# Persönlichkeiten

#### Inhaltsverzeichnis

1. Ludwig II. (Bayern)
2. Karl Marx
3. Johannes Brahms
4. Richard Wagner
5. Friedrich Engels
6. Nicolaus August Otto
7. Philipp Reis
8. Louise Otto-Peters
9. Franz Haniel
10. Friedrich Harkort
11. Max Bruch
12. Ferdinand Lassalle
13. Wilhelm Liebknecht
14. Sophie von Hatzfeldt

##### 1. Ludwig II. (Bayern)

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/image.jpeg)


**Biographie**

Der phantasievolle und weiche <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> litt schwer unter der strengen Zucht seines an Verstand und Pflicht orientierten Vaters, der wenig Interesse an seiner Erziehung nahm und dem er schließlich mit Abneigung, ja Haß gegenüberstand. Auch das Verhältnis zu seiner Mutter, einer Frau ohne geistige Interessen, war die längste Zeit distanziert. So baute sich der einsame Jüngling eine eigene Welt, in der sich fortwährend die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischten. <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s Erzieher waren ohne spezifische Qualifikation, seine humanistische Schulbildung ohne Vertiefung, vor allem ohne jede Ausrichtung auf seinen künftigen Beruf; von neueren Sprachen beherrschte er nur das Französische. Die Erinnerung an seine freudlose Jugend und seinen verfehlten Bildungsgang lastete zeitlebens auf ihm. Als der Vater am 10.3.1864 starb, wurde der noch nicht 19jährige <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> gleichwohl mit hohen Erwartungen begrüßt: Ein blendendes, romantisches Äußeres, jünglingshafter Charme und ungezwungene Liebenswürdigkeit bezauberten breite Kreise; rasche Auffassungsgabe, gutes Gedächtnis, anfänglicher Arbeitswille und umfangreiche literarische Kenntnisse wirkten auf seine nähere Umgebung. [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarck sprach von „begabter Lebhaftigkeit“ des jungen Mannes. Jedoch war <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> offensichtlich zu früh auf den Thron gelangt, persönlich unfertig und sachlich unvorbereitet, ohne die Autorität soliden Sachverstandes gegenüber seinen Ministern, auch ohne familiären und freundschaftlichen Umkreis, auf den er sich hätte stützen können. Solche Voraussetzungen vereinten sich jedoch mit einem hohen, ja vielfach phantastisch überspannten monarchischen Selbstgefühl. Die Zwangslagen, in denen sich die <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Politik der Jahre 1864-71 befand, waren dazu angetan, dieses Selbstbewußtsein fortwährend zu tangieren und zu verletzen. Ihnen wäre auch ein anderer Monarch nicht entkommen. Jedoch hat <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> aus politischer Schwäche auch selbst zu den von ihm beklagten Entwicklungen beigetragen.

Das politische Programm <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s 1864 war durchaus konservativ. In der deutschen Frage zielte es auf Aufrechterhaltung der Selbständigkeit und Integrität Bayerns, das die Führungsrolle unter den deutschen Mittelstaaten behalten sollte. Innenpolitisch forderte es die Aufrechterhaltung des monarchischen Prinzips und des unbedingten Vorranges der Krone vor dem Parlament. Jedoch konnte das außenpolitische Konzept in den folgenden Jahren nicht realisiert werden. Dem im <span class="abbr" title="Dezember">Dez.</span> 1864 ernannten Außenminister Ludwig <span class="abbr" title="von">v.</span> der Pfordten gelang es weder, zwischen Preußen und Österreich auf der Basis des Bundesrechts zu vermitteln, noch eine Politik der bewaffneten Neutralität zu betreiben; vielmehr verlor Bayern den Krieg von 1866 an der Seite Österreichs. Im Friedensvertrag mit Preußen vom 22.8.1866 war Bayern zu Gebietsabtretungen und zur Zahlung einer Kriegsentschädigung gezwungen; der gleichzeitige Bündnisvertrag mit Preußen verpflichtete es im Kriegsfall zu Waffenhilfe unter <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Oberbefehl, was von <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> als erheblichen Eingriff in die <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Souveränität empfunden wurde. Nach dem Scheitern <span class="abbr" title="von">v.</span> der Pfordtens berief <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> Ende 1866 Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst als<span class="pb" title="Seite im Original 375">|</span>Außen- und leitenden Minister, obwohl klar war, daß dieser auf ein Verfassungsbündnis mit Preußen und den übrigen deutschen Staaten zusteuerte, das entgegen den Wünschen <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s die <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Souveränität beeinträchtigen mußte, wie schon das Militärbündnis mit Preußen und ebenso die Modalitäten des neuen Zollbundes, dem Bayern 1867 beizutreten veranlaßt war. Wie in der deutschen Frage, so wurde Hohenlohe auch in seiner Kritik am Vatikanischen Konzil von <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> gedeckt, ebenso auch innenpolitisch bezüglich einer Reihe liberalisierender Gesetze der Jahre 1868/69 (Gewerbefreiheit, Heimat und Verehelichung, Armen- und Krankenpflege, Gemeindeordnung); der liberale Schulgesetzentwurf des Kultusministers Franz <span class="abbr" title="von">v.</span> Gresser scheiterte zum Bedauern des Königs an der Reichsratskammer. <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> erkannte nicht, daß die breite Volksbewegung, die sich gegen die national-liberale Politik Hohenlohes erhob, sich 1868 in der <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span>-patriotischen Partei formierte und in den patriotischen Landtagswahlsieg von 1869 mündete, in ihrer <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span>-monarchisch-<span class="abbr" title="katholisch">kath.</span> Grundstruktur weit mehr mit seinen Zielen übereinstimmte als das Ministerium Hohenlohe und die es stützende Fortschrittspartei. Nur gezwungen entließ er zunächst Gresser, dann im März 1871 auch Hohenlohe.

Im <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span>-<span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Konflikt des Sommers 1870, dessen friedliche Beilegung er an sich wünschte, sah <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> schließlich den Bündnisfall für Bayern gegeben und entschied am 16.7. den Antrag des Ministerrats auf Mobilmachung ohne Einschränkung. Ein eventueller Widerstand des Landtags gegen die notwendigen Kriegskredite sollte durch Landtagsauflösung gebrochen werden. Man hat als Motiv <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s, unzweideutig auf die <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Seite zu treten, das Bemühen bezeichnet, keinen Anlaß zu erneuter Schmälerung der <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Selbständigkeit nach dem Krieg zu bieten. Mit der Existenz einer solchen Zwangslage argumentierte auch der Nachfolger Hohenlohes, Otto <span class="abbr" title="Graf">Gf.</span> Bray. Jedoch ist dieser Wunsch nur bedingt in Erfüllung gegangen, ganz zu schweigen von der Hoffnung <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s auf eine Alternation der Kaiserkrone zwischen Preußen und Bayern und auf territorialen Gewinn (Elsaß). Zwar konnte sich Bayern durch die Versailler Verträge vom 23.11.1870 Sonderrechte sichern, verlor aber durch den von <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> akzeptierten Beitritt zum zweiten Kaiserreich zentrale Souveränitätsrechte, insbesondere das Bündnisrecht und die Entscheidung über Krieg und Frieden – „finis Bavariae“, wie Edmund Jörg, der Führer der Patrioten, formulierte. Gleichzeitig hat <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> durch den von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarck initiierten <span class="abbr" title="sogenannte(r)">sog.</span> Kaiserbrief vom 30.11.1870, mit dem er <span class="abbr" title="König">Kg.</span> Wilhelm I. zur Übernahme des erblichen Kaisertitels aufforderte, dazu beigetragen, das unitarische Moment im neuen Reich zu verstärken, auch wenn er – in für ihn typischer Weise – kurz danach seinen Schritt bereute und zu revidieren suchte.

In den folgenden 15 Jahren bis zu seinem Tod hat <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> im Verhältnis zum Reich dieses ambivalente Verhalten in charakteristischer Weise fortgesetzt. Einerseits beklagte er immer wieder die Beschränkung seiner Souveränitätsrechte durch die Reichsgründung und war ständig darauf bedacht – <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> durch seinen Briefwechsel mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarck –, den föderativen Charakter des Reiches und die Rechte der einzelstaatlichen Monarchen (sowie die Gefahren des Parlamentarismus und des Sozialismus) zu beschwören. Auf der anderen Seite deckte er fortgesetzt die liberalkonservativen reichsfreundlichen Ministerien in Bayern seit 1871 und wies die wiederholte Forderung der Patriotenpartei, welche im Landtag die Mehrheit bildete, nach einem Systemwechsel entschieden zurück. Nur einmal, im April 1875, schien eine Wende erreicht, als <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> den Zentrumsabgeordneten Georg <span class="abbr" title="Freiherr">Frhr.</span> <span class="abbr" title="von">v.</span> Franckenstein mit der Regierungsbildung beauftragte. Dieser lehnte jedoch ab, um keine „feindliche Stellung der Reichsregierung“ gegenüber Bayern zu provozieren. Damit war[→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarck gemeint, der seinen starken Einfluß auf <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> zur Stützung reichsfreundlicher Ministerien nützte. <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> ist als König [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarck nie persönlich begegnet, hat ihn aber ohne Schwankungen als Vaterfigur verehrt. Von dem Rückhalt <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarcks hat insbesondere Johann <span class="abbr" title="von">v.</span> Lutz profitiert, der als Kultusminister 1870-90 (1880-90 zugleich Vorsitzender im Ministerrat) die stärkste politische Kraft in Bayern bildete. Lutz gelang es auch, sich den Rückhalt <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s zu sichern, als er in jahrelangen Auseinandersetzungen mit der <span class="abbr" title="katholisch">kath.</span> Kirche und der patriotischen Landtagsfraktion den Kulturkampf in Bayern führte und diesen durch die Einbringung des Kanzelparagraphen im Reichstag (1871) auf das Reich übertrug. Die Frage ist allerdings, inwieweit die <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span>Innen- und Außenpolitik der 70er Jahre tatsächlich auf eigenständige politische Auffassungen und freie Willensentscheidungen des Königs zurückgeführt werden darf.

Tatsächlich hatte sich im Verhältnis <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s zu seiner Umwelt und seinen Regierungsaufgaben schon seit dem Ende der 60er Jahre ein bemerkenswerter Wandel vollzogen.<span class="pb" title="Seite im Original 376">|</span>Schon bald nach der Thronbesteigung zeigte der König auffallende Scheu vor der Öffentlichkeit, Abneigung vor offiziellen Verpflichtungen, vor den Anforderungen menschlichen Gemeinschaftslebens überhaupt. Die Menschenscheu äußerte sich alsbald in immer schrofferen, vielfach auch in grotesken Formen, in steter Flucht in die Schlösser und Jagdhäuser im Oberland, aus denen er schließlich nur noch wenige Wochen im Frühjahr und Herbst nach München zurückkehrte, auch dort meist unerreichbar. Gleichzeitig wandte sich <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> immer mehr von den Regierungsgeschäften ab, der realen Basis seines so stark entwickelten monarchischen Selbstgefühls. Zur Politik fehlten ihm, trotz mancher Bemühungen in den Anfangsjahren, Kenntnisse und vor allem Neigung; seine politischen Vorstellungen waren relativ einfach strukturiert und stießen sich deshalb immer wieder mit der Realität. Wenn er auch nach 1871 verschiedentlich in die <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Innenpolitik (etwa mildernd in den Kulturkampf) eingriff, so bestand die wesentliche Einflußnahme doch darin, das Ministerium gewähren zu lassen und es gegenüber konservativen Angriffen zu stützen. Seit dem Ende der 70er Jahre zog sich <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> aber nahezu vollständig aus dem politischen Geschehen zurück. Die Minister erreichten ihn nur noch über die Zwischenstelle des Kabinettssekretariats, das hierdurch zu einer starken Stellung gelangte. Da die Kabinettssekretäre mit den Ministern, insbesondere mit Lutz, politisch weitgehend übereinstimmten, ergab sich aus der Schwäche <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s die Situation, daß Ministerium und Kabinettssekretariat gemeinsam jahrelang die Linie der <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Politik bestimmten. Seit 1883 verkehrte <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> auch mit dem Kabinett nur mehr über untergeordnete Hofbedienstete und Lakaien. Wichtiger war ihm überhaupt das Hofsekretariat, das mit der Hofkasse, den Theaterangelegenheiten und den <span class="abbr" title="königlich">kgl.</span> Bauten befaßt war. Denn nicht so sehr in Politik und Staatsverwaltung, als vielmehr in der Kunst, vor allem in Musik und Architektur, suchte und fand die phantasievolle, ja phantastische Natur des Königs ihre eigentliche Erfüllung.

Schon als Knabe war <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> mit Texten und Musik Richard Wagners vertraut. Bei der Lektüre von Wagners „Kunstwerk der Zukunft“ berauschte sich der Jüngling an dem Gedanken, dereinst das Musikdrama mit aus der Wiege zu heben. So gehörte es zu den ersten Taten <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s als König, den Komponisten im Mai 1864 nach München zu holen und den 30 Jahre älteren mit schwärmerisch-überspannten Freundschaftsbeweisen zu überschütten, die von Wagner als Rettung aus schwierigster Lebenssituation dankbar aufgenommen wurden. Durch erhebliche regelmäßige Zuwendungen aus der Kabinettskasse (für die er die Rechte an einer Reihe Wagnerscher Werke erhielt) gab er Wagner die Möglichkeit ungestörter künstlerischer Arbeit und adäquater Aufführungen seiner Musikdramen. Im Juni 1865 wurde der „Tristan“ im Münchener Hoftheater uraufgeführt. Die ungewöhnliche Bevorzugung und finanzielle Förderung Wagners und der von ihm nachgezogenen Künstler (<span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> H. <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow, P. Cornelius) rief jedoch in breiten Kreisen Münchens Kritik hervor. Aber erst als sich Wagner publizistisch in die öffentlichen Verhältnisse Bayerns einzumischen begann, dem König politische Ratschläge erteilte und damit das Ministerium herausforderte, sah auch <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> die Grenzen zwischen Künstler und König überschritten und forderte (wenn auch mit innerem Widerstreben) Wagner im <span class="abbr" title="Dezember">Dez.</span>1865 zum Verlassen Bayerns auf. Diese erste Entfremdung schien überwunden, nachdem <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> im Mai 1866 Wagner in Tribschen (<span class="abbr" title="bei">b.</span> Luzern) besucht hatte und als schließlich im Juni 1868 in München die triumphale Uraufführung der „Meistersinger“ vor <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> und Wagner gemeinsam stattfand. Als aber <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> kurz darauf von der Liebesbeziehung Wagners zu Cosima <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow erfuhr, war er nicht mehr imstande, das ursprüngliche Freundschaftsverhältnis aufrechtzuerhalten; die Entfremdung blieb, auch wenn er Wagner anläßlich der Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses 1876 und noch einmal 1880 sah. Unabhängig davon hat <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> das Wagnersche Werk weiterhin gefördert, denn seit je galt die Faszination <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s nicht eigentlich dem Komponisten, sondern dem Werk, in dessen Zauber er sich willenlos verlor, und an dem ihn der Text und die Form der Darstellung mindestens ebensosehr faszinierten wie die Musik. So ließ er (gegen den Willen Wagners) 1869 „Rheingold“ und 1870 „Walküre“ in München zur Uraufführung gelangen und beteiligte sich durch erhebliche Beträge am Bau des Bayreuther Festspielhauses. <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> war sich seiner Verdienste um Wagner durchaus bewußt. Auch Wagner wußte, was er <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> verdankte; wenn er auch verschiedentlich die finanzielle Abhängigkeit als „unerhört und unerträglich“ für einen Künstler beklagte, so nahm er sie im Interesse seines Werkes und aufwendigen Lebensstils doch in Kauf.

Bereits Ende 1864 faßte <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> den Plan zu einem großen Theaterbau in München, „damit die Aufführung des Ring des Nibelungen eine vollkommene werde“. Der von Wagner vorgeschlagene Architekt G. Semper projektierte den Bau, der jedoch wegen der ungesicherten Finanzierung und des Widerstands der Stadt München nicht ausgeführt wurde. 1867 zog sich auch Wagner von dem Projekt zurück, um einige Jahre später den Bau eines Festspielhauses in Bayreuth zu betreiben. Im selben Jahr 1867 besuchte <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> auf zweien seiner ganz wenigen größeren Reisen Paris und Versailles sowie die Wartburg bei Eisenach. Seitdem schob sich in seiner Gedankenwelt die Bauleidenschaft neben die Faszination durch das Wagnersche Werk, um schließlich innerhalb weniger Jahre – parallel zur Abkühlung des Verhältnisses zu Wagner und zu den politischen Ereignissen bis 1871 – zum alles beherrschenden Mittelpunkt seines Denkens und Planens, zur „Hauptlebensfreude“ (Ludwig 1886) zu werden. Wie manchem seiner Vorgänger galt auch <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> die Bauleidenschaft als eine fürstliche Qualität. Aber anders als Ludwig I. und Max II. errichtete er (nach dem Scheitern des Semperschen Projekts, das er tief empfand und das seine Abneigung gegen München befestigte) seine Bauten nicht in der Stadt, sondern nahezu durchwegs im einsamen Voralpengebiet; sie waren auch nicht für die Allgemeinheit bestimmt, sei es als Zweckbau, sei es als Denkmal, sondern ausschließlich für ihn allein. <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> baute historistisch, wie seine Zeit überhaupt. Seine Bauten lassen sich drei historischen Epochen und Stilen zuordnen: Dem Spätbarock und Rokoko (Königswohnung in der Münchner Residenz, Linderhof, Herrenchiemsee); dem Mittelalter (Neuschwanstein, Pläne für Falkenstein); dem orientalischbyzantin. Kulturkreis (Jagdhaus auf dem Schachen, Marokkan. Haus, Arab. Pavillon und Kiosk in Linderhof). Schließlich findet sich auch gebautes Theater (Grotte, Hundinghütte und Eremitage in Linderhof). Von den projektierten Bauten wurden nur das Jagdhaus auf dem Schachen (1870) und das von Georg <span class="abbr" title="von">v.</span> Dollmann errichtete, Klein-Trianon nachempfundene Schloß Linderhof (1869–74) zu Lebzeiten <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s fertiggestellt; der an Versailles orientierte Bau von Herrenchiemsee, ebenfalls von Dollmann (1878 begonnen), wurde weit vorangetrieben, aber wegen Geldmangels nicht vollendet. Linderhof und Herrenchiemsee standen in Baugedanken, Architektur und Innenausstattung in engstem Zusammenhang mit einer emphatischen Verehrung <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s für <span class="abbr" title="König">Kg.</span> Ludwig XIV. von Frankreich und seine Zeit. <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s Großvater und Pate war 1786 von <span class="abbr" title="König">Kg.</span> Ludwig XVI. aus der Taufe gehoben worden, <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> selbst am Tage des <span class="abbr" title="heilig">hl.</span> Ludwig von Frankreich (25.8.) geboren. <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> sah in Ludwig XIV. das Ideal monarchischer Selbstherrschaft verkörpert. Er hat es um so mehr vergöttert, je weniger er selbst zu Leistungen fähig war, auf denen dieses Königtum eigentlich beruhte. Auch das seit 1868 von mehreren Architekten aufgeführte Burgschloß Neuschwanstein wurde erst nach <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s Tod vollendet. Der die Innenausstattung beherrschende Minnesänger- und Lohengrin-Stoffkreis war <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> nicht erst durch Wagner nahegebracht worden, sondern bereits durch die Fresken des Schlosses Hohenschwangau, in dem <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> einen Teil seiner Jugend verbracht hatte. Das Projekt einer weiteren Schloßburg Falkenstein bei Pfronten (durch Max Schultze) wurde ebensowenig verwirklicht wie dasjenige eines weitläufigen Schlosses in <span class="abbr" title="byzantinisch">byzantin.</span> Stil. Die Gartenanlagen um Linderhof und Herrenchiemsee sowie ein großer Dachgarten auf der Münchener Residenz wurden von Karl <span class="abbr" title="von">v.</span> Effner gestaltet. Dekoration und Ausstattung der Schlösser haben die Entwicklung des <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Kunsthandwerks sehr gefördert. <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> selbst hat an den Bauten lebhaftesten Anteil genommen und deren Programm und Ausführung bis in Einzelheiten bestimmt. Dabei ging es ihm nicht um künstlerische Hochleistung, sondern um penible historische Treue und um die atmosphärische Gesamtwirkung, um die Schöpfung einer Welt für sich. Je weniger er mit der realen Welt zurechtkam, desto mehr wurde die bizarre Scheinwelt der Schlösser, eines künstlichen Mittelalters und Absolutismus, zur Realität seines Lebens und seines Königtums.

Diese Atmosphäre hat wiederum dazu beigetragen, <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s überhöhte Auffassung von sich und seinem Herrschertum um so mehr zu steigern, je mehr er seine wirkliche Herrschaft als Last betrachtete und vernachlässigte. Dabei war kennzeichnend, daß die teils ängstliche, teils hochmütige und humorlose Distanzierung von den Untergebenen wie der eigenen Familie, ja deren kalte Demütigung, nicht selten abwechselte mit gewinnender Leutseligkeit gegenüber den Menschen, denen er auf seinen einsamen Fahrten begegnete, und mit überschwänglicher Freigebigkeit gegenüber Künstlern (wie den Schauspielern Ernst <span class="abbr" title="von">v.</span> Possart und Josef Kainz) oder auch gegenüber den Bediensteten in seiner isolierten Welt. Mit intensiver Lektüre, auf die er viel Zeit verwendete und die vor allem historischen Themen galt, hat sich <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> noch weiter in seine Scheinwelt versponnen. Dem entsprach, daß in das Repertoire des Hoftheaters zunehmend Themen des Ancien Régime aufgenommen werden mußten, wofür <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> durch K. <span class="abbr" title="von">v.</span> Heigel eine<span class="pb" title="Seite im Original 378">|</span>Reihe neuer Stücke schreiben ließ. Zahlreiche dieser Werke wurden – neben Opern Wagners und anderer – dem König allein in Separatvorstellungen vorgeführt (1872-85 insgesamt 209).

Spätestens seit Beginn der 80er Jahre konnten die Verhaltensweisen <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s auch dann nicht mehr als bloße Eigenarten eines exzentrischen Romantikers bezeichnet werden, wenn man entschuldigend einräumte, daß ein König nicht mit bürgerlichen Maßstäben gemessen werden dürfe. Die schon früh auftretende geistige Erkrankung <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s (paranoide Schizophrenie) machte sich fortschreitend deutlicher bemerkbar. Wahnvorstellungen gewannen die Oberhand, auch wenn <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> daneben zu ungezwungenem Verhalten und rationaler Argumentation fähig blieb. Der fortschreitende Zerfall seiner Persönlichkeit blieb kritischen Zeitgenossen nicht verborgen. Er wurde vorangetrieben durch <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s homoerotische Veranlagung, die ihm selbst wohl erstmals 1867 bei seiner alsbald aufgelösten Verlobung mit <span class="abbr" title="Herzogin">Hzgn.</span> Sophie in Bayern (der Schwester der von ihm so sehr verehrten Kaiserin Elisabeth von Österreich) deutlich wurde. In zerfleischenden Selbstanklagen, religiösen Übungen und dem Kult eines „reinen Grals“ versuchte er vergeblich seine Veranlagung zu überwinden.

Die Finanzlage <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s war seit Anfang der 80er Jahre äußerst bedrohlich. Da er aus den regulären Einnahmen der Hof- und Kabinettskasse auch alle seine Bauten zu finanzieren hatte, geriet er seit 1877 in Schulden, Anfang 1884 betrugen sie 8,25 <span class="abbr" title="Million(en)">Mill.</span> Mark. Daß sie nicht höher waren, verdankte <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> den Geldern, die er seit 1871 von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarck aus dem Welfenfonds erhielt. Diese waren gewiß nicht die Bedingung <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s für den Beitritt Bayerns zum Reich gewesen. Ob er für den Kaiserbrief ultimative Geldforderungen gestellt hatte, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit behaupten. Jedenfalls hatte er im <span class="abbr" title="November">Nov.</span>1870 in engstem, allen Beteiligten überaus deutlichem Zusammenhang mit Kaiserfrage und Kaiserbrief [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarck seine damalige große Geldverlegenheit nachdrücklich zum Ausdruck bringen lassen. So wurden aus dem Welfenfonds zunächst jährlich 300 000 Mark, später erheblich mehr, bis 1885 insgesamt 5 <span class="abbr" title="Million(en)">Mill.</span> Mark an <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> gegeben, wovon der vermittelnde Oberststallmeister Max <span class="abbr" title="Graf">Gf.</span> <span class="abbr" title="von">v.</span> Holnstein 10% erhielt. Weiterhin gab [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarck im Februar 1884 einen einmaligen Betrag von einer <span class="abbr" title="Million(en)">Mill.</span> Mark, der wohl nicht auf die laufenden Zahlungen verrechnet wurde.

Das Ministerium begegnete den Schulden des Frühjahrs 1884, indem es (neben der Bismarckschen Million) im Mai 1884 eine Bankanleihe von 7,5 <span class="abbr" title="Million(en)">Mill.</span>Mark vermittelte, die dann bis 1901 durch die Zivilliste verzinst und amortisiert wurde. Jedoch war die Kabinettskasse im Sommer 1885 erneut mit sechs <span class="abbr" title="Million(en)">Mill.</span> Mark verschuldet. Nunmehr forderte das Ministerium von <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> unverblümt die Einstellung der Bauten. Eine darauf von <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> im April 1886 geforderte Finanzvorlage an den Landtag lehnte das Ministerium rundweg ab. Angesichts der Unnachgiebigkeit des Königs und der Gefährdung des Ministeriums steuerte dieses schließlich auf die Erklärung der Regierungsunfähigkeit <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s und die Einsetzung einer Regentschaft zu; [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarck hatte den Eindruck, daß die Minister, „weil sie sich nicht mehr halten könnten, den König ‚schlachten' wollten“. Am 8.6.1886 erklärte der Psychiater B. <span class="abbr" title="von">v.</span> Gudden aufgrund schriftlicher Äußerungen <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s sowie von Zeugenaussagen den König für unheilbar geisteskrank; am 9.6. stellte eine Konferenz des Ministeriums mit dem Onkel <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s, Prinz Luitpold, die Regierungsunfähigkeit <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s fest und vollzog seine Entmündigung. Luitpold übernahm die Regentschaft und gab sie am 10.6. durch Proklamation bekannt. Am 12.6. ließ sich <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> widerstandslos, wenngleich tiefverletzt und mit Selbstmordgedanken und Angst vor Ermordung, von Neuschwanstein nach Schloß Berg am Starnberger See überführen, das in der Vergangenheit seinen häufigsten Aufenthaltsort gebildet hatte. Am folgenden Tag fand er auf ungeklärte Weise zusammen mit Gudden den Tod im See. Vermutlich hatte er selbst den Tod gesucht und den ihn zurückhaltenden Gudden ertränkt, war aber dann nicht ertrunken, sondern einem Herzschlag erlegen. Am 14.6. verkündete ein Thronfolge- und Regentschaftspatent, daß die Krone auf Prinz Otto übergegangen sei, der aber durch Krankheit regierungsunfähig sei, so daß Prinzregent Luitpold vorbehaltlich der Zustimmung des Landtags (die am 21. <span class="abbr" title="beziehungsweise">bzw.</span> 26.6. erfolgte) die am 10.6. übernommene Regentschaft fortsetze. Am 28.6. leistete Luitpold den in der Verfassung vorgeschriebenen Regenteneid.

Kein <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> König, ja kaum ein anderer Monarch des 19. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span>, ist im Bewußtsein breiter Kreise derart lebendig geblieben wie <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>, wenngleich verkürzt auf den Märchenkönig der Königsschlösser. Paul Verlaine hat ihn als „le seul vrai roi de ce siècle“ bezeichnet. Bestehen bleibt, daß <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> das Genie Richard Wagners erkannt und seinem Werk entscheidende ideelle Förderung und materielle Sicherung verliehen hat; hierin liegt seine zeitüberdauernde Bedeutung. Unter dem Gesichtspunkt der verfassungsmäßig verankerten Kompetenzen des Monarchen und der ihm gestellten staatspolitischen Aufgaben jedoch bedeutete das Königtum <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s ein Verhängnis für den <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Staat. In einer Zeit folgenreicher außenpolitischer Entscheidungen und eines weitreichenden innenpolitischen, sozialen und ökonomischen Wandels besaß das Land keinen handlungsfähigen König. Selbst eine ausgleichende und integrierende Funktion, wie sie dem konstitutionellen Monarchen des 19. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> zumindest zukam, ist von <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span> nicht oder kaum wahrgenommen worden. Jedoch kann die Verantwortlichkeit <span class="abbr" title="Ludwig II.">L.</span>s für sein Handeln und Nichthandeln angesichts seiner Krankheit nicht exakt abgegrenzt werden.

##### 2. Karl Marx

[![image.png](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/scaled-1680-/e4Vimage.png)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2025-11/e4Vimage.png)

Karl Hein­rich Marx wur­de am 5.5.1818 in Trier als Sohn ei­nes Rechts­an­walts ge­bo­ren, der ei­ner tra­di­ti­ons­rei­chen jü­di­schen Rab­bi­ner­fa­mi­lie ent­stamm­te. Den grö­ß­ten Teil sei­nes Le­bens ver­brach­te Marx als Staa­ten­lo­ser im Exil. Nach­dem er 1845 auf sei­ne preu­ßi­sche Staats­bür­ger­schaft ver­zich­tet hat­te, um po­li­ti­schen Re­pres­sio­nen zu ent­ge­hen, blie­ben sei­ne spä­te­ren Be­mü­hun­gen ver­geb­lich, ei­ne Wie­der­ein­bür­ge­rung in Preu­ßen (1861) zu er­rei­chen oder die bri­ti­sche Staats­bür­ger­schaft (1874) zu er­hal­ten. In der Re­vo­lu­ti­on von 1848 stell­te die fran­zö­si­sche Re­gie­rung ihm ei­nen auf ein Jahr be­fris­te­ten Rei­se­pass aus.

1835 be­gann er in [Bonn](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57d11f467f2030.53547864 "Bonn") Rechts­wis­sen­schaf­ten zu stu­die­ren und schloss sich dem „Poe­ten-Bund" so­wie der Bon­ner Tisch­ge­sell­schaft der „Tre­ve­ra­ner" (ab 1838 [Corps](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/C#term-69) Pa­la­tia) an. Sei­ne stu­den­ti­sche Eh­re ver­tei­dig­te er mehr­fach in Du­el­len, was sei­nen Va­ter zu der Fra­ge ver­lei­te­te: „Und ist denn Du­el­li­ren so sehr mit der Phi­lo­so­phie ver­webt?" (Mai – Ju­ni 1836). 1836 setz­te er in Ber­lin sei­ne Stu­di­en fort, nun vor al­lem in Phi­lo­so­phie und Ge­schich­te, und wur­de 1841 an der Uni­ver­si­tät Je­na mit ei­ner [Dis­ser­ta­ti­on](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/D#term-108) „Über die Dif­fe­renz der de­mo­kri­ti­schen und epi­kurei­schen Na­tur­phi­lo­so­phie" pro­mo­viert. In Ber­lin schloss sich Marx dem Kreis der po­li­tisch und zeit­kri­tisch en­ga­gier­ten Jung- oder Links­he­ge­lia­ner an.

Da Marx aus po­li­ti­schen Grün­den ei­ne Uni­ver­si­täts­kar­rie­re in Bonn ver­schlos­sen blieb, ar­bei­te­te er 1842 an der in [Köln](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd5d2f2acc68.36305193 "Köln") er­schei­nen­den li­be­ra­len „Rhei­ni­schen Zei­tung für Po­li­tik, Han­del und Ge­wer­be" zu­nächst als frei­er Jour­na­list und ab Ok­to­ber als Chef­re­dak­teur mit. Mehr als 15 Jah­re spä­ter schrieb der Köl­ner Un­ter­neh­mer Gus­tav Me­vis­sen über die Be­deu­tung der Zei­tung: „Die Rhei­ni­sche Zei­tung ist des­halb \[...\] fol­gen­reich ge­we­sen, weil sie zu­erst \[...\] das Zeit­be­wu­ßt­sein über­all \[...\] zum Her­vor­tre­ten an­reg­te."

Marx' Ar­ti­kel, in de­nen er das „ge­hei­me Staats­we­sen" in Preu­ßen an­griff und ver­lang­te, das „mys­te­riö­se pries­ter­li­che We­sen des Staa­tes" sol­le „in das Fleisch und Blut der Staats­bür­ger" ver­wan­delt wer­den, er­reg­ten Auf­se­hen. Er ver­tei­dig­te das von Frank­reich über­nom­me­ne Rhei­ni­sche Recht so­wie die öf­fent­li­chen Schwur­ge­rich­te und schrieb flam­men­de Recht­fer­ti­gun­gen der Pres­se­frei­heit. Ei­ne „freie Pres­se" be­zeich­ne­te er als „die in­kor­po­rier­te Kul­tur". Auch kam er in der Zei­tung „zu­erst in Ver­le­gen­heit über so­ge­nann­te ma­te­ri­el­le In­ter­es­sen mit­spre­chen zu müs­sen". „Die Ver­hand­lun­gen des Rhei­ni­schen Land­tags über Holz­dieb­stahl" und Ar­ti­kel „über die Zu­stän­de" der Mo­sel­win­zer, schrieb er 1859, „ga­ben die ers­ten An­läs­se zu mei­ner Be­schäf­ti­gung mit öko­no­mi­schen Fra­gen."

Als die „Rhei­ni­sche Zei­tung" in zahl­rei­chen Ar­ti­keln für die [Eman­zi­pa­ti­on der Ju­den](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/E#term-127) im preu­ßi­schen Staat Stel­lung be­zog, woll­te sich auch Marx mit den in der „Köl­ni­schen Zei­tung" er­schie­ne­nen Auf­sät­zen „ge­gen das Ju­den­thum" aus­ein­an­der­set­zen. Er kün­dig­te ei­nen Ar­ti­kel an, der die Dis­kus­si­on „in ei­ne and­re Bahn brin­gen" wer­de. Als im März 1843 die Li­be­ra­len in Köln ei­ne Pe­ti­ti­on an den rhei­ni­schen [Pro­vin­zi­al­land­tag](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/P#term-603) plan­ten, in der sich für die Eman­zi­pa­ti­on der Ju­den ein­ge­setzt wer­den soll­te, woll­te Marx dies un­ter­stüt­zen und er­klär­te sich ge­gen­über der jü­di­schen Ge­mein­de be­reit, ei­nen ent­spre­chen­den Text zu ent­wer­fen. Die schlie­ß­lich zu­stan­de ge­kom­me­ne Pe­ti­ti­on hat er nicht ver­fasst., son­der der aus El­ber­feld stam­men­de Ma­schi­nen­bau­un­ter­neh­mer und Po­li­ti­ker Hein­rich Kamp (1786-1853), Mit­be­grün­der und ers­ter Di­rek­tor der Feu­er­ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft Co­lo­nia.

En­de 1842 schritt die preu­ßi­sche Re­gie­rung ge­gen die Zei­tung ein und ver­bot die­se „Hu­re am Rhein" (Fried­rich Wil­helm IV.). Am Ran­de des Köl­ner Dom­bau­fes­tes von 1842 hat­te der ös­ter­rei­chi­sche Staats­kanz­ler Met­ter­nich (1773-1859) ge­gen­über dem preu­ßi­schen Kö­nig die Pres­se als „ein le­ben­di­ges Werk­zeug des Bö­sen" be­zeich­net. Nach­dem En­de März 1843 die letz­te Aus­ga­be er­schie­nen war, hei­ra­te­te Marx in Bad Kreuz­nach sei­ne Ju­gend­lie­be Jen­ny von West­pha­len (1814-1881) und ging ins Aus­land, zu­erst nach Pa­ris, dann nach Brüs­sel, wo er En­de 1847 / An­fang 1848 ge­mein­sam mit [Fried­rich En­gels](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c6a47a7acd29.48753425 "Friedrich Engels") für den [Bund der Kom­mu­nis­ten](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/B#term-49) das „Ma­ni­fest der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei" ver­fass­te. Er wur­de Mit­be­grün­der und Vi­ze­prä­si­dent der „As­so­cia­ti­on Dé­mo­cra­tique", die ei­ne eu­ro­päi­sche Fö­de­ra­ti­on an­streb­te und im Herbst 1848 ei­nen „Con­greß der De­mo­kra­ten al­ler eu­ro­päi­schen Na­tio­nen" ab­hal­ten woll­te.

In der Re­vo­lu­ti­on von 1848/1849 gab Marx von Ju­ni 1848 bis Mai 1849 in Köln die „[Neue Rhei­ni­sche Zei­tung](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/N#term-365)" her­aus, die er zum be­deu­tends­ten Sprach­rohr der de­mo­kra­ti­schen Be­we­gung mach­te. Hat­te Marx die fran­zö­si­sche Fe­bru­ar­re­vo­lu­ti­on von 1848 zu­nächst „nur als ei­nen ober­fläch­li­chen An­fang der eu­ro­päi­schen Be­we­gung" be­trach­tet, so muss­te er sich, als er am 11. April nach Köln kam, rasch da­von über­zeu­gen, dass sei­ne ra­di­ka­len Vor­stel­lun­gen an den deut­schen Rea­li­tä­ten vor­bei­gin­gen. Statt der pro­le­ta­ri­schen Re­vo­lu­ti­on wur­de sein po­li­ti­sches Ziel die Her­stel­lung ei­ner ein­heit­li­chen Re­pu­blik auf der Ba­sis ei­ner brei­ten, den Mit­tel­stand und die Ar­bei­ter­schaft um­fas­sen­den Volks­be­we­gung. Im No­vem­ber 1848 trat er als ei­ner der In­itia­to­ren der Steu­er­ver­wei­ge­rungs­kam­pa­gne im Rhein­land her­vor.

Nach dem Schei­tern der Re­vo­lu­ti­on emi­grier­te er mit sei­ner Fa­mi­lie nach Lon­don, wo er von 1852 bis 1862 als Eu­ro­pa­kor­re­spon­dent der „New York Tri­bu­ne" ar­bei­te­te und 1867 „Das Ka­pi­tal", sei­ne be­rühm­te Kri­tik des mo­der­nen Ka­pi­ta­lis­mus, ver­öf­fent­lich­te.

In sei­nen po­li­ti­schen und ins­be­son­de­re in sei­nen au­ßen­po­li­ti­schen Über­le­gun­gen be­zog Marx sich im­mer wie­der auf das Rhein­land. 1852 ver­folg­te er von Lon­don aus mit Hil­fe der in der „Köl­ni­schen Zei­tung" ver­öf­fent­lich­ten Pro­to­kol­le den Köl­ner Kom­mu­nis­ten­pro­zess und be­schaff­te Ent­las­tungs­ma­te­ri­al für die An­ge­klag­ten. In dem meh­re­re Wo­chen dau­ern­den Ge­schwo­re­nen­pro­zess wa­ren Mit­glie­der des Bun­des der Kom­mu­nis­ten des Hoch­ver­rats an­ge­klagt wor­den. Schlie­ß­lich wid­me­te er dem Pro­zess die Schrift „Ent­hül­lun­gen über den Kom­mu­nis­ten­pro­zeß zu Köln". In den fünf­zi­ger und sech­zi­ger Jah­ren be­fürch­te­te er mehr­fach, dass Preu­ßen, ge­drängt von Russ­land, das west­li­che Rhein­land auf­ge­ben wer­de. Er ging da­von aus, dass die preu­ßi­schen Kö­ni­ge die „Ab­tre­tung der Rhein­pro­vinz an Frank­reich" nicht als „Ver­min­de­rung" ih­rer „Haus­macht" be­trach­ten wür­den.

1864 war er Mit­be­grün­der der In­ter­na­tio­na­len [Ar­bei­te­ras­so­zia­ti­on](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/A#term-2), der so ge­nann­ten ers­ten In­ter­na­tio­na­le, de­ren Ge­ne­ral­rat er bis 1872 als kor­re­spon­die­ren­der Se­kre­tär für Deutsch­land an­ge­hör­te. Auf den Kon­gres­sen der In­ter­na­tio­na­le, 1866 in Genf, 1867 in Lau­sanne, 1868 in Brüs­sel, 1869 in Ba­sel und 1872 in Den Haag, wur­den die Grund­for­de­run­gen dis­ku­tiert und in Be­schlüs­se ge­fasst, die über Jahr­zehn­te hin­weg die Pro­gram­ma­tik so­zia­lis­ti­scher und kom­mu­nis­ti­scher Be­we­gun­gen in Eu­ro­pa be­stimm­ten. Für die In­ter­na­tio­na­le schrieb Marx das Grün­dungs­pro­gramm, die so ge­nann­te In­au­gu­ral­adres­se, ein mit dem Kom­mu­nis­ti­schen Ma­ni­fest ver­gleich­ba­res Do­ku­ment. Im Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg von 1870/1871 wand­te sich Marx ve­he­ment ge­gen die An­ne­xi­on von El­sass und Loth­rin­gen durch Deutsch­land.

Marx’ Le­ben war reich an per­sön­li­chen Tra­gö­di­en. Vier sei­ner sie­ben Kin­der star­ben schon bald nach ih­rer Ge­burt. Fre­de­rick, den wahr­schein­lich mit sei­ner fast le­bens­lan­gen Haus­häl­te­rin He­le­ne De­muth 1851 ge­zeug­ten Sohn, hat Marx nie an­er­kannt. Sei­ne Frau Jen­ny, die seit 1860 von den Fol­gen ei­ner Po­cken­er­kran­kung ge­zeich­net war, starb im De­zem­ber 1881 an Le­ber­krebs, sei­ne äl­tes­te Toch­ter Jen­ny im Ja­nu­ar 1883 im Al­ter von 38 Jah­ren, wahr­schein­lich an Bla­sen­krebs. Sei­ne bei­den jün­ge­ren Töch­ter gin­gen 1898 und 1911 in den Frei­tod, Elea­nor mit 42 Jah­ren und Lau­ra, ge­mein­sam mit ih­rem Mann, mit 66 Jah­ren. Marx selbst starb am 14.3.1883 in sei­nem lang­jäh­ri­gen Lon­do­ner Exil. Bei­ge­setzt wur­de er dort auf dem im Nor­den Lon­dons ge­le­ge­nen High­ga­te-Fried­hof, auf dem ne­ben Marx ei­ne Rei­he wei­te­rer Exi­lan­ten ih­re letz­te Ru­he­stät­te fan­den.

Das ba­ro­cke Wohn­haus, in dem Marx 1818 in Trier ge­bo­ren wur­de, ist heu­te ein Mu­se­um, in dem die Fried­rich-Ebert-Stif­tung ei­ne Dau­er­au­stel­lung zu Le­ben und Werk von Karl Marx zeigt.

##### 3. Johannes Brahms 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/scaled-1680-/NT9image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/NT9image.jpeg)

Das Talent von <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> zeigt sich in früher Jugend, so daß der Vater ihn von Anfang an für den Musikerberuf bestimmte. Mit 10 Jahren war er so weit, daß er in einem Konzert als Klavierspieler auftreten konnte. Sein Lehrer, der selbstlose F. W. Cossel, erreichte, daß der hochangesehene Theoretiker [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz58862.html)Eduard Marxsen ihn ohne Entgelt als Schüler annahm. Von seinem 13. Jahre an mußte er nachts in Kneipen spielen, um zum Unterhalt der Familie beizutragen. Bald fing er an zu komponieren, hatte auch Gelegenheit, sich im Dirigieren zu üben, und erwarb sich daneben durch eifriges Lesen ernster Bücher eine tief fundierte Bildung. Mit 20 Jahren unternahm <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> eine Konzertreise mit dem ungarischen Geiger Eduard Reményi, besuchte <span class="abbr" title="Josef/Joseph">Jos.</span> Joachim in Hannover, der ihn an Franz Liszt in Weimar empfahl. 1853 erfolgte der schicksalhafte Besuch bei [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68987.html)Robert Schumann in Düsseldorf, der von der Fülle und Bedeutung der mitgebrachten Kompositionen tief ergriffen war und in der „Neuen Musikzeitung“ (1854) den berühmten Aufsatz „Neue Bahnen“ erscheinen ließ. Engste Freundschaft verband ihn nun mit Schumann und nach dessen geistiger Erkrankung mit Frau Clara, der er in den schweren Jahren treulich beistand und bis zu ihrem Tode (1896) eng verbunden blieb. Von nun an zeigte sich bei <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> eine fast gradlinige Entwicklung: reichstes Schaffen, von Anfang an unter der Kontrolle einer unbestechlichen Selbstkritik, Konzertreisen als Pianist, nur in den ersten Jahren auch Unterricht. Drei Jahre lang wirkte er als Chordirigent und Hofpianist in Detmold, 1859 übernahm er die Leitung eines Frauenchors in Hamburg. Sein erstes großes Werk, das Klavierkonzert in d-moll, war zuerst ein Mißerfolg, durch den sich [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68986.html)Clara Schumann nicht abhalten ließ, es immer wieder zu spielen. 1860 erschien auf Veranlassung und mit der Unterschrift von <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> das unselige Manifest gegen die „Neudeutschen“, das Liszt und seine Schule treffen sollte und auf Wagner bezogen wurde. Von nun an galt <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> als das Haupt der gegen Wagner kämpfenden Partei, sehr zu seinem Mißvergnügen, da er um die Größe Wagners sehr wohl wußte, so fern ihm auch dessen Art lag. Nur Brückner lehnte, er bis zum Ende seines Lebens aufs schärfste ab. 1862 war <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> zum erstenmal in Wien, wo er Wagner kennenlernte, der sich günstig über seine Kompositionen geäußert haben soll. 1863 wurde ihm die Leitung der Wiener Singakademie übertragen, die er schon nach einem Jahr wieder aufgab. Wiederholte Bemühungen um einen Dirigentenposten in Hamburg scheiterten. Immer wieder lockte ihn Wien, wo er als Klavierspieler und Komponist große Erfolge hatte. Das Verständnis für seine Werke wuchs rasch, Rückschläge waren nur mehr vereinzelt, wie bei der ersten Aufführung des „Deutschen Requiems“, das dann bald seinen Ruhm überallhin trug. Nur die Wagnerstadt München blieb bis nach 1900 kühl. 1872 siedelte <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> endgültig nach Wien über, leitete 3 Jahre lang die Konzerte der „Gesellschaft der Musikfreunde“, in der er später noch organisatorisch tätig war, wie auch als Präsident des 1885 gegründeten „Wiener Tonkünstlervereins“. Seine selbstlos hilfsbereite, äußerst aktive Natur verlangte nach einer solchen Wirksamkeit. Daneben aber nahmen ihn die Konzertreisen, auf denen er als Pianist und Dirigent seine Werke der Welt darbot, immer intensiver in Anspruch, ohne daß darüber seine schöpferische Kraft gelitten hätte. Werk entstand auf Werk, kaum eines von geringerem Gewicht. Der Erfolg blieb ihm treu. Wenn einmal ein Werk nicht gleich verstanden wurde, kam die Wirkung sehr bald nach. Sein Ansehen wuchs mit jedem Jahre, auch im Ausland, vor allem in England, Holland und Amerika. <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> ist der erste Komponist ernster Musik, der vom Ertrag seiner Werke lebte, ja reich wurde: er hinterließ ein Vermögen von rund 400 000 Mark. In Fritz Simrock fand er einen Verleger, der freiwillig, oft gegen die Warnung des Komponisten, hohe Honorare zahlte. Doch führte <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> sein einfaches Leben weiter, war aber sehr freigebig und half, wo er konnte, seiner Familie, an der er rührend hing, und Freunden, die er in Not wußte. Er blieb unverheiratet, hat wohl schwer darunter gelitten, und es mag sein, daß sein zu Zeiten schwieriges, schroffes Wesen damit zusammenhing. Doch war er schon von Natur schwerblütig und verschlossen, eine „hartnäckig versperrte Seele“ (R. Specht). Dabei aber hatte er Sinn für Behagen, bedurfte der Geselligkeit und vor allem der Freundschaft.

Die Freundschaft mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68986.html)Clara Schumann, die dem Musiker ebenso wie dem Menschen verbunden war, begleitete ihn durch sein ganzes Leben. Dazu trat später Elisabeth <span class="abbr" title="von">v.</span> Herzogenberg, eine geistig bedeutende Frau von größtem weiblichen Reiz. <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> hat sie wohl heimlich geliebt. Seine Jugendliebe galt der Göttinger Professorentochter Agathe <span class="abbr" title="von">v.</span> Siebold, doch fühlte er sich der ehelichen Bindung nicht gewachsen. In späteren Jahren fesselten ihn die Sängerinnen [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz80739.html)Hermine Spieß und Alice Barbi. Zahlreich waren die Männer, die ihm freundschaftlich nahestanden. Von Musikern <span class="abbr" title="Josef/Joseph">Jos.</span> Joachim, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz50827.html)Hermann Levi, Hans <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow, der Sänger Julius Stockhausen, die Komponisten K. Goldmark, Fr. Hegar, Th. Kirchner und der von ihm besonders geschätzte Johann Strauß, die Theoretiker [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz57653.html)Eusebius Mandyczewski, G. Nottebohm und der Bachforscher Ph. Spitta, ferner <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> der berühmte Arzt Th. Billroth, der Schweizer Dichter J. W. Widmann, der Maler [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz15929.html)Anselm Feuerbach und dessen Biograph J. Allgeyer. Seine Freundschaften, die freilich, besonders bei den nächsten, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68986.html)Clara Schumann, <span class="abbr" title="Josef/Joseph">Jos.</span> Joachim und H. <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow, nicht ohne schwere Krisen blieben, pflegte er vor allem in den Sommerferien, die er stets auf dem Lande zubrachte, meistens in der Schweiz (Thun), zuletzt im Salzkammergut (Ischl). Achtmal fuhr er, stets mit Freunden, nach Italien, das er heiß liebte. Er war bis in das letzte Lebensjahr niemals krank. Er vertraute seiner robusten Natur - „ich bin ein Dauermensch“, pflegte er zu sagen -, doch wurde ihm eine vom Vater ererbte Anlage zum Krebs verhängnisvoll. Im gleichen Alter wie dieser starb er an Leberkrebs.

Im Schaffen von <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> sind sämtliche Gattungen der Musik, soweit sie im Gesichtskreis eines Komponisten des 19. Jahrhunderts lagen, in ungefähr gleicher Dichte vortreten, mit einziger Ausnahme der Oper. Von dem offenbar sehr reichen Schaffen der ersten Jugend ist nichts erhalten. Auch von den Werken, die er Schumann vorlegte, hat er, gegen dessen Willen, mehrere vernichtet. Erhalten blieben, außer einer Reihe von Liedern (op. 3), nur die beiden Klaviersonaten op. 1 (<span class="italics">C</span>) und 2 (fis), die letztere früher entstanden, und das Scherzo für Klavier op. 4, drei Werke von bereits ausgeprägter Eigenart, die sich, trotz mancher Anklänge an Beethoven, einstweilen noch rein romantisch, maßlos und ungezügelt äußert. Dies gilt auch noch für die - bedeutendere - Sonate in f-moll op. 5 (1854) mit dem herrlich schwärmerischen Andante. Das reichste und beglückendste Jugendwerk, das Trio in H op. 8 (1854) zeigt die formalen Schwächen so deutlich, ist dabei aber so voll von melodischen Einfällen, daß <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> in den Jahren der Reife, 1891, das Werk neu herausgab, von den Schwächen gereinigt und in klassische Form gebracht - ein in der Musikgeschichte fast vereinzelter Fall, an dem man die Entwicklung des Komponisten von dem romantisch schwärmenden, um die Gestaltung nicht weiter besorgten Jüngling zum reifen Meister deutlich ablesen kann. Bald wagte er sich an die Konzeption einer Sinfonie, aber während der Arbeit fühlte er sich, in einer bei seiner Jugend erstaunlichen Selbstkritik, diesem größten Gestaltungsproblem doch noch nicht gewachsen, schmolz das thematische Material um in eine Sonate für zwei Klaviere - um sich schließlich für die Form des Klavierkonzerts zu entscheiden. So entstand das 1. Klavierkonzert in d-moll op. 17, das zuerst nicht verstanden wurde, aber nun seit langem zu den großen Werken dieser Gattung zählt. Die ersten reinen Orchesterwerke sind zwei Serenaden in <span class="italics">D</span> und A op. 11 und 16 (1859), kurz gefaßte Werke von konfliktloser, melodischer Haltung. Hier wie in dem wenig später entstandenen Streichquartett in B op. 18 wird das Vorbild Schubert deutlich. 1862 entstand der 1. Satz der Sinfonie in c-moll (ohne die erst später hinzugefügte Einleitung), sein erstes Meisterwerk in großem Stil, in dem er die Leidenschaft seiner Jugend mit einer grandiosen sinfonischen Kraft bändigte, an Reichtum der thematischen Arbeit und Konzentration der Gestalt den größten Werken Beethovens ebenbürtig. In den nächsten Jahren entstanden die beiden Klavierquartette op. 25 (g) und 26 (A), deren erstes zum Finale jenes hinreißende „Rondo alla Zingaresa“ hat, in dem <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> zum erstenmal Anregungen aus der ungarischen Musik verarbeitet, die 1. Sonate für Cello und Klavier op. 38 (e) und, als Krönung des frühen kammermusikalischen Schaffens, das berühmte Klavierquintett in f-moll op. 34, zuerst als Streichquartett geplant, dann als Sonate für 2 Klaviere ausgearbeitet (so auch später erschienen), bis es in der Fassung für Klavier und Streichquartett seine endgültige Form erhielt, ein Werk großen Stils. Das gewichtigste aber der frühen Werke, zugleich eins der berühmten und allgemein bewunderten, ist das 1866 vollendete, einige Jahre später noch um den Satz mit Sopransolo erweiterte „Deutsche Requiem“ für Soli, Chor und Orchester op. 45, komponiert auf Worte der Heiligen Schrift, ein Werk, das trotz aller Traditionsgebundenheit in den etwas klassizistisch anmutenden Fugen eine neue Welt religiöser Empfindung erschließt, monumental und doch voll von großer Zartheit des Menschlichen. Vorausgegangen waren an Vokalwerken, abgesehen von vielen Liedern, in denen sich der Typus des <span class="abbr" title="Brahms">B.</span>schen Meisterlieds allmählich herausbildet, weltliche und geistliche Chöre mit und ohne Begleitung. Auf das Requiem folgten bald: die „Rhapsodie“, Fragment aus<span class="pb" title="Seite im Original 511">|</span>Goethes Harzreise für Altstimme, Männerchor und Orchester op. 53 und das „Schicksalslied“ (Hölderlin) für Chor und Orchester op. 54, sowie das „Triumphlied“ für achtstimmigen Chor und Orchester op. 55, das im Gegensatz zu jenen höchst persönlichen, tief empfundenen Werken sich mit mehr äußerlichen Wirkungen begnügt, mit deutlichen Anklängen an den allerdings mit Meisterschaft frei behandelten Stil Händels. Es ist geschrieben zur Feier des deutschen Sieges im Kriege 1870/71. Auch die kurz vorher entstandene Kantate „Rinaldo“ (Text von Goethe) für Tenorsolo, Chor und Orchester hat nicht das innere Gewicht der übrigen Werke <span class="abbr" title="B.Brahms">B.</span>s, es ist formalistisch glatt und ermangelt doch des rechten Glanzes.

In dem Jahrzehnt nach 1870 sind nur wenige Werke reiner Instrumentalmusik entstanden, diese allerdings von größtem Gewicht. Zuerst die „Variationen über ein Thema von <span class="abbr" title="Josef/Joseph">Jos.</span> Haydn“ für Orchester op. 56a (als op. 56b in einer Bearbeitung für 2 Klaviere erschienen), eines der größten Variationswerke der gesamten Musik. <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> hatte bereits sehr früh Klaviervariationen von hoher Bedeutung geschrieben, op. 9, 21,1 und 2, 23, Werke, in denen der von Beethoven vor allem in den „Diabellivariationen“ op. 120 geschaffene Typus der „Strukturvariationen“ weiter in die Sphäre des Monumentalen entwickelt wird. Sodann ein schon früher begonnenes Klavierquartett in c op. 60 und die 3 Streichquartette op. 51,1 und 2 und op. 67, Werke von wahrhaft Beethovenscher Reife des Stils, denen, wie man erzählt, 20 andere Werke der gleichen Art vorhergegangen sind, die <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> als noch nicht ausgereift vernichtet hat. 1876 vollendete er endlich die Sinfonie op. 68 in c-moll, deren erstem, 14 Jahre vorher entstandenen Satz erst jetzt die monumentale Einleitung hinzugefügt wurde. Auch das wiederum in größtem Stil gehaltene Finale hat eine breite Einleitung, in der sich das thematische Material gleichsam durch Nebelschwaden zum klaren Tage durchringt. Die beiden Mittelsätze zeigen, wie meistens bei <span class="abbr" title="Brahms">B.</span>, einen etwas kleineren Stil, der dritte Satz ist kein sinfonisches Scherzo der Beethovenschen Art, sondern mehr ein „Intermezzo“. Ein breit entwickeltes, sinfonisches Adagio findet sich nur in der 2., gleich nach der 1. geschaffenen Sinfonie in D op. 72, die nach der 1. die Spannweite der künstlerischen Natur von <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> zeigt: an Stelle düsterer Leidenschaft eine heitere Gelöstheit, an Stelle konzentrierter Ballungen breit ausladende Entwicklungen. Dei gleichen D-dur-Welt entstammt das bald darauf entstandene Violinkonzert, heute als eines der größten Werke dieser Art anerkannt. Die gleiche Höhe hält das 1881 entstandene, gewaltige 2. Klavierkonzert in B op. 83, dem dann 6 Jahre später das Doppelkonzert für Violine und Violincello op. 102 folgte, ein fast überreifes, edles, aber etwas sprödes Werk. Zwei Ouvertüren: die „Akademische Festouvertüre“ op. 80, in der Studentenlieder sinfonisch verarbeitet sind, und die „Tragische“ op. 81, geschaffen auf die Nachricht vom Tode des Freundes[→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz15929.html)Anselm Feuerbach, in der Haltung dem edlen, etwas blassen Klassizismus von dessen Bildern verwandt.

In den folgenden Jahren entstanden die letzten großen sinfonischen Werke, die 3. (in F, op. 90) und 4. (in e, op. 98) Sinfonie. Der erste Satz der dritten, mit seinem leidenschaftlich enthusiastischen, energiegeladenen Hauptthema und dem stark gegensätzlichen, fast pastoralen 2. Thema ist mit unbegreiflicher Kunst in eine klassische Einheit gezwungen. Nicht geringer ist die Kunst, mit der im Finale der Vierten die aus dem Barock übernommene statische Form der Passacaglia (30 Variationen über eine aus einem Bachschen Baßmotiv entwickelte Akkordfolge) mit stärksten dynamischen Spannungen geladen und zu einer echt sinfonischen Gestalt entwickelt wird. Neben diesen monumentalen Werken entstanden 3 Violinsonaten op. 78, 100 und 108, die beiden ersten von intimem Zauber, die letzte leidenschaftlich und in großem Stil, die 2. Cellosonate op. 99 und 2 Klaviertrios op. 87 und 101, das letztere ein düsteres c-moll-Stück von größter Gedrängtheit der Gestaltung, ein Streichquintett op. 88, und als letztes Chorwerk mit Orchester der „Gesang der Parzen“ op. 89.

1889 hat <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> sein Liederwerk (200 Lieder für eine Singstimme, außerdem Duette, Soloquartette u. ä.), mit dem er sich ebenbürtig neben die Meister des Kunstliedes Schubert und Schumann gestellt hat, abgeschlossen. Von den Tendenzen der „Neudeutschen Schule“ hielt er sich auch hier fern. Die Übertragung des Wagnerischen „Sprechgesangs“ auf das Lied und die damit verbundene Verlagerung des musikalischen Schwerpunktes aufs Klavier hielt er für falsch. Auch die Liedmelodie folgt bei ihm absolut musikalischen Gesetzen, ist aber trotzdem stets echte Gesangsmelodie. Sie ist so sehr „absolute Musik“, daß bei den „Liebeslieder-Walzern“ für Soloquartett und Klavier zu 4 Händen (op. 52) die Singstimmen ausdrücklich als „ad libitum“ bezeichnet sind. Die Gedichte gehen ohne Rest in der Musik auf. Doch bleiben grundsätzlich Versmaß des Gedichts und strophische Gliederung erhalten, ein Beweis,<span class="pb" title="Seite im Original 512">|</span>wie wichtig er das Gedicht als geformtes Gebilde nahm. Dabei hat er verhältnismäßig wenige Gedichte ersten Ranges vertont, aber kaum eines von nichtigem Inhalt. Am geeignetsten zur Vertonung erschienen ihm Gedichte von ausgeprägtem Gefühlsinhalt und einer musikalisch fruchtbaren Rhythmik. Die Intensität, mit der der Gefühlsinhalt der Gedichte in Musik verwandelt wird, ist außerordentlich, nicht minder die Kraft der Verdeutlichung und zugleich Beseelung des Bildlichen im Gedicht: „Feldeinsamkeit“ (op. 86,2) etwa ist in dieser Hinsicht Schumanns „Mondnacht“ ebenbürtig. Das Klavier „begleitet“ dabei nicht, dient aber auch nicht nur der Verdeutlichung des Stimmungsgehalts, sondern verbindet sich mit dem Gesang zu einer vollkommenen Einheit. Nur ausnahmsweise beschränkt sich das Klavier auf einfache Begleitung, die aber auch dann sehr kunstvoll gesetzt ist, wie etwa in dem berühmten „Wiegenlied“, einer der wenigen Melodien hohen Ranges, die im wahrsten Sinne des Wortes „volkstümlich“ sind. Auch im Lied hat <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> da und dort, aber nur sehr selten, „archaistischen“ Tendenzen Raum gegeben: in op. 43,3 und 48,6 hat er zwei altdeutsche Gedichte, im Stil des frühen Barocks, etwa von H. L. Hasler, vertont. Häufiger sind Anklänge an osteuropäische Volksmusik, die ja auch in seinen Instrumentalwerken manchmal deutlich werden. Bei den „Zigeunerliedern“ op. 103 ist nicht immer klar, ob sich hier <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> (wie bei den „Ungarischen Tänzen“, die er nur in meisterhafter Weise bearbeitet hat, ohne die melodische Substanz anzutasten) darauf beschränkt hat, zu den Melodien eine kunstvolle Begleitung zu finden, oder ob er auch an der Gestaltung der Melodien mit beteiligt ist. Als reine „Bearbeitungen“ haben die „deutschen Volkslieder“ zu gelten, an denen er Zeit seines Lebens gearbeitet hat; unter vielen ähnlichen Sammlungen ragen sie durch die Meisterschaft, mit der die Begleitung gestaltet ist, hervor. Nicht alle Stücke sind echte „Volkslieder“, manches stammt aus dem Kreis der Romantiker - das schönste Stück aber, „In stiller Nacht“, das mit der kunstvollsten Begleitung ausgestattet ist, scheint von <span class="abbr" title="Brahms">B.</span>eingeschmuggelt zu sein - ein Beweis, wie nahe er als Melodiker der Welt des echten Volksliedes war.

1890 wollte er sein Schaffen mit dem Streichquintett op. 111 beschließen, dessen Ecksätze zum Heitersten gehören, das er geschrieben hat; vor allem der letzte ist von einer Differenziertheit der Polyphonie, die an die letzten Quartette Beethovens erinnert. Aber kaum hatte er damit sein, wie er glaubte, letztes Wort gesprochen, floß sein schöpferischer Quell von neuem, hervorgelockt durch das Spiel des Klarinettisten <span class="abbr" title="Richard">Rich.</span> Mühlfeld vom Meininger Orchester. Diesem verdanken wir vier der schönsten Kammermusikwerke (1891–93): das Trio für Klavier, Klarinette und Violoncell op. 114, das Quintett für Klarinette und Streichquartett op. 115 und die beiden Sonaten für Klarinette und Klavier op. 120, vier Werke höchster Reife und Abgeklärtheit, vollkommen gelöst, wie mit leichter Hand hingeschrieben und doch voll tiefen Gehalts, am tiefsten wohl das berühmte Klarinettenquintett, in dessen Adagio noch einmal die Erinnerung an die Zigeunermusik auftaucht. Dann kehrte er zurück zur Liebe seiner Jugend, dem Klavier als Soloinstrument. (Einzige Werke der mittleren Zeit die Klavierstücke op. 76 von 1878, und die beiden bedeutenden Rhapsodien op. 79 von 1879.) Nun gab er als op. 116-119 in den Jahren 1892 und 1893 zwanzig Klavierstücke unter verschiedenen, nicht sehr bezeichnenden Titeln heraus, die meisten erst damals entstanden, mit denen er sich als Meister des „Klavierstücks“ neben Schubert, Schumann und Chopin stellt. Die gleiche reife Meisterschaft zeigen die „Vier ernsten Gesänge“ (auf Worte der Bibel) op. 121, geschrieben Anfang Mai 1896, kurz vor dem Tode Clara Schumanns, wohl in der Vorahnung eigener Todesnähe, ein erhabener Abschluß reichen Schaffens, ohne eine Spur von Nachlassen der schöpferischen Kraft, nur letzte Vergeistigung. Es folgten noch, als op. 122 nach dem Tode des Meisters herausgegeben, elf Choralvorspiele für Orgel, in denen der Stil Johann Sebastian Bachs aus der Individualität von <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> wiedergeboren erscheint. Das letzte Stück, die letzten Noten, die er schrieb, geht über den Choral „O Welt, ich muß Dich lassen“.

In den Jahrzehnten, da die Werke von <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> entstanden, war die musikalische Welt durch das Auftreten und den Siegeszug Richard Wagners tief erregt. Lange Zeit standen sich die Anhänger des einen und des anderen als feindliche Parteien gegenüber, wobei allmählich von den „Wagnerianern“ auch [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz6007.html)Anton Bruckner als der echte Sinfoniker gegen <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> auf den Schild gehoben wurde. In der Wiener Presse kämpfte [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68433.html)Eduard Hanslick mit der gleichen verbissenen Leidenschaft für <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> gegen Wagner und Bruckner, wie Hugo Wolf für diese beiden gegen <span class="abbr" title="Brahms">B.</span>. Auch bei den Musikern gab es die beiden Parteien. Hans Richter, der Wagner und <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> mit der gleichen Hingabe und größtem Verständnis dirigierte, war eine Ausnahme. Bei Hans <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow, der sich aus einem Jünger Wagners in einen<span class="pb" title="Seite im Original 513">|</span>fanatischen <span class="abbr" title="Brahms">B.</span>anhänger verwandelte, mögen persönliche Schicksale mitbestimmend gewesen sein. Allmählich haben sich die Gegensätze abgeschliffen, nur <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> und Bruckner gelten noch immer als fast unvereinbare Größen. (Doch steht ein Dirigent wie W. Furtwängler beiden Meistern gleich nahe.) Auch das Neue, Vorwärtsweisende an <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> wird heute deutlicher gesehen als zu seinen Lebzeiten. Bezeichnend ist, daß ein Vertreter der extremen Moderne behauptet, daß <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> „in allen Fragen der Konstruktion [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107544.html)Arnold Schönberg antizipiere“ (Th. Wiesengrund-Adorno, Philosohpie d. neuen Musik, 1949, S. 48 Anmerkung). Von den Komponisten der auf <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> folgenden Generation sind nur diejenigen von ihm unbeeinflußt geblieben, die von Anfang an [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz52508.html)Richard Wagner folgten, am wenigsten noch [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz34484.html)Hans Pfitzner, der in Schumanns Art begann, während Richard Strauß vor seiner Bekehrung zu Wagner brahmsisch komponiert hat. [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz26661.html)Max Reger steht, trotz der Maßlosigkeit seines künstlerischen Wesens, in seinen Anfängen <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> am nächsten und ist ihm, vor allem im Klavierstil, Zeit seines Lebens verpflichtet geblieben. Durch ihn wirkte die <span class="abbr" title="Brahms">B.</span>’sche Kunst weiter auf seine Schüler, vor allem auf deren begabtesten, Josef Haas. Aber auch außerhalb der Regerschule ist überall da, wo das klassisch-romantische Ideal noch etwas gilt, das Vorbild von <span class="abbr" title="Brahms">B.</span>deutlich. Dies trifft auch für das Ausland zu, dessen Verständnis für <span class="abbr" title="Brahms">B.</span> immer mehr wächst. Vor allem die Tatsache, daß <span class="abbr" title="Brahms">B.</span>, der einzige rein nordisch-deutsche unter den großen Meistern, im Konzertleben Frankreichs und Italiens von Jahr zu Jahr mehr verlangt wird, zeigt, wie echt und reich der menschliche Gehalt, wie groß die objektive Gestaltungskraft seiner Musik ist.

##### 4. Richard Wagner 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/scaled-1680-/o0mimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-01/o0mimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Wagner">W.</span>s windungsreicher Lebensgang weist neben wenigen Strecken einer relativen, an zentrale Wohnorte gebundenen Stabilität überwiegend eine Folge kürzerer Abschnitte auf, deren konstantes Merkmal räumliche Unbeständigkeit als Ausdruck existentieller Ungewißheit darstellt. Eine starke Strebe in dieser an Fährnissen reichen Biographie bildete die Klarheit eines künstlerischen Lebensprogramms, das spätestens in den 1840er Jahren feste Konturen gewann. Der Kreis an literarischen und mythischen Stoffen, die <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> zu Opern und musikalischen Dramen formen wollte, wurde zu dieser Zeit fixiert und bis zum Lebensende konsequent ausgeschritten. Das künstlerische Schaffen strukturierte als stets präsentes Movens den Lebenslauf, und daß Biographie und Werk wechselseitig aufeinander bezogen seien, reflektierte <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> von früh auf; er vergewisserte sich dieses Bezugs unentwegt in Briefen und Schriften und inszenierte das fragile Verhältnis beinahe zeitlebens in teleologischer Perspektive, wie die 1870, 1875 und 1880 gedruckten vier Bände der Autobiographie „Mein Leben“ belegen.

Kindheit und Jugend <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>s standen bis 1833 unter der prägenden Erfahrung einer Irritation hinsichtlich der eigenen Herkunft sowie häufiger Ortswechsel (Dresden 1814–20, Possendorf 1820 / 21, Eisleben 1821 / 22, Dresden 1822–27, Leipzig 1827–33). Nachdem der leibliche [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn102606841X.html)Vater ein halbes Jahr nach der Geburt des Sohnes gestorben war, übernahm die verwaiste Stelle 1814 der Schauspieler, Portraitmaler und Dichter [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz20851.html)Ludwig Geyer, dessen Name <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>bis Ende 1827 trug. Seit 1822 besuchte <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> die Dresdner Kreuzschule, seit 1828 das Nikolai-Gymnasium in Leipzig; einen förmlichen Schulabschluß erreichte er nicht. Herausragende musikalische Begabung war nicht zu erkennen, doch erwachte früh das Interesse für Literatur (beeinflußt durch seinen Onkel [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz138174.html)Adolf), Theater und in der Folge dramatische Komposition. <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> versuchte sich zunächst autodidaktisch mit dem „System der Musikwissenschaft“ von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz54046.html)Johann Bernhard Logier (1777–1846) zu bilden; geregelten Kompositionsunterricht erhielt er seit Spätsommer 1831 für wenige Monate bei dem Thomaskantor [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz84843.html)Theodor Weinlig (1780–1842). Aufführungen erster Orchesterwerke erregten lokale Aufmerksamkeit, <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> die Symphonie in C-Dur WWV 29 (1832). Im <span class="abbr" title="Januar">Jan.</span> 1833 trat <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> für kurze Zeit eine Stelle als „Choreinstudierer“ am Würzburger Theater an, wo sein Bruder [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz106602.html)Albert als Sänger wirkte. Das Jahr stand jedoch ganz im Zeichen von Dichtung und Komposition des an <span class="abbr" title="deutsch">dt.</span> Vorbildern wie [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69115.html)Carl Maria <span class="abbr" title="von">v.</span> Weber (1786–1826) und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz58555.html)Heinrich Marschner (1795–1861) orientierten Bühnenerstlings „Die Feen“ WWV 32 (<span class="abbr" title="Uraufführung">UA</span> postum München 1888) und damit der Selbstfindung als Opernkomponist. Es gelang ihm jedoch nicht, sich dauerhaft beruflich zu etablieren: Kurzfristige Theaterengagements (1834–36 Lauchstädt, Rudolstadt, Magdeburg; 1837 Königsberg; 1837–39 Riga) brachten zwar praktische Erfahrungen ein, aber die zweite, nun an <span class="abbr" title="italienisch">ital.</span> Vorbildern ausgerichtete Oper „Das Liebesverbot oder Die Novize von Palermo“ WWV 38 (erfolglose <span class="abbr" title="Uraufführung">UA</span> Magdeburg 1836) führte schließlich zu einer bedrohlichen Schuldenlage; dieser konnten sich <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> und seine Frau [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn117103454.html)Minna 1839 nur durch eine abenteuerliche Flucht über London nach Paris entziehen. Die entbehrungsreichen Jahre bis 1842 brachten nicht den erhofften Durchbruch, doch erkundete <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> mit „Rienzi, der Letzte der Tribunen“ WWV 49 nach dem Modell der <span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Grand opéra sowie der stilistisch eigenständigeren romantischen Oper „Der fliegende Holländer“ WWV 63 weitere Spielarten musikdramatischer Genres. Erst die triumphale Uraufführung des „Rienzi“ im <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 1842 am Hoftheater Dresden und der dortige Achtungserfolg der „Holländer“-Premiere Anfang des Folgejahrs führten im <span class="abbr" title="Februar">Febr.</span> 1843 zu einer Anstellung als Zweiter <span class="abbr" title="königlich">kgl.</span> <span class="abbr" title="sächsisch">sächs.</span> Hofkapellmeister. Sofort stürzte sich <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> in eine rastlose Tätigkeit als Dirigent (neben Opern <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span>Musteraufführungen klassischer Orchesterwerke, <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> 1846 die 9. Symphonie Beethovens), als Operndichter und als Komponist; es entstanden „Das Liebesmahl der Apostel“ WWV 69 (<span class="abbr" title="Uraufführung">UA</span> Dresden 1843), 1843–45 „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ WWV 70 (<span class="abbr" title="Uraufführung">UA</span> Dresden 1845), 1845 die Prosaskizze zu „Die Meistersinger von Nürnberg“ und 1845–48 „Lohengrin“ WWV 75 (<span class="abbr" title="Uraufführung">UA</span> Weimar 1850). Dringendes Anliegen war ihm überdies die künstlerische Reorganisation des Musik- und Theaterwesens. <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>s unbedingter Reformwille machte ihn empfänglich für die politischen Anliegen der Revolutionäre von 1848 / 49; er beteiligte sich am Dresdner Maiaufstand 1849, geriet unter Verdacht, wurde fortan steckbrieflich gesucht und floh außer Landes.

Seit Ende Juli 1849 mit seiner Frau im Zürcher Exil lebend, richtete <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> sein Selbstverständnis neu aus und legte seine Kunst- und Weltsicht umfassend in Schriften nieder, so in „Die Kunst und die Revolution“ und „Das Kunstwerk der Zukunft“ (beide 1849), dann im theoretischen Hauptwerk „Oper und Drama“ (1850 / 51), schließlich in der autobiographischen Notiz „Eine Mittheilung an meine Freunde“ (1851). In diesen Kontext gehört auch der hochproblematische Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ (1850). Dramatisch-musikalische Verwirklichung fanden die entwickelten Gedanken in einer großangelegten, den Nibelungen-Mythos entfaltenden Tetralogie: Bis 1852 waren die Dichtungen zu „Das Rheingold“ WWV 86A, „Die Walküre“ WWV 86B, „Siegfried“ WWV 86C und „Götterdämerung“ WWV 86D abgeschlossen. Die Komposition der vier Teile erstreckte sich, mit großen Unterbrechungen, über mehr als 20 Jahre (Abschluß in der Reihenfolge der Werke: 1854, 1856, 1865 \[bis 2. Akt\]/ 1871, 1874). Da <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> der Weg nach Deutschland abgeschnitten war – eine Teilamnestie wurde erst 1860, die völlige Aufhebung 1862 erlassen –, versuchte er sein Wirkungsfeld im Ausland zu erweitern, namentlich durch Konzertreisen (1855 London; 1860 Paris, Brüssel; 1862 / 63 Wien, Prag, <span class="abbr" title="Sankt">St.</span> Petersburg, Moskau, Budapest <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span>) und Opernaufführungen (Fiasko des „Tannhäuser“ 1861 in Paris). Auch in Zürich trat er als Dirigent auf. Die Lebensverhältnisse blieben angespannt, obwohl vermögende Bürger ihn großzügig unterstützten. Im April 1857 bezogen die Wagners ein „Asyl“ genanntes Domizil neben der Villa des Mäzenaten-Ehepaars [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz140889.html)Otto (1815–96) und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz118128.html)Mathilde Wesendonck (1828–1902). Hier unterbrach <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> die Arbeit am „Ring“ zugunsten von „Tristan und Isolde“ WWV 90. Nach familiären Mißhelligkeiten verließ <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>ein Jahr später Zürich und begann erneut ein unstetes Wanderleben (1858 / 59 Venedig; 1859–62 Luzern, Paris, Wien, Karlsruhe; 1862–64 Biebrich <span class="abbr" title="bei">b.</span>Wiesbaden, Wien), das ihn unaufhaltsam in den finanziellen Ruin trieb. Trotz aller Unruhe arbeitete <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> seit 1861 an „Die Meistersinger von Nürnberg“ WWV 96 (<span class="abbr" title="Uraufführung">UA</span> München 1868).

Einer drohenden Schuldhaft in Wien entging <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> im Frühjahr 1864 durch Ausweichen in die Schweiz und nach Deutschland. Ein erhofftes „gutes, wahrhaft hilfreiches Wunder“ (Brief <span class="abbr" title="von">v.</span> 8. 4. 1864 an [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz8743.html)Peter Cornelius, 1824–74) ereignete sich am 3. Mai des Jahres, als der gerade gekrönte <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> <span class="abbr" title="König">Kg.</span> [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz57482.html)Ludwig II. (1845–86) den Komponisten nach München rufen ließ. Die nun wie im Rausch erlebte Zeit in der Residenzstadt, in der sich <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> schlagartig aller materiellen Sorgen enthoben sah und beinahe uneingeschränkten Einfluß auf den jungen Monarchen ausüben konnte, fand ihren Höhepunkt in der Uraufführung von „Tristan und Isolde“ im Juni 1865. <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>s hochfliegende organisatorische, kunstpolitische und künstlerische Pläne, wie <span class="abbr" title="zum Beispiel">z. B.</span> der Bau eines monumentalen Festtheaters oder die Gründung einer Musikschule für die Heranbildung fähiger Sänger, blieben allerdings weitgehend unverwirklicht (außer Prosaentwurf des „Parzival“), da der [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz57482.html)König sich im <span class="abbr" title="Dezember">Dez.</span> 1865 genötigt sah, seinen maßlosen Protegé des Landes zu verweisen. <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> siedelte nach Tribschen nahe Luzern über und gründete hier einen Haushalt mit der ihm bereits seit längerem intim verbundenen [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz52507.html)Cosima <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow, der Tochter [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz51941.html)Franz Liszts und Ehefrau seines Freundes [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz49093.html)Hans <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow (1830–94). Die Ehe mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn117103454.html)Minna war seit langem zerrüttet gewesen. Von 1866 bis 1872 vollendete <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>zunächst die „Meistersinger“, dann „Siegfried“, förderte die Skizze der „Götterdämmerung“ bis weit in den 3. Akt hinein, stellte die Ausgabe seiner „Gesammelten Schriften und Dichtungen“ zusammen und führte die Pläne von Festspielen in Bayreuth bis zur endgültigen Entscheidung über ihre Realisierung und bis zur Grundsteinlegung für das Festspielhaus. Ein intensiver persönlicher Austausch bestand zeitweilig mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz71984.html)Friedrich Nietzsche (1844–1900).

Die Übersiedlung mit [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz52507.html)Cosima und den drei gemeinsamen Kindern Isolde, Eva und Siegfried nach Bayreuth 1872 markiert den Beginn der letzten Lebensperiode <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>s. Im <span class="abbr" title="August">Aug.</span> 1873 wurde das Richtfest des Festspielhauses gefeiert; seit April 1874 lebte die Familie im eigenen, neu errichteten Haus Wahnfried. Die „Ring“-Partitur konnte <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> im <span class="abbr" title="November">Nov.</span> dieses Jahres abschließen. Sogleich liefen die Vorbereitungen für die ersten Festspiele an: Im <span class="abbr" title="August">Aug.</span> 1876 ging erstmals vor internationalem Publikum die Tetralogie über die Bühne. Ungeachtet des künstlerischen Triumphs endeten die Festspiele in einem Finanzdebakel, das eine Wiederholung vorerst unmöglich machte – die nächsten Gesamtaufführungen des „Rings“ fanden 1878 in München sowie 1879 in Leipzig und Wien statt. Trotz aller Aussichtslosigkeit und fortdauernder Mühsal bei der Aufrechterhaltung seiner Festspielidee begann <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> im Frühjahr 1877 mit Dichtung und Komposition des „Parsifal“ WWV 111, den er – immer wieder unterbrochen durch längere Auslandsreisen – bis Anfang 1882 beendete. Diese letzte Schöpfung stand im Mittelpunkt der zweiten Bayreuther Festspiele im Juli/ <span class="abbr" title="August">Aug.</span> 1882. Inzwischen gesundheitlich angeschlagen, übersiedelte <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> mit seiner Familie im September nach Venedig, um dort Erholung zu suchen. Wenige Monate vor seinem 70. Geburtstag erlag er hier im Palazzo Vendramin am Canal Grande einem Herzanfall.

<span class="abbr" title="Wagner">W.</span> ist neben [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz2643.html)Ludwig van Beethoven (1770–1827) der wirkungsmächtigste Komponist des 19. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> Im Zentrum von Denken und Schaffen steht das Theater und hier das Drama in einem allumfassenden Sinn als Medium des Zusammenspiels aller Künste. Für dieses neuartige Verständnis verwendete <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>erstmals in seiner Schrift „Die Kunst und die Revolution“ (1849) den schon Jahrzehnte vor<span class="pb" title="Seite im Original 214">|</span>ihm geprägten Begriff „Gesamtkunstwerk“ (den Ausdruck „Musikdrama“ lehnte er als zu eng ab). Instrumentalmusik spielt, abgesehen vom Frühwerk, nur am Rande eine Rolle („Eine Faust-Ouvertüre“ WWV 59, 1839 / 40; „Siegfried-Idyll“ WWV 103, 1870). Das historische Widerlager seiner die ganze <span class="abbr" title="europäisch">europ.</span> Geschichte umspannenden Theorie bildet das antike Theater und hier die Tragödie. Die in ihr vorhandene Einheit von Sprache, Bewegung („Gebärde“) und Musik, war, so <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>, zerbrochen und müsse wiederhergestellt werden, freilich nicht im Sinne eines restauratorischen Aktes, sondern in Form und Funktion eines „Kunstwerks der Zukunft“. Dessen Hervorbringung ist an den Künstler gebunden, der Dichter- und Musikertum in sich vereinigt; von Beginn an schrieb <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> die Textbücher seiner musikalischen Dramen <span class="abbr" title="selbständig">selbst.</span> Von dieser Position aus brach er nach 1850 endgültig mit der herkömmlichen Oper, in der die Musik – ein Mittel des Dramas – irrigerweise zu dessen Zweck erhoben worden sei. Entscheidend für die Erneuerung des Dramas war für <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> neben einem neuen, stark an der Sprachdeklamation orientierten Gesangsstil die Rolle des Orchesters. Es trat in die Stellung des allwissend-kommentierenden antiken Tragödienchors ein und garantierte durch <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz2643.html)von Beethoven herrührende symphonische Durchführungsverfahren den strukturellen Zusammenhang in dramatischen Verläufen („Leitmotiv“; „dichterischmusikalische Periode“, „unendliche Melodie“, „Kunst des Übergangs“); herkömmliche Arien- und Ensembleformen verschwanden weitgehend. Die Stoffe des Dramas fand <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> vornehmlich im mittelhochdt. Epos (Ausnahmen <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> „Die Feen“, „Rienzi“ und „Meistersinger“); aus diesem nährt sich auch der synkretistische Mythos des Nibelungen-Rings. Das grundlegende Motiv in <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>s Gedankenwelt stellt „Erlösung“ dar, ein Begriff, den er über die Kunst hinaus für Mensch und Gesellschaft als zunehmend verabsolutierte Maxime geltend macht; deren Problematik tritt in der „Judenthum“-Schrift (1850) eklatant hervor.

Die genannten kunsttheoretischen Grundüberzeugungen <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>s und deren ästhetische Ausformungen sowie die kompositorischen Merkmale der Werke erzeugten einen enormen Widerhall bei den künstlerischen Zeitgenossen wie auch beim Publikum. Die schon früh in beinahe bedingungslose Gefolgschaft einerseits, unerbittliche Gegnerschaft andererseits gespaltene Öffentlichkeit bildete den weiten Resonanzraum für einen Bühnendichter, Komponisten und Musikdenker, der sich selbst und seine Imaginationskraft für letztlich inkommensurabel hielt. Tatsächlich orientierten sich viele schöpferische Musiker im In- und Ausland an Kompositionstechniken und -verfahren <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>s, was nicht pauschal als epigonales Nachahmen abgetan, sondern vielmehr als produktive Aufnahme fortzeugungsfähiger Modelle verstanden werden sollte – jenes gab es, doch dieses allein ist, schaut man auf Namen wie [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz6007.html)Bruckner, [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118524186.html)Debussy, Wolf, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz35993.html)Humperdinck, Strauss, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz34484.html)Pfitzner oder [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz107544.html)Schönberg, von historischer Relevanz. Darin liegt auch der Grund, daß die Vorbildfunktion und Einflußkraft <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>s für die Entwicklung der Musik in der zweiten Hälfte des 19. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> und weit darüber hinaus nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Zu <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>s Selbstverständnis gehört untrennbar eine lebenslange publizistische Tätigkeit als – im weitesten Sinne verstandener – Kommentator seines musikalischen Schaffens, aber auch des Geschehens in Kunst, Geschichte, Philosophie, Religion, Politik und Gesellschaft seiner Zeit. Wirkungsgeschichtlich höchst effektiv waren und sind die auf <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> selbst zurückgehenden Vereine und Gemeinden, die weltweit für die Pflege des Werks, das als Träger einer Weltanschauung verstanden wird, eintreten. Ihre Mitte finden sie in der langen Tradition sommerlicher Festspiele in Bayreuth.

Der Einfluß von <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>s Persönlichkeit und Œuvre zeitigte mächtige Folgen für die <span class="abbr" title="europäisch">europ.</span> Kulturgeschichte im allgemeinen, für das Theater, die Literatur („Wagnérisme“: [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118507184.html)Baudelaire, [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118576771.html)Mallarmé, [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118804219.html)Verlaine, [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118503243.html)d’Annunzio, [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118632779.html)Wilde, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz129581.html)Joyce, [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118555286.html)Ibsen, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz112683.html)Strindberg, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz57778.html)Mann <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> m.), den Film und die bildende Kunst ([→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55832.html)Makart, [→](https://www.deutsche-biographie.de/ppn118507826.html)Beardsley, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68558.html)Kandinsky <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> m.). Neben dieser kulturgeschichtlichen Dimension ist im besonderen auch die fatale politische Rezeption <span class="abbr" title="Wagner">W.</span>s zu erwähnen. Sie läßt sich nicht vom Werk trennen, sondern liegt, jedenfalls in manchen Teilen, in ihm begründet. Wohl bei keinem anderen Künstler des 19. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> sind Person und Bühnenkunst derart ideologisch aufgeladen wie bei <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> Dessen Hegemonialanspruch in Theater und Musik korrelierte mit demjenigen des jungen <span class="abbr" title="Deutsch">Dt.</span> Reichs und der Überzeugung, in der Welt der Dichter, Denker und Musiker die Führung innezuhaben. Diese Hybris befeuerte sich wechselseitig und schuf den Nährboden für spätere Vereinnahmungen, <span class="abbr" title="vor allem, vor allen">v. a.</span> im „Dritten Reich“. Die Meinung, es sei „viel Hitler in Wagner“ (Th. Mann), berührt einen ebenso problematischen wie ambivalenten Sachverhalt. <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> ist<span class="pb" title="Seite im Original 215">|</span>kein Nationalsozialist „avant la lettre“. Aber mit Elementen seiner Weltsicht, insbesondere seinem Antisemitismus, stieß er bei Hitler und im <span class="abbr" title="Nationalsozialismus">NS</span>-Staat auf begierige Rezipienten, aufs eifrigste befördert vom Bayreuther Familien-Wagnerismus um [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz45474.html)Winifred Wagner und [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz8125.html)Houston Stewart Chamberlain. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Widerspruch zwischen nach wie vor faszinierender künstlerischer Leistung auf der einen Seite, abgründiger Unterminierung des Œuvres auf der anderen gehört auch im 21. <span class="abbr" title="Jahrhundert">Jh.</span> zu den großen Herausforderungen, vor die <span class="abbr" title="Wagner">W.</span> die Nachwelt stellt.

##### 5. Friedrich Engels 

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/itaimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/itaimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Engels">E.</span> Leben und Bedeutung ist bestimmt durch seine 1844 in Paris geschlossene Freundschaft mit Karl Marx. Sie basiert auf einer bemerkenswerten Übereinstimmung der Ansichten, die selbst wieder das Resultat einer parallelen Entwicklung in den revolutionären Jahren 1839-43 und einer regen Anteilnahme an den theologischen und politischen Auseinandersetzungen der Junghegelianer und den damals einströmenden kommunistischen Theorien ist.

Als noch nicht 18jähriger kam <span class="abbr" title="Engels">E.</span> im Juli 1838 aus einer pietistischen Umwelt in die kaufmännische Lehre nach Bremen. Seine Neigungen galten jedoch dem Dichten, der Musik und der Schriftstellerei. Seine ersten Versuche erschienen meist unter dem Pseudonym Friedrich Oswald, Gedichte und zeitkritische Beiträge in liberalen Blättern (Briefe aus dem Wuppertal, in: Gutzkows Literaturzeitschrift „Telegraph für Deutschland“, März 1839). <span class="abbr" title="Engels">E.</span> war begeistert von Freiligrath, Gutzkow, dem Jungen Deutschland, E. M. Arndt, vor allem aber von Börne. Seine entscheidende Wandlung vollzog sich 1839, als der durchaus noch kirchliche <span class="abbr" title="Engels">E.</span> sich durch Schleiermacher, vor allem aber durch D. F. Strauß aus der Orthodoxie löste und zur nach- und junghegelianschen Theologie und Geschichtsphilosophie kam und Börne ihn zum politischen Radikalismus führte. <span class="abbr" title="Engels">E.</span> Ideal wurde eine Durchdringung von Börne und Hegel als Vermittlung von Leben und Philosophie. Auch das Zeitgeschehen erregte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> jetzt stärker; schon in seinen ersten zeitkritischen Beiträgen zeigten sich soziale Interessen, um 1840 auch schon sozialistische Züge.

Zum Herbst 1841 ging <span class="abbr" title="Engels">E.</span> als Einjährig-Freiwilliger zum Garde-Fußartillerie-Regiment nach Berlin, wohin ihn die rege Universität und der Junghegelianerkreis lockte, dem auch Marx in seiner Studentenzeit noch bis April 1841 angehört hatte. <span class="abbr" title="Engels">E.</span> hörte Schellings Antrittsvorlesung (15.11.1841) und dessen erste gegen Hegel gerichtete Vorlesung über die Philosophie der Offenbarung, und er nahm sofort führend Anteil am junghegelianischen Kampf gegen Schelling („Schelling über Hegel“, Mitte Dezember im „Telegraph“, ferner die anonymen Broschüren „Schelling und die Offenbarung, Kritik des neuesten Reaktionsversuchs gegen die freie Philosophie“, März 1842, und „Schelling, der Philosoph in Christo, oder Die Verklärung der Weltweisheit zur Gottesweisheit“, Mai 1842), an der sich damals radikalisierenden Hegelkritik der linken Junghegelianer, der sogenannten „Freien“ (durch Mitarbeit an der „Rheinischen Zeitung“ April/Juli 1842) und an deren Kampf gegen den neuen reaktionären Kurs in Preußen anläßlich des Vorgehens gegen [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz2247.html)Bruno Bauer (travestierendes Pamphlet „Die frech bedräute, jedoch wunderbar befreite Bibel oder Triumph des Glaubens“, Sommer 1842, das bereits den starken Einfluß Feuerbachs und den betonten Atheismus zeigte). Bald aber distanzierte sich <span class="abbr" title="Engels">E.</span> von der ihm zu theoretisch und zu individualistisch-anarchisch werdenden Entwicklung der „Freien“ (Kritik an Alexander Jungs „Vorlesungen über die moderne Literatur der Deutschen“, in: Deutsche Jahrbücher, Juli 1842), von denen sich auch Marx damals bereits entschiedener getrennt hatte. In diesen Berliner Kreis drangen 1842 Gedanken über soziale Revolution.

Nach Beendigung der Militärzeit sollte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> in Manchester bei der Firma Ermen und Engels, an der sein Vater Mitinhaber war, die Lehre abschließen. In Köln suchte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> die Redaktion der Rheinischen Zeitung auf. Moses Heß wies ihn auf Englands Bedeutung für die künftige soziale Revolution und auf das Problem des Klassenkampfes hin; ein Halbjahr später nahm er für sich in Anspruch, <span class="abbr" title="Engels">E.</span> zum Kommunismus bekehrt zu haben. Hier fand auch eine erste, etwas kühle Begegnung mit Marx statt, der diesem Berliner „Freien“ gegenüber sich mißtrauisch zurückhielt. In der Überzeugung, daß die Emanzipation der Menschheit nur durch Überwindung des Privateigentums durch die nahe soziale Revolution und nicht auf dem Wege der politischen Demokratie möglich sei, kam <span class="abbr" title="Engels">E.</span> im November 1842 nach Manchester, dem Geburtsort der Anti-Kornzoll-Liga, einem Zentrum des Chartismus, den damaligen Brennpunkt des industriellen Fortschritts, der proletarischen Verelendung und der politischen und sozialen Spannungen Englands in den letzten Jahren, in einem Augenblick, als dort gerade der erste große Massenstreik zusammengebrochen war. <span class="abbr" title="Engels">E.</span> studierte die Chartisten- und Arbeiterbewegung, kam mit O'Connor, Harney, O'Brien, Watts zusammen, besuchte<span class="pb" title="Seite im Original 522">|</span>Owensche Massenversammlungen, Fabriken, Arbeiterviertel, beobachtete O'Connels irische Bewegung, suchte 1843 in London die deutschen Kommunisten [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz110949.html)Karl Schapper, Joseph Moll, Heinrich Bauer vom „Bund der Gerechten“ auf, studierte die englische sozialkritische Literatur (Shelley, Disraeli, Carlyle), das nationalökonomische Schrifttum und die sozialistischen Theoretiker und sammelte Material für eine Sozialgeschichte Englands. In der „Rheinischen Zeitung“, dem „Schweizer Republikaner“, dem Pariser „Vorwärts“ (1844) stellte er die englische Krisensituation dar, im Owen-Blatt „The New Moral World“ entwickelte er die Fortschrittlichkeit des theoretischen Kommunismus in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. In den 1½ Jahren in Manchester (bis August 1844) vollzog <span class="abbr" title="Engels">E.</span> – spürbar schon seit den ersten Wochen – die entscheidende Wandlung zum unutopischen Kommunismus und revolutionären Aktivismus, und er betrachtete die ökonomischen Verhältnisse als Grundlage der politischen Spannungen. Die literarische Frucht dieser Zeit sind die Vorarbeiten für „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845) und die Beiträge für die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ aus dem Winter 1843/44: „Die Lage Englands, ‚Past and Present' by Thomas Carlyle“ und vor allem die „geniale Skizze“ (Marx 1859) „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“. Diese Arbeit führte zum zunächst brieflichen Kontakt mit Marx.

Die entscheidende Begegnung, die die bleibende enge Freundschaft und Zusammenarbeit begründete, fand Anfang September 1844 in Paris statt, wo <span class="abbr" title="Engels">E.</span>seine Rückreise zehn Tage unterbrach. Beide stellten fest, wie nahe sie sich in ihren Anschauungen und Zielen gekommen seien und wie gut sie einander ergänzen könnten, der grüblerische, radikale Theoretiker und der dem praktischen Leben und der Ökonomie zugewandte, begabte Dilettant. Für ein gemeinsames Werk, das unter starkem Einfluß Feuerbachs vom Boden des „realen Humanismus“ den abstrakten Subjektivismus der Junghegelianer, insbesondere der Brüder Bauer und anderer Gefährten der Berliner Zeit, deren Organ 1843/44 die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ war, aber auch Hegel selbst kritisieren sollte, steuerte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> noch in Paris einige Abschnitte (noch nicht ein Zehntel des Umfangs) bei (<span class="abbr" title="Engels">E.</span> und K. Marx, „Die Heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik“, 1845). Im Winter 1844/45 schrieb <span class="abbr" title="Engels">E.</span> in Barmen „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845, 2. Auflage mit neuem Vorwort 1892). Es beruht auf dem in Manchester gesammelten Material, eigenen Beobachtungen, dem englischen sozialkritischen Schrifttum und den parlamentarischen Enqueten, und es ist wohl <span class="abbr" title="Engels">E.</span> bedeutendstes Werk geblieben, das für seine geistige Entwicklung von besonderem Interesse ist, weil es noch nicht ganz die Übereinstimmung mit Marx zum Ausdruck bringt und – wie schon „Die Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“ – Besonderheiten zeigt, die <span class="abbr" title="Engels">E.</span> weitgehend bewahrt hat.

In seiner Heimat trieb <span class="abbr" title="Engels">E.</span> kommunistische Propaganda („Zwei Reden in Elberfeld“, Februar 1845, in: Rheinische Jahrbücher, 1845) zusammen mit Moses Heß, aber ohne Widerhall im Proletariat. Als es zu Konflikten mit den Behörden und seinem Vater kam, ging <span class="abbr" title="Engels">E.</span> gegen Ostern nach Brüssel, wo der aus Paris ausgewiesene Marx schon seit Februar lebte. Im Sommer (Juli/August) unternahmen beide eine Studienreise nach London und Manchester; dann begann die gemeinsame „Selbstverständigung“ (bis August 1846), ihre Abrechnung mit den Junghegelianern und vor allem die Auseinandersetzung mit Feuerbach (das umfangreiche Manuskript „Die deutsche Ideologie, Kritik der nachhegelschen Philosophie in deren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten“ wurde erst seit 1926 beachtet, 1932 erstmalig vollständig herausgegeben, maßgeblich in MEGA I, 5; Abdruck mit verkürztem wissenschaftlichem Apparat, Berlin 1957). Hier wurde von beiden der „historische Materialismus“ nach den verschiedensten Seiten bis in die praktisch-politischen Konsequenzen durchdacht. Sie suchten jetzt Einfluß auf die aufkeimende sozialistisch-kommunistische Bewegung durch ein von ihnen in Brüssel begründetes Korrespondenzbüro; sie kritisierten die verschiedensten „utopischen“ Richtungen, verkündeten ihren wissenschaftlich-kritischen Kommunismus als die Lehre von den wirklichen Bedingungen der Befreiung des Proletariats und wandten sich scharf gegen Hermann Kriege, Wilhelm Weitling, Moses Heß, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69945.html)Karl Grün, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz29400.html)Karl Heinzen.

Im August 1846 zog <span class="abbr" title="Engels">E.</span> nach Paris, wo er unter den „Straubingern“, den dortigen deutschen Handwerkerkommunisten, die Proudhon-, Grün-, Heß- und Weitling-Einflüsse bekämpfte und Kontakt zu den französischen Theoretikern Proudhon, Cabet, Blanc, Flocon suchte. Er vertrat radikal die Notwendigkeit der gewaltsamen demokratischen Revolution. Ein Erfolg des Kampfes dieser Zeit war<span class="pb" title="Seite im Original 523">|</span>Marx' Einfluß auf den Londoner „Bund der Gerechten“, dessen führende Köpfe sich im Winter 1846/47 zur neuen Theorie des Kommunismus von Marx und <span class="abbr" title="Engels">E.</span> bekannten. <span class="abbr" title="Engels">E.</span> sprengte im Juni 1847 den bisherigen „Bund der Gerechten“ und wirkte an seiner Umgestaltung zum „Bund der Kommunisten“ mit. Als Programm entwarf er im November 1847 die „Grundsätze des Kommunismus“. Anfang Dezember nahmen Marx und <span class="abbr" title="Engels">E.</span> am Bundeskongreß in London teil, wo Marx sich endgültig durchsetzte und den Auftrag zur Abfassung des „Manifestes der kommunistischen Partei“ erhielt, für das dieser <span class="abbr" title="Engels">E.</span> „Grundsätze“ verwendete und das dann unter beider Namen Anfang Februar 1848 in London erschien.

Ende Januar 1848 wurde <span class="abbr" title="Engels">E.</span> aus Frankreich ausgewiesen, kehrte Ende März von Brüssel nach Paris, wohin bereits das Londoner Zentralkomitee des Kommunistenbundes verlegt war, und Ende April ins Rheinland zurück, wo Marx und er seit Juni aus der Neuen Rheinischen Zeitung ein Organ zur Aufrüttelung des liberalen Bürgertums schufen. <span class="abbr" title="Engels">E.</span> verfolgte besonders das revolutionäre Geschehen im Ausland. Er erwartete von einem deutschen Volkskrieg gegen Rußland den Sturz der alten Mächte; er hoffte vergebens auf den Ausbruch der Revolution in England, auf den Sieg der Pariser Arbeiter, auf Widerstand der Frankfurter und Berliner Nationalversammlung gegen die erstarkende Reaktion. Im September trat <span class="abbr" title="Engels">E.</span> stärker im Rheinland hervor – dabei auch erste Begegnung mit Lassalle –, mußte dann fliehen und ging über Brüssel und Paris in die Schweiz, wo er Kontakte mit den dortigen Arbeitervereinen suchte; Januar 1849 kehrte er nach Köln zurück. Als im Rheinland im Frühjahr die Revolution neu aufflackerte, beteiligte er sich führend in Wuppertal. Drohender Verhaftung entzog er sich Mitte Mai und ging ins pfälzisch-badische Aufstandsgebiet. Nach kurzer Festnahme beteiligte er sich als Adjutant August von Willichs am weiteren Aufstand – damals Begegnung mit Gottfried Kinkel – und nahm am letzten Rückzug in die Schweiz teil. In Genf lernte er Wilhelm Liebknecht kennen. Oktober/November gelangte er über Genua zu Schiff nach London, wo sich Marx bereits niedergelassen hatte, um in der „Revue“ der Neuen Rheinischen Monatsschrift die bürgerliche Demokratie zu bekämpfen und die zweite Revolution zu schüren. In London sammelten sich die revolutionären Emigranten und die alten Mitglieder der Zentralbehörde des Kommunistenbundes. Marx und <span class="abbr" title="Engels">E.</span> gerieten hier bald in die völlige Isolierung; die „Revue“ ging 1850 ein. Vergebens hoffte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> auf eine neue Wirtschaftskrise und mit ihr auf den Ausbruch der von ihm schon seit Jahren erwarteten englischen Revolution. In diesem Londoner Jahr stellte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> kritische Betrachtungen zur jüngsten Vergangenheit an: „Die deutsche Reichs-Verfassungskampagne“ (gleichzeitig mit Marx' „Klassenkämpfe in Frankreich“ in der „Revue“ erschienen), „Der englische Zehnstundentag“ und als historische Erläuterung „Der deutsche Bauernkrieg“. Für die nächsten 20 Jahre kehrte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> nach Manchester in den „hündischen Commerz“ zurück; er war als Prokurist der deutschen Firma, seit 1864 als Teilhaber mit guten Einkünften tätig, so daß er Marx kräftig unterstützen konnte. Er entlastete ihn auch dadurch, daß er weitgehend dessen journalistische Verpflichtungen übernahm, unter anderem für New York Tribune, die Neue Oder-Zeitung und die Wiener Presse. Die wichtigsten Artikel sind in „Gesammelte Schriften von Marx und <span class="abbr" title="Engels">E.</span> 1852-62“ (herausgegeben von D. Rjasanow, 1917) enthalten (erschienen nur 2 Bände bis 1855). Die Artikelserie „Revolution und Kontre-Revolution in Deutschland“, die noch 1896 von Kautsky und Marx' Tochter als Schrift von diesem in Übersetzung herausgebracht wurde, stammte aus <span class="abbr" title="Engels">E.</span> Feder (1851/52 im New York Tribune).

Die Auflösung des Kommunistenbundes (1852) gab Marx und <span class="abbr" title="Engels">E.</span> größere Freiheit für eigene Arbeit. <span class="abbr" title="Engels">E.</span> beschäftigte sich mit militärischen Fragen und verfolgte aufmerksam die Weltpolitik, den Aufstieg [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz67917.html)Napoleons III., die orientalische Frage, den Panslawismus, den Krimkrieg, die Nationalitätenprobleme. 1854/55 bereitete er eine Arbeit „Deutschland und das Slawentum“ gegen Panslawismus und russischen Revolutionsoptimismus vor; damals beschäftigten ihn auch Fragen des frühen Agrarkommunismus und der ökonomischen Grundlage der orientalischen Reiche. Seit der Neuen Ära in Preußen nahm er wieder lebhafteren Anteil an den deutschen Verhältnissen. Als der italienische Krieg drohte, nahm er im Februar/März 1859 in der anonymen Schrift „Po und Rhein“ im großdeutsch-nationalen Sinne gegen die populäre proösterreichische Politik Stellung und trat für Preisgabe der Lombardei an ein geeintes Italien ein. Nachdem sich Lassalle für [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz67919.html)Napoleon III. und eine „friderizianische“ Politik gegen Österreich zum Erwerb Schleswig-Holsteins eingesetzt hatte, warnte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> (Februar 1860, „Savoyen, Nizza und der Rhein“) vor Bonapartismus und Zarismus. Aufmerksam verfolgte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> dann den amerikanischen Sezessionskrieg, sowohl von der militärischen Seite her (Volkskriegsprobleme<span class="pb" title="Seite im Original 524">|</span>in „Essays addressed to Volunteers“, London 1861) als auch wegen der wirtschaftlichen Folgen, die Marx und Engels selbst finanziell deutlich zu spüren bekamen. Beim polnischen Aufstand 1863 setzte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> Hoffnungen auf Polens Wiederherstellung; er plante zusammen mit Marx eine Schrift „Deutschland und Polen“. Im Londoner „Commonwealth“ griff <span class="abbr" title="Engels">E.</span> im Frühjahr 1866 die Polenfrage im Zusammenhang mit dem Nationalitätenproblem und der Verneinung des Panslawismus erneut auf (nur die ersten Teile gedruckt). 1864 machte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> eine Reise durch Schleswig-Holstein.

Nach Lassalles Tod (1864) und der Gründung des „Sozialdemokrat“, herausgegeben von J. B. von Schweitzer und Liebknecht, nahmen Marx und <span class="abbr" title="Engels">E.</span> wieder stärkeren Anteil an der deutschen Arbeiterbewegung. <span class="abbr" title="Engels">E.</span> wandte sich zur Beeinflussung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gegen den Lassalle-Kurs, den von Schweitzer und Sophie Gräfin Hatzfeld diktatorisch fortsetzten, in „Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei“ (1865): Marx und <span class="abbr" title="Engels">E.</span> blieben – außer bei Liebknecht – ohne Widerhall in Deutschland.

In seiner Preußen- und Bismarckabneigung irrte sich <span class="abbr" title="Engels">E.</span> in Beiträgen für Manchester Guardian in seinen Kriegsprognosen von 1866, erkannte aber nach Königgrätz schnell die Aussichten der Arbeiterbewegung im entstehenden Reich. Nach Erscheinen des „Kapital“ suchte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> 1867/68 durch mehrere anonyme Anzeigen in großen Tageszeitungen die Aufmerksamkeit des deutschen Bürgertums auf dies Werk zu lenken; eine kleine ursprünglich für die „Gartenlaube“ bestimmte Marx-Biographie erschien 1869 in der „Zukunft“. Die Beziehungen zu der 1868/69 entstehenden deutschen Sozialdemokratie blieben trotz starker Anteilnahme gering.

Nachdem <span class="abbr" title="Engels">E.</span> zum 1.7.1869 aus der Firma ausgeschieden war, unternahm er eine Irlandreise und bereitete ein geschichtlich-soziologisches Werk über die irische Frage vor. Im Herbst 1870 siedelte er nach London über, wo er nur wenige Minuten von Marx entfernt wohnte. Für die Pall Mall Gazette schrieb <span class="abbr" title="Engels">E.</span>60 Artikel über die Kriegsvorgänge (in deutscher Übersetzung „Der Deutsch-Französische-Krieg 1870/71“, Berlin 1957). Nach dem Sturze [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz67917.html)Napoleons wechselten seine Sympathien auf die französische Seite; er warnte dringend vor der Annexion Elsaß-Lothringens und vor einer vorzeitigen Erhebung des französischen Proletariats gegen die bürgerliche Republik. Er setzte Hoffnungen auf den französischen Volkskrieg und auf englisches Eingreifen gegen Rußland. Für diese Ziele trat <span class="abbr" title="Engels">E.</span> Februar/März 1871 auch im Generalrat der Internationale ein, dem er seit kurzem angehörte. Der fast aller europäischer Sprachen Kundige versah dort das Sekretariat für Belgien, Dänemark und Portugal, 1871 auch für Spanien und Italien.

Seitdem im Süden Europas Bakunins Einfluß nach 1868 und besonders nach Mazzinis Tod (1872) gewachsen war, drohte eine Spaltung der Internationale, die Marx und <span class="abbr" title="Engels">E.</span> zentraler im Londoner Generalrat zusammenzufassen suchten. Sie erreichten 1872 Bakunins Ausschluß und die Verlegung des Generalrats nach New York. 1873 suchte <span class="abbr" title="Engels">E.</span> durch die „Allianz“-Broschüre („L'Alliance de la demokratie socialiste et l'Assoziation internationale des travailleurs“), ein bissiges Pamphlet gegen Bakunin, diesen als russischen Lockspitzel bloßzustellen, der sich jetzt ganz aus dem politischen Leben zurückzog. Eine Rettung der Internationale wurde nicht mehr erreicht (letzte Sitzung in New York 1876). Als Johann Philipp Becker 1876 und 1882 die (2.) Internationale als Föderation der sozialistischen Arbeiterorganisation der verschiedenen Länder neu gründen wollte, widersetzte sich <span class="abbr" title="Engels">E.</span>; er schaltete sich erst ein, als seit 1888 die deutschen Sozialisten und die britischen Gewerkschaften internationale Arbeiterkongresse zur Erörterung des Arbeiterschutzes planten, ohne eine Einigung zu erzielen. <span class="abbr" title="Engels">E.</span> suchte die drohende Spaltung zu verhindern und das Kommunistische Manifest als Programm der 2. Internationale durchzusetzen. Erst in Brüssel gelang 1891 die Einigung mit den englischen Gewerkschaften und den belgischen Possibilisten gegen die Anarchisten, nicht ohne den Einfluß, den <span class="abbr" title="Engels">E.</span> auf die deutschen und französischen Marxisten von London her ausübte.

Wegen der Gefahren, die <span class="abbr" title="Engels">E.</span> für die sozialistische Arbeiterbewegung nach 1871 sah, bemühte er sich jetzt um so mehr, die theoretischen Grundlagen des Kommunismus zu verbreitern, indem er Marx zur Vollendung des „Kapital“ drängte und selbst – auch zu dessen Entlastung – stärker brieflich und publizistisch hervortrat. Er bekämpfte 1872 im Leipziger „Volksstaat“ den Proudhonismus, der in Deutschland durch Arthur Mülberger (Die Wohnungsfrage, 1872) wieder auflebte, durch eine Artikelserie „Zur Wohnungsfrage“ (überarbeiteter Neudruck mit neuem Vorwort 1887), in der <span class="abbr" title="Engels">E.</span> die Zwangsläufigkeit der Proletarisierung von Stadt und Land betonte, die auch durch Eigenheim-<span class="pb" title="Seite im Original 525">|</span>und Wohnungsbesitz nicht kleinbürgerlich aufzuhalten sei.

Nach der Verlegung des Generalrats (1872) gewann <span class="abbr" title="Engels">E.</span> wieder Zeit zu eigenen wissenschaftlichen Arbeiten, die aber stark durch die inneren Kämpfe der deutschen Sozialdemokratie abgelenkt und mitbestimmt wurden. Er strebte ein universales, wissenschaftlich-philosophisches System des dialektischen Materialismus an, durch das er Marx' „politische Ökonomie“ naturwissenschaftlich zu fundieren und zu einer allgemeinen, Natur, Geschichte und Gesellschaft umfassenden Wissenschaftslehre auszubauen suchte; zugleich wollte er das Weltanschauungsbedürfnis der Arbeiterbewegung vor einer materialistischen Popularphilosophie bewahren – dahin gehört der 1873 gefaßte Plan eines „Anti-Büchner“ – die noch starken Reste des „Lassalle-Kults“ ausrotten und das Gothaer Einigungsprogramm von 1875 bekämpfen, besonders als nach dem Verbot des Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (Juni 1874) dessen Anhänger auf Fusion mit den Eisenachern und zu Kompromissen mit dem Staat drängten und der Einfluß von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz11966.html)Eugen Dühring auf die jungen Köpfe der Berliner Sozialdemokratie bedrohlich wurde.

Nur mühsam konnten Marx und <span class="abbr" title="Engels">E.</span>, die von den deutschen Freunden als nörgelnde und die Verhältnisse nicht mehr genügend kennende Emigranten empfunden wurden, ihren theoretischen Einfluß behaupten. 1876/78 schrieb <span class="abbr" title="Engels">E.</span> den „Anti-Dühring“, zunächst als Beiträge im „Vorwärts“, 1878 als Buch erschienen („Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft"); erst 1882 erschien die Sonderausgabe von drei Kapiteln („Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“), übte eine Breitenwirkung aus und half den „Marxismus“ formen. Aus den Jahren 1873/76 stammten auch die ersten Vorarbeiten zur „Dialektik der Natur“, die <span class="abbr" title="Engels">E.</span> 1881/82 weiterführte; sie wurden erst seit 1925 aus dem Nachlaß veröffentlicht (sorgfältig in der MEGA und in der „Bücherei des Marxismus-Leninismus“, 18, 1952). Dieser Torso von etwa 120 Entwürfen blieb nicht ohne Einfluß auf den Stalinismus.

Seit dem Sozialistengesetz (1878) nahm <span class="abbr" title="Engels">E.</span> besonderen Anteil an parteitaktischen Fragen, aber erst nach Jahren gewann er stärkeres Vertrauen zur deutschen Parteiführung. Seine Kritik kam scharf in dem „Zirkular an die Parteiführer“ vom 21.10.1879 zum Ausdruck, in dem <span class="abbr" title="Engels">E.</span> sich entschieden gegen den sogenannten „Dreisternartikel“ wandte, der anonym – unter Beteiligung von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz4076.html)Eduard Bernstein – im 1. Bande des „Jahrbuch für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ 1879 erschienen war.

Nach Marx' Tode (14.3.1883) blieb <span class="abbr" title="Engels">E.</span> in England, um sich dort ungestörter vom politischen Kampf theoretischen Arbeiten – zunächst dem Abschluß des 2. Bandes des „Kapital“ – widmen zu können.

So konnte er im Juni 1884 das umfangreiche Werk „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Im Anschluß an Morgans Forschungen“ abschließen, dessen Vorarbeiten – zusammen mit Studien zu einer Urgeschichte der Deutschen (1952 als Band 35 der „Bücherei des Marxismus-Leninismus“ unter dem Titel „Zur Geschichte und Sprache der deutschen Frühzeit“ veröffentlicht) – schon in die Jahre 1881/82 gehören. Es ist die instruktivste Anwendung der materialistischen Geschichtsauffassung auf die Frühformen der menschlichen Gesellschaft. 1886 beschäftigte sich <span class="abbr" title="Engels">E.</span>anläßlich einer Besprechung der Dissertation von C. N. Starcke, „[→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz15935.html)Ludwig Feuerbach“ (1885) für die Neue Zeit (1888 überarbeitet zu <span class="abbr" title="Engels">E.</span> wohl bekanntester und wirksamster Schrift „[→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz15935.html)Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“) erneut mit den Ausgangsfragen des wissenschaftlichen Sozialismus. Er versuchte hier, den ursprünglichen Ansatz der „materialistischen Geschichtsauffassung“ im Feuerbach-Teil der Deutschen Ideologie von 1845/46 zu einer auf dem neuesten Erkenntnisstand der Wissenschaft beruhenden, Natur und Geschichte umfassenden materialistischen Dialektik auszubauen, die, durch mancherlei Zeitströmungen beeinflußt, sich in den Grundgedanken kaum mehr mit den früheren charakteristischen Anschauungen von Marx und <span class="abbr" title="Engels">E.</span> vereinbaren läßt. Diese Neuerungen, die bei <span class="abbr" title="Engels">E.</span> nach Marx' Tod immer stärker wieder hervortreten und die sich nicht ohne weiteres als folgerichtige Weiterführung auffassen lassen, haben sowohl dem „Marxismus“ der deutschen Sozialdemokratie als auch dem dialektischen und historischen Materialismus Lenins und Stalins ein eigentümliches Engels-Gepräge verliehen.

Im Winter 1887/88 plante <span class="abbr" title="Engels">E.</span> eine Darstellung der deutschen Entwicklung in den letzten 30 Jahren und arbeitete zunächst an einer aufreizenden Schrift über die Rolle der politischen Gewalt in der Geschichte, ein Problem, das er von der ökonomischen und soziologischen Seite schon im Anti-Dühring dargestellt hatte und jetzt auf die deutsche Gegenwart und „ihre Gewaltpraxis von Blut<span class="pb" title="Seite im Original 526">|</span>und Eisen“ anwandte; die unvollendete Arbeit hat Bernstein unter dem Titel „Gewalt und Ökonomie bei der Herstellung des neuen Deutschen Reiches“ in der „Neuen Zeit“ 1896 veröffentlicht (Neuausgabe in „Über die Gewaltstheorie“, 1946).

Nach [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html)Bismarcks Sturz und dem Erlöschen der Sozialistengesetze nahm <span class="abbr" title="Engels">E.</span> an der neuen Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie, der er selbst nie angehört hat, und der 2. Internationale regen Anteil, wobei er besorgt war, die Marxsche Linie sowohl gegen staatssozialistisch-reformistische ([→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz4076.html)Eduard Bernstein) als auch gegen zu radikale und anarchistische Strömungen zu stärken. Er hatte besonderes Vertrauen zu Bebel und Kautsky, weniger zu Liebknecht. Er gewann den vorherrschenden Einfluß auf das Erfurter Programm (Oktober 1891), unter anderem durch Veröffentlichung von Marx' Randglossen zum Gothaer Kompromißprogramm (Neue Zeit IX, 1, 1891). Er förderte den Bruch mit G. von Vollmar, der in Bayern das kleine und mittlere Bauerntum für die Sozialdemokratie gewinnen wollte, durch die Schrift „Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland“ (Neue Zeit XIII, 1, 1894). <span class="abbr" title="Engels">E.</span> warnte vor offenem Kampf gegen den Staat und hoffte auf die zunehmende sozialistische Unterwanderung der Armee. Sein „Testament“ an die Arbeiterbewegung stellte sein für den Druck etwas entgiftetes Vorwort vom März 1895 für die Neuausgabe von Marx' „Klassenkämpfe in Frankreich“ dar. Seit der französisch-russischen politischen Annäherung befürchtete er den Ausbruch eines Weltkrieges, der sich vielleicht durch Stärkung der internationalen, besonders der deutsch-französischen Solidarität der Arbeiterschaft, durch Demokratisierung und Systemsturz in Rußland und auch durch europäische Abrüstung verhindern ließe. <span class="abbr" title="Engels">E.</span> sah aber durchaus die Schwierigkeiten und warnte vor einem Kriege, an dem sich das deutsche Proletariat zur Verteidigung der nationalen Existenz Deutschlands beteiligen müsse. Diese Probleme sind erörtert in <span class="abbr" title="Engels">E.</span> Vorwort vom März 1891 zur Neuausgabe von Marx' „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ (die Adressen des Generalrats von 1870/71) und „Der Sozialismus in Deutschland“ (Neue Zeit X, 1, 1892) und „Kann Europa abrüsten?“ (ebenda März 1893).

An dem Züricher Kongreß der 2. Internationale 1893 nahm <span class="abbr" title="Engels">E.</span> als Ehrenvorsitzender kurz und ohne besondere Mitwirkung teil. Nach der Rückkehr von dieser Reise auf den Kontinent, die ihn noch bis Wien geführt hatte, brachte er die Bearbeitung des 3. Bandes des „Kapital“ im November 1894 zum Abschluß. Nach kurzer Krankheit starb er in London. Von seinem beträchtlichen Vermögen hatte er eine erhebliche Summe für die deutsche Sozialdemokratie bestimmt, der auch seine Bibliothek und sein und Marx' literarischer Nachlaß zufielen; dieser befindet sich heute im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam, nicht – wie oft behauptet wird– im Moskauer Marx-Engels-Lenin-Archiv.

##### 6. Nicolaus August Otto

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/DgZimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/DgZimage.jpeg)

<span class="abbr" title="Otto">O.</span> verlor früh seinen Vater; er besuchte 1846-48 die Realschule in Langenschwalbach und absolvierte dann eine kaufmännische Lehre. 1851-62 arbeitete er als reisender Handelsvertreter für Kaffee, Tee, Reis, Zucker und Strohballen in ganz Westdeutschland. Als er von einer neuartigen, von [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70497.html)Etienne Lenoir (1822–1900) konstruierten Maschine erfuhr, die mit Gas betrieben wurde, ohne Schornstein und Kessel auskam und nicht genehmigungspflichtig war, erschien ihm diese als eine ideale Kraftquelle für das Kleingewerbe. <span class="abbr" title="Otto">O.</span> gab seine Tätigkeit als Vertreter auf, um selbst einen weiter verbesserten Motor zu entwickeln. 1861 ließ er von dem Kölner Mechaniker Michael Joseph Zons eine kleine Kolbenmaschine für die Verbrennung eines Gas/Luft-Gemisches mit elektrischer Zündung bauen. Er verwendete ein fettes Gemisch und legte den Zündzeitpunkt an das<span class="pb" title="Seite im Original 701">|</span>Ende des Verdichtungshubes. Als sich das Schwungrad daraufhin mehrmals drehte, teilte <span class="abbr" title="Otto">O.</span> sein Verbrennungsverfahren in Ansaugen, Verdichten, Zünden/Expandieren und Ausschieben des Gases ein. Zons baute ihm danach eine Vierzylinder-Boxermaschine, versetzt um einen Hub, so daß in allen vier Zylindern nacheinander einer der vier Takte erfolgte. Damit hatte <span class="abbr" title="Otto">O.</span> das Viertakt-System erfunden, der Motor aber zerbarst. Eine Patentierung des Motorprinzips wurde 1861 abgelehnt. <span class="abbr" title="Otto">O.</span> kehrte daraufhin 1863 zu seiner Idee einer atmosphärischen Flugkolbenmaschine zurück, die ein Drittel weniger Gas verbrauchte als [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74610.html)Lenoirs Konstruktionen. Der Kinematiker Franz Reuleaux (1829–1905) half in dieser Zeit ratend und anregend. Mit dem Ingenieur [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70472.html)Eugen Langen (1833–95, <span class="abbr" title="von">v.</span> d. Zuckerfabrik J. J. Langen u. Söhne) gründete <span class="abbr" title="Otto">O.</span> als persönlich haftender Gesellschafter und mit Langen als Kommanditisten 1864 in Köln die Firma „N. A. Otto &amp; <abbr title="Compagnie">Cie.</abbr>“ als <abbr title="Kirchengeschichte, Kommanditgesellschaft">KG</abbr>. Der Start war schwierig, Langens Einlage war 1865 zur Hälfte verloren, an einen Verkauf von Maschinen war nicht zu denken, aber die Flugkolbenmaschine wurde weiter verbessert. 1866 ersetzte <span class="abbr" title="Otto">O.</span> die elektrische Zündung durch die 1794 von Robert Street erfundene Flammenzündung. Langen erfand außerdem einen Freilauf. Anstelle der Kurbel, die die Kolbenbewegung auf die Achse übertrug, trat 1865 eine Zahnstange, die ein Zahnrad auf der Achse antrieb. Dieser säulenartige Aufbau war kennzeichnend für die erste betriebsfähige atmosphärische Verbrennungsmaschine, die mit Leistungen von ½, 1 und 2 PS angeboten wurde (1866 <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Patent). Nach dem Sieg gegen Österreich 1866 nahmen die Bestellungen so zu, daß Langen eine leistungsfähigere Maschinenfabrik bauen wollte. 1867 präsentierten <span class="abbr" title="Otto">O.</span> und Langen ihre Maschine auf der Weltausstellung in Paris. Anfangs noch nicht sehr beachtet, ging die Maschine als Sieger aus einem Verbrauchswettbewerb hervor, erhielt eine Goldmedaille und wurde zur besten Gasmaschine der Welt erklärt Dennoch wollte niemand investieren. 1869 übernahm der Hamburger Kaufmann L. A. Roosen-Runge die Geschäftsführung der „OHG Langen, Otto &amp; Roosen“ und brachte weiteres Kapital ein. Roosen kaufte ein Grundstück in Köln-Deutz und baute eine Werkstatt, die 110 Maschinen pro Jahr fertigen konnte. Trotz des deutsch-<span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Krieges 1870/71 stieg die Produktion auf 200 Stück und auch Lizenzgebühren gingen ein. Roosen kündigte 1871 den Gesellschaftsvertrag. Nach dem Tode von Langens Vater ([→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70474.html)Johann Jakob Langen, 1794–1869) beteiligten sich [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74503.html)Emil (1806–89) und Valentin Pfeifer (1837-1909) an der Firma. Sie gründeten 1872 die „Gasmotorenfabrik Deutz A.G.“ mit 300 000 Taler Grundkapital. Davon brachten Eugen, Gustav und Jakob Langen 170 000, Emil und Valentin Pfeifer 100 000 und <span class="abbr" title="Otto">O.</span> 30 000 Taler ein. <span class="abbr" title="Otto">O.</span> wurde als gewinnberechtigter Aktionär kaufmännischer Direktor,[→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70472.html)Eugen Langen Aufsichtsratsvorsitzender, Betriebsleiter wurde [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz69617.html)Gottlieb Daimler (1834–1900), Konstrukteur [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70664.html)Wilhelm Maybach (1846–1929). Bis 1874 hatte man 80 Maschinen pro Monat gebaut, dann sank der Verkauf auf die Hälfte ab, weil die Kunden höhere Leistungen verlangten, die mit einer atmosphärischen Maschine nicht mehr erbracht werden konnten. Hinzu kam die Konkurrenz der Heißluftmaschine, die bis zu 8 PS leistete und unabhängig von einer Leuchtgasleitung war. Reuleaux riet zum Bau solcher Aggregate. Die Suche nach einer Maschine höherer Leistung ging indes weiter. Wegen andauernder Zwistigkeiten zwischen <span class="abbr" title="Otto">O.</span> und Daimler richtete Langen für <span class="abbr" title="Otto">O.</span> eine betriebsunabhängige Versuchsabteilung ein und stellte dafür Franz Rings als Konstrukteur ein. Es gab demnach 1875 zwei konkurrierende Konstruktionsgruppen, nämlich <span class="abbr" title="Otto">O.</span> und Rings sowie Daimler und Maybach. Dieser entwickelte 1876 eine atmosphärische Maschine mit Benzinantrieb, kam aber nicht über eine Leistung von drei PS; Daimler schlug eine doppeltwirkende atmosphärische Maschine vor. <span class="abbr" title="Otto">O.</span> versuchte sich 1871-73 (von Reuleaux beeinflußt) mit einem stehenden, einfach wirkenden Heißluftmotor mit gesteuertem Feuer aus einer Bunsenflamme und Schleifkurbel-Antrieb mit variabler Kolbengeschwindigkeit. Aber der Verbrauch verdoppelte sich, die Haltbarkeit schien bedenklich, die Leistung war unzureichend. Letztlich waren alle Bemühungen fehlgeschlagen. <span class="abbr" title="Otto">O.</span> und Rings erzeugten die Verdichtung des Kraftstoff-Luft-Gemisches nicht in einem getrennten Verdichter, sondern im Arbeitszylinder, entsprechend der <span class="abbr" title="sogenannte(r)">sog.</span> Hochdruckmaschine von 1862, die bereits alle wesentlichen Merkmale des Viertakt-Otto-Motors aufgewiesen hatte, aber im Probebetrieb explodiert war. Rings konstruierte eine Steuerwelle mit halber Drehzahl der Hauptwelle, ein Ausströmventil und einen Kolben mit selbstspannenden Ringen. Die wichtigste und empfindlichste Komponente war der Schieber, der den Motor erst funktionsfähig machte, weil er Gemischbildung, Einlaß und Flammenzündung regelte. Der neue Motor lief erstmalig Anfang März 1876. Mitte Mai 1876 trug Rings das erste Diagramm eines Viertaktmotors in sein Versuchsbuch ein, das sich mit <span class="abbr" title="Otto">O.</span>s Berechnungen deckte. Die Direktion<span class="pb" title="Seite im Original 702">|</span>sowie Daimler und Maybach waren vom Viertaktmotor immer noch nicht überzeugt, erstellten aber Ende 1876 die Konstruktionszeichnungen für Motoren bis 8 PS Leistung, legten Verkaufspreise fest und begannen mit der Werbung für „Ottos neuen Motor“. Die konstruktive Ausführung führte 1876 [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74772.html)Hermann Schumm (1841–1901) in Maybachs Büro durch. Das war der technische Durchbruch für <span class="abbr" title="Otto">O.</span>s Motor, der die Grundlage aller späteren Kolbenmotoren bildet. Mit <span class="abbr" title="Otto">O.</span>s Namen verbundene Begriffe bürgerten sich erst wesentlich später ein: „the Otto-Cycle“ (für die Viertaktabfolge) 1932, „Otto-Motor“ und „Otto-Kraftstoff' (Benzin) 1936. <span class="abbr" title="Otto">O.</span> ist der Schöpfer des modernen Verbrennungsmotors schlechthin. 1877 wandte sich [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz70472.html)Eugen Langen wegen der Entwicklung einer elektromagnetischen Zündung an [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz74811.html)Werner Siemens (1816–92), indes ohne Erfolg. <span class="abbr" title="Otto">O.</span> schlug 1878 eine elektromagnetische Abreißzündung vor und experimentierte 1884 mit einem Minenzünder von Siemens. Ein Jahr später baute er den ersten betriebsfähigen Zündapparat für ortsfeste Benzinmotoren, der 1887 patentiert wurde.

1878 kam der große Erfolg für <span class="abbr" title="Otto">O.</span> auf der Pariser Weltausstellung. „Ottos Neuer Motor“ erregte großes Aufsehen. Unter 75 Modellen von 32 Firmen schnitt er am besten ab. Man schätzte seinen ruhigen, sparsamen Lauf, die Raum- und Gewichtsersparnis. Reuleaux nannte ihn „die größte Erfindung im Kraftmaschinenfach seit Watt“. Trotz ungünstiger Wirtschaftslage setzte sofort eine starke Nachfrage ein. <span class="abbr" title="Otto">O.</span> glaubte, daß er die Dampfmaschinen in den städtischen Gaswerken verdrängen könne, da Gas billiger sei als Kohle. 1879 konnten schon Zwillingsmaschinen angeboten werden, 1885 mit einer Leistung von 50 PS. Der Hauptbedarf kam aber durch den Siemensschen Generator, der den Städten Licht spendete.

Mit dem Erfolg des Otto-Motors kam es jedoch auch zu zahlreichen und langwierigen Auseinandersetzungen um Patentrechte und Lizenzen, vor allem als diese 1877 von <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> in Reichspatente umgewandelt wurden. Es begann damit, daß die Darmstädter Maschinenfabrik <span class="abbr" title="Gebrüder">Gebr.</span> Loßen mit gestohlenen Deutzer Zeichnungen <span class="abbr" title="Otto">O.</span>s Viertaktmotor nachbaute. 1879 meldeten die Ingenieure Wilhelm Wittig und Wilhelm Hees in Hannover und die Hanomag Umgehungspatente auf Zweitaktmotoren an. C. M. Sombart (Maschinenfabrik Buss, Sombart &amp; Co Magdeburg) erfand 1879/80 Verbesserungen am Gasmotor, durch die <span class="abbr" title="Otto">O.</span> eigene Patente verletzt sah. Nachdem die Hanomag 1880, [→](https://www.deutsche-biographie.de/sfz44011.html)Ernst Körting und Buss-Sombart neben ihren Zweitaktauch Viertaktmotoren bauen wollten, <span class="abbr" title="Otto">O.</span> und Langen jedoch inländische Lizenzen verweigerten und ihre Angriffe auf die Konkurrenz fortsetzten, reichten diese 1882 eine Nichtigkeitsklage beim Patentamt ein. Unzufrieden mit der Entscheidung des Patentamtes brachten die Parteien eine zweite Nichtigkeitsklage ein, die bis zum Reichsgericht ging, das 1886 die meisten Ansprüche <span class="abbr" title="Otto">O.</span>s als vorbekannt ansah und für nichtig erklärte, darunter auch den Viertaktmotor. In Großbritannien und Österreich blieben die Patente in Kraft.<abbr title="gestrichen:  – [d. Red.]">|</abbr>

##### 7. Philipp Reis

[![csm_24-01-14_Johann_Philipp_Reis_2_222271c732.jpg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/scaled-1680-/csm-24-01-14-johann-philipp-reis-2-222271c732.jpg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-03/csm-24-01-14-johann-philipp-reis-2-222271c732.jpg)

<span class="abbr" title="Reis">R.</span> kam mit elf Jahren an das Knabeninstitut Garnier in Friedrichsdorf und 1848 an das Hassel’sche Institut in Frankfurt/M. Zwei Jahre später trat er eine kaufmännische Lehre in einer Frankfurter Farbwarenhandlung an. Nebenher bildete er sich durch Privatunterricht in Mathematik sowie an der Gewerbeschule in Mechanik weiter und erlernte auch das Drechseln. Nach einem Jahr an der Polytechnischen Vorschule von Poppe führte er seine Studien selbst weiter, bis er 1855 bei den <span class="abbr" title="hessisch">hess.</span> Jägern in Kassel seine Militärpflicht ableistete. Reisen und <span class="abbr" title="naturwissenschaftlich">naturwiss.</span> Studien in verschiedenen Laboratorien schlossen sich an. Im Frühjahr 1858 erhielt <span class="abbr" title="Reis">R.</span> eine Stelle als Lehrer im Knabeninstitut Garnier, wo er zunächst Französisch, dann auch Mathematik sowie Physik und Chemie unterrichtete. Als begeisterter Bastler und Experimentator erfand und entwickelte er diverse Geräte, <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span>Rollschlittschuhe und ein Veloziped, das über Hebel mit den Händen in Bewegung zu setzen war. Schließlich wurde das Problem der elektrischen Sprachübertragung bei <span class="abbr" title="Reis">R.</span> zur Obsession. Wie andere vor ihm scheiterte er anfänglich, bis ihm 1860 durch das Studium von physiologischen und physikalischen Schriften, <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> von Hermann <span class="abbr" title="von">v.</span> Helmholtz, der Durchbruch gelang. Auf der Grundlage der Anatomie des Ohrs und der Erkenntnisse über Tonempfindungen konstruierte er 1861-64 verschiedene Formen eines Apparats, den er – in Anlehnung an den Telegraphen – „Telephon“ nannte. Dieses funktionierte nach dem Relaisprinzip, <span class="abbr" title="das heißt">d. h.</span> durch Änderung des Kontaktwiderstands zwischen einem Platinplättchen und einem Platindraht, wobei der Strom in einem geschlossenen Stromkreis analog zu den Tonschwingungen variierte. Dieses Prinzip fand später beim Kohlemikrophon weite Verbreitung. Bei <span class="abbr" title="Reis">R.</span>s Konstruktion waren jedoch Sender und Empfänger so schlecht aneinander angepaßt, daß Musik zwar relativ gut, Sprache aber nur bedingt übertragen werden konnte. <span class="abbr" title="Reis">R.</span> ließ seinen Apparat in vielen Ländern von renommierten Instrumentenbauern produzieren und vertreiben und machte ihn so international bekannt. Weder dadurch noch durch seine eher laienhaften Vorträge bei naturwissenschaftlichen Gesellschaften erlangte er die von ihm gewünschte Anerkennung. <span class="abbr" title="Reis">R.</span> dachte zwar an eine technische Weiterentwicklung und an eine industrielle Verwertung seiner Apparate, forcierte sie aber nicht. Auch bekundeten damals weder Telegraphenverwaltungen noch -hersteller Interesse an einem zusätzlichen Nachrichtenmittel. Nach 1864 beschäftigte sich <span class="abbr" title="Reis">R.</span>nur noch sporadisch mit Verbesserungen seines Telephons. Zwei Jahre nach seinem Tod meldeten in den USA Alexander Graham Bell (1847–1922) und Elisha Gray von ihnen entwickelte Telephone zum Patent an, welche nach anderen Prinzipien funktionierten. Obwohl Bell stets bestritt, daß <span class="abbr" title="Reis">R.</span>s Telephon ihn beeinflußt habe, ist es doch wahrscheinlich, daß er es zumindest gekannt hat.

##### 8. Louise Otto-Peters

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/image.jpeg)

**Kindheit und Jugend in Meißen, erste Veröffentlichungen**

Louise Otto wurde am 26. März 1819 als jüngste Tochter des Gerichtsdirektors Fürchtegott Wilhelm Otto (1776–1836) und seiner Frau Christiane Charlotta, geb. Matthäi (1781–1835), in Meißen geboren und wuchs mit ihren Geschwistern im elterlichen Haus am Baderberg in bürgerlichen Verhältnissen auf. Einblick in Kindheitserlebnisse geben autographe Aufzeichnungen aus der Zeit nach 1871.  
Weil für Mädchen ihrer Zeit der Schulbesuch nur bis zur Konfirmation möglich war, nahm sie an dieser ein Jahr später teil, um länger lernen zu können. Danach konnte sie sich nur noch autodidaktisch weiterbilden.

<div data-reader-unique-id="2" id="bkmrk--8" style="text-align: justify;"><div data-reader-unique-id="3"><div data-reader-unique-id="7"><figure data-reader-unique-id="8" role="group"></figure>  
</div></div></div>Ihre Eltern starben, als sie 16 Jahre alt war; 22-jährig verlor sie den Verlobten Gustav Müller, Advokat und Dichter in Dresden. Durch ihr kleines elterliches Erbe war sie zunächst finanziell abgesichert. Früh wandte sie sich dem Schreiben zu. Zuerst entstanden Gedichte. Ab 1843 trat sie mit Romanen und journalistischen Beiträgen an die Öffentlichkeit. Sie nahm Verbindung zu Literaten in Leipzig auf und kam mit der freireligiösen Bewegung, die Frauen Mitspracherechte gewährte, in Berührung. In ihrem Buch *Schloß und Fabrik*, das zu den wichtigen sozialkritischen Romanen des Vormärz zählt, zeigte sie die Folgen der Industrialisierung für alle Stände auf; es durfte 1846 nur zensiert erscheinen. Die erste unzensierte, vollständige Ausgabe erschien nach dem Auffinden und Einfügen der zensierten Stellen durch Johanna Ludwig 1996 in Leipzig.  
Schon damals sah Louise Otto in der Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht. 1847 erregte ihre politisch brisante Gedichtsammlung *Lieder eines deutschen Mädchens* Aufsehen.

**Revolutionszeit und *Frauen-Zeitung***

In der Revolutionszeit 1848/49 veröffentlichte Louise Otto zahlreiche Artikel und Gedichte. Dazu zählte ihre *Adresse eines Mädchens an den hochverehrten Minister Oberländer, an die von ihm berufene Arbeiterkommission* und an alle Arbeiter vom Mai 1848, in der sie von der sächsischen Regierung forderte, bei der Organisation der Arbeit die Frauen nicht zu vergessen. In darauffolgenden persönlichen Gesprächen mit den Ministern Martin Gotthard Oberländer (1801–1868) und Robert Georgi (1802–1869) wies Louise Otto auf das Recht der Frauen auf Erwerbsarbeit und auf die dafür notwendige Kinderbetreuung hin. In dieser Zeit organisierte sie Versammlungen und empfing Abordnungen von Arbeitern. Eine Besonderheit Louise Ottos ist es, dass ihr Engagement trotz bürgerlicher Sozialisation von Anfang an der Verbesserung der Lage aller Frauen galt, auch der proletarischen.  
Ab 1849 erschien ihre *Frauen-Zeitung*. Unter dem Motto ‚Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen‘ bot sie Frauen aller Klassen ein Podium zum Informationsaustausch. Das Königreich Sachsen reagierte darauf Ende 1850 mit einem neuen Pressegesetz, das Frauen die Herausgabe und Mitredaktion von Zeitungen verbot (Lex Otto). Danach erschien die *Frauen-Zeitung* noch bis Mitte 1852 im reußischen Gera (Fürstentum Reuß) (und von April bis Juni 1853 als *Deutsche Frauen-Zeitung* in Leipzig). Sie war damit die erste langlebigere Frauenzeitung dieser Zeit.

Ebenfalls 1849 lernte Louise Otto bei einem Besuch ihrer Schwester Antonie in Oederan den Schriftsteller und Journalisten August Peters (1817–1864) kennen. Als Teilnehmer an den Revolutionskämpfen 1848/49 musste dieser sieben Jahre Kerkerhaft verbüßen. Sie verlobten sich während der Haftzeit und heirateten 1858 im Dom zu Meißen. 1860 folgte Louise Otto ihrem Mann nach Leipzig, wo sie das Feuilleton der von ihm geleiteten *Mitteldeutschen Volks-Zeitung*betreute. 1864 starb August Peters.  
Einen Einblick in Lebensverhältnisse, Ansichten und Ziele Louise Ottos geben ihre Tagebuchaufzeichnungen 1849–1857.

**Begründung der organisierten deutschen Frauenbewegung**

Im Februar 1865 gründeten Louise Otto-Peters, die Lehrerin Auguste Schmidt (1833–1902), die Schulvorsteherin Ottilie von Steyber (1804–1870), die Fröbel-Pädagogin Henriette Goldschmidt (1825–1920) und andere den Frauenbildungsverein, der den Beschluss fasste, im Oktober eine gesamtdeutsche Frauenkonferenz einzuberufen. Auf der vom 15. bis 18. Oktober 1865 in Leipzig abgehaltenen Konferenz wurde der[ Allgemeine Deutsche Frauenverein ADF](safari-reader://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/allgemeiner-deutscher-frauenverein-adf) gegründet. Erste Vorsitzende beider Vereine war Louise Otto-Peters, ihre Stellvertreterin war Auguste Schmidt. Im überregional agierenden ADF wagten Frauen die Selbstorganisation; Männer waren wichtige Berater, aber im Verein nur als Ehrenmitglieder zugelassen. Ziel war nicht Wohltätigkeit, sondern Hilfe zur Selbsthilfe: der Zugang von Frauen zur schulischen, beruflichen und universitären Bildung und damit zur eigenständigen Erwerbsarbeit. 1866 erschien Louise Ottos Schrift Das *Recht der Frauen auf Erwerb*. So wichtig wie wirkungsvoll für die Verbreitung der Ideen des ADF war dessen Zweiwochen-Zeitschrift *Neue Bahnen*, die ab 1866 erschien. In diesem Jahr hatte der ADF 75 Mitglieder, 1870 waren es bereits mehr als 10.000. Louise Otto-Peters war bis zu ihrem Tod 1895 gemeinsam mit Auguste Schmidt Herausgeberin und Redakteurin des Blattes.

**Berufstätigkeit und Vereinsarbeit**

Ihr jahrzehntelanges verantwortliches Wirken in den Frauenvereinen leistete Louise Otto-Peters ehrenamtlich; ihren Lebensunterhalt verdiente sie erfolgreich als Schriftstellerin und Journalistin. Sie veröffentlichte etwa 60 Bücher, darunter 28 meist mehrteilige Romane, Erzählungen, Novellen, Opernlibretti, historische Reflexionen, Streitschriften und Essays, dazu ungezählte Gedichte sowie journalistische Beiträge, war Mitglied des Schriftstellerverbandes und des von ihr mitgegründeten Leipziger Schriftstellerinnen-Vereins. 1868 wurde ihr 25-jährige Schriftstellerinnen-Jubiläum feierlich begangen. Den Festvortrag im großen Saal der Buchhändlerbörse zu Leipzig hielt Henriette Goldschmidt.  
Aus der Zeit nach 1871 sind autographe Aufzeichnungen Louise Ottos zu ihren Erlebnissen und Erfahrungen erhalten – Vorarbeiten zu einem Lebensrückblick.

1892 übergab Louise Otto-Peters die Leitung des Frauenbildungsvereins an Auguste Schmidt. Ihren letzten öffentlichen Auftritt hatte sie Ostern 1894 zur Einweihung der von Dr. Käthe Windscheid (1859–1943) in Leipzig geleiteten Gymnasialkurse des ADF, welche Mädchen als Voraussetzung eines Universitätsstudiums auf das Abitur vorbereiteten.  
Am 13. März 1895 starb Louise Otto-Peters 76-jährig an den Folgen einer Lungenentzündung in ihrer Mietwohnung Kreuzstraße 29. Bei ihr waren in den letzten Stunden ihre Nichte Anna Niedermüller (1857–1936) und Dr. Anna Marie Kuhnow (1859–1923), Leipzigs erste approbierte Ärztin, die beide zur ‚Töchtergeneration‘ der Begründerinnen des ADF gehören.

**Erinnerung, Gedenken, Namensgebungen**

In Leipzig erinnern im öffentlichen Raum und in Gebäuden an Louise Otto-Peters:

- der Grabstein August Peters und Louise Otto-Peters (Alter Johannisfriedhof);
- das Louise-Otto-Peters-Denkmal im Rosental von 1900 mit der Gedenktafel der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. von 2000/2017;
- der Louise-Otto-Peters-Gedenkstein der LOP-Gesellschaft e.V. von 1995 (Kreuzstraße 31);
- die ADF-Gedenktafel der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. von 2015;
- der Baum der LOP-Gesellschaft für Louise und Auguste im Friedenspark (vorm. Neuer Johannisfriedhof) von 2016;
- die Gedenktafel für Louise Otto-Peters in der Zentrale der Deutschen Bank (Straße des 18. Oktober, 04103 L.);
- das Porträt Louise Otto-Peters von Klaus H. Zürner (1932–2010), von 1998 in der Porträtgalerie der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (Senatssaal, 04275 L.).

Auch am Geburtshaus in Meißen befindet sich eine Gedenktafel für Louise Otto-Peters. Zum 200. Geburtstag wurde am 26.03.2019 eine frauenorte sachsen-Gedenktafel des Landesfrauenrates Sachsen e.V. für Louise Otto-Peters in der Roten Schule Meißen, in der sie einige Jahre gelernt hatte, eingeweiht. Folgende Straßen, Plätze und Einrichtungen wurden bisher nach ihr benannt

- Louise-Otto-Peters-Platz seit 1934 (04105 Leipzig);
- Louise-Otto-Peters-Allee seit 2006 (04159 Leipzig);
- Louise-Otto-Peters-Straße in Halle/S. und Freiburg/Br.;
- Louise-Otto-Straße in Meißen;
- Luise-Otto-Peters-Weg in Hamburg-Bergedorf; (dortige Schreibweise)
- Senior/innen-Wohnpark Louise Otto-Peters in Annaberg-Buchholz;
- Seniorenzentrum Louise Otto-Peters in Meißen;
- Louise-Otto-Peters-Schule, Gymnasium der Stadt Leipzig seit 2013;
- Louise-Otto-Peters-Schule Hockenheim und Wiesloch, Berufsfachschule.

Seit 1993 widmet sich die gemeinnützige Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. dem Ziel, Leben und Werk von Louise Otto-Peters weiter bekannt zu machen und zu würdigen. In ihrem 1997 gegründeten Louise-Otto-Peters-Archiv werden alle Veröffentlichungen von sowie über Louise Otto-Peters gesammelt, erschlossen und Interessierten zugänglich gemacht.

Seit 2015 vergibt die Stadt Leipzig den mit 5.000 € dotierten Louise-Otto-Peters-Preis in Würdigung herausragender Leistungen zur Gleichstellung von Frauen und Männern.

##### 9. Franz Haniel

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/bBMimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/bBMimage.jpeg)

Als <span class="abbr" title="Haniel">H.</span> 1782 seinen Vater verlor, lag die Sorge für seine Erziehung in den Händen seiner tatkräftigen Mutter, die das Hanielsche Geschäft und das ihres Vaters bedeutsam ausbaute. Hierbei stand ihr <span class="abbr" title="Haniel">H.</span> bereits als Knabe zur Seite. Mit 21 Jahren machte er sich mit der Eröffnung einer Steinkohlenhandlung in Ruhrort selbständig, einige Jahre später bemühte er sich gemeinsam mit seinem Bruder Gerhard und seinem Schwager [Gottlob Jacobi](https://www.deutsche-biographie.de/sfz53294.html) um den Zusammenschluß der „Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel &amp; Huyssen“ zum Erwerb der Gutehoffnungshütte von der Witwe Krupp, was sich zunächst allerdings als ein schlechtes Geschäft für die Brüder erwies, da Huyssen sie übervorteilte. Unterdessen baute <span class="abbr" title="Haniel">H.</span> seine Handlung aus, beteiligte sich auch an dem heimlichen Transport von Getreide aus Frankreich heraus über den Rhein. Nach den Napoleonischen Kriegen verfrachtete er zeitweise Ruhrkohle nach Holland, bis die hohen Zölle dem ein Ende setzten, ähnliches widerfuhr ihm mit dem Handel anderer Güter. Einen Ersatz fand <span class="abbr" title="Haniel">H.</span>, bald nachdem Preußen und Hessen-Darmstadt einen Zollverein geschlossen hatten (1828), im Handel mit Kohlen den Oberrhein bis Basel hinauf. Gewinne, die er zuvor auch durch den Betrieb einer eigenen Ölmühle und durch Holzhandel mit England erzielte, suchte er nach 1815 stärker als bisher in Beteiligungen an Zechenbetrieben anzulegen. 1821 führte <span class="abbr" title="Haniel">H.</span> als erster an der Ruhr den bereits an der Saar betriebenen geschlossenen Koksofen ein, der daraufhin den alten Koksmeiler verdrängte. 1841 ließ er den ersten Doppel-Koksofen bauen, der größer als alle bisher verwendeten Koksöfen an der Ruhr war; Ende 1842 beschäftigte er bereits 184 Mann insgesamt bei der Kokserzeugung und lag damit an führender Stelle. Trotzdem gelang es erst sehr viel später, 1850, und von anderer Seite, den Ruhrkoks zur Verhüttung von Eisenerz zu verwenden – bis dahin war noch mit Holzkohle gearbeitet worden. – In Ruhrort war eine von der „Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel &amp; Huyssen“ betriebene Schiffswerft errichtet worden, auf der 1830 der erste eiserne deutsche Rheindampfer gebaut wurde. In der Folgezeit betrieb die Hüttengewerkschaft Dampfschiffahrt zwischen der niederländischen Grenze und Köln.

1833 gelang es <span class="abbr" title="Haniel">H.</span> in einem Prozeß um die Gewerkschaft Schölerpad, an der er maßgeblich beteiligt war, sich gegen das von den Bergbehörden ausgeübte Direktionsprinzip durchzusetzen, so daß der Gewerkschaft das Vorzugsrecht zum Tiefbau zugestanden wurde. Einen ähnlichen Schritt erwirkte er zur gleichen Zeit bei der Zeche Hagenbeck, der ältesten, seit 1575 bestehenden Zeche des Ruhrreviers, wobei ihr wichtige Kohlenflöze zugesprochen wurden. Bei Mülheim begann <span class="abbr" title="Haniel">H.</span> 1830 einen Schacht abzuteufen, der eine starke Mergelschicht zu durchstoßen hatte. Zur Inbetriebnahme war jedoch der Schacht für damalige Verhältnisse bereits zu tief geworden, so daß sich <span class="abbr" title="Haniel">H.</span> 1833 entschloß, einen neuen Schacht abzuteufen, der sich allerdings ebenfalls als eine Fehlkalkulation erwies, denn die Qualität der Kohle, auf die er gestoßen war, lohnte den Abbau nicht. Neben dieser langwierigen und kostspieligen technischen Pionierleistung, seiner größten, arbeitete <span class="abbr" title="Haniel">H.</span> an der Ausweitung seines Zechenbesitzes, der seiner Stimme in wirtschaftspolitischen Fragen und in den Erörterungen um eine Reform der Berggesetzgebung in zunehmendem Maße Gewicht verlieh. 1848 wurde er in die Kommission berufen, die ein neues Berggesetz entwerfen sollte. 1847 begann eine von <span class="abbr" title="Haniel">H.</span> ins Leben gerufene Bohrgesellschaft mit der Erschließung der Zeche Zollverein bei Essen. Ende 1849 war man in einem Hauptschacht auf einer Tiefe von 114m auf Kohle gestoßen. Ein Jahr später war auch ein zweiter Schacht abgeteuft worden, so daß 1851 die Förderung aufgenommen werden konnte. Schon 1853 betrug sie gegen 100 000 t, und nach anderthalb Jahrzehnten war die Zeche Zollverein unter die führenden Zechen des Ruhrreviers aufgestiegen. Eine weitere Tat war die Erschließung der Hüttenzeche Oberhausen, die von <span class="abbr" title="Haniel">H.</span>vorangetrieben wurde, nachdem es 1853 zwischen den daran Beteiligten zu einem Vertrage gekommen war. 1856 stießen die den Schacht abteufenden Bergleute auf Kohle; trotz der Wirtschaftskrise des Jahres 1857 wurde weitergearbeitet, so daß 1858 mit der Förderung begonnen werden konnte. Zugleich gelang <span class="abbr" title="Haniel">H.</span> die Konsolidierung, die Übertragung des gesamten Bergwerksbesitzes auf die Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel und Huyssen. Oberhausen wurde zur ersten Hüttenzeche im Ruhrgebiet. Wohl das gewagteste und schwierigste Bergbauunternehmen <span class="abbr" title="Haniel">H.</span>s war die Erschließung des linken Niederrheins durch die Zeche Rheinpreußen. 1857 wurde mit der Niederbringung des ersten Schachtes begonnen. 1861 drohte in großer Tiefe eindringender Schwimmsand das gesamte Vorhaben scheitern zu lassen, erst 1877, schon nach <span class="abbr" title="Haniel">H.</span>s Tode, wurde nach größten Schwierigkeiten wieder festes Gebirge erreicht. Ein zweiter Schacht hingegen, der 1867 in der Nähe in Angriff genommen wurde, stieß bereits 1872 auf Kohle.

Mit der Zunahme der Kohlenförderung im Ruhrgebiet und der Verkokung der Kohle wurde auch die Frage des Transportes dringlicher. <span class="abbr" title="Haniel">H.</span> gehörte seit 1832 mit [Friedrich Harkort](https://www.deutsche-biographie.de/sfz45784.html) zu den ersten Befürwortern von Eisenbahnen in den Rheinprovinzen. Erst nach dem Fehlschlagen verschiedener Projekte <span class="abbr" title="Haniel">H.</span>s konnte 1848 die hauptsächlich auf sein Betreiben hin gebaute Strecke Ruhrort–Oberhausen in Betrieb genommen werden, die danach als Zweigbahn zu der bereits bestehenden Köln–Mindener Bahn gehörte. Bald danach kam auch eine Verbindung zwischen Ruhrort und Gladbach hinzu. Daneben beteiligte sich <span class="abbr" title="Haniel">H.</span> am Straßenbau, am Ausbau des Hafens von Ruhrort und am Bau einer Trajektanstalt zum Übersetzen von Bahnwagen nach Homberg auf der gegenüberliegenden Rheinseite.

<span class="abbr" title="Haniel">H.</span> war der Urtyp einer patriarchalischen Gründergestalt – wichtig war für ihn vor allem sein Ruf und der seiner Familie. Ihn zu mehren, setzte er Zähigkeit und Tatkraft ein; die Fähigkeit, neue Strömungen des Zeitgeistes zu erfassen und sie sich nutzbar zu machen, kam ihm dabei zu Hilfe.

##### 10. Friedrich Harkort

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/scaled-1680-/Psuimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-04/Psuimage.jpeg)

Nach Besuch der Hagener Handlungsschule und Kaufmannslehre in der Firma Wuppermann &amp; Mohl nahm <span class="abbr" title="Harkort">H.</span> als freiwilliger Landwehroffizier an den Befreiungskriegen teil. Dann leitete er einen Kupferhammer im Deilbachtal bei Hattingen und eine Gerberei auf Harkorten. 1819 gründete er gemeinsam mit dem Elberfelder Kaufmann und Bankier Johann Heinrich Daniel Kamp und dem englischen Ingenieur Thomas die „Mechanische Werkstätte“ in Wetter/Ruhr für den Dampf- und Textilmaschinenbau. Das Unternehmen wurde 1822 durch den Kauf des Erzbergwerks Valberger Zug bei Olpe, 1826 durch Einrichtung eines Puddel- und Walzwerks und einer Kesselschmiede in Wetter und 1830 durch die „Henriettenhütte“ bei Olpe erweitert; damit entstand eine Unternehmenskonstruktion, die den späteren großen Vertikalkonzernen des Ruhrgebiets entsprach, allerdings 1832 insgesamt nur 147 Arbeiter beschäftigte. Für den Aufbau mußten vor allem englische Arbeitskräfte, die <span class="abbr" title="Harkort">H.</span> auf zwei Englandreisen 1819 und 1826 anwarb, eingesetzt werden, doch widmete er sich von Anfang an besonders der Ausbildung deutscher Facharbeiter. Anfangserfolge im Maschinenbau – Abnehmer waren neben den Zechen des Ruhrgebiets (Pumpanlagen) und den Wuppertaler Textilfabriken auch schlesische, sächsische und böhmische Firmen – sicherten der „Mechanischen Werkstätte“ in Wetter die Unterstützung der preußischen Regierung, die ihr jedoch entzogen wurde, als nach dem Ausscheiden Thomas’ (1826) die Leistungen nachließen. Vom Glauben an den notwendigen technischen und industriellen Fortschritt besessen, vernachlässigte <span class="abbr" title="Harkort">H.</span> zugunsten des weiteren Ausbaus seines Unternehmens die Maschinenfabrik, vergaß über den Entwicklungsmöglichkeiten, die er sah und richtig einschätzte, die realen Gegebenheiten, die einen langsamen und schrittweisen Ausbau verlangt hätten. Als 1831/32 Liquiditätsschwierigkeiten auftraten, erzwang Kamp, dessen Söhne dann das Unternehmen erfolgreich weiterführten (eine Stammfirma der DEMAG), das Ausscheiden <span class="abbr" title="Harkort">H.</span>s (1834). Mit einer kleinen eigenen Maschinenfabrik und einem Eisenwerk in Hombruch bei Dortmund hatte <span class="abbr" title="Harkort">H.</span> keinen Erfolg.

Seit 1825 widmete <span class="abbr" title="Harkort">H.</span> sich auch Eisenbahnplänen. Zuerst trat er mit einem berühmt gewordenen Aufruf „Eisenbahnen-Railroads“ im „Hermann“ für den deutschen Eisenbahnbau ein, stellte dann auch eigene Versuche an und beteiligte sich maßgeblich am Bau der westdeutschen Kohlenbahnen (Schmalspurbahnen mit Zugpferden); einen großen Plan für ein westdeutsches Eisenbahnnetz, der weitgehend den späteren Streckenverlauf vorzeichnete, veröffentlichte er 1833, hatte jedoch danach am westdeutschen Bahnbau keinen Anteil mehr. Dann wandte er sich dem Schiffsbau zu. In Verbindung mit der Duisburger Werft Westphal, Strack &amp; <abbr title="Compagnie">Co.</abbr> baute er 1836 ein Dampfschiff für die Weser, das aber den Anforderungen nicht genügte, und dann 1836/37 die Schonerbrigg „Rhein“ für den Rhein-See-Verkehr. Auch dieses Projekt scheiterte; seine Kölner Geldgeber trieben ihn daraufhin 1838 zum Bankrott. Zwar verfolgte er danach noch weitere industrielle Projekte, konnte sie aber ebenfalls nicht verwirklichen. So gehörte er zwar zu den großen Anregern der westdeutschen Industrialisierung, sein Anteil an diesem Prozeß ist aber kleiner, als gemeinhin angenommen wird.

1823 wurde <span class="abbr" title="Harkort">H.</span> Beigeordneter für Wetter und leitete die Gemeindegeschäfte bis 1839. Bereits 1826 in den Westfälischen Provinziallandtag gewählt, dort aber nicht zugelassen, weil er der für das passive Wahlrecht vorgeschriebenen Bedingung des zehnjährigen Grundbesitzes nicht entsprach und ein Antrag des westfälischen Oberpräsidenten von Vincke auf Erteilung einer Ausnahmegenehmigung abgelehnt wurde, nahm er zuerst 1830/31 als Abgeordneter des Standes der Landgemeinden (4. Stand) des Kreises Hagen am Provinziallandtag teil. Nach dem Zusammenbruch seiner Unternehmungen mußte er wieder ausscheiden. 1848 wurde er als Abgeordneter in die konstituierende preußische Nationalversammlung gewählt und gehörte dem preußischen Abgeordnetenhause (2. Kammer) ununterbrochen als Vertreter westwestfälischer Wahlkreise bis 1870 an, 1871-74 als Vertreter des Wahlkreises Hagen auch dem 1. deutschen Reichstag. Während der Revolutionsjahre Abgeordneter der antirevolutionären bürgerlichen Rechten, gehörte er später zur liberalen Linken des Abgeordnetenhauses. Konsequent und kompromißlos vertrat er die parlamentarische Verfassung gegen Revolution und Reaktion. Als Abgeordneter äußerte er sich vor allem sachverständig zu Verkehrs- und Sozialfragen und befaßte sich besonders mit Fragen der Schul- und Bildungspolitik.

Bedeutender als sein parlamentarisches Wirken ist seine Leistung als politischer Publizist. Beginnend mit den „Bemerkungen über die preußische Volksschule und ihre Lehrer“ (1842) bis hin zum „Arbeiterspiegel“ (1875), nahm er in einer Vielzahl von Aufsätzen und selbständigen Schriften zur Innenpolitik Stellung. Vor allem entwickelte er ein Modell der sozialen Integration des neuen „Vierten Standes“, der späteren Arbeiterschicht, in eine bürgerlich-industrielle Gesellschaft, das, auf Erfahrungen und nicht auf theoretischen Folgerungen basierend, ausführlicher und umfassender ist als die gleichzeitigen Vorschläge anderer bürgerlicher Sozialpolitiker. Es weist vier Bereiche aktiver Sozialpolitik auf: 1. Sicherung der Existenz in Notzeiten durch Einführung von Kranken-, Alters- und Invalidenversicherungen; 2. die Förderung von Eigentumserwerb und Seßhaftigkeit durch Sparkassen, Mobilisierung des Grundbesitzes und Kleinsiedlung, wobei er sogar bereits Fertigbauweisen für Reiheneigenheime und Ausbildung eines Arbeiterberufsverkehrs in Erwägung zog; 3. Ausbau der Betriebsverfassung im Sinne einer Mitberatung (noch nicht Mitbestimmung) der Arbeitnehmer; 4. ein Bildungssystem, das vom Kindergarten über die Volksschule und die Berufsund Hauswirtschaftsschule zum Beruf, über Arbeiterbildungsvereine und Volksbüchereien zur Fortbildung führte, wobei er nicht nur fachliche Ausbildung vorsah, sondern auch politische Bildung, die auch die Angehörigen der Unterschichten befähigen sollte, bewußte Staatsbürger zu werden und damit an den Rechten und Pflichten des Staatsbürgers teilzuhaben. Dieser sozialpolitische Entwurf zeichnet weitgehend die sozialpolitische Entwicklung bis zur Gegenwart vor. Schon darum gehört <span class="abbr" title="Harkort">H.</span> zu den bedeutenden bürgerlichen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Daneben ist seine hohe Auffassung von dem Wesen der Politik hervorzuheben. Als ein unbeirrbarer Verfechter der bürgerlichen Freiheit als des wichtigsten und höchsten Gutes und echter Liberalität in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, für ihn die Grundlage jeglichen Fortschritts, erkannte er seinen politischen Auftrag in der konsequenten und kompromißlosen Bewahrung solcher Freiheit, wie er, wie kaum einer seiner Zeitgenossen, die Notwendigkeit der Industrialisierung erkannt hatte. Bürgerliches Selbstbewußtsein, Verantwortungsbereitschaft gegenüber Volk und Staat und Glaube an den Fortschritt in Technik, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, den er in Wort und Schrift vertrat, prägten seine Persönlichkeit und begründeten – jenseits aller äußeren Mißerfolge – seinen Nachruhm, der den „alten Harkort“ vor allem in seiner engeren Heimat zur fast legendären Gestalt werden ließ.

##### 11. Max Bruch

Der Kom­po­nist und Di­ri­gent Max Bruch gab dem Er­be des ro­man­ti­schen [Klas­si­zis­mus](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/K#term-871) sei­ne letz­te gül­ti­ge Prä­gung. Mu­si­ka­lisch früh­be­gabt hat­te Bruch sein mu­sik­theo­re­ti­sches Rüst­zeug in Bonn und Köln er­lernt, ehe er wech­seln­de Lehr­po­si­tio­nen und Ka­pell­meis­ter­stel­len im In- und Aus­land ein­nahm. Sein Schaf­fen zeich­ne­te sich durch den ly­ri­schen Zau­ber ora­to­ri­scher Ge­sän­ge und zahl­rei­che in­stru­men­ta­le So­lo­par­ti­en aus. Von der Mu­sik­welt mit ho­hen Aus­zeich­nun­gen und Äm­tern ge­ehrt, ver­lieh Bruch der Tra­di­ti­on Men­dels­sohns neue und zum Teil bis in die Ge­gen­wart fort­wir­ken­de Im­pul­se.

Ge­bo­ren wur­de Max Chris­ti­an Fried­rich Bruch am 6.1.1838 in Köln. Die Fa­mi­lie vä­ter­li­cher­seits stamm­te aus dem Raum [Saar­brü­cken](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5b1a7176980e89.02575533 "Saarbrücken")/Zwei­brü­cken, von wo sein Gro­ßva­ter Chris­ti­an Gott­lieb Bruch (1771-1836) 1803 als Su­per­in­ten­dent und Vor­ste­her der pro­tes­tan­ti­schen Ge­mein­de nach Köln be­ru­fen wor­den war. Des­sen Sohn Au­gust Carl Fried­rich Bruch (1799-1861), Max Bruchs Va­ter, hat­te Ju­ra stu­diert und war Vi­ze­prä­si­dent der Köl­ner Po­li­zei. Die Mut­ter Wil­hel­mi­ne ge­bo­re­ne Al­men­rä­der (1799-1867) stamm­te aus ei­ner Mu­si­ker­fa­mi­lie und war ei­ne be­kann­te Sän­ge­rin. Ih­re Fa­mi­lie stamm­te aus dem Ber­gi­schen Land; ih­re drei Brü­der wa­ren Mu­si­ka­li­en­händ­ler und In­stru­men­ten­bau­er (Fa­gott) in Köln und wur­den ge­mein­sam mit ih­rem Va­ter 1821 die Mit­be­grün­der der Köl­ner Mu­si­ka­li­sche Ge­sell­schaft.

Als Kind zeig­te Max Bruch zu­nächst Ta­lent zur Ma­le­rei, aber nach­dem er im Al­ter von neun Jah­ren sein ers­tes Lied kom­po­niert hat­te, wen­de­te sich das Blatt. Jetzt schrieb er in ei­nem plötz­li­chen krea­ti­ven Aus­bruch zahl­rei­che klei­ne­re und grö­ße­re Kom­po­si­tio­nen bis hin zur Ou­ver­tü­re für ei­ne ge­plan­te Oper *Jung­frau von Or­leans*. Die ein­zi­ge er­hal­te­ne Ju­gend­kom­po­si­ti­on ist ein 1849 ge­schrie­be­nes Sep­tett, das sich na­tur­ge­mäß an den ein­schlä­gi­gen Wer­ken [Lud­wig van Beet­ho­vens](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c578bad39561.36831967 "Ludwig van Beethoven") (Sep­tett Es-Dur op. 20) und Franz Schu­berts (1797-1828) (Ok­tett F-Dur D 803) ori­en­tier­te.

Ei­nen ers­ten mu­sik­theo­re­ti­schen Un­ter­richt er­hielt Max Bruch bei [Hein­rich Brei­den­stein](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c588431ae9d4.80451080 "Heinrich Carl Breidenstein"), seit 1822 Mu­sik­di­rek­tor der Bon­ner Uni­ver­si­tät, bald er­gänzt und dann ab­ge­löst von Fer­di­nand Hil­ler (1811-1885), seit 1850 be­zie­hungs­wei­se 1853 Di­rek­tor des Köl­ner Kon­ser­va­to­ri­ums und des Gür­ze­nich-Or­ches­ters. Un­ter Hil­lers Lei­tung ge­wann das Köl­ner Mu­sik­le­ben in­ter­na­tio­na­le Gel­tung, von der auch Max Bruch pro­fi­tier­te. Durch des­sen Ver­mitt­lung er­hielt Bruch 1852 ein Sti­pen­di­um der Frank­fur­ter Mo­zart-Stif­tung, das ihm er­mög­lich­te, 1853-1857 sor­gen­frei zu stu­die­ren, Kom­po­si­ti­on bei Hil­ler, Kla­vier bei Carl Rei­ne­cke (1824-1910), und zu rei­sen. Mit ei­ner Ver­to­nung des Sing­spiels *Scherz, List und Ra­che* von Jo­hann Wolf­gang von Goe­the (1749-1832), ur­auf­ge­führt in Köln 1858, leg­te er so­zu­sa­gen sein Opus 1 vor. Die nächs­ten Jah­re wa­ren Stu­di­en­jah­re, die Bruch trotz­dem nicht oh­ne wei­te­re Kom­po­si­tio­nen ver­brach­te. Schwer­punkt wur­de bald sei­ne Ver­to­nung des von Ema­nu­el Gei­bel (1815-1884) ur­sprüng­lich für Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dy (1809-1847) ge­schrie­be­nen Tex­tes zu ei­ner Oper Lo­re­ley, von de­ren Kom­po­si­ti­on bei Men­dels­sohns Tod nur we­ni­ge Frag­men­te vor­la­gen. Gei­bel hat­te dar­auf­hin jah­re­lang jeg­li­che An­fra­gen ver­schie­de­ner Kom­po­nis­ten ab­ge­lehnt, und auch Max Bruch konn­te erst bei ei­ner per­sön­li­chen Vor­spra­che in Wien die Frei­ga­be des Li­bret­tos er­rei­chen. Nach er­folg­lo­sen Be­mü­hun­gen in Mün­chen wur­de die Oper *Lo­re­ley* op. 16 am 14.6.1864 in Mann­heim ur­auf­ge­führt und in den nächs­ten bei­den Spiel­zei­ten in Ham­burg, Leip­zig, [Köln](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5b0ea4bdd8c297.92917889 "Köln"), Mainz, Wei­mar und Co­burg ge­ge­ben. Ob­wohl er von dem Mann­hei­mer Kon­zert­meis­ter Jo­hann Na­ret-Ko­n­ing (1838-1905) da­zu ani­miert wor­den war, ein Vio­lin­kon­zert zu schrei­ben, rich­te­te sich sein kom­po­si­to­ri­sches Au­gen­merk zu­nächst auf di­ver­se Chor­wer­ke, de­ren Gip­fel *Frit­h­jof* op. 23 bil­det, ei­ne Kan­ta­te für So­li, Män­ner­chor und Or­ches­ter, die sein An­se­hen in der deut­schen Mu­sik­welt er­heb­lich stei­ger­te (Ur­auf­füh­rung 20.11.1864). Die­ses Re­nom­mee führ­te schlie­ß­lich mit da­zu, dass er 1865 als ei­ner von 49 Be­wer­bern auf die va­kant ge­wor­de­ne Stel­le des Mu­sik­di­rek­tors beim [Ko­blen­zer](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5b17f7e2ec8b96.82761205 "Koblenz") Mu­sik-In­sti­tut be­ru­fen wur­de. Hier ent­stand ne­ben klei­ne­ren Chor­wer­ken sein bis heu­te po­pu­lä­res ers­tes Kon­zert für Vio­li­ne und Or­ches­ter op. 26, das am 24.4.1864 mit Ot­to von Kö­nigs­löw (1824-1898) als So­lis­ten aus dem Ma­nu­skript zum ers­ten Mal er­klang. Nach­fol­gen­de Re­vi­sio­nen, vor al­lem am So­lo-Part in Zu­sam­men­ar­beit mit Jo­seph Joa­chim (1831-1907) im Ok­to­ber 1867 in Han­no­ver, führ­ten zur end­gül­ti­gen Fas­sung, die Joa­chim am 7.1.1868 in Bre­men zum ers­ten Mal spiel­te. Über die über­gro­ße Po­pu­la­ri­tät, die das Werk schnell er­reich­te, är­ger­te sich Bruch spä­ter, vor al­lem mit Blick auf sei­ne wei­te­ren Kom­po­si­tio­nen für So­lo-Vio­li­ne, der­art, dass er sich ernst­lich mit dem Ge­dan­ken trug, wei­te­re Auf­füh­rung gar po­li­zei­lich ver­bie­ten zu las­sen.

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-max-bruch.-%28wikipedi"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/34965.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_34965.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Max Bruch. (Wikipedia / Patricia.topa / CC BY-SA 4.0)

</figcaption></figure></div>  
</div></div>Max Bruch blieb nur zwei Jah­re in Ko­blenz und nahm die schon früh ihm an­ge­tra­ge­ne Be­ru­fung zum Hof­ka­pell­meis­ter im thü­rin­gi­schen Son­ders­hau­sen an; der Ver­trag da­tiert vom 6.6.1867, die Er­nen­nung er­folg­te am 19. Ju­li. Hier stell­te er am 26.7.1868 sei­ne ers­te Sin­fo­nie op. 28 vor, de­ren Kom­po­si­ti­on er wohl schon in Ko­blenz be­gon­nen hat­te. Da es in­ner­halb ei­nes hal­ben Jah­res zu zahl­rei­chen Auf­füh­run­gen deutsch­land­weit kam, fühl­te sich Bruch ani­miert, gleich noch ei­ne zwei­te Sin­fo­nie (op. 36) zu Pa­pier zu brin­gen (Ur­auf­füh­rung 4.9.1870). Zwi­schen bei­den Sin­fo­ni­en be­fass­te er sich wie­der mit et­li­chen Chor­wer­ken. Dar­un­ter sind be­son­ders die drei *Mes­se­sät­ze (Ky­rie, Sanc­tus, Agnus Dei)* op. 35 zu nen­nen, mit de­nen er sich sei­nen „Lie­bes­kum­mer“ von der See­le schrieb. Er hat­te sich in Ko­blenz ver­liebt, war dann nach Son­ders­hau­sen ge­zo­gen und hat­te sich bei der jun­gen Frau erst nach über ei­nem Jahr wie­der ge­mel­det, was die­ser aber gar nicht ge­fiel, so dass aus der sich noch recht lan­ge hin­zie­hen­den An­ge­le­gen­heit zu Bruchs Leid­we­sen nichts wur­de.

Im Herbst 1870 ent­schloss sich Max Bruch, ein un­ab­hän­gi­ger, frei­schaf­fen­der Künst­ler zu wer­den, wo­zu er sich in Ber­lin nie­der­ließ. Noch in Son­ders­hau­sen hat­te er an sei­ner drit­ten Oper *Her­mio­ne* op. 40 ge­ar­bei­tet, die am 21.3.1872 in Ber­lin zur Ur­auf­füh­rung kam, nach­ge­spielt in Bre­men, Köln und Dres­den, je­weils mit mä­ßi­gem Er­folg. Seit Sep­tem­ber 1871 be­schäf­tig­te ihn die Idee zu ei­nem Ora­to­ri­um, zu *Odys­seus* op. 41 (Un­ter­ti­tel: Sce­nen aus der Odys­see), das am 8.2.1873 in Bar­men (heu­te [Stadt Wup­per­tal](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5b1a7108dcfc54.06474102 "Wuppertal")) un­ter Bruchs ei­ge­ner Lei­tung erst­mals er­klang. Das Werk wur­de so­fort von vie­len Ge­sang­ver­ei­nen ins Re­per­toire auf­ge­nom­men und ver­schaff­te Bruch auch im Aus­land (Nie­der­lan­de, Eng­land und USA) ho­hes An­se­hen. Au­ßer­dem reg­te es ihn an, wei­te­re Wer­ke die­ses Gen­res zu ver­fas­sen, dar­un­ter ei­ne Ver­to­nung von Fried­rich Schil­lers (1759-1805) *Das Lied von der Glo­cke* op. 45.

Aus Är­ger über den Miss­er­folg der Oper *Her­mio­ne* in Ber­lin sie­del­te er 1873 nach [Bonn](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/5bbf40a9b536d6.38944580 "Bonn") über. Hier ent­stand sein zwei­tes Ora­to­ri­um, ein Pro­dukt des Zeit­geis­tes un­mit­tel­bar nach dem Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg, *Her­manns­schlacht*, das nach ers­ten Auf­füh­run­gen in Bar­men (Ur­auf­füh­rung 4.12.1875), Bonn und Ber­gisch Glad­bach mehr­ma­li­ge Re­vi­sio­nen er­fuhr und schlie­ß­lich am 21.1.1877 in Zü­rich un­ter dem Ti­tel *Ar­mi­ni­us* in ei­ner end­gül­ti­gen Fas­sung als op. 43 her­aus­kam. Auf der Heim­rei­se von die­ser Auf­füh­rung lern­te Bruch den Gei­ger Pa­blo de Sa­ra­sa­te (1844-1908) ken­nen, der in Frank­furt und Wies­ba­den Bruchs ers­tes Vio­lin­kon­zert spiel­te (am 2. und 8.2.1877). Von Sa­ra­sa­tes Spiel war Bruch der­art an­ge­tan, dass er sich ent­schloss, ihm bis Herbst für des­sen ge­plan­te nächs­te Tour­nee ein neu­es Kon­zert zu schrei­ben. Es wur­de Bruchs zwei­tes Vio­lin­kon­zert op. 44, des­sen ers­te Auf­füh­rung er am 4.11.1877 im Crys­tal Pa­lace in Lon­don sel­ber di­ri­gier­te. Fünf Ta­ge spä­ter, am 9.11.1877, wie­der­hol­ten die bei­den die Auf­füh­rung in Ko­blenz, si­cher­lich in Er­in­ne­rung an die dor­ti­ge Pre­mie­re des ers­ten Kon­zer­tes.

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-max-bruch%2C-portr%C3%A4t-i" style="text-align: justify;"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/34968.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_34968.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Max Bruch, Porträt im Shakespear Memorial Album. (Das Digitale Shakespeare Memorial Album / Library of Birmingham / CC BY-ND 3.0 DE)

</figcaption></figure></div> </div></div>Im Au­gust 1878 wur­de Max Bruch zum Mu­sik­di­rek­tor des Stern­schen Ge­sang­ver­eins in Ber­lin be­ru­fen, ei­ne Ver­pflich­tung, die ihm viel Zeit zum Rei­sen ließ, vor al­lem nach Eng­land (Li­ver­pool, Bir­ming­ham). Bruch war 1877 zum ers­ten Mal nach Li­ver­pool ein­ge­la­den wor­den, um ei­ne Auf­füh­rung des *Odys­seus* zu di­ri­gie­ren, dann neu­er­lich 1879 für *Das Lied von der Glo­cke*, was letzt­lich da­zu führ­te, dass er im Früh­jahr 1880 zum Lei­ter der Li­ver­pool Phil­har­mo­nic So­cie­ty be­ru­fen wur­de. Über Weih­nach­ten und Neu­jahr 1880/1881 kam er noch ein­mal nach Ber­lin zu­rück, um am 3.1.1881 die Sän­ge­rin Cla­ra Tuc­zek (1854-1919) zu hei­ra­ten. 1882 kam Toch­ter Mar­ga­re­the (ge­stor­ben 1963) als ers­tes von vier Kin­dern zur Welt.

In den drei Jah­ren, die Bruch in Li­ver­pool tä­tig war, di­ri­gier­te er 35 Kon­zer­te, in de­ren Pro­gram­men er hin­sicht­lich der ei­ge­nen Wer­ke ziem­li­che Zu­rück­hal­tung üb­te. Im­mer­hin brach­te er die *Schot­ti­sche Fan­ta­sie* für Vio­li­ne op. 46 und *Kol Ni­drei* für Vio­lon­cel­lo op.47 hier her­aus. Nach­dem sich das Pro­jekt, ein in Edin­burgh zu grün­den­des Kon­ser­va­to­ri­um und die dor­ti­gen Or­ches­ter­kon­zer­te zu lei­ten, zer­schla­gen hat­te, kehr­te Bruch Li­ver­pool den Rü­cken. Wäh­rend ei­ner Ame­ri­ka­rei­se März bis Ju­ni 1883 di­ri­gier­te er im April in New York sei­ne drit­te Sin­fo­nie, de­ren Auf­trag er sei­ner­zeit von dort er­hal­ten hat­te und wo sie am 17.12.1882 ur­auf­ge­führt wor­den war.

Schon im Ja­nu­ar 1883 hat­te er sich nach Bres­lau ver­pflich­tet, auf ei­ne Stel­le, die er erst nach der Rück­kehr aus Ame­ri­ka im Sep­tem­ber an­trat. Dar­über schrieb er zu­frie­den an Fritz Sim­rock (1837-1901): „Ich ha­be mei­ne fes­te Burg, mein Haus, mein lie­bes Weib, mein Kind, und in al­len Tei­len der Welt gu­te Freun­de — in Deutsch­land so­wohl als in Eng­land und Ame­ri­ka. Um die fal­schen und hal­ben Freun­de oder Geg­ner küm­me­re ich mich je län­ger je we­ni­ger; ich las­se sie lau­fen und la­che über ih­re Af­fen­ko­mö­di­e“. Ne­ben ei­ge­nen Wer­ken mach­te er sein Bres­lau­er Pu­bli­kum mit Wer­ken von Hec­tor Ber­li­oz (1803-1869), Ca­mil­le Saint-Saëns (1835-1921), Mi­chail Glin­ka (1804-1857), An­tonìn Dvořak (1841-1904) und Pjotr Il­jitsch Tschai­kow­ski (1840-1893) durch­aus mit Wer­ken neu­es­ter Mu­sik ver­traut bis hin zu Ri­chard Strauss‘ (1864-1949) *Aus Ita­li­en* op. 16. Als im Früh­jahr 1884 Fer­di­nand Hil­ler 72-jäh­rig in Köln zu­rück­trat, fa­vo­ri­sier­te die­ser zu­nächst Jo­han­nes Brahms (1833-1897), nach des­sen Ab­sa­ge Max Bruch als sei­nen Nach­fol­ger, den das Köl­ner Ko­mi­tee al­ler­dings nicht wähl­te, weil man ihn für ehr­gei­zig, ego­is­tisch, in­tri­gant und ein­ge­bil­det hielt.

Bruch blieb sie­ben Jah­re lang in Bres­lau. Von den nicht ge­ra­de vie­len Kom­po­si­tio­nen, die er dort fer­tig­stell­te, sind das Ora­to­ri­um *Achil­leus* op. 50, des­sen Ur­auf­füh­rung er am 28.6.1885 in Bonn sel­ber di­ri­gier­te, die Kan­ta­te *Das Feuer­kreuz*, die er am 26.2.1889 in Bres­lau her­aus­brach­te, und der Lie­der­zy­klus auf die No­vel­le *Sie­chen­trost* op. 54 von Paul Heyse (1830-1914) zu nen­nen, die auf den Be­richt ei­ner Lim­bur­ger Chro­nik zu­rück­geht und de­ren Hand­lung an Rhein (St. Goar) und Mo­sel spielt.

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-max-bruch%2C-mit-signa" style="text-align: justify;"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/34957.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_34957.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Max Bruch, mit Signatur. (Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste)

</figcaption></figure></div> </div></div>Bruchs Weg­gang aus Bres­lau wur­de un­ter an­de­rem be­dingt durch Un­stim­mig­kei­ten mit po­li­ti­schen Grup­pie­run­gen in der Stadt, die ihm sei­ne lei­den­schaft­li­che Par­tei­nah­me für Ot­to von Bis­marck (1815-1898) übel nah­men. So zog er An­fang 1890 mit un­ge­wis­sen Aus­sich­ten wie­der ein­mal nach Ber­lin, dies­mal mit Frau und Kin­dern. Als ers­tes voll­ende­te er hier in Zu­sam­men­ar­beit mit Jo­seph Joa­chim (1831-1907) sein drit­tes Vio­lin­kon­zert op. 58, die Ur­auf­füh­rung spiel­te je­doch Pa­blo de Sa­ra­sa­te am 31.5.1891 in Düs­sel­dorf. Joa­chim hat­te an der Kö­nig­li­chen Aka­de­mie der Küns­te, der er seit 1869 als Di­rek­to­ri­ums­mit­glied an­ge­hör­te, ei­ne Meis­ter­klas­se für Kom­po­si­ti­on ein­ge­rich­tet. Als Hein­rich von Her­zo­gen­berg (1843-1900), der seit 1886 die­se Stel­le in­ne­hat­te, 1891 sei­nen Rück­tritt ein­reich­te, wur­de Bruch mit Wir­kung vom 1.4.1892 be­ru­fen, ver­bun­den mit der Mit­glied­schaft im Se­nat der Aka­de­mie und dem Ti­tel Pro­fes­sor. Al­ler ma­te­ri­el­len Sor­gen le­dig konn­te Bruch jetzt viel Zeit mit Kom­po­nie­ren ver­brin­gen, so dass er meh­re­re Vo­kal- und In­stru­men­tal­wer­ke zu Pa­pier brach­te, Lie­der, kür­ze­re Chor­wer­ke, Kam­mer­mu­sik.

1890 wur­de ihm vom baye­ri­schen Prinz­re­gen­ten der Ma­xi­mi­li­ans­or­den ver­lie­hen und 1893 die Eh­ren­dok­tor­wür­de der Uni­ver­si­tät Cam­bridge, die er al­ler­dings 1914 aus Em­pö­rung über Eng­lands Kriegs­er­klä­rung zu­rück­gab. Aus An­lass der Wie­ner Ur­auf­füh­rung sei­ner Kan­ta­te *Leo­ni­das* op. 66, sei­ner ers­ten grö­ße­ren Män­ner­chor-Kom­po­si­ti­on seit *Frit­h­jof*, im Ok­to­ber 1893, wur­de er Eh­ren­mit­glied des Wie­ner Män­ner-Ge­sang­ver­eins. 1894 nahm er die Ar­beit an ei­nem seit 1889 ge­plan­ten neu­en Ora­to­ri­um auf, *Mo­ses* op. 67, das am 19.1.1895 in Bar­men un­ter sei­ner ei­ge­nen Lei­tung ur­auf­ge­führt wur­de. Ge­gen En­de 1898 wur­de Bruch so­gar zum kor­re­spon­die­ren­den Mit­glied der Aca­dé­mie des Beaux Arts in Pa­ris er­nannt. Im fol­gen­den Jahr wur­de er Mit­glied des Di­rek­to­ri­ums der Kö­nig­li­chen Hoch­schu­le für Mu­sik, 1907 Vor­sit­zen­der des Se­nats und Vi­ze­prä­si­dent als Nach­fol­ger Jo­seph Joa­chims. Eh­run­gen er­fuhr er auch durch die Aka­de­mie in Stock­holm, die Schwei­zer Mu­sik­ge­sell­schaft, die Nie­der­län­di­sche Ge­sell­schaft zur Be­för­de­rung der Ton­kunst und die phil­har­mo­ni­sche Ge­sell­schaft in Lon­don. Schon 1898 war er auf­grund sei­nes Ora­to­ri­ums *Gus­tav Adolf* op. 73 beim deut­schen Kai­ser und sei­ner Gat­tin *per­so­na gra­ta* ge­wor­den. Das Werk war am 22.5.1898 un­ter Bruchs Lei­tung in Bar­men her­aus­ge­kom­men; es soll­te sein letz­tes gro­ßes Chor­werk sein. Den Win­ter 1903/1904 ver­brach­te er auf An­ra­ten sei­ner Ärz­te in Ita­li­en, be­such­te Rom und Nea­pel, schlie­ß­lich für ei­nen Mo­nat Ca­pri, wo er die An­re­gung für sei­ne Sui­te für Or­ches­ter und Or­gel op. 88b emp­fing, die spä­ter in nicht ganz glück­li­chen Be­ar­bei­tun­gen als Kon­zert für zwei Kla­vie­re op.88a be­kannt wur­de.

1910 wur­de er von der Kö­nig­li­chen Aka­de­mie der Küns­te in den wohl­ver­dien­ten Ru­he­stand ent­las­sen. Wie sehr er mitt­ler­wei­le ins Ab­seits ge­ra­ten war, zeig­te sich bei­spiels­wei­se an der Re­ak­ti­on der Pres­se auf sei­ne *Se­re­na­de für Vio­li­ne und Or­ches­ter* op. 75, die man als „wi­der­wär­tig sü­ß“ emp­fand, de­ren „Sac­cha­rin-Zau­ber“ Un­be­ha­gen her­vor­ge­ru­fen ha­be, wo­zu man la­ko­nisch fest­hielt: „Wir än­dern uns und die Mu­sik mit un­s“. Der Ru­he­stand sorg­te zu­nächst noch für ei­nen Schub neu­er Kom­po­si­tio­nen. Es ent­stan­den Lie­der, ein Chor­werk auf Schil­lers *Die Macht des Ge­san­ges* op. 87, acht Stü­cke für Kla­ri­net­te, Brat­sche und Kla­vier op. 83 und als letz­tes grö­ße­res Werk das Dop­pel­kon­zert für Kla­ri­net­te und Brat­sche mit Or­ches­ter op. 88. Ab­ge­se­hen von Rei­sen zur Er­ho­lung oder zu Auf­füh­run­gen sei­ner Wer­ke ver­brach­te Bruch sei­ne letz­ten Jah­re im We­sent­li­chen in Ber­lin, nör­gel­te an al­lem und je­dem her­um, an den Di­ri­gen­ten und vor al­lem an der Mu­sik der jün­ge­ren Kom­po­nis­ten-Kol­le­gen, re­agier­te ver­bit­tert auf die Zeit-Um­stän­de - es herrsch­te schlie­ß­lich der Ers­te Welt­krieg -, fei­er­te aber trotz­dem am 6.1.1918 hoch­ge­ehrt sei­nen 80. Ge­burts­tag. Die Ber­li­ner Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät (heu­te Hum­boldt-Uni­ver­si­tät) ver­lieh ihm 1918 die Eh­ren­dok­tor­wür­de.

<div class="information-object-paragraph" id="bkmrk-max-bruch-und-joseph"><div class="information-object-paragraph__content">  
</div><div class="information-object-paragraph__image"><div class="content-images"><figure class="content-images__image"><div class="content-images__image-wrapper" data-master-src="/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/34956.jpg">![](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/sites/default/files/external-resources/entity-resources/images/digicult-web-lvr/5/DISPLAY600_34956.jpg)<div class="content-images__image-overlay">  
</div></div><figcaption class="content-images__caption">Max Bruch und Joseph Joachim, 1907. (Signale für die Musikalische Welt, Vol. 65, November 1907, pp. 1172-1175)

</figcaption></figure></div> </div></div>Am 27.8.1919 starb sei­ne Frau Cla­ra nach lan­gem Lei­den, und auch Bruchs ei­ge­ne Ge­sund­heit nahm ste­tig ab, bis er am 2.10.1920 in Ber­lin-Frie­denau ver­starb (nicht am 20.10.1920, wie in et­li­chen Le­xi­ka zu le­sen ist). Sei­ne Grab­stät­te be­fin­det auf dem Al­ten St.-Mat­thä­us-Kirch­hof in Ber­lin (Eh­ren­grab). In ver­schie­de­nen deut­schen Städ­ten, dar­un­ter in Ber­gisch Glad­bach, Bonn, Ko­blenz, Köln, Mün­chen und Son­ders­hau­sen, tra­gen Stra­ßen sei­nen Na­men. In Ber­gisch Glad­bach ist nicht nur die Städ­ti­sche Mu­sik­schu­le nach ihm be­nannt, son­dern auf der Mar­gar­ten­hö­he er­in­nert seit 1935 ein Denk­mal nach ei­nem Ent­wurf des Köl­ner Bild­hau­ers Wolf­gang Wall­ner (1884-1964) an ihn. In Köln wur­de er 1990 mit ei­ner Fi­gur am Rat­haus­turm ver­ewigt, die Fi­gur schuf der Bild­hau­er Olaf Höh­nen (1933-2009). Seit 1966 ist das 1949 von Ewald Bruch (ge­bo­ren 1890), ei­nem Sohn des Kom­po­nis­ten, ge­grün­de­te Max-Bruch-Ar­chiv dem Mu­sik­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tut der Uni­ver­si­tät zu Köln an­ge­schlos­sen. Es sam­melt und ver­wahrt Do­ku­men­te zum Le­ben und Werk des Kom­po­nis­ten und stellt sie der For­schung zur Ver­fü­gung.

##### 12. Ferdinand Lassalle

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/6Wwimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/6Wwimage.jpeg)

Die geistige Entwicklung <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s wurde außerordentlich früh abgeschlossen. Als ihm zu Ostern 1842 das Zeugnis der Reife aus bürokratischer Willkür verweigert wurde, stürzte er sich für ein Jahr auf die intensive Lektüre philosophischer Schriften, vor allem derjenigen Hegels, und übernahm die – revolutionär gewendete – Geschichtsphilosophie Hegels als unverrückbaren Maßstab seiner Orientierung. In einem Brief an den Vater, der ihn – wenn auch widerstrebend – seinen eigenen Weg gehen ließ, schreibt er: „Es gibt keine (gemeint: neue) Phase mehr für mich, denn ich habe die höchste des gegenwärtigen Geistes erreicht und kann mich nur innerhalb dieser, <span class="abbr" title="das heißt">d. h.</span> quantitativ, ausbilden.“ Diese Einschätzung verdanke er der Philosophie Hegels, sie habe ihm „alles gegeben, Klarheit, Selbstbewußtsein, zum Inhalt die absoluten Mächte des menschlichen Geistes, die objektiven Substanzen der Sittlichkeit, der Vernunft etc.“, kurz, sie habe ihn zum selbstbewußten Gott, <span class="abbr" title="das heißt">d. h.</span> zu dem sich als Erscheinungsform und Verwirklichung des Göttlichen begreifenden Geist gemacht. Und „wer einmal Gott war, wird nie wieder ein dummer Junge“. <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> akzeptierte nicht nur die Hegelsche Philosophie, er identifizierte sich auch mit ihr und verstand sie – in enthusiastischem Überschwang – als Bestätigung für die Übereinstimmung seines subjektiven Selbstbewußtseins mit dem „objektiven Geist“.

Während der ersten Semester des Studiums der Philosophie und Geschichte in Breslau (1843/44) entwarf <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> den Plan einer Reformbewegung des Judentums, die dessen Partikularität – im Geiste Hegels – in der allgemeinen Philosophie überwinden und aufheben sollte. Trotz einer oft zitierten Tagebuchstelle aus dem Jahre 1840, in der <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> davon gesprochen hatte, es sei immer seine Lieblingsidee gewesen, „an der Spitze der Juden, mit der Waffe in der Hand, sie selbständig zu machen“, hat sich <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> für die Judenemanzipation nur wenig interessiert. Ähnlich wie Marx kam es ihm bei seiner demokratisch-revolutionären Zielsetzung letztlich auf die „Befreiung der Menschheit“ an, wobei er allerdings – analog zu Fichte – die Hoffnung hegte, die Deutschen würden zu den erfolgreichen Wegbereitern dieser Befreiung werden. In Breslau suchte <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> – im Rahmen der Burschenschaft – für die Demokratie zu agitieren und bildete einen ersten Freundeskreis. 1844/45 studierte er in Berlin und kam in ausführlichen Manuskriptbriefen an die Eltern zu einer Art Abschluß seiner Bildung. Im Sommersemester 1845 studierte er wieder in Breslau. Grundzüge der erst 1857 publizierten Schrift „Die Philosophie Herakleitos des Dunklen von Ephesos, nach einer neuen Sammlung seiner Bruchstücke und der Zeugnisse der Alten“ entstanden in dieser Zeit. In einem „Kriegsmanifest an die Welt“ formulierte er erstmals seine Vorstellung vom „Reich des freien Geistes“ – seinem Reich – und schwor einige Freunde auf es ein.

Da <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> als Jude an eine Universitätslaufbahn nicht denken konnte (er wäre lebenslänglich Privatdozent geblieben) und da er sich nicht (etwa als Journalist) „verkaufen“ wollte, strebte er zugleich nach finanzieller Unabhängigkeit. Der beginnende Industrialismus sollte ihm die Mittel liefern, sich in voller Freiheit der Sache der entschiedenen Demokratie widmen zu können. Aus diesem Grunde wirkte er auch am Zustandekommen der Prager Gasgesellschaft (im Winter 1845/46) mit und suchte bei einem Besuch in Paris, zusammen mit seinem Schwager Friedländer, [Heinrich Heine](https://www.deutsche-biographie.de/sfz68461.html) für seine Beteiligung zu gewinnen. Heine, der durch den Tod seines Onkels [Salomon Heine](https://www.deutsche-biographie.de/sfz28918.html), von dem er eine testamentarisch nicht abgesicherte Rente bezogen hatte, in Schwierigkeiten gekommen war, wollte sich gern der Hilfe des aktiven jungen Mannes in seinen Erbschaftsangelegenheiten bedienen und schickte ihn mit einem berühmt gewordenen Empfehlungsschreiben an Varnhagen von Ense. Anfang 1849 – als <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> inhaftiert war – hat Marx diesen Brief in der „Neuen Rhein. Zeitung“ zusammen mit einem Kommentar publiziert und damit ungewollt wesentlich dem späteren Lassalle-Kult die Wege geebnet. Heine schrieb <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span>: „Herr Lassalle, der Ihnen diesen Brief bringt, ist ein junger Mann von den ausgezeichnetsten Geistesgaben: mit der gründlichsten Gelehrsamkeit, mit dem weitesten Wissen, mit dem größten Scharfsinn, der mir je vorgekommen; mit der reichsten Begabnis in der Darstellung verbindet er eine Energie des Willens und eine Habilité im Handeln, die mich in Erstaunen setzen.“ Zugleich spürte Heine freilich auch in diesem jungen Mann den Boten einer Zeit, mit der er sich – bei allem Wohlwollen – doch nicht ganz einverstanden wußte: „Herr Lassalle ist nun einmal so ein ausgeprägter Sohn der neuen Zeit, der nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wissen will, womit wir uns mehr oder minder heuchlerisch in unserer Zeit hindurchgelungert und hindurchgefaselt. Dieses neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im Sichtbaren; wir die Alten waren doch vielleicht glücklicher als jene harten Gladiatoren, die so stolz dem Kampftode entgegengehen.“

<span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s Wirken für Heine war nicht ganz ohne Wirkung; da Heine jedoch selbst immer wieder taktische Wendungen machte, von denen <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> nichts wußte, hatte er keinen durchschlagenden Erfolg, auch gelang es ihm nicht, Heine nach Berlin zu bringen. Immerhin kam durch <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> eine Versöhnung mit [Giacomo Meyerbeer](https://www.deutsche-biographie.de/sfz62914.html)zustande, der bereit war, eine Rentenzusage des reichen Onkels zu beeiden, und Hermann Fürst Pückler-Muskau schrieb einen ausgezeichneten, hochherzigen Brief an den Erben Karl Heine, den er auch zur Veröffentlichung freigab. <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> hat die Angelegenheit der Heineschen Erbauseinandersetzung immer auch als politisch angesehen. Die Art und Weise, wie das wohlhabende, liberale Bürgertum mit dem größten lebenden deutschen Dichter umging, war ihm ein Lehrstück, das der Aufklärung des Volkes und seiner Abkehr von den Liberalen dienen sollte.

Der Heinesche Erbschaftsstreit war noch nicht vergessen, da nahm sich <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> der Auseinandersetzung der Gräfin Sophie Hatzfeldt mit ihrem Gatten Edmund an. Die zahlreichen Prozesse, in denen <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> als Bevollmächtigter der Gräfin fungierte, und die Verfolgungen, denen er ihretwegen ausgesetzt war, haben ihn im Rheinland populär gemacht. Motiv für dieses – erst mit einem im <span class="abbr" title="August">Aug.</span> 1854 abgeschlossenen Vergleich beendete – Engagement war einmal die Möglichkeit, am Beispiel des skrupellosen Lebemanns und geldgierigen Grafen die „Fäulnis“ der bestehenden Gesellschaft aufzuzeigen und zum anderen durchaus auch die finanzielle Sicherung der eignen Existenz, die <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>, der bis dahin vom Vater geldlich unterstützt worden war, schließlich auf diesem Weg erreicht hat. Im Verlauf dieser Prozesse erwarb sich <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> eine profunde Kenntnis der existierenden Rechtsordnung und -praxis und wurde zum brillanten Verteidigungsredner in fremder wie in eigener Sache. Als im Zusammenhang mit dem Versuch, Belege für finanzielle Zusicherungen des Grafen an seine Mätresse Meyendorf(f) zu beschaffen, Felix Alexander Oppenheim, ein Freund und zeitweiliger „Jünger“ <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s, eine Kassette aus deren Besitz entwendet hatte, wurde <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> selbst wegen „intellektueller Urheberschaft des Kassettendiebstahls“ vor Gericht gestellt. Von Februar bis August 1848 war <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> wegen dieses angeblichen Delikts in Untersuchungshaft. Die Gräfin Hatzfeldt, ihr Sohn Paul und die Neue Rhein. Zeitung sowie demokratische Vereinigungen in Düsseldorf und Köln bemühten sich um eine Beschleunigung des Verfahrens, das – wie man gewiß war – mit dem Freispruch enden mußte. In seiner Gerichtsrede suchte <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> den Tendenzcharakter der Anklage und ihre politische Bedeutung herauszuarbeiten, während es dem Staatsanwalt wie dem Gericht darauf ankam, ihn als „gewöhnlichen Verbrecher“ abzustempeln. Während die Geschworenen zu keinem eindeutigen Entlastungsspruch kamen, mußte das Gericht schließlich auf Freispruch erkennen. Der Makel eines zweifelhaften Ehrenmannes sollte <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> jedoch zeitlebens bleiben. Daran hatten auch die besten Zeugenaussagen zu seinen Gunsten und die Selbstwidersprüche der Belastungszeugen nichts ändern können.

Während der Revolution von 1848/49 stand <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>, wie auch die Gräfin Hatzfeldt und ihr Sohn, eindeutig auf Seiten der entschiedenen Demokratie, wie sie auch die Neue Rhein. Zeitung von Marx vertrat. <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> lernte Marx damals kennen und wurde einer seiner wenigen Duzfreunde, was jedoch die spätere Entfremdung nicht verhindert hat. Beide waren überzeugt, daß in Deutschland erst die „bürgerliche Revolution“ auf der Tagesordnung stehe, daß es aber nötig und nützlich sei, wenn „das Volk“ (Kleinbürger und Arbeiter) einen entsprechenden Druck auf Volksvertretung und Regierung ausübte. In Düsseldorf arbeitete <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> eng mit dem angesehenen Kaufmann und Kommandanten der Bürgerwehr Lorenz Cantador (1810–83) zusammen. Im Herbst 1848 lag die reale politische Macht in Düsseldorf vorübergehend ganz in den Händen der Demokraten und ihrer Bürgerwehr, selbst der Regierungspräsident nahm die Anordnungen der Bürgerwehr hin, die Sache der Demokraten und ihres Widerstands gegen „illegale Maßnahmen der <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Regierung“ wurde sogar von einer Reihe leitender Beamter unterstützt. Mit der Verhängung des Belagerungszustands und der Verhaftung <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s am 22.11. war alles zu Ende. Auf einer Massenversammlung unter freiem Himmel in Neuß hatte <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> noch am Tag zuvor Unterstützung für die Düsseldorfer Demokraten zu mobilisieren gesucht. Erst im Mai 1849 wurde er von der Anklage, „die Bürger zur Bewaffnung gegen königliche Gewalt“ aufgereizt zu haben, freigesprochen, jedoch sofort „wagen Beleidigung des Generalprokurators“ erneut in Untersuchungshaft genommen sowie schließlich zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt, deren Vollzug zeitweilig ausgesetzt wurde.

Durch seine Reden und mehr wohl noch durch die Verfolgungen, denen er ausgesetzt war, ist <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> zu einer Art Volksheld der demokratischen Revolution im Rheinland geworden. Obwohl er bereits seit langem zutiefst von der Sache des „Kommunismus“ überzeugt war, hat er sich während dieser Jahre jeder über das Ziel der Demokratie und des „allgemeinen und gleichen Wahlrechts“ hinausgehenden Forderung enthalten. Seine Plädoyers verbanden stets die Respektierung geltenden Rechts mit geschichtsphilosophischen Reflexionen, deren Tragweite freilich viele seiner Zuhörer nicht verstanden haben dürften. So lehnte <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> die Legitimität der gegen ihn erhobenen Anklage im Mai 1849 mit der Begründung ab, die vom König faktisch – wider geltendes Recht – oktroyierte Verfassung vom 18.3.1849 sei eine Revolution gewesen. Daher sei er auch nur bereit, einem Revolutionstribunal Rede zu stehen. Auf diesem demokratischen Rechtsformalismus beharrte <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> auch in den folgenden Jahren. Jede Wahl, die nach dem oktroyierten Dreiklassen-Wahlrecht erfolgte, blieb für ihn ein Verrat an der Demokratie und stand nicht auf dem Boden des Rechts.

Während seiner Haft zwischen <span class="abbr" title="Oktober">Okt.</span> 1850 und April 1851 arbeitete <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> eine „Geschichte der sozialen Entwicklung“ aus, die er wenig später Arbeitern in Düsseldorf vortrug. In dieser Arbeit sind zweifellos Gedanken des „Kommunistischen Manifestes“ von Marx und Engels verarbeitet, aber im Unterschied zu Marx hält <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> an „einem Begriff des Rechts und Staats überhaupt“ fest, der mit seinem jeweiligen zeitbedingten Inhalt in Widerspruch stehe. Während Staat und Recht „Selbstverwirklichung des menschlichen Geistes“ sein sollten, sind sie – bislang – „Unrecht“ und „Unfreiheit“. Vor allem sei die Bourgeoisie nicht imstande, den „sittlichen Staat“ zu realisieren, weil in ihr „jeder für sich lebt“ und "die Unbeschränktheit des einzelnen das Höchste“ ist. Aus diesem Grunde konnte die bürgerliche Revolution die Freiheit und Unabhängigkeit des Volkes, der ärmeren Mehrheit der Bevölkerung, nicht realisieren. „Diese Freiheit selbst, welche die Aufhebung aller Privilegien zu sein vorgibt und auch zuerst zu sein glaubt, ist selbst nichts als die Errichtung eines neuen, und zwar des härtesten Privilegs, des Kapitalbesitzes“. Die Entwicklung werde daher erst dann ihr Ziel erreichen, wenn durch den „Arbeiterkommunismus“ die Solidarität aller verwirklicht sei. Ein König könne die soziale Gleichheit – auch wenn er wollte – nicht realisieren, weil mit der Beseitigung aller anderen Privilegien „der Thron als das einzige Privileg“ übrigbliebe, „gegen den sich nun alle Angriffe des neuen Gleichheitsprinzips richten müßten“. Das Volk könne daher seine Freiheit nur „aus seinen eignen Händen und eigner Machtvollkommenheit erhalten“.

<span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> korrigiert in dieser Arbeit Hegels Geschichtsphilosophie dahingehend, daß die von Hegel als bereits realisiert unterstellte Verwirklichung der Sittlichkeit im modernen, konstitutionellen Staat erst im künftigen demokratischen Staat erreicht werden wird und daß dann an die Stelle der zeitgenössischen bürgerlichen Klassengesellschaft eine solidarische Gesellschaft von Gleichen treten wird, wie sie von den utopischen Sozialisten erträumt wurde. <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> fühlt sich im Besitz der Einsicht in den objektiv notwendigen Gang der historischen Entwicklung jenen Träumen und Spekulationen, aber auch den liberalen Kompromißlern überlegen. Die „sozialökonomische Basis“ der historischen Entwicklung, die Marx herausgearbeitet hat und die schon im „Manifest“ von 1848 skizziert wird, tritt bei <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> hinter dem ideellen Widerspruch zwischen der „Idee des sittlichen Staates“ und des „Rechts“ und den historischen Realitäten zurück. Dieser ideelle Widerspruch ist es aber, der nach <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> sowohl die Dynamik der Geschichte bewirkt als auch die Garantie der Erreichung des Zieles darstellt. Gerade weil ihm das Ziel der Entwicklung, die egalitäre Demokratie in Gestalt einer „Diktatur der Einsicht“, so klar vor Augen stand, glaubte er sich in der praktischen Tagespolitik alles erlauben zu können. Hierher gehören seine Geheimgespräche mit [Bismarck](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html) (1863, 1864) und seine Propagierung des „sozialen Königtums“ (1864), dessen Realisierung er schon aus begrifflich-logischen Gründen für unmöglich hielt, das aber Hoffnungen erwecken sollte, die zur Revolution der Enttäuschten führen konnten.

In den Jahren nach der Niederlage der Revolution von 1848/49 war <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> – nicht nur in seinen eigenen Augen – einer der wenigen, die den alten Idealen der Demokratie treu blieben. Trotz seiner wiederholten Verhaftungen und Gefängnisstrafen dachte er nicht an Auswanderung. Vielmehr zog er – aus der Erkenntnis der definitiven Niederlage der Revolution im Rheinland und der Konsolidierung Preußens in der „Neuen Ära“ – die Folgerung, das Zentrum der Auseinandersetzung müsse nun nach Berlin verlegt werden. Ähnlich wie Marx kam es ihm dabei zunächst auf die Bildung und Schulung einer „Kadertruppe“ überzeugter Anhänger an. Diesem Zweck dienten auch die Vorträge, die <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> auf der Basis der „Geschichte der sozialen Entwicklung“ vor Düsseldorfer Arbeitern hielt. Wenn er nunmehr offen vom „Arbeiterstand“ (oder gelegentlich auch vom „Proletariat“) und nicht mehr einfach vom „Volk“ redete, so entsprach diesem terminologischen Wechsel keine begriffliche Änderung. Gemeint war nach wie vor die Mehrheit der handarbeitenden Bevölkerung, die – angesichts des wachsenden Reichtums der industriellen Unternehmer – allerdings immer weniger Chancen hat, zu wirtschaftlicher Selbständigkeit sich emporzuarbeiten. <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> hat zweifellos die Bedeutung der Ökonomie für die politischen Auseinandersetzungen erkannt und sich um eine eigene Kritik der Ökonomie bemüht, ist aber erst in seinem Todesjahr 1864 mit seiner Schrift „Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian oder: Kapital und Arbeit“ hervorgetreten. Der Kern der ökonomischen Auffassungen von <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> läßt sich auf die Behauptung des sogenannten „ehernen Lohngesetzes“ und die logische Ableitung der Notwendigkeit von Arbeiterassoziationen als einzig mögliches Rettungsmittel der Lohnarbeiter reduzieren. Als „ehernes Lohngesetz“ hat <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> seine Auffassung der ricardianischen Lohntheorie bezeichnet. Ihr zufolge kann die Arbeiterklasse prinzipiell keinen höheren Anteil am Sozialprodukt erhalten, als ihren reinen Selbsterhaltungskosten entspricht. Auch wenn es einen gewissen „kulturellen Spielraum“ für dieses Minimum gibt, bleibt die Schranke als solche unter der gegebenen Eigentumsordnung absolut. Der Liberalismus und sein „Nachtwächterstaat“ können daher niemals eine wirkliche Abhilfe schaffen. Nur wenn die Arbeiter als Genossenschafter zu ihren eigenen Unternehmern werden und ihnen der Staat dabei die notwendige Starthilfe gibt, kann das „eherne Lohngesetz“ gebrochen werden. Bei der Präzisierung dieser Gedanken stützte sich <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> zum Teil auf Mitteilungen und Ratschläge des radikalen Politikers und Ökonomen [Johann Karl Rodbertus](https://www.deutsche-biographie.de/sfz34540.html), der ihn allerdings vergeblich vor der Gefahr des genossenschaftlichen Egoismus warnte und auf die Notwendigkeit staatlicher zentraler Organisation der Wirtschaft verwies.

Während der 50er Jahre bemühte sich <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> durch eine Reihe von schriftstellerischen und wissenschaftlichen Arbeiten um Festigung seines Ansehens in der Öffentlichkeit. Im November 1857 erschien seine schon erwähnte Arbeit über Heraklit, die ihm die Zustimmung der Berliner Hegelianer und die Mitgliedschaft in der dortigen Philosophischen Gesellschaft einbrachte. Im Oktober 1858 erhielt er die „bedingte Aufenthaltserlaubnis“ für Berlin, die er <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span>auch der Fürsprache Alexander <span class="abbr" title="von">v.</span> Humboldts verdankt haben dürfte, den er seit dem Heine-Erbschaftsstreit kannte. Im Jahr darauf war er an der Edition der Briefe Humboldts an Varnhagen von Ense beteiligt. In einem Vortrag über „die Hegelsche und die Rosenkranzsche Logik“ in der Philosophischen Gesellschaft zeigte <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> die Bedeutung der Kategorien Mechanismus, Chemismus und Zwecktätigkeit (Teleologie) in Hegels objektiver Logik für dessen Geschichtsphilosophie und kritisierte deren Eliminierung durch Rosenkranz. Die „Gültigkeit“ dieser logischen Kategorien war für <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> Garant der historischen Entwicklung, ein absoluterer Garant offenbar als die bloß als Tendenz wirksamen Gesetze der „sozialökonomischen Entwicklung“ in der Kritik der politischen Ökonomie von Marx. Karl Rosenkranz (1805–79) hat sich in einer besonderen Schrift mit <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s Kritik auseinandergesetzt und ihr gegenüber derjenigen von K. <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> Michelet entschieden den Vorzug eingeräumt. Offenbar hat <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> von allen seinen Arbeiten mit den philosophischen am meisten Zustimmung und Anerkennung gefunden.

Weit weniger Anerkennung fand <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> mit seinem großen Bauernkrieg-Drama „[Franz von Sickingen](https://www.deutsche-biographie.de/sfz31027.html)“, dessen Bühnenausgabe 1858 erschien. Vor allem dürfte bei einem Teil des ihm nahestehenden Publikums die doktrinäre Ablehnung des revolutionären Charakters des Bauernkrieges Befremden erregt haben. Der Fortschritt jener Zeit lag nach <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> in der Verwirklichung des einheitlichen Territorialstaates und der Überwindung des feudalen Partikularismus. Ihm gegenüber hätten die Bauern auf ihrer „an den Boden gebundenen Partikularität“ festgehalten. Aus diesem Grunde konnte sich <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> auch ein Zusammengehen der aufständischen Bauern mit dem städtischen Bürgertum nicht vorstellen, wohl aber mit einzelnen Rittern wie Sickingen, die gleichfalls ein untergehendes Prinzip vertraten. Die zwischen Marx und Engels auf der einen Seite, <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> auf der anderen, geführte Sickingen-Debatte betrifft diese inhaltlichen wie auch künstlerische Fragen und ist für die veränderten Beziehungen zwischen beiden Seiten aufschlußreich.

Auch wenn das Schema des objektiv-idealistischen Hegelschen Geschichtsdenkens für <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> verbindlich blieb und er Fichte entsprechend historisch einordnete, hat er doch wiederholt – unmittelbar und aktualisierend – an Fichtesche Thesen angeknüpft. So <span class="abbr" title="zum Beispiel">z. B.</span> besonders eindrucksvoll in dem Artikel „Fichtes politisches Vermächtnis und die neueste Gegenwart“ (1860). Der Kerngedanke dieses Aufsatzes ist, daß Deutschland nur als Einheitsstaat zu einer historischen Nation werden und kein deutscher Territorialfürst diese einheitsstiftende Rolle übernehmen kann. Eine <span class="abbr" title="preußisch">preuß.</span> Spitze würde nur eine der Besonderheiten Deutschlands zur herrschenden machen “und indem so auch noch diejenige Ausgleichung fortfiele, welche jetzt noch in dem Dasein der <span class="italics">verschiedenen</span> Besonderheiten liegt, würde grade dadurch das deutsche Volk auch noch in seiner geistigen Wurzel aufgehoben“. Wie für Fichte war „Deutschland“ auch für <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> weit mehr ein Gedanke, ein philosophisches Ideal, als eine existierende Realität. Dieses letztlich abstrakte Gebilde soll aber zugleich den „sittlichen Staat“ vorbildlich verwirklichen und damit beispielgebend und ansteckend wirken. Mit Recht hat ein neuer Autor bemerkt, daß der <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>sche – wie auch der Fichtesche – Gedanke eines idealen sittlichen deutschen Staates in keiner Weise als Prophetie des kommenden Bismarckschen Deutschland interpretiert werden dürfe, wie das verschiedentlich, am eindringlichsten in der großen Biographie von [Hermann Oncken](https://www.deutsche-biographie.de/sfz73534.html) geschehen ist. Indem <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> Fichte weiterdenkt und aktualisiert, wird er ihm weit eher gerecht als jene, die ihn für das Bismarcksche Reich oder für den Hurra-Patriotismus des 1. Weltkriegs einzuspannen suchten. In einem anderen Fichte-Aufsatz sagt <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>, der Begriff des deutschen Volkes sei noch gar nicht wirklich, er sei ein Postulat der Zukunft. Dieses Postulat bedeutet für ihn die Verwirklichung des bisher unbewußt Erstrebten, „die Schaffung eines deutschen Territoriums als Basis für die gemeinsame Geschichte, als Grundlage für einen wahren deutschen Staat, der nicht mehr Besitz am Volke ist, sondern Besitz des Volkes … “ (Na'aman). Wegen seiner Fichterede am 19.5.1862 hat sich <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> schließlich mit den Berliner Hegelianern überworfen, die beunruhigt das Revolutionär-Aktivistische in seinen Ausführungen herausspürten.

Als <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s wichtigste politische Schrift kann man die Arbeit „Das System der erworbenen Rechte, eine Versöhnung des positiven Rechts und der Rechtsphilosophie“ ansehen, die 1860 und 1861 erschien. Was <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> hier liefert, ist – am Beispiel der Eigentums- und Erbrechtsentwicklung – eine Geschichtsphilosophie im Sinne Hegels. Der Abbau der Besitzprivilegien stellt für ihn einen schrittweisen Befreiungsprozeß dar: Zuerst wird das unmittelbare Eigentum am Menschen (die Sklaverei), später das mittelbare (die Leibeigenschaft) und schließlich künftighin auch noch die vermittelte Verfügung über fremde Arbeit vermöge des Kapitalbesitzes abgeschafft. Mit der Einschränkung der Eigentumsrechte erweitert sich die Freiheit des Willens aller. Die solidarische Welt der Zukunft kann jedoch nur dann mit der individuellen Freiheit zusammen bestehen, „wenn der Einzelwille immer mit dem Kollektivbewußtsein zusammenfällt“ (Na'aman).

<span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> scheint davon überzeugt gewesen zu sein, daß durch entsprechende Aufklärungs- und Bildungsarbeit jene Übereinstimmung schließlich erreicht werden könne. Daß es seiner Auffassung von Demokratie (als „Diktatur der Einsicht“) keineswegs entsprach, die Entwicklung zufälligen Mehrheiten auszuliefern, hat er in einem Brief an Rodbertus deutlich ausgesprochen: „Sie haben ganz recht, wenn sie weder durch Majorität noch durch Stimmeneinheit sich beweisen lassen wollen, was das heutige Zeitbewußtsein will. Wie finde ich dies also? Nun, ich denke ganz einfach! Was Sie sich und der Zeit durch Vernunft und Logik, Wissenschaft beweisen können – das will die Zeit.“ „Das System der erworbenen Rechte“, das im Grunde eine Geschichtsphilosophie der entzogenen Rechte enthält, versteht <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> nicht als Handbuch für Revolutionäre, sondern als streng wissenschaftliche Abhandlung. [Theodor Mommsen](https://www.deutsche-biographie.de/sfz65037.html) hat es nicht zu Unrecht als konstruiert kritisiert und ihm sachliche Irrtümer nachgewiesen. <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s philosophisches Bewußtsein konnte freilich solche Kritik kaum treffen.

Von Juli 1860 bis <span class="abbr" title="Januar">Jan.</span> 1862 bereiste <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> die Schweiz und Italien, wo er Kontakte zur revolutionären Einigungsbewegung aufnahm und in seiner Überzeugung von der revolutionären Potenz der nationalen Einigungsthematik bestärkt wurde. Vergeblich hat er bei dieser Gelegenheit in die große Politik einzugreifen gesucht, indem er Garibaldi zur Zerschlagung des österreich-ungarischen Kaiserreiches aufforderte, dessen Existenz ein wesentliches Hindernis für die Bildung eines einheitlichen deutschen Nationalstaates sei.

Im April 1861 besuchte Marx <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> und die Gräfin Hatzfeldt in Berlin. <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s Versuch, eine Wiedereinbürgerung Marxens zu erwirken,<span class="pb" title="Seite im Original 667">|</span>scheiterte, und auch der Plan einer von <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> zu finanzierenden gemeinsamen Tageszeitung zerschlug sich. Marx und Engels mokierten sich insgeheim über <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s diktatorische Ansprüche als Chefredakteur, wie denn generell ihre Korrespondenz zahlreiche, oft ungerechte Schmähungen <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s enthält. Am 16.4.1862 hielt <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> seine vielbeachtete (und alsbald im Druck verbreitete) Rede über die „demokratische Bedeutung des Arbeiterstandes“ („Arbeiterprogramm“) im Berliner Arbeiterverein und vier Tage später eine Rede über „Verfassungswesen“ im Bürgerbezirksverein. Im „Arbeiterprogramm“ deduziert er den Charakter des „Arbeiterstandes“ und dessen künftige historische Mission daraus, daß „dieser Stand … keine ausschließliche Bedingung weder rechtlicher noch tatsächlicher Art … mehr aufstellt und aufstellen kann, die er als neues Privilegium gestalten und durch die Einrichtung der Gesellschaft hindurch führen könnte“, vielmehr nur für die Abschaffung aller Privilegien und damit für die Vollendung des sittlichen Staates eintreten könne. Als Mittel zur Verwirklichung des Prinzips des Arbeiterstandes und der damit gesetzten Vollendung des sittlichen Staates gelten <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> das allgemeine und gleiche Wahlrecht und ein starker, zentralistischer Nationalstaat. In der Rede über Verfassungswesen führte <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> das Konzept der wirklichen im Unterschied zur geschriebenen Verfassung ein und sprach von einer Verfassungswirklichkeit, auf deren Kenntnis es entscheidend ankomme.

Am 6.12.1862 erreichte <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> das Angebot einer Initiativgruppe des Leipziger Zentralkomitees der Arbeiterbewegung, die Leitung eines zu gründenden Verbandes zu übernehmen, am 11.2.1863 erfolgte eine offizielle Aufforderung des Leipziger Zentralkomitees, <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> möge seine Vorstellung über Ziel und Aufgaben der Arbeiterbewegung präzisieren, was er in dem am 1.3. publizierten „offenen Antwortschreiben“ an das Zentralkomitee tat, das sein soziales Arbeiterprogramm formulierte. Neben der nach wie vor zentralen Forderung nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht sprach sich <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> für „Arbeiterassoziationen mit Staatshilfe“ aus, wobei er zwar selbst immer annahm, daß solche Assoziationen erst von einem durch „den Arbeiterstand“ beherrschten demokratischen Staat finanziert werden könnten, aus Agitationszwecken aber auch die Forderung als solche an den bestehenden Staat gelten ließ. Das Angebot [Bismarcks](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html), eine einzelne derartige Assoziation zu finanzieren, lehnte er allerdings bedingungslos ab. In einem Artikel wehrte sich <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> ausdrücklich gegen die Gleichsetzung der von ihm propagierten Assoziationen mit den französischen Nationalwerkstätten des Jahres 1848, deren klägliches Scheitern ihm von Gegnern vorgehalten worden war.

Am 23.5.1863 konstituierte sich in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) unter der Präsidentschaft <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s, der auch die außerordentlich zentralistischen Statuten entwarf und sich große Befugnisse einräumen ließ. Im September hielt <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> eine große Anzahl öffentlicher Reden (Heerschaureden) und reorganisierte das Kassenwesen des ADAV. Am 22.11. wurde er in einer öffentlichen Berliner Arbeiterversammlung verhaftet. Die am 12.3.1864 gehaltene Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß (wegen einer Ansprache vom 14.10.1863) streicht die Möglichkeit des „sozialen Königtums“ heraus, das sich über die Köpfe der privilegierten Minderheiten hinweg direkt auf das „einfache Volk“ (den Arbeiterstand) stützt. Die seit Mai 1863 aufgenommenen Kontakte mit [Bismarck](https://www.deutsche-biographie.de/sfz60780.html) sind ebenso wie die Agitation für das „soziale Königtum“ als taktische Maßnahmen zum Zweck der Erhaltung legaler Betätigungsmöglichkeiten für den Verein anzusehen, haben aber in der Folge erheblich zur Verwirrung auch von Anhängern beigetragen. Am 22.4. wurde <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, am 29.6. wurde, nach abermaliger Verhandlung, das Strafmaß auf 6 Monate herabgesetzt. <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> blieb aber in Freiheit. Im Mai errang er bei Reden in Solingen, Barmen, Köln, Duisburg, Wermelskirchen, Ronsdorf und Düsseldorf beachtliche Erfolge und wurde von großen Menschenmassen stürmisch gefeiert. Die Würdigungen <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s aus der Feder späterer Sozialisten und Kommunisten beziehen sich fast ausschließlich auf diese letzten zwei Jahre, während deren <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> zum unumstrittenen Führer und Organisator der ersten selbständigen politischen Bewegung deutscher Arbeiter wurde. Sein Mut, sein rhetorischer Schwung und sein Geschick in der Formulierung eingängiger Losungen wurden selbst von denen anerkannt, die ihn – wie Marx, Engels, [Rosa Luxemburg](https://www.deutsche-biographie.de/sfz55316.html) und andere – seiner angeblichen theoretischen Schwächen vor allem auf ökonomischem Gebiet wegen kritisierten.

Mitten aus diesem erfolgreichen und aktiven Leben wurde <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> durch den Tod infolge der bei einem Duell erlittenen Verwundung am 31.8.1864 herausgerissen. Dieser nicht nur von Marx als unpassend und sinnlos empfundene Tod hat gleichwohl zur Glorifizierung des „Achilles“ <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> wesentlich beigetragen. <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> hatte in seinem Leben schon zahlreiche Beziehungen zu Frauen gehabt. Trotz seiner Hochschätzung für die selbständige Kameradin Gräfin Hatzfeldt schätzte er Frauen im allgemeinen keinesfalls als gleichberechtigte Kampfgefährten der Männer ein. 1860 hatte er versucht, eine Ehe einzugehen, und hatte um die junge Russin Sophie Sontzeff vergeblich geworben. Im Juli 1864 lernte er Helene <span class="abbr" title="von">v.</span> Dönniges, die Tochter eines <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Diplomaten, in Rigi-Kaltbad kennen, verliebte sich in ihre Liebe zu ihm und beschloß, die Eltern um die Hand der Tochter zu bitten. Die ehrgeizige neuadlige Familie war aber entschlossen, den in ihren Augen übel beleumundeten Freier abzulehnen, und als Helene Hals über Kopf zu <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> flüchtete in der Erwartung, er werde mit ihr fliehen, meinte jener, den Dank der Familie und die Hand der Tochter dadurch verdienen zu können, daß er sie der Mutter unverzüglich zurückgab. Seine Erwartungen wurden wiederum enttäuscht. Helene wandte sich von <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> ab, und damit hätte die Angelegenheit beendet sein können. Doch <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> setzte alle möglichen Hebel in Bewegung: ließ durch seinen Freund Hans <span class="abbr" title="von">v.</span> Bülow (der – anonym – auch eine Hymne für den Verein komponiert hatte) [Richard Wagner](https://www.deutsche-biographie.de/sfz52508.html) um Intervention bitten, gewann in einer persönlichen Unterredung sogar die Unterstützung des <span class="abbr" title="bayerisch">bayer.</span> Außenministers, der eigens einen Beamten nach Genf schickte, bat die Gräfin Hatzfeldt, Bischof Ketteler einzuschalten (was wegen der unerwarteten Tatsache, daß die Dönniges evangelisch waren, sich als sinnlos erwies) und scheiterte doch, zumal die wichtigste Voraussetzung – die treue Liebe Helenes zu ihm – inzwischen nicht mehr bestand. In seinem Zorn über das Scheitern seiner Pläne beschloß <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>, der zuvor mehrfach von Selbstmord geredet hatte, die Familie zu beleidigen und ein Duell zu provozieren. An Stelle des Vaters stellte sich hierfür der ehemalige und abermalige Verlobte Helenes, der <span class="abbr" title="rumänisch">rumän.</span> Junker Janko <span class="abbr" title="von">v.</span> Racowitza zur Verfügung. Er traf bei dem ihm zustehenden ersten Schuß <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> in den Unterleib, <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s Kugel verfehlte ihr Ziel. Drei Tage nach dem Duell starb <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>

Am Tag vor dem Duell hatte <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> sein Testament verfaßt, das <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> auch dem ADAV galt. Johann Philipp Becker war der erste, der den Tod <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span>s als wichtiges Ereignis für die Partei begriff und Feiern zu organisieren begann. Er versuchte auch, eine Sprachregelung für die Einschätzung des Ereignisses zu finden, die den „makellosen Arbeiterführer“, der ein einziges Mal einen Fehler gemacht habe und für ihn mit dem Tode büßte, wiederherstellte. „Trotz der flehentlichen Einsprache der Gräfin Hatzfeldt, trotz der entschiedensten Opposition seiner Freunde, trotzdem, daß er sein ganzes Leben lang grundsätzlich den mittelalterlichen Unsinn des Duells bekämpft (hatte), nahm er dennoch die Herausforderung an. Und diese einmalige Untreue an seinen Grundsätzen büßte er mit dem Leben. Wie bei allen Menschen, war auch bei diesem Manne die stärkste Seite mit der schwächsten aufs engste verwachsen.“

Der hochbegabte theoretische Kopf, der abstrakte Willensmensch, der leidenschaftlich um seine persönliche Anerkennung wie um die „Sache“ ringende Kämpfer <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> war – wie Na'aman in seiner Monographie gezeigt hat – im Grunde ein einsamer Mensch. Einzig die Gräfin Hatzfeldt war ihm eine lebenslange treue Kampfgefährtin, die zuweilen sein Ungestüm und seine Fehleinschätzung der Lage zu korrigieren wußte. Geistesgeschichtlich gehört <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> in die Tradition des jakobinischen, radikalen Demokratismus und des revolutionär umgebildeten deutschen Idealismus von Fichte und Hegel. Daß er im Laufe der Geschichte von den Revisionisten und von bürgerlichen liberalen Demokraten als Korrektiv gegenüber dem Marxismus herangezogen wurde, beruhte auf einem historischen Mißverständnis. Wenn auch <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> im Unterschied zu Marx dem Staat wie dem Recht eine höhern Bedeutung beimißt, so bedeutet das bei ihm weder eine Anerkennung des Parlamentarismus noch der Reformfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft, sondern vielmehr die Erwartung, daß – gestützt auf eine unartikulierte Massendemokratie – von einer revolutionären Elite eine erfolgreiche „Diktatur der Einsicht“ verwirklicht werden könne, die zum Sozialismus und Kommunismus führen und endlich nach Abschluß einer Erziehungsdiktatur (die ähnlich schon Fichte ins Auge gefaßt hat) Staat und Recht als äußere Zwangsanstalt überflüssig machen würde. In ihrer antiliberalen und antiparlamentarischen Auffassung stehen sich Marxisten und <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> weit näher als gemeinhin bekannt. Dennoch gebührt <span class="abbr" title="Lassalle">L.</span> ein Ehrenplatz in der kleinen Ahnengalerie deutscher Demokraten.

##### 13. Wilhelm Liebknecht

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/scaled-1680-/FxGimage.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-05/FxGimage.jpeg)

Da die Eltern früh starben, wurde <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> von Verwandten erzogen. Er studierte 1842-47 Philologie und Theologie, dann Philosophie, in Gießen, Berlin und Marburg. Im Juli 1847 wurde <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> Lehrer an der Musterschule von Fröbel in Zürich. Als Korrespondent arbeitete er für die oppositionelle „Mannheimer Abendzeitung“. Nach Ausbruch der Februarrevolution 1848 ging <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> nach Paris, er beteiligte sich im <span class="abbr" title="September">Sept.</span> 1848 am republikanischen Aufstand in Baden. Von <span class="abbr" title="September">Sept.</span> 1848 bis Mai 1849 in Säckingen und Freiburg inhaftiert, nahm er von Mai bis Juli 1849 an den Reichsverfassungskämpfen teil; er war Leutnant im Mannheimer Arbeiterbataillon und Adjutant G. <span class="abbr" title="von">v.</span> Struves. Im Juli 1849 floh er in die Schweiz und betätigte sich im Genfer deutschen Arbeiterverein. Im <span class="abbr" title="Februar">Febr.</span>1850 verhaftet und im April aus der Schweiz ausgewiesen, lebte er bis zur Amnestie von 1862 in großer Not in der Londoner Emigration, in enger Bekanntschaft mit der Familie Marx. Er wurde stark beeinflußt von Marx und von Engels, den er bereits in der Schweiz kennengelernt hatte. <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> verstand sich als Anhänger von Marx, auch wenn dieser sich oft skeptisch, wenn nicht sogar abfällig über <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> als Theoretiker äußerte. <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> war überzeugter Republikaner, als Anhänger der Revolution von 1848 trat er für die „Großdeutsche Lösung“ ein, als Sozialist wollte er die Verbindung von Demokratie und Sozialismus erreichen.

<span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> trat 1863 dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) Lassalles bei und wurde Mitarbeiter des „Social-Demokrat“. Im Sommer 1865 schloß ihn die Führung unter J. B. Schweitzer aus dem ADAV aus, er wurde im Juli aus Berlin und Preußen ausgewiesen und übersiedelte nach Leipzig. In Zusammenarbeit und enger Freundschaft mit [August Bebel](https://www.deutsche-biographie.de/sfz2440.html) arbeitete er dort in den Arbeiterbildungsvereinen und gründete die <span class="abbr" title="Sächsisch">Sächs.</span> Volkspartei mit. 1867-71 war <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> Abgeordneter des Norddeutschen Reichstages. 1868 gründete er das „Demokratische Wochenblatt“, das er zu einem Organ für die Ideen von Marx machte. Im <span class="abbr" title="August">Aug.</span> 1869 gründeten <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> und Bebel in Eisenach die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“, zu deren Führern <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> gehörte und deren Parteiorgan „Der Volksstaat“ er leitete.

Zu Beginn des Deutsch-<span class="abbr" title="Französisch">Franz.</span> Krieges enthielt sich <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span>, wie Bebel, bei der Abstimmung über die Kriegsanleihe im Juli 1870 der Stimme, nach der Ausrufung der <span class="abbr" title="französisch">franz.</span> Republik lehnte er die Kriegskredite ab. Zusammen mit Bebel und dem Journalisten [<span class="abbr" title="Adolf/Adolph">Ad.</span> Hepner (1846–1923)](https://www.deutsche-biographie.de/sfz49330.html) wurde <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> von <span class="abbr" title="Dezember">Dez.</span> 1870 bis März 1871 in Untersuchungshaft genommen. Er begrüßte die Pariser Kommune und wandte sich als Internationalist gegen die Annexion Elsaß-Lothringens. Vom 11. bis 26.3.1872 stand <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> zusammen mit Bebel und Hepner wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ vor Gericht und wurde zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt, die er auf Schloß Hubertusburg verbrachte. 1874 wurde <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> in den Reichstag gewählt, dem er zunächst bis 1887 angehörte. 1875 nahm er führend an der Vereinigung der „Eisenacher“ mit den Lassalleanern zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands teil; auf dem Kongreß in Gotha hielt er das Referat zum Parteiprogramm. 1876 übernahm er die Leitung des „Vorwärts“, des neuen Zentralorgans der Partei.

Während der Geltung des Sozialistengesetzes (1878–90) wurde <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> mehrfach inhaftiert, 1881 aus Leipzig ausgewiesen. Im Reichstag, dem er wieder von 1888 bis zu seinem Tode angehörte (1879-85 war er auch Abgeordneter des Sächsischen Landtages), war er neben Bebel der führende Sprecher der Sozialdemokraten. Er veröffentlichte zahlreiche Broschüren und Bücher, <span class="abbr" title="unter anderem, und andere">u. a.</span> „Wissen ist<span class="pb" title="Seite im Original 504">|</span>Macht – Macht ist Wissen“ (1872), „Was die Sozialdemokraten sind und was sie wollen“ (1877), mit denen er die sozialdemokratischen Vorstellungen propagierte und popularisierte. Seine Sozialismus-Vorstellungen zeigten auch eigenständige Ansätze. So sah er in Wissen und Bildung eine Grundvoraussetzung des politischen Bewußtseins und wollte die Sozialdemokratie als eine „Partei der Bildung“ entwickeln. Außerdem unterstrich er die Bedeutung der Demokratie als Voraussetzung des Sozialismus. Für ihn war der demokratische Staat die „einzig mögliche Form der sozialistisch organisierten Gesellschaft“. Demokratie und Sozialismus waren für <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> „nur verschiedener Ausdruck desselben Grundgedankens“. Er stellte auch den Parlamentarismus als eine Kernidee der sozialistischen Vorstellung heraus.

Nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes übersiedelte <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> mit seiner Familie nach Berlin. Er übernahm erneut die Leitung des „Vorwärts“ und war neben Bebel der unbestrittene Führer der <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr>. Auf dem Erfurter Parteitag 1891 begründete er das neue Parteiprogramm. Bis ins hohe Alter trat er bei Hunderten von Parteiveranstaltungen als Redner auf. Auch in der internationalen sozialistischen Bewegung nahm <span class="abbr" title="Liebknecht">L.</span> eine führende Stellung ein. Er unternahm Agitationsreisen nach den USA (1886), England (1896) und Holland (1897). In der <abbr title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</abbr> vertrat er die marxistische Orthodoxie und wandte sich sowohl gegen die linken „Jungen“ (1890/91) als auch gegen Bernstein und den Revisionismus (seit 1895). In seiner letzten Rede am 28.7.1900 bei einer Demonstration in Dresden verurteilte er die Kolonialpolitik.

##### 14. Sophie von Hatzfeld

[![image.jpeg](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-09/scaled-1680-/6f7image.jpeg)](https://wiki.pickablue.info/uploads/images/gallery/2026-09/6f7image.jpeg)

So­phie von Hatz­feldt ließ sich von ih­rem Ehe­mann in ei­nem Auf­se­hen er­re­gen­den Pro­zess schei­den und wur­de auf­grund ih­res En­ga­ge­ments für die deut­sche Ar­bei­ter­be­we­gung als „ro­te Grä­fin" be­kannt.

So­phie Grä­fin von Hatz­feldt-Schönstein zu Tra­chen­berg wur­de am 10.8.1805 in Ber­lin ge­bo­ren. Ihr Va­ter, Fürst Franz Lud­wig von Hatz­feldt-Schönstein zu Tra­chen­berg (1756-1827), stand zu­nächst als Mi­li­tär, spä­ter als Di­plo­mat in preu­ßi­schen Diens­ten. Die Mut­ter, Frie­de­ri­ke Ka­ro­li­ne So­phie Grä­fin von der Schu­len­burg-Keh­nert (1779-1832), stamm­te aus ei­ner be­kann­ten preu­ßi­schen Mi­li­tär- und Be­am­ten­fa­mi­lie. Sie soll durch ihr cou­ra­gier­tes Auf­tre­ten wäh­rend ei­ner Au­di­enz bei Kai­ser Na­po­le­on 1806 ih­ren Ehe­mann vor der To­des­stra­fe be­wahrt ha­ben.

So­phie ver­brach­te ih­re Kind­heit vor­wie­gend auf dem schle­si­schen Schloss Tra­chen­berg und in Ber­lin, bis sie 1822 im Al­ter von 17 Jah­ren aus wirt­schaft­li­chen und fa­mi­li­en­po­li­ti­schen Grün­den mit ih­rem Cou­sin Ed­mund Fürst von Hatz­feldt-Wil­den­burg zu Tra­chen­berg (1796-1874) ver­hei­ra­tet wur­de. Am 10.8.1822 fand die kirch­li­che Trau­ung in der Ka­pel­le von Schloss All­ner und die zi­vi­le Trau­ung in Laut­hau­sen (bei­de Or­te heu­te zu Hen­nef) statt. Zwei Ta­ge spä­ter wur­de die Hoch­zeit auf Schloss Kal­kum groß ge­fei­ert. Schloss Kal­kum im Nor­den [Düs­sel­dorf](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd5d070b7153.05336683 "Düsseldorf")s war der Mit­tel­punkt der Be­sit­zun­gen der Fa­mi­lie von Hatz­feldt-Wil­den­burg, wo Ed­mund re­si­dier­te.

Die Ehe war für So­phie von Be­ginn an un­glück­lich. Ed­mund be­trog sie und zeig­te ihr ge­gen­über kei­ner­lei Rück­sicht oder An­er­ken­nung, son­dern setz­te sie zahl­rei­chen Schi­ka­nen aus. Er ver­bot ihr oft den Aus­gang, ent­zog ihr sämt­li­che Fi­nan­zen und wur­de so­gar kör­per­lich tät­lich. So­phie ver­brach­te auf die­se Wei­se vie­le ein­sa­me Jah­re auf Schloss Kal­kum. Ein­zi­ger Trost wa­ren ih­re drei Kin­der Al­fred (1825-1911), Me­la­nie (1828-1901) und Paul (1831-1901), die ihr von Ed­mund je­doch zu­neh­mend ent­frem­det wur­den. Den De­mü­ti­gun­gen ent­floh So­phie, wann im­mer es mög­lich war, in Rei­sen und Lie­bes­aben­teu­er. Seit 1833 leb­te sie fak­tisch von ih­rem Mann ge­trennt. Es folg­ten meh­re­re so ge­nann­te „Ver­söh­nungs­ver­su­che", die haupt­säch­lich So­phie da­zu ver­pflich­ten soll­ten, sich stan­des­ge­mäß zu ver­hal­ten und nicht ge­gen ih­re Ehe auf­zu­be­geh­ren.

So­phies Ver­hal­ten war ei­ne Auf­leh­nung ge­gen die Mo­ral­vor­stel­lun­gen des Adels­stan­des, die ihr vor­schrie­ben, sich in ih­re Ehe zu fü­gen. Sie poch­te dar­auf, als Frau ei­ne ei­gen­stän­di­ge Per­sön­lich­keit mit ei­ge­nen Rech­ten zu sein; ei­ne zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts un­er­hör­te For­de­rung.

Schlie­ß­lich kam es ab 1846 zu der acht Jah­re dau­ern­den ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung „Hatz­feldt ge­gen Hatz­feldt", die vor über 30 ver­schie­de­nen rhei­ni­schen Ge­rich­ten ge­führt wur­de. Un­ter­stützt wur­de So­phie da­bei von dem 20 Jah­re jün­ge­ren Fer­di­nand Las­sal­le (1825-1864), der ihr 1846 vom Gra­fen Kay­ser­lingk vor­ge­stellt wor­den war. Las­sal­le sah den Pro­zess als po­li­ti­sches Be­tä­ti­gungs­feld in sei­nem Kampf ge­gen die so­zia­le Un­ter­drü­ckung. Der Schei­dungs­pro­zess wur­de von bei­den Sei­ten mit gro­ßer Här­te und al­len er­denk­li­chen le­ga­len und il­le­ga­len Mit­teln ge­führt. Un­sum­men wur­den für Be­ste­chung und Spio­na­ge aus­ge­ge­ben, um fal­sche Zeu­gen­aus­sa­gen zu be­kom­men und die an­de­re Sei­te zu kom­pro­mit­tie­ren.

Das Ver­fah­ren zog sich auch des­halb so lan­ge hin, weil So­phie ne­ben der Schei­dung für ihr fi­nan­zi­el­les Aus­kom­men kämpf­te. Oh­ne Ali­men­te ih­res Man­nes war sie mit­tel­los. Der Ver­lauf des Pro­zes­ses stand in en­gem Zu­sam­men­hang mit den Er­eig­nis­sen der März­re­vo­lu­ti­on 1848/1849. Wäh­rend So­phie zu­nächst ei­ni­ge Er­fol­ge ver­bu­chen konn­te, ga­ben die Ge­rich­te nach 1850 kei­nem ih­rer An­trä­ge mehr statt. Die Rich­ter stan­den wie­der auf der Sei­te der al­ten Stan­des­her­ren.

En­de Ju­li 1851 wur­de die Ehe von So­phie und Ed­mund von Hatz­feldt schlie­ß­lich rechts­kräf­tig ge­schie­den. So­phie ver­lor da­mit die ihr bis da­hin zu­ste­hen­de Ali­men­ta­ti­on in Hö­he von jähr­lich 8.000 Ta­lern. 1854 schlie­ß­lich kam ein Ver­gleich zu­stan­de, der So­phie ein re­gel­mä­ßi­ges Ein­kom­men ga­ran­tier­te. Da­von pro­fi­tier­te auch Fer­di­nand Las­sal­le, dem So­phie nun sein Ho­no­rar aus­zah­len konn­te.

Durch die Be­kannt­schaft mit Las­sal­le wur­de So­phie in die­ser Zeit zu ei­ner un­ab­hän­gi­gen, po­li­tisch ak­ti­ven Frau, die sich als ers­te in die da­mals aus­schlie­ß­lich männ­lich do­mi­nier­te [Do­mä­ne](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/D#term-111) der Par­tei­en­po­li­tik vor­wag­te. Be­reits wäh­rend der März­re­vo­lu­ti­on war ih­re Düs­sel­dor­fer Woh­nung ein An­lauf­punkt für Ver­fech­ter der de­mo­kra­ti­schen Sa­che und po­li­tisch Ver­folg­te. Zu den Be­su­chern zähl­ten un­ter an­de­rem [Karl Marx](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c948ac14dc61.79983187 "Karl Marx") und [Fer­di­nand Frei­li­grath](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57c6bf3887a909.06971757 "Ferdinand Freiligrath"). Über ih­ren Sohn Paul, der zum Kas­sie­rer des Düs­sel­dor­fer Volks­klubs ge­wählt wor­den war, wur­de So­phie über die In­ter­na der or­ga­ni­sier­ten de­mo­kra­ti­schen Be­we­gung auf dem Lau­fen­den ge­hal­ten. Sie be­glei­te­te Paul und Las­sal­le zu den ver­schie­de­nen Ver­samm­lun­gen, wo­bei das Trio, durch­aus be­ab­sich­tigt, Auf­merk­sam­keit er­reg­te. Von der Ver­samm­lung am 8.10.1848 in Ger­res­heim (heu­te Stadt Düs­sel­dorf) kehr­ten sie de­mons­tra­tiv in ei­nem Wa­gen, der vor­ne mit ei­ner ro­ten Fah­ne und an den Sei­ten schwarz-rot-gold ge­schmückt war, nach Düs­sel­dorf zu­rück. So­phies gro­ßes En­ga­ge­ment brach­te sie im­mer wie­der in Kon­flikt mit der Ob­rig­keit, der sie äu­ßerst cou­ra­giert ent­ge­gen trat. So­phie und Las­sal­le stan­den in die­ser Zeit un­ter per­ma­nen­ter Be­ob­ach­tung durch die Po­li­zei.

Die Jah­re nach dem Ab­schluss ih­res Schei­dungs­pro­zes­ses ver­brach­te So­phie mit ver­schie­de­nen Kur­auf­ent­hal­ten in Deutsch­land so­wie mit Rei­sen nach Ita­li­en, auf de­nen sie Las­sal­le be­glei­te­te. 1859 folg­te So­phie Las­sal­le nach Ber­lin, um ihn bei sei­nen po­li­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten zu un­ter­stüt­zen. Das Jahr 1863 mar­kiert schlie­ß­lich den Be­ginn der Las­sal­le­schen Ar­bei­ter­agi­ta­ti­on. Las­sal­le trat in west­deut­schen Städ­ten vor Ar­bei­tern auf, um die­se für sei­ne so­zi­al­po­li­ti­schen Ide­en und die Ar­bei­ter­be­we­gung zu ge­win­nen. So­phie un­ter­stütz­te ihn ent­we­der da­durch, dass sie ihn zu sei­nen Auf­trit­ten be­glei­te­te oder als Stütz­punkt für die jun­ge Ar­bei­ter­be­we­gung in Ber­lin agier­te. Als Frau war es ihr auf­grund des preu­ßi­schen Ver­eins­ge­set­zes ver­bo­ten, dem im Mai 1863 von Las­sal­le in­iti­ier­ten All­ge­mei­nen Deut­schen Ar­bei­ter­ver­ein (ADAV) bei­zu­tre­ten. So­phie un­ter­stütz­te den Ver­ein je­doch auf in­for­mel­le Art und Wei­se.

So­phie war für Las­sal­le nicht nur ei­ne po­li­ti­sche, son­dern auch ei­ne wich­ti­ge mo­ra­li­sche Stüt­ze. Über das en­ge Ver­hält­nis der bei­den ist viel spe­ku­liert wor­den. Al­lein die Tat­sa­che, dass die ad­li­ge Grä­fin mit ei­nem 20 Jah­re jün­ge­ren bür­ger­li­chen Ju­den oh­ne Trau­schein zu­sam­men­leb­te, war für die da­ma­li­ge Zeit skan­da­lös. Sie wa­ren zwei en­ge Ver­trau­te, die ein­an­der brauch­ten, oh­ne ein Lie­bes­paar zu sein. Denn bei­de hat­ten ih­re Af­fä­ren, wo­bei die Be­zie­hung So­phies zu dem Of­fi­zier Wil­helm Rüs­tow (1821-1878) fast zum Bruch mit Las­sal­le ge­führt hät­te.

Wie sehr So­phie je­doch ih­ren Freund ver­ehr­te, wird an ih­rem Ver­hal­ten un­mit­tel­bar nach dem Tod Las­sal­les deut­lich. Las­sal­le starb am 31.8.1864 in Genf an den Fol­gen ei­nes Du­ells. Noch an sei­nem To­ten­bett schwor sie, Ra­che zu neh­men und die Ide­en Las­sal­les in sei­nem Sin­ne wei­ter­zu­füh­ren. So­phie be­ab­sich­tig­te, den Leich­nam Las­sal­les in ei­nem Tri­umph­zug durch al­le Städ­te zu füh­ren, in de­nen sich Ab­le­ger des ADAV ge­bil­det hat­ten. Nach spek­ta­ku­lä­ren To­ten­fei­ern in Frank­furt am Main und Mainz er­reich­te So­phie am 12. Sep­tem­ber den Düs­sel­dor­fer Bahn­hof, von wo aus der Leich­nam per Dampf­boot über den Rhein nach [Köln](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/link/DE-2086/lido/57cd5d2f2acc68.36305193 "Köln") ge­bracht wer­den soll­te. Die­ses Vor­ha­ben wur­de je­doch auf In­ter­ven­ti­on der Mut­ter Las­sal­les von der Po­li­zei ver­ei­telt. Las­sal­le wur­de in sei­ne Hei­mat­stadt Bres­lau ge­bracht, wo er fast heim­lich be­gra­ben wur­de. Trotz des Schei­terns des Lei­chen­zugs war da­mit der Las­sal­le-Kult ge­schaf­fen wor­den, der zu ei­nem wich­ti­gen In­te­gra­ti­ons­mit­tel für die Ar­bei­ter­be­we­gung wur­de.

So­phie be­ab­sich­tig­te, den ADAV als heim­li­che Prä­si­den­tin wei­ter­zu­füh­ren, da sie sich als ein­zig be­rech­tig­te Ver­wal­te­rin des Ver­mächt­nis­ses Las­sal­les sah. Die­ses Vor­ha­ben schei­ter­te je­doch am Wi­der­stand der an­de­ren füh­ren­den Mit­glie­der des Ver­eins. Nach­dem es ihr bei der Ge­ne­ral­ver­samm­lung 1866 nicht ge­lun­gen war, ei­nen ei­ge­nen Kan­di­da­ten für das Amt des Prä­si­den­ten durch­zu­set­zen, grün­de­te sie ei­ne Ge­gen­par­tei, den Las­sal­le­schen All­ge­mei­nen Deut­schen Ar­bei­ter­ver­ein (LA­DAV), der vor al­lem in Sach­sen er­folg­reich war.

So­phie stieß auf im­mer mehr Ab­leh­nung bei den frau­en­feind­li­chen Ar­bei­ter­funk­tio­nä­ren. 1869 be­tei­lig­te sie sich am Wahl­kampf für den Nord­deut­schen [Reichs­tag](https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Glossar/R#term-476). Als je­doch der Ver­such, den LA­DAV mit dem ADAV zu ver­ei­ni­gen, im sel­ben Jahr miss­lang, sank sie po­li­tisch in die Be­deu­tungs­lo­sig­keit. Letzt­lich wa­ren ih­re Ver­su­che, in der Ar­bei­ter­be­we­gung ge­stal­tend mit­zu­wir­ken, durch ihr star­res Fest­hal­ten an dem Er­be Las­sal­les ge­schei­tert. Den­noch be­wies sie gro­ßen Mut, in­dem sie ver­such­te, in der männ­lich do­mi­nier­ten Welt ih­re Vor­stel­lun­gen durch­zu­set­zen.

Nach wei­te­ren rast­lo­sen Jah­ren starb sie am 25.1.1881 in ei­nem Ho­tel in Wies­ba­den. Ihr Wunsch war es, „daß ne­ben sei­nem \[Las­sal­les\] gro­ßen Na­men der mei­ni­ge ei­nen be­schei­de­nen Platz be­hal­te als den sei­nes bes­ten und ein­zi­gen Freun­des". Die­se Eh­re wur­de ihr bis­her nicht zu­teil. Ein Er­in­ne­rungs­ort für die Freund­schaft zwi­schen So­phie von Hatz­feldt und Fer­di­nand Las­sal­le exis­tiert am Schloss Kal­kum, wo ei­ne Pla­ket­te an So­phie und ei­ne Ge­denk­stät­te im Schloss­park an Las­sal­le er­in­nert.

##### Verlinkungen:

-&gt;

##### Quellen:

**Internetquellen**

-&gt; Albrecht, Dieter, "Ludwig II." in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 374-379 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118574892.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118574892.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 07.11.2025.

-&gt; Herres, Jürgen, Karl Marx, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/karl-marx/DE-2086/lido/57c948ac14dc61.79983187 (abgerufen am 29.11.2025)

-&gt; Riezler, Walter, "Brahms, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 508-513 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118514253.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118514253.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 07.01.2025.

-&gt; Konrad, Ulrich, " Wagner, Wilhelm Richard (1814–27 Geyer)" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 211-215 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118594117.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118594117.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 07.01.2026.

-&gt; Bollnow, Hermann, "Engels, Friedrich (Pseudonym Friedrich Oswald)" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 521-527 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118530380.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118530380.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 05.03.2026.

-&gt; Seherr-Thoß, Hans Christoph Graf von, "Otto, Nicolaus August" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 700-702 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118590855.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118590855.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 09.03.2026.

-&gt; Blumtritt, Oskar, "Reis, Johann Philipp" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 381-382 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd11874433X.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd11874433X.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 24.03.2026.

-&gt; Gerlinde Kämmerer (2017): Louise Otto-Peters, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, URL: [https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/louise-otto-peters](https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/louise-otto-peters), zuletzt besucht am: 07.04.2026.

-&gt; Herzog, Bodo, "Haniel, Johannes Franciscus (Franz)" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 616 f. \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118545620.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118545620.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 09.04.2026.

-&gt; Köllmann, Wolfgang, "Harkort, Friedrich Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 675-677 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/pnd118545973.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/pnd118545973.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 09.04.2026.

-&gt; Baur, Uwe, Max Bruch, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/max-bruch/DE-2086/lido/5cbecc67e20e32.14882136 (abgerufen am 12.05.2026)

-&gt; Fetscher, Iring, "Lassalle (Namensänderung 1846), Ferdinand" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 661-669 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118569910.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118569910.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 13.05.2026.

-&gt; Weber, Hermann, "Liebknecht, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 503-504 \[Online-Version\]; URL: [https://www.deutsche-biographie.de/gnd118572768.html#ndbcontent](https://www.deutsche-biographie.de/gnd118572768.html#ndbcontent), zuletzt geprüft am 13.05.2026.

-&gt; Küntzel, Astrid, Sophie von Hatzfeldt, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/sophie-von-hatzfeldt/DE-2086/lido/57c827dfd26f99.41211646 (abgerufen am 03.09.2026)

<div class="information-object__body" id="bkmrk--17"><div class="information-object-paragraph"><div class="information-object-paragraph__content"><div class="footnotes" id="bkmrk--18"></div></div></div></div><div class="information-object__body" id="bkmrk--19"><div class="information-object-paragraph"><div class="information-object-paragraph__content"><div class="footnotes">  
</div></div></div></div><div class="information-object__body" id="bkmrk--20"><div class="information-object-paragraph"><div class="information-object-paragraph__content"><div class="footnotes" id="bkmrk--21"></div></div></div></div><div class="information-object__body" id="bkmrk--22"><div class="information-object-paragraph"><div class="information-object-paragraph__content"><div class="footnotes">  
</div></div></div></div>**Sekundärliteratur**

-&gt;

-&gt;

-&gt;