Weimarer Republik (1918 - 1933)
- Novemberrevolution
- Arbeiter- und Soldatenräte
- Spartakusaufstand
- Friedensvertrag von Versailles
- Reparation
- Völkerbund
- Freikorps
- Kultur und Gesellschaft
- Massenkultur und Vergnügen
- Das Bild der neuen Frau
- Krisen der Weimarer Republik
- Persönlichkeiten
- Technik und Verkehr
Novemberrevolution
Arbeiter- und Soldatenräte
Die Münchner Räteherrschaft
Inhaltsverzeichnis
1. Räteherrschaft. Ende einer Utopie
1. Räteherrschaft. Ende einer Utopie
Nur wenige Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stürzt die Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner den jungen Freistaat Bayern ins Chaos. Die Regierung flieht ins sichere Bamberg, in München rufen revolutionäre Arbeiter- und Soldatenvertreter am 7. April 1919 eine Räterepublik aus. Die bayerische Hauptstadt wird zu einem Laboratorium linker Utopisten. Doch die Gegenseite rüstet schon zum Angriff
Der 7. April 1919 ist ein strahlender Frühlingstag in München. Wer Arbeit hat, macht sich an diesem Montagmorgen auf den Weg. Da werden grellrote Plakate an die Litfaßsäulen geklebt: „An das Volk in Baiern!“, heißt es da in schwarzen Lettern. Was dann folgt, lässt sich so zusammenfassen: Bayern ist ab sofort sozialistische Räterepublik, revolutionäre Arbeiter haben Seite an Seite mit Bauern und Soldaten die Regierung übernommen. Der 7. April wird zum Nationalfeiertag erhoben. Alle Bürokratie soll „unverzüglich ausgetilgt“ werden. Bayern soll dem Vorbild Russlands folgen, in dem seit 1917 Lenins Räte regieren, und damit Abschied vom „fluchwürdigen Zeitalter des Kapitalismus“ nehmen.
Überrascht lesen viele die Bekanntmachung: schon wieder Revolution – der nächste Umsturz seit dem Ende des Weltkrieges ein halbes Jahr zuvor. Die erste Erhebung hat das Königreich Bayern am 8. November 1918 zur Republik gemacht, hat die konstitutionelle Monarchie beendet und dafür gesorgt, dass die Staatsgewalt fortan allein vom Volk ausgeht – und nicht mehr wie zuvor vor allem vom König.
Nach mehreren unruhigen Monaten amtiert seit drei Wochen die aktuelle Staatsregierung. Doch es sieht nicht gut aus für Bayerns Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann von der SPD. Politische Morde überschatten die junge Demokratie: Kurt Eisner, Hoffmanns Vorgänger im Amt, ist auf offener Straße erschossen worden. Für das im Land kursierende Notgeld gibt es kaum noch etwas zu kaufen. Gewalt, Mangel und Hunger treiben immer mehr Menschen in die politische Radikalität. In ihren Augen hat die gerade erst etablierte Ordnung schon wieder abgewirtschaftet. Vor allem die äußerste Linke polemisiert gegen den Landtag und die Regierung Hoffmann. Sie weiß die Arbeiter hinter sich, viele der heimgekehrten Soldaten und einen großen Teil der Bauern.
Sie will keine Herrschaft des ganzen Volkes, sondern die Diktatur des Proletariats. Sie setzt auf die Macht von „Räten“, wie sie nach dem Muster des revolutionären Russlands in den Monaten zuvor in vielen Ländern Europas entstanden sind, um die Politik mitzugestalten. In diesen Räten sitzen Arbeitervertreter, gewählt von Belegschaften in den Betrieben, Soldaten aus den Kasernen sowie Bauern. Verteidiger der parlamentarischen Demokratie haben in diesen Volksgremien immer weniger zu sagen. Eine Versammlung von Soldaten fordert etwa Anfang April die Einführung einer Räterepublik in Bayern. Der Landtag dürfe nicht mehr zusammentreten.
Nachdem Soldatenräte den Abgeordneten erklärten, sie könnten nicht mehr für den Schutz des Landtags garantieren, fliehen Parlamentarier und Regierung aus München. Hoffmann fährt am 6. April nach Nürnberg. Doch der dortige Bürgermeister warnt ihn vor den radikalen Arbeitern am Ort und empfiehlt ihm Bamberg. Das ist katholisch-konservativ, und es gibt dort nur wenige organisierte Proletarier. Bamberg also. München bleibt führungslos zurück.
Es ist dieses Machtvakuum, in das die Revolutionäre in der Nacht auf den 7. April stoßen: Im Wittelsbacher Palais, dem Wohnsitz des letzten Königs, konstituieren sich rund 100 Angehörige der Räte zum Revolutionären Zentralrat einer neuen Republik. Die Versammelten, darunter auch einige linke Intellektuelle wie die Schriftsteller Ernst Toller und Erich Mühsam, sehen sich dazu befugt, die Macht im Freistaat zu übernehmen. Und dekretieren: Ab Montag, den 7. April 1919, 12.00 Uhr, sei Bayern eine Räterepublik – geführt also von den Gremien der Arbeiter, Bauern und Soldaten. Die bayerischen Landesbehörden werden telegraphisch über diesen Schritt informiert.
Dann bricht der Morgen an. Zahlreiche Menschen sammeln sich auf den Plätzen der Münchner Innenstadt. Sie wollen erfahren, was jetzt geschieht. Auf einer Parkbank am Karlsplatz – dem Stachus – stehend, wendet sich Erich Mühsam an die Menge und erklärt, was für eine Republik da ausgerufen worden sei. Einige buhen ihn aus, andere pflichten ihm bei.
Die Revolutionäre stoßen in ein MACHTVAKUUM
Zur gleichen Zeit sammeln sich am Marienplatz vor dem Rathaus Studenten, die für die parlamentarische Demokratie eintreten und gegen die Herrschaft des Proletariats. Es kommt zum Gerangel mit Arbeitern. Die Menge löst sich auf. Am Odeonsplatz, vor der Residenz, werden von monarchistischen Bürgern sogar Hochrufe auf den König laut, bis schließlich Soldaten einschreiten. Sehr groß ist die Begeisterung für die neue Republik offenbar nicht. Aber noch verläuft alles recht friedlich. Beamte und Sicherheitskräfte verhalten sich ruhig, auch wenn in München nun das Proletariat regiert – offiziell jedenfalls, denn viele der führenden Köpfe der Räterepublik sind Intellektuelle, die utopischen Idealen nachhängen.
Kurt Eisner. Der Sozialist ruft im November 1918 den Freistaat Bayern aus. Wenige Monate später wird er ermordet.
Johannes Hoffmann. Ab März 1919 ist der SPD-Politiker Ministerpräsident - und muss vor Revolutionären aus München fliehen
Der 25-jährige Autor Ernst Toller, Chef der Münchner USPD, einer radikalen Abspaltung der SPD, wird zum Vorsitzenden des Revolutionären Zentralrats gewählt. De facto wird er damit Regierungschef. Der Dichter Gustav Landauer – der an diesem Tag seinen 49. Geburtstag feiert – ist nun Volksbeauftragter für Volksaufklärung, eine Art Kultusminister. Bislang hielt der Anarcho-Sozialist Vorträge über Hölderlin, nun entwirft er das Manifest der Räterepublik.
Auch Erich Mühsam, 51, einer der prominentesten Revolutionäre, gehört dem Zentralrat an. Am Morgen ist der Schriftsteller bereits um sechs Uhr früh ins Telegraphenamt gestürmt und hat eine Jubelnachricht an Lenins kommunistische Regierung in Moskau abgesetzt: „Bayern ist Räterepublik … die Diktatur des Proletariats verwirklicht … es lebe die Weltrevolution!“ Doch so einfach ist es nicht. Noch im Verlauf des Montags erscheinen Flugzeuge über der Stadt und werfen Zettel ab, auf denen zu lesen ist, das Kabinett Hoffmann sei nicht zurückgetreten, sondern die einzig rechtmäßige Regierung und allein befugt, Befehle zu erteilen.
Zwar bleibt die Aktion ohne Wirkung. Doch so mancher Münchner wird wohl bereits jetzt ahnen, was bald kommen muss. Die Regierung Hoffmann in Bamberg sowie die SPD-Reichsregierung in Berlin werden eine Abspaltung Bayerns nicht hinnehmen. Beide werden um München kämpfen. Mit allen Mitteln. Aber auch aus den Reihen der Räte droht der neuen Republik Gefahr. Denn die Kommunistische Partei beteiligt sich nicht an der neuen Regierung. Der Zentralrat hat sie zwar zur Teilnahme eingeladen, aber die Kommunisten weigern sich; sie wollen die Macht lieber für sich alleine.
Am Ende werden der Münchner Räteherrschaft nur knapp vier Wochen bleiben. Vier Wochen, in denen Ungeheures gedacht und angestoßen wird – und Utopisten an der Isar beginnen, ihre himmelstürmenden Ideen umzusetzen. Seit die Münchner im November 1918 ihren Monarchen vertrieben und die Republik ausgerufen haben, ist die Stadt ein Laboratorium der anarchischen Linken und der Kommunisten. (Als Reaktion darauf entstehen hier aber auch ultrarechte Gruppierungen, die aus München die Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung machen werden.)
In jenen Tagen, als linke Schriftsteller an die Macht streben, lässt sich ein Mann namens Adolf Hitler in den Münchner Soldatenrat wählen, nur um wenig später einen glühenden Hass gegen diese Linken zu entwickeln. Die Extreme, die schließlich die Weimarer Republik von rechts und von links zermalmen werden, treffen in München bereits im April und Mai 1919 tödlich entschlossen aufeinander. Weshalb aber das utopische Experiment der Linken ausgerechnet in München entsteht und wie es sich vier Wochen gegen alle Widerstände halten kann, das ist die bizarre wie tragische Geschichte der Münchner Räteherrschaft.
MÜNCHEN, 7. NOVEMBER 1918. Viele Menschen hungern. Die anfängliche Euphorie bei der Mobilmachung 1914 ist längst der Gewissheit gewichen, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. Vor allem Arbeiter und Bauern fühlen sich von den alten Parteien nicht mehr vertreten. 1917 hat sich eine linke Gruppe von der SPD abgespalten, die USPD. Ihre Vertreter dringen auf ein sofortiges Ende des Krieges. In München hat sich der Journalist Kurt Eisner an die Spitze der USPD gesetzt, war im Januar 1918 eine treibende Kraft beim Streik der Rüstungsarbeiter.
Nun, da Deutschland mit seinen Kräften am Ende ist und die Oberste Heeresleitung den Krieg verloren gibt, haben in Kiel die Matrosen der Marine gemeutert – und Arbeiter und Soldaten im ganzen Reich mitgerissen. An diesem 7. November also zieht Eisner nach einer Kundgebung auf der Theresienwiese mit gut 1000 Anhängern zum Sturm auf die Kasernen im Norden der Stadt. Die Soldaten reagieren erst verzagt, rufen vom Fenster aus, die Offiziere hätten sie eingesperrt, sie könnten nicht herauskommen. „Dann tretet eben die Türen ein“, fordern die Demonstranten. Und tatsächlich folgen die Soldaten dem Aufruf, setzen ihre Offiziere fest und schließen sich dem Zug an.
Bayerns letzter König Ludwig III., 73 Jahre alt und offenbar nicht im Bilde über die Lage im Land, spaziert gerade im Englischen Garten. Ein Passant warnt ihn: „Revolution is Majestät, gengs S’ heim!“ Als der König in die Residenz zurückkehrt, haben die Wachen bereits ihre Posten verlassen. Niemand stellt sich Kurt Eisners Zug in den Weg. Im „Mathäserbräu“, einer Bierhalle in der Innenstadt, wählen die Versammelten schließlich einen Arbeiter- und einen Soldatenrat als ihre Interessenvertretung, besetzen Hauptbahnhof und Telegraphenamt.
Am Abend dringen Eisner und seine Leute in den Landtag ein – dem entgeisterten Pförtner nehmen sie einfach die Schlüssel ab. Um 23 Uhr verkündet Eisner dort vor den Räten drei entscheidende Punkte: Bayern tritt aus dem Krieg aus, die Monarchie ist abgeschafft, und Bayern ist ab sofort ein Volks- und Freistaat, eine Republik. Befugt hat ihn dazu niemand, außer den gerade anwesenden Räten. Die bestimmen Eisner auch gleich zum neuen Ministerpräsidenten.
Es ist eine unblutige Revolution. Die Staatsmacht lässt sie geschehen, muss sie geschehen lassen, löst sich einfach auf. Die Soldaten laufen ihr ohnehin davon. Jedes Vertrauen in die Obrigkeit ist nach vier Jahren Krieg, nach all den Hungerwintern, nach den ewigen Sieges- und Durchhalteparolen erloschen. Und alle wollen endlich Frieden. So hebt kaum jemand die Hand zur Verteidigung des morschen Systems, es implodiert, im Reich und in Bayern.
Die Macht in München gehört jetzt dem, der sie sich nimmt. Der Kriegsminister des bayerischen Königs versucht zwar noch mit einer Division, die Revolution niederzuschlagen. Aber die Soldaten beider Lager verbrüdern sich. Von der Münchner Frauenkirche weht nun die rote Fahne. In der Nacht flüchtet der König mit dem Auto aus München. Nach 738 Jahren, in denen das Haus Wittelsbach Bayern regiert hat, ist die Dynastie am Ende. Zwei Tage später, am 9. November, muss Kaiser Wilhelm II. abdanken, wird auch in Berlin die Republik ausgerufen.
Eisners Regierung führt in Bayern umgehend das Frauenwahlrecht und den Achtstundentag ein. Banken und Unternehmen will der neue Kabinettschef vorerst nicht sozialisieren, denn dafür sei die Wirtschaft derzeit zu schwach. Eisner sieht die Räte nur als Zwischenstufe auf dem Weg zur allgemeinen Volksherrschaft und lädt seinen Freund Gustav Landauer aus Krumbach nach München ein, um an der „Umbildung der Seelen“ mitzuwirken.
Leicht ist diese Aufgabe nicht. Zeitungen nennen den aus Berlin stammenden Eisner einen „galizischen Juden“. Münchens Erzbischof Faulhaber beschimpft ihn als „Zorn Zions“ – der USPD-Führer hat es gewagt, die kirchliche Schulaufsicht abzuschaffen. Dennoch hofft er auf einen Sieg bei den für Januar 1919 angesetzten Landtagswahlen. Aber es kommt anders: Die USPD erhält nur 2,5 Prozent der Stimmen. Gewinner sind die Bayerische Volkspartei mit 35 Prozent und die SPD mit 33 Prozent. Die Regierung Eisner ist gescheitert.
Der USPD-Führer, ganz Demokrat, akzeptiert die Niederlage und will am 21. Februar 1919 im Landtag als Ministerpräsident abdanken. Mit der Rücktrittserklärung in der Tasche marschiert er zu Fuß zum Landtag. Sein Büroleiter hat ihn davor gewarnt, den gleichen Weg wie immer zu nehmen – zu aufgeheizt sei die Stimmung gegen ihn, ein Attentat nicht auszuschließen. Doch Eisner ignoriert die Bedenken. Ein Fehler.
Vor dem Palais Montgelas treffen ihn von hinten zwei Kugeln in den Kopf. Der Täter, der Student Anton Graf Arco auf Valley, ein Reaktionär, der Eisner für einen Verräter hält, hat ihn abgepasst. Dessen Leibwächter schießen auf Arco. Der Attentäter überlebt. Der Ministerpräsident aber ist sofort tot. Als die Nachricht vom Attentat den Landtag erreicht, hält Erhard Auer von der SPD eine Gedenkrede auf Eisner. Da stürmt ein Metzgergeselle mit einer Pistole herein und schießt Auer nieder, den er für den Hintermann des Attentats hält. Bei der daraufhin im Landtag ausbrechenden Schießerei sterben zwei Männer. Auer überlebt schwer verletzt.
Erst jetzt erkennen die Münchner, wen sie mit Eisner verloren haben: einen Mann, dem eine Revolution gelungen ist, der den Krieg für Bayern beendet, die Monarchie weggefegt und die Herrschaft des Volkes verwirklicht hat – und das alles ohne Blutvergießen. „Die hundert Tage der Regierung Eisner“, befindet der Schriftsteller Heinrich Mann, „haben mehr Ideen, mehr Belebung der Geister gebracht als die fünfzig Jahre zuvor.“ 100.000 Menschen säumen den Trauerzug für Eisner hinaus zum Ostfriedhof. Unter ihnen auch der verkrachte Soldat Adolf Hitler.
Der Ministerpräsident tot, der Landtag vorerst paralysiert: In dieser chaotischen Lage und aufgewühlt von den politischen Morden wählen die Münchner Arbeiter- und Soldatenräte einen Zentralrat, beanspruchen die Macht im Land für sich und berufen für Ende Februar einen gesamtbayerischen Rätekongress nach München ein. Auch in anderen bayerischen Städten haben sich inzwischen Räte gebildet – in Arbeiterhochburgen wie Nürnberg und Augsburg, aber auch in kleineren Städten wie Rosenheim, Passau, Lindau und sogar in Bauerndörfern wie Jandelsbrunn im Bayerischen Wald.
Trotz dieser Entwicklung hält sich der soeben gewählte Landtag in München allein zur Regierungsbildung befugt. Einstimmig votieren die Abgeordneten am 17. März 1919 für Johannes Hoffmann von der SPD als neuen Regierungschef. Er ist damit der erste frei gewählte Ministerpräsident Bayerns.
Am 7. April 1919 erklärt eine Versammlung von Arbeiter-, Soldaten- und Bauernvertretern Bayern zur Räterepublik. Anfangs stellt sich den Aufständischen niemand entgegen (bewaffnete Streife)
Schon bald nach der Machtübernahme formieren sich die Gegner der Räteherrschaft. Der nach Bamberg geflohene Ministerpräsident Hoffmann bittet die Reichsregierung um Hilfe - und die entsendet Reichswehr und Freikoprseinheiten nach Bayern (Patrouille von Rotarmisten)
Am 14. April 1919 beginnt die zweite Phase der Räteherrschaft: Nach einem gescheiterten Putschversuch von Anhängern der Regierung Hoffmann übernehmen die Kommunisten die Macht (Straßensperre in München)
Doch wer hat wirklich die Macht: Hoffmann und der Landtag – oder der Zentralrat der Arbeiter und Soldaten? Johannes Hoffmann hat für den 8. April den Landtag einberufen und ist gleich nach dieser Ankündigung nach Berlin gefahren, um sich für den Notfall die militärische Unterstützung des Deutschen Reichs zu sichern.
In München herrschen jetzt LITERATEN
Unterdessen verschlechtert sich die Versorgungslage in München immer weiter. Ein scharfer Wintereinbruch im März verschlimmert die Situation nochmals. Gegen Lebensmittelmarken gibt es gerade noch einen Achtel Liter Milch, ein kleines Glas voll – und auch das nur jeden zweiten Tag. Die übliche Lebensmittelration in der Stadt beträgt Anfang April 1000 Kalorien. Um halbwegs satt zu werden, muss man hohe Preise auf dem Schwarzmarkt zahlen.
UND SO KOMMT ES am 7. April 1919 zur nächsten Revolution. Als Reaktion kappt die Regierung Hoffmann von Bamberg aus Zugverbindungen nach München. Damit fehlen nun die dringend benötigten Kohlelieferungen aus dem Ruhrgebiet. Fabriken drohen stillzustehen. Und auch die Nahrungsmittel werden immer knapper: Werden in der ersten Aprilwoche noch rund 600 Schlachtkälber nach München transportiert, sind es in der dritten Aprilwoche nur noch 16. Die Milchlieferungen gehen um zwei Drittel zurück.
Die Stadt, so plant Hoffmann von Bamberg aus, soll systematisch ausgehungert und anschließend militärisch niedergerungen werden. Zur Linderung der Not ordnet die Räteregierung Sofortmaßnahmen an: Schleichhandel und Wucher sind zu bekämpfen, Preise sollen kontrolliert werden. In einigen Hotelküchen und Gaststätten beschlagnahmen Arbeiterräte zentnerweise Fleisch, Fett und Getreide.
Aber satt werden die Stadtbewohner davon nicht, da die Bauern immer weniger Waren in die Stadt liefern. Um zumindest den Wohnungsmangel zu bekämpfen, beschließt die Regierung, alle leer stehenden Häuser zu beschlagnahmen, auch Schlösser und Palais. Tatsächlich gelingt binnen Tagen die Registrierung Hunderter Wohnungen.
Mit seinen Ankündigungen weckt das Regime die absonderlichsten Hoffnungen. In den Vorzimmern der Machthaber drängen sich die Bittsteller. Ernst Toller beschreibt das später so: „Eine Partei revolutionärer Bürger hat sich gebildet, sie fordert die Verhaftung früherer Kegelbrüder und Vereinskollegen. Verkannte Lebensreformer bieten ihre Programme zur Sanierung der Menschheit an. Die einen sehen die Wurzel des Übels im Genuss gekochter Speisen, die anderen in der Goldwährung, die dritten im Tragen unporöser Unterwäsche.“ Kurios ist auch der neue Außenminister: Erich Mühsam hatte sich selbst als Volksbeauftragten für das Außenressort vorgeschlagen, war aber von den Genossen abgelehnt worden, weil er ihnen zu weltfern erschienen war. Er sei ein „so ausgesprochen literarischer Bohemien, dass sich niemand ihn in einer würdigen Amtsposition vorstellen konnte“, erinnert sich ein Weggefährte.
Daher wird im Zentralrat der Journalist Dr. Franz Lipp vorgeschlagen, den zwar kaum einer kennt, der aber Beziehungen ins Ausland zu haben scheint, da er früher für die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ berichtet habe. Mangels Alternativen wählt man ihn. Am Morgen des 8. April erscheint Lipp im Ministerium, überreicht den Vorzimmerdamen Blumen, schreitet in sein Büro und beginnt mit der Arbeit. Die besteht darin, als Erstes den Kontakt zur Reichsregierung in Berlin abzubrechen und der Schweiz den Krieg zu erklären, weil die sich weigert, der Räterepublik Lokomotiven zu überlassen.
Lipp trifft sich nie mit anderen Regierungsmitgliedern, er telefoniert nicht, schickt stattdessen Telegramme. Seine fixe Idee ist der Abortschlüssel, den Ministerpräsident Hoffmann angeblich mit nach Bamberg genommen hat. Schließlich zwingt Regierungschef Toller ihn zum Rücktritt. Lipp aber erscheint wieder im Büro. Toller schickt ihn daraufhin ins Sanatorium.
Die neue Regierung macht Bayern zum Experimentierfeld utopischer Ideen. Besonders tut sich dabei Silvio Gesell, der Volksbeauftragte für Finanzen, mit seinen Theorien zu Freigeld und Freiland hervor: Da Geld keinem Verfall unterliege, anders als Arbeitskraft und Waren, sei der Geldbesitzer den Arbeitern überlegen. Damit störe Geldbesitz das freie Spiel der Kräfte und müsse daher einem von oben verordneten Wertverlust unterliegen. Je länger ein Sparer oder Spekulant Geld zurückhalte und nicht ausgebe, desto höher müsse der Verlust sein, etwa durch ein Verfallsdatum, das auf die Geldscheine aufgedruckt werde. Damit entfalle der Anreiz, Geld zu horten.
Ähnlich sieht Gesell den Grundbesitz, der ebenfalls keinem natürlichen Wertverlust unterliege: Aller Boden müsse enteignet und fortan vom Staat an seine Bürger verpachtet werden. Die Einkünfte seien dann an Mütter nach ihrer Kinderzahl zu verteilen, um sie wegen ihrer unbezahlten Arbeit wirtschaftlich unabhängig zu machen. Gesell arbeitet an der radikalen Umgestaltung des Finanzwesens. Im Grunde sind ihm proletarische Ideale gleichgültig, er würde sein Freigeld auch in einer Monarchie oder einer Demokratie verwirklichen.
Erich Mühsam. Der Autor ist ein prominentes Mitglied des Zentralrats - einer Art Regierung der Revolutionäre.
Gustav Landauer. Früher hat der Dichter über Hölderlin doziert. Nun ist er Kulturbeauftragter der Räterepublik.
Ernst Toller. Der Schriftsteller ist erst 25 Jahre alt, als der Zentralrat ihn zum Regierungschef der Räterepublik wählt.
Für all diese Experimente hat die Räterepublik indes nur wenig Spielraum. Die Münchner sind ohnehin in Angst, ihr Geld könnte entwertet werden. Sie stürmen die Banken und wollen ihre Ersparnisse abheben. Umgehend muss die Regierung die Konten sperren. Das Vertrauen in das neue Regime sinkt rapide. Dennoch: Eine radikale Umgestaltung soll alles Denken und Handeln der Menschen erfassen, vor allem in der Erziehung. Über der Münchner Universität wird die rote Fahne aufgezogen. Fortan entscheidet ein revolutionärer Hochschulrat. Landauer, der Kulturbeauftragte, will als Erstes die theologische und die juristische Fakultät streichen. Von zentraler Bedeutung sei dagegen ab sofort die philosophische Fakultät. Aus den Schulen, bislang Untertanenschmieden, sollen Bildungsorte für Freigeister werden, in denen Kritik ausdrücklich willkommen ist. Stundenplan und Prügelstrafe sollen verschwinden, ebenso die Schulbank als Sinnbild der überkommenen Lernanstalt.
Allerdings gibt es nun wieder eine Pressezensur. Schon die Proklamationserklärung der Räterepublik verfügte die Sozialisierung der Presse. Die „Münchner Neuesten Nachrichten“, eine liberale Zeitung, wird per Dekret kurzerhand zum Organ des Revolutionären Zentralrats. Das Blatt muss nun seitenlang Ausführungen über „Das unwahre Prinzip unserer Erziehung“ sowie Proklamationen der Regierung abdrucken. Die Leser konstatieren „überströmende Langeweile“. Den Schriftsteller Thomas Mann erinnern die Ausgaben der Zeitung nun „an die ehemalige Faschingsnummer“.
Ist das also die Diktatur des Proletariats? Sind die utopischen Ideen für einen Stahlarbeiter von Interesse, für eine Näherin, für die vielen Kriegsheimkehrer ohne Perspektive? Wäre ihnen am Ende ein Teller warmer Suppe vielleicht lieber als die gesamte Räterepublik? Darauf wird die Regierung keine Antwort geben. Auch in der Justiz verfolgt das neue Regime ungewöhnliche Ideen und setzt Revolutionstribunale ein.
Die bestehen aus jeweils sieben „revolutionären Volksgenossen“: verdienten Mitgliedern der Linksparteien. Diese Richter ohne jede juristische Ausbildung sind weder an Gesetze noch an eine Prozessordnung gebunden – der Traum aller Revolutionäre, die mit dem alten System gründlich aufräumen wollen. Und der Albtraum all jener, die das Recht hochhalten. Denn die Tribunale entscheiden nach freiem Ermessen.
Schon am 11. April 1919 treten die ersten im Justizpalast zusammen. Sie urteilen schnell – und überraschend milde. 300 Verfahren werden eröffnet, die meisten Angeklagten freigesprochen. Ein Kommunist mokiert sich über diese Tribunale, die keinem Konterrevolutionär etwas zuleide täten. Am 13. April kommt es zum nächsten Umsturzversuch, diesmal veranlasst von Ministerpräsident Hoffmann. Der sieht darin die letzte Möglichkeit, die Räteregierung mit eigenen, also bayerischen Mitteln loszuwerden. Denn schon drängt der SPD-Reichspräsident Friedrich Ebert aus Berlin zur Eile: Mit der Räterepublik müsse endlich Schluss gemacht werden.
Doch was soll Hoffmann tun? Er hat keine regulären Truppen, jedenfalls nicht in München. Bleibt nur die „Republikanische Schutztruppe“, eine zur Sicherung der Landesregierung gegründete militärische Vereinigung. In der Nacht zum 13. April 1919 verhaftet sie in Hoffmanns Auftrag mehrere Mitglieder des Zentralrats, darunter Mühsam. Nicht gefasst wird Ernst Toller – er wird durch einen anonymen Anruf gewarnt und kann sich in der Wohnung eines Freundes hinter einem Bücherregal verbergen. In seinem Versteck entwirft er einen Appell an alle Revolutionäre im Deutschen Reich, der bedrohten Räterepublik zu Hilfe zu eilen.
Mit Panzerzügen rücken Reichswehr- und Freikorpseinheiten Ende April 1919 gegen die bayerische Hauptstadt vor, um die Räteherrschaft militärisch in die Knie zu zwingen.
Anfang Mai können die Verteidiger Münchens der Übermacht nicht mehr standhalten. Regierungstruppen (unten) ziehen in die Stadt ein.
Im Triumph paradieren Freikorpskämpfer in Münchens Zentrum. Viele von ihnen machen nun systematisch Jagd auf die Revolutionäre - und töten mehr als 600 Menschen.
Um fünf Uhr morgens telegraphiert der Anführer der Schutztruppe eine Siegesmeldung zu Hoffmann nach Bamberg. Das aber ist mehr als voreilig. Denn die Nachricht von der Verhaftungswelle verbreitet sich schnell in München. Als die Schutztruppe ein Versammlungslokal der Kommunisten stürmen will, wehren sich die so heftig, dass sich die Angreifer zurückziehen müssen. Das ist für die Kommunisten das Fanal zum Gegenangriff. Tausende Arbeiter und Soldaten sammeln sich auf der Theresienwiese und marschieren zum Hauptbahnhof, dem Hauptstützpunkt der Putschisten, von dem aus Mühsam und andere Gefangene per Zug nach Nordbayern gebracht worden sind. „Zum Kampf!“, rufen die Leute unterwegs. Am Bahnhof fahren die Arbeiter und Soldaten schweres Geschütz gegen Hoffmanns Schutztruppe auf: Maschinengewehre und Minenwerfer.
Aus Flugzeugen schweben Flugblätter in die Stadt, die die Räteregierung mit ihren „landfremden Agitatoren“ für abgesetzt erklären. In immer neuen Wellen stürmen die Arbeiter gegen den Bahnhof, mehrere Stunden lang. „Vorwärts! Auf! Sturm!“, ruft einer, und schon wird der Revolutionär und Schriftsteller Oskar Maria Graf mitgerissen, in das Bahnhofsgebäude hinein. Schließlich: „Sieg, Sieg! Hoch die Räterepublik!“ Als die Offiziere der Schutztruppe am Abend per Lokomotive aus dem Bahnhof fliehen, sind 21 Menschen tot – vor allem Unbeteiligte.
Die Räteherrschaft hat sich als wehrhaft erwiesen. Aber sie ist nun nicht mehr die friedliche Republik der Utopisten und der Schöngeister. Denn den blutigen Sieg über die Schutztruppe haben vor allem Kommunisten erkämpft. Daher rufen sie nun selbstbewusst eine neue, kommunistische Räterepublik aus und verkünden einen mehrtägigen Generalstreik sowie die Aufstellung einer „Roten Armee“. Widerstand von der alten Räteregierung gibt es nicht. Die Macht haben nun andere. Vor allem einer: Rudolf Egelhofer. Er hat den Sturm der Arbeiter auf den Hauptbahnhof angeführt.
Am Tag des Putsches ist er 23 Jahre alt geworden, ein gebürtiger Münchner, im Krieg einfacher Matrose. Egelhofer wird Stadtkommandant und Oberkommandierender der Roten Armee. Umgehend verhängt er den Ausnahmezustand und befiehlt die Entwaffnung des Bürgertums zugunsten des Proletariats. Wer binnen zwölf Stunden nicht seine Pistolen und Gewehre abgegeben habe, werde erschossen, lässt er erklären. Mit den requirierten Waffen stattet er die Rotarmisten aus. Nun sammeln sich von allen Seiten die Feinde der Räteherrschaft. Ministerpräsident Hoffmann muss nach dem Scheitern seines Putsches die Reichsregierung um Hilfe bitten. Darauf hat Berlin nur gewartet und lässt seine Truppen los, darunter die Freikorps – Freiwilligenverbände aus entlassenen Frontsoldaten, die unter dem Kommando früherer kaiserlicher Offiziere stehen.
Die eigenen militärischen Mittel des Deutschen Reichs sind kläglich, die Reichswehr ist erst im Aufbau begriffen. Die SPD-Regierung in Berlin hat daher einen faustischen Pakt mit den ultrakonservativen und nationalistischen Militärs der alten preußischen Armee geschlossen. So aber gewinnen in der Weimarer Republik von Beginn an rechte Kräfte die Gewalt über Truppen und Kanonen. Ein preußischer General, Ernst von Oven, leitet die Operation gegen die Münchner Räte. Nordbayern ist da bereits weitgehend in der Hand der Regierung Hoffmann – Würzburg etwa ist nach nur drei Tagen Räteregierung auf die Seite des Landtags zurückgekehrt.
Hoffmann lässt Südbayern nun von allem Verkehr, von allen Nachrichten samt Telefon- und Telegraphenleitungen abschneiden, die Reichsbank kappt den Bargeldnachschub. Aus Richtung der Bayerischen Alpen marschiert das Freikorps Werdenfels auf München. Egelhofer kann 12.000 Mann aus den Betrieben und Kasernen der Stadt dagegensetzen, darunter Weltkriegsveteranen, aber auch Jünglinge, Greise und freigelassene russische Kriegsgefangene. Was seiner Armee fehlt, sind Übung, schwere Waffen, Nachschub. Wären ein paar Monate Zeit, ließe sich vielleicht eine schlagkräftige Truppe formen, aber Egelhofer hat diese Zeit nicht.
SCHON AM 15. APRIL stehen die ersten 800 Mann der Angreifer bei Dachau kurz vor München. Egelhofer wirft seine Rote Armee in den Nordwesten der Stadt: Arbeiter, Soldaten, Literaten. Offiziere hat diese Truppe nicht, deren Aufgabe müssen erfahrene Frontkämpfer oder Unteroffiziere übernehmen. Dennoch gelingt es dem Freiwilligenheer, den Gegner zurückzuschlagen. Als Ernst Toller dazustößt, bieten ihm Kämpfer die Kommandogewalt an: Einer müsse ja seinen Kopf hinhalten. Und: „Die Hauptsach is, dich kennen wir!“
So wird der Schriftsteller zum Truppenkommandeur. Am nächsten Morgen kehrt er nach München zurück, um Landkarten von Dachau zu besorgen – findet aber keine. Die Karten sind offenbar von den Gegnern requiriert worden. Dennoch schafft er es, Dachau zurückzuerobern, ein unerwarteter Triumph.
Für Toller gehören Autorität, Gehorsam und Disziplin zum alten Kaiserreich und nicht in die moderne Räteherrschaft. Ihm gelten Freiwilligkeit und Einsicht als soldatische Tugenden. Das geht nicht lange gut: Viele seiner Leute kehren nach den ersten Erfolgen vor Dachau nach München zurück. Resigniert stellt Toller schließlich fest: „Wir sind gezwungen, die eigenmächtigen Urlauber aufzuhalten, wir müssen Regeln der alten militärischen Disziplin einführen.“ Den Wirten verbietet er den Ausschank von Alkohol, um seine Leute dienstfähig zu halten. Sein Erfolg ist trotzdem nicht von Dauer. Zwar kann die Rote Armee einige Städte rund um München sichern, etwa Freising, Rosenheim und Kaufbeuren. Aber schon rücken neue Einheiten von Reichswehr und Freikorps heran.
Am 20. April marschieren die angreifenden Truppen in Augsburg ein. Rund 35.000 Soldaten nehmen nun auch München von allen Seiten in die Zange. Panzerzüge, Panzerwagen, Flugzeuge: Die Macht des Deutschen Reichs steht gegen das ausgehungerte München. So wie die Reichsregierung in Berlin muss auch Hoffmann dafür mit den Rechten gemeinsame Sache machen. Die hetzen mit nationalistischen Parolen. Das dabei verwendete Muster wird Deutschland noch lange verfolgen: In München seien jüdische, bolschewistische Geisteskranke am Werk, die es mit Stumpf und Stiel auszurotten gelte.
21. April: Mit vorgehaltener Waffe beschlagnahmen Rotarmisten das Auto des päpstlichen Nuntius in München. Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., flüchtet bald darauf aus der Stadt.
22. April: Am letzten Tag des Generalstreiks paradieren 12.000 Bewaffnete durch die Ludwigstraße. Es ist die letzte Heerschau der Roten Armee. Rudolf Egelhofer gibt in Matrosenuniform Durchhalteparolen aus.
26. April: Egelhofer lässt ein Hotel durchsuchen, in dem die rechtsradikale Thule-Gesellschaft residiert. Ihr Wappen ist ein Hakenkreuz, man grüßt sich mit „Sieg und Heil“ und gibt den „Münchner Beobachter“ heraus (aus dem später der „Völkische Beobachter“ der Nationalsozialisten hervorgehen wird). Einige Mitglieder werden verhaftet. 29. April: 25 Kilometer südlich von München fällt Starnberg an ein Freikorps aus Württemberg. 30. April: Die Rote Armee muss Dachau aufgeben. Die Kraft reicht nicht aus. Die Räteherrschaft beginnt sich unter der Wucht der feindlichen Angriffe aufzulösen. Viele bewaffnete Arbeiter werfen die Gewehre fort und gehen heim.
Ein Ausschuss der Räte bietet Hoffmann die Niederlegung der Waffen an, wenn die Reichstruppen vor der Stadt bleiben. Doch der Ministerpräsident lehnt ab. Berlin und Bamberg gehen auf keine Bedingungen ein. Sie wollen die völlige Niederwerfung der Räterepublik. Dazu haben sie ihren Soldaten die standrechtliche Erschießung jedes Kämpfers erlaubt, der sich ihnen widersetzt. Das brutale Vorgehen der Reichstruppen ist das Todesurteil für zehn Gefangene der Roten Armee im Münchner Luitpold-Gymnasium. Unter ihnen sind einige adelige Mitglieder der „Thule-Gesellschaft“: Friedrich Wilhelm von Seydlitz, Gustav von Thurn und Taxis, Hella von Westarp.
Die Hinrichtung der zehn im Schulhof ist die einzige hervorstechende Gräueltat der Linken in München. Die Reichstruppen wüten weitaus brutaler: 52 Tote in einer Kiesgrube, 21 Handwerker am Karolinenplatz, 22 Exekutierte in Starnberg. Die Marinebrigade Ehrhardt trägt das Hakenkreuz am Stahlhelm. Bei den Regierungstruppen: die späteren NSDAP-Größen Heinrich Himmler, Ernst Röhm, Rudolf Heß. Der Korpsführer Ritter von Epp wird später NS-Statthalter in Bayern.
1. Mai: Rotarmisten gelingt es mit Minenwerfern, einen Panzerzug zu zerstören, dessen Besatzung sich zum Hauptbahnhof vorkämpfen wollte. Sie haben ihre Geschütze auf der Hackerbrücke aufgebaut, die vor der Station quer über die Bahngleise verläuft. Bis zum nächsten Tag halten sie die Stellung, dann beenden Regierungstruppen mit Granatenfeuer die Blockade des Bahnhofs.
2. Mai: Für 12.00 Uhr ist der allgemeine Sturm auf München von allen Seiten angesetzt. Verstärkt durch Panzerwagen, rücken Hoffmanns Leute vor. In Großhadern am Stadtrand zerren Soldaten Gustav Landauer aus dem Haus der Witwe Eisners, wo er sich versteckt gehalten hat. Gegenwehr gibt es vor allem in Arbeitervierteln wie Giesing und Haidhausen, am Schlachthof sowie im Zentrum rund um Stachus und Sendlinger Tor. Allein um den Kiosk auf dem Stachus tobt ein stundenlanger Kampf.
Zum letzten Gefecht kommt es am gegenüberliegenden „Mathäserbräu“, in dem Kurt Eisners Umsturz im November 1918 seinen Anfang genommen hatte. Am Abend des 2. Mai ist schließlich ganz München in der Hand der Regierungstruppen. Nun beginnen die „Säuberungen“. In den Arbeitergegenden töten die Soldaten tagelang nach Belieben. Mehr als 600 Menschen sterben, weil sie eine Waffe getragen haben oder die falsche Armbinde oder einfach eine Arbeiterkappe.
In den Biergärten der besseren Viertel spielen die Militärkapellen fortan wieder patriotische Lieder. Oskar Maria Graf beobachtet, wie feine Damen der Gesellschaft auf der Ludwigstraße einen Zug Gefangener verhöhnen, bespucken, Ohrfeigen austeilen. Der Schriftsteller notiert über die Münchner Arbeiter: „Sie sind alle Hunde gewesen, wie ich, haben ihr Leben lang kuschen und sich ducken müssen, und jetzt, weil sie beißen wollten, schlägt man sie tot.“ Zu spät kommen Lenins Glückwünsche aus Moskau zum 1. Mai: Die Arbeiterklasse, die sich befreit habe, so der Sieger der Oktoberrevolution erfreut über den Umsturz in München, feiere an diesem Tag nicht nur in der Sowjetunion – sondern auch in Sowjetbayern.
DIE MÜNCHNER Räteherrschaft ist beendet. Im Terror der rechten Gewalt geht das München der Künstler und Literaten endgültig unter; jenes München, das einstmals leuchtete, so wie es Thomas Mann beschrieben hat. Und das im November 1918 trotz der Verrohungen durch den Weltkrieg eine ganz und gar unblutige Revolution hervorbrachte. In München setzten sich linke Autoren an die Spitze der Bewegung, weil die Stadt schon lange vor dem Krieg ein Sammelbecken der Künstler und Literaten war. Weil die Schriftsteller im Krieg zu den Ersten gehörten, die sich offen gegen das System wendeten. Und weil sie Ideale propagierten, die mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs auf fruchtbaren Boden fielen. Als sie jedoch ihre Utopie an der Isar wahr werden lassen wollten, wurde der Traum zum Albtraum.
Ernst Toller kann sich zunächst bei Freunden verstecken, wird im Juni 1919 verhaftet und wegen Hochverrats verurteilt. 1924 kommt er frei, flieht 1933 vor den Nationalsozialisten ins Ausland und begeht 1939 in New York Selbstmord. Rudolf Egelhofer entdecken die Häscher in der Wohnung einer befreundeten Ärztin unter einem Berg Wäsche. Er wird am 3. Mai 1919 in der königlichen Residenz erschossen.
Gustav Landauer wird ins Gefängnis München-Stadelheim gebracht. Im Hof malträtieren ihn die Wachen mit Gewehrkolben. Als er sich, auf dem Bauch liegend, noch bewegt, schießt ihm ein Vizewachtmeister zweimal in den Rücken. Die Wucht der Projektile reißt ihm sein Herz heraus. Den Leichnam wirft man ins Waschhaus. Erich Mühsam wird 1919 wegen Hochverrats zu 15 Jahren Haft verurteilt. Bei einer Amnestie 1924 entlässt man ihn aus dem Gefängnis – gleichzeitig mit dem ebenfalls in Haft befindlichen Adolf Hitler. Im Februar 1933 sperrt das NS-Regime Mühsam erneut ein. Der Mann, der einige der kühnsten Träume der Räteherrschaft hervorgebracht hat, stirbt am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg. SS-Männer erhängen ihn in der Latrine.
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Schneider, Curt: Räteherrschaft. Ende einer Utopie, in: Bayern. Die Geschichte eines ganz besonderen deutschen Staates 1806-2018 (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 92), Hamburg 2018, S. 88-99.
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Spartakusaufstand
Friedensvertrag von Versailles
Reparation
Völkerbund
Freikorps
Kultur und Gesellschaft
Kino und Film
Inhaltsverzeichnis
1. Film und Kino
1. Film und Kino
Bereits vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Deutschland zahlreiche Lichtspielhäuser, in denen Stummfilme vorgeführt wurden. In den Jahren der Weimarer Republik konnte sich der Film als einflussreiches Massenmedium etablieren, die Lichtspielhäuser nahmen einen rasanten Aufstieg. Deutschland war der europäische Staat mit den meisten Kinos, deren Anzahl zwischen 1918 und 1930 von 2.300 auf 5.000 anwuchs. Mitte der 20er Jahre gingen auf der Suche nach Unterhaltung und Freizeitvergnügen täglich etwa zwei Millionen Menschen in die Kinos. Für ihr Eintrittsgeld bekamen sie neben dem Hauptfilm kurze Vorfilme, gelegentlich Natur- oder Reisefilme und stets die Wochenschau zu sehen.
Deutschland - und hier vor allem die in Potsdam-Babelsberg ansässige Universum-Film AG (UFA) - produzierte in den 1920er und 1930er Jahren mehr Filme als alle anderen europäischen Staaten zusammen. In der Weimarer Republik entwickelte sich die UFA nach Hollywood zum zweitgrößten Filmimperium der Welt und vereinte Produktionsstätten, Verleihorganisationen und Lichtspielhäuser in einem Unternehmen. Beliebte Filmstars der 1920er und 1930er Jahre wie Marlene Dietrich, Lilian Harvey, Heinz Rühmann, Emil Jannings oder Hans Albers standen ebenso unter Vertrag der UFA wie die Filmregisseure Ernst Lubitsch, Friedrich Wilhelm Murnau, Fritz Lang und Josef von Sternberg und der Filmkomponist Werner Richard Heymann (1896-1961).
Bei der UFA entstanden in den 1920er Jahren die Klassiker des deutschen Films, der einige große Regisseure mit bedeutenden Produktionen hervorbrachte. "Das Kabinett des Dr. Caligari" (1919/20) von Robert Wiene (1873-1938), "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" (1931) von Fritz Lang oder Josef von Sternbergs "Der blaue Engel" (1930/31) und "Die blonde Venus" mit Marlene Dietrich gehören zu den Klassikern der internationalen Filmgeschichte. Besonders die frühen Stummfilme - Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu" (1922) und "Faust" (1926) oder Fritz Langs Nibelungen-Verfilmungen - setzten mit expressionistischen Hell-Dunkel-Effekten und romantisch-illusionistischen Stilmitteln Maßstäbe in der Filmkunst.
Der Rhythmus choreographierter Massenszenen bestimmte Langs 1927 uraufgeführten Stummfilm "Metropolis". Die Fabel verknüpft Technikkritik mit naiven Sozialphantasien: Die Arbeiter der Unterstadt sind der Macht der Kapitalisten und ihrer Maschinen rechtlos ausgeliefert. Unter der Führung eines dämonischen weiblichen Homunkulus lehnen sie sich gegen ihre Unterdrücker auf, bevor die Liebe zum klassenversöhnenden Happy-End führt. Das millionenteure Spektakel erwies sich an den Kassen jedoch als Misserfolg. Längst hatte die Filmfabrik Hollywood die deutschen Kinos erobert und setzte 1927 mit dem ersten Tonfilm neue Maßstäbe. In Hollywood wurde auch Marlene Dietrich zum Weltstar, die 1932 als verführerische "Blonde Venus"; nach Deutschland zurückkehrte - allerdings nur auf Zelluloid.
1927 kaufte Alfred Hugenberg die vom wirtschaftlichen Bankrott bedrohte UFA auf und integrierte sie in seinen Hugenberg-Konzern, einem politisch weit rechts stehenden Medienkonglomerat aus Verlagen, Nachrichtendiensten, Werbeagenturen, Filmgesellschaften und zahlreichen Zeitungsbeteiligungen. Die kapitalintensive Umstellung auf Tonfilme ab 1929 förderte einen Konzentrationsprozeß im Filmgewerbe, aus dem die UFA dank der wirtschaftlichen Sanierung Hugenbergs gestärkt hervorging. Mit der UFA, Tobis und Terra existierten 1932 in Deutschland nur noch drei große Filmgesellschaften.
Den internationalen Filmklassikern standen eine weitaus größere Anzahl Kinofilme leichter Unterhaltung gegenüber. Anfang der 1930er Jahre etablierte sich der Tonfilm auch in Deutschland. Schlager aus Filmen wie "Die drei von der Tankstelle" (1930) mit Heinz Rühmann oder "Der Kongreß tanzt" (1931) mit dem Traumpaar des deutschen Films Willy Fritsch und Lilian Harvey konnten nun von einem Millionenpublikum mitgesungen werden. Waren 1929 nur acht von 183 deutschen Spielfilmen vertont, so veränderte sich die Relation ein Jahr später auf 101 von 146 Filmen. 1932 wurden bereits alle 127 in Deutschland produzierten Spielfilme als Tonfilme hergestellt. Tausende von Berufsmusikern wurden arbeitslos, die zuvor die Stummfilmvorführungen in den Kinos musikalisch untermalt hatten.
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Quellen:
Internetquellen
-> Scriba, Arnulf: Film und Kino, in: LeMO online, online verfügbar seit 14.09.2024 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur/film-und-kino, zuletzt geprüft am 15.12.2025.
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Sekundärliteratur
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Kunst und Musik
Inhaltsverzeichnis
- Die Rheinischen Expressionisten
- Roaring Twenties. Die populäre Musik der 1920er Jahre
- Hallo! Hallo! Hier Radio! Geschichte der Radiosignale
- Klangwelten der Moderne
1. Die Rheinischen Expressionisten

August Macke, Einladung zur Ausstellung Rheinischer Expressionisten in Bonn, 1913, Linolschnitt mit Buchdrucktext (Faltblatt). (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)
1. Begriffsbestimmung
Die Rheinischen Expressionisten waren eine Anzahl von Künstlerinnen und Künstlern, die vor dem Ersten Weltkrieg, in der Rezeption zeitgenössischer französischer Kunstströmungen, avantgardistische, dem Expressionismus verpflichtete Kunst im Rheinland etablierten. Der Begriff wurde von August Macke geprägt, auf dessen Initiative vom 10.7.-10.8.1913 unter dem Titel „Rheinische Expressionisten“ 16 Künstler die Bandbreite ihres zeitgenössischen Kunstschaffens in der Bonner Buch- und Kunsthandlung Friedrich Cohen der Öffentlichkeit präsentierten.
Die beteiligten Maler in der Bonner Ausstellung waren, neben dem Organisator, August Macke: M. G. Barnett, alias Paul Adolf Seehaus (1891-1919) aus Bonn, Heinrich Campendonk (1889-1957) aus Sindelsdorf, Max Ernst (1891-1976) aus Brühl, Ernst Moritz Engert (1892-1986) aus Bonn, Otto Feldmann (1881-1942) aus Köln, Franz Seraph Henseler (1883-1918) aus Bonn, Franz Matthias Jansen (1885-1958) aus Köln, Joseph Kölschbach (1892-1947) aus Köln, Helmuth Macke (1891-1936) aus Krefeld, Carlo Mense (1886-1965) aus Düsseldorf, Marie von Malachowski-Nauen (1880-1943) und Heinrich Nauen aus Brüggen (1880-1940), Olga Oppenheimer (1886-1941) aus Köln, William Straube (1871-1945) aus Koblenz und Hans Thuar (1887-1945) aus Köln. Neben diesen Ausstellern lässt sich der Kreis der im Rheinland im expressionistischen Sinne tätigen Künstler noch sehr viel weiter fassen.
Der Begriff „Expressionismus“ war um 1911 ein allgemeiner Terminus für die junge avantgardistische Kunst in Europa. Der Kunsthistoriker Wilhelm Worringer (1881-1965) erklärte ihn 1911 in der Zeitschrift „Der Sturm“ als „eine zeitgeschichtliche Notwenigkeit“ und erkannte in den expressionistischen Kunstäußerungen die Abkehr von der äußeren Wirklichkeitsnähe hin zu einer inneren Wahrhaftigkeit[1]. Der Kunsthistoriker Richart Reiche (1876-1943) spricht im Vorwort des Kataloges zur Sonderbundausstellung 1912 von „jener jüngsten Bewegung, die nach einer Vereinfachung und Steigerung der Ausdrucksformen, einer neuen Rhythmik und Farbigkeit, nach dekorativer oder monumentaler Gestaltung strebt“.[2]
Ein Bild als Ausdruck gefühlsmäßiger Erfahrungen zu verstehen und beim Betrachter entsprechend starke Emotionen hervorzurufen, war ein Ziel, dass eine starke Individualität und Subjektivität des Künstlers evozierte, weshalb nicht von einem einheitlichen Stil gesprochen werden kann. Vermutlich war es Max Ernst, der in der Bonner Tageszeitung „Volksmund“ vom 12.7.1913 in einer Besprechung der Ausstellung der Rheinischen Expressionisten schrieb: „Die Ausstellung zeigt, wie in der großen Strömung des Expressionismus eine Reihe von Kräften wirksam sind, die untereinander keine Ähnlichkeit haben, sondern nur die gemeinsame Richtung der Kraft, nämlich der Absicht, Ausdruck für ein Seelisches zu geben, allein durch die Form. Das Ziel ist die absolute Malerei.“[3]
Das spezifisch Rheinische, das die in Rede stehenden Künstler miteinander verband, ist zum einen bedingt durch die Rhein-Landschaft mit dem Strom als Lebensader, die im Motivrepertoire aller einen bevorzugten Platz einnimmt, zum anderen die rheinische Historie und Tradition, mit der sich jeder auf seine Weise auseinandersetzte und ihre Kontinuität mit neuen Mitteln fortzuschreiben versuchte.
2. Tendenzen zur Durchsetzung avantgardistischer Kunst im Rheinland
2.1. Der Sonderbund
Die Kunstakademie in Düsseldorf, die im 19. Jahrhundert unter dem Stichwort „Düsseldorfer Malerschule“ bestimmender Faktor der Kunstentwicklung gewesen war, schied, da von internen Richtungskämpfen zerrissen und als ein dem wilhelminischen Reich verpflichteter, von konservativen Tendenzen bestimmter Kunstbetrieb, als Träger einer Avantgarde aus.
Der von 1892-1897 in der Landschaftsklasse der Düsseldorfer Kunstakademie ausgebildeten Maler und Meisterschüler Peter Janssens (1844-1908), August Deusser (1870-1942), suchte zusammen mit seinen Kollegen Max Clarenbach (1880-1952), Julius Bretz (1870-1953), Walter Ophey (1882-1930) und Wilhelm Schmurr (1878-1959) neue, von der Akademie unabhängige Präsentationsmöglichkeiten. Unter der Initiative Deussers stellten die fünf Maler zusammen mit Alfred Sohn-Rethel (1875-1958) und dessen Bruder Otto Sohn-Rethel (1877-1949) sowie dem Kunsthandwerker und Wiener Sezessionisten Joseph Maria Olbrich (1867-1908) ihre Gemälde und Zeichnungen in einer so genannten „Sonder-Ausstellung“ vom 10.-31.5.1908 in der Düsseldorfer Kunsthalle aus. Nationalen Bekanntheitsgrad erreichten die Künstler, nachdem die Ausstellung im August im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum unter der Ägide des Direktors Friedrich Deneken (1857-1927) und von Dezember 1908 bis Mai 1909 in der Galerie Eduard Schulte in Berlin gezeigt wurde.
Aus dieser Künstlervereinigung ging die Gründung des „Sonderbundes“ hervor, deren Mitglieder sich von Mai-Juni 1909 mit einer ersten Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf präsentierten. Zum Kreis der Aussteller gehörten zusätzlich Rudolf Bosselt (1871-1938), Otto van Wätjen (1881-1942), Ernst te Peerdt (1852-1932) und Christian Rohlfs (1849-1938), Max Liebermann (1847-1935) als Gast sowie der Grafiker und Schriftsteller Fritz Helmuth Ehmke (1878-1965)[4].
Den insgesamt 85 Werken dieser im Rheinland tätigen Künstler wurden 15 Werke der internationalen Avantgarde – französischer Impressionisten und Postimpressionisten sowie Grafiken aus dem Besitz des Kunstsammlers Alfred Flechtheim (1878-1937) im Wechsel gegenübergestellt. Diese, zu jenem Zeitpunkt für Düsseldorf einmalige revolutionäre Schau wurde von Richart Reiche (1876-1943), Direktor des Barmer Kunstvereins, Alfred Hagelstange (1874-1914), Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums, und Adolf Büning vom Landesmuseum in Münster (heute LWL-Museum für Kunst und Kultur) übernommen.
Noch im gleichen Jahr erfolgte die Gründung des „Sonderbundes Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler“, eine Vereinigung von Künstlern, Sammlern, Museumsfachleuten sowie Kunstkritikern, unter dem Vorsitz von Karl Ernst Osthaus (1874-1921), Gründer des Folkwang-Museums in Hagen. Sie sollte zu einer der bedeutendsten Ausstellungsinitiativen moderner Kunst im Rheinland werden: Vom 16.7.-9.10.1910 wurde unter dem Titel „Deutsche und französische Neukunst“ die zweite Sonderbund-Ausstellung im Städtischen Kunstpalast Düsseldorf präsentiert. Neben dem Düsseldorfer Kern waren auch die expressionistischen Maler der Künstlervereinigung „Brücke“ (Ernst Ludwig Kirchner – 1880-1938, Karl Schmidt-Rottluff – 1884-1976, Max Pechstein – 1881-1955, Emil Nolde – 1867-1956) und einige des späteren „Blauen Reiters“ (Wassily Kandinsky – 1866-1944, Alexander von Jawlensky – 1864 oder 1865-1941) vertreten – Seite an Seite mit französischen Postimpressionisten, den Fauves und frühen kubistischen Werken von Pablo Picasso (1881-1973) und Georges Braque (1882-1963). Von Mai bis Juli 1911 folgte die dritte Ausstellung mit dem Titel „Rheinische und französische Kunst“ in der städtischen Kunsthalle Düsseldorf. Von den 147 Exponaten stammten 101 aus Frankreich. Ressentiments gegenüber der „französischen Neukunst“ auf Seiten konservativer Kreise führten zu einer Verlegung der Sonderbundausstellung im Jahr 1912 nach Köln, die vom 25. Mai – 30. September in der Städtischen Kunsthalle am Aachener Tor stadtfand[5].
„Die Ausstellung war eine Präsentation mit dem Ziel, einem breiten Publikum eine Entwicklungslinie aufzuzeigen – vom Neoimpressionismus über Vincent van Gogh (1853-1890), Paul Cézanne (1839-1906), Paul Gauguin (1848-1903) und Edvard Munch (1863-1944) hin zum Fauvismus und Expressionismus, der sich damals Bahn brach. Auch Pablo Picasso (1881-1973) war 1912 in Köln vertreten und kündete mit einigen jüngsten, kubistischen Arbeiten von weiteren Neuerungen in der Kunst.“[6] Die „Rheinischen Expressionisten“ waren bei dieser internationalen Schau mit Carlo Mense, Heinrich Nauen, Hans Thuar, Olga Oppenheimer (1886-1941), August Macke und Franz Matthias Jansen (1885-1958) präsent.
2.2 Der Gereonsklub
Der „Gereonsklub von Künstlern und Kunstfreunden“ entstand 1911 aus einer Kulturoffensive der Kölner Künstler Franz Matthias Jansen, Olga Oppenheimer und Emmy Worringer (1878-1961). Sitz des Klubs war das 1909-1910 von dem Architekten Carl Moritz (1863-1944) im Auftrag von Max Oppenheimer (dem Vater von Olga) erbaute Büro- und Geschäftshaus in der Kölner Gereonstraße 18-31, auch „Gereonshaus“ genannt. Olga Oppenheimer, die 1907 in München und Dachau und 1909 bei Paul Sérusier (1864-1927), einem Weggefährten Paul Gauguins (1848-1903), in Paris studiert hatte, unterhielt hier im 5. Stock ihr Atelier und eine Malschule, deren Räumlichkeiten sie für die Aktivitäten des Klubs zur Verfügung stellte.
Ziel der durch Olga Oppenheimer über München bis Paris vernetzten Gruppe war die Propagierung und Durchsetzung avantgardistischer Kunstströmungen in Form von wechselnden Ausstellungen, Dichter-Lesungen und Vortragsprogrammen, letztere wurden von Emmys Bruder, dem Kunsthistoriker Wilhelm Worringer (1881-1965), geleitet. Beratend und fördernd erwies sich auch der junge Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums, Alfred Hagelstange. Die Eröffnungsausstellung am 20.1.1911 präsentierte die Künstler Cuno Amiet (1886-1976), Theo von Brockhusen (1882-1919), André Derain (1880-1954), Pieter Dupont (1870-1911), Vincent van Gogh, Auguste Herbin (1882-1960), Ferdinand Hodler (1853-1918), Pablo Picasso und Paul Sérusier. Das Rahmenprogramm wurde durch die Lesung aus den „Briefen eines Zurückgekehrten“ von Hugo von Hoffmannsthal (1874-1929) sowie Kompositionen am Klavier von Julio Goslar (1883-1976) gestaltet. Die Werke Franz Marcs (1889-1916) im Oktober 1911 in einer Einzelausstellung gezeigt werden. Die zweite Gruppenausstellung, im November 2011, präsentierte weitere Exponate überwiegend französischer zeitgenössischer Künstler. Im Dezember wurden Mitglieder der von Wassily Kandinsky 1909 gegründeten Neuen Künstlervereinigung München (NKVM) vorgestellt. Zu den Besuchern gehörten auch die bedeutenden Kunstsammler Alfred Flechtheim und der Kölner Konfektionswarenfabrikant Hermann Hertz (1858-1925), die sich im Rahmen der Vernissage am 15.12.1911 heftige Diskussionen über ein Bild von Heinrich Campendonk lieferten, deren tumultartiger Ausgang sowohl von August Macke als auch von seiner Frau, Elisabeth Erdmann-Macke, lebhaft geschildert wird.[7] Ein „Jour fixe“ jeden Samstag lud zu weiteren Debatten ein. Franz M. Jansen erinnert sich: „Die Samstage erhielten in der Folgezeit einen solchen Ruf, dass auswärtige Interessierte, Künstler aller Art, Museumsdirektoren und die es werden wollten und von denen es manche auch wurden (wie z.B. Swarzenski Frankfurter Städel) zu ihnen kamen.“[8]
Bereits zu Beginn des Jahres 1911 hatte August Macke, der Ende 1910 von seinem Wohnsitz in Tegernsee zusammen mit seiner jungen Familie nach Bonn zurückgekehrt war, Kontakt zum Gereonsklub gesucht und avancierte bald zur bestimmenden Kraft der Unternehmung; insbesondere machte er die Organisatoren mit Arbeiten der Künstler der Redaktion des „Blauen Reiters“ bekannt, aus der im Januar 2012 eine erste und im Juni 2012 eine zweite Ausstellung, die im Wallraf-Richartz-Museum in Köln gezeigt wurde, hervorgingen. Auch die Werke der Brücke-Maler Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Emil Nolde und Erich Heckel (1883-1970) fanden auf Mackes Anregung im Gereonsklub Aufnahme, dem entsprechend wurden hier, parallel zur Kölner Sonderbundausstellung bedeutende Expressionisten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Im Sommer 1912 siedelte der Gereonsklub in das Hansahaus am Friesenplatz 16 um; zur Finanzierung der Miete stifteten die Mitglieder Aquarelle und Zeichnungen, die unter den zahlreichen Förderern verlost wurden. Im Hansahaus zeigte man – als Premieren in Köln - eine Einzelausstellung von Paul Klee (1879-1940) 1912 und eine des französische Künstlers Robert Delaunay (1885-1941) im März 1913; die Aktivitäten des Klubs fanden allerdings aufgrund des „Drucks der Verhältnisse“ noch im gleichen Jahr ein Ende.
2.3 Kölner Künstlerbund 1910 und Kölner Sezession 1912-1913
Eine weitere Ausstellungsinitiative, die zum überregionalen Forum für neue Kunst avancierte, formierte sich in der „Kölner Sezession“, die unter dem Vorsitz von August Deusser (1870-1954) und dem Kölner Bühnenbildner und Bildhauer Hans Wildermann (1884-1954), durch Mitwirkung von Alfred Hagelstange, Franz M. Jansen, Olga Oppenheimer und auch August Macke am 13.12.1911 ins Leben gerufen wurde[9]. Eine erste Ausstellung fand Anfang Januar 1912 im Kölner Kunstgewerbemuseum, eine zweite ein Jahr später in den Räumen des Kölner Kunstvereins im Wallraf-Richartz-Museum statt.
Bereits zuvor lieferte der Kölner Künstlerbund vom 20.10.-30.12.1910 dort eine Ausstellung, in der Franz Matthias Jansen, auf Empfehlung Hagelstanges, mit 34 Arbeiten einen bedeutenden, aber sehr umstrittenen Beitrag leistete; auch die kurz zuvor aus Paris zurückgekehrte Olga Oppenheimer war vertreten. „Als Einzug der Moderne in die Vaterstadt“ apostrophierte Jansen diese Kölner Präsentation[10]. Aussteller der Sezessionen waren unter anderem die Mitglieder des Gereonsklubs Heinrich Nauen, F. M. Jansen, August Macke, Carlo Mense, Olga Oppenheimer, Martha Worringer, sowie weitere rheinische Expressionisten wie Otto Feldmann und Hans Thuar, auch Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) war vertreten.
2.4 Galeristen, Sammler, Förderer
Die enge Vernetzung nicht nur der Künstler untereinander, sondern auch deren Kontakte zu Galeristen und Sammlern trug zum rheinischen „Kunstfrühling“ vor dem Ersten Weltkrieg entscheidend bei. Friedrich Cohen (1836-1912) hatte 1891 die von seinem Vater Max Cohen (1806-1865) 1828 gegründete Lithographische Anstalt und Verlagsbuchhandlung in Bonn, unmittelbar gegenüber der Universität, Am Hof 14 (später Am Hof 30) gelegen, übernommen und in der oberen Etage einen Kunstsalon etabliert. 1906 stellte er hier die Protagonisten der Worpsweder Künstlerkolonie aus, 1907 die Maler der „Brücke“, 1908 Gabriele Münter (1877-1962), im Mai 1912 August Macke und schließlich konnte 1913 hier Mackes Ausstellung die „Rheinischen Expressionisten“ realisiert werden.
Otto Feldmann vvvv, sowohl Künstler als auch Galerist, richtete im Januar 1912 in Köln am Hansaring 20 den „Rheinischen Kunstsalon“ ein und im November 1913 die „Neue Galerie“ in Berlin, Lenné-Straße 6a. In Köln zeigte Feldmann, der sich 1910 und 1911 in Paris aufhielt, im Juli 1912 eine Einzelausstellung von August Macke, im Oktober des gleichen Jahres die italienischen Futuristen Umberto Boccioni (1882-1916), Carlo Carrà (1881-1966), Luigi Russolo (1885-1947) und Gino Severini (1883-1966) und im November Zeichnungen und Aquarelle von Jules Pascin (1885-1930). 1913 übernahm er die Ausstellung der „Rheinischen Expressionisten“ aus Bonn, im Dezember zeigte er nochmals Jules Pascin, 1914 Erich Heckel sowie den Deutschen Werkbund, während er in Berlin die große Palette französischer Malerei und im Juni 1914 nochmals die Rheinischen Expressionisten präsentierte.
Der in Düsseldorf ansässige Kaufmann Alfred Flechtheim gehörte zu den bedeutendsten Kunstsammlern in Rheinland und war auch als Kunsthändler, Publizist und Verleger tätig. Er kaufte Werke von Vincent van Gogh (1853-1890), Paul Cézanne (1839-1906), Frühwerke von George Braque (1882-1963) und André Derain (1880-1954) und pflegte enge Kontakte zu den Künstlern des Blauen Reiters, des Gereonsklubs und der Brücke. Als Mitbegründer und Schatzmeister des Sonderbundes war er an der Kölner Sonderbund-Ausstellung 1912 als Organisator beteiligt. Außerdem stellte er Bilder aus seiner Sammlung für die Sonderbundausstellung 1909 bereits zur Verfügung und schenkte weitere dem Landesmuseum seiner Heimatstadt Münster. Im Dezember 1913 eröffnete Flechtheim auf der Königsallee in Düsseldorf eine eigene Galerie „Endlich bin ich in der Lage, mir einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen: mich nur mehr mit Dingen der Kunst zu beschäftigen“ schreibt er im ersten Katalog[11]. 1914 stellte er hier auch die Rheinische Expressionisten aus.
Hans Thuar, Rheinische Landschaft (Bahnstrecke), 1912, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)
Als weitere Sammler und Förderer der rheinischen Expressionisten können der bereits erwähnten Konfektionsfabrikant Hermann Hertz aus Köln, den Macke als den „größten und modernsten Kölner Kunstsammler“ bezeichnete[12], der Literat und Kaufmann Josef Feinhals (1867-1947), der auch als zweiter Vorsitzender des Sonderbundes wirkte, der Aachener Industrielle und Schriftsteller Julius Talbot Keller (1890-1946), der bevorzugt Werke von Nauen und Henseler sammelte, der Aachener Edwin Suermondt (1883-1923), der mit Nauen befreundet war und Monumentalgemälde für seine Burg Drove in der Eifel in Auftrag gab, der Bonner Wirtschaftstheoretiker Willi Wygodzinski (1869-1921), der Werke von August Macke sammelte und auch Paul Adolf Seehaus förderte, Dr. Walter Cohen (1888-1942), Bruder von Friedrich, Sammler und Kunsthistoriker, der am Bonner Provinzialmuseum tätig war, in zahlreichen Artikeln die Rheinischen Expressionisten propagierte und bei der Durchführung ihrer Bonner Ausstellung half. Des Weiteren war er Mitglied im Gereonsklub, Sonderbund, im Vorstand der 1915 gegründeten „Gesellschaft zur Förderung deutscher Kunst e.V. in Neuss und verfasste die erste Macke-Monographie. Als wichtiger Förderer soll auch der Kunsthistoriker Walter Kaesbach (1879-1961) erwähnt werden, dessen Sammlertätigkeit 1904 mit dem Ankauf eines Werkes von Christian Rohlfs (1849-1938) einsetzte. 1912 schloss er Freundschaft mit Heinrich Nauen und Erich Heckel. Die Künstler des Expressionismus, neben den Brücke-Malern unter anderem Heinrich Campendonk, Heinrich Nauen, Wilhelm Lehmbruck und August Macke, bildeten Glanzpunkte seiner Sammlung.
Überregional für die Durchsetzung der neuen Malerei von großer Bedeutung und im engen Kontakt mit der rheinischen Kunstszene stehend, waren die Galeristen Heinrich Thannhauser (1859-1934) und Hans Goltz (1873-1927) in München sowie Herwarth Walden (1878-1941) in Berlin. Präsentierte Heinrich Thannhauser, nachdem er in der 1904 gegründeten Galerie die französische Impressionisten sowie Paul Gauguin, den mit ihm befreundeten Pablo Picasso und George Braque gezeigt hatte, 1909 und 1910 die Mitglieder der Neuen Künstlervereinigung München (NKVM) unter der Federführung von Wassily Kandinsky, so auch nach deren Spaltung im Dezember1911 erstmals die Redaktion des „Blauen Reiters“ (18.12.1911-1.1.1912). Kandinsky konnte für die Ausstellung den in Paris lebenden Robert Delaunay gewinnen, dessen Werk starken Einfluss auf die Expressionisten, vor allem Macke, ausüben sollte. Daneben konnten Werke des 1910 in Paris verstorbenen „Zöllners“ Henri Rousseau (1844-1910) gezeigt werden. Die zweite, an teilnehmenden Künstlern erheblich erweiterte Ausstellung wurde 1912 unter dem Titel „Schwarz-Weiß“, in der Münchner Kunst- und Buchhandlung von Hans Goltz, der auch die Redaktion des Blauen Reiter beriet und Subskription und Auslieferung des im gleichen Jahr erschienenen Almanachs organisierte.
Herwarth Walden (1878-1941), alias Georg Lewin, übernahm die „Blaue-Reiter-Ausstellung“, nachdem sie im Januar 1912 im Gereonsclub in Köln gezeigt worden war und eröffnete mit ihr seine in Berlin gegründete Galerie „Der Sturm“ am 12.3.1912. Walden betätigte sich als Schriftsteller, Verleger, Galerist, Musiker und Komponist. 1910-1932 gab er in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Alfred Döblin (1878-1957) die Zeitschrift „Der Sturm“ heraus, die zu einer der wichtigsten Publikationen des Expressionismus avancierte. Neben dem Blauen Reiter präsentierte Walden in seiner Galerie die italienischen Futuristen und integrierte die rheinischen Expressionisten in die internationale Werkschau „Erster Deutscher Herbstsalon“ (2.4.-1.12.1913) in der Potsdamer Straße 75, die neben der Sonderbundausstellung in Köln 1912 die wohl umfangreichste Präsentation der europäischen Avantgarde in Deutschland bis nach dem Zweiten Weltkrieg bleiben sollte. 85 Künstler mit 366 Exponaten, darunter die Pariser Kubisten der „Section d´or“ sowie auf Vermittlung Mackes eine Gruppe tschechischer Kubisten, die Mitglieder des Blauen Reiters, die italienischen Futuristen, russische Künstler, darunter Marc Chagall (1887-1985), Natalija Gontscharowa (1881-1962), Michail Larionow (1881-1964), David Burljuk ( 1882-1967) und auch die in Amerika lebenden Lyonel Feininger (1871-1956), Albert Bloch (1882-1961) und Marsden Hartley (1877-1943) waren vertreten.
2.5 Museen und Kunstvereine
Bereits früh erkannten auch einige progressiv eingestellte Vertreter rheinischer Museen und Kunstvereine die Chance, die europäische Kunst der Moderne in all ihren Facetten zu zeigen. Friedrich Deneken (1857-1927), erster Direktor des Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museums, das 1897 als Museum für angewandte Kunst eröffnet worden war, gelang es 1900 in Paris, Objekte des Art Nouveau und japanischer Gestaltungskunst für das Krefelder Museum zu erwerben. Er betrieb die Gründung der „Handwerker und Kunstgewerbeschule in Krefeld, an die 1904 der Niederländer Johan Thorn Prikker (1868-1932) als Lehrer berufen wurde. Bei ihm absolvierten sowohl Helmuth Macke als auch Heinrich Campendonk ihre Ausbildung. 1907 war Deneken an der Gründung des deutschen Werkbundes beteiligt. Neben dem kunstgewerblichen Zweig förderte er nachhaltig moderne zeitgenössische Kunst. 1900 kaufte ein Krefelder Unternehmer auf der Pariser Weltausstellung die Marmorskulptur „Eva“ von Auguste Rodin (1840-1917) und überließ sie dem Museum, Rodin gab einen Bronzekopf (Yvette Guilbert) als Geschenk hinzu. Des Weiteren zeigte der aufgeschlossene Direktor die seinerzeit sensationellen Plakate von Henri Toulouse-Lautrec (1864-1901), 1904 Zeichnungen von Paul Gauguin, 1907 in der „Französischen Kunstausstellung“ Werke von van Gogh, Cézanne, Signac, und kaufte Claude Monets (1840-1926) „Das Parlament, Sonnenuntergang“ aus dem Jahr 1904, trotz massiver Widerstände an. 1908 stellte er in der aus Düsseldorf übernommenen Sonderausstellung die neusten Tendenzen der rheinischen Malerei vor.
Der Kunsthistoriker Dr. Richart Reiche (1876-1943) wurde 1907 zum Konservator des Barmer Kunstvereins berufen und übernahm die Aufgabe des künstlerischen Leiters und Ausstellungskurators. In den Räumen der „Kaiser Wilhelm- und Friedrich-Ruhmeshalle“, dem Sitz des Vereins, zeigte er in mehreren bedeutenden Ausstellungen seinerzeit noch unbekannte Künstler, die er auch an Galerien und Museen weitervermittelte. Er übernahm die Düsseldorfer Sonderbundausstellung von 1909, dann, im Mai 1910, die Münchner Ausstellung des NKVM, im Oktober zeigte er „Junge französische Malerei“ und richtete noch im selben Jahr Franz Marc, Alexej von Jawlensky und Emil Nolde Einzelausstellungen aus, später präsentierte er Adolf Erbslöh, Marianne von Werefkin (1860-1938) und August Macke. Richart Reiche war Mitglied des Gereonsklubs und hielt dort 1911, anlässlich der Vernissage der NKVM-Ausstellung eine Rede über den „Naturalismus“.
Im März 1912 zeigte er wiederum „Französische Malerei“ und im Oktober weitere Werke von Franz Marc und Kees van Dongen (1877-1968). Im gleichen Jahr war Richart Reiche als Organisator und Kurator maßgeblich an der Sonderbundausstellung in Köln beteiligt; daneben stellte er, ebenfalls noch 1912, Kunstwerke aus der Sammlung des bei Barmen lebenden Wollhändlers und Kunstsammlers Gottlieb Friedrich Reber (1880-1959) im Barmer Kunstverein (Corot, Renoir, Manet, Cezanne, Degas, Gauguin) der Öffentlichkeit vor. Im Mai 1913 präsentiert er August Macke in einer Einzelausstellung.
Der Kunsthistoriker Alfred Hagelstange (geboren 1874) war von 1908 bis zu seinem frühen Tod 1914 Direktor des Wallraf-Richartz-Museums in Köln, des Weiteren Berater des Gereonsklubs, Mitbegründer des Kölner Künstlerbunds und der Kölner Sezession, organisierte 1911 die Ausstellung „Kunst unserer Zeit in Cölner Privatbesitz“ und übernahm 1912 die zweite Ausstellung (Schwarz-Weiss) des Blauen Reiters. Er förderte nachhaltig die rheinischen Expressionisten, unter anderem Heinrich Nauen. Als Mitglied des Organisations-Komitees der Sonderbundausstellung 1912 hatte er weiteren Einfluss auf die Propagierung der Kunst der Moderne.
Karl Ernst Osthaus, Bankierssohn und Erbe eines großen Familienvermögens, der sich nach einer kaufmännischen Lehre dem Studium der Geistes-und Naturwissenschaften zuwendete, war eine der wichtigsten Kunstsammler und Mäzene zeitgenössischer Kunst am Beginn des 20. Jahrhunderts. Am 9.7.1902 eröffnete unter seiner Direktion das Folkwang-Museum in Hagen (heute Karl Ernst-Osthaus-Museum), dessen Gründung (1899) und Bau durch den Architekten Henri Van de Velde (1863-1957) er in die Wege leitete.
Bereits zur Eröffnung konnte Osthaus das 1902 angekaufte Bild „Kornfeld mit Schnitter“ präsentieren, es gilt als das erste Werk van Goghs in einer öffentlichen Sammlung Deutschlands. In den Jahren von 1902-1914 erwarb Osthaus Werke von Auguste Rodin (1840-1917), Edgar Degas (1834-1917), Paul Cézanne, Auguste Renoir (1841-1919), Paul Gauguin, Camille Corot (1796-1875), Vincent van Gogh, Aristide Maillol (1861-1944), George Minne(1866-1941), Edvard Munch, Henri Rousseau (1844-1910), Georges Seurat (1859-1891), George Frederick Watts (1801-1889), Anselm Feuerbach (1829-1880), Arnold Böcklin (1827-1901), Emil Nolde, Henri Matisse (1869-1954), Oskar Kokoschka (1886-1980), Franz Marc, Wassily Kandinsky und Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976).
1906 präsentierte er Edvard Munch, die „Brücke-Maler“ und Henri Matisse, 1909 in Einzelausstellungen Jawlensky und Kandinsky, 1910 Ernst Barlach zum Jahreswechsel 1910/1911 die NKVM und 1911 Einzel-Ausstellung Franz Marcs, die zuvor im Kölner Gereonsklub gezeigt worden war.
Zum zehnjährigen Jubiläum 1912 verzeichnete der erste Sammlungskatalog das große Spektrum der künstlerischen Avantgarde. Den Reigen der Ausstellungen eröffnete Emil Nolde, es folgten Wilhelm Lehmbruck, Egon Schiele (1890-1918); im Juli macht die erste Ausstellung des Blauen Reiters im Folkwang-Museum Station, es folgte Johan Thorn Prikker. 1913 stellte Ernst Ludwig Kirchner aus, 1914 wurde Karl Schmidt-Rottluff gezeigt.[13]
1909 war Osthaus Gründungsmitglied des „Sonderbundes Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler“ in Düsseldorf und übernahm den Vorsitz. 1910 verwendete er sich für die Künstlergruppe Brücke sowie für Maillol und Matisse, die auf der zweiten Düsseldorfer Sonderbundausstellung präsentiert werden konnten, dem entsprechend war Osthaus maßgeblich an dieser Gesamtschau expressionistischer Strömungen beteiligt.
3. Die Ausstellung Rheinischer Expressionisten in Bonn 1913
„Die rheinischen Expressionisten habe ich gemacht in Bonn, so nebenbei, erstens, um Cassirer zuvorzukommen, und die Leute hier zusammenzubringen, zweitens als eine Probe für den Herbstsalon.“[14] Dieses Statement von August Macke umschreibt in knappster Form seine Motive, in Bonn die gemeinsame Ausstellung seiner Malerfreunde zwischen den großen europäischen Gesamtschauen des Sonderbunds in Köln 2012 und des Herbstsalons in Berlin 2013 zu organisieren.
3.1 Vorbereitung
Um Macke hatte sich im Frühsommer 1913 in Bonn ein Kreis von Malerkollegen gebildet, die sich in einer Villa in Grau-Rheindorf zum Beisammensein und Arbeiten trafen. Mackes Schwager, Walther Gerhardt, hatte jene, direkt am Rhein in der Estermannstraße 158 gelegene Villa W. v. Plüskow gemietet, Engert sowie Henseler und der Schriftsteller Karl Otten (1889-1963) bewohnten dort jeweils ein Zimmer. In diesem Kontext wurde die Idee zur Ausstellung „Rheinischer Expressionisten“, geboren, die August Macke zielstrebig umsetzte.
„Wir saßen in seinem Garten unter der Laube am Rhein und blinzelten in den strahlenden Sommer. Macke, Max Ernst, der zarte, bucklige Seehaus, der schlanke, unendlich begabte Franz Henseler, der aus München hierher verschlagen wurde. Manchmal tauchte Heinrich Nauen auf, und Franz Marc bestieg sein blaues Ross, um den Affenfries im Atelier auszumalen. Zwischendurch geisterte der schlauchartig sich windende Haru Engert umher, saß mit untergeschlagenen Beinen und schnitt Silhouetten. Aus unseren europäischen Gesprächen – wir betrachteten Köln und Bonn als Vororte von Paris, Wien und Rom – formte sich in Macke die Idee einer repräsentativen Ausstellung Rheinischer Expressionisten, die ohne jede Vorbereitung oder fremde Hilfe in den Tag sprang.“ So schilderte Karl Otten die Atmosphäre in der Geburtsstunde der Ausstellung[15].
August Macke, der neben dem Grau-Rheindorfer Künstlerkreis enge Beziehungen zu den Mitgliedern des Kölner Gereonsklubs pflegte, zum Arbeitsausschuss der Kölner Sonderbundausstellung 1912 gehörte und als Mitglied des Blauen Reiters hervorragende Beziehungen nach München unterhielt, dürfte kaum Mühe gehabt haben, eine repräsentative Liste der Aussteller zusammenzustellen und den dem Expressionismus aufgeschlossenen Friedrich Cohen, in dessen Kunstsalon 1907 die Brücke-Maler, 1908 Holzschnitte von Gabriele Münter und 1912 bereits August Macke präsentiert hatte, für das Unternehmen zu gewinnen.
3.2 Die Künstler der Ausstellung
Paul Adolf Seehaus, 1891 in Bonn geboren und durch eine schwere Erkrankung 1904 bleibend körperbehindert, trat in der Ausstellung unter dem Pseudonym „H.G. Barnett“ (der Name stammt von einem englischen Fischerdorf, wo er seine ersten Malferien verbracht hatte) auf. Seit 1910 war er mit Macke eng befreundet und bezeichnete sich als seinen „unentgeltlicher Meisterschüler“. Wichtige Anregungen sammelte er auf der Kölner Sonderbund- und der Futuristen-Ausstellung im Rheinischen Kunstsalon von Otto Feldmann 1912. Parallel zu seinem Kunstgeschichtsstudium 1914-1917 war Seehaus weiter als Maler, insbesondere auch als Radierer und als Ausstellungsorganisator tätig. Knapp vier Monate nach seiner Promotion an der Universität Bonn starb er am 13.3.1919 in Hamburg an einer Lungenentzündung. In der Bonner Ausstellung war Seehaus mit zwei Gemälden - „Rheinufer bei Bonn“, „Hafenanlage“ - und zwei Hinterglasbildern vertreten. Seehaus´ enge Verbundenheit zur Musik spiegelt sich im Farb- und Formrhythmus seiner kammermusikalischen Bilder wider, die von idyllischer Zartheit bis zu dynamischen Kraftzirkeln reichen.[16]
Heinrich Campendonk, 1889 in Krefeld geboren, besuchte 1905-1909 die Kunstgewerbeschule in Krefeld und war wie Helmuth Macke Schüler von Jan Thorn Prikker. Mit Helmuth Macke unterhielt er eine Ateliergemeinschaft und knüpfte Kontakt zu August Macke, der NKVM und den Vertretern des Blauen Reiters. 1911 siedelte er ins Bayerische Sindelsdorf um und schloss sich den Kreisen um Kandinsky und Marc an. Zur Bonner Ausstellung steuerte er ein Bild mit dem Titel „Fischpredigt“ und einige Aquarelle bei. Menschen und Dinge sind in seinem starkfarbigen Werken auf mystisch-geheimnisvolle Weise mit der Umgebung verschlungen. Walter Cohen wusste seine Gemälde als „Andachtsbilder eines Weltfrommen“ zu umschreiben[17].
Ernst Moritz Engert, 1892 in Yokohama als Sohn eines aus Hadamar (Westerwald) stammenden Kaufmanns geboren, kehrte mit seinen Eltern 1904/1905 nach Deutschland zurück. Angeregt durch einen Silhouettenschneider, den Engert auf einem Jahrmarkt begegnete, begann er, sich dieser Technik zuzuwenden und setzte sie, nach sporadischem Kunststudium in München, konsequent fort. Von Bildnissilhouetten über Plakatentwürfe bis zu Schattenspielen entwickelte Engert eine Meisterschaft, die den eigentlich in der Kunstwelt nicht hoch angesehenen Scherenschnitt eine neue Dimension verleiht. In der Bonner Ausstellung zeigte Engert neben Scherenschnitten das Gemälde „Runde Madonna“.
Max Ernst, 1891 in Brühl geboren, studierte 1910-1914 Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Bonn, lernte 1911 August Macke kennen und fasste den Entschluss, Maler zu werden. Seine frühen, bereits 1909 entstanden Bilder zeugen noch von impressionistischer Stimmung, während er im Verband mit den rheinischen Expressionisten, ohne akademische Kenntnisse, sich mit der französischen Stilpluralität auseinandersetzte und Bilder mit großem Experimentierwillen schuf. Er debutierte 1913 in der Bonner Ausstellung mit den Werken „Die Straße“ (1912), „Martyrium“, „Christus und die Jünger“, „Weiblicher Kopf“ (Hinterglasbild).
Otto Feldmann (1881-1942) trat 1908 in der Jahresausstellung der Vereinigung Kölner Künstler in Köln erstmals in Erscheinung und eröffnete, nach Parisaufenthalten, 1912 die Galerie „Rheinischer Kunstsalon am Hansaring 20 in Köln, in der er avantgardistischer Kunst bis 1914 ein Forum bot. 1911 beschickte er von Paris aus die Winter-Ausstellung der Berliner Sezession „Zeichnende Künste“, im Januar 1913 war er an der zweiten Ausstellung der Kölner Sezession im Walraff-Richartz-Museum in Köln beteiligt und eröffnete im gleichen Jahr eine „Neue Galerie“ in Berlin. Otto Feldmann machte sich als Zeichner und Aquarellist einen Namen, eine Karikatur von dem Kunsthändler Alfred Flechtheim 1911 zeugt von seinen zahlreichen Kontakten in der Rheinischen Kunst-Szene.
Franz Seraph Henseler, 1883 im Oberbayerischen Rosenheim geboren, begann neben seinem Jurastudium als künstlerischer Autodidakt und machte sich einen Namen mit originellen Werbegrafiken und Buchillustrationen. Im Kreis der Schwabinger Bohème lernte er Ernst Moritz Engert und Karl Otten kennen, mit denen er 1913 die Grau-Rheindorfer Villa W. v. Plüskow bei Bonn bezog. Im engen Austausch mit August Macke beteiligte er sich an der Bonner Ausstellung mit den Gemälden „Rheinische Madonna“, „Sebastian“, „Mondanbeter“, ferner mit den Tuschzeichnungen und/oder Radierungen „Verführung“, „Kreuztragung“ und „Familie“.
Franz Matthias (Lambert) Jansen, 1885 in Köln geboren, studierte 1905-1906 Architektur an der TH Karlsruhe und 1906-1910 bei dem Architekten Otto Wagner (1841-1918) an der Akademie der Künste in Wien. Nach seiner Rückkehr nach Köln beschloss er 1910 die Architektur zugunsten der Malerei aufzugeben und debütierte im gleichen Jahr auf Vermittlung von Alfred Hagelstange mit 34 Gemälden an der 2. Ausstellung des Kölner Künstlerbundes, war an den Sonderbundausstellungen 1911 in Düsseldorf und 1912 in Köln, und 1913 als Mitbegründer an den Ausstellungen der Kölner Sezession beteiligt, daneben war er 1911 auch Mitbegründer des Gereonsklubs. Der Vorwurf des Stilpluralismus, dem ihm Kritiker vorwarfen, zeugte von der raschen Adaption, die der Autodidakt Jansen in der Auseinandersetzung mit den zahlreichen französischen Strömungen vollzog. Daneben entstand seit 1912 ein umfangreiches graphisches Werk in Zyklen. In der Bonner Ausstellung war Jansen mit dem Gemälde der „Sommer“ vertreten.
Josef Kölschbach, 1892 in Köln geboren, (gestorben 1947) studierte 1912 an der Kunstakademie in Düsseldorf, brach aber nach dem Besuch der Sonderbundausstellung noch im gleichen Jahr sein Akademiestudium ab und wurde freischaffender Künstler. Über Max Ernst lernte er August Macke kennen, der ihn zur Bonner Ausstellung einlud. Seine Bewunderung für Kandinsky machte sich in seinen frühen Aquarellzyklen bemerkbar, während seine Hinterglasbilder mit religiösen Motiven den 21-Jährigen durch eine Einzelausstellung im Aachener Reiff-Museum im Juni/Juli 1913 schon bekannt machten, bevor er in der Bonner Ausstellung seine „Große Komposition mit Kopf im Bildzentrum“ sowie weitere Hinterglasbilder „Köpfe“ zeigte.
Helmuth Macke, 1891 in Krefeld geboren, studierte wie Heinrich Campendonk, mit dem er gemeinsam ein Atelier führte, 1906-1908 an der Krefelder Kunstgewerbeschule bei Johan Thorn Prikker. Mit seinem Vetter August Macke war er freundschaftlich verbunden. Nach dem Studium lebte er von 1909-1910 in Ateliergemeinschaft mit Wilhelm Wieger (1890-1964) und Heinrich Nauen in Orbroich bei Krefeld. 1910-1911 hielt er sich mit August Macke am Tegernsee auf und lernte die Künstler des Blauen Reiters kennen, während er ein Jahr später in Berlin Kontakte zu den Malern der Brücke aufnahm und Freundschaft mit Erich Heckel schloss. Nach seiner Beteiligung an der Sonderbundausstellung 1912 in Köln war er 1913 beim „Ersten Deutschen Herbstsalon in Berlin vertreten. In Bonn zeigte er Figurenbilder und Landschaften aus seiner ersten, vom Blauen Reiter beeinflussten Schaffensperiode.
Carlo Mense, 1886 in Rheine/Westfahlen geboren, ab 1891in Köln aufgewachsen, studierte 1906-1908 an der Kunstakademie Düsseldorf und lernte August Macke kennen. Auf seinen Rat wurde er 1909 Privatschüler von Lovis Corinth (1858-1925) in Berlin und setzte 1911 sein Kunststudium in Weimar fort, siedelte im gleichen Jahr mit seinem Bruder Rudi nach München über und wurde Mitglied im Gereonsklub in Köln. Auch er nahm an der Kölner Sonderbundausstellung 1912 und am Ersten Deutschen Herbstsalon in Berlin 1913 teil. 1914 entwarf er Graphiken und Titelblätter für die expressionistischen Zeitschriften „Der Sturm“ und „Die Aktion“ und übernahm die Organisation der Folgeausstellung „Rheinische Expressionisten“ in der Galerie Flechtheims in Düsseldorf. Mehrfache Reisen nach Ascona zum Monte Vérità führten zur Bekanntschaft mit der expressionistischen Tänzerin Mary Wigman (1886-1973).
Sein Werk nahm bis zum Ersten Weltkrieg die unterschiedlichsten Einflüsse, auch die durch seine Kollegen, auf. In Bonn war er mit Landschaftsbildern und Radierungen vertreten.
Heinrich Nauen, 1880 in Krefeld geboren, besuchte 1898 die Düsseldorfer Kunstakademie, 1899 die Privatschule von Heinrich Knirr (1862-1944) in München und von 1899-1902 die Kunstakademie Stuttgart als Meisterschüler Leopold von Kalckreuths (1855-1928). Anschließend hielt er sich bis 1905 in der Künstlerkolonie Laethem-Saint-Martin bei Gent in Flandern auf. 1906-1911 machte er Station in Berlin, Orbroich bei Krefeld und Belgien. 1910 wurde sein großformatiges Gemälde „Die Ernte“, das im Zentrum der ersten Ausstellung der Kölner Sezession stand, in Paris präsentiert, was ihm große Anerkennung, auch in einem Brief von Henri Matisse, brachte. 1911 siedelte er nach Schloss Dilborn bei Brüggen über, das zum gesellschaftlichen Mittelpunkt der Kunstszene wurde. 1912/1913 schuf er im Auftrag von Erwin Suermondt sechs Wandbilder für die Burg Drove bei Düren und beteiligte sich an der Kölner Sonderbundausstellung 1912 mit sechs Bildern. 1914 richtete ihm Alfred Flechtheim eine Einzelausstellung in seiner Galerie aus, in der der Drove-Zyklus der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Nauens wichtigstes Thema war die Landschaft und auch der in ihr arbeitende Mensch symbolistisch überhöht und von starker Farbigkeit. Der Einfluss van Goghs ist in vielen seiner frühen Gemälde spürbar. In Bonn wurden sein Porträt von Helmuth Macke und das Bild zweier „Mädchen im Boot“ gezeigt.
Clara Maria von Malachowski-Nauen, 1880 in Hannover geboren, begann ihre Ausbildung 1899 an der privaten Kunstschule bei Wilhelm Claudius (1854-1942) in Dresden, die sie 1900-1905 bei Leopold von Kalckreuth in Stuttgart fortsetzte, wo sie ihren späteren Mann, Heinrich Nauen kennenlernte. Sie setzte ihr Studium bei W.C.H. Claudius in Dresden fort, heiratete dort 1905 und folgte ihrem Mann nach Paris an die Académie Julian und auf seinen weiteren Stationen. Maria Nauen betätigte sich als Malerin, Radiererin und Holzschneiderin, vor allem auch als Malerin von Kinderporträts. Die einzige Ausstellung, an der sie vor dem Ersten Weltkrieg beteiligt war, war die der Rheinischen Expressionisten in Bonn, wo vier ihrer Landschaftsaquarelle gezeigt wurden.
Olga Friederike Oppenheimer, 1886 in Köln geboren, begann ihre künstlerische Ausbildung zusammen mit ihrer Freundin Emmy Worringer bei Adolf Hölzel (1853-1934) in Dachau und an der Akademie in München. 1908 bezog sie ein Atelier in Köln am Marsilienstein 28. 1909 wurde sie in Paris Schülerin von Paul Sérusier, ein Jahr später gründete sie zusammen mit Emmy Worringer eine Mal- und Zeichenschule im Kölner Gereonshaus und war eine der Gründerinnen des Kölner Geronsklubs. Zusammen mit ihr bewies sie sich als kluge Organisatorin, um gegen die konservative Kölner Kunstszene zu opponieren, was sich auch als Mitbegründerin der Kölner Sezession bestätigte. Als eine der wenigen Künstlerinnen im Kreis ihrer Kolleginnen war sie bis 1913 in wichtigen Ausstellungen vertreten: 1910 in der 2. Ausstellung des Kölner Künstlerbundes im Wallraf-Richartz-Museum, 1911 „Graphik Kölner Künstler“, 1912 an der Sonderbundausstellung in Köln, im gleichen Jahr in der 1. Ausstellung der Kölner Sezession im Kunstgewerbemuseum, 1913 in der 2. im Wallraf-Richartz-Museum und 1913 als einzige deutsche Repräsentantin in der legendären Armory-Show in New York. Im gleichen Jahr heiratete sie Emmys Bruder, den Gastronomen Adolf Worringer (1882-1960). Nach der Geburt zweier Söhne gab sie 1916 die Malerei auf. Aufgrund schwerer Depressionen wurde sie 1918 in die Heilanstalt Waldbreitbach eingeliefert und 1941 im Konzentrationslager Majdanek ermordet.
William Straube, 1871 in Berlin geboren, besuchte von 1886-1888 Abendkurse im Aktzeichnen, 1890-1893 absolvierte er eine Dekorationslehre, studierte ab 1894 an der Königlichen Kunstschule in Berlin, machte 1896 sein Zeichenlehrerexamen und setzte sein Studium als Meisterschüler des Historienmalers Josef Scheurenberg (1846-1914) fort. Seit 1898 war er als Zeichenlehrer in Koblenz tätig und unternahm in den Folgejahren zahlreiche Reisen durch Europa, machte 1901 in Paris die Bekanntschaft mit Matisse und hatte eine erste Ausstellung in Düsseldorf. 1908 gab er seine Zeichenlehrerstelle zugunsten einer freischaffenden Künstlertätigkeit auf, studierte an der Académie Matisse in Paris und 1915-1916 als Schüler von Adolf Hoelzel an der Stuttgarter Akademie. Vermutlich wurde Macke auf Straube bei dessen Teilnahme an der Kölner Sonderbundausstellung 1912 aufmerksam, und lud ihn, aufgrund der Stilverwandtschaft zu den Rheinischen Expressionisten, zur Bonner Ausstellung ein.
Hans Thuar, 1887 in Treppendorf bei Lübben geboren, wuchs ab 1892 in Köln auf. Ostern 1897 schloss er Freundschaft mit August Macke, zwei Jahre später wurde er von einer Pferdebahn überfahren und verlor beide Beine. Am Krankenlager machte er erste Malversuche mit August Macke, nahm von 1903-1907 Unterricht bei Professor Wegelin in Köln, verließ die Schule, betätigte sich als Dekorationsmaler und studierte von 1907-1908 an der Düsseldorfer Kunstakademie, arbeitete 1909-1910 abwechselnd in Köln und Düsseldorf: Nach einer depressiven Phase schwang er sich, nach Umzug nach Bonn-Endenich, 1911-1914 zu einer ersten Schaffensperiode auf, beteiligt sich an den Ausstellungen der Kölner Sezession 1911 und 1913, an der Kölner Sonderbundausstellung 1912, und am Ersten Deutschen Herbstsalon in Berlin 1913. In der Bonner Ausstellung wurden Landschaftsbilder gezeigt, die sich durch eine von starken Grundfarben geprägte, klare und reduzierte Formensprache auszeichnen.
August Macke selbst war in der Ausstellung mit den Bildern: „Vier Mädchen“, „Badenden Mädchen“, „Gartenrestaurant“, „Kinder am Wasser“, „Akte“ und einem Holzschnitt vertreten.
3.3 Rezeption der Ausstellung
Angesichts der ausgesprochen zwiespältigen Aufnahme der Kölner Sonderbundausstellung und den Präsentationen der Kölner Sezession - einer kleinen Gruppe von Sammlern, Förderern und progressiv eingestellten Kunsthistorikern - stand das krasse Unverständnis der konservativen nationalen Kreise, der Tagespresse und das der Bevölkerung gegenüber - lässt sich, in der Äußerung „hoffentlich werden keine Scheiben eingeschlagen“ im Vorfeld der Eröffnung August Mackes Anspannung erkennen[18]. Seine Besorgnis erwies sich jedoch als unbegründet, die Ausstellung wurde gut besucht, Macke veranstaltete eine Führung, an der circa 70 Personen teilnahmen, 15 Bilder wurden verkauft.
Die Rezensionen fielen ausgesprochen ausführlich und überwiegend positiv aus, was wohl auch daran lag, dass die Verfasser, als Studenten des Bonner Kunsthistorischen Instituts, dem Freundeskreis der Maler nahestanden, so Joachim Benn, Max Ernst, Alfred Salmony und Karl Otten. Außerdem waren mehrere der Beteiligten in Bonn ortsansässig und Macke durch frühere Ausstellungen in Bonn und durch seine Familie bekannt, so dass sich ein kleiner familiärer Kreis von Interessenten bilden konnte.
Die „Probe“ für den Ersten Deutschen Herbstsalon in Berlin, wie es Macke ausdrückte, war gelungen. Es folgte dann noch im gleichen Jahr die Übernahme der Ausstellung in den „Rheinischen Kunstsalon“ von Otto Feldmann in Köln, und von September bis November die Ausstellungsbeteiligung am Ersten Deutsche Herbstsalon bei Herwarth Walden in Berlin, im Januar 1914 unter dem Titel „Die Neue Malerei“ eine Expressionisten-Ausstellung in der Galerie Ernst Arnold in Dresden. Im Mai wurden die Rheinischen Expressionisten unter der Kuratie von Carlo Mense in der Düsseldorfer Galerie von Alfred Flechtheim präsentiert, im Juni, in unterschiedliche Zusammensetzung gegenüber Bonn, nochmals in der „Neuen Galerie“ von Otto Feldmann, in Berlin gezeigt.

William Straube, Selbstbildnis an der Staffelei, 1911, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)
3.4 Vorläufiges Ende durch den Ersten Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg schlug eine große Zäsur in die Weiterentwicklung der rheinischen Expressionisten, viele wurden eingezogen, Campendonk bis 1916, Engert bis 1916, Ernst bis 1918, Jansen, wegen Krankheit 1915 zurückgestellt, Kölschbach bis 1916, Helmuth Macke bis 1918 (er arbeitete 1915 als Kriegsmaler von Verdun), Mense bis 1918, Nauen bis 1918. August Macke und Franz Henseler starben im Feld, Paul Adolf Seehaus 1919 an Lungenentzündung. Thuar litt 1914-1920 an tiefer Depression, Marie von Malachowski-Nauen trat nach der Bonner Ausstellung 1913 nicht mehr in Erscheinung, Olga Oppenheimer gab 1916 die Malerei auf.
4. Die Rheinischen Expressionisten nach dem Ersten Weltkrieg
4.1 Die Ausstellung „Das junge Rheinland“ in Köln
Paul Adolf Seehaus organisierte mit Hilfe von Dr. Walter Cohen 1918 im Kölnischen Kunstverein eine Ausstellung mit dem Titel „Das junge Rheinland“, in der die erste Bilanz der rheinischen Kunst unmittelbar nach dem Krieg gezogen wurde. Unter dem Titel „August Macke zum Gedächtnis“ schrieb Cohan das Vorwort zum Katalog, während Seehaus in der im „Kunstblatt“ erschienenen Rezessionformulierte: „Das Gesicht der typisch rheinischen Kunst ist geblieben […] Wie der Duft der Atmosphäre, silbergrau und violett die rheinische Landschaft schmeichelnd umgibt und ausgleichend umlagert, so durchdringt eine fast traditionelle Schönheit die Werke dieser rheinischen Maler […] Frankreichs Nachbarschaft klingt leise herein.“[19] Im Mittelpunkt standen 30 Werke von August Macke, daneben Arbeiten von Nauen, Kölschbach, Max Ernst, Campendonk, Jansen und Seehaus und auch von weiteren dem Kreis verbundenen Maler.
Heinrich Campendonk, Pferde-Komposition, 1912, Öl auf Pappe. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)
4.2 Die Künstlervereinigung „Das junge Rheinland“ in Düsseldorf
Der Titel „Das Junge Rheinland“ wurde für die gleichnamige Künstlervereinigung übernommen, die am 24.2.1919 in Düsseldorf von dem Dichter Herbert Eulenberg, dem Maler Arthur Kaufmann (1888-1971) und dem Maler und Schriftsteller Adolf Uzarski (1885-1970) ins Leben gerufen wurde. Der Zusammenschluss sollte die Interessen der rheinischen Künstlerschaft vertreten und ihnen unabhängige Ausstellungsmöglichkeiten bieten. Die erste Ausstellung fand im Juli 1919 in der Düsseldorfer Kunsthalle mit 113 Teilnehmern statt, darunter posthum Macke und Seehaus. Noch im selben Jahr wurde die Schau in Barmen gezeigt. Unter anderem schlossen sich Max Ernst, Carlo Mense, Heinrich Nauen, Walter Ophey und Otto Sohn-Rethel dieser Vereinigung an, die, neben anderen in den 1920er-Jahren entstandenen Künstlergruppierungen, 1933 aufgelöst wurde.
Berühmtes Zentrum der zeitgenössischen rheinischen Künstler war die Düsseldorfer Altstadt-Galerie „Junge Kunst – Frau Ey“ die von Johanna Ey (1864-1947), bekannt als Mutter Ey, geleitet wurde. Doch der Zenit der expressionistischen Kunstentwicklung war überschritten, Kunstströmungen wie Dada, Surrealismus und Neue Sachlichkeit brachen sich Bahn. So fand Max Ernst über Dada zum Surrealismus, während Heinrich Campendonk, Hans Thuar, Heinrich Macke und Heinrich Nauen, der 1921 an die Kunstakademie Düsseldorf berufen wurde, ihr Spätwerk aufbauten. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden, so wie viele andere, die Werke der Expressionisten als „entartet“ erklärt, teilweise zerstört, Sammlungen zerschlagen, aus Museen entfernt und der Öffentlichkeit entzogen.
4.3 Würdigung der Rheinischen Expressionisten nach dem Zweiten Weltkrieg
1952 organisierte Walter Holzhausen (1896-1968) eine erste umfassende Ausstellung der Städtischen Kunstsammlungen Bonn mit dem Titel „Bonn und der rheinische Expressionismus“ im Kaufhof Bonn und rief damit die Erinnerung an den künstlerisch so fruchtbaren Kreis um August Macke zurück ins Leben.
Das städtische Kunstmuseum Bonn, das August-Macke-Haus in Bonn, das Kaiser-Wilhelm Museum in Krefeld und weitere Museen verwalten heute das Erbe der Rheinischen Expressionisten, sorgen für die kunsthistorische Aufarbeitung und mit kontinuierlichen Ausstellungen für ihre Präsentation in der Öffentlichkeit.
Carlo Mense, Stromlandschaft, 1913, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)
2. Roaring Twenties. Die populäre Musik der 1920er Jahre
"Schöner Gigolo, armer Gigolo, / Denke nicht mehr an die Zeiten / Wo du als Husar, goldverschnürt sogar / Konntest durch die Straßen reiten! / Uniform passée, Liebchen sagt: Adieu! / Schöne Welt, du gingst in Fransen. / Wenn das Herz dir auch bricht / Zeig ein lachendes Gesicht / Man zahlt, und du musst tanzen." Es gibt viele verschiedene akustische Manifestationen, die uns angesichts des Liedtextes von Julius Brammer aus dem Jahr 1928 (Musik: Leonello Casucci) in den Sinn kommen können. Denken wir z. B. an die tiefe Stimme der Marlene Dietrich, die melancholisch ihre englische Version Just a Gigolo ins Mikrofon haucht. Oder an den jungen Max Raabe, dessen leicht näselnde Kopfstimme uns den Text eher zackig, mit stark rollendem "r" und prägnanten Konsonanten präsentiert. Oder an Louis Armstrongs unverwechselbare Stimme, der das Lied 1930 in den USA herausbrachte. Drei Stationen eines Schlagers (1930, 1978 und 1989) mit einem jeweils unterschiedlichen Klang. Wie aber gestaltete sich der "originale" Sound der 1920er Jahre? Und wie hörten die Menschen zu dieser Zeit die Musik?
Die vermutlich erste Einspielung vom Schönen Gigolo ist heute nur wenigen bekannt. Es handelt sich um eine Aufnahme vom 22. August 1929 mit dem Orchester Dajos Béla und dem Refraingesang von Kurt Mühlhardt. Im Gegensatz zu vielen späteren Versionen, die das Lied musikalisch eher der Ballade oder auch dem Swing annäherten (z. B. die bekannte Version von Louis Prima, 1956), steht hier noch deutlich der Tango-Rhythmus im Vordergrund. Ein Hinweis, dass und auf welche Weise zu dieser Musik getanzt wurde? Die Aufnahme ist geprägt von den Nebengeräuschen der alten Grammophonplatte, dem leicht flachen Klang der Streicher, den gedämpften Blechbläsern und dem insgesamt trockenen Eindruck von Schlagzeug und Begleitinstrumenten. Ein dürrer Klang, der sich von der Live-Präsentation durch ein Tanzorchester gravierend unterschieden haben muss. Und doch faszinierte diese Aufnahme die Menschen, weil sie so die Musik an verschiedene Orte "mitnehmen" konnten. Um der populären Musik der 1920er Jahre auf die Spur zu kommen, müssen wir nicht nur fragen, wo und von wem diese Musik gespielt oder gehört wurde; es geht auch darum, sich den Klang der alten Aufnahmen wieder "vor Ohren" zu führen.
Tanzpaläste, Theater, Bars und Kabarett – Szenen populärer Musik in den 1920er Jahren
Schöner Gigolo: … – Die Geschichte, die das Lied erzählt und die primär über den Refrain vermittelt wird, handelt vom Abstieg eines ehemaligen Soldaten, der sich nach Ende des Krieges sein Geld als Eintänzer verdient: "Man zahlt und du musst tanzen." Das eigentliche Vergnügen wird hier zur lästigen Pflicht, die Arbeit ist anstrengend, erfordert neben tänzerischen Fähigkeiten auch Fremdsprachenkenntnisse, Einfühlungsvermögen und vor allem Ausdauer, wenn der junge, schöne Mann den Damen zu ihrem (Tanz-)Vergnügen zur Verfügung stehen muss. Die Kennzeichnung des Soldaten als ehemaliger Husar, also als Teil der mit prunkvollen Uniformen ausgestatteten Reiterei, deren Mitgliedern neben Tapferkeit, Schnelligkeit, Klugheit und Furchtlosigkeit auch ein anziehendes Wesen und Eleganz nachgesagt wurden, macht den Niedergang noch deutlicher. In seiner Melancholie spiegelt der Text nicht nur Enttäuschung und Lethargie angesichts des für den ehemaligen Soldaten verlorenen Krieges, sondern er passt mit seiner Grundstimmung in die Zeit der beginnenden Weltwirtschaftskrise 1929. Waren für die Besucher die Bars, Theater und Tanzpaläste Orte des Vergnügens und der Erholung, waren sie für Musiker, Sänger und Tänzer mehr oder weniger attraktive Arbeitsorte. Ob Geld verdienend oder Geld ausgebend – von Musik waren hier alle umgeben und alle partizipierten daran, musizierend, (mit-)singend, tanzend oder (zu-)hörend.
In den Großstädten konzentrierten sich die verschiedenen Vergnügungsetablissements oft in bestimmten Zentren, die in der Nähe von Verkehrsknotenpunkten lagen. In Berlin z. B. hatten sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwei solcher Zentren herausgebildet: Vor dem Ersten Weltkrieg entstand eins rund um den Bahnhof Friedrichstraße, wo sich mit den renommierten Hotels Adlon und Kaiserhof und dem Varieté Wintergarten auch in den 1920er Jahren noch wichtige Stätten von Tanzmusik und populärer Kultur befanden. Aufstrebend und nach dem Ersten Weltkrieg federführend in Sachen Unterhaltung waren die Etablissements im "Neuen Westen" Berlins um den Kurfürstendamm. So berichtete etwa der Publizist Karl Scheffler 1931: "Dort sind […] die großen in Licht glitzernden Kinos, die allabendlich viele 1.000 Besucher aufnehmen und zu bestimmten Stunden entlassen, dicht gedrängt sodann die Restaurants, Konditoreien und Cafés mit ihren im Sommer von Markisen überdachten Vorplätzen, die Tanzlokale und Kabaretts. […] Dort versammeln sich, wie auf einem Korso, die gut Gekleideten, die theatralisch Geschminkten, die Schauspieler und Schauspielerinnen, die freiwillig die Revue des Großstadtlebens agieren. […] Dieses ist die Feierabend-Apotheose der Großstadt, ist der Triumphgesang, den das neue Berlin sich immer wieder von neuem selber singt."

Werbemaßnahmen für Interpret und Plattenfirma wurden eng miteinander verzahnt - hier ein Plakat von "Friedl" für die Comedian Hamonists / Odeon, ca. 1929, Deutsches Plakat Museum Essen (© picture-alliance/akg)
Zwischen den Tanzlokalen, Kabaretts, Bühnen, Cafés und Bars herrschte an solchen Kulminationspunkten ein reger Austausch; sowohl die Künstler als auch das Publikum wechselten zwischen den Orten hin und her. Was auf diese Weise im unmittelbaren Umfeld an Programm- und Repertoireaustausch stattfand, erreichte über die neuartigen Kanäle der Massenkommunikation – Zeitungen, Rundfunk, Grammophonplatten – auch ein weit entferntes Publikum. Die Absatzmärkte wurden im Zusammenspiel verschiedener medialer Strukturen bedient, wie das Beispiel der Vermarktung der bekannten Gesangsgruppe Comedian Harmonistszeigt. Auf die Produktion einer neuen Platte folgten z. B. nicht nur Werbemaßnahmen in Zeitungen, sondern auch Konzerttourneen, für die wiederum die externen Plattenverkaufsstellen warben. Nur die geschickte Nutzung der verschiedenen Medien und Distributionskanäle ermöglichte die erstaunliche Karriere des Ensembles, das bis heute durch Schlager wie Veronika, der Lenz ist dabekannt ist. Solche Schlager wurden in verschiedenen Arrangements auch als Notenausgaben verbreitet, was es Alleinunterhaltern, Caféhausmusikern oder Tanzorchestern ermöglichte, diese in ihr Repertoire aufzunehmen.
Die enge Bindung von Song und Interpret, wie wir sie aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kennen, bestand in den 1920er Jahren noch nicht. Oft wurde ein Schlager bereits kurz nach Erscheinen von verschiedenen Plattenfirmen mit unterschiedlichen Orchestern bzw. Interpreten produziert. So war z. B. auch Casuccis Schöner Gigolo Ende der 1920er Jahre auf Schallplatten der Labels Odeon, Elektrola, Parlophone, Beka und Homokord zu hören, es sangen Richard Tauber, Luigi Bernauer oder Walter Jurmann und die Orchester von Dajos Béla, Marek Weber, Bernard Etté, das Saxofon-Orchester Dobbri usw. begleiteten.
Schlager und Tanz wurden in den 1920er Jahren mehr und mehr zu einer untrennbaren Einheit. Im Lied vom Schönen Gigolo steht der Tanz nicht nur inhaltlich im Mittelpunkt, indem der Gigolo selbst tanzt und den Frauen als Tanzpartner zu Diensten ist – das Lied ist als Tango auch formal Tanzmusik und erklingt durch die Interpretation von Tanzorchestern, wie dem Orchester Dajos Béla, live oder auf Platte bei Tanzveranstaltungen. Sollte ein Lied populär werden, "einschlagen", so musste es vor allem "tanzbar" sein: "Die Praxis hat bewiesen, dass die Schlager Erfolg haben, die nicht nur musikalisch und textlich dazu geeignet sind, sondern auch den zur Zeit modernen Tanzschritten entsprechen", hieß es dazu 1932 in einer Zeitschrift.
Moderne Tanzschritte – das waren in den 1920er Jahren zunächst (noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bekannt) Tango, Boston und Onestep sowie der sich aus Letzterem entwickelnde Foxtrott. 1920 folgte mit dem Shimmy der Vorläufer des Charleston, wie dieser ein Platztanz, bei dem keine eigentliche Fortbewegung im Raum erfolgt. Auch Tänze südamerikanischen Ursprungs wie die Rumba fanden ihren Weg auf das Tanzparkett.
Tatsächlich kam kaum ein Schlager der 1920er Jahre ohne Bezeichnungen wie "Foxtrott", "Valse Boston", "Shimmy", "Tango" oder "Onestep" aus. Mit dem Bezug auf die Tanzformen gingen auch musikalische Veränderungen einher: Sie zeigen sich vor allem in einer stärkeren Betonung des rhythmischen vor dem melodischen Element und in weiteren Einflüssen afroamerikanischer und südamerikanischer Musik. Diese werden gelegentlich auch als "Einbruch des Jazz" bezeichnet und schlagen sich z. B. in Form neuartiger Kombinationen von Musikinstrumenten wie dem Saxofon oder Banjo mit alten Salonorchestertraditionen (Stehgeiger) nieder.
Was aber machte einen Schlager außerdem erfolgreich? Der im Jahr 1926 zu diesem Thema befragte Komponist Ralph Benatzky, der u. a. für einen Großteil der Musik zur Revueoperette Das weiße Rößl verantwortlich zeichnete, stellte musikalische, formale, textliche und marktstrategische Komponenten heraus, ohne diese zu hierarchisieren: "a) die […] natürliche Übereinstimmung von Text und Musik; b) ein möglichst geringer Tonumfang und eine leicht singbare Tonlage; c) ein Ins-Ohr-gehen, aber auch ein Nicht-zu-sehr-ins-Ohr-gehen; d) irgendeine […] unerwartete harmonische oder rhythmische, aber ja nicht melodische Wendung, der Angelhaken, mit dem die Aufmerksamkeit des Hörers gefangen wird; e) eine gute und logisch vorbereitete kurze Vorstrophe; f) die richtige Länge oder Kürze des ganzen Opus; g) der psychologisch richtige Moment des Erscheinens; h) Aufnahmefähigkeit des Marktes, verursacht durch Aktualität des Opus und i) etwas Chance und 1.000 andere Imponderabilien, die sich nicht erklären lassen."

Joséphine Baker im berühmten "Bananenröckchen" in der Pariser Revue "La Folie Du Jour", Folies-Bergère, 1926. (© picture-alliance/akg)
Zwei der Elemente, die Benatzky (mit einem Augenzwinkern) hervorhebt, erscheinen besonders wichtig und hängen mit außermusikalischen Entwicklungen zusammen. So steht die "richtige Länge oder Kürze" eines Liedes in den 1920er Jahren nicht mehr in einem dramaturgischen oder anderweitigen Kontext, sondern bereits in unmittelbarem Zusammenhang mit der Aufnahmefähigkeit einer Schellackplattenseite, die etwas mehr als drei Minuten Spielzeit (bei den 10-Zoll-Platten) umfasste. Zudem ist mit der "Aktualität des Opus" ein entscheidender Punkt angesprochen, der einen Großteil der Schlager der 1920er Jahre betrifft. "Schlagend" waren sie deshalb, weil sie einerseits aktuell in der Wahl der musikalischen Ausdrucksform (z. B. eines Shimmys oder Tangos) waren, andererseits in ihren Texten an aktuelle Themen anknüpften oder zumindest mit diesen in Verbindung zu bringen waren. So besingen Schlager etwa die noch neuartige Errungenschaft des Wochenendes (z. B. Weekend, Wochenend und Sonnenschein) oder den Rundfunk (Hallo, hallo, hier Radio). Der englischsprachige Song Yes! We have no bananas (Frank Silver / Irving Cohn) kam als Ausgerechnet Bananen zwar schon vor dem Gastspiel der Tänzerin Josephine Baker nach Deutschland (nämlich im Jahr 1923), erhielt aber durch ihren Auftritt im Bananenkostüm einen zusätzlichen Popularitätsschub.
Aber nicht nur die Aktualität machte einen – mit Blick auf den Erfolg – guten Text aus. Entscheidend war auch der Refrain, wurden doch die Tanzarrangements normalerweise nur mit Refraingesang produziert. Neben Liebesthemen bevorzugte man vor allem in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren Nonsens-Reime, die man sich dank ihres Wortwitzes gut merken konnte (Mein Onkel Bumba aus Kalumba tanzt nur Rumba, Was macht der Maier am Himalaja, Benjamin, ich hab nichts anzuziehn), oder Schlager, die kurze Geschichten erzählten oder versteckte Anzüglichkeiten enthielten (Mein kleiner grüner Kaktus, Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin, Veronika, der Lenz ist da).
Die Schlager der 1920er Jahre, die vom Produktionszentrum Berlin aus über Schallplatten und Notenausgaben schon unmittelbar nach Erscheinen ihren Weg ins ganze Reich, ja selbst in abgelegene Gegenden fanden, waren akustischer Ausdruck ihrer Zeit. In der neuen Körperlichkeit, die sich z. B. in den Schütteltänzen äußerte, offenbarte sich nicht nur ein – wortwörtlich ausgeführtes – "Abschütteln" des Korsetts bürgerlicher Zwänge und preußischer Ordnung, sondern wohl auch ein Unbehagen gegenüber der zunehmenden Technisierung und Rationalisierung der Welt: Die Freiheit und Individualität des Tanzes sowie die in Mode kommenden "Hot"- ("heißen" oder "scharfen") Jazz-Improvisationen, in denen sich der Musiker losgelöst vom starren Notentext musikalisch entfaltete, standen dem durch und durch geplanten, industrialisierten Element entgegen. Die neu entdeckte Freiheit des Körpers als Zeichen für eine Natürlichkeit, die sich z. B. auch in Nackttänzen äußerte, bildete ein Gegengewicht zu einer zunehmend von Maschinen und technischen Neuerungen geprägten Realität. Auch die albernen Nonsens-Verse der Schlager können in diesem Sinne als eine Art Gegenbewegung zur als drückend empfundenen Herrschaft der Vernunft empfunden werden.
Revuen, Operetten … – Revueoperetten! Populäres Musiktheater der 1920er Jahre
Kaum ein Bild hat die Rezeption der populären Kultur der 1920er Jahre so geprägt wie die Fotografien von den Girl-Reihen der großen Ausstattungsrevuen – doch welcher Klang gehörte eigentlich zu den bekannten Bildern der Girls und wie war er in die dramaturgische Konzeption eingebunden?
Ausgehend von der ursprünglich französischen Tradition der Jahresrevuen und unter Aufnahme englischer und US-amerikanischer Einflüsse aus den Music Halls hatte sich in Deutschland mit dem Zentrum Berlin schon vor dem Ersten Weltkrieg der Typus der Jahresrevuen und Revuepossen etabliert. In den 1920er Jahren wurde die dramaturgische Konzeption, die zunächst noch von einer losen Rahmenhandlung zusammengehalten wurde, freier und fügte sich zu einer Reihung von Bildern, die mit großem Ausstattungsaufwand inszeniert wurden und sich höchstens noch assoziativ unter ein Rahmenthema zusammenfassen ließen. Im von Privattheatern dominierten System etablierte zuerst James Klein seine Revuen mit Titeln wie Das hat die Welt noch nicht gesehn oder Donnerwetter 1 000 Frauen in der Komischen Oper (ab 1921). Kurz darauf folgten Herman Haller im Admiralspalast und Erik Charell im Großen Schauspielhaus mit anspruchsvolleren Produktionen.
Musikalisch wie dramaturgisch waren die Revuen so gebaut, dass sich die sogenannten Zugnummern, d. h. die musikalischen Hauptschlager, auskoppeln ließen; ihre Vermarktung ging mit der Produktion Hand in Hand, ihr Erfolg wurde teilweise schon vor Beginn der Aufführungsserie durch das gezielte Engagement von Stars gesichert. Einer war Claire Waldoff, die mit "Berliner Schnauze" krähend ihre Lieder vortrug und in ihrem Aussehen nicht dem Klischee der schönen Revuegirls entsprach. Sie war nicht nur volksnah und komisch, sondern nutzte ihre Popularität auch außerhalb des Theaters als Vorkämpferin für die Emanzipation der Frauen.

Claire Waldoff, Berliner Sängerin, Schauspielerin und Kabarettistin - Aufnahme um 1927 (© picture-alliance, akg)
Die Auftritte populärer Sänger und Komiker bildeten einen Kontrast zu den opulenten Ausstattungsnummern, die durch Masse statt durch individuelle Künstler wirkten. Neben den Stars wurden auch bekannte Schlager, oft Adaptionen US-amerikanischer Songs, in die Revuen integriert und gezielt im Programmheft beworben. Die Mehrfachnutzung von Text und Musik in unterschiedlichen Kontexten wurde bereits bei der Komposition bzw. der Textproduktion mitgedacht.
Schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren Bühnenwerke hauptsächlich über die Sekundärrezeption ihrer Musik außerhalb des Theaters bekannt geworden (z. B. in Form von Arrangements oder Drehorgelklängen) – nun verschärfte sich diese Situation angesichts von Rundfunk und Grammophonplatten nicht nur, sondern wurde auch gezielt für Werbemaßnahmen genutzt. Auf den Titeln der Schallplatten und Notenblätter fand sich der Zusatz "aus der Revue …"; die Musiknummern wiederum wurden strategisch an herausgehobenen Punkten in die Dramaturgie des Theaterabends eingebaut, sodass ein Wiedererkennungseffekt eintreten konnte. Die Bedeutung verschiedener medialer Kanäle für den Erfolg einer Revue ist z. B. aus dem Schlager Ich bin die Marie von der Haller-Revue herauszulesen, der in der Revue Schön und schick gesungen wurde: "Ich bin die Marie von der Haller-Revue, im Tanzen bin ich ein Genie, von mir steh’n Artikel bei Mosse und Scherl, man hält mich sogar für ein Tiller-Girl! Ich bin die Marie von der Haller-Revue, sie seh’n meine Fotografie in der BZ, drunter steht’s fett: Marie von der Haller-Revue!"

Die Tillerettes-Tänzerinnen im Variete Wintergarten in Berlin - 1932 (© Bayerische Staatsbibliothek München, Scherl's Magazin Seite 94 - 1296 6.1930, H.12, Dezember)
Man kennt also das Girl Marie aus der Zeitung, wie die Nennung der Verlagshäuser Mosse und Scherl sowie der Berliner Zeitung BZ im Schlager verdeutlicht, und nicht etwa von der Bühne, wo sie in der Masse der anderen Girls unterging. Die Anspielung auf die berühmtere Tanzformation der Tiller-Girls zeigt zudem, wie auf bereits bekannte Vorbilder Bezug genommen wurde und diese zur Steigerung der eigenen Bedeutung funktionalisiert wurden. Spätestens als ganz Berlin und damit auch das ganze Deutsche Reich die Melodie des Schlagers pfiff, sang und dazu Foxtrott tanzte, war die Haller-Revue buchstäblich in aller Munde und die Werbestrategie der Autoren aufgegangen.
Die Dramaturgie der Revue, deren Wesen der Kritiker Hans Heinz Stuckenschmidt einmal als "es ist ihre Form, keine Form zu haben" beschrieb, sowie die selbstverständliche Integration "jazziger", d. h. tanzmusikalischer Musiknummern, hatten enormen Einfluss auch auf andere Bereiche des Musiklebens. Nicht nur das avancierte Musiktheater experimentierte mit neuartigen dramaturgischen Formen und Jazz-Elementen wie z. B Brecht / Weills Dreigroschenoper oder auch Hindemiths Oper Neues vom Tage. Auch in der Operette versuchte man mit Revue-Elementen zu arbeiten. So brachte etwa Hermann Haller 1930 Emmerich Kálmáns Cszardasfürstin als Revue-Operette mit neuen (zusätzlichen) Musiknummern heraus.
Auch Charell experimentierte mit Operetteninszenierungen und produzierte u. a. das Dreimäderlhaus, den Mikado und Die lustige Witwe in Neufassungen. Den größten Erfolg landete er 1930 mit seiner letzten Revueoperette im Großen Schauspielhaus, dem Weißen Rößl, das er anschließend auch in London, Paris und New York inszenierte. Charell erweiterte die Musik des damals bereits als Revue- und Operettenkomponist bekannten Wieners Ralph Benatzky um Schlager von Robert Stolz (Die ganze Welt ist himmelblau), Robert Gilbert (Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist) und Bruno Granichstaedten (Zuschau’n kann i net). Sie erwiesen sich neben Benatzkys Hauptschlagern (Im weißen Rössl am Wolfgangsee oder Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein) als Zugnummern und trugen wesentlich zum modernen, Jazz-geprägten musikalischen Erscheinungsbild des Stückes bei. Mit seinen heterogenen Elementen wies Das weiße Rößl Merkmale auf, die laut Stuckenschmidt kennzeichnend für die Revue waren, nämlich den "Kontrast, das Gegeneinander und Nebeneinander sensualer Effekte, die Wechselwirkung heterogener Reizeindrücke".
Die "Kurz-Kunst": Kabarett
Die kleinste populäre Musiksphäre in den 1920er Jahren war sicherlich die des Kabaretts. Auch wenn es kein Massenpublikum erreichte, erwies sich sein Einfluss bzw. die Wechselwirkung mit den großen Theatern, den Tanzpalästen und der Filmmusik als bedeutend. Das musikalische Programm im Kabarett der frühen 1920er Jahre war vielfältig: Avantgardistische Tänze einer Anita Berber standen neben Balalaika-Orchestern, Violin-Solovorträgen oder Liedern. Die Chansons wurden gedichtet von Schriftstellern wie Walter Mehring, Kurt Tucholsky, Klabund oder Marcellus Schiffer; die Musik schrieben Komponisten wie Interner Link: Friedrich Hollaender, Werner Richard Heymann oder Mischa Spoliansky, alle drei waren später mit Theater- und vor allem Filmmusiken erfolgreich. Musikalische Beiträge wechselten sich mit Marionettentheater, Einakter oder Stummfilmexperimenten ab.
Das Spektrum der Kabarett-Bühnen reichte von volkstümlichen Vorstadt-Theatern oder dem Linden Cabaret, wo z. B. die oben erwähnte volksnahe Claire Waldoff sang, über Rudolf Nelsons elegant-mondänes Künstlertheater bis hin zu literarisch engagierten und avantgardistisch orientierten Bühnen wie dem "Schall und Rauch" des Regisseurs Max Reinhardt, der "Rampe" der Schauspielerin Rosa Valetti oder der kleinen "Wilden Bühne", die von der Operettensängerin und Schauspielerin Trude Hesterberg geleitet wurde. Die Unternehmen waren meistens kurzlebig. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre erweiterte sich das Spektrum mit dem "Kabarett der Komiker" um eine langlebige und größere Spielstätte, die auch Varieté-Elemente in ihr Programm integrierte. "Die Katakombe", gegründet 1929 vom Kabarettisten Werner Finck, galt als dezidiert politische Bühne in einer Zeit sich verschärfender Krisen.
Das Programm im Kabarett lebte von der Parodie und der Karikatur aktueller Zeitströmungen. So wurden neben Theaterstücken und Revuen auch populäre Schlager zum Ziel des Spotts bzw. Objekt von Umdichtungen. Mit der Beteiligung von Schauspielerinnen und Schauspielern wie Kate Kühl, Kurt Gerron oder Rosa Valetti standen Vertreter des späteren Brecht-Theaters auf der Bühne, deren Persönlichkeiten teilweise noch die Nachkriegszeit prägten. Dass der Klang ihrer Stimmen und ihre Chanson-Interpretationen aus der Nachkriegszeit allerdings nicht einfach mit dem Klang der 1920er Jahre gleichgesetzt werden können, zeigen einige der wenigen überlieferten Aufnahmen aus dem Kabarett der Zwischenkriegszeit: So offenbart z. B. das Chanson Charlot, gesungen von Kate Kühl, in einer Aufnahme von 1929 eine deutlich höhere Stimmlage der Sängerin als wir sie von Aufnahmen aus der Nachkriegszeit kennen. Auch die Begleitung mancher Lieder, die ursprünglich nur mit Klavier gesungen wurden, wurde in der Nachkriegszeit neu arrangiert.
Wesentlich ist für die Musik im Kabarett ein Merkmal, welches Werner Richard Heymann für das Kabarettchanson beschreibt und das wir auch im Schlager der 1920er Jahre wiederfinden: "Kabarett wird oft als Kleinkunst bezeichnet, man müsste es eigentlich ‚Kurz-Kunst‘ nennen. Man hat nämlich beim Kabarett keine Zeit. Das wesentlichste Merkmal der Dichtung und Musik beim Kabarett scheint mir zu sein, dass man mitten hineinspringen muss, dass man keine Zeit hat, vorzubereiten, sondern mit beiden Füßen sofort in der zu beschreibenden oder zu erlebenden dramatischen Situation drin sein muss." Die gegen Ende der 1920er Jahre im Schlager-Refrain perfektionierte Prägnanz und Kürze findet sich also bereits zu Beginn der 1920er Jahre im Kabarett, auch wenn hier ein anderer (literarischer) Anspruch damit verbunden wird.
Der "Sound" der 1920er Jahre war in Sachen populärer Musik geprägt von Tanzmusik und Schlager, die sich ihren Weg nicht nur in Tanzpaläste, Bars und Caféhäuser bahnten. Auch kleinere und größere Bühnen bis hin zu Oper und Film wurden von den neuen Klängen angesteckt und integrierten sie in ihr spezifisches Repertoire und ihre Tonsprache. Durch Grammophon und Rundfunk konnten breite Bevölkerungsschichten noch weit von den Aufführungsorten entfernt an populärer Musik teilhaben und diese in ihren Alltag integrieren: die Nadel kratzte auf der Schallplatte, der Radioapparat rauschte, während die richtige Frequenz gesucht wurde, dann erklang aus dem Gerät der neuste Schlager. Auch inhaltlich knüpften die Lieder mit Figuren wie dem Gigolo oder der Verkäuferin an den Alltag dieser Bevölkerungsschichten an. Weiterhin bedeutungsvoll blieb aber auch live gespielte Musik, die allabendlich in unzähligen Kneipen, Ballhäusern, Tanz- oder Kellerlokalen, Bars und Theatern zu hören war. Dort mischte sie sich mit dem Klang der Menge, dem Schleifen der Schuhe auf dem Tanzparkett, den Gläsern, Gesprächen und dem Applaus. So teilten und prägten Musiker und Publikum in den 1920er Jahren den ganz spezifischen "Sound" populärer Musik, den uns die Tondokumente der Grammophonplatten nur eingeschränkt, aber doch zumindest ein wenig wieder lebendig machen können.
3. Hallo! Hallo! Hier Radio! Geschichte der Radiosignale
Rundfunkschlager, Pausenzeichen, Hymnen und Jingles – die Welt der Radiosignale ist äußerst vielseitig. Unzählige akustische Kennungen sollen die Aufmerksamkeit des Publikums auf den eigenen Sender und das eigene Programm lenken und die Hörerinnen und Hörer jeweils darüber informieren, welche Station sie gerade eingeschaltet haben. Diese klingenden und tönenden Visitenkarten sind untrennbar mit der Geschichte des Rundfunks verbunden. Sie erfüllten wichtige sende- und empfangstechnische Aufgaben und waren Gegenstand rundfunkpolitischer Debatten und eines nicht immer nur friedlichen Wettbewerbs im Äther. Durch ihren ständigen Einsatz, ihre leichte Erkennbarkeit und ihre Eingängigkeit übernehmen sie nach wie vor eine identitätsstiftende Rolle. Viele der Radiosignale gingen in das kulturelle akustische Gedächtnis ein und sind bis heute ein beliebtes Objekt für radionostalgische Erinnerungen.
Werbung für den Rundfunk

1928: Paar beim Radiohören (© picture-alliance, akg-images)
"Hallo, hallo! Hier Radio! / Das macht die Menschen lebensfroh. / Von früh bis spät brennt lichterloh / In Leid und Schmerz mein junges Herz fürs Radio. / Hallo, hallo! Das Mikrofon / Kennt selbst der kleinste Bengel schon. / Weiß jeder, ich bin da, / Wenn irgendwas geschah / Und rufen laut: Hurra!" Diese sich so nachdrücklich Gehör verschaffenden Zeilen bilden den Auftakt des sogenannten Norag-Marsches. Gesungen vom Hamburger Studio-Ensemble um Publikumslieblinge wie Bernhard Jakschtat, Isa Roland und Erwin Bolt wurde die Werbeschallplatte in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre rasch ein äußerst populärer Schlager. Der Norag-Marschformulierte eine klare Werbebotschaft für das junge Medium Radio und wusste mit einem Potpourri von angesungenen Liedzeilen ein umfängliches Versprechen von Unterhaltung, Freude und Geselligkeit speziell mit dem Namen des Senders zu verbinden – der Norag, der Nordischen Rundfunk AG. Im Refrain heißt es: "Hier ist die Norag mit dem Detektor, hier ist die Norag für ihn und Hektor. Hier ist die Norag für Jedermann, der zwei Mark im Monat noch bezahlen kann. Hier ist die Norag für kluge Schädel, hier ist die Norag fürs kleine Mädel. Hier ist die Norag für Dich, mein Kind, wenn wir beide ganz allein zu Hause sind."
Geschrieben hatte diese radiophone Werbebotschaft für den 1924 in Norddeutschland an den Start gegangenen Sender Horst Platen (1884 – 1964); er war ab 1926 Erster Kapellmeister und bald darauf schon Hauskomponist der Norag. Die akustische Botschaft reihte sich in die vielfältigen Aktivitäten ein, die die hauseigene Werbeabteilung koordinierte. In den jährlichen Geschäftsberichten ist unter anderem von Werbewagen die Rede, die man in die Städte und aufs Land schickte, um dort Veranstaltungen durchzuführen, zudem von Auftritten auf Messen, in Schulen und bei Sportvereinen sowie von den "Rundfunk-Werbetagen", welche als "Volksfeste" gestaltet wurden. Der Norag-Marsch wird dabei nicht gefehlt haben.
Der Rundfunk gab sich, mit solch professioneller PR und mit, jenseits der Werbung im Programm, publikumswirksamer Off-air-Promotion, bei seiner Markteinführung als äußerst modern und attraktiv. Es sollte – so die Werbebotschaft – chic und "in" sein, zu den Radiohörern zu gehören.
Werbung für den Rundfunk
1924: Die Radiogirls aus der Revue "Alles per Radio" von Gustav Beer und Karl Farkas in Wien.
Straßenwerbung mit einem Modell des Berliner Funkturms für die "Grosse Deutsche Funkausstelllung". - Undatiertes Foto von 1932
Werbeszenerie: "Weihnachten! Der Radioapparat, das schönste Geschenk für die ganze Familie". Eine Familie betrachtet den neuen Radioapparat auf dem
Gabentisch. Undatiertes Foto (um 1930).
Die beziehungsfördernde Wirkung des Norag-Marsches stand damals nicht allein. Immer wieder wurde auch die Anziehungskraft beschworen, die das neue Medium ausübte, etwa wenn es in einem anderen, ab 1925 von Max Kuttner gesungenen Rundfunkschlager heißt: "Manche Maid / Wenn schon Schlafenszeit / Steigt ins Bettchen empfangsbereit / Und sie genießt mit dem Ohr / Ihren Lieblingstenor / Horizontal ideal. / Die schöne Adrienne / Tschintatata-ta-ta-ta-ta-ta-radio / Hat eine Hochantenne." In den Radiozeitschriften und in den Werbeanzeigen der Radioindustrie wurden entsprechende Fotos abgebildet, die auf das Vergnügen mit dem Unterhaltungsrundfunk abhoben und die sinnliche Beziehung zum neuen Apparat herausstellten.
Hallo, hallo, hier Radio!Galerie
Postkarte mit Werbung für die Norag (1923)
Pausenzeichen
Sende- und empfangstechnisch bedingt meldeten sich die Rundfunkmacher damals gern mit Aufmerksamkeit heischenden "Hallo, hallo!"-Rufen zu Wort. Oder sie wandten sich an ihr Publikum regelrecht fordernd, etwa im Oktober 1923, als die Funk-Stunde Berlin auf Sendung ging: "Achtung! Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin!" Solche Stationsansagen wurden nicht selten mit der Nennung der Frequenz verbunden, auf der das Programm zu empfangen war. Denn noch war es für die Besitzer vor allem kleiner und leistungsschwacher Geräte mitunter schwierig, einen Sender einzustellen und einen guten Empfang zu erzielen.
Die Stationsansagen waren das Signal, dass das Programm begann. In den ersten Jahren füllte es allerdings noch nicht den gesamten Tag. Erst nach und nach weiteten sich die Sendezeiten der einzelnen Sendegesellschaften aus. Zu den anfänglichen Abendstunden kamen ein paar Stunden Nachmittags- und ein paar Stunden Vormittagsprogramm. Zwischen diesen sogenannten Programminseln herrschte Sendepause. Aber auch während dieser Pausen wollte man im Äther akustisch präsent sein, damit die einmal gefundene Frequenz identifizierbar blieb. Hierfür erfand man das Pausenzeichen.
Zunächst setzten die einzelnen Sender noch sehr einfache Mittel ein. Beliebt waren vor allem charakteristische Morsezeichen wie "h – a" ab Januar 1925 für Hamburg bzw. ab 1926 "m – ü" (München) und "n – g" (Nürnberg) für die beiden Sender der Deutschen Stunde in Bayern. Einen anderen Weg hatte bereits im November 1924 die Mitteldeutsche Rundfunk AG (Mirag) eingeschlagen. Sie nahm das Ticken eines Weckers mit einem Fernsprechmikrofon auf und überbrückte damit die Funkstille. Dies fand Nachahmer in Breslau und Berlin. Das Ticken ihrer Wecker war jedoch langsamer und weniger hektischer als das des Leipziger Pausenweckers, der eine Schlagzahl von 240 Ticks pro Minute hatte.
Die Techniker der Sendegesellschaften experimentierten damals auch mit Metronomen, Glockenspielen und Kuckucksuhren. Sie entwickelten darüber hinaus zunehmend aufwändigere Apparaturen, um jeweils charakteristische Pausentöne mechanisch zu erzeugen und zu senden. Speziell nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurden solche technischen Errungenschaften gefeiert. Wiederholt gab die Rundfunkpresse einen Überblick über die mittlerweile vielen verschiedenen Pausenzeichen und berichtete stolz von neuen Pausengeräten, so z. B. die Funkschau im Frühsommer 1933: "Das neue Pausenzeichen des Deutschlandsenders wird erzeugt, indem eine Walze mit entsprechend eingesetzten Stiften Metallzungen anschlägt, die in verschiedener Tonhöhe schwingen. Diese Zungen befinden sich vor der Spule eines kleinen Magneten und rufen so in dieser Spule Wechselströme hervor, die genau den Tönen entsprechen, auf die sie selber abgestimmt sind. Nach entsprechender Verstärkung werden diese Wechselströme auf den Sender gegeben. Man sieht auf der Walze deutlich, wenn man von links nach rechts geht, in der Anordnung der Stift, die Melodie, darüber die Begleitstimme." Auch die Pause musste im Rundfunk tönend sein.
Radiosignale

Junge am Radioapparat. Um 1930 (© picture-alliance, IMAGNO)
Pausenzeichen sind wahrscheinlich die bekanntesten akustischen Kennmarken in der Rundfunkgeschichte. Doch es gibt eine Fülle von musikalischen bzw. akustischen Symbolen und Zeichen mit Repräsentationsfunktion. Ludwig Stoffels vom Deutschen Rundfunkarchiv fasste 1989 diese unter dem Begriff der Rundfunksignale zusammen. Für einen Katalog, der mehrere Hundert Rundfunksignale nach Ländern auflistete, definierte er einleitend: "Unter Rundfunksignale im weiten Sinne lässt sich die Gesamtheit der vom Rundfunk ausgestrahlten Pausenzeichen, Signets und sonstigen Erkennungszeichen verstehen. Sie dienen der Identifikation einer Sendegesellschaft, eines Senders bzw. Studios, eines Programms, eines Programmsegments, einer Sendereihe usw."
In der Rundfunkgeschichte spielten Hymnen allgemein und speziell die Nationalhymnen eine große Rolle. Sie verbanden sich mit dem akustischen Auftritt der Sender. Ein besonderes Beispiel sind die "Olympia-Hymnen", die die Rundfunkberichterstattung von den sportlichen Großereignissen leitmotivisch prägen können. Sehr bekannt sind die Fanfarenstöße, die 1936 zur Berichterstattung des NS-Rundfunks über die Olympischen Spiele in Berlin gehörten. Ein anderes Beispiel ist das Lied Ich hab’ mich ergeben mit Herz und mit Hand, das ein nationales Bekenntnis formuliert und aus der Tradition der Burschenschaftslieder des 19. Jahrhunderts stammt. Nach dem Ende des Krieges wurde es in den Westzonen bis zur Annahme des Grundgesetzes 1949 als Ersatz für die fehlende Nationalhymne gesungen. Der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) spielte es zum Abschluss jedes Sendetags gegen 24 Uhr.
Mit der Entscheidung für eine Hymne drückt ein Sender einen expliziten politischen Anspruch aus. So bildete etwa ab Mai 1945 die von Pierre Degeyter 1888 komponierte Internationale, das Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung, das Rundfunksignal des ostdeutschen Berliner Rundfunks. Mit der Gründung der DDR im Jahr 1949 wählten mehrere Programme des Berliner Senders die Nationalhymne Auferstanden aus Ruinen als ihr Erkennungszeichen. Sie gehörte schließlich untrennbar zu Radio DDR sowie zum im November 1971 in "Stimme der DDR" umbenannten Deutschlandsender.
Einen politischen Anspruch manifestieren auch die Radiosignale, die die Nationalsozialisten ihren Sendern und Programmen während des "Dritten Reiches" zur Auflage machten. Üb’ immer Treu’ und Redlichkeit mochte als Volkslied noch an bürgerliche Tugenden appellieren – der Deutsche Kurzwellensender und der Deutschlandsender verwendeten eine kurze Melodiefolge daraus seit 1933. Mit dem Beginn des Matrosenchors Steuermann, lass die Wacht setzte der Hamburger Sender ab Mai 1933 die von der nationalsozialistischen Führung so geschätzten Wagnerschen Opernklänge ein. Der Reichssender Frankfurt ließ ab Januar 1935 die Fanfaren des antifranzösischen Kriegslieds Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein blasen. Für andere Reichssender ist das Deutschlandlied als Radiosignal nachgewiesen.
Eines der markantesten Radiosignale der deutschen Rundfunkgeschichte stammt aus Großbritannien. Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs startete derEuropean Service der BBC seine sehr erfolgreiche "V-Kampagne". Das "V" für victory wurde in den von Deutschland besetzten Ländern konspirativ auf Wände gemalt und alliierte Flugzeuge warfen Handzettel mit dem "Victory"-Zeichen über dem Feindesland ab. Prägend aber wurde das akustische "V", das Morsezeichen "kurz, kurz, kurz, lang" des Deutschen Dienstes der BBC. Er stellte dieses Signet – jeweils drei Mal wiederholt, gespielt auf einer Pauke – seinen Berichten vom 28. Juni 1941 bis 8. Mai 1945 voran. Die Tonfolge war auch der Anfang von Beethovens 5. Sinfonie. Wie sehr das "V"-Radiosignal im kulturellen Gedächtnis verankert ist, zeigt sein häufiger Einsatz in Film-, Fernseh- und Radiodokumentationen. Geschichtsjournalisten können auf seine Bekanntheit bauen.
Neustart in der Nachkriegszeit
Nach den Erfahrungen des "Dritten Reiches" wurde im Rundfunk auf einen politischen Neubeginn gesetzt. Die Sender in der sowjetischen Besatzungszone, sehr bald unter direkte staatliche Kontrolle gestellt, verkündeten ihren politischen Anspruch im Äther. Aber auch im Westen gab man sich programmatisch. Der Beginn des Knabenchors Bald prangt, den Morgen zu verkündenaus Mozarts Zauberflöte wurde zum akustischen Senderzeichen des neu gegründeten Südwestfunks (SWF) in der französischen Zone. Die Tonfolge unterstrich die aufklärerischen kulturpolitischen Ziele, die man ab März 1946 im Programm verfolgte.
Das Signal von Radio München bzw. ab 1949 des Bayerischen Rundfunks betonte hingegen die regionale Identität. Die erste Zeile der Stadthymne Münchens So lang der alte Peter war von 1948 bis 1951 um eine Silbe verkürzt zu hören. "So lang der alte Pe …" war das Signal. Ab Oktober 1951, als der Turm der Peterskirche in München und sein Glockenspiel wiederhergestellt waren, ertönte das Signet wieder zusammen mit der fehlenden Silbe "-ter". Diese Senderkennung wurde bis Ende 1996 verwendet.
Radio Frankfurt bzw. ab 1949 der Hessische Rundfunk verwendete zunächst einen Dreiklang der Töne f, d und a; im November 1946 wählte man dann ein Hornmotiv aus der Oper Die Königskinder, die Engelbert Humperdinck in Frankfurt 1895 / 97 komponiert hatte. Charakteristisch aber sollte das neue Sendersignet werden, das der Frankfurter Sender sich Mitte der 1950er Jahre zulegte. Programmdirektor Henning Wicht wollte sich dezidiert von den melodiösen Lautfolgen der anderen ARD-Sender unterscheiden und schrieb einen Wettbewerb im Bereich der elektronischen Musik aus. Der Komponist Hermann Heiß (1897 – 1966) reichte 17 Klangmodelle ein, die er in Studios für elektronische Musik in Köln und Frankfurt zusammengestellt hatte, und gewann die Ausschreibung. Eines davon wurde am 1. Mai 1955 zum ersten Mal ausgestrahlt. Dieses elektronische Pausenzeichen prägte fortan den Hessischen Rundfunk und verlieh ihm ein außerordentlich modernes Image.
Die Erkennungszeichen der ARD-Sender waren vielfach präsent. Sie gewährleisteten die Erkennbarkeit der Radioprogramme bei Sende- und bei Umschaltpausen. Gesteigert wurde ihr hoher Wiedererkennungseffekt durch die Verwendung als akustische Signets beim Fernsehen. Schaltete man das Erste Programm ein, das von den unterschiedlichen Rundfunkanstalten gemeinsam veranstaltet wird, erschien zum Beginn eines Programmbeitrags das Logo der jeweils verantwortlichen Anstalt auf dem Bildschirm, begleitet von ihrem tönenden Signet. Die akustischen Kennmarken der Rundfunkanstalten im Senderverbund der ARD waren also über die einzelnen Bundesländer hinaus in ganz (West-)Deutschland präsent und stellten eine einzigartige Visitenkarte und ein Programmversprechen dar.
Wie sehr solche symbolischen Verdichtungen rundfunk- und kulturpolitisch aufgeladen waren, kann an zwei Beispielen veranschaulicht werden. Das erste zeigt, welches Konfliktpotenzial ein Pausenzeichen haben kann. Von 1945 bis 1955 gehörte das Funkhaus Köln zum NWDR. Das große Rundfunkgebilde für die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und die Freie und Hansestadt Hamburg erlebte man an Rhein und Ruhr als Bevormundung und Zwangsgemeinschaft. Die akustische Kennmarke für alle Funkhäuser des von der britischen Besatzungsmacht für ihre Zone aufgebauten Rundfunks waren zunächst zwei Takte aus Mozarts Oper Die Zauberflöte, die Noten von Das klinget so herrlich aus der Papageno-Arie.
Als ein Affront wurde eine Pressemeldung vom 6. Juli 1948 verstanden, in der es hieß: "Das neue Pausenzeichen des Nordwestdeutschen Rundfunks, dem ein Thema aus der Sinfonie Nr. 4 von Johannes Brahms zugrunde liegt, wird am 15. Juli zum ersten Mal zu hören sein. Es ist beabsichtigt, die einzelnen Sendestationen des NWDR deutlich zu kennzeichnen, indem dasselbe Pausenzeichen jeweils von anderen Instrumenten gespielt wird. So wird es in Hamburg von zwei Oboen, in Köln von zwei Hörnern, in Berlin von zwei Klarinetten und in Hannover von zwei Trompeten gesendet." Ein Motiv des Hamburger Komponisten Johannes Brahms, lediglich anders instrumentiert für das Funkhaus in Köln – in einigen Zeitungen erschienen wütende Lesebriefe, im Westen des NWDR-Sendegebiets verschärfte diese Brüskierung durch die Hamburger Zentrale den bereits vorhandenen Unmut.
Es folgten einige Jahre schwerer rundfunkpolitischer Kämpfe, bis 1955 die Auflösung des NWDR und die Errichtung der beiden eigenständigen Rundfunkanstalten NDR und WDR beschlossen wurden. Am 1. Januar 1956 starteten die beiden neuen Sender ihre Programme. Stolz und selbstbewusst waren die akustischen Demonstrationen mit den neuen Pausenzeichen: Der NDR sendete jetzt ein Motiv aus Johannes Brahms' 2. Sinfonie als Pausenzeichen; der WDR entschied sich für das Bundeslied In allen guten Stunden des Bonner Komponisten Ludwig van Beethoven.

Radioempfänger Blaupunkt-Stockholm (1963) (Wikimedia, Oguenther ) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Das zweite Beispiel ist das Pausenzeichen des Saarländischen Rundfunks (SR), das im März 1956 eingeführt wurde, nachdem sich wenige Monate zuvor die Bevölkerung des Saarlands in einer Volksabstimmung für eine Anbindung an die Bundesrepublik ausgesprochen hatte. Mit dem traditionellen Bergarbeiterlied Glück auf, der Steiger kommt knüpfte der SR-Hauskomponist Heinrich Konietzny (1910 – 1983) an die kulturelle Identität der Industrie- und Bergbauregion an. Er verwendete eine Melodie-Sequenz, die beim Hören untrennbar mit der Textzeile "Und er hat sein helles Licht bei der Nacht (schon angezünd’t, schon angezünd’t)" verbunden ist, woraus die Aufbruchssymbolik der Klangfolge deutlich wird.
Doch das Pausenzeichen, das vom SR bis Mitte der 1990er Jahre verwendet wurde, hatte auch eine NS-Geschichte. Auf die Melodie des Steigerlieds war ab 1920 und vor allem vor der Abstimmung 1935 das Kampflied Deutsch ist die Saar gesungen worden und zur Sequenz des Pausenzeichens gehörte die Textzeile "Und ewig deutsch mein Heimatland (mein Heimatland, mein Heimatland)". Für viele SR-Hörerinnen und -Hörer werden beide Textbedeutungen mitgeschwungen haben. Wahrscheinlich haben die Rundfunkverantwortlichen im Saarland damals bewusst die symbolische Doppeldeutigkeit von Heimatbekenntnis auf der einen und Deutschlandzugehörigkeit auf der anderen Seite in Kauf genommen.
Jingles im Radiomarkt
Bis in die 1980er Jahre fanden diese akustischen Senderkennungen in Deutschland Verwendung. Mit der Einführung des Dualen Systems, also des Nebeneinanders von privaten kommerziellen Sendern und öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, zu Beginn der 1980er Jahre veränderte sich die Radiolandschaft grundlegend. Sendepausen gab es nicht mehr. Die Anzahl der Programme stieg an, das Ringen um Aufmerksamkeit wuchs. Gegenwärtig sind in Deutschland 256 Radioprogramme über Antenne, Satellit und Kabel auf dem Privatradiomarkt auf Sendung, dazu kommen 54 öffentlich-rechtliche Radioprogramme. Sie alle versuchen, die Aufmerksamkeit der Hörerinnen und Hörer auf sich zu lenken. Wer seinen Apparat einmal eingeschaltet hat, soll kontinuierlich darauf aufmerksam gemacht werden, welchen Sender er gerade hört. In der immer stärker werdenden Konkurrenz des Radiomarkts geht es um Erkennbarkeit und Identifizierbarkeit, um die Bildung einer Programmmarke, welche emotionale Bindung erlaubt und auf Nachfrage erinnert wird.
Eine Entwicklung, die in anderen Rundfunksystemen der Welt, speziell im US-amerikanischen Markt eine längere, mitunter auch sehr lange Tradition hatte, war in Deutschland in den 1980er und 1990er Jahren zu erkennen: die Formatierung von Radioprogrammen, von einzelnen Sendungen und von ganzen Sendern, d. h., alles wurde sehr strategisch geplant, um die Durchhörbarkeit zu gewährleisten und um die Hörer irritierende Momente zu vermeiden. In diesem Zusammenhang taucht der Begriff des Jingles auf, als musikalisches Erkennungszeichen, als besonderer Aufmerksamkeitswecker.
Das Kompakt-Lexikon Medien von Insa Sjurts definiert Jingle als "Erkennungsmelodie eines Hörfunksenders oder eines Hörfunkprogrammelements" und führt aus: "Jingles werden vorproduziert und beinhalten die Stationskennung (Name des Senders und / oder akustisches Logo), häufig weist der Jingle auch auf die inhaltliche Ausrichtung des Programms hin." Das Handbuch für Ausbildung und Praxis im Hörfunk von Walther von LaRoche und Axel Buchholz erklärt: "Ohne Jingles kein modernes Begleitprogramm. Jingles verbinden und trennen Programmbestandteile, kündigen eine Sendung an, sagen die Station, manchmal die Frequenz, den Namen der Sendung und den Namen ihres Gestalters. Der Jingle ist kurz, in der Regel sind sechs Sekunden die Obergrenze." Die Autoren erklären den angehenden Radio-Journalisten: Themajingles kündigen Themen an, Brückenjingles verbinden sie, Trennjingles setzen eins vom anderen ab.
Die bunte Fülle der eingängigen und mitunter als lästig empfundenen Jingles ist Teil einer Werbekommunikation. Radiojingles werden von den Sendern in Auftrag gegeben und in empirischen Wirkungsstudien auf ihren Erfolg hin untersucht. Zugleich spezialisiert sich eine Radioindustrie, die Jingles in vielen Variationen und Kombinationen entwirft, um eine Markenbildung zu erreichen und das sogenannte Audio Branding zu optimieren; die Sender sollen also einen möglichst unverwechselbaren Sound erhalten.
Es geht um viel, nämlich um die Behauptung auf einem explizit ökonomischen oder implizit um Legitimität bemühten Markt. Wenn zweimal pro Jahr in der Externer Link: Media Analyse eine zufällig ausgewählte, insgesamt als repräsentativ geltende Gruppe von Bürgern telefonisch befragt wird, sollen die Angerufenen sich erinnern können, welche Sender sie gestern, welche in den letzten 14 Tagen gehört haben. Alle Kennwerte wie "Hörer gestern", "weitester Hörerkreis", "Hördauer" oder "Marktanteil", die ermittelt werden, sind kommerziell verwertbare Größen. Die kleinen akustischen Elemente übernehmen also eine wichtige Funktion. Sie sind Teil einer "Ökonomie der Annoncenkultur", wie Claudia Schmölders in ihrem Rundfunkessay Externer Link: Jingle, Trailer, Klappentext. Zur Karriere einer Textsorte für den SWR 2006 formulierte. Diese mitunter schrille, jedenfalls sehr präsente Jingle-Umwelt – zu ihr zählen je nach Platzierung und Zuschnitt der Jingles die Claims, Bumpers oder Openers, Closers oder Stingers, Backtimers, Donuts, Promos und Drop-Ins – gehört heute zum Alltag der Radiomacher und -hörer.
4. Klangwelten der Moderne
Die neue Zeit begann laut: mit Schüssen und Sprechchören, mit Lärm und Liedern. Es war ein Vorgeschmack auf jene lauten und dröhnenden Jahre, die nicht zu Unrecht als "Roaring Twenties" bezeichnet werden. In den Straßen der revolutionären Zentren gellten vereinzelt Schüsse. Vor allem jedoch waren es organische Klänge, die den Sound der Revolution von 1918 beherrschten. Sprechchöre skandierten: "Schießt nicht auf eure Brüder!", "Alle Macht den Räten!", aber auch bereits "Wir sind das Volk!"
"Lasst los die Hebel der Maschinen / Zum Kampf heraus aus der Fabrik. / Dem Werk der Zukunft wolln wir dienen / Der freien Räterepublik", sangen die Revolutionäre, oder "Wir sind des Geyers schwarze Haufen / Hei a ho ho!". "Aus dem Fenster sehe ich in der Wilhelmstraße Menschenzüge. Alles läuft zusammen, Autos fahren. Heulender Lärm schallt bis ins Zimmer", notierte der Fabrikant Oskar Münsterberg in seinem Tagebuch über den Klang der Revolution in Berlin. "Trach-tach-tach! Knall und Schall / In den Häusern: Widerhall", so hatte der russische Dichter Aleksander Blok in seinem Gedicht Die Zwölf den Sound der russischen Revolution beschrieben. Da die technische Aufzeichnung von Tönen noch kaum entwickelt war, gibt es – soweit bekannt – keine Originaltöne der Ereignisse, sondern nur literarische Beschreibungen.
Auf den Kundgebungen und Versammlungen der Revolutionäre ging es so tumultuarisch zu, dass man oft sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Die Redner verfügten noch nicht über Mikrofon und Lautsprecher, sie waren noch ganz auf die Kraft ihrer Stimme angewiesen, sodass der Kreis ihrer Zuhörer begrenzt war. Indes war man sich der machtpolitischen Bedeutung der neuen Kommunikationstechnologien sehr wohl bewusst. In Berlin besetzten Revolutionäre Wolffs Telegraphisches Bureau, die zentrale Nachrichtenagentur der Reichshauptstadt, und sendeten von dort Funkaufrufe und Bekanntmachungen. Doch fanden diese Sendungen wenig Zuhörer, da die Empfangstechnologie noch kaum verbreitet war.
Sprechen ohne Mikrofon
Die Etablierung der ersten Republik auf deutschem Boden und die Verabschiedung einer demokratischen Verfassung hatte für die Soundgeschichte vielfältige Auswirkungen. Völlig neue Klangwelten und -technologien entstanden, ältere differenzierten sich aus. Zugleich kam es zu einer bis dahin unbekannten Politisierung von Stimmen, Klängen und Tönen, die zu einer eigenen akustischen Kennung der Weimarer Republik beitrugen.
Die gewiss folgenreichste medientechnische Innovation der 1920er Jahre war das Radio. Technisch war es das erste genuin elektrische Medium. Kulturgeschichtlich bedeutete seine Einführung eine Revolution. Als "ein Kind des Krieges" (Frank Bösch) basierte es gleich auf mehreren Erfindungen der technischen Speicherung und Distribution von Klängen und Tönen: der Telegraphie, der Telefonie, der Schallplatte, und auf der Entdeckung der Radiowellen. Erstmals ermöglichte es eine Vernetzung der menschlichen Kommunikation ohne Verdrahtung. Bereits während des Weltkriegs wurde die Radiotechnik für Kriegszwecke vervollkommnet und ausgebaut. Erste Rundfunksendungen gab es 1917 für Soldaten. 1921 wurde dann in Pittsburgh der erste öffentliche Rundfunksender der Welt in Betrieb genommen. In Deutschland begannen regelmäßige Rundfunkübertragungen am 29. Oktober 1923 in Berlin. Während in Nordamerika der Rundfunk von privaten Sendern organisiert wurde, spielte in Deutschland – nicht zuletzt als Folge der Erfahrungen der Revolution von 1918 – der Staat bei der Lenkung und Kontrolle der Programmgestaltung eine gewichtige Rolle.
Um 1925: Drei junge Männer liegen rund um ein Detektorradio vor ihrem Zelt in der Lobau. (© picture-alliance, IMAGNO)
Die Möglichkeit, über große Entfernungen und Räume hinweg Stimmen, Musik und Töne jedweder Art zu verbreiten und sie an unterschiedlichen Orten fast zeitgleich zu empfangen und zu hören, hatte es bislang nicht gegeben. Erstmals reichte nun die reproduzierte Stimme über die eigenen vier Wände, die das Interner Link: Grammophonbeschallt hatte, hinaus in die Gesellschaft. Das Ergebnis: die Entstehung einer neuen Form von massenmedialer Öffentlichkeit. Mithilfe eines technischen Apparats wurde es möglich, an kulturellen, sportlichen und politischen Ereignissen teilzuhaben, ohne selbst körperlich anwesend zu sein. Durch das Radio wurde Öffentlichkeit in die private Lebenswelt integriert. Es war eine atemberaubende Erweiterung der Welt durch "neue Eindrücke, neue Erlebnisse, neue Erfahrungen" (Knut Hickethier). In diesem Sinne fungierte das Radio als ein genuin demokratisches Medium, ein "Medium für alle", das vielfach verschlossene Bereiche der Kultur öffnete und popularisierte. Ab Ende der 1920er Jahre war das Radio ein Massenmedium geworden mit etwa 3 Mio. registrierten Hörern, die zahllosen "Schwarzhörer" nicht mitgerechnet.
Insbesondere in Deutschland verstand sich das Radio zunächst primär als Unterhaltungs- und Bildungsangebot. Seine vorrangige Funktion war es, die Hörer durch Vorträge, literarische Hörspiele und klassische Musik kulturell zu bilden, durch Meldungen wie Wetterberichte und Wasserstandsmeldungen zu informieren und durch Live-Übertragungen von Konzerten und Sportveranstaltungen zu unterhalten. Insbesondere das "Meldungswesen", das beim Zeitfunk angesiedelt war, unterstrich den Anspruch, aktuell und nah am Zeitgeschehen zu sein. Wesentlich geprägt indes war das Programm durch Musik, die sich auf diese Weise von einem punktuellen Ereignis zum allgegenwärtigen "Freizeitbegleiter" (Knut Hickethier) wandelte. Zwar nutzte auch die Politik den Rundfunk, etwa bei Weihnachtsansprachen oder Regierungserklärungen der Reichskanzler, die aus dem Vox-Haus am Potsdamer Platz 1 in Berlin übertragen wurden. Ansonsten aber war man bemüht, die Politik von dem neuen Medium fern- und dieses insbesondere den radikalen Parteien vorzuenthalten.
Mit und durch das Radio entstanden neue ästhetische Präsentationsformen und gänzlich neue Klangwelten. Der Interner Link: Schlager als neue kulturindustrielle Musikform wurde erst mit dem Rundfunk ein Massenphänomen, ebenso Modetänze wie der Charleston, später dann Jazz und Swing. Aber auch die Musik der "klassischen Moderne" von Interner Link: Strawinsky, Hindemith, Interner Link: Honegger u. a. war in regelmäßig ausgestrahlten Komponisten-Konzerten zu hören. Live-Übertragungen von Sportveranstaltungen, etwa dem Link hat Vorschau-PopupInterner Link: Berliner Sechstagerennen
, vermittelten nicht nur eine spezifische Atmosphäre von Teilhabe und Dabeisein, sie trugen auch zur Herausbildung einer neuen Sendeform, der Sportreportage, bei.
Als ein "Wortkunstwerk und ein Dialog des sprachmächtigen Autors mit jedem einzelnen Hörer" (Hans-Ulrich Wagner) entstand das Hörspiel als neue literarische Form. Interner Link: Walter Ruttmann schuf mit seiner ausschließlich aus Geräuschen montierten Klangcollage Weekend ein Hörbild über ein typisches großstädtisches Wochenende in Berlin. Er rief damit ein völlig neues Format, die Radiogeschichte, ins Leben, das bereits Formen des Neuen Hörspiels der 1950er Jahre vorwegnahm. Und noch eine weitere Innovation kreierte das frühe Radio: die Ausstrahlung von kurzen, einprägsamen Melodien, sogenannten Interner Link: Jingles, die als akustische Erkennungszeichen im zunehmend stärker frequentierten Äther-Radiostationen bzw. später einzelne Sendungen identifizierbar machten. Solche Kompositionen begründeten eine eigenständige Gattung von Werbeschlagern und -melodien. Mit dem Marsch Hallo! Hallo! Hier Radio! machte seit 1924 die Nordische Rundfunk AG (Norag) in Hamburg auf sich aufmerksam. Etwa zur gleichen Zeit begannen auch Unternehmen ihre Produkte erstmals im Radio mithilfe solcher Jingles zu bewerben: die Geburtstunde des kommerziellen Audio-Brandings. Akustisch wurde das neue Medium in den Bereichen Politik und Sport wesentlich von Männerstimmen beherrscht. Interner Link: Frauenblieben im Radio die Ausnahme – ein Zustand, der bis weit in die Zeit der Bundesrepublik andauerte.
Im Bereich der Musik war das zweite Dezennium eine "goldene" Zeit der musikalischen Avantgarde. Komponisten wie Interner Link: Arthur Honegger, George Antheil und Arseni Avraamov
stellten sich der künstlerischen Herausforderung der neuen akustischen Umgebung: Sie integrierten Maschinen- und Verkehrsgeräusche in ihre Kompositionen und damit in die ästhetische Erfahrungsdimension der Zeitgenossen. Durch die Entwicklung neuer Klangerzeuger und die Möglichkeit der Aufzeichnung von Tonaufnahmen emanzipierte sich die Musik gleichermaßen von ihren vormodernen und sakralen Ursprüngen wie von der bürgerlichen Ästhetik. Die berühmteste künstlerische Darstellung der vielstimmigen Geräuschwelt der modernen Großstadt gelang Walter Ruttmann 1927 in seinem experimentellen Dokumentarfilm Berlin. Die Sinfonie der Großstadt zur Musik von Edmund Meisel, der ein Jahr zuvor bereits Interner Link: Sergej Eisensteins Stummfilmklassiker Panzerkreuzer Potemkinvertont hatte.
Überhaupt waren die 1920er Jahre eine Hochzeit der großen Filmkompositionen, angefangen mit Paul Hindemiths Partitur für den Bergfilm Im Kampf mit dem Berg – In Sturm und Eis (1921), über Gottfried Huppertz’ Komposition für Fritz Langs Metropolis (1925 / 26) und Dmitri Schostakowitschs Orchesterpartitur zu Das Neue Babylon (1928) bis hin zu Hanns Eislers Tonfilmmusik zum Proletfilmklassiker Kuhle Wampe (1932) von Slátan Dudow. "Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt", notierte 1930 Kurt Tucholsky gewiss überpointiert, aber nicht völlig unberechtigt in der Weltbühne. Nicht zuletzt stieg, begünstigt durch Rundfunk und Film, die 1927 in Berlin gegründete Krolloper unter der Leitung von Otto Klemperer zum wichtigsten Zentrum der "Neuen Musik" und der musikalischen Avantgarde in Europa auf.
Parallel und im Gegensatz zur autonomen Kunstmusik entwickelte sich eine neue musikalische Massenkultur aus Tanzmusik, Filmmusik und Schlager – eine "Gebrauchsmusik", deren zentralen Vermittlungsinstanzen Schallplatte, Radio und Film waren und die wiederum die musikalische "Hochkultur" inspirierte. Hinzu kam seit Ende der 1920er Jahre der Jazz, den insbesondere der erste große Ton- und Musikfilm der Geschichte, Interner Link: The Jazz Singer (USA 1927), auch in Europa populär machte. Schlager und Tanzmusik, Big Bands und Musikrevuen schufen das musikalische Image der "Interner Link: Roaring Twenties": der dröhnenden Jahre des Aufbruchs. Zur optischen wie akustischen Ikone der musikalischen Moderne wurde das Saxofon, festgehalten u. a. in Otto Dix’ berühmtem Großstadt-Triptychon von 1927 / 28. Zugleich stand es für eine neue Lautstärke in der Populärmusik.
Zwar blieben die Konzert- und Opernprogramme weiterhin geprägt von den Klassikern, doch neben Oper und Sinfonie traten nun zunehmend Filmkompositionen und Zeitopern wie 1928 die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill oder Ernst Kreneks ein Jahr zuvor in Leipzig uraufgeführte Jazzoper Jonny spielt auf. Diese sollte später durch die Ausstellung Entartete Musiktraurige Berühmtheit erhalten, galt sie doch den Nazis als Inbegriff angeblich "artfremder", d. h. "jüdischer" Musik, obwohl weder der Komponist Jude war noch "Jonny" Saxofon spielte, wie das spätere Plakat zur Ausstellung suggerierte. Neben Hochkultur, Avantgarde und Gebrauchsmusik entstand mit der Interner Link: Arbeitermusik- und -chorbewegung für wenige Jahre eine weitere Sparte der Musikkultur, wodurch Musik verstärkt in die unteren sozialen Schichten getragen und das politische Lied populärer wurde.
In dem Maße wie Schallplatte, Rundfunk und Tonfilm zu Massenmedien wurden und sich die Aufnahme- und Wiedergabetechniken verbesserten, konnten sich schließlich "Ohrwürmer" und "Interner Link: Jahrhundertstimmen" sowie ein musikalisches Starwesen herausbilden. Erst mit der technischen Reproduzierbarkeit und dem ständigen Einhämmern durch Radio, Film und Grammophon entstanden nationale wie internationale "Gebrauchsmusikikonen", wie die von Interner Link: Marlene Dietrich
interpretierten Songs aus Der blaue Engel (1930), bzw. konnten Lieder, wie La Paloma, überhaupt zu Welthits werden und deren Interpreten zu gefeierten Weltstars aufsteigen. All diese Entwicklungen indes blieben nicht unwidersprochen. Während Thomas Mann im Zauberberg 1924 die Entdeckung des Grammophons noch liebevoll als epochales Ereignis beschrieben hatte, verhöhnte Hermann Hesse 1927 im Steppenwolf Grammophon und Radio als Zeichen des Niedergangs der abendländischen Kultur: "Achten Sie darauf, wie diese irrsinnige Schallröhre scheinbar das Dümmste, Unnützeste und Verbotenste von der Welt tut und eine irgendwo gespielte Musik wahllos, dumm und roh, dazu jämmerlich entstellt, in einen fremden, nicht zu ihr gehörigen Raum hinein schmeißt […], wie das Radio die herrlichste Musik der Welt zehn Minuten lang wahllos in die unmöglichsten Räume wirft, in bürgerliche Salons und in Dachkammern, zwischen schwatzende, fressende, gähnende, schlafende Abonnenten hinein, so, wie es diese Musik ihrer sinnlichen Schönheit beraubt, sie verdirbt, verkratzt und verschleimt und dennoch ihren Geist nicht ganz umbringen kann."

Blick auf den Potsdamer Platz mit Verkehrsturm aus erhöhter Sicht. - 1929 (© Bundesarchiv Bild 183-R93426 / Fotograf o.A.)
Wie schon das Etikett der "Roaring Twenties" signalisierte, waren die 1920er Jahre nicht nur in Deutschland ein lautes und lärmendes Jahrzehnt. Anders als während der Kaiserzeit wurde vor allem der Interner Link: Lärm der Großstadt zum Thema in Kultur und Politik. Künstler wie George Grosz und Otto Dix sowie Schriftsteller und Dichter wie Alfred Döblin und Kurt Schwitters thematisierten die zeitgenössischen Klangwelten in ihren Arbeiten. Und erstmals kümmerten sich auch Politik und Verwaltungen um den Lärm und ließen, wie seit Ende der 1920er Jahre in New York, Messungen durchführen, deren Ergebnisse in Lärmkarten festgehalten wurden. Voraussetzung für solche wissenschaftlich basierten Datenerhebungen war die Einführung des Dezibels (dB) als Messeinheit für die Lautstärke des Schalls im Jahr 1925. Erstmals war damit Lärm vergleichbar geworden. In einer Bestandsaufnahme von 1930 registrierte das New Yorker Gesundheitsamt, dass, anders als vor der Jahrhundertwende nun technische Geräuschquellen wie Autos, Züge, Straßenbahnen, Bauarbeiten, Lautsprecher und Radios dominierten.
Die Politisierung von Musik und Klang kann geradezu als ein Kennzeichen der 1920er und beginnenden 1930er Jahre angesehen werden. Dies zeigte sich bereits 1922 bei den heftigen Diskussionen um die Kanonisierung des Deutschlandlieds zur neuen Nationalhymne. In der fragmentierten politischen Kultur der Republik blieb es stets umstritten und wurde nur von einer Minderheit der Demokraten anerkannt und gesungen. Repräsentativ für die innere Zerrissenheit auch auf musikalischer Ebene war die Tatsache, dass vor allem die politisch extremen Lager eigene "Hymnen" besaßen, die sie der Republik lautstark entgegenschmetterten. Lieder und Lärm wurden geradezu als politische Waffen entdeckt. Mit dem Marschtritt ihrer Kolonnen, mit Interner Link: Kampfliedernwie SA marschiert und Sprechchören wie "Deutschland erwache" oder "Juda verrecke" machte Hitlers NSDAP auch akustisch in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. Unter lautem Gejohle fielen SA und SS in die Hochburgen des politischen Gegners ein, um ihn einzuschüchtern oder ganz zum Schweigen zu bringen. Dem Getöse von rechts antworteten die Kommunisten mit Schalmeien-Kapellen und eigenen Kampfliedern. Insbesondere gegen Ende der Republik wurde der Kampf um die Macht in Gesellschaft und Politik auch mit akustischen Mitteln auf der Straße ausgetragen.
Die akustische Dimension der Straßenpolitik beschränkte sich jedoch nicht auf politische Kampflieder und Straßenlärm. Ab Mitte der 1920er Jahre erlaubten die Interner Link: Fortschritte der Mikrofon- und Lautsprechertechnik die Verstärkung politischer Reden im öffentlichen Raum. Damit wurde nun erstmals die Beschallung "unerhörter" Menschenmassen und ihre einheitliche Ausrichtung auf den Redner, den allmächtigen Herrn des Mikrofons, möglich. Erst mithilfe der neuen Technik ließen sich Menschenmassen überhaupt zur Masse formen. Zugleich veränderten umgekehrt Mikrofon und Lautsprecher den Charakter der politischen Rede und die Stimme des Sprechers in der Wahrnehmung der Zeitgenossen wie der Nachgeborenen. Zum Ende der Republik hatte die Politik die neuen Soundtechniken entdeckt.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Steger, Denise, Die Rheinischen Expressionisten, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinischen-expressionisten/DE-2086/lido/5f97d542608d88.24054171 (abgerufen am 18.05.2026)
-> Stahrenberg, Caroline: Roaring Twenties. Die populäre Musik der 1920er Jahre, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 03.08.2016 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/210142/roaring-twenties/, zuletzt geprüft am 10.08.2026.
-> Wagner, Hans-Ulrich: Hallo! Hallo! Hier Radio!. Geschichte der Radiosignale, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 03.08.2016 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209790/hallo-hallo-hier-radio/, zuletzt geprüft am 10.08.2026.
-> Paul, Gerhard: Klangwelten der Moderne, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 03.08.2016 unter: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/sound-des-jahrhunderts/209779/klangwelten-der-moderne/, zuletzt geprüft am 30.08.2026
Sekundärliteratur
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Literatur und Theater
Die ,Goldenen Zwanziger'
Inhaltsverzeichnis
1. Goldene Zwanziger Jahre
1. Goldene Zwanziger Jahre
Goldene Zwanziger Jahre
Perspektivisch gebundener, erst nach dem Zweiten Weltkrieg etablierter Begriff, der die Zeit der kulturellen und wirtschaftlichen Erfolge in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre umfasst und mit dem seit den 1960er Jahren die als modern und fortschrittlich geltenden Phänomene positiv rezipiert werden (im Amerikanischen "Roaring Twenties"). Eng verbunden ist der Begriff mit moderner Großstadt- und Massenkultur. In Deutschland werden die "Goldenen Zwanziger Jahre" vor allem mit den Entwicklungen in Berlin verbunden. In Bayern und speziell in München lassen sich zwar "moderne" (massen-)kulturelle Phänomene ebenfalls beobachten (z. B. Theater, Film), doch blieb hier die kulturelle Szene stark modernitätskritischen Auffassungen verpflichtet. Der auch dadurch bedingte Abwanderungsprozess von Schriftstellern und Wissenschaftlern nach Berlin führte in München zur "Kunststadtdebatte", die allerdings keinen grundlegenden Wandel herbeiführte. Münchens Kulturleben profilierte sich in den "Goldenen Zwanzigern" daher eher modernitätskritisch-konservativ mit fließendem Übergang zu nationalistisch-völkischen Positionen.
Kultur der Großstadt
Der Begriff "Goldene Zwanziger Jahre" ist ein perspektivisch gebundener Begriff, der die Zeit der kulturellen und wirtschaftlichen Erfolge in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre umfasst. Er beschreibt vor allem ein heterogenes Feld kultureller Neuerungen, ohne ein einheitliches Profil abgeben zu können: Er bezieht sich ebenso auf Veränderungen in der Alltags- und Arbeitskultur wie auf Innovationen in Musik, Kunst, Literatur, Architektur und auf die neuen Massenmedien Radio und Film. Mit ihm verbunden sind Merkmale wie "Kultur der Großstadt", "Angestelltenkultur", "Girl-Kultur" und die veränderte Rolle der Frau, "american way of life", Tanz, Sport, Kino, Technikbegeisterung, Avantgarde und Reformbewegungen sowie – in der Literatur und den Künsten – Darstellungsweisen, die den dokumentarischen Wert der Künste betonen ("Neue Sachlichkeit").
Mit dem Begriff werden vor allem Aspekte der Industrialisierung und Urbanisierung in Metropolen wie Berlin oder Paris erfasst. Diese sind, ausgehend von der wirtschaftlichen Stabilisierung zwischen 1924 und 1929, auf die Entwicklung in München anzupassen - der einzigen Großstadt in Bayern, die den Vergleich mit Berlin sucht. In München sind die "Goldenen Zwanziger" nach der Beendigung des "Weißen Terrors" und der Niederschlagung des Hitler-Putsches 1923 anzusetzen und aus einer besonderen, regional ausgeprägten Urbanität heraus zu beschreiben (was im Folgenden nur exemplarisch geschehen kann).
Kulturgeschichtlicher Hintergrund: Von der Jahrhundertwende zur Weimarer Republik
Der süddeutsche Raum wird um 1900 gerne mit dem Deutschland von vor 1870/71 verglichen. Das soziale Leben war von der Industrialisierung nicht in demselben Ausmaß betroffen wie jenes im Norden. Kunstakademie, Bohemekultur, liberale Strömungen und die Entwicklung Münchens zu einem Verlags- und Zeitschriftenzentrum begünstigten die Entfaltung eines vielfältigen kulturellen Lebens. Erster Weltkrieg und Revolution bewirkten eine Polarisierung auch der kulturpolitischen Situation zwischen Linken und Rechten. Gegen die modernen und liberalen Strömungen der Zeit, die vor 1914 unter dem Stichwort "Münchner Moderne" verbucht werden, setzten konservative Intellektuelle auch nach 1918 auf einen Idealismus, der Region und Religion als Alternative zu zeitgenössischen Lebens- und Anschauungsweisen aufzeigen will. Diese Ansichten blieben nicht unwidersprochen, etwa in Oskar Maria Grafs (1894-1967) Selbstcharakterisierung als "Provinzschriftsteller". Das Stichwort "Provinz" wird hier bewusst gegen ein konservatives Verständnis von Regionalität gesetzt; Provinz kann jedoch auch, wie in Marieluise Fleißers (1901-1974) "Ingolstädter Stücken" (1926 bzw. 1929 in Berlin uraufgeführt), das Gegenteil von Großstadterfahrung meinen.
Zwischen Moderne und drohender Provinzialisierung
Die "Goldenen Zwanziger Jahre" sind in Bayern als Alternative zu bzw. Abgrenzung von Entwicklungen in den Metropolen zu beschreiben. Sie werden von der bürgerlichen Mitte und deren kulturellem Selbstverständnis gestaltet bzw. von den politisch Rechten bedroht.
Bei der Verlagerung der kulturellen "Gewichte" war einerseits ein Generationswechsel wirksam. Zwischen 1918 und 1921 starben u. a. Lena Christ (1881-1920), Max Dauthendey (1867-1918), Heinrich Lautensack (1881-1919), Georg Queri (1879-1919) und Ludwig Thoma(1867-1921). Andererseits ist die Übersiedlung vieler Künstler von München nach Berlin in der ersten Hälfte der 1920er Jahre als ein - wenn auch anders gelagerter - Grund dafür anzuführen. In die Metropole übersiedelten u. a. Bertolt Brecht (1898-1956), Lion Feuchtwanger (1884-1958), Marieluise Fleißer, Ödön von Horváth (1901-1938), Erich Mühsam (1878-1934) und Ernst Toller (1893-1939), später auch Heinrich Mann (1871-1950) (weitere Hinweise bei Prinz, Geschichte Bayerns, 452).
Auch die Universitäten waren von den kulturellen Veränderungen betroffen. Karl Vossler (1872-1949) warnte 1926 anlässlich der 100-Jahres-Feier der Ludwig-Maximilians-Universität vor "Provinzialismus", womit die Professorenschaft und noch stärker die Studentenschaft gemeint war, die sich aufgrund des Kriegsausgangs radikalisierte. In den 1920er Jahren verließen angesehene Wissenschaftler München, so z. B. der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin (1864-1945) und der Historiker Hermann Oncken (1869-1945), während das konservative Umfeld u. a. durch Karl Alexander von Müller (1882-1964), Karl Haushofer (1869-1946) (zu dessen Assistenten Rudolf Heß [1894-1987] zählte) erstarkte. Vosslers Aussage belegt, wie etwa das Wirken des Theaterwissenschaftlers Arthur Kutscher (1878-1960) und anderer namhafter Gelehrter, neben der Sorge um die Provinzialisierung intakte Strukturen bei der kritischen Analyse der Situation.
Staat und Stadt versäumten es aber, der Abstimmung mit den Füßen entschieden genug entgegenzuwirken. München verfügte über zu wenig Mittel, um den Trend in den Norden Deutschlands zu unterbinden. Für Künstler waren neben Berlin auch Kunstzentren wie Hannover interessant. Die verbliebenen Kreise wie derjenige um Carl Muths (1867-1944) katholisches "Hochland" oder der George-Kreis entwickelten eigene Vorstellungen von der Moderne, die mit den innovativen Impulsen Weimars nur schwer vereinbar waren. Die Anziehungskraft Münchens blieb dennoch für viele Literaten, Künstler und Intellektuelle aus dem bayerischen Raum ungebrochen. München war auch in den 1920er Jahren ein bedeutendes Buch- und Zeitschriftenzentrum.
Für das kulturelle Leben im München der 1920er Jahre kann man annehmen, was Thomas Mann (1875-1955) anlässlich der Rede zur Eröffnung der "Münchner Gesellschaft 1926" am 2. November 1926 geschrieben hat: "Wir leben in einer Zeit, deren verächtliche Fidelität uns zuweilen ein bisschen auf die Nerven geht, einer Zeit von wahrem Jazz-Band-Charakter, deren Helden der Preisboxer und der Kinostar sind und in der Verrohung und Verflachung ungeahnte Orgien feiert: amüsante Orgien, ich gebe es zu, großartige Orgien, ich gebe es auch zu; es wäre wohl philisterlich und kleinbürgerlich, über die neuen Zeiten zu flennen. Aber als spezifisch deutsch […] erscheint mir doch immer noch der Protest gegen die blöden Wunder dieser Zeit".
Massenkulturelle Phänomene prägten zunehmend das Verhalten der Menschen. So sorgten beispielsweise Film und Radio für neue Unterhaltungsformen und Informationsquellen.
Die ausführlichste Studie zur Entfaltung massenkultureller Phänomene und zu ihrer Einbettung in traditionelle Kulturgebiete in den 1920er Jahren liegt zu Nürnberg vor. Schmidt spricht diesbezüglich von der "Provinzmoderne" und betont, dass moderne Kulturmuster jeweils in regionale Rahmenbedingungen eingepasst werden mussten, mitunter bis zur Unkenntlichkeit ersterer.
Ausgehend von den regionalen Besonderheiten und unabhängig von der jeweils aktuellen prozentualen Beteiligung einzelner Parteien an der Regierung ist in München ein kulturkonservativer Ansatz vorhanden, der gegen Ende der 1920er Jahre vor allem durch kulturnationale Haltungen infrage gestellt wurde (vgl. zur begrifflichen Abgrenzung: von Saldern, Massenfreizeitkultur). Die Kaffeehauskultur von vor 1914 wurde durch die Bierkellerkultur konterkariert.
Exemplarisch für den schmalen Grad, auf dem sich die "Goldenen Zwanziger Jahre" in München entfalten konnten, ist die Kulturpolitik des von 1925 bis 1933 amtierenden Oberbürgermeisters Karl Scharnagl (BVP, 1881-1963). Sie blieb von konservativen und christlichen Werten geprägt. Man setzte auf "Veredelung" massenkultureller Phänomene, reagierte aber auch mit verschärften Zensurbestimmungen, beispielsweise beim Film. Aufmerksamkeit erhielten populäre moderne Unterhaltungsformen, wenn sie das Bild Münchens für den Tourismus steigern konnten. So wurde beispielsweise bei Sommerveranstaltungen nach 1930 auf Sport gesetzt, lange nachdem z. B. die "Münchner Neuesten Nachrichten" einen eigenen Sportteil eingerichtet hatten. Neue Akzente setzte man in der Kulturpolitik u. a. mit der Eröffnung des Deutschen Museums 1925 und der Lenbachgalerie 1929 oder der Einrichtung des Münchner Dichterpreises, der von Oskar Maria Graf mit angeregt wurde (vgl. Mann, Rede, 17f.) und den 1928 erstmals Hans Carossa(1878-1956) erhielt.
Kunststadtdebatte und literarisches Leben
Hermann (Kulturpolitik, 343) zufolge sind die Jahre 1924 bis 1929 in München von der Kunststadtdebatte geprägt, die jene von Wolf 1919 aufgezeigten Defizite im Vergleich mit dem München von vor 1914 aufgriff und auf den Vergleich mit Berlin ausweitete. Die Selbstverständigungsprozesse der 1920er Jahre können daher exemplarisch an der Kunststadtdebatte aufgezeigt werden. Thomas Mann, Mitte der 1920er Jahre bereits Repräsentant der liberalen bürgerlichen Mitte, hat die Kunststadtdebatte 1926 wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gehoben, nachdem sie seit 1900 immer wieder aufgeflammt war und nach der gescheiterten Revolution neuen Nährboden erhalten hatte. In "Kampf um München als Kulturzentrum" - einer Veranstaltung am 30. November 1926 in der Münchner Tonhalle - wandte sich Thomas Mann mit anderen Intellektuellen und Politikern gegen "den von der Presse gewarteten Vulgär-Faszismus". Kritisiert wurden auch der Einfluss der "Münchner Neuesten Nachrichten" und deren nationalistischer Duktus auf die Öffentlichkeit. Die Versuche, an Entwicklungen vor 1914 anzuknüpfen und München nicht zur "Wiege der Bewegung" werden zu lassen, wurden öffentlich diskutiert.
Gründungen wie diejenige der "Münchner Gesellschaft 1926" oder vorher der "Argonauten", die 1924 von Ernst Penzoldt (1892-1955), Ludwig Friedrich Barthel (1898-1962) und Josef Magnus Wehner (1891-1973) initiiert wurden und schnell einen wichtigen Einfluss auf das kulturelle und literarische Leben der Stadt nahmen, versuchten, neue Impulse zu setzen. Eine repräsentative Umfrage unter wichtigen Kulturschaffenden, welche die Zeitschrift "Der Zwiebelfisch" (Heft 1, 1926/27) veranstaltete, offenbarte jedoch spürbare Defizite im kulturellen Leben der Stadt. Die politische Auseinandersetzung mit Thomas Mann in den "Süddeutschen Monatsheften" (1928) zeigte schließlich einen erheblichen Druck der politisch Rechten an.
In der Literatur waren in Bayern noch die Anfänge der "Neuen Sachlichkeit" verbunden, wie die Werke von Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Marieluise Fleißer, Oskar Maria Graf u. a. verdeutlichen. In der Zeit zwischen der Stabilisierung der Währung sowie der Aufhebung des Ausnahmezustandes im Jahr 1925 und dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 gewannen Nationalisten, konservative Revolutionäre und nationalsozialistische Kräfte an Einfluss. Exemplarisch für diese Tendenzen sind der Salon von Elsa Bruckmann (1865-1946), in denen Adolf Hitler (1889-1945) der Zugang zur Mittel- und Oberschicht gelang (vgl. Martynkewicz, Salon Deutschland), und der 1928 von Alfred Rosenberg (1893-1946) gegründete "Kampfbund für deutsche Kultur" (KfdK).
Andererseits entwickelte sich in München eine neue, auch "magischer Realismus" genannte Stilrichtung, die mit den politischen Absichten der "Neuen Sachlichkeit" brach. Aus dem Umkreis der "Argonauten" heraus wurde eine "Neue Klassik" ausgerufen. Sie ist in dem von Arthur Hübscher (1897-1985) 1929 herausgegebenen "Münchner Dichterbuch" beispielhaft dokumentiert. Das Buch versammelt Beiträge u. a. von Paul Alverdes (1897-1979), Hans Brandenburg (1885-1968), Georg Britting (1891-1964), Hans Carossa, Hanns Johst (1890-1978) und Gottfried Kölwel (1889-1958). Mehrere Autoren dieses Bandes unterschrieben 1933 das "Gelöbnis treuester Gefolgschaft" für Adolf Hitler - neben Rudolf Binding (1867-1938) Leo Weismantel (1888-1964), Johannes von Guenther (1886-1973) und Josef Magnus Wehner. Andere - wie Hanns Johst - waren schon vor 1933 Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP).
Staatliche und private Bühne(n)
Das Theater der 1920er Jahre in München war durch eine Stilpluralität gekennzeichnet, die in ihren modernen Ausprägungen wiederholt Zensurmaßnahmen nach sich zog. Nicht unterschätzt werden darf der Einfluss der NSDAP-Stadträte. Es muss zwischen staatlichen und privaten Bühnen unterschieden werden.
Von 1920 bis zu seinem Tode wachte Dr. Karl Zeiß (1871-1924) als Generalintendant über das Münchner Staatsschauspiel, das sich auf die vier Bühnen des Nationaltheaters, des Prinzregententheaters, des Residenztheaters sowie des Künstlertheaters auf der Theresienhöhe verteilte. Nach dessen Tod übernahm – wieder – Clemens Freiherr von und zu Franckenstein (1875-1942) die Leitung des Staatsschauspiels, um zu Beginn der 1930er Jahre von Richard Weichert (1880-1961) beerbt zu werden.
Mit der von Eugen Felber geleiteten "Neuen Bühne" in der Senefelderstraße existierte kurzfristig eine reine Arbeiterbühne, die Oskar Maria Graf als Dramaturg und Fritz Schaefler (1888-1954) als Bühnenbildner beschäftigte. Diese musste jedoch bereits 1921, ein Jahr nach Eröffnung, ihren Betrieb einstellen, da sich die Volksbühne weigerte, sie in ihre Besucherorganisation aufzunehmen.
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Otto Falckenberg (1873-1947), von 1917 bis 1945 Leiter der Münchner Kammerspiele. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-011895)
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Szenenbild aus der Aufführung der Dreigroschenoper in den Münchner Kammerspielen. (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 2. August 1929)
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Anzeige für die Aufführung von Frank Wedekinds "Lulu" mit Margarethe Koeppke(1902-1930) als Lulu. (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 4. Januar 1929)
Im Jahre 1919 übernahm Hermine Körner (1878-1960) bis 1925 die Leitung des Schauspielhauses, der neben den Kammerspielenwichtigsten Privatbühne Münchens. 1926 fusionierten das Schauspielhaus und die Kammerspiele, deren Geschicke seit 1917 von Otto Falckenberg (1873-1947) geleitet wurden. Bertolt Brecht, Joachim Ringelnatz (1883-1934), Karl Valentin (eigentl. Valentin Ludwig Fey, 1882-1948) u. a. beteiligten sich in verschiedensten Funktionen an Aufführungen. Jedoch verschärften sich aufgrund des modernen Spielplans die staatlichen Zensurmaßnahmen, die wirtschaftliche Engpässe sowie künstlerische Konflikte nach sich zogen. Aus Angst vor Restriktionen wurde der Spielplan umgestellt: Statt avantgardistische Stücke aufzuführen, wurde auf beliebte klassische Stoffe zurückgegriffen.
In Hinsicht auf das Theaterleben lässt sich zusammenfassend sagen, dass München zu Unrecht im Schatten der großen Theaterstädte der 1920er Jahre – Berlin und Wien – stand, denn es verfügte über ein höchst abwechslungsreiches, teils exquisites Programm. Vergleichbares ließe sich für Volkssänger wie Weiß Ferdl (d. i. Ferdinand Weißheitinger, 1883-1949) annehmen, und auch Varieté und Cabaret lebten zwangsläufig von unterhaltenden und kritischen Impulsen.
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Weiß Ferdl, Zigarettenbild in Rollenkostüm. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-016565)
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"Karl Valentin und Lisl Karlstadt wieder in München". (aus: Münchener Vergnügungsprogramm, 17. Juni mit 23. Juni 1928)
Filmstadt München
Der Film konnte sich in Bayern – wie in Deutschland – im Laufe der 1920er Jahre als populäres Massenmedium konsolidieren und etablieren. Pionierarbeit leisteten etwa wichtige Vertreter der filmischen Avantgarde wie Walter Ruttmann (1887-1941) (1919-21: "Lichtspiel Opus 1") oder Oskar Fischinger (1900-1967) (1924/25: "Münchner Bilderbogen"). Ein anderer Pionier des bayerischen Films war Karl Valentin, der mit Liesl Karlstadt (eigentlich Elisabeth Wellano, 1892-1960) während der Weimarer Republik zahlreiche Bühnenerfolge feierte, Stumm- und Tonfilme drehte und sich ab 1919 auch an Schallplattenaufnahmen versuchte.
Die bayerische Filmlandschaft hatte ihren Anteil an jenem "goldenen Zeitalter" des deutschen Films. Bereits am 19. November 1919 widmete sich eine komplette Ausgabe des Simplicissimus (Jg. 24, Nr. 34, 19. November 1919) unter der Überschrift "Kino" dem aufstrebenden Medium. Im selben Jahr gründete Peter Ostermayr (1882-1967) in München das Filmgelände in Geiselgasteig, das 1925 vom "Reichsfilmblatt" als "Los Angeles im Isartal" bezeichnet wurde. In dessen "Glashaus" wurden beispielsweise Alfred Hitchcocks(1899-1980) deutsch-englische Gemeinschaftsproduktionen "The Pleasure Garden" (1925) und "The Mountain Eagle" (1926) gedreht. Am 1. Mai 1920 wurde Ostermayrs Münchner Lichtspielkunst GmbH (MLK) als Reaktion auf die noch während des Ersten Weltkrieges 1917 entstandene Universum Film AG (Ufa) zum "Emelka-Konzern", welcher 1932 als Bavaria Film AG fortbestand. Zur Etablierung des Filmes als Kunstform in Bayern trugen auch die von der Bayerischen Landesfilmbühne unter Vorsitz von Dr. Johannes Eckhardt (1887-1966) veranstalteten "Film-Festwochen in München" vom 13. Juli bis 23. August 1928 bei. Auf dieser bis dato deutschlandweit einmaligen Veranstaltung wurden "42 Höchstleistungen des europäischen und amerikanischen Filmschaffens" vorgeführt.
Wie golden waren die "Goldenen Zwanziger"?
Die Kultur der "Goldenen Zwanziger Jahre" in München ist ein zaghaftes Pflänzchen, das sich vor allem in den vom bürgerlichen Kunstgeschmack gering geschätzten Bereichen entfaltet hat. Der modernekritische Impetus, der sich nach der Revolution 1918/19 in der Stadt zu verbreitern begann, markiert die Differenz zur Metropole Berlin, dem damaligen Zufluchtsort aller an Innovationen in Literatur, Musik und den Künsten interessierten Beteiligten. Der sich in der Weimarer Zeit ausbildende Typus des Intellektuellen hatte es - so der in Nürnberg geborene Hermann Kesten (1900-1996) - schwer, seinen Kulturbegriff gegen den Zeitgeschmack und - mit fortschreitender Entwicklung - gegen völkische Positionen zu behaupten. Insofern enthält der Begriff der "Goldenen Zwanziger Jahre" für Kesten lediglich ein Element der Hoffnung, ohne dass sie sich hätte realisieren lassen. Die "Goldenen Zwanziger Jahre" sind für ihn ein "Doublé, [...] schwach vergoldet".
Thomas Manns Bekenntnis zur Republik und seine Bereitschaft, daraus Konsequenzen für einen zeitgenössischen Kulturbegriff zu ziehen, mag beispielhaft für Hoffnungen liberaler bürgerlicher Haltungen gewesen sein. Der "Protest der Richard-Wagner-Stadt München" hingegen zeigt, wie wenig Manns Ansatz wichtige Repräsentanten des Bürgertums davon hat überzeugen können. Den "Protest" gegen einen 1933 gehaltenen Vortrag von Thomas Mann über Richard Wagner unterschrieb eine Art "Who's who" der Münchner Kulturszene, u. a. Hans Knappertsbusch (1888-1965), Hans Pfitzner (1869-1949) oder Richard Strauss(1864-1949). Es hieß in den "Münchner Neuesten Nachrichten" Nr. 105 vom 16./17. April 1933: "Herr Mann, der das Unglück erlitten hat, seine früher nationale Gesinnung bei der Errichtung der Republik einzubüßen und mit einer kosmopolitisch-demokratischen Auffassung zu vertauschen, hat daraus nicht die Nutzanwendung einer schamhaften Zurückhaltung gezogen, sondern macht im Ausland als Vertreter des deutschen Geistes von sich reden. [...] Wir lassen uns solche Herabsetzung unseres großen deutschen Musikgenies von keinem Menschen gefallen, ganz sicher nicht von Herrn Thomas Mann, der sich selbst am besten dadurch kritisiert und offenbart hat, dass er die 'Gedanken eines Unpolitischen' nach seiner Bekehrung zum republikanischen System umgearbeitet und an den wichtigsten Stellen in ihr Gegenteil verkehrt hat. Wer sich selbst als dermaßen unzuverlässig in seinen Werken offenbart hat, hat kein Recht auf Kritik wertbeständiger Geistesriesen." Allein schon die Infragestellung des Rechts auf (Selbst-)Kritik zeigt an, dass der liberale Kulturbegriff in den "Goldenen Zwanziger Jahren" Erosionen ausgesetzt gewesen ist.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Waldemar Fromm, Goldene Zwanziger Jahre, publiziert am 14.10.2011; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Goldene_Zwanziger_Jahre> (23.01.2026)
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Sekundärliteratur
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Massenkultur und Vergnügen
Sport und Bewegung
Inhaltsverzeichnis
- Max Schmeling, Sportidol für Generationen
- Rhönrad 1921. Otto Feick
1. Max Schmeling, Sportidol für Generationen
Max Schmeling ist bis heute der einzige deutsche Box-Weltmeister aller Klassen. Zur Legende machte ihn jedoch ein Sieg in einem Nicht-WM-Kampf: der K.o. gegen den als unbesiegbar geltenden Joe Louis in New York. Am 28. September 1905 wurde er in Klein Luckow geboren. Es gibt viele Geschichten über Max Schmeling, eine aber bleibt immer in Erinnerung: Drei Uhr morgens in Deutschland, doch an jenem 19. Juni 1936 dachte kaum einer ans Schlafen. Gebannt saßen Millionen vor dem Radio und verfolgten die Live-Übertragung vom Boxen im New Yorker Yankeestadion. Mittendrin: die Protagonisten Joe Louis und Max Schmeling.
Legendärer Sieg gegen Joe Louis
Ersterer ein designierter Weltmeister, der sich bis dahin der Gegner im Schnelldurchgang entledigt hatte. An eine Chance gegen ihn glaubten nur Schmeling und sein Trainer Max Machon. Die Wetten standen zehn zu eins für den US-Amerikaner. Schmeling nutzte seine Chance und landete in der zwölften Runde eine seiner starken Rechten. Louis, der kurz vor der Weltmeisterschaft stand und als unbesiegbar galt, ging K.o. Eine Sensation in der Boxwelt - und für den am 28. September 1905 in Klein Luckow in der Uckermark geborenen Schmeling ein Meilenstein.
Einziger deutscher Box-Weltmeister aller Klassen
"Das war schon mein bedeutendster Kampf. Ich will nicht sagen, dass es der schwerste Kampf war, aber für mich war es der entscheidendste Kampf meiner Karriere", bilanzierte er rückblickend auf seine 70 Kämpfe, von denen er 56 gewann. Der nicht für möglich gehaltene Sieg machte Schmeling zur deutschen Boxlegende - obwohl es kein WM-Kampf war.
Es war ein harter Weg bis dahin. 1906 zog seine Familie nach Hamburg. In Rothenburgsort und in Eilbek ging er zur Schule. Im Alter von 14 Jahren begann Schmeling eine kaufmännische Lehre in einer "Annoncen-Spedition", der Werbeagentur Wilkens. Als 17-Jähriger verließ Schmeling Hamburg. In Düsseldorf arbeitete er bei einer Brunnenbaufirma. Abends boxte er beim Mülheimer Boxclub und startete in seine Amateurlaufbahn. Mit 19 Jahren hatte er den ersten Profikampf, mit 21 Jahren war er bereits deutscher Meister.
Rekordkampf gegen Walter Neusel in Hamburg-Lokstedt
Im Jahr 1927 startete er durch, holte die Europameisterschaft im Halbschwergewicht. Ein Jahr später wechselte er ins Schwergewicht - und holte sich 1930 nach der Disqualifikation seines Gegners Jack Sharkey den WM-Titel. Verteidigen konnte Schmeling den Gürtel allerdings nur einmal gegen Young Stribling. Im Juni 1932 nahm Sharkey erfolgreich Revanche.
Schmelings Stern schien zu sinken, von den folgenden vier Kämpfen konnte er nur einen gewinnen. Mit Walter Neusel stand der potenzielle Nachfolger bereit. Am 26. August 1934 trafen die Kontrahenten aufeinander. Offiziell sahen 102.000 Zuschauer auf der Sandbahn in Hamburg-Lokstedt Schmelings Sieg - bis heute Europarekord. Hätte Schmeling diesen Kampf verloren, wären die Duelle gegen Louis wohl nicht zustande gekommen.
Schmeling: Bescheiden und großzügig
Schmelings Karriere wurde durch den Krieg gestoppt. 1940 wurde der Profiboxer in die Wehrmacht einberufen und zum Fallschirmjäger ausgebildet. Bei der Landung auf Kreta 1941 zog er sich eine Knie- und Rückenverletzung zu, 1943 wurde er entlassen. Schmeling floh 1945 mit seiner Frau aus Pommern und lebte ab 1946 in Hamburg.
Im Alter von 42 Jahren stieg er noch einmal in den Ring, um Geld zu verdienen. Die Schmelings hatten im Krieg fast alles verloren. Seinen letzten Kampf bestritt er am 31. Oktober 1948 in Berlin gegen Richard Vogt.
Mit der Börse aus den Kämpfen kaufte sich Schmeling 1949 in dem kleinen Ort Wenzendorf bei Hollenstedt ein rund 100.000 Quadratmeter großes Grundstück. Zunächst konnte er sich durch Pelztierzucht und Tabakanbau über Wasser halten. Der große Durchbruch nach seiner Box-Karriere kam für Schmeling in den 50er-Jahren mit Coca-Cola. Er erhielt die Generalvertretung für Produkte des Brauseherstellers und gründete Niederlassungen in Hamburg-Bramfeld und Reutlingen.
Rückzug aus der Öffentlichkeit
Seine ungeheure Popularität hielt auch nach seinem Karriereende an und blieb bis in die Gegenwart ungebrochen. Ansonsten lebte der Sympathieträger sehr zurückgezogen. Ohne Aufhebens verteilte Schmeling sein gesamtes Vermögen, gründete Stiftungen mit einem Kapital von fünf Millionen Euro für wohltätige Zwecke und vererbte sein Anwesen seiner Heimatgemeinde.
Er scheute die Medienwelt und jeglichen Rummel um seine Person ("Über mich ist schon alles gesagt und geschrieben worden"). Insbesondere seit dem Tod seiner Frau Anny Ondra 1987 zeigte er sich nur noch selten in der Öffentlichkeit. Schmelings großer Wunsch, 100 Jahre alt zu werden, erfüllte sich nicht: Er starb am 2. Februar 2005 im Alter von 99 Jahren in seinem Haus in Hollenstedt. Zwei Tage später wurde die Boxlegende in ihrem niedersächsischen Wohnort im engsten Freundeskreis beigesetzt.
Max Schmeling hat Sportgeschichte geschrieben. Seine Biografie ist voll unvergessener Siege und dramatischer Niederlagen. Die Stationen einer Weltkarriere.
Unter den Gästen: Doria Gray, Harry Gondi, Lilli Palmer, Peter van Eyck, Paul Nevermann, Max Schmeling (Ohne Sprecherton)
2. 1921. Otto Feick
Am 4. Juli 1890 wird in der Heil`schen Schmiede des pfälzischen Dorfes Reichenbach, nahe Kaiserslautern, Otto Feick geboren. Er wächst dort bei seiner Mutter Philippina Heil und den Großeltern auf. Sein Vater Ludwig Feick, ein Schmied lebt im etwa 10 km entfernten Glan-Münchweiler. Der kleine Junge ist gerne bei seinem Großvater in der Schmiede. Eines Tages nimmt er sich dort zwei Wagenreifen, verbindet diese miteinander und stellt sich zwischen die beiden Reifen. Nachdem er seine Füße mit einer Schnur festgebunden hat, hält er sich an den Reifen fest und lässt sich den kleinen Hang bei der Schmiede herunterrollen, wobei er sich die Finger quetscht.
Als seine Mutter 1901 wieder heiratet, zieht er mit ihr nach Kaiserslautern, wo er die Schule besucht und 1903 in der evangelischen Stiftskirche konfirmiert wird. Otto erlernt das Schlosserhandwerk und leistet 1912 in Aschaffenburg seinen Militärdienst ab. Dort lernt er Pauline Schmalz aus dem fränkischen Schönau kennen und heiratet sie 1914. Das junge Paar zieht nach Ludwigshafen in den gerade neu entstehenden Ortsteil Gartenstadt. Otto Feick arbeitet in Ludwigshafen im Betriebswerk der Deutschen Reichsbahn als Lokomotiv-Schlosser, engagiert sich im Eisenbahner-Verband und wird bald in den Vorstand der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands gewählt. Mit dem Ziel, den durch die Arbeit in der Fabrik wie auch die beengten Wohnverhältnisse bedingten Belastungen mit Hilfe von Sport zu begegnen, gründet er im Juni 1919 in Ludwigshafen den „Verein für Volksgesundheit“ und wird dessen erster Vorsitzender. Das Sportgelände des Vereins wird direkt an dem kleinen See Blies angelegt. Dieser Verein besteht unter dem Namen „VSK Germania Niederfeld 1919 e.V.“ noch heute.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wird die Pfalz französisch besetzt. Der Eisenbahnschlosser Otto Feick und viele seiner Kollegen leisten passiven Widerstand. Sie weigern sich, für die Besatzungsmacht zu arbeiten und fertigen keine Güterzüge nach Frankreich mehr ab. Einige Züge entgleisen sogar wie „aus heiterem Himmel“. Daraufhin werden er und mehrere Kollegen 1921 von der französischen Militärpolizei verhaftet. Auch wenn viele Tausend Ludwigshafener dagegen demonstrieren, wird er von einem Militärgericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er im Militärgefängnis in Mainz verbüßen muss.
Im Gefängnis erinnert er sich an die Reifen, mit denen er als Kind den Hang vor der Schmiede seines Großvaters hinuntergerollt war und beginnt sich mit Plänen für ein ungewöhnliches Turngerät zu beschäftigen: zwei kreisförmige Stahlreifen von jeweils etwa eineinhalb Metern Durchmesser werden durch sechs gleich lange Sprossen parallel zueinander verbunden. An zwei Sprossen werden Griffe montiert und an zwei weiteren Sprossen Bretter mit gepolsterten Lederriemen zur Aufnahme der Füße. Zusätzlich befinden sich auf der gegenüberliegenden Seite zwei weitere Haltegriffe. Nach der Entlassung aus der Haft fertigt er ein erstes Modell an und probiert es 1922 auf dem Gelände seines Vereins für Volksgesundheit aus. Das hierbei entstandene Foto verwendet er später für die Patentanmeldung.
Als die deutsche Reichsregierung 1922 mit der Leistung der im Versailler Vertrag festgesetzten hohen Reparationszahlungen in Verzug gerät, wird im Januar 1923 das Ruhrgebiet von französischen und belgischen Truppen besetzt. Daraufhin ruft die Reichsregierung zum passiven Widerstand auf und weist ihre Beamten an, Anordnungen der Besatzer nicht zu befolgen. Auch wird den Arbeitern der Reichsbahn verboten, Kohle nach Frankreich oder Belgien zu befördern. Die Franzosen antworten darauf mit Ausweisung. 1923 müssen allein in der Pfalz 5.000 Eisenbahner mit ihren Familien binnen 24 Stunden ihre Heimat verlassen, darunter auch Otto Feick. Er zieht mit seiner Familie in den kleinen Ort Schönau an der Brend, dem in der Rhön gelegenen Heimatort seiner Frau. Dort gründet Feick eine Metallwerkstatt, wo er unter anderem Bettgestelle und Spielzeug herstellt und an der Verbesserung seines Turngerätes weiterarbeitet. Zum Dank an seine neue Heimat nennt er es „Rhönrad“. Im November 1925 wird ihm auf dieses außergewöhnliche Sportgerät ein Patent erteilt.

Ab 1926 reist er mit einer kleinen Gruppe von Turnerinnen und Turnern durch Deutschland, um seine Erfindung bekannt zu machen. Dabei kommt er auch nach Ludwigshafen, wo er das Rhönrad auf einer Erfindermesse im neu eröffneten Ebertpark vorstellt. Anschließend bereist er mit seiner Turntruppe fast ganz Europa und 1929 schließlich auch die Vereinigten Staaten. Dort werden die Rhönräder als "German Wheels" bekannt und spielen sogar in dem 1929 von Metro Goldwyn Mayer produzierten Film „Dynamit“ bei einem Sportfest eine wichtige Rolle.
Anlässlich der Premiere dieses Films in Österreich berichtet das Neue Wiener Tageblatt in seiner Ausgabe vom 24. April 1931, man könne in dem Film ein von Damen bestrittenes Rhönrad-Rennen sehen. Nach einer Vorführung in England werden Rhönräder von Piloten der Royal Air Force zum Training des Gleichgewichtssinns und zur Simulation von Loopings eingesetzt. Um diese kostspieligen Vermarktungstourneen finanzieren zu können, muss Otto Feick sogar seine Patentrechte verpfänden. Aber die Produktion der Rhönräder, die zwischen 80 und 100 Reichsmark kosten, beginnt schließlich so erfolgreich zu laufen, dass er in Würzburg eine neue Werkstätte eröffnen kann.
Bereits im August 1930 findet in Bad Kissingen das erste internationale Rhönrad-Turnier statt. Die Sportler messen sich unter anderem im „Bergab-Mutfahren“, Wett- und Hindernisrennen. Und schließlich führen 1936 in einem Rahmenprogramm der Olympischen Spiele in Berlin 120 Turner Rhönräder vor, auch wenn es -bis heute übrigens- keine olympische Disziplin ist. Dieser Auftritt macht das Rhönrad nicht nur schlagartig bekannt, sondern hat auch zur Folge, dass selbst lange nach dem 2. Weltkrieg das Rhönrad noch als „Nazi-Sport“ verpönt ist, obwohl sich der Gewerkschaftler und überzeugte Demokrat Otto Feick nie von den Nationalsozialisten hat einnehmen lassen.






Trotzdem kann Feick keine Rhönräder mehr verkaufen und muss seine Werkstatt schließen. Noch mehr aber macht ihm der Tod seines einzigen Sohnes Fritz zu schaffen, der 1945 auf der Flucht aus russischer Gefangenschaft erschossen wird. Feick ist ein gebrochener Mann (20). Erst ab 1953 finden wieder Wettbewerbe im Rhönradturnen statt. Nachdem der Deutsche Turnerbund das Rhönradturnen 1959 offiziell als Turndisziplin anerkennt, wird 1960 in Hannover die erste deutsche Meisterschaft ausgetragen. Erst mehr als 30 Jahre später gibt es eine Europameisterschaft. Nach Gründung des internationalen Rhönradverbandes 1995 findet noch im gleichen Jahr im niederländischen Den Helder die erste Weltmeisterschaft statt.
Geschwindigkeitsrennen spielen keine Rolle mehr. Nun geht es bei den Disziplinen um artistische Übungen im und auf dem Rad. Beim Geradeaus-Turnen rollt das Rad auf beiden Reifen in die durch Gewichtsverlagerung bestimmte Richtung. Beim Spirale-Turnen wird das gekippte Rad auf nur einem Reifen in einem Kreis bewegt. Besonders anspruchsvoll ist der Sprung. Hier springen die Sportler auf das rollende Rad und dann mit einem Salto oder auch Überschlag wieder herunter. Diese akrobatischen Übungen erfordern nicht nur Ausdauer sowie Arm- und Beinkraft, sondern auch Koordination und einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn.
Heute sind die Stahlreifen der Rhönräder mit Hart-PVC beschichtet. Dadurch kann man mit dem Rhönrad nun auch wetterunabhängig in Hallen turnen. Dies hat auch den Vorteil, dass die Turner ihre Übungen langsamer und präziser ausführen und auch größere Räder mit bis zu 2,40 m Durchmesser nutzen können. Solche Rhönräder wiegen bis zu 60 Kilogramm. Auch können die Räder heute zerlegt und dadurch leichter transportiert werden. Dies alles erlebt Feick nicht mehr. Gesundheitlich angeschlagen, lebt er von einer geringen Rente in ärmlichen Verhältnissen. Nach langer Krankheit stirbt er am 17. Oktober 1959 und wird in Schönau an der Brend beigesetzt. Der Otto-Feick-Platz in Reichenbach-Steegen erinnert an ihn. Und nun auch die Tafel der Kurpfälzer Meile der Innovationen, die wir heute einweihen.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Max Schmeling. Sportidol für Generationen, in: NDR online, online verfügbar seit 23.09.2025 unter: https://www.ndr.de/sport/legenden/Max-Schmeling-Sportidol-fuer-Generationen,schmeling146.html, zuletzt geprüft am 09.04.2026.
-> 1921 Rhönrad Otto Feick, in: Kurpfälzer Meile der Innovationen, online verfügbar unter: https://www.meile-der-innovationen.de/innovationen/rhoenrad-1921, zuletzt geprüft am 09.04.2026.
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Sekundärliteratur
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Das Bild der neuen Frau
Die Neue Frau
Inhaltsverzeichnis
- Die Neue Frau (LeMO Artikel)
- Einführung des Frauenwahlrechts
1. Die Neue Frau
Der industriellen und technologischen Revolution schloss sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Umgestaltung der Gesellschaft an. Ausdruck des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses im Kaiserreich war auch ein verändertes Rollenverständnis der Geschlechter. Viele Frauen organisierten sich verstärkt innerhalb der Frauenbewegung für das Erlangen von politischen, sozialen und zivilen Bürgerrechten. Auf kultureller Ebene thematisierte zunächst die Literatur die neue Frauenrolle und ihr Auftreten in der Öffentlichkeit. In Romanen von Schriftstellerinnen der Jahrhundertwende wurde der Typus der Neuen Frau zuerst vorgestellt, die als Protagonistin ihr Leben selbstständig und selbstbewusst in die Hand nahm, um es aktiv zu gestalten. In der traditionsbewussten Gesellschaft des Kaiserreichs waren diese modernen Ideen allerdings nur von einer sehr geringen Zahl von Frauen umsetzbar.
Der Erste Weltkrieg bedeutete für viele Frauen im politischen und sozialen Sinn eine einschneidende Zäsur. Frauen übernahmen neue Aufgaben in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt. Bedingt durch die Abwesenheit der Männer an der Front fand zumindest in Großstädten bei einer Vielzahl von Frauen ein grundlegender Wandel der sexuellen Moral statt. Nach dem Ende des Krieges machte die um sich greifende Aufbruchstimmung nicht vor den Türen privater Häuser Halt: Die Zahl der Ehescheidungen nahm 1919 sprunghaft zu. Betroffen davon waren überproportional häufig die übereilt geschlossenen Ehen während des Krieges. Aber auch viele Langverheiratete hatten sich durch das hinziehende Getrenntsein emotional voneinander distanziert.
Nach Kriegsende 1918 und der Rückkehr der Frontsoldaten wurde die Mehrzahl der Frauen aus dem öffentlichen Leben wieder zurückgedrängt. Mit der Einführung des Wahlrechts für Frauen zu Beginn der Weimarer Republik erfüllte sich aber eine von der Frauenbewegung seit langem aufgestellte politische Hauptforderung. Auch im Alltagsbereich boten sich in den 20er Jahren für eine kleine Gruppe von jungen und ungebundenen Frauen neue Möglichkeiten zu bisher unvorstellbaren Lebensplanungen. Veränderte Moralvorstellungen und ein neues weibliches Selbstverständnis boten die Grundlagen für das Erscheinen der sogenannten Neuen Frau im städtischen Alltag.
Eine kleine, elitäre Gruppe der weiblichen Bevölkerung, zumeist um die Jahrhundertwende geborene Akademikerinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen, Tänzerinnen oder Künstlerinnen, waren die Protagonistinnen der Neuen Frau. Vor allem in den Großstädten ansässig, brachen sie mit dem traditionellen weiblichen Lebensstil ihrer Mütter, lebten und wirkten jenseits der konventionellen Auffassung von Ehe und weiblichem Bezugsfeld. Vielmehr wollten sie einen Beruf ausüben und in einer "ebenbürtigen Beziehung" leben, was aber keinesfalls die Institution der Ehe oder den Wunsch nach Familie ausschloss. Das Frauenbild der radikalen Frauenbewegung, welches sich auch fundamental von den alten Konventionen unterschied, lehnte die Neue Frau als altmodisch ab. Ihr Frauenbild streifte vielmehr den Nimbus des Politischen ab und fokussierte sich auf die kulturelle Selbstdarstellung und auf ein neues Selbstverständnis der Frau in der Weimarer Republik.
Häufig entstammte die Neue Frau großbürgerlichen oder adeligen Kreisen. Nur sie hatten die finanziellen Möglichkeiten, einen normabweichenden Lebensstil zu führen und an dem uneingeschränkten Konsum der neuesten Mode sowie an Kultur, Unterhaltung und Freizeit teilzunehmen. Häufig übten sie moderne, aus dem angloamerikanischen Raum eingeführte Sportarten wie Tennis oder Golf aus, drangen so auch beim Sport in männliche Domänen ein und entwickelten ein neues Selbstverständnis zu ihrem Körper. Das Image der Neuen Frau wirkte aber auch jenseits der gebildeten Elite. Es waren zumeist die weiblichen Angestellten, die sogenannten Tippmamsells, die den Trendsetterinnen nachzueifern trachteten. Die Werbung, Romane wie "Stud. chem. Helene Wilfüer" von Vicki Baum und vor allem Zeitschriften wie "Die Dame" oder "Elegante Welt" brachten das Bild der Neuen Frau in die Öffentlichkeit. Bubikopf, Zigaretten aufgesteckt im Spitz und knielange Röcke wurden vor allem in den "Goldenen Zwanzigern" zu den Modeerscheinungen einer neuartigen Massenkultur. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 und ihrer sozialen Folgen verlor das Image der selbstständigen und unabhängigen Neuen Frau jedoch zunehmend an Glanz. Als kulturelles und konsumorientiertes Phänomen verschwand es ebenso schnell aus dem Alltag, wie es aufkam.
2. Einführung des Frauenwahlrechts
Zur Wahl der Nationalversammlung am 19. Januar 1919 war es für Frauen in Deutschland erstmals möglich, zu wählen und gewählt zu werden. Dem ging ein langer Kampf voraus, der bereits im 19. Jahrhundert begann. Noch vor der organisierten Frauenbewegung sprach sich im Zuge der Revolution von 1848/49 als Erste Louise Otto-Peters für das Frauenwahlrecht aus. In ihrer politischen „Frauen-Zeitung“, die sie erstmals 1849 herausgab, forderte sie „das Recht der Mündigkeit“ für die Frau und „die Selbstständigkeit im Staat“. In den 1870er Jahren setzte sich Hedwig Dohm (1831-1919) ebenfalls für das Frauenwahlrecht ein. In ihrem Werk „Der Frauen Natur und Recht“ von 1876 formulierte sie ihre Forderung ganz explizit.
Diesen Wegbereiterinnen folgte ab 1890 der organisierte Kampf der Frauenbewegung für das Frauenwahlrecht in Deutschland. Bis dahin hatte das Sozialistengesetz, das von 1878 bis 1890 galt und die Ausbreitung jeglicher sozialdemokratischer Bestrebungen verhindern sollte, einen umfassenden Einsatz für diese sozialdemokratische Forderung stark eingeschränkt. So konnte die Frauenbewegung ab diesem Zeitpunkt endlich wachsen, wenn auch ihre Arbeit noch bis 1908 durch verschiedene Vereinsgesetze in einigen Ländern des Kaiserreiches erschwert wurde, die Frauen ausdrücklich untersagten, sich politisch zu betätigen.
Für das Frauenwahlrecht kämpften nun aber nicht nur Frauen aus dem „radikalen“ bürgerlichen Flügel und die Sozialdemokratinnen, sondern auch die, die als bürgerlich-gemäßigt galten. Die SPD hatte, initiiert durch Clara Zetkin, das Thema Frauenstimmrecht bereits 1891 in ihr Wahlprogramm aufgenommen. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, haben die Sozialdemokratinnen 1910 den jährlichen Internationalen Frauentag ausgerufen. Begangen wurde dieser Tag erstmals am 19. März 1911 in Deutschland und anderen Ländern.
1902 wurde auf Vorschlag von Anita Augspurg zusammen mit Lida Gustava Heymannund Minna Cauer der erste Frauenwahlrechtsverein, der Deutsche Verein für Frauenstimmrecht, in Hamburg gegründet. Einige, vor allem die Preußinnen, plädierten für das Dreiklassenwahlrecht als "Zwischenschritt", wie es auch Männer schon innehatten. Diese Position war umstritten und führte letztlich kurz vor dem Ersten Weltkrieg zur Spaltung in drei verschiedene Frauenstimmrechtsvereine.
Mit Beginn des Ersten Weltkrieges fand der Einsatz für das Frauenwahlrecht vorerst ein jähes Ende. Die Männer zogen in den Krieg, die Frauen gehörten zur sogenannten Heimatfront. Einige von ihnen engagierten sich dennoch weiter politisch, beispielsweise für den Frieden, 1915 fanden zwei Frauenfriedenskonferenzen statt.
Explizit wurde der Kampf um das Frauenwahlrecht erst 1917 wieder aufgenommen. Ausschlaggebend dafür war die Osteransprache von Kaiser Wilhelm II. im selben Jahr. Darin stellte er zwar eine demokratische Wahlrechtserweiterung in Aussicht, ignorierte dabei aber die Frauen mit ihren Forderungen. Daraufhin formierte sich ein breites Frauenbündnis für das Frauenwahlrecht. So gaben die Frauen der Mehrheitssozialdemokratie, der Reichsverband für Frauenstimmrecht und der Deutsche Stimmrechtsbund eine gemeinsame Erklärung zur Wahlrechtsfrage ab und führten zahlreiche Kundgebungen in mehreren großen Städten durch. Doch das alles brachte nicht den erwünschten Erfolg. Und so unternahmen die Frauen im Oktober 1918 einen letzten Versuch und wandten sich an den Reichskanzler Prinz Max von Baden und baten um eine Unterredung. Dazu kam es allerdings nicht mehr. Der Rat der Volksbeauftragen bekam das Heft in die Hand und rief am 12. November 1918 das demokratische Wahlrecht aus. Damit wurde in Preußen das Dreiklassenwahlrecht abgeschafft und in ganz Deutschland das aktive und passive Frauenwahlrecht eingeführt.
Schnell erkannten die Parteien, dass sie speziell um die neue weibliche Wählergruppe werben mussten. Die Frauenbewegung bemühte sich um politische Aufklärungsarbeit mit entsprechenden Schriften, Flugblättern und Wahlaufrufen. Am 19. Januar 1919 konnten Frauen erstmals ihr aktives und passives Wahlrecht ausüben. Als erste weibliche Abgeordnete zogen 37 Frauen in die Nationalversammlung ein. Damit stellten sie knapp 10 Prozent der Abgeordneten.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Herzog, Susanne: Die Neue Frau, in: LeMO, online verfügbar seit 14.09.2014 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/alltagsleben/die-neue-frau, zuletzt geprüft am 11.08.2025.
-> Jurczyk,Cordula: Einführung des Frauenwahlrechts, in: LeMO, online verfügbar seit 16.01.2019 unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/revolution/einfuehrung-frauenwahlrecht, zuletzt geprüft am 09.12.2025.
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Sekundärliteratur
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Krisen der Weimarer Republik
Aufstieg der Nationalsozialisten
Inhaltsverzeichnis
1. München unter dem Hakenkreuz
1. München unter dem Hakenkreuz
Niemand beschimpft die Weimarer Republik so hasserfüllt wie Adolf Hitler. Am 8. November 1923 versucht der Vorsitzende der rechtsextremen NSDAP, mit seinen Gefolgsleuten Bayerns Regierung zu stürzen, um anschließend gegen Berlin zu marschieren. Der Staatsstreich scheitert – und wird doch zum Triumph
Adolf Hitler will sich umbringen. Es ist der 11. November 1923, und die Polizei wartet vor der Tür. Der per Haftbefehl gesuchte Aufrührer, der drei Tage zuvor versucht hat, Bayerns Regierung zu stürzen, hat sich in der Villa seiner Gönnerin Helene Hanfstaengl am Staffelsee versteckt. Vergebens, die Ordnungshüter haben ihn gefunden. Hysterisch schreit Hitler mit dem Revolver in der Hand: „Das ist das Ende! Mich von diesen Schweinen verhaften lassen – niemals! Lieber tot!“ So zumindest wird es Helene Hanfstaengl später berichten. Der Putschversuch des 34-Jährigen war als Startsignal für einen „Marsch auf Berlin“ gedacht, bei dem die Weimarer Republik zu Fall gebracht werden sollte. Doch sein Coup scheiterte bereits am Münchner Odeonsplatz. Im Handgemenge hat er sich die Schulter ausgerenkt. Unter starken Schmerzen ist er in die 70 Kilometer entfernte Villa geflohen. Doch die Behörden haben kaum mehr als 48 Stunden gebraucht, um ihn dort ausfindig zu machen. Nun stehen die Polizisten vor der Tür.
Hitlers Gastgeberin ist eine Amerikanerin mit deutschen Wurzeln. Ihr Mann Ernst, Sohn einer wohlhabenden Münchner Verlegerfamilie, hat einige Jahre lang in New York gelebt. Das Ehepaar gehört zur Münchner High Society, unterstützt offen Hitlers Partei. Und es ist Helene Hanfstaengl, die in diesem Moment Entschlossenheit zeigt. Mit einer schnellen Bewegung entwindet sie dem Rasenden die Waffe (so jedenfalls stellt sie es später dar). Sie lässt den Kommandeur der Polizeitruppe ins Haus und führt ihn zu Hitler, der einen weißen Schlafanzug trägt, den lädierten Arm in eine Schlinge gesteckt. Sein Widerstandsgeist ist gebrochen. Als ihm der Polizist erklärt, er wolle ihn verhaften, reicht Hitler ihm höflich die Hand und bittet darum, vor Anpöbelungen geschützt zu werden.
Auf der Straße nimmt ihn das Polizeikommando in Empfang. Ziel ist das Gefängnis in Landsberg. In diesem Moment scheint die politische Laufbahn des NSDAP-Chefs beendet zu sein. Ihm drohen ein Verfahren wegen Hochverrats und die Abschiebung in sein Heimatland Österreich.
Tatsächlich aber ist dies erst der Anfang seiner Karriere. Denn Bayerns Justiz wird dafür sorgen, dass der Prozess gegen Adolf Hitler zum Startpunkt seines unglaublichen Aufstiegs gerät.
LANGE HAT HITLER nach Menschen gesucht, die seiner Wut zuhören: als 20-Jähriger in einem Männerheim in Wien, später in Münchner Cafés, wo es den erwerbslosen Österreicher 1913 hinzog, dann in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Doch Publikum für seine Tiraden fand er kaum. Bis sich ihm in Bayern nach Krieg und sozialistischer Revolution ideale Umstände bieten. Im April 1919 ist das bayerische Bürgertum schockiert von der Machtübernahme linker Arbeiter- und Soldatenräte, die eine eigene Republik ausrufen (siehe Seite 88). Entsprechend erleichtert sind weite Teile der Münchner Gesellschaft, als paramilitärische Freikorps-Einheiten in die Stadt einrücken und das kommunistische Treiben brutal beenden. Für das Chaos in der Stadt machen sie andere verantwortlich: „landfremde Elemente“, Juden, Marxisten. Die rechten Truppen werden als Heilsbringer gefeiert.
Den meisten Bürgern ist nach den Schreckenstagen des kurzen kommunistischen Putsches alles recht, um eine erneute linke Machtübernahme zu verhindern. Viele verängstigte Münchner sympathisieren mit den radikalen Nationalisten. Denn nur ihnen trauen sie zu, die Kommunisten in Schach zu halten. Die vor dem Ersten Weltkrieg eher liberale Stadt entwickelt sich zum Zentrum rechtsradikaler Kräfte. Dazu trägt eine Generation junger Männer bei, die wie Hitler fanatisiert und voller Hass aus dem Krieg zurückkehren. Hinzu kommt, dass die Landesregierung alles tut, um die Rechtsradikalen zu unterstützen. 1920 wird ein überzeugter Monarchist bayerischer Ministerpräsident. Gustav Ritter von Kahr erklärt Bayern umgehend zu einem Ort, an dem all jene willkommen sind, die die Weimarer Demokratie ablehnen.
In Bayern sind sie sicher. Selbst jene Reichswehroffiziere, die sich 1920 an einem gescheiterten Putsch gegen die demokratisch gewählte Reichsregierung beteiligt haben, können sich hier frei bewegen. Mehr als 70 „völkische“ Gruppierungen gibt es 1920 in Deutschland, 15 davon in München. Ihre Mitglieder glauben an die Überlegenheit der „deutschen Rasse“, sie hassen alles Jüdische und verabscheuen den Marxismus. Zuspruch gibt es genug: Die wohlsituierten Mitglieder der geheimen „Thule-Gesellschaft“ etwa überlegen, wie man die Münchner Arbeiterklasse von einem nationalen Sozialismus überzeugen könnte. Die antidemokratische Terrortruppe „Organisation Consul“ plant in der bayerischen Hauptstadt die Ermordung des Außenministers Walther Rathenau (und verübt das Attentat im Juni 1922). Und wenn im „Kindlkeller“ gegen Juden gehetzt wird, ist die Bierhalle voll bis auf den letzten Platz: 7000 Menschen, vereint im Hass.
Aber noch gibt es niemanden, der all diese Bemühungen bündelt. Keinen Anführer. Noch nicht. Es ist Hitlers rhetorisches Talent, das ihn in den drei Jahren nach Kriegsende in München bekannt macht. Damit fällt er bereits in der Armee auf. Als er im Juli 1919 an einer Schulung der Nachrichten-Abteilung der Reichswehr teilnimmt, bei der die Armee Kriegsheimkehrer wie ihn gegen sozialistische Gedanken immunisieren will, sticht er durch besonderen politischen Eifer hervor. Bereits einen Monat später setzt ihn die Reichswehr bei einer weiteren Schulung als Ausbilder ein. Dort hält er das erste Mal in seinem Leben Reden vor einer größeren Menschenmenge.
Hitlers Ton begeistert die Zuhörer
Die Veteranen lassen sich begeistern von seinem radikalen Ton, von seinem Hass auf Juden. Hitlers „Fanatismus“ habe sie zur Aufmerksamkeit geradezu gezwungen, erinnert sich ein Zuhörer. Der 30-jährige österreichische Gefreite entdeckt seine Begabung: Er kann Menschen durch seine Sprache erreichen. Mehr noch, er kann sie mitreißen.
Von der Reichswehr wird er nun als nationalistischer „Aufklärungsredner“ eingesetzt. Und findet schnell eine politische Heimat: Im September 1919 observiert er als Agent der Reichswehr ein Treffen der völkischen „Deutschen Arbeiterpartei“ – und meldet sich prompt zu Wort. Er redet sich dabei derart in Rage, dass der Parteivorsitzende Anton Drexler hinterher meint: „Mensch, der hat a Gosch’n, denn kunnt ma braucha.“
Hitler lässt sich nicht lange bitten. Einige Tage nach dem Treffen tritt er in die Partei ein, Mitgliedsnummer 555 (die DAP hat ihre Zählung bei 500 begonnen, um größer zu erscheinen). Sie konkurriert zu jener Zeit mit Münchens anderen völkischen Gruppierungen. Nur wenig deutet darauf hin, dass sie schon bald die dominierende rechtsradikale Kraft sein wird.
Wenn es für die DAP eine Hoffnung gibt, dann ist es der Rhetoriker Hitlers: 1920 wird er zu ihrem wichtigsten Bierkeller-Redner. Anfangs spricht er in kleineren Lokalen vor ein paar Hundert Leuten. Im Februar 1920 wagt die Partei eine erste Großveranstaltung im „Hofbräuhaus“. Es kommen 2000 Menschen. Und es wird stürmisch gejubelt, als Hitler gegen Juden hetzt und gegen den Versailler Vertrag und schließlich verkündet: „Unsere Parole heißt nur Kampf.“
Von nun an ist er für die Partei – die sich jetzt Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei nennt – nahezu unverzichtbar. Ab April 1920 ist die Agitation für die NSDAP und gegen die verhasste Weimarer Republik seine Hauptaufgabe, die Reichswehr hat er verlassen. Immer mehr Menschen strömen in den folgenden Monaten in die Bierkeller und Hallen, um ihn, den schärfsten Hetzer gegen „jüdische Halsabschneider und Profiteure“, zu hören. Die 6000 Sitze des „ Circus Krone“ füllt er bald mühelos.
Zudem findet Hitler wohlhabende Unterstützer. Viele geben Geld, laden ihn ein zu ihren Soireen in den Salons der feineren Münchner Gesellschaft, wo er sich anfangs noch etwas ungelenk anstellt, aber als Kuriosum umschwärmt wird. Im Juli 1921 fordert er schließlich den Parteivorsitz mit „diktatorischer Machtbefugnis“. Die bisherigen Anführer der NSDAP fürchten, ihren wichtigsten Agitator zu verlieren, wenn sie ihm nicht nachgeben – und stimmen zu. Die NSDAP zieht derweil immer mehr Mitglieder an und bleibt dennoch nur eine von vielen rechten Gruppen in Deutschland und ist zudem außerhalb des Freistaates kaum bekannt.
Auch ihre Kampfmiliz, die Sturmabteilung (SA), ist im Vergleich mit anderen bewaffneten Gruppen in Bayern, die teilweise Zehntausende Mann unter Waffen haben, eher klein. Hitler selbst sieht sich anfangs offenbar nicht als den künftigen Führer. In einer Rede im Mai 1923 erklärt er: „Unsere Aufgabe ist, dem Diktator, wenn er kommt, ein Volk zu geben, das reif ist für ihn.“
All das ändert sich im November 1923. Vier Jahre nach Gründung der Weimarer Republik ist die politische Stimmung in Deutschland extrem angespannt. Französische und belgische Truppen haben Anfang des Jahres das Ruhrgebiet besetzt, da Deutschland mit Reparationszahlungen für die Schäden im Ersten Weltkrieg in Rückstand geraten ist. Viele Bürger sind wütend, sie fühlen sich durch den Einmarsch in ihrer nationalen Ehre verletzt.
Zudem befindet sich Deutschland in einer Wirtschaftskrise. Die Inflation ist außer Kontrolle geraten. Ein Dollar ist Anfang November 1923 mehr als 418 Milliarden Mark wert. Für einen Laib Brot bezahlt man 5,6 Milliarden Mark. In Bayern ruft die Regierung den Ausnahmezustand aus und setzt den früheren Ministerpräsidenten Gustav Ritter von Kahr als Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten ein.
In dieser instabilen politischen Lage sehen die Nationalsozialisten ihre Chance für einen Umsturz gekommen. Hitler braucht Verbündete, um die Wut der Menschen auszunutzen. Die NSDAP zählt zwar immerhin schon 55.000 Mitglieder, hat aber noch nie an einer Wahl teilgenommen. Am 7. November 1923 erfährt er, dass die drei mächtigsten Männer Bayerns am nächsten Tag bei einer politischen Veranstaltung im Münchner „Bürgerbräukeller“ sein werden: Generalstaatskommissar von Kahr, Otto von Lossow, der Kommandeur der Reichswehr in Bayern, und Hans von Seißer, Chef der bayerischen Landespolizei.
Hitler fasst einen Plan: Er will diese Männer zur Rebellion gegen Berlin zwingen – indem er sie als Geiseln nimmt.
Der Richter zeigt viel Verständnis
Am Abend des 8. November marschiert er mit bewaffneten SA-Männern in den mit 3000 Zuschauern besetzten „Bürgerbräukeller“, droht Kahr, Lossow und Seißer mit deren Ermordung und bringt sie tatsächlich dazu, per Handschlag im aufgehetzten Saal einer nationalen Revolution zuzustimmen. Aber als die drei in der Nacht freigelassen werden, ignorieren sie das ihnen abgepresste Versprechen und befehlen loyale Reichswehrtruppen aus ganz Bayern zur Unterstützung der Münchner Polizei herbei. Die ersten Putschisten werden noch vor Mitternacht festgenommen.
Hitler sieht am nächsten Morgen seine einzige Chance in einem Marsch durch München mit 2000 Anhängern, der die Bevölkerung mobilisieren soll. Doch schon am Odeonsplatz werden die Männer von bewaffneten Polizisten gestoppt. 30 Sekunden dauert der Schusswechsel, dann liegen 13 Gefolgsleute Hitlers sowie vier Polizeibeamte und ein Passant tot am Boden. Der Putsch ist gescheitert. Hitler flieht mit einem Auto. Zwei Tage später wird er in der Villa am Staffelsee festgenommen.
ALS DER VERSCHWÖRER zur Untersuchungshaft in das Gefängnis von Landsberg eingeliefert wird, ist er blass und schweigsam. Hitler kommt in einen Bereich für besonders privilegierte Gefangene. Die dortige „Festungshaft“ ist im Reichsstrafgesetzbuch politischen Häftlingen und Duellanten vorbehalten: all jenen also, die ihre Verbrechen in vermeintlich „ehrenhafter Gesinnung“ begangen haben. Die Haftbedingungen sind deutlich entschärft – vor allem, wenn es sich um Nationalisten handelt.
Während die meisten anderen Gefangenen in engen, dunklen Zellen sitzen, hat Hitler Platz für einen kleinen Schreibtisch und viel Licht, das durch zwei große Fenster hineinströmt. Er bewohnt das beste Zimmer des Gefängnisses und verfällt dennoch in eine Depression. Er tritt in Hungerstreik, magert ab, wirkt nach wenigen Tagen wie ein „Haufen Elend, niedergeschlagen, unrasiert“, so ein Gefängniswärter. Weil er außer Wasser nichts zu sich nimmt, wird er auf die Krankenstation verlegt.
Seine Partei ist verboten, Anhänger sind auf der Flucht, er selbst muss mit hoher Strafe rechnen – auf Hochverrat stehen mindestens fünf Jahre Gefängnis. Er scheint ein gebrochener Mann zu sein. Doch dann kommen die Briefe. Helene Hanfstaengl schreibt ihm, sie habe ihn nicht von einem Suizid abgehalten, nur damit er sich jetzt zu Tode hungere. Andere schicken Pakete; Winifred Wagner, Schwiegertochter des Komponisten Richard Wagner, sendet ihm eine Wolldecke, Jacke, Strümpfe, Lebensmittel und Bücher. Im Gefängnis kommen derart viele Delikatessen an, dass Hitler den Überfluss an ein Kloster spendet.
Er begreift, dass seine politische Karriere doch noch nicht beendet ist. Im Gegenteil: Nach dem Putschversuch hat er mehr Bewunderer als je zuvor. Seine Depression klingt ab, er nimmt wieder Nahrung zu sich. Und er findet ein neues Ziel: Er will seinen Prozess zur großen Abrechnung mit der Demokratie, den Juden sowie den Zauderern Kahr, Lossow und Seißer machen. Mit manischer Energie bereitet er sich auf den 26. Februar 1924 vor.
Neun weitere Verschwörer sind mit ihm angeklagt, darunter der spätere SA-Chef Ernst Röhm sowie Erich Ludendorff, ehemaliger Reichswehrgeneral und großer Stratege des Ersten Weltkriegs, ein Antisemit und Antidemokrat – am Abend des Putsches war er neben Hitler im „Bürgerbräukeller“ aufgetreten.
Hitler tritt vor ein ihm zugeneigtes Publikum: Der leitende Richter Georg Neithardt ist, ganz im Sinne der bayerischen Landesregierung, überzeugter Nationalist. Wie der Justizminister Franz Gürtner ist er der Meinung, dass sich Hitlers nationale Überzeugung in einem geringeren Strafmaß niederschlagen sollte. Neithardt äußert öffentlich Verständnis für die „selbstlose“ deutsche Gesinnung des NSDAP-Führers.
Der Justizminister hält Neithardt daher für die beste Wahl, um das Verfahren zu leiten. Er hat allerdings unterschätzt, wie weit der Richter in seiner Nachsichtigkeit zu gehen bereit ist. Denn Neithardt lässt dem Häftling im Gerichtssaal alle Freiheiten. Hitler darf an einem der Tage vier Stunden lang reden, darf die Juden als „größten Feind der arischen Menschheit“ bezeichnen. Unterbrochen wird er nicht. Ein Gerichtsreporter nennt das Verfahren „politischen Karneval“. Der Angeklagte treibt seine Tiraden so weit, dass Gürtner schließlich den Richter darauf hinweist, seine Prozessführung mache einen peinlichen Eindruck. Neithardt antwortet, er vermöge Hitlers Wortschwall nicht zu bremsen.
Stärker einschreiten kann die Regierung nicht, ohne selbst das Recht zu brechen. Sie will es aber vermutlich auch nicht. Neithardt hat als Vorsitzender Richter die Kontrolle über das Verfahren und kann nicht aus politischen Gründen abgesetzt werden – das lässt die Verfassung der Weimarer Republik nicht zu. Das Urteil, das er am 1. April 1924 spricht, ist mild. Hitler wird zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, mit Aussicht auf Bewährung bereits nach sechs Monaten. Die vom Gesetz zwingend vorgeschriebene Ausweisung des Österreichers lehnt der Richter ab: Hitler denke und fühle deutsch, so seine Begründung. Den Eindruck, den der Angeklagte bei vielen der Anwesenden hinterlässt, Gefasst einer der Richter so zusammen: „Ein kolossaler Kerl, dieser Hitler!“
Alle wichtigen Zeitungen berichten über den Prozess. Es ist der Moment, in dem der Name des Putschisten in ganz Deutschland bekannt wird.
ZURÜCK IN LANDSBERG, bleibt Hitler nicht lange allein: Seine Mitkämpfer, darunter mehr als 40 SA-Männer, treten im Mai 1924 ihre Strafe an. Die Männer sitzen unter Bedingungen ein, wie sie eher in einem Hotel herrschen: Sie müssen weder putzen noch ihr Bett selbst machen, sie dürfen rauchen und Alkohol trinken und bekommen ihr Essen von anderen, weniger privilegierten Gefangenen serviert.
Hitler gefällt sich in der Rolle des Anführers, der sich von seinen Leuten „Chef “ nennen lässt und in weißem Hemd und Lederhose durch die Anstalt spaziert. Noch wohler fühlt er sich, als einige seiner engsten Begleiter zu ihm stoßen, etwa Emil Maurice, sein Fahrer aus München, oder Julius Streicher. Der Kopf der NSDAP-Ortsgruppe in Nürnberg hatte während des Hitler-Putsches das Münchner Rathaus besetzt.
Und da ist Rudolf Heß, der spätere Stellvertreter des „Führers“, der am 8. November 1923 zwei Minister entführt hat. Der ehemalige Kampfpilot ist gebildet, aber psychisch labil. Er weicht seinem Vorbild nun kaum noch von der Seite. Mit Heß bespricht Hitler seine Ideen, diskutiert über Politik und Geschichte und geht mit ihm im Gefängnisgarten spazieren, während er zum Rest seiner Anhänger meist eine gewisse Distanz bewahrt.
Und immer mehr reift in ihm der Plan, ein politisches Buch zu schreiben, ein Manifest, das seine Weltanschauung zusammenfasst. Das Manuskript nennt er zunächst etwas umständlich „Viereinhalb Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit“. Später wird es einen griffigeren Titel bekommen: „Mein Kampf“.
In dem Werk bekommt Hitlers politisches Programm erstmals Konturen: Er verbindet die Verachtung für den Kommunismus nun untrennbar mit dem Hass auf die Juden. Das Hauptziel des Nationalsozialismus sei die „Vernichtung“ des „jüdischen Bolschewismus“, schreibt er. Die Eroberung von „Lebensraum“ in der Sowjetunion sei notwendig für den Unterhalt der deutschen „Herrenrasse“. Seine Radikalität verfestigt sich beim Schreiben. Er habe während der Arbeit an dem Buch endgültig begriffen, dass er bislang zu milde gewesen sei, sagt er später. In Landsberg manifestiert sich die Idee für den Genozid an den Juden.
Das Schreiben wird bald nur unterbrochen durch kurze Spaziergänge und den Empfang von Besuchern: Ernst Hanfstaengl ist häufig zu Gast, auch Alfred Rosenberg, der spröde Chefredakteur der Parteizeitung, der an der Stelle von Hitler nun kommissarisch die versprengten Nationalsozialisten führt. Zu Hitlers Geburtstag am 20. April 1924 kommen 21 Gratulanten. Das wichtigste Geschenk macht ihm Helene Bechstein: eine neue, aus New York importierte Schreibmaschine. Auf ihr tippt Hitler große Teile von „Mein Kampf“. Oft steht er um 5.00 Uhr auf, lässt sich von Heß eine Tasse Tee machen und schreibt dann den Tag hindurch.
„Landsberg war meine Hochschule auf Staatskosten“, behauptet Hitler später. Erst dort habe er die Richtigkeit seiner Anschauungen begriffen. In der Ruhe der Haft, umgeben von Schmeichlern, beginnt er sich nicht mehr als Vorbereiter jenes großen Mannes zu sehen, der Deutschland retten wird – sondern glaubt nun, selbst dieser Mann zu sein. Viel wichtiger aber ist die Einsicht, dass die NSDAP nur durch Wahlen an die Macht kommen kann. Die neue Strategie heißt daher: Beteiligung an der Demokratie. Um dann, nach dem Wahlsieg, ebendiese Demokratie abzuschaffen.
Als er am 20. Dezember 1924, nach nur 13 Monaten, auf Bewährung freikommt, wird er dringend erwartet. Denn die anderen Anführer der nach dem Putsch in Bayern verbotenen NSDAP haben sich zerstritten. Alfred Rosenberg und Julius Streicher konnten sich auf keine Strategie und keinen Anführer einigen. Aber Hitler bleibt anfangs fast unsichtbar. Zwei Monate lang hält er keine Rede, sondern verbringt etliche Tage in seiner Wohnung in der Münchner Thierschstraße. Der Grund für die Zurückhaltung: Er will Heinrich Held, den neuen bayerischen Ministerpräsidenten, dazu bewegen, das Verbot der NSDAP aufzuheben. Er verhält sich ruhig, um nicht aufzufallen.
Seine einzige politische Aktion in diesen Tagen ist daher ein Treffen mit Held. Er versichert, keinen weiteren Putsch anzetteln zu wollen. Und tritt dabei so kleinlaut auf, dass das Verbot der NSDAP tatsächlich kurz darauf aufgehoben wird. Man habe Hitler gezähmt, glaubt Held. Ein Irrtum. Schon bald baut die NSDAP eine reichsweite Organisation auf. Hitler wird der unbestrittene Anführer der völkischen Bewegung in Deutschland. Und wirkt dennoch zunächst wie ein Schreihals jenseits der Realität.
Denn die Situation hat sich, in Bayern wie in ganz Deutschland, nach 1923 stabilisiert: Eine Währungsreform beendet die Hyperinflation, die Wirtschaft wächst, den Menschen geht es besser, der politische Radikalismus der ersten Jahre nach Krieg und Revolution ebbt ab. Im Mai 1928 erreicht die NSDAP bei Reichstagswahlen nur 2,6 Prozent in ganz Deutschland. Und selbst in München, das die Nationalsozialisten später „Hauptstadt der Bewegung“ nennen werden, bekommen sie nicht mehr als 10,7 Prozent der Stimmen.
Aber die stabilen Jahre der Weimarer Republik währen nur kurz. Am 24. Oktober 1929 brechen die Aktienkurse der New Yorker Börse ein, und bald darauf erreicht die Weltwirtschaftskrise auch Deutschland. Tausende Fabriken schließen, Hunderttausende Arbeiter werden entlassen. 1932 sind mehr als 5,5 Millionen Menschen ohne Brot und Lohn. Und in der Krise wenden sich immer mehr Menschen der NSDAP zu.
Diejenigen, die um ihre Existenz fürchten, sehen im System der Weimarer Republik die Ursache ihrer Probleme. Sie wählen die Nationalsozialisten oft aus Protest, nicht aus Überzeugung. Doch sie wählen sie: Im Juli 1932 gewinnt die NSDAP 37,4 Prozent der Stimmen, ein halbes Jahr später ernennt der Reichspräsident Adolf Hitler zum Kanzler.
Rudolf Heß wird sein Stellvertreter. Im Mai 1941 fliegt er mitten im Krieg eigenmächtig nach England – offenbar in der irrigen Hoffnung, er könne ein Bündnis mit den Briten einfädeln. Er wird später als Kriegsverbrecher verurteilt und erhängt sich 1987 im Gefängnis. Die Hanfstaengls lassen sich 1936 scheiden. Laut ihrem Mann konnte Helene die Nationalsozialisten da schon länger nicht mehr ertragen. Sie geht zurück in die USA, wo sie 1973 stirbt.
Richter Georg Neithardt wird 1933 zum Oberlandesgerichtspräsidenten befördert; 1941 stirbt er. Ein Gericht, das 1950 seine Verwicklung in den Nationalsozialismus prüft, kommt zwar zu dem Ergebnis, der Richter sei als Belasteter einzustufen, stellt dann aber das Verfahren ein. Die Witwenrente seiner Frau bleibt daraufhin unangetastet. Wilhelmine Neithardt erhält sie bis zu ihrem Tod am 1. Juli 1992
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
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Sekundärliteratur
-> Böhme, Johannes: München unter dem Hakenkreuz, in: Bayern. Die Geschichte eines ganz besonderen deutschen Staates 1806-2018 (GEO Epoche, Jg. 2018, Heft Nr. 92.), Hamburg 2018, S. 100-107.
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Die Rheinlandbesetzung
Inhaltsverzeichnis
- Die Rheinlandbesetzung (1918-1930)
- Die Rheinlandbesetzung
1. Die Rheinlandbesetzung (1918-1930)
Plakat 'Nein, mich zwingt ihr nicht!', 13.1.1923. (Gemeinfrei / Haus der Geschichte)
1. Die Besetzung infolge des Waffenstillstandes
Bei der Besatzungszeit (1918-1930) handelt es sich um einen regelrechten Komplex von Themen. Im Folgenden stehen nicht nur Verträge und Paragraphen, Politik- und Diplomatiegeschichte im Vordergrund, sondern es gilt ebenso, einen Blick auf Kultur- und Wissenschaftspolitik beziehungsweise Kultur- und Wissenschaftsgeschichte zu werfen. Wirtschaftliche Implikationen spielen ebenfalls eine Rolle. Allerdings werden diese an anderer Stelle des Online-Portals ausführlicher behandelt, so dass sie hier lediglich gestreift werden.
Der Pressetext zu dem 2010 erstmals gesendeten WDR-Dokumentarfilm „Der Feind am Rhein – Die alliierte Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg“ bezeichnet die Besatzungszeit als „eine vergessene Epoche der deutschen Zwischenkriegszeit“.[1] Diese Einschätzung trifft zumindest auf die historische Forschung nicht zu. Zahlreich sind die Veröffentlichungen zur rheinischen Geschichte der Zwischenkriegszeit der letzten Jahre. Insbesondere zur Besatzungszeit, zur Ruhrkrise und zur Tausendjahrfeier, ferner zum Verhältnis von Rheinland und Preußen liegen zahlreiche Publikationen vor.[2]
Das am 11.11.1918 zwischen den Konfliktparteien geschlossene Waffenstillstandsabkommen von Compiègne sah vor, dass das linksrheinische Reichsgebiet inklusive eines zehn Kilometer breiten Gebietsstreifens auf dem rechten Rheinufer durch das deutsche Militär geräumt und anschließend entmilitarisiert werden sollte. Zudem sollten das linksrheinische deutsche Territorium durch die Ententemächte besetzt sowie ausgedehnte Brückenköpfe mit einem Radius von 30 Kilometern gegenüber den Städten Köln, Koblenz und Mainz eingerichtet werden. Ab Dezember 1918 rückten die Besatzungstruppen in die größeren Städte des zu besetzenden westdeutschen Gebietes ein. So wurde Trier zunächst von amerikanischen und Aachen von französischen Truppen besetzt.[3] Am 12. Dezember rückten amerikanische Einheiten in Koblenz und in das rechtsrheinische Ehrenbreitstein ein. Zunächst beruhte die Besetzung auf dem Kriegsrecht.
Amerikanische Truppen überqueren die Trierer Römerbrücke über die Mosel, 1918.
Am 13.12.1918 konstituierte sich die Interalliierte Wirtschaftskommission, die für die Distribution von Rohstoffen an die Fabriken im besetzten Gebiet zuständig war. Ebenso oblag ihr die Aufsicht über wirtschaftliche Aktivitäten. Der Oberste Wirtschaftsrat der Alliierten Besatzungsmächte in Deutschland verfügte am 21.4.1919 in Paris die Einrichtung einer „Interalliierten Rheinlandkommission“, bestehend aus Delegierten der vier Besatzungsmächte Belgien, Frankreich, Großbritannien und USA. Ihr oblag die Gewährleistung einer einheitlichen Verwaltung des besetzten Gebietes in sämtlichen Versorgungs- und Wirtschaftsfragen. Mitte Mai 1919 zog die Kommission in Koblenz ein, wo sie zunächst im Gerichtsgebäude residierte, bevor sie in das Gebäude des Oberpräsidiums umzog.
Bei den auf verschiedenen Ebenen ausgetragenen Konflikten der Besatzungszeit handelte es sich nicht nur um einen „Streit zwischen Frankreich und Preußen“ (Jürgen Wilhelm), sondern auch – wenn nicht sogar vor allem – um eine Auseinandersetzung zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich, das im November 1918 die Staatsform einer Republik angenommen hatte. Darüber hinaus war nicht nur Preußen von der Besatzung betroffen, sondern auch andere Gebiete wie etwa die bayerische Pfalz, Birkenfeld oder – im Osten – Oberschlesien und das Memelland.
Zunächst symbolisierte die Besetzung für die Bevölkerung der betroffenen Gebiete nicht den „Schandvertrag“ von Versailles, sondern die militärische Niederlage des Kaiserreiches. Umgekehrt symbolisierte sie für Frankreich den Sieg über den „preußisch-deutschen“ Nachbarn und verstärkte bei den von West nach Ost vorrückenden Besatzungstruppen die während der vier Kriegsjahre entstandenen Emotionen. Eindrücklich schildert Nicolas Beaupré die visuellen Eindrücke, die ihre Spuren in den Köpfen der Soldaten hinterließen: „Der Einzug in die völlig zerstörten Zonen an und hinter der Front, dann in die von der Besatzung ,befreiten' Regionen und in die zurückerhaltenen Departements von Elsass-Lothringen und schließlich, für einige, nach Deutschland selbst, funktioniert wie eine Abfolge von Bestärkungen des im Krieg entstandenen Bildes vom Anderen. Der Kontakt mit ,dem Anderen’, sei er von den auf dem [französischen] Territorium hinterlassenen Spuren und Stigmata mittelbar oder anlässlich der Besatzung Deutschlands direkt erfolgt, schloss für die große Mehrheit der Soldaten jegliche Fraternisierung und selbst Mitgefühl für die auch von den Deutschen erlittenen Leiden aus“.[4] Auch die amerikanischen Besatzungstruppen hatten ein Fraternisierungsverbot zu beachten, das allerdings Ende September 1919 aufgehoben wurde.
2. Die Besetzung auf Grundlage der Bestimmungen des Versailler Vertrages
Das mit dem Versailler Friedensvertrag verbundene Rheinlandabkommen vom 28.6.1919 stellte die Rheinlandbesetzung auf eine völkerrechtliche Grundlage. Beide Vertragswerke traten am 10.1.1920 in Kraft. Das Rheinlandabkommen sah für das besetzte Gebiet sowohl unterschiedliche Besatzungsfristen als auch verschiedene Besatzungszonen vor. Die Franzosen rückten in die Pfalz und die südliche Rheinprovinz, nach Mainz und Wiesbaden vor. Die Amerikaner besetzten Koblenz und Umland,[5] die Belgier den linksrheinischen Norden der Rheinprovinz von Aachen bis zum Rhein, während sich die Briten auf die „Kölner Insel“ konzentrierten. Zunächst war eine Besatzungszeit von 15 Jahren vorgesehen, gerechnet vom 10.1.1920 an, wobei die Räumung etappenweise erfolgen sollte. Voraussetzung für eine Räumung des besetzten Gebietes war allerdings die Erfüllung sämtlicher Vertragsbestimmungen. Die entmilitarisierte Zone rechts des Rheines erfuhr mit Inkrafttreten des Vertrages eine Ausdehnung auf 50 Kilometer. Höchste Zivilinstanz war die Interalliierte Rheinlandkommission (Haute Commission Interalliée des Territoires Rhénans, abgekürzt H.C.I.T.R.) unter Vorsitz des französischen Hohen Kommissars Paul Tirard.[6] Dieser machte von seinen Kompetenzen großzügig Gebrauch. Der Aufsicht der Interalliierten Rheinlandkommission (abgekürzt „Irko“), die im Alltagssprachgebrauch häufig einfach „Rheinlandkommission“ genannt wurde, war auch die deutsche Verwaltung im besetzten Gebiet unterstellt. Ihre Kontrolle nahm sie in Form eines Systems von Bezirks- und Kreisdelegierten wahr, die den jeweiligen deutschen Verwaltungsstellen vor Ort an die Seite gestellt wurden.[7] In der französischen Besatzungszone wurden folgende Bezirke eingerichtet: Bonn, Kreuznach, Mainz, Speyer, Trier und Wiesbaden. Die Rheinlandkommission besaß eigene, allerdings nicht klar abgegrenzte legislative Kompetenzen, die dem Schutz und dem Wohlergehen der Besatzungstruppen dienen sollten. Sie war berechtigt, die Gesetze des Reiches zu approbieren. Gleiches galt für Erlasse oberster Reichs- und Landesbehörden. Somit konnte die Rheinlandkommission de facto als oberste öffentliche Autorität im linksrheinischen Deutschland gelten. Für Bevölkerung, Politik, Verwaltung und Wirtschaft war es in den Folgejahren von nicht geringer Bedeutung, ob man sich im besetzten oder unbesetzten Teil der Rheinprovinz befand. Politische Äußerungen und „Agitation“, die im unbesetzten Gebiet über die Parteigrenzen hinweg allgemeine Zustimmung gefunden hätten, konnten im besetzten Gebiet kurzerhand zur Ausweisung führen.
Paul Tirard (1879-1945), französischer Oberkommissar und Präsident der Interalliierten Rheinlandkommission zwischen 1920 und 1930. (Landeshauptarchiv Koblenz)
Die von der deutschen Öffentlichkeit als unzumutbar empfundenen Bedingungen des Versailler Vertrags – umfangreiche Gebietsverluste, Besetzung weiterer, bedeutender Gebiete, Reduzierung der Streitkräfte auf ein 100.000-Mann-Heer usw. – bedeuteten für die junge Republik eine erhebliche Hypothek. Die Besetzung des linksrheinischen Reichsgebietes – soweit es beim Deutschen Reich verblieb – sowie die Bildung rechtsrheinischer Brückenköpfe beförderten insbesondere die besetzten Gebiete der von der Rheinlandbesetzung am stärksten betroffenen Rheinprovinz aus deutscher Sicht zu „nationalen Krisengebieten, denen auch im Reichsinteresse der größtmögliche Beistand zu leisten war“.[8] Reich und Preußen waren somit in gleichem Maße an einer Lösung der zahlreichen mit der Besetzung verbundenen Probleme interessiert. Dies schlug sich unter anderem in der Einrichtung neuer Stellen nieder, etwa dem Reichskommissar für die besetzten rheinischen Gebiete in Koblenz.
Wie intensiv auch im alltäglichen Leben die Besatzungsfolgen zu spüren waren, verdeutlicht das Beispiel der Zeitumstellung: Vom 15.12.1918 bis zum Ende des Waffenstillstandes sowie erneut zwischen Oktober 1921 und Februar 1925 wurde im besetzten Gebiet auf die Westeuropäische Zeit umgestellt. Die Uhren wurden also um eine Stunde zurückgestellt.
Eine Besonderheit stellte das „Saargebiet“ dar, welches de facto aus der Rheinprovinz ausgegliedert und einem Sonderstatut des Völkerbundes unterstellt wurde. Nach einer 15-jährigen Übergangszeit sollte die Bevölkerung mittels Abstimmung selbst über die künftige staatliche Zugehörigkeit des Saargebietes entscheiden. Dominierend war in der Praxis der Einfluss Frankreichs, an der Spitze der militärischen Besatzungs-Verwaltung stand der französische General Joseph Louis Andlauer (1869-1956) („Administrateur Supérieur de la Sarre“). Am 4.4.1919 wurde im Saargebiet der Ausnahmezustand verkündet. Auf einem Plakatanschlag, gezeichnet von General Andlauer, stand unter anderem zu lesen[9] :
„Durch die gegenwärtige Lage im Saarbecken treten ab Samstag, den 5. April für die gesamte Bevölkerung folgende Maßnahmen in Kraft: Jedes Zusammenstehen in den Dörfern wie auch außerhalb der Dörfer, wo es immer auch sein mag, ist verboten, eingeschlossen in dieses Verbot sind Zusammenkünfte in Gastwirtschaften, Kaffees und Privathäusern. Jede Ansammlung von mehr als 4 Personen wird mit Gewalt auseinandergewiesen.“
Diese Maßnahmen zeugen zum einen von dem durchaus nachvollziehbaren Sicherheitsbedürfnis der französischen Besatzungsmacht; sie können zum anderen bei der Erklärung des Unmutes der einheimischen Bevölkerung hilfreich sein, der zu einem gewissen Teil – aber eben nicht ausschließlich – auf der deutschen Propaganda, xenophoben Vorurteilen und aufgebauschten Einzelfällen beruhte.
3. Die Ausweitung der Besetzung in den Jahren 1920 und 1921
Angehörige der 'Roten Ruhrarmee', 1920.
Dass die Besetzung des linksrheinischen Rheinlandes durchaus befriedende Wirkung entfalten konnte, zeigte sich während des so genannten „Ruhrkrieges“. Infolge des misslungenen „Kapp-Lüttwitz-Putsches“ in Berlin im März 1920 kam es im rheinisch-westfälischen Industriegebiet zu einer Erhebung der kommunistisch dominierten „Roten Ruhrarmee“, die von Reichswehr und Freikorps mit großer Härte niedergeschlagen wurde und insgesamt etwa 1.600 Menschenleben forderte. Im linksrheinischen Besatzungsgebiet blieb es hingegen ruhig. Als Reaktion auf das Übergreifen deutscher militärischer Einheiten auf das entmilitarisierte Ruhrgebiet im Zuge der Kampfhandlungen gegen die „Rote Armee“ besetzten französische Truppen ab dem 6.4.1920 vorübergehend den Maingau, namentlich die Städte Frankfurt am Main, Darmstadt, Dieburg, Homburg und Hanau.
Das Deutsche Reich erfüllte die ihm im Versailler Vertrag und im Protokoll zu Spa auferlegten Verpflichtungen nur schleppend, insbesondere die Verzögerungen bei Demilitarisierung und Kohlelieferungen erregten in Paris Unmut. Die Konferenz von Paris legte am 29.1.1921 die Höhe der Reparationenfest. Für den Fall der Nichtannahme wurden Deutschland verschiedene Sanktionsmöglichkeiten vor Augen geführt: Zeitliche und geographische Ausdehnung der Rheinlandbesetzung, zoll- und handelspolitische Konsequenzen sowie das Veto gegen einen Völkerbundbeitritt des Deutschen Reiches. Der deutsche Außenminister Walter Simons (1861-1937, Amtszeit 25.6.1920-4.5.1921) bezeichnete die Forderungen vor der interalliierten Konferenz in London am 1.3.1921 schlichtweg als unerfüllbar. Nun war auch der englische Premierminister David Lloyd George (1863-1945, Amtszeit 1916-1922) zu Zugeständnissen gegenüber den französischen Sanktionsforderungen bereit. Die Konferenz billigte jedoch nicht die von Aristide Briand (1862-1932) favorisierte Besetzung des Ruhrgebietes, sondern zunächst lediglich ein von Großbritannien und Belgien vorgeschlagenes Ultimatum. Die Ententemächte drohten Deutschland mit einer Ausweitung der Besetzung für den Fall, dass die Zahlungen nicht bis zum 12. Mai erbracht würden. Da die deutsche Seite unnachgiebig blieb, rückten französische, belgische und englische Truppenverbände in die Städte Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort (heute Stadt Duisburg) ein.
Während die Operation im Maingau als „einmalige Polizeimaßnahme“ gelten konnte, rechneten bei der Besetzung der rechtsrheinischen Brückenköpfe Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort viele mit einer längeren Sanktionsdauer. Handelte es sich 1920 um ein militärisch motiviertes Vorgehen, standen bei den Aktivitäten des Jahres 1921 wirtschaftspolitische Aspekte im Vordergrund. Die Besetzung der drei rechtsrheinischen Städte endete erst im Jahr 1925, als auch die inzwischen erfolgte Ruhrbesetzung aufgehoben wurde.
4. Die Ruhrbesetzung 1923 bis 1925
Ruhrbesetzung, 1923. (Bundesarchiv Bild 183-R09876 / CC-BY-SA 3.0)
Als die deutsche Seite mit der Zahlung der Reparationen – vor allem in Form von Holz- und Kohlelieferungen – nicht mehr nachkam, war dies für den französischen Ministerpräsidenten Raymond Poincaré (1860-1934) der Anlass, das Ruhrgebiet militärisch zu besetzen. Seit dem 11.1.1923 rückten französische und belgische Verbände nach und nach vor, so dass das Kontingent der Besatzungstruppen an der Ruhr gegen Ende des Monats März eine Stärke von ca. 100.000 Soldaten erreicht hatte. Die Ausweitung der Besetzung hatte nicht etwa – wie von deutscher Seite häufig behauptet und befürchtet – eine Annexion des Ruhrgebietes zum Ziel, sondern die Sicherung „produktiver Pfänder“ („gage productif“) . Die Industrie des Ruhrgebietes wurde als Faustpfand betrachtet, das man für die Dauer der Besatzung produktiv für sich zu nutzen gedachte – eben so lange, bis die deutsche Seite wieder ihren Reparationsverpflichtungen nachkommen würde.
Die deutsche Reichsregierung reagierte mit dem Aufruf zum „passiven Widerstand“. Diese Maßnahme wurde vom Großteil der Bevölkerung mitgetragen: „Die Empörung, die der Einmarsch auslöste, war allgemein und ging durch alle Schichten“.[10] So wandte sich etwa die der Sozialdemokratie nahe stehende „Essener Arbeiter-Zeitung“ „aus reinem nationalem Empfinden gegen die Vergewaltigung […] heimatlichen Bodens“.[11]
Ein auch in aktuellen Publikationen häufig abgebildetes Protestplakat gegen die Ruhrbesetzung bringt die Haltung weiter Teile der Bevölkerung zum Ausdruck: „Nein! Mich zwingt Ihr nicht!“.[12] Diese Einstellung korrelierte mit den Worten des Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, Gustav Stresemann (DVP) (1878-1929). In einer Erklärung für die bürgerlichen Fraktionen des Reichstags führte dieser unter anderem aus: „Gegen die Vergewaltigung des deutschen Volkes, deutschen Bodens und deutscher Wirtschaft, gegen diesen Bruch geschriebener Verträge und ungeschriebener […] rufen wir das deutsche Volk und die Gewissen der Völker zum Widerstande auf […]. Frankreichs Ziel ist die Vernichtung Deutschlands […]. Das wird ihm nicht gelingen“.
Die Situation spitzte sich zunehmend zu: Staats- und Kommunalbeamte widersetzten sich französischen Anordnungen, Eisenbahn- und Zechenarbeiter ignorierten die Anweisungen der Besatzungsmächte. Kaufmannschaft, Handwerk und Gastronomie beschlossen, gegenüber Belgiern und Franzosen keine Leistungen zu erbringen. Die Zechendirektoren verweigerten auf Geheiß des Reichskohlenkommissars die Kooperation mit den Wirtschaftsoffizieren der Gegenseite. Auf diese Weise sollten Kohlelieferungen an die Besatzungsmächte unterbunden werden.
Nun eskalierte die Lage vollends, denn die Besatzungsmächte antworteten am 29.1.1923 mit der Verhängung eines verschärften Belagerungszustandes. Arbeiter, Angestellte und Unternehmer, Staats- und Kommunalbeamte sowie Privatpersonen wurden festgenommen und häufig mit empfindlichen Geld- oder Haftstrafen versehen, wenn nicht zum Mittel der Ausweisung aus dem besetzten Gebiet gegriffen wurde.
Karte des besetzten Rheinlandes, Stand: 1. Juli 1923, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. (Public Domain Mark 1.0)
Arbeiter aus Duisburg demonstrieren für die Beibehaltung des passiven Widerstands, 1923.
Tatsächlich blieb der passive Widerstand in den ersten Wochen nicht ohne Wirkung, beeinträchtigte er die lothringische Schwerindustrie zunächst erheblich. Doch größer noch waren die negativen Folgen für das Reich selbst. Nachdem die Franzosen den Eisenbahnverkehr in eigener Regie organisiert hatten, lief der Abtransport der Kohle wieder an, so dass die französische Stahlindustrie bald darauf wieder im gewohnten Umfang produzieren konnte. In Deutschland hingegen kam es zu Versorgungsengpässen, galoppierender Inflation und Mangelernährung weiter Bevölkerungskreise, was am 12.8.1923 schließlich zum Rücktritt der Regierung Cuno führte. Die Phalanx des passiven Widerstandes geriet allmählich in Auflösung, immer häufiger war in der Bevölkerung von Arbeitsaufnahme und Abbruch des Widerstandes die Rede. So sah sich die neue Reichsregierung unter Stresemann am 26.9.1923 gezwungen, das Ende des passiven Widerstandes zu verkünden.
Als letztlich erfolgreiches Unterfangen wertet Hans-Heinrich Nolte den passiven Widerstand des Jahres 1923, da dieser durch seinen grundsätzlichen Verzicht auf Gewalt „zur Verbesserung des Bildes von Deutschland in den angelsächsischen Ländern und damit langfristig zur Verbesserung der Lage des Landes“ beigetragen habe.[13] Die geradezu konträre Position vertritt Gerd Krumeich, in dessen Augen der passive Widerstand dem Nationalsozialismus und dessen Methoden der Gewaltanwendung den Weg bereitete[14] : „Weniger deutlich [...] ist bislang, wieweit auch faschistische Aktivitäten im weitesten Sinn von diesen Verhältnissen befördert und zu einer Art neuer Normalität wurden. Die allein durch die Auswirkungen des ,Ruhrkampfs’ zu erklärenden neuen Interventionsformen mit z.T. hochpolitisierter öffentlicher Verwaltung verweisen auf diesen Zusammenhang. [...] immer wieder kam es zur ,Zusammenarbeit’ von staatlicher Verwaltung und Terrororganisationen und darüber hinaus zu der Verlegung von genuin staatlicher Sanktionsgewalt in die Hände privater Personen und Organisationen. […] So war wohl das politisch wesentlichste Ergebnis des ,Ruhrkampfs’ von 1923 die allgegenwärtige Erfahrung von Gewalt im politischen Rahmen – eine erste Form der Selbstauflösung der Demokratie und eine Vorstufe der Übertragung der Macht an die politische Extreme, wie sie definitiv 1933 staatliche Realität werden sollte."
Mitunter nahmen passiver Widerstand und alliierte Gegenmaßnahmen in der Tat gewalttätige Züge an. Insbesondere das Freikorps „Oberland“ sowie das „Hanseatische Freikorps“ gingen gewaltsam gegen die französische Besatzung vor. Der später von den Nationalsozialisten glorifizierte Albert Leo Schlageter (1894-1923) verübte Sabotageakte auf französische Verkehrseinrichtungen und wurde nach seiner Ergreifung von einem französischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt. Seine Hinrichtung fand am 26.5.1923 auf der Golzheimer Heide bei Düsseldorf statt. Klaus Wisotzky weist jedoch darauf hin, dass der aktive, gewaltsame Widerstand „bei aller nationalen Emphase und bei aller Empörung“ in der Bevölkerung nur wenig Rückhalt besaß.
„Weltweite Aufmerksamkeit“ (Klaus Wisotzky) erregte der Zwischenfall, der sich am Karsamstag 1923, am 31. März, in der Krupp’schen Autohalle zutrug.[15] Französische Soldaten hatten dort Lastkraftwagen beschlagnahmen wollen, was eine aufgebrachte Menge von mehreren Tausend Arbeitern zu verhindern versuchte, indem sie die Ausfahrt versperrte. In Panik geraten, bahnten sich die französischen Soldaten um sich schießend den Weg ins Freie. Getötet wurden dabei 13 Demonstranten. Dem Trauerzug am 10. April gab eine große Menschenmenge das letzte Geleit. Die Gewerkschaften sahen in dem Vorfall „den neuesten und furchtbarsten, aber keineswegs den einzigen Fall von Hinschlachtungen unbewaffneter Arbeiter durch den französischen Militarismus“.[16]
Was die Ausweitung des besetzten Gebietes anbelangt, blieb der passive Widerstand erfolglos: Die letzten französischen Truppen verließen erst Ende Juli 1925 das Ruhrgebiet. Im Grunde endete erst jetzt der „kalte deutsch-französische Krieg“.[17] Was auf deutscher Seite blieb, war ein politischer Flurschaden, nicht zuletzt in innenpolitischer Hinsicht. Das „administrative Chaos“,[18] das kaum mehr überschaubare Kompetenzengeflecht, die mangelnde behördliche Koordination in vertikaler und horizontaler Hinsicht, die Akzeptanz von Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele – Politik und Verwaltung trugen auf diese Weise dazu bei, die deutsche Demokratie bei der Bevölkerung nachhaltig zu delegitimieren und zu diskreditieren.
Beerdigung der 'Krupp-Opfer' auf dem Ehrenfriedhof in Essen, 10.4.1923.
5. Die Position der Besatzungsmächte gegenüber den verschiedenen Abtrennungsbestrebungen
Die historische Forschung in Deutschland und in Frankreich war sich lange Zeit nicht darüber einig, ob die Zurückdrängung Deutschlands bis auf die Rheingrenze zu den konstanten Kriegszielen Frankreichs gehörte.[19] Wenngleich die Rheingrenze nicht mit letzter Konsequenz und vor allem nicht mit gleich bleibender Konstanz als Kriegsziel verfolgt wurde, scheint die Schlussfolgerung Anna-Monika Lauters plausibel: „Die Forderung nach der Rheingrenze – ob in Form einer Annexion, einer Neutralisierung, eines autonomen Protektorats oder der dauerhaften Besetzung – wurde in weiten Teilen aus Politik und Gesellschaft vertreten. Vor allem aber entwickelte sich ein Arsenal an Argumenten zur Begründung des französischen Anspruchs auf die linksrheinischen Gebiete, das nach dem Krieg weiter zur Verfügung stand“.[20]
Die französische Öffentlichkeit war allerdings auch nach dem Ende des Krieges alles andere als einig, was die Zukunft des besetzten Gebietes anbelangte. Natürlich gab es – vor allem, aber nicht ausschließlich auf der politischen Rechten – eine „annexionsbereite französische Rhein-Lobby“, doch repräsentierte diese keineswegs die Bevölkerungsmehrheit.[21] Selbst die Forderung einer Abtrennung des besetzten Gebietes von Deutschland oder wenigstens von Preußen war längst nicht Allgemeingut.[22] Während die Presse in der französischen Provinz, im Süden und Westen des Landes, „offen und selbstverständlich“[23] die Unterstützung des Separatismus forderte, verhielten sich die Pariser Zeitungen zurückhaltender. Dort waren solche Töne kaum zu vernehmen, was Anna-Monika Lauter mit der „Rücksichtnahme auf das internationale diplomatische Parkett“ begründet. Der Gedanke einer Trennung des Rheinlands vom übrigen Reich in Form eines eigenen Staates war vor allem bei Wissenschaftlern, Literaten und Journalisten populär. Die Initiative hierzu sollte allerdings von der rheinischen Bevölkerung ausgehen, nicht von außen oktroyiert werden.
Die Positionierung der französischen Kreisdelegierten gegenüber den autonomistischen und separatistischen Aktivitäten fiel recht unterschiedlich aus. Während der französische Bezirksdelegierte der Interalliierten Rheinlandkommission in Trier am 22.10.1923 seine Sympathie für die separatistische Sache bekundete, förderte der französische Kreisdelegierte im Restkreis Merzig-Wadern das Vorgehen der Separatisten nur „auf höhere Weisung“, während er ihnen in einigen Fällen sogar Einhalt gebot. Das unterschiedliche Verhalten der französischen Stellen brachte auf deutscher Seite der Reichsminister der Finanzen in einem Schreiben an das Reichsministerium für die besetzten Gebiete vom 24.11.1923 zur Sprache: „Während im belgisch besetzten Gebiet die Sonderbündler entwaffnet wurden, erhalten sie im französisch besetzten Gebiet fast überall tatkräftige Unterstützung durch die französischen Kreisdelegierten. Allerdings kann man grosse Verschiedenheiten im Verhalten der einzelnen Delegierten beobachten. Einzelne sind durchaus anständig und wirklich bestrebt, neutral zu sein[,] z.B. in St. Goar, Gemünd, Simmern; andere unterstützen die Sonderbündler heimlich oder indirekt, z.B. Kreuznach, Mayen, Ahrweiler; andere wieder führen offen die Geschäfte der Sonderbündler[,] z.B. Düren, Daun, Prüm, Birkenfeld etc.“.[24]
Tirard hielt eine bundesstaatliche Lösung, also eine rheinische Autonomie innerhalb des Reichsverbands, nicht für ausreichend. Er setzte bei seinen Bemühungen auf eine Loslösung rheinischer Gebiete von Deutschland und die Gründung eines selbstständigen rheinischen Staates. So äußerte Tirard dem Trierer Oberbürgermeister Christian Stöck (1866-1953) gegenüber, wie dieser in seinen Erinnerungen festhält: „Er [Tirard] erklärte mir, die Schaffung eines Staates im Verbande des Deutschen Reiches genüge dem französischen Volke nicht, da sie nicht genügend Sicherheit gegen den preußischen Einfluß biete. [...] Seiner Ansicht [nach] sei es das beste, eine Art Conföderation zu bilden wie die Schweiz, bestehend aus je einer Republik Pfalz, Rheinhessen, Moselland etc.“.[25]
Der mittlerweile in Paris stationierte General Charles Mangin (1866-1925) machte Poincaré gegenüber Vorschläge zur Errichtung einer „Rheinischen Republik“. Er lud Hans Adam Dorten (1880-1963), zu dem er immer noch Kontakt unterhielt, ein nach Paris, wo dieser sympathisierende Politiker und Journalisten treffen sollte, darunter auch den Herausgeber des „Le Matin“. Dieser wiederum versicherte Dorten der Unterstützung durch die französische Politik. Dorten solle nur seine Stärke, seinen Rückhalt in der rheinischen Bevölkerung unter Beweis stellen, dann werde ihm geholfen. Sobald die Dinge ihren Lauf nähmen, werde Mangin zur Unterstützung Dortens abgeordnet. Mangins Nachfolger General Jean-Marie Degoutte (1866-1938) wirkte in seiner Denkschrift vom 19.4.1921 auf eine Annexion des Rheinlands durch Frankreich hin.
Separatisten der Rheinischen Republik vor dem Kurfürstlichen Schloss in Koblenz, 22. November 1923. (Library of Congress)
Der Literat, Journalist, Politiker, Abgeordnete und Präsident der „Patriotischen Liga“ Maurice Barrès (1862-1923) galt einer der aggressivsten und einflussreichsten französischen Revanchisten.[26] Er bemühte sich während der gesamten Besatzungszeit, die französische Politik in Richtung einer Annexion – und als eine solche immer unwahrscheinlicher wurde: in Richtung eines selbstständigen Rheinstaates – zu bewegen. Die Rheinländer, die er als halbe Gallier und halb-romanisch bezeichnete, beabsichtigte er Preußen-Deutschland zu entfremden und für die französische Kultur zu gewinnen.[27] Gegen Ende seines Lebens – er starb am 5.12.1923 – favorisierte Barrès, der kurz zuvor noch das besetzte Gebiet bereist hatte, für das Rheinland die separatistische Variante in Form eines nördlichen und eines südlichen Rheinstaates.
Cum grano salis lässt sich festhalten: Während Belgier und Franzosen vor Ort durchaus Sympathien für eine Abtrennung des Rheinlands zumindest von Preußen – und somit auch für den Gedanken eines Rheinstaates – hegten, verhielten sich Amerikaner und Engländer zurückhaltend bis abweisend gegenüber den entsprechenden Protagonisten. Ein Beispiel hierfür ist der Oberbefehlshaber der amerikanischen Besatzungsarmee Henry T. Allen (1859-1930). Dieser schildert in seinen Erinnerungen die Aktivitäten und Annäherungsversuche des Rheinstaatbefürworters Hans Adam Dorten[28] :
„Die Umtriebe Dr. Dortens in der amerikanischen Zone treten scharf in den Vordergrund. Ich bin nicht vollkommen sicher, ob unsere Politik, die jede Propaganda für eine Rheinrepublik untersagt, die richtige ist. Immerhin ist sie von unserem Großen Hauptquartier gebilligt und wird auch von den Engländern verfolgt, während die Franzosen dem Dr. Dorten ihre weitestgehende Unterstützung und alle möglichen Erleichterungen zuteil werden lassen. Ich höre, daß General Gérard, der die 8. Armee in Landau kommandiert, für die Gründung einer, Pfalz-Republik’, einer ,Republik Mainz’ und einer ,Republik Köln’ ist. Bei der geistigen Verfassung dieser Herren ist es wahrscheinlich, daß sie auch in Coblenz und Köln gerne ans Ruder kommen möchten. Meine eigene Ansicht über die in der amerikanischen Zone zu befolgende Politik ist die, den Deutschen soweit freie Hand zu lassen, als dies mit der Aufrechterhaltung der Ordnung und den Bestimmungen des Vertrages in Einklang gebracht werden kann.“
Da letztlich auch die Vertreter Belgiens und Frankreichs nicht entschieden zugunsten der Rheinstaatbefürworter – namentlich der Separatisten im Jahr 1923 – eingriffen, waren diese auf sich allein gestellt und somit zum Scheitern verurteilt.
6. Die Propaganda der französischen Seite
Von französischer Seite – oder treffender: von Tirard – wurde der Versuch einer „friedlichen Durchdringung“, einer „pénétration pacifique“ unternommen. Wichtiges Instrument für Pressepolitik und Propaganda war die Abteilung „Presse et Information“ in Koblenz, die dem französischen Kommissariat angegliedert war. Tirard ging recht unabhängig von der jeweiligen Regierung in Paris vor, was jedoch auch die Gefahr des Scheiterns in sich barg. Seine Werbekampagne für die französische Kunstausstellung 1921 in Wiesbaden etwa scheiterte daran, dass sie keine offene Unterstützung seitens der Regierung erfahren hatte, weil diese den (wirtschaftlichen) Interessen der eigenen Bevölkerung mehr Beachtung schenkte als den Konzeptionen Tirards. Die (Kultur-)Propaganda Tirards hatte zwei Stoßrichtungen: Zum einen zielte sie auf die einheimische rheinische Bevölkerung ab, zum anderen auf die öffentliche Meinung in der französischen Heimat. Beide versuchte Tirard für den Gedanken zu gewinnen, dass von einer Eingliederung des besetzten Rheinlands in den französischen Staat alle Beteiligten nur profitieren könnten, dass – um es in moderneren Worten zu formulieren – zusammenzuführen sei, was zusammen gehöre.
Karikatur 'Kulturelle Überfremdungsversuche durch französische Sendlinge', Rheinischer Beobachter, Jahrgang 1923.
Was beinhalteten nun die Maßnahmen der „friedlichen Durchdringung“? Zunächst wurde das Terrain der Presse beschritten, um eine Steigerung der Wirkung der Kulturpropaganda zu erreichen. Seit dem 1.10.1920 erschien in Mainz eine zweisprachige Zeitschrift, die sich in transnationaler Perspektive dem internationalen Kulturaustausch verschrieben hatte, die „Rheinische[n] Blätter. Zeitschrift für Literatur, Handel, Gewerbe und Kunst“ oder französisch „La Revue Rhénane. Revue littéraire, économique et artistique“. Ihr ausdrückliches Ansinnen war nach eigenem Bekunden, die „geistige Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich“ neu zu beleben: „Die ,Rheinischen Blätter’ sind überzeugt, dass eine auf den Verständigungswillen gestützte Annäherung, welche politisch sich zu vollziehen im Begriff ist, schon durch die einsichtigen Bemühungen und das aufrichtige Streben der hervorragendsten Geister beider Nationen eine teilweise Verwirklichung auf künstlerischem, literarischem und wirtschaftlichem Gebiet erfahren hat“.[29]
Ein weiteres Mittel war das Angebot von Sprachkursen zur Erlangung französischer Sprachkenntnisse. Immerhin konnte Tirard im Dezember 1920 die Teilnahme von 12.485 Teilnehmern an französischen Sprachkursen im besetzten Gebiet verkünden. Allerdings war der Erfolg zweifelhaft: „Die Bewohner des besetzten Gebiets scheinen zwar durchaus daran interessiert gewesen zu sein, die französische Sprache zu erlernen, verbanden dies aber nicht mit einem gesteigerten Interesse an Frankreich und der französischen Kultur“.[30] Darüber hinaus wurden Vortragsreisen französischer Wissenschaftler sowie Theater- und Filmaufführungen organisiert, jedoch mit nur mäßiger Anziehungskraft für die rheinische Bevölkerung.
Die französische Kulturpolitik am Rhein war also bei weitem nicht so erfolgreich – oder je nach Darstellung und Perspektive: bedrohlich –, wie dies von deutscher Seite häufig befürchtet beziehungsweise behauptet wurde.[31] Eine Breitenwirkung erzielte die französische Propaganda in der deutschen Bevölkerung nicht, zumindest nicht im beabsichtigten Sinne.[32] Dennoch war die „pénétration pacifique“ in der deutschen „Presse und Publizistik ein häufig behandeltes und emotional geladenes Thema“,[33] allerdings unter den Gesichtspunkten des Abwehrkampfes.
Französische Panzerfahrer vor dem Landgericht in Duisburg, 1922.
Auch innenpolitisch führte Tirards Strategie nicht zum Erfolg, seine Bemühungen blieben in der französischen Öffentlichkeit fast ohne jegliche Resonanz. Ebenso scheiterte der Versuch, in Frankreich die Vorstellung von einem „rheinfränkischen“ beziehungsweise „rheinischen Brudervolk“ zu etablieren, dem man beistehen und das man von Preußen-Deutschland lösen müsse. Erfolg beschieden war dieser Art von Binnen-Propaganda lediglich in denjenigen Kreisen, welche Maurice Barrès, dem „Comité de la Rive Gauche du Rhin“ oder dem „Comité Dupleix“ nahe standen. Die französische Presse schenkte Tirards Aktivitäten kaum Beachtung. Schließlich wiesen die Interessen des französischen Mittelstandes, der die rheinische Konkurrenz fürchtete, Tirards Propaganda in ihre Grenzen.
Ansonsten wurde die französische Propaganda insbesondere während der Ausdehnung des besetzten Gebietes im Jahr 1923, in der Zeit des Passiven Widerstandes, aktiv, wovon zahlreiche Flugblätter und Plakate in den jeweiligen kommunalen und staatlichen Archiven zeugen:[34] „Wohl zu keinem anderen politischen Ereignis gibt es so viele Plakate und Flugblätter wie zum Ruhrkampf“.[35] Ziel der französischen Propagandakompanien war es, den „Kampf um die Oberhoheit in den Köpfen der Menschen, der von beiden Seiten mit großem Aufwand bestritten wurde“, zugunsten der französischen Seite zu entscheiden und somit den Widerstand auf der deutschen Seite in sich zusammenfallen zu lassen, ihm quasi die moralische Grundlage zu entziehen. Die französische Propaganda versuchte, antikapitalistische und antipreußische Ressentiments zu bedienen. Adressat war die einheimische Arbeiterschaft, die man an die blutigen Ereignisse während des „Ruhrkrieges“ im Jahr 1920 erinnerte und davor warnte, sich von wortbrüchigen Vertretern aus Schwerindustrie, Rechtsparteien und ostelbischem Junkertum instrumentalisieren zu lassen. Es gehe einzig und allein darum – so verkündeten französische Flugblätter –, „die Herren der Berliner Regierung, in welchen der alte Geist der preußischen Junker auflebt, dazu zu veranlassen, die von ihnen unterschriebenen Verträge nicht als Papierfetzen zu behandeln“.
Das französische Unterfangen, mittels intensiver begleitender Propaganda um Verständnis oder gar Zustimmung in der deutschen Bevölkerung zu werben, war schon zu Beginn der Operationen an der Ruhr zum Scheitern verurteilt, denn auch wenn der Widerstandswille der Bevölkerung mit fortdauerndem „Ruhrkampf“ erlahmte – Sympathien für Frankreich wollten sich bei der großen Mehrheit nicht einstellen: „Die jahrelangen Bemühungen, die Menschen am Rhein für Frankreich einzunehmen, waren durch die Ruhrbesetzung endgültig zum Scheitern verurteilt“.[36]
Eine weitere, tiefer greifende Maßnahme war die Ausweisung missliebiger Personen aus dem Besatzungsgebiet. Dies kann man durchaus als propagandistisches Mittel auffassen, konnte sich die französische Seite von solchen Maßnahmen doch nicht zuletzt abschreckende und disziplinierende Wirkung erhoffen. Das Procedere bei einer Ausweisung wurde dem Landrat des Kreises Mayen in einem Bericht vom 2.5.1923 geschildert: „Die Ausweisung nahm den gewöhnlichen Verlauf, indem Feldgendarmen in den Wohnungen der Ausgewiesenen erschienen und dieselben ins unbesetzte Gebiet abtransportierten. Soweit Familien vorhanden waren, mussten diese innerhalb 4 Tagen folgen“.[37] Insgesamt wurden etwa 150.000 Personen seitens der französischen Besatzung ausgewiesen. Dabei handelte es sich um 40.000 Haushaltungsvorstände und 110.000 Familienangehörige. Allein in der Stadt Koblenz, dem Sitz des Oberpräsidenten Hans Fuchs, waren 1.500 Personen mit ihren Familien von der Ausweisung betroffen, darunter der Oberpräsident selbst – er wurde am 2. Februar 1923 ausgewiesen.
7. Propaganda und „Abwehrkampf“ der deutschen Seite
Die Propaganda der deutschen Seite war zunächst wenig aufeinander abgestimmt, ja regelrecht unkoordiniert, da die Kompetenzen zwischen der Reichsregierung und den einzelnen betroffenen Ländern nicht eindeutig geregelt worden waren. Zudem war die Kommunikation der nachgeordneten Behörden untereinander sowie zwischen nachgeordneten und Obersten Behörden mangelhaft. Zutage trat dies insbesondere in der Zeit der Ruhrbesetzung und des passiven Widerstandes.[38] Vor allem zwei Institutionen waren es, welche die „Abwehr“ von deutscher Seite zu organisieren versuchten: das Reichsministerium für die besetzten Gebiete sowie die „Rheinische Volkspflege“ (RVP).
Das Reichsministerium für die besetzten Gebiete wurde durch einen Erlass des Reichspräsidenten vom 24.8.1923 errichtet. Ausschlaggebend war die Bildung des Kabinetts Stresemann im gleichen Monat. Hervorgegangen war das Ministerium aus der Abteilung IV des Reichsministeriums des Innern mit der Bezeichnung „Staatssekretariat für die besetzten rheinischen Gebiete“. Dieses wiederum war am 3.5.1921 als Zentralstelle für die Angelegenheiten der besetzten Gebiete geschaffen worden. Der Aufgabenbereich war breit gestreut und umfasste im Grunde alle Gebiete des öffentlichen Lebens, die von dem Einfluss der Besatzung betroffen waren. Das Reichsministerium für die besetzten Gebiete hatte zwei wesentliche Zielsetzungen: die Belange des Reiches im besetzten Gebiet gegenüber den Besatzungsmächten zu wahren und – wichtiger noch – die Vertretung der Interessen der besetzten Gebiete bei der deutschen Reichsregierung.[39]
Am Rhein selbst wirkte seit Ende 1918 ein „Kommissar“, der die deutschen Interessen vor Ort im besetzten rheinischen Gebiet zu vertreten hatte. Zunächst wurde der Industrielle Otto Wolff (1881-1940) gleichsam als „Reichsinstanz für Besatzungsfragen“[40] zum „Kommissar der deutschen Waffenstillstandskommission in den besetzten rheinischen Gebieten“ ernannt. Um Synergieeffekte zu nutzen und Reibungsverluste zu vermeiden, einigten sich Reich und Preußen auf die Schaffung eines gemeinsamen „Reichs- und Preußischen Staatskommissar für die besetzten rheinischen Gebiete“ mit Sitz in Koblenz. Diesen Posten füllte zunächst – seit dem 19.6.1919 – auf preußischen Vorschlag der vor dem Ruhestand stehende Regierungspräsident von Köln, Karl von Starck (1867-1937), aus. Schließlich wurde das Kommissariat dem am 24.8.1923 errichteten „Reichsministerium für die besetzten Gebiete“ unterstellt, bevor es am 30.9.1930 aufgelöst wurde.
Plakat: Hände weg vom Ruhrgebiet!, Grafiker: Theo Matejko. (Bundesarchiv Plak 002-012-025)
Bei der „Rheinischen Volkspflege“ handelte es sich um eine nichtamtliche „Tarnorganisation“, die im Auftrag der Reichsregierung die antifranzösische Propaganda im Westen finanzierte und koordinierte. Sie war im Juni 1920 aus der im August 1919 im besetzten Gebiet zur Abwehr der Absonderungsbestrebungen eingerichteten „Begestelle“ (B.-G.-Stelle [Referat]) der „Reichszentrale für Heimatdienst“ (RfH) hervorgegangen. Nach der Errichtung des Staatssekretariates für die besetzten Gebiete im Reichsministerium des Innern im Mai 1921 wurde die RVP diesem Staatssekretariat unterstellt. Im Jahre 1922 wurde sie als „nachgeordnete Stelle nichtamtlichen Charakters“ bezeichnet, seit 1923 stand sie unter der Dienstaufsicht des Reichsministeriums für die besetzten Gebiete, trat nach außen jedoch als private Organisation auf. Zum 30.9.1930 wurde die RVP aufgelöst.[41] Fortbildungsmaßnahmen für Historiker und Lehrer gehörten ebenso zu ihrem Aufgabenprofil wie die Publikation propagandistischen Schrifttums. Zu den geförderten Autoren zählten unter anderem Bruno Kuske, Hermann Oncken (1869-1945), Aloys Schulte und Paul Wentzcke.
Eine tragende Rolle im „Abwehrkampf“ kam dem Begründer und Direktor des Düsseldorfer Stadtarchivs Paul Wentzcke zu, der von 1926 bis 1933 Leiter des Historischen Museums der Stadt und von 1928 bis 1933 Vorsitzender des Düsseldorfer Geschichtsvereins war. Wentzcke agierte an der Schnittstelle von historischer Wissenschaft, Verwaltung und Politik und wurde während der gesamten Besatzungszeit – sowie auch darüber hinaus – nicht müde, den deutschen Charakter des Rheins gegen alle tatsächlichen oder vermeintlichen Bedrohungen in scharfer, nationalistischer Form hervorzuheben. Dabei verhehlte der aus einer protestantischen preußischen Beamtenfamilie stammende Burschenschafter Wentzcke seine antisozialistische Einstellung nicht. Und man kann hinzufügen: auch die antialliierte, insbesondere antifranzösische nicht. Die Vorbereitungen zur rheinischen Jahrtausendfeier veranlassten ihn, sich in mehreren Publikationen (1923, 1925, 1929-1934) dem „Abwehrkampf“ an Rhein und Ruhr zu widmen. Er war auch maßgeblich an dem Zustandekommen der im Sinne des „Abwehrkampfes“ kommentierten Bibliographie „Zehn Jahre Rheinlandbesetzung“ beteiligt, die der Direktor der Pfälzischen Landesbibliothek Speyer, Georg Reismüller, und dessen Mitarbeiter Josef Hofmann zusammenstellten und 1929 veröffentlichten.[42]
Die Nachrufe auf Wentzcke zeugen nicht nur von dessen politischer Einstellung beziehungsweise seiner geistigen Haltung, von dessen deutsch-national inspiriertem Kampf gegen die Rheinlandbesetzung sowie gegen jegliche Tendenzen zur Trennung des besetzten Gebietes von Preußen beziehungsweise von Deutschland, sondern auch von der recht unkritischen Sicht, die man in weiten Bevölkerungskreisen – auch in der Geschichtswissenschaft und im Archivwesen – zu Beginn der 1960er Jahre noch auf das Phänomen des „Abwehrkampfes“ während der Rheinlandbesetzung hatte.[43] Sie bieten somit einen Blick in die Rezeptionsgeschichte der Besatzungszeit. Die jüngere Forschung setzt andere Maßstäbe an: „Wentzcke gehörte zu den aktivsten rechtsradikalen, antiwestlichen Publizisten im Rheinland während der Weimarer Republik“.[44]
Karikatur 'Reiche Kohlenbeute' im Kladderadatsch. (Universitätsbibliothek Heidelberg)
Die Nachrufe auf Wentzcke zeugen nicht nur von dessen politischer Einstellung beziehungsweise seiner geistigen Haltung, von dessen deutsch-national inspiriertem Kampf gegen die Rheinlandbesetzung sowie gegen jegliche Tendenzen zur Trennung des besetzten Gebietes von Preußen beziehungsweise von Deutschland, sondern auch von der recht unkritischen Sicht, die man in weiten Bevölkerungskreisen – auch in der Geschichtswissenschaft und im Archivwesen – zu Beginn der 1960er Jahre noch auf das Phänomen des „Abwehrkampfes“ während der Rheinlandbesetzung hatte.[43] Sie bieten somit einen Blick in die Rezeptionsgeschichte der Besatzungszeit. Die jüngere Forschung setzt andere Maßstäbe an: „Wentzcke gehörte zu den aktivsten rechtsradikalen, antiwestlichen Publizisten im Rheinland während der Weimarer Republik“.[44]
Eine wichtige und prominente Rolle spielte auch das 1920 an der Bonner Universität gegründete Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande (IGL). Dort machte sich der Einfluss der politisch-kulturell inspirierten „Heimatbewegung“ bemerkbar. Das Institut, das eine Brücke zwischen landes- sowie volkskundlicher Forschung und nichtakademischer Heimatgeschichte schlug, hatte laut dem Ordinarius für rheinische Landesgeschichte, Franz Steinbach, die Aufgabe, „die preußische Hochschule am Rhein in immer engere Fühlung mit der rheinischen Bevölkerung zu bringen“.[45] Angesichts der politischen Gesamtsituation – Rheinlandbesetzung, Eigenbestrebungen in verschiedenen Regionen Preußens und des Reiches, Bedrohung der Republik von den politischen Rändern her – beförderten die Protagonisten die Verbindung von regionaler und nationaler Identität. Mit anderen Worten: „Oberstes Ziel einer rheinischen Geschichte musste es in dieser kritischen Lage sein, das Rheinland durch die Jahrhunderte hindurch als deutsches Land zu erweisen“.[46]
Der in der „Westforschung“ engagierte Landes- und Wirtschaftshistoriker Hermann Aubin, Begründer des Bonner Instituts, war bemüht, eine im „nationalen Abwehrkampf“ brauchbare rheinische Stammes-Identität zu kreieren. Indem er die Disziplin der „Geschichtlichen Landeskunde“ dem politischen Abwehrkampf, den volks- und nationalpolitischen Interessen dienstbar machte, begab sich Aubin „dauerhaft in das Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik“.[47] Er war mitverantwortlich für die „Politisierung historischer Forschung“. Die Berliner Behörden erhofften sich von Aubins West- und Kulturraumforschung „nützliche geschichtspolitische Argumente zur Abwehr sowohl der französischen Rheinpropaganda als auch des rheinischen Separatismus“.[48] Die Westforschung war somit letztlich Teil einer „gesamtgesellschaftlich angelegten Bewegung gegen den Versailler Vertrag und gegen die französische Rheinlandbesetzung“.[49]
Auch das Programm des Vorsitzenden der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde, des nationalliberalen Kölner Stadtarchivars Joseph Hansen (1862-1943), für die Veröffentlichung einer rheinischen Geschichte atmet in jeder Zeile die nationale Zielsetzung und zeugt von der Instrumentalisierung der regionalen Geschichte beziehungsweise der regionalen Identität im Dienste des nationalen Gedankens: „Das Bedürfnis nach einer Geschichte des Rheinlandes ist aber neuerdings in der Lage, in die unser Gebiet durch den unglücklichen Ausgang des Weltkrieges versetzt worden ist, in verstärkten [!] Maße hervorgetreten. Die deutsche Westmark, von der wir glaubten, daß die Gefahr fremden Übergriffs auf sie für immer beseitigt sei, erscheint uns heute nicht mehr als sicherer eigener Besitz, sondern als heiß umstrittener Kampfpreis der Fremden. Wenn infolge des verlorenen Krieges ganz Deutschland wieder Tummelplatz fremdländischen Machtstrebens geworden ist, so muß das von den Armeen der Kriegsgegner besetzte Rheinland jetzt den Kelch politischer Demütigung bis zur Neige leeren, und die Unversehrtheit des nationalen Territoriums erscheint auf das äußerste gefährdet“.[50]
Es entbehrte somit nicht jeglicher Grundlage, wenn der französische Schriftsteller und Nationalist Maurice Barrès von seiner französischen Warte aus konstatierte: „Les professeurs allemands qui faisaient du pangermanisme dans les chaires de Strasbourg font du pangermanisme dans les chaires de Bonn. Ils travaillaient à installer la Prusse en Alsace et en Lorraine; ils travaillent aujourd’hui à maintenir la Prusse en Rhénanie“.[51]
Auch die Wirtschaftswissenschaften waren nicht frei von politischen Zielvorgaben, die sich im Wirken verschiedener Forscher niederschlugen. So waren beispielsweise die Beziehungen des in Köln lehrenden Wirtschaftswissenschaftlers und -geographen Bruno Kuske „zur provinzialen Landesplanungsgemeinschaft, zur Rheinischen Volkspflege und deren Gegenprogramm zur Kulturpropaganda der französischen Besatzungsmacht, zum Bonner Institut für geschichtliche Landeskunde [...] sehr eng“.[52] Es war Kuskes Schrift „Rheingrenze und Pufferstaat. Eine volkswirtschaftliche Betrachtung“,[53] die als erste Publikation von der Rheinischen Volkspflege finanziert wurde und „eine herausragende Stellung im Gesamtprogramm der RVP“[54] einnahm. Für Kuske selbst war dies der „Einstieg in eine konstante antifranzösische und antiseparatistische Publizistik“. Er avancierte in der Folgezeit zu einem der bedeutendsten West- und Raumforscher, hob zunehmend seine nationale Gesinnung hervor und war auch an der Kölner Jahrtausendfeier im Jahr 1925 maßgeblich beteiligt. Kuskes Schüler Albert Pass gab seit 1919 die Zeitschrift „Das Rheinland. Zeitungskorrespondenz für die Erhaltung der deutschen Art am Rhein“ heraus, in der auch Kuske und Wentzcke im geschilderten Sinne Aufsätze publizierten. Der Kölner Handelshochschuldirektor Christian Eckert (1874-1952) sah die Funktion der neugegründeten Kölner Universität in einer Denkschrift vom 11.3.1919 darin, „ein Bollwerk des deutschen Geistes in den gefährdeten Rheinlanden“ zu bilden.
Die deutsche Propaganda verstand sich also als Abwehr-Maßnahme, als einen nationalen Befreiungs- und Abwehrkampf mit dem Ziel einer baldigen Räumung des besetzten Gebietes und zur Verhinderung von befürchteten Annexionen. Eine Karikatur im „Kladderadatsch“ vom 19.2.1928 mit dem Titel „Historischer Maskenzug“ steht stellvertretend für eine im Rheinland und im übrigen Deutschland weit verbreitete Auffassung, der zufolge Frankreich seit jeher eine aggressive Expansionspolitik in Richtung Osten betrieben habe: Die Kontinuität reicht - der bildlichen Darstellung gemäß - vom Dreißigjährigen Krieg („1634“) über die Zeit der Revolutionskriege beziehungsweise der Cisrhenanischen Republik („1793“), über Napoleon I. („1805-1813“) bis hin zur Zeit des Ersten Weltkrieges und der anschließenden Besatzungszeit („1914-19??“ [!]). Der auf der Karikatur selbst vermerkte Ausruf „Nach Deutschland!“ wird ergänzt durch den ironischen Wortlaut der Bildunterschrift: „Frankreich braucht Sicherheit, damit es seine geschichtlichen Raub- und Brandzüge ins wehrlose Deutschland auch fernerhin ausführen kann“.[55]
Auf dem Höhepunkt des Ruhrkampfes 1923 war die deutsche Propaganda gegenüber der französischen Seite im Vorteil, denn sie konnte auf die Emotionen und Gefühle der einheimischen Bevölkerung abzielen, während die alliierte Propaganda fernab der Heimat wirken musste und sich eher auf die Vermittlung nüchterner Fakten stützte, welche die Berliner Regierung bei der eigenen Bevölkerung diskreditieren sollten.
Welch drastischer Sprache und übertriebener Bilder sich die deutsche Propaganda häufig bediente, dokumentiert ein Flugblatt mit dem Titel „Der französische Bolschewismus im Ruhrgebiet“, das sich – ähnlich den oben geschilderten, gegenläufigen französischen Bemühungen – gängige Klischees und Ressentiments zunutze macht[56] : „Wollen wir die französisch-belgischen Räuber und Mörder immer noch dulden? Wollen wir uns die Brutalitäten, die Raub- und Mordtaten, die Schmähungen, Schändungen, die Ausweisungen und die bestialischen Schikanen an allen Orten von den französisch-belgischen Einbrechern immer noch gefallen lassen? Oder müssen wir uns in unserer Heimat von eingebrochenen Wüstlingen wie Hunde behandeln lassen? Wollen wir immer noch zusehen, wie die französisch-belgischen Eindringlinge [...] unsere Bürger hinschlachten? Wollen wir es immer noch über uns bringen, daß französisch-belgische Blutgerichte unschuldige Deutsche zu bestialischen Todesstrafen, zu unmenschlichen Gefängnisstrafen und zu wucherischen Geldstrafen verurteilen?“
Bei aller Intensität der Propaganda auf beiden Seiten hat es doch den Anschein, dass die Tätigkeiten auf diesem Gebiet nicht den Ausschlag gaben für Erfolg oder Misserfolg einer politischen oder militärischen Initiative.
Karikatur 'Historischer Maskenzug' im Kladderadatsch. (Universitätsbibliothek Heidelberg)
8. Der Einsatz von Kolonialtruppen in den besetzten Gebieten
Die Reaktionen auf den Einsatz von Kolonialtruppen auf Seiten der Alliierten gehören zu den dunkelsten Kapiteln der Besatzungszeit im Rheinland. In vielen rheinischen Städten wurden, vor allem auf französischer Seite, Kolonialtruppen – in der Mehrzahl aus Nordafrika – eingesetzt. Insgesamt dürfte es sich um circa 30.-40.000 schwarze Soldaten gehandelt haben. Anlässlich der französischen Besetzung des Maingaus im April 1920 erfuhr die deutsche Öffentlichkeit erstmals von dem Einsatz schwarzer Kolonialtruppen auf Seiten der Alliierten. In weiten Teilen der einheimischen Bevölkerung kam es in diesem Zusammenhang zu Unmutsäußerungen und Kampagnen, die rassistische Züge trugen: Von „Wilden“, „Primitiven“, „Schwarzer Schmach“ sowie „Schwarzer Schande“ war die Rede, den schwarzen Soldaten wurden sexuelle Übergriffe und Grausamkeiten gegenüber der Zivilbevölkerung unterstellt.
Die Empörung reichte von der Reichsspitze bis hinab auf die lokale Ebene, erfasste Vereine, Parteien und Parlamente. Dabei finden sich in nahezu allen Resolutionen, Petitionen, Interpellationen, Plakaten und Flugblättern rassistische Versatzstücke. Recht bald nach Bekanntwerden des Einsatzes schwarzer Besatzungstruppen legten alle Reichstagsfraktionen mit Ausnahme der radikalen Linken der Reichsregierung eine Interpellation vor, in der gängige Vorwürfe und Ressentiments aufgelistet wurden[57] : „Franzosen und Belgier verwenden auch nach Friedensschluß farbige Truppen in den besetzten Gebieten der Rheinlande. Die Deutschen empfinden diese mißbräuchliche Verwendung der Farbigen als eine Schmach und sehen mit wachsender Empörung, daß jene in deutschen Kulturländern Hoheitsrechte ausüben. Für deutsche Frauen und Kinder – Männer wie Knaben – sind diese Wilden eine schauerliche Gefahr. Ihre Ehre, Leib und Leben, Reinheit und Unschuld werden vernichtet. Immer mehr Fälle werden bekannt, in denen Farbige [!] Truppen deutsche Frauen und Kinder schänden, Widerstrebende verletzen, ja töten. Nur der kleinste Teil der begangenen Scheußlichkeiten wird gemeldet. Schamgefühl, Furcht vor gemeiner Rache schließen den unglücklichen Opfern und ihren Angehörigen den Mund. Auf Geheiß der französischen und belgischen Behörden sind in den von ihnen besetzten Gebieten öffentliche Häuser errichtet, vor denen farbige Truppen sich scharenweise drängen, dort sind deutsche Frauen ihnen preisgegeben! Diese Zustände sind schandbar, erniedrigend, unerträglich! In der ganzen Welt erheben sich immer mehr entrüstete Stimmen, die diese unauslöschliche Schmach verurteilen. Sind diese menschenunwürdigen Vorgänge der Reichsregierung bekannt? Was gedenkt sie zu tun?“
Inder in Köln, ca. 1919.
Der Velberter Bürgermeister Leo Tweer (1881-1960), in dessen Stadt Soldaten des 7. Kolonialregiments einquartiert worden waren, berichtete am 23.2.1923 an den Landrat: „Das Auftreten dieses echten unverfälschten uniformierten Negertyps hat, wie dies selbstverständlich, in der gesamten Bevölkerung gewaltige Erregung und Unruhe hervorgerufen“.[58]
Durch die mediale Verbreitung der Anschuldigungen gegen die Kolonialtruppen in verschiedenen europäischen Ländern – insbesondere natürlich im besetzten und unbesetzten Deutschland – steigerte sich die Stimmung zu einer regelrechten Hysterie: Im April 1921 erschien ein Film mit dem Titel „Die schwarze Schmach“, im gleichen Jahr Guido Kreutzers Roman „Die schwarze Schmach. Der Roman des geschändeten Deutschland“ und 1922 Paul Hains Machwerk „Mbungo Mahesi, der Kulturträger vom Senegal“; der „Deutsche Notbund gegen die schwarze Schmach“ rief eine Zeitschrift mit dem Titel „Die Schmach am Rhein“ ins Leben. Die Kampagne, die ungeschminkt rassistische Züge trug, ging „weit über die extremistischen Milieus hinaus“[59] bis tief in das Lager der politischen Linken sowie in feministische Kreise hinein. Internationale Frauenvereinigungen in Großbritannien, Frankreich, Schweden und den USA forderten den Abzug der schwarzen Truppeneinheiten.
So verwundert es nicht, dass die deutsche Seite im Rahmen des Passiven Widerstandes infolge der Ruhrbesetzung erneut zu rassistischen und xenophoben Stereotypen griff: Beklagt wurde auf anonymen Flugblättern das „Heranbringen farbiger Truppen“. Oder man gab die Anweisung: „Die schwarzen Tiere sind nun da. Wie soll man sie behandeln? Bestien muß man entweder zähmen oder niederschlagen. Zähmt sie durch Furcht oder Angst! Aber wenn sie nicht wollen oder sich als Bestien betragen, dann –“. Auf einem Flugblatt mit dem Titel „Heeresbericht“ stand zu lesen: „Die Vereinigte Oberste Heeresleitung: Poincaré Der scharfe Ede ehem. Zuhälter zehnfacher Raubmörder und Bambula Obernigger und Meisterschänder König aller Sudanesen“.[60]
Französische Propagandapostkarte, Bonn 1922.
Befeuert wurden Furcht und Abneigung gegenüber den schwarzen Truppenkontingenten auch durch deren Wahrnehmung in den Staaten der Entente, nicht zuletzt in Frankreich selbst. Mitunter wurden dort ähnliche Gräuelmärchen verbreitet wie auf der gegnerischen, der deutschen Seite. So schildert der französische Kriegsteilnehmer und Literat Gabriel Chevallier (1895-1965) in seinem 1930 erschienenen Antikriegsroman „La Peur“ wie er den Durchzug schwarzer Einheiten auf dem Weg zur Front zu Kriegsbeginn erlebte: „Und dann kommen die Schwarzen, die man schon von weitem an ihren weißen Zähnen in den dunklen Gesichtern erkennt, die kindlichen, grausamen Schwarzen, die ihre Gegner enthaupten und ihnen die Ohren abschneiden, um sie sich dann als Amulette umzuhängen. Ein besonders erfreuliches Detail. Feine Kerle diese Schwarzen! Man gibt ihnen zu trinken, man liebt sie, man liebt diesen kräftigen Geruch, diesen exotischen Weltausstellungsgeruch, der bei ihrem Vorbeimarsch in der Luft liegt“.[61] Obgleich der Schilderung keine rassistische Weltanschauung zugrunde liegt, könnte der Text – geringfügig moduliert und etwas anders akzentuiert – ebenso gut von der antifranzösischen Agitation der deutschen Seite während der Besatzungszeit stammen.
Ein trauriges Schicksal mussten viele „Mischlings“- oder „Bastardkinder“ – so der damalige amtliche Sprachgebrauch – erleiden, also Kinder, deren Väter schwarze Besatzungssoldaten waren: 1933 wurden sie auf Geheiß der nationalsozialistischen Machthaber hin statistisch erfasst und wenige Jahre später, 1937, zwangssterilisiert.
9. Die Jahrtausendfeiern im Jahr 1925
Ein Höhepunkt der deutschen Propaganda-Tätigkeit waren ohne Zweifel die „Jahrtausendfeiern“, die wenige Monate vor der Räumung der Kölner Besatzungszone stattfanden und das an und für sich recht unbedeutende Ereignis von 925 – die Rückkehr Lotharingiens/Lothringens zum ostfränkischen Reich – zum Gegenstand hatten. Dass man für diese Zeit noch nicht von „Deutschland“ und „Frankreich“ beziehungsweise von „Deutschen“ und „Franzosen“ sprechen kann, darf heute als unbestritten gelten. In der Zwischenkriegszeit galt es hingegen auf beiden Seiten auch in wissenschaftlichen Kreisen als selbstverständlich, sowohl die eigene als auch die gegnerische Seite bis auf „die Gallier“ und „die Germanen“ zurückzuführen und dies jeweils mit Frankreich beziehungsweise „den Franzosen“ und Deutschland beziehungsweise „den Deutschen“ zu identifizieren.[62] Spiritus rector der Feierlichkeiten[63] war der damalige Direktor des Stadtarchivs Düsseldorf, Paul Wentzcke, der seit Dezember 1918 der nationalliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) angehörte.[64] Verschiedene Ausschüsse waren mit der Vorbereitung der Feierlichkeiten und der Jahrtausendausstellung befasst: Bruno Kuske gehörte dem zentralen Arbeitsausschuss an und gab gemeinsam mit dem Historiker und Museumsdirektor Wilhelm Ewald (1878-1955) den „Katalog der Jahrtausendausstellung der Rheinlande in Köln 1925“ heraus, der Geschichtsausschuss war mit Historikern wie Hermann Aubin und Aloys Schulte sowie mit Kommunalarchivaren wie Joseph Hansen (Köln) und Paul Wentzcke (Düsseldorf) bestückt, während sich im Industrieausschuss Abgesandte von Handelskammern und verschiedenen Wirtschaftszweigen zusammenfanden. Doch auch die Lokalpolitik – namentlich der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer – engagierte sich an exponierter Stelle bei den Vorbereitungen, war dies doch für die jeweilige Kommune eine willkommene Gelegenheit, um öffentlichkeitswirksam die Anhänglichkeit des besetzten Gebietes an das unbesetzte Deutschland zu demonstrieren. Sonderzüge brachten viele „Rheinländer“ aus dem gesamten Reichsgebiet zu den Orten der Feierlichkeiten, so etwa Anfang Juli den „Verein der Rheinländer“ aus dem ostpreußischen Insterburg mit 780 Teilnehmern nach Köln.[65]
Propagandaplakat 'Protest der deutschen Frauen gegen die farbige Besatzung am Rhein', Deutsches Reich, ca. 1923.
In erster Linie ging es den Organisatoren darum, „vor allem gegenüber der französischen Besatzungspolitik sowie den Separatistenbewegungen eine politische Demonstration und ein sichtbares Bekenntnis des eigenen deutschen und rheinländischen Zugehörigkeitsgefühls und Selbstverständnisses“[66] abzulegen. Insofern war es – nach den nicht allzu weit zurückliegenden Erfahrungen von Passivem Widerstand und separatistischen Aktionen – eben nicht besonders „erstaunlich, mit welcher Begeisterung und Intensität im Jahr 1925 die so genannte Jahrtausen[d]feier der Rheinlande begangen“ wurde.
Doch nicht nur in der Rheinprovinz, sondern auch in zahlreichen anderen deutschsprachigen Regionen innerhalb und außerhalb der Reichsgrenzen fanden entsprechende Festivitäten statt, so etwa in Schleswig, Kiel, Berlin, Königsberg, Danzig, München, Innsbruck und Wien, maßgeblich initiiert vom „Reichsverband der Rheinländer“ beziehungsweise dem „Rheinischen Heimatbund“ unter Paul Kaufmann. In Danzig wurde beispielsweise zwischen dem 31. August und dem 5. September 1925 eine „Rheinische Woche“ ausgerichtet.
Musikalische Veranstaltungen gehörten zum Kernprogramm fast jeder einzelnen Feier. Aufgeführt wurden im Grunde flächendeckend Beethovens 9. Sinfonie, also die „Ode an die Freude“, sowie der Lobgesang auf „Die heilige deutsche Kunst“ aus der Schlussszene von Richard Wagners „Meistersingern“. Das 94. Niederrheinische Musikfest unter Mitwirkung von Richard Strauss (1864-1949) war ein Bestandteil der Kölner Jahrtausendfeier. Der Komponist und Musikredakteur Hermann Unger (1886-1958) bezeichnete diese im Programmheft als „wichtige und feierliche Gesinnungsbekundung“.[67] In Duisburg kamen unter anderem Gustav Mahlers Achte Sinfonie sowie Carl Maria von Webers Oper „Oberon“ zur Aufführung.
Überraschen mag die Aufführung des Festspiels „Heinrich aus Andernach“ aus der Feder Fritz von Unruhs (1885-1975). Als „eindeutig friedenstiftendes Symbol“ wird der Leichnam eines deutschen Unbekannten Soldaten, der allerdings für alle Weltkriegstoten steht, „als Aufforderung zum Frieden im die verfeindeten Länder verbindenden Rhein versenkt“.[68]
10. Die Befreiungsfeiern
Mit dem Jahr 1926 begann die Räumung des besetzten Gebietes, die sich an den Besatzungszonen orientierte. Begleitet wurde der Abzug der Besatzungstruppen von Befreiungsfeiern, die insbesondere in den Städten größere Ausmaße annahmen und politische Prominenz aus dem unbesetzten Gebiet anzogen. So versammelte sich am 1.2.1926 nach dem Abzug der französischen Besatzungstruppen eine große Menschenmenge auf dem Marktplatz vor dem Bonner Rathaus, während sich im Juli 1930 nach dem Abzug der letzten alliierten Truppenteile mit Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847-1934, Amtszeit als Reichspräsident 1925-1934) sogar der höchste Repräsentant der Weimarer Republik auf eine Reise durch die geräumten rheinischen Gebiete machte. Dabei kam es gegen Ende der Feierlichkeiten in Koblenz am 22.7.1930 zu einem Unglück, das 38 Menschenleben forderte, als eine Stegbrücke über die Mosel unter der Masse der abströmenden Besucher einstürzte.
Auch Paul Wentzcke trat erneut hervor: „Der Höhepunkt seiner Tätigkeit als Vereinsleiter [des Düsseldorfer Geschichtsvereins] war 1930 die glanzvolle, von der Freude über die Räumung des Rheinlandes getragene Feier des 50jährigen Bestehens des Vereins im Schloß Benrath“.[69]
Plakat zur Jahrtausendausstellung in Aachen, 1925. (Stadtarchiv Aachen)
Mit nationalem Pathos und Deutschtümelei – allein elf Zeilen des abgedruckten dreistrophigen Gedichtes beginnen mit dem Wort „Deutsch“ – reichlich ausgestattet war das holzschnittartige Titelblatt der „Neuwieder Zeitung“ zur Rheinlandbefreiung vom 1.12.1929. Dort hieß es unter der Überschrift „Frei! Frei der Rhein!“:[70]
Deutsch ist der Rhein,
Der mediale Fortschritt wirkte sich auch auf die Feierlichkeiten anlässlich des endgültigen Endes der Rheinlandbesetzung aus, nicht zuletzt in Form von Rundfunksendungen. Die offizielle Kölner Befreiungsfeier vom 21.3.1926 anlässlich der Räumung der ersten Besatzungszone etwa, die in der großen Halle des Rheinparks mit Johann Sebastian Bachs g-moll-Phantasie begann und mit Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ aus Beethovens 9. Sinfonie endete, wurde im Rundfunk – von der „Westdeutschen Funkstunde AG“ (WEFAG) – direkt übertragen. Ähnliches gilt für die Befreiungsfeiern am 30.11.1929 in Aachen, am 1. Dezember in Koblenz sowie am 15. Dezember in Bad Ems, nur teilten sich dieses Mal die „Westdeutsche Rundfunk AG“ (WERAG) sowie ihr südwestdeutsches Pendant, die SÜWRAG, die Verantwortung.
11. Die Resonanz in Kunst und Kultur
Im kulturellen Bereich waren es vor allem die zahlreichen Geschichts- und Heimatvereine, die sich dem nationalen Abwehrkampf verschrieben hatten. Ein prominentes Beispiel ist der im März 1925 gegründete Verein für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande. Er fungierte als Schnittstelle zwischen Heimatforschung und Heimatkunde auf der einen sowie der an der Bonner Universität angesiedelten professionellen geschichtlichen Landeskunde der Rheinlande auf der anderen Seite. Sinn und Zweck des Vereins formulierte der Bonner Historiker Aloys Schulte auf der Jahreshauptversammlung 1927 in Kreuznach (heute Bad Kreuznach) folgendermaßen: „Der Verein hat sich die Aufgabe gestellt, die Geschichte der engeren Heimat zu pflegen, aber im Verbande mit der großen Heimat, im Verbande mit der Geschichte des deutschen Volkes und des deutschen Vaterlandes“.[71] Die Gründung des Vereins muss auch in Zusammenhang mit der Heimatbewegung gesehen werden, die, einem Werbeblatt des Vereins zufolge, „nirgendwo in deutschen Landen kräftigere Wurzeln geschlagen [hat] als am Rhein, wo fremde Bedrohung den Wert der heimatlichen Kulturgüter am deutlichsten erkennen ließ“.
Die Besetzung wirkte sich auch auf einige Bereiche der Kunst unmittelbar aus, etwa wenn in Düsseldorf wie vermutlich auch im übrigen Rheinland „das Hauptthema der örtlichen ,Denkmalskultur’ die Mahnung zur Einheit des Volkes“[72] wurde. Die Politik wies eine Tendenz zur Instrumentalisierung im Sinne des „nationalen Abwehrkampfes“ auf. Ausdruck dieser versuchten Vereinnahmung der Kunst war etwa die Verleihung der großen „Befreiungsplakette des Reichspräsidenten“ an den rheinischen Expressionisten Franz M. Jansen (1885-1958), einem Maler und Graphiker der „Rheinischen Moderne“, im Jahr 1930 für sein Bild „Regentag im Frühling“.
Die Instrumentalisierung und Förderung von „Kunst“ seitens der Politik erfuhr eine Fortsetzung, ja Steigerung, als wenige Jahre später die Nationalsozialisten an die Macht gelangten. So veröffentlichte Roland Betsch (1888-1945), der 1937 mit dem „Westmarkpreis“ ausgezeichnet worden war, unter dem Titel „Ballade am Strom“ im Jahr 1941 einen Roman in drei Bänden, in welchem er ganz im nationalistischen Geist die Besatzungszeit vornehmlich in der Rheinpfalz, mitunter jedoch auch in der benachbarten Rheinprovinz thematisierte. Hier orientierte sich das Wirken des Schriftstellers bereits an den gesetzten politischen Zielvorgaben. Ähnlich wie im Fall des Historikers und Archivars Paul Wentzcke gab es also auch im kulturellen Bereich Kontinuitätslinien, die über 1933 – und aufgrund der personellen Kontinuitäten letztlich über das Jahr 1945 – hinausreichten.
Französische Fahnenwache auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz, 1929. (Bundesarchiv)
Auf der anderen Seite gab es durchaus versöhnliche Töne, die gewillt waren, die aufgeworfenen Gräben zu überbrücken. Den Schrecken des Krieges unverblümt schildern die Vertreter des literarischen Expressionismus, auf nationaler Ebene unter anderem Autoren wie Anton Schnack (1892-1973), Walter Hasenclever (1890-1940), Lion Feuchtwanger (1884-1958), Erich Mühsam (1878-1934), Ernst Toller (1893-1939) und Bert Brecht (1898-1956). Diese ließen die überkommenen Feindbilder verblassen und „tendierte[n] immer stärker zum Pazifismus und zu einer Politik der internationalen Verständigung“.[73]
Im Rheinland war es unter anderem die Koblenzer Malergruppe „Das Boot“, die eine Brücke über den nationalen Graben schlug. Nach und nach stießen auch französische Intellektuelle der Interalliierten Rheinlandkommission zu diesem Kreis. Viele rheinische Kunstschaffende und mit diesen befreundete Künstler betrachteten nach dem Schrecken, welchen Krieg und Militarismus über Europa gebracht hatten, den Rhein als verbindendes Band zwischen Frankreich und Deutschland. Künstlerisch richtete man den Blick nach Westen, insbesondere nach Paris, politisch setzte man sich für pazifistische Überzeugungen ein. Paul Eluard (1895-1952), Max Ernst, René Schickele (1883-1940) und Paul Adolf Seehaus (1891-1919) gaben diesen Bemühungen ein Gesicht.
Der Kölner Maler Franz W. Seiwert (1894-1933) plädierte in der von Franz Pfemfert (1879-1954) herausgegebenen „Aktion“ im konfliktträchtigen Jahr 1923 dafür, „die Rheinlandfrage [...] vom Standpunkt einer wahrhaften Internationalität“[74] aus zu betrachten. Die in Düsseldorf nach dem Krieg gegründeten Künstlervereinigungen „Das Junge Rheinland“ und der „Aktivistenbund“ sprachen sich ebenso für eine Verständigung mit Frankreich aus wie der Kreis um den Inhaber des „Kairos“-Verlages, Galeristen und Herausgeber der kurzlebigen Zeitschrift „Der Strom. Rheinische Zeitschrift für Literatur und Kunst“ Karl Nierendorf (1889-1947). Als Geschäftsführer der Kölner „Gesellschaft der Künste“ organisierte Nierendorf eine Vortragsreihe, in deren Rahmen Alfons Paquet (1881-1944) am 2.11.1919 unter dem Titel „Der Rhein als Schicksal“ eine Ansprache hielt, die für die rheinische Kunstszene Signalwirkung besaß: „Mit ihr beginnt eine Welle prowestlicher europäischer Bekenntnisse“.[75] „Der Strom“ gab dem Luxemburger Gust van Werveke (1896-1976) im Jahr 1919 Raum für einen Appell, der – nicht ohne ein gewisses Pathos – ebenfalls zu einer deutsch-französischen Annäherung beitragen wollte.[76] Von einer kollektiven Perpetuierung der deutsch-französischen „Erbfeindschaft“ konnte in der international ausgerichteten Kunstszene nicht die Rede sein. Die Mehrheit der Kunstschaffenden ließ sich nicht in diesem Sinne instrumentalisieren. Max Weber (1864-1920) siedelte im September 1922 sogar endgültig nach Frankreich über.
Carl Mierendorff (1897-1943) veröffentlichte zwischen 1919 und 1921 die politisch-literarische Zeitschrift „Das Tribunal“ in Darmstadt. Wie in den „Rheinischen Blättern“ wurde hier für einen Austausch zwischen deutschen und französischen Intellektuellen, für die deutsch-französische Verständigung geworben. Auch die Künstlergruppe um die linksrheinische Zeitschrift „Das Neue Rheinland“, die an der Profilierung einer „rheinischen Eigenart“, einer rheinischen Identität interessiert war und sich zu diesem Zwecke sowohl von „Berlin“ als auch von Frankreich abgrenzte, verlor den Gedanken der Versöhnung und Völkerverständigung nicht aus den Augen: „Das ,Neue Rheinland’ verstand sich als Podium für die rheinische Kunst, Kultur und Dichtung, wollte kulturelle Brücken bauen und einen Beitrag zur Völkerversöhnung leisten, wobei das Rheinland den Mittelpunkt für diese geistige, politische und kulturelle Erneuerung bilden sollte“.[77]
Es lohnt sich, den 1903 in Ehrenbreitstein (heute Koblenz-Ehrenbreitstein) geborenen Schriftsteller Joseph Breitbach genauer zu betrachten. In seinem Oeuvre spielt die Besatzungszeit eine bedeutende Rolle, nicht zuletzt in dem 1932 erschienenen Roman „Die Wandlung der Susanne Dasseldorf“. Die 1929 in Toulon geschriebene Erzählung „Education Sentimentale“ handelt von dem in ärmlichen Verhältnissen lebenden, jugendlichen Kleinkriminellen Pitter Bünger und spielt im von den Amerikanern besetzten Koblenz, unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges. Bei der Schilderung der amerikanischen Besatzungssoldaten enthält sich Breitbach jeglicher Ideologie, geschweige denn Feindseligkeit. Die Erzählung beginnt mit der Erwähnung der Besetzung der Stadt Koblenz durch die Amerikaner: „An dem Tag, als die amerikanischen Besatzungstruppen im Winter 1918 in Koblenz zum erstenmal den Rhein sahen, stand Pitter Bünger vor Gericht“.[78] Breitbach sieht in der Besatzungszeit die Kulisse seines im Entstehen begriffenen Romans, wie er seinem Freund Alexander Mohr am 16.6.1926 in einem Brief mitteilt. Er spricht von der „großartigen Kulisse der Besatzung im Rheinland in den Jahren 1920-25“.[79] Eine nennenswerte Verbitterung Breitbachs gegenüber der Besatzung ist all dem nicht zu entnehmen. Im Gegenteil: Er, der schon in den frühen 1920er Jahren als „Kenner der französischen Lyrik und Literatur“ galt, siedelte genau in dem Jahr, in dem sich allmählich die letzten bis dahin verbliebenen Besatzungstruppen für die Heimkehr rüsteten, 1929, nach Frankreich über. Von der Perzeption der Besatzung seitens Breitbachs zeugt auch seine Korrespondenz mit Alexander Mohr. Die Briefe sind zum Teil in französischer Sprache gehalten, und Breitbach zeichnet in einem Schreiben vom 9.1.1924 ein nicht unbedingt nachteiliges Bild der Interalliierten Rheinlandkommission: „Ich habe übrigens jetzt hier fabelhafte Entdeckungen gemacht. Die Rheinland-Kommission ist ein Asyl für Dadaisten, Surrealisten, pour toutes sortes de poètes. So kenne ich jetzt Eric de Haulleville, dessen schönstes Buch ,Dénouements’, Editions Disque [V]ert ich Dir sehr empfehle“.[80]
Abzug französischer Truppen aus Koblenz, Dezember 1929. (Bundesarchiv)
In der Architektur – die naturgemäß eher auf Gelder beziehungsweise Aufträge der öffentlichen Hand und des Großbürgertums angewiesen war als die Literatur – gab es schon eher die Tendenz, sich im nationalen Sinne und somit gegen die alliierte Besatzung zu profilieren. So hält Jürgen Wiener mit Blick auf den rheinischen Hochhausbau während der Besatzungszeit fest: „Mögen insbesondere in Berlin Hochhäuser schon vor dem Krieg geplant worden sein, so entstanden im Rheinland in den Jahren 1921–1924 mehr Hochhäuser als in allen anderen deutschen Städten zusammen. Da dies genau in die Jahre der Besetzung der Rheinlande fiel, wird man hinter diesen Anstrengungen [...] auch eine selbstbewusste Demonstration von Stärke gegenüber den westlichen Nachbarn lesen müssen. Sie waren Signale des unbeugsamen Willens und der wiederzugewinnenden Macht“.[81]
In der Musikbranche machte sich ebenfalls ein nationaler Ton bemerkbar, der mit der Rheinlandbesetzung in Zusammenhang stand. Zum einen gab es die Mitwirkung bei den Jahrtausendfeiern im Jahr 1925, zum anderen programmatische Aussagen, die den deutschen Charakter der Musik und somit letztlich des besetzten Gebietes stark hervorhoben. So stellte der Kölner Verleger und Musikwissenschaftler Gerhard Tischer (1877- nach 1952) in seiner „Rheinischen Musik- und Theater-Zeitung“ 1925 anlässlich der Jahrtausendfeiern fest: „Wenn es gilt das Deutschtum zu betonen, dann muß der Deutschesten aller Künste, der Musik[,] schon ein besonders großer Raum gewährt werden“.[82] Im „Deutschen Jahrbuch für Musik“, das 1923 erstmals im Essener Rheinischen Musikverlag Otto Schlinghoffs erschien, wurden ähnliche Töne angeschlagen. Hans Pfitzner (1869-1949) fragte, was „noch deutsch“ sei: „Sind es die, denen an der Zugehörigkeit des Elsaß zu Deutschland, dem Schicksal der Kolonien, der Balten, Danzigs, Tirols, des Saar- und Ruhrgebiets liegt“? Weiter beklagte er, „[w]as mit unserm armen Land geschehen ist von außen an [...] Schmach, Hohn, Schimpf und Verachtung“. Hans Joachim Moser (1889-1967) appellierte in derselben Zeitschrift an die Leser: „Ein edles Nationalgefühl im Publikum unserer Konzertsäle nicht verkommen zu lassen, zeigt sich gerade in der furchtbaren Not der Gegenwart als dringend geboten [...]. In der uns von den Feinden zugedachten Verelendung und Vernichtung unserer Wirtschaft ist auch unsere Kunst mit eingeschlossen“. Der Herausgeber Rolf Cunz, Kritiker der „Rheinisch-Westfälischen Zeitung“ und Musikredakteur der Zeitschrift „Der Hellweg. Westdeutsche Wochenschrift für deutsche Kunst“, sieht in seinem Artikel, in welchem er die „Werbegastspiele ins unbesetzte Gebiet“ des „vereinigten Ruhrorchesters“ 1923 in München und Berlin thematisiert, den „Glauben an den Endsieg deutscher Kultur, deutscher Kunst, deutscher Musik“ bestätigt. Tischer hatte bereits 1922 in seiner Zeitung, gerichtet an die Adresse der Bewohner der besetzten Gebiete, resümiert: „Deutsche Musik pflegen heißt deshalb, am Wiederaufbau des niedergebrochenen Volkes mitarbeiten“.
Anders als die hierfür prädestinierten Wissenschaftsdisziplinen – allen voran, wie oben dargelegt, die Geschichtswissenschaft – ließ sich die rheinische Kunstszene nicht so einfach vor den Karren der Politik spannen. Ein beachtlicher Teil der Kunstschaffenden – insonderheit der Literaten – verschrieb sich vielmehr dem Gedanken des Pazifismus, der Versöhnung und Völkerverständigung. Konzis fasst Gertrude Cepl-Kaufmann die damalige Befindlichkeit vieler rheinischer Literaten zusammen: „Die Vorstellung, dass mit der Herausforderung auf den Ersten Weltkrieg zu reagieren, sich notwendigerweise Lager von Kriegsanhängern und -gegnern hätten bilden müssen, ist zu einfach. Dennoch wird man gerade in Kreisen der rheinischen Schriftsteller eine Dominanz pazifistischer Bekenntnisse finden. Die Verbindungen zu Frankreich, zur Kulturmetropole Paris, hatten eine lange Tradition. Walter Hasenclever, von Unruh, René Schickele und Carl Einstein lebten lange Jahre dort. Selbst konservative Autoren wie [...] Jakob Kneip hat [!] mit einer Rede ,An die Freunde' sein profranzösisches Bekenntnis ausgesprochen und zur Versöhnung aufgerufen. Für die meisten ging dieser Suche nach Versöhnung allerdings erst das Erlebnis und die Erkenntnis vom Schrecken und der Barbarei des Krieges voraus“.[83]
Denkmal für die belgische Besatzung am Niederrhein in Kleve-Schmithausen.
2. Die Rheinlandbesetzung
Im deutsch-französischen Krieg 1871 annektierte Deutschland Elsass-Lothringen. Nach dem Ersten Weltkrieg schlug das Pendel zurück: Frankreich und Belgien führten nun die alliierte Besetzung des Rheinlandes an. Französische Willkür und deutsche Propaganda schufen ein Klima der Feindschaft, aus dem später Hitler Kapital schlagen konnte.
Ein schwieriges Kapitel
Die französische (und belgische) Besetzung des Rheinlandes nach dem Ersten Weltkrieg ist ein besonders schwieriges Kapitel der deutsch-französischen Beziehungen. Das hat zunächst historische Gründe. Die Geschichte der Rheinlande als eines Grenzlandes zwischen Deutschland und Frankreich ist geprägt von Übergriffen, Aneignungen und Phobien auf beiden Seiten, die sich bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgen lassen.
"Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein": Dieses Gesangsgedicht von Interner Link: Nikolaus Becker aus dem Jahre 1840 war ein außenpolitisches Fanal mit der bissigen Antwort von Gérard de Nerval : "Nous l´avons eu, votre Rhin allemand…"
Alphonse de Lamartines Vermittlungsversuch: "Roule libre et superbe entre tes larges rives, Rhin, Nil de l’Occident, coupe des nations" konnte die Gemüter nicht auf Dauer beruhigen. Auch für das Rheinland galt, was man an der Geschichte Elsass-Lothringens ablesen kann, nämlich die Tatsache, dass die Militärs beider Seiten die Grenzregion Rheinland in erster Linie als "übergriffiges" Gebiet ansahen, als Basis für Angriffs- und Verteidigungsmanöver. Politiker folgten ihnen dabei, beispielsweise Bismarck, der 1871 die Annexion Elsaß-Lothringes allein aus militärischen Gründen betrieb.
Puffer zwischen Deutschland und Frankreich
Die Besetzung des Rheinlandes nach dem Ersten Weltkrieg folgte genau dieser alten Mechanik. Wenn die Deutschen die Besetzung als ein typisches Beispiel für "napoleonischen" Imperialismus deuteten, so wurde sie in Frankreich ganz überwiegend als eine zwingende militärische Notwendigkeit zum Schutze der französischen Grenzen angesehen - angesichts eines zwar im Kriege unterlegenen, bevölkerungsmäßig und wirtschaftlich aber auf Dauer doch übermächtigen Nachbarn.
Während des Ersten Weltkrieges war eine dauernde Okkupation des Rheinlandes durch Frankreich nur eine zeitweilige und recht vage formulierte Möglichkeit gewesen. Nach dem Krieg aber rückte sie infolge der militärischen Optionen in das Zentrum des Interesses. Engländer und Amerikaner hatten ursprünglich nur verlangt, dass die deutschen Truppen Frankreich und Belgien vollständig räumten. General Foch, der Oberkommandierende der alliierten Truppen, setzte im Waffenstillstandsabkommen vom 11. November 1918 zusätzlich die Demilitarisierung des Rheinlandes durch. Das Rheinland sollte zu einem echten Puffer zwischen Rest-Deutschland und Frankreich werden.
Kilometer lang ist der Rhein. Er ist damit nach der Wolga, der Donau, dem Dnepr, dem Don und dem Dnestr der sechstlängste Fluss in Europa.
Es folgten schwierige Verhandlungen zwischen den Alliierten, weil große Teile der französischen politischen Klasse und Öffentlichkeit der Meinung waren, dass das Rheinland und das Saargebiet definitiv vom Deutschen Reich abgetrennt und als unabhängige Staaten unter die Kontrolle der Vereinten Nationen oder Frankreichs gestellt werden sollten. Wegen des entschiedenen amerikanischen und britischen Widerstandes gegen eine solche Verkleinerung Deutschlands – die ja zwingend ein Übergewicht Frankreichs im künftigen Europa zur Folge haben musste – wurde im Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 schließlich nur eine zeitweilige "Friedensbesetzung" durch alliierte Truppen und zudem eine endgültige Entmilitarisierung des Rheinlandes festgelegt: Laut Artikel 42 und 43 des Vertrages war es Deutschland untersagt, "auf dem linken Ufer des Rheines und auf dem rechten Ufer westlich einer 50 km östlich des Stroms verlaufenden Linie Befestigungen beizubehalten oder anzulegen" und in diesem Gebiet Truppen zu stationieren.
Der Hohe Ausschuss
Zusätzlich enthielt der Vertrag noch als Anhang eine spezielle „Vereinbarung“ zwischen den USA, Belgien, Großbritannien und Frankreich einerseits und dem Deutschen Reich andererseits. Hier wurden die Modalitäten der "Friedensbesetzung" des Rheinlandes festgelegt. Insbesondere wurde eine "Haute commission interalliée des territoires rhenans" als zentrale Legislative und (!) Exekutive der Alliierten im Rheinland geschaffen. Als deren Vorsitzender wurde der französische Diplomat Paul Tirard eingesetzt. Über die Kompetenzen dieser Haute Commission hieß es in Artikel 3 der "Vereinbarung" nur lapidar: "Der Hohe Ausschuss ist befugt, Verordnungen zu erlassen, soweit dies für die Gewährleistung des Unterhalts, der Sicherheit und der Bedürfnisse der Streitkräfte der alliierten und assoziierten Mächte nötig ist (…). Diese Verordnungen haben Gesetzeskraft."
Weiterhin wurden in dieser "Vereinbarung" das Verhältnis der weiter bestehenden deutschen Behörden des Rheinlands zu den Organen der Haute Commission sowie die Unterbringung und der Unterhalt der Besatzungsarmee geregelt. Auch eine abschließende Verschärfungsmöglichkeit dieser "Friedensbesetzung" im völkerrechtlichen Sinne mussten die Deutschen unterschreiben. So beinhaltete Artikel 13 die Maßgabe, dass der Hohe Ausschuss befugt sei "so fern er es für nötig hält, den Belagerungszustand über das ganze Gebiet oder einen Teil davon zu verhängen".
Französische Willkür...
Diese ganz ungewöhnliche Maßgabe öffnete natürlich jeder Besatzungswillkür Tür und Tor. Dies um so mehr, als die ursprünglich vorgesehene amerikanische Beteiligung an der Rheinlandbesatzung wegen der Nicht-Unterzeichnung des Versailler Vertrages durch den Senat der USA unterblieb. Auch die Engländer zogen sich ab 1920 weitestgehend aus der Besatzungspolitik und überhaupt aus der Zusammenarbeit mit Frankreich zurück. So blieben als Besatzungsmächte am Rhein nur noch Belgien und Frankreich, was sicherlich auch der Grund dafür war, dass die Besetzungspraktiken sehr viel härter wurden, als sie es bei einer Vierer-Besatzung (unter Einschluss der westlichen Demokratien) geworden wäre. Denn tatsächlich wurde die Besatzung jetzt ja nur noch von den beiden Ländern ausgeübt – Belgien und Frankreich –, die selber so sehr unter der Kriegsbesatzung durch die Deutschen gelitten hatten.
Im Grunde verfolgten die französischen und belgischen Rheinlandbehörden die Strategie, nahezu alle Beschwerden der Deutschen über Schikanen, Fehlgriffe, Misshandlungen als unbegründet abzulehnen, gleichgültig, ob schließlich doch hinter den Kulissen Remedur geschaffen wurde. Ein besonders wichtiges Beispiel hierfür sind die zahlreichen Anzeigen sexueller Gewaltverbrechen durch französischer Soldaten. Diese wurden von den französischen Behörden auch als unbegründet zurückgewiesen, wenn die Beschuldigten militärintern bestraft wurden.
…und deutsche Propaganda
Es war für die deutschen Nationalisten und Rechtsradikalen deshalb ein leichtes Spiel, ihre Propaganda auf der Schutzlosigkeit von Frauen und Kinder aufzubauen. Das zeigte sich vor allem bei der geradezu explosionsartigen Verbreitung von Pamphleten und Schriften über die so genannte "Schwarze Schmach".
Bereits im 1870er Krieg hatte die deutsche Propaganda sich auf die Tatsache eingeschossen, dass die Franzosen "Senegalesen" gegen Deutsche kämpfen ließen, dass also eine zivilisierte Macht es zuließ, dass ein Weißer von schwarzen "Untermenschen" getötet werden konnte. Den schwarzen Soldaten wurden auch besonders barbarische Methoden im Kampf unterstellt. Im Ersten Weltkrieg hatten sich diese Gerüchte ebenfalls in der Propaganda niedergeschlagen. Nach 1918, im "Krieg nach dem Krieg", brachen sie zu voller Kraft auf, waren doch jetzt die Frauen und Mädchen "Freiwild am Rhein", so der Titel einer besonders infamen Hetzschrift.
Düsseldorfer Blutsonntag
Ein weiteres Problem war die Unterstützung separatistischer Bewegungen durch die Besatzungsmächte. Dies lag in erster Linie daran, dass Paul Tirard, genauso wie die meisten französischen Militärs, Politiker, Journalisten und Intellektuellen, der Meinung war, dass die Rheinländer sich am liebsten vom "preußischen Joch" lösen und unter dem Schutz Frankreichs ein selbständiges Land sein wollten. Diese Überzeugung war auch der Hebelpunkt für die "pénétration pacifique", die im besetzten Rheinland an vielen Orten beispielsweise durch die betonte Pflege französischer Feier- und Gedenktage, etwa des "14 Juillet" gefördert werden sollte, aber in Wirklichkeit kaum einen Rheinländer zu überzeugen vermochte.
Gleichwohl stand diese "kulturpolitische" Überzeugung weiterhin im Mittelpunkt einer Politik der Unterstützung separatistischer Aktivitäten. Am schlimmsten davon ist im Rheinland der "Düsseldorfer Blutsonntag" vom 30. September 1923 in Erinnerung geblieben. Damals versuchten separatistische Gruppen, die Macht zu übernehmen und wurden dabei von den französischen Militärs massiv unterstützt. Und das, obwohl sich die Bevölkerung ganz eindeutig gegen diese separatistischen Aktivitäten wendete.
Das quantitativ größte Problem der Rheinland-Besetzung aber waren die im "Rheinlandstatut" des Versailler Vertrages nicht direkt vorgesehenen, von den französischen und belgischen Militärbehörden aber häufig angewandten "Ausweisungen" von missliebigen Personen aus dem Besatzungsgebiet. Das bedeutete konkret, dass jemand, der etwa eine der vielen verbotenen Zeitungen verbreitet hatte, ohne weitere Umstände entweder alleine oder mit seiner Familie aus dem Besetzungsgebiet abtransportiert und tatsächlich jenseits der Grenze auf offener Straße ausgesetzt werden konnte.
Der Ruhrkampf
Solche Ausweisungen fanden vor allem im so genannten "Ruhrkampf" statt, in der Zeit vom Januar bis September 1923, in der Franzosen und Belgier die Rheinlandbesetzung ausdehnten und auch weite Teile des Ruhrgebietes militärisch besetzten, um Deutschland zur Erfüllung seiner Reparationspflichten zu zwingen.
Tatsächlich hatte die deutsche Regierung im Dezember 1922 ihre Zahlungen und Sachlieferungen mit der provokativen Begründung eingestellt, man habe selber eine zu große Not zu bewältigen und wolle nur noch nach dem Maße des vorhandenen "Überschusses" bezahlen. Diese Erklärung erfolgte in einer Situation, in der die Folgen der Kriegszerstörungen und der räuberischen deutschen Besatzungspolitik in Frankreich zu einer großen Finanz- und Wirtschaftskrise geführt hatten.
Auch mussten die Franzosen zusätzlich die Schulden begleichen, die sie während des Krieges vor allem in Amerika aufgenommen hatten. Nicht zuletzt deshalb zeigte die französische Propaganda in ihren Filmen und Fotos die "rauchenden Schornsteine" an Rhein und Ruhr. Sie waren ein Symbol des – trotz der grassierenden Inflation – vorgeblichen Wohlstands der Deutschen.
Von den Problemen in Frankreich hatten die Deutschen, die sich von einem brutalen und unnahbar arroganten Sieger ausgebeutet und misshandelt fühlen, nicht die geringste Vorstellung. Umso extremer verlief diese wichtigste und abschließende Phase der Rheinlandbesetzung. Jetzt wurde, im Fall Schlageter, auch zum ersten Mal ein Todesurteil wegen Sabotage einer Eisenbahnbrücke vollstreckt. Und über Generationen hinweg ist der heftigste Zusammenstoß zwischen Besatzern und Zivilbevölkerung in Erinnerung geblieben, nämlich der „blutige Karsamstag“ 1923 bei Krupp, als eine französische Militärpatrouille in das Gelände der Krupp-Fabrik eindrang, um dort Konfiszierungen durchzuführen. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit herbei geströmten Arbeitern, die sich diesen Wegnahmen erregt widersetzen wollten. Der kommandierende Offizier dieses Trupps ließ daraufhin das Feuer eröffnen – zehn Tote waren die Folge. Dieser Zusammenprall erschien den Deutschen als emblematisch für die Brutalität der Besatzer, zumal die Franzosen auch hier jegliche Verantwortung von sich wiesen und im Gegenzug sogar die Direktoren von Krupp verhaften und zu längeren Gefängnisstrafen verurteilen ließen.
An der Ruhr war also, stärker noch als im "friedensbesetzten" Rheinland, ein wirklicher "Krieg nach dem Krieg" ausgebrochen, der seinen deutlichsten Ausdruck fand in der Vielzahl antifranzösischer Schriften und Plakate, die interessanterweise genau den Bildern entsprachen, welche die Franzosen während des Weltkriegs von der deutschen Besatzung gezeichnet und gemalt hatten.
Ende der Besatzung
Nach der Einwilligung der Deutschen in den Young-Plan nach der Locarno-Konferenz und der von Stresemann und Briand eingeleiteten Politik des Friedens zwischen den beiden Nachbarn endete die Rheinlandbesetzung am 30. Juni 1930 mit dem Abzug der französischen und belgischen Truppen. Dennoch blieb das Rheinland weiterhin entmilitarisiertes Gebiet, behielt also einen Sonderstatus gegenüber dem übrigen Deutschen Reich.
Auch das war ein Punkt, aus dem Hitler später Kapital schlagen konnte, als er 1936 mit dem Einmarsch ins entmilitarisierte Rheinland die Franzosen und ihre Alliierten vor die Entscheidung stellte, ob sie den Machthaber gewähren lassen wollten oder nicht. Leider – von heute her gesehen – ließen sie diesen ersten Schritt zur gewaltsamen "Neuordnung Europas" durch die Nationalsozialisten ungestraft geschehen. Zu stark war in Frankreich inzwischen die Friedenssehnsucht aller politischen Lager und gesellschaftlichen Schichten geworden.
Francois Seydoux, der in Berlin geborene und später langjährige französische Botschafter in Bonn, hat in seinen Lebenserinnerungen über seine Jugendzeit in jenen Jahren Folgendes geschrieben.
Ich verbrachte die Ferien des Sommers 1925 im französischen Hochkommissariat für das Rheinland mit Sitz in Koblenz (…). Nirgends hätte man sich ein zugleich glanzvolleres wie unzutreffenderes Bild von der Situation Frankreichs machen können, das siegreich an den Ufern des Rheins und der Mosel eine große Tradition wiederbelebte. Nirgends fühlten wir uns von den Deutschen weiter entfernt als in diesen uns geographisch und auch aufgrund eines gemeinsamen Erbes so nahe gelegenen Gebieten. Franzosen und Deutsche lebten nebeneinander, ohne sich anzublicken, die einen bestrebt, sich an eine Situation zu gewöhnen, die man sich zwangloser gewünscht hätte, die anderen düster verschlossen in ihrer Demütigung. Die brave Frau, bei der ich logierte, hatte nur wenige Minuten für ein paar Worte mit mir übrig; wir hatten nicht die gleiche Wellenlänge; das Besatzungsregime war böse für sie, und ich armer Junge gehörte zu den Besatzern. Ein separatistisches Rheinland, das in den vergangenen Jahren einmal eine Chance gehabt hatte, kam nicht mehr in Frage. Von Wiederversöhnung aber sprach kein Mensch.
Eine wirklich dauerhafte Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich konnte erst Wirklichkeit werden, als ein weiterer und unermesslich grausamerer Krieg gezeigt hatte, dass es keine Alternative mehr geben konnte zu einer Zusammenarbeit Frankreichs und Deutschlands für ein vereintes und friedliches Europa.
Chronologie
1793: Unter dem Einfluss der französischen Revolution gründet sich in Mainz die Mainzer Republik
1806: Nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bildete Napoleon den Rheinbund, ein Staatenbündnis, das neben den westrheinischen auch einige ostrheinische deutsche Territorialstaaten einschloss. Der Code Napoleon bringt Freiheits- und Menschenrechte.
1813: Die deutschen Befreiungskriege beenden den Rheinbund.
1815: Auf dem Wiener Kongress verliert Frankreich die linksrheinischen Gebiete, behält aber das Elsass. Das Rheinland kommt zu Preußen.
1840: Während der Rheinkrise beansprucht Frankreich den Rhein als natürliche Grenze. Es beginnt die Propagandaschlacht um den Rhein.
1871: Im deutsch-französischen Krieg annektiert das Deutsche Reich Elsass und Lothringen.
1918: Im Waffenstillstand vom 11. November wird die Demilitarisierung des Rheinlandes festgelegt.
1919: Der Versailler Vertrag regelt eine "Friedensbesetzung" des Rheinlands.
1923: Düsseldorfer Blutsonntag und Blutiger Karsamstag bei Krupp. Ruhrkampf.
1925: Antifranzösische so genannte Jahrtausendfeiern im Rheinland anlässlich des 1.000sten Jahrestags der Einverleibung des mittelfränkischen Lotharingen in das ostfränkische Reich Heinrichs I.
1930: Am 30. Juni beenden die französischen und belgischen Truppen die Rheinlandbesetzung.
1936: Hitler marschiert ins entmilitarisierte Rheinland ein.
Verlinkungen:
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Quellen:
Internetquellen
-> Schlemmer, Martin, Die Rheinlandbesetzung (1918-1930), in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinlandbesetzung-1918-1930/DE-2086/lido/57d133f17e43d1.98845861 (abgerufen am 14.05.2026)
-> Krumeich, Gerd: Die Rheinlandbesatzung, in: bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung), online verfügbar seit 11.05.2012 unter: https://www.bpb.de/themen/europaeische-geschichte/geschichte-im-fluss/135676/die-rheinlandbesetzung/, zuletzt geprüft am 01.09.2026.
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Sekundärliteratur
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Persönlichkeiten
Inhaltsverzeichnis
- Friedrich Ebert
- Otto Dix
- Karl Liebknecht
- Matthias Erzberger
- Vicki Baum
- Gustav Stresemann
- Paul von Hindenburg
- Marlene Dietrich
- Albert Einstein
- Werner Heisenberg
- Bertolt Brecht
- Käthe Kollwitz
- Gabriele Münter
- Else Lasker-Schüler
- Hermann Hesse
- Fritz Lang
- Gunta Stölzl
- Albert Schweitzer
- Marie Juchacz
- Max Schmeling
- Walther Rathenau
- Joachim Ringelnatz
- Ernst Toller
- Kurt Eisner
- Paul Klee
- Walter Benjamin
- Alfred Döblin
- Gottfried Benn
1. Friedrich Ebert
Als erster Reichspräsident der Weimarer Republik stellte sich Friedrich Ebert der schwierigen Verantwortung, die junge Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg durch eine Zeit der Krisen zu führen. Sein Anspruch, nicht als Parteipolitiker, sondern als „Beauftragter des ganzen deutschen Volkes“ zu handeln, wurde dabei zum Grundmotiv einer stets dem Schutz der Republik verpflichteten Gratwanderung.
In der zeitgenössischen Rezeption schwankte das Bild von Ebert zwischen „Vertreter der kleinen Leute“, „Mann des Ausgleichs“ und „Bewahrer der Republik“ einerseits und „Verräter sozialistischer Ideale“, „Novemberbrecher“, „Bundesgenosse des Militärs“ oder „Agent der Bourgeoisie“ andererseits. Die Verdienste des ersten demokratisch gewählten Staatsoberhaupts Deutschlands um die parlamentarische und soziale Demokratie machten ihn zur Zielscheibe sowohl links- als auch rechtsgerichteter Anfeindungen.
Friedrich Ebert wurde am 4. Februar 1871 in Heidelberg geboren. Er begann eine Lehre als Sattler, trat noch während der anschließenden Wanderschaft der späteren SPD bei und war als politischer Redner und Organisator aktiv. Während seiner Zeit in Bremen bewies er als Arbeitersekretär der lokalen SPD ein offenes Ohr für die konkreten Probleme der „einfachen Leute“. Zeit seines Lebens konzentrierte er sich auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen eher auf die kurzfristige Lösung akuter Missstände als auf das langwierige Ausfechten programmatischer Auseinandersetzungen. Einem raschen Aufstieg zum überregional bekannten Arbeiterführer und Mitvorsitzenden der SPD folgte 1912 der Einzug in den Reichstag.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs sah Ebert, ganz Realpolitiker, in der Unterstützung der Kriegskredite der Regierung eine Chance zur Durchsetzung wirtschaftlicher, sozialer und politischer Reformen. Er positionierte sich zusehends schärfer gegen den linken Flügel seiner Partei, konnte die im April 1917 vollzogene Spaltung der Sozialdemokratie in die Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) aber nicht verhindern. Im revolutionären Umfeld der unmittelbaren Nachkriegszeit stellte er sich als Reichskanzler und Mitglied des Rates der Volksbeauftragten an die Spitze der Übergangsregierung und half maßgeblich mit, die Umsturzversuche in parlamentarische Bahnen zu lenken und möglichst früh Wahlen zur Nationalversammlung durchzuführen.
Am 11. Februar 1919 wurde Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten gewählt. Seine Amtszeit wurde von einer Reihe schwieriger Entscheidungssituationen geprägt, darunter etwa die Auseinandersetzungen um den Versailler Vertrag, der Militärputsch der Generäle Kapp und Lüttwitz im März 1920, der Aufstand der Roten Ruhrarmee, die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen sowie die Hyperinflation. Eberts gesamte Amtszeit war darüber hinaus begleitet von einer Schmutzkampagne von kommunistischen und deutschnationalen Agitatoren. 1924 war Ebert in einen Prozess verwickelt, bei dem das Amtsgericht Magdeburg schließlich ein Urteil sprach, das das demokratiefeindliche Lager in seinem Hass auf die Republik bestätigte. Mit Rücksicht auf den laufenden Prozess hatte Ebert die dringend notwendige Behandlung einer Blinddarmentzündung verzögert.
Am 28. Februar 1925 starb Friedrich Ebert im Alter von nur 54 Jahren nach einer Notoperation.
Friedrich Ebert wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Heidelberger Bergfriedhof beigesetzt. Sein Tod bedeutete eine tiefe Zäsur in der politischen Entwicklung der Weimarer Demokratie. Unter seinem Nachfolger Paul von Hindenburg verschoben sich die politischen Gewichte deutlich nach rechts. In Heidelberg erinnert heute die Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte an den ersten Reichspräsidenten.
2. Otto Dix
Pseudonyme: Jimmy; Jim; Toy
1891 – 1969
Maler, Grafiker
Otto Dix gehört zu den herausragenden Künstlern der Weimarer Republik. Mit seinem veristischen Stil in Malerei und Grafik etablierte er sich als führender Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Seine Porträts und Darstellungen zum Ersten Weltkrieg prägen bis heute das kollektive Bildgedächtnis. Im „Dritten Reich“ wurde der Maler als „entartet“ diffamiert und verlor seine Professur an der Staatlichen Akademie der Künste in Dresden. Nach 1945 malte Dix in einem stärker expressionistischen Stil, konnte aber nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen.
Jugend und Ausbildung
Dix wuchs in einem sozialdemokratisch geprägten Arbeiterhaushalt in Untermhaus bei Gera auf, wo er von 1898 bis 1906 die Volksschule besuchte und als Kind dem Maler Fritz Amann (1878–1969), Cousin seiner Mutter, Modell stand. Nach einer Lehre als Dekorationsmaler bei der Firma Carl Senff in Gera von 1906 bis 1910 studierte er anschließend bis August 1914 Ornament- und Naturmalerei, Figurenzeichnen und Figürliche Dekorationsmalerei an der Königlichen Kunstgewerbeschule zu Dresden, u. a. bei Richard Guhr (1873–1956). In Dresdner Museen und Galerien lernte er Werke der Alten Meister, Vincent van Goghs (1853–1890) und der lokalen Expressionisten, insbesondere der Künstlergruppe „Brücke“, kennen. Im Ersten Weltkrieg diente Dix als Frontsoldat; seine Kriegserfahrungen verarbeitete er in Zeichnungen und Gouachen, die den Frontalltag, die Kämpfe und zerstörte Landschaften zeigen. Zahlreiche Selbstbildnisse dieser Zeit offenbaren sein künstlerisches Konzept des Stilpluralismus.
Dada und Verismus
Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg schuf Dix seine starkfarbigen, expressiv-futuristischen „Kosmischen Bilder“, die ihn in Deutschland berühmt und berüchtigt werden ließen, aber bald dadaistisch-veristischen Arbeiten wichen. Eine besondere Rolle nahmen dabei zwei verlorene lebensgroße Darstellungen von Lustmorden ein, die Dix im Selbstbildnis als Täter (1920) und auf fotografischer Grundlage das aufgeschlitzte Opfer auf einem Bett (1922) darstellen. Die beiden Lustmord-Bilder zeigen den Wandel Dix‘ vom Dadaismus zum Verismus. 1920 nahm er mit dem Hauptwerk „Die Kriegskrüppel“ an der 1. Internationalen Dada-Messe in Berlin teil und studierte bei Max Feldbauer (1869–1948) und Otto Gussmann (1869–1926) als Meisterschüler an der Staatlichen Akademie der Künste in Dresden. Paul Ferdinand Schmidt (1878–1955), Direktor der Städtische Kunstsammlungen Dresden von 1919 bis 1924, förderte ihn, u. a. durch den Ankauf seiner 1914 angefertigten Nietzsche-Büste (heute verschollen).
Rheinland, Berlin und Dresden – Die Neue Sachlichkeit
1922 siedelte Dix nach Düsseldorf über, wo er an der Kunstakademie Meisterschüler von Heinrich Nauen (1880–1940) und Wilhelm Herberholz (1881–1956) wurde. Er schloss sich der Künstlergruppe „Das junge Rheinland“ um die Kunstmäzenin und Galeristin Johanna Ey (1864–1947) an; Karl Nierendorf (1889–1947) wurde sein wichtigster Galerist, seit dem 21. Mai 1926 in Alleinvertretung. In Düsseldorf entstand 1921/23 das großformatige Gemälde „Schützengraben“, das vom Kölner Wallraf-Richartz-Museum erworben und wegen heftiger Kritik an der detailversessenen Darstellung hinter einem Vorhang präsentiert wurde. 1925 wurde es deshalb wieder an Nierendorf zurückgegeben, auf der Internationalen Kunstausstellung in Zürich gezeigt, blieb unverkäuflich, und ist seit 1940 verschollen. 1924 schuf Dix mit der aus fünfzig Blättern bestehenden Grafikmappe „Der Krieg“ ein Hauptwerk der modernen Kunst, das bis heute als Bezugspunkt engagiert-kritischer künstlerischer Tätigkeit dient. Inhaltlich facettenreich und technisch virtuos, stellt es ein Panorama des Kriegs dar, das die Trivialität des Alltags, das Groteske, die Grausamkeit und den Tod ausbreitet.
1925 war Dix mit seiner kühlen zeichnerischen Prägnanz eine zentrale Figur der Mannheimer Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit; zahlreiche seiner Porträts zeigen Schlüsselfiguren der Epoche wie Anita Berber (1899–1928), Sylvia von Harden (1894–1963), Alfred Flechtheim (1878–1937) und Theodor Däubler (1876–1934). Expressive und groteske Züge blieben in diesen Werken erhalten, wobei gesteigerte Farbigkeit Dix’ künstlerisches Mittel in Konkurrenz zur Porträtfotografie blieb. Zunehmend setzte er sich mit den Alten Meistern auseinander und malte zwei großformatige Triptychen, „Großstadt“ (1927/28) und „Der Krieg“ (1929/32), Allegorien der Lebensalter, Schwangere, die eigene Familie und sich selbst. 1931 entstand das an Dürer angelehnte programmatische „Selbstbildnis mit Kristallkugel“, das den Maler als Seher interpretiert und auf die sich verschärfende Krise der Weimarer Republik sowie die eigene Kunst – so auf die reduzierte Farbigkeit des Verismus sowie die kreisförmige Komposition des gleichzeitigen Triptychons „Der Krieg“ – anspielt. Seine Werke wurden in bedeutenden internationalen Ausstellungen gezeigt, u. a. der Internationalen Kunstausstellung Dresden (1926), im Carnegie Institute Pittsburgh (1927), im Museum of Modern Art New York City (1931) sowie auf der 16. und 17. Biennale in Venedig (1928/30).
„Drittes Reich“ und Nachkriegszeit
Im April 1933 verlor Dix auf Grundlage des NS-Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums seine Dresdner Professur; seine Kunstwerke galten den Nationalsozialisten als „entartet“. Nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit scheiterten Versuche der Anpassung, u. a. in der Ausstellung „Zwei deutsche Maler“ mit dem Reichskulturkammer-Funktionär Franz Lenk (1898–1968) bei Nierendorf in Berlin 1935. Politisch kritische Hauptwerke wie die allegorischen „Sieben Todsünden“ (1933), in denen Adolf Hitler (1889–1945) als Neid dargestellt ist, „Triumph des Todes“ (1934), „Flandern“ (1934/36) sowie religiöse Themen („Die Versuchung des Heiligen Antonius“, 1936/37, „Der Heilige Christophorus IV“, 1939) fanden kaum mehr ein Publikum. Seit Januar 1934 Mitglied der Reichskulturkammer, konnte Dix weiterarbeiten, auch vereinzelt ausstellen und verkaufen, doch war er auf private Förderer angewiesen, deren Zeitgeschmack er sich mitunter anpasste. In der Münchner NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ im Juli 1937 wurden mehr als 20 seiner Werke gezeigt (einschließlich Blätter der Mappe „Der Krieg“, 1924), ca. 260 seiner Werke wurden beschlagnahmt, wohl mehrere Arbeiten auf Papier im März 1939 im Hof der Berliner Hauptfeuerwache vernichtet. Zudem war er Repressionen ausgesetzt, etwa durch eine kurzzeitige Verhaftung in Dresden im November 1939 im Zusammenhang mit dem Münchner Bürgerbräukeller-Attentat auf Hitler, da er sich auf einer Liste des Reichssicherheitshauptamtes von führenden Persönlichkeiten der „Systemzeit" befand. Das in dieser Zeit von Landschaftsdarstellungen geprägte Werk oszillierte zwischen Anpassung und Widerstand.
Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs gab Dix die altmeisterliche Technik auf und kehrte zum Expressionismus zurück. Die zeitaufwendige und genau zu planende Lasurmalerei wurde von der freieren Alla-Prima-Technik, die langwierige Vorbereitungen und Arbeitsprozesse zugunsten einer spontaneren Malweise vermied, abgelöst. Anspielungen auf die christliche Ikonografie setzte er weiter zur Interpretation der eigenen Zeit ein. Trotz künstlerischer Rehabilitation, etwa auf der documenta I in Kassel 1955, und einzelner Aufträge wie für das große Wandbild „Krieg und Frieden“ für den Rathaussaal in Singen am Hohentwiel (1960), konnte Dix nicht mehr an frühere Erfolge anschließen. In den beiden deutschen Staaten wurde er selektiv rezipiert, wobei in der Bundesrepublik mit der Wiederentdeckung des sog. Epochenstils seit ca. 1960 vornehmlich der neusachliche Künstler der 1920er Jahre wertgeschätzt wurde. In der DDR wurde Dix als Anti-Kriegsmaler wahrgenommen, während man seinen Blick auf das Proletariat, trotz seines Einflusses auf proletarisch-revolutionäre Künstler, als zu wenig positiv kritisierte. Das umfangreiche Spätwerk, das seinen Wunsch zeigt, dem eigenen, an die ‚Goldenen Zwanziger Jahre‘ geknüpften Mythos zu entkommen, fand bislang wenig Beachtung.
3. Karl Liebknecht
L. studierte 1890-93 Rechtswissenschaften und Nationalökonomie in Leipzig und Berlin. 1893/94 leistete er seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger bei den Garde-Pionieren in Berlin, anschließend war er bis 1898 Referendar in Arnsberg und Paderborn. 1897 erfolgte die Promotion zum Dr. iur. et rer. pol. in Würzburg mit der Dissertation „Compensationsvollzug und Compensationsvorbringen nach gemeinem Rechte“. L. eröffnete 1899 in Berlin gemeinsam mit seinem älteren Bruder Theodor eine Rechtsanwaltspraxis. Er trat erst im Aug. 1900 der SPD bei, wurde aber bereits im Nov. 1901 in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, der er bis 1913 angehörte. 1903 und 1907 als Kandidat für den Reichstagswahlkreis Potsdam-Spandau-Osthavelland unterlegen, konnte er diesen Wahlkreis 1912 für die SPD erobern. L. war Delegierter auf den sozialdemokratischen Parteitagen und wurde 1908 ins Preuß. Abgeordnetenhaus gewählt.
Bekannt wurde L. als politischer Anwalt, vor allem bei der Verteidigung von Funktionären der russ. Arbeiterbewegung. Seit Erscheinen seines Buches „Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung“ (1907) trat er als Gegner des Militarismus und als einer der Führer der sozialistischen Jugendbewegung auf. Er war 1907-10 Präsident der sozialistischen Jugendinternationale. Von Okt. 1907 bis Juni 1909 mußte L. wegen seines Militarismus-Buches eine Festungshaft in Glatz absitzen. 1911 unternahm er eine Agitationsreise durch die USA. Im Reichstag wandte sich L. gegen die Geschäftspraktiken der Rüstungsfirmen. Bei Ausbruch des Weltkriegs versuchte L. vergeblich, die sozialdemokratischen Abgeordneten für eine Ablehnung der Kriegskredite zu gewinnen. Nachdem er in der Fraktion gegen die Kredite gestimmt hatte, unterwarf er sich der Parteidisziplin und stimmte am 4.8.1914 im Reichstag für die Bewilligung. L., der vor dem Krieg als radikaler Einzelgänger noch nicht zum Kern der „Linken“ in der SPD um →Rosa Luxemburg, →Franz Mehring und →Julian Marchlewski gezählt hatte, lehnte sich nun eng an diese Gruppe an. Nachdem er am 2.12.1914 als einziger Abgeordneter im Reichstag gegen die Bewilligung der Kriegskredite gestimmt hatte, wurde er zur Symbolfigur der Kriegsgegner. Im Febr. 1915 wurde L. als Armierungssoldat zum Militärdienst eingezogen, bis auf sein Auftreten im Reichstag und Preuß. Abgeordnetenhaus war ihm damit jede politische Betätigung untersagt. Dennoch war er aktiv an|der Bildung der Gruppe „Internationale“, die seit 1916 als Spartakusgruppe bekannt wurde, beteiligt. Im Mai 1915 verfaßte er das Flugblatt „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“. Im April 1916 nahm L. an einer illegalen Tagung der Arbeiterjugend in Jena teil, er organisierte zum 1.5.1916 eine Friedensdemonstration auf dem Potsdamer Platz in Berlin und wurde dort verhaftet. Am 28.6.1916 verurteilte das Kommandanturgericht Berlin L. zu 2½ Jahren Zuchthaus, das Oberkriegsgericht erhöhte die Strafe in der Berufungsinstanz auf 4 Jahre und 1 Monat Zuchthaus. L. kam im Nov. 1916 ins Zuchthaus Luckau. Dort verfaßte er mehrere Schriften, darunter seine philosophischen „Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung“. Diese zeigen ihn als einen durchaus eigenständigen Denker.
L. wollte zwar die marxistische Theorie als Grundidee des Sozialismus erhalten, er kritisierte aber sowohl die ökonomischen Kategorien von Marx als auch den historischen Materialismus. Er lehnte die These vom Wirken „historischer Gesetze“ ebenso ab wie das Marxsche Schema von ökonomischer Basis und ideologischem Überbau. Philosophisch verstand sich L. als Agnostiker und Universalist. Seine Sozialismus-Vorstellungen beruhten auf der Grundthese von der „Tendenz zur Steigerung der natürlichen und sozialen Solidarität“.
Am 23.10.1918 vorzeitig aus dem Zuchthaus entlassen, wurde L. von seinen Anhängern in Berlin begeistert begrüßt. In der Novemberrevolution führte er gemeinsam mit →Rosa Luxemburg den „Spartakusbund“ und gab dessen Organ, die „Rote Fahne“, heraus. Am 9.11. rief er vom Balkon des Schlosses in Berlin die „freie sozialistische Republik“ aus. Er war nicht bereit, in die Revolutionsregierung einzutreten, und versuchte, die Massen gegen die sozialdemokratischen Volksbeauftragten und für eine Räteherrschaft zu mobilisieren. Auf dem Gründungsparteitag der KPD (30.12.1918 - 1.1.1919) forderte er die Trennung von der USPD und die Bildung der neuen Partei, deren Führer er neben →Rosa Luxemburg wurde. L. neigte einem radikalen, revolutionären Kommunismus zu. Während der Januar-Kämpfe in Berlin erklärt er die Regierung Ebert für „abgesetzt“. Nach den Unruhen wurde L.zusammen mit →Rosa Luxemburg von Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützendivision festgenommen und am 15.1.1919 brutal ermordet.
4. Matthias Erzberger
* 20.09.1875 in Buttenhausen † 26.08.1921 (ermordet) in Bad Griesbach
Auf tragische Weise legte Matthias Erzberger die Zerrissenheit des ausgehenden Kaiserreichs und der jungen Weimarer Republik offen. Auch weil er sich als herausragender Parlamentarier um eine Überwindung politischer wie gesellschaftlicher Spannungen bemühte und an einer umfassenden Reformierung innen- wie außenpolitischer Strukturen arbeitete, wurde er als Repräsentant der Weimarer Demokratie 1921 von rechten Nationalisten ermordet.
Für die Zeit des Kaiserreichs legte der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Matthias Erzberger eine beachtliche politische Karriere hin. Bereits mit 28 Jahren zog er als Abgeordneter des Zentrums in den Reichstag ein und etablierte sich dort schnell als Experte für Haushaltsfragen. Während er zu Beginn des Ersten Weltkriegs durchaus nationalistische, imperialistische Ideen unterstützte und sich unter anderem auch Annexionsforderungen anschloss, wandelte er sich über militärische Rückschläge immer mehr zu einem Befürworter einer Friedens- und Verständigungspolitik. Im Juli 1917 forderte er in einer Rede vor dem Reichstag dazu auf, auf Annexionen zu verzichten und mit einem "Verständigungsfrieden" ein Ende des Krieges herbeizuführen; seine Forderungen wurden schließlich von einer Mehrheit aus Linksliberalen, Sozialdemokraten und Zentrum als Friedensresolution angenommen. Damit bereitete er einer gemeinsamen parlamentarischen Mitte den Weg in die spätere Weimarer Republik, wurde jedoch erstmals auch Hassfigur der nationalistischen Rechten. Als Staatssekretär unter Max von Baden bemühte sich Matthias Erzberger um Verhandlungen eines Waffenstillstands und unterschrieb als Minister in Compiègne 1918 eben jenen Waffenstillstand. Nach seiner Ermordung 1921 erschien diese Unterschrift Weggefährten wie Joseph Wirth wie die Zustimmung zum eigenen Todesurteil.
Als Politiker der Weimarer Republik drängte er im Anschluss weiter auf einen Vorzug der Politik gegenüber dem Militär. Sein Kernanliegen war dabei, die junge Weimarer Demokratie gegen Angriffe von links und rechts zu wappnen und auf eine stabile Handlungsgrundlage zu setzen. Während der Novemberrevolution trat er deshalb als Vertreter des politischen Katholizismus für eine Zusammenarbeit mit Sozialdemokraten und Liberalen ein. Da er als Reichsminister ohne Geschäftsbereich der Regierung von Philipp Scheidemann die Annahme des Versailler Vertrags unterstützte, wurde Erzberger zur prominenten Zielscheibe antirepublikanischer Gegner der Weimarer Republik, die ihn als Vaterlandsverräter und „Erfüllungspolitiker“ beschimpften. Noch mehr Gegner brachte er gegen sich auf, als er 1919 als Reichsfinanzminister eine gerechtere Steuerreform zu Lasten der Besitzenden anstrebte. Durch eine Verleumdungsaktion musste Erzberger bereits 1920 seine Posten räumen; ein Jahr später wurde er am 26. August in Bad Griesbach ermordet.
5. Vicki Baum
1888 – 1960
Schriftstellerin, Journalistin, Drehbuchautorin, Harfenistin
Die österreichisch-US-amerikanische Autorin Vicki Baum gehört zu den international kommerziell erfolgreichsten Schriftstellerinnen des deutschsprachigen Raums im 20. Jahrhundert. Ihre in 32 Sprachen übersetzten und vielfach verfilmten Romane verfasste sie seit 1939 auf Englisch. Baums literarisches Hauptwerk ist der Roman „Menschen im Hotel“ (1929).
Leben
Baum wuchs in einem gutbürgerlichen Elternhaus in Wien auf, wo sie das Lehrerpädagogium besuchte. Von 1898 bis 1904 absolvierte sie eine Ausbildung zur Harfenistin am Wiener Konservatorium und erhielt anschließend ein Engagement beim Wiener Concertverein. Nach ihrer Scheidung von dem Journalisten Max Prels (1878–1926) 1913 ging sie als Harfenistin an das Hoftheater Darmstadt, gab aber ihren Beruf 1916 nach der Heirat mit dem Dirigenten Richard Lert (1885–1980) auf und lebte danach in Kiel, Hannover und Mannheim. 1926 übersiedelte sie zunächst allein nach Berlin, wo sie eine Anstellung als Zeitschriftenredakteurin beim Ullstein Verlag erhielt; 1928 folgten ihr ihre Söhne, 1929 der Ehemann. Baums auf der Grundlage ihres Romans „Menschen im Hotel“ (1929) inszeniertes Theaterstück „Grand Hotel“ wurde 1931 am Broadway zu einem Erfolg. Sie reiste noch im selben Jahr nach New York City und emigrierte 1932 mit ihrer Familie nach Los Angeles (Kalifornien, USA). Baums Bücher wurden 1933 im nationalsozialistischen Deutschland verboten und sie 1938 ausgebürgert (US-amerikanische Staatsbürgerin 1938).
In den USA pendelte Baum regelmäßig zwischen ihrem Haus in Los Angeles und ihrer Wohnung in New York City, war weiterhin schriftstellerisch tätig und arbeitete bis 1937 als Drehbuchautorin bei der Filmproduktionsgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). 1935 und 1936 reiste sie nach Japan, China, Indonesien und Europa, um Stoff für neue Romane zu sammeln; im März 1939 führte sie eine Vortragstour nach England. Ihren letzten Aufenthalt in Europa trat sie 1949 an.
Werk
Baum begann um 1905, sich schriftstellerisch zu betätigen. Erste Gedichte und Erzählungen erschienen seit 1908 in Zeitschriften wie „Erdgeist“ (Wien), „Der Merker“ (Wien) und „Jugend“ (München). 1914 legte sie ihren Erstlingsroman „Frühe Schatten. Das Ende einer Kindheit“ vor, der autobiografisch geprägt ist. Thomas Mann (1875–1955) – Baums literarisches Vorbild – sprach ihr als Mitglied bzw. Vorsitzender der Jury bei den Literaturwettbewerben der Zeitschrift „Licht und Schatten“ 1910 und der „Kölnischen Zeitung“ 1924 für ihre Erzählungen „Alter Schloßpark“ (1910) bzw. „Der Weg“ (1924) den ersten Preis zu. Der Ullstein Verlag, in dem ihre Romane seit 1920 erschienen, baute Baum seit 1926 gezielt als Marke und Bestsellerautorin auf.
Baums Hauptwerk ist der 1929 veröffentlichte Roman „Menschen im Hotel“, der in der Originalausgabe den ironischen Untertitel „Ein Kolportageroman mit Hintergründen“ trägt und zunächst in Fortsetzungen in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ erschien. Der Schauplatz des Romans ist ein Berliner Luxushotel, in dem innerhalb von fünf Tagen Figuren aus unterschiedlichen sozialen Milieus zusammenkommen, miteinander agieren und wieder auseinandergehen. 1929 von Baum dramatisiert, bildete der Roman die Grundlage für die US-amerikanische Theaterinszenierung sowie die äußerst erfolgreiche Hollywoodverfilmung „Grand Hotel“ (1932) unter der Regie von Edmund Goulding (1891–1959) mit Greta Garbo (1905–1990) in der Hauptrolle. Während deutsche Kritiker „Menschen im Hotel“ als „Romankitsch“ – so Alfred Kerr (1867–1948) – und „Kosmetik“ – so Herbert Ihering (1888–1977) – kritisierten, wurde die englische Übersetzung in Großbritannien begeistert aufgenommen. Graham Greene (1904–1991) beurteilte den Roman als „oberflächlich, melodramatisch, sentimental, aber technisch vollendet“, John B. Priestley (1894–1984) als „eine Art Kinofilm des modernen Lebens“.
Beeinflusst von ihren Weltreisen, legte Baum 1937 und 1939 die Romane „Liebe und Tod auf Bali“ und „Hotel Shanghai“ vor, die den „Puputan“ (Massenselbstmord) der Balinesen in Badung 1906 und den versehentlichen Bombenabwurf chinesischer Flugzeuge auf die Nanking Road in Shanghai 1937 literarisieren. Die Verknüpfung von historischem Hintergrund und atmosphärischen Details in diesen Werken fand international Beachtung.
Nach 1945 konnte Baum, die seit „The Ship and the Shore“ (1941) ausschließlich in englischer Sprache schrieb, in den USA nicht mehr an ihre Erfolge anknüpfen. Auch „The Mustard Seed“ (1953), ein satirischer Roman über die neurotische, von Kommerz und Sex beherrschte US-Gegenwartsgesellschaft, fand wenig Resonanz. In der Bundesrepublik und Europa hingegen wurden ihre Romane, von denen viele auch als Verfilmungen große Popularität erlangten, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder veröffentlicht und werden bis heute erfolgreich neu aufgelegt. Baums 1958 begonnene Autobiografie, die „Nicht so wichtig“ heißen sollte, blieb Fragment und wurde postum 1962 von ihrer Schwiegertochter Ruth Lert (1915–1997) unter dem Titel „It was all quite different“ (Es war alles ganz anders) vollendet.
Baums Romane, die sich durch präzis recherchierte Milieuschilderungen und das ironische Spiel mit Formeln und Schemata auszeichnen, galten im deutschsprachigen Raum lange als „Unterhaltungsliteratur“, Baum als Trivialautorin. Im Zuge der Erforschung der literarischen „Neuen Sachlichkeit“ seit den 1980er Jahren wurde v. a. „Menschen im Hotel“ als neusachlicher Zeitroman wiederentdeckt, und Vicki Baum erfuhr eine Neubewertung als „neusachliche Bestsellerautorin“.
6. Gustav Stresemann
S. entstammte einer Familie des Berliner Kleinbürgertums; im Berliner Südosten betrieben die Eltern einen Flaschenbierhandel mit Gaststube. S. als dem jüngsten ihrer acht Kinder ermöglichten sie den Besuch der höheren Schule (Andreas Realgymnasium, Abitur 1897). Obwohl die persönlichen Neigungen des jungen S. der Geschichte und Literatur galten und ihm eine Laufbahn als Journalist vorschwebte, konzentrierte er sich im Studium (1898–1901 in Berlin u. Leipzig) auf die Nationalökonomie. Gleich nach der Promotion in Leipzig bei Karl Bücher (1901) übernahm er in Dresden die Stelle eines Assistenten beim Verband der Schokoladenfabrikanten und entfaltete eine ideenreiche organisatorische Aktivität: Unter seiner Führung entwickelte sich der 1902 gegründete „Verband sächsischer Industrieller“ (Syndikus bis 1919) zu einem der größten regionalen Wirtschaftsverbände. Parallel zum beruflichen Aufstieg vollzog sich die politische Karriere. In seiner Studentenzeit war S. ein aktives Mitglied in der Reformburschenschaft „Neo Germania“ und schloß sich auch Friedrich Naumanns „Nationalsozialem Verein“ an. Als sich dieser nach dem Debakel bei der Reichstagswahl 1903 auflöste, ging S. allerdings nicht mit Naumann und den meisten seiner Anhänger zur Freisinnigen Vereinigung, sondern trat der Nationalliberalen Partei bei. 1906 wurde er zum Dresdner Stadtverordneten gewählt, 1907 eroberte er bei der Reichstagswahl den Erzgebirgswahlkreis Annaberg. Als jüngstes Reichstagsmitglied war S. ein außerordentlich aktiver und rhetorisch begabter, rasch in der vordersten Reihe agierender Abgeordneter. Maßgeblichen Anteil hatte er am Zustandekommen einer Angestelltenversicherung (1911).
Der steile politische Aufstieg endete abrupt 1912. Bei der Reichstagswahl verlor S. sein Mandat, und Exponenten des rechten Parteiflügels verdrängten ihn aus dem Führungsgremium der Nationalliberalen Partei. S. sah sich auf seine Tätigkeit als Verbandsfunktionär zurückgeworfen. Im Dez. 1914 erneut in den Reichstag gewählt, fiel ihm schnell eine Führungsrolle in der nationalliberalen Fraktion zu. Nach dem Tod Ernst Bassermanns (1854–1917) wurde er im Sept. 1917 zum Fraktionsvorsitzenden und zum stellv. Parteivorsitzenden gewählt.
S.s politisches Agieren während der Kriegsjahre stellt ein besonders problematisches Kapitel seiner Biographie dar. Zwar trat er für innere Reformen ein (Abschaffung des preuß. Dreiklassenwahlrechts, Stärkung des Parlaments), forderte aber im Einklang mit der großen Mehrheit seiner Partei umfangreiche Annexionen sowie den unbeschränkten U-Boot-Krieg und arbeitete auf den Sturz des Reichskanzlers Bethmann Hollweg hin. Kriegsniederlage und Zusammenbruch des Kaiserreichs brachten S. in eine schwierige Lage, die seine führende Position im dt. Liberalismus akut gefährdete. Die Auseinandersetzungen um eine Neuformierung des liberalen Lagers beendeten nicht die Spaltung des dt. Liberalismus in zwei Parteien, was man zu Unrecht häufig S. anlastete. Dieser lehnte wie viele andere Nationalliberale ein Zusammengehen mit der Gruppe um →Theodor Wolff (1868–1943) und →Alfred Weber (1868–1958) ab, die in der Gründungsphase der „Deutschen Demokratischen Partei“ eine maßgebliche Rolle spielte. Am 15. 12. 1918 konstituierte sich unter S.s Führung die „Deutsche Volkspartei“, deren immer wiedergewählter Vorsitzender er bis zu seinem Tode blieb.
In der Nationalversammlung stand die kleine DVP-Fraktion in Opposition zur „Weimarer Koalition“ (SPD, Zentrum, DDP); sie lehnte die Unterzeichnung des Friedensvertrags und die Verfassung ab. Im Gegensatz zu Exponenten des rechten Parteiflügels suchte S. nach 1919 einen Kurs der Mitte zu steuern mit der Bereitschaft, auch eine Koalition mit der SPD einzugehen. Bei der Reichstagswahl 1920 überflügelte die „Stresemann-Partei“|die linksliberale DDPdeutlich. Von nun an war sie an fast allen Reichskabinetten beteiligt. Am 12. 8. 1923, in der kritischsten Phase der Weimarer Republik, wurde S. von Reichspräsident Ebert in das seit langem angestrebte Amt des Reichkanzlers berufen. Die von ihm gebildete „Große Koalition“ (SPD, Zentrum, DDP, DVP) sah sich einer Fülle gravierender Probleme gegenüber: Abbruch des Ruhrkampfes, Sanierung der Währung, separatistische Bestrebungen im Rheinland, Aufstands- und Putschversuche rechts- und linksextremistischer Kreise. In den nur 100 Tagen seiner Kanzlerschaft gelang es, die dramatische Krisensituation im wesentlichen zu bewältigen. Nachdem der Reichstag am 22. 11. 1923 das von S. verlangte Vertrauensvotum abgelehnt hatte, demissionierte das Kabinett, doch behielt S. in der neuen Reichsregierung und in allen weiteren Kabinetten das Amt des Außenministers.
Es war das Feld der Außenpolitik, auf dem S. Epoche gemacht hat. Ziel war der Wiederaufstieg des Dt. Reichs zur souveränen und im internationalen System gleichberechtigten Großmacht. Aber aufgrund der Erfahrungen von 1914–18 legte S. seit 1919 seiner Außenpolitik eine realistische Einschätzung der internationalen Kräfteverhältnisse zugrunde und operierte mit den Mitteln der Verhandlung und Verständigung. Zwei Gesichtspunkte besaßen dabei für ihn axiomatische Bedeutung: Rückkehr des Dt. Reichs in die Weltpolitik über die Weltwirtschaft und Normalisierung des Verhältnisses zu den Westmächten v. a. durch Befriedigung des franz. Sicherheitsbedürfnisses.
Im Grunde bewertete S. alle Stationen seiner Außenpolitik der Jahre 1923–29 (Dawes-Plan 1924, Locarno-Verträge 1925, Berliner Vertrag mit der Sowjetunion 1926, Eintritt in den Völkerbund 1926, Kellogg-Pakt 1928, Young-Plan 1929) als Etappen auf dem Weg zur Wiedergewinnung der dt.Machtstellung. Bei seiner Revisionspolitik vorsichtig agierend, vermied er Konflikte und setzte auf internationale Kooperation. S. erreichte in seinen sechs Amtsjahren die Räumung des Ruhrgebiets und die vorzeitige Beendigung der Rheinlandbesetzung, eine erträgliche Regelung der Reparationsfrage in Verbindung mit einer wirtschaftlichen Stabilisierung in Deutschland, Aufhebung der alliierten Militärkontrolle und Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Nicht weniger zählt auch die Tatsache, daß es S. gelang, das seit der Jahrhundertwende gestörte Verhältnis Deutschlands zu seinen Nachbarstaaten weitgehend zu normalisieren und Vertrauen diesseits und jenseits des Atlantiks aufzubauen. Als erster Deutscher wurde er im Dez. 1926 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet (gemeinsam mit seinem franz. Amtskollegen Aristide Briand).
S.s letzte Lebensphase war in vielfacher Weise überschattet: Er litt darunter, daß erhoffte Ergebnisse der Locarno-Politik sich zu langsam einstellten, sein labiler Gesundheitszustand machte ihm immer mehr zu schaffen, v. a. seit einem Zusammenbruch im Frühjahr 1928, und schließlich gestaltete sich das Verhältnis zu seiner eigenen Partei zunehmend prekär. So unbestritten seine Stellung als Parteivorsitzender war, dem von ihm gesteuerten politischen Kurs folgte ein Teil der Partei, insbesondere die Reichstagsfraktion, immer unwilliger. Die Auseinandersetzungen kulminierten 1928/29, als S. durch das Verhalten der Fraktion seine Autorität als Parteiführer in Frage gestellt sah. Als ein bereits vom Tode Gezeichneter erkämpfte er auf der Haager Konferenz im Aug. 1929 die Zusage einer vorzeitigen Rheinlandräumung und hielt im Sept. auf der Völkerbundstagung in Genf eine engagierte Europarede. In der Nacht vom 2./3. 10. 1929 erlag er einem Schlaganfall.
S. ragt unter den Politikern der Weimarer Republik weit heraus. Als Reichskanzler im Krisenjahr 1923 und als langjähriger Außenminister übte er einen so prägenden Einfluß auf die dt. Politik dieser Jahre aus, daß mit Recht von einer „Ära Stresemann“ gesprochen wird. Das Bild S.s in der Nachwelt reicht von affirmativer Erinnerungskultur unmittelbar nach seinem Tod über die Verfemung S.s durch die Nationalsozialisten als „Erfüllungspolitiker“, die Betonung der europ. Perspektive seiner Politik in der Phase der frühen Bundesrepublik bis hin zum ambivalent-differenzierenden Bild der heutigen Forschung, das S.ebenso als kalkulierenden Real- wie als nationalen Machtpolitiker in die Reihe der großen europ. Politiker seiner Zeit einordnet.
7. Paul von Hindenburg
Nach kurzem Besuch des Gymnasiums in Glogau besuchte H. 1859-66 die Kadettenanstalten in Wahlstatt (Kreis Liegnitz) und Berlin. Die Teilnahme am Feldzug in Böhmen 1866, besonders an der Schlacht von Königgrätz, als Seconde-Leutnant im 3. Garde-Regiment zu Fuß blieb für H. zeitlebens das große Erlebnis eigener Bewährung und preußischen Waffenruhms. Den Krieg 1870/71 machte er als Regiments-Adjutant mit. Anschließend begann eine erfolgreiche Karriere im Wechsel von Truppen- und Generalstabsdienst: 1873-76 Kriegsakademie mit vorzüglichem Abgangszeugnis, 1877 Großer Generalstab mit (1878) Versetzung zum II. Armeekorps in Stettin, 1881 1. Generalstabsoffizier der 1. Division in Königsberg, 1884/85 Kompaniechef im Infanterie-Regiment 58 in Fraustadt (Posen), 1885 Großer Generalstab und Ia des III. Armeekorps in Berlin, dort auch Lehrer an der Kriegsakademie, Beginn enger Anlehnung an Schlieffen und dessen Lehre, 1889 Kriegsministerium, 1893 Kommandeur (Oberst) des Infanterie-Regiment 91 in Oldenburg, 1896 Chef des Stabes des VIII. Armeekorps in Koblenz, 1900 Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe, 1903 Kommandierender General des IV. Armeekorps in Magdeburg. Als solcher erhielt er 64jährig 1911 den Abschied. Theoretisch und praktisch hatte er sich als militärischer Führer bewährt. Der Dienst hatte ihn geprägt. Ohne politischen Ehrgeiz und besonderes politisches Interesse, hatte er sich in einer sehr erfolgreichen, wenn auch nicht ungewöhnlichen militärischen Laufbahn bewährt, geradlinig und unkompliziert, in betont königstreu konservativer Tradition sich begreifend.
Bei Kriegsausbruch war für den in Hannover im Ruhestand lebenden H. zunächst keine Verwendung vorgesehen. Als am 21.8.1914 Ludendorff zum Chef des Stabes der 8. Armee in Ostpreußen ernannt wurde, um dort die gefährliche Lage zu meistern, wurde H. Oberbefehlshaber der 8. Armee, weil ihm im Gegensatz zu seinem Vorgänger die überlegene Ruhe des Gewährenlassens gegenüber dem eigenwilligen, energisch kraftvollen neuen Chef zugetraut wurde. Diese Erwartung erwies sich als zutreffend. Ludendorff blieb im Kriege stets der erste Mitarbeiter H.s, überragte ihn aber in der Führungskunst an Entschlußkraft und Arbeitsleistung. Er prägte H. seinen Willen sowohl militärisch wie politisch auf, ohne daß H. dies als Fremdbestimmung empfunden hätte; denn militärisch kamen beide erfahrenen Generalstäbler aus Schlieffens Schule und fanden sich auch politisch in gleicher Gesinnung zusammen. Die beiderseitige Entfremdung und die von Ludendorff betriebene Herabsetzung H.s begannen erst nach dem Kriege. In der Schlacht von Tannenberg, deren Namensgebung in Anknüpfung an 1410 auf H.s Vorschlag beim Kaiser zurückgeht, bewährte sich die gemeinsame Führung von Chef und Oberbefehlshaber zum ersten Mal. Schlieffens „Cannae“ war verwirklicht worden. H. wurde nicht nur zum „Retter Ostpreußens“, sondern zum populären Symbol des deutschen Siegeswillens. Der H.-Mythos begann sogleich nach Tannenberg, steigerte sich während des Krieges und überdauerte die Niederlage in den „vaterländisch“ gesinnten Massen.
Mitte September 1914 übernahmen H. und Ludendorff als Oberbefehlshaber und Chef die in Kongreßpolen operierende 9. Armee, am 1.11.1914 den Oberbefehl über alle deutschen Truppen der Ostfront („Oberbefehlshaber Ost“). Von dieser Stellung aus versuchten sie vergeblich, Wilhelm II. und den Chef des Generalstabs von Falkenhayn dazu zu bewegen, die Ostfront so zu verstärken, daß die schnelle Kriegsentscheidung im Osten erzwungen werden konnte. Der Konflikt zwischen der Obersten Heeresleitung (OHL) und „Ober-Ost“ hielt an, bis nach dem Scheitern der Verdun-Offensive sowie dem Kriegseintritt Rumäniens Falkenhayn entlassen wurde und H. am 29.8.1916 sein Nachfolger – mit Ludendorff als voll mitverantwortlichem „Erstem Generalquartiermeister“ – wurde. Die neue OHL geriet, je stärker der Krieg nicht nur militärisch geführt werden mußte, sondern schwere kriegswirtschaftliche, außen- und innenpolitische Entscheidungsfragen aufwarf, zunehmend in die politischen Auseinandersetzungen hinein und gewann angesichts der Führungsschwäche des Kaisers und seiner Reichskanzler 1917/18 eine Schlüsselstellung. H. handelte auch dabei stets im Einvernehmen mit dem die Entscheidungen maßgeblich bestimmenden Ludendorff, so besonders in der Polenfrage, im Durchsetzen des unbeschränkten U-Bootkrieges und im Drängen auf die Entlassung des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg. Die dem „Vaterländischen Hilfsdienstgesetz“ von 1916 zugrundeliegenden Vorbereitungen deckte H. mit seinem Namen („H.-Programm“).
In den letzten Kriegsmonaten sah sich H. der bisher ungewohnten Belastung ausgesetzt, selbst und unabhängig von Ludendorff Entscheidungen fällen zu müssen. So suchte er im Juli 1918 vorübergehend eine von Ludendorff scharf abweichende Strategie durchzusetzen (Gegenoffensive statt hinhaltender Verteidigung), die freilich durch die Ereignisse schnell überholt wurde. Nach Aussöhnung mit Ludendorff kam es Ende Oktober zur Entfremdung zwischen beiden, als Ludendorff entlassen wurde und H. sein Entlassungsgesuch auf Drängen des Kaisers und des Kriegskabinetts zurückzog. H. begab sich durch sein Bleiben de facto, wenn auch gegen seine eigentliche Absicht und Überzeugung auf den durch die 3. Wilson-Note vom 23. Oktober vorgezeichneten Weg, der zur Abdankung des Kaisers und zur bedingungslosen Annahme des Waffenstillstandsvertrags führte. Am 9.11.1918 riet H. zum Übertritt Wilhelms II. nach Holland, woraus unerquickliche Kontroversen, eine Vertrauenskrise zwischen dem ehemaligen Kaiser und H. sowie ein lebenslanges Trauma H.s folgten.
Im November 1918 hat H., nunmehr beraten und bestimmt durch Ludendorffs Nachfolger General Groener, nolens volens entscheidend dazu beigetragen, daß der Übergang von der Monarchie zur Republik unter den Bedingungen der Niederlage, materieller Not und Revolutionsgefahr verhältnismäßig reibungslos gelang. Denn H. blieb in seinem Amt, geachtet vom größten Teil des Volkes und der Front, und wurde von Ebert und der SPD-Mehrheit für unentbehrlich gehalten. H. drängte am 10. November auf schnelle Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrags, stellte sich der neuen Regierung zur Verfügung, um das Frontheer geordnet zurückzuführen und, mit Hilfe der Arbeiter- und Soldatenräte, Ruhe und Ordnung aufrechterhalten zu helfen.
H. betrachtete sich als zum Ausharren in der Verantwortung verpflichtet und ging, bei geschickter Vermittlung des demokratisch gesinnten Generals Groener, bewußt ein Bündnis mit der provisorischen Regierung des Rats der Volksbeauftragten ein, da ihn mit Ebert und Noske die Überzeugung verband, daß Ruhe und Ordnung gegen die weitertreibende Revolution von links unter allen Umständen bewahrt werden sollten. Auf Grund der Schlüsselstellung, die H. und Groener besaßen, gelang es ihnen schnell, die Kommandogewalt im Heer wieder zu festigen und Freiwilligenverbände aufzustellen, die – zuerst im Januar 1919 in Berlin – mit Erfolg gegen linksrevolutionäre Aufständische eingesetzt wurden. Nach Annahme des Friedensvertrags von Versailles durch den Reichstag und die (umgebildete) Reichsregierung nahm H. den Abschied, nachdem Groener vorher mit seinem Einverständnis Ebert gegenüber die Annahme des Friedensvertrags als unausweichlich bezeichnet hatte.
H. zog sich in Hannover in den Ruhestand zurück, ohne die Absicht zu haben, sich öffentlich politisch zu betätigen. Aufsehen erregte sein Auftreten vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung am 18.11.1919 (gemeinsam mit Ludendorff), wo er eine Erklärung im Sinne der damals aufkommenden Dolchstoß-Legende abgab.
Im April 1925 stellte er sich – selbst parteilos – nach einigem Widerstreben zum 2. Wahlgang der Reichspräsidentenwahl als überparteilicher Kandidat der Rechtsparteien einschließlich der Bayerischen Volkspartei zur Verfügung. Er wurde mit der relativen Mehrheit von gut 48% vor Marx (Zentrum) mit 45% und Thälmann (KPD) mit 6% gewählt. Die Wahl wurde entweder als Anzeichen angesehen, daß die restaurativen Kräfte einen für die Zukunft verhängnisvollen Sieg über die Republik errungen hätten, oder sie wurde mit der Hoffnung verbunden, daß die Tradition des Kaiserreichs Aussicht habe, hinfort sich der Republik im Geiste einer „konservativen Demokratie“ anzuverwandeln. In der Tat lagen beide Möglichkeiten in diesem Ereignis beschlossen. Bis 1929 schien die Entwicklung in der zweiten Richtung zu gehen. H. bemühte sich, seiner „Osterbotschaft“ vor der Wahl gemäß, über den Parteien zu stehen sowie trotz seiner inneren Bindung an die Monarchie, getreu seinem Eide, ein loyaler und gerechter Präsident der Republik zu sein. Er befremdete daher viele seiner alten Freunde oder Kameraden von rechts und zerstreute manche Befürchtungen von links. Doch wirkten H.s Enttäuschung über die Labilität der kurzlebigen Kabinette seit 1925 und sein traditionelles Mißtrauen gegen politische Parteien und Parlamentarismus darauf hin, schon in der Regierungskrise um die Jahreswende 1926/27 dem Gedanken eines parlamentarisch unabhängigen Beamtenkabinetts näherzutreten oder Oberst von Schleichers Vorschlag eines Minderheitskampfkabinetts mit dem Notstandsartikel 48 im Hintergrund zu erwägen. Wurden derartige Absichten damals noch zurückgestellt, so traten sie im Frühjahr 1930 in ihr akutes Stadium.
Als gegen Ende des Jahres 1929 die vielberufene „Krise des Parlamentarismus“ und die Entscheidungsschwäche der Regierung gegenüber den drängenden wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen angesichts der beginnenden Wirtschaftskrise und zunehmender rechtsradikaler Aktivität noch stärker als zuvor ins öffentliche Bewußtsein traten, hielt H., bestärkt durch Schleicher und andere Ratgeber, den Zeitpunkt für gekommen, seine Präsidialgewalt für einen richtungweisenden Kurswechsel einzusetzen. Ein „H.-Kabinett“ sollte gebildet und notfalls auch unabhängig von der Parteienmehrheit gehalten werden. Auf jeden Fall sollte von nun an ohne die SPD regiert werden. H. wünschte eine Abkehr vom fragwürdig gewordenen reinen Parlamentarismus, das heißt eine dauerhafte Schwenkung nach rechts, wobei er außer dem allgemeinen „vaterländischen“ Wohl speziell auch eine verstärkte Hilfe für die in der Krise besonders gefährdete ostdeutsche (Groß)-Landwirtschaft im Auge hatte. Wenn auch offensichtlich die Initiative zum „H.-Kabinett“ stärker von Schleicher als von dem auch hier nicht selbst treibenden H. ausgegangen ist, so hat der Reichspräsident doch die Berufung →Brünings zum Reichskanzler (30.3.1930) als Beginn für den erwünschten Kurswechsel angesehen. Daraus folgte, daß H. „seinen“ Kanzler im Juli 1930 mit Hilfe des Artikel 48 der Verfassung und der Reichstagsauflösung gegen die widerstrebende Reichstagsmehrheit deckte, daß er aber zwischen dem Herbst 1930 und dem Frühjahr 1932 in dem Maße sich →Brüning entfremdete, als dieser de facto trotz seiner unpopulären Wirtschaftspolitik immer mehr ein Kanzler der Mitte und der Linken und immer weniger der sich von ihm zunehmend abwendenden Rechten wurde. Auch hier war Schleicher neben andern Einflüssen von rechts politisch entscheidend, schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1931, besonders aber im Frühjahr 1932,|als es um die Frage der Amtsverlängerung oder der Wiederwahl H.s ging. Der Reichspräsident lehnte damals →Brünings Plan ab, daß er als Reichsverweser bis zur Einsetzung eines Monarchen weiter im Amt bleiben sollte, da für ihn eine monarchische Restauration nur mit Wilhelm II. als Kaiser in Betracht kommen konnte. Die Wiederwahl wurde unvermeidlich, weil eine verfassungsändernde Mehrheit im Reichstag für eine Amtsverlängerung ohne Wahl nicht erreichbar war. Widerwillig fügte sich H.der Tatsache, daß nur er noch für populär genug gehalten werden konnte, gegen Hitler den Wahlsieg davonzutragen. Daß er, verglichen mit 1925, gleichsam mit verkehrter Front, das heißt von links und der Mitte gegen rechts gewählt wurde, hat H. kaum verwinden können. Nachdem er im 2. Wahlgang mit der absoluten Mehrheit von 53% vor Hitler mit 37% und Thälmann mit 10% gewählt worden war, ließ er seinem Unmut über →Brüning freien Lauf. Den letzten Anstoß gab der Entwurf eines Siedlungsgesetzes, in dem die Aufsiedlung nicht entschuldungsfähiger Güter vorgesehen war. H. gab dem daraufhin einsetzenden Druck des Reichslandbundes und der Deutschnationalen Volkspartei bereitwillig nach und entließ →Brüning, den er ohnehin fallen lassen wollte, am 30.5.1932.
Zu dem von Schleicher vorgeschlagenen Nachfolger Franz von Papen und dessen konservativem Kabinett gewann H. alsbald Sympathie und Vertrauen. Die Grenze dieser engen Beziehung war jedoch durch H.s Treue zur Verfassung gesetzt. Der Reichspräsident lehnte Ende November 1932 eine befristete Diktatur Papens als Ausweg aus der staatspolitischen Krise ab, da die Verfassung einer Suspension des Reichstags widersprach, mochte diese auch nur für ein halbes Jahr vorgesehen sein. H. trennte sich ungern von Papen, hielt es aber für seine Pflicht, Schleicher als Kanzler einen verfassungsgerechten Ausweg aus der Krise finden zu lassen. Als Schleicher damit im Januar 1933 gescheitert oder vorerst stecken geblieben war und nun seinerseits die Diktatur mit suspendiertem Reichstag für ein halbes Jahr forderte, lehnte H. wiederum ab und ließ sich unter dem Druck persönlicher Einflüsse widerstrebend dazu bringen, Hitler als Reichskanzler eines konservativ-nationalsozialistischen Koalitionskabinetts verfassungsgemäß zu berufen (30.1.1933).
In den folgenden 1½ Jahren war H. dem Vorgehen Hitlers aus Mangel an Urteilskraft und Information mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Seine Zustimmung zur nationalen „Erneuerung“ Deutschlands in der Anknüpfung an eine alte geliebte Tradition (Tag von Potsdam, 21.3.1933) wurde durch schwere Sorgen über die nationalsozialistische „Revolution“ überdeckt. Mit Hilfe des Vizekanzlers von Papen suchte H., die von Hitler zunehmend zurückgedrängten konservativen Kräfte wirksam zu erhalten. So lehnte er Anfang 1934 die Ernennung des „zu jugendlichen“ Generals von Reichenau zum Chef der Heeresleitung ab und setzte gegen Hitler und Blomberg die Ernennung des Generals Freiherr von Fritsch durch. In den letzten Lebensmonaten ist H. teils infolge Nachlassens seiner Kraft, teils infolge der von Hitler bewerkstelligten Isolierung schon mehr und mehr ausgeschaltet gewesen. Mit seinem Tode erlosch das Amt des Reichspräsidenten, das auf Grund eines schon vorher verabschiedeten Gesetzes mit dem des Reichskanzlers vereinigt wurde. Der längst erhoffte Tod H.s gab Hitler den Weg noch unbehinderter als zuvor frei.
H.s Bedeutung ist in und nach dem 1. Weltkrieg von einem großen Teil der deutschen Nation überschätzt worden. In der Staats- und Wirtschaftskrise 1930-33 verlor sein Mythos im Kreuzfeuer zwischen „Republik“ und „nationaler Revolution“ an Ausstrahlungskraft. H. war 1916-18 sowie 1925-33 überfordert, als er aus dem militärischen Bereich herauszutreten und eine politische Führungsrolle zu spielen genötigt war. Sein Ausharren im Dienst, inmitten einer weithin fremden, ja zum Teil von ihm mißachteten Umwelt, hat zum Scheitern der demokratischen Republik beigetragen; H.s bei aller Verfassungsloyalität gleichwohl stets lebendiges Wunschziel einer monarchischen Restauration wurde dabei nie aktualisiert. So ist der vor 1914 glänzend aufgestiegene Generalstabsoffizier und der im Kriege gefeierte Feldherr als Greis in eine für ihn ausweglose Tragik verstrickt gewesen.
8. Marlene Dietrich
1901 – 1992
Schauspielerin, Sängerin
Marlene Dietrich zählt zu den bekanntesten Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Hauptrolle als Revuesängerin Lola Lola im Kinofilm „Der blaue Engel“ (1930) begründete ihren Mythos als erotische Filmdiva und Stilikone. Mit ihren Erfolgen in Hollywood wurde sie zum international gefeierten Star. Trotz lukrativer Angebote der deutschen Filmindustrie ging sie nach 1933 nicht nach Deutschland zurück, sondern unterstützte Emigranten und besonders die US-Armee bei ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie deshalb in weiten Teilen der bundesdeutschen Öffentlichkeit als „Vaterlandsverräterin“ abgelehnt.
Ausbildung und Anfänge am Theater
Dietrich besuchte seit 1907 Schulen in Berlin und Dessau, ehe sie im Frühjahr 1918 die Berliner Victoria-Luisen-Schule ohne Abschluss verließ. Für die Filmschauspielerin Henny Porten (1890–1960) schwärmend, spielte sie Violine in den Orchestern von Stummfilmkinos. Auf Veranlassung der Mutter besuchte Dietrich seit Herbst 1920 ein Mädchenpensionat in Weimar und erhielt Privatunterricht als Konzertgeigerin bei Robert Reitz (1884–1951). 1921 studierte sie kurze Zeit Violine an der Berliner Hochschule für Musik. Nach ihrer Ablehnung an der Schauspielschule von Max Reinhardt (1874–1943) nahm sie Schauspielunterricht bei Berthold Held (1868–1931) und spielte von Juni 1922 bis 1929 in ca. 26 Theaterstücken in Berlin und Wien meist kleine und mittlere Rollen in Komödien sowie in einigen Dramen u. a. Frank Wedekinds (1864–1918), William Shakespeares (1564–1616) und Heinrich von Kleists (1777–1811).
Von Berlin nach Hollywood
Im Juli 1922 erhielt Dietrich eine erste kleine Rolle in dem Kinofilm „So sind die Männer“ unter der Regie von Georg Jacoby (1882–1964). Im selben Jahr engagierte sie der Produktionsleiter Rudolf Sieber (1897–1976), den sie 1923 heiratete, für den mehrteiligen Film „Tragödie der Liebe“ unter der Regie von Joe May (1880–1954), worauf weitere Engagements in Stummfilmen folgten. Einen ersten Erfolg hatte sie 1928 mit der Revue und der Schallplattenaufnahme des Liedes „Es liegt in der Luft“ von Mischa Spoliansky (1898–1985).
Im September 1929 wurde der Regisseur Josef von Sternberg (1894–1969) bei einer Aufführung von Georg Kaisers (1878–1945) Revue „Zwei Krawatten“ am Berliner Theater auf Dietrich aufmerksam und engagierte sie für den Ufa-Tonfilm „Der blaue Engel“ (1930), basierend auf Heinrich Manns (1871–1950) Roman „Professor Unrat“. An der Seite von Emil Jannings (1884–1950) machte sie in der weiblichen Hauptrolle der Varietésängerin Rosa Fröhlich, genannt Lola Lola, Furore; legendär wurde dabei ihre Interpretation der Lieder Friedrich Hollaenders (1896–1976), v. a. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Im „Blauen Engel“ verkörperte sie die Frauenfigur, für die sie in den folgenden Jahren berühmt wurde: eine unabhängige, freche, erotisch aktive Frau, die sich ihre männlichen Begleiter selbst aussucht.
Am 13. Februar 1930 wurde Dietrich von der US-amerikanischen Produktionsgesellschaft Paramount Pictures unter Vertrag genommen und übersiedelte im April in die USA. Dort drehte sie unter Sternbergs Regie an der Seite von Gary Cooper (1901–1961) das Liebesdrama „Morocco“ (1930), den Spionagefilm „Dishonored“ (1931) sowie den Abenteuer- und Liebesfilm „Shanghai Express“ (1932). Vor allem „Morocco“ und „Shanghai Express“ wurden Welterfolge und machten Dietrich zum internationalen Star. Zahlreiche außereheliche Liebesaffären brachten sie in die Klatschspalten internationaler Zeitschriften; auch ihr männlicher Kleidungsstil sorgte für Aufsehen.
Nach dem Misserfolg von Sternbergs Film „Blonde Venus“ (1932) mit Dietrich spielte sie unter der Regie von Rouben Mamoulian (1897–1987) die Sängerin Lilly Czepanek in „Song of Songs“ (1933) und unter der Regie Sternbergs Katharina die Große in „The Scarlett Empress“ (1934) sowie die Tänzerin Concha Pérez in „The Devil is a Woman“ (1935). Die Filme Sternbergs bilden das zentrale Korpus des Dietrich-Mythos. Aus der Rolle der unbeschwert-lebenslustigen Lola Lola entwickelte er eine lebenserfahrene Frau, die die Männer beherrscht. Nachdem ihre letzten beiden Filme kommerzielle Flops gewesen waren, beendete Sternberg die Zusammenarbeit mit Dietrich 1935. Paramount Pictures lieh Dietrich 1936 an den Produzenten David O’Selznick (1902–1965) aus, der mit ihr den ersten Technicolor-Film drehte, die Romanze „Garden of Allah“ (1936). 1937 lehnte sie ein Angebot ab, für Filmproduktionen der Universum Film AG (Ufa) nach Deutschland zurückzukehren.
Den Sommer 1938 verbrachte Dietrich mit dem Schriftsteller Erich Maria Remarque (1898–1970) an der Côte d’Azur. Im März 1937 beantragte sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, die sie 1939 erhielt; für Remarque besorgte sie ein einjähriges Visum für die USA, anderen Emigranten und Verfolgten des NS-Regimes half sie mit Geld und ihren Beziehungen. Im Juli 1939 offerierte ihr der Produzent Joe Pasternak (1901–1991) die weibliche Hauptrolle in der Westernkomödie „Destry Rides Again“ (1939) neben James Stewart (1908–1997). Mit Liedern wie „Joe the Wrangler“ und „See What the Boys in the Backroom Will Have“ veränderte sie ihr Image von der europäisch anmutenden Diva und Salonlöwin zu einer dem US-amerikanischen Publikumsgeschmack entsprechenden pragmatischen Frau. Der Film wurde ein Erfolg und verhalf Dietrich zum Comeback in den USA. Im Liebesfilm „Seven Sinners“ (1940) besingt sie in einem weißen Marineanzug die Männer der US-Navy und eroberte an der Seite von John Wayne (1907–1979) die Herzen des Publikums. Seit 1941 hatte Dietrich eine mehrjährige Liebesbeziehung mit Jean Gabin (1904–1976).
Truppenbetreuung im Zweiten Weltkrieg und Rückkehr in das Filmgeschäft
Nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg Ende 1941 reiste Dietrich mit Liedern aus ihren Filmen auf einer Werbetournee für Kriegsanleihen mehr als ein Jahr durch die USA. Im April 1944 schloss sie sich der United Service Organizations (USO) an, die hinter den Kriegsfronten für die Unterhaltung der US-amerikanischen Soldaten sorgte. Von April bis Juni 1944 sang und spielte sie in Nordafrika und Europa vor rund 150 000 Soldaten; zum festen Bestandteil ihres Repertoires gehörte das Soldatenlied „Lilli Marleen“. Eine zweite Tour führte sie von September 1944 bis Juli 1945 nach England, Frankreich, Deutschland und bis nach Pilsen (Tschechoslowakei).
Im Frühsommer 1945 kehrte Dietrich nach Hollywood zurück. Der Regisseur Billy Wilder (1906–2002) gewann sie für die Hauptrolle in „A Foreign Affair“ (1948). Die bittere Komödie über das deutsch-US-amerikanische Verhältnis im Spiegel einer Dreiecksbesitzung im besetzten Berlin der Nachkriegszeit wurde wegen seiner politischen Brisanz in der Bundesrepublik nicht aufgeführt und erstmals 1977 im Fernsehprogramm der ARD ausgestrahlt.
Revueauftritte und späte Filmkarriere
1953 konzipierte Dietrich für das Sahara-Hotel in Las Vegas (Nevada, USA) eine 20minütige Show mit Liedern aus ihren Filmen, die in den folgenden Jahren aufgrund des großen Erfolgs ausgebaut wurde und mit der sie bis 1974 weltweit auf Tournee ging. Der Kostümbildner Jean Louis (1907–1997)entwarf für sie ein „nacktes Kleid“, was einen Skandal auslöste. 1960 trat sie mit ihrer Revue in der Bundesrepublik auf und wurde wegen ihrer Unterstützung für die US-Armee während des Zweiten Weltkriegs angefeindet. Sie erhielt Drohbriefe, und ihre Konzerte wurden teilweise von Demonstrationen gegen ihre Person überschattet. 1962 sprach sie den Kommentar zu „The Black Fox“, einer britischen Dokumentation über den Aufstieg und Fall Adolf Hitlers (1889–1945).
Dietrich drehte seit Beginn der 1950er Jahre nur noch wenige Kinofilme. In Wilders „Witness for the Prosecution“ (1957) spielte sie die weibliche Hauptrolle, in Orson Welles (1915–1985) „Touch of Evil“ (1958) verkörperte sie eine Wahrsagerin. Zur Berliner Weltpremiere von „Judgment at Nuremberg“ am 14. Dezember 1961 reiste Dietrich nicht an, da sie mit ihren Shows beschäftigt war und sich öffentliche Demonstrationen gegen ihre Person ersparen wollte. Ihr musikalischer Leiter Burt Bacharach (1928–2023) arrangierte für sie 1962 u. a. den Song „Where Have All the Flowers Gone“ von Pete Seeger (1919–2014), der in Dietrichs englischer, deutscher und französischer Interpretation ein Welterfolg wurde. Unter dem Titel „I Wish You Love“ wurde eine Aufzeichnung ihrer Bühnenshow 1973 in Großbritannien und den USA im Fernsehen ausgestrahlt.
Nachdem sich Dietrich am 29. September 1975 in Sidney (Australien) bei einem Unfall einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen hatte, konnte sie nicht mehr auf der Bühne auftreten. Seitdem zog sie sich in ihre Pariser Wohnung zurück. Der Regisseur und Produzent Rolf Thiele (1918–1994) bewegte sie 1978 zu einem Kurzauftritt in seinem Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo“, in dem sie das gleichnamige Lied sang. Der Dokumentarfilm „Marlene“ (1984) mit Interviewsequenzen Dietrichs mit Maximilian Schell (1930–2014) gilt als einzigartiges Dokument ihrer Verweigerung gegenüber der Öffentlichkeit in den letzten Lebensjahren.
9. Albert Einstein
Selten wohl hat ein Mensch das „Gesetz, danach er angetreten“ so zwingend in sich gefühlt und ist ihm, zunächst in kindlicher Unbewußtheit, allen äußeren Einflüssen zum Trotz gefolgt, wie E.. Als gereifter Gelehrter erinnerte er sich noch einiger Gedanken aus seiner Kindheit, die deutlich den Zug zu dem verraten, was wir heute Relativitätstheorie nennen. Von allem Wissensstoff, den das Gymnasium vermittelte, berührte ihn näher einzig und allein die euklidische|Geometrie; noch im Alter pries er sie begeistert als eine notwendige Vorstufe für jede Beschäftigung mit theoretischer Physik, weil sie die innere Konsequenz, die Geschlossenheit besitzt, welche für die Physik das anzustrebende, wenn auch nie völlig zu erreichende Ziel ist. Zu dieser Veranlagung kam eine ebenso früh scharf ausgeprägte und mit den damaligen Zuständen keineswegs konforme politische Einstellung, die sich wohl zum Teil aus seiner jüdischen Abkunft erklärt. Zum „guten Schüler“ eignete er sich unter diesen Umständen wenig und hatte darunter zu leiden; seine Schulzeit verlief irregulär und hätte dies wohl auch getan, wenn die Umzüge seiner Eltern, von Ulm nach München, dann nach Pavia und Mailand, nicht dazu beigetragen hätten. 1894 verließ er eigenmächtig das Münchener Luitpoldgymnasium, besuchte dann ein Jahr eine internationale Schule in Mailand und meldete sich 1895 bei der TH Zürich für das mathematisch-physikalische Fachlehrerstudium. Diese erste Bewerbung gelang nicht, sondern erst eine zweite 1896, nachdem er gewisse Lücken seiner Bildung auf der Aargauischen Kantonschule in Aarau ausgefüllt hatte. Aber auch das Studium gab ihm, was er suchte, nur unvollkommen. Eigentlich hörte er nur mathematische Vorlesungen, und auch diese unregelmäßig, während ihm das physikalische Praktikum freilich die unmittelbare Berührung mit der Erfahrung gab, die ihren Eindruck auf ihn nicht verfehlte. Hauptsächlich aber holte er sich die ihm zusagenden Kenntnisse autodidaktisch aus den Werken von →Helmholtz, →Kirchhoff, →Clausius, →Boltzmann, →Planck und anderen. Zum Diplomexamen, welches er 1900 (keineswegs schlecht) bestand, mußte er sich freilich, wie jeder, auch anders vorbereiten. Der „Wust“, den er dabei wohl oder übel verarbeiten mußte, verleidete ihm für ein ganzes Jahr das weitere Lernen. Von seinen Lehrern hat auch auf der Hochschule keiner geahnt, was in ihm steckte.
Auch sonst war dieses Jahr für ihn schwer wegen seiner Mittellosigkeit. Er versuchte es mit verschiedenen Aushilfestellungen, konnte aber erst festen Fuß fassen, als er 1901 durch Empfehlungen, die auf einen seiner Studienkameraden zurückgingen, beim eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum (das heißt dem Patentamt) in Bern als wissenschaftlicher Expert angestellt wurde. Dieses Amt sicherte ihn materiell und ließ ihm doch noch genug Zeit, seinen eigenen Ideen nachzuhängen.
Jetzt kam seine Genialität zur Entfaltung. Auf einige methodisch interessante Arbeiten über Brownsche Molekularbewegung und andere thermodynamische Schwankungen folgten in dem einen Jahr 1905 zwei Veröffentlichungen, die für fast alle weitere Forschung E.s grundlegend waren und heute zum festen Bestand der Wissenschaft gehören. Sie betrafen zwei ganz verschiedene Gebiete der Physik, nämlich die Quanten- und die Relativitätstheorie.
Die Quantentheorie hatte Planck 1900 begründet, als er das Verteilungsgesetz der Energie im Spektrum der Hohlraumstrahlung aufstellte. Dabei mußte er im Gegensatz zu aller älteren Physik den Gedanken zugrunde legen, daß die Energie eines Oszillators sich nicht stetig verändern kann, sondern nur um diskrete Stufen, deren Höhe durch die Schwingungszahl des Oszillators und eine von ihm neu entdeckte, universelle Konstante, das elementare Wirkungsquantum h, bestimmt ist. Das hatte zunächst wenig Beachtung, noch weniger Glauben gefunden. E. griff nun diese Idee auf und schuf, ohne Rücksicht auf die wohlbewährte Wellentheorie des Lichtes, den Begriff des Lichtquants, eines Atoms der strahlenden Energie, dessen Energieinhalt gerade einer Energiestufe eines Oszillators von derselben Schwingungszahl wie das Licht entspricht. Strahlung ist danach nichts anderes als eine Gesamtheit von Lichtquanten. Diese Auffassung stützte sich auf mehrere bislang unerklärte Beobachtungen, zum Beispiel das Stokessche Gesetz für das Fluoreszenzlicht, dessen Schwingungszahl stets kleiner ist als die des erregenden Lichtes, und jene von Lenard entdeckte Tatsache, daß die Energie der im lichtelektrischen Effekt freigesetzten Elektronen nur von der Schwingungszahl des Lichtes, nicht von seiner Intensität abhängt. E. konnte sogar voraussagen, daß diese Energie eine lineare Funktion der Schwingungszahl sein muß, was spätere Messungen vollauf bestätigen. Auf die Plancksche Berechnung der mittleren Energie eines Oszillators als Funktion der Temperatur führte E. 1907 den Abfall der spezifischen Wärme fester Körper mit sinkender Temperatur zurück, und 1912 stellte er in diesem Zusammenhang das photochemische Äquivalenzgesetz auf, demzufolge der primäre Elementarakt der Photochemie in der Absorption eines Lichtquantes durch ein Molekül und der entsprechenden chemischen Umsetzung besteht, auf die freilich im allgemeinen noch viele mehr oder minder verwickelte Folgereaktionen folgen. Auch diese Theorie hat schließlich im Experiment volle Bestätigung gefunden. Die Idee des Lichtquants gehört heute zu dem erprobten Rüstzeug der Quantentheorie.
Die zweite, vielleicht noch größere Leistung aus jenem Schicksalsjahr 1905 war die Grundlegung der Relativitätstheorie. Das 19. Jahrhundert hatte zu Beginn die Wellentheorie des Lichtes gesichert und die Geschwindigkeit des Lichtes mit immer wachsender Genauigkeit gemessen, sowohl gegenüber der Erde als auch gegenüber dem Planetensystem. Die Übereinstimmung beider Messungen war aber auf Grund der klassischen Physik unverständlich, da sich die Erde doch im Planetensystem bewegt. Zahllos waren die Experimente, welche diese Problematik klären sollten, kaum weniger zahlreich die theoretischen Ansätze dazu. Da man seit →Clerk Maxwell und →Heinrich Hertz das Licht als elektromagnetische Wellen ansah, spielten auch elektromagnetische Versuche dabei mit. Bald nach 1900 hatten Forscher wie →H. A. Lorentz und →Henri Poincaré beachtliche Gesichtspunkte zu dieser Frage aufgestellt, ohne jedoch zu völlig befriedigendem Ergebnis zu gelangen.
E., der viel dachte, aber wenig las und infolgedessen anfangs von diesen seinen Vorgängern nichts wußte, faßte das Problem von der grundsätzlichen Seite an. Er forderte ein Relativitätsprinzip, demzufolge es eine Vielzahl von gleichberechtigten Bezugssystemen in der Physik gibt, in denen genau dieselben Naturgesetze herrschen, also zum Beispiel auch die Lichtgeschwindigkeit denselben Wert hat. Diese Bezugssysteme haben gegeneinander gleichförmige Bewegungen ohne Drehung; ihre gegenseitigen Geschwindigkeiten liegen stets unter der des Lichtes. Die entscheidende Frage, wie man die räumlichen Koordinaten vom einen zum anderen Bezugssystem umzurechnen hat, beantwortet die Lorentztransformation, so genannt, weil sie schon bei →H. A. Lorentz auftrat, ohne daß dieser das Relativitätsprinzip in seinem ganzen Umfang erkannt hätte. Dabei wird aber auch die Zeit umgerechnet. Zwei Ereignisse, die in einem Bezugssystem gleichzeitig sind, sind in einem anderen im allgemeinen ungleichzeitig. Und die Längen zweier Stäbe stimmen in verschiedenen Bezugssystemen nicht überein. Vor solchen Folgerungen hätte wohl jeder zurückgeschreckt, hätte nicht E. gezeigt, daß sie sich ganz anschaulich herleiten lassen, wenn man bedenkt, daß man Signale vom einen zum anderen Raumpunkt höchstens mit Lichtgeschwindigkeit übertragen kann. In dieser Kritik der Raum- und Zeitmessung lag das unerhört Neue dieser speziellen Relativitätstheorie. Über die Relativität der Gleichzeitigkeit ist jahrzehntelang erbittert gekämpft worden.
Eine weitere, Widerspruch herausfordernde Folgerung war das E.sche Additionstheorem der Geschwindigkeiten, demzufolge die Zusammensetzung einer Lichtgeschwindigkeit mit einer beliebigen anderen wieder Lichtgeschwindigkeit ergibt, übrigens eine notwendige Konsequenz der Voraussetzung, daß die Lichtgeschwindigkeit in allen Bezugssystemen die gleiche ist. Sodann trat an die Stelle der Newtonschen Dynamik eine relativistische, bei der Energie und Impuls eines beschleunigten Körpers über alle Grenzen wachsen, wenn sich dessen Geschwindigkeit der des Lichtes nähert. Erreichung der Lichtgeschwindigkeit ist danach ausgeschlossen. Diese Dynamik bestätigten bald genaue Messungen über die Ablenkbarkeit von Elektronen im elektrischen oder magnetischen Feld; heute beruht die Konstruktion der großen Teilchenbeschleuniger (Zyklotron, Linearbeschleuniger und so weiter) auf der relativistischen Dynamik, die sich dabei vollauf bewährt.
Als kleinen Nachtrag zu dieser ersten Veröffentlichung brachte dann dasselbe Jahr 1905 noch E.s Gesetz von der Trägheit der Energie. Die Masse eines Körpers ist danach gleich seinem Energieinhalt, dividiert durch das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit. Dieses Gesetz hat Geschichte gemacht. Schien es anfangs in der Natur keine besondere Rolle zu spielen, so hat es sich später als eine Grundlage der Physik der Atomkerne herausgestellt und in der Atombombe eine wahrlich durchschlagende Bestätigung gefunden.
Diese beiden großen Entdeckungen E.s von 1905 machten ihn, trotz aller gegen sie erhobenen Zweifel, sogleich berühmt. Zwar weigerte sich die Berner Universität noch 1906, ihn auf Grund der Relativitätstheorie zu habilitieren; sie holte das aber 1907 auf Grund einer anderen Habilitationsschrift nach. Dann kamen die Berufungen in rascher Folge: 1909 an die Universität Zürich, 1911 an die Universität Prag und 1912 an die TH Zürich. Hier war er zu Vorlesungen über theoretische Physik verpflichtet. Davon befreite ihn 1913 eine Berufung an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin, an der er hauptamtliches Mitglied wurde, mit Lehrberechtigung an der Universität, aber ohne Verpflichtung dazu. 1914 wurde er Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin. Diese Stellungen behielt er bis 1933 bei.
Das Vertrauen, das sich in dieser Berufung aussprach, rechtfertigte E. vollauf. Denn neben mancher anderen wertvollen Arbeit vollendete er 1915 sein größtes Werk: die allgemeine Relativitätstheorie, die ihn schon|seit 1907 beschäftigt hatte. Die spezielle Relativitätstheorie enthielt nämlich keine Begründung für die Existenz der allgemeinen, Newtonschen Massenanziehung, insbesondere fehlte es ihr wie der früheren Physik überhaupt an einer Deutung jenes empirisch wohlbestätigten Gesetzes von der Gleichheit von träger Masse, wie sie im Newtonschen Bewegungsgesetz auftritt, und der schweren Masse, welche für die Anziehung verantwortlich ist. Durch eine kühne Opferung der euklidischen Geometrie, welche die gesamte Physik seit den ältesten Zeiten als selbstverständliche Grundlage aller Raummessung betrachtet hatte, und geeignete Übernahme der Grundideen der speziellen Relativitätstheorie gelang es E., beide Mängel zu beseitigen, ohne etwas Wesentliches von den älteren physikalischen Ergebnissen zu opfern. Aber mehr noch: Zwangsläufig ergaben sich aus dieser neuen Theorie 3 astronomische Effekte, von denen der eine, die Perihelbewegung des Planeten Merkur, schon lange bekannt, aber unerklärt war, während die Lichtablenkung an der Sonne erst 1919 auf E.s Anregung hin von →Eddington entdeckt und die Verschiebung der Spektrallinien nach manchen Mißerfolgen schließlich an Fixsternen besonders großer Dichte festgestellt wurde. Die Auffindung der Lichtablenkung hob den Ruhm E.s fast ins Übermenschliche. Und er wuchs noch weiter, als die allgemeine Relativitätstheorie noch für eine andere rätselhafte astronomische Beobachtung eine plausible Deutung fand, nämlich die aus den Dopplereffekten von →E. Hubble und anderen erschlossene Fortbewegung ferner Milchstraßensysteme (im allgemeinen Nebel genannt) von unserem eigenen galaktischen System. Diese Theorie eröffnete nämlich die Möglichkeit, den dreidimensionalen Raum als einen Kugelraum von ständig wachsendem Radius anzusehen, was dann selbstverständlich zu wachsenden Abständen zwischen allen Körpern, führt. Eine ganz neue Kosmologie bahnt sich hier an.
Aber mit dem Ruhm wuchs auch die Anfeindung. Zwar im 1. Weltkrieg gewannen dessen Aufregungen und Nöte keinerlei Einfluß auf E.s Produktivität. Er hatte sein Inneres gut abgeriegelt gegen äußere Einwirkungen. Aber nach dem Zusammenbruch des deutschen Reiches 1918 schwoll eine Welle von ungehemmtem Nationalismus, vermischt mit Antisemitismus an und wandte sich auch gegen E., dessen andersartige politische Denkart aus der Kriegszeit her bekannt war. Es bildete sich in Berlin zum Beispiel eine Gesellschaft der Einsteingegner mit dem Ziel, seine Wissenschaft in öffentlichen Versammlungen anzugreifen; allerdings kamen davon nur zwei wirklich zustande. Auch dies machte ihm keinen Eindruck. Aber allmählich kam die Hitlersche Bewegung auf, welche alsbald zu Gewalttaten gegen Juden und politisch anders Denkende überging. Das erforderte Vorsicht, und so verließ E.Ende 1932 Deutschland. Wie berechtigt dies war, zeigte sich alsbald nach der sogenannten Machtergreifung vom 30.1.1933. Nun plante die „Partei“ den Ausschluß E.s aus der Preußischen Akademie, und zwar zum Tage des Judenboykotts vom 1.4.1933. E. kam ihm zuvor, indem er von Belgien aus seinen Austritt erklärte. Er hat Deutschland nie mehr betreten, wanderte vielmehr über England nach den Vereinigten Staaten von Amerika aus.
In Princeton, jener hübschen kleinen Universitätsstadt, erhielt er ein Amt an dem Institute for Advanced Study, welches ihm dieselbe Freiheit von Lehrverpflichtungen gewährte wie die Berliner Stellung. Dort hat er, abgesehen von einigen Reisen auf dem amerikanischen Kontinent, den Rest seines Lebens verbracht. Zu seinen wesentlichen Beschäftigungen gehörte ein vergebliches Ringen um ein Verständnis der Quantentheorie, wie sie sich in den 20er Jahren durch Wellenmechanik und so weiter entwickelt hatte. Aber kurz vor seinem Tode gestand er als ein Ergebnis lebenslangen Grübelns ein, daß man von einem Verständnis der atomaren Vorgänge noch viel weiter entfernt sei, als es die meisten Physiker zugeben wollten. Ferner versuchte er weitere Verallgemeinerungen der Relativitätstheorie, um in ihren nun die gesamte Mechanik und Gravitation umfassenden Bau auch die elektromagnetischen Vorgänge einzubeziehen. Trotz unsagbarer Mühe und Geduld blieb ihm auch hier wohl ein Erfolg versagt.
Außerdem aber besaßen jetzt seine politischen Sorgen ein Übergewicht. Selbstverständlich rüttelten ihn Hitlers Judenverfolgungen auf, ja, er fühlte sich vielleicht jetzt erst so recht diesem unglücklichen Volke angehörig. Aber soviel er auch im Einzelnen tat, hervorgetreten ist er an einer entscheidenden Stelle nur einmal; als nämlich die wissenschaftliche Forschung die Möglichkeit einer Atombombe ergeben hatte, und man in Amerika vielfach befürchtete, eine solche werde in Deutschland hergestellt werden, legte ihm →Leo Szilard, damals in Chicago (früher in Berlin), ein an den Präsidenten →Roosevelt zu richtendes Schreiben vor, in welchem die amerikanische Regierung aufgefordert wurde, die zur Produktion solcher Bomben notwendigen Vorkehrungen sofort in Gang zu setzen. Und E. unterschrieb.
An den weltgeschichtlichen physikalisch-technischen Arbeiten zur Verwirklichung hat er freilich nicht persönlich teilgenommen, die Anwendung der Bombe über Hiroshima und Nagasaki nicht gebilligt. Als Pazifist, der er mit aller Entschiedenheit war, hat er nach Kriegsende nicht aufgehört, seine Stimme gegen weitere Verwendung der Bombe zu erheben wie gegen alle Kriegsrüstung. Daneben aber wandte er sich als alter Freiheitskämpfer auch gegen alle Gesinnungsforschung, wie sie einige Jahre hindurch unter der Ägide des Senators →McCarthy in den Vereinigten Staaten im Gange war. Konnte er das Ende dieser Bewegung auch noch erleben, so blieb ihm doch in der Politik, ebenso in der Wissenschaft, so mancher Wunsch unerfüllt. Immerhin, auf dem Sterbebett konnte er mit vollem Recht sagen: „Meine Arbeit ist getan“.
E.s leidenschaftliches Forschungsbedürfnis zeigte sich auch in seinen Gesprächen mit Fachgenossen; er war unermüdlich in der Auseinandersetzung der ihn gerade beschäftigenden Gedanken. Daneben ging er gern, namentlich in höheren Jahren, auf Politik, soziale Verhältnisse, aber auch religiöse Fragen ein, in denen er einen durchaus eigenen Standpunkt einnahm. Er liebte die Musik, namentlich →Bach und →Mozart, spielte von Jugend auf Violine und war für Hauskonzerte gesucht. In seinen letzten Jahren, als sich allerhand Altersleiden eingestellt hatten, zog er sich mehr und mehr in sein schönes Heim in Princeton zurück. Besucher, die vorgelassen wurden, konnten ihn dann antreffen meditierend, lesend oder auch im Gespräch mit einem seiner jungen Mitarbeiter. Leiden ertrug er mit Geduld, den Tod erwartete er bei voller Besinnung in altgewohnter Seelenruhe. Denn er war nicht nur ein wissenschaftliches Genie, sondern auch ein in sich gefestigter Charakter.|
10. Werner Heisenberg
1901 – 1976
Theoretischer Physiker
Werner Heisenberg war einer der wichtigsten Physiker des 20. Jahrhunderts. 1925 begründete er die Quantenmechanik und trug mit seiner Unschärferelation (1927) wesentlich zur Deutung dieser Theorie bei. Er war einer der Begründer der Quantenfeldtheorie und der Kernphysik. Während des Zweiten Weltkriegs leitete er die Kernforschung im nationalsozialistischen Deutschland. Nach 1945 war er als Wissenschaftsorganisator führend beim Wiederaufbau der Wissenschaften in der Bundesrepublik.
Ausbildung
1910 zog Heisenberg mit seiner Familie nach München, wo er das von seinem Großvater geleitete Maximiliansgymnasium besuchte. Für den Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg zu jung, beteiligte er sich 1919 als Freiwilliger an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik, ohne an Kampfhandlungen teilzunehmen.
Nach dem Abitur 1920 studierte Heisenberg Physik an der Universität München und wurde hier 1923 bei Arnold Sommerfeld (1868–1951) mit einer Dissertation, die sich mit dem Problem der Turbulenz beschäftigte, zum Dr. phil. promoviert. Im Herbst 1923 trat er eine Stelle als Assistent bei Max Born (1882–1970) an der Universität Göttingen an, habilitierte sich im Sommer 1924 mit einer Arbeit zum Zeeman-Effekt für Theoretische Physik und erhielt nach einem kurzen Besuch im Frühjahr 1924 von Niels Bohr (1885–1962) das Angebot, mit einem Stipendium nach Kopenhagen zu kommen. Von Born freigestellt, blieb Heisenberg von September 1924 bis April 1925 an Bohrs Institut.
Heisenberg in Göttingen, Kopenhagen und Leipzig
Zurück in Göttingen, beschäftigte sich Heisenberg mit der Berechnung von spektralen Intensitäten, eine Fragestellung, die ihn zur Quantenmechanik führte. Anfang Juni 1925 brach er zu der legendenumwobenen Reise nach Helgoland auf, während der er weitere Durchbrüche auf dem Weg zur Quantenmechanik erzielte. Am 9. Juli vollendete Heisenberg, wieder in Göttingen, das Manuskript „Über quantentheoretische Umdeutung kinematischer und mechanischer Beziehungen“ (publiziert im September 1925), mit dem die Quantenmechanik begründet wurde.
In der rasanten Entwicklung der Quantenmechanik zwischen 1925 und 1927 spielte Heisenberg eine zentrale Rolle. Noch 1925 verfasste er mit Born und Pascual Jordan (1902–1980) die sog. Dreimännerarbeit, in der die von Born und Jordan auf Grundlage von Heisenbergs Umdeutung entwickelte Matrizenmechanik zu einer allgemeineren Theorie weiterentwickelt wurde, mit der sich im Prinzip beliebig komplizierte mechanische Systeme quantentheoretisch behandeln ließen. Im Frühjahr 1926 trat Heisenberg auf Einladung Bohrs eine Stelle in Kopenhagen an. Hier schrieb er grundlegende Arbeiten zur Anwendung der Quantenmechanik auf Mehrkörperprobleme, wie das Helium-Atom. Aus der quantenmechanischen Analogie zwischen den Zweielektronensystemen Helium-Atom und Wasserstoff-Molekül schloss Heisenberg, dass es nicht nur Ortho- und Parahelium, sondern auch Ortho- und Para-Wasserstoff-Moleküle gebe. Diese 1929 bestätigte Vorhersage allotroper Formen des Wasserstoffs lieferte die offizielle Begründung für die Zuerkennung des Nobelpreises für Physik 1933 nachträglich für das Jahr 1932. Heisenberg war in Kopenhagen zentral an der Debatte über die Interpretation der Quantenmechanik beteiligt, die sich in der Auseinandersetzung mit Erwin Schrödingers (1887–1961) Wellenmechanik ergab. Heisenbergs wichtigster Beitrag hierzu waren die Unbestimmtheitsrelationen, die er Anfang 1927 aufstellte (auch als Unschärferelationen oder Unschärferelation bekannt).
Im November 1927 nahm Heisenberg einen Ruf als ordentlicher Professor für Theoretische Physik an die Universität Leipzig an. Mit grundlegenden Beiträgen zu Quantenfeldtheorie und Kernphysik etablierte er, mit dem 1929 dorthin berufenen Friedrich Hund (1896–1997), Leipzig als neues Zentrum quantentheoretischer Forschung. Sein erster Doktorand war 1928 der spätere Nobelpreisträger Felix Bloch (1905–1983). Zu weiteren Schülern zählen Edward Teller (1908–2003) und Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007).
Heisenberg in der Zeit des Nationalsozialismus
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme setzte sich Heisenberg gegen die Entlassungen von Physikprofessoren im Rahmen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und gegen die Übernahme wichtiger Posten durch Vertreter der „Deutschen Physik“ ein. Ansonsten hielt er sich von politischen Fragen fern. Eine Berufung an die Universität München wurde durch die politisch motivierte Ablehnung der Theoretischen Physik verhindert; Angebote für Professuren in den USA, wo er im Sommer 1939 auf Vortragsreise war, lehnte er ab. Im Kontext des Münchner Berufungsverfahrens im Juli 1937 wurde Heisenberg von Vertretern der „Deutschen Physik“ in der Wochenzeitung der SS „Schwarzer Korps“ als Vertreter der Physik Albert Einsteins (1879–1955) scharf angegriffen. Nach einem Brief Heisenbergs an Heinrich Himmler (1900–1945) erfolgte eine langwierige Untersuchung durch die SS, in deren Rahmen Heisenberg im Gestapo-Hauptquartier verhört und am Ende als unpolitischer Akademiker eingestuft wurde. Himmler unterband weitere Angriffe auf ihn. Heisenberg wurde nahegelegt, in der Lehre die Nennung Einsteins Namen und anderer jüdischer Physiker zu unterlassen.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heisenberg zum unter der Ägide des Heereswaffenamts stehenden „Uranverein“ abkommandiert. Bereits im Winter 1939/40 verfasste er zwei Geheimberichte mit Beiträgen zur Theorie des Kernreaktors und Bemerkungen zu Kernwaffen. In den folgenden Jahren betreute er experimentelle Reaktorforschung in Leipzig, später am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin, an das er als Direktor zum Juli 1942 berufen wurde. Es wurde kein funktionierender Reaktor fertiggestellt. In den letzten Kriegsjahren schrieb Heisenberg grundlegende theoretische Arbeiten zur Streutheorie, die mit Kernspaltung nichts zu tun hatten.
Heisenbergs Arbeit während des Kriegs wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Mark Walker (geb. 1959) vertritt die Ansicht, dass eine Atombombe für das Deutsche Reich außer Reichweite gewesen wäre; in dieser Gewissheit hätten die Physiker um Heisenberg ohne weitere moralische Skrupel zur Kernspaltung geforscht. Andere argumentieren, dass die Fertigstellung einer Atombombe durchaus möglich gewesen wäre, aber dass Heisenberg vor 1945 die Physik der Atombombe nicht durchdrungen hätte. Doch auch hier herrscht Uneinigkeit über die Ursachen von Heisenbergs Ahnungslosigkeit: Paul Rose (geb. 1944) führt diese auf Inkompetenz und Überheblichkeit zurück, Manfred Popp (geb. 1941) auf Heisenbergs Unwillen, die Bombe zu bauen.
Wegen der Bombardierung Berlins zog das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik seit Ende 1943 schrittweise nach Hechingen auf der Schwäbischen Alb um. Im April 1945 floh Heisenberg nach Urfeld (Oberbayern), wo sich seine Familie aufhielt. Anfang Mai wurde er, als einer der letzten führenden deutschen Kernphysiker, im Rahmen der US-amerikanischen Alsos-Mission verhaftet und nach zwei Monaten an verschiedenen Internierungsorten in Frankreich und Belgien mit Kollegen an den britischen Geheimdienst übergeben, der sie im Landsitz Farm Hall in Cambridgeshire unterbrachte. Hier wurden die Gespräche der zehn Internierten systematisch abgehört. In Farm Hall erfuhren diese auch vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima, womit offensichtlich wurde, dass die US-amerikanischen Forscher viel weiter gekommen waren als der Uranverein.
Heisenberg in der Bundesrepublik
Anfang 1946 wurden Heisenberg und seine Kollegen in die britische Besatzungszone geflogen und freigelassen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut (bald darauf: Max-Planck-Institut für Physik) wurde mit Heisenberg als Direktor in Göttingen wiederaufgebaut. In den folgenden Jahrzehnten widmete er sich seiner nicht-linearen Spinortheorie, die eine vereinheitlichte Theorie der Elementarteilchen sein sollte und von den Medien als „Weltformel“ bezeichnet wurde. Dieser Versuch gilt als gescheitert, antizipierte jedoch einige Ideen des späteren Standardmodells der Teilchenphysik, wie spontane Symmetriebrechung oder Confinement.
Obwohl Heisenberg wissenschaftlich nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen konnte, wurde er zu einer der wichtigsten Personen der Wissenschaftspolitik der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik, z. B. 1949 als Vorsitzender des Deutschen Forschungsrats, einem der Vorläufer der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Als Gründungspräsident der Alexander von Humboldt-Stiftung (1953) machte er sich um die Internationalisierung der bundesdeutschen Physik verdient. 1957 war Heisenberg Mitunterzeichner der „Göttinger Erklärung“, mit der führende Wissenschaftler erfolgreich gegen die atomare Aufrüstung der Bundesrepublik protestierten.
1958 zog das Max-Planck-Institut für Physik auf Heisenbergs Betreiben nach München um, wo er bis 1970 als Professor für Physik an der Universität wirkte. 1969 veröffentlichte er die Autobiografie „Der Teil und das Ganze“, die zu einem Bestseller wurde. Heisenberg war einer der bedeutendsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Er war nicht nur an der Entstehung der Quantenmechanik zentral beteiligt, sondern prägte ihre Weiterentwicklung und Interpretation über Jahrzehnte. Auch seine philosophischen Betrachtungen, in denen er die Quantenmechanik mit altgriechischer Naturphilosophie und einer Kritik der Moderne verband, stießen v. a. in der Bundesrepublik auf große Resonanz.
11. Bertolt Brecht
1898 – 1956
Schriftsteller, Regisseur, künstlerischer Leiter des Berliner Ensembles
Bertolt Brecht war ein politischer Dichter, der in allen literarischen Gattungen arbeitete. Als Stückeschreiber und Regisseur revolutionierte er mit seinem „epischen Theater“ (später „dialektisches Theater“) die Bühnenkunst des 20. Jahrhunderts. Brechts Sprache ist in ihrer Kombination von Poesie, Direktheit, Traditions- und Formbewusstheit unverwechselbar. Seine Texte und sein Denken übten weit über den deutschen Sprachraum hinaus erheblichen Einfluss auf Kunst, Politik und Gesellschaft aus, weil sie die Welt als veränderungswürdig betrachten und Politisches und Künstlerisches verbinden.
Augsburg oder Literarische Anfänge
Brecht besuchte das Königliche Realgymnasium in Augsburg, wo er mit der Produktion literarischer Texte begann und Freundschaft mit dem späteren Bühnenbildner Caspar Neher (1897–1962) schloss, mit dem er lebenslang immer wieder zusammenarbeitete. Nach dem Notabitur 1917 nahm Brecht ein Studium der Medizin an der Universität München auf, das er 1921 abbrach, um als Regisseur und Dramaturg in München, seit 1924 in Berlin zu arbeiten. In dieser Zeit baute er sich einen Freundeskreis auf, zu dem neben Neher u. a. Marta Feuchtwanger (1891–1987), Lion Feuchtwanger (1884–1958), Arnolt Bronnen (1895–1959), Erich Engel (1891–1966), Marieluise Fleißer (1901–1974), Frank Warschauer (1892–1940)und Herbert Ihering (1888–1977) zählten.
Erste Bekanntheit erlangte Brecht bereits mit seinen Theaterstücken. Sein 1918/19 in zwei Fassungen entstandenes Erstlingsdrama „Baal“, in das er von ihm verfasste Lyrik einarbeitete, wurde 1923 unter Alwin Kronacher (1880–1951) am Alten Theater in Leipzig uraufgeführt. Für „Baal“ und sein zweites, unter der Regie von Otto Falckenberg (1873–1947) an den Münchner Kammerspielen 1922 uraufgeführtes Theaterstück „Trommeln in der Nacht“, in dem sich ein Soldat zwischen der Fortsetzung des Kriegs und dem Brautbett entscheiden muss, wurde er im selben Jahr mit dem renommierten Kleist-Preis ausgezeichnet. Vorstellungen der Uraufführung seines folgenden Stücks „Im Dickicht“ – das seit Carl Eberts (1887–1980) Aufführung am Hessischen Landestheater 1927 unter dem Titel „Im Dickicht der Städte“ bekannt wurde – wurden 1923 im Münchner Residenztheater von Nationalsozialisten gestört.
Berlin (I) oder Experiment, Politisierung und Erfolg
Internationale Anerkennung erwarb Brecht mit „Die Dreigroschenoper“, einer freien Adaption von John Gays (1685–1732) „Beggar’s Opera“ (1728), in der deutschen Übersetzung von Brechts Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann (1897–1973). „Die Dreigroschenoper“, die im viktorianischen London spielt und in der Brecht den modernen Industriekapitalismus anprangerte, wurde bis 1933 in 18 Sprachen übersetzt und erlebte zahlreiche Aufführungen im In- und Ausland. Viele der darin enthaltenen Lieder, allen voran „Die Moritat von Mackie Messer“ und das „Lied von der Seeräuber Jenny“, wurden nicht zuletzt durch die Kompositionen von Kurt Weill (1900–1950), der auch die Musik zu Brechts „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (1930) und „Die sieben Todsünden“ (1933) schuf, zu bekannten Schlagern.
Nachdem er sich seit 1927 als Autor, Dramaturg und politischer Denker an den Aufführungen der Ersten Piscatorbühne (Erwin Piscator, 1893–1966) beteiligt hatte, experimentierte Brecht seit etwa 1930 mit sog. Lehrstücken, einer Form, die er später „Learning Play“ nannte, wobei das Lernen vor dem Lehren und das Spiel vor dem Stück betont wurden. Beim Festival „Deutsche Kammermusik Baden-Baden 1929“ wurden die Lehrstücke „Der Flug der Lindberghs“ (Musik: Kurt Weill und Paul Hindemith, 1895–1963) sowie das „Lehrstück“ (später „Badener Lehrstück vom Einverständnis“, Musik: Hindemith) uraufgeführt. Berühmt und seiner politischen wie dramaturgischen Radikalität wegen umstritten ist das Lehrstück „Die Maßnahme“ (1930), für das Hanns Eisler (1898–1962), mit dem Brecht ebenfalls mehrfach erfolgreich zusammenarbeitete, die Musik komponierte. Als legendär gilt das Stückfragment „Fatzer“ (auch „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, 1926/30), ein dramaturgisches Experiment, das wiederum Erfahrungen von Krieg und Desertation verarbeitet; der Dramatiker Heiner Müller (1929–1995), der es 1988 als Hörspiel mit Musik der Band „Einstürzende Neubauten“ unter dem Titel „Untergang des Egoisten Fatzer“ für den Rundfunk der DDR bearbeitete, bezeichnete es als „Jahrhunderttext“.
Mit der Erfindung des epischen Theaters – einer Spielform, die die Trennung zwischen Spielenden und dem Publikum aufheben soll – beeinflusste Brecht die Bühnenkunst in aller Welt bis in die unmittelbare Gegenwart. Brecht war immer zugleich Schriftsteller und Regisseur – ein Mann, der das Spiel liebte. Er war ein politischer Künstler, der die Welt als eine veränderbare zeigen wollte. Walter Benjamin (1892–1940) charakterisierte diese Arbeit mit der Formulierung „Laboratorium Vielseitigkeit“. Brechts Arbeit zeichnet sich durch ihre Kollektivität aus.
Seit Mitte der 1920er Jahre lebte Brecht als freischaffender Schriftsteller in Berlin und schrieb neben Theaterstücken Prosa und Lyrik. Sein erster Gedichtband, eine Sammlung gegenwärtiger Balladen, Legenden und Chroniken, erschien 1927 unter dem Titel „Bertolt Brechts Hauspostille“. Brechts Freundeskreis erweiterte sich um Elisabeth Hauptmann, Kurt Weill, Lotte Lenya (1898–1981), Karl Korsch (1886–1961), Walter Benjamin, Fritz Sternberg (1895–1963), Sergej Tretjakow (1892–1937), George Grosz (1893–1959), Bernard von Brentano (1901–1964) und Hanns Eisler. Seit etwa Mitte der 1920er Jahre befasste sich Brecht mit dem Marxismus, wobei ihm Korsch, Sternberg und Eisler wesentliche Gesprächspartner waren. Brecht war nie Mitglied einer Kommunistischen Partei, gleichwohl gilt er als Sympathisant der Kommunisten, was in seinen Arbeiten klar erkennbar ist. Ein Beispiel entschiedener Parteinahme für die Sache des Kommunismus, die Brecht auch das „Mittlere“ oder die „Dritte Sache“ nannte, ist das nach dem Roman von Maxim Gorki (1868–1936) geschriebene Stück „Die Mutter“, das 1932 mit Brechts Ehefrau Helene Weigel (1900–1971) in der Hauptrolle im Komödienhaus am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde.
In den Jahren zwischen 1930 und 1933 widmete sich Brecht, der schon als junger Autor Filmerzählungen geschrieben hatte, intensiv dem Film. Nach dem Erfolg der „Dreigroschenoper“ prozessierte Brecht gegen die Verfilmung des Stücks durch die Nero-Film A. G. (Regie: Georg Wilhelm Pabst, 1885–1967), weil der Produzent das Drehbuch des Autors erheblich verändert hatte. Der Streit drehte sich um die Frage der Mitwirkung. Nachdem das Gericht Brechts Klage abgewiesen hatte, kam es zu einem Vergleich (dazu die Schrift „Der Dreigroschenprozeß“, 1931). Der kommunistische Kinoklassiker „Kuhle Wampe“, entstanden 1932 in Zusammenarbeit mit Slatan Dudow (1903–1963), Ernst Ottwalt (1901–1943) und Eisler, thematisiert das Elend der Arbeitslosigkeit und Möglichkeiten kommunistischen Widerstands.
Exil oder Die Geburt des Klassikers
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 stand Brecht wegen seiner Nähe zu den Kommunisten auf der von Wolfgang Herrmann (1904–1945) zusammengestellten „Schwarzen Liste“, seine Bücher wurden verbrannt, er 1935 ausgebürgert. Am 28. Februar 1933 floh er mit seiner Familie und seiner Mitarbeiterin Margarete Steffin (1908–1941) über Paris nach Svendborg (Dänemark), wo er seine spätere Mitarbeiterin Ruth Berlau (1906–1974)kennenlernte, 1937 die Arbeit an dem Stück „Furcht und Elend des III. Reiches“ (Uraufführung 1938 in Paris) aufnahm und „Leben des Galilei“ (1938) verfasste. 1939 übersiedelte er nach Schweden, lebte in Lidingö bei Stockholm, schrieb „Der gute Mensch von Sezuan“ und publizierte die Sammlung „Svendborger Gedichte“ (beides 1939). Im April 1940 flüchtete Brecht vor den deutschen Truppen weiter nach Helsinki und verfasste hier das Stück „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ (1940) und die Hitler-Satire „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (1941). Außerdem legte er in dieser Zeit grundsätzliche, politisch motivierte literaturtheoretische Schriften vor, so „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ (1934). Im Mai 1941 erhielt Brecht ein Einreisevisum in die USA, gelangte mit seiner Familie von Wladiwostok (Sowjetunion) aus mit dem Schiff nach Santa Monica (Kalifornien), fasste hier aber nicht, wie von ihm beabsichtigt, als Filmschriftsteller für Hollywood-Produktionen Fuß. Realisiert wurde lediglich das wesentlich von Brecht verfasste Drehbuch zu Fritz Langs (1890–1976) Geiseldrama „Hangmen Also Die“ (1943). In den USA entstand 1944 Brechts letztes großes Theaterstück „Der kaukasische Kreidekreis“ (Musik: Paul Dessau, 1894–1979).
Bald nachdem sein „Leben des Galilei“ als „Galileo“ 1947 in der Übersetzung und Bearbeitung von Charles Laughton (1899–1962) in englischer Sprache in Santa Monica und New York City aufgeführt worden war, wurde Brecht wegen seiner politischen Auffassungen „unamerikanischer Aktivitäten“ verdächtigt und am 30. Oktober 1947 vor dem House on Un-American Activities Committee (HUAC) unter Vorsitz von Senator Joseph McCarthy (1908–1957) verhört. Repressalien fürchtend, floh er am Tag nach dem Verhör mit Weigel in die Schweiz und inszenierte 1948 am Stadttheater Chur seine Fassung der „Antigone des Sophokles“ mit seiner Frau in der Hauptrolle. Als weitere wichtige theatertheoretische Schrift entstand das „Kleine Organon für das Theater“ (1948).
Berlin (II) oder Die Gründung des Berliner Ensembles
1948 folgten Brecht und Weigel einer Einladung des Schauspielers und Regisseurs Wolfgang Langhoff (1901–1966) und der Sowjetischen Kulturadministration und remigrierten nach Berlin-Ost. Hier brachten sie sein 1939 geschriebenes Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ am 11. Januar 1949 am Deutschen Theater in Berlin-Ost auf die Bühne – wiederum mit Weigel in der Titelrolle (Musik: Paul Dessau). Zur Spielzeit 1949/50 gründeten beide das „Berliner Ensemble“, das im Deutschen Theater gastierte und 1954 dauerhaft in das ehemalige Theater am Schiffbauerdamm übersiedelte. Brecht, der sich immer als Schriftsteller und Regisseur verstand, fand hier Gelegenheit, seine im Exil entstandenen Stücke zu inszenieren. Er bearbeitete zudem Stücke u. a. von William Shakespeare (1564–1616), Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) und kümmerte sich um die Ausbildung seiner Schülerinnen und Schüler, z. B. Peter Palitzsch (1918–2004), Benno Besson (1922–2006), Käthe Rülicke (1922–1992), Egon Monk (1927–2007), Manfred Wekwerth (1929–2014) und B. K. Tragelehn (geb. 1936). Bis heute sind die Stücke Brechts eine Säule der Arbeit des Berliner Ensembles. Hannah Arendt (1906–1975) nannte den Aufbau des Ensembles „vielleicht die hervorragendste kulturelle Leistung im Deutschland der Nachkriegszeit“.
Brecht betrachtete seine Theaterarbeit als Experimente, die zeigen sollten, dass die Welt geändert werden müsse. Gleichwohl ist sein Theater kein didaktisches, die Botschaft ist der Kunst nicht untergeordnet. Theater ist Spiel, es soll Spaß machen. Brechts Stücke sind Modelle gesellschaftlichen Lebens, Entwürfe von Figuren, Vorschläge für Probehandeln.
Brechts Verhältnis zur DDR war von kritischer Solidarität geprägt. Er sprach sich unmissverständlich für den sozialistischen deutschen Staat aus. Seine Arbeit wurde jedoch oft mit Argwohn betrachtet, in den Medien ignoriert oder gar zensiert. Eine Zerreißprobe für den Dichter war der Volksaufstand am 17. Juni 1953, bei dem Brecht seine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei formulierte, aber auch die „Sichtung“, also kritische Prüfung, der sozialistischen Errungenschaften forderte. „Der 17. Juni hat die ganze Existenz verfremdet“, schrieb er in sein „Journal“ im Sommer 1953. Die Erfahrungen der größten Krise der jungen Republik verarbeitete er in seinem Gedichtzyklus „Buckower Elegien“ (1953).
Mit den Gastspielen des Berliner Ensembles auf dem Festival Théâtre des Nations in Paris 1954 und 1955 begann die ungeheure internationale Rezeption der Stücke Brechts, die Gedichte und andere Texte einschloss und ihren Höhepunkt in den 1960er und 1970er Jahren fand. In der DDR war Brecht präsent als sozialistischer Klassiker, praktisch bedeutete das eine Inanspruchnahme: Man zog heran, was man zur Bestätigung der aktuellen Politik und Kulturpolitik gebrauchen oder sich zurechtbiegen konnte. Im Westen wurde der „Klassiker der Vernunft“ (Suhrkamp Verlag) von Linksstehenden verehrt, von Konservativen skeptisch betrachtet. Dessen ungeachtet sind seine Stücke fester Bestandteil der Repertoires.
Nachruhm
Brechts Werk wurde gleichermaßen im Westen und im Osten Deutschlands verlegt und akademisch erforscht. In den 1980er Jahren wurde die als Gemeinschaftsprojekt der Verlage Aufbau und Suhrkamp in beiden deutschen Staaten erarbeitete „Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe“ begonnen, die nach der Wiedervereinigung 2000 mit insgesamt 30 Bänden in 33 Teilbänden abgeschlossen wurde. Dem Andenken und der Verbreitung von Brechts Werk und Denken widmen sich seit 1956 das Bertolt-Brecht-Archiv der Akademie der Künste, Berlin, und seit 1978 das Brecht-Weigel-Museum, die in seinem letzten Wohnhaus in der Chausseestraße untergebracht sind. Auch Brechts Wochenendhaus in Buckow bei Berlin (1977), sein Wohnhaus in Svendborg (1995) und sein Geburtshaus in Augsburg (1998) sind heute Gedenkstätten. 1969 wurde zudem die wissenschaftliche Internationale Brecht-Gesellschaft nach dem Modell einer von Brecht geplanten „Diderot-Gesellschaft“ gegründet, die das „Brecht Yearbook“ / „Brecht-Jahrbuch“ herausgibt; 1991 wurde die Bertolt-Brecht-Forschungsstätte Augsburg eingerichtet.
12. Max Schmeling
S. wuchs in Hamburg auf, wo er die Volksschule besuchte. Eine 1920 begonnene kaufmännische Ausbildung in einem Verlag brach er bald ab und übte verschiedene Hilfsarbeiten aus. Nach dem Umzug nach Düsseldorf 1922 und später nach Köln begann er im Boxclub Köln-Mülheim mit regelmäßigem Boxtraining und wurde 1923 für erste Wettbewerbe sowie ein Jahr später bei der dt. Meisterschaft der Amateure im Halbschwergewicht eingesetzt. Anschließend entschied er sich für eine Karriere als „Profi“, erlangte viele schnelle Siege, erlitt aber auch mehrere Niederlagen in drittklassigen Kämpfen und wechselte mehrfach den Manager, bevor er seit 1926 vom Chefredakteur der Berliner Zeitschrift „Boxsport“, →Artur Bülow (* 1886), betreut wurde. Bülow vermittelte S. in das Camp des Meistertrainers →Max Machon (1894–1971) nach Lanke und baute ihn rasch für Titelkämpfe auf. 1927 wurde S.Europameister im Halbschwergewicht und durch einen Kampf gegen den populären dt. Mittelgewichtsmeister →Hein Domgörgen zum Star der Berliner Box-Szene. Der von S. knapp nach Punkten gewonnene Kampf um die dt. Schwergewichtsmeisterschaft gegen →Franz Diener 1928 wurde zum gesellschaftlichen Ereignis. Der errungene Titel wurde ihm aber aberkannt, weil S. ihn nicht gegen einen Herausforderer verteidigte, sondern nach New York ging, wo nach einem Streit mit →Bülow →Joe Jacobs S.s neuer Manager wurde.
Nach drei Siegen in Folge durfte S. an den Ausscheidungskämpfen (Elimination Bouts) um die vakante Weltmeisterschaft im Schwergewicht teilnehmen, in denen er sich klar durchsetzte. Den Kampf gegen US-Schwergewichtsmeister →Jack Sharkey am 12.6.1930 gewann S. – in New York zum Publikumsliebling geworden – durch Disqualifikation seines Gegners wegen Tiefschlag. S. führte damit als erster und bislang einziger Deutscher den Titel eines Schwergewichtsweltmeisters, der ihm allerdings längere Zeit wegen der Umstände seines Siegs von vielen nationalen Verbänden der USA nicht zuerkannt wurde. 1932 gab er dem Drängen der New Yorker Boxkommission nach und bestritt einen Rückkampf gegen Sharkey, den er umstritten nach Punkten verlor. In den folgenden Jahren versuchte S. erfolglos, in den USA wieder an einen Titelkampf zu gelangen, zumal ihn eine weitere Niederlage 1933 gegen den als „Boxclown“ berüchtigten Max Baer weiter zurückgeworfen hatte. Trotz dieser Niederlage befand sich S.s Popularität in der Heimat auf ihrem Höhepunkt, nicht zuletzt durch die Heirat mit →Anny Ondra im Sommer 1933, zu der Adolf Hitler ein Geschenk schickte. S. und Ondra waren ein Glamour-Paar der NS-Zeit und auf allen großen gesellschaftlichen Anlässen präsent. Während S. und die neuen Machthaber versuchten, große Boxveranstaltungen in Deutschland zu organisieren und die Weltmeisterschaft ins Land zu holen, bereitete S.s jüd. Manager Jacobs, von dem er sich auch auf Druck der Nationalsozialisten nicht trennte, einen erneuten Qualifikationskampf in den USA vor. Am 19.6.1936 trat S. gegen den als unschlagbar geltenden →Joe Louis an, den er in einem spektakulären Kampf nach|zwölf Runden durch K.O. besiegte. Der Sieg gegen den Schwarzen →Louis wurde von den Nationalsozialisten als Bestätigung ihrer Rassenideologie gedeutet. Wegen seiner Nähe zu den dt. Machthabern wurde S. um den verdienten Kampf gegen den Weltmeister →James J. Braddock gebracht. Statt dessen trat Louis 1937 gegen →Braddock an, schlug diesen und wurde damit Schwergewichtsweltmeister. Den ideologisch aufgeheizten Rückkampf gegen Louis verlor S. am 22.6.1938 klar in nur 127 Sekunden durch K.O.
S.s Glanzzeit als Boxer war damit beendet, aber auch als Symbolfigur für das NS-Regime wollte er sich nicht mehr einspannen lassen. Ohne zum Regimegegner zu werden, ging er auf Distanz, auch weil er im privaten Umfeld immer öfter um Hilfe gebeten wurde, größtenteils von jüd. Freunden, die versuchten, das Land zu verlassen. 1940 wurde er als Fallschirmjäger zur Wehrmacht eingezogen, ein Jahr später aber nach einer Verwundung auf Kreta wieder entlassen. S. legte seinen Titel als Europameister nieder und gab 1942 seine Boxlizenz ab. Die letzten Kriegsjahre erlebte er auf seinem Gut in Pommern, von wo er vor der russ. Armee nach Hamburg floh. Die Lizenz für eine mit →Axel Springer und John Jahr geplante Verlagsgründung wurde 1945 von der engl. Militärverwaltung verweigert. S. versuchte daraufhin 1947 mit seinem Trainer →Machon ein Comeback, mußte aber nach fünf schwachen Kämpfen endgültig vom Boxsport zurücktreten. Er bestritt im Lauf seiner Profi-Karriere insgesamt 70 Kämpfe, von denen er 56 gewann, 38 davon durch K.O.
In den Folgejahren versuchte sich S. als Nerzzüchter, Tabakbauer und Hersteller von Eierlikör. 1957 erhielt er eine Lizenz für die Abfüllung und den Vertrieb von Coca-Cola im Gebiet Hamburg-Ost. S.s Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann in Hamburg-Wandsbek währte bis in die 1990er Jahre. In seinen letzten Lebensjahren, v. a. nach dem Tod seiner Frau, zog er sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Popularität aus der Zeit seiner Boxerfolge blieb bis zu seinem Lebensende erhalten, zumal S. ein Symbol des Wirtschaftswunders wurde. Auch in den USA war der für seine höflichen Umgangsformen bekannte S. bis zu seinem Tod ungewöhnlich populär; er wurde 1992 als einziger Deutscher in die „International Boxing Hall of Fame“ aufgenommen. S. engagierte sich für soziale Einrichtungen, wie die Dt. Sporthilfe und die SOS-Kinderdörfer, und gründete 1991 in Hamburg die „Max-Schmeling-Stiftung“ zur Unterstützung von in Not geratenen Sportlern und bedürftigen älteren Menschen (Stiftungsvolumen ca. 10 Mio. DM).
12. Käthe Kollwitz
K. erhielt seit ihrem 14. Lebensjahr Mal- und Zeichenunterricht. Ihre Anschauungen wurden durch die dortige Freie Gemeinde beeinflußt, deren Haupt und Prediger nach dem Großvater mütterlicherseits ihr Vater geworden war. Diese freireligiöse christliche Gemeinschaft berief sich in vielem nicht nur auf das Urchristentum, sondern versuchte mehr noch, zeitgenössische sozialistische Ideen zu verwirklichen. Eine längere Reise mit der Mutter und jüngeren Schwester Lise führte sie zum ersten Mal auch nach Berlin. Den nachhaltigsten Eindruck von diesem Aufenthalt vermittelte der 17jährigen eine Begegnung mit dem damals noch wenig bekannten →Gerhart Hauptmann in Erkner. 1885 setzte sie in Berlin ihr Malstudium in der Künstlerinnenschule von →Karl Stauffer-Bern fort; danach ging sie zu Ludwig Herterich nach München.
Nach Königsberg zurückgekehrt, heiratete sie 1891 den ihr durch die Freie Gemeinde schon länger befreundeten Arzt Dr. Karl Kollwitz, mit dem sie endgültig nach Berlin übersiedelte. Durch dessen im Norden der Stadt gelegene Kassenpraxis wurde sie mit den Schattenseiten der Großstadt, mit Armut, Krankheit und den Nöten des durch die rasche Industrialisierung angewachsenen Proletariats – wie Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Prostitution – konfrontiert. Das Elend dieser Menschen, mit denen sie litt, der Versuch, die gleichgültige Gesellschaft mit ihrer Kunst wachzurütteln, sollten fortan das Leitmotiv ihres Schaffens werden. Ihre Tagebuchnotiz von 1922: „Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“, galt bereits, als sie, tief bewegt von der Berliner Uraufführung der „Weber“ von →Gerhart Hauptmann, 1893-97 die packende Folge „Der Weberaufstand“ schuf (3 Radierungen und 3 Lithographien). Diese von ihr selbst als „Markstein“ in ihrem Schaffen bezeichnete Arbeit zeugt von starker künstlerischer Begabung und fand auf der Großen Berliner Kunstausstellung ein lebhaftes, wenn auch nicht nur positives Echo. Einer ihrer ersten Bewunderer war Adolph Menzel, der sie – vergeblich – für die kleine Goldene Medaille vorschlug. 1901-08 folgte die nicht weniger erschütternde und dramatische Folge „Der Bauernkrieg“, 7 Radierungen, die sie bereits auf der Höhe ihres Könnens als Graphikerin zeigen.
1904 ging K. für ein Jahr nach Paris, um an der Académie Julian Bildhauerei zu studieren, stand doch die menschliche Gestalt im Mittelpunkt ihres Schaffens. Rodins Plastiken und Steinlens Zeichnungen schenkten ihr neue künstlerische Impulse und leiteten in ihrem Werk nach betont malerischen Anfängen in Hell-Dunkel-Kontrasten zu plastischerer Gestaltung über. 1907 erhielt sie den Villa-Romana-Preis; von Florenz wanderte sie zu Fuß nach Rom. 1910 begann K., neben den graphischen Arbeiten sich auch mit Plastik – fast ausschließlich Kleinplastiken – zu befassen, während sie die Malerei schon lange aufgegeben hatte.
Zu Beginn des 1. Weltkriegs fiel ihr Sohn Peter mit erst 18 Jahren. Dieses bittere Erlebnis verlieh K. Wollen und Wirken als engagierter Frau und Künstlerin noch größere Wahrhaftigkeit. Nicht nur das Leid ihrer Mitmenschen, auch das ihre ging fortan in ihr Werk ein und hob es über die zeitgebundenen Anlässe hinaus ins Allgemeingültige, Überzeitliche. Den Schmerz der seelischen Wunden, die ihr geschlagen worden waren, vermochte sie allein durch ihre künstlerische Aufgabe zu mildern. Mit graphischen Arbeiten und eindringlichen Plakaten stellte sie sich in den Dienst nationaler und internationaler Hilfsorganisationen im Kampf gegen Hunger und Elend, wobei die Mütter und Kinder immer stärker ins Zentrum der|Darstellung traten. In Kohle- und Kreidezeichnungen, in Kreidelithographien und expressionistischen Holzschnitten – wie der 1924 erschienenen Folge „Krieg“ – schilderte sie die Einsamkeit und Verzweiflung der Verlassenen, ihre seelische und materielle Not, die Mühsal ihres gequälten Daseins, ohne jemals sentimental zu werden. Ihre künstlerische Handschrift – K. beherrschte alle graphischen Techniken meisterhaft – ist von männlicher Kraft, ihre Aussage von schlichter Menschlichkeit und innerer Monumentalität.
1919 wurde K. Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und erhielt den Professortitel. 1928 wurde sie Leiterin eines Meisterateliers für Graphik an der Hochschule für bildende Künste in Berlin.
Der Gedanke an ein Ehren- und Mahnmal für ihren gefallenen Sohn und alle gefallenen jungen Kriegsfreiwilligen hatte sie seit 1914 bewegt, doch erst 1924-32 konnte sie ihn für den Soldatenfriedhof Rossevelde-Eessen bei Dixmuiden (Flandern), auf dem auch ihr Sohn lag, in Gestalt eines trauernden Elternpaares verwirklichen. Die beiden knieenden Menschen aus belgischem Granit in ihren blockhaften Umrissen drücken den Schmerz der Frau, die K.Züge trägt, und die stumme Verzweiflung und innere Auflehnung des Mannes aus (Kopie 1954 in Köln).
Seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit hat K. immer wieder Selbstbildnisse geschaffen. Sie sind eine völlig uneitle Zwiesprache mit sich selbst, menschliche Rechenschaftsberichte, die nicht weniger ergreifend und ehrlich sind als jene von →Lovis Corinth. Am intensivsten hat sie sich seit 1926 um ein plastisches Selbstbildnis bemüht, wobei sie um dreidimensionale Formen stets heftiger zu ringen hatte als um die graphische Schwarz-Weiß-Kunst. 1936 beendete sie diese Arbeit. Ihr in Bronze gegossener Kopf von fast klassischer Schlichtheit zieht die Summe ihres Schaffens. Würde und Bescheidenheit, Leidensfähigkeit und Mut, der traurige, jedoch wache Blick der Künstlerin, vor allem aber das Menschliche und Mütterliche sind in ihrem Antlitz beschlossen.
In den 20er Jahren war der Tod eines der sie immer wieder bewegenden Themen geworden, mit dem sie sich 1921 mit 7 Holzschnitten und – neben weiteren Darstellungen – in einem 1935 erschienenen Zyklus von Lithographien auseinandersetzte. Sie selbst erfuhr durch den Tod ihres Mannes 1940 und ihres Enkels Peter, der 1942 fiel, weiteres Leid.
Mit dem Nationalsozialismus hat K. nicht paktiert und mit der Entfernung aus ihrem Lehramt die Folgen dafür tragen müssen. Bei dem Versuch eines Journalisten, sie öffentlich zu rehabilitieren, entschied sie: „Ich will und muß bei den Gemaßregelten stehen.“ Schon 1921 hatte sie jedoch erkannt, daß sie im Grunde keine Revolutionärin, sondern eher eine Evolutionärin war. 1943 wurde sie aus Berlin evakuiert und ging nach Nordhausen am Harz. Ein Jahr später fand sie durch Vermittlung des Prinzen Ernst Heinrich von Sachsen und betreut von ihrer Enkelin Jutta Zuflucht auf |Moritzburg. Goethe und die Bibel, die sie jedoch „nicht wie die alten Mutterchen“ las, waren ihre letzten Tröster.
Mit Heinrich Zille, Hans Baluschek und →Otto Nagel vertrat K. in Berlin eine sozialkritisch engagierte Kunst. Vom literarischen Naturalismus Gerhart Hauptmanns geprägt, fand sie eine eigene realistische Sprache, die – ähnlich wie bei Barlach – durch äußerste Vereinfachung aller Konturen und Formen sowie strenge Konzentration auf das Wesentliche eine Steigerung des Ausdrucks und der Aussage erreicht hat, die über das zeitgebundene Engagement hinaus Gültigkeit behält. Den besten Schlüssel zum Verständnis des Menschen und der Künstlerin bilden ihre Tagebuchnotizen und Briefe, die ihr Sohn Hans gesammelt 1948 und 1953 herausgegeben hat. Nach 1945 ist K. in zahlreichen Ausstellungen geehrt worden. Graphische und bildhauerische Arbeiten finden sich in fast allen großen deutschen wie auch in ausländischen Museen.|
13. Gabriele Münter
M., deren Eltern wegen der amerikan. Sezessionskriege 1864 nach Deutschland zurückgekehrt waren, wuchs in Herford und Koblenz auf. 1897 begann sie ein Zeichenstudium in Düsseldorf, das sie jedoch nach Krankheit und Tod der Mutter bald wieder abbrach. 1898-1900 hielt sie sich in Amerika auf. Im Frühjahr 1901 ging sie nach München, um ihr Studium an der Schule des „Künstlerinnen-Vereins“ fortzusetzen. Im Winter dieses Jahres belegte sie Kurse an der neugegründeten „Phalanx“-Kunstschule und lernte dort Wassily Kandinsky kennen, der Lehrer der Malklasse war. 1903 kam es während eines Sommeraufenthaltes der „Phalanx“-Klasse in Kallmünz zur Verlobung von Kandinsky und M. In der folgenden Zeit unternahm das Paar zahlreiche Reisen, u. a. nach Holland, Tunis, Rapallo, und wohnte 1906/07 in Paris. 1908 gaben M. und Kandinsky ihr unstetes Wanderleben auf und ließen sich in München nieder. Während dieser frühen Jahre malte M. überwiegend kleinformatige Freilichtstudien im Stil des Spätimpressionismus, mit naturalistisch gedämpfter Palette in Grün-, Grau- und Brauntönen. In der Pariser Zeit entstand mehr als ein Viertel ihres graphischen Werkes, wobei besonders die Farbholz- und Linolschnitte zu erwähnen sind.
Im Sommer 1908 entdeckten M. und Kandinsky am Staffelsee den malerisch gelegenen Marktflecken Murnau. Zusammen mit ihren Malerfreunden Alexej Jawlensky und Marianne v. Werefkin arbeiteten sie bis zum Herbst 1908 in Murnau und Umgebung; für M. bedeutete dieser Aufenthalt den Durchbruch zu einer neuen Sehweise, den sie rückblickend in der berühmt gewordenen Formulierung zusammenfaßte: „Ich habe da nach einer kurzen Zeit der Qual einen großen Sprung gemacht – vom Naturabmalen – mehr oder weniger impressionistisch – zum Fühlen eines Inhalts – zum Abstrahieren – zum Geben eines Extrakts.“ In kurzer Zeit stellte sich M. von dem kleinteiligen, gespachtelten Farbauftrag der frühen Ölstudien um auf einen breiten, flüssigen und spontanen Pinselstrich, der mit leuchtenden, unvermischt nebeneinandergesetzten Farben Ansichten des Ortes und der Umgebung festhält. Weitere Kennzeichen dieser neuartigen, expressiven Bilder sind der zunehmende Verzicht auf gegenständliche Details, die Aufgabe der Tiefenperspektive zugunsten einer Entfaltung der Bildelemente in der Fläche sowie eine zunehmende Emanzipation der Darstellung vom Naturvorbild.
Im Zuge des produktiven Austauschs zwischen den Freunden schloß sich Anfang 1909 die „Neue Künstlervereinigung München“ zusammen, deren Mitglied auch M. wurde.|Im selben Jahr kaufte M. ein Sommerhaus in Murnau, wo sie mit Kandinsky bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges viele Wochen verbrachte. Neue künstlerische Anregungen fand sie in diesen Jahren in der bayer. und böhm. Hinterglasmalerei sowie in der überwiegend religiösen regionalen Volkskunst. Nach der Spaltung der „Neuen Künstlervereinigung“ im Winter 1911 bildete M. zusammen mit Kandinsky, →Franz Marc und Alfred Kubin die Kerngruppe des „Blauen Reiters“. Auf dessen erster Ausstellung sowie im gleichnamigen „Almanach“ war sie u. a. mit ihren großen Stilleben von 1911 vertreten, auf denen die Gegenstände – meist religiöses Kunsthandwerk und Glasbilder – ein geheimnisvolles Leben zu gewinnen scheinen. Auch mit diesen mystifizierenden, dunklen Bildern setzte M., neben den farbstarken Murnauer Landschaften und den lapidar vereinfachten Porträts der Malerkollegen, in der Malerei des „Blauen Reiters“ ihren eigenen unverwechselbaren Akzent.
Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges emigrierten M. und Kandinsky zunächst in die Schweiz. Nach der Rückkehr Kandinskys in seine russ. Heimat fuhr M. im Sommer 1915 nach Stockholm, um im neutralen Ausland auf ihn zu warten. Im Winter 1915/16 sahen sich beide hier zum letzten Mal. Während Kandinsky 1917 zum zweiten Mal heiratete und erst 1921/22 als Lehrer am Bauhaus nach Deutschland zurückkehrte, blieb M. bis 1920 in Skandinavien, zuletzt in Kopenhagen. Hier entstanden überwiegend weibliche Porträts, aber auch figürliche Interieurs und Straßenszenen, an deren gedämpften Farben und dekorativen Linien sich ein deutlicher Stilwandel unter dem Einfluß der schwed. Matisse-Schüler ablesen läßt. Die frühen 20er Jahre bedeuteten für M. eine Zeit der persönlichen und künstlerischen Depression. Nach Jahren in Murnau und München ging sie 1925 nach Berlin und entwickelte hier ihre Bleistiftporträts nach meist weiblichen Modellen mit knappen Umrißlinien zur Meisterschaft. Ein Paris-Aufenthalt 1929/30 sowie eine zusammen mit ihrem zweiten Lebensgefährten Johannes Eichner unternommene Reise nach Südfrankreich gaben M.s künstlerischem Schaffen neue Impulse. Sie kehrte zu einer vitalen Malerei mit kräftiger Palette zurück und knüpfte dabei stilistisch an ihre Errungenschaften aus der Zeit des „Blauen Reiters“ an. 1931 ließ sich M. endgültig in Murnau nieder; erneut entstanden zahlreiche Gemälde, überwiegend Landschaften und Stilleben. Die Kriegsjahre brachten eine Zeit des Rückzugs mit deutlich verminderter künstlerischer Produktivität; in ihren späten Arbeiten bevorzugte sie eine charakteristische, sparsame Ölmalerei auf Papier, insbesondere für Blumenstilleben und abstrakte Studien. – Zu ihrem 80. Geburtstag 1957 übergab M. die noch in ihrem Besitz befindlichen Werke Kandinskys sowie weiterer Mitglieder des „Blauen Reiters“ und eigene Bilder der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München.
14. Else Lasker-Schüler
L., die an einer periodischen Nervenkrankkeit (Chorea) litt, verließ um 1880 das Lyzeum und erhielt Privatunterricht. Mit ihrer Eheschließung übersiedelte sie nach Berlin, wo sie sich zunächst im eigenen Atelier intensiv der Ausbildung ihrer zeichnerischen Begabung widmete. Ihre 1903 vollzogene Scheidung von Lasker bewog sie, fortan auf gesicherte bürgerliche Lebensformen zu verzichten. Sie wandte sich der Berliner Bohème zu, deren markantesten Persönlichkeiten sie schon während ihrer 2. Ehe mit →Herwarth Walden zuzurechnen ist, und zählte u. a. Benn, →Däubler, das Ehepaar →Dehmel, →Döblin, Hans Ehrenbaum-Degele, →George Grosz, Hans Adalbert von Maltzahn, →Franz Marc und →Kurt Pinthus zu ihren Freunden. Im Verlauf ihrer zahlreichen Dichterlesungen schloß sie in Prag Freundschaft mit Max Brod, Franz Werfel und →Paul Leppin und in Österreich mit →Peter Altenberg, Oskar Kokoschka und ganz besonders mit Karl Kraus. – Die vom Tod ihres einzigen Sohnes (1927) tief getroffene Dichterin verließ 1933 Deutschland und fand in Zürich und Ascona ein häufig gefährdetes Exil. Während einer ihrer Palästinareisen wurde die von den Nationalsozialisten 1938 ausgebürgerte L. vom 2. Weltkrieg überrascht und blieb bis zu ihrem Tod in Jerusalem.
Gottfried Benns Urteil, L. sei „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, bestätigt den Vorrang des Lyrischen in ihrem neben Gedichten auch zahlreiche epische und dramatische Formen umfassenden Werk. So reflektiert schon ihr erster, 1902 erschienener Gedichtband „Styx“ – vorausgegangen waren Einzelveröffentlichungen von Gedichten in der Zeitschrift „Die Gesellschaft“ – in leidenschaftlich bewegter Sprache und kühnen Bildern Situationen existentiellen Betroffenseins wie den langen, schmerzvollen Prozeß der Trennung von ihrem ersten Mann („Karma“, später u. d. T. „Scheidung“), die Begegnung mit dem bis heute nicht identifizierten Vater ihres Sohnes („Elegie“) und die ihre weitere Entwicklung bestimmende Freundschaft zu dem ihr wesensverwandten Vagantendichter →Peter Hille („Der gefallene Engel“). Durch ihn findet die nach ihrer Scheidung in materielle Bedrängnis und geistige Vereinsamung geratene Dichterin zu der von den Brüdern Heinrich und Julius Hart gegründeten „Neuen Gemeinschaft“, einer nach Erneuerung des Lebens strebenden Künstlerkolonie. Dort erfährt L., die sich zu der von J. Hart und Hille postulierten Kunst des „fühlenden Menschen“, einer sich in einem „visionär ekstatischen“ Schöpfungsprozeß vollziehenden „unmittelbaren Gefühlsdarstellung“ (J. Hart) bekennt, erstmals Anerkennung ihres frühen dichterischen Schaffens, bei dem es sich um überwiegend lyrische Gesänge leidenschaftlichen Begehrens und Liebens von einer bisher nicht gekannten emotional gesteigerten Expression handelt. Hille, der als erster ihre überragende poetische Begabung erkennt – er preist sie: „der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist“ – wird ihr in diesen Jahren zum Dichterbruder, der sie ihre jüdische Herkunft als Charisma begreifen läßt und ihr die Gewißheit ihrer dichterischen Sendung vermittelt. Poetischen Niederschlag findet diese entscheidende Phase ihrer geistigen und religiösen Entwicklung, die wesentliche Züge von Hilles mystischer, nach All-Einheit strebender Religiosität empfing, in dem 1905 erschienenen Zyklus „Der siebente Tag“, der, vor allem in den Gedichten „Mein stilles Lied“, „Der Letzte“ und „Weltende“, grundlegende Aussagen über ihr neues Selbst- und Weltverständnis enthält.
Aus dem überwältigenden Eindruck der Begegnung mit Hille, der sie Erlösungscharakter beimaß – Hille verlieh ihr, so symbolisch ihre Neugeburt feiernd, den Namen „Tino“ –, lebt ihr nach dem jähen Tod des Dichters (1904) geschriebenes „Peter-Hille-Buch“, ihr erstes Prosawerk, das 1906 erschien und das sie als „meine Bibel“ bezeichnete. Das Werk transponiert, Elemente der ihr von Hille vermittelten Bilderwelt des Christlichen adaptierend, ihren gemeinsamen Weg mit dem Dichter in ein traumhaft legendäres Reich, wobei Hilfe in der Gestalt des „Petrus der Felsen“ – später wird sie ihn „St. Peter Hille“ („Konzert“) nennen – mythisch-prophetische Züge gewinnt und ihre Berliner Freunde, deren Individualität sie spielerisch verrätselt, zu Idealfiguren erhoben werden.
Mit dem Tod Hilles setzt ein Prozeß der Selbstmythisierung L.s ein, der fortan ihr Leben und Werk bestimmt und sie ihr Dichten als ein „mystisches Sichselbsthaben“ (Bänsch) erfahren läßt, das sie immer wieder aus den vielfältigen Krisen und Leiden ihres Daseins rettet. So antwortet sie auf den Tod Hilles mit dem ersten ihrer orientalischen Geschichtenbücher, dem 1907 erschienenen „Die Nächte Tino von Bagdads“, in dem sie Hilles Geschöpf Tino – und damit sich selbst – zur in einem imaginären Orient beheimateten „Prinzessin“ verklärt. Auch in ihrem Briefroman „Mein Herz“ (1912, 1977) ist es wieder eine solche „Nacht meiner tiefsten Not“, gemeint ist das Zerbrechen ihrer zweiten Ehe mit dem von ihrHerwarth Walden genannten Georg Lewin, die sie mit einer erneuten kühnen Selbstmythisierung, diesmal ihrer Erhebung zum „Prinzen von Theben“, überwindet. Das ungemein facettenreiche Werk bietet eine originell verfremdete Darstellung der damaligen Kunstszene, zu deren zentralen Gestalten die häufig nomadisierende Dichterin zählte, „immer unstät, kein zuhaus“ (an E. Plietzsch), umgeben von ihren zahlreichen Vertrauten in den Berliner Cafés Hof haltend.
Das von ihr als eine Möglichkeit der Seinserkenntnis verstandene Stilprinzip, „die Leute alle zu kleiden, damit ein Spiel zu Stande kommt … Spielen ist alles“ (an K. Kraus 1911), bleibt auch in der 1919 veröffentlichten Kaisergeschichte „Der Malik“ wirksam, einer Dichtung, die geprägt ist von dem Erleben des 1. Weltkriegs und dem Verlust enger Freunde wie Franz Marc, Georg Trakl, dem sie noch im März 1914 in Berlin begegnet war, und Peter Baum, ihrem Elberfelder Jugendgefährten. Das zugleich als Huldigung und Totenklage für →Franz Marc, ihren „blauen Reiter“ und „Halbbruder Ruben“ geschriebene Werk spielt wiederum im imaginären Orient, dem Sinnbild ihrer religiösen Sehnsucht (vgl. Martini). Dort versammelt sie die zu heroischen Gestalten der Sage und des Mythos verherrlichten Freunde (z. B. Benn = „Giselheer“) um sich zu einem gloriosen Maskenspiel um Liebe, Krieg und Tod, in das auch legendenhaft der Bericht ihrer 1913 nach Moskau unternommenen erfolglosen Reise zur Rettung des ihr befreundeten Anarchisten J. Holzmann („Senna Hoy“) eingeht, wobei die anfänglich intendierte Projektion einer besseren Welt zunehmend verschattet wird von der Einsicht in die tragische Verfassung des Menschen und seiner Geschichte, die das Werk schließlich in einer ergreifenden Klage enden läßt.
Die für ihr Schaffen bezeichnende Verwandlung von Leben in Dichtung gewinnt für sie – auch hier sind die frühen Einflüsse J. Harts und Hilles unübersehbar – fortschreitend religiösen Charakter, indem sie Kunst immer mehr als priesterlichen Dienst begreift, als ein „Platzmachen für Gott“ („Ich räume auf“). So beruhen die von ihr als Höhepunkt ihrer Lyrik angesehenen, 1913 erschienenen „Hebräischen Balladen“ – grandiose Transsubstantiationen biblischer Gestalten wie Abel, Jakob, Joseph, David, Abigail, Esther und Ruth in Figuren eines von ihr geschaffenen hebräischen Mythos – für sie auf einer „heiligen Erleuchtung“ („Konzert“), die ihrer Dichtung Offenbarungscharakter verleiht. – Dichterische Verwandlung erlebter Realität in einen „Extrakt höherer Wahrheit“ („Konzert“) bestimmt auch ihre Herkunft und Familie einbeziehenden Dichtungen (u. a. „Ich räume auf“, „Konzert“, „Das Hebräerland“) und führt zu jener „mythischen Biographie“ (Klüsener), aus der sie die Gewißheit ihrer Erwähltheit gewinnt. Schon 1908 hatte die zeitlebens ihrer Bergischen Heimat und der Geburtsstadt Elberfeld verbundene Dichterin „aus dunkler Erinnerung das Schauspiel „Die Wupper“ (ersch. 1909, uraufgeführt 1919) geschrieben, „eine böse Arbeitermär, die sich nie begeben hatte, aber deren Wirklichkeit phantastisch ergreift“ („Ich räume auf“). Das Stück kulminiert in einer symbolträchtigen Jahrmarktszene, an der L. die unüberwindliche Heterogenität der menschlichen Gesellschaft demonstriert. Es erweist sich dabei ihre erstaunliche Hellsichtigkeit für die damaligen sozialen Mißverhältnisse, die häufig in lyrischer Brechung erscheinen und unmittelbar erst durch eine Gruppe von drei das Stück antagonistisch begleitenden „Herumtreibern“, dramaturgisch dem antiken Chor vergleichbar, in ihrer Absurdität entlarvt werden.
Die Umbildung ihrer Familiengeschichte zur Legende setzt ein mit der zum Kult gesteigerten Verehrung der Mutter („Meine schöne Mutter blickte immer auf Venedig“, „Im Rosenholzkästchen“, „Das Hebräerland“), die ihr als Mittlerin ihrer dichterischen Begabung galt und deren Herkunft sie nach Spanien, einer Region ihres imaginären Orients – „meine Vorfahrengeschichten verlangen Morgenland“ („Mein Herz“) – verlegt, wo auch sie selbst und ihr zum Baumeister von Aussichtstürmen stilisierter Vater, dem sie die zeichnerische Komponente ihrer Doppelbegabung zuschreibt, beheimatet werden („Der Wunderrabbiner von Barcelona“, 1921). Mit der Gestalt des Wunderrabbiners Eleasar, der Liebende wunderbar bewahrt und in einem dadurch ausgelösten Pogrom untergeht, beginnt der Mythisierungsprozeß ihres Urgroßvaters, des vermutlich als Lehrer in Geseke tätig gewesenen Hirsch Cohen. In ihrem Schauspiel „Arthur Aronymus und seine Väter“ und in der ihm zugrundeliegenden Prosaskizze „Arthur Aronymus“, beide 1932 erschienen, erhebt sie ihn zum „Rabbuni Uriel“, der mit einem fiktiven Bischof Matthias Lavater von Paderborn befreundet gewesen sein soll, und verleiht ihm überdies die Würde eines „Oberrabbiners von Rheinland und Westfalen“. Konsequent bedient sie sich auch hier zur Erfüllung ihres auf Erlösung des Menschen gerichteten dichterischen Auftrags der idealen Vorbildlichkeit der von ihr mythisierten Gestalten: So hält sie den sich ankündigenden neuerlichen Verfolgungen des jüdischen Volkes die reine Menschlichkeit und hohe Toleranz Uriels in den an der Schwelle des Nationalsozialismus geschriebenen Aronymus-Dichtungen entgegen, wobei sich ihre Hoffnung auf Versöhnung in der beeindruckenden Schlußszene des gemeinsam von Juden und Christen gefeierten Passahmahles niederschlägt. – Es gehört zu den tragischen Erfahrungen ihres Lebens, daß ihr Stück in Deutschland nicht mehr aufgeführt werden konnte, die bis zuletzt an eine Aussöhnung glaubende Dichterin vielmehr nach tätlichen Angriffen auf offener Straße im April 1933 fluchtartig Berlin verlassen mußte. Erst nach einer Palästinareise 1934 vermochte sie eine durch den Verlust der Heimat ausgelöste Phase des Schweigens mit ihrem Prosaband „Das Hebräerland“ (1937, 1981) zu überwinden, einer Dichtung, die bereits dem Alterswerk zuzurechnen ist. Das Buch, Zeugnis ihrer unzerstörbaren Liebe zum Menschen, verklärt das Erlebnis Palästinas zum Traum vom heiligen Lande, in dem Juden und Araber in ursprunghaft-paradiesischer Brüderlichkeit miteinander zu leben lernen sollen; es gewinnt seine Legitimation aus ihrer in ihm endgültig vollzogenen Identifikation mit der alttestamentarischen Gestalt Josephs von Ägypten, auf welche die Selbstmythisierung ihres Lebens konsequent zulief und durch die sie ihrer dichterischen Aussage die messianisch-erlösende Kraft der Berufenen zugemessen weiß.
In der 1940/41 geschriebenen, aber erst 1979 in Düsseldorf und Wuppertal uraufgeführten „theatralischen Tragödie“ „Ichundich“ verwendet L. neben dem Identifikationsprinzip noch das schon im Titel vorgegebene Motiv der Ichspaltung, wodurch sie eine Reihe von „ineinander verschränkten und gespiegelten Figurenkonstellationen“ (Kupper) schafft, die es ihr erlauben, sich mit ihrer Dichtung unmittelbar auf das politische Geschehen der Zeit zu beziehen – ein in ihrem Werk einmaliger Vorgang – und eine vernichtende Abrechnung mit dem Nationalsozialismus vorzunehmen. Eingespannt in den Rahmen der von ihr verfremdet fortgeführten Faustdichtungen Goethes, läßt sie die höchsten Repräsentanten des Nationalsozialismus, welche die Hölle zu stürmen beabsichtigen, in dem Inferno untergehen und sich selbst auf offener Bühne, auf der sie sich zuvor in Gestalt einer Vogelscheuche begegnet, sterben.
In ihrem letzten Werk kehrt L. zur lyrischen Aussage zurück. Anders als in den frühen Gedichtsammlungen „Styx“, „Der siebente Tag“ und besonders „Meine Wunder“ (diese enthält u. a. „Ein alter Tibetteppich“ und die zum Gegenstand eines skandalösen Prozesses gewordenen ersten expressionistischen Verse „Leise sagen“) erscheinen in ihrem letzten Gedichtband „Mein blaues Klavier“ (1943) die emotionalen Eruptionen|vorangegangener lyrischer Schöpfungen gebrochen und ihre formale Virtuosität zugunsten eines beherrschten Altersstils zurückgenommen. Auch die kühnen Tropen früherer Jahre sind nun einer verinnerlichten Bilderwelt gewichen, die verdunkelt ist vom Schicksal ihrer späten Lebensjahre: dem Versinken in Einsamkeit und Armut des Exils („Die Verscheuchte“), wehmütigen Erinnerungen an Elternhaus und verlorene Heimat („Meine Mutter, „Über glitzernden Kies“), einer letzten, unerfüllt gebliebenen Liebe („Ein Liebeslied“) und düsteren Todesahnungen („Ich weiß“). Die schon früh entstandene poetisch verklärte Vorwegnahme ihres qualvollen Sterbens „Und meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems“ („Styx“/„Hebräische Balladen“) offenbart ihre Hinwendung zum jüd. Volk und zum Land ihrer Väter und das Bekenntnis zum Gott des alten Testaments. Zugleich aber lebte sie bis an ihren Tod bewußt aus dem sprachlichen Erbe und in der geistigen Tradition ihrer deutschen Heimat, deren Verlust sie nie verschmerzt hat und deren ihr verbundenen Menschen ihr letzter Gedichtband gewidmet ist. So wird ihr jüdischen und deutschen Geist verschmelzendes Werk zu einem lebendigen Zeugnis der Versöhnung und beispielhaften humanen Verhaltens.|
15. Hermann Hesse
H. war ein feinnerviges, dazu höchst kurzsichtiges Kind, das in einem vielsprachigen, von orientalischen Erinnerungen erfüllten Elternhaus fast zuviel Anregungen empfing. Die streng pietistische Erziehung durch den Vater verstärkte seinen trotzigen Eigensinn. Dagegen wirkte die Musikpflege und Naturverbundenheit der Mutter beruhigend. Er geriet frühzeitig mit den autoritären Schullehrern der Zeit in Konflikt. Kurze Zeit nach der Aufnahme in das Maulbronner Seminar kam es zur offenen Revolte bis zu Selbstmorddrohungen; auch das Cannstatter Gymnasium verließ er kurz nach dem Bestehen des Einjährigen-Examens (1893), ohne das Abitur zu machen. Schwierig war auch die Berufswahl. Nach mannigfachen Ansätzen, zuletzt als Volontär in einer Turmuhrenfabrik, trat H. schließlich im Herbst 1895 in das Heckenhauersche Geschäft in Tübingen ein und erhielt dort eine gründliche Ausbildung als Buchhändler; nach Beendigung der Lehrzeit blieb er noch ein Jahr als Verkäufer. Schon vorher war er sich über seinen eigentlichen Beruf als Dichter klar geworden, auf den er sich durch umfassende Lektüre vorbereitete; seine ersten Verse entstanden unter dem leuchtenden Eindruck Hölderlins. In Tübingen wandte er sich von frühen Zwelfeln ab und huldigte nun im „Petit cénacle“, dem unter anderem Ludwig Finckh angehörte, einer romantischen Gefühlsreligion. 1899 erschienen die ersten Buchveröffentlichungen des jungen Autors. Aber erst der 1904 bei S. Fischer verlegte Entwicklungsroman „Peter Camenzind“ erwarb ihm die Gunst der Lesermassen und der literarischen Preisrichter. Er konnte nun heiraten und sich als freier Schriftsteller in Gaienhofen am Bodensee niederlassen, wo er 1904-12 lebte.
Gaienhofen war für H. und seinen Freundeskreis ein zweites Worpswede, wo man naturverbunden, obwohl nicht weltfremd, ein franziskanisches Menschentum suchte. H.s Erzählungen fanden in den Kreisen der eben aufblühenden Jugendbewegung ihre begeistertsten Leser. Sie stellen wie „Knulp“ (1915) das freie Leben ewiger Tippelbrüder zwar einfühlsam, aber ohne falsche Sentimentalität dar, sie behandeln die Entwicklungsnöte junger Handwerker und einzelgängerischer Lateinschüler in farbenreicher, an →Gottfried Keller geschulter Sprache. Die bedeutendste dieser Erzählungen ist „Unterm Rad“ (1906), die Schilderung einer zum Selbstmord führenden Pubertätskrise. Wie zahlreiche andere Dichter und Erzieher kämpfte H. hier gegen die in einer pluralistischen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäße autoritäre Pädagogik. Bei aller romantischen Absoitigkeit suchte er doch nach einer positiven Einstellung zur Gegenwart. Er schrieb für die „Neue Rundschau“, die „Jugend“ und den „Simplizissimus“ und verband sich 1907-12 mit →Albert Langen, Ludwig Thoma und anderen in der Herausgabe der politischen Zeitschrift „März“, die später von →Theodor Heuss übernommen wurde.
Die starken Eindrücke aus der Welt des Großvaters und Vaters legten H. schon früh den Gedanken nahe, das Vorbild für eine erneuerte Geisteshaltung im Orient zu suchen. 1911 reiste er mit dem Maler Hans Sturzenegger nach Ceylon, Singapur und Sumatra. Doch wirkte die Berührung mit der orientalischen Wirklichkeit enttäuschend und ernüchternd. Zum Teil war diese Reise auch eine Flucht vor den Problemen der eigenen Ehe, die durch depressive Gemütszustände seiner Frau in wachsendem Maße zerrüttet wurde; von diesen Problemen spricht verhüllt der Roman „Roßhalde“ (1914).
Der Versuch, durch eine Übersiedlung in eine neue Umgebung, nach Bern (1912), eine Lösung zu finden, schlug fehl. Und überdies zerstörte bald der Schock des 1. Weltkrieges alle romantischen Träume von einer inneren Wandlung Deutschlands oder gar Europas.|H. ließ sich zuerst von der Hochflut der Begeisterung mitreißen, wurde aber sehr bald ernüchtert. Er ging nun in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 3.11.1914 mit der patriotischen Kriegsdichtung unbarmherzig ins Gericht und forderte eine Rückbesinnung auf humanistische Werte. Zwar fand er bei Romain Rolland, bei den Schweizer Intellektuellen und auch bei besonnenen Deutschen wie →Theodor Heuss und →Conrad Haußmann Verständnis, wurde aber von rechtsstehenden Publizisten entrüstet zum Verräter gestempelt. Daß seine Haltung nicht Verrat war, bewies H. durch seine hingebungsvolle Arbeit (1915–19 sogar als Beamtenstellvertreter) in der geistigen Betreuung der deutschen Kriegsgefangenen.
Der Druck der Kriegszeit lastete auf H.s Gemüt, dem die Auflösung seiner Ehe und seines Hausstandes schwer zusetzte. Er bekämpfte die innere Verstörung Anfang 1916 mit Erfolg durch eine psychoanalytische Behandlung. Sein Arzt Dr. Josef Bernhard Lang, ein Schüler C. G. Jungs, ermutigte ihn zu einer positiveren Einstellung zum Leben, die den Schlüssel zur Erneuerung der deutschen und europäischen Kultur im „Weg nach Innen“ fand. Der Zusammenbruch von 1918 bestätigte H.s schlimmste Befürchtungen. Die Flugschrift „Zarathustras Wiederkehr“ (1919, zuerst anonym) rief denn auch die deutsche Jugend zur Einkehr und Umkehr auf. Ihre äußere Form und einzelne Gedanken erinnern an Nietzsche, von dessen Amoralismus jedoch nichts zu spüren ist. Auch lehnte H. den bolschewistischen Umsturz aller bürgerlichen Werte als einer der ersten europäischen Intellektuellen sehr früh ab (Die Brüder Karamasoff oder der Untergang Europas, 1920). Die erste dichterische Frucht von H.s Kriegsjahren war der Roman „Demian“ (1919, geschrieben 1916-17 in Bern), der zuerst unter dem Pseudonym „Emil Sinclair“ erschien; denn H. empfand ihn als einen schriftstellerischen Neubeginn. In der Tat verwandte er hier zum ersten Mal einen unrealistischen Stil, um Sinclairs Überwindung seiner moralischen Schizophrenie und seine Hinwendung zur tätigen (und damit immer schuldhaften) Teilnahme am Leben zu versinnbildlichen. Kein künftiger Held H.s versucht mehr eine romantische Weltflucht wie Peter Camenzind.
H.s äußeres Leben nach dem 1. Weltkrieg wurde zum Teil durch die häusliche Krise, zum Teil durch die Verminderung seiner Einnahmen durch die deutsche Inflation bestimmt. 1919 verließ er Bern, um in der Casa Camuzzi in Montagnola bei Lugano ein erstes Refugium zu finden. Die Heilkraft der südlichen Landschaft wurde durch ausgedehnte malerische Versuche unterstützt, zu denen ihn zuerst die psychoanalytische Behandlung ermutigt hatte. Es kam sogar zu selbst illustrierten Schriften, die den Dichter als einen nicht unbegabten Freund der Dresdener „Brücke“-Maler zeigten. „Klingsors letzter Sommer“ (1920) versuchte, den malerischen Stil mit einem gewissen Erfolg auch auf die Prosa zu übertragen, und näherte sich damit expressionistischen Stilexperimenten; doch blieb der Dichter auch weiterhin literarischen Gruppen fern.
Die politische Entwicklung unter der Weimarer Verfassung verfolgte H. mit großer Anteilnahme, die zu wachsender Sorge wurde. Als seine Söhne für die Schweizer Armee angemustert wurden, entschloß er sich, 1923 wieder die Schweizer Staatsangehörigkeit seiner Kindheit anzunehmen; die deutsche (das heißt zunächst württembergische) hatte er 1891 für die Aufnahme in das Maulbronner Seminar erworben, was bei der pietistischen Unterbewertung der „Welt“ kein besonders wichtiger Schritt gewesen war. Im Januar 1924 versuchte H. vergeblich wieder einen Hausstand zu gründen. 1927 endlich fand er in der österreichischen Kunsthistorikerin Ninon Dolbin eine zu ihm passende neue Lebensgefährtin, die er 1931 ehelichte. Gleichzeitig zog das Ehepaar in H.s neue Villa in Montagnola ein, die sein Mäzen Hans C. Bodmer für ihn gebaut hatte und die dem Dichter endlich völlige Ruhe für sein Schaffen gewährte.
Die neue Einstellung zur Welt, um die in „Demian“ und „Klingsors letzter Sommer“ noch gerungen wurde, wurde in „Siddhartha“ (1922) zum ersten Male umfassend dargestellt. Das Buch ist ein Höhepunkt in der zuerst von der Romantik angestrebten Annäherung des deutschen Geistes an den indischen, der Bergpredigt an die Bhagavadgita, und wird auch in Indien als eine geglückte Synthese empfunden. In einfacher, rhythmisch gebundener Sprache und mit wenigen, aber eindrucksvollen Bildern wird hier der Weg eines Menschen zu demutsvoller Hingabe an das ewige Werden und zum Dienst am Nächsten dargestellt. Obwohl H. wesentliche Teile des christlichen Dogmas ablehnte, bejaht das Buch durchaus die christliche Ethik. Seine nächsten Romane galten der Auseinandersetzung mit dem modernen europäischen Leben. Sie erreichte im „Steppenwolf“ (1927) ihren ersten Höhepunkt. In sonatenähnlicher Struktur wird hier die existentielle Gefährdung des Menschen bis in die letzten Tiefen des Unterbewußtseins schonungslos ausgelotet, seine schizoide Gespaltenheit in edle und animalische Triebe|aller Art. Den „Steppenwolf“ in all unserem Tun und Trachten leugnen zu wollen, ist sinnlos; möglich ist nur seine Bejahung durch Sublimierung des Trieblebens. Aber natürlich ist dies eine unendliche, nie vollkommen zu lösende Aufgabe.
H.s Einstellung wird häufig als hoffnungslose Schizophrenie oder als zerstörerischer Nihilismus mißverstanden. „Der Steppenwolf“ entfremdete H. viele Leser, und „Narziß und Goldmund“ (1930) trug ihm gar den Vorwurf der Immoralität ein. In diesem historischen Roman geht es aber um das Problem der künstlerischen Existenz, und die geschilderten Lebensläufe sind nicht etwa vorbildlich, sondern höchstens repräsentativ für zwei mögliche, aber nicht für sich vollkommene Lebenshaltungen. Narziß lebt als Abt ein Leben der Askese und des Geistes, während Goldmund aus dem Kloster flieht, von Frauen geliebt wird und Menschen töten muß. Erst spät lernt er, mit seinein wilden Leben durch künstlerische Gestaltung fertig zu werden, und erst in seiner Sterbestunde sieht er ein, daß er den reinen Geist als Leitstern braucht, genauso wie der reine Geist der Kunst als sichtbarer Sprache bedarf. Beide Wege führen zur Gottheit, die hier, wie so oft bei H., als weibliches Glied einer Mandala erscheint. „Narziß und Goldmund“, H.s spannungs- und farbenreichster Roman, ist auch dem naiven Leser ohne weiteres zugänglich. Schwieriger ist „Die Morgenlandfahrt“ (1932), deren Thema der Weg zur Unio mystica ist; bei der Abfassung des Romans stand der von H. über alles geliebte Novalis Pate.
Für einen Individualisten wie H., dessen Romane größtenteils in der Ichform geschrieben sind, war als Lösung des sozialen Problems nur eine pluralistische Gesellschaft möglich, wie sie sein letzter utopischer Roman „Das Glasperlenspiel“ (1943, erste Pläne 1931) zu umreißen sucht. Neben abendländischen werden hier auch chinesische und indische Wege zur Weisheit, neben den Lebensformen des Künstlers und des Gelehrten auch diejenigen des Kaufmanns, des Politikers und des Technikers als berechtigt anerkannt. Die Einheit des Lebens wird als mystische „coineidentia oppositorum“ durch die Akademie der Glasperlenspieler periodisch zelebriert. Freilich droht diese während der Lebenszeit des Helden Josef Knecht dem ästhetischen Bildungshochmut zu verfallen und sich alexandrinisch vom Leben abzukehren. Knecht leitet neue Beziehungen zu den Mächten der Außenwelt ein und zwingt die Akademie durch seinen schockierenden Rücktritt von allen Ämtern zur Besinnung auf ihre Lebensverbundenheit; wäre dies nicht so, dann würde man nie seinen Lebenslauf beispielhaft beschrieben haben. Bildung wurzelt einerseits in Religion und verpflichtet anderseits zur Umwandlung des praktischen Lebens. Knechts eigene Wendung gipfelt in seinem selbstvergessenen Einsatz für den geliebten Zögling, bei dem er den Tod erleidet. Dieser Tod ist aber auch wie der des Empedokles ein Eingehen in das Unendliche, dem gegenüber sogar das vorbildliche Leben von begrenztem Wert ist. Dieser mystische Unterton macht das Ende des Romans zu einem Rätsel, über dessen Auflösung sich keine kritische Einmütigkeit hat erzielen lassen. H.s „Glasperlenspiel“ versucht eine ganzheitliche Schau der Kultur, bei der Goethes „Wanderjahre“ und das konfuzianische „I Ging“, →Jacob Burckhardt, →Nikolaus von Kues und der heilige Benedikt Pate gestanden haben. Das Ergebnis ist ein gleichsam christlicher Humanismus. H.s Kritikern erscheint seine Vision zu unverbindlich, sein parodistischer Chronikstil zu maniriert; die Avantgarde lehnt ihn in den Punkten ab, in denen ihre Antwort auf die nationalsozialistische Gleichschaltung eine linksdemokratische oder sozialistische ist, doch wird er in der DDR als Vertreter des bürgerlichen „kritischen Realismus“ geschätzt.
H. hielt in den Wirren des nationalsozialistischen Jahrzehnts wie der Nachkriegszeit konsequent am Recht zu freier Meinungsäußerung und persönlicher Lebensgestaltung fest. Obwohl er keine politischen Aufrufe unterzeichnete, ließ er in Privatbriefen und literarischen Kritiken keinen Zweifel an seiner Ablehnung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und sorgte menschlich in großzügiger Weise für politische Flüchtlinge. Seine eigentliche Antwort auf die rigorose Gleichschaltung alles Menschlichen durch die modernen totalitären Systeme war „Das Glasperlenspiel“.
Unter den mannigfachen Ehrungen, die dieser Roman H. eintrug, war der Nobelpreis des Jahres 1946 die wichtigste. H. war schon vorher durch zahlreiche Übersetzungen in europäische und orientalische Sprachen eine führende Erscheinung der Weltliteratur geworden. Den erstaunlichsten Widerhall fand er in Indien und Japan.
Nach der Beendigung des „Glasperlenspiels“ zog sich H. aus dem literarischen Leben zurück. Er blieb jedoch ein überaus fleißiger Briefschreiber und wies vielen jungen Leuten, die sich an ihn wandten, Wege zu|freier Selbstentfaltung. Literarische Kritiken, die seit den Gaienhofer Jahren einen großen Teil seiner schriftstellerischen Tätigkeit ausgemacht hatten, lieferte er nur noch gelegentlich. Auch auf die Herausgabe von Schriften anderer, die zahlreiche Nummern seiner frühen Bibliographie füllt, verzichtete er in seinem Alter. Dagegen sammelte er nun sein dichterisches Lebenswerk und überarbeitete Teile desselben. Unter ihm nehmen H.s lyrische Gedichte einen starken Band ein. Nur wenige Gedichte haben sich allgemein durchgesetzt, und der Reichtum seiner Lyrik ist noch kaum erschlossen. H. liebte es im Alter, den versponnenen Magier zu spielen, und fand in gärtnerischer Arbeit den ersehnten Einklang mit den Kräften des Alls. Sein letztes Gedicht entstand bei einem morgendlichen Spaziergang vor seinem Hinscheiden und war dem absterbenden Ast einer Robinie gewidmet.
16. Fritz Lang
L. war der ideenreichste Filmregisseur Berlins in der Zeit der Weimarer Republik. Er besuchte die Realschule und studierte an der TH Wien Architektur. Da er sich jedoch mehr für Malerei interessierte, wechselte er auf die Akademie der Graphischen Künste über und setzte seine Studien an der Staatl.Kunstgewerbeschule in München fort. Als 21jähriger wagte er den Bruch mit seiner bürgerlichen Herkunft und brachte sich während der folgenden Wanderjahre, die ihn u. a. nach Paris führten, als Maler und Karikaturist, Kabarettist und Schausteller durch. Nach Ausbruch des Weltkriegs kehrte L. in seine Heimat zurück und ging als Leutnant zur Front. Nachdem er verwundet worden war, trat er als Schauspieler im Rahmen der Truppenbetreuung auf und begann mit dem Schreiben von Film-Drehbüchern, die auf Anhieb Beachtung fanden und von der Berliner Firma Decla verfilmt wurden (von Joe May). Da L. mit der Verfilmung nicht zufrieden war, übersiedelte er 1918 nach Berlin, um sich selbst als Regisseur zu betätigen. Sein in fünf Tagen gedrehter Film „Halbblut“ (1919) machte ihn schlagartig bekannt, vollends „Der müde Tod“ (1921), ein für L.s Inszenierungsstil – Schatten, Lichtreflexe, Betonung architektonischer Strukturen – bereits kennzeichnender Film. Die Wirksamkeit der Bildersprache ist um so erstaunlicher, als man den ganzen Film noch mit einer Handkurbelkamera drehen mußte und noch keine Nachtaufnahmen machen konnte. Das Drehbuch für diesen und viele weitere Filme schrieb seine 2. Frau, Thea v. Harbou, so 1921/22 für den zweiteiligen Film „Dr. Mabuse, der Spieler“ nach dem gleichnamigen Roman von Norbert Jacques. Mit ihr zusammen schrieb L. das Drehbuch für den zweiteiligen Film „Das indische Grabmal“, dessen Regie Joe May übernahm. 1922-24 inszenierte er die beiden Teile von „Die Nibelungen“ und fuhr anschließend für zwei Monate nach Amerika. 1925/26 realisierte er – wiederum nach dem Buch seiner Frau – den sozial-utopischen Monsterfilm „Metropolis“ (mit Brigitte Helm als Schauspielerin), ein Jahr darauf „Spione“, 1929 „Frau im Mond“ und 1931 „M – Mörder unter uns“, in dem →Peter Lorre den Kindermörder darstellt. Dieser Film wurde ebenso wie „Die Frau im Mond“ von den Nationalsozialisten verboten, „Die Nibelungen“ und „Metropolis“ hingegen wurden gelobt. Goebbels bot L. sogar an, eine Art Reichs-Filmintendant zu werden, aber nach dem Verbot von „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1933) emigrierte L. nach Paris und trennte sich von Thea v. Harbou, die dem Nationalsozialismus nahestand. Seit Dez. 1933 drehte er mit Charles Boyer „Liliom“, einen Film, der für|ihn das Sprungbrett nach Hollywood wurde (1934). Hier schuf er eine Reihe bemerkenswerter Filme – 22 von insgesamt 34. Obwohl L. bemüht war, sich seinem neuen Publikum anzupassen, blieben seine Filme, in denen Romantik, Expressionismus und Neue Sachlichkeit eine faszinierende Allianz eingingen, letztlich „deutsch“. Er verfilmte die Geschichten von guten und bösen Helden, in grauer Vorzeit spielend wie im modernen Asphaltdschungel. Mit dem Bergarbeiterfilm „Fury“ (1936), den er von seinen amerikan. Arbeiten am meisten schätzte, erregte er heftige Diskussionen. Zusammen mit Brecht schrieb er das Drehbuch für einen Film über die Ermordung Heydrichs in Prag, „Hangmen also die“ (1943). L.arbeitete in verschiedenen Studios von Hollywood, vor allem bei 20th Century Fox, Paramount, Columbia und in Auftragsproduktionen für United Artists, Warner Brothers und Radio Keith Orpheum. 1945 gründete er die Gesellschaft Diana-Productions, die aber nur zwei Filme herstellte. 1956 kehrte L. nach Deutschland zurück, um an seine Erfolge in den 20er Jahren anzuknüpfen (Der Tiger von Eschnapur, 1958; Das indische Grabmal, 1958; Die 1 000 Augen des Dr. Mabuse, 1960). Diesen Filmen war jedoch kein Erfolg beschieden. Enttäuscht kehrte L. nach Amerika zurück. In den letzten Lebensjahren fast erblindet, lebte er in Beverly Hills. – „Das Wesen des Films“, sagte L. 1924, „ist nur dann überzeugend und eindringlich, wenn es sich mit dem Wesen der Zeit deckt, aus der dieser geboren wurde“. Bei der Beantwortung der Frage, was dieses Wesen der Zeit sei, verließ er sich nur auf seine eigene Intuition. Sie scheint ihn nicht getrogen zu haben: Die dichte zeitgenössische Atmosphäre von L.s Filmen bleibt beeindruckend.|
17. Gunta Stölzl
„Nichts Hemmendes an meinem äußeren Leben, ich kann’s mir gestalten wie ich will. Ah, wie so oft träumt ich davon und nun ist’s wirklich wahr geworden, kaum faß ich es noch.“
Gunta Stölzl prägte in besonderem Maß die Webereiklasse des Bauhauses. Als Jungmeisterin in Dessau erhielt sie als eine der wenigen Frauen am Bauhaus eine Leitungsposition. Zahlreiche Teppiche, Möbelbespannungen und weitere Gebrauchstextilien gehen auf ihre Entwürfe zurück. Die Werkstatt für Weberei erhielt unter ihrer Führung gewinnversprechende Aufträge und wurde zur wichtigsten Einnahmequelle der Reformschule.
Aus einem bildungsnahen Elternhaus stammend, konnte die 1897 in München geborene Adelgunde Stölzl, genannt Gunta, 1913 ihre Reifeprüfung ablegen. Familiär vorgeprägt – ihr Urgroßvater war Webermeister – begann sie in ihrer Heimatstadt an der Kunstgewerbeschule zu studieren. Kunstakademien ließen zu dieser Zeit noch keine weiblichen Studierenden zu. Beim Freiwilligendienst als Rote-Kreuz-Schwester im Ersten Weltkrieg hatte sie viel Leid und Kriegselend gesehen. Sie wurde – wie ihre gesamte Generation – früh mit den Realitäten des Lebens konfrontiert. Das Bauhaus, das aus der ehemaligen Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar hervorging, warb 1919 mit seinen Reformideen und bot Möglichkeiten für fortschrittliche Lebensentwürfe. Mit einer Arbeitsmappe voll Zeichnungen aus ihrer Studienzeit sowie mit freien Arbeiten bewarb sich Gunta Stölzl bei Walter Gropius (1883–1969). Er erkannte ihre gute Beobachtungsgabe sowie ihr Einfühlungsvermögen und nahm sie sofort auf. Vorerst begann sie bei einem Glasmaler zu arbeiten und wechselte dann zur Dekorationsmalerei. Auch dort waren die Tätigkeiten weniger künstlerischer Natur. So bestand ihre Arbeit im Renovieren des Weimarer Bauhaus-Gebäudes.
Ab 1920 entstand die anfangs als „Frauenklasse“ bezeichnete Weberei, in der die Studierenden und die bereits ausgebildete Stölzl noch keinen strukturierten Unterricht erhielten. Von ihren bereits vorhandenen Kenntnissen profitierten auch ihre Mitstudentinnen. So erinnerte sich Anni Albers (1899–1994): „Zu Beginn lernten wir überhaupt nichts. Ich habe viel von Gunta gelernt, die eine großartige Lehrerin war. Wir saßen da und haben es einfach probiert.“ So wurde mit Applikationen, Stickerei, Gobelintechnik und Flachgewebe experimentiert, wobei eine neue Formensprache Einzug hielt. Geometrische Muster und abstrakte Kompositionen bestimmten die Entwürfe. Als Paul Klee (1879–1940) Meister am Bauhaus wurde, nahm Gunta Stölzl sogleich dessen Kurs „Bildnerische Formenlehre“ wahr. Zuvor hatte sie aufgrund ihres besonderen Engagements in der Weberei eine Schulgeldfreistelle erhalten. Gemeinsam mit der ebenfalls sehr begabten Benita Otte (1892–1976) besuchte sie eine Fortbildung für Textilfärberei in Krefeld.
Aus wirtschaftlichen Gründen wurde die Arbeit in der Weberei nun straffer organisiert, die tägliche Arbeitszeit betrug sechs Stunden. Die Produkte sollten verkauft werden, um das stets um finanzielle Unterstützung bemühte Bauhaus abzusichern. Gunta Stölzl wurde zur prägenden Gestalt der Webereiklasse. Es begann eine schöpferische und produktive Zusammenarbeit mit der Tischlerei. Gemeinsam mit Marcel Breuer (1902–1981) entstanden Bespannungen für Latten- und Stahlrohrstühle. Auch die Entwicklung der Wandbehänge und Teppiche ging voran. 1922 webte sie ihr Gesellenstück, einen Smyrna-Knüpfteppich. Für das „Haus am Horn“, das Musterhaus der ersten Bauhaus-Ausstellung, entstand ein weiterer sechs Meter langer Knüpfteppich mit abstrakten Motiven. Noch während der Ausstellung erwarb ihn ein Architekt.
1924 wurde Gunta Stölzl als Gesellin in der Bauhaus-Weberei angestellt, was eine große Ausnahme unter weiblichen Studierenden darstellte. Mit dem Umzug des Bauhauses nach Dessau wurde sie zuerst Werkmeisterin der Webabteilung. 1927, nachdem die Studierenden die Entlassung des bisherigen Leiters Georg Muche (1895–1987) vorangetrieben hatten, übernahm Gunta Stölzl die technische und künstlerische Gesamtleitung der Abteilung. Unter ihrer Führung wurden Stoffe und Prototypen zur wichtigsten Einnahmequelle des Bauhauses. Sie entwickelte neue Lehrpläne, ließ ihre Studierenden vermehrt mit modernen, synthetischen Materialien experimentieren und übernahm größere Aufträge. Bereits 1925 schrieb sie an ihren Bruder:
„Nun spielt die wirtschaftliche Seite des Bauhauses hier eine viel entscheidendere Rolle, alles muß sich rentieren, d. h. muß einen Geldwert haben, allerdings scheint die Sache auch mehr Aussichten hier zu bekommen, was die Ausnutzung der Arbeit betrifft […].“
1928 heiratete sie den Bauhaus-Studenten der Architektur Arieh Sharon (1900–1984), der aus dem galizischen Judentum stammte. Sie nahm die palästinensische Staatsbürgerschaft an („British Passport Palestine“). Kurz darauf wurde ihre erste Tochter Yael geboren. Die veränderte politische Lage am Bauhaus bekam auch Gunta Stölzl zu spüren. Persönliche Intrigen und diffamierende Anfeindungen machten ihr zu schaffen und sie musste absurde Anschuldigungen und Kritik hinnehmen. Nachdem sich die Situation zunehmend verschlimmerte, kündigte sie, bevor sie entlassen werden konnte. Sie verließ das Bauhaus im Sommer 1931, ein unschöner Abschied, der sie noch Jahre später schmerzte.
Gunta Stölzl emigrierte in die Schweiz und gründete gemeinsam mit den ehemaligen Bauhäuslern Gertrud Preiswerk (1902–1994) und Heinrich-Otto Hürlimann (1900–1964) eine Handweberei in Zürich. Die Zeit war geprägt vom intensiven Bemühen um Aufenthaltserlaubnis in der neuen Heimat. Sie hielt den Kontakt zu alten Bauhaus-Freunden aufrecht. Mit Benita Otte unternahm sie viele gemeinsame Urlaube. 1937 wurde sie alleinige Besitzerin der Handweberei Flora. Im selben Jahr erhielt sie auf der Pariser Weltausstellung als bedeutende internationale Auszeichnung das „Diplome Commémoratif“. Die Kriegsjahre brachten ihr existenzsichernde Aufträge, da sie bis kurz vor Kriegsende über einen großen Vorrat an gesponnener Wolle verfügte, der zur Herstellung von Bekleidungsstoffen diente. Sie lernte den Autor und Journalisten Willy Stadler (1903–1988) kennen. Die beiden heirateten 1942 und Gunta Stölzl wurde Schweizer Staatsbürgerin. Ein Jahr später wurde ihre zweite Tochter Monika geboren. Die Handweberei führte Gunta Stölzl noch bis in ihr 71. Lebensjahr weiter. In den Jahren danach arbeitete sie an eigenen Gobelins und bestritt Ausstellungen.
Gunta Stölzl starb am 22. April 1983 im Züricher Krankenhaus unweit ihres Wohnortes Küsnacht.
18. Albert Schweitzer
S. wuchs in einem liberal geprägten prot. Pfarrhaus in Günsbach (Oberelsaß) auf. Nach dem Abitur in Mülhausen studierte er seit 1893 Theologie und Philosophie in Straßburg, Paris und Berlin, u. a. bei →Heinrich Julius Holtzmann (1832–1910), Theobald Ziegler (1846–1918), →Wilhelm Windelband (1848–1915) und →Adolf v. Harnack (1851–1930); in Paris nahm er Orgelunterricht bei →Charles-Marie Widor (1844–1937). 1899 wurde er in Straßburg bei Ziegler mit einer Arbeit über „Die Religionsphilosophie Kants“ (1899, Nachdr. 2005) zum Dr. phil., 1900 bei Holtzmann mit „Das Abendmahlsproblem auf Grund der wissenschaftlichen Forschung des 19. Jh. und der historischen Berichte“ (Das Abendmahl im Zus.hang mit d. Leben Jesu u. d. Gesch. d. Urchristentums, 1901, Nachdr. 1983) zum Lic. theol. promoviert. 1901 habilitierte sich S. an der Theol. Fakultät in Straßburg (Das Messianitäts- u. Leidensgeheimnis, Eine Skizze d. Lebens Jesu, 1901) und lehrte anschließend bis zum Wintersemester 1911/12 als Privatdozent Neues Testament; 1912 wurde ihm der Professorentitel verliehen. Seit 1900 war er als Vikar an St. Nicolai in Straßburg tätig; 1903–06 versah er zudem als Nachfolger Gustav Anrichs das Amt des Direktors des dortigen Thomasstifts¶ (Collegium Wilhelmitanum).
1905 begann S. ein Studium der Medizin, das er 1913 mit der Promotion zum Dr. med. abschloß (Die psychiatr. Beurteilung Jesu, Darst. u. Kritik, 1913, Nachdr. 2002). Während dieser Zeit entstand sein bekanntestes theol. Werk, die „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ (1906 zunächst unter d. Obertitel „Von Reimarus zu Wrede“, ²1913, Nachdr. 1984), in dem er die bisherige Jesusforschung kritisch bilanzierte und sein eigenes konsequent-eschatologisches Jesusverständnis darlegte. Darüber hinaus publizierte er weitere bedeutende Schriften zur Musik- (Dt. u. franz. Orgelbaukunst u. Orgelkunst, 1906; J. S. Bach, 1908, 122005) und Religionsgeschichte (Gesch. d. Paulin. Forsch. v. d. Ref. bis auf d. Gegenwart, 1911); das dazugehörige Pendant erschien erst 1930 im Druck (Die Mystik d. Apostels Paulus, Nachdr. 1981). Gemeinsam mit Widor edierte er seit 1912 die „Kritisch-praktische Ausgabe des gesamten Orgelwerkes von Bach“ (8 Bde., 1912–67; seit Bd. 6 mit E. Nies-Berger).
1912 gab S. seine akademische Laufbahn sowie sein Predigtamt auf und brach mit seiner Frau 1913 nach Lambarene in Äquatorialafrika (Gabun) auf, um dort mit privaten Mitteln ein Tropenhospital aufzubauen (Zwischen Wasser u. Urwald, 1920). Der 1. Weltkrieg bereitete diesem ärztlichen Wirken ein vorläufiges Ende. Das Ehepaar S. wurde 1914 von den franz. Kolonialbehörden interniert, 1917 nach Südfrankreich überführt und konnte 1918 in die elsäss. Heimat zurückkehren. S. übernahm dort wieder seine Vikarsstelle, wurde Assistenzarzt am Bürgerhospital in Straßburg und setzte seine in Lambarene begonnene Arbeit an einer Kulturphilosophie fort, in deren Zusammenhang er 1915 den für sein ethisches Denken zentralen Begriff „Ehrfurcht vor dem Leben“ geprägt hatte. 1919 stellte er seine Ehrfurchtsethik in zwei Predigten in Straßburg vor und behandelte|sie eingehender in Vorlesungen, die er 1920 in Uppsala auf Einladung Ebf. Nathan Söderbloms hielt. Auf ihnen basieren die beiden ersten Bände seiner „Kulturphilosophie“ (1923, Nachdr.2007).
1924 folgte S.s zweite Ausreise nach Afrika, der sich noch zwölf weitere anschlossen. Seine zwischenzeitlichen Europaaufenthalte dienten u. a. dazu, durch Orgelkonzerte und Vorträge die für das Spital erforderlichen finanziellen Mittel zu sammeln. 1953 wurde ihm der Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 zugesprochen, den er am 4.11.1954 in Oslo entgegennahm. In seiner Dankesrede „Das Problem des Friedens in der heutigen Welt“ ächtete er den Krieg als etwas Unmenschliches und rief die Menschheit auf, den Nationalismus durch die Humanitätsgesinnung zu überwinden. 1957/58 warnte er in drei Appellen über Radio Oslo vor der atomaren Gefahr (Appell an d. Menschheit, 1957; Friede oder Atomkrieg, 1958) und engagierte sich gemeinsam mit →Linus Carl Pauling, →Bertrand Russell und →Martin Niemöller gegen Nuklearwaffen. Von 1959 bis zu seinem Tod lebte er in Lambarene.
Die von S. herausgestellte endzeitliche Bestimmtheit der Verkündigung und des Wirkens Jesu wird in der Bibelwissenschaft weithin anerkannt. Sein Verständnis von Bachs Musik als dichterisch-malerisch und darin textbezogen wirkte revolutionierend; seine Deutungen der Motive Bachs sind ein Vorgriff auf die Forschungen zur Emblematik in der Musik des Barockzeitalters. S.s Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ ist ein oft bemühter Bezugspunkt in der gegenwärtigen ökologischen Debatte und steht in Verbindung mit seiner Suche nach einer den Religionen und Weltanschauungen zugrunde liegenden Philosophie, weshalb S. als ein Wegbereiter des interreligiösen Dialogs anzusehen ist. Schließlich sind von seinen in der Nachlaßausgabe veröffentlichten Predigten, Aufsätzen und Vorträgen wichtige Impulse für ein der Wahrheitssuche verpflichtetes liberales Christentum zu erwarten. Sichtbares Symbol seiner Ethik ist das S.s Namen tragende Lambarene-Spital, das noch immer in seinem Geist betrieben und maßgeblich durch Spendenmittel finanziert wird. Das hier praktizierte Entwicklungshilfekonzept hat sich bei den internat. Entwicklungshilfeorganisationen – zumindest theoretisch – durchgesetzt.
19. Marie Juchacz
Sie war die erste Frau, die 1919 im Reichstag eine Rede hielt, kämpfte um die Gleichberechtigung der Frauen und später für die Reform des § 218: die SPD-Politikerin, Frauenrechtlerin und Gründerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Marie Juchacz. 1933 geriet sie als NS-Gegnerin ins Visier der Gestapo.
Seit 1926 wohnte Marie Juchacz (1879-1956) mit ihrer Schwester Elisabeth Kirschmann-Röhl (1888-1930; SPD-Politikerin und Mitbegründerin der AWO) und dem Schwager Emil Kirschmann (1888-1949; SPD-Politiker, 1924-1933 MdR) in einem Reihenhaus in Berlin-Köpenick. Das Haus diente ihnen in arbeitsreichen Zeiten als Rückzugsort. Marie Juchacz leitete die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und war Mitglied des Reichstags (MdR) für die SPD.
Elisabeth Kirschmann-Röhl pendelte, bedingt durch ihre politische Tätigkeit als preußische Landtagsabgeordnete, zwischen Köln und Berlin, bis sie 1930 frühzeitig verstarb. Dort hatten sie Reden, Bücher und Artikel geschrieben und Ideen für die AWO und die sozialistische Frauenbewegung diskutiert. So manche sozialpolitische Reform auf dem Gebiet des Mutterschutzes, der Gleichstellung unverheirateter Mütter und unehelicher Kinder, der Säuglings- und Kinderpflege, der Volksgesundheit und Jugendpflege, der Arbeitslosenfürsorge sowie des § 218, wurde in ihrem Haus mit Garten entwickelt – doch im Mai 1933 wurde alles ‚zerschlagen‘. Stunden vor der Flucht waren Marie Juchacz und Emil Kirschmann von Freund*innen vor der Gestapo gewarnt worden. Sie flohen über die ‚grüne Grenze‘ ins autonome Saargebiet, das seit dem Ersten Weltkrieg dem Völkerbund unterstand. Währenddessen plünderte die NSDAP-geführte Sturm-Abteilung (SA) ihr Haus.
Vom Schulkind zur Frauenrechtlerin und Politikerin (1879–1929)
1879 in Landsberg an der Warthe (heute: Gorzów Wielkopolski) geboren, wuchs Marie Juchacz (geb. Gohlke) mit zwei Geschwistern in einfachen, liebevollen Verhältnissen auf.1 Nach der Volksschulzeit war sie Hausangestellte, Fabrikarbeiterin, Krankenwärterin und erlernte den Beruf der Schneiderin. Ihre politische Bildung verdankte sie ihrem Vater, der als Zimmermann Bücher aus der Gewerkschaftsbibliothek leihen konnte, und ihrem Bruder Otto Gohlke (1871–1958, ebenfalls Zimmermann). Früh interessierte sie die Frauen- und Friedenspolitik. Ihre Ehe mit dem Schneidermeister Juchacz scheiterte 1906, und sie zog zunächst mit den beiden Kindern und ihrer Schwester Elisabeth zum Bruder, der mit seiner siebenköpfigen Familie in Berlin wohnte. Als Elisabeth ein Jahr später in erster Ehe Gustav Röhl heiratete und ein Kind erwartete, wurde in Berlin-Neukölln ein Haushalt Juchacz-Röhl eingerichtet.
Gemeinsam zu wirtschaften und die drei Kinder großzuziehen, erlaubte es den Frauen abends politisch aktiv zu sein, und sie entwickelten sich zu beliebten Rednerinnen der SPD. 1913 wurde Marie Juchacz SPD-Frauensekretärin der oberen Rheinprovinz. Elisabeth trennte sich von ihrem Mann und der Lebensmittelpunkt der zwei Frauen und der Kinder verlagerte sich nach Köln, wo Elisabeth ihren zweiten Ehemann Emil Kirschmann kennenlernte. Die Berufung in den SPD-Hauptvorstand brachte Marie Juchacz 1917 nach Berlin zurück, wo sie sich für das Frauenwahlrecht einsetzte.2
Am 19. Februar 1919 hielt sie in Weimar als erste Frau im deutschen Parlament eine Rede und gründete einige Monate später die AWO, der sie fortan ihre Kraft widmete. 1929 wurde das Thema ‚Ehe- und Sexualberatung‘ im Unterricht der AWO-eigenen Wohlfahrtsschule in Berlin verankert. Marie Juchacz kämpfte für die Selbstbestimmung der Frauen und für die Reform des § 218.
Widerstand gegen den Nationalsozialismus (1929–1933)
Marie Juchacz und Elisabeth Kirschmann-Röhl stellten sich mit all ihrer Kraft der Politik der Nationalsozialisten entgegen.3 1930 arbeitete Marie Juchacz in Berlin. Während Elisabeth Kirschmann-Röhl im Wahlkampf für die SPD durch ihren Wahlkreis im Rheinland tourte, geriet sie einmal in eine Versammlung der Nationalsozialisten, meldete sich trotz der Gefahr zu Wort, wurde niedergeschrien und vom Podium gezerrt. Der Wahlkampf und der Vorfall hatten sie zu viel Kraft gekostet – sie kollabierte und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Ein innerer Abszess führte Tage später zu ihrem Tod.4
Die Beisetzung mit über tausend Menschen glich einer Demonstration gegen den kürzlich erlangten Wahlsieg der Nationalsozialisten. Trotz der tiefen Trauer um ihre Schwester setzte Marie Juchacz ihren unermüdlichen Kampf für ihre Ideale und für die erkämpften politischen Errungenschaften fort. In ihrer letzten Reichstagsrede vom 26. Februar 1932 rang sie um die Stimmen der wahlberechtigten Frauen für die SPD und somit gegen den Faschismus und einen drohenden Krieg:
„Die Frauen […] wollen keinen Bürgerkrieg, die Frauen wollen keinen Völkerkrieg, die Frauen wollen keine Verschärfung der Wirtschaftsnot durch innen- und außenpolitische Abenteuer. […] Es ist genug des Elends! Es ist genug des Bluts! […] Die Frauen müssen bei dieser Wahl, die für das Schicksal des deutschen Volkes entscheidend sein kann, auf viele Jahre hinaus, den Kampf annehmen, für Frieden und Freiheit, für Frauenrecht und Frauenwürde, gegen den Todfeind: den Faschismus.“5
Marie Juchacz erfuhr bei der Fraktionssitzung am 30. Januar 1933, dass Adolf Hitler (1889–1945, NSDAP-Vorsitzender) mit der Regierungsbildung beauftragt wurde. Zitiert wird sie mit den Worten: „Oh, armes Deutschland!“6 Wenige Tage darauf engagierte Marie Juchacz einige ehemalige Polizisten zu ihrem Schutz, da bewaffnete SA- und SS-Männer nachts rund um die Häuser der sozialdemokratischen Abgeordneten in Berlin-Köpenick Einschüchterungsversuche unternahmen.7 Nach der Verabschiedung des ‚Ermächtigungsgesetzes‘ am 23. März 1933, gegen das die SPD stimmte, kündigte Hermann Göring (1893–1946, NSDAP) an, dass er NS-Gegner ‚vernichten‘ und ‚ausrotten‘ wolle. Für Andersdenkende bestand Lebensgefahr.
Saargebiet – „Für Deutschland – gegen Hitler“8 (1933–1935)
Während in Deutschland die SPD verboten und die AWO aufgelöst wurde, konnten SPD und AWO im Saargebiet die Arbeit fortsetzen, weshalb Marie Juchacz und Emil Kirschmann nach Saarbrücken flohen, in der Hoffnung, bald nach Deutschland zurückzukehren.
Mit Sorge beobachtete Marie Juchacz im Mai 1933 die rückwärtsgewandte Umgestaltung des § 218 durch die NSDAP. Der seit 1927 zugunsten der Frauen ansatzweise reformierte Paragraf, der den Schwangerschaftsabbruch „aus medizinischen Gründen“ legalisierte, wurde kurzerhand wieder mit einer Strafe von „bis zu zwei Jahre Gefängnisstrafe“ geändert.9
Sie sah die Notwendigkeit sich den Frauenrechten zuzuwenden und nahm Kontakt zur AWO-Geschäftsführerin und späteren AWO-Vorsitzenden Lotte Lemke10 (1903–1988) in Berlin auf, die eine Tarnorganisation11 betrieb, erhielt jedoch keine Antwort. Stattdessen ermahnte sie der Parteivorstand aus Prag, die ‚SoPaDe‘, wohin ein Teil des SPD-Vorstand ins Exil geflüchtet war: „Wir glauben nicht, dass es zurzeit eine spezifische politische Frauenarbeit gibt. […] Ein besonderer Plan mit besonderer Arbeit an den Frauen ist nicht ratsam. Die Bedingungen unseres (illegalen) Wirkens in Deutschland erfordert die Rückkehr zu einfachen Organisationsgebilden. Alle Verästelungen im Organisationsgefüge […] sind derzeit nicht opportun. […]“12
Vom Verhalten der SoPaDe enttäuscht wollte sich die vormals zentrale SPD-Frauensekretärin nicht zur ‚Spendeneintreiberin‘ der Partei degradieren lassen. Stattdessen wurde die 54-Jährige in der Flüchtlingshilfe aktiv und betrieb mit der AWO-Funktionärin und Widerstandskämpferin Johanna Kirchner (1889–1944) und zeitweise auch dem erwachsenen Sohn Paul Juchacz (1905–1954) ein Lokal, das schnell zum Treffpunkt für Emigrierte wurde. Darüber schrieb sie rückblickend: „Im Mai 1933 ging ich ins Saargebiet und richtete in Saarbrücken einen privaten Mittags- und Abendtisch ein, der während des Abstimmungskampfes zum Sitzungslokal und für viele politische Emigranten zum Heim wurde.“13 Sie hatte eine regelrechte „Anmeldestelle“14 eingerichtet, die zugleich als Informationszentrale für die journalistische Arbeit Emil Kirschmanns diente.
Im direkten Umfeld der AWO Saarbrücken mit Angela Braun-Stratmann (1892-1966) an der Spitze konnte Marie Juchacz beratend wirken und weitere Hilfsangebote vermitteln. Die Saarabstimmung 1935 gliederte das Gebiet wieder an Deutschland an, und die Gruppe politischer Freund*innen floh aus dem Saargebiet nach Frankreich.
Frankreich (1935-1941)
Die Saarbrücker Gruppe unterstützte die Arbeit von Emil Kirschmann, der die offizielle ‚Beratungsstelle für Saarflüchtlinge‘, Rue Nationale 41 in Forbach-Lothringen bis 1936 leitete, und arbeitete dem französischen Nachrichtendienst zu. Bis Kriegsbeginn wurde das westdeutsche Grenzgebiet zu Frankreich von dort mit antinazistischem Propagandamaterial beliefert.15.
Die Gruppe lebte in einer Art ‚Kommune‘, deren Haushalt Marie Juchacz in der Nähe von Metz und auch später in Mühlhausen führte. Beim Angriff der Wehrmacht auf Frankreich verließ die Mühlhauser Gruppe Ostfrankreich und floh in den unbesetzten Süden.16 Alle Spuren der Widerstandsarbeit wurden im Ofen der Wohnung verbrannt.17 Dank ihrer Flucht nach Sauvagnon bei Pau, wo sich die Gruppe selbstversorgend in einem leerstehenden Haus niederließ, entging sie der Internierung Camp de Gurs in Süd-Frankreich.18
Exil in den USA (1941-1949)
Bei der ‚Rettungsaktion für die von den Nazis bedrohten deutschen Flüchtlinge‘ von September 1940 waren Marie Juchacz und Emil Kirschmann als zwei von 125 Personen für ein Not-Visum für die USA vorgesehen. Sie lehnten zunächst ab, da sie noch immer auf einen baldigen politischen Wandel hofften.
Erst im März 1941 erhielten Marie Juchacz und Käthe Fey, die seit Saarbrücken bei ihnen geblieben war, die erneute Ausreiseerlaubnis von Marseille nach New York. Emil Kirschmann floh illegal auf einem anderen Schiff. In den USA lernte Marie Juchacz mit 63 Jahren Englisch in einem Quäker-Heim, dem Scattergood Hostel in Iowa. Dann teilte das Dreigespann Juchacz-Kirschmann-Fey eine kleine Wohnung in der Bronx und lebte von den bescheidenen Gehältern von Emil (Edelsteinschleifer) und Käthe (Pflegehelferin). Marie Juchacz trat mit Freund*innen der ‚German-speaking branch‘, einem Zweig des ‚Workmen’s Circle‘ bei, unterstützte dort einen Ausschuss, die so genannte ‚Arbeiterwohlfahrt New York‘ (auch ‚Solidarity 424E‘), die eine solidarische Paket-Aktion in Gang brachte und wurde dessen Präsidentin. Sie stand in engem Briefkontakt mit der AWO-Vorsitzenden Lotte Lemke. 1949 kehrte Marie Juchacz mit fast 70 Jahren nach Deutschland zu ihrer Familie zurück.19
Rückkehr nach Deutschland (1949)
Nach ihrer Rückkehr aus dem Exil unterstützte Marie Juchacz bis zu ihrem Tod 1956 als Ehrenvorsitzende weiter die Arbeit der AWO, reiste durch ganz Deutschland zu Veranstaltungen. Um die „Kluft zwischen den Generationen“ zu füllen, die, wie Marie Juchacz sagte, ganz besonders in der Frauenfrage zu fühlen sei,20 schrieb sie das Buch Sie lebten für eine bessere Welt.21
Marie Juchacz steht stellvertretend für alle Frauen, die von Nationalsozialisten bedroht zur Flucht gezwungen waren.
20. Max Schmeling
S. wuchs in Hamburg auf, wo er die Volksschule besuchte. Eine 1920 begonnene kaufmännische Ausbildung in einem Verlag brach er bald ab und übte verschiedene Hilfsarbeiten aus. Nach dem Umzug nach Düsseldorf 1922 und später nach Köln begann er im Boxclub Köln-Mülheim mit regelmäßigem Boxtraining und wurde 1923 für erste Wettbewerbe sowie ein Jahr später bei der dt. Meisterschaft der Amateure im Halbschwergewicht eingesetzt. Anschließend entschied er sich für eine Karriere als „Profi“, erlangte viele schnelle Siege, erlitt aber auch mehrere Niederlagen in drittklassigen Kämpfen und wechselte mehrfach den Manager, bevor er seit 1926 vom Chefredakteur der Berliner Zeitschrift „Boxsport“, Artur Bülow (* 1886), betreut wurde. Bülow vermittelte S. in das Camp des Meistertrainers Max Machon (1894–1971) nach Lanke und baute ihn rasch für Titelkämpfe auf. 1927 wurde S.Europameister im Halbschwergewicht und durch einen Kampf gegen den populären dt. Mittelgewichtsmeister Hein Domgörgen zum Star der Berliner Box-Szene. Der von S. knapp nach Punkten gewonnene Kampf um die dt. Schwergewichtsmeisterschaft gegen Franz Diener 1928 wurde zum gesellschaftlichen Ereignis. Der errungene Titel wurde ihm aber aberkannt, weil S. ihn nicht gegen einen Herausforderer verteidigte, sondern nach New York ging, wo nach einem Streit mit Bülow Joe Jacobs S.s neuer Manager wurde.
Nach drei Siegen in Folge durfte S. an den Ausscheidungskämpfen (Elimination Bouts) um die vakante Weltmeisterschaft im Schwergewicht teilnehmen, in denen er sich klar durchsetzte. Den Kampf gegen US-Schwergewichtsmeister Jack Sharkey am 12.6.1930 gewann S. – in New York zum Publikumsliebling geworden – durch Disqualifikation seines Gegners wegen Tiefschlag. S. führte damit als erster und bislang einziger Deutscher den Titel eines Schwergewichtsweltmeisters, der ihm allerdings längere Zeit wegen der Umstände seines Siegs von vielen nationalen Verbänden der USA nicht zuerkannt wurde. 1932 gab er dem Drängen der New Yorker Boxkommission nach und bestritt einen Rückkampf gegen Sharkey, den er umstritten nach Punkten verlor. In den folgenden Jahren versuchte S. erfolglos, in den USA wieder an einen Titelkampf zu gelangen, zumal ihn eine weitere Niederlage 1933 gegen den als „Boxclown“ berüchtigten Max Baer weiter zurückgeworfen hatte. Trotz dieser Niederlage befand sich S.s Popularität in der Heimat auf ihrem Höhepunkt, nicht zuletzt durch die Heirat mit Anny Ondra im Sommer 1933, zu der Adolf Hitler ein Geschenk schickte. S. und Ondra waren ein Glamour-Paar der NS-Zeit und auf allen großen gesellschaftlichen Anlässen präsent. Während S. und die neuen Machthaber versuchten, große Boxveranstaltungen in Deutschland zu organisieren und die Weltmeisterschaft ins Land zu holen, bereitete S.s jüd. Manager Jacobs, von dem er sich auch auf Druck der Nationalsozialisten nicht trennte, einen erneuten Qualifikationskampf in den USA vor. Am 19.6.1936 trat S. gegen den als unschlagbar geltenden Joe Louisan, den er in einem spektakulären Kampf nach|zwölf Runden durch K.O. besiegte. Der Sieg gegen den Schwarzen Louis wurde von den Nationalsozialisten als Bestätigung ihrer Rassenideologie gedeutet. Wegen seiner Nähe zu den dt. Machthabern wurde S. um den verdienten Kampf gegen den Weltmeister James J. Braddock gebracht. Statt dessen trat Louis 1937 gegen Braddock an, schlug diesen und wurde damit Schwergewichtsweltmeister. Den ideologisch aufgeheizten Rückkampf gegen Louis verlor S. am 22.6.1938 klar in nur 127 Sekunden durch K.O.
S.s Glanzzeit als Boxer war damit beendet, aber auch als Symbolfigur für das NS-Regime wollte er sich nicht mehr einspannen lassen. Ohne zum Regimegegner zu werden, ging er auf Distanz, auch weil er im privaten Umfeld immer öfter um Hilfe gebeten wurde, größtenteils von jüd. Freunden, die versuchten, das Land zu verlassen. 1940 wurde er als Fallschirmjäger zur Wehrmacht eingezogen, ein Jahr später aber nach einer Verwundung auf Kreta wieder entlassen. S. legte seinen Titel als Europameister nieder und gab 1942 seine Boxlizenz ab. Die letzten Kriegsjahre erlebte er auf seinem Gut in Pommern, von wo er vor der russ. Armee nach Hamburg floh. Die Lizenz für eine mit Axel Springer und John Jahr geplante Verlagsgründung wurde 1945 von der engl. Militärverwaltung verweigert. S. versuchte daraufhin 1947 mit seinem Trainer Machon ein Comeback, mußte aber nach fünf schwachen Kämpfen endgültig vom Boxsport zurücktreten. Er bestritt im Lauf seiner Profi-Karriere insgesamt 70 Kämpfe, von denen er 56 gewann, 38 davon durch K.O.
In den Folgejahren versuchte sich S. als Nerzzüchter, Tabakbauer und Hersteller von Eierlikör. 1957 erhielt er eine Lizenz für die Abfüllung und den Vertrieb von Coca-Cola im Gebiet Hamburg-Ost. S.s Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann in Hamburg-Wandsbek währte bis in die 1990er Jahre. In seinen letzten Lebensjahren, v. a. nach dem Tod seiner Frau, zog er sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Popularität aus der Zeit seiner Boxerfolge blieb bis zu seinem Lebensende erhalten, zumal S. ein Symbol des Wirtschaftswunders wurde. Auch in den USA war der für seine höflichen Umgangsformen bekannte S. bis zu seinem Tod ungewöhnlich populär; er wurde 1992 als einziger Deutscher in die „International Boxing Hall of Fame“ aufgenommen. S. engagierte sich für soziale Einrichtungen, wie die Dt. Sporthilfe und die SOS-Kinderdörfer, und gründete 1991 in Hamburg die „Max-Schmeling-Stiftung“ zur Unterstützung von in Not geratenen Sportlern und bedürftigen älteren Menschen (Stiftungsvolumen ca. 10 Mio. DM).
21. Walther Rathenau
Nach dem Abitur 1885 am Kgl. Wilhelms-Gymnasium in Berlin studierte R. Physik, Chemie und Philosophie in Berlin und Straßburg; 1889 mit einer Dissertation über „Die Absorption des Lichts in Metallen“ promoviert, schloß er ein polytechnisches Studium an der TH München an. Mit einem Industriepraktikum bei der „Aluminium-Industrie-AG“ in Neuhausen (Schweiz) begann R. 1892 seine Laufbahn in der von seinem Vater begründeten AEG, für die er als Fachmann für Elektrochemie 1893 den Aufbau der Elektrochemischen Werke in Bitterfeld übernahm, um dort die Entwicklung elektrolytischer Verfahren zur industriellen Erzeugung von Aluminium, Kalciumkarbid und Acytelengas voranzutreiben. In den Folgejahren mit der Errichtung weiterer elektrochemischer Werke und Versuchen zur elektrischen Kraftübertragung befaßt, wurde R. 1899 in den Vorstand der AEG berufen, in dem er die Verantwortung über die Abteilung für Zentralstationen erhielt. 1902 wechselte er für fünf Jahre als Geschäftsinhaber unter der Direktion Carl Fürstenbergs (1850–1933) zur Berliner Handels-Gesellschaft, der Hausbank der AEG und wurde 1904 in den Aufsichtsrat der AEG berufen (1912 Vors.).
Beim zielstrebigen Aufstieg in die Wirtschaftselite des Kaiserreichs bewahrte R. eine teils gesuchte, teils erzwungene Distanz zur wilhelminischen Gesellschaft und wurde zum kritischen Beobachter seiner Zeit. Jahrzehntelang zwischen geschäftlichen und künstlerischen Neigungen schwankend, trat er als Industrieorganisator und Inhaber einer Vielzahl von Aufsichtsratsmandaten ebenso hervor wie als umfassend gebildeter Intellektueller und vielgelesener Sozialphilosoph, aber auch als begabter Laienmaler und Schöpfer künstlerischer Entwürfe für sein selbstentworfenes Haus in Berlin-Grunewald und ein 1909 in Freienwalde (Mark) erworbenes Hohenzollernschlößchen. R. verband unternehmerisches Handeln, politisches Wollen und kulturelle Reflexion in einer seine Mitwelt oft irritierenden Weise und nicht ohne Rückschläge. Als Jude wurde er nach seiner Militärdienstzeit 1890/91 bei den preuß.Gardekürassieren nicht zum Reserveoffiziersexamen zugelassen und nach dem Rücktritt von Reichskanzler Bernhard v. Bülow 1909 auch in seinem Bemühen um eine politische Karriere im Lager der Nationalliberalen behindert, die er als Begleiter des Staatssekretärs im neugegründeten Reichskolonialamt, Bernhard Dernburg, auf zwei Informationsreisen nach Dt.-Ostfrika und Dt.-Südwestafrika 1907/08 begonnen hatte. Die Doppelrolle eines elitären Außenseiters, der zwar 1895 bei der jüd. Gemeinde Charlottenburg seinen „Austritt aus dem Judenthume“ beantragte, aber nie rechtsgültig vollzog und auch nicht zum christl. Glauben übertrat, führte R. an die Seite von Maximilian Harden (1861–1927), in dessen 1892 gegründeter Wochenzeitschrift „Die Zukunft“ er – zunächst unter Pseudonym – eine Vielzahl feuilletonistischer Betrachtungen besonders zu wirtschaftlichen und ethischen Fragen veröffentlichte. Unter ihnen erregte ein 1897 von antisemitischen Zügen nicht freier Assimilationsaufruf unter dem Titel „Höre, Israel!“ erhebliches Aufsehen, schon bevor R. seine gesammelten „Zukunft“-Essays als „Impressionen“ (1902) und „Reflexionen“ (1908) unter eigenem Namen erscheinen ließ.
In den folgenden Jahren wuchs R. in die Stellung eines der Kultur der Kaiserzeit durch vielfältige Verbindungen und Freundschaften – etwa mit Gerhart Hauptmann, Harry Gf. Kessler, Ernst Troeltsch, Fritz v. Unruh, Frank Wedekind und Stefan Zweig – verbundenen homme de lettres hinein. Seine 1912/13 publizierten Bücher „Kritik der Zeit“ und „Zur Mechanik des Geistes oder Vom Reich der Seele“, die die Gegenwart als Mechanisierungszeitalter deuteten und in spekulativer Weise durch einen Übergang von der materiellen Welt des „Intellekts“ zu einer ideal gerichteten Welt der „Seele“ überwunden wissen wollten, trafen den Ton seiner Zeit, nicht zuletzt auch in ihrer rassisch argumentierenden Scheidung von Furcht- (oder Zweck-) und Mutmensch. Bereits 1911 hatte R. zugleich seinen antijüd. Affront von 1897 mit einem Aufsatz korrigiert, der das Versagen des preuß. Staates bei der politischen Integration der dt. Juden angriff und den Untergang der auf dem Machtausschluß des liberalen Bürgertums beruhenden und im Glauben an „pseudogerman. Ausschließlichkeit“ befangenen Herrschaftsklasse in Deutschland|prophezeite. Der nach nationaler Weltgeltung strebenden Politik des wilhelminischen Zeitalters setzte R. das Programm einer mitteleurop. Zollunion als Kernstück einer „solidarischen Zivilisation“ entgegen, das ihn zum Vordenker einer zivilgesellschaftlichen Alternative zur machtstaatlichen Antwort auf die Krise der klassischen Moderne macht.
Seine geschäftlichen Erfolge als „Konzern-Architekt“, mit denen R. aus Rationalitätsgründen auf eine gemischtwirtschaftliche Kartellisierung der dt.Elektrizitätsindustrie und die Schaffung eines „Reichselektrizitätsmonopols“ hinarbeitete, trugen zum weiteren Aufstieg der AEG bei. Bei Ausbruch des Kriegs 1914 erkannte R. die unzureichende wirtschaftliche Vorbereitung Deutschlands und regte eine zentrale Erfassung und Verwaltung kriegswichtiger Rohstoffe an. Daraufhin zum Abteilungsleiter im preuß. Kriegsministerium ernannt, schuf er binnen kurzem eine Mammutbehörde, die die gesamte dt.Industrie einer an den Bedürfnissen der Kriegführung orientierten Beaufsichtigung unterwarf und damit seinen wirtschaftspolitischen Ordnungsvorstellungen stark entgegenkam, ihm aber auch den Vorwurf der Verquickung von Kriegsdienst und Konzerninteressen eintrug. Im März 1915 schied R. aus dem Kriegsrohstoffamt aus und kehrte zur AEG zurück. Nach dem Tod seines Vaters im selben Jahr scheiterte er in seinem Bemühen, dessen Nachfolge anzutreten, und wurde statt dessen zum „Aufsichtsratspräsidenten“ der AEG mit Sondervollmachten bestellt.
Nach einem Zerwürfnis mit Erich Ludendorff, den er 1915/16 zeitweilig beraten hatte, zog R. sich für die Zeit des Kriegs aus öffentlichen Ämtern zurück. Er versuchte fortan v. a. durch Memoranden und persönliche Kontakte – etwa in der „Dt. Gesellschaft 1914“ und in der „Mittwochsgesellschaft“ – politischen Einfluß zu nehmen und entwickelte 1917 in einer vielbeachteten Schrift „Von kommenden Dingen“ seine Vision eines „Volksstaates“, indem er für eine grundlegende soziale Bewußtseinsveränderung warb und eine Gesellschaft skizzierte, in der Klassenschranken aufgehoben, erblicher Reichtum abgeschafft und die industrielle Produktion zentral organisiert würde. Ungeachtet seines politischen Weitblicks, der ihn schon im Aug. 1914 mit der Sorge vor einer Kriegsniederlage erfüllt hatte, isolierte R. sich bei Kriegsende mit einem Aufruf zur Volkserhebung, der auf eine Verbesserung der dt.Verhandlungsposition bei den Friedensverhandlungen zielte, im kriegserschöpften Deutschland aber als Durchhalteparole eines Kriegsverlängerers aufgenommen wurde. In der Novemberrevolution spielte R. keine Rolle. Er wurde auch nicht in die erste Sozialisierungskommission berufen, der er mit wirtschafts- und gesellschaftstheoretischen Entwürfen vorgearbeitet hatte. Ebenso mißlang der Versuch, mit dem Demokratischen Volksbund eine eigene Partei zu gründen. Die DDP, der er daraufhin beitrat, verweigerte ihm einen Listenplatz zur Nationalversammlung.
R. zog sich erneut auf das Feld der politischen Publizistik zurück und veröffentlichte in rascher Folge eine Reihe von Schriften, die seine wirtschafts- und sozialpolitischen Zukunftsvorstellungen entwickelten. Doch erst als das Erstarken gegenrevolutionärer Strömungen die Schwäche des demokratischen Lagers sichtbar machte, fanden R.s Vorstellungen in politischen Kreisen breiteren Widerhall. 1920 wurde er in die Zweite Sozialisierungskommission berufen und als Sachverständiger in Reparationsfragen hinzugezogen, die nach dem Versailler Friedensvertrag zum Angelpunkt der dt. Außenpolitik wurden, um im Mai 1921 als Wiederaufbauminister in das 1. Kabinett Wirth einzutreten. Mit dem Wiesbadener Abkommen zur Umwandlung dt.Reparationsschulden in Sachlieferungen erreichte R. nach zähen Verhandlungen mit seinem franz. Amtskollegen Loucheur einen ersten Erfolg für seine politische Strategie, Deutschland von den Versailler Kriegsfolgen nicht gegen, sondern gemeinsam mit den alliierten Siegermächten zu entlasten. Der Rückzug der DDP aus der Regierung zwang ihn im Okt. 1921 zum Rücktritt. In den folgenden Monaten wirkte R. im Auftrag Reichskanzler Wirths als Sachverständiger für Wirtschaftsfragen – u. a. als Leiter der dt. Delegation bei den Reparationsverhandlungen in Cannes- und wurde Ende Jan. 1922 zum Außenminister ernannt.
In den knapp sechs Monaten seiner Amtszeit gelang es R. auf der Konferenz von Genua im April/Mai 1922, das Dt. Reich aus der außenpolitischen Isolierung zu lösen. Doch geriet seine Verständigungspolitik schnell in eine Sackgasse. Gerade der von ihm nur zögerlich betriebene Ausgleich mit Sowjetrußland, der am Rande der Genueser Konferenz in Rapallo paraphiert wurde, ließ Deutschland zwar mit einem Überraschungscoup auf die internat.Bühne zurückkehren, isolierte es aber gleichzeitig erneut von den Westmächten und zerstörte so endgültig die Grundlagen einer Verständigungspolitik, die bereits mit der Ablösung des kompromißbereiten franz. Ministerpräsidenten Briand durch Poincaré im Jan. 1922 massiv erschüttert worden war.
Am 24.6.1922 wurde R. auf der Fahrt in das Auswärtige Amt in Berlin-Grunewald von zwei nationalistischen Attentätern aus einem fahrenden Auto heraus erschossen. Sie gehörten der „Organisation Consul“ (O. C.) an, einem paramilitärischen Wehrverband unter Führung des Marineoffiziers Hermann Ehrhardt (1881–1971). Das Attentat auf R., der während seiner Ministerzeit auf der nationalistischen bzw. völkischen Rechten als Jude und „Erfüllungspolitiker“ stärksten Anfeindungen ausgesetzt war, war Teil einer mit dem Überfall auf Philipp Scheidemann am 4.6.1922 begonnenen Anschlagsserie, mit deren Hilfe die O. C. die Republik destabilisieren wollte. Rasch erlassene Republikschutzvordnungen und schnelle Fahndungserfolge der Polizei zerschlugen die logistische Struktur der O. C. und verhinderten eine weitere Eskalation.
Der die Öffentlichkeit stets polarisierende R. wurde postum als Märtyrer der Republik gewürdigt und in der Weimarer Republik durch zahlreiche Gedenkzeichen geehrt, bevor das NS-Regime das Andenken an ihn zu tilgen suchte. Nach 1945 wurde er geschichtspolitisch in Ost und West vereinnahmt und in der DDR als Vorkämpfer der dt.-sowjet. Verständigung geehrt, während die Bundesrepublik ihn v. a. als Opfer von fanatischem Antisemitismus und politischem Extremismus würdigte. Im Kontext der sozialliberalen Entspannungspolitik kehrte der „Weg von Rapallo“ für kurze Zeit in die öffentliche Aufmerksamkeit zurück, und mehr als R.s gesellschaftspolitische Erwägungen finden seine wirtschaftsethischen Forderungen auch heute noch Aufmerksamkeit. Unabhängig von der konjunkturellen Schwankungen unterworfenen Rezeption seiner Schriften, kommt R. bleibender Rang ebenso als Mittler zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur zu wie als Verkörperung der vielfältigen Verwerfungen und Spannungslinien in der Epoche des krisenhaften Übergangs vom wilhelminischen Kaiserreich zur Weimarer Republik|.
22. Joachim Ringelnatz
R. besuchte die Volksschule, dann das Staatsgymnasium und nach einem Schulverweis die Tollersche Privatschule in Leipzig, die er mit dem Einjährigen verließ. Seit 1901 fuhr er mit Einwilligung des Vaters weltweit zur See, u. a. bis nach Brit.-Honduras (Was e. Schiffsjungen-Tageb. erzählt, 1911). Nachdem er den Seemannsberuf 1903 wegen mangelnder Sehschärfe aufgeben mußte, begann er eine kaufmännische Lehre in Hamburg, leistete 1904 seinen Marine-Militärdienst und wurde Handlungsgehilfe in Leipzig und Frankfurt/M. 1908 reiste er wegen eines „Abenteuerphantoms“ nach Hull und folgte schließlich einem befreundeten Handlungsgehilfen nach München.
R.s Jugendzeit wurde begleitet von poetischen Versuchen, die 1901-07 in „Auerbach's Dt. Kinderkalender“ erschienen, den sein Vater herausgab. In München wurde R. in Kathi Kobus' Künstler-Kneipe „Simplicissimus“ zum „Hausdichter“, scheiterte jedoch mit seinem „Tabakhaus zum Hausdichter“, das er von März bis Dez. 1909 führte. Er verkehrte in Künstlerzirkeln wie der „Hermetischen Gesellschaft“ des Bibliophilen C. G. v. Maassen und versuchte sich in der Nachfolge Heines, Eichendorffs, Geibels und Dehmels (Gedichte, 1910). Auf zwei Kinderbücher (Kleine Wesen, 1910; Was Topf u. Pfann' erzählen kann, 1910) folgten kleine Novellen und Erzählungen (Ein jeder lebt's, 1913) voller genial-skurriler Details. Seine Gedichte der „Schnupftabaksdose“ (1912) setzten eine Tradition der Unsinnsdichtung des 19. Jh. fort, die heute nur durch R. und die „Galgenlieder“ Christian Morgensterns bekannt ist.
1911 reiste R. zu Freunden nach Riga und betreute 1912 in Klein-Oels die Bibliothek des Grafen Yorck v. Wartenburg, die auch den Nachlaß Diltheys enthielt. Nachdem er wegen einer Prügelei entlassen worden war, arbeitete er im Jahr darauf als Bibliothekar Börnes v. Münchhausens, später als Bibliothekar und Fremdenführer auf Burg Lauenstein (Oberfranken). Im Herbst 1913 kehrte er nach München zurück, wo er wieder im „Simplicissimus“ auftrat.
1914 zog R. begeistert in den Krieg. Meist auf Minensuchbooten in Wilhelmshaven und Cuxhaven eingesetzt, brachte er es 1917 bis zum Leutnant zur See und Bootskommandanten. Auch während des Kriegs schrieb er Gedichte und v. a. Erzählungen, die als eines von Albert Langens „Kriegsbüchern“ erscheinen sollten, von der Zensur jedoch verboten wurden (Die Woge, Marine-Kriegsgesch., 1922). Mit den kleinen erzählerischen Skizzen gelang R. eine Verbindung konventionellen Erzählens mit der leisen Parodie brüchig gewordener bürgerlicher Ideale, die Darstellung der Beziehungslosigkeit von politischem Geschehen und dem Schicksal des einzelnen, von pathetischem Bildungsnationalismus und politischer Ohnmacht. Seine beiden autobiographischen Bücher „Als Mariner im Krieg“ (1928) und „Mein Leben bis zum Kriege“ (1931) sind im wesentlichen zuverlässige, nicht-stilisierte Berichte der Zeit bis 1918, oft mit Tagebuchcharakter.
Nach Kriegsende scheiterten R.s Versuche, in Berlin Fuß zu fassen, daran, daß er keine Arbeitserlaubnis erhielt; er arbeitete in München bei der Postüberwachungsstelle und trat im Sommer 1920 wieder im „Simplicissimus“ auf, jetzt unter dem Pseudonym J. R., das er seit Dez. 1919 führte. Mit den Gedichtsammlungen „Turn-Gedichte“ und „Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid“ (1920; erw. u. v. Karl Arnold ill. 1923) legte er den Grundstein zu seiner Karriere als Kabarettist und reisender Vortragskünstler seiner eigenen Werke. Der Seemann Kuttel Daddeldu, eine Parodie eigener Seemannsträume, kam als kindliche und dennoch verdorbene Gestalt dem Zeitgeschmack ebenso entgegen wie die zahlreichen gesellschaftlich Deklassierten und einsamen Außenseiter in R.s Gedichten der frühen 20er Jahre. „Ich war aus dem Kriege entlassen“ – diese Anfangszeile aus „Von einem, dem alles danebenging“ (1923) - kennzeichnete das Lebensgefühl einer Generation ohne Orientierung.
Nach Auftritten in der Berliner Kleinkunstbühne „Schall und Rauch“ im Sept./Okt. 1920 folgten Engagements in vielen dt. Städten, in der dt.sprachigen Schweiz, in Wien und Prag, die R.s Ruhm festigten. Seine „Reisebriefe eines Artisten“ (1927), die Gedichte in „Allerdings“ (1928), den „Flugzeuggedanken“ (1929) und der Sammlung „Gedichte dreier Jahre“ (1932) sowie die Auswahlausgaben „103 Gedichte“ (1933) und „Gedichte,|Gedichte von Einstmals und Heute“ (1934) haben die einfachen Dinge, die Reduzierung der großen Gefühle auf alltägliche Wirklichkeit, die „Umverwandlung von Schwermut in lyrischen Leichtsinn“ (Peter Rühmkorf) zum Thema. Das gilt ebenso für R.s „Geheimes Kinder-Spiel-Buch (1924) und das „Kinder-Verwirr-Buch“ (1931), beide auch ein Zeugnis bewahrter und bewußt inszenierter Kindlichkeit und Naivität.
Weniger erfolgreich war R. als Dramatiker und Prosaist. Das Zeit- und Selbstbild. … liner Roma …“ (1921, gedr. 1924) nähert sich im Fragmentcharakter mit seinen Momentaufnahmen von der Großstadt Berlin der avangardistischen Collage-Literatur. Die Erzählungen in „Nervosipopel“ (1924) mit ihren unsinnsträchtigen Bildern und Symbolen der Phantasie und der Heimatlosigkeit des Außenseiters gehören in den Kontext expressionistischer grotesker Märchen. Von R.s dramatischen Versuchen hat sich wenig erhalten (Der Flieger 1918; Mannimmond, 1921; Zusammenstoß, 1931), seine Filmpläne sind verloren. Einzig die tragisch-rührende Seemannsballade „Die Flasche“ – im Jan. 1932 im Leipziger Schauspielhaus uraufgeführt – wurde zu Lebzeiten veröffentlicht und ein Erfolg, zumal R. mit ihr selbst in der Rolle des Matrosen Hans Pepper auf Tournee ging (Die Flasche u. mit ihr auf Reisen, 1932).
Schwermut ist auch in seiner Malerei (seit 1905), Landschaften und Seestücken der Einsamkeit, Darstellungen grotesker Szenen, zu spüren. R. fand Anschluß an die Berliner Kunstszene: 1922 hatte er seine erste Ausstellung in der Galerie Flechtheim, 1925 wurden zwei Bilder auf der Ausstellung der Preuß. Akademie der Künste verkauft. 1930 zog R. von München nach Berlin; seit 1933 hatte er Auftrittsverbot, letzte Gastspiele fanden in Zürich und Basel (1933/34) statt. In der Lungenheilstätte Beetz-Sommerfeld führte er ein letztes Tagebuch und schrieb an einem Roman (Krankenhaus-Tageb., Der letzte Roman, 1934).
23. Ernst Toller
Wegen nervöser Eß-, Schlaf- und Gehstörungen mußte T. seine Schulausbildung zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr unterbrechen. 1907–14 besuchte er das Realgymnasium in Bromberg und immatrikulierte sich im April 1914 an der franz. Ausländeruniversität Grenoble. Bei Beginn des 1. Weltkriegs gelang ihm über die Schweiz die Flucht nach Deutschland, wo er in München als Kriegsfreiwilliger beim 1. bayer. Fußartillerie-Regiment eintrat. Als Unteroffizier (seit März 1916) an der Westfront erlitt T. im Mai 1916 einen psychischen und physischen Zusammenbruch, in dessen Folge er nach Lazarett- und Sanatoriumsaufenthalten 1917 als „dauernd arbeitsverwendungsfähig Heimat“ aus dem Kriegsdienst entlassen wurde. T. studierte Rechtswissenschaften und Nationalökonomie zunächst in München, wo er dem Kreis um den Theaterwissenschaftler Artur Kutscher (1878–1960)angehörte, dann seit Okt. 1917 in Heidelberg, wohin er Max Weber (1864–1920) nach der 2. Lauensteiner Tagung folgte. Während dieser Zeit näherte er sich dem in Europa damals erstarkenden intellektuellen Anarchismus an. T. wurde 1917 Vorsitzender der Heidelberger Ortsgruppe des „Kulturpolitischen Bundes der Jugend in Deutschland“, korrespondierte mit dem anarchistischen Theoretiker Gustav Landauer (1870–1919) und lernte in Berlin, wohin er Ende Dez. 1917 vor den bad. Militärbehörden ausgewichen war, den sozialistischen Publizisten Kurt Eisner (1867–1919) kennen. Ihm folgte er nach München, agitierte dort für den von der USPD angeleiteten Friedensstreik der Munitionsarbeiter und wurde am 3. 2. 1918 verhaftet. Die von T. verfaßten Flugblätter, die auf der Basis literarischer Skizzen entstanden, galten als versuchter Landesverrat, weil sie sich gegen die geplante Frühjahrsoffensive des dt. Heeres richteten und ihr Ton bei den Arbeiterinnen der Rüstungsbetriebe Wirkung zeigte. Am 6. 4. 1918 wurde T. u. a. auf Fürsprache Max Webers aus der Untersuchungshaft entlassen, aber im Juli 1918 nach Gerichtsbeschluß von den Münchner Psychiatern Emil Kraepelin (1856–1926) und Ernst Rüdin (1874–1952) untersucht. Im Sept. 1918 endgültig vom Kriegsdienst befreit, beteiligte er sich an Eisners Seite am Aufbau der Republik in Bayern, zunächst als|Mitglied des Arbeiterrats, nach Eisners Ermordung in der ersten Räterepublik als Vorsitzender des Zentralrats und während der kommunistischen Herrschaft als Abschnittskommandeur der Roten Armee. Anfang Mai 1919 entzog er sich in wechselnden Münchner Verstecken der Verfolgung durch „Weiße“ Truppen, bevor er Anfang Juni aufgespürt und am 16. 7. 1919 in einem Hochverratsprozeß zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt wurde.
Mit den in den Haftanstalten Eichstätt und Niederschönenfeld geschriebenen Gedichten (u. a. Das Schwalbenbuch, 1924) und in rascher Folge entstandenen Dramen (Die Wandlung, 1919; Masse-Mensch, 1921; Die Maschinenstürmer, 1922; Der dt. Hinkemann, 1923) wurde T. zum bekanntesten, in 27 Sprachen übersetzten dt. Bühnenautor der 1920er Jahre. Die Andeutungsbühne, die Entwicklung von Lichtregie und Massenszenarien, die Verwendung von dokumentarischen Filmaufnahmen und technischen Bühnenapparaturen wurden bis in die 1930er Jahre hinein von experimentierfreudigen Regisseuren (Karlheinz Martin, Jürgen Fehling, Erwin Piscator) an seinen Texten erprobt, bei Textänderungen oftmals gegen den Willen des Autors.
Nach der Entlassung aus der Haft 1924 gelangen T. noch kurzlebige Bühnenerfolge (Hoppla, wir leben!, 1927; Feuer aus d. Kesseln, 1930), doch überfielen ihn erneut die durch Krieg und Haft verstärkten Depressionen. Seine justizkritischen Schriften (u. a. Justiz, Erlebnisse, 1927) mündeten in den Plan einer autobiographischen Trilogie, die das Schicksal seiner von Krieg und Nationalismus zerstörten Generation beschreibt (Eine Jugend in Dtld., 1933, neu hg. u. komm. v. W. Frühwald, 2011, P; Briefe aus d. Gefängnis, 1935, Fragmente e. Spanienbuches, 1938/39). Seit Ende Febr. 1933 war T. in wechselnden Staaten im Exil, im Aug. 1933 wurde er ausgebürgert. Seine (zu) groß angelegten politisch-sozialen Projekte scheiterten, zumindest nach T.s eigener Einschätzung, so z. B. die Sammlung des dt.sprachigen Exils oder die humanitäre Aktion für die hungernden Flüchtlinge im Span. Bürgerkrieg, die durch Francos Sieg zeitlich überholt wurde. Am 22. 5. 1939, kurz vor dem Beginn des 2. Weltkriegs, den er vorausgesagt hatte, erhängte sich T. in einem Hotel in New York.
Den Nationalsozialisten gelang es, das Andenken T.s in ihrem Macht- und Einflußgebiet weitgehend zu zerstören. Erst zu Beginn der 1960er Jahre, als das Interesse am Verhältnis von Politik und Literatur wieder zu wachsen begann, wurden in zwei Auswahlausgaben auch Teile seines Werks wieder zugänglich (Ausgew. Schrr., Berlin [Ost] 1961; Prosa, Briefe, Dramen, Gedichte, Reinbek 1961). Die unterschiedlichen Versuche, T.s Dramen auf der Bühne wieder zu etablieren, blieben wegen der Zeitnähe dieser Stücke ohne Erfolg. Gegenwartsautoren wie Tankred Dorst (T., 1968) und Albert Ostermaier (Zw. zwei Feuern, T.topographie, 1993) stellten deshalb die Person T.s in den Mittelpunkt poetisch-dokumentarischer Texte, das Schicksal eines Autors, der am tragischen Zwiespalt zwischen einer gewaltgierigen Welt und der von ihm politisch wie literarisch ersehnten Menschheitsutopie zerbrochen ist.
24. Kurt Eisner
1867 – 1919
Politiker, Journalist
Nach einer Karriere als profilierter sozialdemokratischer Journalist im späten Kaiserreich führte Kurt Eisner im November 1918 die Revolution in Bayern an, rief den Freistaat Bayern aus und wurde Ministerpräsident sowie Staatsminister des Äußern. In seiner Amtszeit wurden die Ausarbeitung einer neuen bayerischen Verfassung auf den Weg gebracht, das Frauenwahlrecht eingeführt, die geistliche Schulaufsicht beseitigt und wichtige soziale Forderungen der Sozialdemokratie verwirklicht. Die Ermordung Eisners am 21. Februar 1919 führte zur Ausrufung der Bayerischen Räterepublik.
Dem Berliner jüdischen Wirtschaftsbürgertum entstammend, besuchte Eisner seit 1876 das humanistische Ascanische Gymnasium und studierte von 1886 bis 1890 Germanistik und Philosophie an der Universität Berlin, ohne einen Abschluss zu erlangen. 1890 fand er in dem Depeschenbüro „Herold“ eine erste Anstellung, arbeitete von 1891 bis 1893 als Hilfsredakteur bei der „Frankfurter Zeitung“ und übersiedelte anschließend nach Marburg an der Lahn, wo er Redakteur des „General-Anzeigers“ (seit 1894 „Hessische Landeszeitung“) wurde. Seine Aufgabe, das Anzeigenblatt zu einer seriösen Tageszeitung umzubauen, war mit dem – letztlich gescheiterten – Ziel verbunden, eine Wiederwahl des antisemitischen Reichstagsabgeordneten Otto Böckel (1859–1923) im Wahlkreis Marburg-Kirchhain zu verhindern.
Nachdem er in Richard Wredes (1869–1932) Zeitschrift „Die Kritik“ einen ironisch-despektierlichen Artikel über Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) veröffentlicht hatte, wurde Eisner in einem aufsehenerregenden Prozess vor dem Königlichen Landgericht Berlin I am 27. April 1897 wegen Majestätsbeleidigung zu neun Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung aus dem Strafgefängnis Plötzensee erhielt er das Angebot, zu dem von Wilhelm Liebknecht (1826–1900) geleiteten SPD-Zentralorgan „Vorwärts“ zu wechseln, dessen Redaktion er seit Ende 1898 angehörte. Dies führte am 1. Dezember 1898 zum Eintritt Eisners in die SPD. Nach Liebknechts Tod bestimmte Eisner den politischen Kurs des Blatts, obgleich ihm der Posten des Chefredakteurs versagt blieb. Unter seiner Ägide nahm der „Vorwärts“ im Rahmen des von Eduard Bernstein (1850–1932) angestoßenen Revisionismusstreits eine vermittelnde Rolle ein. Als zentraler Vertreter des Neukantianismus innerhalb der SPD versuchte Eisner, die Parteitheorie auf eine neue Grundlage zu stellen, womit er viel Kritik auf sich zog, u. a. die des SPD-Vorsitzenden August Bebel (1840–1913) und des orthodoxen Marxisten Karl Kautsky (1854–1938). Dies hatte zur Folge, dass er im November 1905 den „Vorwärts“ verlassen musste.
Anschließend als freiberuflicher Schriftsteller und Journalist in Berlin tätig, wirkte Eisner u. a. an der von Heinrich Braun (1954–1927) und Lily Braun (1865–1916) herausgegebenen Wochenschrift „Die Neue Gesellschaft“ mit und wurde zum März 1907 der Nachfolger Adolf Brauns (1862–1929) als Chefredakteur der „Fränkischen Tagespost“. Mit seinem Bemühen, die Zeitung zu einem „Organ weltpolitischer Aufklärung“ zu machen, indem er überregionalen Themen und dabei v. a. der Außenpolitik des Deutschen Reichs einen für die Provinzpresse unüblich großen Stellenwert einräumte, zog Eisner erneut innerparteiliche Kritik auf sich. 1910 übersiedelte er nach München, wo er als Landtagsberichterstatter und freier Mitarbeiter der von Adolf Müller (1863–1943) geführten Tageszeitung „Münchener Post“ wirkte.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stimmte Eisner mit seiner Partei für Kriegskredite, da er von einem russischen Angriffskrieg ausging. Diese Annahme revidierte er seit Anfang 1915. Die Auseinandersetzung mit den Kriegsursachen machte ihn seit Ende 1916 zu einem der führenden Köpfe der Münchner Antikriegsbewegung, wodurch er zunehmend in Konflikt mit der bayerischen SPD-Parteiführung um Georg von Vollmar (1850–1922) und Erhard Auer (1874–1945) geriet. Im Mai 1917 schloss sich Eisner der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an, avancierte zu ihrer zentralen Führungsfigur in München und gehörte mit Felix Fechenbach (1894–1933) zu den Hauptorganisatoren der Münchner Januarstreiks 1918. Diese endeten mit der Inhaftierung Eisners und weiterer Streikführer sowie mit der weitgehenden Ausschaltung der Münchner Antikriegsbewegung.
Nach seiner Haftentlassung Mitte Oktober 1918 forderte Eisner weiterhin einen Verständigungsfrieden und agitierte für den Sturz der Monarchie. Am 7. November 1918 wirkte er führend an der mit der (M)SPD und den Gewerkschaften durchgeführten Friedenskundgebung auf der Münchner Theresienwiese mit, die den Ausgangspunkt für den revolutionären Umsturz und die Ausrufung des Freistaats Bayern durch Eisner am selben Tag bildete. Obgleich die Mehrheitssozialdemokraten in der neu gebildeten Regierung ein klares Übergewicht besaßen, wurde Eisner am 8. November 1918 zum Bayerischen Ministerpräsidenten sowie zum Staatsminister des Äußern bestimmt.
In der Regierung, der mit Heinrich von Frauendorfer (1855–1921) und Edgar Jaffé (1866–1921) auch Vertreter des liberalen Bürgertums angehörten, hatte Eisner mit seinen Anliegen einen schweren Stand: Sein Widerstand gegen sofortige Neuwahlen schürte ebenso Misstrauen wie seine enge Verbindung zu den Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten, die seine eigentliche Machtgrundlage bildeten. Stets dem unberechtigten Vorwurf ausgesetzt, auf eine reine Räteherrschaft hinzuarbeiten, fand Eisner auch für seinen föderalistischen Ansatz wenig Unterstützung, der darauf abzielte, das Deutsche Reich von den Ländern aus neu aufzubauen, um zentralistische Strukturen zu verhindern. Gleichwohl gelangen der Regierung Eisner mehrere bleibende Neuerungen und soziale Errungenschaften, darunter die Einführung des Wahlrechts für Frauen, die Abschaffung der kirchlichen Schulaufsicht und die Einführung des Acht-Stunden-Tags. Die Ausarbeitung einer neuen parlamentarisch-demokratischen Verfassung wurde auf den Weg gebracht und mit dem Staatsgrundgesetz eine Übergangsverfassung verabschiedet, die wesentliche Bestimmungen der im August 1919 verabschiedeten Bamberger Verfassung vorwegnahm.
Heftige öffentliche Reaktionen provozierte v. a. Eisners Außenpolitik. Am 23. November 1918 veranlasste er die Veröffentlichung von Akten des bayerischen Staatsministeriums des Äußern aus dem Juli 1914, die die Schuld der deutschen Regierung am Kriegsausbruch belegen sollten, um so das Vertrauen der Siegermächte wiederzugewinnen und möglichst günstige Friedensbedingungen zu erwirken. Dies und sein Eingeständnis der deutschen Kriegsschuld auf dem Internationalen Sozialistenkongress in Bern Anfang Februar 1919 machten ihn zu einer zentralen Hassfigur der radikalen Rechten. Am 21. Februar 1919 wurde Eisner auf dem Weg zum bayerischen Landtag, wo er den Rücktritt seiner Regierung erklären wollte, durch Anton Graf von Arco auf Valley (1897–1945) ermordet.
25. Paul Klee
K. wuchs in Bern auf, wohin die Familie 1880 übersiedelte; im April 1897 bezog man ein eigenes Haus am Obstbergweg 6. Erste Anleitung im Zeichnen und Kolorieren erhielt K. von seiner Großmutter mütterlicherseits. 1886-90 besuchte er die Primarschule, während weiterer 4 Jahre das Städtische Progymnasium, dann die Literarschule des Städtischen Gymnasiums am Waisenhausplatz, wo er 1898 das Maturitätsexamen bestand. Aus diesem Anlaß verfaßte K. zusammen mit Hans Bloesch (1878–1945) die Mauleselzeitung „Die Wanze“. Bei Konzertmeister Karl Jahn, einem Schüler Joseph Joachims, erlernte K. das Violinspiel; rasche Fortschritte sollten ihm bald erlauben, als außerordentliches Mitglied im Städtischen Orchester mitzuwirken. Von den frühen literarischen Versuchen sind in Briefen und Tagebüchern – K. führte ein „Journal“ von Oktober 1897 bis Ende 1918 – eine Reihe von Gedichten erhalten. Die Frage, ob er Musiker, Schriftsteller oder Maler werden sollte, entschied er zugunsten der bildenden Kunst.
An der Münchener Akademie fand er wegen fehlender Übung im figürlichen Zeichnen zunächst keine Aufnahme. Zur Vorbereitung besuchte er die Zeichenschule von Heinrich Knirr. Im Oktober 1900 trat er dann an der Akademie in die Klasse Franz von Stucks ein, folgte dem Unterricht indes nur bis März 1901. Als entscheidender Wendepunkt im Studiengang wurde von K. ein Aufenthalt in Burghausen in der ersten Julihälfte 1899 empfunden, wo er von Walter Ziegler in die Technik des Radierens eingeführt wurde. Erste selbständige Radierversuche unternahm K. erst im Mai 1901 (Abenteuerlicher Fisch). In diesen Jahren der Entwicklung spielten Frauen eine wichtige Rolle. 1899 begegnete K. auf einer musikalischen Soiree der Pianistin Lily Stumpf, mit der er in der Folge häufig musizierte sowie Opern- und Konzertaufführungen besuchte. Einem Liebesverhältnis mit einer Verkäuferin „Tini“ entstammte ein Knabe, der jedoch kurz nach der Geburt starb (5.-29.11.1900). Auch eine Liebelei mit dem Aktmodell Cenzi Resthmayer blieb Episode (Jahreswende 1900/01), brachte K. indes seine innige Verbundenheit mit Lily Stumpf um so stärker zum Bewußtsein; kurz vor seiner Rückkehr nach Bern verlobte er sich mit ihr.
Am 30.6.1901 kehrte K. nach Bern zurück, brach aber bereits am 22. Oktober wieder mit dem befreundeten Bildhauer Hermann Haller (1880–1950) zu einem sechsmonatigen Studienaufenthalt nach Italien auf. Von Genua kommend trafen die Freunde am 27. Oktober in Rom ein. Seit Januar 1902 zeichnete K. abends im Deutschen Künstlerverein nach Natur. Vor seiner Rückkehr weilte er einige Tage in Neapel (mit Besuch von Pompeji, Sorrent und Amalfi) und in Florenz. In Italien wurde K. angesichts der Meisterwerke der Antike und der Renaissance die epigonale Haltung der eigenen Zeit schmerzlich bewußt. Der aus dieser Erkenntnis resultierenden Ratlosigkeit suchte er sich in der Folge durch Karikatur und Satire zu erwehren.
Ausschlaggebend für die weitere künstlerische Entwicklung waren die in der Abgeschiedenheit des Elternhauses verbrachten Jahre 1902-06: In dieser Berner Zeit erarbeitete sich K. die Grundlagen seines Schaffens. Seit November 1902 besuchte er die Vorlesung „Plastische Anatomie für Künstler“ von Hans Strasser. Dreimal in der Woche zeichnete er abends Akt im Kunstgewerbemuseum. Gemeinsam mit Louis Moilliet betrieb er private Aktstudien, im Frühjahr 1903 nach einem weiblichen Modell, im Juli nach einem Knaben. Marguerite Frey-Surbek wurde 1904 Privatschülerin von K. Im Winter 1902/03 und 1904/05 spielte K. im Berner Stadtorchester in den Abonnementskonzerten. Oktober 1903-März 1906 rezensierte er Opern- und Konzertaufführungen für das „Berner Fremdenblatt“. Gelegentliche Reisen führten K. auch jetzt ins Ausland. Vom 31.5.-13.7.1905 reiste er mit seinen Freunden Bloesch und Moilliet zum ersten Mal nach|Paris. Mit Bloesch unternahm er auch eine Studienreise nach Berlin (9.-16.4.1906). Im Sommer 1906 wurden erstmals Arbeiten K.s öffentlich ausgestellt: Die Münchener Sezession zeigte seine 11 Radierungs-Inventionen. Nach seiner Heirat ließ sich K. am 1. Oktober 1906 in München nieder, in einer kleinen Wohnung im Gartenhaus Ainmillerstraße 32. 1908 bezog er ein Atelier in der Feilitzschstraße 3. Für die finanzielle Grundlage sorgte seine Frau, die Klavierunterricht gab. Von April bis Juni 1908 erteilte K. Abendakt-Korrektur an der Debschitz-Schule. Im Mai wurde er Mitglied der Vereinigung Schweizerischer Graphiker „Die Walze“.
Eine erste Werkübersicht von 56 Arbeiten fand in der Schweiz im Herbst 1910 statt: im September im Kunstmuseum Bern, im Oktober im Kunsthaus Zürich, im November in der Kunsthandlung zum Hohen Haus in Winterthur und im Januar 1911 in der Kunsthalle Basel. Im Juni 1911 stellte die Moderne Galerie (Thannhauser) im Arcopalais in München 30 Blätter aus.
Im Februar 1911 begann K. einen Werkkatalog seiner bisherigen Arbeiten anzulegen, den er bis kurz vor seinem Tod führte. November 1911-Dezember 1912 berichtete er in der schweizerischen Monatsschrift „Die Alpen“ über Ausstellungen und andere kulturelle Ereignisse in München. 1912 veröffentlichte Hans Bloesch in dieser Zeitschrift (6. Jahrgang, Heft 5) unter dem Titel „Ein moderner Graphiker“ eine erste Würdigung von K.s zeichnerischem Schaffen. Allmählich knüpfte K. Kontakte mit Gleichgesinnten. Im Januar 1911 wurde er von Alfred Kubin aufgesucht, der kurz zuvor eine Zeichnung von ihm erworben hatte. Mit Kubin gehörte er im Herbst des Jahres dann zu den Gründungsmitgliedern einer Vereinigung junger Maler, Bildhauer und Dichter, die sich „Sema“ nannte. K. fühlte sich indes stärker zu den Künstlern des „Blauen Reiter“ hingezogen, zu Kandinsky, Marc und Macke, die er zur selben Zeit kennenlernte. An der 2. Ausstellung der Redaktion „Blauer Reiter“, die 1912 in der Buchhandlung von Hans Goltz stattfand, beteiligte er sich mit 17 Zeichnungen. Ferner stellte K. 1912 mit dem „Modernen Bund“ im Zürcher Kunsthaus und mit dem Sonderbund in Köln aus. 1913 war er im ersten deutschen Herbstsalon der Berliner Galerie „Der Sturm“ mit 8 Aquarellen und 14 Zeichnungen vertreten. 1914 half K. die „Neue Münchener Sezession“ begründen. Wilhelm Hausenstein wies in seinem Buch „Die bildende Kunst der Gegenwart“ (1914) als erster im Rahmen einer Übersicht über die aktuelle Kunst auf K. hin.
Im April 1912 reiste K. ein zweites Mal nach Paris und machte Atelierbesuche bei Robert Delaunay und Henri Le Fauconnier. Delaunays Aufsatz „Über das Licht“ übersetzte K. für die Zeitschrift „Der Sturm“ (3. Jahrgang, Heft 144/145, 1913). Eine mit Moilliet auf Frühjahr 1913 geplante Studienreise nach Tunesien konnte erst über Ostern 1914 durchgeführt werden. Jetzt schloß sich auch Macke an. Am 6. April schifften sie sich in Marseille ein; Reisestationen waren Tunis, Saint-Germain, Sidi-Bou-Said und Karthago, Hammamet, Kairouan und Tunis. Am 20. April trat K. die Rückreise über Italien allein an.
1916-18 war K. eingezogen. Er diente bei der Werftkompagnie der Fliegerersatzabteilung in Schleißheim und seit Januar 1917 in der Bayerischen Fliegerschule V in Gersthofen, wo er als Schreiber in der Kassenverwaltung eingesetzt wurde. Die künstlerische Produktion erfuhr in dieser Zeit kaum eine Unterbrechung. Eine Ausstellung in der „Sturm“-Galerie in Berlin im Februar 1917 verbesserte dank zahlreicher Verkäufe seine materiellen Verhältnisse.
Als 3. Band der „Sturm“-Bilderbücher erschien 1918 eine Auswahl von 24 Zeichnungen. Hausenstein faßte im Juli dieses Jahres den Plan, über K. ein Buch zu schreiben: Es erschien im März 1921 unter dem Titel „Kairuan oder eine Geschichte vom Maler K. und von der Kunst dieses Zeitalters“. Ein von K. im Entwurf „Graphik“ überschriebener, im November 1918 abgeschlossener Text, in dem er das eigene Schaffen zu erläutern sucht, wurde 1920 in der Anthologie „Schöpferische Konfession“ der „Tribüne der Kunst der Zeit“ publiziert. „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, lautet ein Leitsatz, der epochale Bedeutung erlangen sollte.
1919 mietete K. einen Atelierraum im Schlößchen „Suresnes“ in der Werneckstraße. Mit dem Kunsthändler Hans Goltz schloß er am 1.10.1919 einen Verkaufsvertrag für 3 Jahre ab, der später bis 1925 verlängert wurde. 1920 veranstaltete Goltz die bisher umfassendste Werkschau (362 Arbeiten). Der Versuch Oskar Schlemmers, des Vorsitzenden des Studentenausschusses, eine Berufung K.s an die Stuttgarter Akademie als Nachfolger Adolf Hölzels zu erwirken, war im Sommer 1919 gescheitert.
1920 wurde K. von Walter Gropius als Lehrer an das Staatliche Bauhaus nach Weimar berufen; er nahm seine Tätigkeit am 10.1.1921 auf. Mitte April übernahm er als Formmeister die Buchbinderwerkstätte; 1922/23 stand er dem Atelier für Glasmalerei vor. Der Unterricht gliederte sich in die theoretische Vorlesung zur Form- und Gestaltungslehre am Vormittag und in die praktischen Übungen am Nachmittag. Die Lehrerschaft des Bauhauses rekrutierte sich vorwiegend aus Malern; neben K. wirkten Lyonel Feininger, Johannes Itten, Wassily Kandinsky, Laszlo Moholy-Nagy, Georg Muche und der Bildhauer Gerhard Marcks. Aus Anlaß der großen Bauhaus-Ausstellung 1923 erschien die Buchpublikation „Staatliches Bauhaus in Weimar 1919–23) “, die K.s Aufsatz „Wege des Naturstudiums“ enthält. Im Herbst suchte K. Erholung auf der Nordseeinsel Baltrum. Im Sommer 1924 verbrachte er 6 Wochen auf Sizilien.
Zur Eröffnung einer Ausstellung seiner Werke im Kunstverein Jena hielt K. am 26.1.1924 einen, 1945 unter dem Titel „Über die moderne Kunst“ veröffentlichten, Vortrag, in dem er die Ergebnisse seiner Kunstlehre zusammenfaßte. 1924 veranstaltete die Société Anonyme New York die erste Ausstellung mit Werken K.s in den USA. Kurz darauf gründete Emmy Galka Scheyer mit Feininger, Jawlensky, Kandinsky und K. die Gruppe „The Blue Four“ mit dem Ziel, das Werk dieser Maler in den USA zu vertreiben.
Ende 1924 mußte das Bauhaus seine Tätigkeit in Weimar einstellen. Das Institut wurde von der Stadt Dessau übernommen. K. begann seinen Unterricht in Dessau am 23.6.1925 und bezog im folgenden Jahr eines der von Gropius erbauten Meisterhäuser an der Burgkühnauer Allee (ab April 1930: Stresemann-Allee). K. und Kandinsky leiteten in Dessau nunmehr auch eine freie Malklasse. 1925 erschien als Band 2 der von Gropius und Moholy-Nagy edierten Bauhausbücher K.s „Pädagogisches Skizzenbuch“, eine Kurzfassung der Vorlesungen für das 1. Semester. 1925 fand in der Galerie Vavin-Raspail K.s erste Pariser Ausstellung statt. Im gleichen Jahr beteiligte er sich an der ersten Gruppenausstellung der „Peinture surréaliste“ in der Pariser Galerie Pierre. Die Nationalgalerie Berlin erwarb 1925 das Gemälde „Der Goldfisch“ (1925). Der Braunschweiger Kaufmann Otto Ralfs gründete in diesem Jahr die K.-Gesellschaft, eine Vereinigung von Sammlern, die durch jährliche Ankäufe dem Künstler ein zusätzliches Einkommen sicherten. Während der Semesterferien unternahm K. in den folgenden Jahren jeweils ausgedehnte Reisen in den Süden, nach Italien (1926), Porquerolles und Korsika (1927), in die Bretagne (1928) und ins Baskenland (1929). Mit einer Ägyptenreise, die ihn vom 20.12.1928 bis 14.1.1929 nach Kairo, Gizeh, Luxor und Assuan führte, erfüllte sich K. ein lang gehegter Wunsch.
In der Galerie Flechtheim in Berlin, die von Goltz die Vertretung K.s übernommen hatte, fand vom 20.10.-15.11.1929 zum 50. Geburtstag eine 150 Arbeiten umfassende Ausstellung statt, die, auf 63 Nummern reduziert, 1930 vom Museum of Modern Art in New York übernommen wurde. Weihnachten 1929 gab Christian Zervos in den Éditions Cahiers d'Art eine Monographie mit einleitendem Text von Will Grohmann heraus. Im April 1930 erschien in der Reihe „Peintres nouveaux“ bei Gallimard in Paris eine kleine Publikation von René Crevel. Die schweren politischen Auseinandersetzungen, in die sich das Bauhaus immer stärker verstrickte, ließen die Last der Lehrtätigkeit zunehmend unerträglicher werden. Im Mai 1930 begann K. das Angebot Walter Kaesbachs zu erwägen, an der Düsseldorfer Akademie eine Professur zu übernehmen. Von einem Erholungsaufenthalt in Sils Baselgia im Engadin und einer Reise nach Genua, Viareggio und Lucca (12.7.-20.8.) zurückgekehrt, löste K. seinen Vertrag mit dem Bauhaus zum 1.4.1931.
Zum Willkommen zeigte der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen 1931 eine Werkübersicht von 252 Nummern. K. kam nach einer zweiten Sizilienreise am 19. Oktober nach Düsseldorf, wo er zunächst bloß 4 Schüler hatte. Im Herbst 1932 fuhr er über die Schweiz – in Zürich sah er die große Picasso-Ausstellung – nach Venedig und Padua. 1933 wurde K. von den Nazis als „galizischer Jude“ diffamiert; er mußte seine arische Herkunft nachweisen. Während seiner Abwesenheit durchsuchte die SA sein Haus in Dessau und beschlagnahmte vorübergehend die Korrespondenz. K. flüchtete sich vom 19. März bis 2. April in die Schweiz. Am 21. April wurde er mit sofortiger Wirkung aus dem Lehramt entlassen; kurz darauf übersiedelte er nach Düsseldorf. Im Oktober ging er einen Vertrag mit D. H. Kahnweiler (Galerie Simon) ein, der das Monopol für sämtliche Verkäufe außerhalb der Schweiz erhielt.
Am 23. Dezember 1933 emigrierte K. nach Bern und suchte 1939 um das schweizerische Bürgerrecht nach; doch er starb, noch ehe es ihm hätte zuerkannt werden können. Zunächst wohnte er im Elternhaus, seit dem Frühjahr 1934 im Kistlerweg 6/II. 1934 fand in der Mayor Galery, London, die erste Ausstellung in Großbritannien statt. 1935 zeigte die Kunsthalle in Bern 273 Werke aus des Künstlers eigenem Besitz. Das Berner Kunstmuseum erwarb das Gemälde „Ad Parnassum“ (1932). Im Sommer 1935 machten sich erste Anzeichen einer Krankheit (Sklerodermie) bemerkbar, die wenige Jahre später zum Tode führen sollte. Zur Linderung waren in der folgenden Zeit Kuraufenthalte notwendig: 1936 in Tarasp und Montana-Vermala, 1937 in Ascona, 1938 auf Beatenberg, 1939 in Faoug am Murtensee. 1937 wurden in der deutschen Ausstellung „Entartete Kunst“ 17 Bilder von K. zur Schau gestellt, 102 weitere Werke aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt. Verzeichnet der Oeuvrekatalog für das Jahr 1936 nur 25 Arbeiten, so erfuhr die künstlerische Produktion in den folgenden Jahren eine gewaltige Steigerung: 1938: 489, 1939: 1 253, 1940: 366 Werke. Am 28.11.1937 empfing K. in seinem Heim den Besuch Pablo Picassos, über Ostern 1939 jenen von Georges Braque. Anläßlich seines 60. Geburtstages veranstaltete das Zürcher Kunsthaus 1940 eine Ausstellung von 213 Werken. Am 10. Mai begab sich K. zur Erholung ins Kurhaus Victoria nach Orselina (Locarno). Im Juni verschlimmerte sich sein Zustand derart, daß er in die Clinica SanťAgnese nach Muralto überführt werden mußte, wo er am 29. Juni starb.
1946 wurde der gesamte Nachlaß als deutsches Eigentum einer Treuhandverwaltung unterstellt, die 1947 aus diesem Besitz die Paul Klee-Stiftung errichtete. Diese wurde 1953 vom Sohn des Künstlers anerkannt und dem Berner Kunstmuseum übergeben. Die Stiftung enthält 40 Tafelbilder, 160 farbige Blätter, 2 256 Zeichnungen, 10 Skizzenbücher, 88 druckgraphische Blätter, 29 Hinterglasmalereien, 11 Skulpturen, den Oeuvrekatalog, die Manuskripte der Tagebücher, der theoretischen Bauhaus-Kurse und des Jenenser Vortrages.
K. selber ließ sein Schaffen erst von 1903 an gelten. 1911 nahm er in seinen Oeuvrekatalog zwar eine Auswahl von 18 zwischen dem 4. und 11. Lebensjahr entstandenen Zeichnungen auf, nicht aber die Arbeiten der Schulzeit: Bereits während der Münchener Studienjahre hatte er sich von den minuziösen Landschaftsdarstellungen, mit denen er als Gymnasiast nicht weniger als 10 Skizzenbücher gefüllt hatte, kritisch distanziert und schätzte nur mehr seine vom Jugendstil geprägten Karikaturen und humoristischen Randglossen, mit denen er seine Schulbücher und -hefte versehen hatte. Im Schaffen K.s lassen sich zwei Kategorien von Arbeiten unterscheiden: Solche die „ohne Natur“ und jene, die „nach der Natur“ entstanden sind. Bis Ende 1913 nahm er diese Differenzierung auch im Oeuvrekatalog mittels der Buchstaben A und B vor. Die von K. am Bauhaus gelehrte Maxime „Die Zwiesprache mit der Natur bleibt für den Künstler conditio sine qua non“ hatte er von früh an befolgt. Erst im Besitze der im Aktzeichnen und beim Sezieren gewonnenen Kenntnisse der menschlichen Anatomie wagte er sich 1903-05 an eine freie, vom direkten Naturvorbild unabhängige Anwendung in jener Folge von 11 Radierungen, die er „Inventionen“ nannte. Mit diesem „Opus eins“, wie K. es nannte, verwirklichte sich die künstlerische Absicht erstmals in gültiger Weise. Die Arbeit der nachfolgenden Jahre wurde von dem Anliegen diktiert, den vor der Natur gewonnenen Eindruck direkt in eine persönliche Bildsprache umzusetzen. 1905 rückte die methodische Erforschung der Lichtwirkungen, des Heil-Dunkels, ins Zentrum seines Interesses. 1908 erproben die Schwarzaquarelle dann die systematische Abstufung der Tonschritte von Licht zu Schatten, ein Verfahren, das K. 1910 auch auf die Farbigkeit übertrug. In den Zeichnungen führte die Entdeckung der dem Licht innewohnenden bildnerischen Energie zur Übersetzung dieser immateriellsten Erscheinung der Natur ins graphisch-lineare Element.
Wie sich K. einst von der akademischen Routine in Karikaturen Luft gemacht hatte, enthob er sich dem Zwang der Naturvorlage auch im Herbst 1908 und gestaltete aus seinem „Urgebiet der psychischen Improvisation“ 6 Illustrationen zum satirischen Epos „Der Musterbürger“ seines Freundes Bloesch. Diese und verwandte Zeichnungen können als direkte Vorstufen zu den 26 Zeichnungen betrachtet werden, die K. 1911-12 zu Voltaires Roman „Candide“ schuf (das Werk erschien erst 1920 im Druck). Aus der 1912 anhebenden Auseinandersetzung mit Kubismus und Orphismus empfing K. wesentliche Grundlagen für sein weiteres Schaffen. Lernte er vom Kubismus die tektonische Straffung der Komposition, so wurde er dank der orphistischen Theorie der farbigen Simultankontraste der dynamischen Beziehungen der Farbwerte gewahr. Doch erst in der Begegnung mit dem Orient erschloß sich K. das beharrlich verfolgte Geheimnis der Farbe: in Kairouan (15-17.4.1914) wußte er sich zum Maler geboren. In den Tunesien-Aquarellen hat K. zu einer autonomen Bildsprache gefunden. 1915 vollzog sich die Loslösung von jeglichem realen Ausgangspunkt: Das Kriegserlebnis ließ den Künstler eine distanzierte Lebenshaltung einnehmen. Er|wurde „abstrakt mit Erinnerungen“, wie er sagte, und seine Hand „ganz Werkzeug eines fernen Willens“. Zeichenhafte und emblematische Elemente bestimmen das Formenvokabular: Zahlen, Buchstaben, Ausrufezeichen, Pfeil, Auge, Gestirne.
Erst nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst wandte sich K. dem Ölgemälde zu; bis zu seinem 40. Lebensjahr hatte er seine Kunst fast ausschließlich in kleinformatigen Graphiken und Aquarellen geübt, kaum je aber im Tafelbild. Zu gleicher Zeit führte die Beschäftigung mit der Lithographie zur Entdeckung der aquarellierten „Ölfarbenzeichnung“: K. verwandte dieses Pausverfahren in der Folge häufig, um eine Zeichnung und Malerei integrierende Ganzheit zu erzielen.
Die Lehrtätigkeit am Bauhaus verlangte die Ausarbeitung eines pädagogischen Systems, dessen Fundament die Lehre von den „ideellen Mitteln“: Linie, Hell-Dunkel, Farbe, bildet. Die Erfahrungen der eigenen Entwicklung und früher in Tagebüchern notierte theoretische Reflexionen konnten zu diesem Zweck nutzbar gemacht werden. K. mußte sich über das klar werden, was er bisher meist unbewußt getan hatte. So führte etwa die Bewußtmachung von Farbgesetzen und -relationen, wie sie die Lehre an Farbkreis und Farbkugel demonstriert, zu den aquarellierten Farbstufungen und zu den Gemälden farbiger Quadrate. Namentlich in der zweiten Hälfte der 20er Jahre erprobte K. in Zeichnungen immer neue schematische Gesetzmäßigkeiten. In der Mathematisierung der Gestaltungsprozesse schlägt sich die technologisch-rationalistische Zielsetzung, wie sie am Bauhaus seit der Übersiedlung nach Dessau immer radikaler verfolgt wurde, sichtbar nieder. Doch behauptete sich den natürlichen und geometrischen Gesetzlichkeiten gegenüber auch jetzt die Intuition, sei es in der phantastischen und märchenhaften Thematik vieler Weimarer Arbeiten, sei es in Zeichnungen der späten 20er und frühen 30er Jahre, wo innere Regungen und Unbewußtes sich spontan der seismographisch registrierenden Hand mitteilen. Diese intuitive Arbeitsweise markiert die Wendung zum Irrationalen und Metaphysischen, welche die letzte Schaffensphase kennzeichnet.
Das Hauptanliegen der Düsseldorfer Zeit bildete das Licht: In den von K. als „divisionistisch“ bezeichneten Bildern überzieht ein dichter Raster aus Farbtupfen den ein- oder vielfarbigen Grund. In der gleichzeitigen Zusammenschau rufen Unterlage und Farbpartikel die Illusion eines schattenlosen Farblichts hervor. 1933 setzte eine Entfaltung zum monumental Großformigen, Lapidaren ein. In den Gemälden und jetzt zahlreichen Pastellen bevorzugte K. als Malgrund trocken anzufühlende Gewebe wie Baumwolle, derbe Jute oder Rupfen. Einfarbige Blätter wurden vielfach mit dem Pinsel pastos in Kleisterfarbe oder mit dem Kohlestift ausgeführt: die Graphik erfuhr eine Angleichung an die Malerei. Kennzeichnend für das Spätwerk ist die Verwendung von Balkenstrichen und -zeichen. Diese „Hieroglyphen“ und „Chiffren“ sind nicht mehr auf die Bildmitte zentriert sondern in lockerer Streuung über die Bildfläche verteilt. Die Bildformate weiten sich jetzt stetig und erreichen in „Insula dulcamara“ (1938) mit den Maßen 88 auf 176 Zentimeter das größte Format des Gesamtwerkes. Der Gehalt dieser Zeichenbilder kreist vielfach um weltanschauliche Fragen, um das eigene Schicksal und das Sterben. 1939 und 1940 fallen im zeichnerischen Werk als Besonderheit mehrere umfangreiche Zyklen auf: „Der Inferner Park“, „Vorbereitung zu einer Fußwaschung“, „Näherungen“. „Eidola“, „Detaillierte Passion“. Neben diese infernalischen Visionen und erschütternden Bekenntnisse des Ringens um Leben und Tod treten als Sinnbilder der Hoffnung und Läuterung Variationenfolgen über das Thema ‚Engeľ. K. selber mag in einem bereits 1939 vollendeten, jedoch weder signierten noch im Werkverzeichnis katalogisierten als letztem Stilleben auf schwarzem Grund bekannt gewordenen Gemälde sein künstlerisches Vermächtnis erblickt haben. Dem Schaffen K.s kommt in der Kunst des 20. Jahrhunderts eine zentrale Stellung zu; was seine technische, formale, ikonographische und inhaltliche Vielfalt und Vielschichtigkeit betrifft, dürfte es gar einzigartig dastehen. K.s Innovationen haben auf seine Zeitgenossen und auf die weitere Entwicklung der Kunst in einem großen, noch immer schwer abzuschätzenden Ausmaß wegweisend und befruchtend gewirkt.
26. Walter Benjamin
1892 – 1940
Schriftsteller, Literaturkritiker, Übersetzer
Zu den Hauptwerken Walter Benjamins zählen der Traktat über den „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ (1928), die Aphorismen-Sammlung „Einbahnstraße“ (1928) – sowie postum publiziert – die literarisierten Erinnerungen an seine „Berliner Kinderheit um neunzehnhundert“ (1950) sowie das Fragment gebliebene „Passagen-Werk“ (1982). Seit den 1960er Jahren erfahren seine Schriften eine bis heute anhaltende breite, auch internationale Rezeption.
Leben
Benjamin war der älteste Sohn einer vermögenden jüdischen Familie, der sowohl auf väterlicher wie mütterlicher Seite herausragende Persönlichkeiten entstammten. Nach vorschulischem Privatunterricht besuchte er von 1903 bis 1912 die Charlottenburger Kaiser-Friedrich-Schule, unterbrochen nur von einem anderthalbjährigen Aufenthalt im Landerziehungsheim Haubinda (Thüringen), wo er den Schulreformer Gustav Wyneken (1875–1964) und den Musikpädagogen August Halm (1869–1929) kennenlernte. Nach dem Abitur studierte er Philologie und Philosophie an den Universitäten Berlin, Freiburg im Breisgau und München. In Berlin machte er 1915 die Bekanntschaft des Judaisten Gerhard (später: Gershom) Scholem (1897–1982), mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. 1917 setzte er sein Studium in Bern fort, lernte u. a. den Schriftsteller und Mitbegründer des Cabaret Voltaire (der Wiege des Dadaismus) Hugo Ball (1886–1927) sowie den Philosophen Ernst Bloch (1885–1977) kennen und wurde 1919 bei Richard Herbertz (1878–1959) mit einer Arbeit über die deutsche Romantik zum Dr. phil. promoviert.
Als 1925 alle Versuche, sich an einer deutschen Universität (u. a. Frankfurt am Main) zu habilitieren, gescheitert waren, verdiente Benjamin seinen Lebensunterhalt als freier Schriftsteller. Bis 1933/35 publizierte er hauptsächlich in der Berliner Wochenzeitschrift „Die literarische Welt“ und in der „Frankfurter Zeitung“. In den Jahren der Weimarer Republik machte er zahlreiche intellektuelle Bekanntschaften, u. a. des Philosophen Theodor W. Adorno (1903–1969), des Journalisten Siegfried Kracauer (1889–1966) sowie der Schriftsteller Bertolt Brecht (1898–1956) und Wilhelm Speyer (1887–1952). Er arbeitete an Speyers Roman „Gaby, weshalb denn nicht?“ (1930) sowie dessen Schauspielen „Es geht. Aber es ist auch danach“ (1929), „Jeder einmal in Berlin (1930) und „Ein Mantel, ein Hut, ein Handschuh“ (1933) mit und übertrug mit Franz Hessel (1880–1941) zwei Bände aus Marcel Prousts (1871–1922)Romanzyklus „À la recherche du temps perdu“ ins Deutsche (Im Schatten der jungen Mädchen; Die Herzogin von Guermantes). Reisen führten Benjamin zwischen 1924 und 1932 durch Europa.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme floh er im März 1933 aus Berlin und lebte fortan – unterstützt u. a. vom Institut für Sozialforschung – in Paris. In seinen Exiljahren verbrachte er teils mehrmonatige Aufenthalte auf Ibiza (1933), in Sanremo bei seiner geschiedenen Ehefrau (1934/35, 1936 und 1937/38) sowie bei Brecht in Dänemark (1934, 1936, 1938). Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Benjamin nahe der Ortschaft Vernuche interniert und kehrte nach seiner Freilassung im Dezember 1939 nach Paris zurück. Wegen der deutschen Besatzung Frankreichs ging er 1940 mit seiner Schwester Dora in den Süden des Landes und lebte in Lourdes. Im September floh er über die Pyrenäen nach Spanien, um über Lissabon in die USA zu gelangen. Nachdem ihm im spanischen Grenzort Portbou die Weiterreise verweigert wurde, beging er in der Nacht vom 26. auf den 27. September Suizid.
Werk
Benjamins Werk umfasst wissenschaftliche Abhandlungen, Literaturkritiken, philosophische und politische Aufsätze, ästhetisch-theoretische Essays, (literarisierte) Erinnerungen, Städte- und Denkbilder, Reiseimpressionen, (kommentierte) Anthologien, Gedichte und Übersetzungen. Seine frühesten Schriften datieren aus dem Jahr 1910, als der Schüler unter dem Einfluß seines Lehrers Wyneken in der Jugend(kultur)bewegung engagiert war. Bis 1916 publizierte er, mehrheitlich unter Pseudonym, Arbeiten u. a. in den Zeitschriften „Der Anfang“ und „Die freie Schulgemeinde“. Nach der Dissertation „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“ veröffentlichte er erst 1924/25 wieder eine größere, für seine intellektuelle Entwicklung einschneidende Arbeit: „Goethes Wahlverwandtschaften“. Mit diesem in den von Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) herausgegebenen „Neuen Deutschen Beiträgen“ erschienenen kunstphilosopischen Essay begründete er seinen Ruf als einer der herausragenden (Literatur-)Kritiker der Weimarer Republik.
Fortan publizierte Benjamin vornehmlich in linksliberalen Zeitungen und Zeitschriften wie „Frankfurter Zeitung“, „Die Gesellschaft“, „Kölnische Zeitung“, „Die literarische Welt“, „Magdeburgische Zeitung“, „Vossische Zeitung“ sowie in der Amsterdamer Revue „i 10“. Außerdem war er zwischen 1927/29 und 1933 mit Beiträgen zur Kinder- und Jugendstunde sowie literarischen Porträts häufig im Frankfurter und Berliner Rundfunk zu hören. 1928 veröffentlichte er kurz nacheinander zwei seiner Hauptwerke: die Aphorismen-Sammlung „Einbahnstraße“ und den als Habilitationsschrift entstandenden Traktat über den „Ursprung des deutschen Trauerspiels“, in dem er im Zuge einer Wiederaufwertung der Literatur des deutschen Barock zugleich seine kunstphilosophischen Positionen aus dem Wahlverwandtschaften-Essays vertiefte und präzisierte. In den Folgejahren erschien die Mehrzahl seiner wichtigsten Essays und Porträts, u. a. „Der Sürrealismus“, „Zum Bilde Prousts“ (beide 1929), „Politisierung der Intelligenz“, „Theorien des deutschen Faschismus“ (beide 1930) „Linke Melancholie“, „Karl Kraus“, „Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft“ sowie „Kleine Geschichte der Photographie“ (alle 1931); diese Arbeiten wiesen Benjamin über alle thematische Vielfalt hinaus v. a. als äußerst originellen Kritiker aus. Seit 1924 veröffentlichte er darüber hinaus zahlreiche Städtebilder („Neapel“, „Moskau“, „Marseille“, „San Gimignano“), Reiseimpressionen („Nordische See“, 1930) und „Denkbilder“ („Kurze Schatten“ I und II, „Ibizenkische Folge“). Zwischen 1923 und 1932 erschienen seine wichtigsten Übersetzungen: u. a. die der „Tableaux parisiens“ von Charles Baudelaire (1821–1867).
Kurz vor und nach Benjamins Flucht aus Deutschland wurde das deutsche Publikum mit zahlreichen Stücken aus der „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ bekannt, an der er seit 1932 arbeitete und deren letzte von ihm festgelegte Fassung (1938) ihren geplanten (Privat-)Druck nicht erlebte. So blieb die Anthologie „Deutsche Menschen“ – kommentierte Briefe deutscher Geistesgrößen –, die 1931/32 bereits einzeln in der „Frankfurter Zeitung“ erschienen waren, Benjamins einzige Buchpublikation der Exiljahre. Bis 1935 veröffentlichte er noch in reichsdeutschen Zeitungen wie „Frankfurter Zeitung“, „Kölnische Zeitung“ und „Vossische Zeitung“, anschließend war er auf deutsche Exilzeitschriften und fremdsprachige Organe angewiesen. Nur mit der Zürcher Zeitschrift „Der öffentliche Dienst“ (1933/34) sowie v. a. der „Zeitschrift für Sozialforschung“ (1934–1940) stellte er eine dauerhafte Zusammenarbeit her. In dem Organ des ehemaligen Frankfurter Instituts für Sozialforschung erschienen programmatische Aufsätze Benjamins: „Zum gegenwärtigen gesellschaftlichen Standort des französischen Schriftstellers“ (1934), „Probleme der Sprachsoziologie“ (1935), der zunächst ins Französische übersetzte Kunstwerk-Aufsatz („L’œuvre d’art à l’époque de sa reproduction mécanisée“, 1936) – seiner Überzeugung nach „die erste Kunsttheorie des Materialismus, die diesen Namen verdient“ –, „Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker“ (1937) und zuletzt „Über einige Motive bei Baudelaire“ (1939/40). Letztgenannte Arbeit gehört in den Kontext des bereits 1927 begonnenen und in den Exiljahren intensiv wiederaufgenommenen „Passagen-Werks“, eines der Hauptwerke Benjamins, das jedoch Fragment blieb. Seine letzte Veröffentlichung zu Lebzeiten, „Une lettre de Walter Benjamin au sujet de ‚Le regard‛ de Georges Salles“, erschien im Mai 1940 in der „Gazette des amis des livres“ seiner Freundin Adrienne Monnier (1892–1955).
Vor 1933 bereits einem großen Publikum bekannt, dauerte es nach 1945 lange, ehe Benjamin wiederentdeckt wurde. Die frühen postumen Publikationen – der Goethe-Essay, die Thesen „Über den Begriff der Geschichte“, die erstmals in Buchform veröffentlichte „Berliner Kindheit“, die Neuausgabe der „Einbahnstraße“, die zweibändigen „Schriften“ sowie die wiederaufgelegten „Deutschen Menschen“ – erhielten anerkennende Kritiken, ohne größeres Interesse beim Publikum zu wecken. Das änderte sich mit dem politischen Wandel der Bundesrepublik in den 1960er Jahren und mit der Studentenbewegung. 1967 entfachte die Zeitschrift „Alternative“ eine heftige Debatte um die Herausgabe seiner Werke, bei der es nur vordergründig um Auslassungen seiner Editoren Adorno, Scholem und Rolf Tiedemann (1932–2018) ging. Vielmehr wurde Benjamin im Kontext gesellschaftskritischer und ästhetischer Debatten als Kronzeuge einer marxistischen Theorie reklamiert, die sich sowohl von der des Realsozialismus in der DDR als auch von der negativen Gesellschaftstheorie der „Frankfurter Schule“ (Adorno, Horkheimer) unterschied. Eine unmittelbare Folge dieser politischen Auseinandersetzungen, in denen sich Marxisten (u. a. Hildegard Brenner, geb. 1927, Hans Heinz Holz, 1927–2011, Helmut Lethen, geb. 1939) sowie dem Institut für Sozialforschung nahestehende Intellektuelle (v. a. Adorno, Tiedemann) fast unversöhnlich gegenüberstanden und bei denen es auch um die Deutungshoheit über Benjamins Werk ging, war die Edition seiner „Gesammelten Schriften“ (1972–1999). Mit ihnen wurde die Basis für seine breite, auch internationale Rezeption geschaffen, so dass Benjamin heute zu den meistdiskutierten deutschen Autoren gehört.
27. Alfred Döblin
Seit 1888 wuchs D. illusionslos und ohne Beziehung zur Natur in der Großstadt Berlin auf. Er studierte in Freiburg (Breisgau) Medizin und promovierte dort über „Gedächtnisstörungen bei der Korsakoffschen Psychose“ (1905). D. war Arzt in einer Irrenanstalt zu Regensburg und 1911-33 Kassenfacharzt für Nervenkrankheiten in Berlin. Als Asphaltliterat und wegen seiner jüdischen Herkunft verschrien, emigrierte D., der 1928 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste geworden war, in der Nacht des Reichstagsbrands in die Schweiz und nach Paris, wo er 1936 französischer Staatsbürger wurde. 1940 flüchtete D. über Spanien und Portugal nach den USA und kehrte 1946 als Oberst und Literaturinspekteur der französischen Militärregierung nach Deutschland zurück. Er lebte zunächst in Baden-Baden, später in Mainz. - Schon während seines Studiums begann D.s thematisch wie stilistisch vielschichtige literarische Arbeit, deren Ertrag in mehr als 40 Büchern bestand. Wie bei Gottfried Benn vermittelte seine Tätigkeit als Arzt ihm genaue Kenntnis der Großstadtpsyche und ihrer Gruppenseele, während die Vorstellung von der Individualität als Persönlichkeit mehr und mehr zurücktrat. Als Ethiker und Schriftsteller erlebte D. die Massenseele der modernen Welt als Trauma, zu dessen Analyse sein dichterisches Werk immer von neuem ansetzte. Bis zur Konversion zum Katholizismus und seinem letzten großen Roman „Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende“ (1957) spannt sich ein Bogen stilistischer und sprachlicher Experimente, mit dem Ziel, durch die Dichtung eine neue ethische und metaphysische Ordnung zu gewinnen.
Zunächst bejahte D. die vom Expressionismus abgelehnte Technik, mußte jedoch erkennen, daß der Mensch diese über das Maß dessen hinausentwickelte, was er zu beherrschen vermochte („Berge, Meer und Giganten“, 1924, Neufassung als „Giganten“, 1932). Mit der „erlebten Rede“ und|der ihm eigenen parataktischen Montagetechnik gestaltete D. in seinem Hauptwerk „Berlin Alexanderplatz“ (1929, Neuausgabe 1948), einem treffenden Porträt der Berliner Unterwelt, das selbstverschuldete Schicksal eines entlassenen Sträflings bis zur inneren Umkehr. Diese Sehnsucht nach transzendenter Ordnung wird auch im Spätwerk offenbar: „Hamlet“ ist bei D. ein englischer Soldat des 2. Weltkriegs, der auf der Suche nach der verborgenen Schuld der Kriege den Keim des Übels in sich selber erkennt und ausrottet. So gelangt D., seiner Wandlung zum Katholizismus entsprechend, von der Gruppenseele zur personalen Einheit und von der sozialen Utopie zur Gewissenserforschung der Hamletgestalt. Sein Gesamtwerk enthält dabei in fortwährender Änderung des Stils und der Thematik die Haupttendenzen der zeitgenössischen Dichtung; die Inversion familiärer Beziehungen zum Beispiel wird in einer Sprache gestaltet, die sich im Naturalismus, Expressionismus und Surrealismus die wesentlichen Möglichkeiten seiner Zeit dienstbar macht. So wurde D. einer der markantesten Vertreter der Dichtung nach den beiden Weltkriegen. - Mitglied des deutschen Pen-Zentrums, Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, deren Literaturpreis er 1954 erhielt; Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 1957.
28. Gottfried Benn
1886 – 1956
Schriftsteller, Arzt
Gottfried Benn war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker und Essayisten des 20. Jahrhunderts. Zur Zeit seiner expressionistischen Anfänge galt er als lyrischer Avantgardist. Art und Ausmaß seiner Verstrickungen in den NS-Ideologieapparat sind bis heute umstritten. Seit 1949/50 als Schriftsteller wieder erfolgreich, verfasste er mit seinem Vortrag „Probleme der Lyrik“ (1951) die „Ars poetica“ der jungen Bundesrepublik und wurde zum Vorbild der nachfolgenden Lyrikergenerationen.
Anfänge
Benn wuchs in einem evangelischen Pfarrhaushalt in der Neumark auf. Nach dem Abitur am Friedrichsgymnasium in Frankfurt an der Oder 1903 studierte er Evangelische Theologie und Philologie an den Universitäten Marburg an der Lahn und Berlin, ehe er im Oktober 1905 gegen den Willen des Vaters zum Studium der Medizin wechselte, das er 1905 aus finanziellen Gründen an der Kaiser Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen in Berlin aufnahm. Anfang 1912 wurde er approbiert und zum Dr. med. promoviert.
Während seine etwa an Detlev von Liliencron (1844–1909) und Richard Dehmel (1863–1920) orientierten frühesten lyrischen Versuche weitgehend epigonal erscheinen, zeigen Prosatexte aus dieser Zeit Benns poetologische Standortsuche. Durch die Bereicherung der dichterischen Sprache mittels eines naturwissenschaftlichen Wortschatzes glaubte er der v. a. von Friedrich Nietzsche (1844–1900) und Hugo von Hofmannsthal (1874–1929)diagnostizierten Sprach- und Erkenntniskrise entkommen zu können. Mit der provozierenden und schockierenden Sammlung „Morgue und andere Gedichte“ (1912) machte Benn erstmals als Schriftsteller auf sich aufmerksam: Die Gedichte stehen in der Tradition der „Ästhetik des Hässlichen“, sie sind zynisch, ihre Thematik stammt aus der Pathologie.
Seiner Tätigkeit in Berliner Krankenhäusern und Kasernen überdrüssig, betätigte sich Benn 1914 als Reisearzt und als Mediziner in Heilstätten, bevor er mit Beginn des Ersten Weltkriegs zum Kriegsdienst eingezogen wurde. In Brüssel kam er in Kontakt mit einer deutschen Künstlerkolonie, zu der Carl Einstein (1885–1940), Otto Flake (1880–1963), Alfred Flechtheim (1878–1937) und Wilhelm Hausenstein (1882–1957) zählten, und schuf mit den „Rönne-Novellen“ die in dieser Abfolge erstmals u. d. T. „Gehirne“ im Oktober 1916 in der expressionistischen Reihe „Der jüngste Tag“ (Bd. 35) erschienen, Texte, die heute in ihrem sprach- und bewusstseinskritischen Gestus zu den bedeutendsten deutschsprachigen Prosawerken der Moderne gehören. 1917 als kriegsuntüchtig aus dem Militärdienst entlassen, kehrte Benn nach Berlin zurück, wo er eine dermatologische Facharztausbildung machte und im November eine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten eröffnete, die ihn zeitlebens finanziell sicherte.
Literarischer Aufstieg
Benns meist achtreihige, gereimte Strophen der 1920er Jahre sind voller Sarkasmus und in ihrem sich vor Fremdworten und der Sprache der Naturwissenschaft nicht scheuenden Stakkatostil nur schwer verständlich. Spätestens mit dem Erscheinen der „Gesammelten Gedichte“ (1927) wurde der notorische Einzelgänger Benn zum etablierten Autor, der mit Auftritten im Rundfunk und Äußerungen zu aktuellen Themen in Tageszeitungen Stellung nahm. 1931 schrieb Benn das Libretto zu Paul Hindemiths (1895–1963) Oratorium „Das Unaufhörliche“ und wurde Berater und Mitarbeiter der internationalen Avantgarde-Zeitschriften „Bifur“ und „transition“. Höhepunkt dieses Aufstiegs war im Januar 1932 Benns Aufnahme in die Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste und die Veröffentlichung seines Aufsatzes „Goethe und die Naturwissenschaften“ in der „Neuen Rundschau“ anlässlich Goethes 100. Todestag.
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Kurz nach dem erzwungenen Austritt Heinrich Manns (1871–1950) und Käthe Kollwitz’ (1867–1945) 1933 verlas Benn in seiner Funktion als kommissarischer Vorsitzender der Abteilung für Dichtung in einer Sitzung die von ihm verfasste Erklärung, die die Bereitschaft aller Mitglieder einforderte, sich „unter Anerkennung der veränderten geschichtlichen Lage“ für die Akademie und damit für den neuen Staat „zur Verfügung zu stellen“. Während ihm die meisten Mitglieder zustimmten, erklärten u. a. Thomas Mann (1875–1955), Alfred Döblin (1878–1957) und Ricarda Huch (1864–1947) ihren Austritt, andere wurden ausgeschlossen und durch national-konservative Schriftsteller wie Börries von Münchhausen (1874–1945) oder Hans Grimm (1875–1959)ersetzt. Unter dem Druck der Benns berufliche Existenz als Arzt gefährdenden anhaltenden ökonomischen Krise und der kulturpolitischen Veränderungen in der Akademie sowie künstlerischer Differenzen und persönlicher Anfeindungen distanzierte sich Benn seit Herbst 1933 zunehmend von allem, was ihn mit der Öffentlichkeit verband. 1935 wurde er im Rang eines Oberstabsarztes als Leiter einer Abteilung der Wehrersatzinspektion in Hannover in die Reichswehr aufgenommen, was die Anfeindungen und Beschimpfungen als „Kulturbolschewist“ und „Rasseschänder“ gegen ihn, die auf seine literarische Vergangenheit als Expressionist zielten, nicht beendete. Am Ende stand im März 1938 sein Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer und damit ein generelles Publikationsverbot.
Als eine der wenigen Konstanten dieser Zeit erwies sich der 1932 begonnene, lebenslange und umfangreiche Briefwechsel mit dem Bremer Kaufmann Friedrich Wilhelm Oelze (1891–1978), in dem Benn Themen der Literatur und eigene Werke mit seinem Freund diskutierte. In Hannover entstanden das Prosastück „Weinhaus Wolf“ und die „Stadthallengedichte“ – gereimte Gedichte, die thematisch v. a. um Tod, Leid und Einsamkeit kreisen und fester Bestandteil von Lyrikanthologien des 20. Jahrhunderts wurden. Das erzwungene Schweigen nach 1938 führte dazu, dass Benn sich zunehmend auf radikal-ästhetische Positionen zurückzog, die an seine expressionistischen Anfänge erinnern, was dadurch begünstigt wurde, dass seine Dienststelle im August 1943 nach Landsberg an der Warthe (heute Gorzów Wielkopolski, Polen) verlegt wurde.
Erneute Erfolge als Lyriker
Der verlorene Zweite Weltkrieg, der Suizid seiner Ehefrau aus Angst vor Übergriffen sowjetischer Soldaten sowie die Zerstörung seiner Berliner Praxis, die er Ende Dezember 1945 wieder eröffnete, ließen Benn monatelang in tiefe Depression versinken. Sein literarischer Wiederaufstieg über die Grenzen Deutschlands hinaus begann 1948 mit den „Statischen Gedichten“, für die zunächst keine Drucklizenz erteilt worden war, weil zwei Bücher Benns in der Sowjetischen Besatzungszone auf der „Liste auszusondernder Literatur“ standen. Die Veröffentlichung der „Statischen Gedichte“, die er größtenteils bereits vor 1945 verfasst hatte, war für Benn der Abschluss einer Phase der Lyrikproduktion, die 1935 begonnen hatte und nach „Morgue“ den zweiten Höhepunkt in seiner Entwicklung als Lyriker darstellte. Mit ihrem ästhetischen Klassizismus machten die Gedichte der vom Krieg erschöpften Leserschaft ein ideales Angebot zur Identifikation und zum Trost. Die „Statischen Gedichte“ gelten heute als mit Abstand beliebteste Gedichte Benns, ließen ihn bei Kritik und Publikum zu einem der bekanntesten Dichter der jungen Bundesrepublik werden und trugen dazu bei, dass Benn 1951 als erster Preisträger den Büchnerpreis erhielt. Während Benns Gedichte von der DDR-Germanistik aus ideologischen Gründen bis weit in die 1970er Jahre aus dem Kanon deutscher Lyrik ausgeschlossen wurden, werden seitdem die Spuren seines Werks in dem der Lyriker der DDR immer offensichtlicher.
Die Erfahrung des Alterns stellte den in seinen letzten Lebensjahren schwer erkrankten Benn in alltäglicher wie in künstlerischer Hinsicht vor Probleme, die er in seinen Lyrikbänden „Fragmente“ (1951), „Destillationen“ (1953) und „Aprèslude“ (1955) thematisierte. Benn wagte darin den Versuch, einen bis dahin in Deutschland unbekannten Ton anzuschlagen, der unter dem Begriff Parlando-Lyrik zusammengefasst und von großem Einfluss für spätere Lyriker wie Peter Rühmkorf (1929–2008) und Hans Magnus Enzensberger (1929–2022) wurde. Mit seinem Vortrag „Probleme der Lyrik“ (1951) schuf er die „Ars poetica“ der jungen Bundesrepublik und wurde zum unumstrittenen Vorbild so unterschiedlicher Lyriker wie Robert Gernhardt (1937–2006) oder Durs Grünbein (geb. 1962) und der nachwachsenden Lyriker-Generationen. Bis heute gilt Benn als feste Bezugsgröße, dessen Werk immer noch größte Aufmerksamkeit zuteil wird.
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Quellen:
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Sekundärliteratur
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Technik und Verkehr
Die Luftfahrt
Inhaltsverzeichnis
1. Die ersten Jahre der Lufthansa: Als die Piloten noch im Freien saßen
1. Die ersten Jahre der Lufthansa: Als die Piloten noch im Freien saßen

In den Zwanzigerjahren scheint alles möglich. In vielen Regionen der Erde kommt es nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu einer beispiellosen Dekade des radikalen Auf- und Umbruchs, voller technischer, kultureller und sozialer Errungenschaften, aber auch voller Abgründe und Gegensätze. Dies ist die Zeit, da zwei miteinander konkurrierende deutsche Luftverkehrsunternehmen unter anderem wegen finanzieller Schwierigkeiten eine Fusion eingehen, um ihre Ambitionen zu bündeln.
Am 6. Januar 1926 schließen sich die Junkers Luftverkehr AG und der Deutsche Aero Lloyd zusammen. Die neue Firma trägt den Namen "Deutsche Luft Hansa Aktiengesellschaft", angelehnt an den mittelalterlichen Handelsverbund der Hanse.
Historische Aufnahmen Heute Paris, morgen New York: Die Ära des Jetsets in Bildern
Nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs wenden sich Flugzeugbauer in den 1950ern wieder der zivilen Luftfahrt zu: Fliegen entwickelt sich zur neuen Art des Reisens. Mehr noch: zu einem Lebensstil
Der Erstlingsflug hebt am 6. April 1926 in Berlin-Tempelhof ab. An Bord eines Hochdeckers vom Typ Fokker-Grulich geht es für vier Passagiere, mehr Plätze hat die Maschine nicht in der geschlossenen Kabine, über Halle, Erfurt und Stuttgart nach Zürich. Die Reisegeschwindigkeit beträgt 120 km/h. Der Pilot sitzt bei dem ersten Linienflug der Luft Hansa noch im Freien.
Doch erst als die Restriktionen, die dem Deutschen Reich durch die Siegermächte des Ersten Weltkriegs 1919 auferlegt worden waren, für die zivile Luftfahrt im Mai 1926 gelockert werden, kann das Unternehmen wirklich durchstarten. Streckennetz und Angebot wachsen rasant.
Aber über der Firmengründung liegt ein dunkler Schatten
Allerdings konnten Historiker aufzeigen, dass von Anfang an auch das Militär beziehungsweise an der Aufrüstung interessierte Kräfte im Deutschen Reich in die Entwicklung der Firma involviert waren, sie quasi als Deckmantel benutzten, um die Restriktionen der Siegermächte zu unterlaufen. Die Rolle der Lufthansa (so die Schreibweise seit 1933) in der Zeit des Nationalsozialismus ist zudem Gegenstand einer aktuellen Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte. Denn auch das ist Gewissheit: Die Lufthansa war mit dem NS-Regime verflochten, hat unter anderem Maschinen geliefert, Piloten für die Streitkräfte ausgebildet und während des Zweiten Weltkrieges Tausende nach Deutschland verschleppte Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in ihren Wartungshallen eingesetzt.
Die heutige Lufthansa ist keine juristische Nachfolgerin der mit dem Ende des NS-Regimes abgewickelten Fluggesellschaft, sie ist aus der Neugründung des Unternehmens in den 1950er-Jahren hervorgegangen, aber mit der "ersten" Lufthansa in vielerlei Hinsicht verbunden.
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Quellen:
Internetquellen
-> Fries, Anja: Die ersten Jahre der Lufthansa: Als die Piloten noch im Freien saßen, in: geo.de online verfügbar seit 06.01.2026 unter: https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/100-jahre-lufthansa--die-ersten-jahre-der-airline-37011232.html, zuletzt geprüft am 31.01.2026.
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Sekundärliteratur
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