „eherne Lohngesetz“ gebrochen werden. Bei der Präzisierung dieser Gedanken stützte sich L. zum Teil auf Mitteilungen und Ratschläge des radikalen Politikers und Ökonomen Johann Karl Rodbertus, der ihn allerdings vergeblich vor der Gefahr des genossenschaftlichen Egoismus warnte und auf die Notwendigkeit staatlicher zentraler Organisation der Wirtschaft verwies.
Während der 50er Jahre bemühte sich L. durch eine Reihe von schriftstellerischen und wissenschaftlichen Arbeiten um Festigung seines Ansehens in der Öffentlichkeit. Im November 1857 erschien seine schon erwähnte Arbeit über Heraklit, die ihm die Zustimmung der Berliner Hegelianer und die Mitgliedschaft in der dortigen Philosophischen Gesellschaft einbrachte. Im Oktober 1858 erhielt er die „bedingte Aufenthaltserlaubnis“ für Berlin, die er u. a.auch der Fürsprache Alexander v. Humboldts verdankt haben dürfte, den er seit dem Heine-Erbschaftsstreit kannte. Im Jahr darauf war er an der Edition der Briefe Humboldts an Varnhagen von Ense beteiligt. In einem Vortrag über „die Hegelsche und die Rosenkranzsche Logik“ in der Philosophischen Gesellschaft zeigte L. die Bedeutung der Kategorien Mechanismus, Chemismus und Zwecktätigkeit (Teleologie) in Hegels objektiver Logik für dessen Geschichtsphilosophie und kritisierte deren Eliminierung durch Rosenkranz. Die „Gültigkeit“ dieser logischen Kategorien war für L. Garant der historischen Entwicklung, ein absoluterer Garant offenbar als die bloß als Tendenz wirksamen Gesetze der „sozialökonomischen Entwicklung“ in der Kritik der politischen Ökonomie von Marx. Karl Rosenkranz (1805–79) hat sich in einer besonderen Schrift mit L.s Kritik auseinandergesetzt und ihr gegenüber derjenigen von K. L. Michelet entschieden den Vorzug eingeräumt. Offenbar hat L. von allen seinen Arbeiten mit den philosophischen am meisten Zustimmung und Anerkennung gefunden.
Weit weniger Anerkennung fand L. mit seinem großen Bauernkrieg-Drama „Franz von Sickingen“, dessen Bühnenausgabe 1858 erschien. Vor allem dürfte bei einem Teil des ihm nahestehenden Publikums die doktrinäre Ablehnung des revolutionären Charakters des Bauernkrieges Befremden erregt haben. Der Fortschritt jener Zeit lag nach L. in der Verwirklichung des einheitlichen Territorialstaates und der Überwindung des feudalen Partikularismus. Ihm gegenüber hätten die Bauern auf ihrer „an den Boden gebundenen Partikularität“ festgehalten. Aus diesem Grunde konnte sich L. auch ein Zusammengehen der aufständischen Bauern mit dem städtischen Bürgertum nicht vorstellen, wohl aber mit einzelnen Rittern wie Sickingen, die gleichfalls ein untergehendes Prinzip vertraten. Die zwischen Marx und Engels auf der einen Seite, L. auf der anderen, geführte Sickingen-Debatte betrifft diese inhaltlichen wie auch künstlerische Fragen und ist für die veränderten Beziehungen zwischen beiden Seiten aufschlußreich.
Auch wenn das Schema des objektiv-idealistischen Hegelschen Geschichtsdenkens für L. verbindlich blieb und er Fichte entsprechend historisch einordnete, hat er doch wiederholt – unmittelbar und aktualisierend – an Fichtesche Thesen angeknüpft. So z. B. besonders eindrucksvoll in dem Artikel „Fichtes politisches Vermächtnis und die neueste Gegenwart“ (1860). Der Kerngedanke dieses Aufsatzes ist, daß Deutschland nur als Einheitsstaat zu einer historischen Nation werden und kein deutscher Territorialfürst diese einheitsstiftende Rolle übernehmen kann. Eine preuß. Spitze würde nur eine der Besonderheiten Deutschlands zur herrschenden machen “und indem so auch noch diejenige Ausgleichung fortfiele, welche jetzt noch in dem Dasein der verschiedenen Besonderheiten liegt, würde grade dadurch das deutsche Volk auch noch in seiner geistigen Wurzel aufgehoben“. Wie für Fichte war „Deutschland“ auch für L. weit mehr ein Gedanke, ein philosophisches Ideal, als eine existierende Realität. Dieses letztlich abstrakte Gebilde soll aber zugleich den „sittlichen Staat“ vorbildlich verwirklichen und damit beispielgebend und ansteckend wirken. Mit Recht hat ein neuer Autor bemerkt, daß der L.sche – wie auch der Fichtesche – Gedanke eines idealen sittlichen deutschen Staates in keiner Weise als Prophetie des kommenden Bismarckschen Deutschland interpretiert werden dürfe, wie das verschiedentlich, am eindringlichsten in der großen Biographie von Hermann Oncken geschehen ist. Indem L. Fichte weiterdenkt und aktualisiert, wird er ihm weit eher gerecht als jene, die ihn für das Bismarcksche Reich oder für den Hurra-Patriotismus des 1. Weltkriegs einzuspannen suchten. In einem anderen Fichte-Aufsatz sagt L., der Begriff des deutschen Volkes sei noch gar nicht wirklich, er sei ein Postulat der Zukunft. Dieses Postulat bedeutet für ihn die Verwirklichung des bisher unbewußt Erstrebten, „die Schaffung eines deutschen Territoriums als Basis für die gemeinsame Geschichte, als Grundlage für einen wahren deutschen Staat, der nicht mehr Besitz am Volke ist, sondern Besitz des Volkes … “ (Na'aman). Wegen seiner Fichterede am 19.5.1862 hat sich L. schließlich mit den Berliner Hegelianern überworfen, die beunruhigt das Revolutionär-Aktivistische in seinen Ausführungen herausspürten.
Als L.s wichtigste politische Schrift kann man die Arbeit „Das System der erworbenen Rechte, eine Versöhnung des positiven Rechts und der Rechtsphilosophie“ ansehen, die 1860 und 1861 erschien. Was L. hier liefert, ist – am Beispiel der Eigentums- und Erbrechtsentwicklung – eine Geschichtsphilosophie im Sinne Hegels. Der Abbau der Besitzprivilegien stellt für ihn einen schrittweisen Befreiungsprozeß dar: Zuerst wird das unmittelbare Eigentum am Menschen (die Sklaverei), später das mittelbare (die Leibeigenschaft) und schließlich künftighin auch noch die vermittelte Verfügung über fremde Arbeit vermöge des Kapitalbesitzes abgeschafft. Mit der Einschränkung der Eigentumsrechte erweitert sich die Freiheit des Willens aller. Die solidarische Welt der Zukunft kann jedoch nur dann mit der individuellen Freiheit zusammen bestehen, „wenn der Einzelwille immer mit dem Kollektivbewußtsein zusammenfällt“ (Na'aman).
L. scheint davon überzeugt gewesen zu sein, daß durch entsprechende Aufklärungs- und Bildungsarbeit jene Übereinstimmung schließlich erreicht werden könne. Daß es seiner Auffassung von Demokratie (als „Diktatur der Einsicht“) keineswegs entsprach, die Entwicklung zufälligen Mehrheiten auszuliefern, hat er in einem Brief an Rodbertus deutlich ausgesprochen: „Sie haben ganz recht, wenn sie weder durch Majorität noch durch Stimmeneinheit sich beweisen lassen wollen, was das heutige Zeitbewußtsein will. Wie finde ich dies also? Nun, ich denke ganz einfach! Was Sie sich und der Zeit durch Vernunft und Logik, Wissenschaft beweisen können – das will die Zeit.“ „Das System der erworbenen Rechte“, das im Grunde eine Geschichtsphilosophie der entzogenen Rechte enthält, versteht L. nicht als Handbuch für Revolutionäre, sondern als streng wissenschaftliche Abhandlung. Theodor Mommsen hat es nicht zu Unrecht als konstruiert kritisiert und ihm sachliche Irrtümer nachgewiesen. L.s philosophisches Bewußtsein konnte freilich solche Kritik kaum treffen.
Von Juli 1860 bis Jan. 1862 bereiste L. die Schweiz und Italien, wo er Kontakte zur revolutionären Einigungsbewegung aufnahm und in seiner Überzeugung von der revolutionären Potenz der nationalen Einigungsthematik bestärkt wurde. Vergeblich hat er bei dieser Gelegenheit in die große Politik einzugreifen gesucht, indem er Garibaldi zur Zerschlagung des österreich-ungarischen Kaiserreiches aufforderte, dessen Existenz ein wesentliches Hindernis für die Bildung eines einheitlichen deutschen Nationalstaates sei.
Im April 1861 besuchte Marx L. und die Gräfin Hatzfeldt in Berlin. L.s Versuch, eine Wiedereinbürgerung Marxens zu erwirken,|scheiterte, und auch der Plan einer von L. zu finanzierenden gemeinsamen Tageszeitung zerschlug sich. Marx und Engels mokierten sich insgeheim über L.s diktatorische Ansprüche als Chefredakteur, wie denn generell ihre Korrespondenz zahlreiche, oft ungerechte Schmähungen L.s enthält. Am 16.4.1862 hielt L. seine vielbeachtete (und alsbald im Druck verbreitete) Rede über die „demokratische Bedeutung des Arbeiterstandes“ („Arbeiterprogramm“) im Berliner Arbeiterverein und vier Tage später eine Rede über „Verfassungswesen“ im Bürgerbezirksverein. Im „Arbeiterprogramm“ deduziert er den Charakter des „Arbeiterstandes“ und dessen künftige historische Mission daraus, daß „dieser Stand … keine ausschließliche Bedingung weder rechtlicher noch tatsächlicher Art … mehr aufstellt und aufstellen kann, die er als neues Privilegium gestalten und durch die Einrichtung der Gesellschaft hindurch führen könnte“, vielmehr nur für die Abschaffung aller Privilegien und damit für die Vollendung des sittlichen Staates eintreten könne. Als Mittel zur Verwirklichung des Prinzips des Arbeiterstandes und der damit gesetzten Vollendung des sittlichen Staates gelten L. das allgemeine und gleiche Wahlrecht und ein starker, zentralistischer Nationalstaat. In der Rede über Verfassungswesen führte L. das Konzept der wirklichen im Unterschied zur geschriebenen Verfassung ein und sprach von einer Verfassungswirklichkeit, auf deren Kenntnis es entscheidend ankomme.
Am 6.12.1862 erreichte L. das Angebot einer Initiativgruppe des Leipziger Zentralkomitees der Arbeiterbewegung, die Leitung eines zu gründenden Verbandes zu übernehmen, am 11.2.1863 erfolgte eine offizielle Aufforderung des Leipziger Zentralkomitees, L. möge seine Vorstellung über Ziel und Aufgaben der Arbeiterbewegung präzisieren, was er in dem am 1.3. publizierten „offenen Antwortschreiben“ an das Zentralkomitee tat, das sein soziales Arbeiterprogramm formulierte. Neben der nach wie vor zentralen Forderung nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht sprach sich L. für „Arbeiterassoziationen mit Staatshilfe“ aus, wobei er zwar selbst immer annahm, daß solche Assoziationen erst von einem durch „den Arbeiterstand“ beherrschten demokratischen Staat finanziert werden könnten, aus Agitationszwecken aber auch die Forderung als solche an den bestehenden Staat gelten ließ. Das Angebot Bismarcks, eine einzelne derartige Assoziation zu finanzieren, lehnte er allerdings bedingungslos ab. In einem Artikel wehrte sich L. ausdrücklich gegen die Gleichsetzung der von ihm propagierten Assoziationen mit den französischen Nationalwerkstätten des Jahres 1848, deren klägliches Scheitern ihm von Gegnern vorgehalten worden war.
Am 23.5.1863 konstituierte sich in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) unter der Präsidentschaft L.s, der auch die außerordentlich zentralistischen Statuten entwarf und sich große Befugnisse einräumen ließ. Im September hielt L. eine große Anzahl öffentlicher Reden (Heerschaureden) und reorganisierte das Kassenwesen des ADAV. Am 22.11. wurde er in einer öffentlichen Berliner Arbeiterversammlung verhaftet. Die am 12.3.1864 gehaltene Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß (wegen einer Ansprache vom 14.10.1863) streicht die Möglichkeit des „sozialen Königtums“ heraus, das sich über die Köpfe der privilegierten Minderheiten hinweg direkt auf das „einfache Volk“ (den Arbeiterstand) stützt. Die seit Mai 1863 aufgenommenen Kontakte mit Bismarck sind ebenso wie die Agitation für das „soziale Königtum“ als taktische Maßnahmen zum Zweck der Erhaltung legaler Betätigungsmöglichkeiten für den Verein anzusehen, haben aber in der Folge erheblich zur Verwirrung auch von Anhängern beigetragen. Am 22.4. wurde L. zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, am 29.6. wurde, nach abermaliger Verhandlung, das Strafmaß auf 6 Monate herabgesetzt. L. blieb aber in Freiheit. Im Mai errang er bei Reden in Solingen, Barmen, Köln, Duisburg, Wermelskirchen, Ronsdorf und Düsseldorf beachtliche Erfolge und wurde von großen Menschenmassen stürmisch gefeiert. Die Würdigungen L.s aus der Feder späterer Sozialisten und Kommunisten beziehen sich fast ausschließlich auf diese letzten zwei Jahre, während deren L. zum unumstrittenen Führer und Organisator der ersten selbständigen politischen Bewegung deutscher Arbeiter wurde. Sein Mut, sein rhetorischer Schwung und sein Geschick in der Formulierung eingängiger Losungen wurden selbst von denen anerkannt, die ihn – wie Marx, Engels, Rosa Luxemburg und andere – seiner angeblichen theoretischen Schwächen vor allem auf ökonomischem Gebiet wegen kritisierten.
Mitten aus diesem erfolgreichen und aktiven Leben wurde L. durch den Tod infolge der bei einem Duell erlittenen Verwundung am 31.8.1864 herausgerissen. Dieser nicht nur von Marx als unpassend und sinnlos empfundene Tod hat gleichwohl zur Glorifizierung des „Achilles“ L. wesentlich beigetragen. L. hatte in seinem Leben schon zahlreiche Beziehungen zu Frauen gehabt. Trotz seiner Hochschätzung für die selbständige Kameradin Gräfin Hatzfeldt schätzte er Frauen im allgemeinen keinesfalls als gleichberechtigte Kampfgefährten der Männer ein. 1860 hatte er versucht, eine Ehe einzugehen, und hatte um die junge Russin Sophie Sontzeff vergeblich geworben. Im Juli 1864 lernte er Helene v. Dönniges, die Tochter eines bayer. Diplomaten, in Rigi-Kaltbad kennen, verliebte sich in ihre Liebe zu ihm und beschloß, die Eltern um die Hand der Tochter zu bitten. Die ehrgeizige neuadlige Familie war aber entschlossen, den in ihren Augen übel beleumundeten Freier abzulehnen, und als Helene Hals über Kopf zu L. flüchtete in der Erwartung, er werde mit ihr fliehen, meinte jener, den Dank der Familie und die Hand der Tochter dadurch verdienen zu können, daß er sie der Mutter unverzüglich zurückgab. Seine Erwartungen wurden wiederum enttäuscht. Helene wandte sich von L. ab, und damit hätte die Angelegenheit beendet sein können. Doch L. setzte alle möglichen Hebel in Bewegung: ließ durch seinen Freund Hans v. Bülow (der – anonym – auch eine Hymne für den Verein komponiert hatte) Richard Wagner um Intervention bitten, gewann in einer persönlichen Unterredung sogar die Unterstützung des bayer. Außenministers, der eigens einen Beamten nach Genf schickte, bat die Gräfin Hatzfeldt, Bischof Ketteler einzuschalten (was wegen der unerwarteten Tatsache, daß die Dönniges evangelisch waren, sich als sinnlos erwies) und scheiterte doch, zumal die wichtigste Voraussetzung – die treue Liebe Helenes zu ihm – inzwischen nicht mehr bestand. In seinem Zorn über das Scheitern seiner Pläne beschloß L., der zuvor mehrfach von Selbstmord geredet hatte, die Familie zu beleidigen und ein Duell zu provozieren. An Stelle des Vaters stellte sich hierfür der ehemalige und abermalige Verlobte Helenes, der rumän. Junker Janko v. Racowitza zur Verfügung. Er traf bei dem ihm zustehenden ersten Schuß L. in den Unterleib, L.s Kugel verfehlte ihr Ziel. Drei Tage nach dem Duell starb L.
Am Tag vor dem Duell hatte L. sein Testament verfaßt, das u. a. auch dem ADAV galt. Johann Philipp Becker war der erste, der den Tod L.s als wichtiges Ereignis für die Partei begriff und Feiern zu organisieren begann. Er versuchte auch, eine Sprachregelung für die Einschätzung des Ereignisses zu finden, die den „makellosen Arbeiterführer“, der ein einziges Mal einen Fehler gemacht habe und für ihn mit dem Tode büßte, wiederherstellte. „Trotz der flehentlichen Einsprache der Gräfin Hatzfeldt, trotz der entschiedensten Opposition seiner Freunde, trotzdem, daß er sein ganzes Leben lang grundsätzlich den mittelalterlichen Unsinn des Duells bekämpft (hatte), nahm er dennoch die Herausforderung an. Und diese einmalige Untreue an seinen Grundsätzen büßte er mit dem Leben. Wie bei allen Menschen, war auch bei diesem Manne die stärkste Seite mit der schwächsten aufs engste verwachsen.“
Der hochbegabte theoretische Kopf, der abstrakte Willensmensch, der leidenschaftlich um seine persönliche Anerkennung wie um die „Sache“ ringende Kämpfer L. war – wie Na'aman in seiner Monographie gezeigt hat – im Grunde ein einsamer Mensch. Einzig die Gräfin Hatzfeldt war ihm eine lebenslange treue Kampfgefährtin, die zuweilen sein Ungestüm und seine Fehleinschätzung der Lage zu korrigieren wußte. Geistesgeschichtlich gehört L. in die Tradition des jakobinischen, radikalen Demokratismus und des revolutionär umgebildeten deutschen Idealismus von Fichte und Hegel. Daß er im Laufe der Geschichte von den Revisionisten und von bürgerlichen liberalen Demokraten als Korrektiv gegenüber dem Marxismus herangezogen wurde, beruhte auf einem historischen Mißverständnis. Wenn auch L. im Unterschied zu Marx dem Staat wie dem Recht eine höhern Bedeutung beimißt, so bedeutet das bei ihm weder eine Anerkennung des Parlamentarismus noch der Reformfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft, sondern vielmehr die Erwartung, daß – gestützt auf eine unartikulierte Massendemokratie – von einer revolutionären Elite eine erfolgreiche „Diktatur der Einsicht“ verwirklicht werden könne, die zum Sozialismus und Kommunismus führen und endlich nach Abschluß einer Erziehungsdiktatur (die ähnlich schon Fichte ins Auge gefaßt hat) Staat und Recht als äußere Zwangsanstalt überflüssig machen würde. In ihrer antiliberalen und antiparlamentarischen Auffassung stehen sich Marxisten und L. weit näher als gemeinhin bekannt. Dennoch gebührt L. ein Ehrenplatz in der kleinen Ahnengalerie deutscher Demokraten.
13. Wilhelm Liebknecht
Da die Eltern früh starben, wurde L. von Verwandten erzogen. Er studierte 1842-47 Philologie und Theologie, dann Philosophie, in Gießen, Berlin und Marburg. Im Juli 1847 wurde L. Lehrer an der Musterschule von Fröbel in Zürich. Als Korrespondent arbeitete er für die oppositionelle „Mannheimer Abendzeitung“. Nach Ausbruch der Februarrevolution 1848 ging L. nach Paris, er beteiligte sich im Sept. 1848 am republikanischen Aufstand in Baden. Von Sept. 1848 bis Mai 1849 in Säckingen und Freiburg inhaftiert, nahm er von Mai bis Juli 1849 an den Reichsverfassungskämpfen teil; er war Leutnant im Mannheimer Arbeiterbataillon und Adjutant G. v. Struves. Im Juli 1849 floh er in die Schweiz und betätigte sich im Genfer deutschen Arbeiterverein. Im Febr.1850 verhaftet und im April aus der Schweiz ausgewiesen, lebte er bis zur Amnestie von 1862 in großer Not in der Londoner Emigration, in enger Bekanntschaft mit der Familie Marx. Er wurde stark beeinflußt von Marx und von Engels, den er bereits in der Schweiz kennengelernt hatte. L. verstand sich als Anhänger von Marx, auch wenn dieser sich oft skeptisch, wenn nicht sogar abfällig über L. als Theoretiker äußerte. L. war überzeugter Republikaner, als Anhänger der Revolution von 1848 trat er für die „Großdeutsche Lösung“ ein, als Sozialist wollte er die Verbindung von Demokratie und Sozialismus erreichen.
L. trat 1863 dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) Lassalles bei und wurde Mitarbeiter des „Social-Demokrat“. Im Sommer 1865 schloß ihn die Führung unter J. B. Schweitzer aus dem ADAV aus, er wurde im Juli aus Berlin und Preußen ausgewiesen und übersiedelte nach Leipzig. In Zusammenarbeit und enger Freundschaft mit August Bebel arbeitete er dort in den Arbeiterbildungsvereinen und gründete die Sächs. Volkspartei mit. 1867-71 war L. Abgeordneter des Norddeutschen Reichstages. 1868 gründete er das „Demokratische Wochenblatt“, das er zu einem Organ für die Ideen von Marx machte. Im Aug. 1869 gründeten L. und Bebel in Eisenach die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“, zu deren Führern L. gehörte und deren Parteiorgan „Der Volksstaat“ er leitete.
Zu Beginn des Deutsch-Franz. Krieges enthielt sich L., wie Bebel, bei der Abstimmung über die Kriegsanleihe im Juli 1870 der Stimme, nach der Ausrufung der franz. Republik lehnte er die Kriegskredite ab. Zusammen mit Bebel und dem Journalisten Ad. Hepner (1846–1923) wurde L. von Dez. 1870 bis März 1871 in Untersuchungshaft genommen. Er begrüßte die Pariser Kommune und wandte sich als Internationalist gegen die Annexion Elsaß-Lothringens. Vom 11. bis 26.3.1872 stand L. zusammen mit Bebel und Hepner wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ vor Gericht und wurde zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt, die er auf Schloß Hubertusburg verbrachte. 1874 wurde L. in den Reichstag gewählt, dem er zunächst bis 1887 angehörte. 1875 nahm er führend an der Vereinigung der „Eisenacher“ mit den Lassalleanern zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands teil; auf dem Kongreß in Gotha hielt er das Referat zum Parteiprogramm. 1876 übernahm er die Leitung des „Vorwärts“, des neuen Zentralorgans der Partei.
Während der Geltung des Sozialistengesetzes (1878–90) wurde L. mehrfach inhaftiert, 1881 aus Leipzig ausgewiesen. Im Reichstag, dem er wieder von 1888 bis zu seinem Tode angehörte (1879-85 war er auch Abgeordneter des Sächsischen Landtages), war er neben Bebel der führende Sprecher der Sozialdemokraten. Er veröffentlichte zahlreiche Broschüren und Bücher, u. a. „Wissen ist|Macht – Macht ist Wissen“ (1872), „Was die Sozialdemokraten sind und was sie wollen“ (1877), mit denen er die sozialdemokratischen Vorstellungen propagierte und popularisierte. Seine Sozialismus-Vorstellungen zeigten auch eigenständige Ansätze. So sah er in Wissen und Bildung eine Grundvoraussetzung des politischen Bewußtseins und wollte die Sozialdemokratie als eine „Partei der Bildung“ entwickeln. Außerdem unterstrich er die Bedeutung der Demokratie als Voraussetzung des Sozialismus. Für ihn war der demokratische Staat die „einzig mögliche Form der sozialistisch organisierten Gesellschaft“. Demokratie und Sozialismus waren für L. „nur verschiedener Ausdruck desselben Grundgedankens“. Er stellte auch den Parlamentarismus als eine Kernidee der sozialistischen Vorstellung heraus.
Nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes übersiedelte L. mit seiner Familie nach Berlin. Er übernahm erneut die Leitung des „Vorwärts“ und war neben Bebel der unbestrittene Führer der SPD. Auf dem Erfurter Parteitag 1891 begründete er das neue Parteiprogramm. Bis ins hohe Alter trat er bei Hunderten von Parteiveranstaltungen als Redner auf. Auch in der internationalen sozialistischen Bewegung nahm L. eine führende Stellung ein. Er unternahm Agitationsreisen nach den USA (1886), England (1896) und Holland (1897). In der SPD vertrat er die marxistische Orthodoxie und wandte sich sowohl gegen die linken „Jungen“ (1890/91) als auch gegen Bernstein und den Revisionismus (seit 1895). In seiner letzten Rede am 28.7.1900 bei einer Demonstration in Dresden verurteilte er die Kolonialpolitik.
14. Sophie von Hatzfeld
Sophie von Hatzfeldt ließ sich von ihrem Ehemann in einem Aufsehen erregenden Prozess scheiden und wurde aufgrund ihres Engagements für die deutsche Arbeiterbewegung als „rote Gräfin" bekannt.
Sophie Gräfin von Hatzfeldt-Schönstein zu Trachenberg wurde am 10.8.1805 in Berlin geboren. Ihr Vater, Fürst Franz Ludwig von Hatzfeldt-Schönstein zu Trachenberg (1756-1827), stand zunächst als Militär, später als Diplomat in preußischen Diensten. Die Mutter, Friederike Karoline Sophie Gräfin von der Schulenburg-Kehnert (1779-1832), stammte aus einer bekannten preußischen Militär- und Beamtenfamilie. Sie soll durch ihr couragiertes Auftreten während einer Audienz bei Kaiser Napoleon 1806 ihren Ehemann vor der Todesstrafe bewahrt haben.
Sophie verbrachte ihre Kindheit vorwiegend auf dem schlesischen Schloss Trachenberg und in Berlin, bis sie 1822 im Alter von 17 Jahren aus wirtschaftlichen und familienpolitischen Gründen mit ihrem Cousin Edmund Fürst von Hatzfeldt-Wildenburg zu Trachenberg (1796-1874) verheiratet wurde. Am 10.8.1822 fand die kirchliche Trauung in der Kapelle von Schloss Allner und die zivile Trauung in Lauthausen (beide Orte heute zu Hennef) statt. Zwei Tage später wurde die Hochzeit auf Schloss Kalkum groß gefeiert. Schloss Kalkum im Norden Düsseldorfs war der Mittelpunkt der Besitzungen der Familie von Hatzfeldt-Wildenburg, wo Edmund residierte.
Die Ehe war für Sophie von Beginn an unglücklich. Edmund betrog sie und zeigte ihr gegenüber keinerlei Rücksicht oder Anerkennung, sondern setzte sie zahlreichen Schikanen aus. Er verbot ihr oft den Ausgang, entzog ihr sämtliche Finanzen und wurde sogar körperlich tätlich. Sophie verbrachte auf diese Weise viele einsame Jahre auf Schloss Kalkum. Einziger Trost waren ihre drei Kinder Alfred (1825-1911), Melanie (1828-1901) und Paul (1831-1901), die ihr von Edmund jedoch zunehmend entfremdet wurden. Den Demütigungen entfloh Sophie, wann immer es möglich war, in Reisen und Liebesabenteuer. Seit 1833 lebte sie faktisch von ihrem Mann getrennt. Es folgten mehrere so genannte „Versöhnungsversuche", die hauptsächlich Sophie dazu verpflichten sollten, sich standesgemäß zu verhalten und nicht gegen ihre Ehe aufzubegehren.
Sophies Verhalten war eine Auflehnung gegen die Moralvorstellungen des Adelsstandes, die ihr vorschrieben, sich in ihre Ehe zu fügen. Sie pochte darauf, als Frau eine eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Rechten zu sein; eine zu Beginn des 19. Jahrhunderts unerhörte Forderung.
Schließlich kam es ab 1846 zu der acht Jahre dauernden gerichtlichen Auseinandersetzung „Hatzfeldt gegen Hatzfeldt", die vor über 30 verschiedenen rheinischen Gerichten geführt wurde. Unterstützt wurde Sophie dabei von dem 20 Jahre jüngeren Ferdinand Lassalle (1825-1864), der ihr 1846 vom Grafen Kayserlingk vorgestellt worden war. Lassalle sah den Prozess als politisches Betätigungsfeld in seinem Kampf gegen die soziale Unterdrückung. Der Scheidungsprozess wurde von beiden Seiten mit großer Härte und allen erdenklichen legalen und illegalen Mitteln geführt. Unsummen wurden für Bestechung und Spionage ausgegeben, um falsche Zeugenaussagen zu bekommen und die andere Seite zu kompromittieren.
Das Verfahren zog sich auch deshalb so lange hin, weil Sophie neben der Scheidung für ihr finanzielles Auskommen kämpfte. Ohne Alimente ihres Mannes war sie mittellos. Der Verlauf des Prozesses stand in engem Zusammenhang mit den Ereignissen der Märzrevolution 1848/1849. Während Sophie zunächst einige Erfolge verbuchen konnte, gaben die Gerichte nach 1850 keinem ihrer Anträge mehr statt. Die Richter standen wieder auf der Seite der alten Standesherren.
Ende Juli 1851 wurde die Ehe von Sophie und Edmund von Hatzfeldt schließlich rechtskräftig geschieden. Sophie verlor damit die ihr bis dahin zustehende Alimentation in Höhe von jährlich 8.000 Talern. 1854 schließlich kam ein Vergleich zustande, der Sophie ein regelmäßiges Einkommen garantierte. Davon profitierte auch Ferdinand Lassalle, dem Sophie nun sein Honorar auszahlen konnte.
Durch die Bekanntschaft mit Lassalle wurde Sophie in dieser Zeit zu einer unabhängigen, politisch aktiven Frau, die sich als erste in die damals ausschließlich männlich dominierte Domäne der Parteienpolitik vorwagte. Bereits während der Märzrevolution war ihre Düsseldorfer Wohnung ein Anlaufpunkt für Verfechter der demokratischen Sache und politisch Verfolgte. Zu den Besuchern zählten unter anderem Karl Marx und Ferdinand Freiligrath. Über ihren Sohn Paul, der zum Kassierer des Düsseldorfer Volksklubs gewählt worden war, wurde Sophie über die Interna der organisierten demokratischen Bewegung auf dem Laufenden gehalten. Sie begleitete Paul und Lassalle zu den verschiedenen Versammlungen, wobei das Trio, durchaus beabsichtigt, Aufmerksamkeit erregte. Von der Versammlung am 8.10.1848 in Gerresheim (heute Stadt Düsseldorf) kehrten sie demonstrativ in einem Wagen, der vorne mit einer roten Fahne und an den Seiten schwarz-rot-gold geschmückt war, nach Düsseldorf zurück. Sophies großes Engagement brachte sie immer wieder in Konflikt mit der Obrigkeit, der sie äußerst couragiert entgegen trat. Sophie und Lassalle standen in dieser Zeit unter permanenter Beobachtung durch die Polizei.
Die Jahre nach dem Abschluss ihres Scheidungsprozesses verbrachte Sophie mit verschiedenen Kuraufenthalten in Deutschland sowie mit Reisen nach Italien, auf denen sie Lassalle begleitete. 1859 folgte Sophie Lassalle nach Berlin, um ihn bei seinen politischen Aktivitäten zu unterstützen. Das Jahr 1863 markiert schließlich den Beginn der Lassalleschen Arbeiteragitation. Lassalle trat in westdeutschen Städten vor Arbeitern auf, um diese für seine sozialpolitischen Ideen und die Arbeiterbewegung zu gewinnen. Sophie unterstützte ihn entweder dadurch, dass sie ihn zu seinen Auftritten begleitete oder als Stützpunkt für die junge Arbeiterbewegung in Berlin agierte. Als Frau war es ihr aufgrund des preußischen Vereinsgesetzes verboten, dem im Mai 1863 von Lassalle initiierten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) beizutreten. Sophie unterstützte den Verein jedoch auf informelle Art und Weise.
Sophie war für Lassalle nicht nur eine politische, sondern auch eine wichtige moralische Stütze. Über das enge Verhältnis der beiden ist viel spekuliert worden. Allein die Tatsache, dass die adlige Gräfin mit einem 20 Jahre jüngeren bürgerlichen Juden ohne Trauschein zusammenlebte, war für die damalige Zeit skandalös. Sie waren zwei enge Vertraute, die einander brauchten, ohne ein Liebespaar zu sein. Denn beide hatten ihre Affären, wobei die Beziehung Sophies zu dem Offizier Wilhelm Rüstow (1821-1878) fast zum Bruch mit Lassalle geführt hätte.
Wie sehr Sophie jedoch ihren Freund verehrte, wird an ihrem Verhalten unmittelbar nach dem Tod Lassalles deutlich. Lassalle starb am 31.8.1864 in Genf an den Folgen eines Duells. Noch an seinem Totenbett schwor sie, Rache zu nehmen und die Ideen Lassalles in seinem Sinne weiterzuführen. Sophie beabsichtigte, den Leichnam Lassalles in einem Triumphzug durch alle Städte zu führen, in denen sich Ableger des ADAV gebildet hatten. Nach spektakulären Totenfeiern in Frankfurt am Main und Mainz erreichte Sophie am 12. September den Düsseldorfer Bahnhof, von wo aus der Leichnam per Dampfboot über den Rhein nach Köln gebracht werden sollte. Dieses Vorhaben wurde jedoch auf Intervention der Mutter Lassalles von der Polizei vereitelt. Lassalle wurde in seine Heimatstadt Breslau gebracht, wo er fast heimlich begraben wurde. Trotz des Scheiterns des Leichenzugs war damit der Lassalle-Kult geschaffen worden, der zu einem wichtigen Integrationsmittel für die Arbeiterbewegung wurde.
Sophie beabsichtigte, den ADAV als heimliche Präsidentin weiterzuführen, da sie sich als einzig berechtigte Verwalterin des Vermächtnisses Lassalles sah. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch am Widerstand der anderen führenden Mitglieder des Vereins. Nachdem es ihr bei der Generalversammlung 1866 nicht gelungen war, einen eigenen Kandidaten für das Amt des Präsidenten durchzusetzen, gründete sie eine Gegenpartei, den Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (LADAV), der vor allem in Sachsen erfolgreich war.
Sophie stieß auf immer mehr Ablehnung bei den frauenfeindlichen Arbeiterfunktionären. 1869 beteiligte sie sich am Wahlkampf für den Norddeutschen Reichstag. Als jedoch der Versuch, den LADAV mit dem ADAV zu vereinigen, im selben Jahr misslang, sank sie politisch in die Bedeutungslosigkeit. Letztlich waren ihre Versuche, in der Arbeiterbewegung gestaltend mitzuwirken, durch ihr starres Festhalten an dem Erbe Lassalles gescheitert. Dennoch bewies sie großen Mut, indem sie versuchte, in der männlich dominierten Welt ihre Vorstellungen durchzusetzen.
Nach weiteren rastlosen Jahren starb sie am 25.1.1881 in einem Hotel in Wiesbaden. Ihr Wunsch war es, „daß neben seinem [Lassalles] großen Namen der meinige einen bescheidenen Platz behalte als den seines besten und einzigen Freundes". Diese Ehre wurde ihr bisher nicht zuteil. Ein Erinnerungsort für die Freundschaft zwischen Sophie von Hatzfeldt und Ferdinand Lassalle existiert am Schloss Kalkum, wo eine Plakette an Sophie und eine Gedenkstätte im Schlosspark an Lassalle erinnert.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
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Richard Wagner
Inhaltsverzeichnis
1. Wagners Musik und der Sound Hollywoods
1. Wagners Musik und der Sound Hollywoods
Auch heute noch finden sich in zahlreichen (Hollywood-)Filmen Zitate aus Richard Wagners Musikdramen. Wie genau die Musik des Komponisten Einzug auf der großen Leinwand fand erläutert Literaturwissenschaftler Steffen Vogt im Zuge der Ausstellung „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“ auf dem Blog.
Ob Liebestod, Hochzeitsmarsch oder Walkürenritt: filmkompatibel portioniert finden sich musikalische Zitate aus Richard Wagners Opern in einer fast endlosen Reihe von (Hollywood-)Filmen. Dass seine Musik im Interesse der filmmusikalischen Weiterverwertung zerpflückt und geplündert wurde, stellt allerdings noch kein Kriterium dar, mit dem sich eine besondere Affinität von Wagners Musik zum Film begründen ließe. Dieses Schicksal teilt Wagner mit den meisten Komponisten klassischer Musik. Dass Wagners Kompositionstechnik durchaus großen Einfluss auf den typischen Klang der Filmmusik Hollywoods hatte, lässt sich vor allem historisch begründen. Auch das Konzept des Gesamtkunstwerks, das Wagner in seinen ästhetischen Schriften entwickelt hat, kommt in diesem Zusammenhang zum Tragen.
Orchesterklang und Leitmotive
Schon in der Stummfilmzeit hat man begonnen, den Katalog der Klassik nach musikalischen Zitaten zu durchforsten, die zur Untermalung von Filmen geeignet waren und die den damaligen Stummfilmpianisten in Form von Kompendien als Handreichung zur Verfügung gestellt wurden. In diesen Verzeichnissen waren die Musikzitate entsprechend ihres möglichen Einsatzes zur narrativen Untermalung typischer Filmszenen (Morgenstimmung, wilde Jagd, Liebesszene usw.) katalogisiert. Die Arbeit mit Zitaten aus dem Kanon der klassischen Musik setzte sich auch im Tonfilm fort. Nachdem sehr rasch erkannt worden war, dass das Publikum sich keineswegs daran störte, wenn in einem Tonfilm zur Untermalung einer Spielszene Musik erklang, deren Existenz durch die Filmhandlung selbst nicht motiviert war, erfuhr der Beruf des Filmkomponisten eine enorme Aufwertung. Ein Film ohne „Score“ war fortan undenkbar. Die Arbeit des Filmkomponisten wurde damit zu einem elementaren Bestandteil der Filmproduktion und auch die Zweitverwertung klassischer Musikzitate blieb Teil dieser Praxis.
Wagners Einfluss auf die Gestaltung von Filmmusik wird in diesem Zusammenhang insbesondere im Bereich des Orchesterklangs und in Bezug auf die Arbeit mit Leitmotiven verortet. Dieser Einfluss wird zumeist darauf zurückgeführt, dass viele der Komponisten, die später in Hollywood einflussreich wurden, in Europa ausgebildet worden waren, bevor sie als Migranten in die USA kamen. Zu nennen sind hier unter anderem die Komponisten Max Steiner („King Kong“, 1933), Franz Waxman („Rebecca“, 1940) oder Erich Wolfgang Korngold („Die Abenteuer von Robin Hood“, 1938). Die Verwurzelung dieser Komponisten in der spätromantischen europäischen Tradition bildet die Grundlage für die Etablierung des typischen Sounds Hollywoods, und auf diesem Wege haben auch Elemente von Wagners Kompositionstechnik Einzug gefunden in die Filmmusik. Am Vorbild der instrumentalen Passagen aus Wagners Opern wie dem Vorspiel zu „Lohengrin“ oder den Anfangsakkorden aus „Rheingold“ ließ sich studieren, wie Musik durch den effektvollen Einsatz der Orchestrierung als eigenständiges narratives Element wirken konnte.
Auch die von Wagner inspirierte Verwendung charakteristischer Melodien oder musikalischer Phrasen zur Kennzeichnung bestimmter Figuren oder Objekte der dargestellten Handlung – gemeinhin als „Leitmotivtechnik“ apostrophiert – findet ihren Niederschlag in der Filmmusik. Während allerdings Wagner bei der Arbeit mit Leitmotiven eine möglichst raffinierte Integration dieser Elemente anstrebte, geht es in der Filmmusik meist nur um die schlichte Wiedererkennbarkeit einprägsamer musikalischer Phrasen. Erst in den letzten Jahrzehnten haben Filmkomponisten wie John Williams („Krieg der Sterne“) und Howard Shore („Herr der Ringe“) damit begonnen, die Leitmotivtechnik stärker im Sinne Wagners zu nutzen, was auch daran liegen mag, dass die episch angelegten Filmprojekte den Komponisten genug Raum ließen, um komplexere musikalische Strukturen zu entwickeln. Betrachtet man die 100-jährige Geschichte der Filmmusik, so fällt vor allem auf, wie konstant sich das spätromantische Ideal bis heute behauptet.
Brautmarsch und „Walkürenritt“
Was das Nachleben von Wagners Musik in Form des filmmusikalischen Zitats betrifft, so finden vor allem zwei Stücke besonders häufig Verwendung. Der Unterschied könnte nicht frappanter sein: Auf der einen Seite der Brautmarsch aus „Lohengrin“, der praktisch bei jeder Hochzeit in einem Hollywoodfilm erklingt – ohne dass dem Publikum in der Regel bewusst ist, dass es sich hier um eine Komposition Wagners handelt. Und auf der anderen Seite der „Walkürenritt“, der sich seit den 1970er Jahren im Kino als musikalische Chiffre durchgesetzt hat, mit der die pompöse Leere nationalsozialistischer Selbstinszenierung karikiert wird. Die Geschichte der filmischen Ausbeutung und Ausdeutung des „Walkürenritts“ ist ein besonders instruktives Beispiel für die Deutungsmacht des Kinos im popkulturellen Kontext. Durch die Verwendung als infernalische Begleitmusik einer nach dem Vorbild apokalyptischer Reiter ein vietnamesisches Dorf angreifenden Hubschrauberstaffel in Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ (1979) wurde der „Walkürenritt“ nachhaltig im Gedächtnis der Popkultur verankert. In dem nur ein Jahr nach „Apocalypse Now“ herausgekommenen Film „Blues Brothers“ wird dann der „Walkürenritt“ eingesetzt, um nationalsozialistische Hybris zu karikieren. Die Musik erklingt hier im Kontext einer Szene, in der eine Nazibande mitsamt ihrem Auto buchstäblich baden geht.
Erst in einem 2008 erschienenen japanischen Anime findet sich eine Überschreibung dieser nachhaltigen Chiffrierung des „Walkürenritts“ durch das Hollywoodkino: In „Ponyo – Das große Abenteuer am Meer“ untermalen die aus dem „Walkürenritt“ adaptierten Streicherpassagen den Freiheitsdrang und die Lebenslust einer kleinen Nixe, die sich aufmacht, ein Mensch zu werden. Hier wird Wagners Musik ganz ironiefrei wieder an seine originale Intention zurückgekoppelt. Die inhaltliche Analogie zum Schicksal der Walküre im „Ring“ scheint den Machern des Films dabei sehr bewusst gewesen zu sein: Ponyos eigentlicher Name sei Brunhilde, heißt es an einer Stelle des Films.
Es ist also keineswegs so, dass Wagners Musik im Kino nur als filmische Chiffre zur Denotation von Deutschtümelei und Faschismus dient. Bereits in Chaplins „Der große Diktator“ (1940) zeigt sich exemplarisch die Ambivalenz, mit der musikalische Zitate aus Wagners Oeuvre im Kino Verwendung finden. In diesem Film erklingt das Vorspiel aus „Lohengrin“ sowohl als Begleitmusik zum berühmten Tanz mit der Weltkugel (wo es zur Karikierung des hitlerschen Omnipotenzwahns dient), als auch ganz unironisch in der Schlussszene des Films, in der Chaplin zu Toleranz und Frieden aufruft.
Film als Gesamtkunstwerk?
Beim Kino handelt es sich um ein Medium, in dem viele unterschiedliche künstlerische Gewerke zusammenwirken – neben den schon im Bereich der Oper zum Einsatz kommenden Techniken der Narrativik qua Dialog, Schauspiel, Szenographie, Ausstattung und (Bühnen-)Architektur, kombiniert mit Musik und gegebenenfalls Tanz, kommen noch die Elemente der Belichtung und Bildgestaltung sowie des Schnitts hinzu. Die Komplexität des Produktionsprozesses im Falle eines Filmdrehs ist allerdings noch kein Indiz dafür, dass das Medium Film als Verwirklichung von Wagners Vorstellungen zum Gesamtkunstwerk gelten kann, bei dem es eben nicht nur um eine Kooperation der Einzelkünste auf technischer Ebene geht – seinen Schriften zum Kunstwerk der Zukunft gemäß entsteht das Gesamtkunstwerk erst in Form der völligen Integration der Einzelkünste, deren partikulare Existenz damit erlischt. Seine Vorstellungen zum „Kunstwerk der Zukunft“ hat Wagner in zwei Aufsätzen entwickelt, die 1849 in Zürich entstanden sind.[1]Was Wagner in diesen Schriften als Gesamtkunstwerk postuliert, ist keine bloße Kombination von Einzelkünsten, vielmehr wird hier ein utopisches Gesellschaftsmodell entworfen, in dem die Erfahrungen der Dissoziation und Partikularisierung der zeitgenössischen Gesellschaft überwunden wird. Der integrative Ansatz dieser Schriften ist nicht nur eine Reaktion auf die enttäuschten Hoffnungen der Revolution von 1848, sie erscheint ebenso als eine typisch romantische Reaktion auf die Entfremdungserfahrungen des Industriezeitalters.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Vogt, Steffen: Wagners Musik und der Sound Hollywoods, in: DHM-Blog (Deutsches Historisches Museum), online verfügbar seit 21.06.2022 unter: https://www.dhm.de/blog/2022/06/21/wagners-musik-und-der-sound-hollywoods/, zuletzt geprüft am 16.05.2026.
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Sekundärliteratur
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![[Gemälde: Jens Birkholm: "Das Evangelium der Armut", 1900] [Gemälde: Jens Birkholm: "Das Evangelium der Armut", 1900]](https://www.dhm.de/lemo/fileadmin/medien/lemo/images/g0001289.jpg)
